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[OMPA[T Editorial 8

Triumph des Brexit: was lernt die AfD?


Big Boris macht endlich Ernst: Am 31. Janu­
ar verlässt Großbritannien die Europäische Union
(EU). Nach über drei Jahren Hängepartie hat Premier
Johnson die größte Veränderung seit dem Fall der
Berliner Mauer durchgesetzt: Das EU-Monster, das
bis dato einen Staat nach dem anderen geschluckt
hat, muss zum ersten Mal ein Land wieder freige­
ben. Das Volk hat gesiegt.

Doch hinter Big Boris steht ein anderer Titan,


der für die Durchsetzung des Brexit vielleicht von
noch größerer Bedeutung ist Nigel Farage. Er war
es. der mit seiner ersten Partei UKIP 2016 die Volks­
abstimmung durchsetzte, die zum überraschenden
Sieg der Austrittsbewegung führte. Und er war es
auch. der 2019 die zögerliche Premierministerin
Theresa May stürzte und damit den Weg frei mach­
te für Boris Johnson. Beide Male waren seine vor­
hergehenden Erfolge bei Urnengängen ausschlag­
gebend: Bei der EU-Wahl 2014 stürmte seine UKIP,
bis dato ein Leichtgewicht auf der politischen Büh­
ne, mit einem Paukenschlag an die Spitze im Ver­ Das Modell Farage setzt dagegen auf Verände- Chefredakteur Jürgen Elsässer.
einigten Königreich. Ihre 27 Prozent schockten das rungen aus der Opposition heraus: Durch kompro- Foto: mam/COMPACT
Establishment so sehr. dass es das Brexit-Referen­ misslosen Widerstandskurs gewinnt eine zunächst
dum ansetzte, um Farage zu entzaubern - was be­ kleine Partei die Sympathien der Enttäuschten und
kanntlich nach hinten losging. Für die Europawah­ Gedemütigten, vor allem der notorischen Nichtwäh-
len Ende 2019 stampfte er eine neue Kraft aus dem ler. und wächst zur stärksten Kraft heran. Es reicht
Boden, die Brexit Party, und auch sie ging mit 30.8 aus. wenn man eine relative Mehrheit der Stimm-
Prozent als Sieger über die Ziellinie. während The­ bürger hinter sich versammelt, also ein gutes Vier-
resa Mays Konservative mit knapp neun Prozent ge­ tel bis ein Drittel - schon das genügt, um bei den
radezu massakriert wurden. Danach musste die Pre­ Altparteien die Multikulti-Globalisten zu stürzen und
mierministerin abtreten. Boris Johnson übernahm. volksfreundliche Personen an die Spitze zu bringen.
Beim dritten entscheidenden Urnengang, jenem zum Diese sind es dann. die - immer mit dem heißen
Unterhaus im Dezember 2019. war wiederum Fara­ Atem der Opposition im Nacken-die wichtigen Ver-
ge entscheidend: Er zog seine Kandidaten aus allen änderungen durchsetzen. Auf das britische Beispiel
wichtigen Bezirken zurück und verhinderte so, dass bezogen: Farage hat Johnson zur Macht verholfen-
sie im komplizierten britischen Wahlsystem den To­ und Johnson den Brexit durchgesetzt.
ries Stimmen wegnahmen.
Manche mögen es als Nachteil ansehen, dass
Farage hat gezeigt, wie man reale Veränderun­ bei diesem Vorgehen die Oppositionsparteien nur
gen nicht nur proklamiert, sondern in der Realität Türöffner der Wende sind und nie direkt an die
durchsetzt. Der Unterschied zur AfD, aber auch zu Macht kommen: Ministerposten. Dienstwagen
FPÖ und vergleichbaren Parteien ist fundamental. und Staatsempfänge blieben für Farage unerreich­
Jörg Meuthen und sein österreichisches Pendant bar. Bei Meuthen & Co. bekommt man aber lang­
Norbert Hafer sind darauf fixiert, dass die Wen­ sam den Eindruck, dass für sie genau das im Vor­
de zum Besseren nur durch Regierungsbündnisse dergrund steht. Haben sie die Verpflichtung «Zuerst
ihrer Rechtsparteien mit den etablierten Konserva­ das Volk, dann die Partei und am Schluss die eige­
tiven gelingen könne-obwohl das Modell Schwarz­ ne Person» vergessen?
Blau an der Donau sowohl unter Jörg Haider vor
20 Jahren als auch 2019 unter Heinz-Christian Stra­
che krachend scheiterte. Nicht besser erging es den
AfD-Bruderparteien in Finnland und in Griechenland,
die sich ebenfalls in Koalitionen bis zur Unkenntlich­
keit zerschlissen haben und vom Wähler brutal ab­
gestraft wurden. (j
3
[

COMPACT Themen�

05 Foto des Monats 57 Heideggers Kampf um Midgar


06 Leserbriefe Kleine Geschichte der Manga-Welt

07 Zitate des Monats 60 Kultur des Monats


Im Februar beginnen das Beethoven-Jubiläum
09 COMPA[T Intern

Kolumnen
Titelthema
63 Hartlages BRD-Sprech _ Menschheit
10 Genug GEZahlt!
Millionen boykottieren die Staatsmedien
64 Janichs Welt_ Kosher Hollvwood
65 Sellners Revolution_ Bildet Zellen!
14 Steckbrief der Schande
Die schlimmsten GEZ-Journalisten 66 Deutsche Diven_ Karin Dar
16 Was tun?
Steinhöfels Vorschläge: Sand ins Getriebe

Politik CDMPACT Impressum @


19 Trump trotzt dem Tiefen Staat
Der Schlagabtausch mit dem Iran
Herausgeber & Verlag
22 «Trump hat keine Ahnung COMPACT-Magazin GmbH
vom Nahen Osten» Adolf-Damaschke-Str. 56/58, 14542 Werder
US-Experte Jason Reza Jorjani im Gespräch E-Mail verlag@compact-mail.de
Website www.compact-online.de
25 Die Steuerbetrüger Vertrieb, Bestellungen, Abo-Betreuung
Wofür uns die GroKo 2020 abkassiert Fon 03327-5698611
Fax 03327-5698617
28 Tesla: Täuschen und Tricksen E-Mail vertrieb@compact-mail.de
Der Märchenonkel der Elektromobilität
Bankverbindung COMPACT-Magazin GmbH
31 «Eine Verschwörung gegen den Brexit» Mittelbrandenburgische Sparkasse
BIC WELADED1PMB
John Laughland im Gespräch IBAN: DE74 1605 0000 1000 9090 49
34 Blauer Wolf und Rater Drache Geschäftsführer Jürgen Elsässer
Propaganda um Uiguren und Rohingya
COMPACT Redaktion
Chefredakteur Jürgen Elsässer IVi.S.d P.)
37 «Putin ist nicht streng genug» Chef vom Dienst Martin Müller-Mertens
Eduard Limonow im Gespräch Redakteure Daniell Pföhringer !Politik),
Iris N. Masson !Online), Jonas Glaser (Kultur),
Maria Alexander Müller (Reportage), Federico
Dossier Bischof/ !Korrespondent)
E-Mail redaktion@compact-mail.de
Dossier
Unsere Toten Die Gustloff TruQodie 42 Furchtbarer als bei der Titanic Cover Iris Fischer, Markus Reinhardt
Vor 75 Jahren: Torpedierung der «Gustloff,, Fotoquellen CCO
Layout/Bild Steffen Jordan
45 Tödliche Hoffnungsträger Anzeigenakquise
Flüchtlingsschiffe im Frühjahr 1945 E-Mail anzeigen@compact-mail.de

48 Nacht über Gotenhafen Gedruckt in Deutschland


Die «Gustloff,1-Tragödie im Film Redaktionsschluss 12.1.2020

Erscheinungsdatum der nächsten


Leben Ausgabe Samstag. 29.2.2020

51 Finis Germanorum
Historiker, Schulbücher und Germanen

54 Der König der Tätowierer


Gestochen scharfe Bilder für Links und
compact-online.de
(9 Rechts
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CDMPACT Foto des Monats C9

Naturgewalten: Nein, das ist nicht der Weltuntergang, den apokalyptische Endzeitsekten wie Fridays for Future und Extinction Rebellion an die Wand malen, aber dafür ein
Ereignis, bei dem auf einen Schlag Unmengen an C02 freigesetzt werden - und das ohne menschlichen Einfluss. Zehntausende waren Mitte Januar nach dem Ausbruch des
Vulkans Taal auf den Philippinen auf der Flucht vor den giftigen Gasen, die dabei entwichen. Die Blitze sind elektrische Entladungen, die durch kleine Aschepartikel, die in der
Atmosphäre kollidieren, entstehen. Die philippinischen Inseln liegen am sogenannten Pazifischen Feuerring, wo tektonische Platten unter der Erdoberfläche zusammensto-
ßen. Solche Eruptionen und ihre Folgen können weder Greta noch die Grünen verhindern. Foto: picture alliance / Pacific Press 0
5
COMPACT Leserbriefe�

zu «Fridavs denken, wie der Bürger gegen diesen Wahn­


for Stalin» sinn aktiv werden kann.
G. Geyer, via Website-Kommentar
Seit einigen Jah­
ren empört es mich, Der flächendeckende Langzeit-Blackout ist
wenn - etwa im Fern­ so sicher wie das Amen in der Kirche. Ich
sehen - als Beleg für die unguten Eingrif­ erlebte ihn 1945 und 1978/7 9: 1945 hatten
fe der Industrie in die Natur statt rauchen­ wir aber noch Plumpsklos, einige funktionie­
der Schlote dampfende Kühltürme gezeigt rende Handpumpen in der Stadt, Holz und
werden. Denn diese dienen ausschließlich Kohlen sowie Kartoffeln im Keller. Beim Bliz­
der Kühlung von Industriewasser, um die­ zard zum Jahreswechsel 197 8/7 9 brach in
ses nach Verbrauch nicht in aufgewärmtem Norddeutschland und in der gesamten DDR
Zustand der Natur zurückzugeben. Sie erfül­ die Stromversorgung für Tage zusammen.
len also einen wichtigen Beitrag zum Na­ Wir hatten einen Temperatursturz von +5°C
turschutz, indem sie für einen geordneten auf -25° C in wenigen Stunden und Schnee­
Wasserkreislauf sorgen. Stattdessen wird sturm. Die Braunkohle fror auf den Förder­
so getan, als entwichen Kühltürmen irgend­ bändern und in den Waggons an. Die Ver­
welche -möglicherweise gar giftige - Gase. sorgung brach zusammen. Heute geht alles
Leider ist auch die COMPACT-Redaktion dar­ elektrisch beziehungsweise elektronisch,
Zu COMPACT allgemein auf hereingefallen, indem von «rauchenden » keiner hat Reserven. Das gibt Bürgerkrieg.
Kühltürmen die Rede ist, aus denen angeb­ Den kalkulieren unsere klimahysterischen
Ihr COMPACT-Magazin bietet Kraft und Stär­ lich «mehrfach gefiltertes Rauchgas» qualmt. Gutmenschen de facto aber ein. Daran gibt
ke, geschöpft aus dem Wissen unwiderleg­ Es entsteigt ihnen aber nichts anderes als es nichts zu zweifeln.
barer Tatsachen. Als gelernte DDR-Bürgerin reiner Wasserdampf, der sich mit den Wol­ Kastago, via Website-Kommentar
und alter Mensch ohne Internet bietet mir ken verbindet, um letztlich irgendwo wieder
Ihr alle Themen ansprechendes Magazin den als Regen niederzugehen. Zu «Schrille Töne,
H.-G. Kessler, via Brief
besten Kontrast zu den Medien herkömmli­
cher Art. Danke vor allem für das unermüd­
stummer Tod»
liche «Am-Ball-Bleiben» und Hinterfragen. Dass die Marxistisch-Leninistische Partei Grundsätzl ich halte
U. /. Leinberger, via Brief Deutschlands (MLPD) Stalin huldigt, ist ein ich die Ausgaben der
Witz. Zweifellos kann man Stalin vieles vor­ COMPACT-Zeitschrift
COMPACT muss man einfach lesen! Inter­ werfen. Aber Gruppierungen wie die MLPD für sehr gelungen. Umso ärgerlicher ist es,
essante Berichte und äußerst informativ. Al­ hätte er auch als «konterrevolutionäre Trotz­ wenn der überwiegend interessante und
lerdings erschreckende Aussichten. Leider kisten» bekämpft. Und schon in den 1930er gute Inhalt einer Ausgabe durch zeitgeistty­
schlafen die Deutschen immer noch. Das Jahren - vor dem großen «Vaterländischen pische Geschichtsklitterungen getrübt wird.
Erwachen wird umso schlimmer! Krieg» - galt in der UdSSR die Parole: «Tod So findet sich in einem Beitrag über die Fern­
R. Helbig, via Youtube-Kommentar den Verrätern des Vaterlandes» . Das sind für sehserie Babylon Berlin die unreflektierte
die MLPD und deutsche Neu-Linke natürlich Übernahme der Kommunistenlegende, der
Zum Titelthema völlig fremde Vokabeln. G. Forster, via Brief zufolge der von KPD-Mitgliedern erschosse­
«Die neuen 2Der» ne SA-Führer Horst Wessel sich selbst als
Zum Dossier Zuhälter betätigt hätte. Tatsächlich lebte
Heute ist es schlim­
mer als 1920. Damals
«Gegen den Wessel mit seiner Geliebten, der ehemali­
gen Prostituierten Erna Jänichen, zusammen.
gab es wenigstens Klimawahn» Er hatte also, anders als von der Serie und
noch ein deutsches Volk. Aktuell haben wir So langsam müsste Ihrem Autor suggeriert, eine Frau aus den
Schulden und kein Volk mehr. Schande über jedem, der sich über­ Fängen der Prostitution befreit. Ihn vor die­
diese Politiker. haupt für das Thema interessiert, klar sein, sem tatsächlichen Hintergrund als «Zuhälter »
M. Schmitz, via Youtube-Kommentar dass C02 und Klima nichts miteinander zu zu bezeichnen, ist typisch für die bis heute
tun haben. Ok, wer freitags im Physikunter­ andauernden Geschichtsverdrehungen linker
Wir haben längst die größte Krise. Versailles richt fehlt, kann auch mit großer Anstren­ Kreise. Selbst Wikipedia geht das zu weit.
hat nie geendet und setzt sich fort. Die Zwan­ gung nur die Meinung anderer überneh­ Dort kann man lesen: «Ferner streute die Par­
ziger waren so «golden » wie der September men. Jetzt stehen wir vor dem Desaster, tei (gemeint ist die KPD) das Gerücht, Horst
2015. Die Überschwemmung mit Pornogra­ dass Autos mit Verbrennungsmotor geäch­ Wessel sei bei einer Schießerei zwischen
fie und anderen Fragwürdigkeiten hatte ge­ tet werden, dass umweltfreundliche Kern­ zwei Zuhälterbanden zwischen die Fronten
nau damals wie heute nur ein Ziel: die Zer­ energie abgeschafft wird, dass in keiner geraten und dabei getroffen worden. » Für
störung von Anstand, Sitte, Moral in der Ge­ Weise die Stromversorgung in Zukunft ge­ ein Medium wie COMPACT ist diese unkri­
sellschaft. Erst das Versagen der damaligen sichert ist. Unsere Industrie wird um Jahr­ tische Übernahme kommunistischer Propa­
Altparteien machte Hitler groß. zehnte zurückgehen (Energiebedarf nicht ge­ ganda nicht nachvollziehbar.
(i T Schauer, via Youtube-Kommentar deckt). Jetzt wird es Zeit, darüber nachzu- Dennis Krüger, via E-Mail
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COMPACT Zitate des Monats�

Kinderchor: ,,Meine Oma ist 'ne alte Umweltsau"


Genug GEZahlt
«Der Rundfunkbeitrag passt gut in dieses
Land. Er ist genau genommen eine "Demo­
kratie-Abgabe". » ( WDR-Fernsehdirektor Jörg

tset..
Schönenborn, ard.de, 27.12.2012)

«Wir sollten über eine Reform oder eine Ab­


schaffung des öff. -recht!. Rundfunks nach­
denken. Wir haben zu viele, sie sind zu teuer,
zu fett, zu borniert und zu part�sch. » (Hans­
Georg Maaßen. Twitter, 17.9.2019)

«Meine Oma fährt im Hühnerstall Motor­


rad. Das sind tausend Liter Super jeden Mo­ Kurzer Prozess Deutschlands größte Boulevardzeitung traf den Nerv.
nat. Meine Oma ist 'ne alte Umweltsau! » Foto: BILD
(WDR-Kinderchor, Facebook, 27.12.2019) «Wir werden dafür sorgen, dass wir sie an
die Wand stellen und dass sie ihre Arbeit wenn in naher Zukunft immer mehr Klein­
«Ihr kleinen Umweltsäue würdet doch, ohne tun und unsere Zukunft schützen müssen. » kinder und Babys in überfüllten Lagern vege­
mit der Wimper zu zucken, einen Kinderchor (Greta Thunberg über Politiker, N T
- V, 17.12.2019) tieren müssten. » (Kommentator Ansgar Graw,
alle drei Strophen des "Deutschlandliedes" Die Welt, 23.12.2019)
singen lassen. Und zwar nicht zum Spaß. » Freie Bahn für Terroristen
(Jan Böhmermann an WDR-Kritiker, 28.12.2019) ...und Ebola-Kranke auch
«Anfang April 2016 erließ das Amtsgericht
«Vielleicht aber auch war die "Umwelt­ Berlin-Tiergarten auf Antrag der General­ «Angesichts der Ebola-Epidemie im Kon­
sau"-Affäre rückblickend der Kipppunkt, an staatsanwaltschaft Beschlüsse zur langfris­ go trifft das Auswärtige Amt Vorkehrungen.
dem ARD und ZDF erst ihre Öffentlichkeit tigen Beschattung Amris. Der Mangel an Ob­ um erkrankte Ärzte und medizinische Helfer
und dann ihr Recht auf diese abhandenka­ servationskräften blieb aber ein Dauerpro­ von Afrika nach Deutschland auszufliegen. »
men. » (Alexander Kissler, Leiter des Cicero-Kul­ blem. Dabei hatte Amri während der Tele­ (Spiegel Online, 3.1.2019)
turressorts, auf seiner Website, 30.12.2019) kommunikationsüberwachung keine Zweifel
daran gelassen, dass er Gewaltverbrechen Greta-Jugend auf Reisen
«Jüngste Gutachten im Zuge der Beitrags­ zugeneigt war. Der [Berliner] Ausschussvor­
debatte bescheinigen ihnen [den Rundfunk­ sitzende Klaus-Dieter Gröhler (CDU) las dem «Das Flugzeug ist weiterhin ein sehr belieb­
redakteuren] überdurchschnittliche Gehäl­ LKA-Zeugen am Donnerstag aus einem Ab­ tes Transportmittel. Knapp zwei Drittel der
ter. ( . . . ) Die Summen, die da gezahlt wer­ hörprotokoll vor, dass Amri einen Gesprächs­ Befragten haben gesagt, dass sie in den letz­
den, sind absurd. Auch die Honorare für die partner aufgefordert habe, eine Frau im Park ten Jahren in den Urlaub geflogen sind. Be­
Moderation von Samstagabendshows er­ zu vergewaltigen - "in einer leeren Ecke zu sonders die 18- bis 29-Jährigen fliegen oft
scheinen teilweise zu hoch. » (NRW-Minis­ ficken" - und zu erstechen. » (Junge Welt, und gerne. » (Deutschlandfunk, 6.1.2020)
terpräsident Armin Laschet, CDU, Der Spiegel, 21.12.2019)
10.1.2020) Der Käpt'n geht von Bord
ökologisches Ableben
«Es gibt Differenzen zwischen uns, ich will
«Warum reden uns die Großeltern eigentlich nicht über alles sprechen, aber vor allem ge­
immer noch jedes Jahr rein? Die sind doch fällt mir deren politische Agitation nicht. Ich
eh bald nicht mehr dabei. #weihnachtenund­ kann mich nicht mit Aussagen gemeinma­
klimakrise » (Fridays for Future Germany, Twit­ chen, wie etwa, der österreichische Kanzler
ter, 23.12.2019) Sebastian Kurz sei ein Baby-Hitler. ( . . . ) Vie­
les ist mir zu linksradikal. » (Kapitän Claus-Pe­
Ihr Kinderlein kommet... ter Reisch über seinen Ausstieg bei der NGO Mis­
sion Lifeline. Die Zeit. 10.1.2020)
«Der Grünen-Vorsitzende [Robert Habeck]
will Migrantenkinder aus Griechenlands Antifa-Terror
überfüllten Lagern nach Deutschland holen.
( . . . ) Würde man diesem Muster folgen und «Die sächsische Polizei warnt ( . . . ) vor links­
zuerst Kinder (und deren Familien) einreisen extremistischen Anschlägen in Leipzig. Laut
lassen, dürfte man nicht überrascht sein, einem vertraulichen Lagebild des Landes­
kriminalamts stehe die autonome Szene der
Abgeguckt: COMPACT war mit genau der gleichen Stadt an der Schwelle zum Terrorismus. »
Titelstory eine Woche vorher am Kiosk. Foto: Spiegel (Welt Online, 10.1.2020) <i
7
COMPACT Intern 8

Der Leidensweg unseres Volkes. Foto: COMPACT Ein ungesühntes Kriegsverbrechen. Foto: COMPACT Gedruckter Mut zur Wahrheit. Foto: COMPACT

Wir halten dagegen! Wir vergessen nicht! Wir lassen nicht nach!
Der Gedenkmarathon zum 75. Jahrestag Nach unserer aktuellen Erfolgsausgabe Fehlt da etwa Wichtiges in Ihrer Samm­
des Kriegsendes 1945 hat begonnen: Die al­ in der Reihe COMPACT-Geschichte- Verbre­ lung? Au Backe - denn wenn Sie COM­
liierten Sieger werden feiern, die Opfervölker chen an Deutschen. Vertreibung, Bomben­ PACT-Spezial Nummer 15 noch nicht in Ihren
ihre Toten betrauern. Merkel & Co. ihre Häup­ terror, Massenvergewaltigung- bleiben wir Händen halten. dann ist es jetzt zu spät: Die
ter in Demut senken. Aber was ist eigentlich am Thema dran und klären eines der trau­ Ausgabe Klimawandel- Fakten gegen Hys­
mit den deutschen Opfern dieses leichen­ rigsten Kapitel im Leidensweg unseres Vol­ terie ist seit Kurzem restlos ausverkauft
schwangeren Frühlings 1945? Die offizielle kes auf: Dresden 1945. Die Toten, die Täter und wird wohl bald gebraucht als begehr­
Erinnerung daran wird bestenfalls beschei­ und die Verharmloser erscheint Ende Janu­ tes Sammlerstück zu hohen Preisen gehan­
den sein und immer mit dem zynischen Zusatz ar als COMPACT-Geschichte Nr. 9. Die Feder delt werden. Schon früher waren die COM­
garniert werden, dass wir es ja nicht anders des bekannten Buchautors Wolfgang Schaar­ PACT-Spezial-Ausgaben Krieg gegen Russ­
verdient haben: die Deutschen als ewiges Tä­ schmidt zeichnet den Massenmord durch die land. Feindbild Familie, Ami go home und
tervolk mit ewiger Kollektivschuld. angloamerikanischen Bomber am 13./14. Fe­ Finanzmächte - Kriminalgeschichte des Gro­
bruar 1945 exemplarisch nach. Bahnbrechend ßen Geldes vergriffen. Ein Trost: Wer die
COMPACT hält dagegen. Zum 75. Jah­ ist diese Ausgabe auch deshalb, weil Schaar­ Hefte nicht gedruckt ergattert hat, kann sie
restag des Vernichtungsbombardements auf schmidt nach immenser Recherchearbeit dem nach wie vor als PDF-Download unter com­
Dresden erscheint unsere neue Geschichts­ obszönen Herunterschwindeln der Dresdner pact-shop.de erwerben.
ausgabe: Dresden 1945. Die Toten, die Tä­ Opferzahlen entgegentritt. Es waren nicht nur
ter und die Verharmloser- siehe den neben­ 25. 000, wie es der heutige Staat behauptet. Um künftig auf Nummer sicher zu gehen,
stehenden Text. COMPACT-Geschichte Nr. 9 und auch nicht 35.000, so die offizielle An­ empfehlen wir dringend ein Abo der COM­
wird durch Co-Autor Gert Bürgel und Chef­ gabe in der DDR, sondern über 100.000 Tote. PACT-Spezial. Für schlappe 35,20 Euro gibt
redakteur Jürgen Elsässer am 8. Februar in Auch die sowjetischen Archive, die Schaar­ es vier Mal pro Jahr 84 Seiten prall gefüllt
Dresden vorgestellt. Bitte sichern Sie sich schmidt ausgewertet hat, gehen von dieser mit Hintergrundwissen für Wahrheitshung­
Ihren Platz durch zeitnahe Anmeldung unter Größenordnung aus. rige. Sie sparen 1.10 Euro pro Heft im Ver­
compact-online. de/compact-1ive. gleich zum Einzelverkaufspreis und die Ver­
Aus dem Inhalt der 84 Seiten: Strate­ sandkosten, außerdem bekommen Sie eine
Am 9. Mai findet die 2. Geschichtskon­ gie und Planung des Bombenterrors / Vier Gratisprämie nach Wahl. Für 2020 sind ge­
ferenz von COMPACT statt. Als Kontrast­ Angriffe in 40 Stunden auf eine wehrlose plant: Kriegslügen der USA im 20. und 21.
programm zu den offiziellen Feierlichkeiten Stadt- Überlebende und Helfer berichten Jahrhundert (März), Klima-Lügen. Wis­
tagen wir unter dem Titel «Verbrechen an / Leichenberge und Scheiterhaufen am Alt­ senschaft statt Halbwissen (Juni). Peter
Deutschen: Das große Tabu des 20. Jahr­ markt- Bilder wie aus Dantes Hölle / Be­ Scholl-Latour und andere: Mut zur Wahr­
hunderts». Als Referenten konnten wir den rechnungen und Schätzungen der Opfer­ heit - Die besten Interviews aus zehn Jah­
bekannten Völkerrechtler Professor Alfred zahlen in DDR, Bundesrepublik und UdSSR ren COMPACT (September) und Tote Mäd­
de Zayas, profunder Kritiker der Vertreibung, / Hamburg und Dresden - Vergleich zweier chen lügen nicht. lslamisierung und Sexual­
den früheren CDU- und heutigen AfD-Bun­ verheerender Angriffe / Die Tiefflieger-Kon­ verbrechen (Dezember).
destagsabgeordneten Martin Hohmann so­ troverse / Die Historikerkommission: Auf­
wie Thorsten Schulte, Autor des Bestsellers tragsarbeit statt Wissenschaft/ Warum wur­ Verpassen Sie keine Ausgabe mehr und
Fremdbestimmt- 120 Jahre Lügen und Täu­ den die Archive gesperrt? abonnieren Sie COMPACT-Spezial jetzt! Bit­
schungen, gewinnen. Mit weiteren Exper­ te beachten Sie: Im Abo unseres Monatsma­
ten sind wir in Kontakt. Sie können sich jetzt Die Ausgabe ist großzügig mit Fotos, gazins sind diese Spezial-Ausgaben nicht
schon hier anmelden: compact-online.de/ Schautafeln und Karten bebildert - ein un­ enthalten. Alle weiteren Informationen fin-
compact-konferenz ■ ersetzliches Dokument gegen das Vergessen! ■ den Sie unter compact-abo.de. ■ (i
g
6enug 6EZahlt!
_ von Jürgen Elsässer
Millionen boykottieren die Staatsmedien und haben die Nase voll show einen BH aus der Jackentasche und wisch­
vom Zwangsbeitrag. Das sogenannte Oma-Gate des WDR war nur te sich damit die Stirn ab. Harald Schmidt witzelte
augenzwinkernd über Neger und Polen. Schimanski
das obszöne i-Tüpfelchen - schon in den Jahren zuvor waren linke
war die wandelnde Querfront, er polterte wie ein
Propaganda und Fake News in den Öffentlich-Rechtlichen für viele Roter mit den Kohlekumpeln gegen Ausbeuter und
unerträglich geworden. Politiker und nagelte wie ein Brauner Kinderschän­
der und Mafiosi ganz ohne Haftbefehl und Staatsan­
Keine Frage: ARD und ZDF haben uns viele schö­ walt an die Wand; zwischendrin verführte er Frauen
ne Jahrzehnte geschenkt. Tempi passati - die Nos­ oder lag Tanner heulend in den Armen. Bei Alfred
talgie schmeckt zartbitter. Wer denkt nicht an das «Ekel» Tetzlaff saßen die Eltern aus der Kriegsgene­
Traumschiff und die Schwarzwaldklinik, an Pra­ ration und die 68er-Kinder gemeinsam vor der Matt­
xis Bülowbogen und Einer wird gewinnen, an Tat­ scheibe und lachten wechselweise über die defti­
ort und Derrick, an die Hitparade mit echten deut­ gen Sprüche des Rechtsauslegers gegen die Sozis -
schen Schlagern und die Sportschau mit echten oder über die Tollpatschigkeit des Kleinbürgers im
deutschen Mannschaften? Auch für die politische Feinripp-Unterhemd. So wurde die Nation mit Bil­
Bildung wurde etwas getan, und zwar recht aus­ dung und Unterhaltung vor dem Fernseher zusam­
gewogen von links mit Report und Panorama, von mengeführt, und dafür haben wir, die Bürger dieser
«Das sind Ansätze rechts mit dem ZDF-Magazin. Das sozialdemokrati­ Nation, auch gerne gezahlt.
sche Urgestein Günter Gaus steuerte unvergleichli­
von Faschismus, che Interviews bei. Die Gesprächsrunden, die noch Die «Umweltsau» des WDR
nicht mehr und nicht Talkshows hießen, lebten von kantigen Poli­
tikern wie Willy Brandt und Franz Josef Strauß, Versöhnen statt spalten war die Devise der Öf­
nicht weniger. » und keine dämliche Moderateuse ging dazwischen, fentlich-Rechtlichen in der guten alten Zeit- heute
wenn sie rauchten und rauften. Auch die großen gilt das Gegenteil: Es wird politisch korrekt gegen
Westfalenblatt Stars waren deftig unkorrekt, aber nie obszön: Rudi unliebsame Bevölkerungsgruppen gehetzt. Waren
(9 Carrell zog einmal vor Alice Schwarzer in einer Talk- die Leidtragenden in den vergangenen Jahren vor
10
[OMPA[T Titelthema �

an der Weiterfahrt gehindert und grüne Hausnum­


mern für "nachhaltige Lebensweise" verteilt wer­
den? Eine Gruppe der Gesellschaft (Großeltern und
SUV-Fahrer) wird von einer anderen Gruppe (selbst
ernannte Klimaschützer) als schädlich definiert und
stigmatisiert. Das sind Ansätze von Faschismus.
nicht mehr und nicht weniger. Wer solche Vorfälle
als harmlos abtun will, hat von der Entwicklung die­
ser Gesellschaft nicht viel verstanden, will es nicht
verstehen oder begrüßt diese Entwicklung.»

Der Proteststurm nach dem «Oma-Gate » (inter­


ner WDR-Sprech) war gewaltig. «Hunderte Senio­
Inzwischen ein Klassiker: COM­
ren und deren Enkel» hätten am Telefon ihren Unmut PACT hat die dreistesten Zumu­
bekundet, sagte Intendant Tom Buhrow, auf Face­ tungen der großen Medien im
book gab es Kommentare in fünfstelliger Höhe. Der «Schwarzbuch Lügenpresse»
Sender wurde mit Strafanzeigen regelrecht über­ zusammengetragen - zu bestellen
auf compact-shop. de. Foto: CDM­
schüttet. «Bei uns gehen weiter zehn Anzeigen am PACT
Tag ein», insgesamt seien es schon 200 wegen des
skandalösen Liedes, resümierte der Kölner Ober­
staatsanwalt Ulf Willuhn am 8. Januar. Der Sender
nahm das Video vom Netz, Buhrow entschuldigte
sich halbherzig, sogar NRW-Ministerpräsident Ar­
min Laschet, ansonsten auf dem linken Flügel der
CDU angesiedelt, mischte sich ein: Der WDR habe
«Grenzen des Stils und des Respekts gegenüber Äl­
teren überschritten».

Gegen die Alten in Stellung gebracht: Mit dem «Umwelt­ Doch die Wogen waren nicht mehr zu glätten, vor
sau»-Lied seines Kinderchors verprellte der WDR ausgerech­ allem, nachdem Danny Hollek, ein freier Mitarbei­
net seine treuesten Zuschauer. Foto: Screenshot Youtube
ter des «Rotfunks» - so der Spitzname des WDR
seit den 1 970er Jahren - auch noch legasthenisch
twitterte: «Lass mal über die Großeltern reden, von
allem sogenannte Rechte - die im Bundestag in Ge­ denen, die jetzt über #Umweltsau aufregen. Eure
Umweltsäue gegen Lügenpresse:
stalt der AfD immerhin die größte Oppositionspartei Oma war keine #Umweltsau. Stimmt. Sandern eine ldentitäre demonstrieren vor der
stellen ! -, so ging es zuletzt gegen die Alten. «Mei­ #Nazisau. » Das war die Ausweitung der Kampfzone WDR-Zentrale in Köln. Foto: Paul
ne Oma ist 'ne alte Umweltsau», trällerte der Kin­ von der Klima- zur Antifa-Hysterie - wobei, wie in Klemm
derchor des WDR am 27. Dezember (siehe Infobox
Seite 1 1 ). Das war schlimmer als das vorhergehen­
de Links gegen Rechts. weil es aus dem Mund von
zwei Dutzend Kids pauschal eine ganze Altersko­
horte traf, die Ü60er. Damit wurden genau jene ver­
höhnt, die bis dato zu den treuesten Konsumenten
der GEZ-Medien gehörten, weil sie mit dem Informa­
tions- und Videoangebot des Internets längst nicht
so vertraut sind wie die Jungen - und die am Ende
eines arbeitsreichen Lebens ein Recht darauf haben,
dass sie der Staat, den sie mit ihren Steuern brav
finanziert haben, nicht mittels seiner Medien trak­
tiert. Die Hassbotschaft des WDR-Kinderchors hieb
außerdem in dieselbe Kerbe, die kurz vor Weihnach­
ten die Greta-Jugend Fridays For Future auf ihrer of­
fiziellen Webseite geschlagen hatte: «Warum reden
uns die Großeltern eigentlich immer noch jedes Jahr
rein? Die sind doch eh bald nicht mehr dabei. » Zu
Recht kommentierte das Westfalenblatt: «Muss es
wieder "Wehret den Anfängen ! " heißen? Was be­
deutet es, wenn die Großmutter als "Umweltsau"
bezeichnet wird, SUV-Fahrer von Klima-Aktivisten
ll
I
[OMPACT Titelthema �

dieser Szene üblich, ohne Rücksicht auf Fakten auf zur Rechtfertigung seiner Entscheidung einige Pub­
Das Hetzlied des das gesamte verhasste Kollektiv geschossen wur­ likumskommentare vorlesen wollte, wurde das laut­
WDR-Kinderchors de: Die heutigen Großmütter und -väter waren 1 945 stark abgelehnt.
«Meine Oma fährt im Hüh­ kaum zehn Jahre alt und also noch nicht einmal auf
nerstall Motorrad, Motorrad,
dem Papier NSDAP-Mitglieder gewesen - und vie­
4,5 Millionen Mahnverfahren:
Motorrad. Das sind 1.000 Li­
ter Super jeden Monat. Meine le von ihnen dürften sogar 1 968 ff. bei den Linken
Oma ist 'ne alte Umweltsau! mitmarschiert sein. Kurz nach seiner ersten Wort­
Meine Oma sagt, Motorradfah­ meldung feixte Hollek öffentlich: «Haha. Wie jetzt
alle ausrasten.»
Etwa jeder Zehnte bezahlte den
Rundfunkbeitrag nicht.
ren ist voll cool, echt voll cool,
echt voll cool. Sie benutzt das
Ding im Altersheim als Roll­
stuhl, meine Oma ist 'ne alte
Staatsmedien? Linksmedien!
Umweltsau.
Meine Oma fährt im SUV beim
Aus der Politik kam Unterstützung für die Het­ Besonders deutlich wurde Georg Restle, Lei­
Arzt vor, beim Arzt vor, beim zer. Der FDP-Oldie und frühere Bundesinnenminister ter der WDR-Redaktion Monitor, der das Zurück­
Arzt vor. Sie überfährt dabei Gerhart Baum kritisierte Buhrows halbherziges Zu­ weichen vor sogenanntem rechten Meinungster­
zwei Opis mit Rollator, meine rückrudern: Dieser habe den Fehler gemacht, «eine ror beklagte. Es habe im vergangenen Jahr meh­
Oma ist 'ne alte Umweltsau. legitime Satire als Fehler zu bezeichnen und sich da­ rere Kampagnen gegen den Zwangsgebührenfunk
Meine Oma brät sich jeden Tag für zu entschuldigen » . Auch die neue SPD-Vorsitzen­ gegeben: «Warum lernt man nicht daraus?» Man
ein Kotelett, ein Kotelett, ein de Saskia Esken attackierte den WDR-Intendanten: dürfe «niemals den Eindruck erwecken, dass man
Kotelett. Weil Discounterfleisch
so gut wie gar nichts kostet, «Mich beunruhigt das, wenn Journalisten, Medien­ diesen rechten Kampagnen und diesen Shitstorms
meine Oma ist 'ne alte Um­ schaffende, Künstler in diesem Land keine Rücken­ recht gibt oder vor ihnen einknickt». Restle erhielt
weltsau. deckung haben, weil Verantwortliche einem Shit­ tosenden Applaus - ein Beispiel dafür, dass links­
Meine Oma fliegt nicht mehr, storm nicht standhalten. Mich beunruhigt das sehr. » radikale Journalisten im weitaus größten ARD-Sen­
sie ist geläutert, geläutert, ge­ der (etwa 4.300 feste Mitarbeiter) mittlerweile den
läutert. Stattdessen macht sie In diesem Stil wurde auch auf der Mitarbeiterver­ Ton angeben.
jetzt zehnmal im Jahr 'ne Kreuz­
sammlung des WDR am 7. Januar diskutiert. Wenn
fahrt, meine Oma ist doch keine
Umweltsau. » man der Analyse des Mitschnitts der nicht öffent­ Die Abschaffung des Pluralismus
lichen Veranstaltung, den die Zeit als einziges Me­
dium auswerten durfte, glauben darf, bedauerten Wann die Linkswende in den GEZ-Medien be­
die circa 700 Teilnehmer mehrheitlich das «Umwelt­ gonnen hat. ist schwer zu sagen, der Prozess war
sau »-Lied keineswegs. Die erste Frage an Buhrow schleichend. Ein Meilenstein dürfte jedenfalls der
lautete: «Wofür haben Sie sich eigentlich entschul­ Rausschmiss von Eva Herman aus Kerners Talkshow
Unter einer Decke: In Köln stellte
sich die Antifa schützend vor die
digt?» Ebenfalls kritisiert wurde der stel lvertreten­ 2007 gewesen sein - so etwas war vorher nie vorge­
GEZ-Medien. Foto: picture alliance de Hörfunkdirektor des WDR, Jochen Rausch, we­ kommen, selbst Republikaner-Chef Franz Schönhu­
/ Geisler-Fotopress gen der Löschung des umstrittenen Videos. Als er ber war seinerzeit in GEZ-finanzierte Talkshows ein­
geladen und dort geduldet worden. Der Ausschluss
war auch deswegen spektakulär, weil er die über ein
Jahrzehnt lang prominenteste Tagesschau-Spreche­
rin traf - und die damalige CDU-Anhängerin nicht
gegen Asylanten oder den Islam polemisiert, son­
dern nur für den Schutz der traditionellen Familie
plädiert hatte.

Mit Beginn des Flüchtlingsansturms 201 5 ver­


spielten die Öffentlich-Rechtlichen für viele den
Seriositätsvorsprung vor den Privaten vol lends. Sie
übernahmen die Hetze gegen die gerade entstan­
dene Pegida-Bewegung, und als im Januar dieses
Jahres in Dresden ein Eritreer erstochen wurde, er­
weckten sie tagelang den Eindruck, dass Auslän­
derfeindlichkeit die Ursache sei - tatsächlich wur­
de dann ein afrikanischer Landsmann als Täter fest­
genommen. Ihr Waterloo erlebten die GEZ-Medien
mit der Kölner Silvesternacht 201 5/201 6 - Heute
brauchte bis zum 4. Januar, bis über die mehr als
tausend Nafri-Übergriffe auf feiernde Frauen berich­
tet wurde. Das Wegschauen bei Migrantengewalt
wiederholte sich, als am 1 6. Oktober 201 6 die Dip­
lomatentochter Maria Ladenburger brutal von einem
12
COMPACT Titelthema (9

Asylbewerber vergewaltigt und ertränkt wurde. Die


Tagesschau kommentierte auf ihrem Facebook-Pro­
fil: «Der Fall der getöteten Studentin in Freiburg hat
aus folgenden Gründen keinen Eingang in die heu­
tige Ausgabe der 20-Uhr- Tagesschau gefunden: Bei
aller Tragik für die Familie des Opfers hat dieser Kri­
minalfall regionale Bedeutung. » Kai Gniffke, Chef­
redakteur von ARD-Aktuell, legte höchstpersönlich
noch eine Schippe drauf, nachdem am 16. August
2018 in Offenburg ein allseits beliebter Hausarzt von
einem somalischen Asylanten abgestochen worden
war: Die Tagesschau könne nur «über Dinge von ge­
sellschaftlicher, nationaler oder internationaler Re­
levanz berichten. ( . . . ) Aus meiner Sicht sollten wir
das dann tun. wenn Asylbewerber überproportio­
nal an Tötungsdelikten beteiligt wären. Das ist. so­
weit wir es recherchieren können, nicht der Fall. »
Typisch auch die Vertuschungsstrategie in der Ta­
gesschau am 29. Juli 2019- in Frankfurt am Main
war ein achtjähriger Bub von einem Eritreer vor den
Zug gestoßen worden und verstorben: Die Meldung
wurde ganz am Schluss in 3 0 Sekunden versteckt,
am Anfang ging es gefühlte fünf Minuten nur ums ein Vollstreckungsersuchen - mehr als doppelt so «Monitor»-Moderator Restle: «nie­
Klima. Der Deutschlandfunk (DLF) verweigerte die viele wie drei Jahre zuvor. Zu den Maßnahmen zäh­ mals den Eindruck erwecken, dass
man diesen rechten Kampagnen
Berichterstattung über den Schwertkiller von Stutt­ len Lohn- und Kontopfändungen oder mitunter eine
und diesen Shitstorms recht gibt
gart -er enthauptete am 1. August 2019 einen Russ­ Hafterzwingung. » Doch nicht alle dieser Verfahren oder vor ihnen einknickt». Foto:
landdeutschen auf offener Straße - und ließ nach gingen auf expliziten Boykott zurück-die Mehrzahl WDR/HERBY SACHS
wütenden Zuhörerprotesten verlautbaren: «Die bun­ vielmehr auf Zahlungsverzug in Folge von Umzug
desweite und gesamtgesellschaftliche Relevanz se­ und Ähnlichem, was freilich in vielen Fällen auch
hen wir ( . . . ) derzeit nicht. Die Staatsangehörigkeit eine Schutzbehauptung sein mag.
eines Menschen [gemeint: des Mörders] begründet
diese Bedeutung für sich genommen noch nicht. » Im Jahr 2018 soll die Zahl der Mahnverfahren
auf 3, 5 Millionen gefallen sein, so jedenfalls die
Die schreiende Einseitigkeit der zwangsfinanzier­ amtliche Angabe. Doch seither scheint es wieder
ten Sender fiel ab 2017 umso mehr auf, als zur selben zu einem Anstieg gekommen zu sein. So erhiel­
Zeit Teile der Springerpresse, namentlich Welt und ten zwangsgeschröpfte Fernsehzuschauer im Ap­
Bild, vorsichtig auf Gegenkurs gingen und prominent ril 2019 erstmalig eine Warnmeldung auf rund­
über Ausländergewalt zu berichten begannen. Das funkbeitrag.de, die sich, leicht modifiziert, im Janu­
hatte einen einfachen Grund: Diese Blätter konnten ar 2020 so liest « Beim Beitragsservice kommt es
es sich aus ökonomischen Gründen nicht länger leis­ derzeit zu einem erhöhten Aufkommen von Anru­
ten. an den Interessen ihrer zahlenden Kundschaft fen und schriftlichen Anfragen. Eine kurzfristige Ant­
völlig vorbei zu schreiben. Die Öffentlich-Rechtlichen wort kann nicht immer garantiert werden. Mit dem
Verzicht auf weitere Nachfragen helfen Sie uns da­
«Beim Beitrags­
hingegen kommen ohne den Zuspruch der Zuschau­
er aus -ihre Finanzierung ist gesichert. bei, Ihr Anliegen schneller zu beantworten. Für eine

Jeder Zehnte zahlte nicht


unter Umständen entstehende Verzögerung bitten
wir um Ihr Verständnis. » service kommt
Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunder­ Offensichtlich hat der Beschwerde-Tsunami, der
es derzeit zu
lich, dass es zu einer Abstimmung mit den Füßen zuerst über den WDR hereingebrochen ist, mittler­ einem erhöhten
Aufkommen von
beziehungsweise mit Einzugsermächtigungen kam. weile die GEZ-Nachfolger erreicht. «Es scheint et­
Die Bild-Zeitung fasste im Juni 2017 den Jahresbe­ was Zug in den Kamin gekommen zu sein. um den
richt des sogenannten Beitragsservices (früher: GEZ).
der für ARD, ZDF und Deutschlandradio den Rund­
ehrenwerten Peer Steinbrück zu zitieren» , freu­
te sich der renommierte Medienanwalt Joachim
Anrufen und
funkbeitrag erhebt, zusammen: «Danach befanden
sich Ende des vergangenen Jahres 4, 5 6 der insge­
Steinhöfel. der weiter Sand ins Getriebe streuen
wil1 (siehe Seite 1 6 bis 18). Die für 2021 geforderte
schriftlichen
samt 44, 8 7 Millionen Beitragskonten im Mahnver­ Gebührenerhöhung von monatlich 17, 50 auf 18,36 Anfragen. »
fahren» - also etwa jeder zehnte Zwangskunde. Und
weiter: «Bei 1.6 Millionen Deutschen stellten ARD
Euro wird die Einnahmen der Staatsmedien von der­
zeit acht Milliarden Euro pro Jahr weiter ansteigen rundfunkbeitrag.de
und-ZDF zum Stichtag 31. Dezember [2016] sogar lassen - und die Wut der Geschröpften. ■ (j
13
[OMPA[T Titelthema �

Was tun?
von Kare! Meissner
Sie sind empört wegen der einseitigen Berichterstattung in den Bovkotteure in der Zwickmühle
GEZ-Medien - und weil Sie dafür auch noch Zwangsbeiträge
Kein Wunder also, dass Millionen keine Lust
bezahlen müssen? Dann haben wir hier ein paar Tipps, wie Sie
mehr haben zu bezahlen. Der sogenannte Beitrags­
Widerstand leisten können, ohne mit dem Gesetz in Konflikt zu service der Öffentlich-Rechtlichen-der Nachfolger
geraten. der Gebühreneinzugszentrale (GEZ)-meldete allein
für das Jahr 2 01 6 über 4, 5 Millionen Mahnverfah­
ren, bei 1, 6 Millionen Deutschen stellte er sogar ein
Vollstreckungsersuchen (siehe auch Seite 13). Die
Rechtslage ist eindeutig: Das Bundesverfassungs­
gericht hat die Bürgerschröpfung in seinem Urteil
vom 18. Juli 2 018 für legal erklärt und nur bei Zweit­
wohnungen Ausnahmen ermöglicht. Wer nicht zahlt,
muss also mit dem Eintreiben seiner Gebühren rech­
nen, im Extremfall über Lohn- und Gehaltspfändun­
gen oder auch über die Beschlagnahmung von Wert­
gegenständen wie etwa dem Auto.

Zwei Punkte ermutigen die Boykotteure al­


lerdings: «Für den Rundfunkbeitrag muss keiner
mehr ins Gefängnis», meldete der Tagesspiegel
am 13. September 2 016. Die spektakuläre Inhaf­
tierung von Sieglinde Baumert am 4. Februar 2 016
war der Wendepunkt gewesen. Nach 61 Tagen wur­
de die 46-jährige Thüringerin wieder auf freien Fuß
gesetzt. Die hohen Kosten dürften bei dieser Ent­
scheidung eine Rolle gespielt haben: Der Aufent­
halt hinter schwedischen Gardinen kostet den Staat
6 0 bis 14 0 Euro pro Tag. Dem standen offene For­
derungen an Frau Baumert in Höhe von ganzen 191
Euro gegenüber.

Vielleicht noch wichtiger ist, dass auch die Pfän­


dung von Forderungen immens erschwert wurde:
Tipps vom Medienprofi: Staran­ Seit 2 013 muss jeder Haushalt einen Zwangs­ Das Landgericht Tübingen stellte in einem Mus­
walt Steinhöfe/ (r) erklärt, wie wir beitrag für die öffentlich-rechtlichen Medien zah­ terurteil vom September 2 016 fest, dass der soge­
den Beitragsservice zum Wahnsinn
len - auch wenn er weder Fernseher noch Radio nannte Beitragsservice keine Behörde ist, sondern
treiben können. Foto: picture al/i­
ance/dpa besitzt. 17, 50 Euro pro Monat sind happig, vor al­ ein Unternehmen. Er kann ausstehende Beiträge.
lem, wenn man bedenkt, dass ein großer Anteil gar also nicht, wie etwa das Finanzamt, einfach ein­
nicht in die Programmgestaltung fließt, sondern für ziehen, sondern muss zunächst ein entsprechendes
Gehälter und Pensionsansprüche der Staatsjourna­ Gerichtsurteil erwirken. Das kann dauern - und je
listen aufgewendet wird, die nicht gerade für aus­ mehr Bürger boykottieren, umso länger. Doch das
gewogene Berichterstattung stehen. «Beim WDR juristische Damoklesschwert schwebt in jedem Fall
gibt es das höchste Gehalt Mit einer Grundsumme weiter über allen, die Mahnbescheide ignorieren.
von rund 391 . 000 Euro an Jahresgehalt waren die
Intendanten hier am besten bezahlt. Die Intendan­ Sand ins Getriebe
ten des BR verdienten mit einem Jahresgehalt von
384. 000 Euro am zweithöchsten, gefolgt vom SWR Einen rechtssicheren Ausweg will Joachim
und einem Grundjahresgehalt von 356. 000 Euro», Steinhöfel weisen. Der prominente Medienanwalt
meldete das Statistikportal Statista im August 2019. versteht sein Metier: Er hat sich mehrfach mit dem
Damit streicht WDR-Chef Tom Buhrow mehr Geld Internetgiganten Facebook angelegt - und gewon­
ein als die Bundeskanzlerin (2 018: 350. 000 Euro nen. So erreichte er die Aufhebung von Beitrags­
_ Kare! Meissner ist IT-Spezialist brutto) - ausgerechnet der Verantwortliche des am löschungen beziehungsweise Kontensperrungen in
<i und lebt in Birmingham, weitesten links stehenden ARD-Senders. den Fällen der beiden Islamkritiker Markus Hibbe-
16
[OMPA[T Titelthema (9

ler und Hamed Abdel-Samad. Als Facebook ihm die erteilen. ( . . . ) Wenn jeder, den die Abgabe ärgert,
Gerichtskosten nicht erstattete, ließ er kurzerhand diese Anfrage stellt, wird es beim "Beitragsservice"
Alle Macht
Forderungen des sozialen Netzwerkes an CDU und möglicherweise zum Systemkollaps kommen. Denn dem Volke
SPD pfänden und an sich überweisen . . . Die Frank­ auf Hunderttausende oder gar Millionen von Anfra­ Funk und Fernsehen fallen in
die Kompetenz der Bundes­
furter Al/gemeine kommentierte süffisant, Steinhö­ gen ist das System nicht eingerichtet. Es werden länder, deswegen sind Volks­
fel habe damit «nicht nur Facebook vorgeführt, son­ enorme Ressourcen, die sonst zum Eintreiben von begehren zur Kündigung des
dern auch gleich die Regierungsparteien am Nasen­ Gebühren genutzt werden können, gebunden, und Rundfunkstaatsvertrages auf
ring gepackt» . es entstehen erhebliche personelle und administ­ Länderebene zulässig. Aller­
rative Kosten. » dings wird zur Beantragung
eine erhebliche Anzahl von
Der ausgebuffte Paragrafenfuchs schlägt vor,
Unterschriften benötigt, wes­
nicht zu boykottieren, sondern Sand ins GEZ--Getrie­ wegen Initiativen der AfD in
be zu streuen. Der wichtigste Schritt für die Bürger
· sei die Kündigung der Einzugsermächtigung für die «Denn auf Hunderttausende oder Bayern und Brandenburg ver­
sackt sind. Nichtsdestotrotz hat
Zwangsgebühren. Stattdessen sollen sie den Obo­
lus per Bareinzahlung entrichten. Das Bundesver­
gar Millionen von Anfragen ist das jetzt die AfD Baden-Württem­
berg mit dem Landtagsabgeord­

waltungsgericht hat diese Möglichkeit durch ein svstem nicht eingerichtet. » neten Stefan Räpple ebenfalls
einen Vorstoß gewagt. Unter­
Urteil vom März 201 9 eingeräumt, endgültig ent­
scheidet der Europäische Gerichtshof. Steinhöfel Steinhöfel schriftslisten gibt es unter ste­
fan-raepple.de.
geht davon aus, dass dies lange dauern könne und Der Buchautor Heiko Sehrang
bis dahin diese Variante straffrei bleibe. Der Zweck (Die GEZ-Lüge) macht den Vor­
der Übung: Den Beitragsservice mit der umständli­ Musterschreiben für alle Beitragskritiker finden schlag, vor dem Sammeln amt­
lich zu beglaubigender Unter­
chen Zahlungsart zu beschäftigen und an seine per­ sich übrigens auf der reichweitenstarken Websei­ schriften erst die Aktivisten
sonellen Grenzen zu bringen. Der Medienanwalt hat te hal/o-meinung.de des Unternehmers Peter We­ online zu erfassen, die da-
ein entsprechendes Musterschreiben ausformuliert. ber. Er sieht sich als Mann der Mitte, hält betont Ab­ bei mitmachen könnten. Über
stand zur AfD und hat sich nach der Thüringen-Wahl 1 00.000 Helfer hat er mittler­
sogar als CDU-Anhänger geoutet. Mit ihm im Boot weile schon zusammen. Wer
sich beteiligen möchte, regist­
ARD ZDF Deutschlandradio, Beitragsservice, ist ein weiterer Kenner der Materie, der Buchautor riert sich unter rundfunk-frei.de.
50656 Köln Heiko Sehrang (Die GEZ-Lüge). Zusätzlich zu den ge­
Betreff: Barzahlung von Rundfunkgebühr (Bei­ schilderten individuellen Widerstandsmöglichkeiten
plant der bekennende Buddhist die Einleitung von «Grundwerte des öffentlich-recht­
tragsnummer) lichen Rundfunks infrage gestellt»:
Volksbegehren zur Kündigung des Rundfunkstaats­ Kabarettist Uwe Steimle /r.) darf
Sehr geehrte Damen und Herren, vertrages auf Landesebene - ebenfalls ein völlig le­ nicht mehr im MDR auftreten.
ich widerrufe die Ermächtigung zum Bankein­ gales Vorgehen (siehe Infobox). ■ Foto: Screenshot
zug des Rundfunkbeitrags, die ich Ihnen er­
teilt hatte.
Ich möchte künftig von meinem Recht nach
§14 BundesbankG Gebrauch machen, den
Beitrag mit dem unbeschränkten gesetzlichen
Zahlungsmittel Euro-Banknoten zu bezahlen.
Bitte teilen Sie mir mit, wo ich das an mei­
nem Wohnort gebührenfrei und ohne zusätz-
1 iches Übermittlungsrisiko tun kann.

Mit freundlichen Grüßen

Die Wirkung dieser Taktik wird erhöht. wenn man


die Vierteljahresbeiträge mit leichten Abweichun­
gen zahlt- ein Mal ein bisschen zu viel, ein anderes
Mal ein bisschen zu wenig. In jedem einzelnen Fal l
muss der Beitragsservice dann eine Benachrichti­
gung schicken, was die Gebührenjäger erheblich be­
schäftigt. Außerdem schlägt Steinhöfel vor, dass je­
der Bürger sich nach Paragraf 1 5 Absatz 3 der Daten­
schutzgrundverordnung danach erkundigt. was der
sogenannte Beitragsservice mit seinen Daten macht.
«Das ist übrigens ein Rechtsanspruch, die Auskunft
ist kostenlos schriftlich innerhalb eines Monats zu $
17
fJIIIPICT Polltlk

Trump trotzt dem Tiefen Staat


_ von Daniell Pföhringer
Donald Trump hat den Iran-Konflikt urplötzlich eskalieren lassen, aber ebenso schnell
wieder eingehegt. Ist der US-Präsident unberechenbar - oder seinen Widersachern
einfach nur stets einen Schritt voraus?

Der 3. Januar markierte für viele Beobachter Damoklesschwert Impeachment Raketentest der Iranischen Revo­
die Ouvertüre zu einer großen mil itärischen Aus­ lutionsgarden im September 2009:
Inzwischen verfügt Teheran über
einandersetzung im Nahen Osten. womöglich gar Für Washington war Soleimani der Drahtzie­
Mittelstreckenwaffen mit einer
zu einem neuen Weltkrieg: An jenem Freitag, kurz her eines am 27. Dezember erfolgten Raketenan­ Reichweite von 2.000 Kilometern.
vor zwei Uhr morgens, löschte eine unbemannte griffs der pro-iranischen Kataib-Hisbol lah-Miliz auf Foto: picture-afliance/ dpa
US-Drohne das Leben von Oassem Soleimani auf einen amerikanischen Truppenstützpunkt im nord­
dem Flughafen von Bagdad aus. Mit dem hoch­ irakischen Kirkuk. Außerdem machte man den Kom­
rangigen iranischen General starb Jamal al-lbra­ mandeur der Quds-Brigade - einer vom I ran spe­
him alias Abu Mahdi al-Muhandis, der Anführer ziell für mil itärische Einsätze außerhalb des Landes
der schi itisch-irakischen Volksmobilmachungskräf­ aufgestel lten Kampfeinheit - für die versuchte Er­
te, eine der zahlreichen Proxy-Mil izen Teherans in stürmung der US-Botschaft in Bagdad am Si lves­
der Region. terabend verantwortlich. Folgt man amerikanischen
Angaben, soll Soleimani weitere «Angriffe auf ame­
US-Präsident Donald Trump hatte den Angriff rikanische Diplomaten und militärisches Personal
zwar persönl ich angeordnet. verschiedenen Quel­ geplant» haben. Man habe den vermeintlichen Ter­
len zufolge musste er dazu jedoch erst von Vizeprä­ roristen jedoch «auf frischer Tat ertappt und aus­
sident Mike Pence und Außenminister M i ke Pom­
peo gedrängt werden. Vor allem Letzterer steht den
geschaltet». erklärte Trump in einer Pressekonfe­
renz im Weißen Haus. Auffä l l ig war, dass der an­
Soleimani war auch
kriegsl üsternen Neocons nahe und dürfte als ehe­
mal iger CIA-Direktor noch immer einen guten Draht
sonsten vor Selbstbewusstsein strotzende Haudrauf
dies geradezu mechanisch vom Teleprompter ablas
bei den Führungs­
in den Tiefen Staat haben. Diesen Kreisen wäre ein und kein Jota vom vorgegebenen Text abwich. War eliten des Iran nicht
Flächenbrand in der Region höchst gelegen gekom­
men - und zunächst sah al les danach aus, als wäre
Trump selbst nicht von dem überzeugt, was er sag­
te? Oder schwante ihm, dass er in eine Fal le des Tie­ unumstritten.
ein solcher kaum noch zu verhindern. fen Staates getappt sein könnte? �
19
COMPACT Politik 8

Lagebesprechung im Situation Denkbar ist auch, dass der Präsident quasi er­ Ö sterreichs Thronfolger Franz Ferdinand am 28.
Room des Weißen Hauses: US-Prä­ presst wurde: Der Hebel könnte das laufende Im­ Juni 1 91 4 und zu den «Schlafwandlern» (Christo­
sident Trump hat die /ran-Krise
peachment-Verfahren im Kongress gewesen sein. pher Clark), die über einem Abgrund balancieren, bis
nicht eskalieren lassen - zum Ärger
von Neocons und Deep State. Foto: Sollte dieses vor den Senat kommen, wäre eine sie vom Seil stürzen, war daher gar nicht mal so ab­
picture alliance/AP Photo Zweidrittelmehrheit notwendig, um Trump seines wegig. Mit Soleimani hatten die USA nicht irgend­
Amtes zu entheben. Dazu müssten 67 Senatoren wen ausgeschaltet, sondern den zwar nicht formell,
den Daumen senken. Selbst wenn die beiden un­ aber doch faktisch zweitmächtigsten Mann des ira­
abhängigen Mandatare mit den 45 oppositionellen nischen Staates, den manche schon als künftigen
Demokraten stimmen sollten, käme eine solche Ma­ Präsidenten gesehen hatten. Entsprechend dras­
jorität nicht zustande, doch falls 20 der 53 Republi­ tisch fielen die Reaktionen in der islamischen Re­
kaner für die Amtsenthebung votieren sollten, müss­ publik aus: vom Hissen der roten Rachefahne in üom
te Trump seinen Schreibtisch im Oval Office räumen. bis zu den 80 Millionen Dollar, die der greise Ajatol­
Gänzlich unrealistisch ist ein solches Szenario nicht, lah Ali Chamenei auf Trumps Kopf auslobte.
denn erstens ist der vormalige New Yorker Baulö­
we in seiner eigenen Partei nicht sonderlich beliebt, Doch genauso schnell, wie sich die Situation
zweitens stehen einige Republikaner auf der Payroll hochschaukelte, kam es zur Deeskalation: Die Ver­
von Lobbyorganisationen, die ein Interesse an der geltungsaktion Teherans vom 8. Januar bestand le­
Konservativer Kriegsgegner: «Fox
News»-Talkmaster Tucker Carlsson. Destabilisierung des Nahen Ostens haben, und drit­ diglich in einer «Ohrfeige» (Chamenei). nämlich im
Foto: Gage Skidmore, CC BY-SA , tens müssen genau 20 Senatoren der Grand Old Par­ Beschuss von zwei US-Militärbasen im Irak durch
Wikimedia Commons ty ihre Sitze bei den nächsten Wahlen verteidigen. 22 ballistische Raketen der Iranischen Revolutions­
Vielfach sind sie dazu auf die Unterstützung einfluss­ garden. Hinzu kommt: Die Amerikaner sollen - ver­
reicher Kreise angewiesen. mutlich von Mittelsmännern Teherans - über den
bevorstehenden Angriff gewarnt worden sein. So
Spiel über Bande war denn auch kein einziges Todesopfer aufsei­
ten der US Army zu beklagen. Am Tag darauf trat
Die Tötung Soleimanis hätte durchaus das Zeug Trump in Washington vor die Presse und verkünde­
dazu gehabt, die feuchten Träume der Neocons und te einer überraschten Öffentlichkeit. dass es vor­
Binnen weniger des Tiefen Staates zu verwirklichen. Der Vorfall
war dazu geeignet, nicht nur den gesamten Orient
erst keine militärische Aktion mehr gegen den Iran
geben werde. Zugleich - und genau diese Passage
Stunden wurde aus in Brand zu setzen, sondern - durch die zwischen­
staatlichen Verwicklungen: Iran, Syrien und Russ­
fand in deutschen Medien kaum Beachtung - er­
klärte er demonstrativ, dass die USA kein Interesse
dem Falken eine land auf der einen, USA, Saudi-Arabien sowie Is­ mehr an der Nahost-Region hätten, da sie, so Trump
Taube. rael auf der anderen Seite - einen Großkonflikt von
hoher Intensität auszulösen, vielleicht sogar einen
wörtlich, inzwischen «Energieautarkie» erlangt hät­
ten. Binnen weniger Stunden wurde aus dem Fal­
Ci Dritten Weltkrieg. Die Analogie zum Attentat auf ken eine Taube.
20
COMPACT Politik (j

Das fiel auch dem Friedensforscher und Geopoli­ von einem Gegenschlag abzusehen. Dafür gebühre
Flug 752
tik-Analysten Rainer Rothfuß auf. In einem Interview ihm - und nicht Greta Thunberg - der Friedensno­
Am 8. Januar stürzte eine uk­
mit COMPACT-TV vom 10. Januar erklärte der ehe­ belpreis, schrieb Gray damals. rainische Linienmaschine (Flug­
malige Inhaber des Lehrstuhls für Geografie an der nummer PS752) kurz nach dem
Universität Tübingen: «Trump fährt weiterhin seine Auch bei der aktuellen Deeskalation könnte Carl­ Start vom Flughafen Teheran
Schiene, sich mittel- und langfristig im Nahen Os­ son eine wichtige Rolle gespielt haben. Das meint ab. Alle 1 67 Passagiere und
ten und letztendlich auch weltweit aus Regime-Krie­ zumindest das amerikanische Nachrichtenportal neun Besatzungsmitglieder der
Boeing 737-800 kamen dabei
gen zurückzuziehen. » Dazu müsse der Präsident zeit­ Buzzfeed, das am 8. Januar darauf hinwies, dass ums Leben. Zunächst sprach
weise «über Bande spielen» , den Neocons ab und der Journalist «eine zunehmend einflussreiche Stim­ das iranische Staatsfernse-
zu auch mal «einen Brocken» hinwerfen. Auf diese me des Antiinterventionismus auf der rechten Seite hen von einem technischen De­
Weise spiele Trump, so Rothfuß, «3-D-Schach» mit geworden ist» und zudem «bei der Trump-Basis sehr fekt als möglicher Absturzursa­
dem Tiefen Staat. beliebt » sei. Unter Berufung auf eine Quelle aus che, drei Tage später räumte
man den Abschuss ein. Das ira­
dem Umfeld des Präsidenten berichtete Buzzfeed, nische Militär habe die Maschi­
War Soleimani ein solcher «Brocken» ? Ließ dass Carlsons Kritik an der Tötung Soleimanis «sei­ ne irrtümlich für einen Marsch­
Trump den General, der sich zwar unbestreitbar Ver­ ne Sicht auf die Situation im Iran beeinflusst» habe. flugkörper gehalten, der zu­
dienste im Kampf gegen die IS-Terrormi lizen erwor­ ständige Offizier habe wegen
ben hatte, dessen sonstige Aktivitäten aber Medien­ einer Störung im Kommunika­
tionssystem die Befehlszentra­
berichten zufolge bei einem nicht unbeträchtlichen
Teil der iranischen Führungselite, allen voran Prä­ «Eine zunehmend einflussreiche le nicht erreichen können und
sich dann für den Abschuss ent­
sident Hassan Rohani, zunehmend auf Ablehnung
stießen, über die Klinge springen, um die Kriegs­
Stimme des Antiinterventionis­ schieden. Im Iran protestierten
daraufhin mehrere Tage lang
treiber im eigenen Land zu beruhigen? Tat er es viel­
leicht sogar deswegen, um einen großen Militär­
mus auf der rechten Seite. » Tausende gegen die Staatsfüh­
rung, die von den Demonstran­

schlag, der weitaus mehr Leben gekostet hätte, zu Buzzfeed über Tucker [arlson ten der bewussten Täuschung
bezichtigt wird.
vermeiden?

Anders als etwa bei George W. Bush spielt dies Der Fox News-Moderator hatte in seiner Sen­
in Trumps Überlegungen durchaus eine Rolle. Bestes dung davor gewarnt, auf Informationen der Geheim­
Beispiel: Nachdem der Iran am 20. Juni 2019 eine dienste zu vertrauen. «Das sind die gleichen Leute,
unbemannte US-Drohne vom Himmel geholt hatte, die 2002 über die Massenvernichtungswaffen des
plante man im Pentagon einen schweren Gegen­ Irak gelogen haben, und auf diese Weise haben wir
schlag. Der Mann im Weißen Haus blies den Angriff einen völlig sinnlosen Krieg geführt, der unser Land
jedoch zehn Minuten vor Start der Kampfflugzeuge enorm geschwächt hat. » Mit ähnlichen Falschbe­
wieder ab. Man hatte Trump erst kurz zuvor gesagt, hauptungen versuche man nun, die USA in einen
dass die Aktion mindestens 150 Tote auf iranischer Krieg mit dem Iran zu treiben. Wortwörtlich sprach Ein Teil des Wracks der Passagier­
maschine der Ukraine International
Seite fordern würde. Der Präsident empfand dies er dabei vom «Deep State » . Trumps Partie gegen Airlines, die am 8. Januar von einer
als unverhältnismäßig. Vorausgegangen war eine den Tiefen Staat ist weiterhin offen - es bleibt ab­ iranischen Rakete getroffen wurde.
hitzige Debatte mit mehreren Sicherheitsberatern zuwarten, wer am Ende schachmatt gesetzt wird. ■ Foto: picture alliance/dpa
und Kongressabgeordneten -vermutlich Personen,
die direkt oder indirekt in den Tiefen Staat verstrickt
sind. «Diese Leute wollen uns in einen Krieg drän­
gen. Das ist so widerlich, wir benötigen keine weite­
ren Kriege mehr» , soll Trump laut Wall Street Jour­
nal nach der Besprechung gegenüber einem Vertrau­
ten geäußert haben.

Der Friedensbringer von «Fox News»


Offenbar gibt es jemanden, der wesentlich mehr
Einfluss auf die Entscheidungen des US-Präsiden­
ten hat als die Deep-State-Agenten in seiner Entou­
rage - nämlich Tucker Carlson. Der Journalist mo­
deriert eine tägliche Talkshow auf Fox News, die
Trump so gut wie nie verpasst. Zudem telefonieren
die beiden Männer regelmäßig. Laut Freddy Gray,
einem Autor des Spectator USA, soll Carlson - ein
konservativer lnterventionismusgegner in der Tradi­
tion Ron Pauls und Pat Buchanans-den Präsidenten
im Juni 2019 letztendlich davon überzeugt haben,
21
COMPACT Politik �

«Trump hat keine Ahnung


vom Nahen Osten,,
_ Jason Reza Jorjani im Gespräch mit Daniel! Pföhringer

Der Konflikt zwischen den USA und dem Iran hat sich vorerst nicht Dennoch haben Sie sich im aktuellen Konflikt
zu einem Krieg ausgeweitet. Doch die Gefahr ist noch nicht gebannt auf die Seite Teherans gestellt . . .
Weil ich eben auch iranischer Patriot bin. Hier geht
- auch weil es im Umfeld des US-Präsidenten Kräfte gibt, die an
es nicht um die Regierung, hier geht es um Krieg
einer Eskalation interessiert sind. gegen ein Land.

Herr Dr. Jorjani, wie stehen Sie zu dem Re­ Die Tötung des iranischen Generals Oassem
gime in Teheran? Soleimani durch eine US-Drohne ist interna­
Ich habe der Opposition gegen die islamische Repu­ tional auf Kritik gestoßen. Wie bewerten Sie
blik Iran 20 Jahre lang angehört. Während der Auf­ dessen Rolle, vor allem mit Blick auf die Be­
stände 2 009 war ich der Meinung, dass die pas­ kämpfung des Islamischen Staates (IS) im
sende Antwort auf das gnadenlose Vorgehen des Irak?
Regimes gegen unbewaffnete Demonstranten nur General Soleimani war die wichtigste Figur im
eine gewaltsame Revolution gegen die islamische Kampf gegen den islamischen Staat. Er war letzt­
Republik sein kann. Mein öffentlicher Aufruf zur Li­ lich der Mann. der bei allen wichtigen Operatio­
quidierung des Obersten Führers Ajatollah Ali Cha­ nen, die die irakischen Streitkräfte in den Gefech­
menei hat es mir zu dieser Zeit unmöglich gemacht, ten gegen den IS durchgeführt haben, am meisten
wieder in den Iran zu reisen. für Einsatzplanung, Ausbildung der Einheiten und
Beirut am 5. Januar: Teilnehmer Kampfstrategie verantwortlich war. Mehr als jeder
einer Hisbollah-Demo trauern um Sie sind also kein Freund der Mullahs? andere militärische Führer stand er mit seinen Leu­
Oassem Soleimani. Der von den Nein, ganz bestimmt nicht. Zweifelsohne würde ten zwischen dem IS und Bagdad und hat verhindert.
USA liquidierte iranische Gene-
ral wird in der schiitischen Welt als mich das theokratische Regime auch heute noch dass die irakische Hauptstadt dem Möchtegern-Ka­
Märtyrer verehrt. Foto: picture al/i­ sofort einsperren, verhören und möglicherweise lifen Abu Bakr al-Baghdadi in die Hände fällt. Solei­
ance/dpa hinrichten. mani rettete zahllose jesidische «Ungläubige» vor

(j
22
COMPACT Politik <8

den Massakern und Vergewaltigungen durch den


IS und stellte sich damit dessen Bestrebungen ent­
gegen. einen Völkermord an den Kurden zu verüben.

Für Washington war Soleimani ein Terrorist,


der für den Tod von mindestens 600 US-Sol­
daten verantwortlich ist.
Wenn bestimmte amerikanische Politiker in Über­
einstimmung mit Präsident Trump dies behaupten,
dann muss man doch zunächst einmal die Frage stel­
len: Warum befanden sich diese Soldaten überhaupt
11. 000 Kilometer von der Heimat entfernt auf der an­
deren Seite der Welt und besetzten ein Gebiet, das
größtenteils einmal Teil des Iran war? Es sind die
Vereinigten Staaten, die den Terrorismus in der irani­
schen Region verbreitet haben. Dieser terroristische
Charakter wurde noch einmal von Trumps jüngster
Drohung unterstrichen, «sehr hochrangige» Orte zu
bombardieren, die «für die iranische Kultur wichtig
sind». Die Zerstörung von Kulturstätten ist genau
das, was die Taliban und der IS getan haben - sun­
nitische Terrorgruppen, die direkt und indirekt von
Amerika gefördert und vom Iran bekämpft wurden.
Militärkommandeuren und politischen Führern, die Unser Interviewpartner am Hudson
im Krieg gegen sunnitische Islamisten in Afghanis­ River in seiner Heimatstadt New

Der Iran hat seit mehr als zwei


York. Foto: Facebook
tan und im Irak im Geheimen mit den Vereinigten
Staaten kooperierten. Er wandte sich erst gegen
Jahrhunderten keinen Krieg mehr die Amerikaner, nachdem die USA beschlossen hat­
ten, permanente Militärbasen im Irak zu errichten-
begonnen. einem künstlichen Staat, der in der Geschichte die
längste Zeit Teil des Iran war. Die iranische Haupt­
stadt befand sich über tausend Jahre lang-in drei
Sie sagten, man müsse die Frage stellen, was aufeinanderfolgenden persischen Reichen - inner­
die US-Truppen überhaupt in einem anderen halb dessen. was heute als Irak bezeichnet wird. Die
Land zu suchen hätten. Gilt das nicht auch für Behauptung von Vizepräsident Pence, dass Soleima­
Soleimani und seine Ouds-Brigade, die ja für ni - oder überhaupt jemand in der islamischen Re­
Spezialeinsätze außerhalb des Iran gegrün­ publik Iran - irgendetwas mit 9/11 zu tun hatte, ist _ Dr. Jason Reza Joriani wurde
det wurde? absolut falsch! Saudi-Arabien unterstützte die Sala­ 1981 in New York als Kind eines
Die Ouds-Brigade gibt es, um Bedrohungen für den fisten oder Wahhabiten, die diese Anschläge durch­ iranischen Vaters und einer
Iran im Ausland abzuwehren, damit man damit nicht geführt haben. 15 der 19 Entführer waren saudische amerikanischen Mutter geboren.
zu Hause konfrontiert wird. Das ist genau der glei­ Staatsbürger. Die Iraner reagierten auf die Anschlä­ Er studierte Philosophie an der
che Grund, den die USA, Großbritannien, Frank­ ge vom 11. September mit Mahnwachen bei Kerzen­ New York Universitv und der Stonv
reich, Russland oder eine beliebige Anzahl ande­ schein, um sich mit den getöteten Amerikanern und Brook Universitv auf Lang Island.
rer Staaten für die Stationierung ihrer Streitkräfte ihren trauernden Familien zu solidarisieren. Als Dozent am New Jersev Institute
in anderen Ländern angeben. vor allem wenn es. of Technologv hielt er unter
wie im Falle der Präsenz des Iran im Irak und in Sy­ Im Iran wird Soleimani als Märtyrer verehrt. anderem Vorlesungen über Martin
rien, auf Einladung des Gastgeberlandes geschieht. Können Sie das nachvollziehen? Heidegger und die Geschichte des
Im Gegensatz zu diesen anderen Nationen hat der Durchaus. General Soleimani war so etwas wie ein Iran. In den Jahren 2016 und 2017
Iran seit mehr als zwei Jahrhunderten keinen Krieg Ritter im Dienste einer schiitischen Form der Spiri­ war Jorjani, der in Manhattan lebt
mehr begonnen. tualität, die viele Aspekte der vorislamischen irani­ und sowohl die US-amerikanische
schen Religion bewahrt hat, die von den orthodoxen als auch die iranische Staatsbür­
US-Vizepräsident Pence hat Soleimani sogar sunnitischen Muslimen und insbesondere von den gerschaft besitzt, Chefredakteur
für 9/1 1 mitverantwortlich gemacht. War es Fundamentalisten des IS und von al-Oaida als voll­ von «Arktos Media•. Er ist Ver­
nicht eher so, dass er nach den Terroranschlä­ kommen ketzerisch angesehen werden (siehe Info­ fasser mehrerer Bücher, darunter
gen vom 1 1 . September 2001 die USA unter­ box). Während der IS für die Auslöschung des «heid­ «lranian Leviathan: A Monumental
stützt hat? nischen» Kulturerbes im Nahen Osten kämpft, wur­ Historv of Mithra's Abode" 12019].
Ja, nach 9/1 1 und sogar noch in den frühen Tagen den vorislamische Kulturstätten vom schiitischen Eine ausführlichere Version des
der US-Invasion im Irak 2003 war Oassem Solei­ Regime im Iran bewahrt. Vergleichen Sie auch die Gesprächs kann man mit Digital•
mani der prominenteste einer Reihe von iranischen kulturellen Normen, Kleidungsvorschriften oder Ge- unter rnmpact-online.de abrufen. (j
23
COMPACT Politik �

Märtyrertum schlechterrollen in hoch entwickelten iranischen


Metropolen wie Teheran. Isfahan und Schiras mit
Meinen Sie, dass Trump eine Geisel des Tiefen
Staates geworden ist, der möglicherweise in
«Die Bedeutung des Märtyrer­
tums im schiitischen Islam kann
der Art von Scharia im saudischen Stil, die von den einer Eskalation des Iran-Konflikts eine Chan­
nicht stark genug betont wer­ Taliban in Afghanistan und vom IS in Teilen des Irak ce sah, sich des Präsidenten zu entledigen?
den. Dieser Märtyrerkult hat und Syriens durchgesetzt wurde, wo die Dschihadis­ Das ist möglich, aber wenn dem so ist, dann trägt der
seinen Ursprung im Gedenken ten-Miliz ihr Kalifat aufbauen konnte, bis sie von So­ Präsident eine Mitschuld. Ein Mann, der sich ent­
an den Imam Hussein (626- leimani vertrieben wurde. schließt. seine Präsidentschaft mit einem Schwert­
680), der durch die Hand des
tyrannischen Yazid, den sun­
tanz mit den Saudis zu beginnen, indem er buchstäb­
nitischen Herrscher des Um­ Ist Trump vertraut mit der komplizierten Situ­ lich mit den Säbeln gegen den Iran rasselt. dann den
ayyaden-Kalifats, ums leben ation im Nahen Osten? Persischen Golf als «den Arabischen Golf» bezeich­
gekommen ist. Aus esoteri­ Nein, Trump hat keine Ahnung, was er da tut. Er hat net. mit «dem offiziellen Ende des Iran» - und nicht
scher Sicht kann der Märtyrer­ unter Beweis gestellt. dass er vollkommen unkun­ nur des Regimes - droht, bevor er sich schließlich
kult im Iran und der übrigen per­
sisch-schiitischen Welt auf die
dig ist. was die Situation im Nahen Osten al lgemein auf eine Drohung, die Kulturstätten des Iran zu zer­
rituelle Trauer um den altira­ und speziell den Charakter und die Geschichte der stören, einlässt. ist kein unschuldiges Opfer einer
nischen Helden Siyawasch zu­ iranischen Zivilisation betrifft. Fal le, die ihm der Tiefe Staat gestel lt hat.
rückgeführt werden, dessen tra­
gisches Martyrium im persi­ Wer sind die treibenden Kräfte hinter den
Auch der Luftwaffenstützpunkt
schen Buch der Könige - dem
US-Militäraktionen?
Schahnameh - verewigt ist.
Das sind jene Politiker. die den Neocons und AIPAC
Ramstein könnte ein mögliches
Nicht nur, dass viele Elemen-
te des schiitischen Märtyrer­ [American Israel Pub! ic Affairs Committee; pro-is­
raelische Lobbyorganisation] nahestehen. Dazu ge­
Ziel sein.
kults ihren Ursprung im voris­
lamischen Souge Siyawasch hören nicht nur jene Neokonservativen, die sich als
[Trauer um Siyawasch] ha-
Republikaner begreifen, wie der ehemalige Nationa­
ben, es ist auch so, dass Hus­
sein eine Prinzessin der sas­ le Sicherheitsberater John Bolton, sondern auch Es­
sanisch-persischen Dynastie tablishment-Demokraten, die außenpolitisch nicht Auch wenn sich die Lage Anfang Januar wie­
heiratete, die während der isla­ von Neocons zu unterscheiden sind. Hillary Clinton der beruhigt hat: Bleibt der Nahe Osten ein
mischen Eroberung des Iran 651 und ihre engsten Mitarbeiter innerhalb der Demo­ potenzieller Auslöser für einen weiterreichen­
nach Christus von den Arabern
kratischen Partei sind Beispiele dafür. Ich bin nach den Konflikt, möglicherweise sogar einen Drit­
abgesetzt wurde. Die schiiti­
sche heilige lnitiationslinie der wie vor davon überzeugt, dass wir uns bereits mit ten Weltkrieg?
Imame, die angeblich eine eso­ dem Iran im Krieg befänden, wenn Hillary Präsiden­ Ja. Beide Seiten haben sich zwar vorübergehend
terisch-mystische lehre wei­ tin geworden wäre. Ich habe keinen Zweifel daran, für Deeskalation entschieden. Es gibt aber auch
tergeben, ist also auch eine dass Jared Kushner, Trumps Schwiegersohn, des­ eine andere Interpretation für den erstaunlich mil­
Fortsetzung der königlichen
sen Nahostpolitik «enorm» - wie Trump sagt - be­ de ausgefallenen iranischen Vergeltungsschlag, der
Blutlinie des vorislamischen
sassanidischen Perserreiches. »
einflusst hat, und zwar mit einem besonderen Fokus Trump die Möglichkeit gab, eine weitere Eskalation
(Jason Reza Jorjani) auf die Sicherung Israels vor einem weiteren Auf­ zu vermeiden: Trotz Trumps einseitigem Ausstieg
stieg der iranischen Macht. aus dem Atomvertrag blieb der Iran geduldig dar­
um bemüht, den Deal gemeinsam mit den europäi­
schen Vertragspartnern - darunter auch Deutsch­
land - zu retten. Nun hat der Iran angekündigt, dass
er eine «gänzlich unbegrenzte» nukleare Entwick­
lung vorantreiben wird. Es ist gut möglich, dass die
Milde der iranischen Vergeltung eine Taktik ist, um
Zeit zu gewinnen, während man auf die Herstellung
von Atomwaffen zusteuert. Bedenken Sie außerdem
die Verflechtung von Allianzen, die in den Konflikt
hineinspielen. Im Fal le eines umfassenden Krieges
würde der Iran auf Angriffe der US-Luftwaffe und
der US-Marine sicherlich mit Angriffen auf amerika­
nische Ziele reagieren. Dies sollte für Deutschland,
das den Luftwaffenstützpunkt Ramstein und ande­
re amerikanische Militäreinrichtungen beherbergt,
ein besonderer Grund zur Besorgnis sein .

Herr Dr. Jorjani, ich danke Ihnen für das Ge­


spräch. ■

Der Iran zeigt sich kampfbereit. Im Hintergrund ein Bild von


Ajatollah Ali Chamenei. Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb
24
Die Steuerbetrüger
_ von Peter Boehringer
Wohin verschwindet eigentlich das Geld des Steuerzahlers? Der Bundesfinanz­
minister gaukelt einen ausgeglichenen Haushalt vor, doch sein Plan für das Jahr 2020
ist voller Lügen und Lücken. Und drei Mal dürfen Sie raten, wohin die meisten Aus­
gaben fließen.

Der Normalbürger versteht unter guter Haus­ Der Einnahmen-Bluff Deutschlands oberste Steuergeld­
haltsführung sparsames Wirtschaften, das Einnah­ verschwender: Bundeskanzlerin
Angela Merkel und ihr Finanzminis­
men und Ausgaben vernünftig zur Deckung bringt. Die Steuereinnahmen sind eine nachlaufende
ter Olaf Scholz. Foto: picture al/i­
Die altgriechische Wortherkunft «oikonomia» (aus Größe. Sie sind noch immer hoch, weil der Fiskus ance / REUTERS
«oikos» = «Haus» und «nomos» = «Gesetz») deutet von der relativ gut laufenden Konjunktur der Vor­
darauf hin, dass es dabei nach strengen Regeln zu­ jahre profitiert. Doch die gängelnde Ideologiepoli­
gehen muss: Schon in der Antike war völlig klar, tik der Regierung gegen deutsche Schlüsselindus­
dass niemand über seine Verhältnisse leben kann, trien hat schon 2019 Bremsspuren verursacht - im
man auch Lebensrisiken einkalkulieren muss und zweiten Quartal verzeichnete die Statistik sogar
sich nicht selbst etwas vormachen darf. eine schrumpfende Wirtschaftsleistung. Das wird
sich auf die künftigen staatlichen Einnahmen ne­
Der Bundeshaushalt für das Jahr 2020 ignoriert gativ auswirken.
die ehernen Gesetze der Ökonomie. Er umfasst
Ausgaben über sagenhafte 400 Milliarden Euro - Der Finanzminister profitiert seit Jahren von der
und tausende fragwürdiger Kostentitel. Vor der Be­
schlussfassung im Bundestag war stundenlang von
Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank - für
seine aktuellen Schulden muss der Staat also kei­ Der Bund profitiert
den Koalitionsrednern zu hören, wie «seriös» die
Vorlage von Finanzminister Olaf Scholz sei. Doch die
ne Zinsen zahlen. Das ist faktisch monetäre Staats­
finanzierung - und damit illegitim. Der Bund spart
seit Jahren von der
Realität ist eine völlig andere: Die Regierung hat auf so pro Jahr Dutzende Milliarden Euro: auf Kosten Nullzinspolitik der
Sand gebaut. Man arbeitet mit Etikettenschwindel
und wirtschaftet auf Kosten späterer Generationen
der Bürger, denn durch die Nullzinspolitik bei wei­
ter steigenden Preisen werden Sparer und Rentner EZB.
und der vorhandenen Substanz. schleichend enteignet. Hier liegt die Hauptursache (j
25
COMPACT Politik 8

für die kommende asoziale Altersarmut - und es ist Minister Scholz verpackte die unseriöse C02-Poli­
Scholzens unanständig, dass die GroKo zur gleichen Zeit eine tik auf AfD-Nachfrage hin in die absurde Formel: «Wir
Märchenstunde sogenannte soziale Grundrente verspricht. tun es, weil wir es können. » Gedacht war das wohl
als Appell an deutsche Ingenieure - doch selbst die
Auf der anderen Seite hat der Bund, um die Ein­ können nicht gegen chemisch-physikalische Natur­
nahmen zu erhöhen, ohne Not Altanleihen mit ho­ gesetze ankommen, können auch nichts gegen das
hen Zinszusagen aufgestockt und dieses geliehene massiv C02-steigernde Bevölkerungswachstum in
Geld auch sofort im 2020er-Haushalt verplant - zu­ Afrika, Arabien und Asien tun. Dagegen könnte ein
lasten der Steuerbürger in der Zukunft! autochthones Deutschland mit sicheren Grenzen sei­
nen Kohlendioxid-Ausstoß in nur einer Generation
Dasselbe beim Solidaritätszuschlag: Scholz um ein volles Drittel senken - da unser eigenes Volk
«Er [der Bundesetat 2020] ist nimmt sehenden Auges in Kauf, ein juristisches demografiebedingt entsprechend schrumpft.
der Anfang der Haushalte des Debakel zu erleiden. Der Soli wird ab 2020 keine
nächsten Jahrzehnts, die es
Rechtsgrundlage mehr haben, trotzdem sind die Ein­ Noch immer enthält der Haushalt die illegitim
schaffen. dass Deutschland ein
soziales land wird, dass es den nahmen schon verbucht worden. Das Haushaltsrisi­ aufgehäufte «Asylrücklage»: Nur durch eine hohe
technologischen Wandel be­ ko beträgt insgesamt über 55 Milliarden Euro. Der Entnahme daraus konnte der Finanzminister die
herrschen wird und dass es den Finanzminister weiß das auch ganz genau - igno­ schwarze Null für 2020 sichern. Das führt dazu, dass
menschengemachten Klima­ riert es aber nach dem Motto: «Nach meiner Amts­ die heute darin noch vorhandenen 35 Milliarden
wandel mit unseren Möglich­
zeit die Sintflut. » 2021 komplett aufgebraucht sein werden, obwohl
keiten in Deutschland aufhält».
sagte Finanzminister Olaf
die Kosten für die Alimentierung der Migranten na­
Scholz Ende November 201 9 C02-Schwindel und Steuererhöhung türlich nicht weniger werden. Der Steuerzahler wird
vor dem Bundestag. Seine Vor­ spätestens nach der nächsten Bundestagswahl also
lage ziele darauf ab, dass Beim berüchtigten Klimapaket der Bundesregie­ erneut zur Kasse gebeten werden.
Deutschland im Jahr 2050 kli­
rung erleben wir Volksverdummung: Ständig wie­
maneutral sei und «wirtschaft­
lich an der Spitze» stehe.
derholen Altparteien und GEZ-Medien das ideologi­ Trotz all dieser Tricks zur Erhöhung der Einnah­
sche Glaubensbekenntnis. das menschengemachte men ertönt bei der GroKo ernsthaft der Ruf nach
C02 sei monokausal für den kommenden Hitzetod neuen Abgaben - noch dazu falsch etikettierten:
Rekordeinnahmen fürs Staatssä­
ckel: Die Deutschen werden aus­ des Planeten verantwortlich. Eine Behauptung ohne Die geplante Finanztransaktionssteuer wird nur die
geplündert. Foto: mato 181 / Shut­ wissenschaftliche Grundlage, denn es gibt nicht ein­ deutschen Kleinsparer treffen, die Aktien zur Alters­
terstock. com mal bei den Hohepriestern der Erderwärmung, dem vorsorge halten, was in Zeiten des Nullzinses ja fast
Weltklimarat IPCC, irgendein Computermodell, das alternativlos geworden ist. Internationale Hedge­
aus welcher auch immer gewählten Reduktion des fonds und institutionelle Derivatespieler dagegen
deutschen C02-Ausstoßes irgendeine messbare Än­ werden nicht zur Kasse gebeten. Und das Ganze
derung der globalen Durchschnittstemperatur er­ schimpft sich dann «gerechte SPD-Politik für den
Die Energiewende wird zum Mil­
rechnet: Kunststück, denn die deutschen Kohlendi­ kleinen Mann » . . .
liardengrab für Steuergelder. oxid-Emissionen sind mit einem Anteil von nur zwei
Foto: picture alliance/dpa Prozent im Weltmaßstab völlig irrelevant. Verdeckte Risiken
Auf der Ausgabenseite des Haushalts finden sich
wichtige Positionen nur in Nebenhaushalten. Oder
sie finden sich gar nicht - wie etwa die milliarden­
schweren Risiken, die für die sogenannte Euroret­
tung auf den Haushalt zurollen werden, für die aber
keine Rückstellungen gebildet wurden. Auch aus
dem Bankensektor drohen Gefahren: Über die vom
Finanzminister ohne Not vorangetriebene EU-weite
Vergemeinschaftung der Bankguthaben könnten so­
gar die deutschen Sparer noch in die Haftung gera­
ten, wenn in Italien oder Frankreich Finanzinstitute
vor dem Bankrott bewahrt werden müssen.

Weiterhin hat Minister Scholz die Beiträge


Deutschlands für die Europäische Union (EU) zu
niedrig angesetzt: Ab 2021 sind sie prozentual un­
verändert kalkuliert, obwohl sogar die deutsche
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen
erheblich mehr Geld fordert, zum Beispiel für ihren
sogenannten European Green Deal. Deutschlands
� EU-Zahlungen werden wohl von 25 Milliarden Euro
26
COMPACT Politik C9

im Jahr 201 8 ab 2023 auf mindestens 45 Milliar­ keit ungenutzt, bei bereits abgelehnten Asylanten Deutschland industrielles Rückgrat:
den explodieren - das ist das Vierfache der jährli­ für Unterbringung, Sozialhilfe und Integrationsmaß­ Die Autobauer und ihre Mitarbei­
ter wie hier in der VW-Schmiede
chen Bundesausgaben für Familie, Senioren, Frau­ nahmen Milliarden Euro einzusparen. Wolfsburg müssen für die Kli­
en und Jugend ! ma-Ideologie der Bundesregierung
Am unverfrorensten sehen wir den Etiketten­ bluten. Foto: picture alliance/dpa
Last, but not least sind neue Zahlungen an die schwindel allerdings bei der neuen Direktsubventio­
Türkei zu befürchten: Es laufen Verhandlungen mit nierung von Zeitungen. Im letzten Moment der Haus­
Ankara über hohe Milliarden-Summen für die soge­ haltsberatungen wurde über den Sozialetat eine Art
nannte Flüchtlingsaufnahme, die Kanzlerin hat be­ GEZ für Zeitungen geschaffen. Es geht dabei nicht
reits Finanzhilfen zugesagt. Diese stehen aber nicht um «Förderung der Zeitungszustellung», obwohl der
im Haushaltsplan . . . Entwurf das so behauptet. Es wird hier auch keine

Geldgeschenke für Linke


«Vielfalt unabhängiger Verlage» unterstützt, wie es
in einem anderen Titel heißt - das ist Orwell'sche Über den Sozial­
Linke Erziehungsprojekte zur sogenannten politi­
Wortverdrehung ! In Wirklichkeit geht es um Millio­
nen Euro für völlig unspezifische «Projektleistungen»,
etat wurde eine Art
schen Bildung wurden im Haushaltsplan unter harm­ die die Verlage frei nutzen können und werden. Wir GEZ für Zeitungen
los klingenden Titeln wie «Fachbezogene Verwal­
tungsausgaben» oder «Strukturwandel im ländli­
erleben hier die Anfänge der Staatseinheitspres­
se - und eine indirekte Selbstsubventionierung der geschaffen.
chen Raum» versteckt. SPD, die über ihre parteieigene Verlagsgesellschaft
DDVG viele Zeitungen mit besitzt.
Ideologieposten sind generell verteilt über viele
Teilhaushalte. Man findet ein vollkommen unüber­ Auch die Finanzierung der sechs parteinahen
sichtliches Geflecht von Subventionen von politisch Stiftungen ist eine skandalös einseitige und intrans­
korrekten Projekten: Der Posten «Initiative Musik» parente Selbstbedienung der Altparteien. Hier wer­
steigt um sage und schreibe 67 Prozent - eine völ­ den ohne gesetzliche Grundlage 600 Millionen Euro
lig unspezifizierte Künstlerförderung ohne erkenn­ verteilt!
bare Kriterien. Nebulöse «Zuschüsse für Musik und
Tanz» sind mit satten 55 Millionen aus dem Kanz­ Die Abkürzung GroKo steht also für Große Kos­ _ Peter Boehringer [*1969) ist
lerinnenetat angesetzt. Die Antifa erhält Geld unter ten - und für Megarisiken nach ihrer Amtszeit. Der Diplom-Kaufmann, Bundestags­
dem Namen «Demokratie leben» - ein Bluff, denn AfD ist es dagegen auch 2020 gelungen, alle ihre abgeordneter der AfD und Vorsit­
die Zahlungsempfänger müssen keine Demokra­ Änderungsanträge für den Bundeshaushalt mit zender des Haushaltsausschusses
ten sein, seit die Regierung die Extremismusklau­ Gegenfinanzierungsvorschlägen zu untersetzen. des Oeutschen Bundestages. Er
sel für die sogenannten Kämpfer gegen Rechts ab­ Wir reduzieren den Bürger nicht, wie die Altpartei­ veröffentlichte mehrere Bücher zu
geschafft hat. en, auf eine Melkkuh des Fiskus. Wir sind ihm auch finanzpolitischen Themen, zuletzt
als Souverän verpflichtet: «Dem Deutschen Volke» «Holt unser Gold heim. □er Kampf
Hohe Migrationskosten sind undeklariert im So­ steht über dem Portal des Reichstages. Nicht: dem um das deutsche Staatsgold•
zialetat versteckt. Umgekehrt bleibt die Möglich- deutschen Steuerzahler! ■ [FinanzBuch Verlag, 2015). (9
27
Tesla: Täuschen und Tricksen
von Carl Reinhold
Der Autohimmel hängt voller Geigen, und alle fiedeln elektrisch: fortschrittliches Bedienungskonzept (großer Touch­
Ein Daniel Düsentrieb hat die Branche revolutioniert, die Politiker screen statt Hebeln und Knöpfen) überzeugen» , ließ
der Minister kundig wissen.
liegen ihm zu Füßen. Seine Wundermobile sollen demnächst sogar
fliegen können - zumindest in den gut getürkten Videos. Ähnlich sieht es FDP-Chef Christian Lindner, der
sich zwar -je nach Publikum - auch gerne als Ret­
Wer sagt eigentlich, dass Politiker keine Autos ter des Verbrennungsmotors inszeniert, aber bei Be­
mögen? Der aggressiv anklagende Ton, den die darf auch anders kann. Am 1. April 2016 notierte er
deutschen Altparteien gegenüber der eigenen In­ auf Facebook voller Anerkennung: «Tesla Model 3

«Wann bauen Sie


dustrie anschlagen, könnte zwar Anlass zu der Ver­ zeigt, dass es keine Subvention der GroKo braucht,
mutung geben, dass sie ein Problem mit der indivi­ sondern Ideen . . . CL #aufwachen #elektromobilität» .
ein Elektroauto, das duellen Mobilität haben. Doch es gibt eine Marke,
bei der sich unsere Volksvertreter vor Begeisterung
Am 12. Februar 2018 legte er nach: «Während Tes­
la-Gründer Elon Musk nach den Sternen greift, wird
nur halb so sexv geradezu überschlagen: Die Rede ist von Tesla. in Deutschland ein Koalitionsvertrag präsentiert, der
vor allem Stagnation verspricht. »
ist wie ein Tesla?» Hipster auf Probefahrt
Da wollte die Bundesregierung nicht nachstehen,
Peter Altmaier Schon 2014 ließ sich der baden-württembergi­ auch wenn die Bürger sich störrisch geben: Die von
sche Verkehrsminister Winfried Hermann - Erken­ Bundeskanzlerin Merkel 2013 für 2020 prognosti­
nungszeichen: Knopf im Ohr-bei sogenannten Test­ zierte Million Elektroautos blieb ein feuchter Traum,
fahrten in einer Luxuslimousine vom Typ Model S ab­ der Bürger beißt nicht an. Am 18. November 2018
lichten. Eine ganze Fotostrecke kündete damals von platzte einem frustrierten Wirtschaftsminister Peter
_ [arl Reinhold ist Autoexperte Hermanns Probefahrt. «Das Auto zeichnet sich im Altmaier vor Industrievertretern der Kragen: «Wann
von COMPACT. In Ausgabe 10/2019 Unterschied zu anderen Elektroautos durch eine gro­ bauen Sie ein Elektroauto, das nur halb so sexy ist
s[hrieb er über autonomes ße Reichweite und damit durch hohe Alltagstaug­ wie ein Tesla? » , blaffte der Experte für Sex-Appeal.
� Fahren. lichkeit aus. Auch das elegante Design sowie ein
28
COMPACT Politik 9

Fabrik, die das Ergebnis eines Überbietungswett­


bewerbs deutscher Politiker ist: Minister aus ver­
schiedenen Bundesländern hatten bei Musk um Auf­
merksamkeit gebettelt.

Die sogenannte Gigafactory soll auf einem 300


Hektar großen Grundstück im strukturschwachen
Landkreis Spree-Oder an der polnischen Grenze
entstehen - einer AfD-Hochburg. Zu Beginn 2021
sollen laut Landesregierung 3. 000 Jobs entstehen,
später sollen bis zu 8. 000 Menschen beim einzigen Die Modelle sind
ungewöhnlich
Tesla-Produktionsstandort in Europa arbeiten. Jubel
allerorten, der Landrat sprach von einem «Glücks­
fall». Wer will da noch darüber sprechen, dass das
für spätestens 2038 vereinbarte Kohle-Aus-Grüne leistungsstark
und Greta-Jugend pochen auf einen früheren Stopp ­
allein in der Lausitz 30. 000 Arbeitsplätze bedroht?
aber nur, solange
der Akku nicht
So sehr sich Elan Musk als visionärer Unterneh­
menslenker und souveräner Geschäftsmann prä­ überhitzt.
sentiert, so sehr beruht sein Erfolg auf Subventio­
nen und politischem Einfluss - und nicht auf tech­
nischem Erfindergeist. Denn die Elektrifizierung der
Fahrzeugflotte ist schon lange ein Traum linker Poli­
tiker. Es gibt durchaus Gründe, die dafür sprechen -
beispielsweise die langfristige Unabhängigkeit von
Ölimporten oder auch bestimmte Fahrzeugeigen­
schaften, etwa die verzögerungsfreie Beschleuni­
Der Cybertruck von Tesla: Das futuristische Gefährt in Form gung oder eine gewisse Flexibilität der Fahrzeug­
eines Pick-ups soll im vierten Quartal 2021 in Serie gehen. Für
plattformen.
verschiedene Versionen werden Preise von 39.000 bis 69. 000
Dollar aufgerufen. Foto: picture alliance / Newscom
Doch die Nachteile überwiegen bei Weitem: Es
ist nicht möglich, in den voluminösen und schweren
Dem lngeniör ist nichts zu schwör Akkus ausreichend Energie für längere Strecken zu
speichern; die Kosten sind exorbitant, das Nachla­ E-A uto-Mogul Elan Musk mit seiner
Auf den ersten Blick erscheint die US-Marke als den dauert viel länger als das Auftanken konven­ Lebensgefährtin, der kanadischen
Alternative-Musikerin Claire Bau­
sensationelle Erfolgsgeschichte: Da hat sich ein tioneller Automobile; letztlich ist auch die Umwelt­ eher alias Grimes. Das Paar erwar­
Visionär mit dem Establishment angelegt und aus bilanz verheerend. Ein Elektroauto können sich nur tet das erste gemeinsame Kind.
dem Nichts eine Marke aufgebaut, die alle ande­ wenige leisten - und die Mobilität ist im Vergleich Foto: picture alliance/A P Photo
ren das Fürchten lehrt. Die Geschichte begann mit
dem Roadster, einem umgebauten Lotus Elise; es
folgten die Luxuslimousine Model S, die davon ab­
geleitete Großraumlimousine Model X und zuletzt
das Model 3, mit dem der Sprung in den Massen­
markt gelingen sollte.

Gleichzeitig stehen vier weitere Modelle vor der


Einführung: ein neuer Supersportwagen namens
Roadster, ein zum Van mutiertes Model 3 mit der Be­
zeichnung Model Y, ein Schwerlastwagen mit dem
Namen Semi und der zuletzt vorgestellte Pritschen­
wagen mit der Bezeichnung Cybertruck. Kein Wun­
der, dass sich die Politik im Abglanz dieser Krea­
tivität sonnen will - und bereit ist, dafür Steuer­
gelder in großem Ausmaß zu verschleudern: Jetzt
soll im brandenburgischen Grünheide ein Werk aus
dem Boden gestampft werden, in dem Model 3 und
Model Y gebaut werden. Ministerpräsident Dietmar
Woidke (SPD) brüstet sich mit der Ansiedlung der (9
29
COMPACT Politik <B

zu klassischen Autos drastisch eingeschränkt. E-Mo­ schränkt wurde-offenbar um die Brandgefahr in den
saubere Elektro­ bilität bringt also am Ende zweifellos einen massi­ Griff zu bekommen. Einen derart gravierenden nach­
mobilität? ven Schub - aber nicht für den freiheitsliebenden träglichen Eingriff in die Produkteigenschaften ließe
Bürger, sondern für den Massentransport über den man wohl keinem anderen Hersteller durchgehen.
öffentlichen Nahverkehr.
Politik und Behörden schauen dabei angestrengt
Pleiten, Pech und Pannen weg. Trotz der ungewöhnlich hohen Zahl an Unfällen
schreiten die zuständigen Behörden weder in den
Wegen der konzeptionellen, in absehbarer Zeit USA noch in Europa ein. Öffentliche Straßen wer­
nicht überwindbaren Nachteile haben sich die etab­ den so zum Experimentierfeld für die Visionen eines
lierten Hersteller jedenfalls lange gesträubt, außer­ politisch protegierten Milliardärs.
■ Ein E-Auto setzt kein C02 halb überschaubarer Nischen auf Elektroautos zu
frei, aber beim Bau seiner Bat­ setzen. In diese Lücke ist Tesla mit seinen Pre­ Die Subventionen fließen weiter: Nicht nur die
terie werden 17 Tonnen C02
mium-Modellen hineingestoßen - und dabei sehr Werke lässt sich Musk vergolden, sondern es gibt
produziert.
geschickt vorgegangen. auch massive Kaufprämien für die Kunden der selbst
■ Für eine Tonne Lithiumsalz -
damit kann man 50 bis 100 Bat­ ernannten Premium-Marke. In Kalifornien sind Quer­
terien für E-Autos herstellen Denn was spricht dagegen, eine halbe Tonne Bat­ subventionen von anderen Herstellern an Tesla ge­
- werden zwei Millionen Liter terien und 700-PS-Motoren in einem Elektroauto zu gangen- ein Ablasshandel mit C02-Zertifikaten, der
Wasser benötigt. verbauen, wenn die Politik dem Unsinn ihren Se­ sich als «marktwirtschaftliche Lösung» geriert.
■ Wenn eine Million Men­ gen gibt und frech behauptet. dass der Schadstoff­
schen gleichzeitig ihr E-Auto ausstoß bei null liegt? Die Tesla-Modelle sind unge­ Was künftige Produkte betrifft, verspricht Tes­
aufladen wollen, müssten dafür
wöhnlich leistungsstark; dass die Maximalleistung la das Blaue vom Himmel: Der kommende Roadster
350 Gigawatt Leistung bereit­
gestellt werden. Aktuell liefert dabei nur kurz abgerufen werden kann, bevor Akku soll nicht nur über 400 Stundenkilometer schnell sein,
das gesamte deutsche Strom­ und Motoren überhitzen, ist eine Kehrseite der Me­ sondern auch kurze Strecken fliegen können. Doch
netz durchschnittlich jedoch nur daille, über die in der Fachpresse wenig zu lesen ist. den Vogel schießt der Cybertruck ab: Das klotzige Ge­
68,5 Gigawatt Leistung. Ohnehin haben sich die etablierten Automagazine fährt, das einem Tarnkappenbomber ähnelt, will den
(Angaben nach Focus Online, derart unkritisch mit der Marke befasst. dass man Markt für Pick-up-Transporter dominieren. Angeblich
7. Juni 2019) ernsthaft an ihrer Kompetenz zweifeln muss. sind schon 140.000 Reservierungen eingegangen -
Kunststück, dafür mussten gerade 100 statt der vor­
Die Produktqualität der Tesla-Fahrzeuge gehört her üblichen 1 .000 Dollar hinterlegt werden.
Kein Tiger im Tank. Foto: Morro­
wind / Shutterstock.com zur schlechtesten, die auf dem Markt zu bekommen
ist. Schockierende Verarbeitungsmängel, häufige Die Präsentation war ein eindrucksvoller Beleg
Fehlfunktionen, ein sogenannter Autopilot, der be­ für die Inkompetenz des Unternehmens: Musk for­
reits für mehrere Todesfälle verantwortlich ist. und derte seinen Chefdesigner Franz von Holzhausen auf,
Batterien, die ungewöhnlich häufig in Flammen auf­ die Fensterscheiben des Fahrzeugs mit einem Ham­
gehen, sind dabei nur die Spitze des Eisbergs. mer zu behandeln, um ihre Widerstandsfähigkeit zu
beweisen. Doch die Verglasung zerbarst unter den
Umweltfreund/ich? In Grünheide /
Brandenburg werden für die Tes­ Tesla trickst, wo es geht Erst kürzlich muss­ Schlägen. Zuvor malträtierte von Holzhausen die
la-Gigafactory Bäume abgeholzt. ten zahlreiche US-Kunden feststellen, dass bei Vordertür, die stabil blieb, während die Tür eines
Foto: picture alliance/dpa den jüngsten Updates die Batteriekapazität einge- Ford-Pick-ups Energie aufnahm und verbeult wur­
de. Weiß man bei Tesla nicht, dass eine derart har­
te Konstruktion die Insassen bei einem Seitenauf­
prall potenziell tödlichen Kräften aussetzt?

Es bedarf kaum noch der Erwähnung, dass am


nächsten Tag ein getürktes Video nachgescho­
ben wurde, das die Stabilität der Scheibe vor der
Demonstration beweisen sollte, in Wahrheit jedoch
nach der Präsentation erstellt wurde. Und auch das
Filmchen eines Tesla Cybertrucks, der einen Ford­
Pick-up den Berg hinaufschleift, war ohne Wert:
Der gezeigte Ford F-150 gehörte einer leichteren
Gewichtsklasse an und verfügte zudem nur über
Heckantrieb.

Täuschen und tricksen: Es ist das Geschäftsmo­


dell der Marke Tesla. Ist die Politik zu verblendet,
dies zu erkennen- oder ist es gerade dieser Ansatz,
0 der ihr solchen Respekt abnötigt? ■
30
«Eine Verschwörung gegen den Brexit»
_ John Laughland im Gespräch mit Martin Müller-Mertens
Für den britischen Publizisten ist der Austritt seines Landes aus der EU der vom Volk
unterstützte Sieg eines Teils der Eliten gegen einen anderen. Schon bald könnten
andere Staaten dem Vorbild folgen.

Mehr als dreieinhalb Jahre nach dem EU-Re­ gezeigt, den Brexit zu realisieren. Die Tatsache, dass Er hat's geschafft: Großbritanni­
ferendum hat Großbritannien Ende Januar die Boris Johnson die größte Mehrheit seit 1 987 gewon­ ens Premierminister Boris John­
Europäische Union verlassen. Ist das ein his­ nen hat, zeigt, wie viele Briten den Brexit unterstüt­ son führt sein Land aus der EU -
und verwirklicht damit nach fast
torisches Ereignis für Europa? zen und dass sie vor allem wollen, dass dieses Prob­ vier Jahren den Mehrheitswillen
Es ist das erste Mal seit Jahrzehnten, dass ein euro­ lem endlich gelöst wird. Übrigens haben die Konser­ des Volkes. Foto: picture alliance /
päisches Volk zwei Mal Nein zu Europa sagt, denn vativen auch in Prozenten zugelegt und sogar besser newscom
die Unterhauswahlen im Dezember 2020 waren qua­ abgeschnitten als unter Margaret Thatcher.
si ein zweites Referendum über den Brexit. 1992 ha­
ben die Dänen gegen Maastricht gestimmt, mussten Ist die mehrmalige Brexit-Verschiebung Aus­
dann aber im darauffolgenden Jahr ein zweites Mal druck der Unfähigkeit der früheren Premier­
abstimmen. Wir erinnern uns an die Referenden in ministerin Theresa May, oder liegt der Grund
Frankreich 2005 und den Niederlanden 2006, in Irland in der kompromisslosen Verhandlungsstrate­
2001 und 2009, deren Ergebnisse aber bei erneuten gie der EU?
Abstimmungen ebenfalls ganz oder teilweise ausge­ Theresa May war nicht unfähig. Die Regierung May
hebelt wurden. Mit Großbritannien hat sich zum ers­ wollte den Brexit allerdings lediglich dem Namen
ten Mal ein europäisches Volk geweigert, dem Druck nach vollziehen. Ihr Plan in Zusammenarbeit mit den
nachzugeben. Es ist ein historisches Ereignis. Eliten - also den Medien, dem Parlament, der öf­

Bei Parlamentswahlen benötigt man aller­


fentlichen Verwaltung - war es, dass Großbritan­
nien Mitglied der Zollunion bleibt. Es gab eine Ver­ «Theresa Mav
dings keine absolute Mehrheit. War es dann
wirklich ein zweites Referendum?
schwörung der Eliten gegen den Brexit und das
Resultat des Referendums - und die ehemalige Re­
wollte den Brexit
Nicht ausschließlich. Es ging auch darum, den Na­ gierung war Teil dieser Verschwörung. Das hat nicht lediglich dem
tionalen Gesundheitsdienst zu retten, aber der Bre­
xit war das wichtigste Thema nach drei Jahren Blo­
funktioniert, und bereits die Wahl Boris Johnsons
zum Vorsitzenden der Konservativen Partei markiert Namen nach. »
ckade. Die ehemalige Regierung hatte sich unfähig den Beginn des Endes dieser alten Politik. (i
31
Austrittsabstimmung am 20. Damit wäre der Vollzug des Brexit letztlich ein zent der Stimmen gewonnen. Durch den Ver­
Dezember 2019 im Unterhaus: Dank Sieg des Volkes über die Eliten. zicht auf eigene Kandidaten in den für die To­
der satten Mehrheit von Johnsons Interessanterweise hat Boris Johnson dieses popu­ ries aussichtsreichen Wahlkreisen hat er im
Tories eine klare Sache. Foto: pic­
ture alliance/AP Photo listische Argument-das Volk gegen die Eliten-im Dezember dann den Wahlsieg Boris Johnsons
Wahlkampf nicht in der Weise benutzt. wie man es mitermöglicht. Wie wichtig war Farage in die­
hätte erwarten können. Diese Analyse würde auch sem Prozess?
nicht ganz stimmen. Es ist vielmehr der vom Volk Er hat eine ganz entscheidende Rolle gespielt, und
unterstützte Sieg eines Teils der Eliten gegen einen es war sein Sieg. Wenn er nicht Anfang 2 019 die
anderen Teil. Der Unterschied zwischen Großbri­ Brexit-Partei aufgestellt hätte. wäre Theresa May
tannien und den anderen Staaten der Europäischen heute noch immer Premierministerin. Die Tatsache,
Union besteht darin, dass die politische Klasse in dass er 300 Kandidaten zurückgezogen hat, hat den
der europäischen Frage völlig gespalten ist. Das ist Konservativen sehr geholfen. Zum einen, weil es
in keinem anderen europäischen Land der Fall, dort keine Kandidaten gegen die Konservativen gab, aber
gibt es diesbezüglich jeweils eine klare Trennung vor allem, weil seine Partei aller Wahrscheinlichkeit
zwischen dem Volk und den Eliten. nach Labour im Norden Englands und in anderen
traditionellen Hochburgen Stimmen abgesaugt hat.
Wird der Teil der Eliten, der gegen den Bre­
xit war und ist. seine Niederlage akzeptieren?
Das glaube ich nicht. Es gibt bereits einige Kandi­
daten für die Führung der Labour-Partei, die sagen:
«Die Eliten haben eine furchtbare
Er hat den Stein ins Rollen
gebracht: Brexit-lkone Nigel Wir wollen, dass sich Großbritannien in einigen Jah­ Niederlage erlitten. »
Farage. Foto: The Independent ren wieder der EU anschließt. Aber sie haben nun
mal eine furchtbare Niederlage erlitten. Das ist eine
objektive Tatsache, ob sie es akzeptieren oder nicht. Dennoch hat die Brexit-Partei bei den Unter­
_ John Laughland [*1963] ist ein Boris Johnson verfügt im Parlament über eine Mehr­ hauswahlen keinen einzigen Sitz gewinnen
britischer Publizist und schrieb heit von 8 0 Sitzen und dieses Parlament wird jetzt können. Wird Farage für die britische Politik
unter anderem für den «Specta­ fünf Jahre regulär arbeiten. Man kann voraussehen, künftig noch eine Rolle spielen?
tor», das «Wall Street Journal» und dass Johnson auch in fünf Jahren wieder gewinnen Wahrscheinlich nicht. Er hat jetzt gewonnen, nach­
den «Guardian». Seit 2008 ist er und dann insgesamt zehn Jahre an der Macht sein dem er etwa 25 Jahre für den Austritt gekämpft hat.
Studiendirektor des Institut für wird. Welche Rolle die EU-Befürworter in zehn Jah­ Aber er wird nun wohl gezwungen sein, sich zurück­
Demokratie und Zusammenarbeit ren spielen. weiß natürlich niemand. zuziehen.
in Paris sowie Europadirektor der
European Foundation in London. Die Führungsfigur im Kampf für den Brexit war Großbritannien ist ausgetreten, bleibt für eine
Außerdem war er Teilnehmer zweifellos der einstige UKIP-Chef Nigel Fara­ Übergangsperiode jedoch noch an die EU ge­
mehrerer COMPA[T-Souveräni- ge. Mit seiner neuen Brexit-Partei hat er bei bunden. Entsprechende Verhandlungen sollen
9 tätskonferenzen. den EU-Wahlen im Mai 2019 mehr als 30 Pro- bis Jahresende abgeschlossen sein.
32
COMPACT Politik <j

Die Zeit ist sehr knapp, denn Boris Johnson hat


versprochen. nicht um eine Verlängerung der Über­
die Gefahr. dass durch eine Abkehr von der EU
letztlich nur der Hegemon Brüssel gegen den
Raus aus der EU
Mit Großbritannien verlässt
gangsperiode zu bitten. Er muss also alle künftigen Hegemon Peking ausgetauscht wird?
erstmals ein unabhängiger
Regelungen mehr oder weniger bis Juli ausgehan­ Diese China-Politik begann schon unter David Came­ Staat die Europäische Union.
delt haben. denn zu diesem Zeitpunkt müsste er um ron. das hängt nicht mit dem Brexit zusammen. Und Bereits 1 985 trat Grönland nach
eine Verlängerung bitten. Aber er wird genügend es stimmt. dass von der ehemaligen Regierung in einer Volksabstimmung aus der
Druck ausüben. um zu bekommen. was er will: ein Bezug auf China einige wirklich schlechte Entschei­ Vorläuferin Europäische Wirt­
schaftsgemeinschaft aus. Die
Freihandelsabkommen. das die Mitgliedschaft nicht dungen gefällt wurden. Ich denke vor allem an eine Atlantikinsel war als Teil Dä­
ganz. aber doch überwiegend ersetzen wird. neue Nuklearanlage, die von den Franzosen gebaut. nemarks der EG beigetreten.
aber China gehören wird. Vom Standpunkt der na­ konnte durch das Autonomie­
Aber ist Großbritannien mit einem solchen tionalen Sicherheit ist das völlig inakzeptabel. Aber statut von 1 979 jedoch selbst
Freihandelsabkommen dann wirklich ausge­ wenn man von der Gefahr einer politischen Hege­ über die Mitgliedschaft ent­
scheiden. Im Januar 201 2 ver-
treten? Oder ist es in einer Rolle wie etwa Nor­ monie spricht. so geht diese Gefahr eher von Ame­
1 ieß die zu Frankreich gehören­
wegen, das den Vorgaben der EU unterwor­ rika aus als von China. Diese Hegemonie existiert de Karibikinsel Saint-Barthe­
fen ist und faktische Mitgliedsbeiträge zahlt? natürlich ohnehin schon. aber sie wird in den kom­ lemy die EU und ist seither ein
Nein. das ist bereits ausgeschlossen worden. auch menden Jahren noch stärker werden. assoziiertes Gebiet der Brüs­
wenn man natürlich nie weiß. wie es dann in der sel er Union. Ebenfalls eigen­
ständiges Mitglied der Euro­
Wirklichkeit aussieht. Aber Johnson hat explizit ver­
sprochen. dass es keine juristische Abhängigkeit ge­
ben und Großbritannien nicht mehr der Rechtspre­
«Die Gefahr kommt aus Amerika. » päischen Gemeinschaften war
Französisch-Algerien, das je­
doch im Zuge seiner Unabhän­
chung des Europäischen Gerichtshofes unterste­ gigkeit automatisch ausschied.
hen wird. Werden die Schotten die Gelegenheit für ein
neues Unabhängigkeitsreferendum nutzen?
Sie sagten, es ist das erste Mal, dass sich ein Die neue Regierung in London hat gesagt, dass es
europäisches Land gegen die EU stellt. Vor ein kein zweites Referendum in Schottland geben wird.
paar Jahren hatte al lerdings auch Island sei­ Die schottischen Nationalisten haben bei diesen
nen Mitgliedsantrag zurückgezogen. In Polen Unterhauswahlen unter 50 Prozent bekommen. Das
und Ungarn wiederum gibt es durchaus Wi­ heißt, es gibt keinen Beweis dafür. dass die Schot­
derstand gegen Brüssel. aber keine Austritts­ ten ihre Meinung zur Mitgliedschaft im Vereinigten
bestrebungen. Wird Großbritannien alleine Königreich geändert haben. Die schottischen Na­
bleiben oder ist das der Beginn eines Auflö­ tionalisten könnten ein zweites Referendum also
sungsprozesses? durchaus verlieren. Die Unterhauswahlen ändern Unser Interviewpartner bei einem
Vortrag auf der COMPACT-Souve­
Die EU hat Referenden in Ländern wie Polen und in dieser Frage aber sowieso nichts. 2021 finden in ränitätskonferenz 2014, die sich
Kroatien gewonnen. in denen es um den Beitritt ging. Schottland wieder Wahlen statt - danach könnte dem Frieden mit Russland widmete.
Aber sie hat systematisch Referenden in bestehen­ sich diese Frage noch einmal stellen. ■ Foto: COMPACT
den Mitgliedsstaaten verloren. Es ist ihr jedoch im­
mer wieder gelungen. diese Länder zu zweiten Re­
ferenden zu zwingen. In dieser Hinsicht ist Großbri­
tannien ohne Beispiel. Ob das Land alleine bleibt. ist
für mich die entscheidende Frage. Ich glaube nicht.
dass es sehr schnell zu weiteren Austritten kom­
men wird. denn in allen anderen europäischen Län­
dern herrscht Einigkeit in der politischen Klasse. Zu­
dem ist Großbritannien ein ehemaliges Weltreich
und hat immer die gesamte Welt vor dem geisti­
gen Auge. Ein Brite kann mit Englisch in der ganzen
Welt arbeiten. Und das unterscheidet uns von ande­
ren europäischen Ländern. die nicht die gleiche im­
periale Geschichte haben. Aber andere Länder könn­
ten in einigen Jahren auf Ideen kommen -und das
ist natürlich die große Angst der EU.

Seit einigen Jahren ist ein starkes Engage­


ment Chinas. auf dem westlichen Balkan zu er­
kennen. Also genau in der Region, auf die sich
die EU nach der Absage der Beitrittsverhand­
lungen mit Nordmazedonien bis auf Weiteres
nicht ausdehnen wird. Auch in Großbritannien
scheint China offene Türen zu finden. Besteht
33
COMPACT Politik�

Blauer Wolf und Rater Drache


von Sven Reuth
Brennpunkt Asien: Der Westen fordert Solidarität mit muslimischen In der Mitte aller Mitten
Minderheiten wie den Uiguren und den Rohingya ein und verkennt
Die bisherigen Milliardeninvestitionen sollen da­
dabei, dass die Ängste vor dem radikalen Islam berechtigt sind.
bei bloß ein Anfang sein. Am Ende soll ein direk­
ter Schienenweg zwischen China und Mitteleuropa
Wer die schon in der Antike wegen ihrer abso­ entstehen, der die Strecke zwischen Ostasien und
luten Lebensfeindlichkeit gefürchtete Wüste Takla­ der Nordsee innerhalb von nur 15 Tagen durchque­
makan von Süden nach Norden durchquert, der er­ ren ließe und damit zwei bis drei Wochen schneller
reicht schließlich die chinesisch-kasachische Gren­ wäre als der Transport per Schiff. Xinjiang, der Wil­
ze. Hier, in der Mitte aller Mitten, nicht weit entfernt de Westen Chinas, wäre dann so etwas wie das lo­
«Der Riese ist von dem Ort der Erdoberfläche, der am weitesten gistische Zentrum von Afri-Eurasien, also dem Groß­
erwacht. » vom Meer entfernt liegt, wird derzeit ein beispiel­
loses lnfrastrukturprojekt aus dem Boden gestampft.
raum, der nach dem Willen der Regierung in Peking
durch das Megaprojekt der Neuen Seidenstraße
Scholl-Latour über Schon jetzt werden auf dem Güterumschlagplatz miteinander verklammert werden soll. Schon Peter
Khorgos-East Gate unzählige Container voller Autos, Scholl-Latour konnte es in seinem 1996 erschiene­
Xinjian, 1995 Maschinen, Rohstoffe, Kleider, Handys und Medika­ nen Buch Das Schlachtfeld der Zukunft kaum fas­
mente von der chinesischen auf die russische Spur­ sen, wie schnell sich die Region entwickelt hat­
weite der Eisenbahn umgeladen. Die auf Beschluss te. 1980 hatte er Urumtschi, die Hauptstadt Xinji­
des Staatsrats der Volksrepublik China erst vor fünf angs, bei einer ersten Visite noch als «grauenhaften
Jahren gegründete Stadt schiebt sich mit ihren Wol­ Platz» und «immense Siedlung von Höhlenbewoh­
kenkratzern bis direkt an die Grenze Kasachstans nern» kennengelernt, 15 Jahre später kehrte er in
heran. Eine große Freihandelszone soll dafür sor­ eine moderne Industriestadt mit gepflegten Wohn­
gen, dass der Wohlstand hier am Rand der Wüs­ vierteln und vierspurigen Straßen zurück. «Der Rie­
te Einzug hält. se ist erwacht», stellte Scholl-Latour mit Blick auf
COMPACT Politik�

diese entwicklungspolitische Leistung lakonisch China fiel. Die Kommunisten riefen hier das Uiguri­ c
fest. An kaum einem anderen Ort der muslimischen sche Autonome Gebiet Xinjiang aus. dessen Selb­
COMPACT
Welt - die schwerreichen Golfemirate einmal aus­ ständigkeit freilich nur auf dem Papier bestand. Es
genommen - dürfte in den vergangenen Jahrzehn­ folgten der schreckliche Hunger während der völ­
ten so viel Geld investiert worden sein wie in Xinji­ lig missglückten lndustrialisierungskampagnen des
ang. Doch der zivilisatorische Quantensprung, den sogenannten Großen Sprungs nach vorn Ende der
die Volksrepublik in der Steppe Zentralasiens be­ 1 950er Jahre sowie der Terror der Rotgardisten wäh­
wirkt hat. bringt der Regierung in Peking kein Lob rend der Kulturrevolution eine Dekade später, der
auf internationaler Ebene ein. Ganz im Gegenteil. sich freilich nicht nur gegen Chinas M uslime rich­
westliche Medien überschlagen sich geradezu in tete, sondern der jedwedes historische und kulturel­
ihrer Empörung über den «größten Archipel Gulag le Erbe im Reich der Mitte auszulöschen trachtete.
der Welt» ( St. Gai/er Tagblatt). den China angeblich
in seiner westlichsten Provinz betreibt. Auffällig ist, Im Bündnis mit Osama bin Laden Washington versucht, im Wind­
dass solche Generalanklagen wie gerufen zu kom­ schatten der Konflikte Asiens seine
men scheinen, um den Handelskrieg Washingtons Als sich mit dem Zusammenbruch der Sowjet­ Interessen durchzusetzen. Unsere
gegen die Volksrepublik zu flankieren. union die politische Landkarte Zentralasiens radi­ Aufklärungsschrift ist unter com­
kal änderte und mit Kasachstan, Kirgisistan, Tad­ pact-shop.de zu bestellen. Foto:
COMPACT
Und von einer objektiven Darstellung der Situ­ schikistan, Turkmenistan und Usbekistan gleich fünf
ation in Xinjiang kann schon gar keine Rede sein, neue Staaten in der Region entstanden, witterten
denn dann dürfte von dem die Region destabilisie­ auch die Uiguren ihre Chance auf staatliche Unab­
renden islamistischen Terrorismus nicht geschwie­ hängigkeit. Ihre meist in der Türkei gegründeten
gen werden. Seit dem Ende des 1 8. Jahrhunderts Exilorganisationen wie das East Turkistan National
herrschte das chinesische Kaiserhaus über die Freedom Centre beschlossen schon in den 1 990er
Westprovinz, deren Name ins Deutsche übersetzt Jahren, «schnellstmöglich und planmäßig Terroran­
«Neumark» bedeutet. Während der Wirren des chi­ schläge gegen die Ziele der chinesischen Regierung,
nesischen Bürgerkriegs etablierte Josef Stalin hier des Militärs, der Polizei sowie Auslandsvertretun­
kurzzeitig eine von der Sowjetunion dominierte Re­ gen durchzuführen», wie Berndt Georg Thamm in
publik Ostturkestan, die mit dem Siegeszug von seinem Buch Der Dschihad in Asien feststellte. Der
Maos Volksbefreiungsarmee aber wieder zurück an Bundeswehrberater kritisierte dort auch die Fahrläs­
sigkeit hiesiger Behörden im Umgang mit den Exi­
lanten aus Xinjiang, für die München neben Istan­ Bild links: Uiguren und ihre Sym­
bul zu einem zweiten wichtigen Knotenpunkt wer­ pathisanten demonstrierten am 29.
den konnte, obwohl von Deutschland aus Aufrufe Dezember 2019 in Amsterdam für
zum bewaffneten Kampf verbreitet und sogar mög­ einen unabhängigen Staat. In China
leben über zehn Millionen Angehö­
liche Terrorziele ausgekundschaftet wurden. In der rige der turksprachigen, größten­
medialen Berichterstattung ist mit Blick auf die Ui­ teils muslimischen Volksgruppe.
guren in Deutschland hingegen meist-wie zuletzt Foto: picture alliance / ANP
in der Zeit - romantisierend und in Anlehnung an
die nationale Symbolik des Steppenvolkes von den
«Blauen Wölfen» die Rede, die hierzulande die Mög­
lichkeit zur Pflege ihrer Sprache und Kultur nutzen.

Bei der Unterstützung der


Rohingva durch den Westen
macht Israel nicht mit.
Dabei gibt es keinen Zweifel daran, dass uiguri­
sche Dschihadisten schon vor einem knappen Vier­
teljahrhundert eine wichtige Rolle im islamischen
Emirat Afghanistan des Mullah Omar spielten und _ Sven Reuth [*1973] ist Oip­
in Osama bin Ladens Militärlagern am Hindukusch lom-Ökonom und außen- sowie
ausgebildet wurden. Diese Waffenbrüderschaft wirtschaftspolitischer Experte
setzt sich bis in die Gegenwart fort: Bis zu 2.000 Ui­ von COMPA[l In Ausgabe 1/2020
guren kämpfen in der syrischen Provinz ldlib an der schrieb er über den drohenden
Seite des al-Oaida-Ablegers al-Nusra-Front. Mega-Crash. (9
35
COMPACT Politik (j

Davon hört man im Westen wenig bis gar nichts. vertreterkrieg stattfindet: Die ARSA wurde vor drei
Die islamische Karte auch nicht von den etwa 300 Anschlägen mit Hun­ Jahren in Saudi-Arabien, dem wichtigsten Partner
Im Februar 1 980 besuchte Zbig­
derten von Toten. die seit den 1990er Jahren in der des Westens im Mittleren Osten, gegründet und von
niew Brzezinski. der mächtige
Sicherheitsberater des US-Prä­ Volksrepublik verübt wurden, um ein islamisches dort aus seither auch finanziert. Es handelt sich um
sidenten Jimmy Carter. kurz Emirat Ost-Turkestan herbeizubomben. Ständig be­ eine panislamistische Miliz, in der Kämpfer aus Af­
nach dem sowjetischen Ein­ richtet wird hingegen über eine Million uigurischer ghanistan und Pakistan neben autochthonen Mud­
marsch in Afghanistan die pa­ Häftlinge, die angeblich in chinesischen KZs festge­ schaheddin dienen, die das Ziel der Schaffung eines
kistanische Seite des Khai­
halten werden. Doch die Quelle für diese Phantom­ Scharia-Staates eint. Auf der Seite der Regierung
ber-Passes. Unter seinem Par­
ka trug er Hemd und Krawatte, zahl ist trübe, sie wurde von der US-amerikanischen Myanmars steht China, der wichtigste Handels­
in den Händen hielt er eine Ka­ NGO-Aktivistin Gay McDougall in die Welt gesetzt partner des Landes. Peking ist bestrebt, sich end­
laschnikow. Seine Strategie, und nie von unabhängiger Seite verifiziert. lich einen Zugang zum Indischen Ozean und da­
die er damals mit der Unterstüt­ mit zum am schnellsten wachsenden großen Wirt­
zung Saudi-Arabiens und Pakis­
Die Existenz der Lager selbst streitet auch Pe­ schaftsraum der Welt zu schaffen. In Kyaukpyu in
tans verwirklichen konnte. leg­
te er später in seinem 1 997 er­ king nicht ab, spricht aber von «Bildungseinrichtun­ der Unruheprovinz Rakhine soll ein Tiefwasserha­
schienenen Buch The Grand gen» und weist alle Missbrauchsvorwürfe vehement fen entstehen, der künftig eine zentrale Rolle in der
Chessboard dar. Demnach las­ zurück. Klar ist in jedem Fall, dass das Thema der­ sogenannten maritimen Seidenstraße spielen soll.
sen sich multireligiöse oder zeit wohl nur deshalb eine überragende Stellung in
multiethnische Staaten über
der Öffentlichkeit einnimmt, weil Washington eine
Die Quelle über angebliche
eine Aufstachelung ihrer mus­
limischen Minderheiten desta­ mögliche Sanktionskampagne gegen die Volksrepu­
blik vorbereitet, die dann insbesondere die deutsche
chinesische KZs ist trübe.
bilisieren und schließlich be­
siegen. Doch was im Fall der Industrie treffen würde.
Sowjetunion so hervorragend
klappte, dürfte mit Blick auf die
Volksrepublik China schwie-
Die Angst vor dem Kalifat
rig werden. Dort leben zwar 20
In seinem neuen Buch Machtbeben stellt Dirk
Millionen Muslime. die aber Die derzeitigen Vorgänge in Xinjiang weisen Pa­ Müller fest, dass das burmesische Kriegsgebiet so­
nur einen Anteil von 1 .4 Prozent rallelen zur Rohingya-Krise in Myanmar auf. Auch mit «von höchstem Interesse für Chinas Machtex­
an der riesigen Gesamtbevöl­ hier wird in vielen westlichen Medien ein elemen­ pansion auf dem eurasischen Kontinent» sei, der
kerung von über einer Milliarde Westen andererseits «ein natürliches Interesse»
tarer Teil der Geschichte dieses Konflikts - nämlich
Menschen bilden.
der islamistische Terror der Arakan Rohingya Sal­ daran habe, «dies zu unterbinden». Bemerkens­
vation Army (ARSA) - einfach unterschlagen. Ein wert: Bei der Unterstützung der Rohingya-Rebellen
näherer Blick auf die Auseinandersetzung am Golf durch die NATO-Mächte macht der jüdische Staat
von Bengalen macht deutlich, dass hier ein Stell- nicht mit Die Armee Myanmars wurde von Israel
mit mehr als 100 Panzern hochgerüstet, ihre Spe­
zialeinheiten von israelischen Beratern ausgebildet.

Dia .Uiguren in C�ina� In Deutschland macht man es sich also zu ein­


fach, wenn man die buddhistischen Mönche, die
2007 an der Spitze der burmesischen Safran-Revo­
MONGOLEI lution standen, und die ehemalige Premierministe­
rin Aung San Suu Kyi, die einst vom Westen als
Hoffnungsträgerin gesehen und 1 991 mit dem Frie­
densnobelpreis ausgezeichnet wurde, nun zu rassis­
.,,, Peking tischen Finsterlingen degradiert. Es gibt eben kei­
ne einfachen Lösungen für komplexe Probleme, und
@ schon das Abgleiten Myanmars in eine Militärdikta­
tur in den frühen 196 0er Jahren war ein verzweifel­
ter Versuch, das ethnisch und konfessionell zutiefst
C H I N A
PROVINZ zerklüftete Land mit seinen 135 Völkern auf autori­
Shanghai

täre Weise zusammenzuhalten.
XINJIANG
•Chengdu In Ostasien ist das Misstrauen gegenüber den
./ muslimischen Minderheiten sicherlich größer als
im Westen. Daran dürfte sich auch in naher Zu­
kunft wenig ändern, denn nach den jüngsten histo­

•Hongkong
INDIEN

--- -
rischen Erfahrungen - und insbesondere dem Vof­
marsch des internationalen Dschihadismus in Asien
nach dem Zerfall der Sowjetunion - gilt Nachgie­
bigkeit gegenüber dem Islam als erster Schritt zur
li Selbstaufgabe. ■
36
«Putin ist nicht streng genug»
_ Eduard Lirnonow im Gespräch mit Marcus Bruhns
Punk-Literat, Nationalbolschewist, Frontkämpfer in Bosnien, Großrusse, Kreml­
Gegner: Eduard Limonow zählt zu den umstrittensten Intellektuellen seines Landes.
Im COMPACT-lnterview erklärt er, warum er vier Jahre in Putins Gefängnissen saß -
und trotzdem dessen Außenpolitik unterstützt.

Herr Limonow, vor 30 Jahren fiel die Berliner narchie zu gewinnen. Ähnliche Situationen haben Demo der Nationalbolschewis­
Mauer, kurz danach kollabierte die Sowjet­ wir in den letzten Jahren leider immer wieder er­ tischen Partei Russlands im
April 2005 in Moskau. Das Quer­
union. Macht Sie das nostalgisch? lebt, zum Beispiel in der Ukraine- der Westen spal­
front-Projekt wurde von Eduard
Die Sowjetunion war damals nötig, als eine Wäch­ tet die Völker, um sie auszubeuten. Diese These ist Limonow und Alexander Dugin ins
terin Eurasiens. Die Menschen im Ostblock hatten bei Euch nicht beliebt, trotzdem sehe ich es als mei­ Leben gerufen. Foto: picture-a/1-
keine Informationen über das Leben im Westen und ne Pflicht, sie zu verbreiten iance/ dpa/dpaweb
sahen ihn als eine Art Paradies, in dem es alles
zu kaufen gab. Im Gegensatz zu damals können die Nun sprechen Sie aber nicht als unabhängiger
Russen heute mit eigenen Augen sehen, wie der Beobachter. In den Jugoslawienkriegen ha­
Westen wirklich ist, und genau deswegen wird das ben Sie das Notizbuch gegen das Gewehr ge­
westliche Modell von der Mehrheit nicht angenom­ tauscht, um für die Serben zu kämpfen.
men. Im Endeffekt waren der Fall der Berliner Mau­ Als ich sah, wie 27 Nationen aka NATO das serbi­

«Im Gegensatz zu
er und der Selbstmord der Sowjetunion eine Tragö­ sche Volk angriffen, konnte ich nicht untätig blei­
die, weil sie sehr bald alte Feindschaften zwischen ben. Also habe ich mich entschlossen, zur Waffe zu
den Völkern wieder aufleben ließen. Das habe ich
damals selbst erfahren: Anfang der 1 990er Jahre
greifen, um die Schwächsten gegen die Stärksten
zu verteidigen. Allerdings habe ich trotz des Krie­ damals sehen die
lebte ich in Serbien, wo ich als freier Journalist tä­
tig war. Dort konnte ich beobachten, wie die deut­
ges nie mit dem Schreiben aufgehört, wie Sie gera­
de behauptet haben: Während dieser Zeit verfasste
Russen heute, wie
sche Regierung die Kroaten gegen die Serben be­ ich acht Bücher und zahlreiche Artikel für die serbi­ der Westen wirklich
waffnete, mit dem Ziel, die jugoslawischen Völker
zu spalten und wieder Einfluss auf dem Balkan und
sche Zeitung Borba [«Der Kampf», ehemalige Partei­
zeitung der Kommunistischen Partei Jugoslawiens, ist. » Ci
das ehemalige Gebiet der Österreich-Ungarn-Mo- erschien in Serbien bis 2009].
37
COMPACT Politik 9

Damals standen Sie dem später verurteilten Kommen wir zur Gegenwart: In Russland gal­
Kriegsverbrecher Radovan Karadzic, dem Prä­ ten Sie lange als Putin-Gegner, saßen mehr­
sidenten der bosnischen Serben, nahe. Haben mals in Haft. Doch seit einigen Jahren vertei­
Sie Schuld auf sich geladen? digen sie den Kreml auf dem internationalen
Ich habe nie auf unschuldige Zivilisten geschossen, Parkett.
sondern nur auf bewaffnete Soldaten, die auch zu­ Meine Feinde behaupten, ich sei kein Gegner von
rückgeschossen haben. Wie ich Karadzic zum ersten Putin mehr. Das ist falsch. Ich halte ihn nach wie vor
Mal traf, weiß ich noch, als wäre es gestern gewe­ für einen falschen Nationalisten, der immer noch
sen: Ich befand mich im von den Serben kontrollier­ von oligarchischen Strukturen abhängig ist. Mein
ten Teil Bosniens und wurde von einem Regisseur Widerstand gegen ihn hat mir vier Jahre Knast ein­
Unser Interviewpartner vor einer
der BBC kontaktiert. Er bot mir an, ein Interview mit gebracht. Doch Putin ist nur ein Strohmann: Russ­ Flagge mit der «Limonka» («Zit­
Karadzic zu führen, was damals noch keinem gelun­ land ist nämlich keine Diktatur, wie man im Wes­ rone»). Das war der Spitzname der
gen war. Also habe ich ihn getroffen, wir verstanden ten gerne behauptet, sondern ein System mit rund sowjetischen Handgranate F I. Foto:
uns gut, und nach dem Gespräch machte er mir das 30 aktiven Machtzentren, die unter anderem aus picture alliance / dpa
Angebot, drei weitere Tage mit ihm und seinen Sol­ Bankiers, Oligarchen und Geheimdiensten bestehen.
daten zu verbringen. Wir lebten alle zusammen im Meine Weltanschauung ist einer solchen Gesell­
ehemaligen olympischen Dorf von Sarajevo, in Hüt­ schaft diametral entgegengesetzt, ich spreche mich
ten ohne Strom und fließend Wasser. Dort lernte ich für einen Volkssozialismus aus. Trotzdem habe ich Marcus Bruhns ist Literaturwis­
viele kennen. die heute unfreiwillige Gäste im Ge­ Putin enthusiastisch unterstützt. als er die Krim ver­ senschaftler und lebt in Köln.
fängnis des Haager Kriegsverbrechertribunals sind. teidigt hat. Wir Russen haben nämlich die Idee des
zum Beispiel [den ehemaligen bosnisch-serbischen Imperiums nie aufgegeben und wollen das alte Za­
General] Ratko Mladic. renreich wiederherstellen: Dieser Raum umfasst
das Gebiet östlich des Flusses Dnjepr, also einen
Sie sagen nun, Karadzic sei ein Kriegsverbre­ Großteil der sogenannten Ukraine. Die Krim ist also
cher. Wer ist in diesem Krieg unschuldig ge­ noch viel zu wenig, Putin ist nicht streng genug. Die «Putin ist nur ein
blieben?
Ich erinnere mich noch an das kroatische Konzentra­
Mehrheit des russischen Volkes teilt diese Auffas­
sung. Ich glaube, man kann sie mit einem Zitat aus Strohmann. »
tionslager von Jasenovac [1941 bis 1945] und an die [Robert Louis] Stevensons Roman Die Schatzinsel
Angst, die die Serben hatten, als 1991 wieder kroa­ beschreiben: Man lebt nicht nur, um den Bauch voll
tische Soldaten in ihre Dörfer kamen. Die Kroaten zu haben, ein Volk braucht Abenteuer, Kampf und die
wurden Anfang der 199 0er Jahre von Deutschland Verteidigung der Ehre des Vaterlandes. Pro-russische Separatisten in
finanziert und unterstützt. Ich sage: Wenn die Ser­ Donezk. Foto: picture alliance / AP
ben schuldig sind, dann sind es die Deutschen auch. Nun könnte die Ära Putin 2024 zu Ende gehen . . . Photo

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39
COMPACT Politik 8

Tatsächlich gibt es viele Hinweise, dass Putin nicht wisten inzwischen das Interesse an der Politik ver­
Eine schillernde mehr kandidieren will. Die Nachfolge könnte sein loren und ihre Aktivitäten eingestellt haben. Entwe­
Figur heutiger Sprecher Dmitri Peskow antreten: Bei sei­ der sind sie tot oder aber alte Spießer geworden.
Der 1943 in der Ostukraine ge­ nen regelmäßigen Fernsehauftritten wirkt er schon
borene Eduard Limonow starte­
te in Moskau eine Karriere als
jetzt wie ein eigenständiger Politiker. Sie und Alexander Dugin waren beide Par­
Underground-Lyriker, bis man teigänger der ersten Stunde. Heute sagt man,
ihn 1 974 der Sowjetunion ver­ So viel zum Präsidenten. Und wie steht es um dass sie sich nicht mehr gut verstehen - wa­
wies. Fortan führte er eine pre­ die Opposition? ren zwei Exoten einer zu viel?
käre Existenz im New Yorker Echte Opposition kann in Russland schon deswegen Meine Zusammenarbeit mit ihm zerbrach schon
Exil. wo er sein Punk-Image per­
nicht liberal sein, weil der sogenannte liberale Wi­ 1998, als er der Partei den Rücken kehrte. Heute
fektionierte. Autobiografische
Romane wie Fuck off, Amerika derstand aus dem Ausland gesteuert wird. In den lese ich in den Zeitungen, dass er ein Berater Pu­
machten ihn auch in Westeuro­ 1990er Jahren kontrollierte [George] Soros die ge­ tins sei - das ist totaler Quatsch. Dugin ist ein her­
pa berühmt: In Frankreich galt samte russische Opposition, auch deswegen sah ich vorragender Theoretiker, aber ein furchtbarer Orga­
Limonow bald als linke Ikone. damals die Notwendigkeit. eine echte patriotische nisator. Was allerdings stimmt, ist, dass Putin und
Das endete, als der Provoka­
und sozialistische Oppositionspartei zu gründen . . . Dugin Anfang der 1990er Jahre im selben histori­
teur im Jugoslawienkrieg auf­
seiten des Serbengenerals Ra­ schen und politischen Kontext groß wurden, wes­
dovan Karadzic posierte und in halb es durchaus manche Analogie zwischen den
Moskau mit Alexander Dugin
die Nationalboschewistische
«Wir Russen haben die Idee des beiden gibt. Ich habe nur positive Erinnerungen an
ihn, wir sind im Guten auseinandergegangen. Je­
Partei gründete. Nachdem die­
se 2005 verboten worden war
Imperiums nie aufgegeben. » des Mal, wenn wir uns zufällig treffen, tauschen
und Limonow vier Jahre Hah
wir unsere Telefonnummern und sagen uns, dass
abgesessen hatte, gründe er wir einander anrufen werden. Wir wissen aber bei­
die Nachfolgepartei Das ande­ . . . die Nationalbolschewistische Partei Russ­ de, dass es keiner von uns machen wird.
re Russland und versuchte sich lands (NBP), die seit 2005 verboten ist.
als Präsidentschahskandidat. Die NBP wurde sogar noch vor den islamistischen Dugin hat sich dem orthodoxen Christentum
Sein aktuelles Buch Er wird ein
liebevoller Anführer werden er­ Terrorgruppen verboten! Das zeigt, dass wir keines­ zugewandt. Und Sie?
zählt die Geschichte der Na­ falls als Freunde der Regierung wahrgenommen Mir ist die Religion egal.
tionalbolschewiken als Aben­ wurden. Trotzdem ist die Partei heute immer noch
teuerroman. Limonow hofh auf aktiv, allerdings im Untergrund. In den letzten Jah­ Bleiben wir also beim Irdischen: In seiner
den Literaturnobelpreis, weil ren sind 17 unserer Mitglieder gefallen, der Letzte Vierten Politischen Theorie schreibt Dugin
Putin sich - so glaubt er - darü­
ber ärgern würde.
von ihnen im Donbass [Ostukraine]. Außerdem habe von der Nähe der russischen zur chinesischen
ich im Jahr 2010 eine neue Partei mit dem Namen Kultur.
Das andere Russland ins Leben gerufen. Erst vor Wir Russen misstrauen den Chinesen - sie haben
Kurzem bin ich aus ihrem Vorstand zurückgetreten. in den letzten Jahren Sibirien besiedelt und diese
Die neue Krim-Brücke verbindet die
Meine politische Tätigkeit beschränkt sich jetzt auf Region fast chinesisch gemacht. Trotzdem sind wir
Halbinsel mit dem russischen Fest­ die Literatur, die Gedichte, die Kunst. Leider beob­ gezwungen, mit China eng zu kooperieren, weil der
land. Foto: picture alliance/dpa achte ich, dass viele ehemalige Nationalbolsche- Westen uns ständig angreift und mit Sanktionen be­
kämpft. Ehrlich gesagt, erstaunt mich die Politik des
Westens immer mehr: Ihr versteht nicht, dass Ihr
heute nicht mehr gegen den gesamten Rest der Welt
gleichzeitig kämpfen könnt; und dass es für Euch
besser wäre, Verbündete statt Feinde zu suchen.
Russland ist ein natürlicher Freund Europas. Wir
sind nicht nur ein Teil von Europa, sondern außer­
dem das bevölkerungsreichste Land des Kontinents,
und trotzdem seid Ihr nur freundlich zu uns. wenn es
gegen Diktatoren geht. Ihr ruft nur nach uns, wenn
wir Euch vor Napoleon oder Hitler retten sollen, und
dann beginnt Ihr wieder, uns zu bekämpfen.

Hat sich das seit Trump geändert?


Nicht wirklich. Trump erinnert mich an den späten
Ronald Reagan, der immer noch den Antikommu­
nismus predigte, obwohl jeder sehen konnte, dass
der Kommunismus bereits am Ende war: Heute ist
Trump russlandfeindlich, obwohl der neue, wahre
Feind der USA China heißt.

Herr Limonow, vielen Dank für das Gespräch. ■


40
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Furchtbarer als bei der Titanic
von Jan von Flocken
Vor 75 Jahren ereignete sich die größte Tragödie in der Geschichte ten läuft. Es ist die «Wilhelm Gustloff» , die am Mit­
der Seefahrt: Ein sowjetisches U-Boot torpedierte das mit Flücht­ tag des 30. Januar den Kai von Gotenhafen (Gdin­
lingen überladene Passagierschiff «Gustloff», über 9.000 Menschen gen; heute Gdynia) verlassen hat. Das 1 938 in Dienst
gestellte Flaggschiff der NS-Urlauberorganisation
starben. Die Opfer sind im heutigen Deutschland vergessen. Kraft durch Freude (KdF) sol l jetzt Flüchtlinge aus
den deutschen Ostprovinzen vor den Truppen von
Der Funkspruch stieß im sowjetischen Marine­ Stalins Rater Armee retten, die seit Anfang Janu­
hauptquartier zunächst auf erhebliche Skepsis. Am ar 1 945 über die Grenze vorgestoßen sind und da­
Morgen des 1 . Februar 1 945 hatte das U-Boot S-1 3 bei unter der Zivilbevölkerung Angst und Schrecken
aus seinem Operationsgebiet in der Ostsee gemel­ verbreiten .
det: «30. Januar- 21 :08 Uhr aufgetaucht / drei Tor­
pedos abgefeuert. Mit Bestimmtheit Dampfer etwa Am 29. Januar 1 939 registriert der Einschif­
20.000 Tonnen versenkt. » Doch der U-Boot-Komman­ fungsoffizier Waldemar Terres bis 1 7 Uhr in Goten­
dant Alexander Marinesko galt als Trunkenbold und hafen 7.956 an Bord gekommene Flüchtlinge, dann
Aufschneider. Mehrfach hatte er Erfolgsmeldungen hört er auf zu zählen, weil die Lage durch immer
abgesetzt, die sich hinterher als falsch oder stark mehr nachdrängende Massen, wohl an die 2.500, •
Das Schiff ist für übertrieben erwiesen. Was er jetzt rapportierte, völ lig unübersichtlich wird. Wie viele Menschen
stimmte indes mit der Wahrheit überein: S-1 3 ver­ sich an Bord befanden, wird man nie exakt ermit­
weniger als 2.000 ursachte die größte Schiffskatastrophe aller Zeiten. teln können. Heinz Schön, «Gustloff»-Überlebender
Passagiere aus­ Die letzte Zuflucht
und einer der profundesten Kenner dieser Materie,
kommt auf die Zahl 1 0.582. Man darf bei aller gebo­
gelegt - jetzt sind Tatsächlich hat Marineskos Boot am 30. Januar
tenen Vorsicht davon ausgehen, dass sich ungefähr
1 0.300 bis 1 0.500 Menschen auf dem Schiff dräng­
über 10.000 an 1 945 abends gegen 1 9 Uhr, nach drei Wochen er­ ten: 8.800 Zivilisten, davon eine große Zahl Kinder,
eignislosen Patrouillierens, in der südlichen Ostsee sowie etwa 1 .500 Angehörige der Wehrmacht, da­
Bord. ein großes Schiff entdeckt, das untypischerweise runter 1 62 Schwerverwundete, 340 Marinehelferin­
Ci mit voll aufgeblendeten Positionslichtern gen Wes- nen und 918 Soldaten der 2. U-Boot-Lehrdivision.
42
[OMPACT Dossier (8

Die Hölle bricht los


S-1 3 feuert gegen 21 : 1 5 aus 700 Metern Entfer­ «Frauen und
nung insgesamt vier Torpedos ab, von denen drei ins
Ziel finden: am Bug, unter dem E-Deck und im Ma­
Kinder, gefallen,
schinenraum. Sofort stoppen die Schiffsmaschinen, niedergerissen,
das Licht fäl lt aus. Auf der Kommandobrücke sieht
Kapitän Friedrich Petersen, wie das vordere A-Deck totgetrampelt. »
langsam im nur zwei Grad kalten Wasser der Ost­
see verschwindet. Das leergepumpte Schwimmbe­
Augenzeuge
cken tief unter der Wasserlinie wird zuerst getrof­
fen . Nur zwei Marinehelferinnen, die Geschwister
Ursula und Rosemarie Resas, können mit Hilfe eines
Offiziers, der ihnen den Weg durch das Chaos bahnt,
das nackte Leben retten.

Auf den unteren Decks bricht die Hölle los. «Die _ Jan von Flocken, früher Redak­
Menschen laufen nicht, sondern bewegen sich wie teur bei «Focus», verfasste für die
eine Raupe nach oben, höher und höher. Meter um Reihe COMPA[T-Geschichte die
Meter» , beschrieb der damals 1 8-jährige Schön, Ausgaben «1000 Jahre Deutsches
der sich auf dem über der Wasserlinie liegenden Reich», «Deutsche Helden» und
B-Deck befindet, die Situation. «Unter ihren Füßen «Deutsche Frauen». Im Mai 2020
Menschenleiber, meist Frauen und Kinder, gefal­ erscheint «Deutsche Kaiser. Glanz
len, niedergerissen, totgetrampelt. Bevor ich einen und Gloria aus 1000 Jahren,.
klaren Gedanken fassen kann, bin ich mittendrin in
einem Menschenknäuel . Von hinten werde ich auf
die Treppe, au'f die Stufen voller Lebender und To­
Vergessenes Leid: Tausende ließen ihr Leben in der eisigen ter gestoßen. Willenlos werde ich nach oben ge­
Ostsee. Szene aus der ZDF -Dokumentation «Die Gustloff„ tragen, eingeklemmt in ein tobendes, schreiendes
/2008/. Foto: ZDF
Menschenbündel. » Auch wenn die meisten Passa­
giere mit einer Schwimmweste ausgestattet sind -
in der eiskalten, bewegten See haben sie kaum eine
Dass sich auf einem für nur 1 .900 Passagiere Überlebenschance. Andere Rettungsmittel wie Dut­ V -Boot-Kommandant Marinesko
versenkte die Flüchtlingsschiffe
und Besatzungsmitglieder ausgelegten Dampfer zende Kutter, Boote und Flöße, die der 1 . Offizier «Gustloff„ und «Steuben /12.000
eine solche Menge zusammenfinden konnte, liegt an Louis Reese bereitgestellt hat, erhalten einige der Tote/ - und wurde zum Helden der
der Ausnutzung auch noch der kleinsten Plätze. Man Verzweifelten am Leben. Sowjetunion erklärt. Foto: Archiv
hatte sogar das große Schwimmbecken im E-Deck
leerpumpen lassen, um hier 1 75 Marinehelferinnen
unterzubringen, von denen nur zwei überleben soll­
ten. «Auf sämtlichen Fluren, in allen Gängen und in
den Kabinen drängten sich die Flüchtlinge. Es gab
kein Durchkommen. Die Notdurft wurde in kleinen
Ecken verrichtet, auf dem ganzen Schiff roch es nach
Kot und Urin » , erinnerte sich Willi Schäfer, damals
25 Jahre alter Matrose in der 2. U-Boot-Lehrdivision.

Auf der Höhe vom pommerschen Stolpmünde


(heute Ustka) wird das Schiff gegen 20 Uhr vom
U-Boot S-1 3 gesichtet. Da es mit Positionslichtern
fährt, ist es ein gut auszumachendes Ziel - gleich­
zeitig aber ein deutliches Zeichen dafür, dass es sich
nicht um ein Kriegsschiff handelt und keine feindli­
chen Absichten hegt. Immerhin kann die «Gustloff»
wegen der wenigen Wehrmachtsoldaten an Bord
als Truppentransporter gelten. Ob sie mit Flugab­
wehrgeschützen bewaffnet war, wie gelegentlich
behauptet, ist ungeklärt. Bisher gibt es keinen ge­
sicherten Nachweis, wann, von wem und wie viele
Flakgeschütze an Deck montiert wurden. �
43
COMPACT Dossier�

Um 21 :36 Uhr, 20 Minuten nach den tödlichen ge Schwester Jutta sterben in der eiskalten See.
Todesfalle Ostsee Treffern, nimmt das herbeigeeilte Torpedoboot Das Passagierschiff sinkt schließlich mit schwerer
Die zehn verlustreichsten
Schiffsuntergänge in der Ost­
«Löwe » die ersten Schiffbrüchigen an Bord. Seine Schlagseite gegen 22: 1 5 Uhr.
see 1 944/45: Scheinwerfer erfassen ein Rettungsboot. das gera­
•Wlllelm 6ustloff• de abgefiert wird, plötzlich durch Brechen des hin­ Vergessene Heldentaten
30.1 . 1 945, Torpedotreffer, teren Kutterläufers durchsackt und dann senkrecht
9.300 Tote an der Schiffswand hängen bleibt. «Alle Menschen. Tragödien wie die der «Wilhelm Gustloff» und
•liOVilt die darin waren, stürzten mit lautem Geschrei aus anderer Schiffe vermitteln den Eindruck, die Evaku­
16.4.1 945, Torpedotreffer, dem Boot auf die Wasseroberfläche. » Der junge ierung von Flüchtlingen über die Ostsee sei ein völ­
7.000 Tote Marinesoldat Manfred Dittrich berichtet in seinem liges Desaster gewesen. Doch diese Folgerung ist
«Call Arolnat, Buch Das letzte Torpedoboot über eine Rettungsak­ falsch. Tatsächlich retteten Handels- und Kriegsma­
3.5.1 945, Luftangriff, 5.594 Tote
tion: «Uns allen bot sich ein schauriger Anblick ( . . . ). rine insgesamt 2.4 Millionen Menschen. Dabei gin­
•Steubl!n• Die ganze Wasseroberfläche rings um die "Gust­ gen 245 Schiffe mit 40 .000 Passagieren verloren.
9.2.1945. Torpedotreffer,
3.608 Tote
loff" war aufgewühlt von tausenden um das nackte Das heißt, 98,3 Prozent aller Flüchtlinge blieben am
•Tldellek• Leben kämpfenden Menschen. Jeder einzelne ver­ Leben - eine logistische Meisterleistung der deut­
3.5.1 945, Luftangriff. 2.950 Tote suchte, eines der viel zu wenigen Rettungsboote zu schen Marine. Sie ist das Verdienst von Konterad­
«Orlont
erklimmen ( . . . ). Die meisten waren überfüllt und miral Conrad Engelhardt, Chef des Seetransportwe­
4.5.1 945. Bombentreffer. kenterten. Die Menschen in diesen Booten, die sich sens der Wehrmacht. Er setzt ab Mitte Januar 1 945
1 .500 Tote schon fast als gerettet betrachtet hatten, mussten in mit Deckung seines Oberbefehlshabers Großadmi­
«ICarlsnflet die eiskalten Fluten zurück ( . . . ) und versanken unter ral Karl Dönitz und gleichsam hinter Hitlers Rücken
1 3.4. 1 945, 970 Tote sich überschlagenden Hilferufen in der See. » Trotz alles ein, was an militärischem Schiffsraum zur Ver­
«tll!UWel1c1 drohender Li-Boot-Gefahr gelang es der Besatzung fügung steht vom Schlachtschiff «Gneisenau» bis
1 0.4. 1 945, 956 Tote von Dittrichs T36 nach mehreren Stunden, 564 Män­ zu Hilfskreuzern, Kriegsfischkuttern und Marinefähr­
«[ap 6Ulrt ner, Frauen und Kinder vor dem sicheren Tod zu ret­ prähmen. Auch jeder halbwegs seetüchtige zivile
1 6.4. 1 945, 774 Tote ten und nach Sassnitz auf Rügen zu transportieren. Pott wurde von Engelhardts Männern requiriert -
«Elfei• vom 25.500 Bruttotonnenregister (BAT) schweren
1 7.2. 1 945. 677 Tote
Luxuspassagierdampfer «Cap Arcona » bis zum Lot­
6esamtzahl der Opfer.
40.000 Der Li-Boot-Kommandant wurde senschoner «Prinz Adalbert» mit 137 BAT. Sie retten
das menschliche Strandgut aus Königsberg, Danzig,
(Quelle: Heinz Schön Die Tra­
gödie der Flüchtlingsschiffe. 1990 postum zum «Helden der Gotenhafen, Pillau, Memel, Kolberg.
Stuttgart 2004)
Sowjetunion» ernannt. All das erfolgt unter größter Lebensgefahr (die
Alliierten besitzen die Lufthoheit über der Ostsee,
ihre U-Boote lauern in der liefe) und unter schwie­
Den Untergang der «Wilhelm Gustloff» überleb­ rigsten Bedingungen. Die Schiffe müssen in enge
ten laut Statistik der Marine 1 .239 Personen. M in­ Häfen einlaufen; der Einsatz vorwiegend kleinerer
destens 9 . 1 00 Menschen kamen demnach in den Sicherungsfahrzeuge wird durch unruhige See, Win­
Flüchtlinge aus dem deutschen
Osten: Für viele blieb nur der
Fluten ums Leben. Als Letzter wird der andert­ terstürme und Treibstoffmangel erschwert. Die Dis­
gefährliche Weg über das Meer. halbjährige Frank-Michael Freymüller aus Goten­ ziplin der Flüchtlinge und die vorbildliche Organisa­
Foto: picture alliance / ZB hafen geborgen, seine M utter und die zehnjähri- tion der Kriegsmarine tragen dazu bei, dass diese
Massenflucht nicht im Chaos endet.

Das Geschehen um die «Gustloff»-Katastrophe


bleibt lange Zeit im kollektiven Gedächtnis der Deut­
schen. Sicher auch deshalb, weil es 1 959 unter dem
litel Nacht fiel über Gotenhafen unter der Regie von
Frank Wisbar verfilmt wird . Heute liegt das Wrack
zwölf Seemeilen vor der Ostseeküste in 48 Metern
liefe. Die Karten des polnischen Seefahrtsamtes
verzeichnen es als «Navigationshindernis Nr. 73 » .
Der 1 963 verstorbene Kommandant von S-1 3, Alex­
ander Marinesko - er war unehrenhaft aus der Ma­
rine entlassen worden und saß wegen Diebstahls
zwei Jahre im Gefängnis-. wurde 1 990 von KP-Ge­
neralsekretär Michail Gorbatschow postum zum
«Helden der Sowjetunion » ernannt. In Kaliningrad,
dem früheren Königsberg, steht ein Denkmal zur Er­
innerung an ihn. Ein Mahnmal für die Opfer der «Wil­
<B helm Gustloff» sucht man vergeblich. ■
44
Tödliche Hoffnungsträger
von Sven Reuth
Im Januar 1945 bricht mit dem Vormarsch der Roten Armee die Apokalypse über Ost­
preußen herein. Bei Temperaturen von 20 Grad unter null beginnt für Hunderttausende
eine verzweifelte Flucht zu den letzten offenen Häfen. Doch für viele Menschen -
nicht nur die Passagiere der «Wilhelm Gustloff» - wird die Ostsee zum nassen Grab.

Die Vertreibung übers Meer ist in Deutschland Spätestens nachdem das einstige KdF-Kreuzfahrt­ Verzweifelt versuchen die Men­
heute praktisch unbekannt, obwohl sie zu den dra­ schiff «Wilhelm Gustloff» am 3 0. Januar versenkt schen, die Häfen zu erreichen -
matischsten Kapiteln des Zweiten Weltkriegs zählt. worden war, konnte an der Gefährlichkeit der Über­ hier im ostpreußischen Pi/lau. Foto:
Bundesarchiv Bild_ 146- 1989-033-
Alles, was schwimmen konnte - Kraft-durch-Freu­ fahrt kein Zweifel mehr bestehen. Nur wenig später 33; CC BY-SA 3.0 de/Budahn, H.
de-Ozeanriesen, Minenleger, Frachter und selbst kam es erneut zu einer unfassbaren Tragödie: Dies­
alte Weichseifähren, insgesamt mehr als 1. 000 mal traf es die «Steuben», einen schönen weißen
Schiffe - wurde in einer gigantischen Evakuie­ Zwei-Schornstein-Dampfer, der zuvor - der Name
rungsaktion eingesetzt, um am Ende zweieinhalb deutet es an -auf der Nordatlantik-Route nach New
Millionen Ost- und Westpreußen über die Ostsee York eingesetzt wurde. Wie schon die «Gustloff» zu­
zu bringen. Ganze Wehrmachtseinheiten opferten vor war sie im Januar 1945 zum Lazarettschiff um­
sich auf, um die Häfen in Pillau, Danzig, Gotenha­ funktioniert worden und hatte entsprechend viel Sa­
fen und auf der Halbinsel Heia so lange wie mög­ nitätspersonal an Bord. Als sie am 9. Februar 1945
lich für die Flüchtlinge freizuhalten. am samländischen Hafen Pillau ablegt, trägt sie fast
3. 000 Verwundete, einige hundert Besatzungsmit­
Das Ende der schönen weißen «Steuben» glieder und circa 1 . 000 Vertriebene. Kurz nach Mit­

Doch wer die Flucht über das zugefrorene Frische


ternacht erschüttern zwei Torpedos das Schiff, ab­
gefeuert vom sowjetischen U-Boot S-13, das auf In der dunklen
Haff, gejagt von den Geschossgarben der Tiefflieger
und ständig bedroht durch den Kältetod in den Eis­
Befehl seines Kommandanten Alexander Marines­
ko wenige Tage zuvor schon die «Wilhelm Gustloff»
Ostsee lauerten
stürmen, glücklich überlebt hatte, der war noch lan­ versenkt hatte. Nach den Treffern spielen sich auf sowjetische
ge nicht in Sicherheit: In der dunklen Ostsee lauer­
ten sowjetische U-Boote, in der Luft die Bomber­
der «Steuben» unbeschreibliche Szenen ab: Für die
Verwundeten, die von umherrutschenden Schränken U-Boote.
verbände der Roten Armee und der Royal Air Force. und Betten erschlagen werden, ist der Todeskampf �
45
COMPACT Dossier (9

Das letzte Hab und Gut musste noch am kürzesten. Ununterbrochen knallen die Pis­ die Landzunge militärisch besonders gut verteidigen.
zurückbleiben. Foto: picture-a/1- tolenschüsse derjenigen, die ihrem Leben selbst ein Im Frühjahr 1945 lagern hier unvorstellbar dicht zu­
iance / akg-images Ende setzen. Als am Ende das Achterschiff -der hin­ sammengedrängt Hunderttausende von Vertriebe­
tere Teil des Bootes - steil aus dem Wasser ragt, nen, leichte Beute für sowjetische Luftangriffe. Als
springen viele Verzweifelte in die direkt unter ih­ sich am Morgen des 16. April die Umrisse des Frach­
nen liegenden Schiffsschrauben und werden zer­ ters «Goya» am Horizont vor Heia abzeichnen, wird
fleischt. Die Mehrheit aber erfriert bitterlich in der dieser von verzweifelten und erschöpften Menschen
eiskalten Ostsee. bald darauf fast erstürmt. Das gerade einmal drei
Jahre alte Schiff ist besonders schnell und war des­
halb bei vielen Überfahrten den feindlichen U-Boo­
Als letzte Zuflucht blieb der Hafen ten immer davongefahren.

von Heia. Der Untergang der «Gova»


Als die überfüllte «Goya» an diesem Tag mit min­
Am Ende können nur 6 60 Schiffbrüchige von destens 7.000 Passagieren an Bord den Hafen von
einem Beiboot sowie einem herbeieilenden Torpe­ Heia wieder verlässt, ertönt deshalb ein Verzweif­
dofangboot gerettet werden. 200 4 wurde das Wrack lungsschrei aus Tausenden von Kehlen jener, die es
Der Leidensweg unseres Volkes
ist das große Tabu des 20. Jahr­ des Ozeandampfers von einem Vermessungsschiff nicht mehr an Bord geschafft haben. Die Zurückge­
hunderts. In COMPACT Geschichte der polnischen Marine gefunden und identifiziert. bliebenen können nicht ahnen, dass sie gerade dem
«Verbrechen an Deutschen» wird In den Wochen nach der Versenkung der «Steuben» sicheren Tod entronnen sind. Denn auf ihrer letzten
dokumentiert, was uns Politik und fallen immer mehr Häfen - so Danzig und das pom­ Fahrt kann die «Goya» ihren größten Trumpf, ihre
Medien vergessen lassen wollen.
Zu bestellen unter compact-shop.de.
mersche Kolberg - in die Hände der Roten Armee. Geschwindigkeit, nicht ausspielen, da ein Beiboot ­
Foto: COMPACT Als ein letztes Mauseloch in die Freiheit verbleiben der Dampfer «Kronfels» -wegen eines nur notdürf­
bis zur Kapitulation der Wehrmacht im Mai nur die tig behobenen Maschinenschadens nicht mehr mit­
beiden Häfen der westpreußischen Halbinsel Heia. halten kann und sogar einen Zwischenstopp ein­
Wie ein dünner Finger ragt diese weit in die Danzi­ legen muss. Außerdem wird kurzfristig der Zie.lort
ger Bucht hinein. Der Grund für das Ausharren: Teil­ von Swinemünde in Kopenhagen geändert, da das
Ci weise nur wenige hundert Meter breit, lässt sich beschädigte Schiff nur dort repariert werden kann.
46
[OMPA[T Dossier 8

Chronist des großen


Ostseedramas
Die dramatische Flucht über
das Meer, die sich zwischen Ja­
nuar und Mai 1945 ereigne-
te. ist nur dank der Anstrengun­
gen des Autors und Hobbyhis­
torikers Heinz Schön akribisch
archiviert worden. 1 926 im nie­
derschlesischen Jauer gebo­
ren. überlebte dieser als Schiff­
zahlmeisterassistent die Ver­
senkung der «Wilhelm Gustloff,,
am 30. Januar 1 945. In den fol­
genden Monaten nahm Schön
noch an elf weiteren Ret­
tungsfahrten für Verwundete
und Vertriebene über die Ost­
see teil. Die Erinnerungen lie­
ßen ihm lebenslang keine Ruhe:
1 952 veröffentlichte er sein ers­
tes Buch Der Untergang der
Wilhelm Gustloff. dem unzäh­
lige weitere Veröffentlichun­
gen folgten. Auch wirkte Schön
als Fachberater bei dem 1 959
gedrehten Kinofilm Nacht fiel
über Gotenhafen sowie dem
ZDF-Zweiteiler Die Gustloff des
Regisseurs Joseph Vilsmai-
er mit, der 2008 gezeigt wurde
(Seite 45 bis 47). Nach seinem
Tod im Jahr 201 3 fand seine
Asche in der Danziger Bucht am
Ort der Versenkung der «Wil­
Wahrscheinlich sind es diese Faktoren, die dazu bei­ lig aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden helm Gustloff» die letzte Ruhe.
getragen haben, dass die «Goya» gegen Mitternacht ist: Weitaus mehr Ostpreußen konnten sich über
in das Periskop des sowjetischen U-Bootes L-3 gerät den See- als über den Landweg in Sicherheit ret­
und mit zwei Torpedotreffern versenkt wird. Da sie ten. In seinem mehr als 7 00-seitigen Standardwerk
sehr schnell untergeht, können nur 17 6 Menschen Ostsee '45 - Menschen, Schiffe, Schicksale listet
gerettet werden. der Publizist Heinz Schön insgesamt 245 verlorene
Schiffe auf, wobei es 13 0 Versenkungen durch Bom­
Welthistorisches Ereignis benangriffe, 73 durch Minentreffer, 1 7 durch sowje­
tische Torpedotreffer sowie fünf durch feindliche Ar­
Der Todeskampf der großen Schiffe setzte sich tillerie gab. Und dennoch: Die unzähligen Verwun­ Die Kriegsmarine sicherte den
deutschen Rückzug ab und trans­
selbst noch in den letzten Tagen vor Kriegsende deten- und Vertriebenentransporte über das Meer portierte auch selbst Flüchtlinge.
fort. Am 3. Mai wurden in der Lübecker Bucht die stellen eine der größten Leistungen der deutschen Foto: picture al!iance / WZ-Bild­
«Cap Arcona», das luxuriöse Flaggschiff der Ham­ Marine während des gesamten Weltkriegs dar. ■ dienst
burg-Südamerika-Linie, sowie die «Thielbek», ein
großer Frachter, bei einem Angriff britischer Jagd­
bomber versenkt. Besonders tragisch: Dabei star­
ben Tausende von Häftlingen, die zuvor angesichts
des Näherrückens britischer Truppen aus dem Kon­
zentrationslager Hamburg-Neuengamme evakuiert
worden waren. Die Unglücklichen verbrannten, er­
tranken oder wurden von den Bordwaffen der briti­
schen Flugzeuge unter Beschuss genommen, wobei
die Piloten annahmen, einen Truppentransporter vor
sich zu haben. Zu den wenigen überlebenden zähl­
ten der berühmte spätere DDR-Schauspieler Erwin
Geschonneck sowie Rudolf Goguel, der Komponist
des Moorsoldatenliedes. In der Rückschau bleibt die
Flucht über die Ostsee ein welthistorisch wohl ein­
zigartiges Ereignis, das heute allerdings fast völ- (i
47
COMPACT Dossier �

Nacht über 6otenhafen


von Jonas Glaser
Der Untergang der «Wilhelm Gustloff» steht wie die Bombadierung Trilogie der Kriegstoten
Dresdens symbolisch für das Leiden der deutschen Zivilbevölkerung
Es sind besonders zwei Einzelereignisse, die das
im Krieg. 1 960 und 2008 zogen Filme über die Tragödie Millionen
Leiden der deutschen Zivilbevölkerung am Krieg re­
in ihren Bann - beim letzten Mal unter dem Sperrfeuer des präsentieren: die Bombardierung Dresdens und die
Antifa-Journalismus. Versenkung des Kreuzfahrtschiffes «Wilhelm Gust­
Die Jahre des Zweiten Weltkriegs bilden auch loff». Zwei Filme erzählen vom Schrecken jener Ja­
den Zeitrahmen der NS-Verbrechen. Deren Ausmaß nuarnacht 1 945, bei der Tausende im eisigen Meer
erschwert das Erinnern ans eigene Elend. Die Er­ ertranken. Der erste, Nacht fiel über Gotenhafen
kenntnis, dass «das Erleiden von Schmerz ebenso zur (1 960), ist Filmgeschichte. Bereits in seinen frühen
deutschen Geschichte gehört wie das Verursachen Werken stellte der von der Romantik inspirierte Re­
von Schmerz» (Laszlo Földenyi), stößt auf Abwehr­ gisseur Frank Wisbar Frauencharaktere ins Zentrum;
reflexe: Jede Klage gilt als versuchte Entschuldung, Schmerz, Gnade und Erlösung bilden die themati­
als anmaßende Opferrolle. Schuld und Leid nicht schen Grundpfeiler. Das brachte ihn auch in Kon­
gegeneinander aufzurechnen, jeder Qual aber das flikt mit dem NS-Regime: Der Film Anna und Elisa­
Recht auf Ausdruck zuzugestehen - das muss heu­ beth (1 933), in dem ein Bauernmädchen ihre Guts­
te, 75 Jahre nach Kriegsende, erst erlernt werden . herrin von einer schweren Krankheit heilt, schildert
Manchem Kulturschaffenden gelang dies dennoch ausführlich die Last des Gebrechens, die Depression
Unter Deck des einstigen Kreuz­
fahrtschiffes kämpfen Flücht­
bereits früh: So etwa den Filmregisseuren Wolfgang der Erkrankten, die sogar in Angst vor der Heilung
linge verzweifelt ums Überleben. Staudte (Die Mörder sind unter uns, 1 946) oder Hel­ mündet- Wisbars Film wurde als Attentat auf das
Foto: ZDF mut Käutner (In jenen Tagen, 1 947). «gesunde Volksempfinden» verboten. Der Filmkriti-
COMPACT Dossier (9

ker und NS-Mitläufer Oskar Kalbus riet dem Regis­ Auf dem Rücken der Frauen
seur öffentlich, sein Interesse vom Morbiden, Kran­
ken ab- und dem «Gesunden » zuzuwenden, wenn Wisbars «Gustloff»-Film zeigt ein Meer von Eiser­
er «mit der neuen Zeit mitmarschieren wi l l » . Aber nen Kreuzen, Orden der Tapferkeit. Dann Überblen­
Wisbar wol lte nicht. Nach der Reichspogromnacht dung in Landschaften voller Grabkreuze: Der Sie­ PATRICIA CLOUGH

1 938 emigrierte er mit seiner jüdischen Ehefrau i n gestaumel endet auf Soldatenfriedhöfen, errichtet In langer Reihe
d i e USA. Dort drehte e r e i n J a h r nach Kriegsen­ in der Wüste Afrikas oder in Schneefeldern bei Sta­ über das Haff
de den Horrorfil m Strang/er of the Swamp ( 1 946): lingrad. Aber die Hauptleidtragenden, so ergänzt ein Die Flucht derlrakehner
aus Ostpreußen
Der Geist eines unschuldig Gehängten nimmt Ra­ Off-Kommentator, waren die Hinterbliebenen, die
che an seinem Heimatdorf. Erst als die junge Fähr­ Kriegerwitwen. Wisbar reiht Aufnahmen weinen­
frau sich für ihren Geliebten opfern wi l l , hält der Rä­ der, depressiver, schmerzverzerrter Frauengesichter
cher inne . . . Ein Zeitkommentar: Auch wenn noch aneinander. Hauptperson ist Maria (Sonja Ziemann),
soviel Unrecht geschah, bl inde Rache ist keine Lö­ Nachrichtensprecherin in Ostpreußen während des
sung. Am Ende muss Vergebung stehen. Nach sei­ Einfalls der Roten Armee. Der Schrecken droht von
Im eisigen Winter 1945 flohen die
ner Rückkehr in die Bundesrepublik drehte der einst al len Seiten: Ständige Bombardierung, die Gesta­ Ostpreußen auch über das zuge­
Vertriebene eine Trilogie über das Kriegsleiden der po schnüffelt nach versteckten Juden, Alte werden frorene Haff- mit ihren welt­
Deutschen - verursacht sowoh l vom NS-Regime zur Reserve gezogen, russische Soldaten lassen ihre berühmten Trakehner-Pferden.
wie von Alli ierten: Haie und kleine Fische ( 1 957). Wut an der Bevölkerung aus. Niemand spricht von Bestellen Sie den berührenden Tat­
sachenbericht über das Schicksal
den Stal ingrad-Klassiker Hunde, wollt ihr ewig le­ Ideologie, nur das Überleben zählt. Dreiviertel des
von Mensch und Tier. Unter com­
ben? ( 1 959) und Nacht fiel über Gotenhafen ( 1 960). Films schildern Marias Odyssee nach Gotenhafen. pact-shop.de Foto: Pantheon-Verlag
Kein Heldenmut wird gefeiert, keinem Schuldigen Dort wil l sie mit verwundetem Mann und Kind auf
der Prozess gemacht: Die Regie setzt ihren patho­ dem größten Kreuzfahrtschiff seiner Zeit nach Swi­
zentrischen Fokus auf die Opfer. Wisbar: «Wenn ich nemünde übersetzen.
schon in Deutschland arbeite, will ich meinem Ge­
wissen folgen. Und das befiehlt mir, Filme gegen Beim Betreten der überfüllten «Gustloff» wähnt
den Krieg zu drehen. » man sich gerettet - keiner ahnt, dass der größ­
te Horror noch bevorsteht. Ein russisches U-Boot
schießt einen Torpedo: Wasser bricht ein. Massen­
panik. Absei len der Rettungsboote. Menschen fa l­
len ins eisige Meer. Nur Wenige überleben das In­
ferno. Darunter auch Maria: «Wir Frauen sind ja sel­
ber schuld. Wir Frauen halten ja immer wieder den
Rücken hin, auf dem die Männer i hre Kriege aus­
toben. » Höchstwahrscheinlich ist Nacht fiel über
Gotenhafen auch Reaktion auf die damalige «Ti­
tanic »-Welle. Innerhal b von sieben Jahren waren
zwei Filme über den Untergang des britischen Lu­
xusdampfers gestartet: der US-Streifen Der Unter­
gang der Titanic ( 1 953) und der englische Die letz­
te Nacht der Titanic (1 958). Wisbars Film enthält vor
allem Paral lelen zur ersteren Version: Hauptperso­
nen sind beide Male ein Ehepaar, verkracht wegen Beim Betreten der
«Gustloff» wähnt
eines Seitensprungs der Frau, aber im Angesicht des
Schicksals finden beide zur Versöhnung. Die «Gust­
loff» wird so zur deutschen Titanic.
man sich gerettet
Leiden als Bumerang-Effekt - doch der größte
Knapp 30 Jahre später startete Joseph Vils­ Horror steht noch
maier seine cineastische Auseinandersetzung mit
dem Schrecken des Weltkriegs. Der Ansatz erinnert bevor.
durchaus an Wisbar. Auch hier dominieren Frauen­
perspektiven. Bereits sein Debüt, Herbstmilch(1988)
beleuchtet das Sichdurchkämpfen einer einfachen
Bäuerin während der Kriegsjahre. Das Biopic Mar­
lene (2000) schildert den Zweiten Weltkrieg aus der
Perspektive der Exi lantin Marlene Dietrich. Come­
dian Harmonists (1 997), Leo und Claire (2001 ) sowie
Der letzte Zug (2006) thematisierten die Judenver- (9
49
COMPACT Dossier (9

nichtung. Mit Stalingrad (1 993) griff der Münchener damit wird der Dampfer zur Zielscheibe eines rus­
1943: Deutsch­ Regisseur einen Wisbar-Stoff direkt auf. Auch Vils­ sischen U-Boots. Wieder treffen die Torpedos. Die
lands Untergang maier interessiert primär das Leid, in das der Krieg Passagiere drängen in die Rettungsboote, stürzen
Ein untergehendes Schiff als die Menschen stürzte - kaum verwunderlich, dass ins Meer. Vergeblich versucht Kehding, Eingeschlos­
Symbol für Deutschland am
er 2008 auch Die Gustloff als aufwendig inszenier­ sene zu retten . . . Am nächsten Morgen fallen die
Ende des Krieges - so deute-
te der Stern die Darstellung der ten Zweiteiler ins TV brachte. Star des Films ist das - ersten Sonnenstrahlen auf im Wasser schwimmen­
«Gustloff» bei Vilsmaier. Eben­ digital unterstützte - Schiffsmodell. Wieder Paral­ de Leichen, Koffer und Kinderspielzeug. Während
so hatte Hitlers Propaganda­ lelen zur Titanic: Hollywood-Regisseur James Ca­ man in Swinemünde noch die Toten aufbahrt, selek­
minister Goebbels zuvor einen meron hatte deren Schicksal zwölf Jahre zuvor als tieren Soldaten bereits die Überlebenden: Die Jün­
7itanic-Film gesehen, den er Megablockbuster für die Leinwand adaptiert. Da­ geren kommen ins letzte Aufgebot. Die Offiziere der
selbst in Auftrag gegeben hat­
te: Er sollte antibritische Pro­ mals neuartige Spezialeffekte rissen das Publikum «Gustloff» , verantwortlich für die Katastrophe, blei­
paganda transportieren. Aber in ihren Bann, verursachten einen gigantischen Hype. ben ungestraft.
im Jahr seiner Fertigstellung, Seitdem wird jedes Schiffsdrama an ihm gemessen.
1 943, erinnerte der Katastro­
phenfilm eher an Deutschlands
Im Krebsgang zum Nazi

«Auf Vilsmaiers Nazi-Traumschiff
eigenen Untergang: Das rit-
te Reich als sinkendes Schiff.
Wie in Nacht fiel über Gotenhafen ist das Leid
Wegen dieser defätistischen deutscher Zivilisten das Ergebnis eines Bume­
Wirkung verweigerte Goebbels
schließlich die Freigabe. Außer­
wird jede negative Figur durch rang-Effekts: Marinehelferin Erika erklärt ihrem Ver­
lobten: «Wir lassen die ganze Welt bluten, hat mein
dem hatte die Gestapo den Re­
gisseur des Films, Herbert Sel­
eine positive neutralisiert. » Stern Vater gesagt. Aber der Krieg kommt zu uns zurück,
pin, inzwischen wegen wehr­
und dann bezahlen wir für alles. » Dennoch lassen
machtsfeindlicher Äußerungen beide Filme keinen Zweifel , dass die Tötung von Zi­
verhaftet. Kurz darauf fand man Alles beginnt mit der Ankunft des zivilen Kapi­ vilisten nicht als Kollektivstrafe abzuhaken ist. Das
ihn erhängt in seiner Zelle. Der täns Hellmuth Kehding in Gotenhafen. Um ihn her­ Magazin Stern unterstellte in einer Rezension, Vils­
Filmjournalist Ygor Parizel ver­ um zermürbte, hungernde Frauen, frierende Kinder. maier präsentiere die Flüchtlinge der «Gustloff» als
mutet, dass James Cameron
sich 1 997 bei seiner Adaption
Bald kommt es zum Streit zwischen Kehding und der Mikrokosmos der NS-Gesellschaft. Dabei betreibe
des Titanic-Stoffes von Selpin militärischen Führung. Man zwingt ihn, die Über­ er Schönfärberei: «Auf Vilsmaiers Nazi-Traumschiff
beeinflussen ließ. fahrt der «Gustloff» ohne Geleitschutz anzutreten. wird jede negative Figur durch eine positive neut­
Ein verschlüsseltes Telegramm lässt einen Sabo­ ralisiert ( . . . ) Sorgfältig verteilt Vilsmaier sein Na­
tageakt vermuten. An Bord herrscht eine vergifte­ zi-Gegengift über alle Hierarchien und verrechnet
te Atmosphäre des Misstrauens. Schließlich schal­ das böse Deutsche restlos mit dem guten. » Kein
ten die Militärs, aufgescheucht durch eine falsche Wort über Wehrmachtsverbrechen und Holocaust,
Warnung, die Positionslichter der «Gustloff» ein - denn: «Die Opferrolle ist schon von deutschen Zivi­
listen besetzt» (siehe Infobox). Ein unfaires Urteil -
besonders angesichts Vilsmaiers Gesamtwerks.

Mitten im Inferno des Untergangs, auf überfüll­


tem Rettungsboot. gebiert eine Passagierin ihr Kind.
Mit dieser Szene, ein Höhepunkt des Gustloff-Films,
beginnt auch Günter Grass' Roman Im Krebsgang
(2002): Der Ich-Erzähler Paul Pokriefke erblickt da­
bei die Finsternis der Welt. Während er aufwächst,
drängt die Mutter ihn, die Umstände seiner Geburt
literarisch zu verarbeiten. Er muss also den Krebs­
gang machen: Rückwärts gehen durch Zeit und
das Vergangene recherchieren. Später infiziert die
Mutter auch Pauls Sohn, ihren Enkel. Den fasziniert
aber mehr der Namensgeber des Schiffes, Wilhelm
Gustloff - ein Landesgruppenleiter der Schweizer
NSDAP-Auslandsorganisation. Der Junge errich­
tet eine Website zum Thema, mutiert zum Neo-Na­
zi. Grass' Erzählung illustriert die deutsche Angst:
dass das Eingeständnis eigenen Leidens zur Relati­
vierung oder gar zur Sympathie mit dem NS-Regime
führen könne. Zugleich zeigt er das Fehlen einer an­
gemessenen Erinnerungskultur. ■

Filmszene aus «Nacht fiel über Gotenhafen» (1959).


Ci Foto: Screenshot Youtube
50
Finis 6ermanorum
von Fabian Becker
Weil der Linksstaat Multikulti verordnet, müssen unsere Vorfahren aus den Schul­
büchern weichen - dafür feiern sie eine Wiedergeburt auf Netflix.

Wer in Deutschland wohnt. ist Deutscher - die­ vier Bundesländern. In den restl ichen fristen sie ein Das 1875 errichtete Hermannsdenk­
se These stammt unter anderem von einer gewis­ Schattendasein als Subjekt der römischen Hegemo­ mal südwestlich von Detmold erin­
nert an die Schlacht im Teutobur­
sen Na ika Foroutan. 1 983 floh ihr Vater aus dem Iran nialmacht. als kulturell minderwertiges, zeterndes
ger Wald. Im Jahre 9 n. Chr. fügte
in die Bundesrepublik. Nun wi l l die Ausländertoch­ Grenzvolk - Zeit für eine Spurensuche nach unse­ ein germanisches Heer unter dem
ter uns Inländern unsere Identität erklären. Damit ren Vorfahren. Cheruskerfürsten Arminius den
steht die Direktorin des Berliner Instituts für empi­ Römern eine vernichtende Nieder­
rische Integrations- und Migrationsforschung kei­ Unser viertausendiähriger Stammbaum lage zu. Foto: BeneFoto, CC BY-SA
4.0, Wikimedia Commons
nesfalls al lein. Mit ihrem Fachgebiet stellt sich der
etablierten Politik eine Hilfswissenschaft zur Seite, Andreas Vonderach hat jüngst einiges über
die die Multikulti-Perspektive auch im Geschichts­ die germanische Welt zusammengetragen: Schon
unterricht durchsetzen will. Foroutan ist der Mei­ der römische Historiker Tacitus zählte sorgfä ltig
nung, dass das Deutsche Reich «aus 39 mu ltirel igiö­ nur jene Stämme oder Völker dazu, die auch ger­
sen, multisprachlichen und multikulturel len Fürsten­ manisch sprachen. Dass es ein Gemei nschaftsge­
tümern» entstanden sei. Ihre Schlussfolgerung: Die fühl gab, weist der Anthropologe für die Kaiserzeit,
Vorstel lung, wir seien erst durch Migration «divers Völkerwanderung und das frühe M ittela lter nach.
und multikulturell» geworden, sei falsch. Für sie sind
wir Deutsche ledigl ich schon etwas länger hier Le­
Hier wurde das Wort di utisc ( lat. theodisk, später
deutsch) für alle germanisch sprechenden Stäm­
«Wir ... tragen die
bende, Findelkinder der Geschichte. me und Völker verwendet. Kurzum: Die Germanen Gene heute noch in
uns ... »
wussten, wer sie waren. Und wo kamen sie her?
Um diese Erzähl ung nicht zu stören, muss al­ Mit ei nem Blick auf Grabungsergebnisse in Sach­
lerdings eine Gruppe aus dem Schulunterricht ver­
schwinden: unsere Vorfahren, die Germanen. Inzwi­
sen-Anhalt lässt sich ein Bogen bis in die ferne Bron­
zezeit schlagen - zur Aunjetitzer Kultur (2300-1 500 Prof. Dr. Harald Meller
schen findet man sie nur noch in den Lehrplänen von v. Chr.). Die errichtete zur Zeit der Pharaonen in Mit- Ci
51
COMPACT Leben (i

macht in Germanien. Sie fiel schließlich den Franken


zu: Die schlugen 506 bei Straßburg die Alamannen,
531 die Thüringer an der Unstrut. Mit der Unterwer­
fung der beiden Stämme bildete sich eine germani­
sche Keimzelle heraus.

Weitere kamen hinzu: Als Sieger löste der frän­


kische König Chlodwig («Ruhmreicher Krieger », alt­
fränkisch: Hlodowig, deutsch: Ludwig) sein Verspre­
chen ein und ließ sich in Reims taufen. Aus Heiden
wurden Christen. Der Historiker James C. Russell
weist dabei auf die Wechselwirkungen der Christia­
nisierung hin, bei der es auch zu einer Germanisie­
rung der neuen Religion gekommen sei. Als Belege
führt er etwa die Heiligen- und Reliquienverehrung
oder das Sakralkönigtum ins Feld. Der germanische
Einfluss habe das weltabgewandte und universale
Christentum in einen lebensbejahenden und heroi­
schen Glauben gewandelt, der durch die ottonischen
Kaiser im 10. und 11. Jahrhundert gefestigt worden
sei. Die Vollendung dieser Synthese als architekto­
nisches Zeugnis war die gotische Kathedrale.

Eine fruchtbare svmbiose


Der Historiker Stefan Scheil unterdessen meint,
die germanische Prägung des christlichen Mittel­
alters dort zu erkennen, wo man es nicht unbe­
Germanische Astronomie: Die etwa teldeutschland das erste Reich in Europa. Ihr zwei­ dingt vermuten würde, in Herrschaftssymbolik und
4.000 Jahre alte Himmelsscheibe felsfrei eindrucksvollster Kultgegenstand: die Him­ Rechtsgeschichte: «So gehört zu den Symbolen der
von Nebra ist die älteste konkrete melsscheibe von Nebra. Nur eine kleine Oberschicht Königsherrschaft immer eine Lanze, vor und nach
Darstellung des Firmaments. Foto:
Dbachmann, CC BY-SA, Wikimedia dürfte vor 4.000 Jahren über das Wissen verfügt ha­ der Christianisierung. Heute wird die karolingische
Commons ben, um mit ihr die Sonnenwenden zu berechnen. Flügellanze in Wien als ,Heilige Lanze' ausgestellt.
In sie soll ein Nagel vom Kreuz Christi eingearbeitet
Heute liegt die Himmelsscheibe im Landesmu­ worden sein. Dieser Gedanke kommt erst im Hohen
seum für Vorgeschichte in Halle (Saale). Dessen Di­ Mittelalter auf. Die Übernahme der Lanze als Herr­
rektor, Prof. Dr. Harald Meiler, macht mit Forschungs­ schaftssymbol ist ein Zeichen kultureller germani­
ergebnissen auf sich aufmerksam, bei denen Mig­ scher Kontinuität, das erst spät umgedeutet wurde.»
rationspropagandisten wie Foroutan die Haare zu
Berge stehen dürften: Auf die Frage, ob angesichts
der in seinem Museum versammelten Funde eine
Verbindungslinie erkennbar sei, stellt er fest: «Wir
Es kam im Weiteren auch zu einer
_ Fabian Becker 1'1991] hat in
Bavreuth Geschichtswissenschaft
sprechen heute noch diese Sprachen, tragen die Germanisierung des Christen­
tums.
Gene heute noch in uns, sodass wir mit einer ge­
studiert. Seine Masterarbeit trägt wissen Berechtigung zwischen der Zeit um 2000 [v.
den Titel «Oer Erste Kreuzzug. Ein Chr.] bis heute von einer Bevölkerungskontinuität
Endzeit-Unternehmen?» Während ausgehen können. »
seiner Studienzeit absolvierte er Auch im Sachsenspiegel (1220-1235) lasse sich
verschiedene Praktika in Berlin, Germanische oder gar protogermanische Vor­ eine germanische Tradition erkennen: «Urheber Eike
unter anderem bei den Wissen­ fahren - war das nicht Propaganda des wilhelmini­ von Repgow zeichnete geltendes Recht schriftlich
schaftlichen Diensten des Bundes­ schen Kaiserreichs, die sich bei den Nazis zum ver­ auf, wahrscheinlich um dem damals aus Italien kom­
tages und der Gedenkbibliothek zu hängnisvollen Arier-Fimmel steigerte? Diese The­ menden, verschrifteten römischen Recht etwas ent­
Ehren der Opfer des Kommunis­ se wäre Grund genug für eine Auseinandersetzung gegenzusetzen. » «Erstmals in der Menschheitsge­
mus. Seit Juni 2019 arbeitet er als mit der eigenen Geschichte! Zum Beispiel in Schul­ schichte» , so Scheil, «wurde das Verbot der Skla­
Büroleiter für die Stadtratsfraktion büchern. Doch in Thüringen erfahren Schüler noch verei festgeschrieben. ( . . . ) Im römischen Recht
der AfO in Koblenz und befasst sich nicht einmal etwas über jenen Stamm, der ihrem hingegen konnte der Mensch schlichtweg zur Sa­
in seiner Freizeit mit europäischer Bundesland den Namen gab. Die mächtigen Thürin­ che werden. Es ist sicher gewagt, aber am Anfang
Frühgeschichte und dem christ- ger stritten im 6. Jahrhundert mit Franken und Ala­ des Endes der römischen Herrschaft in Germanien
$ lieh-germanischen Mittelalter. mannen («alle Männer unter Waffen») um die Vor- stand mehr als tausend Jahre zuvor ja ebenfalls der
52
[OMPA[T Leben (9

Versuch des Varus. das römische Rechtsverständnis Sigurd, genauso Platz wie geschichtliche Wegmar­
dem lande aufzuzwingen. Da wurden tief sitzende ken. Dabei stützen sich die Handlungsstränge we­
Buchtipp
Die neulinke Dekonstruktion
Unterschiede im Menschenbild schon damals poli­ sentlich auf eine Hauptquelle der Wikingerzeit: Die macht auch vor der Anthropo­
tisch wirksam. » Gesta Danorum (um 1200) eines Mönches, den man logie nicht halt. In seinem Buch
Saxo Grammaticus nannte. Gab es Germanen? (Verlag An­
Nicht zuletzt ist da noch die Sprache: Mit dem taios, 201 7) gibt der Oldenbur­
Hildebrandslied (8. oder 9. Jahrhundert) stellt ein Auch in Game of Thrones spiegeln die weißen ger Völkerkundler Andreas Von­
derach wissenschaftlich kontra.
in Althochdeutsch überliefertes germanisches Hel­ Wanderer, Wildlinge und der Schutzwall die nordi­ Dabei beleuchtet er zuerst den
denlied das älteste deutsche Sprachzeugnis dar. Das sche Sagenwelt wider. Vorläufer ist natürlich Tol­ Forschungsstand sowie die Ar­
in Mittelhochdeutsch verfasste Nibelungenlied (11. kiens Herr der Ringe. Gleich zwei Wissenschaftler gumentation linker Historiker,
Jahrhundert) spiegelt bereits die Kultur großer mit­ haben die germanischen Wurzeln des Epos heraus­ die die Volksidee im laufe der
telalterlicher Höfe wider. Dem Leser wird sofort sei­ gearbeitet: der Runen-Experte Wolfgang Krause und letzten Jahrzehnte zunehmend
als nationalistische Projektion
ne tragische Spannung klar: Zwar feiern die Schlüs­ zuletzt der Germanist Rudolf Simek. Ihr Befund: Vom
abgetan haben. Darauf aufbau­
selfiguren christliche Feste, im Zweifel aber han­ Erscheinungsbild Gandalfs, das Odin in der Völsun­ end, zeichnet er mit den Mitteln
deln sie nach germanischen Werten -und mit dem gen-Sage entlehnt ist, über die totenbeschwören­ von Geschichtswissenschaft,
Schwert. de Schwarzkunst (Seidr). die Sauron wie Odin aus­ Archäologie, Sprachwissen­
üben, bis zu dessen Ringen ist nahezu alles von der schaft und Soziologie ein eige­
nes Bild unserer Altvorderen:
mythischen Vorstellungswelt der Germanen inspi­
In der DDR wurde aus dem adligen
Die Germanen verstanden ein­
riert - was der Philologe Tolkien im Übrigen immer ander nicht nur. sondern hatten
einräumte. Dass Ringe als kultische Gegenstände
Cherusker ein Proletarier mit
auch ein gemeinsames Identi­
dienten, belegt der Goldring von Pietroasa (um 400). tätsbewusstsein.

Hörnerhelm.
Die Runen auf ihm warnen: «Der Goten Erbgut, hei­
lig und unberührbar. »

Für 2020 plant die Constantin-Film nun eine


Im 20. Jahrhundert machten die Nationalsozia­ Verfilmung des Nibelungenstoffes. Grundlage des
listen aus Germanen Übermenschen, richteten die Mehrteilers soll Wolfgang Hohlbeins Roman Ha­
Forschung politisch aus und streuten eine Botschaft: gen von Tronje (198 6) sein. Hagen soll als Held äl­
je germanischer, desto besser. Das Gefolgschafts­ terer Freiheitsrechte, Siegfried als Emporkömmling
wesen wurde, dem Zeitgeist entsprechend, als Vor­ dargestellt werden. der das Heidentum zugunsten
bild blinden Gehorsams gepriesen. Dabei gründete des Christentums verdrängen wolle. Ausgleichen­
es sich auf gegenseitige Verpflichtung, lateinisch de Gerechtigkeit: Die Schüler werden spätestens
consilium et auxilium - Rat und Tat. Bei den Sach­ dann wohl mit zahlreichen Fragen vorstellig wer­ Szenenbild aus der TV-Serie
sen wurden die Gefolgschaftsführer sogar gewählt. den - auch ganz ohne Schulbuch oder Lehrplan. ■ «Vikings». Foto: MGM Television
Die Schulbücher der DDR wiederum stilisierten die
Germanen zu Widerstandskämpfern. Aus dem adli­
gen Cherusker wurde im real existierenden Sozialis­
mus ein Proletarier mit Hörnerhelm. Daran knüpften
dann auch die 6 8er an. Ihnen galten unsere Vorfah­
ren als naturreligiöse Indianer Europas. deren Le­
bensart durch den römischen Imperialismus bedroht
wurde. Doch nun heißt es für unsere bunten Schul­
bücher wohl für immer: Die Nibelungen ziehen aus.

Runen auf Netflix


Germanen aber sind dafür bekannt, sich nicht
unterkriegen zu lassen. Sie kämpfen, insbesondere
um ihren Platz in der Geschichte. Und so steht dem
verordneten Auszug aus Lehrplänen ein ungeheurer
Aufstieg gegenüber - und zwar in der Populärkul­
tur. In der Blockbuster-Serie Vikings (seit 2013) ist
es Odin, Gott der Kriegerbünde und Urheber der Ru­
nen, der- in Blitz und Donner gehüllt- dem Krieger
Ragnar Lodbrok und seiner bald größer werdenden
Gefolgschaft den Weg zu fernen Ufern und zur Kö­
nigskrone weist. Geschickt verbinden die Staffeln
Götterwelt und Geschichte. Hier haben die Welt­
esche und Aslaug, die Tochter des Drachentäters 9
53
COMPACT Leben �

Der König der Tätowierer


von Maria Alexander Müller
Ein Hamburger gilt als Urvater der Tätowierung hierzulande und sen. Fachmännisch mustern sie die Zeichnung «Der
praktizierte sein Kunsthandwerk in vier deutschen Staaten. Egal ob Ruin des Mannes» - Frauen, Alkohol und Glücks­
spiel. Entstanden ist die Aufnahme auf Hamburg-St.
links oder rechts, das Stechen der Bilder in die Haut war und ist en
Pauli anno 1936. Heute, über 8 0 Jahre später, kann
vogue. Zeitgeist - oder Tradition? man die Tätowierung wieder bestaunen: im sozia­
len Netzwerk lnstagram, wo Tattoo-Fans unter dem
Hashtag #inspiredbywarlich die Sujets des frühen
20. Jahrhunderts wieder aufleben lassen. Und im
Museum für Hamburgische Geschichte, das dem
selbst ernannten «König der Tätowierer>> und an­
deren Pionieren seines Berufsstandes noch bis zum
25. Mai eine eigene Ausstellung widmet. Hier liegt
er, der «Heilige Gral»: geschützt unter einer dicken
Glasscheibe - Warlichs altes Vorlagenalbum. Ehr­
furchtsvoll drängen sich neben Typen im Rocker-Look
auch Akademiker mit Sakkos und dicken Hornbrillen
um die Vitrine. Was sie eint, ist die Faszination für
die raue Bildsprache sogenannter Traditional Tat­
toos: Dreimaster, bunte Flaggenbuketts, wilde Raub­
katzen, Blitzmädchen oder exotische Geishas, Dol­
che und Totenschädel erzählen zeitlose Geschichten
von Liebe, Hass, lebenslangen Bekenntnissen und
unerfüllten Sehnsüchten. «Alles, was der männliche
Körper ausdrücken soll», fasste es Warlich seiner­
zeit auf einer Werbekarte zusammen: «Politik, Ero­
tik, Athletik, Ästhetik». Es sind Relikte einer Volks­
kunst, die vor gut hundert Jahren schon einmal viel
weiter verbreitet war, als viele erwarten würden -
und die auch hierzulande durchaus auf eine lange
Tradition zurückblicken kann.

Zeichen der Zeit


Wer wissen will, wie die Tätowierung nach Euro­
pa und schließlich auf den Hamburger Kiez kam,
muss seine Spurensuche bei der Gletschermumie
Ötzi beginnen. Der ließ sich schon vor 5. 000 Jahren
ganze 61 primitive Zeichen mit Ruß unter die Haut
stechen. Später, um den Beginn unserer Zeitrech­
nung, zeigten sich die antiken Geschichtsschreiber
beeindruckt von den «bemalten» Thrakern und Kel­
ten. Die Römer wiederum setzten Tätowierungen
zur Kenntlichmachung von Verbrechern ein - und
gaben den frühchristlichen Sekten damit unfreiwil­
lig ein gemeinsames Erkennungszeichen. Während
Werbekarte, War/ich-Kunden: Das alte Schwarz-Weiß-Foto, auf dem Christian der Mission im 8. und 9. Jahrhundert war es dann
«Ausführung in allen Farben». Warlich am Kneipentresen sein Vorlagenalbum mit allerdings die Kirche selbst, die Verbote gegen den
Foto: Autor
Tattoo-Motiven präsentiert, wirkt wie eine Szene nunmehr als «heidnisch» geltenden Körperschmuck
aus der Netflix-Serie Peaky 8/inders. Links der Gast­ erließ. So verschwand dieser im Mittelalter bis auf
wirt und Tätowierer: ausrasierter Nacken, akkurater einige Ausnahmen: so etwa Jerusalem, wo sich
Scheitel und Krawatte, die hochgekrempelten Är­ Pilger bis heute im ältesten Tattoostudio der Welt
mel entblößen grobe Bilder auf den Armen. Rechts nach Kreuzfahrerbrauch religiöse Motive stechen
neben ihm, bei Schnaps und Bier über die Theke lassen können. Und auch in Bosnien und Herzegowi­
� gebeugt, drei Kunden, dem Aussehen nach Matro- na trägt noch manche Greisin christliche Ornamen-
54
COMPACT Leben (9

te unter der faltigen Haut, als Zeichen dafür, dass das abgebildete Haupt einer Schlange in den Körper
sie sich dem Islam nicht unterworfen hat. Nach is­ des Habsburger Thronfolgers Franz Ferdinand. Der
«Streng reell»
War Christian Warlich der «Kö­
lamischem Recht nämlich ist das Tätowieren eine Kopf des asiatischen Gl ückstattoos, munkelte man­ nig der Tätowierer»? Mit die­
große Sünde - gewissermaßen der falsche Dress­ cher Zeitgenosse, habe in die falsche Richtung ge­ ser Krone schmückten sich vie­
code an der Pforte zum himml ischen Paradies mit schaut - weswegen es seine Wirkung verfehlt habe. le, und es gab seinerzeit in den
seinen 72 Jungfrauen. Häfen der Welt Künstler, die
«Vier Arten von Motiven lassen sich seit Cook den Titel eher verdienten: etwa
Hori Chio in Tokio und Suther­
aus den frühesten Belegen in der europäischen Tä­
Sissi ließ sich in einer
land Macdonald in London, zu
towierung unterscheiden», schreibt der Kulturhisto­ deren Kunden die englischen
riker Stephan Oettermann: «Südseemotive ( . . . ). reli­
griechischen Hafenkneipe einen
Royals zählten. Oder den New
giöse Tätowierungen, Zugehörigkeits-, Erinnerungs­ Yorker Lewis Alberts, den der
«rasende Reporter» Egon Erwin
Anker stechen.
und Identifikationszeichen, wie sie bei Soldaten zu
Kisch über alles lobte. Unter
finden sind», sowie «Zugehörigkeitszeichen als Form
den deutschen Kollegen jedoch
politischer Parteinahme, wie sie wahrscheinlich erst war der Hamburger ein Pionier,
mit der Französischen Revolution aufkamen». Wie der sein Handwerk modernisier­
Dass Tattoos inzwischen wieder ein Massen­ brisant derartige Hautbekenntnisse sein konnten, te: Als einer der ersten nutzte
phänomen geworden sind, hat ebenfalls mit einem zeigt der Fall des Franzosen Jean-Baptiste Berna­ er die 1 891 in den USA erfunde­
ne elektrische Tätowiermaschi­
«Paradies» zu tun. das allerdings irdischer Natur dotte, der 1 804 von Napoleon zum Marechal d'Emp­
ne und stach 54 Jahre lang ehr­
ist: Im Jahr 1 769 entdeckte der Engländer James ire ernannt und 1 8 1 8 als Karl XIV. Johann König von lich und professionell - «streng
Cook Tahiti. Von hier brachte die Besatzung seiner Schweden und Norwegen wurde. Als der Monarch reell», wie er es ausdrückte.
«Endeavour» nicht nur beeindruckende Hautbilder. 1 844 in Stockholm starb, entdeckten die verdutz­ Das unterschied ihn von Zeitge­
sondern auch den Begriff Tatau mit, der so viel wie ten Ärzte auf seinem linken Oberarm eine Tätowie­ nossen wie «Polen-Leo», «Franz
von Mexiko » oder (<Frikadel­
«Wunden schlagen» bedeutet - und Omai, einen von rung, die er zeit seines Amtes peinlich versteckt ge­
len-Paul». Warlich ist «nicht nur
Kopf bis Fuß mit Stammessymbolen bedeckten poly­ halten hatte: «Freiheit. Gleichheit, Brüderlichkeit - unbestritten Deutschlands be­
nesischen «Prinzen». der alsbald in den Londoner Sa­ Tod dem König», stand dort geschrieben. Darunter deutendster Tätowieren>, so
lons herumgereicht wurde. Nachdem das Tätowie­ prangten ein Totenschädel und ein Hakenkreuz. der Volkskundler Adolf Spamer
ren auf diesem Umweg nach Europa zurückgekehrt 1 933, «sondern genießt auch
war, breitete es sich über das Netz der Hafenstäd­ Das Rätsel der Rezeptur als Künstler der Tätowiernadel
einen internationalen Ruf, zu
te rasant aus. Waren es anfangs vor al lem Seeleu­ dem ihm gleichermaßen tech­
te, Soldaten und Häftl inge gewesen, die ihre Haut Man kann nur mutmaßen, wie erleichtert Karl nisches Können wie geistige
mit Farbe verzierten, setzte ab der zweiten Hälfte XIV. damals über einen Christian Warlich gewesen Überlegenheit verhalfen. »
des 1 9. Jahrhunderts ein regel rechter Tattoo-Boom wäre. Denn der gelernte Kesselschmied, der 1 891
ein. Experten gehen davon aus, dass um diese Zeit in Li nden (Hannover) geboren wurde, bevor er zur
etwa 1 5 Prozent der Bevölkerung tätowiert waren, See fuhr und sich schließlich in Hamburg nieder­
bevor der Hautstich Mitte des 20. Jahrhunderts vo­ l ieß, stach nicht nur elektrische Tätowierungen in War/ich sticht einen Hafenarbei­
rübergehend aus der Mode kam. erstaunl icher Qual ität, sondern entfernte sie auch ter, vermutlich 1930. Auch in
der NS-Zeit brummte das Tat­
wieder - «garantiert ohne Stechen und Schneiden». too-Geschäft weiter. Foto: SHMH.
Blaues Blut und blaue Farbe Hierfür nutzte er eine geheimnisvolle schwarze Tink­ Museum für Hamburgische
tur, die die Haut absterben l ieß, so dass man sie Geschichte
Dabei war die Tätowierung keinesfalls nur
Schmuck der armen Leute: So l ieß sich die öster­
reichische Kaiserin Sissi mit 51 Jahren in einer grie­
chischen Hafenkneipe einen Anker auf die Schulter
stechen - sehr zum Leidwesen von Franz Joseph, der
entsetzt über die «fürchterliche Überraschung » ge­
wesen sein soll. Allerdings waren die im Bürgertum
nach wie vor schroff abgelehnten Tätowierungen ge­
rade wegen ihres verruchten Images in Adelskreisen
keine Seltenheit. So klagte Rudolf Virchow, Direktor
der Berl iner Charite, 1 897: «Wir haben es in letzter
Zeit erlebt, dass im Passage-Panoptikum feine Da­
men sich vor den Tischen birmanischer Tätowierer
drängten, um sich Zeichen in die Haut stoßen zu las­
sen. » Zu den prominenten Trägern gehörten um die
Jahrhundertwende der König von Griechenland, Prinz
Heinrich von Preußen, Zar Nikolaus II. sowie zahlrei­
che Mitglieder der engl ischen Königsfamilie. Auch
die Kugel, die 1 91 4 in Sarajewo den Ersten Weltkrieg
auslöste, drang laut Obduktionsbericht direkt durch 9
55
[OMPA[T Leben Ci

ohne Farbrückstände abziehen konnte . Zurück blie­ erklärte - und Recht bekam. Das Dokument räumt
ben Narbengewebe und ein konserviertes Stück erstmals auch mit dem hartnäckigen Gerücht auf,
Haut, das der Hamburger gerne zusammen mit den während der Zeit des Nationalsozialismus sei das
Motiworlagen in die Scheibe seiner Kneipe hängte, Tätowieren verboten gewesen: Tatsächlich brumm­
in deren Ecke sich das «Atelier moderner Tätowie­ te Warlichs 1919 eröffnetes Geschäft damals unge­
rungen» befand. Warlich tauschte sich mit Ärzten hindert weiter. Allerdings ist es wohl nur eine Le­
und Fachleuten aus, das Hamburger Universitäts­ gende, dass er ein Parteigänger Hitlers gewesen sei,
klinikum schickte gar seine Patienten zu ihm. Der womöglich gar KZ-Häftlinge zwangstätowiert habe,
Tätowierer versprach, der Klinik eines Tages seine auch wenn seine Kneipe als Treffpunkt der lokalen
Formel zu vererben. Doch dazu kam es nie. Lange Nazis galt. 1933 kamen vielmehr alle, die missliebi­
hieß es, Warlich habe seine streng geheime Rezep­ ge Sowjetsterne und Ähnliches dringend loswerden
tur mit ins Grab genommen. Sie wurde zum regel­ wollten - und war das Motiv zu groß, wurde es eben
rechten Tattoo-Mythos. umgestochen. So entschärfte der Tätowierer schon
mal ein quer über die Brust gestochenes «Rot Front! »
zu «Rettet die Front! ». Zwölf Jahre später waren es
1933 kamen alle, die missliebige dann die Hakenkreuze, die verschwinden mussten.
Warlich hingegen blieb bis zu seinem Tod 1964 eine
Sowjetsterne loswerden wollten. waschechte Kiezlegende. Man schätzt, dass er rund
50.000 Kunden aus aller Welt unter der Nadel hatte.
Am Ende seines Lebens bemühte sich der Hambur­
Motiv aus Warlichs Vorlagenalbum,
um 1934. Einflüsse kamen auch aus
Erst vor zwei Jahren konnte der Hamburger ger um die Anerkennung seiner Arbeit als Kunstform,
den USA und Ostasien. Foto: Chris­ Kunsthistoriker und Ausstellungskurator Die Witt­ beschäftigte sich mit Albrecht Dürer und entwarf
toph Irrgang, SHMH mann das Geheimnis lüften: destilliertes Was­ zeitlose Ideen, die heute noch genauso gut funktio­
ser, Äther, Kali, Kochsalz, arsenfreie Schwefelsäu­ nieren wie damals. Sein Credo: «A tattoo must be
re. Fündig wurde er in den Archiven. 1935 hatte black. Keine dünnen Linien stechen, sondern kräf­
ein Seemann den Tattoo-Entferner Warlich wegen tig modellieren - wie die Japaner.» Für Farbnostal­
einer Entzündung bei den Gesundheitsbehörden an­ giker, die sich Tradition statt Trend auf die Fahnen
Anzeige
gezeigt, woraufhin dieser seine Methode schriftlich schreiben, gelten diese Worte bis heute. ■

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56
Heideggers Kampf um Midgar
_ von Michael Kumpmann
Kleine Geschichte des japanischen Animationsfilms von den Anfängen bis zur Gegen­
wart: Ins Auge stechen die häufigen Bezüge zur deutschen Philosophie - und das ist
keineswegs zufällig.

Nur drei Sekunden lang ist die Sequenz, die am der ganzen Welt erfreut, boomte in Japan schon in Die Netflix-Serie {(Castlevania»
Anfang der Trickfilmgeschichte steht: 50 per Hand der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts: Produk­ basiert auf dem gleichnamigen
Computerspiel des Tokioter Herstel­
auf 35-Millimeter-Zelluloid gedruckte Bilder, die tionsfirmen schossen wie Pilze aus dem Boden, 1937
lers Konami. Die Amerikaner haben
einen kleinen Jungen im Matrosenanzug zeigen, der gab es den ersten farbigen Kurzfilm Katsura Hime, den japanischen Anime-Stil bis ins
die Worte «Katsudo Shashin» («bewegte Bildern) auf der von der Entführung einer Prinzessin erzählt, und Detail adaptiert. Foto: Netflix
eine Tafel schreibt. Das Fragment eines unbekann­ im Zweiten Weltkrieg war das Militär Hauptauf­
ten japanischen Künstlers stammt von 1907, ent­ traggeber der Streifen, die vor allem der nationalen
deckt wurde es fast 100 Jahre später-ein Historiker Selbstvergewisserung dienen sollten. Entsprechend
aus Osaka war 2004 eher zufällig auf das Material scharf wurden sie nach dem Krieg von der amerika­
gestoßen. Auch die erste Zeichentrickgeschichte nischen Besatzungsmacht kontrolliert. Erst 1958 er­
wurde nicht etwa in den USA, sondern im Land des schien mit Hakujaden der erste Anime in Spielfilm­
Lächelns auf die Leinwand gebracht: Mit Steambo­ länge, mit Magie Boy ging man 1961 an den interna­
at Willy lernte Walt Disneys Mickey Mouse 1928 tionalen Markt. Dies war auch der erste japanische
in Los Angeles das Laufen, doch Seitaro Kitayamas Trickfilm, der in Deutschland gezeigt wurde.
Pfirsichjunge erfreute schon 13 Jahre zuvor in To­
kio das Publikum. Die politische Lage spiegelte sich bis dahin in Kitavamas
Faschismus reloaded
den Anime-Filmen kaum wider. Das änderte sich
schlagartig in den 1970er Jahren, als der Trend zu
«Pflrsichjunge»
Pionier Kitayama, der 1 921 das erste japanische
großen Science-Fiction-Dramen wie Battleship Ya­
mato (1 974) oder Mobile Suit Gundam (197 9) ging.
lernte 13 Jahre vor
Trickfilmstudio gründete, setzte eine Entwicklung in Bei Letzterem handelt es sich um ein Kriegsepos. Disnevs Mickev
Gang, die mit der modernen Kulturgeschichte Nip­
pons aufs Engste verbunden ist. Was heute unter
das sich über mehrere Jahrhunderte erstreckt. Dar­
gestellt wird der Versuch der Menschheit, das Welt­ Mouse das Laufen.
der Bezeichnung Anime bekannt ist und Fans auf all zu kolonisieren. Das anfangs einvernehmliche (i
57
[OMPACT Leben 8

Heidi, Wickie und


Biene Maja
Die bei uns erfolgreichsten und
bekanntesten Anime-Serien ba­
sieren auf literarischen Vorla­
gen aus dem deutschsprachi­
gen und europäischen Raum.
kommen jedoch allesamt aus
japanischer Produktion. 1 974
produzierte das in Tama in der
Präfektur Tokio ansässige Stu­
dio Zuiyo Enterprises (heu-
te: Nippon Animation) die Se­
rie Heidi nach einem Roman der
Schweizer Schriftstellerin Jo­
hanna Spyri (1827-1 901 ). im
selben Jahr ging Wickie und
die starken Männer nach der
Kinderbuchvorlage des Nor­
wegers Runer Jonsson ( 1 9 1 6--
2006) an den Start. 1 975 folgte
dann die Serie Die Biene Maja,
die auf den Büchern Die Bie-
ne Maja und ihre Abenteuer
( 1 912) sowie Himmelsvolk des
deutschen Romanciers Walde­
mar Bonseis (1 880--1 952) ba­
sieren. Auch für diese Produk­
tionen zeichnete Zuiyo Enterpri­
ses verantwortlich. Die Animes
wurden zunächst ausschließlich Unterfangen wird zu einem bewaffneten Konflikt und Ghost in the Shell (1995), die bis heute zu den
für den deutschen Markt produ­ zwischen den Nationen. in dem immer mehr Staa­ im Westen bekanntesten Animes gehören und prä­
ziert, liefen später aber auch im ten zu totalitären Terrorsystemen mutieren. genden stilistischen Einfluss auf Hollywood-Streifen
japanischen und sogar im ame­ wie die Matrix-Saga (1999--2003) hatten.
rikanischen Kinderprogramm.
In Fernost und Übersee fanden
In der realen Welt bildete Tokio mit Washing­
sie jedoch weitaus weniger An­ ton und seinen Verbündeten in Südkorea damals Von Heidelberg nach Kvoto
klang als in Deutschland. eine Abwehrfront gegen das kommunistische Chi­
na Maos. Als Gegenbewegung traten die Zengaku­ In dem 1987 von dem Tokioter Unternehmen
ren in Erscheinung, das japanische Pendant zur deut­ Square entwickelten Computerspiel Final Fanta­
Radikaler Protest: Vermummte
Demonstranten der linken Studen­ schen APO. Auch in Tokio fanden 1968 Studenten­ sy, das als Vorlage für drei Animationsfilme diente,
tenorganisation Zengakuren mar­ proteste statt. die Regierung ging scharf dagegen taucht ein Charakter namens Heidegger auf. Er ist
schieren am 21. Oktober 1968 mit vor. es gab sogar eine Tote. Viele Animes der 1970er Leiter des Amtes zum Erhalt der allgemeinen Sicher­
Holzlatten bewaffnet in Tokio auf spiegeln die Ängste jener Generation wider. die - heit und Oberbefehlshaber der Streitkräfte von Shin­
Es kam zu schweren Auseinander­
setzungen mit der Polizei. etwa 700
diesmal mit Unterstützung der USA - einen neuen Ra, eines Megakonzerns, der über staatliche Gewalt
Personen wurden festgenommen. Faschismus heraufdämmern sah. verfügt und zu dessen Besitz unter anderem die fikti­
Foto: picture-alliance/ dpa ve Welthauptstadt Midgar zählt. Der Name der Me­
In den 1980er Jahren wurden die japanischen tropole erinnert nicht rein zufällig an Midgard, eine
Animationsfilme zunehmend anspruchsvoller - und der neun Welten der nordischen Mythologie, die
es tauchten Bezüge zur deutschen Philosophie und Heimat der Menschen. Eine ganze Folge der 1995
zur Psychoanalyse Sigmund Freuds auf. Neue Inde­ produzierten Serie Neon Genesis Evangelion ist der
pendent-Studios wie Ghibli oder Gainax entstanden. Philosophie Schopenhauers gewidmet, und das auf
und mit Serien wie Da/los (1983) oder Megazone 23 typischen Manga-Figuren basierende Game Xeno­
(1985-1989) - ein Teenager findet heraus. dass er gears (1998) nimmt Anleihen bei Nietzsche.

Die Kvoto-
in einer gigantischen Computersimulation lebt, in
der die Menschheit von Maschinen eingesperrt wur­ Warum gerade deutsche Denker so oft in An­
Schule verbindet de - gab es erstmals Produktionen. die ausschließ­
lich dem aufkommenden Videomarkt vorbehalten
imes rezipiert werden, erklärt sich mit der Geschich­
te der japanischen Philosophie der Nachkriegszeit.
existenzialistisches waren. Dies verschaffte den Regisseuren die Mög­
lichkeit, sich von den strikten Vorgaben der TV-Sen­
Die wichtigsten Impulse in diesem Bereich gingen
nämlich von Professoren der Philosophischen Fakul­
Denken mit der zu lösen und Stoffe zu entwickeln, die auf der tät der Universität von Kyoto aus, die vor dem Krieg

Buddhismus. einen Seite brutaler und erotischer, oft aber auch


intellektuell anspruchsvoller wurden. Höhepunkte
in Deutschland studiert hatten, oft in Heidelberg bei
Martin Heidegger. Nach 1945 verband diese soge­
(i dieser Entwicklung waren Filme wie Akira (1988) nannte Kyoto-Schule Heideggers Phänomenologie,
58
[OMPACT Leben 9

Existenzialismus und deutsche Klassiker mit bud­ spiel dafür ist der Regisseur Gen Urobuchi, dessen
dhistischem Denken. Werke sich inhaltlich an den Animes der 1 980er und
1 990er orientieren. Urobuchis Fernsehserie Madoka Madoka wird zur
Die Philosophie der Kyoto-Schule geht davon aus,
dass die Grundemotion des menschlichen Daseins
Magica (201 1 ) folgt zwar insofern dem Moe-Trend,
als dass die Hauptfigur ein Teenager-Mädchen na­
Hexe Kriemhild
Angst ist. Dies rührt daher, dass alles Existieren­ mens Madoka Kaname ist, die Geschichte ist aller­ Gretchen, die die
de vergänglich und «intrinsisch bedeutungslos» ist. dings ein philosophisches Lehrstück mit Bezügen zu
Daher strebe alles nur dem eigenen Ende, oder, wie Nietzsche, Kierkegaard und dem Buddhismus: Men­ ganze Welt ver­
diese fernöstlichen Intellektuellen sagen, dem «ab­
soluten Nichts» entgegen. Der Mensch neige dazu,
schen werden durch magische Kräfte befähigt, sich
ihre größten Wünsche zu erfüllen, doch aus ihren nichten kann.
sich dem Gedanken der Endlichkeit zu verweigern, persönlichen Begierden erwachsen höchst negati­
doch gerade die Erkenntnis dieser Unausweichlich­ ve Konsequenzen: Durch den Sieg über die Oberhexe
keit könne ihn erst freimachen und dazu befähigen. Walpurgisnacht wird Magie Girl Madoka selbst zur
ein gutes Leben zu führen. Hexe Kriemhild Gretchen, die in der Lage ist, die ge­
samte Welt zu vernichten.
In den japanischen Animes der 1 990er Jahre fin­
den sich solche existenzialistischen Bezüge in fol­ Urobuchis Krimi Psycho-Pass (201 5) wieder­
genden Motiven wieder: Die Welt ist dem Unter­ um nimmt Anleihen bei Science-Fiction-Filmen der
gang geweiht, der Mensch kann die Katastrophe 1 980er Jahre wie 8/ade Runner und zeichnet das
zwar nicht aufhalten, aber Einzelne können dennoch düstere Bild eines futuristischen Polizeistaates, der
zum Helden aufsteigen, indem sie Haltung bewah­ mithilfe von Künstlicher Intelligenz nach «psychisch
ren und bis zum bitteren Ende kämpfen. Die reale gefährlichen Personen» sucht, um diese unschäd­
Kulisse dafür bildeten sowohl das von vielen Öko­ l ich zu machen, bevor sie Verbrechen begehen kön­
nomen vorausgesagte Platzen der sogenannten Bub­ nen. Am Ende stellt sich jedoch heraus, dass die
ble Economy als auch die zunehmenden apokalypti­ schlimmsten Psychopathen das System überlisten
schen Umweltszenarien, die sich vor allem an den konnten und nun in der Regierung sitzen. Allzu weit
Smog-Problemen in den japanischen Großstädten von der Realität scheint diese Dystopie nicht ent­
festmachten. Zugleich strömten viele ehemalige fernt zu sein. ■
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Zengakuren, die inzwischen politisch desillusioniert
waren, in die Anime-lndustrie und drückten dieser
ihren Stempel auf. Bestätigt fühlten sich die Pessi­
misten und Apokalyptiker etwa durch den Giftgasan­
schlag der Aum-Sekte auf die Tokioter U-Bahn 1 995, Wir werben in COMPACT, weil wir die
aber auch durch die Wirtschaftskrisen am Ende des patriotische Sache unterstützen wollen.
Jahrtausends.
Nicht, weil wir Werbung nötig hätten.
Psvchopathen an der Macht
Unser Pflegedienst Regenbogen ist be­
Als Reaktion auf die dystopischen Filme dieser
reits weit über die Grenzen der nördli­
Zeit-womöglich aber auch als Ausdruck totaler Re­
chen Oberpfalz hinaus bekannt. Mit 250
signation - setzte sich in den Animes seit der Jahr­ Mitarbeitern gilt er als größter ambulan­
tausendwende immer mehr der sogenannte Moe­ ter Pflegedienst Deutschlands.
Trend durch, der mit Heile-Welt-Szenarien und be­
Deshalb ist diese Anzeige keine Wer­
tont naiven Plots den Traum einer ewigen Jugend
bung für uns. Sondern unser Danke­
und Unbeschwertheit transportiert. Zu diesem Kon­
schön an J. Elsässer und sein Team für eine der wenigen lesenswerten Zeitschriften
zept, das Kritiker auch als Ausdruck von Realitäts­ - und ein Weckruf, die mutige Aufklärungsarbeit von COMPACT zu unterstützen.
flucht betrachten, gehören auch die Waifus - un­
schuldige Mädchen als Projektionsfläche unerfüllter, Wir brauchen keinen Breitbart. Wir haben uns.
mitunter auch sexueller Sehnsüchte (siehe COM­ Und das wäre mehr als genug, wenn wir alle bereit wären, zu handeln. Wenn ge­
PACT 1 2/201 9). Mangas und Animes wie Kanon nügend patriotische Unternehmer so wie wir in COMPACT werben, könnte schnell
(2006), die dem Moe-Trend zuzuordnen sind, bedie­ genug Geld zusammen kommen, um zum Beispiel einen eigenen TV-Sender zu fi­
nen oft das Peter-Pan-Syndrom vieler Fans: Man will nanzieren und die Auflage und Bekanntheit von COMPACT deutlich zu erhöhen.
nicht erwachsen werden - und flüchtet sich in eine Die Zeit d rängt. Machen Sie's wie wir: Werben auch Sie als Patriot in COMPACT,
Fantasiewelt, in der man von realen Problemen ver­ und helfen Sie mit.
schont bleibt.

Obwohl solche seichten Stoffe den japanischen


Animationsfilm bis heute dominieren, hat sich in­ <Pj[eged'ienst_-e:==�
zwischen eine Gegenbewegung entwickelt. Ein Bei-
JRegen6ogen_
Pflege in I h rem eigenen Zuhause.
Kultur des Monats
Februar
Wer das Närrische während der tollen Tage meiden will, findet in digen Opfers unserer Kräfte für diejenigen, die uns
der deutschen Kultur ein Refugium: Beethovens 250. Geburtstag so viel geopfert haben. » Und so war es auch nur fol­
gerichtig, dass Richard Wagner im Mai 1 849. als es
bietet viele Zugänge zu seinem großen Werk, und auf den Spuren
erneut um Deutschlands Freiheit ging, zu den Klän­
der Gebrüder Grimm erfährt man das kollektive Unbewusste, das gen der 9. Sinfonie mit Schil lers berühmter «Ode
ihre Märchen geprägt hat. Dort hausen mittlerweile aber auch die an die Freude » in Dresden auf die Barrikaden stieg.
Ungeheuer der Serienwelt . . .
Anlässl ich des 250. Geburtstages des großen
Komponisten finden 2020 in der gesamten Republik
Ludwig van Beethoven in einer Dar­ Die Menschheit, die Nation unzählige Konzerte, Ausstellungen und andere Ver­
stellung von Joseph Karl Stieler anstaltungen statt. So wird ab dem 1 . Februar in sei­
aus dem Jahr 1820. Foto: CCO, Der Dirigent und Musikkritiker Paul Bekker er­ ner Heimatstadt Bonn der Stummfilm Beethoven -
Wikimedia Commons
kannte als zentrales Motiv im Werk Ludwig van Der große Einsame ( 1 927) aufgeführt, live begleitet
Beethovens die «Freiheit in künstlerischer, politi­ vom Metropol is Orchester Berlin. In derselben Stadt
scher, persönlicher Hinsicht» . Beethoven ging es ist noch bis Ende April die Ausstellung «Beethoven.
aber auch um die Freiheit der Nation. Dies dokumen­ Welt. Bürger. Kunst» in der Bundeskunsthalle zu se­
tierte er unter anderem 1 797 mit der Vertonung des hen. Ab 30. Januar gibt es die Premiere von Fidelio
antinapoleonischen «Kriegsl ieds der Österreicher» im Heidelberger Theater, ab dem 5. März präsen­
mit dem Eingangsvers «Ein großes deutsches Volk tieren die Berliner Philharmoniker unter der Leitung
sind wir», dem nach dem Sieg über die Franzosen von Sir Simon Rattle Beethovens Oratorium Chris­
«Germania, wie stehst Du jetzt im Glanze da » folgte. tus am Ölberge, das Leipziger Bach-Museum zeigt
ab 27. März die Ausstellung «Bach und Beethoven
Weitgehend in Vergessenheit geraten sind heu­ als Klassiker» und im Dresdner Kulturpalast treten
Partitur in Beethovens Handschrift. te seine Stücke zu Ehren von Eleonore Prochaska am 20. Mai die Londoner Academy of St Martin in
Fotos: Beethoven Haus Bonn und der Lützower Jäger, deren Veteranen er 1 8 1 3 the Fields und die Klavierlegende Murray Perahia
bei der Uraufführung seiner 7 . Sinfonie i n Wien mit auf, die unter anderem die Corio/an-Ouvertüre spie­
den Worten begrüßte: «Uns alle erfül lte nichts als len. Eine Übersicht mit allen Veranstaltungen bun­
(i das reine Gefühl der Vaterlandsliebe und des freu- desweit findet sich unter bthvn2020.de. (dp) ■
60
[OMPA[T Leben �

Die Märchen, die Farben Das Universum, die Psvche


Darf man seinen Kindern eigentlich noch deut­ Neben dem Weltraum hat Hollywood auch den
sche Märchenvorlesen? Wo süße Prinzessinnen und inneren Kosmos als Kampfplatz entdeckt: Die Ma­
starke Helden noch völlig unbeleckt vom Genderis­ trix-Trilogie spielt in einer - extern hervorgerufe­
mus sind? Wo der Tüchtige belohnt und der Gauner nen - Imagination. Bei lnception okkupieren Agen­
bestraft wird? Waren die Gebrüder Grimm, die die ten gegenseitig ihr Unbewusstes. Der Seelenkos­
meisten dieser schönen Geschichten dem Volksmund mos entpuppt sich als ebenso unberechenbar wie
abgelauscht haben, nicht ohnedies Antisemiten? fremde Planeten: bewohnt von Monstern der Ver­
gangenheit.
Von all dem neudeutschen Palaver unbeeindruckt,
hält das Ausstellungshaus Grimmwelt Kassel stand. In Russland hatte Andrei Tarkowski mit Solaris
«Sprache, Märchen und Biografisches werden ( . . . ) für das Psycho-Duell zwischen einem intelligenten Pla­
Offizieller Filmstart ist der 6. Feb­
alle Altersklassen attraktiv aufbereitet. Zusammen neten und einem der Besatzer inszeniert. Dabei ma­ ruar. Foto: capelight pictures OHG
mit Künstlern ( . . . ) knüpft die Grimmwelt einfallsreich terialisierten sich deren schlimmste Traumata. Der
im Heute an. » Im sogenannten Erlebnisraum kann Mensch steht beidseitig in düsterer Unendlichkeit:
man sich auf Spurensuche begeben. «Der Rundgang psychisch wie physisch. Anfang Februar startet ein
nimmt seinen Anfang ( . . . ) bei der Sprach- und Kul­ neuer russischer Scifi-Kinofilm zu diesem Themen­
turforschung, bevor er zu Hexen, Zwergen und Wöl­ komplex, The Coma : Nach einem Unfall erwacht ein
fen führt. Die Buchstaben des Alphabets weisen den junger Architekt in einer dystopischen Welt. Zusam­
Weg, und Begriffe aus dem Deutschen Wörterbuch mengesetzt aus Bruchstücken der Erinnerung, aber
der Grimms bilden die Überschriften ( . . . ). » von der Psyche durchmischt: Meere, Gebirge und
Metropolen ineinandergeschoben, gebrochene Per­
Die neue Ausstellung Rates Käppchen, blauer spektiven, Hightech in rostigen Ruinen. Zeichnungen
Bart - noch zu sehen bis 13. April - bietet freien von M. C. Escher wirken dagegen eindimensional.
Eintritt für alle, die in Märchenkostümen kommen: Mühsam probiert der komatöse Patient, die Gesetz­
Die kinderreiche Familie kann da ordentlich sparen. mäßigkeiten der Innenwelt zu erfassen. Bald bitten
Im Begleittext heißt es: «Entdeckt die Symbolik der Einwohner ihn um Hilfe: Sie werden von unheimli­
Farben, taucht ein in Frau Halles Goldregen und fin­ chen Wesen verfolgt, und der Architekt soll sie zu
det Euren farbigen Schatten! ( . . . ) Die Welt der Mär­ einem sicheren Ort führen. Außerdem findet er in Bild unten links: Teil der Märchen­
ausstellung: Der Wolf wartet in
chen ist bunt, doch Farben werden in ihnen überra­ diesem entfesselten Universum seine große Liebe. Großmutters Hütte auf Rotkäpp­
schend sparsam eingesetzt. Trotzdem - oder gera­ Vor allem aber stellt sich die Frage: Wie lässt es sich chen. Foto: GRIMMWELT Kassel,
de deswegen-stechen sie sofort ins Auge: Weißer nach solcher Erfahrung wieder in der Realität leben? Nikolaus Frank
Schnee kontrastiert mit rotem Blut, ein blauer Bart
schimmert unheimlich, ein kleines rotes Käppchen Regisseur Nikita Argunov ist ein Visual-Ef­
prägt eine komplette Märchenfigur. » Besonders se­ fects-Künstler, dessen Fantasie es mit der seiner
henswert: die Illustrationen der Grimmgeschichten US-Kollegen durchaus aufnehmen kann. The Coma Szenenbild aus «The Coma».
aus früheren Zeiten. (fb) ■ ist sein Regiedebüt. (jg) ■ Foto: capelight pictures OHG

(i
61
COMPACT Kolumnen (9

Hartlages BRD-Sprech Menschheit


Selbstverständlich gibt es eine Menschheit als
additive Gesamtheit aller Menschen. Sie ist aber
keine Solidargemeinschaft: keine Struktur, inner­
halb derer wechselseitige Solidarität mit einer ge­
wissen Selbstverständlichkeit erwartet werden
kann und die deshalb in der Lage wäre, die Nation
zu ersetzen. Genau dies wird in der öffentlichen
Sprache der BRD aber häufig suggeriert - und im­
pliziert dann, dass die Interessen dieser empirisch
nicht existenten, aber ideologisch postulierten grö­
ßeren Einheit im Zweifel automatisch Vorrang vor
denen der kleineren haben müssten.

Für Machthaber ist diese Begriffsverwirrung in­


sofern praktisch, als es niemanden gibt und geben
kann, der authentisch «die Menschheit» und deren
Interessen repräsentiert. Zu definieren, was diese
Interessen gerade zu erfordern scheinen, bleibt da­
mit denen überlassen, die am längsten Hebel sit­
zen. Es liegt in ihrem - und nur in ihrem - Interesse,
eine Moral zu propagieren, wonach jegliche Solida­
rität gegenüber sozialen Einheiten, die kleiner sind
als die Menschheit, sozusagen ein Verrat an letzte­
rer sei. Was auf den ersten Blick plausibel klingt -
welcher Mensch will schon «gegen die Menschheit»
sein? -, ist in Wahrheit Betrug:

Erstens hat Solidarität nur Bestand, wenn sie sehen sozialer Solidarität und genetischer Ver­ Sie wollen die Menschheit ret-
auf Gegenseitigkeit beruht, also wenn der sich soli­ wandtschaft. Der eigenen Familie ist man mehr ten.· 2005 empfing der damalige
UN-Generalsekretär Kofi Annan die
darisch Verhaltende realistischerweise die Existenz verpflichtet als dem eigenen Volk, dem Volk mehr als
Pop-Aktivisten Bono /r.) und Bob
einer Solidargemeinschaft unterstellen und daher er­ der Menschheit, der Menschheit mehr als der Tier­ Geldof. Foto: picture-alliance/ dpa/
warten kann, gegebenenfalls selbst von ihr getragen welt, und selbst innerhalb der Tierwelt privilegiert dpaweb
zu werden. Wo er dies nicht erwarten kann, schraubt das Gesetz noch Wirbeltiere gegenüber Nicht-Wir­
er seine Opferbereitschaft entsprechend herunter, beltieren, also die engeren Verwandten gegenüber
und dies ist nicht unmoralisch, sondern realistisch. den ferneren.
Je schwächer eine Solidargemeinschaft als solche
ist, desto weniger ist man bereit, für sie zu tun. Unter Weißen ist dieser Zusammenhang schwä­
cher ausgeprägt als bei anderen Völkern, vermutlich
weil ihre Kulturen sich von alters her durch exoga­
Solidarität hat nur Bestand, wenn me Familienstrukturen auszeichnen, Ehen innerhalb
der engsten Verwandtschaft also seit Jahrtausen­
sie auf Gegenseitigkeit beruht. den möglichst vermieden werden, so dass entspre­
chende Dispositionen sich auch genetisch niederge­
schlagen haben dürften.
Zweitens wären die Menschen längst ausgestor­
ben, wenn sie auf Ideologen hätten warten müssen, Damit sind Weiße Sonderlinge: Bei den meisten
die ihnen erklären, mit wem ein konkreter Mensch anderen Völkern ist die Solidarisierung entlang eth­
solidarisch zu sein hat. Sie müssen schon von sich nischer Grenzen eine blanke Selbstverständlichkeit.
aus spüren, von wem sie welches Maß an Solida­ Aber auch bei Weißen bedurfte es massiver Indoktri­ _ Manfred Kleine-Hartlage ist
rität zu erwarten haben und wem sie sie deshalb nation, wenigstens eine Minderheit von ihnen dazu Publizist und Oiplom-Sozialwissen­
auch schulden. zu bringen, eine Moral zu akzeptieren, wonach die schaftler. Oie Serie ist an sein Buch
größte denkbare Einheit, nämlich die Menschheit, «Oie Sprache der BRD» angelehnt:
So unterschiedlich die entsprechenden Vorstel­ der bevorzugte Bezugspunkt ihrer Solidarität sein Verlag Antaios, 240 Seiten, gebun­
lungen bei unterschiedlichen Völkern sind: Ein Zu­ soll - eine Moral, die buchstäblich die Umwertung den, 22 Euro. Sein neues Werk
sammenhang ist immer konstant, nämlich der zwi- aller Werte beinhaltet. ■ finden Sie auf mmpact-shop.de. (j
63
[OMPA[T Kolumnen (9

Janichs Welt Kosher Hollvwood


Der israelische Ex-Agent Ari Ben-Menashe be­
hauptet in dem Buch Epstein: Dead Men Tell No Ta­
les, er habe Epstein für den Mossad eingesetzt, um
Prominente und Politiker erpressen zu können. Dieses
Buch wurde kürzlich auch von der Bild-Zeitung zitiert,
die Mossad-Verbindung dabei aber verschwiegen.

Dies könnte damit zusammenhängen, dass Sprin­


ger-Chef Matthias Döpfner, ebenso wie Axel Sprin­
ger selbst und Kanzlerin Angela Merkel (2008) von
der Geheimloge B'nai B'rith mit einer Ehrenmedail­
le ausgezeichnet wurden. 1989 versuchte Robert
Maxwell mit Charles Bronfman die Jerusalem Post
zu kaufen. Die Bronfmans wiederum sind stark bei
B'nai B'rith engagiert.

1982 erhielt der Gangster Moe Dalitz von der


B'nai-B'rith-Tochterorganisation Anti-Defamation
League (AOL) den Preis Torch of Liberty. Er gehörte
zur sogenannten Kosher Nostra, die überwiegend
aus jüdischen Immigranten aus Osteuropa bestand.
Über den Haus-und-Hof-Anwalt dieser Mafia-Grup­
Ricky Gervais bei der Golden-Glo­ Bei der Verleihung des diesjährigen Golden Glo­ pe, Sydney Korshak, schrieb Vanity Fair am 6. April
be-Verleihung am 5. Januar im Hil­ be Awards Anfang Januar hat der Komiker Ricky 1997, viele hätten ihn für «den mächtigsten Mann
ton-Hotel in Beverly Hi/1s. Foto: pic­ Gervais der Hollywood-Elite die Leviten gelesen, in Hollywood » gehalten.
ture alliance / Picturelux/A© 2020
HFPA wie noch nie jemand zuvor. Der Erfinder von The
Office (bei uns als Stromberg adaptiert) hielt am Der Schauspieler und Produzent Sacha Baron Co­
Schluss seines Eröffnungsmonologs den Stars ent­ hen (Borat) erhielt 201 9 den International Leader­
gegen, dass sie nicht die moralische Autorität hät­ ship Award der AOL, die mit Youtube bei der Be­
ten, der Öffentlichkeit politische Ratschläge zu ge­ kämpfung von sogenanntem Hate Speech zusam­
ben. Tiefer ging allerdings seine Bemerkung, dass menarbeitet. In der Dankesrede plädierte er für noch
der Investmentbanker Jeffrey Epstein sich nicht mehr Zensur im Internet. 2016 besuchte der Mime
selbst umgebracht habe. Auf das Gegrummel des die Bild-Zeitung, um für seinen Film Der Spion und
Publikums reagierte er mit dem Satz: «Schnauze, ich sein Bruder zu werben. Was das Springer-Blatt in
weiß, er ist Euer Freund. » seinen Artikeln über Cohen nie erwähnte: Dessen
Vater Gerald Baron Cohen war Präsident der B'nai
Damit stieß er genau ins Herz der Kabale. Eine der B'rith First Lodge of England.
Schlüsselfiguren in dem Epstein-Skandal ist näm­
lich Ghislaine Maxwell, die mutmaßliche «Madame»
seines pädokriminellen Sexrings. Diese wiederum
ist die Tochter des Medienmoguls Robert Maxwell,
Robert De Niro soll für den Mossad
dem inzwischen auch im Mainstream nachgesagt gearbeitet haben.
wird, ein Mossad-Agent gewesen zu sein.

Dass Gervais Robert De Niro erwähnte, war ein Die Musiklegende Frank Zappa hat einmal ge­
Fingerzeig auf das gleiche allzu koschere Netzwerk. sagt, die Regierung sei der Unterhaltungsarm des
_ Oliver Janich, lange Jahre Autor 2011 enthüllten Meir Doron and Joseph Gelman, militärisch-industriellen Komplexes. Anknüpfend
bei «Focus Monev» und wegen dass der große Hollywood-Produzent Arnon Milchan daran könnte man, Vanity Fair folgend, Hollywood
seiner Recherchen zu 9/11 in für den Mossad gearbeitet habe. In einem Interview als den Public-Relations-Arm der Kosher Nostra be­
Ungnade gefallen, lebt heute auf mit dem israelischen Sender Channel 2 von 2013 zeichnen. Darüber durfte man bisher nicht sprechen.
den Philippinen und hat eine große gab der Beschuldigte dies zu. Er erzählte brühwarm, Doch Gervais hat die Omerta dieser Mischpoke ge­
Fangemeinde in den digitalen dass er auch Robert De Niro für seine Spionage-Ak­ brochen. Dazu gehörte Mut. Gleich zu Beginn sei­
Netzwerken. Sein Buch «□ie Ver­ tivitäten eingesetzt habe. Dieser sitzt in dieser Sze­ ner Rede sagte er, dass dies sein letzter Auftritt sei.
einigten Staaten von Europa• ist ne neben ihm auf der Couch und ist nicht gerade er­ Hoffentlich nur bei den Golden Globes. ■
@ auf compact-shop.de bestellbar. freut, aber stimmt den Ausführungen zu.
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COMPACT Kolumnen (!)

Sellners Revolution Bildet Zellen!


In den letzten Monaten durfte ich auf einigen De­ «Herzeigen » (lateinisch: demonstrare) von etwas.
mos und Kundgebungen in Österreich und Deutsch­ Ein Potenzial an Masse und Organisation wird in
land sprechen. Danach kam ich wie immer mit den der Demo vorgeführt, aber nicht erzeugt. Wenn das
Teilnehmern ins Gespräch. Der Tenor war eher negativ. Potenzial n icht vorhanden ist, dann kann man hun­
Einige trauerten den Zeiten hinterher, «als 30.000 auf dert Demos veransta lten: Das Resultat wird sich
der Straße waren » . Viele fragten sich und mich: «Wo kaum verbessern.
bleiben denn die anderen? » Man war sich einig: «Wir
brauchen mehr Leute. » Ähnlich quälten sich Revolu­ Anstöße von außen werden kommen. Eine deut­
tionäre und Widerständler jeder Couleur zu allen Zei­ sche Gelbwestenbewegung ist bei einer Verschär­
ten. In Lenins berühmtestem Buch Was tun? stößt der fung der Lage jederzeit möglich. Doch wir dürfen
Leser auf eine Bemerkung, die auf den ersten Blick nicht darauf warten. Wir müssen schon jetzt alles
widersprüchlich scheint: «Es fehlt an Menschen, und tun, um den Organisationsgrad unseres Lagers zu _ Martin Sellner ist Kopf der
Menschen sind in Massen da. » Was meinte er damit? verbessern ! Der Schlüssel dazu lautet kleine Zel len ldentitären Bewegung Österreich.
bilden ! Wie die großen Äste eines Baums erst durch 2017 erschien sein Buch «ldentitär!
viele kleine Zweige eine Krone bilden, so braucht die Geschichte eines Aufbruchs»
Ziel ist, im Herbst 2020 die größte patriotische Bewegung viele kleine Bezugsgruppen.
D iese wirken bei jeder Demovorbereitung als Mo­
116 Euro, Verlag Antaios).

Kundgebung der zweiten Republik tor und sorgen dafür, dass sich das Massenpoten­
zial auf der Straße zeigt.
in Wien zu veranstalten.
Jeder kann und muss in seiner Gegend eine klei­
ne Mobi lisierungsgruppe bilden, die die Patrioten re­
Lenin sah, dass e s zwar immer mehr Leute gab, gional verbindet. Es beginnt mit einem WhatsApp­
die «unzufrieden sind, die protestieren wollen » . Was Chat und wird zu einem monatlichen Stammtisch.
fehlte, waren diejenigen, die in der Lage sind, «eine Der organisiert einen I nfotisch und druckt Flugblät­
so umfassende ( . . . ) Arbeit zu organisieren, in der ter, die er im Ort verbreitet und so neue Leute dazu­
jede, auch die geringfügigste Kraft ihre Verwendung gewinnt. In Österreich starten wir nach diesem Gras­
fände». Das heißt Die Leute sind da, die Bereitschaft wurzelkonzept eine neue Kampagne, in deren Ver­
zum Widerstand ist da. Das Einzige, was fehlt, sind lauf wir im ganzen Land solche Bürgertreffpunkte
die Kader, die aus den vielen Zerstreuten eine Einheit gründen werden. Ziel ist, im Herbst 2020 die größ­
machen. Die mehr als 30.000 Patrioten, die 201 5 bei te patriotische Kundgebung der Zweiten Republik
der größten Pegida-Demo zusammenkamen, gibt es in Wien zu veranstalten. Denn dazu müssen wir gar
immer noch. Die entscheidende Frage ist also weni­ keine «neuen Leute» gewinnen. Wir müssen nur die
Lausbuben-Zelle: Erich Kästners
ger: «Wie gewinnen wir diejenigen, die bei Fridays bereits Überzeugten sammeln, organisieren - und «Emil und die Detektive" wurde
for Future mitmachen, für uns? » Oder: «Wie locken so die schweigende unsichtbare Masse zu einer 1931 von der UFA verfilmt.
wir die unpolitischen Schläfer auf eine Demo? » Die starken politischen Kraft machen. ■ Foto: MFA+FilmDistribution
entscheidende Frage ist �ielmehr: Wie holen wir die
30.000 zurück? Sie wären weder zu feige, zu faul
oder gar zu pleite, einmal im Jahr zu einer Großde­
mo anzureisen. Sie sind _e infach nicht organisiert!

Radika le Ökos und Antifas sind uns darin weit


voraus. Sie sind nicht «mehr» , wie sie immer wie­
der gerne behaupten. Ihre Zeitungen oder Videos ha­
ben sogar ein geringeres Publikum als die ihrer pat­
riotischen Pendants. Die linksradikalen sind einfach
besser vernetzt. Viele meinen: «Es geht den Leuten
noch zu gut. » Und: «Es muss zuerst etwas Schlim­
mes passieren. » Aber wenn unsere Widerstands­
strategie darin besteht, auf die Krise zu warten oder
auf ein Ereignis zu hoffen, nach dem «alle aufwa­
chen » , dann haben wir im Grunde gar keinen Plan . . .

Viele wissen auch n icht, was eine Demonstra­


tion eigentlich ist. Wie ihr Name sagt, ist sie das (i
6S
[OMPA[T Kolumnen �

Deutsche Diven Karin Dar


G lück, Erfül lung, Seelenruhe? - Darauf muss­
ten die rehäugigen Heldinnen. die Karin Dar spiel­
te. weitgehend verzichten. Litten sie nicht an Lie­
beskummer, fielen sie in die Klauen wahnsinniger
Killer. Natürlich spülte ein Happy End meist allen
Kummer hinweg: Die Operettenverfilmung Im wei­
ßen Rössl (1 960) ist ein Beispiel dafür. Aber Karin
Dors Kino-Mythos lebte vom genüsslichen Zelebrie­
ren ihrer Angst und Tortur.

In Alfred Hitchcocks Topas (1 969) spioniert sie


als Agentin Juanita im revolutionären Kuba. Als ihr
Spiel auffliegt, wird sie von ihrem Geliebten in der
Umarmung erschossen. Hitchcocks Kamera zeigt
aus der Vogelperspektive. wie die Getroffene in
sich zusammensinkt. Ihr opulentes blaues Kleid brei­
tet sich zum großen Kreis auf dem Boden aus . Eine
riesige Todesblüte, morbide Ästhetik a la Charles
Baudelaire. Ein Kritiker bezeichnete die Deutsche
als «Hitchcocks schönste Leiche».

Weltruhm erlangte die 1 938 in Wiesbaden Gebo­


rene als Bondgirl Helga Brandt (Man lebt nurzweimal,
1 967). Leider, so gestand Dar später im Interview, hat­
te die Rolle der Femme fatale keinerlei Auswirkung
auf ihr Image. Zumal sie wieder eine spektakuläre
Sterbeszene enthielt: Laut kreischend fällt sie in ein
Piranha-Becken. Kein Zweifel. Karin Dor war Deutsch­
lands Antwort auf amerikanische Scream-Oueens. So
nennt man dort Schauspielerinnen, die durch busen­
bebendes Schreien in Horrorfilmen glänzen.

Wallace und Winnetou


Das dürfte ihr damaliger Ehemann und Film­
regisseur Harald Reinl verstanden haben. Denn
ihre gellenden Schreie durchzogen sowohl seinen
Edgar-Wallace-Film Der unheimliche Mönch (1 965)
wie den Grusel-Kracher Die Schlangengrube und
das Pendel (1 967): Zur Erlangung ewigen Lebens
braucht Graf Regula (Christopher Lee) das Blut einer
von Angst zerfressenen Jungfrau. Um Lilian von Bra­
bant (natürlich: Karin Dar) in diesen Zustand zu brin­
gen, schickt er sie von einer Schreckenskammer zur
nächsten. Eine Perle für Dar- und Trash-Fans.

Die Leidgeprüfte appelliert an den Beschützer im


Manne. Den fand Dar als Apachenmädchen Riban­
na in Winnetou II (1 964): Der unglücklich verliebte
Titelheld befreit sie aus der Geiselhaft. Das jugend­
liche Publikum applaudierte erleichtert. Am 6. No­
vember 201 7 rettete Karin Dar leider niemand mehr.
79-jährig starb sie an den Folgen eines Unfalls. ■

Karin Dor in « Topas», 1969. Foto: picture al/iance


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