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Frühe

Sprachförderung
Was sie leistet und wie sie
optimiert werden kann

Dossier 14/1

Prof. Dr. Margrit Stamm


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SWISSEducation
Swiss Institute for Educational Issues

Prof. Dr. Margrit Stamm


em. Ordinaria für Erziehungswissenschaften an der Universität Fribourg
Neuengasse 8
CH-3011 Bern
+41 31 311 69 69 / 079 462 92 82
www.margritstamm.ch
https://twitter.com/MargritStamm

Frühe Sprachförderung
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Inhalt
Management Summary .................................................................................................... 8

Schlüsselbotschaften .......................................................................................................12

Briefing Paper 1: Weshalb frühe Sprachförderung wichtig ist und was sie bedeutet ..........16

Briefing Paper 2: Wer braucht Unterstützung? .................................................................18

Briefing Paper 3: Ursachen und Folgen von Sprachdefiziten ..............................................21

Briefing Paper 4: Theoretische Ansätze früher Sprachförderung 26

Briefing Paper 5: Sprachförderung und ihre Wirksamkeit 30

Briefing Paper 6: Kernelemente von früher Sprachförderung Fünf Empfehlungen 33

Was sie leistet und wie sie optimiert werden kann


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Frühe Sprachförderung
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Vorwort
Sprachförderung ist in der Weshalb ist es uns bisher somit kaum gelungen,
Bildungs- und Sozialpolitik benachteiligte Kinder mit Sprachdefiziten so zu
ein Dauerbrenner. In den fördern und auszubilden, dass ihre Startchancen
letzten Jahren ist sie zum deutlich höher sind als dies ohne Förderung der
politischen Mainstream- Fall wäre? Wo liegen die Barrieren?
thema geworden. Lag der Eine Antwort ist sicher die, dass wir immer noch
Fokus über Jahre hinweg nicht wissen, wie man Sprachförderung gestal-
auf der Förderung und In- ten sollte, damit sie wirksam wird. Weil uns zu
tegration von zwei- oder wenig gut fundierte und methodisch aussage-
mehrsprachigen Kin-dern kräftige Evaluationen zur Verfügung stehen, wis-
in der Primarschule, so ist er seit einiger Zeit auf sen wir kaum, welche der eingesetzten Mass-
den Vorschulbereich und ganz spezifisch auf nahmen und Programme tatsächlich wirksam
Migrantenkinder aus sozio-ökonomisch benach- sind. «Wirksam» meint dabei, dass Kinder mit
teiligten Familien ausgerichtet. Ihr Anteil ist in Sprachdefiziten durch solche Massnahmen ihren
den letzten Jahren stetig gewachsen. Solche Kin- Rückstand deutlich verringern können.
der sind auf den Schuleintritt ungenügend vor-
bereitet, weil ihre sprachlichen Kompetenzen in Somit nutzen wir das Potenzial zu vieler Kinder
der Zweitsprache Deutsch zu diesem Zeitpunkt nicht oder sehr unzureichend, weil ihnen zu oft
oft schlechter ausgeprägt sind als bei Kindern, Chancen aufgrund mangelnder Sprachbeherr-
deren Erstsprache Deutsch ist. Sprachdefizite schung verbaut werden. Zwar gilt diese Negativ-
zeigen jedoch auch zunehmend Kinder aus ein- bilanz nicht nur für die Schweiz, sondern für den
heimischen Familien. gesamten deutschsprachigen Raum. Im Lande
eines Heinrich Pestalozzi muss uns eine solche
Angesichts dieser Tatsachen besteht in Wissen- Erkenntnis jedoch besonders schmerzen.
schaft und Politik weitgehend Einigkeit, dass die Pestalozzi hat bekanntlich gefordert, dass jedes
Bildungschancen solcher Kinder vor allem dann Kind gemäss seinem Stand und seinen Möglich-
verbessert werden können, wenn sie möglichst keiten erzogen und gebildet werden soll und
früh, also vor der Einschulung, einsetzen. Die auch Arme (resp. Benachteiligte) nicht ausge-
ersten Lebensjahre gelten als die lernsensibels- schlossen werden dürfen.
ten und deshalb als die entscheidendsten, ob
Kinder mit denjenigen Ressourcen ausgestattet Sind somit Erwartungen an die frühe Sprachför-
werden, die für die späteren Bildungschancen derung überhaupt realistisch? Welche Ansätze
massgebend sind. gibt es, und welches sind die Vor- und Nachteile?
Was muss oder müsste in diesem Bereich getan
Eine früh einsetzende Sprachförderung in der werden, damit frühe Sprachförderung wirk-
Familie, in Kindertagesstätten (Krippen resp. sam(er) wird?
Kitas), Tagesfamilien, Spielgruppen und anderen
Einrichtungen ist deshalb eine der wichtigsten Solche Fragen werden in diesem Dossier disku-
integrationspolitischen Aufgaben. In dieser Hin- tiert. Zu beachten ist dabei, dass es ausschliess-
sicht kann sich die Schweiz sehen lassen, ist doch lich auf Kinder mit Sprachförderbedarf und nicht
in den letzten Jahren in die frühe Sprachförde- auf solche mit Sprachentwicklungsstörungen fo-
rung recht viel investiert worden. Somit fehlt es kussiert.
keinesfalls an Engagement. Das eigentliche Prob- Das Dossier stellt das aktuell verfügbare wissen-
lem liegt anderswo: Erstens in der empirisch viel- schaftliche Wissen zu dieser Thematik zusam-
fach belegten Tatsache, dass Kinder, die eine men und zeigt auf, welche Schritte unternom-
frühe Sprachförderung am nötigsten hätten, oft men werden müssten, um Massnahmen guter
gar keine vorschulische Fördereinrichtung besu- Sprachförderung im Vorschulbereich erfolg-
chen. Deshalb sind ihre Chancen für eine erfolg- reich(er) umsetzen zu können.
reiche Schullaufbahn bisher beschränkt geblie-
ben. Zweitens, dass es bis heute nicht gelungen
ist, die Sprachförderung so zu gestalten, dass sie
wirkt, d.h., dass die Chancen von benachteiligten
Migrantenkindern und solchen aus Risikofami- Prof. Dr. Margrit Stamm
lien für eine erfolgreiche Schullaufbahn tatsäch- em. Ordinaria für Erziehungswissenschaften an
lich erhöht werden können. der Universität Fribourg
Swiss Education Bern
Bern, im Februar 2014
Was sie leistet und wie sie optimiert werden kann
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Frühe Sprachförderung
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Was dieses Dossier will


Das vorliegende Dossier fasst das Wissen zu- Das Dossier basiert auf folgenden Fragen:
sammen, das heute zur frühen Sprachförderung  Warum und für welche Gruppen ist die
verfügbar ist. Zudem liefert es Empfehlungen, frühe Sprachförderung notwendig?
wie sie optimiert werden kann und welche
 Weshalb entstehen überhaupt Sprachdefi-
Punkte dabei zu beachten sind. zite resp. Vorsprünge in der Sprachent-
Wie alle bisher erschienenen Dossiers auch die- wicklung?
ses wiederum einen aktuellen Bereich auf, der  Welche Ansätze gibt es, Sprachdefiziten
gerade im Zusammenhang mit der Fachkräftesi- und akzelerierten Sprachentwicklungen zu
cherung und der Zuwanderungsfrage eine be- begegnen?
sondere Brisanz erhält. Weil wir auf gut ausge-  Welche Massnahmen sollten zur Optimie-
bildete junge Menschen angewiesen sind, müs- rung früher Sprachförderung eingesetzt
sen wir der Sprachförderung nicht nur Beach- werden?
tung schenken – wie dies bis anhin auch ge- Das Dossier ist wie folgt aufgebaut: Zunächst
schehen ist – sondern ebenso darum bemüht werden in einem Management Summary die
sein, dass sie auch wirkt, d.h., dass die anvisier- Erkenntnisse zu den behandelten Fragen kurz
ten Kinder tatsächlich profitieren. Kinder eines erläutert und zu einzelnen Schlüsselbotschaf-
sprachlichen Frühförderprogramms sollten über ten verdichtet. Anschliessend werden die Fra-
deutlich bessere Sprachkompetenzen bei Schul- gen in insgesamt sechs «Briefing Paper» disku-
eintritt verfügen als Kinder, welche kein solches tiert und mit spezifischen Literaturhinweisen
Programm besucht haben. ergänzt. Das letzte Briefing Paper ist den fünf
Das Dossier verfolgt vier Ziele: Empfehlungen gewidmet.
(1) Aktuelles Forschungswissen verständlich dar- Alle bisher erschienen Dossiers können auf der
stellen: Das Dossier bereitet das aktuelle For- Website (margritstamm.ch) heruntergeladen
schungswissen zum Themenbereich der frü- werden. Es sind dies:
hen Sprachförderung auf und fasst die inter-
national verfügbaren Haupterkenntnisse zu-  Der Schuleintritt. Sieben wissenschaftliche
sammen. Erkenntnisse für die bildungspolitische
HarmoS-Diskussion (Dossier 10/1).
(2) Ein wissenschaftsbasiertes Argumentarium
für die Bildungs- und Sozialpolitik zur Verfü-  Wozu frühkindliche Bildung? (Dossier 11/1).
gung stellen: Jedes der einzelnen Dossier-  Talentmanagement in der beruflichen
Kapitel («Briefing Paper») spricht eine spezi- Grundbildung (Dossier Berufsbildung 12/1).
fische Fragestellung an und diskutiert die
wichtigsten, mit ihr verbundenen Probleme.  Achtung, fertig, Schuleintritt (Dossier 12/2).
Zudem wird in jedem Briefing Paper eine Bi-
lanz gezogen, welche die wichtigsten Er-  Qualität und frühkindliche Bildung (Dossier
kenntnisse nochmals auf den Punkt bringt. 12/3).
(3) Den Wissenstransfer in Politik, Verwaltung  Migranten mit Potenzial. Begabungsreser-
und Praxis anregen und ihre Verknüpfung ven in der Berufsbildung ausschöpfen (Dos-
fördern: Das Dossier spricht Erzieherinnen sier Berufsbildung 12/4).
und Erzieher, Lehrkräfte, Trägerschaften,  Bildungsort Familie. Entwicklung, Betreuung
Ausbildnerinnen und Ausbildner, Eltern so- und Förderung von Vorschulkindern in der
wie politisch Tätige an. Es zeigt auf, dass gute Mittelschicht (Dossier 13/1).
Sprachförderung nie aus der Verantwortung
einer einzelnen Gruppe heraus entstehen  Zu cool für die Schule? Abbrüche, Ausstiege
kann, sondern eine Synthese eines Netzwer- und Ausschlüsse von Kindern und Jugendli-
kes sein muss. chen aus und von der Schule (Dossier 13/2).
(4) Konkrete Empfehlungen liefern: Das Dossier  Lehrlingsmangel. Strategien für die Rekru-
formuliert fünf Empfehlungen für folgende tierung des Nachwuchses (Dossier Berufs-
Bereiche: Wirksamkeitsüberprüfungen und bildung 13/3).
Erarbeitung von Gesamtkonzepten; Aus- und
Fortbildung des Personals; strukturelle und  Bildung braucht Bindung (Dossier 13/4).
organisatorische Rahmenbedingungen; Fa-
milien- resp. Elternbeteiligung; Zusammen-
arbeit von Politik, Praxis und Wissenschaft.

Was sie leistet und wie sie optimiert werden kann


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Frühe Sprachförderung
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Management Summary
Weshalb frühe Sprachförderung wichtig ist der generalisierend verwendete Begriff «Mig-
und was sie bedeutet rationshintergrund» angemessen ist, mag be-
zweifelt werden. Denn es spielt eine wichtige
Im Schweizer Bildungssystem ist der starke Zu-
Rolle, unter welchen Bedingungen Kinder heu-
sammenhang von sozialer Herkunft und Bil-
te aufwachsen.
dungserfolg noch nicht überwunden worden.
Es gibt zu viele Kinder aus benachteiligten Fa-  Briefing Paper 2 Seite 18
milien, welche am Ende der Schulzeit nur über
Jede Massnahme zur frühen Sprachförderung
minimale Lesekompetenzen verfügen.
sollte auf der Frage aufbauen, welche Vorschul-
 Briefing Paper 1 Seite 16 kinder eigentlich sprachlichen Unterstützungs-
bedarf haben. Leider differenzieren viele der
Bildung und eine gute Berufsausbildung sind für
existierenden Sprachfördermassnahmen zu we-
den Lebenserfolg und die aktive Teilnahme am
nig zwischen den verschiedenen Herkunfts-
gesellschaftlichen Leben zentral. Der Sprach-
milieus der Kinder, ihren sprachlichen Kompe-
kompetenz kommt dabei eine wesentliche Be-
tenzen und Defiziten sowie ihren Bedürfnissen.
deutung zu. Eine zu grosse Gruppe von benach-
teiligten Kindern erreicht jedoch ein zu geringes Familien mit Migrationshintergrund können sich
Kompetenzniveau. Sprachförderung ist deshalb stark voneinander unterscheiden. Das Bildungs-
ein wichtiges Bildungsziel überhaupt, wenn es niveau ist entscheidend. Gut gebildete Migran-
um Integrationsbemühungen und um die Schaf- tenfamilien haben oft ein ähnliches Bildungs-
fung von optimalen Startchancen von Kindern und Erziehungsverständnis wie einheimische
geht. Aktuell existieren in der Schweiz viele Familien, häufig jedoch ein ganz anderes als
Sprachförderprojekte. Der Begriff «Sprachförde- Migrantenfamilien mit niedrigem Bildungsni-
rung» wird jedoch unterschiedlich verwendet. veau.
In diesem Dossier werden darunter alle Mass-
Zudem gibt es auch Gruppen von Kindern ohne
nahmen verstanden, welche auf die gezielte
Migrationshintergrund, die Unterstützungsbe-
Förderung der kindlichen Sprachkompetenz
darf haben. Andererseits trifft man immer wie-
ausgerichtet sind.
der auf Kinder aus benachteiligten Migranten-
Andere wichtige Begriffe sind Mehrsprachigkeit familien, welche sich sprachlich sehr gut entwi-
und Bilingualismus. Mehrsprachigkeit meint, ckeln. Aufgrund eines generalisierenden und oft
dass sich jemand in zwei oder mehr Sprachen plakativ-negativen Blicks auf «Kinder mit Migra-
verständigen kann, Bilingualismus wird mit tionshintergrund» werden zu viele von ihnen al-
Zweisprachigkeit gleichgesetzt. Unterschieden lein aufgrund des Wissens um ihre Herkunft als
werden simultan bilinguale Kinder (welche be- förderbedürftig eingestuft. Oft geschieht dies
reits früh mit zwei Sprachen aufwachsen) und vorschnell, undifferenziert und ohne diagnosti-
sukzessiv zweisprachige Kinder (welche zuerst sche Abklärung.
nur ihre Muttersprache und später eine neue
Die grösste Herausforderung für unser Bildungs-
Sprache lernen). Ferner wird zwischen Alltags-
system sind benachteiligte Migrantenkinder, die
sprache (die im täglichen Umgang benutzte
zu Hause und auch in ihrer sozialen Umgebung
Sprache) und Bildungssprache (die formale,
kein Deutsch sprechen. Diese Kinder haben eine
wohlgeformte und gehobene Ausdrucksweise)
zwei- bis viermal grössere Wahrscheinlichkeit
unterschieden.
als einheimische und/oder gut situierte Migran-
Die Bedeutung der Herkunftssprache ist in der tenkinder, in Armut und Benachteiligung aufzu-
Forschung umstritten, und es liegen auch kaum wachsen. Die Zugangshürden, damit solche Kin-
eindeutige oder hinreichend abgesicherte Be- der eine gute Kita oder eine Sprachfördermass-
funde vor. Weitgehend unbestritten ist jedoch, nahme besuchen können, sind jedoch oft sehr
dass zwei- und mehrsprachiges Aufwachsen für hoch. Viele dieser Kinder, welche eine Förde-
die kognitive Entwicklung von Vorteil ist. rung am nötigsten hätten, fallen durch die Ma-
schen.
Wer braucht Unterstützung beim Sprach- Problematisch ist zudem, dass es in einer Ge-
erwerb?
meinde oft nur ein einziges Angebot gibt und
Ausgangslage vieler Massnahmen zur frühen nicht zwischen Sprachdefiziten und Sprachstö-
Sprachförderung ist die Überzeugung, dass rungen differenziert wird. Dies ist jedoch zent-
Kinder von Migranten generell Sprachförder- ral, denn Sprachdefizite machen eine Sprachför-
bedarf hätten. Ob diese Ausrichtung und damit
Was sie leistet und wie sie optimiert werden kann
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dermassnahme notwendig, letztere jedoch eine nologischen Bewusstheit. Familiäre Literacy-


Therapie. Programme sind meist auf Familien mit Migrati-
onshintergrund ausgerichtet. Die Förderung er-
Ursachen und Folgen von Sprachdefiziten folgt entweder im Rahmen der alltäglichen fa-
milialen Sozialisation oder mittels Interventio-
Obwohl wenig Klarheit darüber besteht, wel-
nen in Kinderbetreuungseinrichtungen.
ches die Ursachen von Sprachdefiziten sein
können, scheinen drei Faktoren besonders be- Ein Überblick über die aktuelle Situation in der
deutsam zu sein: fehlende (deutschsprachige) Schweiz zeigt, dass Sprachfördermassnahmen
Anregungen in der Familie; fehlender Aus- relativ willkürlich eingesetzt werden und Fach-
tausch mit einheimischen Kindern sowie geo- kräfte oft keine spezifische Qualifizierung ha-
graphische Isolation vieler fremdsprachiger ben. Zu wenig berücksichtigt wird in der Regel
Familien («Segregation»). auch, dass Sprachdefizite bei Kindern sehr un-
terschiedliche Ursachen haben können und des-
 Briefing Paper 3 Seite 21 halb vielfältige Angebote notwendig wären.
Die häusliche Anregung hat den stärksten Ein- Zur Erhebung des sprachlichen Entwicklungs-
fluss auf die Entwicklung der kindlichen Sprach- stand sind zwar diverse Verfahren im Einsatz.
kompetenzen. Eltern resp. Familienmitglieder, Die wenigsten berücksichtigen jedoch, ob
die nur schlecht oder gar kein Deutsch spre- Deutsch die Erstsprache des Kindes ist oder
chen, verfügen deshalb über die denkbar nicht und wie lange es schon Kontakt mit der
schlechtesten Voraussetzungen, um ihr Kind deutschen Sprache hat. Deshalb kann die Frage
beim Erwerb der deutschen Sprache zu unter- oft gar nicht beantwortet werden, ob sich die
stützen. Dazu kommt, dass solche Kinder deut- Sprachkompetenz eines Kindes in Deutsch als
lich seltener eine Vorschuleinrichtung besu- zweiter Sprache im Normbereich befindet oder
chen. Deshalb haben sie oft fast keinen Kontakt nicht.
zu einheimischen Kindern. Massiv zugenommen
Aufgrund der enormen Vielfalt der Massnah-
hat auch das Phänomen der «Segregation»,
men und der qualitativ sehr unterschiedlichen
d.h., dass sich benachteiligte Familien und sol-
diagnostischen Instrumente bleibt offen, in wel-
che mit Migrationshintergrund zunehmend auf
che Massnahmen zukünftig investiert werden
bestimmte Gegenden und Wohngebiete kon-
soll, damit sprachschwache Kinder den Rück-
zentrieren und Familien aus gleichen ethnischen
stand in der deutschen Sprache aufholen und
Gruppen in gewissen Quartieren überwiegen.
durch eine gute Integration ihr Potenzial umset-
Kinder haben somit nicht nur mit der deutschen
zen können.
Sprache keinen Kontakt, sondern auch nicht mit
anderen Sprachen. Es fehlt ihnen das «Sprach-
Theoretische Ansätze früher Sprachförde-
bad».
rung
Sprachdefizite sind auch deshalb problematisch,
Hinter den verschiedenen Sprachförderkon-
weil wir inzwischen wissen, dass die Ungleich-
zepten stehen unterschiedliche theoretische
heiten im Bildungsverlauf eher grösser werden.
Ansätze. Sie leiten die Struktur der Pro-
Sprachdefizite, die nicht früh behoben werden,
gramme und die Art und Weise ihres Einsat-
haben nachhaltige negative Folgen.
zes. Am bekanntesten sind der kompensatori-
sche, der interkulturelle und der strukturkriti-
Aktueller Stand der Sprachförderung sche Ansatz.
Sprachförderung gibt es in vielen unterschied-
lichen Varianten. Die einen Konzepte sind
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ganzheitlicher, die anderen sprachstruktureller Im kompensatorischen Ansatz geht es primär
Art. Die dritten sind ganz auf Kinder und ihre um das Erlernen der deutschen Sprache und um
Familien mit Migrationshintergrund ausgerich- den Ausgleich von Sprachdefiziten von Kindern
tet. aus benachteiligten Familien resp. solchen
mit/ohne Migrationshintergrund. Damit impli-
 Briefing Paper 4 Seite 23 ziert dieser Ansatz das Bild eines Kindes, das aus
Ganzheitliche Konzepte kommen integriert im armen Familien der Unterschicht oder benach-
Alltag vorschulischer Einrichtungen zum Zug. teiligten Migrantenfamilien stammt, in sozialer
Um spezifische Massnahmen handelt es sich, Unordnung aufwächst und Opfer seiner Ver-
wenn beispielsweise in Sprach-Spielgruppen ei- hältnisse ist. Integrationspolitisch steht die As-
ne spezifische Förderung erfolgt. Oft zielen sol- similation des Kindes im Mittelpunkt, wobei je-
che Massnahmen auf die Anreicherung des doch auch das Fachpersonal seine Einstellungen
Wortschatzes oder die Verbesserung der pho- und Haltungen kritisch zu reflexieren hat.
Frühe Sprachförderung
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Anders der interkulturelle Ansatz. Er stellt we- scheidenen positiven Ergebnis: Kinder aus be-
der Assimilation noch Defizitausgleich in den nachteiligten Sozialschichten und/oder mit
Mittelpunkt, sondern die kulturellen Unter- Migrationshintergrund sind trotz Sprachförde-
schiede. Wertschätzung und Anerkennung von rung beim Schuleintritt nach wie vor im Hinter-
Vielfalt gelten als wesentlichstes Prinzip der so- treffen. Sie profitieren nur unter gewissen Be-
zialen Teilhabe. Eltern sollen auf diese Weise dingungen.
ermuntert werden, sich aktiv am Entwicklungs-
und Bildungsprozess ihres Kindes zu beteiligen
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und sich stärker in seiner Erziehung und Förde-
Fasst man sowohl die aus der Schweiz als auch
rung zu engagieren.
aus dem Ausland stammenden Wirksamkeits-
Der strukturkritische Ansatz fokussiert weder studien zur frühen Sprachförderung zusammen,
auf zu kompensierende Defizite noch auf kultu- so ergeben sich insgesamt eher schwache Ef-
relle Differenzen, sondern auf das Bildungssys- fekte. Eher stark und damit positiv sind sie je-
tem selbst und seine diskriminierenden Tenden- doch im Hinblick auf einen Bereich: Massnah-
zen. Der Ansatz geht davon aus, dass seine or- men, welche gezielt die Vorläuferfähigkeiten
ganisationellen Strukturen oder institutionellen (wie phonologische Bewusstheit oder Wort-
Regelungen zu Benachteiligungen von Gruppen schatz) betreffen. Die Ergebnisse sind jedoch
führen. Die bekanntesten diskriminierenden nur positiv, wenn das Personal spezifisch ge-
Mechanismen sind die massive Häufung von schult ist und die Förderung regelmässig, relativ
Kindern aus benachteiligten Migrantenfamilien intensiv und langfristig stattfindet.
in Realschulen, Einschulungsklassen oder die
Sprachförderkonzepte, welche spezifisch auf
Warteschlaufen beim Eintritt in die Berufsbil-
benachteiligte Migrantenkinder ausgerichtet
dung, welche solche Jugendlichen viel häufiger
sind, konnten bisher keine nachweislichen Ef-
als Einheimische drehen müssen.
fekte erzielen. Diese unbefriedigende Befund-
Die erste Adressatin des strukturkritischen An- lage hat dazu geführt, dass verschiedentlich ge-
satzes ist deshalb nicht die pädagogische Praxis, fordert wird, das Fachpersonal müsse stärker in
sondern die Bildungspolitik. Trotzdem kommt den Blick genommen werden.
der pädagogischen Praxis die Aufgabe zu, die
Aufgrund solcher Evaluationsergebnisse ist an-
möglicherweise diskriminierenden – ungewoll-
zunehmen, dass nur wenig Kinder in den Genuss
ten und unbeabsichtigten – Mechanismen an ih-
qualitativ hochstehender Sprachförderung
ren Institutionen zu reflektieren, sie zu erken-
kommen und deshalb zu vielen Kindern schuli-
nen und zu Gunsten der Betroffenen zu verbes-
sche Chancen aufgrund mangelnder gezielter
sern.
Sprachförderung verbaut werden.
Insgesamt ist der kompensatorische Ansatz in
Praxis und Bildungspolitik gut akzeptiert. In der Kernelemente früher Sprachförderung:
Fachliteratur wird er jedoch eher kritisch begut- Fünf Empfehlungen
achtet. Anders der interkulturelle Ansatz, der
Sprachfördermassnahmen können nicht einfach
von der Forschung stark getragen wird und auch
optimiert werden, indem mehr Finanzen ge-
im Vorschul- und Kindergartenbereich verbrei-
sprochen werden. Es braucht Anstrengungen in
tet ist. Auch der strukturkritische Ansatz hat in
verschiedenen Bereichen. Notwendig sind aus-
letzter Zeit grosse Beachtung erfahren. Gerade
sagekräftige Wirksamkeitsüberprüfungen und
die Diskussion um die hohe Selektivität unseres
kantonale resp. auf die Gemeinde bezogene Ge-
Bildungssystems hat die Sensibilität für Mecha-
samtkonzepte, auf die Sprachförderung ausge-
nismen institutioneller Diskriminierung geweckt.
richtete Aus- und Fortbildungsmassnahmen des
Im Gegensatz zu den beiden anderen Ansätzen
Personals, optimierte institutionelle und struk-
gewinnt er in der pädagogischen Praxis jedoch
turelle Rahmenbedingungen, verstärkte Fami-
wenig Freunde, vor allem aufgrund seiner oft-
lien- resp. Elternbeteiligung sowie intensivierte
mals das Fachpersonal anklagenden Art.
Massnahmen zur Zusammenarbeit von Politik
und Praxis auf wissenschaftlicher Basis.
Sprachförderung und ihre Wirksamkeit
Die wenigen Studien zur Wirksamkeit früher
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Sprachförderung kommen zu einem relativ be-

Was sie leistet und wie sie optimiert werden kann


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Frühe Sprachförderung
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Schlüsselbotschaften
Weshalb frühe Sprachförderung wichtig ist Theoretische Ansätze früher Sprachförde-
und was sie bedeutet rung
 Es gibt zu viele Kinder aus benachteiligten  Drei theoretische Ansätze leiten am häu-
Familien, welche am Ende der Schulzeit nur figsten die Struktur der Programme und die
über minimale Lesekompetenzen verfügen. Art und Weise ihres Einsatzes: der kompen-
satorische, der interkulturelle und der
 Weil die Sprache als Schlüssel zur Bildung
strukturkritische Ansatz.
gilt, wird heute der frühen Sprachförderung
besondere Aufmerksamkeit geschenkt.  Der kompensatorische Ansatz ist der belieb-
teste in Politik und Praxis, der interkulturel-
Wer braucht Unterstützung beim Sprach- le Ansatz derjenige, welcher am meisten In-
erwerb? tegrationserfolg hat.
 Der Begriff «Kinder mit Migrationshinter-
Sprachförderung und ihre Wirksamkeit
grund» ist irreführend. Nicht alle diese Kin-
der haben Sprachförderbedarf.  Es gibt wenig Studien, welche die Wirksam-
keit von Sprachfördermassnahmen anhand
 Es gibt Gruppen von Kindern ohne Migrati-
der kindlichen Entwicklungsfortschritte un-
onshintergrund, die Unterstützungsbedarf
tersuchen.
haben. Genauso gibt es Kinder aus benach-
teiligten Migrantenfamilien, welche sich  Die Effekte bisheriger Untersuchungen sind
sprachlich sehr gut entwickeln. im Allgemeinen eher schwach, im Hinblick
auf die gezielte Förderung von Vorläu-
 Die grösste Herausforderung für unser Bil-
ferfähigkeiten (wie phonologische Bewusst-
dungssystem sind benachteiligte Migranten-
heit oder Wortschatz) jedoch gut.
kinder, die zu Hause kein Deutsch sprechen
und auch in ihrer sozialen Umgebung nicht.  Dies trifft aber nur dann zu, wenn das Perso-
nal spezifisch geschult ist und die Förderung
Ursachen und Folgen von Sprachdefiziten regelmässig stattfindet.
 Als Ursachen von Sprachdefiziten scheinen
Kernelemente früher Sprachförderung: Fünf
fehlende deutschsprachige Anregungen in
Empfehlungen
der Familie und der fehlende Austausch mit
einheimischen Kindern bedeutsam.  Sprachfördermassnahmen können nicht ein-
fach optimiert werden, indem mehr Finan-
 Sprachdefizite, die nicht früh schon behoben
zen gesprochen werden.
werden, haben nachhaltige negative Folgen.
 Es braucht Anstrengungen in verschiedenen
Aktueller Stand der Sprachförderung Bereichen. Sie reichen von Wirksamkeits-
überprüfungen über Gesamtkonzepte bis zur
 Frühe Sprachfördermassnahmen werden im
verbindlichen Elternbeteiligung.
Allgemeinen relativ unsystematisch und von
Fachkräften eingesetzt, die oft keine spezifi-
sche Qualifizierung haben.
 In der Regel wird zu wenig zwischen Sprach-
defiziten und Sprachstörungen differenziert.
Erstere machen eine Sprachförderung, letz-
tere eine Therapie notwendig
 Viele Verfahren erheben den sprachlichen
Entwicklungsstand ohne zu berücksichtigen,
ob Deutsch die Erstsprache des Kindes ist
oder nicht und wie lange es schon Kontakt
mit der deutschen Sprache hat.

Was sie leistet und wie sie optimiert werden kann


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Frühe
Sprachförderung
Was sie leistet und wie sie
optimiert werden kann

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Was sie leistet und wie sie optimiert werden kann


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Briefing Paper 1: Weshalb frühe Sprachförde-


rung wichtig ist und was sie bedeutet
Vor mehr als zehn Jahren haben uns die PISA- förderung eine zentrale Rolle (Stamm et al.,
Studien erstmals aufgeschreckt. Genauer: die 2011).
Tatsache, dass in der Schweiz (neben Deutsch-
land und Belgien) die Abhängigkeit der Bil- Begriffe zur Sprachförderung
dungschancen eines Kindes von seiner sozia-
 «Sprachförderung»: In der aktuellen Lite-
len Herkunft am grössten und sie in den an-
ratur wird der Begriff «Sprachförderung»
deren Staaten deutlich geringer ist. Dabei
sehr unterschiedlich verwendet. Manch-
wurde uns vor Augen geführt, dass unser Bil-
mal wird er von «Sprachbildung» unter-
dungssystem offenbar nicht das leistet, wovon
schieden, manchmal auch mit ihr gleichge-
wir eigentlich überzeugt waren: dass es
setzt (Kammermeyer & Roux, 2013).
selbstverständlich jedes Kind und jeden Ju-
gendlichen seinen eigenen Möglichkeiten ent- In diesem Dossier wird der Begriff Sprach-
sprechend fördert. Der berühmte Soziologie förderung als Oberbegriff für alle Mass-
Pierre Bourdieu hat diese unangenehme Tat- nahmen verwendet, welche auf die gezielte
sache einmal die ‚Illusion der Chancengleich- Förderung der kindlichen Sprachkompetenz
heit‘ genannt. ausgerichtet sind.
Als die am meisten vom Postulat der Chancen-  «Mehrsprachigkeit und Bilingualismus»:
gleichheit entfernte Gruppe entpuppten sich Mehrsprachigkeit meint, dass sich jemand
‚dank‘ PISA die gut 15% leistungsschwachen in zwei oder mehr Sprachen verständigen
Jugendlichen, die am Ende der obligatorischen kann. Bilingualismus hingegen meint Zwei-
Schulzeit nur über minimale Lesekompetenzen sprachigkeit. Migrantenkinder, wachsen in
verfügen und von denen angenommen wer- der Regel mit mehr als einer Sprache auf.
den muss, dass sie die Schule mit schlechten Dabei unterscheiden sie sich in Bezug auf
Schulleistungen verlassen. Weil zu dieser Risi- den Beginn, die Intensität und die Dauer
kogruppe überwiegend Kinder und Jugendli- des Zweitspracherwerbs enorm. Deshalb
che aus benachteiligten Familien mit Migrati- gibt es viele verschiedene Formen der
onserfahrung gehören, wurde fortan ein Mig- Mehrsprachigkeit. Grob lassen sich zwei
rationshintergrund ausgesprochen oft mit ei- Gruppen von zweisprachigen Kindern un-
nem Risikoprofil gleichgesetzt. terscheiden.
 Simultan bilinguale Kinder: Dabei
Konzentration auf die Sprachförderung handelt es sich um diejenigen Kinder,
Kinder von Zugewanderten verfügen in und welche bereits früh, d.h. während den
nach der Schule über geringere Chancen. Ein ersten zwei bis drei Lebensjahren, mit
zentrales Element ihrer Benachteiligung sind zwei Sprachen aufwachsen. Am ver-
breitetsten ist die Situation, dass die
die Sprachkenntnisse. Weil somit schulische Eltern aufgrund ihrer unterschiedli-
Leistungen von der Beherrschung der deut- chen Muttersprachen mit dem Kind in
schen Sprache abhängig sind, gilt die Sprache ihrer jeweiligen Herkunftssprache
als Schlüssel zur Bildung. Die Frage nach den sprechen. Grundvoraussetzung ist al-
Folgen des Zusammenhangs von sozialer Her- lerdings, dass es jede Sprache regel-
kunft und Bildungserfolg ist deshalb auch eine mässig und alltagsintegriert hört und
Frage nach der rechtzeitigen Sprachförderung praktiziert.
von benachteiligten Kindern.  Sukzessiv zweisprachige Kinder: Sol-
Vor dem Hintergrund neuerer Erkenntnisse che Kinder lernen in den ersten Le-
aus Kognitions- und Neurobiologie bekam die bensjahren nur ihre Muttersprache.
Ansicht Auftrieb, diese Förderung habe früh Ca. ab dem dritten Lebensjahr kommt
dann eine neue Sprache hinzu. Am
einzusetzen, d.h. vor dem Schuleintritt. Be- häufigsten ist dies der Fall, wenn Kin-
sondere Hoffnungen stützten sich dabei zu- der in eine deutschsprachige familien-
nächst auf den Kindergarten, seit ca. 2009 ergänzende Betreuung eintreten.
auch auf den institutionalisierten Vor-
schulbereich, d.h. auf Kinderkrippen, Spiel- Die Bedeutung der Herkunftssprache ist in
gruppen, Tagesfamilien etc. Auch in der In- der Forschung umstritten, und es liegen
tegrationsförderung des Bundes spielt Sprach- auch kaum eindeutige oder hinreichend

Frühe Sprachförderung
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abgesicherte Befunde vor. Weitgehend fischen Anforderungen der Bildungsspra-


unbestritten ist jedoch, dass zwei- und che zu meistern. In der Forschung geht
mehrsprachiges Aufwachsen für die kogni- man davon aus, dass dieser Kompe-
tive Entwicklung von Vorteil ist. Der Nach- tenzerwerb zwischen vier und acht Jahre
teil scheint der zu sein, dass zwei- oder dauern kann.
mehrsprachig aufwachsende Kinder of-
fenbar in jeder der Sprachen einen gerin- Bilanz
geren Wortschatz entwickeln als einspra-
Bildung und eine gute Berufsausbildung sind
chig aufwachsende Kinder.
für den Lebenserfolg und die aktive Teilnahme
 «Alltagssprache» und «Bildungssprache»: am gesellschaftlichen Leben zentral. Der
Des Weiteren wird in der Sprachförderung Sprachkompetenz kommt dabei eine wesentli-
zwischen Alltagssprache und «Bildungs- che Bedeutung zu. Eine zu grosse Gruppe von
sprache» unterschieden. Der Begriff «Bil- Kindern erreicht jedoch ein zu geringes Kom-
dungssprache» meint die stark formale, petenzniveau. Sprachförderung ist deshalb ei-
wohlgeformte und gehobene Ausdrucks- nes der wichtigsten Förderziele überhaupt,
weise. Sie wird in der Schule gelehrt und wenn es um Integrationsbemühungen und um
gelernt sowie in anspruchsvollen Medien, die Schaffung von optimalen Startchancen von
akademischen Vorträgen, Referaten, Bü- Kindern geht.
chern etc. verwendet. Im Gegensatz dazu
Obwohl heute die Sprachförderung als unbe-
beinhaltet der Begriff «Alltagssprache» die
stritten gilt, ist zu wenig klar, an wen sie sich
im täglichen Umgang benutzte Sprache,
eigentlich richten soll. Im nächsten Briefing
die oft mit saloppen Ausdrucksweisen
Paper wird deshalb gefragt, welche Kinder
einhergeht und eher fürs Infomelle und
sprachlichen Unterstützung- und Förderbedarf
Private gedacht ist.
haben.
Im Hinblick auf den Spracherwerb von
ausländischen Kindern bedeutet diese Dif- Weiterführende Literatur
ferenzierung Folgendes: Kinder, welche Kammermeyer, G. & Roux, S. (2013). Sprach-
die deutsche Alltagssprache lernen, kön- bildung und Sprachförderung. In M. Stamm &
nen zwar möglicherweise in der Kita, zu D. Edelmann (Hrsg.), Frühkindliche Bildungs-
Hause mit der Familie oder auf dem Spiel- forschung (S. 515-528). Wiesbaden: VS Fach-
platz problemlos kommunizieren. In der verlag.
Schule sind sie jedoch nicht automatisch
Stamm, M. et al. (2011). Integrationsförde-
erfolgreich, weil sich hier die bewerteten rung im Frühbereich. Was Frühkindliche Bil-
sprachlichen Kompetenzen von der All- dung, Betreuung und Erziehung (FBBE) benö-
tagssprache deutlich unterscheiden. Des- tigt, damit sie dem Anspruch an Integration
halb stehen Kinder vor der doppelten Auf- gerecht werden kann. Universität Fribourg:
gabe, einerseits Deutsch als Alltagssprache Departement Erziehungswissenschaften.
zu lernen und andererseits auch die spezi-

Was sie leistet und wie sie optimiert werden kann


-18-

Briefing Paper 2: Wer braucht Unterstützung


beim Spracherwerb?
Wer sind die Vorschulkinder, die einen sprach- haben oft ein ähnliches Bildungs- und Erzie-
lichen Unterstützungsbedarf haben? Diese Frage hungsverständnis wie einheimische Familien,
ist weder banal noch überflüssig. Denn die exis- häufig jedoch ein ganz anderes als Migrantenfa-
tierenden Sprachfördermassnahmen differenzie- milien mit niedrigem Bildungsniveau.
ren zu wenig zwischen den verschiedenen Her-
Zudem gibt es auch Gruppen von Kindern ohne
kunftsmilieus der Kinder, ihren sprachlichen
Migrationshintergrund, die Unterstützungsbe-
Kompetenzen und Defiziten sowie ihren Bedürf-
darf haben. Genauso trifft man immer wieder
nissen. Vier Gründe sind dafür verantwortlich:
auf Kinder aus benachteiligten Migrantenfami-
 Ein Migrationshintergrund wird oft und lien, welche sich sprachlich sehr gut entwickeln.
meist unreflektiert mit einer allgemeinen Aufgrund eines generalisierenden und oft plaka-
Behandlungsbedürftigkeit gleichgesetzt. tiv-negativen Blicks auf «Kinder mit Migrations-
 Kinder mit Sprachdefiziten werden häufig so hintergrund» werden zu viele von ihnen allein
behandelt, als ob sie Lernstörungen hätten. aufgrund des Wissens um ihre Herkunft als för-
Sprachdefizite erfordern jedoch andere För- derbedürftig eingestuft. Oft geschieht dies vor-
dermassnahmen als Lernstörungen. schnell, undifferenziert und oft ohne diagnosti-
 Diagnostische Abklärungen (häufig als sche Abklärung.
«Sprach- oder Lernstandserhebungen»
durchgeführt) folgen oft gar keine oder dann Benachteiligte Kinder mit Migrationshinter-
nicht bedürfnisgerechte Massnahmen. grund sind die grösste Herausforderung
 Dass rund 8% der Vorschulkinder über akze- Unter den benachteiligten Minoritäten sind Kin
lerierte Sprachkompetenzen und spezifische der aus Migrantenfamilien mit bescheidenem
Interessen verfügen, hat bisher kaum Ein- Bildungsniveau und sozio-ökonomisch schwa-
gang in die Diskussion um frühe Sprach- chen Ressourcen wohl die grösste Herausforde-
förderung gefunden. rung für unser Bildungssystem. Solche Kinder
gehören zur am schnellsten wachsende Popula-
Der unpräzis genutzte Begriff «Migrations- tion, weil zugewanderte Menschen in der Regel
hintergrund» jung und im Familiengründungsalter sind. Da sie
Dass sich Kinder aus Familien mit niedrigem so- mit ihren Kindern oft zu Hause kein Deutsch
zio-ökonomischem Status häufiger sprachlich sprechen und diese auch mit ihrer sozialen Um-
nicht altersgemäss entwickeln, ist in verschiede- gebung nicht, handelt es sich um eine Kinder-
nen Untersuchungen nachgewiesen worden. Da- gruppe mit häufig schwierig auszugleichenden
zu gehören sowohl einheimische Kinder als auch Defiziten. Diese Kinder haben eine zwei- bis
solche mit Migrationshintergrund. Die häufigste viermal grössere Wahrscheinlichkeit als einhei-
Definition von «Migrationshintergrund» ist die- mische und/oder gut situierte Migrantenkinder,
se: in Armut und Benachteiligung aufzuwachsen.
Menschen, die selbst zugewandert sind oder Etwa ein Drittel der in der Schweiz lebenden Kin-
von denen mindestens ein Elternteil zugewan- der hat einen Migrationshintergrund. Wie viele
dert ist, haben einen Migrationshintergrund. von ihnen aus Familien mit niedrigem Bildungs-
Gleiches gilt für Menschen ohne Schweizer niveau stammen, wird leider nicht erfasst. So ist
Staatsbürgerschaft und ihre Kinder. auch kaum bekannt, wir gross die regionalen Un-
Zusätzlich wird ein Migrationshintergrund terschiede sind.
häufig nach Einreisealter differenziert (in der
Schweiz geboren, vor dem sechsten Altersjahr Wie viele dieser Kinder haben nun einen ausge-
eingereist, nach dem sechsten Altersjahr ein- wiesenen Sprachförderbedarf? Da für die
gereist [vgl. Stamm et al., 2012]). Schweiz hierzu keine statistischen Untersuchun-
gen zur Verfügung stehen, müssen Daten aus
Es ist somit reichlich undifferenziert, verallge- Deutschland herangezogen werden, die im We-
meinernd einfach von «Kindern mit Migrations- sentlichen auf unser Land übertragbar sind. So
hintergrund mit sprachlichen Entwicklungsdefizi- geht beispielsweise die Studie von Kiziak et al.
ten» zu sprechen. Ein Migrationshintergrund an (2012) von zwischen 34% und 46% förderbedürf-
sich ist keine statische Kategorie. Familien mit tigen Kindern aus. Die Unterschiede zwischen
Migrationshintergrund können sich stark vonei- den einzelnen Bundesländern sind dabei enorm.
nander unterscheiden. Das Bildungsniveau ist Dies dürfte in der Schweiz auch für die Kantone
entscheidend. Gut gebildete Migrantenfamilien
Frühe Sprachförderung
-19-

zutreffen. Anzunehmen ist, dass zwei Ursachen sind zwar vielschichtig, doch dürften die folgen-
dafür verantwortlich sind: Je nachdem, mit wel- den besonders zentral sein:
chen Diagnoseinstrumenten der Förderbedarf  Ob ein Kind lediglich einen Entwicklungs-
evaluiert wird und welches Angebot dafür zur rückstand hat und deshalb einer temporären
Verfügung steht. Förderung bedarf oder ob es sich um eine
Störung handelt, welche eine Therapie er-
Hürdenlauf in die familienergänzende För- forderlich macht, wird zu wenig differen-
derung ziert. Dies hat zur Folge, dass auch Kinder,
die lediglich eine gezielte Förderung brau-
Auch wenn hierzulande viele Sprachförderpro- chen würden, einer Therapie zugeführt wer-
jekte zur Verfügung stehen (vgl. Briefing Paper den, die jedoch den eigentlichen kindlichen
4), können sie nur wirksam sein resp. werden, Bedürfnissen nicht entspricht.
wenn diejenigen Kinder, welche eine Förderung
am stärksten nötig haben, davon auch tatsäch-  Das, was in unserer Gesellschaft als ‚normal‘
angesehen wird, hat sich in den letzten Jah-
lich Gebrauch machen. Der Anteil von Kindern ren immer mehr in Richtung ‚jenseits der
aus benachteiligten Migrantenfamilien, welche Norm‘ verschoben: Weil wir immer mehr
eine Kita besuchen oder von einer Tagesfamilie wissen und die diagnostischen Instrumente
betreut werden, ist jedoch allgemein niedrig. Die differenzierter geworden sind, beobachten
Gründe liegen jedoch nicht in erster Linie in den wir die Entwicklung der Kinder genauer und
grundsätzlich ablehnenden Haltungen der Eltern, stellen dadurch auch mehr Variabilität zwi-
sondern in den hohen Zugangshürden. Eine Stu- schen ihnen fest. Eine Folge davon ist, dass
die der Vodafone Stiftung (Sachverständigenrat viele Abweichungen vom Durchschnitt heute
deutscher Stiftungen für Integration und Migra- als Entwicklungsstörungen deklariert wer-
tion ,2013) kommt zu folgenden Ergebnissen: den, währendem sie vor zehn Jahren noch
im Normbereich angesiedelt wurden.
 Gut gebildete Migrantenfamilien und sol-
che, Eltern, welche in einer binationalen Sprachlich akzelerierte Kinder
Partnerschaft leben, erachten die geringe
Qualität sowie die unzureichende interkultu- Obwohl heute allgemein ein Bild vom kleinen
relle Öffnung der Kitas als Haupthindernis, Kind als unterschätztem, neugierigem Lerner ge-
weshalb sie ihr Kind nicht (öfters) familien- zeichnet wird, überwiegt in der frühkindlichen
ergänzend betreuen und fördern lassen. Die Bildungsdiskussion und insbesondere in der
Häufigkeit, mit der sie ihre Kinder in eine Sprachförderung die Defizitperspektive. Diese
Krippe geben, entspricht jedoch derjenigen hat zur Folge, dass Kinder mit deutlichen Kompe-
ähnlich gebildeter einheimischer Familien. tenzvorsprüngen im Sprachbereich («sprachliche
 Für schlecht gebildete Migrantenfamilien ist Akzeleration») ins Hintertreffen geraten. Tat-
das Haupthindernis ein doppeltes: über- sächlich hat unsere Längsschnittstudie «Frühle-
haupt einen Betreuungsplatz zu finden sowie sen und Frührechnen als soziale Tatsachen»
die hohen Betreuungskosten. Gegenüber deutlich gemacht, dass etwa 15% der Kinder mit
vergleichbaren einheimischen Familien ge- akzelerierten, d.h. dem Lebensalter markant vo-
ben sie ihre Kinder deutlich seltener in eine rauseilenden Sprachkompetenzen zur Schule
Kita. kommen und bezogen auf den Lehrplan einen
Vorsprung von einem halben bis mehr als einem
Sprachförderbedarf kritisch betrachtet Schuljahr haben und dass dieser Vorsprung be-
Auch bei Kindern, deren Erstsprache Deutsch ist, reits beim Eintritt in den Kindergarten besteht
wird ein zunehmender Förderbedarf festgestellt. (Stamm, 2005).
Dies betrifft nicht nur solche aus bescheidenen, Fachkräfte des Vorschulbereichs leugnen diese
sondern auch aus privilegierteren Familien. Etwa Tatsache zwar in keiner Art und Weise. Doch
15% der Kinder gelten heute als sprach-ent- vertreten sie oft die Meinung, dass es zwar Kin-
wicklungsauffällig und bei ca. 20% werden Spra- der mit sprachlichen Begabungen gäbe, doch
chentwicklungsprobleme festgestellt. Über 50% hätten sie meist Defizite in anderen Bereichen.
aller Kinder bekommen Therapien wie heilpäda- Deshalb seien in erster Linie diese Defizite wett-
gogische Unterstützung, Psychomotorik- oder zumachen. Solche Einstellungen sind jedoch
Rechenschwäche-Therapien, Legasthenie- oder falsch, weil sie die Motivation und Neugier der
Ergotherapien oder Alternativtherapien, um betreffenden Kinder bremsen und ihnen wich-
schulische Schwächen zu beheben. Dies ge- tige Kapazitäten verbauen, die für den Schulein-
schieht meist auf Wunsch der Eltern oder durch tritt wichtig sind.
gesellschaftlichen Druck.
Wenn somit Sprachförderung in Vorschulpro-
Weshalb werden heute so viele Vorschulkinder grammen umfassend betrieben werden soll,
als «therapiebedürftig» etikettiert? Die Gründe
Was sie leistet und wie sie optimiert werden kann
-20-

dann dürfen sie nicht nur auf Kinder mit Entwick- dest liegt ihnen implizite häufig ein Zeichen des
lungs- und Lernschwierigkeiten ausgerichtet Scheiterns zugrunde. Dieser Fokus ist falsch und
sein, sondern müssen auch Kinder mit über- durch den Blick auf die kindlichen Ressourcen zu
durchschnittlichen Begabungen respektive ak- ersetzen. Nur auf diese Weise kann es gelingen,
zelerierten Interessen erreichen. auch Kinder mit Kompetenzvorsprüngen zu er-
fassen und zu fördern. Zwar gibt es viele private
Bilanz sprachliche (und andere) Frühförderangebote,
welche Eltern nutzen können. Dieser Trend steht
Dass in vielen Kantonen und Gemeinden in den
hier jedoch nicht zur Diskussion. Vielmehr geht
letzten Jahren Massnahmen zur frühen Sprach-
es um die Forderung, dass institutionalisierte,
förderung eingeführt worden sind, gilt heute fast
von der öffentlichen Hand getragene Vor-
als Selbstverständlichkeit. Grundlage solcher An-
schulangebote auch auf solche Kinder zuge-
strengungen ist meist die Überzeugung, dass
schnitten werden müssen. Akzelerierte Sprach-
Kinder von Migranten generell Sprachförderbe-
kompetenzen sind im Sinne der Begabungsför-
darf hätten. Ob diese Ausrichtung und damit der
derung ebenso förderwürdig wie Sprachdefizite.
generalisierend verwendete Begriff «Migrati-
onshintergrund» angemessen ist, mag in vielen Grundlegende bildungs- und sozialpolitische Ge-
Fällen bezweifelt werden. Denn Kinder mit Mig- danken sind schliesslich nötig, um benachteiligt
rationshintergrund haben in sehr unterschiedli- aufwachsenden Kindern den Zugang in ein gutes
che Aufwachsbedingungen. Vorschulangebot garantieren zu können. Dem-
entsprechend müssen die Zugangshürden gezielt
Deshalb sollte der Begriff Migrationshintergrund
und systematisch abgebaut werden.
nach sozio-ökonomischem und kulturellem Hin-
tergrund differenziert werden. Kinder sind nicht
per se sprachförderbedürftig, weil sie einen Mig-
Weiterführende Literatur
rationshintergrund haben. Zudem gibt es andere Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für In-
Minoritäten – beispielsweise Kinder aus Risiko- tegration und Migration (Hrsg.) (2013). Hürden-
familien oder solche mit Teilbehinderungen – lauf zur Kita: Warum Eltern mit Migrationshin-
welche zwar in einer deutschsprachigen Umge- tergrund ihr Kind seltener in die frühkindliche
bung aufwachsen, jedoch trotzdem sprachliche Tagesbetreuung schicken. Berlin: Sachverständi-
genrat deutscher Stiftungen für Integration und
Entwicklungsdefizite aufweisen. Migration. Download am 16.01.2014 von
Ferner ist stärker als dies bis anhin der Fall ist http://www.svr-migration.de/content/wp-con-
zwischen Sprachdefiziten und Sprachstörungen tent/uploads/2013/06/SVR_FB_Kita_Web.pdf
zu differenzieren. Erstere machen eine Sprach- Stamm, M. (2005). Zwischen Exzellenz und Ver-
fördermassnahme notwendig, letztere eine The- sagen. Schullaufbahnen von Frühlesern und
rapie. Bisherigen Sprachfördermassnahmen haf- Frührechnerinnen. Zürich/Chur: Rüegger.
tet zudem oft eine Defizitperspektive an. Zumin-

Frühe Sprachförderung
-21-

Briefing Paper 3: Ursachen und Folgen von


Sprachdefiziten
Mit Blick auf den frühkindlichen Spracherwerb Schriftsprachkultur wie der Besitz von Büchern
und eine erfolgreiche Schulvorbereitung fallen und Zeitschriften, die Verfügbarkeit und Nutzung
zu viele Kinder, meist aus bildungsbenachteilig- von Texten sowie elterliche Lese- und Vorlese-
ten Familien, durch die Maschen. Dies wird oft gewohnheiten.
erst unmittelbar vor dem Schuleintritt zur
Gerade die Tatsache, dass Kinder, welche zu
Kenntnis genommen. Für eine Sprachförderung
Hause kein Deutsch sprechen, auch viel seltener
ist es dann aber meist zu spät, weil die Unter-
als andere Kinder eine Vorschuleinrichtung be-
schiede bereits zu gross sind. Zu vielen Kindern
suchen, hat nachteilige Folgen: Bis zum Eintritt in
werden somit zu oft und zu früh Chancen auf-
den Kindergarten lernen sie die deutsche Spra-
grund mangelnder Sprachbeherrschung verbaut.
che überhaupt nicht, so dass dieser für sie die
Wo liegen die Ursachen dafür?
‚Stunde null‘ bedeutet.
Zwar besteht wenig empirisch fundierte Klarheit
Es kann aber auch Kindern aus rein deutschspra-
darüber, doch werden in der Fachliteratur im-
chigen Familien an sprachlichen Kompetenzen
mer wieder drei Faktoren genannt: die fehlen-
mangeln. Die Gründe liegen ebenfalls in den
den (deutsch-)sprachlichen Anregungen in der
meist fehlenden häuslichen Anregungen (ge-
Familie; der mangelnde Austausch mit deutsch-
meinsames Bücherlesen, Geschichten erzählen,
sprachigen Gleichaltrigen sowie die Segregation,
Intensität der sprachlichen Kommunikation), in
d.h. die geographische Isolation vieler fremd-
einem autoritären Erziehungsstil (strikter Gehor-
sprachiger Familien.
sam, rigide Verbote und Sanktionen) sowie in ei-
nem überdimensionierten Medienkonsum.
Fehlende (deutsch-)sprachliche Anregungen
in der Familie
Mangelnder Austausch mit deutschsprachi-
Die häusliche Anregung hat den stärksten Ein- gen Gleichaltrigen
fluss auf die kindliche Sprachentwicklung. Dabei
Ein weiteres Problem besteht darin, dass be-
spielt weniger eine Rolle, was die Eltern sind
nachteiligt aufwachsende Kinder häufig einen
(=soziale Herkunft), sondern wie sie mit dem
geringen Austausch mit deutsch sprechenden
Kind umgehen (=Interaktion und Lenkung). Dass
resp. privilegierteren Kindern haben. Einer der
ein Migrationshintergrund automatisch mit ei-
Hauptgründe liegt darin, dass sich gut situierte
nem fehlenden Kontakt zur deutschen Sprache
Eltern verstärkt bemühen, ihre Kinder in das Mi-
verbunden sei, ist im letzten Briefing Paper wi-
lieu hineinwachsen zu lassen, in das sie ihrer An-
derlegt worden. So zeigt sich auch in empiri-
sicht nach gehören. Deshalb nehmen sie ver-
schen Studien, dass in etwa 60% der Migran-
mehrt Einfluss auf die Kontakte ihrer Kinder,
tenfamilien mit minderjährigen Kindern über-
verabreden sie handverlesen und regeln, mit
wiegend Deutsch gesprochen wird und in 11%
welchen Aktivitäten die Kleinen wie und in wel-
beide Sprachen angewendet werden (Kiziak et
cher Gruppe ihre Zeit verbringen sollen. Die Fol-
al., 2012). Dabei handelt es sich meist um Fami-
ge davon ist, dass gerade fremdsprachige Kinder
lien der zweiten Generation oder um binationale
aus benachteiligten Migrantenfamilien schnell
Familien. Die 29% der Familien, die sich aus-
einmal ausgesondert werden. Sie haben kaum
schliesslich in ihrer Herkunftssprache unterhal-
Chancen, nach der Schule, an den freien Mitt-
ten, sind meist solche der ersten Generation.
wochnachmittagen oder in den Ferien mit privi-
Der Grund hierfür hängt vor allem mit den feh-
legierter aufwachsenden Kindern zusam-
lenden Deutschkenntnissen beider Eltern oder
menzukommen und sich so in der Anwendung
eines Elternteils zusammen.
der deutschen Sprache zu üben. Sie bleiben un-
Es versteht sich somit von selbst, dass Eltern ter sich, d.h. unter denen, die alle kaum oder
resp. Familienmitglieder, die nur schlecht oder schlecht Deutsch sprechen.
gar kein Deutsch sprechen, über die denkbar
schlechtesten Voraussetzungen verfügen, um ihr Geographische Isolation («Segregation»)
Kind beim Erwerb der deutschen Sprache zu un-
Massiv zugenommen hat auch das Phänomen,
terstützen.
das generalisierend als «Segregation» bezeich-
Aber nicht nur die Nutzung der deutschen Spra- net wird: die Tatsache, dass gut situierte Eltern
che ist für die kindliche Sprachentwicklung rele- zunehmend aus Gegenden wegziehen, in denen
vant. Entscheidend ist auch der Zugang zur viele benachteiligte Familien wohnen. Diese Seg-
Was sie leistet und wie sie optimiert werden kann
-22-

regation ist heute weit fortgeschritten. Die Folge Bilanz


davon ist, dass sich Kinder aus benachteiligten
Zusammengefasst liegt das Hauptproblem von
Migrantenfamilien nicht mehr gleichmässig auf
Kindern mit Sprachförderbedarf darin, dass
die Kitas und die Primarschulklassen verteilen,
ihnen das «Sprachbad» fehlt, auch «Immersion»
sondern sich auf bestimmte Gegenden und
genannt. All die vielen Hindernisse führen dazu,
Wohngebiete konzentrieren. Dies hat zur Folge,
dass sich für sie immer seltener mehrsprachige
dass mehr als die Hälfte der Kinder eine Einrich-
Kontakte im alltäglichen Wohnumfeld ergeben
tung besucht, in der die meisten Kinder zu Hause
und es für solche Kinder praktisch unmöglich
ebenfalls kein Deutsch sprechen.
wird, Deutsch in einem natürlichen sozialen Kon-
Dazu kommt eine ethnische Segregation, d.h. text zu lernen
dass Familien aus gleichen ethnischen Gruppen
Diese ungünstigen Voraussetzungen führen da-
in bestimmten Quartieren überwiegen, so dass
zu, dass das Erlernen der deutschen Sprache oft
die Kinder nicht nur mit der deutschen Sprache,
erst im Alter von fünf Jahren, d.h. bei Kindergar-
sondern auch mit anderen Sprachen kaum in
teneintritt resp. gemäss HarmoS ab Beginn des
Kontakt kommen.
Schuljahres 2015/2016 bei «Schuleintritt»), ein-
setzt. Dieser Zeitpunkt ist jedoch zu spät. Wer
Folgen von Sprachdefiziten
schlecht Deutsch spricht, hat logischerweise im
Allgemein bekannt ist, dass Schülerinnen und Lebensverlauf Schwierigkeiten, soziale Kontakte
Schüler mit Migrationshintergrund sowie solche ausserhalb der Herkunftsgruppe zu schliessen
aus benachteiligten Sozialschichten in allen PISA- und Zugang zur Mehrheitsgesellschaft zu finden.
Schulleistungsstudien – und in Deutschland auch
Insgesamt werden damit die Bildungsungleich-
in der Iglu-Studie (Internationale Grundschul-
heiten nicht nur verstärkt, sondern es wird auch
Lese-Untersuchung) – geringere Punktwerte er-
ein grosses Potenzial nicht ausgeschöpft. Dieses
zielten und im Bildungssystem insgesamt weni-
Potenzial wäre in unserer alternden und vom
ger erfolgreich sind. Allerdings haben sie in den
Fachkräftemangel betroffenen Gesellschaft un-
PISA-Erhebungen seit 2000 etwas aufholen kön-
abdingbar.
nen.
Im Allgemeinen geht man davon aus, dass die Weiterführende Literatur
schlechteren Leistungen dieser Jugendlichen Kiziak, T., Kreuter, V. & Klingholz, R. (2012). Dem
zumindest zum Teil auf ihre mangelnden Nachwuchs eine Sprache geben. Was frühkindli-
Deutschkenntnisse zurückzuführen sind. Bekannt che Sprachförderung leisten kann. Berlin: berlin-
ist ebenfalls, dass während des Bildungsverlau- Institut für Bevölkerung. Download am
fes die Ungleichheiten eher grösser werden. 15.01.2014 von
Sprachdefizite, die nicht früh schon behoben http://www.poliglotti4.eu/docs/Sprachfoerde-
werden, haben nachhaltige negative Folgen. Aus rung_online.pdf
vielen Studien ist bekannt, dass junge Migran- Schmidt, T. (2012). Förderung von Kindern mit
tinnen und Migranten mit schlechten Deutsch- Migrationshintergrund. Eine empirische Studie
kenntnissen deutlich häufiger keinen Berufsab- zu Zielen und Massnahmen im Kindergarten.
schluss haben, viel weniger verdienen und auch Wiesbaden: VS Fachverlag (Kapitel 1.2).
häufiger als einheimische Jugendliche arbeitslos
Schmidt, T. & Smidt, W. (2014). Kompensatori-
sind (Schmidt, 2012). sche Förderung benachteiligter Kinder. Zeit-
schrift für Pädagogik, 1, 132-149.

Frühe Sprachförderung
-23-

Briefing Paper 4: Aktueller Stand der Sprach-


förderung
Sprachförderung ist an sich nichts Neues. In den und Handlungsspektrum neue Akzente zu
allermeisten vorschulischen Einrichtungen wird vermitteln.
ihr bereits heute eine gewisse Bedeutung bei-  Auch das High/Scope-Konzept zeichnet sich
gemessen. Ersichtlich wird dies in den pädagogi- durch einen gezielten Fokus auf die Sprach-
schen Konzepten und Leitideen vieler Kitas und förderung aus. Dabei handelt es sich um ein
anderer Einrichtungen, die sich an einer aktiven bekanntes und oft als ‚Modellprojekt‘ etiket-
und spielerischen Gestaltung sprachförderlicher tiertes amerikanisches Programm der 1960er
Beziehungen orientieren. Aber auch der Orien- Jahre, das an besonders benachteiligte Kin-
tierungsrahmen des Netzwerks Kinderbetreuung der und ihre Familien adressiert war. Wich-
(2012) sowie das Manual für das Qualitätslabel tigster Grundsatz war, dass Kinder selbstge-
für Kindertagesstätten (Stamm et al., 2012) ver- steuert lernen konnten und die Erwachsenen
lediglich ihre Partner, nicht jedoch ihre ‚Leh-
weisen auf die Bedeutung einer sprachförderli- rer‘, sein sollten. Trotzdem hatten sie gezielt,
chen Entwicklungsumgebung und Beziehungsge- aber zurückhaltend, das kindliche Engage-
staltung. ment in sozialen und spielerischen Interakti-
onen zu unterstützen und auf einen komple-
Die Bedeutung von Sprachförderung in pä- xen und intensiven Sprachgebrauch zu ach-
dagogischen Ansätzen ten. Eine ganz besondere Rolle nahmen
Sprache und Literacy ein, die in allen ange-
Viele theoretische Ansätze zielen auf alltagsinte- botenen Aktivitäten – von den künstlerisch-
grierte Sprachförderung, so beispielsweise das kreativen bis zu den musikalisch-bewe-
Montessori-, das Reggio- oder das High/Scope- gungsorientierten – eine zentrale Rolle spiel-
Konzept. ten.
 Im Montessori-Konzept spielt vor allem der
Schriftspracherwerb eine wichtige Rolle. Zu Arten von Sprachförderung
den Hauptaufgaben des Fachpersonals ge- Wirft man einen genaueren Blick auf die Vielzahl
hört die Förderung der Freude an der Spra- der aktuell laufenden Sprachförderprogramme,
che durch eine bewusste Kommunikation
mit den Kindern. Sie soll zur Erweiterung des so wird ihre Unterschiedlichkeit sofort ersicht-
Wortschatzes, aber auch zum Kennenlernen lich. Die einen basieren auf ganzheitlichen, die
von geschriebener Sprache, verwendet wer- anderen auf sprachstrukturell orientierten Kon-
den. Die hierzu bereitgelegten Materialien zepten, die dritten sind ganz auf Kinder mit Mig-
ermöglichen ein eigenaktives und eigen- rationshintergrund ausgerichtet. Zudem unter-
ständiges Arbeiten («Hilf mir, es selbst zu scheiden sie sich hinsichtlich Beginn, Umfang
tun»). Allerdings ist das Fachpersonal in die- und inhaltlicher Ausrichtung. Oft werden sie ab
sem Selbsterziehungsprozess des Kindes von drei Jahren eingesetzt, mit oder ohne vorheriger
entscheidender Bedeutung. Denn ihm ob- Diagnostizierung resp. Abklärung des Förderbe-
liegt es, die kindlichen Bedürfnisse zu inter- darfs.
pretieren und die Bedingungen zu schaffen,
die das Kind für seine Sprachentwicklung  Ganzheitliche Konzepte: Sprachfördermass-
braucht. nahmen sind dann ganzheitlicher Art, wenn
sie integriert im Alltag vorschulischer Ein-
 Auch das Konzept der Reggio-Pädagogik, richtungen (Kitas, Spielgruppen, Tagesfami-
manchmal als kreative Pädagogik der «hun- lien etc.) zum Einsatz kommen. Gemeint ist
dert Sprachen» bezeichnet, betont die Be- damit, dass Sprachförderung als alltägliche
deutung der Sprachförderung. Basierend auf Aufgabe verstanden und in allen natürlichen
der zentralen Idee des Kindes als Konstruk- Situationen praktiziert wird. Durch den en-
teur seiner Entwicklung und als «eifrigem gen, ritualisierten und längerfristigen Kon-
Forscher» geht es davon aus, dass das Kind takt zum Kind gewinnen die Fachkräfte ge-
100 Sprachen, 100 Hände, 100 Weisen zu naue und detaillierte Erkenntnisse seiner in-
denken, zu sprechen und zu spielen, 100 dividuellen sprachlichen Entwicklung. Einge-
Welten zu entdecken und 100 Welten zu setzt werden vielfältige Materialien und Leit-
träumen, habe. Die Förderung der Verbal- fäden.
sprache wird deshalb immer mit der Förde-
rung der handelnden und sinnlichen Berei-  Spezifische Fördermassnahmen: Als spezi-
che zusammengedacht. Die Rolle des Fach- fisch bezeichnet werden solche Massnah-
personals besteht folgedessen darin, in ei- men resp. Programme, die sich explizit auf
nem solchen ganzheitlichen Rahmen Kinder Sprachförderung konzentrieren. Dies kann
sprachlich zu fördern und ihrem Interessen- eine Sprach-Spielgruppe sein, eine Vorschul-
Was sie leistet und wie sie optimiert werden kann
-24-

einrichtung mit einer zusätzlich eingestellten sprachlicher Anregung. Sie brauchen ein kre-
Person, die über Expertise in Sprachförde- atives und anregendes Sprachförderpro-
rung verfügt, eine ergänzende sprachliche gramm, das auf eine Verbesserung und Er-
Förderung einer Teilgruppe im Rahmen des weiterung ihrer Sprachkompetenz zielt.
normalen Kita-Betriebs oder die auf eine Re-
gion beschränkte Entwicklung eines Konzept Sprach- oder Lernstandserhebungen
für die systematische Sprachförderung.
Will man die Sprachförderung an den jeweiligen
Des Weiteren können solche spezifischen Entwicklungsstand des einzelnen Kindes anpas-
Fördermassnahmen gezielt auf spezifische sen, sind Sprachstandsfeststellungen oder Lern-
Sprachebenen, wie den Wortschatz oder die
phonologische Bewusstheit, ausgerichtet standsmessungen notwendig. Dabei werden
sein. entweder punktuelle Tests eingesetzt, die auf
einer Momentaufnahme beruhen oder dann
 Familiäre Literacy-Programme: Familiäre Verfahren zur Dokumentation der Sprachent-
Sprachförderung im Vorschulalter ist be- wicklung über eine längere Zeit. Oft bildet die
wusster oder unbewusster Teil der alltägli- Sprachstandsdiagnose auch die Ausgangslage für
chen familialen Sozialisation. Sie kann aber
auch in systematischen Familienförderpro- eine zusätzliche Sprachförderung. Unterschieden
grammen oder mittels Interventionen in werden Schätzverfahren, Beobachtungen, Pro-
Kinderbetreuungseinrichtungen erfolgen. filanalysen und Tests.
Zentrale Ansatzpunkte sind die Bereitstel-  Schätzverfahren erheben mittels standardi-
lung förderrelevanter Ressourcen, die Sensi- sierter Befragungen den Sprachstand eines
bilisierung und Anleitung der Eltern und ev. Kindes und ziehen das Wissen der Eltern und
weiterer Familienmitglieder, die Verbesse- des Fachpersonals ein.
rung der Eltern-Kind-Interaktionen oder
auch Trainings bestimmter Kompetenzen.  Bei Beobachtungen wird das sprachliche
Programme, die Familien in den Mittelpunkt Handeln der Kinder in alltäglichen bzw. ge-
rücken, existieren insbesondere in Form von stellten Handlungssituationen beobachtet
(Haus-)Besuchsprogrammen, oft verbunden und dokumentiert (z. B. SISMIK [für nicht
mit Gruppentreffen. Gezielt auf sprachliche deutschsprechende Kinder]; SEDLAK [für
Kompetenzen ausgerichtet sind z.B. das deutschsprachige Kinder]).
Hamburger «Family Literacy»-Projekt oder  Bei Profilanalysen geht es um die Ermittlung
das Schweizer Projekt «Schenk mir eine Ge- der sprachlichen Kompetenz von Kindern in
schichte – Family Literacy» oder den Um- Alltagssituationen.
gang mit Büchern (z.B. «Buchstart» und «Le-
sestart»).  Standardisierte Sprachtests untersuchen be-
stimmte Teilaspekte der Sprachfähigkeit (z.B.
Zur Problematik des Einsatzes generalisier- Sprachtest Delfin4).
ter Sprachförderprogramme Aus entwicklungs- und pädagogisch-psychologi-
Überblickt man den Status Quo in der Schweiz, scher Perspektive gelten einige dieser Verfahren
dann entsteht der Eindruck, dass Sprachförder- als valide und verlässlich. Sie erlauben jedoch
programme verbreitet sind, jedoch relativ unsys- nur bei professioneller Anwendung eine korrekte
tematisch eingesetzt werden und dass das Per- Diagnose, und eine solche ist mit Kosten verbun-
sonal oft keine spezifische Qualifizierung hat. den. Die in der pädagogischen Alltagspraxis ak-
Diese Tendenz ist deshalb problematisch, da tuell verwendeten Verfahren sind leider oft we-
Sprachdefizite bei Kindern sehr vielfältige Ursa- nig erprobt. Der Sprachförderbedarf von Kindern
chen haben können. Wird ein einziges Förder- lässt sich jedoch nur zuverlässig identifizieren,
programm für alle Kinder mit Sprachförderbe- wenn die Verfahren, theoretisch begründet, em-
darf eingesetzt, dann wird es kaum erfolgreich pirisch validiert und normiert sind. Bei vielen
sein können. Denn die Bedürfnisse sind für fol- Verfahren problematisch ist, dass sie nicht be-
gende Gruppen jeweils sehr unterschiedlich: rücksichtigen, ob Deutsch die Erstsprache des
Kindes ist oder nicht und wie lange es schon
 Kinder mit spezifischen Spracherwerbsstö- Kontakt mit der deutschen Sprache hat. Deshalb
rungen. Sie brauchen eine gezielte logopädi- kann die Frage oft gar nicht beantwortet wer-
sche Therapie.
den, ob sich die Sprachkompetenz in Deutsch als
 Kinder aus Migrationsfamilien, welche nur zweiter Sprache im Normbereich befindet oder
mangelnde Deutschsprachekenntnisse ha- nicht.
ben. Sie brauchen ein Sprachförderpro-
gramm, das ihnen systematisch hilft, die Ärztliche Untersuchungen
deutsche Sprache zu erlernen.
Im Rahmen der ärztlichen Vorsorgeuntersu-
 Einheimische Kinder mit eingeschränkten
Sprachkompetenzen aufgrund mangelnder chungen bei Kinderpädiatern wird die Sprach-
Frühe Sprachförderung
-25-

entwicklung des Kindes ebenfalls dokumentiert, wenig theoretisch fundiert und kaum erprobt.
und es werden bei Bedarf Fördermassnahmen Übersehen worden ist dabei, dass ein Sprachför-
initiiert. Die Vorgehensweise ist jedoch regional derprogramm nicht einheitlich für alle Kinder mit
und kantonal unterschiedlich. Sprachförderbedarf (Defizite wie auch Vor-
sprünge) sowie Sprachstörungen angewendet
Allgemein werden verschiedene Vorsorgeunter-
werden kann und dass Kinder nicht deutscher
suchungen empfohlen, die im ersten Monat ein-
Muttersprache andere Bedürfnisse haben als
setzen und regelmässig bis zum Schuleintritt
einheimische Kinder deutscher Muttersprache.
(und dann bis zum 15. Altersjahr) durchgeführt
werden sollen. In Bezug auf die Sprachentwick- Damit bleibt offen, in welche Massnahmen zu-
lung sind die Untersuchungen im sechsten Mo- künftig investiert werden soll, damit sprach-
nat (Gehör), im 12. Monat (Spielverhalten; Beur- schwache und/oder zweisprachig aufwachsende
teilung des geistigen und sozialen und motori- Migrantenkinder den sprachlichen Rückstand in
schen Entwicklungsstandes), im 18. und 24. Mo- der deutschen Sprache aufholen und durch eine
nat (Spielverhalten und Sprachentwicklung, Er- gute Integration ihr Potenzial umsetzen können.
ziehungsfragen), zwischen drei und vier Jahren Dies wird sich auch in Briefing Paper 6 zeigen,
(Sprache/Zeichen, Beurteilung des Eintritts in wo es um die Wirksamkeit von Sprachförderpro-
den Kindergarten) wichtig (vgl. Flyer Kinderärzte grammen geht.
Schweiz, o.J.).
Weiterführende Literatur
Qualifikationen des Personals Kinderärzte Schweiz (o. J.). Flyer Vorsorgeunter-
In fast jedem pädagogischen Konzept oder in suchungen. Zürich: Kinderärzte Schweiz.
den Leitideen von Kitas oder Spielgruppenorga- Lisker, A. & Dietz, S. (2008). Sprachstandsfest-
nisationen steht, dass Erzieherinnen und Erzie- stellung und Sprachförderung im Kindergarten.
her die Kinder individuell und kompetent fördern München: Deutsches Jugendinstitut e.V. Down-
und nicht mehr ‚nur‘ betreuen sollen. Damit wird load am 16.01.2014 von
implizite an das Fachpersonal die Erwartung ge- http://www.dji.de/bibs/Sprachstandsfeststel-
stellt, dass es in der Lage ist, effektiv zu erken- lung_Dietz_Lisker.pdf
nen, ob ein Kind sprachliche Auffälligkeiten zeigt, Tracy, R. (2007). Wie Kinder Sprachen lernen.
um es bei Bedarf individuell fördern zu können. Und wie wir sie dabei unterstützen können. Tü-
bingen: Francke.
Solche Ansprüche erweisen sich angesichts des
aktuellen Ausbildungsstandes eines Grossteils
des Fachpersonals jedoch als überzogen. Weil
linguistisches Fachwissen selten vorhanden ist,
fällt es vielen Fachkräften schwer, Kinder mit
Sprachauffälligkeiten differenziert beurteilen zu
können, ob und welche Art von Sprachförderung
oder Sprachtherapie notwendig wäre. Das ist
angesichts der oft ungenügenden Qualität be-
stehender Sprachstandserhebungen, die Hilfe-
stellungen bei der Differenzierung der verschie-
denen Ursachen von Sprachauffälligkeiten bieten
sollten, auch keine leichte Aufgabe.

Bilanz
In Vorschuleinrichtungen ist aktuell eine Vielzahl
an Sprachförderkonzepten und -programmen im
Einsatz. Einerseits entspricht dies einer wün-
schenswerten pädagogischen Vielfalt. Anderer-
seits ist diese Vielfalt derart unübersichtlich ge-
worden, dass man sich oft des Eindrucks einer
gewissen Orientierungslosigkeit kaum erwehren
kann. Die Angebote unterscheiden sich nicht nur
inhaltlich und in der Art der Umsetzung erheb-
lich voneinander, sondern sie sind zum Teil auch

Was sie leistet und wie sie optimiert werden kann


-26-

Briefing Paper 5: Theoretische Ansätze früher


Sprachförderung
Lange Jahre dominierte die Vorstellung einer na- Tabelle 1:Vergleichende Analyse der drei An-
tional, sprachlich und auch kulturell homogenen sätze (in Anlehnung an Schmidt, 2012, S. 78)
Gesellschaft. Dies zu erreichen war erklärtes Ziel Theoretische Ansätze
kompensato- strukturkri-
der «Ausländerpädagogik». Im Mittelpunkt stand risch interkulturell tisch
die «Eingliederung» der Ausländerkinder bei uns, Das Bild Das defizitäre Das unschul- Das (instituti-
um ihre Defizite durch geeignete Massnahmen vom Kind dige resp. onell) diskri-
Kind idealisierte minierte Kind
(z.B. Sprachtests, Förderkurse, Einführungsklas- Kind
sen) auszugleichen und sie an die Figur des Förder- Ausgleich von Förderung Monitoring
«Schweizer Normalschülers» anzupassen. Diese ziele Schwächen von Zwei- des Bildungs-
Assimilationsstrategie war bis in die 1980er Jah- (keine Förde- und Mehr- systems
rung der Erst- sprachigkeit Beobachtung
re federführend, und sie lebt – wie in diesem sprache) Einbezug der und Doku-
Briefing Paper zu zeigen sein wird – auch im Gezielte familiären mentation
kompensatorischen Ansatz teilweise wieder auf. Schulvorbe- Wert- und der Entwick-
In der Zwischenzeit sind aus den «Gastarbeiter-» reitung Normvor- lungsfort-
Sprachför- stellungen schritte
und «Ausländerkindern» «Migrantenkinder» derkurse Führen von
geworden. Wie bereits aufgezeigt wurde, ist der Tagebüchern
generalisierend genutzte Begriff «Kinder mit und Bil-
Migrationshintergrund» problematisch. dungsbü-
chern
Verstärkter
Von der Ausländerpädagogik zur Interkultu- Austausch
rellen Pädagogik von vorschu-
lischen und
Unter dem Eindruck regelmässiger Zuwanderung schulischen
und des gestiegenen Anteils an migrantischen Einrichtungen
Kindern und Jugendlichen verliert die Vorstel- Integra- Assimilation Integration Inkorporation
tions- vorurteilsbe- vorurteilsbe- vorurteilsbe-
lung einer «homogenen Kulturnation Schweiz» ziele wusste Erzie- wusste Erzie- wusste Erzie-
immer mehr an Überzeugungskraft. Konkurrenz hung und Bil- hung und Bil- hung und Bil-
erfährt sie auch von neuen pädagogischen Kon- dung dung dung
zeptionen. Die nachfolgend beschriebenen, Allge- Stärkere Ausrichtung des Fachpersonals auf
exemplarisch ausgewählten Ansätze lassen sich meinziel die berufliche Handlungskompetenz (Profes-
sionalisierung)
als Reaktionen auf die Einwanderungssituation
auf dem Weg von der Ausländerpädagogik zur
Interkulturellen Pädagogik verstehen. Dargestellt Der kompensatorische Ansatz
werden der kompensatorische Ansatz, der inter- Der kompensatorische Ansatz hat eine lange, bis
kulturelle Ansatz und der strukturkritische An-
in die 1970er Jahre zurückreichende Tradition.
satz. Genauere Ausführungen finden sich hierzu
Waren es damals Ziele wie die Ausschöpfung der
bei Schmidt (2012) sowie bei Schmidt & Smidt Begabungsreserven oder die Erhöhung der
(2014). Gleichheit der Bildungschancen gewesen, so ist
In Tabelle 1 sind die theoretischen Ansätze in es heute – gerade in der Folge der durch die PI-
Bezug auf drei Schwerpunkte einander verglei- SA-Studien angestossenen Bildungsdiskussion –
chend gegenübergestellt: das Bild vom Kind, die primär der Ausgleich von Bildungsdefiziten von
Förderziele und die Integrationsziele. Der vierte Kindern mit im Vergleich zu solchen ohne Migra-
Schwerpunkt bildet das allgemeine Ziel, das allen tionshintergrund und damit zur «Erhöhung der
drei Ansätzen zu Grunde liegt und somit ihren Startchancengleichheit».
gemeinsamen Nenner bildet: die Forderung nach
Diesem Ansatz liegt ein Bild vom Kind zugrunde,
einer stärkeren Ausrichtung des Fachpersonals
das durch seine Umwelt gefährdet, vielleicht so-
auf die berufliche Handlungskompetenz (Profes- gar bereits beschädigt ist und durch familiener-
sionalisierung). gänzende Erziehung und Förderung ‚geheilt‘
Nachfolgend werden die ersten drei Schwer- werden soll. Diese Bild (Tabelle 1), das vielen bil-
punkte jeweils im Rahmen der Diskussion der dungspolitischen und auch wissenschaftlichen
einzelnen Ansätze besprochen. Beleuchtet wer- Diskussionen implizit zu Grunde liegt, geht von
den darüber hinaus ihre Stärken und Schwächen. einem Kind aus, das aus armen Familien der Un-
terschichten oder benachteiligten Migrantenfa-
Frühe Sprachförderung
-27-

milien stammt, in sozialer Unordnung aufwächst überdiagnostizierten Kind deshalb besonders


und Opfer seiner Verhältnisse ist. deutlich hervortritt. Mögliche Ressourcen dieser
Kinder, welche sie aufgrund ihrer kulturellen Zu-
Das erste Förderziel des kompensatorischen An-
gehörigkeit mitbringen, werden nicht berück-
satzes besteht im Erlernen der deutschen Spra-
sichtigt.
che sowie in Massnahmen, Sprachdefizite zu
kompensieren und dadurch die Schulfähigkeit zu
erhöhen. Eine Förderung der Erstsprache (Her-
Der interkulturelle Ansatz
kunftssprache) ist nicht vorgesehen. Integrati- Anders als der kompensatorische Ansatz stellt
onspolitisch steht – ähnlich wie damals in der der interkulturelle Ansatz weder Assimilation
Ausländerpädagogik – die Assimilation als An- noch Defizitausgleich, sondern die Berücksichti-
passungsprozess im Mittelpunkt. Im Unterschied gung kultureller Unterschiede in den Mittel-
zur Ausländerpädagogik erachtet der kompensa- punkt. Er versteht Unterschiede als Bereicherung
torische Ansatz die vorurteilsbewusste Erziehung und Integration als Inklusion (vgl. Tabelle 1). Sein
und Bildung durch das Fachpersonal als wichti- wesentlichstes Prinzip sind soziale Teilhabe,
ges Integrationsziel. Dies setzt Erzieherinnen und Wertschätzung und Anerkennung von Vielfalt.
Erzieher voraus, die selbstreflexive und selbstkri- Deshalb proklamiert er Differenz und Pluralität
tische Haltungen und Einstellungen einnehmen als Qualitätsmerkmale, die nicht mehr nur auf
können. Deshalb wird ihrer Professionalisierung Migrantenkinder, sondern auf alle Heranwach-
grosse Bedeutung beigemessen. senden ausgerichtet sein müssen. Im interkultu-
rellen Dialog sollen alle in einer plural («multikul-
Stärken: Der kompensatorische Ansatz profitiert
turell») gedachten Gesellschaft zusammen ler-
von den ausserordentlich vielversprechenden
nen und sich entwickeln. Hierfür werden neuer-
Evaluationsergebnissen aus den amerikanischen
dings viele unterschiedlichen Begriffe verwen-
Vorzeigeprojekten, die heute weitgehend als
det: Pädagogik der Vielfalt, Diversity-Ansatz, Pä-
modellhaft gelten. Dazu gehören das Carolina
dagogik der Anerkennung etc. (Stamm & Burger,
Abecedarian Project, das High/Scope Perry Pre-
2011).
school Program sowie das Chicago Child-Parent
Program. Zusammenfassend kommen die Evalu- Im Gegensatz zum Bild des defizitären Kindes
ationen dieser Programme zum Schluss, dass zeichnet der interkulturelle Ansatz das Bild des
stark benachteiligte Kinder von einem kompen- «unschuldigen Kindes», das für negative Ein-
satorischen Ansatz kurz- und langfristig enorm flüsse durch die soziale Umwelt unerreichbar,
profitieren können, wenn die Einrichtung quali- aber formbar durch positive Erziehung ist. Oft
tativ hochstehend ist. Solche Effekte liessen sich wird deshalb auch vom «idealisierten Kind» ge-
auch im Erwachsenenalter insofern nachweisen, sprochen.
als die ehemaligen Teilnehmer im Vergleich zu
Fördermassnahmen, welche im Rahmen dieses
solchen, die nicht am Programm teilgenommen
Ansatzes konzipiert werden, umfassen Ziele,
hatten, erfolgreichere Bildungslaufbahnen auf-
welche der Integration dienen. Anders als im
wiesen und sich besser in die Gesellschaft ein-
kompensatorischen Ansatz werden die Familien-
gliedern konnten. Dadurch, dass reduzierte
sprachen berücksichtigt und gefördert (Zwei-
Schulungskosten (als ein Ergebnis geringerer
und Mehrsprachigkeit) sowie familiäre Wert-
Klassenwiederholungsraten und Sonderbeschu-
und Normvorstellungen im pädagogischen Alltag
lungen) sowie die Reduktion kriminellen und de-
stärker einbezogen. Dies geschieht beispiels-
linquenten Verhaltens und teilweise auch niedri-
weise mittels vielfältigen Alltagsritualen (Begrüs-
gerer Gesundheitskosten entstanden, ergaben
sungs-, Verabschiedungsrituale, Dialoge) oder als
sich gemäss Heckman (2011) finanzielle Rendi-
Länderwochen durchgeführten Projekten, durch
ten für den Staat zwischen 10% und 16%.
die Nutzung kultursensibler Spielsachen und
Schwächen: Der Hauptvorwurf am kompensato- Lernmaterialien oder indem Familien über inter-
rischen Ansatz liegt in der «Wiederentdeckung kulturelle Elterntreffs gezielt einbezogen wer-
der Risikogruppen», werden doch benachteiligte den.
Kinder und ihre Familien grossteils generalisie-
Auch im interkulturellen Ansatz wird die Bedeu-
rend als behandlungsbedürftig bezeichnet. Als
tung respektvoller, aufgeschlossener und selbst-
problematisch kritisiert wird dabei, dass dieser
kritischer Haltungen des Fachpersonals sowie
Ansatz die Assimilation zum Ziel hat und sich da-
seine Bereitschaft betont, die eigenen Grenzen
bei an der Mittelschicht orientiert. Deshalb wer-
anzuerkennen und sich durch Weiterbildung in-
den solche Kinder schon im Vorschulalter etiket-
terkulturelles Wissen anzueignen. Auf diese
tiert und damit stigmatisiert. Kritisiert wird fer-
Weise sollen Erziehrinnen und Erzieher dafür
ner, dass die Defizite dieser Kinder überbetont
verantwortlich werden, dass Vorurteile und Kli-
werden und der Hang zum vermessenen, d.h.
schees vermieden und die Herkunftskultur von
Was sie leistet und wie sie optimiert werden kann
-28-

Migrantenkindern vor einer folkloristischen Ver- Die erste Adressatin des strukturkritischen An-
klärung geschützt wird. satzes ist deshalb nicht die pädagogische Praxis,
sondern die Bildungspolitik. Trotzdem kommt
Stärken: Dem interkulturellen Ansatz wird attes-
der pädagogischen Praxis die Aufgabe zu, die
tiert, gegenüber neuen Perspektiven und Er-
möglicherweise diskriminierenden – ungewoll-
kenntnissen offen, reflexionsbereit und auch
ten und unbeabsichtigten – Mechanismen an ih-
selbstkritisch zu sein. Zudem hat er gerade im
ren Institutionen zu reflektieren, sie zu erkennen
Frühbereich zu vielen neuen Konzepten und pä-
und zu Gunsten der Betroffenen zu verbessern.
dagogischen Ansätzen geführt. Hier gilt die Ver-
Als Massnahmen vorgeschlagen werden dabei
bindung von interkultureller Erziehung und El-
die Beobachtung und Dokumentation der Ent-
ternarbeit als Grundstein für eine erfolgreiche
wicklungsfortschritte der Kinder, das Führen von
Integration von Kindern mit Migrationshinter-
Tagebüchern und Bildungsbüchern, der ver-
grund. Betont wird, dass Eltern auf diese Weise
stärkte Austausch von vorschulischen und schuli-
ermuntert werden können, sich aktiv am Ent-
schen Einrichtungen etc. Die Hauptarbeit seitens
wicklungs- und Bildungsprozess ihres Kindes zu
der Bildungspolitik wird im Bildungs- und So-
beteiligen und sich stärker für die Arbeit in der
zialmonitoring gesehen, damit die Bildungsbe-
Kita resp. der Tagesfamilie und im eigenen Integ-
teiligung von Vorschulkindern mit und ohne Mig-
rationsprozess zu engagieren.
rationshintergrund erfasst werden kann.
Schwächen: Die Kritik am interkulturellen Ansatz
Demzufolge ist das Integrationsziel des struktur-
ist vielfältig. Erstens wird ihm vorgeworfen, er
kritischen Ansatzes die Inkorporation. Gemeint
gewichte die kulturellen Differenzen zu stark und
ist damit, dass jedem Kind im Sinne der Chan-
die sozialen Bedingungen zu wenig. Zweitens
cengerechtigkeit die gleichen Partizipations-
wird immer wieder darauf hingewiesen, er wür-
chancen auf allen Ebenen des Bildungssystems
de ein Bild vom unschuldigen Kind zementieren,
eingeräumt werden müssen.
das durch negative Einflüsse nicht beeinflussbar
sei. Gemäss verschiedener empirischer Studien Stärken: Dass der strukturkritische Ansatz die
(vgl. Diehm & Kuhn, 2006) sind Kinder jedoch Benachteiligungen bestimmter sozialer Her-
sehr wohl zu Rassismus und antisozialem Verhal- kunftsgruppen in der Schule unter die Lupe
ten fähig. Ein dritter Vorwurf betrifft die Ver- nimmt und mit den Mechanismen des Bildungs-
nachlässigung der auf den Schulerfolg ausge- systems in einen Zusammenhang bringt, wird als
richteten Förderperspektive, die gerade für be- seine grosse Stärke betrachtet. Damit erweitert
nachteiligte Kinder mit Migrationshintergrund dieser Ansatz die Sicht auf die Situation benach-
besonders wichtig sei. Viertens wird kritisiert, teiligt aufwachsender Kinder und Jugendlicher
der interkulturelle Ansatz verschleiere die soziale um organisations- und systemtheoretische Ge-
Benachteiligung von bestimmten Kindergruppen, sichtspunkte. Diese werden von den beiden an-
weil er kulturelle Differenzen romantisiere, an- deren Ansätzen nicht oder nur ganz am Rande
statt sich in Gesellschaft und Politik für Struktur- berücksichtigt. Eine weitere Stärke liegt darin,
veränderungen einzusetzen. dass er bestimmte etablierte pädagogische Stra-
tegien (z.B. Empfehlungspraxen fürs Gymna-
Der strukturkritische Ansatz sium) einer kritischen Prüfung unterzieht. Zudem
identifiziert er lokale Disparitäten, beispiels-
Im Unterschied zu den beiden bisher diskutier-
weise, dass in gewissen Schulen sehr viele be-
ten Ansätzen fokussiert der strukturkritische An-
nachteiligte Kinder in Sonderförderprogrammen
satz weder auf zu kompensierende Defizite noch
resp. weniger anspruchsvollen Schultypen plat-
auf kulturelle Differenzen, sondern auf das Bil-
ziert werden, in anderen jedoch sehr wenige –
dungssystem selbst und seine diskriminierenden
und dass sogar zwischen Stadtteilen deutliche
Tendenzen. Im Fokus steht somit das (institutio-
Unterschiede bestehen können.
nell) diskriminierte Kind (Tabelle 1). Bei der insti-
tutionellen Diskriminierung wird davon ausge- Schwächen: Oft wird der strukturkritische Ansatz
gangen, dass organisationelle Strukturen oder mit dem Vorwurf konfrontiert, er verfolge eine
institutionelle Regelungen des Bildungssystems überaus enge Perspektive. Soziale und instituti-
zu Benachteiligungen von Gruppen führen. Die onelle Faktoren würden unter-, institutionelle
bekanntesten diskriminierenden Mechanismen Faktoren hingegen übergewichtet. Ein gewichti-
werden beispielsweise in der massiven Häufung ger Einwand betrifft ferner den Umstand, dass
von Kindern mit Migrationshintergrund in Real- Kinder und ihre Familien mit Migrationshinter-
schulen, Einschulungsklassen oder in den Warte- grund ausschliesslich aus der Defizitperspektive
schlaufen beim Eintritt in die Berufsbildung betrachtet werden und sie deshalb – ähnlich wie
sichtbar, welche solche Jugendlichen viel häufi- dies für den kompensatorischen Ansatz zutrifft –
ger als Einheimische drehen müssen. per se als behandlungsbedürftig gelten. Auf die-
Frühe Sprachförderung
-29-

se Weise werden sie zu kollektiven und passiven Bislang gibt es keine Projekte oder Untersuchun-
Opfern ohne konkrete Handlungsperspektiven. gen zur Mischung dieser drei Ansätze. Dies wäre
Kritisiert wird auch, dass sozio-ökonomische As- ein empfehlenswertes Unterfangen, hat doch je-
pekte unter den Tisch gewischt werden, weil der der in spezifischer Hinsicht seine eigenen Stär-
Ansatz keine Unterschiede zwischen Sozial- ken. Eine solche Synthese wäre mit Sicherheit
schicht und Migrationshintergrund macht. angemessener oder effektiver als die straffe Ver-
teidigung des jeweiligen Ansatzpunktes.
Bilanz
Vergleicht man die Akzeptanz der drei Ansätze in
Weiterführende Literatur
Bildungspolitik und pädagogischer Praxis, dann Diehm, I. & Kuhn, M. (2006). Doing Race/Doing
fällt als erstes auf, dass der kompensatorische Ethnicity in der frühen Kindheit. Zeitschrift für
Ansatz eine allgemein grosse Akzeptanz hat. Die- Sozialpädagogik und Sozialpolitik, 8, 140-151.
se kommt denn auch in vielen Projekten, ins- Heckman, J. (2011). The American Family in
besondere in Sprachförderprojekten, zum Aus- Black and White: A Post-Racial Strategy for Im-
druck. In der Fachliteratur wird er jedoch eher proving Skills to Promote Equality. IZA Discussion
kritisch begutachtet. Ausnahmen, die positiv be- Paper No. 549. University College Dublin und
urteilt werden, sind die Projekte «BiKS» (Bil- Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit. Down-
dungsprozesse, Kompetenzentwicklung und Se- load am 16.01.2014 von
lektionsentscheidungen im Vorschul- und Schul- http://ftp.iza.org/dp5495.pdf.
alter) und das «Nationale Bildungspanel» in Schmidt, T. (2012). Förderung von Kindern mit
Deutschland sowie das Projekt «Zeppelin» (Zür- Migrationshintergrund. Eine empirische Studie
cher Equity Präventionsprojekt Elternbeteiligung zu Zielen und Massnahmen im Kindergarten.
und Integration) in der Schweiz. Anders hinge- Wiesbaden: VS Fachverlag (Kapitel 1.3).
gen der interkulturelle Ansatz, der von der For- Stamm, M. & Burger, K. (2011). Integrationsför-
schung stark getragen wird und auch im Vor- derung im Frühbereich. Was Frühkindliche Bil-
schul- und Kindergartenbereich verbreitet ist. dung, Betreuung und Erziehung (FBBE) benötigt,
Auch der strukturkritische Ansatz hat in letzter damit sie dem Anspruch an Integration gerecht
Zeit grosse Beachtung erfahren. Gerade die Dis- werden kann. Universität Fribourg: Departement
kussion um die hohe Selektivität unseres Bil- Erziehungswissenschaften (Zusammen mit K.
dungssystems hat die Sensibilität für Mechanis- Brandenberg, M. Holzinger, L. Negrini, M. Wet-
men institutioneller Diskriminierung geweckt. Im zel, C. Müller & D. Edelmann).
Gegensatz zu den beiden anderen Ansätzen ge-
winnt er in der pädagogischen Praxis jedoch we-
nig Freunde, vor allem aufgrund seiner oftmals
das Fachpersonal anklagenden Art.

Was sie leistet und wie sie optimiert werden kann


-30-

Briefing Paper 6: Sprachförderung und ihre


Wirksamkeit
Zwar gibt es wenig Studien, die sich der Wirk- Die Wirksamkeit der Grund- und Basisstufe
samkeit früher Sprachförderprogramme anneh-
Im Hinblick auf die Wirksamkeit von Angeboten
men. Diejenigen jedoch, welche zur Verfügung
für die Förderung benachteiligter Kinder liefert
stehen, verweisen unübersehbar darauf, dass
die Evaluation des Schuleingangsmodells der
der Erfolg solcher Programme bislang wenig
Grund- und Basisstufe interessante Befunde. Un-
durchschlagend ist. Kinder aus benachteiligten
tersucht wurde unter anderem, ob sich die un-
Sozialschichten sind trotz Sprachförderung beim
gleichen Startchancen privilegierter und benach-
Schuleintritt nach wie vor im Hintertreffen. Of-
teiligter Kinder durch die besondere Förderung
fenbar gelingt es Sprachfördermassnahmen
Letzterer egalisieren liessen (Moser & Bayer,
nicht in erstrebtem Ausmass, die enge Verbin-
2010).
dung von sozialer Herkunft und Bildungsun-
gleichheit zu entkoppeln und Kinder erfolgrei-
cher in die Schule eintreten zu lassen.

Abbildung 1: Lernfortschritte im Lesen nach sozio-ökonomischer Herkunft in der Grund- und Basis-
stufe während den ersten 36 Monaten (in Anlehnung an Moser & Bayer, 2010, S. 98)
Abbildung 1 zeigt die Leistungsfortschritte der reneffekt. Insgesamt konnten die Kinder aus be-
Kinder im Lesen von zwei Extremgruppen: von nachteiligten Familien, welche Deutsch als
solchen aus sozio-ökonomisch benachteiligten Zweitsprache erlernten, zwar auch bedeutsame
Familien mit Deutsch als Zweitsprache sowie von Fortschritte erzielen, privilegiert aufwachsende
Kindern aus privilegierten Familien mit Deutsch und Deutsch sprechende Kinder jedoch vom pä-
als Erstsprache. Basis bildete das Testinstrumen- dagogischen Modellkonzept stärker profitieren.
tarium «wortgewandt und zahlenstark», das so-
Diese Ergebnisse wurde vor allem von der Bil-
wohl sprachliche als auch mathematische Aufga-
dungspolitik derart interpretiert, dass das neue
ben enthält. Es liegen insgesamt fünf Messzeit-
Schuleingangsmodell keine Startchancengleich-
punkte (T1 bis T5, vgl. Abbildung 1) vor.
heit für alle Kinder zu schaffen in der Lage sei.
Die Abbildung verdeutlicht, dass sozio-ökono- Obwohl dieses Ziel so im Schulversuch gar nie
misch privilegierte Kinder (mit Deutsch als Erst- formuliert worden war, verweisen diese Evalua-
sprache) nicht nur einen statistisch signifikant tionsbefunde nicht nur auf die enormen Schwie-
höheren Ausgangsmittelwert als benachteiligt rigkeiten, die Stabilität interindividueller Unter-
aufwachsende Kinder (mit Deutsch nicht als Erst- schiede möglichst früh aufzulösen, sondern
sprache) hatten, sondern auch, dass die Vorteile ebenso auf die Problematik, solche Zielsetzun-
der ersten Gruppe bis zum vierten Erhebungs- gen überhaupt zu formulieren.
zeitpunkt stabil blieben und benachteiligte Kin-
der ihren Rückstand nicht kompensieren konn-
ten. Vielmehr zeigte sich ab T4 sogar ein Sche-
Frühe Sprachförderung
-31-

Internationale Ergebnisse zur Wirksamkeit Intervention auf Kinder während der Kindergar-
von Sprachförderung tenjahre überprüft. Zudem wurden die Eltern
gezielt in die Sprachförderung ihrer Kinder ein-
In internationaler Sicht existieren zwar einige
bezogen. Wie Moser et al. (2008) verdeutlichen,
Wirksamkeitsstudien, doch sind sie auf be-
fiel die Wirkung der Intervention auf die Sprach-
stimmte Bereiche beschränkt. Nachweise zu
kompetenzen unterschiedlich aus. Während sich
ganzheitlichen Sprachfördermassnahmen (vgl.
tendenziell positive Effekte auf die Entwicklung
Briefing Paper 4) sind quasi inexistent. Etwas
der Sprachkompetenzen in der Erstsprache zeig-
günstiger sieht es in Bezug auf familienbezogene
ten, war dies für die Zweitsprache Deutsch nicht
Frühförderprogramme aus. Besonders bekannt
der Fall. Der Rückstand gegenüber Kindern, de-
ist die Meta-Analyse von McElvany et al. (2010).
ren Erstsprache Deutsch war, konnte nicht ver-
Sie berücksichtigte 15 Wirksamkeitsstudien aus
ringert werden. Und dies, obwohl der bilinguale
den Jahren 1990 bis 2007 unter Einbezug der
Zugang zur Sprachförderung von den beteiligten
methodischen Fundiertheit. Im Ergebnis zeigten
Eltern als Wertschätzung aufgefasst wurde und
sich eher schwache Effekte der untersuchten
der Zusammenarbeit zwischen Schule und El-
Programme. Als besonders problematisch erwie-
ternhaus zugutekam. Eine neue Wirksamkeits-
sen sich dabei oft die methodischen Anlagen der
studie von Moser et al. (2014) …
Studien.
Auch Ergebnisse aus kleineren Wirksamkeitsstu-
In anderen Studien konnten die positiven Effekte
dien stehen zur Verfügung. Das Projekt «Schenk
spezifischer Sprachförderung gut belegt werden,
mir eine Geschichte – Family Literacy» des
etwa von Massnahmen, welche die Vorläuferfä-
Schweizerischen Instituts für Kinder- und Ju-
higkeiten (wie phonologische Bewusstheit oder
gendmedien (SIKJM) zielt auf soziokulturell be-
Wortschatz) betreffen. Allerdings wird in solchen
nachteiligte Familien mit Migrationshintergrund
Evaluationsstudien jeweils nur untersucht, wie
ab. Die Eltern von Klein-/Vorschulkindern sollen
weit das Programm die versprochene Wirkung
sensibilisiert und animiert werden, literale Akti-
hervorruft, wenn es ganz genau so wie vorgege-
vitäten in der Familie zu unternehmen. Das Pro-
ben umgesetzt wird. Schröder und Schründer-
jekt wurde zwar evaluiert, doch hatte die Evalua-
Lenzen (2012) berichten, dass die Effekte deut-
tion lediglich projektunterstützenden Charakter
lich geringer ausfallen, wenn das Personal nicht
(PHZH, 2008). Deshalb wurden weder Erhebun-
spezifisch geschult ist und wenn die Förderung
gen mit Eltern und Kindern noch Beobachtungen
nicht regelmässig stattfindet. Ein grosses Prob-
durchgeführt, sondern lediglich Einschätzungen
lem besteht zudem darin, dass die Programme
der AnimatorInnen festgehalten.
kaum eins zu eins in den Alltag übertragen wer-
den können, sondern meist in die sonstigen An- Zur Qualität und Wirksamkeit von Spielgruppen
gebote integriert werden müssen. Dass unter gibt es ebenfalls ein paar wenige Forschungser-
solchen Umständen die Wirkung beeinträchtigt gebnisse. In Zürich wurde das Projekt «Spiel-
wird, ist nachvollziehbar. gruppe plus» von 2006 bis 2008 vom Marie Mei-
erhofer Institut begleitet und evaluiert (Diez
Sprachförderkonzepte, welche spezifisch auf
Grieser & Simoni, o. J.). Die Absicht des Projekts
Migrantenkinder ausgerichtet sind, konnten bis-
war es, den späteren Schulerfolg von sozial be-
her keine nachweislichen Effekte erzielen. Diese
nachteiligten Vorschulkindern zu verbessern.
unbefriedigende Befundlage hat dazu geführt,
Spielgruppe plus integriert im Spielgruppenalltag
dass verschiedentlich gefordert wird, das Fach-
zusätzliche spielerische Sprachfördersequenzen
personal müsse stärker mit seinen Sprachkom-
in deutscher Sprache. Die Längsschnittstudie mit
petenzen in den Blick genommen werden. Ge-
Interventions- und Kontrollgruppendesign zeigte
nannt werden in erster Linie ihr positives
auf, dass die Kinder aus der Interventionsgruppe,
Sprachvorbild, d.h. ihr sprachliches Verhalten
die während anderthalb Jahren sprachlich geför-
mit den Kindern.
dert worden waren, im Vergleich zu den Kindern
der Kontrollgruppe ihre sprachlichen Kompeten-
Schweizer Wirksamkeitsstudien zen deutlich verbessern konnten. Weniger deut-
Die grösste Schweizer Wirksamkeitsstudie zur liche Ergebnisse liefert die Evaluation des St. Gal-
Sprachförderung von Migrantenkindern wurde ler Projekts «SpiKi», welches zum Ziel hat, die
im Rahmen des nationalen Forschungspro- Bildungsqualität in der Spielgruppe zu fördern.
gramms NFP56 «Sprachenvielfalt und Sprach- Die Evaluation von Vogt et al. (2010) zeigt, dass
kompetenz in der Schweiz» von Urs Moser und die Ressourcen und die Einflussnahme der SpiKi-
seinem Team durchgeführt. Auf der Basis von Spielgruppen verhältnismässig gering waren und
Sprachstandserhebungen und einem quasi-expe- deshalb in den Bereichen Weiterbildung, Aus-
rimentellen Design wurden sowohl die Sprach- tausch und Teamarbeit, Elternbildung sowie
kompetenzen als auch die Auswirkungen einer
Was sie leistet und wie sie optimiert werden kann
-32-

Förderung und Professionalität der Spielgrup- McElvany, N., Herppich, S., van Steensel, R. &
penleiterinnen investiert werden sollte. Kurvers, J. (2010). Zur Wirksamkeit familiärer
Frühförderungsprogramme im Bereich Literacy –
Bilanz Ergebnisse einer Meta-Analyse. Zeitschrift für
Pädagogik, 56(2), 178-192.
Der Blick auf die Wirksamkeit von Sprachförde-
rung macht drei Sachverhalte deutlich: Erstens, Moser, U. & Bayer, N. (2010). 4 bis 8. Schlussbe-
dass Wirksamkeitsstudien selten sind; zweitens, richt der summativen Evaluation. Lernfort-
schrittte vom Eintritt in die Eingangsstufe bis
dass die zur Verfügung stehenden Studien oft zum Ende der 3. Klasse der Primarschule. Bern:
methodische Mängel aufweisen resp. wesentli- Schulverlag plus.
che Fragen nicht beantwortet werden (können).
So handelt es sich häufig lediglich um Zufrieden- Moser, U., Bayer, N., Tunger, V. & Berweger, S.
heits- oder Einschätzungserhebungen beim Per- (2008). Entwicklung der Sprachkompetenzen in
sonal, ohne dass die sprachlichen Fortschritte der Erst- und Zweitsprache von Migrantenkin-
dern. Zürich: Institut für Bildungsevaluation.
der Kinder objektiv gemessen worden wären.
Zudem fehlen oft Angaben zur Frage, wie viele Pädagogische Hochschule Zürich PHZH (2008).
Familien/Kinder ursprünglich angesprochen Evaluation des Projekts «Schenk mir eine Ge-
wurden, wie die Teilnahmequote war, welche schichte – Family Literacy». Schlussbericht.
Gründe Familien für eine Nicht-Teilnahme hat- Download am 15.01.2014 von
ten und ob es systematische Unterschiede zwi- http://www2.phzh.ch/ForschungsDB/Files/284/S
chlussbericht_Eva_FamLit.pdf
schen den Gruppen gab. Der dritte Sachverhalt
ist schliesslich der, dass die Effekte der Pro- Schröder, M. & Schründer-Lenzen, A. (2012). Zur
gramme schwach sind. Anzunehmen ist deshalb, Wirksamkeit von Sprachförderung im Elemen-
dass nur wenig Kinder in den Genuss qualitativ tarberiech. Zeitschrift für Grundschulforschung,
hochstehender Sprachförderung kommen. 2, 20-33.
Vogt, F. et al. (2010). Formative Evaluation des
Weiterführende Literatur Projekts SpiKi. Download am 15.011.2014 von
http://www.phsg.ch/Portaldata/1/Resources/for
Diez Grieser, M. T. & Simoni, H. (o.J.). Projekt schung_und_entwicklung/lehr_lernforschung/Be
Spielgruppe plus. Download am 15.01.2014 von richt_Evaluation_SpiKi_100419.pdf
http://www.bi.zh.ch/internet/bildungsdirektion/
de/unsere_direktion/veroeffentlichungen1.html

Frühe Sprachförderung
-33-

Briefing Paper 7: Kernelemente früher


Sprachförderung: Fünf Empfehlungen
Das vorliegende Dossier hat in sechs Briefing Pa- tisch aufgegriffen werden, braucht es ein Ge-
per das Wissen zusammengefasst, das heute zur samtkonzept für Sprachförderung. Dieses muss
frühen Sprachförderung verfügbar ist. In den Hinweise sowohl auf die ganzheitliche, inte-
Blick genommen worden ist dabei vor allem die grierte Sprachförderung im Alltag vorschulischer
empirisch vielfach belegte Tatsache, dass Einrichtungen als auch auf spezifische Förder-
Sprachförderprogramme bisher keine nachweis- massnahmen liefern und auch die Einbindung
lichen Effekte erzielen konnten und dass dies der Familien thematisieren. Zudem sollte ein Ge-
insbesondere für benachteiligt aufwachsende samtkonzept differenzieren zwischen Kindern
Kinder zutrifft. Zwar fehlt es nicht an Einsichten, mit spezifischen Spracherwerbsstörungen (The-
an Motivation zur Veränderung und an der Be- rapiebedarf), Kindern aus Migrationsfamilien mit
reitschaft, Defizite zu benennen und zu beheben. mangelnden Deutschkenntnissen (Bedarf an sys-
Doch bleiben selbstkritische Fragen oft aus, tematischer Sprachförderung zum Erlernen der
weshalb es uns bisher kaum gelungen ist, be- deutsche Sprache) sowie einheimischen Kindern
nachteiligte Kinder mit Sprachförderbedarf so mit ungenügenden Sprachkompetenzen auf-
fördern und ausbilden, dass sie ihre Potenziale grund mangelnder sprachlicher Anregung (Be-
tatsächlich entfalten können. Gleiches gilt für darf nach kreativer und anregender Sprachför-
Kinder mit Sprachbegabungen. Solche Kinder derung zur Verbesserung und Erweiterung ihrer
sind in der Diskussion um die Förderung von Sprachkompetenz).
Sprachdefiziten in den letzten Jahren fast voll-
ständig aus dem Blick geraten. Empfehlung 2: Aus- und Fortbildung des
Personals im Bereich Sprachörderung
Wie sollte somit zukünftige Sprachförderung
ausgestaltet werden? Diese Frage wird nachfol- Einig ist man sich angesichts der geringen Wirk-
gend anhand von fünf Empfehlungen beantwor- samkeit vieler Sprachförderprogramme, dass das
tet. Angesprochen werden dabei (1) aussage- Fachpersonal stärker in den Blick genommen
kräftige Wirksamkeitsüberprüfungen und Einbet- werden muss. Die Sprachförderkompetenz der
tung derselben in ein Gesamtkonzept, (2) Aus- Erzieherin oder des Erziehers ist letztlich der
und Fortbildung des Personals im Bereich entscheidendste Garant jeder Sprachförder-
Sprachförderung, (3) geeignete institutionellen massnahme. Frühkindliche Sprachförderung ist
Rahmenbedingungen, (4) systematische Fami- deshalb als Querschnittsaufgabe für alle Erziehe-
lien- resp. Elternbeteiligung sowie (5) verstärkte rinnen und Erzieher zu verstehen und in der Aus-
Zusammenarbeit von Politik und Praxis auf wis- und Fortbildung zu thematisieren.
senschaftlicher Basis.
Ausbildung
Zu den Vermittlungsinhalten gehören ebenso
Empfehlung 1: Wirksamkeitsüberprüfungen theoretische wie praktische Schwerpunkte.
und ein Gesamtkonzept
 Eher theoretisch ausgerichtete Schwer-
Mit Sicherheit wäre es falsch, aufgrund der we- punkte: Erwerb von solidem Wissen über die
nig erfreulichen Situation in der frühen Sprach- deutsche Sprache, die Phasen und Dynamik
förderung einfach mehr öffentliche Mittel zu des kindlichen Spracherwerbs, die Förderung
sprechen. Vielmehr sollte jedes geplante und be- von Beobachtungs- und Diagnosekompeten-
stehende Projekt verpflichtet werden, die Wir- zen, die Kenntnis von Förderinstrumenten
kungen der beabsichtigten Programmziele zu und der Fachsprache inkl. Fachbegriffe sowie
evaluieren. Ca. 10% eines Projektbudgets sollten der Besonderheit von zwei- und mehrspra-
für die Evaluation bereitgestellt werden. chig aufwachsenden Kindern. Ganz beson-
dere Aufmerksamkeit sollte die Ausbildung
Die Wirkungen müssen anhand der kindlichen der integrierten Sprachförderung widmen.
Sprachentwicklung überprüft werden und nicht
 Eher praktisch ausgerichtete Schwerpunkte:
allein anhand von Zufriedenheitseinstellungen Erzieherinnen und Erzieher sollten am Ende
der Beteiligten. Auf dieser Basis sollten solche ihrer Ausbildung über folgende Kompeten-
Projekte und Programme finanziell unterstützt zen verfügen: ein geschärftes eigenes
werden, die den Nachweis erbringen, dass sie Sprachbewusstsein haben; ein positives
wirksam sind. Sprachvorbild sein; möglichst viele Sprach-
anlässe schaffen und nutzen; Aktivitäten in
Weil Sprachfördermassnahmen langfristig nur der Kleingruppe für die Sprachförderung
Wirkung entfalten können, wenn sie systema-
Was sie leistet und wie sie optimiert werden kann
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nutzen; angemessene sprachliche Anregung Möglichkeit ebenalls einzubeziehen. Erzieherin-


bieten; Kinder individuell fördern; bei fremd- nen und Erzieher spielen deshalb eine wichtige
sprachigen Kindern ihre Erstsprache einbe- Rolle in der Beratung, wie Sprachförderung zu
ziehen; Eltern beraten, wie sie den Sprach- Hause betrieben werden kann, welche Spiele
erwerb ihrer Kinder fördern können. und Anregungen sich eignen und welche nicht
Fortbildung und welche Übungen durchgeführt oder hilfrei-
Um durch Fortbildungen eine bessere Sprach- che Techniken angewendet werden können.
förderung zu erreichen, ist es zentral, dass sie Eine wichtige, bisher aber kontrovers diskutierte
sich am individuellen Alltag und der Klientel der Frage ist die Verbindlichkeit, mit der Familien in
Einrichtung orientieren. Weil sich Problemlagen Sprachfördermassnahmen einbezogen werden.
kleinräumig entwickeln, sind massgeschneiderte Da sich in fast allen Evaluationen zeigt, dass auch
Lösungskonzepte unabdingbar. So steht eine Kita sehr umfassende Massnahmen an der Freiwillig-
im Zürcher Kreis 5 vor ganz anderen Herausfor- keit der Teilnahme scheitern, scheint eine Dis-
derungen als eine Kita in der eher noblen Vorort- kussion zum verbindlichen Charakter früher
gemeinde Muri bei Bern. Sie haben eine sehr un- Sprachfördermassnahmen unabdingbar.
terschiedliche Klientel und deshalb auch unter-
schiedliche Sprachförderaufgaben zu bewältigen. Empfehlung 5: Verstärkte Zusammenarbeit
von Politik, Praxis und Wissenschaft
Empfehlung 3: Geeignete institutionelle
Rahmenbedingungen Die bisherigen Anstrengungen zur frühen
Sprachförderung waren enorm, jedoch sehr
Weder eine gute Wirkungsmessung noch ein Ge- fragmentiert. So kommt es durchaus vor, dass in
samtkonzept oder besser ausgebildetes Personal der gleichen Gemeinde konkurrenzierende
reichen aus, um gute Sprachförderung zu betrei- Sprachförderprogramme existieren und die Poli-
ben. Notwendig sind auch geeignete strukturelle tik dies zulässt. Zudem haben die zahlreichen
und organisatorische Rahmenbedingungen. Dazu Förderinvestitionen durch Bund, Kantone und
gehört als erstes, dass Sprachförderung im Zeit- Stiftungen zu einer unkoordinierten Angebots-
budget des Personals einen Platz bekommen, in vielfalt geführt.
der Verantwortung jedoch Chefsache sein muss.
Die Leitung sollte auch dafür besorgt sein, dass Ein wichtiger und grundlegender Schritt wäre
Sprachförderung nach einem einheitlichen Kon- deshalb, den Status Quo zu kontrollieren. Bil-
zept betrieben wird. Sie soll in kleinen Gruppen dungs- und Sozialpolitik sollten sich deshalb auf
und in geeigneten Räumen stattfinden können. bestimmte Standards für die Lancierung und
Bewilligung von Sprachförderprojekten einigen.
Ferner sollte das Fachpersonal auf eine kontinu- Diese Standards müssten sich vor allem auf zwei
ierliche Begleitunterstützung zählen können und Aspekte beziehen:
zwar in dem Sinn, dass bei der Lösung von Ein-
zelproblemen externe Expertise angefordert  auf Zielvereinbarungen, die mit vorschuli-
werden kann. Ein Beispiel, wie dies funktioniert, schen Institutionen abgeschlossen werden.
ist QUIMS, das Projekt «Qualität multikultureller Diese müssen wünschenswerte Ergebnisse
Schulen» im Kanton Zürich. Das bedeutet je- benennen und überprüfbar sein;
doch, dass Spezialistinnen und Spezialisten für  auf nachweisbare Wirkungen von Sprachför-
Sprachförderung verfügbar sein müssen. Sie derprogrammen.
könnten beispielsweise aus dem Pool an Fach- Des Weiteren ist es wünschenswert, dass Bil-
leuten der Logopädie oder Sozialpädagogik re- dungs- und Sozialpolitik enger mit der Wissen-
krutiert werden. schaft zusammenarbeiten. Gemeint ist damit in
erster Linie die Zusammenarbeit mit denjenigen
Empfehlung 4: Systematische Familien- Pädagogischen Hochschulen und Universitäten,
resp. Elternbeteiligung welche sich im Bereich der frühkindlichen Bil-
Weil die Familie der erste Bildungsort im Leben dungsforschung engagieren. Sie sollten beauf-
eines Kindes ist, erstaunt es wenig, dass die Wir- tragt werden, die im Einsatz befindlichen Pro-
kung von Sprachförderung bedeutend intensiver gramme unter die Lupe zu nehmen. Besonderer
und anhaltender ist, wenn es gelingt, die amilie Aufmerksamkeit bedürfen die Verfahren zur Er-
resp. die Eltern zu beteiligen. Sprachförderpro- mittlung des kindlichen Sprachstands. Diese wä-
gramme sollten deshalb immer auch an sie ren zu überprüfen, inwiefern sie wissenschaftli-
adressiert sein. Da in benachteiligten Migran- che Standards erfüllen, im Kita-Alltag praktikabel
tenfamilien oft auch andere Mitglieder als Vater und für Kinder mit Deutsch als Zweitsprache nor-
und Mutter für die häusliche Erziehung und Be- miert sind sowie sie Hinweise auf die Ableitung
treuung verantwortlich sind, sind diese nach von Konsequenzen für die Förderung liefern.
Frühe Sprachförderung
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Schliesslich sollte sichergestellt werden, dass


Sprachförderung nicht mit dem Schuleintritt
aufhört. Die Forschung zeigt eindeutig, dass der
Zusammenhang zwischen Sprachentwicklung
und Ausbildung so eng ist, dass auch die Primar-
schule auf eine kontinuierliche Förderung be-
dacht sein muss. Ein isoliert durchgeführtes vor-
schulisches Sprachförderprogramm bringt wenig,
wenn es nicht in Zusammenarbeit mit den Lehr-
kräften der Schuleingangsstufe durchgeführt
wird.
Insgesamt ist auch mehr Realitätssinn gefordert.
Frühe Sprachförderung allein kann keine Wun-
der vollbringen. Viele Kinder werden in Familien
hineingeboren, welche ihnen nicht die für ein
förderliches Aufwachsen notwendigen Bedin-
gungen bereitstellen könnten. Sprachförderung
kann deshalb nicht – auch wenn sie von höchster
Qualität ist oder wäre – per se Früchte tragen.
Gerade deshalb ist zukünftige Sprachförderung
auf die innerfamiliäre Förderung und vor allem
auf die Bereitschaft der Familie, sich in dieser
Hinsicht zu engagieren, mehr denn je angewie-
sen.

Was sie leistet und wie sie optimiert werden kann


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Frühe Sprachförderung