Sie sind auf Seite 1von 611

Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.

2020
um 23:01 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Theorien der
Siegfried Schieder

3., überarbeitete und


aktualisierte Auflage

Verlag Barbara Budrich


Manuela Spindler (Hrsg.)

Internationalen Beziehungen

Opladen & Farmington Hills, MI 2010


Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Inhaltsverzeichnis
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Vorwort zur 3., überarbeiteten Auflage ................................. 7

1. Theorien in der Lehre von den


internationalen Beziehungen ........................................... 9
Manuela Spindler und Siegfried Schieder

2. Realismus ........................................................................ 39
Andreas Jacobs

3. Neorealismus ................................................................... 65
Niklas Schörnig

4. Interdependenz ................................................................ 97
Manuela Spindler

5. Regimetheorie .................................................................. 131


Bernhard Zangl

6. Neofunktionalismus ......................................................... 157


Thomas Conzelmann

7. Neuer Liberalismus ......................................................... 187


Siegfried Schieder

8. Liberale Ansätze zum „demokratischen Frieden“ ........... 223


Andreas Hasenclever

9. Die Englische Schule ....................................................... 255


Christopher Daase
6 Inhaltsverzeichnis
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

10. Weltgesellschaft und Globalisierung ............................... 281


Ingo Take
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

11. Imperialismustheorie ....................................................... 311


Michael Heinrich

12. Weltsystemtheorie ........................................................... 343


Andreas Nölke

13. Neo-Gramscianische Perspektiven .................................. 371


Andreas Bieler und Adam David Morton

14. Internationale Politische Ökonomie ................................ 399


Hans-Jürgen Bieling

15. Sozialkonstruktivismus .................................................... 427


Cornelia Ulbert

16. Kritische Theorie ............................................................. 461


Christoph Humrich

17. Postmoderne Ansätze ...................................................... 491


Thomas Diez

18. Feministische Ansätze ..................................................... 521


Barbara Finke

19. Kritische Geopolitik ........................................................ 551


Mathias Albert, Paul Reuber und Günter Wolkersdorfer

Sach- und Personenregister .................................................... 579

Autorinnen- und Autorenverzeichnis ..................................... 589


Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Vorwort zur 3., überarbeiteten Auflage


um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Wir freuen uns, nunmehr eine dritte Auflage unserer „Theorien


der Internationalen Beziehungen“ vorlegen zu können. Dafür wur-
den die Beiträge der zweiten Auflage von 2006 überarbeitet. Ne-
ben der Aktualisierung der empfohlenen und weiterführenden Li-
teratur zu den einzelnen Beiträgen wurden auch wichtige neuere
Entwicklungen in den theoretischen Perspektiven der vergangenen
Jahre in die Beiträge aufgenommen. Die Einleitung haben wir in
Teilen inhaltlich überarbeitet und auch hier wiederum die Über-
blicksliteratur zu den Theorien und zum Gegenstand der Interna-
tionalen Beziehungen auf den neuesten Stand gebracht.
Wie schon bei den beiden vorherigen Auflagen möchten wir
allen in unserem Band vertretenen Autorinnen und Autoren für die
gute und zuverlässige Zusammenarbeit danken. Christine Prokopf,
Lotte Schneider und vor allem Tobias Troger haben uns mit wert-
vollen Hinweisen und sorgfältiger Korrekturarbeit tatkräftig bei
der Überarbeitung unterstützt. Unser Dank gilt ebenso Barbara
Budrich und Karen Reinfeld für die gute Betreuung durch den
Verlag und für ihre große Geduld bei der Fertigstellung dieser
Auflage.
Wir sind sehr traurig, dass diese Auflage ohne die bewährte Zu-
sammenarbeit mit unserem Kollegen Günter Wolkersdorfer er-
scheinen muss. Er verstarb im Juli 2008 an den Folgen einer lan-
gen und schweren Krankheit. Wir werden ihn sehr vermissen.

Florenz und Berlin, im Sommer 2010

Siegfried Schieder und Manuela Spindler


Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Theorien in der Lehre von den internationalen


Beziehungen
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Manuela Spindler und Siegfried Schieder

1. Einleitung
Die Theorienlandschaft der Internationalen Beziehungen befindet
sich in einem Prozess ständiger Ausdifferenzierung und ist kaum
überschaubar.1 Das Nebeneinanderbestehen verschiedener, in der
Regel konkurrierender Theorien, Ansätze, Perspektiven und Kon-
zepte wird häufig mit dem Begriff des „Theorienpluralismus“ ge-
fasst. Dieser Zustand lässt sich im Wesentlichen auf drei Gründe
zurückführen. Erstens ist das rasche Wachstum an theoretischen
Entwürfen das Ergebnis kumulativer Theoriebildung und einer
Professionalisierung innerhalb einer akademischen Disziplin, die
auf eine nunmehr über 90jährige Geschichte zurückblickt – wenn
man als „Geburtsjahr“ die institutionelle Einrichtung des Fachs
mit den ersten Lehrstühlen für Internationale Beziehungen im
Rahmen der nach dem Ersten Weltkrieg geschlossenen Versailler
Verträge von 1919 ansieht.2 Der Umstand kumulativer Theoriebil-
dung trifft umso mehr auf die Disziplin der Internationalen Bezie-
hungen zu, als er auch zum Ausdruck bringt, dass es bis heute kei-

1 Wenn hier und in den nachfolgenden Beiträgen von „Internationalen Beziehun-


gen“ die Rede ist, dann ist die akademische Disziplin gemeint (im englischspra-
chigen Raum „International Relations“). Ist vom Untersuchungsgegenstand der
Disziplin die Rede, wird der (kleingeschriebene) Begriff der „internationalen
Beziehungen“ verwendet.
2 Zur Gründungsgeschichte nach dem Ersten Weltkrieg vgl. ausführlich Czempiel
1965 und Rittberger/Hummel 1990. Das theoretisch-philosophische Nachden-
ken über zwischenstaatliche Beziehungen (Ideengeschichte) reicht natürlich
sehr viel weiter in die Geschichte zurück und ist mit Namen aus der Politischen
Theorie und Philosophie wie Thukydides, Aristoteles, Niccoló Machiavelli,
Thomas Hobbes oder Immanuel Kant verknüpft. Zur Geschichte der Internatio-
nalen Beziehungen aus ideengeschichtlicher Perspektive vgl. Knutsen 1997;
Jackson 2005.
10 Manuela Spindler und Siegfried Schieder
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

nen Konsens über die angemessene begriffliche und theoretische


Fassung ihres Erkenntnisgegenstandes und die Methoden der Er-
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

kenntnisgewinnung – also dessen, was internationale Beziehungen


sind und wie sie erforscht werden sollen – gibt.
Die große Spannbreite an Theorieangeboten ist zweitens auch
das Ergebnis einer inzwischen kaum mehr überschaubaren Adap-
tion von Erkenntnissen aus verwandten und benachbarten (sozi-
al)wissenschaftlichen Disziplinen. Ein wichtiges Merkmal der In-
ternationalen Beziehungen – und dies gilt für alle sozialwissen-
schaftlichen Disziplinen – ist eben auch, dass sie sich nicht trenn-
scharf von Disziplinen wie der Soziologie, Politischen Philosophie
und Theorie, aber auch der Ökonomie, Politischen Geographie
und den Rechtswissenschaften abgrenzen lassen, sodass ein Rück-
griff auf Kategorien und Konzepte der Nachbardisziplinen oftmals
einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn für die Internationalen Be-
ziehungen bringen kann. Nur vor diesem Hintergrund ist bei-
spielsweise die breite Auffächerung des gegenwärtigen Theorien-
bestands in eine Vielzahl kritischer, postmoderner und konstrukti-
vistischer Ansätze zu verstehen.
Als sozialwissenschaftliche Disziplin steht die Theoriebildung
in den Internationalen Beziehungen drittens immer auch in einem
engen Wechselverhältnis mit ihrem realhistorischen und gesell-
schaftspolitischen Kontext. „Schübe“ oder Umorientierungen in
der Theoriebildung sind stark mit Ereignissen der „realen“ inter-
nationalen Politik wie beispielsweise der Herausbildung des bipo-
laren Systems nach dem Zweiten Weltkrieg, der Entkolonialisie-
rung großer Teile Afrikas und Asiens in den späten 1950er und
frühen 1960er Jahren, dem Vietnamkrieg oder den weltwirtschaft-
lichen Krisenerscheinungen im Gefolge der „Ölpreisschocks“ der
1970er Jahre verknüpft. Weltpolitische Umwälzungen wie das
Ende des Ost-West-Konflikts, die mit der Globalisierung einher-
gehende Veränderung der Rolle souveräner Nationalstaaten aber
auch die zunehmende Gestaltungsmacht transnationaler, in Öko-
nomie und Gesellschaft verwurzelter nicht-staatlicher Akteure
wirkten und wirken nachhaltig auf eine ganze Generation theorie-
orientierter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und beein-
flussen ganz maßgeblich deren theoretisches Denken über interna-
tionale Beziehungen. In ihren Auswirkungen auf die Struktur des
internationalen Systems und als Herausforderungen für die prakti-
Theorien in der Lehre von den internationalen Beziehungen 11
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

sche Politik so bedeutsame Phänomene wie „gescheiterte“ Staat-


lichkeit („failing“ oder „failed states“) und die daraus folgenden
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

neuen sicherheits- und entwicklungspolitischen Aufgaben eines


internationalen „state-building“, das Entstehen neuer, global ver-
netzter Gewaltakteure als Folge der Erosion staatlicher Gewaltmo-
nopole sowie nicht zuletzt der weltökonomische und -politische
Bedeutungszuwachs Chinas und anderer aufstrebender Mächte
(z.B. Indien, Brasilien) bzw. ganzer Weltregionen (allen voran
Asien) stellen die Theorie der Internationalen Beziehungen vor
neue Herausforderungen. Wurde das Ende des Ost-West-Kon-
fliktes politisch – und theoretisch untermauert – zunächst maß-
geblich als Aufforderung für eine friedensorientierte Praxis ge-
deutet (Stichworte „Neue Weltordnung“, „Friedensdividende“,
„nukleare Abrüstung“ usw.), so lenkten Ereignisse wie „9/11“, der
Kampf gegen den internationalen Terrorismus aber auch neue in-
ternationale Problemlagen wie die Sicherung der Energieversor-
gung, die Verpflichtungen im internationalen Klimaschutz sowie
nicht zuletzt die Turbulenzen auf den internationalen Finanz- und
Kapitalmärkten den Blick wieder verstärkt auf die ambivalente
und konfliktive Natur der internationalen Politik.
Diese wenigen Beispiele zeigen vor allem eines deutlich: Es
liegt in der Logik sozialwissenschaftlicher Forschung, dass ein
durch realpolitische Veränderungen angestoßener Wandel des For-
schungsgegenstands immer auch mit einer Anpassung des theo-
retisch-konzeptionellen Instrumentariums einer Disziplin einher
geht, und dass die Entwicklung der Theorie der Internationalen
Beziehungen immer nur in ihrer engen Wechselwirkung mit ihrem
historisch-politischen Kontext verstanden werden kann.
Nun ist die Vielfalt theoretischer Entwürfe in den Internationa-
len Beziehungen keineswegs ein gänzlich neues Phänomen und,
wie erläutert, geradezu charakteristisch für die sozialwissenschaft-
liche theoretische Forschung. In den Internationalen Beziehungen
waren es jedoch vor allem die 1990er Jahre, die ein nie da gewe-
senes Theorienspektrum hervorgebracht haben. Lange Zeit war die
theoretische Ausdifferenzierung durch die Art und Weise ihrer
Darstellung in den einschlägigen Lehrtexten nur nicht gut sichtbar.
Ursächlich dafür ist die bis heute gängige „orthodoxe“ Geschichts-
schreibung der Disziplin als Abfolge so genannter „großer Debat-
ten“ und die damit verbundene starke Reduktion der tatsächlichen
12 Manuela Spindler und Siegfried Schieder
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Komplexität der Theoriebildung. Konstitutives Merkmal dieser


„großen Debatten“ ist die Gegenüberstellung jeweils zweier kon-
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

kurriender Theorien oder theoretischer „Lager“, aus deren Ausein-


andersetzung wichtige Impulse für die Fortentwicklung der Inter-
nationalen Beziehungen als Teildisziplin der Politikwissenschaft
erwuchsen. In dieser „Geschichte“ beginnt die Entwicklung der
Disziplin zunächst als Auseinandersetzung zwischen Realismus
und Idealismus in den 1930er und 1940er Jahren (vgl. Carr 1964).
Zentraler Streitpunkt der ersten großen Theoriedebatte war die
Frage, ob und inwieweit es Fortschritte in den Beziehungen zwi-
schen den Staaten geben kann. Während die Idealisten vor dem
Hintergrund der Erfahrung des Ersten Weltkrieges die Hoffnung
hegten, durch die Schaffung internationaler Institutionen wie den
Völkerbund ließen sich künftige Kriege vermeiden, taten Realisten
derartige Hoffungen angesichts der Machtpolitik der Staaten in ei-
ner grundsätzlich als „anarchisch“ aufgefassten Welt als bloßes
Wunschdenken und Utopie ab. Das Scheitern des Völkerbundes
als Instrument der internationalen Friedenssicherung und der Aus-
bruch des Zweiten Weltkriegs schienen den Realisten Recht zu
geben.
Der Auseinandersetzung zwischen Realismus und Idealismus
folgte die in den 1950er und 1960er Jahren einsetzende zweite
große Debatte zwischen Traditionalisten und Szientisten. Sie war
weitestgehend die fachspezifische Version des damals allgemeinen
sozialwissenschaftlichen Methodenstreits um den Vorrang von
geisteswissenschaftlichem „Verstehen“ oder naturwissenschaftlich
orientiertem „Erklären“.3 Während Traditionalisten bei ihrer Be-
gründung von Aussagen über den Gegenstand der internationalen
Beziehungen auf die traditionellen Methoden der Intuition, Erfah-
rung und der Textinterpretation der Geisteswissenschaften rekur-
rieren, vertraten ihre szientistischen Widersacher – ausgehend von
der Annahme einer methodologischen „Einheit der Wissenschaf-
ten“ – die Möglichkeit und Notwendigkeit eines „naturwissen-
schaftlichen“ Zugangs auch bei der Erkenntnis der sozialen Welt.
Erkenntnistheoretisches Ziel einer szientistischen Herangehens-

3 Die Auseinandersetzung zwischen „Verstehen“ und „Erklären“ lebte zu einem


späteren Zeitpunkt in der Rationalismus-Konstruktivismus-Debatte der 1990er
wieder auf (vgl. Hollis/Smith 1994). Siehe dazu auch Abschnitt 3.1.
Theorien in der Lehre von den internationalen Beziehungen 13
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

weise ist es, auf der Basis einer systematischen Beschreibung und
Erklärung zu empirisch überprüfbaren Aussagen und allgemein
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

gültigen Theorien der internationalen Beziehungen zu gelangen


(vgl. grundlegend dazu Kaplan 1966, Knorr/Rosenau 1969). Als
Folge der Übertragung naturwissenschaftlicher Methoden auf die
Internationalen Beziehungen setzte ein „Professionalisierungs-
schub“ ein, der die Etablierung der Internationalen Beziehungen
als eigenständige wissenschaftliche Teildisziplin maßgeblich voran-
brachte.
Diese Auffassung der Theorieentwicklung als Abfolge „großer
Debatten“ ermöglichte bis heute eine recht übersichtliche Theori-
enklassifikation, die jedoch spätestens mit der Identifikation einer
„dritten Debatte“ seit den 1980er Jahren zunehmend fragwürdig
wurde. Allein der Umstand, dass der Begriff der „dritten Debatte“
für zwei ganz unterschiedliche theoretische Auseinandersetzungen
verwendet wird – einmal als „inter-paradigm-debate“ zwischen
„Realisten“, „Pluralisten“ und „Strukturalisten“ seit den 1970er
Jahren (vgl. u.a. Maghoori/Ramberg 1982; Wæver 1997), zum an-
deren als Debatte zwischen Positivisten und Postpositivisten seit
Mitte der 1980er Jahre (vgl. u.a. Lapid 1989; Smith 1995; Hollis/
Smith 2004) – zeigt die Unbrauchbarkeit der „orthodoxen“ Ge-
schichtsschreibung für ein angemessenes Verständnis der Theo-
rieentwicklung in den Internationalen Beziehungen. Als Kennzei-
chen der „dritten Debatte“ zwischen positivistischen und postpo-
sitivistischen Ansätzen wird in der Regel eine intensive Auseinan-
dersetzung mit den wissenschaftstheoretischen Grundlagen der
Disziplin gesehen, welche zahlreiche Annahmen über die Beschaf-
fenheit der internationalen Beziehungen wie etwa die Anarchie des
internationalen Systems in Frage stellte.4 Im Unterschied zu den
beiden vorangegangenen Auseinandersetzungen spielte sich die
„dritte Debatte“ weniger innerhalb der etablierten Forschungs- und
Theoriestränge (Neorealismus, Institutionalismus, Liberalismus

4 Auch wenn sich die Auseinandersetzung mit den wissenschaftstheoretischen


Grundlagen des Fachs inzwischen etwas erschöpft hat – epistemologische Fra-
gen sind nämlich im Unterschied zu empirischen, ontologischen und normativen
Fragen nicht für die Internationalen Beziehungen spezifisch –, so bleiben wis-
senschaftstheoretische und -philosophische Fragen für den Prozess der Erkennt-
nis- und Wissensgewinnung von zentraler Bedeutung (Reus-Smit/Snidal 2008b;
Chernoff 2007; Kurki/Wight 2010).
14 Manuela Spindler und Siegfried Schieder
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

usw.), sondern oftmals quer zu diesen ab. Durch diesen „Querein-


stieg“ vervielfältigten sich die bisher innerhalb der Teildisziplin
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

geführten Theoriedebatten. Mit der noch in den 1970er und frühen


1980er Jahren geführten inter-paradigmatischen Diskussion hat die
fragmentierte Theorie- und Debattenlandschaft seit den späten
1990er Jahren folglich kaum mehr etwas gemein. Es ist zudem zu
erwarten, dass das verstärkte Interesse der westlich geprägten IB-
Forschung an den nicht-westlichen theoretischen Traditionsbe-
ständen der Internationalen Beziehungen (vgl. u.a. Acharya/Buzan
2010) die Fragmentierung der Debattenlandschaft weiter verstärkt
und der eingangs erwähnte Theorienpluralismus weiter an Bedeu-
tung gewinnen wird. Dies gilt ebenso für neue Formen einer Kate-
gorisierung der Theorien der Internationalen Beziehungen (bei-
spielsweise Albert/Cederman/Wendt 2010).5
Ob man die Position der „orthodoxen“ Geschichtsschreibung
als Debattenabfolge teilt oder nicht: Die so genannte „dritte De-
batte“ machte die tatsächliche Bandbreite an theoretischen Kon-
troversen und Zugangsweisen mit unterschiedlichsten wissen-
schaftstheoretischen Positionen in ihrer ganzen Tragweite sichtbar.
Sie ist „a debate not to be won, but a pluralism to live with“, wie
es Wæver sehr treffend zum Ausdruck brachte (1996: 155). Cha-
rakteristisch für den gegenwärtigen „Zustand“ der Theorien in den
Internationalen Beziehungen ist folglich ein gefestigter und sich
weiter ausdifferenzierender Theorienpluralismus, der für das
Schreiben geeigneter und am aktuellen Stand der Theorieent-
wicklung orientierter Lehrbücher eine ganz besondere Herausfor-
derung darstellt. Wir werden auf unsere Kritik an der Einteilung in
„große Debatten“ ausführlich in Abschnitt 3.2 zurück kommen, in
dem wir in kritischer Abgrenzung dazu unser Konzept für diesen
Sammelband vorstellen.

5 Für eine Dokumentation der westlichen Dominanz der Internationalen Bezie-


hungen im Allgemeinen und der Theoriediskussion im Speziellen siehe bei-
spielsweise Stanley Hoffmann, welcher die theoretische IB-Forschung bereits in
den 1970er Jahren als „American Social Science“ deklarierte (Hoffmann 1987
[1977]). Für einen Überblick über die großen Debatten und die entsprechenden
Begrifflichkeiten empfehlen wir u.a. Wæever 1997 und Katzenstein/Keohane/
Krasner 1998. Für den aktuellen Stand der großen Debatten siehe Wæver 2010.
Theorien in der Lehre von den internationalen Beziehungen 15
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

2. Lehren und Studieren: Welches Lehrbuch?


um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Vor dem Hintergrund einer zunehmend komplexen Theorienland-


schaft ist der Bedarf an Einführungen in die Theorien der Interna-
tionalen Beziehungen groß. Eine theoriegeleitete Vermittlung und
Reflexion dessen, „was in der Welt passiert“, ist in der universi-
tären Lehre notwendiger denn je, geht es doch darum, die fun-
damentalen gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahre auf
nahezu allen Politikfeldern – Sicherheit, Herrschaft, Wirtschaft,
Umwelt und Kultur – theoretisch zu verarbeiten. Dementspre-
chend wichtig ist es, dass Studierende mit Hilfe einschlägiger
Lehrbücher bereits im Grundstudium lernen, reflektierend mit
Theorien umzugehen und begründete Theorieentscheidungen zu
treffen. Ein gutes Angebot an Darstellungen, welche die sich stetig
ausdifferenzierende und damit kaum noch überschaubare Theo-
rienlandschaft in den Internationalen Beziehungen für Studierende
erfahrbar und erlernbar machen und den Lehrenden geeignete
Handreichungen für die didaktische Vermittlung des Wissens über
Theorien geben, ist dafür essentiell. Die Einführung modularisier-
ter und zeitlich stark verkürzter Bachelor- und Master-Studien-
gänge hat die diesbezüglichen Anforderungen an Lernende und
Lehrende ganz erheblich erhöht und den Bedarf an Lehrbüchern
verstärkt. Dies betrifft insbesondere den deutschsprachigen Raum,
in dem erst seit Beginn der 2000er Jahre von einer im Entstehen
begriffenen „Lehrbuchkultur“ die Rede sein kann. Im Vergleich
zum angloamerikanischen Sprachraum eine erst spät einsetzende
Entwicklung.
Die Darstellung der Theorien der Internationalen Beziehungen er-
folgt in der Regel im Rahmen von Einführungen in den Gegenstand
der Disziplin oder aber als eigenständige Einführung in die Theorien
der Internationalen Beziehungen. Während die Qualität und Vielfalt
von Einführungen in den Gegenstand und in die Theorie der Inter-
nationalen Beziehungen auf dem englischsprachigen Markt traditio-
nell hoch und das Spektrum bezüglich der Auswahl verschiedener
didaktischer Konzepte entsprechend groß ist,6 hat es an eigenständi-

6 Aktuelle englischsprachige Einführungen in den Gegenstand bieten beispiels-


weise Baylis/Smith 2010; Jackson/Sørensen 2010; Roskin/Berry 2009; Gold-
stein/Pevehouse 2009; Frieden/Lake/Schultz 2009; Steans/Pettiford 2005; Grif-
16 Manuela Spindler und Siegfried Schieder
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

gen deutschsprachigen Überblicksdarstellungen der Theorien inter-


nationaler Beziehungen lange Zeit nahezu vollständig gemangelt.7
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Erst seit den 2000er Jahren hat sich in den sozialwissenschaftlichen


Programmen des VS-Verlages, des Nomos-Verlages, im Olden-
bourg Verlag und im Verlag Barbara Budrich ein sich zunehmend
ausdifferenzierendes Lehrbuchsegment entwickelt, zu dem auch
Lehrbücher gehören, die in den Gegenstand des Fachs und die Theo-
rien Internationaler Beziehungen einführen. So bieten Schimmelfen-
nig (2008, 2010) bei Schöningh/UTB, Auth (2008), Lehmkuhl (1997,
2001), Lemke (2000, 2008), Gu (2000) im Oldenbourg Verlag, Krell
(2004, 2009) bei Nomos, Menzel (2004) bei Suhrkamp und Schie-
der/Spindler (2003, 2006) im Verlag Barbara Budrich/UTB an ver-
schiedenen didaktischen Konzepten orientierte Einführungen in die
Theorie der Internationalen Beziehungen an. In den Gegenstand des
Fachs führen Masala/Sauer/Wilhelm (2010), Hartmann (2001, 2009)
und List (2006) bei VS-Verlag, Ferdowsi (2002) und Knapp/Krell
(2000) bei Oldenbourg, Filzmaier/Gwessler/Höll/Mangott (2005) bei
WVU/UTB und Feske/Antonczyk/Oerding (2010) bei Verlag Bar-
bara Budrich ein.8 Die noch 2001 in Umfrageergebnissen über den

fiths 2007; Griffiths/O’Callaghan 2001; vgl. auch das exzellente Handbook of


International Relations von Carlsnaes/Risse/Simmons 2002 und das neue Ox-
ford Handbook of International Relations von Reus-Smit/Snidal 2008a. In die
Theorien der Internationalen Beziehungen führen u.a. Jørgensen 2010; Dunn/
Kurki/Smith 2010; Viotti/Kauppi 2009; Dougherty/Pfaltzgraff 2009; Burchill et
al. 2009; Brown/Ainley 2009; Daddow 2009 und Sterling/Folker 2006 ein. Für
den Stand der Theorien in den 1990er Jahren vgl. auch die etwas anspruchsvol-
leren Bände von Booth/Smith 2002 und Smith/Booth/Zalewski 2004.
7 Dies gilt grosso modo auch für den Fachzeitschriftenmarkt, der für die Theorie-
entwicklung in den IB eine wichtige Rolle spielt. Das Gros an Zeitschriften mit
dem Schwerpunkt „Theorie“ erscheint im englischsprachigen Raum: Alternatives,
European Journal of International Relations, International Organization, Interna-
tional Studies Quarterly, International Theory, Millennium, Review of Internatio-
nal Studies, International Security, The British Journal of Politics and Interna-
tional Relations, World Politics. In Deutschland hat sich neben der von der Fach-
vereinigung der DVPW herausgegebenen Politischen Vierteljahresschrift, die ne-
ben den Internationalen Beziehungen auch die Bereiche Politische Theorie, Kom-
paratistik und Regierungslehre der Bundesrepublik sowie den Methodenbereich
der Politikwissenschaft bedient, die Zeitschrift für Internationale Beziehungen
(ZIB) als das zentrale Publikationsmedium für die Theorie der Internationalen Be-
ziehungen etabliert.
8 Ältere deutschsprachige Theorieüberblicke mit Lehrbuchstatus wie Haftendorn
1975; Frei 1977; Meyers 1981; Behrens/Noack 1984; Rittberger 1990 sind bereits
Theorien in der Lehre von den internationalen Beziehungen 17
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Einsatz von Lehrtexten in den Einführungskursen konstatierte Ver-


mutung, dass die Studierenden in erster Linie über die großen Theo-
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

riedebatten der 1970er und 1980er Jahre „sozialisiert“ werden und


aktuelle Theorieentwicklungen demnach in den deutschen Curricula
der Internationalen Beziehungen nur geringe Berücksichtigung fin-
den (vgl. Albert/ Hellmann 2001), dürfte vor dem Hintergrund einer
neuen, nun auch deutschsprachigen Lehrbuchkultur keine Gültigkeit
mehr haben.9
Die didaktische Aufbereitung des Wissens über Theorien der
Internationalen Beziehungen entscheidet maßgeblich über die
Qualität der Lehrbücher und ist folglich ein zentrales Kriterium für
die Wahl des „richtigen“ Buches. Im folgenden Kapitel stellen wir
in Abschnitt 3.2. unser didaktisches Konzept für diesen Band vor,
von dem wir hoffen, dass es in Studium und Lehre der Theorien
der Internationalen Beziehungen überzeugt und sich in der nun-
mehr vorliegenden dritten Auflage auch weiterhin bewährt.

3. Zum vorliegenden Band


Das Motiv für die Herausgabe eines Theorie-Sammelbandes mit
Lehrbuchcharakter geht auf unsere persönlichen mehrjährigen
Lehrerfahrungen an der Technischen Universität Dresden und den
Universitäten Mannheim, Trier und Erfurt zurück. Der Band hat
zum einen den Charakter eines Kompendiums, das in die wichti-
gen und anschlussfähigen Theorien der Internationalen Beziehun-
gen einführt. Zum anderen versteht sich der Band auch als eine Art
Landkarte, auf der sich die ‚Koordinaten‘ des Zustands gegenwär-
tiger Theorien ablesen lassen. Damit liefert er zugleich einen
‚Kompass‘, der mögliche Entwicklungsrichtungen anzeigt, welche
die Theorien der Internationalen Beziehungen in den nächsten Jah-

seit den 1990er Jahren veraltet; ebenso die Theoriedarstellungen in den deutsch-
sprachigen Einführungen in die Internationalen Beziehungen wie Tauras/Meyer/
Bellers 1994; Pfetsch 1994; List/Behrens/Reichardt/Simonis 1995; Druwe/Hahl-
bohm/Singer 1998; Albrecht 1999.
9 Innovative Impulse für die politikwissenschaftliche Lehre mit Multiplikatoreffekt
wurden zudem mit der großangelegten politikwissenschaftlichen Plattform „Politi-
kON“ (http://www.politikon.org) initiiert. Zum Nutzen und Nachteil der neuen
Medien in der Lehre von den Internationalen Beziehungen vgl. Schieder 2003.
18 Manuela Spindler und Siegfried Schieder
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

ren einschlagen werden. So sahen wir es als sinnvoll und notwen-


dig an, eine relativ große Gruppe jener neueren kritischen und
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

postmodernen Theorien in ihren unterschiedlichen Ausprägungen


zu integrieren, welche die Konturen der Disziplin der Internatio-
nalen Beziehungen in den letzten Jahren schrittweise verändert
haben bzw. weiterhin verändern werden.
Über die Lektüre des Sammelbandes sollen zwei Lernziele er-
reicht werden: Zum einen ist mit dem Band eine generelle Sensi-
bilisierung für den Theorienpluralismus in den Internationalen Be-
ziehungen beabsichtigt sowie insbesondere die Reflexion darüber,
was Theorie ist und was sie leisten kann und soll (Abschnitt 3.1).
Zum anderen benötigen Studierende auch eine umfassende Kennt-
nis der substanziellen Theorien der Internationalen Beziehungen.
In der Aneignung dieser breiten inhaltlichen Kenntnisse über die
Lektüre der Beiträge in diesem Band liegt das zweite Lernziel.
Alle Beiträge bauen auf ein einheitliches, didaktisches Konzept
auf, das im Abschnitt 3.2 ausführlich erläutert wird.

3.1 Theorieverständnis

Es liegt in der Logik der eingangs skizzierten Entwicklung der


Disziplin, dass weder eine allgemein akzeptierte, noch eine ver-
bindliche Theorie der Internationalen Beziehungen existiert. Folg-
lich sucht man auch vergeblich nach einem allgemein anerkannten
Theoriebegriff. Um dennoch eine Aussage darüber treffen zu kön-
nen, was wir meinen, wenn wir von Theorien der Internationalen
Beziehungen sprechen, müssen wir zunächst den Gegenstandsbe-
reich der Disziplin – die internationalen Beziehungen – zumindest
grob umreißen. Auf der Ebene eines „kleinsten gemeinsamen defi-
nitorischen Nenners“ werden internationale Beziehungen als ein
Beziehungsgeflecht grenzüberschreitender Interaktionen staatli-
cher und nichtstaatlicher Akteure verstanden (Kohler-Koch 2001:
263), die gewöhnlich in die Bereiche der internationalen Politik
und der transnationalen Beziehungen unterteilt werden. Der tradi-
tionelle Begriff der internationalen Politik birgt ein Bild der inter-
nationalen Beziehungen als Staatenwelt, in dem die staatlichen
Akteure aus dem Bereich des politischen Systems als die entschei-
denden angesehen werden. Dieses Bild von der Staatenwelt wird
Theorien in der Lehre von den internationalen Beziehungen 19
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

häufig dem der „Gesellschaftswelt“ (Czempiel 1991) gegenüber


gestellt, in der Staaten zwar nach wie vor eine wichtige Rolle spie-
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

len, in der aber vor allem der wachsenden Rolle grenzüberschrei-


tender Aktivitäten nichtstaatlicher Akteure, wie gesellschaftlichen
Akteuren und internationalen Organisationen, Rechnung getragen
wird. Dazu zählen beispielsweise Nichtregierungsorganisationen
(z.B. Amnesty International), wirtschaftliche Akteure (z.B. trans-
nationale Konzerne wie Siemens oder Google Inc.), globale sozia-
le Bewegungen (z.B. die „Antiglobalisierungsbewegungen“) oder
auch zwischenstaatliche internationale Organisationen wie bei-
spielsweise die Vereinten Nationen, supranationale Einrichtungen
wie die Europäische Union oder Regierungsforen wie die G 20.
Der Begriff der „internationalen Beziehungen“ bedarf jedoch einer
weiteren Differenzierung: Als Gegenstand der Internationalen Bezie-
hungen als einer politikwissenschaftlichen Teildisziplin verweist der
Begriff in erster Linie auf das „Politische“ dieser Beziehungen und
ihrer Inhalte. Unter Politik verstehen wir die autoritative Verteilung
von materiellen und immateriellen Werten (etwa die Zu- und Vertei-
lung wirtschaftlichen Reichtums über Steuergesetze und Wohl-
fahrtsprogramme an die Bürgerinnen und Bürger eines Landes) durch
das politische System qua legitimer staatlicher Autorität (Easton
1965). Die Anwendung eines so verstandenen Politikbegriffs auf die
internationalen Beziehungen, wie dies in Deutschland vor allem von
Ernst-Otto Czempiel (1981) vorgeschlagen wurde, erscheint zunächst
schwierig, da es in den internationalen Beziehungen keine mit einem
Gewaltmonopol und damit Sanktionsgewalt ausgestattete Autorität
(etwa eine Weltregierung) gibt, die für alle verbindliche Regeln und
Normen setzt und deren Einhaltung überwacht. Dieser Zustand der
internationalen Beziehungen wird in der Regel mit dem Begriff der
„Anarchie“ gefasst. Auch wenn es in den internationalen Beziehun-
gen diese übergeordnete Instanz nicht gibt, so wird doch deutlich,
dass das Handeln der staatlichen und nichtsstaatlichen Akteure in den
internationalen Beziehungen eine verbindliche Verteilung von Wer-
ten bewirkt oder auf eine solche Verteilung ausgerichtet ist – mithin
also „politisch“ relevant ist. Wer bekommt was und wie viel an Si-
cherheit, Wohlstand, Autonomie usw.10 Durchgesetzt wird die Zu-

10 Im Sinne der klassischen Definition von Politik als „who gets what, when, and
how“ von Harold Lasswell (1958: 13).
20 Manuela Spindler und Siegfried Schieder
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

und Verteilung von Werten in den internationalen Beziehungen in


Ermangelung einer übergeordneten Instanz meist über den Modus
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

der Macht oder auch auf der Basis freiwilliger Zusammenschlüsse


auf der Grundlage gemeinsamer Werte, Interessen oder Ziele – bei-
spielsweise durch Internationale Organisationen. Zunehmend gewin-
nen Prozesse einer „Verrechtlichung“ der internationalen Politik bei
der Werteallokation und -verteilung an Bedeutung. Für die interna-
tionalen Beziehungen politisch relevant sind ferner Tauschprozesse,
die primär über Märkte und deren Trägerakteure (vor allem Wirt-
schaftsakteure) organisiert werden. Ein Beispiel sind die Aktivitäten
von internationalen Unternehmen, aber auch von anderen Akteuren
im Bereich der internationalen Handels- und Finanzbeziehungen wie
beispielsweise Rating-Agenturen (z.B. Standard & Poor’s, Moody’s
oder Fitch), deren Bewertung der Kreditwürdigkeit von Unternehmen
und Staaten von hoher Relevanz für die Allokation und Verteilung
von Wohlfahrtsgewinnen sind. Die gegenwärtige weltweite Finanz-
und Staatsschuldenkrise hat dies schmerzhaft deutlich gemacht.
Die freiwillige Koordination internationaler Politik erfolgt in
der Regel über Assoziationen bzw. so genannte Netzwerke oder
kann die Form von internationalen nicht-gouvernementalen Orga-
nisationen annehmen. So können internationale Menschenrechts-
netzwerke Druck in Richtung eines Wandels menschenrechtsver-
letzender politischer Systeme erzeugen und wirken dadurch im
Sinne einer Zuweisung von Werten. Gleiches gilt für die Politik
zwischenstaatlicher internationaler Organisationen wie des IWF
oder der Weltbank.
Die internationalen Beziehungen bestehen daher im weitesten
Sinne als das Gesamtgefüge aller grenzüberschreitenden Interak-
tionen zwischen staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren, die zu
politisch relevanten Wertzuweisungen in den Bereichen Sicher-
heit, Wirtschaft, Herrschaft und Umwelt führen.
Theorien der Internationalen Beziehungen treffen dann im wei-
testen Sinne allgemeine Aussagen über dieses Beziehungsgeflecht
grenzüberschreitender Interaktionen und das darin politisch rele-
vante, auf Wertzuweisungen gerichtete Handeln von staatlichen
und nichtstaatlichen Akteuren.
Darüber hinaus halten wir den Verweis auf drei zentrale Di-
mensionen von Theorien für wichtig. Eine Theorie macht erstens
Aussagen über die Sichtweise des Betrachters auf den Untersu-
Theorien in der Lehre von den internationalen Beziehungen 21
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

chungsgegenstand. Das ist die ontologische Dimension. Die einer


Theorie zugrundeliegende Ontologie, also das „So-Sein“ von Welt,
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

meint die Antwort auf die Frage, welche substanziellen Vorstel-


lungen, welches „Weltbild“ – verstanden als ein System von Über-
zeugungen – eine Theorie von ihrem Gegenstand, hier den inter-
nationalen Beziehungen, erzeugt. Gefragt wird, „was ist?“ bzw.
„wie ist der Gegenstand beschaffen?“ In diesem Sinne formuliert
eine Theorie der internationalen Beziehungen allgemeine Annah-
men über die internationalen Beziehungen, d.h. das Handlungsum-
feld der Akteure, die Art oder „Qualität“ der entscheidenden Ak-
teure, deren Ziele und Präferenzen sowie die Triebkräfte interna-
tionaler Politik und deren grundlegende Probleme und Entwick-
lungsperspektiven. Einige Beispiele mögen das Gesagte ver-
deutlichen: So erzeugt beispielsweise der Neorealismus ein Welt-
bild der internationalen Beziehungen, das diese als ausschließlich
durch staatliche Akteure konstituierte Beziehungen fasst. Betont
wird das Fehlen einer übergeordneten Instanz, die verbindliche
Normen und Regeln setzt, die die Staaten hindern würden, sich
gegenseitig anzugreifen. Auf der Basis von materiellem Eigeninter-
esse ist das Handeln der Staaten daher grundsätzlich auf Sicherheit
gerichtet. Es unterliegt den Strukturzwängen des internationalen Sy-
stems, die aus der Machtverteilung zwischen den Staaten resultieren.
Auch institutionalistische und liberale Theorien gehen von Anarchie
als Grundzustand des internationalen Systems aus, messen Regeln,
Normen und Institutionen sowie im Fall von liberalen Ansätzen in-
nerstaatlichen Präferenzbildungsprozessen jedoch eine weit größere
Bedeutung zu. Für liberale Ansätze sind es nicht die Staaten, son-
dern Individuen und gesellschaftliche Gruppen, die als entscheiden-
de Akteure in den internationalen Beziehungen agieren und damit
die Zuteilung von Werten beeinflussen. Weltsystemtheoretiker da-
gegen nehmen das globale kapitalistische System bzw. „Weltsys-
tem“ als zentrale Analyseeinheit und Ausgangspunkt ihrer theoreti-
schen Überlegungen und machen die Wechselwirkung von staatlich
bzw. in einem zwischenstaatlichen internationalen System organi-
sierter Politik und globaler Ökonomie als Triebkraft internationaler
Beziehungen aus. Sozialkonstruktivisten räumen insbesondere so-
zialen Faktoren, wie Normen, Ideen, Identitäten oder diskursiven
Lernprozessen einen herausragenden Stellenwert als Erklärungs-
faktoren für die Ergebnisse internationaler Politik ein.
22 Manuela Spindler und Siegfried Schieder
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Neben dem zugrunde liegenden Weltbild erhebt jede Theorie


einen Geltungsanspruch bezüglich des Untersuchungsgegenstan-
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

des. Dies führt uns zur zweiten, der so genannten epistemologi-


schen Dimension von Theorie. Der epistemologische Standpunkt
bezieht sich auf die Modi der Erkenntnisgewinnung und das da-
hinter liegende Wissenschaftsverständnis. Hierbei geht es also
nicht darum, wie die Welt und der Gegenstandsbereich beschaffen
sind (Ontologie), sondern um eine Begründung dafür, was als Ge-
genstand und Erkenntnis überhaupt in Betracht kommt und wie
wissenschaftliche Erkenntnisse gewonnen werden können. Dieses
Kriterium wird oft auch als Kriterium „zweiter Ordnung“ oder als
„Meta-Theorie“ bezeichnet. Für die Sozialwissenschaften im All-
gemeinen und die Politikwissenschaft im Speziellen besitzt die
Metatheorie – im Unterschied zur Philosophie oder der Wissen-
schaftstheorie – lediglich eine instrumentelle Funktion. Das be-
deutet jedoch nicht, dass Fragen des Erkenntnisgewinns den on-
tologischen nachrangig seien. Wie im Zusammenhang mit der so
genannten „dritten Debatte“ festgestellt werden konnte, gewann
seit den 1990er Jahren gerade diese Dimension in der theoreti-
schen Kontroverse zunehmend an Bedeutung.
Epistemologische Fragen liegen quer zu den ontologischen
Trennlinien, das heißt, Vertreter ein und derselben Theorieströmung,
die eine ganze Reihe von Grundannahmen (Ontologie) teilen, kön-
nen in der Frage des Erkenntnisgewinns und dessen, was als „Er-
kenntnis“ in den Internationalen Beziehungen Gültigkeit beanspru-
chen kann, zum Teil gegensätzliche Positionen einnehmen. Für den
Zweck einer ersten Annäherung an diese Problematik können die
Theorien der Internationalen Beziehungen sehr grob in „positivisti-
sche“ und „postpositivistische“ Theorien unterteilt werden.11
Positivistische Modi der Erkenntnisgewinnung in den Sozial-
wissenschaften orientieren sich am naturwissenschaftlichen Wis-
senschaftsideal.12 Einem solchen Ideal verpflichtet, fassen Theo-

11 Zur Problematik unterschiedlicher epistemologischer Positionen in den Interna-


tionalen Beziehungen vgl. Wight 2002; Mayer 2003; Hollis/Smith 2004; grund-
sätzlich Chalmers 1986; Outhwaite 1992; Ritsert 1996 und Meinefeld 1995.
12 Der Positivismus – der auf den französischen Philosophen Auguste Comte zu-
rückgeht – geht davon aus, dass nur das Wirkliche, Tatsächliche und mithin das
„Positive“ der Erfahrung zur Erkenntnis führe. Die Position wird traditionell oft
Theorien in der Lehre von den internationalen Beziehungen 23
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

rien die gesellschaftliche Wirklichkeit der internationalen Bezie-


hungen als ein „Objekt“ auf, das gewissermaßen von „außen“, also
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

durch den Forscher als werturteilsfreiem außen stehenden Beob-


achter, untersucht werden kann. Ziel ist es (und es wird grund-
sätzlich für möglich gehalten), die Genese der Strukturen und den
Ablauf von Prozessen in den internationalen Beziehungen auf der
Basis empirisch „bewiesener“ Kausalitäten zu erklären und so all-
gemeingültige Theorien der internationalen Beziehungen zu for-
mulieren. Der Begriff der Theorie wird hier in einem engeren wis-
senschaftlichen Sinne gebraucht: Positivisten sprechen von Theo-
rie und Theoriebildung immer in einem (natur)wissenschaftlichen
Sinne und meinen damit einen unverrückbaren Satz allgemeiner
Aussagen über Ursache-Wirkungsbeziehungen, die in der Regel
als Beziehungszusammenhänge zwischen Variablen (also Mess-
größen) gefasst werden nach dem Schema: Wirkung B als Verän-
derung des Wertes der abhängigen Variablen tritt durch die Ursa-
che A, also das Auftreten oder Veränderungen von Werten der un-
abhängigen Variablen, ein.
Es lassen sich in der Regel sieben Leistungen von Theoriebil-
dung von diesem epistemologischen Standpunkt aus formulieren.
Theorien bestimmen zunächst einmal, was als relevante Informa-
tion aufgenommen und was als Information vernachlässigt werden
kann (Selektionsleistung). Eine Theorie bezieht sich zweitens auf
einen bestimmten Sachbereich, grenzt ihn damit zugleich ein und
legt seine erkenntnistheoretische Position fest (Definitionsleis-
tung). Drittens sammeln Theorien Aussagen über einen bestimm-
ten Gegenstandsbereich und entfalten dabei eine spezifische Ter-
minologie (Integrationsleistung). Viertens hat eine Theorie auch
die Funktion der Systematisierung, indem sie Phänomene eines
Sachbereichs ordnet und in Beziehung zueinander setzt (Systema-
tisierungsleistung). Fünftens, eine Theorie stellt Hypothesen auf,
konstatiert Gesetzmäßigkeiten, leitet Gesetze her oder entwickelt
Strukturmodelle (Abstraktionsleistung). Sechstens liefert eine Theo-
rie auch Erklärungen für die Gesetzmäßigkeiten ihres Gegenstands-
bereichs (Explikationsleistung). Schließlich stellen Theorien auch
Prognosen für das Auftreten bestimmter Phänomene innerhalb ihres

auch als „Szientismus“ bezeichnet, da sie sich am naturwissenschaftlichen Ideal


(engl. science) ausrichtet.
24 Manuela Spindler und Siegfried Schieder
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

jeweiligen Sachbereichs auf (Prognoseleistung).13 Theorien wie der


Neorealismus, die Regimetheorie oder auch die liberalen Theorien
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

erheben explizit den Anspruch, „wissenschaftliche“ Erklärungen bis


hin zu Prognosen für das Zustandekommen bestimmter Phänomene
der internationalen Politik zu liefern (Elman/ Elman 2003).14
Der am szientistischen Ideal orientierte Theoriebegriff ist bis
heute dominant, wenngleich sich seine Verfechter zunehmender
Kritik ausgesetzt sehen und ihre Vorherrschaft langsam bröckelt.
So haben insbesondere die 1990er Jahre eine Vielzahl von kriti-
schen, postmodernen oder normativen Ansätzen hervorgebracht,
die sich – bei allen Unterschieden auf der ontologischen Ebene –
in der Zurückweisung des positivistischen Wissenschafts- und Theo-
rieverständnisses einig sind und häufig unter dem Sammelbegriff
„Post-Positivisten“ subsumiert werden. Der Begriff selbst zeigt an,
dass die Auseinandersetzungen eine erkenntnistheoretische Ära
„nach“ dem bis dahin vorherrschenden Positivismus anbrechen
lassen, die durch das Nebeneinanderbestehen einer Vielzahl er-
kenntnistheoretischer Positionen gekennzeichnet ist.
Traditionell verläuft die epistemologische Bruchlinie in den So-
zialwissenschaften – auch dies eine sehr grobe, den Einstieg er-
leichternde Vereinfachung – zwischen „Erklären“ und „Verste-
hen“. Sie wird in den Internationalen Beziehungen – wie bereits
oben angeklungen – als Debatte zwischen Szientismus und Tradi-
tionalismus präsentiert (vgl. auch Hollis/Smith 2004). Erklärende
Ansätze gehen grundsätzlich davon aus, dass Erkenntnisse in Be-
zug auf die soziale und materielle Welt auf dem selben Weg zu er-
reichen sind, weil soziale Phänomene vorwiegend durch objektive,
empirisch erfahrbare Gegebenheiten bestimmt seien. Verstehende
Ansätze dagegen postulieren, dass soziale Phänomene vorrangig
durch subjektive Wahrnehmungen und Sinnzuschreibungen be-
stimmt werden (vgl. Giddens 1982). Folglich ist auch der Erkennt-
nisweg ein anderer. Der sozialwissenschaftliche Forscher oder die
Forscherin kann in dieser Perspektive nicht außerhalb seines oder
ihres Erkenntnisgegenstands stehen, da er oder sie selbst und da-

13 Zu einem zusammenfassenden Überblick vgl. Pittioni 1996. Zu den Funktionen


von Theorien vgl. auch Frei 1977: 13-15 und Haftendorn 1975, 1990: 480-481.
14 Exemplarisch für dieses Verständnis von Theorie ist Kenneth N. Waltz (1979:
Kap. 1). Zu Theoriebildung vgl. auch Hellmann (1994: 71-81) und die dort an-
geführten weiterführenden Hinweise zur relevanten Literatur.
Theorien in der Lehre von den internationalen Beziehungen 25
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

mit Sozialwissenschaft insgesamt immer Teil der gesellschaftli-


chen Zusammenhänge ist, die es zu untersuchen gilt. Das bedeutet,
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

dass für verstehende Ansätze gesellschaftliche Tatbestände grund-


sätzlich keine „Objekte“ sind, die von außen betrachtet werden
können. Das Handeln der Akteure in den internationalen Bezie-
hungen kann also nur von „innen“, aus dem gesellschaftlichen Be-
ziehungszusammenhang heraus, und somit immer nur hermeneu-
tisch und interpretativ, d.h. auf dem Weg des „Verstehens“ vollzo-
gen werden. Sozialwissenschaft ist damit letztlich auch immer rück-
gebunden an die Werturteile derer, die sie betreiben.
Zu dieser traditionellen Trennlinie zwischen „Erklären“ und
„Verstehen“ sind seit den späten 1980er Jahren radikalere episte-
mologische Standpunkte getreten, die das postpositivistische La-
ger „stärken“. So gehen „postmoderne“ bzw. „poststrukturalisti-
sche“ Ansätze von einer epistemologischen Position aus, wonach
„Wissen“ abhängig von kulturellen, historischen und ideologi-
schen Kontexten sei. Die „Realität“ ist immer eine Konstruktion, die
ihre Bedeutung erst in einem größeren Kommunikations- und Dis-
kurszusammenhang erlangt. Mit unseren wissenschaftlichen Er-
kenntnisverfahren bilden wir als Forscher nicht einfach eine außen
liegende Welt adäquat ab, sondern vermittels unserer Begriffe und
sprachlichen Metaphern zeichnen wir vielmehr ein Bild von der
Welt, von dem wir nie mit Sicherheit wissen können, inwieweit es
mit der „realen Welt“ übereinstimmt – „we construct worlds we
know in a world we do not“ (Onuf 1989: 42f). Dieser mit dem Be-
griff des erkenntnistheoretischen Konstruktivismus umschriebene
Standpunkt distanziert sich von allen Verkürzungsversuchen unse-
rer Erkenntnisformen auf ein einziges Methodenideal (vgl. Guzzi-
ni 2000). Darüber hinaus erhebt eine radikale epistemologische
Perspektive nicht den Anspruch, Veränderungen in der Welt direkt
erfassen und damit erforschen zu können, da das Wissen über sie
selbst wiederum eine sprachliche Konstruktion ist.15

15 Intellektuell gespeist wurde die Vorstellung von der sprachlichen Konstruktion


von Wirklichkeit durch den so genannten „linguistic turn“ im philosophischen
Diskurs der Moderne. Er bezeichnet letztlich die Einsicht, dass die Sprache kon-
struiert, was Wirklichkeit ist. Sprache fungiert nicht mehr nur als transparentes
Medium im Diskurs, sondern sie ist vielmehr eine Wirklichkeit, in der Erkennt-
nis erst entsteht. Diese Einsicht verändert nicht nur die traditionelle Epistemolo-
26 Manuela Spindler und Siegfried Schieder
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Anders als Vertreter eines epistemologischen Konstruktivismus


lehnen dagegen Sozialkonstruktivisten die Erkenntnisgewinnung
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

mit Hilfe positivistischer Methoden nicht rundweg ab, sondern


wollen sie lediglich um interpretative bzw. verstehende Methoden
ergänzen und so eine „Brücke“ zwischen rationalistisch-positivis-
tischen und interpretativen Ansätzen bauen (Adler 1997; Checkel
1998: 327; vgl. zusammenfassend auch Risse 2003).
Eine Vielzahl von Theoretikern und Theoretikerinnen der Inter-
nationalen Beziehungen bringen ihre positivismuskritische Posi-
tion dadurch zum Ausdruck, dass sie den am naturwissenschaft-
lichen Ideal orientierten kausalen Theoriebegriff erst gar nicht ver-
wenden und lieber von „Ansätzen“ oder „Perspektiven“ sprechen
– wie bereits in den Titeln einer Reihe von Beiträgen in diesem
Band zu sehen ist.
Schließlich möchten wir auf eine dritte Dimension von Theo-
rien verweisen, nämlich auf die häufig implizite, selten explizite
normative und auf die gesellschaftliche Praxis abzielende Funk-
tion von Theorie. Die normative Funktion von Theorien der Inter-
nationalen Beziehungen wurde lange Zeit in der einschlägigen
theoretischen Literatur eher am Rande diskutiert. In neueren Ein-
führungen in die Theorien und in den Gegenstand der Internatio-
nalen Beziehungen wird hingegen ganz selbstverständlich davon
ausgegangen, dass „all theories of international relations and glo-
bal politics have important empirical and normative dimensions,
and their deep interconnection is unavoidable“ (Reus-Smit/Snidal
2008b: 6). Die normative Dimension kann man als Stiften von
„Handlungssinn“ oder Anleitung zu politischem Handeln um-
schreiben. Sie begründet, was „sein soll“. Dass sozialwissenschaft-
liche Theorien das Handeln von politischen Entscheidungsträgern
beeinflussen ist nicht erst klar, seit die Ideen von John Maynard
Keynes beim politischen Management der wirtschaftlichen Pro-
bleme der Nachkriegszeit in den westlichen Industriestaaten ihre
praktische Umsetzung erfuhren (vgl. Hall 1989). Als praktisch-
politische Handlungsanleitung gewinnen Theorien damit einen
Stellenwert weit über den akademischen Bereich hinaus, wobei ih-
re Funktion nicht nur darin besteht, eine Anleitung zum Handeln

gie, sondern den Begriff von der Erkenntnis selbst. Vgl. dazu grundlegend
Rorty 1967.
Theorien in der Lehre von den internationalen Beziehungen 27
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

zu geben, sondern eben diese handlungsleitende Funktion auch zu


reflektieren, also die „Theoriegeleitetheit“ der politisch Handeln-
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

den selbst zum Thema zu machen. Dieser Aspekt wird – gerade


von positivistischen Theorien mit ihrem primär erklärenden An-
spruch – häufig „vergessen“ oder verschwiegen.
Aus den bisherigen Ausführungen folgt zwangsläufig, dass sich
eine „wissenschaftliche Beratung“ der praktischen Politik letztlich
nie auf die „Wissenschaft“ als Letztinstanz beziehen kann, da un-
terschiedliche Wissensbestände demnach „miteinander konkurrie-
ren und konkurrierende Wahrheitsansprüche nicht zweifelsfrei
aufgelöst werden [können]“ (Renn 2006: 56; vgl. auch Stichweh
2006).16
Mit den in diesem Band versammelten „Theorien“ präsentieren
wir also Theorien, Ansätze, Perspektiven, aber auch Konzepte, die
im weitesten Sinne allgemeine Aussagen über internationale Be-
ziehungen treffen. Auch für Konzepte wie z.B. „Interdependenz“
oder „Weltgesellschaft“ und „Globalisierung“ lassen sich die ge-
nannten Dimensionen von Theorien offen legen, auch wenn es
keine Interdependenz- oder Globalisierungstheorie im engeren
Sinne gibt, sondern allenfalls ein theoretisches Nachdenken über
Probleme der zunehmenden Internationalisierung und Globalisie-
rung. Häufig sind Konzepte wichtige „Bausteine“ für sich an-
schließende Theorieentwicklungen.17

3.2 Das didaktische Konzept der Beiträge

Der in dem Band unternommene Versuch einer Darstellung der


wichtigsten Theorien der Internationalen Beziehungen soll die
Übersicht über die verschiedenen Theorieentwürfe und Theoreti-
ker erleichtern, ohne dass jedoch einem Denken in „Schubladen“

16 Die Politikberatung erlebt in Deutschland seit den vergangenen Jahren einen


enormen Aufschwung. Zu Politikberatung und politikberatenden Einrichtungen
im Überblick u.a. Falk et al. 2006; Bröchler/Schützeichel 2008; Weingart/
Lentsch 2008; Falk/Römmele 2009. Für den Bereich der Internationalen Bezie-
hungen vgl. u.a. Hellmann 2006; Ihne 2007; Perthes 2007. Im VS-Verlag für
Sozialwissenschaften erscheint seit 2008 die „Zeitschrift für Politikberatung“.
17 So fußt beispielsweise die Regimetheorie auf der vorangehenden Konzeptuali-
sierung von „Interdependenz“.
28 Manuela Spindler und Siegfried Schieder
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

das Wort geredet wird. Die eingangs skizzierte dominierende Dar-


stellung der Theorien als „Parteien“ in „großen Debatten“ kann
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

dies nicht leisten. Eine solche Sichtweise führt zu klar gegenein-


ander abgrenzbaren idealtypischen Konstruktionen zweier „Kon-
kurrenten“ oder gar Gegnern, von denen jeder einzelne über theo-
retische Positionen und Erkenntnisinteressen verfügt, die sich „ge-
genüberstellen“ lassen. Erst durch diese „Konstruktion“ jedoch
entsteht das Bild des jeweils „anderen“, wie des Idealismus, des
Traditionalismus, des Positivismus – in der Regel mit dem Zweck,
eine bestimmte Perspektive zu legitimieren und andere zu delegiti-
mieren (Dryzek/Leonhard 1988).18
Um dieses eher vernebelnde denn erhellende Bild von der Dis-
ziplin zu vermeiden, gehen wir mit diesem Band einen anderen
Weg und orientieren uns bei der Darstellung der Theorien an der
Idee eines Referenztheoretikers bzw. einer Referenztheoretikerin.19
Dies hat zunächst den Vorteil, dass die Studierenden so mit einem
in sich konsistenten theoretischen Kern konfrontiert werden und
nicht mit einer Gesamtdarstellung so genannter „Großtheorien“
wie z.B. dem Realismus, Liberalismus oder Institutionalismus, die
eine Vielzahl „interner“ Verzweigungen enthalten. Eine Annähe-
rung an theorieinterne Differenzierungen und Debattenlinien er-
scheint uns leichter nach der Lektüre eines in sich konsistenten
Theoriemodells, wie es durch die Darstellung der theoretischen
Überlegungen des jeweils wichtigsten Referenztheoretikers bzw.
der wichtigsten Referenztheoretikerin möglich wird. Interne Diffe-
renzierungen der jeweiligen Theorieströmung nehmen damit zwar
einen geringeren Platz ein, dies halten wir jedoch gerade im Hin-
blick auf unsere primäre Zielgruppe für gerechtfertigt, ja für den
Lernerfolg im Grundstudium geradezu erforderlich. Der Unter-
schied zu einem Theorieband für Fortgeschrittene besteht vor al-

18 Vgl. beispielsweise zur Idealismus-Realismus-Debatte Thies 2002, zur Kritik


der „orthodoxen“ Sichtweise insgesamt Schmidt 2002.
19 Wir danken unseren ehemaligen Kollegen am Institut für Politikwissenschaft
der TU Dresden André Brodocz und Gary Schaal, die uns mit ihren Bänden zur
Politischen Theorie (Brodocz/Schaal 2001/2002 eine wichtige Quelle der Inspi-
ration waren. Weitere Impulse für unser Lehrbuchkonzept kommen von Wae-
vers „Figures of International Thought: Introducing Persons instead of Para-
digms“ (Waever 1997). Das Konzept der „ReferenztheoretikerInnen“ hat inzwi-
schen Schule gemacht. Vgl. beispielsweise Bieling/Lerch 2005 zu den Theorien
der europäischen Integration.
Theorien in der Lehre von den internationalen Beziehungen 29
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

lem darin, dass für das Hauptstudium meta-theoretische, also er-


kenntnistheoretische Betrachtungen sowie der Anwendungsbereich
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

von Theorien in konkreten Untersuchungs- und Forschungsde-


signs einen höheren Stellenwert einnehmen.
Die Entscheidung, den Band nach Referenztheoretikerinnen
und Referenztheoretikern und nicht nach den gängigen Paradig-
men zu gliedern, macht es möglich, eine ganze Reihe wichtiger
neuer theoretischer Strömungen in den Internationalen Beziehun-
gen aufzugreifen, die sich gegen einen paradigmatischen Zugriff
sperren und in den gängigen Lehrbüchern nicht repräsentiert bzw.
nur am Rande vertreten sind. Dies betrifft beispielsweise das breite
Spektrum an kritischen Ansätzen, wie die Kritische Theorie, den
Feminismus oder postmoderne Ansätze, die in den einschlägigen
Lehrbüchern allzu oft undifferenziert behandelt werden, aber auch
Theorien und Perspektiven aus dem Bereich der Internationalen
Politischen Ökonomie.
Damit die einzelnen Beiträge den Ansprüchen einer Einführung
gerecht werden, folgt jeder Beitrag einer einheitlichen inhaltlichen
Struktur, in welche die zentrale Darstellung des Referenztheoreti-
kers eingebettet ist. Jeder Beitrag besteht aus fünf Komponenten.
(1) Der erste Teil ist die Einleitung. Hier geht es zum einen um
ein grundlegendes Verständnis der wissenschaftlichen Entstehungs-
zusammenhänge durch ein Verorten der jeweiligen Theorie in ih-
rer wissenschaftshistorischen Tradition. Dieses Anliegen wird sys-
tematisch durch Querverweise zu anderen im Band vorgestellten
Theorien unterstützt. Zum anderen wird gerade auch der Darstel-
lung des historisch-politischen Kontextes viel Platz eingeräumt,
denn Theoriebildung in den Internationalen Beziehungen ist – wie
in allen sozialwissenschaftlichen Disziplinen – immer auch eng an
realhistorische Ereignisse (zum Beispiel weltwirtschaftliche Kri-
senerscheinungen oder militärische Konflikte) wie auch an soziale
Milieus bestimmter Universitäts- und Forschungseinrichtungen
und Besonderheiten des akademischen Diskurses rückgebunden.
(2) Im zweiten Abschnitt erfolgt dann die Rekonstruktion und
Entfaltung der Theorie des gewählten Referenztheoretikers bzw.
der Referenztheoretikerin. Durch welches Grundverständnis inter-
nationaler Beziehungen zeichnet sich der Referenztheoretiker bzw.
die Referenztheoretikerin aus? Welche sind die zentralen Frage-
und Problemstellungen seiner bzw. ihrer Theorie? Wie wird er-
30 Manuela Spindler und Siegfried Schieder
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

klärt, d.h. welche Erklärungsfaktoren werden herangezogen, auf


welcher Analyseebene und mit welchem Akteursmodell? Worin
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

bestehen für den Theoretiker/die Theoretikerin die „Bewegungs-


gesetze“, welches sind für ihn/sie die wichtigsten „Triebkräfte“ in
den internationalen Beziehungen?
(3) Varianten und Spielarten von Theorien wird damit Rech-
nung getragen, dass im Anschluss an die Darstellung des theoreti-
schen Kerns in einem dritten Teil Raum bleibt für die Erörterung
von theorieinternen Differenzierungen und konzeptionellen Quer-
verbindungen, Weiterentwicklungen und interner Kritik. Theorie-
bildung in den Internationalen Beziehungen geschieht in der Regel
nicht isoliert, sondern theoretische Neuerungen bauen in aller Re-
gel immer auch auf Tradiertem auf. Auch lassen sich die mit ei-
nem bestimmten Referenztheoretiker in Verbindung gebrachten
einzelnen Theoriestränge nicht immer messerscharf voneinander
abgrenzen. Oftmals verhalten sich theoretische Konzepte und Ide-
en eher komplementär als rivalisierend zueinander. Eine als ‚Re-
vue‘ klar abgrenzbarer Ansätze und rivalisierender Theorien kon-
zipierte Darstellung ginge an einem Großteil des Interesses und
des Impetus zeitgenössischer Theoriebildung in den Internationa-
len Beziehungen, die zunehmend „ausfranst“ und deren binnen-
theoretische Grenzziehungen unschärfer werden, vorbei.
(4) Im vierten Abschnitt erfolgt eine Darstellung und Rezeption
der externen Kritik. Was sind die Hauptpunkte der aus anderen
theoretischen Strömungen heraus geäußerten Kritik? Welche Re-
levanz hat die Theorie für die heutige Diskussion und wie innova-
tiv ist ihr Forschungsprogramm? Inwieweit ist die Theorie an-
schlussfähig an neuere Erkenntnisse in den Internationalen Bezie-
hungen? In aller Regel lässt sich bei der Darstellung und Weiter-
entwicklung eines theoretischen Ansatzes zwischen „externer“
Kritik, die bereits die Grundannahmen einer Theorie bestreitet,
und „interner“ Kritik unterscheiden, die zwar innerhalb dieser
Theorieströmung verbleibt und damit in der Regel die wesentli-
chen Grundannahmen teilt, aber trotzdem Defizite feststellt und in
der eigenen Theoriebildung signifikante Unterschiede zum Refe-
renztheoretiker oder zur Referenztheoretikerin aufweist. Es gibt
aber auch Fälle, wo die Trennlinie zwischen „internen“ (Abschnitt
3) und „externen“ Kritiken (Abschnitt 4) nicht immer klar gezogen
werden kann, da die interne Differenzierung und Weiterentwick-
Theorien in der Lehre von den internationalen Beziehungen 31
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

lung des Theoriestrangs eines Referenztheoretikers oft bereits eine


Reaktion auf externe Kritik darstellt. In solchen Fällen wird die
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Kritik an der theoretischen Referenzfigur schwerpunktmäßig im


vierten Abschnitt dargestellt.
(5) Im abschließenden fünften Abschnitt findet sich ein didak-
tisch aufbereitetes Literaturverzeichnis. Es soll der Vertiefung und
weiteren, eigenständigen Lektüre dienen, indem es explizit auf die
wichtigsten Primär- und Sekundärtexte verweist.
Jede systematische Erfassung der modernen Theorielandschaft
– ob nun entlang von Paradigmen oder Referenztheoretikern – ist
in einem gewissen Maße subjektiv und damit tendenziell anfecht-
bar. Vor diesem Hintergrund ist auch unsere Perspektive von ins-
gesamt achtzehn Theorien, Ansätzen, Perspektiven und Konzepten
der Internationalen Beziehungen zu sehen, deren Kenntnis wir für
unabdingbar halten und die wir in diesem Band vorstellen. Wir
haben uns für diese achtzehn Theorien entschieden, da sie durch
die Häufigkeit und die Intensität, mit der sie im akademischen Dis-
kurs vertreten sind und diskutiert werden, besonders hervorste-
chen. Der Anordnung der Beiträge liegt keine Systematik zugrun-
de, die einer ausführlichen Erörterung bedarf: Jeder Beitrag steht
für sich selbst und ist über Querverweise mit den anderen Beiträ-
gen verbunden, wodurch ein systematisches Erarbeiten der Theo-
rien möglich wird. Im Prinzip kann also jeder Beitrag als Startpunkt
dienen. Aus der Anordnung der einzelnen Theoriekapitel spricht le-
diglich eine Empfehlung – und zwar gerade für Einsteiger und Ein-
steigerinnen bzw. für Leser und Leserinnen, die sich das Buch nicht
als Teilnehmer und Teilnehmerinnen eines Theorieseminars und
damit als Bestandteil eines Seminarkonzepts erarbeiten –, sich die
Theorien der Internationalen Beziehungen über vier „Gruppen“ zu
erschließen: (1) Realismus, Neorealismus, Interdependenz und Re-
gimetheorie; (2) Neofunktionalismus, Neuer Liberalismus, Ansätze
des „demokratischen Friedens“, Englische Schule, Weltgesellschaft
und Globalisierung; (3) Imperialismustheorie, Weltsystemtheorie,
Neo-Gramscianische Perspektiven und Internationale Politische
Ökonomie; (4) Sozialkonstruktivismus, Kritische Theorie, Postmo-
derne Ansätze, Feminismus und Kritische Geopolitik.
Bei der ersten Gruppe von Beiträgen handelt es sich um tradi-
tionelle staatszentrierte Ansätze, die in ihrer Erklärung in erster
Linie auf rationalistisch verfolgte Staateninteressen abheben, wäh-
32 Manuela Spindler und Siegfried Schieder
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

rend die zweite Gruppe von Beiträgen das breite Spektrum an ge-
sellschaftsorientierten Theorien der internationalen Beziehungen
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

abdeckt. Die dritte Gruppe umfasst die Ansätze der Internationalen


Politischen Ökonomie, die im weitesten Sinne das Verhältnis zwi-
schen Staat und Markt fokussieren.20 Die letzte Gruppe vereint
Theorieansätze der Internationalen Beziehungen aktuelleren Da-
tums, die die rationalistischen Ansätze der 1960er bis 1980er Jahre
durch postmodernes, (de)konstruktivistisches oder kritisches Den-
ken herausfordern.
Die Theorien der IB sind ein faszinierendes Feld, in dem es viel
zu entdecken gibt. Wir wünschen alle eine gute Lektüre und sind
für Anregungen offen und erreichbar.

4. Literatur

4.1 Einführende Literatur

a) Theorien der Internationalen Beziehungen

Auth, Günther 2008: Theorien der Internationalen Beziehungen. München:


Oldenbourg.
Behrens, Henning/Noack, Paul 1984: Theorien der Internationalen Politik.
München: dtv.
Bellers, Jürgen 2009: Einführung in die Internationale Politik. Heilberscheid:
Dreukom Verlag.
Booth, Ken/Smith, Steve (Hrsg.) 2002: International Relations Theory Today.
Cambridge: Polity Press.
Brown, Chris/Ainley, Kirsten 2009: Understanding International Relations. 4.
Aufl. Basingstoke: Palgrave Macmillan.
Burchill, Scott/Linklater, Andrew/Devetak, Richard/Donnelly, Jack/Nardin,
Terry/Paterson, Matthew/Reus-Smit, Christian/True, Jacqui (Hrsg.) 2009:
Theories of International Relations, 4. Aufl. Basingstoke: Palgrave.

20 Diese Darstellung von Perspektiven aus dem Bereich der Internationalen Politi-
schen Ökonomie ist keinesfalls umfassend und bedürfte in systematischer und
umfassender Form eines eigenen Bandes. Dies ergibt sich nicht zuletzt aus dem
besonderen Konkurrenzverhältnis von Internationalen Beziehungen und Inter-
nationaler Politischer Ökonomie mit ihren Ansprüchen als „eigenständige“ aka-
demische Disziplinen. Unserem Verständnis folgend dürfen diese Perspektiven
gleichwohl in einem Theorieband der Internationalen Beziehungen nicht fehlen.
Theorien in der Lehre von den internationalen Beziehungen 33
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Chernoff, Fred 2007: Theory and Metatheory in International Relations. New


York: Palgrave.
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Daddow, Oliver 2009: International Relations Theory. London: Sage Publica-


tions.
Dougherty, James E./Pfaltzgraff, Robert L. (Hrsg.) 2009: Contending Theories
of International Relations. A Comprehensive Survey, 8. Aufl. New York:
Longman.
Dunne, Tim/Kurki, Milja/Smith, Steve (Hrsg.) 2010: International Relations
Theories: Discipline and Diversity. 2. Aufl. Oxford: Oxford University Press.
Elman, Colin/Elman, Miriam Fendius (Hrsg.) 2003: Progress in International
Relations Theory. Appraising the Field. Cambridge: MIT Press.
Frei, Daniel (Hrsg.) 1977: Theorien der internationalen Beziehungen, 2. Aufl.
München: Piper.
Griffiths, Martin 2007: International Relations Theory for the 21st Century:
An Introduction. London/New York: Routledge.
Gu, Xuewu 2000: Theorien der internationalen Beziehungen: Einführung.
München/Wien: Oldenbourg.
Haftendorn, Helga (Hrsg.) 1975: Theorie der internationalen Politik: Gegen-
stand und Methoden der internationalen Beziehungen. Hamburg: Hoff-
mann u. Campe.
Haftendorn, Helga 1990: Theorie der Internationalen Beziehungen, in: Woyke,
Wichard (Hrsg.): Handwörterbuch Internationale Politik. Opladen: Leske +
Budrich, 480-494.
Hellmann, Gunther/Wolf, Klaus Dieter/Zürn, Michael (Hrsg.) 2003: Die neuen
internationalen Beziehungen. Forschungsstand und Perspektiven. Baden-
Baden: Nomos.
Jackson, Robert H. 2005: Classical and Modern Thought on International Re-
lations.: London/New York: Palgrave.
Jackson, Robert/Sørensen Georg 2010: Introduction to International Relations.
Theories and Approaches. 4.Aufl. Oxford: Oxford University Press.
Jørgensen, Knud E. 2010: International Relations Theory. London: Palgrave.
Knutsen, Torbjörn 1997: A History of International Relations Theory, 2. Aufl.
Manchester: Manchester University Press.
Krell, Gert 2009: Weltbilder und Weltordnung. Einführung in die Theorie der in-
ternationalen Beziehungen, 4. überarb. und akt. Aufl. Baden-Baden: Nomos.
Lehmkuhl, Ursula 2001: Theorien Internationaler Politik. Einführung und
Texte, 3., erg. Aufl. München/Wien: Oldenbourg.
Lemke, Christiane 2008: Internationale Beziehungen. Grundkonzepte, Theo-
rien und Problemfelder. 2. überarb. Aufl. München/Wien: Oldenbourg.
Menzel, Ulrich 2004: Zwischen Idealismus und Realismus. Die Lehre von den
Internationalen Beziehungen. 3. Aufl. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
Meyers, Reinhard 1981: Die Lehre von den internationalen Beziehungen. Ein
entwicklungsgeschichtlicher Überblick. Königstein/Taunus: Droste.
Reus-Smit, Christian/Snidal, Duncan (Hrsg.) 2008a: The Oxford Handbook of
International Relations, Oxford: Oxford University Press.
34 Manuela Spindler und Siegfried Schieder
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Rittberger, Volker (Hrsg.) 1990: Theorien der internationalen Beziehungen.


Bestandsaufnahme und Forschungsperspektiven. PVS-Sonderheft 21. Wies-
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

baden: Westdeutscher Verlag.


Schimmelfennig 2010: Internationale Politik. Paderborn: Schöningh.
Smith, Steve/Booth, Ken/Zalewski, Marysia (Hrsg.) 2004: International Theo-
ry: Positivism and Beyond. Cambridge: Cambridge University Press.
Steans, Jill/Pettiford, Lloyd mit Thomas Diez (Hrsg.) 2005: International Re-
lations: Perspectives and Themes. 2. Aufl. London u.a.: Pearson Education.
Sterling-Folker, Jennifer 2006: Making sense of international relations theory.
Boulder, Colorado: Lynne Reinner.
Viotti, Paul R./Kauppi, Mark V. 2009: International Relations Theory: Real-
ism, Pluralism, Globalism and Beyond, 4. Aufl. New Jersey: Prentice Hall
Waever, Ole 1997: Figures of International Thought: Introducing Persons in-
stead of Paradigms, in: Neumann, Iver /Waever, Ole (Hrsg.): The Future of
International Relations. Masters in the Making. London/New York: Rout-
ledge.

b) Gegenstand der Internationalen Beziehungen


Albrecht, Ulrich 1999: Internationale Politik. Einführung in das System inter-
nationaler Herrschaft, 5. Aufl. München/Wien: Oldenbourg.
Baylis, John/Smith, Steve (Hrsg.) 2010: The Globalization of World Politics.
An Introduction to International Relations, 5. Aufl. Oxford: Oxford Uni-
versity Press.
Carslnaes, Walter/Risse, Thomas/Simmons, Beth A. (Hrsg.) 2002: Handbook
of International Relations. London u.a.: Sage Publications.
Czempiel, Ernst-Otto 1981: Internationale Politik. Ein Konfliktmodell. Pader-
born u.a.: Schöningh.
Druwe, Ulrich/Hahlbohm, Dörte/Singer, Alex 1998: Internationale Politik, 2.
Aufl. Neuried: ars una.
Ferdowsi, Mir A. 2002: Internationale Politik. München: Fink.
Feske, Susanne/Antonczyk, Eric/Oerding, Simon (Hrsg.) 2010: Einführung in
die Internationalen Beziehungen. Ein Lehrbuch. Opladen: Barbara Budrich.
Filzmaier, Peter/Gwessler, Leonore/Höll, Otmar/Mangott, Gerhard 2005: In-
ternationale Politik. Eine Einführung. Wien: WUV/UTB.
Frieden, Jeffrey A./Lake, David A./Schultz, Kenneth A. 2009: World Politics:
Interests, Interactions, Institutions. New York: Norton.
Goldstein, Joshua S./Pevehouse, Jon C. 2009: International Relations. 9. Aufl.
London: Pearson.
Griffiths, Martin/O`Callaghan, Terry 2001: International Relations. The Key
Concepts. London: Routledge.
Hartmann, Jürgen 2009: Internationale Beziehungen. 2. Aufl. Wiesbaden: VS-
Verlag.
Knapp, Manfred/Krell, Gert 2004: Einführung in die Internationale Politik.
Studienbuch, 4. überarb. Aufl. München/Wien: Oldenbourg.
Theorien in der Lehre von den internationalen Beziehungen 35
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

List, Martin/Behrens, Maria /Reichardt, Wolfgang /Simonis, Georg 1995: Inter-


nationale Politik. Probleme und Grundbegriffe. Opladen: Leske + Budrich.
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

List, Martin 2006: Internationale Politik studieren. Eine Einführung. Wiesba-


den: VS-Verlag.
Masala, Carlo/Sauer, Frank/Wilhelm, Andreas (Hrsg.) 2010: Handbuch der
Internationalen Politik. Wiesbaden: VS-Verlag.
Pfetsch, Frank R. 1994: Internationale Politik. Stuttgart: Kohlhammer.
Reus-Smit, Christian/Snidal, Duncan (Hrsg.) 2008a: The Oxford Handbook of
International Relations. Oxford: Oxford University Press.
Roskin, Michael G./Berry, Nicolas O. 2009: IR: The New World of Interna-
tional Relations. London: Longman.
Schimmelfennig, Frank 2010: Internationale Politik. 2. erw. Aufl. Paderborn:
Schöningh/UTB.
Tauras, Olaf/Meyers, Reinhard/Bellers, Jürgen 1994: Politikwissenschaft,
Band 3: Internationale Politik. Münster: Lit.

4.2 Übrige verwendete Literatur

Adler, Emanuel 1997: Seizing the Middle Ground: Constructivism in World


Politics, in: European Journal of International Relations 3: 3, 319-364.
Albert, Mathias/Cederman, Lars-Erik/Wendt, Alexander 2010: New Systems
Theories of World Politics. London: Palgrave.
Albert, Mathias/Hellmann, Gunther 2001: Schlechte Massenausbildung zum
Hochschullehrerberuf? Zur Situation der Lehre in den Internationalen Be-
ziehungen in Deutschland, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 8:
2, 345-361.
Acharya, Amitav/Buzan, Barry 2010: Non-Western International Relations
Theory: Perspectives on and beyond Asia. London/New York: Rout-
ledge.
Bieling, Hans-Jürgen/Lerch, Marika (Hrsg.) 2005: Theorien der europäischen
Integration. Wiesbaden: VS-Verlag/UTB.
Brodocz, André/Schaal, Gary S. (Hrsg.) 2001/2002: Politische Theorien der
Gegenwart I und II. Opladen: Leske + Budrich.
Bröchler, Stephan/Schützeichel, Rainer (Hrsg.) 2008: Politikberatung. Ein
Handbuch. Lucius & Lucius/UTB.
Carr, Edward H. 1964 [1939]: The Twenty Years Crisis, 1919-1939: An In-
troduction to the Study of International Relations. New York: Harper and
Row Publishers.
Chalmers, Alan F. 1986: Wege der Wissenschaft. Einführung in die Wissen-
schaftstheorie. Berlin: Springer.
Checkel, Jeffrey T. 1998: The Constructivist Turn in International Relations
Theory, in: World Politics 50: 2, 324-348.
Czempiel, Ernst-Otto 1965: Die Entwicklung der Lehre von den Internationa-
len Beziehungen, in: Politische Vierteljahresschrift 6: 3, 270-290.
36 Manuela Spindler und Siegfried Schieder
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Czempiel, Ernst-Otto 1991: Weltpolitik im Umbruch. Das internationale Sys-


tem nach dem Ende des Ost-West-Konflikts. München: C. H. Beck.
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Dryzek, John S./Leonhard, Stephen T. 1988: History and Discipline in Politi-


cal Science, in: American Political Science Review 82: 4, 1245-60.
Easton, David 1965: A Framework for Political Analysis. Englewood Cliffs,
N.J: Prentice-Hall.
Falk, Svenja/Rehfeld, Dieter/Römmele, Andrea/Thunert, Martin 2006: Hand-
buch Politikberatung. Wiesbaden: VS-Verlag.
Falk, Svenja/Römmele, Andrea (Hrsg.) 2009: Der Markt für Politikberatung.
Wiesbaden: VS-Verlag.
Giddens, Anthony 1982: Hermeneutics and Social Theory, in: Ders.: Profiles and
Critiques in Social Theory. Berkeley: University of California Press, 1-17.
Guzzini, Stefano 2000: A Reconstruction of Constructivism in International
Relations, in: European Journal of International Relations 6: 2, 147-182.
Hall, Peter (Hrsg.) 1989: The Political Power of Economic Ideas. Keynesia-
nism across Nations. Princeton: Princeton University Press.
Hellmann, Gunther 1994: Für eine problemorientierte Grundlagenforschung:
Kritik und Perspektiven der Disziplin Internationale Beziehungen in Deutsch-
land, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 1: 1, 65-90.
Hellmann, Gunther (Hrsg.) 2006: Forschung und Beratung in der Wissensge-
sellschaft. Das Feld der internationalen Beziehungen und der Außenpolitik.
Baden-Baden: Nomos.
Hoffmann, Stanley 1987 [1977]: An American Social Science: International Rela-
tions. Wiederabdruck, in: Ders. (Hrsg.): Janus and Minerva: Essays in the The-
ory and Practice of International Politics. Boulder, CO: Westview Press, 3-24.
Hollis, Martin/Smith, Steve 2004: Explaining and Understanding International
Relations. Oxford: Clarendon Press.
Ihne, Hartmut 2007: Global Governance und wissenschaftliche Politikbera-
tung. Tendenzen und Prinzipien. Baden-Baden: Nomos.
Katzenstein, Peter J./Keohane, Robert O./Krasner, Stephen 1998: International
Organization and the Study of World Politics, in: International Organizati-
on 52: 4, 645-685.
Kaplan, Morton A. 1966: The New Great Debate. Traditionalism versus Sci-
ence in International Relations, in: World Politics 19: 1, 1-20.
Knorr, Klaus E./Rosenau, James N. (Hrsg.) 1969: Contending Approaches to
International Politics. Princeton: Princeton University Press.
Kohler-Koch, Beate (2001): Internationale Beziehungen/Internationale Politik,
in: Holtmann, Everhard (Hrsg.): Politik Lexikon. München u.a.: Olden-
bourg, 262-265.
Kurki, Milja/Wight, Colin 2010: International Relations and Social Science,
in: Dunne, Tim/Kurki, Milja/Smith, Steve (Hrsg.): International Relations
Theories: Discipline and Diversity. 2. Aufl. Oxford: Oxford University
Press, 14-35.
Lapid, Yosef 1989: The Third Debate: On the Prospects of International Theory
in a Post-Positivist Era, in: International Studies Quarterly 33: 3, 235-54.
Theorien in der Lehre von den internationalen Beziehungen 37
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Lasswell, Harold D. 1958: Politics: Who Gets What, When, and How. New
York: Meridian Books.
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Maghoori, Ray/Ramberg, Benett (Hrsg.) 1982: Globalism Versus Realism:


International Relations’ Third Debate. Boulder, Colo.: Westview Press.
Mayer, Peter 2003: Die Epistemologie der Internationalen Beziehungen. An-
merkungen zur „Dritten Debatte“, in: Hellmann, Gunther/Wolf, Klaus Dieter/
Zürn, Michael (Hrsg.): Die neuen Internationalen Beziehungen. Forschungs-
stand und Perspektiven in Deutschland. Baden-Baden: Nomos, 47-97.
Meinefeld, Werner 1995: Realität und Konstruktion. Erkenntnistheoretische
Grundlagen einer Methodologie der empirischen Sozialforschung. Opla-
den: Leske + Budrich.
Onuf, Nicholas G. 1989: World of Our Making: Rules and Rule in Social Theory
and International Relations. Columbia: University of South Carolina Press.
Outhwaite, William 1992: New Philosophies of Social Science. London:
Macmillan.
Perthes, Volker 2007: Zwischen Hofnarr und Agendasetter: Wissenschaftliche
Politikberatung in der Außen- und Sicherheitspolitik, in: Internationale Po-
litik 12, 144-123.
Pittioni, Veit 1996: Theorie, in: Prechtl, Peter/Burkard, Franz-Peter (Hrsg.):
Metzler Philosophie Lexikon. Begriffe und Definitionen. Stuttgart/Weimer:
Körner.
Reus-Smit, Christian/Snidal, Duncan 2008b: Between Utopia and Reality: The
Practical Discourse of International Relations, in: Dies. (Hrsg.): The Ox-
ford Handbook of International Relations, Oxford: Oxford University
Press, 3-37.
Renn, Otwin 2006: Möglichkeiten und Grenzen sozialwissenschaftlicher
Politikberatung, in: Heidelberger Akademie der Wissenschaften (Hrsg.):
Politikberatung in Deutschland. Wiesbaden: VS-Verlag, 47-70.
Risse, Thomas 2003: Konstruktivismus, Rationalismus, und Theorien interna-
tionaler Beziehungen – warum empirisch nichts so heiß gegessen wird, wie
es theoretisch gekocht wurde, in: Hellmann/Wolf/Zürn (Hrsg.): Die neuen
internationalen Beziehungen in Deutschland. Forschungsstand und Per-
spektiven. Baden-Baden: Nomos, 99-133.
Ritsert, Jürgen 1996: Einführung in die Logik der Sozialwissenschaften. Müns-
ter: Westfälisches Dampfboot.
Rittberger, Volker/Hummel, Hartwig 1990: Die Disziplin „Internationale Be-
ziehungen“ im deutschsprachigen Raum auf der Suche nach ihrer Identität:
Entwicklung und Perspektiven, in: Rittberger, Volker (Hrsg.): Theorien der
Internationalen Beziehungen. Bestandsaufnahme und Forschungsperspek-
tiven. PVS-Sonderheft 21. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, 17-47.
Rorty, Richard (Hrsg.) 1967: The Linguistic Turn. Recent Essays in Philo-
sophical Method. Chicago/London: The Chicago University Press.
Schieder, Siegfried 2003: PolitikON. Nutzen und Nachteil der neuen Medien
in der Lehre von den Internationalen Beziehungen, in: Zeitschrift für Inter-
nationale Beziehungen 10: 2, 383-411.
38 Manuela Spindler und Siegfried Schieder
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Schmidt, Brian C. 2002: On the History and Historiography of International Re-


lations, in: Carslnaes, Walter/Risse, Thomas/Simmons, Beth A. (Hrsg.): Hand-
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

book of International Relations. London u.a.: Sage Publications, 3-22.


Smith, Steve 1995: The Self-Images of a Discipline: A Genealogy of Interna-
tional Relations Theory, in: Booth, Ken/Smith, Steve (Hrsg.): International
Relations Theory Today. Oxford: Polity Press, 1-37.
Thies, Cameron G. 2002: Progress, History and Identity in International Rela-
tions Theory – The Case of the Idealist-Realist Debate, in: European Jour-
nal of International Relations 8: 2, 147-186.
Stichweh, Rudolf 2006: Gelehrter Rat und wissenschaftliche Politikberatung,
in: Heidelberger Akademie der Wissenschaften (Hrsg.): Politikberatung in
Deutschland. Wiesbaden: VS-Verlag, 101-112.
Waever, Ole 1996: The Rise and Fall of the Inter-Paradigm-Debate, in: Smith,
Steve/Booth, Ken/Zalewski, Marysia (Hrsg.): International Theory: Positi-
vism and Beyond. Cambridge: Cambridge University Press, 149-85.
Waever, Ole 2010: Still a Discipline after all these Debates, in: Dunne,
Tim/Kurki, Milja/Smith, Steve (Hrsg.): International Relations Theories:
Discipline and Diversity. 2. Aufl. Oxford: Oxford University Press, 297-
318.
Waltz, Kenneth N. 1979: Theory of International Politics. Reading, Mass.:
Addison Wesley.
Weingart, Peter/Lentsch, Justus (Hrsg.) 2008: Wissen – Beraten – Entschei-
den. Form und Funktion wissenschaftlicher Politikberatung in Deutschland.
Weilerswist: Velbrück.
Wight, Colin 2002: Philosophy of Social Science and International Relations,
in: Carslnaes, Walter/Risse, Thomas/Simmons, Beth A. (Hrsg.): Handbook
of International Relations. London u.a.: Sage Publications, 23-51.
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Realismus
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Andreas Jacobs

1. Einleitung
Fragte man noch in den 1970er Jahren nach dem am häufigsten
zitierten theoretischen Text zur internationalen Politik, wurde man
unweigerlich auf das erstmals 1948 erschienene Werk Politics
among Nations von Hans J. Morgenthau verwiesen. Mögen mitt-
lerweile andere Theoriebeiträge Morgenthaus Klassiker den Rang
abgelaufen haben, so hat Politics among Nations nichts von seiner
Bedeutung als zentrales theoretisches Fundament eines Theoriege-
bäudes eingebüßt, das unter der Bezeichnung Realismus in vieler-
lei Hinsicht längst zu einer Art Gründungsbeitrag der Lehre von
den Internationalen Beziehungen geworden ist. Die meisten nach-
folgenden Versuche der Theoriebildung sollten entweder in An-
knüpfung oder – was wesentlich häufiger der Fall war – in Ab-
grenzung zum Realismus von Morgenthau entwickelt werden. An-
gesichts der erheblichen Kritik an der frühen realistischen Theorie-
bildung im Allgemeinen und Morgenthaus Realismus im Beson-
deren mag es kaum verwundern, dass der Realismus spätestens seit
Ende der 1970er Jahren respektvoll behütet ins ‚Museum der Theo-
riegeschichte der internationalen Beziehungen‘ verbannt schien.
Doch dieser Eindruck trügt. Das zunehmende postrealistische In-
teresse an Morgenthau und den anderen Realisten ist deutlicher
Hinweis darauf, dass von Morgenthaus Realismus mehr geblieben
ist als die Hinterlassenschaft einer Reihe von Grundfragen und Im-
pulsen für die Disziplin sowie die Aufforderung, die Welt so zu
sehen wie sie wirklich ist.
Da Morgenthau seine theoretischen Überlegungen in Politics
among Nations nur als Grundlegung einer Theorie verstand und
die Vertreter des Realismus auch in der Folgezeit keine einheitli-
che und in sich kohärente Theorie der internationalen Politik ent-
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Realismus
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Andreas Jacobs

1. Einleitung
Fragte man noch in den 1970er Jahren nach dem am häufigsten
zitierten theoretischen Text zur internationalen Politik, wurde man
unweigerlich auf das erstmals 1948 erschienene Werk Politics
among Nations von Hans J. Morgenthau verwiesen. Mögen mitt-
lerweile andere Theoriebeiträge Morgenthaus Klassiker den Rang
abgelaufen haben, so hat Politics among Nations nichts von seiner
Bedeutung als zentrales theoretisches Fundament eines Theoriege-
bäudes eingebüßt, das unter der Bezeichnung Realismus in vieler-
lei Hinsicht längst zu einer Art Gründungsbeitrag der Lehre von
den Internationalen Beziehungen geworden ist. Die meisten nach-
folgenden Versuche der Theoriebildung sollten entweder in An-
knüpfung oder – was wesentlich häufiger der Fall war – in Ab-
grenzung zum Realismus von Morgenthau entwickelt werden. An-
gesichts der erheblichen Kritik an der frühen realistischen Theorie-
bildung im Allgemeinen und Morgenthaus Realismus im Beson-
deren mag es kaum verwundern, dass der Realismus spätestens seit
Ende der 1970er Jahren respektvoll behütet ins ‚Museum der Theo-
riegeschichte der internationalen Beziehungen‘ verbannt schien.
Doch dieser Eindruck trügt. Das zunehmende postrealistische In-
teresse an Morgenthau und den anderen Realisten ist deutlicher
Hinweis darauf, dass von Morgenthaus Realismus mehr geblieben
ist als die Hinterlassenschaft einer Reihe von Grundfragen und Im-
pulsen für die Disziplin sowie die Aufforderung, die Welt so zu
sehen wie sie wirklich ist.
Da Morgenthau seine theoretischen Überlegungen in Politics
among Nations nur als Grundlegung einer Theorie verstand und
die Vertreter des Realismus auch in der Folgezeit keine einheitli-
che und in sich kohärente Theorie der internationalen Politik ent-
40 Andreas Jacobs
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

wickelten, herrscht einige Begriffsverwirrung darüber, was unter


Realismus in der Lehre von den Internationalen Beziehungen zu
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

verstehen ist. Diese Problematik beruht zu einem wesentlichen


Teil darauf, dass die von Morgenthau und den anderen Realisten
formulierten Gedanken zur Natur und zum Verständnis der inter-
nationalen Beziehungen in der Tradition einer langen Reihe philo-
sophischer Reflexionen und historischer Abhandlungen über das
Zusammenleben zwischen Völkern und Gemeinwesen standen und
seither vielfach modifiziert und weiterentwickelt worden sind. In
der Literatur wird deshalb meistens von der realistischen Schule
oder dem klassischen Realismus in Abgrenzung zu neueren theo-
retischen Entwicklungen gesprochen, wenn von den Überlegungen
Morgenthaus und den ihm zeitlich und weltanschaulich naheste-
henden Theoretikern die Rede ist. Im Folgenden soll Realismus als
Sammelbegriff für die unter dieser Bezeichnung zwischen den
1930er und 1950er Jahren entwickelten Theorieansätze zur Erklä-
rung internationaler Beziehungen verwendet werden. Darüber hin-
ausgehende Überlegungen werden als realistisches Denken be-
zeichnet.
Obgleich die Entstehung des Realismus in den 1930er und
1940er Jahren auf konkrete Zeitumstände und Krisenerfahrungen
zurückzuführen war, steht das realistische Denken in einer langen
geistesgeschichtlichen Tradition, als deren wichtigste historische
Denker in der Regel Thukydides und Niccolò Machiavelli, ferner
Thomas Hobbes, Friedrich Nietzsche und Max Weber genannt
werden. Im ersten großen Geschichtswerk des Abendlandes, der
Geschichte des Peloponnesischen Krieges, hatte Thukydides (460-
400 v. Chr.) als entscheidende Ursache für die militärischen Aus-
einandersetzungen zwischen den griechischen Stadtstaaten den
Machtzuwachs Athens (Buch I, 23) benannt. Zum ersten Mal wur-
de hier Macht als der konstituierende und regulierende Faktor der
Politik angesehen. Politik wiederum begriff Thukydides als den
ewigen Konflikt zwischen ideellen Prinzipien und der Anwendung
von Macht und Gewalt im Dienste der eigenen Interessen (Buch V).
Macht spielte auch im politischen Denken Machiavellis (1469-
1527) eine erhebliche Rolle. Über die Betonung des Machtaspekts
hinaus stellen ihn aber noch eine Reihe weitere in seinem Haupt-
werk Il Principe angestellte Überlegungen in die geistesgeschicht-
liche Tradition des realistischen Denkens (Machiavelli 1986
Realismus 41
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

[1532]). Hierzu gehört zunächst seine Geschichtsauffassung als


Abfolge kausaler Zusammenhänge, die begriffen und analysiert
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

werden kann (Il Principe: Widmung). Ferner geht Machiavelli da-


von aus, dass die Praxis Theorie, nicht aber die Theorie Praxis
hervorbringe (Il Principe VI). In dieser Vorstellung ist die spätere
realistische Methode angelegt, beim Nachdenken über Politik
nicht vom Streben nach einer vorgegebenen Ordnung auszugehen,
sondern von den tatsächlichen Umständen politischen Handelns.
Schließlich begreift Machiavelli die Ethik als eine Funktion der
Politik, nicht aber die Politik als eine Funktion der Ethik (Il Prin-
cipe XV). Moral und ethische Gesinnung spielen in seinen Überle-
gungen zwar eine wichtige Rolle, dies können sie aber nur tun,
wenn sie sich auf eine wirkungsvolle Autorität stützen (Il Principe
XVII). Schließlich erweist sich jener Rat Machiavellis an seinen
Fürsten, der tatsächlichen Beschaffenheit der Dinge auf den Grund
zu gehen und sich nicht mit Wunschbildern zu beschäftigen, als
analytisches Leitbild des späteren Realismus.
Waren wichtige Grundannahmen des realistischen Denkens
somit bereits angelegt, ist die Entstehung der Theorie des Realis-
mus nur in ihrem konkreten politischen und wissenschaftlichen
Kontext verstehbar. Der Realismus ist vielfach als Gegenbewe-
gung zu einer politischen Daseinsinterpretation beschrieben wor-
den, welche die Geschichte als fortschreitenden Prozess eines
erlösungsbringenden Vorganges begriff. Diese vor allem nach
dem Ersten Weltkrieg aufkommende Vorstellung war geknüpft
an die zunehmende Verbreitung des amerikanischen wissen-
schaftlichen Denkens, das auf idealistischer, d.h. liberal-pazifis-
tischem Gedankengut verpflichteter Grundlage davon ausging,
die Mängel des internationalen Systems durch eine systemati-
sche Aufarbeitung ihrer Ursachen beseitigen zu können. Im Ver-
trauen auf die Durchsetzung der menschlichen Vernunft sollten
nun Institutionen wie der Völkerbund dafür Sorge tragen, dass in
Zukunft jede Aggression eines Staates durch eine kollektive
Antwort der Staatengemeinschaft sanktioniert werden würde.
Dieser Fortschrittsglaube geriet angesichts der geschichtli-
chen Ereignisse ab den 1930er Jahren und vor allem seit dem
Zweiten Weltkrieg immer mehr ins Wanken. Bereits das Schei-
tern des Völkerbundes und die Weltwirtschaftskrise hatten den
Blick dafür geschärft, dass die Sicherung des Weltfriedens nicht
42 Andreas Jacobs
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

allein als organisatorisches Problem betrachtet werden konnte.


Durch die Entwicklung und Propagierung internationaler Orga-
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

nisationen allein, so die nun einsetzende Kritik, könnten die be-


stehenden Weltprobleme nicht gelöst werden. Aber der sich un-
ter der Bezeichnung Realismus formierende Widerspruch gegen
utopische oder idealistische Vorstellungen von der internationa-
len Politik ging noch weiter. Über den Vorwurf hinaus, Illusio-
nen über die gesellschaftliche Wirklichkeit in den internationa-
len Beziehungen erlegen zu sein und die wahre Natur politischen
Handelns zu verkennen, warf der Realismus dem idealistischen
Denken vor, die Realitäten der Politik herunterzuspielen und die
gewaltsamen Aspekte von Politik zu ignorieren. Idealistische
Ansätze zur Erklärung internationaler Politik, so die Quintessenz
dieser Kritik, seien somit nicht nur als falsch, sondern auch als
kontraproduktiv anzusehen (Frei 1993: 198-200).
In den Vereinigten Staaten, wo man sich aufgrund einer gesi-
cherten geographischen Lage, dem Aufstieg zur Weltmacht sowie
dem selbst erschlossenen Wohlstand lange Illusionen über das
Wirkliche und Mögliche in der internationalen Politik hingegeben
hatte, bewirkten die Erfahrungen mit dem Zweiten Weltkrieg und
dem hereinbrechenden Kalten Krieg, dass die Frage nach der Be-
grenzung und Beherrschung von Macht zunehmend ins Zentrum
des Nachdenkens über Politik rückte. Der Realismus war somit
auch eine Antwort auf ein politisches Denken, welches das Stre-
ben nach Macht zum Sinn aller Politik erklärt.
Die neue Prominenz der Variable Macht zur Erklärung inter-
nationaler Beziehungen liegt jedoch noch in einem anderen Sach-
verhalt begründet. Die Nachkriegszeit war geprägt von der weit-
gehenden militärischen und ökonomischen Überlegenheit der
Vereinigten Staaten, die nun zunehmend die Verantwortung einer
Weltmacht übernahmen. Gleichzeitig wurde immer deutlicher,
dass die Rooseveltschen Pläne einer weltweiten Kooperation und
der Demokratisierung der ehemaligen Kriegsgegner abgelöst
wurden durch die Konfrontations- und Eindämmungspolitik Tru-
mans und Eisenhowers gegenüber der Sowjetunion. Es war dieser
politische Erfahrungshintergrund vor dem die nahezu ausschließ-
lich angelsächsischen Realisten ihre Vorstellungen von der her-
ausragenden Rolle der Macht in den internationalen Beziehungen
formulierten.
Realismus 43
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

In den Vordergrund der Überlegungen zu den internationalen


Beziehungen rückte nun auch in den USA die Frage nach den do-
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

minanten Wirkkräften in der Weltpolitik und nach den Möglich-


keiten eines friedlichen Zusammenlebens unter diesen realen Be-
dingungen. Der Realismus entwickelte sich somit zwar vor einem
spezifischen amerikanischen Erfahrungshintergrund, stand aber in
einem geistesgeschichtlichen Traditionsbezug, der an das deutsche
Wissenschaftsverständnis und ein kontinentaleuropäisches Men-
schenbild anknüpfte (Meyers 1977: 57). Nicht zufällig sind viele
Vertreter des realistischen Denkens deutscher Herkunft (John H.
Herz, Henry Kissinger, Hans J. Morgenthau, Reinhold Niebuhr,
Georg Schwarzenberger, Arnold Wolfers, Kenneth N. Waltz) und
deshalb mit einem politischen Milieu vertraut, in dem in den Kate-
gorien von Macht und Interesse gedacht und gehandelt wurde.
Sieht man von der herausragenden Rolle Morgenthaus ab, gibt
es keinen Konsens, wer zu den Hauptvertretern des Realismus ge-
zählt werden muss. In der Regel werden hier Autoren genannt, die
sich in ihren Schriften entweder mit Macht als zentralem Hand-
lungsmotiv in der internationalen Politik beschäftigt haben, oder
die in ihren Betrachtungen internationaler Zusammenhänge oder
der Außenpolitik eines Staates von einer herausragenden Bedeu-
tung machtpolitischer Überlegungen ausgingen. Neben Morgent-
hau (1904-1980) werden zu den Hauptvertretern des Realismus
vor allem der französische Politikwissenschaftler und Soziologe
Raymond Aron (1904-1983), außerdem Edward Hallett Carr
(1892-1982), Walter Lippmann (1889-1974), Reinhold Niebuhr
(1892-1971), Georg Schwarzenberger (1908-1991), Nicholas John
Spykman (1893-1968), Arnold Wolfers (1892-1986) sowie als
Vertreter der jüngeren Generation Stanley H. Hoffmann (geb.
1928), der amerikanische Sicherheitsberater und spätere Außen-
minister Henry Kissinger (geb. 1923) und Kenneth W. Thompson
(geb. 1921) gezählt. Aber auch eine Reihe von politischen Prakti-
kern bekennen sich zum Realismus, neben Kissinger sind hier an
erster Stelle der amerikanische Diplomat George F. Kennan
(1904-2005) und der Sicherheitsberater und Chefunterhändler Paul
H. Nitze (1907-2004) zu nennen.
In Anbetracht der realistischen Tendenz zur empiriegeleiteten
Untersuchung und damit zur politischen Praxis lässt sich zwischen
zwei grundsätzlichen Arten von realistischen Schriften zur inter-
44 Andreas Jacobs
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

nationalen Politik unterscheiden. Erstens sind dies theoretische


Überlegungen zu den Funktionsbedingungen und Bewegungsge-
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

setzen der internationalen Politik oder der Außenpolitik (Aron


1963; Carr 1951; Hoffmann 1969; Morgenthau 1963; Niebuhr
1932; Schumann 1958; Schwarzenberger 1955; Spykman 1944;
Thompson 1969) und zweitens empirische Studien zur Außenpoli-
tik einzelner Staaten oder zur Entwicklung bestimmter Beziehungs-
konstellationen zwischen Staaten (Kennan 1954; Kissinger 1986;
Morgenthau 1951; Thompson 1960; Wolfers 1959).
Unter den hier genannten Autoren hatten vor allem zwei nach-
haltigen Einfluss auf die von Morgenthau entwickelte Theorie des
Realismus. An erster Stelle ist hier der protestantische Theologe
Reinhold Niebuhr zu nennen. Den Arbeiten Niebuhrs verdankt der
Realismus Morgenthaus seine anthropologischen und soziologi-
schen Grundannahmen.1 Der zweite Autor ist der britische Histo-
riker Edward H. Carr. Carr, der als Begründer der English School
in der Lehre von den Internationalen Beziehungen angesehen wird
(vgl. hierzu den Beitrag von Christopher Daase in diesem Band),
hatte kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges ein Buch mit
dem etwas irreführenden Titel The Twenty Years’ Crisis 1919-
1939 vorgelegt und damit die Renaissance des Realismus als For-
schungsdisziplin ausgelöst. In dieser Arbeit wies Carr als erster
nachdrücklich auf die Notwendigkeit einer Theorie hin, welche
von einer Orientierung an Wunschvorstellungen und Utopien Ab-
schied nimmt und den Machtfaktor als zentrales Bedingungsele-
ment der internationalen Politik anerkennt. Gleichzeitig fordert er
aber auch eine Anerkennung moralischer Werte als unabdingbare
Voraussetzung für eine Begrenzung der gewaltsamen Auswirkun-
gen des Machtstrebens (Carr 1951: 146-169).

2. Die Theorie des Realismus nach


Hans J. Morgenthau
Hans Joachim Morgenthau wurde 1904 in Coburg als Sohn eines
jüdischen Elternhauses geboren. Er studierte Rechts- und Staats-

1 Vgl. Abschnitt 2.2 dieses Beitrags.


Realismus 45
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

wissenschaften an verschiedenen deutschen Universitäten, bevor


er am Institut für Internationale Studien in Genf, wo er das Schei-
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

tern des Völkerbundes miterlebte, promovierte und bis 1935 auch


lehrte. Nachdem er zwei Jahre an der Universität Madrid tätig ge-
wesen war, emigrierte er 1937 in die USA, deren Staatsbürger-
schaft er 1943 annahm. Im gleichen Jahr wurde er zum Professor
für Politikwissenschaft an die Universität Chicago berufen, wo er
das Gros seiner theoretischen Schriften zur internationalen Politik
verfasste (Morgenthau 1946, 1958, 1962 und 1963; vgl. auch
Thompson/Myers 1984).2 In erster Linie veröffentlichte er in den
1950er und 1960er Jahren Arbeiten, in denen er die amerikanische
Außenpolitik bzw. allgemein die Entwicklung der internationalen
Beziehungen anhand der von ihm aufgestellten theoretischen Prä-
missen analysierte (Morgenthau 1951, 1969, 1971). Dabei ist Mor-
genthau mit den jeweiligen US-Administrationen streckenweise
hart ins Gericht gegangen – insbesondere dann, wenn er idealisti-
sche oder moralisierende Elemente in der US-Außenpolitik zu
entdecken glaubte, die seinem Konzept einer rationalen, d.h. auf
macht- und interessenpolitischen Kalkülen begründeten Außenpo-
litik nicht entsprachen. Im Zentrum des politikwissenschaftlichen
Interesses an Morgenthau stehen aber vor allem die theoretischen
Überlegungen, die er ab 1948 in Politics among Nations niederlegt
hatte, ein Buch, das 1963 in einer leicht gekürzten Fassung unter
dem Titel Macht und Frieden – Grundlegung einer Theorie der
internationalen Politik auf Deutsch erschien und bis 2005 sieben
Auflagen erlebte.

2.1 Realismus als Kritik des ideologischen Denkens

Politics among Nations war der großangelegte Versuch Morgen-


thaus, aus der Kritik des Idealismus heraus eine rationale Theorie
der internationalen Politik zu entwickeln. Morgenthaus Grundver-
ständnis von internationaler Politik läßt sich daher nur bei Kennt-
nis seiner Kritik an dem erschließen, was er das ideologische Den-
ken nannte. Das zentrale Hindernis zum Verständnis der eigentli-

2 Zum intellektuellen Werdegang Morgenthaus vgl. ausführlich die Biographien


von Frei 1993 und Rohde 2004.
46 Andreas Jacobs
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

chen Bewegungsgesetze internationaler Politik war aus der Sicht


Morgenthaus die Ideologie, die den Menschen vorgaukele, die
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Rolle der Macht in der Politik könne überwunden werden. Obwohl


Morgenthau einräumt, dass Staaten aus vielfältigen Motiven han-
deln können, bleibe das Mittel zur Erreichung staatlicher Ziele
doch immer die Macht. Die konstitutive Funktion von Ideologie
sah Morgenthau deshalb auch in der Rechtfertigung politischer
Interessen und damit auch des politischen Handelns. Kennzeich-
nend sei dabei das Phänomen, das jeweilige Eigeninteresse auch
für andere als wünschenswert bzw. darüber hinaus als übergeord-
netes Ziel politischen Handelns festzuschreiben. Einen solchen
übergeordneten Gemeinwillen könne es aber nicht geben, da über
einen schmalen Unterbau an Gemeinsamkeiten hinaus, der auf der
Essenz der menschlichen Existenz beruhe, Menschen unter völlig
unterschiedlichen Bedingungen leben und deshalb auch nicht die
gleichen Interessen entwickeln können (Morgenthau 1963: 233).
Die wichtigste Herausforderung für das Studium der internatio-
nalen Politik bestehe deshalb darin, die „ideologische Verbrämung
zu durchschauen, die wirklichen politischen Kräfte und Erschei-
nungen, die dahinter liegen, zu erfassen (...)“ (Morgenthau 1963:
122). Den weltanschaulichen Selbstdarstellungen von Politikern
dürfe daher auch nicht allzu viel Bedeutung beigemessen werden.
Was zähle seien nicht politische Absichtserklärungen, sondern das
politische Handeln. Dementsprechend identifizierte Morgenthau
auch die sich gegen Ende der 1940er Jahre manifestierende Block-
konfrontation im internationalen System auch als Fortsetzung her-
kömmlicher Machtpolitik. Nicht um Ideologien gehe es im Kalten
Krieg, sondern allein um Macht (Morgenthau 1951: 78-81). Dies
bedeute allerdings nicht, dass Ideologien nicht auch Träger von
Wahrheiten und deshalb auch konkrete Orientierungspunkte des
politischen Handelns sein könnten. In diesem Fall spricht er aller-
dings nicht von Ideologie, sondern von „politischer Philosophie“
(Morgenthau 1963: 233).

2.2 Das Menschenbild des Realismus

Morgenthau betrachtet die Lehre von den Internationalen Beziehun-


gen als eine Wissenschaft vom Menschen. Der Ausgangspunkt von
Realismus 47
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Morgenthaus politikwissenschaftlichem Denken ist daher die Aus-


einandersetzung mit den Widersprüchlichkeiten menschlicher Exis-
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

tenz, der Kluft zwischen Norm und Realität, zwischen Wollen und
Können und zwischen Schöpfertum und Ohnmacht (Kindermann
1963: 22). Schon in seinem 1946 erschienen Werk Scientific Man vs.
Power Politics hatte er sich diesen Fragen gewidmet und war dabei
zu dem Ergebnis gekommen, dass die Gleichzeitigkeit von schöpfe-
rischen und zerstörerischen Potenzialen menschlichen Handelns
letztendlich auf der menschlichen Freiheit beruhe (Morgenthau 1946:
187-201). Hier wird der starke Einfluss Reinhold Niebuhrs deutlich.
Niebuhr hatte in seinem 1932 erschienenen, wichtigsten Werk Mo-
ral Man und Immoral Society die Überlegung formuliert, dass der
menschliche Altruismus in Egoismus und Aggressivität umschlage,
sobald sich Menschen kollektiv organisieren und sich beispielsweise
in Staaten zusammenfinden (Niebuhr 1932: 83). Dieser kollektive
Egoismus wirke aggressiver und konfliktträchtiger, je altruistischer
und aufopfernder sich der einzelne für das Wohl des Kollektivs ein-
setze. Gewalt in den internationalen Beziehungen werde so unver-
meidlich. Da in ein Kollektiv eingebundene Personen weniger mora-
lischen Skrupeln unterliegen als Einzelpersonen, nehme das Macht-
streben auf nationaler und internationaler Ebene gesteigerte und
brutalere Formen an. Eine Zähmung dieses Machtkampfes sei nur
durch die Ausrichtung des politischen Handelns an Ethik und Moral
möglich (Niebuhr 1932: 231).
Obwohl sich Morgenthau in vielen Punkten eng an Niebuhr an-
lehnt, weicht er hinsichtlich der Verortung der Gewaltursachen von
ihm ab. Während Niebuhr die zerstörerischen Elemente mensch-
licher Existenz eher als Resultat der Vergesellschaftung betrachtet,
sieht sie Morgenthau biologisch verwurzelt, d.h. in der Natur des
Menschen begründet. Hier folgt Morgenthau also Hobbes (1588-
1679), der in seinem 1651 verfassten Hauptwerk Leviathan den
Machttrieb als Wesensmerkmal des Menschen definiert hatte
(Hobbes 1976 [1651]). Ähnlich wie der Idealismus, der vom wert-
orientierten Handeln von Individuen auf das Verhalten von Kol-
lektiven schließt, überträgt Morgenthau diese anthropologischen
Prämissen auf das Verhalten von Staaten (Morgenthau 1946: 198).
Morgenthaus Sicht der internationalen Politik beruht deshalb auch
nicht auf dem Konzept einer wie auch immer gearteten Weltge-
meinschaft, sondern auf der Vorstellung eines Staatensystems, in
48 Andreas Jacobs
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

dem es keine zentrale Entscheidungs- und Sanktionsgewalt gibt,


das sich in Analogie zur Vorstellung Hobbes also im Naturzustand
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

der Anarchie befindet. Hauptakteur der internationalen Politik ist


somit der nach Macht strebende souveräne Nationalstaat, der seine
eigenen Interessen gegen die Interessen anderer Staaten durchzu-
setzen versucht.

2.3 Internationale Politik in der realistischen Erklärung

Ausgehend von diesem Menschenbild basiert der Realismus Mor-


genthaus auf drei zentralen Grundannahmen: erstens der Annahme
einer grundsätzlichen wissenschaftlichen Erklärbarkeit von Politik,
zweitens der zentralen Bedeutung der Kategorien Macht und In-
teresse für das politische Geschehen und drittens der herausragen-
den Rolle, die der Moral bei der Suche nach einer friedlicheren
und gerechteren Welt zugeschrieben wird (Morgenthau 1963: 49-
60).

Die Objektivität der Politik

Die erste methodologische Prämisse Morgenthaus lautet, dass jede


politische Dynamik auf im Wesen des Menschen verankerten un-
veränderlichen Grundelementen beruht, aus denen sich wertfreie
und universal gültige Fundamentalbegriffe für die Politikwissen-
schaft ableiten lassen. Um also eine politische Theorie zu entwi-
ckeln, die als Instrumentarium zur Analyse politischer Prozesse
nutzbar gemacht werden kann, müssen aus der unübersehbaren
Komplexität des politischen Geschehens die Konstanten herausge-
filtert werden. Morgenthau beschreibt dies mit folgenden Worten:
„Der politische Realismus geht davon aus, daß die Politik, so wie die
Gesellschaft allgemein, von objektiven Gesetzen beherrscht wird, de-
ren Ursprung in der menschlichen Natur liegt. Um die Gesellschaft zu
verbessern, muß man vor allem jene Gesetze verstehen, denen sie ge-
horcht (...). Für den Realismus besteht Theorie darin, Tatsachen festzu-
stellen und ihnen durch Vernunft Sinn zu verleihen (...)“ (Morgenthau
1963: 49f).
Dabei kann die Politik die gleiche Eigengesetzlichkeit beanspru-
chen wie die Ökonomie, die Rechtsprechung oder die Moral. Mor-
Realismus 49
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

genthau verwendet hierfür folgenden vielzitierten Vergleich: „Der


Ökonom fragt: Wie wirkt Politik auf den Wohlstand der Gesell-
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

schaft oder eines Teils davon? Der Jurist fragt: Steht diese Politik
im Einklang mit den Rechtsvorschriften? Der Moralist fragt: Steht
diese Politik im Einklang mit den sittlichen Grundsätzen? Der po-
litische Realist aber fragt: Welche Auswirkungen hat diese Politik
auf die Macht des Staates?“ (Morgenthau 1963: 57, Hervorhebun-
gen i. O.).

Macht und Interesse in der internationalen Politik

Orientierung verleiht dem Realisten der im Sinne von Macht ver-


standene Begriff des Interesses. Diese enge Verknüpfung von
Macht und Interesse im politischen Denken Morgenthaus ist oft
kritisiert und missverstanden worden und bedarf daher der Klä-
rung. Macht konstituiert im Verständnis Morgenthaus menschli-
ches Verhalten nicht nur, sie macht es auch versteh- und erklärbar.
Weil Macht die Grundlage jeder politischen Handlung ist, ist ihr
Verständnis auch der Schlüssel zum Verständnis internationaler
Politik. Internationale Politik ist somit wie alle Politik ein Kampf
um die Macht. Sie ist darauf gerichtet, entweder Macht zu erhal-
ten, Macht zu vermehren oder Macht zu demonstrieren (Morgen-
thau 1963: 69, 81). Problematisch hierbei ist, dass Morgenthau
keine eindeutige Machtdefinition liefert. Macht kann alles umfas-
sen, „was die Beherrschung von Menschen durch Menschen be-
wirkt und erhält. Unter den Begriff der Macht gehören alle gesell-
schaftlichen Beziehungen, die diesem Ziel dienen, von der physi-
schen Gewaltanwendung bis zu den feinsten psychologischen Bin-
dungen, durch die ein geistiger Wille einen anderen beherrschen
kann. Macht ist die Herrschaft von Menschen über Menschen (...)“
(Morgenthau 1963: 54). Indem Morgenthau also an entscheiden-
der Stelle den Begriff der Herrschaft ins Spiel bringt, umgeht er
eine klare definitorische Abgrenzung. Sein Machtbegriff bleibt
dadurch wenig greifbar und – wie noch gezeigt wird – anfällig für
Kritik.
Für die Vagheit des Machtbegriffs bei Morgenthau gibt es al-
lerdings eine Erklärung. Morgenthau schreibt dem Kampf um die
Macht universellen Charakter in Raum und Zeit zu und begreift
ihn als unwiderlegbare Erfahrungstatsache, die nicht begründet
50 Andreas Jacobs
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

werden muss (Morgenthau 1963: 75). Diese Evidenz des Macht-


triebes bzw. daraus resultierend des Kampfes um die Macht führt
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

gleichzeitig dazu, dass Morgenthau der Versuch einer exakten


Messung von Machtpotenzialen fremd ist. Für ihn ist Macht eine
Kategorie, die sich jeder quantifizierenden Erfassung entzieht,
weil sie sich als psychologische Beziehung zwischen Machtaus-
übendem und Machtadressaten manifestiert, also in starkem Maße
perzeptionsabhängig ist (Kindermann 1963: 26). Diese herausra-
gende Rolle der Macht heißt jedoch nicht, dass Machtbeziehungen
alles politische Handeln bestimmen sollen. Vielmehr dient das
Verständnis von Politik im Sinne von Macht als Bindeglied zwi-
schen dem politischen Geschehen einerseits und dem analytischen
Zugriff auf dieses Geschehen andererseits. Der Begriff der Macht
ist also primär eine Verstehenskategorie, er „dient dem Betrachter
als Orientierungshilfe im Irrgarten der empirischen Phänomene
und legt einen Maßstab der rationalen Ordnung innerhalb dieses
Labyrinthes fest“ (Gebhardt 1991: 92).
Folgerichtig besteht das vorrangige außenpolitische Interesse
des Staates darin, Macht anzuhäufen und zu erhalten. Das konkre-
te Interesse kann sich dabei wandeln und unterschiedliche Formen
annehmen, letztendlich dient es aber immer der Macht. Macht ist
also Mittel und Gegenstand des Interesses zugleich und kann letzt-
endlich sogar zum Selbstzweck werden (Morgenthau 1946: 101).
Spätestens hier wird deutlich, dass Morgenthau den Interessenbe-
griff ebensowenig wie den Machtbegriff klar abgrenzt und ein-
deutig definiert. Nach Kindermann hat Morgenthau an anderer
Stelle allerdings zwischen einem objektiven und einem subjekti-
ven Begriff des außenpolitischen Interesses unterschieden. Unter
dem subjektiven Interesse sei die Bildung des außenpolitischen
Willens auf der Grundlage konkreter Wahrnehmungen und be-
stimmter Auffassungen über Sinn und Ziel der Außenpolitik zu
verstehen. Die objektive Bedeutung des Begriffes meine demge-
genüber den Inbegriff des möglichen Verhaltens eines Staates,
welches den existenziellen Belangen dieses Staates (Sicherheit,
Macht und Wohlfahrt) am besten gerecht werde (Kindermann
1963: 27).
Ungeachtet dieser Konkretisierung bleibt der Eindruck eines
Zirkelschlusses zwischen Macht- und Interessenbegriff, dessen
Auflösung allenfalls im methodischen Denken Morgenthaus zu
Realismus 51
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

finden ist. Während Macht für Morgenthau die zentrale Verste-


henskategorie politischen Handelns darstellt, begreift er das Inter-
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

esse eher als analytische Kategorie. Dem Studium außenpoliti-


scher Interessenlagen kommt nach Morgenthau daher eine ganz
erhebliche praktische Bedeutung zu. Die Feststellung der eigenen
außenpolitischen Interessen sei notwendig zur Formulierung von
Politikmaßstäben und zur Koordinierung interner Einzelinteressen.
Die Analyse der Interessenlagen anderer Staaten ergibt im Ver-
gleich zur eigenen Interessendefinition das Bild der jeweiligen In-
teressenkonstellation, in der sich ein Staat befindet. Die Betonung
des nationalen Interesses bei Morgenthau bedeutet dementspre-
chend auch nicht die Befürwortung einer rücksichtslosen und aus-
schließlich selbstbezogenen Außenpolitik. Die Definition des na-
tionalen Interesses sollte nach seiner Vorstellung vielmehr immer
unter Berücksichtigung der Interessen anderer Staaten erfolgen.
Nur hierdurch würden die Handlungsspielräume und Handlungs-
grenzen der Außenpolitik und damit die Möglichkeiten zur Reali-
sierung der eigenen Interessen deutlich (Morgenthau 1951; Mor-
genthau 1958: 54-87).3

Die Zähmung der Macht durch die Moral

Der Realismus will nicht nur verstehen und erklären, sondern auch
konkrete Empfehlungen für politisches Handeln geben. Er muss
daher zu den normativen Theorien im weiteren Sinne gerechnet
werden. Kennzeichen solcher normativen Theorien ist über die
rein analytische Erfassung politischer Zusammenhänge hinaus die
Vermittlung von politischen Zielen im Sinne von Werten.
„Es gibt keine politische Moral ohne Klugheit – d.h. ohne Berücksich-
tigung der politischen Folgen eines anscheinend moralisch vertretbaren
Vorgehens. Der Realismus betrachtet diese Klugheit – das Abwägen
der Folgen alternativer politischer Handlungen – daher als die höchste
Tugend der Politik. Abstrakte Ethik beurteilt Handlungen nach ihrer

3 Diese Vorstellung rückt Morgenthau in die Nähe der deutschen Staatsräsonlehre


(Meineke 1976). Vgl. auch Frei 1993: 129 und 159-162. Hier liegen auch die
Anknüpfungspunkte an spätere theoretische Überlegungen zur Bildung außen-
politischer Interessen und Handlungsmaximen von Staaten. Vgl. hierzu u.a.
Link 1987.
52 Andreas Jacobs
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Übereinstimmung mit dem Sittengesetz; politische Ethik beurteilt


Handlungen nach ihren politischen Folgen“ (Morgenthau 1963: 56).
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Zielobjekt der realistischen Politik- und Forschungskritik ist also


nicht der Moralist, sondern der selbstgefällige Gesinnungsethiker,
der meint, die Gestalt der Weltordnung entsprechend seinen nor-
mativen Vorstellungen beeinflussen zu können, bzw. hierzu das
moralische Recht zu haben glaubt. Vor diesem Hintergrund zielt
der Realismus darauf ab, nicht nur die herausragende Rolle des
Machtfaktors in der Politik zu enthüllen, sondern darüber hinaus
Möglichkeiten zur Zähmung der Macht aufzuzeigen.
Schon in Scientific Man vs. Power Politics hatte sich Morgenthau
mit der Frage beschäftigt, wie sich die Destruktivität der Machtpoli-
tik rational eindämmen lasse (Morgenthau 1946: 9f). In Politics
among Nations widmet er sich sogar zu rund zwei Dritteln diesem
Aspekt. Während er einerseits davon ausgeht, dass es wenig Sinn
mache, gegen die Prinzipien der internationalen Politik anzugehen,
wendet er sich andererseits nachdrücklich gegen eine Kapitulation
vor der Immanenz der Machtpolitik. Obwohl er seinem Londoner
Kollegen und Wegbereiter Edward H. Carr letzteres vorwirft, lehnt
er sich in seinem Bemühen, Auswege aus der Destruktivität der
Machtpolitik aufzuzeigen, methodisch an The Twenty Years’ Crisis
an. Ähnlich wie Carr diskutiert Morgenthau in Politics among Na-
tions einzelne Möglichkeiten, die Macht in ihre Schranken zu wei-
sen. Seine Überlegungen über die friedenssichernde Wirkung des
Völkerrechts, über internationale Normen, Ideologien, Institutionen
und über das Prinzip der kollektiven Sicherheit kommen dabei –
stark vereinfacht formuliert – zu einem ähnlichen Ergebnis. Alle
Versuche zur Einschränkung der staatlichen Souveränität, so positiv
sie Morgenthau in einigen Fällen auch bewertet, können letztendlich
keine nachhaltige Sicherung des Weltfriedens bewirken, da sie nicht
in der Lage seien, das nationalstaatliche Streben nach Macht zu
überwinden (Morgenthau 1963: 450).
Besondere Erwähnung verdient in diesem Zusammenhang, dass
Morgenthau auch die Beschränkung der Macht durch Gegen-
macht, also durch das, was man als Gleichgewicht der Mächte
oder balance of power bezeichnet, nicht als funktional betrachtet.
Er sieht in der Vorstellung eines selbst-regulativen Prozesses des
Ausgleichs der Kräfte auf der internationalen Bühne ein überholtes
Denken, das einem mechanistischen Weltbild folge. Die Geschich-
Realismus 53
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

te, gerade des 19. und 20. Jahrhunderts, habe demgegenüber ge-
zeigt, dass das Denken in Kategorien des Mächtegleichgewichts
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

kaum zweckmäßig zur Herstellung von Stabilität und Ordnung im


internationalen System sei.
„Das Versagen, seine Funktion gegenüber den einzelnen Staaten zu er-
füllen, und das Versagen, seiner Funktion im Staatensystem anders als
durch Krieg oder Kriegsgefahr gerecht zu werden, weisen auf drei we-
sentliche Schwächen des Gleichgewichts der Mächte als Leitgrundsatz
internationaler Politik hin: seine Ungewißheit, seine Unwirklichkeit
und seine Unzulänglichkeit“ (Morgenthau 1963: 179).
Diese Kritik am Denken in den Kriterien der balance of power
leitet Morgenthau nicht aus einer eventuellen Fehlerhaftigkeit des
Prinzips, sondern aus seinem Machtbegriff ab. Macht könne nicht
exakt gemessen oder verglichen werden, weshalb der Versuch der
Herstellung eines machtpolitischen Gleichgewichts zum Scheitern
verurteilt sei (Morgenthau 1963: 146, 179f). Notwendig ist der
Hinweis auf Morgenthaus Skepsis gegenüber der friedensschaf-
fenden Wirkung eines Gleichgewichts der Mächte deshalb, weil
diese Vorstellung ansonsten zum festen Bestandteil des realisti-
schen Denkens gezählt werden muss.
Das eigentliche eindämmende Element der Macht ist für Mor-
genthau daher nicht das Gleichgewicht der Mächte, sondern die
Moral. Morgenthau verwirft deshalb auch die Vorstellung, dass
Politiker und Staatsmänner ausschließlich vom Machttrieb geleitet
seien. Vielmehr seien sie nicht selten aus Erwägungen der Moral
davor zurückgeschreckt, jede sich bietende Machtchance – etwa
durch Genozid – auch wirklich auszunutzen (Morgenthau 1963:
207). Morgenthau hat deshalb das ausschließliche Prinzip der
Machtpolitik immer wieder eingeschränkt und der Moral ihren
Platz eingeräumt.
“Man is an animal longing for power, but he is also a creature with a
moral purpose, and while man cannot be governed by abstract moral
principles alone, he cannot be governed by power alone either” (Mor-
genthau 1962: 130).
Folgerichtig plädiert er für einen verantwortungsbewussten Um-
gang mit der Macht, d.h. er setzt in der Terminologie Max Webers
der idealistischen Gesinnungs- eine realistische Verantwortungs-
ethik entgegen (Menzel 2001: 80).
54 Andreas Jacobs
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Diese Verantwortungsethik manifestiert sich in der Methode des


„Friedens durch Ausgleich“, dessen Instrument die Diplomatie ist
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

(Morgenthau 1963: 450). Morgenthau sieht also in einer verantwor-


tungsbewussten, d.h. moralisch fundierten Diplomatie, dem Konzept
von statesmanship, den einzig wirkungsvollen Weg zur Wahrung
von Frieden und Stabilität in der internationalen Politik. Dieses Plä-
doyer für eine kluge und auf Ausgleich bedachte Diplomatie unter-
mauert er mit einer Reihe von diplomatischen Verhaltensregeln, die
aber letztendlich immer auf eine Betonung der moralischen und in-
tellektuellen Befähigung des Diplomaten hinauslaufen (Morgenthau
1963: 471-479). Diese Betonung der Moral zeigt, dass der Realis-
mus nicht gleichgesetzt werden kann mit politischem Pessimismus.
Morgenthau fordert vielmehr ein permanentes diplomatisches Rin-
gen um eine bessere Verwirklichung von Freiheit und Gerechtigkeit,
wohl wissend, dass dieses Ringen nie vollendet sein wird. Die Ein-
sicht in die wahren Bewegungsgesetze des Politischen ist für ihn die
einzige Voraussetzung für eine Annäherung an das Gesollte und Ge-
wünschte (Morgenthau 1963: 60f und 434, vgl. dazu auch den aktu-
ellen Überblick von Donelly 2008).

3. Differenzierungen und Weiterentwicklungen


des Realismus
Die Tatsache, dass Politics among Nations in vielerlei Hinsicht ei-
ner vortheoretischen, wenig systematisierten Form verhaftet ge-
blieben ist, eröffnete die Möglichkeit für eine unübersehbare Zahl
an Differenzierungen und Weiterentwicklungen, die auf einzelne
Aspekte des realistischen Denkens zurückgreifen. Kennzeichen
vieler dieser Ansätze war es aber, dass sie zwar in einzelnen Fra-
gen über den von Morgenthau entwickelten Realismus hinausgin-
gen, aber kaum dem Anspruch von Politics among Nations nahe-
kamen, die Grundlegung einer Theorie der internationalen Politik
darzustellen. Ausgenommen werden müssen hiervon die verschie-
denen umfassenderen Versuche der realistischen Theoriebildung,
die vor allem seit den 1970er Jahren unter der Bezeichnung Neo-
realismus angestellt wurden (vgl. dazu den Beitrag von Niklas
Schörnig in diesem Band). Im Folgenden sei auf die wichtigsten
Realismus 55
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Beispiele für Differenzierungen und Weiterentwicklungen des


Realismus verwiesen.
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Morgenthaus Kollege Robert E. Osgood hat sich beispielsweise


darum bemüht, die Begriffe Realismus und Idealismus präziser
voneinander abzugrenzen und die zentrale Rolle des National-
staates in den internationalen Beziehungen zu erklären (Osgood
1975). Der von Morgenthau betonte Aspekt der Perzeption bei der
Einschätzung außenpolitischer Interessen wurde umfassend von
Harold und Margaret Sprout sowie in den 1970er Jahren von Ro-
bert Jervis untersucht (Jervis 1976; Sprout/Sprout 1956). Inis J.
Claude hat sich in seinen Überlegungen zur Rolle der Macht in
den internationalen Beziehungen mit der Konzeption der balance
of power bei Morgenthau beschäftigt und dabei auf einige Wider-
sprüchlichkeiten und Unklarheiten verwiesen (Claude 1962: 25-
37). Den Machtbegriff Morgenthaus hat auch Gottfried-Karl Kin-
dermann – neben vielen weiteren Elementen der Theorie Mor-
genthaus – einer genaueren Analyse unterzogen und weiterentwi-
ckelt. Macht, so Kindermann, müsse als relativer Zustand im
Rahmen einer sozialen Beziehung verstanden werden, weshalb der
Machtbegriff analytisch wesentlich komplexer zu verstehen sei,
als es bei Morgenthau den Anschein habe (Kindermann 1986: 64).
Insgesamt ließe sich die Liste der Modifikationen von Morgen-
thaus Realismus beliebig weiterführen, da es so gut wie kein Ele-
ment in Morgenthaus Theorie gibt, dass nicht hinterfragt, verwor-
fen oder weiterentwickelt worden wären. Trotz dieser theoreti-
schen Unübersichtlichkeit des realistischen Denkens in den Inter-
nationalen Beziehungen soll eine konkrete Ergänzung des Realis-
mus aber an dieser Stelle eingehendere Berücksichtigung finden.
Der aus Düsseldorf stammende amerikanische Politologe John
H. Herz hat sich in seinen Schriften vor allem um eine Synthese
realistischer und idealistischer Annahmen bemüht. Seine Überle-
gungen beruhen auf der Beobachtung, dass die Anarchie im inter-
nationalen System etwa durch das Völkerrecht teilweise abge-
schwächt und gedämpft wird und der Machtkampf nicht immer die
extremsten Formen annehmen muss (Herz 1959: 221). Herz’ Be-
deutung für den Realismus beruhte aber weniger auf der Ausar-
beitung dessen, was er realistischen Liberalismus nannte, sondern
auf seinen Annahmen über die Struktur des internationalen Sys-
tems und den daraus resultierenden Konsequenzen für die Sicher-
56 Andreas Jacobs
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

heit von Staaten. In seinem nach wie vor lesenswerten Aufsatz


Idealistischer Internationalismus und das Sicherheitsdilemma aus
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

dem Jahre 1950 hat er in bislang unübertroffener Klarheit einen


Sachverhalt formuliert, der mittlerweile zum Grundinventar realis-
tischen Denkens gezählt werden muss und dafür gesorgt hat, dass
Herz – entgegen seiner eigenen Verortung – üblicherweise zu den
Realisten gezählt wird (Herz 1974). Gemeint ist das so genannte
Sicherheitsdilemma. Das Sicherheitsdilemma ist
„diejenige Sozialkonstellation, die sich ergibt, wenn Machteinheiten
(wie z.B. Staaten und Nationen in ihren außenpolitischen Beziehun-
gen) nebeneinander bestehen, ohne Normen unterworfen zu sein, die
von einer höheren Stelle gesetzt wären und sie hindern würden, sich
gegenseitig anzugreifen (...)“ (Herz 1961: 130f).
Herz geht also davon aus, dass Konflikte und militärische Ausein-
andersetzungen primär aus der anarchischen Struktur des interna-
tionalen Systems resultieren. Anders als Morgenthau identifiziert
Herz damit das Problem von Krieg und Frieden nicht als anthro-
pologisches, sondern als soziales. Konflikte resultieren nach dieser
Einschätzung nicht aus angeborenen Machttrieben, sondern aus
der Struktur des internationalen Systems. Die Unsicherheit in den
internationalen Beziehungen beruht letztlich auf dem Fehlen einer
zentralen Ordnungs- und Sanktionsinstanz. Dies ist eine Position,
die später prägend für die Neorealisten werden sollte.
Hatte sich die Kritik der übrigen Realisten an Morgenthau rela-
tiv lange auf einzelne Aspekte konzentriert, begann sie ab Ende
der 1960er Jahre grundlegender Natur zu werden. Der Realismus
war eine Theorie, die auf empirischen Beobachtungen beruhte und
vor einem konkreten zeitgeschichtlichen Hintergrund entstanden
war. Die in den 1960er Jahren einsetzende weltpolitische Entspan-
nungsphase, die Dekolonisationsprozesse in vielen Teilen der Welt
und der wirtschaftliche Machtzuwachs Westeuropas und einiger
Staaten Ostasiens führten dazu, dass das Augenmerk nun auf Ent-
wicklungstendenzen im internationalen System gerichtet wurde,
die mit realistischen Ansätzen nicht mehr erklärbar schienen. Zu-
nehmend wurde Morgenthaus Politics among Nations nun nicht
mehr als Anknüpfungspunkt der realistischen Theoriebildung und
Instrumentarium der Analyse internationaler Politik gesehen, son-
dern nur noch als klassischer Gründungsbeitrag zur Lehre von den
Realismus 57
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Internationalen Beziehungen mit vorrangig theoriegeschichtlicher


Bedeutung.
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Erst ab Mitte der 1990er Jahre regte sich neues Interesse an


Morgenthau. Im Kontext der Ausdifferenzierung theoretischer
Entwürfe in den Internationalen Beziehungen nehmen Postrealis-
ten, defensive und offensive Realisten und neoklassische Realisten
wieder zunehmend Bezug auf Ideen und Überlegungen Morgent-
haus (Wohlforth 2008: 136-141; für eine Übersicht des realisti-
schen Forschungsprogramms siehe etwa Schweller 2003, Lobell/
Ripsman/Taliaferro 2009). Dieses neue Interesse am Gründungs-
vater der Denkschule des politischen Realismus bezieht sich in der
Regel aber nur auf Grundannahmen und einzelne Elemente des
klassischen Realismus, die im Sinne der eigenen (realistischen)
Theoriebildung nutzbar gemacht werden.
“Although Morgenthau is regularly identified as the father of modern
realism (…) there have been few systematic attempts to unpack the
theory of international politics that is embedded in his central text –
Politics Among Nations. The more prevalent tendency has been for
analysts to ransack his writings looking for quotations that confirm
their particular take on his approach to international Politics” (Little
2006).

4. Die Kritik am Realismus


Angesichts der Heterogenität des realistischen Denkens ist es
kaum verwunderlich, dass ein Großteil der Kritik an Morgenthau
aus dem realistischen Lager selbst kam. Eine Trennung zwischen
realistischer und nicht-realistischer Kritik erscheint deshalb nicht
sinnvoll. Insgesamt lässt sich die vielschichtige Kritik an Morgen-
thau in folgenden Punkten bündeln:

4.1 Das Menschenbild

In der Kritik wird zunächst die Unbekümmertheit bemängelt, mit


der Morgenthau jahrhundertealte anthropologische Vorstellungen
eines biologisch verankerten Machttriebes des Menschen überneh-
me. Diese verallgemeinernden Aussagen über die menschliche
58 Andreas Jacobs
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Natur seien nicht zuletzt durch neuere Erkenntnisse der Soziobio-


logie in Frage gestellt worden (Siedschlag 1997: 64). Als proble-
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

matisch wird darüber hinaus die Übertragung des Machtstrebens


vom Individuum auf den Staat gesehen. Morgenthau hole hier die
Ideologie gleichsam durch die Hintertür wieder herein. Indem er
von einem bestimmten, eben ideologisch geprägten Menschenbild
ausgehe, baue er seine Theorie auf einer Grundannahme auf, die
letztendlich nicht wissenschaftlich begründbar sei, weil sie auf
Annahmen über das Wesen menschlichen Handelns beruhe (Hoff-
mann 1969: 196f). Dementsprechend folgen nahezu alle neueren
realistischen Theoriebildungen der bei Niebuhr und Herz ange-
legten soziologischen bzw. strukturellen Verortung der Gewaltur-
sachen in der internationalen Politik (Masala 2006: 89).

4.2 Der Machtbegriff

Die nachhaltigste Kritik handelte sich Morgenthau allerdings mit


seinem Machtbegriff ein. Obwohl Morgenthau als Theoretiker der
Macht schlechthin gilt, bleibt sein Verständnis von Macht eigen-
tümlich amorph und für viele analytisch kaum brauchbar (Hoffmann
1969: 192). Wenngleich die Kritik an der mangelnden definitori-
schen Trennschärfe von Morgenthaus Machtbegriff berechtigt er-
scheint, muss der Vorwurf, Morgenthau und die übrigen Realisten
hätten Apologien der Machtpolitik vorgelegt, zurückgewiesen wer-
den. Morgenthau hat sich vielmehr vehement gegen Ideen abge-
grenzt, die seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts unter dem
Schlagwort Realpolitik vor allem im deutschen politischen Denken
entwickelt wurden. Die begriffliche Nähe von Realismus und Real-
politik und die beiderseitige starke Aufmerksamkeit für das Macht-
phänomen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass Morgenthau
sich immer gegen eine Selbstrechtfertigung der Macht gewandt hat.
Die Grundlagen einer naturalistischen und biologischen Gewaltethik
lassen sich aus seinen Schriften nicht herauslesen, wenngleich Mor-
genthau durch die Unschärfe seines Machtbegriffs den Vorwurf
selbst befördert hat, einer rücksichtslosen Durchsetzung national-
staatlicher Interessen mit Hilfe aller zur Verfügung stehenden
Machtmittel das Wort zu reden. Tatsächlich warnen viele Realisten
ausdrücklich davor, aus der Einsicht in die herausragende Rolle der
Realismus 59
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Macht eine Art moralfreie Machtethik abzuleiten (Morgenthau


1958: 357; Spykman 1944: 7; Thompson 1960: 29).
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

4.3 Das Theorieverständnis und die Methode

Von den Vertretern des Realismus ist immer wieder eingeräumt


worden, dass der Realismus kein einheitliches Theoriegebäude
darstellt, sondern lediglich Ansatzpunkte einer Theorie liefert, de-
ren Ausarbeitung noch folgen sollte (Hoffmann 1969: 185; Mor-
genthau 1969: 77; Thompson 1969: 62). Schwerer wiegt deshalb
der vor allem von Kenneth N. Waltz erhobene Einwand, Morgen-
thau habe, ebenso wie die meisten anderen Realisten seiner Zeit,
allenfalls eine Theorie der Außenpolitik, nicht aber eine Theorie
der internationalen Politik erarbeitet (Waltz 1990: 26). Diese fun-
damentale Kritik am Realismus ist darauf zurückzuführen, dass die
Realisten bei der Betrachtung internationaler Politik in der Regel
von der Ebene des Individuums ausgehen. Für Morgenthau ist der
Staat bzw. die Nation kein empirischer Gegenstand. „Sprechen wir
(...) empirisch von der Macht oder der Außenpolitik einer be-
stimmten Nation, ist darunter nur die Macht oder die Außenpolitik
bestimmter Individuen, die einer Nation angehören, zu verstehen“
(Morgenthau 1963: 125). Der Realismus leite hieraus lediglich
Annahmen über das Außenverhalten von Staaten, nicht aber über
die Funktionsbedingungen von Politik zwischen Staaten ab. Eine
Theorie internationaler Politik, so Waltz, könne aber nicht nur von
den interagierenden Einheiten ausgehen, sondern müsse vor allem
den sich aus diesen Interaktionen ergebenden Gesamtzusammen-
hang im Blick haben (Waltz 1990: 33).
Die Kritik richtete sich aber auch auf die Vernachlässigung wich-
tiger Erklärungsvariablen. Stanley Hoffmann, um nur einen von vie-
len zu nennen, wirft Morgenthau beispielsweise vor, die Beziehun-
gen zwischen der Innen- und der Außenpolitik sowie die Bedeutung
internationaler Verhaltensnormen zu vernachlässigen. Die Reduzie-
rung der internationalen Politik auf die Erklärungsvariable Macht
führe zu einem vereinfachten, schematischen Bild der Politik (Hoff-
mann 1969: 192f). Widerspruch rief schließlich die erkenntnistheo-
retisch und methodologisch wenig reflektierte Argumentationsweise
Morgenthaus hervor. Politics among Nations, so vor allem Robert
60 Andreas Jacobs
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

O. Keohane, lasse eine klare Systematik und eine nachvollziehbare


Argumentationsstruktur vermissen. Morgenthau habe lediglich all-
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

gemein bekannte Tatsachen über die internationale Politik formu-


liert, ohne aber kausale Zusammenhänge aufzuzeigen, die als Instru-
mentarium zur Analyse und zum Verständnis internationaler Politik
nutzbar gemacht werden könnten. Über weite Strecken gleiche das
Werk weniger einem fundierten Beitrag zur Theoriebildung als
vielmehr einer Kommentierung politischer und historischer Zusam-
menhänge, wenngleich auf hohem Niveau (Keohane 1986: 7).
Die Kritik der 1970er und 1980er Jahre ist in den vergangenen
Jahren neuem akademischem Interesse am Gründungsvater der Theo-
rie von den internationalen Beziehungen gewichen. Zwar scheint es
übertrieben, Morgenthau in die Nähe eines Kultautors zu rücken,
ein zunehmendes postrealistisches Interesse an Morgenthau und
den anderen Realisten ist jedoch seit Ende der 1990er Jahren un-
übersehbar (Bell 2009; Brooks/Wohlforth 2008; Little 2007; Hacke/
Kindermann/Schellhorn 2005; Rohde 2004; Rose 1998; Scheuer-
man 2009; Williams 2004, 2007). Die neue Aufmerksamkeit für
Morgenthau ist bei weitem nicht nur wissenschaftsgeschichtlich be-
gründet. Nach wie vor werden zahlreiche Ideen und Überlegungen
Morgenthaus von Theoretikern, die sich im weiterem Sinne dem
Realismus zurechnen, als anschlussfähig für die aktuelle Theoriebil-
dung betrachtet. Mindestens zwei Aspekte wären hier zu nennen:
Erstens das von den frühen Realisten betonte Spannungsver-
hältnis von Egoismus und Idealismus bzw. von Eigeninteresse und
Moral. Allein die Diskussion um die Rechtmäßigkeit so genannter
humanitärer Interventionen zeigt, dass Fragen der Moral und Ethik
für die internationale Politik der Gegenwart von mindestens ebenso
großer Bedeutung sind wie zur Zeit Carrs, Niebuhrs und Morgen-
thaus. Umso problematischer erscheint die weitgehende Vernachläs-
sigung dieses Aspekts in den neueren Ansätzen der Theoriebildung.
Aber noch ein zweiter Sachverhalt spricht für die Aktualität des
Realismus. Für Morgenthau, Carr und Niebuhr stellte das Nachden-
ken über Politik alles andere als theoretisches Räsonieren oder in-
tellektuelle Gedankenspielerei dar. Sie leiteten ihre Erkenntnisse un-
mittelbar aus empirischen und persönlichen Erfahrungen und Beob-
achtungen ab und wollten diese Erkenntnisse wieder in die Politik
einfließen lassen. Vor allem Morgenthau hatte für Kollegen, die als
Politikwissenschaftler vor ihrer politischen Verantwortung in die
Realismus 61
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

reine Theoriebildung flüchten wollten, wenig übrig. Diese Nähe zum


Gegenstand scheint der gegenwärtigen politikwissenschaftlichen
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Theoriedebatte weitgehend verloren gegangen zu sein.

Literaturverzeichnis

Empfohlene Literatur

Primärliteratur

Carr, Edward Hallett 1951: The Twenty Years’ Crisis 1919-1939 – An Intro-
duction to the Study of International Relations. Nachdruck der 2. Aufl. von
1946. London: Macmillan.
Herz, John H. 1974: Idealistischer Internationalismus und das Sicherheitsdi-
lemma, in: Ders.: Staatenwelt und Weltpolitik. Aufsätze zur internationalen
Politik im Nuklearzeitalter. Hamburg: Hoffmann und Campe, 39-56.
Morgenthau, Hans J. 1963: Macht und Frieden – Grundlegung einer Theorie
der internationalen Politik. Übersetzung der 3. Aufl. von Politics Among
Nations aus dem Jahre 1960. Gütersloh: Bertelsmann.
Niebuhr, Reinhold 1932: Moral Man and Immoral Society – Study in Ethics
and Politics. New York/London: Charles Scribner’s Sons.

Sekundärliteratur

Frei, Christoph 1993: Hans J. Morgenthau. Eine intellektuelle Biographie.


Bern/Stuttgart/Wien: Haupt.
Hacke, Christian/Kindermann, Gottfried-Karl/Schellhorn, Kai M. (Hrsg.)
2005: The Heritage, Challenge, and Future of Realism. In Memoriam Hans
J. Morgenthau (1904-1980). Göttingen: V&R unipress.
Kindermann, Gottfried-Karl 1963: Hans J. Morgenthau und die theoretischen
Grundlagen des politischen Realismus – Einleitung, in: Morgenthau, Hans
J.: Macht und Frieden. Grundlegung einer Theorie der internationalen Po-
litik. Gütersloh: Bertelsmann, 19-47.
Rohde, Christoph 2004: Hans J. Morgenthau und der weltpolitische Realis-
mus. Wiesbaden: VS-Verlag.
Scheuerman, William E. 2009: Morgenthau. Hoboken: John Wiley & Sons.
Williams, Michael C. 2007: Realism Reconsidered. The Legacy of Hans Mor-
genthau in International Relations. Oxford: Oxford University Press.
62 Andreas Jacobs
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Übrige verwendete Literatur


um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Aron, Raymond 1963: Frieden und Krieg – Eine Theorie der Staatenwelt.
Frankfurt a.M.: Fischer.
Bell, Duncan (Hrsg.) 2009: Political Thought and International Relations. Varia-
tions on a Realist Theme. Oxford: Oxford University Press.
Brooks, Stephen G./Wohlforth, William C. 2008: World Out of Balance. Inter-
national Relations Theory and the Challenge of American Primacy. Princeton:
Princeton University Press.
Claude, Inis L. 1962: Power and International Relations. New York: Random
House.
Donnelly, Jack 2008: The Ethics of Realism, in: Reus-Smit, Christian/Snidal,
Duncan (Hrsg.): The Oxford Handbook of International Relations. Oxford:
Oxford University Press, 150-162.
Gebhardt, Jürgen 1991: Macht und Maß: Morgenthau und Kissinger, in: Gre-
ven, Michael Th. (Hrsg.): Macht in der Demokratie – Denkanstöße zur
Wiederbelebung einer klassischen Frage in der zeitgenössischen Politi-
schen Theorie. Baden-Baden: Nomos, 87-105.
Herz, John H. 1959: Politischer Realismus und Politischer Idealismus. Über-
setzung von Political Realism and Political Idealism aus dem Jahre 1951.
Meisenheim u.a.: Hain.
Herz, John H. 1961: Weltpolitik im Atomzeitalter. Stuttgart: Kohlhammer.
Hobbes, Thomas 1976 [1651]: Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines
bürgerlichen und kirchlichen Staates. Übersetzung von Walter Euchner.
Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
Hoffmann, Stanely H. 1969: International Relations – The Long Road to Theory,
in: Czempiel, Ernst-Otto (Hrsg.): Die Lehre von den Internationalen Bezie-
hungen. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 187-227.
Jervis, Robert 1976: Perception and Misperception in International Politics.
Princeton: Princeton: University Press.
Kennan, George F. 1954: Realities of American Foreign Policy. Princeton:
University Press.
Keohane, Robert O. 1986: Realism, Neorealism and the Study of World Poli-
tics, in: Ders. (Hrsg.): Neorealism and Its Critics. New York: Columbia
University Press, 1-26.
Kindermann, Gottfried-Karl 1986: Internationale Politik in Theorie, Analyse
und Praxis, in: Ders. (Hrsg.): Grundelemente der Weltpolitik – Eine Ein-
führung, 3. erweiterte Aufl. München: Piper, 59-105.
Kissinger, Henry 1986: Das Gleichgewicht der Großmächte – Metternich,
Castlereagh und die Neuordnung Europas 1812-1822. Übersetzung von A
World Restored – Metternich, Castlereigh and the Problems of Peace aus
dem Jahre 1957. Zürich: Manesse.
Link, Werner 1987: Die außenpolitische Staatsräson der Bundesrepublik
Deutschland. Überlegungen zur innerstaatlichen Struktur und Perzeption
des internationalen Bedingungsfeldes, in: Funke, Manfred/Jacobson, Hans-
Realismus 63
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Adolf/Schwarz, Hans-Peter (Hrsg.): Demokratie und Diktatur. Geist und


Gestalt politischer Herrschaft in Deutschland und Europa. Festschrift für
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Karl Dietrich Bracher. Düsseldorf: Droste, 400-416.


Little, Richard 2006: Hans J. Morgenthau’s Conception of the Balance of
Power. Paper presented at the annual meeting of the International Studies
Association, Town & Country Resort and Convention Center, San Diego,
California, USA, Mar 22, 2006. 2009-05-25 <http://www.allacademic.
com/meta/p100822. index.html>.
Little, Richard 2007: The Balance of Power in International Relations. Meta-
phors, Myths and Models. Cambridge: Cambridge University Press.
Lobell, Steven E./Ripsman, Norrin M./Taliaferro, Jeffrey W. (Hrsg.) 2009:
Neoclassical Realism, the State, and Foreign Policy. Cambridge: Cam-
bridge University Press.
Machiavelli, Niccolò 1986 [1532]: Il Principe. Übersetzt und herausgegeben
von Phillip Rippel. Stuttgart: Reclam.
Masala, Carlo 2006: Neorealismus und Internationale Politik im 21. Jahrhun-
dert, in: Zeitschrift für Politikwissenschaft 16: 1, 87-111.
Meineke, Friedrich 1976: Die Idee der Staatsräson in der neueren Geschichte.
Herausgegeben und eingeleitet von Walther Hofer, 4. Aufl. München/
Wien: Oldenbourg.
Menzel, Ulrich 2001: Zwischen Idealismus und Realismus. Die Lehre von den
Internationalen Beziehungen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
Meyers, Reinhard 1977: Die Lehre von den Internationalen Beziehungen. Ein
entwicklungsgeschichtlicher Überblick. Düsseldorf: Droste.
Morgenthau, Hans J. 1946: Scientific Man vs. Power Politics. Chicago u.a.:
The University of Chicago Press.
Morgenthau, Hans J. 1951: In Defense of National Interest – A Critical Ex-
amination of American Foreign Policy. New York: Knopf.
Morgenthau, Hans J. 1958: Dilemmas of Politics. Chicago: The University of
Chicago Press.
Morgenthau, Hans J. 1962: The Commitments of Political Science, in: Ders.
(Hrsg.): The Decline of Democratic Politics. Chicago: The University of
Chicago Press.
Morgenthau, Hans J. 1969: A New Foreign Policy for the United States. Lon-
don: Pall Mall Press.
Morgenthau, Hans J. 1971: Politics in the Twentieth Century. Überarbeitete
Auflage der Ausgabe aus dem Jahre 1962. Chicago: The University of
Chicago Press.
Osgood, Robert E. 1975: Idealismus und Realismus in der Außenpolitik, in: Haften-
dorn, Helga (Hrsg.): Theorie der Internationalen Politik. Gegenstand und Me-
thode der Internationalen Beziehungen. Hamburg: Hoffmann und Campe, 52-68.
Rose, Gideon 1998: Neoclassical Realism and Theories of Foreign Policy, in:
World Politics 51:1, 144-172.
Schumann, Frederik L. 1958 [1933]: International Politics, 6. Aufl. New York:
McGraw-Hill.
64 Andreas Jacobs
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Schwarzenberger, Georg 1955: Machtpolitik – Eine Studie über die internatio-


nale Gesellschaft. Tübingen: Mohr.
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Schweller, Randall L. 2003: The Progressiveness of Neoclassical Realism, in:


Elman, Colin/Fendius Elman, Miriam (Hrsg.): Progress in International
Relations Theory. Cambridge, MA/London: MIT Press, 311-347.
Siedschlag, Alexander 1997: Neorealismus, Neoliberalismus und postinterna-
tionale Politik. Beispiel Internationale Sicherheit. Theoretische Bestands-
aufnahme und Evaluation. Opladen: Westdeutscher Verlag.
Sprout, Harold/Sprout, Margaret 1956: Man-Milieu Relationship Hypothesis
in the Context of International Politics. Princeton: University Press.
Spykman, Nicholas J. 1994: The Geography of Peace. New York: Harcourt,
Brace & Co.
Tukydides 1960 [460-400 v.Chr.]: Geschichte des Peloponnesischen Krieges.
Eingeleitet und übertragen von Georg Peter Landmann. Zürich/Stuttgart:
Artemis.
Thompson, Kenneth W. 1960: Political Realism and the Crisis of World Poli-
tics. An American Approach to Foreign Policy. Princeton: University
Press.
Thompson, Kenneth W. 1969: Toward a Theory of International Politics, in:
Czempiel, Ernst-Otto (Hrsg.): Die Lehre von den Internationalen Bezie-
hungen. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 41-62.
Thompson, Kenneth W./Meyers, Robert G. (Hrsg.) 1984: Truth and Tragedy.
A Tribute to Hans Morgenthau, 2. Aufl. New Brunswick: Transation
Books.
Waltz, Kenneth N. 1990: Realist Thought and Neorealist Theory, in: Journal
of International Affairs 44: 1, 21-37.
Williams, Michael C. 2004: Why Ideas Matter in IR. Hans Morgenthau, Col-
lective Identity, and the Moral Construction of Power Politics, in: Interna-
tional Organization 58: 4, 633-666.
Williams, Michael C. 2005: The Realist Traditions and the Limits of Interna-
tional Relations. Cambridge: Cambridge University Press.
Wohlforth, William C. 2008: Realism, in: Reus-Smit, Christian/Snidal,
Duncan (Hrsg.): The Oxford Handbook of International Relations. Oxford:
Oxford University Press, 131-149.
Wolfers, Arnold (Hrsg.) 1959: Alliance Policy in the Cold War. Baltimore:
Johns Hopkins University Press.
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Neorealismus
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Niklas Schörnig

1. Einleitung
Kaum eine Theorie hat die politologische Disziplin der Internatio-
nalen Beziehungen (IB) so stark geprägt wie der Neorealismus.
Dabei zeichnet diese Theorie ein „rather grim picture of world po-
litics“, wie selbst ein bekennender Vertreter des Neorealismus –
John Mearsheimer – eingesteht (1995: 9). Das Bild des Neorea-
lismus von den internationalen Beziehungen ist durch die absolute
Dominanz von Sicherheitsinteressen, den Selbsterhaltungstrieb der
Staaten und die Verweigerung von Kooperation gekennzeichnet.
Da es keine Instanz jenseits der Staaten (z.B. eine Weltregierung)
gibt, die für alle Staaten gültige Regeln und Normen setzt und die-
se notfalls gewaltsam durchsetzen kann, müssen sie in ständiger
Unsicherheit über die Intentionen der Nachbarn leben und deshalb
immer auf den schlimmsten Fall – Krieg – vorbereitet sein. Mit
diesen Annahmen steht der Neorealismus klar in der Tradition
realistischer Autoren wie z.B. Hans J. Morgenthau, Edward H.
Carr oder Henry Kissinger, geht jedoch in Fragen der Theoriebil-
dung über diese hinaus (daher Neo-Realismus). Begründet wurde
er 1979 von Kenneth Waltz mit seinem Buch Theory of Interna-
tional Politics. Dieser wird aufgrund seines prägenden Einflusses
im Mittelpunkt dieses Beitrags stehen.
Im Gegensatz zum Realismus, der stark durch die Erfahrung der
Zwischenkriegsperiode und des Zweiten Weltkriegs beeinflusst
wurde und Kriege anthropologisch mit der Natur des Menschen be-
gründete, lehnt Waltz eine solche Erklärung der internationalen Be-
ziehungen ab: „While human nature no doubt plays a role in
bringing about war, it cannot by itself explain both war and peace,
except by the simple statement that man’s nature is such that some-
times he fights and sometimes he does not“ (Waltz 1959: 29).
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Neorealismus
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Niklas Schörnig

1. Einleitung
Kaum eine Theorie hat die politologische Disziplin der Internatio-
nalen Beziehungen (IB) so stark geprägt wie der Neorealismus.
Dabei zeichnet diese Theorie ein „rather grim picture of world po-
litics“, wie selbst ein bekennender Vertreter des Neorealismus –
John Mearsheimer – eingesteht (1995: 9). Das Bild des Neorea-
lismus von den internationalen Beziehungen ist durch die absolute
Dominanz von Sicherheitsinteressen, den Selbsterhaltungstrieb der
Staaten und die Verweigerung von Kooperation gekennzeichnet.
Da es keine Instanz jenseits der Staaten (z.B. eine Weltregierung)
gibt, die für alle Staaten gültige Regeln und Normen setzt und die-
se notfalls gewaltsam durchsetzen kann, müssen sie in ständiger
Unsicherheit über die Intentionen der Nachbarn leben und deshalb
immer auf den schlimmsten Fall – Krieg – vorbereitet sein. Mit
diesen Annahmen steht der Neorealismus klar in der Tradition
realistischer Autoren wie z.B. Hans J. Morgenthau, Edward H.
Carr oder Henry Kissinger, geht jedoch in Fragen der Theoriebil-
dung über diese hinaus (daher Neo-Realismus). Begründet wurde
er 1979 von Kenneth Waltz mit seinem Buch Theory of Interna-
tional Politics. Dieser wird aufgrund seines prägenden Einflusses
im Mittelpunkt dieses Beitrags stehen.
Im Gegensatz zum Realismus, der stark durch die Erfahrung der
Zwischenkriegsperiode und des Zweiten Weltkriegs beeinflusst
wurde und Kriege anthropologisch mit der Natur des Menschen be-
gründete, lehnt Waltz eine solche Erklärung der internationalen Be-
ziehungen ab: „While human nature no doubt plays a role in
bringing about war, it cannot by itself explain both war and peace,
except by the simple statement that man’s nature is such that some-
times he fights and sometimes he does not“ (Waltz 1959: 29).
66 Niklas Schörnig
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Entgegen dem zentralen Anliegen traditioneller Realisten und


hier speziell Morgenthaus, eine Theorie der internationalen Politik
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

als Außenpolitiktheorie zu formulieren (vgl. den Beitrag von An-


dreas Jacobs in diesem Band) besteht der Anspruch von Waltz in
der Entwicklung einer systemischen Theorie der internationalen
Politik. So verlagert der Neorealismus den Fokus der Analyse auf
die Ebene des internationalen Systems. Er schließt in seinen Erklä-
rungen von der Struktur des internationalen Systems auf das Ver-
halten der Staaten und wird daher oft auch als struktureller Rea-
lismus bezeichnet. Dabei ist der Neorealismus in seinem realhisto-
rischen Entstehungskontext eng mit dem Ost-West-Konflikt ver-
knüpft. Nachdem sich in den 1970er Jahren nach Jahrzehnten des
Kalten Krieges schließlich eine Phase der Annährung zwischen
den Supermächten abzeichnete, verlor der traditionelle Realismus
zunehmend an Erklärungskraft. Interdependenzansätze oder die
Weltsystemtheorie schienen für die durch verstärkte Kooperation
gekennzeichneten internationalen Beziehungen deutlich besser ge-
eignet (vgl. die Beiträge von Manuela Spindler und Andreas Nöl-
ke in diesem Band). Mit dem Einmarsch der Sowjetunion in Af-
ghanistan schien die kurze Phase der Entspannung allerdings be-
endet und der befriedende Einfluss der USA auf die internationa-
len Beziehungen wurde spätestens mit der Revolution im Iran als
schwindend angesehen. Ebenso schien die ökonomische Vor-
machtstellung der westlichen Führungsmacht angesichts der dras-
tischen Verteuerung des Erdöls zunehmend ins Wanken zu gera-
ten. Genau in diese Zeit des relativen Niedergangs der USA in der
Weltwirtschaft fiel die Veröffentlichung von Kenneth Waltz’
Theory of International Politics.
Der Neorealismus verfolgte zwei zentrale Anliegen: Zum einen
suchte er nach einer Erklärung, warum sich die bipolare und dar-
über hinaus hochgerüstete Welt des Ost-West-Konflikts trotz
wechselnder Phasen der Annährung und Konfrontation als er-
staunlich stabil und kriegsabgeneigt erwiesen hatte. Zum anderen
versuchte er angesichts des Niedergangs der amerikanischen He-
gemonie in den 1970er Jahren und des wirtschaftlichen Wiederer-
starkens Europas und Japans sowie der weltwirtschaftlichen Kri-
senerscheinungen zu erklären, warum sich die Vormachtstellung
der USA als nicht stabil erwiesen hatte. Waltz suchte nach einer
allgemeinen Theorie der Internationalen Beziehungen, mit der so-
Neorealismus 67
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

wohl Krieg als auch Phasen des Friedens in der internationalen


Politik erklärt werden können.
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Über den realhistorischen Kontext des Ost-West-Konfliktes


hinaus erwies sich dabei die in den 1960er und 1970er Jahren auf
wissenschaftstheoretischer Ebene vehement geführte Debatte zwi-
schen den so genannten Traditionalisten und den Szientisten über
die Frage nach der richtigen wissenschaftlichen Methode als be-
sonders einflussreich für die neorealistische Theoriebildung. Me-
thodologische Traditionalisten – zu denen die führenden Realisten
gezählt werden können – gehen in der Regel induktiv vor, d.h. sie
schließen auf der Basis einzelner empirischer Beobachtungen auf
Aussagen mit allgemeinem Charakter. Im Gegensatz dazu orientie-
ren sich Szientisten in ihrer Forschung an den Naturwissenschaf-
ten oder der ökonomischen Theorie und versuchen deren Wissen-
schaftsverständnis in die Internationalen Beziehungen zu über-
nehmen (vgl. z.B. Scherrer 1994: 304f). Für Waltz, der sich in die-
ser Debatte klar auf die Seite der Szientisten stellte, steht das de-
duktive Aufdecken und Erklären allgemeiner Muster der interna-
tionalen Beziehungen auf der Basis weniger zentraler Annahmen
im Vordergrund. Inspiriert durch ökonomische Theorien verlagert
sich sein Fokus dazu auf die Ebene des internationalen Systems.
Dessen Struktur zwinge Staaten ein auf Sicherheit und Macht kon-
zentriertes Handeln auf, gleichzeitig bringe das System aber auch
Machtkonstellationen auf internationaler Ebene hervor, die be-
waffnete Konflikte verhindern würden. Die Struktur des interna-
tionalen Systems löst damit in Waltz’ Arbeiten Macht und Macht-
streben als zentrale Analysekategorien der Realisten ab. Der Neo-
realismus überwindet aus dieser Perspektive damit den traditio-
nellen Realismus auf doppelte Weise: sowohl in der Wahl der
zentralen Analysekategorie als auch in der Wahl der wissenschafts-
theoretischen Vorgehensweise. Aus Waltz’ Sicht stellte der Neo-
realismus damit einen enormen wissenschaftlichen Fortschritt ge-
genüber den Arbeiten traditioneller Realisten dar.
Mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes schien der Neorealis-
mus zunächst in eine Krise geraten zu sein, da er das Ende der
Blockkonfrontation (so wie andere IB-Theorien auch) nicht vor-
hergesagt hatte. Einen unerwarteten Aufschwung erhielt die neo-
realistische Theorie jedoch nach dem 11. September 2001. Pro-
bleme nationaler Sicherheit und die Kriege in Afghanistan und im
68 Niklas Schörnig
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Irak standen und stehen seitdem im Mittelpunkt internationaler


Politik – auch wenn die Staatszentriertheit des Neorealismus zu-
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

nächst nicht geeignet scheint, die „neuen“ Bedrohungen und si-


cherheitspolitischen Herausforderungen zu erfassen. Inzwischen
wird immer deutlicher, dass Theorien mit einem Fokus auf Staaten
als den zentralen Akteuren internationaler Politik auch zukünftig
von Bedeutung sind, da die Überwindung des Staates als zentrale
Einheit (Stichwort: Global Governance) in unterschiedlichen geo-
grafischen Räumen sehr unterschiedlich weit vorangeschritten ist
(Müller 2009).
Schließlich ist der Neorealismus trotz aller Kritik auch nicht
zuletzt deshalb eine wichtige Theorie, die es zu kennen gilt, da ei-
ne (neo)realistische Weltsicht in vielen Außen- oder Verteidigungs-
ministerien ihre politische Prägekraft entfaltet (Gyngell/Wesley
2003).

2. Der Neorealismus von Kenneth N. Waltz


Die zentrale Fragestellung des Neorealismus ist, ob, und wenn ja,
warum Staaten trotz unterschiedlich verfasster politischer Systeme
oder differierender Ideologien in ihrem Außenverhalten zu ähnli-
chem Verhalten tendieren und besonders mächtige Staaten immer
damit rechnen müssen, in ihrer Vormachtstellung herausgefordert
zu werden. Gleichzeitig versucht diese Theorie zu erklären, warum
in bestimmten Phasen der Geschichte mehr Kriege auftreten, ande-
re hingegen trotz hoher Spannungen friedlich sind. Dabei konzen-
triert sich die Theorie ausschließlich auf „high politics“ (also
„klassische“ Sicherheitspolitik) und lässt „low politics“ (soziale
und ökonomische Fragen) außer Acht.
Der bis heute bedeutendste und einflussreichste Vertreter des
Neorealismus ist Kenneth N. Waltz. Waltz hat den Anspruch, mit
seinem Buch Theory of International Politics (im folgenden ‚TIP‘)
eine umfassende Theorie der internationalen Beziehungen zu for-
mulieren. Aufgrund des hohen Grades an Abstraktion haben viele
Leser der TIP allerdings Probleme, ihre politischen Alltagser-
fahrungen mit den Annahmen und Schlussfolgerungen dieser
Theorie in Einklang zu bringen. Um Missverständnissen entgegen-
zutreten, ist es deshalb sinnvoll, vor der Präsentation des eigentli-
Neorealismus 69
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

chen Theoriegebäudes zunächst zu klären, warum Waltz eine neue


IB-Theorie für nötig hielt, welchen Anspruch er mit dieser Theorie
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

verbindet und welches Theorieverständnis er seinem neorealisti-


schen Denken zugrunde legt.

2.1 Wissenschaftstheoretische Grundlagen

Schon in seinem 1959 veröffentlichten Buch Man, the State and


War unterscheidet Kenneth Waltz drei Ebenen der Analyse, die
seiner Meinung nach zur Erklärung der internationalen Politik her-
angezogen werden können und nennt diese die „Bilder der Welt“
bzw. „levels of analysis“. Das „erste Bild der Welt“ ist die Ebene
des Individuums und basiert auf der Annahme fester anthropologi-
scher Veranlagungen, die auch das Verhalten der politischen Ent-
scheidungsträger bestimmen. Realisten bedienen sich in der Regel
dieser ersten Analyseebene, indem sie Staaten analog zum mensch-
lichen Individuum anthropologische Züge zuordnen. Das politi-
sche System eines Staates bildet die zweite Analyseebene. Die li-
berale Theoriebildung erfolgt beispielsweise auf dieser Ebene,
wenn untersucht wird, ob sich Demokratien nach außen anders als
Nichtdemokratien verhalten (vgl. auch den Beitrag von Andreas
Hasenclever in diesem Band). Als dritte Ebene identifiziert Waltz
schließlich die Ebene des internationalen Systems.
Die meisten Theorien der Internationalen Beziehungen leiden
nach Ansicht von Waltz unter einem gravierenden Nachteil: Sie
beschränken sich in ihrer Analyse internationaler Politik auf das
erste oder zweite Bild der Welt, um von dort aus Rückschlüsse auf
das Zustandekommen der spezifischen Außenpolitik eines einzel-
nen Staates zu ziehen. Das Ganze – die internationale Politik – ist
dann jeweils nicht mehr als die Summe seiner Teile – der einzel-
nen spezifischen Außenpolitiken. Theorien, die so vorgehen, nennt
Waltz „reduktionistisch“ (Waltz 1979: 18), worunter für ihn neben
liberalen Ansätzen auch der traditionelle Realismus fällt. Zwar
werde eine Fülle an empirischen Daten gesammelt, jedoch ließen
sich aus diesen Daten nur bedingt allgemeine theoretische Aussa-
gen (im Sinne von Gesetzmäßigkeiten) über die umfassenderen
Zusammenhänge im internationalen System ableiten. Außerdem,
so argumentiert er weiter, verführe der analytische Verbleib auf
70 Niklas Schörnig
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

der subsystemischen ersten oder zweiten Ebene dazu, einer Theo-


rie ad hoc neue Variablen hinzuzufügen, wenn auf der Basis der
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

bisher betrachteten eine befriedigende Erklärung nicht zu erzielen


sei. Waltz wendet sich explizit gegen die Forderung „nach mög-
lichst vollständiger Berücksichtigung empirischer Daten“ und for-
dert das genaue Gegenteil, nämlich „Vereinfachung“ (Hellmann
1994: 73, FN 14; Hervorhebung im Original). Erst Vereinfachung
ermögliche es, die zentralen und bestimmenden Elemente interna-
tionaler Prozesse abstrakt zu erfassen, ohne die Sicht darauf durch
irrelevante Faktoren zu verstellen. Das zentrale Stichwort, das in
diesem Zusammenhang immer wieder fällt, ist parsimony, d.h. die
‚Schlankheit‘ der Theorie (vgl. z.B. Scherrer 1994: 304f): Je we-
niger Variablen zur Erklärung bestimmter Verhaltensweisen heran-
gezogen werden müssen, umso besser wird die allgemeine Erklä-
rungskraft einer Theorie eingeschätzt.
Damit ist Waltz’ Theorieverständnis stark an dem der Wirt-
schaftswissenschaften orientiert, die er als Vorbild für die Formu-
lierung einer Theorie der internationalen Politik versteht. Der ent-
scheidende Durchbruch auf dem Weg zu einer wissenschaftlich
allgemein anerkannten volkswirtschaftlichen Theorie war, so
Waltz, die abstrakte – und zugegebenermaßen unrealistische – Tren-
nung der ökonomischen Sphäre von sonstigen gesellschaftlichen
und politischen Fragen (Waltz 1990: 22). Davon inspiriert sieht er
die Notwendigkeit, auch für die internationale Politik zu einer
Theorie zu gelangen, die sich analog ausschließlich auf die Sphäre
der internationalen Politik konzentriert, ohne ökonomische oder
soziale Faktoren einzubeziehen. Nur so sei es möglich, die grund-
legenden Zusammenhänge der internationalen Politik zu erklären.
Damit verlagert sich aber notwendigerweise die analytische Per-
spektive. Waltz wählt entsprechend die Ebene des internationalen
Systems, das dritte Bild der Welt. Ebenso wie der Markt das Ver-
halten der Firmen bestimmt, indem er sie z.B. zwingt, ihr Produkt
zum am Markt üblichen Preis zu verkaufen, sieht Waltz im inter-
nationalen System Kräfte am Werk, die das Verhalten der Staaten
von außen bestimmen, ohne dass sich diese solchen Einflüssen
längerfristig entziehen können. Diesen Kräften soll nun nachge-
spürt werden.
Neorealismus 71
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

2.2 Das internationale System: Akteure und Strukturen


um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Jede Theorie der Internationalen Beziehungen, deren Analyseschwer-


punkt auf der Ebene des internationalen Systems liegt, muss zu-
nächst ihren Systembegriff definieren. Für Waltz besteht das in-
ternationale System grundsätzlich aus zwei Elementen: den Akteu-
ren bzw. Einheiten des Systems („units“) – das sind die Staaten,
und der separaten Struktur des Systems („structure“). Aus Sicht
des Neorealismus sind beide Elemente getrennt voneinander zu
untersuchen.1
Im Sinne des ‚Reduktionismus-Verbots‘ werden Staaten als ein-
heitliche, bzw. uniforme Akteure verstanden, deren ‚Innenleben‘
für die Formulierung einer neorealistischen Theorie nicht von Be-
deutung ist. Die innere Gestaltung der Staaten – wie beispielswei-
se das konkrete politische System – ist aus neorealistischer Sicht
vernachlässigbar und stellt gleichsam eine ‚black box‘ dar, die der
Neorealismus ungeöffnet lässt. Es ist für die Erklärung internatio-
naler Politik mithin irrelevant, ob ein Staat liberal-demokratisch
verfasst ist oder aber autokratisch, monarchisch oder diktatorisch
regiert wird. Damit werden die wesentlichen Unterscheidungs-
merkmale der Staaten bewusst ausgeblendet. Aus Sicht der Theo-
rie wird also angenommen, alle Staaten wären in ihrem Kern iden-
tisch („like units“, d.h. gleichartige Akteure oder „unitary actors“,
vgl. Waltz 1996: 54). Mit dieser Annahme setzt sich der Neo-
realismus geradezu zwangsläufig der Kritik aus, zentrale Elemente
zu vernachlässigen, die für das Verständnis von politischen Pro-
zessen auf internationaler Ebene relevant sind. Waltz’ Antwort
hierauf ist, dass man für bestimmte Fragestellungen wie z.B. die
Erklärung einer konkreten Außenpolitik durchaus in die Staaten
‚hineinschauen‘ müsse. Allerdings sei es nicht sein Ziel, eine
Theorie der Außenpolitik zu entwickeln. Ihm gehe es vielmehr
darum, allgemeine Tendenzen und Zwänge zu identifizieren
(Waltz spricht von „systemischen Effekten“), die für alle Staaten
gleichermaßen zu berücksichtigen seien. Neorealisten, die sich an
Waltz orientieren, arbeiten daher meist mit drei Kernannahmen:

1 Damit unterscheidet sich Waltz’ Systembegriff von dem anderer systemischer


Perspektiven – wie zum Beispiel der Weltsystemtheorie. Vgl. Ruggie 1983:
262ff. sowie den Beitrag von Andreas Nölke in diesem Band.
72 Niklas Schörnig
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

(1) Obwohl konkrete Interessen einzelner Staaten nicht beachtet


werden (da sie in der „black box“ liegen), gehen Neorealisten von
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

zumindest einem zentralen Bedürfnis aus, das in der staatlichen


Präferenzordnung an erster Stelle steht: Überleben. Dies kann als
das Streben nach Erhalt der staatlichen und geographischen Inte-
grität verstanden werden.
(2) Staaten verfolgen die Umsetzung ihrer zentralen Präferen-
zen rational, d.h. sie orientieren sich in ihren Entscheidungen an
dem Kriterium der Zweck-Mittel-Rationalität.2 Bezüglich der In-
tentionen der anderen Staaten herrscht allerdings Unsicherheit.
Aggressivität und Expansionsdrang der anderen stehen immer als
drohende Möglichkeiten im Raum und müssen berücksichtigt
werden.
(3) Während die ersten beiden Annahmen für alle Staaten gelten,
gibt es schließlich doch ein Kriterium, anhand dessen Staaten unter-
schieden werden können: nämlich an der Fülle der Machtmittel
(capabilities), über die sie verfügen (Waltz 1979: 195). Wie Macht-
mittel und Macht genau zu bemessen sind, wird nicht näher erläu-
tert. Sie bleiben als abstrakte Konzepte im Raum stehen (Waltz
1979: 129ff). Zumindest unterstellt Waltz, dass es zur Bestimmung
der Macht eines Staates nicht nur auf das Zusammenzählen aller
Waffensysteme und Soldaten ankommt. Auch ökonomische, ja so-
gar soziale Faktoren können staatlicher Macht zugerechnet werden.
Macht ist gleichsam die ‚Recheneinheit‘ der Staaten zum Vergleich
untereinander, so wie die Bewertung mit Geld die Relation unter-
schiedlicher Güter zueinander ermöglicht (Waltz 1986: 333).
Es mag verwundern, dass bisher ausschließlich Staaten als rele-
vante Akteure im internationalen System benannt wurden. Natür-
lich bestreiten auch Neorealisten nicht, dass auch Akteuren wie
transnationalen Konzernen, NGOs oder internationalen Organisa-
tionen in der Realität eine gewisse Bedeutung zukommt. Dennoch
erscheinen solche Akteure aus der theoretischen Perspektive des
Neorealismus vernachlässigbar, da sie keinen Einfluss auf diejeni-
gen Prozesse ausüben, die in einer neorealistischen Perspektive
maßgeblich die internationale Politik bestimmen.

2 Die Annahme der Rationalität der Staaten findet sich in TIP nicht expressis ver-
bis. Waltz gesteht aber in späteren Aufsätzen ein, von dieser Annahme implizit
auszugehen. Vgl. z.B. Waltz 1986: 330.
Neorealismus 73
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Während sich aus Sicht reduktionistischer Theorien die Struktur


aus den Interaktionen der Staaten ergibt und damit von diesen ab-
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

hängt, wird bei Waltz die Struktur unabhängig von den Akteuren,
ihren Interessen und ihren Interaktionen definiert. Die Struktur des
internationalen Systems hat in einer neorealistischen Perspektive ei-
nen eigenständigen kausalen Einfluss auf die Akteure und bewirkt,
dass sie sich in bestimmten Situationen grundsätzlich ähnlich ver-
halten. Will man allerdings bestimmen, was genau unter der Struktur
des internationalen Systems zu verstehen ist, so stößt man auf das
Problem, dass sie als solche natürlich nicht direkt beobachtet werden
kann. Sie muss deshalb abstrakt modelliert werden. Nach der Defi-
nition von Waltz sind es drei Elemente, die zur Bestimmung der po-
litischen Struktur des internationalen Systems herangezogen werden:
(1) das Ordnungsprinzip, (2) die Funktionsspezifizierungen oder Ei-
genschaften der Akteure und (3) die Ressourcen- bzw. Machtver-
teilung zwischen den Akteuren.
(1) Das Prinzip, nach dem die Einheiten im internationalen Sys-
tem geordnet sind, ist das Ordnungsprinzip (ordering principle).
Nach Waltz gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten, wie Akteu-
re in einem System organisiert sein können: hierarchisch oder an-
archisch (Waltz 1979: 114ff). Eine hierarchische Struktur zeichnet
sich – wie für nationale politische Systeme charakteristisch –
durch das Vorhandensein einer übergeordneten Instanz mit Sank-
tionsgewalt (Gewaltmonopol) aus, die den Schutz der einzelnen
Einheiten garantiert. Im Gegensatz dazu bezeichnet Anarchie –
abweichend vom umgangssprachlichen Gebrauch – die Abwesen-
heit einer solchen Instanz: Jeder Akteur ist unter diesen Bedingun-
gen auf sich selbst gestellt. Alle Neorealisten gehen davon aus,
dass sich das internationale System durch Anarchie – verstanden
als die Abwesenheit einer „Weltregierung“ bzw. einer übergeord-
neten Instanz – auszeichnet. Die Annahme der Anarchie hat, wie
noch zu sehen sein wird, weitreichende Konsequenzen für die
Theoriebildung.
(2) Das zweite Strukturmerkmal, dem Waltz Beachtung schenkt,
ist die Frage nach der funktionalen Differenzierung der Einheiten
bzw. dem character of the units. Eine funktionale Differenzierung
liegt dann vor, wenn es zwischen den Staaten eine ‚Arbeitsteilung‘
gibt, d.h. die einzelnen Staaten unterschiedliche Funktionen erfül-
len – analog der Arbeitsteilung in einer Gesellschaft. Bei der Be-
74 Niklas Schörnig
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

messung, inwieweit Arbeitsteilung im internationalen System zwi-


schen Staaten möglich ist, spielt das Ordnungsprinzip des Systems
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

eine zentrale Rolle. Für Waltz folgt aus der Annahme der Anar-
chie, dass Staaten keine funktionale Differenzierung, d.h. interna-
tionale Arbeitsteilung wagen werden. Anarchie zwingt jeden ein-
zelnen Staat, sich um seine zentrale Präferenz – den Erhalt der
Souveränität bzw. das eigene Überleben – zu kümmern und dabei
auf keine äußere Hilfe zu vertrauen. „The international imperative
is: ,take care of yourself‘“ (Waltz 1979: 107). Aus diesem Grund
wird das von Neorealisten beschriebene System auch als „Selbst-
hilfesystem“ (self-help system) bezeichnet.
(3) Das dritte Element, das die Struktur des internationalen Sys-
tems charakterisiert, ist die Machtrelation der einzelnen Staaten
zueinander (distribution of capabilities). Obwohl die Macht jedes
einzelnen Staates ein Attribut der jeweiligen Einheit ist, versteht
Waltz die Verteilung der Macht im internationalen System als Ei-
genschaft der Struktur des Systems (vgl. Waltz 1979: 80 und 98).
Es sind drei konkrete Machtverteilungen denkbar: So kann das
internationale System unipolar (es existiert ein besonders mächti-
ger Staat, der Hegemon), bipolar (es existieren zwei besonders
mächtige Staaten, wie z.B. während des Ost-West-Konfliktes)
oder multipolar (es existieren mehr als zwei besonders mächtige
Staaten) strukturiert sein.
Nach der Klärung der zentralen Annahmen, auf denen die neo-
realistische Theoriebildung fußt, werden im Folgenden die wich-
tigsten politischen Prozesse im internationalen System dargelegt,
die Kenneth Waltz aus diesen Annahmen ableitet.

2.3 Internationale Politik aus neorealistischer Perspektive

Welche Wirkung hat nun die Struktur des internationalen Systems


auf die Akteure, d.h. konkret, wie handeln Staaten unter den Bedin-
gungen von Anarchie? Die Ausgangsüberlegung ist folgende: Staa-
ten, die in einer anarchisch strukturierten Umgebung überleben wol-
len, sind gezwungen, alles daran zu setzen, ihre Sicherheit zu maxi-
mieren. Sicher sind sie erst, so die Argumentation weiter, wenn im
internationalen System ein Machtgleichgewicht existiert, da poten-
ziell aggressive Staaten durch die Möglichkeit einer Niederlage ab-
Neorealismus 75
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

geschreckt werden. Dementsprechend gilt es, Machtungleichge-


wichte schon im Ansatz zu kompensieren, da das Überleben durch
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

eine drohende Überlegenheit des Gegenübers nicht mehr zwingend


gewährleistet ist. Solche Prozesse werden von Neorealisten als ba-
lancing bezeichnet. Der Handlungsimperativ der Staaten im interna-
tionalen System lautet daher: Wenn Du überleben willst, so gleiche
Machtungleichgewichte aus! Die Struktur des internationalen Sys-
tems ‚wirkt‘ in genau diesem Sinne auf das Verhalten der Staaten
ein, entfaltet also in einer bestimmten Richtung eine kausale Wir-
kung auf die Staaten. Sie besitzt im neorealistischen Erklärungsmo-
dell den Status einer unabhängigen Variablen.
Für Waltz weist das internationale System eine elementare
Grundtendenz in Richtung eines Machtgleichgewichts auf. Das
bedeutet allerdings nicht, dass die Staaten in ihrem Verhalten de-
terminiert sind und immer eine Balancing-Politik betreiben müs-
sen:
“States’ actions are not determined by structure. Rather (...) structures
shape and shove. (...) Because states coexist in a self-help system, they
are free to do any fool thing they care to, but they are likely to be re-
warded for behavior that is responsive to structural pressures and pun-
ished for behavior that is not” (Waltz 1997: 915).
Also ist ein Machtgleichgewicht bzw. die Tendenz in diese Rich-
tung zwar nicht zwingend, aber doch sehr wahrscheinlich:
“A self-help system is one in which those who do not help themselves
(…) will fail to prosper, will lay themselves open to dangers, will suf-
fer. Fear of such unwanted consequences stimulates states to behave in
ways that tend toward the creation of balances of power” (Waltz 1979:
118).
Aus diesen Überlegungen folgt, dass es für einen Staat von beson-
derer Bedeutung ist, permanent seine Machtmittel mit denen der
anderen Akteure zu vergleichen und kontinuierlich die eigene Po-
sition im internationalen System zu bestimmen. Machtverschie-
bungen zugunsten eines anderen Staates können dabei grundsätz-
lich entweder durch eigene Aufrüstung oder durch Bündnisbildung
ausgeglichen werden.
Wenn ein besonders mächtiger Akteur seine Machtmittel zur
Verbesserung seiner Position im internationalen System einsetzt
ist es wahrscheinlich, dass andere Staaten nicht unilateral mit die-
76 Niklas Schörnig
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

sem Staat in Konkurrenz treten werden (z.B. durch Aufrüstung),


sondern über die Bildung einer Allianz versuchen werden, die Ba-
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

lance wiederherzustellen. Unterstellt man zudem, dass die Mög-


lichkeit, Sicherheit gegenüber mächtigeren Staaten durch eigene
Aufrüstung zu erlangen, aufgrund knapper Ressourcen für die
meisten Staaten nicht gegeben ist, so erscheint es im Sinne eines
Machtgleichgewichts zwingend, dass sich Staaten in diesem Fall
immer der schwächeren Seite anschließen werden, um einen Aus-
gleich zur stärkeren Seite hin zu schaffen.
Wann aber ist das internationale System eher kriegsgeneigt und
wann ist in der Geschichte mit friedlichen Zeitabschnitten zu rech-
nen? Dies ist die zweite der eingangs formulierten Fragen und
Waltz’ Antworten darauf werden im Folgenden näher erörtert.
Zentral sind hier die unterschiedlichen Machtfiguren, durch die
sich das internationale System auszeichnen kann: Uni-, Bi- oder
Multipolarität. Waltz geht davon aus, dass bipolare Systeme mit
zwei besonders mächtigen Staaten am wenigsten zu Kriegen auf
internationaler Ebene neigen bzw. sich langfristig als besonders
stabil erweisen, da bipolare Machtverhältnisse grundsätzlich über-
sichtlich sind. Die Wahrscheinlichkeit von Fehleinschätzungen der
Macht anderer Staaten, die dann eine eigene Reaktion (Aufrüs-
tung) erfordert, ist somit gering. Eine kriegshemmende Machtba-
lance ist hier relativ leicht herzustellen (vgl. Waltz 1979: 161ff).
Ein empirisches Beispiel ist der Kalte Krieg. Für die lange Phase
der Bipolarität während des Kalten Krieges betrachtete Waltz al-
lerdings noch ein zusätzliches Argument als relevant: die stabili-
sierende Wirkung von Nuklearwaffen. Deren enorme Vernich-
tungskraft sowie die gesicherte Zweitschlagskapazität beider Su-
permächte haben ein Machtgleichgewicht erzeugt, in dem ein of-
fensiver kriegerischer Akt keinem der Akteure genutzt hätte. In
multipolaren Systemen ist die Situation dagegen deutlich proble-
matischer, da sich jeder Staat durch eine Vielzahl anderer Staaten
bedroht fühlen muss, deren Machtmittel er nur ungenau einschät-
zen kann und über deren Intentionen er im Unklaren ist. Dement-
sprechend ist die Wahrscheinlichkeit deutlich höher, dass Akteure
in dem Irrglauben, einen Krieg gewinnen zu können, andere Staa-
ten überfallen. Auch ist denkbar, dass Staaten eher zu präventiven
Kriegen neigen, um andere an der Erlangung eines Machtvorteils
zu hindern. In einem unipolaren System hingegen stellt ein Hege-
Neorealismus 77
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

mon für alle anderen Staaten eine klar greifbare Bedrohung dar, so
dass gemäß des Balancing-Imperativs Bündnisse als Gegenpole
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

geschmiedet werden. Dies liegt grundsätzlich nicht im Interesse


des Hegemons, so dass die Anzahl potenzieller Konflikte und die
Wahrscheinlichkeit kriegerischer Auseinandersetzungen steigen.
Einige Autoren erwarteten beispielsweise im Zuge des Nieder-
gangs amerikanischer Hegemonie in den späten 1970er und frühen
1980er Jahren eine deutliche Zunahme internationaler Konflikte
und sahen sich z.B. durch die anti-westliche Revolution im Iran
bestätigt (vgl. die Diskussion bei Gilpin 1981: 231ff).
Ist unter diesen Bedingungen aber zwischenstaatliche Koopera-
tion möglich? Es wurde bereits darauf verwiesen, dass Staaten im
Rahmen eines Balancing-Prozesses durchaus zu einer Allianzbil-
dung in der Lage sind. Damit erschöpfen sich nach neorealistischer
Vorstellung die Chancen einer freiwilligen Zusammenarbeit auf in-
ternationaler Ebene weitgehend. Weiterreichende Zusammenarbeit
zur Steigerung des gemeinsamen Wohlstands werden Staaten auf-
grund der Gefahr potenzieller Abhängigkeiten nicht eingehen. Staa-
ten müssen auch immer damit rechnen, dass sich potenzielle Koope-
rationspartner nicht an die getroffenen Übereinkommen halten wer-
den, wenn es für sie einen Vorteil bietet – z.B. indem man heimlich
gegen einen Abrüstungsvertrag verstößt. Man spricht deshalb auch
von einem Betrugsproblem, dem sich Staaten gegenübersehen und
das im Sicherheitssektor besonders virulent ist. Abhängigkeit und
die Gefahr des Betruges sind aus neorealistischer Perspektive vor
dem Hintergrund des Strebens nach Sicherheit in einem self-help sys-
tem nicht hinnehmbar. Internationalen Institutionen und Regimen
wird dementsprechend auch keine besondere Rolle beigemessen, da
sie aus neorealistischer Sicht diese Grundprobleme nur unzureichend
zu lösen in der Lage sind (vgl. auch den Kritikteil im Beitrag von
Bernhard Zangl in diesem Band). Einzig eine Form internationaler
Kooperation, die über Allianzbildung hinaus geht, ist im Neorealis-
mus denkbar: hegemonial induzierte Kooperation. In diesem Fall
zwingt der Hegemon andere Staaten zur funktionalen Differenzie-
rung, um die gemeinsame Wohlfahrt zu steigern. Dabei übernimmt
der Hegemon einen Großteil der Kosten sowie Schutzfunktionen für
die an der Kooperation beteiligten Staaten und bietet ihnen damit
Anreize, sich auf die Kooperation einzulassen (in diesem Sinne
könnte beispielsweise die Rolle der USA bei der Errichtung der
78 Niklas Schörnig
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Weltwirtschaftsordnung der Nachkriegszeit mit ihren zentralen In-


stitutionen GATT, IWF und Weltbank gedeutet werden).
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Welches Gestaltungspotenzial haben Staaten dann überhaupt im


internationalen System? Waltz unterscheidet in diesem Zusammen-
hang grundlegend zwischen einer Änderung („change“) und einer
Transformation („transformation“) des Systems (Waltz 1986: 342).
Eine Änderung des internationalen Systems liegt dann vor, wenn
Staaten auf die Verteilung der Machtmittel (distribution of capabili-
ties) Einfluss nehmen. Durch unilaterale Auf- oder Abrüstung ist es
für die Akteure zumindest kurzfristig möglich, auf dieses Struktur-
merkmal einzuwirken – ehe der Balancing-Prozess korrigierend
wirksam wird. Von dieser Möglichkeit der Änderung ist die Trans-
formation des Systems zu unterscheiden. Diese vollzieht sich nur,
wenn das Merkmal der Anarchie überwunden wird, z.B. durch den
Aufbau einer Weltregierung oder ein Regieren der Welt durch einen
übermächtigen Staat. Diese Möglichkeit hält Waltz allerdings für
derart unwahrscheinlich, dass er die Anarchie und den aus ihr resul-
tierenden Selbsthilfecharakter des internationalen Systems zu über-
zeitlich konstanten Merkmalen erklärt. Während Wandel, also z.B.
Übergänge von Bi- zu Multipolarität, grundsätzlich möglich sind, ist
eine Transformation des internationalen Systems ausgesprochen
unwahrscheinlich. Dennoch darf die Möglichkeit der Überwindung
der Anarchie nicht ausgeschlossen werden. Damit ist gleichzeitig
aber auch das Verfallsdatum des Neorealismus klar benannt: „If the
anarchy of international politics were to give way to a world hierar-
chy, a theory of international politics [d.h. der Waltz’sche Neoreal-
ismus, N.S.] would become a theory of the past“ (Waltz 1986: 340).
Insgesamt zeichnet der Neorealismus ein sehr pessimistisches
Bild der internationalen Beziehungen. Der aus dem internationalen
System resultierende Druck zwingt die Staaten, primär ihre eigene
Sicherheit zu garantieren. Machtungleichgewichte müssen sofort
ausgeglichen werden und internationale Kooperation ist nur äußerst
schwer zu erreichen.
Neorealismus 79
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

3. Theorieinterne Ausdifferenzierung und


Weiterentwicklung
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Obwohl in den Debatten der Disziplin Internationale Beziehungen


der Begriff Neorealismus in erster Linie mit den Arbeiten von Waltz
assoziiert wird, ist die Spannbreite der Autoren, die sich selbst als
Neorealisten verstehen, ausgesprochen groß. Der Begriff „Neorea-
lismus“ kann durchaus auch als Sammelbegriff für alle Arbeiten
dienen, die auf dem Realismus fußen, ihn aber in zentralen Berei-
chen erweitern. So vertritt z.B. Reinhard Meier-Walser die These,
der Begriff Neorealismus bedeute „zunächst nicht mehr und nicht
weniger, als dass die sich einer mit diesem Terminus zu bezeichnen-
den Richtung zugehörig fühlenden Forscherinnen und Forscher
nicht vollständig mit der Tradition des ‚klassischen‘ Realismus
(‚Political Realism‘) Hans Morgenthaus identifizieren, sondern (...)
von dieser älteren Schule abweichen“ (Meier-Walser 1994: 115f).
Aus dem weiten Spektrum an neorealistischen Verzweigungen
und Weiterentwicklungen sollen nun exemplarisch einige bedeu-
tendere Arbeiten und Fragestellungen herausgehoben werden, die
an zentrale Aussagen der TIP anknüpfen, sich kritisch von diesen
abgrenzen oder sie weiterentwickeln.3

3.1 Die Abarbeitung an Waltz: Realismus-interne


Reaktionen auf TIP

Obwohl im Rahmen der inner-realistischen Debatten nach der TIP


eine ganze Reihe von kritischen Einwürfen gegen den Waltz’schen
Neorealismus formuliert wurden, sollen hier nur zwei elementare
Kritikpunkte näher betrachtet werden:
1) Neigen Staaten tatsächlich, wie es Waltz formuliert, zu einem
Verhalten, das zu einer balance-of-power führt oder ist eine
solche Machtbalance eher die Ausnahme?
2) Sind Staaten wirklich an der Maximierung von Sicherheit inter-
essiert, oder wollen sie nicht vielmehr ihre Macht maximieren?

3 Für einen umfassenden Überblick über die Entwicklung des realistischen Para-
digmas in den Internationalen Beziehungen und in der Internationalen Politi-
schen Ökonomie (International Political Economy) siehe Guzzini 1998.
80 Niklas Schörnig
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

(1) Die Balancing-These von Waltz, nach der sich schwache Staaten
gegenüber starken Staaten zu einer Allianz zusammenschließen, war
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

schon bald Anlass ausgiebiger empirischer Untersuchungen. Ste-


phen Walt führte in diesem Zusammenhang eine umfangreiche Stu-
die über das Allianzverhalten von Staaten durch (Walt 1985). Sein
Ergebnis ist, dass Balancing zwar als empirisches Phänomen häufig
zu beobachten sei, doch aus anderen Gründen als den von Waltz ge-
nannten. Statt sich bei der Suche des Gleichgewichts immer an ob-
jektiven Machtmitteln zu orientieren, sei für Staaten eher die wahr-
genommene Bedrohung entscheidend. Damit ist Walt bei einer Re-
formulierung des Neorealismus als balance-of-threat Theorie ange-
langt: „Balance-of-power theory predicts that states will ally against
the strongest state in the system, but balance-of-threat theory pre-
dicts they will tend to ally against the most threatening“ (Walt 1997:
933; Hervorhebung im Original). Obwohl diese Überlegung auf den
ersten Blick einige Plausibilität für sich beanspruchen kann, wird
kritisiert, dass mit der Einführung der Kategorie „Bedrohung“ die
systemische Ebene zugunsten subsystemischer bzw. psychologischer
Faktoren verlassen wird (Legro/Moravcsik 1999: 36ff).
Im Unterschied zu dieser Reformulierung gab es auch immer
wieder fundamentale Kritik an der balance-of-power-Hypothese. Im
Gegensatz zu Walt argumentiert z.B. Randall Schweller (1994),
Balancing-Verhalten sei empirisch wesentlich seltener zu beob-
achten, als es von Waltz und Walt angenommen werde (so auch
der Historiker Paul Schroeder 1994 oder jüngst Wohlforth/Little/
Kaufman et al. 2007).4 Schweller argumentiert, es sei unter be-
stimmten Bedingungen näher liegend, dass sich schwächere Staa-
ten freiwillig Stärkeren anschließen. Dieses Verhalten wird als
bandwagoning bezeichnet. Staaten neigen speziell dann zu band-
wagoning, wenn sich durch dieses Verhalten Gewinne erzielen
lassen (Schweller 1994: 74). Diesen Ansatz nennt er „theory of
balance-of-interest“ (Schweller 1994: 99).
Schließlich argumentiert Schweller (2006), dass empirisch oft
auch ein „underbalancing“ zu beobachten sei. Damit ist gemeint,
dass Staaten trotz einer klar erkennbaren Bedrohung auf angemesse-
ne unilaterale Aufrüstung verzichten. Auch hierfür macht Schweller

4 Für eine Antwort auf diese Kritik siehe etwa Masala 2005 und Eilstrup-San-
giovanni 2009.
Neorealismus 81
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

innerstaatliche Faktoren verantwortlich (z.B. Grad des Elitenkonsen-


ses und der Elitenkohäsion, soziale Kohäsion oder Stabilität der Re-
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

gierung; vgl. Schweller 2006: 11f). Damit setzt auch er sich dem
Vorwurf aus, zentrale Elemente seiner Überlegungen auf die subsys-
temische Ebene zu verlagern (Legro/Morvcsik 1999: 30). Da sich
Schweller – im Gegensatz zu Walt – jedoch selbst eher in der Tradi-
tion des klassischen Realismus sieht („neoklassischer Realismus“),
trifft ihn der Vorwurf weniger stark.5
Schließlich hat die unipolare Machtverteilung des internationa-
len Systems seit dem Ende des Ost-West-Konfliktes zu einer De-
batte geführt, ob balancing immer auf der Ebene militärischer
Machtmittel stattfinden muss oder ob auch andere Formen der Ge-
genmachtbildung möglich sind. So kommen einige Autoren in ei-
ner vor allem in der Zeitschrift International Security geführten
Auseinandersetzung6 zu dem Schluss, dass mögliche Herausforde-
rer der USA – allen voran die Volksrepublik China –, die mo-
mentan militärisch (noch) nicht in der Lage sind, Amerika direkt
zu konfrontieren, statt dessen systematisch auf „weiche“ Faktoren
setzten würden, um den Einfluss und die Machtausübung der USA
einzuschränken. Das so genannte „soft balancing“ setze vor allem
auf die Wirkung von „international institutions, economic state-
craft, and diplomatic arrangements“ (Pape 2005: 10), um aggressi-
ve unilaterale Handlungen der USA, wie z.B. den Golfkrieg 2003,
zu unterminieren oder zumindest einzuschränken. Kritiker stellen
allerdings die Erklärungskraft des Konzeptes in Frage und erkennen
weder eine systematische Nutzung weicher Machtmittel gegenüber
den USA noch eine relevante Einschränkung amerikanischer Hand-
lungsräume durch „soft balancing“ (vgl. Brooks/Wohlforth 2005:
75). Vielmehr sei es gerade die eigene „weiche Macht“, die den
USA zu besonders viel Einfluss in den internationalen Beziehungen
verhelfe (Nye 2004).
Die Debatte, inwieweit und in welcher Form balancing als empi-
risches Phänomen tatsächlich zu beobachten ist, hat – je nachdem ob

5 Zum Realismus im Allgemeinen und zum „neoklassischen Realismus“ im Spe-


ziellen siehe den Beitrag von Andreas Jacobs in diesem Band sowie Lobell/
Ripsman/Taliaferro 2009.
6 Vgl. vor allem die Ausgabe Sommer 2005 (30:1), in der auch die beiden zitier-
ten Texte zu finden sind, sowie die Ausgabe Winter 2005/06 (30: 3), hier spezi-
ell den Correspondence-Teil.
82 Niklas Schörnig
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

man zu den Kritikern oder Befürwortern des Neorealismus zählt –


weitreichende Konsequenzen. Balancing ist nämlich die einzige
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

zentrale Hypothese, die einem empirischen Test zugänglich ist


(Schroeder 1994). Geht man mit Waltz davon aus, dass der Neorea-
lismus nur zu Wahrscheinlichkeitsaussagen fähig sei, und dass ba-
lancing zudem ein Prozess sei, der unter Umständen Jahrzehnte dau-
ern kann, so minimiert man die Prognosefähigkeit der Theorie und
immunisiert sie gegen einen strengen Test – so die Einschätzung der
Kritiker (z.B. Guzzini 1998: 130ff). Entsprechend fordert Schweller:
„[E]ven system theories must investigate historical cases of state be-
havior and foreign policy to see if actors spoke and acted in the
manner predicted by the explanation“ (Schweller 2003: 322). Aller-
dings zeigen sich Neorealisten wie Waltz (1996, 1997) oder Eil-
strup-Sangiovanni (2009) auch von umfangreichen „Tests“ und
widersprüchlichen empirischen Beobachtungen wenig beeindruckt,
da die Analyse konkreter historischer Fälle in den Bereich der Au-
ßenpolitikforschung – und nicht in den der Internationalen Bezie-
hungen – falle (Masala 2005: 99).
(2) Ein zweiter Diskussionspunkt innerhalb des neorealistischen
Lagers war die Frage, ob Staaten uneingeschränkt nach Macht
streben oder aber nur in dem Umfang, wie es notwendig ist, die
eigene Sicherheit und Autonomie zu garantieren. Aus der Beant-
wortung dieser Frage folgte eine inzwischen weitgehend unstritti-
ge Zweiteilung in „defensive“ und „offensive“ Neorealisten. Diese
Zweiteilung wird z.B. von Stephen Walt als „most interesting con-
ceptual development within the realist paradigm“ bezeichnet (Walt
1998: 37). Waltz selbst wird zu den defensiven Vertretern gezählt.
Für ihn besitzt Sicherheit, nicht Macht, die oberste Priorität als
Ziel der Staaten. John Mearsheimer gilt dagegen als einer der ex-
poniertesten offensiven Neorealisten, der den offensiven Neo-
realismus theoretisch am stringentesten gefasst hat. Sein Fokus ist
auf mächtige Staaten – great powers – gerichtet:
“ ‘Offensive’ realists, such as Mearsheimer (…), argue that great pow-
ers seek to maximize security by maximizing their relative power,
while ‘defensive’ realists (…) argue that great powers are generally
more secure when they refrain from power maximization and seek to
defend the status quo” (Walt 1997: 932f).
Neorealismus 83
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Obwohl diese Annahme auf den ersten Blick an klassische Realis-


ten wie z.B. Morgenthau erinnert, erachtet Mearsheimer keine an-
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

thropologischen Faktoren als relevant, sondern leitet Machtmaxi-


mierungsstreben als Überlebensstrategie aus systemischen Fakto-
ren ab (Mearsheimer 2001: 29). So streben nach Mearsheimer
Staaten aus Unsicherheit über das Verhalten der anderen so lange
nach Macht, bis sie einen hegemonialen Status erreicht haben –
oder bei diesem Versuch scheitern. Sobald der hegemoniale Status
erreicht ist, hört das Streben nach Macht auf, da der Selbsthilfeim-
perativ nicht mehr relevant ist (Mearsheimer 2001: 35). Bereits
1991 hatte Snyder (Snyder 1991: 6) in defensiv-realistischer Ma-
nier darauf verwiesen, dass das Streben nach Sicherheit durch Ex-
pansion an der unvermeidlichen Gegenmachtbildung und den ex-
ponentiell steigenden Kosten scheitern würde (Snyder 1991: 6).
Allerdings hat Waltz darauf hingewiesen, dass die Frage, ob Staa-
ten nach Sicherheit oder nach Macht streben würden, keinen Ein-
fluss auf die Logik seiner Theorie habe: „(...) a balance of power
system works whether we find states seeking only the minimum of
power needed for security or whether some of them strive for do-
mination“ (Waltz 1986: 334). Im Kern liegen offensiver und de-
fensiver Neorealismus enger beieinander, als es die scharfe Tren-
nung der Ansätze suggeriert. Masala (2005: 113) betrachtet den
offensiven Realismus von Mearsheimer deshalb auch nicht als
Alternative zu Waltz, sondern als „hilfreiche Ergänzung“.7

3.2 Alternativen zu Waltz in Zeiten des Umbruchs?


Die polit-ökonomische Theorie von Robert Gilpin und
die „Power Transition Theorie“

Bis auf wenige Ausnahmen akzeptieren Neorealisten die These,


dass die seit dem Ende des Kalten Krieges andauernde Vorherr-
schaft der USA zeitlich begrenzt sei, da sich langfristig eine Ge-
genmacht bilden werde. Aus Waltz’ Sicht wäre eine solche Gegen-

7 Eine abweichende Meinung vertritt in diesem Zusammenhang Taliaferro (2000/


2001: 130). Dieser argumentiert, die Unterscheidung zwischen dem offensiven
und defensiven Realismus sei nicht zuletzt angesichts der extrem unterschiedli-
chen Politikempfehlungen, die sich jeweils ergäben, ausgesprochen wichtig.
84 Niklas Schörnig
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

machtbildung – im Idealfall eine erneut bipolare Welt – zu begrü-


ßen, da sich diese Machtfigur als besonders stabil erwiesen hat.
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Diese „segensreiche“ Wirkung des Machtgleichgewichts wird von


anderen, ebenfalls im weiteren Sinne (neo)realistischen Autoren,
allerdings in Frage gestellt. Besonders Robert Gilpins polit-ökono-
mische Theorie sowie die so genannte Power Transition Theorie
(PTT) kommen zu beunruhigenden Ergebnissen.
(1) Robert Gilpin wählt in seinem Hauptwerk War and Change
in World Politics ebenfalls einen an der ökonomischen Theorie
orientierten Ansatz, legt den Schwerpunkt seiner Analyse aller-
dings nicht auf die Erklärung von Einheitlichkeiten und Stabilität,
sondern stellt „Dynamik“ in den Mittelpunkt seiner Betrachtun-
gen. Seine Fragen sind entsprechend andere: „How and under
what circumstances does change take place at the level of interna-
tional relations? What are the roles of political, economic, and
technological developments in producing change in international
systems?“ (Gilpin 1981: 2). Bei der Suche nach Antworten scheint
Gilpin zunächst zentrale neorealistische Annahmen zu teilen: „In-
ternational relations continue to be a recurring struggle for wealth
and power among independent actors in a state of anarchy“ (Gilpin
1981: 7). Dabei stellt Gilpin allerdings nicht das internationale Sys-
tem und die aus ihm abzuleitenden Einflüsse auf die Staaten (top-
down) in den Vordergrund, sondern geht bei seiner Analyse von
individuellen Akteuren mit spezifischen Interessen und Präferen-
zen (bottom-up) aus, die allerdings analog zu Waltz im anarchi-
schen Umfeld des internationalen Systems agieren.
Wie stark die Staaten aber in den eigentlich anarchischen interna-
tionalen Beziehungen in ihren Handlungen eingeschränkt sind, wird
zwar auch durch die materielle Machtverteilung bestimmt, allerdings
werden ebenso Faktoren wie „Ansehen“ und „Prestige“ berücksich-
tigt (Gilpin 1981: 26-39). Gilpin bezieht in seiner Analyse neben
dem reinen Überlebenstrieb außerdem weitere (sub)staatliche Inter-
essen ein. Demzufolge können Staaten ein Interesse daran haben,
das internationale System ihren Wünschen gemäß anzupassen – was
aber mit Kosten verbunden ist. Das System ist daher nur dann stabil,
wenn „no state believes it profitable to attempt to change the sys-
tem“ (Gilpin 1981: 10). Dies ist aus Gilpins Sicht aber unwahr-
scheinlich, denn er sieht im Verlauf der Geschichte einen nicht en-
denden zyklischen Wandel des internationalen Systems, in dem
Neorealismus 85
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

immer neue Staaten hegemoniale Positionen erobern. Diese Posi-


tion kann aber immer nur für eine bestimmte Zeit eingenommen
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

werden, und zwar bis neue Herausforderer den Hegemon verdrän-


gen. Entsprechend sind für das internationale System „Hegemo-
niezyklen“ kennzeichnend. Diese Schlussfolgerung hat auch für
das nukleare Zeitalter Gültigkeit (Gilpin 1988: 34ff).
Auf die Frage, warum die Herrschaft eines Hegemons zwangs-
läufig ein Ende findet, nennt Gilpin drei zentrale Gründe:
Erstens gelte auch für die staatliche Produktion von Machtmit-
teln das „Ertragsgesetz von Turgot“: Zunächst wachse die Macht
eines Staates sehr schnell, dann aber immer langsamer,8 so dass
potenzielle Konkurrenten den Machtvorsprung des Hegemons im
Zeitablauf aufholen können. Zweitens neigten Hegemonien dazu,
prozentual mehr zu konsumieren als zu investieren, was nach öko-
nomischer Einschätzung ebenfalls das Wachstum hemme. Und drit-
tens sei es unmöglich, technologische Vorsprünge zum Zeitpunkt
des Machterhalts über die Zeit zu retten, da die Verbreitung des
Wissens nicht verhindert werden könne. Alle drei Aspekte er-
leichtern es aufstrebenden Staaten mit zeitlich verzögerter Entwick-
lung mit dem Hegemon „gleichzuziehen“ und ihn in seiner Vor-
machtstellung herauszufordern, was letztlich zu Kriegen führe:
Sobald die bestehende Ordnung des internationalen Systems nicht
mehr mit der herrschenden Machtverteilung kompatibel sei, kom-
me es zwangsläufig zu kriegerischen Anpassungsprozessen.
(2) Ähnlich wie Gilpin setzen sich auch A.F.K. Organski und
Jacek Kugler mit den Bedingungen großer Kriege im Rahmen von
Machtübergängen auseinander. In ihrem Hauptwerk The War
Ledger (1980) vertreten sie die These, dass sich jeder Hegemon
früher oder später zwangsläufig einem Herausforderer gegenüber
sehe. Daraus folgt für sie die Frage, ob eine Politik der Machtba-
lance langfristig den Frieden garantiere – eine Frage, die Organski
schon in den 1950er Jahren gegen den vorherrschenden balance-
of-power mainstream negativ beantwortet hatte. Der Ansatz von

8 Dieses 1768 ursprünglich für die Landwirtschaft formulierte Gesetz besagt, dass
der Output eines Produktionsprozesses zunächst überproportional zum Einsatz
der Mittel steigt, ab einem bestimmten Produktionsniveau allerdings nur noch
unterproportional wächst und schließlich sogar ein Maximum erreicht. Gilpin
nennt Turgot allerdings nicht expressis verbis, sondern implizit durch den ge-
wählten Kurvenverlauf. Vgl. z.B. Abbildung 3 in Gilpin 1981:79.
86 Niklas Schörnig
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Organski und Kugler, der inzwischen als Power Transition Theory


bekannt ist, kommt zu dem für Neorealisten überraschenden, ja
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

konträren Schluss, dass gerade Phasen relativ ausgeglichener Macht-


verhältnisse zwischen zwei rivalisierenden Staaten ein besonders
hohes Risiko einer kriegerischen Auseinandersetzung bergen. Da-
bei steht wie bei Gilpin der Weg hin zum Gleichgewicht – und
nicht das Gleichgewicht selbst – im Zentrum des Interesses. Auch
sie argumentieren, der Herausforderer könne seine Macht auf-
grund höheren ökonomischen Wachstums schneller steigern als
der bislang dominante Staat, so dass sich die Machtkurven beider
Staaten zwangsläufig kreuzen werden. Allianzen als Mittel exter-
ner Machtsteigerung blendet die PTT aus, da sie ein zu unflexibles
Instrument seien und Staaten sich primär auf ihre eigenen Macht-
ressourcen verlassen würden. Entscheidet der Herausforderer den
Wettstreit mit dem bislang mächtigsten Staat für sich, so kommt es
zu einem Machtübergang.
Aus Sicht von Vertretern des PTT-Ansatzes müssen Machtüber-
gänge aber nicht zwangsläufig zu Krieg führen. Vielmehr komme es
darauf an, ob der Herausforderer die durch den bisher dominieren-
den Staat gesetzten Normen und Regeln des internationalen Sys-
tems akzeptiert oder sie verändern will, sich also „revisionistisch“
verhält (Organski/Kugler 1980: 23). Im ersten Fall ist ein friedli-
cher Machtübergang denkbar, im zweiten ist ein Krieg wesentlich
wahrscheinlicher, der – so ihre Überlegung – nach dem Macht-
übergang vom neuen mächtigsten Staat ausgeht (Organski/Kugler
1980: 206). Damit entscheidet nicht allein die Machtfigur des in-
ternationalen Systems über die Wahrscheinlichkeit eines Krieges,
sondern auch, ob der Herausforderer die herrschende normative
Ordnung akzeptieren will (er also „satisfied“ ist) oder nicht (also
als „dissatisfied“ zu gelten hat). Allerdings bleiben Organski und
Kugler bei der Frage, wie sich denn bestimmen lasse, ob ein kon-
kreter Herausforderer nun „satisfied“ sei oder nicht, sehr vage und
es gibt eine anhaltende Debatte, woran man revisionistische Staa-
ten nun genau erkennen könne.
Insgesamt liegen Gilpins polit-ökonomische Theorie und der
PTT-Ansatz in ihren Annahmen und ihrer Sicht auf die internatio-
nalen Beziehungen eng beieinander. Beide Ansätze verstehen die
internationale Ordnung viel stärker durch mächtige Staaten beein-
flusst als dies der Neorealismus mit seinem Ansatz der Allianzbil-
Neorealismus 87
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

dung zum Machtausgleich annimmt. Sie verweisen auch auf die de-
stabilisierende Wirkung von Machtgleichgewichten und gehen da-
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

von aus, dass gerade in Phasen gleicher Machtverteilung die Wahr-


scheinlichkeit eines Krieges steigt. Damit scheinen sie zunächst
besser geeignet, Vorhersagen und Handlungsanleitungen für Her-
ausforderungen der gegenwärtigen internationalen Politik – wie
beispielsweise den Aufstieg der Volksrepublik China und Indiens
– zu liefern, allerdings um den Preis, die Black-Box des Staates zu
öffnen, indem die (subsystemische) Kategorie „Zufriedenheit mit
der herrschenden normativen Ordnung“ eingeführt wird. Damit
greift aber wieder das Diktum von Waltz: „With both system-level
and unit-level forces in play, how can one construct a theory of in-
ternational politics without simultaneously constructing a theory of
foreign policy?“ (Waltz 1988: 42).

3.3 Der Neorealismus – Keine ausschließlich


amerikanische IB-Theorie

Obwohl dem Neorealismus in Deutschland „die Rolle des Aschen-


brödel zu[fiel]“ (Hellmann 1994: 79), gab und gibt es hier Versu-
che, die neorealistische Theorie zu erweitern und anzuwenden.
So nimmt beispielsweise die von Gottfried-Karl Kindermann
begründete Münchner Schule für sich in Anspruch, neorealistisch
zu sein. Denn, wie der Titel eines Aufsatzes von Reinhard Meier-
Walser verlauten lässt: „Neorealismus ist mehr als Waltz“ (Meier-
Walser 1994). Kennzeichnend für diesen speziellen Ansatz ist der
Fokus auf den praktischen Analysewert und die „Orientierung an
der politischen Analyse des Gegebenen“ (Siedschlag 2001: 31).
Deshalb werden auch hier systemische wie subsystemische Fakto-
ren gleichermaßen in die Betrachtung einbezogen (z.B. Meier-
Walser 1994: 115). Insgesamt aber orientieren sich die Münchner
Neorealisten im Rahmen ihrer Arbeiten deutlich stärker an Mor-
genthau, und damit am Realismus als an Waltz.9
Näher an der Waltz’schen Variante hingegen ist auf deutscher
Seite Werner Link (1980). Auf der Basis der Arbeiten von David

9 Zur Diskussion der Differenzen und Gemeinsamkeiten zwischen Waltz’schem Neo-


realismus und Münchner Ansatz siehe Meier-Walser 1994: 122ff.
88 Niklas Schörnig
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Singer versucht er am Beispiel des Ost-West-Konfliktes zu zeigen,


wie unterschiedliche Modi der Konfliktbearbeitung durch die je-
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

weilige Machtkonstellation bzw. die Veränderungen der Macht-


konstellation zu erklären seien. So gelangt Link zu der These, eine
Verdichtung in den Beziehungen der Supermächte sei gerade dann
erfolgreich zu erzielen gewesen, wenn durch ein Machtgleichge-
wicht die ordnungs- und machtpolitische Existenz nicht gefährdet
gewesen sei (Link 1980: 224ff).

4. Theorieexterne Kritik
Seit der Veröffentlichung von TIP im Jahr 1979 ist die Kritik am
Neorealismus durch Vertreter anderer Schulen praktisch nicht ver-
stummt – nicht zuletzt, da sich der Neorealismus zunehmend als
verzweigtes und uneinheitliches Theoriegebäude präsentiert. Dar-
über hinaus weist diese Theorie bei zentralen Entwicklungen auf
internationaler Ebene wie z.B. der zunehmenden Integration Euro-
pas10 oder dem Ende des Ost-West-Konfliktes eklatante Erklä-
rungsschwächen auf, da gerade dynamische Entwicklungen, deren
Ursachen auf der subsystemischen Ebene liegen, von der Theorie
schlecht bzw. nicht erfasst werden (vgl. z.B. Schweller/Wohlforth
2000; Waltz 2000). Wie bereits gezeigt wurde, greifen auch einige
erklärte (Neo)realisten (etwa Walt) diese Kritik auf. Allerdings
verstehen die meisten Neorealisten die Aufnahme subsystemischer
Faktoren als Zugeständnisse an die komplexe Realität, ohne den
Neorealismus und seine pessimistische Grundhaltung grundsätz-
lich in Frage zu stellen.
Der Blick soll im Folgenden auf zwei grundlegende Auseinan-
dersetzungen gelenkt werden: Zum einen die Debatte zwischen
Neorealisten und Neoinstitutionalisten in den 1980er Jahren (die
so genannte „Neo-Neo Debatte“),11 zum anderen die konstruktivis-
tische Kritik am neorealistischen Anarchieverständnis, die auf
Alexander Wendt zurückgeht. Diese beiden Auseinandersetzungen

10 Neorealisten erklärten die EG bzw. EU anfangs schlicht zu einem unitarischen,


d.h. einheitlichen Akteur, vgl. dazu Grieco 1990.
11 Eine Zusammenstellung der zentralen Aufsätze dieser Debatte findet sich bei
Baldwin 1993.
Neorealismus 89
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

erwiesen sich für die Entwicklung der Theorien der Internationa-


len Beziehungen als besonders relevant, da sie dazu beitrugen, die
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

dominante pessimistische Weltsicht des Neorealismus zu durch-


brechen, ohne dabei in idealistische Argumentationen abzugleiten.
Schon kurz nach der Veröffentlichung von TIP schien der Neo-
realismus in seine erste Krise zu geraten. Im Verlauf der frühen
1980er Jahre schien sich nach Einschätzung vieler Beobachter die
internationale Vormachtstellung der USA erheblich zu relativieren,
wobei die Ursachen vor allem in den wirtschaftlichen Krisen der
1970er Jahre (vor allem die Ölkrisen) und dem wirtschaftlichen
Erstarken Europas und Japans gesehen wurden. Allerdings schien
die ökonomische Schwäche der USA keine Auswirkungen auf das
Ausmaß an internationaler Kooperation – zum Beispiel im GATT
oder IWF – zu haben, was der neorealistischen Hypothese hege-
monial induzierter Kooperation widersprach. Robert O. Keohane
stellte 1984 schließlich die Frage, ob internationale Kooperation
wider die Lehrmeinung der Neorealisten nicht doch After Hege-
mony12 – also jenseits der Hegemonie – möglich sei.
Zur Beantwortung griffen die Autorinnen und Autoren, die unter
der Bezeichnung „Neoinstitutionalisten“ bzw. „neoliberal institutio-
nalists“ geführt werden, auf eine breite Basis neorealistischer An-
nahmen zurück. Unter Zuhilfenahme der Rational Choice-Theorie –
und hier speziell der Spieltheorie – wurde auf Basis dieser Annah-
men systematisch nach Kooperationschancen geforscht, um den neo-
realistischen Pessimismus nicht nur empirisch, sondern auch theore-
tisch widerlegen zu können. Neoinstitutionalisten wie Robert O. Ke-
ohane (1984) oder Robert Axelrod (1984) glaubten zeigen zu kön-
nen, dass Kooperation grundsätzlich auch unter der Annahme inter-
nationaler Anarchie möglich sei und für alle beteiligten Staaten po-
sitiven absoluten Nutzen ermögliche. Auch sei durch entsprechend
gestaltete internationale Regime das Problem des Betrugs (s.o.) in
den Griff zu bekommen (vgl. auch den Beitrag von Bernhard Zangl
in diesem Band).13 Joseph Grieco stellte dieser Sicht 1988 für die
neorealistische Seite ein Argument entgegen, welches ursprünglich

12 So der Titel seines Buches. Vgl. Keohane 1984.


13 Ein Beispiel für absolute Gewinne zweier Staaten durch Kooperation: Staat A
gewinnt durch Kooperation 50, Staat B hingegen 100 „Machteinheiten“. Dies
bedeutet für beide einen Vorteil gegenüber der Ausgangssituation, da die
„Macht“ beider nun absolut gewachsen ist.
90 Niklas Schörnig
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

schon bei Waltz zu finden, bis dahin aber meist übersehen worden
war: das der „relativen Gewinne“ („relative gains“; vgl. Waltz 1979:
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

105; Grieco 1988: 499ff). Aufgrund von Anarchie und Selbsterhal-


tungstrieb sei es nicht von Bedeutung, ob Staaten durch Kooperation
absolut gewinnen würden, sondern wie ein gemeinsamer Koopera-
tionsgewinn zwischen den Kooperationspartnern aufgeteilt würde.
Die neorealistische Logik nimmt an, dass Staaten immer prüften, in-
wieweit absolute Kooperationsgewinne der Partner die bisherige
Machtbalance verändern und damit zu einer Destabilisierung des
internationalen Systems beitragen könnten. Würde es Staaten gelin-
gen, durch den Erhalt absoluter Gewinne die Machtkonstellation zu
ihren Gunsten zu verändern, hätten sie auch einen so genannten re-
lativen Gewinn erreicht, da sie die Machtrelation zwischen sich und
den Kooperationspartnern zu ihren Gunsten verändert hätten.14 Es ist
mittels dieser Denkweise möglich, jedes Positivsummenspiel (abso-
luter Gewinn aller an der Kooperation beteiligten Staaten, niemand
wird schlechter gestellt) in ein Nullsummenspiel (d.h. was ein Staat
gewinnt, muss ein anderer zwangsläufig verlieren, so dass sich die
Gewinne aller Beteiligten zu Null addieren) zu transformieren. Diese
Logik gelte sogar für Kooperation zwischen befreundeten Staaten,
so dass die Wahrscheinlichkeit von Kooperation selbst zwischen
Alliierten und Partnern außerordentlich gering sei, wenn die Koope-
ration das Machtgefüge zwischen den Staaten verändere. Denn:
„There is even the danger, however remote, that today’s ally will be-
come tomorrow’s enemy“ (Grieco 1988: 47). Obwohl das Argument
der relativen Gewinne als Kooperation hemmender Faktor in sich
schlüssig ist, konnten spieltheoretische Analysen zeigen, dass die
Bedeutung relativer Gewinne mit zunehmender Anzahl kooperie-
render Akteure sinkt (vgl. Snidal 1991). Ebenso zogen Waltz und
Grieco nicht in Betracht, dass jeder absolute Gewinn auch einen re-

14 An dieser Stelle unterläuft allerdings sowohl Kenneth Waltz als auch Joseph
Grieco eine Ungenauigkeit bei der Beschreibung der Problematik relativer Ge-
winne. So argumentieren sie, relative Gewinne würden durch eine Gleichver-
teilung des Kooperationsgewinns vermieden. Diese Aussage gilt allerdings nur
für den Spezialfall einer identischen Ausgangsbasis. Gesetzt, zwei Akteure A
und B verfügen vor einer Kooperation über 100 bzw. 50 Machteinheiten. Ge-
winnen beide nun durch die Kooperation jeweils 50 Einheiten hinzu verschiebt
sich das Machtverhältnis von 100:50 auf 150:100, bzw. von 2:1 auf 3:2. Akteur
A hat relativ an Macht eingebüßt, obwohl die Kooperationsgewinne absolut
gleich verteilt waren. Vgl. hierzu z.B. Schweller 1996: 109ff.
Neorealismus 91
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

lativen Gewinn gegenüber nicht an der Kooperation beteiligten


Staaten bedeutet, so dass der Netto-Effekt an Gewinn, der einem
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Staat durch Kooperation entsteht, nur sehr schwer abzuschätzen ist.


Die wohl substanziellste Kritik am Waltz’schen Neorealismus
formulierte 1992 Alexander Wendt mit seinem provokanten Artikel
„Anarchy is what states make of it: the social construction of power
politics“, mit dem er eine Welle konstruktivistischer Kritik einleitete
(vgl. auch den Beitrag von Cornelia Ulbert in diesem Band). Für
Wendt ist es nicht logisch zwingend anzunehmen, dass aus interna-
tionaler Anarchie automatisch ein Selbsthilfesystem mit dem Zwang
zur Machtpolitik folgen würde (Wendt 1992: 394). Das konstrukti-
vistische Verständnis von „Struktur“ weicht dabei deutlich vom neo-
realistischen ab. Aus neorealistischer Perspektive ist Struktur – und
hier vor allem das Element Anarchie – exogen gegeben, so dass
Staaten im Prinzip keine Möglichkeiten besitzen, auf die Struktur
des internationalen Systems einzuwirken. Aus konstruktivistischer
Sicht hingegen stellt Struktur immer ein soziales Element dar, das
durch Interaktionsprozesse zwischen Staaten maßgeblich gestaltet
und mit einer Bedeutung versehen wird, gleichzeitig aber wiederum
konstitutiv auf die Akteure einwirkt. Für Wendt besteht zwischen
Akteuren und Struktur ein wechselseitig konstitutiver Beziehungs-
zusammenhang („agent-structure-problem“). „Wendt’s key assertion
is that the culture in which states find themselves at any point in time
depends on the discursive social practices that reproduce or trans-
form each actors’s view of self and other“ (Copeland 2000: 195).
Aus konstruktivistischer Sicht ist das Verständnis, das Staaten vom
internationalen System – aber auch von sich selbst – besitzen, das
Ergebnis eines lang andauernden Prozesses der wiederholten Inter-
aktion zwischen den Akteuren, der zu Beginn ergebnisoffen ist. Um
diesen Zusammenhang aufzuzeigen, modelliert Wendt eine hypo-
thetische Situation, in der zwei Akteure – Ego und Alter – ohne
Hintergrundwissen übereinander unter der Bedingung der Anarchie
aufeinandertreffen (vgl. Wendt 1992: 404). Wendt zeigt, dass in ei-
ner solchen Situation die weitere Entwicklung der Beziehungen
nicht determiniert ist, sofern man von der Annahme abrückt, beide
Akteure würden sich am schlimmstmöglichen Fall – der sofortigen
eigenen Vernichtung bei entgegenkommendem Verhalten – orientie-
ren. Anarchie hat in diesem Fall also keinen zwingenden Einfluss
auf den Umgang der Akteure miteinander. Verhalten sich Staaten
92 Niklas Schörnig
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

aber von Anfang an egoistisch und setzen in der Folge immer wieder
auf militärische Stärke zur Sicherung des Überlebens, wie es die rea-
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

listische und neorealistische Theorie annimmt, so wird es immer


schwieriger, sich dieser „Kultur der Anarchie“ (Wendt) zu entziehen.
Aus konstruktivistischer Perspektive besteht aber immer grundsätz-
lich die Möglichkeit, diesen Prozess umzukehren und von einem
Selbsthilfesystem wieder abzurücken – auch ohne auf einen Hege-
mon angewiesen zu sein, der durch Gewaltandrohung eine hierarchi-
sche Struktur etabliert. Staaten sind also nicht den von Waltz identifi-
zierten strukturellen Kräften auf Gedeih und Verderb ausgesetzt. Mit
dieser fundamentalen Kritik läutete Wendts Artikel schließlich die
„konstruktivistische Wende“ in den Internationalen Beziehungen ein.
Abschließend bleibt festzuhalten, dass die in der Folge von TIP
geführten internen und externen Debatten für die Ausgestaltung
der neorealistischen Theorie nicht folgenlos blieben. So wurden
auch von Neorealisten in immer stärkerem Maße subsystemische
Faktoren oder konstruktivistische Elemente in ihre Analysen ein-
bezogen und man entfernte sich zusehends von der Schlankheit
des ursprünglichen Waltz’schen Neorealismus. Diese Tendenz
veranlasste Jeffrey W. Legro und Andrew Moravcsik schließlich
zu der provokanten Frage, ob angesichts dieser Vernachlässigung
systemischer Faktoren im aktuellen Neorealismus überhaupt noch
jemand ein (Neo-)Realist sei, da fast alle sich als Neorealisten be-
zeichnenden Autoren in ihre Arbeiten Elemente aufnehmen wür-
den, die den Grundannahmen der Waltz’schen Theorie widersprä-
chen (vgl. Legro/Moravcsik 1999). Auf diese berechtigte Frage
haben ‚bekennende‘ Vertreter des Ansatzes bisher keine befriedi-
gende Antwort finden können.
Neorealismus 93
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Literaturverzeichnis
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Empfohlene Literatur

Primärliteratur

Gilpin, Robert 1981: War and Change in World Politics. Cambridge: Cam-
bridge University Press.
Grieco, Joseph M. 1988: Anarchy and the limits of cooperation: A realist cri-
tique of the newest liberal institutionalism, in: International Organization
42: 3, 485-508.
Organski, A.F.K./Kugler, Jacek 1980: The War ledger. Chicago/London: Chi-
cago University Press.
Waltz, Kenneth N. 1979: Theory of International Politics. Reading, Mass.:
Addison Wesley.
Waltz, Kenneth N. 1986: Reflections on Theory of International Politics. A
Response to My Critics, in: Keohane, Robert (Hrsg.): Neorealism and Its
Critics. New York, NY: Columbia University Press, 322-345.
Waltz, Kenneth N. 2008: Realism and International Politics. New York:
Routledge.

Sekundärliteratur

Legro, Jeffrey W./Moravcsik, Andrew 1999: Is Anybody Still a Realist?, in:


International Security 24: 2, 5-55.
Little, Richard 2007: The Balance of Power in International Relations. Meta-
phors, Myth and Models. Cambridge: Cambridge University Press.
Masala, Carlo 2005: Kenneth N. Waltz. Einführung in seine Theorie und Aus-
einandersetzung mit seinen Kritikern. Baden-Baden: Nomos.
Masala, Carlo 2006: Neorealismus und Internationale Politik im 21. Jahrhun-
dert, in: Zeitschrift für Politikwissenschaft 16: 1, 87-111.
Masala, Carlo/Roloff, Ralf (Hrsg.) 1998: Herausforderungen der Realpolitik.
Beiträge zur Theoriedebatte in der Internationalen Politik. Köln: SH-Verlag.
Schweller, Randall L. 1996: Neorealism’s Status-Quo Bias: What Security
Dilemma?, in: Security Studies 5: 3, 90-121.
Vogt, Thomas 1999: Der Neorealismus in der internationalen Politik. Eine
wissenschaftstheoretische Analyse. Wiesbaden: Dt. Universitäts-Verlag.

Übrige verwendete Literatur

Axelrod, Robert 1984: The Evolution of Cooperation. New York, NY: Basic
Books.
94 Niklas Schörnig
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Baldwin, David A. (Hrsg.) 1993: Neorealism and Neoliberalism. The Con-


temporary Debate. New York, NY: Columbia University Press.
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Brooks, Stephen G./Wohlforth, William C. 2005: Hard Times for Soft Bal-
ancing, in: International Security 30: 1, 72-108.
Copeland, Dale C. 2000: The Constructivist Challenge to Structural Realism.
A Review Essay, in: International Security 25: 2, 187-212.
Eilstrup-Sangiovanni, Mette 2009: The End of Balance-of-Power Theory? A
Comment on Wohlforth et al.’s. ‘Testing Balance-of-Power Theory in
World History’, in: European Journal of International Relations 15: 2,
347-380.
Gilpin, Robert 1988: The Theory of Hegemonic War, in: Rotberg, Robert/
Rabb, Theodore (Hrsg.): The Origins and Prevention of Major Wars. Cam-
bridge: Cambridge University Press, 15-37.
Grieco, Joseph 1990: Cooperation among Nations. Europe, America, and Non-
tariff Barriers to Trade. Ithaca/London: Cornell University Press.
Guzzini, Stefano 1998: Realism in International Relations and International
Political Economy: the Continuing Story of a Death Foretold. London/New
York: Routledge.
Gyngell, Allan/Wesley, Michael 2003: Making Australian Foreign Policy.
Cambridge: Cambridge University Press.
Hellmann, Gunther 1994: Für eine problemorientierte Grundlagenforschung:
Kritik und Perspektiven der Disziplin Internationale Beziehungen in
Deutschland, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 1: 1, 65-90.
Keohane, Robert 1984: After Hegemony: Cooperation and Discord in the
World Political Economy. Princeton: Princeton University Press.
Link, Werner 1980: Der Ost-West-Konflikt. Die Organisation der internatio-
nalen Beziehungen im 20. Jahrhundert. Stuttgart: Kohlhammer.
Lobell, Steven E./Ripsman, Norrin M./Taliaferro, Jeffrey W. (Hrsg.) 2009:
Neoclassical Realism, the State, and Foreign Policy. Cambridge: Cam-
bridge University Press.
Mearsheimer, John 1995: The False Promise of International Institutions, in:
International Security 19: 3, 5-49.
Mearsheimer, John 2001: The Tragedy of Great Power Politics. New York:
Norton.
Meier-Walser, Reinhard 1994: Neorealismus ist mehr als Waltz. Der Synopti-
sche Realismus des Münchner Ansatzes, in: Zeitschrift für Internationale
Beziehungen 1: 1, 115-126.
Morgenthau, Hans 1963: Macht und Frieden. Gütersloh: Bertelsmann.
Müller, Harald 2009: Staatlichkeit ohne Staat – ein Irrtum aus der europäi-
schen Provinz? Limitierende Bedingungen von Global Governance in einer
fragmentierten Welt, in: Deitelhoff, Nicole/Steffek, Jens (Hrsg.): Was
bleibt vom Staat? Demokratie, Recht und Verfassung im globalen Zeitalter.
Frankfurt a.M.: Campus.
Nye, Joseph S. 2004: Power in the Global Information Age: from Realism to
Globalization. London: Routledge.
Neorealismus 95
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Pape, Robert A. 2005: Soft Balancing against the United States, in: Interna-
tional Security 30: 1, 7-45.
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Ruggie, John G. 1983: Continuity and Transformation in the World Polity:


Toward a Neorealist Synthesis, in: World Politics 25: 2, 261-285.
Scherrer, Christoph 1994: Critical International Relations. Kritik am neorealis-
tischen Paradigma der internationalen Beziehungen, in: PROKLA 95. Zeit-
schrift für kritische Sozialwissenschaft 24: 4, 303-323.
Schroeder, Paul 1994: Historical Reality vs. Neorealist Theory, in: Internatio-
nal Security 19: 1, 108-148.
Schweller, Randall L. 1994: Bandwagoning for Profit: Bringing the Revision-
ist State Back In, in: International Security 19: 1, 72-107.
Schweller, Randall L. 2003: The Progressiveness of Neoclassical Realism, in:
Elman, Colin/Fendius Elman, Miriam (Hrsg.): Progress in International
Relations Theory. Cambridge, MA/London: MIT Press, 311-347.
Schweller, Randall L. 2006: Unanswered Threats. Political Constraints on the
Balance of Power. Princeton: Princeton University Press.
Schweller, Randall L./Wohlforth, William C. 2000: Power Test: Evaluating Rea-
lism in Response to the End of the Cold War, in: Security Studies 9: 3, 60-107.
Siedschlag, Alexander 2001: Einführung – Internationale Politik als skeptische
Gegenwartswissenschaft und die Münchner Schule des Neorealismus, in:
Ders. (Hrsg.): Realistische Perspektiven internationaler Politik. Opladen: Les-
ke + Budrich, 13-66.
Snidal, Duncan 1991: Relative Gains and the Pattern of International Coop-
eration, in: American Political Science Review 85: 3, 701-726.
Snyder, Jack 1991: Myth of Empire. Domestic Politics and International Am-
bition. Ithaca/London: Cornell University Press.
Taliaferro, Jeffrey W. 2000/2001: Security Seeking under Anarchy, in: Inter-
national Security 25: 3, 128-161.
Walt, Stephen 1985: Alliance Formation and the Balance of World Power, in:
International Security 9: 4, 3-43.
Walt, Stephen 1997: The Progressive Power of Realism, in: American Politi-
cal Science Review 91: 4, 931-935.
Walt, Stephen 1998: International Relations: One World, Many Theories, in:
Foreign Policy, 110: Spring, 29-47.
Waltz, Kenneth N. 1959: Man, the State and War. New York, NY: Columbia
University Press.
Waltz, Kenneth N. 1988: The Origins of War in Neorealist Theory, in: Rot-
berg, Robert/Rabb, Theodor (Hrsg.): The Origins and Prevention of Major
Wars. Cambridge: Cambridge University Press, 39-52.
Waltz, Kenneth N. 1990: Realist Thought and Neorealist Theory, in: Journal
of International Affairs 44: 1, 21-38.
Waltz, Kenneth N. 1996: International Politics Is Not Foreign Policy, in: Secu-
rity Studies 6: 1, 54-57.
Waltz, Kenneth N. 1997: Evaluating Theories, in: American Political Science
Review 91:4, 913-917.
96 Niklas Schörnig
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Waltz, Kenneth N. 2000: Structural Realism after the Cold War, in: Interna-
tional Security 25: 1, 5-41.
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Wendt, Alexander 1992: Anarchy is what States Make of It: the Social Con-
struction of Power Politics, in: International Organization 46: 2, 391-425.
Wohlforth, William C./Little, Richard/Kaufman, Stuart J. et al. 2007: Testing
Balance-of-Power Theory in World History, in: European Journal of Inter-
national Relations 13: 2, 155-185.
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Interdependenz
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Manuela Spindler

1. Einleitung
Die weltweite Finanz- und Staatsschuldenkrise macht schmerzhaft
deutlich, was im Grunde genommen einem jeden von uns bewusst
ist: Wir leben in einer Welt wechselseitiger Abhängigkeiten, in der
Ereignisse oder Entscheidungen in einem Staat nicht ohne Folgen
für Politik oder Ökonomie anderer Staaten bleiben. Es sind jedoch in
der Regel die Krisen, welche das Ausmaß der globalen Abhängig-
keiten besonders sichtbar und oft auch für den einzelnen spürbar
machen: Schrumpfungsprozesse der Wirtschaft bedrohen das er-
reichte Niveau materiellen Wohlstands, die Arbeitslosigkeit steigt
weltweit. Was als „US-Immobilienkrise“ im Jahre 2007 begann, hat
– von den USA ausgehend – in einem kaum vorstellbaren Ausmaß
das globale Finanz- und Kapitalsystem erschüttert und in der Folge
weltweit Volkswirtschaften und selbst Staaten destabilisiert. In noch
guter Erinnerung ist die asiatische Finanz-, Währungs- und Wirt-
schaftskrise („Asienkrise“) von 1997/1998, die ihren Ursprung in
Thailand hatte. Von Contagion – ‚Ansteckung‘ – war die Rede, als
sich die Krise flächenbrandartig nicht nur in Ost- und Südostasien
ausbreitete, sondern ihre Auswirkungen auch in den europäischen,
nordamerikanischen und lateinamerikanischen Ökonomien spürbar
wurden. Gleiches gilt für den bis in die Mitte der 2000er Jahre nicht
nur in Südamerika spürbaren „Ansteckungseffekt“ der Argentinien-
Krise. Die Auswirkungen und Gefahren des Klimawandels sowie
globale Sicherheitsbedrohungen sind weitere Beispiele für eine Rea-
lität wechselseitiger Abhängigkeiten in einer zunehmend verflochte-
nen und vernetzten Welt.
Die beschriebene Art von Wirkungszusammenhängen wird in
internationaler Politik und Wirtschaft in der Regel mit dem Begriff
der Interdependenz gefasst. Dabei ist das Phänomen dessen, was als
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Interdependenz
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Manuela Spindler

1. Einleitung
Die weltweite Finanz- und Staatsschuldenkrise macht schmerzhaft
deutlich, was im Grunde genommen einem jeden von uns bewusst
ist: Wir leben in einer Welt wechselseitiger Abhängigkeiten, in der
Ereignisse oder Entscheidungen in einem Staat nicht ohne Folgen
für Politik oder Ökonomie anderer Staaten bleiben. Es sind jedoch in
der Regel die Krisen, welche das Ausmaß der globalen Abhängig-
keiten besonders sichtbar und oft auch für den einzelnen spürbar
machen: Schrumpfungsprozesse der Wirtschaft bedrohen das er-
reichte Niveau materiellen Wohlstands, die Arbeitslosigkeit steigt
weltweit. Was als „US-Immobilienkrise“ im Jahre 2007 begann, hat
– von den USA ausgehend – in einem kaum vorstellbaren Ausmaß
das globale Finanz- und Kapitalsystem erschüttert und in der Folge
weltweit Volkswirtschaften und selbst Staaten destabilisiert. In noch
guter Erinnerung ist die asiatische Finanz-, Währungs- und Wirt-
schaftskrise („Asienkrise“) von 1997/1998, die ihren Ursprung in
Thailand hatte. Von Contagion – ‚Ansteckung‘ – war die Rede, als
sich die Krise flächenbrandartig nicht nur in Ost- und Südostasien
ausbreitete, sondern ihre Auswirkungen auch in den europäischen,
nordamerikanischen und lateinamerikanischen Ökonomien spürbar
wurden. Gleiches gilt für den bis in die Mitte der 2000er Jahre nicht
nur in Südamerika spürbaren „Ansteckungseffekt“ der Argentinien-
Krise. Die Auswirkungen und Gefahren des Klimawandels sowie
globale Sicherheitsbedrohungen sind weitere Beispiele für eine Rea-
lität wechselseitiger Abhängigkeiten in einer zunehmend verflochte-
nen und vernetzten Welt.
Die beschriebene Art von Wirkungszusammenhängen wird in
internationaler Politik und Wirtschaft in der Regel mit dem Begriff
der Interdependenz gefasst. Dabei ist das Phänomen dessen, was als
98 Manuela Spindler
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Interdependenz bezeichnet wird, sowie das Nachdenken über Ursa-


chen und Folgen wechselseitiger Abhängigkeiten nicht neu. Schon
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

sehr lange ist es Bestandteil wirtschaftswissenschaftlicher Betrach-


tungen im Rahmen der klassischen Lehre, die ihre Aufmerksamkeit
auf internationale Abhängigkeiten im Bereich des Welthandels und
der Währungspolitik richten und dabei die durch internationale Ver-
flechtung entstehenden wechselseitigen Gewinne und Verluste dis-
kutieren. Ihre ideellen Wurzeln liegen bei den Klassikern der Frei-
handelstheorie und des politischen Liberalismus wie Adam Smith,
David Ricardo oder John Stuart Mill (vgl. ausführlich Zacher/
Matthew 1995). Im Gegensatz zum ökonomischen und politischen
Liberalismus werden in einer eher realistisch geprägten Tradition je-
doch nicht die „Gewinne“, sondern die Gefahren und Risiken wech-
selseitiger Abhängigkeiten, insbesondere in Form zwischenstaatli-
cher Konflikte, diskutiert – so beispielsweise schon in den Schriften
Niccolò Machiavellis.
In der Politikwissenschaft des 20. Jahrhunderts geht das Nach-
denken über Interdependenz auf den Idealismus zurück und ist mit
den Schriften der Briten Norman Angell (1910) und Ramsay Muir
(1933), aber auch des Franzosen und Syndikalisten Francis Delaisi
(1925) verknüpft (vgl. ausführlich de Wilde 1991). So erörtert bei-
spielsweise Angell in seinem wohl bekanntesten Werk The Great
Illusion die Nutzlosigkeit militärischer Gewalt für das Ziel des
Wohlstands einer Nation. Vielmehr sei der Wohlstand jeder Na-
tion abhängig von wirtschaftlichen Kontakten, d.h. er resultiert aus
der Interdependenz der Märkte und des Finanzsektors und ist da-
mit abhängig von der Kaufkraft der Bürger anderer Nationen, wel-
che wiederum selbst in der Lage sein müssen, ihre Produkte zu
verkaufen. Traditionelle militärische Eroberungen – so das Argu-
ment – können daher nicht im Eigeninteresse eines Staates liegen
(Angell 1910; vgl. auch de Wilde 1991: Kap. 3). Dieses Postulat
eines Zusammenhangs zwischen Interdependenz, insbesondere im
Bereich der Handelsbeziehungen, und friedlichen zwischenstaatli-
chen Beziehungen („trade-peace-linkage“) wird ebenso wie die ent-
gegen gesetzte These eines Zusammenhangs von Interdependenz
und verstärktem Konfliktverhalten auch heute noch diskutiert und
empirischen Überprüfungen unterzogen (vgl. dazu Abschnitt 3).
Hier zeigt sich die Ambivalenz wechselseitiger Abhängigkeiten in
der internationalen Politik, in der nicht zuletzt die große Heraus-
Interdependenz 99
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

forderung für eine Theorie der Interdependenz in den Internatio-


nalen Beziehungen besteht.
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Eingang in die Theoriebildung der politologischen Teildisziplin


der Internationalen Beziehungen (IB) im engeren Sinne fand der
Terminus „Interdependenz“ trotz intellektueller Vorläufer jedoch
erst recht spät.1 Im Kontext der 1960er Jahre kann man zunächst
einen weltpolitischen Interdependenzbegriff im Zusammenhang
mit dem Ost-West-Konflikt ausmachen, durch den sich Interde-
pendenz als Weltfriedensproblem darstellte. Hintergrund war die
Entwicklung von Interkontinentalraketen und damit die enorme
Verkürzung der ‚Distanz‘ zwischen den Staaten, mit der Folge,
dass „neither state can effectively move toward isolation or increa-
se its own autonomy so far as security is concerned“ (Morse 1972:
138-39). Diese sicherheitspolitische bzw. militärisch-strategische
Interdependenz war damit Merkmal eines globalen Wirkungszu-
sammenhangs, der durch den Konflikt zweier sich gegenseitig aus-
schließender Konzeptionen von Weltpolitik und die Existenz von
Nuklearwaffen als (angedrohtes) Mittel des Konfliktaustrags ent-
stand (vgl. auch Kuhn 1962).
Bedeutsamer und für die Theorieentwicklung der IB nachhaltig
prägend waren jedoch die Überlegungen zu Interdependenz, die ge-
gen Ende der 1960er und vor allem in den 1970er Jahren vor dem
Hintergrund weltwirtschaftlicher Krisenerscheinungen und Kon-
flikten in den Beziehungen der westlichen Industrieländer angestellt
wurden. Die zwei gravierendsten ökonomischen ‚Schocks‘ waren
Anfang der 1970er Jahre der Zusammenbruch des Währungssystems
von Bretton Woods, d.h. des Grundsatzes fester Wechselkurse auf
der Basis vereinbarter Goldparitäten, in Folge der Aufhebung der

1 Auf den grundlegenden Zusammenhang einer zunehmenden Interdependenz der


Staaten und der Entwicklung der (westlichen) Theorie der Internationalen Be-
ziehungen verweist Osiander (1995). Zwischenstaatliche Interdependenz ist da-
nach für die Möglichkeit einer Entstehung von Theorien der Internationalen Be-
ziehungen geradezu konstitutiv, da der Bedarf an intensiver theoretischer Refle-
xion über zwischenstaatliche Beziehungen erst mit der Erfahrung einer politi-
schen und gesellschaftlichen Bedeutsamkeit zwischenstaatlicher Abhängigkei-
ten (sei es im Sinne von Wohlfahrtsgewinnen durch Handel oder auch durch das
Bewusstsein militärischer Bedrohung von Sicherheit) einhergeht. Dazu bedurfte
es der historischen Herausbildung des Nationalstaates und seiner sukzessiven
zwischenstaatlichen Verflechtung im Europäischen Staatensystem der Neuzeit
(Westfälisches System).
100 Manuela Spindler
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Gold-Dollar-Konvertibilität durch die US-Administration im August


1971, vor allem aber die erste Ölkrise. Hintergrund der ersten Öl-
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

krise von 1973 (eine zweite folgte 1979) war das im Zusammenhang
mit dem arabisch-israelischen Krieg (Oktoberkrieg) von der OPEC
gegen die USA und andere Industrieländer wegen ihrer Unterstüt-
zung Israels verhängte Ölembargo sowie die drastische Erhöhung
der Ölpreise, in deren Folge die westlichen Industriestaaten in einen
Stagflationsprozess gerieten und es im Kampf gegen Rezession und
Inflation untereinander zu Konflikten über die ‚richtige Wirtschafts-
politik‘ kam. Die mit umfangreichen Kompetenzen ausgestatteten
Wohlfahrtsstaaten des Westens benutzten bis dahin z.T. sehr unter-
schiedliche wirtschaftspolitische Instrumente, um das Ziel allgemei-
nen Wirtschaftswachstums zu erreichen. Individuelle – und damit
wenig vorhersehbare – nationalstaatliche Reaktionen auf die Krisen-
erscheinungen – und damit Konflikte – waren die Folge.2 Die Kon-
flikte der 1970er Jahre sind insgesamt vor dem Hintergrund des
Niedergangs der amerikanischen Hegemonie durch den Vietnam-
Krieg und das wirtschaftliche Wiedererstarken Europas und Japans
zu sehen. Verstärkt wurden die Spannungen durch politische Krisen
in den wichtigsten westlichen Industrienationen, die die Glaubwür-
digkeit und Handlungsfähigkeit der Regierungen einschränkten.3
Ende 1974 waren in allen vier führenden westlichen Industriestaaten
(USA, Japan, Bundesrepublik Deutschland und Frankreich) neue
Staats- bzw. Regierungschefs im Amt, die den Krisenerscheinungen
mit Bemühungen um einen weltwirtschaftlichen Koordinationspro-
zess entgegenzutreten versuchten. So wurden 1975 beispielsweise

2 Auch die gegenwärtigen Versuche einer politischen Bewältigung der weltweiten


Finanz- und Staatsschuldenkrise sind durch Konflikte über die „richtigen“ Ko-
ordinationsmechanismen und Kooperationsformen (z.B. in der Frage der Not-
wendigkeit einer Weltwirtschaftsregierung), über Art und Umfang der Maßnah-
men zur Bankenregulierung und Finanzmarktreform sowie durch nationale Al-
leingänge (beispielsweise in der Sparpolitik) geprägt. Erst jüngst hat Uneinig-
keit in der Frage eines Ausstiegs aus der schuldenfinanzierten Konjunkturpolitik
im Vorfeld des G20-Gipfels im Juni 2010 in Toronto zu Verstimmungen zwi-
schen Europäern und Amerikanern geführt. Auch das deutsch-französischen
Verhältnis hat bei der Suche nach europäischen Lösungen der Krise gelitten.
Vgl. u.a. Védrine in der FAZ vom 16.7.2010.
3 Wie der „Watergate-Skandal“ in den USA 1973 oder die „Guillaume-Affaire“
in der Bundesrepublik 1974.
Interdependenz 101
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

die „Weltwirtschaftsgipfel“ – heute G8 – ins Leben gerufen.4. Von


ihren Wählern immer noch als verantwortlich für die Kosten des
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Anpassungs- und Stabilisierungsprozesses betrachtet, änderte sich


die politische Rhetorik der nationalen Regierungen der westlichen
Staaten, um der Bevölkerung die weltweiten Verflechtungen und
Abhängigkeiten bei der Krisenbekämpfung und die daraus resultie-
rende Notwendigkeit internationaler Koordinierung zu vermitteln –
die Ursachen und Kosten des Anpassungsprozesses also als „interna-
tional“ oder „weltwirtschaftlich bedingt“ zu erklären und damit die
Durchsetzung von für die Bevölkerung schmerzhaften wirtschafts-
politischen Maßnahmen zu erleichtern. „Interdependenz“ taucht zu-
nehmend an prominenter Stelle in den Reden – vor allem amerikani-
scher Politiker – auf, welche einen allgemeinen Verlust politischen
Steuerungsvermögens und die Notwendigkeit multilateraler Koope-
ration (also nicht mehr ‚atlantischer‘ bzw. unilateraler Steuerung
durch die USA) konstatieren, um die aus Interdependenz erwach-
senden Probleme zu lösen (vgl. de Wilde 1991: 44-45). Damit kam
es vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrisen und unterstützt durch
den Entspannungsprozess im Ost-West-Verhältnis (KSZE, Rüstungs-
kontrolle) in den 1970er Jahren zu einer Politisierung von Proble-
men jenseits militärischer Sicherheit: Fragen der Wohlstandssiche-
rung, Ressourcenverfügbarkeit und auch Umweltzerstörung standen
plötzlich im Mittelpunkt (dazu im Detail Morse 1970, 1972; Cooper
1972). Das Problem des politischen Umgangs mit den aus wechsel-
seitigen Abhängigkeiten resultierenden Effekten wurde zum Kern-
problem internationaler Politik und stellt seitdem eine wachsende
Herausforderung für die politische Steuerungs- und Gestaltungsfä-
higkeit durch den Staat dar. Vor diesem Hintergrund wurde von ei-
ner Reihe von Ökonomen und Politologen die Erklärungskraft des
vorherrschenden realistischen Paradigmas, das vom Vorrang von
„high politics“ (Sicherheit) und dem zentralen Stellenwert militäri-
scher Macht als Mittel der Politik ausgeht, angezweifelt (vgl. den
Beitrag von Andreas Jacobs in diesem Band). Durch eine Verknüp-
fung von Arbeiten aus dem Bereich der Ökonomie und Politikwis-
senschaft wurden Fragestellungen der internationalen politischen
Ökonomie (IPÖ) ins Zentrum gerückt (Morse 1969: 319-320; Stran-

4 Mittlerweile wird nicht mehr nur in der G8, sondern im Rahmen der G20 um ei-
ne weltwirtschaftliche Koordination der Krisenmaßnahmen gerungen.
102 Manuela Spindler
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

ge 1970; vgl. auch den Beitrag von Hans-Jürgen Bieling in diesem


Band). Die wichtigsten Impulse kamen von der Arbeit des amerika-
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

nischen Wirtschaftswissenschaftlers Richard Cooper The Economics


of Interdependence (1968), einer Reihe von Aufsätzen von Edward
Morse (v.a. „The Politics of Interdependence“, 1969) sowie Arbei-
ten von Robert O. Keohane und Joseph Nye zu transnationalen Be-
ziehungen (Nye/Keohane 1970a und 1970b).5 Einen wichtigen Ein-
fluss hatte ferner die Integrationstheorie der 1950er und 1960er Jah-
re (Neofunktionalismus), in der Änderungen in den Einstellungen
von politischen Entscheidungsträgern aufgrund sich intensivierender
transnationaler und transgouvernementaler Kontakte festgestellt
wurden und untersucht wurde, wie regionale Institutionen diesen
Prozess vorantreiben können (vgl. Keohane/Nye 1975: 394-401;
Nau 1979 sowie den Beitrag von Thomas Conzelmann in diesem
Band).
Zentral und wegweisend für eine erste politikwissenschaftliche
Konzeptualisierung von Interdependenz sind die Arbeiten von Keo-
hane und Nye, insbesondere ihr 1977 erschienenes Buch Power
and Interdependence. World Politics in Transition (im Folgenden
kurz ‚PaI‘). Mit PaI wird grundlegend ein Wandel, eine Verände-
rung in den Strukturen des internationalen Systems konstatiert,
dessen Merkmal eine Beschränkung der Handlungsfähigkeit von
Staaten – also ein Verlust an politischem Steuerungsvermögen –
mit Konsequenzen für das Erreichen nationaler wirtschaftlicher
und politischer Ziele aufgrund wechselseitiger Abhängigkeiten ist.
Gefragt wird nach den Handlungsmöglichkeiten nationalstaatli-
cher Politik unter diesen Bedingungen, also nach den geeigneten
politischen Instrumenten, auf diesen Wandel zu reagieren – und
zwar auf zwei Ebenen: (1) der Ebene der Außenpolitik (die Frage
der Optimierung außenpolitischen Handelns) sowie (2) der Ebene
internationaler Politik (Gestaltungsmöglichkeiten durch zwischen-
staatliche Kooperation).
Die Arbeiten von Keohane/Nye sollen im Folgenden im Mittel-
punkt stehen, da sie die Linien der Theoriebildung in den IB bis

5 Nye/Keohane stellen fest, dass transnationale Beziehungen – das heißt sämtliche


grenzüberschreitenden Kontakte, Koalitionen und Interaktionen von Akteuren
wie multinationalen Konzernen, Gewerkschaften oder Expertennetzwerken –
zunehmend zu einem Kontrollverlust nationaler Regierungen führen (Nye und
Keohane 1970a: xi).
Interdependenz 103
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

heute maßgeblich bestimmt haben.6 Dabei handelt es sich bei „In-


terdependenz“ grundsätzlich nicht um eine Theorie, sondern um
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

ein analytisches Konzept (häufig wird auch von „Interdependenz-


Analyse“ gesprochen), das in der nachfolgenden Theoriebildung
der IB (Regimetheorie und neoliberaler Institutionalismus, vgl.
auch den Beitrag von Bernhard Zangl in diesem Band) eine Schlüs-
selposition einnimmt. Eine intensive Auseinandersetzung mit dem
Konzept von Interdependenz ist nicht nur von theoretischem Inter-
esse. Die aus „Interdependenz“ bzw. der Interdependenzanalyse
folgende, in PaI theoretisch-konzeptuell untermauerte Empfehlung
einer globalen „Politik der Interdependenz“ durch internationale
Kooperation und Politikkoordination ist, wie allein das Beispiel
der gegenwärtigen Bewältigungsversuche der weltweiten Finanz-
krise zeigt, von nach wie vor hoher politischer Relevanz.

2. Interdependenz als Konzept in der


politikwissenschaftlichen Analyse: Robert O.
Keohane und Joseph S. Nye

2.1 Ist Interdependenz messbar? Interdependenz und


Verbundenheit

Ein Blick in die Debatte der 1970er Jahre zeigt, dass sich die Ant-
worten auf die Frage, ob Ausmaß und Intensität der internationalen
Verflechtung der Gegenwart diejenige vergangener Epochen über-
schreitet oder nicht, stark widersprechen (vgl. hier Deutsch/Eckstein
1961; Deutsch et al. 1967; Waltz 1970; Katzenstein 1975). So wei-
sen zum Beispiel Verfechter der These einer abnehmenden Interde-
pendenz wie Deutsch darauf hin, dass der Anteil des Außenhandels
am Bruttosozialprodukt in einer späteren Phase der industriellen Ent-
wicklung eines Landes sinkt. Ein Höhepunkt wird 1913 ausgemacht,
seitdem nehme Interdependenz mit zunehmender Industrialisierung

6 Für einen Einstieg in die Debatte zu Interdependenz in den 1970er und 1980er Jah-
ren wird ein Blick in die (entsprechend den genannten Ebenen fokussierten) Zeit-
schriften Foreign Policy und Foreign Affairs sowie International Organization und
World Politics – den Hauptaustragungsorten der Debatte – empfohlen.
104 Manuela Spindler
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

ab (vgl. dazu auch Rosecrance/Stein 1973: 5-6). Für andere dagegen


intensivierte sich Interdependenz zwischen 1950 und 1958 und ver-
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

ringerte sich seitdem (Rosecrance et al. 1977: 442). Für Autoren wie
Morse (1972), Cooper (1968) und Keohane/Nye dagegen wächst In-
terdependenz kontinuierlich seit 1945. Wie lassen sich diese unter-
schiedlichen, hier nur exemplarisch aufgeführten Einschätzungen
erklären?
Dies ist zum einen grundsätzlich eine Frage der Methoden zur
Erfassung von Interdependenz, die stark umstritten waren. Bei-
spiele für Methoden sind u.a. das „export percentage model“, mit
dem der prozentuale Anteil der Exporte von Land A zu Land B am
Gesamtimport von Land B gemessen wird oder das „chooser-chosen
GNP model“, mit dem das Verhältnis der internationalen Transak-
tionen eines Landes zu seinem Bruttosozialprodukt erfasst wird.
Diese Art der Erfassung reflektiert die stark an quantitativen Me-
thoden ausgerichtete Forschung der 1950er und 1960er Jahre.
Häufig wurden Korrelationen – also das gleichzeitige Auftreten
und Verändern der Werte von Variablen – als Indikatoren für zu-
grundeliegende Beziehungsmuster von Interdependenz gewertet:
wenn also beispielsweise ein Zusammenhang zwischen Änderun-
gen in den Handelsströmen und der Veränderung in zwei Typen
von ökonomischen Variablen – Preisen und Löhnen – festgestellt
wird. Hohe Werte der Korrelation wurden dabei als ein Signal für
ein hohes Maß an Interdependenz, niedrige für nur geringe Inter-
dependenz gesehen – mit dem Ergebnis, dass Interdependenz als
Korrelation zwischen Variablen im 20. Jahrhundert stark schwank-
te (zu den unterschiedlichen Methoden der Messung von Interde-
pendenz vgl. Tollison/Willett 1973; Tetrault 1980, 1981; Rosecran-
ce/Gutowitz 1981).7

7 Einwände gegen solche Methoden beziehen sich darauf, dass die Daten meist
auf der Basis von einzelnen Staaten oder Staaten in bilateralen Beziehungen
gewonnen werden (vgl. Tetrault 1980, 1981; zur Kritik an der Messung dyadi-
scher Effekte von Interdependenz aktuell Maoz 2009: 224; Gelpi/Grieco 2008:
18) oder dass qualitative Veränderungen internationaler Transaktionen (z.B. der
‚Austausch‘ von Handelsströmen als wichtigster Typus internationaler Aus-
tauschbeziehungen durch internationale Kapitalströme) nicht erfasst werden
(gemessen würde in diesem Fall lediglich ein Rückgang der Handelsströme).
Vgl. Morse 1969: 318.
Interdependenz 105
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Zum anderen haben diese unterschiedlichen Befunde jedoch mit


der Frage zu tun, was überhaupt gemessen wird bzw. welches Ver-
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

ständnis von Interdependenz der Messung zugrunde liegt. In den


obigen Ausführungen deutet sich an, dass oftmals Transaktionen
mit Interdependenz gleichgesetzt wurden. Sinnvoller ist es jedoch,
die Frage, ob Transaktionen zu- oder abgenommen haben, als
nicht identisch mit der Frage nach sich intensivierender oder ab-
nehmender Inderdependenz zu betrachten (vgl. Katzenstein 1975;
auch Jones 1995: 91f). Was gemessen wird, ist eher eine Verbun-
denheit („interconnectedness“) – ein Begriff, der von Inkeles
(1975: 469-70) in die Diskussion zu Interdependenz eingeführt
wurde: „Interconnectedness refers to the volume or frequency of
communication, interaction, or exchange between two sociocultu-
ral systems. It is most often expressed in the exchange of goods
and services, i.e., in trade (…)“.
Der Interdependenzbegriff von Autoren wie Morse, Cooper, Keo-
hane und Nye hebt nun auf die politische Signifikanz der empiri-
schen Interaktionen (also von Verbundenheit) ab – und damit auf ei-
nen Aspekt, der sich direkter Messbarkeit entzieht. Interdependenz
ist dabei gerade nicht abhängig von Umfang und Ausmaß der Trans-
aktionen: „Thus, politically significant interdependence is much hig-
her today than it was during the nineteenth century“ (Rosecrance/
Stein 1973: 12; Hervorhebung, M.S.). Dieser Gedanke soll im Fol-
genden ausführlicher entwickelt werden.

2.2 Der politische Interdependenzbegriff von


Keohane und Nye
Der Unterschied zwischen Verbundenheit und Interdependenz
wird von Keohane/Nye über das Kriterium der Kosten eingeführt:
Dort, und nur dort, wo Interaktionen wechselseitig Kosten verur-
sachen, liegt Interdependenz vor – wobei diese Kosten nicht not-
wendigerweise symmetrisch auf die in den Beziehungszusammen-
hang eingebundenen Akteure verteilt sein müssen. Wo Interaktio-
nen keine wesentlichen Kosten verursachen, besteht einfach eine
wechselseitige Verbundenheit (Keohane/Nye 1977: 9). Diese Un-
terscheidung zwischen Verbundenheit und Interdependenz über
das Kriterium der Kosten ist zentral für das Verständnis der Politik
106 Manuela Spindler
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

der Interdependenz bei Keohane/Nye und wird an späterer Stelle


im Detail aufgegriffen (vgl. Abschnitt 2.4). An dieser Stelle soll
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

zunächst festgehalten werden, dass Interdependenz für Keohane/


Nye grundsätzlich immer kostspielig ist, da sie die einzelstaatliche
Autonomie beschränkt und Anpassungsleistungen erforderlich
macht. Hier wird von den Autoren jedoch noch eine Abstufung
eingeführt, indem sie zwei Formen von Interdependenz unterschei-
den: Interdependenz-Empfindlichkeit („sensitivity“) und Interde-
pendenz-Verwundbarkeit („vulnerability“).
„Sensitivity involves degrees of responsiveness within a policy
framework – how quickly do changes in one country bring costly
changes in another, and how great are the costly effects?“ (Keohane/
Nye 1977: 12). Gemeint sind also Kosten, die entstehen, wenn es
keine politische Gegenreaktion eines Staates gibt, der von Verände-
rungen in einem anderen Staat betroffen ist, Politik mithin also kon-
stant bleibt. „Vulnerability can be defined as an actor’s liability to
suffer costs imposed by external events even after policies have been
altered.“ (Keohane/Nye 1977: 13) Die Verwundbarkeits-Dimension
von Interdependenz liegt also in den Kosten, die zu tragen sind, auch
wenn politische Gegenmaßnahmen ergriffen werden – wenn also
über einen bestimmten Zeitraum hinweg wirksame Anpassungen an
eine veränderte Umwelt vorgenommen werden müssen.
Die Verwundbarkeits-Dimension von Interdependenz liegt zudem
in der relativen Verfügbarkeit und Kostenintensität alternativer poli-
tischer Maßnahmen für die Akteure begründet (Keohane/Nye 1977:
13). Sie ist im Vergleich zu Interdependenz-Empfindlichkeit die
wichtigere Dimension von Interdependenz und besitzt im Konzept
von Keohane/Nye einen entscheidenden Stellenwert: „Vulnerability
interdependence is particularly relevant for the analysis of the
structure of relations“ (Keohane/Nye 1975: 370; Hervorhebung im
Original). Auch dieser Gedanke wird erst an späterer Stelle einer ge-
naueren Betrachtung unterzogen (vgl. Abschnitt 2.4).
Der Begriff der Interdependenz wird bei Keohane und Nye
nicht in einem teleologischen Sinne gebraucht, sondern als eine
Art ‚Zustandsbeschreibung‘: „Interdependence has normally been
defined simply as a condition“ (Keohane/Nye 1975: 366). Die Fra-
ge nach den Handlungsmöglichkeiten des Staates unter diesen
‚Bedingungen‘ ist nun die Kernfrage von PaI. Die Antworten dar-
auf versuchen Keohane/Nye in kritischer Abgrenzung zum realis-
Interdependenz 107
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

tischen Erklärungsmodell zu entwickeln, wobei sie grundsätzlich


Erklärungen auf der Analyseebene des internationalen Systems
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

(und nicht der Ebene des Staates) anstreben (Keohane/Nye 1977:


viii, 223).

2.3 Realismus und „komplexe Interdependenz“:


zwei Idealtypen

Es hätte nicht so viele Irritationen bei der Rezeption von PaI gege-
ben, würden Keohane/Nye nicht im Grunde genommen einen dop-
pelten Interdependenz-Begriff verwenden: Der Begriff der Interde-
pendenz, wie hier unter Abschnitt 2.2 eingeführt, ist nicht identisch
mit „komplexer Interdependenz“ (vgl. im Rückblick dazu auch Keo-
hane/Nye 1987: 730). Komplexe Interdependenz wird in PaI von
den Autoren als ein dem Realismus entgegengesetzter „Idealtypus“
des internationalen Systems konstruiert, indem sie die Grundannah-
men des Realismus einfach ‚umkehren‘. Die Konstruktion dieses
Idealtypus ist damit grundsätzlich als Teil der von den Autoren mit
PaI beabsichtigten Kritik am realistischen Erklärungsmodell zu ver-
stehen, deren Kernargumente im Folgenden entwickelt werden sol-
len.
Nach Keohane/Nye basieren realistische Erklärungsmuster der
internationalen Politik im wesentlichen auf drei Grundannahmen
(Keohane/Nye 1977: 23-24): (1) Staaten werden als in sich geschlos-
sene Einheiten und einzig wichtige, dominierende Akteure in der
Weltpolitik begriffen. (2) Macht ist das wirksamste Mittel der Po-
litik; die Ausübung oder Androhung von Gewalt ist das effektivste
Mittel der Machtausübung. (3) Es gibt eine klare Hierarchie der
Ziele internationaler Politik: Fragen militärischer Sicherheit („high
politics“) dominieren über Ziele im Bereich der Wirtschaft oder
soziale Angelegenheiten („low politics“).
In der ‚Umkehrung‘ dieser drei Grundannahmen liegt für Keoha-
ne/Nye nun der Idealtypus der komplexen Interdependenz (1977:
24-37):
(1) Staaten sind keine in sich geschlossenen Einheiten und nicht
alleinige Akteure in der Weltpolitik. Neben den klassischen zwi-
schenstaatlichen Beziehungen spielen transnationale Beziehungen
eine wichtige Rolle, d.h. neben den Staaten existieren weitere ein-
108 Manuela Spindler
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

flussreiche Akteure wie z.B. multinationale Konzerne, Banken oder


wissenschaftliche Expertengruppen („multiple channels of contact“).
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

(2) Militärische Macht besitzt in durch komplexe Interdepen-


denz gekennzeichneten Beziehungszusammenhängen nur eine un-
tergeordnete Bedeutung als Mittel der Politik.
(3) Es gibt keine vorgegebene Hierarchie in der Rangfolge von
Zielen in der internationalen Politik: Militärische Sicherheit ist nicht
mehr a priori höherrangig als Ziele im Bereich Wohlfahrt, vielmehr
existiert eine Vielfalt unterschiedlicher Problembereiche („issue
areas“).
Als Idealtypus widerspiegelt komplexe Interdependenz nun gera-
de nicht die politische Realität. Sie ist vielmehr eine analytische Be-
helfskonstruktion von heuristischem Wert oder – wie es die Autoren
ausdrücken – das Ergebnis eines „Gedankenexperiments“ (Keohane/
Nye 1987: 737). Für Keohane/Nye fallen ‚reale Situationen‘ in der
internationalen Politik in der Regel irgendwo zwischen die beiden
Extreme. Komplexe Interdependenz ist dabei manchmal realitätsnä-
her als das realistische Modell: Wenn das der Fall ist, dann sind für
die Autoren „traditionelle“ – also realistische – Erklärungen nicht
mehr anwendbar. Auf der Basis einer Einschätzung, in welchem
Maße die Annahmen des Realismus oder aber komplexer Interde-
pendenz eine konkrete Situation charakterisieren, muss nach Mei-
nung der Autoren vom Forscher eine Entscheidung getroffen wer-
den, welches Erklärungsmodell er für diese Problemsituation zur
Anwendung bringt (Keohane/Nye 1977: 24).
Allerdings stellen Keohane/Nye in PaI fest, „(...) that the con-
ditions of complex interdependence increasingly characterize
world politics in some important issue areas and among some
countries“ (Keohane/Nye 1977: 223; Hervorhebung, M.S.). Sie
machen komplexe Interdependenz annäherungsweise in den Be-
ziehungen der westlichen Industriestaaten (OECD-Welt), und zwar
speziell in den Problemfeldern globaler wirtschaftlicher und öko-
logischer Interdependenz, aus (Keohane/Nye 1977: 225-26).
Neben der allgemeinen Einschränkung auf die Beziehungen
zwischen den westlichen Industriestaaten gewinnt die Unterschei-
dung von Teilbereichen der Weltpolitik („issue areas“) wie Si-
cherheit, Wirtschaft und Umwelt einen zentralen Stellenwert. Keo-
hane/Nye gehen von der Gültigkeit und Anwendbarkeit beider Er-
klärungsmodelle (Realismus und komplexe Interdependenz) für
Interdependenz 109
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

jeweils ganz spezifische Problembereiche aus. Internationale Poli-


tik unter Bedingungen komplexer Interdependenz ist jedoch grund-
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

legend durch andere politische Prozesse gekennzeichnet als unter


realistischen Annahmen.
„Politische Prozesse“ meint dabei die Antwort auf die Frage, wie
Machtressourcen eines Staates in Macht als Kontrolle über Politi-
kergebnisse ‚übersetzt‘ werden. Im realistischen Erklärungsmodell
bestimmt die allgemeine Machtüberlegenheit eines Staates direkt die
Ergebnisse internationaler Politik. Unter Bedingungen komplexer
Interdependenz stellen Keohane/Nye dagegen eine Diskontinuität
zwischen allgemeiner Machtverteilung und den Politikergebnissen
in konkreten Verhandlungssituationen fest: Je mehr sich eine Situa-
tionsstruktur der komplexen Interdependenz annähert, desto weniger
lässt sich die generelle Machtüberlegenheit eines Staates („overall
power structure“) in die politischen Ergebnisse innerhalb einzelner
Politikbereiche ‚übersetzen‘, denn zwischen Machtressourcen und
Macht als Kontrolle über Politikergebnisse ‚wirkt‘ Interdependenz
als intervenierende Variable (vgl. Keohane/Nye 1977: 29-37):
(1) Es ist unter diesen Bedingungen schwieriger für militärisch
starke Staaten, ihre allgemeine Dominanz zur Kontrolle in Politik-
bereichen zu nutzen, in denen sie nicht überlegen sind. Die Macht-
verteilung und der Grad der Verwundbarkeit in spezifischen Prob-
lemfeldern wird also bedeutsam bei der Analyse der politischen
Prozesse.
(2) Die Möglichkeiten der Gestaltung von Agenden der inter-
nationalen Politik („agenda setting“) verändern sich. Eine erhöhte
Interdependenz führt dazu, dass z.B. innerstaatliche Gruppen oder
transnationale Akteure bestimmte Probleme politisieren können,
die zuvor als innerstaatlich betrachtet wurden und die nun Eingang
in internationale Agenden finden.
(3) Unter diesen Bedingungen kommt es zu einer neuen und
bedeutsamen Rolle internationaler Organisationen in der interna-
tionalen Politik. Internationale Organisationen nehmen Einfluss
auf die Gestaltung von Agenden, regen Koalitionsbildungen an
oder fungieren als Arenen für die Artikulation von Interessen eher
schwacher Staaten.8

8 Keohane/Nye kommen zu diesen Ergebnissen durch Fallstudien, die anhand von


vier Strukturmodellen vorgenommen werden. Die Fallstudien erstrecken sich
110 Manuela Spindler
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

2.4 Die Politik der Interdependenz


um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Macht und Interdependenz

Für die Untersuchung von Keohane und Nye in PaI ist die Frage
zentral, wie unter den Bedingungen von Interdependenz durch
Staaten Macht ausgeübt werden kann (daher auch der Titel: Power
and Interdependence). Interdependenz – die sich komplexer Inter-
dependenz mehr oder weniger annähert – wird als intervenierende
Variable eingeführt: Sie ‚wirkt‘ zwischen Macht als der unabhän-
gigen und den Ergebnissen des politischen Prozesses als der ab-
hängigen Variablen. Als ‚condition‘ verändert sie damit Kontext
und Struktur internationaler Verhandlungen. Das Problem für die
Politik ergibt sich daraus, dass Interdependenz immer ‚kostspielig’
ist: Sie beschränkt die politische Handlungsautonomie von Staa-
ten, die z.B. in der Geld- und Währungspolitik, Steuerpolitik, Unter-
nehmensregulierung oder bei der Umsetzung redistributiver Pro-
gramme nicht mehr autonom agieren können und erfordert damit
eine Anpassungsleistung an die veränderten Bedingungen.9 Das
heißt, Interdependenz generiert aufgrund des Kosteneffektes ein
klassisches Problem politischer Strategie. Mit ihr einher gehen
Versuche, die Anpassungskosten zu umgehen oder abzuwälzen.
Das Interesse des einzelnen Staates besteht also in der Verteilung
der aus internationalen Austauschbeziehungen resultierenden Kos-
ten und Nutzen jeweils zu seinen Gunsten. PaI basiert grundsätz-
lich auf der Annahme rationaler, aufgrund von egoistischem Eigen-
interesse und Kosten-Nutzen-Kalkülen handelnder Akteure, die in
Folge von Interdependenz unter nunmehr veränderten Bedingun-
gen agieren müssen, denn Interdependenz legt der Realisierung ih-
res jeweils egoistischen Eigeninteresses Beschränkungen auf. PaI

auf die Problemfelder der internationalen Meeres- und Währungspolitik sowie


die bilateralen Beziehungen zwischen den USA und Kanada bzw. USA und Aus-
tralien. Hier kann jedoch nicht näher darauf eingegangen werden. Vgl. Keoha-
ne/Nye 1977: Kap. 3 und 4-7.
9 „Autonomie“ meint die Fähigkeit von Regierungen, Ziele nationaler wirtschaft-
licher Entwicklung formulieren und realisieren zu können, die von denen ande-
rer Staaten abweichen. Nationale Autonomie unterscheidet sich konzeptionell
von „wirtschaftlicher Autarkie“ und „politischer Souveränität“. Vgl. dazu Cooper
1968: 4-5.
Interdependenz 111
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

ist damit angesiedelt im Spannungsverhältnis zwischen einer staa-


tenzentrierten Sichtweise des Realismus und der konstatierten He-
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

rausbildung einer Weltwirtschaft, die sich dem einzelstaatlichen


Steuerungsvermögen entzieht und für die daher neue politische
Organisationsformen gefunden werden müssen. Machtpotenziale
und damit Handlungsmöglichkeiten entspringen unter diesen Be-
dingungen dem Umstand, dass es sich in den einzelnen Politikfel-
dern in der Regel um asymmetrische Interdependenz handelt. Das
heißt, Staaten sind in verschiedenen Politikfeldern unterschiedlich
verwundbar, die Anpassungskosten also nicht gleichmäßig auf die
in den Beziehungszusammenhang eingebundenen Akteure verteilt.
Interdependenz-Verwundbarkeit beinhaltet damit eine strategische
Dimension: Für Staaten in Positionen relativer Unverwundbarkeit
(relativ, d.h. im Vergleich zu den anderen in den Beziehungszu-
sammenhang eingebundenen Akteuren) eröffnet sich die Möglich-
keit der Manipulation des internationalen Systems zur Verwirkli-
chung ihres Eigeninteresses. Sie werden versuchen, asymmetri-
sche Interdependenz als Machtquelle zu nutzen und internationale
Organisationen zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Das Problem
stellt sich für Keohane/Nye auf zwei Ebenen:
(1) „From the foreign-policy standpoint, the problem facing in-
dividual governments is how to benefit from international exchange
while maintaining as much autonomy as possible.“ (2) „From the
perspective of the international system, the problem is how to gen-
erate and maintain a mutual beneficial pattern of cooperation in
the face of competing efforts by governments (and nongovern-
mental actors) to manipulate the system for their own benefit.“
(Keohane/Nye 1987: 730; Hervorhebung, M.S.)
Spätestens an diesem Punkt tritt das politisch motivierte Er-
kenntnisinteresse von PaI hervor, ist es doch erklärtes Ziel von Keo-
hane/Nye, mit ihrer Arbeit zu einer Optimierung amerikanischer
Außenpolitik angesichts der sich spätestens Anfang der 1970er
Jahre offenbarenden „autonomy illusion“ beizutragen, indem sie
dem bis dahin vorherrschenden realistischen Modell eine alternati-
ve wissenschaftliche Politikempfehlung entgegensetzen (Keohane/
Nye 1975: 359, 1977: vii-viii, 242).
Keohane/Nye halten zunächst fest, dass „[u]nilateral leadership
under the conditions of complex interdependence is (…) unlikely
to be effective“ (1977: 232) und erwägen Möglichkeiten einer
112 Manuela Spindler
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

neoisolationistischen Strategie.10 Unter Verweis auf die Kosten


wird diese Strategie jedoch wieder verworfen bzw. darauf hinge-
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

wiesen, dass es noch eine weitere Möglichkeit gibt, die eigene In-
terdependenz-Verwundbarkeit zu reduzieren: „Reducing one’s
vulnerability to external events can be part of a neoisolationist
strategy; but it can also be one element in a strategy of policy
coordination and international leadership“ (Keohane/Nye 1977:
239; Hervorhebung, M.S.). Keohane/Nye unterscheiden grund-
sätzlich drei „Typen“ von „international leadership“ – Hegemonie,
Unilateralismus und Multilateralismus – und sprechen sich ange-
sichts des Verlustes amerikanischer Hegemonie und der Unwirk-
samkeit von Unilateralismus unter Interdependenzbedingungen für
Multilateralismus als wissenschaftliche Empfehlung für eine Poli-
tik der Interdependenz aus: „[multilateralism] is based on action to
induce other states to help stabilize an international regime“ (1977:
231).
Empfohlen wird also eine aktive und führende Rolle der USA
im Bemühen um internationale Politikkoordination, basierend auf
der Überzeugung, dass internationale Kooperation und deren ‚Ver-
stetigung‘ durch die Bildung und Stabilisierung internationaler
Organisationen und Regime eine geeignete Strategie sind, die aus
Interdependenz resultierenden Konflikte einer für alle Seiten ge-
winnbringenden kooperativen Bearbeitung zuzuführen (vgl. dazu
auch Spindler 2008). Dieser Gedanke wurde v.a. von Keohane in
den 1980er Jahren in Form der Regimetheorie sukzessive weiter-
entwickelt, welche in einem eigenständigen Beitrag in diesem
Band dargestellt wird (vgl. den Beitrag von Bernhard Zangl). Der
Grundgedanke soll aus systematischen Gründen jedoch im Fol-
genden kurz umrissen werden.

10 Beispielsweise werden zur Verringerung der Verwundbarkeit bezüglich des Öl-


problems kurzfristig Möglichkeiten von Importrestriktionen, eine Diversifizie-
rung der Bezugsquellen, das Anlegen einer Ölreserve und Rationierungspläne
für den Fall der Ressourcenknappheit erwogen, langfristig wird für Investitio-
nen zur Erforschung alternativer Energiequellen plädiert. Vgl. Keohane/Nye
1977: 239.
Interdependenz 113
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Interdependenz, Kooperation und internationale Institutionen


um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Durch Interdependenz charakterisierte Beziehungszusammenhän-


ge v.a. im wirtschaftlichen und ökologischen Bereich bergen für
Keohane/Nye grundsätzlich die Möglichkeit gemeinsamer Gewinne
durch internationale Kooperation (Keohane/Nye 1977: 32). Dies re-
sultiert daraus, dass die Verwirklichung der Ziele der einzelnen Staa-
ten von den Entscheidungen aller in den interdependenten Bezie-
hungszusammenhang eingebundenen Staaten abhängt („collective
action problem“). Durch die unilaterale Verfolgung der Ziele bleibt
die Erzeugung oder Verteilung eines erstrebten Gutes (wie wirt-
schaftlicher Reichtum, Sicherheit, Umweltschutz) für alle Staaten
unter dem Optimum – also ein unbefriedigendes Resultat für alle.
Für Keohane/Nye führt Interdependenz daher unter bestimmten Be-
dingungen zu einem Interesse der rational handelnden ‚Egoisten‘ an
Kooperation (Keohane 1984: 8). Interdependenz ist dabei beides: die
Bedingung der Möglichkeit von Kooperation und die Ursache des
Bedarfs für Kooperation. Die Einsicht in diese Beziehungsstruktur
bildet die Voraussetzung für kooperatives Verhalten, wobei die Exis-
tenz interdependenter Beziehungszusammenhänge keinesfalls Ko-
operation im Sinne eines ‚Automatismus‘ nach sich zieht, sondern
immer an bestimmte Bedingungen geknüpft ist (vgl. ausführlich den
Beitrag von Bernhard Zangl).
Zusammenfassend kann festgehalten werden: Mit PaI wurde
durch Keohane/Nye für die 1970er und 1980er Jahre eine politik-
wissenschaftlich fundierte Basis für das politische Bemühen der
westlichen Industriestaaten unter Führung der USA um eine Poli-
tikkoordination in multilateralen internationalen Institutionen (wie
beispielsweise dem GATT oder dem IWF) gelegt.

3. Theorieinterne Ausdifferenzierung und


Weiterentwicklungen
Keohane/Nye haben Interdependenz als „condition“ – und damit
als einen ‚Zustand‘ begriffen, der als intervenierende Variable zur
Modifikation des realistischen Erklärungsmodells internationaler
Politik eingeführt wurde. Dieses Verständnis muss grundsätzlich
114 Manuela Spindler
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

von anderen Auffassungen abgegrenzt werden, die Interdependenz


in einem teleologischen oder auch normativen Sinne verstehen und
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

auf der Basis eher idealistischer Vorstellungen von einer durch In-
terdependenz getriebenen Transformation des internationalen Sys-
tems ausgehen oder diese für wünschenswert erachten (vgl. dazu
die in der Einleitung bereits erwähnten Klassiker Angell 1910;
Muir 1933; auch Morse 1976). In der von Keohane/Nye entwi-
ckelten Konzeptualisierung hatte die Interdependenzanalyse weit-
reichende Implikationen für die Theorieentwicklung in den Inter-
nationalen Beziehungen, waren in ihr doch bereits diejenigen theo-
retischen ‚Pfade‘ angelegt, die zu der äußerst einflussreichen Re-
gimetheorie und zum Neoliberalen Institutionalismus führten (vgl.
dazu den Beitrag von Bernhard Zangl in diesem Band). Diese Wei-
terentwicklungen sowie einige weitere theoretische Ausdifferen-
zierungen verdienen daher im Folgenden besondere Beachtung.
Es sind in erster Linie die Überlegungen zu den Möglichkeiten
der Machtausübung in interdependenten Beziehungszusammen-
hängen, d.h. die Problematik der aus asymmetrischer Interdepen-
denz erwachsenden Handlungs- und Steuerungspotenziale sowie
die Überlegungen zu internationalen Regimen , die bereits in PaI
am umfassendsten entwickelt waren und welche durch die nach-
folgende Regimetheorie eine weitere Ausdifferenzierung erfuhren.
Interdependenz verändert Struktur und Kontext zwischenstaatli-
cher Interaktion und eine Analyse von Interdependenz benötigt ein
Konzept internationaler Verhandlungen. Die beiden zentralen
Punkte – dass internationale Agenden manipuliert werden können
und dass internationale Organisationen die Effekte von Interde-
pendenz modifizieren und regulieren können – waren prädestiniert
für eine Verknüpfung des Konzeptes mit Theorien internationaler
Verhandlungen und Kooperation bzw. für die Entwicklung der
spieltheoretischen Variante der Regimetheorie – insbesondere auch
für Arbeiten zu issue linkage – also der Verknüpfung von Problem-
feldern (vgl. hier u.a. Stein 1980; Haas 1980; Sebenius 1984; Oye
1986) sowie für Studien über die zunehmende Bedeutung kollek-
tiver Güter (u.a. Benjamin 1980; Ostrom 1990). Keohane/Nye ha-
ben mit ihren regimetheoretischen ‚Vorarbeiten‘ durch PaI in den
1970er Jahren grundsätzlich zu einer Renaissance des Studiums
internationaler Institutionen beigetragen und damit den Neolibe-
ralen Institutionalismus in den IB mitbegründet (vgl. den Beitrag
Interdependenz 115
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

von Bernhard Zangl in diesem Band, auch Spindler 2008). Zu den


von Keohane/Nye und insbesondere Keohane bereits in den
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

1970er und 1980er Jahren erarbeiteten „Kernelementen“ des neo-


liberal- institutionalistischen Forschungsprogramms zählen (1) ein
neuer Fokus auch auf nicht-staatliche Akteure, insbesondere inter-
nationale Institutionen, (2) eine differenzierte Betrachtung von
Machtformen jenseits militärischer Macht und Bedrohung, (3) die
theoretische Reflexion eines sowohl anarchischen als auch inter-
dependenten internationalen Systems sowie (4) die Erforschung
von Konflikt und Kooperation in den internationalen Beziehun-
gen, insbesondere der Bedingungen von zwischenstaatlicher, in-
stitutionalisierter Kooperation und der Möglichkeiten und Formen
von global governance (vgl. Milner 2009). Auf diese „Kernele-
mente“ wurde vielfach Bezug genommen. Sie wurden weiterent-
wickelt und auf neue Forschungsgebiete ausgedehnt.11 In theore-
tisch-konzeptueller Hinsicht erwiesen sich die Arbeiten von Keo-
hane/Nye und insbesondere Keohane von enormer Prägekraft für
nachfolgende Generationen von Wissenschaftlern und Wissen-
schaftlerinnen in den IB und führten zur Etablierung eines kom-
plexen neoliberalen Forschungsprogramms mit nicht nur theoreti-
scher, sondern mit ihrem Plädoyer für Multilateralismus und inter-
nationale Institutionen auch hoher praktisch-politischer Relevanz.
Die aktuellen Schriften Keohanes zeugen von einem bemer-
kenswerten Anpassungsvermögen der Theorie und Konzepte an
aktuelle Prozesse des Wandels in der internationalen Politik. Zen-
tral sind nunmehr Konzepte wie „Globalisierung“, „globalism“
und „governance“. Fragten Keohane/Nye in PaI noch, wie unter
den Bedingungen von Interdependenz durch Staaten Macht ausge-
übt werden kann (vgl. Abschnitt 2.4.), so ist dieses Leitmotiv auch
in neueren Werken klar erkennbar: Das Kernproblem ist die
Machtausübung und politische Steuerung jenseits des Staates (go-
vernance) unter Globalisierungsbedingungen (vgl. beispielsweise

11 Einen guten Überblick zum Neoliberalen Institutionalismus bietet Milner 2009.


Zentrale Arbeiten im Kontext des neoliberal-institutionalistischen Forschungs-
programms, die auf Kernideen von Keohane/Nye und Keohane aufbauen, sind
beispielsweise Legalization and World Politics (Goldstein/Kahler/Keohane/
Slaughter 2001), The Rational Design of International Institutions (Koremos/
Lipson/Snidal 2003) und Delegation and Agency in International Organizations
(Hawkins/Lake/Nielson/Tierney 2006); vgl. Milner 2009: 3).
116 Manuela Spindler
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

die Aufsatzsammlung in Keohane 2002: Power and Governance


in a Partially Globalized World). 12
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Die Konzeptualisierung von Interdependenz war jedoch nicht


nur Ausgangspunkt für weiterführende kooperations- und institu-
tionentheoretische Überlegungen, sondern auch für Untersuchun-
gen zum Zusammenhang von wechselseitiger Abhängigkeit und
zwischenstaatlichen Konflikten sowie zu Fragen eine erhöhten
Konflikt- und Gewaltträchtigkeit im internationalen System durch
wechselseitige Abhängigkeiten allgemein. In dieser Hinsicht gin-
gen wichtige Impulse für empirische Überprüfungen der schon al-
ten liberalen These von der pazifizierenden Wirkung internationa-
ler Handelsbeziehungen (pax mercatoria) aus. Gefragt wird nach
den Kausalitäten im Zusammenhang von ökonomischer Interde-
pendenz und Konflikten in den politischen Beziehungen zwischen
Staaten (u.a. Gasiorowski/Polachek 1982; Barbieri 1996, 2002;
Crescenzi 2005; Copeland 1996; Mansfield 1994, vgl. auch die
Beiträge in Mansfield/Pollins 2003). Die liberale Annahme eines
grundsätzlichen „trade-peace-linkage“ in den zwischenstaatlichen
Beziehungen und dessen „Ausweitung“ im Sinne einer Pazifizie-
rung des internationalen Systems, wird durch empirische Untersu-
chungen gestützt (u.a. Maoz 2009: 234). Der Zusammenhang
muss jedoch dahin gehend spezifiziert werden, als er sich nicht für
alle Staaten gleichermaßen feststellen lässt. Die Robustheit der Be-
funde schwankt in Abhängigkeit vom Typus der politischen Sys-
teme (Gelpi/Grieco 2008). Interdependenzanalytische Untersuchun-
gen zeigen einen besonders starken Zusammenhang von Interde-
pendenz und Frieden in den Beziehungen zwischen Demokratien:
„Trade among democratic states may shift the decision to use mi-
litary force from the category of ‚very unlikely‘ to the category of
‚virtually unthinkable‘ (Gelpi/Grieco 2008: 30). Ökonomische In-
terdependenz ist damit ein wichtiger, wenn auch in Relation zum
Faktor „Demokratie“ nachrangiger Teil der theoretischen Erklä-

12 Keohane selbst fasst die Weiterentwicklung seines theoretischen Programms


„from interdependence and institutions to globalization and governance“ (Keo-
hane 2002: 1) in vier Entwicklungsschritten und -linien zusammen: (1) „from
interdependence to institutional theory“, (2) „from institutions to law“, (3)
„from interdependence to globalism“ (Konzept des „thick globalism“) und (4)
„from institutions to governance“ (Keohane 2002: 1-24). Vgl auch die von Mil-
ner/Moravcsik (2009) herausgegebene Festschrift für Keohane.
Interdependenz 117
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

rung des interdemokratischen Friedens (vgl. auch den Beitrag von


Andreas Hasenclever in diesem Band).
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Dies gilt auch für Studien zur Friedensleistung internationaler


Institutionen. Dahinter verbirgt sich die These einer zunehmenden
„Zivilisierung“ der internationalen Beziehungen durch deren Ver-
regelung in internationalen Institutionen. Postuliert wird ein Zu-
sammenhang zwischen Interdependenz und dem daraus erwach-
senden Kooperationsbedarf und dem Rückgang militärischer Ge-
walt als Mittel der Konfliktbearbeitung im internationalen System
(u.a. Efinger et al. 1990: 279; de Wilde 1991; im Überblick auch
Spindler 2008). Die Feststellung einer allgemein verminderten
Gewalttätigkeit in den internationalen Beziehungen durch interna-
tionale Institutionen ist jedoch spezifizierungsbedürftig, lässt sich
die „Zivilisierung“ doch in erster Linie für die Beziehungen zwi-
schen den westlichen Industriestaaten feststellen. Sie betrifft also
jene Gruppe von Staaten, deren Beziehungen Keohane/Nye in PaI
mit dem Begriff einer zunehmenden komplexen Interdependenz
umschrieben haben und für deren Beziehungen – der Logik von
PaI folgend – eine besonders hohe Verregelungsdichte durch eine
Vielzahl von Institutionen nicht überraschend ist. Auch damit
werden Fragen der jüngeren Forschung zum so genannten „demo-
kratischen Frieden“ (oder auch „OECD-Frieden“) berührt, mit de-
nen die Zusammenhänge zwischen der internen demokratischen
Verfasstheit von Staaten, ihrer externen Einbindung in die zwi-
schen ihnen bestehenden internationalen Institutionen und dem
Befund der Abwesenheit von Gewalt als Mittel des Konfliktaus-
trags in ihren Beziehungen ergründet werden sollen (insbesondere
Russett/Oneal 2001; vgl. ausführlich den Beitrag von Andreas Ha-
senclever in diesem Band). In diesem Zusammenhang ist es be-
dauerlich, dass gerade das Konzept „komplexer Interdependenz“
in PaI wenig entwickelt und unterbewertet geblieben ist.
Dies betrifft auch einen weiteren Aspekt, der aus der Vernachläs-
sigung von „komplexer Interdependenz“ resultiert: die verpasste
Chance eines angemessenen theoretischen Erfassens der Rolle trans-
nationaler Akteure, wie z.B. multinationaler Konzerne oder anderer
grenzüberschreitend tätiger gesellschaftlicher Akteure. Dies ist
grundsätzlich ein Problem der Analyseebene von PaI. Keohane/ Nye
verharren mit ihren Erklärungen auf der Ebene des internationalen
Systems und vertreten eine staatenzentrierte Sichtweise, in der wie
118 Manuela Spindler
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

im Realismus Staaten als dominante Akteure und in sich geschlosse-


ne Einheiten betrachtet werden. Es liegt damit in der Logik der skiz-
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

zierten systemischen Perspektive, dass der Fokus auf internationale


Institutionen (bzw. Organisationen) als die einzig theoretisch rele-
vanten nicht-staatlichen Akteure gerichtet bleibt (siehe auch Milner
2009). Eine Betrachtung der Binnendifferenzierung der Staaten wird
damit vernachlässigt, obwohl transnationale Beziehungen und damit
das Handeln gesellschaftlicher Akteure als wesensbestimmend für
internationale Interdependenz gewertet werden, das heißt gerade bei
der Konzeptualisierung von „komplexer Interdependenz“ die strikte
Trennung zwischen dem Binnenbereich eines Staates und dem Sys-
temischen ja aufgebrochen wird. Das Zustandekommen von staat-
lichen Interessen z.B. durch die Einflussnahme gesellschaftlicher
Akteure, transgouvernementaler Netzwerke und policy communities
kann durch den Fokus auf die systemische Ebene nicht erklärt wer-
den, wie auch umgekehrt die Implikationen einer internationalen
Politik der Interdependenz für den binnenstaatlichen Bereich nicht
thematisiert werden können. Empirisch fruchtbare Ergebnisse wur-
den in Arbeiten zu Interdependenz nur möglich, wenn die systemi-
sche Ebene verlassen und die wechselseitige Abhängigkeit einer be-
grenzten Anzahl von Staaten in einzelnen Politikfeldern untersucht
wurde, in denen die Wechselwirkung innenpolitischer, transnatio-
naler und zwischenstaatlicher Prozesse berücksichtigt wurde (Koh-
ler-Koch 1994: 224). Andere Autoren haben mit ihren Arbeiten auf
dieses Problem hingewiesen und den Fokus der Analyse auf die
staatliche Ebene ausgedehnt (vgl. dazu u.a. Gourevitch 1978; Kat-
zenstein 1978, 1985; vgl. auch die Beiträge in Milner/Moravscsik
2009). Hier offenbart sich eine generelle Unmöglichkeit der weite-
ren Entwicklung des Konzepts von Interdependenz ohne Abstriche
an der systemischen Perspektive zu machen. Erwähnt werden muss
in diesem Zusammenhang, dass in der Frage der Analyseebene
wichtige Einsichten von Keohane/Nye, die in ihren PaI vorausge-
henden Arbeiten zu transnationalen Beziehungen bzw. dem „world
politics paradigm“ noch einen entscheidenden Stellenwert besaßen,
offenbar ‚verloren‘ gingen: Noch 1970 erhoben sie den Anspruch
„to transcend the ‚level-of analysis problem‘ both by broadening the
conception of actors to include transnational actors and by concep-
tually breaking down the ‚hard shell‘ of the nation-state“ (Nye/Keo-
hane 1970b: 380).
Interdependenz 119
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Schließlich haben Keohane und Nye mit ihren Arbeiten in den


1970er Jahren maßgeblich zur Herausbildung der Internationalen
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Politischen Ökonomie (IPÖ) als neue akademische Disziplin bei-


getragen (vgl. auch den Beitrag von Hans-Jürgen-Bieling in die-
sem Band; auch Moravcsik 2009). Gleichzeitig hat die starke Fo-
kussierung auf ökonomische Interdependenz Kritik hervorgerufen,
da sie Aspekte strategischer und institutioneller Interdependenz
vernachlässigt. Maoz (2009) versucht gleich mehrere Defizite des
ursprünglichen Konzepts von Interdependenz zu beheben, indem
er auf der Grundlage eines sozialen Netzwerkansatzes ein Analy-
seebenen übergreifendes, multidimensionales Interdependenzmo-
dell entwickelt, das Aspekte ökonomischer, strategischer und insti-
tutioneller Interdependenz integriert und deren Auswirkungen auf
die Konflikthaftigkeit der Beziehungen zwischen Staaten wie auch
auf der Ebene des internationalen Systems insgesamt zu erfassen
versucht.

4. Kritische Betrachtungen des Konzepts der


Interdependenz
Es gibt weitere Gründe für eine Problematisierung des Konzepts der
„komplexen Interdependenz“, die sich nicht durch „Weiterentwick-
lungen“ beheben ließen. Keohane/Nye müssen sich den Vorwurf ge-
fallen lassen, bei der Konzeptualisierung tautologisch vorgegangen
zu sein: Bezüglich der Implikationen von Interdependenz für staatli-
ches Handeln argumentieren sie, dass ein hoher Grad an wechselsei-
tiger Abhängigkeit zu einer veränderten Sicht außenpolitischer Ziele
und zu einem Wechsel in der Wahl der politischen Mittel führe. Ge-
nannt werden ein neuer Stellenwert von Wohlfahrts- gegenüber Si-
cherheitszielen, die nur noch untergeordnete Bedeutung militärischer
Gewalt als Mittel der Politik sowie eine zunehmende Bedeutsamkeit
einzelner Politikfelder (vgl. Abschnitt 2.3). Eben diese Veränderun-
gen werden jedoch bei der Charakterisierung des internationalen Sys-
tems als bereits gegeben unterstellt. Das heißt, Ziele und Instrumente
staatlicher Politik tauchen bei Keohane/Nye sowohl als Merkmale
als auch als Folgen komplexer Interdependenz auf, wie sie später
selbst eingestehen: „Since we define complex interdependence in
120 Manuela Spindler
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

terms of the goals and instruments of state policy, any general argu-
ments about how goals and instruments are affected by the degree to
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

which a situation approximates complex interdependence or realism


will be tautological“ (Keohane/Nye 1987: 738). Eine in sich konsis-
tente und methodisch umsetzbare Alternative zum Realismus konnte
auf dieser Basis nicht entwickelt werden. Keohane und Nye selbst
fassen die Ergebnisse ihrer Arbeit sehr treffend zusammen:
“Ironically (…) the result of our synthetic analysis in Power and Inter-
dependence, and of subsequent work such as Keohane’s After Hegem-
ony, has been to broaden neorealism and provide it with new concepts
rather than to articulate a coherent alternative theoretical framework
for the study of world politics” (Keohane/Nye 1987: 733).
Für (Neo-)Realisten scheitert PaI nicht nur daran, keine Alternati-
ve bieten zu können, sondern grundsätzlich auch keine fundierte
Kritik am Realismus zu liefern. Dies resultiere nicht zuletzt aus
der stark vereinfachten Präsentation des Realismus, mit der Keo-
hane/Nye einfach einen „straw man“ aufgestellt hätten (vgl. u.a.
Michalak 1979: 145-150; Holsti 1978: 525). Kenneth Waltz, der
Hauptvertreter des Neorealismus, hat sich eingehender mit der
Problematik von Interdependenz befasst und bezeichnet Interde-
pendenz auf der zwischenstaatlichen Ebene schlichtweg als „My-
thos“ (Waltz 1970; auch Mearsheimer 2001). In seinem Erklä-
rungsmodell wird internationale Ordnung über die Interaktion
funktional gleicher Einheiten („units“, die Staaten) hergestellt, die
sich im Selbsthilfesystem in erster Linie um ihre Sicherheit sorgen
und sich lediglich hinsichtlich ihrer Machtpotenziale („capabili-
ties“) unterscheiden (vgl. den Beitrag von Niklas Schörnig in die-
sem Band). Interdependenz kann es für Waltz jedoch nur dort ge-
ben, wo es eine Arbeitsteilung oder Spezialisierung der Einheiten
gibt. Aus der Logik des neorealistischen Erklärungsmodells heraus
muss Interdependenz im internationalen System daher gering sein.
Waltz begreift Interdependenz grundsätzlich als eine Beziehung,
deren Abbruch hohe Kosten verursachen würde. Daher sind für
ihn auch die ungleichen Machtpotenziale der Staaten weitere Indi-
katoren für eine nur geringe Interdependenz. Die mächtigsten Staa-
ten im System können sehr schnell wirtschaftliche Autarkie und
damit Unabhängigkeit erlangen: „high inequality among like units
is low interdependence“ (Waltz 1970: 207; Hervorhebung im Ori-
Interdependenz 121
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

ginal). Die Wirtschaftspolitik der mächtigen Staaten hat zwar be-


deutsame Effekte für andere Staaten, jedoch ist dies umgekehrt nur
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

marginal der Fall. Für Waltz existiert damit keine politisch bedeut-
same Interdependenz, sondern eine ungleiche Verteilung von Un-
abhängigkeit („independence“) und Abhängigkeit („dependence“)
in den internationalen Beziehungen (Waltz 1970: 214). Als „My-
thos“ verschleiert „Interdependenz“ für ihn die Machtverhältnisse
im internationalen System.
Eine ganze Reihe von Kritikpunkten lässt sich als Fehlen einer
„Theorie der Interdependenz“ zusammenfassen (Kohler-Koch
1990: 119; Zürn 2002: 235):
Wie entsteht eigentlich Interdependenz? Es mag überraschen,
dass diese Frage erst im Kritikteil aufgeworfen wird, jedoch ver-
mögen Keohane/Nye genau auf diese Frage keine Antwort zu ge-
ben. Die Frage nach den Triebkräften und zugrundeliegenden Ur-
sachen von Interdependenz (wie auch von Globalisierung) ist
grundsätzlich eng verknüpft mit der breiteren Debatte über die
Moderne. Hier findet sich häufig ein diffuser Verweis auf unper-
sönliche „Kräfte der Modernisierung“. In dieser Perspektive wird
Interdependenz zum Ergebnis eines von Technologie, Ökonomie
und Kommunikationsmitteln vorangetriebenen Prozesses (vgl.
auch Morse 1970). Damit kontrastieren Sichtweisen, die das ziel-
und zweckgerichtete Handeln menschlicher Akteure (also nicht un-
persönliche ‚Kräfte‘ und ‚Prozesse‘) und damit politische Ent-
scheidungen und die dahinter stehenden Interessen von politischen
und wirtschaftlichen Akteuren als Quellen sich intensivierender
Interdependenz ausmachen.
In der von Keohane/Nye gewählten Perspektive werden wech-
selseitige Abhängigkeiten als ein ‚gegebener Zustand‘ betrachtet,
der in nicht näher erklärter Form durch „Modernisierungskräfte“
herbeigeführt wurde (Keohane/Nye 1977: 227-28). Hier gilt es le-
diglich zu klären, wie unter diesen Bedingungen politische Steue-
rungspotenziale bewahrt oder neue Formen politischer Steuerung
gefunden werden können. In einer ahistorischen Betrachtungswei-
se setzt das von Keohane/Nye entwickelte Konzept der Interde-
pendenz in den 1970er Jahren überhaupt erst an (vgl. auch de Wil-
de 1991). Das Nachdenken über die Ursachen und Triebkräfte von
Interdependenz wird also nicht zum Bestandteil der theoretischen
Überlegungen von Keohane/Nye und macht ihre Arbeit in der
122 Manuela Spindler
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Folge angreifbar. Dies betrifft in erster Linie die vernachlässigte


Rolle des Staates und damit eng verknüpft die Frage der politi-
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

schen Gestaltbarkeit von Interdependenz sowie den Vorwurf der


Ideologie.
Edward Morse (1972: 135ff) verweist auf das grundsätzliche
Zusammenspiel der „Modernisierungskräfte“ mit der politischen
Bereitschaft zur Verdichtung der internationalen Austauschbezie-
hungen, z.B. das Bemühen der Regierungen der Industriestaaten,
die Barrieren für wirtschaftlichen Austausch zu senken und abzu-
bauen. Dies geschieht im Bereich des Handels beispielsweise über
die multilateralen Verhandlungsrunden im Rahmen von GATT/
WTO oder auch durch die Vereinbarung von Freihandelszonen,
Zollunionen oder Gemeinsamer Märkte. Interdependenz wird da-
mit wesentlich zur Funktion zweier dominanter Charakteristika der
Moderne: des Systems von Nationalstaaten und des industriellen
Kapitalismus. Sie birgt im Kern die Frage politischer Entschei-
dungen, mit denen die politisch-rechtlichen Rahmenbedingungen
geschaffen werden, innerhalb derer sich die „Kräfte der Moderni-
sierung“ entfalten können – und damit die Rolle des Staates in
dem von Technologie und Ökonomie vorangetriebenen Prozess
(vgl. Jones 1995: 48). Keohane/Nye thematisieren die Rolle des
Staates in diesem Prozess erst gar nicht. Internationale Interdepen-
denz bleibt in ihrem theoretischen Ansatz damit zum Staat ‚extern‘
(Strange 1994: 20-21).
Am Beispiel des Aufkommens multinationaler Konzerne und
bei der Integration der Finanz- und Kapitalmärkte soll dieses Zu-
sammenspiel von politischen Entscheidungen und „Modernisie-
rungskräften“ kurz illustriert werden. So stellt Gilpin fest:
“From this perspective the multinational corporation exists as a trans-
national actor today because it is consistent with the political interest
of the world’s dominant power, the United States. This argument does
not deny the analyses of economists who argue that the multinational
corporation is a response to contemporary technological and economic
developments. The argument is rather that these economic and tech-
nological factors have been able to exercise their profound effects be-
cause the United States – sometimes with the cooperation of other
states and sometimes over their opposition – has created the necessary
political framework.” (Gilpin 1970: 54; Hervorhebung, M.S.)
Interdependenz 123
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Susan Strange weist für den Bereich der Finanz- und Kapital-
märkte darauf hin, dass technologische Entwicklungen – wie die
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

neuen Informations- und Kommunikationstechnologien – auch


hier nicht automatisch und unmittelbar wirksam werden (vgl.
Strange 1994: 133ff). Dazu bedurfte es erst politischer Entschei-
dungen oder aber Nicht-Entscheidungen der Regierungen der wich-
tigsten westlichen Industriestaaten in der Vergangenheit, die eine
globale Integration der Finanz- und Kapitalmärkte überhaupt erst
möglich gemacht haben (vgl. Strange 1986; auch Walter 1991;
Helleiner 1994).13 Die ‚Realitäten‘ von Interdependenz in der in-
ternationalen politischen Ökonomie werden so zu Konsequenzen
gegenwärtiger Politik wie auch vergangener politischer Entschei-
dungen. Dabei wandelt sich die Rolle des Staates an sich. Diesen
Wandel zu erfassen erfordert grundsätzlich eine „Theorie des Staa-
tes“ (so u.a. Cerny 1997) – eine Forderung, die die Interdepen-
denz-Analyse allein aufgrund ihres systemischen Fokus nicht er-
füllen kann und die auch bei den Weiterentwicklungen der Inter-
dependenzanalyse unberücksichtigt blieb (vgl. Abschnitt 3). Die
wissenschaftliche Auseinandersetzung über die veränderte Rolle
des Staates steht mittlerweile im Zentrum der seit den 1990er Jah-
ren geführten Globalisierungs- und Governance- Debatte. Sie ver-
deutlicht eindrucksvoll die Vielzahl gemeinsamer Problemstellun-
gen von Interdependenz-Analyse und Studien zur Globalisierung
in Bezug auf das Problem einer abnehmenden politischen Hand-
lungs-und Gestaltungsmacht des Staates (vgl. ausführlich Jones
1995 und Zürn 2002; auch Keohane/Nye 2001: Kap. 10; siehe
auch Abschnitt 3). So wurde beispielsweise die gegenüber dem
Staat wachsende Handlungs- und Gestaltungsmacht vor allem trans-
nationaler wirtschaftlicher Akteure als „retreat of the state“ – also
als „Rückzug“ des Staates – diskutiert (Strange 1996). „Rückzug“
meint dabei in erster Linie einen Wandel der Rolle oder Funk-
tionsweise des Staates, wie ihn beispielsweise Cerny (1997) be-
grifflich als Übergang vom (interventionistischen) „Wohlfahrts-
staat“ zum „Wettbewerbsstaat“ fasst. Der auf Deregulierung und
Privatisierung gerichtete „Wettbewerbsstaat“ (auch neoliberaler

13 Das Versagen des Staates bei der Regulation der Finanzmärkte gehört zu den
zentralen Ursachenkomplexen, die im Zusammenhang mit der gegenwärtigen
weltweiten Finanzkrise diskutiert werden.
124 Manuela Spindler
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Staat) ist ein Staat, der dem freien Spiel der Marktkräfte zuneh-
mend Raum gibt und damit Interdependenz ‚schafft‘. Ähnliches
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

gilt für die Rolle internationaler Institutionen, die bei Keohane/


Nye lediglich als Mittel für ein ‚Management‘ von Interdependenz
und damit als ‚Resultate‘ aus wechselseitigen Abhängigkeiten er-
wachsender Kooperationsimpulse thematisiert werden. Sie selbst
werden jedoch wiederum zu Faktoren – wenn, wie im Fall inter-
nationaler Organisationen, nicht gar Akteuren –, die auf eine sich
intensivierende Interdependenz hinwirken (wie beispielsweise
durch das nach dem Zweiten Weltkrieg errichtete GATT im Be-
reich des Welthandels oder die Politik des IWF geschehen). Mit
ihnen wird eine Art „institutionelle Interdependenz“ und damit
grundsätzlich eine weitere Interdependenz politischen Ursprungs
geschaffen (Cooper 1972: 163; auch Morse 1969: 322).
Die von Keohane/Nye theoretisch vorgezeichnete ‚Problemlö-
sestrategie‘ durch eine auf internationale Kooperation in einzelnen
Problemfeldern gerichtete Politik der Interdependenz verstellt zu-
dem den Blick auf die Frage der politischen Gestaltbarkeit in ei-
nem umfassenderen, politikfeldübergreifenden Sinne – dem der
Weltordnungspolitik – und damit grundlegend auf bestehende
Macht- und Herrschaftsverhältnisse im internationalen System
(u.a. Cox 1981). Dies berührt konkret die politische Rolle der USA
als überlegene wirtschaftliche und militärische Macht bei der Kon-
struktion eines neuen politischen und wirtschaftlichen Rahmens für
die Beziehungen der Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg und des-
sen Transformation seit den 1970er und 1980er Jahren. Für kritische
Ansätze in den Internationalen Beziehungen – wie beispielsweise
neo-gramscianische Perspektiven – wird die dominierende Rolle der
USA in ihrem Einfluss auf internationale Institutionen manifest,
über die sie eine globale „superstructure of control“ errichtet hätten
(van der Pijl 1989: 161; vgl. auch den Beitrag von Andreas Bieler
und Adam D. Morton). Die Rede von Interdependenz – und hier tref-
fen sich neorealistische Kritiker und kritische Perspektiven – steht al-
so unter Ideologieverdacht: „The word ‚interdependence‘ subtly ob-
scures the inequalities of national capability, pleasingly points to a re-
ciprocal dependence, and strongly suggests that all states are playing
the same game“ (Waltz 1970: 220).
Wenn die Politik der Interdependenz aber als Weltordnungs-
politik und nicht nur problembereichsspezifisches ‚Management‘ für
Interdependenz 125
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

die Beziehungen der westlichen Industriestaaten unter Bedingungen


komplexer Interdependenz begriffen wird, dann stellt sich die be-
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

rechtigte Frage nach den Auswirkungen der Politik der Interdepen-


denz auf die Gesamtstruktur des internationalen Systems, und zwar
im Sinne der Verteilung von Macht und Einfluss und der Chancen
der Teilhabe, der Verteilung von Gewinnen und Verlusten und gera-
de auch im Sinne von Konflikt und Gewalt im internationalen Sys-
tem durch eine Politik der Interdependenz. Die Dependenzia-For-
schung spricht in diesem Zusammenhang nicht von Inter-Dependenz
sondern Dependenz als einer Form internationaler Interdependenz,
die ihrem Wesen nach essenziell ausbeuterisch und für die abhängi-
gen Staaten – dies sind vor allem die Staaten des Südens – struktu-
rell nachteilig ist (u.a. Holsti 1978: 517; vgl. auch die Beiträge von
Andreas Nölke und Michael Heinrich in diesem Band).
Die Forschung zu Interdependenz – wie auch ihre Weiterent-
wicklung im Rahmen der Regimetheorie und des Neoliberalen In-
stitutionalismus – hat sich gegenüber diesen Fragestellungen bis-
lang weitestgehend ignorant gezeigt. Die von Keohane/Nye (z.B.
2001: 235-248) konstatierte Tauglichkeit der Interdependenz-Ana-
lyse für eine wissenschaftlich begründete Ableitung von Strategien
politischen Handelns auch im Kontext der Globalisierung er-
scheint vor diesem Hintergrund mehr als fragwürdig und bedarf
kritischer Betrachtungen. Es ist naheliegend, dass die sich drama-
tisch verändernden machtpolitischen Parameter des gegenwärtigen
internationalen Systems, insbesondere durch die wachsende weltpoli-
tische und weltwirtschaftliche Bedeutung Chinas oder auch Indiens
bzw. den „Aufstieg“ Asiens als Weltregion zu veränderten Rahmen-
bedingungen für eine auf globale institutionalisierte Kooperation set-
zende „Politik der Interdependenz“ führen werden. Das Scheitern der
Verhandlungen zum Klimaschutz in Kopenhagen im Dezember 2009
belegt dies eindrucksvoll (dazu beispielsweise Leggewie/Messner in
der FAZ vom 22.12.2009). Zunehmend ist vor dem Hintergrund des
Scheiterns der Doha-Runde der WTO, von der durch die Finanzkrise
sichtbar gewordenen Reformbedürftigkeit von Weltbank und IWF
oder dem Versagen der UN-Gemeinschaft angesichts von Konflikten
wie beispielsweise in Darfur von einer Krise der multilateralen Insti-
tutionen die Rede. Deutlich wird, dass kooperatives Verhalten von
Staaten und eine erfolgreiche internationale Politikgestaltung durch
Institutionen anderer Begründungszusammenhänge und Argumen-
126 Manuela Spindler
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

te bedarf, als sie auf rationalen interdependenzpolitischen Kosten-


Nutzen-Abwägungen beruhende institutionalistische Ansätze be-
um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

reit stellen können.

Literaturverzeichnis

Empfohlene Literatur

Primärliteratur

Cooper, Richard N. 1968: The Economics of Interdependence: Economic


Policy in the Atlantic Community. New York u.a.: McGraw Hill Book
Company.
Keohane, Robert O./Nye, Joseph S. 2001: Power and Interdependence, 3.
Aufl.. New York u.a.: Longman (enthält den Originaltext von 1977, das
1989 hinzugefügte Kapitel „Second Thoughts on Theory and Policy“ sowie
das 2001 hinzugefügte Kapitel „Globalism and the Information Age“).
Keohane, Robert O. 2002: Power and Governance in a Partially Globalized
World. London und New York: Routledge.
Morse, Edward L. 1976: Modernization and the Transformation of Interna-
tional Relations. New York/London: The Free Press.

Sekundärliteratur

de Wilde, Jaap 1991: Saved from Oblivion: Interdependence Theory in the


First Half of the 20th Century. A Study on the Causality between War and
Complex Interdependence. Aldershot u.a.: Dartmouth Publ.
Jones, Barry R.J. 1995: Globalisation and Interdependence in the International
Political Economy. Rhetoric and Reality. London/New York: Pinter Pub-
lishers.
Milner/Moravcsik (Hrsg.) 2009: Power, Interdependence, and Non-State Ac-
tors in World Politics. Princeton: Princeton University Press.
Zürn, Michael 2002: From Interdependence to Globalization, in: Carlsnaes,
Walter/Risse, Thomas/Simmons, Beth A. (Hrsg.): Handbook of Interna-
tional Relations. London u.a.: Sage, 235-254.
Interdependenz 127
Dieses Dokument wurde mit IP-Adresse 139.18.240.1 aus dem Netz der USEB UB Leipzig am 31.03.2020

Übrige verwendete Literatur


um 23:03 Uhr heruntergeladen. Das Weitergeben und Kopieren dieses Dokuments ist nicht zulässig.

Angell, Norman 1910: The Great Illusion. A Study of the Relation of Military
Power to National Advantage. London: Heinemann.
Barbieri, Katherine 1996: Economic Interdependence: A Path to Peace or a
Source of Conflict?, in: Journal of Peace Research 33, 29-49.
Barbieri, Katherine 2002: The Liberal Illusion: Does Trade Promote Peace?
Ann Arbor: University of Michigan Press.
Benjamin, Roger 1980: The Limits of Politics: Collective Goods and Political
Change in Postindustrial Societies. Chicago: The University of Chicago Press.
Cerny, Philip G. 1997: Paradoxes of the Competition State: The Dynamics of
Political Globalization, in: Government and Opposition 32: 2, 251-274.
Cooper, Richard N. 1972: Economic Interdependence and Foreign Policy in
the Seventies, in: World Politics 24: 2, 159-181.
Copeland, Dale C. 1996: Economic Interdependence and War: A Theory of
Trade Expectations, in: International Security 20, 5-41.
Cox, Robert 1981: Social Forces, States and World Orders: Beyond Interna-
tional Relations Theory, in: Millenium 10: 2, 126-55.
Crescenzi, Mark J.C. 2005: Economic Interdependence and Conflict in World
Politics. Lanham, MD: Lexington.
Delaisi, Francis 1971[1925]: Political Myths and Economic Realities. Wash-
ington: Kennikat Press.
Deutsch, Karl/Eckstein, Alexander 1961: National Industrialization and the
Declining Share of the International Economic Sector: 1850-1959, in:
World Politics 13: 2, 267-99.
Deutsch, Karl et al. 1967: France, Germany and the Western Alliance. A
Study of Elite Attitudes on European Integration and World Politics. New
York: Scribner.
Efinger, Manfred/Rittberger, Volker/Wolf, Klaus Dieter/Zürn, Michael 1990:
Internationale Regime und internationale Politik, in: Rittberger, Volker
(Hrsg.): Theorien der Internationalen Beziehungen. PVS-Sonderheft 21.
Opladen: Westdeutscher Verlag, 263-285.
Gasiorowski, Mark/Polachek, Solomon W. 1982: Conflict and Interdepend-