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Eine Zeitschrift der Rosa-Luxemburg-Stiftung 1


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Das linke Dilemma mit Europa
Autoritärer Konsens: das EU-Sicherheitsregime GESELLSCHAFTSANALYSE UND LINKE PRAXIS 2019
2015
Monster und Gespenster
Momentum für ein Europa der Vielen

luxemburg
Eine feministische Internationale im Werden
Europa – Trotz alledem Stuart Hall | Kathrin Röggla | Lukas
Was ist demokratisches Charisma?
Oberndorfer | Florian Weis | Kerstin Wolter | Max Lill | Alex
reproduktive Gerechtigkeit
Wischnewski | Hannah Schurian | Andrej Hunko | Beppe Caccia |
ISSN 1869-0424 Wenke Christoph | Stefanie Krohn | Sandro Mezzadra u.a.
3/2018 ICH WERDE SEIN
Rosa Luxemburg steht für eine Haltung, in der Entschiedenheit im politischen Kampf und »weit-
3
EINE ZEITSCHRIFT DER ROSA-LUXEMBURG-STIFTUNG 3
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herzigste Menschlichkeit« ein Ganzes bilden. 100 Jahre nach ihrer Ermordung ist sie zur Ikone
»WER WEITERGEHT, WIRD ERSCHOSSEN!«
LUXEMBURG ALS SOZIALISTISCHE FEMINISTIN GESELLSCHAFTSANALYSE UND LINKE PRAXIS 2018
2015
WIE KRITISIERT MAN REVOLUTIONEN?

geworden, doch die Beschäftigung mit ihrem Werk bleibt oft oberflächlich. Die Jubiläumsausgabe
CARE ALS FELD NEUER LANDNAHME

LUXEMBURG
LEHREN UND LERNEN MIT LUXEMBURG
ICH WERDE SEIN  Drucilla cornell | Gal Hertz | tove SoilanD | 
15 TAGE, DIE DIE WELT ERSCHÜTTERTEN
JÖRN SCHÜTRUMPF | UWE SONNENBERG | WALTER BAIER | MIRIAM

fragt nach der Bedeutung ihres Denkens und Tuns für heute: Wie dachte Luxemburg das Verhält-
ERNST BLOCH MIT GRAMSCI LESEN
PIESCHKE | JUDITH DELLHEIM | MICHAEL LÖWY | JANIS EHLING |
ISSN 1869-0424 Kate evanS | Jan reHmann | HolGer Politt u.a.

nis von Partei und Bewegung? Wie hielt sie es mit dem Internationalismus? Wie können wir uns
als Feminist*innen auf sie beziehen? Wie ging sie mit dem Widerspruch zwischen Reform und
Revolution um? Und was können wir von ihr über Strategien der Organisierung lernen?

BEITRÄGE VON Drucilla Cornell | Michael Brie | Alex Demirović | Judith Dellheim | Janis Ehling |
Gal Hertz | Michael Löwy | Miriam Pieschke | Holger Politt | Ingo Schmidt | Tove Soiland | Jörn
Schütrumpf, Ingar Solty & Uwe Sonnenberg u.a.

Januar 2019, 176 Seiten

2/2018 AM FRÖHLICHSTEN IM STURM: FEMINISMUS


Der Wind weht scharf. Autoritarismus und Rechtsradikalismus gewinnen an Zustimmung.
2
3
eine zeitsChrift der rosa-luxeMBurg-stiftung 2
von #Metoo zu #WestriKe
EINSTIEGE IN EINE FEMINISTISCHE TRANSFORMATION
18

GESELLSCHAFTSANALYSE UND LINKE PRAXIS 2018


2015
Aber auch der Feminismus ist zurück. Er bildet die einzige transnationale Bewegung, die
einen sichtbaren Gegenpol zur Rechten und zum Neoliberalismus markiert und den Aufbruch
gender als syMBolisCher Kitt
transfeMinisMus und neue KlassenpolitiK

LUXEMBURG
faMilien- und gesChleChterpolitiK á la afd
AM FRÖHLICHSTEN IM STURM: FEMINISMUS Margarita tsoMou |

in eine bessere Zukunft verkörpert. Sie ist sozial heterogen und thematisch vielfältig – AM
Kinder, KüChe, KlassenKaMpf
Kate Cahoon | atlanta ina Beyer | WeroniKa grzeBalsKa | lia
leBensWeise als frage gloBaler gereChtigKeit
BeCKer | Melinda Cooper | liz Mason-deese | eszter Kováts |
Issn 1869-0424 andrea pető | alex WisChneWsKi | stefanie hürtgen u.a.

FRÖHLICHSTEN IM STURM! Wie kann ein inklusiver Feminismus aussehen? Wie lässt er sich
von den Rändern her entwickeln? Und wie kann eine feministische Klassenpolitik entstehen,
die auch die Klassenanalyse auf die Höhe der Zeit bringt?

BEITRÄGE VON Margarita Tsomou | Kate Cahoon | Atlanta Ina Beyer | Weronika Grzebalska | Lia
Becker | Melinda Cooper | Liz Mason-Deese | Eszter Kováts | Andrea Pető | Alex Wischnewski |
Stefanie Hürtgen u.a.

September 2018, 144 Seiten

1/2018 ERST KOMMT DAS FRESSEN


Das globale Ernährungssystem scheitert nicht nur an dem Anspruch, die Welt satt zu machen.
1
3
EINE ZEITSCHRIFT DER ROSA-LUXEMBURG-STIFTUNG 1
HARTZ-IV-MENÜ UND FEINKOSTTHEKE
AUFSTAND IN DER LIEFERKETTE
18

GESELLSCHAFTSANALYSE UND LINKE PRAXIS 2018


2015
Es schafft auch neue Abhängigkeiten und untergräbt die Selbstbestimmung von Staaten und
lokalen Gemeinschaften. Es sind die Bewegungen von Landlosen und Kleinbäuer*innen im
ALTERNATIVEN JENSEITS DER NISCHE
POPULISMUS FÜR DEN LÄNDLICHEN RAUM?

LUXEMBURG
DEN BODEN NEU VERTEILEN
ERST KOMMT DAS FRESSEN PHILIP MCMICHAEL | STEPHANIE WILD |

globalen Süden, die sich seit Jahrzehnten für »Ernährungssouveränität« stark machen. Für sie
IMPERIALE LEBENSWEISE MEETS KLASSE
CHRISTA WICHTERICH | KALYANI MENON-SEN | KIRSTEN TACKMANN |
WAS BLEIBT VON 68?
SATURNINO M. BORRAS | LINDA REHMER | BENJAMIN LUIG | STEFFEN
ISSN 1869-0424 KÜHNE | ULRICH BRAND | MARKUS WISSEN | RHONDA KOCH U.A.

ist der Kampf gegen das Ernährungsregime der Konzerne ein Kampf um Demokratie. Auch
hierzulande regt sich Widerstand gegen die Nahrungsmittelindustrie, nicht erst seit den »Wir
haben es satt«-Demonstrationen. Wie lässt sich diese Kritik von links aufgreifen und zuspitzen?

BEITRÄGE VON Philip McMichael | Stephanie Wild | Christa Wichterich | Kalyani Menon-Sen |
Kirsten Tackmann | Saturrnino M. Borras | Linda Rehmer | Benjamin Luig | Steffen Kühne |
Markus Wissen | Ulrich Brand | Rhonda Koch | Michael Bättig u.a.

Juni 2018, 132 Seiten

2–3/2017 MARXTE NOCH MAL?!


Am 5. Mai 2018 wäre Karl Marx 200 geworden. Wie lässt sich heute an sein Werk anschließen?
3 Und zwar so, dass die Theorie zum Maßstab für verändernde Theorie und Praxis werden kann?
EINE ZEITSCHRIFT DER ROSA-LUXEMBURG-STIFTUNG 2/3
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WARUM NOCH MARXIST*IN SEIN? 2/3
DAS HEILVOLLE DURCHEINANDER DER REVOLUTION GESELLSCHAFTSANALYSE UND LINKE PRAXIS 2015
2017

Als Politiker wird Marx in der Linken wenig diskutiert, dabei lässt sich für aktuelle Strategiefra-
KLASSENPOLITIK UND UNIVERSELLE EMANZIPATION
WER IST EIGENTLICH DAS REVOLUTIONÄRE SUBJEKT?

LUXEMBURG
(RE-)PRODUKTION DER KOMMENDEN GEGENWART
MARXTE NOCH MAL?! BINI ADAMCZAK | ELMAR ALTVATER | ALAIN
Autofriedhof auf einer Wiese nahe des Dorfs Avgo. gen vieles lernen. Wie könnte »Marx-Consulting« die heutige Gewerkschaftspolitik befruchten?
KAPITALOZÄN
BADIOU | TITHI BHATTACHARYA | SILVIA FEDERICI | MICHAEL HARDT &
DER TOTE HUND ALS BERATER
ANTONIO NEGRI | FRIGGA & WOLFGANG F. HAUG | STEFANIE HÜRTGEN |
ISSN 1869-0424 KATJA KIPPING | MARCELLO MUSTO | KARL HEINZ ROTH U.A.
Epirus gehört seit Langem zu den ärmsten Regionen der EU. Wie kann ein von Marx inspiriertes Denken einen klassenpolitischen Feminismus bereichern?
© Dimitris Michalakis Warum eigentlich heute Marxist*in werden, und noch wichtiger: bleiben? Und wie steht es mit
dem Subjekt der Revolution, der Transformation, der revolutionären Realpolitik?

BEITRÄGE VON Bini Adamczak | Elmar Altvater | Alain Badiou | Michael Brie | Tithi Bhattacharya |
Alex Demirović | Michael Hardt & Antonio Negri | Frigga & Wolfgang F. Haug | Michael Heinrich |
Stefanie Hürtgen | Katja Kipping | Marcello Musto | Karl Heinz Roth | Klaus Weber u.a.

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Januar 2018, 196 Seiten
Viele Probleme unserer Zeit sind global, und progressive Kräfte
hoffen auf internationale Lösungen. Doch nur auf europäische
Lösungen zu warten, hilft uns nicht weiter. Das macht uns
handlungsunfähig und verstellt den Blick darauf, dass politische
Veränderung auch an anderer Stelle beginnen kann.
Ralph Guth, Elisabeth Klatzer, Lisa Mittendrein, Alexandra Strickner
& Valentin Schwarz in diesem Heft

EUROPA
TROTZ ALLEDEM
Die Debatten der europäischen Linken kreisen um die Frage,
ob die EU zu retten wäre, und wenn ja, wie.
Sie müssten zur drängenden Frage, was gegen die wachsende
soziale Ungleichheit in Europa zu tun ist, verschoben werden.

Mario Candeias & Johanna Bussemer in diesem Heft

MONSTER GESPENSTER CLASS&CARE


Wie die EU versucht, mit einem Warum eine verbindende Was sexuelle Selbstbestim-
Sicherheitsregime ihre Krise Plattform nötig ist mung mit reproduktiver
zu lösen Von Mario Candeias & Gerechtigkeit zu tun hat
Von Lukas Oberndorfer Johanna Bussemer Von Hannah Schurian
SCHWERPUNKT: EUROPA – TROTZ ALLEDEM

MONSTER
22 Das Dilemma mit Europa 46 Ungleichheit mit System
Wie wir in die Offensive Wie die politische Ökonomie
kommen der EU gestrickt ist
Von Ralph Guth, Von Thomas Sablowski
Elisabeth Klatzer,
Lisa Mittendrein, 52 INTERVIEW:
Alexandra Strickner & »Die Spaltung wäre
Valentin Schwarz durch ein zweites
Referendum nicht behoben«
30 Konsens auf eisernen Füßen Gespräch über den Brexit und
Wie die EU versucht, mit die Rolle der Linken
Sicherheit ihre Krise zu lösen Mit Florian Weis
Von Lukas Oberndorfer
LUXEMBURG ONLINE:
40 Kein Friedensprojekt. Kurz nach 12
Warum Sicherheit in Europa Wie weit die Rechte das Feld
nur kollektiv funktioniert dominiert
Von Andrej Hunko Von Lisa Mittendrein

8 Zu Verleugnung von Race


Von Stuart Hall

20 BILDSTRECKE:
Jenseits der Zentren
Von Dimitris Michalakis

© Dimitris Michalakis
EDITORIAL

Die Europäische Union steckt in der tiefsten Krise seit ihrer Grün-
LUXEMBURG ONLINE: dung. Fliehkräfte und Gegensätze nehmen zu, nicht erst seit dem
Das italienische Paradoxon Brexit. Ob die EU weiter bestehen bleibt, ist keineswegs geklärt.
Wie mit der rechten Einig sind sich die europäischen Regierungen vor allem beim Ausbau
Regierung umzugehen ist der Sicherheitssysteme nach innen und nach außen. Ein autoritärer
Von Mimmo Porcaro Konsens als bröcklige Grundlage. Die Militarisierung der Außen- und
Sicherheitspolitik sowie die Migrations-, Entwicklungs-, Handels- und
LUXEMBURG ONLINE: Klimapolitiken der EU tragen dazu bei, globale Machtverhältnisse und
Die doppelte Umwälzung Ungleichheiten zu festigen. Das ist die traurige Bilanz des europäi-
des politischen Feldes schen Friedensprojekts.
Warum die Rechte jetzt auch Diese real existierende EU repräsentiert nicht in Ansätzen das
in Spanien Land gewinnt Europa, das wir uns wünschen. Und doch schnurrt die Debatte allzu
Von Andres Gil oft zusammen auf die Frage - »Bist du für oder gegen Europa?«.
Für die Linke ist dies kompliziert: Wie lässt sich der europäische
LUXEMBURG ONLINE: Horizont im Blick behalten, ohne die neoliberalen und vermachteten
HKWM-Stichwort: Institutionen der EU als Geschäftsgrundlage zu akzeptieren? Wie
Europäische Integration lassen sich solidarische Antworten finden auf transnationale Heraus-
Von Patrick Ziltener forderungen? Denn der Rückzug auf die nationale Ebene steht aktuell
keineswegs für eine progressivere Politik, eine solche kann die EU als
Tatsache und als Handlungsrahmen kaum umgehen. Wir stehen vor
der Aufgabe, Europa anders zu machen, trotz alledem: solidarisch,
demokratisch und im Interesse der Vielen und nicht der wenigen
Reichen und Mächtigen – TROTZ ALLEDEM.
LuXemburg 1-2019 fragt nach dem »State of the Union« und den
Akteuren und Projekten – Monstern wie Gespenstern –, die Europas
Gegenwart und Zukunft bestimmen. Wo sind Risse im europäischen
Machtblock? Wie lassen sich die drängenden Fragen wachsender
sozialer Ungleichheit angehen? Wie können wir die verfestigten
Verhältnisse in Bewegung bringen, etwa durch europabezogene
Politiken in der Kommune, wie es die Netzwerke solidarischer Städte
versuchen? Wie könnten die Impulse der transnationalen feminis-
tischen Bewegungen und der neuen Klimabewegung aufgegriffen
werden, um über Grenzen hinweg nach neuen Antworten auf die
Krisen dieses Wirtschafts- und Gesellschaftssystems zu suchen? Wie
sähe sie aus, eine künftige sozialistische Demokratie in Europa?
GESPENSTER
58 Momentum für ein solidari- 78 Risse in der Festung LUXEMBURG ONLINE:
sches Europa der Vielen Wie solidarische Städte in Grenzüberschreitender
Warum eine verbindende der Praxis funktionieren Sozialismus.
Plattform nötig ist Von Wenke Christoph & Warum die Linke ohne Brexit
Von Mario Candeias & Stefanie Kron mehr gewinnen kann
Johanna Bussemer Von Hilary Wainwright
86 Was vermag ein Schiff?
70 Feministische Wie Mediterranea LUXEMBURG ONLINE:
Internationale versucht, den rechten Kurs La France insoumise
Wie sich Frauen über Gren- zu durchkreuzen Was es mit der postlinken
zen hinweg organisieren Von Beppe Caccia & Formation auf sich hat
Von Alex Wischnewski & Sandro Mezzadra Von Sebastian Chwala
Kerstin Wolter
94 Mehr ist mehr! LUXEMBURG ONLINE:
Wie wir einem sozialen Die Gelbwesten
Europa näherkommen Warum es den Konflikt
Von Thilo Janssen braucht
Von Étienne Balibar
LUXEMBURG ONLINE:
HKWM-Stichwort: Europa LUXEMBURG ONLINE:
Von Frieder-Otto Wolf Gewerkschaftsrechte
in Europa
Von Steffen Lehndorff

WELTKRISENPOLITIK
LUXEMBURG ONLINE:
Krieg mit China?
Er hat schon begonnen
Von Michael T. Klare
68 BILDSTRECKE:
Fridays for Future 100 Baubegleitender Ausschuss
Von Kathrin Röggla

Beide Fotos: Greenpeace Polska


RUBRIKEN
6 Was kommt LUXEMBURG ONLINE: LUXEMBURG ONLINE:
106 Was war WIEDERGELESEN ABC DER TRANSFORMATION
108 Mit wem Einheit und Spaltung Organische Intellektuelle /
110 Wer schreibt als Konstitutionsproblem Vermittungsintellektuelle
der Arbeiterklasse Von Mario Candeias
CLASS & CARE Von Frank Deppe
112 »... echtes Umsteuern 135 ZEITSCHRIFTENSCHAU
in der Wohnungspolitik, 126 Was ist demokratisches 136 IMPRESSUM
darum geht es« Charisma?
Gespräch über Mieterpro- Von Max Lill
teste, Wohnungsneubau und
soziale Stadtentwicklung
Mit Katrin Lompscher

118 »No Justice, no choice«


Was sexuelle Selbstbestim-
mung mit reproduktiver
Gerechtigkeit zu tun hat
Von Hannah Schurian

LUXEMBURG ONLINE:
INTERVIEW:
»Wir brauchen solidarische
Lösungen statt Einzel-
kämpfertum«
Gespräch über Bündnisse
und Organisierung von
Eltern in der Kita-Krise
Mit Elise Hanrahan &
Katharina Mart
Selbstbewaffnung im Kampf gegen organisiertes
Verbrechen, Staat und Bergbauunternehmen.
Santa María de Ostula, Mexiko.
Foto: © Heriberto Paredes

GEOGRAFIEN DER GEWALT den zusammen und bietet die Möglichkeit, kritisch
KONGRESS, 13.–15. JUNI IN FRANKFURT A. M. über die gegenwärtigen Tendenzen zu diskutieren.
Von »Drogenkriegen« und »Bandenkriegen« über Im Mittelpunkt stehen die sich verändernden Prak-
Feminizide und Morde an Journalist*innen und tiken von Staat und Kapital im Zeitalter autoritärer
Aktivist*innen bis zur martialischen Rhetorik Bolso- Globalisierung, die weltweiten Zusammenhänge der
naros: In Teilen Lateinamerikas hat die Gewalt eine Gewalt, ihre räumliche Dynamik und Differenzie-
scheinbar unaufhaltsame Eigendynamik entwickelt. rung und die Frage nach den Subjekten der Gewalt
Die Grenzen zwischen dem Legalen und Illegalen, und des Widerstands. Lateinamerika war und ist im-
zwischen Staat und organisierter Kriminalität sowie mer auch ein Ort wirkmächtiger gesellschaftlicher
zwischen verrechtlichten und rechtlosen Räumen Organisierung und zahlreicher kreativer emanzipa-
verschwimmen. Gleichzeitig werden demokratische torischer Bewegungen sowie einer theoretischen
Institutionen ab- und Militär- und Polizeiapparate und praktischen Diskussion zu sozialen Kämpfen.
ausgebaut. Autoritäre Staatlichkeit und failed state- Wir fragen: Wie, wo und von wem werden Macht
hood gehen Hand in Hand und überlappen sich in und Gegenmacht heute organisiert und ausgeübt?
Raum und Zeit. Diese neue Gewalt hat keine klar er- Welche Rolle spielt dabei die Gewalt? Wie verän-
kennbaren Schaltzentren und oft kein erkennbares dert sie gesellschaftliche Beziehungen, Räume und
Ziel. Sie ist zugleich explizit und undurchschaubar, Territorien? Wie können wir über sie sprechen, wie
lokal und global. Wer also kann sie aufhalten? sie darstellen? Und was dagegen tun?
Der Kongress »Geografien der Gewalt« bringt Börries Nehe
Aktivist*innen, Wissenschaftler*innen und
Journalist*innen aus dem globalen Süden und Nor- Infos: www.geographien-der-gewalt.com

6 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


WAS KOMMT?
ORGANIZING FOR A LEFT HEGEMONY Gegenstrategien zum Aufstieg der autoritären Rech-
EUROPÄISCHE SOMMERSCHULE ten gibt es für linke Parteien und Bewegungen, wie
24.–28. JUNI 2019 IN PRAG können sie zusammen mit »rebellischen Städten«
Wie kann die Linke in Europa zu einem »dritten Pol«, und Regierungen, in Parlamenten und Ausschüssen,
zu einer sichtbaren und politisch einflussreichen, auf der Straße, in den Betrieben und in den Vierteln
progressiven Alternative zum autoritär regierenden aktiv werden?
Neoliberalismus einerseits und einem sich radikali- Die Sommerschule lädt junge Aktivist*innen aus
sierenden Rechtspopulismus andererseits werden? linken Organisationen, Bewegungen und Parteien
Im Jahr der Europawahlen stehen linke Bewegun- ein, sich auszutauschen, voneinander zu lernen
gen, Parteien und Kampagnen vor großen Heraus- und miteinander strategische Debatten zu führen.
forderungen. Wie können wir die vielfältigen Protes- Im Mittelpunkt werden Ansätze der Organisierung,
te und Mobilisierungen der letzten Jahre in Europa Mobilisierung und Kampagnenführung sowie Tools
verbinden, verbreitern und mehr Erfolge erzielen? und Strategien der politischen Bildung und Medien-
Das betrifft die Kämpfe gegen Verdrängung und arbeit stehen. Es geht darum, gemeinsame europä-
für ein Recht auf Wohnen, feministische Organisie- ische Perspektiven und transnationale Strategien zu
rungen, aber auch europaweite Kampagnen und entwickeln, die die unterschiedlichen Handlungsbe-
Bündnisse gegen Austerität, Freihandelsabkommen dingungen in den Ländern berücksichtigen.
oder für das Menschenrecht auf Wasser. Welche Wenke Christoph

FÜR EINE QUEERE INTERNATIONALE FASCHISMUSTHEORIEN: VON GESTERN FÜR HEUTE?


PODIUMSDISKUSSION, 19. JUNI IN BERLIN WORKSHOP-REIHE IN MÜNCHEN, 10., 17. UND 24.
Sich politisch beistehen, organisieren und solidarisch MAI., 7. JUNI, 5. UND 26. JULI JEWEILS 16 BIS 19 UHR
Widerstand leisten über unterschiedliche Grenzen und Wie umgehen mit den Neuen Rechten? Diese Frage
Machtverhältnisse hinweg – das ist angesichts des stellen sich progressive Kräfte nicht nur in Deutsch-
globalen rechtspopulistischen Aufschwungs notwen- land, sondern überall auf der Welt. Dazu ist es nö-
diger denn je. Wir wollen diskutieren: Wo entstehen tig, »alte« Faschismustheorien zu überprüfen. Sind
Ansätze einer neuen, intersektionalen und queeren sie brauchbar, um den Aufstieg rechtspopulistischer
(Klassen-)Politik in der Praxis? Wie können grenzüber- und völkischer Kräfte zu verstehen? Wie sehen sie
schreitende Allianzen entstehen? Wir wollen über die das Verhältnis von Ökonomie und Ideologie? Eine
feministischen Streiks und Herausforderungen ge- Workshop-Reihe der Rosa-Luxemburg Stiftung
werkschaftlicher Organisierung, über antirassistische Bayern stellt Theorieansätze von der Komintern
und queere Bewegungen, über Organisierung für eine über Karl Marx und Clara Zetkin bis hin zu Antonio
barrierefreie Gesellschaft ins Gespräch kommen. Wie Gramsci, Stuart Hall und Moishe Postone vor und
kann daraus das Gemeinsame in der Differenz, ein will zum Mitdenken und Nachfragen anregen. Die
kollektives Emanzipationsprojekt, entstehen? Einge- Referenten sind Wolfgang Veiglhuber, aktiv in der
laden sind: María do Mar Castro Varela, Edna Bon- gewerkschaftlichen Bildungsarbeit, und Sozialwis-
homme, Marten Soldeniz sowie Heike Raab. senschaftler Klaus Weber.

Info: www.rosalux.de/veranstaltung/es_detail/HQJ8A/ Info: www.rosalux.de/veranstaltung/es_detail/16LQ7/

WAS KOMMT? | LUXEMBURG 1/2019 7


ZUR VERLEUGNUNG
VON RACE
STUART HALL

In »Vertrauter Fremder« zeichnet Stuart Hall ein komplexes Ganzes widersprüchlicher


Spannungsverhältnisse zwischen den Zeiten, den Orten und dem verschieden Gelernten
seines Lebens. Das Buch ist gewollt keine Biografie, sondern der Versuch einer Reflexion,
und es folgt einem roten Faden: »Es gab keinen einzigen Augenblick auf meinem Entwick-
lungsweg, der nicht von meiner rassisierten Positionierung befeuert worden wäre.«
Halls Erinnerung an Jamaika, wo er aufwuchs, ist keine an ein Zuhause, sondern an
einen bekannten, aber nicht wieder zu erreichenden Ort zwischen Fiktion und Geschichte.
Sie liegt an einem doppelten Rand: dem der Erinnerung und jenem des britischen Kolonialis-
mus. Die Vergangenheit wird zu einer realen Fantasie, die Hall aus dem Gedächtnis, aus
Gesprächen und aus dem Erinnern körperlicher Empfindungen webt. Hall erschafft so eine
biografische Repräsentation, die er als im ständigen Übergang begreift. »Metaphorisch
ausgedrückt könnte man sagen, ich klebte fest auf der Türschwelle zwischen der koloni-
alen und der postkolonialen Welt.« Im Zentrum des Empire erlebte er, dass die britische
Gesellschaft die Geschichte ihrer Verbindungen zu den Kolonien und ihre gewaltvollen
Konsequenzen unsichtbar und vergessen zu machen suchte: »Ich friere hier immer.« Dieses
Vergessenmachen wird durch Schulbücher, Geschichten, Literatur, kurz durch eine ganze
koloniale Ordnung der Dinge ermöglicht. Das »Nicht-mehr« und das »Noch-nicht« bilden
ein Hauptmotiv seiner Rekonstruktion, in der es um das vertraute Fremde geht, um das
Überschreiten der Grenze zwischen Zentrum und Diaspora. Zweck des »Entidentifizie-
rens« ist, sich das Gewohnte bewusst fremd zu machen. Es sei aber ungleich schwerer für
all jene, die am Boden der Hierarchie festgehalten werden, die gewaltvollen Zuordnungen
des Identifiziertwerdens aufzubrechen.
»Vertrauter Fremder« liest sich selbst wie ein Erfahrungsbericht über die Kraft der
Migrationsbewegungen nach Jamaika, über die komplizierten lokalen und nationalen
Hierarchien innerhalb des Empire und die Familiengeschichten, die zwischen Authentizi-

8 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


tätsglauben und kritischer Genealogie changieren. Hall versucht, Wendepunkte, Brüche
und Diskontinuitäten aufzuzeigen. Angetrieben durch den Willen zur Kritik des Unrechts
und getragen von einer Offenheit für das Neue, Ungemütliche und Unbekannte schreibt
Hall: »Anders ausgedrückt hoffe ich, dieses Buch könnte vielleicht eine Innensicht der wi-
dersprüchlichen Stationen des Wandlungsprozesses dieser uralten Geschichte liefern – des
langen quälenden und niemals zu einem Ende kommenden Wegs raus aus der kolonialen
Subalternität.« Jan Niggemann

Wie antwortet man auf die unschuldige – oder


gar nicht so unschuldige – Frage: »Woher STUART HALL (1932–2014) war einer der wichtigsten
kommst du?« So einfach sie vordergründig zu marxistischen Kulturtheoretiker seiner Zeit. Mit den
Cultural Studies brachte er ein interdisziplinäres
sein scheint, ist sie doch schwer mit zusätzli-
Projekt auf den Weg, das den Schlüssel zur Analy-
chen Bedeutungen aufgeladen. Ich erinnere se gesellschaftlicher Verhältnisse in den kulturellen
mich in diesem Zusammenhang an James Bald- Alltagspraxen sieht. Antikolonialen, antiimperialis-
tischen und antirassistischen Bewegungen gab er
wins Begegnung mit einem Westinder im Bri-
1
seine Stimme und wichtige theoretische Impulse.
tish Museum in den 1960er Jahren, wo er mit Hall war Mitbegründer der New Left.
ebendieser Frage konfrontiert wurde. »Woher Wir drucken leicht gekürzt das vierte Kapitel seines
kommen Sie?« Selbst nachdem Baldwin seine demnächst im Argument Verlag erscheinenden
Buches »Vertrauter Fremder«.
Herkunft in aller Deutlichkeit dargelegt hatte –
»Ich wurde im Harlem General Hospital gebo-
ren« –, ließ sein Gesprächspartner nicht locker,
bis er Baldwin schließlich fragte: »Aber wo wurden Sie davor geboren?« Ganz genau!
In dieser Frage kann es von versteckten, tückischen Vorannahmen nur so wimmeln.
Um mich einer Antwort zu nähern, muss ich sagen, wie ich dazu erzogen wur-
de, ein bestimmtes Verständnis davon zu entwickeln, auf welche Weise ich Teil der
Geschichte bin; und dann, wie ich gelernt habe, mich von dieser Sichtweise zu be-
freien, und mit welchen Konsequenzen. Gewiss, das sind Meta-Fragen: Es geht we-
niger um mein Leben als darum, wie ein Leben erzählt werden sollte. Doch wie ich
immer betone, lässt sich mein Leben von meinen Anschauungen nicht sauber tren-
nen. Wenn man die Geschichte von jemandem erzählt, der am falschen Ort geboren
wurde, fernab der Hauptströmungen der Geschichte, ist nichts selbstverständlich.
Nicht einmal das Erzählen eines Lebens.
Bevor ich den Bericht meiner Reise von Jamaika nach England an die Oxford
University fortsetze, komme ich auf das Thema Verleugnung und die Beziehung
zwischen Verleugnung und race auf Jamaika zurück.2 [...] Was war das für eine kol-
lektive Psyche, die so viel Energie in die Aufrechterhaltung von rassisierter Domi-
nanz investierte und die Wirkmächtigkeit von race gleichzeitig kategorisch leugnete?
Verleugnung ist kein ungewöhnliches historisches Phänomen, vor allem in Fragen

ZUR VERLEUGNUNG VON RACE | LUXEMBURG 1/2019 9


von race. [...] Frantz Fanon glaubte, dass koloniale Gesellschaften durch race funk-
tionieren. Damit meinte er, dass die gesellschaftlichen race-Verhältnisse – die den
ursprünglichen Antagonismus zwischen Siedler und Einheimischem prägten – be-
sonders rigoros das Gewicht kolonialer Herrschaft stützten. [...] Gleichzeitig wurde
das Thema race selten als das benannt, was es war, oder auch nur zur Kenntnis ge-
nommen. Race war überall und in jeder Hinsicht gegenwärtig, aber konnte nie wirk-
lich lokalisiert oder artikuliert werden. Auf Schritt und Tritt begegneten uns Formen
der Verleugnung mit ihren tief greifenden, verunsichernden Mehrdeutigkeiten und
Widersprüchen. Um die Dynamiken meiner karibischen Formierung aufzudecken,
sehe ich mich gezwungen, diesen Widerspruch direkt anzugehen, der, so ungreifbar
er auch war, das gesamte Alltagsleben durchzog. Ich will diese Koexistenz von abso-
luter Herrschaft der rassisierten Ordnung auf der einen Seite und ihrer beständigen
Verleugnung auf der anderen Seite so gut ich kann begreifen.

RACE UND COLOUR


Wenn man in der Karibik race erforscht, ist colour der Joker im Spiel. Gail Lewis hat
die Komplexität der »Sprache der Haut und ihre gesellschaftliche Bewertung« unter-
sucht. Ein wichtiger Aspekt bei der Bedeutung von Haut(-farbe) in der Karibik war
das Versteckspiel zwischen race und colour in dem Post-Sklaverei-Gesellschaftssys-
tem, das sich im Laufe von drei Jahrhunderten aus den starren Kategorien des ver-
sklavten Jamaika entwickelt hatte. In dieser Gesellschaft arbeitete das Bewusstsein
von race und colour ständig auf Hochtouren. Feine Unterscheidungen bezüglich race
oder colour wie auch hinsichtlich Wohlstand und gesellschaftlicher Stellung waren
von enormer Bedeutung. Es existierte eine soziale Obsession im Sinne von Freuds
(1930, 474) »Narzissmus der kleinen Differenzen«. Um ein Individuum innerhalb
eines race/colour-Systems zu verorten, sollte man sich idealerweise auf einen Unter-
scheidungscode beziehen, der unmittelbar sichtbar ist und mit einem Blick gelesen
werden kann. Unter diesen Umständen wird Sichtbarkeit selbst zu einer Art Wahr-
heit. Man muss imstande sein abzubilden, was man sieht, es zu strukturieren und
einzuordnen. Dies erreicht man, indem man ein Unterscheidungsmerkmal (zum
Beispiel Hautfarbe) mit einem anderen (zum Beispiel race) korreliert. Durch diese
Strategie des ›sozialen Lesens‹ wird die Position jedes Individuums kartografierbar
und race oder colour als entscheidendes Bestimmungsmerkmal bestätigt. Schließlich
darf es auf keinen Fall passieren, dass jemand der falschen race zugeordnet wird!
Lévi-Strauss nennt diese Art des Denkens – diese Form von mentalem Raster –
»kombinatorisch«, eine lebendige Matrix zum Zweck der sozialen Verortung. Mei-
ne Großmutter mütterlicherseits behauptete immer, sie könne bei denen, die sich
besonders anstrengten, als Weiße ›durchzugehen‹, die verräterischen Zeichen

10 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


dessen erkennen, was sie treffend »mit dem Teerpinsel in Kontakt gekommen«
nannte.
Die Artikulationen von race, colour und Klasse stützten die gesamte soziale
Hierarchie. Wie ich dargelegt habe, fanden sich die nahezu Weißen oder ›hiesi-
gen Weißen‹ an der Spitze der Pyramide der kolonialen Klassenordnung. Darunter
bildeten die coloured, genauer gesagt: die Braune oder kreolische Mittel- und un-
tere Mittelschicht eine Art Pufferklasse im Herrschaftssystem, die ›Wehrpflichti-
gen‹ der kolonialen Ordnung. Ganz unten war die breite Masse der überwiegend
Schwarzen, armen Vertreter*innen der Klasse der Arbeiter*innen oder Bauern
und Bäuerinnen, die in der Stadt oder auf dem Land lebten oder ständig dazwi-
schen hin- und herpendelten. Sie bildeten eine separate soziale Welt. Als weitere,
unabhängige Trennungslinie zog sich das Geschlecht mit eigenen, spezifisch ko-
lonialen Merkmalen durch diese Kategorien.
Diese Artikulationen waren charakteristisch für eine Gesellschaft dieses Typs
und brachten unzählige mögliche Identitätspositionen hervor. Die Situation erzeug-
te eine schädliche doppelte Spaltung zwischen dem Selbst und dem Anderen, zwi-
schen einem Hier und einem Dort. Der direkte Zugang der Versklavten zu ihren
früheren afrikanischen kulturellen Wurzeln war durch gewaltsame Eroberung und
Verpflanzung in die Sklaverei der Neuen Welt brutal und entschieden gekappt wor-
den. Gleichzeitig war der Zugang zu allem, was für ›authentisch britisch‹ hätte ste-
hen können, grundlegend umgestaltet worden, nicht nur durch seine Verpflanzung
in koloniale Bedingungen, sondern durch seine Funktion als Teil eines Systems
von Macht und Unterwerfung. Auf dem Palimpsest der jamaikanischen Kultur, wie
sie mir beim Eintritt ins Erwachsenenalter vertraut war, hinterließen diese symbo-
lischen Repertoires zwar Spuren, aber keins davon konnte Vollständigkeit, Autono-
mie oder eigenständige Authentizität für sich beanspruchen. Sie waren weder intakt
noch autark oder autonom. Sie hatten das produziert, was Salman Rushdie einmal
polemisch kulturelle ›Bastarde‹ nannte. Ihre gegensätzlichen Elemente waren im
kolonialen Kochtopf zusammengerührt und unwiederbringlich kreolisiert worden.
Die Kultur konnte nie mehr auf die Summe ihrer Einzelteile reduziert werden. Die
Kontaktzone – der ›dritte Raum‹, die ›Urszene‹ ihres erzwungenen Miteinanders –
erwies sich als der schlagkräftigste und einflussreichste Ort der Veränderung. [...]
Daraus ergibt sich, dass auch auf diesem Feld, so wie auf jedem anderen, die
Authentizität der Herkünfte problematisch ist. Nur wenig von den ursprünglichen
Kulturen hat überlebt; ihre Träger*innen erlagen den extrem harten Arbeitsbe-
dingungen, denen sie unterworfen wurden. Niemand von denen, die nachfolgten,
stammte aus der Region, alle kamen von woanders. Das mag auch die Quelle der
Verwirrung um diesen anderen umstrittenen Begriff sein – Hybridität –, mit dem

ZUR VERLEUGNUNG VON RACE | LUXEMBURG 1/2019 11


die karibische Kultur beschrieben wird. Hybridität bekommt zwar einige Aspekte
zu fassen, kann aber auch in die Irre führen, wenn sie auf die vielfältigen Anfänge
der Gesellschaft verweist, ihren ›Resultat‹-Charakter. Zu oft wirkt Hybridität mehr
wie eine Anspielung auf ›Blutvermischung‹ als wie ein Hinweis auf das Zusam-
menspiel historischer und kultureller Faktoren. Für meinen Geschmack liegt dies
zu nahe an einer gewissen Spielart von biologischem Reduktionismus.

ZUR BEDEUTUNG VON SCHWARZSEIN


Ab den 1930er Jahren, also etwa zum Zeitpunkt meiner Geburt, begann die ererbte
rassisierte Ordnung auf Jamaika zu bröckeln, ihre gesellschaftliche Macht löste
sich auf. Vollziehen wir nur mal nach, wie der Begriff ›Schwarz‹ in den öffent-
lichen Wortschatz einging und wie er zur Triebkraft kollektiver Anstrengungen
wurde, ein neues Selbst zu konzipieren. [...] Am sichtbarsten wurde dieser Bruch
in dem Moment, der sekundäre Entkolonisierung genannt wird, als in den späten
1960er Jahren die pan-karibische Ausprägung von Black Power entstand.
In meiner Jugend benutzte die Mittelschicht den Begriff Schwarz zur Selbstbe-
schreibung absolut nicht. Man zog das Wort coloured vor. Schwarz galt als zu unhöf-
lich, selbst gegenüber Leuten, die ganz offensichtlich Schwarz waren. Ich sah mich
nie als Schwarz, obwohl ich wusste, dass ich dort, wo ich war, nicht hingehörte. Und
keine*r meiner Freund*innen hätte mich oder sich selbst als Schwarz bezeichnet.
Dabei war einer überwältigenden Mehrheit der Schwarzen Jamaikaner*innen ihre
rassistische Inferiorisierung sehr wohl bewusst: von erniedrigenden Alltagserfahrun-
gen bis zu den rassisierten Hierarchien, die das Ordnungsprinzip der Gesellschaft
darstellten. Sehr genau kannten sie den Umfang und die Tiefe der Vorurteile, die
Weiße und People of Color ihnen gegenüber hegten. Nur war zu diesem Zeitpunkt
Schwarzsein noch kein positiver Begriff, den man für sich reklamierte, auch keine
Leitkategorie für eine Gruppenidentifikation oder kollektive politische Organisation
– wobei sich das rasch änderte, vor allem innerhalb der aufstrebenden panafrikani-
schen Minorität. Die Idee des Schwarzseins war erbarmungslos stereotypisiert und
abgewertet worden; Ängste gegenüber dem Schwarzsein gehörten zu den unhin-
terfragten Selbstverständlichkeiten des Alltagsverstands, seine Negativität noch ver-
stärkt durch unbewusste feindselige Gefühle und verkompliziert durch unaufgelös-
te psychische Knoten und Abwehrmechanismen, über die nicht gesprochen wurde,
obgleich man sie hätte erkennen können. All dies ist gemeint, wenn man sagt, was
eigentlich absurd klingt: dass Jamaika sich bis zur kulturellen Revolution der 1960er
und 1970er Jahre nicht als Schwarze Gesellschaft sah.
Erst in dieser Periode, also nachdem der rassisierten gesellschaftlichen Ord-
nung der Kampf angesagt war, wurde dieses Tabu gebrochen. Das war nicht nur

12 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


eine Angelegenheit der Karibik, sondern der ganzen Welt. Die Entkolonisierung
und die Entstehung neuer nicht-Weißer – ›blockfreier‹ – Staaten läuteten eine
neue historische Epoche ein. Sie umfasste die Bürgerrechtsbewegung und die
Black Power-Bewegung in den Vereinigten Staaten; den Garveyismus in der Ka-
ribik (gleichwohl nicht nur dort), in Kombination mit Rastafarianismus und Reg-
gae; den langen Kampf gegen die Apartheid; den ›Kulturkampf‹ der Schwarzen
in Großbritannien und die Mobilisierung antirassistischer Bewegungen in den
1970er Jahren. Und vieles mehr. In der Zeit nach den 1960er Jahren errang das
Wort Schwarz seine heutigen positiven Konnotationen und veränderte die Mög-
lichkeiten des popularen Lebens grundlegend. Dieser Bedeutungsumbruch und
das Entstehen neuer Schwarzer Identitäten wurde von Tag zu Tag in alternativen
kulturellen Formen wie Musik, Street-Styles und Tanz sichtbar, in denen das Neue
artikuliert, verkörpert und vorgeführt wurde. Durch Rastafarianismus und Reggae
spielte Jamaika eine überproportionale Rolle bei den weltweit entstehenden neuen
Vorstellungen davon, was die Emanzipation von rassistischer Unterdrückung ver-
sprechen mochte.

FUNKTIONEN VON RACE


Für meine Generation Brauner Mittelschicht-Jamaikaner*innen verdeckte die Re-
pression ein beredtes Schweigen, sie blendete das Unübersehbare aus, das (wie-
derum) gehört werden wollte und – aus ebendiesem Grund – unaussprechlich
blieb. Das Wesen der Verleugnung besteht gerade darin, gleichzeitig zu wissen
und nicht zu wissen. Foucault hat dargelegt, dass Verbote, weit davon entfernt,
das Unaussprechliche erfolgreich zu unterdrücken, eine produktive Zunahme des
Darüber-Sprechens erzeugen, was paradoxerweise das endgültige Scheitern des
Verbots signalisiert. Wenn uns verboten wird, etwas zu sagen, so Foucault, finden
wir andere Wege – indirekte, verschobene, aber zugleich nachdrücklichere Wege,
es zu sagen. So hatte laut Foucault die repressive viktorianische Sexualmoral den
Effekt, eine gewaltige Flut von neuartiger erotischer Literatur, Pornografie und Ge-
rede über dieses angeblich Unaussprechliche, nämlich Sex, auszulösen. Jamaika
war kein Fall von Repression an sich, sondern einer von kollektiver psychischer
Verleugnung. Da das Sprechen über die bedrohliche Existenz von race zensiert
war, produzierte Jamaika – speziell seine Mittelschicht – angesichts dieser nicht
manifesten und doch vorhandenen Leerstelle nicht nur eine Fülle an Redewei-
sen, sondern tausend Euphemismen, Ausweichmanöver und Umschreibungen. Je
mehr die Gesellschaft versuchte, das Thema zu vermeiden, desto ausufernder und
raffinierter wurde die Terminologie und desto wirkungsvoller öffnete dies die Tür
für das rassisierte Unbewusste in der Umgangssprache. In ihrer Studie zu Lord

ZUR VERLEUGNUNG VON RACE | LUXEMBURG 1/2019 13


Macaulay hat Catherine Hall gezeigt, dass dieses Vergessen im kolonialen Diskurs
eine Form von ›Rassisierung ohne Rasse‹ darstellt.
In diesem Zusammenhang mag es nützlich sein, sich die Unterschiede zwi-
schen den Funktionsweisen von race in der Karibik und in den Vereinigten Staaten
zu vergegenwärtigen.
In Jamaika stellten die Weißen eine kleine Minderheit dar, die den versklav-
ten und befreiten Schwarzen zahlenmäßig weit unterlegen waren. In den meisten
nordamerikanischen Staaten, in denen Sklaverei herrschte, lebten mehr Weiße als
Schwarze, die – wie Brodber und andere dargelegt haben – folglich versuchten, sich
innerhalb der dominanten Weißen Welt einen eigenen Raum zu schaffen. In Ja-
maika hingegen und in der Karibik generell drehten sich die Ideen von Freiheit
zunehmend darum, einen Raum anderswo oder außerhalb zu imaginieren, was sich
beispielsweise in der wachsenden Identifikation mit Afrika zeigte.
In den USA war das Gefälle der Rassisierung steiler und stützte sich scheinwis-
senschaftlich auf das genaue Verhältnis von Weißem und Schwarzem Blut in den
Adern einer Person: quadroon, octoroon und so weiter. Entsprechend wurden in
den Südstaaten rassistische Unterscheidungen juristisch schärfer definiert und ge-
sellschaftlich wirksamer durchgesetzt als in der Karibik. Der Amerikanische Bürger-
krieg hat trotz seiner Versprechungen die rassistischen Spaltungen nur ansatz- und
zeitweise gelockert. Die Reconstruction, der ambivalente Versuch des Nordens, nach
dem Krieg im Süden ein neues gesellschaftliches Regime zu etablieren, wurde von
den tonangebenden Geschäftemacher*innen und Karrierist*innen rasch kompro-
mittiert. Die Staaten erhielten das Recht, eigenständig gesetzlich zu regeln, welche
Freiheiten und Einschränkungen für befreite Schwarze gelten sollten. Die organi-
sierte Opposition gegen die Emanzipation wurde schon bald offensichtlich in den
Bestrebungen, die Jim-Crow-Gesetze einzuführen, welche die Linien rassistischer
Diskriminierung festigten und formalisierten und faktisch eine neue Trennung
nach Hautfarben herstellten. Eine extremistische Fraktion – der Ku-Klux-Klan – griff
nach seinen weißen Kapuzen und Stricken. Letztlich wurde die gesellschaftliche
Apartheid der Plantagen-Ära nach der Sklavenbefreiung reinstalliert.
In Jamaika existierte ein solches rassistisches Gefüge nicht, und die Trennung
zwischen den Hautfarben war weniger stark institutionalisiert. Sie funktionierte
nicht qua Gesetz, sondern durch Sitte und Gewohnheit. Man denke, was die kari-
bische Situation betrifft, nur an die Enklaven der Weißen, repräsentiert durch ihre
Jachtclubs, wo es keine Zugangsverbote gibt. Das ist auch gar nicht notwendig. Die-
se Klubs sind einfach traditionell Weiß. In der Praxis war race in Jamaika ein glei-
tender Signifikant. Die soziale Abweichung – das Gleiten des Signifikanten – war
beträchtlich und konstitutiv für das gesellschaftliche Leben selbst. Es gab eine breite

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Variation von Hautfarben, selbst innerhalb einer Familie, so wie in meiner eigenen.
In der jamaikanischen Gesellschaft war die fortwährende, verwirrende Fluidität der
körperlichen Erscheinung Gegenstand von Tratsch, intensiver Überwachung und
zügelloser Spekulation. Diese Fluidität, das war das Jamaika meiner Kindheit.

RACE UND SEX


Ein solches Gesellschaftssystem erfordert, dass wir nicht nur über die gesell-
schaftlichen Verhältnisse nachdenken, die es stützen, sondern auch darüber, wie
es tagtäglich reproduziert wird. Dies wiederum bringt uns zu Fragen nach der
geschlechtlichen Konstruktion von Körpern, von Sexualitäten und nach den man-
nigfaltigen Transaktionen zwischen den Variationen ›epidermischer Schemata‹
auf der einen Seite und erotischem Begehren auf der anderen. Es führt uns zur
Verbindung von race und Sexualität. Ich habe bereits darauf angespielt, als ich die
Situation in meiner eigenen Familie diskutierte: mein Schicksal als junger (dun-
kel-)Brauner Angehöriger der Mittelschicht und die beherrschende Präsenz mei-
ner Mutter. Gail Lewis bezieht sich auf den Psychoanalytiker Wilfred Bion, um
über die Natur der »mütterlichen Fantasien« nachzudenken, die sich auf das
Baby übertragen, und führt dann weiter aus, dass die Haut selbst als mysteriöse
Trägerin von »Geheimnissen, Begehren und Wissen« fungieren kann.
Das Verleugnen derer, die für die Elendsten gehalten werden, ist nicht nur an
race oder colour gebunden. Es zieht sich durch die gesellschaftlichen Verhältnisse
von Klasse, Geschlecht, Sexualität und Intimität. In dieser Hinsicht ist die Bür-
de der Vergangenheit im heutigen Jamaika unmittelbar präsent. Die gegen queere
Männer verübte Gewalt, um das prominenteste Beispiel zu nennen, bestätigt dies.
Früher ergingen sich die Anständigen in wortreichen Umschreibungen. Es war ja
nicht so, dass die ehrenwerte Gesellschaft nicht über Homosexualität sprach; sie
wurde ständig thematisiert, auch wenn sie niemals als das benannt wurde, ›was sie
war‹. Als ein dunkler Unterstrom war sie immer vorhanden. Heute bilden race, Sex
und Macht einen dynamischen erotischen Cocktail. Der Albtraum Weißer Männer
scheint zu sein, dass Schwarze Männer ihnen sexuell – in Größe oder Performance –
überlegen sein und sie bei Weißen Frauen ausbooten könnten. Die Angst, von ei-
nem sexuell rebellischen ›Niederen‹ übertrumpft zu werden, lieferte die Zutaten
für machtvolle Weiße Fantasmen. In »Schwarze Haut, weiße Masken« beobachtet
Frantz Fanon, dass Weiße oft davon fantasieren, Schwarze Männer hätten Penisse
von den ›Ausmaßen einer Kathedrale‹. In Reaktion auf solche weit verbreiteten
Fantasmen ist eine übertriebene Schwarze Maskulinität zu einem der Terrains ge-
worden, auf denen gestohlene Freiheiten umkämpft und kompensiert und histori-
sche Kämpfe symbolisch ausgefochten werden. Dieser tief sitzende, gestörte Zug

ZUR VERLEUGNUNG VON RACE | LUXEMBURG 1/2019 15


Beide Fotos: eines männlichen Chauvinismus in der jamaikanischen Gesellschaft, gepaart mit
© Dimitris Michalakis
der entsprechenden Homophobie, ist ein entstellendes zeitgenössisches Erbe der
rassistischen Vergangenheit. Die ungenierte Gewalt gegen Frauen ist ein weiteres.
Sexuelle Leistungsfähigkeit ist für Schwarze Männer ein Weg, sich in einer Welt der
Abhängigkeiten ihrer Maskulinität zu versichern; eine der wenigen Sphären von
Freiheit und Macht, die noch nicht außer Kraft gesetzt wurden.
Für eine beträchtliche Anzahl Schwarzer Frauen ist Sexualität in der populä-
ren Kultur ebenfalls zu einem hoch aufgeladenen Schauspiel geworden, in dem
sie ihre Unabhängigkeit behaupten und inszenieren, vor allem als Freude am
Sex. Diese Elemente prägen nachhaltig die heutige urbane Kultur der slackness, in
der sowohl Männer als auch Frauen aktive und hoch sexualisierte Rollen spielen.
Auch wie jungen Schwarzen Briten in der Diaspora typischerweise unterstellt wird,
sie würden mit verschiedenen baby mothers Kinder in die Welt setzen, steht in
Beziehung zu dieser ideologischen Rhetorik. Jedoch stehen am Ende dieser fantas-
matischen Kette des Begehrens immer jene, die Objekte und Opfer dieser Prozesse
sind – vor allem Frauen und schwule Männer.

SICHTBARKEIT ALS WAHRHEIT


Das heißt, race/colour funktioniert tatsächlich als Artikulationsprinzip, das sich
durch die ganze Gesellschaft zieht: als Mittel, durch das multiple Formen von Un-
terdrückung ineinandergreifen und Bedeutung erlangen. Race, was immer dieser
Begriff bedeuten mag, kann ausschließlich in ihren Erscheinungsformen gesehen
werden, während Hautfarbe nur allzu sichtbar ist. Also ist man versucht, das eine
zu benutzen, um das andere zu repräsentieren.

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Von diesen beiden Begriffen – race und colour – war und ist race die ursprüngliche Ka-
tegorie. Man ging davon aus, dass race-Unterschiede biologisch und genetisch vererbt
werden. Tatsächlich hat Skip Gates schon vor langer Zeit dargelegt, dass ›Rasse‹ »zu
einem bildlichen Ausdruck irreduzibler Unterschiede zwischen Kulturen, Sprach-
gruppen oder Anhängern besonderer Glaubenssysteme geworden ist, die oft auch
fundamental gegensätzliche ökonomische Interessen haben«. Daraus ergibt sich das
Problem, dass rassisierte Vererbung nicht mit bloßem Auge erkennbar ist. Deshalb
ist es schwierig, um genetische Verschiedenheit eine dem Alltagsverstand einleuch-
tende – in Alltagssprache ausdrückbare – Abgrenzung zu konstruieren, wenn die
Bezugsgrößen nicht sichtbar, eindeutig und leicht verfügbar sind. Die Farbe der Haut
wiederum ist nur allzu deutlich sichtbar. Ihre Sichtbarkeit war und ist ihr größter dis-
kursiver Wert. Sie ermöglicht ein sofortiges Erkennen. Sichtbarkeit wird somit zum
Synonym für Wahrheit. In Anlehnung an Jacqueline Roses wunderbares Buch »Sexu-
alität im Feld der Anschauung« kann man sagen, dass diese Manöver race im ›Feld der
Anschauung‹ verorten. So lieferte die Ersetzung von race durch colour einen lesbaren
Code, innerhalb dessen sich ein Begriff durch den anderen ersetzen ließ. Ernesto
Laclau und Chantal Mouffe nennen diese Denkstruktur »System der Äquivalenz«.
In diesem diskursiven System war biologische ›Rasse‹ die primäre Unter-
scheidungskategorie. Hautfarbe aber war die offensichtlichste visuelle Grenz-
markierung. Sie ermöglichte es uns, Vorgänge zu erfassen, die mit bloßem Auge
nicht zu sehen waren, von denen wir aber wussten, dass sie unsichtbar im Körper
wirkten. Diese Äquivalenzen sind von herausragender Bedeutung: nicht weil, wie
deren Kritiker behaupten, »es dabei nur um Sprache geht«, sondern weil solche
diskursiven Systeme die sozialen Praxen formen und steuern und umgekehrt.

ZUR VERLEUGNUNG VON RACE | LUXEMBURG 1/2019 17


Der Prozess der gesellschaftlichen Kartografierung beinhaltete nicht nur die Ste-
reotypisierung von ›Blut‹, sondern auch von kulturellen Merkmalen. Im kolonia-
len Diskurs wurden nicht-Weiße Völker generell als von Geburt faul, unzuverlässig,
aggressiv, über-emotional, über-sexualisiert, irrational, intellektuell minderbemittelt
kategorisiert und daher als von der Natur dazu bestimmt, in der Rangordnung der
zivilisierten Gesellschaften für immer ganz unten zu rangieren. Als der Sklaven-
handel im Gange war und man die grundsätzliche Menschlichkeit der Sklaven
schließlich widerwillig anerkannte, wurden sie in der Regel als Angehörige der
negro race wahrgenommen und damit als vollkommen separate und tiefer ste-
hende Kategorie von Menschen, die dauerhaft auf eine niedrigere soziale Ent-
wicklungsstufe beschränkt blieben. Kulturelle Stereotype ließen sich damit wie
colour denken: stabil und unveränderlich, weil sie sich – scheinbar – nicht aus
der Geschichte ableiteten, sondern aus der Natur. Das ließ sich auch so darstel-
len, dass rassisierte kulturelle Merkmale sich, wenn überhaupt, dann nur im
Zeitlupentempo natürlicher Evolution verändern. Im Alltag hingegen werden sie
als dauerhaft, gesichert und ewig unveränderbar erfahren, sind also kein Gegen-
stand für Reformen oder Veränderungen.
Der Effekt war, rassisierte Unterschiede zu fixieren, zu naturalisieren und
zu normalisieren, indem physische Erscheinungsformen in soziale Bedeutun-
gen übersetzt wurden. In »Mythen des Alltags« hat Roland Barthes in seiner
Erörterung zum Titelbild von Paris Match, auf dem ein Schwarzer Soldat vor der
französischen Flagge salutiert, diese Argumentation benutzt. Er bezeichnete den
zugrunde liegenden ideologischen Prozess, die Praxis, Geschichte auf Natur zu
reduzieren, als »Naturalisierung«. Damit folgte Barthes Marx, der beobachtet
hatte, mit welchen Mitteln die bürgerliche Ideologie die Mechanismen des kapi-
talistischen Marktes normalisiert: indem er dargestellt wird, als sei er ein von der
Natur selbst ermächtigtes ökonomisches System.
Der Begriff Naturalisierung erinnert auch an Fanon, der ein auf Hautfarbe
basierendes System rassisierter gesellschaftlicher Distinktion als »epidermisches
Schema« bezeichnet. Aus dieser Perspektive wird der Körper zu einem Ding,
mittels dessen »Unterschiede gedacht« werden und das unmittelbar Furcht und
Angst auslöst. »Tiens, Maman! Un nègre!«, ruft das Kind in Fanons berühmtem
Zitat. In diesen wenigen Worten ist das Bedrohliche von race verdichtet. Und wie
Fanon anhand solcher scheinbar unbedeutende Praxen demonstriert, wird die
Weiße Angst vor dem Schwarzen selbst normalisiert.
Das Herausarbeiten dieses ›Systems der Artikulation‹ brachte mich zu der in
meiner Eröffnungsrede im DuBois Center for African-American Studies in Harvard
gestellten Frage »Ist race nichts weiter als ein gleitender Signifikant?« Meine kurze

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Antwort lautete: Race ist beides, eine sozioökonomische ›Tatsache‹ und ein soziales
Konstrukt oder diskursives ›Ereignis‹ – auch wenn sie natürlich niemals ein un-
veränderliches, beweisbares, objektives wissenschaftliches Gesetz bezeichnet, das
außerhalb des Diskurses wirkt und ein Garant für ihre Gültigkeit sein kann.
Der Stellenwert von race/colour als diskursiver Signifikant, der gesellschaftli-
che Bedeutung organisiert, impliziert nicht (wie die Skeptiker*innen meinten), dass
Diskurs in der »realen Welt« (wie sie sagen) keine Rolle spielt, weil es sich »nur um
Sprache« handelt. Diskurs und Praxis sind keine fundamentalen Gegensätze. Praxen
haben immer eine Bedeutung, und Bedeutungen organisieren Praxen und haben
reale Auswirkungen. Innerhalb eines Systems der Repräsentation dieser Art, argu-
mentierte ich, müssen wir keine prinzipielle analytische Unterscheidung zwischen
körperlichen und kulturellen Faktoren treffen, um Rassismus zu erklären. Vielmehr
wurden die beiden, wie ich es damals ausdrückte, »die zwei Register des Rassismus«.
Der Entkolonisierungsprozess in Jamaika musste sich an vielen verschiedenen
Fronten auf die heimische Kultur einlassen. Dabei war es entscheidend, das zuvor
fortwährend Verleugnete ins Zentrum des bewussten Denkens und Sprechens zu
rücken. Dies ist eine Möglichkeit, die periodisch wiederkehrende Dynamik der kul-
turellen Revolutionen der späten 1960er und der 1970er Jahre zu verstehen, die
versprachen, uns von der sozialen Gewohnheit des Verleugnens zu befreien, die die
Funktionsweise des modernen Jamaika garantiert hatte.
Als ich heranwuchs, war es noch nicht so weit. Es gab keinen solchen kollek-
tiven Willen abseits der verschiedenen Unterströmungen dieses anderen Jamaika,
das die Angehörigen meiner Klasse und colour kaum kennen konnten. Dies führte
zu einer nerven- und kräftezehrenden Erfahrung: Wir fühlten, dass keine Sprache
zur Verfügung stand, mit der sich verstehen ließ, was tief in uns allen steckte und
brannte. Die Abreise aus Jamaika musste eine Reise zu etwas Neuem sein, das uns
ermöglichen würde auszusprechen, was in uns war.

Aus dem Englischen von Ronald Gutberlet, Lektorat von Iris Konopik

LITERATUR
Freud, Sigmund, 1930: Das Unbehagen in der Kultur, in: GW 14, Wien

1 Bewohner der Westindischen Inseln, die aus mehreren karibischen Inselgruppen bestehen.
2 Die Übersetzung des Buches wird von einem Editorial Board, bestehend aus Natascha Khakpour,
Jan Niggemann, Ingo Pohn-Lauggas, Nora Räthzel, Victor Rego Diaz und Juha Koivist, begleitet. In diesem
Kreis wurde entschieden, den Begriff »Race« zu verwenden, weil er auf einen anderen historisch-kulturellen
Kontext verweist, als »Rasse« im Deutschen. Detaillierte Begründungen zur Übersetzung finden sich
im Editorial des Buches.

ZUR VERLEUGNUNG VON RACE | LUXEMBURG 1/2019 19


JENSEITS
DER ZENTREN
Von Dimitris Michalakis

Fernab von den touristischen Zentren und den Protesten in großen Städten
kämpfen die Menschen auf dem Land stiller und von den Medien weitgehend
unbemerkt mit den Auswirkungen der EU-Sparpolitik in Griechenland. In vie-
len Gegenden liegt die Arbeitslosenquote bei 45 Prozent, etwa in Xanthi im
Nordosten, und die Jugend- und Frauenarbeitslosigkeit gar bei 75 Prozent wie
in Aitoloakarnania im Westen des Landes. Viele Menschen halten sich hier nur
mühsam mit Saison-Jobs über Wasser. Wer kann, sucht woanders nach Arbeit.
In größeren Städten oder gleich im europäischen Ausland. Junge Menschen
sind hier kaum noch zu sehen  – sie kommen nur zurück, um die Eltern und
Großeltern zu besuchen.
Mit dem Projekt Archive One will der Fotojournalist Dimitris Michalakis zeigen, was
wir in den Medien nicht sehen. Inspiriert von US-amerikanischen Fotograf*innen
wie Dorothea Lange und Walker Evans, die in den USA der 1930er Jahre für die
Farm Security Administration (FSA) die Lebensbedingungen der ländlichen Be-
völkerung fotografisch dokumentierten, bereiste Michalakis im Jahr 2018 länd-
liche Regionen Griechenlands, die von der Krise besonders hart getroffen wur-
den. Seine Fotografien fügen die Geschichten der Einzelnen zu einer gemein-
samen Erzählung zusammen. Gemeinsam mit der Journalistin Eleni Pangkalia
hat Michalakis so ein fotografisches Essay der sozialen Folgen der Krisenpolitik
erstellt und ein Stück Zeitgeschichte dokumentiert.
Das von der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Griechenland geförderte Projekt wird
in Kürze als interaktive Landkarte und in Zeitungsform erscheinen. Eine Aus-
wahl der Bilder ist hier bereits zu sehen.

Alle Bilder bis S. 63:


© Dimitris Michalakis
DAS DILEMMA MIT EUROPA
WIE WIR IN DIE OFFENSIVE KOMMEN

RALPH GUTH Die Europäische Union steckt in der tiefsten


ELISABETH KLATZER Krise seit ihrem Bestehen. Mit dem Brexit
wird die EU-Integration erstmals rückgebaut.
LISA MITTENDREIN
Die Ungleichheit in Europa nimmt zu, zwi-
ALEXANDRA STRICKNER
schen Arm und Reich ebenso wie zwischen
VALENTIN SCHWARZ Regionen und Ländern. Das Wohlstands-
versprechen der EU gilt für immer weniger
Menschen. Statt Integration bringt die EU
heute vor allem Spaltung.
Wir haben die neoliberale Ausrichtung der
Europäischen Integration immer kritisiert und
eine Vielzahl von Alternativen und Reformen
vorgeschlagen. Das Projekt EU selbst haben
wir dabei aber grundsätzlich befürwortet. Die
Ereignisse der letzten Jahre machen diese Ein-
schätzung aber immer komplizierter. Gleich-
zeitig bildet die EU einen unhintergehbaren
Rahmen unseres politischen Handelns. Die
endlosen Debatten innerhalb der Linken um
»pro« oder »contra« EU lähmen uns in einer
Zeit, in der wir dringend politisch in die Offen-
sive kommen müssen. Wie das gehen kann,
wollen wir in zehn Thesen diskutieren.

22 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


Vorab ist jedoch klar: Im Streiten um ein gutes ändern, sondern müssen eigenständig Schritte
Leben für alle – und darum geht es uns – ist setzen können.
die EU keine Verbündete. Und das wird sich Die EU ist aber auch kein äußerer Feind,
auch nicht so schnell ändern. Ihr heutiger von dem wir uns durch einen Austritt einfach
neoliberaler Charakter ist als Folge historischer lösen könnten. Die wirtschaftlichen Verflech-
Entwicklungen und politischer Auseinander- tungen, die Tiefe der neoliberalen Reformen
setzungen in den Verträgen und Institutionen der letzten Jahrzehnte, die enorme Konzen-
festgeschrieben. Ihre Funktionsweise schirmt tration von Vermögen und wirtschaftlicher
sie vor Veränderungen von unten gezielt ab. Macht sowie die Meinungsherrschaft der
EU-Kommission und Europäische Zentralbank Rechten und Neoliberalen verhindern das. Es
(EZB) müssen sich keinen demokratischen ist schwer vorstellbar, dass ein einzelnes Land
Wahlen stellen, bei jeder echten Änderung nach einem Austritt besser in der Lage wäre,
ist Einstimmigkeit im Rat erforderlich. Eine progressive Politik umzusetzen.
grundlegende Reform bräuchte daher linke oder Wenn also die EU nicht zu retten und ein
progressive Regierungen in allen oder zumin-
dest den zentralen Mitgliedsstaaten. Das ist
unwahrscheinlich, wenn nicht sogar unmöglich. RALPH GUTH ist Politikwissenschaftler und studiert
Erstens gibt es auf EU-Ebene kaum Rechtswissenschaften.
Ansatzpunkte für Veränderung von unten. Die ELISABETH KLATZER ist politische Ökonomin.

EU-Kommission als mächtige Exekutive ist für LISA MITTENDREIN ist Soziologin und Sozioökonomin.
ALEXANDRA STRICKNER ist politische Ökonomin.
Kapitalinteressen bestens zugänglich, nach
VALENTIN SCHWARZ ist Historiker.
unten jedoch abgeschirmt. Das EZB-Mandat Sie sind alle seit vielen Jahren bei Attac Österreich
schreibt eine neoliberale Geldpolitik ohne aktiv und haben an dem Band »Entzauberte Union«
demokratische Eingriffsmöglichkeit fest. Zwei- (2017) mitgewirkt, aus dem wir das letzte Kapitel in
leicht gekürzter Fassung hier nachdrucken.
tens meinen zwar viele, für eine EU-Reform
müssten sich nur die Kräfteverhältnisse in den
Mitgliedsstaaten verändern, doch das ist leichter
gesagt als getan. Denn die ökonomischen und Austritt keine Lösung ist – was dann? Hier gilt
sozialen Beziehungen zwischen gesellschaftli- es neue Wege und Strategien zu entwickeln,
chen Gruppen und ihren Interessen sind tief in mit denen wir in die Offensive kommen. Nur
gesellschaftliche Institutionen eingeschrieben. dann haben wir eine Chance, Menschen für
Bessere Wahlergebnisse reichen nicht aus, um unsere Ideen zu begeistern und gemeinsam
sie zu verändern. Drittens stabilisiert die EU die Gesellschaft zu verändern.
die bestehenden Herrschaftsverhältnisse und
verhindert Veränderung teilweise sehr aktiv – WEDER EU IDEALISIEREN NOCH DEN AUSTRITT
siehe Griechenland. Viertens können einzelne DÄMONISIEREN
linke Regierungsprojekte nicht jahrzehntelang »Ich bin für die EU, aber …«, ist für viele
warten, bis sich die Verhältnisse auch anderswo Progressive eine Art Mantra. Kritik gestatten

MONSTER | LUXEMBURG 1/2019 23


sie sich nur, wenn sie zugleich gebetsmühlen- Organisationen zum Alltag, erzeugen aber oft
artig ihr Bekenntnis zur EU wiederholen. Doch mehr Schaden als Nutzen. Ein Beispiel: Eine
die EU ist nicht inhärent gut oder progressiv. echte progressive EU-Sozialpolitik, die diesen
Der verbreitete Bekenntniszwang erschwert die Namen verdient, ist völlig unrealistisch.
notwendige, tief greifende Kritik und nützt den Fordern wir die EU-Kommission trotzdem
neoliberalen Eliten, die ihr europäisches Projekt dazu auf, erreichen wir in der Sache nichts,
im Interesse von Reichen und Großunter- legitimieren aber ihre Funktionsweise als
nehmen vorantreiben. undemokratische Institution. Gleichzeitig
Wir dürfen uns auch nicht zwingen lassen, bestärken wir ihren Zugang, soziale Fragen
die EU blind zu verteidigen, wenn sie von rechts der Wettbewerbslogik unterzuordnen, und
angegriffen wird. Nur mit eigenständigen verdecken, dass ihre Politik für den Abbau
Analysen und Positionen, die sich nicht am sozialer Rechte steht. Das bedeutet nicht, dass
politischen Koordinatensystem der Eliten orien- wir niemals Forderungen an die EU-Ebene
tieren, können wir politisch wirksam handeln. richten sollen. Doch wir sollten genau abwä-
Tun wir das nicht, entfernen wir uns immer gen, wann wir das tun und warum.
mehr von der gesellschaftlichen Realität. Denn Im Rahmen einer starken Kampagne
die Erzählung von der fortschrittlichen EU, die können wir die EU-Institutionen, aber auch
unser aller Leben verbessere, hat nichts mehr nationale Regierungen durchaus unter
mit dem Alltag der meisten Menschen zu tun. Zugzwang setzen. Ist unsere Bewegung
Wer die EU kritisiert, wird schnell als stark genug, lassen sich so Zugeständnisse
nationalistisch gebrandmarkt und mit der erzwingen. Manchmal gibt es im neoliberalen
Rechten in einen Topf geworfen. Doch nicht Gefüge der EU progressive Fenster, in denen
jede EU-Kritik ist nationalistisch, ebenso wenig unsere Forderungen durchsetzbar sind. Leider
wie jeder Bezug auf politisches Handeln im ist das selten der Fall. Auch aussichtslose
Nationalstaat. Auch wenn wir beispielsweise Forderungen an die EU-Institutionen können
den Austritt in Österreich für keine sinnvolle fallweise strategisch sinnvoll sein, um sichtbar
Forderung halten, kann die Debatte darüber zu machen, dass sie gegen die Interessen der
anderswo progressive Spielräume eröffnen. breiten Bevölkerung handeln.
Der Euro ist nicht alternativlos und es gibt eine In bestimmten Fällen können wir versu-
rege wissenschaftliche Auseinandersetzung zu chen, noch weiter zu gehen und die Politik der
alternativen Formen der Währungskooperation. EU aktiv zu delegitimieren. So entschieden
Führen wir eine offene Debatte zu EU und Euro sich Ärzte ohne Grenzen 2016, wegen der
und überwinden wir die Stigmatisierung jeder menschenrechtswidrigen EU-Flüchtlings-
Kritik als »antieuropäisch«. politik keine Gelder der EU und der Mitglieds-
staaten mehr anzunehmen. Damit setzen sie
DIE EU NICHT UNGEWOLLT LEGITIMIEREN ein starkes Zeichen, dass ihr humanitärer
Die EU soll dies, die EU muss das. Forderun- Auftrag mit der EU-Flüchtlingspolitik nicht
gen dieser Art gehören für viele progressive vereinbar ist.

24 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


STANDPUNKTE ANDERER LÄNDER UND die EU einschätzen: Wir müssen anerkennen,
SOZIALER GRUPPEN EINBEZIEHEN dass Menschen mit denselben politischen
Viel zu oft verallgemeinern Politiker*innen, Zielen in anderen Ländern unter anderen
Journalist*innen oder Wissenschaftler*innen wirtschaftlichen und politischen Bedingungen
ihre Sicht der EU. Doch wie wir sie erleben, leben – und so auch zu anderen Schlüssen
hängt stark von unserer sozialen Herkunft kommen können.
und unseren Lebensumständen ab. Haben
wir Sprachkenntnisse, finanzielle Mittel und AN WELCHE POLITISCHE EBENE RICHTEN WIR
Kontakte, um die Reisefreiheit auszukosten, UNSERE FORDERUNGEN?
oder schränken uns Geldsorgen oder Betreu- Viele Probleme unserer Zeit sind global und
ungspflichten ein? Studieren wir an der Uni progressive Kräfte hoffen auf internationale
und haben wohlhabende Eltern, die uns ein Lösungen. Nur eine solidarische europäische
Erasmus-Auslandssemester ermöglichen? Flüchtlingspolitik könnte sicherstellen, dass
Oder sind wir von Arbeitslosigkeit und Menschen hier Schutz und Sicherheit finden.
Lohndumping bedroht? Manche können die Um die Finanzmärkte wirksam zu regulie-
Vorteile der EU nutzen, doch das gilt nicht für ren, bräuchte es internationale Abkommen,
die Mehrheit der Menschen. Nur wenn wir und auch den Klimawandel können wir nur
das anerkennen, können wir eine sinnvolle koordiniert bekämpfen. Doch all das geschieht
EU-Strategie entwickeln. nicht oder unzureichend. Nur auf europäische
Auch die EU-Debatten sozialer Bewegun- oder gar globale Lösungen zu warten hilft
gen unterscheiden sich je nach Land. Zum uns nicht weiter. Das macht uns handlungs-
Beispiel profitieren Österreichs Großunter- unfähig und verstellt den Blick darauf, dass
nehmen von Binnenmarkt und Osterwei- politische Veränderung auch an anderer
terung, während EU-Kritik hierzulande vor Stelle beginnen kann. Arbeiten wir nicht
allem von rechts kommt. Beides prägt die pro- auf jener Ebene, die in der Theorie die beste
gressive EU-Debatte. In Südeuropa hingegen wäre oder die uns die Gegenseite vorgibt,
sind die Folgen von Euro und Kürzungspolitik sondern dort, wo wir am wirksamsten etwas
für die Mehrheit der Menschen desaströs. Es erreichen können. Ein Beispiel: Im Kampf
gibt starke soziale Bewegungen, die Konflikte gegen TTIP und CETA haben wir nicht darauf
auf der Straße sichtbar machen. Unter diesen gehofft, die EU-Kommission zu bekehren,
Bedingungen ist die Auseinandersetzung sondern Gemeinden mobilisiert, um Druck
mit dem Euro-Austritt in Griechenland etwas auf nationale Regierungen zu machen. Lange
völlig anderes als in Österreich, nämlich eine bevor es einen globalen UN-Klimavertrag gab,
mögliche Alternative zur Kürzungspolitik. bemühten sich viele Kommunen um die Ener-
Auch für Portugal, das eine starke Linke hat, giewende. Und in Frankreich ermöglicht ein
aber innerhalb der Eurozone zum Niedrig- neues Gesetz, Konzerne für Menschenrechts-
lohnland degradiert wurde, kann der Austritt verletzungen vor Gericht zu bringen, auch
eine Perspektive sein. Wie auch immer wir wenn diese im Ausland begangen wurden.

MONSTER | LUXEMBURG 1/2019 25


Nun wäre es klarerweise wünschenswert, eine wie das Wettbewerbsrecht oder den Fiskal-
solche Regelung auf EU-Ebene zu verankern. pakt hinauszugehen und so die neoliberalen
Doch hätten die Bewegungen in Frankreich Grundfesten der EU zu politisieren. Wenn
darauf gewartet, wäre dieses Gesetz wohl nie EU-Recht eine sozial gerechte, nachhaltige
zustande gekommen. und demokratische Politik verunmöglicht oder
Allzu oft verweisen Politiker*innen auf Lebensbedingungen verschlechtert, dann hat
die Notwendigkeit einer Lösung auf EU-Ebene, eine gewählte Regierung die Pflicht, diese
um sich selbst aus der Verantwortung zu Regeln zu missachten. Und wir haben das
stehlen. Doch diese ist nicht automatisch der Recht, genau das von ihr zu verlangen.
beste Ansatzpunkt. Wir können politische
Veränderungen auch auf anderen Ebenen AUCH STÄDTE, GEMEINDEN UND REGIONEN
vorantreiben. SIND POLITISCHE AKTEURE
Wenn wir also auf EU-Ebene wenig erreichen
MIT NEOLIBERALEN REGELN BRECHEN können – bleibt dann nur der Nationalstaat?
Neoliberale Politik ist so tief in den Verträgen Keinesfalls. Auch Städte, Gemeinden und
und Strukturen der EU verankert, dass alter- Regionen sind politische Ebenen, auf denen
native Wirtschaftspolitik fast unmöglich wird. wir unsere Forderungen durchsetzen können.
Wir müssen aufhören, dieses Regelwerk als Vorreiterinnen dieser Idee sind jene Bewegun-
unumstößlich zu betrachten. Investitionen gen in spanischen Städten wie Barcelona und
in die soziale Infrastruktur sind nur möglich, Madrid, welche die Stadt als Ausgangspunkt
wenn wir die Budgetregeln missachten. Um für eine andere Politik nutzen. Angelehnt
die Energieversorgung unter demokratische an el municipio, die Gemeinde, nennen sie
Kontrolle zu stellen, müssen wir uns über den sich »munizipalistisch«. Sie entwickeln ihre
Liberalisierungszwang der EU hinwegsetzen. Politik aus dem Alltag und Lebensumfeld der
Und wir können kooperative und ökologische Menschen und versuchen von unten Lösungen
Wirtschaftsformen nur fördern, indem wir das für gesellschaftliche Probleme zu erarbeiten.
EU-Wettbewerbsrecht brechen. Statt darauf zu warten, dass der spanische Staat
Dieser strategische Ungehorsam eröffnet Flüchtlinge aufnimmt, versucht Barcelona, das
neue Perspektiven für linke Regierungen auf selbst zu tun. Die Städte werden damit zum
allen Ebenen, aber auch für soziale Bewegun- Hebel im Kampf gegen die Politik der Zentral-
gen. Lassen wir Politiker*innen nicht länger regierung und möglicherweise auch die der EU.
mit Sachzwang-Argumenten davonkommen. Im Widerstand gegen Privatisierung und
Wir können in der EU bleiben, ohne uns allen Liberalisierung können Städte und Gemein-
problematischen Regeln zu unterwerfen. den in Zukunft eine zentrale Rolle einneh-
Wenn wir sie erfolgreich brechen, schaffen men. Die EU schreibt Liberalisierungen vor
wir neue politische Spielräume. Das Konzept und die Folgen werden auf lokaler Ebene am
des strategischen Ungehorsams ermöglicht es, meisten spürbar. Dazu kommt, dass Alterna-
über abstrakte Kampagnen gegen EU-Regeln tiven dort oft am einfachsten umsetzbar sind.

26 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


Mann mit Holzpalette, die als Feuerholz dienen soll.

Städte können somit als Orte des Experimen- Wir können internationalistisch sein, ohne
tierens dienen, für politische Maßnahmen wie die EU zu verherrlichen. Arbeiten wir statt-
für neue demokratische Formen. Gegen die dessen an neuen Modellen internationaler
EU-Handelspolitik beispielsweise vernetzen Zusammenarbeit, die an der EU vorbei- und
sich EU-weit TTIP-freie-Kommunen. Auch im über sie hinausgehen. Lernen wir von den
Kampf für die Rechte von Flüchtlingen und Erfahrungen anderer Weltregionen, etwa von
gegen Abschiebungen sind kleine Gemeinden ALBA in Lateinamerika. Statt schrankenlosem
immer wieder Vorreiterinnen. Städte, Gemein- Handel, der nichts mit solidarischer Koope-
den und Regionen können darüber hinaus ration gemein hat, steht dort das Prinzip der
neue Formen der Zusammenarbeit erproben, Komplementarität im Vordergrund, also der
denn internationale Kooperation ist nicht auf gegenseitigen Ergänzung. Importiert wird,
Nationalstaaten beschränkt. was nicht selbst hergestellt werden kann.
In Europa könnten Länder oder Regionen
INTERNATIONALE KOOPERATION NEU DENKEN beispielsweise gemeinsame öffentliche
Globale Solidarität und internationale Zu- Betriebe aufbauen, um ihre jeweiligen Stärken
sammenarbeit sind Grundwerte der globa- zu kombinieren.
lisierungskritischen Bewegung. Die EU Barcelona arbeitet am Aufbau eines Ge-
vereinnahmt diese Werte für sich, lebt aber meindenetzwerks gegen Privatisierungen. Sol-
höchstens einen Internationalismus des che Kooperationen zeigen, dass international
Kapitals. Lassen wir uns davon nicht beirren. nicht immer zwischenstaatlich heißen muss.

MONSTER | LUXEMBURG 1/2019 27


Rebellische Städte können etwa gemeinsam Landarbeiter*innen aus dem globalen Süden
neue Formen von Stadtbürgerschaft erproben, gegen Saatgutpatente kämpfen.
die Menschen unabhängig von ihrem Auf- Wir setzen politische Veränderung nicht
enthaltsstatus politische und soziale Rechte durch, indem wir recht haben, sondern indem
geben. Kooperation muss nicht zwangsläufig wir uns gemeinsam mit möglichst vielen
in Europa beginnen. Denken wir grenzüber- Menschen dafür organisieren. Dafür sind
schreitende Zusammenarbeit nicht in erster Alternativvorschläge wichtig, aber sie sind
Linie europäisch, sondern politisch: Verfolgt nicht alles. Wir müssen die richtigen Ausein-
ein Staat, eine Region oder eine Stadt ähnliche andersetzungen führen, die uns helfen, Schritt
Ziele und ist eine Kooperation sinnvoll? Dann für Schritt neue Handlungsspielräume zu
bemühen wir uns darum, auch wenn der Ort gewinnen. Wir müssen Alternativen von unten
außerhalb des geografischen und kulturellen aufbauen, mit denen wir die Vision einer ande-
Konstrukts »Europa« liegt. ren Gesellschaft sichtbar machen. Wir müssen
Formen politischen Handelns entwickeln, an
MACHTVERHÄLTNISSE VERÄNDERN denen sich möglichst viele Menschen beteili-
Wir brauchen Alternativen zur herrschenden gen können. Und wir sollten nicht immer mit
Politik. Oft erarbeiten Organisationen oder den größten Fragen und der höchsten Ebene
Bewegungen perfekte Modelle, wie sich die beginnen. Setzen wir dort an, wo wir konkrete
EU-Politik in einem bestimmten Bereich Lösungen anbieten und aufbauen können.
anders organisieren ließe. Doch nur, weil wir
gute Vorschläge haben, werden uns die Eliten WO LASSEN SICH HANDLUNGSSPIELRÄUME
nicht erhören. Auch helfen uns detaillierte VERGRÖSSERN?
Konzepte allein nicht dabei, Menschen als Als soziale Bewegungen führen wir wichtige
Mitstreiter*innen zu gewinnen. Visionen und Abwehrkämpfe, um weitere Verschlechterun-
Vorschläge sind nötig, müssen aber immer in gen zu verhindern. Wir können jedoch nicht
Zusammenhang mit konkreten politischen gegen alle Angriffe auf soziale Rechte und
Auseinandersetzungen stehen. Konzepte für unsere Lebensgrundlagen kämpfen, sondern
ein gemeinwohlorientiertes Bankensystem müssen Auseinandersetzungen auswählen,
sind dann besonders wirksam, wenn reale die wir zu gewinnen versuchen. Das tun wir
Bankenrettungen anstehen und wir Widerstand klarerweise auf Basis unserer politischen
dagegen organisieren wollen. Auch Ideen wie Ziele. Darüber hinaus gibt es drei zentrale
Demokratie oder Solidarität mobilisieren abs- strategische Kriterien, nach denen wir die
trakt und für sich genommen fast niemanden. Konflikte auswählen sollten.
Erst wenn wir sie mit konkreten Kämpfen wie Führen wir, erstens, jene Auseinanderset-
etwa gegen TTIP und CETA verbinden, kön- zungen, welche die zentralen politischen Pro-
nen wir Menschen dafür gewinnen, aktiv zu jekte der Herrschenden am meisten stören.
werden. Und globale Solidarität wird greifbar, TTIP und CETA sind der Beginn einer neuen
wenn wir zusammen mit Bäuer*innen und handelspolitischen Agenda der EU. Wenn wir

28 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


sie stoppen, bringen wir den ganzen Plan sie konkrete Antworten auf die Bedürfnisse
und damit ein langfristiges, globales, neoli- von Beschäftigten, Konsument*innen oder
berales Projekt zu Fall. Wählen wir, zweitens, den Nutzer*innen öffentlicher Leistungen.
jene politischen Auseinandersetzungen aus, Sie ermöglichen es Menschen, abseits von
mit denen wir neue Handlungsspielräume Kampagnen- oder Bildungsarbeit an konkreten
gewinnen können. Wenn Bewegungen gegen politischen Projekten mitzuarbeiten. Und als
die Privatisierung der Wasser- oder Energie- Modelle alternativen Wirtschaftens machen sie
versorgung in ihrer Stadt kämpfen, öffnen sie eine andere Welt vorstellbar.
damit auch den Raum für eine grundsätzliche Die spanische Bewegung gegen Zwangs-
Diskussion über die demokratische Kontrolle räumungen (PAH) ermächtigt Menschen im
öffentlicher Leistungen. Drittens sollten wir Kampf um ihre Wohnungen. Sie kennen und
uns für die Kämpfe entscheiden, bei denen verteidigen ihre Rechte, verhindern Räu-
wir neue und/oder möglichst breite Allianzen mungen, bei Bedarf physisch, und besetzen
bilden können. Migrant*innen und von leerstehende Häuser, damit zwangsgeräumte
Rassismus betroffene Gruppen zahlen den Familien in ihnen leben können. So macht die
höchsten Preis für neoliberale Kürzungen und PAH greifbar, dass das Recht auf Wohnen für
autoritäre Politik. Frauen sind mehrfachen alle gelten muss. Auch in Griechenland setzt
Benachteiligungen ausgesetzt und feministi- ein riesiges Netzwerk an Solidaritätsinitiati-
sche Bewegungen sind wichtige Akteurinnen ven der europäischen Kürzungspolitik eine
im Kampf um ein gutes Leben für alle. Auch konkrete Alternative entgegen. Initiativen wie
viele andere sind oft von politischen Prozessen Solidaritätskliniken und Lebensmittelkoopera-
ausgeschlossen – besonders mit ihnen sollten tiven lindern nicht nur die unmittelbare Not,
wir gemeinsam kämpfen. sie haben oft auch einen explizit politischen
Anspruch: Sie wenden sich gegen die zerstö-
ALTERNATIVEN VON UNTEN rerische Kürzungspolitik und setzen sich für
Die herrschenden Eliten haben kein Interes- politische Alternativen ein. Das zeigt: Alterna-
se an einer radikalen Umgestaltung von EU, tiven von unten weisen nicht nur den Weg in
Wirtschaft und Gesellschaft. Dazu kommt, dass eine andere Welt, sie sind auch ein konkretes
Alternativen zum Kapitalismus heute für die Mittel im Kampf gegen neoliberale EU-Politik
meisten Menschen schwer vorstellbar sind. und die Ideologie dahinter.
Schlagworte wie »sozialökologische Transfor- Es geht darum, die Europäische Union
mation« oder »Sozialismus« sind zu allgemein, zu entzaubern und als das zu zeigen, was sie
um zu begeistern. Doch konkrete wirtschaftli- ist: ein im Herzen neoliberales Projekt. Ist der
che Alternativen existieren bereits. Solidarische Zauber erst gebrochen, tun sich für Men-
Landwirtschaft, Lebensmittelkooperativen, schen, die sich für ein gutes Leben für alle
Kollektivbetriebe, Solidaritätskliniken und die einsetzen, viele neue Wege auf. Wir hoffen,
Open-Source-Bewegung entziehen sich der dass diese Überlegungen viele inspirieren und
Markt- und Profitlogik. Gemeinsam entwickeln motivieren, aktiv zu werden.

MONSTER | LUXEMBURG 1/2019 29


KONSENS AUF
EISERNEN FÜSSEN
WIE DIE EU VERSUCHT, MIT EINEM SICHERHEITSREGIME
IHRE KRISE ZU LÖSEN

LUKAS OBERNDORFER Die neoliberale Gesellschaftsformation steckt


in einer Hegemoniekrise, die zunehmend
autoritär bearbeitet wird. Gerade dort, wo eine
Repolitisierung von links nicht gelang, waren
rechtspopulistische und neonationalistische
Kräfte in der Lage, die Krise chauvinistisch
umzudeuten und sich – obwohl meist selbst
neoliberal orientiert – als Alternative zum
»gescheiterten Establishment« zu inszenieren.
Der Effekt dieser erfolgreich in den Mittelpunkt
der öffentlichen Wahrnehmung gerückten
Erzählung ist, dass in den Hintergrund gerät,
dass die gesamte neoliberale Entwicklungsweise
auf den unterschiedlichen Feldern (Profitraten,
Ökologie, Reproduktion, Weltordnung) an
ihre Grenzen stößt. Im Kern dieser Entwick-
lungsweise stehen die auf einen entgrenzten
Wettbewerb zielende Finanzialisierung und
Transnationalisierung von Kapital, Arbeit und
Staat.
Es ist diese räumliche Maßstäblichkeit
der neoliberalen Gesellschaftsformation, die
im Anschluss an die Finanzkrise 2008ff am

30 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


stärksten in den USA und in Europa in die die Sicherheit der Bürger und der Grenzen in
Krise geraten ist. Dabei ist der Prozess der den Mittelpunkt gerückt werden. Zu diesem
Transnationalisierung nirgendwo so weit Zweck werden rechtspopulistische Diskurse
fortgeschritten wie in Europa. In einem aufgegriffen und gleichzeitig gegen diese selbst
Wechselspiel der Entgrenzung von Kapital, Pro- gewendet: Der Kampf gegen Migration und
duktion und Staatlichkeit hat sich ein europäi- islamistischen Terror erscheint nun als zentrale
sches Staatsapparate-Ensemble herausgebildet, Aufgabe, die allerdings nur gesamteuropäisch zu
in dem sich die nationalen und supranationalen bewältigen sei. Während eine soziale oder weite-
Institutionen trotz andauernder Widersprüche re ökonomische Integration abgelehnt wird
und Konflikte weitgehend miteinander verzahnt oder blockiert ist, sollen nun die repressiven
haben (Buckel et al. 2014, 37ff). Dieses Ensemb- Apparate ineinander verschränkt und ausgebaut
le wird seit der Krise verstärkt herausgefordert: werden. Laut Bundesfinanzminister Wolfgang
von links, indem es punktuell als undemokrati- Schäuble (2017) etwa muss die »Handlungs-
sches und neoliberales Klassenprojekt kritisiert fähigkeit der EU [...] heute in Problemfeldern
werden konnte, von rechts, indem es jenseits
seiner politik-ökonomischen Verfasstheit als ein
gegen die Nation gerichtetes Projekt eines links- LUKAS OBERNDORFER ist Wissenschaftler und Pu-
liberalen Establishments gedeutet wird. blizist in Wien. Er forscht zur Frage, wie es seit
der Krise in Europa zu einer autoritären Wende
Markant unterschiedlich ist allerdings,
kommt, die Demokratie und Grundrechte
wie das europäische Staatsapparate-Ensemble einschränkt, um neoliberale Politik zu vertiefen.
auf die Herausforderung von links und rechts
reagiert. Die erste Phase seiner repressiven Ver-
härtung, die ich als »autoritären Wettbewerbse- verbessert werden, in denen auch in den Augen
tatismus« bezeichne (Oberndorfer 2012), war europaskeptischer Bevölkerungsteile keine
darauf gerichtet, im Moment der ökonomischen allein nationalstaatlichen Lösungen möglich
Hegemoniekrise zu verhindern, dass sich neue sind«, zum Beispiel durch eine »europäische
nationale Entwicklungsmodelle oder eine neue Armee«, ein »einheitliches Regime für die
europäische Integrationsweise durchsetzen Außengrenzen« und »europäische Lösungen in
konnten. Auf soziale Bewegungen und linke Re- der Sicherheitspolitik«.
gierungsprojekte (allen voran in Griechenland)
wurde durchweg repressiv reagiert, es kam zu DISKURS FÜR EIN EUROPÄISCHES
keiner Integration ihrer Positionen. Nun wird, SICHERHEITSREGIME
so meine These, seit 2016 versucht, in einer Um den Aufbau eines europäischen Sicher-
zweiten und daran anknüpfenden Phase ein heitsregimes zu rechtfertigen, werden die
europäisches Sicherheitsregime zu errichten. Ukraine-Krise, der Brexit, der »Sommer der
Es ist der Versuch, die Hegemoniekrise der Migration« 2015 und die Häufung islamis-
neoliberalen Globalisierung bzw. Europäisie- tischer Terrorattentate in Europa seit 2014
rung herrschaftsförmig zu bearbeiten, indem diskursiv miteinander verknüpft. Die zentralen

MONSTER | LUXEMBURG 1/2019 31


Achsen des neuen Projekts sind eine militari- französischen und deutschen Staatsapparate
sierte Union, Sicherheit im Binnenraum und und damit die zentralen Knotenpunkte des
ein qualitativ vertieftes Grenzregime. Sein europäischen Staatsapparate-Ensembles. Dabei
Leitmotiv bildet die Überschrift der Rede von lassen sich drei Achsen des europäischen
Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker zur Sicherheitsregimes mit diversen Projekten
Lage der Union 2016: »Hin zu einem besseren identifizieren.
Europa, das schützt, stärkt und verteidigt.« Die
Strategie zielt darauf, die für das neoliberale ACHSE I: INNERE SICHERHEIT
Projekt entscheidende Transnationalisierung Seit 2015 wird daran gearbeitet, bis 2020
bzw. Europäisierung gegen Angriffe abzusi- einen umfassenden Informationsaustausch
chern und einen neuen Konsens »für Europa« der »verschiedenen Datenbanken im Bereich
zu schmieden. Justiz und Inneres« zu ermöglichen (Rat der
So stehen spätestens seit 2016 die Themen Europäischen Union 2015 u. 2017). Mitte 2016
Migration, Militarisierung und Sicherheit im kam es bei Europol zur Einrichtung eines
Mittelpunkt der Tagungen der Regierungschefs »Anti-Terror-Zentrums«. Nur ein Jahr nachdem
und haben die Themen des Binnenmarktes und Juncker verkündet hatte, »wir müssen wissen,
der Wirtschafts- und Währungsunion in den wer unsere Grenzen überschreitet«, beschloss
Hintergrund gedrängt. Entsprechend fordert der Rat 2017 den Aufbau eines European
der Europäische Rat eine Sicherheitsunion, Travel Information and Authorization System
die die Ängste vor Migration, Terrorismus und (ETIAS). Damit wird ähnlich wie in den USA
Kontrollverlust bearbeiten soll. Nur die euro- ein elektronisches System für die Erteilung von
päische Ebene könne »die Sicherheit unserer Reisegenehmigungen und für die biometrische
Bürger gewährleisten« (Europäischer Rat 2016). Erfassung auch jener Menschen geschaffen, die
Entlang der gleichen Linie konstatiert auch ohne Visum in den Schengen-Raum einreisen
das Weißbuch der Europäischen Kommission dürfen. Dazu werden weitere Daten in einem
zur Vertiefung der EU eine wachsende »Un- zentralen Einreise- bzw. Ausreisesystem (EES)
zufriedenheit mit der etablierten Politik und miteinander verknüpft. Sicherheitskommissar
den Institutionen auf allen Ebenen«, auf die Dimitris Avramopoulos hat die Befürchtung,
»Populisten« mit nationalistischer Rhetorik« dass es sich bei der Datenbank um einen
reagierten. Die »größte Flüchtlingskrise seit Testlauf zur zentralen Erfassung aller in der
dem Zweiten Weltkrieg«, »Terroranschläge«, Union lebenden Menschen handelt, auf gewisse
das Entstehen »neuer Weltmächte« und der Weise bestätigt: Das Ziel sei ein »EU-weites
»Aufmarsch von Truppen an unseren östlichen biometrisches Identitätsmanagement« (zit.
Grenzen« erforderten, dass Europa nicht länger nach Schumann/Simantke 2016).
naiv sein dürfe, »sondern seine Sicherheit
selbst in die Hand« nehme (Europäische ACHSE II: MILITARISIERUNG
Kommission 2017). Dieser Diskurs durchzieht Unmittelbar nach der Wahl Donald Trumps
die Kommission, den Europäischen Rat und die zum US-Präsidenten kündigte die Hohe

32 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


Vertreterin der EU für Außen- und Sicher- Structured Cooperation (PESCO). Fast alle
heitspolitik an, der Wunsch nach einem von Mitgliedsstaaten beteiligen sich im Bereich
»Prinzipien geleiteten globalen ›Sicherheits- dieser an dieser vertieften Zusammenarbeit,
Dienstleister‹« werde wachsen, und forderte die als »militärisches Schengen« (Gebauer/
explizit eine solche »europäische Super- Müller 2017) bezeichnet werden kann. Sie
macht« (zit. nach Küstner 2016). Nachdem verpflichten sich darin zur dauerhaften Erhö-
in rasantem Tempo an den Knotenpunkten hung ihres Verteidigungshaushaltes und zu
des europäischen Staatsapparate-Ensembles gemeinsamen Rüstungsprojekten (vgl. Hunko
entsprechendes Einvernehmen hergestellt und in diesem Heft). Dabei handelt es sich um
dahingehende Beschlüsse gefasst wurden, bindende Rechtsstrukturen, deren Einhaltung
informierte die Kommission Ende 2016 über durch EU-Institutionen kontrolliert wird.
ihren Verteidigungs-Aktionsplan (Europäische Insgesamt gelang es innerhalb von gut einem
Kommission 2016a). Im Zentrum steht der Jahr, die militärische Achse des europäischen
europäische Verteidigungsfonds, der – zum Sicherheitsregimes massiv auszubauen.
Teil unter Rückgriff auf EU-Mittel – die Rüs-
tungsforschung und die Militärausstattung ACHSE III: GRENZREGIME
unterstützen soll. Für die Anschaffung von Ähnliches gilt für die qualitative Vertiefung
militärischem Gerät sollen EU-Mittel (bis und die weitere Vorverlagerung des europäi-
2020 0,5 Mrd., dann 1 Mrd. jährlich) genutzt schen Grenzregimes. Der »Sommer der Migra-
werden, um die Mitgliedsstaaten zu motivie- tion« 2015 öffnete hier ein Möglichkeitsfenster.
ren, zusätzlich 5 Milliarden jährlich in Rüs- Bereits »wenige Monate später«, so Sonja
tung zu investieren, die den Prioritäten der Buckel (2018), »waren die Exekutiven Europas
EU-Außen- und Sicherheitspolitik entspricht. damit beschäftigt, auf den Ruinen dieser
All dies geschieht, obwohl die europäischen Politik ein neues Grenzregime zu errichten«.
Verträge eine Finanzierung militärischer Auf- Das Offenhalten der Schengen-Grenzen 2015
gaben untersagen, und ist daher klar europa- war vor allem der Versuch, die Zeit dafür zu
rechtswidrig (Fischer-Lescano 2018). gewinnen. Die Schließung von Binnengren-
Darüber hinaus wird eine Ausnahme zen durch einzelne Regierungen wurde von
vom Stabilitäts- und Wachstumspakt einge- Wirtschaftsvertreter*innen scharf kritisiert.
führt: Während die Sparvorgaben der EU den Aus Sorge um die freie Zirkulation von Waren
Mitgliedsstaaten bis heute Investitionen in und Arbeitskräften bestand die Strategie
die öffentliche Infrastruktur verunmöglichen, deshalb darin, die europäische Außengrenze
sind sie hier kein Problem. Die Rüstungsaus- möglichst rasch durch eine erneuerte und
gaben gelten laut Verteidigungs-Aktionsplan verschärfte Vorverlagerung des Grenzregimes
künftig als »einmalige Maßnahmen«, die zu entlasten und unter Kontrolle zu bekom-
nicht im Konflikt mit den Pflichten zur Haus- men – zentral dafür war der EU-Türkei-Deal,
haltskonsolidierung stehen. Des Weiteren der die Türkei als neokoloniale Grenzwächte-
kam es 2017 zur Initiierung der Permanent rin einsetzt. Diese verpflichtete sich im März

MONSTER | LUXEMBURG 1/2019 33


Achilleas geht mit seinem Vater am Fluss Alfeios auf die Jagd (bei Pyrgos,
Westpeloponnes). Viele ehemalige Arbeiter leben inzwischen vom Fischen
und von der Jagd.

2016 dazu, jegliche Migration in die EU zu Die Verhinderung von Migration wird zum
unterbinden. Die Konsequenz ist eine massive zentralen Faktor, der die Politik gegenüber
Verschärfung der Repression gegen Geflüch- den europäischen Ex-Kolonien bestimmt. Die
tete durch Push-Backs und Abschiebungen gesamten Beziehungen sollen primär von der
ohne Asylverfahren. An der Grenze zu Syrien Bereitschaft des Landes zur Zusammenarbeit
wurde 2017 eine gigantische Mauer fertigge- bei der »Migrationssteuerung« und »Rück-
stellt, an der scharf geschossen wird. Allein übernahme irregulärer Migranten« abhängen
2016 starben so über 160 Menschen auf der (Europäische Kommission 2016b, 20).
Flucht (Pro Asyl 2016). Auch schon vor dem Wer nicht kooperiert, erhält keine finanzielle
Arabischen Frühling hatten nordafrikanische Unterstützung und wird in der Handels-,
Staaten vergleichbare Aufgaben im Auftrag von Entwicklungs- und Visapolitik benachteiligt.
europäischen Mitgliedsstaaten übernommen. Um »Ordnung in die Migrationsströme zu
Neu ist, dass nun supranationale Apparate die bringen« (ebd., 2ff), ist Folgendes geplant: Die
Abkommen schließen und deren Einhaltung Geflüchteten sollen »in der Nähe ihrer Heimat«
überwachen. Das Abkommen mit der Türkei untergebracht und davon abgehalten werden,
gilt als »Best Practice« und Referenz für eine »auf gefährlichem Weg nach Europa zu gelan-
weitere Vorverlagerung des Grenzregimes bis gen«; lokaler »Kapazitätsaufbau im Bereich
in die Sahelzone und zum Horn von Afrika, Grenz- und Migrationsmanagement« durch
die seit 2016 von der Kommission bzw. vom supranationale Missionen und Gelder; die
Europäischen Auswärtigen Dienst durch beschleunigte Abschiebung aus Europa, auch
Migrationspakte verfolgt wird. ohne »Abschluss förmlicher Rückübernahme-

34 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


Zwei junge Geflüchtete aus dem Iran am Feuer vor dem Flüchtlingslager in
Moria, Lesbos. Viele Geflüchtet haben das völlig überfüllte Lager verlassen und
zelten auf den umliegenden Feldern.

abkommen«; die Länder, deren Hoheitsgebiet Arbeit mit EU-Mitteln finanziert wird. Die aus
»irreguläre Migranten […] durchquert haben«, Milizen zusammengesetzte »Behörde« bringt
sollen diese zurücknehmen; bei Kooperation Menschen oft unter Einsatz von Schusswaffen
winkt Unterstützung aus dem »EU-Notfall- in die Lager zurück. Amnesty International hat
Treuhandfonds für Afrika« (ebd., 4). daher die Akteure des europäischen Staatsap-
Mit 16 Herkunfts- und Transitstaaten parate-Ensembles als »wissende Mitschuldige
hat die Union bereits Gespräche geführt, um in der Folter und Ausbeutung von Geflüchte-
entsprechende Migrationspakte vorzubereiten. ten« bezeichnet (Boffey 2017).
Zur Umsetzung werden bis 2020 zusätzlich Dass das europäische Staatsapparate-
acht Milliarden Euro mobilisiert werden. Ensemble nun auch selbst Asyllager »in
Allein für den »EU-Notfall-Treuhandfonds Afrika« errichten will, beschlossen die Staats-
für Afrika« sind 2,3 Milliarden Euro aus den und Regierungschefs im Juni 2018. In diese
bisherigen EU-Haushaltsmitteln für Afrika Lager sollen jene Menschen überstellt werden,
vorgesehen (ebd., 20). Die Folgen solcher Ver- die bei Einsätzen im Mittelmeer aufgegriffen
einbarungen lassen sich bereits heute an den werden. Dort solle der Anspruch auf Asyl
menschenrechtswidrigen Zuständen in den geprüft werden, allerdings ohne dass dabei
lybischen Lagern für Geflüchtete ablesen. Ein »eine Sogwirkung entsteht«, was bedeuten
weiteres Element beim Aufbau von »Kapazitä- dürfte, dass nur noch vereinzelt Asylrecht
ten zur Migrationssteuerung« ist die verstärkte innerhalb der EU gewährt wird (Europäischer
Kooperation mit der lybischen Grenz- und Rat 2018, 2). Wer erst in den Hoheitsgewäs-
Küstenwache, deren Ausbildung, Gerät und sern der Union aufgegriffen wird, soll in neu

MONSTER | LUXEMBURG 1/2019 35


zu errichtende »kontrollierte Zentren« in den chernden supranationalen Staatsapparat
südlichen Mitgliedsstaaten gebracht werden. gelungen sind.
Ein Beispiel hierfür wäre das 2015 errichtete Die Grenzen zwischen den drei Achsen
Lager Moria auf der griechischen Insel Lesbos, des europäischen Sicherheitsregimes sind
in dem aktuell 7 500 Menschen leben müssen, fließend: Innere Sicherheit, Militarisierung
obwohl es nur für maximal 2 500 konzipiert und Migrationsabwehr überlagern und
war. Überbelegung und Eilverfahren führen verschränken sich. Das zeigt insbesondere die
zu willkürlichen Entscheidungen, Misshand- Neuzusammensetzung des Grenzregimes:
lungen und fahrlässigen Tötungen. Die European Union Naval Force Operation
All das verweist auf eine repressive SOPHIA ist eine militärische Operation zur
Form der Europäisierung und Vertiefung der Bekämpfung des Menschenschmuggels und
Migrationsregime, und zwar nicht nur an der bildet dazu seit 2016 auch die lybische Küs-
vorverlagerten Grenze, sondern auch direkt tenwache aus (Simon 2017, 66). Da die zweite
an den südlichen Außengrenzen. In einem Phase der Mission den bewaffneten Kampf
»Turbogesetzgebungsprozess« (Buckel 2018) gegen Schleuser umfasst, musste die Zustim-
setzte die Kommission die Verordnung über mung des Deutschen Bundestages eingeholt
die neue Europäische Agentur für die Grenz- werden – eine völkerrechtlich und verfassungs-
und Küstenwache (bisher: Frontex) durch, der rechtlich fragwürdige Vermischung militäri-
sich die nationalen Grenzschutzbehörden scher und polizeilicher Tätigkeiten. Darüber
unterordnen sollen. Die Agentur hat eine hinaus einigten sich Mauretanien, Mali, Niger,
überwachende Funktion und ein Inter- Burkina Faso und Tschad 2017 auf die Ein-
ventionsrecht: Auch ohne Zustimmung richtung der G5-Sahel-Eingreiftruppe, die mit
des betroffenen Mitgliedsstaates kann sie 5 000 Soldaten unter Beteiligung französischer
Grenzwacheteams entsenden. Dafür wurde Kräfte »Terrorismus« und »illegale Migration«
ein stehendes Kontingent von 1 500 europäi- in der Sahelzone bekämpfen soll und zum Teil
schen Grenzpolizist*innen eingerichtet, die aus EU-Mitteln finanziert wird (BMVG 2017).
die Mitgliedsstaaten abordnen müssen und
deren Zahl sich bis 2021 fast verzehnfachen DIE ERRICHTUNG EINES SICHERHEITSREGIMES
soll. Die Truppe soll auf der Grundlage von ALS PASSIVE REVOLUTION
Arbeitsvereinbarungen auch außerhalb der In der ersten Phase des autoritären Wettbe-
Union operativ eingesetzt werden können. werbsetatismus (ab 2011) wurde erfolgreich
Haushalt und Personal der Agentur wur- verhindert, dass sich in der Hegemoniekrise
den verdoppelt, die Ressourcen sollen bis tragfähige Alternativen durchsetzen konnten.
2020 nochmals erhöht werden und auf 322 Die anhaltende Krise hat jedoch in der Be-
Millionen Euro pro Jahr steigen. Sonja Buckel völkerung ein Gefühl der Ohnmacht und der
folgert daraus, »dass im Ausnahmezustand« Unbeherrschbarkeit der gesellschaftlichen
entscheidende Durchbrüche für die Euro- Entwicklung verschärft – ein fruchtbarer Boden
päisierung der Grenze und einen grenzsi- für autoritäre und nationalistische Kräfte. Doch

36 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


die Herrschaft ist im imperialen Zentrum nicht Genau darin sah Gramsci den Kern passi-
auf Dauer ohne den Konsens der Subalternen ver Revolutionen, in denen die herrschenden
aufrechtzuerhalten. In dem Versuch, eine brei- Klassen zur Bearbeitung einer Krise in einer
te Zustimmung für das europäische Staatsap- restaurativen »Revolution ohne Revolution«
parate-Ensemble und seine wettbewerbsstaatli- (Gef 1, 102) Teile der Forderungen von wider-
che Integrationsweise zu organisieren, wurde gelagerten Gruppen oder Bewegungen in ihr
die Sicherheit ab 2015 zum zentralen Thema. Staatsprojekt aufnehmen und diese darüber
Damit begann eine neue, zweite Phase des enthaupten (Gef 3, 961). Die »Führenden«
Wettbewerbsetatismus. Die Errichtung eines stellen damit sicher, dass ihre Macht im Kern
europäischen Sicherheitsregimes wird als unangetastet bleibt. Im Gegensatz zu linken
Lösung drängender gesellschaftlicher Probleme Bewegungen stellen rechtspopulistische Kräfte
im Sinne des Allgemeinwohls inszeniert. Das ganz überwiegend nicht den Neoliberalismus
ist die Voraussetzung für ein neues hegemonia- an sich, sondern »nur« seine Maßstäblichkeit
les Projekt auf europäischer Ebene. infrage. Diese Kräfte selektiv in das europäi-
Allerdings erfolgt dies zu dem Preis, dass sche Staatsapparate-Ensemble zu integrieren,
die Erzählungen der neuen Rechten, die erlaubt es daher, weiterhin an den auf Wett-
im Moment der Krise äußerst erfolgreich bewerb geeichten Pfadabhängigkeiten festzu-
verallgemeinert werden konnten, partiell in halten. In passiven Revolutionen gelingt es
das europäische Staatsapparate-Ensemble auf- dem Block an der Macht, sich »einen Teil der
genommen werden mussten. Die Gefährdung Antithese selbst einzuverleiben [...], um sich
einer weißen und christlichen Mehrheitsge- nicht ›aufheben‹ zu lassen, das heißt, beim dia-
sellschaft durch Migration und islamistischen lektischen Gegensatz entwickelt in Wirklichkeit
Terrorismus, die nur mittels Militarisierung, nur die These alle ihre Kampfmöglichkeiten,
Abschottung und Repression abgewehrt bis dahin, die angeblichen Repräsentanten der
werden kann, ist jener vom Rechtspopulismus Antithese einzuheimsen: Genau darin besteht
gezimmerte Rahmen, auf den das europäische die passive Revolution« (Gef 7, 1728).
Sicherheitsregime nun aufgespannt wird. Verschärft wird diese Entwicklung durch
Die dominanten politischen Akteure den Umstand, dass auf der nationalstaatlichen
wagen es im Diskurs zum europäischen Ebene des europäischen Staatsapparate-Ensem-
Sicherheitsregime, diese Erzählung zu über- bles selbst bürgerliche Parteien zunehmend auf
nehmen, da sie glauben, diese selbst gegen die rechtspopulistische Diskurse zurückgreifen, um
»Nationalisten« richten zu können. Es heißt, in der Hegemoniekrise ihre Macht zu sichern.
militärische Bedrohungen und Migrationsströ- Damit von den Verwüstungen des neoliberalen
me ließen sich nur europäisch unter Kontrolle Kapitalismus und den wahren Ursachen der
bringen. Wer Sicherheit will, müsse sich mit Krisen nicht gesprochen wird, verleihen sie
Europa abfinden. Der Rückzug ins Nationale den Erzählungen der neuen Rechten Legi-
koste in einer immer instabileren Welt nicht timität und befeuern im Feld der Ideologie
nur Wohlstand, sondern auch Sicherheit. eine konservative Revolution. Die mitunter

MONSTER | LUXEMBURG 1/2019 37


martialisch vorgetragenen Forderungen – etwa zu verhindern, werden diese Bemühungen
die Aussage von Sebastian Kurz, der Ausbau durch Alleingänge insbesondere jener
des Grenzschutzes gehe »nicht ohne hässliche rechtspopulistisch ausgerichteten bürger-
Bilder« und müsse gegen ein europäisches lichen Kräfte (vor allem Fidesz, CSU, ÖVP)
Establishment durchgesetzt werden (Mülherr immer wieder behindert.
2016), dessen Teil er in Wirklichkeit selbst Doch neben dieser Gefahr unkontrollier-
ist – verdecken, dass das Konzept eines euro- ter nationaler Kettenreaktionen (etwa durch
päischen Sicherheitsregimes auf sehr große die Wiedereinführung flächendeckender
Zustimmung stößt. Dass massive Repression Grenzkontrollen) verschärft sich in der
als Bestandteil des Sicherheitsregimes notwen- zweiten Phase des autoritären Wettbewerb-
dig ist, ziehen inzwischen auch sozialliberale setatismus auch das Gefahrenpotenzial des
und sozialdemokratische Akteure nicht in Ausnahmestaates. Die Muster, mit denen
Zweifel. Militarisierung und eine europäische zwischen 2011 und 2015 alternative Krisenlö-
Politik der inneren Sicherheit sind weitgehend sungen verhindert wurden, schreiben sich in
Konsens. Konflikte gibt es weitgehend nur der Errichtung des europäischen Sicherheits-
in Bezug auf die konkrete Ausgestaltung des regimes fort: Grundrechte und Demokratie
Grenzregimes. Man streitet nicht nur über die wurden eingeschränkt, die Exekutiven
Aufnahme bzw. Verteilung von Asylberechtig- aufgewertet und neue Repressionsapparate
ten, sondern ist sich auch uneinig, inwieweit geschaffen. Die Gefahr eines Bruchs, der
nationale Alleingänge riskiert werden sollen, am Ende zum Ausnahmestaat führt, nimmt
um den Druck zu erhöhen und »europäische durch den Einbau rechtspopulistischer
Lösungen« durchzusetzen. Hier werden die Diskurse in das europäische Staatsapparate-
Widersprüche der passiven Revolution für ein eu- Ensemble massiv zu, da diese Diskurse
ropäisches Sicherheitsregime deutlich: Mit der dadurch normalisiert und mit staatlicher
selektiven Aufnahme von neonationalistischen Legitimität versehen werden.
und rechtspopulistischen Argumentations- Ob der Versuch, durch eine Forcierung
mustern drohen die eigenen Diskurse ständig der Sicherheitspolitik und rassistischer Aus-
zu entgleiten bzw. sich zu verselbstständigen und schlüsse einen neuen Konsens zu schaffen,
damit das eigentliche Projekt zu gefährden: die schlussendlich erfolgreich sein kann, ist
Stabilisierung der Maßstäblichkeit des europäi- mehr als fraglich. Die Krise der gesamten
schen Neoliberalismus. neoliberalen Entwicklungsweise und ihre
Seit 2015 lassen sich verschiedene Erschöpfungstendenzen in den unterschied-
Szenen, die Ausdruck dieses Spannungsver- lichsten Bereichen sowie die Migrationsbe-
hältnisses sind, beobachten. Während die wegungen, die für das Streben nach einem
supranationalen und vor allem deutschen menschenwürdigen Leben stehen, werden
Staatsapparate unter Merkel versuchen, ei- trotz Repression nicht verschwinden. Diese
nen Zusammenbruch des Schengen-Systems Widersprüche sind nicht prozessierbar. Sie
und eine Gefährdung des Binnenmarktes vermehren vielmehr die Ansatzpunkte für

38 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


Kommission, Europäischer Verteidigungs-Aktionsplan,
eine emanzipative Politisierung. Dabei muss
https://ec.europa.eu/transparency/regdoc/rep/1/2016/DE/
es um eine solidarische, antirassistische und COM-2016-950-F1-DE-MAIN-PART-1.PDF v. 30.11.2016,
COM(2016) 950 final
transnationale Perspektive gehen, die darauf Dies., 2016b: Mitteilung der Europäischen Kommission über
zielt, die weit verbreitete Ideologie, die auf einen neuen Partnerschaftsrahmen für die Zusammen-
arbeit mit Drittländern im Kontext der Europäischen
Abschottung vor den Folgen der imperialen Migrationsagenda, https://eur-lex.europa.eu/legal-content/
Lebensweise setzt, herauszufordern. DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:52016DC0950&from=ET
Dies., 2017: Weißbuch zur Zukunft Europas, https://ec.europa.
Denn ob eine passive Revolution eu/commission/sites/beta-political/files/weissbuch_zur_
wirklich erfolgreich ist, bemisst sich mit zukunft_europas_de.pdf
Europäischer Rat, 2016: Erklärung von Bratislava v. 16.9.2016,
Gramsci politisch und ideologisch daran, www.consilium.europa.eu/media/21232/160916-bratisla-
»dass [sie eine] Wirkungskraft [...] hat, die va-declaration-and-roadmap-de.pdf
Ders., 2018: Schlussfolgerungen des Europäischen Rates,
geeignet ist, eine Zeit der Erwartungen und http://data.consilium.europa.eu/doc/document/ST-9-
der Hoffnungen zu schaffen« (Gramsci, Gef 2018-INIT/de/pdf
Fischer-Lescano, Andreas, 2018: Rechtsfragen der Einrichtung
6 1243). Es kommt also darauf an, die ideo- des Europäischen Verteidigungsfonds (EVF)
logische Wirkungskraft des europäischen www.dielinke-europa.eu/kontext/controllers/document.
php/796.f/1/132aae.pdf
Sicherheitsregimes zu durchbrechen: Es Gebauer, Matthias/Müller, Peter, 2017: Verteidigungsunion –
Europa wird erwachsen, in: Der Spiegel, 11.11.2017
kann die Krisen unserer Zeit nicht lösen. Es
Gramsci, Antonio, 1991: Gefängnishefte, hg. v. Klaus Boch-
versucht mit wachsender Gewalt, für die alte mann, Wolfgang Fritz Haug u. Pete Jehle, Berlin/Ham-
burg
Ordnung Zeit zu gewinnen – damit türmt es Juncker, Jean-Claude, 2016: Rede zur Lage der Union, http://
die Krisen aber immer höher vor uns auf. europa.eu/rapid/press-release_SPEECH-16-3043_de.htm
Küstner, Kai, 2016: Mehr Sicherheit mit einer europäischen
Armee?, in: Deutschlandfunk, 14.11.2016, www.deutsch-
Die Langfassung dieses Beitrages erscheint in landfunk.de/treffen-der-eu-aussen-und-verteidigungsmi-
nister-mehr.1773.de.html?dram:article_id=371282
»Alltägliche Grenzziehungen – Zum Konzept Mülherr, Silke, 2016: »Es wird nicht ohne hässliche Bilder
der imperialen Lebensweise und seinen Impli- gehen« in: Die Welt, v. 13.1.2016
Oberndorfer, Lukas, 2012: Hegemoniekrise in Europa – Auf
kationen« (2019), das von Carina Book und dem Weg zu einem autoritären Wettbewerbsetatismus, in:
anderen herausgegeben wird. Forschungsgruppe »Staatsprojekt Europa« (Hg.), Die EU
in der Krise, Münster, 49–71
Pro Asyl, 2016: Schüsse an der Grenze. Wie die Türkei im Sin-
ne Europas Geflüchtete abwehrt, www.proasyl.de/news/
schuesse-an-der-grenze-wie-die-tuerkei-im-sinne-europas-
LITERATUR fluechtlinge-abwehrt/
BMVG – Bundesministerium für Verteidigung, 2017: Sicher- Rat der Europäischen Union, 2015: Erneuerte Strategie der
heit in der Sahelregion. Europa unterstützt G5-Eingreif- inneren Sicherheit der Europäischen Union, http://data.
truppe, www.bmvg.de/de/aktuelles/europa-unterstuetzt consilium.europa.eu/doc/document/ST-9798-2015-INIT/
-g5-eingreiftruppe-18316 de/pdf
Boffey, Daniel, 2017: EU leaders complicit in torture of Ders., 2017: Halbzeitüberprüfung der erneuerten Strategie der
refugees and migrants, Amnesty says, in: The Guardian, inneren Sicherheit der Europäischen Union, http://data.
v. 12.12.2017 consilium.europa.eu/doc/document/ST-12650-2017-INIT/
Buckel, Sonja, 2018: Winter is coming. Der Wiederaufbau de/pdf
des europäischen Grenzregimes nach dem »Sommer der Schäuble, Wolfgang, 2017: Von der Krise zur Chance, in:
Migration«, in: Prokla 192, 437–457 Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.3.2017
Dies./Georgi, Fabian/Kannankulam, John/Wissel, Jens, 2014: Schumann, Harald/Simantke, Elisa, 2016: Europa plant den
Theorien, Methoden und Analysen kritischer Europafor- Überwachungsstaat, in: Der Tagespiegel, 10.12.2016
schung, in: Forschungsgruppe »Staatsprojekt Europa« Simon, Johannes, 2017: Im Namen der Demokratie: Flücht-
(Hg.), Kämpfe um Migrationspolitik, Bielefeld, 15–84 lingsabwehr um jeden Preis, in: Blätter für deutsche und
Europäische Kommission, 2016a: Mitteilung der Europäischen internationale Politik 11/2017, 65–74

MONSTER | LUXEMBURG 1/2019 39


KEIN FRIEDENSPROJEKT
WARUM SICHERHEIT IN EUROPA NUR KOLLEKTIV FUNKTIONIERT

ANDREJ HUNKO Die europäische Integration im Rahmen der


EU steckt in der Krise. Die tonangebenden
Eliten versuchen die Flucht nach vorn und
wollen der Europäischen Union mit Militari-
sierung nach außen und autoritärer Krisen-
politik nach innen zu mehr Gewicht auf der
internationalen Bühne verhelfen.
Anlässlich der Wahlen zum EU-
Parlament im Mai gewinnt die linke Debatte
um das Verhältnis zur Europäischen Union
wieder an Fahrt. Nicht nur der wahrscheinli-
che Brexit offenbart die Krisenhaftigkeit des
europäischen Integrationsprojektes. Auch der
Aufstieg der Rechten in vielen EU-Mitglieds-
staaten ist offenkundiges Symptom für diesen
Zustand.
Ein Teil der Linken sieht als Antwort
auf die Infragestellung der EU von rechts
die Notwendigkeit, sich »proeuropäisch« zu
positionieren, was im Wesentlichen auf eine
Verteidigung der Europäischen Union mit kri-
tischer Betrachtung ihrer Mängel hinausläuft.
Dabei wird unter anderem hervorgehoben,

40 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


dass die EU ein Friedensprojekt sei, das nach die die beteiligten 25 EU-Mitgliedsstaaten
zwei verheerenden Weltkriegen mit Millionen zur permanenten militärischen Aufrüstung
Toten endlich den Krieg als Mittel der Aus- verpflichtet. Durch PESCO wird das Ziel der
tragung von Konflikten zumindest zwischen NATO, die Militärausgaben bis 2024 auf zwei
seinen Mitgliedern verbannt habe. Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zu
In der Begründung für die Verleihung erhöhen, in europäisches Recht übernommen
des Friedensnobelpreises 2012 an die Euro- und mit politischen Sanktionen verbunden.
päische Union führte das Nobelpreiskomitee Für Deutschland bedeutet diese Verpflichtung
den »erfolgreichen Kampf für Frieden und (je nach wirtschaftlicher Entwicklung) nahe-
Versöhnung und für Demokratie sowie die zu eine Verdopplung der Rüstungsausgaben
Menschenrechte« und »die stabilisierende von knapp 37 Milliarden Euro 2017 auf jetzt
Rolle der EU bei der Verwandlung Europas geplante 60 Milliarden Euro 2023 (vgl. Riedel
von einem Kontinent der Kriege zu einem 2018). Um zwei Prozent zu erreichen, wären
des Friedens« an.1 Die Teilung zwischen Ost sogar 85 Milliarden Euro nötig.
und West auf dem europäischen Kontinent
sei »in weiten Teilen beendet«. Die Arbeit der
EU repräsentiere eine »Bruderschaft zwischen ANDREJ HUNKO ist europapolitischer Sprecher
den Nationen« und entspreche »einer Form für die LINKE im Bundestag und Mitglied der
Parlamentarischen Versammlung des Europarats.
von ›Friedenskongress‹, wie Alfred Nobel dies
als Kriterium für den Friedenspreis 1895 in
seinem Testament umschrieben« habe.
So richtig die Feststellung und Würdigung Auch der neue Haushaltsentwurf der EU-Kom-
der Tatsache ist, dass es zwischen den EU-Mit- mission, der sogenannte mehrjährige Finanz-
gliedern keine Kriege mehr gegeben hat und rahmen, hat es in sich. Er sieht unter anderem
hoffentlich niemals wieder geben wird: Es zeigt die Einrichtung eines milliardenschweren Rüs-
sich immer deutlicher, dass die Vorstellung tungsfonds vor. Durch den Europäischen Vertei-
einer »Friedensmacht« mit der gegenwärtigen digungsfonds will die EU in diesem Zeitraum
EU immer weniger zu tun hat. Die Machteliten 13 Milliarden Euro in die Rüstungsforschung
in der EU unter deutscher und französischer und die Entwicklung neuer Waffensysteme –
Führung setzen auf eine Externalisierung in- darunter eine Euro-Drohne, eine neue Kampf-
nerer Widersprüche als (vermeintliche) Lösung jet-Generation und ein deutsch-französischer
für die multiplen Krisen der EU. Kampfpanzer – investieren. Nach Einschätzung
des renommierten Rechtswissenschaftlers
SCHRITTE DER MILITARISIERUNG Andreas Fischer-Lescano von der Universität
Mit der sogenannten Ständigen Strukturier- Bremen ist der Verteidigungsfonds allerdings
ten Zusammenarbeit (PESCO) auf Grundla- rechtswidrig: Die EU-Verträge verbieten im
ge von Artikel 42(6) des Lissabon-Vertrags Artikel 41 (EUV) die Finanzierung von opera-
wurde eine verbindliche Struktur entwickelt, tiven Militärprojekten aus dem EU-Haushalt.

MONSTER | LUXEMBURG 1/2019 41


DIE LINKE wird deshalb gegen die Einrichtung den Kohäsionsfonds durchgesetzt. Diese Fonds
des Fonds klagen. 2
haben das Ziel, die Ungleichheiten zwischen
Auch andere Mittel des EU-Haushalts den Regionen innerhalb der EU zu reduzie-
werden zunehmend für militärische Belange ren. Dies ist kein Zufall und spricht für sich.
eingesetzt. Allein im Rahmen der Connecting Denn die Ambitionen, die militärische Schlag-
Europe Facility (CEF) sollen 6,5 Milliarden Euro kraft auszubauen, werden ausgerechnet in einer
in Infrastrukturmaßnahmen investiert werden, Zeit dominant, in der die Krisenhaftigkeit der
um Straßen und Brücken vor allem in Osteuro- aktuellen Form der europäischen Integration
pa panzertauglich zu machen. Hintergrund ist und die entsprechenden Zentrifugalkräfte
die Überlegung, schweres militärisches Gerät immer deutlicher werden. Die schon vor mehr
schnell an die russische Grenze bringen zu als zehn Jahren im Lissabon-Vertrag veranker-
können. Parallel zu diesen milliardenschwe- ten Aufrüstungsbestimmungen schlummerten
ren Militärausgaben, die zu den nationalen bis zum Brexit-Referendum, um dann vor allem
Verteidigungshaushalten hinzukommen, von Berlin und Paris mit aller Macht auf die
werden auf der anderen Seite Kürzungen bei politische Agenda gesetzt zu werden. Kommis-

42 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


sionspräsident Jean-Claude Juncker sprach von Jüngster Schritt der Militarisierung ist der
der »schlafenden Schönheit« des Lissabon- Aachener Vertrag zwischen Deutschland und
Vertrags, die endlich erwacht sei. Frankreich, der anlässlich des Jahrestages des
Dabei böte das Ausscheiden Großbri- Élysée-Vertrags von Bundeskanzlerin Angela
tanniens auch Chancen, Korrekturen an Merkel und Präsident Emmanuel Macron am
der EU-Krisenpolitik vorzunehmen. Denn 22. Januar diesen Jahres unterzeichnet wurde.
mit dem Königreich würde ein neoliberaler Zwar handelt es sich dabei um keinen Vertrag
Hardliner die EU verlassen, was Spielräume im Rahmen des EU-Rechts. Doch untermauert
beispielsweise zur Einführung einer Finanz- er den deutsch-französischen Führungsan-
transaktionssteuer bieten würde, die von den spruch in der EU und legt die Marschroute
Briten bislang blockiert wurde. Stattdessen für weitere Aufrüstung und Militarisierung
frohlocken die deutschen und französischen fest. Während im Élysée-Vertrag noch der
Eliten, weil sie nun endlich ohne Großbri- kulturelle Austausch und die zivile Koopera-
tannien, das immer dagegen votiert hatte, tion im Vordergrund standen und lediglich
EU-Rüstungsprojekte durchsetzen können. die Absicht bekundet wurde, die Außen- und

MONSTER | LUXEMBURG 1/2019 43


Verteidigungskooperation enger zu koordi- Krise in der Ukraine: Mit dem EU-Assoziie-
nieren, reiht sich der Aachener Vertrag ganz rungsabkommen sollte sich die Ukraine für
in die politische Linie der Militarisierung ein wirtschaftliche Beziehungen zur EU auf Kosten
(vgl. hierzu ausführlicher Hunko 2019). der Beziehungen zu Russland entscheiden.
Der Beschluss des damaligen Präsidenten,
AUFRÜSTUNG STATT ANGLEICHUNG die Unterschrift zu verweigern, um weiter zu
DER LEBENSVERHÄLTNISSE verhandeln, wurde im Jahr 2014 zum Auslöser
Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO des blutigen Umsturzes in Kiew, der dann
2018) kam jüngst zu der Feststellung, dass wiederum die völkerrechtswidrige Abspaltung
die bis 2007 zu beobachtende Konvergenz der Krim und den Krieg im Donbass zur
innerhalb der EU in Bezug auf Sozial- und Folge hatte. Auf die Frage nach möglichen
Arbeitsindikatoren seither stark rückläufig Fehlern bei der Verhandlung des Abkommens
ist. Die Krise und vor allem das autoritär-neo- mit der Ukraine antwortete mir Kommissi-
liberale Krisenmanagement haben die Un- onspräsident Jean-Claude Juncker vor zwei
gleichheiten dramatisch vertieft. Europa driftet Jahren wörtlich und auf Deutsch: »Wir haben
auseinander. Galt die Kohäsionspolitik, also in maßloser Verblendung geglaubt, nicht mit
die Schaffung zumindest tendenziell gleicher Russland reden zu müssen.« Die russische
Lebens- und Arbeitsverhältnisse innerhalb der Reaktion wird als Auslöser der Krise dargestellt
EU seit der Einheitlichen Europäischen Akte und dient als Legitimation für Sanktionen und
von 1986 noch als ein zentrales Ziel der EU, so die militärische Aufrüstung gegen Russland.
ist diese Zielstellung fast vollständig aus dem Das Feindbild einer russischen, gar
europapolitischen Diskurs verschwunden. Vor militärischen Expansionsstrategie täuscht aber
diesem Hintergrund sind die geplanten Kür- darüber hinweg, dass die EU in ihrem Streben
zungen der Kohäsionsfonds in der Tat alarmie- nach Ausweitung ihres Marktzuganges und
rend und markieren in Verbindung mit den ihrer Machtprojektion gegen Russland selbst
Aufrüstungsplänen einen Paradigmenwechsel. die Krise befördert hat. Dagegen lässt sich
An die Stelle der wünschenswerten mit dem ehemaligen EU-Kommissar Günter
Annäherung der Lebensverhältnisse innerhalb Verheugen sagen: »Die Lehre aus der Ent-
der EU tritt zunehmend die Betonung der poli- spannungspolitik und dem KSZE-Prozess [also
tischen und militärischen Stärke nach außen. dem Vorläufer der OSZE] der 1970er Jahre ist,
Neben der Entscheidung Großbritanniens, die dass Frieden nur möglich ist, wenn keiner den
EU zu verlassen, und der unberechenbaren anderen dominieren will und keiner imperiale
Politik des US-Präsidenten Trump dienen die Ansprüche erhebt.« (Der Spiegel, 28.9.2015)
zahlreichen Krisen rund um die EU als Kata-
lysatoren, obwohl die EU hier oftmals großen IMPERIALE LOGIK: NICHTBEITRITT
Anteil an ihrem Zustandekommen hatte. ZUR MENSCHENRECHTSKONVENTION
Das offensichtlichste Beispiel ist die Die EU stellt sich gern als Förderin einer
östliche Nachbarschaftspolitik der EU und die rechts- und regelbasierten internationalen

44 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


Ordnung dar, insbesondere in den Bereichen den EGMR zulässt oder nicht. Es erinnert an
der Rechtsstaatlichkeit, der Menschenrechte imperiale Arroganz, wie die EU sich gern als
und der Demokratie. Das mit Abstand wich- erste Hüterin der Menschenrechte inszeniert
tigste Menschenrechtsinstrument auf europä- und sich zeitgleich weigert, einen anderen
ischer Ebene ist die Europäische Menschen- Gerichtshof anzuerkennen.
rechtskonvention (EMRK) des Europarates. Sie Statt weiterer Aufrüstung und Ausdeh-
gewährt den 820 Millionen Einwohner*innen nung des Einflussbereichs der EU nach Osten
der Mitgliedsstaaten sowie allen weiteren gilt es, übergreifende europäische Sicher-
Menschen auf europäischem Boden ein heitsstrukturen zu stärken, allen voran die
individuelles Klagerecht beim Europäischen Organisation für Sicherheit und Zusammen-
Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR), arbeit in Europa (OSZE), in der alle Staaten
wenn ihre Rechte verletzt werden. Die Urteile Europas (und weitere) Mitglied sind. In
aus Straßburg werden von den 47 Mitglieds- diesem Zusammenhang sollten die Verhand-
staaten des Europarates auch weitestgehend lungen über eine konventionelle Abrüstung
anerkannt und umgesetzt. Dieses weltweit im Rahmen des KSE-II-Prozesses wieder
einzigartige internationale Rechtssystem sollte aufgenommen werden. Nicht Konfrontation
verteidigt und ausgebaut werden. Es krankt und Drohgebärden, sondern Kooperation und
unter anderem an einer chronischen Unterfi- Konfliktprävention können Sicherheit und
nanzierung: Der gesamte Europarat kostet im Menschenrechte in Europa gewährleisten.
Jahr so viel wie die EU an einem einzigen Tag. Institutionen wie der Europarat und die OSZE
Der EGMR hatte 2018 einen Jahreshaushalt stehen meist im Schatten der mächtigen
von gerade einmal 72 Millionen Euro. Lange EU – sie sind jedoch besser geeignet, einem
Bearbeitungszeiten von Klagen könnten ohne friedlichen Europa näherzukommen.
Probleme beseitigt werden, wenn hierzu der
politische Wille bestünde.
In Artikel 6(2) des Lissabon-Vertrages
LITERATUR
hat sich die EU im Jahr 2009 explizit dazu
Hunko, Andrej, 2019: Aachener Vertrag. Der nächste Mili-
verpflichtet, der EMRK beizutreten. Dieser tarisierungsschub, 19.1.2019, diefreiheitsliebe.de
ILO, 2018: Industrial Relations in Europe: Fostering
Beitritt hätte längst vollzogen sein müssen. Equality at Work and Cross-Country Convergence?,
Jedoch legte der EU-Gerichtshof in Luxem- Konferenzbericht, 17.–18. Mai 2018, Paris, www.ilo.
org/wcmsp5/groups/public/---ed_protect/---protrav/---
burg 2014 ein Gutachten vor, das den Beitritt travail/documents/event/wcms_629066.pdf
der EU zur Menschenrechtskonvention für Riedel, Donata, 2018: Mit diesem Plan will von der Leyen
den Waffen- und Personalmangel bei der Bundeswehr
unvereinbar mit den Verträgen erklärt und beseitigen, in: Handelsblatt, 3.9.2018
damit blockiert hat. Unter Jurist*innen hat
die 150-seitige Argumentation Ratlosigkeit
1 Vgl. www.zeit.de/politik/ausland/2012-10/friedensno-
und Kopfschütteln ausgelöst. Im politischen belpreis-eu-begruendung-wortlaut.
2 Das Gutachten ist hier verfügbar: www.dielinke-europa.
Kern geht es darum, ob die EU in Menschen-
eu/de/article/12113.rechtsgutachten-best%C3%A4tigt-
rechtsfragen eine externe Kontrolle durch europ%C3%A4ischer-verteidigungsfonds-ist-illegal.html

MONSTER | LUXEMBURG 1/2019 45


UNGLEICHHEIT MIT SYSTEM
WIE DIE POLITISCHE ÖKONOMIE DER EU GESTRICKT IST

THOMAS SABLOWSKI Die EU ist ein eigentümliches Zwitterwesen:


Sie ist einerseits mehr als eine Freihandelszone
oder ein bloßer Staatenbund, denn es gibt eine
Reihe von supranationalen Staatsapparaten
wie die Europäische Zentralbank (EZB) und
den Europäischen Gerichtshof (EuGH) sowie
vielfältige supranationale Regelungen. Sie ist
andererseits aber auch kein wirklicher Bun-
desstaat – die Mitgliedsstaaten bestehen weiter
als Nationalstaaten. Das Zusammenwirken
von nationalen und supranationalen Institu-
tionen ist in den verschiedenen Politikfeldern
unterschiedlich organisiert. Während zum
Beispiel die Geldpolitik mit der Europäischen
Wirtschafts- und Währungsunion (EWWU)
weitgehend zentralisiert und supranational
organisiert wurde, ist dies bei der Arbeits- und
Sozialpolitik oder der Fiskalpolitik nicht der
Fall. Gemäß den europäischen Verträgen ist die
Festlegung der Grundprinzipien der sozialen
Sicherung Sache der einzelnen Mitgliedsstaa-
ten. Die Union kann die arbeits- und sozialpo-
litische Tätigkeit der Mitgliedsstaaten lediglich

46 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


unterstützen und ergänzen, jedoch nur soweit durchschnittlichen Produktivitätszuwächsen
die Erhaltung der »Wettbewerbsfähigkeit« der und nachlassender Konkurrenzfähigkeit ein
Union dies zulässt und soweit das »finanzielle verstärkter Anpassungsdruck auf der Lohn-
Gleichgewicht« der Sozialsysteme der Mit- und Fiskalpolitik lastet: Um die Konkurrenzfä-
gliedsstaaten dadurch nicht beeinträchtigt wird. higkeit der Unternehmen zu erhalten, müssen
In einigen Bereichen wie der Festsetzung der die Löhne und Staatsausgaben gesenkt und die
Löhne, dem Koalitions-, Streik- und Aussper- Arbeitsbedingungen verschlechtert werden.
rungsrecht sind gemeinschaftliche Regelungen Innerhalb eines Nationalstaats gibt es
explizit nicht zulässig (vgl. AEUV, Art. 151; 153). verschiedene Bestimmungen, die die Auswir-
kungen regional ungleicher Entwicklungen
DIE WÄHRUNGSUNION: MECHANISMUS DER begrenzen: An erster Stelle sind hier die
DISZIPLINIERUNG DER LOHNABHÄNGIGEN Arbeitslosen- und Sozialversicherungen zu
Diese Mischung aus supranationaler und nennen, des Weiteren Transfermechanismen
nationalstaatlicher Regulation führt zu einer wie zum Beispiel der Länderfinanzausgleich
enormen Verschärfung der kapitalistischen
Konkurrenz und zu einer maximalen Diszipli-
nierung der Lohnabhängigen. Denn zwischen THOMAS SABLOWSKI ist Politologe und Referent für
Nationalstaaten, die jeweils über eine eigene Politische Ökonomie der Globalisierung am Institut
für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-
Währung verfügen, wird die Konkurrenz
Stiftung. Er ist unter anderem Mitglied des wis-
normalerweise dadurch gemildert, dass es senschaftlichen Beirats von Attac und Redakteur
in den Ländern mit unterdurchschnittlichen dieser Zeitschrift.
Zuwächsen der Arbeitsproduktivität und einer
geringeren Konkurrenzfähigkeit in der Regel
zu einer Abwertung der Währung kommt, die in Deutschland oder die nationale Infrastruk-
die Produzenten in diesem Land bis zu einem turpolitik. Zwischen den Mitgliedsstaaten der
gewissen Grad vor der ausländischen Konkur- EU existieren solche Ausgleichsmechanismen
renz schützt. In Ländern mit überdurchschnitt- nicht oder nur in geringfügigem Ausmaß.
lichen Zuwächsen der Arbeitsproduktivität Im Ergebnis gibt es innerhalb der EU nicht
und hoher Konkurrenzfähigkeit kommt es nur enorme Diskrepanzen bei den Lebensbe-
dagegen zu Währungsaufwertungen, die die dingungen – die Löhne in Dänemark sind etwa
Konkurrenzvorteile zum Teil zunichtemachen. zehnmal so hoch wie in Bulgarien –, es gibt
Internationale Zahlungsbilanzungleichgewich- auch keine ausreichenden Mechanismen, um
te werden dadurch tendenziell ausgeglichen. diese Diskrepanzen abzubauen. Im Gegenteil:
Durch die EWWU wurde dieser Ausgleichs- Die Maßnahmen der EU und namentlich der
mechanismus zwischen den Mitgliedsstaaten EWWU haben dazu geführt, dass diese Miss-
beseitigt. Die – für die kapitalistische Produk- verhältnisse teilweise weiter zugenommen
tion charakteristische – ungleiche Entwicklung haben. Ein Beispiel: Im Jahr 2008 betrugen die
führt nun dazu, dass in Ländern mit unter- durchschnittlichen Löhne in der verarbeiten-

MONSTER | LUXEMBURG 1/2019 47


den Industrie in Griechenland etwa 48 Prozent jüngste globale Finanz- und Wirtschaftskrise
derjenigen in Deutschland; im Jahr 2017 lagen auf dem Rücken der Lohnabhängigen vor-
die griechischen Löhne nur noch bei knapp 35 läufig überwunden wurde. Vor allem den
Prozent der deutschen. Ländern, von denen sich die Finanzinvestoren
während der Krise abwandten und die zur
DIE POLARISIERUNG DER PRODUKTIONS- Refinanzierung ihrer Haushalte auf Bei-
STRUKTUREN UND LEBENSVERHÄLTNISSE standskredite und Bürgschaften der EU und
Innerhalb der EU ist es zu einer wachsenden des Internationalen Währungsfonds (IWF)
Polarisierung der internationalen Produktions- angewiesen waren, hat die Troika aus Europä-
strukturen und damit verbunden auch der ischer Kommission, EZB und IWF umfangrei-
Lebensverhältnisse gekommen. Einigen che Lohnsenkungen und einen umfassenden
wenigen Ländern mit einer breit gefächerten Sozialabbau oktroyiert. Die Gewerkschaften
und international konkurrenzfähigen Produkti- wurden frontal angegriffen, die Tarifsysteme
on – an erster Stelle Deutschland – stehen viele regelrecht zerstört. Die Austeritätspolitik
periphere Länder gegenüber, die einen kleinen hat in der EU inzwischen nicht mehr nur
Produktionsapparat haben, der nur in wenigen temporären und lokalen Charakter, vielmehr
Bereichen international konkurrenzfähig ist. zielten zahlreiche Maßnahmen darauf, sie in
Die nicht zuletzt durch den Fall des sogenann- allen EU-Staaten dauerhaft zu verankern. Die
ten Eisernen Vorhangs und die Transformation EU-Kommission greift inzwischen im Rahmen
Chinas verschärfte Konkurrenz zwischen der Abstimmungsprozesse des Europäischen
Niedriglohnstandorten hat vor allem zu einem Semesters1 – in gewisser Weise im Wider-
Abwertungsprozess und zu einer zunehmen- spruch zu den EU-Verträgen – regelmäßig in
den Deindustrialisierung in Südeuropa geführt. die Wirtschafts-, Sozial- und Arbeitsmarktpo-
Letztere betrifft selbst ein Land wie Italien, litik der Mitgliedsstaaten ein. Immer wieder
das bis vor einiger Zeit noch eine ähnlich breit geht es darum, die Wettbewerbsfähigkeit zu
gefächerte Industrie wie Deutschland hatte. erhöhen: durch die Dezentralisierung oder gar
In der verarbeitenden Industrie Italiens sind gänzliche Abschaffung von Tarifverhandlun-
zwischen 2001 und 2011 fast eine Million gen, durch Lohnsenkungen, Massenentlassun-
Arbeitsplätze verloren gegangen (von 4,8 Mil- gen im öffentlichen Dienst, die Kürzung von
lionen auf knapp 3,9 Millionen), von 527 000 Sozialleistungen und Privatisierungen.
Betrieben sind mehr als 100 000 in diesem Während in Rumänien 2007 98 Prozent
Zeitraum verschwunden. der Arbeitsverhältnisse tariflich geregelt
Die EU-Politik hat nicht nur wenig dazu waren, waren es zehn Jahre später nur noch
beigetragen, der naturwüchsigen ungleichen 35 Prozent. In Griechenland sank die Tarif-
kapitalistischen Entwicklung entgegenzu- bindung bis 2013 von 83 auf 40 Prozent. Im
wirken, sie hat vielmehr die kapitalistischen EU-Durchschnitt nahm sie zwischen 2009
›Sachzwänge‹ exekutiert und verschärft. Sie und 2017 um 7,9 Prozentpunkte ab. Obwohl
hat insbesondere dafür gesorgt, dass die das Sozialprodukt in der EU seit einigen

48 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


Jahren wieder wächst, lagen die
Reallöhne in neun Mitglieds-
staaten 2017 immer noch unter
dem Niveau vor dem Ausbruch
der jüngsten Finanz- und
Wirtschaftskrise. Die Reallöhne
sanken zwischen 2009 und
2017 in Griechenland um 26
Prozent, in Kroatien um 13, in
Zypern um sieben, in Portugal
und Ungarn um fünf, in Italien
um zwei, in Spanien, Belgien
und Großbritannien um ein
Prozent. Die Verteilung hat sich Unterkunft einer Landarbeiterfamilie in Sofades

in der Eurozone insgesamt zuungunsten der


Lohnabhängigen entwickelt: Die Lohnquote Antwort auf die sozialen Probleme, die in
sank zwischen 2007 und 2016 um 1,2 Prozent. vielen Ländern auch zu einer politischen
Während so die Profitabilität wiederhergestellt Krise und – nach der Niederlage progres-
und die Krise für das Kapital überwunden wur- siver Protestbewegungen – zum Aufstieg
de, besteht die Krise für viele Lohnabhängige autoritär-populistischer, nationalistischer und
weiter. Die Arbeitslosenrate liegt im Durch- neofaschistischer Kräfte geführt haben. Die
schnitt der EU und der Eurozone immer noch Herrschenden setzen im Wesentlichen auf
leicht über dem Niveau vor dem Ausbruch der ein »Weiter-so« und »Mehr-vom-Bisherigen«.
Krise, in Ländern wie Griechenland (21,5 Pro- Die neoliberale Politik in der EU soll autoritär
zent) oder Spanien (17,2 Prozent) überschreitet weitergeführt werden. Dies wollen in vieler
sie dieses sehr deutlich. Weiterhin hoch ist Hinsicht auch die nationalkonservativen und
vor allem die Jugendarbeitslosigkeit, die im autoritär-populistischen Parteien, nur dass sie
EU-Durchschnitt bei 15,6, in der Eurozone bei die Karten des Nationalismus und Rassismus
17,3, in Italien bei 31,7, in Spanien bei 35 und noch stärker spielen. Sie agieren nach dem
in Griechenland bei 43 Prozent liegt. Dort, Motto »Jeder ist sich selbst der Nächste« und
wo nach der Krise neue Arbeitsverhältnisse wollen von internationaler Solidarität nichts
entstanden sind, handelt es sich häufig um wissen. Migrant*innen werden rabiat ausge-
prekäre Beschäftigung: Teilzeitarbeit, Leihar- grenzt und Sozialleistungen soll es nur noch
beit und befristete Arbeitsverträge haben in für die eigenen Staatsbürger*innen geben.
den letzten Jahren wieder zugenommen (vgl. Der rechte Flügel des Machtblocks setzt also
Syrovatka u. a. 2018, 12ff). darauf, Gegensätze zwischen innen und außen
Die herrschenden Klassen und ihre zu verstärken, um die Gegensätze zwischen
Regierungen haben im Grunde keine oben und unten zu vertuschen.

MONSTER | LUXEMBURG 1/2019 49


DIE »EUROPÄISCHE SÄULE SOZIALER RECHTE« Zugang zu dafür erforderlichen Gütern und
Die auf Initiative der EU-Kommission im Jahr Dienstleistungen. Für diejenigen, die in der
2017 proklamierte Europäische Säule Sozialer Lage sind zu arbeiten, sollten Mindesteinkom-
Rechte (ESSR) ändert am Zustand der EU nichts mensleistungen mit Anreizen zur (Wieder-)
Wesentliches. Zum Teil werden in diesem Eingliederung in den Arbeitsmarkt kombiniert
Manifest lediglich Grundsätze wiederholt, die werden.« (Ebd., 20) Völlig unklar bleibt letzt-
bereits in den EU-Verträgen oder in der Charta lich, wie diese sozialen Rechte konkretisiert
der Grundrechte der EU formuliert wurden. und durchgesetzt werden sollen. Sie kollidieren
Die Proklamation ist in mancher Hinsicht in – wenn sie ernst genommen werden – schnell
sich widersprüchlich und dokumentiert die mit den Freiheiten des Kapitals und den An-
Klassenwidersprüche in der EU. So sollen forderungen der »Wettbewerbsfähigkeit«, auf
einerseits unbefristete Beschäftigungsverhält- die die europäischen Verträge an vielen Stellen
nisse gefördert, prekäre Arbeitsverhältnisse abstellen und die die Praxis der europäischen
und der Missbrauch atypischer Arbeitsver- Staatsapparate dominieren.
träge unterbunden werden. Andererseits soll
»die notwendige Flexibilität für Arbeitgeber DILEMMATA LINKER STRATEGIEN
gewährleistet« werden, »damit sie sich schnell Linke Parteien in den EU-Staaten verfolgen un-
an sich verändernde wirtschaftliche Rahmenbe- terschiedliche Strategien, um mit dieser Situati-
dingungen anpassen können« (ESSR 2017, 14). on umzugehen. Ein Vorschlag zielt auf eine
Generell lassen die Formulierungen viel Inter- Neubegründung Europas, die eine Revision der
pretationsspielraum. So heißt es zum Beispiel: europäischen Verträge einschließen müsste,
»Arbeitslose haben Recht auf […] angemessene um sozialen und ökologischen Zielsetzungen
Leistungen von angemessener Dauer entspre- ein stärkeres Gewicht zu verleihen. Teil dieser
chend ihren Beiträgen und den nationalen Strategie ist es, die EWWU durch eine bessere
Bestimmungen zur Anspruchsberechtigung.« Koordination der Lohn- und Fiskalpolitik zu
(Ebd., 19) Was ist »angemessen«? Sicherheits- ergänzen, mit einer sozialökologischen In-
halber wird ergänzt: »Diese Leistungen sollen dustriepolitik der Deindustrialisierung ganzer
die Empfänger nicht davon abhalten, schnell Regionen entgegenzuwirken und Ausgleichs-
wieder in Beschäftigung zurückzukehren.« mechanismen zu schaffen, die auf den Abbau
(Ebd.) Die Leistungen bei Erwerbslosigkeit von Zahlungsbilanzungleichgewichten zielen.
sollen also so niedrig sein, dass der Zwang, die Ohne solche Maßnahmen wird die EU, vor
eigene Arbeitskraft zu verkaufen, nicht aufge- allem aber die EWWU auf Dauer nicht existenz-
hoben wird. Ähnliches gilt für das proklamierte fähig sein. Das Problem ist, dass die notwen-
»Mindesteinkommen«: »Jede Person, die nicht digen Änderungen der europäischen Verträge
über ausreichende Mittel verfügt, hat in jedem einen Konsens aller beteiligten Regierungen
Lebensabschnitt Recht auf angemessene Min- voraussetzen. Linke Politik müsste also in allen
desteinkommensleistungen, die ein würdevol- EU-Staaten gleichzeitig durchgesetzt werden.
les Leben ermöglichen, und einen wirksamen Zudem müsste eine erhebliche Umverteilung

50 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


zugunsten peripherer Regionen durchgesetzt festsetzt. Die Mindestlöhne wären dann immer
werden. Dies stößt bisher auf Widerstand in noch von Land zu Land unterschiedlich, aber
jenen Ländern, die hohe Überschüsse produ- sie würden in den meisten Ländern deutlich
zieren, aber darauf nicht verzichten wollen. steigen und nicht mehr unterhalb der Armuts-
Daher verfolgt ein Teil der Linken in der EU grenze liegen. Lohndumping würde dadurch
eine andere Strategie, nämlich die einer Locke- eingedämmt werden.
rung der Integration, beispielsweise durch die Einzelne Maßnahmen dieser Art helfen
Aufgabe der gemeinsamen Währung. Diese natürlich nur begrenzt und können nicht
müsste allerdings entweder übereinstimmend isoliert betrachtet werden. Eine neue Entwick-
erfolgen, indem etwa ein neues gemeinsames lungsweise in Europa müsste unter anderem
Währungssystem ähnlich dem früheren Eu- eine koordinierte Lohn- und Tarifpolitik, eine
ropäischen Währungssystem eingeführt wird, sozial-ökologische Industrie- und Dienstleis-
oder sie müsste unilateral durch den Austritt tungspolitik, die gerade im Osten und Süden
von Mitgliedsstaaten aus der Währungsunion eine produktive Basis sichert, sowie weitere
und der EU vollzogen werden. Ausgleichsmechanismen umfassen. Eine
Eine solidarische Lösung der gegen- Anhebung und Angleichung der Lebensverhält-
wärtigen Krise der europäischen Integration nisse in ganz Europa auf dem fortschrittlichs-
stößt unter kapitalistischen Bedingungen ten sozial-ökologischen Niveau stößt letztlich
auf das Problem, dass jede Veränderung der nicht nur an die Grenzen der neoliberalen
internationalen Verteilungsverhältnisse auch EU-Verträge, sondern kollidiert mit dem
die Konkurrenzbedingungen des Kapitals in Privateigentum an Produktionsmitteln. Es geht
den verschiedenen Staaten verschiebt. Würde also um ein sozialistisches Europa.
man zum Beispiel versuchen, die Löhne und
LITERATUR
Sozialleistungen der EU-Staaten auf dem
AEUV – Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen
hohen Niveau Nordeuropas anzugleichen, Union. Konsolidierte Fassung vom 26.10.2012, Amtsblatt
der Europäischen Union, C 326/47, https://eur-lex.euro-
so könnte dies die Deindustrialisierung in pa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:12012E/
Südeuropa weiter beschleunigen. Daher zielen TXT&from=DE
ESSR – Europäische Säule sozialer Rechte, 2017, https://
viele Lösungsvorschläge für dieses Dilemma, ec.europa.eu/commission/sites/beta-political/files/social-
die in der Linken diskutiert werden, zunächst summit-european-pillar-social-rights-booklet_de.pdf
Syrovatka, Felix/Schneider, Etienne/Sablowski, Thomas, 2018:
nicht auf die Herstellung einheitlicher Lebens- Zwischen stiller Revolution und Zerfall. Der Kapitalismus
bedingungen in Europa, sondern lediglich in der Europäischen Union nach zehn Jahren Krise,
hg.v.d. Rosa-Luxemburg-Stiftung, Analysen, 49, Berlin
darauf, zu verhindern, dass die Diskrepanzen
innerhalb und zwischen den europäischen Ge-
1 Der irreführende Begriff des Europäischen Semesters
sellschaften noch größer werden. Ein Element steht seit 2011 für den jährlich wiederkehrenden wirtschafts-
einer solchen Politik wäre etwa eine europäi- politischen Koordinationsprozess zwischen der Europäischen
Kommission, dem Rat und den Mitgliedsstaaten, in dem
sche Mindestlohnregelung, die die nationalen die Kommission länderspezifische Empfehlungen zur
Wirtschafts- und Sozialpolitik gibt und die Mitgliedsstaaten
Mindestlöhne auf jeweils mindestens zwei
verpflichtet sind, sogenannte Stabilitäts- und Konvergenzpro-
Drittel des mittleren nationalen Einkommens gramme vorzulegen.

MONSTER | LUXEMBURG 1/2019 51


»DIE SPALTUNG
WÄRE DURCH EIN
ZWEITES REFERENDUM
NICHT BEHOBEN«
GESPRÄCH ÜBER DEN BREXIT UND DIE ROLLE DER LINKEN

MIT FLORIAN WEIS bisher eine Mehrheit gefunden hat. Entspre-


chend hatte die Labour-Führung am 25. Februar
Ob Großbritannien aus der EU austreten wird, beschlossen, ein zweites Referendum, ein
ist nach wie vor unklar. Wie schätzt du das ak- People’s Vote, zu unterstützen, wenn alle anderen
tuelle Szenario ein: »harter Brexit«, »weicher Varianten keine Mehrheit finden. Ich halte dies
Brexit« oder zweites Referendum? dennoch für schwierig, nicht zuletzt weil Labour
Da ändert sich meine Einschätzung häufig. bislang auch mit Blick auf Teile der eigenen
Anfang Februar hätte ich gesagt, dass es einen Basis argumentiert hat, man wolle die demo-
»May-Deal« geben wird, also einen Austritt nach kratische Entscheidung von 2016 respektieren.
den Regeln, die die britische Regierung mit der Dadurch, dass die Premierministerin Theresa
EU verhandelt hat. Mittlerweile ist das unwahr- May am 2. April angeboten hat, gemeinsam
scheinlich. Der britische Antrag zur Verlänge- mit Jeremy Corbyn nach einer Not-Lösung zu
rung des Zeitplanes, dem die EU unter Auflagen suchen, ist wiederum eine völlig neue Dynamik
zugestimmt hat, reflektiert die krachenden entstanden. Diese Initiative kann scheitern, sie
Niederlagen der Regierung im Unterhaus. kann die Tories zerreißen oder eine Falle für
Unwahrscheinlich ist, dass Großbritannien Labour sein. Auf jeden Fall ist sie die bisher
unverändert innerhalb der EU verbleibt. Ein größte Herausforderung für Corbyn als Labour-
zweites Referendum schien bis Mitte Februar Vorsitzenden. Wenn die Gespräche tatsächlich
eigentlich unmöglich. Nun könnte es dazu doch zu einem Austritt mit Verbleib in der Zollunion,
noch kommen, wenn das Unterhaus bis zum 12. dauerhaften Aufenthaltsrechten sowie verbesser-
April weder dem ausgehandelten Deal zustimmt ten Arbeitnehmerrechten führen würden, wäre
noch ungeregelt aus der EU ausscheiden will – dies ein Erfolg für Labour, der aber die »Remai-
die einzige Position, für die sich im Unterhaus ner« dennoch enttäuschen würde.

52 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


Ein »Crash-out Brexit«, also ein Austritt ganz
FLORIAN WEIS ist Historiker und geschäftsführendes
ohne Vertrag, ist immer noch möglich. Dank
Vorstandsmitglied der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
der hauchdünnen Mehrheit im Unterhaus Seine politischen Leidenschaften sind vielfältig –
am 3. April für ein Eilgesetz zur Verlängerung weit vorne stehen Großbritannien und die britische
des Artikel 50 und damit der Austrittsfristen, Gesellschaft. Er hat über die Nachkriegsplanungen
der Labour Party promoviert und verfolgt derzeit
ist diese Gefahr aber verringert worden. Die
intensiv und mit Sorge die Debatten um den Brexit.
Labour-Variante, die eine Zollunion und ein
Das Interview wurde Ende Februar geführt, und
insgesamt geregeltes, enges Miteinander
unmittelbar vor Drucklegung, am 8. April 2019,
mit der EU vorsieht, wäre aus meiner Sicht aktualisiert. Veränderungen der Konstellation, die
wünschenswert, ist aber inzwischen zweimal sich nach Drucklegung ergeben haben, konnten
knapp abgelehnt worden. Diskutiert wird leider nicht mehr berücksichtigt werden.

momentan auch ein »norwegisches Modell«,


das über eine Zollunion weit hinausginge,
dann allerdings berechtigt die Frage nach sich bekanntlich Ländersache. Außerdem wird es
ziehen würde, warum das UK überhaupt aus darum gehen, ob sich für die etwa eine Million
der EU austritt; auch diese Version ist zweimal britischen Bürger*innen in der Europäischen
durchgefallen. Doch was ist in der dynami- Union ein guter Aufenthaltsstatus finden
schen oder chaotischen Situation des Un- lässt, auch im Falle eines ungeregelten Brexit
terhauses eigentlich noch prognostizierbar? – über 100 000 von ihnen leben übrigens
Letztlich, denke ich, wird es zu irgendeinem in Deutschland. Aber auch da haben die
Deal kommen, vielleicht in Verbindung mit Bundesländer Gestaltungsmöglichkeiten.
einer verpflichtenden Volksabstimmung über Und umgekehrt gilt das natürlich für die 3,5
diesen Vertrag. Aber die Gefahr eines harten, Millionen EU-Bürger*innen in Großbritanni-
ungeregelten Brexit ist noch nicht vom Tisch. en. Ich glaube, viel wird auch von atmosphä-
rischen Dingen abhängen, davon, ob der Teil
Was bedeutet ein Brexit für die kulturellen und der britischen Gesellschaft, der diesen Brexit
politischen Beziehungen zwischen Großbritan- nicht wollte, das Gefühl hat, nach wie vor in
nien und Deutschland respektive Europa? Europa willkommen zu sein. Der Kultursektor
Die deutsch-britischen Beziehungen werden spielt da eine große Rolle und natürlich auch
natürlich leiden. Inwiefern sich das abfedern nichtstaatliche politische Kräfte, beispielswei-
lässt, hängt aber auch von den deutschen se politische Stiftungen wie die unsrige.
Akteuren ab. Ich denke da insbesondere an Für die Gesamtbeziehungen zwischen UK
die vielfältige Jugendarbeit, die Programme und EU verhält es sich eigentlich ähnlich. Eine
zum Jugendaustausch und den Wissenschafts- Zollunion würde etwa die irisch-britischen
austausch. Da lässt sich einiges machen, und Beziehungen weniger stark strapazieren als
hier kann übrigens auch DIE LINKE mitgestal- andere Brexit-Varianten, wirtschaftlich wie po-
ten. Sie ist ja in Landesregierungen vertreten, litisch, denn die leidige »Backstop«-Thematik
und damit im Bundesrat, und Bildung ist wäre etwas entschärft. Darüber hinaus würde

MONSTER | LUXEMBURG 1/2019 53


eine Zollunion ökonomische Unsicherheiten heitsdienstes NHS. In der Brexit-Debatte sind
für alle Beteiligten, EU wie UK, verringern. Die die Anliegen der Industriearbeiter*innen
Gesamtkonstellation wird davon abhängen, ob und der deindustrialisierten Regionen stark
es gelingt, gute Regelungen für die Menschen betont worden. Von Teilen der Tories war dies
aus der EU in Großbritannien und umgekehrt natürlich nie ernst gemeint. Diesen Menschen
zu finden. Entsprechend kommt es darauf an, etwas anzubieten – ökonomisch, sozial – und
ob sich vernünftige Kräfte in der EU und in vor allem Respekt zu zeigen, ist aber zentral.
Großbritannien finden, die sagen, wir bedau- Insofern wird sich viel daran entscheiden, ob
ern diese Entwicklung, aber es ist nicht das En- es den Kräften links der Mitte gelingt, soziale
de der Kontakte. Wenn es Reaktionen gibt, wie und ökonomische Fragen nach vorn zu stellen
wir sie nach dem Referendum gesehen haben – und eine Anti-Austeritätspolitik konkret
beispielsweise vom damaligen Präsidenten des zu entwerfen und umzusetzen. Denn die
Europäischen Parlaments, Martin Schulz, der Spaltung ist natürlich auch eine soziale und
gesagt hat, die Briten würden schon sehen, kulturelle zwischen London, einigen Groß-
was sie davon haben, oder jetzt vom Präsi- und den Universitätsstädten auf der einen und
denten des Europäischen Rats, Donald Tusk, den ehemals industrialisierten Regionen in
der von einem besonderen Platz in der Hölle Südwales und Nordengland auf der anderen
für radikale Brexit-Anhänger sprach –, solche Seite. Letztere fühlen sich von Brüssel glei-
Äußerungen werden von der nationalistischen chermaßen abgehängt wie von London und
britischen Presse entsprechend aufgeputscht haben dafür gute Gründe. Allerdings haben
und ausgeschlachtet. Das wird nicht guttun. auch Regionen, etwa im Südwesten Englands,
Wobei Tusk zuzubilligen ist, dass er mittlerwei- und bürgerliche Schichten für den Brexit
le zu denjenigen gehört, die für Kompromisse gestimmt, die ökonomisch keineswegs mar-
und gute Beziehungen werben. ginalisiert sind; es gibt keine einfachen und
widerspruchsfreien Erklärungen für die Brexit-
Und was wird der Brexit innerhalb der Mehrheit. Bei Weitem nicht alle Brexiteers
britischen Gesellschaft auslösen? sind Nationalist*innen und Rassist*innen,
Das Land ist politisch-kulturell gespalten, aber in der Kampagne haben rassistische und
noch stärker als die deutsche Gesellschaft. Die nationalistische Mobilisierungen eine große
Zukunft wird davon abhängen, ob es gelingt, Rolle gespielt. Diese Aggressionen wieder
diese Spaltung zu überwinden. Die britische zurückzudrängen, ist eine große Heraus-
Politik, vor allem Labour, muss sagen: Wie forderung. Schließlich wird es auch darum
auch immer wir zu diesem Ergebnis stehen, gehen, wie sich das Vereinigte Königreich
wir müssen nun Wege finden, wieder über eigentlich neu definiert. Wird es diese Einheit
andere Fragen zu reden: über eine veränderte in zehn Jahren überhaupt noch geben? Wie
Sozialpolitik, über Bildungs- und vor allem steht es mit den Separationsbestrebungen in
Hochschulpolitik oder über die notorische Schottland? Was ist mit der Nordirland-Frage?
Unterfinanzierung des nationalen Gesund- Bereitet der Brexit ungewollt den Weg für eine

54 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


Rückkehr vom Fischen im Acheloos-Delta, Westgriechenland

irische Vereinigung? Im Grunde wird eine Art angewiesen. Also mit Parteien, die deutlich
neuer konstitutioneller Prozess vonnöten sein. pro EU sind, und das könnte für Labour
kompliziert werden. Insofern fürchte ich,
Auch die Labour Party ist in der Brexit-Frage dass Neuwahlen derzeit nicht wirklich helfen
stark gespalten. Bisher hat der Vorsitzende würden. Andererseits ist die konservative
Jeremy Corbyn es geschafft, diese Spaltung Regierung dermaßen gespalten, destruktiv
irgendwie zu überbrücken. Wo liegen die und unfähig, dass es eigentlich dringend
Herausforderungen für Labour? Und könnten Neuwahlen geben müsste.
sie gewinnen, wenn es zu Neuwahlen kommt? Für Labour ist die Situation kompliziert.
Ich halte das für möglich, aber für unwahr- Zum einen aus Demokratiegründen. Die
scheinlich. Alle Umfragen deuten darauf hin, Partei hat gesagt, wir respektieren das demo-
dass eine ähnliche Stimmverteilung heraus- kratische Verfahren und somit das Ergebnis
käme, wie sie aktuell besteht, möglicherweise des Referendums von 2016, bei dem etwa ein
mit einer gestärkten radikalen Rechten um Drittel der Labour-Wähler*innen für den Brexit
Nigel Farage. Dass Labour eine absolute gestimmt hat. Dieser Respekt vor der damaligen
Mehrheit bekommt, halte ich für ausge- Abstimmung war richtig. Allerdings hätte man
schlossen. Sie wären also auf ein Bündnis viel stärker argumentieren können, dass der
mit der Scottish National Party, den Liberal Austritt zwar entschieden, aber die Bedingungen
Democrats oder einer neuen Zentrumskraft des Austritts sehr wohl noch abstimmungsfähig

MONSTER | LUXEMBURG 1/2019 55


gewesen sind. Je mehr die Tories den Prozess unter dem Titel »Love Socialism, hate Brexit«.
gegen die Wand gefahren haben, desto eher In dem Slogan kommt die Haltung vieler zum
hätte Labour sich für ein zweites Referendum Ausdruck, die zwar durchaus kritisch sind
stark machen sollen. Eben nicht über das Für gegenüber der EU, aber unter den gegebenen
und Wider des Austritts, sondern über dessen Bedingungen eben trotzdem für einen Verbleib
Bedingungen. Denn natürlich besteht jetzt die stimmen würden. Diese Leute wären schwer
Gefahr, einen guten Teil der jüngeren, enthu- verprellt, wenn Labour von der bisherigen Linie
siastisch in die Partei gekommenen neuen abwiche, dann geschlossen gegen den Brexit zu
Wähler*innen und Mitglieder erheblich zu stimmen, wenn die Vorschläge zur Zollunion
enttäuschen. Die beiden großen Demonstra- nicht durchgehen. Unter diesen Bedingungen
tionen im Oktober 2018 und März 2019 mit wäre ein zweites Referendum als politisches
zuletzt bis zu einer Million Teilnehmenden Signal gut. Labour bewegt sich jetzt in diese
sowie eine Online-Petition an das Unterhaus Richtung, aber sehr spät und zu zögerlich. Und
zeigen die Stärke der Anti-Brexit-Stimmung. Da der Druck auf Corbyn aus der eigenen Partei ist
sehe ich ein echtes Problem. Auf der anderen groß, sowohl von den »Remain«- als auch den
Seite würde ein erneutes Referendum heute »Leave«- Anhänger*innen. Der Riss geht auch
vermutlich eine knappe Remain-Mehrheit durch die Labour-Linke.
hervorbringen, aber eben auch keine deutliche. Im Moment deutet einiges darauf hin,
Die Spaltung bestünde fort. dass der Anteil der Labour-Wähler*innen, die
Was nun passiert, hängt davon ab, ob die gegen den Brexit sind, gestiegen ist. Insofern
Partei einheitlich abstimmen wird. Es muss der ist das im Grunde eine notwendige Strategie.
Labour Party gelingen, die »Abweichler« auf ei- Innerhalb der Partei bedeutet es, dass sich
nen kleinen Kreis zu beschränken und notfalls der Block, der Corbyn trägt, ausdifferenziert
auch mit Fraktionszwang durchzusetzen, dass hat, was nicht schlecht sein muss. Da sind
es keine weiteren Labour-Stimmen für May einerseits Leute, die wie Corbyn selbst
gibt. Wenn das nicht klappt, wird die Verbitte- durch eine klare EU-Gegnerschaft seit den
rung derjenigen, die in der EU bleiben wollten, 1970er/80er Jahren geprägt sind und die
groß sein. Die Labour-Führung hat sich zuletzt etwa mit McCluskey, dem Vorsitzenden der
stärker als vorher für den Fraktionszwang in Gewerkschaft Unite, einen starken Vertreter
diesem Sinne ausgesprochen, riskiert damit haben. Andererseits sind da die Jüngeren, die
aber auch einen Bruch innerhalb der engeren Corbyns Innenpolitik und Kapitalismuskritik
Führung. Aktuell sind es eher die Pro-EU- teilen, aber nicht unbedingt seine Europapoli-
Parteien (die Regionalparteien aus Schottland tik. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich die
und Wales, die Liberaldemokarten, die Grünen Labour Party wieder in Richtung eines Tony
und die »Independent Group«), die mit ihrer Blair bewegen wird. Aber es könnte eine neue
Unflexibilität einen sanfteren Brexit (Zollunion Formation im Zentrum der Labour Party und
oder »norwegische Lösung«) verhindern. Am links davon geben, und auch das muss nicht
14. Februar gab es eine schöne Kundgebung notwendigerweise schlecht sein, wenn ich

56 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


etwa an den Bürgermeister von London, Sadiq Partei links der Labour Party bilden können.
Khan, denke. Regional gab es solche Versuche, in Schottland
Wenn es Labour nicht gelingt, geschlossen zum Beispiel, wo es – wie in Nordirland – ein
aufzutreten, wird es ein Abbröckeln geben, teil- anderes Wahlrecht gibt, aber nicht national.
weise in Richtung einer neuen zentristischen Das heißt, dass innerhalb der Labour Party im-
Partei, wie sie sich gerade um Chuka Umunna mer ein breites politisches Spektrum vertreten
zu bilden versucht, der mit weiteren sieben war, viel breiter, als wir es mit der Ausdifferen-
Abgeordneten die Labour Party verlassen hat zierung zwischen sozialdemokratischen und
und der sich drei Tories angeschlossen haben. früher kommunistischen Parteien oder jetzt
Allzu groß würde ich die Chancen dieser Parteien wie der SPD und der LINKEN kennen.
»Independent Group« aber nicht einschätzen, Man muss die Partei unter diesen historischen
sich als dritte Kraft zu etablieren, trotz Medien- Traditionen einfach anders denken, eben als
aufmerksamkeit und reichen Spendern. Aber broad church, wie es dort heißt, als plurales
es wird Stimmen kosten und Labour mehr Bündnis. Das ist der eine Punkt. Jenseits des-
schaden als den Tories. Noch schlimmer wäre sen ist die Linke in Europa, und da schließe ich
allerdings, wenn sich engagierte Mitglieder Teile der Sozialdemokratie absolut ein, nicht
desillusioniert zurückziehen. Nach all dem En- gerade in einer Situation, sehr wählerisch zu
thusiasmus, den Corbyn in den letzten Jahren sein in der Frage, mit wem sie sich verbündet,
entfacht hat, wäre das ein Riesenproblem. Auch um gegen ein neoliberales Modell auf der ei-
deshalb müsste die Labour-Führung stärker um nen und gleichzeitig gegen die neue und harte
Zweifelnde in Partei und Fraktion werben und Rechte auf der anderen Seite anzutreten. Da
weniger polarisieren, sonst drohen größere sollte jede Kraft willkommen sein, die versucht,
Absetzbewegungen. Last, but not least wäre es den gesellschaftlichen Zusammenhalt durch
wichtig, rasch eine sensiblere und entschlosse- Solidarität zu gestalten, durch eine andere
nere Reaktion im Umgang mit Problemen wie ökonomische und soziale Politik, aber auch mit
Antisemitismus zu zeigen. einem deutlichen antirassistischen Akzent. In
der Hinsicht kann man viel von Labour lernen.
Die Beziehungen zwischen der britischen Europa ist ja nicht nur auf die EU beschränkt.
Linken und der in anderen europäischen Es ist ein Verlust, wenn Großbritannien
Ländern waren in den letzten Jahrzehnten rausgeht, auch wegen der progressiven Kräfte
nicht besonders ausgeprägt. Was sind die etwa in Schottland oder in Nordirland. Aber
Herausforderungen für die europäische Linke natürlich bleibt Großbritannien Teil Europas,
in der aktuellen Situation? und wir als Linke sind auf jeden guten Verbün-
Großbritannien hat ein Mehrheitswahlrecht, deten angewiesen, auch nach einem Brexit.
das in einem Referendum 2011 noch einmal
von der deutlichen Mehrheit der Wähler*innen Das Gespräch führte Johanna Bussemer,
bestätigt wurde. Aufgrund dieses Mehrheits- Leiterin des Europa-Referats der
wahlrechts hat sich nie eine landesweit starke Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin.

MONSTER | LUXEMBURG 1/2019 57


MOMENTUM FÜR EIN
SOLIDARISCHES EUROPA
DER VIELEN
WARUM EINE VERBINDENDE PLATTFORM NÖTIG IST

MARIO CANDEIAS UND Als Folge der großen Krise ab 2009 wird etwa seit
JOHANNA BUSSEMER 2011 das politische Feld in Europa umgewälzt.
Erstaunlich ist weniger die Niederlage zahlreicher
Protestbewegungen und neuer linker Parteien
gegenüber dem neuen Autoritarismus der Herr-
schenden als vielmehr, dass an unterschiedlichen
Stellen in Europa die Dynamik neuer Mobili-
sierungen immer wieder aufbricht. Mittlerweile er-
halten sie Konkurrenz von der radikalen Rechten,
deren Aufstieg bedrohliche Ausmaße annimmt.
Kurz vor den Wahlen zum Europäischen Parla-
ment ist das politische Feld stark polarisiert. Aber
die Linke ist in der europäischen Frage gespalten
und zerstritten. Und doch ist spürbar, gerade
jetzt, aufgrund der Gefahr von Autoritarismus
und des Aufstiegs der radikalen Rechten, ein
weit verbreitetes Gefühl, Widerstand leisten zu
müssen, ein Impuls für eine starke Mobilisierung.
Wir plädieren darüber hinaus dafür, ein europä-
isches Momentum zu kreieren, eine verbindende
Plattform quer zu den innerlinken Konfliktlinien,
die diesem Impuls symbolisch Ausdruck verleihen
kann und zugleich eine Basis für Neues wäre.

58 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


UMBRUCH UND AUFBEGEHREN Die Mobilisierung von neuen Protestbewegun-
Wenn im Mai 2019 das Europäische Parla- gen zeigt bis heute Konsequenzen. Nach der
ment neu gewählt wird, wird auch die Erosion Bewegung 15M konnten im spanischen Staat
des europäischen Parteiensystems, wie wir es Podemos und dann Unid@s Podemos entste-
kennen, weiter sichtbar werden. Im zehnten hen und auf diese Weise alte und neue Linke
Jahr der großen Krise ist es in den Ländern in ein produktives Verhältnis setzen. Nach den
der Europäischen Union zwar mittlerweile zu großen Streikbewegungen und der Plätzebe-
einer relativen ökonomischen Stabilisierung wegung Nuit Debout in Frankreich hat sich
auf niedrigem Niveau gekommen, doch die La France Insoumise mit Jean-Luc Mélenchon
Krise führt zu politischen Umwälzungen mit als neue Kraft etabliert und den Platz der
weitreichenden Folgen. Dem Niedergang führenden Oppositionspartei eingenommen.
der dominierenden Volksparteien in vielen Zwar wurden die besten und nachhaltigsten
Ländern der Europäischen Union steht die Ergebnisse bisher dort erzielt, wo La France
Bildung neuer Parteien und Protestbewegun- Insoumise und die Kommunistische Partei
gen gegenüber.
Zunächst verlief dieser Aufbruch aufseiten
der Linken ab 2011 hoffnungsvoll: von neuen MARIO CANDEIAS ist Direktor des Instituts für
Streikbewegungen gegen Krise und Austerität Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung 
und Mitbegründer dieser Zeitschrift.
über die Besetzungen der Plätze bis hin
JOHANNA BUSSEMER ist Leiterin des Europa-Referats
zum Wahlsieg von Syriza. Doch jeder dieser
der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
Versuche stieß an die Grenzen einer stark insti-
tutionalisierten Macht, nicht zuletzt verdichtet
in den sogenannten Europäischen Institutio- Frankreichs gemeinsam antraten. Doch das
nen (und zuvor der Troika). Und doch: Trotz Verhältnis zwischen La France Insoumise
der heftigen Niederlage gegen die Troika und der alten KP-Linken ist angespannt, und
ist Syriza noch an der Regierung, das letzte spätestens seit dem Parteitag der Kommunis-
Memorandum endete im Sommer 2018. Auch ten Ende November 2018 ist die Trennung
wenn harte Einschnitte und Privatisierungen vollzogen. Aus der Europäischen Linken
erzwungen wurden, konnten nichtsdestowe- (EL) ist La France Insoumise bereits ausge-
niger auch wichtige Akzente gesetzt werden, schieden, und Jean-Luc Mélenchon versucht
etwa im Gesundheitsbereich, bei der Bekämp- gegenwärtig, in Europa ein zweites linkes
fung von Energiearmut oder bei der Steuerge- Bündnis zu etablieren. Währenddessen zeigen
rechtigkeit. Ob es zu einer zweiten Regierung die »Gelbwesten« erneut, dass sich viele
unter Tsipras kommen wird, ist gegenwärtig Menschen in Frankreich nicht repräsentiert
vollkommen unklar. Die griechische Erfahrung fühlen, durch niemanden (vgl. Chwala 2018;
hat viel Frustration hinterlassen. Und doch Bussemer 2018b).
erhebt sich der Widerstand in Europa immer In Großbritannien mündete das Unbeha-
wieder von Neuem. gen über das Krisenmanagement in wider-

GESPENSTER | LUXEMBURG 1/2019 59


sprüchliche Prozesse: Auf der einen Seite kam den sozialen Bewegungen stärken derzeit die
es zum Aufstieg der radikalen Rechten von Position der linken Parteiführung. Das erfolg-
UKIP und dem von ihr und dem ultrarechten reiche Parteiumbauprojekt zeigt jedoch seine
Flügel der Tories betriebenen Brexit. Es drohte Grenzen, wenn es um Mehrheiten innerhalb
auch hier der Sozialdemokratie nach Jahren der Labour-Fraktion im Parlament geht (zur
von New Labour der totale Absturz, analog Debatte Labour und Europa vgl. Wainwright
zum dramatischen Niedergang der griechi- 2019).
schen PASOK, der französischen Parti socialis- Es gibt bisher nur ein weiteres Land in
te, der niederländischen Partij van de Arbeid Europa, in dem eine sanfte Erneuerung der
oder der SPD in Deutschland. Andererseits er- Sozialdemokratie gelang: Das ist Portugal, wo
lebte die Labour Party mit der überraschenden es nach den (bezogen auf die Bevölkerungs-
Wahl von Jeremy Corbyn zum Parteivorsitzen- zahl) europaweit größten Protesten gegen die
den eine turbulente Erneuerung. Es folgten Krise zu deutlichen Zugewinnen der beiden
die Gründung und die Mobilisierungen der radikalen linken Parteien Bloco de Esquerda
Organisation People’s Momentum sowie ein und den Kommunisten kam, die seit 2015 eine
»innerparteilicher Bürgerkrieg« – vergleich- von den Sozialisten gestellte Anti-Austeritäts-
bar mit den Ausei-nandersetzungen in der Regierung tolerieren (vgl. Candeias/Principe
Demokratischen Partei um die Präsident- 2017). Auch in anderen Teilen Europas gibt es
schaftskandidatur von Bernie Sanders in den hoffnungsvolle Initiativen und Neuanfänge,
USA –, der in Großbritannien allerdings nicht ob in Slowenien und Kroatien, Polen oder
mit einer (vorläufigen) Niederlage der Linken Belgien, die die Rosa-Luxemburg-Stiftung in
endete, sondern Anlass zu neuer Hoffnung ihrer Auslandsarbeit bereits begleitet und die
gibt. Hier zeichnen sich Möglichkeiten der es weiter zu unterstützen gilt. In zahlreichen
Erneuerung der Sozialdemokratie jenseits des kleinen Ländern Ost- und Südosteuropas
Neoliberalismus ab. Im Fall der britischen konnten neue linke Parteien wie die slowe-
Labour-Partei ist es gelungen, das durch und nische Levica in den vergangenen Jahren
durch neoliberale Projekt des Blairismus bemerkenswerte Wahlerfolge verzeichnen.
zu den sozialistischen Wurzeln von Labour Transeuropäisch, wenn auch in extrem
zurückzuführen und über die Organisation unterschiedlicher lokaler Ausprägung, sowie
People’s Momentum eine zeitgemäße Form international – insbesondere in den USA und
der Zusammenarbeit zwischen Labour und Lateinamerika – zeichnet sich zudem eine
mit der Partei sympathisierenden Organisatio- neue feministische Internationale ab, mit
nen und Bewegungen zu finden. Momentum hohem Potenzial für linke Organisierung
ist eine Art Plattform und nicht in die Partei- (vgl. Wischnewski/Wolter in diesem Heft).
struktur integriert, kooperiert allerdings eng So beteiligten sich etwa am Frauenstreik
mit dem Labour-Führungsteam von Jeremy in Spanien 2018 mehr als sechs Millionen
Corbyn, John McDonnell und Jon Trickett. Menschen – und auch in Polen gingen zur
Die zahlreichen neuen Parteizugänge aus Verteidigung von Frauenrechten – wie das

60 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


Recht auf Abtreibung – in den vergangenen von Marine Le Pen, die sich inzwischen in
Jahren Hunderttausende auf die Straße. Rassemblement National umbenannt hat und
Die neu entstehende politische Land- nun in den Umfragen wieder bei über 20 Pro-
schaft ist jedoch äußerst kompliziert: Dort, wo zent rangiert. In Deutschland radikalisiert sich
die Rechte die EU kritisiert, sympathisiert die die AfD. Entscheidend für ihre Entwicklung
Linke mit Europa. Die polnische Partei Razem ist, wie sich dort ein völkisch-nationalistischer,
etwa ist proeuropäisch, weil die Rechte in aber eben auch ein nationaler »sozialer« Flügel
Polen einen EU-kritischen, nationalistischen mit einem radikal national-neoliberalen Flügel
Kurs verfolgt und wichtige Freiheitsrechte ins Verhältnis setzt. Dies war auch Ursache der
infrage stellt. Auf dem Balkan, wo Konserva- Turbulenzen in Frankreich. Die Entwicklun-
tive die EU für sich reklamieren und damit gen in Österreich wecken Befürchtungen ange-
zugleich Arbeits-, Sozial- und Freiheitsrechte sichts möglicher vergleichbarer Entwicklungen
unterminieren, ist die Linke dagegen im in Deutschland und andernorts. Beunruhigend
Umkehrschluss eher EU-kritisch. Zudem ist ist die Lage auch in Italien, das einst als der
der gegenwärtige Erfolg von feministischen »europafreundlichste« Mitgliedsstaat der EU
Bewegungen eng an den Aufstieg der radi- galt, insbesondere nach den letzten Wahlen.
kalen Rechten geknüpft. Denn die hat fast Dort regiert die von Beppe Grillo gegründete
überall, nicht nur in Polen, den Kampf gegen Fünf-Sterne-Bewegung zusammen mit der
Frauen- und reproduktive Rechte auf ihre radikal-rechten und migrationsfeindlichen
Fahnen geschrieben. Lega um Matteo Salvini, während die zersplit-
terte Linke um ihr Überleben kämpft und
AUFSTIEG DER RECHTEN UND sich neu sammeln müsste, etwa um Luigi di
NEUER AUTORITARISMUS Magistris, Bürgermeister von Neapel, der zu-
Vor dem Hintergrund einer verallgemeinerten sammen mit anderen »Solidarischen Städten«
und vielfältigen Kultur der Unsicherheit eta- gerade den Gegenpol zur Regierung bildet (vgl.
blierten sich in Europa schon in den 1990er Caccia/Mezzadra in diesem Heft). Wie in so
Jahren modernisierte neurechte Parteien als vielen anderen europäischen Ländern gelingt
ungehörige Geschwister des Neoliberalismus. es auch hier der Linken nicht, den durch die
Dabei ist das Bild der radikalen Rechten in Eu- Schwäche der Sozialdemokratie entstandenen
ropa keineswegs einheitlich. Zunächst einmal Platz einzunehmen.
gilt: In Ländern mit einer starken Linken (etwa Der Aufstieg der radikalen Rechten ist
Griechenland, Spanien, Portugal oder Groß- auch Folge eines neuen Autoritarismus mit
britannien) konnte die radikale Rechte bislang vielfältigen Gesichtern. Die Grundlagen wur-
keine so große Popularität entfalten bzw. wurde den mit dem autoritären und antidemokrati-
stark gebremst. In Frankreich, wo der Front schen Krisenmanagement der EU und nicht
National kurz vor der Regierungsübernahme zuletzt durch die deutsche Regierung und
stand, erlebten wir danach eine in ihrem Aus- ihre Finanzminister gelegt. Die ganz Europa
maß doch überraschende Zersetzung der Partei aufgezwungene Autoritätspolitik ist einer

GESPENSTER | LUXEMBURG 1/2019 61


Bei Konitsa, nördlich der Präfektur Ioannina, nahe der Grenze zu Albanien.

der Hauptgründe für eine der gravierendsten Mehrheit der europäischen Regierungen hält
Krisen der EU. Zum ersten Mal wird der sich an dem einen oder anderen Punkt nicht
Bestand der europäischen Integration an sich mehr an die von ihnen unterzeichneten euro-
infrage gestellt. Es geht dabei gar nicht so sehr päischen Verträge und einige vollziehen gar
um Ausstiege nach dem Modell des Brexit, den offenen Bruch. Die dominanten Regierun-
sondern um einen schleichenden Zerfall von gen, allen voran die deutsche und ihre Verbün-
innen, bei dem europäische Institutionen deten, brechen Verträge, um eine neue Praxis
an Legitimität verlieren. In Reaktion darauf anschließend in neue Gesetze mit Verfas-
versuchen diese – wie jüngst am Beispiel der sungsrang zu pressen. Stichwort: Fiskalpakt.
Diskussion um den italienischen Staatshaus- In den eher »schwächeren« Staaten versuchen
halt sichtbar wurde –, sich autoritär Geltung die Regierenden, über die Opposition zur EU
zu verschaffen. Diese Vorstöße aus Brüssel Druck zu entfalten und sich zu profilieren.
werden von breiten Teilen der Bevölkerungen Das sieht man vor allem bei der Migrationsfra-
in den jeweiligen Ländern abgelehnt und von ge oder bei der Zentralbankpolitik. Der neue
einer wachsenden Anzahl von Regierungen Autoritarismus wird derzeit am stärksten von
mehr oder weniger offen boykottiert. Die den autoritär-nationalistischen Regierungen

62 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


in Polen und Ungarn oder von Politikern wie lens gegen die deutsche Dominanz in Europa.
Trump, Putin oder Erdoğan verkörpert. Doch Und mittlerweile ist mit dem Erstarken der
die Rückkehr der politischen Unternehmer AfD auch die Stabilität in Deutschland vorü-
bzw. des Bonapartismus beschränkt sich eben ber, das politische Feld ist auch hier deutlich
nicht auf die genannten. Macron zerstörte mit in Bewegung geraten.
seiner Bewegung La République en Marche!
gleich die beiden alten Frankreich lange DIE EUROPÄISCHE LINKE ZWISCHEN BEWE-
Zeit dominierenden Parteien, die UMP (die GUNG, POPULISMUS UND NEUFORMIERUNG
ehemalige Partei von Sarkozy) und die Sozia- Die oben genannten Umwälzungen des poli-
listen (PS), während Kurz in Österreich mit tischen Feldes werden nicht ohne Folgen für
seiner Liste mal eben die alte Österreichische das Ergebnis der Wahlen zum Europäischen
Volkspartei (ÖVP) entkernte und den Weg für Parlament bleiben. Hier kann es zu heftigen
die Rückkehr der rechten Freiheitlichen Partei Verschiebungen kommen. Die Sozialdemo-
Österreichs (FPÖ) an die Regierung ebnete. kratie wird laut Umfragen wohl die Hälfte
Der Legitimationsverlust der EU ist allerdings ihrer Sitze verlieren, während die radikale
auch Ausdruck des zunehmenden Widerwil- Rechte möglicherweise auf über 21 Prozent

GESPENSTER | LUXEMBURG 1/2019 63


der Sitze (inkl. PiS und Fidesz) käme. In Italien gegenwärtigen Entwicklungsrichtung grund-
werden die beiden Parteien der radikal-rechten legend zu verändern. Eine Reform der Union
Regierung – die Fünf-Sterne, aber vor allem die ist dringender denn je, aber derzeit nicht zu
Lega – möglicherweise sogar auf 70 Prozent erkennen – und dies vor dem Hintergrund der
kommen (vgl. Ey 2018, 2f). Diese Verschie- Möglichkeit einer neuen Finanzkrise, vor der
bungen im Parlament und ohnehin schon internationale Finanzinstitutionen warnen.
im Europäischen Rat werden wohl direkte Einig sind sich die Regierungen nur mit Blick
Auswirkungen auf die Zusammensetzung der auf den Ausbau der Sicherheitsapparate, einer
Europäischen Kommission sowie auf Neube- Militarisierung der EU und einer stärkeren Zu-
setzungen etwa des Europäischen Gerichtsho- sammenarbeit in den Bereichen Aufrüstung,
fes haben. Die politischen Verschiebungen in Grenzsicherung und Flüchtlingsabwehr (vgl.
den Nationalstaaten kommen damit voll auf Oberndorfer und Hunko in diesem Heft).
der europäischen Ebene an. Die Wahl findet Angesichts der Reformunfähigkeit der
außerdem in einem unsicheren Umfeld statt. gegenwärtigen Regierungen der EU-Mitglieds-
Nicht umsonst sprechen wir vom zehnten staaten bedarf es der Weiterentwicklung und
Jahr der Krise. Die ökonomischen Folgen des vor allem Sichtbarmachung linker Alternati-
Brexit werden vielleicht nicht so gravierend ven. Ein schlichtes »für oder gegen Europa«
ausfallen, wie sie teilweise dargestellt werden, wird vermutlich die öffentliche Debatte
dafür dürften die Folgen für die Arbeits- und im Vorfeld der Europawahlen dominieren.
Sozialrechte von britischen und europäischen Für die Linke ist dies nicht so leicht. Sie ist
(vor allem osteuropäischen) Arbeitskräften gegen die EU, wie sie gegenwärtig ist, aber
massiv sein. Immer noch ungeklärt ist der in der Haltung für ein gemeinsames Europa,
Umgang mit Nordirland und die Frage nach konstruktiv-kritisch. Unter potenziellen linken
dessen zukünftigem Status. In jedem Fall Wähler*innen dominiert ein proeuropäisches
kann ein gelingender Brexit für andere »euro- Gefühl, gepaart mit Skepsis gegenüber den
pamüde« Staaten Schule machen. Noch stär- herrschenden Institutionen in Europa und ei-
ker sind allerdings die Bewegungen unterhalb nem Desinteresse an europäischen Diskursen,
der Nationalstaaten, die Unabhängigkeitsbe- die an den alltäglichen Problemen der Vielen
wegungen von Schottland bis Katalonien, die vorbeigehen. Die Linke muss also »Europa
eine andere Art von Desintegration befördern anders machen« und anders thematisieren,
können. näher an den Lebenswelten und Erfahrungen
Fieberhaft werden vonseiten der Regie- der Einzelnen. Dabei gilt es, die gesellschaft-
rungen, zuletzt von Macron, immer wieder liche Stimmung »Europa nicht den Rechten
Vorschläge unterbreitet, um der Dynamik überlassen« von links zu besetzen und mit
einer Desintegration entgegenzutreten und der sozialen Frage und der Kritik an der
die europäische Integration weiter zu vertie- neoliberalen Politik, die den Nährboden für
fen. Die deutsche Regierung macht jedoch den Aufstieg der Rechten bildet, offensiv zu
keine erkennbaren Anstalten, etwas an der verbinden.

64 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


Leider ist die politische Linke in Europa unei- und die ökologische Partei Equo zu einem
nig. Die Europäische Linke (EL) ist tendenziell Wahlbündnis zusammengeschlossen. In
gelähmt, blockiert im Streit um ihre Haltung Frankreich sortiert sich derzeit das linke Lager
zum Euro und zur EU. Zugleich gibt es noch. Aktuell versucht die Parti Communiste,
Bewegungen, die zur Formierung konkurrie- die Reste der Parti Socialiste für ein Bündnis
render linker Projekte auf europäischer Ebene zu gewinnen. In Italien gibt es Bestrebungen,
beigetragen haben und zu einer Spaltung nach diversen Niederlagen einzelner Parteifor-
der europäischen Linken entlang der Linie mationen und Listen wieder eine gemeinsame
La France Insoumise, Podemos, Bloco1 und Liste aufzustellen, angeführt vom populären
anderer gegen die »alte Linke« führten. Ein Bürgermeister Neapels, Luigi di Magistris.
weiteres Beispiel ist der Übergang von DiEM25 Zugleich ist anzunehmen, dass sich
(Democracy in Europe Movement 2025) in am Ende alle Linken in einer gemeinsamen
Parteiform – dies stellt die erste Parteigrün- europäischen Fraktion (möglicherweise mit
dung in Griechenland konkurrierend zu Syri- anderem Namen) wiederfinden werden, weil
za dar, auch in Deutschland hat sich DiEM25 damit bestimmte Fraktionsrechte, Gelder
als Partei konstituiert und tritt mit ihrem Spit- und ein größeres Maß an Aufmerksamkeit
zenkandidaten Yanis Varoufakis an; weitere verbunden sind. Auch die bisherige GUE/
Parteigründungen in anderen Ländern werden NGL – die auch Parteien jenseits der Euro-
folgen. Die innerlinken Konfliktlinien sind päischen Linken einschließt – ist nur ein
vielfältiger und gravierender geworden, trotz lockerer Verbund, der den einzelnen Parteien
einer Annäherung auf der programmatisch- viel Freiraum lässt. So wird also jede Partei
konzeptionellen Ebene. Denn es geht nicht oder Liste den jeweiligen Verhältnissen in
länger nur ums Programm, sondern auch um ihrem Land entsprechend und gemäß eigener
die Parteiform, etwa um die Durchsetzung Strategie und Taktik zur Europawahl antreten.
durchaus unterschiedlicher Vorstellungen Innerhalb der Partei der Europäischen Linken
links-populistischer Parteiformen mit starker gibt es zwar einen Minimalkonsens mit Kurz-
Personenzentrierung gegen die bestehenden programm,2 dieses dürfte jedoch die Schwelle
Parteiformen der Linken (vgl. Candeias 2018). der Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit
In den Ländern der EU werden sich im kaum überschreiten. Zumindest hat man sich
kommenden Mai verschiedene linke Parteien auf zwei zwar wenig bekannte, aber attraktive
und Listen zur Wahl stellen. Das muss nicht Spitzenkandidat*innen geeinigt: Violeta
von Schaden sein, zumal es 2019 voraus- Tomić von der slowenischen Linkspartei Levi-
sichtlich noch keine Sperrklausel für kleine ca und Nico Cue, bis 2018 Generalsekretär der
Parteien geben wird. So treten in Portugal Wallonisch-Brüsseler Metallarbeiter des All-
der Bloco de Esquerda und die Kommunis- gemeinen Belgischen Gewerkschaftsbundes
tische Partei (KP) schon immer getrennt an, (WBM-FGTB). Andere übergreifende europäi-
in Spanien wiederum haben sich Podemos, sche Initiativen wie DiEM25 haben bisher nur
Izquierda Unida, regionale Plattformen eingeschränkt gewirkt und möglicherweise

GESPENSTER | LUXEMBURG 1/2019 65


ihren Höhepunkt bereits überschritten. Es ist das Unmittelbare, das Gemeinsame und den
Zeit für etwas Neues. eigentlichen Gegner verlieren. Hier gilt es, an
konkrete Bewegungen anzuknüpfen, sie zu
EIN EUROPÄISCHES MOMENTUM SCHAFFEN verbinden, auch quer zu den üblichen Front-
Denn es gibt viel gesellschaftliche Bewegung stellungen in der Linken, beispielhaft etwa
und Initiative, fast überall. Es bräuchte eine mit Blick auf die europaweit stattfindenden
Art europäisches progressives Bündnis, feministischen Mobilisierungen gegen die Zu-
das auch über die harten Grenzen der EU mutungen von Austerität und Autoritarismus,
hinausreicht. Denn Europa ist weit mehr als von Polen bis Spanien, die einen Ausblick auf
die EU, die die vielgestaltige Linke in ihrer eine neue feministische Internationale geben.
gegenwärtigen Verfassung zu Recht scharf Es geht um den Aufbau einer Plattform,
kritisiert. Sie sollte nicht selbst bei Wahlen die offen wäre für jene Linken, die aus dem
antreten, sondern vielmehr eine starke Kraft Gefängnis einer überkommenen Sozialdemo-
symbolisieren, die für ein anderes Europa ein- kratie ausbrechen möchten. Dies gilt natürlich
tritt, dieses sichtbar macht. Wir haben genug vor allem für die Labour Party unter Corbyn,
von diesen autoritären Reformen gegen die die diesen Bruch bereits weitgehend vollzogen
Bevölkerungen, vom Abbau von Sozial- und hat, aber zum Beispiel auch für Benoît Ha-
Arbeitsrechten, von der Zerstörung sozialer mons Partei Génération.s in Frankreich, die
Infrastrukturen im Bereich Gesundheit oder polnische Linkspartei Razem (beide mit DiEM25
Bildung, von Prekariat und Jugendarbeitslosig- verbündet) oder andere wie die Demos-Partei in
keit, Alters- und Kinderarmut, vom Ertrinken Rumänien oder Kroatiens kommunale Platt-
im Mittelmeer, von Rassismus und Antifemi- form Zagreb je NAŠ!, die auch landesweit eine
nismus, von der nicht nur verbalen Gewalt Alternative aufbaut, und für viele andere mehr.
der radikalen Rechten, von den Freihandels- Diese Plattform könnte sowohl die Parteien
abkommen und der nicht nur damit verbun- der Europäischen Linken umfassen als auch
denen Entleerung der Demokratie, von der die neuen Formationen wie France Insoumise,
Kriminalisierung und Niederschlagung von DiEM25 oder Unid@s Podemos. Unverzichtbar
Protesten, dem Export von Waffen und Tod. wären auch die diversen grenzüberschreitenden
Möglicherweise bietet die Wahl zum Eu- Kampagnen wie die gegen TTIP und andere
ropäischen Parlament ein gutes Momentum, Freihandelsabkommen, die Netzwerke solidari-
um sichtbar zu machen, Europa geht anders: scher und rebellischer Städte in Europa, die mit
solidarisch und rebellisch, gegen die etablier- den Geflüchteten und Ertrinkenden solidari-
ten Institutionen und herrschenden Klassen. schen Bewegungen und die Bewegungen gegen
Es gibt ein solches Europa, das jedoch nicht den bereits jetzt dramatisch spürbaren Klima-
wahrnehmbar ist, auch nicht in unseren wandel. Dabei stünde nicht im Vordergrund,
eigenen Debatten, die im Streit um (manch- wie genau einzelne Reformen umzusetzen
mal nicht unwichtige) Einzelheiten oder um sind. Viel wichtiger wäre ein grundsätzlicher
die weitere Perspektive häufig den Blick für Konsens, dass es gegenwärtig vor allem darauf

66 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


ankommt, soziale und politische Rechte für alle LITERATUR
Bussemer, Johanna, 2018a: Auf der Suche nach Allianzen.
gegen die bedrohliche Paarung von neolibera- Die Kontaktaufnahme zwischen Labour und DIE LINKE
lem Autoritarismus und radikaler Rechten zu könnte die Parteibeziehungen in Europa verändern, in:
Neues Deutschland, 24.6.2018, www.neues-deutschland.
verteidigen und auszuweiten. Die Verbindung de/artikel/1092156.die-linke-und-jeremy-corbyn-auf-der-
von europäischen Kampagnen, real vor Ort suche-nach-allianzen.html
Dies., 2018b: Wenn das Klassensystem implodiert. Die
verankerten Bewegungen und Parteien sowie Gelbwesten-Proteste in Frankreich kommen nicht aus
institutioneller Politik wäre vielversprechend heiterem Himmel, in: Neues Deutschland, 12.12.2018,
www.neues-deutschland.de/artikel/1107856.gelbwesten-
im Sinne der Verknüpfung von populistischen proteste-wenn-das-klassensystem-implodiert.html
Momenten mit realen popularen Projekten. Die Candeias, Mario, 2018: Populistisches Momentum? Lernen
von Corbyn, Sanders, Mélenchon, Iglesias (Ein indirekter
Grundlagen für eine solche verbindende Platt- Kommentar zur Kampagne von #aufstehen), in: LuXem-
form für ein europäisches Momentum wollen burg-Online, Oktober 2018, www.zeitschrift-luxemburg.
de/populistisches-momentum-lernen-von-corbyn-san-
die Rosa-Luxemburg-Stiftung, die Labour Party ders-melenchon-iglesias-ein-indirekter-kommentar-zur-
kampagne-von-aufstehen/
und die britische Organisation Momentum
Ders./Príncipe, Catarina, 2017: Anti-Austerity and the Poli-
gemeinsam entwickeln. tics of Toleration in Portugal. A way for the Radical Left
to develop a transformative project?, Rosa-Luxemburg-
So könnten die »Diskurse der europäi- Stiftung, Berlin, www.rosalux.de/publikation/id/38188/
schen linken Parteien weg von der komplizier- anti-austerity-and-the-politics-of-toleration-in-portugal/
Chwala, Sebastian, 2018: Die Bewegung der »Gelbwesten«
ten Frage, ob die EU zu retten wäre, und wenn – Revolte der Unterklasse?, in: LuXemburg-Online,
ja, wie, hin zu den weitaus drängenderen Dezember 2018, www.zeitschrift-luxemburg.de/die-
bewegung-der-gelbwesten/
Fragen wachsender sozialer Ungleichheit Ey, Frank, 2018: EU-Parlamentswahlen 2019. Erstarken des
in Europa« verschoben werden (Bussemer autoritären Populismus hat Auswirkungen auf alle EU-
Institutionen, in: infobrief eu & international, Arbeiter-
2018a). Dabei ginge es nicht in erster Linie um kammer Wien, 2–6, https://wien.arbeiterkammer.at/
europäische Lösungen, sondern um die Ver- service/newsletter/eu_infobrief/EU_Infobrief_2018_4.
pdf/
wirklichung grundlegender sozialer Rechte wie Wainwright, Hilary, 2019: Grenzüberschreitender Sozia-
den Zugang zu einer öffentlichen Krankenver- lismus, in: LuXemburg-Online, Februar 2019, www.
zeitschrift-luxemburg.de/grenzueberschreitender-sozia-
sorgung, Bildung für alle, eine armutssichere lismus-grossbritannien-und-die-eu/
und sanktionsfreie Grundsicherung, Mindest-
löhne und Mindestrenten in allen Ländern,
das Recht auf Abtreibung und das Recht, mit 1 Maintenant le Peuple (MLP: »Now the people«, dt.
Kindern unter würdigen Bedingungen zu etwa: »Jetzt das Volk«) ist ein »Wahlbündnis« von linken
Parteien zur Wahl des Europäischen Parlaments 2019. Die
leben und zu arbeiten, das Recht auf bezahl- Gründung geht vor allem auf Jean-Luc Mélenchon zurück,
baren Wohnraum oder das Recht, angstfrei der zusammen mit Pablo Iglesias (Podemos) und Catarina
Martins (Bloco de Esquerda) im April 2018 die Erklärung
leben zu können. Es geht um ein Bündnis mit von Lissabon veröffentlichte. In dieser wird eine »demo-
klarem Gegnerbezug und einigen wenigen kratische Revolution in Europa« und der Austritt aus den
EU-Verträgen gefordert. Erweitert um drei skandinavische
erkennbaren Zielsetzungen, um eine Plattform Parteien wurde MLP im Juni 2018 gegründet. Da alle
Parteien in ihrem jeweiligen Land antreten müssen, hat ein
und Kampagne gegen Austerität und Autori-
solches Wahlbündnis vor allem symbolischen Charakter.
tarismus und für ein solidarisches Europa der 2 Gemeinsame Plattform für die Europawahlen 2019,
Erschaffen wir ein anderes Europa, www.european-left.org/
Vielen. Es ist Zeit, aber das Momentum kann wp-content/uploads/2019/01/EL_Wahlplattform_DE_fi-
verfliegen. Nutzen wir es rechtzeitig. nal-20190131-2.pdf.

GESPENSTER | LUXEMBURG 1/2019 67


FRIDAYS
FOR FUTURE
Heiße Zukunft
»Warum sollte ich für eine Zukunft lernen, die
vielleicht schon bald nicht mehr sein wird,
wenn niemand etwas unternimmt, um diese
Zukunft zu retten? Und warum sollte ich mir
Wissen aneignen, wenn doch die wichtigsten
Erkenntnisse offenbar in dieser Gesellschaft
keinerlei Bedeutung haben?«
Zunächst saß Greta Thunberg ganz alleine vor
dem schwedischen Parlament, um für eine
zukunftserhaltende Klimapolitik zu demons-
trieren. Binnen acht Monaten ist daraus eine
Bewegung geworden, die am 15. März 2019
in 125 Ländern der Welt über eine Million
Schüler*innen auf die Straße gebracht hat.
Zusammen mit Scientists for Future entsteht
außerdem ein Bündnis aus Aktivismus und
Wissenschaft, wie es vielleicht zuletzt 1968
soziale Proteste befeuert hat. Bemerkenswert
auch, dass den Schüler*innen der Zusam-
menhang zwischen der akuten Klimakrise und
unserer wachstumsgetriebenen, fossilistischen
Produktionsweise völlig offensichtlich zu sein
scheint. Von unpolitischer Jugend kann jeden-
falls keine Rede sein!
https://fridaysforfuture.de/
https://www.scientists4future.org/

Foto: Paul Lovis Wagner / Campact


FEMINISTISCHE
INTERNATIONALE
WIE SICH FRAUEN ÜBER GRENZEN HINWEG ORGANISIEREN

ALEX WISCHNEWSKI UND Die Bilder des 8. März 2018 in Spanien


KERSTIN WOLTER lösten in ganz Europa Staunen und Begeis-
terung aus. Es waren mehrheitlich Frauen
und Queers jeden Alters, die die Straßen
in lila Ströme verwandelten, Universitäten
besetzten, Versammlungen abhielten und
fröhlich singend öffentliche Verkehrsmittel
stoppten. Rund fünf Millionen beteiligten sich
im ganzen Land an einem feministischen
Streik. Bezahlte wie unbezahlte Arbeit wurde
niedergelegt. Damit war es nicht nur die
größte feministische Mobilisierung, sondern
auch der größte Streik, den Europa bis dato
gesehen hatte (Lorey 2019).
Das Ereignis war kein Zufall. Schon in
den Jahren zuvor hatte es große feministische
Demonstrationen in Spanien gegeben. 2014
verhinderten Frauen eine Verschärfung der
Abtreibungsgesetze, 2015 stießen Social-
Media-Kampagnen und Demonstrationen eine
gesellschaftliche Debatte über Gewalt gegen
Frauen an und auch die Proteste am 8. März
erhielten kontinuierlich mehr Zulauf.

70 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


Gleichzeitig war der Streik in Spanien in eine Wir können also derzeit von einer internatio-
internationale Bewegung eingebettet. Am 3. nalen feministischen Bewegung sprechen, die
Oktober 2016 hatten Frauen in Polen zum ungestüm und ungezähmt weiterwächst. Es
Streik am sogenannten czarny poniedziałek lohnt sich, genauer zu betrachten, warum gera-
(Schwarzer Montag) aufgerufen und damit ein de jetzt Frauen in so vielen Ländern aufstehen
faktisches Verbot von Schwangerschaftsabbrü- und sich über kulturelle und staatliche Grenzen
chen abgewendet. Sie beriefen sich dabei auf hinweg bestärken. Gibt es in Zeiten immer
den Streik in Island am 24. Oktober 1975, an größer werdender Fragmentierung einen neuen
dem sich 90 Prozent der arbeitenden Frauen gemeinsamen Nenner unter Frauen?
beteiligt hatten. Diesen Impuls griff das Perspektivisch knüpft sich daran die
feministische Kollektiv Ni Una Menos (Nicht Frage, wie es mit dieser weltweiten Bewegung
eine weniger) aus Argentinien auf, das im weitergeht. Wie lassen sich die jetzigen
Jahr zuvor Hunderttausende gegen Femizide Abwehrkämpfe offensiv wenden und wirkliche
(Frauenmorde) auf die Straße gebracht hatte. Veränderungen durchsetzen? Braucht es
Es rief nur wenige Tage später in Reaktion
auf einen besonders grausamen Femizid
zum einstündigen Frauenstreik auf, den sie ALEX WISCHNEWSKI ist in vielfältigen feministischen
miércoles negro (Schwarzer Dienstag) nannten. Zusammenhängen tätig, Mitbegründerin der
Plattform #KeineMehr gegen Femizide und
Bereits am 8. März 2017 war der Streik an
Mitorganisatorin des Frauen*streiks am 8. März.
vielen Orten als Instrument der Frauenbe- Sie ist aktiv in der Partei DIE LINKE.
wegung wiederentdeckt worden. Er befördert KERSTIN WOLTER ist marxistische Feministin
seither den Austausch unter Feminist*innen und Mitorganisatorin des bundesweiten
weltweit: in der Planung des internationalen Frauen*streiks am 8. März. Sie ist in der Partei
DIE LINKE aktiv.
Streiktages am 8. März 2019, an dem auch in
Deutschland zum ersten Mal seit 25 Jahren ein
Frauen*streik stattfand, aber auch in Kämpfen dafür eine feministische Internationale im
über das Jahr hinweg. Die Massenproteste Sinne einer festen Organisationsstruktur mit
gegen sexualisierte Gewalt an Chiles Universitä- verbindlichen Entscheidungsmodi oder finden
ten im vergangenen Juni, die Demonstrationen Frauen heute neue, vielfältige und unregulier-
gegen die Kandidatur des faschistischen und te Formen der langfristigen Zusammenarbeit
frauenfeindlichen Präsidenten Jair Bolsonaro auf internationaler Ebene?
in Brasilien im September oder der Streik
der weiblichen Stadtbeschäftigten für Ent- GLOBALE TRENDS: NEOLIBERALISMUS UND
geltgleichheit in Glasgow im Oktober zeugen AUFSTIEG DER RECHTEN
davon. Diese und weitere Ereignisse fanden International ist nicht nur die Frauenbewe-
unter Feminist*innen weltweit Resonanz. gung: Der neoliberale Kapitalismus wurde seit
Es gab wechselseitige Solidarität und den dem Modellprojekt in Chile in fast jedem Land
Versuch, aneinander anzuknüpfen. der Erde implementiert und hat zu Privatisie-

GESPENSTER | LUXEMBURG 1/2019 71


Beide Bilder: Fridays for Future, Berlin, Januar 2019,
Paul Lovis Wagner/Campact

rungen, zum Abbau sozialer Sicherungssyste- Ideologie« an. Ähnliches hört man auch von
me und zur zunehmenden Entrechtung von rechten Parteien in Europa, ob in Österreich
Arbeitnehmer*innen geführt. Kapitalströme von der FPÖ, in Frankreich vom Rassemble-
verlaufen über den gesamten Erdball. Die ment National oder in Deutschland von der
Pleite einer US-amerikanischen Bank führte AfD. Björn Höckes berühmt gewordene Rede
2008 zur größten Weltwirtschaftskrise seit 2015 in Erfurt, in der er die Wiederentdeckung
1929 und griff tief in das Leben vieler Men- der Männlichkeit als Voraussetzung für eine
schen ein, die keine Möglichkeit mehr sahen, »Wehrhaftigkeit« des Volkes bezeichnete, ist
politischen Einfluss zu nehmen. An diese nur ein besonders hervorstechendes Beispiel.
Ohnmacht knüpft die politische Rechte an, Es gleichen sich nicht nur die Effekte des
indem sie die Wiederherstellung von Souve- weltumspannenden Neoliberalismus, sondern
ränität in den eigenen nationalen Grenzen auch die Kernelemente der rechten Antworten
verspricht. In diesem Ordnungs- und Sicher- darauf. Diese erschöpfen sich schon lange nicht
heitsdenken spielt häufig auch die Anrufung mehr in leeren Drohungen. Der gesellschaft-
scheinbar natürlicher Geschlechterrollen eine liche und politische Rechtsruck ist in vielen
zentrale Rolle, wobei besonders die Rechte von Ländern so weit fortgeschritten, dass die Rechte
Frauen und Queers unter Beschuss geraten. von Frauen und Queers effektiv beschnitten
So kündigte etwa der brasilianische Präsi- wurden oder solche Rückschritte als reale Mög-
dent Bolsonaro in seiner Amtsantrittsrede lichkeit im Raum stehen. In Polen und Spanien
Anfang 2019 den Kampf gegen die »Gender- droht das Recht auf Schwangerschaftsabbruch

72 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


eingeschränkt zu werden, in vielen anderen 27,1 Prozent der vollzeitbeschäftigten Frauen
Ländern wie in Italien oder Deutschland wird arbeiten im Niedriglohnbereich, gegenüber
der Zugang dazu immer schwieriger. Fakultäten 16,2 Prozent der Männer (Statistisches
für Genderwissenschaften, Gleichstellungsmi- Bundesamt 2018b). Doch obwohl immer
nisterien und Frauenberatungsstellen werden mehr Frauen erwerbstätig sind, leisten sie in
abgeschafft. Für viele Frauen und Queers spitzt Europa auch weiterhin den Großteil der nicht
sich dadurch eine ohnehin immer prekärere entlohnten Haus-, Erziehungs- und Pflegear-
Lebenssituation weiter zu. beit. Europaweit gaben 79 Prozent der Frauen
an, täglich zu kochen oder andere Hausarbei-
DIE MACHT DER FRAUEN ten zu leisten, im Gegensatz zu 34 Prozent der
Obwohl die Frauenerwerbsquote in den Län- Männer. In Deutschland liegt das Verhältnis
dern der Europäischen Union seit 1997 von 55 bei 72 Prozent zu 29 Prozent (Eurostat 2018).
auf 65 Prozent gestiegen ist (Eurostat 2017a), Kürzungen bei den sozialen Diensten und
verdienen Frauen immer noch durchschnitt- Infrastrukturen in ganz Europa, forciert durch
lich 16,3 Prozent weniger als Männer (Euro- die Austeritätspolitik des letzten Jahrzehnts,
stat 2017b). Deutschland bildet mit rund 21 wurden deshalb insbesondere von Frauen
Prozent in dieser Hinsicht eines der Schluss- aufgefangen (vgl. Rosa-Luxemburg-Stiftung
lichter (Statistisches Bundesamt 2018a). Diese 2018). Ihre doppelte Belastung spitzt sich also
Ungerechtigkeit rührt auch daher, dass viele zu, ohne dass sie durch die hinzugewonnene
frauentypischen Jobs schlecht bezahlt sind. ökonomische Eigenständigkeit aufgewogen

GESPENSTER | LUXEMBURG 1/2019 73


werden könnte. Sicher, manche Frauen lernen sie derzeit, diese neue Macht auch zu
können sich Entlastung erkaufen. Doch die nutzen. Die zunehmenden Möglichkeiten des
häufig migrantischen Haushaltshilfen ändern Austauschs über Ländergrenzen hinweg durch
nichts an der geschlechtlichen Arbeitsteilung, Social Media, durch bessere Sprachkenntnisse
sondern verlagern lediglich die Betreuungsauf- und durch eine größere Mobilität unterstützen
gaben an sozial marginalisierte Frauen, und diesen Prozess. Diese Faktoren mögen profan
zwar über staatliche Grenzen hinweg. klingen, sind aber nicht zu unterschätzen: Erst
Diese ökonomische Anordnung wird un- die Bilder aus Spanien haben die zögerlichen
terstützt durch die anhaltende Schlechterstel- Debatten in Deutschland in Schwung gebracht.
lung von Frauen in der Gesellschaft, die sich
durch alle Bereiche zieht: durch Politik, Recht, FRAUEN*STREIK ALS VIELFÄLTIGE, ABER
Religion, Sprache, Sexualität und vieles mehr. VERBINDENDE PRAXIS
Sie drückt sich auf grausamste Weise aus in Die Stärke der Frauen*streik-Bewegung liegt
Diskriminierung und Sexismus, in Missbrauch darin, eine Verbindung zwischen den oft
und Gewalt in der Familie, am Arbeitsplatz unverbundenen Bereichen herzustellen, in
oder im öffentlichen Raum. Jede dritte Frau denen Frauen tätig sind. Der Streik als klas-
in der EU hat körperliche oder sexuelle Gewalt sisches Instrument der Arbeiter*innenklasse
erfahren (Agentur der Europäischen Union für wird auf die unentlohnte Haus- und Sorgear-
Grundrechte 2014). Es fehlen systematische beit ausgeweitet und es werden auch die ge-
Analysen, doch es gibt Anzeichen dafür, dass sellschaftlichen Bedingungen mit einbezogen.
geschlechterspezifische und insbesondere Die Praxis des Frauen*streiks hat sich von den
häusliche Gewalt in Zeiten ökonomischer Ländern des globalen Südens und von den
Krisen zunimmt (Campbell u.a. 2003). peripheren Staaten Europas her ausgebreitet –
Dass Frauen sich diesen Angriffen heute Wissen und Erfahrungen werden also aktuell
so vehement und massenhaft entgegenstellen, von Süd nach Nord weitergegeben. Die Frauen
ist aber nicht allein darauf zurückzuführen, aus den ökonomischen Zentren im globalen
dass ihre Rechte bedroht werden und die Norden sollten diese neue Widerstandspraxis
eigene Prekarität zunimmt. Dank der fe- aufnehmen und nutzen, um vor Ort Druck
ministischen Errungenschaften des letzten auf die Nutznießer einer hierarchischen
Jahrhunderts nehmen Frauen wie nie zuvor Weltordnung auszuüben.
in der Geschichte entscheidende Positionen Die komplexen Zusammenhänge, an
im Produktionsprozess und in der Politik denen die Bewegung ansetzt, bieten zugleich
ein. Durch bessere Bildung, eine erhöhte eine Vielfalt an Eingriffspunkten. Durch die
Erwerbstätigkeit und mehr Möglichkeiten theoretische Debatte um Intersektionalität gibt
der politischen Mitbestimmung können viele es hierfür heute ein wesentlich größeres Be-
Frauen heute selbstbestimmter leben und wusstsein. Wir wissen, dass die Verschränkung
selbstbewusster auftreten als noch vor einigen verschiedener Herrschaftsverhältnisse von Her-
Jahrzehnten. In der Frauen*streik-Bewegung kunft, Geschlecht und sozialer Klasse jeweils

74 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


Fridays for Future in Berlin, Dezember 2018, 350.org

spezifische Betroffenheiten und Ausschlüsse, mitzunehmen und zugleich die ganze Größe
aber auch Handlungsmöglichkeiten erzeugt. und Komplexität des Problems sichtbar zu
Die jeweiligen Lebensrealitäten und vordringli- machen, vor dem wir stehen und an dem wir
chen Probleme von Frauen bleiben daher trotz teilhaben. Offenheit und Diversität sind gerade
globaler Trends sehr verschieden. Während die die besonderen Stärken dieser Bewegung.
eine ihre prekäre Stellung als Krankenpflegerin Mittelfristig wird sich aber die Frage stellen, ob
zum Ausgangspunkt ihres Kampfes nimmt, und wie sich mit diesen Eigenschaften ausrei-
kämpft die andere dafür, endlich den rechtli- chend Schlagkraft entwickeln lässt, um diese
chen Status zu erhalten, um überhaupt einer Welt tatsächlich grundlegend umzugestalten.
Erwerbsarbeit nachgehen zu können. In Deutschland drückt sich das in der aktu-
In der internationalen Frauen*streik- ellen Debatte aus, ob sich die Frauen*streik-
Bewegung wird diesen verschiedenen Veror- Bewegung auf wenige Forderungen einigen
tungen Ausdruck verliehen und es werden soll, um diese effektiv durchzusetzen, oder
unterschiedliche Erfahrungen geteilt. Es geht ob sie damit zwangsläufig Ausschlüsse
zum jetzigen Zeitpunkt vor allem um eine soli- hervorbringen und das übergeordnete Ziel
darische Bezugnahme untereinander und eine aus den Augen verlieren würde, nämlich alle
Anklage der zugrunde liegenden kapitalisti- unterdrückerischen Verhältnisse umzuwerfen.
schen Strukturen. Nur die ungeordnete Vielfalt Angesichts der weltumspannenden politischen
der Themen und Formen des gemeinsamen Entwicklungen sollten wir aber dringend auch
Streiks scheint in der Lage zu sein, derzeit alle darüber nachdenken, ob es auf europäischer

GESPENSTER | LUXEMBURG 1/2019 75


und internationaler Ebene institutionalisierte konstruktiv in die Bewegung einzubringen,
Formen des Austauschs und der Entschei- also organisierend und koordinierend darin
dungsfindung geben kann und sollte – so etwas tätig zu sein. Dabei könnten sie viel lernen,
wie eine feministische Internationale. denn die meisten Parteien und Gewerkschaften
sind noch immer kein Ort für feministische
EINE FEMINISTISCHE INTERNATIONALE Organisierung. In Spanien kam mit den linken
IM WERDEN? Bewegungen und Platzbesetzungen nach
Dafür lohnt es sich zurückzuschauen, denn der Krise 2015 eine lebhafte Debatte um eine
die Idee einer feministischen Internatio- sogenannte Feminisierung oder Entpatriar-
nale ist nicht neu. Bereits die proletarische chalisierung der Politik auf (Serra Sánchez u.a.
Arbeiter*innenbewegung Anfang des 20. Jahr- 2016). Dahinter steht der Anspruch, eine Politik
hunderts kam mehrmals zu einer internationa- der ersten Person zu verfolgen, die offene Ver-
len sozialistischen Frauenkonferenz zusammen sammlungen erfordert sowie eine Infrastruktur,
und gründete auf ihrem ersten Kongress 1907 in der füreinander Sorge getragen werden
in Stuttgart die Sozialistische Fraueninternatio- kann. Dies soll es jeder Person ermöglichen,
nale (Notz 2009) – initiiert und koordiniert von ihre privaten Erfahrungen in solche Versamm-
Clara Zetkin, die damals eine Schlüsselfigur der lungen zu tragen und zu wissen, dass sie dort
deutschen Sozialdemokratie war. Die Teilnah- als politische anerkannt werden. Dominante
me war über ein Delegiertensystem geregelt. Es Führungsfiguren, hierarchische Entscheidungs-
wurde beschlossen, eine zentrale Stelle einzu- verfahren und ausschließendes Redeverhalten
richten und die Zeitschrift Die Gleichheit unter werden entsprechend stark kritisiert.
der Führung von Clara Zetkin als gemeinsames Doch die daraus folgende Praxis ist noch
Publikationsorgan zu nutzen. nicht ausgereift. Das fällt insbesondere dort
Diese Organisierungsform erscheint auf, wo aus der Bewegung heraus direkt
für die heutige internationale Frauen*streik- auf staatliches Handeln und Gesetzgebung
Bewegung nicht als geeignetes Vorbild. Anders eingewirkt werden soll, wie etwa bei den
als die Fraueninternationale vor 100 Jahren munizipalistischen linken Stadtregierungen in
ist sie in den jeweiligen Ländern eben nicht in Barcelona und Madrid. Staatsapparate haben
Parteien organisiert, die Delegierte und Man- ihre eigenen Logiken und Anforderungen, die
date vergeben könnten. Doch Bewegungen, die sich mit offenen Formen der Kommunikation
sich keine Strukturen geben, laufen über kurz und Partizipation reiben können. Fragen an
oder lang Gefahr, undemokratisch zu werden die Funktionsweise der Repräsentation durch
und sich ohne legitimierte Leitung wieder einzelne Abgeordnete sind weiterhin ungeklärt.
aufzulösen. Im Sinne von Rosa Luxemburgs Zudem ist der Fokus erklärtermaßen regional.
Ideen zu Führung und Basis (Luxemburg 1906) Das aus der munizipalistischen Bewegung
wäre also die Aufgabe von linken Parteien entstandene internationale Netzwerk rebelli-
und Gewerkschaften, die Forderungen der scher Städte dient dem Austausch. Damit ist
Frauen*streik-Bewegung aufzunehmen, sich es noch keine Blaupause für eine feministi-

76 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


sche Internationale, die breite Partizipation Aufgabe einer progressiven und nachhaltigen
und gemeinsame Entscheidungsfindung Organisierung von Widerstand gibt es bisher
miteinander verbinden würde. Es gibt aber noch keine ausgereiften Lösungen. Es gibt aber
durchaus Beispiele für einen weltweiten Versuche und Erfahrungen, über die es sich
organisierten Austausch zwischen feministi- grenzüberschreitend auszutauschen lohnt. In
schen Akteur*innen und Bewegungen. Mit diesem Sinne ist die Frauen*streik-Bewegung
der Marxistisch-Feministischen Internationale eine transnationale Lernbewegung – eine, die
im Rahmen der von Frigga Haug initiierten die Chance hat, die Welt zu verändern.
Konferenzen existiert bereits ein Austausch
zu marxistisch-feministischer Forschung. In LITERATUR
Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRAU),
Südamerika findet unter dem Namen ELLA 2014: Gewalt gegen Frauen: eine EU-weite Erhebung,
seit 2014 ein jährliches Treffen lateinameri- https://fra.europa.eu/de/publication/2014/gewalt-gegen-
frauen-eine-eu-weite-erhebung-ergebnisse-auf-einen-
kanischer Feministinnen statt. Aus Italien blick
berichten Aktivist*innen von ersten Planungen Campbell, Jacquelyn C. u.a., 2003: Risk Factors for Femicide
in Abusive Relationships. Results From a Multisite Case
für eine europaweite Frauen*streik-Konferenz. Control Study, in: American Journal of Public Health, 93
Wohin sich diese Vernetzungen entwickeln, ist (7), 1089–1097
Eurostat, 2017a: Beschäftigungsstatistik, https://
noch offen. Die Europäische Linke könnte hier ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/in-
eine organisierende Rolle einnehmen, wenn sie dex.php?title=Employment_statistics/de#Besch.
C3.A4ftigungsquoten_nach_Geschlecht.2C_Alter_und_
sich selbst bewegt. Denn bereits jetzt sind viele Bildungsstand
Aktive linker Parteien in der Frauen*streik- Dass., 2017b: Löhne und Arbeitskosten. Geschlechtsspezi-
fisches Verdienstgefälle, https://ec.europa.eu/eurostat/
Bewegung engagiert. statistics-explained/index.php?title=Wages_and_labour_
costs/de#Geschlechtsspezifisches_Verdienstgef.C3.A4lle
Eines ist jedoch sicher: Eine feministische
Dass., 2018: The life of women and men in Europe.
Internationale kann nicht als Kopfgeburt entste- A statistical portrait, Childcare and housework,
http://ec.europa.eu/eurostat/cache/infographs/women-
hen, sondern nur als Ergebnis internationaler men/bloc-3d.html?lang=en
Kämpfe und Bewegungen. Sie kann auch nur Lorey, Isabell, 2019: 8M – der große feministische Streik,
https://transversal.at/blog/8m-der-groe-feministische-
getragen und geführt werden von den in den streik
jeweiligen Bewegungen verankerten und mitei- Luxemburg, Rosa, 1906: Massenstreik, Partei und Gewerk-
schaften, in: dies.: GW 2, 91–170
nander vernetzten Aktivist*innen – also ihren Notz, Gisela, 2009: Proletarische Frauen und ihr Weg zum
organischen Intellektuellen, um mit Gramsci Kommunismus, www.linksnet.de/artikel/25165
Rosa-Luxemburg-Stiftung, 2018: When the Belt Can’t Get
zu sprechen. Dabei muss das Verhältnis von Any Tighter. Mapping the impacts of austerity on
Lehrenden und Lernenden ständig in Bewe- women’s lives across Europe, www.rosalux.de/en/news/
id/38912/when-the-belt-cant-get-any-tighter/
gung bleiben: Die Bewegung muss es sich zur Serra Sánchez, Clara u.a., 2016: Feminización de la Política,
Aufgabe machen, jede*r Aktivist*in zu ermög- www.lacircular.info/feminizacion-de-la-politica/
Statistisches Bundesamt (Destatis), 2018a: Verdienstun-
lichen, das Ruder zu übernehmen und auch terschiede 2018, www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/
wieder abzugeben. Dafür müssen Verfahren der ImFokus/VerdiensteArbeitskosten/Verdienstunterschie-
de2018.html
Entscheidungsfindung, der Wissensweitergabe Dass. 2018b: Verdienste auf einen Blick, www.destatis.de/
und der Bildung gefunden sowie kollektiv (wei- DE/Publikationen/Thematisch/VerdiensteArbeitskos-
ten/Arbeitnehmerverdienste/BroschuereVerdienste-
ter-)entwickelt und erprobt werden. Für diese Blick0160013179004.pdf?__blob=publicationFile

GESPENSTER | LUXEMBURG 1/2019 77


RISSE IN DER FESTUNG
WIE SOLIDARISCHE STÄDTE IN DER PRAXIS FUNKTIONIEREN

WENKE CHRISTOPH UND In Europa wachsen die Bewegungen der


STEFANIE KRON Städte des Willkommens, der Zuflucht und
Solidarität. Zivilgesellschaftliche Gruppen und
städtische Politiker*innen widersetzen sich so
den wachsenden Restriktionen europäischer
und nationaler Grenz- und Migrationspolitiken.
Zugleich entwickeln sie konkrete lokale Politi-
ken zum Schutz oder zur sozialen Teilhabe von
Menschen mit prekärem Aufenthaltsstatus und
bilden diskursive Gegenpole zum europaweiten
Aufstieg rechter Parteien, welche die Abschot-
tung der Grenzen sowie die Kriminalisierung
von Migrant*innen vorantreiben.
Bereits seit den 1980er Jahren, als
Hunderttausende Flüchtlinge aus den zentral-
amerikanischen Bürgerkriegsländern Schutz
vor Verfolgung in den USA und in Kanada
suchten, existiert in Nordamerika das Konzept
der »Sanctuary City« (Stadt der Zuflucht). Als
erste Stadt verabschiedete San Francisco im
Jahr 1989 eine Verordnung, die den städtischen
Behörden und Polizist*innen die Kooperation
mit den Bundesbehörden bei der Identifikation,

78 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


Verfolgung, Inhaftierung und Abschiebung von ihm unter anderem »Begünstigung illegaler
Migrant*innen ohne legalen Aufenthaltsstatus Migration« vor.
untersagt. Bis heute haben sich mehr als 500 Solidarische Kommunen sind also nicht al-
US-amerikanische und kanadische Städte und lein ein Phänomen der Großstädte. Das Beispiel
Gemeinden sowie sogar einige Bundesstaaten Riace zeigt sogar das Potenzial solidarischer
der »Sanctuary«-Bewegung angeschlossen. Kommunen für ländliche Räume: Orte, die von
Nach der Flüchtlingstragödie von Lam- Abwanderung geprägt sind, können wiederbe-
pedusa im Oktober 2013, bei der mehr als 400 lebt und öffentliche Infrastrukturen erhalten
Menschen in Sichtweite der sizilianischen Insel werden. So existieren auch in Deutschland und
ertranken, war der Bürgermeister der siziliani- den USA Kleinstädte, Gemeinden und Land-
schen Hauptstadt Palermo, Leoluca Orlando, kreise, die sich zu Kommunen der Solidarität
einer der ersten in Europa, der seine Stadt zu oder Zuflucht erklärt haben.2 Dennoch ist die
einer Stadt des Willkommens sowie alle dort solidarische Kommune bislang ein vorwiegend
ankommenden Geflüchteten zu »Palermita- urbanes Phänomen. In Großstädten verdichten
nern« erklärte. Im Jahr 2015 veröffentlichte er
die »Charta von Palermo«1, in der gefordert
wird, die Aufenthaltsgenehmigung abzuschaf- WENKE CHRISTOPH ist Geografin und Referentin
fen, die Rechte der Staatsbürgerschaft aus- im Europareferat der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
Sie beschäftigt sich mit europäischer Politik und
schließlich mit dem Wohnort zu verbinden und
Organisierungsansätzen progressiver Akteure
jedem Menschen das Recht auf die freie Wahl in Europa.
des Wohnortes zu gewährleisten. STEFANIE KRON ist Soziologin und Referentin für In-
Genau genommen war die erste Stadt ternationale Politik in der Akademie für politische
des Willkommens in Europa aber ein Dorf: Bildung der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Sie ist
Mitherausgeberin der Zeitschrift Movements und
Am 1. Juli 1998 legte vor Riace, einem kleinen
Mitglied des Netzwerkes kritische Migrations-
Ort mit rund 2 000 Einwohner*innen an der und Grenzregimeforschung (kritnet).
kalabrischen Küste in Süditalien, ein Boot
mit 300 Geflüchteten aus den kurdischen
Gebieten an (vgl. LuXemburg 3–4/2013). sich soziale Kämpfe und Konflikte, etwa im
Bürgermeister Domenico Lucano nahm die Feld der Migration, und es existieren vielfältige
Flüchtlinge in seinem Dorf auf, das bis dahin migrantische und andere zivilgesellschaftliche
drohte, sich aufgrund von Abwanderung in Organisationen. Politiker*innen, Verwaltungen
einen Geisterort zu verwandeln. Er beschloss, und zivilgesellschaftliche Gruppen in Städten
einen Ort zu schaffen, an dem Flüchtlinge und verfügen zudem oft über jahrzehntelange Erfah-
Einheimische gemeinsam arbeiten und leben. rungen beim Zusammenleben von Eingesesse-
Anfang Oktober 2018 nahmen die italienischen nen und Eingewanderten.
Behörden Lucano allerdings fest und stellten Unabhängig von ihrer Größe ist aber her-
ihn unter Hausarrest. Ähnlich wie den Crews vorzuheben, dass es insbesondere Kommunen
der zivilen Rettungsschiffe wirft die Justiz sind, die sich angesichts des europaweiten

GESPENSTER | LUXEMBURG 1/2019 79


San Remo, März 2019, Tommi Boom/Flickr

Rechtsrucks und der Verschärfung repressiver ment Flüchtlingskrise genannt wird. Von der
Grenz- und Migrationspolitiken zu sichtbaren EU-Kommission fordert das Netzwerk mehr
Orten des Widerstands und des Willkommens finanzielle Unterstützung für die soziale
entwickeln. Kommunen sind im Grenzre- Infrastruktur jener Städte in Europa, in denen
gime zentrale Instanzen bei der Zuweisung de facto die meisten Geflüchteten ankommen
von Rechten, etwa was die Interpretation oder bereits leben.3
und Umsetzung von aufenthaltsrechtlichen Im Jahr 2017 riefen auch Aktivist*innen
Regelungen und sozialpolitischen Zugängen im deutschsprachigen Raum zu einem Bündnis
angeht (vgl. Hess 2018). So haben Idee und solidarischer Städte auf. Soziale Bewegun-
Praktiken der solidarischen Stadt seit der gen und Wissenschaftler*innen in Städten
Krise der europäischen Flüchtlingspolitik im wie Berlin, Bern, Köln und Zürich sowie in
Jahr 2015 in ganz Europa eine beachtliche zahlreichen kleineren Städten gründeten
Dynamik erfahren. das alternative Städtenetzwerk mit dem fast
identischen Namen Solidarity City.4 Aus Protest
NETZWERKE SOLIDARISCHER STÄDTE gegen die Blockade italienischer Häfen und
Viele europäische Metropolen sind dem 2016 eine Kriminalisierung der zivilen Seenotrettung
gegründeten Städtenetzwerk Solidarity Cities im Mittelmeer riefen Aktive aus dem Umfeld
beigetreten. Der Zusammenschluss im Rah- der internationalen Seenotrettungs-Bewegung
men des Eurocities-Netzwerks ist eine Initiative im Sommer 2018 die Kampagne Seebrücke ins
von Bürgermeister*innen für die Aufnahme Leben und forderten die Regierungen deut-
und Integration von Geflüchteten. Solidarity scher Städte auf, sich zu »sicheren Häfen« für
Cities drängt auf eine effizient koordinierte Geflüchtete zu erklären.5 Inzwischen gehören
Steuerung dessen, was im Gründungsdoku- in Deutschland rund 40 Städte und Gemeinden

80 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


Den Haag, Februar 2019, Maaike Schauer/Greenpeace

einem oder mehreren der genannten Netzwerke den ist, deren Forderungen nach Schutz und
solidarischer Städte an. Eine ähnliche Kampag- Rechten für Menschen mit prekärem Aufent-
ne mit dem Namen Safe Harbours wurde in ita- haltsstatus nun auch in wachsendem Maße von
lienischen und spanischen Städten lanciert und der institutionellen Politik aufgegriffen wird.
zielt auch auf eine internationale Vernetzung
der beteiligten Städte und Organisationen.6 NEUE PERSPEKTIVEN AUF DEN URBANEN RAUM
In Italien stößt das Ende 2018 verabschiedete Auch Wissenschaftler*innen haben in den ver-
neue Einwanderungs- und Sicherheitsgesetz gangenen vier Jahren begonnen, ihre Aufmerk-
auf den entschiedenen Widerstand zahlreicher samkeit auf das politische, ökonomische und
Kommunal- und Regionalpolitiker*innen. soziale Potenzial von Städten der Zuflucht, des
Nicht nur die Stadtoberen von Neapel, Palermo, Willkommens und der Solidarität zu richten.
Mailand und Florenz lehnen das neue Gesetz Rechtswissenschaftler*innen beschäftigen sich
mit aller Entschiedenheit ab, sondern auch die vor allem mit den juristischen Spielräumen
Präsidenten der Regionen Toskana, Kalabrien und Grenzen von Kommunen bei der Auf-
und Piemont. nahme, beim Schutz und bei der Inklusion
Der politische Raum der Stadt ist also zu von Flüchtlingen und Migrant*innen (vgl.
einem Kampf- und Experimentierfeld rund Heuser 2017). Sozialwissenschaftler*innen
um die Zukunft europäischer Flüchtlings-, thematisieren die solidarische Stadt insbe-
Migrations- und Grenzregime geworden, aber sondere im Kontext von Debatten um globale
auch für eine grundlegende Demokratisierung Bewegungsfreiheit und »Urban Citizenship« –
städtischer Gesellschaften. Eine Besonderheit Stadtbürgerschaft. Der Begriff citizenship ist
dieser Bewegung ist, dass sie aus Praktiken der hier deutlich weiter gefasst als der deutsch-
Solidarität und Kämpfen der Migration entstan- sprachige Begriff der (Staats-)Bürgerschaft,

GESPENSTER | LUXEMBURG 1/2019 81


weil er soziale, politische und ökonomische verschieden. Die Unterschiede beginnen
Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zusam- bei der Zusammensetzung migrantischer
mendenkt (Marshall 1950). In diesem Kontext Communities und Flüchtlingsgruppen in den
wird von städtischen oder regionalen Formen einzelnen Städten. Sie gehen weiter bei Fragen
von citizenship gesprochen, wenn Politiken der behördlichen Zuständigkeit und den auf-
eingeführt werden, die soziale Teilhabe nicht enthalts- und sozialrechtlichen Bedingungen.
nur für Staatsbürger*innen gewährleisten oder Schon innerhalb Deutschlands ist vieles unter-
ausdehnen, sondern für alle Menschen, die in schiedlich geregelt, noch größere Differenzen
einer Stadt leben. Zudem wird auf die politi- bestehen im europäischen Vergleich. Studien,
schen und sozialen Kämpfe fokussiert, durch die diese Unterschiede (und Gemeinsamkei-
die Rechte erstritten werden (vgl. García 2006). ten) in international vergleichender Perspektive
In strategischen Debatten zu den Hand- betrachten, existieren bislang noch nicht.
lungsperspektiven linker Politik existieren
mindestens drei Perspektiven auf dieses SOLIDARISCHE STÄDTE IN EUROPA UND
Politikfeld: erstens ein internationalistischer KANADA
Blickwinkel, der die Stadt als konkreten Ort der Diese Lücke zu füllen und damit einen Beitrag
Umsetzung globaler sozialer Rechte und des zu den aktuellen Organisierungsprozessen und
Rechts auf globale Bewegungsfreiheit wahr- Debatten um die solidarische Stadt zu leisten,
nimmt (vgl. Kron/Lebuhn 2018).7 Zweitens ist ist Ziel des Rechercheprojekts »Solidarische
die stadtpolitische Perspektive zu nennen, die Städte in Europa« der Rosa-Luxemburg-
aus Sicht urbaner Bewegungen und linker Poli- Stiftung. Im Mittelpunkt stehen darin die
tik die Möglichkeiten und Herausforderungen europäischen Städte Berlin, Barcelona, Neapel
stadtpolitischen Handelns auslotet. Zu dieser und Zürich sowie die kanadische Stadt Toronto,
Perspektive zählen auch die Diskussionen um die in der Auseinandersetzung um Städte und
den neuen Munizipalismus und die »Rebel Ci- Kommunen der Zuflucht und der Solidarität
ties« (vgl. etwa Zelik u.a. 2016; Harvey 2016). eine herausgehobene Stellung einnimmt.8
Eine dritte Perspektive auf solidarische Städte
bilden die Konzeptionen einer verbindenden BAUSTELLE BERLIN
Klassenpolitik, die die Diversität der Arbeiter- Berlin hat seit 2015 über 100 000 dokumen-
klasse als Ausgangspunkt linker Organisierung tierte Geflüchtete aufgenommen und ist
betrachten (vgl. Candeias 2017). Wohnort von geschätzt mehreren Zehntausend
Diese Debatten in Politik und Zivilgesell- Illegalisierten. Sowohl der seit 2016 regierende
schaft gehen einher mit einem wachsenden In- rot-grün-rote Senat als auch zivilgesellschaft-
teresse an Erfahrungen und Ideen aus anderen liche Initiativen wie etwa das Netzwerk
»Städten der Solidarität«. Allerdings sind die Solidarity City Berlin haben seither – teilweise
administrativen und politischen Voraussetzun- gemeinsam – Initiativen zur Verbesserung
gen wie auch die jeweils involvierten Akteure, des Zugangs von Migrant*innen zu sozialen
Schwerpunktsetzungen und Handlungsansätze Leistungen entwickelt, insbesondere in den

82 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


Bereichen Gesundheit und Bildung. Vor allem ZUFLUCHTSSTADT BARCELONA
das Modell des anonymen Krankenscheins In der katalonischen Hauptstadt Barcelona
sowie die Einrichtung einer Clearingstelle, mit werden Ansätze solidarischer Stadtpolitik seit
deren Unterstützung Menschen ohne Kranken- 2015 insbesondere von Akteuren der muni-
versicherung ärztliche Behandlung und ihre zipalistischen Plattform Barcelona en Comú
Kostenübernahme beantragen können, bietet verfolgt. Zwar erklärte sich die Stadt bereits
eine »interessante Blaupause« für weitere 2015 zur »Ciutat Refugi« und konnte sich
Projekte, da zunächst eine Art Parallelstruktur gegenüber der Zentralregierung und der euro-
aufgebaut wurde, anstatt in »Konfrontation mit päischen Politik als Pol der Solidarität und des
Bundesgesetzen zu gehen«. Willkommens etablieren. Allerdings sind die
Möglichkeiten, im städtischen Kontext rechtli-
CREATIVE CITY ZÜRICH che und soziale Verbesserungen für migranti-
In Zürich hingegen liegt der Fokus auf Politi- sche Bewohner*innen zu erreichen, begrenzt.
ken zum Schutz von illegalisierten Menschen Zugleich sieht sich die Stadtregierung in den
(Sans Papiers), die in der Stadt leben. Eine brei- Auseinandersetzungen um migrantische
te Koalition aus sozialen Bewegungen, NGOs Straßenhändler*innen in einer schwierigen
und kommunalen Politiker*innen erwirkte im Position: Im öffentlichen Diskurs wird deren
Oktober 2018 einen Beschluss der Stadtregie- Kontrolle und Kriminalisierung gefordert,
rung, eine sogenannte City Card einzuführen, gleichzeitig kämpfen Straßenhändler*innen
mithilfe derer vor allem die zehntausenden um Anerkennung und Unterstützung ihrer
Sans Papiers Zürichs mehr Aufenthaltssi- Überlebensstrategien. Am Beispiel Barcelona
cherheit und einen verbesserten Zugang zu zeigen sich also die Chancen und Grenzen von
sozialen Dienstleistungen erhalten sollen. Viele Versuchen, den Handlungsspielraum städti-
der an diesem Prozess beteiligten kulturpo- scher Solidaritätspraktiken und Teilhabepoliti-
litischen und antirassistischen Initiativen ken zu nutzen und auszubauen.
sahen die City Card zunächst als eine konkrete
Maßnahme einer breiter gefassten Kampagne MUTUALISMUS IN NEAPEL
für »Urban Citizenship« in Zürich. Mit der Neapel wiederum besteht im Grunde aus
wachsenden Beteiligung institutioneller zwei verschiedenen Städten der Solidarität.
politischer Akteure begannen jedoch techni- Einerseits haben die wiederholten diskursiven
sche und juristische Diskussionen bezüglich Interventionen der Stadtregierung unter
der Umsetzung des städtischen Ausweises zu Bürgermeister Luigi de Magistris für eine
dominieren. Das Beispiel Zürich wirft also humane Migrationspolitik eine beachtliche –
die Frage auf, ob und inwieweit Konzepte auch internationale – Wirkung erzeugt. In den
(stadt-)gesellschaftlicher Transformation in Auseinandersetzungen mit der rechtspopulisti-
den Institutionalisierungsprozessen solida- schen italienischen Regierung sind es vor allem
rischer Praktiken und Instrumente erhalten die Bürgermeister, die sichtbaren Widerstand
bleiben oder verdrängt werden. leisten und dafür auch Unterstützung in der

GESPENSTER | LUXEMBURG 1/2019 83


Bevölkerung mobilisieren. Daneben stehen DISKURSIVE INTERVENTIONEN UND
andererseits – und quasi unverbunden – die SOLIDARISCHE PRAKTIKEN
solidarischen Praktiken sozialer Bewegungen In den untersuchten Städten können zwei
etwa bei der Rechtsberatung und Gesund- Ebenen des politischen Handelns unterschie-
heitsversorgung von Migrant*innen. Deren den werden: erstens sogenannte diskursive
Basisarbeit hat sich im Kontext von Solidari- Interventionen von Politiker*innen und Bewe-
tätsstrukturen entwickelt, die als Reaktion auf gungen. Ein Beispiel dafür sind die öffentlichen
die tief greifende Krise in Italien entstanden Stellungnahmen italienischer Bürgermeister
sind. Die Träger*innen der basisorientierten gegen die restriktive und rassistische Migrati-
Stadtprojekte betrachten die Politisierung die- onspolitik von Innenminister Matteo Salvini.
ser Praktiken der Solidarität mit Migrant*innen Die Initiative deutscher Städte, die sich selbst
als Teil einer verbindenden Klassenpolitik und zu »sicheren Häfen« erklärt und zur direkten
bewerten die diskursiven Interventionen von de Aufnahme von aus Seenot geretteten Flücht-
Magistris kritisch. lingen bereit erklärt haben, gehören ebenfalls
in diese Kategorie. Denn das Bundesinnenmi-
OHNE ANGST IN TORONTO? nisterium müsste einer direkten Aufnahme
Toronto, von dessen rund drei Millionen von Geflüchteten durch die Bundesländer und
Einwohner*innen die Hälfte nicht in Kanada Kommunen zustimmen, was bislang verweigert
geboren wurde, war 2013 die erste kanadi- wird.
sche Stadt, deren Regierung eine Sanctuary Die zweite Ebene umfasst die konkreten
City-Politik beschloss. Toronto gilt zudem als Kämpfe, Aushandlungen und Maßnahmen
Vorbild für das deutschsprachige Solidarity in den Kommunen – etwa für Abschie-
City-Netzwerk. Der Sanctuary City-Status beschutz und Aufenthaltssicherheit von
Torontos wurde von einem breiten Bündnis Asylbewerber*innen und Menschen mit prekä-
aus zivilgesellschaftlichen Organisationen im rem Aufenthaltsstatus sowie für die Schaffung
Rahmen der »Access without Fear«-Kampagne und Verbesserung ihres Zugangs zu sozialen
gegen Abschiebungen, für Aufenthaltssicher- Dienstleistungen, Rechten und Ressourcen.
heit und einen angstfreien Zugang zu Justiz Mancherorts sind damit zudem Forderungen
und sozialen Dienstleistungen für Menschen einer umfassenden Demokratisierung des
mit prekärem Aufenthaltsstatus erkämpft. To- städtischen Lebens im Sinne eines Rechts auf
ronto zeigt allerdings auch, dass eine Sanctuary »Stadt für alle« verbunden. Dies umfasst so-
City ein ausreichendes Budget, öffentliche wohl Anstrengungen städtischer Verwaltungen
Aufklärungskampagnen und Weiterbildungs- und Behörden als auch sozialer Bewegungen,
maßnahmen für Beamte und Angestellte öf- migrantischer Organisationen, NGOs und
fentlicher Institutionen benötigt, wenn mehr weiterer zivilgesellschaftlicher Akteure.
Schutz und Sicherheit für Migrant*innen mit Inzwischen haben Akteure beider Ebenen
prekärem Status nicht nur ein Lippenbekennt- begonnen, in vielerlei Hinsicht miteinander zu
nis bleiben sollen. agieren. Die Appelle zur Institutionalisierung

84 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


solidarischer Praktiken von zivilgesellschaft- LITERATUR
Candeias, Mario, 2017: Eine Frage der Klasse. Neue Klassen-
lichen Initiativen fordern die Kommunalpo- politik als verbindender Antagonismus, in: LuXemburg,
litik und Behörden heraus. Die diskursiven Sonderausgabe, www.zeitschrift-luxemburg.de/eine-frage-
der-klasse-neue-klassenpolitik-als-verbindender-antago-
Interventionen von Politiker*innen, die ihre nismus/
Kommunen zu sicheren Häfen oder solidari- Christoph, Wenke/Kron, Stefanie (Hg.), 2019: »Solidari-
sche Städte in Europa«, www.rosalux.de/publikation/
schen Städten erklären, bieten den zivilgesell- id/40039/solidarische-staedte-in-europa/
García, Marisol, 2006: Citizenship Practices and Urban
schaftlichen Akteuren zugleich eine Referenz
Governance in European Cities, in: Urban Studies
für das Einfordern von konkreten solidarischen 4/2006, 745–765
Harvey, David, 2016: »Wir müssen im Alltag ansetzen«,
Maßnahmen in der Kommune. Gespräch über rebellische Städte und Munizipalismus,
Zudem weist die solidarische Stadt in: LuXemburg 1/2016, www.zeitschrift-luxemburg.de/
wir-muessen-im-alltag-ansetzen/
Potenziale für die Verzahnung von stadt- und Hess, Sabine, 2018: »Recht auf Gesellschaft«, Interview, www.
migrationspolitischen Kämpfen auf: Munizi- rosalux.de/publikation/id/39318/recht-auf-gesellschaft/
Heuser, Helene, 2017: »Sanctuary Cities sind in Deutschland
palistische Projekte, bei denen kommunale nicht utopisch«, Gespräch über kommunale Spielräume
Regierungen und soziale Bewegungen versu- für eine Politik des Willkommens, in: LuXemburg 1/2017,
www.zeitschrift-luxemburg.de/sanctuary-cities-sind-in-
chen, Politik gemeinsam zu demokratisieren deutschland-nicht-utopisch/
und Institutionen (wieder) gemeinwohlorien- Kron, Stefanie/Lebuhn, Henrik, 2018: Solidarische Städte:
Globale Soziale Rechte und das Recht auf Mobilität,
tiert auszurichten, sind Ansatzpunkte auch für Online-Publikation der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Berlin,
migrantische Akteure und Kämpfe. Die »Stadt www.rosalux.de/publikation/id/39274/solidarische-staed-
te-globale-soziale-rechte-und-das-recht-auf-mobilitaet/
für alle« aus der Perspektive der Migration und Marshall, Thomas Humphrey, 1950: Citizenship and social
der Marginalisierten zu entwickeln, bietet daher class and other essays, Cambridge
Zelik, Raul/Bruchmann, Hanno/Candeias, Mario, 2016:
auch Handlungsansätze für eine neue Stadt- Rebellische Städte. Erfolg oder Frust?, in: LuXemburg
politik der umfassenden Teilhabe, die zugleich 2/2016, www.zeitschrift-luxemburg.de/rebellische-staed-
te-erfolg-oder-frust/
die aufenthaltsrechtlichen Grenzziehungen
unterläuft.
In das entstehende diskursive Paradigma
der solidarischen Stadt lassen sich zudem
bereits existierende Praktiken und Bewegungen 1 Internationale Freizügigkeit von Menschen. Charta von
Palermo 2015, www.linksfraktion-hamburg.de/wp-content/
der Solidarität und der Unterstützung von und uploads/2015/12/PDF-CARTA-DI-PALERMO-GER.pdf.
für Migrant*innen einordnen und mit ihm neu 2 Vgl. www.uni-weimar.de/de/architektur-und-urbanistik/
professuren/stadtforschung/projekte/aktuelle-projekte/will-
rahmen. So beinhaltet die solidarische Stadt das kommensstaedte/.
Potenzial für neue verbindende Politiken etwa 3 Vgl. https://solidaritycities.eu/.
4 Vgl. https://solidarity-city.eu/de/.
zwischen linken stadt- und migrationspoliti- 5 Vgl. https://seebruecke.org/startseite/sichere-haefen-in-
deutschland/.
schen Bewegungen.
6 Vgl. https://alarmphone.org/en/2018/06/17/call-for-safe-
and-open-harbours/.
7 Vgl. hierzu auch die Themenseite der Rosa-Luxemburg-
Der vorliegende Beitrag basiert auf der Einleitung Stiftung »Migration und Metropolen«: www.rosalux.de/
zur Broschüre »Solidarische Städte in Europa« dossiers/migration/migration-und-metropolen/.
8 Alle Beispiele und Zitate stammen aus der Publikation
(2019), die Wenke Christoph und Stefanie Kron der Rosa-Luxemburg-Stiftung »Solidarische Städte in Europa«
herausgegeben haben. (2019)

GESPENSTER | LUXEMBURG 1/2019 85


WAS VERMAG EIN SCHIFF?
WIE MEDITERRANEA VERSUCHT, DEN RECHTEN KURS ZU DURCHKREUZEN

BEPPE CACCIA Die Lage in Italien hat sich im Zuge der Wahlen
SANDRO MEZZADRA vom 4. März 2018 dramatisch verändert. Die
Regierung aus Lega und Fünf Sterne verfolgt un-
ter dem starken Einfluss von Innenminister und
Lega-Vorsitzendem Matteo Salvini eine aggressiv
rechte Anti-Migrationspolitik, begleitet von einer
offen rassistischen Rhetorik. Im Juni sprach die
Regierung eine Kampfansage gegen die NGOs und
das »Willkommenssystem« aus. Dies führte mit
dem im September verabschiedeten sogenannten
Salvini-Dekret für Migration und Sicherheit
zu einer noch stärkeren Kriminalisierung von
Migrant*innen.

Man kann nicht leugnen, dass Salvini für seine


Politik erheblichen Zuspruch erhält. Gleichzeitig
wächst aber auch der soziale und politische
Widerstand. Der tägliche Kampf gegen Rassismus
geht in erster Linie von den Migrant*innen selbst
aus, häufig in Verbindung mit Bewegungen
wie der feministischen Non una di meno. Auf
politischer Ebene sind es vor allem die Städte- und
Gemeindevertretungen – von Palermo bis Neapel,

86 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


von Mailand bis Bologna –, die der nationalen hatten in den Jahren davor die obrigkeitliche
Regierung sowohl in Bezug auf den Umgang mit Wende der »humanitären Vernunft« kritisiert,
dem Flüchtlingsdrama im Mittelmeer als auch in das heißt die Beteiligung von NGOs an der
der Sicherheits- und Migrationspolitik offen entge- Verwaltung der Grenzen und der Migration.
gentreten. Dieser Widerstand hat sich in einigen Es war klar, dass wir es nun mit einer brutalen
Fällen zu einem wirksamen zivilen Ungehorsam Beschleunigung dieser Entwicklung zu tun
entwickelt. Die unter anderem von Sinistra Ita- hatten.
liana (Italienische Linke) unterstützte Initiative Humanitäre Interventionen wurden jetzt
Mediterranea hat sich von Beginn an auf die unmittelbar kriminalisiert. Damit wurden jene
Kerngedanken der solidarischen und rebellischen ehrenamtlichen Rettungsnetzwerke zerschla-
Städte in Italien und Europa bezogen und fasst gen, die in den Vorjahren im Mittelmeerraum
diese als Grundlage für eine Neuausrichtung des aktiv und oft unmittelbar in die Such- und Ret-
demokratischen Zusammenlebens sowie eines tungsaktionen (Search and Rescue, SAR) der
politischen Wandels auf. Möglicherweise verdich- verschiedenen Küstenwachen und Marinen
tet sich der Widerstand gegen die Regierung auch
in einer gemeinsamen Kandidatur diverser linker
Kräfte, die ihre Fragmentierung überwinden BEPPE CACCIA ist Philosoph, Post-Operaist, arbeitet
wollen und bei den anstehenden Wahlen zum zur Geschichte des politischen Denkens und ist in
verschiedenen sozialen Bewegungen aktiv.
Europäischen Parlament, angeführt von Neapels
Er ist Mitglied des Kollektivs EuroNomade und im
Bürgermeister Luigi di Magistris, ein Zeichen Board von European Alternatives.
setzen wollen. SANDRO MEZZADRA ist Professor für Politische
Theorie an der Universität Bologna.
WIR SCHAFFEN DAS! Beide Autoren sind Mitinitiatoren der Plattform zur
Seenotrettung Mediterranea.
Das, was später die Mediterranea-Plattform
werden sollte, begann Mitte Juni Gestalt
anzunehmen. Matteo Salvini hatte der integriert gewesen waren. Was tun angesichts
Aquarius, einem von Ärzte ohne Grenzen dieser Wende? Vor dieser Frage gab es kein
und SOS Méditerranée betriebenen Schiff, Ausweichen. Nötig war natürlich Widerstand:
den Zugang zu italienischen Häfen verweigert die Verurteilung des Geschehens, Protest-
und die lange Überfahrt, mit der die über 900 kundgebungen, Initiativen zur neuerlichen
an Bord befindlichen Flüchtlinge schließlich Öffnung der Häfen. Aber auch der Versuch,
nach Spanien gebracht werden sollten, als den tieferen Sinn des Vorgangs zu begreifen
»harmlose Kreuzfahrt« bezeichnet. Das war und die nächsten Schritte der Regierung zu
der Höhepunkt eines regelrechten Kriegs antizipieren, durch die Entwicklung einer
gegen Nichtregierungsorganisationen, den der allgemeinen Deutung dieser »Phase«. Uns
Oberstaatsanwalt von Catania, Carmelo Zucca- erschien dies jedoch alles nicht ausreichend.
ro, begonnen und der damalige Innenminister Wir hielten es für notwendig, eine Praxis zu
Marco Minniti fortgesetzt hatte. Viele von uns entwickeln, die eine Verschiebung der Kräfte-

GESPENSTER | LUXEMBURG 1/2019 87


verhältnisse herbeiführen und ein »offensi- zusammentat, um eine völlig neue soziale
ves« Vorgehen zumindest andeuten könnte, und politische Plattform zu schaffen. Als
jenseits des notwendigerweise defensiven wir endlich unser Schiff (die Mare Jonio)
Charakters unseres Widerstands. Damit sollte gefunden hatten und kaufen konnten, wurde
auch die Grundlage verändert werden, auf der uns sofort klar, dass die Hauptarbeit noch vor
wir Widerstand leisten. Warum nicht einfach uns lag: Wir mussten das Schiff ausstatten
ein Schiff kaufen und damit in See stechen? und für Such- und Rettungsaktionen tauglich
Ein unter italienischer Flagge fahrendes machen (eine Aufgabe, der sich Dutzende mit
Schiff, dem die Regierung den Zugang zu Hingabe widmeten, wobei die Mitarbeit von
italienischen Häfen nicht verweigern kann. Sea-Watch wesentlich war). Anschließend galt
In den folgenden Monaten konnten wir es, die Mannschaften vorzubereiten und auf
den nahezu donquichottischen Charakter dem Festland jene Netzwerke aufzubauen,
des Unterfangens ermessen, zu dem wir uns die die Mare Jonio bei ihren Aktivitäten auf
entschlossen hatten: ein Wagnis mit unsiche- See unterstützen, das Schiff in Fahrt halten
rem Ausgang. Mit der Hilfe einiger Genossen, sollten. Diese kollektive Aufbauarbeit ist zwar
die von Berufs wegen mit Schifffahrtsan- noch lange nicht abgeschlossen, doch konnte
gelegenheiten vertraut waren, verschafften unser Schiff in der Nacht des 3. Oktober
wir uns eine erste Orientierung. Wir stellten in See stechen und seinen ersten Einsatz
Philosophie und Politikwissenschaft eine Zeit beginnen. Damit schien uns ein erstes Ziel
lang hinten an, um uns zumindest die Grund- erreicht. Wir hatten gezeigt, dass dergleichen
lagen des Seerechts, der Schiffsbautechnik zu schaffen ist.
und der angewandten Logistik anzueignen.
Im Zuge unserer Suche nach einem Schiff AUF SEE …
konnten wir zahlreiche Unterstützer*innen Zwischen dem 4. Oktober und dem 4. Dezem-
und Verbündete gewinnen, einige von ihnen ber hat die Mare Jonio im Zuge dreier un-
unverhofft. Mehrere dieser Verbündeten terschiedlicher Einsätze mehr als 4 800 See-
arbeiten in der Schifffahrt, einer Welt, in der meilen zurückgelegt. Das entspricht in etwa
die Vorstellung, dass es »jedes Leben, das sich der Strecke, die italienische Migrant*innen
auf See in Gefahr befindet, zu schützen gilt«, um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert
ein tief verankertes Prinzip darstellt, das als zurücklegen mussten, um das sehnsüchtig
unverbrüchlich gilt. Die Banca Etica (Ethik- erwartete Ufer von Ellis Island zu erreichen.
bank) zeigte sich bereit, unser Projekt mit der Wir segeln im sogenannten zentralen Mittel-
dringend nötigen finanziellen Unterstützung meer: einem Gebiet, das von geopolitischen
zu versehen und stellte ihr Engagement durch Spannungen geprägt ist, aus denen wiederum
einen Kredit unter Beweis. schwer bestimmbare, aber nicht zu ignorie-
So nahm Mediterranea Gestalt an, während rende Grenzen hervorgehen. Das Kaleidoskop
sich eine Reihe kollektiver Subjekte unter- aus Hoheitsgewässern, direkt nebenein-
schiedlichen Hintergrunds und Charakters ander liegenden Zonen, ausschließlichen

88 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


Wirtschaftszonen und Search-and-Rescue- und Libyen, sowie die »Drecksarbeit«, die
Gebieten wird weiter unterteilt durch die die »formellen und informellen« Apparate
Konfliktlinien, die sich aus den Spannungen in Tripolitanien und Kyrenaika während der
zwischen Griechenland und der Türkei (öst- letzten Jahre erledigt haben.
liches Mittelmeer), Marokko und Spanien Bereits während der acht Wochen unserer
(westliches Mittelmeer) sowie zwischen Italien ersten drei Einsätze gelang es uns, mit
und Libyen (zentrales Mittelmeer) ergeben, unserer Anwesenheit und unseren Aktivitäten
wobei aber auch andere Küstenstaaten eine das SAR-Regime unter Druck zu setzen. So
Rolle spielen. haben wir etwa die Boote der maltesischen
Es ist kein Zufall, dass die erwähnten und italienischen Küstenwachen wiederholt
Meeresregionen den drei wichtigsten »Rou- zwingen können, Migrant*innen zu Hilfe zu
ten« der Migrationsströme nach Europa kommen. Wir haben auch eine bedeutende
entsprechen und der Druck, dem diese Tran- investigative Rolle gespielt und die öffentliche
sitkorridore ausgesetzt sind, mit dem Wandel Aufmerksamkeit auf einen Bereich gelenkt,
der wirtschaftlichen, sozialen und politischen in dem die Behörden jegliche aufmerksame
Bedingungen in den Ursprungs- und Ziellän- und aufgeklärte Zeugenschaft zum Ver-
dern korreliert, aber auch mit den subjektiven schwinden bringen wollen. Mediterranea hat
Triebkräften, die die Migrationsbereitschaft sich erfolgreich den »zuständigen Behörden«
der verschiedenen Gruppen auszeichnen, widersetzt, wenn es um das Recht ging, in
sowie mit den unterschiedlichen, aber kritischen Gebieten zu intervenieren. Damit
zusammenhängenden Strategien zur Kontrolle haben wir sowohl bestehende als auch im
der Migrationsströme (insbesondere der Entstehen begriffene Veränderungen des SAR-
fortschreitenden Auslagerung der EU-Gren- Regimes ans Licht bringen können. Innerhalb
zen). All das ergibt ein Spiel aus endlosen des SAR-Regimes sind funktionell bedingte
Umschichtungen und Umgruppierungen, das Kompetenzbereiche nach und nach als Räume
noch immer in vollem Gang zu sein scheint. für die Ausübung staatlicher Souveränität
Erwähnt sei lediglich die Rolle, die interpretiert worden. Wirksame Maßnahmen
Marokko zum wiederholten Mal bei der zur Seenotrettung wurden zurückgestellt
Eindämmung der Migration und Rücksen- zugunsten einer tödlichen bürokratischen
dung von Flüchtlingen spielen soll, im Kontext Logik, der Logik rigider Wassergrenzen.
eines jener Abkommen, die in den letzten drei Wir haben die Unfähigkeit des gegenwär-
Jahren wiederholt zum Einsatz gekommen tigen SAR-Systems, Seenotrettungen vorzu-
sind, angefangen beim EU-Türkei-Abkommen nehmen, aufgezeigt und praktisch erfahren,
und den Deals, die verschiedene italienische aber wir haben das Augenmerk auch auf
Regierungen mit libyschen Stämmen und eine Reihe weiterer grundlegender Aspekte
Milizen geschlossen haben. Erwähnenswert gerichtet. Erstens brechen im Gegensatz zu
sind auch die Versuche, weiter nach Süden den propagandistischen Verlautbarungen der
vorzustoßen, bis zur Grenze zwischen Niger italienischen Regierung weiterhin Flüchtlinge

GESPENSTER | LUXEMBURG 1/2019 89


aus Libyen auf, obgleich diese Migrationsbe- boots Nuestra Madre de Loreto aus. Wir sind
wegungen nun einem anderen Muster folgen. jedoch davon überzeugt, auch über diese
Der geografische Verlauf der Fluchtbewegun- Intervention hinaus die Bedingungen für ein
gen über das Mittelmeer und die logistischen dauerhaftes koordiniertes Vorgehen geschaf-
Rahmenbedingungen haben sich geändert, fen und weitere, in den kommenden Monaten
wie auch die Zusammensetzung der Flücht- zu schließende Bündnisse angeregt zu haben.
lingsgruppen. Die im »Upstream«-Bereich des Ein weiteres bedeutendes Ereignis war unser
Migrationsstroms, das heißt auf libyschem mehrtägiger Aufenthalt im Hafen von Zarzis,
Territorium getroffenen Vorkehrungen sind Tunesien, wo wir uns mit Fischerverbänden
von komplexen und schwer durchschaubaren getroffen haben. Solche Fischerverbände
Machtspielen bestimmt. Des Weiteren haben haben sich stets an der Seenotrettung beteiligt,
wir die anhaltenden sowohl in libyschen weshalb man sie in Italien kriminalisiert
Gewässern als auch außerhalb davon stattfin- hat. Wir haben uns in Zarzis darüber hinaus
denden Einsätze der sogenannten libyschen auch mit den Aktivist*innen des Tunesischen
Küstenwache dokumentiert. Diese Einsätze Forums für wirtschaftliche und soziale Rechte
laufen auf kollektive Abschiebungen hinaus. besprochen, auf diese Weise Brücken zum
Vielleicht noch wichtiger ist, dass wir Zeugen Festland geschlagen, und das nicht nur nach
des Widerstands und der beeindruckenden Norden, sondern auch nach Süden.
Entschlossenheit jener Frauen und Männer
geworden sind, die aus den libyschen Internie- … UND AN LAND
rungslagern fliehen und sich weigern, wieder Der Aufbau einer starken, strukturellen
an diese Orte der Gewalt und der Ausbeutung Verbindung von Land und See gehört für
zurückgebracht zu werden. uns zu einem der Hauptziele von Me-
Mitte November hat der italienische diterranea. Im Zuge der Initiativen, die
Innenminister triumphierend erklärt, das eine Gruppe von Schriftsteller*innen und
Mittelmeer sei endlich von den Schiffen der Unterhaltungskünstler*innen (die Gruppe La
NGOs befreit worden. Das Gegenteil trifft zu: Via di Terra, dt. Landweg) organisiert hat, aber
Das Mediterranea-Projekt hat durch seine Praxis auch der in ganz Italien (und einigen Städten
ein präzedenzloses transnationales Bündnis Europas) dutzendfach abgehaltenen Versamm-
verschiedener Nichtregierungsorganisationen lungen haben wir einen Enthusiasmus und
begünstigt: Während unseres dritten Einsatzes eine Leidenschaft, eine herzliche Teilnahme,
haben wir mit Open Arms und Sea-Watch eine Neugier und eine Zustimmung erlebt,
zusammengearbeitet und United4Med ins wie wir sie schon länger nicht mehr gekannt
Leben gerufen. Wir sind mit einer kleinen haben. Diese emotionale Zustimmung ist sehr
Flotte in See gestochen, die aus der Luft von vielstimmig und politisch keineswegs homo-
zwei Aufklärungsflugzeugen unterstützt wurde. gen. Man hat sich unser Schiff angeeignet und
Dieser Einsatz zeichnete sich durch unsere es in gewisser Weise neu erfunden, und zwar
Intervention zur Unterstützung des Schiffer- von einer Vielzahl von Standpunkten aus: von

90 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


Helsinki, Oktober 2018, Jonne Sippola/Greenpeace Polska

besetzten sozialen Zentren bis hin zu Kir- hiervon sowie des Konsenses, den Salvini mit
chengemeinden, Universitäten und Schulen, seinen Positionen unbestreitbar beanspruchen
von Kleinstadtzirkeln bis hin zu Großstadt- kann, ist die Überführung des »Dekrets zu
versammlungen. Wir erinnern uns auch gern Migration und Sicherheit« in geltendes Recht
daran, dass die Mare Jonio am 24. November gewesen.
neben der Mediterranea-Flagge die Flagge der Wir wollen nur darauf hinweisen, dass
stärksten und radikalsten Bewegung unserer die drastische Mittelkürzung, die für das
Zeit gehisst hat: die der feministischen Bewe- SPRAR-System vorgesehen ist (das »Aufnah-
gung Non una di meno. mesystem« für Flüchtlinge), darauf abzielt,
Derweil hat sich während der zwei die Logik eines dauerhaften »Notstands«
Monate, in denen die Mare Jonio ihre Mittel- auszuweiten und in der Gesellschaft zu
meereinsätze hatte, auch die Situation »an verankern. Gleichzeitig soll noch mehr »Ille-
Land« geändert. Salvini hat innerhalb der galität« produziert werden, sodass Tausende
gelb-grünen Regierung, also innerhalb der Ko- von Flüchtlingen und Migrant*innen zu
alition von Lega und Fünf-Sterne-Bewegung, einer zunehmend unsicheren, von erhöhter
die eigene Hegemonie festigen können. Folge Verwundbarkeit geprägten Lage verurteilt

GESPENSTER | LUXEMBURG 1/2019 91


werden. Hinzu kommt, dass sich die faktische Weise mit der Entwicklung einer alternativen
Abschaffung »humanitären Schutzes« brutal »Aufnahme«-Infrastruktur verbindet. Wichtig
und auf selektive Weise auf migrantische ist, daran Menschen zu beteiligen, die bereits
Frauen auswirkt, insbesondere auf jene, die in diesem Bereich arbeiten, und Erfahrungen
vor Gewaltverhältnissen fliehen. Strengere aufzugreifen, die etwa Feminist*innen mit
rechtliche Strafen für Straßenblockaden und Frauenhäusern gesammelt haben. Dies kann
Hausbesetzungen wirken sich in erster Linie zu einer bedeutenden Stärkung des Wider-
auf jene Migrant*innen aus, die in den letzten stands führen.
Jahren außerordentliche Kämpfe um ihr Recht Zweitens kann Mediterranea als Beispiel
auf Arbeit und Wohnen geführt haben. für das dienen, was wir eine Politik des Rechts
Wir sind mit einem Trend zur völligen nennen. Darunter verstehen wir den Versuch,
Abwesenheit von Vermittlungsinstanzen die Legitimität und Legalität von etwas so
konfrontiert, der zwar in erster Linie auf dem Grundlegendem wie der Pflicht zur Seenotret-
»Experimentierfeld Migration« in Erschei- tung zu bekräftigen. Im Zuge dieses Versuchs
nung tritt, dabei aber selektiv ausgeweitet hat Mediterranea die Verschränkung verschie-
und gegen eine umfassendere Gruppe von dener Rechtssysteme (innerstaatliches Recht,
Subjekten gerichtet wird. Wie sich verhalten europäisches Recht, Seerecht) »ausgetestet«
angesichts dieses unbestreitbaren Umbruchs? und sich bemüht, die Spannungen innerhalb
Mediterranea hat gewiss nicht die Absicht, und zwischen diesen Systemen zuzuspitzen,
Menschen, die täglich Widerstand leisten, dabei Freiräume zu eröffnen. Wir sind dabei
Lektionen zu erteilen. Dennoch können wir aber auch an eine Vielzahl von Grenzen
ausgehend von unseren Erfahrungen zumin- gestoßen. Diese Bemühungen dürfen nicht
dest zwei Hinweise geben. Erstens zeigt das eingestellt werden, weder auf See noch an
Projekt, wie wichtig es ist, widerständiges Land. Sie müssen sogar mit noch größerer
Handeln mit Praktiken zu kombinieren, die Entschlossenheit fortgesetzt werden.
in der Lage sind, bestehende Probleme durch
direkte Intervention zu bearbeiten. Man kann FORTSETZUNG FOLGT
sich heute einen Einsatz solcher Praktiken Was vermag also ein Schiff? Es versteht
vorstellen, der auf den Aufbau materieller und sich von selbst, dass diese Abwandlung des
immaterieller Infrastrukturen zielt, mittels ei- berühmten Deleuze-Zitats »Was vermag
nes Aufbauprozesses, der ebenso offen und in ein Körper?« eine ironische Note hat. Wir
Entwicklung begriffen ist wie die Umsetzung verschmähen donquichottische Unterneh-
unseres Vorhabens, zur Unterstützung von mungen zwar nicht, versuchen aber den-
Flüchtlingen mit einem Schiff in See zu ste- noch, einen klaren Kopf zu bewahren. Unser
chen. Wir sollten versuchen, uns ein Handeln Schiff hat fraglos unter Beweis gestellt, dass
vorzustellen, das den Widerstand gegen den es mit Einsätzen im Mittelmeer intervenie-
Abbau des SPRAR-Systems und des humani- ren kann und dabei in der Lage ist, rechts-
tären Schutzes auf offene und weitreichende widrige Vorfälle zu dokumentieren und die

92 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


sich verändernde Dynamik der Überfahrten Zusammenhänge ausbauen. Sowohl in Bezug
aufzuzeigen und dabei den Wandel des SAR- auf die italienische Gesellschaft als auch im
Systems anzuprangern, genauso wie die europäischen Raum muss die Arbeit inten-
Festigung der Seegrenzen. Unser Schiff hat siver werden. So sollten wir etwa versuchen,
eine Verbindung zwischen den beiden Mit- auch jene Städte einzubeziehen, die sich im
telmeerufern hergestellt und an Land eine Laufe der letzten Jahre sowohl explizit als auch
außerordentliche Resonanz hervorgerufen. implizit als »Flüchtlingsstädte« (refugee cities)
Es hat über eine Vielzahl unvorhergesehener etabliert haben.
Begegnungen neue Räume eröffnet. Wir haben versucht, die wichtigsten Pro-
Ein solches Schiff ist jedoch nur eins bleme zu benennen, vor denen alle an diesem
von mehreren möglichen Mitteln, mit denen Projekt Beteiligten stehen. Wir schlagen vor,
wir uns ausstatten müssen im Kampf um auf den Aufbau einer Art »Generalstand« der
eine Welt, in der wir zumindest freier atmen Mediterranea hinzuarbeiten (Anspielung auf
können. Unsere Initiative ist zweifelsohne die États généraux der Französischen Revolu-
noch im Aufbau begriffen, und dieser an- tion; Anm. d. Übers.). Darunter verstehen wir
haltende Prozess eines kollektiven Aufbaus kein Einzelereignis, sondern vielmehr einen
ist für uns besonders wertvoll. Was wird aus Untersuchungs- und Diskussionsprozess, der
Mediterranea in den kommenden Monaten die Vielzahl der Reaktionen auf Mediterranea
werden? Unsere Einsätze auf See werden wir einbezieht und in einen genuinen Fortschritt
mit Sicherheit fortsetzen. Das wird allerdings unserer gemeinsamen Unternehmung
eine weitere »Professionalisierung« erfordern, mündet. Beginnen wir in den Bereichen, die
einen Qualitätssprung in der Gestaltung des jene zahlreichen Initiativen beherbergen,
»Unternehmens«, eine neuerliche Auseinan- von denen unser Projekt Unterstützung
dersetzung mit den logistischen und finan- erfahren hat. Machen wir das Beste aus all den
ziellen Aspekten sowie die Ausbildung von unerhofften und heterogenen Begegnungen –
Aktivist*innen (hoffentlich im Kontext einer seien sie politisch oder kulturell –, aber auch
verstärkten Zusammenarbeit mit anderen aus den verschiedenen »Welten«, die wir in
NGOs). Es wird darum gehen, sämtliche von diesen Monaten durchquert haben. Das ist die
uns skizzierten Aspekte neu zu bewerten: Methode, die wir vorschlagen, um weiterhin
den politischen Charakter des Projekts, die dort sein zu können, wo wir sein müssen, und
Vervielfältigung der Verbindungen zwischen um handeln zu können – sei es auf See oder
Meer und Land, eine »Politik des Rechts«, die an Land.
sich der bestehenden rechtlichen Kontexte
bewusst sein muss. Gleichzeitig müssen Aus dem Englischen von Max Henninger
wir bereit sein, uns durch diese rechtlichen
Kontexte hindurchzukämpfen und auch Dieser Text erschien ursprünglich als Editorial
gegen sie zu handeln. Um solche Ziele in EuroNomade. Er wurde für unsere Ausgabe
verfolgen zu können, müssen wir bestehende aktualisiert und redaktionell gekürzt.

GESPENSTER | LUXEMBURG 1/2019 93


MEHR IST MEHR!
WIE WIR EINEM SOZIALEN EUROPA NÄHERKOMMEN

THILO JANSSEN Beginnen wir mit den Fakten: Das Wohl-


standsgefälle in der EU ist groß. Im Jahr 2017
lag das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf in
Deutschland bei etwa 40 000 Euro. Rumänien
und Bulgarien waren mit rund 10 000 und
7 000 Euro weit abgehängt. Dies spiegelt sich
in den Löhnen: Während etwa im Hochlohn-
land Dänemark durchschnittlich 25 Euro in
der Stunde verdient werden, sind es in Bulga-
rien knapp 1,70 Euro. Die Krisenpolitik hat die
Spaltung der EU verschärft: In Griechenland,
Italien, Portugal oder Spanien ist das BIP pro
Kopf in den letzten Jahren gesunken.
Offiziell gelten 113 Millionen Menschen
in der EU als arm. Ein Grund dafür ist, dass
die nationalen Mindesteinkommenssysteme
Armut nicht verhindern. Nur in Dänemark
liegen die Leistungen nahe an der nationa-
len Armutsschwelle von 60 Prozent des
mittleren Einkommens. Bei den absoluten
Sozialleistungen liegen die EU-Länder weit
auseinander: Die Sozialhilfe beträgt in Dä-
nemark rund 1 400 Euro im Monat für eine

94 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


Person. Schlusslicht Bulgarien zahlt rund Laval Arbeiter auf eine Baustelle in Schweden
22 Euro (vgl. Van Lancker 2015). Armut und und unterlief gezielt die dortigen Tariflöhne.
Wohlstandsgefälle zwischen den Mitglieds- Die schwedischen Gewerkschaften ließen
ländern sind Einfallstore für Sozialdumping. sich das nicht gefallen, sondern bestreikten
Viele Unternehmen nutzen den Binnen- und blockierten die Baustelle. Laval klagte
markt, um Arbeiter*innen aus Ost- und gegen die Gewerkschaften und der Fall ging
Südeuropa in deutschen Fleischfabriken, auf vor den Europäischen Gerichtshof (EuGH),
Baustellen, im Transport oder in der Pflege der entschied, die Aktion der Gewerkschaften
auszubeuten. Sie gründen Briefkastenfirmen, verstoße gegen die Dienstleistungsfreiheit
betrügen bei den Mindestlöhnen und hinter- auf dem EU-Binnenmarkt. Ähnliche Urteile
ziehen Beiträge zur Sozialversicherung. Das folgten (Wiking, Rüffert, Luxemburg). Mit der
führt bei vielen Menschen aus den ärmeren Durchsetzungsrichtlinie 2014 zur Entsende-
Mitgliedsstaaten zu dem Gefühl, sie seien richtlinie und deren letzter Überarbeitung
EU-Bürger*innen zweiter Klasse. Gleichzeitig 2018 wurde inzwischen das Recht auf kollek-
erleben viele auch in den reicheren Staaten
eine neoliberale Politik, die ihre soziale
Sicherheit bedroht. Dies befördert den Hass THILO JANSSEN ist Politikwissenschaftler und seit
auf arme Einwander*innen und ist Wasser 2008 wissenschaftlicher Mitarbeiter von Gabi
Zimmer, Vorsitzende der Linksfraktion GUE/NGL
auf die Mühlen der radikal-rechten Parteien.
im Europäischen Parlament. 2013 verfasste er
Daraus ergeben sich zwei zentrale Aufga- für die Rosa-Luxemburg-Stiftung die Studie
ben für eine linke europäische Sozialpolitik: »Linke Parteien in Europa«, die sich insbesondere
Nur wenn a) die Lebensverhältnisse in der deren europapolitischen Programmen widmete.

EU endlich spürbar nach oben angeglichen


werden und b) Menschen vor Ort gleichbehan-
delt werden, ist der nationalistische Zerfall der tive Maßnahmen und auf Tariflöhne etwas
EU aufzuhalten. Der Kampf um ein soziales gestärkt. Die Konflikte auf dem Binnenmarkt
Europa hat mindestens vier Dimensionen: den gehen jedoch weiter.
Binnenmarkt, die Euro-Währungsunion sowie Ähnlich steht es auch in der Frage der
die Sozialpolitik und den EU-Haushalt. Gleichbehandlung – diese gilt in der EU zwar
für Unternehmen, nicht aber für alle Men-
BINNENMARKT: schen. Warum gibt es etwa in deutschen Groß-
WETTBEWERB VS. SOZIALE RECHTE städten so viele Obdachlose aus Osteuropa?
Der EU-Binnenmarkt garantiert den freien Bürger*innen aus EU-Ländern kommen mit
Verkehr von Dienstleistungen, Waren, Kapital der Hoffnung auf bessere Perspektiven, Arbeit
und Personen. Oft kollidieren diese wirtschaft- oder Gesundheitsversorgung aus Regionen, in
lichen Freiheiten mit sozialen Rechten. Ein denen es weder das eine noch das andere gibt.
anschauliches Beispiel ist der Fall der letti- Doch wer dann hier Pech hat bei der Arbeits-
schen Firma Laval: Im Jahr 2004 entsandte suche oder immer nur ohne legalen Status

GESPENSTER | LUXEMBURG 1/2019 95


ist oder zu geringfügig beschäftigt wurde, ist dung und die Regeln der makroökonomischen
in Deutschland von sozialer Unterstützung Koordinierung einhalten. Außerdem wird die
ausgeschlossen. Der Sozialstaat ist für diese nationale Sozialpolitik einer Prüfung unter-
Personen nicht zuständig. Die Folge ist großes zogen. Das EU-Parlament entscheidet dabei
menschliches Elend auf den Straßen, das von nicht mit. Seit 2017 ist die „Europäische Säule
rechts erneut rassistisch gedeutet wird. sozialer Rechte“ (vgl. dazu auch Sablowski in
diesem Heft) die programmatische Grundlage
EUROZONE: KORSETT FÜR NATIONALE für soziale Empfehlungen des Europäischen
HAUSHALTE, UNVERBINDLICHE SOZIALE Semesters. Diese ist jedoch rechtlich unver-
EMPFEHLUNGEN bindlich. Das bedeutet, dass Verstöße gegen
Ein weiteres Problem für die europäische So- die Haushaltsregeln bestraft werden können,
zialpolitik ist die Konstruktion der Eurozone, eine hohe Armutsquote in einem reichen Land
die von Beginn an problematisch war. Ohne wie Deutschland aber nicht.
die Möglichkeit der Währungsanpassung wirkt
sich der wachsende Konkurrenzdruck direkt EU-SOZIALPOLITIK: EU-STANDARDS IM
auf Löhne und Sozialstandards aus. Die von ARBEITSRECHT, NICHT BEI DER SOZIALEN
den Finanzministern in der Eurogruppe or- SICHERHEIT
chestrierte Euro-Rettungspolitik kam entspre- Stark unterschätzt wird oft die positive Dimen-
chend einem Großangriff auf soziale Rechte sion des sozialen Europa. Die EU-Gesetzgeber
gleich. Der außerhalb des EU-Rechts gegrün- Parlament und Rat beschließen Richtlinien,
dete Europäische Stabilitätsmechanismus die für alle EU-Länder Mindeststandards bei
ESM vergab Kredite an die Euro-Länder, die den Arbeitsbedingungen festlegen – von der
sich wegen der Bankenrettungen nicht mehr Arbeitszeit über den Schutz vor krebserre-
am Kapitalmarkt refinanzieren konnten. In genden Stoffen bis hin zur Leiharbeit. Die
Griechenland, Spanien, Portugal, Zypern und EU-Betriebsräterichtlinie macht es möglich,
Irland diktierte die Troika dafür den sozialen dass inzwischen in 1 150 europäischen
Kahlschlag: Tarifverträge wurden einge- Betriebsräten in grenzüberschreitend tätigen
schränkt, Mindestlöhne, Renten, Arbeitslosen- Unternehmen Beschäftigte informiert und
geld und Krankenleistungen gekürzt, prekäre konsultiert werden. Darüber hinaus treffen
Beschäftigung wurde ausgeweitet, öffentliche Gewerkschaften und Unternehmensverbände
Unternehmen wurden zwangsprivatisiert. als Sozialpartner auf EU-Ebene Kollektivver-
Mit der Einführung des Europäischen Se- einbarungen, die der Rat (ohne das Parlament)
mesters für die Koordinierung der Wirtschafts- verbindlich beschließen kann.
politik sollte diese Politik im Grundsatz auf Zwei neue EU-Richtlinien aus diesem
alle anderen EU-Länder ausgeweitet werden. Jahr sind hervorzuheben: Die Richtlinie über
Mit diesem Prozedere wird seit 2011 die Politik die Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben
der EU-Länder jährlich daraufhin geprüft, ob enthält erstmals Mindeststandards für bezahl-
sie die rigiden Kriterien für die Staatsverschul- ten Elternurlaub in allen EU-Ländern – wenn

96 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


auch sehr niedrige. In den Verhandlungen zur LINKE SOZIALPOLITIK IN DER EU
Richtlinie für transparente und verlässliche Linke europäische Sozialpolitik muss weitge-
Arbeitsbedingungen ist es dem Rat leider ge- fasst verstanden werden. Soziale Standards
lungen, einen weit gefassten »Arbeitnehmer«- spielen eine entscheidende Rolle auch in der
Begriff zu verhindern. Das Problem dahinter: Handelspolitik, bei der Energiewende oder im
Niedriglöhne, geringfügige Beschäftigung alles berührenden Prozess der Digitalisierung.
und Scheinselbstständigkeit führen dazu, Besonders wichtig ist es, das Steuerdumping
dass Millionen Menschen rechtlich nicht als in der EU zu beenden: Es braucht Mindest-
Arbeitnehmer*innen gelten, obwohl sie ab- steuern für Unternehmen, Steuern für Digital-
hängig beschäftigt sind. Unternehmen sparen konzerne und eine Finanztransaktionssteuer.
so Steuern und Sozialversicherungsbeiträge Linke Sozialpolitik darf jedoch nicht nur die
und umgehen den Arbeitsschutz. Zumindest sozialen Rechte an sich stärken, sie muss auch
hat das EU-Parlament erreicht, dass neu die Regeln verändern, nach denen europäische
Beschäftigte früher über ihre Arbeitsbedin- Sozialpolitik gemacht wird. Das Gesetzesini-
gungen informiert werden müssen. tiativrecht liegt ausschließlich in den Händen
der EU-Kommission. Dies bedeutet: Die
EU-HAUSHALT: WICHTIG, ABER ZU KLEIN Linksfraktion im EU-Parlament kann nicht
Der EU-Haushalt beträgt zurzeit etwa auf eigene Initiative einen Vorschlag etwa für
145 Milliarden Euro jährlich. Das entspricht et- europäische Mindesteinkommen vorlegen.
wa einem Prozent der jährlichen Wirtschafts- Das EU-Parlament muss endlich das Initiativ-
leistung der EU. Dies ist wenig, verglichen recht bekommen.
etwa mit dem Bundeshaushalt der USA, der Ein weiteres Problem: Im Bereich des
21 Prozent des BIP ausmacht. Dennoch helfen Sozialschutzes beschließt der Rat einstimmig.
die Strukturfonds weniger entwickelten EU- So werden soziale EU-Mindeststandards
Ländern, wichtige Infrastruktur aufzubauen. blockiert. Dies muss geändert werden. Bei
Der Europäische Sozialfonds (ESF), der etwa allen sozialpolitischen Entscheidungen sollte
0,3 Prozent aller Sozialausgaben in der EU das normale Gesetzgebungsverfahren ange-
ausmacht, finanziert Projekte, die Beschäftigte wandt werden. Dann entscheidet der Rat mit
weiterqualifizieren oder Erwerbslose dabei qualifizierter Mehrheit und das EU-Parlament
unterstützen, schrittweise in Beschäftigung bestimmt gleichberechtigt mit. Dafür muss
zurückzufinden. Angebote aus dem Euro- Artikel 153 des Vertrags über die Arbeitsweise
päischen Hilfsfonds für die am stärksten der EU (AEUV) geändert werden.
benachteiligten Personen (EHAP) sind oft die Zudem müssen die Mittel des zukünftigen
einzigen, die obdachlosen EU-Bürger*innen in Europäischen Sozialfonds ESF+ aufgestockt
deutschen Städten Hilfe bieten. Der Europä- werden, damit er für alle Menschen spürbar
ische Globalisierungsfonds (EGF) wiederum dazu beiträgt, die Armut zu beseitigen.
unterstützt Menschen, die von Massenentlas- Qualifizierung für Beschäftigte im digitalen
sungen betroffen sind. Wandel, soziale Eingliederung, eine Garan-

GESPENSTER | LUXEMBURG 1/2019 97


tie gegen Kinderarmut, flächendeckende und gleichwertige Arbeit am gleichen Ort«
Programme gegen Jugendarbeitslosigkeit, gelten, wie es seit dem Jahr 2018 in der Ent-
wirksame Hilfe für Obdachlose – dies ist ein senderichtlinie enthalten ist. In diesem Sinne
Ausschnitt dessen, welche Aufgaben der ESF+ müsste die neue Europäische Arbeitsbehörde
ab 2021 bekommen sollte. wirksam grenzüberschreitenden Sozialbetrug
unterbinden. Briefkastenfirmen müssen
VORRANG FÜR SOZIALE RECHTE verboten und konsequent verfolgt werden.
Linke europäische Sozialpolitik sollte zwei Eine europäische Sozialversicherungsnummer
Grundprinzipien für den Binnenmarkt sollte künftig verhindern, dass Arbeiter*innen
verfolgen: Erstens müssen soziale Rechte ohne Sozialversicherungsschutz in andere
stets Vorrang vor wirtschaftlichen Freiheiten EU-Länder entsandt werden. Dafür bedarf es
haben. Bei ihrer Gewerkschaftskonferenz hoher Standards beim Datenschutz. Darüber
im Februar 2018 hat die Linksfraktion GUE/ hinaus sollten Sozialhilfe, soziale Dienstleis-
NGL zusammen mit dem Europäischen tungen oder berufliche Qualifizierungsan-
Gewerkschaftsbund (EGB) die Forderung nach gebote allen Menschen gleichermaßen zur
einem »sozialen Fortschrittsprotokoll« zu den Verfügung stehen – egal, wo sie herkommen.
EU-Verträgen bekräftigt. So soll der Vorrang Die EU sollte dafür einen Mobilitätsfonds
der sozialen Rechte auf oberster rechtlicher einrichten, aus dem solche Leistungen für
EU-Ebene verankert werden. Es geht um das nicht erwerbstätige mobile EU-Bürger*innen
Recht auf Streik, um Tariflöhne oder soziale finanziert werden können.
Klauseln im Vergaberecht. Die neue Vergabe- Mit der Einführung des Europäischen
richtlinie der EU lässt etwa den Kommunen Semesters wurde demokratische Politik durch
und Ländern durchaus neue Spielräume mit ein dogmatisches und bürokratisches Regel-
Blick auf Tariftreue oder um eigene Kriterien werk ersetzt. Von daher sollte dieses gestri-
für Vergaben festzulegen. Generell sollte aus chen und stattdessen sollten demokratische
linker Perspektive die öffentliche Daseinsvor- Verfahren gefunden werden, an denen das
sorge – soziale Dienstleistungen, der soziale EU-Parlament maßgeblich beteiligt ist. Die
Wohnungsbau oder die soziale Energieversor- soziale Säule muss weiterentwickelt werden,
gung der Haushalte – von Liberalisierungs- damit soziale Grundrechte in der EU individu-
zwängen durch das Wettbewerbsrecht, das ell einklagbar werden. Erster Schritt: Die EU
Vergaberecht oder das Beihilferecht ausge- sollte der revidierten Sozialcharta des Euro-
nommen werden. Profitinteressen haben hier parates beitreten, wie vom EU-Parlament auf
nichts zu suchen. Initiative der Linksfraktion bereits gefordert.
Zweitens muss die Gleichbehandlung Europa braucht soziale Mindeststandards
für alle Menschen gelten, die in einem für die Sozialsysteme. Es geht um verbind-
EU-Land leben und/oder arbeiten. Wenn liche Ziele, nicht darum, die Systeme zu
Arbeiter*innen entsandt werden, muss lü- harmonisieren. Die Mindeststandards sollten
ckenlos das Prinzip »gleicher Lohn für gleiche für verschiedene Sozialleistungen eingeführt

98 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


werden, etwa für die Renten, für die Pflege Zusammenhang mit einer koordinierten
oder für den Zugang zu Wohnraum und zur Lohn- und Tarifpolitik, einer sozialökologi-
Energieversorgung. Eines der wichtigsten schen Industrie- und Dienstleistungspolitik,
Ziele linker Sozialpolitik ist eine Richtlinie die gerade im Osten und Süden eine pro-
für armutsfeste Mindesteinkommen in allen duktive Basis sichern müsste, und weiteren
EU-Ländern. Gleichzeitig sollten Mindest- Ausgleichsmechanismen. Es bedarf also einer
löhne so koordiniert werden, dass sie überall solidarischen Neugründung der Union.
existenzsichernd und ausreichend für eine
gute Altersvorsorge sind. GIBT ES DAS SOZIALE EUROPA?
Angeglichen werden darf nur nach oben, so Die Frage ist nicht ob, sondern wie: Die
wie es einer Fortschrittsklausel entspräche: ein radikale soziale Wende kann nur auf allen
institutioneller Mechanismus, der festschreibt, politischen Ebenen gleichzeitig erkämpft
dass sich der Anteil der Sozialausgaben am BIP werden. Die europäische Ebene wird bisher
(die Sozialleistungsquote) nicht verringern darf, sozialpolitisch oft vernachlässigt, für nicht so
sondern sich vielmehr innerhalb eines Korri- wichtig erachtet oder pauschal als »neoliberal«
dors nach oben entwickeln soll. Bei sinkender abgestempelt. Dies ist gefährlich, denn in der
Sozialleistungsquote in einem EU-Land käme europäischen Arena werden entscheidende
es zu einem Konsultationsverfahren, und die soziale Kämpfe ausgefochten. Aber natürlich
betreffende Regierung müsste verbindlich findet das soziale Europa nicht nur in Brüssel
Maßnahmen entwickeln und umsetzen, statt. Es ist überall dort, wo soziale Kämpfe
um das ursprüngliche Niveau wiederherzu- stattfinden. Wenn in Belgien zum General-
stellen. Eine gemeinsame Koordination der streik für bessere Renten aufgerufen wird,
Sozialpolitik würde darauf ausgerichtet sein, wenn in Frankreich Gewerkschaften oder
dass Mitgliedsländer im unteren Bereich der »Gelbwesten« gegen Macrons Kürzungspolitik
Sozialkorridore aufsteigen. auf die Straße gehen, wenn die von links tole-
Es geht dabei nicht um einen einheitli- rierten Regierungen in Portugal und Spanien
chen Standard, sondern um die Richtung von die Mindestlöhne erhöhen, wenn in Deutsch-
Anpassungen mit Blick auf die wirtschaftliche land um gute Löhne in der Pflege gerungen
Leistungskraft, die Durchschnittslöhne und die wird – all das hat Auswirkungen auf Europa.
Kaufkraft im jeweiligen Land. Darüber hinaus Nur gemeinsam kann die plurale europäische
werden ärmere EU-Länder finanzielle Hilfe Linke bei ihrem Kampf für eine soziale Wende
brauchen, wenn sie ihre Sozialsysteme wei- in der EU erfolgreich sein.
terentwickeln. Es geht nicht um permanente
Transfers. Aber es müssen effiziente Verwal-
tungen aufgebaut, Mitarbeiter*innen geschult
LITERATUR
und digitale Systeme eingerichtet werden. Van Lancker, Anne, 2015: Toward adequate and accessible
Minimum Income Schemes in Europe. Synthesis report,
Ein solches Modell kann natürlich nicht
https://eminnetwork.files.wordpress.com/2013/04/em-
isoliert betrachtet werden, sondern nur im in-synthesis-report-road-map-2014-en.pdf

GESPENSTER | LUXEMBURG 1/2019 99


BAUBEGLEITENDER
AUSSCHUSS
KATHRIN RÖGGLA
Er wird es nicht machen. Er wird es nicht machen, weil er nicht alle
Dinge machen kann. Er wird es nicht machen, weil er an seine Kinder
denkt. Sein familiäres Umfeld. Seine Leute.
Er wird es nicht machen, weil ihm die Geschichtsbücher in den Sinn
kommen, Geschichtsbücher, in die er so nicht hineinwollen wird. Wenn,
dann möchte er anders in die Geschichtsbücher hinein. Oder er wird
es nicht machen, weil ihm die Puste ausgeht. Er wird es nicht machen,
weil er uns im Prinzip nur austricksen möchte, und hat er das geschafft,
reicht es ihm auch schon. Dann geht ihm die Puste aus, dann verliert er
die Lust, dann denkt er über etwas anderes nach.
Er wird es nicht machen, weil er an seine Kinder denkt. Und über seine
Kinder hinaus an den Kreis seiner Lieben. Sein familiäres Umfeld, das
wir ja alle kennen, das uns nicht umsonst andauernd vorgeführt wird.
Seine Leute eben. Auch er hat schließlich etwas zu verlieren. Ja, er wird
es nicht machen, weil auch er etwas zu verlieren hat. Er wird es nicht
machen, weil er dazu andere Glaubenssätze bräuchte, weil er zumindest
irgendwelche Glaubenssätze bräuchte, um so etwas in Gang zu setzen.
Nein. Es wäre ihm schlicht zu anstrengend. Es würde ihn ja rausheben
aus seinen geliebten Gewohnheiten.
Es bräuchte heute ein ganzes Psychologenteam, um den auszuhebeln.
Es bräuchte eine Ärzteschaft, die sich dagegen zu stellen in der Lage
sieht, ihm entgegen. Es bräuchte ein Gesundheitsministerium, das
seinen Namen noch verdient. Es bräuchte eine genaue Adresse, an die
man seine Befunde richten könnte, sie dort abgeben, sie dort hinlegen,
sie dort sein lassen kann, weil man weiß, sie werden aufgegriffen. Oder
einer bestimmten Einzelperson, dem Zuständigen, an den man die
wissenschaftlichen Einschätzungen auch schicken könnte, jemanden,
der sie überhaupt registriert, der die Botschaft, die darin liegt, auch
potenziell zu verstehen in der Lage ist, und dann vielleicht tätig wird.
Er wird es nicht machen. Unterdessen sollten wir mit unserer Sitzung
fortfahren. Während er es nicht machen wird, läuft uns nämlich die Zeit
davon. Beispielsweise, um uns um das andere Problem zu kümmern,
das uns als Institution derzeit in Atem hält und das immer noch unter
der Rubrik Bauproblem gefasst wird. Wir hatten das letzte Mal über das
Fahren im Verbund gesprochen, das leider wieder in die Ferne rückt,
weil sich beim letzten baubegleitenden Ausschuss gezeigt hat, dass es
zu erheblichen Terminverzögerungen kommen wird, zeitlichen Verlusten,
die ausgelöst werden durch eine Verkettung von Verschiebungen. Es sei
Ihnen versichert, wir spielen derzeit alle Optionen durch. Uns ist durch-
aus bewusst, die Zeit drängt, die Öffentlichkeit wartet, aber wir lassen
die Hoffnung noch nicht ganz fahren, dass wir doch einen zeitlichen
Horizont eröffnen können, der uns Planungssicherheit verschafft. Um es
einmal vorsichtig zu formulieren. Natürlich stehen einige Testläufe aus.
Er wird es nicht machen, weil er den Knopf nicht findet, er wird es nicht
machen, weil er sich mit den Farben nicht gut auskennt und links von
rechts nicht so gut unterscheiden kann. Er wird es nicht machen, weil
er den Weg in den Raum nicht kennt oder ihn bereits wieder vergessen
hat. Er soll ja sehr vergesslich sein, ja, seine Vergesslichkeit geht in viele
Richtungen, zumindest in einige mehr als sein Erinnerungsvermögen das
tut. Und – weil er auch abgelenkt wird durch diverse Fernsehserien. Oder
Fernsehshows. Oder Nachrichtenshows. Er findet den Weg durch die Büh-
nendeko nicht, all die Aufbauten, die sie extra für ihn errichtet haben, um
seiner fantastischen Imaginationskraft zu entsprechen. Das Weiße Haus
soll mittlerweile ein Wald aus Fantasygerümpel sein. Ein Setting zwischen
Walt Disney und Pornokanal, zwischen Hexenhaus und Filly-Pferden. Wir
wissen ja nicht, was televisionär da bei ihm so los ist. Wir wissen nur, es
sind andere Dinge, die er da sieht, zumindest kommen sie anders an als
bei uns. Er wird es nicht machen, weil ihm dann die Zeit fürs Abendes-
sen fehlt. Ein Abendessen, das er im Übrigen stets alleine einnimmt aus
Angst, dabei vergiftet zu werden, oder weil sich Gesellschaft erübrigt. Er
wird es nicht machen, weil er Ärger mit seinen Kindern hat. Weil er doch
in dieser einen Kommission jetzt aussagen muss. Bzw. weil er den Weg
raus aus dieser Kommission nicht mehr findet, in die reinzukommen er
verhindern wollte, ein Umstand, der ihn jetzt erst recht in diese Kommis-
sion hineinkatapultiert. Doch seine Juristen stehen schon startklar, seine
Juristen, die sich als Pulk hinter seinem Rücken versammeln.
Wir müssen zugeben, wir als baudurchführende Leitungsgruppe hatten
die ganze Zeit nicht an eine Sandentkrustung gedacht, was uns jetzt
selbst komisch vorkommt, denn jetzt denken wir andauernd an die
Sandentkrustung, an nichts anderes als die Sandentkrustung sozusagen,
sie steht uns als ultimative Möglichkeit vor Augen, die Leitungen wieder
freizubekommen. Die Korrosionsschäden zu entfernen. Die chemische
Dekrustrierung hat ja wider Erwarten kein Ergebnis gezeigt, was wohl
unsere Fantasie ein wenig gelähmt hat, doch jetzt blicken wir voll
Zuversicht auf die Sandentkrustung, die uns sogar auf konservativem
Weg eine Möglichkeit bietet, des Problems Herr zu werden. Gleichzeitig
prüfen wir die verbleibende Stickstoffdichte im Raum und erkennen
erhebliche Stickstoffverluste im Testlauf. Die Fassadendichtigkeit ist also
weiterhin nicht gegeben. Und wir denken als weitere Option – ja! – kurz
auch an eine Deckendurchbohrung oder/und an Weitwerfsprinkler, bevor
wir diese Varianten verwerfen. Wir bauen regelrecht an einem Modell,
das mit einer Terminkette einhergeht, die ihren Namen noch verdient.
Wir verfügen dabei durchaus noch über Handlungsmöglichkeiten, die
uns in die Nähe einer baulichen Fertigstellung bringen könnten. Noch
warten wir ja auf das Gutachten, wobei wir, um es zu betonen, ja nicht
die eigentlichen Bauherren sind, wir sind nur die Mieter, die eigentlichen
Bauherren halten sich bedeckt, die kommen nicht zu Potte, das Konsor-
tium ist aber nicht zerstritten oder pleite, wie gemunkelt wird, jedenfalls
haben sie einige Probleme, die wir für sie in Gänze nicht klären können.
Er wird es nicht machen, weil er seinen Beratern nicht wirklich traut.
Er macht es nicht aufgrund von kognitiven Dissonanzen, die ihn so
auszeichnen. Und gerade weil es bei ihm so vorstellbar ist, macht er es
am Ende dann doch nicht. Er macht es zudem nicht, weil ihn andauernd
Leute umschwirren, die aufpassen, dass er es nicht versehentlich in
Gang setzt, und weil er erst seinen ehemaligen Pressechef erledigen
muss. Das dauert ja einen Moment lang. Weil er noch ein Hühnchen
mit dem Obersten der Geheimdienste zu rupfen hat und irgendwelche
Minister entlässt. Er hat noch ein paar Dekrete parat, die er erst einmal
loswerden muss, die einmal richtig aufräumen sollen. Das lässt er sich
doch erstmal auf der Zunge zergehen und denkt in dieser Zeit nicht an
irgendwelche roten Knöpfe, die er ohnehin nicht voneinander unter-
scheiden könnte. Es gibt ja so viele, haben wir uns sagen lassen, dort
oben auf dem Pult. Der findet sich doch nicht zurecht im Knöpfchen-
wirrwarr seines Amtes. Am Ende drückt er den falschen und es kommt
ewiger Friede dabei heraus oder zumindest ein solides Krisenmanage-
ment. Er hält sich lieber auf der Pressekonferenz auf, die mit Sicherheit
das Gegenteil bewirkt.
Wir sind uns mehr als beinahe sicher. Wir wissen das sogar gewisser-
maßen. Was wir nicht wissen ist, ob die Idee mit der Besprinkelung der
Fassaden nur ein Hirngespinst ist. Und ja, um Ihre Frage vorwegzuneh-
men, wir finden es ebenso bedauerlich, dass der Träger die Immobilie
verkauft hat, um den öffentlichen Haushalt zu sanieren, aber um ein
wenig Pragmatismus an den Tag zu legen, sehen wir uns aufgefordert,
die baulichen Maßnahmen voranzutreiben. Schließlich müssen wir es
am Ende ausbaden.
Und trotzdem sind wir damit beschäftigt, die Deckendurchbohrung zu
verwerfen wegen der Zerstörung des Parketts, schon sprechen wir von
den ohnehin vollen Decken, die wir hier im Haus haben. Alles voller
Züge, Schächte, Kabelstränge, Konvektorenkanäle. Aber wir räumen
ein: Vielleicht ist doch ein Schacht dabei, den wir noch nutzen kön-
nen? In den wir uns sozusagen mit hineinschleichen könnten mit all
den Kabeln, Kanälen, Leitungen. Ich möchte noch einmal kurz daran
erinnern, dass die Benutzbarkeit der Fahrstühle daran gekoppelt ist,
denn wenn wir keinen freien Schacht finden, wird man sich zumindest
an die Lastenfahrstühle halten müssen, und dann Gnade uns Gott.
Ohne Lastenfahrstühle stehen wir dumm da, wie kann man die Akten
dann noch hier herauftransportieren? Wir sind ein auf Aktentransport
angewiesenes Haus, ein dem Aktentransport wesentlich zugeneigtes
Haus, das muss ich in dieser Runde doch nicht extra betonen, und
wenn der Aktentransport entfällt, dann können wir gleich dicht-
machen. Und auch wenn uns das Raummanagement bereits auf
die Füße tritt und diese Baustelle lieber heute als morgen beenden
möchte, kann man doch nicht Dinge veranlassen, die die sachgemäße
Benutzung des Hauses verunmöglichen. Nur um den Anschein zu
wahren. Nur, um nicht so vor der Öffentlichkeit dazustehen, wie wir
ohnehin bereits dastehen. Der BBA wird also in vier Wochen nochmal
durchgeführt, dann wird auch der Sachverständige kommen können,
der sich die Situation der Brandschutzvorrichtungen ansehen und die
Leitungen durchmessen wird.
Ich erinnere aber daran, dass wir nun bereits seit einiger Zeit erfolg-
reich davon ausgehen, dass er es nicht machen wird, weil er lieber
durch öffentliche Bilder schleicht, zusammen mit seiner Tochter, die
in Modellgröße immer mitschleicht. Es ist schon eine ganze Weile,
in der wir uns in dieser Annahme überaus erfolgreich erweisen, was
uns doch eine gewisse Sicherheit gewährt, es stimmt sozusagen auch
immer mehr, wenn auch nicht in einem mathematischen, mehr einem
psychologischen Sinn, aber gleichzeitig gehen wir natürlich immer
noch die E-Mail-Listen durch, die uns Namen hervorspülen könnten,
wie wir hoffen. Namen, die weiterführen, und Daten. Wir wollen
Gewährsleute finden, die uns noch nicht eingefallen sind, wir finden
allerdings derzeit keine neuen Namen mehr. D.h. die meisten Namen
sind hier altbekannt und eher durchgestrichen.
Um es nochmal zusammenzufassen: Die Nassanlagen werden nicht
haltbar sein, da wird auch nichts Neues bei rauskommen, da brauchen
wir uns gar keine Hoffnungen machen. Die unterschiedlichen Teile der
Klimaanlage passen jetzt anscheinend endlich zusammen, was schon
ein ziemlicher Fortschritt wäre, würde nicht deren Benutzungsgarantie
in einem Jahr auslaufen, was uns erneut vor die Frage stellt, wie weiter.
Wir werden nicht umhinkommen, die Brandschützer, die man uns von
der Bauherrenseite her angeboten hat, in den unterschiedlichen Trakten
zu postieren. Auf jeder Seite einer.

Kathrin Rögga ist Schriftstellerin und schreibt Prosa, Hörspiele und Theatertexte.
Zuletzt erschien von ihr »Nachtsendung. Unheimliche Geschichten« (2016).
Auf der Streikkonferenz, 15. Februar 2019
in Braunschweig, www.rosalux.de/dokumentation/id/40012/
aus-unseren-kaempfen-lernen-1/
Foto: Niels Schmidt/rls

GEWERKSCHAFTLICHE ERNEUERUNG liche Organisierung vor Kurzem noch kaum möglich


GEHT IN DIE NÄCHSTE RUNDE erschien. Neben den Referaten zur derzeitigen Situ-
RÜCKBLICK AUF DIE STREIKKONFERENZ ation von Gewerkschaftsvorsitzenden, dem LINKEN-
IN BRAUNSCHWEIG Vorsitzenden Bernd Riexinger sowie den Soziologen
»Aus unseren Kämpfen lernen« war das Motto Klaus Dörre und Oliver Nachtwey präsentierte die
der diesjährigen Konferenz zu gewerkschaftlicher Organizerin Jane McAlevey ihr Konzept »Deep Orga-
Erneuerung in Braunschweig. Kolleg*innen aus nizing« als konkreten Vorschlag zur gewerkschaft-
sämtlichen Gewerkschaften und Generationen, lichen Erneuerung (vgl. Besprechung zu »Keine
Wissenschaftler*innen, Studierende und Organizing- halben Sachen« in diesem Heft). Ihr zufolge müssen
Teams waren der Einladung der Stiftung gefolgt, Beschäftigte an den Tarifverhandlungen teilnehmen
sich über Erfahrungen aus den vergangenen Kämp- und an der Strategieentwicklung mitwirken.
fen auszutauschen und gemeinsam demokratische, Was deutlich wurde: Plattformen wie die »Streik-
konfliktorientierte und politisierende Strategien konferenz« bedeuten Rückenwind für eine Gewerk-
zu entwickeln. Die Beschäftigten von Teigwaren schaftsbewegung, die sich nicht auf Lohnforderun-
Riesa leiteten die Konferenz mit einem Bericht von gen beschränken und gemeinsam kämpfen will,
ihrem derzeitigen Kampf für einen Tarifvertrag ein. sei es, indem sie sich klar gegen die Polizeigesetze
In über 30 Arbeitsgruppen, in denen mehr als 100 positioniert oder von den spanischen Kolleg*innen
Gewerkschafter*innen referierten, wurden verschie- lernt, wie ein erfolgreicher Frauenstreik am 8. März
dene Strategien diskutiert. Hier erzählten Aktive aus auf die Beine zu stellen ist.
der Pflegebewegung von ihrem Kampf für mehr Julia Kaiser
Personal im Krankenhaus, Deliveroo- und Ryanair-
Beschäftigte machten Mut durch ihre erfolgreichen Dokumentation: www.rosalux.de/dokumentation/id/40012/
Arbeitskämpfe in Sektoren, in denen gewerkschaft- aus-unseren-kaempfen-lernen-1/

106 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


WAS WAR?
RAUS AUS DER UNSICHTBARKEIT! für Welternährung der Linksfraktion im Bundestag,
DISKUSSION ZU ARBEITSRECHTEN IN DER kritisierte, dass die Bundesregierung diese Kategorie
LANDWIRTSCHAFT von Landarbeiter*innen in ihrer Entwicklungspolitik
Jedes Jahr schuften 300 000 Saisonarbeiter*innen komplett ignoriere. Risher Mudenda, Generalsekretär
aus Osteuropa als »Erntehelfer*innen« auf den Ge- der Zambia National Union of Plantation, Agricul-
müsefeldern in Deutschland, weltweit sind eine halbe ture and Allied Workers (NUPAAW), beschrieb, wie
Milliarde Menschen als Landarbeiter*innen tätig. deutsche Konzerne gewerkschaftliche Organisierung
Wenn gesellschaftliche »Entwicklung« Ausbeutung auf Plantagen in Sambia gezielt bekämpfen. Sarah
und Armut beenden soll, muss sie bei diesen Men- Kuschel von der IG BAU berichtete von Arbeitskämp-
schen ansetzen. Welche Lösungen schlagen die Ge- fen in Deutschland und Elvis Beytullayev von der In-
werkschaften vor und wie können sie von Politik und ternationalen Arbeitsorganisation (ILO) davon, wie in
Zivilgesellschaft unterstützt werden? Wie funktioniert vielen Ländern Arbeiter*innen in der Landwirtschaft
transnationale Organisierung im ländlichen Raum? systematisch von nationalen Mindestlöhnen ausge-
Und welches Potenzial haben Transformationskon- schlossen werden. Deutlich wurde: Landwirtschaft ist
zepte wie Agrarökologie und Ernährungssouveränität nicht nur bäuerlich. Linke Kämpfe um Agrarökologie
aus Sicht von abhängig Beschäftigten? Diese Fragen und ein gerechtes Ernährungssystem müssen auch
wurden im Februar in der voll besetzten taz-Kantine in die Landarbeiter*innen einschließen.
Berlin heiß diskutiert. Eva Maria Schreiber, Sprecherin Benjamin Luig

GLÜCK FÜR ALLE DIE STÜRME DES FINANZWESENS


LESUNG MIT INGO SCHULZE IN BERLIN VORTRAG VON FRANCES COPPOLA IN BERLIN
Der Autor Ingo Schulze, bekannt durch seinen Gemeinhin wird angenommen, dass die Finanzkrise
Wenderoman »Simple Storys«, war im Januar im 2007/08 durch das riskante Verhalten der Banken
Salon der Stiftung zu Gast und stellte sein neues verursacht wurde. Tatsächlich ist es jedoch gerade
Buch »Peter Holtz« vor. Der Protagonist darin, eine das Vermeiden von Risiken, das zu den Turbulenzen
Art moderner Till Eulenspiegel, will nicht weniger als und Stürmen des Finanzwesens führt und unsere
das Glück für alle. Schon als Kind praktiziert Holtz Ökonomie zum Absturz bringt. Frances Coppola
die Abschaffung des Geldes, erfindet den Punk aus zeigt, dass nicht nur die große Finanzkrise selbst,
dem Geist des Arbeiterliedes und bekehrt sich zum sondern auch die Krise in der Eurozone Finanzstür-
Christentum. Als CDU-Mitglied (Ost) kämpft er für me waren, die durch grenzüberschreitende Finanz-
eine christlich-kommunistische Demokratie. Doch ströme verursacht wurden, und dass diese Stürme
er wundert sich: Seine Selbstlosigkeit belohnt die durch die Suche nach Hochzinsanleihen ohne
Marktwirtschaft mit Reichtum. Hat er sich für das Risiko angefacht wurden. Sie diskutiert zudem die
Falsche eingesetzt? Oder für das Richtige, aber auf Rolle von Versicherungen bei der Entstehung dieser
dem falschen Weg? Und wie wird er das Geld mit Stürme, die oft ignoriert wird.
Anstand wieder los? Peter Holtz nimmt die Verhei- Die Veranstaltung in den Räumen der Hellen Panke
ßungen des Kapitalismus beim Wort. Mit Witz und im Februar in Berlin war der zweite Teil der Reihe
Poesie lässt Ingo Schulze eine Figur erstehen, wie es »Ökonomie jenseits der schwäbischen Hausfrau«.
sie noch nicht gab, wie wir sie aber heute brauchen:
in Zeiten, in denen die Welt sich auf den Kopf stellt. Video: www.rosalux.de/dokumentation/id/40070/

WAS KOMMT? | LUXEMBURG 1/2019 107


Blick in die Galerie,
Foto: © Rahel Melis

AUF DER SUCHE NACH DER GEGENWART Rosa-Luxemburg-Stiftung unterstützt. Hier wurde
MAX-LINGNER-AUSSTELLUNG IN DER GALERIE die Pariser Phase seines Schaffens ins Zentrum
DES INSTITUT FRANÇAIS BERLIN gestellt und mit den nach seiner Rückkehr 1949 in
Den Maler Max Lingner zog es 1929 aus der deut- die gerade gegründete DDR entstandenen Werken
schen Provinz nach Paris. In der Stadt der künstle- in ein Spannungsverhältnis gesetzt.
rischen Avantgarden suchte er neue Impulse – und Zum Professor für Malerei des Zeitgeschehens
fand sie in der Arbeiterbewegung. Als Pressezeich- berufen, stand Lingner zugleich unter dem Druck
ner für Monde und L’Humanité wurde Lingner zum der Staatsideologie, der politischen Zeitläufe und
Künstler des Front populaire und der Kommunisti- seiner eigenen Parteilichkeit. Bei der Arbeit an einer
schen Partei. In den 1930er Jahren entstanden in »neuen deutschen realistischen Kunst« trat die Er-
ihrer Verbindung von Gegenständlichkeit und Re- fassung der Wirklichkeit, die Lingners französisches
duktion meisterhafte Zeichnungen, in denen er die Werk auszeichnet, in den Hintergrund. Sie wurde
Pariser Banlieue erkundete und mit den Vorstädten von einer monumentalen Historienmalerei abge-
auch die Menschen der französischen Hauptstadt löst, die nicht zuletzt auch gegen einen »westlichen
ins Bild setzte. Kosmopolitismus« gerichtet war.
Im Januar und Februar dieses Jahres hat die Max- Lingners in Frankreich aufgenommene »Suche nach
Lingner-Stiftung dem Künstler nun eine Ausstellung der Gegenwart« ist 30 Jahre nach dem Mauerfall
gewidmet. »Auf der Suche nach der Gegenwart« weiterhin virulent: Als Frage nach dem Realismus
wurde in Kooperation mit dem Centre Marc Bloch in einer gegenwärtigen Politik der Kunst und nach
und dem Institut français veranstaltet und von der dem Menschen in einer sozialen Moderne.

108 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


MIT WEM?
RESTITUTION AFRIKANISCHER KULTURSCHÄTZE: geraubter Objekte und deren intensive Provinienz-
EIN NOTWENDIGER SCHRITT HIN ZU EINER forschung und empfehlen die bedingungslose Res-
ENTKOLONIALISIERTEN WELT titution, wenn Ansprüche geltend gemacht werden.
Im November 2018 veröffentlichten der Ökonom Konservative Medien sehen seitdem den Ausver-
Felwine Sarr (Senegal) und die Historikerin Béné- kauf europäischer Museen anbrechen, politische
dicte Savoy (Frankreich) ihren Bericht »Restituer le Kreise bewegen sich nur zögernd.
patrimoine africain« (»Die Rückgabe des afrikani- Mitte Januar lud das Bündnis Decolonize Berlin
schen Kulturerbes«, deutsche Ausgabe im Erschei- in Kooperation mit Each One Teach One (EOTO),
nen). Vorangegangen war eine Ankündigung des der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland
französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron (ISD) und Berlin Postkolonial die Autor*innen ein,
ein Jahr zuvor. Während seines Staatsbesuchs in um ihren Bericht erstmalig einem Publikum in
Burkina Faso sprach er sich für die Restitution von Deutschland vorzustellen und ihre Empfehlungen zu
afrikanischen Kulturgütern aus und beauftragte im diskutieren. Restitution – sowohl von menschlichen
Nachgang beide Autor*innen, eine Handlungsemp- Gebeinen als auch von Kulturgütern – ist derzeit der
fehlung zu formulieren. Kristallisationspunkt dekolonialistischer Prozesse.
Die Autor*innen weisen auf der Basis eigener Ar- Andreas Bohne
chivarbeit die kolonialen Aneignungen von Objekten
nach. Sie fordern die Anfertigung von Inventarlisten Video: www.youtube.com/watch?v=9YSHpGNp8AY

WISSEN – MACHT – VERÄNDERUNG GUTE ARBEIT AUCH FÜR FREIE BEI ARD, ZDF & CO.
BILDUNGSWOCHE, 20.–24. MAI IN ROSTOCK STUDIE ZU FREELANCERN IM ÖFFENTLICH-
Emanzipatorische Bildung öffnet Räume und hat RECHTLICHEN RUNDFUNK VERÖFFENTLICHT
das Potenzial, Verhältnisse zu verändern. In die- Mit der sozialen Lage freier Mitarbeiter*innen im
sem Sinne möchte die Bildungswoche 2019 der öffentlich-rechtlichen Rundfunk befasst sich eine
Rosa-Luxemburg-Stiftung vor Ort sein und politisch Untersuchung der Rosa-Luxemburg-Stiftung und
Aktive aus dem Norden mit bundesweit Engagierten der Bundestagsfraktion DIE LINKE. Bundesweit
vernetzen. Vom 20. bis 24. Mai 2019 findet dazu wurden mehr als 2 600 Beschäftigte zu ihrer Ar-
unter dem Titel »Emanzipatorische Bildung wirkt!« beits- und Einkommenssituation, zu ihrer Alters-
die Bildungswoche mit verschiedenen Seminar- vorsorge, zu Diskriminierungserfahrungen und
und Vernetzungsangeboten im Peter-Weiss-Haus beruflicher Perspektive befragt. Die Ergebnisse sind
in Rostock statt. Mit einem breiten Angebot an alarmierend: Mehr als 50 Prozent der Befragten
Weiterbildungen sollen Instrumente zur Verfügung können mit ihrer Beschäftigung den Lebensunter-
gestellt werden, die dabei helfen, neue Handlungs- halt nicht bestreiten. Vier von fünf Freien gingen
spielräume zu eröffnen und die aktive Mitgestaltung davon aus, dass sie nicht genug Geld für die Rente
im politischen Alltag zu ermöglichen. Das Rahmen- sparen können. Etwa 70 Prozent wären lieber in ih-
programm bietet neben kritischen Stadtführungen, rem Beruf fest angestellt. Die Untersuchung wurde
einer Lesung und Diskussionen zu Themen der poli- im Januar veröffentlicht und auf einer Pressekon-
tischen Bildung auch Raum zum Experimentieren. ferenz vorgestellt.

Programm: www.rosalux.de/veranstaltung/es_detail/AX4B5/ Download: www.rosalux.de/publikation/id/39863

MIT WEM? | LUXEMBURG 1/2019 109


Wer ausführliche Informationen und Hintergründe
rund um das Thema Brexit, Europa und die Linke
sucht, findet im neuen Blog der Rosa-Luxemburg-
Stiftung Brüssel passende Artikel und Videoclips
unter: www.brexitblog-rosalux.eu/
Foto: ijclark/flickr

»KEINE HALBEN SACHEN« Beschäftigten würden zu Protesten und Streiks


Die Debatte über gewerkschaftliche Erneuerung in mobilisiert, seien aber nicht selbst die zentralen
Deutschland der letzten 15 Jahre wurde von Anfang Akteur*innen der Auseinandersetzungen. Selten
an stark von Organizing-Modellen aus den USA verbessere sich mit der Teilnahme an diesen Aktio-
inspiriert. In letzter Zeit wuchsen aber auch Zweifel: nen ihre oft prekäre Lage. McAlevey hingegen stellt
Trotz aller Bemühungen ist der gewerkschaftliche die Beschäftigten in den Mittelpunkt. Sie beruft
Organisierungsgrad auch in den USA immer weiter sich auf das »Deep Organizing« der 1930er Jahre,
zurückgegangen. Umso erstaunlicher und anregend mit dem eine starke Arbeiterbewegung in den USA
für die deutsche Debatte erscheinen da die Erfah- unter anderem Präsident Roosevelt den New Deal
rungen und Überlegungen der US-amerikanischen abrang. Das Buch bietet vor allem Hilfe zur Selbst-
Aktivistin Jane McAlevey, die in ihrem Buch »Keine hilfe. Die Beschäftigten sind aufgerufen, selbst zu
halben Sachen: Machtaufbau durch Organizing« agieren, Strategien zu entwickeln und Strukturen
zeigt, wie die Arbeiterbewegung wieder in die aufzubauen, um ihre Machtposition zu verbessern
Offensive gelangen kann. Die Rosa-Luxemburg- und bei allen Verhandlungen mit den Arbeitgebern
Stiftung hat ihr Buch, das sich aus McAleveys dabei zu sein. Dafür bedarf es auch »organischer
jahrzehntelanger Erfahrung als gewerkschaftli- Führungspersönlichkeiten«, das heißt besonders
cher Organizerin speist, übersetzen lassen und im anerkannte Kolleg*innen, die in den Betrieben
VSA-Verlag veröffentlicht. Die Autorin analysiert gut vernetzt sind und die Fähigkeit besitzen, ihre
darin den dominanten Organizing-Ansatz der US- Abteilung und schließlich die gesamte Belegschaft
Gewerkschaften und kommt zu dem Schluss, dass zu organisieren. Wie »Deep Organizing« genau
es sich dabei vor allem um Mobilizing handele: Die funktioniert, erläutert McAlevey anhand von vier

110 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


WER SCHREIBT?
Beispielen. Eindrucksvoll zeigt sie etwa auf, wie der New England, die beide demselben Dachverband
Arbeitskampf von 35 000 Lehrer*innen in Chicago angehören. Demzufolge sieht McAlevey nur Orga-
2012 die Stadt lahmlegte. In den vorangegange- nizing, verstanden als Machtaufbau der Klasse, als
nen zwei Jahren hatte die Lehrergewerkschaft hier Weg zu nachhaltigem Erfolg. Sie mobilisiere zwar
systematisch Strukturen aufgebaut. Der neuntägige auch Beschäftigte für gezielte Aktionen – Mobilizing
Streik in Chicago fiel also keinesfalls vom Himmel, allein diene häufig aber nur dazu, kurzfristig Ärger
sondern ihm ging intensive Arbeit voraus. Die abzulassen und zu kanalisieren. Über diese These
politische Elite unterschätzte die Gewerkschaft lässt sich freilich streiten. Dennoch ist »Keine halben
und rechnete mit einem bundesweiten Gesetz, das Sachen« auch für den deutschen Kontext aufgrund
Streiks gar verbieten sollte. Stattdessen schlossen der Praxisnähe der Autorin und den detaillierten
sich Kinder und Eltern dem Kampf der Lehrkräfte Fallbeispielen ein anregendes Buch, das zu nachhal-
gegen Schulschließungen und Privatisierungen an. tigem Organizing und umfassender gewerkschaftli-
Wenn Gewerkschaften »Klassenkuscheln statt cher Erneuerung aufruft.
Klassenkampf« betreiben, scheitern sie. Dies Nathanael Häfner
verdeutlicht McAlevey anhand zweier in Pflegehei- Jane McAlevey: Keine halben Sachen:
men aktiven Gewerkschaften aus Washington und Machtaufbau durch Organizing. Hamburg 2019

ROSA LUXEMBURG NEU ENTDECKEN WIE AUS DER DEFENSIVE KOMMEN?


Auch hundert Jahre nach ihrem Tod ist Rosa Lu- Wie konnte es dazu kommen, dass immer mehr
xemburg ein wichtiger Bezugspunkt linker Theorie Menschen auch in Europa meinen, man könne den
und Praxis. In dem kürzlich erschienenen Band sozialen Folgen von neoliberaler Globalisierung mit
»Rosa Luxemburg neu entdecken« beschäftigen nationalistischen Konzepten begegnen? Warum gibt
den Autor weniger einzelne Auffassungen oder es selbst in der Linken diese Tendenzen? Und wohin
Einsichten Luxemburgs. Angesichts der Spaltungen sind die Traditionen der internationalen Solidari-
der Linken, verbreiteter Ohnmacht und Versuchen tät und der Solidarität mit den Schwächsten ent-
einer Neuformierung geht es Michael Brie vielmehr schwunden? Das transform!-Jahrbuch 2019, das im
darum, ihr Werk auf seinen »strategischen Ge- April erscheint, spürt diesen Fragen nach und spannt
brauchswert« für heute abzuklopfen: »Die wichtigs- dazu den Bogen von den Auseinandersetzungen in
te Frage linker Politik war für Luxemburg das Wie der Sozialdemokratie des frühen 20. Jahrhunderts
der Verbindung von sehr konkreten Kämpfen zur um das Nationale, über den kämpferischen Optimis-
Durchsetzung der alltäglichsten Interessen mit dem mus des »Manifestes von Ventotene« bis hin zu den
Ziel einer sozialistischen Umwälzung der Gesell- Hoffnungen der Sozialforumsbewegung Anfang der
schaft. Hier war für sie die Scheidelinie zwischen 2000er Jahre. Analysiert werden die Bedeutung der
einer Politik, die sich den Verhältnissen anpasst, Umbrüche der Jahre 1968 und 1989 sowie die damit
und jener, die auf ihre befreiende Umgestaltung verbundenen Auseinandersetzungen in den linken
gerichtet ist.« Er geht der Frage des strategischen Bewegungen und Parteien. Fortgesetzt wird die
Lernens nach und arbeitet das Besondere ihrer Diskussion neuer Akteure von Gesellschaftsverände-
politischen Haltung heraus. rung und ihrer Organisationsformen.

Leseprobe: www.vsa-verlag.de-Brie-Luxemburg-neu- Leseprobe: www.vsa-verlag.de/das_neue_programm/


entdecken.pdf fruehjahr_2019/

WER SCHREIBT? | LUXEMBURG 1/2019 111


»... ECHTES UMSTEUERN
IN DER WOHNUNGSPOLITIK,
DARUM GEHT ES«
GESPRÄCH ÜBER MIETERPROTESTE,
WOHNUNGSNEUBAU UND SOZIALE STADTENTWICKLUNG

MIT KATRIN LOMPSCHER lichen Rollen bewusst. Bei den Initiativen


gibt es häufig weitergehende Vorstellungen
Im letzten Jahr haben Zehntausende gegen davon, was ich als Senatorin alles tun könnte,
den Mietenwahnsinn auf dem Berliner als dann unter den gegebenen Rahmenbe-
Wohnungsmarkt demonstriert. Schmerzt so dingungen real möglich ist. Aber das hält uns
eine Demonstration, wenn man Senatorin für nicht davon ab, im Gespräch zu bleiben. Das
Stadtentwicklung und Wohnen ist? ist nicht zu unterschätzen. Ich würde es als
Ich war selbst auch bei dieser Demo, die eine Art politischer Arbeitsteilung begreifen.
meisten haben sich erfreut gezeigt, mich dort Schließlich hat die mietenpolitische Bewegung
zu sehen. Ich habe mich über die große Be- auch dazu beigetragen, dass es überhaupt eine
teiligung gefreut, zumal an dem Tag ja echtes LINKE–Stadtentwicklungssenatorin gibt.
Schietwetter war, wie wir uns erinnern.
Wie war das zum Beispiel in der Karl-Marx-
Wie ist dein Verhältnis zu den Mieterinitiativen? Allee, wo der Berliner Senat Anfang des Jahres
In Berlin gibt es immer wieder neue Mieter- Hunderte Wohnungen per Vorkaufsrecht re-
initiativen, sodass ich gar nicht alle kenne. kommunalisiert und dem Immobilienkonzern
Insofern kann ich nicht generell sagen, wie Deutsche Wohnen quasi »weggeschnappt« hat?
mein Verhältnis zu den Mieterinitiativen Ein sehr schönes Beispiel. Ohne den Mie-
ist. Mit den Gruppen, die seinerzeit den terbeirat, der großen Respekt unter den
Mietenvolksentscheid vorangetrieben haben, Mieter*innen dort genießt, wäre das Vor-
wie beispielsweise Kotti & Co, gibt es einen haben nicht erfolgreich gewesen. In dieser
andauernden, konstruktiven Dialog. Gleich- speziellen Situation hing es davon ab, dass
zeitig sind wir uns auch unserer unterschied- die Mieter*innen mitziehen, denn formal

112 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


mussten sie das Vorkaufsrecht ausüben, das
KATRIN LOMPSCHER hat im VEB-Kombinat Tiefbau
ihnen bei der damaligen Privatisierung der
Tiefbaufacharbeiterin gelernt und danach an der
Wohnung zugesprochen worden war. Das war Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar
nicht einfach. Insgesamt kann ich den Men- studiert. Sie war 2006 bis 2011 Senatorin für
schen in der Mieterbewegung, die sich hier Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz in
Berlin und ist seit Dezember 2016 Senatorin für
viel Zeit nehmen, um sich nicht nur für die
Stadtentwicklung und Wohnen.
eigenen Interessen, sondern im Sinne einer
sozialeren Stadt für Mieterfragen einsetzen,
nur meinen höchsten Respekt aussprechen. tun. Es wäre schön, wenn unser bisher recht
erfolgreiches Experiment, für eine gemein-
Mietrecht ist Bundesrecht, aktuell also eine wohlorientierte Stadtentwicklungspolitik und
Frage für die ungeliebte GroKo. Welche Stell- eine sozial orientierte Wohnungspolitik zu
schrauben gibt es eigentlich für mieterfreundli- sorgen, weiter an Ausstrahlungskraft gewin-
che Politik auf Landesebene? nen würde. Wir müssen das gesellschaftliche
Ein wesentliches Steuerungsinstrument sind Klima und die Stimmung so drehen, dass es
die städtischen Wohnungsbaugesellschaften, auch auf Bundesebene zu den notwendigen
die allerdings als eigenständige Unternehmen Änderungen kommt.
organisiert sind – teilweise in der Rechtsform
einer Aktiengesellschaft, was die Handlungs- Derzeit wird ein sogenannter Mietendeckel
spielräume einschränkt. Mit ihnen haben wir diskutiert, also eine durch das Land Berlin
eine Kooperationsvereinbarung geschlossen, die festgelegte Mietobergrenze.
soziale und wohnungswirtschaftliche Ziele fest- Die Idee ist charmant. Es müssen allerdings
schreibt, die weit über die bundesgesetzlichen komplizierte Rechtsfragen geklärt werden. Im
Regelungen hinausgehen. Sie setzt beispiels- Kern geht es darum, ob seitens des Bundes mit
weise enge Grenzen für Mieterhöhungen und der Mietpreisbremse schon eine konkurrieren-
schreibt eine Quote von 50 Prozent sozialen de Gesetzgebung vorliegt, die dann Landes-
Wohnungsbau fest. Auch dürfen Modernisie- recht überdecken und nichtig machen würde.
rungskosten maximal mit 6 Prozent auf die Kürzlich hat der Senat auf meinen Vorschlag
Miete umgelegt werden und die Nettokaltmiete hin verabredet, dass wir ressortübergreifend
darf nicht mehr als 30 Prozent des Haushalts- Eckpunkte eines solchen Gesetzesentwurfs
einkommens ausmachen. Außerdem haben erarbeiten und einen Zeitplan zum Inkrafttre-
wir einen massiven Ausbau des öffentlichen ten des Gesetzes noch bis zur Sommerpause
Wohnungsbestands vereinbart. Derzeit gibt es erstellen. Wir werden sehen, was möglich ist,
308 862 städtische Wohnungen in Berlin. Wir und machen, was geht.
wollen bis 2026 auf 400 000 kommen.
Und dann ist es natürlich so: Mit jeder In Berlin heißt es manchmal, die Stadt habe
rekommunalisierten Wohnung wächst das 13 Bauminister, zwölf in den Bezirken und
bundesweite Interesse an dem, was wir hier einen im Senat. Das spielt auf die zweigeteilte

CLASS & CARE | LUXEMBURG 1/2019 113


Berliner Verwaltung und die Macht der Bezirke Die Koalition hat versprochen, in der Stadtent-
an. Wie kompliziert ist das Verhältnis? wicklungs- und Wohnungspolitik grundlegend
Der Ausspruch beschreibt die politische Realität umzusteuern. Das tun wir real, und es sind
und zugleich die Herausforderung. Jede Kom- auch erste Erfolge dessen zu sehen. Die Stadt
mune in Deutschland hat mit ihrer Planungs- war nicht vorbereitet auf das massive und auch
hoheit ein wichtiges Steuerungsinstrument für für die Zukunft prognostizierte Wachstum.
die soziale Stadtentwicklung in der Hand. Denn Wir haben die städtischen Planungsgrundla-
ohne Bebauungspläne gibt es keine Verträge, gen aktualisiert und werden diese in Kürze
in denen beispielsweise förderfähiger Wohn- beschließen. Wir haben die neue Institution
raum oder die Finanzierung von Kitas und »Wohnraumversorgung Berlin« auf- und
Schulen festgelegt werden. Diese kommunalen ausgebaut, um die Geschäftspolitik der lan-
Aufgaben werden in Berlin überwiegend von deseigenen Wohnungsunternehmen im Sinne
den Bezirken wahrgenommen, wo allerdings der Berliner Mieter*innen zu verbessern – ein
zumeist Baustadträte von Grünen, SPD und direktes Resultat des Mietenvolksentscheids.
CDU in politischer Verantwortung sind. Eine Und mit der Karl-Marx-Allee oder dem
zielgerichtete Zusammenarbeit mit den Bezir- Kosmos-Viertel gibt es gute Beispiele dafür,
ken ist deshalb wichtig für uns, aber eben nicht dass Rekommunalisierung und Kommuna-
konfliktfrei. Ohne die Bezirke kann der Senat lisierung hohe Priorität haben. Wir treiben
nicht und ohne den Senat können die Bezirke diese mit allen Mitteln rechtlich, planerisch
nicht. Auch mit den Bezirken habe ich deshalb und finanziell voran. Natürlich bewegen wir
Kooperationsvereinbarungen geschlossen. uns dabei auch in einem engen Korsett: Zu
Dass der Senat Bebauungspläne gelegentlich den gegenwärtigen Preisen können wir nicht
auch mal an sich zieht, weil etwa der Anteil die ganze Stadt zurückkaufen, auch wenn das
an Sozialwohnungen nicht stimmt, deren Bau ein schöner Slogan ist. Was wir im gegebenen
aber stadtweit einheitlich vorgegeben ist, oder Rahmen tun können, das machen wir sehr
weil ein Vorhaben gesamtstädtisch bedeutsam konsequent. Und ich sehe, dass das auch
ist, gehört auch dazu. In diesem Jahr haben wir Wirkung zeigt.
eine neue Idee umgesetzt: eine Stadtbaukonfe-
renz. Hier haben wir die Themen Bauen und Das war jetzt doch etwas bescheiden. Du könn-
Planen sowie damit verbundene Fragen nach test doch noch einige ganz konkrete Erfolge
Hemmnissen, Blockaden und Lösungsansätzen nennen, etwa dass öffentliches Land nur noch
in einem neuen Format ergebnisorientiert in Erbbaurecht vergeben wird, also nicht mehr
besprochen. Ein erster Aufschlag, dem weitere privatisiert wird.
folgen werden, so auch die Resonanz der Ja, das stimmt, das ist mittlerweile bis auf
Bezirke. ganz wenige Ausnahmen die Praxis und
soll auf Vorschlag der LINKEN auch per
2021 endet die Legislatur. Wie fällt deine Gesetz festgeschrieben werden. Außerdem
Halbzeitbilanz aus? übernehmen wir inzwischen die Kosten für

114 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


einen Mietrechtsschutz für Menschen, die
Hartz IV oder Grundsicherung beziehen,
und es gibt in allen Bezirken eine kosten-
lose offene Mieterberatung. Das ist nicht
zu unterschätzen. Auch haben wir das
Zweckentfremdungsverbot von Wohnraum
verschärft.
Besonders wichtig ist, dass wir die
Voraussetzungen dafür schaffen, dass die
Stadt auch im Wachstum funktioniert: dass
wir planerisch und infrastrukturell einen
Zuwachs an Wohnraum, Gewerbe, Infra-
struktur gut und auch in überschaubaren
Zeiträumen realisieren können. Wo wir
Einfluss haben, wirken wir bremsend auf
die Mietpreisentwicklung ein, sei es über
den Milieuschutz, sei es über Kooperations-
vereinbarungen mit den städtischen
Wohnungsunternehmen oder sei es über
bundesrechtliche Initiativen, die an dem
einen oder anderen Punkt durchaus Lausanne, Februar 2019, Gustave Deghilage

erfolgreich sind. Insofern haben wir schon ein


bisschen was geschafft. natürlich nur dann sicherstellen, wenn wir
auch die Mieten im Wohnungsbestand im Blick
Im Koalitionsvertrag ist festgehalten, dass es haben. Was den Neubau und den kommunalen
bis 2021 55 000 neue Wohnungen in öffentli- Besitz angeht, beschäftigen wir uns mit drei
cher Hand geben soll, 25 000 durch Ankauf, Themen: Wohnungen, die noch aus den Resten
30 000 durch Neubau. Seit deinem Antritt der alten Berliner Bankgesellschaft stammen.
werfen dir die Immobilienwirtschaft und Teile Wir sprechen also über die Berlinovo, eine
der SPD vor, den Neubau zu vernachlässigen. landeseigene Verwaltungsgesellschaft, die
Warum? derzeit ca. 20 000 Wohnungen bewirtschaftet.
Das ist eine lustige Auseinandersetzung, weil Diese Wohnungen gelten nicht im klassischen
eigentlich allen klar sein müsste, dass wir Be- Sinne als kommunal, weil sie den früheren
stand und Neubau gleichermaßen und gleich- Fondsregeln unterliegen und dort Gewinnma-
zeitig Aufmerksamkeit schenken müssen. Was ximierungsansprüche bestehen. Wir werden
immer wir neu bauen, wird nur ein Bruchteil sie aus diesem Rechtsrahmen herauslösen, um
dessen sein, was wir schon haben, und deshalb sie für eine soziale Wohnraumpolitik verfügbar
können wir eine soziale Stadtentwicklung zu machen. In den genannten Zielzahlen sind

CLASS & CARE | LUXEMBURG 1/2019 115


sie schon enthalten. Der übrige Zuwachs soll Die Initiative »Deutsche Wohnen & Co enteig-
für 30 000 Wohnungen durch Neubau und für nen« stellt sich genau diesem Problem und
10 000 durch Ankauf realisiert werden. Das DIE LINKE unterstützt dies. Zwischenzeitlich
ist kompliziert, weil Bauprojekte in Berlin zu- hat selbst der Regierende Bürgermeister laut
nehmend schwerer zu realisieren sind: Es gibt darüber nachgedacht, die 2004 verkauften
weniger Akzeptanz für solche Projekte in den GSW-Wohnungen zu rekommunalisieren. Das
jeweiligen Nachbarschaften, die Bodenpreise wären 66 000 Wohnungen. Wie stehst du
sind enorm hoch. Gleiches gilt für die Bau- dazu?
preise, und die notwendigen Infrastrukturen Mit der Deutsche Wohnen haben wir vielfältige
sind oft nicht vorhanden. Wir versuchen, all das Konflikte. Einer besteht darin, dass sie den
Schritt für Schritt anzugehen, und können rela- Mietspiegel konsequent nicht anerkennt. Sie
tiv sicher sagen, dass wir bis 2021 diese 30 000 ist damit bis vor das Landesverfassungsgericht
Wohnungen entweder fertiggestellt haben oder gezogen, hat dort allerdings eine Niederlage
sie sich im Bau befinden werden. Für Letztere erlitten. Andererseits gibt es einige Beispiele,
werden wir genau begründen können, warum wo es im Zusammenwirken von Mieterinitia-
es zu Verzögerungen kam. tiven, Stadtöffentlichkeit, Bezirk und Senat zu
Das Problem dieser Diskussion um Zahlen Vereinbarungen kam, die eine sozialverträgliche
ist, dass sie die konkreten Bedingungen, unter Modernisierung sicherstellen sollen. Da stellt
denen bestimmte Ziele zu erreichen sind, außer sich die Frage, ob die Deutsche Wohnen bereit
Acht lässt – und die Hürden bestehen großteils wäre, so etwas auch auf Landesebene mit dem
im politischen Raum. Da sind wir wieder beim Senat zu verabreden. Meine Zuversicht ist
Zusammenspiel von Senat, Bezirken und begrenzt, aber ich halte es für wichtig, sie auch
verschiedenen Ressorts, entsprechend muss in diese Richtung zu drängen.
man daran auch politisch arbeiten. Und was das Was das Volksbegehren angeht, stehen
Ankaufsziel von 10 000 Wohnungen angeht, wir ganz am Anfang. Die Initiative hat eine
gibt es andere Probleme, etwa dass die bundes- wichtige Diskussion angestoßen: Die haltlose
eigene BIMA dem Land Berlin nun doch keine Profitmacherei mit Wohnraum wird breit
Wohnungen verkaufen möchte. Wir werden das kritisiert und die Pflicht der öffentlichen
Ziel trotzdem erreichen und voraussichtlich Hand, hier notfalls auch Eigentumsrechte
übertreffen, indem wir das Vorkaufsrecht in einzuschränken, findet immer mehr Zustim-
Milieuschutzgebieten konsequent ausüben mung. Das ist ein echter Fortschritt. Konkret
und große Portfolio-Ankäufe im Rahmen von haben wir einen langen Weg vor uns: Mitt-
Fondsumschichtungen im alten Westberliner lerweile ist klar, dass auf der Grundlage des
sozialen Wohnungsbau realisieren, wie etwa Artikels 15 Grundgesetz ein neues Gesetz auf
beim Pallasseum in Schöneberg. Anders lässt den Weg gebracht werden kann, dass Verge-
sich das – angesichts der Bodenpreis- und sellschaftung ermöglicht und regelt. Gleich-
Kaufpreisentwicklungen im Immobiliensektor zeitig ist klar, dass die Immobilienwirtschaft
– auch immer weniger wirtschaftlich machen. dagegen bis in die höchsten Instanzen klagen

116 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


wird. Es ist also ein langfristiges Projekt. Eigentümer durchführen lassen können. Die
Wer aber glaubt, dass wir jetzt einfach alles Kosten werden diesem dann in Rechnung
zum Marktpreis zurückkaufen und damit ein gestellt. Das setzt allerdings voraus, dass der
solches Gesetz überflüssig machen können, Eigentümer in einem Verwaltungsverfahren
irrt, denn die Preise haben sich ja inzwischen nachweislich nicht kooperationsfähig oder
vervielfacht. Da würde Berlin ganz schnell an -willig ist. Das heißt, wir können diese Treu-
seine finanziellen Grenzen stoßen. händerregelung in Einzelfällen nutzen, wenn
klar ist: Der Eigentümer kann oder will seiner
Das wäre dann mit einer Enteignung anders, Verantwortung für eine Immobilie nicht
dann müsste man ja nicht den Marktpreis gerecht werden.
zahlen.
Das kommt auf die gesetzlichen Regelungen Fällt das Thema illegale Ferienwohnungen,
an, wie der Wert ermittelt würde. Hier könnte Airbnb und deren Kontrolle auch in die
man zum Beispiel den Bewirtschaftungsauf- Zuständigkeit der Senatsverwaltung?
wand als Kriterium zugrunde legen, dieser Grundsätzlich liegt das bei den Bezirken. Da
liegt natürlich weit unter der heutigen Markt- wir aber die ministerielle Verantwortung für
miete. Oder man könnte den Ertragswert das Gesetz zur Bekämpfung der Zweckent-
zum Maßstab nehmen, da werden die derzeit fremdung von Wohnraum haben, interessiert
erzielten Mieten und nicht die künftig erziel- uns natürlich, wie die Bezirke damit umgehen.
baren Mieten für die Wertermittlung heran- Mit dessen Einführung sind bei den Bezirken
gezogen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten 60 zusätzliche Stellen für die Kontrolle und
und ich sehe da noch viel Diskussionsbedarf. Ahndung von Verstößen geschaffen worden.
Einige Bezirke könnten hier konsequenter sein.
Auf Initiative der LINKEN wurde das Zweck- Anders als in München waren Gerichts-
entfremdungsverbot verschärft. Das Gesetz verfahren gegen Airbnb in Berlin bislang
sieht bei spekulativem Leerstand sogar erfolglos. Aber das ist ein Lernprozess. Ich
Beschlagnahmung vor, um den Wohnraum gehe davon aus, dass wir in Berlin auf dem
für Mieter*innen nutzbar zu machen. Wann Rechtsweg alles unternehmen werden, um
wird in Berlin beschlagnahmt? Airbnb an die Einhaltung seiner Pflichten zu
Beschlagnahme ist eine Regelung des allge- binden.
meinen Sicherheits- und Ordnungsrechts, also
des Polizeirechts. Beschlagnahmungen hat
es in Berlin bereits gegeben, um Flüchtlinge
unterzubringen. Im Zweckentfremdungsge-
setz haben wir geregelt, dass wir die Maßnah- Das Gespräch führte Moritz Warnke. Er arbeitet
men, die nötig sind, um zweckentfremdete seit März 2019 als Referent für Soziale Infra-
Wohnungen wieder verfügbar zu machen, strukturen am Institut für Gesellschaftsanalyse
auch durch einen Treuhänder statt durch den der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

CLASS & CARE | LUXEMBURG 1/2019 117


»NO JUSTICE, NO CHOICE«
WAS SEXUELLE SELBSTBESTIMMUNG
MIT REPRODUKTIVER GERECHTIGKEIT ZU TUN HAT

HANNAH SCHURIAN Um das Recht auf Schwangerschaftsabbruch,


einen elementaren Bestandteil der sexuellen
Selbstbestimmung von Frauen, wird in
Deutschland so heftig gestritten wie seit
Jahrzehnten nicht. Konservative und rechts-
autoritäre Kräfte blasen zum Angriff auf die
Errungenschaften der Frauenbewegung und
wollen das Rad der Geschichte zurückdrehen.
Dabei ist der Status quo aus feministischer
Sicht höchst unbefriedigend: Abtreibungen
sind nach wie vor nur bedingt straffrei und
werden gezielt tabuisiert (vgl. Cahoon 2018) –
die Chance auf eine rechtliche Verbesserung
wurde mit der Neuregelung des § 219 gerade
wieder vertan. Die Angriffe bringen aber
auch neuen Widerstand hervor: Immer
mehr Frauen gehen gegen die Aufmärsche
christlich-konservativer »Lebensschützer«
und für die Abschaffung des Strafparagrafen
auf die Straße. Es sind hierzulande die wohl
sichtbarsten feministischen Kämpfe und sie
stehen sinnbildlich für den aktuellen Kultur-
kampf: auf der einen Seite rechtskonservative

118 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


Kräfte, die sich den Schutz des Lebens auf die schaftsabbrüchen, denn was bringt mir mein
Fahnen schreiben und traditionelle Familien- rechtlicher Anspruch, wenn es keine erreich-
und Geschlechterbilder verteidigen, auf der bare Klinik gibt, ich nicht krankenversichert
anderen Seite das progressive Lager, das für bin oder keine Papiere habe. Es gilt aber auch
Freiheitsrechte und gegen Bevormundung in einem viel weiteren Sinne für alle Ent-
steht. Slogans wie »My body, my choice« oder scheidungen rund um das Kinderkriegen, das
»Mein Bauch gehört mir« transportieren den Kindergroßziehen und Füreinandersorgen –
klassischen feministischen Ruf nach Autono- allesamt (so die alte feministische Erkenntnis)
mie: Finger weg von meinem Körper. Wie ich keineswegs private Angelegenheiten. Auch
leben und lieben will, entscheide ich allein. hier tobt ein Kampf um Selbstbestimmung.
Armut, Diskriminierung und Angst machen
PRO CHOICE VS. PRO LIFE? es vielen Menschen schwer bis unmöglich,
Diese Auseinandersetzung wird medial als selbstbestimmt und unter guten Bedingungen
Konflikt zwischen einem Pro-life- und einem Kinder zu bekommen und aufzuziehen.
Pro-choice-Lager dargestellt. Doch das Bild ist
doppelt schief. Zum einen, weil es den rechten
Abtreibungsgegner*innen mitnichten um das HANNAH SCHURIAN ist Sozialwissenschaftlerin und
Wohlergehen aller Kinder oder Frauen geht. in sozialen Bewegungen aktiv. Sie arbeitet im
Institut für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxem-
In ihrer Vorstellung ist allein eine sehr spezifi-
burg-Stiftung als Redakteurin dieser Zeitschrift.
sche Form von sogenanntem ungeborenen Le- Der vorliegende Text basiert auf einem Vortrag
ben schützenswert. Das Leben all derjenigen, auf der Europäischen Sommerschule 2018 zu
die nicht in ihr Rollen- und Gesellschaftsbild Feministischer Klassenpolitik in Belgrad.

passen, ist dagegen wenig wert. Zugespitzt


ausgedrückt: Auf Demonstrationen für die
Seenotrettung im Mittelmeer hat man die Diese Auseinandersetzungen sind weit
Lebensschützer*innen kaum gesehen. Auf der weniger sichtbar als diejenigen um das Recht
anderen Seite fokussieren die feministischen auf Schwangerschaftsabbruch – auch, weil
Pro-choice-Bewegungen notgedrungen auf sie insbesondere marginalisierte Gruppen
die Abwehr des Zugriffs von Staat, Kirche und betreffen. Wie auch deren Anliegen in den
patriarchaler Moral und fordern individuelle Kampf um reproduktive Rechte einbezogen
Wahlfreiheit. Sie kämpfen vor allem auf recht- werden können, lässt sich von schwarzen US-
lichem Terrain, wo die gefährlichsten Angriffe amerikanischen Feminist*innen lernen.
drohen. Das ist wichtig und unvermeidlich.
Es ist aber auch zwangsläufig unzureichend, »REPRODUCTIVE JUSTICE«: KINDERKRIEGEN
denn Wahlfreiheit entsteht nicht durch ein Ge- ALS AKT DES WIDERSTANDS
setz, sondern nur in Verbindung mit sozialen Die Forderung nach umfassender repro-
Rechten und ökonomischen Ressourcen. Das duktiver Gerechtigkeit (reproductive justice)
gilt für den effektiven Zugang zu Schwanger- wurde von schwarzen Feminist*innen und

CLASS & CARE | LUXEMBURG 1/2019 119


Beide Fotos: Greenpeace Polska

Feminist*innen of Color in den USA entwi- oft praktisch nicht lebbar. «Mutterschaft ist
ckelt. Sie sahen ihre Anliegen im Mainstream ein Klassenprivileg, das vor allem denjenigen
der Pro-choice-Bewegung nicht ausreichend Frauen vorbehalten ist, die genug Geld haben,
vertreten. In der von Sklaverei und anhalten- ihre Kinder mit allen notwendigen Vorteilen
dem Rassismus geprägten US-Gesellschaft auszustatten – eine zutiefst undemokratische
mussten schwarze Frauen historisch nicht nur Vorstellung. […] das Ideal der weißen Mittel-
um das Recht auf Schwangerschaftsabbruch schichts-Mutter beruht auf der Abwertung von
kämpfen, sondern auch um das Recht auf anderen Müttern als unfähig, minderwertig
Kinder und Familienleben – gegen Zwangsste- und illegitim.« (Ross/Solinger 2017, 4, Übers.
rilisierungen und Familientrennungen, aber HS) Bis heute wird Elternschaft hierarchisiert
auch gegen die bis heute überdurchschnitt- und reguliert, nicht nur durch Diskurse, son-
lich große Armut, gegen Polizeigewalt und dern auch mithilfe konkreter Bevölkerungspo-
institutionellen Rassismus. Auch anderen war litiken wie etwa Kampagnen der Geburtenkon-
und ist der Zugang zu Mutterschaft erschwert: trolle, die das Bild einer sexuell und moralisch
Homosexuelle, Queers und Transgender devianten Armutsbevölkerung konstruieren.
sowie Menschen mit Behinderungen galten Mit dem stigmatisierenden Zerrbild der Black
und gelten als »illegitime« Eltern. Für arme Welfare Queen, die viel zu früh viel zu viele
und proletarische Frauen wiederum war das Kinder bekommt und dem Staat auf der Ta-
bürgerliche Ideal der Mutter und Hausfrau sche liegt, wurde in den 1980er Jahren unter

120 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


Präsident Reagan ein umfassender Abbau »Ein Zuhause zu schaffen, so zerbrechlich
wohlfahrtsstaatlicher Leistungen begründet und unsicher es auch sein mochte (in der
und damit die Elternschaft armer Menschen Sklavenhütte oder der Holzbaracke), das war
weiter erschwert. historisch für Afro-Amerikanerinnen etwas
Dass rassistische und Klassenverhältnisse Radikales. Das Zuhause war der einzige Ort,
dabei aufs Engste verschränkt sind, zeigt auch wo man sich frei als Menschen begreifen
das Beispiel vieler migrantischer Frauen, die konnte, wo Widerstand möglich war.« (hooks
ihre Kinder im Herkunftsland zurücklassen, 1991, 384, Übers. HS). Ein Ansatz repro-
um als Hausangestellte reichere, in der duktiver Gerechtigkeit berücksichtigt diese
Regel weiße Frauen zu entlasten. Vor diesem Differenzen zwischen Frauen und zielt auf die
Hintergrund wurde das Recht auf Familie Gesamtheit der Unterdrückungsverhältnisse.
und Kinder zur wichtigen Forderung von
Schwarzen und Frauen of Colour – durchaus REPRODUKTIVE GERECHTIGKEIT ERFORDERT
im Gegensatz zu vielen Frauen der weißen RADIKALE VERÄNDERUNG
Mittelschicht, die mit dem Ausbruch aus der Loretta Ross, Mitbegründerin der Frauenorga-
patriarchalen Kleinfamilie zu Feminist*innen nisation Sister Song, wirbt seit Jahrzehnten für
wurden. Für Schwarze Frauen war die Familie diesen Ansatz und definiert reproductive justice
historisch auch ein Schutzraum und Ort des als erstens das Recht, Kinder zu haben, zwei-
Widerstands gegen eine feindliche Umwelt: tens das Recht, kein Kind zu haben, drittens

CLASS & CARE | LUXEMBURG 1/2019 121


das Recht, Kinder unter sicheren und gesunden ELTERN ZWEITER KLASSE
Bedingungen aufziehen zu können, sowie Legitime Mutter- und Elternschaft ist auch
viertens als sexuelle Selbstbestimmung für hierzulande an die Norm der weißen, hetero-
alle. Das geht weit über die Ebene individueller normativen Leistungsträgerin geknüpft, eine
Rechte hinaus. Es umfasst soziale Absicherung, Norm, die im rechten Kulturkampf erneut
aber auch die Freiheit von Diskriminierung aggressiv betont wird und Ausschlüsse ver-
und Gewalt und den Zugang zu ökonomischen schärft. Zugleich ist Eltern- und Mutterschaft
und ökologischen Ressourcen. Damit wird klar: eine Klassenfrage: Angesichts von prekären
Reproduktive Gerechtigkeit erfordert grundle- Jobs, entgrenzten Arbeitszeiten und steigen-
gende gesellschaftliche Veränderungen. den Mieten fehlen vielen Menschen die finan-
Als Schlagwort taucht reproductive justice ziellen oder zeitlichen Ressourcen, um Kinder
inzwischen auch hierzulande in feministischen zu bekommen oder ihnen ein Aufwachsen
Diskussionen auf. Es bleibt aber oft unklar, unter guten Bedingungen zu ermöglichen. Die
was es im hiesigen Kontext für die politische Lücken in der sozialen Infrastruktur – von den
Praxis bedeuten kann. Meines Erachtens bietet Kitaplätzen bis zur Gesundheitsversorgung
das Konzept wertvolle Anregungen, um die – verschärfen das Problem. Hinzu kommt
Grenzen und Bedingungen der Wahlfreiheit eine sozial selektive Familienpolitik, die arme
von unterschiedlichen Frauen* in den Blick Menschen entmutigt, Kinder zu bekommen,
zu nehmen und die strukturellen Ursachen und Kinderarmut befördert, etwa durch die
zu thematisieren. Es lenkt den Blick auf die Anrechnung des Kindergeldes auf Hartz IV,
Hindernisse, die auch in Deutschland vielen zugleich aber mit dem einkommensabhängi-
Menschen eine selbstbestimmte Elternschaft gen Elterngeld Besserverdienende gezielt zum
verwehren. Das ermöglicht es, den Rechten Kinderkriegen animieren will.
das Narrativ des »Lebensschutzes« aus der Diese Politiken stützen sich auf die Dis-
Hand zu nehmen und zu zeigen, dass sie es kurse einer »Überalterung der Gesellschaft«,
sind, die ein gleichwertiges, gutes Leben aller mit denen vor allem Mittelschichts- und höher
Menschen untergraben. Zugleich werden qualifizierte Frauen (wohlgemerkt: nicht
auf diese Weise neue feministische Subjekte Männer) adressiert und massiv unter Druck
und Bündnispartner*innen erkennbar: Viele gesetzt werden, Kinder zu bekommen. Mal
Menschen, die von reproduktiven Ungerechtig- wird das neoliberal akzentuiert – der Standort
keiten betroffen sind, haben unter Umständen Deutschland brauche qualifizierte Arbeitskräf-
(noch) nicht das Gefühl, dass der Feminismus te, die Rentenkassen bräuchten Beitragszah-
ihnen etwas anzubieten hätte. Damit erweitert ler –, mal völkisch-nationalistisch à la Sarrazins
sich auch das Terrain feministischer Kämpfe – »Deutschland schafft sich ab«. Dabei werden
von einem liberalen Verständnis individueller nicht alle Kinder in die »Zukunft des Landes«
Gleichberechtigung hin zu einer Perspektive eingerechnet. Kinderreiche Hartz-IV-Familien
umfassender Befreiung von Klassenherrschaft, werden als »asozial« stigmatisiert. Zugleich
Sexismus und Rassismus. werden Kinder aus Familien, die teils schon

122 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


in mehreren Generationen im Land leben, als ein neuer »Familienbonus« die Bereitschaft
»Migrantenkinder« und potenzielle Problem- fördern, für Österreichs Nachwuchs zu sorgen.
fälle und Unruhestifter wahrgenommen, die zu Diese steuerliche Entlastung für Menschen
Gewalt, Radikalisierung und Devianz neigten. mit Kindern greift allerdings erst ab einem
Diese Abwertungen manifestieren sich in un- Bruttoeinkommen von 1 700 Euro und wird
gleichen Bildungschancen und in einer äußerst EU-Ausländer*innen, deren Kinder nicht in Ös-
geringen sozialen Mobilität. Noch bedrücken- terreich leben, verwehrt (Knittler/Bolyos 2018).
der wird das Bild mit Blick auf die geflüchteten Kulturkampf von rechts und Klassenkampf von
Familien, die in Sammelunterkünften leben oben gehen hier Hand in Hand und verschärfen
müssen, wo jede familiäre Privatsphäre fehlt, reproduktive Ungerechtigkeiten. Hier zeigt sich
oder jene, die durch die faktische Abschaffung einmal mehr: Der Angriff auf das Selbstbestim-
des Rechts auf Familiennachzug oder durch mungsrecht von Frauen geht einher mit dem
Abschiebungen voneinander getrennt werden. breiten Angriff auf soziale Rechte.
Auch homosexuellen Paaren wird, wenn
auch auf ganz andere Weise, der Zugang zur MEIN BAUCH GEHÖRT MIR (NICHT)
Elternschaft erschwert: Selbst wenn sie verhei- All dies mitzudenken bedeutet nicht, das
ratet sind, erhalten sie nicht automatisch das individuelle Recht auf Selbstbestimmung von
Sorgerecht für ein gemeinsames Kind, sondern Frauen geringer zu schätzen – im Gegenteil:
müssen aufwendige Adoptionsverfahren an- Hier kann es keine Kompromisse geben. Es
strengen. Frauen mit Behinderung wiederum zeigt aber, wie wichtig es ist, auch in feminis-
haben eine spezielle Geschichte der systema- tischen Zusammenhängen Raum zu schaffen,
tischen und institutionellen Entmündigung, um über die gesellschaftlichen Bedingungen
in der Kinderkriegen nicht vorgesehen ist. der persönlichen Wahlfreiheit zu sprechen.
Noch heute sind Sterilisationen bei Frauen mit Dies wird am Beispiel der Reproduktions-
geistiger Beeinträchtigung keine Seltenheit. technologien anschaulich, die ohne Zweifel
Wie sich der Kulturkampf um die »richti- ein Potenzial für mehr Selbstbestimmung
gen« und »falschen« Familien mit den mate- bieten und biologistische Vorstellungen von
riellen Zumutungen für eine breite Mehrheit Mutter- oder Elternschaft überwinden helfen.
der Bevölkerung verbindet, zeigt das Beispiel Zugleich ist offensichtlich, dass sie unter den
Österreich. Hier werden die schrillen Angriffe gegebenen kapitalistischen Verhältnissen
auf die »Anderen« – Geflüchtete, LGBTIQ, nicht zu mehr Egalität führen: Der Zugang ist
Migrant*innen, Marginalisierte – von der eine Frage des Geldbeutels und die finanzielle
neuen autoritär-neoliberalen Regierung genutzt, Unterstützung variiert noch immer nach Ehe-
um eine massive Umverteilung von unten und Versicherungsstatus. Zugleich wird aus
nach oben abzusichern. Auf der einen Seite der Sehnsucht nach dem eigenen Kind hier
wurde die wöchentliche Höchstarbeitszeit auf ein lukratives Geschäft. Dies kann die soziale
60 Stunden ausgedehnt, was gerade Menschen Norm der natürlichen Mutterschaft und des
mit Kindern unter Druck setzt. Zugleich soll eigenen biologischen Kindes eher verfestigen.

CLASS & CARE | LUXEMBURG 1/2019 123


Spätestens im Fall von Leihmutterschaften Gesellschaft keine Haftung übernehmen will.
wird deutlich, dass mit den neuen Technolo- Die zentrale Forderung nach körperlicher
gien auch eine neue Qualität der Ausbeutung Selbstbestimmung von Frauen muss darum
und Kommodifizierung weiblicher Körper mit der Forderung nach Unterstützung und
einhergeht, die globale Ungleichheitsverhält- Teilhabe für Menschen mit Behinderung
nisse verschärft. Hier scheint es lohnend, verknüpft werden. Sonst wird mit dem
weniger über das Recht auf ein eigenes Kind Slogan der Wahlfreiheit die Verantwortung
als über Formen sozialer Elternschaft nachzu- auf die Einzelnen abgewälzt. Damit lässt sich
denken: Wie könnten Menschen unabhängig anknüpfen an weitergehende Vorstellungen
von biologischer Elternschaft verbindlich gesellschaftlicher Veränderung, etwa die
Verantwortung übernehmen und welche Ausweitung entgeltfreier sozialer Infrastruktu-
Unterstützung benötigen sie dafür? In einer ren sowie an Kämpfe für eine Aufwertung von
Gesellschaft, die jede*r beständig klarmacht, Care-Arbeit (vgl. Fried/Schurian 2016).
dass sie/er allein für sich sorgen muss,
können feministische Antworten nicht allein WEITERGEHEN
auf individuelle Autonomie zielen. Im Kampf für das Recht auf Schwan-
Das gilt umso mehr mit Blick auf die gerschaftsabbruch ist es wichtig, keinen
knifflige Frage der sogenannten Spätabtrei- Millimeter nach rechts abzugeben und die
bungen. Wird in Deutschland bei einem weibliche Autonomie mit Zähnen und Klauen
Embryo eine Behinderung prognostiziert, zu verteidigen. Zugleich die strukturellen
ist ein Schwangerschaftsabbruch theoretisch Bedingungen zu thematisieren, die diese Au-
bis zum neunten Monat straffrei. Dies gibt tonomie beständig untergraben, ist dazu kein
den betroffenen Frauen praktisch mehr Widerspruch: Es erweitert das Terrain und die
Entscheidungsfreiheit, was zu begrüßen ist. möglichen Verbündeten in diesem Kampf.
Zugleich wird durch die Standardisierung In der Praxis ist diese Erweiterung freilich
pränataler Diagnostiken und die Pathologisie- nicht ganz unproblematisch. Die Pro-choice-
rung »abweichender« Befunde hoher Druck Bewegung ist politisch heterogen und sammelt
ausgeübt. Angesichts der fehlenden Aussicht sich um eine einzelne Forderung und einen
auf gesellschaftliche Unterstützung und der einzelnen Abwehrkampf. Über strukturelle
starken Stigmatisierung von Behinderungen Herrschaftsverhältnisse zu sprechen, kann
überrascht es nicht, dass immer mehr solcher diesen Konsens gefährden. Dennoch: Mit
Schwangerschaften abgebrochen werden einer Erweiterung der Perspektive kommen
(etwa zu rund 90 Prozent bei der Diagnose auch neue Bündnispartner*innen in den Blick,
Downsyndrom). Sich für ein behindertes und zwar gerade solche, deren Anliegen unter
Kind zu entscheiden, wird damit tendenziell Umständen bislang wenig repräsentiert sind.
ungewöhnlicher und begründungsbedürftiger, Viele Bündnisse für sexuelle Selbstbestim-
ja womöglich zunehmend zur »unverant- mung gehen genau diese Schritte: Sie nehmen
wortlichen« Einzelentscheidung, für die die auch soziale Absicherung und Gesundheitsver-

124 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


sorgung mit in ihren Forderungskatalog auf Kampf gegen Neoliberalismus und rechten
und beziehen die Stimmen von Frauen mit Autoritarismus aufnehmen.
Behinderung oder ohne Papiere in Diskus- Die globalen Frauenstreiks sind ein Bei-
sionen ein. Für reproduktive Gerechtigkeit zu spiel, wie feministische Bewegungen den Ho-
streiten, muss also nicht heißen, alle Themen rizont gesamtgesellschaftlicher Veränderung
zugleich zu bearbeiten oder unter einem neuen, aufreißen können, ohne sich im Abstrakten zu
schicken Slogan zu versammeln. Es ist eine verlieren. Sie verbinden vielfältige, verstreute,
Möglichkeit, die Widersprüche der eigenen häufig unsichtbare Kämpfe und fordern eine
Praxis zu reflektieren und die Verbindungen zu kollektive und solidarische Organisierung von
anderen Kämpfen zu erkennen. So lässt sich Sorgearbeit. Das Narrativ, das sich durch die
verhindern, dass sie gegeneinander ausgespielt Bewegungen gegen Frauenmorde, durch die
werden, wie etwa beim Thema Spätabtrei- Kämpfe um Care-Arbeit und die Frauenstreiks
bung. Denn es gibt sie bereits, die vielfältigen zieht, ist die Sorge um das Leben und die Pro-
Akteure, die auf verschiedenen Ebenen um duktion des Lebens – als Ort der Ausbeutung,
reproduktive Gerechtigkeit kämpfen: Neben aber zugleich auch als Quelle der Macht von
den Pro-choice-Bündnissen sind es die Selbst- Frauen. Das Leben – und zwar jedes Leben –
organisationen migrantischer und geflüchteter wertzuschätzen und zu schützen eröffnet die
Frauen und Familien, Gesundheitskollektive, direkte Konfrontation mit einer Ökonomie der
Initiativen für gute Kita- oder Geburtsversor- Ausbeutung und Zerstörung menschlicher
gung sowie Arbeitskämpfe für die Aufwertung und natürlicher Lebensgrundlagen. Wenn
von Sorgearbeit, etwa die der Erzieher*innen. wir nicht in die Falle eines essenzialistischen
Sich als Teil einer gemeinsamen gesellschaftli- Verständnisses des Lebens und des Frauseins
chen Auseinandersetzung zu verstehen – einer gehen, kann genau dieses Selbstbewusstsein
für reproduktive Gerechtigkeit – stärkt nicht ein Punkt der gemeinsamen Identifikation
nur die Einzelnen, sondern insgesamt den und der gesellschaftlichen Veränderung sein.
Gegenpol zum rechten Kulturkampf.
Denn der Feminismus ist die vorderste
Front im Kampf gegen den rechten Backlash. LITERATUR
Genau darum muss sein Versprechen der Cahoon, Kate, 2018: Bedingt selbstbestimmt. Warum der
Kampf um Schwangerschaftsabbruch erst begonnen hat,
Emanzipation über ein liberales, indivi- in: LuXemburg 2/2018, 106–113
dualistisches Bild von Chancengleichheit Fried, Barbara/Schurian, Hannah, 2016: Nicht im Gleich-
schritt, aber Hand in Hand. Verbindende Care-Politiken
hinausgehen, das der Ökonomisierung des in Pflege und Gesundheit, in: LuXemburg 1/2016, 96–107
Sozialen und der ungleichen Verteilung von hooks, bell, 1991: Homeplace. A site of resistance, in:
Yearning: race, gender, and cultural politics, London,
Lebenschancen, kurz: der Fortschreibung 382–390
von Klassenherrschaft und Rassismus nichts Knittler, Käthe/Bolyos, Lisa, 2018: Der schwarz-blaue Fa-
milienbonus – wer profitiert, wer leer ausgeht, https://
entgegenzusetzen hat. Die feministischen mosaik-blog.at/was-bedeutet-familienbonus-familienpo-
litik-schwarz-blau-fpoe-oevp/
Bewegungen unserer Zeit sind genau dort
Ross, Loretta J./Solinger, Rickie, 2017: Reproductive Justice.
am hoffnungsvollsten, wo sie den doppelten An Introduction, Oakland

CLASS & CARE | LUXEMBURG 1/2019 125


WAS IST
DEMOKRATISCHES
CHARISMA?

MAX LILL Die Erfolge der radikalisierten Rechten reißen


nicht ab. Der Hegemonieverlust der politischen
Eliten könnte sich im Wirtschaftsabschwung
noch beschleunigen. Diese bedrohliche Ent-
wicklung beflügelt Diskussionen um einen
linken Populismus. Wie auch immer man sich
zu diesem schillernden und hierzulande eher
negativ besetzten Begriff positionieren mag, die
Debatte hat einen erfreulichen Nebenaspekt: Sie
vergegenwärtigt, wie entscheidend die Mobili-
sierung von politischen Leidenschaften ist, von
Bildern einer anderen, demokratischen Praxis,
die ein linkes Projekt verbinden und antreiben
könnten – und die sich symbolisch auch in
sinnlichen Formen und charismatischen
Figuren verdichten müssten. Gramsci sprach
vom Kampf für »ein neues moralisches Leben,
das eng an eine neue Intuition vom Leben ge-
bunden sein muss«, eine Kultur, die aus ihrem
»Innern Persönlichkeiten hervorzubringen
[vermag], die vorher nicht genügend Kraft ge-
funden hätten, sich in gewissem Sinn vollendet
auszudrücken« (Gramsci, Gef 10, 2111).

126 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


Tatsächlich fällt auf, dass linke Bewegungen, 2018). Ich sehe hier von den Unklarheiten
wo immer sie in den letzten Jahren größere und politischen Differenzen ab, die sich mit
Mobilisierungserfolge erringen konnten, dem Begriff Linkspopulismus verbinden. Ich
mit starken charismatischen Dynamiken will nur zwei Probleme ansprechen: Zum ei-
verknüpft waren (Tsipras und Varoufakis in nen kann es (im Gegensatz zur rechten Hetze)
Griechenland, Iglesias und Colau in Spanien, natürlich nicht nur um Wut und Polarisierung
Corbyn in England, Mélenchon in Frankreich, gehen. Der linke Populismusdiskurs spielt mit
Sanders und aktuell Ocasio-Cortez in den dem Feuer einer zu einseitig »dissoziativen«
USA). Diese starke Personalisierung der Politikkonzeption. Zweifellos muss die Linke
öffentlichen Wahrnehmung und politischen sich konsequent vom neo- und zunehmend
Führung ist vielen Linken, gerade hierzulan- illiberalen Mainstream abgrenzen und zu
de, eher suspekt. Die naheliegende Sorge ist, harten Konfrontationen bereit sein.
dass derart herausgehobene Sprecherpositio- Aber ausgerechnet mit Carl Schmitt, dem Vor-
nen Machtungleichgewichte in der Bewegung denker des Faschismus, den »unüberwindli-
verstärken und die emotionalisierte Fixierung
auf einzelne Repräsentant*innen leicht irratio-
nale und autoritäre Züge annehmen kann. MAX LILL ist Soziologe und Politikwissenschaftler.
Mario Candeias (2018) sieht diese Gefahr Er hat zu Musik und Jugendkultur geforscht,
Arbeits- und Reproduktionsansprüche untersucht
ebenfalls, betont aber, in den genannten Bei-
sowie über Krisenerfahrungen und Rechts-
spielen zeige sich gerade ein »postautoritäres extremismus geschrieben. Gerade promoviert er
Charisma«. In diesem verdichte sich die »Kul- zum Thema »Demokratisches Charisma«.
tur einer Suche nach wirklicher Demokratie,
nach neuen solidarischen Umgangsformen,
nach Aufbruch«. Ich teile diese Einschätzung chen Antagonismus« zum überhistorischen
und will das zum Anlass nehmen, der Wir- »Wesen« des Politischen (ebd.) zu verklären,
kungsweise von »demokratischem Charisma« dürfte kaum dazu beitragen, der gefährlichen
weiter nachzugehen. Verhärtung der Lagerspaltungen ein inklusi-
ves demokratisches Projekt entgegenzuset-
(SELBST-)TRANSFORMATION ERFORDERT zen. Nicht nur die Inhalte, auch die Formen
MEHR ALS POPULISTISCHE POLARISIERUNG der Politik – und damit die sie tragenden
Von Anhänger*innen einer linkspopulisti- Akteure – müssten sich in einem Transforma-
schen Strategie wird, oft im Anschluss an tionsprozess ja grundlegend verändern – und
Mouffe/Laclau, auf der Markierung einer zwar in Richtung einer stärker »assoziativen«
klaren Frontlinie zwischen »dem Volk« und Auffassung des Politischen, wie sie etwa
der »herrschenden Elite« insistiert. Die sich Hannah Arendt oder in anderer Weise auch
öffnende Repräsentationslücke soll so mit der pragmatistische Philosoph und Sozialre-
einem linken Sammlungsprojekt als Alternati- former John Dewey mit seinem Verständnis
ve zur Neuen Rechten gefüllt werden (Mouffe von »Demokratie als Lebensform« formuliert

WAS IST DEMOKRATISCHES CHARISMA? | LUXEMBURG 1/2019 127


haben. Hier wird das Bedürfnis nach Allge- Emotionen zu setzen oder gar zu suggerieren,
meinwohl und nach Gegenseitigkeit stärker es ginge nur darum, ohnehin vorhandene
betont, der junge Marx sprach von wahrhaft Affekte, seien sie nun wütend oder sanft,
menschlichen Bedürfnissen. Damit spielen stellvertretend zu repräsentieren: im Sinne
Empathie, Sanftheit und Liebe eine zentrale des sprichwörtlichen Rohrs, durch das es zu
Rolle. Eine Linke, die dafür einsteht, muss sprechen (respektive zu schreien) gelte. Die
mit einer breiten Klaviatur symbolischer Pra- Übersetzung von Gefühlen aus einem intimen
xen aufwarten. Und vor allem muss sie ihre Erleben in ein performatives und kollektiv
eigene politische Kultur verändern, die iden- erfahrbares Interaktionshandeln ist ein kom-
titäre Verhärtung von Konfliktlinien genauso plexer Prozess, in dessen Verlauf die Emp-
überwinden wie den verbreiteten Mangel findungen sich umbilden, ja oft überhaupt
an Sensibilität im persönlichen Umgang, erst in ihren jeweiligen Verkörperungsweisen
der Teil einer implizit oft hoch kompetitiven geweckt werden.
Leistungsethik ist. Alltagssolidarität muss
praktisch spürbar werden. CHARISMATISCHE LICHTBLICKE UND
Das verweist auf den zweiten Punkt, an LINKE BERÜHRUNGSÄNGSTE
dem linkspopulistische Positionen zu kurz Welche Rolle kommt hierbei nun dem
greifen: Es kann nicht nur um eine medial- Charisma zu? Auffällig ist zunächst, dass
diskursive Verknüpfung der verschiedenen die Nachfrage nach inspirierenden öffentli-
Widerstände gehen. Die Stärkung dissidenter chen Figuren, die dem an Nahrung satten
Empfindungsstrukturen durch charisma- Pessimismus des Verstandes den fragileren
tische Bündelung setzt eine Nähe zu den Optimismus des Willens zur Seite stellen,
Lebenswelten und eine Verankerung in den groß ist. Das zeigte sich zuletzt im spektaku-
mikrosozialen Kämpfen voraus. Sie kann lären Aufstieg von Alexandria Ocasio-Cortez
nicht hergestellt werden durch zentral or- zur jüngsten US-Kongressabgeordneten aller
chestrierte »populistische« Narrative, die von Zeiten und tanzenden Verkörperung des
Spindoktoren am grünen Tisch um vermeint- linken Aufbruchs. In kürzester Zeit bildete
lich »leere« Signifikanten herum konstruiert sich eine Begeisterungswelle in den sozialen
werden. Wohin das führen kann, zeigte sich Medien, die überschwappte ins kommerziell
jüngst beim Rohrkrepierer der Initiative und ideologisch deformierte Feld der Massen-
#aufstehen. Und wie das Beispiel Podemos medien, um deren verstopfte Kanäle durchzu-
belegt, kann ein Mangel an demokratischer spülen mit neuen Ideen und Stimmen.
Erdung des engeren Führungskreises auch Das Gerede, es handele sich hier ja doch
vor dem Hintergrund breiter Massenmobili- nur um weitere Spielarten kultureller »Iden-
sierungen schnell zum Verlust von Charisma titätspolitik« – die rhetorisch begabte Frau sei
und Zustimmung führen. eben jung, schön und eine Latina –, blamiert
Es bringt insofern auch wenig, daran zu sich schon angesichts der unmissverständ-
appellieren, in der Politik doch bitte mehr auf lichen Botschaften dieser neuen Gesichter.

128 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


Zudem wurden ganz ähnliche Dynamiken EINE REVOLUTIONÄRE BEZIEHUNGSDYNAMIK
ausgerechnet von zwei älteren weißen Herren Wie also lassen sich charismatische Phäno-
mit persönlich eher diskretem Auftreten mene verstehen? Wie lassen sich ihre Kräfte
ausgelöst: nämlich von Bernie Sanders und nutzen und ihre Gefahren eindämmen?
Jeremy Corbyn, deren Kandidaturen wesent- Im Alltagssprachgebrauch meint Charisma
lich beitrugen zum linken Erneuerungspro- eine schwer bestimmbare »Ausstrahlung«:
zess im angloamerikanischen Zentrum des vermeintlich eine Eigenschaft besonderer
Finanzmarktkapitalismus, in dem in den Personen. Charisma gilt heute in praktisch
nächsten Jahren entschieden werden dürfte, ob allen Lebensbereichen als begehrenswert –
die sich anbahnenden globalen Katastrophen und im scharfen Kontrast zum traditionellen
wenigstens eingedämmt werden können. Verständnis als (göttliche) »Gnadengabe«
Beide überzeugten durch die biografische Kon- zunehmend auch als erlernbare Sozialtech-
sequenz und Integrität ihres Engagements. nik: Ratgeber und Managementkonzepte
Sie erreichten vor allem bei jungen Menschen propagieren es als Schlüssel zur erfolgreichen
überragende Zustimmungswerte und wurden, Selbst- und Weltveränderung. Nur in der
so wenig sie sich selbst wohl je für »hip« Politik, zumal in Deutschland, gilt Charisma
gehalten hatten, wie Popstars gefeiert – ein als gefährlich. Gerade viele Linke denken
Umstand, der etwa Corbyn in Glastonbury zuerst an Trump oder Hitler. Sie verweisen,
2017 sichtlich amüsierte. durchaus zu Recht, auf das »bonapartistische
Solche Hypes führen natürlich zu einer Moment« der Krise: den Glauben an starke
Konzentration symbolischer Macht. Ansprü- Männer als Retter in der Not.
chen auf Selbstvertretung und Gleichheit Bei näherem Hinsehen stellt man aber
läuft das zuwider. Nur: Dieser Widerspruch fest, dass keine der großen Emanzipationsbe-
ist unter kapitalistischen Bedingungen, die wegungen ohne zentrale Symbolfiguren aus-
faktisch durch Hierarchien und personali- kam. Es braucht Menschen, in denen sich ihre
sierende Empfindungsstrukturen geprägt Ziele und Ideale besonders verkörpern und in
sind, zunächst unvermeidlich. Er bedarf deren öffentlichem Auftreten sich ihre (auch
umso mehr der Reflexion und Bearbeitung, widerstreitenden) Impulse kristallisieren,
um ihn in produktiver Spannung zu halten verpuppen und in die Gesellschaft insgesamt
und einem Abgleiten in autoritäre Formen ausstrahlen. Max Weber, der bürgerliche
vorzubeugen. Dieses Thema zu meiden, weil Säulenheilige der Soziologie, charakterisierte
es unbequem erscheint, oder es zugunsten Charisma sogar als revolutionäre Kraft par ex-
einer naiven Ablehnung charismatischer cellence. In gesellschaftlichen Krisen trete sie
Führung aufzulösen, verlängert nur den als Träger des Neuen auf. Empirisch spricht
Zustand der gesellschaftlichen Handlungs- viel für diese These.
und Deutungsschwäche der Linken. Dann Charisma kann dabei, wie Weber zu
bleibt es rechten Demagogen überlassen, der Recht hervorhob, nicht als eine substanzielle
Wut ein vergiftetes Ventil anzubieten. Eigenschaft bestimmter Personen verstanden

WAS IST DEMOKRATISCHES CHARISMA? | LUXEMBURG 1/2019 129


werden. Es bezeichnet eine soziale Bezie- de Sichtbarmachung und Transformation
hungsdynamik der kollektiven Zuschreibung verdrängter Erfahrungen und blockierter
und Umbildung von Bedürfnissen, Werten Potenziale ist entscheidend.
und Hoffnungen, wie auch immer diese
inhaltlich orientiert und ideologisch begründet SELBSTREFLEXIVITÄT
sein mögen. Charismatiker*innen nehmen ALS QUELLE VON CHARISMA
diese Projektionen auf, befeuern durch ihr Weber und in seiner Nachfolge die allermeis-
Reden und Handeln die Leidenschaften ten Studien nahmen stets an, dass Charisma
und treiben damit kreativ-schöpferisch eine auf dem Glauben an eine radikal außeralltäg-
Bewegung an. Emile Durkheim sprach vom liche Begabung oder Erwähltheit dieser einen
»Dämon der Beredsamkeit«. Die Sprecher*in Person basiert. Irrationale Unterordnung der
wird von der Wucht des sozialen Begehrens »Jünger« galt als Definitionsmerkmal. Ein
ergriffen, über ihr Alltagsselbst hinausge- aufgeklärt demokratisches Charisma erschien
trieben und so befähigt, intuitiv die richtigen damit schon a priori unmöglich. Ocasio-Cortez
Worte und Gesten zu finden. befeuert die politischen Leidenschaften, so
Wolfgang Lipp erklärt dieses »soziale meine Vermutung, aber gerade dadurch, dass
Grenzverhalten« aus einem dialektischen sie sich trotz ihres unübersehbaren Talents
Umschlag von Stigmatisierung in cha- und der Macht plötzlicher Massenaufmerk-
rismatische Aufladung (Lipp 2010): Die samkeit selbst nicht zu wichtig zu nehmen
Zuschreibung sozialer Schuld und Abwer- scheint. Sie bleibt ständig im Austausch mit
tung durch herrschende Kontrollinstanzen einem sie tragenden Bewegungsnetzwerk,
werde von Charismatiker*innen und ihren stellt ein hohes Maß an Transparenz über
Anhänger*innen demonstrativ angenommen, Strukturen und Entscheidungen in ihrem
in ihrer Wertung aber kreativ umgepolt, so- Umfeld her und setzt ihre kurzen Drähte
dass die Herrschaftsinstanzen selbst als schul- zu anderen progressiven Kandidat*innen
dig und illegitim erscheinen. Das kann sich in offensiv in Szene. Sie wird gerade dafür
emanzipatorischer Perspektive etwa auf sozia- gefeiert, dass ihr die Eigenschaften fehlen,
le Identitätszuschreibungen als »verschuldetes die Charismatiker*innen so oft (und nicht
Kind der Arbeiterklasse«, als »schwarz«, selten zu Recht) unterstellt werden, nämlich
»queer«, »hypersensibel-verletzlich« beziehen. Selbstüberhöhung und Narzissmus. Ähnliches
Die damit verbundenen Erfahrungen verwan- gilt für Sanders, der eine eher minimalistische,
deln sich in der charismatischen Artikulation bewusst redundante Rhetorik pflegt und seine
von etwas Verleugnetem und Verfemten in erneute Kandidatur mit dem Aufruf zur Mas-
den legitimen Ausgangspunkt für Kritik und senmobilisierung verband: Selbst als Präsident
Umsturz der hegemonialen Werteordnung, könne er sonst nicht viel ausrichten.
samt ihrer sozialen Machtträger. Dabei kommt Bemerkenswert ist auch der Nachdruck,
es nicht in erster Linie auf die individuelle mit dem Ocasio-Cortez die Bedeutung charis-
Betroffenheit als solche an. Die überzeugen- matischer Repräsentation einerseits hervor-

130 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


Lausanne, Februar 2019, Gustave Deghilage

hebt, andererseits aber in ihren Gefahren munikation auszubrechen und wirkungsvoll


reflektiert. Die penetrante Personalisierung etwas Wahres zu sagen. Und genau diese
in den Massenmedien weist sie ständig zu- Erfahrung kann die charismatische Dynamik
rück und macht darauf aufmerksam, dass sie beflügeln.
nur in dem Maße über sich hinauswachsen Um dies adäquat zu beschreiben, muss
könne, wie die Bewegung ihre selbstständi- ein Charisma-Begriff entwickelt werden,
gen Energien mobilisiere und in ihrer Person der öffentliche Repräsentation als Teil eines
spiegele, ihr also temporär die Aufgabe der konfliktreichen Prozesses der gemeinsamen
Repräsentation zuweise. In einem Video der Anverwandlung der Welt versteht. Hartmut
Justice Democrats unter dem Titel »Before Rosa (2016, 362ff) hat dies auch als politische
Alexandria was known as AOC« wird auch die »Resonanzerfahrung« beschrieben. Die
systematische Suche nach solch passionier- musikalische Metaphorik ist nicht zufällig
ten Außenseiter*innen mit Verankerung in gewählt: Zur Sensibilisierung für die subti-
Arbeiterklasse-Communities und Grassroots- len Nuancen sozialer Erfahrung gehört an
Bewegungen deutlich. Authentizität und zentraler Stelle der Umgang mit ästhetischen
bewusste Inszenierung bilden dabei keinen Artikulationsweisen. Auch künstlerische
Widerspruch. Im Gegenteil: Gekonnte Dar- Charismatiker*innen spielen für Emanzipa-
stellung ist die Voraussetzung, um aus den tionsbewegungen deshalb eine entscheidende
eingefahrenen Mustern öffentlicher Kom- (an anderer Stelle zu vertiefende) Rolle.

WAS IST DEMOKRATISCHES CHARISMA? | LUXEMBURG 1/2019 131


DEMOKRATISCHE FÜHRUNG sätzlich prekär« zu bestimmen. Die Schwäche
JENSEITS DES TAKTSTOCKS der Verteidiger*innen einer liberalen Demo-
Es bietet sich daher an, abschließend ein Bild kratie gründe darin, dass es ihnen an Modellen
von Elias Canetti zu bemühen. Dieser hatte in für »demokratische Autorität« mangele. Den
»Masse und Macht« den Dirigenten als Meta- konsensorientierten, reaktiv reparierenden statt
pher für politische Führung und das Konzert offensiv gestaltenden Eliten fehle es zudem
als Sinnbild einer Versammlungsöffentlichkeit an klar unterscheidbaren Kollektivzielen. Ihre
mit zweistufiger hierarchischer Konstellation Autorität sei deshalb auf personales Charisma
vorgestellt. Der Dirigent, der als einziger die angewiesen und erodiere, wo ein solches aus-
ganze Partitur im Kopf haben muss, »herrscht« bleibt. Tatsächlich war das Fehlen von Charisma
demnach über die Musiker*innen des Orches- bei Merkel aber ja lange Programm und Erfolgs-
ters, die ausführenden Organe, die ihm zu geheimnis: Die als beruhigend empfundene
absolutem Gehorsam verpflichtet sind: »So hat Langeweile war Ausdruck der in Deutschland
er Macht über Leben und Tod der Stimmen« verbreiteten Angst vor Veränderung. Und das
(Canetti 1960, 468) im kollektiven Körper Charisma eines Renzi oder Macron (nicht zu
der musikalischen (respektive politischen) sprechen vom pseudocharismatischen »Schulz-
Organisation. Gegenüber dem Publikum, das Effekt«) verpuffte vor allem deshalb so schnell,
im Dunkel des Saales anonym, passiv und weil deren Politik gegen den Willen einer
vereinzelt bleibt und dem der Dirigent den Bevölkerungsmehrheit verstößt – Demokratie
Rücken zugekehrt hat, ist er dagegen »führend«. insofern auch nicht verteidigt, sondern selbst
Denn am Applaus, den er nicht erzwingen kann, untergräbt. Ein rein personales Charisma ist
wird sein Erfolg am Ende gemessen. Canettis überhaupt schwer vorstellbar. In der Person
Bild von Führung entspricht dem einer strikten verkörpert sich eben ein soziales Projekt.
Elitenvorherrschaft. Es ist dieses Modell einer Das Dilemma demokratischer Autorität
»Führerdemokratie«, das auch Max Webers mag sich zwar nicht auflösen, aber doch
Ausführungen über charismatische Herrschaft entschärfen lassen. Dafür gibt es passendere
im Parlamentarismus zugrunde lag (vgl. Nippel musikalische Metaphern (auch jenseits von Sir
2000). Für partizipativ-demokratische Ansprü- Simon Rattle). Diese bestehen sicher nicht in
che ist es viel zu autoritär strukturiert. Insofern der direkten Negation des klassischen Kon-
mag es als schöne Freud’sche Fehlleistung zertsaals: etwa der sich in Klangexperimenten
gelten, dass Angela Merkel – die (nicht zufällig) verlierenden Hippie-Band, mit ihrem trancear-
denkbar uncharismatische »Deutschland geht tig, in anarchisch-verträumter Führungslosigkeit
es gut«-Kanzlerin – auf dem CDU-Parteitag als tanzenden Publikum. Auch das aggressive
Abschiedsgeschenk einen Taktstock überreicht Punkkollektiv ist in seiner Negativität und
bekam. Idealisierung von Dilettantismus wohl ungeeig-
Christoph Michael und Grit Straßenberger net. Einem Sinnbild demokratischer Führung
(2018/19) nehmen Canettis Bild zum Anlass, nähern wir uns eher bei der Betrachtung einer
politische Autorität in Demokratien als »grund- gut geschulten Band, die unter Regie eines

132 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


charismatischen, aber nicht dominanten Lea- spielen. Die größere Schwierigkeit dürfte darin
ders und auf Basis eingeübter Grundmotive bestehen, die Bedürfnisse der vielen Passivier-
improvisiert, sich dabei wechselseitig rückkop- ten und Desillusionierten zu erspüren – ganz zu
pelt und ausdifferenziert. In der Variation der schweigen von der Einhegung des Irrsinns, der
Set-Liste wie auch in den spontanen Jam- sich in den rechten Parallelwelten aufschaukelt.
sessions müsste diese Band auf ein Publikum Demokratisches Charisma erwächst in
eingehen, das selbst durch Bewegungen, Rufe jedem Fall aus der Fähigkeit, viele Stimmen
und Gesten interveniert und zwischenzeitlich in prägnanten Bildern und Erzählfiguren zu
selbst die Bühne bespielt. Das käme dem, was bündeln. Diese müssen offen genug für das
sich in den Rhythm-and-Blues-, Folk-, Soul- Neue und Heterogene sein, zugleich aber
und Jazzclubs der 1960er Jahre erleben ließ, durchdrungen von Tradition und Erinnerung.
recht nahe (vgl. Lill 2013). Nur dann kann es gelingen, die lebendigen Rufe
des Hier und Jetzt mit den alten Stimmen aus
VIELE STIMMEN GEBÜNDELT dem Untergrund und den autopoetisch anti-
AUF DIE GROSSE BÜHNE ÜBERSETZEN zipierten möglichen Stimmen einer besseren
Darin, so ließe sich vorläufig resümieren, Zukunft zu synchronisieren, ohne sie unter
besteht der Kern demokratischen Charismas: Es einer vermeintlich schon fertigen Komposition
greift auf, was es aus ständigen Interaktionen er- zusammenzuzwingen.
fährt, artikuliert verdrängte subalterne Erfahrun-
gen auf einer größeren Bühne, wo man diese
LITERATUR
sonst kaum hört, systematisiert progressive Candeias, Mario, 2018: Populistisches Momentum? Lernen
von Corbyn, Sanders, Mélenchon, Iglesias (Ein indirekter
Tendenzen des Alltagsverstandes und übersetzt Kommentar zur Kampagne von #aufstehen), in: LuXem-
so zwischen molekularen Mikroöffentlichkeiten burg-Online, Oktober 2018, www.zeitschrift-luxemburg.
de/populistisches-momentum-lernen-von-corbyn-sanders-
und gesellschaftlichen Massenöffentlichkei- melenchon-iglesias-ein-indirekter-kommentar-zur-kampa-
ten – um beide zu verändern. Dazu muss die gne-von-aufstehen/
Canetti, Elias, 1960: Masse und Macht, Frankfurt/a.M., [2010]
Charismatiker*in mindestens so viel zuhören Gramsci, Antonio, 1991: Gefängnishefte, hg. v. Klaus
wie sprechen und in Kontakt mit einem kollekti- Bochmann, Wolfgang Fritz Haug u. Pete Jehle, Berlin/
Hamburg
ven Lernprozess bleiben. Lill, Max, 2013: The whole wide world is watchin’ – Musik
All das bedeutet nicht, vor strategischen, oft und Jugendprotest in den 1960er Jahren. Bob Dylan
und The Grateful Dead, Berlin
nicht konsensfähigen oder sogar unpopulären Lipp, Wolfgang, 2010: Stigma und Charisma. Über soziales
Entscheidungen auf Grundlage politischer und Grenzverhalten, Würzburg
Michael, Christoph/Straßenberger, Grit, 2018/19: Ein
fachlicher Expertise zurückzuschrecken. Nur ambivalentes Konzept. Über politische Führung, in:
muss darüber laufend Rechenschaft abgelegt Mittelweg 36, 3–15
Mouffe, Chantal, 2018: »Wir brauchen einen Populismus
werden. Das ist heute auch in neuem Ausmaß von links«, Interview von Daniel Binswanger, in:
Republik, 8.9.2018
möglich, weil große Teile des »Publikums«
Nippel, Wilfried, 2000: Charisma und Herrschaft, in: ders.
durch soziale Medien und (oft erzwungene) (Hg.), Virtuosen der Macht. Herrschaft und Charisma
von Perikles bis Mao, München, 7–22
expressive Selbstaktivierung »musikalisch«
Rosa, Hartmut, 2016: Resonanz. Eine Soziologie der Welt-
geschult sind, lautstark kommentieren oder mit- beziehung, Berlin

WAS IST DEMOKRATISCHES CHARISMA? | LUXEMBURG 1/2019 133


Wenke Christoph und
Stefanie Kron (Hrsg.)
SOLIDARISCHE STÄDTE
IN EUROPA
Urbane Politik zwischen
Charity und Citizenship
118 Seiten, Broschur
Februar 2019, ISBN 978-3-9818987-7-4
Download und Bestellung unter:
www.rosalux.de/publikation/id/40039

Stefanie Ehmsen,
Dossier Albert Scharenberg (Hrsg.)

EUROPA N
DIE RADIKALE RECHTE
AN DER REGIERUNG
LE
DER V IEe/dossiers/
Sechs Fallbeispiele aus Europa
87 Seiten, Broschur, August 2018
lux.d
www.rosa r-vielen/
Download und Bestellung unter:
euro -de
p a www.rosalux.de/publikation/id/39160
lin s/
k

Felix Syrovatka, Etienne Schneider


und Thomas Sablowski
ZWISCHEN STILLER
REVOLUTION UND ZERFALL
Der Kapitalismus in der Europäischen
Union nach zehn Jahren Krise
Analysen 49, 31 Seiten, Broschur
September 2018, ISSN 2194-2951
Download und Bestellung unter:
www.rosalux.de/publikation/id/39345

Alex Demirović,
Mario Candeias (Hrsg.)
EUROPE –
WHAT‘S LEFT?
Axel Troost und Rainald Ötsch Die EU zwischen Zerfall,
CHANCE VERTAN Autoritarismus und
Zehn Jahre Finanzkrise und Regulierung demokratischer Erneuerung
der Finanzmärkte – Eine Bilanz Verlag Westfälisches Dampfboot
Analysen 47, 44 Seiten, Broschur 344 Seiten, Broschur, April 2017,
August 2018, ISSN 2194-2951 ISBN 978-3-89691-850-5
Download und Bestellung unter: Download und Bestellung unter:
www.rosalux.de/publikation/id/39182 www.rosalux.de/publikation/id/14782

134 LUXEMBURG 1/2019 | EUROPA – TROTZ ALLEDEM


IZ3W 371 WIDERSPRUCH 72 PROKLA 194

»Alles hängt mit allem zusammen« POSTKOLONIALE VERSTRICKUNGEN DER EINSPRUCH


Interview mit Michael Butter GLOBALEN SCHWEIZ Thomas Sablowski Weltmarkt, Nationalstaat
Peter Bierl Die andere Realität Bernhard C. Schär Rösti und Revolutionen und ungleiche Entwicklung
Olaf Kistenmacher Wer dahintersteckt Hans Fässler (Text)/Barnabás Bosshart Zur Analyse der Internationalisierung des
(Bilder) Trogen–Maranhão–Martinsmad. Kapitals (Teil 1)
Florian Eisheuer Digitaler Bullshit
Eine transatlantische Spurensuche Jakob Graf Indiens großer Sprung
Felix Schilk Die illiberale Demokratie
Jovita dos Santos Pinto/Patricia Purtschert Über die Integration des südasiatischen
und ihre Feinde
Zur Aktualität des postkolonialen Riesen in die Weltwirtschaft
Felix Riedel Realität erzeugen
Feminismus für die Schweiz Frauke Banse Compact with Africa – der
Aleksandra Brzostek Genwaffen deutsche Beitrag zur Investitionsliberalisie-
Toni Keppeler Freiheit ist schwarz
und Weltraumgeschosse rung und Finanzialisierung in Afrika
Warum an die Revolution in Haiti erinnert
Johannes Bär Say it loud werden muss Hans-Jürgen Bieling Globalisierungs-
POLITIK UND ÖKONOMIE Sarah Suter Das Wasserschloss Europas konflikte Die strategische Positionierung
und Rolle der EU in der neuen Triade-
Antirassismus: »Ein öffentlicher Anja Suter Chemie zwischen Basel und
Konkurrenz
Aufschrei« Interview mit Alistair Tamlit Bombay
Christoph Scherrer Direkte Konfrontation
Nikolas Grimm Regula Flury/Nina Schneider Botanischer
statt Umzingelung US-Handelspolitik
Migration: Ein Land Nationalismus und Pflanzendiplomatie
unter Trump mit China
als Wartesaal
Annina Clavadetscher Politischer Touris-
Kai Koddenbrock Geld, Weltmarkt und
Christoph Panzer Islamismus: mus in Südafrik
monetäre Dependenz Was uns die
Deradikalisiert euch!
Rahel Locher/Marc Oestreicher westafrikanische Franc-CFA-Zone über
Sarah Spasiano Bildung: »Ich wollte immer Racial Profiling kapitalistisches Geld sagt
studieren«
Halua Pinto de Magalhães Zwischen Axel Anlauf Eine »tickende geostrategische
Bianca Ysabelle Franco Philippinen: Symbolpolitik und Realengagement Zeitbombe«? Phosphathandel und
Hoffnungslos im Knast Restrukturierungen in der globalen
Wolfgang Kaleck Notwendige Kämpfe –
Andries du Toit und Sören Scholvin Doppelstandards im Völkerstrafrecht Düngemittelindustrie
Landwirtschaft: It’s the land, stupid!
Markus Wissen/Ulrich Brand Imperiale
EINSPRUCH
Lebensweise als postkoloniale Verstrickung
KULTUR UND DEBATTE Simon Guntrum Frankreichs Widersacher,
Jan Düsterhöft Medien: Würde und DISKUSSION Deutschlands »bad cop«? Die Formierung
Gleichheit der »New Hanseatic League« in den jüngs-
Alessandro Pelizzari Mit dem
ten Reformdiskussionen der Eurozone
Martina Backes Im Futur gedacht Inländervorrang in die Defensive
Peter Bescherer »Stadt von rechts« oder
Patrick Helber Postkolonialismus: Elisabeth Joris Stimmrecht, Kochtopf,
»Recht auf Stadt«?
Weiße Maske, schwarze Haut gleiche Löhne – Landesstreik 1918
Feminismus »Gemeinsame Urs Marti-Brander Produktivkraft Freiheit
antirassistische Kämpfe«
Interview mit dem Frauen*streik Komitee
Berlin

März/April 2019, 5,30 Euro 2. Halbjahr 2018, 25.00 CHF/18.00 Euro März 2019, 15 Euro (jährliches Abo. 42 Euro)
ISSN 1614-0095 ISBN-10: 3858698016 ISSN: 0342-8176
www.iz3w.org www.widerspruch.ch www.prokla.de

ZEITSCHRIFTENSCHAU | LUXEMBURG 1/2019 135


IMPRESSUM

LuXemburg. Gesellschaftsanalyse und linke Praxis 1/2019


ISSN 1869-0424

Herausgeber: Vorstand der Rosa-Luxemburg-Stiftung


V.i.S.d.P.: Barbara Fried, barbara.fried@rosalux.org, Tel: +49 (0)30 443 10-404
Redaktion: Harry Adler, Lutz Brangsch, Michael Brie, Johanna Bussemer, Mario Candeias,
Wenke Christoph, Judith Dellheim, Alex Demirović, Barbara Fried, Corinna Genschel,
Christiane Markard, Ferdinand Muggenthaler, Miriam Pieschke, Katharina Pühl,
Rainer Rilling, Thomas Sablowski, Hannah Schurian, Ingar Solty, Moritz Warnke und
Florian Wilde

Kontakt zur Redaktion: luxemburg@rosalux.org


Redaktionsbüro: Harry Adler, harry.adler@rosalux.org
Franz-Mehring-Platz 1, 10243 Berlin
Telefon: +49 (0)30 443 10-157
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Titelillustration: © Frieda Eberle
Druck: DRUCKZONE GmbH & Co. KG, Cottbus,
Druck auf PEFC-zertifiziertem und säurefreiem Papier

136 LUXEMBURG 1/2019 | IMPRESSUM


3/2018 ICH WERDE SEIN
Rosa Luxemburg steht für eine Haltung, in der Entschiedenheit im politischen Kampf und »weit-
3
eine Zeitschrift der rosa-luxemburg-stiftung 3
18

herzigste Menschlichkeit« ein Ganzes bilden. 100 Jahre nach ihrer Ermordung ist sie zur Ikone
»wer weitergeht, wird erschossen!«
luxemburg als soZialistische feministin GESELLSCHAFTSANALYSE UND LINKE PRAXIS 2018
2015
wie kritisiert man revolutionen?

geworden, doch die Beschäftigung mit ihrem Werk bleibt oft oberflächlich. Die Jubiläumsausgabe
care als feld neuer landnahme

LUXEmbURG
lehren und lernen mit luxemburg
ich werde sein  Drucilla cornell | Gal Hertz | tove SoilanD | 
15 tage, die die welt erschütterten
Jörn schütrumpf | uwe sonnenberg | walter baier | miriam

fragt nach der Bedeutung ihres Denkens und Tuns für heute: Wie dachte Luxemburg das Verhält-
ernst bloch mit gramsci lesen
pieschke | Judith dellheim | michael löwy | Janis ehling |
issn 1869-0424 Kate evanS | Jan reHmann | HolGer Politt u.a.

nis von Partei und Bewegung? Wie hielt sie es mit dem Internationalismus? Wie können wir uns
als Feminist*innen auf sie beziehen? Wie ging sie mit dem Widerspruch zwischen Reform und
Revolution um? Und was können wir von ihr über Strategien der Organisierung lernen?

Beiträge von Drucilla Cornell | Michael Brie | Alex Demirović | Judith Dellheim | Janis Ehling |
Gal Hertz | Michael Löwy | Miriam Pieschke | Holger Politt | Ingo Schmidt | Tove Soiland | Jörn
Schütrumpf, Ingar Solty & Uwe Sonnenberg u.a.

Januar 2019, 176 Seiten

2/2018 AM FRÖHLICHSTEN IM STURM: FEMINISMUS


Der Wind weht scharf. Autoritarismus und Rechtsradikalismus gewinnen an Zustimmung.
2
3
eine zeitsChrift der rosa-luxeMBurg-stiftung 2
von #Metoo zu #WestriKe
einstiege in eine feministische trAnsformAtion
18

GESELLSCHAFTSANALYSE UND LINKE PRAXIS 2018


2015
Aber auch der Feminismus ist zurück. Er bildet die einzige transnationale Bewegung, die
einen sicht­baren Gegenpol zur Rechten und zum Neoliberalismus markiert und den Aufbruch
gender als syMBolisCher Kitt
transfeMinisMus und neue KlassenpolitiK

LUXEmbURG
faMilien- und gesChleChterpolitiK á la afd
Am fröhlichsten im sturm: feminismus Margarita tsoMou |

in eine bessere Zukunft verkörpert. Sie ist sozial heterogen und thematisch vielfältig – AM
Kinder, KüChe, KlassenKaMpf
Kate Cahoon | atlanta ina Beyer | WeroniKa grzeBalsKa | lia
leBensWeise als frage gloBaler gereChtigKeit
BeCKer | Melinda Cooper | liz Mason-deese | eszter Kováts |
issn 1869-0424 andrea pető | alex WisChneWsKi | stefanie hürtgen u.a.

­FRÖHLICHSTEN IM STURM! Wie kann ein inklusiver Feminismus aussehen? Wie lässt er sich
von den Rändern her entwickeln? Und wie kann eine feministische Klassenpolitik entstehen,
die auch die Klassenanalyse auf die Höhe der Zeit bringt?

BEITRÄGE VON Margarita Tsomou | Kate Cahoon | Atlanta Ina Beyer | Weronika Grzebalska | Lia
Becker | Melinda Cooper | Liz Mason-Deese | Eszter Kováts | Andrea Pető | Alex Wischnewski |
Stefanie Hürtgen u.a.

September 2018, 144 Seiten

1/2018 Erst kommt das Fressen


Das globale Ernährungssystem scheitert nicht nur an dem Anspruch, die Welt satt zu machen.
1
3
EiNE ZEiTSchRiFT DER ROSA-luxEMBuRg-STiFTuNg 1
hARTZ-iV-MENü uND FEiNKOSTThEKE
AuFSTAND iN DER liEFERKETTE
18

GESELLSCHAFTSANALYSE UND LINKE PRAXIS 2018


2015
Es schafft auch neue Abhängigkeiten und untergräbt die Selbstbestimmung von Staaten und
lokalen Gemeinschaften. Es sind die Bewegungen von Landlosen und Kleinbäuer*innen im
AlTERNATiVEN jENSEiTS DER NiSchE
POPuliSMuS FüR DEN läNDlichEN RAuM?

LUXEmbURG
DEN BODEN NEu VERTEilEN
ERST KOMMT DAS FRESSEN PhiliP McMichAEl | STEPhANiE WilD |

globalen Süden, die sich seit Jahrzehnten für »Ernährungssouveränität« stark machen. Für sie
iMPERiAlE lEBENSWEiSE MEETS KlASSE
chRiSTA WichTERich | KAlyANi MENON-SEN | KiRSTEN TAcKMANN |
WAS BlEiBT VON 68?
SATuRNiNO M. BORRAS | liNDA REhMER | BENjAMiN luig | STEFFEN
iSSN 1869-0424 KühNE | ulRich BRAND | MARKuS WiSSEN | RhONDA KOch u.A.

ist der Kampf gegen das Ernährungsregime der Konzerne ein Kampf um Demokratie. Auch
hierzulande regt sich Widerstand gegen die Nahrungsmittelindustrie, nicht erst seit den »Wir
haben es satt«-Demonstrationen. Wie lässt sich diese Kritik von links aufgreifen und zuspitzen?

Beiträge von Philip McMichael | Stephanie Wild | Christa Wichterich | Kalyani Menon-Sen |
­ irsten Tackmann | Saturrnino M. Borras | Linda Rehmer | Benjamin Luig | Steffen Kühne |
K
Markus Wissen | Ulrich Brand | Rhonda Koch | Michael Bättig u.a.

Juni 2018, 132 Seiten

2–3/2017 MARXTE NOCH MAL?!


Am 5. Mai 2018 wäre Karl Marx 200 geworden. Wie lässt sich heute an sein Werk anschließen?
3 Und zwar so, dass die Theorie zum Maßstab für verändernde Theorie und Praxis werden kann?
EINE ZEITSCHRIFT DER ROSA-LUXEMBURG-STIFTUNG 2/3
17
WARUM NOCH MARXIST*IN SEIN? 2/3
DAS HEILVOLLE DURCHEINANDER DER REVOLUTION GESELLSCHAFTSANALYSE UND LINKE PRAXIS 2015
2017

Als Politiker wird Marx in der Linken wenig diskutiert, dabei lässt sich für aktuelle Strategiefra-
KLASSENPOLITIK UND UNIVERSELLE EMANZIPATION
WER IST EIGENTLICH DAS REVOLUTIONÄRE SUBJEKT?

LUXEMBURG
(RE-)PRODUKTION DER KOMMENDEN GEGENWART
MARXTE NOCH MAL?! BINI ADAMCZAK | ELMAR ALTVATER | ALAIN
Autofriedhof auf einer Wiese nahe des Dorfs Avgo. gen vieles lernen. Wie könnte »Marx-Consulting« die heutige Gewerkschaftspolitik befruchten?
KAPITALOZÄN
BADIOU | TITHI BHATTACHARYA | SILVIA FEDERICI | MICHAEL HARDT &
DER TOTE HUND ALS BERATER
ANTONIO NEGRI | FRIGGA & WOLFGANG F. HAUG | STEFANIE HÜRTGEN |
ISSN 1869-0424 KATJA KIPPING | MARCELLO MUSTO | KARL HEINZ ROTH U.A.
Epirus gehört seit Langem zu den ärmsten Regionen der EU. Wie kann ein von Marx inspiriertes Denken einen klassenpolitischen Feminismus bereichern?
© Dimitris Michalakis  Warum eigentlich heute Marxist*in werden, und noch wichtiger: bleiben? Und wie steht es mit
dem Subjekt der Revolution, der Transformation, der revolutionären Realpolitik?

Beiträge von Bini Adamczak | Elmar Altvater | Alain Badiou | Michael Brie | Tithi Bhattacharya |
Alex Demirović | Michael Hardt & Antonio Negri | Frigga & Wolfgang F. Haug | Michael Heinrich |
Stefanie Hürtgen | Katja Kipping | Marcello Musto | Karl Heinz Roth | Klaus Weber u.a.

_LUX_1702_TITEL_DRUCK.indd 1 24.01.18 12:39


Januar 2018, 196 Seiten
13
Eine Zeitschrift der Rosa-Luxemburg-Stiftung 1
19
Das linke Dilemma mit Europa
Autoritärer Konsens: das EU-Sicherheitsregime GESELLSCHAFTSANALYSE UND LINKE PRAXIS 2019
2015
Monster und Gespenster
Momentum für ein Europa der Vielen

luxemburg
Eine feministische Internationale im Werden
Europa – Trotz alledem Stuart Hall | Kathrin Röggla | Lukas
Was ist demokratisches Charisma?
Oberndorfer | Florian Weis | Kerstin Wolter | Max Lill | Alex
reproduktive Gerechtigkeit
Wischnewski | Hannah Schurian | Andrej Hunko | Beppe Caccia |
ISSN 1869-0424 Wenke Christoph | Stefanie Krohn | Sandro Mezzadra u.a.