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DIE FRAGE NACH DER TECHNIK

Im folgenden fragen wir nach der Technik. Das Fragen baut an 9


einem Weg. Darum ist es ratsam, vor allem auf den Weg zu ach-
ten und nicht an einzelnen Sätzen und Titeln hängenzubleiben.
Der Weg ist ein Weg des Denkens. Alle Denkwege führen, mehr
oder weniger vernehmbar, auf eine ungewöhnliche Weise durch
die Sprache. Wir fragen nach der Technik und möchten dadurch
eine freie Beziehung zu ihr vorbereiten. Frei ist die Beziehung,
wenn sie unser Dasein dem Wesen der Technik öffnet. Entspre-
chen wir diesem, dann vermögen wir es, das Technische in seiner
Begrenzung zu erfahren.
Die Technik ist nicht das gleiche wie das Wesen der Technik.
Wenn wir das Wesen des Baumes suchen, müssen wir gewahr
werden, daß jenes, was jeden Baum als Baum durch waltet, nicht
selber ein Baum ist, der sich zwischen den übrigen Bäumen an-
treffen läßt.
So ist denn auch das Wesen der Technik ganz und gar nichts
Technisches. Wir erfahren darum niemals unsere Beziehung zum
Wesen der Technik, solange wir nur das Technische vorstellen
und betreiben, uns damit abfinden oder ihm ausweichen. Über-
all bleiben wir unfrei an die Technik gekettet, ob wir sie lei-
denschaftlich bejahen oder verneinen. Am ärgsten sind wir je-
doch der Technik ausgeliefert, wenn wir sie als etwas Neutrales
betrachten; denn diese Vorstellung, der man heute besonders
gern huldigt, macht uns vollends blind gegen das Wesen der
Technik.
Als das Wesen von etwas gilt nach alter Lehre jenes, was et-
was ist. Wir fragen nach der Technik, wenn wir fragen, was
sie sei. Jedermann kennt die beiden Aussagen, die unsere Fra-
ge beantworten. Die eine sagt: Technik ist ein Mittel für Zwek- 10
ke. Die andere sagt: Technik ist ein Tun des Menschen. Beide
Bestimmungen der Technik gehören zusammen. Denn Zwek-
ke setzen, die Mittel dafür beschaffen und benützen, ist ein
menschliches Tun. Zu dem, was die Technik ist, gehört das
Verfertigen und Benützen von Zeug, Gerät und Maschinen, ge-
hört dieses Verfertigte und Benützte selbst, gehören die Bedürf-
8 Die Frage nach der Technik Die Frage nach der Technik 9

nissea und Zwecke, denen sie dienen. Das Ganze dieser Einrich- Das Richtige stellt an dem, was vorliegt, jedesmal irgend etwas
tungen ist die Technik. Sie selber ist eine Einrichtung, lateinisch Zutreffendes fest. Die Feststellung braucht jedoch, um richtig zu
gesagt: ein instrumentum. sein, das Vorliegende keineswegs in seinem Wesen zu enthüllen.
Die gängige Vorstellung von der Technik, wonach sie ein Mit- Nur dort, wo solches Enthüllen geschieht, ereignet sich das Wah-
tel ist und ein menschliches Tun, kann deshalb die instrumentale re. Darum ist das bloß Richtige noch nicht das Wahre. Erst dieses
und anthropologische Bestimmung der Technik heißen. bringt uns in ein freies Verhältnis zu dem, was uns aus seinem
Wer wollte leugnen, daß sie richtig sei? Sie richtet sich offen- Wesen her angeht. Die richtige instrumentale Bestimmung der
kundig nach dem, was man vor Augen hat, wenn man von Tech- Technik zeigt uns demnach noch nicht ihr Wesen. Damit wir zu
nik spricht. Die instrumentale Bestimmung der Technik ist sogar diesem oder wenigstens in seine Nähe gelangen, müssen wir
so unheimlich richtig, daß sie auch noch für die moderne Technik durch das Richtige hindurch das Wahre suchen. Wir müssen fra-
zutrifft, von der man sonst mit einem gewissen Recht behauptet, gen: was ist das Instrumentale selbst? Wohin gehört dergleichen
sie sei gegenüber der älteren handwerklichen Technik etwas wie ein Mittel und ein Zweck? Ein Mittel ist solches, wodurch
durchaus Anderes und darum Neues. Auch das Kraftwerk ist mit etwas bewirkt und so erreicht wird. Was eine Wirkung zur Folge
seinen Turbinen und Generatoren ein von Menschen gefertigtes hat, nennt man Ursache. Doch nicht nur jenes, mittels dessen ein
Mittel zu einem von Menschen gesetzten Zweck. Auch das Rake- anderes bewirkt wird, ist Ursache. Auch der Zweck, demgemäß
tenflugzeug, auch die Hochfrequenzmaschine sind Mittel zu die Art der Mittel sich bestimmt, gilt als Ursache. Wo Zwecke
Zwecken. Natürlich ist eine Radarstation weniger einfach als eine verfolgt, Mittel verwendet werden, wo das Instrumentale
Wetterfahne. Natürlich bedarf die Verfertigung einer Hochfre- herrscht, da waltet Ursächlichkeit, Kausalität.
quenzmaschine des Ineinandergreifens verschiedener Arbeits- Seit Jahrhunderten lehrt die Philosophie, es gäbe vier Ursa-
gänge der technisch-industriellen Produktion. Natürlich ist eine chen: 1. die causa materialis, das Material, der Stoff, woraus z.B.
Sägemühle in einem verlorenen Schwarzwaldtal ein primitives eine silberne Schale verfertigt wird; 2. die causa formalis, die
Mittel im Vergleich zum Wasserkraftwerk im Rheinstrom. Form, die Gestalt, in die das Material eingeht; 5. die causa finalis,
Es bleibt richtig: auch die moderne Technik ist ein Mittel zu der Zweck, z.B. der Opferdienst, durch den die benötigte Schale
Zwecken. Darum bestimmt die instrumentale Vorstellung von nach Form und Stoff bestimmt wird; 4. die causa efficiens, die den
der Technik jede Bemühung, den Menschen in den rechten Be- Effekt, die fertige wirkliche Schale erwirkt, der Silberschmied. 12
11 zug zur Technik zu bringen. Alles liegt daran, die Technik als Was die Technik, als Mittel vorgestellt, ist, enthüllt sich, wenn wir
Mittel in der gemäßen Weise zu handhaben. Man will, wie es das Instrumentale auf die vierfache Kausalität zurückführen.
heißt, die Technik »geistig in die Hand bekommen«. Man will sie Wie aber, wenn sich die Kausalität ihrerseits in dem, was sie
meistern. Das Meistern-wollen wird um so dringlicher, je mehr ist, ins Dunkel hüllt? Zwar tut man seit Jahrhunderten so, als sei
die Technik der Herrschaft des Menschen zu entgleiten droht. die Lehre von den vier Ursachen wie eine sonnenklare Wahrheit
Gesetzt nun aber, die Technik sei kein bloßes Mittel, wie steht vom Himmel gefallen. Indessen dürfte es an der Zeit sein zu fra-
es dann mit dem Willen, sie zu meistern? Allein, wir sagten doch, gen: weshalb gibt es gerade vier Ursachen? Was heißt in Bezug
die instrumentale Bestimmung der Technik sei richtig. Gewiß. auf die genannten vier eigentlich »Ursache«? Woher bestimmt
a
sich der Ursachecharakter der vier Ursachen so einheitlich, daß
1954: (Wirtschaft - Bedarfsdeckung - Konsum) Industrie. Das erhöhte Kon-
sumpotential sie zusammengehören?
10 Die Frage nach der Technik Die Frage nach der Technik 11

Solange wir uns auf diese F r a g e n nicht einlassen, bleibt die diesem Sinne h e i ß t griechisch τέλος, was m a n allzuhäufig durch
Kausalität u n d m i t i h r das I n s t r u m e n t a l e u n d m i t diesem die »Ziel« u n d »Zweck« übersetzt u n d so m i ß d e u t e t . Das τέλος, ver­
gängige B e s t i m m u n g der Technik dunkel u n d grundlos. schuldet, was als Stoff u n d was als Aussehen das Opfergerät m i t -
M a n pflegt seit l a n g e m die Ursache als das Bewirkende vorzu- verschuldet.
stellen. Wirken h e i ß t dabei: Erzielen von Erfolgen, Effekten. Die Schließlich ist ein Viertes mitschuld am Vor- u n d Bereitliegen
causa efficiens, die eine der vier Ursachen, b e s t i m m t in m a ß g e - des fertigen Opfergerätes: der Silberschmied; aber keineswegs da-
b e n d e r Weise alle Kausalität. Das geht so weit, daß m a n die causa durch, daß er wirkend die fertige Opferschale als den Effekt eines
finalis, die Finalität, ü b e r h a u p t nicht m e h r zur Kausalität rech- M a c h e n s bewirkt, nicht als causa efficiens.
net. Causa, casus, gehört zum Zeitwort cadere, fallen, u n d bedeu- Die L e h r e des Aristoteles k e n n t weder die m i t diesem T i t e l
tet dasjenige, was bewirkt, daß etwas im Erfolg so oder so ausfällt. g e n a n n t e Ursache, noch gebraucht sie e i n e n e n t s p r e c h e n d e n
Die L e h r e von den vier U r s a c h e n g e h t auf Aristoteles zurück. griechischen N a m e n .
Im Bereich des griechischen D e n k e n s u n d für dieses hat jedoch Der Silberschmied überlegt sich u n d v e r s a m m e l t die drei ge-
alles, was die n a c h k o m m e n d e n Zeitalter bei den G r i e c h e n u n t e r n a n n t e n Weisen des Verschuldens. Überlegen h e i ß t griechisch
der Vorstellung u n d d e m T i t e l »Kausalität« suchen, schlechthin λέγειν, λόγος. E s b e r u h t i m άποφαίνεσθοα , z u m Vorschein b r i n g e n .
nichts m i t d e m Wirken u n d Bewirken zu t u n . Was wir Ursache, D e r Silberschmied ist m i t s c h u l d als das, von wo h e r das Vorbrin­
die R ö m e r causa n e n n e n , h e i ß t bei den Griechen αίτιον, das, was gen u n d das Aufsichberuhen der Opferschale i h r e n e r s t e n Aus­
ein anderes verschuldet. D i e vier U r s a c h e n sind die u n t e r sich gang n e h m e n u n d b e h a l t e n . Die drei zuvor g e n a n n t e n Weisen
z u s a m m e n g e h ö r i g e n Weisen des Verschuldens. Ein Beispiel k a n n des Verschuldens v e r d a n k e n der Ü b e r l e g u n g des Silberschmieds,
dies erläutern. daß sie u n d wie sie für das H e r v o r b r i n g e n der Opferschale zum
Das Silber ist das, woraus die Silberschale verfertigt ist. Es ist Vorschein u n d ins Spiel k o m m e n .
als dieser Stoff (ύλη) m i t s c h u l d an der Schale. Diese schuldet, In d e m vor- u n d bereitliegenden Opfergerät walten somit vier 14
d.h. v e r d a n k t d e m Silber das, woraus sie besteht. Aber das Opfer- Weisen des Verschuldens. Sie sind u n t e r sich verschieden und
13 gerät bleibt nicht n u r an das Silber verschuldet. Als Schale er- gehören doch z u s a m m e n . Was einigt sie im voraus? Worin spielt
scheint das an das Silber Verschuldete im Aussehen von Schale das Z u s a m m e n s p i e l der vier Weisen des Verschuldens? Woher
u n d nicht in d e m j e n i g e n von Spange oder Ring. Das Opfergerät s t a m m t die E i n h e i t der vier Ursachen? Was m e i n t denn, grie-
ist so zugleich an das Aussehen (είδος) von S c h a l e n h a f t e m ver­ chisch gedacht, dieses Verschulden?
schuldet. Das Silber, worein das Aussehen als Schale eingelassen Wir H e u t i g e n sind zu leicht geneigt, das Verschulden entwe-
ist, das Aussehen, worin das Silberne erscheint, sind beide auf der moralisch als Verfehlung zu verstehen oder aber als eine Art
i h r e Weise m i t s c h u l d am Opfergerät. des Wirkens zu deuten. In beiden Fällen versperren wir u n s den
Schuld an i h m bleibt jedoch vor allem ein Drittes. Es ist jenes, Weg zum anfänglichen Sinn dessen, was m a n später Kausalität
was z u m voraus die Schale in d e n Bereich der Weihe u n d des nennt. Solange sich dieser Weg nicht öffnet, erblicken wir auch
Spendens eingrenzt. D a d u r c h wird sie als Opfergerät u m g r e n z t . nicht, was das I n s t r u m e n t a l e , das im Kausalen b e r u h t , eigentlich
Das U m g r e n z e n d e b e e n d e t das Ding. Mit diesem E n d e hört das ist.
D i n g n i c h t auf, sondern aus i h m h e r b e g i n n t es als das, was es Um uns vor den g e n a n n t e n M i ß d e u t u n g e n des Verschuldens
n a c h der H e r s t e l l u n g sein wird. Das Beendende, Vollendende in zu schützen, verdeutlichen wir seine vier Weisen aus d e m her,
12 Die Frage nach der Technik Die Frage nach der Technik 13

was sie verschulden. Nach d e m Beispiel verschulden sie das Vor- Her-vor-bringens nicht in i h m selbst, sondern in e i n e m a n d e r e n
u n d Bereitliegen der Silberschale als Opfergerät. Vorliegen u n d (έν άλλω), im H a n d w e r k e r u n d Künstler.
Bereitliegen (ύπoκσείθαi) k e n n z e i c h n e n das Anwesen eines An­ D i e Weisen der Veranlassung, die vier Ursachen, spielen somit
w e s e n d e n . D i e vier Weisen des Verschuldens b r i n g e n etwas ins i n n e r h a l b des Her-vor-bringens. D u r c h dieses k o m m t sowohl das
E r s c h e i n e n . Sie lassen es in das An-wesen v o r k o m m e n . Sie lassen G e w a c h s e n e der N a t u r als auch das Verfertigte des H a n d w e r k s
es d a h i n los u n d lassen es so an, n ä m l i c h in seine vollendete An- u n d die Gebilde der Künste jeweils zu seinem Vorschein.
kunft. Das Verschulden hat den G r u n d z u g dieses An-lassens in Wie aber geschieht das Her-vor-bringen, sei es in der Natur, sei
die Ankunft. Im Sinne solchen Anlassens ist das Verschulden das es im H a n d w e r k u n d in der Kunst? Was ist das Her-vor-bringen,
Ver-an-lassen. Aus d e m Blick auf das, was die Griechen im Ver- darin die vierfache Weise des Veranlassens spielt? Das Veranlas-
schulden, in der αίτία, erfuhren, geben wir d e m Wort »ver-an- sen geht das Anwesen dessen an, was jeweils im Her-vor-bringen
-lassen« jetzt e i n e n weiteren Sinn, so daß dieses Wort das Wesen zum Vorschein k o m m t . Das Her-vor-bringen b r i n g t aus der Ver-
der griechisch gedachten Kausalität b e n e n n t . Die geläufige u n d b o r g e n h e i t her in die U n v e r b o r g e n h e i t vor. Her-vor-bringen er-
engere B e d e u t u n g des Wortes »Veranlassung« besagt dagegen eignet sich nur, insofern Verborgenes ins Unverborgene k o m m t .
n u r soviel wie Anstoß u n d Auslösung u n d m e i n t eine Art von Dieses K o m m e n b e r u h t u n d schwingt in dem, was wir das E n t -
N e b e n u r s a c h e im Ganzen der Kausalität. bergen n e n n e n . Die G r i e c h e n haben dafür das Wort αλήθεια. D i e
Worin spielt n u n aber das Z u s a m m e n s p i e l der vier Weisen des R ö m e r übersetzen es durch »veritas«. Wir sagen » W a h r h e i t « u n d 16
Ver-an-lassens? Sie lassen das noch nicht Anwesende ins Anwesen verstehen sie gewöhnlich als Richtigkeit des Vorstellens.
15 a n k o m m e n . D e m n a c h sind sie einheitlich durch waltet von e i n e m
Bringen, das Anwesendes in den Vorschein bringt. Was dieses W o h i n haben wir uns verirrt? Wir fragen nach der Technik u n d
Bringen ist, sagt uns Platon in e i n e m Satz des »Symposion« sind jetzt bei der αλήθεια, b e i m E n t b e r g e n angelangt. Was hat das
(205 b): ή γάρ τοι έκ τοΰ μη δντος είς το δν ίόντι ότωοΰν αίτία πασά Wesen der T e c h n i k m i t d e m E n t b e r g e n zu tun? Antwort: Alles.
έστι ποίησις. D e n n im E n t b e r g e n g r ü n d e t jedes Her-vor-bringen. Dieses aber
»Jede Veranlassung für das, was i m m e r aus dem Nicht-Anwe- v e r s a m m e l t in sich die vier Weisen der Veranlassung — die Kau-
senden über- u n d vorgeht in das Anwesen, ist ποιησις, ist Her- salität — u n d d u r c h w a l t e t sie. In i h r e n Bereich g e h ö r e n Zweck
-vor-bringen.« u n d Mittel, gehört das I n s t r u m e n t a l e . Dieses gilt als der G r u n d -
Alles liegt daran, daß wir das Her-vor-bringen in seiner ganzen zug der Technik. F r a g e n wir Schritt für Schritt, was die als M i t t e l
Weite u n d zugleich im Sinne der G r i e c h e n denken. E i n vorgestellte Technik eigentlich sei, d a n n gelangen wir zum Ent-
Her-vor-bringen, ποιησις, ist n i c h t n u r das h a n d w e r k l i c h e Verfer­ bergen. In i h m b e r u h t die Möglichkeit aller h e r s t e l l e n d e n Verfer-
tigen, n i c h t n u r das künstlerisch-dichtende zum-Scheinen- u n d tigung.
ins-Bild-Bringen. Auch die φύσις, das von-sich-her Aufgehen, ist Die Technik ist also nicht bloß ein Mittel. Die Technik ist eine b
ein Her-vor-bringen, ist ποίησις. D i e φύσις ist sogar ποίησις i m Weise des Entbergens. Achten wir darauf, d a n n öffnet sich uns
höchsten Sinne. D e n n das φύσει Anwesende hat den Aufbruch des ein ganz anderer Bereich für das Wesen der Technik. Es ist der
Her-vor-bringens, z.B. das Aufbrechen der Blüte ins E r b l ü h e n , in Bereich der E n t b e r g u n g , d.h. der Wahr-heit.
ihr selbst (εν έαυτώ).. D a g e g e n hat das h a n d w e r k l i c h u n d künstle-
risch Her-vor-gebrachte, z.B. die Silberschale, den Aufbruch des b
oder jetzt die maßgebende Weise der Entbergung
14 Die Frage nach der Technik Die Frage nach der Technik 15

Dieser Ausblick befremdet uns. Er soll es auch, soll es m ö g - d e m Bereich, wo E n t b e r g e n u n d Unverborgenheit, wo αλήθεια,
lichst lange u n d so bedrängend, daß wir endlich auch e i n m a l die wo W a h r h e i t geschieht.
schlichte Frage ernst n e h m e n , was d e n n der N a m e »Technik« G e g e n diese B e s t i m m u n g des Wesensbereiches der Technik
sage. Das Wort s t a m m t aus der griechischen Sprache. Τεχνικον k a n n m a n e i n w e n d e n , sie gelte zwar für das griechische D e n k e n
m e i n t solches, was zur τέχνη gehört. Hinsichtlich der B e d e u t u n g u n d passe im günstigen Fall auf die h a n d w e r k l i c h e Technik, tref-
dieses Wortes müssen wir zweierlei beachten. E i n m a l ist τέχνη fe jedoch nicht für die m o d e r n e K r a f t m a s c h i n e n t e c h n i k zu. U n d
n i c h t n u r der N a m e für das h a n d w e r k l i c h e Tun u n d Können, son- gerade sie, sie allein ist das B e u n r u h i g e n d e , das uns bewegt, nach
dern auch für die h o h e Kunst u n d die schönen Künste. Die τέχνη »der« Technik zu fragen. M a n sagt, die m o d e r n e Technik sei eine
gehört z u m Her-vor-bringen, zur ποίησισ; sie ist etwas Poietisches. unvergleichbar a n d e r e gegenüber aller früheren, weil sie auf der
Das andere, was es hinsichtlich des Wortes τέχνη zu b e d e n k e n neuzeitlichen exakten Naturwissenschaft b e r u h e . Inzwischen h a t
gilt, ist noch gewichtiger. Das Wort τέχνη g e h t von früh an bis in m a n deutlicher erkannt, daß auch das U m g e k e h r t e gilt: die neu- 18
die Zeit Platons m i t dem Wort έπιστήμη z u s a m m e n . Beide Worte zeitliche Physik ist als experimentelle auf technische Apparatu-
sind N a m e n für das E r k e n n e n im weitesten Sinne. Sie m e i n e n r e n u n d auf den Fortschritt des Apparatebaues angewiesen. Die
17 das Sichauskennen in etwas, das Sichverstehen auf etwas. Das Feststellung dieses Wechselverhältnisses zwischen T e c h n i k u n d
E r k e n n e n gibt Aufschluß. Als aufschließendes ist es ein Entber- Physik ist richtig. Aber sie bleibt eine bloß historische Feststel-
gen. Aristoteles u n t e r s c h e i d e t in einer besonderen B e t r a c h t u n g l u n g von Tatsachen u n d sagt nichts von dem, worin dieses Wech-
(Eth. Nic. VI, c. 3 u n d 4) die έπιστήμη u n d die τέχνη, u n d zwar im selverhältnis g r ü n d e t . Die entscheidende Frage bleibt doch: wel-
Hinblick darauf, was sie u n d wie sie entbergen. D i e τέχνη ist eine chen Wesens ist die m o d e r n e Technik, daß sie darauf verfallen
Weise des άληθεύειν. Sie e n t b i r g t solches, was sich n i c h t selber k a n n , die exakte Naturwissenschaft zu verwenden?
her-vor-bringt u n d noch n i c h t vorliegt, was deshalb bald so, bald Was ist die m o d e r n e Technik? Auch sie ist ein Entbergen. Erst
anders aussehen u n d ausfallen k a n n . Wer ein H a u s oder ein w e n n wir den Blick auf diesem G r u n d z u g r u h e n lassen, zeigt sich
Schiff b a u t oder eine Opferschale schmiedet, entbirgt das Her- uns das N e u a r t i g e der m o d e r n e n Technik.
-vor-zu-bringende nach den H i n s i c h t e n der vier Weisen der Ver­ Dasjenige E n t b e r g e n , das die m o d e r n e Technik d u r c h h e r r s c h t ,
anlassung. Dieses E n t b e r g e n v e r s a m m e l t im voraus das Aussehen entfaltet sich n u n aber nicht in ein Her-vor-bringen im Sinne der
u n d den Stoff von Schiff u n d H a u s auf das vollendet erschaute ποίησισ. Das in der m o d e r n e n Technik waltende E n t b e r g e n ist ein
fertige D i n g u n d b e s t i m m t von da h e r die Art der Verfertigung. Herausfordern, das an die N a t u r das Ansinnen stellt, Energie zu
Das E n t s c h e i d e n d e der τέχνη liegt somit keineswegs im M a c h e n liefern, die als solche herausgefördert u n d gespeichert w e r d e n
u n d H a n t i e r e n , n i c h t im Verwenden von M i t t e l n , sondern in dem kann. Gilt dies aber nicht auch von der alten W i n d m ü h l e ? Nein.
g e n a n n t e n E n t b e r g e n . Als dieses, n i c h t aber als Verfertigen, ist I h r e Flügel d r e h e n sich zwar im Winde, seinem W e h e n bleiben
die τέχνη ein Her-vor-bringen. sie u n m i t t e l b a r a n h e i m g e g e b e n . Die W i n d m ü h l e erschließt aber
So führt uns d e n n der Hinweis darauf, was das Wort τέχνη sagt nicht Energien der Luftströmung, um sie zu speichern.
u n d wie die G r i e c h e n das G e n a n n t e b e s t i m m e n , in den selben E i n L a n d s t r i c h wird dagegen in die F ö r d e r u n g von Kohle u n d
Z u s a m m e n h a n g , der sich uns auftat, als wir der F r a g e nach­ Erzen herausgefordert. Das Erdreich entbirgt sich jetzt als Koh-
gingen, was das I n s t r u m e n t a l e als solches in W a h r h e i t sei. lenrevier, der Boden als Erzlagerstätte. Anders erscheint das Feld,
T e c h n i k ist eine Weise des Entbergens. D i e T e c h n i k west in das der Bauer vormals bestellte, wobei bestellen noch hieß: h e g e n
16 Die Frage nach der Technik Die Frage nach der Technik 17

und pflegen. Das bäuerliche Tun fordert den Ackerboden nicht »Der Rhein«, gesagt aus dem Kunstwerk der gleichnamigen
heraus. Im Säen des Korns gibt es die Saat den Wachstumskräften Hymne Hölderlins. Aber der Rhein bleibt doch, wird man ent-
anheim und hütet ihr Gedeihen. Inzwischen ist auch die Feld- gegnen, Strom der Landschaft. Mag sein, aber wie? Nicht an-
bestellung in den Sog eines andersgearteten Bestellens geraten, ders denn als bestellbares Objekt der Besichtigung durch eine 20
das die Natur stellt. Es stellt sie im Sinne der Herausforderung. Reisegesellschaft, die eine Urlaubsindustrie dorthin bestellt hat.
Ackerbau ist jetzt motorisierte Ernährungsindustrie. Die Luft Das Entbergen, das die moderne Technik durchherrscht, hat
19 wird auf die Abgabe von Stickstoff hin gestellt, der Boden auf den Charakter des Stellens im Sinne der Herausforderung. Diese
Erze, das Erz z. B. auf Uran, dieses auf Atomenergie, die zur Zer- geschieht dadurch, daß die in der Natur verborgene Energie auf-
störung oder friedlichen Nutzung entbunden werden kann. geschlossen, das Erschlossene umgeformt, das Umgeformte
Das Stellen, das die Naturenergien herausfordert, ist ein För- gespeichert, das Gespeicherte wieder verteilt und das Verteilte
dern in einem doppelten Sinne. Es fördert, indem es erschließt erneut umgeschaltet wird. Erschließen, umformen, speichern,
und herausstellt. Dieses Fördern bleibt jedoch im voraus darauf verteilen, umschalten sind Weisen des Entbergens. Dieses läuft
abgestellt, anderes zu fördern, d.h. vorwärts zu treiben in die jedoch nicht einfach ab. Es verläuft sich auch nicht ins Unbe-
größtmögliche Nutzung bei geringstem Aufwand. Die im Koh- stimmte. Das Entbergen entbirgt ihm selber seine eigenen, viel-
lenrevier geförderte Kohle wird nicht gestellt, damit sie nur über- fach verzahnten Bahnen dadurch, daß es sie steuert. Die Steue-
haupt und irgendwo vorhanden sei. Sie lagert, d.h. sie ist zur rung selbst wird ihrerseits überall gesichert. Steuerung und
Stelle für die Bestellung der in ihr gespeicherten Sonnenwärme. Sicherung werden sogar die Hauptzüge des herausfordernden
Diese wird herausgefordert auf Hitze, die bestellt ist, Dampf zu Entbergens.
liefern, dessen Druck das Getriebe treibt, wodurch eine Fabrik in Welche Art von Unverborgenheit eignet nun dem, was durch
Betrieb bleibt. das herausfordernde Stellen zustande kommt? Überall ist es be-
Das Wasserkraftwerk ist in den Rheinstrom gestellt. Es stellt stellt, auf der Stelle zur Stelle zu stehen, und zwar zu stehen, um
ihn auf seinen Wasserdruck, der die Turbinen daraufhin stellt, selbst bestellbar zu sein für ein weiteres Bestellen. Das so Bestell-
sich zu drehen, welche Drehung diejenige Maschine umtreibt, te hat seinen eigenen Stand. Wir nennen ihn den Bestand. Das
deren Getriebe den elektrischen Strom herstellt, für den die Wort sagt hier mehr und Wesentlicheres als nur »Vorrat«. Das
Uberlandzentrale und ihr Stromnetz zur Strombeförderung be- Wort »Bestand« rückt jetzt in den Rang eines Titels. Er kenn-
stellt sind. Im Bereich dieser ineinandergreifenden Folgen der zeichnet nichts Geringeres als die Weise, wie alles anwest, was
Bestellung elektrischer Energie erscheint auch der Rheinstrom vom herausfordernden Entbergen betroffen wird. Was im Sinne
als etwas Bestelltes. Das Wasserkraftwerk ist nicht in den Rhein- des Bestandes steht, steht uns nicht mehr als Gegenstand gegen-
strom gebaut wie die alte Holzbrücke, die seit Jahrhunderten über.
Ufer mit Ufer verbindet. Vielmehr ist der Strom in das Kraftwerk Aber ein Verkehrsflugzeug, das auf der Startbahn steht, ist
verbaut. Er ist, was er jetzt als Strom ist, nämlich Wasserdruck- doch ein Gegenstand. Gewiß. Wir können die Maschine so vor-
lieferant, aus dem Wesen des Kraftwerks. Achten wir doch, um stellen. Aber dann verbirgt sie sich in dem, was und wie sie ist.
das Ungeheuere, das hier waltet, auch nur entfernt zu ermessen, Entborgen steht sie auf der Rollbahn nur als Bestand, insofern sie
für einen Augenblick auf den Gegensatz, der sich in den beiden bestellt ist, die Möglichkeit des Transports sicherzustellen. Hier-
Titeln ausspricht: »Der Rhein«, verbaut in das Kraftweih, und für muß sie selbst in ihrem ganzen Bau, in jedem ihrer Bestand-
18 Die Frage nach der Technik Die Frage nach der Technik 19

21 teile bestellfähig, d.h. startbereit sein. (Hier wäre der Ort, Hegels stellbarkeit von Zellulose bestellt, die ihrerseits durch den Bedarf
Bestimmung der Maschine als eines selbständigen Werkzeugs zu an Papier herausgefordert ist, das den Zeitungen und illustrierten 22
erörtern. Vom Werkzeug des Handwerks her gesehen, ist seine Magazinen zugestellt wird. Diese aber stellen die öffentliche Mei-
Kennzeichnung richtig. Allein, so ist die Maschine gerade nicht nung daraufhin, das Gedruckte zu verschlingen, um für eine be-
aus dem Wesen der Technik gedacht, in die sie gehört. Vom Be- stellte Meinungsherrichtung bestellbar zu werden. Doch gerade
stand her gesehen, ist die Maschine schlechthin unselbständig; weil der Mensch ursprünglicher11 als die Naturenergien heraus-
denn sie hat ihren Stand einzig aus dem Bestellen von Bestell- gefordert ist, nämlich in das Bestellen6, wird er niemals zu einem
barem.) bloßen Bestand. Indem der Mensch die Technik betreibt, nimmt
Daß sich uns jetzt, wo wir versuchen, die moderne Technik als er am Bestellen als einer Weise des Entbergens teil. Allein, die
das herausfordernde Entbergen zu zeigen, die Worte »stellen«, Unverborgenheit selbst, innerhalb deren sich das Bestellen ent-
»bestellen«, »Bestand« aufdrängen und sich in einer trockenen, faltet, ist niemals ein menschliches Gemachte, so wenig wie der
einförmigen und darum lästigen Weise häufen, hat seinen Grund Bereich, den der Mensch jederzeit schon durchgeht, wenn er als
in dem, was zur Sprache kommt. Subjekt sich auf ein Objekt bezieht.
Wer vollzieht das herausfordernde Stellen, wodurch das, was Wo und wie geschieht das Entbergen, wenn es kein bloßes Ge-
man das Wirkliche nennt, als Bestand entborgen wird? Offen- machte des Menschen ist? Wir brauchen nicht weit zu suchen.
bar der Mensch. Inwiefern vermag er solches Entbergen? Der Nötig ist nur, unvoreingenommen Jenes zu vernehmen, was den
Mensch kann zwar dieses oder jenes c so oder so vorstellen, gestal- Menschen immer schon in Anspruch genommen hat, und dies so
ten und betreiben. Allein, über die Unverborgenheit, worin sich entschieden, daß er nur als der so Angesprochene jeweils Mensch
jeweils das Wirkliche zeigt oder entzieht, verfügt der Mensch sein kann. Wo immer der Mensch sein Auge und Ohr öffnet, sein
nicht. Daß sich seit Platon das Wirkliche im Lichte von Ideen Herz aufschließt, sich in das Sinnen und Trachten, Bilden und
zeigt, hat Platon nicht gemacht. Der Denker hat nur dem ent- Werken, Bitten und Danken freigibt, findet er sich überall schon
sprochen, was sich ihm zusprach. ins Unverborgene gebracht. Dessen Unverborgenheit hat sich
Nur insofern der Mensch seinerseits schon herausgefordert ist, schon ereignet, so oft sie den Menschen in die ihm zugemessenen
die Naturenergien herauszufordern, kann dieses bestellende Ent- Weisen des Entbergens hervorruft. Wenn der Mensch auf seine
bergen geschehen. Wenn der Mensch dazu herausgefordert, be- Weise innerhalb der Unverborgenheit das Anwesende entbirgt,
stellt ist, gehört dann nicht auch der Mensch, ursprünglicher dann entspricht er nur dem Zuspruch der Unverborgenheit,
noch als die Natur, in den Bestand? Die umlaufende Bede vom selbst dort, wo er ihm widerspricht. Wenn also der Mensch for-
Menschenmaterial, vom Krankenmaterial einer Klinik spricht schend, betrachtend der Natur als einem Bezirk seines Vorstellens
dafür. Der Forstwart, der im Wald das geschlagene Holz vermißt nachstellt, dann ist er bereits von einer Weise der Entbergung
und dem Anschein nach wie sein Großvater in der gleichen Wei- beansprucht, die ihn herausfordert, die Natur als einen Gegen-
se dieselben Waldwege begeht, ist heute von der Holzverwer- stand der Forschung anzugehen, bis auch der Gegenstand in das
tungsindustrie bestellt, ob er es weiß oder nicht. Er ist in die Be- Gegenstandlose des Bestandes verschwindet.

d
1954: heißt? eigentlicher in das Ereignis vereignet!
c
1954: dieses oder jenes Unverborgene! aber die Unverborgenheit als solche? c
1954: heißt? metaphysisch gesprochen: in einem ausgezeichneten Geheiß des
die Entborgenheit? Seins und den entsprechenden Bezug, vgl. Zur Seinsfrage [in: GA Bd. 9]
20 Die Frage nach der Technik Die Frage nach der Technik 21

So ist denn die m o d e r n e Technik als das bestellende E n t b e r g e n sind nicht m e h r i m s t a n d e zu ermessen, was es heißt, daß Platon
23 kein bloß menschliches Tun. D a r u m müssen wir auch jenes Her- es wagt, für das, was in allem und jedem west, das Wort είδος zu
ausfordern, das den Menschen stellt, das Wirkliche als Bestand zu gebrauchen. D e n n είδος b e d e u t e t in der alltäglichen Sprache die
bestellen, so n e h m e n , wie es sich zeigt. Jenes Herausfordern ver- Ansicht, die ein sichtbares D i n g u n s e r e m sinnlichen Auge darbie-
s a m m e l t den M e n s c h e n in das Bestellen. Dieses V e r s a m m e l n d e tet. Platon m u t e t jedoch diesem Wort das ganz U n g e w ö h n l i c h e
konzentriert den Menschen darauf, das Wirkliche als Bestand zu zu, Jenes zu b e n e n n e n , was gerade nicht u n d n i e m a l s m i t sinnli-
bestellen. chen Augen v e r n e h m b a r wird. Aber auch so ist des U n g e w ö h n l i -
Was die Berge u r s p r ü n g l i c h zu Bergzügen entfaltet u n d sie in chen noch keineswegs genug. D e n n ίδέα n e n n t n i c h t n u r das 24
i h r e m gefalteten B e i s a m m e n durchzieht, ist das Versammelnde, nichtsinnliche Aussehen des sinnlich Sichtbaren. Aussehen, ίδέα
das wir Gebirg n e n n e n . h e i ß t u n d ist auch, was im H ö r b a r e n , Tastbaren, F ü h l b a r e n , in
Wir n e n n e n jenes ursprünglich Versammelnde, daraus sich die jeglichem, was irgendwie zugänglich ist, das Wesen h a u s m a c h t .
Weisen entfalten, nach d e n e n uns so u n d so zumute ist, das Ge- G e g e n ü b e r dem, was Platon der Sprache u n d d e m D e n k e n in die-
müt. sem und a n d e r e n Fällen zumutet, ist der jetzt gewagte G e b r a u c h
W i r n e n n e n jetzt jenen h e r a u s f o r d e r n d e n Anspruch, der den des Wortes »Gestell« als N a m e für das Wesen der m o d e r n e n
M e n s c h e n d a h i n versammelt, das Sichentbergende als Bestand zu Technik b e i n a h e h a r m l o s . Indessen bleibt der jetzt verlangte
bestellen — das Ge-stell. Sprachgebrauch eine Z u m u t u n g u n d mißverständlich.
Wir wagen es, dieses Wort in e i n e m bisher völlig u n g e w o h n t e n Ge-stell h e i ß t das Versammelnde jenes Stellens, das den Men-
Sinne zu gebrauchen. g schen i stellt, d. h. herausfordert, das Wirkliche in der Weise des
Nach der gewöhnlichen B e d e u t u n g m e i n t das Wort »Gestell« Bestellens als Bestand zu entbergen. Ge-stell h e i ß t die Weise des
ein Gerät, z. B. ein Büchergestell. Gestell h e i ß t auch ein Knochen- E n t b e r g e n s , die im Wesen der m o d e r n e n Technik waltet u n d sel-
gerippe. U n d so schaurig wie dieses scheint die uns jetzt zugemu- ber nichts Technisches ist. Z u m Technischen gehört dagegen al-
tete Verwendung des Wortes »Gestell« zu sein, ganz zu schweigen les, was wir als Gestänge u n d Geschiebe u n d Gerüste k e n n e n u n d
von der Willkür, m i t der auf solche Weise Worte der gewachse- was Bestandstück dessen ist, was m a n M o n t a g e n e n n t . Diese fällt
n e n Sprache m i ß h a n d e l t werden. Kann m a n das Absonderliche jedoch samt d e n g e n a n n t e n Bestandstücken in den Bezirk der
noch weiter treiben? Gewiß nicht. Allein, dieses Absonderliche ist technischen Arbeit, die stets n u r der H e r a u s f o r d e r u n g des Ge-
alter Brauch des Denkens. U n d zwar fügen sich i h m die D e n k e r -stells entspricht, aber n i e m a l s dieses selbst a u s m a c h t oder gar
gerade dort, wo es das Höchste zu denken gilt. Wir Spätgeborenen bewirkt.
Das Wort »stellen« m e i n t im Titel Ge-stell nicht n u r das Her-
1
das Ge-Stell ausfordern, es soll zugleich den A n k l a n g an ein anderes »Stellen«
1. als Wesen des Willens zum Willen — »Wesen« im Sinne des durchgängig b e w a h r e n , aus d e m es a b s t a m m t , n ä m l i c h an jenes Her- u n d
Währenden — der Grund-Zug — Durchzug des Grundes — durchgängiges
Gründen Dar-stellen, das im Sinne der ποίησις das Anwesende in die U n -
2. als verhaltener Anklang
Vergessenheit — Ge-»setz« des
1954: deutlicher! ein ontisch gebrauchtes und geläufiges Wort in einen aus-
h
5. als Schleier des Ereignisses erstes Erblitzen äußerster verhülltester Brauch
im Be-stellen gezeichneten ontologischen Rang erhoben.
ö
1954: vgl. Identität und Differenz [vorgesehen für GA Bd. 11] ' 1954: nicht nur den Menschen! Ereignis und das Ge-Viert
22 Die Frage nach der Technik Die Frage nach der Technik 23

Verborgenheit hervorkommen läßt.j Dieses hervorbringende Her- Naturwissenschaft stützen konnte. Historisch gerechnet, bleibt
-stellen, z. B. das Aufstellen eines Standbildes im Tempelbezirk dies richtig. Geschichtlich gedacht, trifft es nicht das Wahre.
und das jetzt bedachte herausfordernde Bestellen sind zwar Die neuzeitliche physikalische Theorie der Natur ist die Weg-
grundverschieden und bleiben doch im Wesen verwandt. Beide bereiterin nicht erst der Technik, sondern des Wesens der moder-
sind Weisen des Entbergens, der αλήθεια. Im Ge-stell ereignet nen Technik. Denn das herausfordernde Versammeln in das be-
sich die Unverborgenheit, dergemäß die Arbeit der modernen stellende Entbergen waltet bereits in der Physik. Aber es kommt
Technik das Wirkliche als Bestand entbirgt. k Sie ist darum weder in ihr noch nicht eigens zum Vorschein. Die neuzeitliche Physik
nur ein menschliches Tun, noch gar ein bloßes Mittel innerhalb ist der in seiner Herkunft noch unbekannte Vorbote des Ge-stells.
25 solchen Tuns. Die nur instrumentale, die nur anthropologische Das Wesen der modernen Technik verbirgt sich auf lange Zeit
Bestimmung der Technik wird im Prinzip hinfällig; sie läßt sich auch dort noch, wo bereits Kraftmaschinen erfunden, die Elektro- 26
auch nicht mehr, falls sie doch als unzureichend erkannt werden technik auf die Bahn und die Atomtechnik in Gang gesetzt sind.
sollte, durch eine nur dahinter geschaltete metaphysische oder Alles Wesende, nicht nur das der modernen Technik, hält sich
religiöse Erklärung ergänzen. überall am längsten verborgen. Gleichwohl bleibt es im Hinblick
Wahr bleibt allerdings, daß der Mensch des technischen Zeit- auf sein Walten solches, was allem voraufgeht: das Früheste. Da-
alters auf eine besonders hervorstechende Weise in das Ent- von wußten schon die griechischen Denker, wenn sie sagten: Je-
bergen herausgefordert ist. Dieses betrifft zunächst die Natur als nes, was hinsichtlich des waltenden Aufgehens früher ist, wird
den Hauptspeicher des Energiebestandes. Dementsprechend zeigt uns Menschen erst später offenkundig. Dem Menschen zeigt sich
sich das bestellende Verhalten des Menschen zuerst im Aufkom- die anfängliche Frühe erst zuletzt. Darum ist im Bereich des
men der neuzeitlichen exakten Naturwissenschaft. Ihre Art des Denkens eine Bemühung, das anfänglich Gedachte noch anfäng-
Vorstellens stellt der Natur als einem berechenbaren Kräftezu- licher zu durchdenken, nicht der widersinnige Wille, Vergange-
sammenhang nach. Die neuzeitliche Physik ist nicht deshalb Ex- nes zu erneuern, sondern die nüchterne Bereitschaft, vor dem
perimentalphysik, weil sie Apparaturen zur Befragung der Natur Kommenden der Frühe zu erstaunen.
ansetzt, sondern umgekehrt: weil die Physik, und zwar schon als Für die historische Zeitrechnung liegt der Beginn der neuzeit-
reine Theorie, die Natur daraufhin stellt, sich als einen voraus- lichen Naturwissenschaft im 17. Jahrhundert. Dagegen entwik-
berechenbaren Zusammenhang von Kräften darzustellen, des- kelt sich die Kraftmaschinentechnik erst in der zweiten Hälfte
halb wird das Experiment bestellt, nämlich zur Befragung, ob des 18. Jahrhunderts. Allein, das für die historische Feststellung
sich die so gestellte Natur und wie sie sich meldet. Spätere, die moderne Technik, ist hinsichtlich des in ihm walten-
Aber die mathematische Naturwissenschaft ist doch um fast den Wesens das geschichtlich Frühere.
zwei Jahrhunderte vor der modernen Technik entstanden. Wie Wenn die moderne Physik in zunehmendem Maße sich damit
soll sie da schon von der modernen Technik in deren Dienst ge- abfinden muß, daß ihr Vorstellungsbereich unanschaulich bleibt,
stellt sein? Die Tatsachen sprechen für das Gegenteil. Die moder- dann ist dieser Verzicht nicht von irgendeiner Kommission von
ne Technik kam doch erst in Gang, als sie sich auf die exakte Forschern diktiert. Er ist vom Walten des Ge-stells herausgefor-
dert, das die Bestellbarkeit der Natur als Bestand verlangt. Darum
' 1954: vgl. jetzt Der Ursprung des Kunstwerkes Nachwort über θέσις in: GA kann die Physik bei allem Rückzug aus dem bis vor kurzem allein
Bd. 5]
1
1954: zu einseitig nur auf das δηλουν abgehoben maßgebenden, nur den Gegenständen zugewandten Vorstellen
24 Die Frage nach der Technik Die Frage nach der Technik 25

auf eines niemals verzichten: daß sich die Natur in irgendeiner Bestand zu entbergen. Als der so Herausgeforderte steht der
rechnerisch feststellbaren Weise m e l d e t und als ein System von Mensch im Wesensbereich des Ge-stells. Er k a n n gar n i c h t erst
I n f o r m a t i o n e n bestellbar bleibt. Dieses System b e s t i m m t sich nachträglich eine Beziehung z u i h m a u f n e h m e n . D a r u m k o m m t
d a n n aus einer noch e i n m a l g e w a n d e l t e n Kausalität. Sie zeigt die Frage, wie wir in eine B e z i e h u n g zum Wesen der Technik
jetzt weder den C h a r a k t e r des h e r v o r b r i n g e n d e n Veranlassens, gelangen sollen, in dieser Form jederzeit zu spät. Aber nie zu spät 28
noch die Art der causa efficiens oder gar der causa formalis. Ver- k o m m t die Frage, ob wir uns eigens als diejenigen erfahren,
27 m u t l i c h schrumpft die Kausalität in ein herausgefordertes Mel- deren Tun u n d Lassen überall, bald offenkundig, bald versteckt,
den gleichzeitig oder n a c h e i n a n d e r sicherzustellender Bestände vom 1 Ge-stell herausgefordert ist. Nie zu spät k o m m t vor a l l e m
z u s a m m e n . D e m entspräche der Prozeß des z u n e h m e n d e n Sich- die Frage, ob u n d wie wir uns eigens auf das einlassen, worin das
abfindens, den Heisenbergs Vortrag in eindrucksvoller Weise Ge-stell selber west.
schilderte. (W. Heisenberg, Das Naturbild in der h e u t i g e n Physik, Das Wesen der m o d e r n e n Technik b r i n g t den M e n s c h e n auf
in: Die Künste im technischen Zeitalter, M ü n c h e n 1954, S. 43 ff.). den Weg jenes E n t b e r g e n s , wodurch das Wirkliche überall, m e h r
Weil das Wesen der m o d e r n e n Technik im Ge-stell b e r u h t , oder weniger v e r n e h m l i c h , zum Bestand wird. Auf einen Weg
deshalb m u ß diese die exakte Naturwissenschaft verwenden. Da- b r i n g e n — dies h e i ß t in unserer Sprache: schicken. Wir n e n n e n
d u r c h entsteht der trügerische Schein, als sei die m o d e r n e Tech- jenes v e r s a m m e l n d e Schicken, das d e n M e n s c h e n erst auf einen
nik a n g e w a n d t e Naturwissenschaft. Dieser Schein k a n n sich so- Weg des Entbergens bringt, das Geschickm. Von hier aus b e s t i m m t
lange b e h a u p t e n , als weder die Wesensherkunft der neuzeitli- sich das Wesen aller Geschichte. Sie ist weder n u r der Gegen-
c h e n Wissenschaft, noch gar das Wesen der m o d e r n e n Technik stand der Historie, noch nur der Vollzug menschlichen Tuns. Die-
h i n r e i c h e n d erfragt werden. ses wird geschichtlich erst als ein geschickliches (vgl. Vom Wesen
der W a h r h e i t , 1930; in erster Auflage gedruckt 1943, S. 16 f.)1.
W i r fragen nach der Technik, um unsere B e z i e h u n g zu i h r e m U n d erst das Geschick in das vergegenständlichende Vorstellen
Wesen ans L i c h t zu heben. Das Wesen der m o d e r n e n Technik m a c h t das Geschichtliche für die Historie, d.h. eine Wissenschaft,
zeigt sich in dem, was wir das Ge-stell n e n n e n . Allein, der H i n - als G e g e n s t a n d zugänglich u n d von hier aus erst die gängige
weis darauf ist noch keineswegs die Antwort auf die Frage nach Gleichsetzung des Geschichtlichen m i t d e m Historischen mög-
der Technik, w e n n a n t w o r t e n heißt: entsprechen, n ä m l i c h d e m lich.
Wesen dessen, wonach gefragt wird. Als die H e r a u s f o r d e r u n g ins Bestellen schickt das Ge-stell in
W o h i n sehen wir uns gebracht, w e n n wir jetzt noch um einen eine Weise des Entbergens. Das Ge-stell ist eine Schickung des
Schritt weiter d e m n a c h d e n k e n , was das Ge-stell als solches sel- Geschickes wie jede Weise des Entbergens. Geschick in d e m ge-
ber ist? Es ist nichts Technisches, nichts Maschinenartiges. Es ist n a n n t e n Sinne ist auch das Her-vor-bringen, die ποίησις.
die Weise, nach der sich das Wirkliche als Bestand entbirgt. Wie- I m m e r geht die Unverborgenheit dessen, was ist, auf e i n e m
d e r u m fragen wir: geschieht dieses E n t b e r g e n irgendwo jenseits Weg des Entbergens. I m m e r d u r c h w a l t e t den M e n s c h e n das Ge­
alles m e n s c h l i c h e n Tuns? Nein. Aber es geschieht auch nicht n u r schick der E n t b e r g u n g . Aber es ist nie das Verhängnis eines
im M e n s c h e n u n d nicht m a ß g e b e n d durch ihn. 1
im
Das Ge-stell ist das Versammelnde jenes Stellens, das den m
1962: vgl. Zeit und Sein [vorgesehen für GA Bd. 14
1
M e n s c h e n stellt, das Wirkliche in der Weise des Bestellens als In: Wegmarken. GA Bd. 9, S. 190 f.
26 Die Frage nach der Technik Die Frage nach der Technik 27

Zwanges. Denn der Mensch wird gerade erst frei, insofern er in gene zu verfolgen und zu betreiben und von da her alle Maße zu
den Bereich des Geschickes gehört und so ein Hörender wird, nehmen. Hierdurch verschließt sich die andere Möglichkeit, daß
nicht aber ein Höriger. der Mensch eher und mehr und stets anfänglicher auf das Wesen
Das Wesen der Freiheit ist ursprünglich nicht dem Willen oder des Unverborgenen und seine Unverborgenheit sich einläßt, um
gar nur der Kausalität des menschlichen Wollens zugeordnet. die gebrauchte Zugehörigkeit zum Entbergen als sein Wesen zu 50
Die Freiheit verwaltet das Freie im Sinne des Gelichteten, d.h. erfahren.
29 des Entborgenen. Das Geschehnis des Entbergens, d. h. der Wahr- Zwischen diese Möglichkeiten gebracht, ist der Mensch aus
heit, ist es, zu dem die Freiheit in der nächsten und innigsten Ver- dem Geschick her gefährdet. Das Geschick der Entbergung ist als
wandtschaft steht. Alles Entbergen gehört in ein Bergen und Ver- solches in jeder seiner Weisen und darum notwendig Gefahr.
bergen. Verborgen aber ist und immer sich verbergend das Befrei- In welcher Weise auch immer das Geschick der Entbergung
ende, das Geheimnis. Alles Entbergen kommt aus dem Freien, walten mag, die Unverborgenheit, in der alles, was ist, sich je-
geht ins Freie und bringt ins Freie. Die Freiheit des Freien be- weils zeigt, birgt die Gefahr, daß der Mensch sich am Unverbor-
steht weder in der Ungebundenheit der Willkür, noch in der Bin- genen versieht und es mißdeutet. So kann, wo alles Anwesende
dung durch bloße Gesetze. Die Freiheit ist das lichtend Verber- sich im Lichte des Ursache-Wirkung-Zusammenhangs darstellt,
gende, in dessen Lichtung jener Schleier weht, der das Wesende sogar Gott für das Vorstellen alles Heilige und Hohe, das Ge-
aller Wahrheit verhüllt und den Schleier als den verhüllenden heimnisvolle seiner Ferne verlieren. Gott kann im Lichte der
erscheinen läßt. Die Freiheit ist der Bereich des Geschickes, das Kausalität zu einer Ursache, zur causa efficiens, herabsinken. Er
jeweils eine Entbergung auf ihren Weg bringt. wird dann sogar innerhalb der Theologie zum Gott der Philoso-
Das Wesen der modernen Technik beruht im Ge-stell. Dieses phen, jener nämlich, die das Unverborgene und Verborgene nach
gehört in das Geschick der Entbergung. Die Sätze sagen anderes der Kausalität des Machens bestimmen, ohne dabei jemals die
als die öfter verlautende Bede, die Technik sei das Schicksal Wesensherkunft dieser Kausalität zu bedenken.
unseres Zeitalters, wobei Schicksal meint: das Unausweichliche Insgleichen kann die Unverborgenheit, dergemäß sich die Na-
eines unabänderlichen Verlaufs. tur als ein berechenbarer Wirkungszusammenhang von Kräften
Wenn wir jedoch das Wesen der Technik bedenken, dann er- darstellt, zwar richtige Feststellungen verstatten, aber gerade
fahren wir das Ge-stell als ein Geschick der Entbergung. So hal- durch diese Erfolge die Gefahr bleiben, daß sich in allem Bichti-
ten wir uns schon im Freien des Geschickes auf, das uns keines- gen das Wahre entzieht.
wegs in einen dumpfen Zwang einsperrt, die Technik blindlings Das Geschick der Entbergung ist in sich nicht irgendeine, son-
zu betreiben oder, was das Selbe bleibt, uns hilflos gegen sie auf- dern die Gefahrn.
zulehnen und sie als Teufelswerk zu verdammen. Im Gegenteil: Waltet jedoch das Geschick in der Weise des Ge-stells, dann ist
wenn wir uns dem Wesen der Technik eigens öffnen, finden wir es die höchste Gefahr. Sie bezeugt sich uns nach zwei Hinsichten.
uns unverhofft in einen befreienden Anspruch genommen. Sobald das Unverborgene nicht einmal mehr als Gegenstand,
Das Wesen der Technik beruht im Ge-stell. Sein Walten ge- sondern ausschließlich als Bestand den Menschen angeht und der
hört in das Geschick. Weil dieses den Menschen jeweils auf einen Mensch innerhalb des Gegenstandlosen nur noch der Besteller
Weg des Entbergens bringt, geht der Mensch, also unterwegs, im-
merfort am Bande der Möglichkeit, nur das im Bestellen Entbor- n
1962: vgl. Einblick [in das was ist] 1949 fahr nachstellen [in: GA Bd. 79]
28 Die Frage nach der Technik Die Frage nach der Technik 29

des Bestandes ist, — geht der Mensch am äußersten Rand des Ab- Das Ge-stell verstellt das Scheinen und Walten der Wahrheit.
sturzes, dorthin nämlich, wo er selber nur noch als Bestand ge- Das Geschick, das in das Bestellen schickt, ist somit die äußerste
nommen werden soll. Indessen spreizt sich gerade der so bedroh- Gefahr. Das Gefährliche ist nicht die Technik. Es gibt keine Dä-
31 te Mensch in die Gestalt des Herrn der Erde auf. Dadurch macht monie der Technik, wohl dagegen das Geheimnis ihres Wesens. 32
sich der Anschein breit, alles was begegne, bestehe nur, insofern Das Wesen der Technik ist als ein Geschick des Entbergens die
es ein Gemachte des Menschen sei. Dieser Anschein zeitigt einen Gefahr. Die gewandelte Bedeutung des Wortes »Ge-stell« wird
letzten trügerischen Schein. Nach ihm sieht es so aus, als begegne uns jetzt vielleicht schon um einiges vertrauter, wenn wir Ge-stell
der Mensch überall nur noch sich selbst. Heisenberg hat mit vol- im Sinne von Geschick und Gefahr denken.
lem Recht darauf hingewiesen, daß sich dem heutigen Menschen Die Bedrohung des Menschen kommt nicht erst von den mög-
das Wirkliche so darstellen muß (a.a.O. S. 60 ff). Indessen begeg- licherweise tödlich wirkenden Maschinen und Apparaturen der
net der Mensch heute in Wahrheit gerade nirgends mehr sich selber, Technik. Die eigentliche Bedrohung hat den Menschen bereits in
d. h. seinem Wesen. Der Mensch steht so entschieden im Gefolge seinem Wesen angegangen. Die Herrschaft des Ge-stells droht
der Herausforderung des Ge-stells, daß er dieses nicht als einen mit der Möglichkeit, daß dem Menschen versagt sein könnte, in
Anspruch vernimmt, daß er sich selber als den im Ge-Stell von ein ursprünglicheres Entbergen einzukehren und so den Zu
diesem Angesprochenen übersieht und damit auch jede Weise spruch einer anfänglicheren Wahrheit zu erfahren.
überhört, inwiefern er aus seinem Wesen her im. Bereich eines So ist denn, wo das Ge-stell herrscht, im höchsten Sinne Ge-
Zuspruchs ek-sistiert und darum niemals nur sich selber begeg- fahr.
nen kann.
Allein, das Ge-stell gefährdet nicht nur den Menschen in sei- »Wo aber Gefahr ist, wächst
nem Verhältnis zu sich selbst und zu allem, was ist. Als Geschick Das Rettende auch.«
verweist es in das Entbergen von der Art des Bestellens. Wo die-
ses herrscht, vertreibt es jede andere Möglichkeit der Entbergung. Bedenken wir das Wort Hölderlins sorgsam. Was heißt »retten«?
Vor allem verbirgt das Ge-stell jenes Entbergen, das im Sinne der Gewöhnlich meinen wir, es bedeute nur: das vom Untergang Be-
ποίησις das Anwesende ins Erscheinen her-vor-kommen läßt. Im drohte gerade noch erhaschen, um es in seinem bisherigen Fort-
Vergleich hierzu drängt das herausfordernde Stellen in den ent- bestehen zu sichern. Aber »retten« sagt mehr. »Retten« ist: einho-
gegengesetzt-gerichteten Bezug zu dem, was ist. Wo das Ge-stell len ins Wesen, um so das Wesen erst zu seinem eigentlichen
waltet, prägen Steuerung und Sicherung des Bestandes alles Ent- Scheinen zu bringen. Wenn das Wesen der Technik, das Ge-stell,
bergen. Sie lassen sogar ihren eigenen Grundzug, nämlich dieses die äußerste Gefahr ist und wenn zugleich Hölderlins Wort Wah-
Entbergen als ein solches nicht mehr zum Vorschein kommen. res sagt, dann kann sich die Herrschaft des Ge-stells nicht darin
So verbirgt denn das herausfordernde Ge-stell nicht nur eine erschöpfen, alles Leuchten jedes Entbergens, alles Scheinen der
vormalige Weise des Entbergens, das Her-vor-bringen, sondern Wahrheit nur zu verstellen. Dann muß vielmehr gerade das We-
es verbirgt das Entbergen als solches und mit ihm Jenes, worin sen der Technik das Wachstum des Rettenden in sich bergen.
sich Unverborgenheit, d.h. Wahrheit ereignet. 0 Könnte dann aber nicht ein zureichender Blick in das, was das
Ge-stell als ein Geschick des Entbergens ist, das Rettende in sei-
Vergessenheit des Unter-Schieds
nem Aufgehen zum Scheinen bringen?
50 Die Frage nach der Technik Die Frage nach der Technik 31

Inwiefern wächst dort, wo Gefahr ist, das R e t t e n d e auch? Wo schickhafte Weise ist auch das h e r v o r b r i n g e n d e E n t b e r g e n , die 34
etwas wächst, dort wurzelt es, von dorther gedeiht es. Beides ge- ποίησις.. Aber diese Weisen sind n i c h t Arten, die nebeneinander­
33 schieht verborgen u n d still u n d zu seiner Zeit. Nach d e m Wort geordnet u n t e r den Begriff des E n t b e r g e n s fallen. D i e Entber-
des Dichters dürfen wir aber gerade nicht erwarten, dort, wo Ge- g u n g ist jenes Geschick, das sich je u n d jäh u n d allem D e n k e n
fahr ist, das R e t t e n d e u n m i t t e l b a r u n d unvorbereitet aufgreifen u n e r k l ä r b a r in das h e r v o r b r i n g e n d e u n d herausfordernde E n t -
zu können. D a r u m müssen wir jetzt zuvor bedenken, inwiefern in bergen austeilt 13 u n d sich d e m M e n s c h e n zuteilt. Das herausfor-
dem, was die äußerste Gefahr ist, inwiefern im Walten des Ge- d e r n d e E n t b e r g e n h a t im h e r v o r b r i n g e n d e n seine geschickliche
-stells das R e t t e n d e sogar am tiefsten wurzelt u n d von dorther H e r k u n f t . Aber zugleich verstellt das Ge-stell geschickhaft die
gedeiht. Um solches zu bedenken, ist es nötig, durch einen letzten ποίησις.
Schritt unseres Weges noch h e l l e r e n Auges in die Gefahr zu blik- So ist d e n n das Ge-stell als ein Geschick der E n t b e r g u n g zwar
ken. D e m e n t s p r e c h e n d müssen wir noch e i n m a l nach der Tech- das Wesen der Technik, aber n i e m a l s Wesen im Sinne der Gat­
nik fragen. D e n n in i h r e m Wesen wurzelt u n d gedeiht nach d e m t u n g u n d der essentia. Beachten wir dies, d a n n trifft uns etwas
Gesagten das R e t t e n d e . Erstaunliches: die Technik ist es, die von uns verlangt, das, was
W i e sollen wir jedoch das R e t t e n d e im Wesen der Technik er- m a n gewöhnlich u n t e r »Wesen« versteht, i n e i n e m a n d e r e n Sin-
blicken, solange wir nicht bedenken, in w e l c h e m Sinne von »We- ne zu denken. Aber in welchem?
sen« das Ge-stell eigentlich das Wesen der Technik ist? Schon w e n n wir »Hauswesen«, »Staatswesen« sagen, m e i n e n
Bisher verstanden wir das Wort »Wesen« in der geläufigen Be- wir nicht das Allgemeine einer Gattung, sondern die Weise, wie
deutung. In der Schulsprache der Philosophie h e i ß t »Wesen« je- H a u s u n d Staat walten, sich verwalten, entfalten u n d verfallen.
nes, was etwas ist, lateinisch: quid. Die quidditas, die Washeit gibt Es ist die Weise, wie sie wesen. J. P. Hebel gebraucht in e i n e m
A n t w o r t auf die Frage nach d e m Wesen. Was z. B. allen Arten von Gedicht »Gespenst an der Kanderer Straße«, das Goethe beson-
B ä u m e n , der Eiche, Buche, Birke, T a n n e , zukommt, ist das selbe ders liebte, das alte Wort »die Weserei«. Es bedeutet das Rathaus,
Baumhafte. U n t e r dieses als die allgemeine Gattung, das »univer- insofern sich dort das G e m e i n d e l e b e n v e r s a m m e l t u n d das dörfli-
sale«, fallen die w i r k l i c h e n u n d möglichen Bäume. Ist n u n das che D a s e i n im Spiel bleibt, d.h. west. Vom Zeitwort »wesen«
Wesen der Technik, das Ge-stell, die g e m e i n s a m e G a t t u n g für al- s t a m m t erst das H a u p t w o r t ab. »Wesen«, verbal verstanden, ist
les Technische? Träfe dies zu, d a n n wäre z. B. die D a m p f t u r b i n e , das Selbe wie »währen«; nicht n u r b e d e u t u n g s m ä ß i g , sondern
w ä r e der Rundfunksender, wäre das Zyklotron ein Ge-stell. Aber auch in der l a u t l i c h e n Wortbildung. Schon Sokrates u n d Platon
das Wort »Ge-stell« m e i n t jetzt kein G e r ä t oder i r g e n d e i n e Art denken das Wesen von etwas als das Wesende im Sinne des W ä h -
von Apparaturen. Es m e i n t noch weniger den a l l g e m e i n e n Be- renden. Doch sie denken das W ä h r e n d e als das F o r t w ä h r e n d e (äei
griff solcher Bestände. Die M a s c h i n e n u n d Apparate sind ebenso- öv). Das F o r t w ä h r e n d e finden sie aber in dem, was sich als das
wenig Fälle u n d Arten des Ge-stells wie der M a n n an der Schalt- Bleibende d u r c h h ä l t bei jeglichem, was vorkommt. Dieses Blei-
tafel u n d der I n g e n i e u r im Konstruktionsbureau. All das gehört b e n d e w i e d e r u m entdecken sie im Aussehen (είδος, ίδέα), z. B. in
zwar als Bestandstück, als Bestand, als Besteller je auf seine Art der Idee »Haus«.
in das Ge-stell, aber dieses ist niemals das Wesen der Technik im
Sinne einer Gattung. Das Ge-stell ist eine geschickhafte Weise
des E n t b e r g e n s , n ä m l i c h das herausfordernde. E i n e solche ge- p
1962: sich austeilt, und dorn Menschen sieh entsprechend zuteilt.
32 Die Frage nach der Technik Die Frage nach der Technik 33

In ihr zeigt sich jenes, was jedes so Geartete ist. Die einzelnen so etwas wie einen Menschen, der einzig von sich aus n u r Mensch
wirklichen und möglichen Häuser sind dagegen wechselnde und ist, gibt es nicht.
55 vergängliche Abwandlungen der »Idee« und gehören deshalb zu Allein, w e n n dieses Geschick, das Ge-stell, die äußerste Gefahr
dem Nichtwährenden. ist, nicht nur für das Menschenwesen, sondern für alles Entber-
Nun ist aber auf keine Weise jemals zu begründen, daß das gen als solches, darf dann dieses Schicken noch ein G e w ä h r e n
Währende einzig und allein in dem beruhen soll, was Platon als heißen? Allerdings, u n d vollends dann, wenn in diesem Geschick
die ίδέα, Aristoteles als το τί ην εΐνοα (jenes, was jegliches je schon das R e t t e n d e wachsen sollte. ledes Geschick eines Entbergens
war), was die Metaphysik in den verschiedensten Auslegungen ereignet sich aus d e m G e w ä h r e n u n d als ein solches. D e n n dieses
als essentia denkt. trägt d e m Menschen erst jenen Anteil am E n t b e r g e n zu, den das
Alles Wesende währt. Aber ist das Währende nur das Fortwäh- Ereignis der E n t b e r g u n g braucht. Als der so Gebrauchte ist der
rende? Währt das Wesen der Technik im Sinne des Fortwährens Mensch d e m Ereignis der W a h r h e i t vereignet. Das G e w ä h r e n d e ,
einer Idee, die über allem Technischen schwebt, so daß von hier das so oder so in die E n t b e r g u n g schickt, ist als solches das
aus der Anschein entsteht, der Name »die Technik« meine ein Rettende. D e n n dieses läßt den M e n s c h e n in die höchste Wür-
mythisches Abstraktum? Wie die Technik west, läßt sich nur aus de seines Wesens schauen u n d einkehren. Sie b e r u h t darin, die
jenem Fortwähren ersehen, worin sich das Ge-stell als ein Ge- U n v e r b o r g e n h e i t u n d m i t ihr je zuvor die Verborgenheit alles
schick des Entbergens ereignet. Goethe gebraucht einmal (Die Wesens auf dieser Erde zu h ü t e n . Gerade im Ge-stell, das den
Wahlverwandtschaften IL Teil, 10. Kap., in der Novelle »Die M e n s c h e n in das Bestellen als die vermeintlich einzige Weise der
wunderlichen Nachbarskinder«) statt »fortwähren« das geheim- E n t b e r g u n g fortzureißen droht u n d so den Menschen in die Ge-
nisvolle Wort »fortgewähren«. Sein Ohr hört hier »währen« und fahr der Preisgabe seines freien Wesens stößt, gerade in dieser
»gewähren« in einem unausgesprochenen Einklang. Bedenken äußersten Gefahr k o m m t die innigste, unzerstörbare Zugehörig-
wir nun aber nachdenklicher als bisher, was eigentlich währt und keit des Menschen in das G e w ä h r e n d e zum Vorschein, gesetzt,
vielleicht einzig währt, dann dürfen wir sagen: Nur das Gewährte daß wir an u n s e r e m Teil beginnen, auf das Wesen der Technik zu
währt. Das anfänglich aus der Frühe Währende ist das Gewäh- achten.
rende. So birgt denn, was wir am wenigsten v e r m u t e n , das Wesende
Als das Wesende der Technik ist das Ge-stell das Währende. der Technik den möglichen Aufgang des R e t t e n d e n in sich.
Waltet dieses gar im Sinne des Gewährenden? Schon die Frage D a r u m liegt alles daran, daß wir den Aufgang bedenken u n d
scheint ein offenkundiger Mißgriff zu sein. Denn das Ge-stell ist andenkend h ü t e n . Wie geschieht dies? Vor allem anderen so, daß
doch nach allem Gesagten ein Geschick, das in die herausfor- wir das Wesende in der Technik erblicken, statt n u r auf das Tech-
dernde Entbergung versammelt. Herausfordern ist alles andere, nische zu starren. Solange wir die Technik als I n s t r u m e n t vorstel-
nur kein Gewähren. So sieht es aus, solange wir nicht darauf ach- len, bleiben wir im Willen h ä n g e n , sie zu meistern. Wir treiben
ten, daß auch das Herausfordern in das Bestellen des Wirklichen am Wesen der Technik vorbei.
als Bestand immer noch ein Schicken bleibt, das den Menschen Fragen wir indessen, wie das I n s t r u m e n t a l e als eine Art des
auf einen Weg des Entbergens bringt. Als dieses Geschick läßt Kausalen west, dann erfahren wir dieses Wesende als das Ge-
das Wesende der Technik den Menschen in Solches ein, was er schick eines Entbergens.
36 selbst von sich aus weder erfinden, noch gar machen kann; denn Bedenken wir zuletzt, daß das Wesende des Wesens sich im 37
54 Die Frage nach der Technik Die Frage nach der Technik 35

G e w ä h r e n d e n ereignet q , das den Menschen in den Anteil am E n t - Menschliches Tun k a n n nie u n m i t t e l b a r dieser Gefahr begegnen.
b e r g e n braucht, d a n n zeigt sich: Menschliche L e i s t u n g k a n n nie allein die Gefahr b a n n e n . Doch
Das Wesen der Technik ist in e i n e m h o h e n Sinne zweideutig. Sol- menschliche B e s i n n u n g k a n n bedenken, daß alles R e t t e n d e h ö h e -
che Zweideutigkeit d e u t e t in das G e h e i m n i s aller E n t b e r g u n g , ren, aber zugleich v e r w a n d t e n Wesens sein m u ß wie das Gefähr-
d. h. der W a h r h e i t . dete.
E i n m a l fordert das Ge-stell in das Rasende des Bestellens her- Vermöchte es d a n n vielleicht ein anfänglicher gewährtes E n t -
aus, das jeden Blick in das Ereignis der E n t b e r g u n g verstellt u n d bergen, das R e t t e n d e zum ersten Scheinen zu b r i n g e n i n m i t t e n
so den Bezug zum Wesen der W a h r h e i t von G r u n d auf gefährdet. der Gefahr, die sich im technischen Zeitalter eher noch verbirgt
Z u m a n d e r e n ereignet sich das Ge-stell seinerseits im G e w ä h - als zeigt?
r e n d e n , das den M e n s c h e n darin w ä h r e n läßt, u n e r f a h r e n bis- E i n s t m a l s t r u g nicht nur die Technik den N a m e n τέχνη. Einst­
lang, aber erfahrener vielleicht künftig, der G e b r a u c h t e zu sein mals hieß τέχνη auch jenes E n t b e r g e n , das die W a h r h e i t in den
zur W a h r n i s des Wesens der W a h r h e i t . So erscheint der Aufgang Glanz des S c h e i n e n d e n hervorbringt.
des R e t t e n d e n . Einstmals hieß τέχνη auch das H e r v o r b r i n g e n des W a h r e n in
Das U n a u f h a l t s a m e des Bestellens u n d das Verhaltene des Ret- das Schöne. Tέχνη hieß auch die ποίησις der schönen Künste.
t e n d e n ziehen a n e i n a n d e r vorbei wie im G a n g der Gestirne die Am Beginn des abendländischen Geschickes stiegen in Grie-
B a h n zweier Sterne. Allein, dieser ihr Vorbeigang ist das Verbor- c h e n l a n d die Künste in die höchste H ö h e des i h n e n g e w ä h r t e n
gene i h r e r Nähe. Entbergens. Sie b r a c h t e n die G e g e n w a r t der Götter, b r a c h t e n die
Blicken wir in das zweideutige Wesen der Technik, d a n n er- Zwiesprache des göttlichen u n d m e n s c h l i c h e n Geschickes zum
blicken wir die Konstellation, den Sternengang des Geheimnisses. L e u c h t e n . U n d die Kunst hieß n u r τέχνη. Sie war ein einziges,
Die Frage nach der Technik ist die Frage nach der Konstella- vielfältiges Entbergen. Sie war fromm, προμος, d.h. fügsam d e m
tion, in der sich E n t b e r g u n g u n d Verbergung, in der sich das Walten u n d Verwahren der W a h r h e i t .
Wesende der W a h r h e i t ereignet. Die Künste e n t s t a m m t e n nicht d e m Artistischen. Die Kunst-
D o c h was hilft uns der Blick in die Konstellation der Wahr- werke w u r d e n nicht ästhetisch genossen. Die Kunst war n i c h t
heit? Wir blicken in die Gefahr u n d erblicken das W a c h s t u m des Sektor eines Kulturschaffens.
Rettenden. Was war die Kunst? Vielleicht n u r für kurze, aber h o h e Zeiten?
D a d u r c h sind wir noch nicht gerettet. Aber wir sind daraufhin W a r u m t r u g sie den schlichten N a m e n τέχνη? Weil sie ein her-
angesprochen, im w a c h s e n d e n Licht des R e t t e n d e n zu verhoffen. u n d vor-bringendes E n t b e r g e n war u n d d a r u m in die ποίησις ge­
Wie k a n n dies geschehen? H i e r u n d jetzt u n d im G e r i n g e n so, hörte. Diesen N a m e n erhielt zuletzt jenes E n t b e r g e n als Eigenna-
daß wir das R e t t e n d e in seinem W a c h s t u m hegen. Dies schließt m e n , das alle Kunst des Schönen d u r c h w a l t e t , die Poesie, das
ein, daß wir jederzeit die äußerste Gefahr im Blick b e h a l t e n . Dichterische.
58 Das Wesende der Technik bedroht das E n t b e r g e n , droht m i t Der selbe Dichter, von d e m wir das Wort holten: 39
der Möglichkeit, daß alles E n t b e r g e n im Bestellen aufgeht u n d
alles sich n u r in der U n v e r b o r g e n h e i t des Bestandes darstellt. »Wo aber Gefahr ist, wächst
Das R e t t e n d e auch.«
q
1962: das Eignis selbst sagt uns:
36 Die Frage nach der Technik

» . . . dichterisch w o h n e t der Mensch auf dieser Erde.«

Das Dichterische bringt das Wahre in den Glanz dessen, was Pla- WISSENSCHAFT UND BESINNUNG1
ton im »Phaidros« το έκφανέστατον n e n n t , das am reinsten Her-
vorscheinende. Das Dicherische durchwest jede Kunst, jede E n t -
b e r g u n g des Wesenden ins Schöne.
Sollten die schönen Künste in das dichterische E n t b e r g e n ge-
rufen sein? Sollte das E n t b e r g e n sie anfänglicher in den An-
spruch n e h m e n , d a m i t sie so an i h r e m Teil das W a c h s t u m des
R e t t e n d e n eigens hegen, Blick u n d Z u t r a u e n in das G e w ä h r e n d e
neu wecken u n d stiften?
Ob der Kunst diese höchste Möglichkeit ihres Wesens i n m i t t e n
der ä u ß e r s t e n Gefahr g e w ä h r t ist, v e r m a g n i e m a n d zu wissen.
D o c h wir können e r s t a u n e n . Wovor? Vor der a n d e r e n Möglich-
keit, daß überall das Rasende der Technik sich einrichtet, bis ei-
nes Tages durch alles Technische h i n d u r c h das Wesen der Tech-
nik west im Ereignis der W a h r h e i t .
Weil das Wesen der Technik nichts Technisches ist, d a r u m
m u ß die wesentliche B e s i n n u n g auf die Technik u n d die ent-
scheidende Auseinandersetzung m i t ihr in e i n e m Bereich gesche-
h e n , der einerseits m i t d e m Wesen der Technik v e r w a n d t u n d
andererseits von i h m doch grundverschieden ist.
E i n solcher Bereich ist die Kunst. Freilich n u r dann, w e n n die
künstlerische B e s i n n u n g ihrerseits sich der Konstellation der
W a h r h e i t nicht verschließt, nach der wir fragen.

Also fragend bezeugen wir den Notstand, daß wir das Wesende
der Technik vor lauter Technik noch nicht erfahren, daß wir das a
wie Be-steigung
40 W e s e n d e der Kunst vor lauter Ästhetik nicht m e h r b e w a h r e n . Je b
Aufbau
fragender wir jedoch das Wesen der Technik b e d e n k e n , um so die moderne Wissenschaft 40.
geheimnisvoller wird das Wesen der Kunst. I. Erläuterung (Wirklichkeit - Theorie) 42 ff. - 55 I. Schritt
II. Welcher unscheinbare Sachverhalt, verbirgt sich im Wesen der Wissenschaft
Je m e h r wir uns der Gefahr n ä h e r n , um so heller b e g i n n e n die 55 - 62 oben II. Schritt
W e g e ins R e t t e n d e zu l e u c h t e n , um so fragender w e r d e n wir. das unzugängliche Unumgängliche
D e n n das F r a g e n ist die F r ö m m i g k e i t des Denkens. III. Was ist der unscheinbare Sachverhalt in sich selber
dazu ein neues Fragen nötig andersartig- jedoch in eine »Wegrichtung«
(Sinn) gerissen — auf welchem Weg und Gang'. — welcher Sache