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Minas Dimitriou

Susanne Ring-Dimitriou Hrsg.

Der Körper in
der Postmoderne
Zwischen Entkörperlichung
und Körperwahn
Der Körper in der Postmoderne
Minas Dimitriou · Susanne Ring-Dimitriou
(Hrsg.)

Der Körper in der


Postmoderne
Zwischen Entkörperlichung und
Körperwahn
Hrsg.
Minas Dimitriou Susanne Ring-Dimitriou
Universität Salzburg Universität Salzburg
Hallein/Rif, Österreich Hallein/Rif, Österreich

ISBN 978-3-658-22281-9 ISBN 978-3-658-22282-6  (eBook)


https://doi.org/10.1007/978-3-658-22282-6

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Inhaltsverzeichnis

Zur Einführung: Der postmoderne Körper als ambivalenter Topos. . . . . 1


Minas Dimitriou
Körper als Domäne impliziten und emotionalen Ausdrucks
sportlichen Handelns . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
Günter Amesberger
Der Körper zwischen Adipositas und Essstörungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . 29
Elisabeth Ardelt-Gattinger, Nadine Steger und Susanne Ring-Dimitriou
Jugendkörper im Netz. Erziehungswissenschaftliche
Perspektiven auf Jugendliche und ihre fotografischen
Selbstdarstellungen in digitalen sozialen Netzwerken. . . . . . . . . . . . . . . . . 51
Birgit Bütow und Clarissa Schär
Der postmoderne Körper im Wandel: Sport, Fitness und
Wellness zwischen Gesundheitsorientierung, performativem
Zwang und Optimierungslogik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
Minas Dimitriou
Entblößungen: Postmoderne Tanzkörper in zeitgenössischer
Perspektivierung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93
Nicole Haitzinger
Warum ist die Keimbahn des Menschen auch in einem
alten Körper jung?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107
Günter Lepperdinger

V
VI Inhaltsverzeichnis

Dekonstruktion und Rekombination – Der Künstlerkörper


in den 1990er Jahren. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123
Ulrike Reinert
Von der Askese bis zum Orgasmuszwang. Religiöse Erbstücke
im postmodernen Körper. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137
Hans-Joachim Sander
Rechtliche Grenzen im Umgang mit dem menschlichen Körper.
Vom Folterverbot über die Knabenbeschneidung zu Pornografie
und Datenschutz. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151
Kurt Schmoller
Zu jung, um alt zu sein? Visiotype der Best Ager in Journalismus
und Werbung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169
Martina Thiele und Helena Atteneder
Gesundheit, Lebensstil und Subjektives Wohlbefinden aus
ökonomischer Perspektive. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185
Hannes Winner
Herausgeber- und Autorenverzeichnis

Über die Herausgeber

Assoz. Univ. -Prof. PD Dr. Mag. Minas Dimitriou ist Assoziierter Profes-


sor am Interfakultären Fachbereich Sport‐ & Bewegungswissenschaft/USI der
Paris Lodron Universität Salzburg. Er ist Fachkoordinator des Masterstudiums
„Sport‐Management‐Medien“ und Geschäftsführer des Universitätslehrganges
Sportjournalismus. Seine Lehr‐ & Forschungsschwerpunkte sind kulturelle und
zeitdiagnostische Aspekte des Sports sowie mediale, wirtschaftliche und politi-
sche Implikationen des Sports, Körper‐ und Freizeitsoziologie.

Assoz. Univ. -Prof. PD DDr.in Mag.a Susanne Ring-Dimitriou  ist Assoziierte


Professorin am Interfakultären Fachbereich Sport‐ & Bewegungswissenschaft/
USI der Paris Lodron Universität Salzburg. Ihre Forschungsinteressen und Lehr-
schwerpunkte liegen im Bereich der Gesundheitsförderung und Prävention
metabolischer Erkrankungen durch Bewegung und Sport in der Lebenswelt von
Kleinkindern und Erwachsenen der zweiten Lebenshälfte.

Autorenverzeichnis

Univ. -Prof. Dr. Günter Amesberger  ist Professor für Sportpsychologie und -päd-
agogik sowie Leiter des Interfakultären Fachbereichs Sport‐ & Bewegungswissen-
schaft/USI der Universität Salzburg und des ULG Handlungsorientierte Personal-,
Team- und Organisationsentwicklung nach IOA®. Seine Forschungsschwerpunkte
sind u. a. psychologische Diagnostik und Beratung im Leistungssport, Exekutive

VII
VIII Herausgeber- und Autorenverzeichnis

Funktionen, Psychophysiologie/Biofeedback, handlungsorientiertes Lernen und


kompetenzorientiertes Unterrichten.
Univ. Doz. Dr. Elisabeth Ardelt-Gattinger ist Ao. Professorin in Ruhe. Ihre
Forschungsinteressen, ihre Vortragstätigkeit sowie Präventions- und Erwachs-
enenbildungsmaßnahmen, Beratungen/Psychotherapien liegen im Bereich Adi-
positas und Essstörungen. Hinzu kommt eine etwa 30-jährige Tätigkeit als
Gutachterin vor bariatrisch chirurgischen Interventionen von Jugendlichen und
Erwachsenen.
Mag.a Helena Atteneder ist Dissertantin und wissenschaftliche Mitarbeiterin
am Fachbereich Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg. Ihre als
Buch veröffentlichte Magistraarbeit (erschienen bei kopaed) widmet sich dem
Desiderat Stereotyp, Alter/Generation und Medien aus transdisziplinärer Per-
spektive zu analysieren. Derzeit schreibt sie an ihrer Dissertation zum Thema
Geomedien und deren Auswirkungen auf gesellschaftliche Machtverhältnisse,
Überwachungsstrukturen und Bedeutungen von Privatsphäre.
Univ. -Prof. Dr. Birgit Bütow ist Professorin am Fachbereich Erziehungs-
wissenschaft an der Paris-Lodron-Universität. Sie leitet den Schwerpunkt „Sozial-
pädagogik“. Ihre Forschungsprojekte beziehen sich auf Biografie-, Jugend- und
Jugendhilfe- bzw. Genderforschung. Diese Schwerpunkte bilden auch den Kern
ihrer Lehre, neben der qualitativen Methodenausbildung und der Vermittlung
theoretisch-methodologischer sowie historisch-systematischer Grundlagen der
Sozialpädagogik.
Univ. -Prof. Dr. Nicole Haitzinger  ist Professorin am Fachbereich Kunst-, Musik-
und Tanzwissenschaft der Paris Lodron Universität Salzburg. Sie ist (Ko-)Leitung
des Universitätslehrganges Kuratieren in den szenischen Künsten. Ihre Lehr- und
Forschungsschwerpunkte sind Theorie, Geschichte und Ästhetik der szenischen
Künste vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart, Moderne als Plural, Antiken-
konstruktionen und -rezeptionen (Inszenierungen und Verkörperungen des Tragi-
schen, Bühnentode).
Univ. Prof. Dr. Günter Lepperdinger ist Professor und Alternsforscher
am Fachbereich Biowissenschaften der Universität Salzburg. Seine Arbeits-
gruppe bearbeitet an humanbiogerontologischen Fragestellungen auch in enger
Zusammenarbeit mit klinischen Forschergruppen und industriellen Partnern. Er
setzt sich mit Aspekten der Regeneration von alternden Geweben im Menschen
auseinander, vordringlich mit der Nische von mesenchymalen Stammzellen
(MSC), welche die Gesundheit von Zellen und somit das endogene Regenerati-
ons- und Reparaturpotenzial von Geweben und Organen entscheidend beeinflusst.
Herausgeber- und Autorenverzeichnis IX

Mag. Dr. phil. Ulrike Reinert ist Lehrbeauftragte im Fachbereich Kunst-


geschichte und für die Universität 55-Plus an der Paris Lodron Universität Salz-
burg mit Schwerpunkt neuere und neueste Kunstgeschichte. Sie arbeitet ferner als
freie Kunstvermittlerin. In diesem Bereich langjährige Tätigkeit für das Museum
der Moderne und das Domquartier Salzburg.
Univ. -Prof. Dr. Hans-Joachim Sander lehrt Dogmatik an der katholischen
Theologischen Fakultät der Universität Salzburg und arbeitet am Fachbereich
Systematische Theologie. Seine Forschungsschwerpunkte sind das Zweite Vati-
kanische Konzil, Macht- und Ohnmachtrelationen in der Gotteslehre sowie topo-
logische Verfahren in der Theologie.
Clarissa Schär (MA) ist wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl Sozial-
pädagogik des Instituts für Erziehungswissenschaft der Universität Zürich.
Sie forscht und lehrt zu den Schwerpunkten Kinder- und Jugendhilfe insb.
Kindesschutz, Kindheit und Jugend im Kontext neuer Medien, Körper- und
geschlechtertheoretische Ansätze, Cultural Studies, Theorie und Geschichte der
Sozialpädagogik, Fotoanalysen.
O. Univ. -Prof. Dr. Kurt Schmoller  ist seit 1993 Professor für Strafrecht und
Strafverfahrensrecht an der Universität Salzburg und seit 2010 wirkliches Mit-
glied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Von 2004–2009 war er
Dekan der Rechtswissenschaftlichen Fakultät, 2014 erhielt er den Preis der Uni-
versität Salzburg für hervorragende Lehre. Er ist Autor mehrerer Bücher sowie
von mehr als 200 publizierten Fachbeiträgen zu vielfältigen Bereichen des Straf-
rechts, des Strafverfahrensrechts und der Kriminalpolitik.
Nadine Steger  (BSc) ist Masterstudentin der Psychologie an der Paris Lodron
Universität Salzburg, in einer Betreuungseinrichtung für forensisch-psychia-
trisches Klientel und als Coach für Positive Psychologie tätig. Ihre weiteren
Interessen betreffen Essstörungen und Ernährungspsychologie, weshalb die
Unterstützung bei wissenschaftlichen Publikationen sowie die Vorbereitung von
Vorträgen und Trainings im Bereich von Adipositas und Essstörungen ein zusätz-
liches Beschäftigungsfeld darstellt.
Assoz. Univ. -Prof. PD Dr.in Mag.a Martina Thiele  ist Assoziierte Professo-
rin am Fachbereich Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg. Zu
ihren Schwerpunkten in Forschung und Lehre zählen Stereotypen- und Vorurteils-
forschung, Kommunikationstheorien und -geschichte sowie Öffentlichkeiten. Sie
ist Mitglied im Interdisziplinären ExpertInnenrat Gender Studies und Leiterin der
Doctorate School geschlecht_transkulturell.
X Herausgeber- und Autorenverzeichnis

Univ. -Prof. Dr. Hannes Winner  ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der
Universität Salzburg, wissenschaftlicher Konsulent am Österreichischen Insti-
tut für Wirtschaftsforschung und Research Fellow am Centre for Business Taxa-
tion an der Oxford University. Forschungsschwerpunkte: Finanzwissenschaft,
Gesundheitsökonomik und angewandte Ökonometrie.
Zur Einführung: Der postmoderne
Körper als ambivalenter Topos

Minas Dimitriou

1 Einleitung

Im Rahmen des sozialen Wandels erlebt der Körper in den letzten Dekaden
eine bemerkenswerte gesellschaftliche Aufwertung („body turn“, Gugutzer
2006). Sowohl die Individualisierung und Singularisierung (Reckwitz 2017)
als zentrale Kristallisationspunkte postmoderner Identität sowie der gestiegene
Wohlstand und die Verbreitung der Konsumkultur, als auch die rasante medien-
technologische Entwicklung, die Inszenierung und Eventisierung des Alltags
und die Fortschritte in der Reproduktionsmedizin führen zur intensiven wissen-
schaftlichen Auseinandersetzung mit dem Körper als soziales Gebilde. Parallel
dazu entwickelt sich der Körper durch Body Art, verschiedene Körpertherapien,
die Etablierung eines sport- und fitnessorientierten Lebensstils (Cederström
und Spicer 2016), das Altern der Gesellschaft und auch die Entwicklung von
Optimierungstechniken (Duttweiler und Passoth 2016) sowie rasanten Gesund-
heitsmoden zu einem Gegenstand des öffentlichen Diskurses und nimmt dadurch
einen immer größer werdenden Stellenwert in der Gesellschaft ein (Gugutzer
et al. 2017).
Gegenstand des vorliegenden Sammelbandes ist der Körper aus unter-
schiedlichen Perspektiven in einem bestimmten epochalen, ideologischen und
stilistischen Rahmen, nämlich in der Postmoderne. Letztgenannter „Passepartout-
begriff“ (Eco 2003, S. 77) stellt als heterogenes Paradigma vielfältiger Theo-
rien zweifelsohne ein komplexes und umkämpftes Terrain dar. Die Diskussion

M. Dimitriou (*) 
Universität Salzburg, Hallein/Rif, Österreich
E-Mail: minas.dimitriou@sbg.ac.at

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019 1
M. Dimitriou und S. Ring-Dimitriou (Hrsg.), Der Körper in der Postmoderne,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-22282-6_1
2 M. Dimitriou

der Postmoderne ist in den unterschiedlichen Gebieten – wie z. B. Architektur,


Literatur, Philosophie, Soziologie oder Kulturtheorie – erkennbar und lässt sich
in wissenschaftlichen Disziplingrenzen identifizieren. Im Zuge der vorliegenden
Arbeit wird dieser Topos im Sinne Baumans verwendet, als ein Phänomen, das
von „[…] permanent and irreducible pluralism of cultures, communal traditions,
ideologies, ‚forms of life‘ or ‚language games‘ […] or the awareness and recog-
nition of such pluralism“ Baumans (1988, S. 225) geprägt wird. Somit rücken
Aspekte, wie Relativismus, Vielfalt und Flexibilisierung in den Mittelpunkt des
wissenschaftlichen Interesses. Ein weiterer Gesichtspunkt des hier behandelten
Begriffes bezieht sich auf den diskursiven und konstruierten Charakter der Post-
moderne. Bauman spricht auch von Zunahme der Unsicherheit, der Fragmen-
tierung sowie der Ambivalenz und meint, dass das postmoderne Individuum
nomadisch in einer „fremdbestimmten, glück- und schutzlosen“ (Bauman 2008,
S. 15) Gesellschaft lebt.
Aktuell erlangt der Körper mit dem Übergang zur postmodernen Gesell-
schaft neue Bedeutungen in den Bereichen Freizeit und Konsum (Schroer und
Wilde 2016). Während das funktional- mechanische Körperbild des Industrie-
zeitalters mit der zunehmenden Differenzierung und Pluralisierung von welt-
anschaulichen Wertsystemen und Lebensstilen konterkariert wurde, erfährt der
postmoderne Körper eine beachtenswerte Wandlung im Informationszeitalter.
Anstelle des rationalen „zivilisierten“ Körpers (Elias 1976) als Arbeitskraft in
der Industriegesellschaft rückt ein polysemiotischer Körper als ein Instrument
der Fitness in den Vordergrund: „The postmodern body is first and foremost a
receiver of sensations; it imbibes and digests experiences; the capacity of being
stimulated renders it an instrument of pleasure. That capacity is called fitness“
(Bauman 1995, S. 116).
Im Rückgriff auf die theoretischen Positionen von Jean-Francois Lyotard
(1999), in denen er „Metaerzählungen“ und „Metasysteme“ ablehnt, avanciert der
Körper zum unübersichtlichen Phänomen, das von der deterministischen Absolut-
heit, Homogenität und Linearität der Moderne abgelöst wird. Im Zuge des
aufkommenden Relativismus und Perspektivismus in der Postmoderne kristalli-
sieren sich kultur- und zeitspezifische Entwicklungslinien auf den Körper, die alle
gleich wahrhaft sind, heraus (Gugutzer 2015). Gerade postmoderne erkenntnis-
theoretische Positionen, die die Pluralität von Denkansätzen, Kunstrichtungen,
Maßstäben und Handlungsmustern vertreten, finden im Körper ein ideales Feld,
um die Suche nach der eigenen Identität, die Betonung der subjektiven Wahr-
nehmung und die Multiperspektivität des Sozialen zu akzentuieren.
Zur Einführung: Der postmoderne Körper als ambivalenter Topos 3

Da der Topos Postmoderne hinsichtlich seiner zeitlichen Verortung und sei-


nes Inhaltes umstritten ist, stellt auch der im vorliegenden Sammelband unter-
nommene Versuch, den Körper in diesem fragmentierten und fragilen Rahmen
einzuordnen, eine große Herausforderung dar. Deswegen ist es notwendig, einen
kurzen theoretischen Abriss zum Topos Körper zu skizzieren, um die im vor-
liegenden Sammelband angestrebten inhaltlichen Verbindungslinien zur Post-
moderne zu verdeutlichen.
Im soziokulturellen Diskurs wird der Körper weder als rein biologisches noch
psychisches System betrachtet, sondern eher als Mittel, die Umgebung wahrzu-
nehmen, auf sie zu reagieren und mit anderen Individuen in Verbindung zu tre-
ten. Der Körper ermöglicht eine Beziehung zur Außenwelt als Ganzes – Körper,
Geist und Seele (Agstner et al. 1995). „Den Körper haben wir immer dabei“
konstatierte Erving Goffman (1994, S. 152), um die Omnipräsenz des Körpers
zu betonen. Das Zusammenspiel von „Geist“ bzw. „Seele“ und „Körper“ bzw.
„Leib“ formt den Menschen in seinem Fühlen, Denken und Handeln zu einer
individuellen, einzigartigen Person (Schaufler 2002). Darüber hinaus besteht der
menschliche Körper aus einer Zweiheit von Sein und Haben (Plessner 1981).
Die Konjunktionen von Leib-Sein und Körper-Haben ergeben jeweils eine Ein-
heit aus zwei Perspektiven, die untrennbar miteinander verbunden sind und sich
gegenseitig bedingen (Gugutzer 2006). In diesem Zusammenhang konstatieren
auch Berger und Luckmann (1974, S. 53): „Die menschliche Selbsterfahrung
schwebt also immer in der Balance zwischen Körper-Sein und Körper-Haben“.
Der Leibbegriff „bezeichnet das unmittelbare, nicht-relativierbare innere Erleben“
(Villa 2008, S. 201) und steht mit dem lebendigen Körper in Verbindung. In die-
sem Kontext definiert Husserl den Körper als „the physical, objectified body stu-
died by science“ und den Leib als „the lived sensation of embodiment“ (Husserl
1999, S. 25). Den Körper betrifft die physische Ausstattung des Menschen, der
bestimmte objektive Merkmale wie Kopf, Arme, Beine, Muskeln und Organe
umfasst (Gugutzer 2006).
Die oben skizzierten Begriffserklärungen konturieren den Körper aus hand-
lungstheoretischer und phänomenologischer Perspektive. Darüber hinaus
orientieren sich praxeologische Ansätze an der Materialität (Dinge, Artefakte)
und Körperlichkeit des Sozialen und nehmen vorwiegend den sichtbaren und
aktiv einsetzbaren Körper unter die Lupe. Während im Rahmen der Praxis-
theorie „soziale Ordnungen über Bewegungen und Körperhaltungen sowohl
angeeignet als auch hergestellt werden“ (Meuser 2006, S. 105), setzt sich die
leibphänomenologische Betrachtungsweise mit dem wahrnehmenden, spürenden
Leib auseinander. Die Analyse des Sozialen „ausgehend vom leiblich-körper-
lichen Wahrnehmen, Handeln und Interagieren“ (Gugutzer 2015, S. 124) rückt
4 M. Dimitriou

in den Vordergrund des wissenschaftlichen Interesses. Dabei wird der Körper


als „ein mittels Haltung, Gestik, Mimik, Kleidung, Schmuck, etc., soziale Zuge-
hörigkeiten, Identitäten und Kompetenzen kommunizierendes Wissensmedium“
(Stadelbacher 2016, S. 12 f.) verstanden.
Basierend auf phänomenologischen Überlegungen konzentrieren sich wissens-
soziologische Betrachtungsweisen auf die reziproke Beziehung zwischen dem
Wissen über den Körper und dem Wissen des Körpers an sich. Der erwähnte Pro-
zess impliziert die Manifestation von unterschiedlichen „somatischen Kulturen“
(Boltanski 1976) innerhalb des sozialen Gefüges und wird durch die Aktivierung
von „Kodes der guten Sitten für den Umgang mit dem Körper“ (Boltanski 1976,
S. 154) in Gang gesetzt. „Diese Kodes gelten gleichermaßen für das Erleben des
eigenen und die Wahrnehmung fremder Körper“ (Keller und Meuser 2011, S. 13).
Da die postmoderne Wissenskonstruktion einen provisorischen und kon-
textualen Charakter hat, sind in diesem Zusammenhang die Form der somati-
schen Kulturen und der inhaltliche Gehalt der erwähnten Kodes von Ambivalenz
und Kontingenz gekennzeichnet.
Ausgehend von der Prämisse, dass „die Gesellschaft aus postmoderner Sicht
ihr Gesicht verliert […] und kann in dem spannungsreichen Nebeneinander von
Staat, Wirtschaft, Kultur und Öffentlichkeit kein eindeutiges und alles über-
greifendes Zentrum mehr ausmachen“ (Giesen 1991, S. 243), kann in diesem
Zusammenhang von einer „radikalen Pluralität“ (Welsch 1987, S. 4) die Rede
sein. Diese Entwicklung wirkt auch auf die persönliche Identitätssuche aus und
verstärkt den Übergang von einer zeitstabilen zur situativen (Körper-)Identität
(Rosa 2005, S. 362).
Außerdem sind Körperbilder – in einer von neuen Kommunikationstechno-
logien geprägten postmodernen Medienkultur (Gergen 1996) – in ihrer Her-
stellung, wie in ihrer kollektiven und subjektiven Wahrnehmung und Rezeption
in ihrer medialen Repräsentation verankert, die jene normativen Strukturen dar-
stellt und in Umlauf bringt, an denen der eigene Körper, wie auch der der ande-
ren, gemessen wird (Dimitriou 2015). „Die Mediengesellschaft produziert einen
Körper, dessen Physis vor allem zur öffentlichen Inszenierung und sozialen
Positionierung des Subjektes dient und dessen Äußeres entsprechend gepflegt
und gestylt werden muss“ (Klein 2008, S. 212). Die jeweilige Repräsentation
zeigt das Vorbild, dem die Formierung des eigenen Körpers untergeordnet wird.
Über das Fremdbild, das vom eigenen Körper vorerst abgekoppelte Ideal, wer-
den soziale und kulturelle Regeln sowie Ordnungen transportiert, die der Imita-
tion des somatischen Idealbildes einverleibt werden. Somit erweist es sich, dass
der Körper einerseits eine „zentrale Rolle […] als Medium der Einverleibung und
Verkörperung gesellschaftlicher Standards hat: Disziplin und Norm haben ihren
Zur Einführung: Der postmoderne Körper als ambivalenter Topos 5

Ort am und im Körper“ (Bublitz 2006, S. 342), anderseits „produziert er Gesell-


schaft“ (Gugutzer 2015, S. 8), denn die Körperlichkeit der sozial handelnden
Individuen beeinflusst die Normsysteme der Gesellschaft, was auch als Indiz des
zunehmenden Verfalls von linearen Werthierarchien interpretiert werden kann.
So z. B. generieren in den letzten Jahren die medialen Altersdarstellungen
vermehrt Stereotype (Wangler 2012), die den neoliberalen gesellschaftlichen
Anforderungen (Best Ager) entsprechen. In diesem Kontext erscheinen einer-
seits die foto- und videografischen Selbstdarstellungen Jugendlicher oft als
Reproduktionsfläche massenmedialer Körperlichkeit, die durch hegemoniale und
geschlechtsstereotype Körperbilder charakterisiert wird (Schär 2013). Anderer-
seits leisten die Jugendlichen mit ihren medialen Selbstdarstellungen einen erheb-
lichen Beitrag zur performativen Veränderung der vorherrschenden Körperbilder,
was auch als Zeichen der zunehmenden Subjektivierung in der Postmoderne
betrachtet werden kann. Somit erscheint der Körper als Verbindungselement zwi-
schen „dem (reflexiven) Selbst und der Welt“ (Rosa 2016, S. 145).
Vor diesem Hintergrund ist es Ziel des vorliegenden Sammelbandes, die
im Zuge einer sozial funktionalen Differenzierung entstandene konstitutive
Beziehung zwischen Körper und Gesellschaft in einem kultur- und sozialwissen-
schaftlichen Kontext exemplarisch zu untersuchen. In den Vordergrund des Inte-
resses rücken neben der Frage nach der Art und Weise des Verständnisses des
menschlichen Körpers als komplexes gesellschaftliches Phänomen auch die
Erscheinungsformen und Artikulationslinien des postmodernen Körpers.
Angesichts dieser Tatsache konzentriert sich die vorliegende Beitragssammlung
auf eine beispielhafte Untersuchung des gesellschaftlichen Strukturwandels, in
dem der postmoderne Körper als transkultureller und transmedialer Topos und als
rekonstruierbare Instanz in den Betrachtungsfeldern Kunst, Lebensstil und Ästhe-
tik behandelt wird. Außerdem werden normative, ethisch-philosophische, päd-
agogische, biologische, sportwissenschaftliche und kommunikationsspezifische
Zusammenhänge, die Potenziale „einer postmodernen Neubewertung“ (Bauman
1991, S. 348) des Körpers ausnutzend, thematisiert.
Ein weiterer Grund für die Auseinandersetzung mit diesen in den letzten Jah-
ren in den Hintergrund geratenen theoretischen Diskursen stellt zweifelsohne die
Ambivalenz postmoderner Positionen dar. Während die postmodernen ethischen
Haltungen mit einem kompromisslosen Anti-Fundamentalismus in Verbindung
stehen, kann im Gegensatz dazu „die weltweite Renaissance von Fundamen-
talismen diverser Couleur selbst wiederum als ein Symptom der postmodernen
Zeit angesehen“ (Vester 1997, S. 129) werden. Dementsprechend will schließlich
diese Beitragssammlung den Körper als multisemantischen Topos in (aktuellen)
fragilen gesellschaftlichen Übergängen aufzeigen.
6 M. Dimitriou

2 Über diesen Band

Die in diesem Band veröffentlichten Beiträge entstanden anlässlich einer im


Wintersemester 2016/2017 an der Universität Salzburg veranstalteten Ringvor-
lesung, wobei die Institutionen Uni 55-PLUS und der Interfakultärer Fachbereich
Sport- und Bewegungswissenschaft/USI federführend hinsichtlich der inhalt-
lichen Konzeption und Organisation waren.
Der erste Beitrag von Günter Amesberger setzt sich vor dem Hintergrund
der zunehmenden Differenzierung und Pluralisierung von weltanschaulichen
Wertsystemen und Lebensstilen der Postmoderne mit dem Umgang mit körper-
lich-emotionalen Wirkungen von Bewegung und Sport im Spannungsfeld
Leistung und individueller Erfüllung auseinander. Dazu rücken einerseits Selbst-
erfahrungsprozesse, wie sie im Zuge körper-psychotherapeutischer Maßnahmen
oder meditativer Zugänge und andererseits leistungssportliche Optimierungs-
prozesse in den Vordergrund.
In Ihren Beitrag mit dem Titel „Der Körper zwischen Adipositas und Ess-
störungen“ gehen Elisabeth Ardelt-Gattinger, Nadine Steger und Susanne
Ring-Dimitriou von der These aus, dass der äußeren Gestalt des Körpers als ein
Kontinuum von dicken zu dünnen Menschen mit Unterstützung metrischer Ver-
fahren gesellschaftlich etabliert wird. Adipositas und Essstörungen stellen patho-
gene Erscheinungen dar und führen im Rahmen interpersoneller Kommunikation
als Symptomen der postmodernen Konstruktionen von Körperbilder zu Vorurteile
und Stigmatisierungen. Die Autorinnen schlagen schließlich für den Umgang mit
Kindern und Jugendlichen vor, zum einen über die zahlreichen Varianten zwi-
schen Perfektion und Unvollkommenheit zu diskutieren und zum anderen Optio-
nen sowohl für ein selbstbewusstes und gewichtsunabhängiges Essverhalten als
auch ein aus Spaß und Freude motiviertes Bewegungsverhalten offenzuhalten.
Der anschließende Beitrag von Birgit Bütow und Clarissa Schär behandelt
aus einer erziehungswissenschaftlichen Sicht die Art und Weise, wie Jugendliche
sich mit den gegenwärtigen gesellschaftlichen Anforderungen an die Gestaltung
von Körper und Selbst auseinandersetzen. In ihrer Schlussfolgerung betonen die
Autorinnen, dass Jugendliche mit ihren fotografischen Selbstdarstellungen in
digitalen sozialen Netzwerken nicht nur hegemoniale, an medialen Vorbildern
orientierte Körperbilder und Subjektformen reproduzieren, sondern diese auch
verändern und überschreiben können.
Minas Dimitriou untersucht in seinem Beitrag den (postmodernen) Kör-
per sowohl als Objekt der Selbstoptimierung, als Fitnessdomäne und als Mittel
zur Gesundheitserhaltung, Medium der Selbstdarstellung und -Inszenierung.
Zur Einführung: Der postmoderne Körper als ambivalenter Topos 7

Dabei rücken Körperkulturen, wie Fitness und Wellness sowie deren ästheti-
scher, gesundheitsorientierter und performativer Rahmen in den Vordergrund
des Interesses. Die Analyse zeigt, dass während Fitness, Wellness und andere
Körperstrategien einen erheblichen Beitrag zur Visualisierung von gesund-
heitsnormativen Idealen leisten, avanciert der Körper in der postmodernen und
singularisierten Gesellschaft zu einer gestaltbaren Instanz und permanenten
Kultivierungsfläche von Affekten und Sehnsüchten.
Nicole Haitzinger beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit dem Titel „Entblö-
ßungen: Postmoderne Tanzkörper in zeitgenössischer Perspektivierung“ mit
der Modellierung von Körperlichkeit anhand von Anna Halprins Freilichtbühne
„Dance Deck“ und der dort 1957 aufgeführten Performance The Branch und
Simone Fortis performativer Skulptur Huddle (1961). Die Autorin weist in Ihrem
Beitrag darauf hin, dass Entblößungen in der gegenwärtigen Perspektivierung von
postmoderner Körperlichkeit in einem erweiternden Sinn verstanden werden kön-
nen, nämlich als bloße Körper, die sich wiederholt anders konstruieren und für
das Publikum Bedeutungsoffenheit generieren.
Der biologische Körper im Alterungsprozess ist Gegenstand der Arbeit von
Günter Lepperdinger. Ausgehend von der Tatsache, dass die Keimbahn nicht
altert, geht der Autor der Frage nach den biologischen Besonderheiten, die es
ermöglichen, die Vielzahl der körperlichen Alterungsprozesse zu umgehen. In sei-
ner Schlussfolgerung betont Lepperdinger, dass wenn technische Entwicklungen
auf verschiedenen Gebieten einsetzbar sind, um Alterungsmechanismen effizi-
ent einzuschränken, bislang unumkehrbare Schäden zu eliminieren und darüber
hinaus Alterungsproblemen vorzubeugen und biologische Informationsinhalte zu
verändern, sodass Reparatur, Resistenz und Resilienz zielgerichtet optimiert wer-
den kann, scheint es in greifbarer Nähe, dass die Lebenserwartung des Menschen
optimierbar oder auch die maximale Lebensspanne verlängerbar ist.
Im Fokus des anschließenden Beitrages „Dekonstruktion und Rekombination –
Der Künstlerkörper in den 1990er Jahren“ steht die Auseinandersetzung mit
künstlerischen Positionen, welche die Verfasstheit des Menschen und diverse
Vorstellungen von Körperbildern unter dem zentralen Aspekt von Selbst-
inszenierung und Selbstbefragung erörtern. Diese von Ulrike Reinert vorgelegte
Arbeit beschäftigt sich konkret mit dem Werk von Künstlerinnen und Künstler
wie Orlan, Sherman, Ray oder auch Stelarc, deren künstlerische Arbeit sich als
Teil einer postmodernen Suchbewegung hinsichtlich Fragestellungen zur eigenen
Standortbestimmung wie auch zur geschlechtlichen Identität erweist.
Hans-Joachim Sander behandelt in seinem Beitrag „Von der Askese bis zum
Orgasmuszwang. Religiöse Erbstücke im postmodernen Körper“ den Wandel der
8 M. Dimitriou

Sexualität von persönlichen zur öffentlichen Ressource. Der Autor unterstützt


daher die These, dass Sexualität uns nicht von innen, sondern von außen erreicht.
Infolgedessen ist auch der Körper unsere primäre Performance in der Öffentlich-
keit. Der Grund für diese Entwicklung ist nach Sander eine Art der Relativierung,
die vor allem in zwei Zeichen der Zeit ersichtlich wird: der Geständniszwang
von Sexualität für den privaten Gebrauch und den Orgasmuszwang für ihren
gesellschaftlichen Gebrauch. Im Rahmen einer kulturhistorischen Analyse unter-
sucht der Autor Orgasmus- und Geständniszwang als christliche Erbstücke und
zeigt, dass Sexualität in der postmodernen Gegenwart nicht zur Selbstbestätigung,
sondern nur zur Analyse von Disziplinarmechanismen taugt.
Kurt Schmoller analysiert in seinem Beitrag die (straf-)rechtlichen Grenzen
im Umgang mit dem menschlichen Körper anhand aktueller Bereiche, wie z. B.
Rettungsfolter, Zwangssterilisation, Knabenbeschneidung, Sterbehilfe, Organ-
transplantation, sexuelle Belästigung, Pornografie, Bildnis- und Datenschutz.
Der Autor stellt fest, dass dem Schutz des menschlichen Körpers in der Rechts-
ordnung eine zunehmende Bedeutung beigemessen wird, gleichzeitig aber auch
der autonomen Entscheidung über den eigenen Körper eine höhere Bedeutung
zukommt als früher.
Martina Thiele und Helena Atteneder befassen sich in ihrem Beitrag mit Visu-
alisierungen der sogenannten Best Ager sowohl in Anzeigen, die in Printmedien
geschaltet werden, als auch in Pressefotos, die redaktionelle Beiträge zum Thema
Alter illustrieren. In dieser kommunikationswissenschaftlichen Arbeit wurden
verschiedenen Bildtypen und thematische Zusammenhänge identifiziert, auf
die häufig in Journalismus und Werbung zurückgegriffen wird, wenn es um die
Repräsentation und gezielte Ansprache Junger Alter bzw. euphemistisch Best
Ager genannten 55–70-Jährigen geht. Die Autorinnen konzentrieren sich dabei
auf das Aufkommen der Sozialfigur der Jungen Alten, über die Arbeit am Körper
und das Schönheitshandeln in der Postmoderne.
Gesundheit, Lebensstil und Subjektives Wohlbefinden aus ökonomischer Per-
spektive lautet die Überschrift des Beitrages von Hannes Winner, der den Band
mit einer kritischen Literaturanalyse zum ökonomischen Zusammenhang des
erwähnten Beziehungsgeflechtes abschließt. Dabei setzt sich der Autor einerseits
mit zentralen Fragestellungen aus der Gesundheitsökonomik auseinander und
anderseits befasst er sich mit den empirischen Problemen hinsichtlich der kausa-
len Interpretation des Zusammenhangs zwischen Lebensstil, Gesundheit und sub-
jektivem Wohlbefinden.
Zur Einführung: Der postmoderne Körper als ambivalenter Topos 9

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Körper als Domäne impliziten und
emotionalen Ausdrucks sportlichen
Handelns

Günter Amesberger

Zusammenfassung
Die Wechselwirkungen psychischer und körperlicher Phänomene treten im
Bewegen besonders deutlich hervor. Bereits Merleau-Ponty (Phenomeno-
logy of perception, Routledge, London, 1945) betont in seinem anthropo-
logischen Konzept der Leiblichkeit u. a. die Bedeutung des Leibes als Mittler
zur Welt, ein Gedanke der von Grupe (Bewegung, Spiel und Leistung im
Sport: Grundthemen der Sportanthropologie, Hofmann, Schorndorf, 1982) in
der anthropologischen Sportpädagogik fortgeführt wurde. Hingegen wird in
sportpsychologischen Kontexten zumeist kognitiven Aspekten in der Hand-
lungsregulation zentrale Bedeutung beigemessen. Leiberleben und Emotionen
werden eher als Nebenfaktoren betrachtet, manchmal sogar eher als störend
(Vorstartangst, „choking under pressure“, …) eingestuft oder im Sinne der
„individual zone of optimal functioning“ (Hanin, Handbook of Sport Psycho-
logy 3:22–41, 2007) funktional für die Leistungsoptimierung eingesetzt. In die-
sem Beitrag wird der These nachgegangen, dass die geringe Aufmerksamkeit
auf das (phänomenologische) Wesen des körperlich-emotionalen Ausdrucks als
Widerspiegelung des aktuellen in der Welt seins die differenzierten interaktio-
nalen Phänomene etwa zwischen Sportler/innen und Trainer/innen und deren
Wirkung in den Hintergrund treten lässt. Es wird diskutiert, wie emotionale und
implizite Prozesse das Körpererleben und Handeln regulieren und wie damit
in unterschiedlichen Kontexten umgegangen wird. Dazu werden einerseits
Selbsterfahrungsprozesse, wie sie im Rahmen körper-psychotherapeutischer

G. Amesberger (*) 
Universität Salzburg, Salzburg, Österreich
E-Mail: guenter.amesberger@sbg.ac.at

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019 11
M. Dimitriou und S. Ring-Dimitriou (Hrsg.), Der Körper in der Postmoderne,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-22282-6_2
12 G. Amesberger

Maßnahmen oder meditativer Zugänge im Vordergrund stehen und andererseits


leistungssportliche Optimierungsprozesse thematisiert. So greift der Beitrag
einen Aspekt der Postmoderne auf, der neben einer massiven Zuwendung zum
Körper auch von vielen Ambivalenzen und Widersprüchen geprägt ist, etwa
zwischen Individualisierung und (medialer) Inszenierung von Körperlichkeit.

Schlüsselwörter
Sportpsychologische Beratung · Körperwahrnehmung · Leiberleben · 
Interventionen · Emotionsregulation · Tiefenstrukturen von Emotionen

1 Leib und Bewegung im sportlichen und


therapeutischen Kontext

1.1 Betrachtungsweisen des Körpers, des Leibes

Der Blick auf den Körper in der Psychologie und Psychotherapie fällt sehr viel-
perspektivisch aus. Arbeitet man die Extreme heraus, so stehen auf der einen
Seite Aspekte der kognitiven/gedanklichen „Analyse“ des Körpers, die sich in
körperbezogenen Einstellungen wiederfinden. Als Beispiel hierfür können Fragen
zum Körperkonzept genannt werden: „Ich bin mit meinem Körper ganz zufrie-
den.“; „Ich würde gerne einige Teile meines Körpers austauschen.“; „Mein Kör-
per ist anfällig für alle möglichen Krankheiten.“ Dimensionen körperbezogener
Einstellungen sind beispielsweise „Selbstakzeptanz des Körpers“, „Zufriedenheit
mit dem Aussehen“, „körperliche Effizienz“ etc. (Brähler et al. 2000; ­Deusinger
1998; Mrazek 1983). Auf der anderen Seite wird Körper als existenzielles Phä-
nomen thematisiert. Aus dieser Perspektive wird Leib als beseelter Körper, als
das, was eine Person ausmacht, in all ihren Erlebnisformen von Gesundheit,
Beweglichkeit, Schmerz, Lust, Sehnsucht, … gesehen. Körper ist dann existen-
zielle Zurückgeworfenheit und Voraussetzungshaftigkeit allen Seins (Reichel und
­Petzold 2011).
Petzold (2012) verortet die Leiblichkeit in den fünf Säulen der Identität:

• Leib/Leiblichkeit: Integrität, Sinne, Genussfähigkeit, Selbstliebe, Sexualität,


• soziales Netzwerk, soziale Bezüge: Familie, Soziale Beziehungen, Freund-
schaften
• Arbeit und Leistung: Kontrolle über die eigenen Lebensbedingungen, Selbst-
bestimmung, Autonomie
Körper als Domäne impliziten und emotionalen Ausdrucks … 13

• materielle Sicherheit: Mitwelt Absicherung, Arbeitsplatz, Wohnung, finan-


zielle Sicherheit
• Werte: Sinn des Lebens, Moral, Bildung, Spiritualität …

In diesem anthropologisch grundgelegten Konzept wird der Mensch, Mann und


Frau, als ein Körper-Seele-Geist Subjekt in einem sozialen und ökologischen
Umfeld und Zeitkontinuum betrachtet (Petzold 2003) und von einem materialis-
tischen Monismus ausgegangen: allen Gedanken, Ideen, Gefühlen, Willensakten
liegen zerebrale Prozesse mit ihrer materiellen Basis zugrunde, die als bio-
logisches (biochemisches, bioelektrisches) Geschehen zu begreifen sind. Das bio-
logische Geschehen bildet die Grundlage für die Konstruktion von Wirklichkeit.
Dabei ist die grundlegende erkenntnistheoretische Differenz zwischen neuro-
physiologischen Prozessen und Bewusstsein, in unserem Fall Leibbewusstsein, zu
betonen (Tretter und Grünhut 2010).
Aus bioenergetischer Sicht wird von einer funktionalen Identität von Psy-
che und Körper gesprochen. Der Organismus wird als psychophysische Ein-
heit betrachtet, der dem energetischen Prinzip der Aufladung und Entladung
unterliegt. Bei psychischem Stress wird dieser Rhythmus blockiert, was zu ent-
sprechenden Symptomen führt. Der Körper fungiert als biografisches Gedächtnis
und trägt wesentlich zur Ausformung der Charakterstrukturen bei, die ent-
sprechend körperlich sichtbar und diagnostizierbar sind. Diese finden ihr Äqui-
valent in (nicht erfüllten) Bedürfnissen, Emotionen und kognitiven Mustern
(Lowen 2011). Umfassende Einblicke in unterschiedliche Körperpsychotherapie-
konzepte liefern beispielsweise Marlock und Weiss (2006) oder das Journal
„Body, Movement and Dance in Psychotherapy, An International Journal for
Theory, Research and Practice.“

1.2 Implizit versus Explizit

Im Kontext Körper, Leiblichkeit und Bewegung haben wir es immer mit


expliziten und impliziten Phänomenen und deren Wechselwirkung zu tun: Unter
implizit (nonverbal, handlungsbezogen) verstehen wir kaum – falls überhaupt –
verbalisierbare (nicht deklarative), von Sprache relativ unabhängige, nicht
bewusste und mit nicht bewussten Absichten verbundene Aspekte des Handelns.
Implizite (Re)Aktionsmuster sind bereits vorsprachlich entwickelt und liefern
situativ sehr schnelle, „unmittelbare“ Antworten (verankert in der Amygdala).
Explizite Vorgänge (verbal, auf innere Vorgänge bezogenes Denken und Vor-
stellen) sind hingegen verbalisierbar (deklarativ), von der Sprache abhängig,
14 G. Amesberger

bewusst, mit bewussten Absichten verbunden, langsam, und ab dem zweiten


Lebensjahr verfügbar (zentral im Hippocampus verortet) (Geißler und Sassenfeld
2013).
Im Folgenden werden zunächst in einer „schwarz-weiß-Technik“ Leistungs-
sport und Körperarbeit zur Selbsterfahrung und Therapie einander gegenüber
gestellt.

1.3 Körperwahrnehmung

Vergleicht man den Zugang zu Körperwahrnehmung zwischen Leistungssport


und Körpertherapie so werden folgende Aspekte deutlich:
In der Körpertherapie wird die Aufmerksamkeit auf den eigenen Körper, das
Körpererleben die damit verbundenen Erfahrungen und Emotionen gerichtet.
Der Wert liegt darin, sich seines Leiberlebens gewahr zu werden, die Innenwelt
zu aktivieren und das Erleben in der Sphäre des Spürens zu halten. Denken und
Bewerten werden hintangestellt. „Leib sein“ wird aktualisiert (Geißler und Heis-
terkamp 2013).
Im Leistungssport „passiert“ Körperwahrnehmung quasi als „Nebeneffekt“
(implizit) der sportlichen Tätigkeit. Dennoch ist diese hoch bedeutsam. Zum
einen kennt der Sportler/die Sportlerin seinen/ihren Körper sehr genau. Dies
bezieht sich aber vor allem auf sein Leistungspotenzial, seine Frische oder
Ermüdung. Es zeigt sich auch, dass das Richten der Aufmerksamkeit auf den
Körper – im Sinne internaler Aufmerksamkeit – in der Erbringung sportlicher
Leistungen in der Regel leistungshemmend, die externale Aufmerksamkeit z. B.
im Sinne der Bewältigung der Aufgabe oder Ablenkung leistungsförderlich ist
(Ehrlenspiel und Maurer 2007).
Der Körper rückt allenfalls dann in den Blick, wenn etwas nicht passt,
Schmerzen auftreten oder Anforderungen nicht erfüllt werden. Der Aspekt des
„Körper Habens“ und damit ein funktionales Körperverständnis rücken ins Zen-
trum der Aufmerksamkeit. Spannend ist allerdings, dass implizit die Entwicklung
des Leib-seins durchaus auch stattfinden kann (siehe dazu das Unterkapitel
Zwischenfazit und die Überschreitung des Trivialen).

1.4 Übungszentrierter Umgang mit dem Körper

Sowohl in der Körpertherapie als auch im Sport kommt dem Üben, dem wieder-
holen gleicher Abläufe hohe Bedeutung zu. Dennoch werden grundlegend ver-
schiedene Ziele verfolgt.
Körper als Domäne impliziten und emotionalen Ausdrucks … 15

In der Körpertherapie sind individuell optimaler Atemfluss, Rhythmisieren


von Spannung und Entspannung sowie die ritualisierte Bewegung zur Intensi-
vierung der Selbstaufmerksamkeit charakteristisch. Üben findet ihren Zweck
in sich und entwickelt die körperbezogene Selbstwahrnehmung. Dazu werden
Bewegungen wie etwa die bioenergetischen Grundübungen (Dietrich und Pechtl
1990), die „fünf Tibeter“ (Kelder 1992), Yoga Übungen (Patel et al. 2012) oder
Achtsamkeitsübungen (Heidenreich und Michalak 2003) genutzt, die sehr regel-
mäßig, häufig täglich, geübt werden. Dies verbessert die Wahrnehmung der eige-
nen Befindlichkeit und Leiblichkeit im Sinne einer Präsenz im „Hier und Jetzt“.
Letztlich dient das Üben auch dazu, das andere im gleichen zu erleben, die
Bedeutsamkeit auch kleiner Unterschiede zu erkennen und zu nutzen. Das oft im
Alltag implizite Körpererleben wird explizit und für die Regulation des Eigen-
zustandes nutzbar.

„Bioenergetische „Übungen“ verstehe ich nicht als Anleitungen zur richtigen Hal-
tung, Atmung oder Bewegung, sondern als Anhaltspunkte für das Seelische, als
basale Anregungsbedingungen dafür, dass sich die Wirklichkeit des Patienten
herausbilden und dass sie prozedural verstanden und operativ bearbeitet werden
kann“ (Heisterkamp 2008, S. 11).

Im Sport dient das Üben zur technisch korrekten und leistungsoptimierenden


Ausführung von Bewegungen. Die Wiederholung führt zur sogenannten Auto-
matisierung der Bewegung, zur Entlastung auf kognitiver Ebene und damit zur
Steigerung der Leistung. Die Bewegung soll wie von selbst ablaufen. Neben
dem körperlichen Üben spielt auch mentales „Üben“, psychologisches Training
(Beckmann-Waldenmaier und Beckmann 2012) eine zentrale Rolle. Hier werden
(Beckmann und Elbe 2008) zwei wesentliche Zugänge unterschieden. Ersterer ist
ein kognitiv akzentuierter Zugang (Eberspächer 2012), der die Bewegungsvor-
stellung in mehreren Schritten aufbaut (Detaillierte Beschreibung der Bewegung,
Knotenpunkte, Symbolische Markierung und Rhythmisierung, Mentales Trai-
ning der symbolisch markierten und rhythmisierten Knotenpunkte). Der zweite
Zugang fokussiert im Sinne eines ganzheitlichen Vorstellungs- und Imaginations-
trainings alle Sinne, um einen intensiven Bewegungseindruck zu erleben, ohne
die Bewegung aktiv auszuführen. Dazu ist es wichtig, dass sich die Sportler/innen
in der Vorstellung emotional-körperlich möglichst intensiv in die jeweilige Hand-
lungssituation hineinversetzen, um ein „ganzheitliches“ Erleben dieser Situation
zu ermöglichen.
16 G. Amesberger

1.5 Erlebniszentriert stimulierende Körperarbeit

Körpertherapie: Durch multiple Wahrnehmung und komplexen Ausdruck wird


die Welt als Erlebnisraum erschlossen. Die Integrative Bewegungs- und Leib-
therapie spricht von ökopsychosomatischen Erfahrungen z. B. „Green Exerci-
ses“. Der Körper wird damit als „zu mir gehörig“ erfahren, wird zum Leib, der
ich bin (Merleau-Ponty 1945). Der Andere wird als „consors“, als Mitmensch
und Zugehöriger erlebt. So entstehen einerseits Weltzugewandtheit und anderer-
seits Zentriertheit. Die „gute Gestalt“ im Sinn von Ausgewogenheit und Prägnanz
einer Person, Erlebnisreichtum und konviviale Bezogenheit auf den Anderen sind
Ziel dieser Modalität (Reichel und Petzold 2011).
Im Leistungssport stellen die leistungsthematischen Situationen in Trai-
ning und Wettkampf die Herausforderungen und Erlebnisinhalte dar. Leis-
tungen (individuell/absolut) und Ergebnisse (sozialer Vergleich) und deren
Selbst- und Fremdbewertung moderieren das Erleben und hinterlassen ent-
sprechende „Körperspuren“. Nach außen wird häufig von mangelndem bzw.
hohem Selbstvertrauen gesprochen, wenn Sportler/innen gerade eine Serie von
„Niederlagen“ bzw. „Erfolgen“ einbringen. Dies äußert sich in entsprechenden
oft impliziten Körpergefühlen der Anspannung, Lockerheit und Reagibilität.

1.6 Konfliktzentriert-aufdeckend

Die Körpertherapie thematisiert traumatische Erfahrungen, Störungen, Konflikte


als Ausdruck des Leibes, in sichtbaren und spürbaren Verspannungen und Haltun-
gen, Bewegungs- und Verhaltensmustern sowie psychosomatischen Reaktionen.
Der Kontakt zu den Gefühlen und biografischen Atmosphären und Szenen erfolgt
über die Wahrnehmung des Leibes. Die Bearbeitung kann narrativ oder durch
körperlich konfrontative Methoden erfolgen. Die Aufarbeitung der in den Leib
verdrängten Ereignisse erfolgt über den leiblichen Ausdruck (Szenen, thematisch
konfrontativ-verstärkende Haltungen und Bewegungen) und das kognitive Durch-
arbeiten über verbale und aktionale Deutungen (Geißler und Heisterkamp 2013).
Im Leistungssport konfrontieren Misserfolge, körperliche Grenzen und Ver-
letzungen/Schäden den Sportler/die Sportlerin mit der Nichterreichung gesetz-
ter Ziele und stark sozial imprägnierten Erwartungen. Die existenzielle leibliche
Betroffenheit wird oft nur indirekt zum Thema, z. B. in der Frage: kann ich
weiterhin Leistungssport betreiben? Oder wie ein Formel 1 Pilot anlässlich eines
Bremsversagens bei 200 km/h verdeutlichte: Innerhalb von 10tel Sekunden dachte
er, er sei gleich tot und dann, er müsse die Hände vom Lenkrad nehmen, ums sie
sich nicht zu brechen, sonst könnte er beim nächsten Rennen nicht starten.
Körper als Domäne impliziten und emotionalen Ausdrucks … 17

1.7 Zwischenfazit und die Überschreitung des Trivialen

Sport stößt ähnliche Dimensionen an wie Selbsterfahrung und Therapie – aller-


dings vor dem Hintergrund völlig anderer Zielperspektiven.
So thematisiert man beispielsweise in der Körpertherapie:

• Wie ist das körperliche Erleben der Person?


• Was ist der Person in ihrer körperlichen Existenz wichtig?
• Wie werden körperlich Stress oder Angst spürbar?
• Wie sieht die Entstehungsgeschichte des Verhaltens und Erlebens aus?
• Was sind vor diesem Hintergrund Ziele der Veränderung, was ist das leibliche
Bedürfnis?

In der sportpsychologischen Beratung werden folgende Fragen aufgeworfen:

• Wie können Bewegungsausführungen optimiert werden?


• Wie können dafür die kognitiven, emotionalen und körperlichen Voraus-
setzungen geschaffen werden?
• Wie bleiben Leistungen unter Stress oder Angst stabil?
• Wie beeinflussen Emotionen das Handeln?

Diese durch innere und äußere Tätigkeitsstrukturen (Feld Leistungssport – Feld


Selbsterfahrung/Therapie) induzierten Aufmerksamkeitsrichtungen können natür-
lich jederzeit aufgebrochen und in die andere Sphäre transformiert werden. Der
trivialen, oben dargestellten Schwarz-Weiß-Welt von Psychotherapie und Sport-
psychologie, von Körper- und Leiberleben als Ziel oder Folge sportlicher Aktivi-
tät steht natürlich eine viel komplexere Wirklichkeit/Phänomenologie gegenüber.
Bereits Stelter (1996) konnte zeigen, dass das Körpererleben im Sport sehr unter-
schiedlich ist. Training kann völlig abgegrenzt/abgespalten vom Körpererleben
sein – „… es ist wie Zähneputzen …“ sagt eine Sportlerin. Ein anderer Sportler
berichtet davon, dass es wie das Schweben auf einer Wolke sei, wenn er so richtig
in der Bewegung aufgehe. Zudem ist der Umgang mit dem Körper von Leistungs-
sportlern auch vordergründig sehr widersprüchlich. So sagt beispielsweise ein
Abfahrtsläufer: „Also mir ist der Körper schon total wichtig, er ist ja praktisch
mein Kapital, wenn ich auf den nicht achte, … das wär’ ja verrückt. … Ich glaube
auch, dass wir Sportler viel besser mit unserem Körper umgehen können, weil
wir ständig damit konfrontiert sind ….“ Später im Interview angesprochen auf
den Umgang mit Verletzungen meint derselbe Sportler „… ja manchmal, da
18 G. Amesberger

darfst du nicht an deinen Körper denken, da musst du einfach durch und es ist
einfach wichtig, so schnell wie möglich wieder dabei zu sein, sonst bist du weg
vom Fenster.“
Dies verdeutlicht zum einen die Zerrissenheit in der sich der Sportler befindet:
Der Körper ist sein Kapital ganz im Sinne des „Körper Habens“ (Plessner 1970).
In der ständigen Konfrontation mit dem Körper wird das Leiberleben und das
Leib sein vertieft, vieles davon auf impliziter Ebene. Letztlich ist der Sportler
auch in der Lage, Gefühle und Leiberleben abzuspalten/zu dissoziieren, indem
man „… nicht an den Körper denken …“ darf. Wie sehr dieses „Ausschalten“
des Leiberlebens kognitiv gesteuert ist, bzw. implizit quasi automatisch in ent-
sprechend extremen Situationen abläuft, ist nach meiner Erfahrung in der
Beratung von Leistungssportler/inne/n sehr verschieden und von Persönlich-
keitsmerkmalen und der Bereitschaft, sich auf diese Erfahrungen einzulassen
abhängig.

2 Zum Einfluss der Emotion im Kontext Bewegung


und Körper

Nitsch (1986) verweist in seiner handlungstheoretischen Betrachtung auf drei


Ebenen der Handlungsregulation: die automatische, die emotionale und die kog-
nitive. Unter phylogenetischer Perspektive sind die automatischen Regulations-
mechanismen die ältesten. Sie umfassen insbesondere reflektorische und
homöostatische Mechanismen. Kennzeichnend für dieses System ist, dass es
nur auf bestimmte Reize anspricht, die zu vorprogrammierten Reaktionen füh-
ren. Das phylogenetisch jüngere emotionale Regulationssystem sieht er „als auf
die individuelle Gesamtsituation bezogen“. Es beruht auf erworbenen Motiven
und Befriedigungserfahrungen, die die Basis von „Bedeutungserlebnissen“ bil-
den (Nitsch 1986, S. 225). Daraus entstehen erfahrungsbezogene (implizite)
Verknüpfungen von Bedeutungszuschreibungen, körperlichen Reaktionen und
Verhaltensmustern. Sportliches Handeln vor diesem Hintergrund wird nicht
„unmittelbar von Reizen, sondern mittelbar über und von Emotionen ausgelöst.“
(Nitsch 1986, S. 225). Das kognitive Regulationssystem wird als das phylo-
genetisch und ontogenetisch jüngste beschrieben und erweitert die menschlichen
Handlungsmöglichkeiten nochmals erheblich. Es führt dazu, dass Menschen
über abstrakte, sprachlich kodierte Modelle vergangene Erfahrungen, aktuelle
Bewertungen und vorweggenommene, zukünftige Ereignisse in ihre Handlungs-
intentionen integrieren (Nitsch 1986, S. 226).
Körper als Domäne impliziten und emotionalen Ausdrucks … 19

Die evolutionäre Betrachtung ist auch hilfreich im Verständnis der leib-


lich-implizit treibenden Kraft der Emotion im scheinbar kognitiv gesteuerten
Handeln. Diese phylogenetische Perspektive wird auch durch die neurobio-
logischen Erkenntnisse zu vergleichbaren Grundlagen der Emotion bei Tieren und
Menschen vertieft (Panksepp und Biven 2012).
Obwohl augenscheinlich ist, dass Emotionalität eng mit Körperlichkeit/Leib-
lichkeit und Handeln verknüpft ist, wird häufig eine mangelnde theoretische
Durchdringung dieser Beziehung moniert (Downing 2003; Geuter und Schrauth
2006). Emotionen spiegeln sich implizit in Gestik und Mimik, sie regulieren Ver-
halten und soziale Beziehungen (Geißler und Sassenfeld 2013), werden aber auch
durch Handlungen ausgelöst. Während die phänomenologische Ebene körper-
lich-emotionalen Erlebens insgesamt weniger beleuchtet wird, steigt das Wissen
über die neuralen Bedingungen der Emotionalität (Celeghin et al. 2017; Roth und
Ryba 2016).
Vor dem Hintergrund der bisher angesprochenen Aspekte gehe ich von folgen-
den Annahmen aus:

1. Emotionen werden sehr früh vorsprachlich und damit in den Reaktionsmustern


auch implizit grundgelegt. Auch wenn diese in der weiteren Sozialisation
überformt werden, ist zu erwarten, dass sie insbesondere in Stresssituationen
wirksam sind. → Körperliche Wirkungen
2. Diese körperlich-emotionalen Muster werden – insbesondere wenn dadurch
Leidensdruck entsteht – von manchen Personen zum Anlass genommen, sich
damit auseinanderzusetzen (Selbsterfahrung, Therapie). → kognitive Wirkungen
3. Betreiben Personen Leistungssport, werden diese Muster insbesondere in
Wettkampf- und Stresssituationen wirksam. Diese werden aber nicht im enge-
ren Sinn bearbeitet. Vielmehr wird versucht, deren Einfluss auf die sportliche
Leistung zu minimieren. → Handlungsregulative Wirkungen

Die Facetten der im Sport thematisierten Emotionen sind recht unterschiedlich.


Vor dem Hintergrund der Relation Körper, Emotion und Handeln möchte ich drei
wesentliche theoretische Positionen herausgreifen, um dann eine gewisse Integra-
tion der Ansätze zu versuchen.

• Stress und Angst mit dem Focus „choking“ oder „cluch under pressure“ (Bau-
meister 1984; Weinberg und Gould 2011)
• Flow (Csikszentmihalyi 1985)
• „Individual zone of optimal functioning“ (Hanin 2000)
• Der Versuch einer Integration auf einer Oberflächen- und Tiefenstrukturebene
der Emotionsregulation anhand eines Fallbeispiels.
20 G. Amesberger

2.1 Stress und Angst mit dem Focus „choking“ oder


„clutch under pressure“

Die Themen Stress und Angst spielen in der Sportpsychologie eine tragende
Rolle, vor allem in der englischsprachigen Literatur (Weinberg und Gould 2011).
In Fortführung dieser Forschungsrichtung ist die Thematik „choking and clutch
under pressure“ von zentralem Interesse geworden. „Choking“ beschreibt dabei
das Phänomen des Leistungsabfalls, „clutch“ hingegen der Leistungssteigerung in
Drucksituationen. Damit eng verknüpft ist der Begriff der „Emotionsregulation“.
Damit werden Emotionen nicht wie in der Psychotherapie als existenzielle
Lebensäußerung im Sinne ihrer Bedeutung für das Sein der Person betrachtet.
Vielmehr wird die funktionelle Bedeutung der Emotion für die Leistungser-
bringung in den Mittelpunkt gerückt. Verkürzt gesagt versucht man, im Sinne der
Leistungserbringung dysfunktionale Emotionen zu reduzieren und funktionale
zu optimieren. Stanley et al. (2012, S. 159) stellen fest, dass in der Vorbereitung
auf einen Wettlauf folgende Strategien angewendet werden: „Content analysis of
responses identified 28 categories of emotion regulation strategy, with the most
popular being goal setting (23 %), distraction (12 %), recall of past performance
accomplishments (12 %), and anticipated pleasant emotions after running
(10 %).“ Eine Untersuchung von Balk et al. (2013) zeigt, dass Ablenkung (dis-
traction) die Leistung unter Druck verbessert. Zu ähnlichen Ergebnissen kamen
Hill et al. (2013).
Neben den Bewältigungsstrategien scheinen auch Persönlichkeitsmerk-
male clutch und choking zu beeinflussen. Unter einem state-spezifischen Ansatz
konnten Geukes et al. (2013) zeigen, dass es die situativen Bedingungen der
Leistungserbringung sind, die Persönlichkeitsmerkmale wirksam machen. Eine
hohe Ausprägung der Persönlichkeitsdisposition Selbstaufmerksamkeit beein-
flusst die Leistung unter jener Bedingung negativ, in der die Versuchspersonen
meinen, die zu erbringende Leistung sei ein wesentlicher Hinweis auf ihr Talent –
umgekehrt formuliert: wenn sie befürchten, dass eine niedrige Leistung sie im
Selbstbild ihrer Fähigkeiten gefährdet. Auf der anderen Seite bringen Personen,
die von ihrer Persönlichkeit her stark auf Selbstpräsentation ausgerichtet sind,
die sich also öffentlich durch ihre Leistungen präsentieren und in ein gutes Licht
rücken wollen, tatsächlich in entsprechenden öffentlichen Drucksituationen bes-
sere Leistungen als in druckfreien Situationen. Insbesondere bei komplexeren
Aufgaben reduziert vermutlich Selbstaufmerksamkeit die prozedurale Kapazität
(Beilock und Carr 2001).
Körper als Domäne impliziten und emotionalen Ausdrucks … 21

Diese Ergebnisse können als Hinweis für implizite Wirkung körper-


lich-emotionaler Bedeutungsmuster auf die Handlungsregulation interpretiert
werden. Es ist daher auch nicht überraschend, dass eine niederschwellige Inter-
vention, die auf der Handlungsregulationsebene und nicht auf der Tiefenstruktur
der Emotionen ansetzt, am besten über Ablenkung (distraction) funktioniert. Es
ist sogar zu erwarten, dass ein Lenken der Aufmerksamkeit auf das Körpererleben
und die Emotionalität zunächst eine Verstärkung der („negativen“) Emotionalität
erzielen würde.

2.2 „Flow“ als abiografischer Zustand des (Körper-)


Erlebens im Hier und Jetzt

Das Flow-Konzept (Csikszentmihalyi 1985) hat in der angewandten Sportpsycho-


logie hohe Popularität erreicht. Es beschreibt einen emotionalen Zustand im
Tun, der zu charakteristischen Phänomenen führt: Das reflexionsfreie gänzliche
Aufgehen in einer glatt laufenden Tätigkeit, die man trotz hoher Anforderungen
unter Kontrolle hat. Es kommt zur Verschmelzung von Handeln und Bewusst-
sein sowie einer Form von Konzentration die durch die Tätigkeit selbst generiert
wird und keiner willentlichen Beanspruchung bedarf. Flow entwickelt sich ins-
besondere bei einer Passung zwischen Anforderung und Fähigkeiten. Es führt
zu einem „loss of ego“; in dem keine Selbstreflexion und Selbstbewertung statt-
findet und die Handlung auch völlig unabhängig von sozialen Verstärkern abläuft.
Auf der motivationalen Ebene wird daher von stark intrinsisch getragener Tätig-
keit ausgegangen. Das subjektive Zeitgefühl verändert sich. Manchmal werden
auch körperliche Bedürfnisse wie Hunger oder Müdigkeit einfach nicht wahr-
genommen. Flow wird auch mit dem Gefühl des Glückes assoziiert.
Für unseren Kontext von Interesse ist, dass „Flow“ als eine Art „abiographi-
sches“ Erleben beschrieben werden kann. Praktisch unabhängig von den jeweili-
gen Biografien von Personen, wird Flow-Erleben von jenen, die diesen Zustand
erreichen können, nahezu ident beschrieben – nämlich so, als würde sich Ver-
gangenes und Zukünftiges von einem lösen und man ist nur noch in der Tätigkeit,
im aktuellen, zugleich zeitlosen Hier und Jetzt. In diesem Sinne ist „Flow“ auch
eine besondere, ausgeprägte Form des Leib-seins. Man könnte nun vermuten, dass
damit die „alten“ leiblichen Stressmuster „abfallen“ und Personen so in einem
sehr autotelisch fokussierten Zustand kommen. Tholey (1984) sprach in diesem
Kontext vom psychischen Gesamtfeld. Diese Idee integriert den Wahrnehmungs-
raum der Bewegungshandlung in die Leiblichkeit zu einer Handlungseinheit.
22 G. Amesberger

Die praktische Beratungserfahrung zeigt, dass Flow-Erleben im Sport nicht


in der oben beschriebenen idealtypischen Form auftritt, sondern sehr komplex in
unterschiedlichste Kontrollmechanismen eingebunden ist. Diese laufen auf sehr
niederschwelliger Bewusstheitsebene mit oder sind manchmal auch nur implizit
wirksam. Ein Ruderer beschreibt beispielsweise wie er bei einem Schlusssprint in
den Flow-Zustand kommt: Wenn der Gegner attackiere und er kontere, da tauche
er ein in dieses Flow-Gefühl, das Boot scheine zu fliegen. Schlimm sei es aber,
wenn er bemerke, dass der Gegner wieder zurückkontert und schneller ist, sofort
spüre er den schmerzenden Körper und nur mit letzter Anstrengung und voliti-
ver Disziplin könne er weiter kämpfen. Dieses Beispiel zeigt sehr klar, dass das
Erleben immer noch stark an die Settingbedingungen des Wettkampfes und damit
sozial eingebunden ist.
Im Sport wurde diesem Zustand auch unterstellt, für maximale Leistungen ver-
antwortlich zu sein (Csikszentmihalyi und Jackson 2000). Empirische Befunde
deuten eher an, dass dies nicht oder nur bedingt der Fall ist. Letzteres ist auch
von der Konzeption her nachvollziehbar, da es sich ja um ein Passungskonzept
zwischen Anforderung und eigener Kompetenz handelt. Der noch sehr offene
Forschungsstand kann der Arbeit von Koehn et al. (2014) entnommen werden, die
zeigt, dass „Flow“ grundsätzlich trainiert werden kann, der Einfluss auf die Leis-
tung aber sehr unterschiedlich ist und beides interindividuell stark variiert.

2.3 „Individual zone of optimal functioning“

Im Unterschied zu der oft trivial gesetzten Annahme im Sport, dass positive


Emotionen günstig und negative ungünstig für die Leistung sind, geht Hanin
(2000) von der Bedeutung der individuellen Erfahrungen aus, die mit emotiona-
len Zuständen gemacht wurden. Hier könnte vermutet werden, dass frühe leib-
lich-emotionale Erfahrungen im oben besprochenen Sinn eine bedeutende Rolle
spielen. Er unterscheidet positive und negative, sowie in Bezug auf die Leistung
funktionale und dysfunktionale Emotionen. Vor diesem Hintergrund hat er das
Konzept der „individual zone of optimal functioning“ (IZOF) entwickelt. Den
idealen Leistungszustand ermittelt er durch Emotionslisten vor Wettkämpfen mit
anschließender Betrachtung der Leistung. Dann werden die Emotionsprofile des
Vorstartzustandes der guten Wettkämpfe von denen der schlechten unterschieden.
Eine Metaanalyse (Jokela und Hanin 1999) belegt, dass AthletInnen im Rah-
men ihres optimalen emotionalen Leistungszustandes tatsächlich bessere Leis-
tungen erbringen. Zudem kann die Wettkampfleistung mithilfe des IZOF-Profils
sehr gut prognostiziert werden (Kamata et al. 2002). Dass ein ­ emotionaler
Körper als Domäne impliziten und emotionalen Ausdrucks … 23

­orstartzustand jedoch nicht nur „gut“ oder „schlecht“ im Sinne der nach-
V
folgenden sportlichen Leistung sein kann, sondern mit dem sportlichen Handeln
tiefgründiger in Beziehung steht, zeigen Ansätze, die das IZOF-Modell unter dem
Aspekt der Sportverletzungen untersuchten. Diese liefern Hinweise, dass ein posi-
tiv-funktionaler emotionaler Vorstartzustand nicht unbedingt eine gute Wettkampf-
leistung nach sich ziehen muss, sondern auch die Verletzungswahrscheinlichkeit
erhöht (Würth und Hanin 2005). Dies könnte wiederum so gedeutet werden, dass
die Körperaufmerksamkeit durch ein rein funktionales Emotionstraining wenig
sensibilisiert wird.

2.4 Oberflächen und Tiefenstrukturen im Umgang mit


Emotionen

Allgemein wird angenommen, dass in komplexen Sportarten eine gute Leis-


tung und damit eine umfassende Regulation davon abhängig sind, dass Sportler/
innen sich optimal auf die Tätigkeit ausrichten können, da hohe Informationsver-
arbeitungskapazität verlangt wird.
Im Folgenden werden anhand eines Fallbeispiels Überlegungen angestellt, wie
Emotionsregulation auf mehreren expliziten und impliziten Ebenen stattfindet
und letztlich auch mit einer entsprechenden Beziehungsdynamik gekoppelt ist
(Amesberger 2014).
Ein Sportler, der schon längere Zeit sportpsychologische Beratung in
Anspruch nimmt, hat neben vielfältigen Gesprächen zu verschiedensten The-
men der Leistungsentwicklung auch im Rahmen sportartspezifischer Feedback-
trainings gelernt, sich grundsätzlich gut zu regulieren. Ein latentes Thema ist
ein Angstgegner. Von Außenstehenden, insbesondere dem Trainer wird ver-
mutet, dass seine Leistung bei Anwesenheit eines bestimmten Gegners im Wett-
kampf deutlich einbricht. Er selbst hält dies für eine Fehleinschätzung durch den
Trainer. In einer Biofeedbacksitzung wird im Rahmen einer durch den Berater
angeleiteten Imagination eines Wettkampfes der Gegner ins Spiel gebracht („…
von links kommt ‚X‘ …“). Der Sportler atmet – wie zuvor – ganz ruhig und
regelmäßig. Er hat gelernt, seine Atmung zu regulieren, um mit belastenden Situ-
ationen umzugehen. Der Hautleitwert steigt überaus bedeutsam – weitaus stärker
als bei kognitiven Beanspruchungen – an. Der Anstieg in diesem Ausmaß ist für
den Sportler untypisch. Der Hautleitwert erholt sich wenig, was aufgrund der
Regulationskompetenz eigentlich zu erwarten wäre. Auch eine Veränderung der
Herzfrequenz (Steigerung der Herzfrequenz und Reduktion der Herzfrequenz-
variabilität) ist zu erkennen. Die Hauttemperatur beginnt zumindest leicht zu
24 G. Amesberger

sinken (ist bis dahin systematisch angestiegen). Nach der Sitzung unter anderem
darauf angesprochen, wie die Vorstellung des Gegners ‚X‘ war, meinte der Sport-
ler „ja, kein Thema, völlig problemlos“. Nach einem längeren Gespräch konnte
Folgendes herausgearbeitet werden: Das erste Muster des Sportlers ist Abwehr
und Widerstand. Es ist für ihn klar, dass der Trainer das so sieht, aber der habe
ja (zumindest diesbezüglich) keine Ahnung. Damit wird auch die Meinung des
Trainers und der Trainer selbst stark abgewertet. Auch in dem Sinne: „Statt mir
klare Tipps und Hinweise zu geben, kommt er mit solchem Zeug daher.“ (Neben-
bemerkung: Insgesamt ist die Beziehung zum Trainer intensiv, aber ambivalent.)
Der Sportler selbst sieht darin zunächst kein Problem. „So etwas darf einem ja
nichts ausmachen“. Das sind im Sport ganz typische Formulierungen, an denen
deutlich wird, dass sich die Person nicht an der eigenen Wahrnehmung und am
eigenen Empfinden und Erleben orientiert, sondern an den Sollensansprüchen für
eine entsprechende sportliche Leistung: „Ein guter Sportler darf sich nicht stö-
ren lassen.“ Im weiteren Verlauf des Gesprächs wird deutlich, dass der Sportler
mit der Situation und der damit verbundenen Emotionalität kämpft. Den Sport-
ler ärgert furchtbar, dass er immer mit diesem Thema konfrontiert wird. Und
letztlich ist „natürlich“ etwas dran. Er will es nur nicht vom Trainer präsentiert
bekommen. Der Trainer passt in diesen Aspekten gut zu dem Muster, das der
Sportler seitens seines Vaters kennt, und gegen das er sich wehren muss. Dahinter
steckt einiges an Wut und Angst. Diese Mischung aus Wut und Angst macht deut-
lich, dass es bei genauerer Beschreibung des körperlich-emotionalen Erlebens
wesentlich um Scham geht: In der Wettkampfsituation dem Gegner unterlegen zu
sein, Schwäche zu zeigen, beschämt gegenüber dem Trainer (Vater). Statt Stolz
beim Trainer (jetzt geht es primär wirklich um den Vater) auszulösen, fürchtet er
von diesem verachtet zu werden (Ausgrenzung, nicht dazu gehören).
Im Unterschied zu den zumeist ausschließlich auf die emotionale Regula-
tion des Sportlers/der Sportlerin bezogen sportpsychologischen Techniken wird
hier sichtbar, dass Emotionen immer in sozialen Systemen reguliert werden.
Indem Botschaften an den Sportler herangetragen werden, ist er gefordert, seine
Emotionen interpersonal zu regulieren; und da emotionale Erfahrungen zu (oft
eingeschränkten) Handlungsmustern führen, ist auch eine entsprechende intra-
personale Regulation der Emotionalität gefordert. Oerter und Montada (2008)
beschreiben differenziert, wie Emotionen durch entsprechende Anlässe ausgelöst
werden, beispielsweise Stolz durch die Wahrnehmung eigener Tüchtigkeit. Dies
löst ein Gefühl der Zugehörigkeit aus (intrapersonalen Regulation). Bei signi-
fikanten Anderen (Eltern, Freundeskreis) führt diese Interaktion beispielsweise
zu Selbsterhöhung. Im sozialpsychologischen Kontext wird dies dann auch mit
„basking in reflected glory“ beschrieben (Wann et al. 1995). Die entsprechenden
Körper als Domäne impliziten und emotionalen Ausdrucks … 25

Musterpassungen zwischen Personen führen vor diesem Hintergrund zu reich-


haltigen Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomen. Dass diese sozio-emo-
tionalen Prozesse einiges an Verarbeitungskapazität des Gehirns binden und
damit Bewegungsausführungen und Lernen erschweren sowie Musterwieder-
holungen verursachen, ist zu erwarten.

3 Schlussbetrachtung

Der vorliegende Beitrag thematisiert vor dem Hintergrund der zunehmenden


Differenzierung und Pluralisierung von weltanschaulichen Wertsystemen und
Lebensstilen der Postmoderne den Umgang mit körperlich-emotionalen Wir-
kungen von Bewegung und Sport im Spannungsfeld Leistung und individueller
Erfüllung. Dies ist eine typische Facette postmoderner Körper-Ambivalenzen
wobei Instrumentalisierung und Selbstverwirklichung einander zu widersprechen
scheinen, aber auch spontan ineinander übergehen können. So kann sportliche
Höchstleistung als „Knechtung des Körpers“ gesehen oder erlebt werden und im
nächsten Moment den Ausdruck totalen leiblichen Seins widerspiegeln. Einer
scheinbar rational gesteuerten Welt der körperlichen Leistungsentwicklung steht
eine hoch intuitive und emotionale Welt des emotional körperlichen Bewegungs-
erlebens gegenüber und diese können auch ineinander – scheinbar unauflöslich –
verschmelzen.

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Der Körper zwischen Adipositas und
Essstörungen

Elisabeth Ardelt-Gattinger, Nadine Steger und


Susanne Ring-Dimitriou

Zusammenfassung
Stellt man sich ein Kontinuum der äußeren Gestalt des Körpers von dicken zu
dünnen Menschen vor, so ist diese eindimensionale Vorstellung nur rein met-
risch zutreffend. Eher passt das Bild von Körpern, das von unterschiedlichen
Betrachtern geschaffen wird, zu einer Landschaft bestehend aus verschiedenen
Formationen, die komplexen Entstehungs- und Veränderungsmechanismen
in der Postmoderne unterliegen und oft tief eingegrabene Leidenswege auf-
weisen. Zudem überlagern sich die Bilder, da ein Teil der Menschen mit einem
wesentlich überhöhten Fettanteil auch Vollbilder von Essstörungen aufweisen.

Schlüsselwörter
Essstörungen · Schönheitsideal · Überflussgesellschaft

E. Ardelt-Gattinger (*) · N. Steger 
Universität Salzburg, Salzburg, Österreich
E-Mail: elisabeth.ardelt@sbg.ac.at
N. Steger
E-Mail: Nadine.steger@stud.sbg.ac.at
S. Ring-Dimitriou 
Universität Salzburg, Hallein/Rif, Österreich
E-Mail: susanne.ring@sbg.ac.at

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019 29
M. Dimitriou und S. Ring-Dimitriou (Hrsg.), Der Körper in der Postmoderne,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-22282-6_3
30 E. Ardelt-Gattinger et al.

1 Adipositas

1.1 Vorurteile und Stigmatisierung

Adipositas wird von der WHO seit 1997 als chronische Krankheit (W.H.O. 2002)
anerkannt. Der Anteil adipöser Menschen betrug 2004 bereits 315 Mio. und weist
immer noch steigende Tendenz auf (Holler 2012). Medizinisch wird Adipositas
über ein metrisches Maß, den sogenannten Body Mass Index (BMI in kg/m2),
erfasst. Demnach gelten als krankhaft übergewichtig (adipös) mit dem Risiko
massiver Begleiterkrankungen Menschen mit einem BMI ab 30 kg/m2 und als
„morbid adipös“ jene mit einem BMI ab 40 kg/m2.
Verglichen mit Personen mit körperlichen Behinderungen oder mit Normal-
gewichtigen mit hohem Morbiditäts- bzw. Mortalitätsrisiko, trifft ein Mensch
in einem adipösen Körper nicht auf Empathie. Adipöse Menschen schreiben
sich die ‚Schuld‘ an diesem Körper, mit dem sie so unglücklich sind, selbst zu.
Mit dem gleichen Unwissen und Unverständnis reagiert die ebenfalls durch das
dünne Schönheitsideal geprägte Umgebung auf adipöse Personen. Bereits Kinder
ab drei Jahren wurden wegen ihres Körperumfangs gehänselt (Latner und Stun-
kard 2003). Ihre Lebensqualität ist schlechter als jene an Krebs erkrankter Kin-
der (Warschburger 2015). Ähnliches gilt für Erwachsene, mit bisweilen massiven
Konsequenzen für Lebensqualität, Partnerwahl, Beruf und soziale Netze (Legen-
bauer et al. 2007). Sie werden nicht nur gemobbt und gemieden, sondern als
unkontrollierter, fauler, unbegabter und vor allem willensschwächer eingeschätzt.
Keine Studie konnte diese Vorurteile stützen, aber viele die Auswirkungen der
Ablehnung und Stigmatisierung belegen (Hansson et al. 2009). Unsympathisch
dargestellte Menschen werden häufig von Karikaturisten dick gezeichnet, auch
wenn sie dies tatsächlich nicht sind. Auch die in den letzten Jahren publizierten
Artikel über die mit Adipositas assoziierten Leiden und Gesundheitsgefahren
führten keine Änderung herbei, sondern verstärkten die vorhandenen Vorurteile in
negativer Richtung (Saguy et al. 2014).

1.2 Adipositas als Suchterkrankung

In Beratungen und Therapien wird Essen von den Betroffenen weniger als
genussreiche Sättigung, sondern vielmehr als Befriedigung eines nicht steuer-
baren Essensdrangs beschrieben (Mela 2006). In den seit 2000 durchgeführten
neurophysiologischen Studien (Volkow et al. 2008) konnte ein eindeutiger
Zusammenhang von Adipositas und Sucht nachgewiesen werden.
Der Körper zwischen Adipositas und Essstörungen 31

Ähnlich wie bei Personen mit Nikotin-, Alkohol- und Drogenabhängigkeit


wurden Veränderungen spezifisch im mesokortikolimbischen Dopaminsystem
gefunden (Thorgeirsson et al. 2013). Je höher der BMI, desto geringer war die
Anzahl der Dopaminrezeptoren im Striatum (Davis et al. 2011; Wang et al. 2010),
wie auch Befunde bildgebender Verfahren wie der Magnetresonanztomografie
verdeutlichten (Volkow et al. 2008; Wallner‐Liebmann et al. 2011).
Weiters konnte auch nachgewiesen werden, dass die Verringerung etwa des im
Magen-Darmtrakt produzierten Ghrelins, eines Hormons, das die Dopaminfrei-
setzung und die Nahrungsaufnahme reguliert (Frommelt et al. 2013), wesentlich
zur Erklärung der unterschiedlichen Gewichtsabnahme nach Magenbypass und
Gastric Banding beiträgt (Cone et al. 2014).

1.3 Verbietend pathogenes Denken – der kurzzeitig


kontrollierte Esser

Bezüglich der gesellschaftlichen Vorurteile in Richtung mangelnder Kontroll-


fähigkeit und sogenannter Willensschwäche konnte gezeigt werden, dass sich
Personen unterschiedlicher Gewichtsklassen signifikant in Bezug auf die kog-
nitive Kontrolle des Essverhaltens unterschieden. Je höher das Gewicht, desto
höher(!) war die gedankliche Kontrolle (Ardelt-Gattinger und Meindl 2010).
Seit der Arbeiten zur elaborierten „Theorie der Gedankenunterdrückung“
(Erskine und Georgiou 2010; Wenzlaff und Wegner 2000) weiß man, dass es
gerade diese hohe ‚Kontrolle‘ Adipöser ist, die zu eben dem führt, was man ver-
meiden will. Der unterdrückende Gedanke „ich darf das nicht essen, ich esse
das jetzt/später/heute nicht… auf keinen Fall Schokolade etc.“ entspricht dem
Phänomen des: „Denken Sie nicht an einen rosa Elefanten!“ und führt zu dem
von Wegner (Wenzlaff und Wegner 2000) so bezeichneten „peinlichen Gehirn-
schlamassel“. Im Falle der Unterdrückung von Essgedanken erhöht sich die –
den vom Gehirn erwarteten Essensvorgang – einleitende Speichelproduktion und
verstärkt die Auslösung der Handlung, die eigentlich vermieden werden sollte
(Meindl et al. 2006).

1.4 Erlaubend salutogene Denk- und Handlungsweisen –


der ‚Gesunde Adipöse‘

Die Lösung konnte in einer aus systemtheoretischen Überlegungen abgeleiteten


Alternative gefunden werden: Nicht pathogen vermeidend unterdrücken, son-
dern salutogen erlaubend steuern. Bei diesem Vorgehen gilt es, an gemochte aber
32 E. Ardelt-Gattinger et al.

ernährungsphysiologisch günstige Speisen zu denken. Mithilfe ausführlicher


Information durch ernährungswissenschaftlich ausgebildetes Fachpersonal kann
und soll man genussvoll planen, was man bei der nächsten Mahlzeit alles essen
wird. Studien zeigten, dass adipöse Menschen, die sich günstig ernährten und
ausreichend bewegten, stabil gesünder sind, als jene Normal- bis maximal Über-
gewichtigen (bis BMI 30 kg/m2), die dies nicht taten (Weghuber 2015).

1.5 Bariatrische Chirurgie – der ‚rettende‘ Eingriff


in den Körper

Konservative Maßnahmen, wie Kalorienreduktion und ausreichende Bewegung,


zeigen jedoch bei der progredient verlaufenden Krankheit Adipositas nur sehr
geringe anhaltende Wirkungen (Ebbeling et al. 2002; Luca et al. 2015). Dauer-
haft wirksame Gewichtsabnahme erzielen nur chirurgische Interventionen wie
Magenband oder Bypass. Hier geht es aber primär nicht um den schlankeren,
sondern den gesünderen Körper, d. h. um eine Senkung des Risikos frühzeitig
zu versterben, das ab einem BMI von 40 kg/m2 bis zu 40 % gegenüber Normal-
gewichtigen erhöht ist (Ludwig et al. 2010).

2 Essstörungen

Hat die starke Verbreitung des dünnen Schönheitsideals auf Adipositas eher
indirekte Folgen, die die zu Übergewicht neigenden Menschen in die Falle der
Diäten treibt, so ist die Norm des möglichst schlanken Model-Körpers zugleich
ein Symptom und direkter Auslöser (Langer und Wimmer-Puchinger 2009) von
Essstörungen aller Grade. Aus der Internalisierung dieses Ideals und der fehlen-
den Körperzufriedenheit resultiert eine Perversion lebenserhaltender Mechanis-
men von Hunger und Sättigung, eine Entfremdung des spontanen Essensgenusses
und die Instrumentalisierung normaler Bewegungsfreude.
Zur folgenden Darstellung des wissenschaftlichen Forschungsstandes wird ein
weiterer Abschnitt der Selbstsicht der Betroffenen in Internetforen hinzugefügt.
Die Grundaussagen der beiden Quellen weichen inhaltlich nicht voneinander ab,
da Definitionen ja auf empirischen Fakten beruhen. Sie weisen aber kognitive und
sprachliche Variationen auf, die die betroffenen Menschen nicht nur als Objekte
der Forschung sichtbar machen, sondern auch ihre ganz eigene Stimme hören las-
sen, die unser Verstehen erweitert.
Der Körper zwischen Adipositas und Essstörungen 33

2.1 Formen von Essstörungen aus der Sicht der


Wissenschaft

2.1.1 Vorklinische Essstörungen – Norm abweichendes oder


Norm erfüllendes Essen?
Die starke – auch postmodern induzierte – gesellschaftliche Fixierung auf die
zu erreichende Wunschfigur führte in den letzten Jahrzehnten zu immer einfalls-
reicherem Vorgehen, den normalen Ablauf von Hunger, Appetit, Sättigung und
Völle in einer an Werbung reichen und notwendiger körperlicher Anstrengung
armen Wohlstandsgesellschaft auszutricksen. Mit ähnlicher Geschwindigkeit ver-
suchte die Wissenschaft neben den bekannten Essstörungsdiagnosen Kategorien
zu finden, um den Variantenreichtum dieser „Tricks“ zu kategorisieren, und
Behandlungsschemata zu erstellen.
Das zentrale vorklinische „PWS“ (Preoccupied with Weight and Shape)
genannte Symptom zeichnet sich durch Akzeptanz des dünnen Schönheitsideals,
Überschätzung der Bedeutung dieses Körperbildes, übertriebene Sorgen über
Gewichtszunahme, hohe gedankliche und tatsächliche Beschäftigung mit Essen
und zahlreiche Diätversuche aus (Mitchison et al. 2017).
Die Palette des gestörten Essverhaltens, mit dem versucht wird, dem Ideal
des schlanken Körpers zu entsprechen, ist breit. Sie führen genau zum Gegen-
teil, so etwa zum „Überessen“, einem Vorläufer von Binge Eating Disorder (Orte-
ga-Luyando et al. 2008). Um dies auszugleichen, kommt es zu gelegentlichem
bulimischen Missbrauch von Laxantien, sowie selbst herbeigeführtem Erbrechen
(purging) oder exzessivem Sporttreiben (Micali et al. 2013).
Die normalerweise bei Anorexie auftretenden Wahrnehmungsstörungen, auf-
grund derer der eigene Körper selbst bei Untergewicht als fett bezeichnet wird,
gelten ebenfalls als vorklinisches Krankheitssymptom (Melve und Baerheim
1994). Ähnliches gilt für „Kauen und Ausspucken“ (Chewing & Spitting; CS).
Es wurde zu Beginn als eher wenig krankheitswertig (McCutcheon und Nolan
1995) und quasi als Variante essgestörten Verhaltens in sehr jungem Alter bzw.
als eine Variante von Binge Eating Attacken betrachtet (Guarda et al. 2004). Aber
Zeitgleich ist es ein Zerrspiegel einer Wegwerfgesellschaft. Jüngere Publikatio-
nen weisen zunehmend auf die Schwere des Syndroms und die hohe Anzahl psy-
chischer Komorbiditäten hin, wozu auch Vollbilder aller Essstörungen gehören
(Durkin et al. 2014; Song et al. 2015). Bereits jede/r fünfte Jugendliche in der
Pubertät, knapp der Kindheit entwachsen, weist irgendeine Form von gestörtem
Essverhalten auf.
34 E. Ardelt-Gattinger et al.

Die in Tab. 1 dargestellten Kategorien der Denkstrukturen und Verhaltens-


weisen, die um die Schlankheitsnorm kreisen und abweichendes Essverhalten
bewirken, sind an den Diagnostischen und Statistischen Leitfaden mentaler
(psychischer) Störungen (DSM-5) angelehnt. Sie stammen aus einer Unter-
suchung an 1650 deutschen Schülerinnen und Schülern der 7. und 8. Schulstufe
(Durchschnittsalter: 13.4 Jahre) und differenzieren zwischen Anorexie, Bulimie
und Binge Eating Disorder (BED), wie auch zwischen unterschiedlichen Aus-
prägungsgraden vorklinischer Syndrome (Hammerle et al. 2016; Smink et al.
2012). Sie enthalten Kategorien der atypischen OSFED (= Other Specified Fee-
ding or Eating Disorders = Erfüllung einer geringeren Anzahl an spezifizierten
Kriterien der Essstörungsvollbilder), den partiellen (Erfüllung einer gewissen
definierten Anzahl an Kriterien) wie auch den sogenannten Subthreshold-Syn-
dromen (Erfüllung aller Kriterien, jedoch mit geringerem Schweregrad bzw.
­geringerer Dauer).
In Summe ist der Keim der erhöhten Sterblichkeit bereits in insgesamt 20 %
der kindlich-jugendlichen Körper vorhanden. In der Prävalenz der Vollbilder
unterscheiden sich Jugendliche (1,2 %) nicht wesentlich von Erwachsenen
(1,4 %) (Jacobi und Paul 2013). Der Anteil der Mädchen ist hierbei wesentlich
höher. Auch in einer Studie von Mohnke und Warschburger (2011) liegen die
Mädchen etwa in Bezug auf Körperunzufriedenheit mit 54,7 % gegenüber den
31,5 % der Jungen signifikant höher.
Das Ausmaß der Schädlichkeit dieser Fixierung auf bestimmte Körperbilder
zeigt sich auch darin, dass subklinische Essstörungen stark mit depressiven und
angstbezogenen Symptomen assoziiert sind (Chang et al. 2015), ebenso wie mit
vermeidendem Coping-Verhalten (Amin et al. 2015).

Tab. 1   Prävalenz der verschiedenen Syndrom-Kriterien nach DSM-5 für Jugendliche.


(Adaptiert nach Hammerle et al. 2016)
Anorexia nervosa Bulimia nervosa (%) Bed (%)
(%) Summe (%)
Klinisches Vollbild 0,3 0,4 0,5 1,2
OSFED 3,6 0,0 0,0 3,6
Partielles Syndrom 10,9 0,2 2,1 13,2
Subthreshold-Syn- 0,8 0,3 0,2 1,3
drom
Summe 15,6 0,9 2,8 19,3
Der Körper zwischen Adipositas und Essstörungen 35

Man ging lange davon aus, dass alle genannten Phänomene im etwa gleichen
Altersabschnitt wie die Vollbilder auftreten, d. h. frühestens ab 12 Jahren (Fis-
her et al. 2001). Der Höhepunkt der Inzidenz wird bei Anorexie zwischen 14
und 17 Jahren, bei Bulimie bei 16 bis 20 und bei BED bei ungefähr 16 (Hamm-
erle et al. 2016) bis 20 (Hölling und Schlack 2007) Jahren angegeben. Tat-
sächlich wird bereits im Kindergartenalter das dünne Schönheitsideal einer
Barbiepuppe schön gefunden. Befragt, welche von fünf nach Körperumfang
gestaffelten Silhouetten aber DIE ‚Schönste‘ sei, wird noch nicht die Dünnste,
sondern die Normalgewichtige gewählt (vgl. Brettschneider et al. 2006). Ab dem
achten Lebensjahr wählen Mädchen auf einer nach Geschlecht differenzierten
Skala aber bereits die dünnste Figur, Jungen hingegen den Normalgewichtigen
(Ardelt-Gattinger et al. 2016). Letzteres bleibt stabil bis zum 18. Lebensjahr und
spiegelt die Tatsache wider, dass Jungen und Männer zunehmend das Ideal des
muskulös-wohlgeformten Körpers verfolgen (Berger et al. 2005). Beunruhigend
ist, dass bereits einzelne 8-jährige „bulimisches Probierverhalten“ angaben, d. h.
Erbrechen nach Essensmengen herbeiführten, die nicht für die Kriterien einer
Binge Attacke (wesentlich mehr als bei einer normalen Mahlzeit gegessen wird)
ausreichen, sondern lediglich als überflüssig oder ungünstig (z. B. ein Butterbrot
zu viel) für die Wunschfigur angesehen wurden (Ardelt-Gattinger et al. 2016).

2.1.2 Vollbilder von Essstörungen


Die in Tab. 2 dargestellten Prävalenzraten der Klinischen Vollbilder und der ver-
schiedenen Syndrom-Kriterien Jugendlicher und Erwachsener entstammen einer
repräsentativen englischen Studie mit 5540 weiblichen Teilnehmerinnen (Micali
et al. 2017), einer australischen Studie die beide Geschlechter untersucht hat (Hay
et al. 2015), sowie einer Überblicksarbeit europäischer Studien (Keski-Rahkonen
und Mustelin 2016).
Sie verweisen auf die Internationalität der Essprobleme und zeigen, dass die
Gesamtzahl jener, deren Verhältnis zu einem menschlichen, mit Lust verbundenen

Tab. 2   Prävalenzbereiche der Vollbilder von Essstörungen und verschiedenen Syn-


drom-Kriterien nach DSM-5 bei Jugendlichen und Erwachsenen (Hay et al. 2015; Kes-
ki-Rahkonen und Mustelin 2016; Micali et al. 2017)
Anorexia nervosa (%) Bulimia Nervosa (%) Bed (%)
Klinisches Vollbild <1–4 <1–2 <1–4
Partielles Syndrom 10,9 0,2 2,1
Subthreshold-Syndrom 0,8–1,7 0,7–1,4 0,9–6,9
Summe Bis 16,6 Bis 3,6 Bis 13,0
36 E. Ardelt-Gattinger et al.

Grundbedürfnis gestört ist, mit bis zu 17 % aller Vorformen und des Vollbilds
z. B. bei Anorexie erschreckend hoch ist.
Betrachtet man die Störungen im Einzelnen, so ist der Einfluss des Schön-
heitsideals noch vorhanden, die Ursachen sind aber multifaktoriell. Der Ein-
fluss von aggressiver Lebensmittelwerbung und des Schönheitsideals wird in der
postmodernen Welt nicht geleugnet, jedoch die damit assoziierten gefährlichen
Folgen, die Verbesserung der Symptome oder gar Heilung bleibt in der Ver-
antwortung des Individuums.

2.1.2.1 Binge Eating Disorder – Der Körper kann das Essen


anfallsartig nicht steuern
Ungezügeltes Essen wurde im Lauf der Jahrhunderte verbal und bildlich als
„Fraß und Völlerei“ dargestellt und, wie eingangs dargestellt, den adipösen Men-
schen zugeordnet. Binge Eating Disorder (BED) ist eine psychische Störung
mit einer Entgleisung des normalen Hunger- und Sättigungsgefühls. Das Leit-
symptom sind „wiederkehrende, mindestens einmal die Woche auftretende Ess-
anfälle, bei denen wesentlich mehr als bei einer normalen Mahlzeit gegessen
wird“ (Saß et al. 2003). Sie sind charakterisiert durch Kontrollverlust, mit Scham
verbunden und werden deshalb meist verheimlicht. BED tritt bei ca. 0,5–3 % der
Bevölkerung auf. Bei adipösen Menschen wird sie zu etwa 25 % (de Zwaan und
Schüssler 2000) bis 30 % (Ardelt-Gattinger et al. 2015) gefunden.

2.1.2.2 BIG Eating – ‚Normalität‘ bei der Krankheit Adipositas


Im Sinne der Feststellung der psychischen Normalität bzw. des Risikoprofils
adipöser Menschen erscheint der von Chirurgen und Chirurginnen häufig ver-
wendete Begriff des „Big Eating“ relevant. Beschrieben wird es als Verhalten
von Menschen, die nicht anfallsartig, sondern eher regelmäßig schnell sehr große
Mengen (wesentlich mehr zu einer Mahlzeit als andere) essen, ohne dabei not-
wendig Hunger zu empfinden, und dabei einen gewissen Kontrollverlust angeben.
Dem Big Eating fehlen die weiteren der im DSM-5 definierten BED-Kriterien,
nämlich eine Frequenz von mindestens einmal pro Woche, die Empfindung von
„Scham“ und „Schuldgefühlen“, wie auch die Verhaltensweisen der Betroffenen
dieses Vielessen zu „verbergen“ und deshalb „alleine zu essen“. Mithilfe eines
neuen Fragebogens konnte eine trennscharfe Unterscheidung von BED und
Big Eating getroffen werden (Ardelt-Gattinger et al. 2010). Hohe Werte auf der
„Big-Eating“ Subskala konnten in einer für Österreich repräsentativen Stich-
probe von 220 Personen bei 86,3 % Adipöser gefunden werden, die zusätz-
lichen Kriterien für Binge Eating, erfüllten 13,7 % (Ardelt-Gattinger und Meindl
2010). Es wäre zu diskutieren, ob man Big Eating bei Adipositas alleine somit
Der Körper zwischen Adipositas und Essstörungen 37

als ‚­normales‘ – durch physische, soziologische und psychische Einflussfaktoren


erklärliches – übermäßiges Essen bezeichnen kann.

2.1.2.3 Bulimie – der Körper muss büßen


Bei den an Bulimie erkrankten Menschen steht auf der einen Seite die über-
triebene Beschäftigung mit dem Körpergewicht, auf der anderen die (ebenfalls)
„wiederholten Anfälle von Heißhunger (Essattacken)“, die mindestens drei
Monate lang und mindestens ein Mal die Woche vorkommen (Saß et al. 2003).
Diese wiederum werden beim „purging Typ“ durch Kompensationsmaßnahmen
wie Erbrechen, Gebrauch von Laxantien und Diuretika, beim ‚non-purging Typ‘
durch verstärkte körperliche Aktivität, Fasten und Diäten kompensiert. Häufig
werden beide Maßnahmen durchgeführt.
Bei adipösen Kindern/Jugendlichen liegt der Anteil von Bulimie bei etwa 7 %,
bei Erwachsenen bei ungefähr 30 % (Herpertz et al. 2008). Der hohe Anteil bei
Jugendlichen ist plausibel, da es sich um eine Störung handelt, die in der Pubertät
beginnt und mit ca. 18 Jahren ihren Höhepunkt erreicht.
Wenn – wie Betroffene heute berichten – nach oder mehrfach während
des Essens erbrochen wird, etwa Trockenblumensträuße zum Auslösen des
Erbrechens verwendet werden, wenn Models angeben, ihren Hunger etwa mit
Watte mit Ananassaft zu stillen, wird der Genuss des Riechens und des Fühlens
von Speisen auf Lippen, Zunge und Gaumen pervertiert, Schranken massiv über-
schritten, muss Scham und Ekel verdrängt werden. Zudem führt bulimisches
Verhalten zu Schädigungen im Bereich der Zähne, der Speiseröhre, der Magen-
und Darmfunktionen und wirkt sich negativ auf die Haut aus. Die Maßnahmen,
die man ergreift, um den Körper vermeintlich schön (schlank) zu halten oder zu
bekommen, sind am Hintergrund der Tatsachen zu verstehen, dass Bulimie eine
multifaktoriell entstehende psychische Störung ist. Würde es aber jemand ohne
dieses Wissen betrachten, käme er auf die Idee, dass hier junge und teilweise adi-
pöse Menschen, in ihrer Kultur qualvolle Rituale brauchen um sich zugehörig
fühlen zu dürfen.

2.1.2.4 Rumination Behavior – Heraufwürgen und Wiederkäuen


Als weitere Essstörung wird das wenige Minuten nach dem Essen oder Trin-
ken einsetzende und bis zu zwei Stunden andauernde „Rumination Behavior“
genannt (DSM 5). Es kommt im Kleinkindalter vor und setzt nach einer Phase
normaler Essentwicklung nach dem ersten Lebensjahr ein. Das nicht durch
physiologische Gegebenheiten erklärbare Heraufwürgen oder ‚Wiederkäuen‘
oder anschließende Ausspucken (Thangavelu und O’Brien 2006) tritt im Jugend-
und Erwachsenenalter vor allem bei geistiger Behinderung auf. Folgen sind vor
38 E. Ardelt-Gattinger et al.

allem Schäden der Mundschleimhaut und der Zähne, die bisweilen zur Nahrungs-
verweigerung führen. Die Diagnose ist Ärzten wenig bekannt, was häufig zu
unnötigen Untersuchungen führt (Rommel et al. 2010). Ein klinisches Interview
und Beobachtungsprotokolle liefern erste Hinweise, die durch Manometrie, eine
Druckmessung im oberen Magentrakt, erhärtet werden können (O’Brien et al.
1995).

2.1.2.5 Anorexie – der Körper muss gehorchen


Bei der sog. Anorexia nervosa wirken viele biologische, psychologische und kul-
turelle Faktoren zusammen. Die intensive Angst vor Gewichtszunahme resultiert
vorwiegend aus der Wahrnehmungsstörung der Betroffenen. Der Körper wird,
Therapien ungeheuer erschwerend, auch noch mit lebensgefährlichem Unter-
gewicht als unförmig und fett wahrgenommen.
Hunger wird zumindest in frühen Stadien noch wahrgenommen und muss
zwanghaft bekämpft werden. Die gewünschte Gewichtsreduktion wird bei
der restriktiven Form durch strenge Kontrolle, d. h. strenges Diätbieren, oder
– dies meist nach Essanfällen – durch bulimisches Verhalten verfolgt (Krauß
und de Zwaan 2007). Die Einflüsse der Moderne, einen dünnen Körper als
ästhetisch und nicht als Zeichen von Not zu normieren, zeigen sich darin, dass
Anorexie vorwiegend bei Angehörigen der weißen Bevölkerung, in reichen west-
lichen Ländern und sozial höheren Schichten vorkommt. Das Durchschnitts-
alter des dargestellten Vollbildes liegt bei 17 Jahren. Mädchen und Frauen sind
15-bis 20-mal häufiger betroffen als Jungen und Männer. Besonders häufig sind
Frauen betroffen, deren Beruf Schlankheit voraussetzt, wie Models oder Ballett-
tänzerinnen. Eine schlanke Figur wird aber inzwischen auch bei Bewerbungen
zur Messehostess u. ä. vorausgesetzt.
Eine Unterform, bei der Männer dominieren, stellt die Anorexia athletica dar.
Dies liegt im Trend des männlichen Schönheitsideals eines schlanken und primär
muskulös wohlgeformten Körpers (Ousley et al. 2008). Sie betrifft zudem Sport-
arten, bei denen das niedrige Gewicht einen Anteil an der zur erbringenden Leis-
tung hat, wie etwa im Skispringen oder Klettern.
Die Auswirkungen sind weitgreifend und vor allem auch medizinisch sehr
bedenklich: ein gestörtes Hormonsystem mit Ausbleiben der Monatsblutung bei
Frauen, Störungen des Blutbildes, Elektrolytverschiebung und Auswirkungen
auf die Knochendichte bei beiden Geschlechtern. Psychisch steht zu Beginn
das Gefühl erfolgreicher Kontrolle bisweilen mit Euphorie, später folgen Reiz-
barkeit und depressive Phasen. Bei Kindern sind die Folgen des rigiden Diätier-
ens oder Hungerns noch gravierender. Da sie sich noch in der Wachstums- und
Entwicklungsphase befinden, sind schwerwiegende Auswirkungen auf die
Der Körper zwischen Adipositas und Essstörungen 39

­ nochendichte, das Längenwachstum oder die Hirnreifung zu befürchten (Kinzl


K
et al. 2004).
Keine Essstörung zerstört den Körper, den die Betroffenen objektiv nicht
richtig wahrnehmen können und nur unter unmenschlichen Bedingungen in sei-
ner ‚Normal‘-form akzeptieren, so sehr. Keine auferlegt ihm so viel Verzicht und
Kontrolle. Die Prognose ist schlecht, die Mortalität beträgt bis zu 15 %. Ungefähr
ein Drittel der Betroffenen bleibt bei chronischem Verlauf anorektisch, es kom-
men zahlreiche psychische und körperliche Begleiterkrankungen hinzu. Etwa
20–30 % können als gebessert bezeichnet werden. Die Behandlung sollte dabei
so früh wie möglich erfolgen. Sie ist mangels Krankheitseinsicht sehr schwierig
und vor allem langwierig. Oft sind Klinikaufenthalte nötig. Das Verhältnis zu
Körper und Essen bleibt meist „spezifisch“ (Link und de Zwaan 2006). Eine ver-
wandte Störung, die „Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder“ (ARFID) wurde
zur Differenzierung von der schwer behandelbaren Anorexie eingeführt. Sie wird
im DSM-5 zwar den „Feeding and Eating Disorders“ zugezählt, aber klar als psy-
chisches Problem betrachtet, das nicht mit dem stark therapieresistenten gestörten
Körperbild der Anorexie einhergeht (Fisher et al. 2014).
Die Orthorexia nervosa, bei der zwanghaft gesund gegessen und das Reper-
toire der ‚erlaubten‘ Lebensmittel immer mehr eingeschränkt wird, lässt
sich schwer vom Vollbild der Anorexie abgrenzen, da auch diese oft mit den
genannten Einschränkungen vor allem dick machender Lebensmittel beginnt.
Die intensive Angst vor Gewichtszunahme resultiert ebenfalls vorwiegend aus
der Wahrnehmungsstörung des zu-fett-Seins der Betroffenen. Gemeinsam sind
beiden auch die unter dem PWS-Syndrom zusammen gefassten Denk- und
Verhaltensmuster. Diäten beginnen aber häufig selektiv durch Weglassen nur
bestimmter Nahrungsmittel(gruppen) unter dem Aspekt der Gesundheit, ehe sie
die Radikalität des Vollbildes erreichen. Zum rigiden ‚Gesundheits‘-Essverhalten
kommen Rituale wie klein schneiden der Nahrung, exzessive sportliche Aktivi-
täten oder die Anwendung von Medikamenten hinzu, beim ‚Purging Typ‘ auch
Erbrechen (Barthels et al. 2015).
Dem Attribut ‚gesundes Essen‘ kommt ein extrem hoher gesellschaftlicher
Wert zu, weshalb die Symptome der Orthorexie und beginnenden Anorexie noch
leichter übersehen werden und die Behandlung meist zu spät erfolgt (Klotter et al.
2015). Zudem ist sie häufig mit Sportsucht assoziiert, die wiederum weniger die
gesunde Freude an Bewegung in verschiedenen Kontexten als die Leistungs-
gesellschaft abbildet und somit zu einer in diesem Falle für die Gesundheit schäd-
lichen Entgrenzung von Freizeit und Arbeitswelt führt.
40 E. Ardelt-Gattinger et al.

3 Umweltbedingungen von Adipositas und


Essstörungen

Adipositas ist hoch mit sozioökonomisch ungünstigen Bedingungen in Bezug auf


Schulbildung, Beruf, Einkommen und materiellem Besitz assoziiert (Sobal und
Stunkard 1989). Auch Symptome von Essstörungen sind bei niedrigem sozioöko-
nomischen Status fast doppelt so hoch (27,6 %) wie bei hohem Status (15,6 %),
mit Migrationshintergrund erreicht die Quote an Essstörungssymptomen ca. 50 %
(Hölling und Schlack 2007). Der Status hat Einfluss auf Verfügbarkeit von güns-
tiger, gesunder Nahrung, einer bewegungsfördernden Umgebung und den frühen
Zugang zu unterstützenden Angeboten (wie Psychologen oder Psychiatern). Auch
der Versuch, den eigenen und den Vorstellungen der Gesellschaft zu entsprechen,
um seinen Selbstwert zu bewahren, ist bei sozial und materiell benachteiligten
Gruppen vorhanden und nachvollziehbar.
Bisweilen spiegelt sich umgekehrt die Überflussgesellschaft in den individu-
ellen – als krank bezeichneten – Essstörungen partiell wieder. Die Mengen ein-
gekaufter Waren bei BulimikerInnen sind etwa jenen nicht unähnlich, die man
speziell vor Feiertagen in Supermärkten beobachten und Tage später in den Müll-
tonnen wieder finden kann.

4 Adipositas, Essstörungen und Geschlecht

Adipositas verteilt sich laut einer Untersuchung in 68 Ländern in einem Verhält-


nis von drei Frauen zu zwei Männern. Diese „excess female obesity“ (Wells et al.
2012, S. 484) ist mit Armut und Benachteiligung der Frauen assoziiert. Im arabi-
schen Raum kommt die Ablehnung von Sport für Frauen teilweise aus kulturellen
und religiösen Gründen hinzu (Pfister 2010). Der Grad der körperlichen Begleit-
erkrankungen spielt in Bezug auf den Geschlechterunterschied keine wesentliche
Rolle. Unter zusätzlichen psychischen Beschwerden leiden aber Frauen mehr
(Bentley et al. 2011).
Der Anteil von Frauen ist auch bei Essstörungen, die rigide Esskontrolle und
starke Wünsche nach dem dünnen Körper implizieren, wesentlich höher, ihre
Lebensqualität niedriger (Ihle et al. 2007). Hingegen weisen Männer gegen-
über Frauen eine geringere Lebensqualität bei Essanfällen durch Kontrollver-
lust auf (Mitchison et al. 2013a, b). Barry et al. (2002) verweisen auch auf die
Tatsache, dass es innerhalb der Kriterien einer bestimmten Essstörung relevante
Geschlechterunterschiede gibt, wie etwa geringere Schamgefühle von Männern
über ‚Fressanfälle‘.
Der Körper zwischen Adipositas und Essstörungen 41

Zum Postulat exakter Stichprobenerhebung steht die Frage im Raum, ob ein


besser gegendertes Essstörungskriterium, nämlich ‚Zwang einen in Bezug auf
body shape and tone maximal trainierten Körper zu haben‘ (Mitchison et al.
2017) die Geschlechterverhältnisse und auch gesellschaftliche Veränderungen
des Umgangs mit dem Körper in der Postmoderne exakter abbilden würde. Das
„Ausbleiben der Menstruation über mehr als drei Monate“ als Kriterium der Ano-
rexie wurde im neuen Diagnoseschema DSM-5 bereits wegen der Unstimmigkeit
für sehr junge Mädchen und Männer gestrichen (DSM-5). Man könnte dies auch
so deuten, dass hier ein Prozess ablief von der Moderne des am Hintergrund des
Schönheitsideals gemarterten Körpers und weiblichen Essstörungssyndroms hin
zu einer Dekonstruktion der Essstörung. Das ursprünglich als kranke Abweichung
bezeichnete Verhalten betrifft nun beide Geschlechter und kann damit als Normali-
tät in der Pluralität wahrgenommen werden. Eine rezente Studie zeigt, dass
adipöse 6–10 jährige Buben und Mädchen vor allem verbal verspottet, Unter-
gewichtige beiden Geschlechts eher physisch angegriffen und sozial ausgegrenzt
werden. Dies wiederholt sich quasi in der Entwicklung männlicher und weiblicher
Kleidung. Was mit den hautengen Röhrenjeans und Leggins bei Frauen begann,
verbreitet sich nun – artig und auf Normanpassung bedacht – in den ‚körper-
nahen‘ Anzügen vieler männlicher Politiker. In Bezug auf Binge Eating Disorder
und Bulimie wurden für 11- bis 17-jährige Mädchen und Jungen keine signi-
fikanten Unterschiede gefunden. Vincent und McGabe (2000) konnten aber einen
interessanten Gendereffekt zeigen. Häufige Diskussionen über vermeintlich oder
tatsächlich nötige Gewichtsabnahme mit Vätern führte zu einem höheren Ess-
störungsrisiko bei Mädchen, jene mit Müttern zu einem höheren bei Jungen. Inte-
ressant ist dabei, dass hier das Körper-Ideal von Frauen nicht über Vorbildlernen
wie von Mutter auf Tochter übertragen wird, sondern der ‚Standard‘ des Körpers
zumindest in der Subkultur der Familie offenbar auch als Vorstellungen oder Wün-
sche des gegengeschlechtlichen Teils direkt vermittelt werden.

5 Adipositas und Essstörungen in den Foren des


Internets

Während das gängige Schlankheitsideal als anzustrebende positive Besonderheit


im Rahmen der Normalität in den Köpfen aller Menschen präsent ist, so ist vielen
nicht bewusst, welche Formen der Extremisierung dieses Ideal annehmen kann.
Die Extremisierung äußert sich in shit-Stürmen und Diskriminierungen der für
Menschen mit der Krankheit Adipositas auf der einen und die Verherrlichung abs-
truser Rituale der Esskontrolle auf der anderen Seite.
42 E. Ardelt-Gattinger et al.

5.1 Diätieren und Anorexie

Auf einschlägigen Foren und Blogs werden im Internet nicht nur abgemagerte
Körper verherrlicht und als erstrebenswert dargestellt, sondern zugleich Ess-
störungen als Lebenseinstellung und -stil propagiert. Eine erschreckend große
Anzahl an Pro-Ana-Websites (Pro-Ana = Pro-Anorexie) animiert zu radikalen, ja
sogar lebensbedrohlichen Maßnahmen zur Gewichtsreduktion und gibt Tipps und
Tricks zur Ausübung und Verheimlichung derartiger Verhaltensweisen.
Sehr hoch im Kurs stehen außerdem „Thinspirations“, sprich Inspirationen
zum dünn werden und bleiben, meist in Form von Fotos von Menschen in einem
fortgeschrittenen Stadium der Magersucht, die als Vorbilder dienen sollen.
Besonders erschreckend sind Texte mit Namen wie „Anas Gebote“ und „Anas
Psalmen“, die Betroffene quasi religiös an der Krankheit festhalten lassen und
Gesunde zum Ausprobieren und Nachahmen verleiten. Darüber hinaus wird zu
Herausforderungen und Wettkämpfen aufgerufen, die zeigen sollen, wer die strik-
testen Regeln im Hinblick auf Nahrungsverzicht und exzessive Sportausübung
einhalten kann, wem es möglich ist, am längsten zu fasten, oder wer über eine
definierte Zeitspanne hinweg am meisten Gewicht verliert. Vielfach werden Tage-
bücher erstellt, mit deren Hilfe die minimalen Essensmengen dokumentiert und
die progressive Abmagerung des eigenen Körpers festgehalten werden. (Internet-
adressen aus ethischen Gründen bei den Autorinnen).
Die Darstellungen der Betroffenen spiegeln freilich paradoxerweise wiederum
die medial vermittelten gesellschaftlichen Werte wider: Leistungsgesellschaft und
Wettbewerb. Sie zeigen aber auch die Stärken der betroffenen Menschen, die auf
ungeheurer Willenskraft, Kontrollfähigkeit und Genauigkeit bis hin zur klinisch
relevanten Zwanghaftigkeit beruhen. Aber auch letztere ist in vielen Berufen,
wenn schon nicht notwendig, so doch günstig und wird gesellschaftlich honoriert.

5.2 Bulimisches Verhalten

In Bezug auf bulimische Verhaltensweisen werden Ratschläge darüber gegeben,


welche Nahrungsmittel sich am leichtesten erbrechen lassen und welche Metho-
den am effektivsten sind, um Erbrechen zu induzieren, ebenso werden Bilder
vom Einkauf unzähliger Nahrungsmittel für die nächste Binge-Episode veröffent-
licht. Techniken für Kompensation durch Sport gehen teilweise noch weiter über
körperliche Grenzen. So wird etwa berichtet, wieviel Kalorien man etwa durch
Ergometertraining von 40 h an einem Stück oder durch ständiges Anspannen
Der Körper zwischen Adipositas und Essstörungen 43

von Muskeln ‚unauffällig‘ auch im sozialen Kontext wie etwa bei Gesprächen,
Schnipsen mit den Fingern unter der Schulbank u. ä. verbrauchen kann.(Internet-
adressen aus ethischen Gründen bei den Autorinnen).
Im Schutze der Anonymität tauschen sich so tausende Gleichgesinnte tag-
täglich über derartige Themen aus und bestätigen sich in ihren krankhaften Ver-
haltensweisen, sodass nicht nur Einsicht erschwert wird, sondern auch Risiken
und Konsequenzen verkannt oder gar geleugnet werden.

6 Prävention und Gesundheitsförderung für


Adipositas und Essstörungen – Was die
Gesellschaft mit bedingt, sollte sie auch wieder
heilen

Angesichts des starken gesellschaftlichen Einflusses auf Adipositas und Ess-


störungen, ihren Risiken und Folgen, die wiederum die Gemeinschaft belasten,
liegt es nahe, einen Schwerpunkt auch auf die kollektive Verantwortung zu legen.
Die größte Chance in Bezug auf die Adipositas-Epidemie und die zunehmenden
vorklinischen Essstörungen liegt in der Prävention.
Eine Grundlage zur Verhinderung psychischer Probleme und Leiden an einem
Körper, der nicht ‚in‘ ist, liegt darin, für die Krankheit Adipositas so viel Achtung
zu fordern wie dies bei anderen Krankheiten wie etwa Krebs oder Diabetes nor-
miert und üblich ist. Es wäre undenkbar, im Kontext der genannten und anderer
Erkrankungen Maßnahmen zu empfehlen, die mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit
zu einer dauerhaften Verschlechterung derselben führen. Dies würde auch einen
Teilsieg im Kampf gegen Essstörungen bedeuten. Ein Beispiel, das das dünne
Model betrifft, ist der Versuch zu dünne Models von Laufsteg und Werbung zu
verbannen. Die Modebranche muss fortan ein Attest von den Models verlangen.
Wer das Gesetz missachtet, muss auch mit Gefängnisstrafen rechnen (ZEIT
Online 2017).
Stice und Shaw (2004) empfehlen generell die „Paradoxie getrennter Esss-
törungs- und Adipositas-Kampagnen“ besonders in Schulen aufzugeben. Man
lehre die Kinder – oft in kurzem zeitlichen Abstand – jeweils, das Verhalten der
anderen Störung/Krankheit als gefährlich und ungünstig zu betrachten und ver-
unsichere sie dadurch bzw. rege die ohnehin schon in Richtung Essstörung
gefährdeten Kinder zu forcierter – das ‚gefährliche‘ Übergewicht vermeidenden
– Esskontrolle an. Präventionsprogramme in allen Sozialisationsinstanzen sol-
len auch verstärkt darauf achten, Kindern durch – unglücklich formulierte oder
verstandene – Präventionsbotschaften („Bulimie heißt, dass Kinder/Jugendliche
44 E. Ardelt-Gattinger et al.

erbrechen um abzunehmen“ was in der kindlichen Vorstellung heißt: „damit


KANN man abnehmen“!) nicht vorklinisches Erbrechen zu lehren.
Die empirische Evidenz ist schwer zu erbringen, aber viel deutet darauf
hin, dass es besser wäre, das Denken von Kindern/Jugendlichen in Umbruch-
sphasen wie Pubertät und Adoleszenz mit dem diesen Phasen innewohnenden
Protestpotenzial gar nicht erst mit Kenntnissen und Beschreibungen von Ess-
störungsritualen und Diäten zu infiltrieren, sondern die vielen Varianten zwi-
schen Perfektion und Unvollkommenheit zu diskutieren, die letztlich Normalität
konstituieren. Keinesfalls kann es aber schaden, nicht nur auf der Mikroebene
der Familien sondern auch der Mesoebene von Schulen und der Makroebene
der Gesellschaft selbstbewusstes, gewichtsunabhängig vernünftig essendes und
ein aus Spaß und Freude körperlich aktives Modell zu sein bzw. solches in der
Öffentlichkeit aufzubauen.
Die Empfehlungen von Stice und Shaw (2004) zeigen aber auch, dass grund-
sätzlich alle Interventionen, ob Therapie, Prävention oder Gesundheitsförderung,
die Zielpersonen überfordern, wenn sie nur auf der Mikrobene des Individuums
stattfinden. Man müsse, so schrieb Laessle (1998), „gestörtes“ Essverhalten
immer auch vor dem entsprechenden soziokulturellen und ökonomischen Hinter-
grund sehen und solle sehr ernst nehmen, dass Adipositas und Essstörungen
gemeinsam die Denk- und Verhaltensmuster „Dieting“, die „zu hohe gedank-
lichen Fixierung auf Ernährung/Essen“, „Unzufriedenheit mit dem Äußeren“,
„Selbstwertprobleme“ und der „Wunsch, das dünne Ideal zu erfüllen“ (Rojo et al.
2003; Thompson 1996) sind.
Unter dem bildhaften Titel „Fragmente einer Sprache des Essens“ verweist
Klotter (2014) darauf, dass Essstörungen aus der Geschichte bekannt sind, dass
es Essen und anschließendes Erbrechen bereits im spätantiken Rom gab, von
einer meist stark religiös geprägten Magersucht bereits im Mittelalter berichtet
wurde. Wenn es auch pervers ist: Man erbrach, um den Genuss auszudehnen
oder fastete, um metaphysisches Erleben zu fördern. Heutige Essstörungen sind
eng verbunden mit Diktaten, den vorherrschenden Normen der Kultur, wie etwa
dem rigiden Schlankheitsideal oder dem Postulat der gesundheitsgerechten
Ernährung, auch wenn es nicht schmeckt. Nicht Genuss und Lebensqualität des
gemeinsamen Essens und der Gemütlichkeit oder der beglückenden Bewegung in
der Natur haben den Vorrang für den in Alltag und Beruf oft überforderten und
ausgebeuteten Körper. Es geht vielmehr um Leistung und die Maximierung des
Äußeren im Wettbewerb mit den auch durch die hoch entwickelte Technik ideal
dargestellten Körpern der Medien (Mitchison et al. 2013a). Ironisch könnte man
auch von einer Überflussgesellschaft in Bezug auf Häufigkeiten und Arten von
Essstörungen sprechen.
Der Körper zwischen Adipositas und Essstörungen 45

Die Opfer sind jene, die die Mittel und Grenzen der geforderten Norm über-
schreiten. Auch für sie sind die Medien wichtig, insbesondere die Foren des
Internet. Wer begreift schon die Kraft der ungeheuren Selbstbeherrschung der
fastenden AnorektikerInnen? Wer kann die Überwindung aller Schamgrenzen
bei Einkauf und Erbrechen, die tausend Versuche dem Fressanfall zu widerstehen
und die Scham zu scheitern bei jenen, die Bulimie und Binge Eating Disorder
haben, wirklich nachvollziehen? Die Foren bieten Möglichkeiten zum Austausch,
aber auch zu Verdrängung und Rationalisierung des eigenen Verhaltens und seiner
Krankheitswertigkeit. Was bislang der Forschung dient, nämlich Informations-
gewinnung durch Teilnahme an Gruppendiskussionen im Netz (Ullrich und
Schiek 2014), könnte beispielsweise für Prävention überdacht werden. Mit wel-
cher Methode immer, die Medien sind der erste Ort zur Heilung dessen beizu-
tragen, was sie mit verschulden.

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Jugendkörper im Netz.
Erziehungswissenschaftliche
Perspektiven auf Jugendliche und ihre
fotografischen Selbstdarstellungen
in digitalen sozialen Netzwerken

Birgit Bütow und Clarissa Schär

Zusammenfassung
Der Beitrag fokussiert aus einer erziehungswissenschaftlichen Perspektive,
wie Jugendliche sich mit den gegenwärtigen gesellschaftlichen Anforderungen
an die Gestaltung von Körper und Selbst auseinandersetzen. Es wird der
These nachgegangen, dass es sich hierbei um (jugendliche) (Selbst–)Bildungs-
prozesse handelt. Im Beitrag werden Konzepte der Subjektivierung, des Kör-
pers und des Leibes fruchtbar gemacht, um unterschiedliche Spannungsfelder
jugendlicher Selbstdarstellungsarbeit, Auseinandersetzungen mit Gesellschaft
und Körperbildern und darin eingelagerte (Selbst-)Bildungspotenziale heraus-
zuarbeiten. Mithin setzt der Beitrag einen Kontrapunkt zu weit verbreiteter
Kritik jugendlicher Selbstdarstellungen in digitalen sozialen Netzwerken, die
deren gesellschaftliche Bedingtheit und die diffizilen Bewältigungsleistungen
weitestgehend ignoriert.

Schlüsselwörter
Jugend · Körper · Leib · Internet · Soziale Netzwerke · Bildung · Sozialraum · 
Identität · Selbstbildung

B. Bütow (*) 
Universität Salzburg, Salzburg, Österreich
E-Mail: birgit.buetow@sbg.ac.at
C. Schär 
Institut für Erziehungswissenschaft, Zürich, Schweiz
E-Mail: clarissa.schaer@ife.uzh.ch

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019 51
M. Dimitriou und S. Ring-Dimitriou (Hrsg.), Der Körper in der Postmoderne,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-22282-6_4
52 B. Bütow und C. Schär

1 Einleitung

Erziehungswissenschaftliche Diskurse über Körperlichkeit und Leiblichkeit


können historisch-systematisch als Pendelbewegungen von Thematisierung
und De-Thematisierung umschrieben werden (Bilstein und Brumlik 2013; Karl
2003). Wenn gegenwärtig das Thema von Körperlichkeit und Leiblichkeit wie-
der einen sehr hohen Stellenwert bekommen hat, so ist wohl ein Grund in den
gegenwärtigen Anforderungen an die Selbstorganisation, Eigenverantwortung
und Leistungsfähigkeit von Individuen in unserer Gesellschaft zu sehen, welche
den Alltag durchziehen und dabei auch im und am Körper ansetzen. Es geht hier
um Normative von Schönheit, Attraktivität und Leistungsfähigkeit. Insbesondere
im Kontext digitaler Medien, in „Zeiten überbordender Selbst-Visualisierung“
(Holert 2008, S. 28) scheint die öffentliche Selbstdarstellung zu einer „neuen
Handlungsnorm“ (Carstensen 2014, S. 89) gerade von Jugendlichen geworden
zu sein – einer Altersgruppe, die sich in der Lebensphase einer intensivierten
Auseinandersetzung mit Körper, Selbst und Gesellschaft befindet und moderne
Medien mehr als andere vollkommen selbstverständlich in den Alltag integriert
hat. Aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive interessiert, wie Jugend-
liche mit den gesellschaftlichen Anforderungen an Körper und Selbst umgehen,
inwieweit sie scheinbar dominanten Schönheits- und Attraktivitätsvorstellungen
entsprechen (wollen), wo sie diese dekonstruieren und damit in gewisser Weise
gesellschaftliche Verhältnisse bespielen, wo sie diese kritisieren oder gar trans-
formieren. Die aufgeworfenen Fragen werden vor dem Hintergrund erziehungs-
wissenschaftlicher Diskurse um (Selbst–)Bildung bearbeitet, die es ermöglichen,
die jugendlichen Selbstgestaltungspraktiken im Spannungsverhältnis von Indivi-
duum und Gesellschaft zu diskutieren. Dabei geht der Beitrag von der leitenden
These aus, dass Körperlichkeit und Leiblichkeit zentrale Momente von (Selbst)
Bildungsprozessen darstellen, die ihrerseits wiederum gesellschaftlichen Vor-
stellungen unterliegen.
Nach einer kurzen Skizze von erziehungswissenschaftlichen Blickwinkeln
auf das Verhältnis von Jugend, (Selbst-)Bildung und Körper (2) werden anhand
empirischer Befunde zu fotografischen Selbstdarstellungen Jugendlicher in digi-
talen sozialen Netzwerken einerseits unterschiedliche Körperbilder Jugendlicher
präsentiert (3) und diese andererseits mittels bildungs- bzw. subjekt(ivierungs)-
und körperleibtheoretischen Konzepten perspektiviert (4). Abschließend wer-
den die Befunde hinsichtlich der eingangs aufgeworfenen Fragen diskutiert und
resümiert (5).
Jugendkörper im Netz. Erziehungswissenschaftliche … 53

2 Erziehungswissenschaftliche Perspektiven auf


Jugend, Körper und (Selbst-)Bildung

Vor dem Hintergrund des Verlustes von allgemeingültigen, gesellschaftlichen


Bezugs- und Orientierungsrahmen in Lebenslauf und Biografie, wie Alter,
Geschlecht, soziale Milieuzugehörigkeit, schulische und berufliche Bildung,
kommt es in den letzten Jahrzehnten insbesondere bei Jugendlichen und jungen
Heranwachsenden zu komplexen Herausforderungen in der Bewältigung von
biografischen und institutionellen Übergängen (Bütow et al. 2013). Das Auf-
wachsen in entgrenzten gesellschaftlichen Verhältnissen ist zu einer individuellen,
biografischen Bewältigungsleistung des Subjekts geworden, in deren Folge die
Identität nicht als ein Resultat, sondern als ein fortwährender, nicht linearer Aus-
einandersetzungs- und Reflexionsprozess – als Identitätsarbeit – zu beschreiben
ist. Biografizität, d. h. die Fähigkeit, aus seinen Erfahrungen zu lernen und diese
zu reflektieren, tritt daher an die Stelle von allgemeingültigen Mustern der Hand-
lungsorientierung und gilt nicht nur bei Jugendlichen als Grundkompetenz, son-
dern ein Leben lang (Alheit 2009). Demnach kann davon ausgegangen werden,
dass Identität durch fortwährende Prozesse der (Selbst-)Bildung konstituiert wird:
Dabei wird der Bezug zu sich selbst als Individuum (wer bin ich?) immer in Rela-
tion zu anderen gestaltet (Marotzki 1990). Biografische Selbstbildung steht somit
in einem engen Bezug zur erziehungswissenschaftlichen Fassung von Bildung
als aktiver Prozess der eigenständigen, selbsttätigen Auseinandersetzung mit der
sozialen, kulturellen und natürlichen Umwelt, die – eingebettet und stimuliert in
und durch soziale Beziehungen – als ein Co-Konstruktionsprozess zu charakteri-
sieren ist (Müller 2004).
Demnach sind soziale Einbettungen als Rahmen in biografischen Bildungs-
prozessen von zentraler Bedeutung bei der Analyse der Identitätsarbeit von
Jugendlichen. In der Jugend und den zu bewältigenden Übergängen bilden Fami-
lie, Gleichaltrige sowie Medien zentrale Sozialräume, die Jugendliche biografisch
gestalten und nutzen (Bütow et al. 2013). Sozialräume sind keine raum-zeitlich
begrenzten „Behälter“, sondern sie werden über und durch Personen gebildet.
Diese stehen synonym für individuelle und kollektive Aneignungsprozesse von
gesellschaftlichen Realitäten und Strukturen. So werden bspw. die komple-
xen, höchst diffusen, verschlüsselten und oft widersprüchlichen Anforderungs-
strukturen an die Konstruktion von Geschlecht in Peer Groups interaktiv und
kommunikativ dechiffriert und bieten so der oder dem Einzelnen die Möglich-
keit des eigenen Bezuges dazu. Das In-und-Out-Sein von Kleidungsstil oder die
Angemessenheit von Verhaltensmustern des Heranwachsens als Mädchen oder
54 B. Bütow und C. Schär

als Junge werden in solchen Sozialräumen als distinktives Wissen durch Prakti-
ken des Dazugehörens geradezu beiläufig entwickelt, evaluiert, revidiert oder
auch sanktioniert. Im Spannungsfeld von Integration und Anerkennung in die
Gruppe der Gleichaltrigen einerseits, und der Anforderung, eigene Wege und
Zuschreibungen zu finden andererseits, entstehen so Widersprüche, die bio-
grafisch zu bewältigen sind (Bütow et al. 2013). Somit wird deutlich, dass
biografische Bewältigungsmuster in ihren sozialräumlichen Bezügen zu ver-
stehen und zu fassen sind: digitale soziale Netzwerke bilden für Jugendliche in
der Gegenwart daher solche und zudem höchst bedeutsame Sozialräume (vgl.
Kap. 3). Diese sind jedoch nicht ohne ihre gesellschaftlichen Einbindungen und
normierenden Muster zu verstehen, denn Jugendliche greifen explizit darauf
zurück. Ob und inwieweit sie darin kritisch-reflexiv sein können, ist nicht nur
eine Frage der biografischen, insbesondere familiären und bildungsbezogenen
Ressourcen, sondern auch der Wirkmächtigkeit gesellschaftlicher Normative,
auch wenn diese diffus erscheinen.
Sozialräumliche und biografische Bildungsprozesse haben immer auch körper-
lich-affektive Dimensionen, die insbesondere bei Jugendlichen besondere Heraus-
forderungen darstellen (Bütow et al. 2013; King 2011). Die Auseinandersetzung,
Inszenierung und Gestaltung des sich in dieser Lebensspanne immens ver-
ändernden Körpers, den damit einhergehenden sozialen Rollenübergängen sowie
den neuen Erfahrungen im Kontext des sexuellen Begehrens ist in der Adoleszenz
ein zentraler Bestandteil der biografischen Identitätsarbeit (Alkemeyer 2009).
Die körperlich-leibliche Dimension von (Selbst-)Bildung drängt sich daher
bei der Subjektperspektive des Aufwachsens von Jugendlichen geradezu auf: Der
sich verändernde Körper und damit einhergehende Gefühlslagen müssen neu ver-
standen werden, in sozialen Interaktionen mit Anderen artikuliert und behauptet
werden, um einen (weitgehend) selbstbestimmten körperlich-leiblichen Umgang
entwickeln zu können (King 2011). Dies sind komplexe Herausforderungen, die
nicht immer sprachlich bewältigt werden können, sondern oft auf der nichtsprach-
lichen, d. h. affektiven bzw. körperlichen Ebene symbolisch bearbeitet werden.

3 Empirische Befunde zu fotografischen


Selbstdarstellungen Jugendlicher in digitalen
sozialen Netzwerken

Fotografische Selbstdarstellungen Jugendlicher in digitalen sozialen Netzwerken


erscheinen auf den ersten Blick neuartig, aber dann doch wiederum sehr ver-
traut. Dies liegt daran, dass die Jugendlichen mit ihren Selbstdarstellungen
Jugendkörper im Netz. Erziehungswissenschaftliche … 55

v­ ielfach Bildgenres bedienen, die aus Musikfernsehen, (Erotik) Magazinen und


Werbung bekannt sind (Astheimer 2010). In einer eigenen Studie konnte gezeigt
werden, dass die an Medienbildern orientierten Selbstdarstellungen mithin hege-
moniale Körperbilder und Geschlechternormen reproduzieren (Schär 2012).
Begründet werden die Darstellungen damit, dass die Jugendlichen hierüber nach
Anerkennung und Zugehörigkeit in der Community suchen und sich durch die
Ausrichtung an hegemonialen Attraktivitätsvorstellungen entsprechende soziale
Teilhabe ermöglichen (Richard et al. 2008). Insbesondere daran entfachte sich
längst ein öffentlicher wie (sozial–)pädagogischer Problemdiskurs. Die Selbstdar-
stellungen der Jugendlichen werden als zu freizügig respektive exhibitionistisch,
als narzisstisch oder pornografisch und als an einer neoliberal motivierten Selbst-
vermarktungslogik orientiert markiert (u. a. Avanzino 2010).
Gegenüber dieser Thematisierung und Problematisierung weit verbreiteter
Selbstdarstellungsweisen Jugendlicher in digitalen sozialen Netzwerken finden
sich aber auch davon abweichende Fotografien. Sie sind in der Unterzahl, zeiti-
gen aber Spiele mit Geschlecht(szugehörigkeit) (u. a. Richard et al. 2010) oder
Experimente mit Körper- bzw. Gesichtsfarben und -formen, für die die Körper
wie auch die Bildkörper – mit Bildbearbeitungsprogrammen1 – vielfach bespielt
werden (Schär i. E.). Solche fotografischen Selbstdarstellungen haben bislang
öffentlich wie wissenschaftlich nur marginal Beachtung gefunden. Diese beiden
Bildgattungen – jene, die hegemoniale Körperbilder verändern und bespielen,
aber auch jene, die diese wiederholen und reproduzieren – werden nachfolgend
subjektivierungs- und körperleibtheoretisch perspektiviert, um hierüber ers-
tens die jugendliche Körper- und Identitätsarbeit in ihrer Gesellschaftlichkeit zu
markieren, zweitens die damit verbundenen Bildungspotenziale auszuloten und
dadurch drittens dem vorherrschenden Problemdiskurs einen differenzierteren
Blick auf die jugendlichen Selbstdarstellungspraktiken entgegenzusetzen.

4 Theoretische Perspektiven auf jugendliche


Selbstdarstellungen

Es liegt nahe, die fotografischen Selbstdarstellungen Jugendlicher, die häu-


fig Körperbilder aus den Medien reproduzieren, aus einer subjektivierungs-
theoretischen Perspektive zu betrachten. Subjektivierung beschreibt nämlich

1Durch den Einsatz von Bildbearbeitungssoftware können hegemoniale Körperbilder


selbstverständlich auch reproduziert werden. So können beispielsweise die Augen zu
Kulleraugen vergrössert oder Taillen zu Wespentaillen geschmälert werden.
56 B. Bütow und C. Schär

den Prozess, in dem sich Individuen in eine soziale Ordnung der Lesbarkeit ein-
fügen, sich mit vorgegebenen Subjektformen – wie Frau, Femme Fatale, Hetero,
Homo, Sportler oder Italienerin – auseinandersetzen (Villa 2010). Dabei müs-
sen Individuen die mit den jeweiligen Subjektformen verbundenen Erwartungen
öffentlich darstellen – d. h. sie müssen bestimmten Schönheits–, Attraktivitäts-
oder Leistungsimperativen und -vorstellungen entsprechen – um sich hierüber
als Subjekte herzustellen.
Gleichzeitig wird mit einer subjektivierungstheoretischen Perspektive aber
auch das Scheitern an Subjektivierung beschreibbar (Villa 2010). Insofern Sub-
jektivierungsprozesse – die Verkörperung von Subjektformen – einer Aufführung
bedürfen, ist ihnen das Potenzial zu Abweichung inhärent (Butler 2001). Ein
Potenzial, das sich leibtheoretisch2 mit dem Mimesis-Konzept von Gebauer und
Wulf (1992) erklären lässt. In der Bezugnahme auf vorgängige Subjektformen,
im Imitieren und Nachahmen von Körperdarstellungen, Haltungen und Gesten,
können sich Individuen immer nur anähnlichen. Aufgrund der Einzigartigkeit
jeder Situation und v. a. jedes Körpers sind Individuen nicht dazu fähig, Subjekt-
formen eins zu eins zu reproduzieren (Alkemeyer und Villa 2010). Somit voll-
zieht sich immer eine individuelle Umarbeitung der vorgängigen Subjektformen,
die zu Veränderungen und Überschreitungen ebendieser führt (Schär i. E.). Das
können kleine, kaum bemerkbare Veränderungen sein. Dies zeigt sich in den foto-
grafischen Selbstdarstellungen Jugendlicher z. B. darin, dass manche Fotografien
irritierende Momente aufweisen. Die erotisch-aufreizende Pose wird von einem
unsicheren Blick begleitet oder die aggressiv-herrische Rapper-Pose von einem
harmlosen Bubigesicht konterkariert. Das können aber auch Veränderungen
weitreichenderer Art sein. Wie es sich beispielsweise in digitalen sozialen Netz-
werken im Phänomen des Duckface nachzeichnen lässt: Das Scheitern einer
schmollmündig-erotischen Darstellung mit geschürzten Lippen, die durch den
Vergleich mit einem Entengesicht bzw. einem Entenschnabel der Lächerlichkeit
preisgegeben wird.
Trotzdem ist von reflexions- und kritikfähigen Individuen auszugehen, die
sich mehr oder minder bewusst zu Subjektformen verhalten, diese verändern und

2Gemäß Plessner (2003) beschreibt der Leib im Unterschied zum materiellen und inten-
tional form- und veränderbaren Körper den (affektiv) spür-, erleb- und erfahrbaren Kör-
per (Plessner 2003). Über den Leib wird einerseits die Welt sinnlich-affektiv erfahren,
andererseits verbirgt sich im leiblichen Zur-Welt-Sein eine Eigensinnigkeit, die bewusstem
Handeln vorgelagert ist und die – wie noch auszuführen sei wird – das Verhältnis von Indi-
viduum und Gesellschaft beeinflusst.
Jugendkörper im Netz. Erziehungswissenschaftliche … 57

bespielen können. So erweiterte der späte Foucault sein Subjektverständnis um


die widerständige Fähigkeit der Kritik, im Rahmen derer sich Subjekte, von den
sie erzeugenden Diskursen und Machtverhältnissen zu distanzieren vermögen
(Foucault 2001). Eben jene Kritik resultiert nach Gugutzer (2012) erst aus einem
„leiblich-affektiven Betroffensein von sozialen Umständen“ (Gugutzer 2012,
S. 56). Aus affektiven Betroffenheiten mit den jeweiligen Umständen, können
Individuen und so auch Jugendliche kritisch-reflexive Fähigkeiten entwickeln, die
es ihnen ermöglichen (mit ihren Selbstdarstellungen in digitalen sozialen Netz-
werken), „reflektiert Stellung zu beziehen, intentional in ein soziales Geschehen
einzugreifen, Kritik zu üben und eine Subjektform performativ durch Über-
schreibung zu verändern“ (Alkemeyer et al. 2013, S. 21).
„Der Gewinn einer solchen subjektivierungs- und körperleibtheoretischen Per-
spektivierung liegt nun darin, das Gefangensein im Werden sich subjektivierender
Individuen – und damit auch die jugendliche Arbeit am Selbst im Kontext foto-
grafischer Selbstdarstellungen und Körpergestaltung – in seiner Brüchigkeit,
Unbestimmtheit und Unsicherheit zu akzentuieren, das – durchaus leid- aber
auch lustvolle – Gefangensein im Dazwischen der Unmöglichkeit Subjekt zu
sein und dem Unvermögen einer vollständigen Entsubjektivierung zu markieren“
(Schär i. E.). Für die jugendlichen Subjektivierungsleistungen ist darüber hinaus
zu konstatieren, dass sie sich in einer Zeit körperlicher Veränderungen vollziehen
und somit von entwicklungsspezifischen Herausforderungen der Körper- und
Identitätsarbeit begleitet werden (King 2011).
In diesen Prozessen des Umgangs mit körperlichen Veränderungen sowie
der Reproduktion und Veränderung von Subjektformen – den „Selbstbildungen“
(Alkemeyer et al. 2013) – sind nun unterschiedliche Bildungspotenziale identi-
fizierbar – es sollen hier zwei Aspekte ausgeführt werden: Bildungspotenziale,
die im Medium digitaler Fotografie liegen und Bildungsmöglichkeiten, die im
Medium digitaler sozialer Netzwerke angelegt sind. In erster Linie eröffnet das
Medium digitaler Fotografie die Möglichkeit, sich zu sich, seinem Körper und
den Subjektformen, die man bedient, selbst in ein Verhältnis zu setzen – ähn-
lich der des Spiegels. So führt Foucault (2013 [1966]) in seinen Überlegungen
zu Heterotopien und zum Utopischen Körper die Spiegelmetapher an, um die
­Paradoxie eines Hier und Anderswo des eigenen Körpers zugleich – diesseits und
jenseits des Spiegels – zu verdeutlichen, um das utopische Potenzial von Körpern
in deren Wirkmächtigkeit zu markieren (Foucault 2005, S. 935 f): „[…] und aus
der Tiefe dieses virtuellen Raumes hinter dem Glas kehre ich zu mir zurück und
beginne meine Augen wieder auf mich zu richten“ (Foucault 1992, S. 39). Wird
diese Spiegelmetapher auf fotografische Selbstdarstellungen in digitalen sozia-
len Netzwerken ausgedehnt, also auf die Möglichkeit, sich auf einer Fotografie
58 B. Bütow und C. Schär

bzw. einem Computer- oder Handybildschirm betrachten zu können, werden


­Fotografien mit Klass gesprochen zu „Orten der Überschreitung“, „Orte, an denen
man die Erfahrung einer Selbstdifferenz, der Konstitution von Differenz über-
haupt machen kann“ (Klass 2009, S. 154). Digitale Fotografien bieten Jugend-
lichen mithin die Möglichkeit, gerade im Kontext körperlicher Veränderungen,
sich in vielfältigen Darstellungen abzubilden, kurz- oder langfristig zu ban-
nen und zu betrachten, unterschiedliche Subjektformen zu bedienen und sich
mit (utopischen) Körperentwürfen3 auseinanderzusetzen und zu identifizieren
(Mörgen und Schär 2018). Das Spezifikum solcher Selbstdarstellungen in digi-
talen Fotografien ist es nun aber, dass sie über digitale Kanäle distribuiert und
auch mit der Absicht der Distribution hergestellt werden (Autenrieth 2014a). Es
ist somit davon auszugehen, dass im Herstellungs- und ggfs. Nachbearbeitungs-
prozess der Selbstdarstellungen die (imaginierten) Blicke der Anderen antizipiert
werden. Dabei bleiben die Blicke der Anderen in digitalen sozialen Netzwerken
aber nicht rein imaginativ. In digitalen sozialen Netzwerken besteht meistens die
Möglichkeit, auf die Fotografien zu reagieren: Sie zu markieren, sie zu teilen,
sie zu kommentieren oder sie zu ignorieren und sie damit letztlich zu bewerten.
Dabei zeigen aktuelle Forschungsbefunde, dass das Ausbleiben einer Reaktion
auf die hochgeladenen Fotografien von den Jugendlichen als fehlgeschlagene
Kommunikationsakte verstanden werden (Autenrieth 2014b). Das digitale soziale
Netzwerk bildet mithin einen Sozialraum, einen Möglichkeitsraum für Aus-
einandersetzung mit Selbst und Welt, für den Umgang mit gesellschaftlichen
Anforderungen und für (Selbst-)Bildung im sozialen Kontext. Mit der (aus-
bleibenden) Reaktion der Community auf die fotografischen Selbstdarstellungen
und den darin aufgeführten Subjektformen sind also (selbst-)bildungsrelevante,
leibliche Erfahrungen von Anerkennung, von Akzeptanz, von Fremdheit, von
Ablehnung, von Differenz u.v.m. verbunden.

5 Schlussfolgerungen

In Bezug auf die eingangs aufgeworfenen Fragen konnte der Beitrag zeigen, dass
Jugendliche mit ihren fotografischen Selbstdarstellungen in digitalen sozialen
Netzwerken nicht nur – wie vielfach kritisiert und problematisiert – hegemoniale,

3Dabei sind mit utopischen Körperentwürfen nicht nur diejenigen gemeint, die mittels eines
Bildbearbeitungsprogrammes die Körpergrenzen transzendieren, sondern auch jene, die
Ungeahntes des eigenen Körpers und der eigenen Darstellung(-smöglichkeiten) sichtbar
werden lassen.
Jugendkörper im Netz. Erziehungswissenschaftliche … 59

an medialen Vorbildern orientierte Körperbilder und Subjektformen reproduzieren,


sondern diese auch verändern und überschreiben können. Diese Veränderungen
der vorgängigen Subjektformen können aus einer subjektivierungs- und körper-
leibtheoretischen Perspektive unbewusst, leiblich eigensinnig von statten gehen,
sie können sich aber auch kritisch-reflexiv – wenngleich leiblich-affektiv initiiert
– vollziehen. In diesen körperlich und leiblich gebundenen – digitalen und virtuel-
len – jugendlichen Selbstdarstellungspraktiken können unterschiedliche Bildungs-
potenziale identifiziert werden, von denen zwei im Beitrag weiter ausgeführt
wurden. So liegen (selbst-)bildungsrelevante Potenziale in der Möglichkeit der
Selbstbetrachtung seines (utopischen) Körpers im Medium digitaler Fotografie.
Und ebenso eröffnet die Community im Medium digitaler sozialer Netzwerke
einen Sozialraum für diverse leibliche Erfahrungen in der Auseinandersetzung mit
Selbst und Welt. Wie die Jugendlichen mit diesen Erfahrungen umgehen, welchen
Einfluss sie auf ihre Körperarbeit und Arbeit am Selbst nehmen, kann an dieser
Stelle nicht beantwortet werden. Die vielfältigen Erfahrungen, die Jugendliche
im Kontext fotografischer Selbstdarstellungen in digitalen sozialen Netzwerken
machen können, verdichten sich aber zu einem Möglichkeitshorizont für (Selbst-)
Bildung, für die – wie gezeigt werden konnte – Körperlichkeit und Leiblichkeit
konstitutiv sind. Aus einer erziehungswissenschaftlichen Perspektive ginge es vor
dem Hintergrund dieser Ausführungen dann einerseits darum, eine abwertende
und enggeführte Kritik an jugendlichen Selbstdarstellungspraktiken in digitalen
sozialen Netzwerken zu vermeiden. Andererseits ginge es darum, jugendliche
Selbstdarsteller/innen keiner Kritik preis zu geben, die deren gesellschaftliche
Dimension zugunsten individualisierender und generationaler Zuschreibungen
ignoriert. Es ginge vielmehr darum, sich für die diffizilen Bewältigungsleistungen
und (Selbst)Bildungsprozesse zu sensibilisieren und sich Gedanken dazu zu
machen, inwieweit und wie Jugendliche darin unterstützt werden könnten.

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baden: VS Verlag.
Der postmoderne Körper im
Wandel: Sport, Fitness und Wellness
zwischen Gesundheitsorientierung,
performativem Zwang und
Optimierungslogik

Minas Dimitriou

Zusammenfassung
Ziel des Beitrages ist es, das Beziehungsgeflecht zwischen den Erscheinungs-
formen und Artikulationslinien des Körpers sowie den gesellschaftlichen
Anforderungen in der Postmoderne zu analysieren. Dabei handelt es sich
um die Betrachtung des Körpers sowohl als Objekt der Selbstoptimierung,
als Fitnessdomäne und als Mittel zur Gesundheitserhaltung, Medium der
Selbstdarstellung und -inszenierung. Während Fitness, Wellness und andere
Körperstrategien einen erheblichen Beitrag zur Visualisierung von gesund-
heitsnormativen Idealen leisten, avanciert der Körper in der postmodernen und
singularisierten Gesellschaft zu einer gestaltbaren Instanz und permanenten
Kultivierungsfläche von Affekten und Sehnsüchten.

Schlüsselwörter
Körper · Fitness · Wellness · Postmoderne · Singularisierung · Performativität · 
Medien · Soziale Netzwerke

M. Dimitriou (*) 
Universität Salzburg, Salzburg, Österreich
E-Mail: minas.dimitriou@sbg.ac.at

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019 63
M. Dimitriou und S. Ring-Dimitriou (Hrsg.), Der Körper in der Postmoderne,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-22282-6_5
64 M. Dimitriou

1 Einleitung

Mit dem Topos „Wiederkehr des Körpers“ (Kamper und Wulf 1982) lässt sich eine
rapide Entwicklung beschreiben, die in den letzten Dekaden von zunehmender
Körperthematisierung geprägt ist. Infolge dieses Prozesses kam es nicht nur zur
sichtbaren Körperaufwertung (Bette 2005), sondern auch zum Aufstieg des Körpers
als einen der wichtigsten Bestandteile der Lebenswelt (Gugutzer et al. 2017). Dabei
avancieren Sport- und Fitnesskulturen sowohl als Bestimmungsorte des Körpers,
als auch zum Gegenstand des postmodernen Lebensstils.
Die interdependente Beziehung zwischen Sport und Körper wird in den unter-
schiedlichen Erscheinungsformen gesellschaftlicher Strukturen und individueller
Handlungen ersichtlich.
So z. B. wird der Sport nicht nur als ein „körperzentriertes Sozialsystem“
(Caysa 2003, S. 13) und als „soziales Handlungsfeld, für das der Körper von
konstitutiver Bedeutung ist“ (Gugutzer 2017, S. 300) definiert, sondern er fun-
giert auch als eine Fläche zur „[…] Präsentation des Körpers und der körper-
lichen Leistung, von Stärke, Ausdauer und Aggressivität, aber auch von
Schönheit und Eleganz“ (Pfister 2004, S. 63). Diese Annäherung betrachtet den
Sport nicht nur als Leistungsschau im quantifizierbaren Sinne, sondern hebt auch
seinen performativen Charakter hervor. Außerdem stellt der mit dem Körper aus-
getragene Wettkampf ein wichtiges Charakteristikum des Sports dar (Elias und
Dunning 2003). Ähnlich betrachtet Bourdieu den Sport als Welt des Wettkampfs,
der „eingebettet in ein umfängliches Feld von Auseinandersetzungen [ist], die die
Definition des legitimen Körpers und des legitimen Umgangs mit dem Körper
zum Gegenstand haben“ (Bourdieu 1985, S. 580). Letztgenannte Positionen kor-
respondieren mit der Betrachtungsweise von Thiel et al. (2013), der der Körper
als Funktionsgegenstand im Wettkampfsport verortet. Basierend auf phänomeno-
logischen Ansätzen versteht Wetzel (2014) unter Sport die leiblich-soziale Praxis,
[die] das Individuum lernt, sich selber zu spüren und sich in ein schwingendes
Resonanzverhältnis mit sich selbst zu versetzen.
Der Sport kann für Gebauer (2002) herangezogen werden, um den mensch-
lichen Körper als „Subjekt der Moderne“ zu deuten. Während letztgenannter
Autor körperliche Bewegung als zentrale Vermittlerin zwischen Mensch und
Welt begreift, bietet der Sport günstige Voraussetzungen für die Disziplinierung,
die Funktionalisierung des Körpers und für die Konstruktion von Geschlechter-
körpern (Wedemeyer-Kolwe 2010).
Als übergeordneter Topos kann der Sport gleichzeitig sowohl als eigen-
ständiges Funktionssystem als auch als soziale Situation interpretiert werden,
Der postmoderne Körper im Wandel: Sport, Fitness und Wellness … 65

deren Ausprägungen, Differenzierungen und Wandlungen letztlich auf den


Bedürfnissen und Zielen des Menschen beruhen. Deshalb waren der Sport aber
auch die verschiedenen verwandten Modelle und Ansätze – von der Gymnastik,
über das Turnen und die Leibesübungen bis zur politischen Leibeserziehung wäh-
rend des Nationalsozialismus und der Fitnessbewegung in den 1970er Jahren –
stets eine Schnittstelle zwischen dem gesamtgesellschaftlichen Kontext und den
individuellen Lebenslagen.
In den letzten Dekaden avancierte der Körper im Rahmen des Sports und
der Bewegung zur rationalen und leistungsorientierten Institution (z. B. Trai-
ning im Hochleistungssport), zum Ort individueller Optimierungsfantasien (z. B.
Gestaltung und Messung des Körpers zur „Perfektionierung des Menschen“)
(Gesang 2007), zur performativen Instanz (z. B. Inszenierung des Körpers) und
zur Kristallisationsfläche des eigenen Lebensstils (z. B. Gesundheit, Fitness).
Vor dem Hintergrund des sozialen Wandels, der durch Pluralisierung, Indivi-
dualisierung, Fragmentierung und Medialität charakterisiert ist, erweist sich der
Körper als genuine Domäne für Flexibilität, Authentizität und Offenheit. Parallel
zu dieser Entwicklung nehmen auch die Verfügungsmöglichkeiten über den Kör-
per zu, was den Übergang von der Körperlichkeit zur Fitness in der Postmoderne
ermöglicht. In diesem Zusammenhang ist Baumans (1997) Definition für Fitness
aufschlussreich, nämlich als eine beständige Bereitschaftshaltung des Körpers
nicht nur für vorhandene Lebensanstrengungen, sondern auch für neue Heraus-
forderungen. Den Körper in Bereitschaft zu halten impliziert auch den eigenen
Körper kontrollieren zu können. Das Ergebnis allerdings der Daueraufmerk-
samkeit auf den Körper zeigt sich nicht mehr in den leistungsorientierten Ebe-
nen des traditionellen Sports, sondern vermehrt in der gesundheitsorientierten
und vor allem ästhetisch motivierten Arbeit am eigenen Körper. Im Rahmen von
Fitnesspraxen und Selbstvermessungsstrategien „transformiert sich Bewegung
[…] im 21. Jahrhundert zu einem Medium der Selbstsorge in neoliberalen Gesell-
schaften“ (Klein 2017, S. 9).
Mit dem vorliegenden Beitrag soll der Wandel von einem von Industriali-
sierung und Technisierung in der Moderne geprägten Körper zu einem durch
Ästhetisierung, Pluralisierung und Performation entwickelten Körper in der Post-
moderne aufgezeigt werden. Konkreter will diese Arbeit den Zusammenhängen
zwischen den Erscheinungsformen und Artikulationslinien des sportlichen und
fitten Körpers und den gesellschaftlichen Anforderungen nachgehen.
Die zugrunde liegende Heuristik basiert auf dem Ansatz von Reckwitz (2017)
zur Singularisierung. Mit diesem Topos werden diverse Übergänge vom All-
gemeinen zum Besonderen und vom Individuellen zum Einzigartigen und Per-
formativen im sozialen Strukturwandel analysiert. Dabei wird das Leben vom
66 M. Dimitriou

Streben nach Außergewöhnlichkeit, Aufmerksamkeit und Authentizität geprägt.


Performative Selbstverwirklichung und Identitätsarbeit gehören auch zu den
wichtigsten Aspekten des singularisierten Lebensstils. Aus dieser Sicht las-
sen sich drei Perspektiven für die Betrachtung des Körpers als Gegenstand des
Lebensstils für die vorliegende Arbeit erkennen: Erstens wird der Körper im
Ausdifferenzierungsprozess von Bewegungspraxen und Schönheitsidealen
im kulturhistorischen Strukturwandel behandelt. Zweitens wird der Körper
sowohl als Objekt der Selbstoptimierung (wie der Körper z. B. durch diverse
Bewegungspraktiken geformt, standarisiert und rationalisiert wird), als auch als
Fitnessdomäne und Mittel zur Gesundheitserhaltung untersucht (wie am Körper
gearbeitet wird, um ihn leistungsfähig und gesund zu machen). Die dritte Pers-
pektive bezieht sich auf die Performativität und mediale Darstellung des „drama-
turgischen“ Körpers (Gugutzer 2004, S. 92) nicht nur als Kristallisationsfläche
gesellschaftlicher Normen und Ideale, sondern auch als Medium der Selbstdar-
stellung und -inszenierung.

2 Sport, Bewegungspraxen und Schönheitsideale


im kulturhistorischen Wandel

Im Wandel des Sports und der Bewegung zeigt sich der Körper als
Kristallisationsfläche philosophischer Theorien, politischer Machtansprüche,
erzieherischer Modelle und Schönheitsideale. In der griechischen Antike spielte
der Körper im Rahmen der Gymnastik, d. h. „die Kunst der nackt ausgeübten
Leibesübungen“ (Röthig und Prohl 2003, S. 236), eine wichtige Rolle bei der
Verkörperung des Bildungsideals der ‚Kalokagathia‘ – welches die „harmonische
Einheit, die Balance körperlicher und geistiger Kräfte sowie sittlich-moralischer
Werte“ (Krüger 2004, S. 89) bezeichnete. Mit dem Aufkommen des Christentums
im Mittelalter erlebte der Körper als „abscheuliches Gewand der Seele“ (Papst
Gregor der Große zitiert nach Le Goff und Truong 2007, S. 11) eine sukzessive
Abwertung. Zu dieser Zeit stellte der Mönch als Asket das gesellschaftliche Ideal-
bild dar, das mit Verachtung und Erniedrigung des Körpers in Verbindung stand.
Während das weibliche Schönheitsvorbild im Mittelalter noch eine zierliche,
schlanke und flachbrüstige Gestalt darstellte, wurden die Frauen in der Kunst
der Renaissance üppiger mit ausladenden Rundungen präsentiert. Bei Männern
wurde ähnlich ein großer, schwellender Körper als schön empfunden. Mit diesem
Ideal wurde Macht, Sinnesfreude und Prunk zum Ausdruck gebracht (Le Goff
und Truong 2007).
Der postmoderne Körper im Wandel: Sport, Fitness und Wellness … 67

Die unaufhaltsame Verbreitung der Vernunftlehre im 17. Jahrhundert führte


auch zu einer differenzierten Betrachtungsweise des Körpers. Dabei wurde
die leibliche Existenz als Fundament „eines absolut verlässlichen Erkennens“
(Meyer-­Drawe 2001, S. 15) infrage gestellt und das Denken als ultimativer
Weg zur Selbstvergewisserung propagiert (Descartes 1960/1637). Mit dieser
Phase ging das in der Kunst verbreitete Ideal der wohlgenährten, korpulenten
Figuren zu Ende und der wohlproportioniertere und schlanke Körper gewann
an gesellschaftlicher Relevanz. Parallel dazu rückte der bürgerliche Körper in
den Mittelpunkt öffentlicher Diskurse, insbesondere in Bezug auf Gesundheit,
Krankheit und Medizin (Piller 2007). Diese Entwicklung erreichte im 19. Jahr-
hundert einen vorläufigen Höhepunkt, in dem der Prozess „der Zähmung, Dis-
ziplinierung, Verdrängung des wilden Körpers, als Prozess der Mechanisierung
des Organischen mittels Pädagogisierung und Technisierung des Körperumgangs
[fortgesetzt wurde] […]“ (Caysa 2003, S. 209).
Auch in der vom F.L. Jahn initiierten national-romantischen Turnbewegung
kommt der Disziplinierung des (männlichen) Körpers eine zentrale Rolle
zu. Denn das Turnen stellte zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Preußen eine
Bühne zur patriotischen Erziehung zwecks körperlicher Vorbereitung auf den
Befreiungskrieg gegen die napoleonischen Truppen dar. Mit der Gründung des
deutschen Staatsgebildes kam es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur
Einführung des Turnens in den Schulen mit dem Ziel, den gehorsamen und wehr-
haften deutschen Bürger herauszubilden. Dabei lässt sich im Rückgriff auf Fou-
caults (1994) Thesen zur Disziplinargesellschaft die erhebliche Rolle des Sports
als soziale Struktur erkennen. Parallel dazu tauchte, mit dem Aufkommen der
englischen Sportbewegung und der Intensivierung des Hygienediskurses, der
Begriff ‚Training‘ – mit dem Ziel die Arbeit am Körper zu systematisieren – auf
(Sarazin 2001). In dieser Zeit etablierten sich schlanke Körperideale, die mithilfe
technischer Mittel (Spiegel und Waage) individuell kontrollierbar waren (Deak
2006). Diese Entwicklung führte sowohl zur „Demokratisierung der Selbst-
reflexion“ (Penz 2001, S. 34) als auch zur offensichtlichen Objektivierung des
bürgerlichen Körpers.
Um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert kam mit der Verbreitung des
Ideals des schlanken Körpers nicht nur zur massiven Änderung der Essgewohn-
heiten, sondern auch zur Stigmatisierung der sichtbar übergewichtigen Menschen.
Treffend beschreibt Posch (1999, S. 38) die Situation für die Frauen wie folgt:
„Die Schlankheit ersetzte das Korsett und wurde zur neuen Zwangsjacke der
Frauen“.
Einen erheblichen Einfluss auf die Etablierung des männlichen Körperideals
hatte zweifelsohne Eugen Sandow (1867–1925), der mehrfach zum stärksten
68 M. Dimitriou

Mann der Welt gekrönt wurde und als Bestsellerautor und Broadway-Star eine
unglaubliche Popularität erlangte (Sicks 2008). Sandow verkörperte „the ideal
image of the strong, muscular, yet lean man“ (Müllner 2014, S. 1899). Er ent-
wickelte und vermarktete ein Krafttrainingsprogramm und gilt als einer der Pio-
niere des modernen Bodybuildings.
Bis gegen Ende der 1920er Jahre kristallisierten sich im Rahmen eines kom-
plexen soziokulturellen Transformationsprozesses (z. B. Aufkommen der Sport-
bewegung, Aufstieg des Bürgertums u. a.) typische Körperideale heraus. Während
die Frauenidealkörper sportlich, knabenhaft sowie schlank waren und betonten
sogar das Androgyne, präsentierte sich männliche Körper als „sportlich schlank“
oder als „stark muskulös / soldatisch, herkulisch“ (Penz 2001, S. 92). Letzteres
Ideal des Männerkörpers „wird wenig später durch den Typus des gestählten
faschistischen Soldatenkämpfers ersetzt werden […] Auch die Frauen werden
spätestens nach 1933 mit dem faschistischen Idealkörper vom Typus Mutter und
Gebärerin konfrontiert werden“ (Müllner 2012, S. 6).
Nach dem zweiten Weltkrieg hatte das ideale Frauenbild breite Hüften zum
Gebären und pralle Brüste zum Stillen, wobei Beleibtheit in Zeiten von knap-
pen materiellen Ressourcen ein Kennzeichen für Wohlstand, Gesundheit und
Attraktivität für beide Geschlechter darstellte. Zeitgleich konzertierte sich die
wissenschaftliche Disziplin der Anthropometrie intensiver auf die Setzung von
Körpernormen, die gesellschaftlich konstruierte Standards reproduzieren und
Grenzen zwischen Norm und Abweichung hervorheben. Dieses umfangreiche
Datenmaterial war nicht nur für die (fordistische) Massenproduktion von Klei-
dung, sondern auch für Versicherungsgesellschaften relevant (Jauqeline und
Swedlund 1995). Letztere „errechneten aus den Angaben ihrer Versicherten
Größe/Gewichtstabellen (Height/Weight Charts), die das Gewicht mit der höchs-
ten Lebenserwartung definieren sollten, das auch als Idealgewicht bezeichnet
wurde“ (Schorb 2015). Federführend für diese Berechnungen war seit den 1940er
Jahren der US-amerikanische Versicherungsmathematiker Louis Dublin, der die
These unterstützt hat, dass Übergewicht nicht nur in kausaler Beziehung für chro-
nische Krankheiten, sondern auch für eine verringerte Lebenserwartung steht
(Basham et al. 2006). Obwohl die Kalkulation des extrem niedrig ermessenen
Gewichts mit der höchsten Lebenserwartung fehlerhaft war (Campos 2005),
blieben diese Größe/Gewichtstabellen bis in die 1980er Jahren als Basis zur
Bestimmung des Idealgewichts in Anwendung (Schorb 2015). Mit dem Struktur-
wandel der Öffentlichkeit, etwa durch Zunahme von (Körper)Bilddarstellungen in
der Fotografie, im Film und bald im Fernsehen (Ende der 1950er Jahre) erfolgte
eine rapide Verbreitung von Schönheitsidealen (z. B. Schauspielerinnen wie Eve-
lyn West, Jayne Mansfield oder Marilyn Monroe), mit denen sich die Menschen
identifizieren konnten (Penz 1995).
Der postmoderne Körper im Wandel: Sport, Fitness und Wellness … 69

In den 1960er Jahren wurden von einer aufstrebenden Nachkriegsgeneration


die traditionellen Tugenden wie Fleiß, Pflichterfüllung, Gehorsam, Achtung
vor den öffentlichen Institutionen in den europäischen Industrieländern infrage
gestellt. Betroffen von dieser Entwicklung war auch die gesellschaftliche Rolle
der Frauen. Die neuen Prämissen, wie Emanzipation, Selbstbestimmung, gründ-
lich veränderte Bewertung von Ehe und Sexualität, anbahnende Auflösung tra-
ditioneller Geschlechterverhältnisse (Unabhängigkeit vom Mann), schreiben
sich in die Körper und seine Produktionspraxen ein. Stellte der korpulente Kör-
per nach dem zweiten Weltkrieg ein weitverbreitetes Schönheitsideal dar, sieht
die Situation in den 1960er Jahren anders aus: Die Schlankheit als Zeichen der
Selbstbestimmung über den eigenen Körper rückt als gängiger Entwurf ins-
besondere für die jungen Menschen in den Vordergrund des gesellschaftlichen
Lebens, wobei modische Erscheinungen (Minirock) und sexuelle Emanzipation
(Einführung der Pille) zusätzlich den Beginn einer neuen Körperkultur signali-
sierten (Klotter 2007). Mit der erfolgreichen Vermarktung des englischen mager-
süchtigen Topmodels Twiggy (Größe 167 cm/Gewicht 41 kg) fangen auch die so
genannten „Dekaden der Schlankheitsdiäten“ (Pudel 1996, S. 88) an. Die oben
feststellbare Abkehr vom Idealbild des fülligen Körpers wurde mit dem Auf-
kommen der Gymnastik-, Fitness- und Aerobic-Moden in den 1970er und 1980er
Jahren intensiviert. Ein schlankes, durchtrainiertes Körperidealbild war in diesen
Jahrzehnten die ultimative Lebensdevise, deren Realisierung aber immer stärker
mit den Zwängen der Freizeit- und Konsumgesellschaft in Verbindung stand. Par-
allel dazu äußerte sich die angestrebte Selbstverwirklichung in der Ästhetisierung
des Körpers durch kosmetische Operationen, Tattoos, Piercings und Bodybuilding
(Penz 1995). Die erwähnte Orientierung korrespondiert auch mit dem subjektiven
„Streben nach Einzigartigkeit und Außergewöhnlichkeit“ (Reckwitz 2017, S. 9),
die als Vorzeichen der aufkommenden Individualisierung und Singularisierung
angesehen werden können. Außerdem scheint in diesen Ästhetisierungsstrategien
auch der in der Postmoderne etablierte Relativismus – hier als antiautoritäres
Konzept zur freien Gestaltung des Körpers zu verstehen – eine wichtige Rolle
zu spielen. Zu dieser Zeit wurde auch die charismatische Figur des Sportlers und
Hollywood-Schauspielers Arnold Schwarzenegger populär und lieferte Ideal-
bilder und Lebensstilpraxen für Männer in den zahlreichen Studios (Dilger 2008),
die in den urbanen Räumen entstanden sind.
Bei der Betrachtung von epidemiologischen Daten (z. B. Körpergewicht,
Körpergröße, Alter) von Erwachsenen aus den 1970er und 1980er Jahren
lässt sich jedoch eine (unvermeidliche) Differenz zwischen Körperideal und
Körperwirklichkeit erkennen. Denn die Studienergebnisse aus dem deutsch-
­
sprachigen Raum zeigen, dass (nicht nur) zu dieser Zeit „eine relative Stabili-
sierung des Übergewichtproblems gelang“ (Spiekermann 2008, S. 40). Im Zuge
70 M. Dimitriou

der aufkommenden Individualisierung wurde „die Verantwortung für die Ent-


wicklung des Körpers und sein äußeres Erscheinungsbild direkt in die Hände sei-
nes Besitzers“ (Giddens 1993, S. 43) gelegt.
Das weibliche Schönheitsideal in den 1990er Jahren „reduziert […] Schönheit
auf ein Gewicht, das so niedrig ist wie nie zuvor. […] Äußerst dezente Rundun-
gen an Hüften und Busen sind zwar gerade noch erwünscht, aber alles weitere an
weiblichen Kurven ist nicht mehr gefragt […] vor allem lange schlanke Beine,
sehr schmale Hüften, ein flacher, möglichst nach innen gewölbter Bauch und
ein mädchenhafter Busen.“ (Deuser et al. 1995, S. 27). Der Idealtypus ist die
sogenannte Kindfrau, die „eine ewig Pubertierende, Hilfsbedürftige und Welt-
fremde. Ihr Körper ist abgemagert wie nie zuvor.“ (Wilk 2002, S. 51).
Da der Körper „eines der Hauptschlachtfelder ist, auf dem der Zugriff von
Gesellschaft und Gemeinschaft und ihrer Institutionen auf die Individuen
definiert und exekutiert werden“ (Labisch 1998, S. 530), wird eine gewisse
Anpassung des Körpers an die marktwirtschaftlichen Bedingungen des globalen
Kapitalismus sichtbar. So werden in diesem Kontext diverse Verbindungslinien
zwischen dem schlanken Körper und dem schlanken Staat (Kreisky 2007) her-
gestellt und ist häufig von Schlagwörtern wie „Staat und Wirtschaft befinden sich
in einer Abmagerungskur“, oder „den Gürtel enger schnallen“ (Waldrich 2004,
S. 87) die Rede. Auf der anderen Seite tritt der nicht-kontrollierbare, eigenwillige,
und eigensinnige Körper – in seiner rebellischen (Unsportlichkeit, Widerstand
gegen soziale Normen) und hedonistischen (Entschleunigung, Passivität u. a.)
Dimension – in Erscheinung. Dabei kann der Körper in der Postmoderne nicht
nur als „Seismograf für krisen- und konflikthafte soziale Verhältnisse“ (Gugutzer
2015, S. 148) sondern auch als Bildfläche sozialen Wandels betrachtet werden.

3 „Mensch als gestaltbarer Körper“: Fitness,


Wellness und Selbstoptimierung

Sowohl bei der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) (1946) formulierten


Definition zur Gesundheit (physical well-being),1 als auch bei der Deklaration der
Ottawa-Charter for Health Promotion (1986)2 wird dem Körper als u­ nverzichtbarer
Bestandteil eines holistischen Kontinuums (Gesundheit als Zustand vollkommenen

1http://www.who.int/about/mission/en/. Zugegriffen: 21. Januar 2018.


2http://www.who.int/healthpromotion/conferences/previous/ottawa/en/. Zugegriffen: 21. Januar
2018.
Der postmoderne Körper im Wandel: Sport, Fitness und Wellness … 71

körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens) und als Ressource (physical


capacity) einer gesunden Lebensführung eine zentrale Bedeutung zugeschrieben.
Auch in der seit den 1960er Jahren in den USA verbreiteten präventiv-
medizinischen Bewegung spielt der Körper eine wichtige Rolle. Das von Dunn
(1961) entworfene Konzept Wellness betonte das Prinzip der Selbstverantwortung
für die individuelle körperliche und seelische Gesundheit. Auf der gleichen Linie
übertrug auch der aus den USA aufkommende so genannte „Healthismus“ (Kühn
1993) jedem einzelnen die Verantwortung für seine Krankheit, ohne die soziale
Bedingtheit von Gesundheit und Krankheit zu berücksichtigen.
Mit dem Übergang zur „Gesundheitsgesellschaft“ (Kickbusch 2006) in
den 1970er und 1980er Jahren erfuhr der Stellenwert der Gesundheit für die
einzelnen Individuen und für die Gesellschaft einen immensen Anstieg, wobei
„eine Bewegung von politischer Verantwortung in Richtung individueller
Zuschreibung“ (Krajic et al. 2009, S. 5) stattgefunden hat.
Im Rahmen der erwähnten voranschreitenden Individualisierung von Gesund-
heit rückten der Körper und die körperliche Fitness in den Vordergrund. In diesem
Zusammenhang kann sowohl von „Fitness als eine Verdinglichung von Gesund-
heit“ (Kühn 1993, S. 27) als auch von „Fitness im Sinne des funktionalistischen
Gesundheitsbegriffes“ (Kühn 1993, S. 414) die Rede sein.
Letztgenannte Tendenz, „die Verfügungsmöglichkeiten über den Körper [dem
Individuum] selber zu „überlassen““ (Junge 2006, S. 111) korrespondiert mit
der von Bauman (2003) postulierten Argumentationslinie zur Analyse der post-
fordistischen Moderne, in der alles „auf die Ebene des Individuums herunter-
gebrochen“ (Baumann 2003, S. 77) wird. In dieser Hinsicht betont Baumann
(2003, S. 79): „ab sofort alles selbstgemacht, schuld ist der freie, sein Leben nach
eigenen Vorstellungen gestaltende Akteur.“
Fitness stellt aus naturwissenschaftlicher Sicht „a set of attributes that peo-
ple have or achieve“ dar und wird u. a. durch gesundheitsrelevante Faktoren, wie
„cardiorespiratory endurance, muscular endurance, muscular strength, body com-
position, and flexibility“ (Caspersen et al. 1985, S. 128) definiert. Fitness bildet
darüber hinaus einen mess- und quantifizierbaren „Zustand der Gesundheit und
körperlichen Leistungsfähigkeit“ (Duttweiler 2016, S. 223) ab. Im postmodernen
Kontext soll der fitte Körper fähig sein, nicht nur als Empfänger von Empfindun-
gen und als Sammel- und Verarbeitungsort von Erfahrungen, sondern auch als
Stimulationsobjekt zu agieren (Bauman 1995).
In der von Bauman genannten „flüchtigen Moderne“, in der alte Gewiss-
heiten konterkariert werden – und Unsicherheit aber auch Flexibilität herrschen,
avanciert der Körper zum Medium von Attraktivität, Ästhetik, Gesundheit sowie
Eigenständigkeit und Individualität in postmodernen Gesellschaften. Somit
72 M. Dimitriou

kommt der gesundheitsorientierten und insbesondere ästhetisch motivierten


Arbeit am eigenen Körper eine Daueraufmerksamkeit zu, die auf Fitness zu zie-
len scheint. Bei der Betrachtung von Fitness als Ausdruckmittel in der gegen-
wärtigen Codierung von Gesundheit soll der Mensch im Rahmen der Selbstsorge,
den Körper „in Aufnahme- und Reizbereitschaft“ halten (Bauman 1997, S. 188).
Diese Entwicklung führt zusammen mit der Konzentration auf Prävention und
Lebensweltorientierung auch zur Durchsetzung einer neuen Sozialfigur in der
Gesundheitspolitik, nämlich der des „präventiven Selbst“ (Lengwiler und Madar-
asz 2010, S. 16). Während Fitness – als zustandsbestimmender, sportbezogener
Topos – am besten durch Arbeit am eigenen Körper mit trainings- und leistungs-
steigernden Maßnahmen zu erreichen ist, rückte mit Wellness ein Konzept „des
hohen menschlichen Wohlbefindens“ (Heise 2015, S. 356) in den Vordergrund
des postmodernen Lebensstils. Zielten die ursprünglichen Intensionen des Kon-
zeptes in der 1960er Jahren (USA) darauf, den Menschen mehr Verantwortung
für die eigene körperliche und seelische Gesundheit zu übertragen, wird dieses
Phänomen aktuell als ein Amalgam von medizinisch-, ernährungs-, und sport-
spezifischen Elementen – die vermarktungstechnisch mit Esoterik, Entspannung
und Lebensstil konnotiert werden – begriffen. Zur übergeordneten Zielsetzung
von Wellness zählt die Steigerung des Wohlbefindens, wobei die (Wieder-)Her-
stellung und Erhaltung des Gleichgewichts zwischen Körper, Geist und Seele in
den Praktiken und Techniken des Konzeptes impliziert sind. Dabei wird „an der
Fähigkeit des Leibes angesetzt, sich mittels Entspannung und Selbststimulation
von Gefährdungen der Außen- und Innenwelt selbstverantwortlich abzuschirmen,
ohne dabei starr und unflexibel zu sein.“ (Gugutzer und Duttweiler 2012, S. 10).
Letztgenannte Diagnose entspricht auch postmodernen Positionen zur Kulti-
vierung des Körpers. Bauman (1995) unterstützt in diesem Zusammenhang die
These, dass der Mensch sich auf den eigenen Körper und seine Kontrollierbar-
keit konzentrieren solle. Er müsse aufmerksam sein, gegenüber allem, was dem
Körper beschädigen könnte. Diese unendliche Aufgabe ist „zu einem Hauptfokus
postmoderner Ängste geworden“ (Varcoe und Kilminster 2014, S. 36).
In einem permanent wachsenden Gesundheitsmarkt positioniert sich Wellness
in den letzten Jahren als führende und oft dominante Branche, die anderen eta-
blierten sportorientierten Praktiken (z. B. Fitness, ostasiatische Körpertechniken
etc.) nicht nur Konkurrenz macht, sondern diese auch in bestimmten Mark-
segmenten (z. B. Tourismus) ersetzt. Außerdem ist auch von dem sogenannten
„Wellness Syndrom“ die Rede. Dieses bezieht sich auf den Grundsatz, dass
„das Individuum autonom, leistungsfähig willensstark ist und unablässig
danach strebt, sich zu verbessern“ (Cederström und Spicer 2016, S. 13). In Ver-
bindung mit gesellschaftlichen Imperativen, wie glücklich und gesund zu sein
Der postmoderne Körper im Wandel: Sport, Fitness und Wellness … 73

(­Mazumdar 2008), erfährt Wellness eine qualitative Aufwertung und erreicht


unter dem Motto der „Biomoralität“ (Cederström und Spicer 2016, S. 12) radi-
kale Züge. Hier scheint eine moralische Aufforderung auf, die den menschlichen
Körper auf neue Art vereinnahmt. Gesundheitsfördernde Maßnahmen wie regel-
mäßige körperliche Bewegung, ausgewogene Ernährung und mentales Training
spielen eine entscheidende Rolle bzw. stellen ja eine moralische Verpflichtung
dar, damit der Mensch den gesellschaftlichen Anforderungen entsprechen kann.
Der postmoderne Lebensstil wird durch den Kampf gegen den „passiven Kör-
per“ (Sennett 1997, S. 22) gekennzeichnet. Parallel dazu führt die Orientierung
an gesundheitsrelevanten Leistungsprämissen zu normativen Körpervorgaben,
wie „normal“/“anormal“, „geeignet“/„ungeeignet“ oder „brauchbar“/„unbrauch-
bar“, die die individuelle Lebensführung mitbestimmen. Diese Klassifizierungen
dienen der Identifikation von devianten, „d. h. von den Norm- und Idealbildern
abweichenden Körpern“ (Thiel et al. 2013, S. 96), die in der letzten Dekade
häufig Gegenstand sozialer Stereotypisierungen und Stigmatisierungen wurden.
Übergewichtige bzw. adipöse Menschen gelten in der öffentlichen Diskussion
über Gesundheit und Lebensstil als leistungsunfähige, disziplinlose (Kreisky
2007), unangepasste und faule Individuen (Deuschle und Sonnberger 2011) und
stellen ein Exempel für eine gesellschaftlich inszenierte Ausgrenzung dar.
In diesem Zusammenhang werden auch die Kranken häufig als „gefährliche
Körper“ (Schroer 2005, S. 39) charakterisiert und können unter Umständen als
Bedrohung der sozialen Ordnung betrachtet werden. Deshalb ist „der kranke Kör-
per einer, in den nicht genug investiert, an dem nicht genug gearbeitet wurde und
dessen Besitzer nicht genug Willensstärke oder Gesundheitsbewusstsein bewiesen
hat“ (Schoer und Wilde 2016, S. 261).
Fitness, Wellness und andere Körperstrategien leisten einen erheblichen Bei-
trag zur Visualisierung von gesundheitsnormativen Idealen der postmodernen und
neoliberalen Gesellschaft (Schroeter 2007). Bei der Betrachtung des „Körpers als
Baustelle“ (Selke 2014, S. 198) bildet Fitness als „Bestandteil erfolgreichen Selbst-
managements“ (Fleig 2008, S. 90) die Kernthese postmodernen Denkens ab: der
Körper als unvollkommenes Projekt. Einerseits zeigt sich die Flüchtigkeit des Kör-
pers als flexibles System und andererseits wird „Körperlichkeit in Fitness trans-
formiert“ (Junge 2006, S. 111) im Sinne einer permanenten Dauerbeobachtung des
Körpers. Treffend beschreibt Bauman diesen Prozess mit einer Metapher: „[…] das
Streben nach Fitness gleicht der Jagd nach einer Beute, die man erst beschreiben
kann, wenn sie erlegt ist. Aber man weiß nie, ob das was man erlegt hat, wirklich
die gejagte Beute ist. Ein Leben im Geist der Fitness verspricht viele gewonnene
Schlachten, aber nie den endgültigen Triumph.“ (Bauman 2003, S. 95). Somit ver-
liert der Topos Fitness seine genuine Dimension als Zustandsbeschreibung und
bekommt in der Postmoderne einen prozessbezogenen Charakter.
74 M. Dimitriou

Allerdings kann die Arbeit am Körper – um ihn schön, fit und gesund zu hal-
ten oder ihn „nicht einzurosten“ (Bauman 1997, S. 184) – obsessive Konturen
und gefährliche Züge annehmen, wenn man Fälle von Essstörungen und Sport-
sucht in Betracht zieht. Martin (2002) definierte den Körper als komplexes Sys-
tem, das aufgrund seiner Limitierung und Temporarität permanent vor der Gefahr
eines „katastrophalen Zusammenbruchs“ (S. 38) steht. Um diesem Umstand
vorzubeugen, könnte der ständige Wechsel zwischen verschiedenen Bewegungs-
kulturen und -praxen (z. B. Sport, Training, Fitness etc.) als „flexible Speziali-
sierung“ wirken. Da „Flexibilität zum Wunschobjekt für fast jede Persönlichkeit,
jeden Körper oder jede Organisation wird“ (S. 50), avanciert der Körper zum
idealen „Trainingscamp“ (Martin 2002, S. 43).
Ausgehend von der Prämisse, dass der Körper in der (Post)Moderne vor-
wiegend als „Gegenstand der Gestaltung“ (Hitzler 2002), als „Instrument und
Ressource“ (Rosa 2016, S. 165) und als das „Ergebnis individueller Lebens-
führung“ (Zillien et al. 2015, S. 82) wahrgenommen wird, gewinnt die intensive
Selbsterkundung an Relevanz. Dabei bemüht sich der Mensch um (körperliche)
Perfektion und ästhetische Vollkommenheit als unausweichlicher Prozess des
„In-Form-Kommens“ (Sloterdijk 2009, S. 50). Im anthropotechnischen Kontext
offenbart sich „der Körper als subjektive [permanent zu examinierende] Arbeits-
fläche“ (Benkel 2012, S. 57), der oft durch die digitale Übermittlung und den
Austausch von Leistungsdaten einen performativen Rahmen darstellt (Zillien
et al. 2015).
Im Zuge einer voranschreitenden „Quantifizierung des Sozialen“ (Mau 2017,
S. 16) oder einer durch Digitalisierung verstärkten Tendenz zur „datafication
of everything“ (Mayer-Schonberger und Cukier 2013, S. 94) findet die zahlen-
basierte Darstellung sozialer Praktiken in allen Bereichen des Lebens statt. Die-
ser Prozess schlägt in Form von omnipräsenten numerischen Repräsentationen
wie „genetic sequences, social media interactions, health records, phone logs,
government records, and other digital traces left by people“ (Boyd und Crawford
2012, S. 663) nieder, wobei der digitalen Selbstbeobachtung eine zentrale Rolle
zukommt. Parallel dazu führt die mittels digitaler Selbstvermessung wachsende
Quantifizierung des Körpers im Alltag zur Etablierung einer Logik des Ver-
gleichs und ferner der narrativen Selbstthematisierung (vgl. Duttweiler und Pass-
oth 2016). Somit tragen Normwerte, Indizes, Kalkulationen und Visualisierungen
dem „Messregime“ (Manhart 2008, S. 217) für körperliche Charakteristika Rech-
nung, und „legen so Orientierungsgrößen für soziale Praktiken fest“ (Zillien et al.
2015, S. 81).
Diese Entwicklung korrespondiert mit den von Foucault formulierten Prak-
tiken zu Technologien des Selbst „mit denen Menschen nicht nur die Regeln
Der postmoderne Körper im Wandel: Sport, Fitness und Wellness … 75

ihres Verhaltens festlegen, sondern sich selber zu transformieren, sich in ihrem


besonderen Sein zu modifizieren und aus ihrem Leben ein Werk zu machen
suchen, das gewissen ästhetischen Werten und gewissen Stilkriterien entspricht“
(Foucault 1989, S. 18). So wählen Menschen unter der Prämisse „Sorge um
sich selbst“ (Foucault 2004, S. 32) immer häufiger „selbsttechnologische Sub-
jektivierungspraktiken“ (Strüver 2012, S. 21) zur Kontrolle des eigenen Kör-
pers aus, um ihn zu formen, zu verändern und einzigartig zu gestalten (Reckwitz
2017).
Beim in den letzten Jahren verbreiteten Netzwerk Quantified Self finden Men-
schen mit ausgeprägten Bedürfnissen nach „quantifizierender Selbstbeobachtung“
(Vormbusch 2015, S. 13) ein entsprechendes Reflexions- und Handlungsfeld.
Unter dem Motto „Knowledge by numbers“ bieten die Gründer der Bewegung
Gary Wolf und David Kelly ihren Anhängern einen interaktiven Ort zur „Steige-
rung des Selbstwissens und der Selbstkontrolle durch die Verfügbarkeit und Nut-
zung von Körperdaten“ (Mau 2017, S. 169).
Die digitale Selbstvermessung, die die Selbsterkenntnis durch Zahlen zum
Ziel hat, umfasst inzwischen diverse biologische, bewegungs- und verhaltens-
spezifische Informationen, die mittels dazu geeigneten Technologien (Apps,
Trackinggeräte, Körpersensoren etc.) den aktuellen Status in verschiedenen
Bereichen (Gesundheit, Ernährung, Schlafverhalten, Emotions- und Stimmungs-
haushalt, Lebensstil) vermitteln. Zu den Nutzungsmotiven zählen neben der indi-
viduellen Effizienzsteigerung auch „eine angestrebte Verwissenschaftlichung des
eigenen Alltags und Körpers“ (Zillien und Fröhlich 2018, S. 235).
Gerade mit der erwähnten Betonung der Selbstbestimmung über die Gesund-
heit gewinnen die Selbstvermessungspraxen immens an Bedeutung. Somit
agiert der Mensch wie ein Wesen, „das sich immer über Ziele, den Grad ihrer
Erfüllung und das Potenzial der Verbesserung Rechenschaft ablegen sollte“
(Liessmann 2016, S. 10). Diese Entwicklung führt den Menschen „in die para-
doxe Situation zugleich Subjekt und Objekt der Kontrolle und Überwachung zu
sein“ (Schroer 2005, S. 19). Deleuze (1993) bezeichnet sogar Gesundheit und
Fitness als neue „Kontrollformen mit freiheitlichem Aussehen“ (S. 255), wel-
che als performative Machtinstrumente bezeichnet werden können. Einerseits
generiert das Regime detaillierter Selbstbeobachtung bzw. –Vermessung Wissen
über sich selbst, andererseits wird „der Mensch selbst zum Netzwerk und ver-
körpert Netzwerknormen und Netzwerkeigenschaften“ (Bellinger und Krieger
2015, S. 397). Die erwähnte Orientierung an normativen und quantifizierbaren
Aspekten zur Charakterisierung des Körpers zeigt sich auch in den Ergebnissen
der 2018 von der Europäischen Kommission veröffentlichten Studie „Sport and
76 M. Dimitriou

physical activity“3. Als Hauptmotivationen für sportliches Engagement wurden


die Verbesserung sowohl des eigenen Gesundheitszustandes (54 %, to improve
your health), als auch des körperlichen Wohlbefindens (47 %, to improve fit-
ness) angegeben. Dabei wird aus phänomenologischer Perspektive ersichtlich,
dass die Menschen in der Postmoderne sich eher ein entfremdetes Körperver-
hältnis (eine von außen gesteuert und durch medizinische Bewertung generierte
Sicht), als ein bedürfnisorientiertes Leibverhältnis (eine von innen generierte
Sicht) aneignen (Gleissner und Markwardt 2018).
Zusammenfassend lässt sich erkennen, dass der Mensch in der Postmoderne
dem gesellschaftlichen Credo der Fitness und Wellness unterliegt. Dadurch
werden „Körper als Instrument und Körperarbeit als Techniken der Selbst-
disziplinierung den Erfordernissen der (post)modernen Gesellschaft angepasst“
(Schroeter 2008, S. 971).
Unter dem Motto eines propagierten flexiblen (Sennett 1998) Lebensentwurfes
erlangt schließlich Sportlichkeit einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert,
da sie folgendes Körperideal impliziert: „Den schlanken, athletischen, schönen
Individualkörper und den gesunden, leistungsfähigen, funktionalen Kollektiv-
körper“ (Gugutzer und Duttweiler 2012, S. 11).

4 Der mediale Körper zwischen Performation und


Konsum

Im Zuge einer in den letzten Dekaden etablierten „somatic society“ (Turner


1992, S. 12) und eines durch steigernde Technisierung und Digitalisierung ver-
stärkten medialen Wandels (Hoffmann 2017) gewinnt der Körperdiskurs hinsicht-
lich der medialen Darstellung des (fitten) Körpers sowie dessen Einfluss auf die
Konstruktion von sozialen Idealtypen und ästhetischen Vorbildern an Relevanz
(­Dimitriou und Müllner 2012). Ausgehend von der These, dass der Körper „erst
in der Performanz […] sozial wirksam wird“ (Klein 2005, S. 82), ist der konsti-
tutive Charakter (Definitionsmacht des Mediensystems) der medialen Darbietung
bzw. Interaktion für die Bedeutungszuschreibung und ästhetische Konstruktion
des im Sport-(Umfeld) agierenden Körpers erkennbar.
Ein Paradebeispiel für die oben genannte Entwicklung stellt zweifelsohne die
mediale Inszenierung des englischen Ehepaares Beckham dar (Dimitriou 2011).

3https://ec.europa.eu/sport/news/2018/new-eurobarometer-sport-and-physical-activity_en.

Zugegriffen: 12. Juni 2018.


Der postmoderne Körper im Wandel: Sport, Fitness und Wellness … 77

Neben den fußballerischen Fähigkeiten von David Beckham waren es tief grei-
fende Veränderungen in seinem Privatleben, die eine wichtige Rolle bei seinem
Wandel zum „twenty-first-century celebrity par excellence“ (Cashmore 2004,
S. 13) spielten. Denn die Liaison zwischen ihm und der Popsängerin Victoria
Adams bedeutete den Beginn „eine[r] Symbiose aus Sport- und Popmetier [und]
eröffnete dem Unterhaltungsjournalismus ungeahnte Möglichkeiten“ (Lessinger
2006, S. 263).
In den 2000er Jahren avancierte David Beckham zur ultimativen Life-
style-Ikone und „captivates a global audience that includes young females who
have no obvious interest in sport, gay men from whom Beckham has aquired
almost fetishist properties (his hairstyle, accessories and clothes are assigned sta-
tus as gay symbols), working class kids who proclaim their nationalism through
their champion and countless other groups who have become enamoured by him“
(Cashmore 2004, S. 6). Während sich David Beckham mit zahlreichen Tätowie-
rungen und stilistischen Neuerungen zum Trendsetter der Modeszene entwickelte,
sorgt Victoria Beckham häufig aufgrund ihrer extravaganten Erscheinung und
ihrer Magersucht (Victoria Beckham – „Haut, Knochen und Silikon“ titelte die
Boulevardzeitung Blick vom 06.06.2006) für mediale Schlagzeilen. Das hier
erkennbare Amalgam aus Extravaganz, Image, Look und Erotik schafft günstige
Vorrausetzungen für die Konstruktion von medialen Bildern, die „als Projektio-
nen auf dem Bildschirm der Imagination der Zuschauer / innen“ (Gebauer 2006,
S. 45) wahrgenommen werden.
Ausgehend von postmodernen Ansätzen, in denen die kritische Auseinander-
setzung mit der Konsumgesellschaft und Werbewirtschaft (Varcoe und Kilminster
2014) eine wichtige Rolle spielt, lässt sich in diesen medialen Erscheinungs-
formen eine Doppelstruktur bezüglich der Artikulation des Körpers erkennen:
Einerseits projizieren die performativ inszenierten Körper der Protagonisten auf
gesellschaftlicher Ebene die Sehnsucht nach einem glamourösen Lebensent-
wurf und andererseits tritt der Konsumkörper als Handlungsoption auf. Ziel der
erwähnten Marketingstrategie ist sowohl die Darstellung eines Körperideals, das
durch die mediale Inszenierung nachvollzierbar erscheint, als auch das Hervor-
bringen eines flexiblen Körpers, der durch Konsum diverser Produkte (Kosmetik,
Bekleidung etc.) und Dienstleistungen (Tätowierungen, Schönheitsoperationen
etc.) frei gestaltbar ist.
Verkörperte David Beckham den metrosexuellen Mann-Typus, so kristal-
lisierte sich in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts ein neues Ideal heraus,
nämlich der Spornosexuelle, der eine „more extreme, sex- and body-obsessed
version“ (Simpson 2014) des Metrosexuellen darstellt. Bei dieser Verbindung
zwischen dem Sport und der Tendenz zur „Pornografisierung der Gesellschaft“
78 M. Dimitriou

(Schuegraf und Tillmann 2012) handelt es sich um einen narzisstischen Mann,


der den eigenen Körper „pfleglich poliert, gewissenhaft aufpumpt und mit gemei-
ßeltem Waschbrettbauch präsentiert“ (Simon 2014). Parallel dazu führte, die
durch die rapide Entwicklung und Verbreitung moderner Kommunikationstechno-
logien bedingte Zunahme von Selbstinszenierungen des Körpers (Tiidenberg und
Gomez Cruz 2015), zur Verstärkung dieses performativen Trends. Abgesehen
davon konstatiert Hakim (2016), dass es auch andere Gründe für diese von Män-
nern präferierten Körperpraxen gibt: „Die Sparpolitik hat ihre traditionellen Wert-
schöpfungsmittel untergraben. Um in der Gesellschaft anerkannt zu werden,
müssen sie sich deshalb vermehrt auf ihre Körper verlassen. ‚Spornosexualität‘
ist eine körperliche Antwort auf die materiellen Veränderungen der neoliberalen
Sparmaßnahmen“ (Lutteri 2016). Durch die medialen Interaktionen zwischen
den Gruppenmitgliedern wird auch die Identitätsstiftung intensiviert, zumal auch
diverse Konzepte zur Modellierung und Performation des Körpers ausgehandelt
werden. Diese Entwicklung korrespondiert mit der von Lévy (1998) erstellten
Diagnose einer Netzkultur, in der virtuelle nomadische Gemeinschaften eigene
Körpervorbilder kultivieren (Reckwitz 2017), um postmoderne flexible Kollektiv-
strukturen herzustellen.
Der oben skizzierte Konnex zwischen Körperlichkeit, Lebensstil und Per-
formation kann auch mitHilfe der Habitus-Theorie (Bourdieu 1977) erläutert
werden. Mit dem Topos des Habitus – ein erworbenes System generativer Dis-
positionen – bringt Bourdieu die Art und Weise des Körperumgangs (Ver-
körperung) mit der Verfügbarkeit über individuelle sozioökonomische Ressourcen
in Verbindung und liefert einen aufschlussreichen Erklärungsentwurf hinsichtlich
der individuellen Handlungspräferenzen. Aufgrund der Tatsache, dass Körper-
praktiken und -techniken erst in der sozialen Interaktion erworben werden, „sieht
man dem Körper seine Prägung durch die soziale Klasse, aus der er stammt, an.
Bis in die kleinsten Gesten hinein verrät der Körper die Herkunft seines Trägers.
[…] (Bourdieu 1977, S. 95). In diesem Kontext ist der spornosexuelle Körper die
„gesellschaftlich produzierte und einzige sinnliche Manifestation der ‚Person‘“
(Bourdieu 1987, S. 310) und Ausdruck einer performativ generierten Identität.
Im Umfeld des Sports zeigt sich der Körper als Bild (Klein 2008) und
erweist sich als sogenannte „Spielmasse, Objekt der Verzückung und Repräsen-
tation unzähliger Denk- und Machbarkeiten“ (Körner 2008, S. 9). So lässt sich
bei der Betrachtung des Körpers als Ordnungskategorie (Thiel et al. 2013) im
Zuge einer verbreiteten Tendenz zur Stilisierung des Geschlechtskörpers in der
visuellen Sportkommunikation erkennen, dass vorrangig Bilder von Frauen zur
ästhetischen Darstellung und sogar Sexualisierung (Darstellung der körperlichen
Attraktivität als traditionell „weibliches Stereotyp“) genutzt werden, dagegen
Der postmoderne Körper im Wandel: Sport, Fitness und Wellness … 79

Fotos von Männern zu überwiegendem Teil die körperliche Leistung zum Aus-
druck bringen (ebenfalls als streng „männliches Stereotyp“) (Hartmann-Tews und
Rulofs 2007, S. 143). Darüber hinaus werden Männer in ihrer sportlichen Aus-
übung gezeigt, während dessen Frauen ästhetisch, erotisch bzw. posierend in
ihrem Sportumfeld abgelichtet werden (Rulofs und Hartmann-Tews 2017). Dieser
Interpretationsrahmen korrespondiert mit den gängigen sozialen Assoziationen
von Stereotypen für Männer, wie Aktivität, Stärke, Leistungsfähigkeit, Durch-
setzungsvermögen, Rationalität, Aggressivität und/oder Dominanz (Schöndorfer
2012) und für Frauen, wie Passivität, Schwäche, Emotionalität, Einfühlsamkeit,
Weichherzigkeit, Verträumtheit und/oder Unterwürfigkeit (Six-Materna 2008).
Bei der Annahme, dass Sport auch als soziale Praxis wahrgenommen wird,
werden Sportler und Sportlerinnen verstärkt als „handelndes Subjekt, Ursache
oder Mittelpunkt eines Ereignisses“ (Schierl und Bertling 2007, S. 157) von den
Massenmedien dargestellt. Somit eröffnet sich für die medienaffinen Sportakteure
ein neues lukratives Betätigungsfeld für Werbeaktivitäten. Im Rahmen einer fort-
geschrittenen gegenseitigen Abhängigkeit der Werbewirtschaft mit den Medien-
logiken „repräsentiert der Mensch in der Werbung den heutigen Körperkult, er
ist auffallend schön, attraktiv, körperbetont, jung, sportlich, dynamisch, gesund,
wohlhabend, intelligent und kreativ“ (Buschmann 2005, S. 57).
Mit dem Aufkommen und Bedeutungszuwachs der Internetkommunikation
in den 2000er Jahren gab es für Sportlerinnen und Sportler die Möglichkeit auf
deren persönlichen Websites sich selbst zu präsentieren. So analysierte Pauli
(2009) die Selbstdarstellung von Frauen und Männer und stellte fest, dass wäh-
rend im Text Leistungs- und Persönlichkeitsaspekte an Relevanz gewinnen, kam
es bei den Fotogalerien der Sportlerinnen öfter zur Darstellung des Körpers in
sexualisierten Situationen. Diese Entwicklungstendenz wird allerdings in den im
Rahmen der Digitalisierung verbreiteten sozialen Netzwerken nur bedingt fort-
gesetzt (Beck und Capt 2017). Wie eine Untersuchung von Facebook-Profilen
(Trützsch 2011) zeigte, präsentieren Sportler und vor allem Sportlerinnen nur
vereinzelt ihren Körper in sexualisierten Positionen. In diesem Kontext stellt die
Analyse der Facebook Seite der amerikanischen Tennisspielerin Serena Williams
ein aufschlussreiches Beispiel dar (Dimitriou und Kastner 2014). Die promi-
nente Sportlerin versucht nicht durch inszenierte zweideutige Körperposen, son-
dern durch athletisches „verkörpertes Handeln“ (Schilling 1999) Öffentlichkeit
zu generieren. Sowohl die sportspezifischen, als auch die privaten Darstellungen
von Serena Williams werden für den Auftritt in den sozialen Medien mit dem Ziel
auswählt, eine dynamische, selbstbewusste (im Sinne eines Empowerment) und
für die zahlreichen Fans eine vertrauensvolle Frau zu präsentieren. Diese Stra-
tegie der gezielten „Entprivatisierung“ (Trützsch 2011) setzt einen thematischen
80 M. Dimitriou

und visuellen Gegenpol zu der herkömmlichen Berichterstattung und liefert güns-


tige Rahmenbedingungen für die optimale Selbstvermarktung, in der das Körper-
kapital eine wichtige Rolle einnimmt (Markula 2015).
Leistet die geschilderte Entwicklung einen wichtigen Betrag zur Pluralisierung
und Offenheit der individuellen Kommunikation, so unterliegen Sportakteure als
„Wirtschaftssubjekte“ (Schierl 2011, S. 327) und konstitutive Bestandteile des
kommerzialisierten Eventsports, marktspezifischen wirtschaftlichen und medialen
Rahmenbedingungen. Deshalb werden die Körperinszenierungen in den sozia-
len Netzwerken der Sportakteure als relevanter Schwerpunkt einer individuellen
Selbstvermarktungsstrategie – die auf Interaktion mit den Rezeptionsgemein-
schaften fokussiert – betrachtet, die von Reglementierungen und funktionellen
Anpassungen an Marktvorgaben geprägt ist.
Im Rückgriff auf kultivierungsanalytische Zugänge, die den prägenden Ein-
fluss des medial vermittelten Körperbildes auf die individuelle Körperlichkeit
attestieren, lassen sich Erklärungsentwürfe zur Konstruktion des Körperbewusst-
seins in den Rezipientengemeinschaften von Modelshows (z. B. Germany’s Next
Topmodel) erkennen. So zeigte sich bei Befragungen mit heranwachsenden
Frauen mit Essstörungen, dass sie sich stark an den Körperidealen des erwähntes
TV-Formates (ProSieben) orientiert haben (Götz und Mendel 2016). In diesem
Zusammenhang vermitteln die Medien spezifische Körperbilder, die den vor-
herrschenden Schönheits-, Schlankheits- und Fitnesskult reproduzieren und des-
halb oft von der Alltagsrealität abweichen. Im Rahmen der Medienrezeption
aktivieren die Individuen die so genannten „Kodes der guten Sitten für den
Umgang mit dem Körper“ (Boltanski 1976, S. 154). „Diese Kodes gelten gleich-
ermaßen für das Erleben des eigenen und die Wahrnehmung fremder Körper“
(Keller und Meuser 2011, S. 13).
Auch wenn die Medien einen erheblichen Beitrag bei der Festlegung leisten,
wie man auszusehen hat und was man dafür tun muss, verfügt das Individuum
letztendlich über die „Definitionsmacht über schön/fit oder nicht-schön/fit“ und
kann im Sinne einer Selbstermächtigung und entsprechenden Medienkompetenz
die Reichweite und Wirksamkeit der medialen Botschaft relativieren.
Betrachtet man die Medien als Bühne, in der Inszenierungs- und Austausch-
praktiken stattfinden, dann fungiert der Körper als Träger von Interaktions-
ordnungen und Rollenverhalten. So stellt im Zuge der Alltagskommunikation
im Internet bzw. in den sozialen Netzwerken das Privatleben einen wichtigen
Themenschwerpunkt dar, wobei der Körper „als leibliche Basis allen Erkennens“
(Hofmann 2017, S. 167) ein häufiges Motiv des geposteten Bild- und Video-
materials ist. Basierend auf Goffmans symbolisch-interaktionistischen Ansatz,
in dem das Leben als Bühne betrachtet wird, auf der die Übernahme einer
Der postmoderne Körper im Wandel: Sport, Fitness und Wellness … 81

Rolle (Konstruktion einer „persönlichen Fassade“) (Goffman 1983, S. 25) statt-


findet, richtet sich das Medienhandeln nach der Generierung von Interaktivität,
Authentizität und Differenz. Inszenierte Körpertrends, wie Thigh Gap (Ober-
schenkel Lücke), Bikini Bridge (die hervorstehenden Beckenknochen), Ab-Crack
(Bauchspalte), Belly Button Challenge (Bauchnabel-Herausforderung), A4Waist-
Challenge (Die Taille hinter einem DIN-A4-Blatt), sind Paradebeispiele für einen
neuen „Existenzmodus der Subjekte“ (Bauman 1995, S. 228), in dem eine radi-
kale Pluralität und Differenz als zentrale postmoderne Aspekte (Welsch 1987)
ersichtlich werden. Parallel dazu sind die sozialen Netzwerke zu umkämpften
Arenen zur Herstellung von Aufmerksamkeit und Anerkennung geworden, wobei
die Inszenierung des eigenen Körpers den „Prozess der Selbstkonstitution“
(­Bauman 1995) forciert. Die Präsentationen des Körpers, in denen Physis, Mimik,
Gestik, Bekleidung und Bewegungen gezeigt werden, stellen ein relevantes
Identitätsangebot dar (Liebsch 2017). Gerade der Austausch zwischen den Nut-
zern der sozialen Medien spielt eine erhebliche Rolle bei der Herstellung eines
gemeinsamen Wertsystems in dieser Community und führt zur Kultivierung einer
eigenen Körperidentität (Reckwitz 2017). Dadurch bekommt der dargestellte
Körper einen provisorischen Status, der laufend durch Aktivierung von quanti-
fizierten Bewertungssystemen (Likes, Herzen etc.) aktualisiert wird. Die ver-
mittelten Bewertungen und Evaluierungen zum verkörperten Handeln (­Gugutzer
2017) schaffen einen günstigen Interaktionsrahmen, in dem die Herstellung von
Gemeinsamkeiten und Differenzen zwischen dem dargestellten Individualkörper
und dem imaginären Kollektivkörper ermöglicht werden. Dieser identitäts-
stiftende Prozess scheint weder ein sichtbares Ende noch eine stabile Richtung zu
haben (Bauman 1995), führt aber aufgrund seines quantifizierbaren Charakters zu
einer Art „Fetischisierung der Außendarstellung“ (Mau 2017, S. 82).
Die internetbasierten Kommunikationen des Körpers haben durch die ver-
stärkte Visualität auch einen „Affektcharakter, das heißt eine ästhetische oder
narrative Form“ (Reckwitz 2017, S. 235). Somit erscheinen die Körper sowohl
von athletischen Fitness-Influencern, als auch von übergewichtigen Bloggerinnen
als ästhetische Fragmente, die erst durch die Erzählung ein authentisches Format
erlangen. Die hier implizierte Mischung von Bild und Text hat eine marginale
Informationsfunktion, sie fabriziert vielmehr Emotionen und überträgt das Gefühl
von Gemeinsamkeiten bei den Rezipientinnen und Rezipienten. Ein aufschluss-
reiches Beispiel für markorientierte körperzentrierte Kommunikationsstrategie
stellt die Fitnesstrainerin Kayla Itsines dar. Die Australierin wurde durch ihr
eigenes Fitnessprogramm „Bikini Body Training Company“, das sie vorwiegend
über die sozialen Netzwerke vermarktet, zur Millionärin. In ihrer Instagram-Seite
(https://www.instagram.com/kayla_itsines mit 10,1 Mio. ­Abonnenten) p­ räsentiert
82 M. Dimitriou

Itsines Übungsreihen, Motivationssprüche (wie z.  B. Body type: Myself),


Ernährungstipps, Urlaubs- und eigene Bilder in Fitnessbekleidung. Einen wesent-
lichen Teil der dargestellten Inhalte machen jedoch Bilder von Frauen aus, die
ihren Körper vor und nach der Absolvierung von Fitness- und Ernährungs-
programmen zur Schau stellen. Dieses Engagement und zahlreiche Rück-
meldungen (wie z. B. „Thanks for starting such an empowering movement!“)
zeigen, dass die Rezipientinnen durch die Hervorhebung ihres ‚neuen‘ fitten, agi-
len und schlanken Körpers ein gemeinsames Körperbewusstsein als Performance
generieren. Außerdem weist die hier ersichtliche performative Praxis auf die
Eigenschaft der Fitnesstrainerin hin, die präsentierten Personen affektiv anzu-
sprechen und sie darüber hinaus in den „Zustand eines Dauererlebens“ (Reckwitz
2017, S. 237) zu versetzen. Somit bleibt der Körper als unmittelbares „Objekt
und Ressource der (Selbst-)Gestaltung und (Selbst-)Ästhetisierung“ (Willems
1998, S. 44) in einer Art andauernden Bereitschaft, die in der Performation und in
der permanenten Authentizitätssuche ihren Ausdruck findet.

5 Fazit

Der Beitrag setzte sich mit den postmodernen Erscheinungsformen und Arti-
kulationen des Körpers am Beispiel von Sport- und Fitnesskulturen sowie
Bewegungspraxen auseinander. Ausgegangen von der Annahme, dass die post-
moderne Gesellschaft durch die soziale Logik des Besonderen und nicht mehr
des Allgemeinen (Singularisierung, Reckwitz 2017) gekennzeichnet ist, rückten
im Rahmen des Ausdifferenzierungsprozesses von Sport- und Bewegungspraxen
die kulturhistorischen Zuschreibungen auf den Körper in den Vordergrund. Dabei
zeigte sich, dass der Körper von strukturellen Settings (Instrumentalisierung,
Funktionalisierung), kulturellen Leitbildern (Religion) und ästhetischen Normen
(Schönheitsideale) beeinflusst wurde, wobei die hier referierte Betrachtungs-
weise den Körper als Produkt der Gesellschaft (Gugutzer 2017) analysiert hat.
In diesem Kontext lassen sich auch zeitstrukturelle Übergänge erkennen: vom
funktionalen und rationalen Körper der Moderne zum individuellen, flexiblen,
prozessorientierten Körper der Postmoderne. Dieser Entwicklungszusammenhang
wird deutlich bei der Betrachtung des Körpers als Objekt sowohl von Fitness-
und Wellnesskulturen als auch von Selbststeigerung.
Aufgrund der Tatsache, dass die individuelle Körperarbeit „das Erscheinungs-
bild des Körpers zum Ergebnis von Handlungen macht“ (Schwanitz 1988,
S. 573), fungiert ein fitter und schlanker Körper als Wirkungsfläche selbstver-
antwortlicher Fürsorge und ferner als ideales Gesundheitsobjekt. Abgesehen
Der postmoderne Körper im Wandel: Sport, Fitness und Wellness … 83

davon wird dieser Körper zum „physisch sichtbaren Ausweis von Flexibilitäts-
geist“ (Opitz 2010, S. 143). Gleichwohl lässt sich hier eine funktionelle Ver-
mengung zwischen Fitness und Wellness unter dem gesellschaftlichen Megatrend
‚Gesundheit‘ feststellen. Aus dieser strukturellen Kopplung entsteht eine neue
Interaktionsebene, die sich an wirkmächtigen ästhetischen, gesundheits- und
leistungsbezogenen Normen orientiert und Einfluss auf die genuinen Charakte-
ristika der ursprünglichen Systeme (Fitness, Wellness) nimmt. Während Fitness
nicht mehr als ‚Zustand‘ oder ‚Status‘ der Gesundheit, sondern als lebenslanger
Prozess verstanden wird, entspricht Wellness den Anforderungen zur Maximie-
rung des Wohlbefindens, allerdings oft gemessen und beurteilt mit quantita-
tiven Kriterien (Siehe Wellness-Syndrom). So z. B. passte der amerikanische
traditionsreiche Konzern Weight Watchers seine Marketingstrategie an gesund-
heitsorientierten Trends („This is our mission: We inspire healthy habits for real
life […] To create a world where wellness is accessible to all, not just the few”)4
an, wobei der Fokus nicht mehr ausschließlich auf dem Erreichen des Ideal-
gewichts, sondern auf Wellness und Lebensstil liegt.
Die postmodernen Ansätze zu Fitness und Wellness leisten einen erheblichen
Beitrag zur Stabilisierung bzw. Verstärkung des Trends zur Gesundheitsver-
besserung. Außerdem prägen individualisierte Bewegungspraxen und gezielte
Leistungs- und Gesundheitskonzepte eine offensichtlich gewordene techno-
logische Durchdringung des Körpers und charakterisieren den gesellschaftlichen
Wandel hin zu einer Kultur der „Steigerungsoptimierung“ (Rosa 2016, S. 179).
Unter der Prämisse, dass der „Mensch als gestaltbarer Körper“ (Wetz 2008,
S. 12) betrachtet werden kann, stellt Selbstoptimierung – im Zuge einer weit-
verbreiteten „Upgrade-Kultur“ (Spreen 2015) – das erste Gebot der Zeit dar, im
Sinne einer „Geistesverfassung […], in der es ständig darum geht, das nächste
Level zu erreichen, die nächste Version seines Selbst: Erst Ich 2.0, dann Ich 3.0,
irgendwann Ich 4.7, Ende offen“ (Schnurr 2016, S. 14).
Die mediale Inszenierung und Selbstdarstellung des Körpers wurden auch
in dieser Arbeit thematisiert, wobei der Körper als Produzent von Gesellschaft
(Gugutzer 2017) betrachtet wurde. Während der mediale Körper im professio-
nellen Sport als kommerzielle Projektionsbühne für ausgefallene Lebensstile
inszeniert wird, avanciert er in den Alltagskommunikationen in den sozialen
Netzwerken als Träger sozialer Interaktionen (Vormbusch und Kappler 2018).
Setzt man in diesem Kontext voraus, dass die soziale Wirklichkeit aus sozialem
Handeln resultiert und soziales Handeln immer körperlich ist (Körperhandeln),

4https://www.weightwatchers.com/us/impact-manifesto. Zugegriffen: 11. September 2018.


84 M. Dimitriou

so leisten körperliche Handlungen, Erlebnisse und durch körperliches Tun gene-


riertes Wissen einen erheblichen Beitrag zur Konstruktion sozialer Wirklichkeit.
„Der Körper wird hier jeweils als Subjekt, Agens und Produzent des Sozialen
betrachtet“ (Stadelbacher 2016, S. 12).
Der neue „Fitnesskörper der Mediengesellschaft“ (Klein 2010, S. 459)
besticht nicht nur durch seine Präsentationsmöglichkeit des Einsatzes körper-
bezogener Selbsttechnologien, sondern auch durch seine ersichtliche Hetero-
genität. Denn die in den sozialen Netzwerken dargestellten unterschiedlichen
Körperentwurfe und – Stile manifestieren sowohl die zunehmende Macht des
Subjekts hinsichtlich der Gestaltbarkeit und Kontrolle des Körpers, als auch die
permanente Suche nach Aufmerksamkeit und Authentizität.
Diverse Fitness- und Wellnessnarrative sowie körperbiografische Erzähl-
muster stellen einen performativen Rahmen dar, in dem Optionen zur Konst-
ruktion einer Körper-(Identität) sichtbar werden. Allerdings kann Identität in
der Postmoderne nicht vorgegeben und monolithisch (Bauman 1995), sondern
nur vielseitig und plural sein, d. h. Leben unter heutigen Bedingungen ist Leben
im Plural: „Leben im Übergang zwischen unterschiedlichen Lebensformen“
(Welsch 1990, S. 88).
Mit der vorliegenden Arbeit wurde der Versuch unternommen, den Kör-
per als Untersuchungsgegenstand in der Postmoderne in den Blick zu nehmen.
Dabei rückten Körperkulturen, wie Fitness und Wellness sowie deren ästheti-
scher, gesundheitsorientierter und performativer Rahmen in den Vordergrund des
Interesses. Bekanntlich stellt die Postmoderne ein fragiles, polysemiotisches und
umstrittenes Paradigma dar, zumal die Kritik von Irrationalität über Beliebigkeit
bis hin zur Vagheit reicht. Eine vertiefende Auseinandersetzung mit den kriti-
schen Ansätzen gegen die Postmoderne würde den Rahmen dieser Arbeit spren-
gen. Daher war das Ziel des vorliegenden Beitrages nicht eine Überprüfung
von theoriekritischen Positionen bezüglich des Körpers, sondern vielmehr post-
moderne Ansätze als mögliche Erklärungsoptionen für die Entwicklung kollek-
tiver Körperpraxen und individualisierter Bewegungstechniken in Betracht zu
ziehen. Die Tatsache, dass Postmoderne auf Heterogenität, Differenz und Plurali-
tät setzt, trug dazu bei, dass die Auswirkungen von Phänomenen wie Singulari-
sierung und Digitalisierung auf dem Körper besser verständlich wurden. Auf der
anderen Seite konnte auch die Rolle des Körpers zur Konstruktion sozialer Wirk-
lichkeit mit der Analyse performativer Körperhandlungen verdeutlicht werden.
Abgesehen davon wollte diese Arbeit einen weiteren Impuls zur Beschäftigung
mit der Funktion und Symbolik des Körpers als diskursiver Topos in der Gegen-
wartsgesellschaft geben.
Der postmoderne Körper im Wandel: Sport, Fitness und Wellness … 85

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Entblößungen: Postmoderne
Tanzkörper in zeitgenössischer
Perspektivierung

Nicole Haitzinger

Zusammenfassung
Terpsichore in Sneakers (1980), die Muse des Tanzes in Turnschuhen,
oder Democracy’s Body (1983), der Körper der Demokratie, so lauten die
richtungsweisenden Titel der Anfang der 1980er-Jahre verfassten Standard-
publikationen von Sally Banes zum Postmodern Dance. Darin werden
wesentliche Aspekte zur Modellierung von postmoderner Körperlichkeit in
den amerikanischen 1960er und 1970er-Jahren aufgeschlüsselt. Beinahe vier
Dekaden später scheint eine Re-Perspektivierung der Postmoderne im Tanz
nicht nur möglich, sondern wegen der Dringlichkeit von Annotationen der
Geschichtsschreibung geboten. Diese Erweiterung geht von zwei (provisori-
schen) Schlüsselmetaphern des gegenwärtigen Diskurses aus: nämlich Trans-
kulturalität und Transmedialität. Beiden unterliegt die Migration von Körpern
und/oder Formen zwischen verschiedenen Kulturen, Künsten beziehungsweise
Medien. In diesem Artikel werden diese zwei Aspekte in der Modellierung
von Körperlichkeit und in den Performances während der Hochzeit der ‚west-
lichen‘ (amerikanisch-europäisch) dominierten Postmoderne herausgearbeitet
und zwar exemplarisch anhand von Anna Halprins Freilichtbühne Dance Deck
und der dort 1957 aufgeführten Performance The Branch und Simone Fortis
performativer Skulptur Huddle (1961).

N. Haitzinger (*) 
Universität Salzburg, Salzburg, Österreich
E-Mail: Nicole.Haitzinger@sbg.ac.at

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019 93
M. Dimitriou und S. Ring-Dimitriou (Hrsg.), Der Körper in der Postmoderne,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-22282-6_6
94 N. Haitzinger

Schlüsselwörter
Postmodern Dance · Körperlichkeit · Transkulturalität · Transmedialität · 
Post­mo­derne Spiritualität · Anna Halprin · Simone Forti

1 Einleitung Postmodern Dance: Begriff und


Zuschreibungen

Wie die meisten epochalen oder stilistischen Zuordnungen wird der Begriff „post-
modern“ im Tanz erst retrospektiv gesetzt. Postmodern Dance galt zunächst
als historisches Phänomen. Er wird später jedoch zur Rubrik vielschichtiger
Strukturen und Erscheinungsformen des Tanzes nach der Moderne erklärt. Ers-
tens handelt es sich um eine künstlerische Strömung, die sich mit Beginn der
1960er-Jahren formiert und sich dezidiert und programmatisch von der Moderne
abgrenzt. Zweitens – und im scheinbaren Widerspruch dazu – werden manche
der modernistischen Ideen aufgegriffen (Daly 1992). „The culture of postmodern
dance was/is Pop, pragmatic, conceptual, gregarious, flagrant“ (Deborah Hay,
zitiert nach Daly 1992, S. 57).
Wegen seines Facettenreichtums widerspricht der Postmodern Dance zwar
einer eindeutigen Klassifizierung, zugleich verbindet die künstlerischen Projekte
eine Subvertierung von vermeintlich stabilen Instanzen in Kunst und Gesell-
schaft. Dezidiert grenzen sich die bekanntesten Vertreterinnen und Vertreter vom
Judson Dance Theatre Anfang der 1960er-Jahre vom Primat eines literarischen
oder gefühlsaufgeladenen Tanzes ab. Für diese Phase des Postmodern Dance ist
eine enge Verflechtung von Tanz und Politik, spezifischer die Artikulation von
Protest gegen den Vietnamkrieg mit dem Medium des Körpers zu konstatieren.
Die motorischen Aktionen per se, eine skelettierte Vorstellung von Choreografie
und die energetisch-dynamischen Qualitäten der Bewegung von Körper/Objekten
in Raum und Zeit brachten radikal andere künstlerische Arbeiten hervor, die alter-
native ästhetische Wahrnehmungen und Erfahrungen herausforderten.
In Abgrenzung zum sogenannten Modern Dance, in den USA beispielsweise
von Martha Graham repräsentiert, entwirft man in den 1960er-Jahren ein Gegen-
modell, das jedoch noch von dem starken Modernebezug zeugt und profitiert.
Es ist eine Abkehr von den vermeintlichen Paradigmen des Modernen Tanzes zu
attestieren – anzumerken dabei ist allerdings die dabei vorgenommene Stereo-
typisierung und Simplifizierung der Moderne –, zugleich werden modernistische
Ideen integriert. Die Aktionen und Performances der postmodernen Tänzer und
Tänzerinnen weisen wenig konkrete stilistische Gemeinsamkeiten auf, vielmehr
Entblößungen: Postmoderne Tanzkörper … 95

sind alle an der Enthäutung eines zuordenbaren Stils, beeinflusst von der Ame-
rikanischen Moderne in Malerei und Architektur, interessiert. Teilweise ist eine
Anschlussfähigkeit an die literarische oder philosophische Postmoderne gegeben,
beispielsweise an die Theorien von Francois Lyotard zum Ende der großen Erzäh-
lungen in La condition postmoderne (1979), zu Frederic Jamesons Postmoder-
nism (1984), einer Theoretisierung der Postmoderne als Pastiche, oder zu Michel
Foucaults richtungsweisenden Studien Folie et déraison (1961) und Les mots et
les choses (1966).

2 Nicht-Repräsentation und Demokratisierung der


Mittel (1960er) und Formalisierung der Physis
(1970er)

Als signifikant und richtungsweisend für Struktur und Ästhetik der Postmoderne
im Tanz gelten die dance concerts einer Gruppe junger ChoreografInnen, nament-
lich von Simone Forti, Yvonne Rainer, Steve Paxton, Trisha Brown, in der Jud-
son Church im New Yorker Greenwich Village der 1960er-Jahre. Daraus ging
das Judson Dance Theatre (1962–1964) hervor. Die meisten Künstler/innen die-
ser losen Vereinigung kamen aus Merce Cunninghams Studio und tanzten in sei-
ner Kompanie. Ähnlich wie Cunningham, doch noch radikaler, suchen sie nach
zeitentsprechenden Inszenierungen ihrer Bewegungsforschungen und einer per-
formativen Ausstellung des Tänzerkörpers als Material. Beeinflusst vom Kom-
ponisten John Cage, Lebenspartner von Merce Cunningham, und dem New
Yorker Living Theatre forcieren sie eine Demokratisierung des künstlerischen
Kompositionsprozesses, in dem alle Beteiligten im Kollektiv und gleichwertig
an der Hervorbringung eines künstlerischen Ereignisses arbeiteten. Den Auf-
führungen gehen experimentelle Versuchsanordnungen im Studio voraus, in
künstlerischen Recherchen testet man die Grenzen des Möglichen und (Re)
Präsentationsformen aus. Eine Facette allerdings scheint in der Diskursivierung
und Etablierung eines minimalistischen Kanons vernachlässigt, die Deborah Hay
wie Yvonne Rainer betonen, nämlich die populärkulturellen Versatzstücke, die in
die künstlerischen Projekte integriert waren:
„All those discrepancies – at least in my `60s and early `70 output – between
theory and practice. The theory may have cleared baby and bathwater off the
decks, but even The Mind is a Muscle included a professional juggler and music
from the popular idiom: Dimitri Tiomkin, Jefferson Airplane, Frank Sinatra et al!
All this in 1968 at the height of the minimalistic canon“ (Yvonne Rainer, zitiert
nach Daly 1992, S. 64).
96 N. Haitzinger

In den sogenannten Happenings, die in unterschiedlichsten nicht theatral kon-


notierten Räumen wie Galerien, Rooftops (Dächern) oder im öffentlichen Raum
stattfinden, distanziert und emanzipiert man sich von etablierten Theaterformen
und weist die Kodifizierungen des Balletts wie des Modern Dance strikt zurück.
Die Aufführungen in der Judson Church, an denen Künstler/innen aus unterschied-
lichsten Genres beteiligt waren, kosten keinen Eintritt und dauern in der Regel
mehrere Stunden. Nicht Technik oder Virtuosität sind vorrangig, ebenso entzieht
man sich der Legitimierung auf die oftmals gestellte Frage, ob das nun Tanz ist
oder nicht. Die Kunst des Tanzes bewegt sich nahe am Leben, wird mit diesem
beinahe untrennbar verbunden. Kompromisslos wird scheinbar jegliche Ästhetik
negiert, wobei diese Negation wieder eine eigene Ästhetik generiert und auf spezi-
fischen Strukturen und Bedingungen, quasi unartikulierten Absprachen basiert.
Favorisieren die Projekte in den 1960er-Jahre die Erkundung von Bewegungs-
strukturen, erweitert sich der Postmodern Dance der 1970er-Jahre in Richtung
des Ausstellens einer vermeintlichen Alltäglichkeit des (an sich virtuosen) Kör-
pers im performativen Ereignis, die Auslotung von Choreografie als Organisation
von Körpern wie Objekten in Raum und Zeit, jenseits einer anthropomorphen
Tanzvorstellung und die Ironisierung von Tradierungen, vor allem von Tanz-
techniken (Ballett, Modern Dance).
Auf der Suche nach dem Nullpunkt der tänzerischen Repräsentation erfindet
man den sogenannten „small dance“: „In the midst of standing still something
else is occurring and the name for that is the small dance“ (Paxton 1977). Diese
vermeintlich kleinen Tänze, die zwar reduziert in ihrer Erscheinungsform, doch
paradigmatisch für den weitreichenden Wandel von künstlerischen Körper- und
Bewegungskonzepten, sind aus einer gegenwärtigen Sicht im größeren Kon-
text der Postmoderne und ihrer soziokulturellen, politischen und ästhetischen
Bedingtheit zu verorten.
Historiografisch perspektiviert ist der Postmodern Dance über folgende
zwanzig Aspekte bestimmbar, die mehr provisorisch als definitorisch zu ver-
stehen sind. Die folgende Auflistung spiegelt den Kanon des fachspezifischen
tanzwissenschaftlichen Wissens wider und basiert auf einem Close Reading
der Standardwerke zum Postmodern Dance (vgl. Banes 1983, Banes 1989,
Daly 1992, Wittmann 2009), ergänzt durch Analysen von exemplarischen Per-
formances aus der Zeit (vgl. Haitzinger 2017).

1. Konzept der Enthierarchisierung


2. Entgenderisierung von Bewegung und/oder alternative Auftritte des Eros jen-
seits von soziokulturellen Normen
3. Konstruktion und Exploration von Trans-Identitäten
Entblößungen: Postmoderne Tanzkörper … 97

4. Zeigen, Ausstellen, Aufführen, Ausführen ohne grundierende Erzählung/


Geschichte
5. Re-Organisation von körperlicher Artikulation
6. Rebellion gegen Autorität und singuläre Autorschaft
7. Akzeptanz von Zufall als Zufall (weniger als Prinzip wie bei Cage/Cunning-
ham),
8. Boundary Work (d. h. das an den Nahtstellen von Künsten und Wissen-
schaften angelegte künstlerische Arbeiten)
9. Idee der Erweiterung von Choreografie (expanded choreography)
10. Gleichwertigkeit von AkteurInnen und Publikum
11. Verweigerung der Vermarktbarkeit der Performances
12. Integration von Improvisation in Aufführung
13. Juxtaposition im Sinne einer radikalen Gegenüberstellung und Konfrontation
von Körpern, Objekten, Sound, wodurch unerwartete Beziehungen zwischen
vermeintlich unvereinbaren Elementen auf der Bühne kreiert werden
14. Inszenierung als Alltagskörper, vermeintliche Anti-Virtuosität
15. Analyse und Ausstellung der Bedingungen des Tanzes – Herauslösung aus
einem sogenannten Werkverständnis
16. Remakes und Hybridformen
17. Strategie der Anti-Haltung und Verneinung
18. Depersonalisierung von Bewegungen und Körperlichkeit
19. Popkulturelle Versatzstücke
20. Anerkennung und Integration von Stille, Bewegungslosigkeit

Dieses Register in zwanzig Punkten wird im nächsten Abschnitt durch zwei


Annotationen – nämlich Transkulturalität und Transmedialität – ergänzt. Hier-
bei wird der Fokus auf die Migration von Körpern und/oder Formen zwischen
verschiedenen Kulturen, Künsten und Medien gelegt. Exemplarisch für die Mig-
ration von Körpern zwischen verschiedenen (Tanz-)Kulturen ist Anna Halprins
Oeuvre, während Simone Forti im Kontext der Bewegungskunst mit medialen
Migrationen arbeitet.

2.1 Annotation 1: Transkulturalität des Postmodern


Dance

Anna Halprin gilt in der neuesten Forschung als eine der wichtigsten Ver-
treterinnen des Postmodern Dance in den USA. Sie geriet jedoch, da sie nicht in
New York City beim Judson Dance Theatre vertreten war, sondern in Kalifornien
98 N. Haitzinger

lebte und arbeitete, in der Geschichtsschreibung der 1980er und 1990er-Jahre in


Vergessenheit. Seit der letzten Jahrtausendwende wird sie mit über 80 und jetzt
als 96-jährige quasi wiederentdeckt, beispielsweise von Bildenden Kunststätten
wie dem Pariser Centre Pompidou, das ihr 2004 eine Ausstellung widmete, oder
über ein aktuelleres Re-Staging Projekt namens City Dance in Köln (2016). Ent-
scheidend für die vorangetriebene Aufnahme von Anna Halprin in den Kanon
des Postmodern Dance sind, so die hier postulierte These, gegenwärtig vor-
genommene transkulturelle Annotationen der ‚westlichen Geschichtsschreibung‘
und ein signifikant theoretisches und künstlerisches Interesse an Performance
als Ritual mit vielfältigen Implikationen. Überhaupt scheint es nach dem Post-
strukturalismus und radikalen Dekonstruktivismus zu einer Rehabilitierung von
Ontologie (‚ontological turn‘) zu kommen. Dies begünstigt die Re-Perspektivie-
rung von Postmoderner Körperlichkeit.
Anna Halprin wird 1920 in eine jüdische Familie und Gemeinschaft in Wilmette
(nördlich von Chicago) geboren. Ihr Vater und Großvater emigrierten Anfang des
20. Jahrhunderts aus den russischen Gettos in die USA. Laut Selbstaussage im
Dokumentarfilm Breathe made visible hatten die rituellen Gesten ihres Großvaters
und die gemeinschaftsgenerierende Funktion von Tanz als sozialer Praxis einen
wesentlichen Einfluss auf ein erweitertes Tanzverständnis jenseits von Stil und
Inhalt des Modern Dance. Die Erfahrung des Holocausts und des Antisemitismus
führen zu einem Konzept der radikalen Bewegungsfreiheit, die selbst entschieden
ist: „Nobody is going to tell me to move like them“ (Wittmann 2009, S. 16).
Sie praktiziert Kindertanz in der Duncan-Technik und erweitert ihren Horizont
und ihre Kompetenz als Teenager über Tanztraining im Stil von Ruth St. Denis/
Ted Shawn und europäischem Ausdruckstanz. Professionell entscheidend ist
schließlich ihre Ausbildung an der University of Wisconsin bei Margaret H’Dou-
bler, die eine Engführung der Philosophie John Deweys und Tanz vermittelte,
in der die Dualität von Körper-Geist mittels einer fokussierten Aufmerksamkeit
auf den Körper – „sensing, feeling, thinking (Wittmann 2009, S. 18 f.)“ – an sich
aufgelöst wird; gegenwärtig würde man diese Methode als ‚somatic awaren-
ess‘ bezeichnen. Durch die Begegnung mit ihrem späteren Mann, dem Land-
schaftsarchitekten Lawrence Halprin, der sich maßgeblich auf Strukturen und
Erscheinungsformen von Frank Lloyd Wrights organischer Architektur und dem
Bauhaus1 stützt, beginnt Anna Halprin sich in den 1940er-Jahren in Kursen an der

11942/1934 lehren an der Harvard School of Design in Cambridge, dort studierte Lawrence
Halprin, emigrierte Mitglieder des Weimarer Bauhauses wie Moholy-Nagy, Wassily Kan-
dinsky oder Walter Gropius.
Entblößungen: Postmoderne Tanzkörper … 99

Harvard School of Design, dort unterrichten u. a. die Emigranten Moholy-Nagy


und Walter Gropius, intensiver mit dem Verhältnis von Körper und Raum,
Choreografie und Architektur zu beschäftigen: „This was something new: the idea
of space as ‚site‘ – and that all aspects of ‚site‘ inform a movement“ (Halprin,
zitiert nach Wittmann 2009, S. 20).
Anna Halprin beginnt eigene Soli zu kreieren, tritt in New York und ­Boston
auf, und verlagert schließlich nach dem zweiten Weltkrieg und in späten
1940er-Jahren mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern den Lebensmittelpunkt
an die Westküste der USA.
Auf einem Berg in Kentfield nahe von San Francisco, doch in einer Naturland-
schaft, baut Lawrence Halprin mit dem Architekten Arch Lauterer unterhalb ihres
Hauses das sogenannte Dance Deck. Diese postmoderne Version der Freilicht-
bühne profitiert von Modellen aus der europäischen Lebens- und Theaterreform-
bewegung um 1900 – man denke nur an Monte Verità, an Dresden/Hellerau etc.
Außerdem ist Anna Halprins Nähe zu erstens eben dieser europäischen Lebens-
reformbewegung, zweitens zur jüdischen Emigrations-Kultur mit einem star-
ken Sinn für verkörperte Spiritualität2 wie Gemeinschaftlichkeit und schließlich
drittens zu den Amerindians und ihren Ritualen im Pomo Roundhouse3 in Kali-
fornien, wie sie in diversen Interviews wiederholt betont, von entscheidender
Bedeutung.
„Dances that change and transform our lives can be called rituals in the way I
am using this word. […] A way to create ritual is to invest the object of our daily
lives with new significance. Ritual and ceremony can happen anywhere at any
time“ (Halprin und Kaplan 1995, S. 37).
Ebenfalls als Resonanz der Teilnahme an den Ritualen der Amerindians wird
der Mythosbegriff für den Tanzkontext ihrer Gegenwart spezifiziert: „Myths
are meant to evoke our long buried and forgotten selves“ (Halprin und Kaplan
1995, S. 130). Wie eingangs bemerkt ist diese transkulturelle Facette mit ein-
hergehender spiritueller Motivation allerdings von der europäischen (Tanz-)
Geschichtsschreibung in der Bestimmung von postmoderner Körperlichkeit lange
vernachlässigt worden.

2„My first dance experience was seeing (my grandfather) pray, when I was four years old.
He was a Hassidic Jew who would pray by singing, jumping up and down, and flinging his
arms in the air. He had a long white beard and I thought he was GOD, and that GOD was a
dancer“ (Halprin und Schechner 1989, S. 68).
3Vgl. beispielsweise (Halprin 1975, 1989) und (Halprin und Schechner 1989).
100 N. Haitzinger

Beim Dance Deck handelt es sich um Rotholzboden, der auf einer Pfahl-
konstruktion auf einen steilen Abhang gesetzt ist. Am Gefälle des Hügels
ist ein kleines Auditorium angebaut. Die landschaftlichen und natürlichen
Gegebenheiten, die Wälder am Fuße des Mount Tamalpais, definieren das
Dance Deck. Anna und Lawrence Halprin artikulieren ein programmatisches
Konzept für verschiedene Typen von Bewegungen, die mit diesem Raum kor-
respondierten:
„1. General area used for strong, large, active locomotor movement. 2. A plat-
form; where distance is required and a space removed to set off movement where
the emphasis is on design. 3. A quiet place, also for exists and entrances. 4. Also
for entrances and waits, a sunken area having dramatic possibilities. 5. Orchestra,
or dance platform. 5. Area for direct contact with audience. 7. Elevated levels,
although basically a seating area, can be effectively used as a stage set for dance“
(Halprin und Halprin 1956).
Die dort existierenden hohen Bäume definierten die Form, ebenso wie die
Aussicht auf die Bucht Teil der Konstruktion dieser Freilichtbühne war. In die-
sem Sinne ist das Dance Deck der organischen Architektur zuordenbar. Funktio-
nal ist es als Bühne für den Tanz bestimmt. Orte für Auftritte und Abtritte sind
ebenso definiert wie eine „Orchestra“, wie eine Stätte für den unmittelbaren Kon-
takt mit dem Publikum. Der artifizielle (Natur-)Raum bringt in der Vorstellung
der Halprins spezifische Bewegungstypen hervor, hier sind hauptsächlich große,
dynamische und aktive Körperbewegungen genannt. Außerdem bewegt sich nicht
nur der tanzende Körper, sondern die Bewegung ist in der Natur über die sinn-
lich-ästhetische Wahrnehmung als Wind in den Bäumen, als Veränderung der
Lichtintensität während des Tages, als Regentropfen, die auf den Boden fallen, in
den vorbeiziehenden Wolken oder Vogelschwärmen zu erfahren.
„[…] the deck was designed specifically for movement experience. The space
itself is alive and kinetic – It is changeable – it invites movement – challenging it
by its own sense of movement […] Dance here is only one of many moving ele-
ments“ (Halprin und Halprin 1956, S. 23).
Der hier profilierte und modellierte postmoderne Tänzerkörper ist anderen
Bedingungen ausgesetzt: außerhalb der spezifisch kodierten Studioräume und
Theaterbühnen werden über die herausgeforderte Intensivierung der multi-sen-
sorischen und kinästhetischen Wahrnehmung auf in einer organisch angelegten
Ordnung des Raums und ohne die tradierten Referenzpunkte (Front) andere
Bewegungs- und Tanzkonzepte generiert. Bei The Branch (1957), erarbeitet und
aufgeführt gemeinsam mit Simone Forti, handelt es sich nicht um die Idee, einen
Entblößungen: Postmoderne Tanzkörper … 101

trockenen Ast zu imitieren, sondern sich einem Ast ähnlich-zu-machen in einer


weniger form- als energieorientierten Weise, die im Kontext von ‚somatic moves‘
verortbar ist.4
In der Modellierung von Körperlichkeit sind Residuen des Modern Dance
erkennbar wie das Spiel mit Schwerkraft über das Bewegungsleitmotiv des
Schwungs (dynamischer Wechsel zwischen der Gravitation nachgeben und
entgegenwirken)5, die Bestimmung von Rhythmus als „Anspannung und
Entspannung von Muskelsträngen“ (Halprin 1975, S. 14) und ein Bewegungs-
zentrum, später von Halprin als roter Punkts/rote Zone in der Mitte zwischen
Nabel und Steißbein („inmitten der Beckenschale“) definiert (Halprin 1975,
S. 18). Revolutionär sind erstens die aus dem Kontext der Situation und der
Erforschung des eigenen Körpers und mit kinästhetischem Sinn hervorgebrachten
Bewegungen, zweitens die konzentriert-gelassene Ausführung der Bewegungen,
die auf Handlungsanweisungen basieren, sogenannte task-oriented movements
jenseits von Stil, drittens die De-personalisierung der Tänzerkörper, viertens
ihre tendenzielle Ent-genderisierung und fünftens die Herauslösung von Tanz
aus einem Werkkontext. Alle fünf Aspekte sind grundiert von einer spirituellen
Körpervorstellung.

2.2 Annotation 2: Transmedialität des Postmodern


Dance

Simone Forti wurde 1935 in eine säkulare jüdische Familie in Florenz/Italien, der
Vater Besitzer einer toskanischen Wollspinnerei, in dritter Generation geboren.
Sie emigrierten 1939 wegen des bedrohlicher werdenden Antisemitismus und der
repressiven Gesetze der faschistischen italienischen Regierung gegen Juden in
die USA und bauten sich an der Westküste eine neue Existenz auf. Forti gilt als
eine der Hauptfiguren des amerikanischen Postmodern Dance. Sie heiratet 1955
den Maler Robert Morris, beginnt in San Francisco bei Anna Halprin eine Tanz-
ausbildung nach Graham-Technik zu absolvieren, nimmt anschließend früh an
den täglichen Workshops (1955–1959) am Dance Deck teil, trainiert später nach

4„My concern is form in nature – like the structure of a plant, not in its outer appearance,
but in its internal growth process. […] This form I speak of is a spontaneous naturalistic
phenomenon. Not paralleling nature, but in its manner of operation“ (Halprin, A. (1960).
Talk by Anna Halprin for Dance Deck Program with Lamont Young. [Interview].)
5Vgl. (Halprin 1987).
102 N. Haitzinger

ihrer Übersiedlung an die Ostküste an der Graham Schule oder im Cunnigham


Studio und ist dem Kollektiv des Judson Dance Theatre in den 1960er-Jahren in
New York City kollegial verbunden. Forti fühlt sich in dieser Zeit, in der Met-
ropole New York lebend, „von Dingen jenseits des Pazifiks und des Atlantiks“
beeinflusst, von den Lehren des Zen-Meisters Suzuki Roshi oder von Marcel
Duchamps und nützt ihr „somatisches Unbehagen“ in der Großstadt als Quelle
für ihre künstlerischen Arbeiten (Breitwieser 2014, S. 80).
In ihrem Oeuvre verflechten sich Tanz, Choreografie, Bildende Kunst, Lite-
ratur, Musik und Sound, sie unterläuft damit jegliche Zuordnung zu einer spezi-
fischen Kunstform und ihre Arbeiten im Kontext des Postmodern Dance sind fast
ausschließlich transmedial angelegt. Ein Beispiel:
„Dance Report: An onion which had begun to sprout was set on its side on the
mouth of a bottle. As days passed it transferred more and more of its matter from
the bulb to the green part until it had so shifted its weight that it fell off“ (Breit-
wieser 2014, S. 83).
Im Jahr 1961 zeigt sie auf Einladung des Komponisten La Monte Young in
Yoko Onos New Yorker Loftatelier ein Programm mit dem Titel Five Dance
Constructions. Die Protagonisten des Judson Dance Theatre wie Steve Paxton
oder Yvonne Rainer betonen ihren Einfluss, ihr als Format als überragende Künst-
lerin. Doch wegen der Stereotypisierung in der Bildenden Kunstwelt als „tanzen-
des Mädchen, das nichts zu verkaufen hatte“, wird sie folglich in die „Tanzecke“
verwiesen (vgl. Breitwieser 2014, S. 72).
Simone Forti nennt sich selbst eine „Bewegungskünstlerin“ (Breitwieser
2014, S. 9). Ihren Arbeiten unterliegen persönliche Gedanken verstanden als
Bewegungen, die jenseits von definierten Medien entstehen und schließlich in
Bezug zu künstlerischen Referenzsystemen in Performances, Bildern, Texten,
Sounds (in variablen Konstellationen) manifest werden.6 Wie bei Anna Halprin
handelt es sich um eine erweiterte Tanzvorstellung, die sich einem spezifischen
Stil und der Zuordnung zu Disziplinen, Genres und Grenzen widersetzt.
Huddle (Zusammendrängen) ist ein signature piece von Simone Forti, das in sei-
nem Konzept und seiner Erscheinungsform die sich später formierende Gruppe des
Judson Dance Theatre ebenso beeinflusst hat wie die Minimal Art. Es basiert auf
einer einfachen Handlungsanweisung/Score von Simone Forti, der die Aktion, die
Qualität der Bewegungsausführung, das Tempo und die Dauer ungefähr bestimmt:

6„Es waren daher äußere Einflüsse (Gutai, Muybridge), die mir dabei halfen, ein Behältnis
zu schaffen, mit dem ich diese sehr persönlichen Bedürfnisse ausdrücken oder befriedigen
konnte“ (Breitwieser 2014, S. 29).
Entblößungen: Postmoderne Tanzkörper … 103

„Dance Construction: A group of seven or eight people stand together in a


very close huddle. One member of the group climbs up the mass of people and
then down again becoming once more a part of the mass. Immediately another
is climbing. That movement must be constant but not hurried. Sometimes it hap-
pens that there are two climbing at once. That’s all right. The dance construc-
tion should be continued ‚long enough‘, perhaps ten minutes“ (Breitwieser 2014,
S. 83).
Bei Huddle handelt es sich also um eine performative Skulptur, um ein
„Objekt, das nicht in einem gleichbleibenden oder dauerhaften Zustand exis-
tiert, aber jederzeit wiederhergestellt werden kann“ (Breitwieser 2014, S. 96).
Wie viele künstlerische Arbeiten der Forti generiert es eine Bedeutungsoffen-
heit. Scheinbar zufällig wird Huddle in den Raum gestellt, das Publikum bewegt
sich darum herum, nimmt die Körper in Aktion wahr, als Material, aus dem die
Skulptur besteht, oder als temporäre Gemeinschaft. Die Rezeption dieser trans-
medialen künstlerischen Arbeit, dieser Installation von postmodernen Körpern ist
bezeichnend unterschiedlich. Laut Forti führt Huddle seit seiner Existenz 1975
ein Doppelleben. Für die (Bildende) Kunstwelt ist die performative Skulptur
konzeptuell und minimalistisch, das „Material besteht aus einer Gruppe von Per-
formern“ und die Aktion erzeugt hauptsächlich ein „visuelles Erlebnis“ (Breit-
wieser 2014, S. 96). Die Tanzwelt konzentriert sich in der Perspektivierung von
Huddle auf die Ausführenden, ihre physische Kollaboration in der Herstellung,
beispielsweise, dass „die gewichttragenden Vektoren […] durch Muskeln und
Knochen hergestellt und verschoben [werden]“ (Breitwieser 2014, S. 96).
Simone Forti gibt keine Bilder für die Ausführenden und das Publikum vor, die
performativ-skulpturale Anordnung entsteht in einer „Zone frei von Metapher“
(Paxton 2014, S. 60). Ihre eigene Interpretation zeugt, nicht zufällig, von einer
unterliegenden Spiritualität: „Bei Huddle betrachte ich das Unten als die Erde. Du
tauchst für eine Weile auf, lebst und läufst auf der Erde herum, und dann wirst du
wieder Teil der Erde, und jemand anderer läuft oben“ (Breitwieser 2014, S. 27).
Dass die biografischen Gemeinsamkeiten von Anna Halprin und Simone Forti,
beide kommen aus jüdischen Familien, die in der ersten Hälfte des 20. Jahr-
hunderts aus Russland beziehungsweise aus Europa in die USA emigriert sind,
und beide haben an der Westküste nahe des Pazifiks mit Einflüssen der amerindi-
schen Kultur gelebt und gearbeitet, entscheidend für ihre künstlerischen Motiva-
tionen sind, sei hier vorläufig behauptet. Auffallend ist, dass beide in den 1980er
und 1990er-Jahren im engeren disziplinären, ästhetisch auf den Minimalismus
und topografisch auf die US-Ostküste fokussierten Kanon des Postmodern Dance
eher beiläufig verhandelt wurden.
104 N. Haitzinger

3 Synopse

Doch kommen wir abschließend zum Beginn, genauer zu dem Titel dieses Bei-
trages, zurück. Der nackte Körper in seiner szenischen und performativen Prä-
senz ist nur ein Aspekt des Postmodern Dance, wenn auch in den 1960er-Jahren
ein wichtiger (auf den ich jedoch hier weniger eingegangen bin). Entblößun-
gen möchten in der vorgeschlagenen gegenwärtigen Perspektivierung von post-
moderner Körperlichkeit in einem erweiternden Sinn verstanden werden, nämlich
als bloße Körper, die sich wiederholt anders konstruieren und für das Publikum
Bedeutungsoffenheit generieren. Körper, in deren Vorstellung (im doppelten
Sinn) keine grundsätzliche Trennung zwischen Körper und Denken existiert,
überraschend spirituelle Körper, die zwischen Kulturen und Künsten migrieren.

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München: Kieser.
Warum ist die Keimbahn des Menschen
auch in einem alten Körper jung?

Günter Lepperdinger

Zusammenfassung
Der menschliche Körper altert. Seine Lebensspanne ist nie unendlich. Nur
durch ständige Fortpflanzung können Arten erhalten werden. Keimzellen ver-
schmelzen und bilden junge Körper. Aufbau, Funktionsweisen und Langlebig-
keit hängen nicht vom jeweiligen Alter der Keimzellen ab. Warum, obwohl
vergleichbar in jeglicher Hinsicht mit Körperzellen, altert die Keimbahn nicht?
Welche biologischen Besonderheiten ermöglichen es die Vielzahl der körper-
lichen Alterungsprozesse zu umgehen? Könnten wir uns dieser Mechanis-
men bedienen, um auch unsere Körper unsterblich zu machen? Leistet solches
Denken einem zeitgeistigen Körperwahn Vorschub?

Schlüsselwörter
Biologische Alterung · Sterblichkeit · Langlebigkeit · Fortpflanzung · Natürliche
Selektion · Sexuelle Selektion · Krankheitsresistenz · Gentherapie · Prävention · 
Unsterblichkeit

G. Lepperdinger (*) 
Universität Salzburg, Salzburg, Österreich
E-Mail: guenter.lepperdinger@sbg.ac.at

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019 107
M. Dimitriou und S. Ring-Dimitriou (Hrsg.), Der Körper in der Postmoderne,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-22282-6_7
108 G. Lepperdinger

1 Warum altern wir?

Komplexe Systeme altern. Altern kennt vor allem den bitteren Beigeschmack des
Todes. Nach Benjamin Gompertz (1825) erhöht sich die Sterbewahrscheinlichkeit
mit dem Erreichen des Erwachsenenalters exponentiell. Beim Mensch verdoppelt
sich die Sterbewahrscheinlicht in der Regel circa alle acht Jahre (Gompertz
1825). Diese Maßzahl ist somit auch ein Richtwert für den fortschreitenden Pro-
zess des Alterns, der langsam beginnend, aufgrund der ständigen Verdopplung –
also exponentiell vom ersten Tage an – lebenslang beschleunigt wird.
Basierend auf unserem modernen Selbstverständnis nicht nur unsere gesamte
Welt immer vollständiger rational zu durchdringen, sondern auch den Körper des
Menschen zu beherrschen, um ewige Jugend zu realisieren, ist mittlerweile Teil
eines postmodernen Diskurses und der damit verbundenen Kritik (Spindler 2012).
Es ist richtig, dass es Lebensformen gibt, die eine besonders lange Lebensspanne
haben. Die Qualle Turritopsis dohrnii gilt als bislang einzig bekannter unsterb-
licher höherer tierischer Organismus, da das erwachsenes Tier ab und an wieder
Stadien der Embryonalentwicklung durchläuft und sich somit zyklisch erneuert
(Bavestrello et al. 1992; Piraino et al. 1996). Daraus lässt sich schließen, dass bio-
logische Organismen, so sie nicht willkürlich zu Tode kommen, unendlich lange
leben können. Wenn solches funktioniert, ergibt sich unweigerlich die Frage:
warum altert eigentlich der Mensch und warum stirbt er?
Nach den Gesetzen der Physik ist denkbar, dass auch biologische Körper,
wie der menschliche, sehr lange existieren können. In einer technisch hoch ent-
wickelten Gesellschaft darf man auch annehmen, dass bei Vorhandensein von
allen wichtigen Ressourcen, wie Nahrung, Schutz, medizinischer Versorgung
etc., die ein Überleben zu allen gegebenen Zeitpunkten tatsächlich ermög-
lichen, der Wunschgedanke aufkeimt, ein besonders langes, um nicht zu sagen,
ein unendliches Leben realisieren zu können. Der Wunsch ergibt sich auch aus
dem Umstand, dass sich die Lebenserwartung von 60-jährigen Menschen um das
Jahr 2000, verglichen mit jenen, die um 1990 lebten, stark erhöht hat: die zusätz-
lichen Lebensjahre einer 60-Jährigen lag 1900 statistisch bei 13,4 Jahren und
stieg bis 2000 auf 24. Bei Männern gab es einen Zuwachs an zusätzlichen Jahren
von 13 auf 20 Jahre1. Dieser Umstand lässt vermuten, dass sich während dieses
modernen Zeitraums – aus welchen Gründen auch immer – eine deutliche Ver-
langsamung des körperlichen Alterns realisieren ließ. Daraus leitet sich nun auch

1www.statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/bevoelkerung/sterbe-

tafeln/index.html (letzter Zugriff 21.1.2019).


Warum ist die Keimbahn des Menschen … 109

die berechtigte Frage ab, ob diese Entwicklung weiter anhält, und noch drängen-
der, ob nicht eine wesentlich größere Verlängerung der Lebenserwartung mithilfe
moderner Mittel realisiert werden kann.

2 Biologische Informationssysteme

Materie kann sehr stabile Formen annehmen. Die Wissenschaft beschäftigt sich
eingehend mit der Selbstorganisation der Materie und hat dazu viele Gesetzmä-
ßigkeiten aufgedeckt. Die bislang bekannten Konzepte sind aber nicht ganz ein-
fach auf biologische Systeme übertragbar (Mingers 1994). Ein wichtiger Zustand
in der Biologie ist, dass der Körper auch als Vehikel für und zum Ausdruck von
Information dient. Zusätzlich darf für das System wesentliche Information nicht
verloren gehen, und Programme, die sich mit den vorhandenen Informationen
gestalten lassen, werden dauernden Bewährungsproben ausgesetzt. Sie müssen
diese erfolgreich bestehen, sonst stirbt das System. Daraus ergibt sich eine wich-
tige erste Beziehung: es soll so viel wie möglich Information bewahrt bleiben,
jedoch soll „Fehlinformation“ auch ausgemustert werden können.
Mithilfe von Programmen, die als Anleitung für den Bau eines neuen Kör-
pers dienen, können räumliche Muster ausgebildet werden. Funktionelle Struk-
turen wachsen und werden mit sensorischen Leistungen ausgestattet. Die dafür
verantwortlichen aber auch die erworbenen Informationen sind somit ein wich-
tiger Bestandteil des Informationspools. Wenn ein Individuum herangewachsen
und ausgebildet ist, müssen diese Entwicklungsprogramme nicht notwendiger-
weise weiterhin verwendet werden. Wenn genügend Ressourcen vorhanden
sind, sollte es ja reichen, wenn in kontrolliertem Maße Energie zum Überleben
des Individuums aufgebracht wird. Sollte das reproduzierte Individuum gut mit
dieser Situation zurande kommen, hat es den Eignungstest bestanden, und der
damit verbundene Informationsgehalt wurde nicht nur gesichert, sondern konnte
auch vervielfältigt werden. Ein solcher Organismus und die dafür verantwortliche
Information sind somit potentiell unsterblich (s. Abb. 1).
Programme, die für die strukturelle Ausformung einer autonomen Lebens-
form und somit auch für das Überleben eines Individuums wichtig sind, wie
Stoffwechsel, Sensorik, oder Reproduktion, greifen auf Informationen zurück,
die die Gestaltung dieser Programme ermöglicht. Die individuelle Konstellation
der Information erlaubt es eine bestimmte Gestalt mit spezifischen Eigenschaften
hervorzubringen, die sich, in einen bestimmten Kontext gebracht, bewähren
müssen. Ein wichtiges, wenn nicht das wichtigste biologische Resultat eines
110 G. Lepperdinger

Abb. 1   Beziehung Körper-Information. (Eigene Darstellung)

Informationsverarbeitungsprozesses ist die Erhaltung der Art und somit auch die
Erhaltung der Information.
Bei mehr oder weniger willkürlich auftretenden Änderung von Lebens-
umständen kann es der Zufall wollen, dass sich ein eingeschlichener Fehler im
Informationspool auch als günstig erweist, weil dieser das Überleben und die Ver-
vielfältigung der Nachkommen dieses Individuums favorisiert. Ein solcher, rein
auf Zufall passierender Zustand und die damit verbundene Entwicklungsmöglich-
keit sind aber nur bedingt effizient, um zielgerichtete Lebensformen hervorzu-
bringen und eine mögliche Weiterentwicklung mit zielstrebiger Anpassung zu
begünstigen (Fisher 1930).
Um diese Problemstellung zu lösen, hat die Natur eine weitere Strategie ent-
wickelt. Die Information wird verdoppelt. Obwohl mit großem Aufwand ver-
bunden, ist dieser Zustand günstiger, da der Organismus nicht nur für die Phasen
der Entwicklung und des Wachstums sondern auch für alltägliche Überlebens-
strategien aus zwei Informationspools wählen. Neben der Auswahl der vermeint-
lich besser geeigneten Information ergibt sich ein weiterer Überlebensvorteil.
Sollte ein Teil des ersten Informationspools kaputtgehen, steht der zweite immer
noch zur Verfügung. Der Organismus muss nicht notwendigerweise unter-
gehen. Ein weiterer, viel wesentlicher Vorteil besteht jedoch darin, dass sich nun
geschlechtliche Reproduktion realisieren lässt. Dabei wird die eine Hälfte der
verdoppelten Information mit der eines anderen Individuums neu in Verbindung
gebracht. Die Reduktion der zunächst verdoppelten Information auf einen neuen
Warum ist die Keimbahn des Menschen … 111

Satz ermöglicht, dass sich nun eine Vielzahl an verschiedensten Kombinationen


von Informationseinheiten zusammenführen lassen und infolge können unter-
schiedlichste Konstellationen getestet werden können.
Nachkommen sind nicht mehr ident, sondern verwandt. Geschlechtliche
Fortpflanzung folgt somit konzeptionell anderen Überlegungen. Anders als bei
ungeschlechtlicher Fortpflanzung, bei der die Verfügbarkeit von Ressourcen die
Vervielfältigung kontrolliert, fördert geschlechtliche Fortpflanzung die Ent-
stehung und Entwicklung von sozialem Verhalten, und kennt zusätzlich zu einer
natürlichen Selektion auch spezifische sexuelle Selektionskriterien. Die ordent-
liche Gestalt, Funktion und Überlebensfähigkeit eines sexuell reproduzierenden
Individuums geht auf eine in einer natürlichen Umgebung bewährte Konstel-
lation von Information zurück. Diese Eigenschaften werden aber nun nicht
nur unter harschen natürlichen Bedingungen auf die Proben gestellt, sondern
auch unter Normalbedingungen von einem potenziellen Partner vor der Paa-
rung bewertet. Das Verhalten zielt darauf ab, nur dann in Nachkommen zu
investieren, wenn die Zeichen optimal stehen und die Chancen gut sind, dass
gemeinsame Nachkommen in eine Umgebung hineingeboren werden, die ihrem
Überleben zuträglich ist. Zeitpunkt und Ort der Verpaarung entscheiden über
den Reproduktionserfolg. Die Überlebensstrategie besteht im Gegensatz zur blo-
ßen Vervielfältigung des Informationsinhaltes darin, ein sehr genaues Sensorium
zu entwickeln, das mit dem Reproduktionsorgan und Reproduktionsverhalten
genauestens abgestimmt wird (s. Abb. 2).
Die Keimbahn gewährleistet den der Fortbestand der Information (Genom)
im Rahmen der geschlechtlichen Fortpflanzung. Durch Partnerwahl und ähn-
liche Mechanismen werden gewisse Individuen bevorzugt, während andere von
der Fortpflanzung ausgeschlossen sind (sexuelle Selektion). Im Zuge der Ent-
wicklung wird die Information vermehrt, auch wird eine neue Keimbahn gebildet.
Die neue Konstellation ist Gegenstand der natürlichen Selektion und betrifft
alle Individuen gleichermaßen. Wenn der Körper durch perfekte Instandhaltung
makellos erhalten bleibt, schleichen sich durch Stoffwechsel und Ausgesetzt-
heit in der Umwelt an allen Stellen Fehler ein, die so sie nicht korrigiert wer-
den akkumulieren. Auf diese Weise altern auch die Reproduktionsorgane. Nur die
Keimbahn scheint davon ausgenommen: Nachkommen von alten Eltern haben
meist dieselbe Lebenserwartung wie ihre früher geborenen Geschwister. Wird
viel in die Instandhaltung des Körpers investiert, wird dieser Körper besonders
langlebig. Wird keine Energie mehr auf die Instandhaltung der Keimbahn ver-
wendet, wie nach der Meno- oder Andropause, kann dieser frei werdende Anteil
für Instandhaltung und Langlebigkeit genutzt werden und dadurch der Alterungs-
prozess verlangsamt werden.
112 G. Lepperdinger

Abb. 2   Information und Verjüngung der Art durch (sexuelle) Fortpflanzung. (Eigene Dar-
stellung)

3 Lebensgeschichten

Jeder Körper – egal wie dauerhaft er angelegt ist – kann vernichtet werden.
Jeder noch so kleine willkürliche Akt der Zerstörung, sei es ein Unfall, ein gie-
riger Fressfeind oder die Unwirtlichkeit seiner Umgebung würden die Informa-
tion dieses Systems unwiederbringlich zerstören. Schafft man es jedoch vorher
eine exakte Kopie anzufertigen, ist die Information besser besichert. Daher ver-
doppeln, wie oben beschrieben, einfache selbsterhaltende Systeme Information
und bilden einen zweiten unabhängig agierenden Körper, der diese Information
aufnimmt (Stearns 2000). Die dafür aufzuwendende Energie und Materie muss
zusätzlich zur Energie für die Aufrechterhaltung der normalen Körperfunktionen
durch Stoffwechselaktivität aufgebracht werden. Der zusätzliche Aufwand
belastet somit den Körper. Der Bau von komplexen Strukturen ist fast immer
mit Fehlern verbunden. Allein die für das Wachstum notwendigen chemischen
Reaktionen ergeben bei ungünstigen Verläufen oft mehrere Produkte, oder
aggressiv wirkende Zwischenverbindungen, die fast alle biogene Moleküle ver-
ändern können, die zum Bau des Körpers dienen. Die fehlerfreie Herstellung
Warum ist die Keimbahn des Menschen … 113

einer exakten Kopie eines biologischen Informationssystems braucht deshalb


zusätzlich akkurate Kontrolle und perfekte Reparatur (Kirkwood 1977; Kirkwood
und Melov 2011).
Die Vervielfältigung eines biologischen Systems ist von verschiedenen Fak-
toren abhängig: seinem Stoffwechselapparat und der Verfügbarkeit von Stoff-
wechselsubstraten, sowie der direkten Umgebung, in der das System vervielfältigt
wird und die den Prozess der Selbsterhaltung kompromittieren. Diese Parameter
bestimmen über den Erfolg der Selbstvervielfältigung bzw. über die Langlebig-
keit eines biologischen Informationssystems. In dieser Konstellation gewinnt
derjenige Körper (ist gleichzeitig Informationsträger und Informationsver-
arbeiter) und somit diejenigen Informationsinhalte das Rennen, die sich unter den
gegebenen Umständen am schnellsten vervielfältigen können. Die Geschwindig-
keit ist abhängig von der gegenseitigen Abstimmung zwischen Information, Stoff-
wechsel und Umgebung (Finkel 2015).
Für die Neubildung von Systemen wird viel Energie verwendet. Es lohnt sich
aber, da sowohl ein junger Körper entsteht und Information mit dem Körper ver-
vielfältigt wird. Gleichzeitig wird durch Neukombination von Informations-
inhalten versucht ein neues System zu optimieren. Diesem Ansatz liegt zugrunde,
dass es damit gelungen ist, Information fließend existent zu halten (Williams
1974). Der individuelle Körper hat die Aufgabe die Information in die nächste
Generation weiterzutragen. Damit kann sichergestellt werden, dass die Informa-
tion solange existiert und sogar vermehrt wird, solange neue Körper entstehen.
Dieses Konzept sieht vor, dass in erster Linie in die Integrität der Information
investiert werden muss, während man in Wartung und Instandhaltung des Kör-
pers nur so weit Energie steckt, solange Generationenfolgen optimal klappen
(­Dawkins 1976; Abb. 3).
Ohne zusätzliche Aufwendungen in Reparatur verlieren alle Systeme ihre Ord-
nung. In biologischen Systemen wird Energie, die in Stoffwechselbeziehungen
zielgerichtet verwertet wird, dazu verwendet, Strukturen und Funktionen des
Körpers aufrechtzuerhalten. Die Fortpflanzung widmet sich fast ausschließlich
der Weitergabe der Information (Genom) an eine nächste Generation. In dieser
Beziehung muss das weiterzugebende Genom privilegiert behandelt, der Körper
hingegen vernachlässigt werden.
Während das System wächst sind alle Bestandteile jung. Wachstum birgt, wie
besprochen, durch erhöhte Stoffwechseltätigkeit auch Gefahren. Fortpflanzungs-
tätigkeit findet deshalb häufig bereits während der Wachstumsphase statt. Wird
alle Energie auf die Fortpflanzung hin gerichtet verwendet, und findet die Fort-
pflanzung womöglich nur ein einziges Mal im Leben dieses Organismus statt, ist
dieses Individuum kurzlebig. Langlebige Systeme verwenden meist k­ ontrolliertes
114 G. Lepperdinger

Abb. 3   Geordnete Strukturen bleiben durch Reparatur aufrecht. (Eigene Darstellung)

Wachstum zur ständigen Verjüngung. Systeme, die nicht aufhören zu wachsen,


zeichnen sich durch eine sehr geringe Alterung aus, da sie sich dadurch stetig
selbsterneuern. Beispiele sind Fische oder Wale, die weit mehr als hundert Jahre
leben können (Austad 2010). Dieser Umstand ist ein guter Hinweis, dass mit
Wachstum einhergehende Selbsterneuerung einen Körper langlebig machen kann.

4 Die Keimbahn bleibt in einem alten Körper jung

Im Reproduktionsapparat von sexuell fortpflanzenden Lebewesen werden Keim-


zellen gebildet. Zwei Keimzellen verschmelzen, bilden junge Körper und stel-
len somit einen wichtigen Durchgangspunkt für den kontinuierlichen Fluss
von Information durch die Generationen dar. Aufbau und Funktionsweisen der
Keimzellen sollten somit nicht vom Alter des Systems beeinträchtigt werden.
Die Information, die mithilfe von Keimzellen in die nächste Generation weiter-
getragen wird, darf nicht beschädigt sein. Man kann somit davon ausgehen,
dass für die Integrität dieser Informationsinhalte besonders vorgesorgt wird. Im
Menschen werden Eizellen bereits während der frühen Embryonalentwicklung
im Körper der Frau angelegt und ruhen geschützt in den Eierstöcken ein Leben
lang, um periodisch ausgewählt bis zur Menopause verwendet werden zu kön-
nen. Reproduktionsfähigkeit und Entwicklungsfähigkeit ist unabhängig vom
jeweiligen chronologischen Alter der Keimzellen und vom Alter der Frau. Wäh-
rend der Ruhephase, werden die weiblichen Keimzellen nicht gebraucht, sondern
Warum ist die Keimbahn des Menschen … 115

es wird alles d­ arangesetzt, ihre Integrität so gut als möglich für einen optimalen
Zeitpunkt der Fortpflanzung zu bewahren. Sie sollen jung bleiben. Die dafür not-
wendige Energie und Kontrolle müssen jedoch entsprechend aufgebracht wer-
den, denn nicht immer gelingt es, fehlerfreie Eizellen bereits zustellen, da die
Rate von genetischen Defekten auch in Eizellen mit dem Alter der Frau steigt
(Hook 1981).
Männliche Keimzellen entsprechen einem anderem Extrem: sie werden in
großen Mengen ständig neu gebildet. Demnach gilt, dass diese nicht alt sind;
sie werden nicht lange gespeichert, sondern nach der Bildung abgegeben, um
wieder neue produzieren zu können. Sollten sich Fehler ergeben, sind einzelne
Keimzellen weniger funktionsfähig. Diese fallen aber auch in der Masse nicht
ins Gewicht, solange genügend Fehlerfreie vorhanden sind, die nach erfolg-
reicher Verschmelzung den mütterlichen Informationspool verdoppeln und diese
gemeinsamen Inhalte eine erfolgreiche Entwicklung und Reifung des neuen
Individuums ermöglichen. Die Alterung des männlichen Organismus kann dazu
führen, dass weniger Keimzellen gebildet werden, davon auch möglicherweise
mehr fehlerhaft sind, aber wie gesagt, nur solche zur Verschmelzung kommen,
die funktionstüchtig sind. Das nach er Verschmelzung eingeleitete Wachstum und
die Bildung eines neuen Organismus sind nun wiederum Zielscheiben der natür-
lichen Selektion. Die Informationsinhalte werden geprüft inwieweit sie unter
den gegebenen Umständen geeignet sind, wiederum einen fortpflanzungsfähigen
Organismus zu bilden. Werden bereits während der Frühentwicklung Fehler
offensichtlich, ist der Keim nicht überlebensfähig, stirbt während des Wachstums,
wird nicht reproduktionsfähig und die Fehler in diesem speziellen Informations-
pool werden nicht weitergegeben.
Die Bildung von Keimzellen und die Verbindung von Keimzellen garan-
tiert die Kontinuität der Generationsabfolge. Sie ist die wichtigste Aufgabe der
Keimbahn als Beitrag für die Arterhaltung. Dieser wichtigen Position wird auch
Stellung getragen, indem Aufwendungen für Wartung und Instandhalten der
Keimbahn besonders aufmerksam und genau gemacht und überprüft werden. Die
dafür notwendige Stoffwechselenergie geht dem Körper verloren (Wells 2003).
Unvollständige Reparatur und Wartung lässt den Körper aber altern (Stipp 2011).
Daraus ergeben sich folgende Überlegungen: Wenn es der Keimbahn gelingt,
durch besondere Maßnahmen Alterungsphänomenen auszuweichen, sollte das
nicht auch für andere Teile des Körpers machbar sein? Könnten nicht die dem
zugrunde liegenden Mechanismen dazu verwendet werden, Körper unsterblich zu
machen (Wright et al. 1996; Tilly und Sinclair 2013; Jones 2007)?
116 G. Lepperdinger

5 Resistenzen in einer modernen Welt

Kurzlebige Organismen verwenden meist viel Energie darauf gerade einmal


solange zu wachsen, um genügend Nachkommen hervorzubringen, sodass ihre
Art in einem von ihnen besetztem Lebensraum weiter existiert. Entscheidend
ist zügig die Reproduktionsfähigkeit zu erreichen. Informationsinhalte, die den
Körper später im Leben gegen Schäden und daraus resultierenden Krankheiten
resistent machen oder solche Schäden eliminieren, sind dabei zweitrangig. Bei
langlebigen Organismen sollten über die grundlegende Thematik von Körper-
bau und effizientem Stoffwechsel hinausgehende Programme stärker ausgeprägt
sein. Die Stoffwechseltätigkeit muss kontrolliert koordiniert werden können,
sodass das Individuum nicht nur wächst und reproduziert, sondern vor allem
sein eigenes Überleben optimieren kann. Aus einem Zusammenspiel von optimal
abgestimmtem Wachstum in einer reichhaltigen Umgebung, die wenig schädliche
Einflüsse kennt, kann sich individuelle Langlebigkeit ergeben (s. Abb. 4).
Ein entscheidendes Problemfeld ist die Reparaturfähigkeit eines komplexen
Systems, die meist nur für essenzielle Reparaturmechanismen implementiert wer-
den können, denn die Korrektur von sehr speziellen Bausteinen und Strukturen
würde wiederum spezifischere Reparaturmechanismen erfordern, die wiederum
Reparatursysteme benötigen und so weiter. Das System ist nie vollständig und

Abb. 4   Langlebigkeit baut auf Krankheitsresistenzen. (Eigene Darstellung)


Warum ist die Keimbahn des Menschen … 117

somit auch in Eckpunkten anfällig für Schäden, die sich über die Zeit akkumulie-
ren. Wenn viele Schäden im Informationspool angesammelt sind, entsteht Krebs,
wenn viele Nervenzellen abgestorben sind, werden kognitive Ausfälle evident,
wenn viel Knochen- und Muskelmasse abgebaut ist, wird der Körper gebrechlich.
Struktur und Funktion eines Körpers können zusammen mit seinem Stoff-
wechsel an die Lebensbedingungen optimiert werden, und so das Überleben auch
unter widrigen Umständen erlauben. Ein widerstandsfähiger Körper muss aber
nicht unbedingt langlebig sein. Jedoch ohne optimierten Stoffwechsel und opti-
mal an den Lebensraum angepassten Struktur-Funktionsprozesse können sich die
entsprechenden Resistenzen und Widerstandsprogramme nicht weiterentwickeln.
Dazu müssen lebenslange Wartung und Instandhaltung sowie Schutz vor Fehl-
funktionen im System verankert werden. Diese übergeordneten Mechanismen
schützen vor Krankheiten. Durch Implementierung solcher präventiv wirkenden
Mechanismen erfahren Körper eine weitere Optimierung.
Kann ein System akkumulierenden Schadensproblemen vorbeugen, die von
allgegenwärtigen Schadensquellen herrühren, bzw. darüber hinaus Programme
entwickeln, die Krankheiten unterdrücken? Können Organismen auch unter rea-
len Umständen lange leben? Biologische Systeme können versuchen sich zum
einen genetisch anzupassen oder aber auch soziale und intelligente Strategien
entwickeln, die Langlebigkeit forcieren. Aus weitreichenden genetisch epidemio-
logischen, biomedizinischen und pharmakologischen Studien wird immer kla-
rer, dass es wirksame Mechanismen und Maßnahmen gibt, die uns in die Lage
versetzen können, die Lebenspanne positiv zu beeinflussen (Kauwe und Goate
2016; Franceschi et al. 2017; López-Otín et al. 2016; Hansen und Kennedy 2016;
­Kennedy und Pennypacker 2014).
Der Mensch hat Erkenntnisse für seine kulturelle Entwicklung genützt. Damit
unterliegt er nun schon seit langer Zeit nicht nur einer biologischen, sondern
auch einer „technisch-kulturellen“ Evolution. Dabei sind nicht nur die kollekti-
ven Leistungen ausschlaggebend. Individuelle Lebensgeschichten können einen
bemerkenswerten Beitrag zur Langlebigkeit von Einzelnen und Kleingruppen
beitragen. Dabei können Intelligenz, Ernährungs- und Bewegungsverhalten sowie
der sozioökonomische Status eine entscheidende Rolle spielen. wieFür eine
gesunde Langlebigkeit sind vielerlei genetische Elemente bekannt: die Art und
Weise wie das Erbgut und der gesamte Körper durch Nahrung positiv beeinflusst
werden, aber auch die Hoffnung, dass Medikamente entwickelt werden können,
die vorbeugend spezifische Alterungsmechanismen modulieren, um so insgesamt
eine gesunde Langlebigkeit zu bewirken.
118 G. Lepperdinger

6 Körperwahn oder intelligente Technologien:


personalisiert, präzise, präventiv

Wie eingangs aufgezeigt hat sich die Lebenserwartung kontinuierlich erhöht.


Es besteht Einigkeit darin, dass diese Erhöhung nicht auf einige wenige Ver-
änderungen zurückgeht. Höhere Einkommen und steigendes Bruttoinlands-
produkt, koordinierte Gesundheitsmaßnahmen, sichere und hochwertige
Nahrungsmittel, breite Ausbildung und einfacherer, schnellerer sowie nieder-
schwelliger Zugang zu medizinischer Versorgung. Vor 1950 war vor allem die
Senkung von Geburten und Kindersterblichkeit für den Zuwachs der mittleren
Lebenserwartung verantwortlich. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
waren es verbesserte Lebensbedingungen für Über-65-Jährige, die die Lebens-
erwartung für breite Bevölkerungsgruppen weiter steigen ließ (Riley 2001).
Zusammenfassend kann für die letzten 160 Jahre gesagt werden, dass sich die
mittlere Lebenserwartung in vielen westlichen Ländern mit außergewöhnlicher
Konstanz um ein Viertel erhöht hat, was fast ausschließlich auf technisch-soziale
Errungenschaften des Menschen zurückgeführt werden kann (Oeppen und Vaupel
2002).
Eine bemerkenswerte Erkenntnis der modernen Biologie ergibt sich aus der
Tatsache, dass auch die Information von tierischen Organismen durch Klonie-
rung kopiert werden kann. Entgegen der Annahme, dass alle Information in der
Basenabfolge des Erbguts, der DNA stecke, belegten diese Experimente, dass
das Erbgut zusätzliche Informationen, die die Lebensgeschichte des Organismus
betreffen, für die Dekodierung und Interpretation einer genauen Programmierung
von Abläufen verwendet (Briggs und King 1952; Gurdon 1966; Willadsen 1986).
Heute sind die vormals sehr groben Techniken derart verfeinert, dass man z. B.
aus allen Teilen des Körpers Keimzellen herstellen kann (Takahashi und Yama-
naka 2006; Ramathal et al. 2014).
Diese neuen Methoden und Einsichten sowie die weit verbreitete positive Ein-
schätzung zu weiteren Entwicklungen in der Biotechnologie und Biomedizin
geben all jenen Auftrieb, die zukünftige Szenarien für Umsetzungsmöglichkeit
entwerfen und Lösungsansätze diskutieren. In diesem Zusammenhang werden
bereits erste Versuche mittels Gentherapie im Menschen unternommen, die die
Unbedenklichkeit und möglicherweise auch die Machbarkeit von „Anti-Aging“
zeigen.2

2https://bioviva-science.com/gene-therapy/ (letzter Zugriff am 21.1.2019).


Warum ist die Keimbahn des Menschen … 119

Abb. 5   Technologischer Fortschritt zur Optimierung von biologischen Systemen. (Eigene


Darstellung)

Mithilfe von neuen Techniken und/oder medizinisch-pharmazeutischen


Ansätzen können Körperfunktionen in der Zukunft nicht nur wiederhergestellt
werden, sondern möglicherweise zielgerichtet optimiert werden (s. Abb. 5).
Willkürliche und ungewollte Veränderungen, die vom Körper nicht rückgängig
gemacht werden können, leisten einer kontinuierlichen Alterung Vorschub. For-
schung und Entwicklung können Ursachen bzw. Gegenmaßnahmen aufzeigen.
Wenn technische Entwicklungen auf verschiedenen Gebieten einsetzbar sind, um
Alterungsmechanismen effizient einzuschränken, bislang unumkehrbare Schä-
den zu eliminieren und darüber hinaus Alterungsproblemen vorzubeugen und
biologische Informationsinhalte zu verändern, sodass Reparatur, Resistenz und
Resilienz zielgerichtet optimiert werden kann, scheint es in greifbarer Nähe, dass
die Lebenserwartung des Menschen optimierbar oder auch die maximale Lebens-
spanne verlängerbar ist.
Bezogen sich Wahnvorstellungen noch bis zuletzt auf das Körperäußere,
so scheint mit diesen Überlegungen nun der gesamte Körper für Optimierung
und eine zielgerichtete Anpassung an die Anforderungen von begehrenswerten
Lebenszuständen zugänglich geworden zu sein. In diesem Kontext werden Unter-
nehmungen durch die klassische Vorstellung befeuert, möglicherweise einen
unsterblichen, jungen Körper besitzen zu können, sodass gesundes Altern mithilfe
neuer Technologien realisiert werden kann. Unsterblichkeit und ewige Jugend
hingegen ein tiefer und lang gehegter Wunsch der Menschheit, den die Natur bis-
lang dem menschlichen Körper noch nicht gewährt hat, sondern auf die Keim-
bahn beschränkt hat.
120 G. Lepperdinger

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Dekonstruktion und
Rekombination – Der Künstlerkörper
in den 1990er Jahren

Ulrike Reinert

Zusammenfassung
Aufgrund der fortschreitenden Globalisierung und Digitalisierung haben
sich im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte die Parameter in Politik, Wirt-
schaft und im Sozialen grundlegend neu konstituiert. Ebenso wandeln sich
die Mediennutzung und das Wesen der Kommunikation. Diese Veränderungen
werden zum Auslöser einer umfangreichen Diskurskultur in der sogenannten
Postmoderne, an der auch die Bildende Kunst regen Anteil hat. So lässt sich
in den 1990er Jahren eine auffällige Häufung von künstlerischen Positionen
beobachten, welche die Verfasstheit des Menschen und diverse Vorstellungen
von Körperbildern unter dem zentralen Aspekt von Selbstinszenierung und
Selbstbefragung erörtern. Künstlerinnen und Künstler beginnen sowohl im
Rahmen einer entsprechenden neuen künstlerischen Praxis, in Video- oder
computergenerierten Arbeiten, aber auch in der Anwendung traditionel-
ler Medien wie Plastik und Fotografie, eine intensive Befragung nach der
menschlichen Identität und zu geschlechtsspezifischen Rollenbildern.

Schlüsselwörter
Diversität · Geschlechteridentität · Individualisierung · Körperdiskurs · 
Modifikation · Rollenbilder · Selbstinszenierung

U. Reinert (*) 
UBR-ArtConsult Kunstvermittlung, Salzburg, Österreich
E-Mail: info@ubr-artconsult.com

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019 123
M. Dimitriou und S. Ring-Dimitriou (Hrsg.), Der Körper in der Postmoderne,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-22282-6_8
124 U. Reinert

1 Einführung

Von jenem Moment an, als sich der Mensch gestaltend auszudrücken beginnt,
nimmt die Darstellungen des menschlichen Körpers eine zentrale Position ein.
Dabei erhofft man sich mithilfe diverser Körperbilder in verschiedenen Kulturen
auch einen Erkenntnisgewinn zum Verhältnis von Subjekt und Gesellschaft, denn
in der Art wie bestimmte Aspekte des Körperlichen zum Ausdruck gebracht wer-
den, spiegelt sich die soziologische, historische, wie auch geistesgeschichtliche
Entwicklung der jeweiligen Epochen. Entsprechend vielgestaltig erweist sich das
Bild vom Menschen im Kontext der Kunstgeschichte.
Befasst man sich mit dem Zeitraum der sogenannten Postmoderne, so lässt
sich vor allem im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts eine auffällige Häufung
von künstlerischen Positionen beobachten, welche diverse Vorstellungen von
Körperbildern in den unterschiedlichsten Medien unter dem zentralen Aspekt von
Selbstinszenierung und Selbstbefragung erörtern. Was könnte der Grund hierfür
sein?
Mit der fortschreitenden Digitalisierung, der Nutzung digitaler Geräte und des
Internets, öffnen sich virtuelle Räume für neue Wirklichkeitserfahrungen in einer
parallelen Realität. Dazuhin verändert sich in Verbindung mit den neuen Medien
das Wesen der Kommunikation. Die schnellen, kurzen Nachrichten und die Flut
privater Fotos in den sozialen Netzwerken, auf twitter, facebook, flickr und Co.
setzten neue Standards der sozialen Interaktion. Dies alles beeinflusst die Vor-
stellung vom menschlichen Körper und führt mehr und mehr zu einer Körper-
erfahrung, welche innerhalb eines Referenzsystems zwischen dem Realen und
dem Virtuellen stattfindet. Am Ende des 20. Jahrhunderts steht eine Technologie
zur Verfügung, zu der sich der menschliche Körper in einem noch ungeklärten
Verhältnis befindet: der Computer ist zwar ein Werkzeug, aber der Körper ist
(noch) kein Computer. Die moderne Wissenschaft versucht ein Ende dieses Schis-
mas herbeizuführen, indem man die Rechner mithilfe künstlicher Intelligenz
vermenschlicht und umgekehrt den Körper zur Schnittstelle erklärt, oder wie es
der Medientheoretiker Arthur Kroker (1996, S. 13) ausdrückte, zum Hyper-
Text-Körper. Dieser „(…) ist der Vorläufer einer neuen Welt, die sich aus Multi-
media-Politik, fraktaler Wirtschaft, Intercept-Persönlichkeiten und ‚kybernetisch‘
vernetzten Beziehungen zusammensetzt.“
Durch die Hardware erfährt der Körper also eine prothetische Erweiterung
und durch die Vernetzung und Verlinkung mit dem World Wide Web einen
Aktionsradius von globaler Reichweite. Die Konsequenz ist eine zunehmende
Bedeutungslosigkeit komplexer körperlicher Abläufe und Handlungen, zugunsten
Dekonstruktion und Rekombination – Der Künstlerkörper … 125

der Befehlseingabe und virtueller Handlungsstrukturen. Überraschenderweise


oder vielleicht auch gerade deswegen wird der junge, sportliche und gesunde
Körper zum absoluten Postulat, wohingegen Krankheit, Alter und Tod marginali-
siert und tabuisiert werden.
Tatsächlich erfolgte bis zum heutigen Zeitpunkt noch keine abschließende
Positionsbestimmung der Postmoderne. Die Begriffseingrenzung erfolgt aus
unterschiedlichen Richtungen, aus wirtschaftlich-ökonomischer Sicht, vonseiten
der Architektur- und Medientheorie, ebenso wie durch philosophische und sozio-
logische Überlegungen. Nach Ansicht des französischen Philosophen Jean-Fran-
cois Lyotard geht es weniger um einen zeitlich klar fixierbaren Rahmen, als
vielmehr um ein Denk-Modell, welches er in seinen Schriften und Büchern
heranzieht, um die Zeit nach der Moderne zu beschreiben: „Die Postmoderne ist
keine Epoche, sondern ein Geisteszustand“ (Lyotard 1992, S. 294).
Wobei der Begriff postmodern bereits 1977 durch den Architekturtheoretiker
Charles Jencks in seinem Essay The Language of Postmodern Architecture ein-
geführt wird, in dem er seine Kernthese einer vom pluralistischen Eklektizismus
gekennzeichneten Gegenwart darlegt. In den 1980er Jahren kommt es schließlich
zur Diskussion postmoderner Inhalte auf breiter Basis. Wohl auch dem Umstand
geschuldet, dass in diesem Jahrzehnt eine Reihe wichtiger Publikationen zum
Thema, von Michel Foucault (1994), Paul Virilio (1994), Jean-Francois Lyo-
tard (1992) und auch Charles Jencks (1990) in englischen und deutschen Über-
setzungen erscheinen.
Lyotard (1992, S. 293) benennt den Verlust der großen Erzählungen als einen
Hauptwesenszug der postmodernen Gesellschaft, in der sich eine grundlegende
Skepsis gegenüber einer einheitlichen, abendländisch-christlich basierten Welt-
ausdeutung manifestiert.
Anstelle der übergeordneten Meta-Erzählung treten nun alternative Texte und
eine Vielzahl unterschiedlicher Erklärungsmodelle. Der Philosoph Paul Virilio
(1994, S. 111) spricht vom Meta-Design der Sitten. Auch er ortet in kurzlebigen
Orientierungsmustern, in Moden und Trends den Ersatz für Tradition und His-
torie. Stattdessen wird Flexibilität eingeklagt und das Flüchtige zum Standard
erklärt.
Indes sorgen die Phänomene der Postmoderne, wie Individualisierung, Ent-
strukturierung, eine zunehmende Unübersichtlichkeit und Systemkomplexität,
nicht allein in der Wissenschaft, Soziologie und Philosophie auf breiter Basis für
Stoff zur Diskussion, auch in der Kunst werden die sich verändernden Parameter
zum Thema. Gerade in den 1990er Jahren kommt es hier zu einem verstärkten
126 U. Reinert

Körperdiskurs, welcher die Auseinandersetzung um die Condition humaine1 zent-


ral in den Mittelpunkt stellt.
Das belegt eine Reihe von Ausstellungen in diesem Jahrzehnt, wie etwa Post
Human in den Hamburger Deichtorhallen (1992), oder Das Bild des Körpers
im Kunstverein Frankfurt (1993), welche im Rückblick Standards setzten und
dadurch Bedeutung erlangten. Auch die Biennale in Venedig, eine der wichtigs-
ten und umfassendsten Kunstschauen weltweit, war 1995 unter dem Titel Identity
and Alterity – Figures of the Body ganz dem Körperthema gewidmet. Zur Jahr-
tausendwende greift der deutsche Studienpreis mit dem Motto Bodycheck – wie-
viel Körper braucht der Mensch? das Thema erneut auf.
Sowohl die physische Verfasstheit des Menschen, bestimmte biologische
Merkmale und Funktionsweisen des Körpers, wie auch die psychischen Zustände
und die soziale Kompetenz des Individuums, stehen in den künstlerischen Arbei-
ten im Fokus des Interesses. Der markante Wandel bei den angewandten Aus-
drucksmitteln und Medien könnte darüber hinaus als Versuch gewertet werden,
ein Entsprechungsverhältnis zu den neuen Technologien herzustellen. Wäh-
rend die 1980er Jahre, sowohl in der Kunstpraxis, als auch im Ausstellungs-
wesen, noch maßgeblich durch die Malerei geprägt werden, kennzeichnen
computergenerierte Arbeiten, Fotografie und Rauminstallationen die Kunst
der 1990er Jahre. Auffallend häufig kommt der Körper der Künstlerinnen und
Künstler selbst zum Einsatz, er wird gewissermaßen modellhaft für die inten-
sive Befragung nach der menschlichen Identität und zu geschlechtsspezifischen
Rollenbildern herangezogen.
Dies ist der Ausgangspunkt für die folgenden Überlegungen zum Werk von
vier Künstler/-innen unter den jeweiligen Aspekten Körperinszenierungen, Der
öffentliche Körper, Körpermodifikationen und Der sexualisierte Körper.

2 Körperinszenierungen: Cindy Sherman

Die Arbeiten der amerikanischen Fotografin Cindy Sherman (geboren 1954


in Glenn Ridge, New Jersey) sind lange Zeit lediglich einem kleinen Kreis von
Insidern und Kunstkennern bekannt. Erst in den 1990er Jahren finden sie sich in
vielen bedeutenden Ausstellungen und werden von einer breiteren Öffentlich-
keit wahrgenommen. In einem Jahrzehnt, in dem das Subjekt auf dem Prüfstand

1So der Titel eines 1933 von André Malraux veröffentlichten Romans auf dessen Begriff-
lichkeiten in den 1990ern vermehrt verwiesen wird.
Dekonstruktion und Rekombination – Der Künstlerkörper … 127

steht und entsprechende soziologische, wie auch philosophische Befragungen


zum „Status der Dinge“ (Lyotard 1992, S. 294) erfolgen, bekommt die von Sher-
man gewählte künstlerische Strategie offenbar Relevanz. Es ist jener, von Jeffrey
Deitch als Me-Decade bezeichneter Zeitabschnitt, in welchem sich das Subjektive
in den Kunstwerken einen neuen gestalterischen Weg sucht: „The obsession with
self-awareness and self-improvement in the 1970s (the „Me“-decade), and with
self-image and self-indulgence in the 1980s, demonstrated the intense interest
in redifining and perhaps reformulating society´s definition of the self. The new
broader understanding of the multiplicity of possible realities has inspired a wide-
spread desire to break with older constraining models of personality“ (Deitch
1992, S. 33).
Die erste große Bildserie Cindy Shermans mit dem Titel „Untitled Film Stills“
entsteht bereits in den späten 1970er Jahren im Zusammenhang mit der amerika-
nischen Performance-Kunst und der Kunstwelt der Stadt New York, in welche die
Künstlerin 1977 übersiedelt. Hintergrund ist die lebhaft geführte Genderdebatte
der amerikanischen Emanzipationsbewegung, sind Fragen zu Geschlecht bzw.
weiblichem Selbstwert, wie sie sich auch in der Arbeit weiterer Künstlerinnen
manifestieren, etwa in den Performances und Werken von Adrian Piper oder Elea-
nor Antin.
Shermans „Untitled Film Stills“2 sind ein aus insgesamt 69 Einzelaufnahmen
bestehendes fotografisches Essay für das die Künstlerin, einer Schauspielerin
gleich, in variantenreichen Inszenierungen und wechselnden Kostümierungen in
jeweils unterschiedliche Rollen schlüpft. Die vorgestellten Charaktere der unter-
schiedlich angelegten Aufnahmen sind zwar fiktiv, vielleicht auch ein wenig
theatralisch, bleiben aber dennoch glaubwürdig. Sherman entwickelte sie ana-
log zur Manier von Filmstandbildern, wie sie von Kinos in deren Schauvitrinen
für Werbezwecke eingesetzt werden. Als Handlungsrahmen nutzt die Künstlerin,
unter anderem, das Bild des bürgerlichen Reihenhauses in der Vorstadt. Hier
inszeniert sie sich in verschiedenen Räumen mit Lockenwicklern in der Küche, in
Reizwäsche posierend auf dem Doppelbett im Schlafzimmer, oder mit Kopftuch
und Kittelschürze in der Besenkammer.
Shermans Fotografien können nicht als Selbstportraits im klassischen Sinne
gelten, vielmehr geht es beim Durchexerzieren der verschiedenen Rollenbilder
ganz allgemein um die grundlegende Frage nach der weiblichen Identität. Ihre
Stills spiegeln die Tagträume, Sehnsüchte und kleinen alltäglichen Dramen und

2Abbildungen Online https://www.moma.org/artists/5392?locale=de. Zugegriffen: 24. Januar

2017.
128 U. Reinert

Fluchten einer der weißen Mittelschicht angehörenden amerikanischen Durch-


schnittsfrau. Dabei orientiert sich die Künstlerin an jenen sozialen Mustern und
Zuschreibungen des Weiblichen, wie sie vor allem über die Hollywoodfilme der
40er und 50er Jahre Verbreitung fanden. Sherman aktualisiert mit ihren Foto-
grafien die dort entwickelten Klischees und Rollenmuster. Die einzelnen Szenen
und die kleinen Geschichten ihrer Filmstandbilder werden zum Verweis auf ein
ganz bestimmtes Frauenbild, welches sie in zugespitzter Weise zur Diskussion
stellen und damit das Augenmerk auf die heute wirksamen gesellschaftlichen, wie
auch sozialen Determinanten lenken.
Sherman selbst entzieht sich keineswegs einer Konfrontation mit den
gewählten Themen. Durch einen sehr persönlichen, fast schon intimen Schaffens-
prozess – sowohl die Raumarrangements und Kostüme fertigt sie selbst und auch
die Aufnahmen entstehen mithilfe eines automatischen Auslösers – ergibt sich
eine intensive Befragung der eigenen Position, des eigenen Standorts. Wo endet
die Selbstbestimmtheit und wo beginnt der von außen einwirkende, manipulative
Einfluss, etwa durch soziale Gruppen, Medien, Filme oder Zeitschriften?
Bleibt in den Untitled Film Stills das Bildrepertoire mit seinen Rückbezüglich-
keiten und dem Figurenarsenal nachvollziehbar, so werden die Fotoarrangements
im fortschreitenden Werk Cindy Shermans rätselhafter und die Zusammenhänge
komplexer. Der Hang zum Bizarren, Absurden und Surrealen verstärkt sich und
der Blick auf den menschlichen Körper wird zunehmend schonungsloser.
In ihrer Foto-Serie mit dem Titel „Sex-Pictures“ (1992) nimmt sich die Künst-
lerin selbst aus dem Fokus des Werkes. Beinahe, so scheint es, entsprechen die
Bilder nun einem Wunsch hinter der Anonymität vieler Gesichter und multipler
Körper unterzutauchen. Abgebildet werden Kompositgebilde, welche Sherman
aus medizinischen Prothesen und täuschend echt replizierten Silikonextremi-
täten zusammenfügt und in pompös-barocken Ausstattungen mit roten Samt- und
Seidenstoffen anordnet. Die Einheit des menschlichen Leibes befindet sich in
Auflösung, der Körper wird zum Bausatz erklärt und nach Belieben demontiert
bzw. neu kombiniert. Oft fehlen dabei entscheidende Extremitäten wie Arme oder
Beine. In der Zerstückelung des Leibes wird das Fraktale augenscheinlich, womit
Sherman Ergebnissen der jüngeren Identitätsforschung zu entsprechen scheint, in
der „(…) Befunde zu Fragmentierung, Vielfältigkeit und Auflösung von Identi-
täten verhandelt und als schizophren, entwurzelt, fragmentiert, fraktal und simu-
liert charakterisiert werden“ (Liebsch 2010, S. 82).
Auch das Geschlecht dieser neu zusammengestellten Körper lässt die Künst-
lerin offen, es bleibt ambivalent: ihre Torsi können zugleich durch weibliche, wie
auch männliche Geschlechtsmerkmale gekennzeichnet sein. Dazuhin wirken Sher-
mans Körperkonstruktionen automatisiert und in eigentümlichen ­ Verrenkungen
Dekonstruktion und Rekombination – Der Künstlerkörper … 129

beschäftigt mit teils grotesken sexuellen Praktiken. Erweisen sich die Filmstills als
Verweissystem auf die Bilder produzierende Maschinerie Hollywoods, so demons-
trieren die Sex-Pictures die Beschäftigung der Künstlerin mit den standardisierten
Filmen und der professionalisierten Sexualität der Pornoindustrie. Ein voyeuristi-
sches Moment ist diesen Fotografien Shermans inhärent, der Bild-Betrachter wird
zum Beobachter, welcher sich den Inszenierungen nicht zu entziehen vermag,
denn einer Möglichkeit zur Distanznahme wird taktisch entgegengewirkt, indem
die Kamera und damit auch der Blick des Betrachters unbarmherzig nahe heran-
zoomt. Sherman rückt so unnachgiebig und im großen Format den sexuellen Akt
sinnbildhaft in die Nähe eines Postulats von Effizienz und von bedingungslosem
Erfolg in der postmodernen Leistungsgesellschaft.
Zusammengeschoben, zerstückelt und drapiert, bekommt der Puppenkörper
als Statthalter der menschlichen Gestalt, die Funktion eines Repräsentanten für
vielfältigen Verlust. Sei es die Einheit eines (geschlechtlichen) Leibes, sei es das
Verschwinden eines sinnhaften und längerfristig haltbaren Selbstentwurfes, oder
sei es der Verlust von Empathie und menschlicher Nähe in einer zunehmend bin-
dungs- und beziehungsunfähigen Gesellschaft. Ganz in der Art, wie sie auch in
der zeitgenössischen Literatur portraitiert wird, etwa in Bret Easton Ellis’ 1991
erschienen Roman „American Psycho“. Nahezu zeitgleich arbeiten die Künstlerin
und der Autor an der Bestandsaufnahme einer amerikanischen Gegenwart, welche
Gefühlskälte, sexuelle Gewaltorgien und maximales Gewinnstreben zum Kenn-
zeichen hat.

3 Der öffentliche Körper: Orlan

Seit 1978 nutzt die französische Performance-Künstlerin Orlan (geboren 1947


in Saint-Étienne) den eigenen Körper als Material für ihr künstlerisches Werk.3
Mit Äußerungen wie „Mein Körper ist meine Software“ oder „mein Körper soll
ein Ort öffentlicher Diskussion werden“4 wird sie zur zentralen Protagonistin der
sogenannten Body Art.
Aufsehen erregte eine Serie von plastischen Operationen, die Orlan in den
Jahren zwischen 1990 und 1993 vornehmen ließ. Innerhalb dieses Zeitraums
veränderte die Künstlerin durch chirurgische Eingriffe in mehreren Schritten

3Abbildungen Online http://www.orlan.eu/ Zugegriffen: 3. Februar 2017.


4Adamer, I.(2006). Habe meinen Körper der Kunst geschenkt. http://www.basis-wien.at/
avdt/avdt/htm/178/00060594.htm. Zugegriffen: 15. Januar 2017.
130 U. Reinert

ihr Äußeres signifikant, vor allem im Bereich des Gesichts. Entgegen der sonst
üblichen Praxis, derartige Operationen diskret und ohne mediale Aufmerksam-
keit durchführen zu lassen, macht Orlan ihre Unternehmungen öffentlich erfahr-
bar. 1993 wird ihre 7. Operation als Performance mit dem Titel „Omnipresence“
weltweit an 15 verschiedenen Orten in Echtzeit ausgestrahlt und konnte unter
anderem im Centre Pompidou in Paris über Bildschirme mitverfolgt werden. Die
Museumsbesucher wurden so zu unmittelbaren Zeugen des operativen Eingriffes.
Eine Live-Schaltung ermöglichte die interaktive Beteiligung, wobei das Publi-
kum Fragen an die Künstlerin stellen konnte, welche diese während der laufenden
Operation beantwortete. Lange bevor derartige Formate die Fernsehlandschaft
beherrschen, macht Orlan in dieser künstlerischen Variante des Reality-TV das
Intime und Private als exhibitionistische Geste öffentlich. Der private Raum als
Rückzugsort erscheint aufgrund der invasiven Allgegenwart der technologischen
Möglichkeiten zur Überwachung und Beobachtung zunehmend als Trugbild und
Konstrukt der Selbsttäuschung.
Abgesehen von dieser Korrosion der Grenzen zwischen dem privaten und
dem öffentlichen Raum geht es der Französin in ihren Aktionen auch um die
Frage nach genderspezifischen Parametern und den Idealen weiblicher Schön-
heit. Wodurch werden diese bestimmt und wie mächtig ist der gesellschaftliche
Zwang sich einem Ideal zu unterwerfen? Die Recherche der Künstlerin nach ent-
sprechenden Vorlagen und Modellen bewegt sich zunächst im naheliegenden Feld
historischer Vorbilder der Kunstgeschichte. Hier wird ein Idealtypus des Weib-
lichen über Jahrhunderte von der Antike bis in die Neuzeit hinein entwickelt und
erfährt so seine bis heute gültige Kanonisierung. Die Wahl für die Vorgaben zu
den operativen Veränderungen fällt bei Orlan daher auf weltbekannte Musterbei-
spiele archetypischer Schönheit: auf die Stirn von Leonardo da Vincis Mona Lisa,
die Lippen von François Bouchers Europa und das Kinn von Botticellis Venus.
Das Gesicht der Künstlerin verwandelt sich so schrittweise, von Operation zu
Operation, in ein ästhetisches Komposit, ein Patchwork diverser, im allgemeinen
Konsens als schön empfundener, Körperpartien. Diese Modifikationen erzeugen
jedoch nicht, wie etwa zu erwarten gewesen wäre, ein Mehr an Schönheit, viel-
mehr gereichen sie zum Nachweis für das vergebliche Streben danach. Die ver-
meintliche, absolute Perfektion wird entlarvt als illusorischer Entwurf. Dabei
ist der Künstlerin der immanente Einfluss der modernen Medien und der Unter-
haltungsindustrie auf die Konstruktionen des Weiblichen durchaus bewusst: „(…)
wir sind nicht frei. Es gibt immer noch brutale Diktate. Das sieht man an den Vor-
bildern, die uns in der Mode, in Filmen und in Videospielen präsentiert w ­ erden.
Dekonstruktion und Rekombination – Der Künstlerkörper … 131

Überall zeigt man einen bestimmten Typus von Frauen mit einer bestimmten Hal-
tung und einem bestimmten Körper“ (Meister 2013, S. 80).
Am Ende geht es Orlan um Selbstbestimmtheit. Die Künstlerin klagt, jenseits
der landläufigen, durch die Medien und das Internet distribuierten Idealtypen,
das Recht zum Selbstentwurf ein: „(…)bei all meinen Arbeiten geht es darum,
Besonderheit zu schaffen und Einzigartigkeit anzuerkennen, das Ziel ist von den
Vorgaben abzuweichen, die Andersartigkeit anderer zu respektieren und seine
eigene Herzustellen. (…) es ist die Idee, sich selbst zu erfinden, sich neu zu for-
men“ (Meister 2013, S. 79).

4 Körpermodifikationen: Stelarc

Geht es im Werk von Orlan noch darum, den Körper individuell und den eigenen
Vorstellung entsprechend zu gestalten, so fordert der in Australien lebende Künst-
ler Stelarc (geboren 1946 in Limassol) kurzerhand eine radikale Überwindung
des biologisch Gegeben: „(…) auf dem Terrain der Cyberkomplexität, in der wir
heute leben, könnten die Unzulänglichkeiten des egogesteuerten biologischen
Körpers sowie die Tatsache, daß dieser mittlerweile rettungslos veraltet ist,
nicht deutlicher zutage treten“ (Stelarc 1997, S. 152). Für Stelarc, einen Grenz-
gänger zwischen Kunst, Technologie und Wissenschaft, stellt die rückhaltlose
Anwendung technologischer Neuerungen in Verbindung mit dem menschlichen
Körper eine nächsthöhere evolutionäre Stufe dar.
Der Körper wird von ihm als limitiert empfunden, daher sieht der Künstler
und Performer im Herstellen einer Synthese von Technologie und Fleisch, im
Leib als Schnittstelle, eine konsequente Fortentwicklung der humanen Biologie.
Seine Vision, die uns Stelarc in teils spektakulären Aktionen vor Augen führt, ist
jene des technologischen Körpers, des Cyborgs, der Mensch-Maschine.
Für „Ear on Arm“ (1976–1988)5 lässt sich der Künstler ein Implantat aus bio-
kompatiblem Polyethylenmaterial in Form eines menschlichen Ohres in seinen
linken Unterarm einsetzen. Wobei ein integrierter Sender und Empfänger das
künstliche Ohr tatsächlich zu einem funktionstüchtigen Sinnesorgan werden lässt
hineingesprochene Laute können durch die Verknüpfung mit einem Rechner und
dem Internet akustisch dargestellt werden. Das Diktat zur Selbstoptimierung,
einer der Grundzüge der postmodernen Gesellschaft, erweist sich bei Stelarc als

5Abbildungen Online http://stelarc.org/?catID=20247. Zugegriffen: 31. Januar 2017.


132 U. Reinert

r­ adikales und kompromissloses Experiment. Folgt man den manifestartigen Äuße-


rungen des Künstlers, dann kann und soll die Funktionsfähigkeit des ­Körpers
durch technologische Geräte und Ergänzungen erweitert bzw. optimiert werden.
Zur Illustration dieser Überlegungen bringt er konsequenterweise den eigenen
Körper zum Einsatz: in seiner über Jahre weiterentwickelten Performance „Third
Hand“ (1980–1998) befestigt Stelarc am rechten Unterarm eine Armprothese,
die ihre Steuerung zunächst durch Kontraktionsimpulse körpereigener Muskeln
erfährt.
In weiteren, darauf aufbauenden Aktionen, werden sowohl die additive
Extremität als auch der gesamte Künstlerkörper nach und nach, einer software
gleich, in den Dienst der Technologie gestellt. An entscheidenden Körperpartien
wie Gelenken und Muskeln angebrachte Elektro-Pads sind dafür mit dem Inter-
net verlinkt. Dorthin senden, nach dem Zufallsprinzip ausgewählte Personen, die
Befehlseingaben, welche zu bewegungsgenerierenden Impulsen am Körper des
Künstlers führen. Durch die Verbindung mit dem Internet geht das biologische
Fleisch bei Stelarc eine parasitäre Wechselbeziehung ein, der Körper erhält
über die externen Befehle aus dem virtuellen Netz die Anweisungen für seine
Bewegungsmuster. Nach der Überzeugung des Künstlers sind es Bewegungen
„(…)ohne Erinnerung, ohne Verlangen“. Durch seine Netzkompatibilität wird der
Körper zum „Involuntary Body“ (Stelarc 1997, S. 151), zum unfreiwillig agie-
renden biologischen Material, dessen Physis und substanzielle Stofflichkeit in
einem symbiotischen Verhältnis zu den angeschlossenen, implantierten oder auch
inkorporierten technischen Hinzufügungen steht.
Stelarc lenkt mithilfe seines künstlerischen Vokabulars die Aufmerksamkeit
auf einen technoiden Körper, der Ratio und Funktion feiert, Instinkt und Emotion
aber unterdrückt.
Die Kritik an Stelarcs Cyborg-Visionen bleibt nicht aus. Dessen bedingungs-
lose Unterwerfung der menschlichen Biologie unter eine technische Vorherr-
schaft spaltet in ein Lager rückhaltloser Anhänger und ebensolcher Kritiker. Zum
einen werden die Erweiterungen des Körpers und das Überwinden einer tradier-
ten Binarität von Subjekt/Objekt positiv hervorgehoben, zum anderen wird ihm
gerade die Betonung einer Trennung zwischen Körper und Geist als Nähe zu
techno-faschistoidem Gedankengut ausgelegt. Philosophische Erörterungen zu
Geist, Seele und dem freien menschlichen Willen sind für Stelarc jedoch unter-
geordnet. Er bezeichnet diese als kulturelle Konstrukte. Für ihn wird der Körper
erst in seiner Funktion als Schnittstelle und in der Interaktion mit Technologie als
Subjekt erfahrbar.
Dekonstruktion und Rekombination – Der Künstlerkörper … 133

5 Der sexualisierte Körper: Charles Ray

Ausgangsmaterial für die lebensgroße Plastik „Male Mannequin“ (1990) des


amerikanischen Künstlers Charles Ray (geboren 1953 in Chicago) ist eine
unbekleidete und handelsübliche männliche Schaufensterpuppe6. Die heraus-
stechende Eigenschaft derartiger, serienmäßig gefertigter Figuren ist ihre dem
jeweiligen Zeitgeschmack angepasste, massentaugliche Kompatibilität. Dieser
industriellen Standardisierung des Körperlichen begegnet der Künstler mit offen-
siver Individualität. Er versieht den makellosen und kategorisch ohne sexuelle
Attribute ausgestatteten Puppenkörper mit einer Applikation aus weichem Sili-
kon: der täuschend echten Nachbildung seines eigenen Genitals, inklusive dich-
ten Haarwuchses. Mit dieser synthetischen, aber doch echt aussehenden Attrappe
verdoppelt und verstärkt Ray das Hyperreale der Figur einerseits und fördert zum
anderen augenfällig deren seltsam anmutende Künstlichkeit zutage. Zwar bedient
sich Charles Ray mithilfe der Puppe bestimmter männlicher Rollenmuster, um
diese im selben Moment aber ironisierend zu unterwandern. Die Selbstentblö-
ßung im Genitalportrait ist bewusst als Überschreitung und Provokation angelegt.
Der Künstler begegnet damit den Verallgemeinerungen einer auf materiellen und
quantifizierbaren Werten basierenden Gesellschaft mit dem Intimsten und Persön-
lichsten, das ein Mensch zum Einsatz bringen kann: dem eigenen Geschlecht.
Mit Male Mannequin klagt Ray die Rückgewinnung von individuellem Ter-
rain innerhalb der Konsumgesellschaft ein, nach seiner Meinung gründet der
persönliche Raum gerade in der Verschiedenheit: „The initial self portrait male
mannequin, you could say, is reclaiming consumer space, erotically, through its
physicality, its clumsiness.“7
Auch in Charles Rays mehrfiguriger Plastik „Oh! Charley, Charley, Char-
ley…“ (1992) bedient sich der Künstler der provokativen Wirkung von Sexualität
bzw. Pornografie als Instrument postmoderner Grenzüberschreitung.
Für diese dreidimensionale Figurengruppe wurden acht lebensgroße und
bis ins Detail realistisch nachgeformte Kopien aus Fieberglas vom nackten
Künstlerkörper angefertigt. In jeweils sitzender, stehender und liegender Posi-
tion arrangiert Charles Ray diese Aliaskreaturen beschäftigt beim Sex mit
sich selbst. Diese Selbstbefriedigungsszene wird von ihm als ultimative „Ein
Mann- Orgie“ (Tomkins 2015, S. 60) angelegt, bleibt aber tatsächlich ein Akt

6Abbildungen Online https://www.charlesraysculpture.com. Zugegriffen: 24. Januar 2017.


7http://afmuseet.no/en/nettkataloger/katalog-good-morning-america/artikler/intervju--

charles-ray Zugegriffen: 3. März 2017.


134 U. Reinert

ohne erkennbare E ­ kstase. Wohl legt der stoische Gesichtsausdruck der Figu-
ren ein pflichtschuldiges Abmühen in der Sache nahe, doch es ist eine mecha-
nisierte Form der Sexualität ohne Lustgewinn. Der autoerotische und egomane
Liebesakt wird motorisch vollzogen, der Protagonist erfährt keine kathartische
Erlösung, das Subjekt agiert im closed cicuit, gefangen in der Endlosschleife.
Das selbstreferenzielle Moment dieser Figurengruppe wird zum Spiegel eines
postmodernen Lebensgefühls und dient als Verweis auf die zunehmende Verein-
samung des Individuums in einer narzisstischen und ichsüchtigen Gesellschaft.

6 Resümee

Betrachtet man die Kunst der 1990er Jahre, so erweisen sich heute etliche
Aspekte der damaligen Zeit als vorausschauend und absolut zeitgemäß. Im
zweiten Jahrzehnt nach der Jahrtausendwende wird unsere Welt mehr denn je
durch die Folgeerscheinungen der globalisierten Wirtschaft und der Digitalisie-
rung bestimmt. Künstlerinnen und Künstler wie Orlan, Sherman, Ray oder auch
Stelarc reflektieren in ihrem Werk bereits früh damit einhergehende Themen-
felder wie Diversität, Individualität und den zunehmenden Körperkult. Deren
künstlerische Arbeit erweist sich als Teil einer postmodernen Suchbewegung
hinsichtlich Fragestellungen zur eigenen Standortbestimmung wie auch zur
geschlechtlichen Identität. Auffallend häufig dient dabei der Künstlerkörper selbst
als Material und Ressource. Hier gereicht der menschliche Leib offenbar zum
naheliegenden und verfügbaren Referenzsystem des Realen angesichts einer digi-
talen und zunehmend künstlich generierbaren Lebenswelt.

Literatur

Deitch, J. (Hrsg.). (1992). Post human. Amsterdam: Idea Books.


Ellis, B. A. (1991). American psycho. Köln: Kiepenheuer & Witsch.
Foucault, M. (1994). Überwachen und Strafen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Jencks, C. (1977). The language of postmodern architecture. New York: Rizzoli.
Jencks, C. (1990). Was ist Postmoderne? München: Artemis.
Kroker, A. (1996). Der digitale Körper – Digital Flesh. Bern: Benteli.
Liebsch, K. (2010). Identität und Habitus. In H. Korte & B. Schäfers (Hrsg.), Einführung in
Hauptbegriffe der Soziologie (S. 69–87). Wiesbaden: VS Verlag.
Lyotard, J.-F. (1992). Eine post-moderne Fabel über die Postmoderne oder: In der M
­ egalopolis.
In W. Robert & H. U. Gumbrecht (Hrsg.), Postmoderne – Globale Differenz (S. 291–304).
Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Dekonstruktion und Rekombination – Der Künstlerkörper … 135

Meister, M. (2013). Es gibt keine Schönheit – Orlan im Interview. Spiegel Wissen, 2013(3),
79–81.
Stelarc. (1997). Parasitische Visionen. In C. Schöpf & G. Stocker (Hrsg.), Flesh factor.
Informationsmaschine Mensch (S. 148–157). Linz: Ars Electronica.
Tomkins, C. (11. Mai 2015). Meaning machines – The sculpture of Charles Ray. The New
Yorker, 54–63.
Virilio, P. (1994). Die Eroberung des Körpers. München: Hanser.
Von der Askese bis zum
Orgasmuszwang. Religiöse Erbstücke
im postmodernen Körper

Hans-Joachim Sander

Zusammenfassung
Die Körperdiskurse der Gegenwart haben eine lange Vorlaufzeit, in der sich
auch christliche Traditionen finden. Vor allem die Askese aus der Spätantike
spielt eine wichtige Rolle, weil sie einen speziellen, aber auch besonderen Nach-
druck auf die Lust mit dem Körper legt. Die Disziplinierung der Lust führt zu
ihrer Steigerung. Diese Körpererfahrung wird mit gesellschaftlichem Aufstieg
verbunden, was sich durch die Jahrhunderte erhält und sich besonders in der
Nachmoderne der Gegenwart niederschlägt. Das erzeugt sowohl den Geständ-
nis- wie den Orgasmuszwang, denen Menschen heute nicht ausweichen können.

Schlüsselwörter
Askese · Aufstieg · Orgasmuszwang · Geständnis

Der heutige US-Präsident Donald Trump hatte während des Wahlkampfes das
Publikum wissen lassen, wie groß sein erigierter Penis vorzustellen sei. Er befand
sich damals noch in der Phase, die Republikanische Partei zu kapern, und musste
sich Anwürfen erwehren, in Sachen Frauen bloß zu prahlen. Immerhin war der
Mann damals bereits fast siebzig und langjährig verheiratet. Das wollte Donald
Trump in einer Kandidatendebatte im März 2016 nicht auf sich sitzen lassen,
schließlich kandidierte er als Mann, der in jeder Hinsicht von unbestreitbaren
Qualitäten sei.

H.-J. Sander (*) 
Universität Salzburg, Salzburg, Österreich
E-Mail: Hans-Joachim.SANDER@sbg.ac.at

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019 137
M. Dimitriou und S. Ring-Dimitriou (Hrsg.), Der Körper in der Postmoderne,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-22282-6_9
138 H.-J. Sander

Das Beispiel ist natürlich mehr als schräg, aber an Trumps unverschämten Ein-
lassungen zeigt sich, dass Sexualität leider nichts Persönliches ist. Sie ist etwas
Öffentliches. Sie taugt nicht für Offenbarungen, wohl aber für Enthüllungen. Sie
erreicht uns von außen, nicht von innen. Öffentliche Enthüllungen, die von außen
kommen und nicht im eigenen Inneren ansetzen, gehören in die kulturellen Prak-
tiken der Postmoderne. Sie sind aufklärend und abklärend zugleich, also zugleich
modern und eine Distanzierung von Moderne. Zu diesem Moment, Größen zu ver-
binden, die unpassend zueinander sind, gehört der peinliche Wahlkampfschlager
von Donald Trump. Der damals noch künftige Präsident hatte begriffen, dass sich
an so etwas Macht entscheiden kann. Man versteht das besser, wenn man sich das
Gegenteil vor Augen hält. Was wäre wohl passiert, wenn damals einer seiner Geg-
ner hätte sagen können: „Der Trump ist doch ein Eunuch!“ Seine Wahlchancen
wären gegen Null gegangen. Eunuchen sind heutzutage nicht wählbar.

1 Die Not mit Relativierungen – ein


Menschheitsthema heute

Sexualität ist eine öffentliche Ressource und darum ist der Körper auch eine
derart öffentliche Angelegenheit. Der Körper ist nichts Privates mehr. Er gehört
nicht uns, sondern ist unsere primäre Performance in der Öffentlichkeit. Das geht
offenbar bis in die privatesten Orte hinein. Warum ist das so? Ich vermute, weil
Sexualität mit etwas zu verbinden ist, was Menschen in diesen Zeiten heimsucht:
Relativierung. Die Erfahrungen vor allem des Körpers in der globalisierten Zivi-
lisation sind relativierend. Wir erfahren ständig etwas, was uns über den Kopf
zu wachsen drohen; das geht über den Körper weit hinaus, aber er ist dafür sehr
signifikant. Der Körper ist schließlich der erste und unmittelbare Ort, an dem wir
solche Relativierungen erfahren. Schließlich gehen wir irgendwann mit ihm auch
unter. Deshalb kommt Sexualität nicht über die innere Person, sondern über die
äußere Öffentlichkeit an einen Menschen heran. Wer von ihr etwas wissen will,
muss sich in Relativierungen begeben, weil sie dort stattfindet. Ohne positive Ein-
stellung zur Relativierung kann man mit Sexualität nicht hinreichend adäquat
hantieren. Wer sich nicht relativieren lässt, kommt mit der Sexualität nicht
zurecht. Wer sich aber relativieren lässt, kann sie nutzen.
Es sind vor allem zwei Zeichen der Zeit, die das belegen: der Geständnis-
zwang von Sexualität für den privaten Gebrauch und den Orgasmuszwang für
ihren gesellschaftlichen Gebrauch. Mit beiden Relativierungen muss ich mich als
Theologe befassen; denn Orgasmus- und Geständniszwang sind christliche Erb-
stücke. Das ist alles andere als selbsterklärend.
Von der Askese bis zum Orgasmuszwang. Religiöse Erbstücke … 139

Relativität ist ja eine Eigenschaft von Raum und Zeit. Sexualität hilft uns
natürlich nicht physikalisch mit der Zeit; wir bewegen uns nicht schneller
dadurch. Aber Sexualität hilft uns gesellschaftlich und existenziell, mit der
Relativität von Zeit und Raum zu Recht zu kommen. Sexualität findet in einer
kreativen Weise statt, und das prägt Erinnerung und Zukunftsprojekte. Das erste
versteht sich von selbst. Auf das zweite haben sich die Kirche und die Christinnen
und Christen seit der Spätantike eingelassen, aber es ist recht komplex.
Auf zwei Arten lässt sich Zukunft mit Sexualität gestalten. Die erste Art ist
gesellschaftlicher Art und bedeutet, Kinder zu zeugen, also Nachkommenschaft
zu sichern. Kinder sind ein gesellschaftliches Projekt und in der Moderne sind sie
sogar ein staatliches Projekt. Es gibt Bevölkerungspolitik und sie wird von Wahl
zu Wahl ausgefeilter, weil sie von vielen für wichtig erachtet wird. Damit lässt
sich bis zu einem gewissen Grad auch die bedrängende existenzielle Relativität
bewältigen. Mit eigenen Kindern geht man in die nächste Generation, auch wenn
man sie selbst gar nicht erlebt oder nur sehr verkürzt erlebt. Wir schlagen zwar
nicht dem Tod ein Schnippchen, aber dem Verschwinden im Tod. Auf das hat sich
die neuzeitliche Kirche beschränkt, weshalb sich die traditionelle Sexualmoral
überwiegend über den Geschlechtsverkehr äußert, der zur Zeugung führt. Man
kann Sexualität natürlich für Nachkommenschaft nutzen, also über sich hinaus in
die Zukunft zu weisen.
Das ist aber eigentlich das große Thema des spätantiken Judentums und nicht
des Christentums (vgl. Farley 2015, S. 43–73 und Holzem 2008, S. 65–145).
Nach der Trennung zwischen Juden und Christen, über deren genauen Verlauf wir
immer noch zu wenig informiert sind und die erst im vierten Jahrhundert wirklich
abgeschlossen ist, ergibt sich folgendes Bild: Das Judentum setzt auf Familie, um
zu überleben. Das ist die beherrschende Position der rabbinischen, also ganz auf
die Synagoge ausgerichteten Religionsgemeinschaft. Familie ist hier bis heute
ganz elementar; die Mutter hat deshalb im Judentum auch diese unendlich wich-
tige, geradezu beherrschende Stellung. In den USA ist sie seit dem Zweiten Welt-
krieg geradezu eine „Metonymie von Gemeinschaft“ (Josh Lambert, vgl. Mothers
2017, S. 169–184). Juden und Jüdinnen nutzen Sexualität, um als Gottes Volk in
die Zukunft zu gehen. Das Judentum benötigt deshalb auch gar keine Mission,
Kinder im eigenen Familienverband reichen völlig (Greenspoon 2016, S. 3–110).
Diese Familienstrategie passte sehr gut in die antike Zivilisation. Im römi-
schen Imperium war es ganz wichtig, dass die Männer zeugungsfähig waren.
Das Imperium benötigte Kinder und nur virile Männer galten als echte Männer.
Darum war Homosexualität unter Männern mehr als verpönt und Kinderlosig-
keit so sehr ein Sakrileg, dass es jeder verstand, wenn man sich deshalb schei-
den ließ. Der Familienverband im wirtschaftliche-politischen Sinn war staatlich
140 H.-J. Sander

sehr wichtig und der pater familias an seiner Spitze so etwas wie das Rollen-
vorbild der Augusteischen Restauration des Imperiums. Da ging es nicht um leib-
liche Kinder, sondern um rechtliche Kinder. Adoptionen und Verweigerung der
Anerkennung einer Vaterschaft waren darum völlig normale Verhaltensweisen. Es
ging um die Familia, nicht um die leibliche Nachkommenschaft (Marquardt 2015,
S. 1–194; Bettini 1992; Dixon 2004).
Kinder waren dagegen in dieser Zeit nicht der bestimmende christliche Weg,
weder solche aus sexuell gelebtem Familienideal noch aus Adoptionen. Das
klingt komisch, ist doch die Kirche heute so sehr auf Familie aus. Aber das hat
sich erst im Verlauf der Neuzeit entwickelt, was viel mit der Konfessionalisie-
rung nach der Reformation zu tun hat. Mit dem ursprünglichen christlichen Glau-
ben hat das aber wenig zu tun. Der eigentliche ursprünglich christliche Weg war
anders als Nachkommenschaft zu zeugen. Er war das Martyrium. Das war die
Missionsstrategie der alten Kirche, um zu überleben (Baumeister 2009; Rodrí-
guez 2017, bes. S. 83–123; Christian martyrdom 2017; Cobb 2017). Kinder
waren dagegen bestenfalls nebensächlich, eigentlich sogar hinderlich. Die Chris-
ten setzten nicht auf Nachkommenschaft wie das Judentum, sondern auf Mission,
also Erwachsenenbekehrung. ChristInnen müssen also andere überzeugen, eigene
Kinder reichen nicht aus.

2 Relativierung durch Sexualität – die Erotik der


Askese

Seit dem 4. Jahrhundert gilt darum Jungfräulichkeit unter Christen allem ande-
ren Gebrauch von Sexualität überlegen (vgl. Burgsmüller 2005). Selbst ein ver-
heirateter Autor und Vater wie Gregor von Nyssa vertritt diese Position. Dieser
Diskurs ist die Grundlage für Keuschheitsgelübde und Zölibatstradition in
Mönchtum und Priesteramt und befeuert die Marienverehrung zu einem tragen-
den Pfeiler christlicher Spiritualität weit über die Antike hinaus (Vogels 2013;
Warner 2013). Das andere christliche Projekt zur Sexualität ist existenzieller Art.
Auch bei ihm geht es darum, mit Sexualität der Relativierung durch Zeit und
Raum etwas entgegen zu setzen. Dieses Projekt bedeutet Lust, also orgiastische
Erfahrungen, mit anderen Worten: Erlebnisse, mit denen man buchstäblich aus
der Zeit herausfällt und ihren Ablauf wenigstens für den Moment überschreitet,
in dem sich Erfüllung körperlich einstellt. Das geht zwar auch mit anderen Grö-
ßen als mit Sexualität, etwa mit wissenschaftlichen Entdeckungen, die man als
Sternstunden des eigenen Lebens erfährt. Aber es geht eben am einfachsten mit
Sexualität. Der Grund liegt im Körper; wir fahren mit der Sexualität den Körper
Von der Askese bis zum Orgasmuszwang. Religiöse Erbstücke … 141

so richtig hoch, wenn er in Lust gerät und uns außer uns geraten lässt. Das Pro-
jekt ist der Orgasmus – in ihm überschreiten wir die Zerrissenheit der Gegenwart
auf eine Kontinuität von Erfahrung hin, die nicht relativ ist. Das lässt sich körper-
lich und kulturell vielfach ausbauen. Wir nennen das dann Erotik.
Nach George Bataille ist Erotik der Tanz des Lebens mit dem Tod. „De l’ér-
otisme, il est possible de dire qu’il est l’approbation de la vie jusque dans la mort.
A proprement parler, ce n’est pas une définition, mais je pense que cette formule
donne le sens de l’érotisme mieux qu’une autre“ (Bataille 1957, S. 17). Wir sprin-
gen aus der Zeit heraus wie im Tod – aber sind dennoch am Leben und zwar am
kontinuierlichen Leben. Im Französischen heißt der Orgasmus entsprechend
auch ‚der kleine Tod‘. Und manche suchen in der buchstäblichen Nähe zum Tod
die Steigerung der Lust. Lust verheißt Ewigkeit und in den Momenten der Lust
erhaschen wir sie sogar. Das ist keine Illusion, sondern Relativierung des eige-
nen Selbst, des eigenen Körpers, der eigenen Intimität in einer überaus kreativen
Form. Erotik überschreitet jede Relativierung, wenn sie wie am Rand des Ereig-
nishorizonts zu einem schwarzen Loch mit dem Tod regelrecht ein galaktisches
Abenteuer tanzt. „L’érotisme a, d’une matière fondamentale, le sens de la mort.
Celui que saisit un instant la valeur de l’érotisme aperçoit vite que cette valeur est
celle de la mort. C’est une valeur peut-être, mais la solitude l’étouffe“ (Bataille
1957, S. 289).
Erotik entsteht also nicht durch die erotische Praxis; das ist bloß sexuelles Ver-
gnügen. Erotik tanzt mit dem Tod und daraus entsteht Lebenselixier pur. Dieser
Tanz kann eben aus der totalen Verweigerung der erotischen Praxis bestehen, er
muss sich lediglich der Überschreitung in den Tod annähern. Daher bekamen
die spätantiken Christen und Christinnen die Lust am Leben aus einem anderen
Modus als dem Geschlechtsverkehr. Schließlich lässt sich gerade Lust erreichen,
wenn man auf sie verzichtet. Diese Lust gibt es neben der positiven Form –Orgas-
mus – auch in negativer Form – Askese. Der Verzicht auf die körperlichen Lüste,
also das sexuelle Diätprogramm, ist äußerst lustvoll, wenn es mit dem Tod tanzt.
Askese ist daher auch ganz und gar nicht antikörperlich, sondern sogar eine
sehr gesteigerte Form von Biomacht, also von Ermächtigung durch körperliche
Disziplinierung. Sie ist ebenso voller kreativer Lebensenergie wie der positive
Gebrauch.
Sie lässt sich zugleich ausgesprochen körperlich vollziehen. Das ist die Jung-
fräulichkeit. Das hat nichts mit der Lebensphase vor der Pubertät zu tun, also
der kindlichen Unberührtheit. Wenn man das identifiziert, dann folgt man einer
fürchterlichen pädophilen Verirrung, Gewalt für Liebe zu halten. Askese ist viel-
mehr pure Lebenslust im Modus des Verzichts. Askese ist für Christen und –
sehr wichtig! – auch für Christinnen der Spätantike Martyrium, also die höchste
142 H.-J. Sander

Form des Glaubens, die man sich denken kann. Es bedeutet Christusnachfolge
pur. Sie wird im Verlauf des vierten Jahrhunderts zu der Glaubensform schlecht-
hin. Asketen gehen in Scharen in die Wüste, Ehepaare verzichten ganz auf Sex,
junge Frauen lassen sich nicht mehr verheiraten. Kinder zu gebären galt für sie
als schwacher Glauben. Sie nähern sich Christus dabei so sehr an, dass sie sei-
nen Sieg über die verhasste dekadente Welt des spätantiken Imperiums körperlich
herbeilitten. „Durch den Verzicht auf alle sexuelle Aktivität konnte der mensch-
liche Körper am Sieg Christi teilhaben: Er konnte das Unerbittliche abwenden.
[…] War die Ehe zu Ende gegangen, so würde das gewaltige Gewebe der orga-
nisierten Gesellschaft wie eine Sandburg zusammenfallen, weggespült von der
‚Meeresflut des Messias‘“ (Brown 1994, S. 46).
In der Spätantike galt es deshalb als Zeichen von schwachem Glauben, Kin-
der zu bekommen. Wer verheiratet war und Kinder bekam, war gefährdet, dem
Martyrium auszuweichen und stellte zudem dem verhassten Imperium auch noch
Menschen zur Verfügung. Wer Kinder wollte, zeugte, gebar, belegte lediglich,
dass sie oder er einen schwachen Glauben hatte, sogar einen ganz schwachen.

„So unterschob beispielsweise eine ebenfalls in Syrien Anfang des dritten Jahr-
hunderts entstandene Erzählung der Taten des Apostels Thomas Jesus selbst eine
radikale Kritik von Ehe, Sexualität und Familie: ‚Erkennt, daß, wenn ihr euch von
diesem schmutzigen Verkehr befreit, ihr heilige Tempel (…) werdet.‘ Vor Kindern
warnte der unbekannte Autor: Sie seien meistens von bösen Geistern besessen,
‚mondsüchtig oder halb dürr oder gebrechlich oder taub oder gelähmt oder sprach-
los oder dumm‘. Und gesunde Kinder begingen Ehebruch, Mord oder Diebstahl und
betrübten dadurch ihre Eltern. Den Unverheirateten riet der Autor, so zu bleiben;
den Verheirateten, sich dem Ehepartner zu verweigern, etwa nach folgendem Mus-
ter: ‚Sie aber schrie: ‚Hinfort hast du keinen Platz bei mir, denn mein Herr Jesus, der
mit mir ist und in mir ruht, ist besser als du (Markschies 2012, S. 162)“.

Dabei kommt es zu einer eigenartigen Form von Entdeckung, die geradezu eine
christliche Zivilisationsleistung für das Abendland ist. Entdeckt wird die weib-
liche Lust, also auch Frauen einen Orgasmus haben. Denn in der damals herr-
schenden hellenistischen Kultur hatten nur Männer Lust und auch nur Männer
hatten Lust zu haben. Die Lust gehörte dem römischen Mann, die Frau war nur
Objekt für seine Lust. Und im Fall von Homosexualität hatte nur der penetrie-
rende erwachsene Mann Lust, der penetrierte Jüngling war in der Rolle der Frau
und bestenfalls pädagogisch weiter zu bringen. Wenn jemandem wie Caesar
nachgesagt wurde, als Jungpolitiker mit dem hellenistischen Herrscher Bithy-
niens, Nikodemus IV., ein homosexuelles Verhältnis gehabt zu haben, dann scha-
dete ihm das politisch.
Von der Askese bis zum Orgasmuszwang. Religiöse Erbstücke … 143

Diesem herrschenden Patriarchalismus verweigern sich die Jungfrauen, die


allein Christus gehören wollen. Für die Christinnen galt deshalb wie für die
Christen, dass auch sie im Modus vom Martyrium Christus nachfolgen können
und ihn damit als Frauen selbst und eigenständig repräsentieren können. Das ist
die Askese, das sog. weiße Martyrium. Sie war dann angesagt, wenn es das rote
Martyrium gerade nicht gab, also die Römer einfach nicht verfolgten und die
Arena nicht zum Glauben angeboten wurde. Das waren die eigentlich schweren
Zeiten für die Kirche und eben nicht die Verfolgungszeiten; dann fehlte die Lust
auf Glauben, die sie groß gemacht hat.
Die alte Kirche behalf sich damit, dass auch der Verzicht auf die Lüste
Schmerzen bereitete, die für den Glauben auf sich genommen wurden. Und wenn
das auch Frauen zugänglich sein sollte, wie die Märtyrerinnen belegten, dann
mussten die Frauen Lust haben können. Auf eine Lust zu verzichten, die Frauen
nicht haben könnten, das wäre keine wahre Askese. Lustloser Verzicht wäre
keine vor Gott angesagte Jungfräulichkeit. Nicht nur Männern, auch Frauen muss
daher Lust offenstehen, um auf sie verzichten zu können. Diese Lust am Verzicht
geschieht nicht aus Lust, sondern wegen des Aufstiegs, den der Verzicht verheißt.

„Insbesondere die Enthaltsamkeit erweckte Assoziationen von elementarer Einfach-


heit. Sexueller Verzicht war eine carrière ouverte aux talents. Als Christen konnten
sich Frauen und Ungebildete durch sexuelle Abstinenz einen Namen machen und
auf diese Weise ebenso berühmt werden wie jeder gebildete Mann. Totale Keusch-
heit war eine Geste, die das seidene Gewebe der Schicklichkeit durchschnitt, das
den öffentlichen Mann einhüllte: Hier gab es eine ‚philosophische‘ Zurückhaltung
von drastischster Art, die jetzt allen offenstand“ (Brown 1994, S. 76).

Die Form von Jungfräulichkeit, die Leiden erfährt, weil sie Lust negieren muss,
sprengt die Grenzen der patriarchalen hellenistischen Zivilisation, weil sie den eige-
nen Körper äußerst erotisch erfährt. Sie macht souverän und gerade nicht abhängig
vom Lustgebrauch durch andere. Das führt zu den Wüstenvätern, die ständig die
Dämonen der Lust niederringen, aber sie führt auch den Märtyrerinnen wie Thekla
und anderen, die mit äußerster narrativer Unabhängigkeit der Ehe und den Männern
entsagen. Später am Ende der Spätantike führt das direkt in die christliche Kultur
der Mönche und Nonnen. Ein lustloses Kloster ist daher das schlimmste, was Mön-
chen und Nonnen passieren kann. An einem solchen Ort lässt sich keine Keuschheit
leben, also den Körper mit Lustverzicht kultivieren. Die Spiritualität der Jungfräu-
lichkeit bedeutet eine Steigerung der Lust im negativen Gebrauch.
Daran wiederum entwickelt sich eine weitere Lust. Die Asketen und Asketin-
nen wollen primär und über allem anderen aufsteigen. Der asketische Gebrauch
des Körpers bedeutet eine Sexualität des Aufstiegs. Es ist erregend, über alle
144 H.-J. Sander

anderen hinweg hinaufzusteigen. Das ist die große Erfindung der antiken Chris-
ten und Christinnen. Ihre Erfindung ist bis heute in der Zivilisation bestimmend.
Wir nutzen Sexualität, um nach oben zu kommen; sie ist immer gut genug, um
nicht noch mehr abzusteigen, als man es wirtschaftlich, kulturell oder politisch
bereits hinnehmen muss. Wenigstens in Sachen Sex lässt sich dann zeigen, dass
man mehr zu bieten hat als das, was eine(n) nach unten zieht. Sexualität ist bis
heute ein Gebrauch des Körpers, um gesellschaftlich aufzusteigen. Das ist die
Grammatik der herrschenden Biopolitik. Die Logiken dieses Gebrauchs können
historisch wechseln, aber die Grammatik bleibt strukturell über die Zeiten hin-
weg gleich.
Lustvolle Askese hat jedoch eine markante Konsequenz, die sich bis heute
auf breiter Front auswirkt. Dieser negative Gebrauch körperlicher Lüste ver-
langt nach einer Erfahrung der Askese, die sich nicht im privaten Gebrauch
erschöpfen kann. Er verlangt nach einem Bekenntnis des Glaubens, das im
Modus des Geständnisses vollzogen wird – also im Modus einer Wahrheit, in
der das betroffene Subjekt Zeugnis von den Defiziten ablegt, die es noch vom
wahren Martyrium trennen. Vor allem das lateinische Christentum nutzt diesen
Zusammenhang und gibt ihm wie ein Gen an die europäisch-westliche Zivilisa-
tion weiter. Es ist kein Zufall, dass das lateinische confessio sowohl Bekennt-
nis wie Geständnis bedeutet. Seit den Confessiones des Augustus wird diese
Doppelung weidlich nutzt. Es ist das öffentliche Bekenntnis zu eigenen Ver-
fehlungen.
Augustinus bekennt in den Confessiones seine Sünden, die insbesondere im
körperlichen Gebrauch von Lüsten vollzogen werden. Das führt ihn zum körper-
lichen Erfahren Gottes – er sei ihm „innerer als mein Innerstes und höher noch
als mein Höchstes – interior intimo meo et superior summo meo.“ (Augustinus,
Confessiones 3,6.11 – Augustinus 1980, S. 114 f.) Das ist keine verquere Lust an
der eigenen Sünde, also Masochismus, sondern Sehnsucht nach Erlösung aus der
concupiscentia, der Gier. In dieser Begierde ist der Gebrauch der Lust immer nur
positiv möglich.
Verquer ist dann seine Theorie, dass eine Erbsünde mit dem Geschlechtsakt
weitergegeben wird, weil das aus dem öffentlichen Gebrauch der Askese eine pri-
vate Misanthropie des eigenen Körpers macht. Verquer ist auch die Begierde auf
den Verzicht, also die Sucht nach dem Verzicht; denn auch hier wird Lust nicht
negativ, sondern bloß positiv gebraucht. Askese ist dagegen eine öffentliche Dis-
ziplinierung des Körpers und diese verlangt nach Geständnis. Das Geständnis
ist aber eine Lust an der Last, die höchst positiv relativierend ist. Sie entmytho-
logisiert Sexualität.
Von der Askese bis zum Orgasmuszwang. Religiöse Erbstücke … 145

3 Relativierung sexueller Mythen – Geständnis-


und Orgasmuszwang

Sexualität ist seit der Spätantike mit dem Willen verbunden, die Wahrheit wissen
zu wollen. Das ist nicht irgendwie ‚die Wahrheit‘ im metaphysischen oder reli-
giösen Sinn. Darauf lässt sich dieses Wissen nicht einschränken. Es breitet sich
bis auf den heutigen Tag immer weiter aus, weil es eine Ermächtigungsressource
darstellt, die für alle möglichen Zugriffsweisen auf Subjektivierungen genutzt
werden kann. In der Gegenwart reicht dieser Wille zur Wahrheit in die intims-
ten Bereiche des menschlichen Subjektes hinein, wo man jemandem „inner-
licher wird als sie/es sich selbst innerlich sein kann“. Wir folgen deshalb einem
Geständniszwang, der sich Sexualität greift und auf andere Lebensrealitäten über-
springt.
Michel Foucault hat ihn entdeckt und zu analysieren versucht: „Die Wirkun-
gen des Geständnisses sind breit gestreut: in der Justiz, in der Medizin, in der
Pädagogik, in den Familien – wie in den Liebesbeziehungen, im Alltagsleben wie
in den feierlichen Riten gesteht man seine Verbrechen, gesteht man seine Sünden,
gesteht man seine Gedanken und Begehren, gesteht man seine Vergangenheit und
Träume, gesteht man seine Kindheit, gesteht man seine Krankheiten und Leiden
[…] Im Abendland ist der Mensch ein Geständnistier geworden.“ (Foucault 1998,
S. 76 f.). Ständig müssen Menschen über Sexualität reden und sich Orte für diese
Disziplinierung schaffen.
Der Beichtstuhl in der katholischen Kirche ist ein klassischer Ort dafür
gewesen (Anuth und Odenthal 2014). Hier wird Sexualität in Wissen trans-
formiert, das wiederum mit Taktiken und Regimes von Disziplin verbunden wer-
den kann, die historisch ansetzen. Ein solcher Ort des Geständnisses zeigt, dass
Sexualität keine Invariante ist, deren Unterdrückungsmechanismen lediglich im
Lauf der Zeit wechseln. Vielmehr ist sie historisch diskursiviert und verbindet
drei Stränge von Selbstverhältnissen miteinander: „die Ausbildung der Wissens-
arten, die sich auf sie beziehen; die Machtsysteme, die ihre Praxis regeln, und
die Formen, in denen die Individuen sich als Subjekte dieser Sexualität erkennen
können und müssen.“ (Foucault 1994, S. 660) Gegenwärtige Formen dessen
sind die Talkshow, das Talkradio, die Enthüllungspressekonferenz (Bauer 2008;
Bublitz 2014; Grobe 2017). Seitdem die Psychoanalyse, die Talkshow, der Porno-
kanal im Kabelfernsehen, die Clips für streaming-Nutzer und – Donald Trump
sei Dank – nun auch endlich der Wahlkampf zur Verfügung stehen, um sexuelle
Problemlagen und Begierden zu besprechen, bespielen, bestreiten, ist der Beicht-
stuhl kulturell nicht mehr so wichtig. Im katholischen Milieu früherer Zeiten
146 H.-J. Sander

konnten alle, und insbesondere Frauen etwas gefahrlos aussprechen, was sie sonst
nie zu sagen gewagt hätten, weil es enorme soziale Konsequenzen gehabt hätte.
Keine Scham verlangte hier Verschweigen.
Beichtstühle sind wesentlich kultivierter als jeder Stammtisch; es geht nicht
um Prahlen, sondern um Formen der Subjektivierung, denen nicht auszuweichen
ist. Ihre gesellschaftliche Funktion ist nicht so anders gewesen wie die der eroti-
schen Hochliteratur, was natürlich nicht der ursprünglichen kirchlichen Absicht
hinter dem Beichtstuhl entspricht, einem Sakrament einen geschützten Raum zu
geben. Gleichwohl konnte hier etwas explizit werden, was sonst unter keinen
Umständen zu sagen gewesen wäre. Man muss sich daher auch nicht wundern,
dass die Beichte wie jene Literatur zurückgegangen sind. Das hat nichts mit feh-
lendem Sündenbewusstsein oder fehlendem Publikum zu tun. Es gibt einfach ein
so breites Angebot an Möglichkeiten für das Geständnis, dass man sich zu diesen
heimlich-verschämten Praktiken nicht mehr aufschwingen muss. Sie ist längst aus
dem religiösen Bereich in die weite Welt säkularer Möglichkeiten ausgewandert
(vgl. Taylor 2009). Man muss sich gar nicht mehr anstrengen und heilige Scham-
grenzen überwinden; es genügt, Massenkultur zu konsumieren. Sie geht einher
mit einer kulturellen Diversifizierung, die keinen Distinktionsgewinn durch eli-
täre Kultur mehr ermöglicht. Es geht heute nichts über ein öffentliches Geständ-
nis vom sexuellen Gebrauch des Körpers. Das schaut nach Lust pur aus, die
äußerst massentauglich ist.
Aufgrund des Geständniszwanges ist Sexualität ein öffentliches Gut, kein inti-
mer Gebrauch des Körpers. Man sieht es daran, dass wir von jemandem, sobald
die Person prominent geworden ist, wissen wollen, mit wem er oder sie was hat,
und Personen unserer näheren Umgebung fortlaufend darauf screenen, ob sie was
mit der oder dem haben. Hier ist das vereinnahmende ‚wir‘ angebracht; niemand
entgeht dieser Kontaktzone. Ein Beispiel: Anfang 2016 ist der öffentliche Intel-
lektuelle Roger Willemsen gestorben. Er war ein Junggeselle und wusste um die
Stichworte, die am meisten mit seinem Namen in den Suchmaschinen verbunden
wurden: verheiratet, schwul, Partner, Partnerin, bisexuell. Man will wissen, mit
wem jemand Sexualität gebraucht, sobald die Person sich uns öffentlich auf-
drängt. Und man will es selbst von körperlich sehr wenig attraktiven Politikern
oder Wirtschaftskapitänen wissen, nicht nur von Schauspielerinnen und Schau-
spieler, Super-Dupa-Sängerinnen und Sänger oder wem sonst attraktiven Men-
schen. Das ist der Geständniszwang, der Menschen mittlerweile dazu bringt, bis
ins hohe Alter attraktive Körper vorzuhalten. Das hat uns im Griff, ob wir nun
wollen oder nicht. Menschen taxieren einen Menschen sofort auf den Körper hin.
Unser Leben unterliegt biopolitischen Strategien (Lemke 2016). Daraus folgt,
dass Menschen mit Sexualität gerade nicht erreichen können, was die sexuelle
Von der Askese bis zum Orgasmuszwang. Religiöse Erbstücke … 147

Revolution früher einmal verheißen hat: gesellschaftliche Befreiung. Sie wech-


selte mit ihrem Befreiungsutopia nur das Geständnisregime von altbackener
Kirche und traditioneller Familie hin zum lifestyle und Fitness-Kult. Aber
Celebrity-Sehnsüchte und Castingshows sind auch nicht viel besser als die alten
Taktiken, Geständnisse zu erreichen.
Und die eigene Existenz? Sie wird durch Sexualität in ein Regime verstrickt,
das Pierre Bourdieu in seinem Buch „Die feinen Unterschiede“ beschrieben hat.
Es ist der Strudel eines Lebensstils des Aufsteigens, der sich mit der Sexualität
messen bzw. genauer taxieren lässt. Wer aufsteigen will, gesellschaftlich auf-
steigen will, muss vor allen Dingen den Abstieg verhindern. Das ist das christ-
liche Gen im sog. Christlichen Abendland und es ist über die beherrschende
Wirtschaftsordnung auf diesem Planeten, den Kapitalismus, in die säkulare Welt
übergegangen.
In dieser säkularen Welt wird natürlich anders mit Sexualität und dem Kör-
per verfahren. Das ist aber nur die Logik. Sie betrifft die aktuellen Handlungen.
Die Grammatik, also die soziale Form, in der Körper und Sexualität zum Thema
werden, bleibt gleich. Es geht um Aufstieg. Und den besten Beleg dafür, dass man
nicht gerade dabei ist, abzusteigen, also ihre oder seine Chancen auf Aufstieg sich
erhalten hat, liefert Sexualität. So lange sie erfüllend ist, droht der Abstieg nicht.
Für das aufsteigende Kleinbürgertum, was sich aber auch auf andere Lebens-
stile ausdehnen lässt, hat Pierre Bourdieu einen Orgasmuszwang konstatiert. Der
Zwang zu erfüllter Sexualität erfasst alle, die gesellschaftlich aufsteigen wol-
len. Wer nach oben kommen will, aber keine erfüllte Sexualität vorweisen kann,
befürchtet ständig, abzusteigen – weshalb es eine private, individuelle Not mit der
Sexualität gibt. Für diese Not haben sich mittlerweile alle möglichen dating-Por-
tale entwickelt, die den Aufsteigerinnen und Aufsteigern wenigstens das Gefühl
geben, dass eine befriedigende Sexualität wenigstens in Computerreichweite ist.
Man schaue sich nur die Werbungen für Parship oder Elite-Partner an. Der Orgas-
muszwang der Aufsteiger(innen) ist der Stoff, auf dem ihre Liebesverheißungen
sind. Wer ihn nicht erfüllt, gehört nicht wirklich dazu und muss sich große Sorgen
machen, aus der ersehnten Avantgarde-Position herausgefallen zu sein.

„Die Moral der Pflicht, die sich auf den Gegensatz von Vergnügen und Gutem stützt,
Lust und Angenehmes generell unter Verdacht stellt, zur Angst vorm Genießen und
einer Beziehung zum Körper führt, die ganz aus ‚Scheu‘, ‚Scham‘ und ‚Zurück-
haltung‘ besteht und jede Befriedigung verbotener Impulse mit Schuldgefühlen
begleitet, stellt die neue ethische Avantgarde eine Moral der Pflicht zum Genuß
gegenüber, die dazu führt, daß jede Unfähigkeit sich zu ‚amüsieren‘, to have fun
oder, wie man heute mit leichten inneren Beben zu sagen liebt, ‚zu genießen‘, als
Misserfolg empfunden wird, der das Selbstwertgefühl bedroht, so daß aus G
­ ründen,
148 H.-J. Sander

die sich weniger ethisch als wissenschaftlich geben, Genuß nicht nur erlaubt, son-
dern geradezu vorgeschrieben ist. […] Wie ihr Einsatz des psychoanalytischen
Jargons zeigt, stellt die modernistische Moral eine psychologische Vulgata dar, die
unter dem Mantel der Analyse Moral predigt, und wie der Stellenwert bezeugt, den
sie Eriksons ‚Utopie der vollen Wechselseitigkeit im Orgasmus‘ zuweist, verwandelt
sie, dem alten positivistischen Traum folgend, eine scheinbar positiv gegebene Defi-
nition des Normalen in Normalitätszwang, begründen den Orgasmuszwang auf den
Ergebnissen einer angeblichen Sittenwissenschaft à la Kinsey und führt damit die
unerbittlich rationelle Buchführung des do ut des in das Gebiet des sexuellen Aus-
tauschs ein, aus dem die Mehrzahl der Gesellschaften eines der letzten Refugien des
kollektiven Verkennens macht“ (Bourdieu 1987, S. 576–578).

Dem Orgasmuszwang kann sich nur entziehen, wer gesellschaftlich absteigen


will – was so gut wie niemand in normalen Lebensverhältnissen will. Darum ist
die Sehnsucht nach erfüllter Beziehung, die sich sexuell ausdrückt, so markant
präsent. Man glaubt auch nur Menschen, denen man Orgasmen zutraut, einen
Aufstieg zu, weshalb alle, die irgendwie aufsteigen, also Karriere machen wollen,
gewählt werden wollen, deren Produkte gekauft werden wollen, schon körperlich
so aussehen müssen, dass man ihnen das zutraut. In der Regel ist das zwar bloß
Fassade, aber alle jenseits der Kindheit und diesseits der Senilität sind irgendwie
davon erfasst.

4 Und die Kirche?

An diesem Punkt offenbart sich eine Erklärung, warum die Kirche geradezu
machtlos im Verhältnis zum Gebrauch von Sexualität geworden ist. Sie kann
den Menschen, die ihre Mitgliedschaft in der Kirche halten, in aller Regel nicht
mehr als etwas anbieten, wodurch man aufsteigt. Das gilt aber nicht deshalb, weil
ihre Vorstellungen vormodern wären. Vielmehr hat die Kirche bisher keinen hin-
reichenden Zugang zu diesem doppelten Zwang gefunden, dem Menschen in der
Postmoderne unterliegen, eine erfüllte Sexualität gestehend vorweisen zu müssen
oder Abstiege hinzunehmen. Das gleiche lässt sich daher von der Kirche sagen:
Ihre Sexualmoral erfährt dadurch einen Abstieg, dass sie weder den Geständnis-
noch den Orgasmuszwang nicht hinreichend erfasst. Ihre Fokussierung auf Moral
ist von beidem schlichtweg unbedarft. Sie ist daher in dieser Hinsicht ganz der
Moderne verhaftet und will kohärentes, selbstentschiedenes Verhalten erzeugen.
Aber wie bei anderen gesellschaftlich neuralgischen Fragen auch, taugt Sexualität
nicht zur Selbstbestätigung, sondern nur zur Analyse von Disziplinarmechanis-
men, denen in der Postmoderne nicht auszuweichen ist. Die merkwürdige Gleich-
Von der Askese bis zum Orgasmuszwang. Religiöse Erbstücke … 149

zeitigkeit, dass es sowohl eine öffentliche Not mit der Sexualität für heutige
Menschen wie für die Kirche gibt, kommt daher nicht von ungefähr. Sie ist eine
Signatur der postmodernen Gegenwart.

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Rechtliche Grenzen im Umgang
mit dem menschlichen Körper.
Vom Folterverbot über die
Knabenbeschneidung zu Pornografie
und Datenschutz

Kurt Schmoller

Zusammenfassung
Die (straf-)rechtlichen Grenzen im Umgang mit dem menschlichen Körper
werden anhand heute aktueller Bereiche diskutiert, wie z. B. Rettungsfolter,
Zwangssterilisation, Knabenbeschneidung, Sterbehilfe, Organtransplantation,
sexuelle Belästigung, Pornografie, Bildnis- und Datenschutz. Als Tendenz
zeigt sich, dass dem Schutz des menschlichen Körpers in der Rechtsordnung
eine zunehmende Bedeutung beigemessen wird, gleichzeitig aber auch der
autonomen Entscheidung über den eigenen Körper eine höhere Bedeutung
zukommt als früher. Der Gedanke der Pietät i. S. einer Ehrfurcht vor dem
menschlichen Körper, wird hingegen i. d. R. nicht mehr als ausreichend
angesehen, um ein rechtliches Verbot zu begründen.

Schlüsselwörter
Bildnisschutz · Datenschutz · Euthanasie · Folter · Genitalbeschneidung · 
Kinderpornografie · Knabenbeschneidung · Mitwirkung am Selbstmord · 
Organtransplantation · „Po-grapschen“ · Pornografie · Rettungsfolter · 
Sexuelle Belästigung · Sterbehilfe · Sterilisation geistig Behinderter · 
Zwangssterilisation

K. Schmoller (*) 
Universität Salzburg, Salzburg, Österreich
E-Mail: Kurt.SCHMOLLER@sbg.ac.at

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019 151
M. Dimitriou und S. Ring-Dimitriou (Hrsg.), Der Körper in der Postmoderne,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-22282-6_10
152 K. Schmoller

1 Zur Themenstellung

Das vorgegebene – äußerst weite – Thema, nämlich die Rolle des menschlichen
Körpers im Recht bzw. in den Rechtswissenschaften, muss in diesem Rahmen
auf die zentrale rechtliche Frage beschränkt werden, welche Verhaltensweisen in
Bezug auf den menschlichen Körper verboten sind. Eine weitere Beschränkung
ergibt sich daraus, dass das Thema einem Strafrechtslehrer anvertraut wurde.
Denn der Umgang mit dem menschlichen Körper ist etwa auch im Zivil-, Arbeits-
oder Verwaltungsrecht geregelt. Allerdings sprechen tatsächlich gute Gründe
dafür, primär einen strafrechtlichen Fokus zu wählen. Denn gerade das Strafrecht
ist ein maßgeblicher Indikator für fundamentale Verhaltensregeln, also Regeln,
deren Verletzung das Zusammenleben in grober Weise stört. Nur gravierende
Rechtsverletzungen fallen in die Zuständigkeit der Strafgerichte.
Rechtliche Grenzen des Umgangs mit dem menschlichen Körper sind viel-
fältig. Ein zentraler Bereich betrifft Handlungen, die sich physisch gegen den
menschlichen Körper richten, bis hin zu einer Tötung, aber etwa auch einem
Missbrauch als Sexualobjekt. Angriffe gegen den menschlichen Körper können
zudem noch nach dem Tod erfolgen, etwa als Leichenschändung. Darüber hinaus
zählt zum Umgang mit dem menschlichen Körper dessen Abbildung. Fragen nach
den (straf-)rechtlichen Grenzen stellen sich insoweit etwa im Bereich der Porno-
grafie oder des heimlichen Fotografierens einer Person sowie beim Umgang mit
Daten über den menschlichen Körper.
Aus diesem umfassenden Rahmen werden im Folgenden acht ausgewählte
Bereiche angesprochen, die in der letzten Zeit Gegenstand juristischer, zum Teil
auch öffentlicher Diskussion waren. Die Darstellung ist dabei primär an der
österreichischen Rechtslage orientiert, bezieht aber auch rechtsvergleichende
Gesichtspunkte mit ein.

2 Entwicklungstendenzen

Versucht man vorweg anhand einer übergreifenden Betrachtung, eine Ent-


wicklungstendenz zu erkennen, lässt sich nur grob etwa Folgendes feststellen:
Zunächst zeigt sich, dass dem Schutz des menschlichen Körpers im Vergleich
zum Schutz anderer Rechtsgüter in den letzten Jahrzehnten eine zunehmende
Bedeutung beigemessen wird. In diesem Sinn war es insbesondere ein explizites
Ziel des Strafrechtsänderungsgesetzes 2015, durch Erhöhung der Strafdrohungen
für Körperverletzungsdelikte (und umgekehrt durch eine gewisse Herabsetzung der
Strafdrohungen für Vermögensdelikte) den insoweit geänderten Wertvorstellungen
Rechtliche Grenzen im Umgang mit dem menschlichen … 153

Rechnung zu tragen.1 Zuvor war zunehmend kritisiert worden, dass die Relation
zwischen den Strafdrohungen für Körperverletzungs- und Vermögensdelikte nicht
mehr der aktuellen gesellschaftlichen Wertung entspreche.2 Exzessiv zeigt sich der
erhöhte Schutz des menschlichen Körpers im Sexualstrafrecht, in dem die Straf-
drohungen seit Jahrzehnten – in mehreren Etappen – überproportional angehoben
wurden, sodass in diesem Bereich heute auch die höchste Dichte der Androhung
einer lebenslangen Freiheitsstrafe anzutreffen ist.3
Innerhalb jener Bereiche, in denen es um den Schutz des menschlichen Kör-
pers geht, besteht die Tendenz, der Autonomie des Menschen in Bezug auf die
Verfügung über den eigenen Körper eine steigende Bedeutung zuzuerkennen. Die
Respektierung autonomer Entscheidungen führte insoweit zu einem Rückzug des
Strafrechts, etwa im Bereich der sexuellen Selbstverwirklichung oder in weiten
Bereichen der Pornografie, aber auch in Bezug auf die eigene Lebensbeendigung
(etwa Patientenverfügung, Hilfe zur Selbsttötung). Dagegen wird der rechtliche
Schutz in Bereichen, in denen keine autonome Entscheidung vorliegt, tenden-
ziell verschärft, etwa bezüglich sexueller Handlungen an Kindern oder geistig
beeinträchtigten Personen, Kinderpornografie, Zwangssterilisation bei geistiger
Behinderung oder einer sexuellen Belästigung.
Demgegenüber spielt der Gedanke der Pietät, also einer gewissen Ehrfurcht
vor dem menschlichen Körper, eine immer geringere Rolle. Ein Schutz des
menschlichen Körpers allein um der Pietät Willen findet heute nur noch wenig
Anklang; dies zeigt sich wiederum im Bereich der Sexualdelikte, aber etwa auch
bei der Regelung der Organtransplantation. Auch in der aktuellen Sterbehilfe-Dis-
kussion reicht ein Verweis auf die Pietät (z. B. Ehrfurcht vor der Einmaligkeit
jedes menschlichen Lebens) als Argument nicht aus.

3 Ausgewählte Bereiche

Die nachfolgend ausgewählten Problembereiche sollen die aktuelle Stellung des


menschlichen Körpers in der Rechtsordnung präzisieren und verdeutlichen.

1Vgl. die Gesetzesmaterialien zum Strafrechtsänderungsgesetz (2015): 689 BlgNR 25. GP,

S. 1 und 21.


2Z. B. Köck (2001, S. 263) mit weiteren Nachweisen; ausführlich Grafl/Schmoller (2015,

S. 121 ff.).
3Grafl/Schmoller (2015, S. 113 ff.).
154 K. Schmoller

3.1 Folterverbot

Die massivste Beeinträchtigung des menschlichen Körpers ist wohl jene durch
Folter. Deshalb nimmt das Folterverbot unter den Grundrechten einen zen-
tralen Platz ein und wurde seit dem Zweiten Weltkrieg in einer Reihe von
internationalen Abkommen abgesichert. Gemäß Art.  3 der Europäischen
Menschenrechtskonvention 1950 darf niemand „der Folter oder unmenschlicher
oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden“. Weitere inso-
fern bedeutende Rechtsakte sind die UN-Antifolterkonvention 1984 sowie Art. 4
der EU-Grundrechtecharta 2004. Zur Verdeutlichung wurde in Österreich im Jahr
2012 ein eigener Straftatbestand der „Folter“ durch Amtsträger in § 312a StGB
eingefügt.
Bei dieser Rechtslage verwundert es, dass in den letzten 15 Jahren gerade
in Deutschland die Diskussion wieder aufgeflammt ist, ob nicht in bestimmten
Fällen die Anwendung von Folter doch gerechtfertigt sein könne. Den Anlass
bildete ein spektakulärer Kriminalfall im Jahr 2002. Der Student Magnus Gäf-
gen war dringend verdächtig, den 11-jährigen Jakob von Metzler zur Erlangung
eines Lösegelds entführt zu haben. Nachdem er sich in der Haft mehrere Tage
lang geweigert hatte, den Aufenthalt des entführten Kindes preiszugeben, bestand
die Sorge, dass das allein gelassene Entführungsopfer in Lebensgefahr geraten
könne. Aus Angst um das Leben des Kindes ordnete der zuständige Polizei-
vizepräsident Wolfgang Daschner an, dass dem mutmaßlichen Entführer die
Zufügung größter Schmerzen (also Folter) angedroht werden soll, falls er weiter-
hin den Aufenthaltsort des Kindes verschweige. Magnus Gäfgen ließ sich ein-
schüchtern und verriet den Ort, an dem man allerdings nur die Leiche des Kindes
fand, das der Entführer bereits unmittelbar nach der Entführung getötet hatte.4
Bei der juristischen Aufarbeitung dieses Falls wurde zum Teil die Meinung
vertreten, dass „Rettungsfolter“ (bzw. deren Androhung) in Extremfällen zur
Lebensrettung zulässig sein könne, unter Umständen sogar eine Pflicht dazu
bestehe.5 Jedoch erscheint es selbst angesichts eines so tragischen Geschehens
wie jenes um Jakob von Metzler wichtig, dass sich diese Ansicht nicht durch-
gesetzt hat. Das Folterverbot verlangt absolute Beachtung, wenn der Rechtsstaat
sich nicht selbst aufgeben will.6 Dies wurde auch von den Gerichten bestätigt:

4Ausführliche Darstellung des Falls z. B. bei Beutler (2006, S. 7 ff.).


5Insb.Erb (2005a, S. 593); Erb (2005b, S. 149); Wagenländer (2006). Weitere Nachweise
bei Schmoller (2010, S. 20 Fn. 41.).
6Nachweise bei Schmoller (2010, S. 20 Fn. 41.).
Rechtliche Grenzen im Umgang mit dem menschlichen … 155

Polizeivizepräsident Daschner und der durchführende Polizist wurden von


­deutschen Strafgerichten im Jahr 2004 wegen Nötigung im Amt verurteilt, wobei
es allerdings – angesichts des dramatischen Falls zu Recht – bei der milden Sank-
tion einer Verwarnung mit Strafvorbehalt blieb.7 Die Beschwerde des Entführers
Magnus Gäfgen gegen seine Verurteilung an den Europäischen Gerichtshof für
Menschenrechte (EGMR) wurde zwar im Jahr 2008 zurückgewiesen, der EGMR
stellte aber ebenfalls klar: „Ein Verstoß gegen Art. 3 EMRK kann – unabhängig
vom Verhalten des Betroffenen – auch zur Rettung von Leben und selbst im Fall
eines Notstandes für den gesamten Staat nicht gerechtfertigt werden.“8 Während
der EGMR in dieser Entscheidung (meines Erachtens zutreffend) meinte, dass die
von den deutschen Gerichten ausgesprochene Verurteilung und Verwarnung mit
Strafvorbehalt eine hinreichende Sanktion sei, erging im Jahr 2010 eine weitere
Entscheidung der Großen Kammer des EGMR, der zufolge die Sanktionierung
durch die deutschen Strafgerichte nicht ausgereicht hätte.9
Am absoluten Folterverbot ist ohne Einschränkung festzuhalten. Denn dass
Verbrecher einzelne (auch schwere) Verbrechen begehen, kann in keinem Rechts-
staat verhindert werden. Dagegen ist ein Staat, in dem staatliche Organe Ver-
dächtige foltern, kein Rechtsstaat mehr und kein Staat, in dem man leben möchte.
Zu bedenken ist, dass zum Zeitpunkt der Entscheidung über den Einsatz von Fol-
ter die Sachlage stets unklar ist: Ein Verdächtiger ist möglicherweise unschuldig,
und umgekehrt besteht die vermeintliche Lebensgefahr für Dritte möglicherweise
gar nicht. Magnus Gäfgen war zwar tatsächlich ein Mörder, aber selbst in diesem
tragischen Fall hätte die Anwendung von Folter nicht mehr der Lebensrettung des
(bereits toten) Opfers gedient.

3.2 Zwangssterilisation

Als Beispiel für den rechtlichen Umgang mit dem Körper geistig beeinträchtigter
Personen sei hier die Thematik der Zwangssterilisation (d. h. ohne wirksame Ein-
willigung der betreffenden Person) angesprochen. Dabei geht es um die Frage,

7LG Frankfurt, 20.12.2004, 5/27 KLs 7570 Js 203814/03 (4/04).


8EGMR 30.6.2008, 22978/05 (Gäfgen vs. Deutschland).
9EGMR 1.6.2010, 22978/05. Dies führte letztlich dazu, dass Magnus Gäfgen im Jahr

2012 von einem deutschen Zivilgericht – ungeachtet seiner Verbüßung einer lebenslangen
Freiheitsstrafe – eine Entschädigung für die erlittene Folterandrohung in der Höhe von
3000 EUR zugesprochen erhielt.
156 K. Schmoller

ob bzw. unter welchen Voraussetzungen eine geistig beeinträchtigte Person, die


nicht in der Lage ist, die Tragweite eines solchen Eingriffs (aber ebenso wenig
die Tragweite einer möglichen Schwangerschaft) zu begreifen, aufgrund der
Entscheidung einer anderen Person sterilisiert werden darf, etwa wenn bei
einer Schwangerschaft mit hoher Wahrscheinlichkeit eine ebenfalls schwere
Behinderung des Kindes zu erwarten wäre oder wenn die betreffende Person
nicht in der Lage wäre, eine verantwortungsvolle Elternschaft auszuüben.
Das österreichische Strafrecht enthält in § 90 Abs. 2 StGB nur eine Regelung
darüber, inwieweit eine Sterilisation mit Einwilligung der betroffenen Person
zulässig ist. Sie ist uneingeschränkt zulässig, wenn die Person das 25. Lebens-
jahr vollendet hat; bei jüngeren Personen müssen neben der Einwilligung weitere
Gründe vorliegen, die bewirken, dass die Sterilisation „nicht gegen die guten Sit-
ten verstößt“. Eine Aussage für die fremdbestimmte Sterilisation geistig beein-
trächtigter Personen lässt sich dieser Regelung jedoch nicht entnehmen. Bis zum
Jahr 2001 vertraten die Gerichte die Ansicht, dass in solchen Fällen der Sachwalter
einer Sterilisation wirksam zustimmen könne, wenn die beeinträchtigte Person
z. B. nicht in der Lage ist, die Bedeutung der zu einer Schwangerschaft führenden
Handlung zu erkennen oder eine Elternschaft verantwortungsvoll auszuüben.10
Zwischenzeitig hat sich die österreichische Rechtslage aber – ebenso wie die
deutsche – in einer Weise geändert, die zeigt, dass der Gesetzgeber der körper-
lichen Integrität beeinträchtigter Personen eine erhöhte Schutzwürdigkeit bei-
misst. Zunächst wurde im Jahr 2001 die heute in § 255 ABGB enthaltene
Regelung eingeführt,11 in der die Gründe einer Sterilisation geistig beein-
trächtigter Personen strikt beschränkt wurden. Danach darf eine Sterilisation
nur vorgenommen werden, wenn sie notwendig ist, um „wegen eines dauer-
haften körperlichen Leidens eine Gefährdung des Lebens oder die Gefahr einer
schweren Schädigung der Gesundheit oder starker Schmerzen“ abzuwenden.
Neben der Zustimmung des Vorsorgebevollmächtigten bzw. Erwachsenenver-
treters ist eine gerichtliche Genehmigung erforderlich. Zusätzlich ist aufgrund
von Regelung aus den Jahren 2003 und 201712 vorgeschrieben, dass für die Ent-
scheidung über eine Sterilisation im gerichtlichen Genehmigungsverfahren stets

10Z. B.Bernat (1997).
11Mit dem Kindschaftsrechts-Änderungsgesetz 2001 wurde diese Regelung zunächst in
§ 282 Abs. 3 ABGB erlassen, nach dem Sachwalterschaftsrechts-Änderungsgesetz 2006
war sie in § 284 ABGB und seit dem 2. Erwachsenenschutz-Gesetz 2017 ist sie in § 255
ABGB enthalten.
12Neufassung des Außerstreitgesetzes, BGBl I 111/2003, und 2. Erwachsenenschutz-Gesetz,

BGBl I 59/2017.
Rechtliche Grenzen im Umgang mit dem menschlichen … 157

der ­Erwachsenenschutzverein als Rechtsbeistand bestellt werden muss und zwei


­voneinander unabhängige Sachverständige beizuziehen sind. Strafrechtlich wirkt
sich diese Regelung dahin aus, dass nur unter den genannten Voraussetzungen
eine stellvertretende Einwilligung für die beeinträchtigte Person im Sinn des § 90
Abs. 2 StGB wirksam ist. Hingegen würde eine Sterilisation ohne Einhaltung die-
ser Vorschriften eine Strafbarkeit wegen Körperverletzung mit schweren Dauer-
folgen gemäß § 85 StGB begründen.
Damit ist heute eine Sterilisation geistig beeinträchtigter Personen ausschließ-
lich in deren eigenem gesundheitlichen Interesse zulässig. Eine wahrscheinliche
Gesundheitsschädigung eines allfälligen Kindes oder die Unfähigkeit zu ver-
antwortungsvoller Elternschaft stellen deshalb keinen hinreichenden Grund für
die Genehmigung solcher Eingriffe mehr dar.
Bemerkenswert ist dabei insbesondere, dass die Anforderungen sogar gegen-
über den aktuellen deutschen Vorschriften verschärft sind. Denn gemäß § 1905
deutsches BGB kann eine Zwangssterilisation bei geistig beeinträchtigten Perso-
nen durch „eine Gefahr für das Leben oder die Gefahr einer schwerwiegenden
Beeinträchtigung des körperlichen oder seelischen Gesundheitszustands“ der
beeinträchtigten Person gerechtfertigt sein, wobei im Gesetz selbst geregelt
ist, dass sich eine Gefahr für den seelischen Gesundheitszustand auch aus der
Befürchtung nachhaltigen Leides im Fall einer späteren notwendigen Trennung
der beeinträchtigten Person von ihrem Kind ergeben könne. Da § 255 ABGB
demgegenüber ausdrücklich auf ein „körperliches Leiden“ beschränkt ist, kann in
Österreich die Gefahr eines psychischen Leidens (etwa infolge späterer Abnahme
des Kindes) keine Sterilisation legitimieren.13

3.3 Knabenbeschneidung

Als Beispiel für den Schutz der körperlichen Integrität von Kindern kann die
aktuelle Diskussion um die rechtliche Beurteilung der Knabenbeschneidung
(i. S. der kulturell weitverbreiteten Vorhautentfernung im Kindesalter) angeführt
werden. Während die ebenfalls in Teilen der Welt praktizierte weibliche Genital-
beschneidung, bei der zentrale Teile des äußeren Geschlechtsorgans entfernt wer-
den, internationalrechtlich geächtet ist, wird die rituelle Knabenbeschneidung
weltweit i. d. R. akzeptiert.

13Z. B. Stabentheiner (2015, Rn. 2); Kletečka (2015, Kap. I.4.9); Huter (2008, S. 166).
158 K. Schmoller

Als ein Schritt gegen die weibliche Genitalbeschneidung wurde im Jahr 2001
in § 90 Abs. 3 StGB die Regelung eingefügt, dass „in eine Verstümmelung oder
sonstige Verletzung der Genitalien, die geeignet ist, eine nachhaltige Beein-
trächtigung des sexuellen Empfindens herbeizuführen“, nicht wirksam ein-
gewilligt werden kann; eine solche Beschneidung wäre deshalb selbst auf den
ausdrücklichen Wunsch einer voll einsichtsfähigen Frau hin strafbar. Die männ-
liche Vorhautbeschneidung unterfällt dieser Beschränkung dagegen nach all-
gemeiner Ansicht nicht; daher können einsichtsfähige männliche Personen in
ihre eigene Beschneidung rechtswirksam einwilligen. Seit etwa zehn Jahren
wird aber die Frage diskutiert, ob diese Einwilligung auch von anderen Perso-
nen für ein noch nicht entscheidungsfähiges Kind wirksam erteilt werden kann.
Dagegen wird geltend gemacht, dass es sich immerhin um eine nicht unwesent-
liche und irreversible Körperverletzung handelt, die medizinisch nicht indiziert ist
und nicht messbar im gesundheitlichen Interesse des Kindes liegt. Auch bei einer
Abwägung mit der Religionsausübungsfreiheit der Eltern müsse der Schutz der
körperlichen Integrität des Kindes vorgehen, weil Religionsausübung allgemein
nicht dazu berechtige, andere Personen zu verletzen.
Nachdem diese Überlegungen zunächst im juristischen Schrifttum angestellt
worden waren,14 entschied im Jahr 2012 überraschend das Landesgericht Köln
(auf eine Anklage der Staatsanwaltschaft hin), dass eine nicht medizinisch indi-
zierte Knabenbeschneidung bei einem Kleinkind den Straftatbestand der Körper-
verletzung erfülle15 (zu einer Bestrafung kam es im konkreten Fall nur deshalb
nicht, weil das Gericht dem Täter zugestand, dass er das Verbot angesichts der
bis dahin unbeanstandeten Praxis nicht kennen konnte und deshalb infolge eines
unvermeidbaren Verbotsirrtums schuldlos handelte; für künftige Fälle würde der
Einwand eines unvermeidbaren Verbotsirrtums allerdings nicht mehr gelten). Eine
Konsequenz dieses Urteils des Landesgerichts Köln wäre freilich, dass dann auch
andere nicht medizinisch indizierte Körperverletzungen eines Kindes nicht ein-
willigungsfähig wären. Dem wird man z. B. in Bezug auf Tätowierungen oder
Piercings im Gesicht wohl zustimmen. Ebenso wäre aber etwa auch das bei
Kleinkindern verbreitete Durchstechen der Ohrläppchen für Ohrringe ungeachtet
des diesbezüglichen Wunsches der Eltern strafbar (und zwar auch für die Eltern
selbst als Beteiligte).
In Deutschland hat die Politik auf das Urteil des Landesgerichts Köln reagiert,
indem der Gesetzgeber in § 1631d deutsches BGB die Einwilligung der Eltern in

14Z. B. Herzberg (2009); Putzke (2008a, S. 1570); Putzke (2008b, S. 673 ff.).


15LG Köln, 7.5.2012, 151 Ns 169/11.
Rechtliche Grenzen im Umgang mit dem menschlichen … 159

eine Knabenbeschneidung explizit für zulässig erklärt hat („Die Personensorge


umfasst auch das Recht, in eine medizinisch nicht erforderliche Beschneidung
des nicht einsichts- und urteilsfähigen männlichen Kindes einzuwilligen.“). Offen
ist damit in Deutschland allerdings weiterhin die Frage nach der Zulässigkeit der
elterlichen Einwilligung in das Ohrringe-Stechen ihres Kleinkindes, weil eine dem
§ 1631d deutsches BGB entsprechende ausdrückliche Legitimation dafür fehlt.
Auch für das österreichische Recht, das bislang keine Sonderregelung enthält,
wurde im juristischen Schrifttum die Ansicht vertreten, dass in die Beschneidung
männlicher Kleinkinder nicht wirksam eingewilligt werden könne und diese des-
halb als Körperverletzung strafbar sei.16 Allerdings hat das Justizministerium in
einer Stellungnahme die Ansicht vertreten, dass „die Beschneidung an männ-
lichen Säuglingen israelitischer und muslimischer Konfession nicht gegen die
guten Sitten [verstoße], sofern diese nicht gegen den Willen der Eltern durch-
geführt wird“.17 Die dabei angegebene Begründung, dass es sich um in Österreich
anerkannte Religionsgesellschaften handelt, ist als Argument aber zu unspezi-
fisch. Somit ist die diesbezügliche Rechtslage in Österreich in Wahrheit ungeklärt.

3.4 Sterbehilfe/Euthanasie

Die Grenzen der rechtlichen Verfügungsmöglichkeit über den eigenen Körper zei-
gen sich anhand der Diskussion um die Zulässigkeit von Sterbehilfe/Euthanasie
(i. S. der Lebensbeendigung schwer leidender Patienten auf deren Wunsch hin).
Ausgangspunkt ist, dass nach allgemeiner Ansicht eine Tötung auch dann
strafbar ist, wenn der Getötete zugestimmt, ja sogar um sie gebeten hat. Das
Leben ist insofern ein indisponibles Rechtsgut. Allein im Fall eines „ernstlichen
und eindringlichen Verlangens“ der Tötung ist die Strafdrohung gemäß § 77
StGB herabgesetzt. In Österreich und den meisten anderen Rechtsordnungen
ist darüber hinaus auch eine Mitwirkung am Selbstmord strafbar (§ 78 StGB).
Wo eine Mitwirkung am Selbstmord nicht oder nicht generell strafbar ist, etwa
in Deutschland, wird i. d. R. die Auffassung vertreten, dass sie zumindest nicht
erlaubt sei und deshalb andere rechtliche Konsequenzen als eine Strafe nach sich
ziehen könne, z. B. ein Verbot der ärztlichen Berufsausübung.18

16Mit ausgewogenen Argumenten Bernat (2012, S. 196 ff.).


171807 BlgNR 24. GP, S. 11.
18Vgl. den neuen Straftatbestand der „Geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung“ in

§ 217 deutsches StGB.


160 K. Schmoller

Gesellschaftlich umstritten ist allerdings die Frage, ob von diesen allgemeinen


Regelungen dann eine Ausnahme gemacht werden soll, wenn ein schwer leiden-
der Patient gegen Ende seines Lebens seine Tötung (oder eine Hilfe zur Selbst-
tötung) wünscht. Diese unter dem Stichwort „Sterbehilfe“ oder „Euthanasie“
geführte Diskussion ist in Österreich in den letzten 20 Jahren mehrfach auf-
geflammt, hat bisher aber zu keiner gesetzlichen Änderung geführt. Zwar ist
insbesondere in § 110 StGB19 klargestellt, dass sich niemand, auch nicht ein
Sterbender, gegen seinen Willen medizinisch behandeln lassen muss, sondern
die Behandlung stets (auch für die Zukunft durch eine Patientenverfügung20)
ablehnen kann. Eine aktive Tötung oder Hilfe beim Selbstmord bleibt aber
weiterhin verboten.21
Auch international halten die meisten Rechtsordnungen daran fest, dass eine
aktive Tötung selbst auf Wunsch eines schwer Leidenden rechtlich unzulässig
bleibt. Eine gesetzliche Ausnahmeregelung existiert, soweit ersichtlich, bis-
her allein in den Benelux-Staaten (Niederlande 2002, Belgien 2002, Luxemburg
2009).22 In diesen Rechtsordnungen ist es einem Arzt in begrenzten Ausnahme-
fällen nach einem näher umschriebenen Begutachtungsverfahren erlaubt, auf
möglichst humane Weise eine lebensbeendende Maßnahme zu setzen (i. d. R.
Injektion einer tödlichen Substanz). Eine erste derartige Regelung für den
Bundesstaat Northern Territory in Australien im Jahr 1997 wurde nach wenigen
Monaten durch das australische Bundesparlament wieder beseitigt.23
Weiter verbreitet sind Sonderregelungen, die zwar nicht eine direkte Tötung,
aber für begrenzte Fälle eine Mitwirkung am Selbstmord erlauben. Einer sol-
chen erstmals im US-Bundesstaat Oregon 1997 eingeführten Regelung folg-
ten – teils durch Gesetz, teils durch Gerichtsentscheidung – Washington 2008,
Montana 2009, Vermont 2013, New Mexico 2014, Kalifornien und Kanada
2015, Colorado 2016 und Washington D.C. 2017. In Europa sticht diesbezüg-
lich die Rechtslage in der Schweiz hervor: Nach Art. 115 schweizerisches StGB
ist die Mitwirkung am Selbstmord nur strafbar, wenn sie „aus selbstsüchtigen
Beweggründen“ erfolgt; die Besonderheit besteht darin, dass nach herrschender
Ansicht in der Schweiz eine Mitwirkung am Selbstmord in allen anderen Fällen
nicht nur straflos, sondern sogar erlaubt ist. Dies hat zur Folge, dass sich in der

19§ 110 StGB enthält den Straftatbestand der Eigenmächtigen Heilbehandlung.


20Siehe dazu das Patientenverfügungs-Gesetz (2006).
21Näher dazu Schmoller (2010, S. 13 ff.) mit weiteren Nachweisen.

22Jeweils mit weiteren Nachweisen Schmoller (2010, S. 14); Schmoller (2000, S. 361).

23Dazu Kissane D.W et al. (1998).


Rechtliche Grenzen im Umgang mit dem menschlichen … 161

Schweiz ­Vereine, die als Vereinszweck eine Mitwirkung am Selbstmord anbieten,


­etablieren konnten, wie EXIT oder DIGNITAS. Freilich dürfen diese Vereine
nicht gewinnorientiert agieren, weil sie sonst in den Verdacht „selbstsüchtiger
Beweggründe“ gemäß Art. 115 schweizerisches StGB kämen.
Aus österreichischer Sicht ist allerdings zu beachten, dass schon allein der in
Österreich erteilte Rat, für einen assistierten Selbstmord in die Schweiz zu gehen,
eine in Österreich begangene strafbare Mitwirkung am Selbstmord gemäß § 78
StGB darstellen würde, weil schon die Erteilung dieses Rats den Selbstmord
fördert. Auf diese Problematik wurde die öffentliche Aufmerksamkeit gelenkt,
als ein österreichischer Ehemann angeklagt wurde, für seine Frau und sich die
gemeinsame Reise in die Schweiz organisiert zu haben, wo die schwerkranke
Frau einen assistierten Selbstmord begehen wollte. Obwohl das Verfahren ein-
gestellt wurde, weil dem Ehemann ein Entschuldigungsgrund zuerkannt wurde,24
zog der Fall eine öffentliche Auseinandersetzung nach sich. Dabei wurden auch
mehrere Expertengremien befasst, die bemerkenswerter Weise zu unterschied-
lichen Ergebnissen kamen: Im Jahr 2015 gelangte die österreichische Bioethik-
kommission beim Bundeskanzleramt zum Vorschlag, für eine Mitwirkung am
Selbstmord bestimmte rechtliche Lockerungen vorzusehen.25 Andererseits hielt
eine vom österreichischen Parlament eingesetzte Enquete-Kommission keine
gesetzliche Änderung für erforderlich.26

3.5 Organtransplantation

Als Beispiel für den rechtlichen Umgang mit dem toten menschlichen Körper
sei die Problematik der Organentnahme bei frisch Verstorbenen zum Zweck der
Transplantation angesprochen. Unter strafrechtlichen Gesichtspunkten stellt
sich dabei die Frage, ob die Organentnahme durch den Transplantationszweck
gerechtfertigt ist oder aber den Straftatbestand der Störung der Totenruhe nach
§ 190 StGB erfüllt.
In diesem Bereich ist bemerkenswert, dass das sonst eher konservative Öster-
reich schon vergleichsweise früh eine liberale Regelung getroffen hat. Im Jahr

24LG Klagenfurt, 10.10.2007, 18 Hv 133/07b.


25Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt (2015). Sterben in Würde. Empfehlungen
zur Begleitung und Betreuung von Menschen am Lebensende und damit verbundene Frage-
stellungen. Stellungnahme vom 9.2.2015, S. 30 ff.
26Beschluss der am 24.6.2014 eingesetzten Parlamentarischen Enquete-Kommission

„Würde am Ende des Lebens“.


162 K. Schmoller

1982 wurde (im damaligen § 62a des Krankenanstaltengesetzes) eine Regelung


nach der „Widerspruchslösung“ eingeführt,27 die im Wesentlichen unverändert
im heutigen § 5 Organtransplantationsgesetz 2012 fortbesteht. Nach dieser Rege-
lung darf ein Organ einem Verstorbenen zu Transplantationszwecken (in einer
bestimmte Anforderungen erfüllenden medizinischen Einrichtung) schon dann
entnommen werden, wenn den Ärzten keine Erklärung der verstorbenen Person
vorliegt, mit der diese zu Lebzeiten eine Organspende ausdrücklich abgelehnt hat.
Die Entnahme darf nur von einem Arzt durchgeführt werden, nachdem ein an ihr
nicht beteiligter Arzt den Tod festgestellt hat. Außerdem ist darauf zu achten, dass
die Entnahme zu keiner Verunstaltung der Leiche führt. Das Gesundheitsinteresse
der Organempfänger wird also generell über den Schutz der Pietät der Leiche
gestellt. Wer in Österreich vermeiden will, nach seinem Tod als Organspender zu
dienen, muss daher zu Lebzeiten einen ausdrücklichen Widerspruch erklären.
Im Gegensatz zu Österreich ist in vielen anderen Ländern, etwa in Deutsch-
land und der Schweiz, hinsichtlich der postmortalen Organentnahme eine
(wesentlich engere) Zustimmungsregelung verankert; die Organentnahme ist
danach nur zulässig, wenn entweder der Verstorbene zu Lebzeiten oder anschlie-
ßend dessen Angehörige der Organentnahme ausdrücklich zustimmen. Es ist
verständlich, dass bei einer solchen Regelung ein größerer Mangel an Spender-
organen besteht.28
Auch wenn die Zustimmungslösung wie z. B. in Deutschland die Autonomie
des Organspenders besser absichert, erscheint die Abwägung der österreichischen
Rechtsordnung, die dem Gesundheitsinteresse bedürftiger Organempfänger den
Vorrang einräumt, insgesamt vorzugswürdig.

3.6 „Po-Grapschen“

Als Beispiel für die Frage, inwieweit der menschliche Körper als Bestandteil
der persönlichen Intimsphäre rechtlich geschützt wird, lässt sich der Bereich der
„sexuellen Belästigung“ anführen. Erste rechtliche Regelungen betrafen allein
dienstrechtliche Konsequenzen bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz.29
Im Jahr 2004 wurde erstmals ein Straftatbestand der sexuellen Belästigung in

27BGBl 273/1982.
28Vgl. §§ 3, 4 deutsches Transplantationsgesetz; Nationaler Ethikrat (2007, S. 24 ff.);
Breyer et al. (2006, S. 33 ff.); Laufs/Katzenmeier/Lipp (2015, Rn. 2 und 20 ff.).
29Vgl. z. B. Schmoller (2005, S. 617 f.).
Rechtliche Grenzen im Umgang mit dem menschlichen … 163

­ sterreich eingeführt (§ 218 Abs. 1 StGB).30 Dieser neue Straftatbestand war zu


Ö
begrüßen, denn einerseits bestand angesichts der zunehmenden Sensibilisierung
in diesem Bereich tatsächlich ein Strafbedürfnis, andererseits war der Straftatbe-
stand hinreichend präzise und zurückhaltend formuliert. Während nämlich durch
die Regeln der sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz etwa auch das Streicheln der
Haare, das Legen des Arms um die Schulter, verbale Anspielungen oder das Auf-
hängen von Nacktfotos im gemeinsamen Arbeitsraum erfasst werden, wurde der
Straftatbestand strikt auf die Vornahme einer „geschlechtlichen Handlung“ an oder
vor einer Person beschränkt, worunter die Berührung des Geschlechtsorgans oder
der weiblichen Brust (allenfalls auch oberhalb dünner Kleidung) verstanden wird.
Sexuelle Belästigungen unterhalb dieser Schwelle, etwa ein Kuss auf die Schulter
oder ein Klaps auf das Gesäß, lagen danach unterhalb der Schwelle des Strafrechts.
In den letzten Jahren wurde mit dem umgangssprachlichen Schlagwort
„Po-Grapschen“ zunehmend die Forderung erhoben, die Strafbarkeit der sexuel-
len Belästigung weiter auszudehnen. Obwohl dies von Strafrechtsexperten eher
abgelehnt wurde, weil es jenseits des Kriteriums einer „geschlechtlichen Hand-
lung“ sehr schwierig ist, die Grenzen der Strafbarkeit einigermaßen präzise
festzulegen, wurde mit dem Strafrechtsänderungsgesetz 2015 in § 218 Abs. 1a
StGB zusätzlich für strafbar erklärt, „wer eine andere Person durch eine inten-
sive Berührung einer der Geschlechtssphäre zuzuordnenden Körperstelle in ihrer
Würde verletzt“. Anhand dieser Formulierung wird freilich die Schwierigkeit
der Abgrenzung deutlich: Welche Körperstellen der „Geschlechtssphäre zuzu-
ordnen“ sind, ist ungewiss; schließlich kann wohl fast jede Körperberührung
sexuell motiviert sein. Die Abgrenzung ist deshalb nunmehr primär über die
geforderte „Würdeverletzung“ zu suchen. Dabei ist davon auszugehen, dass eine
Umarmung, ein Streicheln oder ein Kuss im Allgemeinen nicht die Würde der
betreffenden Person verletzt, sondern eine – wenngleich ungewollte – Zuneigung
ausdrückt. Dagegen ist eine Verletzung der Würde dann anzunehmen, wenn das
Opfer in einer Weise berührt wird, bei der die betreffende Körperpartie versach-
licht, also letztlich von der jeweiligen Person losgelöst wird. Damit lässt sich
§ 218 Abs. 1a StGB wohl auf eine intensive Betastung des Gesäßes oder im
Umfeld der Geschlechtsorgane begrenzen. Eine weitere Auslegung würde den
Strafbarkeitsbereich unerwünscht überdehnen.
Seit der Strafgesetznovelle 201731 greift eine deutlich erhöhte Strafdrohung
ein (bis zu zwei Jahre Freiheitsstrafe), wenn jemand wissentlich an einer

30BGBl I 15/2004; dazu näher Schmoller (2005).


31BGBl I 117/2017.
164 K. Schmoller

Zusammenkunft mehrerer Menschen teilnimmt, die darauf abzielt, dass eine


sexuelle Belästigung begangen werde, und anschließend tatsächlich von jeman-
dem aus der Zusammenkunft eine solche begangen wird (§ 218 Abs. 2a StGB).
Die Strafdrohung ist dabei dieselbe wie nach § 274 Abs. 1 StGB bei der Teil-
nahme an einer Zusammenkunft vieler Menschen, die darauf abzielt, dass ein
Mord (!) begangen werde. Dieselbe hohe Strafdrohung gilt nunmehr auch für
jenen, der eine sexuelle Belästigung „mit mindestens einer weiteren Person in
verabredeter Verbindung begeht“.

3.7 Pornografie

Strafrechtliche Grenzen der Darstellung des menschlichen Körpers finden sich


insbesondere im Bereich der Pornografie. Die traditionellen Straftatbestände im
Pornografiegesetz 1950 sind auf Fälle beschränkt, in denen der Täter entweder
gewinnsüchtig handelt (§ 1 PornG) oder pornografische Schriften Jugendlichen
zugänglich macht (§ 2 PornG). Der in § 1 PornG verwendete Begriff „unzüchtiger
Gegenstand“ wurde dabei zunehmend liberaler ausgelegt. Ziel war, dass das Her-
stellen und Vertreiben von Pornografie grundsätzlich straflos sein sollte, solange
allein freiwillig handelnde Erwachsene involviert sind. Neben dem in § 2 PornG
verankerten Jugendschutz sah man jedoch zunehmend – zu Recht – ein Strafbedürf-
nis in Bezug auf die Herstellung und den Umgang mit pornografische Darstellungen
von Kindern („Kinderpornografie“). Diesbezüglich sollte auch der bloße Besitz
unter Strafe gestellt werden. Leider scheiterte im Jahr 1993 ein ausgewogener Ent-
wurf einer durchgehenden Modernisierung des Pornografiestrafrechts,32 vor allem
am Widerstand konservativer Kreise. Dies führte letztlich zum heutigen „geteilten“
Pornografiestrafrecht: Einerseits wurden die alten Strafvorschriften im Porno-
grafiegesetz 1950 unverändert beibehalten, andererseits wurde in § 207a StGB eine
zusätzliche umfassende Strafvorschrift in Bezug auf Kinderpornografie eingefügt,
nach der erstmals auch der Besitz solchen Materials strafbar war.
Bemerkenswert erscheint, dass die Strafvorschrift gegen Kinderpornografie
seither in mehreren Schritten deutlich ausgeweitet und die angedrohte Strafe ver-
schärft wurde:33 Erstens wurde die ursprüngliche Begrenzung auf Abbildungen
von Personen unter 14 Jahren auf Personen unter 18 Jahren angehoben. Zweitens
war ursprünglich nur die Darstellung von geschlechtlichen Handlungen erfasst,

32311 ME 18. GP.

33BGBl 622/1994; BGBl 762/1996; BGBl I 15/2004; BGBl I 40/2009.


Rechtliche Grenzen im Umgang mit dem menschlichen … 165

während später auch die Darstellung der Genitalien oder der Schamgegend
Minderjähriger (ohne sexuelle Handlung) einbezogen wurde (§ 207a Abs. 4 Z 3
lit. b StGB). Drittens wurde die ursprünglich primäre Schutzrichtung der Ver-
hinderung von Kinderrealpornografie (wodurch vor allem unmündige Darsteller
geschützt werden sollten) letztlich auf virtuelle Pornografie, also auch auf allein
computer-animierte Darstellungen, erweitert (§ 207a Abs. 4 Z 4 StGB). Schließ-
lich ist heute neben dem Besitz kinderpornografischen Materials auch schon der
bloße Zugriff auf entsprechende Internetseiten (ohne elektronische Speicherung)
strafbar (§ 207a Abs. 3a StGB).
An dieser Entwicklung wurde wiederholt kritisiert, dass die Strafvorschrift
nun zu weit ausgedehnt ist, weil etwa auch der Fall erfasst wäre, dass eine
17-Jährige pornografische Aufnahmen ihres eigenen Körpers herstellt bzw. ihrem
Freund zukommen lässt (obwohl z. B. der Beischlaf einer 17-Jährigen mit ihrem
Freund legal ist). Diese Kritik hat dazu geführt, dass der Gesetzgeber letztlich
wieder Ausnahmen von der Strafbarkeit einführen musste und diese mit dem
Strafrechtsänderungsgesetz 2015 und der Strafgesetznovelle 2017 erweitert hat:
Demnach sollen aus der Strafbarkeit insbesondere Fälle ausgenommen werden,
in denen die minderjährige Person pornografische Aufnahmen von sich selbst her-
stellt, besitzt oder weitergibt oder in denen jemand von einer solchen Person mit
deren Einverständnis pornografisches Material herstellt oder (nur) zum persön-
lichen Gebrauch besitzt (§ 207a Abs. 5 und 6 StGB).

3.8 Bildnis- und Datenschutz

Nicht nur im Bereich der Pornografie, auch darüber hinaus stellt sich die Frage
nach der Zulässigkeit der Abbildung des Körpers durch Bild- oder Videoauf-
nahmen, insbesondere bei heimlichen Aufnahmen im privaten Bereich sowie der
Weitergabe oder Veröffentlichung solcher Aufnahmen.
Obwohl bei bestimmten Arten von Aufnahmen die Intimsphäre in hohem Maß
beeinträchtigt sein kann, überrascht, dass es in Österreich bisher keine spezifische
Strafvorschrift gegen das heimliche Fotografieren oder Filmen im Privatbereich
bzw. die Weitergabe solcher Aufnahmen gibt. Dies verwundert auch deshalb, weil
eine entsprechende Strafvorschrift in Bezug auf die unerlaubte Tonaufnahme des
gesprochenen Worts bzw. deren Verbreitung seit langem existiert. In Deutsch-
land wurde eine eigene Strafvorschrift gegen unerlaubte Bildaufnahmen im Jahr
2004 eingeführt (§ 201a deutsches StGB). In Österreich wurde zwar im Jahr 2009
166 K. Schmoller

ein Entwurf des Justizministeriums veröffentlicht,34 dieser aber nicht umgesetzt.


Seither wurden im Schrifttum verschiedene weitere Vorschläge unterbreitet,35 die
aber bisher keinen Eingang in das Gesetz gefunden haben.
Zwar erscheint es möglich, für bestimmte Fälle unerlaubter Bildaufnahmen
die sehr vage gehaltene Strafvorschrift des § 51 Datenschutzgesetz zu aktivieren.
Gegenüber dieser „Hilfslösung“ würde eine klare Strafvorschrift gegen die Her-
stellung von und den Umgang mit unerlaubten Bildaufnahmen von Personen im
StGB aber den Vorzug verdienen.

4 Ausblick

Gewiss konnten im Vorstehenden nur sehr begrenzte Ausschnitte der Rolle des
menschlichen Körpers in der Rechtsordnung angesprochen werden. Dabei hat
sich ein Grundkonsens hinsichtlich der hohen Schutzwürdigkeit des mensch-
lichen Körpers gezeigt; auch konnten einzelne Entwicklungstendenzen belegt
werden. Es verbleiben jedoch weiterhin gesellschaftlich und zum Teil ebenso
juristisch umstrittene Grenzbereiche; diesbezüglich ist die künftige Entwicklung
abzuwarten.

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3482 ME 24. GP.

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Rechtliche Grenzen im Umgang mit dem menschlichen … 167

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Zu jung, um alt zu sein? Visiotype der
Best Ager in Journalismus und Werbung

Martina Thiele und Helena Atteneder

Zusammenfassung
Die Forschung zu Alter und Altern differenziert sich aus. Auch in der
Kommunikationswissenschaft sind verschiedene Forschungsschwerpunkte
etwa in der Repräsentations- und Mediennutzungsforschung auszumachen.
Insbesondere die Forschung zu medialen Altersbildern und -stereotypen hat
zugenommen, wobei Altersbilder sowohl sprachlich als auch visuell ver-
mittelt werden können. Der vorliegende Beitrag widmet sich Visualisierungen
der sogenannten Best Ager sowohl in Anzeigen, die in Printmedien geschaltet
werden, als auch in Pressefotos, die redaktionelle Beiträge zum Thema Alter
illustrieren. Identifiziert wurden verschiedenen Bildtypen und thematische
Zusammenhänge, auf die häufig in Journalismus und Werbung zurückgegriffen
wird, wenn es um die Repräsentation und gezielte Ansprache Junger Alter bzw.
euphemistisch Best Ager genannten 55–70-Jährigen geht. In engem Zusammen-
hang mit dem Aufkommen der Sozialfigur der Jungen Alten steht dabei die Dis-
kussion über Arbeit am Körper und Schönheitshandeln in der Postmoderne.

Schlüsselwörter
Medien · Journalismus · Werbung · Junge Alte · Best Ager · Visuelle Kommu­
nikation · Altersstereotype · Visiotype · Bildtypen · Körperhandeln

M. Thiele (*) · H. Atteneder 
Universität Salzburg, Salzburg, Österreich
E-Mail: martina.thiele@sbg.ac.at
H. Atteneder
E-Mail: helena.atteneder@sbg.ac.at

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019 169
M. Dimitriou und S. Ring-Dimitriou (Hrsg.), Der Körper in der Postmoderne,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-22282-6_11
170 M. Thiele und H. Atteneder

1 Einleitung: Altersforschung und neue


Altersbilder

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Alter(n) beginnt im deutsch-


sprachigen Raum Mitte des 20. Jahrhunderts, zunächst in den auf das Indivi-
duum bezogenen Naturwissenschaften, später etabliert sich in der Soziologie als
sogenannte Bindestrichsoziologie die Alters-Soziologie und als neues, interdiszi-
plinäres Fach die Gerontologie. Während in den 1950er Jahren die wissenschaft-
liche Beschäftigung mit dem Alter noch als „Mode“ (von Wiese 1954, S. 29)
abgetan wird, mehren sich in den folgenden Jahrzehnten die Anzeichen dafür,
dass nicht nur aufgrund der wachsenden Zahl der Älteren in der Gesellschaft eine
kontinuierliche Alter(n)sforschung wichtig ist.
Einen Aufschwung erfährt die Gerontologie auch durch die Diskussion über
Altersdiskriminierung, die u. a. durch die Publikation des US-amerikanischen
Forschers Robert Butler zu Ageism (1969) verschärft wird. Ageism verweist auf
die Stigmatisierung und Marginalisierung in Abhängigkeit vom Alter. Der Begriff
soll – in Anlehnung an Sexismus und Rassismus – verdeutlichen, dass Altersdis-
kriminierung einem bestimmten Weltbild, einer Ideologie, folgt. Ageism sieht nicht
zwingend eine Beschränkung auf das hochaltrige Lebensalter vor und kann dem-
nach auch junge Menschen treffen, doch überwiegend wird in der Forschung ein
Schwerpunkt auf Vorurteile gegenüber älteren Menschen, Diskriminierung und
schließlich institutionelle und politische Praktiken gesetzt, die dazu beitragen, dass
Stereotype reproduziert und gefestigt werden (Rothermund und Mayer 2009).
Auch in diesem Beitrag wird eine Einschränkung auf das höhere Lebens-
alter vorgenommen. Im Fokus stehen mediale Repräsentationen älterer Men-
schen, d. h. älter als 55 Jahre. Damit ist zunächst die Frage der Sichtbarkeit bzw.
Unsichtbarkeit älterer Menschen angesprochen. Denn die ersten Studien zu Alter
in den Medien (siehe für einen Forschungsüberblick Thiele 2015, 2018) kon-
statierten das Nicht-Vorhandensein und die Unsichtbarkeit der Alten. Falls Alte
doch vorkamen, so häufig in stereotypen Rollen. In der Werbung tauchten sie
im Zusammenhang mit bestimmten Produkten auf, bevorzugt solchen, die aus-
schließlich von Alten gebraucht werden. Diese einseitige, stereotype und tenden-
ziell negative Darstellung von Alter(n) in den Medien, sowohl in der Werbung, als
auch in redaktionellen Beiträgen, hat immer wieder Kritik hervorgerufen, seitens
der Betroffenen und auch seitens der Forschung. So setzte sich etwa die deutsche
Gerontologin und CDU-Familienministerin Ursula Lehr für eine positive Sicht
auf das Alter und einen Abschied von der Defizit-Theorie ein.
Tatsächlich veränderten sich in den letzten beiden Jahrzehnten des 20. Jahr-
hunderts Einstellungen zum Alter und auch die Altersbilder in den Medien. Der
zum Schlagwort gewordene demografische Wandel und seine Folgen bestimmten
Zu jung, um alt zu sein? Visiotype der Best Ager … 171

die politische und die Medienagenda. Und es tauchte bedingt durch Vorruhe-
standsregelungen und eine insgesamt besserer Gesundheitsvorsorge eine neue
Sozialfigur auf: die Jungen Alten, von der Werbung euphemistisch als Best Ager
und Silver Generation bezeichnet.1 Gemeint ist damit die Altersgruppe der
55- bis 70-Jährigen (van Dyk und Lessenich 2009), die bis dahin eher nicht als
werberelevante Zielgruppe gesehen wurde.
Sozialwissenschaftliche und auch kommunikationswissenschaftliche Studien
zu Jungen Alten gibt es inzwischen einige (Burgert und Koch 2008; Derra 2012;
van Dyk und Lessenich 2009). Wir haben 2013 mittels Inhaltsanalyse deutscher
und österreichischer Printmedien erhoben, welche Altersstereotypen verwendet
werden und ob es neben traditionellen Altersstereotypen auch bereits stereotype
Repräsentationen Junger Alter gibt. Die Häufigkeit ihres Vorkommens – sie lagen
anteilsmäßig gleichauf mit traditionellen Altersstereotypen – hat uns zunächst
überrascht. Wir haben die Ergebnisse unter Berücksichtigung politökonomischer
Kontexte und konkret der Debatte über die Anhebung des Renteneintrittsalters
betrachtet. Deutlich wurde, dass die Bilder und Berichte über aktive, fitte und in
jeder Hinsicht jung gebliebene ältere Menschen den Diskurs über die Folgen des
demografischen Wandels prägen (Thiele et al. 2013).
Ein Zusammenhang, den wir genauer und das heißt hier qualitativ untersuchen
möchten, ist der zwischen der Visualisierung und Stereotypisierung Junger Alter
in den Medien. Wir erweitern damit die Fragen, ob es bereits stereotype Präsenta-
tionen Junger Alter gibt und wie häufig sie sind, um die Frage nach den Varianten
dieses spezifischen Visiotyps.
Bevor wir aber das Untersuchungsdesign erläutern und unsere Ergebnisse
vorstellen, sind einige Bemerkungen zur Analyse von Medienbildern und Alters-
stereotypen bzw. -visiotypen in den Medien angebracht.

2 Visuelle Kommunikationsforschung: Analyse von


Medienbildern und Altersstereotypen

Mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung hat der visual turn auch die deutsch-
sprachige Kommunikationswissenschaft erreicht. Im Jahr 2000 gründet sich inner-
halb der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und ­Kommunikationswissenschaft

1Die Begriffe Junge Alte und Best Ager werden hier beide zur Benennung der Altersgruppe
der 55- bis 70-Jährigen verwendet. Doch ist Junge Alte der in wissenschaftlichen Kontexten
benutzte Begriff, Best Ager eine Marketing-Kreation. Beide Begriffe werden hier immer
groß geschrieben und kursiv gesetzt.
172 M. Thiele und H. Atteneder

(DGPuK) die Fachgruppe Visuelle Kommunikation mit dem erklärten Ziel, „dem
Anikonismus in Publizistik-, Kommunikations- und Medienwissenschaft ent-
gegenzutreten“ (Webseite der Fachgruppe Visuelle Kommunikation 2017). Seit-
dem sind zahlreiche Publikationen, zumeist Tagungsbände, aber auch Monografien
und Fachzeitschriftenaufsätze erschienen, die sich mit der Relevanz von Medien-
bildern in einer mediatisierten Gesellschaft befassen. Theoretisch wie empirisch
hat die Visuelle Kommunikationsforschung (Müller 2003, 2007; Lobinger 2012)
bedeutende Fortschritte vorzuweisen, was sich u. a. an der begrifflichen Fassung
von Medienbildern und ihrer Analyse erkennen lässt.
So werden als Kennzeichen von Medienbildern ihre Materialität, ihr Gebun-
densein an ein Trägermedium, ihre (massen-)mediale Verbreitung, ihre Ein-
bettung in intra- und intermediale Produktions- und Rezeptionskontexte,
ihre Multicodalität und Multimodalität genannt. Medienbilder sind Teil des
Kommunikationsprozesses. Je nach Schwerpunkt der Analyse können neben
den Bildinhalten, Produktions- und Rezeptionskontexte stärkere Berück-
sichtigung finden. Diese wiederum lassen sich in künstlerische, kommerzielle,
journalistische, wissenschaftliche, politische, private (Kappas und Müller 2006)
unterscheiden, wobei nicht ausgeschlossen ist, dass Kontexte, in denen Bilder
ursprünglich entstanden sind, sich verändern, etwa wenn Werbebilder in Kunst-
ausstellungen gezeigt werden. Als eine Methode zur Analyse von Bildern hat
sich die Bildtypenanalyse (Grittmann und Amann 2009) etabliert. Dabei wer-
den zunehmend auch Rezeptions- und Wirkungsperspektiven (Gerth 2012) ein-
bezogen.
In engem Zusammenhang mit Medienbildern stehen Stereotype. Walter Lipp-
mann, der durch sein Werk Public Opinion von 1922 entscheidend dazu bei-
getragen hat, den aus der Druckersprache stammenden Fachbegriff zu einem
gesellschaftspolitisch und sozialwissenschaftlich relevanten Terminus werden zu
lassen, definierte Stereotype als „pictures in our head“ (Lippmann 1945, S. 3).
Stereotype sind aber nicht nur kognitive Schemata oder wie Mitchell (2008) in
seiner Auseinandersetzung mit dem Bild-Begriff schreibt „geistige“ Bilder, son-
dern ebenfalls konkrete, materielle (Sprach-)Bilder in den Medien, die sowohl im
Text als eben auch durch ein einzelnes Bild (Foto, Karikatur) oder eine Bildfolge
(Comic, Filmsequenz) vermittelt werden. Sie sind perzeptuelle wie materielle,
individuell wie sozial reproduzierte, sprachlich fassbare Bilder. Entscheidend ist
die auffallend häufige Wiederholung bestimmter Bildinhalte und -kompositionen,
Settings und Zeitpunkte. Mediale Altersstereotype geben uns dementsprechend
immer wieder dasselbe und auf wenige Merkmale beschränkte Bild vom Alter zu
sehen.
Zu jung, um alt zu sein? Visiotype der Best Ager … 173

3 Methode und Untersuchungsdesign

Nachdem einleitend der Forschungsstand skizziert, die Sozialfigur der Jun-


gen Alten eingeführt und Ansätze zur Analyse von Medienbildern erörtert wur-
den, werden nach einer kurzen Erläuterung des methodischen Vorgehens die
wichtigsten Ergebnisse einer qualitativen Studie vorgestellt, die darauf abzielt,
visuelle mediale Repräsentationen Junger Alter zu identifizieren und zu typolo-
gisieren. Bildtypen müssen „intern homogen und extern heterogen“ (Lobinger
2012, S. 265) sein, d. h. Motive und inhaltliche Aussage sollen bei einem Bild-
typus gleich sein, dieser Bildtypus muss sich aber von einem anderen unter-
scheiden. Durch die Identifizierung und Beschreibung von Bildtypen lässt sich
die übergeordnete Forschungsfrage nach neuen Altersstereotypen sowie kon-
kret nach visuellen Stereotypisierungen und Verkörperungen der Jungen Alten
beantworten.
Untersucht wurden die österreichischen Zeitungen und Zeitschriften Der Stan-
dard, Salzburger Nachrichten, Kronen Zeitung, profil und Wienerin und zwar alle
Ausgaben, die im März 2015 und im März 2016 erschienen sind. Hilfreich für die
Recherche und Auswertung war der Zugriff auf die von der Austria Press Agen-
tur (APA) zur Verfügung gestellte Datenbank defacto. Sie ermöglicht neben dem
Zugriff auf sämtliche Ausgaben der genannten Printmedien und die Kombination
verschiedener Suchbegriffe das Herunterladen einzelner Texte und ganzer Seiten
als Faksimile, d. h. wir konnten überprüfen, wie die Beiträge bebildert und wel-
che Anzeigen geschaltet wurden – sofern es sich nicht um ganzseitige Anzeigen
handelt, denn diese werde in defacto nicht erfasst. Eine Sichtung der Printaus-
gaben war damit unumgänglich, um auch ganz- und mehrseitige Anzeigen, Bei-
lagen und Supplements zu erfassen.
Die Suche basierte auf folgenden Suchbegriffen: Junge Alte, Silver Gene-
ration, alt/jung/Generation/gesund, Best Ager, Rente(nalter), Pension(salter),
ältere Generation, demografischer Wandel, aktiv/Alter. Bei den so gefundenen
Beiträgen haben wir uns auf diejenigen beschränkt, die auf Illustrierung/
Bebilderung setzen, da das Ziel der Untersuchung darin bestand, Bildtypen zu
identifizieren.
Vorab zu klären war, woran sich Alter erkennen lässt? Hier kommen die
sogenannten old age cues, das sind visuelle Altersmarker, ins Spiel. Dazu zäh-
len graue Haare bzw. schütteres Haar/Glatze, Falten, eine gebeugte Körper-
haltung, Hilfsmittel wie Brillen, Hörgeräte, Gehhilfen, zudem Kleidungsstücke in
bestimmten Farben und Mustern sowie Frisuren, die als altmodisch gelten. Hinzu
174 M. Thiele und H. Atteneder

kommen als kontextuelle Merkmale Altersrollen(stereotype) wie das der Oma


und des Opas (Horn und Naegele 1976; Thimm 1998).
Dennoch ist Alter nicht ohne weiteres zu bestimmen, denn gerade in der Wer-
bung wird Alter gezielt nicht thematisiert, weder auf der sprachlichen, noch auf
der visuellen Ebene. Auszugehen ist davon, dass bei jungen Alten die Zahl der
Altersmarker eingeschränkt ist: die Best Ager haben vielleicht ein paar Fältchen
oder graues Haar. Es kommen aber längst nicht alle Altersmerkmale zusammen,
um so deutlich zu machen, dass diese Altersgruppe noch zu jung ist, um alt zu
sein. Erwartbar ist zudem, dass Junge Alte ein breiteres Rollenspektrum als das
der Oma oder des Opas ausschöpfen können.

4 Ergebnisse der Bildtypenanalyse

Ein erstes wichtiges Ergebnis der Studie lautet, dass ältere Menschen rein quan-
titativ in Printmedien und dort vor allem in redaktionellen Beiträgen durchaus
präsent sind. Schließlich sind diejenigen, die an den Schalthebeln der Macht
sitzen, ganz überwiegend älter als 55 Jahre. 2015 und 2016 fanden sich in den
untersuchten Zeitungen und Zeitschriften zahlreiche Bilder von Hillary Clinton,
Angela Merkel, Donald Trump, Werner Faymann und 2016, bedingt durch die
anstehende Wahl des/der österreichischen BundespräsidentIn, Bilder der Kandi-
dat/innen Andreas Khol, Irmgard Griss oder Alexander van der Bellen – alle älter
als 65 Jahre. Doch spielte in den dazugehörigen Beiträgen das Thema Alter größ-
tenteils keine Rolle. Diese Bilder älterer, prominenter Spitzenpolitiker/innen oder
Unternehmer/innen wurden dann für unsere Untersuchung nicht berücksichtigt.
In die Stichprobe gelangten damit nur visuelle Repräsentationen älterer Men-
schen, wenn zugleich das Thema Alter angesprochen war. So bestand die Stich-
probe aus insgesamt 117 Bildern, die redaktionelle Beiträge (69) oder Leserbriefe
(2), in denen es (auch) ums Thema Alter(n) geht, illustrieren, und 46 Anzeigen,
die mit Jungen Alten für Produkte und Dienstleistungen werben.
Identifiziert werden konnten sieben (I-VII) Bildtypen, wobei einschränkend
vorauszuschicken ist, dass bei der Typenbildung inhaltliche und kontextuelle
Gemeinsamkeiten im Vordergrund standen, während die individuellen Besonder-
heiten des Einzelbildes z. T. vernachlässigt wurden. Für die Illustrierung hier
wurden bewusst auch unterschiedliche Bildmotive innerhalb eines Bildtyps
zusammengestellt wie gleich das erste Beispiel belegt.
Zu jung, um alt zu sein? Visiotype der Best Ager … 175

4.1 Prominente Junge Alte als Vorbilder und


abschreckende Beispiele

Prominente Junge Alte, die zumeist durch ihre Tätigkeit im Showbusiness


Bekanntheit erlangt haben, erscheinen entweder als leuchtende Vorbilder, weil sie
trotz ihres Alters noch auf der Bühne stehen und Erfolg haben, oder aber sie die-
nen der Abschreckung, weil sie trotz ihres Alters ‚immer noch auf jung machen‘.
So sind die Beiträge über die Popmusikerin Madonna und ihr neues Album ten-
denziell hämisch und negativ: Der Standard (04.03.2015, S. 34) titelt „Die Bitch
mit dem Rollator“ und in profil (09.03.2015, S. 86) heißt es: „Madonna fällt zehn
Jahre nach der Erfindung von YouTube nicht mehr viel ein.“ Auf der visuellen
Ebene aber erscheint sie als junge, sexy Verführerin (s. Abb. 1).
Im Falle von Andy Borg, der mit 54 Jahren zu alt sei, den Musikanten-
stadl zu moderieren, schwingt in der Kronen Zeitung (03.03.2015, o. S.) Mit-
leid mit. Kritisiert wird das „unmenschliche System Fernsehen“, konkret der
öffentliche-rechtliche Rundfunk. Auf der visuellen Ebene erscheint auch Borg
eher jung und fröhlich, mit „Schlag bei den Frauen“ (s. Abb. 1, Kronen Zeitung,
31.03.2015, S. 34).

4.2 
Junge Alte beugen vor

Zu den typischen und durchaus auch stereotypen Altersbildern zählen solche, in


denen Junge Alte für Produkte werben, die den Alterungsprozess verlangsamen
oder das Leben als alter Mensch erleichtern sollen. Hier symbolisieren Junge
Alte geradezu den Erfolg des Produktes. Deutlich ist der Appell, nicht allein auf

Abb. 1   Prominente Junge Alte. (Profil, 09.03.2015; Krone, 31.03.2015)


176 M. Thiele und H. Atteneder

s­ taatliche Fürsorge zu vertrauen, sondern rechtzeitig selbst tätig zu werden, dem


Alter vorzubeugen und durch den Kauf des Produktes oder die Inanspruchnahme
einer Dienstleistung das Alter abzuwenden bzw. erträglich zu machen (Abb. 2).

4.3 
Junge Alte als glückliche Paare

Junge Alte sind nicht allein. Sie treten bevorzugt paarweise auf oder eingebunden
in soziale, vor allem familiäre Strukturen. Die Paardarstellungen sind unter
Berücksichtigung von Positionierung im Raum, Größenverhältnisse, Blick-
richtungen, Beschützergesten, Berührungen höchst konventionell. Sie stützen das
„kulturelle System der Zweigeschlechtlichkeit“ (Hagemann-White 1984, S. 83),
blenden andere als heterosexuelle Lebensformen und auch das Single-Sein im
Alter aus (Abb. 3).

Abb. 2   Junge Alte beugen vor. (Krone, 25.03.2015)

Abb. 3   Junge Alte als glückliche Paare. (Krone, 24.03.2016; Krone 31.03.2015)
Zu jung, um alt zu sein? Visiotype der Best Ager … 177

Abb. 4   Junge Alte in Bewegung. (Krone, 02.03.2015; SN, 12.03.2016; Krone,


21.03.2015)

4.4 
Junge Alte in Bewegung

Auffällig ist, dass die jungen Alten häufig draußen, unterwegs und in Bewegung
gezeigt werden. Sie sitzen nicht etwa passiv im Lehnstuhl, sondern reisen, trei-
ben Sport, sind aktiv und übernehmen dadurch eine Vorbildfunktion. Der
Appellcharakter wird insbesondere in den redaktionelle Beiträge zum Thema
Gesundheit illustrierenden Bildern sehr deutlich, wie das Beispiel aus der Kronen
Zeitung (s. Abb. 4) belegt.

4.5 
Junge Alte und das liebe Geld

Finanzielle Vorsorge und Geldanlage sind Themen, bei denen Junge Alte Seriosi-
tät und Verlässlichkeit verkörpern. Ihnen kann man in Geldangelegenheiten ver-
trauen. Sie verfügen über Erfahrung, die sie an die nachfolgenden Generationen
weitergeben. Wenn aber die angeblich sicheren Geldanlagen doch nicht für ein
Leben in Luxus sorgen sollten, bleiben immer noch Casinos, Lotterien, Glücks-
spiel. Die berechtigte Sorge vor Altersarmut wird hier weggelacht. Zu sehen sind
Junge Alte als Gewinner/innen (Abb. 5).

4.6 
Junge Alte und Arbeit

Doch anders als die Werbung verheißt, müssen nicht wenige ältere Menschen
auch im Alter noch Geld verdienen, weil ihre Renten nicht reichen. Ein Bild-
typus, der stark vertreten war und deutlich häufiger bei redaktionellen Beiträgen
als in Anzeigen vorkam, ist der, der Junge Alte im Zusammenhang mit Arbeit
178 M. Thiele und H. Atteneder

Abb. 5   Junge Alte und das liebe Geld. (Standard, 26./27.03.2016; Standard, 29.03.2016)

zeigt. Diese Darstellungen variieren. Zu sehen sind zum einen ältere Menschen
bei der Arbeit, die jüngeren etwas erklären. Hier wird auf visueller wie auf tex-
tueller Ebene die Berufserfahrung Älterer positiv dargestellt. Häufig lächeln
die Gezeigten und es finden sich in den Texten dazu passend Aussagen über die
Erfüllung, die Berufstätigkeit bedeutet, und das Glück, auch dann noch weiter
zu arbeiten, wenn eigentlich schon das Pensionsalter erreicht ist. Zum anderen
wird aber auch thematisiert, dass die Arbeitslosigkeit unter älteren Arbeitnehmer/
innen überdurchschnittlich hoch ist. Bebildert werden solche Beiträge durch Info-
grafiken, auch durch Karikaturen, vor allem aber Darstellungen, die Ältere im
Bewerbungsgespräch oder bei der Weiterbildung zeigen (s. Abb. 6).

4.7 
Junge Alte und neue Medien

Zur Weiterbildung bzw. dem lebenslangen Lernen gehört, sich mit Digitalisie-
rung und sogenannten neuen Medien auseinander zu setzen. In den untersuchten
Printmedien finden sich zahlreiche Beiträge und Bilder, die Junge Alte mit neu-
ester Technik zeigen (s. Abb. 7). Die Botschaft ist eindeutig. Wer nicht zum
alten Eisen gehören will, muss über ein Smartphone, Tablet, mindestens PC mit
Zu jung, um alt zu sein? Visiotype der Best Ager … 179

Abb. 6   Junge Alte und Arbeit. (SN, 02.03.2016; SN, 05.03.2015; Krone, 21.03.2015)

Abb. 7   Junge Alte und Neue Medien. (Krone, 07.03.2015; Krone, 27.03.2016)

­ reitbandinternetzugang verfügen. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass


B
ältere Menschen aber nicht nur mit neuester Technik gezeigt werden, sondern
auch als Testimonials in Anzeigen für Qualitäts-, vor allem Printmedien auftreten.

5 Kritische Reflexion

Die hier vorgestellten Bildtypen basieren wie zu Beginn des Abschnitts erwähnt
vor allem auf kontextuellen Gemeinsamkeiten. Bildtypen abstrahieren und fas-
sen die wesentlichen Aussagen, die durch bestimmte Bilder getroffen werden,
zusammen. Im Einzelnen können sich die zu einem Typus zusammengefassten
Bilder und Bildmotive daher durchaus unterscheiden.
180 M. Thiele und H. Atteneder

Was alle in die Stichprobe gelangten Bilder eint ist, dass sie eine bestimmte
Altersgruppe zeigen, nämlich Junge Alte. Sie treten jedoch in unterschiedlichen
Kontexten auf. So ist bei Typ I der Status (Prominenz, Showbusiness) einend, bei
Typ II das mit einem Produkt oder einer Lebensweise verbundene Versprechen
von Jugendlichkeit, bei Typ III die Darstellung Junger Alter als Paar, bei Typ IV
die Darstellung Junger Alter draußen, außer Haus und in Bewegung, bei Typ V
die Frage nach der finanziellen Situation, bei Typ VI die nach Erwerbsarbeit im
hohen Alter, bei Typ VII die des Umgangs mit Medien. Damit ist lediglich eine
erste, recht grobe Typisierung nach Kontexten und z. T. Bildinhalten gelungen.
Innerhalb dieser Bildtypen wären nun noch einmal Unterscheidungen und Grup-
pierungen denkbar, wobei Kriterien wie Größenverhältnisse, Nähe und Distanz,
Platzierung im Raum, Symbole, etc. aber auch weitere mit Alter verbundene
soziale Kategorien wie Geschlecht, Körperlichkeit, Ethnie und Klasse berück-
sichtigt werden müssten.
Denn der Vielzahl und Verwobenheit sozialer Kategorien wird sowohl in
Journalismus und Werbung als auch in der Alter(n)sforschung bislang wenig
Rechnung getragen, obwohl bereits seit den 1970er Jahren auf den „double
standard of aging“ (Sontag 1972) und die „Feminisierung des Alters“ (Nieder-
franke 1999, S. 10; Blitzko-Hoener und Weiser 2012, S. 120) hingewiesen
wurde. Mike Featherstone und Andrew Wernick betonten in der Einleitung zu
Images of Aging (1995) die Wichtigkeit der vernachlässigten Kategorie Körper
und beklagten ein Theoriedefizit in der Alter(n)sforschung: „It is true to say that
aging is about the body, yet in the study of aging we often lose sight of the lived
body. Previous works have tended to concentrate on a gruesome cartography of
aging infirmities, or on policy developments. The result of this has been to make
gerontology and the study of aging data rich and theory poor“ (Featherstone und
Wernick 1995).
Die Liste der zu wenig beachteten und mit Alter verschränkten sozialen Kate-
gorien ist lang. Zu nennen wären neben Geschlecht und Körper, Gesundheit,
sexuelle Orientierung, Ethnizität und – gerade auch im Hinblick auf die Ent-
deckung der Best Ager als werberelevante Zielgruppe – Beruf, Bildung, Klasse
und Einkommen. So sollte die Forschung zu Alter und speziell auch zu media-
len Repräsentationen von Alter einen theoretischen Schub durch intersektionale
Ansätze (Winker und Degele 2009) erhalten und Alter tatsächlich als „perspekti-
visches Konstrukt, dessen jeweiliger Definitionsbereich außerordentlich flexibel
ist, und durch situative Faktoren bestimmt wird“ (Thimm 2000, S. 16) begriffen
werden.
Zu jung, um alt zu sein? Visiotype der Best Ager … 181

6 Fazit

Aktuelle Medieninhaltsanalysen wie die vorliegende belegen: Alter ist medial


präsent und es wird inzwischen nicht mehr nur mit Defiziten und Ängsten in Ver-
bindung gebracht. Die in den letzten Jahren erkennbar gestiegene Präsenz Junger
Alter sowohl in der Werbung als auch in der redaktionellen Berichterstattung hat
das Rollenspektrum erweitert und zu einem insgesamt differenzierteren Bild vom
Alter geführt. Nicht von der Hand zu weisen ist jedoch die Befürchtung, dass die
Präsenz Junger Alter in den Medien zulasten der Sichtbarkeit Hochaltriger führt.
Wenn wir uns wie in dieser Bildtypenanalyse auf die visuellen Repräsentatio-
nen junger Alter beschränken, fällt ein bestimmtes Framing auf (Goffman 1989;
mit Bezug auf Altersdarstellungen auch Wangler 2012) und eine Reduktion auf so
wenige, immer wieder hervorgehobene äußere Merkmale (zwar graues Haar und
einige Fältchen, ansonsten aber jung: schlank, attraktiv, mobil, unternehmungs-
lustig etc.), dass durchaus von einem neuen Altersstereotyp bzw. Substereotyp
gesprochen werden kann. Es ergänzt traditionelle, eher negative Altersstereo-
type um das positiv besetzte Bild einer verlängerten mittleren Lebensspanne und
suggeriert, durch den Konsum bestimmter Produkte und Dienstleistungen sowie
eigenverantwortliches Handeln länger jung und leistungsfähig bleiben zu können.
Dieses neue kapitalismuskonforme Altersstereotyp der Best Ager ist nicht nur in
der Werbung zu finden, sondern auch in redaktionellen Beiträgen. Es untermauert
z. B. in der Debatte über die Folgen des demografischen Wandels die Position
derjenigen Interessensgruppen, die für eine Anhebung des Renteneintrittsalters
plädieren.
Wie immer bei Stereotypen enthält auch das mediale Stereotyp der jungen
Alten ein Körnchen Wahrheit. Viele in der Altersgruppe der 55- bis 70-Jährigen
fühlen sich ‚zu jung, um alt zu sein‘. Sie wenden sich gegen eine pauschale Vik-
timisierung und Abwertung älterer Menschen. Und wie immer bei Stereotypen
sind diese auch Bestandteil einer Ideologie. Dabei sind Körperarbeit, Sport und
Bewegung sowie Schönheitshandeln keineswegs postmoderne Phänomene. Es hat
zu allen Zeiten soziale Normen bezüglich idealer und attraktiver Körper gegeben.
Was sich jedoch verändert, ist der Anspruch an den Aufwand, die Arbeit am
Selbst, die zu leisten ist, um einen idealen und das heißt zumeist jugendlichen
Körper zu erlangen bzw. zu erhalten. Diesen Aufwand – und das ist wiederum
neu – sollen Menschen jeden Alters betreiben, um möglichst lange attraktiv und
das heißt in einer kapitalistischen Gesellschaft vor allem leistungsfähig zu blei-
ben. Dass dieser Anspruch subjektiviert, verinnerlicht und verkörpert wird, zeugt
von der Wirkungsmacht medialer Repräsentationen Junger Alter.
182 M. Thiele und H. Atteneder

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Gesundheit, Lebensstil und Subjektives
Wohlbefinden aus ökonomischer
Perspektive

Hannes Winner

Zusammenfassung
Der Zusammenhang zwischen dem Lebensstil, Gesundheit und Glück betrifft
eine genuin ökonomische Fragestellung und ist auch gesundheitspolitisch von
hoher Relevanz. Der vorliegende Beitrag thematisiert diesen Zusammenhang
aus theoretischer und empirischer Perspektive. Der Lebensstil wird auf das
Bewegungsverhalten eingeschränkt. Theoretisch lässt sich zeigen, dass Bewe-
gung direkt oder indirekt den Nutzen eines Individuums und damit das sub-
jektive Wohlbefinden beeinflusst. Neben diesem Wirkungsmechanismus lassen
sich auch andere Zusammenhänge ableiten, welche aus empirischer Sicht zur
Konsequenz haben, dass eine eindeutige Kausalität zwischen dem Lebensstil
und dem subjektiven Wohlbefinden kaum nachweisbar ist. Der Beitrag dis-
kutiert die damit verbundenen Probleme und Möglichkeiten für die weitere
empirische Forschung.

Schlüsselwörter
Lebensstil · Bewegung · Gesundheit · Subjektives Wohlbefinden · Nutzen ·
Kausalität · Identifikation

H. Winner (*) 
Universität Salzburg, Salzburg, Österreich
E-Mail: hannes.winner@sbg.ac.at

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019 185
M. Dimitriou und S. Ring-Dimitriou (Hrsg.), Der Körper in der Postmoderne,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-22282-6_12
186 H. Winner

1 Einleitung

„Der Sinn des Lebens besteht darin, glücklich zu sein.“ Viele Menschen würden
diese Meinung teilen. Weitaus stärker dürften die Ansichten in der Frage ausei-
nandergehen, welche Faktoren – etwa Gesundheit, Beruf oder Familie – für die
persönliche Lebenszufriedenheit ausschlaggebend sind und welche Bedeutung
dabei materielle Werte wie Einkommen oder Vermögen einnehmen (Lazear
2011). Ebenso umstritten dürfte sein, ob tatsächlich „jeder seines Glückes
Schmied“ ist und ob das subjektive Wohlbefinden sich durch eine Änderung von
Lebensgewohnheiten beeinflussen lässt.1
Im Folgenden wird aus einer ökonomischen Perspektive der Zusammenhang
zwischen subjektivem Wohlbefinden (SWB), Gesundheit und Lebensstil beleuch-
tet. Ökonomisch ist diese Thematik aus zwei Gründen von Interesse: Erstens ver-
steht sich die Ökonomik als Wissenschaft, die individuelles Verhalten zu erklären
versucht und, darauf aufbauend, Aussagen über die gesellschaftliche Wohlfahrt
im Sinne des Lebensstandards ihrer Gesellschaftsmitglieder trifft. Persönliches
und gemeinschaftliches Wohlbefinden sind damit genuin ökonomische Erkennt-
nisinteressen. Sie gehen weit über den Konsum von Gütern hinaus, worin man die
postmoderne Komponente des persönlichen Glücksgefühls sehen mag. Zweitens
zielen gesellschaftliche Maßnahmen („Eingriffe“) häufig auf Veränderungen von
Lebensgewohnheiten. Neben den Standardinstrumenten der Verbote (z. B. Rauch-
verbot) und Steuern (z. B. Alkoholabgaben) reicht etwa in der Gesundheitspoli-
tik das Spektrum von Eingriffen von Selbstbehalten in der Krankenversicherung
über die unentgeltliche Bereitstellung von Vorsorgeuntersuchungen bis zu (pri-
vaten und staatlichen) „Stubsern“ („Nudges“), welche ein gesundheitsbewusstes
Verhalten fördern sollen (Thaler und Sunstein 2008). Derartige Eingriffe können
beträchtliche Wohlfahrtswirkungen zur Folge haben. Eine fundierte Kenntnis über
Ausmaß und Richtung von Wirkungszusammenhängen ist daher eine unerlässli-
che Grundlage einer effizienten Wirtschafts-, in diesem Fall Gesundheitspolitik.
Der vorliegende Beitrag zeigt in einem ersten Schritt, wie sich der Einfluss des
Lebensstils auf Gesundheit und SWB konsistent aus der ökonomischen Theorie

1Die Begriffe „Glück“, „Lebenszufriedenheit“ oder „Wohlbefinden“ werden in der Glücks-


forschung weitgehend synonym verwendet. Die folgenden Ausführungen folgen zwar
dieser Konvention, versuchen sich aber weitgehend auf den Begriff des subjektiven Wohl-
befindens (SWB) einzuschränken.
Gesundheit, Lebensstil und Subjektives Wohlbefinden aus … 187

ableiten lässt (Abschn. 2). Aus Gründen der Überschaubarkeit wird der Lebensstil
auf das Bewegungsverhalten eingeschränkt,2 andere Lebensgewohnheiten, welche
z. B. in der Ernährung, dem Schlafverhalten oder dem Alkohol- bzw. Nikotinkon-
sum zum Ausdruck kommen, bleiben ausgeklammert. Im zweiten Schritt wird die
empirische Evidenz zu den Zusammenhängen zwischen Bewegung, Gesundheit
und SWB präsentiert (Abschn. 3). Angesichts des beträchtlichen Literaturum-
fangs, insbesondere zu den Gesundheitseffekten der Bewegung, beschränkt sich
die Auswahl der Beiträge auf gesundheitsökonomische Studien. Anhand dieser
wird anschließend ein Identifikationsproblem diskutiert, welches sich stellt, wenn
nicht nur Korrelationen, sondern auch (und vor allem) kausale Wirkungszusam-
menhänge interessieren (Abschn. 3). Eine Zusammenfassung mit schlussfolgern-
den Bemerkungen schließt den Beitrag.

2 Theoretischer Hintergrund

Der Einfluss des Lebensstils auf die Gesundheit und das subjektive SWB lässt
sich ökonomisch anhand eines Modells analysieren, in dem ein rational handeln-
des Individuum den Nutzen aus dem Konsum von Gütern maximiert. Rationali-
tät setzt voraus, dass die Präferenzen eines Individuums vollständig, transitiv und
monoton sind. Vollständigkeit bedeutet, dass ein Individuum alle Güterbündel
bewerten und vergleichen kann. Transitivität stellt entscheidungslogisches Han-
deln sicher: Falls eine Alternative A gegenüber einer Alternative B bevorzugt
wird, und diese wiederum einer Alternative C, so muss gelten, dass A gegenüber
C präferiert wird. Monotone Präferenzen implizieren, dass eine größere einer
kleineren Menge an Gütern vorgezogen wird (d. h. „mehr ist besser als weniger“).
Der Begriff des Gutes ist weit gefasst, d. h. nicht nur materielle, sondern auch
immaterielle Bedürfnisse wie Gesundheit, Freizeit oder Fairness gehen in den
Nutzen ein. Im Nutzen kommen persönliche Wertvorstellungen des Individuums
zum Ausdruck. Im Kontext des vorliegenden Beitrags kann können die Begriffe
des Nutzens und des SBW synonym verwendet werden.3

2„Bewegung“, „sportliche Aktivität“ und „körperliche Betätigung“ sind zwar unterschiedli-


che Begrifflichkeiten, auf ihre Unterschiede wird in den folgenden Ausführungen allerdings
nicht eingegangen, sodass sie für den Zweck dieses Beitrages synonym verwendet werden.
3Während aus theoretischer Perspektive konzeptionelle Unterschiede zwischen den b ­ eiden
Begriffen bestehen (Gilboa 2010, S. 143 ff. und Weimann et al. 2015, S. 155 ff.), fallen
diese aus empirischer Sicht weniger ins Gewicht (Ferrer-i-Carbonell und Frijters 2004).
188 H. Winner

Im Bestreben, den Nutzen zu maximieren, ist das Individuum mit Ressour-


cenbeschränkungen konfrontiert. Eine Standardannahme ist, dass die Konsu-
mausgaben (langfristig) nicht höher als das Einkommen aus Erwerbstätigkeit sein
können. Eine weitere Beschränkung ergibt sich aus dem verfügbaren Zeitbudget
des Individuums (z. B. 24 h pro Tag), welches für die Erzielung von Erwerbsein-
kommen (Arbeitszeit inkl. Zeitaufwand zur Erreichung des Arbeitsplatzes), für
die Hausarbeit oder Freizeit verbraucht werden kann (Becker 1965). Der Zeit-
aufwand für sportliche Aktivität stellt dabei eine Möglichkeit der Freizeitverwen-
dung dar.4
Aus ökonomischer Sicht wird aus zwei Motiven einer sportlichen Betätigung
nachgegangen (Cabane und Lechner 2015): Erstens der Bewegung willen („taste
for physical activity“), zweitens zur Aufrechterhaltung bzw. Verbesserung des
Gesundheitszustandes. Im ersten Fall wird die körperliche Betätigung als Kon-
sumgut betrachtet, welches direkt den Nutzen des Individuums erhöht. Im zwei-
ten Fall beeinflusst die Bewegung den Gesundheitszustand und damit indirekt den
Nutzen des Individuums. Nach dieser Sichtweise wird sportliche Betätigung als
Investitionsgut interpretiert (Grossman 1972).
Die Maximierung des Nutzens unter den o. g. Einkommens- und Zeitrestrikti-
onen stellt ein Optimierungsproblem dar, welches analytisch (mathematisch) lös-
bar ist. Das Ergebnis dieser Optimierung liefert Hypothesen darüber, wie sich ein
rationales Individuum entscheidet, und – in Bezug auf das Bewegungsverhalten
– welche Faktoren für die Nachfrage nach sportlicher Aktivität maßgebend sind.
So lässt sich zeigen, dass das Ausmaß der Bewegung von den Opportunitätskos-
ten der Freizeit abhängt. Diese sind wiederum durch die Entlohnung der Erwerbs-
arbeit determiniert. Das ökonomische Standardmodell würde also voraussagen,
dass die sportliche Betätigung negativ mit dem Einkommen korreliert. Weil das
Einkommen typischerweise über das Alter eines Individuums variiert ist weiters
zu erwarten, dass auch das Bewegungsausmaß altersabhängig variiert. Diese Vor-
hersagen sind durch empirische Studien belegt (z. B. García et al. 2011).
Das ökonomische Standardmodell erlaubt, die wichtigsten Faktoren der sport-
lichen Betätigung offen zu legen und, in weiterer Folge, empirisch testbare Hypo-
thesen über den Zusammenhang zwischen dem Bewegungsverhalten und dem
SWB abzuleiten. Eine weitere Stärke des Modells besteht in ihren Erweiterungs-
möglichkeiten. So ergänzen Humphreys und Ruseski (2011) das Grundmodell

4Eineformale Darstellung des hier beschriebenen Grundmodells, auch als SLOTH-Modell


bekannt (Sleep-Leisure-Occupation-Transport-Home-production), findet sich in Cawley
(2004) und in Humphreys und Ruseski (2011).
Gesundheit, Lebensstil und Subjektives Wohlbefinden aus … 189

um die Annahme von fixen und variablen Kosten der sportlichen Betätigung. Ein
Beispiel für fixe Kosten wären Einschreibgebühren bei einem Laufwettbewerb,
während Ausgaben für die Ausrüstung variable Kosten darstellen. Mit der Unter-
scheidung zwischen fixen und variablen Kosten ist es möglich, zwei Entschei-
dungen zu separieren: die Entscheidung, einer sportlichen Tätigkeit nachzugehen
(Ja/Nein-Entscheidung, sog. extensiver Rand) und jene, welche das Ausmaß der
Bewegung bestimmt (intensiver Rand). Ein Ergebnis des Modells ist, dass die
Entscheidung am extensiven Rand positiv und die Entscheidung am intensiven
Rand negativ vom Einkommen bestimmt werden. Eine Ausnahme bilden Meltzer
und Jena (2010), die auf den investiven Charakter der Bewegung fokussieren und
in Bezug auf die Bewegungsintensität (intensiver Rand) ein gegenteiliges Ergeb-
nis finden.
Downward et al. (2009) fokussieren auf die Haushaltsproduktion, um Netz-
werkeffekte des Bewegungsverhaltens zu untersuchen. Die individuelle Entschei-
dung zur sportlichen Aktivität hängt demnach von der Haushaltsorganisation und
vom Nachfrageverhalten der anderen Haushaltsmitglieder ab. Die Autoren zeigen,
dass die individuelle Bewegungsentscheidung wesentlich vom sozialen Umfeld,
d. h. den Entscheidungen der anderen Haushaltsmitglieder bestimmt wird. Dies
ließe sich mit den Kosten der sportlichen Betätigung begründen, die umso gerin-
ger sind, je mehr Haushaltsmitglieder ceteris paribus einer sportlichen Betätigung
nachgehen (z. B. könnten Informations- oder Transportkosten sinken oder inner-
halb der Familie sportspezifisches Wissen leichter weitergegeben werden). Eine
alternative Erklärung wären Peergruppen-Effekte, wonach der individuelle Nut-
zen der gemeinsamen sportlichen Betätigung größer ist als die Summe der Nut-
zen einer isolierten Wahrnehmung der sportlichen Aktivität. Diese Interpretation
scheint durch empirische Studien bestätigt, die zeigen, dass soziale Netzwerke
einen maßgebenden Einfluss auf die Nachfrage nach sportlichen Aktivitäten aus-
üben (eine Übersicht über diese Literatur geben Cabane und Lechner 2015).
Neben den bislang beschriebenen Modelltypen existieren Theorien aus der
verhaltensorientierten Ökonomik, welche die Annahme rationaler Individuen
aufgeben. Entscheidungen am extensiven und intensiven Rand des Bewegungs-
verhaltens werden in dieser Literatur nicht durch die Opportunitätskosten der
Freizeit, sondern durch das soziale Umfeld erklärt (Downward 2007). Beiden
Theoriesträngen gemeinsam ist hingegen die Betonung von sozio-ökonomischen
Faktoren wie Bildung, Alter oder Geschlecht.
190 H. Winner

3 Empirische Evidenz

Die in Abschn. 2 präsentierten Theorien gehen davon aus, dass Individuen


einer sportlichen Betätigung nachgehen, um direkt oder indirekt ihren Nutzen
und damit ihr SWB zu erhöhen. Letzteres manifestiert sich im Bestreben, den
Gesundheitszustand zu verbessern bzw. aufrechtzuerhalten (siehe für Österreich
z. B. Titze et al. 2015), am Arbeitsmarkt spezifische Eigenschaften zu signali-
sieren (z. B. eine höhere Leistungsfähigkeit) oder am sozialen Leben teilzuneh-
men. Theoretisch ist in beiden Fällen ein positiver Zusammenhang zwischen
Bewegung, Gesundheit und SWB aus ökonomischer Sicht zu erwarten. Empi-
risch lässt sich diese Hypothese im Rahmen einer Regressionsanalyse überprü-
fen, bei der ein Maß des SWB durch eine Größe erklärt wird, die über Art und
Ausmaß des Bewegungsverhaltens Auskunft gibt (meist Indikatorvariablen und/
oder Variablen, welche die Trainingsintensität zum Ausdruck bringen). Das SWB
(abhängige Variable) wird meist durch Indices aus Befragungen abgebildet, bei
denen die Probanden auf einer mehrteiligen Skala ihre persönliche Lebenszufrie-
denheit angeben. Im World Values Survey lautet entsprechende die Frage etwa:
„Taking all things together, would you say you are: (1) Very happy, (2) Quite
happy, (3) Not very happy, (4) Not at all happy, (5) Don’t know“ (eine Über-
sicht über einschlägig weltweit durchgeführte Befragungen geben Dolan et al.
2008, S. 113 ff.). Der Gesundheitszustand basiert entweder auf medizinischen
Diagnosen oder auf Selbstangaben im Rahmen von Befragungen. Neben der
Bewegungsvariable werden Kontrollgrößen berücksichtigt, welche persönliche
Charakteristika (wie Geschlecht, Alter, Haushaltsstruktur oder Bildungsstand)
und andere Aspekte des Lebensstils (v. a. Alkohol- und Nikotinkonsum oder
Ernährungsverhalten) beschreiben.
Abhängig davon, ob Bewegung als Konsum- oder Investitionsgut betrach-
tet wird, sind zwei empirische Modelltypen denkbar: Im ersten Fall ist das SWB
eine Funktion der Bewegung (direkter Nutzeneffekt), im zweiten Fall wird der
Einfluss der Bewegung auf das SWB über eine Veränderung des Gesundheits-
zustandes moderiert (indirekter Nutzeneffekt), was wiederum einen funktiona-
len Zusammenhang zwischen Bewegung und Gesundheit voraussetzt. Zu beiden
Wirkungskanälen existiert eine umfangreiche empirische Evidenz, die im Folgen-
den kurz vorgestellt wird (Abschn. 3.1 und 3.2). Die Auswahl der Beiträge erhebt
dabei nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Vielmehr werden zentrale ­Arbeiten
Gesundheit, Lebensstil und Subjektives Wohlbefinden aus … 191

aus der Gesundheitsökonomik herausgegriffen,5 anhand derer exemplarisch


gezeigt wird, welche Probleme empirischer Art sich stellen, wenn das Interesse in
einer kausalen Interpretation des Zusammenhangs zwischen Lebensstil, Gesund-
heit und SWB liegt (Abschn. 3.4). Für den empirischen Zusammenhang zwischen
Bewegung und SWB ist schließlich eine neuere Literatur bedeutsam, welche die
Kausalität zwischen Gesundheit und SWB umkehrt und die Effekte der SWB auf
den Gesundheitszustand untersucht. Auf diese Arbeiten wird in Abschn. 3.3 ein-
gegangen.

3.1 Bewegung und SWB

Die ökonomische Literatur, die sich empirisch mit dem direkten Zusammen-
hang zwischen Bewegung und SWB beschäftigt, ist relativ jung. Huang und
Humphreys (2012) zeigen unter Nutzung eines Datensatzes von 1,5 Mio. Perso-
nen aus den USA einen positiven Zusammenhang zwischen Bewegung und SWB,
der durch einen verbesserten Gesundheitsstatus moderiert wird und bei Männern
stärker als bei Frauen ausgeprägt ist. Die Kontrollvariablen inkludieren persön-
liche Charakteristika wie Geschlecht, Alter, Bildungs- und Berufsstand oder die
ethnische Zugehörigkeit der Befragten. Ruseski et al. (2014) beziehen sich auf
Befragungsdaten der Stadt Rheinberg am Niederrhein und finden ebenfalls signi-
fikant positive Effekte der Bewegung auf das SWB. Rasciute und Downward
(2010) greifen auf Befragungsdaten aus dem Vereinigten Königreich zurück, dif-
ferenzieren in ihrer Analyse aber zwischen der Motivation und Art der körperli-
chen Betätigung (Radfahren, Wandern und andere Tätigkeiten). Ihre Ergebnisse
legen nahe, dass Bewegung, die aus Gründen der Erholung und der Verbesserung
des Gesundheitszustandes getätigt wird, positive Effekte auf das SWB induziert.
Im Gegensatz dazu verschlechtert Radfahren das SWB insbesondere dann, wenn
es durch das Motiv begründet wird, die Wegstrecke zwischen Wohn- und Arbeits-
platz zurückzulegen. Die Autoren erklären dies mit Verkehrsrisiken, die mit dieser
Art der Fortbewegung verbunden sind.
In den meisten Studien wird Bewegung als Indikatorvariable operationalisiert,
die einen Wert von Eins annimmt, wenn innerhalb eines bestimmten Zeitraumes
einer sportlichen Betätigung nachgegangen wird (andernfalls Null). Wicker und

5Weniger berücksichtigt werden spezifische Beiträge aus der Medizin, der Psychologie,
Soziologie oder den Sportwissenschaften. Einen umfassenden Überblick über diese Litera-
tur geben Warburton et al. (2010) oder Reiner et al. (2013).
192 H. Winner

Frick (2015) verwenden demgegenüber Angaben über die Bewegungsintensität


und -dauer aus Befragungen in 28 europäischen Ländern. Sie finden, dass starke
körperliche Betätigung das SWB reduziert, während bei moderater Bewegung
positive Wohlfühleffekte zu verzeichnen sind (ähnlich Wicker und Frick 2016).

3.2 Bewegung und Gesundheit

Zu den Effekten der Bewegung auf den Gesundheitsstatus liegt eine umfangrei-
che Literatur aus der Medizin, den Sportwissenschaften und der Gesundheitsöko-
nomik vor. Der sportlichen Aktivität werden dabei durchwegs positive Effekte
zugeschrieben. Dies trifft auf den allgemeinen Gesundheitszustand (gemessen
im Körpergewicht, Blutdruck oder Blutzuckerwerten), aber auch auf spezifische
Krankheitsbilder wie Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes (Typ 2), Asthma
oder Alzheimer bzw. Demenz zu (Reiner et al. 2013, Sarma et al. 2014, McLeod
und Ruseski 2015). Hinzu kommen präventive Wirkungen der körperlichen Betä-
tigung (Sari 2011, 2013).
Am stärksten treten gesundheitsfördernde Effekte bei Patientinnen zutage,
welche sich wenig körperlich betätigen. Je höher demnach die Bewegungsinten-
sität ist, desto weniger scheinen die Vorteile der sportlichen Aktivität zu wirken
(Sari 2009, 2013; Humphreys et al. 2014). Dieser Befund scheint auf abneh-
mende Grenzerträge der Bewegung hinzuweisen, was im Einklang mit der ökono-
mischen Theorie steht.

3.3 SWB und Gesundheit

Empirische Arbeiten, die den indirekten Nutzen der Bewegung betonen, implizie-
ren einen systematischen Wirkungszusammenhang zwischen dem Gesundheits-
zustand und dem SWB. Dieser Effekt ist in der empirischen Literatur umfassend
belegt (Angner et al. 2009; Breslin et al. 2013), insbesondere für Übergewicht und
SWB (Blaine et al. 2007). Neben dieser Literatur existieren aktuellere Beiträge,
welche die Richtung der Kausalität umkehren und der Frage nachgehen, ob der
Gesundheitszustand systematisch durch das SWB beeinflusst wird. Lawrence
et al. (2015) untersuchen anhand einer Befragung aus den Vereinigten Staaten zwi-
schen 1978 und 2002 den Zusammenhang zwischen dem SWB und der Mortalität
(33.000 Befragte, wovon im Beobachtungszeitraum etwa 9000 Personen verstor-
ben sind). Die Autoren kontrollieren u. a. auf den Familien- und Beschäftigungs-
status, Einkommen oder Ausbildung und finden einen signifikant positiven Effekt
Gesundheit, Lebensstil und Subjektives Wohlbefinden aus … 193

des SWB auf die Mortalität (Veenhoven 2008 gibt einen Überblick über frühere
Beiträge). Liu et al. (2016) nutzen eine groß angelegte Befragung von Brust-
krebspatientinnen im Vereinigten Königreich zwischen 1996 und 2001 (1,3 Mio.
Frauen), bei der auch das SBW abgefragt wurde. Die Autoren können die Ergeb-
nisse von Lawrence et al. (2015) nicht bestätigen und finden insignifikante Effekte
des SWB auf Mortalität. Zwar besteht im Rohdatensatz ein Zusammenhang zwi-
schen SWB und Gesundheit. Dieser verschwindet aber, sobald auf das individuelle
Krankheitsbild, persönliche Charakteristika und dem Lebensstil (Rauchen, Body-
Mass-Index und Bewegung) kontrolliert wird.

3.4 Das Identifikationsproblem

Die Gemeinsamkeit der in den Abschn. 3.1 bis 3.3 präsentierten Literatur besteht
darin, dass – je nach empirischem Modell – die zu erklärende Größe (SWB oder
Gesundheit) eine lineare Funktion einer interessierenden Variable (Bewegungs-
verhalten oder Gesundheit) und weiterer Kontrollvariablen darstellt. Die zu inte-
ressierende Variable erhält dadurch eine ceteris paribus Interpretation, was unter
bestimmten Voraussetzungen einen Kausalzusammenhang impliziert (Angrist und
Pischke 2009, S. 51 ff.). Eine Voraussetzung ist etwa, dass das empirische Modell
saturiert in dem Sinne ist, als keine wichtigen Erklärungsgrößen fehlen (omitted
variables). Fehlende Variablen sollten darüber hinaus nicht simultan die abhän-
gige und zu interessierende Variable beeinflussen (Störfaktor oder confounder).
Weiters sollten keine wie die in Abschn. 3.3 beschriebenen umgekehrten Kausali-
täten auftreten. Eine spezifische Form einer umgekehrten Kausalität könnte auch
darin bestehen, dass Individuen mit höherem SWB sich systematisch in sportli-
che Aktivitäten selektieren (Stubbe et al. 2007). Alles in allem deutet die in den
Abschn. 3.1 bis 3.3 aufgezeigte Evidenz auf wechselseitige Beziehungen zwi-
schen Bewegung, Gesundheit und SWB hin, sodass standardmäßige Regressio-
nen zu verzerrten Schätzergebnissen führen und die ermittelten Zusammenhänge
kausal nicht interpretierbar sind.
Die empirische Literatur hält jedoch Verfahren bereit, die es erlauben, selbst
dann kausale Beziehungen zu identifizieren, wenn die o. g. Bedingungen nicht
erfüllt sind.6 Eine Lösungsmöglichkeit besteht beispielsweise in randomisierten

6Der Teilbereich der empirischen Wirtschaftsforschung (Ökonometrie), der sich mit der
Identifikation von Kausalzusammenhängen beschäftigt, wird als Programmevaluierung
bezeichnet.
194 H. Winner

Experimenten: Per Zufall werden Individuen spezifischen Bewegungsprogram-


men unterzogen (Treatmentgruppe). Nach einer bestimmten Zeit wird das SWB
dieser Gruppe mit jenem einer Gruppe verglichen, die ähnliche persönliche
Charakteristika aufweisen, aber keinem Treatment ausgesetzt wurde (Kontroll-
gruppe). Der Unterschied zwischen Treatment- und Kontrollgruppe im zeitlichen
Umfeld des Bewegungsprogramms ergibt den kausalen Effekt der Intervention.
Die Randomisierung stellt dabei sicher, dass sich Personen in der Treatment- und
Kontrollgruppe nicht wesentlich voneinander unterscheiden und dass keine Selek-
tion in das Treatment erfolgen kann. Randomisierte Experimente werden daher
häufig als „Goldstandard“ der Kausalitätsanalyse bezeichnet (Deaton und Cart-
wright 2016, die sich aber auch kritisch mit den Grenzen dieser Methode aus-
einandersetzen). Der Nachteil dieser Methode besteht indessen darin, dass die
zufällige Zuweisung von Programmen aus ethischer Sicht häufig schwer vertret-
bar ist und derartige Studiendesigns auch hohe Kosten verursachen können. Die
Anwendungsmöglichkeiten von randomisierten Experimenten sind daher einge-
schränkt.7
Eine weitere Möglichkeit besteht darin, eine Variable „außerhalb“ des empi-
rischen Modells zu finden, die i) eng in Verbindung mit der Entscheidung steht,
sich körperlich zu betätigen, aber ii) mit der Ergebnisvariable (dem SWB) nicht
korreliert ist (sog. Instrumentenvariable bzw. IV-Schätzer; Angrist und Pischke
2009, S. 113 ff.). Die erste Bedingung kann statistisch getestet werden, die zweite
Bedingung hingehen nicht, sodass die Validität der IV-Schätzung letztlich von
Plausibilitätsannahmen abhängt.
Die bisherige Literatur zum Zusammenhang von Lebensstil, Gesundheit und
SWB ist weitgehend mit dem Makel behaftet, keine echten Kausalaussagen tref-
fen zu können. Nur wenige Studien adressieren dieses Problem explizit. Huang
und Humphreys (2012) etwa wenden einen IV-Schätzer an, bei der das individu-
elle Bewegungsverhalten mit einer Variable instrumentiert wird, welche die lokale
Erreichbarkeit von Sportstätten zum Ausdruck bringt (gemessen an der Zahl von
Sportanlagen innerhalb der Wohnregion der Befragten). In ähnlicher Weise verwen-
den Ruseski et al. (2014) zwei Instrumente: die Distanz zur nächsten Sportanlage

7Stubbe et al. (2007) verwenden Informationen von Zwillingen aus den Niederlanden im
Alter zwischen 18 und 65 Jahren und vergleichen innerhalb dieser Gruppe Personen, die
Sport betreiben mit jenen, die keine körperliche Betätigung ausüben. Damit sind sie in der
Lage, auf persönliche Charakteristika weitgehend zu kontrollieren. Allerdings erfolgt die
Zuweisung des Treatments nicht per Zufall, sodass die Studie kein echtes randomisiertes
Experiment darstellt.
Gesundheit, Lebensstil und Subjektives Wohlbefinden aus … 195

und die Antwort auf die Frage, wie wichtig körperliche Betätigung ist. Die Autoren
können zeigen, dass diese Variablen signifikant mit dem individuellen Bewegungs-
verhalten korreliert sind (erste Voraussetzung für die Validität des IV-Schätzers).
Die zweite Voraussetzung des IV-Schätzers (Unkorreliertheit der Erreichbarkeits-
variable mit dem SWB) lässt sich hingegen nicht testen, sondern nur anhand von
Plausibilitätsannahmen argumentieren. Diese sind aber im Falle der Erreichbarkeit
hinterfragungswürdig, weil eine gut ausgebaute Sportinfrastruktur die Wohnent-
scheidung determinieren und somit ein Selektionsproblem vorliegen könnte. Damit
wäre der IV-Schätzer nicht länger verzerrungsfrei. Vielversprechender erscheint der
Ansatz, das soziale Umfeld als Instrument zu verwenden, was sich stärker durch die
in Abschn. 3 diskutierte verhaltensorientierte Literatur motivieren ließe. Demnach
wird die individuelle Entscheidung zur Ausübung einer sportlichen Betätigung vom
Bewegungsverhalten der anderen Haushaltsmitglieder bestimmt (Dzien et al. 2017).

4 Schlussfolgerungen und Ausblick

Der vorliegende Beitrag diskutiert den ökonomischen Zusammenhang zwischen


Lebensstil (Bewegung), Gesundheit und subjektivem Wohlbefinden (SWB). Die-
ser Zusammenhang ist für Ökonomen von Interesse, weil, erstens, der Nutzen
und damit das SBW ein genuines Erkenntnisinteresse der Disziplin darstellen.
Zweitens werden gesundheitspolitische Eingriffe häufig mit kausalen Zusammen-
hängen begründet. Die entsprechenden Wohlfahrtswirkungen können mitunter
beträchtlich sein.
Aus theoretischer Sicht lässt sich ein positiver Zusammenhang zwischen
Bewegung, Gesundheit und SWB begründen. Bisherige empirische Studien
bestätigen diese Beziehungen zwar, lassen sich aber weitgehend nicht kau-
sal interpretieren. Auch die Standardverfahren der Programmevaluierung sind
nur eingeschränkt anwendbar. Diese Bestandsaufnahme scheint sich mit jener
aus einer anderen, gleichermaßen komplexen und wichtigen Fragestellung der
Gesundheitsökonomik zu decken, dem Zusammenhang zwischen Gesundheit,
Bildung und Einkommen (bzw. Vermögen). Auch hier kann die empirische Evi-
denz nur als Korrelation interpretiert werden, was für die Gesundheitspolitik
informativ und ausreichend sein mag. Weitergehende Aussagen, insbesondere
zur Wirkung von spezifischen Maßnahmen zur Förderung von Gesundheit und
SWB, sind allerdings an dem Anspruch der Kausalität zu messen, was weitere
Forschungsanstrengungen zum Themenbereich Lebensstil, Gesundheit und sub-
jektives Wohlbefinden rechtfertigt.
196 H. Winner

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