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Wald und Wild    39.

Bonner Jägertag

Bonner Jägertag 2016


Das Leitthema des Bonner Jägertages „Die Umwelt im Spiegel der Gesundheit des Wildes“ am 1. September 2016 in
der Stadthalle Bonn-Bad Godesberg zeigte nicht nur Zusammenhänge auf, sondern machte auch deutlich, dass es gilt,
Verantwortung auch für die unbeabsichtigten Folgen des Handelns zu übernehmen und dass nachhaltige Nutzung einen
entscheidenden Schlüssel zum Umweltmonitoring bietet.

Michael Petrak

I n einer natürlichen Umwelt sind Wild-


krankheiten wichtige Regulatoren in der
Beziehung Wildtier – Umwelt. Heute domi-
niert der Mensch mit seinen Haustieren die

Foto: Dagmar Eickhoff


Lebensräume, sodass man von natürlicher
Regulation nicht mehr sprechen kann. Der
Präsident des Landesamtes für Natur, Um-
welt und Verbraucherschutz NRW, Herr Dr.
Thomas Delschen, stellte in seiner Begrü- Blick in die Stadthalle Bonn-Bad Godesberg
ßung heraus, dass das Generalthema des
diesjährigen Bonner Jägertages ein fachüber- dankte insbesondere Frau Dr. Lutz, die seit Jagd häufig die ersten Hinweise kommen.
greifendes Thema aufgreife, das auch für 1983 in der Forschungsstelle für dieses Ar- Als Indikatoren für die Umweltsituation
die Zusammenarbeit der unterschiedlichen beitsgebiet verantwortlich zeichnet. Wild- sind sie von gesamtgesellschaftlichem Inte­
Fachdisziplinen stehe, wie sie auch durch krankheiten betreffen nicht nur Jägerinnen resse – umgekehrt ist der Mensch mit seinen
die Bündelung von Natur-, Umwelt- und und Jäger, auch wenn aus dem Bereich der weltweiten Aktivitäten ein wichtiger Vektor
Verbraucherschutz in einer Fachbehörde für die Einschleppung von Wildkrankhei-
gegeben sei. Dies schließe einen intensiven ten. Das Modell in Nordrhein-Westfalen,
Austausch, eine Arbeitsteilung und eine na- dass das Fallwild in den Chemischen und
tionale und internationale Zusammenarbeit Veterinäruntersuchungsämtern untersucht
mit anderen Institutionen ein. wird und die Befunde der Forschungsstelle
Foto: Dagmar Eickhoff

Foto: Dagmar Eickhoff

Der Präsident des Landesjagdverbandes zur Verfügung gestellt werden, hat sich seit
Nordrhein-Westfalen, Ralph Müller-Schal- 1957 bewährt und dient national und in-
lenberg, unterstrich die Verbundenheit zur ternational als Vorbild. Frankreich hat das
Forschungsstelle, und dass aus der Sicht der System flächendeckend übernommen und
Jäger die Bedeutung der Ergebnisse für die Walter Schmitz, Ralph Müller-Schal- nach anderen Bundesländern erwägt ak-
Praxis und die Verwendbarkeit für die Jagd Leiter des Referates lenberg, Präsident des tuell Schleswig-Holstein ein vergleichbares
wichtig seien. Jagd und Fischerei Landesjagdverbandes System einzuführen. Der seit sechs Jahr-
Der Leiter des Referates Jagd und Fische- des NRW-Ministe- Nordrhein-Westfalen zehnten von der Forschungsstelle vorge-
rei des NRW-Ministeriums für Klimaschutz, riums für Klima- legte Fallwildbericht ist in dieser Kontinui-
Umwelt, Landwirtschaft, Naturschutz und schutz, Umwelt, tät einzigartig – nicht nur in Deutschland.
Verbraucherschutz, Walter Schmitz, ging Landwirtschaft, Fallwilduntersuchungen sind methodisch
in seinem Grußwort für das Umweltmi- Naturschutz und ein Zufallsmonitoring und sind angesichts
nisterium auf die Bedeutung der Wildge- Verbraucherschutz der flächendeckenden Präsenz der Jäger ein
sundheit und der Wildkrankheiten ein und empfindlicher Seismograph auch für schlei-
Foto: Dagmar Eickhoff

Teilnehmer des 39. Bonner Jägertags am 1. September


2016 in der Stadthalle Bonn-Bad Godesberg.
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Wald und Wild 39. Bonner Jägertag

Dank an Dr. Walburga Lutz senschaft und Verwaltung ein Widerspruch sein können, lerin aus. Ein wertschätzender Umgang mit Jägern und
Frau Dr. Walburga Lutz hat das Sachgebiet „Schutz des blieb ihr nicht erspart. Angesichts der vielfältigen Inte- Berufsjägern, Waldbesitzern und Forstleuten, Landwirten,
Wildes“ seit 1983 bis zu ihrem Eintritt in den Ruhestand ressenkonflikte, denen Wild und Jagd heute ausgesetzt Straßenbauern und Gewässerleuten und letztlich allen im
am 31. März 2017 über mehr als 3 Jahrzehnte geleitet. sind, ist ein eigenständiger Forschungs- und Untersu- Lebensraum des Wildes war Grundlage zu zahlreichen
Seit 2004 ist Frau Dr. Lutz stellvertretende Leiterin der chungsansatz unverzichtbar. Die umsichtige, kollegiale Untersuchungen und Projekten, die ihren Niederschlag
Forschungsstelle. Der 39. Bonner Jägertag der in Büchern, ungezählten Veröffentlichungen in
Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildscha- Wissenschaftsjournalen und Zeitschriften für die
denverhütung, zugleich auch ihr letzter Bonner Praxis gefunden haben.
Jägertag – sie war von Anfang an dabei – bot Hervorzuheben ist das Engagement von
einen Einblick in die Vielfalt des Arbeitsgebietes Frau Dr. Lutz in der Wissenschaftsgemein-
und zugleich in das weit gespannte Forschungs- schaft. So hat sie die Entwicklung der deut-
feld der Wissenschaftlerin. schen Gruppe des Internationalen Ringes der
Das Thema ihrer Promotion im Jahr 1981 Jagdwissenschaftler über die Gründung der
„Untersuchungen zur Nahrungsbiologie des Wa- Vereinigung der Wildbiologen und Jagdwis-
schbären, Procyon lotor (Linné 1758) und zum senschaftler Deutschlands im Jahr 2001 als
möglichen Einfluss auf andere Wildarten in sei- Gründungsmitglied und im Vorstand begleitet.

Foto: Dagmar Eickhoff


nem Lebensraum“ an der Universität Heidelberg 1988 wurde sie in die Schriftleitung der Zeit-
gibt einen deutlichen Hinweis auf ihr weites In- schrift „Jagdwissenschaft“ berufen und hat in
teressenfeld, das auch immer das Raubwild ein- der Folgezeit als Mitherausgeberin die erfolg-
schloss. Frau Dr. Lutz hat den Aufgabendreiklang reiche Weiterentwicklung zum „European Jour-
der Forschungsstelle – Forschung, Beratung Der Leiter des Referates Jagd und Fischerei des NRW- nal of Wildlife research“ maßgeblich gestaltet
sowie Aus- und Fortbildung – zum Wohl von Wild Ministeriums für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, sowie das jetzt im Springerverlag erscheinende
und Jagd vorbildlich gestaltet. Zur Information, Naturschutz und Verbraucherschutz, Walter Schmitz, European Journal of Wildlife research als He-
Ausbildung und Fortbildung für die Praxis kam dankte Frau Dr. Lutz, die in der Forschungsstelle das rausgeberin sicher in die Zukunft geführt. In
stets auch das erfolgreiche Heranführen junger Sachgebiet „Schutz des Wildes“ seit 1983 bis zu ihrem dieser Zeit hat sich der Impactfaktor mehr als
Kolleginnen und Kollegen an die unterschied- Eintritt in den Ruhestand am 31. März 2017 über mehr verdreifacht. Für ihre Uneigennützigkeit spricht
lichsten Fragestellungen. Angewandte Forschung als 3 Jahrzehnte geleitet hat. auch, dass sie ihrem Nachfolger als Heraus-
zeichnet sich im Unterschied zur Grundlagenfor- geber weiterhin beratend zur Verfügung steht.
schung nicht durch eigene Methoden aus, sondern da- und freundschaftliche Zusammenarbeit mit allen Insti- Ihr Weg war von der Einsicht getragen, dass die Jagd
durch, dass sie für die Praxis wichtige Fragestellungen tutionen in Nordrhein-Westfalen, stellvertretend seien als nachhaltige Nutzung nicht nur der Eigenverantwort-
aufgreift und in die Bearbeitung die Erkenntnisse der die Chemischen und Veterinäruntersuchungsämter des lichkeit gerecht wird, sondern auch Grundlage für das
Grundlagenwissenschaften integriert. Ein von vornher- Landes und die Veterinärämter der Kreise genannt, ist Engagement für Wildtiere ist und darüber hinaus auch
ein auf „Anwendbarkeit“ ausgerichtetes Vorgehen greift die Basis zur notwendigen Kontinuität. Der Fallwildbe- eine entscheidende Basis für die Gewinnung von Pro-
vielfach zu kurz. Frau Dr. Lutz wusste dies nur allzu richt war und ist in seiner Gesamtschau Vorbild auch für benmaterial und Daten. Verbunden mit einem aufrich-
genau und hat viele Fragestellungen aufgegriffen – ge- andere Länder. Kooperation, nationale und internationale tigen Dank für die weitsichtige, umsichtige Begleitung
nannt seien nur die Themen Verbreitung der Tularämie, Zusammenarbeit sind die herausragenden Merkmale der Forschungsstelle und den selbstlosen, persönlichen
Glyphosat und die Bedeutung des Klimawandels für die von Frau Dr. Lutz. Die Fähigkeit, Entwicklungen früh zu Einsatz für Wissenschaft, Wildtiere und Jagd nicht nur
Wildgesundheit – deren Relevanz für die Praxis erst erahnen, präzise Fragen zu stellen, Hypothesen zu for- in Nordrhein-Westfalen gelten Frau Dr. Lutz unsere
nach einer „Latenzzeit“ von mehreren Jahren erkannt mulieren und geeignete Messgrößen zu definieren und besten Wünsche für ihren neuen Lebensabschnitt.
wurden. Die Erfahrung der alten Griechen, dass Wis- ein ökosystemarer Ansatz zeichnen die Wissenschaft- Michael Petrak

chende Umweltveränderungen. Das im Ei- dem Veterinäruntersuchungsamt Arnsberg vieler Krankheiten, wie der Afrikanischen
gentumsrecht begründete Aneignungsrecht unterstreichen, dass die wichtigsten Vorsor- Schweinepest. Verkehrswege sind hier Leit-
für das im Jagdrecht aufgeführte Wild bie- gemaßnahmen strikte Hygiene beim Auf- strukturen. Die schwarzwildsichere Abzäu-
tet hier eine solide Basis für ein langfristi- brechen, Abbalgen und Zerwirken und das nung von Park- und Rastplätzen an Auto-
ges und nachhaltiges Umweltmonitoring. Durchgaren des Wildbrets sind. Unter dem bahnen zählt zur notwendigen Vorsorge.
Der Bonner Jägertag spannt den Bogen von Aspekt der Vorsorge für den Wildbestand
Landwirtschaft und Pflanzenschutz, das Bei- und dem Verbraucherschutz ist jeder tot ge-
spiel Glyphsat zeigt deutlich, wie Interessen fundene Hase, für den sich keine eindeutige
die gesellschaftliche Wahrnehmung bestim- Todesursache feststellen lässt, zur Untersu- Dr. Michael Petrak,
michael.petrak@lanuv.nrw.de,
men, über den Ausgleich von Landwirt- chung zu bringen – analog gilt dies für das ist Leiter der Forschungsstelle
schaft, Umwelt und Pflanzenschutz in den Schwarzwild. Die Parasitenbelastung des für Jagdkunde und Wildschaden-
verhütung des Landesamtes für
Niederlanden zur Rehkitzmarkierung in der Wildes hängt auch von der Belastung der Natur, Umwelt und Verbraucher-
schutz NRW in Bonn.
Schweiz. Die Vorträge zur Tularämie aus Haustiere ab. Der Mensch ist eindeutiger
dem Robert-Koch-Institut in Berlin und aus Schlüsselfaktor für das Verbreitungsrisiko

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Rehkitzmarkierung:
Erfahrungen aus 45 Jahren
Das Reh ist häufig und weit verbreitet. Das bietet die Gelegenheit, seine Reaktionen auf Veränderungen in seinem
Lebensraum – etwa infolge von Klima oder Straßen- und Siedlungsbau – zu untersuchen. Hinweise darauf liefert
das Monitoringprojekt „Rehkitzmarkierung Schweiz“ mit seiner über 45-jährigen Laufzeit.

Maik Rehnus, Elisa Mosler

I m Projekt „Rehkitzmarkierung
Schweiz“ liegen Daten zu über
16.000  markierten Kitzen vor [1]. Die
jährlichen Markierungsaktionen wer-
den vom Bundesamt für Umwelt BAFU
finanziell ermöglicht und seit 2012 von
WILDTIER SCHWEIZ1 organisatorisch
betreut. Von etwa einem Fünftel der mar-
kierten Kitze sind auch Zeitpunkt und
Ursache ihres Todes bekannt, sodass sich
die Todesursache mit dem genauen Alter
des Tieres verbinden lässt. Auf diese Weise
werden wichtige Informationen über Risi-
ken während sensibler Phasen gewonnen,
wie zum Beispiel das Überleben in den

Foto: Andrea Weber


ersten Lebensmonaten oder die Abwan-
derung. Die einheitliche Erhebung von
Daten seit 1971 vom Mittelland bis in
alpine Lebensräume in der Schweiz lie- Abb. 1: Es empfiehlt sich bereits ab Anfang April die Aufenthaltsorte der hochträchtigen
fert somit eine ausgesprochen wertvolle Rehgeißen festzustellen, denn der künftige Setzplatz der Kitze befindet sich in unmittelbarer
Grundlage für Hinweise zu schleichen- Nähe.
den, wenig auffälligen Veränderungen der
Umwelt.

Gespeicherte Daten
600 Voralpen
Die zu jedem markierten Kitz und sei- 501–1.500 m. ü. M.
nem Fundort festgehaltenen Daten sind Alpen
Mittelland
in einer Datenbank gespeichert. Wird ein 500 ≤ 500 m. ü. M. > 1.500 m. ü. M.
markiertes Reh erlegt oder tot aufgefun-
den, werden wiederum tier- und ortsbe-
Anzahl markierter Kitze

400
zogene Daten erhoben. Der volle Nutzen
des Projekts erweist sich also besonders,
wenn beide Datensätze zu einem Tier 300
vorliegen. Denn erst zu diesem Zeitpunkt
können Aussagen darüber gemacht wer- 200
den, wie Rehe den verfügbaren Raum
nutzen, wie hoch ihre Lebenserwartung
100
Grafik: Wildtiere Schweiz

ist oder welche Ursachen in Abhängigkeit

0
01.05.
03.05.
05.05.
07.05.
09.05.
11.05.
13.05.
15.05.
17.05.
19.05.
21.05.
23.05.
25.05.
27.05.
29.05.
31.05.
02.06.
04.06.
06.06.
08.06.
10.06.
12.06.
14.06.
16.06.
18.06.
20.06.
22.06.
24.06.
26.06.
28.06.
30.06.

1) WILDTIER SCHWEIZ versteht sich als Mittler zwischen Forschung


und Praxis im Bereich der Wildtier- und Naturschutzbiologie. Ziel von
WILDTIER SCHWEIZ ist es, gesichertes Wissen über Wildtiere und ihre
Lebensräume zu verbreiten, um ein möglichst konfliktfreies Miteinander
von Mensch und Tier zu unterstützen. Abb. 2: Rehe werden mehrheitlich in den Monaten Mai/Juni geboren.

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Einzelschicksale
Die Markierung eines Rehkitzes erlaubt es mit
etwas Glück, sein Schicksal über Jahre zu ver-
folgen. Dazu ein eindrückliches Beispiel: Der
Graubündner Wildhüter Andrea Weber mar-
kierte in 33 Jahren stolze 482 Kitze und seine
Beobachtungen der markierten Tiere lieferten
einige sehr spannende Einblicke zum Reh. So
markierte Weber im Mai 1997 bei Klosters ein
Geißkitz mit der weißen Marke Nr. 5390. Diese
Geiß ist das bisher älteste dokumentierte Reh
von „Rehkitzmarkierung Schweiz“. Dass Nr.
5390 hart im Nehmen ist, zeigte sich bereits
in jungen Jahren, denn sie überlebte die har-
ten Winter 1998/99 und 1999/2000. Anfangs
blieb sie unentdeckt, doch 2003 wurde sie

Foto: Andrea Weber


knapp 2  km vom Markierungsort wieder ge-
sichtet und dann nicht mehr aus den Augen
gelassen. „Die Rehgeiß setzte wahrscheinlich
Abb. 3: Rehe gelten gemeinhin als ortstreu. gegen 20 Rehkitze in all den Jahren, 14 davon
habe ich markiert. Von den 14 Kitzen setzte
ducken sich die Kitze ins hohe Gras und die Geiß 4 x Geiß- und Bockkitz, 2 x Bockkitz
besitzen als Schutz vor Fressfeinden nicht und Bockkitz und 1 x Geißkitz und Geißkitz“, so
Schneller Überblick einmal einen Eigengeruch. Rehkitze flie- Wildhüter Weber. Die Rehgeiß setzte letztmalig
hen also auch vor anrückenden Menschen als 12-jähriges Tier. Die anschließenden Beob-
• Das Monitoringprojekt „Rehkitzmarkie- nicht. Da sich dies aber nach den ersten 2 achtungen der einzelnen Bockkitze bestätigten,
rung Schweiz“ existiert bereits seit über bis 3 Wochen ändert, muss man die Jung- dass bereits einjährige Rehböcke stattliche
45 Jahren tiere rechtzeitig finden. Dies geschieht am Sechser-Geweihe entwickeln können. Tiere
• Es ist nur möglich dank dem großen einfachsten über die Mütter. Es empfiehlt also, die sich schnell und kräftig entwickeln,
Engagement von Jägerinnen, Jägern sich bereits ab Anfang April, die Aufent- deshalb aber auch Gefahr laufen, zu früh auf
und Wildhütern. Sie suchen die Kitze, haltsorte der hochträchtigen Rehgeißen der Jagd erlegt zu werden. Die Geiß wurde im
markieren sie und liefern die Daten festzustellen, denn der künftige Setzplatz 19. Lebensjahr krankheitsbedingt erlegt.
• Ein Ergebnis: Bei den markierten Rehen der Kitze befindet sich in unmittelbarer
nimmt der Straßenverkehr mit 14  % Nähe. So liefert die Beobachtung der erst
nach der Jagd mit 64  % den zweiten trächtigen und dann säugenden Geißen
Platz bei den Todesursachen ein die Information, dass die Kitze geboren von Jägerinnen, Jägern und Wildhütern.
wurden. Sie suchen die Kitze, markieren sie und
Rehe gelten gemeinhin als ortstreu, liefern die Daten. Viele können „ihre“
vom Alter zum Tod führen. Kitze finden doch müssen sich Jährlinge, kurz bevor Rehe jahrelang beobachten und erhalten
demnach gehäuft bei der Wiesenmahd ihre Mütter das nächste Kitz setzen, ein so tiefe Einblicke in das Leben einzelner
den Tod. Vermähen als Todesursache wird neues Streifgebiet suchen. So kommt es Tiere (s. a. nebenstehenden Kasten).
im Rehkitzmarkierungsprojekt mit 10 % genau in diesen Monaten und in dieser Al-
fast dreimal so häufig ausgewiesen wie in tersklasse vermehrt zu Unfällen im Stra-
der Eidgenössischen Jagdstatistik (3  %) ßenverkehr. Auch unternehmen zwei- bis
[2]. Die Dunkelziffer ist also viel größer dreijährige Rehe mitunter ausgedehnte
als gemeinhin angenommen. Wanderungen, um dann später in die
Rehe werden mehrheitlich in den Mo- Nähe ihres Geburtsorts zurückzukehren.
naten Mai/Juni geboren (Abb. 2). Anfangs Auch diese Wanderungen verursachen bei
den Verkehrsunfällen mit Rehen alters-
bedingte Häufungen. Bei den markierten Maik Rehnus,
maik.rehnus@wildtier.ch,
Rehen nimmt der Straßenverkehr mit ist wissenschaftlicher Mitarbeiter
Literaturhinweise: 14 % nach der Jagd mit 64 % den zwei- bei WILDTIER SCHWEIZ und seit
2013 Projektleiter der „Rehkitz-
[1] Kurzfassung der Publikation: REHNUS M.; REIMOSER F. (2014): ten Platz bei den Todesursachen ein. markierung Schweiz“. Elisa Mos-
Rehkitzmarkierung – Nutzen für Praxis und Forschung, FaunaFocus 9: ler ist wissenschaftliche Mitarbei-
1-16. [2] Bundesamt für Umwelt: Eidgenössische Jagdstatistik. www.
„Rehkitzmarkierung Schweiz“ ist nur terin bei WILDTIER SCHWEIZ.
jagdstatistik.ch, besucht am 10.01.2014. möglich dank dem großen Engagement

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Die Hasenpest in Europa


und Deutschland
Die Tularämie, auch Hasenpest genannt, ist in Deutschland eine relativ seltene Zoonose und wird durch das Bakterium
Francisella (F.) tularensis hervorgerufen. Es werden vier Unterarten (Subspezies) unterschieden, wobei in Deutschland nur
Subspezies holarctica klinisch relevant ist. Der Erreger hat ein extrem breites Wirtsspektrum. Er infiziert v. a. verschiedene
Kleinsäuger wie Hasen, Kaninchen und Mäuse, aber auch andere Wild- sowie Haustiere. Auch Menschen können sich
anstecken, betroffen sind häufig Personen, die sich viel in der freien Natur aufhalten wie z. B. Jäger und Waldarbeiter.

Schneller Überblick

• Die Tularämie ist in Europa weit ver-


breitet
• Zur Tularämie führen neben dem Kon-
takt mit kontaminierten Tiermaterialien
und Arthropoden die Aufnahme von
kontaminierten Lebensmitteln, Trink-
wasser oder Aerosolen
• Die Prophylaxe besteht im Einhalten
aller Hygieneregeln. Das Risiko einer
Exposition wird durch Mundschutz,
Schutzbrille und Handschuhe verringert

amerika vor während Subspezies holarctica


in der gesamten nördlichen Hemisphäre
auftritt. Eine Gruppe (clade A.I), der nur
Quelle: Maurin & Gyuranecz, Lancet Infect Dis, 2016

in Nordamerika vorkommende Subspezies


tularensis, ist hochvirulent; die resultierende
Krankheit weist unbehandelt mit bis zu
60 % eine sehr hohe Sterblichkeit auf. Die
auch in Europa vorkommende Subspezies
holarctica ist weniger virulent, kann jedoch
ebenfalls schwere Krankheitsbilder hervor-
rufen (Abb. 1) [1].
In Deutschland wurden in den letzten
Abb. 1: Ausbrüche in Skandinavien, Südeuropa, Osteuropa. Beispielhafte Ausbrüche: 10 Jahren jährlich zwischen 1 und 34 Fälle
2000/2002: ca. 600 Fälle im Kosovo; 2003: 823 Fälle in Finnland; 698 Fälle in Schweden; dieser gemäß Infektionsschutzgesetz (ISFG)
2014/2015: 200 Fälle im Kosovo; 2015: > 800 Fälle in Schweden meldepflichtigen Erkrankung an das Robert
Koch-Institut übermittelt, wobei ein ver-
Daniela Jacob, Klaus Heuner, Roland Grunow überlebt in der Umwelt insbesondere bei meintlicher Anstieg der Fallzahlen mit 34
niedrigen Temperaturen. in 2015 und einem bisherigen Maximum
Erreger und Vorkommen Es werden vier Unterarten (Subspezies, von 41 Fällen in 2016 zu verzeichnen ist
ssp.) unterschieden: F. tularensis ssp. tula- (Abb.  2). Hervorzuheben ist hierbei, dass
F. tularensis ist ein gramnegatives, intrazel- rensis (Biovar Typ A), ssp. holarctica (Biovar humane Fälle im gesamten Bundesgebiet
luläres, unbewegliches, aerob wachsendes, Typ B), ssp. mediasiatica und ssp. novi- auftreten (Abb. 3). In Europa kommt der Er-
vielgestaltiges Bakterium, welches keine cida. Klinisch relevant sind nur Subspezies reger in vielen Ländern endemisch (andau-
Dauerformen (Sporen) ausbildet. Trotzdem tularensis und holarctica. Die Subspezies ernd gehäuftes Auftreten eines Erregers in
ist der Erreger sehr widerstandsfähig und tularensis kommt ausschließlich in Nord- einer Region) vor, wobei es wiederkehrend

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Ziesel sind hochempfänglich für den Tu­


Anzahl Fälle
34 larämieerreger. Wild (z.  B. Füchse, Wild­
35
31 schweine) und Haustiere (z. B. Katzen u.
30
Schafe) können infiziert sein und als Über­
25 23
22 Abb. 2: träger des Erregers fungieren, häufig ohne
20 20
20 Verteilung der nach selbst sichtbare Krankheitssymptome zu
17 17
15 ISFG gemeldeten 196 entwickeln. Eine besondere Rolle bei der
11
10 humanen Fälle auf die Übertragung auf den Menschen kommt
5 Jahre den blutsaugenden Insekten wie Mücken
1
0 2006 bis 2015 und Zecken zu. Eine Verbreitung des Er­
2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015
Meldejahr regers über Vögel (Eulen, Fasane, Rebhüh­
Gemäß IfSG ner, Zugvögel) wird ebenfalls diskutiert.
Fische, insbesondere der Dorsch und ver­
schiedene Lachsarten, können durch eine
Anzahl Fälle
besondere Spezies von Francisella infiziert

Grafiken: SurvStat, Robert Koch-Institut


60 54
werden, was in entsprechenden Fischzuch­
ten zu großen ökonomischen Verlusten
40
führen kann.
23 23 Der Erreger kann über verschiedene Wege
20
20 14 14 15
6 5 5 7 7 auf den Menschen übertragen werden und
1 1
1 zur Tularämie führen:
0
• Durch Haut- oder Schleimhautkon­
Baden-Württemberg

Bayern

Berlin

Brandenburg

Hamburg

Hessen

Mecklenburg-Vorpommern

Niedersachsen

Nordrhein-Westfalen

Rheinland-Pfalz

Saarland

Sachsen

Sachsen-Anhalt

Schleswig-Holstein

Thüringen
takt mit infektiösem Tiermaterial (z. B.
beim Abhäuten von infizierten Tieren),
• durch den Verzehr von nicht aus­
reichend erhitztem, kontaminierten
Fleisch (Hasen),
Bundesland
• durch die Aufnahme von kontaminier­
tem Wasser und anderen trinkbaren
2015 2014 2013 2012 2011 2010 2009 2008 2007 2006 Flüssigkeiten,
• durch Inhalation von infektiösem
Abb. 3: Geographische Verteilung der der nach ISFG gemeldeten 196 humanen Fälle von Staub (aus Erde, Stroh oder Heu),
2006 bis 2015 auf die Bundesländer • durch den Kontakt mit blutsaugen­
den, kontaminierten Arthropoden wie
zu größeren Ausbrüchen in Skandinavien, chien. Typisch hierfür sind seltene spora­ Mücken und Zecken.
in Südeuropa (Spanien) und in Osteuropa dische Tularämiefälle, welche z.  B. nach Dabei hängt das klinische Bild von der
(Kosovo, Türkei) kommt. Die Mehrzahl der Hautkontakt mit infektiösem Tiermaterial Eintrittspforte des Erregers ab.
Fälle treten saisonal beginnend von Juli bis (z. B. beim Abhäuten von infizierten Hasen) Die häufigste Form ist die sogenannte
November mit einem Höhepunkt im Au­ oder nach Verzehr von nicht ausreichend ulzeroglanduläre oder glanduläre Form,
gust/September auf [2]. erhitztem, kontaminierten Fleisch auftreten welche z. B. nach Hautkontakt mit in­
Der Lebenszyklus von F. tularensis ist (Abb.  1)[3]. Das tatsächliche Reservoir, in fektiösem Tiermaterial oder Zeckenbiss
nicht vollkommen geklärt. Letzte Publika­ dem der Erreger überdauert, ist bis heute auftritt. Hierbei bildet sich an der Ein­
tionen gehen in Europa von einem terrestri­ nicht bekannt. trittspforte meistens ein Geschwür und es
schen und aquatischen Lebenszyklus aus. kommt typischerweise zu einer regiona­
Bei dem aquatischen Zyklus ist die Hauptin­ Vorkommen und Infektionsweg len Lymphknotenschwellung. Zu Beginn
fektionsquelle das aquatische Milieu einschl. Der Erreger hat ein extrem breites Wirts­ der Erkrankung, unabhängig von der
Flüsse, Seen, Weiher, Teiche oder Trinkwas­ spektrum, bei dem mehr als 200 Tierarten Eintrittspforte, treten unspezifische, grip­
serbrunnen, welche durch Exkremente und als Träger infrage kommen. Tiere, welche peähnliche Symptome, v. a. Fieber, Schüt­
Tierkadaver kontaminiert werden, wodurch mit F. tularensis infiziert sind, sind entwe­ telfrost, Unwohlsein sowie Kopf- und
es häufiger zu größeren Ausbrüchen kom­ der leicht zu fangen, sterbend oder veren­ Gliederschmerzen, auf. Die Inkubations­
men kann. In den skandinavischen Ländern det. Für die Hausmaus endet eine Infektion zeit beträgt, abhängig von der Infektions­
kommt hingegen den Mücken eine wichtige mit dem Erreger in der Regel tödlich. Wie dosis, dem Infektionsweg, der Virulenz
Rolle bei der Übertragung der Francisellen für den Europäischen Feldhasen und auch des Erregerstammes und dem Immunsta­
auf den Menschen zu. Der terrestrische Zyk­ den Schneehasen gezeigt werden konnte, tus der betroffenen Person 1 bis 14 Tage,
lus ist der dominante in den Europäischen können sie die Infektion in seltenen Fällen in der Regel 3 bis 5 Tage. Selten sind auch
Ländern wie in Deutschland, Österreich, der auch überleben. Aber auch Nagetiere wie Inkubationszeiten von mehreren Wochen
Schweiz, Frankreich, Slowakei und Tsche­ z. B. Eichhörnchen, Biber, Lemminge und beschrieben. Eine Therapie mit Antibio­

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Wald und Wild 39. Bonner Jägertag

tika sollte möglichst frühzeitig nach In- gangen werden und der direkte Haut- und mit einem Wildtierkontakt oder Aufenthalt
fektion durch einen Arzt gemäß Therapie- Schleimhautkontakt mit Bestandteilen der in der freien Natur, sollte zum Ausschluss
empfehlung [4] eingeleitet werden. erlegten Tiere vermieden werden. Beim der Tularämie und ggf. adäquater Therapie
Auftreten von Symptomen, wie Fieber, umgehend ein Arzt konsultiert werden.
Folgerungen Lymphknotenschwellung und/oder Haut-
Die Tularämie stellt eine in Deutschland geschwüren, in zeitlichem Zusammenhang
seltene, aber möglicherweise unterschätzte
Infektionskrankheit dar, die häufig von
Literaturhinweise:
Wildtieren ausgeht. Hasenartige, die durch [1] ROBERT KOCH-INSTITUT, Tularämie – RKI Ratgeber für Ärzte ht-
Dr. Daniela Jacob,
JacobD@rki.de, ist wissenschaft-
Trägheit oder Schwäche auffallen, können tp://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Merkblaetter/Ratgeber_Tu- liche Mitarbeiterin am Robert
laraemie.html. [2] HESTVIK ET AL. (2015): The status of tularemia
mit dem Tularämieerreger infiziert sein. in Europe in a one-health context: a review, Epidemiol Infect ; 143:
Koch-Institut in Berlin und ver-
antwortlich für die Diagnostik von
Die Kadaver sollten von einer zuständigen 2137-60. [3] TAURIN & GYURANECZ (2016): Tularaemia: Clinical hochpathogenen Bakterien. PD Dr.
aspects in Europe, review, Lancet Infect Dis; 16:113-24. [4] Hinweise K. Heuner ist wissenschaftlicher
Veterinärstelle untersucht werden. Beim zur Therapie der Tularämie; Ständiger Arbeitskreis der Kompetenz- Mitarbeiter am Robert Koch-Insti-
Abbalgen und Aufbrechen sowie Verar- und Behandlungszentren für hochkontagiöse und lebensbedrohliche tut in Berlin. Prof. Dr. R. Grunow ist
Erkrankungen am Robert Koch-Institut http://www.rki.de/DE/Content/ Fachgebietsleiter und Leiter des
beiten von Hasenartigen, insbesondere in Kommissionen/Stakob/Stellungnahmen/Stellungnahme_Tularaemie. Konsiliarlabors (KL) für Tularämie.
Endemiegebieten, sollte vorsichtig vorge- pdf?__blob=publicationFile

Die Hasenpest in NRW


Die Tularämie (Hasenpest) ist in Deutschland eine „reemerging disease“ mit zoonotischem Potenzial,
die bei Tieren gemäß Verordnung „meldepflichtige Tierkrankheiten“ meldepflichtig ist. Die Erkrankung wird durch eine
Infektion mit dem bakteriellen Erreger Francisella tularensis hervorgerufen. Der Beitrag gibt einen Überblick
zur Pathomorphologie der Tularämie beim Hasen im Regierungsbezirk Arnsberg in NRW.

Martin Peters wurde Tularämie auch bei Wildkanin-


chen, bei einem Biber und bei anderen
Schneller Überblick
I n Deutschland tritt bislang ausschließ-
lich die Subspezies Francisella tularen-
sis ssp. holartica auf. Es sind vorwiegend
Tierarten wie Seidenaffen und einem
Halbaffen (Katta) diagnostiziert. Der
Erreger kann durch Kontakt, z.  B. beim • Tularämie: Die häufigste Ansteckung er-
Feldhasen betroffen, in wenigen Fällen Aufbrechen und Zubereiten von Hasen, folgt bei direktem Kontakt mit infizierten
Tieren
• Beim Aufbrechen vom Feldhasen sollten
Einmalhandschuhe getragen
• Wildbret ist vor dem Verzehr stets ausrei-
chend zu erhitzen
• Fallwild ist mit Einmalhandschuhen an-
zufassen
• Eingegangene Hasen und auch Wild-
schweine müssen zur Untersuchung
gebracht werden

durch belebte (z. B. Mücken, Zecken) und


unbelebte Vektoren (Oberflächenwasser,
Stäube) und durch den Verzehr ungenü-
gend erhitzter Speisen übertragen wer-
den. Für eine Infektion ist nur eine sehr
Foto: M. Peters

geringe Erregerdosis erforderlich. Eine


Infektion kann auch durch eine nicht-
Abb. 1: An Hasenpest verendeter Feldhase mit hochgradiger Schwellung der Milz. vorgeschädigte Haut erfolgen.

16 AFZ-DerWald 6/2017 www.forstpraxis.de


Wald und Wild 39. Bonner Jägertag

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Fallzahlen in Deutschland septikämisch. Subakute Fälle mit Herz-
und NRW beutelentzündung und Hodenentzün-
Die Zahl der gemeldeten Tularä- dungen sind selten.
miefälle bei Tieren, bei denen
es sich nahezu ausschließlich Differenzialdiagnosen
um Feldhasen handelt, nimmt in Die pathomorphologisch wichtigste
Deutschland seit 2006 kontinuierlich Differenzialdiagnose zur Tularämie
zu (Zentrale Tierseuchendatenbank, Tier- ist die durch das Bakterium Yersinia
seuchennachrichtensystem des FLI) und pseudotuberculosis hervorgerufene Pseu-
belief sich 2015 auf 75 Fälle. In 2016 dotuberkulose (Yersiniose, Nagerpest).
waren bis Mitte August 44 Fälle gemel- Yersinia pseudotuberculosis ist ebenfalls
det. Dabei stellt NRW ca. ein Drittel der ein zoonotisch relevantes Bakterium,
gemeldeten Fälle. Die Fälle stammen aus welches beim Menschen zu Darmentzün-
den nach den Scheinwerferzählungen ha- dungen, aber auch zu immunologischen
sendichtesten Regionen NRWs (www. Abb. 2: Von kleinen Herden durchsetzte Erkrankungen wie reaktiven Gelenks-
jagdverband.de). Die ersten Fälle in NRW Leber eines an Hasenpest verendeten Hasen erkrankungen führen kann. Die Verän-
stammen aus 2009 aus dem Kreis Soest. derungen bei Pseudotuberkulose beim
Das Erkennen der Krankheit in NRW Hasen sind zwar mikroskopisch, nicht
hängt vermutlich zeitlich mit der Etablie- durchsetzt sein (Abb. 2). In ausgeprägten aber regelmäßig und verlässlich mit blo-
rung des molekularbiologischen Nach- Fällen zeigen die Hasen eine Gelbsucht. ßem Auge von denen der Hasenpest zu
weises am damaligen SVUA Arnsberg Die Lymphknoten sind zumeist genera- unterscheiden. Feldhasen zeigen bei Yer-
(ehem. Staatliches Veterinär Untersu- lisiert geschwollen. Häufig sind bereits siniose Milzschwellungen, Herdnekrosen
chungsamt, seit 1.1.2014 im Chemischen mit bloßem Auge graugelbe, schlecht und Pyogranulome in Lunge, Milz, Leber,
und Veterinäruntersuchungsamt Westfa- abgegrenzte Herde (Pyogranulome) zu Niere, Darm, Hoden sowie Lymphkno-
len [CVUA-WFL]) in Zusammenhang. erkennen (Abb.  3). Die Veränderungen tenentzündungen. Weitere differenzial-
Die Diagnostik der Tularämie an den finden sich oft in Kehlgangs-, Ohrspei- diagnostisch zu berücksichtigende Er-
CVUÄ in NRW basiert auf der Sektion cheldrüsen-, Sternal-, Lungen- und Darm- krankungen sind Pasteurellose, Brucella
mit nachfolgendem molekularbiologi- lymphknoten. Auch in der Lunge können suis-Infektionen, Listeriose, European
schem Erregernachweis (Realtime PCR). sich zumeist kleine herdförmige Entzün- Brown Hare Syndrome und Toxoplas-
dungen zeigen. In seltenen Fällen finden mose. Doppelinfektionen der genannten
Sektionsbefunde bei Feldhasen sich Entzündungen des Herzbeutels mit Erkrankungen kommen vor.
Auffälligster Organbefund bei an Tularä- Fibrinausschwitzungen. Auch die Hoden
mie erkrankten bzw. verendeten Feldha- und Nebenhoden können entzündlich Fazit
sen ist eine zumeist hochgradige Milz- alteriert sein. Im Untersuchungsgut des Beim Umgang mit und Aufbrechen von
schwellung (Abb.  1). Die Milzkapsel ist CVUA-Westfalen waren von Tularämie Hasen sind zur Vermeidung einer mögli-
gespannt und unter der Milzkapsel kön- etwa gleich viele männliche und weibli- chen Infektion mit Francisella tularensis
nen sich grauweiße Herde abzeichnen. che Hasen betroffen. Die Erkrankung trat in jedem Fall Handschuhe zu tragen. Auch
Auch die Lebern können von wenigen sowohl bei Jungadulten als auch bei Alt- scheinbar gesund geschossene Hasen kön-
bis zahlreichen 1 bis 2  mm im Durch- hasen auf. Der Nährzustand betroffener nen mit Francisellen infiziert sein. Veren-
messer großen, gut abgegrenzten, aber Tiere schwankt von gut bis schlecht. Die det aufgefundene und krank geschossene
nicht abgekapselten Entzündungsherden Erkrankung verläuft überwiegend akut Feldhasen sollten in jedem Fall nicht selbst
eröffnet, sondern an eines der Chemischen
und Veterinäruntersuchungsämter in NRW
zur weiteren Diagnostik eingesandt wer-
den. Das gilt auch für Hasen mit auffälli-
gen Befunden beim Aufbruch. Die dortige
Untersuchung ist für den Einsender kosten-
frei. Die Untersuchungskosten werden von
der Forschungsstelle für Jagdkunde und
Wildschadensverhütung getragen.

Dr. Martin Peters,


martin.peters@cvua-westfalen.de,
Foto: M. Peters

ist Pathologe und Mikrobiologe


am CVUA-Westfalen, Standort
Arnsberg.

Abb. 3: Entzündlich geschwollene Lymphknoten mit graulichen Verfärbungen im Kehlgang


eines Hasen mit Hasenpest

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Wald und Wild    39. Bonner Jägertag

Die Afrikanische Schweinepest


Die Afrikanische Schweinepest (ASP) ist aufgrund ihrer schweren sozioökonomischen Konsequenzen, der unvorhersehbaren
internationalen Verbreitung sowie fehlender Möglichkeiten zur therapeutischen oder impfprophylaktischen Bekämpfung eine
der wichtigsten Tierseuchen des Haus- und Wildschweines. Die Tierseuche ist anzeigepflichtig.

Klaus Depner

I m Juni 2007 wurden die ersten


Fälle von ASP aus Georgien gemel-
det. Der Erreger gelangte über den
Schwarzmeerhafen Poti in das Land,
breitete sich schnell aus und wurde
in die Nachbarländer Armenien, Aser-
baidschan und Russische Föderation
verschleppt. In den folgenden Jahren
wurden Ausbrüche aus der Ukraine
und Weißrussland gemeldet. Anfang
2014 erreichte die ASP die Ostgrenze
der EU, Litauen und Polen meldeten
die ersten ASP-positiven Wildschweine,
im Juni 2014 wurden aus Lettland die
ersten Fälle gemeldet und Estland mel-
dete im September 2014 den ersten
Fall. Seit dem ersten positiven ASP-Fall
bei Wildschweinen Ende Januar 2014
in Litauen und bis August 2016 wur-
den über 3.300 Fälle in den Baltischen
Staaten und Polen verzeichnet. Die tat-
sächliche Zahl positiver Wildschweine
liegt vermutlich viel höher, da nicht alle
ASP-infizierten und verendeten Wild-
schweine gefunden bzw. getestet wer-
den können. Weiterhin sind die Fall-
zahlen bei Wildschweinen stark vom
Aufwand der staatlichen Einrichtun-
gen und Jäger abhängig, um tote Wild-
schweine im Feld zu finden, zu bergen
und zu beproben.

Verlauf der Krankheit


Die Krankheit verläuft bei Haus- und
Wildschweinen gleich. Betroffen sind
Grafik: FLI

beide Geschlechter und alle Altersklas-


sen gleichermaßen. Gesunde Tiere Nach bisherigen Erkenntnissen verhält sich die ASP in einer Wildschweinpopulation wie eine
stecken sich an, wenn sie direkten Kon- an das Habitat gebundene Seuche ohne Tendenz zur schnellen Ausbreitung. Im Baltikum fand
takt zu infiziertem Material oder zu er- bisher kein Aussterben und keine wesentliche Ausbreitung der ASP statt.
krankten Tieren haben, meist über den
oralen Weg durch Verzehren von konta- weist sich das Geschehen in der Wild- hohen Erregervirulenz entweder von
miniertem Futter, Fleisch etc. schweinpopulation als sehr komplex selbst zum Stillstand kommt oder sich,
In den betroffenen Staaten der EU und schwer kontrollierbar. Zu Beginn ähnlich wie bei der Fuchstollwut, schnell
konnten die ASP-Ausbrüche bei Haus- des Seuchengeschehens 2014 wurde in Richtung Westeuropa ausbreitet. Kei-
schweinen schnell und problemlos spekuliert, dass die ASP in der Wild- nes der beiden Szenarien hat sich ereig-
getilgt werden. Im Gegensatz dazu er- schweinpopulation aufgrund der sehr net.

18  AFZ-DerWald  6/2017www.forstpraxis.de


Wald und Wild 39. Bonner Jägertag

lich infektiöse Kadaver in Verbindung mit


der hohen Tenazität des ASP-Virus und der Vortragsreihe Jagd an
Schneller Überblick niedrigen Kontagiosität die Tierseuche in der HFR
einer Region „binden“. Dieses Phänomen
Thema: Schwarzwildbejagung
• Die Afrikanische Schweinepest ist eine könnte erklären, warum sich die ASP zwar im Zeichen der Afrikanischen
schwere Virusinfektion bei Haus- und langsam ausbreitet, das Infektionsgesche- Schweinepest
Wildschweinen, die für sie tödlich ist hen jedoch nicht von selbst erlischt.
• Für den Menschen stellt sie keine Ge- 23. März 2017, 19.00 Uhr. Dr. Hinrich Zoller
fahr dar Bekämpfungsmaßnahmen ist Biologe an der Universität Rostock und be-
• Die Übertragung erfolgt von Tier zu Tier, in Deutschland jagt u.  a. in der Hansestadt Rostock die in das
über kontaminierte Gegenstände und Da in Deutschland die ASP noch nicht Stadtgebiet vordringenden Schwarzwildbestände.
vor allem über Blut, Körpergewebe und aufgetreten ist, ist das primäre Ziel, die Er ist auch für das Friedrich-Loeffler-Institut
Kadaver Tierseuche frühzeitig zu erkennen, um ent- (Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit)
• Gegen die ASP gibt es keinen Impfstoff. sprechend wirksame Bekämpfungsmaß- beratend tätig. Er vertritt die Meinung, dass die
• Verendet aufgefundene Wildschweine nahmen einleiten zu können. Es stellt sich bisher in Deutschland angewandten Konzepte
sind zu beproben nun die Frage, ob eine Überwachungsst- zur Schwarzwildbejagung nicht zur Regulierung
rategie zur Früherkennung schwerpunkt- von Schwarzwildbeständen unter dem Aspekt
mäßig passiv oder aktiv gestaltet werden einer drohenden Schweinepest geeignet sind.
Habitatseuche sollte. Im Baltikum und in Polen wurden Es ist nicht die Frage, ob die ASP uns erreicht,
Feldbeobachtungen und experimentelle die meisten ASP-positiven Wildschweine sondern wann! Zitat: „Die ASP hat das Potenzial,
Studien bestätigen, dass die ASP-Kontagiö- nicht (aktiv) unter den jagdlich erlegten das gegenwärtige Bejagungssystem in Deutsch-
sität, im Gegensatz zu einer oft verbreite- Tieren, sondern (passiv) bei Totfunden land zu kippen!“ Er will erläutern, was die ASP
ten Auffassung (Lehrmeinung), gering ist. diagnostiziert. 2014 wurden in Lettland für die Jagdausübung bedeuten wird und welche
Dieses erfordert ein Umdenken und ein de- 245  Totfunde untersucht, von denen Maßnahmen notwendig und geeignet sind, um die
mentsprechend angepasstes Vorgehen bei 177 (72  %) PCR-positiv waren. Die ge- Schwarzwildbestände effektiv zu regulieren.
der ASP-Bekämpfung. Ein Grund für die schätzte Prävalenz bei den geschossenen Veranstalter: Prof. Dr. Beimgraben, Hochschule für Forst-
wirtschaft Rottenburg (HFR), Veranstaltungsort: Scha-
geringe Kontagiösität (Ansteckungsfähig- Wildschweinen lag in Lettland bei 1,5 %. denweilerhof, 72108 Rottenburg; www.hs-rottenburg.de
keit) ist die Tatsache, dass gesunde Wild- Ähnlich niedrige Prävalenzen wurden auch HFR
schweine sich erst anstecken, wenn sie di- bei geschossenen Tieren in Polen gemel-
rekten Kontakt zu infiziertem Material oder det. Somit ist die Wahrscheinlichkeit, ein
zu erkrankten Tieren haben, meist über den ASP-positives Wildschwein in der Gruppe hinausgehen sollte. Hierbei spielt neben
oralen Weg durch Verzehren von kontami- der tot (passiv) aufgefundenen Tiere zu der Wildschweinbiologie das Habitat als
niertem Futter, Fleisch etc. Eine Tröpfche- finden, um ein Vielfaches höher (>  50x) Virusreservoir eine entscheidende Rolle.
ninfektion wie z. B. bei Schweineinfluenza, als bei (aktiv) erlegten Tieren. Daher muss Dies beinhaltet Überlegungen zu beleb-
MKS oder KSP ist unwahrscheinlich. Eine vorrangig die passive Surveillance (Über- ten und unbelebten Faktoren wie z.  B.
effektive Ansteckung findet in der Regel im wachung) in die Überwachungsstrategien natürlich vorkommende Aasfresser und
Endstadium der Erkrankung statt, meist aufgenommen werden. die klimatisch bedingte Zersetzungszeit
wenn das infizierte Tier bereits verendet Bei Wildschweinen müsste die Be- eines Wildschweinkadavers. Denn ein
ist und nicht infizierte Wildschweine am kämpfung der ASP ähnlich konsequent an ASP verendetes Wildschwein ist unter
toten Tier schnüffeln, lecken oder davon und rigoros durchgeführt werden wie bei Umständen, abhängig von den klimati-
fressen. Daher findet eine Ansteckung von Hausschweinen. Die derzeitig durchge- schen Bedingungen, sehr lange infektiös
Tier zu Tier sehr verzögert statt. Käme kein führten Maßnahmen zur Bekämpfung der und stellt damit theoretisch eine perma-
direkter Kontakt zustande, würde in der ASP beim Wildschwein sind, im Gegen- nente Ansteckungsquelle dar. Solange also
Regel auch die Ansteckung ausbleiben. Ein satz zu den Hausschweinen, bisher wenig die Rolle des Habitates nicht verstanden
weiterer Grund ist die relativ hohe Tenazi- erfolgreich. Welche Maßnahmen bei uns ist, wird eine Bejagung alleine den Erfolg
tät (lat. tenacitas Festhalten) des ASP-Virus. in Deutschland im Falle eines ASP-Aus- nicht bringen. In Analogie zu der „Boden-
Es bleibt auch unter den Bedingungen des bruchs bei Wildschweinen sinnvoll und seuche“ Milzbrand könnte man bei der
Verwesungsprozesses mehrere Wochen in- realistisch wären, wird derzeit teilweise ASP beim Wildschwein von einer „Ha-
fektiös. In Schlachtkörpern und Blut ist das kontrovers diskutiert. Ein umstrittenes bitatseuche“ sprechen.
Virus monatelang, in Gefrierfleisch jahre- Diskussionsthema ist die Nachhaltigkeit
lang vermehrungsfähig. sowie die Art und Weise einer Populations-
Nach bisherigen Erkenntnissen verhält dichtereduktion empfänglicher Tiere, um Dr. Klaus Depner,
Klaus.Depner@fli.de,
sich die ASP in einer Wildschweinpopula- die Infektionskette abreißen zu lassen. ist Leiter der Arbeitsgruppe Inter-
tion eher wie eine langjährige (eher sta- Sicherlich bedürfen die Maßnahmen zur nationale Tiergesundheit, Instituts
für Epidemiologie am Friedrich-
tionäre), an das Habitat gebundene Seuche Bekämpfung der ASP beim Wildschwein Loeffler-Institut, Greifswald-Insel
Riems (seit 2014)..
(Habitatseuche) ohne Tendenz zur schnel- eines holistischen Ansatzes, der über eine
len Ausbreitung. Dabei könnten vornehm- Entscheidung zur Populationsreduktion

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Wald und Wild 39. Bonner Jägertag

Zum Einsatz
von Schwarzwildfängen
Die Nationalparkarbeitsgruppe beauftragte die Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung
mit der Erarbeitung und Abstimmung eines von der Obersten Jagdbehörde zu genehmigenden Konzeptes zum Fang von
Wildschweinen. Die Idee war, Wildschweinfänge dort einzusetzen, wo der Einsatz von Schusswaffen sehr schwierig ist,
wie in unmittelbarer Siedlungsnähe oder in der Wildruhezone auf der Dreiborner Hochfläche zur Störungsminimierung.
Allerdings ist die Betreuung von Fängen mit häufiger Präsenz und damit auch mit Störungen verbunden.
Leitgedanken bei der Konzepterarbeitung sind Tierschutzgerechtigkeit, Effektivität und Effizienz des Fangeinsatzes.
Die Expertise wurde zu Beginn des Jahres 2015 vorgelegt.

Michael Petrak

D as Schwarzwild zeichnet sich durch


eine hohe Zuwachsrate von rund
300 %, eine ausgezeichnete Jungenfürsorge,
eine hohe Intelligenz und Lernfähigkeit aus.
Dies führt dazu, dass die Forderung nach
Schwarzwildfängen weniger eine Folge der
Bestandsdynamik des Schwarzwildes ist, als

Fotos: Michael Petrak


der verzögerten Anpassung der betroffenen
und beteiligten Menschen auf die Situation:
So hatte der Kreis Minden-Lübbecke in
Nordrhein-Westfalen im Jahr 2002/2003
bei einer auf der Basis der Strecken ermittel- Abb. 1: Diskussion am Schwarzwildfang im Parc natural de Collserola anlässlich des XXXth
ten Schwarzwilddichte von unter 0,5 Stück IUGB Kongresses in Barcelona
Schwarzwild je 100 ha einen damals nicht
genehmigten Antrag auf einen Schwarz- chen. In diesen Fällen erfolgte eine Beratung Anteil einer Population in der Strecke vertre-
wildfang gestellt. Seit Jahrzehnten hatten die durch die Forschungsstelle. Der Erfolg hing ten sind. Daraus resultiert für das Schwar-
Wildschweine diesen Raum erschlossen. In wesentlich vom Geschick und Einsatz der zwild der hohe geforderte Frischlingsanteil.
den klassischen Niederwildrevieren fehlte vor Ort Beteiligten ab. In Verbindung mit Dieser ist auch deshalb notwendig, da heute
die Erfahrung und die Wildschweine lern- der ESP-Bekämpfung in Rheinland-Pfalz die jungen Wildschweine über 2/3 zum Zu-
ten anfangs schneller als die Jäger. Saufänge wurden Frischlingsfänge erneut unter Tier- wachs beitragen [2, 4, 5, 6, 8, 9, 15, 16, 17,
fallen nach §  19 BJG unter die sachlichen schutzaspekten geprüft, auch unter dem Ge- 18, 21, 22, 23].
Verbote. Die zuständige sichtspunkt der Ent-
Behörde kann hier Aus- nahme und Tötung der Grundlagen
nahmen erteilen. Er- Frischlinge. Der tier- Grundlage der Expertise sind sowohl aktu-
forderlich ist in jedem Schneller Überblick schutzgerechte Einsatz elle Veröffentlichungen [10, 13, 14, 19, 24,
Falle eine Genehmi- von Frischlingsfängen 15] als auch die gezielte Information vor Ort.
gung der Veterinärbe- • Saufänge fallen nach §  19 BJG unter erfordert hohes hand- Für die zur Verfügung gestellten Unterlagen
hörde. Frischlingsfänge die sachlichen Verbote. Frischlings- werkliches Geschick. und gewährten Einblicke gilt besonderer
sind in NRW nicht ver- fänge sind in vielen Bundesländern Grundsätzlich gilt Dank den Herren Dr. Oliver Keuling, Ins-
boten. In Einzelfällen zugelassen für Wildbestände, titut für Terrestrische und Aquatische Wild-
wurden sie zur Unter- • Der Einsatz von Saufängen erfolgt in dass eine effektive tierforschung an der Stiftung Tierärztliche
stützung der Schwei- Ausnahmefällen dann, wenn Konflikte Bejagung den Gesetz- Hochschule Hannover, Wildmeister Jörg
nepestbekämpfung im im Siedlungsbereich entstehen mäßigkeiten der be- Caje in Wallersheim und Dr. Marco Heurich
Raum Bad Münster- • Ein tierschutzgerechter Einsatz von standsproportionalen und Franz Baierl vom Nationalpark Baye-
eifel eingesetzt – hier Saufängen stellt so hohe Anforderun- Sterblichkeit folgen rischer Wald und Professor Dr. Christoph
allerdings ohne Erfolg gen, dass er nur in Ausnahmefällen muss, d. h. die Alters- Stubbe. Als Grundlage für die Erarbeitung
– oder in Sonderfällen infrage kommt und Sozialklassen des Konzeptes wurden darüber hinaus in
in Siedlungsrandberei- entsprechend ihrem Augenschein genommen die Schwarzwild-

20 AFZ-DerWald 6/2017 www.forstpraxis.de


Wald und Wild    39. Bonner Jägertag

fänge im Collserola Nationalpark in Barce-


lona, die Frischlingsfänge in Mecklenburg-
Vorpommern und in Rheinland-Pfalz, ein
Saufang in Niedersachsen, Fangeinrichtun-
gen zur Markierung in Niedersachsen und
in den Niederlanden. Die größeren Fänge
werden in der Regel in Verbindung mit der
Sedierung zur Markierung von Schwarzwild
eingesetzt. Zu erwähnen ist die Exkursion
unter Beteiligung des NLP Eifel nach Chau-
teauvillain in Frankreich im Mai 2004, bei
der Fangtechniken in Verbindung mit der
Markierung von Schwarzwild vorgestellt Abb. 2: Klassischer Fang für Sauen und Hirscharten – zur tierschutzgerechten Tötung nur mit
wurden. Als Jagdmethode mit dem Ziel Einschränkung geeignet.
der Bestandsverringerung werden größere
Fänge dann eingesetzt, wenn Konflikte im
Siedlungsbereich im Vordergrund stehen.
Dies trifft sowohl für Barcelona zu, wo die
Wildschweine aus dem Nationalpark Coll-
serola in den Innenstadtbereich ziehen und
dort wegen einer jagdfeindlichen Haltung
der Bevölkerung nicht mit der Schusswaffe
bejagt werden können, sondern stattdessen
im Fang sediert werden und dann außerhalb
getötet und als Sondermüll entsorgt werden,
als auch unter gänzlich anderen Randbedin-
gungen für den NLP Bayerischer Wald [7].
Der Nationalpark Bayerischer Wald nimmt
insofern eine Sonderrolle ein, als aufgrund
der naturräumlichen Situation aus Natio-
nalparksicht eine Bejagung des Schwarzwil- Abb. 3: Frischlingsfangtyp Borsti Rheinland-Pfalz: erkennbar sind die regulierbare Höhe der
des nicht erforderlich ist. Saufänge werden Eingangstür, das Fangschloss in der Bildmitte, die Stöcke auf dem Fang zum Einhängen des
zur Verminderung von Wildschäden in den Fangschlosses und die Entweichmöglichkeit – Kasten rechts an der Seite – für Vögel.
im Nationalpark liegenden Enklaven insbe-
sondere auf Grünland eingesetzt. Hier ist zu Betreuungsintensität liegen vergleichbare len, die auch zu „Hundefallen“ angepriesen
berücksichtigen, dass 70 % der Fläche des Daten aus den unterschiedlichen Regionen werden.
Nationalparks Bayerischer Wald mittler- nicht vor. In Mecklenburg wurden pro ge-
weile Jagdruhezone sind und keine Ansitz- fangenem Wildschwein knapp über 10 Per- Praktische Empfehlung
drückjagden durchgeführt werden, sodass sonenstunden eingesetzt. Der Einsatz von zum Frischlingsfang
nur die Einzeljagd zur Verfügung steht. Frischlingsfängen ist unter dem Aspekt des In Anlehnung an das Merkblatt MV sind fol-
Blickdichte robuste Fangwände aus Brettern Eingriffes in die Populationsstruktur natur- gende Maßnahmen zu empfehlen:
reduzieren das Risiko, dass Sauen versuchen nah. Das Wegfangen ganzer Rotten ist an • Möglichst genormte transportable Klein-
auszubrechen, erheblich. Bei sachgerechter der Konfliktlösung im Siedlungsrandbereich fänge verwenden.
und zügiger Erlegung ist das Töten größerer orientiert. Unter Nationalparkgesichts- • Den richtigen Standort in der Nähe der
Gruppen im Fang nach Auskunft aus dem punkten ist dieser Eingriff als vergleichs- Haupt­einstände wählen: Der Fang selbst
Bayerischen Wald tierschutzkonform mög- weise künstlich zu bewerten, da damit auch sollte aus größerer Entfernung einsehbar
lich. Für Frischlingsfänge hat sich gezeigt, Raumstrukturen verloren gehen. In Verbin- sein, die Einstandsdickung sollte in der
dass bei optimaler Waffenhandhabung das dung mit der Entnahme zur Bestandssteue- Nähe liegen, d.h. nicht weiter als 50  m
Erlegen nacheinander in der Falle günstiger rung liegen für Frischlingsfänge die meisten entfernt.
ist als Einsetzen eines Abfangkastens. In Erfahrungen vor. Eine Bestandssteuerung • Das Fanggebiet ist Jagdruhegebiet.
kleinen Fängen treten Probleme dann auf, erfordert im ersten Fall eine hohe Entnah- • Fangplatz im Altholz, oder geringem Baum-
wenn z.  B. Überläufer eingesperrt werden, mequote bei den Frischlingen, die aus der holz oder am Rand eines Bestandes in 30
die sich nicht vertragen. Nach den Erfah- hohen Zuwachsrate resultiert. Frischlings- bis 50 m vom Einstand entfernt anlegen.
rungen aus den Markierungsversuchen ist fänge waren in der DDR weit verbreitet. Sie • Der Fang kann mit automatischer Aus-
es bei größeren Fängen wichtig, dass die können auch bereits fertig bestellt werden. lösung durch die Sauen selbst oder mit
Wildschweine keinen Anlauf nehmen kön- Bei den im Handel erhältlichen Frischlings- Handauslösung über Schnur durch den
nen, um gegen die Wand zu rennen. Zur fallen handelt es sich um größere Kastenfal- Jäger erfolgen.

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Wald und Wild    39. Bonner Jägertag

gelmäßiges Kirren ist wichtig, damit das


Schwarzwild mit dem Fang vertraut ist
und auch Abwandern in andere Gebiete
vermieden wird.
• Bestes Kirrmaterial ist Mais. Zu Beginn
sternförmig auf den Fang ausgebracht.
Mit zunehmender Annahme des Fangs
den Radius der Kirrung immer mehr ein-
schränken, schließlich nur noch um den
Fang herum streuen. Von Beginn an auch
im Fang kirren. Kirrmaterial nie unter
dem Tor ausbringen.
• Nach Annahme Kirrmaterial möglichst
verdeckt ausbringen, um andere Wildar-
ten und Vögel fernzuhalten.
• Bei guter Annahme des entfernt liegenden
Abb. 4: Frischlingsfangtyp Borsti Rheinland-Pfalz – Seitenansicht Kirrmaterials überprüfen, welche Stücke
kommen, (Anzahl der Rotten und der
• Zur Handauslösung der Fänge ist Tages- Beobachtungskanzel oder der Sitz in ca. Frischlinge!). Dies kann durch Direktbe-
oder Mondlicht erforderlich! 50  m Entfernung vom Fangplatz stehen obachtung oder Wildkameras erfolgen.
• Die automatische Auslösung ist weniger (Wind!). Die Sitze müssen unbemerkt er- • Nie fangen, ehe der Fang durch Sauen
aufwändig und weniger störungsintensiv. reichbar sein, auch bei der Anwesenheit nicht absolut sicher und regelmäßig an-
Durch richtiges Auslegen des Kirrmateri- von Sauen. genommen wird. In den letzten Tagen
als lässt sich vermeiden, dass Frischlinge • Bei Handauslösung muss die Beobach- vor einem geplanten Fang wird nur noch
unter der Falltür stehen. Eine Kontrolle, tungsreinrichtung so aussehen, dass man im Fang an der hintersten Front gekirrt,
ob die Frischlinge geschlossen in den Fang die Fangöffnung von der Seite sieht. Es bei automatischem Fang auf der ganzen
ziehen, lässt sich über eine Wildkamera er- muss erkennbar sein, ob und wie weit die Breite mit Schwerpunkt hinter der Auslö-
reichen. Eine automatische Auslöse erfor- Sauen im Fang sind. seeinrichtung.
dert eine zuverlässige Videoüberwachung • Die Schnur zur Handauslösung in 3 bis • Beim Ankirren wird das Fangtor voll ge-
oder eine zweimalige tägliche Kontrolle. 4  m Höhe vom Fangschloss des Fangs öffnet, sodass auch stärkere Sauen in den
• Den Fang so aufstellen, dass bei der Däm- zur Beobachtungskanzel ziehen. Sie muss Fang ziehen können (Sicherheit beachten,
merung oder Mond noch ausreichend durch Ösen laufen, um einen leichten Fangtore sichern).
Licht zum Beobachten vorhanden ist. Zug zu gewährleisten. • Zum Fang wird das Fangtor ca. 20 bis
• Für den Fall der Handauslösung muss die • Ankirren ab April/Mai bis Oktober. Re- 30 cm geöffnet, d. h. aufgeschoben, damit
nur Frischlinge in den Fang können, das
Diagnose Schwarzwildfang Tor nach oben arretieren, damit die Ba-
chen oder andere stärkere Sauen das
Fangtor nicht hochheben können. Zur
NEIN JA Ablenkung dieser Stücke etwas Mais
1. Bereitschaft des Personals
verdeckt über den Fang ausbringen,
2. Schulung gewährleistet NEIN JA damit sie Nahrung finden, ansonsten
zieht die Bache schnell ab und nimmt die
NEIN JA Frischlinge mit.
3. Kontinuierliche Fallenbetreuung gewährleistet

4. Kontinuierliche Beschickung mit Mais (100 – 120 Tage) akzeptiert NEIN JA Hinweise zum Fang
5. Zeitaufwand pro hauptamtlicher Person/erlegtes Stück Schwarzwild NEIN JA • Handhabung gefangener Frischlinge: eine
ohne Fang > 15 h Person bei der Tötung mit der Kurzwaffe,
NEIN JA sonst zwei Personen, KFZ mit Anhänger,
6. Effektivität lässt sich ändern, nicht steigern
Messer, Waffe, Munition, Verbandskas-
7. Zugänglichkeit der Fänge ist gewährleistet NEIN JA ten, Taschenlampe, Plastikbeutel, Hand-
schuhe, festes Schuhwerk, derbe Hosen.
8. Differenzierte Fangtechnik NEIN JA Schutzbekleidung, Mitnahme eines Han-
dys empfehlenswert.
9. Zustimmungen NEIN JA
• Die Fangmethode muss vor Ort entschie-
NEIN JA den werden, sie kann nicht allgemein
10. Konsens zum Saufang
festgesetzt werden. Handauslösung hat
Abb. 5: Diagnose Schema Schwarzwildfang den Vorteil, dass vorher kontrolliert wird,

22  AFZ-DerWald  6/2017www.forstpraxis.de


Wald und Wild 39. Bonner Jägertag

welche Stücke eingefangen werden. Au- • Für den Umgang mit gefangenem dass keine bleifreie Munition verwendet
tomatische Auslösung kann zu Fehlfän- Schwarzwild sind nur Personen einzuset- wird.
gen führen. Eine Kameraüberwachung zen, die die erforderliche Erfahrung mit • Personen, die mit dem Betreiben der
reduziert dieses Risiko jedoch auf ein Schwarzwild haben. Fänge beauftragt werden, sind vorher zu
Minimum. • Die Fänger sind regelmäßig – über be- belehren.
• Auslösemechanismus Ausnahmefang stehende Infektionsgefahren (Tollwut,
anbringen. Bei automatischem Fang ist Rozilose, TBC, Schweinepest u.  a.) zu Fazit
innen nur die Auslöseschnur. Am güns- belehren. Für den Einsatz von Frischlings- und
tigsten ist es, wenn das Einhängen in das • Personen mit offenen Wunden und Haut- Schwarzwildfängen in Nationalparken gel-
Fangschloss von außen erfolgt, sodass krankheiten dürfen nur mit ärztlicher ten als wesentliche Kriterien zu einer Ent-
keine Menschenwitterung im Fang ist. Zustimmung und bei Anwendung der scheidung:
Die Schnur sollte kurz über dem Boden angelegten Schutzmaßnahmen (Schutz- • der Eingriff in die Raumnutzungsstruk-
gespannt werden. Die Sauen berühren die verbände, Gummihandschuhe) mit Le- tur der Wildschweine unter dem Aspekt
Schnur, dadurch wird der Fang ausgelöst. bendwild arbeiten. „Natur Natur sein lassen“,
• Aus guten Gründen wird vielfach emp- • Geeignetes Schuhwerk, vor allen Dingen • der hohe und kontinuierliche Betreu-
fohlen, einen Fangkasten zu verwen- Kleidung und Kopfbedeckungen sind er- ungsaufwand,
den, und die Frischlinge in diesem vom forderlich. • damit verbundene Störungen in beruhig-
Fang weg zu transportieren, d.  h. nicht • Außer zum Fang sind die Tore zum Fang ten Bereichen im Vergleich zu jagdlichen
im Fang zu schießen. Die Erfahrung in grundsätzlich zu sichern (anschließen per Methoden,
Rheinland-Pfalz hat gezeigt, dass kleine Schloss oder abstützen). • eine tierschutzgerechte Handhabung.
Frischlinge tierschutzgerecht im Fang • Das Betreten von Fängen mit Perso- Der Bayerische Wald ist hier mit dem durch
geschossen werden können und der nen, die keine Aufenthaltsgenehmigung den Klimawandel begünstigten Einwan-
Stress geringer ist, als wenn sie wegge- haben, ist verboten. dern der Sauen in die Enklaven eine Son-
tragen werden. Allerdings erfordert dies • Das Betreten von Fängen, in denen sich dersituation. Hier steht das Beibehalten der
eine ausgezeichnete Schießfertigkeit und Wild befindet, ist grundsätzlich unter- jagdruhigen Zone im Vordergrund. Die An-
Treffsicherheit mit der Kurzwaffe. sagt. zahl der mit den Fallen gefangenen Sauen
• Beim Töten von Frischlingen sind Si- ließe sich auch durch die klassische Jagd
Arbeitsschutzmaßnahmen cherheitsbestimmungen beim Umgang erreichen. In diesem Sonderfall ist der Ein-
• Der Fang und die Erlegung von Schwarz- von Waffen zu beachten. Das Kaliber 22 satz der Fallen jedoch effektiv und effizient.
wild muss so erfolgen, dass Menschen LFB reicht hierzu aus. Unabhängig von Fangmethoden, die über den Frischlings-
nicht gefährdet oder geschädigt werden. der Laborierung ist darauf zu achten, fang hinausgehen, erfordern eine Prüfung
unter Tierschutzgesichtspunkten, wie diese
in Rheinland-Pfalz für den Frischlingsfang
Literaturhinweise: im Zuge der ESP-Bekämpfung erfolgt ist.
[1] Hinweis BML (2000): Schweinepest bei Wildschweinen, Faltblatt. age classes of female wild boar Sus scrofa L. Eur J Wildl Res 54, (3), Hinsichtlich des Betreuungsaufwandes
[2] BRIEDERMANN, L. (1990): Schwarzwild, 2. Aufl., Berlin, VEB 403-412. [14] KEULING, O.; STIER, N.; ROTH, M. (2008): How does
Deutscher Landwirtschaftsverlag. [3] CELLINA, S. (2008): Effects hunting influence activity and space use in wild boar Sus scrofa. Eur
zum Einsatz von Frischlingfängen und
of supplemental feeding on the body condition and reproductive J Wildl Res 54, (4), 729-737. [15] KEULING, O.; GETHÖFFER, F.; in höherem Maße noch von Schwarz-
state of wild boar Sus scrofa in Luxembourg. PhD, University of HERBST, C.; FRAUENDORF, M.; NIEBUHR, A.; BRÜN, J.; MÜLLER, B.;
Sussex. [4] ELSBERGEN, H. VAN (2009): Die Schwarzwildbejagung SIEBERT, U, (2014): Schwarzwildmanagement in Niedersachsen. Ab-
wildfängen ist zusätzlich der Aufwand zur
im NRW-Musterrevier. Vortrag im Rahmen des LJV-Seminars „Schwar- schlussbericht 2011-13, Niedersächsisches Ministerium für Ernährung, Schulung einzurechnen. Der Zeitaufwand
zwildbewirtschaftung“. [5] ELLIGER, A.; LINDEROTH, P.; PEGEL, M.; Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Stiftung Tierärztliche Hochschule
SEITLER, S. (2001): Ergebnisse einer landesweiten Befragung zur Hannover – Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung,
für einzelne Beteiligte ist vielfach höher als
Schwarzwildbewirtschaftung Bildungs – und Wissenszentrum Aulendorf Hannover. [16] KADEN, V.; PETRAK, M. (2008): Eine besondere bei der klassischen Jagd.
– Viehhaltung , Grünlandwirtschaft, Wild, Fischerei – Wildforschungs- Herausforderung für Jäger und Tierärzte: Schweinepestbekämpfung
stelle Aulendforf, WFS-Mitteilungen: 4, 5-7. [6] FORSCHUNGSSTELLE beim Schwarzwild. AFZ-DerWald 63, 13, 716–719. [17] KÖNIG, R.;
Im Ergebnis sind Frischlingsfänge und
FÜR JAGDKUNDE UND WILDSCHADENVERHÜTUNG der Landesanstalt HOFMANN, R. R. (1980): Schwarzwild-Symposion Gießen. Sonderheft noch mehr Schwarzwildfänge Ausnahmen
für Ökologie, Bodenordnung und Forsten (Hrsg.) (2002): Hinweise zur 1, Schriftenreihe, AKWJ-JLU, Stuttgart, Enke. [18] MEYNHARDT, H.
Hege und Bejagung des Schwarzwildes in Nordrhein-Westfalen.7. (1989): Schwarzwild-Bibliothek: 1. Biologie und Verhalten. 2. Das
in besonderen Situationen, jedoch keines-
Aufl., Neuaufl. in Vorbereitung. [7] GANTER, C. (2013): Saufänge als Revier. 3. Hege und Bejagung. Melsungen, Neumann-Neudamm. falls die Patentlösungen, für die sie bei ers-
Baustein für modernes Wildtiermanagement, Wildschweinmanagement [19] MINISTERIUM FÜR ERNÄHRUNG, LANDWIRTSCHAFT, FORSTEN
im Nationalpark Bayerischer Wald. Bachelorarbeit an der Fakultät für UND FISCHEREI MECKLENBURG-VORPOMMERN (Hrsg.) (1999):
ter Betrachtung gelegentlich gehalten wer-
Umwelt und Natürliche Ressourcen, Professur für Wildtierökologie und Frischlingsfang – Eine Maßnahme zur Bekämpfung der Schweinepest den. Dies gilt auch vor dem Hintergrund
Wildtiermanagement. [8] HAPP, N. (2007): Hege und Bejagung des beim Schwarzwild. [20] NLP Eifel (2014): Plan zur Jagdausübung im
Schwarzwildes. 2. Vollständig überarbeitete Auflage, Franckh-Kosmos, Nationalpark Eifel für die Jahre 2014 bis 2016. [21] PAUL PAREY
der aktuellen Gefahr durch die Afrikani-
Verlags- GmbH & Co., Stuttgart, 179 S. [9] HOFMANN, R. R. (Hrsg.) (Hrsg.) (2009): Schwarzwild 2,Wild und Hund Exklusiv 33. Singhofen, sche Schweinepest. Abb. 5 fasst die wesent-
(1984): 2. Schwarzwild-Symposion Gießen. Sonderheft 2, Schriftenrei- Paul Parey Zeitschriftenverlag. [22] PETRAK, M. (1999): Schwarzwild-
he AKWJ-JLU, Stuttgart, Enke. [10] INTERNATIONAL UNION OF GAME bejagung als Herausforderung: Biologische Grundlagen, Konsequenzen
lichen Aspekte zusammen.
BIOLOGISTS (Hrsg. PUIGCERVER, M.; BUNER, F. (2011): XXXth IUGB für die Jagdpraxis auch vor dem Hintergrund der Schweinepest. Z.
Congress and Perdix XIII, Barcelona. [11] INTERNATIONAL UNION OF Jagdwiss. 45, 2, 154–159. [23] PETRAK, M.; LUTZ, W.; FRIELINGS-
Dr. Michael Petrak,
GAME BIOLOGISTS (Hrsg. LECOCQ, Y.) (2013): 31.st IUGB Congress, DORF, F.; REICHELT, B. (2009): Wildschweinbestände mit Zukunft. Ka- michael.petrak@lanuv.nrw.de,
Brüssel. [12] KEULING, O.; STIER, O. (2006): Schwarzwild – Untersu- talog zur Ausstellung anlässlich der 29. Internationalen Messe für Jagd ist Leiter der Forschungsstelle
chungen zu Raum- und Habitatnutzung des Schwarzwildes (Sus scrofa und Angelfischerei „Jagd und Hund 2010“ in Dortmund. Vollständig für Jagdkunde und Wildschaden-
L. 1758) in Südwest-Mecklenburg. Abschlussbericht 2002-2006 an neu bearbeitete Ausgabe des LÖBF-Kataloges aus dem Jahr 2002, verhütung des Landesamtes für
die Oberste Jagdbehörde im Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt Hrsg. Landesbetrieb Wald und Holz NRW. [24] SODEIKAT, G. (2010): Natur, Umwelt und Verbraucher-
und Verbraucherschutz Mecklenburg-Vorpommern und die Stiftung Erfahrungen beim Einsatz von Wildschweinfallen. www.Jagderleben.de schutz NRW in Bonn.
„ Wald und Wild in Mecklenburg-Vorpommern“. [13] KEULING, O.; [25] STUBBE, C.; AHRENS, M.; GORETZKI, J. (1988): Lebendfang
STIER, N.; ROTH M. (2008): Annual and seasonal space use of different von Wildtieren; Fangtechniken, Methoden, Erfahrungen. Berlin.

www.forstpraxis.de AFZ-DerWald 6/2017 23


Wald und Wild 39. Bonner Jägertag

Der Einfluss von Glyphosat auf


Damwild, Fasane und Feldhasen
Glyphosat wurde vor einem halben Jahrhundert als Patentlösung für Unkrautprobleme auch im Jagdrevier empfohlen.
Glyphosat wirkt systemisch und nicht selektiv. Der Eingriff in den Stoffwechsel der Mikroorganismen hat weitreichende
Folgen für das Ökosystem.

Monika Krüger, Philipp Schledorn,


Wieland Schrödl der Ernte eingesetzt. In Sachsen wurde eine größere Hitzetoleranz. Glyphosat ist
z.  B. 2013 Glyphosat flächendeckend hitzeresistent, wird also durch Kochen,

D ie mehr als 40-jährige Anwendung


von Glyphosat-haltigen Herbizi-
den in Land- und Forstwirtschaft, Gar-
zur Vorerntesikkation verwendet. Das
Bundesamt für Verbraucherschutz und
Lebensmittelsicherheit (BVL) hat aber
Backen, Braten nicht zerstört.

Wie und wo wirkt Glyphosat?


tenbau, Weinbau, privater Nutzung etc. per Mai 2014 … „neue Anwendungs- Die alleinige Fokussierung der Glypho-
führte weltweit zu zahlreichen Proble- bestimmungen für Pflanzenschutzmittel sataktivität auf den Shikimisäurepfad in
men. Anfänglich nur zur alleinigen Un- mit dem Wirkstoff Glyphosat festgesetzt. grünen Pflanzen berücksichtigte bei der
krautbekämpfung verwendet, folgte seit Sie begrenzen den Wirkstoffaufwand pro Zulassung nicht, dass in und auf den
1996 in Europa die Zulassung des Im- Jahr und präzisieren die zugelassenen Nichtziellebewesen Mikroorganismen
ports von gentechnisch veränderten Fut- Spätanwendungen (Vorerntesikkation) (Bakterien, Pilze, Protozoen, Algen) vor-
ter- und Lebensmitteln (GVO; u. a. Soja, in Getreide.“ kommen, die über den gleichen Stoff-
Mais, Raps etc.), die von Pflanzen mit Glyphosat ist überwiegend wasserlös- wechselpfad verfügen und besonders im
Glyphosatresistenz gewonnen werden. lich, kann also ohne fettlöslichen Ver- Magen-Darm-Trakt von Bedeutung für
Diese Pflanzen können also auch wäh- mittler nicht die Cuticula von Pflanzen Gesundheit und Leistung sind.
rend ihres Wachstums mit Glyphosat be- überwinden. Lange Zeit wurde als Pe- Die Wirkung von Glyphosat als Herbi-
sprüht werden. Da dieses Herbizid sich netrationsmittel Tallowamin verwendet, zid besteht in der Hemmung der 5-Enol-
über die ganze Pflanze systemisch ver- das aber aufgrund seiner Toxizität in pyruvyl-Shikimat-3-Phosphat-Synthase
teilt, gelangt es auch in die Bohnen, Kör- der EU seit 22. August 2016 verboten (EPSPS), wodurch die auf diesem Weg
ner etc. Sie enthalten dann Glyphosat- wurde. Derzeit werden diese chemischen gebildeten aromatischen Aminosäuren
rückstände (z.  B. Rückstandhöchstwert Zusatzstoffe in den kommerziellen Pro- Tryptophan, Phenylalanin, Tyrosin, die
Soja 20 mg/kg). dukten als Firmengeheimnis geführt. Die Tiere und Menschen nicht selbst bilden
Toxizität der kommerziellen Glypho- können, dann nicht zur Verfügung ste-
Weltweit eingesetzt sat-haltigen Pflanzenschutzmittel mit hen. Um Eiweiße (Proteine) bilden zu
Das Patent auf das systemische Herbizid Penetrationsmitteln ist 100-mal größer können benötigen aber Menschen und
Glyphosat gehörte bis zum Jahr 2000 als die von Glyphosat allein. Tiere eine bestimmte Anzahl dieser Ami-
dem amerikanischen Konzern Mons- Glyphosat wird von der einfachsten nosäuren. Von dem Entwickler dieser
anto. Nach dieser Aminosäure Gly- chemischen Verbindung, Henri Martin
Zeit erlosch dieses cin abgeleitet. Es (1950), wurde N-Phosphonomethyl-Gly-
Patent und zahlreiche hat aber nach wie cin (später von Monsanto Glyphosat ge-
Chemieunternehmen Schneller Überblick vor Eigenschaften nannt) als Chelator (Metallionen werden
stellten billige Gene- dieser Aminosäure. fest fixiert) für Hochofenschlacken zur
rika her, sodass welt- • Glyphosat wird von der einfachen Es konkurriert mit Gewinnung von zweiwertigen Metallbei-
weit in über 100 Län- Aminosäure Glycin abgeleitet und kon- ihr um Rezeptoren mengungen patentiert. Diese Eigenschaft
dern dieses Herbizid kurriert mit ihr um die Rezeptoren an an den Zelloberflä- besitzt Glyphosat immer noch. Es fixiert
zum Einsatz kommt. Zelloberfl ächen chen des gesamten zweiwertige Metallionen wie Eisen,
2010 ging man ge- • Glyphosat ist hitzeresistent, wird also Körpers und wird Calcium, Magnesium, Kupfer, Mangan
schätzt von einer durch Kochen und Braten nicht zerstört statt Glycin in Pro- usw. im Boden, im Futter/Lebensmittel,
weltweiten Jahrespro- • Beim Einsatz ist äußerste Zurückhal- teine eingebaut, was im Magen-Darm-Trakt. Aber alle Lebe-
duktion von 1 Mio. t tung angezeigt deren Funktion die- wesen benötigen diese für ihre Körper-
Glyphosat aus. Seit ser erheblich verän- funktionen als Mengen- oder Spurene-
2006 wurden Gly- dert. So widerstehen lemente, letztere besonders in Enzymen.
phosat-haltige Herbizide in Deutschland sie auch in höherem Grade dem Abbau Glyphosat besitzt für bestimmte Bakte-
als Erntehilfe (Vorerntesikkation) vor durch Enzyme (Proteasen) und besitzen rien den Effekt eines Antibiotikums. Es

24 AFZ-DerWald 6/2017 www.forstpraxis.de


Wald und Wild    39. Bonner Jägertag

verhindert das Wachstum dieser Bakte- miniert. Niere und Gehirn wiesen auf Zel- wies Unterschiede in den Herkünften der
rien (Bakteriostatikum). Glyphosat-hal- lebene zahlreiche abgestorbene Zellen auf. Tiere auf. Da das Keimepithel männlicher
tige Futter- und Lebensmittel besitzen Wildtiere nehmen Glyphosat gemeinsam Tiere und das Enzym Aromatase, das Tes-
somit einen schädlichen Einfluss auf die mit dem jeweiligen Penetrationsmittel im tosteron in Östrogen umwandelt, durch
Gesundheit von Tieren und Menschen. formulierten Produkt nach dessen Aus- Glyphosat negativ beeinträchtigt werden,
Kontaminierte Futter- und Lebensmittel bringung auf landwirtschaftliche Nutz- sehen Jäger vor allem die Reduzierung der
beeinflussen die gastrointestinale Mikro- flächen auf. Verfrachtungen mit Wind, Populationen zu den Abschusszeiten.
biota der Verbraucher. Im Patent EP 2 327 Regen, durch Evaporation (Verdunstung)
785 A2 (2011) konnte gezeigt werden, kontaminieren auch nicht besprühte Abbau von Glyphosat
dass Bakterien zwei unterschiedliche Klas- Pflanzen. Im Urin von 98 Hasen, in deren Glyphosat bindet sich nach Ausbringung
sen von EPSPS besitzen. Die 1. Klasse ist Mageninhalte und Magenwänden war im Frühjahr oder im Herbst zwar fest
empfindlich für Glyphosat in mikromola- Glyphosat nachweisbar. Der Vergleich an die Bodenmatrix, wird aber durch
ren Konzentrationen, die 2.  Klasse ist von 193 Hasen (Mittelwert 20,0μg/l Gly- Phospor in mineralischen oder Wirt-
aber tolerant bis resistent. Laktobazillen, phosat) mit 77 Mastkaninchen (Mittel- schaftsdüngern aus der Bindung gedrängt
Enterokokken, Bifidobakterien, einige wert: 65,00μg/l Glyphosat) zeigte, dass und gelangt so in Oberflächengewässer.
Bazillen sind empfindlich, Salmonellen, die Kaninchen fütterungsbedingt höhere Die Biodiversität der Lebewesen in den
einige Clostridium-Arten wie C. tetani, C. Glyphosatgehalte im Urin hatten als die Ökosystemen, die auch die Magen-Darm-
perfringens, C. botulinum, C. difficile sind Hasen [4]. Die Konzentration an Gly- Mikrobiota der einzelnen Tierarten bis
demgegenüber aber resistent. Dadurch phosat im Urin von Hasen war (2011 zum Regenwurm einschließen, sowie bei
werden Ungleichgewichte (Dysbiosen) und 2012) standort- und jahresabhängig. Kaltblütern auch die mit Bakterien und
der Magen-Darm-Mikrobiota ini­ tiiert, Auch der Nachweis von Glyphosat in Pilzen besiedelte Haut wird dadurch mit
die zu der bisher unbekannten Erkran- Teilen des Magen-Darm-Traktes (Kropf, bisher nicht berücksichtigten Folgen mas-
kung chronischer Botulismus führen [1, Drüsenmagen, Blinddarm) von Fasanen siv beeinflusst und reduziert.
2]. Es konnte gezeigt werden, dass es eine
Beziehung zwischen der antimikrobiellen
Aktivität von Glyphosat und der Reduk-
tion von bestimmten Bakterien (beson-
Literaturhinweise:
ders zellulytische Bakterien) und Proto- [1] Shehata, A. A.; Schrödl, W.; Aldin, A. A.; Hafez, H. M.; Krü-
zoen in Pansensäften gibt [3]. ger, M. (2012): The Effect of Glyphosate on Potential Pathogens and
Beneficial Members of Poultry Microbiota in Vitro. Curr Microbiol DOI
Effekte auf Tiere 10.1007/s00284-012-0277-2. [2] Krüger, M.; Shehata, A.A.;
Schrödl, W.; Rodloff, A. (2013): Glyphosate suppresses the an-
tagonistic effect of Enterococcus spp. on Clostridium botulinum. http://
Mehrheitlich können gesundheitliche Ef- dc.doi.org/10.1016/j.anaeroabe.2013.01.005. [3] Ackermann, W.;
fekte bei langlebigen Tieren wie Milch- Coenen, M.; Schrödl, W.; Shehata, A.A.; Krüger, M. (2014): Prof. Dr. Monika Krüger,
The Influence of Glyphosate on the Microbiotagard Production of mkrueger@vetmed.uni-leipzig.de, leitete bis zu ihrer Eme-
kühen, Zuchtsauen, aber auch Hunden, Botulinum Neurotoxin During Ruminal Fermentation Curr Micorbiol DOI ritierung das Institut für Bakteriologie und Mykologie an der
Katzen, langlebigen Wildtieren und Men- 10.1007/s00284-014-0732-3 [4] KRÜGER, M.; SKAU, M.; SHEHA- Universität Leipzig. Philipp Schledorn und Wieland Schrödl
TA, A.A.; SCHRÖDL, W. (2013): Efficacy of Clostridium botulinum types arbeiten am Institut für Bakteriologie und Mykologie an der
schen festgestellt werden. Auch Vertreter C and D toxoid vaccination in Danish cows. Anaerobe 23, 97-101; Universität Leipzig.
von Pilzgattungen wie Aspergillus und http://dx.doi.org/10.1016/j.anaerobe.2013.06.011.
Fusarium, die Mykotoxine
bilden, sind gegenüber „PFAHLHOLZ“ Lä./Dgl., 1,90 m, 2,40 m o. 2,90 m lg.; Durch-
Glyphosat resistent, ihre messer 5,0–12,0 cm (teilw. bis 14,0 bzw. 16,0 cm).
Größere Mengen zu kaufen gesucht.
Antagonisten (Gegenspie-
Holzhandel Schleper GmbH, Tel. 04962/247, info@holzhandel-schleper.de
ler) im Boden sind dagegen
empfindlich. Durch das Un-
gleichgewicht steigen die
Mykotoxinlasten von Ge-
treide und von Mais z. B.
ALPENLÄNDISCHE
Der herbizide Wirkstoff DACHSBRACKE
war auch in Organen, Wän-
Welpen aus gesunden, Wir stehen für Qualität und
den des Magen-Darm-Trak- spurlauten Elterntieren durch Herkunftssicherheit
tes und Muskulatur eines konsequente Leistungszucht. Forstpflanzen, Aufforstungen,
weiblichen Damwilds mit Welpenvermittlung und Informationen Einheimische Wildgehölze,
Forstliche Spezialanzuchten,
Störungen in der Stabilität Michael Tandler Schnellwachsende Baumarten
Mobil: 0172- 35 000 35 Lohnanzuchten, Saatgutgewinnung
der Hinterhand nachweis-
E-Mail: gf@dachsbracke.de
bar. Der noch intrauterin (in Internet: www.dachsbracke .de Erwin Vogt Forstbaumschulen GmbH

der Gebärmutter) befind- Verein Dachsbracke e.V.


Osterloher Weg 2 • D - 25421 Pinneberg
T: +49 (0) 4101 -79 66-0 • F: +49 (0) 4101 -79 66-14
info@vogt-forstbaumschulen.de
liche Fötus war in Gehirn, Mitglied im VDH, FCI, JGHV
www.vogt-forstbaumschulen.de
Lunge, Niere, Leber konta-

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Wald und Wild 39. Bonner Jägertag

Die Endoparasitenfauna
des einheimischen Muffelwildes
Mufflons gehören seit den späten 1920er-Jahren zur Schalenwildfauna im Territorium des heutigen Nordrhein-Westfalens. Sie
konzentrieren sich im Bereich der Eifel, an der Grenze zu Hessen und im Raum Paderborn. Im Rahmen von Untersuchungen sind in
den Jahren 1999 bis 2006 die Aufbrüche von erlegten Mufflons parasitologisch untersucht worden.

Steffen Rehbein, Walburga Lutz, sen. Wie in anderen Untersuchungen war der
Martin Visser, Renate Rauh Labmagen das am stärksten befallene Organ,
gefolgt von Dünndarm und Dickdarm. Die

I m Rahmen der Untersuchungen sind die


Aufbrüche (Magen-Darm-Kanal, Lunge,
Leber) von 110 erlegten Mufflons aus acht
durchschnittliche Befallsstärke mit Ma-
gen-Darm-Nematoden (3.370 Würmer) war
sehr viel höher als die in einer ähnlichen Stu-
Vorkommen in NRW sowie 18 Aufbrüche die bei Mufflons aus Thüringen festgestellte
von Mufflons aus einem unmittelbar an die (1.655 Würmer). Es bestand eine mit dem

Foto: M. Visser, Merial


NRW-Vorkommen angrenzenden Einstands- Alter positiv korrelierte Zunahme der Be-
gebiet in Hessen (Lichtenau) qualitativ und fallsintensität mit Magen-Darm-Nematoden.
quantitativ parasitologisch untersucht wor- In den Lungen parasitierten durchschnittlich
den. Hierbei handelte es sich um die erstma- 541 Lungenwürmer in einem Stück.
lige detaillierte Erfassung der Endoparasiten Abb. 1: Aufbruch Mufflon: Lunge mit Verän-
des Muffelwildes in NRW. Mit dieser Unter- derungen durch Muellerius capillaris-Befall Fazit
suchung wurde ein Status für das Muffel- Die Nematodenfauna des Muffelwildes ist
wild erarbeitet, wie er für Reh-, Dam- und Zestodenart (Moniezia expansa, 0,8 %), auf von ‚Schafnematoden‘ geprägt. Es bestehen
Rotwild in der Zeitschrift für Jagdwissen- den serösen Häuten der Bauchhöhle Finnen ‚Wechselinfektionen‘ zwischen Parasiten der
schaft in den Jahren 2000, 2001 und 2002 des Hundebandwurmes Taenia hydatigena einheimischen Zerviden und Muffelwild-Pa-
dokumentiert wurde und für Sikawild durch (7,8  %) sowie in den Lungen kleine Lun- rasiten. Das Muffelwild in NRW zeigte keine
eine 2003 dort veröffentlichte Arbeit und genwürmer der Art Muellerius capillaris ausgeprägte altersabhängige Regulation des
eine Dissertation im Jahr 2010. Das Unter- (99,1  %). Ein Befall des Pansens und der Parasitenbefalls. Die Bedeutung ist unklar.
suchungsmaterial umfasste 30 Lämmer, 31 Leber mit Parasiten war nicht nachweis- Sowohl Zeichen einer wenig guten Körper-
Einjährige und 42 ca. 2- bis 5-Jährige sowie bar. Die Mufflons beherbergten zwischen abwehr oder einer guten Anpassung sind
25 Mufflons, die älter als fünf Jahre waren. einer und 18 Arten von Nematoden im Ma- denkbar. Die Magen-Darm-Parasitozönose
Das Geschlechterverhältnis war ausgeglichen gen-Darm-Trakt, durchschnittlich 9,6; 60 % des Muffelwildes zeigte großen Artenreich-
mit 60 weiblichen und 64 männlichen Muff- der untersuchten Stücke beherbergten zwi- tum in allen Altersklassen. Auch hierfür
lons (von vier Stücken war das Geschlecht schen acht und 12 Arten. Im Magen-Darm- bedarf die Frage noch der Klärung, ob es
nicht bekannt). Untersucht wurden mittels Kanal dominierte der Haarmagenwurm sich um ein Zeichen einer beeinträchtigten
Standard-Methodik der Enddarmkot, der Trichostrongylus axei, der mit durchschnitt- Körperabwehr oder einer guten Anpassung
Inhalt der Organe des Magen-Darm-Kanals, lich 2.078 Würmern etwa zwei Drittel des handelt. Im Vergleich erweist sich der Ma-
die Lunge und die Leber. Wurmbefalls ausmachte. Erstmals wurden gen-Darm-Parasitenbefall des Muffelwil-
Nachgewiesen wurden im Magen-Darm- bei Muffelwild in Deutschland der Schweine- des in Nordrhein-Westfalen stärker als in
Kanal neben Eimeria-Kokzidien (91,3  %) parasit Hyostrongylus rubidus und der Rin- Thüringen. Ob ein Einfluss auf die körper-
29 Arten von Nematoden (100 %) und eine derparasit Cooperia surnabada nachgewie- liche Verfassung besteht, bedarf weiterer
Untersuchungen. Hinweise könnten der Er-
Organe Parasiten Parasitenbefall/Befallsstärke nährungszustand und die Körpergewichte
Nachweisrate Mittelwert Schwankungsbreite erlegten Muffelwildes geben.
Adulte Nematoden 99,2 % 3.287 5 bis 30.533
Magen-Darm-Kanal Priv.-Doz. Dr. Dr. Steffen Rehbein,
(n=118) Adulte Nematoden
steffen.rehbein@merial.com,
und Larven in der 100 % 3.370 5 bis 30.613
ist Leiter, Martin Visser und Renate
Schleimhaut
Rauh sind Mitarbeiter des Kathrinenhof
Lunge Research Center der Merial GmbH in
Muellerius capillaris 99,1 % 541 5 bis 11.605 Rohrdorf. Dr. Walburga Lutz arbeitet an
(n=111)
der Forschungsstelle für Jagdkunde und
Tab. 1: Verbreitung und Stärke des Befalls mit Magen-Darm-Nematoden und Lungenwürmern Wildschadenverhütung, Landesamt für
Natur-, Umwelt- und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen.
bei den untersuchten Mufflons aus NRW und Hessen

26 AFZ-DerWald 6/2017 www.forstpraxis.de