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Eine ganz „normale“ sexuelle Gewalt

Diplomarbeit im Fach Erziehungswissenschaften


vorgelegt für die Diplomprüfung

von

Johanna Hanfling

aus

Frankfurt am Main

angefertigt bei Prof. Wolf D. Bukow


an der Universität zu Köln
Philosophische Fakultät, Erziehungswissenschaftliche Fakultät,
Heilpädagogische Fakultät

Abgabedatum:
24.11.1997
1

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort S.3

1.1. Einleitung S.4

2. Sexualisierte Gewalt in unserer Gesellschaft S.7

2.1. Beispiele sexualisierter Übergriffe im Schulalltag S.7

2.2. Phantasien über Frauen und Gewalt am Beispiel von drei Collagen S.13

2.3. Beispiele von jugendlichen und erwachsenen entdeckten Tätern S.18

2.4. Organisierte sexualisierte Gewalt - ein Markt hat Hochkonjunktur S.24

2.5. Sexualisierte Gewalt ist im Krieg Normalität S.31

3. Erklärungsansätze S.35

3.1. Die Bedeutung der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung zur Erlernung


der Geschlechterrollen S.36

3.2. Erziehung von Jungen zu „richtigen“ Jungen S.42

3.3. Die Rolle der peer-group- blinder Fleck der Sozialwissenschaftler S.50

1
2

3.4. Die Bedeutung von Pornographie für die Entstehung von sexueller
Gewalt S.56

3.5. Das herrschende Männlichkeitsideal S.65

4. Konsequenzen S.71

4.1. Suche nach einem alternativem Männlichkeitsideal S.72

4.2. Sozial- und arbeitsmarktpolitische Maßnahmen zur Überwindung der


geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung S.73

4.3. Ein anderer Umgang mit Tätern S.75

4.4. Pädagogische Jungenarbeit S.80

4.5. Nicht erforschte Themen S.81

Literaturverzeichnis S.83
Anlage
Erklärung

2
3

1. Vorwort

Mittlerweile ist erkannt worden, daß ein Mensch, der sexualisierte Gewalt
erleben mußte, unter den selben Langzeitfolgen leidet, wie jemand der als
Soldat im Krieg Bombenangriffen ausgesetzt war oder wie jemand, der
gefoltert worden ist.
Sexualisierte Gewalt ist ein schweres psychisches Trauma und als solches ins
internationale Handbuch für psychiatrische Diagnostik (DSM III)
aufgenommen worden.
Genauso wird sexualisierte Gewalt von Menschenrechtsorganisationen wie
amnesty international als schwere Menschenrechtsverletzung bzw. als eine
Form der Folter anerkannt.
Sexualisierte Gewalt hat immer eine massive Verschlechterung der
Lebensqualität zur Folge, egal ob sie einmalig oder wiederholt erlebt werden
mußte.
Besonders gravierend sind die Folgen für die in der Kindheit traumatisierten
Menschen.
Alle Betroffenen jedoch beschreiben die Erlebnisse als Attacken, als Terror
oder Hölle, die irgendwie überlebt werden mußten.

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4

1.1. Einleitung

In der folgenden Arbeit möchte ich mich mit dem Phänomen der sexuellen
Gewalt auseinandersetzen und analysieren, welche Strukturen für die
Entstehung dieses Problems verantwortlich sind.
Meine Motivation für dieses Thema ist von dem Interesse getragen
wie dieses Problem , welches unendliches Leid verursacht, auf Dauer gelöst
werden kann und welche Maßnahmen und Konzepte ergriffen werden
müssen, um dies zu erreichen.
Dabei beziehe ich sowohl Ergebnisse aus der sozialwissenschaftlichen
Forschung, als auch Erkenntnisse aus der Psychologie ein, da beide
Forschungsgebiete wichtige Erklärungsansätze liefern.

Die bisherige Diskussion konzentrierte sich hauptsächlich auf die Opfer. Das
Ergebnis der einseitigen Beschäftigung mit dem Phänomen der sexualisierten
Gewalt hat zu folgender gesellschaftlicher Situation geführt: Das Phänomen
ist sichtbarer geworden, den Opfern wird eher geglaubt und Hilfe zur
Verarbeitung der Gewalt zugestanden. Eine ernsthafte Auseinandersetzung
damit, wie es möglich ist, daß so viele Männer so etwas tun, findet bis zum
heutigen Tage nicht statt.
Das Phänomen wird weiterhin individualisiert. C.Hagemann-White beschreibt
es folgendermaßen:

“ ...einen unablässigen Strom von verletzten Frauen und Mädchen, jede mit einer
Lebensgeschichte von Verletzungen, über die sie endlich zu sprechen beginnt...und
gleichzeitig das gleichgültige Achselzucken der Gesellschaft in dem fortgesetzten
Fehlen jeglicher strafrechtlicher Konsequenz der Tat, sowie der politischen Abwehr
gegen jede Veränderung dieses Zustandes...“. 1

Die Folge davon ist, daß die Gewalt verwaltet aber nicht verhindert wird.

Das bedeutet, soll dieser “unablässige Strom“ gestoppt und sollen neue
Generationen von Opfern verhindert werden , müssen an erster und
dringlichster Stelle neue Täter verhindert werden. Desweiteren muß ein
1
C. Hagemann-White, Das Ziel aus den Augen verloren? in ifg, 1993, S.58.

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anderer und effektiverer Umgang mit schon bekannt gewordenen Tätern


gefunden werden. Besonders wichtig ist es, nicht entdeckte Täter konsequent
aufzudecken und diese für ihre Taten zur Verantwortung zu ziehen.

Die Fragen sind daher folgende:


Warum haben anscheinend soviele Männer das Bedürfnis danach,andere
in der Regel Frauen/Mädchen, manchmal auch Männer/Jungen zu verletzen
und zu unterwerfen? Wird ein solches Verhalten durch die Gesellschaft
geduldet? Oder sogar gefördert ? Wenn ja, auf welche Weise ? Und warum ?
Werden viele gewaltausübende Männer niemals zur Rechenschaft gezogen ?
Leben wir in einer Gesellschaft mit den Tätern? Bleibt die Mehrheit von
ihnen unentdeckt ?
Welche Rolle bekommt der entdeckte sog.Sexualstraftäter ? Welche
Funktion nehmen die Medien ein, wenn sie Ausdrücke benutzen wie:
„geschändete Frau“, „Kinderschänder“, „Kindersex“, „Triebtäter“,
„Serientäter“...?

Diese Fragen müssen unabhängig davon gestellt werden, inwieweit Frauen


sich an den Taten der Täter beteiligen, sie unterstützen oder ihnen zuarbeiten
(vgl. These der Mittäterschaft/C.Thürmer-Rohr )2. Sie sind zunächst auch
unabhängig davon zu stellen, ob auch Frauen sexualisierte Gewalt ausüben,
bzw. ob Frauen durch ihre eigene Sozialisation die Rolle des Opfers
möglicherweise selbst akzeptieren, in der sexualisierte Gewalt dann als
unvermeidbares Schicksal „ertragen“ wird.

Die Kernfrage lautet:


Ist sexualisierte Gewalt das Ergebnis eines Lernprozesses im normalen
Lebenslauf von Jungen und Männern?
• Um dies beantworten zu können, werde ich mich mit männlichen
Sozialisationsprozessen beschäftigen, desweiteren den
gesellschaftlichen Umgang mit entdeckten Tätern untersuchen, um
schließlich Maßnahmen und Konsequenzen aufzuzeigen, die ergriffen

2
C. Thürmer-Rohr, Mittäterschaft und Entdeckungslust, Berlin, (1989), S.87-104.

5
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werden müssen, um endlich damit anzufangen, sexualisierte Gewalt zu


verhindern.

Das Ziel muß sein, die Gewalt merklich zu reduzieren und nicht, daß die
Folgen verwaltet, sie aber viel zu vielen nicht erspart bleiben.

6
7

2. Sexuelle Gewalt in unserer Gesellschaft

2.1. Beispiele sexueller Gewalt im Schulalltag

Zunächst beschreibe ich Alltagssituationen, in denen sexuelle Gewalt zu


beobachten ist .

1.)
“ Meine zehnjährige Tochter erklärt nachdrücklich, sie ziehe ihre bis dahin
heißgeliebten Röcke nicht mehr zur Schule an . Die gleichaltrigen Jungen
verbrächten neuerdings die Pausen bevorzugt damit, den Mädchen die Röcke
hochzureißen und unter Grölen nach den Slips zu grapschen. Manchmal sind
sie zu dritt oder mehr, und die Mädchen könnten sich kaum wehren. „Das ist
doch Gewaltverhalten“, schoß es durch meinen Kopf. Keine Frage. Ein
Elternabend stand an, ich würde etwas unternehmen.
Es war ein kläglicher Versuch. Verschämtes Lächeln, Erstaunen,
Kopfschütteln. Was will denn diese Exzentrikerin? Ob ich das nicht zu ernst
nähme? Das sei halt eine spielerische Erscheinungsform, die immer wieder
auftaucht, außerdem die kleinen Mädchen seien auch schon recht kokett.
Antworten, die mir die Lehrerin und Mütter von Söhnen gaben“3

2.)
Gegenüber Mädchen so als Junge...gehörte das zum einen dazu, wirklich
chauvihaft zu sein, will ich heute so sagen...Also wir haben dann z.B., ich
weiß es noch, in der Klasse habe ich auch mitgemacht, so im siebten
Schuljahr gesessen, da saß vor uns eine, die war schon weiter entwickelt und
die hatte einen BH an und wir haben dann hinten, von hinten immer den BH
fletschen lassen. Also ich habe mich da in der Hinsicht sicher nicht von den
anderen Jungs so groß unterschieden, weil es gehörte zum Teil auch wieder
dazu, anerkannt zu werden unter den Jungs, also auch sowas mal
mitzumachen, und heute denke ich, daß das natürlich also z.B. für dieses
3
E. Wörz-Polachowski; In: Sexuelle Gewalt, Hrsg. D.Janshen, Frankfurt a/M, 1991, S.
460.

7
8

Mädchen ganz,ganz heftige Sachen waren, weil ich auch weiß, wie sie sich
dann da verhalten hat und wenn ich dann heute überlege, dann denke ich, das
war ganz schön herbe so“.4

3.)
„Ja, es ging zum Teil nachher auch so, daß wir probiert haben,
Genital,Scheide und so zu berühren, also durch die Hose und jetzt nicht...wir
haben z.B. nie ein Mädchen ausgezogen. Das gibt es ja auch öfter, daß in
Schulen so...viele Jungs auf ein Mädchen gehen und dann...das eine Mädchen
entkleidet wird oder da sonst was mit denen gemacht wird...“ 5

4.)
„O. berichtet, daß in der fünften/sechsten Schulklasse die Jungen fast jede
Pause benutzt hatten,um Mädchen an den Busen zu fassen.“ 6

5.)
„...auf Mädchen ... zugehen, sie umarmen, in den Hintern kneifen, in die
Brust kneifen,
in der geschlossenen Gondel anfassen und so weiter. Das war, was man da
gelernt hatte.
Eindeutig...Das haben alle gemacht“ 7

Die oben gegenannten Situationen schildern sexuelle Übergriffe im deutschen


Schulalltag bzw.im Alltag von Kindern und Jugendlichen. Das erste Beispiel
handelt vom dem Versuch der Mutter eines betroffenen Mädchen, die
sexuellen Übergriffe der Jungen gegenüber den Mädchen bei einem
Elternabend zu thematisieren. Sie scheitert dabei kläglich. Sie wird nicht
ernstgenommen, sondern sogar lächerlich gemacht und abgewertet. Das
Verhalten der Jungen, welches die Mädchen als Gewalt erleben, wird
verharmlost. Die Übergriffe werden als Spiel bezeichnet.

4
A. Heiliger, C.Engelfried, Sexuelle Gewalt, Frankfurt/Main; New York, 1995, S. 135.
5
a.a.O., S. 135/136.
6
a.a.O., S. 135.
7
a.a.O., S. 134.

8
9

Auf eine subtile Art und Weise werden die Mädchen für das Jungenverhalten
verantwortlich gemacht. Sie seien schließlich“ ... schon ganz schön kokett.“
Die Gegenstrategien der Mädchen, nämlich Hosen statt Röcke anzuziehen,
um den sexuellen Übergriffen zu entgehen, sind defensive Reaktionen. Ob sie
damit Erfolg haben, ist fraglich. Selbst der Versuch einer erwachsenen
Person, einer Mutter, die Situationen der Mädchen zu verbessern, bleibt ohne
Erfolg. Die Mädchen richten sich in ihrem Verhalten nach den Jungen und
müssen nun eigene Bedürfnisse „....den heißgeliebten Rock...“ aufgeben.
Die Mädchen werden in ihrem Unwohlsein überhaupt nicht ernst genommen.
Den Jungen werden keine Grenzen gesetzt.

Durch diese Situation haben die Jungen gelernt, wie sie durch aggressives und
grenzüberschreitendes Verhalten Dominanz über andere erreichen. Sie haben
gemerkt, wieviel Macht ihnen ein solches Verhalten verleiht. Sie haben
gelernt, daß man auf die Art und Weise anderen schlechte Gefühle machen
kann und dadurch Macht über sie erlangt und daß dafür keinerlei negative
Konsequenzen zu erwarten sind.

Die Mädchen haben gelernt, daß Verletzungen ihrer Grenzen in dieser Welt
existiert und daß sie durch ihr Geschlecht in besonderer Weise davon
betroffen sind. Sie haben erfahren wieviel Macht die Jungen besitzen, wenn
noch nicht mal eine erwachsene Person etwas dagegen tun kann. Sie haben
erfahren, wie wenig Macht sie selbst besitzen und daß es anscheinend keinen
Schutz vor solchen Erfahrungen gibt.Eine solche Alltagserfahrung von
Kindern entlarvt sich als Sozialisationsagent zur Einübung der traditionellen
Geschlechterrollen , von „potentieller“ Täter- bzw. Opferrolle.

Das zweite Zitat stammt von einem Mann, der sein Verhalten während seiner
Jugend reflektiert und dabei erkennt, daß er ein Mädchen gedemütigt und
verletzt hat.
Er gibt zu, daß die Grenzverletzungen gegenüber dem Mädchen dazu
dienten, Macht über sie zu haben und dadurch bei den anderen Jungen
anerkannt zu werden. Er deutet in diesem Zitat auch an, welche Erwartungen
an ihn als Jungen gestellt wurden, nämlich “... es gehörte dazu, chauvihaft zu

9
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sein.“ Chauvihaftes Verhalten ist anscheinend etwas, was ein Junge tun muß,
weil er eben ein Junge ist, was eng mit der Vorstellung von Junge -sein
verknüpft ist. Er beschreibt auch, daß sich alle Jungen so verhalten haben
und gibt zu, daß er sich von den anderen Jungen nicht unterschieden hat.

Das dritte Zitat stammt ebenfalls von einem interviewten Mann der über seine
Jugend nachdenkt und beschreibt, wie die Jungen in seiner Klasse sich
verbündet haben , um gemeinsam gegen Mädchen vorzugehen.
In dieser Vorgehensweise ist die Struktur des Männerbundes
wiederzuerkennen, die das weibliche Geschlecht ausschließt und häufig die
Gruppe dazu benutzt, sich aggressiv an Mädchen/Frauen auszutoben.
Sexualisierter Terror wird oft von „Männergruppen „ausgeführt (z.B. im
Krieg). Das Wissen darüber wie man sich in Männerzirkeln zu verhalten hat,
wird von Jungen in der Jungenclique erlernt.

Desweiteren berichtet O., daß sexuelle Übergriffe von einer Jungengruppe


gegenüber einem Mädchen an seiner oder an einer anderen Schule Realität
gewesen sind. Er distanziert sich zwar von dieser Form von Gewalt, gibt
damit aber gleichzeitig zu erkennen, daß er von diesen Vorfällen gewußt hat
und sie in seinem Alltag Gesprächsthema gewesen sind. Durch den Vergleich
mit diesen Vorfällen “... viele Jungs auf ein Mädchen gehen und dann...daß
ein Mädchen entkleidet wird oder daß sonst was mit dem gemacht wird...“
versucht er sein eigenes Verhalten zu relativieren und das Vorgehen seiner
Clique als noch harmlos dazustellen.

Das vierte und fünfte Beispiel berichtet von systematisch geplanten


Übergriffen. Entweder wurden Pausen dazu genutzt, um Mädchen an die
Brust zu greifen oder es wurden bewußt Situationen geschaffen in denen
Mädchen den Übergriffen isoliert ausgeliefert waren.
G. berichtet ebenfalls, daß das alle Jungen gemacht haben und daß dies etwas
war, was sie untereinander gelernt haben.
In diesen Beispielen wird wiederum deutlich, welchen Stellenwert die peer
group zum Erlernen von sexualisierter Gewalt einnimmt.

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Zusammenfassung:

Das generelle Element der beschriebenen Situationen ist die Alltäglichkeit.


Das Verhalten von Jungen gegenüber Mädchen , oft auch gegenüber
„schwächeren“ Jungen, wird entweder von Erwachsenen nicht registriert,
oder als unerheblich bezeichnet. Ein wesentlicher Schritt wäre, dieses
Verhalten als relevant zu erkennen.
In der Regel wird diesen alltäglichen Situationen keine Bedeutung
beigemessen, solange es nicht zu echter Gewalt gekommen ist. Selbst im
Falle echter Gewalt werden immer wieder die gleichen Erklärungsmuster
zur Entlastung der Gewaltausübenden geliefert, wie sie in den Reaktionen auf
solches Jungenverhalten beschrieben wurden.

Nicht erkannt wird durch diese Vorgehensweise, daß sexuelle Gewalt das
Ergebnis eines langjährigen Lernprozesses ist, welches durch viele
verschiedene Einzelsituationen zustande kommt. Die Erfahrung , die Jungen
machen, daß nämlich auf ihr Verhalten keine negativen Konsequenzen
folgen, ist in diesem Lernprozeß ein wesentlicher Faktor!
Sie erlernen dadurch, daß sexuelle Gewalt, die sie vielleicht in den visuellen
Medien wahrgenommen haben, in der Realität, wenn auch zunächst
abgeschwächt, real ausgeübt werden kann. Das heißt, sie vollziehen den
Schritt von der Phantasie auf die Realitätsebene und erlernen durch das
Gewähren-lassen der Umgebung ,dieses Verhalten als legitim für sich zu
betrachten. Eventuelle Gewissensbisse und schlechte Gefühle bezüglich
dieses Verhaltens, egal ob beobachtet oder selber ausgeübt, können so sehr
einfach verdrängt und/oder abgespalten werden.

Eine oft vertretene Sichtweise ist, dieses Verhalten als das Ausprobieren von
Sexualität zu interpretieren, bzw. als Ausdruck der kindlichen oder
jugendlichen sich entwickelnden Sexualität. Diese Sichtweise liegt ganz im
Sinne der Erklärungsmuster, die sexuelle Gewalt als Ausdruck eines unter
Druck stehenden Sexualtriebes betrachten. Selbstverständlich wird von den
Jungen etwas ausprobiert, was sie irgendwo anders gesehen, gehört und

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aufgenommen haben. Nämlich, ob durch das Zwicken, Greifen, Anfassen,


Festhalten, Grölen, „schmutzige“ Witze reißen etc. eine bestimmte Wirkung
erzielt wird. Sie wollen rausfinden, ob die Angefasste sich schämt, ob ihr das
unangenehm ist, ob sie Angst bekommt und dann versucht, dem Anfassen aus
dem Weg zu gehen. Sie erlernen dann, die Wirkung ihres Verhalten als Mittel
für verschiedene Zwecke einzusetzen.
Dieses Verhalten erfüllt mehrere Zwecke gleichzeitig. Zum Einen kann der
einzelne Junge vor den anderen Jungen beweisen, was für ein „toller, cooler“
Typ er ist. Das ist in vielen Milieus bei Jungen absolutes Muß. Er benutzt die
Erniedrigung des Mädchens zur Aufwertung seiner eigenen Person und zum
Beweis seiner „Männlichkeit“. Zum anderen hat er eine neue Möglichkeit
gefunden, Angstgefühle abzuwehren, die man als „echter“ Junge nicht haben
darf. Weiterhin gibt es eine Möglichkeit, wenn Interesse am anderen
Geschlecht besteht, sich einem Mädchen anzunähern, ohne das Risiko einer
Abweisung eingehen zu müssen. Auch diese Erfahrung ist in der Männerrolle
nicht vorgesehen. Alle genannten Gründe haben ihre Ursache in der
Vorstellung vom Mann-sein, der dominant ist und sich nimmt was er will,
nicht primär in der Sexualität.

Was jedoch Teil des gängigen Männlichkeitsbildes ist, ist die Propagierung,
daß der „ideale“ Mann seine Bedürfnisse und Interessen sexualisiert, also auf
sexuelle Weise Dominanz ausübt oder Kontakt aufnimmt. Diese
Vorstellungen vom „Mann-sein“ internalisieren die meisten Jungen in einem
so frühen Alter, daß sexistische Anmache schon bei 10-14 jährigen Jungen
zu beobachten ist. Nicht selten wagen es manche, ältere Mädchen und
erwachsene Frauen so zu behandeln. Sie sind sich sowohl der Wirkung ihres
Verhaltens sicher, als auch, daß sie keine Reaktionen der sozialen Umwelt zu
befürchten haben.
Wir haben es also mit einem im Kern destruktiven Männlichkeitsideal zu
tun.

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2.2 Phantasien über Frauen und Gewalt am Beispiel dreier Collagen

Die folgenden Collagen8 stammen von drei Schülern einer neunten Klasse
einer Gesamtschule in NRW. Sie wurden im Winter 1996 im Kunstunterricht
angefertigt und sind somit hochaktuell. Das Thema für die zu erstellenden
Collagen wurde von der Kunstlehrerin in etwa so formuliert: Die Collagen
sollen eine oder mehrere für euch wichtige Situationen in eurem Leben
darstellen. Ihr könnt die Realität genauso abbilden wie eure Träume.

Ich selber habe alle 28 Arbeiten dieser Klasse gesehen. Diese drei Collagen
waren die einzigen,die auf solch exzessive Art, Phantasien über Frauen und
Gewalt gegen sie zum Ausdruck brachten. Eine weitere sehr auffällige
Collage bestand aus Bildern und Texten aus einer speziellen satanischen
Zeitschrift, die sich der Schüler selber mitgebracht hatte und ließ eindeutig
erkennen, daß der Schüler Interesse am bzw. eine Vorliebe für
Satanismus/Sadismus hat. Alle anderen Collagen stellten in mehr oder
weniger ausgeprägte Weise jugendlichen-typische Themen dar. Bei den
Jungen waren das hauptsächlich Sport, Popbands und Autos. Bei den
Mädchen Mode, Schönheit/Aussehen, Popbands und bestimmte männliche
„Stars“ aus der Musik-und Kinowelt. Spezifische eigene Interessen und
Wünsche waren für mich kaum zu erkennen. Es bleibt offen, ob die
Jugendlichen keine anderen Interessen haben oder sie nicht mehr preisgeben
wollten, weil persönliches in einem schulischen Rahmen behandelt wurde.
Die Collagen haben im Original das Format Din A3.

Bild 1:
Auf Bild 1 ist eine Zusammenstellung von Autos und Frauen zu sehen. Die
dargestellten Frauen sind meistens wenig bekleidet, haben Unterwäsche oder
gar nichts an. Sie sitzen oder stehen in typisch klischeehaften „anzüglichen“
Positionen, die sexuelle Bereitwilligkeit signalisieren sollen. Sie liegen in
Unterwäsche bekleidet auf den Autos oder sitzen mit aufgeknöpfter Bluse
8
Die Collagen und die dazugehörigen Bildbeschreibungen der Schüler befinden sich
in der Anlage.

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auf der Kühlerhaube. Im Bild oben links ist nur der Unterkörper der Frau zu
sehen. Der Oberkörper, ihr Kopf sowie ihre Beine und Füße sind
abgeschnitten. In der Vorstellung des Schülers scheint das Wesentliche einer
Frau ihr Unterleib zu sein , möglichst ohne Gesicht und Beine und am
liebsten in Strapse gekleidet. Auffällig ist das kleine Bild in der Mitte. Es ist
die einzige Abbildung einer vollständig nackten Frau, deren Gesicht nicht zu
sehen ist, aber auch nicht ihr Unterleib. Das Bild suggeriert einen
gewünschten, aber nicht ausgeführten Geschlechtsakt.

Der Schüler beschreibt seine Collage als Ausdruck der Pubertät, wie sie bei
Jungen üblich ist. Seiner Meinung nach ist es also normal, sich als Junge
ausschließlich für Autos und Frauen zu interessieren. Dabei scheint es sich
aber überhaupt nicht um eine konkrete Frau zu handeln, die er vielleicht
gerne kennenlernen möchte, sondern um irgendwelche Frauen bzw. deren
Körper. Die Person ist dabei gleichgültig, das heißt, er nimmt Frauen nicht als
Subjekte, sondern als Objekte wahr, die für ihn nur von sexuellem Interesse
sind. Diese Wahrnehmungsweise scheint er zunächst O.K. zu finden,
gleichzeitig aber ist ein gewisser Rechtfertigungsdruck aus seiner
Bildbeschreibung zu entnehmen.

Bild 2:
Im zweiten Bild sind mehrere Musiker, wahrscheinlich von Heavy-metal-
Bands abgebildet, sowie ein männliches Gesicht aus einer Horrorfilmszene.
Im Bild links oben ist auch hier die Darstellung einer kaum bekleideten
jungen Frau in „anzüglicher“ Pose zu sehen. Rechts und links sind
Videocassetten und/ oder Kalender des Pornomagazins „Playboy“ abgebildet,
auf dessen Cover Pamela Anderson Model steht. Diese ist als „Nackt-und
Bikinidarstellerin“ in den Medien populär geworden. Auffällig ist rechts
daneben ein Foto des Schauspielers James Stewart aus dem Filmklassiker
„Fenster zum Hof“ von Hitchcock zu sehen. Der Schüler hat dieses Bild so
eingebaut, als ob der Mann die Frau filmt.
Im Bild unten rechts ist eine Frau im roten Kleid abgebildet. Erkennbar sind
lediglich ihre aufgestützten Arme und ihr Dekolltee, das den Blick auf die

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Brust freigibt. Auch ihr Kopf ist abgeschnitten. Zwischen den Ellenbogen ist
das Wort „Pussi“ eingeklebt worden.

Der Junge beschreibt, daß sich in seinem Bild alles um ein furchteinflößendes
männliches Gesicht dreht. Daneben werden „sex and crime“ als Realität aus
dem Fernsehen anerkannt. Er stellt seine Interessen dar, die aus Musik und
Mädchen bzw. Frauen bestehen. Beides hat bei ihm augenscheinlich den
gleichen Stellenwert, nämlich als Dinge, die man benutzen kann.
Auch bei diesem Schüler ist die Wahrnehmung von Mädchen und Frauen als
subjektlose Wesen zu erkennen. Seine Auseinandersetzung mit dem
weiblichen Geschlecht verläuft nicht anhand realer Frauen, sondern mit
Frauen, die Rollen als Sexobjekte in den Medien spielen. Diese Frauenbilder
haben offensichtlich nichts mit realen Frauen des Alltags gemeinsam.
Verglichen mit Bild 1 ist bei dieser Collage eine gedankliche Verbindung
zwischen Sexualität und Gewalt bzw. Gewalt und Frauen deutlicher
erkennbar. Die männlichen Vorbilder sind entweder Musiker der Heavy-
Metal Szene, spielen in Horrorfilmen oder sind Film-und Fernsehstars.

Bild 3:
Die dritte Collage trägt den Titel „Die nackte Wahrheit“. Darauf abgebildet
sind eine Vielzahl in Strapse bzw. sog. Reizwäsche gekleidete junge Frauen.
Daneben Frauen in Bikinis, Badeanzügen oder Unterwäsche. Im Bild unten
rechts wird selbst diese heruntergezogen, um dem Betrachter den Blick auf
die Brust zu offenbaren. Desweiteren sind links, rechts und oben jeweils
völlig nackte Frauen in unterschiedlichen Situationen dargestellt. Im Bild
oben links ist ein Eingeweide im Hintergrund zu sehen. Darauf wurde eine
Figur geklebt, die aus einem männlichen ,nackten, in Lederjacke gekleideten
Oberkörper besteht und einem Raubtierkopf mit aufgerissenem Maul. In der
Mitte wurde ein Teller dekorativ mit Salat und Toast eingeklebt. Mitten in
diesem Arragement prankt ein blutunterlaufenes, menschliches Gesicht ,
welches in der Mitte aufgefressen wird. Darüber klebt eine Pistole, die so
eingefügt wurde, als ob sie der links daneben abgebildeten nackten Frau in
das Gesäß schießen soll.

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Darunter ist ein kleines Foto von einem Kind, welches auf einem Fenstersims
steht und angekettet ist. Den in sog. Reizwäsche gekleideten Frauen fehlen
die Köpfe. Über ihnen ist eine Motorsäge abgebildet, die die Assoziation
freisetzt, den Frauen seien die Köpfe abgesägt worden. Über der Motorsäge
klebt das Bild eines Mannes, der aus einem Horrorfilm stammen könnte und
darin die Rolle eines „Befehlshabers“ hätte.

Der Schüler stellt in drei knappen Sätzen fest, daß er Interesse an solcher Art
gekleideten jungen Frauen hat. Desweiteren stellt er fest, daß er das Essen
von Mc Donald, sowie Horror- und Actionfilme mag.

Horror und Sadismus sind eindeutig die bestimmenden Themen dieser


Collage. Verglichen mit den beiden vorherigen Collagen läßt sich feststellen,
daß dieser Schüler Frauen nur noch im Zusammenhang mit Horror und
Gewalt darstellt. Er selbst nennt sie auch gar nicht mehr Frauen, sondern
„junge Damen“. Das läßt vermuten, daß ein echtes Interesse an Frauen kaum
noch vorhanden ist. Er scheint, im Gegenteil, Frauen nur noch als Objekte
von männlichem Sadismus wahrnehmen zu können.

Zusammenfassung:

Zusammenfassend lässt sich feststellen, daß diese drei Collagen viele


Erkenntnisse über das zu bearbeitende Thema liefern. Zum Einen sind sie von
heutigen männlichen Kindern und Jugendlichen angefertigt worden. Zum
Anderen ist das Medium des Bildes bzw. der Collage gut geeignet, um etwas
über die Vorstellungen und Phantasien eines Menschen zu erfahren.

Im Vergleich zu den Praxisbeispielen aus Kap. 2.1. sind die Interessen und
Sichtweisen der Jungen noch deutlicher zu erkennen. Auch deshalb, weil das
gestellte Thema für die Collagen sehr allgemein gehalten wurde. Es wurde
nicht verlangt, eine Collage über die eigene Beziehung zum jeweils anderen
Geschlecht zu erstellen. Diese drei Jungen haben von sich aus diese

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17

Bildthemen und deren Darstellung gewählt und damit eine Menge über sich
und ihre Wahrnehmungsweise offen gemacht.
Deutlich ist der leichte Zugang zu heutigen visuellen Massenmedien
erkennbar. Die Schüler selbst erklären in ihren Texten, daß sie Horror- und
Actionfilme konsumieren. Darüberhinaus sind vermutlich alle drei Jungen
Konsumenten von Pornofilmen aus Fernsehen, Videothek und
Pornozeitschriften. Der Schüler Nr. 3 ist wahrscheinlich auch Konsument von
sadistischen Pornos und Horrorfilmen. Allerdings ist die Grenze zwischen
normalen Thrillern, Horrorfilmen, Softpornos und sadistischen Pornos so
fließend, daß die Ursache für solche Vorstellungen über Frauen, Sexualität
und Gewalt nicht eindeutig festzumachen ist. Ihre Vorstellungen über Frauen
und Mädchen als sexuell benutzbare Objekte sind allerdings direkt und
unverhohlen.

Die Kunstlehrerin erzähte, daß diese drei Schüler während der Arbeit an den
Collagen nebeneinander saßen und wahrscheinlich auch befreundet sind. Sie
hätten sich wohl gegenseitig „hochgeschaukelt“. Das belegt wiederum,
welche Bedeutung der peer group zukommt. Die Jungenclique erweist sich
bei genauerem Hinsehen als „Trainingslager“ für die Verfestigung solcher
sexistischen Vorstellungen und Verhaltensweisen.( Ich werde in Kapitel 3.3.
näher auf diesen Aspekt eingehen.)
Außerdem vermute ich, daß die Jungen mit ihrem Vorgehen die Grenzen
ihrer Umwelt testen. Sie wollen herausfinden, ob sie sich sowas erlauben
können, nämlich in der Schule solche Bilder abzugeben. Andererseits sind
diese Collagen auch als „Hilferuf“ zu werten. Die Jungen sind mit Horror und
Gewalt aus den Medien vollgepumpt und suchen nach Hilfe zur Verarbeitung
dieser Entsetzlichkeiten. Es ist anzunehmen, daß in diesen Fällen weder eine
angemessene noch grenzsetzende oder orientierungsweisende Reaktion der
Erwachsenen erfolgte. Als Ergebnis kann hier festgehalten werden, daß dies
eine Verstärkung bereits vorhandener sexistischer Denkweisen und
Befindlichkeiten zur Folge hat.

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2.3. Beispiele von jugendlichen und erwachsenen Tätern

Beispiel Nr. 1: Jugendliche Täter

Tathergang:
„B., F. und S. sind 14 Jahre alt, als sie gemeinschaftlich an ihrer Mitschülerin
sexuelle Gewalt ausüben. B. war drei Monate lang mit dem Mädchen
befreundet, wobei es auch zum Geschlechtsverkehr kam. Im Rahmen der
verhandelten Straftat hält F. das Mädchen fest, fummelt an ihrer Scheide und
faßt an ihren Busen, dann vergewaltigt B. seine ehemalige Freundin und
Mitschülerin, steckt seinen Finger in ihre Scheide, während seine beiden
Kumpels „Schmiere“ stehen, ihm zuschauen und ab und zu die Situation
ausnutzen, um das Mädchen immer wieder zu begrapschen.“ 9

Der Täter F. wurde bei der psychiatrischen Untersuchung, die im Rahmen der
Ermittlungen stattfand, gefragt, ob ihm die Unrechtmäßigkeit seiner
Handlungen bewußt sei. F. antwortete darauf, weil das Mädchen bei
vorherigen Körperkontakten gelacht habe, sei er davon ausgegangen, das
würde ihr gefallen. Auf Vorhalt des Untersuchers, er und seine Kumpels
hätten das Mädchen festgehalten, entgegnete er, das hätten sie immer so
gemacht. Er sei nie auf den Gedanken gekommen, daß man dies auch ohne
Festhalten machen könne.
Desweiteren sei sie ja „nicht ganz sauber“, da sie früher mit B.
Geschlechtsverkehr gehabt habe.

Auffällig an diesem Gedankenmuster ist die selbstverständliche


Gleichsetzung von sexualisierter Gewalt mit Sexualität. Der Täter F. scheint
zu glauben, daß das was er immer wieder mit seinen Kumpels gemeinsam
gemacht hat, Sexualität sei. Es stellt sich die Frage, durch welche Einflüsse
er dieses Bild von Sexualität erlangt hat.
Erkennbar ist ein klassisches Rechtfertigungsmuster, daß sexualisierte Gewalt
gegenüber Frauen dann gerechtfertigt ist, wenn über diese bekannt ist, daß sie

9
a.a.O., S. 159.

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sexuelle Erfahrungen haben. Hier wird eine Doppelmoral sichtbar. In diesem


Denken wird nur die Frau schmutzig, während der Mann sauber bleibt.
Abgesehen von paradoxen Vorstellungen über Sexualität als etwas
Schmutzigem, lässt sich im Denken des Jugendlichen das männliche
Vorrecht wiederfinden, die Frau/das Mädchen für etwas zu bestrafen, das ihm
nicht passt. Ich werde in Kapitel 3.5. genauer auf diesen Zusammenhang
zwischen sexualisierter Gewalt und weit verbreiteten Vorstellungen über
Männlichkeit und davon abgeleitete Rechte eingehen.

Beispiel Nr. 2: Erwachsene Täter

A)
Tathergang:
„Nach ersten Übergriffen im Alter von sechs Jahren des Mädchens, begann
der systematische sexuelle Mißbrauch mit ihrem 12. Lebensjahr: er ging zu
ihrem Bett, sie sollte rutschen, sie weigerte sich und er zeigte ihr hundert
Mark. Sie weigerte sich weiterhin, ging aus dem Zimmer, er holte sie zurück,
sie wehrte sich, er legte sie auf das Bett und verlangte, sie soll „lieb zu ihrem
Vater sein“. Sie wehrte sich weiterhin, da schlug der Vater sie mit der Hand
gegen den Kopf. Das Mädchen begriff die Aussichtslosigkeit seiner Lage und
verhielt sich ruhig. Er zog sie dann aus, berührte sie und zwang sie, seinen
Penis bis zur Ejakulation zu reiben. Beim ersten Mal, bei dem der Vater von
ihr verlangte, seinen Penis in ihren Mund zu nehmen, weigerte sich das
Mädchen aus Ekel. Da nahm der Vater den Kopf des Mädchens mit beiden
Händen und preßte ihn heftig gegen sein Glied, so daß das Mädchen keinen
Ausweg mehr hatte und das Glied in den Mund nahm.“ 10

In Laufe der Vernehmungen äußert sich der Täter wie folgt:


“Er besteitet die Vorwürfe, „das Mädchen sei nicht richtig im Kopf und habe
alles erfunden, weil sie ihn hasse, sie sei eine kaltblütige Lügnerin...“. „Ich
denke Tag und Nacht an meine Kinder und das macht mich seelisch fix und
fertig, macht mich krank...meine Sache ist eine ausgesprochene

10
a.a.O., S. 183.

19
20

Familienangelegenheit und sollte auch innerhalb der Familie geklärt werden.


Das Kind hat schon immer gelogen. Sie ist auch seit ihrer Kindheit nerven-
und geisteskrank. Ich selbst habe sie oft...zum Arzt...bringen müssen, damit
sie behandelt und geheilt wird...“. „Glauben Sie...einem kranken Kind, das
eigentlich nur Hilfe braucht?“. „Es wäre schade, das Kind zu ruinieren,
dadurch, daß ihm Fragen gestellt werden.“. „Ich bin ein ehrlicher Mensch und
einer, der fest arbeitet.“. „Über meine Familie habe nur ich zu entscheiden.“ 11

Charakteristisch bei diesem Mann ist zum Einen das vehemente Leugnen der
Taten, zum Anderen die Tochter als Lügnerin darzustellen. Er schreckt auch
nicht davor zurück, die Tochter als geisteskrank und kaltblütig zu bezeichnen,
als ob sie ihn „vernichten“ wolle
Sich selbst stellt er als ehrlichen und anständigen Menschen dar, der
eigentlich nur Mitleid angesichts der „ungeheuerlichen“ Vorwürfe verdient.
Gleichzeitig teilt er mit, welche Rechte er seiner Meinung nach besitzt,
nämlich die alleinige Entscheidungs- und Verfügungsmacht über die anderen
Menschen der Familie.
Diese Rechte werden mit einer solchen Selbstverständlichkeit von dem Täter
formuliert, daß er davon auszugehen scheint, daß dies allgemein
gesellschaftlich anerkannt sei. Er beruft sich auf ein traditionelles
Männlichkeitsbild, in dessen Logik Männer das Familienoberhaupt sind. An
diesem Beispiel lassen sich Vorstellungen über Männlichkeit, dessen Teil
das Vaterrecht ist, rekonstruieren.
Die Vorgehensweise bei diesem Täter ist eine Täter-Opfer-Verkehrung. Diese
ist angesichts der Machtungleichheit zwischen einem erwachsenen Mann, der
gleichzeitig der Vater ist und einem minderjährigen zwölfjährigen Mädchen
kaum glaubwürdig. Die Erklärungen von seiten des Täters stellen eher eine
Umkehrung der Realität dar.

B)
Tathergang:

11
a.a.O., S. 185

20
21

„Essen. Ein Kriminaloberkommissar der Essener Polizei soll eine Frau


mehrmals zum Sex genötigt haben. Als Gegenleistung soll der 52jährige
Polizist der als Ladendiebin vorbestraften Frau versprochen haben, belastende
Akten zu vernichten. Seit gestern muß sich der Oberkommissar aus Gladbeck
vor der 6. Strafkammer des Landgerichts Essen verantworten. Allein gegen
Ende 1995 soll es in 15 Fällen zu sexuellen Übergriffen gegen die damals
32jährige Frau aus Essen gekommen sein. Zahlreiche andere Vorwürfe sind
verjährt.
Dem Polizeibeamten werden sexueller Mißbrauch unter Ausnutzung einer
Amtsstellung, Bestechlichkeit und Beleidigung zur Last gelegt. Der vom
Dienst suspendierte Kommissar weist alle Vorwürfe entschieden zurück. Es
habe nicht eine einzige private Begegnung mit der Frau gegeben, erklärte er
zum Prozeßauftakt.“ 12

An diesem Beispiel werden die Übergänge zwischen angeblich freiwilliger


Sexualität und sexualisierter Gewalt deutlich. Ein Mann, der durch eine
berufliche und gesellschaftlich anerkannte Position Macht besitzt, nutzt diese
aus, um einen anderen Menschen zu unterwerfen. Er setzt seine Macht als
Druckmittel ein und erzwingt auf diese Weise sexuelle Kontakte. Das kommt
einer sexualisierten Gewalthandlung gleich.
Er scheint sich seiner Sache sehr sicher gewesen zu sein, da ihm als
Kriminalkommissar zunächst einmal niemand solch eine Tat zutrauen würde.
Schließlich sind Polizeibeamte dazu da, strafbare Handlungen zu verfolgen.
Dementsprechend wird bei ihnen eine gewisse Integrität vorausgesetzt. Daß
auch sie strafbare Handlungen begehen, galt bisher als schwer vorstellbar.

Der Rechtfertigungsversuch des Täters ist auffällig. Er weist die Vorwürfe


mit der Begründung von sich, es hätte niemals private Kontakte gegeben.
Hier liegen elementare Denkfehler zu Grunde. Denn erstens ist Privatheit
keine Garantie für die Abwesenheit von sexualisierter Gewalt und zweitens
keine notwendige Voraussetzung für sexuelle Kontakte. Desweiteren ist auch
hier ein Denken sichtbar, in dem sexualisierte Gewalt mit Intimität und

12
Rheinische Post vom 3.7.1997.

21
22

Sexualität gleichgesetzt wird. Der Täter versucht, die Tat zu verleugnen, die
unabhängig vom Ort des Geschehens von ihm ausgeübt wurde. Das stellt eine
Verzerrung der Realität dar.

C)
Tathergang:
„Wuppertal. Unter dem Verdacht, in den vergangenen Jahren weibliche
Mitglieder seiner Kampfschule vergewaltigt zu haben, nahm die Polizei
gestern in Wuppertal einen 49jährigen Mann in seiner Wohnung fest. Drei
Frauen hatten den Verdächtigten, der neben seiner Kampfschule in Elberfeld
weitere in NRW besitzen soll, bei der Polizei angezeigt. Nach Ermittlungen
der Beamten wurde zudem eine minderjährige Jugendliche Opfer des
Mannes. Der Festgenommene bestreitet die Anschuldigungen.
Die Polizei bittet weitere Geschädigte, sich bei der Kripo....zu melden.“ 13

In diesem Fall hat wiederum ein Mann seine berufliche Position zur
Anwendung sexueller Gewalt ausgenutzt. Man muß davon ausgehen, daß er
als Kampfsportlehrer zunächst ein Vertrauensverhältnis zu seinen
Schülerinnen aufgebaut hat. Desweitern muß man vermuten, daß er, bedingt
durch seine berufliche Tätigkeit, die Frauen darin unterrichtet hat, sich gegen
sexualisierte Übergriffe zur Wehr zu setzen. Daher müssen die
Vergewaltigungen dieses Täters als besonders traumatisierend für die Opfer
eingestuft werden. Die Reaktion des Täters ist Verleugnung.
Er schien sich seiner Sache so sicher zu sein, daß er es nicht bei einer
einmaligen Tat beließ, sondern an vielen Frauen zum Täter wurde. Es ist
anzunehmen, daß die Zahl der Opfer wesentlich höher ist, als bisher bekannt.
Dieses wird auch von der Polizei vermutet.

Zusammenfassung:

13
Westdeutsche Zeitung vom 1.3.1997.

22
23

Diese drei erwachsenen Täter zeigen in ihrem Verhalten einige Parallelen auf.
Alle drei haben zunächst eine machtvolle Position bzw. einen Beruf, durch
den sie Macht besitzen. Diese Machtverteilung ist in einer patriarchalisch
strukturierten Gesellschaft die Regel. Alle drei Täter nutzen jedoch diese
Macht, um sexualisierte Gewalt auszuüben. Alle drei scheinen sich ihrer
Sache sehr sicher zu sein, denn durch ihre Position als Vater,
Kriminalkommissar oder Kampfsportlehrer wird ihnen die Rolle des „guten“
Mannes zugeschrieben. Auf diese Vorstellungen von „guten“ und „bösen“
Männern, (Stichwort: Hegemoniale Männlichkeit14), werde ich in Kapitel 3.5.
eingehen.
Sie scheinen sich von dieser Rolle einen solchen Schutz versprochen zu
haben, daß ihnen anscheinend gar nicht in den Sinn kam, sie könnten entdeckt
und strafrechtlich verfolgt werden. In diesem Denkmuster erscheint das
Leugnen der Taten konsequent.

14
J. Kersten, Der Männlichkeitskult, Psychologie Heute, September 1993, S.50-57.

23
24

2.4. Organisierte sexuelle Gewalt - ein Markt hat Hochkonjunktur

Beispiel Nr. 1

„Paris. Der überraschende Schlag der französischen Justiz gegen die


Kinderpornographie hat bisher zu 201 Anklagen geführt. Unter denen, die
sich vor Gericht verantworten müssen, befinden sich 31 Lehrer, zwei Pfarrer,
zwei Leiter von Ferienlagern, fünf Mediziner, die als Internisten praktizieren
und ein Kinderarzt.
Die Ermittlungen in ganz Frankreich hatten Anfang der Woche in der ersten
Stufe zu überfallartigen Festnahmen im Morgengrauen in nahezu allen Teilen
Frankreichs geführt. Sie konzentrieren sich nun auf den Großraum Paris
sowie die Departements Var an der Cote d’Azur, Bouches-du-Rhone mit
Marseille und Rhone. Auf einigen der beschlagnahmten Filme befinden sich
Szenen der Vergewaltigung von Kindern im Alter zwischen sechs und 14
Jahren. ...Der Polizeieinsatz war über ein Jahr lang vorbereitet worden....In
ganz Frankreich wurden Pornofilme mit Kindern als Akteure beschlagnahmt,
bei einem einzigen Festgenommenen 620. ... Einer der Festgenommenen hatte
vier Neffen vergewaltigt und dies mit der Kamera festgehalten. ...Insgesamt
konnten acht Vergewaltigungsfälle von Kindern aufgedeckt werden. ...71
Angeklagte, die 1996 beim Auffliegen der Kundschaft eines Kinderporno-
Rings aus Kolumbien gefaßt worden waren, müssen sich zur Zeit vor einem
Pariser Gericht verantworten. Der nächste Massenprozeß kann nun vorbereitet
werden.“ 15

Beispiel Nr. 2

„Aachen. Nach zweimonatiger Untersuchungshaft ist der wegen Verbreitung


tausender grauenhafter Video- und Fotoaufnahmen von Kinderschändungen
belangte Aachener Hochschul-Physiker Dr. Thomas K. (31) seit dem
Wochenende auf freiem Fuß. ...Zwangsläufig bedeutete das rückhaltlose

15
Westdeutsche Zeitung vom 20.6.1997.

24
25

Geständnis, das Thomas K. den Ermittlern alle Namen gleichgesinnter


„Freunde“ preisgeben mußte, mit denen er im In- und Ausland per Internet
tausende kinderpornographische Bilder und Texte ausgetauscht haben soll.
Dafür soll K. an seinen dienstlichen Computern in der Aachener Uni, sowie
im Forschungszentrum Jülich die vorhandenen Online-Anschlüsse benutzt
haben. Erst als K. den Ermittlern die Codewörter verriet, mit denen die
Porno-Produkte und die Adressenlisten der „Tauschpartner“ auf Festplatten,
Disketten und CD-Roms verschlüsselt waren, erhielten die Beamten Zugang
zum verheerenden Ausmaß des Skandals. ...Vom Geschlechtsverkehr mit
Kleinkindern reicht die Schreckenssammlung des Dr. K. über
Unzuchtsszenen mit Tieren hin zu zahlreichen Vergewaltigungen und
qualvollen Perversionen an Jungen und Mädchen im Kindergarten- und
Schulalter.
Nicht nur übers Net, sondern auch per Postversand von Videos und Heften
soll K. einen „breiten Abnehmerkreis“ bedient, ... haben,... . ...Eiskalt seien
darin „Kinder aus Osteuropa“ angeboten worden, „die nach Mißbrauch
getötet werden können“. K., der an seiner Professor-Arbeit schrieb, ist nicht
vorbestraft.“ 16

Wie anhand dieser Beispiele deutlich wird, wird in diesem Bereich


gesellschaftlicher Realität das Vergewaltigen nicht mehr dem Zufall
überlassen. Ein hoher Organisationsgrad ist vorhanden, z.B. Codewörter,
Adressenlisten, Adressen im Ausland, um die Pornos zu produzieren und die
verdeckten Strukturen aufrechtzuerhalten. Die Produzenten sind zugleich ihre
eigenen Kunden und können sich gleichzeitig auf genügend Nachfrage
weiterer Interessenten verlassen. Der größte Teil der „Konsumenten“sind
Männer und es scheint kein allzu großes Problem zu sein, immer wieder neue
Kunden zu finden.

Ein Markt konnte sich entwickeln, deren Ursache nicht die vorhandenen
technischen Möglichkeiten sind, sondern weit verbreitete Bedürfnisse der
männlichen Bevölkerung. Das Bedürfnis nach Unterwerfung anderer, nach
Vergewaltigung und Sadismus in sexualisierter Form scheint so weit

16
Westdeutsche Zeitung vom 9.6.1997.

25
26

verbreitet zu sein, daß selbst die Gefahr strafrechtlicher Verfolgung


keineswegs abschreckend ist.
Selbstverständlich muß in diesem Zusammenhang auch die
Machtungleichheit zwischen Erwachsenen und Kindern, bzw. zwischen
Eltern und ihren Kindern in Rechnung gestellt werden. Allerdings kann diese
Machtungleichheit nicht von der Tatsache ablenken, daß ohne die vielen
Abnehmer der Pornos mit ihrem ureigenen Interesse daran ein solcher Markt
niemals hätte entstehen können. 17

Beispiel Nr. 3

„An dieser Stelle soll O., ein besonders bekannter Heiratshändler aus dem
Oberbergischen Land, kurz vorgestellt werden, da er für seine Branche
typisch ist. Seine „Internationale Moderne Partnervermittlung“ brüstet sich
damit, jährlich über 100 Frauen aus den Philippinen an deutsche Männer zu
vermitteln. In der Regel könne er neun von zehn Männern zufriedenstellen,
teilt er in einem Interview dem Kölner Stadt Anzeiger mit (3./4.12.1988).

Für seine Vermittlungstätigkeit nimmt O. den Männern zwischen sieben-


und zehntausend Mark ab. Wieviel die vermittelten Frauen bezahlen, bleibt
unklar, aber in der Regel müssen auch sie sich an angeblichen Unkosten
beteiligen. Im Preis inbegriffen sind u.a. Übersetzungstätigkeiten, das
Schreiben von Liebesbriefen und die Begleitung zum Flughafen (ebd.).

Der Erfolg von O. liegt sicher auch in seiner offensiven Werbung, die gezielt
auf gesellschaftlich defizitär angesehene Gruppen von Männern
spezialisiert ist, wie Behinderte und Rentner. So verspricht er in seiner
Werbebroschüre: Wenn also Blinde, Beingelähmte, querschnittsgelähmte
Rollstuhlfahrer etc. durch uns einen Partner gefunden haben, so besteht
sicherlich auch für sie eine gute Chance.“ Gleichzeitig wird für die Frauen
mit rassistischen Klischees geworben wie „gefühlvolle, anmutige Philippinin“
oder „Unsere Damen, die meist aus Peru kommen, haben europäische

17
vgl. A. Gallwitz, M. Paulus, Grünkram, Hilden/ Rheinland, 1997.

26
27

Gesichtszüge und Körpergrößen, ein Erbe der spanischen Kolonialzeit.


Äußerlich ist kaum ein Unterschied zur Europäerin festzustellen.“
(Werbebroschüre ca. 1989). Damit die Frauen zumindest anfänglich die
verkauften Klischees erfüllen, werden sie in seinem Haus in der deutschen
Sprache und deutsch-männlichen Ansprüchen an Hausfrauentätigkeit
„angelernt“.
Ihre Anpassungsfähigkeit an deutsche Verhältnisse wird in seiner
Werbebroschüre mit Sätzen wie „Auch im tiefen Schnee fühlt sich die
Philippinin wohl“ und dazugehörigem Foto „belegt“. 18

Beispiel Nr. 4

„Waren es Anfang der 80er Jahre vor allem die Thailänderinnen und
Philipininnen, die über den Heirats- und Frauenhandel in die Bundesrepublik
kamen, so wird anhand von Presseberichten deutlich, daß ca. Mitte der 80er
Jahre der Markt nach Osteuropa eröffnet wurde.

Polinnen wurden auch in NRW von organisierten Verbrecherringen in die


Prostitution verschleppt (Westfalen Blatt Bielefeld 3.9.87) oder in Annoncen
im Kölner Stadt Anzeiger als zukünftige Ehefrauen angeboten (EMMA 2/86).
Auffällig ist dabei, daß die Stereotypisierung der polnischen Frauen nach
anderen Mustern erfolgte als die der asiatischen Frauen. Werden die
asiatischen Frauen vor allem mit Attributen wie Angepaßtheit und Willigkeit
auf dem Heiratsmarkt angeboten, so werden den Polinnen Eigenschaften wie
zupackend, anspruchslos und gut katholisch zugesprochen mit dem Ziel, sie
an Landwirte zu vermitteln (Süd-West Presse 9.6.87).“ 19

Beispiel Nr. 5

18
Ministerium für die Gleichstellung von Frau und Mann des Landes Nordrhein-
Westfalen/Dokumente und Berichte 25: Internationaler Frauenhandel, S. 12/13.
(Hervorhebung durch die Verfasserin).
19
a.a.O., S. 18. ( Hervorhebung durch die Verfasserin).

27
28

„Die Clubgeschäfte liefen inzwischen so gut, daß B. trotz der Anwesenheit


der russischen Prostituierten der Meinung war, daß zuwenige Frauen im Club
beschäftigt seien. B. sprach mit M.. Dieser teilte mit, daß er einen Mann
kenne, der Tschechinnen besorgen könne....In Peters Wohnung traf er auf R.,
die damals erst 16 Jahre alt war und um dies zu verschleiern, einen falschen
Paß bekam....und auf drei weitere Frauen. Zusammen mit Peter und einem
anderen Mann brachte B. die Frauen über die tschechisch-deutsche
Grenze. .... Im Club traf er S. an, der lediglich bereit war, zwei der vier
Frauen zu übernehmen. S. suchte sich R. und P. aus.

Seine Aufgabe beschränkte sich nicht nur darauf, die Frauen in ein Bordell
nach Deutschland zu bringen. Gemeinsam mit Peter sah er die Frauen als
„seine“ Frauen an, die eine Einnahmequelle darstellten und daher bei ihrer
Arbeit zu überwachen waren.

Mehrfach in der Woche kam K. zur Kontrolle und zur Überwachung der
Frauen in den Club. ...Von den 50%, die den Frauen von ihrem
Gesamtverdienst verblieben, vereinnahmte K. nochmals die
Hälfte....Nachdem die Tschechinnen ihre Tätigkeit als Prostituierte im Club
aufgenommen hatten, kam B. die Idee einen Katalog zu entwerfen, in dem
alle im Club tätigen Prostituierten abgebildet sein sollten. Dieser Katalog
sollte dann in einem großen Hotel deponiert werden, damit der Nachtportier
interessierten Männern die Frauen des Clubs anbieten könnte.“ 20

Zusammenfassung:

Die letztgenannten Beispiele machen ein gesellschaftliches Phänomen


deutlich, das sich in den letzten Jahren in den meisten Industrienationen stark
verbreitet hat. Der internationale Frauenhandel stellt eine Verbindung von
Rassismus und Sexismus in einer zugespitzen Form dar. Er wird überhaupt
erst durch diese Verbindung möglich.

20
a.a.O., S. 98. (Hervorhebung durch die Verfasserin).

28
29

Auf seiten der westlichen Industrienationen stellen anscheinend immer mehr


Männer fest, daß sie den sog. deutschen Frauen und deren gewachsenen
Ansprüchen auf Gleichberechtigung und Emanzipation nicht gewachsen sind.
An dieser Stelle treten „professionell“ agierende Heiratsvermittler und
Verbrecherringe auf, die Frauen aus wirtschaftlich armen Ländern zur
Vermittlung anbieten.
Sie arbeiten dabei mit rassistischen und ethnisierenden Zuschreibungen, die
die Frauen je nachdem als unterwürfig, anspruchslos, anpassungsfähig etc.
beschreiben. Sie hoffen, dadurch unausgesprochene Bedürfnisse deutscher
Männer anzusprechen. 21

Die Ausländergesetzgebung in Deutschland schafft hierbei die ideale


Voraussetzung, die Frauen in extremer Abhängigkeit von den
Schlepperorganisationen, Zuhältern oder Ehemännern zu halten. Dies ist ein
günstiger Nährboden für schwere körperliche, seelische und sexualisierte
Gewalt sowie finanzielle und emotionale Ausbeutung der Frauen. Dieses
Phänomen muß als Sklavenhandel des 20. Jahrhunderts bezeichnet werden.
Die treibenden Kräfte sind hierbei das sog organisierte Verbrechen, das
keineswegs nur von ausländischen Organisation in bzw. weit weg von unserer
Gesellschaft existiert. Im Gegenteil. Das organisierte Verbrechen ist tief
verstrickt mit Institutionen dieser Gesellschaft, z.B. werden Täter, die des
schweren Menschenhandels angeklagt sind, immer wieder freigesprochen,
weil die ermittelnden Staatsanwälte, Richter oder Polizeibeamte selber zu den
Kunden der jeweiligen Bordelle gehören, in denen Frauen zur Prostitution
gezwungen wurden.

Desweiteren gibt es Überschneidungen zum organisierten sexuellen


Mißbrauch von Kindern. Sei es, daß bevorzugt Frauen mit Kindern gefragt
sind, damit deutsche Männer die Kinder sexuell mißbrauchen können. Sei es,
daß ausländische Kinder sehr viel einfacher zum Verschwinden gebracht
werden können, um sie schließlich im Rahmen organisierter
Kinderpornographie oder Kinderprostitution (Kinderbordelle) benutzen zu
können, oder in Form des sog. Sextourismus. Es sind Parallelen und

21
vgl. Anlage, Werbebroschüre der Internationalen Partnervermittlung, Institut Aida.

29
30

Verbindungen zwischen diesen beiden Formen organisierter sexualisierter


Gewalt erkennbar.

Die bestimmenden Gemeinsamkeiten sind folgende:


Verschiedene Männer sind in verschiedener Form an diesen Strukturen
beteiligt. Entweder als Organisatoren (Kinderpornoproduzenten, Schlepper,
Zuhälter, Heiratsvermittler, Clubbesitzer, etc.), als Zuarbeiter (z.b. der
Nachtportier, die Fotografen, korrupte Polizeibeamte in verschiedenen
Ländern, täterdeckende Politiker,) oder als Konsumenten/Freier.
Überschneidungen zwischen den einzelnen Rollen sind üblich.

Desweiteren werden Frauen und Kinder in nicht mehr zu übersteigender


Form zur Ware gemacht. Das gesamte Phänomen, nämlich Menschen, in der
Regel Frauen und Kinder, vergewaltigen, demütigen, verletzen und ausbeuten
zu wollen und zu können, wird systematisch organisiert, geplant und
kommerzialisiert. Hier verbinden sich legale und illegale gesellschaftliche
Strukturen miteinander. Als Fazit läßt sich feststellen, daß diese Form
organisierten Verbrechens aus der Mitte der Gesellschaft und nicht vom
Rande kommt.
Dies ist eine weitere Parallele zum Phänomen des Rassismus. Da die
Mehrzahl der an diesen Strukturen beteiligten Personen Männer aus den
unterschiedlichsten Milieus sind, wird auch hier deutlich, daß Sexualstraftäter
weder Ausnahmen noch Abweichler sind. Die meisten von ihnen werden
nicht entdeckt bzw. zur Verantwortung gezogen. Das bedeutet, daß die
Ursachen für ein solches Verhalten und solche „Bedürfnisse“ nicht in den
Triebstrukturen, der Biologie oder einer vermeintlich schwierigen Kindheit
gesucht werden können. Die Ursache besteht meiner Meinung nach in den
Vorstellungen von und Orientierungen an einem bestimmten
Männlichkeitsideal.

30
31

2.5. Sexualisierte Gewalt ist im Krieg Normalität

Ein Beispiel:

„Die Geschichte der FWS-87“ 22

„Sie war erst 15 Jahre alt, als sie erstmals im Juli 1992 festgenommen wurde.
Die Anklagebehörde des Tribunals behauptet, FWS-87 sei mindestens acht
Monate lang regelmäßiger Folter einschließlich Gruppenvergewaltigung und
Versklavung durch die Angeklagten Jankovic, Janjic, Kovac, Vukovic,
Zelenovic, Kunarac und Stankovic sowie durch zahllose andere
unbekannte Soldaten ausgesetzt gewesen.
FWS-87 wurde erstmals am oder um den 3.Juli 1992....festgehalten. Dort
wurde sie von Dragan Zelenovic und drei unbekannten Soldaten
abwechselnd vergewaltigt und verhört. Einer der Soldaten hielt ihr, während
er sie vergewaltigte, eine Waffe an den Kopf....
Zwischen dem 3. und 13. Juli 1992 wurde FWS-87 zusammen mit mindestens
72 anderen muslimischen BewohnerInnen Focas in die Oberschule Focas
gebracht. Fws-87 war eine von meheren Frauen, die von Einzelpersonen und
ganzen Gruppen von Soldaten.....allabendlich.....sexuell genötigt wurde.
Bei den Soldaten handelte es sich um Militärpolizisten, die sich nach dem
örtlichen Kommandeur der Militärpolizei, Cosovic als „Cosas Garde“
bezeichneten. Unter den Tätern befanden sich die Angeklagten Jankovic,
Zelenovic, Janjic und Vukovic. Die Soldaten drohten den Frauen, sie zu
töten, falls sie sich widersetzten.
....wurde FWS-87 von Vukovic vergewaltigt, während andere festgehaltene
Frauen gleichzeitig im selben Raum vergewaltigt wurden. ....führte Dradan
Zelenovic eine Gruppe von Soldaten an, die FWS-87 und eine andere junge
Frau...mindestens fünf Mal zusätzlich...sexuell mißhandelt. Im selben
Zeitraum....von Zoran Vukovic und Dragan Zelenovic vergewaltigt. .....bis
ca. 2. August 1992 festgehalten, wobei FWS-87 und andere Frauen
fortwährend von unzähligen Soldaten und ...Dragan Zelenovic, Zoran

22
Auszug aus der Anklageschrift des Tribunals in Den Haag, Medica mondiale, März 1997.
( siehe Grundlage des Tribunals S. 34 f. )

31
32

Vukovic und Dragoljub Kunarac mit Wissen und Billigung des


Angeklagten Ragan Gagovic vergewaltigt und ...sexuell genötigt wurden.
FWS-87 ...zusammen mit anderen muslimischen Frauen in ein Haus in Foca
gebracht, welches einem in Deutschland lebenden Muslim gehörte. Einige
dieser Frauen waren erst zwölf Jahre alt. Das Haus wurde von...Radovan
Stankovic wie ein Bordell geführt.

FWS-87 und andere Frauen wurden in diesem Haus nicht nur wie
Sexsklavinnen behandelt, sondern auch gezwungen, für die Soldaten zu
arbeiten, das heißt, ihre Uniformen zu waschen, zu kochen und zu putzen.
FWS-87 wurde auch gezwungen, für andere Soldaten in anderen Häusern zu
putzen und zu kochen. ....wurde FWS-87 zusammen mit anderen Mädchen
und Frauen wieder nach Foca...gebracht. Hier wurden sie viele Male von
dem Angeklagten Dragan Zelenivic, Goijko Jankovic und Janko Janjic
vergewaltigt und anderweitig sexuell mißhandelt.
...von Radomir Kovac ...als Sklavin gehalten. ....häufig durch Kovac sexuell
mißhandelt... Am 25. Februar 1993 wurde FWS-87 von Radomir Kovac für
500 DM an zwei unbekannte montenegrinische Soldaten verkauft.“ 23

Zur Erklärung:

* Es handelt sich hierbei um das Internationale Strafgerichtshof in Den Haag,


welches gebildet wurde, um die Kriegsverbrechen im ehemaligen
Jugoslawien zu ahnden.
Die rechtliche Grundlage des Tribunals beruht auf den Artikel 1-5. Diese
sind:
Artikel 1: Zuständigkeit des Internationalen Gerichts.
Artikel 2: Schwere Verletzungen der Genfer Abkommen von 1949.
Artikel 3: Verstöße gegen die Gesetze oder Gebräuche des Krieges.
Artikel 4: Völkermord.
Artikel 5: Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

23
Medica mondiale, März 1997, S.13/14. (Hervorhebung durch die Verfasserin).

32
33

Unter Artikel 5 fällt:


a) Mord
b) Ausrottung
c) Versklavung
d) Deportierung
e) Freiheitsentziehung
f) Folter
g) Vergewaltigung
h) Verfolgung aus politischen, rassischen und religiösen Gründen,
i) andere unmenschliche Handlungen.

In der Vergangenheit wurde auf verschiedenen nationalen und internationalen


politischen Ebenen versucht, rechtliche Grundlagen zu schaffen, um auch in
Kriegszeiten stattfindende Verbrechen ahnden zu können. Wie an Hand der
Grundlagen des Kriegsverbrechertribunals in Den Haag zu sehen ist, fallen
die Verbrechen im oben beschriebenen Beispiel nicht unter die „Normalität“
eines Krieges.
Die Gewalt der verschiedenen Täter war keineswegs im Sinne kriegerischer
Logik erforderlich. Sie wurde nicht begangen, um neue Gebiete zu erobern
oder eigene zu verteidigen. Sie war zur Absicherung eines Sieges nicht
„notwendig“. Die Gewalt wurde in der Regel in Folge von schon erfolgten
Eroberungen begangen.

Die Tatsache, daß ganz normale Männer in einer extremen Situation, wie die
des Krieges, zu brutalen, sadistischen und sehr gefährlichen Sexualstraftätern
werden, ist erstaunlich. Diese Verbrechen würden in einem anderen Kontext,
z.B. hier in Deutschland, zu gesellschaftlichen Reaktionen führen, d.h. den
Ruf nach Verfolgung und härtester Bestrafung des „Triebtäters“ nach sich
ziehen. Anders ausgedrückt, ist das, was der sog. Triebtäter hier tut und als
Ausnahme gilt, in einer Kriegssituation Normalität. Um erklären zu können,
warum bis zu 80% der männlichen Bevölkerung in einer Extremsituation
relativ einfach und schnell zu Vergewaltigern werden, müssen andere
Theorien herangezogen werden, als die des „Ausnahmetriebtäters“.

33
34

Auch kulturell bedingte Faktoren, die herangezogen werden, um dieses


Phänomen z.B. der spezifischen jugoslawischen Situation zuzusprechen, sind
nicht aufrechtzuerhalten. In vorangegangenen Kriegen, gleichgültig ob in
Deutschland (der zweite Weltkrieg), oder in anderen Ländern, war dieses
Phänomen in ähnlicher Art und Weise festzustellen.24

Wie nun mehrmals schon erwähnt, besteht ein Zusammenhang zwischen


sexualisierter Gewalt und dem gängigen Männlichkeitsideal. Nicht anders ist
zu erklären, daß so viele unterschiedliche Männer in so unterschiedlichen
Situationen bereit sind, zu vergewaltigen und sexuell zu mißbrauchen. Es
scheint ihnen nicht schwer zu fallen, ein solches Bedürfnis in sich zu finden,
welches bei passender Gelegenheit und unter günstigen Umständen ausgelebt
werden kann.
Da ich nicht den Standpunkt vertrete, daß das männliche Geschlecht quasi
Biologie, also von Geburt an, „schlecht“ ist, sozusagen diese Bedürfnisse in
sich hat, können nur die sozialen und emotionalen Bedingungen als
Entstehungszusammenhang herangeführt werden.

Deshalb werde ich in den folgenden Kapiteln verschiedene Erkärungsansätze


anführen. Diese versuchen, Männlichkeit und die daraus entstehende,
selbstverständlich zu erscheinde Gewalt als Folge einer
geschlechtsspezifischen Sozialisation zu erklären.

24
vgl. H. Sander/ B. Johr, BeFreier und Befreite, Frankfurt am Main, 1995.

34
35

3. Erklärungsansätze

Die Ursachen von sexueller Gewalt sind vielfältig. Eindimensionale


Erklärungsmuster greifen immer zu kurz.

Eine Vielzahl bisher entstandener Theorien beleuchten oft nur eine Seite des
Phänomens.

In der Theorie des Abweichenden Verhaltens wird das Phänomen


individualisiert, in anderen soziologischen Ansätzen werden psychologische
Gründe außer Acht gelassen. J. Kersten sagt dazu:

“ Ein gemeinsames Problem dieser Ansätze scheint darin begründet zu sein,


daß gewalttätige Männlichkeitsfunktionen nicht historisch oder
kulturantropologisch aufgefaßt werden. ... Stattdessen wird nahezu
gewohnheitsmäßig unter Bezug auf das Mutter-und-Kind-Verhältnis die
Sozialisation von Jungen in der Beschaulichkeit der Kinderstube
ausgeleuchtet: Mama (ambivalent), Papa (abwesend), Sohn (in die
Männlichkeit gezwungen) - soweit die Dramaturgie des theoretischen
Erklärungsrahmens. Kultur, Geschichte, Politik müssen leider draußen
bleiben, geradezu als ob Repräsentanzen von starker gewaltbereiter
Männlichkeit und fürsorgender Weiblichkeit nicht ständig und von Geburt an
als Zeichen, Kommunikation, Spielzeuggestalten, Werbung,
Erwachsenenunterweisung, Märchen-oder Geschichtenfiguren und vielem
mehr auf Kinder einhageln würden.“25

Aus diesen Gründen trage ich verschiedene Erklärungsansätze zusammen.


Erst zusammengenommen könnten sie ein schlüssiges Bild ergeben

Ich möchte hier nicht alle Theorien anführen, da dies zu weit führen würde.
Ich habe mich für die Theorien entschieden, die meiner Meinung nach die
wichtigsten Aspekte thematisieren, sowie grundlegende Strukturen aufzeigen.
Andere Theorien, z.B. historische oder psychoanalytische Ansätze, lasse ich

25
J. Kersten, Der Männlichkeitskult, Psychologie Heute, September 1993, S. 52.
36

aus diesem Grund außen vor und gehe stattdessen auf soziologische Analysen
ein.

Die Kapitel 3.1. - 3.3. sind Erklärungsansätze, die sexuelle Gewalt als das
Ergebnis eines Lernprozeß im Lebenslauf von Jungen erklären.

Kap. 3.1. versucht, die Ursache von sexueller Gewalt in der


gesellschaftstrukturellen Organisation dieser Gesellschaft zu finden.

Kap. 3.2. versucht, sexualisierte Gewalt aus psychologischer Sicht zu


erklären.

Kap. 3.3. geht auf die Bedeutung der jugendlichen „Clique“ ein,
insbesondere welchen pädagogischen Effekt sie für die Entstehung sexueller
Gewalt hat.

Die Kapitel 3.4. und 3.5. sind Erklärungsansätze, die sexuelle Gewalt als das
Ergebnis eines gesamtgesellschaftlichen, geschlechtsspezifischen
Konditionierungsprozeß verstehen.

Kap. 3.4. setzt sich mit dem Phänomen der Pornographie auseinander,
insbesondere welchen Einfluß diese auf die Entstehung sexueller Gewalt hat.

Kap. 3.5. untersucht das gängige Männlichkeitsideal in unserer Gesellschaft


im Hinblick darauf, inwieweit dieses als Ursache für das Phänomen der
sexuellen Gewalt auszumachen ist.

3.1. Die Bedeutung der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung zur


Erlernung der Geschlechterrollen

Sexuelle Gewalt ist ein Unterwerfungsritual, welches immer nur auf der Basis
von Machtungleichheit möglich ist. Sie wird von dem jenigen ausgeübt, der
mehr Macht gegenüber einer anderen Person besitzt. Auf der Grundlage von
Gleichheit wäre eine Vergewaltigung nicht umsetztbar.
37

In unserer Gesellschaft sind die Täter sexualisierter Gewalt in der Mehrheit


Männer, die Opfer zum größten Teil Frauen und Kinder. Dies ist Ausdruck
einer generellen Machtungleichheit zwischen den Geschlechtern.
Klar erkennbar ist diese Machtungleichheit an der geschlechtsspezifischen
und geschlechtshierarchischen Arbeitsteilung und der Verteilung von
machtvollen, einflußreichen Positionen zwischen den Geschlechtern. Die
meisten einflußreichen Positionen in der Politik, der Wirtschaft, den Medien
und sonstiger wichtiger gesellschaftlicher Bereiche sind nach wie vor von
Männern besetzt. Das heißt, die Machtlosigkeit, bzw. geringere
gesellschaftliche Macht von Frauen ist eine allgegenwärtig, sichtbare
Normalität. Diese Machtungleicheit ist eine der Voraussetzungen für
abwertendes Denken über Frauen. Dazu ein Zitat:

„PH: Welche Lernprozesse bringen denn einen Mann dazu, eine Frau zu
vergewaltigen?
Selg: Nach meiner Überzeugung müssen wir uns der Entwicklung von Gewalt
und damit auch der sexuellen Gewalt auf mehreren Ebenen nähern: Wir
haben als Βasis die gesellschaftlichen Einflüsse, darüber die Ebene der
Familieneinflüsse und darüber die Ebene der individuellen Persönlichkeit.
Lassen sie mich zunächst auf die gesellschaftlichen Bedingungen eingehen:
Da haben wir zunächst die Dominanz der Männer. Sie bedeutet immer noch
Mangel an Gleichberechtigung für Frauen, politisch, am Arbeitsplatz, in
religiösen Institutionen. Gespiegelt wird die Dominanz der Männer durch die
Medien. Dies geschieht zum Teil noch recht grob, zunehmend aber subtil:
Frauen sind zum Beispiel in den Chefetagen der Massenmedien kaum
vertreten. Aber auch auf dem Bildschirm sind sie entgegen allgemeiner
Einschätzung seltener zu sehen als Männer.“26

Rekonstruktiv heißt das: Wer weniger Macht besitzt ist weniger wert.

26
H. Selg, „Zwei Drittel aller Männer neigen zu Gewalt“, Psychologie Heute, August
1993, S. 34.
38

Wer weniger wert ist, dessen Willen braucht man nicht zu achten, den kann
man sich zu eigen machen. In dieser Denkstruktur ist eine sexualisierte
Gewalttat nichts Unrechtes.
Hier sind Parellelen zur rassistisch motivierten Gewalt erkennbar. Auch diese
ist nur auf der Basis ungleicher Machtverteilung und einer davon
abgeleiteten geringeren Wertigkeit möglich. Diese bietet die Rechtfertigung
für das eigene Gewaltverhalten.
Folglich beruht sexualisierte Gewalt auf ein bestimmtes Denken. Angebliche
Triebbedürfnisse sind da eher unerheblich.

Die unterschiedliche Wertigkeit der Geschlechter erlernen Kinder durch die


Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen. Denn auch noch 25 Jahre
nach Beginn der neueren Frauenbewegung sind die Zuständigkeiten für die
verschiedenen Arbeitsbereiche fast gleich geblieben. Ausnahmen bestätigen
die Regel. Kinder erleben in der Realität, daß Frauen weniger Macht als
Männer besitzen und daß das was sie tun, weniger wert ist.

Ein typisches Beispiel ist die Hausarbeit, für die die Mutter nicht bezahlt
wird. Denn Geld ist gleichbedeutend mit Macht und Status/ Wert. Hier läßt
sich ein Zusammenhang erkennen, weil eine Voraussetzung sexueller Gewalt
ist, daß die Person, der man Gewalt zufügt, als wertlos erachtet wird. Die
Anerkennung der Wertigkeit des Gegenübers stellt ein Hinderungsgrund zur
Ausübung von Gewalt dar. Das große Ausmaß sexualisierter Gewalt gegen
Frauen, ist ein Ausdruck dafür, daß es einen allgemeinen Konsens darüber
gibt, daß Frauen als Geschlecht weniger wert sind und daß Männer ein Recht
darauf haben, mehr Macht (als sie und über sie) zu besitzen.

Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und ihre daraus entstehenden


Rollen sind ein bedeutender Sozialisationsfaktor, in dem diese
unterschiedliche Wertigkeit erlernt wird. Die Erwachsenen geben durch ihr
Verhalten und Handeln ein Lernfeld für Kinder ab, in dem die Kinder lernen
männliches von weiblichen Verhalten zu unterscheiden, bzw. daß was dafür
erklärt und gehalten wird. Desweiteren lernen sie, daß die unterschiedlichen
Tätigkeiten und Verhaltensweisen nicht gleich viel wert sind.
39

Beobachtet und erlebt werden kann von Kindern in der Regel folgende
Realität: Für Zuwendung, Liebe, Aufmerksamkeit, also die sog.
Erziehungsarbeit, sind meistens Frauen zuständig. Obwohl es sich hierbei um
elementare Grundbedürfnisse handelt, gibt es dafür wenig Anerkennung und
kein Geld. Für die Beschaffung von Geld sind Männer zuständig, bzw. haben
diese die wichtigeren und einkommensstärkeren Arbeitsplätze als die Frauen.
Deutlich wird dieses an der noch immer geltenden Tatsache, daß je höher die
berufliche Position in der Hierarchie, umso geringer der Anteil an Frauen.
Das gilt für die Bereiche Politik, Wirtschaft, Universitäten, Forschung und
sozialer/ medizinischer Dienstleistungssektor gleichermaßen.
Als Beispiel dient hier folgendes Ergebnis: In einer repräsentativen Telefon-
Umfrage eines Meinungsforschungsinstituts aus dem Jahre 1996 wurde 695
Männern zwischen 18 und 49 Jahren die Frage gestellt:“ Ihre Partnerin und
sie bekommen ein Kind. Sie hält ihre eigene Karriere für wichtiger als die
Ihre und verlangt von Ihnen, daß Sie für ein Jahr Erziehungsurlaub nehmen.
Würden Sie darauf eingehen?“ Geantwortet wurde folgendermaßen:

ja 76% nein 22% weiß nicht/ keine Angabe 1%

Trotz dieser hohen Zahl der Befürworter nehmen real nicht einmal zwei
Prozent der Männer die Möglichkeit des Erziehungsurlaubs in Anspruch.
Tatsächlich sind es immer noch die Frauen, die, falls vorhanden, neben ihrer
beruflichen Tätigkeit, den großen Teil der Kinderversorgung und Betreuung
übernehmen.27

Desweiteren sind Männer in der Öffentlichkeit präsenter, was aus Sicht eines
Kindes gleichbedeutend damit ist, daß sie eine Menge zu sagen haben, was
z.B. im Fernsehen zu sehen ist.

Dieser Ausschnitt zeigt, wie Kinder die unterschiedlichen Wertigkeiten der


Geschlechter anhand konkreter Alltagsorganisation vermittelt bekommen. Da
das, was die Frau tut, nicht viel Anerkennung erhält und auch sonst überall zu
erleben ist, daß Frauen nicht viel Macht haben, werden schon bei ganz
27
Media Markt Analysen (11/96), repräsentative Telefon-Umfrage für AMICA. Befragte:
695 Männer zwischen 18 und 49 Jahren, in: AMICA, April 1997, S. 47-54.
40

kleinen Kindern Frauen abgewertet und komplimentär dazu Männer


idealisiert. Als eine Vorstufe dieses Denkens sind hier folgende Aussagen zu
werten:

“Erste Wahrheit:“ Mädchen können gar nichts“,“ Mädchen sind


Mißgeburten“, sagt Jörg, zehn Jahre alt. „Knutschen kann man mit denen,
dazu sind sie da“, sagt Dennis, sieben Jahre alt. 70 Jungen zwischen sechs
und elf Jahren fallen zum Thema Mädchen im Gespräch mit der Diplom-
Pädagogin Kerstin Frank überwiegend negative und abwertende
Eigenschaften ein, zum eigenen Geschlecht fast ausschließlich Positives. Ihr
größtes Plus in den eigenen Augen:“ Jungen sind stärker, haben Muskeln und
können besser kämpfen.“ 28

Desweiteren bedeutet das für Jungen, emotionale Zuwendung als ein typisch
weibliches Verhalten zu erleben. Männer sind meistens für diese Arbeit nicht
zuständig. Als ein Beispiel dient hier das fast völlige Fehlen männlicher
Erzieher und Betreuungspersonen in Kindergärten, Horten, Grundschulen
und ähnlicher Einrichtungen. Beispielsweise ist die Vorstellung eines
Tagesvaters als Pendant zur Tagesmutter zunächst unvorstellbar.
Emotionale Zuwendung jedoch ist Bedingung, um Empathiefähigkeit zu
erlernen. Wird sie als etwas ausschließlich Weibliches erlebt, kann sie von
Jungen nicht, weil „unmännlich“, in die eigene Geschlechtsidentität integriert
werden. Unmännlich ist es auch deshalb, weil keine männlichen
Rollenvorbilder, die zur Identifikation benötigt werden, zur Verfügung
stehen.29 Hier ist wiederum ein Zusammenhang erkennbar. Mangelnde
Empathiefähigkeit bzw. der fehlende Willen sich in das Gegenüber
einzufühlen, ist eine weitere Voraussetzung für die Ausübung von sexueller
Gewalt.

Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung ist also ein wesentlicher Faktor, um


erstens zu lernen, daß die Geschlechter unterschiedlich viel wert sind und
zweitens, um die Entwicklung von Empathiefähigkeit von Jungen zu

28
S. Petz, Gewalt ist männlich, Süddeutsche Zeitung vom 19./ 20. Oktober 1996, S. 6.
29
vgl. L. Böhnisch, R. Winter, Männliche Sozialisation, Weinheim/ München, 1993.
41

behindern. Beides ist eine Voraussetzung dafür, sexuelle Gewalt ausüben und
diese vor sich selbst und anderen rechtfertigen zu können.
Der männlichen Geschlechtsrolle immanent ist, daß Männern ein Recht auf
Dominanz in allen Lebensbereichen zugestanden wird. Männlichkeit an sich
definiert sich über Dominanz. Als Gleichung könnte gelten:
Männlich ist ein Mann eigentlich nur dann, wenn er dominant (stark und
durchsetzungsfähig) ist. Umgekehrt wird die Eigenschaft Dominanz als
„männlich“ charakterisiert.
(In Kapitel 3.5. werde ich auf Vorstellungen von Männlichkeit näher
eingehen). Dieser Dominanzanspruch als eine Grundlage des gängigen
Männlichkeitsideal ist eine dritte Ursache für das Phänomen der sexuellen
Gewalt.

Werden weitere Bereiche gesellschaftlicher Realität in die Analyse


miteinbezogen, lassen sich zahlreiche Faktoren finden, die Einfluß- und
Vorbildcharakter besitzen. Die Abwertung von Frauen, insbesondere die
sexualisierte Abwertung, gründet, wie oben erwähnt, auf einen
gesamtgesellschaftlichen Konsens. Dieser lässt sich z.B. in sexistischen
Stammtischwitzen, Anmache in der Öffentlichkeit, entwürdigender und
frauenverachtender Werbung, Pornographie etc. ablesen.

Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung findet auch ihren Ausdruck in den


Massenmedien.
In den meisten Spielfilmen aus Fernsehen/ Kino/ Video, die schließlich eine
wichtige Funktion für Rollenvorbilder einnehmen, verhalten sich die
Geschlechter konservativer als in der Realität. In wichtigen politischen
Sendungen sind Frauen in der Regel deutlich unterrepräsentiert, wie sich an
fast jeder aktuellen Wahlsendung erkennen lässt.

Folglich bedeutet das, daß sexualisiertes Gewaltverhalten nicht angeboren ist,


sondern Teil einer Geschlechterrolle, die durch die geschlechtsspezifische und
geschlechtshierarchische Arbeitsteilung erlernt wird und strukturell verankert
ist. Dazu noch ein Zitat:
42

„Trotz der relativ eindeutigen Hinweise auf gesellschaftsstrukturelle


Faktoren in der Verursachung von sexueller Gewalt - vor allem auf das
gültige Männlichkeitskonzept - wird immer wieder versucht, spezifische
Merkmale von Tätern herauszuarbeiten, die insbesondere als Grundlage von
Behandlungsprogrammen und Bemühungen zur Sekundärprävention dienen
sollen. Die strukturellen Begründungszusammenhänge bleiben dann zumeist
völlig unbeachtet zugunsten einer Zentrierung auf das bloße Tatgeschehen
und eher individuelle Handlungsabläufe bei den Tätern“30

Die gesellschaftsstrukturelle Organisation unserer Gesellschaft dient also zum


Einen als Lernfeld für die Konstruktion von Geschlechterrollen. Zum anderen
ist sie auch eine ideale Voraussetzung zur Erhaltung eben der Gewalt die sie
selbst durch diese Konstruktionen hervorbringt. Denn das Geschlecht welches
weniger Macht, weniger Geld und Einfluß besitzt ist abhängig. Diese Form
sich gesellschaftstrukturell zu organisieren schafft emotionale, finanzielle,
rechtliche und politische Abhängigkeiten und stabilisiert in Folge davon das
Phänomen der sexuellen Gewalt.

3.2. Erziehung von Jungen zu „richtigen“ Jungen

Jungensozialisation auch psychologisch zu untersuchen, bietet die


Möglichkeit, andere und deshalb auch wichtige Faktoren zu finden, die zur
Entstehung von sexualisiertem Gewaltverhalten beitragen. Ich versuche im
folgenden, verschiedene Blickwinkel auf Jungenerziehung miteinander in
Verbindung zu bringen.
Die Erziehung von Jungen orientiert sich bis heute an einem
Männlichkeitsideal, welches auf Macht, Dominanz, Durchsetzungsvermögen,
Härte und Kontrolle beruht. Folglich wird bei Jungen einerseits aggressives,
raumeinnehmendes Verhalten gefördert, andererseits Gefühle von
Hilflosigkeit, Angst und Traurigkeit ignoriert.
Die Erziehungsswissenschaftlerin A. Prengel beschreibt es folgendermaßen:

30
A. Heiliger, C. Engelfried, Sexuelle Gewalt, Frankfurt/ New York, 1995, S. 29.
43

„ Jungen erfahren also typischerweise Akzeptanz und vergleichsweise wenig


Einschränkung ihrer aktiven und übergriffigen Strebungen. - Ihre
Äußerungen von Bedürftigkeit, Hilflosigkeit, Traurigkeit, Schmerz und
Kleinsein werden eher zurückgewiesen, und nicht ausreichend
wiedergespiegelt und beantwortet.“31

Jungen sollen für ihre spätere gesellschaftliche Rolle fit gemacht werden.
Unter diesem Blickwinkel stellen Gefühle von Traurigkeit, Ohnmacht,
Hilflosigkeit etc. ein Hindernis dar. Auf Dauer stellt sich folgender Prozeß
ein: Da Jungen mit diesen Gefühlen nicht wahrgenommen und gespiegelt
werden, müssen sie diese abspalten und verdrängen. Als
Vermeidungsstrategie gegen die Eigenwahrnehmung dieser Gefühle bewährt
sich Überaktivität, Aggressivität, Laut-sein und andere ähnliche
Verhaltensweisen. U. Schmauch konnte dies bereits in Kindergärten
beobachten:

„ Zugleich aber wird es mit der Zeit typisch für viele, sich der
Körperbewegung als einer Gefühlsabwehr zu bedienen. Ihr aktives und
aggressives Agieren steigt an, wenn ihre Stimmung sinkt, sehr zur Täuchung
der Erwachsenen, die das bequemerweise allzu pauschal als jungenhafte,
wilde Lebhaftigkeit quittieren. Aktive, auch aggressive körperliche Betätigung
soll passives psychisches Erleben abwehren, das den kleinen Jungen hilflos
macht. So sagte mit ein dreijähriger Junge, den ich beruhigend festhalten
wollte, weil er wie gehetzt durch den Raum lief:“ Aber dann merk’ ich doch,
daß ich traurig bin.“32

Bewähren tut sich diese Strategie auch deshalb, weil sie von den
Erwachsenen auch noch positiv bewertet wird. Dies geschieht nicht nur bei
kleinen Jungen, sondern gilt eigentlich für die gesamte Kindheit und Jugend.
Im Laufe einer „normalen“ Jungensozialisation bilden sich also zwei
Strukturen heraus: Da alle unerwünschten Gefühle nicht gefühlt und
31
A. Prengel, Der Beitrag der Frauenforschung zu einem anderen Blick auf die Erziehung
von Jungen, in: Sozialmagazin 7-8/ 1990, S. 36-48.
32
U. Schmauch, Über Mädchen und Jungen, in: Geschlechterbegegnungen, Hrsg. E. Rohr,
L.v. Gisteren, S. 77.
44

ausgedrückt werden dürfen, können Jungen auch nicht lernen, wie man mit
ihnen umgehen kann. Als Kompensation bieten sich dann aggressive und
hyperaktive Verhaltensweisen an, für die es auch noch Lob und Anerkennung
gibt. Das heißt, auf der psychologischen Ebene führt die Verstärkung dieser
Verhaltensweisen zu einer Art Sucht, da Jungen es nicht lernen, mit ihren
negativen Gefühlen anders umzugehen als mit Abwehr, Aggressivität und
Verleugnung, bzw. sie durch Dominanz zu kompensieren.

Böhnisch und Winter bezeichnen dies als die Struktur der Externalisierung:

„Als durchgängiges Grundmuster männlicher Sozialisation und


Lebensbewältigung gilt das Prinzip“Externalisierung“. Es ist das wesentliche
Strukturmerkmal männlicher Sozialisation und stellt die basalen
Voraussetzungen für die Bewältigung nach den unten beschriebenen
Prinzipien. Externalisierung meint die Zurichtung auf männliche
Außenorientierung; sie bewirkt ein Nach-Außen-Verlagern von
Wahrnehmung und Handeln, gekoppelt mit Nicht-Bezogenheit als Ausdruck
für einen Mangel an Bindungen und Verbindungen zu sich selbst, zu
individuellen Anteilen und zur eigenen Geschichte, sowie zu anderen
Personen. Mit der Externalisierung verbunden ist eine mangelnde Fähigkeit
zur Empathie....Das Prinzip beinhaltet ein Verbot und eine Warnung vor dem
„Innen“: „Wenn Du Dich mit Dir selbst beschäftigst, merkst Du, wie schlecht
es Dir geht.“33

Folglich werden Jungen und Männer nicht deshalb zu Tätern, weil sie, wie
oft behauptet, unter Mangelerfahrungen in der Kindheit oder ähnlichem zu
leiden haben, sondern weil sie sich weigern zu leiden. Diese Weigerung zu
leiden wird gesellschaftlich durch die oben beschriebenen Muster des
Umgangs mit Jungen gefördert. Den Preis für dieses kollektive Muster der
Leidensverweigerung zahlen die Opfer sexualisierter Gewalt mit ihrer
psychischen Integrität, weil sexuelle Gewalt immer eine Todesnäheerfahrung
ist.

33
L. Böhnisch, R. Winter, a.a. O., S. 127.
45

Böhnisch und Winter nennen sieben Prinzipien, die eine Konsequenz der
Struktur der Externalisierung darstellen. 34 Diese sind:
Das Prinzip Gewalt.
Das Prinzip Benutzung.
Das Prinzip Stummheit.
Das Prinzip Alleinsein.
Das Prinzip Körperferne.
Das Prinzip Rationalität.
Das Prinzip Kontrolle.
Daraus ersichtlich wird, daß die Prinzipien Gewalt, Benutzung und Kontrolle
den Hintergrund für sexualisiertes Gewaltverhalten bilden. Desweiteren
beinhalten sie neben der psychologischen Dimension, auch eine
gesellschaftliche, da diese Prinzipien dem gesellschaftlich erwünschten Bild
von Männlichkeit entsprechen.

Nach Böhnisch und Winter existiert Männlichkeit im Gegensatz zu


Weiblichkeit nicht allein aus sich selbst heraus, sondern muß immer wieder
neu vor sich und anderen bewiesen werden. Dies geschieht z.B. durch
(sexualisierte) Abwertung alles Weiblichen, oder das was dafür gehalten
wird.
Die Bezeichnung von Hilflosigkeit als weiblichen Anteil ist typisch für diese
Art der Zuschreibung. Doch Hilflosigkeit ist ein menschliches Gefühl und
nicht ein spezifisch weibliches. Hilflosigkeit wird von Jungen/ Männern
einerseits bei sich selber abgewertet und verleugnet, andererseits bei Mädchen
und Frauen idealisiert, da sie dann die Rolle des Beschützers bzw. Retters
einnehmen können. Dadurch können sie die eigenen verdrängten Erfahrungen
und Gefühle auf das andere Geschlecht projezieren.

Eine Variante dieser Art Projektion ist sexualisiertes Gewaltverhalten, da das


beim Opfer diese Gefühle verursacht. Hilflosigkeit, Angst und Panik des
Opfers regt viele Männer in besonderem Maße zu (weiterer) sexueller Gewalt
an. Ursache dafür ist, daß Täter Erfahrungen von Hilflosigkeit und Ohnmacht
bei sich selber so tief verleugnen und es dadurch genießen, sie anderen

34
a. a. O., S. 128-130.
46

zuzufügen. Daran wird deutlich, daß es bei sexueller Gewalt nicht um die
Erlangung von Sexualität geht, sondern um gezielte und gewollte
Unterwerfung, Demütigung und Verletzung in einer sexualisierten Form.

Eine weitere Voraussetzung für die Ausübung von sexueller Gewalt sind
sadistische Neigungen. Diese sind nicht, wie oft behauptet , angeboren,
sondern ebenfalls Folge einer massiven Verleugnung und Verdrängung
eigener Erfahrungen von Verletzt-worden-sein, Klein-sein und Angst. Daraus
entsteht mangelnde Empathiefähigkeit, die wiederum (sexualisiertes)
Gewaltverhalten fördert. Jedoch sind die Übergänge zwischen der scheinbar
„harmloseren“ mangelnden Empathiefähigkeit und dem offensichtlichen
schlimmen Sadismus fließend.
Wie oben erwähnt werden bei Jungen in einer „normalen“ Jungenerziehung
gerade diese Gefühle (Klein-sein, Angst...) ignoriert und übergangen.
In diesem Sinne gilt die Herstellung von Männlichkeit dann als erfolgreich,
wenn diese abgespaltenen und verdrängten Anteile nicht mehr sichtbar sind
und stattdessen Durchsetzungsvermögen, Dominanz bis hin zur Unterwerfung
anderer glaubhaft inszeniert werden. Hierin liegt die gesellschaftliche Ursache
für sexuelle Gewalt.

Für die harte Verdrängungsarbeit, die Jungen leisten müssen, um als


„richtiger“ Junge bzw. als „richtiger“ Mann anerkannt zu werden, wird ihnen
Macht und Dominanz zur Kompensation angeboten. Sexualisiertes
Gewaltverhalten ist demzufolge nicht Normverletzung sondern
Normverlängerung. Sie liegt, solange sie nicht völlig extrem ist (z.B. der sog.
„Sexualmord“), ganz im Sinne des gesellschaftlich erwünschten
Männlichkeitsideals. Daher wird ein Großteil dieser Gewalt gar nicht
aufgedeckt und von den gefassten Tätern wird wiederum nur ein geringer Teil
verurteilt.
Desweiteren erfüllt sexualisierte Gewalt für den Täter den psychologischen
Zweck, andere für sich leiden zu lassen.
In Anbetracht des Ausmasses der sexuellen Gewalt ist dieser Vorgang,
gesamtgesellschaftlich betrachtet, eine Art Umschichtung des kollektiv
verweigerten Leidens von einer gesamten Bevölkerungsgruppe auf eine
47

andere (mal größere, mal kleinere) Bevölkerungsgruppe. Der


Psychoanalytiker H.E. Richter bezeichnet diese Struktur im Zusammenhang
mit der rassistisch motivierten Gewalt als projektiven Hass. Daher vermute
ich, daß dieser Vorgang der Umschichtung auch für sexualisierte Gewalt gilt.
Auch deswegen, weil sowohl sexualisierte als auch rassistische Gewalt in
erster Linie „männlich“ ist und somit den gleichen Ursprung aufweist.
Allerdings sind selbstverständlich auch Frauen „Trägerinnen“ rassistischer
Denkmuster und Verhaltensweisen und bedienen sich demzufolge ebenfalls
der Möglichkeit des Projektiven Hassens. Tendenziell gilt jedoch immer
noch, daß Frauen erfahrenes Leid gegen sich richten, während Männer
erfahrenes Leid als Erfahrung meistens nicht zulassen können und es gegen
andere richten.

Durch die sexualisierte Unterwerfung gelingt es den Tätern, eigene


Ohnmachtsgefühle in ein Gefühl von Überlegenheit umzuwandeln. Denn
Ohnmachtsgefühle auszuhalten und an sich zu akzeptieren, haben sie nicht
gelernt und es ist in der männlichen Rolle auch nicht vorgesehen. Daher
haben sie auch nicht die geringste Motivation, sich zu ändern oder die
Unrechtsmäßigkeit ihrer Taten zuzugeben. Ihr Verhalten ermöglicht es,
eigenes Leid zu vermeiden und es verschafft ihnen zugleich Macht- und
Überlegenheitsgefühle.

Die Erziehung von Jungen hat die Botschaft:“Sei überlegen“. Soziologisch


gesehen entpuppt sich „normale“ Jungensozialisation als systematische
Erziehung zu (sexalisiertem) Gewaltverhalten. Hierzu noch ein Zitat:

„Die Sozialisation von Jungen setze noch immer auf „systematische


Desensibilisierung“: Gewaltausübung habe für Jungen identitätsstiftenden
Charakter. Der Zusammenhang zwischen „erfolgreicher männlicher
Rücksichtslosigkeit“ und „männlicher Gewalt“ müsse thematisiert werden.“ 35

35
M. Gerstendörfer in einer Anhörung der Bonner SPD-Fraktion über „sexuelle Gewalt
gegen Kinder“, aus: Sexuelle Gewalt üben meist Jungen aus, Frankfurter Rundschau vom
21.01.1997.
48

Hier wird wiederum eine Parallele zu rassistisch motivierter Gewalt deutlich.


Auch diese hat für die Herstellung von „Männlichkeit“ eine identitätsstiftende
Funktion.

Als Bild könnte hierzu eine Umkehrung des Stigmatisierungsansatzes gelten.


In der Labeling-Theorie heißt es, daß eine für den Handelnden zunächst
neutrale Handlung erst durch die negativen Reaktionen der Umgebung zu
einer negativen Bewertung des eigenen Verhaltens führt. Eine Umkehrung
hieße dann, daß mangelnde Reaktionen der Umwelt ebenso
Verhaltensweisen verstärkt.
Für das hier zu bearbeitende Thema bedeutet das, daß mangelnde Reaktionen
der Umgebung auf aggressives, grenzüberschreitendes, rassistischen und/
oder sexistisches Verhalten von Jungen, aus zunächst neutralem Verhalten,
ein für sie positives und legitimiertes Verhalten macht. Wird z.B. von Jungen
im Grundschulalter zunächst „nur“ etwas ausprobiert, ohne daß sie die
gesamte Dimension des eigenen Verhaltens erfasst hätten, so führt die
mangelnde negative Bewertung ihrer Umwelt zu einer Verstärkung und
positiven Selbstbewertung dieses Verhaltens. Ich verweise an dieser Stelle
noch einmal auf die Praxisbeispiele aus Kap. 2.1. und 2.2. .

Folglich bedeutet das, daß Täter sexualisierter Gewalt auf das gesellschaftlich
ihnen zur Verfügung stehende Angebot der Frauenverachtung (bzw. der
gesellschaftlich legitimierten Verhaltensweise des projektiven Hassens)
zurückgreifen, um allgemeinen menschlichen oder spezifisch männlichen
innerpsychischen Konflikten aus dem Weg zu gehen
Erlernt wird diese Konfliktlösungsstrategie, die real keine ist, da sie die
Konflikte nicht löst, zum großen Teil durch das Gewähren-Lassen, oft auch
durch Bestärkung der Umgebung.
Spezifisch männlich sind diese Konflikte deshalb, weil sie aus einer
mangelnden Rollendistanz zum herrschenden Männlichkeitsideal stammen.

Die Rassismusforschung, die grundsätzliche Gemeinsamkeiten zwischen


sexistischer und rassistischer Gewalt erkannt hat, spricht im Hinblick auf
männliche Idealbilder daher von einer „männlichen Dominanzkultur“, bzw.
49

von einer gesellschaftlich erwünschten „Herrenmenschenmentalität“. 36 Beide


Gewaltformen werden aus einer gesellschaftlichen Position der Stärke heraus
begangen und nicht der Schwäche.
Ich werde in Kap. 3.5. den Aspekt Männlichkeitsideal ausführlicher
behandeln.

„Sexuelle Gewalt dient der Wiederherstellung des männlichen


Gleichgewichts“.37
Durch sie soll der sichtbare und fühlbare Widerspruch zwischen dem
propagiertem Männlichkeitsideal und dem realem Mann ausgelöscht werden.

„Die vorherrschenden Idealbilder von Männlichkeit sind jedoch


unerreichbar, weil unrealistisch. Darunter leiden sehr viele Männer.
Sexualstraftäter verdrängen dieses Gefühl, sie wollen und können die eigenen
Schwächen nicht spüren. Statt dessen versuchen sie, den starken Macker um
jeden Preis zu spielen. Mit individuellen Persönlichkeitsstörungen, wie sie die
Gerichte den Tätern immer wieder bescheinigen, hat das in den seltensten
Fällen etwas zu tun. Auch die Mär vom übergroßen Sexualtrieb, vom
„Triebtäter“, ist wissenschaftlich längst zu den Akten gelegt. Gewalt gegen
Frauen und Kinder ist Ausdruck der Defizite, mit denen jeder ganz normale
Mann hierzulande aufwächst“ 38

3.3. Die Rolle der Peer-Group - blinder Fleck der Sozialwissenschaftler

In der sozialwissenschaftlichen Literatur wird der jugendlichen Clique bis


heute eine besondere und positive Funktion für die Entwicklung der
Jugendlichen zugesprochen. Dies ist umso fataler, als zwar allgemein von der
Jugendlichen-Clique gesprochen wird, aber eigentlich die männliche Peer-
group gemeint ist. Das liest sich z.B. so:

36
vgl. W.D. Bukow, Feindbild: Minderheit, Opladen, 1996, S. 24-48.
37
Winter/ Böhnisch, a.a. O., S. 188.
38
S. Petz, Gewalt ist männlich, Süddeutsche Zeitung vom 19./ 20. Oktober 1996, S. 6.
50

„Sie sollen den Jugendlichen einen eigenen Status, einen eigenen Raum
gegenüber und im Kontrast zu Eltern und Erwachsenenwelt geben. Denn in
den ersten Lebensjahren sind die Kinder ganz vom Elternhaus bestimmt,
werden mit für sie zum Teil unverständlichen Erwartungen der
Erwachsenenwelt konfrontiert. In der späteren Gleichaltrigengruppe erhalten
sie zum ersten Mal ihre „eigene Welt“, können hier einen eigenen
„Jugendstatus“ entwickeln und altersspezifische Probleme - wie Sexualität,
Erwachsenwerden, Schülerprobleme - untereinander austauschen. ... Die
Gleichaltrigengruppe soll der sozialen Neuorientierung der Jugendlichen
über die Familie hinaus dienen (Heraustreten aus der Familie). Es werden
andere Menschen kennengelernt, andere Normen, Werte, Weltanschauungen,
Verhaltensweisen. Jugendliche konfrontieren sich damit, übernehmen diese
mehr oder weniger innerhalb der eigenen biographischen Möglichkeiten. Für
die männlichen Jugendlichen verbindet sich mit der Peer-Group das
deutliche Heraustreten aus der mutterdominanten Familie. Das erzwingt die
Loslösung von der Mutter und von weiblichen Verhaltensweisen, die in der
Peer-Group als „unmännlich“ angesehen werden.“ 39

Böhnisch/ Winter stellen weiter fest:

„Die Gleichaltrigengruppe wird als soziales Übungsfeld für Jugendliche


angesehen. Sie bietet die Möglichkeit, allgemeine soziale Umgangsformen
auszuprobieren und einzuüben, die in der Erwachsenenwelt notwendig sind
(aufeinander zugehen, Umgang mit Konflikten, Kommunikation). Allerdings
verfestigen sich - da die Peer-Groups männlich dominant sind - in ihr
männliche Verhaltensweisen wie Anmache, Konfliktlösung durch
Unterbrechen, aggressives Verhalten, Kraftmeierei, Sich-beweisen etc.“ 40

Aus der Sichtweise der vielen, meist männlichen Sozialwissenschaftler,


Pädagogen und anderer Erwachsene ist die Jungenclique also ein positiv zu
bewertendes Übungsfeld für das Erwachsenwerden. Bei näherer Betrachtung
allerdings werden eine Reihe negativer bis „schädliche“ Faktoren sichtbar, die
ein ganz anderes Bild ergeben.
39
L.Böhnisch/ R.Winter, a.a.O., S. 78.
40
a.a.O.,S. 79.
51

Der Umgang von Jungen untereinander ist geprägt von Konkurrenzdruck und
permanentem Demonstrieren ihrer „Männlichkeit“. Dazu gehört das
„Anbaggern“ von Mädchen, der (gemeinsame) Konsum von Pornographie,
ständige Abwertung von allem Weiblichen, bzw. das, was dafür gehalten
wird. Desweiteren Mutproben in den verschiedensten Variationen, wozu oft
auch körperliche und seelische Gewalt gegen sich und/ oder andere gehört.

Auch das vielbeschworene Argument, die Peer-Group biete ein Übungsfeld,


um zu lernen, mit Konflikten umzugehen, scheint eher Wunsch der
Erwachsenen zu sein als Realität in der Jungengruppe. Denn eine
Voraussetzung, um Konflikte überhaupt austragen zu können, ist z.B. Nähe,
Vertrauen und die Möglichkeit, sich mit seinen echten Gefühlen zeigen zu
können. Dazu gehört eben auch die eigene Angst, Unsicherheit, Traurigkeit
und Ohnmacht. Dies sind jedoch Gefühle bzw. Verhaltensweisen, die von
Jungen verleugnet und dementsprechend in der Jungenclique auf das
Schärfste bekämpft werden. Böhnisch/ Winter beschreiben es
folgendermaßen:

„Die Funktion des sozialen Übungsfeldes, die der Gleichaltrigengruppe


allgemein zugeschrieben werden, ist also „männlich gebrochen“. denn es
findet hier eine Selektion statt: Männliche Umgangsformen werden eingeübt,
weibliche ausgeschlossen. Damit wird die Chance der Erweiterung von
Geschlechtsidentität für Jungen oft verpaßt. Durch den gruppendynamischen
Charakter und der damit zusammenhängenden sozialen Kontrolle der
Gleichaltrigengruppe wird die Männerorientierung gefestigt. .... .“ 41

Weiterhin heißt es:

„.... so ist zu relativieren, daß dieser eigene Status (in der Jugendclique) sich
in der Regel über die Männerdefinition und damit teilweise wiederum über
die Abwertung von Frauen und Mädchen konstituiert. Die
Gleichaltrigengruppe dient also - im Kontext der Suche nac h einem
Sozialstatus - auch der Entwicklung des (traditionellen) Mannseins.“42
41
a.a.O., S. 80 - 81.
42
a.a.O., S. 80 - 81.
52

Damit hat die Jungenclique einerseits einen Verstärkereffekt auf die


Denkstrukturen, daß Frauen und Mädchen weniger wert sind. Dies ist, wie in
Kap. 3.1. von mir beschreiben worden, eine der Voraussetzungen für
sexualisierte Gewalt. Andererseits verstärkt die Clique durch den Zwang zum
permanenten Sich-beweisen-müssen die Struktur der Externalisierung. Diese
ist, wie in Kap. 3.2. von mir ausgeführt, die psychologische Ursache für
sexuelle Gewalt.
Desweiteren fördert die Jungenclique, in der Form wie sie meistens existiert,
Homophobie und oft auch rassistische Denkmuster und Verhaltensweisen.
Homophobe Tendenzen werden deshalb verstärkt, weil Bedürfnisse nach
Nähe, Körperkontakt und Zärtlichkeit in der Jungenclique absolut verpönt
und verboten sind, da sie dem Idealbild von „Männlichkeit“ widersprechen.
Traut sich ein Junge doch mal, diese Gefühle zu zeigen, wird er sofort als
„schwul“ beschimpft. In diesem Sinne entspringt Homophobie ebenfalls
einem Lernprozeß und tritt bei Jungen/ Männern oft parallel zu
Frauenverachtung und sexualisiertem (bzw. rassistischem) Gewaltverhalten
auf. Dazu noch ein Zitat:

„So antwortet ein Jugendlicher auf die Frage, ob er das Bedürfnis hat, zu
anderen Jungen zärtlich zu sein, folgendermaßen:“Klar, das haben wir alle.
Wer das bestreitet, der lügt, oder bei dem stimmt irgendetwas nicht. Wenn ich
jemand gerne mag, möchte ich den auch umarmen können. Aber ich trau
mich meistens nicht, weil, dann heißt es gleich „Der ist nicht ganz richtig“.
Ich will nicht einmal sagen, daß du gleich als Schwuler angesehen wirst, aber
küssen, streicheln, liebhaben, das ist so was Weiches.“ 43

Durch die Unmöglichkeit Körperkontakt, echte Nähe und Wärme bei anderen
Jungen zu finden, lernen Jungen, sich mit diesen Bedürfnisse ausschließlich
auf Mädchen (später auf Frauen) zu beziehen. Dies stellt eine verdeckte
Abhängigkeit von Frauen dar. Denn Jungen lernen es dadurch nie, sich
bezüglich emotionaler Bedürfnisse an andere Jungen zu wenden, also
Freundschaften aufzubauen. Dies zieht sich dann durch ihr ganzes Leben.

43
A. Heiliger, C. Engelfried, a.a.O., S. 73.
53

Auch das ist eine der Ursachen für sexuelle Gewalt. Jede
Unabhängigkeitsbestrebung von Mädchen/ Frauen, z.B. aus der Struktur
„allein - für - den - Freund/Partner - zuständig - zu - sein“, auszusteigen, ist
dann eine existentielle Bedrohung, auf die von männlicher Seite oft mit
(sexueller) Gewalt geantwortet wird. 44

Die Jungenclique verstärkt Ritualisierungen von Verhaltensweisen, zu denen


zum großen Teil Sexismus gehört. Letzendlich findet hier ein
Gewöhnungsprozeß statt. Sexistische, frauenverachtende Sprüche,
Verhaltensweisen und Phantasien werden so oft ausgesprochen und
ausgelebt, daß sie irgendwann zum ganz „normalen“ Alltag gehören.
Irgendwelche negativen Konsequenzen für die Jungen erfolgen daraus nicht.
Dies ist ein Desensibilisierungsprozeß, wie ich ihn in Kap. 3.2. beschrieben
habe, der auf einer kollektiven Stufe fortgesetzt wird. Wahrscheinlich wird
Sexismus mit der Zeit in der eigenen Wahrnehmung als völlig „normal“
empfunden. Anscheinend ist er auch für die Umgebung normal, da von
Erwachsenenseite aus nie Reaktionen zu beobachten sind. Die Gewöhnung an
die Abwertung von Frauen, sowie sexistisches und sexualisiertes Denken über
sie, bildet den Boden dafür, sexuelles Gewaltverhalten entweder irgendwann
als legitimes Verhalten zu betrachten oder es gar nicht mehr als solches zu
erkennen.

Als Quintessenz läßt sich feststellen, daß die Peer-Group zu einer


Verstärkung bereits vorhandener Denkstrukturen und insbesondere
Verhaltensweisen von Jungen im Lebenslauf führt.
Desweiteren ist sie eine Art Vorbereitung auf jegliche Variante des späteren
Männerbundes bzw. Männerzirkels.

Ich möchte an dieser Stelle kurz die Grundstrukturen von Männerbünden


skizzieren, ohne allerdings auf alle Aspekte einzugehen.
Männerbünde zeichnen sich durch folgende Merkmale aus: Ausschluß von
Frauen, Sexismus und Sexualisierung von Frauen, Aufrechterhaltung von
männnlichen Herrschaftstrukturen, künstliche Aufrechterhaltung des

44
vgl. W. Wieck, Männer lassen lieben. Die Sucht nach der Frau, Stuttgart 1988.
54

traditionellen Männerbildes und Praktizierung verschiedener Formen von


Ritualen. Für diese Privilegien müssen Jungen/ Männer, die dazugehören,
bzw. von der Gruppe anerkannt werden wollen, einen hohen Preis bezahlen.
Sie müssen ihre eigenen Gefühle möglichst dauerhaft unterdrücken. Dies läßt
sich (erfolgreich) nur durch ständige Kontrolle ermöglichen und führt auf
Dauer zu Gefühlslosigkeit und verminderter Lebensqualität.

Die Unterdrückung von Gefühlen verhindert auch, daß wirkliche Nähe


entstehen kann, die über Kumpelhaftigkeit hinausgeht. Stattdessen regiert im
Männerbund Konkurrenzkampf und Mißtrauen. Sollte es einem der
Mitglieder doch mal passieren, einige der unerwünschten Gefühle zu zeigen,
also die Kontrolle zu verlieren, kommt dies meistens einer Katastrophe
gleich. Dies gilt für die Jungenclique gleichermaßen wie in einer erwachsenen
Variante des Männerbundes, z.B. der Bundeswehr. Einzige Möglichkeit für
den Einzelnen, da noch sein Gesicht zu retten, besteht darin das Ganze als
Ausrutscher darzustellen und es z.B. dem Alkohol zuzuschieben. Hier
schließt sich wieder der Kreis, da starker Alkoholkonsum ein Beweis für
„Männlichkeit“ ist.

Das Militär, als eines dieser Männerbünde, greift in seinen


Ausbildungskonzepten genau diese, im Alter von 18-20 Jahren längst
festgesetzten, Strukturen auf und erweitert sie. Das Phänomen der massenhaft
auftretenden sexualisierten Gewalt im Krieg ist nur eine Fortsetzung dessen,
was in der Jungenclique und später beim Militär in Friedenszeiten gelernt
wurde. Ich verweise an dieser Stelle auf Kap. 2.5. .

Zum Aspekt der militärischen Ausbildung, die die meisten jungen Männer
durchlaufen, zitiere ich noch einmal:

„Die Bundeswehr dagegen ist ein Refugium, in dem eine in der


Nachjugendphase vielleicht begonnene Auseinandersetzung mit der
herkömmlichen und übernommenen Geschlechtsrolle eher verhindert wird:
Die Bundeswehr bietet den Rückzug in einen neuen Männerbund. Hier sind
eine Menge von Verhaltensweisen, Problemstellungen und Situationen
55

stereotypisiert, ritualisiert: Sowohl Nimbus und Ritualisierung des


Waffendienstes als auch die des Zusammenlebens, der
Freizeit(nicht)gestaltung. Das verstärkt die eigene“Immunisierung“ des
Soldaten vor „Anfechtungen“ und der Auseinandersetzung mit der eigenen
Männerrolle. Nur ganz selten entwickeln sich bei der Bundeswehr intensive
Männerfreundschaften, die nach der „Kumpelhaftigkeit“ der gemeinsamen
Stubenrituale eine neue Qualität und damit Hinterfragen der Männerrollen
ermöglichen. Das Homosexualitätstabu, das hier wohl noch rigider wirkt,
verhindert solche Freundschaften allerdings meist besonders abrupt.“ 45

Das Militär stellt in diesem Sinne nur die nächste Sozialisationsinstanz zur
weiteren Verfestigung gesellschaftlich erwünschter „Männlichkeit“ dar.

Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß die herkömmlichen Bewertungen


und Betrachtungsweisen der jugendlichen Clique eher realitätsverzerrend sind
und einen Großteil der darin stattfindenden Prozesse übersehen. Ihre Funktion
als „Trainingslager“ für sexistisches, frauenverachtendes und rassistisches
Verhalten wird ebenso nicht erkannt, wie ihre Bedeutung als Vorstufe zum
Männerbund. Beides jedoch sind gesellschaftliche Phänomene, die
emanzipatorische Veränderungen und Bestrebungen, hin zu einer
gleichberechtigten Gesellschaft und den Abbau von Gewalt, behindern, wenn
nicht sogar bekämpfen. Es handelt sich hierbei um einen sog. blinden Fleck
bei den in der Forschung tätigen Sozialwissenschaftlern und Pädagogen.
Dieser blinde Fleck lässt sich allerdings auch in der „gewöhnlichen“
erwachsenen Umgebung der Jugendlichen wiederfinden.

3.4. Die Bedeutung von Pornographie für die Entstehung von sexueller
Gewalt

Im folgenden Kapitel gehe ich zunächst darauf ein, welchen Einfluß


Pornographie auf Jungen und deren sexuelle Sozialisation hat, sowie auf die

45
L. Böhnisch, R. Winter, a.a.O., S. 94.
56

Rollenbilder die durch Pornos transportiert werden. Danach thematisiere ich


die Gewaltaspekte von Pornographie und die Herstellungsbedingungen des
Pornomarktes. Im letzten Teil des Kapitels geht es um relevante Ergebnisse
der Pornoforschung.

Pornographie hatte schon immer einen großen Einfluß auf heranwachsende,


männliche Jugendliche. Allerdings ist dieser Einfluß bisher wenig
thematisiert worden. Auseinandersetzungen mit Jugendlichen über ihren
Pornographiekonsum wurden nicht und werden immer noch nicht geführt.
Stattdessen existiert der Konsum, abhängig vom Milieu, in einem familiären
Klima von Tabuisierung, stillschweigender Kenntnisnahme, Verharmlosung
oder offensiver Aufforderung.

Zunächst ist es wichtig die Grundstrukturen von Pornographie genauer


herauszuarbeiten. Was vermitteln Pornos an Bildern über Männer, Frauen und
Sexualität?
Die Pornofilme haben eine Art standardisiertes Handlungsmuster. Deshalb
unterscheiden sie sich auch nicht viel voneinander. Schlüssige oder stimmige
Geschichten, z.B. eine Liebesbeziehung zwischen zwei Menschen, dessen
einer Teil sexuelle Kontakte sind, werden nicht gezeigt. Stattdessen ist der
sexuelle Kontakt im Pornofilm völlig aus dem Kontext einer menschlichen
Beziehung gerissen.
Desweiteren wird Sexualität als Technik dargestellt, die von Liebe getrennt
ist. Sexualität ist im Porno auf Geschlechtsverkehr und Orgasmus reduziert
und läuft völlig ritualisiert (mechanisch) ab.

Pornographie wird aus dem Blickwinkel des Mannes gedreht. Der männliche
Zuschauer soll sich und kann sich dadurch sofort in die Rolle des männlichen
Pornodarstellers einfühlen und seinen Blick übernehmen. Das allein ist schon
frauenverachtend. Daher fühlen sich Frauen beim Anblick von Pornographie,
auch ohne explizite Gewalthandlungen, in der Regel erniedrigt. Beim
männlichen Pornokonsumenten hingegen findet eine Identifikation statt.
Diese Identifikation ist die Ursache für die Wirkung auf den männlichen
Zuschauer. Er lernt daher folgendes:
57

Frauen sind immer willig, „wollen nur das eine“ und warten darauf.. Sie
wollen von Männern „genommen“ werden und stehen auf „harten“ Sex.
Männer wollen nur „rammeln“ und das stundenlang. Sie können den
Geschlechtsverkehr immer ausüben und sind überhaupt eher „Sexmaschinen“
als authentische und fühlende menschliche Wesen. Die Botschaft, Männer
nehmen und Frauen werden genommen, ist eindeutig. Diese Sichtweise von
männlichen und weiblichen Verhalten und von Sexualität gehört zu den
grundlegenden Ursachen von sexualisiertem Gewaltverhalten!

Pornographie ist also ein weiteres Medium, mit dem etwas über die
Geschlechterrollen gelernt wird. Was da gelernt wird, ist, auf den Punkt
gebracht, daß Frauen reine Sexualobjekte sind. Ansonsten vermitteln Pornos
die gleichen Geschlechterrollenbilder, wie ich sie ausführlichst in Kap. 3.1.
bis 3.3. dargelegt habe. Im Hinblick darauf, wie verbreitet der
Pornographiekonsum unter Jungen ist, wird die Notwendigkeit einer
Thematisierung deutlich.

Eine Möglichkeit Pornos zu konsumieren bieten die privaten Fernsehsender.


Dazu ein Zitat:

„Ihre ersten Informationen über Sex beziehen Jungen in der Regel aus der
Pornographie. Es ist üblich, solche Hefte als Onaniervorlagen untereinander
auszutauschen. Wachsender Beliebtheit erfreuen sich die Wochenend-Pornos
der privaten Fersehsender. Sie verringern das Risiko, erwischt zu werden.
Wenn die Eltern ins Zimmer kommen, wird einfach weggezappt. Im
Durchschnitt erreichen die Softpornos auf SAT 1 am Freitagabend rund
150.000 Zuschauer im Alter von 14 bis 29 Jahre.“ 46

Es zeigt sich hier wieder, wie durch die mangelnde Thematisierung bzw.
Grenzsetzung von fragwürdigen Verhaltensweisen eine Verstärkung dieser
erreicht wird. Diesen Prozeß habe ich in Kap. 3.2. als Umkehrung des
Labelingansatzes beschrieben.

46
S. Petz, a.a.O. .
58

Folge der mangelnden Auseinandersetzung über Pornographiekonsum ist, daß


er für viele Jungen und Männer zur unhinterfragten Normalität wird.
Pornographiekonsum kann sich sogar zur Sucht entwickeln.

Desweiteren ist die Verbindung zwischen Sexualität und Gewalt, die im


(Hardcore-)Porno selbstverständlichst hergestellt wird, verheerend.
Die Hildesheimer Erziehungswissenschaftlerin L. Wagner-Winterhager hat
310 Schülerinnen und Schüler zwischen 13 und 19 Jahren nach ihren Video-
Sehgewohnheiten befragt und festgestellt:

„Gewaltverherrlichende Filme werden ganz überwiegend von Jungen


gesehen, die häufigsten Seher befinden sich in der Altersstufe der 15- bis
19jährigen. Sie teilte die Befragten in „Vielseher“ „Wenig-“ und
„Nichtseher“ ein und fand erhebliche Unterschiede in den Phantasien dieser
drei Gruppen.
Nachdem sie die Jugendlichen hatte Szenen wählen lassen, von denen sie
„gerne träumen würden“, zeigte sich bei den „Vielsehern“ wieder einmal der
enge Zusammenhang zwischen Sex und Gewalt: „Mann und Frau im Bett“
und die „Folterkammer“, diese beiden Phantasieräume hatten in der
Innenwelt der Vielseher nebeneinander Platz: sexuelle Liebe und Quälen von
Opfern...“ Werden hier die Vergewaltiger von morgen geprägt? Und die
Opfer von morgen?“ 47

In diesem Zusammenhang werden Erkenntnisse der Kriminalitätsforschung


wichtig.
Die Kriminalwissenschaft hat festgestellt, daß Täter sexueller Gewalt die
Taten in ihrer Phantasie gezielt vorbereiten. Sie entwickeln dafür ganze
„Drehbücher“, wofür ihnen oft Pornos als Vorlagen dienen. Vor diesem
Hintergrund sind Phantasien von männlichen Jugendlichen über Sexualität in
Verbindung mit Frauen und Gewalt neu zu bewerten. Meiner Meinung nach
müssen diese sogar besonders ernst genommen werden, um präventiv tätig
werden zu können. Als Beispiel verweise ich nochmal auf die Collagen aus
Kap. 2.2. .
47
J. Rauch, “Die Beweise liegen vor“, in: PorNo, EMMA Sonderband 5, 1988, Hrsg. A.
Schwarzer, S. 34.
59

Pornographie ist weder harmlos, noch legitimes und geeignetes


Aufklärungsmedium. Pornos werden von den (hauptsächlich männlichen)
Pornoproduzenten hauptsächlich für Männer produziert. Deren Wünsche
werden jedes Jahr durch Meinungsumfragen ermittelt. Der durchschnittliche
Pornokonsument ist zwischen 18 und 29 Jahren und wünscht im Porno
grundsätzlich ausgeführten Geschlechtsverkehr sowie Analverkehr. 48
Letzteres ist ein Beispiel für die Realitätsverzerrung, die in Pornos für
Männer geleistet wird, da wahrscheinlich nur die wenigsten Frauen diese
Praktiken mögen. Pornos bedienen also Männerphantasien, insbesondere die
nach sexualisierter Unterwerfung. In Deutschland werden jedes Jahr 60
Millionen Pornos ausgeliehen oder verkauft. 49

Hier eine Definition von Pornographie, die für einen Gesetzesentwurf


verwendet wurde:

„In Indianapolis wurde Pornographie als, wirklichkeitsnahe, offen sexuelle


Erniedrigung von Frauen in Bildern und/ oder Worten „definiert, worunter
auch „die Darstellung von Vergewaltigung, Schmerz, Demütigung,
Penetration mit Gegenständen oder Tieren oder Verstümmelung“ fällt.
Männer, Kinder und Transsexuelle, mit denen auf solche Weise umgegangen
wurde, können sich auch auf dieses Gesetz berufen.....In diesem Gesetz wird
Pornographie völlig korrekt als Akt sexueller Diskriminierung verstanden
und anerkannt.“ 50

Auch die Produktionsbedingungen müssen in diesem Zusammenhang


thematisiert werden. Logischerweise stellt schon die Herstellung eines Pornos
ein entwürdigendes, sexistisches und (frauen-)verachtendes Faktum dar. Ich

48
vgl. Hörfunksendung: 1-Live Nachtsicht im Lauschangriff, Thema: Pornographie, vom
24.2.1997 , WDR 1. Die interviewte Pornodarstellerin (20 Jahre alt) gab an, daß „normale“
Frauen keinen Spaß daran hätten . Weiterhin erzählte sie, daß dies für sie große Schmerzen
bedeutete, die sie verstecken müßte. Die männlichen Pornodarsteller hätten aber großen
Spaß daran, gerade weil sie ihr auf diese Weise Schmerzen zufügen konnten.
49
vgl. a.a.O. .
50
A. Dworkin,“Brief aus einem Kriegsgebiet“, in: PorNo, EMMA Sonderband 5, 1988,
S.86.
60

verweise an dieser Stelle auf die zahlreichen Erfahrungsberichte von Frauen,


die als „Sexarbeiterinnen“ in der Sexindustrie, bzw. Pornoindustrie gearbeitet
haben.51 Leider wurde ihnen meistens viel zu spät bewußt, welche
(körperliche, seelische und sexualisierte) Gewalt und (psyschiche und
finanzielle) Ausbeutung an ihnen verübt wurde. Hierzu möchte ich nur einen
kleinen Ausschnitt eines solchen Erfahrungsberichts zitieren:

„Studien zeigen, daß 65 bis 75 Prozent der Frauen in der Pornoindustrie als
Mädchen sexuell mißbraucht wurden, oft innerhalb der Familie, und daß
viele schon als Kinder zu Porno-Objekten gemacht wurden. So berichtet eine
Frau:
„Ich bin ein überlebendes Inzestopfer, Ex-Pornographie-Modell und Ex-
Prostituierte. Die Geschichte meines Inszest beginnt vor dem Vorschulalter
und endet viele Jahre später - das war mit meinem Vater. Ich wurde
außerdem von einem Onkel und einem Gesitlichen mißbraucht... Als ich ein
Teenager war, zwang mein Vater mich bei einem Herrenabend zu sexuellen
Handlungen mit Männern...Mein Vater ist leitender Angestellter und hat ein
Jahreseinkommen von 80.000 (160.000 Mark). Außerdem ist er
Laienprediger und Alkoholiker...Mein Vater war mein Zuhälter in der
Pornographie. Im Alter von 9 bis 16 Jahren hat er mich mehrfach
gezwungen, für pornographische Aufnahmen Modell zu stehen.“ 52

Pornographie ist also eine Dreh- und Angelscheibe, die sexuellen Mißbrauch
von Kindern, sexualisierte Erniedrigung und finanzielle Ausbeutung von
Frauen, sexuelle Diskriminierung und Prostitution miteinander in Verbindung
bringt. Pornographie dient beispielsweise einerseits als
„Einführungsliteratur“, um Frauen zur Prostitution zu zwingen, andererseits
als Vorlage für die Planung von Vergewaltigungen. 53
Pornographie hat schon in Friedenszeiten eine Propagandafunktion, die sich
im Krieg grenzenlos steigert. Dies beweist die Situation im ehemaligen
Jugoslawien. Dort wurden systematische Vergewaltigungen an Frauen
gefilmt und als Pornos verkauft. 54 Gleichzeitig bot dies die Möglichkeit, den
51
a.a.O., S. 80 ff.
52
a.a.O., S. 86.
53
vgl. PorNo, EMMA Sonderband 5, 1988.
54
vgl. Kölner Stadtrevue, 9/ 1996.
61

„Gegner“ zu zermürben. Hier wird ein dreifacher Objektstatus, bzw. eine


dreifache Ausbeutung der Frauen deutlich. Als Vergewaltigungsopfer, als
Pornoopfer und als benutzte „Botschafterin“ für den „Feind“. Pornographie
ist ein Medium der all das in sich trägt.

Es wird zwischen Soft-Porno, Hardcore-Porno und Snuff-Porno


unterschieden. Nicht zu vergessen ist der immer größer gewordene Markt der
Kinderpornographie. Allerdings sind die Grenzen zwischen allen vier
Kategorien eher theoretisch. Zum einen was die „Inhalte“ betrifft, zum
anderen was die Produzenten angeht. Diese produzieren oft genug
gleichzeitig Soft-Pornos und z.B. Hardcore-Pornos oder Kinderpornos. 55
Hardcore-Pornos dürfen nicht im Rahmen des Fernsehens gezeigt werden und
Snuff-Pornos, die reale Morde und Folterungen zeigen, sind ebenso wie
Kinderpornos gesetzlich verboten. Allerdings greifen diese Regelungen zu
kurz und bedienen eher eine Doppelmoral, da es kaum schwierig ist, an die
verbotene Ware heranzukommen.

Pornographie ist von der Grundstruktur her sexistisch, frauenverachtend,


entwürdigend und gewalttätig. Pornographie ist nicht die Darstellung von
Erotik, sondern zeigt, wie Männer Frauen durch Sexualität unterwerfen und
dadurch ihre Macht und Dominanz demonstrieren. Nicht umsonst bezeichnen
Expertinnen in den USA Pornos als Propagandamaterial, welches Sexismus
und sexuelle Gewalt gegen Frauen eindeutig verherrlicht.
Pornographie zeigt ähnliche strukturelle Merkmale wie rassistisches oder
antisemitisches Propagandamaterial, z.B. die Schriften des Klu-Klux-Klans. 56
In beiden findet sich ein Oben-Unten-Verhältnis, welches als naturgegeben
hingestellt wird. Beide verharmlosen, bzw. verherrlichen dieses Verhältnis
und beide propagieren die Anwendung von Gewalt zur Aufrechterhaltung
dieses Verhältnisses. Oft werden auch sexualisierte und rassistische
Gewaltformen im Porno miteinander verbunden. Dazu ein Zitat:

55
vgl. A. Gallwitz, M. Paulus, Grünkram, Hilden/ Rheinland 1997.
56
vgl. A. Dworkin, „Brief aus einem Kriegsgebiet“, in: PorNo, EMMA Sonderband 5,
1988.
62

„Auch rassistische Gewalt wird in Pornos stark propagiert, und der


Mißbrauch hat die spezielle Dynamik der Pornographie: ein vernichtender
Sadismus, die Brutalität und Verachtung, die Pornographie als Ganzes
ausmacht. Das pornographische Video-Spiel „Custers Rache“ hatte viele
Gruppenvergewaltigungen an Indianerinnen zur Folge.“57

In den 70er und 80er Jahren haben sich verschiedene ForscherInnen aus der
Psychologie auch wissenschaftlich mit den Auswirkungen von
Pornographiekonsum beschäftigt. Eines der deutlichsten Ergebnisse daraus
ist folgendes:

„Es gibt einen Zusammenhang zwischen Pornographie und sexueller Gewalt.


Das heißt: Pornographie hat nicht etwa (wie die Reformer der 70er Jahre
noch glauben wollten) überhaupt keine Auswirkungen auf das sexuelle
Verhalten von Männern. Sie senkt auch nicht die sexuellen Aggressionen von
Männern (wie es einige ganz Blauäugige damals behaupteten). Nein, im
Gegenteil: Sie steigert diese sexuellen Aggressionen.“58

Drei kanadische Psychologen führten mit Hilfe von pornographischem


Material aus „Playboy“ und „Penthouse“ Experimente mit Studenten durch.
Das spielte sich folgendermaßen ab:

„Sie gaben einer Gruppe (männlicher) Studenten eine SM-Geschichte zu


lesen, einer andern eine „gereinigte“ Version derselben Geschichte, die
angeblich keine Gewaltszenen mehr enthielt. Anschließend lasen beide
Gruppen die Geschichte einer Vergewaltigung. (Das Opfer wurde mit einem
Messer bedroht und zeigte deutliche Zeichen von Angst und keinerlei sexuelle
Erregung.)
Es zeigte sich, daß die durch die SM-Geschichte „vorpräparierten“
Studenten durch die Vergewaltigungsschilderung stark sexuell erregt wurden,
und zwar, je schlimmer sie den Schmerz des Opfers einschätzten, umso mehr.

57
a.a.O., S.84.
58
J. Rauch, „Die Beweise liegen vor“, in: PorNo, EMMA Sonderband 5,1988, S.32.
63

Die Kontrollgruppe zeigte geringere sexuelle Erregung, die außerdem


gedämpft wurde durch die Wahrnehmung der Schmerzen des Opfers.
Für Feshbach und Malamuth ein Hinweis, „daß schon eine einzige
Darbietung von Gewalt in der Pornographie die erotische Reaktion auf
Vergewaltigungsdarstellungen signifikant beeinflussen kann.“59
Deutlich wird an diesem Beispiel, wie fließend die Übergänge zwischen der
harten, gewaltverherrlichenden Pornographie und der angeblich „harmlosen“
Soft-Pornographie sind. Denn auch die Kontrollgruppe zeigte sexuelle
Reaktionen auf die Vergewaltigung! Desweiteren bestätigt dieses Experiment
meine, in Kap. 3.2. angeführte These, wie nah mangelnde Empathiefähigkeit
und Sadismus beieinanderliegen. Daraus läßt sich folgern wie
selbstverständlich diese Strukturen in der männlichen Identität verankert sind.
Nicht anders ist zu erklären warum sämtliche männlichen Versuchspersonen
anstatt mit Abscheu und Ekelgefühlen, auf die Vergewaltigungsdarstellung
mit sexueller Erregung reagierten.

Die Forscher befragten die jungen Männer zusätzlich, wie wahrscheinlich es


sei, daß sie selbst „ebenso wie der Mann in der Geschichte handeln würden,
wenn sie sicher sein könnten, nicht erwischt und nicht bestraft zu werden“. 51
Prozent konnten sich unter diesen Bedingungen vorstellen, selbst eine Frau
zu vergewaltigen.60

Diese Ergebnisse bestätigen die Selbstverständlichkeit sexualisierter


Gewaltphantasien bei Männern, die wiederum eine Grundlage für
sexualisiertes Gewaltverhalten ist.

In den folgenden Jahren wurden weitere, darauf aufbauende Experimente,


durchgeführt. Die Ergebnisse wurden nochmals bestätigt:

„Immer wieder stellen die Psychologen bei Männern Zusammenhänge fest,


zwischen sexueller Ansprechbarkeit durch Pornographie, Glaube an den

59
a.a.O., S. 33
60
a.a.O.
64

Vergewaltigungsmythos und tatsächlicher Gewalttätigkeit gegen Frauen im


täglichen Leben.“61

61
a.a.O.
65

Die ForscherInnen bringen die Erkenntnisse folgendermaßen auf den Punkt:

„Massive Pornographie-Beeinflussung führt zur Trivialisierung von


62
Vergewaltigung.“

Da Pornographie sich mittlerweile zum leicht zugänglichen


„Massenvolksmedium“ entwickelt hat, gilt ihre Wirkung dementsprechend
auch gesamtgesellschaftlich. Ich würde diese Wirkung als
gesamtgesellschaftlichen Konditionierungsprozeß bezeichnen, in dessen
Verlauf Pornographie als immer „normaler“ angesehen wird. Die Interessen
der expandierenden Sexindustrie kommen hier mit (meist männlichen)
Bevölkerungsinteressen zusammen. Unter diesen Umständen wird das
Phänomen der massenhaft auftretenden sexuellen Gewalt noch schlüssiger.
Als Quintessenz gilt auch hier, daß Pornographie der Entwicklung
gleichberechtigter und gewaltfreier Umgangsweisen zwischen den
Geschlechtern massiv entgegenwirkt und somit schadet. Desweiteren trägt
Pornographie zu einem erheblichen Teil zur Entstehung sexueller Gewalt bei
und muß daher im Hinblick auf gesetzliche Maßnahmen dringend neu
diskutiert werden.

3.5. Das herrschende Männlichkeitsideal

Das herrschende kulturelle Bild von Männlichkeit wurde insbesondere vom


angelsächsischen Soziologen R.W. Connell thematisiert. Dieser hat den
Begriff der „hegemonialen Männlichkeit“ geschaffen. Gemeint ist damit
einerseits, daß sich Männer trotz der Unterschiede in Kultur, Klasse, Rasse
und Alter am gleichen Bild von Männlichkeit orientieren. Andererseits, daß
zunächst alle Männer, allein durch ihr Geschlecht, in den Genuß einer
gesellschaftlich geschaffenen Vormachtstellung gelangen. Wie der einzelne
Mann mit diesem Privileg umgeht, ob er dieses Angebot der Vorherrschaft
annimmt oder nicht, ist dann Ergebnis einer individuellen Entscheidung.

62
a.a.O.
66

Der Erziehungswissenschaftler J. Kersten hat folgendes Modell


„hegemonialer Männlichkeit“ entworfen:

Funktion Individualbild Kollektivbild Negativbild


--------------------------------------------------------------------------------------------
-
Erzeuger v. Geliebter, Patriarchen Vergewaltiger
Nachwuchs Vater Ältestengruppe Kinderverführer
--------------------------------------------------------------------------------------------
-
Beschützer Krieger Polizei, Vertei- Schläger, Amok-
digungskräfte killer
--------------------------------------------------------------------------------------------
-Versorger Jäger, Arbeiter, Arbeitende Gangmitglied
Bauer Männer
------------------------------------------------------------------------------------------ 63

Wie anhand dieses Modells zu sehen ist, entspringt sowohl das Positiv- als
auch das Negativbild von Männlichkeit derselben Quelle. Zwar steht das
Positivbild für die „guten“ Männer, an die man(n) sich ein Vorbild nehmen
sollte, während das Negativbild für die „bösen“ Männer steht. Aber beide
beziehen ihre Identität aus den gleichen Vorrechten und auf der Grundlage
der selben „idealen“ Eigenschaften. Es handelt sich also hier um zwei Seiten
der gleichen Medaille. Dazu noch ein Zitat von J. Kersten:

„In diesem Modell hegemonialer Männlichkeit wird nicht nur die sexuelle
Vorherrschaft von Männern, ihre Dominanz auf dem Arbeitsmarkt, sowie ihr
„angestammtes“ Recht der Gewaltausübung gegenüber Fremden und
Feinden legitimiert. Die mit den Praktiken des Nachwuchserzeugers,
Beschützers oder Kriegers - böse Männer müssen und dürfen bekämpft
werden - und Versorgers verbundenen Fähigkeiten sind zugleich Brennpunkt

63
J. Kersten, „Der Männlichkeitskult“, in: Psychologie Heute, September 1993, S.53.
67

und Legitimationsquelle für hegemoniale Männlichkeit als Identität des


männlichen Geschlechts.“64

Das heißt, herrschende „Männlichkeit“ definiert sich über Stärke, Dominanz,


Aggression, Durchsetzungsvermögen, Kontrolle, Unabhängigkeit/ Autonomie
und sexueller Betätigung an Frauen. Die Funktion des Mannes ( als
Versorger, Beschützer und Erzeuger von Nachwuchs ) verlangt nach diesen
Eigenschaften, um diese Aufgaben erfüllen zu können.
U. Heilmann-Geideck und H. Schmidt, die beide therapeutisch und
pädagogisch mit Männern arbeiten, schreiben über dieses Männlichkeitsideal:

„Im eigentlichen Sinne bedrohlich scheint das Ideal der autonomen


Individualität viel eher für Männer als für Frauen zu sein, denn während für
Frauen männliche Züge, gemessen am komplimentär konstruierten
Weiblichkeitsideal, im Grunde unerreichbar scheinen und auch überhaupt
nicht erwünscht sind, stellt das autonome Individuum für die Männer eine
Meßlatte dar, deren oberstes Ziel kein Mann immer und viele Männer
überhaupt nicht erreichen. Die meisten Männer sind im Hinblick auf dieses
Ideal diskreditierbar. Wie sie mit dieser Zuschreibung umgehen, hängt u.a.
stark davon ab, wie stark sie sie internalisiert haben und über wieviel
Rollendistanz sie verfügen.“65

Desweiteren wird ein Bild von „Männlichkeit“ propagiert, das all diese
Eigenschaften sexualisiert. Das heißt, daß Dominanz, Aggression und
Kontrolle auf sexualisierte Weise ausgeübt werden kann und/ oder sollte. Klar
wird daran, daß hier die Legitimationsquelle für sexuelle Gewalt liegt.
Transportiert werden diese Bilder von Männlichkeit z.B. in den Medien (u.a.
in Pornos), die Modelle für männliches und weibliches Verhalten abgeben.

Die häufig genannten Erklärungsmuster, die sexuelle Gewalt als


„Triebabfuhr“ bezeichnen, verleugnen die Tatsache, daß sexuelle Gewalt auf
der Grundlage dieses gesellschaftlich erwünschten Bildes von idealer
„Männlichkeit“ beruht. Desweitern wird in diesen Argumentationsmustern
64
a.a.O.
65
U. Heilmann-Geideck/ H. Schmidt, Betretenes Schweigen, Mainz, 1996, S.72.
68

eine völlig verzerrte Vorstellung von Sexualität sichtbar. Dazu ein Zitat,
welches genau diesen Aspekt behandelt:

„Auch heute noch wird das Wort Sexualität alltagssprachlich häufig mit
Vorstellungen gefüllt, die zu Beginn der Sexualforschung - Ende des 19.
Jahrhunderts - entstanden sind. So beschreibt Krafft-Ebing Sexualität als
einen „Naturtrieb, der allgewaltig, übermächtig nach Erfüllung
verlangt“(1894, S.1). Nach diesem mechanistischen „Dampfkesselprinzip“
braucht der Mensch dann Triebabfuhr - also Sexualität - wenn der innere
Druck zu stark ist. Dieses Modell ist heute - zumindest in der
sexualwissenschaftlichen Fachdiskussion - verworfen, weil es von einem
eingeengten, orgasmusfixierten Sexualitätsbegriff ausgeht. Sicher gibt es in
jedem Menschen triebhafte Anteile, die nach Erlebnissen oder „Ausleben“ im
weitesten Sinne drängen. Es ist dies jedoch nicht ein unkontrollierbarer oder
zu kontrollierender Sexualtrieb, sondern vielmehr das Bedürfnis nach
Sexualität: „Sexuelles Verhalten ist danach motiviert durch den Wunsch,
sexuelle Erregung und Lust zu erfahren, und nicht durch unangenehme
Innenreize, die durch sexuelle Aktivität beruhigt werden müssen. Nicht weil
wir sexuell erregt sind, haben wir Sexualität; sondern wir produzieren
sexuelle Erregung oder suchen sie auf, um Sexualität erleben zu können“
(Schmidt 1988, S. 303 f.).“ 66

Daran wird deutlich, daß der Glaube an den Triebtäter eine gesellschaftliche
Konstruktion ist, die auf diese Weise die „Normalität“ sexualisierter Gewalt
und die „Normalität“ der Täter zu verleugnen versucht. Anstatt eine
Erklärung in einem vermeintlichen Trieb zu suchen, ist es sinnvoller die
Verknüpfung von Sexualität, Männlichkeit und Gewalt zu untersuchen.
Böhnisch und Winter schreiben dazu folgendes:

„In der hohen Bedeutung der „Chiffre“ Sexualität für Männer liegt die enge
Verknüpfung von männlicher Sexualität und Männlichkeit. Begriffe wie
„Potenz“ oder „Potent-sein“ und ihre emotionale Aufladung verbinden die
Ideologie traditioneller Männlichkeit mit einem Verständnis von sexueller

66
L. Böhnisch/ R. Winter, Männliche Sozialisation, Weinheim, München, 1993, S. 183.
69

Betätigung mit Frauen. Wir haben gezeigt, daß sich im traditionellen


Verständnis von Männlichkeit bei vielen Männern ihr Selbstbild und-gefühl
von ihnen ständig neu hergestellt werden muß. Sexualität ist hierbei ein
Bewältigungsmedium, das oft Hand in Hand geht mit der gesellschaftlichen
Abwertung von Frauen und Mädchen. Was als „Trieb“ oder in Bezug auf
sexuelle Gewalt als „Triebdurchbruch“ entschuldigt wird, ist in Wirklichkeit
die Wiederherstellung des männlichen Gleichgewichts.“67

Im Männlichkeitsideal wird Männlichkeit besonders erfolgreich durch


Sexualität an/ mit Frauen hergestellt. Sexualität wird zum Beweis für
Männlichkeit. Also definiert sich Männlichkeit über Sexualität.
Gleichzeitig ist Männlichkeit mit Gewalt verknüpft, was sich in den
erwünschten Eigenschaften wie Kontrolle, Dominanz,
Durchsetzungsvermögen und Aggression ablesen läßt. Also definiert sich
Männlichkeit auch über Gewalt.
Außerdem wird die Sexualisierung all dieser Eigenschaften propagiert. Dies
macht deutlich, daß Männlichkeit sich auch über sexualisiertes (oder
rassistisches) Gewaltverhalten definiert, auf jeden Fall als guter Beweis für
Männlichkeit gilt. Das heißt, die gängigen Bilder von Männlichkeit tragen die
Eigenschaften Sexualisierung, Gewalt und sexualisierte Gewalt in sich. Sie
sind von ihrem Kern her destruktiv.

Da der große Teil der Jungen und Männer durch ihre „normale“ Sozialisation
wenig Kontakt zu ihrem Inneren haben, lernen sie es auch nicht, sich aus sich
selbst heraus zu definieren. Stattdessen unterstützt die, von mir in Kap. 3.2.
beschriebene Struktur der Externalisierung die Strategie, Identität über
„Männlichkeit“ und die damit verbundenen Beweise herzustellen. Also
entpuppt sich sexualisiertes Gewaltverhalten bei genauerem Hinsehen als für
Jungen/ Männer identitätsstiftend.

Als Quintessenz läßt sich nun folgendes feststellen: Auf Grund der Normalität
der Täter ist es wichtig, weder die Täter noch deren Taten zu pathologisieren.
Sexuelle Gewalt ist ein erlerntes Verhalten, welches von ganz vielen, ganz

67
a.a.O., S. 188.
70

normalen Männern ausgeübt wird. Sexuelle Gewalt kommt in dieser


Gesellschaft so häufig vor, daß nicht mehr von abweichendem Verhalten
gesprochen werden kann.
71

4. Konsequenzen

Wie ich nun ausführlich dargestellt habe, sind die Ursachen von
sexualisiertem Gewaltverhalten vielschichtig und stehen in einer komplexen,
gegenseitigen Wechselwirkung. Daher müßte ein Versuch, Maßnahmen zur
Reduzierung von sexueller Gewalt zu ergreifen, auf einem interdisziplinärem
Ansatz beruhen.

Eine sichtbare und spürbare Reduzierung der sexualisierten Gewalt, die


gesellschaftlich immer noch stark ignoriert wird, ist möglich. Erforderlich ist
es dafür, dieses Thema und dessen vielschichtige Ursachen ernst zu nehmen
und neue Täter, bzw. neue Taten sexueller Gewalt auch wirklich verhindern
zu wollen. Notwendig ist hierfür, die Verleugnung der Normalität der Täter,
des Ausmasses und des Zusammenhangs zum gesellschaftlich erwünschten
Männlichkeitsideal aufzugeben.

Desweiteren muß erkannt werden, daß es nicht zu unterschätzende


gesellschaftliche Kräfte gibt, die ein Interesse an der Aufrechterhaltung von
sexueller Gewalt haben. Dies gilt beispielsweise für die Pornoindustrie, die
großen Verdiener im Prostitutionsgewerbe oder für Regierungen sog. 3.Welt-
Länder, denen der Sextourismus Devisen einbringt. Dies gilt aber auch für
viele ganz normale Männer, die ihre Macht über (Ehe)-Frauen, Töchter,
SchülerInnen, Studentinnen etc. aufrechterhalten wollen, die Ausübung von
sexueller Gewalt genießen und nicht das geringste Interesse daran haben, dies
zu ändern. Ein Beispiel hierfür sind die Männer, die in sog
Pädophilenverbänden um ihr vermeintliches Recht auf „Sexualität“ mit
Kindern kämpfen. Ein anderes Beispiel sind die zahlreichen Verfechter der
alten Rechtsprechung, die besagte, daß Vergewaltigung in der Ehe nicht
strafbar ist.

Ich möchte in den folgenden Kapiteln Maßnahmen aufzeigen, die nötig sind,
um sowohl kurz- als auch langfristig das Phänomen der sexualisierten Gewalt
zu reduzieren. Ein Teil der hier aufgeführten Vorschläge ist nicht völlig neu,
sondern wurde und wird immer noch zu anderen Problemlagen diskutiert.

71
72

Dies gilt beispielsweise für die Reduzierung der Arbeitszeit zugunsten von
mehr Freizeit oder für die quotierte Vergabe von (Führungs-) positionen/
Arbeitsplätzen an Frauen.
Weiterhin wäre es sinnvoll, die folgenden Maßnahmen nicht vereinzelt
umzusetzen, sondern sie miteinander in Verbindung zu bringen.

4.1. Suche nach einem alternativen Männlichkeitsideal

Die Suche nach einem alternativen Männlichkeitsideal ist notwendig. Dies ist
in erster Linie Aufgabe von Männern. Zwar hat sich bis heute keine
emanzipatorische Männerbewegung gebildet, die die herrschende männliche
Geschlechtsrolle thematisiert hat. Allerdings gibt es viele vereinzelte
Initiativen, Projekte und Gruppen die einen „männerspezifischen“ Ansatz
vertreten. Dazu gehören antisexistische Männerbüros, Männerberatungsstellen
oder Pädagogen die schwerpunktmäßig mit Männern und Jungen arbeiten.
Böhnisch und Winter, die sich zur kritischen Männerforschung zählen,
schlagen z.B. vor, nach den „anderen“ Männern in der Geschichte zu suchen.
Diese könnten u.a. als neue Vorbilder dienen. Dies wäre ein (Aufarbeitungs-)
prozeß, wie ihn schon die Frauenbewegung durchlaufen hat, als sie auf der
Suche nach neuen weibliche Vorbildern war.
Böhnisch und Winter meinen weiterhin, daß beispielsweise Männer aus den
neueren sozialen Bewegungen als positive Vorbilder dienen könnten. Sie
würden aufzeigen, daß Kraft und Stärke nicht gleichbedeutend mit Dominanz
ist, sondern z.B. Engagement für andere oder das Eintreten für den Abbau
von (männlichen) Priviligien bedeuten kann.

Eine besondere Aufgabe kommt den Medien zu. Sie haben angesichts des
„direkten“ Zugangs zu einer breiten Masse der Bevölkerung eine besondere
Verantwortung. So könnten sie durch neue, alternative männliche
Rollenbilder in Filmen, Serien, der (politischen) Berichterstattung, den
Reportagen etc. eine solche Suche unterstützen.

72
73

A. Heiliger fasst die Notwendigkeit eines solchen Prozesses folgendermaßen


zusammen:

„Handlungsmöglichkeit und Verantwortung der Gesellschaft liegen darin,


traditionelle Bilder von Männlichkeit zu revidieren, sich ihrer Irrealität,
Destruktivität und Falschheit bewußt zu sein/ werden und Bilder von
Männlichkeit zu entwerfen und zu stärken, die sich distanzieren vom
Machtanspruch und der Sexualisierung von Dominanz, Gewalt und
Aggression. Sexuelle Betätigung von Männern an Frauen darf nicht länger
mit Männlichkeit gleichgesetzt werden. Jungenerziehung muß zu
Gleichberechtigung in Bezug auf Frauen befähigen, zu sozialem Verhalten
und Selbstzurücknahme zur Verständigung mit anderen über gegenseitige
Bedürfnisse.“68

4.2. Sozial- und arbeitsmarktpolitische Maßnahmen zur Überwindung


der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung

Im Hinblick auf die von mir aufgeführten Thesen, daß die


geschlechtsspezifische Arbeitsteilung eine der Ursachen von sexueller Gewalt
ist, müssen daher Maßnahmen ergriffen werden, um diese zu überwinden.
Im folgenden nenne ich Maßnahmen, die in den letzten Jahren u.a. in den
politischen Parteien, den Medien, den Gewerkschaften und der Wirtschaft
diskutiert worden sind. Sie beziehen sich ursprünglich nicht auf das Problem
der sexualisierten Gewalt, hätten aber durch ihre Umsetzung Auswirkung auf
die Reduzierung von sexualisierter Gewalt.

Zu den arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen gehört die Förderung des


Erziehungsurlaubes für Männer, damit diese ihren Anteil an der Erziehung
und Betreuung von Kindern übernehmen können. In diesem Zusammenhang
muß auch die Teilzeitarbeit gefördert werden, damit Männer und Frauen
gleichberechtigt sowohl Beruf als auch Familienarbeit miteinander verbinden

68
A. Heiliger, „Heilung ist nicht möglich“, in: Dossier zu Sexualverbrechern, EMMA
März/ April 1997, S.49.

73
74

können. Die Förderung von Teilzeitarbeit ist jedoch im Kontext einer


generellen Reduzierung von Arbeitszeit zu Gunsten von mehr Freizeit zu
sehen. Diese Umorganisation von Arbeitsstrukturen ist seit längerem Thema
in der gesellschaftlichen Diskussion

Zu den sozialpolitischen Maßnahmen gehört die breite Einstellung


männlicher Erzieher und Betreungspersonen in allen Betreuungseinrichtungen
wie Kindergärten, Horte, Kinderläden, Grundschulen etc.. Kinderbetreuung
durch Männer, (die keine Täter sind), muß für Kinder so selbstverständlich
werden wie die Betreuung durch Frauen.
Notwendig wäre in diesem Zusammenhang, daß die männlichen
pädagogischen Kräfte, die eine Bedeutung als männliches Rollenvorbild für
Jungen einnehmen, sich mit ihrer Geschlechtsrolle auseinandergesetzt haben.
Erst dann wären sie in der Lage, Jungen ein anderes Rollenverhalten
vorzuleben, in der Empathie und Zurückhaltung, der Aufbau von
Jungenfreundschaften, das Zulassen von „schwachen“ Gefühlen etc., nicht
mehr bekämpft und abgewertet werden muß. Das läßt die Chance zu, daß
diese abgespaltenen Anteile in die männliche Geschlechtsidentität integriert
werden kann. Wie ich in den Kap. 3.1. bis 3.3. aufgezeigt habe, stellen diese
Fähigkeiten ein Hemmnis im Hinblick auf sexuelle Gewalt dar.

Zu den Maßnahmen gehört auch die gleichberechtigte, fünfzigprozentige


Verteilung von Führungspositionen und Arbeitsplätzen in allen
gesellschaftlichen Bereichen ( Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Medien etc. )
auf Männer und Frauen. Nur so kann die geschlechtsspezifische
Arbeitsteilung, die eine Grundlage zur Abwertung von Frauen ist, abgebaut
werden. Notwendig ist daher weiterhin die Einstellung von Frauen bevorzugt
zu fördern, da ansonsten ein Abbau des immensen männlichen Überhangs in
einem realistischen Zeitraum nicht erreicht werden kann.

Wie ich in Kap. 3.4. aufgezeigt habe, ist Pornographie eine der Ursachen für
sexualisierte Gewalt. Im Hinblick auf die Herstellungsbedingungen, sowie auf
die Folgen von Pornographiekonsum, ist eine Auseinandersetzung auf breiter
gesellschaftlicher Basis dringend notwendig.

74
75

Daher wäre eine weitere wichtige Maßnahme, eine Neuregelung bezüglich


des Rechtsstatus von Pornographie. Dies könnte zur Reduzierung von
sexualisierter Gewalt beitragen.
Als Orientierung könnte der Gesetzesentwurf69 dienen, der im Kontext der
PorNo-Kampagne der Jounalistin A. Schwarzer entwickelt wurde. Die
Rechtsanwältinnen P. Rogge und H. Wullweber haben diesen Entwurf
mitentwickelt und haben Vorschläge u.a. von A. Dworkin und der
amerikanischen Juristin C.A. Mc Kinnon miteinbezogen.

4.3. Ein anderer Umgang mit Tätern

Im Umgang mit bekannt gewordene Tätern sexueller Gewalt ist es notwendig,


eindeutige Maßnahmen zu ergreifen, die für den Täter spürbare
Konsequenzen nach sich ziehen. Da ihr Verhalten, welches dem Opfer
unendliches Leid bereitet, ihnen selber „Lustgefühle“ vermittelt, ist es weder
glaubwürdig noch angemessen, auf die Freiwilligkeit des Täters zu setzen,
daß er sich sich ändern will. A. Heiliger sagt dazu:

„Das zunehmend propagierte Konzept „Hilfe statt Strafe“ muß dabei mit
noch gesteigerter Skepsis betrachtet werden angesichts der bekannten fast
völlig fehlenden Eigenmotivation von Sexualstraftätern, sich zu verändern.
Ihre Tat ist die Quelle ihrer suchtmäßig verfestigten Lustgewinnung. In ihrer
subjektiven Wahrnehmung gleichen sie ihr Defizit an Männlichkeit und
Machtgefühl durch die Tat aus und somit besteht bei ihnen gar kein
Hilfebedarf, im Gegenteil.“ 70

Notwendig ist es daher, den Tätern, die in der Regel ganz normale Männer
sind, deutlich und spürbar zu vermitteln, daß sie keinerlei Entschuldigung
oder Verständniß für ihr Verhalten zu erwarten haben. Es muß soviel Druck
auf sie ausgeübt werden, daß sie gezwungen werden, ihre Strategie der
Leidvermeidung durch Ausübung von sexueller Gewalt aufzugeben.
69
Der Gesetzesentwurf befindet sich in der Anlage.
70
A. Heiliger/ C. Engelfried, a.a.O., S. 221.

75
76

Täter sexualisierter Gewalt müssen in klar geplanten Gesprächen, mit ihren


Verhalten und dessen Ursachen konfrontiert werden. Daher ist es in den
„Tätertherapien“ notwendig, mehr ihre Vorstellungen und Modelle von
Männern und Frauen, von Macht- und Machtverteilung, von Beziehungen
und vermeintliche männliche Rechte zu thematisieren und natürlich zu
revidieren, anstatt eine angebliche schwierige Kindheit in den Mittelpunkt der
Therapie zu stellen.
Dieser Ansatz fördert die Individualisierung von sexualisierter Gewalt und
ermöglicht es dem Täter, sein Verhalten zu verharmlosen. Außerdem
verleugnet dieser Ansatz die Tatsache, daß die Vorstellungen von
„Sexualstraftätern“ über Männer, Frauen, und deren Status nicht abweicht
von gesellschaftlich akzeptierten Vorstellungen zu diesen Themen.

Dieser Ansatz ist auch daher nicht glaubwürdig, weil in dessen Logik ein
großer Prozentsatz von Frauen ebenfalls zu Täterinnen sexualisierter Gewalt
werden müßten. Zumindest alle diejenigen, deren Kindheit durch die
Erfahrungen von sexuellem Mißbrauch, Kinderprostitution u.ä. zerstört
wurde. Da dies aber nicht der Fall ist, hat eine „schwierige“ Kindheit in den
Erklärungsversuchen von sexueller Gewalt einen eher geringeren Stellenwert.

Zu einem eindeutigen und anderen Umgang mit Tätern gehört es auch, ihnen
auf breiter gesellschaftliche Basis die Unterstützung zu entziehen und die
Folgen ihrer Taten klar zu benennen.
Dazu ist es wichtig, die Würde der Opfer nicht erneut zu verletzen. So stellt
beispielsweise die Einblendung von Ausschnitten aus Kinderpornos in
Fernsehbeiträgen einen erneuten Mißbrauch der Kinder dar. Ich würde das
sogar als eine Fortsetzung der Gewalt bezeichnen. Denn für die Aufklärung
über Kinderpornographie ist es keineswegs notwendig, Ausschitte aus diesen
Pornos zu zeigen. Das bedient eher voyueristische Bedürfnisse und mißachtet
die Schwere der Gewalt, die die Kinder überleben mußten.
Die Blickwinkel der Täter, nämlich die Kinder als Sexualobjekte zu sehen
und zu benutzen, kann auf diese Weise (meistens nach einer Festnahme)
einem noch breiteren Publikum präsentiert werden. Dies liegt im Sinne der

76
77

Täter, aber sicherlich nicht der Opfer. So werden Täterinteressen, in diesem


Fall durch die Medien, unterstützt.

Eine andere Form, sexuelle Gewalt zu verharmlosen oder die


Verantwortlichkeit des Täters zu verschleiern, ist die Verwendung einer
bestimmten Sprache, wie sie die Medien meistens benutzen. So suggerieren
die Ausdrücke „Kinderschänder“ oder „geschändete Frau“, die Schande der
Tat läge bei der Frau oder dem Kind, bzw. diese müßten sich dafür schämen.
Dies ist eine Verdrehung der Tatsachen. Der einzige der geschändet worden
ist und/ oder sich dafür schämen muß, ist der/ die Täter. Er hat seine Würde
verloren und muß etwas dafür tun, um sie wiederzubekommen. Es wäre gut,
endlich diese Sichtweise von sexualisierter Gewalt zu übernehmen und
dadurch dem/n Täter/n sein/ihr unangefochtenes Selbstbild zu entziehen.
Ein weiterer, oft verwendeteter Ausdruck, ist „Kindersex“. Dieser Ausdruck
verschleiert, daß es sich um eindeutige, gezielt geplante und gewollte Gewalt,
Benutzung, Unterwerfung bis hin zu Sadismus gegen Kinder handelt. Die
Täter wissen, welche Zerstörung sie ausüben und sie wollen genau das tun.
Sie tun dies in einer sexualisierten Form, doch das hat nichts mit Sexualität
im Sinne von gegenseitigem und gewolltem erotischen Kontakt zu tun.
Auch der Ausdruck des Triebtäters dient eher der Verschleierung der
Tatsachen als der Beschreibung des Täters. Wie ich dargestellt habe, beruht
sexuelle Gewalt nicht auf einem übermäßigem Trieb, den der Täter nicht
kontrollieren kann. Die dahinterliegende Sichtweise von Sexualität hat sich,
wie ich in Kap. 3.5. dargestellt habe, längst als unbrauchbar erwiesen. So
dient dieser Ausdruck nur der Entlastung des Täters, welcher suggeriert, der
Täter könnte nichts für seine Taten.

Eine klare Stellungnahme der Gesellschaft gegen sexualisierte Gewalt und


dessen Täter wäre eher, folgende juristische Maßnahmen umzusetzen:

- Die Einnahmen aus dem Handel mit organisierter Kinderpornographie, die


sehr große Summen erreichen, sollten beschlagnahmt werden. Sie sollten im
Sinne einer Übernahme der Verantwortung der Gewalt und als
„Entschädigung“ für Therapie, Beratung und Erholungsmaßnahmen der

77
78

Opfer verwendet werden. Auch eine Verwendung solcher Gelder für


(Forschungs-) projekte, die zu sexualisierter Gewalt arbeiten, ist denkbar.

-Die „Rückführung“ des Profits, die durch die Ausbeutung von Frauen und
Kindern unter Anwendung sexualisierter Gewalt erwirtschaftet wurde, ist
auch auf andere Formen organisierter sexueller Gewalt übertragbar. Zum
Beispiel erwirtschaftet eine Frau, die im Rahmen des organisierten
Frauenhandels nach Deutschland verschleppt und zur Prostitution gezwungen
wird, für „ihre“ jeweiligen Täter einen Umsatz von bis zu 40.000 DM im
Monat, wovon sie selber in der Regel nur einen Bruchteil erhält.

- Einzeltäter, die sexualisierte Gewalt ausgeübt haben, sollten zu einer


Übernahme der Therapiekosten des Opfers verurteilt werden, oder, falls das
Opfer keine Therapie machen möchte, zur Zahlung von Geld z.B. an eine
Beratungsstelle (die mit Opfern sexualisierter Gewalt arbeitet), zahlen.

- Die Straftaten: Vergewaltigung, sexueller Mißbrauch, Erstellen von


Kinderpornographie, Frauenhandel etc. müssen juristisch einen neuen Stand
bekommen. Sie sollten nicht als Vergehen, sondern als Verbrechen behandelt
werden und bezüglich des Strafmaßes im Vergleich zu den Straftaten gegen
das Eigentumsrecht neu geregelt werden.

- Die Verjährungsfrist von sexuellem Mißbrauch an Kindern, sollte


vollständig aufgehoben werden. Dies gäbe den vielen Opfern, die erst im
Erwachsenenalter die erlebte sexualisierte Gewalt ihrer Kindheit aufdecken,
die Möglichkeit, den/ die Täter auch juristisch zur Verantwortung zu ziehen.
Die bisherige Regelung
kommt den Tätern zugute, die sich auf Grund der Machtungleichheit und der
Todesangst ihrer Opfer vor Aufdeckung sicher fühlen.

- Jegliche Gewalt die Eltern gegen ihre Kinder ausüben, sollte unter Strafe
gestellt werden.

78
79

- Die Aufdeckung bisher unerkannter Täter, die sich in allen Schichten


befinden, sollte vorangetrieben werden. Insbesondere Täter mit hohen
beruflichen oder gesellschaftlichen Positionen, z.B. aus der Politik, dem
Management u.ä. können auf Grund ihres Einflusses und ihrer finanziellen
Möglichkeit besonders erfolgreich ein Bild von sich als „guter“ Ehemann,
Vater, Partner etc. präsentieren. Dadurch wird die von ihnen ausgeübte
sexuelle Gewalt besonders gut geschützt.

- Täter müssen parallel neben einer Gefängnisstrafe zu einer Tätertherapie


verurteilt werden, die auf der Grundlage des von mir erwähnten Ansatzes
stehen sollte.

Welches Ziel die Therapie haben sollte führt A. Heiliger aus:

„Jeder glaubwürdige therapeutische Ansatz setzt dagegen als oberstes Ziel


die Übernahme der Verantwortung des Täters für seine Tat. Erst auf dieser
Basis kann und muß am Aufbau von Mechanismen der inneren Kontrolle
gearbeitet werden, die den Täter in seinem weiteren Leben begleiten müssen,
denn „Die Behandlung der Täter ist nicht auf Heilen ausgerichtet...sondern
darauf für den Rest seines Lebens seine Impulse bezüglich eines erneuten
Mißbrauchs unter Kontrolle zu halten“. 71

Eine Neubewertung der Bedeutung von sexualisierter Gewalt hinsichtlich der


Geschichtsschreibung ist ebenfalls notwendig. Bisher bleiben diese
Ereignisse in der Geschichtsschreibung meistens unerwähnt und finden auch
in den gesellschaftlichen Ritualen des Opfergedenkens keinen Niederschlag.
Dieser Umgang fördert sowohl das Verschweigen von sexueller Gewalt als
auch die Verleugnung des Ausmaßes. Daher wäre die Errichtung von
Denkmälern oder Gedenkstätten für die Opfer sexueller Gewalt, z.B. aus
Kriegen, überlegenswert.

71
a.a.O., S. 223.

79
80

4.4. Pädagogische Jungenarbeit

Pädagogische Jungenarbeit, die auf einem emanzipatorischen Ansatz beruht,


müßte breit gefördert werden. Sie müßte den von mir in Kap. 3.2. bis 3.4.
aufgezeigten Strukturen entgegensteuern.
Ich möchte nicht näher auf die unterschiedlichen Konzepte eingehen, die
bisher zu Jungenarbeit erarbeitet wurden, da dies zu weit führen würde. Daher
stelle ich im folgenden, die meiner Meinung nach für das Thema wichtigsten
Punkte vor.
Notwendige Themen einer emanzipatorischen Jungenarbeit wären:
- gewalttätige Verhaltensweisen
- Pornographiekonsum
- Bilder und Sichtweisen über Männer und Frauen
- Inanspruchnahme von Prostitution
- Auseinandersetzung mit dem Männlichkeitsideal
- rassistische und sexistische Denkmuster

Gefördert werden müßte:


- der Aufbau von Jungenfreundschaften, in der Nähe zugelassen wird
- die Beschäftigung mit eigenen Gefühlen, Wünschen und Bedürfnissen, um
der Struktur der Externalisierung entgegenzuwirken
- das Zulassen von „schlechten“ Gefühlen, die Leid verursachen, um zu
lernen, mit ihnen konstruktiv umzugehen
- die Anerkennung der Gleichwertigkeit von homosexuellen und
heterosexuellen Beziehungen
- Körpernähe statt Körperferne
- der Aufbau einer Identität, die nicht auf der Abwertung anderer beruht.

Notwendig hierfür sind männliche Vorbilder und Bezugspersonen, die sich


auf Jungen einlassen können, Beziehungen zu ihnen aufbauen und ihnen als
Ansprechpersonen kontinuierlich zur Verfügung stehen. Die oft zitierten
abwesenden Väter sind da wenig hilfreich. Eine Umorganisation von
Arbeitszeit zu Gunsten von mehr freier Zeit hingegen würde dies
unterstützen. Auch die wenigen männlichen Betreuer und Pädagogen im

80
81

sozialen Bereich können eine solche Aufgabe nicht bewältigen. Daher wäre
die breite Einstellung von männlichen Betreuern Voraussetzng, um diese
Maßnahmen umsetzen zu können.

Allerdings ist pädagogische Jungenarbeit nur in Verbindung mit den in Kap.


4.2. und Kap. 4.3. angeführten politischen und juristischen Maßnahmen
sinnvoll. Pädagogische Jungenarbeit alleine ist wirkungslos, da sie dann im
Gegensatz zur sonst üblichen gesellschaftlichen Realität steht und dadurch
nicht genügend „Glaubwürdigkeit“ vermitteln kann.

Desweiteren müßte pädagogische Jungenarbeit komplimentär zu einer


stärkenden/ feministischen Mädchenarbeit eingeführt werden. Zu den
Grundlagen einer emanzipatorischen Mädchenarbeit gehört:
- die Vermittlung von Selbstverteidigung
- den Aufbau von Selbstbewußtsein zu fördern
- zu zeigen, wie Mädchen Grenzen setzen können
- zu zeigen, wie Mädchen die Erfüllung von Wünschen, Bedürfnissen und
Lebensträumen in die eigene Hand nehmen können.

4.5. Themen die noch erforscht werden müssen

Da das Phänomen der sexualisierten Gewalt sehr komplex ist, konnte ich
andere wichtige Aspekte nicht thematisieren. Eine weitere Möglichkeit,
langfristig sexuelle Gewalt zu reduzieren, ist die Beschäftigung mit diesen
Themen.
Zu denen gehört :
-das Problem, daß auch Männer, insbesondere Jungen, Opfer sexualisierter
Gewalt werden. Dieses Phänomen ist jedoch bisher sehr stark tabuisiert. Das
ist eine Folge des gesellschaftlichen Männlichkeitsideals, wonach Männer
Angst und Ohnmacht nicht zeigen dürfen und auch nicht zu Opfern werden.
Allerdings ist dieses Problem auch im Hinblick darauf, daß (viele?)
männliche Opfer sexueller Gewalt selber zu Tätern werden, von Bedeutung.

81
82

- das Problem, daß auch Frauen zu Täterinnen sexueller Gewalt werden. In


der Regel werden sie dies an Kindern (beiderlei Geschlechts). Dieses
Problem wurde bisher nur ansatzweise thematisiert. Sexuelle Gewalt von
Frauen gegen Männer ist hingegen eher unbekannt und aufgrund der
herrschenden Machtverhältnisse sehr unwahrscheinlich.

- das Problem, daß sexuelle Gewalt in der Zeit des Nationalsozialismus eine
wichtige Funktion hatte, die bis heute nicht aufgearbeitet wurde.

82
83

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Hörfunksendung:

1 Live: Nachtsicht im Lauschangriff. Thema:


Pornographie, gesendet am 24.02.1997
in 1 Live.
Anlage
Erklärung:

Ich versichere, daß ich die vorliegende Arbeit selbstständig angefertigt und
keine anderen als die angegebenen Hilfsmittel benutzt habe. Alle Stellen, die
dem Wortlaut oder dem Sinne nach anderen Werken entnommen sind, habe
ich in jedem Falle unter genauer Angabe der Quelle deutlich als Entlehnung
kenntlich gemacht.

Köln, den 20.11.97 Johanna Hanfling