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Poetische Gerechtigkeit in Recht und Literatur – Max Frischs Homo Faber*

Von Prof. Dr. Klaus Günther, Frankfurt**

Das Verhältnis von Recht und Literatur scheint vor allem ausschließen zu können, dass ein Künstler oder eine Künstle-
deswegen attraktiv zu sein, weil viele literarische Texte Recht rin mit einem solchen Interesse an ihr Werk gehen. Doch
und Gerechtigkeit mittelbar oder unmittelbar zum Gegen- kann es auch ohne eine ohnehin meist unproduktive Motiv-
stand haben. Das breite Spektrum reicht von Aischylos´ forschung legitim sein und einen Erkenntnisgewinn verspre-
Orestie und Sophokles´ Antigone über Kleists Kohlhaas oder chen, literarische Texte daraufhin zu befragen, welche neuen
Dostojewskis Verbrechen und Strafe bis zu Kafkas Prozess Einsichten über Recht und Gerechtigkeit sie vermitteln oder
oder Coetzees Schande. Daher mag es verwundern, dass ich welche Einstellungsänderungen sie bei ihren Rezipienten
einen Roman ausgewählt habe, der auf den ersten Blick bewirken können. Der Rezipient selbst kann mit einem sol-
scheinbar nichts mit diesem Thema zu tun hat; Max Frischs chen Interesse an ein literarisches Kunstwerk herangehen. Es
Homo faber.1 Von den meine Wahl leitenden Gründen seien gibt nicht wenige Versuche, die Lektüre von Literatur als ein
wenigstens zwei eingangs kurz erläutert: Der negative Grund Medium zu verstehen, das den Rezipienten sensibler für die
liegt darin, dass die berühmtesten Texte aus der Gattung konkreten Merkmale moralischer und rechtlicher Konflikte
Recht und Gerechtigkeit als literarischer Stoff bereits alle- werden lässt, für die je verschiedenen Perspektiven der betei-
samt reichlich ausgedeutet sind; die Abhandlungen über das ligten Individuen, für die komplexen, unendlich vielfältigen
Recht in Kleists Novelle Michael Kohlhaas oder ähnliche Umstände, unter denen Menschen in einzelnen Situationen
Themen lassen sich kaum noch zählen. Diesen Versuchen handeln. Literatur befördert so die Einbildungskraft, Urteils-
bleibt wenig hinzu zu fügen. Der zweite Grund ist eher positi- fähigkeit und Empathie, die man nicht nur als an öffentlichen
ver Natur, aber auch komplizierter, und er führt sogleich zu Angelegenheiten teilnehmende Staatsbürgerin, sondern auch
dem Aspekt, unter dem ich die möglichen Beziehungen zwi- und gerade als Expertin in den spezialisierten juristischen
schen Recht und Literatur untersuchen möchte und dem ich Professionen braucht, um sowohl die allgemeinen Forderun-
mich einleitend ausführlicher zuwende. gen der Gerechtigkeit als auch die Normen des positiven
Rechts kontextsensibel im Einzelfall zur Geltung zu bringen.
I. Recht in der Literatur – Literatur im Recht Gerade das theoretisch nicht vollständig fassbare Moment der
Viele Studien zur literarischen Darstellung von Recht und Einbildungs- und Urteilskraft kann im Medium der ästheti-
Gerechtigkeit suggerieren, dass ein/e Schriftsteller(-in) sich schen Form realisiert, erfahren und reflektierend nachvollzo-
das Recht als einen Gegenstand literarisch-künstlerischer gen werden.2
Arbeit ebenso auswählen würde wie ein Philosoph oder ein Es ist dann nur folgerichtig, einen Schritt weiter zu gehen
Soziologe, die mal die Kunst und mal das Recht zum Objekt und nicht nur in der Literatur nach einer intensivierten und
ihrer philosophischen oder soziologischen Forschung ma- gegenüber der Alltagspraxis gesteigerten und verdichteten
chen. Entsprechend suchen die Interpreten solcher Texte Erfahrung normativer Konflikte zu suchen, sondern auch
dann stets nach den besonderen Erkenntnissen und Einsichten umgekehrt nach literarischen Strukturen in der moralischen
über Recht und Gerechtigkeit, welche die Literatur vermitteln und rechtlichen Praxis selbst zu fragen.3 Während die literari-
würde. So wird Sophokles´ Antigone immer wieder als tragi- sche Erfahrung die Kontextsensibilität steigert und den Rezi-
sche Entfaltung des Konflikts zwischen positivem staatlichen pienten zu einem angemessenen Umgang mit Moral und
Recht und überpositivem Naturrecht oder göttlichem Recht Recht befähigt, kann literarische Erfahrung umgekehrt auch
gedeutet; Kleists Kohlhaas als Exempel für die zerstöreri- auf die Abhängigkeit einer normativen Praxis, vor allem in
schen und selbstzerstörerischen Folgen eines verabsolutierten der institutionalisierten Form des positiven Rechts, von ästhe-
Anspruchs auf Rechtsdurchsetzung. Es mag sein, dass die tischen Formen oder narrativen Elementen, schließlich sogar
Darstellung solcher Konflikte und die Beförderung spezifi- von literarischen, in einer Kultur repräsentierten Topoi auf-
scher Erkenntnisse ein Motiv für das Schreiben von Literatur merksam machen. Nicht nur Juristen, sondern jedem Teil-
ist. Ich kenne die literarische Praxis zu wenig, um völlig nehmer an einer rechtlichen oder moralischen Auseinander-
setzung ist die Erfahrung vertraut, dass sich ein und derselbe
„Fall“ verschieden erzählen lässt und das normative Urteil je
* Veränderte und erweiterte Fassung meines Beitrags zu dem nach Erzählung anders ausfallen kann.4 Man braucht nur
Sammelband: Gamm/Nordmann/Schürmann (Hrsg.), Philo-
2
sophie im Spiegel der Literatur, Sonderheft 9 der Zeitschrift S. dazu vor allem die Arbeiten von Nussbaum, vornehmlich
für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft, 2007, S. 61-78. die in dem Band Love´s Knowledge, 1990, versammelten
** Der Autor ist Professor für Rechtstheorie, Strafrecht u. Studien; dazu: Günther, in: Gamm/Kimmerle (Hrsg.), Ethik
Strafprozeßrecht am Fachbereich Rechtswissenschaft sowie und Ästhetik, Nachmetaphysische Perspektiven, 1990, S. 11-37.
3
Co-Sprecher des Exzellenzclusters EXC 243 Die Herausbil- Binder/Weisberg, Literary Criticisms of Law, 2000; vgl.
dung normativer Ordnungen an der Goethe-Universität auch den knappen und kritischen Überblick von Reinhardt,
Frankfurt/Main. in: Feige/Köppe/zur Nieden (Hrsg.), Funktionen von Kunst,
1
Frisch, Homo faber. Ein Bericht, 1957 (zitiert nach der 2009, S. 103-114.
4
Ausgabe 1977, suhrkamp taschenbuch 354). Günther, Frankfurter Rundschau v. 20.11.2001, S. 20.
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andere Umstände heraus- und andere Beziehungen herzustel- wurden. Dann wandte sich die Aufmerksamkeit vielleicht der
len, oder den Zeithorizont, also das Vorher und Nachher, die Ehefrau oder den Sohn bedrängenden und das Risiko als
enger oder weiter zu fassen. Die überraschende Erfahrung, gering einschätzenden Bank zu, die sowohl die dürftigen
die man mit solchen Variationen des Erzählens macht, artiku- Geschäftsaussichten des Ehemannes und Vaters kannte als
liert sich im Alltag meist in dem Ausruf: „So habe ich das auch die schmalen Vermögensverhältnisse der Ehefrau und
noch gar nicht gesehen!“ des Sohnes. Oder dem ängstlich blickenden Ehemann, um
Mit der veränderten Sichtweise variiert auch das normati- Wohlstand und Zusammenhalt der Familie besorgt, oder dem
ve Urteil über das Geschehen. Dies gilt für die Öffentlichkeit die Zukunft rosarot malenden Vater, der sich beim besten
bewegende spektakuläre Fälle ebenso wie für weniger drama- Willen nicht vorstellen konnte, dass der Bürgschaftsfall je-
tische, alltägliche. Bei den sog. Mauerschützenprozessen, in mals eintreten werde. In den Vordergrund schoben sich viel-
denen frühere DDR-Grenzsoldaten wegen der Todesschüsse leicht auch die vielen unausgesprochenen oder latenten Er-
an der deutschen Grenze angeklagt wurden, war dies nicht wartungen, Ängste und Gefühle der Familienmitglieder in
anders als in dem Frankfurter Fall, in dem ein Polizeipräsi- ihren komplexen und vielleicht schwierigen Familienbezie-
dent einem mutmaßlichen Kidnapper Folter angedroht hatte, hungen, ihre lange und verschlungene Familiengeschichte,
wenn er das Versteck des in lebensbedrohlicher Lage ge- die den Sohn oder die Stieftochter, die Ehefrau und Mutter in
glaubten Kindes nicht preisgeben würde. In diesen Fällen eine widersprüchliche Lage brachte, aus der heraus sie wider-
lassen sich je nach der Perspektive der Beteiligten unter- strebend die Bürgschaftserklärung unterschrieb. Es war das
schiedliche Geschichten erzählen, die nicht nur die Auswahl Bundesverfassungsgericht, das gegen die Rechtsprechung des
und Anwendung der relevanten Normen mitbestimmen, son- Bundesgerichtshofes die asymmetrische Beziehung zwischen
dern auch selbst schon so strukturiert sind, dass sie in eine der Bank und der Bürgin als das entscheidende Merkmal
bestimmte normative Richtung tendieren (des erschossenen dieser traurigen Geschichten herausstellte. So erzählt, drängte
oder schwerverletzten Flüchtlings, der Angehörigen, des in sich das Ergebnis fast von selbst auf: Die Bank muss in sol-
eine hierarchische Befehlsstruktur eingegliederten und ideo- chen Fällen aufpassen, dass der Bürgin keine Verpflichtung
logisch „vergatterten“ Grenzsoldaten, der in einem „Kalten aufgedrängt wird, deren Tragweite und Risiko sie nicht rich-
Krieg“ und einem geopolitischen ideologischen Kampf sich tig einzuschätzen vermag und zu deren Erfüllung sie bei
wähnenden Vorgesetzen in den Mauerschützenprozessen, des Eintritt des Bürgschaftsfalles auch gar nicht in der Lage wäre.
entführten Kindes und seiner Eltern und Geschwister, des um Allerdings heißt das nicht, dass man willkürlich eine be-
das Leben des Entführungsopfers ringenden Polizeibeamten, liebige Erzählung wählen könnte, um ein gewünschtes nor-
des mit Folter bedrohten Entführers im zweiten Fall). Vor matives Urteil herbeizuführen. Normen sind ihrerseits in
einiger Zeit waren solche Geschichten auch aus der eher Erzählungen eingebettet und daher passt nicht jede Erzählung
unsentimentalen Welt des privaten Bürgschaftsrechts zu gleichermaßen gut zu einer Norm. Erzählungen besitzen
hören: Immer wieder waren Ehepartner, überwiegend Frauen, darüber hinaus selbst eine innere Struktur, die den Variati-
aber auch gerade volljährig gewordenen Söhne oder Töchter onsspielraum des Erzählbaren einschränkt. Schließlich ge-
dazu gedrängt oder überredet worden, für den Geschäftsbe- winnt eine Geschichte nur dann Aufmerksamkeit, wenn sie
trieb des Ehemannes oder Vaters eine Bürgschaftserklärung auch gut erzählt wird – so folgt eine Opfer-Erzählung einem
gegenüber der Bank abzugeben, weil diese nur gegen eine ganzen Set von historisch und kulturell etablierten, mehr oder
entsprechende Sicherheit bereit war, dem Geschäftsinhaber weniger erfolgreichen Mustern und Typen: Geschichten von
den zumeist dringend benötigten Kredit zu gewähren. Oft- habgierig ausgenutzter Opferbereitschaft und Abhängigkeit in
mals ging das Geschäft dann doch in Konkurs, bevor das den Bürgschaftsfällen, von Ausgeliefertsein, Hilf- und
Darlehen zurückgezahlt worden war, und manchmal hatte Schutzlosigkeit gegenüber einem gewalttätigen Entführer,
sich der Ehemann auch noch von seiner Frau getrennt, um aber auch von Angst vor unabsehbaren und in ihrer Intensität
mit einer Geliebten zusammenzuleben. Da beim Ehemann unberechenbaren Schmerzen und Demütigungen durch einen
oder Vater nichts mehr zu holen war, hielt sich die Bank an folternden Staat im Entführungsfall. Variiert man die Per-
den Bürgen. In vielen Fällen hatte dann die verlassene Ehe- spektive auf den Fall noch einmal und nimmt nicht nur die
frau für den Rest ihres Lebens die Kreditschulden ihres Man- unmittelbar Beteiligten, sondern auch die mittelbar zuschau-
nes an die Bank abzuzahlen oder der vom Vater hinterlassene enden und miterlebenden Dritten sowie die Öffentlichkeit
hohe Schuldenberg schob sich vor die Lebensperspektive der hinzu, zeigt sich, wie die verschiedenen Erzählungen sowohl
gerade 19jährigen Tochter. Die Rechtsprechung hielt lange untereinander verknüpft sind als auch mit weiteren Erzählun-
Zeit an dieser Konsequenz fest, weil von einem geschäftsfä- gen, die zur kulturellen und politischen Identität einer Gesell-
higen erwachsenen Menschen erwartet werden könne, Bedeu- schaft und ihrer Geschichte gehören. Auf diesem Wege trifft
tung und Folgen einer Bürgschaftserklärung zu kennen und man dann auch auf die narrativen Kontexte der abstrakten
zu überschauen. Wenn diese Erklärung dann auch noch ohne Normen, die zu einer konkreten Fallgeschichte besser oder
Zwang und Täuschung abgegeben worden war, gab es keinen schlechter passen: die Geschichte der bürgerlichen Privatau-
Grund, die Bürgin nicht an ihrem privatautonomen Willen tonomie mit eigenverantwortlicher Gestaltung der Rechtsver-
festzuhalten. Die Gerichte sahen also von allem ab, was die hältnisse durch ihren Willen autonom erklärende Personen,
Bürgin zu dieser riskanten Willenserklärung gebracht haben die Geschichte von Ausbeutung, Benachteiligung und Dis-
könnte. Diese Umstände gewannen aber in dem Maße an kriminierung durch private Übermacht, vor der die Schwa-
Bedeutsamkeit, in dem die Fallgeschichten anders erzählt chen durch staatliche Intervention geschützt werden müssen,
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Klaus Günther
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aber vielleicht auch die Geschichte von diskriminierenden wieder zunächst vor allem literarisch artikuliert, wenn Ge-
Rollenklischees einer schwachen, überforderten und abhän- schichten von der Macht des Unbewussten und der verdräng-
gigen Ehefrau in den Bürgschaftsfällen. Auf vielschichtige ten Triebregungen über das seine Lebensgeschichte autonom
Weise zeigt sich diese Verwobenheit der kleinen und großen organisierende Ich oder seine Deformationen zur Charakter-
Erzählungen bei den sog. Mauerschützenprozessen, die bis zu maske des bürgerlichen männlichen Subjekts mit kaltem
den Geschichten der Deutschen über ihre kollektive Vergan- Herzen und unerlöstem Verlangen erzählt wird. Je mehr und
genheit reicht. je intensiver diese Erzählungen ins kollektive öffentliche
Die Vielzahl der Erzählungen erweitert also nicht nur den Bewusstsein gelangen, desto eher wirken sie wiederum auf
Blick auf einen konkreten Fall, sondern sie eröffnet auch den die geltende und bestehende normative Ordnung kritisch oder
Zugang zu den normativen Aspekten, unter denen sich ein negatorisch (oftmals auch affirmativ und bekräftigend) zu-
bestimmtes normatives Urteil über den konkreten Fall auf- rück, verändern den Begriff rechtlicher Autonomie oder die
drängt. Abstrakte Grundsätze wie Privatautonomie oder rechtliche Gestaltung der Familienverhältnisse. Insofern kann
Schutzbedürftigkeit des schwächeren Teils in einer asymmet- das literarische Kunstwerk die herrschenden Rechtfertigun-
rischen Vermögensbeziehung unter Privaten sind für die gen einer bestimmten normativen Ordnung in Frage stellen,
Mitglieder einer bestimmten Gesellschaft zu einem bestimm- durch eine überraschende, ungewohnte, unbequeme, innova-
ten historischen Zeitpunkt stets nur durch die Narrative zu- tive Sichtweise Umstände und Zustände hervorheben und
gänglich, die von einer singulären historischen Abfolge von relevant werden lassen, die ein Gegen-Narrativ gegen die
Ereignissen erzählen, in denen eine Gesellschaft diese herrschenden Erzählungen und die dadurch transportierten
Grundsätze sich angeeignet, für sich entdeckt oder hervorge- Rechtfertigungen einer normativen Ordnung in Gang setzen.6
bracht hat. Dies können Geschichten von Revolutionen und In jedem Einzelfall bewegen wir uns also nicht nur als
konstitutionellen Momenten, von sozialen und politischen Teilnehmer an der moralischen Alltagspraxis, sondern auch
Kämpfen, von Diskriminierungen und errungener Gleichbe- in der professionalisierten Rolle eines juristischen Experten
rechtigung, von Unterdrückung und Befreiung, von über- immer schon in den weit gefächerten narrativen Kontexten
wundenen Unrechtserfahrungen oder kollektiven Traumati- einer normativen Ordnung, wie wir uns auch umgekehrt als
sierungen sein – die Erfahrung des Holocaust ist eines der Personen mit erzählter Lebensgeschichte und als Teilnehmer
Narrative, innerhalb dessen wir uns gegenwärtig über den einer Kultur, deren Gehalte, Praktiken, Herkunft und Zukunft
Geltungsanspruch und die Auslegung der Menschenrechte performativ zu einem erheblichen Teil erzählend vollzogen
verständigen. Dazu gehören auch Erzählungen, in denen die und reproduziert werden, immer schon innerhalb einer nor-
Erfahrungen zum Ausdruck gebracht werden, die verschiede- mativen Ordnung bewegen, die wir interpretieren, anwenden,
ne Gruppen in einer Gesellschaft mit ihren normativen Ord- verändern, von denen wir einige Normen außer Kraft setzen
nungen historisch jeweils gemacht haben, wie die Gleichzei- und andere neu schaffen. Robert Cover hat diese Wechselbe-
tigkeit von allgemeinen und gleichen Bürgerrechten und ziehung präzise beschrieben.
Diskriminierung nach Geschlecht, Hautfarbe oder ethnischer „Once understood in the context of the narratives that
Zugehörigkeit. Eine kleine konkrete Fallgeschichte wird dann give it meaning, law becomes not merely a system of rules to
zu einer weiteren exemplarischen Erzählung, die sich in die be observed, but a world in which we live. In this normative
umfassenderen großen Erzählungen einfügt – oder im Lichte world, law and narrative are inseparably related. Every pre-
eines kritischen Gegen-Narrativs die tradierte große Erzäh- scription is insistent in its demand to be located in discourse
lung in Frage stellt. In dem Maße, wie normative Ordnungen, – to be supplied with history and destiny, beginning and end,
auch und gerade eine positivierte Rechtsordnung, in das kol- explanation and purpose. And every narrative is insistent in
lektive Gedächtnis einer Gesellschaft eingehen, deren Mit- its demand for its prescriptive point, its moral. History and
glieder sich dieses Gedächtnis narrativ erschließen, wird sie literature cannot escape their location in a normative uni-
ein integraler Bestandteil der Kultur und damit auch des verse, nor can prescription, even when embodied in a legal
literarischen Kunstwerks. Der psychologische Entwicklungs- text, escape its origin and its end in experience, in the narra-
roman des 19. Jahrhunderts wird erst möglich, wenn das tives that are the trajectories plotted upon material reality by
Prinzip gleicher individueller Freiheitsrechte sowie die Diffe- our imaginations.”7
renzierung von Zivilgesellschaft und Staat soweit etabliert
und institutionell verankert sind, dass die psychische Innen-
welt des einzelnen als von anderen abgegrenzter privatauto- 6
Im Sinne einer solchen „explorativen Moral” (im Unter-
nomer Bereich erscheint, in dem dieser einen privilegierten
schied zur präskriptiven Moral der Moralität und des Rechts)
Zugang zu sich selbst hat, seine Lebensgeschichte lebt, den
interpretiert Jauss z.B. Goethes Werther (eine neue, psycho-
spannungsgeladenen Gegensatz zwischen den eigenen Wün-
logische Sicht auf den Selbstmord) oder Baudelaires Fleurs
schen, Begierden, Trieben und den Anforderungen, Zwängen,
du mal (eine provozierende und decouvrierende Sicht auf den
Erwartungen der ökonomischen, sozialen und politischen
Materialismus und die geheuchelte Moralität der bürgerlichen
Realität austrägt – und das alles durch Introspektion zu einer
Republik); Jauss, in: Ders. (Hrsg.), Wege des Verstehens, 1994,
erzählbaren Identität formt.5 Deren Brüche, Illusionen, Mas-
S. 30-48 (S. 40 f. u. 42 ff.).
kierungen, Beschädigungen und Verzerrungen werden dann 7
Cover, in: Minow/Ryan/Sarat (Hrsg.), Narrative, Violence,
and the Law – The Essays of Robert Cover, 1995, S. 95-172
5
Binder/Weisberg (Fn. 3), S. 282 f. (S. 96).
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Klaus Lüderssen spricht in einem ähnlichen Sinne von objekt, als der Gegenstand der Erfahrung, auf den sich das
produktiven Spiegelungen zwischen Recht und Literatur.8 Kunstwerk nicht nur als auf sein Material bezieht, sondern
Diese Spiegelungen, deren Produktivität hier nicht bestritten über das es wahrheitsfähige Erkenntnis verschafft. Es kon-
werden soll, bedürfen indes in zwei Hinsichten einer Ein- kurriert so mit anderen Erkenntnisweisen, die mit dem glei-
schränkung oder Differenzierung: chen Wahrheitsanspruch auftreten. Daraus folgt dann weiter-
1. Recht – und die juristische Argumentation in einem hin, dass die durch das literarische Kunstwerk vermittelte
Einzelfall – geht nicht in Narrativität auf, Law wird nicht Erkenntnis prinzipiell stets übersetzbar ist in eine andere
einfach durch Literature substituiert (das gilt auch umge- Sprache. Die Aporien einer vollständig positivierten Rechts-
kehrt), wie der provozierende Titel Law as Literature sugge- ordnung, über welche Kleist in der Geschichte von Michael
rieren könnte. Erzählungen – auch in ihrer gesteigerten, ver- Kohlhaas handelt, oder der Konflikt zwischen positivem
dichteten und durch die ästhetische Form gebrochenen Ge- Recht und Naturrecht in Sophokles´ Drama Antigone, sind
stalt als literarisches Kunstwerk – können Sichtweisen verän- dann vielleicht nur in der jeweiligen ästhetischen Form einer
dern, neue Sichtweisen erschließen, Bedeutsamkeiten ver- Novelle oder einer Tragödie darstellbar und gestaltungfähig,
schieben und anders gewichten, können dies in den Vorder- aber dies ändert nichts daran, dass die ästhetische Form Ein-
grund unserer Aufmerksamkeit und Wahrnehmung rücken sichten über einen sachlichen Gegenstand vermittelt. Wäre
und jenes in den Hintergrund treten lassen, und sie können dies so, dann müssten sich diese Einsichten stets auch in eine
dadurch dem Zuhörer oder der Leserin neue Gründe, eine theoretisch-diskursive Darstellung übersetzen lassen, das
andere Gewichtung und Abwägung von Gründen und Gegen- durch seine ästhetische Form bestimmte Medium des Kunst-
Gründen, die Bejahung oder Zurückweisung von bestimmten werks also durch funktionale Äquivalente ersetzt werden
Gründen ansinnen. Aber sie können die Argumentation über können. Möglicherweise ist dies ein Grund dafür, dass sich
die Rationalität und Geltung von Gründen nicht ersetzen.9 Untersuchungen über das Verhältnis von Recht und Literatur
Freilich sind Gründe stets in den holistischen Kontext einer überwiegend auf eine bestimmte literarische Gattung be-
Sichtweise, die sich narrativ darstellen lässt, eingebettet – schränken: auf die großen, im weitesten Sinne realistischen
und wenn wir argumentieren, verlassen wir den holistischen Romane und Erzählungen des 19. und 20. Jahrhunderts oder
Horizont einer narrativ erschlossenen Welt. Geltungsansprü- auf Tragödien, in denen das epische Element im Vordergrund
che richten sich an jeden und jede, können von jedem und steht. Hier sperrt sich die ästhetische Form nämlich am we-
jeder erhoben und bestritten, bekräftigt und zurückgewiesen nigsten gegen eine Übersetzung des Gehalts in eine theoreti-
werden, unabhängig davon, in welcher narrativ erschlossenen sche Sprache.
und erschließbaren Welt aus Nomos and Narrative er oder sie Diese Fixierung auf eine letztlich kontingente Beziehung
jeweils gerade lebt. Dass der Übergang keine leicht zu bewäl- zwischen rechtlichem Stoff und Literatur oder literarischer
tigende Aufgabe ist, dass es wechselseitiger hermeneutischer Darstellungsweise und Recht könnte jedoch den Blick auf
Sensibilität bedarf wie der Bereitschaft zur Übersetzung eine tiefer liegende, verborgene Affinität zwischen Recht und
narrativ tradierter und affirmierter normativer Gehalte in eine Literatur, ja, vielleicht zwischen Recht und Kunst überhaupt,
Sprache, die auch von denjenigen verstanden und geteilt verstellen. Wenn es zutrifft, dass das Recht relativ häufig
werden kann, die nicht zu einer bestimmten historisch ge- Gegenstand literarischer Bearbeitung wird – und im Krimi-
wachsenen Erzähltradition gehören, wird gegenwärtig gerade nalroman ja sogar eine eigene, sehr erfolgreiche und populäre
an den interkulturellen und interreligiösen Kontroversen um Gattung gefunden hat – dann vielleicht vor allem deshalb,
Geltungsanspruch und Bedeutung der Menschenrechte in weil es einen internen Zusammenhang zwischen Literatur
konkreten Konfliktfällen, wie z.B. dem Streit um das Kopf- und Gerechtigkeit gibt. Um diese auf den ersten Blick be-
tuch für Frauen in der Öffentlichkeit, deutlich. fremdliche These noch zu einer Provokation zu steigern:
2. Produktive Spiegelungen von Recht und Literatur wer- Literatur (und vielleicht Kunst überhaupt) ist selbst eine
den vielfach so verstanden, dass literarische Erfahrung dazu Form und Praxis der Gerechtigkeit – und zwar eine solche,
dienen könne, das Verhältnis des Rezipienten zu sich, zu die sich im ästhetischen Medium selbst ereignet, und die
seiner sozialen Umwelt und zur objektiven Welt zu verbes- deshalb auch gar nicht anders als im ästhetischen Medium
sern, indem sie ihm Einsichten und Fähigkeiten vermittelt, selbst Gestalt werden kann.10 Möglicherweise kommt in der
die anders, durch theoretische Erkenntnis, empirische For- häufigen Nähe der Literatur zu rechtlichen Stoffen nur zum
schung, durch moralische Erziehung oder juristische Ausbil- Ausdruck, dass sich hier dieser verborgene Zusammenhang
dung, nicht zu haben seien. Aus dieser Perspektive erschei- nur expliziter entfalten lässt, als in einem Gedicht, einer
nen Recht und Gerechtigkeit letztlich stets als das Referenz- Skulptur oder einem Gemälde. Es handelt sich dabei um die
spezifisch ästhetische Kategorie der poetischen Gerechtig-
8
Lüderssen, Produktive Spiegelungen, 1991; ders., Schiller
und das Recht, 2005 (darin auch eine umfangreiche Ausei-
nandersetzung mit dem law as literature movement).
9
Zur Unterscheidung zwischen der welterschließenden Funk-
10
tion der Sprache von den an Geltungsansprüchen orientierten Dass die Paradoxien von (positiviertem) Recht und Ge-
Funktionen des kommunikativen Handelns s. Habermas, Der rechtigkeit allein im ästhetischen Medium noch angemessen
philosophische Diskurs der Moderne, 1985, S. 236 ff.; ders., artikuliert werden könnten, ist das Resultat der Untersuchung
Wahrheit und Rechtfertigung, 1999, S. 82 ff. von Fögen, Das Lied vom Gesetz, 2007.
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Klaus Günther
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keit.11 Sie könnte das vermittelnde Dritte sein, das den Über- beginnt nach mehreren Gesprächen zu ahnen, dass Sabeth
gang stiftet zwischen Nomos and Narrative, das den großen seine Tochter sein könnte, doch berechnet er die Daten so,
und kleinen, literarischen wie alltäglichen Erzählungen den dass er am Ende glaubt, sie sei die Tochter Joachims. Kurz
normativen Gehalt gibt, der in moralischen und juristischen vor dem Ende der Reise, nach einer Nacht auf dem Akroko-
Argumentationen immer nur ausschnitthaft und selektiv ex- rinth und dem Strand von Theodori, wird Sabeth im Schlaf
plizit gemacht werden kann, und umgekehrt die Einbildungs- von einer Schlange gebissen, während Faber ein Bad im
und Urteilskraft leitet, mit der wir Normen auf Fälle anwen- Meer nimmt. Sie erwacht, weicht vor dem aus dem Meer
den und den Einzellfall als Exemplar eines Narrativs, das uns kommenden, nackten Faber zurück und stürzt rücklings von
ein bestimmtes normatives Urteil ansinnt. einer Böschung auf die Straße. Faber versucht mit der be-
Was es mit dieser rätselhaften Kategorie auf sich hat, will wusstlosen Sabeth in ein Athener Krankenhaus zu eilen, was
ich im folgenden an Max Frischs literarischer Erzählung ihm jedoch erst nach einer langwierigen Fahrt gelingt. Er
erläutern, deren Stoff gerade keinen Rechtsbezug aufweist – begegnet dort ihrer Mutter, die ihn nach und nach darüber
zumindest nicht vordergründig – und auch überwiegend nicht aufklärt, dass Sabeth ihr gemeinsames Kind ist. Die behan-
mit einem solchen Bezug interpretiert wird. delnden Ärzte, denen Faber Sabeths Sturz verschwiegen
hatte, entdecken zu spät, dass sie sich infolge des Sturzes eine
II. Homo faber: Die Handlung Schädelverletzung zugezogen hatte, an der sie verstirbt. Faber
Zur Erinnerung kurz die wesentlichen Stationen der Hand- will in Griechenland bleiben, doch unternimmt er zuvor hek-
lung: tische Reisen, unter anderem nach Caracas, wo er den Bericht
Die Hauptfigur, der für die UNESCO arbeitende Ingeni- schreibt. Den zweiten Teil verfasst er in einem Athener Kran-
eur Walter Faber, berichtet rückblickend von seiner zufälli- kenhaus, wo er sich wegen Magenbeschwerden untersuchen
gen Begegnung mit dem Bruder seines früheren Freundes lässt, unter denen er schon seit längerer Zeit gelitten hat – wie
Joachim während des Fluges von New York nach Mexiko. sich herausstellt, ist er an Magenkrebs erkrankt. Er berichtet
Bei einer Notlandung in der mexikanischen Wüste erfährt er, von seiner Rückreise nach New York und einem erneuten
dass Joachim 1936 Fabers damalige Freundin, Hannah Flug nach Venezuela im Auftrag der UNESCO. Dabei be-
Landsberg, eine Münchner Studentin der Kunstgeschichte sucht er noch einmal Joachims Bruder, der auf der Farm
und Halbjüdin, geheiratet hatte, und dass sie eine Tochter geblieben war. Er ist vollkommen passiv und gleichgültig
hätten. Faber und Hannah hatten sich damals getrennt, weil geworden. Bei einer Zwischenlandung in Kuba gerät er in
Faber eine Stelle in Bagdad antreten wollte. Sie erwartete ein einen rauschhaften Zustand der Lebensbejahung und des
Kind von ihm, doch hatten beide vereinbart, dass Hannah ihre Lebensgenusses, er will Hannah heiraten. Dennoch ahnt er,
Schwangerschaft abbrechen werde. Faber weiß nicht, dass dass ihm seine Krankheit keine Zukunft mehr lassen wird.
Hannah sich nicht an diese Vereinbarung gehalten und das Zurück in Athen ordnet er die Vernichtung seiner Papiere an
Kind zur Welt gebracht hatte. Die Tochter Elisabeth wächst und endet mit einer kurzen Apotheose des Augenblicks.
zusammen mit Joachim auf, den Hannah heiratete, sich je-
doch bald wieder von ihm trennt, um schließlich als Kunst- III. Fabers Schicksal und Schuld
historikerin in Athen zu arbeiten. Der Bruder Joachims ist auf Fabers Bericht ist in der nüchternen, knappen, scheinbar
dem Wege nach Guatemala, um dort seinen Bruder zu besu- präzisen und auf viele Substantivierungen reduzierten Spra-
chen, der jetzt als Farmer für ein deutsches Unternehmen che eines Technikers verfasst, der sich beharrlich weigert, die
arbeitet. Faber entschließt sich spontan, ihn zu begleiten. Die Welt anders zu sehen und zu erleben als in der realistischen
mühsame Fahrt durch den Dschungel endet damit, dass sie Weise eines modernen, naturwissenschaftlich aufgeklärten
Joachim tot vorfinden; er hatte sich kurz zuvor erhängt. Sein Zeitgenossen. Er preist den technischen Fortschritt, dessen
Bruder entschließt sich, dort zu bleiben, während Faber zu- weltweite Verbreitung seine Berufung ist, um die Menschen
rückfährt und nach einem kurzen Aufenthalt in Caracas, dem aus technisch behebbaren Notlagen zu befreien. Was ihm in
eigentlichen Zielort seiner Reise, wieder nach New York der kurzen Zeitspanne des Jahres 1957 begegnet, ist nichts als
fliegt. Dort trennt er sich von seiner Freundin Ivy und begibt eine Kette zwar unwahrscheinlicher, statistisch jedoch nicht
sich auf eine Schiffsreise nach Frankreich, um an einer Kon- unmöglicher Zufälle – dass er dem Bruder seines Jugend-
ferenz in Paris teilzunehmen. Während dieser Reise lernt er freundes begegnet, dabei von seiner früheren Freundin und
eine junge Frau kennen, in die er sich bald verliebt – ohne zu ihrer Tochter erfährt, auf einer Schiffsreise eine junge Frau
wissen, dass sie seine Tochter ist. Sabeth, wie er sie nennt, kennenlernt, die seine Tochter ist, sie nach ihrer Trennung in
will von Paris aus weiter über Südfrankreich und Italien nach Paris wieder findet und dann mit ihr durch Europa reist. Der
Hause, nach Athen reisen. Obwohl sie sich nach der Ankunft erste Teil des Berichts schildert diese Zufälle zwar in chrono-
des Schiffes in Le Havre trennen, sucht Faber in Paris nach logischer Reihenfolge, wird jedoch immer wieder unterbro-
Sabeth, findet sie und fährt mit ihr zusammen im Auto auf chen durch Vorwegnahmen und Rückblenden, die von der
der geplanten Reiseroute. Während dieser Fahrt werden sie Frage bestimmt sind, ob es sich dabei um Fügung und
ein Liebespaar, in Avignon schlafen sie miteinander. Faber Schicksal oder nur um eine Kette von Zufällen handelt.
Bereits dieser erste Zugriff legt die Interpretation nahe,
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Zu Herkunft, Bedeutung und Funktion der Kategorie der dass es sich um das tragische Schicksal des modernen, tech-
poetischen Gerechtigkeit s. Jauss (Fn. 6), S. 30-48; Kaul, nikgläubigen Menschen handle, der in seinem Wahn, die
Poetik der Gerechtigkeit: Shakespeare – Kleist, 2008. Natur beherrschen und die Welt allein mit Technik verbes-
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sern zu können, sein eigenes Leben verfehlt und fremdes wacht die Rachegöttin auf, welche die Verfehlung einer uner-
Leben zerstört. Tragisch deshalb, weil es gerade sein ver- laubten Liebe mit dem Tode vergelten wird, ohne von dem
meintlicher Wirklichkeitssinn ist, sein Glaube an die techni- sich wie ein Blinder fühlenden Faber erkannt zu werden.
sche Steuerbarkeit der Natur, was ihn blind und somit unge- Ein anderes mythologisches Schlüsselwort findet sich
wollt schuldig werden lässt am Tod seiner eigenen Tochter, versteckt in einem längeren Bericht über die mühselige Fahrt
aber auch am Misslingen seines eigenen Lebens. Stellvertre- Fabers mit der verletzten, fast ohnmächtigen Sabeth vom
tend für diese vorherrschende Interpretation sei aus Kindlers Strand bei Korinth in das Krankenhaus von Athen. Zunächst
Literaturlexikon zitiert: „Walter Faber ist der Typ eines ratio- nimmt sie ein Eselskarren mit, der jedoch zu langsam ist und
nalitätsgläubigen, diesseitsorientierten modernen Menschen, unterwegs immer wieder anhält. Dann wechseln sie auf einen
dessen technologisch-mathematisches Weltverständnis ihn Lastwagen, der Eisenröhren transportiert. Damit geht es nur
blind macht für die Erkenntnis, dass das Leben mit all seinen wenig schneller, „dreißig Stundenkilometer auf gerader Stre-
Unwägbarkeiten und schicksalhaften Zufällen sich den Ge- cke! Ich hatte meine Jacke am Meer, mein Geld in der Jacke
setzen der Logik entzieht. Die Tragik von Fabers eigenem – in Megara, wo er stoppte, gab ich dem Fahrer, der ebenfalls
Leben [...] besteht gerade darin, dass er, der den Glauben an nur Griechisch versteht, meine Omega-Uhr, damit er unver-
schicksalhafte, irrationale Fügungen im menschlichen Dasein züglich weiterfährt, ohne seine Röhren abzuladen. In Eleusis,
als ‚Mystifikation’ und ‚Spintisiererei’ verwirft, das Opfer wo er tanken musste, ging wieder eine Viertelstunde verlo-
unkalkulierbarer Zufälle wird.“12 ren. Ich werde diese Strecke nie vergessen“(S. 129).
Dies ist gewiss eine mögliche und stringente Deutung, für Eleusis ist die Stätte eines großen antiken Heiligtums, von
die der literarische Text reichlich Anhaltspunkte bietet. Ge- dem heute nur noch wenige Ruinen zu sehen sind. Hier wur-
nährt wird sie vor allem durch eine Fülle von mythologischen den die sogenannten Eleusinischen Mysterien gefeiert, ein
Anspielungen, die gleichsam als Subtext immer wieder unter Geheimkult, mit dem die Göttin Demeter, Schwester und
der Oberfläche des Berichts hindurchschimmern und die Geliebte des Zeus, mit dem Verlust ihrer Tochter Persephone
Erfahrung des Lesens beeinflussen. versöhnt werden sollte. Persephone wird von Hades, dem
Totengott, geraubt und in die Unterwelt entführt. Erst nach
IV. Der mythologische Subtext des Homo faber langwierigen Verhandlungen stimmt er zu, dass Persephone
Aus diesem mythologischen Subtext seien wenigstens zwei ein Drittel des Jahres bei ihm zubringt, während der übrigen
exemplarische Passagen ausgewählt13: Zeit aber bei den Göttern im Olymp weilen darf. Demeter
Während ihres Aufenthalts in Rom besuchen Walter Fa- entstammt den archaischen Erdgöttinnen und wurde als Göt-
ber und Sabeth das Thermen-Museum. Er sieht sich mit Sa- tin der Fruchtbarkeit, des Ackerbaus und des Getreides ver-
beth das Relief von der Geburt der Venus an, den sog. Ludo- ehrt; das Verschwinden und die Rückkehr ihrer Tochter sym-
visischen Thron. Er ist von der auf einem seitlichen Teil bolisieren das zyklische Blühen, Reifen und Absterben der
dargestellten Flötenspielerin „entzückt“, lässt sich widerwil- Pflanzenwelt. Faber, durch seine Krebserkrankung bereits
lig von Sabeth wegen seines oberflächlichen Geschmacksur- dem Tode geweiht, wird so zum Hades, der die Tochter De-
teils korrigieren, die für ihre Begeisterung authentischere meters raubt – besonders prägnant dargestellt in der Szene, da
Ausdrücke zu finden vermag. Er wehrt die Kritik ab, und teilt Faber aus dem Meer steigt und Sabeth erschrocken vor ihm
dem Leser mit, dass er sich ungern in seiner Empfindungs- zurückweicht, bis sie die Böschung hinunterfällt.
weise kritisieren lasse – „dann komme ich mir, obschon ich
sehe, wovon die Rede ist, wie ein Blinder vor“ (S. 111). Un- V. Was bedeutet der mythologische Subtext?
mittelbar darauf ist es Faber, ansonsten – im Gegensatz zu Nimmt man diesen durch die vielen verstreuten Anspielungen
Sabeth – der Kunst abgeneigt, der ein Skulpturenfragment zugänglichen mythologischen Subtext auf, bleibt nach der
entdeckt, das ihn sofort begeistert: der Kopf einer schlafenden Funktion zu fragen, die er für den Roman spielt. Aus dem
Erinnye, allerdings ohne diesen Titel zu kennen, der ihn auch Mythos schöpfen die griechischen Dichter den Stoff für ihre
nicht weiter interessiert. Mit hilflosen Worten gibt er seiner großen Tragödien, um, wie Aristoteles es dann in seiner Poe-
unmittelbaren Begeisterung Ausdruck und fragt sich „was sie tik später idealtypisch kanonisierte, das Schicksal eines gro-
wohl zusammenträumt“ (S. 111). Als er sich dann nochmals ßen, aber keineswegs schlechten und gemeinen, wenn auch
dem Ludovisischen Thron zuwendet, fordert Sabeth ihn auf, nicht vollkommenen Menschen darzustellen, der wegen eines
stehen zu bleiben. Wenn Faber vor der Geburt der Venus Fehlers scheitert, für den er unmittelbar nichts oder nur wenig
steht, fällt sein Schatten auf den Kopf der schlafenden Erin- kann, den zu begehen aber in seinem Charakter angelegt ist,
nye, sodass es aussieht, als sei sie erwacht – „geradezu wild“. und an dem seine ganze Lebensweise so fragwürdig wird,
In dem Augenblick, da die verbotene Liebe geboren wird, dass er von der Höhe des Ruhms und der Anerkennung he-
runterfällt.14
12
Kindlers Literaturlexikon, dt. Ausg. begründet v. Wolfgang Die Vermutung liegt nicht fern, dass gerade die radikale
v. Einsiedel, München 1974, S. 4609. Diesseitigkeit, Modernität und Identifikation mit dem techni-
13
Genauere Hinweise auf diese mythologischen Schlüssel- schen Zeitalter, für die der Protagonist Walter Faber steht, der
stellen finden sich vor allem bei Blair, in: Schmitz (Hrsg.), konstitutionelle Fehler ist, der Mangel, der den Gegensatz
Frischs Homo faber, 1983, S. 142-167; Leber, Vom moder-
14
nen Roman zur antiken Tragödie, Interpretation von Max Aristoteles, Poetik, S. 13, übers. u. hrsg. v. Manfred Fuhr-
Frischs Homo faber, 1990. mann, 1982, S. 39.
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13
Klaus Günther
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gleichsam anzieht – die archaische Dialektik des tragischen die damit einhergehende Bekämpfung und Verdrängung des
unschuldig Schuldig-Werdens. Es würde sich dann um eine Todes erscheinen dann als die Haltung, die gerade das Un-
erzählte Tragödie in moderner Einkleidung handeln. Am glück heraufbeschwört. Gerade derjenige, der von der Mög-
deutlichsten hat dies vielleicht Gerhard Kaiser in seiner Re- lichkeit und Notwendigkeit technischer Kontrolle der natürli-
zension ausgesprochen: „So ist es kein Zufall, wenn in chen Welt überzeugt ist, scheitert an kleinen Fehlern, und
Frischs Werk bei genauerem Zusehen im modernen Gewand zwar mit tödlicher Konsequenz. Es ist Hannah, die diese – für
Begriffe und Vorstellungen der antiken Tragödie auftauchen: Faber selbst unverständliche – Deutung vorträgt: Technik
der Homo faber ist nichts anderes als der Mensch in der Hyb- „als Kniff, die Welt so einzurichten, dass wir sie nicht erle-
ris, der von den Göttern und dem Schicksal gestraft wird – ben müssen. [...] Sie findet es nicht unbegreiflich, dass ich
Faber denkt an den Schlangenbiss, der Sabeth verletzte, als mich Sabeth gegenüber so verhalten habe.“ Seine Verliebt-
an eine Strafe der Götter. Der Mensch, der lebt, wie er will, heit sei „kein zufälliger Irrtum gewesen, sondern ein Irrtum,
muss erleiden, was er soll; er wird vom Schicksal auf sein der zu mir gehört (?) wie mein Beruf, wie mein ganzes Leben
wirkliches Maß zurückgeführt.“15 sonst. Mein Irrtum: dass wir Techniker versuchen, ohne den
Der Mythos würde das Geschehen also in einen Zusam- Tod zu leben. Wörtlich: du behandelst das Leben nicht als
menhang von Verfehlung und Vergeltung führen. Vorder- Gestalt, sondern als bloße Addition, daher kein Verhältnis zur
gründig besteht Fabers Verfehlung darin, dass er mit seiner Zeit, weil kein Verhältnis zum Tod. Leben sei Gestalt in der
Tochter das Inzesttabu verletzt, die vergeltende Strafe im Tod Zeit“ (S. 169 f.). Zwar sagt Hannah dies ohne Vorwurf ge-
seiner geliebten Tochter. Freilich kann er dafür unmittelbar genüber Faber, aber in ihrer Erklärung steckt zugleich eine
nichts. Der Tod der Tochter war die Folge eines Unfalls, Anklage gegen die in Faber nur exemplarisch verkörperte
allenfalls besteht Fabers Fehler darin, die Ärzte nur über den Einstellung zur Welt. Die Verfehlung liegt also eigentlich in
Schlangenbiss, nicht aber über den Sturz Sabeths informiert dieser Einstellung, und sie führt zu einer Art Hybris, die das
zu haben, aber auch die Ärzte selbst handelten vielleicht nicht Unheil nach sich zieht.
sorgfältig genug. Das Inzesttabu verletzt Faber nicht willent- Freilich ist der Roman nicht so einseitig angelegt, dass
lich; immerhin ahnt er jedoch, wenn auch zweifelnd, dass Hannah selbst nicht auch fehlerhaft handeln würde. Ihr Ver-
Sabeth seine Tochter sein könnte. Die Rechnung, die er in hältnis zur Zeit ist ja ebenfalls gestört, wenn sie glaubt, ihre
den Ruinen an der Via Appia anstellt, nachdem er durch sein Tochter ganz für sich behalten und gegenüber der Welt und
Fragen von Sabeth erfahren hat, dass Hannah ihre Mutter sei, der Zeit abschirmen zu können. Der Demeter-Persephone-
stellt er gegen seine eigene Intuition an. Dabei begeht er Mythos ist von der Literaturwissenschaftlerin Rhonda Blair
unabsichtlich einen Rechenfehler, vermutlich von dem als wichtiger Hinweis auf die Beziehung zwischen Hannah
Wunsch verursacht, dass er ein Ergebnis errechnen möge, das und ihrer Tochter gedeutet worden.16 Hannah ist eine Mutter,
ihm seine Liebe zu Sabeth nicht zerstört. Aber auch diesen die ihr Kind für sich haben und allein aufziehen will. Sie lässt
Fehler verursacht Faber höchstens leicht fahrlässig, es ist ja den verabredeten Schwangerschaftsabbruch nicht vornehmen,
ebensogut möglich, dass Sabeth die Tochter Joachims ist. verheimlicht Faber gegenüber, dass er eine Tochter hat, und
Seine Schuld wäre also, wenn man überhaupt davon sprechen isoliert das Kind auch gegenüber Joachim: „es war ja nicht
will, sehr gering. sein Kind, auch nicht mein Kind, sondern ein vaterloses,
Es gibt also eigentlich keinen Anlass, Faber sein Verhal- einfach ihr Kind, ihr eigenes, ein Kind, das keinen Mann
ten vorzuwerfen. Doch selbst dann, wenn man ihm seine etwas angeht“ (S. 201) – was Faber zu dem Ausspruch veran-
mangelnde Vorsicht, das Verdrängen und Schönrechnen lasst „Hannah, du tust wie eine Henne“ (S. 137). Zwar hat sie
gegen seine eigenen Ahnungen vorhalten wollte – wäre es gleichzeitig immer gewusst, dass sie Elsbeth, wie sie ihr Kind
nicht absurd, einen Zusammenhang mit dem Unfalltod seiner nennt, eines Tages wird frei geben müssen, ihre Reise war ein
Tochter herzustellen, der daraus eine vergeltende Strafe für erster Schritt, den zu gewähren Hanna „schwer genug gefal-
ein Fehlverhalten werden lässt, das zwar in der frühen Antike len“ ist (S. 203). Indem sie sowohl ihrer Tochter als auch
als schwerstes Unrecht, heutzutage jedoch bestenfalls als dem Vater gegenüber die Wahrheit verschweigt, lässt sie die
Bagatelle gilt, die kaum noch jemand für strafwürdig hält? Es Vergangenheit anders erscheinen, als sie tatsächlich gewesen
ist der mythologische Subtext, der die Konstruktion eines ist; sie versucht also ebenfalls sich der Zeit zu bemächtigen
solchen Schuldverhältnisses nahelegt. und ihren Wünschen unterzuordnen. In einer tragischen Les-
Diese Konstruktion wird vor allem durch die exemplari- art trägt sie damit ebenfalls zum Unheil bei: Hätte sie ihrer
sche Gestaltung der Figur Faber ermöglicht. Mittelbar lässt Tochter ebenso wie dem leiblichen Vater die Wahrheit ge-
sich sein Verhalten durch sein konstitutionelles Defizit ver- sagt, wäre es nicht zum Inzest gekommen und das folgende,
ständlich machen. Es ist die Folge seiner Einstellung zur tödlich endende Geschehen wäre nicht möglich gewesen.
Welt und zum Schicksal. Dann geht es nicht um die vorder- Walter Faber und Hannah erscheinen so als komplementäre
gründige Verletzung des Inzesttabus und die darauf folgende Figuren, die unter einer ihr jeweils eigenes Leben und ihr
Strafe. Vielmehr verkörpert Faber eine für die Moderne cha- Verhältnis zum jeweils anderen bestimmenden Vereinseiti-
rakteristische Haltung, die sein Fehlverhalten erklärt. Tech- gung leiden – Fabers Technikgläubigkeit und Hannahs matri-
nikgläubigkeit und instrumentelle Vernunft, die Abwehr von archalische Prä-Okkupation. Beide Einseitigkeiten lassen die
Emotionen und von Kunst, die Beherrschung der Natur und beiden Protagonisten zwar den jeweiligen Mangel am ande-

15 16
Kaiser, in: Schmitz (Fn. 13), S. 155. Blair (Fn. 13), S. 142-167.
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Poetische Gerechtigkeit in Recht und Literatur
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ren erkennen, machen sie aber gleichzeitig blind für ihr je- lich, wenn es nicht vorher Verfehlung und Schuld gegeben
weiliges eigenes Defizit, und verursachen so den für Sabeth hätte.
tödlichen Geschehensverlauf. Aus dem zufälligen Zusammentreffen von Ereignissen
Indes fehlt dieser Deutung noch ein entscheidendes Mo- wird so auch in der Selbstdeutung der Figuren eine Fügung,
ment, das erst durch die Bezugnahme auf den Mythos herge- ein Schicksal, das Vereinseitigungen rückgängig macht, Ver-
stellt wird. Die beiden konstitutionellen Mängel der Figuren absolutierungen relativiert, Verfehlungen ausgleicht. Faber –
Faber und Hannah, die zu den kleineren, das Geschehen und komplementär dazu Hannah – nimmt sich zu viel, mehr
vorantreibenden Fehlern führen, werden in einen weiteren als ihm zusteht. Er will das Leben wie die Natur berechnen
Zusammenhang von Schuld und Schicksal, Verfehlung und und beherrschen, um der Zeit und dem Tod keinen Raum zu
Strafe eingebracht. Aus diesem Zusammenhang scheint sich geben – in diesem Zuviel liegt eine Ungerechtigkeit, die nach
erst jene eherne Notwendigkeit zu ergeben, die aus Zufall einem Ausgleich verlangt. Dann mag es so erscheinen, als
und Unglück Unrecht, Schuld und Vergeltung werden lässt. würden Faber und Hannah erst jene mythischen Zusammen-
Hannahs und Fabers Mängel werden so zu Verfehlungen, die hänge heraufbeschwören, die aus dem Zufall ein Schicksal
nach einem Ausgleich verlangen, nach einer Strafe – dem machen, die eine richtende Instanz etablieren, vor der eine
Tod der gemeinsamen Tochter. Verfehlung auch dann vergolten wird, wenn letztlich nie-
Faber selbst setzt sich dagegen zur Wehr, indem er im mand dafür verantwortlich ist. Aus dem Romangeschehen ist
ersten Teil des Berichts auf der Unwahrscheinlichkeit dieser damit selbst ein poetischer Akt der Gerechtigkeit geworden.
unglücklichen Verkettung von Ereignissen insistiert. Gleich-
wohl kann er sich selbst nicht von der Last der Verantwor- VI. Poetische Gerechtigkeit I: Ausgleich und Schuld
tung frei machen, die durch den mythisch konstruierten Zu- Die darin waltenden Gerechtigkeitsprinzipien sind vertraut.
sammenhang zwischen seinem Verhalten und dem Tod Sa- Es handelt sich um die alten Grundsätze der distributiven und
beths suggeriert wird. Entsprechend bemüht er sich um eine kommutativen Gerechtigkeit. Die distributive oder proportio-
Rechtfertigung, zieht sich also im eigentlichen Sinne des nale Gerechtigkeit gebietet, dass jeder von einem zur Vertei-
Wortes selbst zur Verantwortung. Der ganze erste Teil des lung anstehenden Gut nur so viel bekommt, wie ihm nach
Berichts steht gleichsam unter der von Faber selbst so formu- Verdienst oder Würde oder einem andern Maßstab zusteht.
lierten Leitfrage: „Was ist denn meine Schuld?“ (S. 123). Es ist der Grundsatz des suum cuique oder Jedem das Seine.
Wäre er ganz der Techniker, als welcher er sich selbst in dem Ungerecht ist ein Verhältnis zwischen Personen und Gütern
Bericht präsentiert, dann würde er schon die Frage abweisen. also dann, wenn einer von einem zur Verteilung stehenden
Auch die Schilderung von Sabeths Tod beginnt mit dem Satz: Gut mehr erhält, als ihm zukommt, während der andere zu
„Was den Unfall betrifft, habe ich nichts zu verheimlichen“ wenig davon erhält. Die kommutative oder arithmetische
(S. 156), es ist „Unsinn“, dass das Mädchen, dem er nur hel- Gerechtigkeit setzt dagegen die Gleichheit der Parteien vor-
fen will, vor ihm zurückweicht (S. 157). Auch der Bericht aus, z.B. als Partner eines Vertrages. Wer einen anderen
über die erste leise Ahnung, die er hatte, als ihm während der schädigt, indem er eine versprochene Leistung verweigert
Schiffsreise Sabeths Gesten an Hannah erinnern, soll gleich- oder auf andere Weise einen Schaden verursacht, verändert
zeitig dazu dienen, ihn vor einem imaginären Tribunal zu diese ursprüngliche Gleichheit zu seinen Gunsten und zu
entlasten. Hätte er einen konkreten Verdacht gehabt, dann Lasten des Verletzten oder Geschädigten. Die arithmetische
hätte er Sabeth gleich nach ihrer Herkunft gefragt, und: „ich Gerechtigkeit verlangt einen Ausgleich nach Art und Höhe
weiß nicht, wie ich mich verhalten hätte, jedenfalls anders, des Schadens oder des Maßes an Unrecht, bis die ursprüngli-
das ist selbstverständlich, ich bin ja nicht krankhaft, ich hätte che Gleichheit wiederhergestellt ist. Beide Arten von Gerech-
meine Tochter als meine Tochter behandelt, ich bin nicht tigkeit lassen sich nicht absolut voneinander unterscheiden,
pervers!“ (S. 81). Für die Vermutung, dass Hannah und Faber sondern bezeichnen eher verschiedene Situationen oder Vor-
selbst es sind, die ungewollt eine mythische Beziehung zwi- aussetzungen, unter denen jeweils ein Aspekt der Gerechtig-
schen den Ereignissen und einem ausgleichbedürftigen Ver- keit relevanter erscheint. Ihre gemeinsame Wurzel liegt in
schulden herstellen, spricht auch das gleichsam geläuterte dem Prinzip, Ungleichgewichtslagen zu vermeiden, entweder
Verhalten beider Hauptfiguren im zweiten Teil. Beide erken- dadurch, dass man ein Gleichgewicht herstellt (Proportionali-
nen ihre Verfehlungen, die der eine mit dem eigenen Tod und tät) oder ein bestehendes Ungleichgewicht korrigiert (arith-
die andere mit dem Tod ihrer Tochter bezahlen müssen. Sie metischer Ausgleich). Aristoteles formuliert diese Gemein-
nehmen ihre Schuld an. Hannah bittet Faber auf Knien und samkeit mit Blick auf den Ausgleich von Unrecht so: „Und
unter Tränen um Verzeihung; Faber schließt mit seinem vor- so ist es auch im wirklichen Leben. Denn wer unrecht tut,
herigen Leben ab und öffnet sich dadurch, wenn auch nur für bekommt zu viel, wer Unrecht erfährt, bekommt zu wenig
eine kurze Zeit, dem Leben als einem unverfügbaren Prozess von dem in Frage stehenden Gut.“17
von Werden und Vergehen – wie besonders eindrücklich und Deutlicher noch lässt sich diese gemeinsame Wurzel in
wiederum nahe dem entgegengesetzten Extrem der Extase im dem viel älteren Fragment erkennen, das als Spruch des Ana-
Kuba-Erlebnis mit einer gleichzeitigen harschen Attacke auf ximander überliefert ist:
den „American way of life“, der ihm nun als der Inbegriff der
Lebensverfehlung erscheint. Dieses Bitten um Verzeihung,
dieses Schuld Annehmen und Versöhnen wäre nicht erforder- 17
Aristoteles, Nikomachische Ethik, übers. u. hrsg. v. Franz
Dirlmeier, 1983, V/(1131b).
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15
Klaus Günther
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„Anfang und Ursprung der seienden Dinge ist aber das Fassung des Kausalgesetzes. Aber es ist – zwar verallgemei-
Apeiron (das grenzenlos-Unbestimmbare). Woraus aber das nert, weil auf alles Geschehen schlechthin bezogen – dennoch
Werden ist den seienden Dingen, in das hinein geschieht auch im Wesentlichen noch das Gesetz der Vergeltung. Die Ursa-
ihr Vergehen nach der Schuldigkeit; denn sie zahlen einander che ist noch die Schuld, die Wirkung noch die Strafe.“23 Die
gerechte Strafe und Buße für ihre Ungerechtigkeit nach der rechtliche Ordnung einer menschlichen politischen Gemein-
Zeit Anordnung.“18 schaft – die griechische Polis – wird als überzeitliches Ord-
Als einer der ältesten Sätze der Philosophie ist dieses nungsprinzip in den Kosmos projiziert. Tod und Vergäng-
Fragment immer wieder neu und kontrovers interpretiert lichkeit ebenso wie Geburt und Werden erscheinen dem
worden. Hier ist nicht der Ort, zu dieser komplexen Interpre- Menschen als so elementare Vorgänge und Ereignisse, dass
tationsgeschichte Stellung zu nehmen oder ihr gar eine neue sie nach einer Recht-Fertigung verlangen, nach einer Deu-
Deutung hinzuzufügen.19 Entscheidend ist auch hier wieder- tung aus einem für das menschliche Zusammenleben konsti-
um die Deutung der Gleichgewichtsstörung als Ungerechtig- tutiven Prinzip. Erst später emanzipiert sich das Kausalitäts-
keit, die nach einem Ausgleich verlangt; hier noch gesteigert prinzip von seiner ursprünglichen Funktion, das Problem der
zu einem Gesetz der Natur selbst, aus dem sich Werden und Theodizee zu lösen.
Vergehen erklären lassen. Hans Kelsen hat dieses Fragment Aus dieser Perspektive betrachtet, lassen sich Fabers und
als das exemplarische Zeugnis für seine Hypothese vom Hannahs „Verfehlungen“ so deuten, dass sie sich jeweils in
Ursprung des Kausalprinzips aus dem Vergeltungsprinzip einem umfassenden, ebenso extensiven wie intensiven Sinne
gedeutet.20 mehr vom Leben nehmen, als ihnen zusteht. Vor allem stre-
Anaximanders vergeltungslogische Welterklärung bezieht ben beide auf jeweils andere, gegensätzliche und somit kom-
sich auf elementare Zustände und deren Verhältnis zueinan- plementäre Weise danach, das Leben der Zeit und damit der
der: Das Warme und Kalte, das Trockene und Feuchte. Zent- Vergänglichkeit zu entreißen – und verlieren es dadurch.
ral ist das Gleichgewicht zwischen diesen Zuständen, das Darin liegt die mythische Ungerechtigkeit, auf welche die
proportionale Verhältnis, das jeden angemessen zur Geltung ebenso mythische Strafe folgt.
kommen lässt. In der antiken und mittelalterlichen Medizin
entspricht dieser Harmonie die Vorstellung von einem VII. Poetische Gerechtigkeit II: Kommende Gerechtigkeit
Gleichgewicht der Temperamente – melancholisch, phlegma- und Versöhnung
tisch, sanguinisch und cholerisch – dem ein Verhältnis von Aber – ist es heute nicht absurd, in diesem mythischen Sinne
Körpersäften korrespondiert, deren Gleichgewicht eigentlich noch von „Gerechtigkeit“ zu sprechen? Es erscheint auf den
Gesundheit ist.21 Das Überwiegen des einen gegenüber dem ersten Blick merkwürdig, dass diese Gerechtigkeitsprinzipien
anderen, die Disharmonie oder das Ungleichgewicht führen in die Welt und auf das Leben projiziert werden, als würde es
zu Krankheit ebenso wie Ungerechtigkeit.22 Dieses Un- sich um eine objektive, in der Welt selbst gegebene, den
gleichgewicht entsteht nicht nur durch ein bloß quantitatives Menschen nicht verfügbare Gerechtigkeit handeln. Auch
Mehr, sondern vor allem auch durch eine zu lange Dauer – Kelsens Deutung des Spruches von Anaximander legt zwar
dadurch, dass ein Zustand länger anhält, als ihm zusteht, als die vergeltungslogische Wurzel des Kausalitätsprinzips frei,
seiner eigenen Natur und dem Verhältnis zu den anderen doch begreift Kelsen diese Deutung im Sinne einer soziologi-
angemessen ist. Tod und Vergänglichkeit erscheinen so als schen Aufklärung, die vom Mythos befreit und zum Logos
der notwendige Ausgleich, der für ein zu langes Verharren in voranschreitet. Die Genealogie des Kausalitätsprinzips ent-
der Gegenwart zu zahlen ist. „So wie die Notwendigkeit der wertet dessen Geltungsanspruch nicht, und die Aufklärung
Zwang des Rechtsgesetzes der Vergeltung ist, so ist die Zeit- besteht in der Einsicht in die kategoriale Verschiedenheit der
ordnung, das Früher und das Später, die Abfolge von Schuld sozialen Welt mit ihren von Menschen gesetzten Normen von
und Strafe.“ Nach Kelsen handelt es sich dabei um „die erste der objektiven Welt mit ihren Naturgesetzen. Die Gesetze des
Rechts und der Moral haben mit den Gesetzen der Natur
18
Diels, Fragmente der Vorsokratiker, Bd. 1, 7. Aufl. 1954, nichts zu tun.
S. 89. Hat Faber also nicht doch eigentlich Recht, wenn er sich
19
S. vor allem Heidegger, in: Ders. (Hrsg.), Holzwege, 1994, gegen die archaische Identifikation von Kausalität und Ver-
S. 321-373. S. aktuell zur rechtstheoretischen Rezeptionsge- geltung wehrt? Seine den chronologischen Bericht immer
schichte mit Blick auf Heidegger und Derrida: de Ville, Law wieder unterbrechenden Reflexionen über Zufall und Wahr-
Critique 2009, 59-78. scheinlichkeit, seine Weigerung, in einer Kette von Zufällen
20
Kelsen, Vergeltung und Kausalität, 1982, S. 241 ff. Vehe- Fügung und Schicksal zu erkennen, entspringen ja nicht nur
ment gegen diese Interpretation argumentiert Heidegger dem Wahn eines Technikers, der allein naturwissenschaftlich
(Fn. 19), S. 329 ff. begründete Aussagen gelten lässt. Der mythische Zusam-
21
Zur zentralen Bedeutung dieses Motivs in der Kunst menhang von Verfehlung, Schuld und Strafe würde ja auch
s. Wind, Heidnische Mysterien der Renaissance, 1981; uns heute fragwürdig erscheinen. Dies gilt sowohl für die
Klibansky/Panofsky/Saxl, Saturn und Melancholie, 1990; für Deutung des Unfalltodes als Ausgleich für die Verletzung des
die Dogmatik der Medizin und Jurisprudenz s. Herberger, Inzesttabus und für die fehlende oder nur schwache Zure-
Dogmatik – Zur Geschichte von Begriff und Methode in chenbarkeit der Normverletzung zu Fabers Schuld als auch
Medizin und Jurisprudenz, 1981.
22 23
Kelsen (Fn. 20), S. 241. Ibid.
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Poetische Gerechtigkeit in Recht und Literatur
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für die Deutung des Geschehens als notwendiger und gerech- messene, proportionale Verteilungsordnung, in der jeder und
ter Ausgleich der konstitutionellen Mängel Fabers und Han- jede bekommt, was ihr zusteht. Herkömmlicherweise wird
nahs. Wäre Fabers Geschichte nur eine aktuelle Version des dies stets als Prinzip der distributiven Gerechtigkeit interpre-
Ödipus-Dramas, hätte sie uns nicht mehr viel zu sagen. tiert und fixiert, demzufolge Güter und Ämter nach dem für
Damit steht der ganze, diese Deutungsversuche inspirie- die Gemeinschaft erbrachten Verdienst gleich oder ungleich
rende mythologische Subtext auf dem Spiel. Zwar enthält der zu verteilen seien.25 Übersehen wird dabei jedoch zumeist,
Text viele mythologische Anspielungen auf antike tragische dass hier ein Zustand anvisiert ist, in dem jedem und jeder
Konstellationen, aber es handelt sich dabei eben um einen einzelnen ihr Leben im rechten Verhältnis zu jedem anderen
modernen Roman und nicht um die dramatische Form der gelingt – ohne Unrecht, ohne Gewalt, ohne Opfer. Proportio-
antiken Tragödie. Daher weisen zwar die oben genannten und nalität heißt in diesem Kontext, dass jeder und jede einzelne
viele weitere Anspielungen auf die Ödipus-Tragödie oder den ihre Eigenart und jeweilige Verschiedenheit gemeinsam mit
Demeter-Kore-Mythos, aber der mythologische Subtext sub- allen anderen zu leben vermag. In Ciceros Traum des Scipio
stituiert nicht den Romantext und die Romanfiguren lassen ist dies im Bild der Sphärenharmonie gefasst worden.26 Wir
sich auch nicht im Maßstab eins zu eins mythologischen wissen dabei gleichzeitig immer auch, dass es eine solche
Figuren zuordnen. Eine andere Frage ist noch dringlicher: absolute Gerechtigkeit nicht gibt und dass die von Menschen
Auch wenn es eine antike Tragödie in moderner Einkleidung praktizierte Gerechtigkeit unvollkommen ist und bleibt.
wäre – worin bestünde dann der Wahrheitsgehalt des Ro- Es gibt sozialpsychologische Untersuchungen darüber,
mans? Sollte er sich tatsächlich in der Einsicht erschöpfen, dass unheilbar Erkrankte nach einer verborgenen Schuld
dass auch der moderne, auf seine technischen Fähigkeiten suchen, die ihnen die Krankheit als eine darauf antwortende
und Instrumente vertrauende Mensch einem tragischen Strafe rechtfertigt, dass Arbeitslose nach einem Grund in
Schicksal nicht entrinnen könne? Aber glauben wir heute ihrem eigenen Verhalten suchen, der ihnen ihr Schicksal als
noch an einen mythischen Kosmos, in dem eine ewige letztlich doch verdient und damit gerechtfertigt erscheinen
schicksalhafte Ordnung dafür sorgt, dass die Hybris des lässt.27 Kaum jemand, der von einer Lebenskatastrophe selbst
Menschen (in diesem Fall die aus dem Glauben an die Tech- betroffen wird oder sie bei anderen erlebt, kann sich des
nik geborene Hybris) bestraft wird? Brauchen wir heute noch Gedankens erwehren, dass sie eine Strafe für eine frühere
eine Welt von Göttern und höheren Schicksalsmächten, um Verfehlung sei oder ein Ausgleich für ein vorheriges, viel-
diese Einsicht zu erlangen? Hans Geulen hat darauf die zu- leicht unverdientes Übermaß an Glück – und wenn sich ein
treffende Antwort gegeben: „Wir interpretieren die in dem solcher Zusammenhang auch beim besten Willen nicht her-
Roman zur Darstellung gelangten Dämonen grundsätzlich stellen lässt, so bleibt es bei der anklagenden Frage Walter
falsch, wenn wir sie vergleichen mit den Gestalten antiker Fabers: „Was ist denn meine Schuld?“ Mit seinem Schicksal
Mythologie, deren Gehalt für unsere Zeit nicht mehr verbind- hadern kann nur, wer seine Lebensgesichte an Maßstäben der
lich sein kann.“24 Die mythologischen Spuren, die der Autor ausgleichenden, verteilenden und korrigierenden Gerechtig-
in seinen Text einstreut, ließen sich dann bestenfalls als ein keit misst. Es handelt sich um die Frage Hiobs, um die uralte,
ästhetisches Spiel deuten oder als eine Technik der Verfrem- ungelöste Frage der Theodizee: Warum leidet der Fromme,
dung, die den Leser zur Reflexion veranlasst und dadurch erst der Gottes Gebot nicht nur in Werken und Taten übererfüllt,
zu der Einsicht kommen lässt, dass der an die technische sondern dies auch aus einem mit allen Fasern seines Herzens
Beherrschbarkeit der Natur glaubende und in diesem Glauben gelebten Glauben tut, oder, säkularer gefasst, warum müssen
handelnde Mensch einer Selbstverblendung anheimfällt, die immer wieder unschuldige Kinder sterben, während sich so
sich von der Verblendung der mythischen Helden nicht un- mancher Bösewicht eines langen und glücklichen Lebens
terscheidet. erfreut? Und besteht nicht die unverminderte Aktualität von
Doch auch als ein ästhetisches Spiel würde der mytholo- Max Frischs Roman unter anderem auch darin, dass viele
gische Subtext nicht funktionieren, wenn die Leser sich von heute glauben, seine an Walter Faber exemplifizierte Diagno-
einer absoluten, in der Welt selbst schicksalhaft waltenden se über die schädlichen Folgen einer naturbeherrschenden
Gerechtigkeit endgültig verabschiedet hätten. Vielleicht sind instrumentellen Vernunft hätte sich bewahrheitet, und die
wir gar nicht in jeder Hinsicht so aufgeklärt, wie wir uns ausgebeutete, verletzte und beschädigte Natur würde sich mit
einbilden, wenn wir das Leben nach naturwissenschaftlichen Klimakatastrophe, neuen Krankheiten und anderen für den
Kriterien auf Ursache-Wirkungs-Beziehungen (oder statisti- Menschen gefährlichen Reaktionen rächen – die Klimakatast-
sche Regelmäßigkeiten) untersuchen und unsere soziale Welt rophe als „Vergeltung“ für ein übermäßig technisiertes und
nach zweckmäßigen Normen ordnen, die wir angesichts neu- ökonomischen Imperativen unterworfenes Leben? Je größer
er Probleme auch wieder ändern. Möglicherweise gibt es und schwerwiegender eine Katastrophe ist, desto weniger
gleichwohl eine tief sitzende Intuition, die Welt sei letztlich gelingt es den Menschen, zwischen verschuldetem Unrecht
so geordnet und eingerichtet, dass Verfehlungen bestraft
werden, dass dem, der sich mehr genommen hat als ihm zu- 25
S. dazu Günther, in: Frankenberg (Hrsg.), Auf der Suche
steht, wieder etwas weggenommen wird, dass umgekehrt
nach der gerechten Gesellschaft, 1994, S. 151-181.
demjenigen, der sich verdient gemacht hat, der angemessene 26
Cicero, in: Ders, Staatstheoretische Schriften, Über den
Lohn zuteil werde. Positiv formuliert, geht es um eine ange-
Staat (De re publica), VI, S. 9 ff. (S. 18), übers. u. hrsg. v.
Konrat Ziegler, 1974, S. 189 ff., 193.
24 27
Geulen, in: Schmitz (Fn. 13), S. 55 f. Dalbert, Vom Leben mit Ungerechtigkeit, 1996.
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Klaus Günther
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und bloßem Unglück, für das niemand etwas kann, kategorial über das Böse enden.28 Doch auch in der reflektierten ästheti-
zu unterscheiden. Wir bestrafen zwar niemanden mehr für ein schen Form, auch noch in der Dissonanz, in der bewussten
Erdbeben – aber wenn nach einem Erdbeben eine große Zahl Durchbrechung des Ideals der Proportionalität, ist es zumin-
von Opfern zu beklagen ist, wird nach der Verantwortlichkeit dest in seiner Abwesenheit präsent, als die fragmentarische
von Bauherren und Architekten gefragt, die es möglicherwei- Form. Die Kunst exekutiert das uneingelöste Versprechen der
se unterlassen haben, erdbebensichere Häuser zu bauen. Gerechtigkeit also nicht einfach, lässt sich nicht zur Vollstre-
Wir können, so scheint es, trotz besseren Wissens von ih- ckerin von menschlichen Gerechtigkeitsprojektionen degra-
rer Unmöglichkeit ohne eine stillschweigend unterstellte dieren, sondern macht den subjektiv-projektiven Charakter
absolute und objektive Gerechtigkeit nicht leben. Das positi- unserer faktischen Gerechtigkeitsüberzeugungen bewusst,
ve Recht mit allen seinen Unzulänglichkeiten befriedigt die- indem sie im indirekten Licht absoluter Gerechtigkeit deren
ses Verlangen nur halbwegs. Mit der Positivierung des Unzulänglichkeit und Endlichkeit sichtbar werden lässt –
Rechts haben viele Gesellschaften bewusst auf das Projekt ebenso wie sie die herrschenden, institutionalisierten Rechts-
der Herstellung absoluter Gerechtigkeit auf Erden verzichtet. ordnungen gerade in ihrem Anspruch in Frage zu stellen
Die Heraufkunft der civitas dei liegt in Gottes, nicht in Men- vermag, Recht zu sein. Vielmehr führt sie durch die bloße
schenhand. In einer säkularen und postmetaphysischen Welt Anordnung des Materials gleichzeitig zwei einander wider-
gibt es keine objektive, sich in der Ordnung des Kosmos streitende Aspekte vor: sie setzt den Rezipienten der Nöti-
realisierende Gerechtigkeit mehr wie noch in der Philosophie gung aus, in der zeitlichen Abfolge von Kausalverläufen eine
des Anaximander von Milet oder in dem von Cicero überlie- wie auch immer gebrochene und verborgene Gerechtigkeit
ferten Traum des Scipio. Die historische Erfahrung mit einer am Werke zu sehen, und sie lässt den Rezipienten an sich
von Menschen beanspruchten und praktizierten absoluten selbst das Projizieren dieser Gerechtigkeit in das ästhetische
Gerechtigkeit war zumeist auch die Erfahrung von Unheil, Material bewusst werden. Sie hält gleichsam den Augenblick
Terror, Elend und neuem Unrecht – so kann man Kleists fest, in dem er zu einem Gerechtigkeitsurteil ansetzt. Das
Erzählung von Michael Kohlhaas lesen. Das Leben unter gleichzeitige Evozieren und Bewusstmachen des Verlangens,
einer positivierten Rechtsordnung enttäuscht zwar absolute das Versprechen absoluter Gerechtigkeit möge in einer säku-
Gerechtigkeitserwartungen, doch ermöglicht es trotz aller larisierten Welt eingelöst werden, in der nichts mehr für die
Unzulänglichkeiten immerhin ein Zusammenleben in relati- Einlösung dieses Versprechens bürgt, wäre heute die poeti-
ver Freiheit, Würde und in Frieden; nicht zuletzt auch des- sche Gerechtigkeit.29 Von ihr zehrt das literarische Kunst-
halb, weil die Menschen bewusst, hier und jetzt, ihre Rechts- werk in der soeben erläuterten gebrochenen, negativen Form,
verhältnisse gestalten und verändern. Wenn das positive aber auch die Fallerzählung der moralischen und rechtlichen
Recht einen untilgbaren Rest des hartnäckigen Gerechtig- Alltagspraxis. Sie ist das geheime Organisationszentrum
keitsverlangens unbefriedigt lässt – wo lässt es sich dann jeder Erzählung, deren Proportionalität sich der Willkür des
noch artikulieren? Erzählers nie ganz unterwirft, wie auch die absolute Gerech-
Wenn wir auch heute noch, im säkularen, postmetaphysi- tigkeit unverfügbar bleibt und sich der willkürlichen Aneig-
schen Zeitalter versucht sind, Gerechtigkeit dort zu suchen, nung durch einen Akt der Gesetzgebung, der Positivierung
wo wir gleichzeitig wissen, dass es keine gibt, dann ist mög- des Rechts oder des gerichtlichen Urteilens entzieht.30
licherweise die Kunst der Ort und die Praxis, welche sich Als eine solche Platzhalterin wäre das literarische Kunst-
diesem Verlangen stellt. Kunst konstruiert Zusammenhänge werk dann auch nicht subsituierbar und auch nicht übersetz-
einer objektiven Gerechtigkeit, ohne sie als solche auszuspre- bar. Als solche in profanen Worten ausgesprochen, klingt die
chen – und unterläuft sie zugleich. Es ist vielleicht kein Zu- Forderung nach einer absoluten Gerechtigkeit naiv und lä-
fall, dass die Kunst in dem Augenblick autonom zu werden cherlich – wir wissen es schließlich, aus Erfahrung klug und
beginnt, da das eine objektive und absolute Gerechtigkeit nüchtern geworden, alle besser. In Max Frischs Roman ist es
verbürgende Glaubenssystem zerbricht und das positive dieses Wissen, das unsere Sympathie mit Fabers Zurückwei-
Recht sich gegenüber anderen sozialen Systemen, vor allem sung einer Schuld erzeugt. Es ist die ästhetische Form, die
gegenüber Moral und Religion, weitgehend verselbständigt. Ironie, die uns auf die andere Seite unseres Wissens, auf
Die Kunst wird so zu dem Ort, an dem über das Versprechen unser unaufgebbares, unhintergehbares und zugleich unein-
einer absoluten, unverfügbaren Gerechtigkeit verhandelt lösbares Verlangen nach Gerechtigkeit lenkt. Der nüchterne,
wird. Wenn weder Religion noch Moral und Recht, und auch sachliche Bericht, den Faber allein zu dem Zweck verfasst,
nicht die wissenschaftliche Erklärung der Natur eine Antwort
auf die Frage Hiobs mehr zu geben wissen, nimmt die Kunst 28
Zum Verhältnis des Kriminalromans zum „Geheimnis
das für den Menschen konstitutive, aber unrealisierbare Ver-
oberhalb des Gesetzes“ s. Kracauer, Der Detektiv-Roman,
langen nach einer absoluten Gerechtigkeit auf. Formal kehrt
Ein philosophischer Traktat, 1979, S. 65 ff.
sie im Ideal der Proportionalität wieder, das in der autonomen 29
Wenn überhaupt, wäre allein darin auch die öffentliche
Kunst reflexiv selbst zum ästhetischen Objekt wird. Es
Funktion des literarischen Kunstwerks zu sehen – anders als
kommt in trivialer Weise zur Geltung in den vielen mehr oder
bei Nussbaum, die diese Funktion allein auf die Schulung der
weniger kitschigen Geschichten, die mit einem mehr oder
Kontextsensibilität des moralischen Urteils bezieht: Nuss-
weniger langwierig und schwer errungenen Sieg des Guten
baum, Poetic Justice – The Literary Imagination and the
Public Life, 1995.
30
Derrida, Gesetzeskraft, 1995, S. 56 f.
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ZIS 1/2010
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Poetische Gerechtigkeit in Recht und Literatur
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das zum Tode seiner Tochter führende Geschehen als eine keit zu befeien, die das Leben stets nur als einen Verschul-
zwar unwahrscheinliche, aber nicht unmögliche Kette von dungszusammenhang deutet. Freilich wiederum ironisch als
Zufällen erscheinen zu lassen, mit dem er sich explizit gegen „Verfügung für den Todesfall“ – also, in der Sprache des
die Konstruktion einer Fügung, eines Verschuldungszusam- Rechts.
menhangs wendet, indem er sie als Mystifikationen und Spin-
tisiererei verwirft, bewirkt das Gegenteil. Allein schon mit
seinem Bericht selbst stellt er einen Zusammenhang zwischen
Kausalität und Vergeltung her, der in der unbeantwortet blei-
benden Frage „Was ist denn meine Schuld?“ nur kulminiert.
Es ist eine geniale Ironie, denjenigen, der als Techniker eine
Weltsicht verkörpert, in der es keine objektive Gerechtigkeit
gibt, allein durch die narrative Struktur seines Berichts an
eben diese objektive Gerechtigkeit appellieren zu lassen,
damit sie ihn von Schuld freispreche. Ohne diese appellative
Bedeutung wäre der ganze Bericht sinnlos. Es scheint, als
seien diese Zusammenhänge in die narrative Struktur selbst
eingewoben – als könnten wir ein Leben gar nicht anders
erzählen, als indem wir es so darstellen, dass Geben und
Nehmen nach Ausgleich drängen, dass Strafe auf Verfehlung,
Verlust auf Übermaß, Lohn auf Verdienst folgt.31
Gleichzeitig hält Max Frischs Roman diese mythische
Gerechtigkeitsprojektion jedoch in der Schwebe. Frisch er-
zählt ja an keiner Stelle eine mythische Geschichte – darin
haben alle Kritiker Recht, die vor einer allzu schnellen Über-
setzung des Stoffes in eine mythische Erzählung warnen. Es
handelt sich nur um Anspielungen, Andeutungen und ver-
steckte Zitate – von denen wir uns beim Lesen gefangen
nehmen lassen, um selbst, den Text rezipierend, jenen tragi-
schen Verblendungs- und Verschuldungszusammenhang zu
konstruieren, den es objektiv gar nicht gibt und den der Text
so auch gar nicht exemplifiziert. Damit erfährt der Leser an
sich selbst, kann selbst nachvollziehen, wie er einen tragi-
schen Zusammenhang von Verfehlung und Strafe überhaupt
erst herstellt. Auf diese Weise entzieht sich das literarische
Kunstwerk sowohl der einfachen Deutung als bloßes Repetie-
ren einer mythischen Gerechtigkeit – wie es zugleich auch
ihre Konstruktion bloßlegt und transparent macht.
Schließlich lässt Frisch seinen Roman in einem kurzen
Absatz kulminieren, der die mythische Konstruktion einer
absoluten Gerechtigkeit noch einmal überschreitet. Es ist
jener Absatz, von dem Max Frisch in Montauk sagt, dass er
unabhängig vom Homo faber gültig bleibe32: „Verfügung für
den Todesfall: alle Zeugnisse von mir wie Berichte, Briefe,
Ringheftchen, sollen vernichtet werden, es stimmt nichts. Auf
der Welt sein: im Licht sein. Irgendwo (wie der Alte neulich
in Korinth) Esel treiben, unser Beruf! – aber vor allem:
standhalten dem Licht, der Freude (wie unser Kind, als es
sang) im Wissen, dass ich erlösche im Licht über Ginster,
Asphalt und Meer, standhalten der Zeit, beziehungsweise
Ewigkeit im Augenblick. Ewig sein: gewesen sein.“ Liest
man diese Sätze wie einen Kommentar zu dem Spruch des
Anaximander, so könnte er sich als Aufforderung verstehen
lassen, sich von der unablässigen Projektion einer Gerechtig-

31
Vgl. zu den internen Zusammenhängen zwischen narrativer
Struktur und Gerechtigkeit Binder/Weisberg (Fn. 3), S. 264 f.;
sowie Winter, Michigan Law Review 87 (1989), 2225 ff.
32
Frisch, Montauk, 1975, S. 199.
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Zeitschrift für Internationale Strafrechtsdogmatik – www.zis-online.com


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