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de © Tomass Lacis / Bodhiviriya

Das erste kleine Erwachen


(ein kurzes eBook zur spirituellen Verwirklichung)

Dieser kurze spirituelle Text ist vornehmlich an all Diejenigen gerichtet, die bereits über eine gewisse
spirituelle Erfahrung verfügen und nun dafür offen werden, sich auf den Weg zur Erleuchtung, also
zur Ego-Transzendenz zu begeben.
Aus Gründen der Einfachheit, Lesbarkeit und Ästhetik verwende ich die Begriffe Erleuchtung,
Stromeintritt, Erwachen, Ego-Transzendenz und dergleichen oft als synonym sowohl mit der vollen
Erleuchtung als auch mit der ersten bzw. kleineren Erleuchtungsstufen. Wir werden später noch
näher darauf eingehen, dass es vier Erleuchtungsstufen gibt, von der die erste der Stromeintritt ist.

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Das spirituelle Erwachen bzw. die Erleuchtung geschieht authentisch. Das heißt, es ist tatsächlich
möglich, jetzt und in diesem Menschenleben Erleuchtung zu erlangen. Als letztlicher Beweis dafür
kann einzig die eigene Verwirklichung dienen, konventionell betrachtet finden wir in klassischen und
zeitgenössischen Berichten über authentische Realisierungen eine beachtliche Zahl von solchen
Fällen.

Erleuchtung ist grundlegend gesprochen die uns allen bereits tief innewohnende, vor Antritt der
spirituellen Praxis und späteren Verwirklichung noch schlafende Qualität, die uns von den
(künstlichen) Begrenzungen des Egos befreit.
Wir können frei werden von energieraubenden Verurteilungen gegenüber uns selbst und unserer
(sozialen) Umwelt. Wir können frei sein von Verstrickungen, sich ständig wiederholenden und
belanglosen (mentalen) Geschichten, letztlich fiktiven Zeitsprüngen im Geist und dem damit
verbundenen Leid. Wir können die immer vorhandene Stille offenlegen und uns selbst als diese
erkennen – und den inneren Kritiker zum Schweigen bringen.
Die Erleuchtung/ das Erwachen beendet die allseits bekannte Sehnsucht und Suche der Menschen
nach einer tieferen Erfüllung. Erleuchtete haben sich dem Leben und dem Weg, welchen es nimmt,
vollständig hingegeben und verweilen so in einer unerschütterlichen inneren Stille und im Frieden
mit allem.
Dies geschieht durch ein Einssein mit den Dingen und keineswegs durch das Aufsetzen der
trügerischen rosaroten Brille. Durch Erleuchtung finden wir Frieden in dem Urgrund des Seins, in dem
reinen Bewusstsein, in der So-Heit (Tathata), in der die Dinge so und nur so betrachtet und
angenommen werden, wie sie jetzt sind.
~

Als ein vollständig Erleuchteter gefragt wurde, was ihn von einem „üblichen Menschen“
unterscheidet, antwortete er:

„Wenn ich esse, esse ich. Wenn ich gehe, gehe ich.
Wenn ich müde bin, schlafe ich. Wenn ich spreche, spreche ich“

Das spirituelle Erwachen ist keine Idee und hat nichts mit einem Glauben, im Sinne einer reinen
Vorstellung, zu tun. Interessanterweise hat Erwachen sogar mit Spiritualität nichts zu tun, denn
Spiritualität weckt oft unrealistische Erwartungen, nicht zutreffende Klischees über Erleuchtung uvm.
Echtes Erwachen weckt Einen auch von dem, was oft einseitig mit „Spiritualität“ umschrieben wird,
auf – und wirft einen zurück in die nackte Realität.

Bei Erleuchtung handelt es sich weder um einen Gedanken, eine Gedanken-Komposition, ein Gefühl,
ein Skandha, ein distinktes Bewusstseins-Merkmal, noch um eine andere Erscheinung (vgl. hierzu das
buddhistische Konzept vom Bedingten Enstehen; Majjhima Nikaya, Sutta 38)

Es handelt sich weder um eine Erfahrung noch um einen Zustand. Dies wird erst wirklich klar, wenn
man selbst die spirituelle Verwirklichung erreicht und das torlose Tor durschreitet. Es lässt sich – wie
es bei authentischer Erleuchtung eben ist – nicht (verbal) erläutern:

„Das Tao, was als solches aufgezeigt [bzw. benannt] werden kann, ist nicht das wirkliche Tao“ –
Laotse [aus der Einleitung des Tao Te Ching]

Kurz gesagt: Da wir Erleuchtung mit dem Verstand nicht erfassen und erklären können, – und das Ziel
selbstverständlich ohnehin in der tatsächlichen Verwirklichung liegt – fahren wir mit einer Methode
fort, mit der unzählige Menschen seit vielen Jahrhunderten die Erleuchtung erreicht haben. Es gibt
viele unterschiedliche Methoden zur Erleuchtung, die hier vorgestellte führte bei mir und in meinem
Umfeld zum Erfolg.
Am Rande sei noch erwähnt, dass die gängige Aussage „Du bist bereits erleuchtet“ zwar letztendlich
wahr ist, dem Sucher bzw. Demjenigen, der sich selbst als Sucher wahrnimmt, oft nicht hilft, weil der
direkte Hinweis auf das So-Sein nicht tief genug reicht, um die Ego-Identifikation aufzuheben.

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Achtung! Bevor ich zur Vorstellung der Methode komme, sei angemerkt, dass ich keinerlei Haftung
jedweder Art für die Ausführung dieser Praxis übernehme. Jeder Leser und Praktizierende handelt
eigenverantwortlich und bestenfalls in Begleitung eines autorisierten spirituellen Lehrers sowie ggf.
eines Psychologen/ Psychotherapeuten bzw. eines Arztes. Dies ist insbesondere dann zu beachten,
wenn bei einer Person bereits eine bestimmte Diagnose vorliegt, insbesondere Depression – oder
auch nur, wenn die Person eine Neigung zu Depressionen hat.
Was bin ich?

Vorbemerkung vor Anwendung der beschriebenen Methode:


Von vielen Lehrern wird eine teils mehrmonatige oder gar mehrjährige kontinuierliche
Meditationspraxis verlangt, bevor Erwachens-Fragen (sog. Koan) und ähnlich starke Methoden zur
Erleuchtung überhaupt in Betracht kommen. Es kann nicht laut genug darauf hingewiesen werden,
wie wichtig Erdung ist, wenn jemand den Weg zur Erleuchtung gehen will. Darauf seist Du, lieber
Leser, hiermit nochmal aufs Deutlichste hingewiesen.

Unser Weg (es gibt Viele!) zur Erleuchtung besteht darin, die Frage „Was bin ich?“, abkürzt auf die
zwei Silben „Wa bi“ kontinuierlich im Geiste zu wiederholen. Beim Einatmen sprechen wir innerlich
„Wa“ und beim Ausatmen „bi“. Wir atmen dabei ins Hara, das ist die Stelle des Gleichgewichts. Es ist
der große Kraftpunkt im Menschen, der Punkt, von dem aus sich am besten Konzentration
entwickeln kann.

„Was bin ich?“ ist eine traditionsübergreifende spirituelle Frage, die zur Erleuchtung führt.

Der berühmte indische Weise Ramana Maharshi gab seinen Schülern dieselbe Methode in der
indischen Übersetzung „Nan Yar?“.
„Was bin ich?“ ist als Methode mit den Zielen und Arbeitsweisen des Neo-Advaita vollkommen
vereinbar.
Auch das antike griechische Orakel von Delphi forderte seine Besucher am Eingang auf: „Erkenne
Dich selbst“, wobei auch dies ein Hinweis auf die absolute, zeitlose, spirituelle Essenz der Besucher
sein sollte und keinesfalls eine Einladung zur Auseinandersetzung mit der eigenen, relativen Person
bzw. dem Ich-Mechanismus, der (so wird in der Erleuchtung gesehen) auf keine getrennte Ich-Entität
verweist, auch wenn er das vortäuscht.

Nun aber zurück zur Methode, nämlich „Wa bi“ (als Abkürzung zu „Was bin ich?“):

Die Wiederholung dieser Silbe erinnert an die Verwendung eines Mantra. Nachdem die Frage im
Geiste gestellt wird, ist NICHT die Beantwortung das Ziel, insbesondere nicht durch Nachdenken.

„Wabi“, trotz stetiger Wiederholung, hat mit Dadaismus nichts am Hut. Praxis ist die mit dem Atem
verbundene Wiederholung im Hara. Praxis ist es, „Wa bi“ wiederholt zu schreiben: „Wa bi wa bi wa
bi wa bi ….“. Praxis ist natürlich auch formale Meditation mit dem Koan / Mantra „Wa bi“.

Nachdenken, Grübeln, Diskutieren, Zweifeln und Ähnliches sind keine Bestandteile der Praxis und
bringen die Praktizierenden auf dem weglosen Weg der Erleuchtung nicht voran.
Insbesondere ist die Frage „Was bin ich?“ KEINE intellektuelle Frage und es ist fern unserer Intention,
damit einen existentiellen philosophischen Diskurs anzustoßen. Die „Antwort“ wird aus der Tiefe des
Geistes durch genug Praxis/Wiederholung irgendwann in einem Moment völliger Entspannung von
selbst aufsteigen.
Ob der Praktizierende ähnlich dem Zen-Meister Hakuin den heroischen und dramatischen Weg zur
ersten Erleuchtungsstufe oder den Entspannungsweg geht, wie es bspw. Dogen Zenji tat, ist letztlich
unerheblich.
Der letzte Moment vor der Erleuchtung bedingt notwendig ein völliges Zulassen, Loslassen und
Annehmen. Für mindestens einen Moment muss sich das Ego vollständig auflösen. Ob dieses volle
Entspannung das Resultat einer längeren Zeit gradueller Entspannung einerseits oder aber einer
angespannten, heroischen Praxis ist, ist am Ende gleich.
In beiden Fällen, dies kann man gar nicht stark genug betonen, muss eine uneingeschränkte
Entschlossenheit vorherrschen, damit eine Chance gegeben ist, dass man aufwacht. Ohne geht es
nicht, und man wird nach ein paar Wochen oder Monaten frustriert aufgeben. Überhaupt ist
Durchhaltevermögen und Geduld echtes Gold wert, wenn man Erleuchtung entdecken und sein Ego
loslassen will.

Mit jeder innerlich wiederholten Silbe von „Wabi“ nähert man sich dabei dem spirituellen Erwachen.
Das „a“ aus der ersten Silbe hat dabei eine öffnende Wirkung auf das eigene Bewusstsein, das „i“
eine konzentrative Qualität, die in die Tiefe führt. Wiederholt man Wa bi also immer öfter, stellen
sich gewisse Effekte ein. Die Konzentration erhöht sich, die Negativität im eigenen Geist wird von den
Silben „verspeist“, außerdem kommt man, unbedingt gepaart mit Bauchatmung ins Hara, immer
tiefer. Diese Tiefe ist notwendig, damit die Erleuchtung nicht oberflächlich bleibt und man geht selbst
nach Lösung der Erleuchtungs-Frage „Was bin ich?“ / Wa bi durch weitere Praxis immer tiefer.

Letztlich wird Wabi die energetischen Ego-Blockaden auflösen und so die uns allen inhärente
Buddha-Natur der Praktizierenden bzw. des Praktizierenden befreien, was man Ego-Transzendenz
oder Erleuchtung bzw. Erwachen nennt.

Man kann das Wabi im Alltag praktizieren, etwa beim Laufen (linker Schritt „Wa“, rechter Schritt
„bi“), beim Kochen und Essen (Gabel zum Essen führen „Wa“, Gabel in den Mund führen „bi“), auch
schreiben ( Wa bi wa bi wa bi wa bi wa bi wa bi wa bi wa bi wa bi ….), im Geiste und natürlich in der
formalen Meditation wiederholen.

Formal meditieren sollte man, um eine realistische Chance zum Erwachen zu haben, täglich
mindestens ein Mal 30 Minuten am Stück. Besser wären zwei bis drei, maximal vier Sitzzeiten pro
Tag.
Der Praktizierende sitzt zwischen 30 und 45 Minuten pro Meditationssitzung, denn dadurch wird die
eigene Praxis tief und konzentriert genug. Durch eine gesteigerte Konzentration (anfangs vor allem in
der formalen Meditation) ist es möglich, in die sogenannten Jhanas zu kommen. Das sind
Vertiefungs-Zustände, die oft mit subtilen angenehmen Gefühlen verbunden sind.

Eine Vielzahl von Meditierenden haben schon einmal erlebt, wie in der Meditation eine Art
enthusiastisches Gefühl, ein geistiger „Anker“ und sogar ein angenehmer, sich über den ganzen
Körper verteilender Mantel an Glücksgefühlen sich über sie legt. Der „Anker“ ist hierbei die
sogenannte „angrenzende Sammlung“, der Enthusiamus das erste Jhana und der Glücksgefühl-
Mantel das zweite Jhana.
Zu Jhanas sei unbedingt auf die Gefahr der Sucht hingewiesen. Es ist unter allen Umständen davon
abzuraten, an den Jhanas zu klammern und sie immer wieder willentlich zum Aufbau von
Glücksgefühlen hervorrufen zu wollen. Solch eine Sucht kann zu ernsthaften psychischen und
physischen Schäden führen und hat nichts mit einem Fortschritt auf dem Gebiet der Erleuchtung zu
tun.
Zweitens ist wichtig zu sehen, dass Jhana-Zustände nicht selten mit dem Erwachen / der Erleuchtung
verwechselt werden. Teilweise propagieren Jhana-Süchtige sogar unbewusst diese Zustände als
Erleuchtung oder als Allheilmittel schlechthin. Es kann aus Unwissenheit leicht zu Verwechslungen
zwischen dem Eintauchen in die Jhanas und dem „Erreichen“ der Erleuchtung kommen.
Den höheren Jhanas wohnt nämlich ein Gefühl einer unendlichen Ausdehnung des Geistes inne,
sowie ein drogenähnliches Schwebe-Gefühl von völliger Leichtigkeit und Mühelosigkeit. Während
oberflächlich betrachtet bzw. stereotyp gesehen solche und ähnliche Zustände mit Erleuchtung
assoziiert werden, ist in Wahrheit der echt Stromeintritt als erste Erleuchtungs-Stufe
„geschmacklos“.
Dieser aus dem Zen stammende Begriff zeigt auf, dass die (erste) Erleuchtung(sstufe) keinesfalls ein
wie auch immer geartetes und vergängliches „High“ erzeugt, sondern vielmehr eine Rückkehr auf
den Boden der Tatsachen und zur wahren, offenen, ungefilterten Natur des Geistes bedeutet.

Interessanterweise ist es nicht notwendig, im Jhana zu sein oder überhaupt ein „Talent“ für Jhanas
aufzuweisen, um Erleuchtung zu erlangen. Insbesondere mit der hier vorgestellten Methode/
Erleuchtungs-Frage „Was bin ich?“ / „Wa bi?“ fällt man im Moment des Stromeintritts ohnehin durch
alle Vertiefungszustände/ Jhanas hindurch, was ein erheblicher Vorteil dieser Erwachens-Methode
ist. Dadurch kann nämlich die nervenzehrende Dramatik kurz vor dem Stromeintritt (1.
Erleuchtungsstufe), die mit dem Aufsteigen der 7 Erleuchtungsglieder einhergeht, ausbleiben. Das
Aufsteigen derselben kann psychisch sehr herausfordernd sein, sodass die Betroffene bzw. der
Betroffene in vielen Fällen z.B. nächtelang fast schlaflos bleibt.

Die 7 Erleuchtungsglieder (Bojjhanga) sind:

Achtsamkeit (Sati)
Wahrheitsergründung (dhamma vicaya)
Energie (Viriya)
Freude (Piti)
Ruhe (Passadhi)
Konzentration (Samadhi)
Gleichmut (Uppekha)

Diese steigen oft wenige Tage auf, bevor der Stromeintritt (1. Erleuchtungsstufe) erreicht wird.
Insbesondere ist dies der Fall, wenn die Person eine Neigung zum dramatisch-heroischen Weg zur
Erleuchtung hat, in der dieses „Ziel“ durch Aufbietung aller Reserven und Kräfte (und eben nicht
durch ausschließliche Entspannung) erreicht wird.

Zurück zum Wa bi an sich:

Anfangs braucht das Wa bi einen gewissen Anschub, das heißt, es ist insbesondere in den ersten paar
Monaten entscheidend, immer wieder die Silben zu wiederholen, ohne längere Lücken zu lassen. Die
Wiederholungsgeschwindigkeit ist an den Atem geknüpft (beim Einatmen „Wa“, beim Ausatmen
„bi“), sodass auf eine Natürlichkeit beim Wiederholen dieser Frage zu achten ist. Nichtsdestotrotz ist
ein gewisser Anschub wie erwähnt anfangs notwendig.
Nach einer gewissen Zeit voller beständiger Wiederholung, die den Alltag vollständig einnimmt und
in Tandem mit formaler Meditation gestärkt wird, erhält das „Wa bi“ ein Momentum. Es fängt sogar
an, sich selbst im Geist, ohne das aktive Wiederholen des Übenden, von alleine zu wiederholen.
Das kann sogar so weit führen, dass Viriya (sankskrit: „Energie/Kraft“) als einer der sieben
Erleuchtungsfaktoren aufsteigt. Wer beispielsweise über mehrere Minuten hinweg beständig,
konzentriert und energisch während der Gehmeditation beim linken Schritt „wa“ und beim rechten
Schritt „bi“ wiederholt, kann plötzlich eine Art Kraftfeld unter sich spüren, welches denjenigen quasi
automatisch nach vorne zieht.
Ohne eigenes Einwirken wird man nach vorne geleitet und bewegt sich gefühlt (fast?) von selbst,
wobei das Aufhören und „Widersprechen“ gegenüber dieser Kraft einem sehr unnatürlich
vorkommen kann, weshalb man weitermacht, bis diese Kraft sich abschwächt und letztlich
verschwindet.

Noch ein Wort dazu, dass „Wabi“ sich irgendwann selbst zu wiederholen beginnt:

In meinem Umfeld besaß niemand das geistige Talent, um das zu beurteilen, unseren Vermutungen
nach wiederholt sich das Wa bi jedoch sogar nach längerer Praxiszeit im Schlaf von selbst. Das ist ein
weiterer von vielen Vorteilen der Methode, denn somit macht man nachts unmerklich und ohne
Eigeneinwirkung tiefen Fortschritt, weil die Ego-Barrieren im Schlaf wegfallen und man für die
Wirkung von Wa bi noch empfänglicher ist.
Der Aspekt des „Sich-selbst-sprechenden-Mantras“ offenbart aber auch einen Nachteil der „Wabi“-
Methode für das Aufwachen/ die Erleuchtung: Es ist nämlich eine entscheidende Frage der
psychischen Stabilität und der Veranlagung, ob man damit zurecht kommt, täglich und oft im eigenen
Geiste, teils auch ungewollt, diese Silben zu „hören“/ zu haben.

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Gibt es eine „Antwort“ auf die Frage: „Was bin ich?“

Aber was ist denn nun, könnte man fragen, die „Antwort“ auf die Frage: „Was bin ich?“.

Die „Antwort“ ist: Anatta, was so viel wie Nicht-Ich bedeutet. Auf der Erfahrungsebene ist vielleicht
konkreter gesagt der Stromeintritt die „Antwort“ auf die Frage: „Was bin ich?“.

Authentische Erleuchtung ist tatsächlich das Durchblicken und Sich-Lösen vom Ich. Dadurch wird das
Ego als Mechanismus und Werkzeug auf seinen natürlichen Platz verwiesen und kann fortan zum
Planen, für konventionelle Entscheidungen und Ähnlichem mehr dienen. Auf der anderen Seite
bleiben aber die krankhaften narzisstischen, arroganten, kontrollierenden und/oder
selbstzerstörerischen Tätigkeiten des Egos dank der Erleuchtung aus.

Das Ego ist das ständig ablaufende Muster an Bewertungen, fiktiven Zeitsprüngen, der Ursprung des
fundamentalen Trennungs-Gefühls und der mentale Printer für das Label „Ich“. Dieses Muster ist ein
Mechanismus und keine Entität. Dieses Muster täuscht eine Entität vor, wo keine ist, keine war und
keine sein wird. Das „Ich“, welches das Ego durch ich-hafte Gedanken und Gefühle heraufbeschwört,
kann deshalb nicht näher definiert werden und hält keiner ernsthaften introspektiven Investigation
statt, weil es letztlich eine Fiktion ist.
Es maskiert sich hinter Wertungen und inneren Trugbildern subtil ständig aufs Neue und obwohl die
Formen (das können mentale Positionen, aber auch Menschenbilder sein), die es instrumentalisiert,
einem ständigen Wandel unterworfen sind. Die Grundübersetzung „Ich“ ist bei vielen Menschen tief
verwurzelt und ohne beständige spirituelle Praxis nicht leicht völlig zu durchschauen oder gar
aufzuheben.
Trotz des illusionären Charakter des „Ich“ hat jedoch das egomäßige Klammern an die Formen bzw.
der Widerstand gegen diese reale Auswirkungen.
Die vom Ego genutzten Formen können andere Personen, wissenschaftliche Titel, vergangene
Verletzungen, Reichtümer, politische Positionen, Ernährungsweisen, das Aussehen, den Intellekt, die
Herkunft, den sozialen Umgang, Fähigkeiten & Fertigkeiten und vieles mehr betreffen – und die klare
Sicht auf diese Phänomene vernebeln.
Grundlegend kann gesagt werden: Sobald man seine Identität mit dem Ego verwechselt und dadurch
den Bezug zur eigenen Buddhanatur, also zum freien und offen-wahrnehmenden Geist verliert, ist oft
Leid das Resultat. Unabhängig von den exakten Formen, an die sich das Ego klammert bzw. gegen die
es sich auflehnt, werden prinzipiell die gleichen Mechanismen und (leiderzeugenden) Auswirkungen
auftreten, die im Folgenden beschrieben werden:

* Ein grundlegendes und unstillbar scheinendes Mangel-Gefühl


*Ausübung von Kontrolle (bspw. gegenüber Mitmenschen durch Manipulation, Gaslighting, etc.)
*Abwertung des wie auch immer gearteten „Anderen“ und Aufwertung des Ich bzw. der eigenen
Gruppe (sog. In-Group-Bias)
* Ein Übersehen und Ignorieren der Gegenwart als einzig realem Zeitpunkt bzw. als einziges
Absolutum überhaupt
* Wiederholte Sprünge in der mental konstruierten Zeit, die nicht funktionalem Planen und Erinnern,
sondern für Ego-Anhaftungen benutzt werden
* Erzeugung und Aufrechterhaltung eines grundlegenden Trennungs-Gefühls, bspw. durch mental-
emotionale Isolation oder die Konstruktion von inneren Feindbildern
* Jegliche Art von hierarchischem Denken
* Abzug von Energie bei sich und anderen
* Machtmissbrauch, Arroganz und Überheblichkeit
* Unfähigkeit zur Empathie und gewaltfreier Kommunikation
* Kreation eines Widerstandes gegenüber dem, was das Ich / Ego nicht haben oder sehen will
* viele Arten von zwanghaftem Verhalten und Denken
* usw., usf.

Wie hoffentlich ersichtlich ist, sind zwar die Formen, die das Ego für sich wählt und im gewissen
Sinne auch die genaue Palette an den oben beschriebenen Ego-Taktiken von Ego zu Ego
unterschiedlich. Dennoch ist kein Ego originell. Der Katalog an Ego-Aktivitäten im Geist ist, sobald er
grundlegend durchblickt wurde, überschaubar. Viele Egos täuschen dennoch eine Originalität vor,
welche aus der fiktiven Trennung und damit verbundenen Angst (z.B. vor mangelnder Anerkennung)
entspringt.

Nochmal: Das Ego ist keine Entität, sondern ein Mechanismus. Ein Mechanismus aus Wertungen,
Fiktionen, Geschichten über sich selbst, Mitmenschen und „der Welt“ (die das Ego aufgrund
begrenzter Informationen nicht total kennen kann).

Die Bewegung zur Erleuchtung ist zweierlei: Einerseits bewegt man sich zur Erleuchtung hin,
andererseits streift man sein Ego ab. Dieses Abstreifen hat die Qualität eines Hinsetzens des Egos,
eines Durchblickens seiner Muster und Funktionsweise (oder vielleicht genauer: Nicht-
Funktionsweise) und letztlich eine Freiheit von der Ego-Diktatur.
Erleuchtung ist kein Gewinn überhaupt und erst recht kein Gewinn eines überhöhten, überweltlichen
Zustandes, sondern vielmehr eine reduktionistische Erfahrung, bei der die Schleier wegfallen. Die
Erleuchtung fügt der Realität nichts hinzu, sondern nimmt alle Täuschungen weg.
Es sei noch angemerkt: Wer Erleuchtung finden will, kann Feuer nicht mit Feuer bekämpfen. Das
heißt, dass das Ego nicht durch neuen Widerstand (gegen den Widerstand) transzendiert wird,
sondern durch die Anwendung der dafür geeigneten und seit Jahrtausenden geprüften Methoden
und heilsamen Faktoren. Buddha nannte das „den Mittleren Pfad“.

Wie weiß man, dass man wirklich erwacht ist bzw. den Stromeintritt hat?

Die wichtigste Bestätigung dafür ist die eigene innere Bestätigung. Frag dich selbst, ob du frei vom
Ego und seinen Beschränkungen bist. Sei, um den Buddha zu zitieren, „deine eigene Zuflucht“.

Es ist jedoch andererseits durchaus berechtigt, eine gesunde Grund-Skepsis zu halten, selbst wenn
man zutiefst überzeugt ist, den Stromeintritt (1. Erleuchtungsstufe) oder sogar noch mehr erreicht zu
haben. Es empfiehlt sich i.d.R. sehr, eine(n) (buddhistischen) Lehrer(in) o.ä. aufzusuchen, die einem
im Dokusan (Befragung) die eigene Verwirklichung bestätigen kann.

Denn sonst ist im Zweifel eine korrekte Deutung bestimmter spiritueller Phänomene schwierig. Ein
guter Freund von mir war beispielsweise über mehrere Wochen hinweg in einem Unendlichkeits-
Jhana, in der es in seinem Geist keine Grenze gab. Er fühlte sich in dieser Zeit permanent glücklich
und heiter, beim Autofahren kam es ihm vor, als würde er durch die Gegend fliegen.

Trotzdem war das kein Stromeintritt / keine Erleuchtung.

Es ist besser, sich von einem kompetenten Lehrer beraten und einschätzen zu lassen. Ansonsten
bergen bestimmte spirituelle Erfahrungen die Gefahr, an vergänglichen und somit letztlich (für die
Erleuchtung) irrelevanten Zuständen zu klammern oder gar eben diese als Erleuchtung
fehlzuinterpretieren.

Im Rinzai-Zen ist der Vorteil, dass man regelmäßig, vielleicht ein oder zwei Mal pro Woche, ins
Dokusan (Interview) kommen kann und dort seine „Lösung“ der aktuellen Erleuchtungs-Frage (Koan)
präsentiert. Bei uns wäre das z.B. „Was bin ich?“. So kann der Meister bzw. die Meisterin auf
Irrtümer hinweisen und den spirituellen Weg näher aufzeigen, d.h. konstruktive Anstöße und
Praxistipps geben.

Hierbei sei angemerkt, dass „Lösungen“ von Koan, wie es unsere Methode „wa bi“ auch ist, uns die
transzendente Natur der Erleuchtung wieder vor Augen führen. Lösungen und Lösungsansätze zu
Koan im Dokusan sind nämlich sehr oft non-verbal und in jedem Fall jenseits von bloßen Konzepten.
Die „Lösungen“ kommen aus der Stille, mal explosiv-spontan, mal selbstverständlich-entspannt. Sie
spiegeln die Qualität der jeweiligen Eigenschaft des Bewusstseins wider, für die das Koan
„entwickelt“ wurde. Mehr dazu kann zum Beispiel in den Koan-Sammlungen „Mumon-Kan“ und
„Hekiganroku“ nachgelesen werden.
Bei „Wa bi“ als Koan geht es darum, eine Verbindung zur Leerheit (Shunyata) herzustellen. Vielen ist
das berühmte Zitat aus dem buddhistischen Herz-Sutra:

„Form ist Leerheit, Leerheit ist Form“

schon untergekommen. Dieses Zitat enthält die gesamte Essenz des Buddhismus, der hier
repräsentativ für viele, wenn nicht alle, spirituelle Wege stehen soll.

Leerheit ist primär Leerheit vom Ich. Wer Leerheit verwirklicht, ist ein Sotapanna, hat also die erste
Erleuchtungsstufe, den Stromeintritt, erreicht. Ist das der Fall, so wird die betreffende Person es
entweder selbst schlagartig merken oder zumindest (bei sanfteren Formen des Stromeintritts durch
volle Entspannung), in der Lage sein, z.B. im Dokusan die Lösung zu „Wabi“ / „Was bin ich?“ zu
präsentieren.
Nach Erreichen des Stromeintritts auf heroischem Weg kommt es einigen Praktizierenden so vor, als
habe sich alles um sie herum schlagartig verändert. I.d.R. sehen sie viel deutlicher als ihre
„Entspannungs-Kollegen“, dass jedes Phänomen eine Projektion ihres eigenen Geistes ist und das sie
sich beispielsweise niemals tatsächlich fortbewegen, selbst wenn sie es aus physikalischer Sicht tun,
weil sie eben immer Jetzt-Hier sind und die konkrete physikalische Ausprägung dieses Jetzt-Hier eine
Projektion ihres Geistes ist.

Abschließend sei nochmals betont, dass der Stromeintritt, den man durch die Lösung von „Wabi“ /
„Was bin ich?“ erreichen kann, nicht das Ende der spirituellen Entwicklung ist. So ist in vielen
Übersetzungen des Herzsutra explizit formuliert: „Auch wer das Absolute geschaut hat, ist noch nicht
erleuchtet“.

Die Erfahrung von Anatta/ Nicht-Ich / Leerheit /Shunyata als „Lösung“ von Wabi ist das erste kleine
spirituelle Erwachen. Warum schreibe ich „erste kleine Erwachen“? Weil es mehrere Erleuchtungs-
Stufen gibt, um genauer zu sein, Vier an der Zahl (Sotapanna, Sakadagami, Anagami, Arahant). Diese
aus dem Theravada-Buddhismus stammende Unterteilung in vier Stufen entspringt keinesfalls einem
dogmatisch-scholastischem Verständnis vom Buddhismus, sondern vielmehr traditionsübergreifend
der eigenen Erfahrung von unzähligen Praktizierenden aus vielen Jahrhunderten.
Ähnliche Aufteilungen des spirituellen Pfades in mehrere Erleuchtungs-Stufen finden sich im
Tibetischen Buddhismus, Zen, aber auch in der Kabbala und anderen spirituellen Traditionen, was die
Stufen der Erleuchtung als lebendige Wahrheit widerspiegelt.
Authentische Berichte über das Erwachen finden sich etwa in Philip Kapleaus „Drei Pfeiler des Zen“.
Moderne Quellen für authentischen Austausch und Verwirklichung von Erleuchtung bieten
beispielsweise Daniel Ingrams Forum „Dharma Overground“ oder etwa bestimmte Satsang-Lehrer.
Vielen ist noch die wertvolle Information unbekannt, dass Zen-Meister, die Doksuan/ Interviews
anbieten, allein durch dieses Angebot indirekt aussagen, dass sie zumindest eine der vier
Erleuchtungsstufen erreicht haben.

Wie bereits erwähnt, gibt es zahlreiche Wege zum Erwachen und es ist neben der eigenen
Verwirklichung entscheidend, dass der Meister bzw. die Meisterin auf die persönliche Veranlagungen
des Praktizierenden eingeht. Einem Menschen muss zuletzt auch klar sein, dass Erleuchtung nicht für
jedermann ist und wirklich einen beschwerlichen Weg darbieten kann.

Etliche Mitglieder des Arya Sangha (derjenigen, die Erleuchtung oder zumindest Stromeintritt
gefunden haben) sind in der Tat pleite, haben keine (perfekten) Beziehungen, einen weniger als
suboptimalen Beruf und oftmals viele andere Schwierigkeiten. Der Stromeintritt als erstes kleines
Etappenziel und selbst das vollkommene Erwachen beseitigen weder alle alltäglichen Probleme noch
werden sie auch nur ansatzweise übermenschlichen Wunschvorstellungen von Erleuchtung gerecht.
Wer vor der Erleuchtung gern Geld aus dem Fenster schmeißt, chaotisch oder beispielsweise
menschenscheu ist, wird das auch nach der Erleuchtung bleiben. Grundlegende
Persönlichkeitsmerkmale werden von der Erleuchtung nicht berührt. So bleibt aus anderer Sicht aber
die sehr sympathische Menschlichkeit vorhanden; prinzipiell hat Erleuchtung nichts damit zu tun, ein
„besserer“, moralischer oder gar unfehlbarer Mensch zu werden.
Die Empfängnis der transzendenten Stille ist in der Tat, so unvorstellbar das klingt, jenseits des
Menschseins.

Dank Jed McKenna wissen wir:

Erleuchtung ist, wenn Neo der Matrix entkommt – und nie wieder an etwas glaubt, weil er nie wissen
kann, ob die Welt, in der er sich wiederfindet, nicht doch nur die nächste Matrix ist.

Captain Ahab fand Erleuchtung, als er Moby Dick erlegte, eine Metapher für sein riesiges Ego, die
Reisen auf See eine Anspielung auf seinen spirituellen Weg, bei dem er alles hinter sich lässt.

In dem Moment, wenn Truman die Grenze seiner künstlichen Welt berührt und sieht, das dahinter,
jenseits der Schauspielereien der Welt, Nichts ist, erreicht er den Stromeintritt.

„Was hat dir die volle Erleuchtung gebracht?“, fragte man den Buddha.

Er antwortete: „Nichts. Lass mich dir jedoch erzählen, was ich dadurch verloren habe: Hass, Angst,
Verzweiflung, Unsicherheit, und Furcht vor Alter, Krankheit und Tod.“

Mögen alle Wesen das höchste Glück erreichen: Die Erkenntnis des eigenen Geistes.

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Literatur:

Mumon Ekai - Mumonkan, die torlose Schranke


Xuedou Chongxian - Hekiganroku, die Niederschrift vom blauen Fels
Jed McKenna – alle Veröffentlichungen
Eckhart Tolle – alle Veröffentlichungen
Philip Kapleau – Die drei Pfeiler des Zen
Daniel Ingram – Mastering the Core Teachings of the Buddha

Teal Swan – alle Veröffentlichungen, insbesondere:


Teal Swan – The Completion Process

Internet:

www.berlinbuddha.de

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