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Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang, Goethe-Universität Frankfurt/Main, Musterprüfung LV 5

Verstehen und Bearbeiten eines Lesetextes Seite 1

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Heiße Rechner

1 „Nachschlagewerke“ nennt man jene dicken Bücher, in denen man das, was
2 man wissen will, finden kann. In „Handbüchern“ haben Wissenschaftler das
3 von ihnen erarbeitete Fachwissen auf dem jeweils neuesten Stan d
4 zusammengestellt. Und seit im 18. Jahrhundert besonders französische
5 Gelehrte diese Idee hatten, ist in „Enzyklopädien“ und „Konversationslexika“
6 das Allgemeinwissen der Gegenwart gesammelt und alphabetisch geordnet
7 zu finden. Man braucht also nur in die Bibliothek zu gehen und kann in den
8 dort zur Verfügung gestellten Nachschlagewerken die Informationen, die
9 man sucht, mit wenigen Handgriffen auffinden.
10 Noch einfacher und schneller ist es allerdings, wenn man statt in die
11 Bibliothek ins Internet geht. Dieser Weg erfreut sich immer größerer
12 Beliebtheit, seit das „World Wide Web“, ursprünglich ein von Physikern
13 entwickeltes Kommunikationsnetz zum weltweiten Informationsaustausch
14 unter Wissenschaftlern, nach einigen Jahren rein wissenschaftlicher
15 Nutzung im Jahr 1993 für die Allgemeinheit zur Benutzung freigegeben
16 wurde. Man setzt sich an einen Rechner, tippt bei „Google“ ein Stichwort ein
17 und erhält umgehend ein Verzeichnis von „Treffern“, anhand derer man die
18 Suche fortsetzen kann. Alles Wissen scheint im I nternet gespeichert zu sein,
19 sodass man es von dort einfach „abzurufen“ braucht. Internetbenutzer sind
20 es gewohnt, dass die Antworten auf ihre Suchanfragen in kürzester Zeit wie
21 von Zauberhand auf dem Bildschirm erscheinen. Alles scheint wie von selbst
22 zu laufen. Die Frage, was hinter dieser scheinbaren Zauberei steckt, stellt
23 sich dabei wahrscheinlich kaum jemand. Man tippt seine Suchanfrage ein,
24 man bekommt eine Antwort, und man ist zufrieden. Dass für die Bearbeitung
25 all dieser Millionen und Abermillionen von Suchaufträgen in Wirklichkeit
26 riesige Rechenmaschinen und wahre Datenverarbeitungs-fabriken weltweit
27 rund um die Uhr im Einsatz sind, ist vielen Internetbenutzern kaum bewusst.
28 In der Tat ist die körperlose Leichtigkeit der „virtuellen“ Datenwelt nu r eine
29 Illusion. Denn die Riesenrechner und Rechenzentren, die die ganze Arbeit
30 machen, brauchen, damit sie laufen, gewaltige Mengen elektrischen Strom.
31 Und da bei ihrem Betrieb enorme Hitze entsteht, braucht es noch mehr
32 Strom, um sie zu kühlen.
33 Betrachtet man den Energiehunger dieser Rechenzentren, so erinnert die
34 Sorglosigkeit beim Energieverbrauch tatsächlich an die Anfänge der
35 Industrialisierung. Damals, um 1800, als in Großbritannien die ersten
36 Fabriken die Produktion aufnahmen, machte kaum ein Fabrik ant sich Sorgen
37 um Energieressourcen, da Wasserkraft und Kohle in großen Mengen
38 vorhanden waren. Weder in den Baumwollfabriken der englischen Stadt
39 Manchester noch, gut hundert Jahre später, bei der Fließbandproduktion
40 von Automobilen in der US-amerikanischen Stadt Detroit achtete man auf
41 den tatsächlichen Ressourcenverbrauch.
42 Auch bei der Arbeit der Rechner und Rechenzentren, die man in der
43 Anfangsphase für einen rein „virtuellen“, mehr oder weniger „immateriellen“
44 Vorgang hielt, spielte die Frage des damit verbundenen Stromverbrauchs
45 lange Zeit kaum eine Rolle. Hinzu kam die naive Vorstellung, elektrischer
46 Strom sei wie ein unerschöpflicher, gewissermaßen ganz von selbst ständig
47 nachwachsender „Rohstoff“, den man, da er scheinbar in unbegrenzten
48 Mengen zur Verfügung stand, auch bedenkenlos verbrauchen konnte. So
49 stieg der Stromverbrauch aller weltweit betriebenen rund drei Millionen
50 Rechenzentren von 58 Milliarden Kilowattstunden im Jahr 2000 auf 123
51 Milliarden Kilowattstunden im Jahr 2005 – eine Verdoppelung innerhalb von
52 nur fünf Jahren. Und um den Energiehunger der rund 50.000 Rechenzentren
53 in Deutschland zu stillen, bedurfte es im Jahr 2006 ungefähr der
54 Stromerzeugung eines Atomkraftwerks. Doch erst mit dem rasanten
55 Ansteigen der Strompreise in den letzten Jahren kam der gewaltige
56 Stromverbrauch der Rechenzentren zum Bewusstsein. Nicht nur die
57 Rechner selbst verbrauchen Unmengen Strom. Fast die Hälfte des
58 Stromverbrauchs geht vielmehr auf das Konto der Klimaanlagen, die zur
59 Kühlung der heißen Rechner eingesetzt werden müssen.
60 Das im Jahr 2006 in Betrieb genommene Leibniz-Rechenzentrum in der
61 Nähe von München, an das alle deutschen Hochschulen angeschlossen
62 sind, mag als Beispiel dafür dienen. In diesem riesigen Gebäude, einem
63 Würfel von der Höhe eines zehnstöckigen Hochhauses, steht ein
64 Großrechner, der zu den leistungsfähigsten der Welt gehört. Dicke
65 Blechrohre hängen von der Decke herab, die beständig die aus den
66 einzelnen Rechnern aufsteigende Hitze absaugen, um ein Schmelzen im
67 Innern der Rechner zu verhindern. Gleichzeitig blasen mächtige Pumpen
68 von unten durch einen Zwischenboden Kaltluft in den Raum. Es ist wie ein
69 wilder, tosender Sturm, der ununterbrochen durch diese Halle braust. Um
70 den Großrechner in Betrieb zu halten und zu kühlen, sind mehrere
71 Stockwerke des Gebäudes mit Stromaggregaten und Kältemaschinen gefüllt.
72 Die Stromrechnung des Leibniz-Rechenzentrums belief sich Anfang 2008
73 auf 120.000 Euro im Monat.
74 Strom ist das Lebenselixier, von dem die Rechenzentren in höchstem Maße
75 abhängig sind. Das ganze Internet kann ohne elektrischen Strom nicht
76 leben. Doch Strom ist nicht einfach vorhanden, sondern muss in Kraftwerken
77 produziert werden. Die Nachfrage aber steigt schneller als die
78 Stromerzeugung, und deshalb verteuert sich Strom rasant. Für die Internet-
79 Branche, die einen ständig wachsenden Teil der globalen Stromproduktion
80 beansprucht, werden die steigenden Stromkosten zum immer größeren
81 ökonomischen Risiko, da sie selbst für die nähere Zukunft kaum zuverlässig
82 zu kalkulieren sind.

(Material aus: Heizen mit Daten; Der Spiegel 22.3.2008 &


Marcus Rohwetter, Digitaler Hunger; Die Zeit 28.2.2008)
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Heiße Rechner

Punkte : ______/ 22,5 P.

I. Lesen Sie zuerst den Text ganz. Überprüfen Sie anschließend die
folgenden Aussagen und entscheiden Sie, ob die Aussage entweder
sinngemäß mit dem Text übereinstimmt (Ja) oder nicht (Nein) oder o b der
Text dazu nichts sagt (Text sagt dazu nichts). Markieren Sie die richtige
Antwort.

Ja Nein Text sagt


dazu nichts

1.) Mit dem Internet entstand auch


die erste Enzyklopädie.

2.) Im Jahr 1993 entwickelten Physiker


ein Kommunikationsnetz zum weltweiten
Informationsaustausch.

3.) Ständig bearbeiten Rechenmaschinen


und Datenverarbeitungsfabriken überall
auf der Welt die unzähligen Suchaufträge.

4.) Die meisten Internetbenutzer wissen,


dass für die Bearbeitung ihrer Suchaufträ-
ge riesige Rechenmaschinen nötig sind.

5.) Die virtuelle Datenwelt ist tatsächlich


weder körperlos noch leicht.

6.) Die Stromrechnung des Leibniz-


Rechenzentrums hat sich in den
letzten Jahren verdoppelt.

7.) Da ständig mehr Strom benötigt als


produziert wird, steigen die Strompreise
sehr stark an.

Punkte: ___/ 10,5P.


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Verstehen und Bearbeiten eines Lesetextes Seite 4

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II.

1.) Zeile 22-23: „Die Frage, was hinter dieser scheinbaren Zauberei steckt, stellt sich
dabei wahrscheinlich kaum jemand.“
Geben Sie die Antwort wieder, die der Text auf diese Frage gibt!

________________________________________________________________________

Punkte: ____/ 2 P.

2) In den Anfangsjahren der Industrialisierung glaubte man sorglos mit Energie


umgehen zu können.
Nennen Sie den Grund dafür!

___________________________________________________________________

___________________________________________________________________

Punkte: ____/ 2 P.

3.) Im Text werden unrealistische Ansichten genannt, die dazu führten, dass man
sich in der Frühzeit der Rechenzentren kaum Gedanken über d en Stromverbrauch
machte.

Geben Sie die Ansichten wieder, indem Sie den Satzanfang ergänzen!

Eine unrealistische Ansicht in der Frühzeit der Rechenzentren bestand darin, dass

man dachte, _________________________________________________________

___________________________________________________________________

Eine weitere war, dass man dachte, ______________________________________

___________________________________________________________________

Punkte: _______/ 3 P.
4.) Rechenzentren benötigen für verschiedene Zwecke Strom.
Nennen Sie die beiden im Text genannten Zwecke.

- ________________________________________________________

- ________________________________________________________

Punkte: ____/ 2 P.

5.) Weshalb ist der Energieverbrauch der Rechenzentren und ihre Abhängigkeit vom
Strom vor allem für die Internet-Branche ein Problem?
Ergänzen Sie den folgenden Text!

Für die Rechenzentren wird _______________________________________

__________________ des weltweit produzierten Stroms benötigt. Allerdings

nimmt _________________________________ schneller zu, als Strom

___________________ werden kann. Aus diesem Grund wird Strom sehr

schnell ________________ . Für die Internet-Branche entsteht deshalb ein

ständig wachsendes ______________________________________,weil es

äußerst schwer ist, die zukünftigen Strompreise zu ___________________ .

Punkte: _______/ 3,5 P.


WS Teil 2

5 Heiße Rechner

Teil II

Beantworten Sie die Fragen.

1) Zeilen 12-13: „Dieser Weg erfreut sich immer größerer Beliebtheit,…“

Was ist gemeint mit „dieser Weg“? 1 P.

2) Zeile 18: „…anhand derer man die Suche fortsetzen kann.“

Worauf bezieht sich „derer“? 1P

3) Zeilen 45-47: „…spielte die Frage des damit verbundenen Stromverbrauchs lange Zeit kaum eine
Rolle.“

Worauf bezieht sich „damit“? 1 P

4) Zeilen 83-84: „…da sie selbst für die nähere Zukunft kaum zuverlässig zu kalkulieren sind.“

Worauf bezieht sich „sie“? 1 P.