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27/9/2020 Wie sich Nordeuropa gegen Flüchtlinge abschottet | bpb

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abschottet
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11.10.2016 | Von: Nicholas Bukovec

Nicholas Bukovec
ist euro|topics-Korrespondent für Großbritannien und Irland. Er hat
in Wien, Dublin und Limerick Politikwissenschaften, Geschichte
und Wirtschaftswissenschaften studiert. Von 1999 bis 2011 war er
Redakteur der österreichischen Tageszeitung Kurier in Wien, in den
Ressorts International und Politik. Seit 2011 arbeitet er von Dublin
aus als freier Journalist und für eine Online-Marketing-Plattform.

Wie sich Nordeuropa gegen Flüchtlinge abschottet


Ob am Ärmelkanal, in Dänemark oder an der norwegisch-russischen Grenze – in Nordeuropa werden allerorts Flüchtlinge an
der Einreise gehindert. Sogar das liberale Schweden hat seine Asylpolitik verschärft. Nur in einem Land lassen sich mit
rechtspopulistischen Positionen noch keine Wahlen gewinnen.

Mehrere tausend Flüchtlinge warten im Flüchtlingslager von Calais seit Monaten darauf, mit dem Schiff oder Zug von
Frankreich nach Großbritannien weiter zu reisen. Doch dort will man sie nicht. Um illegale Einreisen zu verhindern, hat die
britische Regierung Mitte September mit dem Bau einer vier Meter hohen und einen Kilometer langen Betonmauer auf der
französischen Seite des Ärmelkanals begonnen. Sie soll die bereits existierenden Metallbarrieren verstärken und den Hafen
von Calais sowie die Zufahrt zum Eurotunnel für Flüchtlinge unerreichbar machen. Die Mauer wird Großbritannien rund 2,7
Millionen Euro kosten und soll bis Ende des Jahres fertiggestellt sein. Die britische Tageszeitung The Daily Mail verteidigte die
umstrittene Maßnahme: "Überall auf dem europäischen Kontinent werden Grenzen errichtet – von der griechisch-
mazedonischen Grenze, entlang der gesamten, von Flüchtlingen früher genutzten Balkanroute bis nach Nordeuropa. ... Die
Massenmigration, die Europa in den vergangenen Jahren gefördert hat, wird spürbar. Und eine der politischen Konsequenzen
ist die Wiedererrichtung von Grenzen."

Von einem "Armutszeugnis" sprach hingegen die italienische Zeitung Il Sole 24 Ore: "Jede Barriere, die im Norden errichtet wird,
wälzt die Bürde unvermeidbar auf den Süden ab. Und schuld daran ist die Unfähigkeit der EU, gemeinschaftliche Lösungen für
ein Problem zu nden, das die gesamte gemeinschaftliche Konstruktion zu sprengen droht." Die britische Regierung hat sich
verp ichtet, bis 2020 rund 20.000 syrische Flüchtlinge aus UN-Lagern in der Krisenregion aufzunehmen sowie 3.000
unbegleitete Minderjährige, die sich bereits in anderen EU-Ländern aufhalten. Zum Vergleich: Nach Deutschland sind allein im
Jahr 2015 rund 900.000 Flüchtlinge eingereist. Britische Hilfsorganisationen und religiöse Führer forderten deshalb die
britische Regierung in den vergangenen Monaten immer wieder dazu auf, mehr zur Bewältigung der europäischen
Flüchtlingskrise beizutragen.

In der britischen Presse fand das jedoch kaum Zustimmung. Die "Willkommenskultur" von Angela Merkel sei ein schwerer
Fehler gewesen, bilanzierte etwa The Daily Telegraph: Merkel habe die Sorgen ihrer Unterstützer in Deutschland "ignoriert" und
"sollte bald anfangen, auf ihr Volk zu hören". Die konservative Zeitung The Times warnte ebenfalls vor einer Politik der offenen
Grenzen: "Es geht darum, die Push- und Pull-Effekte für Migration zu reduzieren und dabei der Verantwortung gegenüber den
wirklich Verzweifelten gerecht zu werden."

Ähnlich argumentierte Premierministerin Theresa May beim UN-Flüchtlingsgipfel in New York Mitte September. Es müsse
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punkten, bestätigten Meinungsforscher.

Großbritannien steht mit seiner "Nicht-Willkommenskultur", wie es in einigen Medien hieß, in Nordeuropa nicht alleine da.
Schweden, das viele Jahre lang ein liberales und offenes Land für Flüchtlinge war, machte Ende vergangenen Jahres eine
Kehrtwende: Die Asylgesetze wurden deutlich verschärft, Aufenthaltsgenehmigungen gibt es, wenn überhaupt, nur noch
befristet, der Familiennachzug wurde deutlich erschwert. An der Grenze zu Dänemark wurden strenge Kontrollen
wiedereingeführt. Die Zahl der Asylbewerber ging in der Folge stark zurück. 2015 waren noch 163.000 Flüchtlinge ins Land
gekommen und Schweden war gemessen an der Bevölkerungszahl das Land mit der größten Aufnahmebereitschaft in Europa.
Von Januar bis August 2016 reisten dann nur noch rund 20.000 Flüchtlinge ein. Knapp 11.000 haben das Land wieder
verlassen. Sie haben eine Ausreiseprämie in der Höhe von 3.000 Euro angenommen und sind in ihre Heimatländer
zurückgekehrt.

Der Umschwung in der Asylpolitik wurde von einer sozialdemokratisch-grünen Regierungskoalition vollzogen, die zuvor für eine
liberale und offene Politik gestanden hatte. Doch überfüllte Flüchtlingsheime und Probleme bei der Integration führten zu
einem Stimmungsumschwung in der Bevölkerung, wie Umfragen zeigten. Die rechtsnationale und zuwanderungskritische
Partei Schwedendemokraten legte in der Wählergunst zu.

Dass Zuwanderer womöglich einer anderen Kultur oder Religion angehören, wurde medial heftig diskutiert. Die schwedische
Tageszeitung Göteborgs-Posten sah darin die Ursache für Übergriffe von Asylbewerbern auf Frauen: "Wie erklärt man, dass die
Situation von Frauen etwa in Afghanistan oder Ägypten so erbärmlich schlechter ist als in anderen Ländern? Wirtschaft,
Stabilität, Ausbildung und Staatsform erklären das teilweise. Aber man kann nicht Kultur, Werte und die Rolle der Religion
außer Acht lassen." Mit seiner neuen Politik be ndet sich Schweden nun auf einer Linie mit Dänemark, dessen restriktive Politik
in Stockholm vorher lange heftig kritisiert worden war. Der dänische Regierungschef Lars Løkke Rasmussen brüstete sich
Ende August damit, dass in diesem Jahr nur halb so viele Flüchtlinge ins Land kommen würden wie 2015. Damals waren es
rund 20.000. "Wir haben die Aufenthaltsbedingungen verschärft, die EU ordentlich unter Druck gesetzt, und jetzt zeigt diese
Politik zum Glück Wirkung", erklärte Rasmussen. Seine liberal-konservative Minderheitsregierung ist auf die Unterstützung der
rechtspopulistischen Dänischen Volkspartei angewiesen. Das ist aus Sicht vieler Beobachter ein Grund für Rasmussens
strenge Asylpolitik.

Diese sei angesichts der verfehlten Asylpolitik der deutschen Kanzlerin Angela Merkel alternativlos, argumentierte das
dänische Blatt Kristeligt Dagblad: "Merkels humanitärer Alleingang hat einen nie dagewesenen und chaotischen
Massenzustrom ausgelöst. ... Dem Jubel vor einem Jahr folgten die Übergriffe in Köln in der Silvesternacht und die
islamistischen Angriffe in Würzburg und Ansbach." Merkel habe es "versäumt, konkrete Antworten auf die Frage zu geben, wie
Deutschland und Europa diese Herausforderungen bewältigen sollen".

Keine Freude an der strengen Zuwanderungspolitik hatte hingegen die dänische Tageszeitung Der Nordschleswiger: "Es ist
erschütternd, wie sich im Kampf um die kurzfristige Macht auf dem Regierungssitz Christiansborg, im Wettlauf um die Gunst
des Pöbels, eine ganze Politikergeneration schuldig macht, das weltpolitische Erbe Dänemarks – ein kleiner, aber
inspirierender Beitrag zum Guten in der Welt – so leichtfertig über Bord zu werfen."

In Finnland sind die Asylgesetze ähnlich wie in Schweden auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise verschärft worden. Die
nnische Tageszeitung Aamulehti klagte, dass das Schicksal von Kriegs üchtlingen Europa kalt lasse: "Die Not der Syrer
kümmert uns weniger als die Frage, wie unsere Gesellschaft mit den Zuwanderern zurechtkommt. Die Ankunft der Flüchtlinge
hat Europa in einen moralischen Konkurs mit politischen Folgen getrieben."

Norwegen schottet sich ähnlich wie Großbritannien mit dem Bau einer Barriere von Zuwanderern ab: Am einzigen
Grenzübergang zu Russland im hohen Norden wird eine 200 Meter lange Sperranlage errichtet. Sie soll die Route schließen,
über die bisher Flüchtlinge oft mit dem Fahrrad eingereist waren. Einwanderungsministerin Sylvi Listhaug rechtfertigte die
Maßnahme mit dem Abschreckungseffekt: "Wir haben gesehen, dass andere sehr liberale Länder wie Deutschland und
Schweden enorme Probleme bekommen haben. ... Geben wir ein Signal, dass wir eine strenge Asylpolitik verfolgen, dann
macht das schnell die Runde."

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Vergleichsweise wenig werden diese Fragen in Irland diskutiert. Die Flüchtlingskrise existiert auf der Grünen Insel nicht –
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in unserer zwei Jahren nur wenige aus Syrien und Nordafrika bis nach Irland geschafft
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haben. Ihre geogra sche Lage macht die Insel schwer erreichbar. Die Regierung in Dublin erklärte sich 2015 bereit, bis
September nächsten Jahres 4.000 Kriegs üchtlinge aus dem Nahen und Mittleren Osten aufzunehmen, die sich zum Teil
bereits in südlichen EU-Ländern wie Italien und Griechenland be nden. Bisher sind nur etwas mehr als 300 eingereist. Laut den
irischen Behörden liegt das vor allem an bürokratischen Hürden in den Aufnahmezentren in Südeuropa.

Rechtspopulistische und fremdenfeindliche Parteien wie in vielen anderen Ländern Europas gibt es in Irland nicht. Einer
Umfrage des International Rescue Committee (IRC) vom September unter zwölf EU-Staaten zufolge bringen die Iren syrischen
Flüchtlingen mehr Sympathie entgegen, als die Bewohner der anderen elf Länder. Ein Leserbriefschreiber in der Tageszeitung
The Irish Times sieht das anders: "Es scheint so, als hätte unsere tiefe Anteilnahme ihre Grenzen. Denn wenn es uns ernst
wäre, würden wir auf die Straßen gehen und von unserer Regierung mehr direkte Hilfe für diese bedauernswerten Mitmenschen
fordern."

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE -
Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland"
veröffentlicht. Autor/-in: Nicholas Bukovec für bpb.de

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