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Dr. med. Bodo Köhler

Calcium

Der unterschätzte Hochrisikofaktor

Wenn man sich einmal die Inhaltsstoffe der heute gängigen Aufbaupräparate für Frauen, z. T. auch für Männer ansieht, dann enthalten die meisten Calcium und das meist in hohen Dosen. Der Grund liegt auf der Hand. Mit zunehmendem Alter steigt das Osteoporoserisiko, und da soll vorgebeugt werden. Der positive therapeutische Effekt des Calciums bei Osteoporose wurde schließlich in vielen Studien nachgewiesen - was kann daran falsch sein?

Als Internist mit kardiologischer Ausbildung habe ich allerdings erhebliche Bedenken gegen die breit gestreute Anwendung von Calcium und möchte nicht versäumen, diese hier offen darzulegen. In den siebziger Jahren wurde eine groß angelegte Feldstudie durchgeführt, um den Ursachen des Herzinfarktes und anderer Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf die Spur zu kommen. Die Ergebnisse dieser Framingham-Studie waren sehr aussagekräftig. Dabei zeigte sich u. a. ein erhöhter Calcium- spiegel als so bedeutend, dass er als eigenständiger Risikofaktor deklariert wurde und im sogenannten Calcium-Score seinen Niederschlag fand. Davon abgeleitet fanden Calcium- Antagonisten den Eingang in die Therapie. Sie sind auch heute noch fester Bestandteil in der Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und haben trotz neu entwickelter Präparate nichts von ihrem Stellenwert eingebüßt.

Das, was damals nur als Erfahrungswert ermittelt wurde, hat natürlich einen gesicherten wissen- schaftlichen Hintergrund. Auch die große Gruppe der Herz-Kreislauf-Erkrankungen - immerhin zwei Drittel aller Krankheiten - gehört zu den degenerativen Zivilisationsleiden, ausgelöst durch Dauerstress, Fehlernährung und Bewegungsmangel. Wenn sich hier Calcium nachteilig auswirkt, dann nur deshalb, weil es die zu Grunde liegende katabole Stoffwechsel-entgleisung noch weiter verstärkt.

Zellstoffwechsel

Hier kommen wir nun an einen Punkt, an dem der normal ausgebildete Mediziner die Schultern zucken muss, weil er während des Studiums über die komplexe Regulation des Zellstoffwechsels nichts erfahren hat. Der zentralste Punkt in der Medizin, nämlich das, was in den Zellen tatsächlich abläuft, wurde nicht vermittelt. Es ist deshalb kein Wunder, wenn wir es heute mit einer ständig steigenden Zahl chronischer Erkrankungen zu tun haben, weil die meisten davon in Unkenntnis der funktionellen Zusammenhänge und Regulationsvorgänge hausgemacht sind.

Die offizielle Statistik nennt die erschreckende Zahl von 500.000 durch ärztliches "Handeln" bleibend geschädigten Patienten jährlich allein in Deutschland.

Basisdiagnostik über die Stoffwechsellage am Krankheitsort

Die Basis Jeder funktionellen Diagnostik stellt die Bestimmung der Stoffwechsellage dar, und zwar lokal am Krankheitsort und davon abgeleitet des Säuren/Basen-Haushalts.

Sämtliche Erkrankungen entstehen auf dem Boden einer Entgleisung des Zellstoffwechsels, ent- weder anabol oder katabol, wodurch gleichzeitig das damit verknüpfte Säuren/Basen-Gleich-

gewicht verschoben werden kann. Hier muss also bei jedem Patienten angesetzt werden – diag - nostisch und therapeutisch!

Keine Zelle kann ohne ihr Milieu existieren. Durch die Forschungen von A. Pischinger et al. bis H. Heine in neuerer Zeit ist die Funktion des Grundregulationssystems, die Matrix weitgehend ent- schlüsselt worden. Es hatte sich gezeigt, dass den vier Elektrolyten Natrium, Kalium, Calcium und Magnesium eine Steuerfunktion für die Abläufe in diesem Molekularsieb zukommt. Ihre Ver- knüpfung mit dem Zellstoffwechsel und dem Säuren/Basen-Haushalt lässt eine isolierte Betrach- tung eines Minerals - hier des Calciums - nicht zu. Anderenfalls muss es zwangsläufig zu Irrtümern kommen.

Calcium wirkt zusammen mit Kalium katabol. Katabole Stoffwechsellagen werden dadurch begünstigt. Wenn sich das Gewebe in einem anabolen Zustand befindet, z. B. im Rahmen einer Allergie oder Entzündung, dann ist der cortisonähnliche Effekt von Calcium ausgesprochen positiv und wirkt im Sinne eine Normalisierung. Jeder hat diese Erfahrung in der Praxis bereits gemacht, vielleicht im Rahmen eines Insektenstiches.

Einfügung von Hans:

katabol = zum Abbaustoffwechsel gehörend, mit einer Energiegewinnung des Körpers einhergehend; Gegensatz: anabol

anabol

= zum Aufbaustoffwechsel gehörend, mit einer Bildung von Körpergewebe oder Energiespeicherung einhergehend; Gegensatz: katabol

Liegt jedoch eine katabole Stresssituation vor, in der unser Organismus bereits seine Reserven aufbraucht, weil die anabole Aktivität stark ins Hintertreffen geraten ist, dann wird dieser Zustand durch Calciumgaben weiter gefördert und damit degenerative Prozesse verstärkt.

Ein klassisches Beispiel hierfür ist die Osteoporose:

Wird der vordergründige Calciumverlust durch hohe Gaben von Calcium in Verbindung mit Vitamin D wieder ausgeglichen, verschlimmert sich das Leiden zusehends. Die Knochen werden noch spröder und brüchiger. Richtig wäre, das anabol wirksame Magnesium einzusetzen, in Verbindung mit Silizium.

99% des Gesamtcalciums befinden sich im Knochen, dem größten Calciumspeicher. Daraus schließen viele Kollegen, dass der Knochen zu 99% aus Calcium besteht. In Wirklichkeit sind es gerade 25%. Der "Rest" ist lebendiges Bindegewebe mit einem anabolen/katabolen Zellstoffwechsel und aktiven Umbauprozessen. Die anabole Regeneration des Knochens wird durch Calciumgaben nachhaltig gehemmt.

Calcium hat einen membranabdichtenden Effekt. Seine günstige Wirkung auf Allergien gründet zum Teil darauf. Unter Calciumgaben werden aber auch die letzten ATP-Reserven mobilisiert, was bei chronischen Entzündungen zu einem Zusammenbruch des Energiehaushaltes der Zelle führen kann und diese in die Gärung (Vorstufe von Krebs) treiben kann.

Dass es sich dabei nicht nur um Theorie handelt, musste vor wenigen Jahren schmerzlich bei einer groß angelegten Studie mit 21.000 Patienten festgestellt werden. Diese bekamen 0,6 g Calcium (bei uns werden 1,5g täglich empfohlen). Das Krebsrisiko, vor allem für Prostata-Krebs, stieg um 32%, weshalb die Studie abgebrochen werden musste.

Interaktionen der vier Elektrolyte

Die vier großen Mineralstoffe Calcium, Magnesium, Kalium und Natrium beeinflussen sowohl den Zellstoffwechsel als auch den pH-Wert des Gewebes. Auf diesen kommt es in erster Linie an, weniger auf den Blut-pH. Ihre Auswirkungen auf das Gewebe können nur in deren vierpolarem Zusammenspiel richtig eingeschätzt werden, was wegen der hohen Dynamik eine exakte Beurteilung schwierig macht.

Calciumgaben im Erwachsenenalter senken relativ den in der Bevölkerung ohnehin niedrigen Magnesiumspiegel, was nicht ohne Folgen bleibt.

Die folgende Übersicht zeigt die wichtigsten Funktionen von Magnesium im Organismus:

• Aktivierung von ca. 300 Enzymreaktionen

• Co-Faktor für alle ATP-abhängigen enzymatischen Reaktionen

• Gewährleistung der Permeabitität der lonenkanäle in den Membranen

• blockiert Kaliumkanäle bei abfallendem Membranpotential

• wirkt dadurch Kaliumverlust entgegen

• bewirkt Vasodilatation und damit RR-Senkung, Kardiodepression

• Hemmung der synaptischen Transmitterfreisetzung

• Förderung der Zelldifferenzierung (anaboler Effekt)

• steuert Adenylcyclase und damit Parathormonaktivität am Knochen

Magnesium ist damit eines der wichtigsten Mineralien, um negative Stressfolgen zu reduzieren und Regenerationsvorgänge zu fördern. Ca. 60% befinden sich im Knochen und wirken dort als Gerüst- substanz. Der Rest wird in Leber und Muskulatur gespeichert. Die Auswirkungen von Mangel- zuständen sind vielfältig, vor allem Krämpfe und Spasmen (auch koronar) sowie Rhythmus- störungen.

Als dessen Gegenspieler hemmt Calcium sämtliche Aktivitäten des Magnesiums, und zwar konzentrationsabhängig.

Die Auswirkungen von erhöhten Calciumspiegeln, so wie sie z. B. durch Zufuhr von calciumhaltigen Präparaten auftreten können, sind hier kurz zusammengefasst:

• Hemmung anaboler Prozesse und damit

• antientzündliche Effekte

• antiallergische Wirkungen

• Immunsuppression (Unterdrückung des Immunsystems)

• Förderung kataboler Entgleisungen und damit

• Begünstigung degenerativer Abbauvorgänge

• Steinbildung bis zur Nierenverkalkung

• Steigerung des Krebsrisikos !

Wie aus dieser kurzen Zusammenstellung zu ersehen ist, gibt es neben den positiven Effekten, die Calcium bei der Akutbehandlung unentbehrlich machen, leider auch gravierende Folgewirkungen. Diese hängen aber ganz entscheidend von der Ausgangslage des Zellstoffwechsels ab (anabol versus katabol)

Ernährung Calcium ist ein lebensnotwendiges Mineral, das der heranwachsende Mensch (bis etwa zum 30. Lebensjahr) in ausreichend großen Mengen zu sich nehmen sollte, verbunden mit ausreichender Bewegung und genügend Sonneneinstrahlung. Die Zufuhr sollte primär über die Nahrung erfolgen, wobei Gemüse, z. B. Brokkoli, oder Milchprodukte (nicht die Milch!) besonders geeignet sind. Auf Fluor sollte verzichtet werden. Vitamin D braucht Kleinkindern nur in den Wintermonaten zugefüttert werden. Der gute alte Lebertran zeigt die beste Wirkung.

Im Erwachsenenalter wird der tägliche Calciumbedarf bei einer vielseitigen Kost gewöhnlich in ausreichendem Maße gedeckt. Nur einseitige Kostformen könnten zu Mangelzuständen führen. Milch ist als Calciumlieferant völlig ungeeignet, da das enthaltene Calcium gar nicht resorbiert wird. Außerdem fördert Milch bekanntermaßen Allergien.

Für Erwachsene ist Magnesium viel wichtiger als Calcium.

Da unser Gemüse kaum noch Magnesium enthält, sollte dies im Bedarfsfall orthomolekular ergänzt werden, wobei Magnesiumcitrat am besten von den Zellen aufgenommen wird. Vor einer länger- fristigen Zufuhr von Calcium zusätzlich zur Nahrung muss aus den oben genannten Gründen ein- dringlich gewarnt werden, übrigens auch vor calciumhaltigen Mineralwässern.

Fazit Der therapeutische Umgang mit Calcium sollte sorgsam abgewogen werden. Bei akuten anabolen Zuständen (Schwellung, Entzündung, Allergie) wirkt es sehr gut und schnell. Die Notwendigkeit für Langzeitgaben besteht in der Regel nicht. Mangelzustände treten nur im Kindes- und Jugend- alter auf, nicht jedoch beim Erwachsen. Auf Grund der katabolen Wirkung sollte die zusätzliche Einnahme von Calcium ab dem 30. Lebensjahr gemieden und auch nicht verstärkt mit der Nahrung zugeführt werden (z. B. über Mineralwässer!). Ganz im Gegenteil sollte auf eine ausreichende Ver- sorgung mit Magnesium geachtet werden.

Calciumgaben fördern alle degenerativen Erkrankungen, von Herz-Kreislauf-, über Gelenk- bis hin zu Knochenerkrankungen (Osteoporose). Wegen des immunsuppressiven Effektes und den negativen Auswirkungen auf die ATP-Synthese steigt sogar das Krebsrisiko.

Im Vordergrund aller therapeutischen Bemühungen sollte beim chronisch Kranken immer die Regeneration des kranken Gewebes stehen, die nur über die Förderung der anabolen Stoffwechselaktivität erreicht werden kann. Calcium hemmt diese Prozesse und muss in der heutigen Zeit als wesentlicher Mitverursacher degenerativer Leiden angesehen werden.

Quelle: COMED Nr. 5/ 2005, S. 4-6