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Deutscher Bundestag Drucksache 12/8350

12. Wahlperiode

Sachgebiet 2129

Dritter Bericht
der Enquete-Kommission
„Schutz der Erdatmosphäre"

zum Thema
Schutz der Grünen Erde
— Klimaschutz durch umweltgerechte Landwirtschaft und Erhalt der Wälder —

Eingesetzt durch Beschluß des Deutschen Bundestages vom 25. April 1991
— Drucksache 12/419 —
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlpe ri ode

Zusammensetzung der Enquete-Kommission


„Schutz der Erdatmosphäre"

Mitglieder

Dr. Klaus W. Lippold (Offenbach), MdB (CDU/CSU)


Vorsitzender

Dr. Liesel Hartenstein, MdB (SPD)


Stellvertretende Vorsitzende

Klaus Harries, MdB (CDU/CSU)


Dr. Peter Paziorek, MdB (CDU/CSU)
Dr. Christian Ruck, MdB, (CDU/CSU)
Trudi Schmidt (Spiesen), MdB (CDU/CSU)
Bärbel Sothmann, MdB (CDU/CSU)
Brigitte Adler, MdB (SPD)
Prof. Monika Ganseforth, MdB (SPD)
Horst Kubatschka, MdB (SPD)
Dr. Klaus Kübler, MdB (SPD)
Martin Grüner, MdB, Parlamentarischer Staatssekretär a. D. (F.D.P.)
Marita Sehn, MdB (F.D.P.)
Prof. Dr. Wilfrid Bach
Prof. Dr. Dr. Rudolf Dolzer
Dr. Ing. Alfred-Herwig Fischer
Prof. Dr. Hartmut Graßl
Prof. Dr. Klaus Heinloth
Prof. Dr. Peter Hennicke
Prof. Dr. Hans-Jürgen Jäger
Prof. Dr. Ing. Eckhard Kutter
Prof. Dr. Klaus Michael Meyer-Abich, Senator a. D.
Prof. Dr. Hans Michaelis, Generaldirektor a. D.
Prof. Dr. Wolfgang Seiler
Prof. Dr. Alfred Voß
Prof. Dr.-Ing. Carl-Jochen Winter

Beratende Mitglieder

Dr. Dagmar Enkelmann, MdB (PDS/Linke Liste)


Dr. Klaus-Dieter Feige, MdB (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Sekretariat

MR Roland Jacob (Leiter)


ORR Klaus Aschinger, Jurist
Michael Bisek, Dipl.-Geograph
Bernhard Burdick, Dipl.-Agraringenieur
Dr. Birgit Keller, Dipl.-Physikerin
Dr. Kora Kristof, Dipl.-Volkswirtin
Dr. Martin Rieland, Dipl.-Meteorologe
Ralf Schmidt, Dipl.-Geograph
Dr. Manfred Treber, Dipl.-Physiker
Thomas Fürst (Organisatorische Aufgaben)
Elke Greif (Sekretariatsaufgaben)
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Vorwort

Mit ihrem dritten Bericht legt die Enquete-Kommission „Schutz der Erdatmosphäre"
eine umfassende und fundierte Darstellung des derzeitigen Wissensstandes zum
Thema Klimaänderung, Landwirtschaft und Wälder vor. Die Kommission analysiert
Ursachen und Wirkungen der Spurengasemissionen aus dem Bereich der Landwirt-
schaft und ihre Bedeutung für den Treibhauseffekt ebenso wie das Ausmaß der
Waldvernichtung und der Walddegradation der Erde und die daraus resultierenden
Folgen für das globale Klima. Über die Aktualisierung der Tropenwaldproblematik
hinaus wurden die borealen Wälder der nördlichen Hemisphäre in die Analyse
einbezogen und ein damit bislang zu Unrecht vernachlässigter Bereich aufgearbei-
tet.

Die Themenkomplexe Landwirtschaft und Wälder sind inhaltlich auf vielfältige Art
miteinander verbunden. Der Bericht stellt diese Zusammenhänge und Wechselwir-
kungen dar und schafft damit eine umfassende Grundlage für Handlungsempfeh-
lungen auf nationaler und internationaler Ebene. Die wissenschaftliche Fundiertheit
schafft die Voraussetzung für die notwendige politische und gesellschaftliche
Akzeptanz und belegt gleichzeitig die Dringlichkeit geeigneter Maßnahmen zur
Eindämmung der sich abzeichnenden Klimaänderung.

Die Enquete-Kommission hat dazu

— eine Vielzahl international renommierter Experten angehört

— den aktuellen Diskussionsstand von in- und ausländischen Fachkongressen zu


diesem Themenbereich einbezogen

— wissenschaftliche Gutachten vergeben, die in einer eigenen Reihe „Studienpro-


gramm Landwirtschaft und Wälder" veröffentlicht werden und deren Ergebnisse
in den vorliegenden Bericht eingearbeitet sind

— im Verlauf der Diskussion für den Berichtsentwurf sich von einer Reihe
anerkannter Wissenschaftler beraten lassen

— mit Vertretern internationaler Regierungsorganisationen und Vertretern von


Nichtregierungsorganisationen diskutiert

— die zuständigen Ressorts der Bundesregierung an den Beratungen beteiligt

— und intensive Gespräche mit den zuständigen Mitgliedern der Bundesregierung


geführt.

Ziel der Kommission ist es, mit diesem Bericht Handlungsempfehlungen für die
weltweite Gestaltung und Durchsetzung tragfähiger und somit umwelt- und
klimaverträglicher Formen der Land- und Waldbewirtschaftung, des Waldschutzes
und des Erhaltes noch verbliebener Urwälder vorzulegen.

Die Zeit drängt, es muß schnell gehandelt werden und je eher dies global geschieht,
desto weniger werden zukünftige Generationen belastet. Wir verkennen dabei nicht
die besondere Verantwortung der Industrieländer für die Lösung der anstehenden
Fragen, sehen aber auch die notwendige Einbindung der Entwicklungsländer.
Beides wird in den vorgelegten Handlungsempfehlungen berücksichtigt.

Eine Auseinandersetzung mit dieser umfassenden Problematik muß selbstverständ-


lich davon wesentlich berührte andere Politikbereiche einbeziehen: Internationale
Bevölkerungspolitik sowie über die Klimaschutzfragen hinausgehende Fragen des
Umweltschutzes und der Umweltschutzpolitik. Dabei ist auch die wirtschaftliche
und wirtschaftspolitische Fragestellung mit einzubeziehen. Wir gehen davon aus,
daß das vorliegende Konzept diesen umfassenden Anspruch erfüllt.

Ich bitte alle, die diesen Bericht lesen, um Anregungen, Hinweise und konstruktive
Kritik.
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Mein herzlicher Dank gilt der Präsidentin des Deutschen Bundestages für die
wohlwollende Unterstützung, die sie der Kommission gewährt hat. Mein Dank gilt
allen Kommissionsmitgliedern für die intensive Kooperation. Meinen besonderen,
persönlichen Dank und den der Kommission möchte ich dem Sekreteriat für seinen
beispiellosen und vorbildlichen Einsatz sowie die ausgezeichnete und vertrauens-
volle Zusammenarbeit aussprechen.

Bonn, den 27. Juli 1994

Dr. Klaus. W. Lippold, MdB


Vorsitzender der Enquete-Kommission
„Schutz der Erdatmosphäre"
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Inhaltsverzeichnis

Seite

Abschnitt A
Klimaänderung und Ozon 14

1. Anthropogene Klimabeeinflussung — Die Rolle der Landwirtschaft


und der Wälder 14
1.1 Charakteristika unseres Klimasystems 14

1.2 Eingriffe des Menschen in das Klimasystem durch Nutzung der


Landoberflächen 14

1.3 Klimarelevante Spurengase — Der anthropogene Treibhauseffekt 16

1.3.1 Volumenanteile und Treibhauspotentiale 17

1.3.2 Ursachen und Verursacher — klimarelevante Emissionen im Land-


wirtschafts- und Waldbereich 18

1.3.3 Der CO 2 -Kreislauf 19

1.4 Klimavorhersage 21

1.5 Erkennbare Klimaänderungstendenzen 22

1.6 Quintessenz 24

2. Veränderung des Ozongehaltes durch den Menschen 25

2.1 Grundlagen: Ozonbildung, -transporte und mittlere Trends 25

2.2 Auswirkungen der anthropogen bedingten Änderung des Ozonge


haltes 25

2.3 Stratosphärischer Ozonabbau 27

2.4 Troposphärische Ozonzunahme 30

2.5 Ozonrelevante Emissionen im Landwirtschafts- und Waldbereich . 31

3. Literaturverzeichnis zu Abschnitt A 32 -

Abschnitt B
Klimaänderung und Landwirtschaft 34

Zusammenfassung und zentrale Empfehlungen 34

1. Bedeutung der Landwirtschaft 37

1.1 Ökonomische Bedeutung der Landwirtschaft 38

1.1.1 Landwirtschaftliche Flächennutzung in der Bundesrepublik Deutsch


land 38

1.1.2 Formen und Intensitätsstufen der landwirtschaftlichen Produktion 39

1.1.3 Strukturwandel in der Landwirtschaft 42

1.1.4 Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik im Jahr 1992 52


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1.1.4.1 Maßnahmen der Agrarreform 52

1,1.4.2 Auswirkungen der Agrarreform 54

1.1.5 Blick auf die internationale Landwirtschaft 56

1.2 Ökologische Bedeutung der Landwirtschaft 57

1.2.1 Negative Wirkungen der Landwirtschaft auf die Umwelt 57

1.2.2 Positive Wirkungen der Landwirtschaft auf die Umwelt 58

2. Beitrag der Landwirtschaft zur Emission klimawirksamer Spuren


gase 58

2.1 Methan (CH 4 ) 59

2.1.1 Methankreislauf 60

2.1.2 Methanemissionen bei der Tierhaltung 61

2.1.3 Methanemissionen aus tierischen Exkrementen 64

2,1.4 Naßreisanbau 67

2.1.5 Biomasseverbrennung 70

2,1.6 Indirekte Einflüsse der Landwirtschaft auf die Methanemission aus


anderen Ökosystemen 71

2.2 Distickstoffoxid (N 2 0) 71

2.2.1 Stickstoffkreislauf 72

2.2.2 Mikrobiologische Prozesse 74

2.2.2.1 Nitrifikation 74

2.2.2.2 Denitrifikation 75

2.2.3 Distickstoffoxidemissionen 76

2.2.3.1 Düngung 76
-
2.2.3.2 Biomasseverbrennung 87

2.2.3.3 Indirekte Einflüsse der Landwirtschaft auf die Distickstoffoxidemis-


sionen aus anderen Ökosystemen 88

2.3 Kohlendioxid (CO 2 ) 88

2.3.1 Kohlendioxidkreislauf 88

2.3.2 Landnutzungsänderungen 88

2.3.2.1 Ausmaß der Landnutzungsänderungen 89

2.3.2.2 Kohlendioxidemissionen 92

2.3.3 Degradation der Böden 93

2.3.3.1 Humusabbau, Bodenerosion und Bodendegradation 93

2.3.3.2 Kohlendioxidemissionen 98
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2.3.4 Verbrauch fossiler Energieträger 98

2.3.4.1 Energieeinsatz 98

2.3.4.2 Kohlendioxidemissionen 103

2.4 Indirekt klimawirksame Spurengase 106

2.4.1 Ammoniak (NH 3 106

2.4.2 Kohlenmonoxid (CO) 110

2.4.3 Stickstoffoxide (NOx) 111

2.4.4 Nicht-Methan-Kohlenwasserstoffe (NMHC) 111

2.4.5 Gasförmige Schwefelverbindungen 112

3. Auswirkungen von Klimaänderungen auf die Landwirtschaft 112

3.1 Auswirkungen auf den Pflanzenanbau 113

3.1.1 Wirkungen von klimatischen Faktoren auf Pflanzen 113

3.1.1.1 Strahlung 113

3.1.1.2 Temperatur 113

3.1.1.3 Niederschlag 116

3.1.1.4 Wind 116

3.1.2 Wirkungen der Zunahme atmosphärischer Spurengase auf


Pflanzen 116

3.1.2.1 Kohlendioxid (CO 2) 116

3.1.2.2 Troposphärisches Ozon 120

3.1.3 Wirkungen der UV-B-Strahlung auf Pflanzen 123

3.1.4 Wirkungen von klimatischen Faktoren auf Böden 125

3.1.5 Wirkungen auf die Produktqualität 126

3.1.6 Auswirkungen auf die Produktionstechnik 126

3.2 Auswirkungen auf die Tierhaltung 129

3.3 Auswirkungen auf die Welternährung 130


-
3.3.1 Quantitative Abschätzung von Ertragsveränderungen 130

3.3.2 Derzeitiger Stand und weitere Entwicklung der Welternährung 131

4. Handlungsoptionen und Potentiale zur Verringerung des Beitrages


der Landwirtschaft zur Emission klimawirksamer Spurengase 136

4.1 Derzeitige Situation der Weltlandwirtschaft 136

4.1.1 Intensivlandwirtschaft in Europa 136

4.1.2 Landwirtschaft in den Entwicklungsländern 136

4.1.3 Globale Umweltprobleme durch nicht nachhaltige Landbewirtschaf


tung 137

4.1.4 Drohende Gefahren durch die Klimaänderung 137

4.1.5 Konsequenzen für die Ernährung der Weltbevölkerung 137

4.1.6 Zielsetzung für die künftige globale Landbewirtschaftung 138


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Seite

4.1.7 Politische Grundlagen zur globalen Umsetzung einer nachhaltigen


Landbewirtschaftung 138

4.1.8 Definition einer nachhaltigen Landbewirtschaftung 139

4.2 Handlungsoptionen auf nationaler und europäischer Ebene 140

4.2.1 Maßnahmen zur Reduzierung von Methanemissionen (CH 4 ) 141

4.2.1.1 Reduzierung der Tierbestände 142

4.2.1.2 Bindung der Tierhaltung an die Fläche 142

4.2.1.3 Reduzierung der Methanemission je Produkteinheit 143

4.2.1.4 Verringerung der Methanemissionen aus den Exkrementen 143

4.2.2 Maßnahmen zur Reduzierung von Distickstoffoxidemissionen


(N20) 144

4.2.2.1 Flächenbezogene Stickstoffbilanzierung 145

4.2.2.2 Verteuerung und Begrenzung des mineralischen Stickstoffdüngers 145

4.2.2.3 Bindung der Tierhaltung an die Fläche 147

4.2.2.4 Bewirtschaftungsmaßnahmen zur Beeinflussung der Distickstoff-


oxidemissionen 149

4.2.3 Maßnahmen zur Reduzierung von Ammoniakemissionen (NH 3 ) 150

4.2.3.1 Reduzierung der Tierbestände/Bindung der Tierhaltung an die


Fläche 150

4.2.3.2 Reduzierung der Ammoniakemissionen je Produkteinheit 151

4.2.3.3 Gewinnung, Lagerung, Aufbereitung und Ausbringung von Wirt-


schaftsdüngern 151

4.2.3.4 Herstellung und Ausbringung von stickstoffhaltigen Mineraldün


gern 153

4.2.4 Maßnahmen zur Reduzierung von Kohlendioxidemissionen (CO 2 ) 153

4.2.4.1 Bodenschutz und Humuswirtschaft 154

4.2.4.2 Senkung des Energieverbrauchs in der Landwirtschaft 155

4.2.4.3 Anbau nachwachsender Rohstoffe und Energieträger 156


-
4.2.5 Rahmenbedingungen zur Gestaltung einer nachhaltigen Landbe-
wirtschaftung 160

4.3 Handlungsoptionen auf internationaler Ebene 162

4.3.1 Veränderungen der politischen und ökonomischen Rahmenbedin-


gungen des Welthandels und der wirtschaftlichen Zusammenarbeit 163

4.3.1.1 Welthandel 163

4.3.1.2 Wirtschaftliche Zusammenarbeit 164

4.3.2 Verringerung des Bevölkerungswachstums 165

4.3.3 Technische Entwicklungszusammenarbeit 166

4.3.3.1 Agroforstwirtschaft 166

4.3.3.2 Methan-Reduktion im Reisanbau 167

4.4 Handlungsempfehlungen der Enquete-Kommission 167

4.4.1 Handlungsempfehlungen auf nationaler und europäischer Ebene 168


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Seite

4.4.1.1 Veränderung der agrarpolitischen Rahmenbedingungen im Hinblick


auf die Umsetzung einer nachhaltigen umweltverträglichen Landbe-
wirtschaftung 168

4.4.1.2 Maßnahmen zur Reduzierung von Methanemissionen (CH 4 ) 168


4.4.1.3 Maßnahmen zur Reduzierung von Distickstoffoxidemissionen
(N 2 0) 169
4.4.1.4 Maßnahmen zur Reduzierung der Ammoniakemissionen (NH 3 ) 169

4.4.1.5 Maßnahmen zur Reduzierung von Kohlendioxidemissionen (CO 2 ) 170


4.4.2 Handlungsempfehlungen auf internationaler Ebene 171

4.4.2.1 Veränderungen der politischen und ökonomischen Rahmenbedin-


gungen des Welthandels und der wirtschaftlichen Zusammenarbeit 171

4.4.2.2 Maßnahmen zur Verringerung des Bevölkerungswachstums 171

4.4.2.3 Technische Entwicklungszusammenarbeit im Agrarsektor 171

4.5 Möglichkeiten der Anpassung der Landwirtschaft an die Klimaände


rung 172

4.6 Forschungsbedarf 173

5. Literaturverzeichnis zu Abschnitt B 174

Abschnitt C
Klimaänderung und Wälder 181

Zusammenfassung und zentrale Empfehlungen 181

1. Die Wälder der Erde 185

1.1 Verbreitung und Gliederung 185

1.2 Das Ökosystem Wald 185

1.3 Bedeutung der Wälder für den Menschen 187

1.4 Historische Entwicklung und aktuelle Gefährdung der Wälder 188


-
1.5 Die Zukunft der Wälder in einem veränderten Klima 189

1.6 Zeit zu Handeln 190

1.6.1 Maßnahmen außerhalb der Wald- und Holzwirtschaft 190

1.6.2 Herausforderung für die Wald- und Holzwirtschaft 190

2. Die Wälder der borealen Zone 191

2.1 Geographische Verbreitung 191

2.2 Vegetationsgeographische Gliederung 192

2.3 Evolution, Struktur und Entwicklungsdynamik borealer Waldökosy


steme 194

2.4 Die Bedeutung der borealen Wälder 196

2.4.1 Der Einfluß der borealen Wälder auf das regionale und globale
Klima 196
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Seite

2.4.2 Biodiversität 198

2.4.3 Lebensraum für die heutige Bevölkerung, speziell für indigene


Völker 199

2.4.4 Wirtschaftliche Bedeutung 199

2.4.5 Schutz- und Erholungsfunktion 200

2.5 Die Beeinflussung der borealen Wälder durch den Menschen 201

2.5.1 Holzeinschlag 203

2.5.2 Feuer und Schädlingsbefall 205

2.5.3 Erschließung und industrielle Entwicklung 205

2.6 Waldnutzung und -gefährdung in der ehemaligen Sowjetunion 206

2.6.1 Forst- und Holzwirtschaft in der ehemaligen Sowjetunion 206

2.6.2 Gefährdung durch Feuer 209

2.6.3 Gefährdung durch die fortschreitende Erschließung Sibiriens und die


Emissionen aus der Industrie 210

2.7 Nutzung und Gefährdung der Wälder in Kanada 211

2.7.1 Die kanadische Forst- und Holzwirtschaft 211

2.7.2 Gefährdung durch Feuer und Insekten 215

2.7.3. Industrielle Erschließung 217

2.8 Waldnutzung und -gefährdung in Fennoskandien 219

2.8.1 Der Einfluß der Forst- und Holzwirtschaft 219

2.8.2 Schadstoffeintrag in die Wälder 220

3. Die Wälder der gemäßigten Zone 221

3.1 Abgrenzung und geographische Verbreitung 221

3.2 Die Waldtypen in der gemäßigten Zone 223

3.3 Die Entwicklung der Wälder der gemäßigten Zone 224

3.4 Die Bedeutung der Wälder der gemäßigten Zone 225


-
3.4.1 Bedeutung für das globale Klima 226

3.4.2 Wirtschaftliche Bedeutung 226

3.5 Die neuartigen Waldschäden 228

3.5.1 Inventurmethoden und beobachtetes Ausmaß 229

3.5.1.1 Bundesrepublik Deutschland 229

3.5.1.2 Europa 231

3.5.2 Ursachen der Waldschäden 233

3.5.3 Die Rolle des Eintrags von Luftverunreinigungen in die Wälder 233

3.5.3.1 Direkte Wirkung von Schadgasen auf die oberirdischen Pflanzen


teile 237

3.5.3.2 Wirkungen langfristiger Stoffzufuhr und -anreicherung im Boden . 238

3.5.4 Fazit 241

3.6 Sonstige Waldgefährdungen 242


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3.6.1 Waldbrände 242

3.6.2 Wildschäden 243

4. Bestand und Gefährdung der tropischen Wälder 245


4.1 Geographische Verbreitung, Gliederung und Ökologie der tropi
schen Waldökosysteme 245

4.1.1 Immergrüne tropische Feuchtwälder 246

4.1.2 Regengrüne tropische Feuchtwälder 248

4.1.3 Regengrüne Trockenwälder 248


4.1.4 Tropenwälder auf Sonderstandorten 249

4.2 Die Bedeutung der tropischen Wälder 249

4.2.1 Schutz und Versorgungsfunktion 249

4.2.2 Die Rolle für das regionale und globale Klima 249
4.2.3 Brennholzgewinnung und Nutzholzeinschlag 250

4.3 Ausmaß der Vernichtung und Degradation tropischer Wälder 256

4.4 Ursachen der Tropenwaldvernichtung und -degradation 258

4.5 Folgen der Tropenwaldvernichtung 261

4.5.1 Auswirkungen auf das regionale und globale Klima 261


4.5.2 Ökologische Folgen 262

4.5.2.1 Artenverluste 262

4.5.2.2 Bodenerosion und -degradation 263

5. Auswirkungen künftiger Klimaänderungen auf die Wälder 265


5.1 Ökosystemare Grundlagen 265

5.2 Nacheiszeitliche Entwicklung der Wälder 266

5.3 Die zukünftige Entwicklung der Wälder in einem sich verändernden


Klima 267

5.3.1 Ausmaß der zu erwartenden Klimaänderung 267

5.3.2 Auswirkungen auf Ökosystemprozesse 267


-
5.3.2.1 Auswirkung einer Veränderung der Temperatur- und Feuchtever-
hältnisse 268

5.3.2.2 Auswirkungen extremer Witterungsereignisse 269

5.3.2.3 Wirkungen eines erhöhten CO 2 -Gehaltes in der Atmosphäre 269


5.3.2.4 Auswirkungen erhöhter UV-B-Strahlung 271

5.3.3 Fazit 271

5.4 Modellvorhersagen über die zukünftige Verteilung der Wälder 271

6. Die Rolle der Biosphäre im globalen Kohlenstoffkreislauf und der


Einfluss des Menschen 273

6.1 Der globale Kohlenstoffkreislauf und die Rolle der Biosphäre 273

6.2 Der Kohlenstoffhaushalt der Biosphäre 276

6.2.1 Wälder 277


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Seite

6.2.2 Ökozonen ohne Waldbedeckung 282


6.2.3 Fazit 283

6.3 Möglichkeiten zur zusätzlichen Kohlenstoffeinbindung im Bereich


der Forst- und Holzwirtschaft 283
6.3.1 Potentiale zur Kohlenstoffeinbindung durch Aufforstung nichtbewal
deter Flächen 284
6.3.2 Erhöhung der Biomassendichte in bestehenden Wäldern 287
6.3.3. Erhöhung der Kohlenstoffspeicherung in Holzprodukten und Ersatz
energieintensiver Materialien durch Holz 288
6.3.4 Ersatz fossiler Energieträger durch Holz aus nachhaltiger Bewirt-
schaftung 290
6.3.5 Fazit 290

7. Bisherige Maßnahmen, Handlungsmöglichkeiten und Empfehlun


gen zum Schutz der Wälder 291
7.1 Situationsanalyse 292

7.2 Allgemeine Zielsetzungen und Handlungsfelder 293

7.3 Handlungsoptionen, Instrumente und Empfehlungen zum Schutz der


temperierten Wälder 294
7.3.1 Instrumente zur Veränderung waldschädigender Emissionen 294
7.3.2 Schutz und nachhaltige Bewirtschaftung 297
7.3.3 Empfehlungen der Enquete-Kommission zum Schutz der temperier-
ten Wälder 297
7.3.3.1 Empfehlungen für die internationale Ebene 297
7.3.3.2 Empfehlungen für die nationale und die EG-Ebene 299

7.4 Handlungsoptionen, Instrumente und Empfehlungen zum Schutz der


borealen Wälder 301
7.4.1 Handlungsoptionen und Instrumente 302
7.4.2 Empfehlungen der Enquete-Kommission zum Schutz der borealen
Wälder 302
7.4.2.1 Verstärkung der internationalen Kooperation mit den Nachfolgestaa
ten der ehemaligen Sowjetunion 302
-
7.4.2.2 Entwicklung und Umsetzung von Schutz- und nachhaltigen Nut-
zungskonzepten in den borealen Wäldern Nordamerikas 303

7.5 Handlungsoptionen, Instrumente und Empfehlungen zum Schutz der


Tropenwälder 303
7.5.1 Handlungsoptionen und Instrumente 303
7.5.1.1 Tropenforst-Aktionsprogramm (TFAP) 303
7.5.1.2 Pilotprogramm zum Schutz der brasilianischen Regenwälder 303
7.5.1.3 Schuldenerleichterungen und -erlaß 304
7.5.1.4 Globale Umweltfazilität (GEF) 305
7.5.1.5 Internationales Tropenholz-Übereinkommen (ITTA) und Internatio
nale Tropenholzorganisation (ITTO) 306
7.5.1.6 Einführung eines Labels für Tropenholz aus nachhaltiger Bewirt-
schaftung 306
7.5.2 Empfehlungen der Enquete-Kommission zum Schutz der Tropen-
wälder 306
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
Seite

7.5.2.1 Bewertung der bisherigen Bemühungen auf der Basis der Empfeh-
lungen der Enquete-Kommission „Vorsorge zum Schutz der Erdat-
mosphäre" 306
7.5.2.2 Globale Analyse und kritische Bewertung der bi- und multilateralen
Bemühungen zum Tropenwaldschutz 308
7.5.2.3 Entwicklung und Umsetzung einer sozial- und umweltverträglichen
Landnutzungsplanung in den Tropenwaldländern 308
7.5.2.4 Entwicklung und Umsetzung tragfähiger Schutzkonzepte 308
7.5.2.5 Entwicklung und Umsetzung nachhaltiger Bewirtschaftungsme-
thoden 309
7.5.2.6 Ausweitung von umweltverträglichen und von der Bevölkerung
akzeptierten Aufforstungen 309
7.5.2.7 Festschreibung nachprüfbarer Kriterien für nachhaltig erzeugte
Holzprodukte und Einführung eines Tropenholzlabels 310

7.6 Klima- und umweltverträgliche Holzverwendung 310


7.6.1 Handlungsoptionen und Rahmenbedingungen 310
7.6.1.1 Effiziente Nutzung des eingeschlagenen Holzes 311
7.6.1.2 Vermeidung und Wiederverwertung von Produkten aus Papier- und
Pappe 312
7.6.1.3 Energetische Nutzung von Holz und Holzabfällen 312
7.6.2 Nationale Rahmenbedingungen und Handlungsfelder 314
7.6.3 Handlungsempfehlungen der Enquete-Kommission im Bereich
klima- und umweltverträglicher Holzverwendung 315
7.6.3.1 Maßnahmen auf der internationalen Ebene 315
7.6.3.2 Maßnahmen auf der nationalen Ebene 316

7.7 Internationale Konvention zum Schutz der Wälder 317


7.7.1 Rechtliche Grundlagen und Möglichkeiten 317
7.7.2 Empfehlungen der Enquete-Kommission zur Ausarbeitung und Ver-
abschiedung einer Internationalen Konvention zum Schutz der Wäl-
der 319
7.7.2.1 Struktur der Konvention 319
7.7.2.2 Inhaltliche Eckpunkte 319
7.7.2.3 Zeitplan für die Verabschiedung einer Internationalen Waldkonven
tion 323 -

7.8 Forschungsempfehlungen 323


7.8.1 Aktueller Waldbestand und globale Waldflächenentwicklung in den
verschiedenen Klimazonen 323
7.8.2 Waldökologie und Stoffhaushalt der Wälder sowie Auswirkungen
künftiger Klimaänderungen 324
7.8.3 Waldwirtschaftliche Möglichkeiten zur Eindämmung des anthropo-
genen Treibhauseffektes 324
7.8.4 Ökonomische Bewertung der vielfältigen Leistungen der Wälder . 324
7.8.5 Effiziente und sparsame Holzverwendung 324

8. Literaturverzeichnis zu Abschnitt C 325


Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

Abschnitt A — Klimaänderung und Ozon

1. Anthropogene Klimabeeinflussung — Die Rolle der Landwirtschaft


und der Wälder

1.1 Charakteristika unseres Klimasystems natürliche Klimavariabilität zu einem wesentlichen


Teil zurückzuführen ist. So werden natürliche Klima-
Das Klima ist durch den statistischen Ablauf aller schwankungen z. B. durch großräumige Änderungen
Wetterereignisse — gemittelt über einen Zeitraum der ozeanischen Zirkulation hervorgerufen (10 bis
von mehreren Jahrzehnten — für jedes Gebiet der 1000 Jahre).
Erde definiert. Eine Änderung des Klimas kann nicht
aus einzelnen Extremereignisse (z. B. Jahrhundert-
sommer) abgeleitet werden. Erst durch mehrere Jahr-
zehnte fortlaufende Messungen lassen sich Klimaver-
änderungen, z. B. durch Feststellen eines Trends
und/oder veränderte Häufigkeitsverteilungen von 1.2 Eingriffe des Menschen in das Klimasystem
Wetterereignissen, nachweisen. Dabei ist die häufig durch Nutzung der Landoberflächen
herangezogene Änderung der bodennahen Lufttem-
peratur nur einer von vielen Indikatoren für Klimaän- Durch menschliche Aktivitäten wird die chemische
derungen. Niederschlag, Bewölkung, Wind, Boden- Zusammensetzung der Atmosphäre verändert und die
feuchte aber auch Häufigkeit, Intensität und Vertei- Oberfläche der Erde umgestaltet. Beides beeinflußt
lung von Wetterereignissen über das Jahr sowie die unser Klima. Die zunehmende Bewirtschaftung und
zeitliche Veränderung der Fläche und der Volumina Ausdehnung der landwirtschaftlich genutzten Flä-
von Gletschern sind ebenfalls wichtige Klimagrö- chen sowie der Eingriff des Menschen in natürliche
ßen. Ökosysteme kann zu merklichen Änderungen der
Energieflüsse innerhalb des Klimasystems und damit
Die Ursachen der im Verlauf der Erdgeschichte beob- zu signifikanten Änderungen des regionalen, aber
achteten Klimaänderungen sind sehr vielfältig. Sie auch des globalen Klimas führen. Diese Klimaände-
lassen sich zeitlich wie auch nach Art der Einfluß- rungen können sich wiederum nachteilig auf das
nahme einordnen. Die für die nachfolgende Diskus- Nutzungspotential der Landflächen für den Menschen
sion relevante Zeitskala für Klimaänderungen umfaßt auswirken.
10 bis 1000 Jahre. Innerhalb dieser in erdgeschichtli-
cher Hinsicht sehr kurzen Zeitspanne wird das Klima Ein weiteres Beispiel einer anthropogenen Beeinflus-
z. B. durch Schwankungen der Sonnenaktivität, durch sung des Klimas der Erde ist der durch menschliche
Vulkanismus, vor allem aber seit Beginn der Industria- Aktivitäten bedingte Anstieg der Konzentrationen
lisierung durch die anthropogene Freisetzung klima- klimarelevanter Spurengase in der Atmosphäre, der
relevanter Spurengase beeinflußt. Dagegen spielen eine erhebliche Störung der Energiebilanz des Plane-
die längerfristig angelegten Klimaänderungen, her- ten (anthropogener Treibhauseffekt) verursacht und
vorgerufen durch periodische Änderungen der Erd- damit eine Änderung der globalen Klimaverhältnisse
bahnparameter (20 000 bis 100 000 Jahre), durch zur Folge haben wird (s. Kap. 1.3). Der beobachtete
Gebirgsbildung (10 000 000 Jahre) oder durch Verän- Anstieg der Konzentration der Treibhausgase ist
derung der Land/Meer-Verteilung aufgrund platten- neben der Verbrennung fossiler Brennstoffe in einem
tektonischer Prozesse (>10 000 000 Jahre) in diesem erheblichen Umfang auf die anthropogene Landnut-
Betrachtungszeitraum keine wesentliche Rolle. zung zurückzuführen, bei der Wälder in landwirt-
schaftlich genutzte Flächen umgewandelt und dabei
Alle bisher aufgeführten Ursachen für Klimaänderun- große Waldgebiete, u. a. durch Rodung mit anschlie-
gen, einschließlich des Einflußfaktors Mensch, wer- ßender Verbrennung der nichtgenutzten Biomasse,
den als äußere Einflüsse, (externe Klimafaktoren) vernichtet werden. Hier werden große Mengen an
bezeichnet, weil keine direkte wesentliche Wechsel- Kohlendioxid, Methan und anderen klimarelevanten
wirkung mit dem Klimasystem besteht oder bekannt Gasen und Partikeln freigesetzt.
ist. Klimaänderungen können jedoch auch durch
innerhalb des Klimasystems selbst angelegte Schwan- Zusätzlich werden klimarelevante Spurengase auch
kungen bedingt sein (interne Klimafaktoren). Das durch den zunehmenden Einsatz von Düngemitteln
Klimasystem ist höchst komplex. Es besteht aus vier (Freisetzung von Distickstoffoxid, oft auch Lachgas
größeren Untersystemen: Atmosphäre, Ozean, Land- genannt, N2O), durch den verstärkten Naßreisanbau
massen und kontinentale Eisschilde (Abb 1.1). Inner- (Freisetzung von Methan, CH 4 ) oder auch durch die
halb sowie zwischen diesen einzelnen Untersystemen zunehmende Viehhaltung (CH 4 ) zunehmend in die
findet ein ständiger, allerdings in sehr unterschiedli- Atmosphäre emittie rt . In den nachfolgenden Kapiteln
chen Zeitskalen ablaufender Austausch von Energie, dieses Berichtes wird auf diesen Beitrag der Landwirt-
Stoffen und Impuls statt, auf den die zu beobachtende schaft und der Wälder ausführlich eingegangen.
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350

Abbildung 1.1: Kennzahlen des klimatischen Wechselwirkungssystems (nach Flohn,


1985)
Die angegebenen Zeiten sind die für das Klima charakteristischen Zeitskalen
in den Untersystemen Atmosphäre, Ozeane und Landflächen. So beträgt die
mittlere Verweilzeit für Partikel in der Troposphäre etwa eine Woche, die der
z. B. durch hochreichende Vulkaneruptionen in die Stratosphäre eingetra-
genen Partikel im Mittel 100 bis 500 Tage. Dagegen sind die tieferen
Schichten der Böden mit ihren Grundwasservorräten, die tieferen Schichten
der Ozeane sowie die kontinentalen Eisvorkommen durch wesentlich
langsamere Austausch- bzw. Umwälzvorgänge gekennzeichnet.
Die Wechselwirkung zwischen den Untersystemen geschieht durch Aus-
tausch von Strahlung, fühlbarer Wärme, latenter Wärme (Verdunstung,
Kondensation), Impuls sowie durch Austausch von Partikeln und Gasen.
Dabei kommt dem Austausch zwischen der Atmosphäre und den Ozeanen
eine hervorragende Rolle im Klimasystem zu. So werden z. B. durch die
Verdunstung von Wasser über den Ozeanen etwa 434 Billionen Tonnen
Wasserdampf der Atmosphäre zugeführt, etwa 85 % der gesamten Menge
verdunsteten Wassers. Zum Vergleich: Über die Flüsse werden jährlich etwa
36 Billionen Tonnen Wasser in die Ozeane transportiert (Angaben nach
Dozier, 1992). Die durch die Verdunstung gebundene Wärme (latente
Wärme) wird durch Kondensation in der Atmosphäre freigesetzt. Dieser
Prozeß trägt wesentlich dazu bei, die strahlungsbedingten Energieverluste
der Atmosphäre wieder auszugleichen.
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

Anthropogene Veränderung der Beschaffenheit der nommen worden ist, wird dort die Oberflächenalbedo
Erdoberfläche von etwa 12 % auf Werte zwischen 17 % und 21 %
zunehmen, die Verdunstung von etwa 1500 mm pro
Die durch die anthropogene Landnutzung bedingte Jahr um Werte zwischen 150 mm bis 500 mm pro Jahr
Umgestaltung der Landoberflächen hat weitere, abnehmen und die mittlere Bodentemperatur entspre-
zumindest für die regionalen Klimaverhältnisse chend um 1° bis 4 °C ansteigen.
bedeutende Konsequenzen. Dabei stehen zwei Pro-
Außerhalb der Tropen ist der Einfluß einer Änderung
zesse im Vordergrund. Dies sind einmal die Verände-
der lokalen Oberflächenbeschaffenheit auf den Was-
rung der Bodenalbedo und zum anderen die Verän-
serhaushalt geringer, da der regionale Wasserkreis-
derung des Wasserhaushaltes. Die Umwandlung
lauf nur in geringem Maße durch lokale Verhältnisse
natürlicher Vegetationsformen in landwirtschaftlich
bestimmt wird. Demgegenüber zeigen Modellrech-
genutzte Flächen bedingt dabei überwiegend eine
nungen von Bonan u. a.(1992), daß die Wälder der
Zunahme des Rückstrahlungsvermögens der Oberflä-
höheren Breiten (boreale Wälder) in den Monaten mit
che (Zunahme der Bodenalbedo). Darüber hinaus
Schneebedeckung bei merklicher Reduzierung der
wird dadurch der Wasserhaushalt des Bodens und der
mittleren Oberflächenalbedo durch erhöhte Absorp-
Vegetation verändert, indem die Wasserspeiche-
tion von Sonnenstrahlung zu höheren Wintertempera-
rungsfähigkeit des Systems herabgesetzt, die Verdun-
turen führen. Die Modellrechnungen deuten zudem
stungsrate vermindert sowie der oberirdische Abfluß
an, daß eine Vernichtung der borealen Wälder nicht
(und damit die Bodenerosionsrate) erhöht wird.
nur niedrigere Wintertemperaturen, sondern auch
Dadurch wird dem lokalen Wasserkreislauf Wasser
niedrigere Sommertemperaturen zur Folge haben
entzogen und der Atmosphäre weniger Wasserdampf
würde, da auch der arktische Ozean kälter würde.
zugeführt.

Während die Zunahme der Bodenalbedo den vom


Boden absorbierten solaren Strahlungsfluß vermin- 1.3 Klimarelevante Spurengase — Der
dert und damit tendenziell zu niedrigeren mittleren anthropogene Treibhauseffekt
Temperaturen führt, ist die Reduzierung der Verdun-
stung gleichbedeutend mit einer Zunahme der mittle- Der Treibhauseffekt der Atmosphäre ist für das Klima
ren Bodentemperatur, da weniger Energie für die der Erde von eminenter Bedeutung. Er wird zum
Verdunstung aufgewendet wird. Eine geringere Ver- größten Teil von nur fünf Spurengasen verursacht, die
dunstungsrate kann wiederum zu einer Reduzierung die kurzwellige Sonnenstrahlung fast ungehindert in
des Wasserdampfanteils in der Luft und zu einer Richtung Erdoberfläche passieren lassen, jedoch die
Verringerung des Bewölkungsanteils führen, die sich von der Erdoberfläche emittierte Wärmestrahlung
auf die zeitliche und räumliche Verteilung der Nieder- teilweise absorbieren, so daß die langwellige Aus-
schläge auswirkt. Die Tagesamplitude der Bodentem- strahlung in den Weltraum vermindert wird. Die zur
peratur wird sich deutlich verstärken (Vergrößerung ausgeglichenen Energiebilanz notwendige Erwär-
von Minimum- und Maximumtemperaturen). Zusam- mung der Oberfläche und der unteren Atmosphäre
men mit einer möglichen Umstellung der atmosphäri- wird in grober Analogie zur Wirkung der Glasschei-
schen Zirkulation kann diese Entwicklung zur Deser- ben eines Treibhauses Treibhauseffekt genannt. Die-
tifikation (Wüstenbildung) führen. Ein möglicher ser natürliche Treibhauseffekt der Atmosphäre sorgt
anthropogener Einfluß bei der beobachteten Auswei- dafür, daß an der Erdoberfläche nicht strenger Frost
tung der Sahelzone wird in diesem Zusammenhang herrscht, sondern im Mittel Temperaturen um etwa
diskutiert (Dickinson, 1992). 15 °C erreicht werden.
Obwohl die unterschiedlichen Wirkungsweisen der Die wesentlichen klimarelevanten Spurengase in
möglichen Effekte, jeweils für sich betrachtet, vielfach einer anthropogen unbeeinflußten Atmosphäre sind
relativ gut verstanden sind, lassen sich die Auswir- Wasserdampf (H 2 0), Kohlendioxid (CO 2 ), Ozon (0- 3 ),
kungen anthropogener Aktivitäten auf die gegebenen Distickstoffoxid (N 20) und Methan (CH 4 ). Durch
regionalen Klimaverhältnisse aufgrund der weitrei- anthropogene Emissionen steigen die Konzentratio-
chenden Interdependenzen nur mit Hilfe geeigneter nen dieser Spurengase in der Atmosphäre und damit
Klimamodelle abschätzen. Zwei Beispiele mit jeweils auch deren Einwirkungspotentiale auf den Strah-
sehr unterschiedlichen Konsequenzen für das Klima lungshaushalt der Erde stetig weiter an. Dieser
der Erde sind: die Vernichtung der tropischen Regen- anthropogene Treibhauseffekt wird zusätzlich durch
wälder sowie die Vernichtung der borealen Wälder. die industriell produzierten, in der natürlichen Atmo-
Dabei ist festzuhalten, daß die Vernichtung der tropi- sphäre nicht vorkommenden halogenierten Kohlen-
schen Wälder bei ungeänderten Einschlag- bzw. wasserstoffverbindungen FCKW, H-FCKW und FKW
Brandrodungsraten in absehbarer Zeit Wirklichkeit und regional durch das aufgrund anthropogener
werden könnte (s. Abschnitt C), dagegen ist das Emissionen bestimmter Vorläufersubstanzen (s. Kap.
Szenario „Vernichtung der borealen Wälder" bisher 2.1) gebildete Ozon (0 3 ) in der Troposphäre verstärkt
lediglich ein Gedankenexperiment. sowie durch den Abbau des Ozons in der Stratosphäre
regional vermindert.
Bei der Vernichtung der tropischen Regenwälder ist
der Eingriff in den Wasserhaushalt dieses Systems Als Folge der anthropogenen Emissionen von Schwe-
höher einzuschätzen als die Änderung der Albedo. feldioxid (50 2 ), die sich in den vergangenen 100
Nach neuesten Modellstudien (Dickinson, 1991), in Jahren verdreifacht haben, aber auch der ebenfalls
denen eine vollständige „Umwandlung" des tropi- stark angestiegenen Emissionen von Stickoxiden
schen Regenwaldes im Amazonas in Grasland ange (NOX) und Ammoniak (NH 3 ) nahm die Aerosolmasse
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insbesondere in der nördlichen Troposphäre erheb- und FCKW 12-Konzentrationen festgestellt worden
lich zu (Langner u. a., 1992). Damit verbunden ist eine (Schul u. a., 1993). Nach der 4. Vertragsstaatenkonfe-
Zunahme des in den Weltraum zurückgestreuten renz des Montrealer Protokolls soll der Ausstieg aus
Sonnenlichts, wodurch die Wirkung des anthropoge- den vollhalogenierten Kohlenwasserstoffen bis Ende
nen Treibhauseffekts regional vermindert, im Som- 1995 erfolgen, so daß dann mit einer Abnahme der
mer über dem Osten der USA sowie über einigen Konzentrationen gerechnet werden kann. Dafür kom-
belasteten Gebieten Europas sogar kompensiert wer- men die chemisch verwandten Ersatzstoffe (H-FCKW,
den kann (Kiehl u. Briegleb, 1993). z. B. H-FCKW 22 und FKW, z. B. R 134a) vermehrt zum
Einsatz, die zwar ein geringeres Ozonzerstörungspo-
tential aufweisen, aber in ähnlicher Weise klimawirk-
sam sind.
1.3.1 Volumenanteile und Treibhauspotentiale
In den letzten 20 Jahren hat der troposphärische
Ozongehalt in der freien Troposphäre in den mittleren
Das wichtigste anthropogene Treibhausgas ist das
Breiten der Nordhemisphäre um etwa 1 % pro Jahr
Kohlendioxid (CO 2 ), das seit der Industrialisierung
zugenommen (WMO,1992). Die gegenwärtig (1991) in
von einem mittleren Mischungsverhältnis von
Reinluftgebieten bodennah gemessenen Werte
275 ppmv auf heutige Werte um ca. 355 ppmv ange-
schwanken im Mittel zwischen 30 bis 50 ppbv un d .
stiegen ist, was einer Steigerung von ca. 27 % ent-
übersteigen damit den vorindustriellen Wert um mehr
spricht. Der heutige CO 2 -Gehalt in der Atmosphäre ist
als das Doppelte. Der Anstieg der Ozonkonzentration
höher als zu irgendeinem Zeitpunkt der vergangenen
wird auf die steigenden Emissionen der Ozon-Vorläu-
160 000 Jahre. Sollte sich die gegenwärtige Zunahme
fersubstanzen Stickoxide (NOX), Kohlenmonoxid
des atmosphärischen CO 2 -Gehalts von etwa 1,8 ppmv
(CO), Methan (CH 4 ) und höherer flüchtiger organi-
pro Jahr weiter fortsetzen, wird die CO 2 -Konzentra-
scher Verbindungen (VOC) zurückgeführt, die durch
tion in der Mitte des nächsten Jahrhunderts einen
photochemische Reaktionen zu einer verstärkten Bil-
Wert von 450 ppmv erreicht haben.
dung von Ozon führen.
Das mittlere troposphärische Mischungsverhältnis für
Methan (CH 4 ) lag 1991 bei 1,74 ppmv und damit um
mehr als das Doppelte über dem vorindustriellen Wert Treibhauspotentiale
von 0,7 ppmv. Derzeit wächst der CH 4 -Gehalt in der
Atmosphäre um ca. 0,8 % oder ca. 0,015 ppmv pro Jahr Das Treibhauspotential eines atmosphärischen Spu-
an. rengases ist ein Maß für den Beitrag dieses Gases zur
Der atmosphärische Gehalt an Distickstoffoxid (N 20) Abschirmung der von der Erdoberfläche ausgestrahl-
steigt gegenwärtig (1991) mit etwa 0,8 ppbv oder ten Wärmestrahlung. Es wird relativ zum CO 2 -Treib-
0,3 % pro Jahr an. Das mittlere troposphärische hauspotential angegeben, wobei die jeweilige Ab-
Mischungsverhältnis lag 1991 mit 311 ppbv um 8 % sorptionswirksamkeit einer einmalig freigesetzten
über dem vorindustriellen We rt . Spurengasmasse von der momentanen chemischen
Die seit den 30er Jahren dieses Jahrhunderts verwen- Zusammensetzung der Atmosphäre abhängig ist. Das
deten halogenierten Kohlenwasserstoffe sind nach Treibhauspotential eines Spurengases ist besonders
photochemischer Spaltung nicht nur für den strato- hoch, wenn es bei Wellenlängen absorbiert, in denen
sphärischen Ozonabbau verantwortlich (s. Kap. 2.1), die Atmosphäre aufgrund ihrer natürlichen Zusam-
sondern gehören unzerstört zu den klimawirksamsten mensetzung sehr transparent ist (Wellenlängenbe-
Spurengasen. Das mittlere Mischungsverhältnis der reich zwischen 8 und 13 µm). Das Treibhauspotential
beiden wichtigsten Verbindungen, FCKW 11 und ist weiterhin wegen der unterschiedlich langen mitt-
FCKW 12, lag im Jahr 1991 bei 280 bzw. bei 484 pptv leren Verweilzeiten der Spurengases in der Atmo-
bei einer Anstiegsrate von 4 % pro Jahr. Diese sphäre vom zeitlichen Betrachtungshorizont abhän-
Anstiegsrate hat sich in den beiden letzten Jahren gig.
deutlich verringert (Elkins u. a., 1993). In der Südhe- In Tab. 1.1 sind die Treibhauspotentiale für die
misphäre ist bereits eine Stabilisierung der FCKW 11- wichtigsten klimarelevanten Spurengase für drei ver-

Tabelle 1.1

Treibhauspotentiale verschiedener Spurengase nach IPCC (1992)

direkter Treibhauseffekt
Spurengas mittlere Verweilzeit indirekter Treibhauseffekt
20 Jahre 100 Jahre 500 Jahre

CO2 120 1 1 1 —
CH4 10,5 35 11 4 >0
N20 132 260 270 170 unbestimmt
CO Monate — — — >0
VOC Tage bis Monate — — — >0
NOx Tage — — — >0
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schiedene Betrachtungszeiträume (20, 100 und 500 langwelligen Ausstrahlung des Systems Erdoberflä-
Jahre) wiedergegeben. So ist z. B. die Treibhauswir- che/Troposphäre bewirkt und damit tendenziell zu
kung von CH 4 , über einen Betrachtungszeitraum von einer Abkühlung der bodennahen Luftschichten führt.
20 Jahren gesehen, etwa 35 mal stärker als die des Dieser Effekt weist den Hauptverursachern für den
CO 2 . Dieser Wert fällt um den Faktor 3 ab, wenn der stratosphärischen Ozonabbau, den vollhalogenierten
Betrachtungszeitraum auf 100 Jahre verlängert wird. Kohlenwasserstoffen (z. B. FCKW 11 und 12), ein
Dieses Beispiel dokumentiert, daß das Treibhauspo- indirektes, negatives Treibhauspotential zu. Diese
tential eines Spurengases ganz wesentlich von dem durch die Emissionen verschiedener anthropogener
Verhältnis seiner mittleren atmosphärischen Verweil Spurengase bedingte Änderung der Ozonverteilung
zeit relativ zu der Verweilzeit von CO 2 abhängig ist; in der gesamten Atmosphäre bedeutet eine neuartige,
d. h. je kürzer die Verweilzeit eines Gases im Ver- breiten- und höhenabhängige Störung des gesamten
gleich zu CO 2 ist, desto stärker fällt das Treibhauspo- Strahlungshaushaltes der Erde, deren Auswirkung
tential mit Zunahme des Betrachtungshorizonts auf das Klima derzeit noch nicht abschließend bewer-
gegenüber CO 2 ab. Da die Verweilzeit des anthropo- tet werden kann.
genen CO 2 nicht genau bekannt ist, sind die Angaben
Der Beitrag der einzelnen Treibhausgase am anthro-
in Tab. 1.1 nur als grobe Relationen zwischen den
pogenen Treibhauseffekt Bemittelt über die letzten 10
verschiedenen Gasen zu betrachten.
Jahren wird wie folgt abgeschätzt (EK, 1991a): CO 2
Verschiedenen Spurengasen wird (auch) ein indirek- 4 13 %, FCKW 24 %, N 2 0 5 % sowie indirekte 50%,CH
tes Treibhauspotential zugeschrieben, weil sie bei Effekte durch Zunahme des stratosphärischen Was-
ihrer chemischen Umwandlung in der Atmosphäre zur serdampfgehaltes und des troposphärischen Ozons
Bildung anderer klimarelevanter Spurengase beitra- zusammen mit 8 %.
gen. Die Wirkungsweise dieser indirekten Treibhaus-
potentiale — den anthropogenen Treibhauseffekt ver-
stärkend oder aber diesem entgegenwirkend — ist 1.3.2 Ursachen und Verursacher — klimarelevante
vielfach nur qualitativ bekannt. Jedoch sind quantita- Emissionen im Landwirtschafts- und
tive Angaben noch unsicher. Ein Beispiel für einen Waldbereich
indirekten Treibhauseffekt ist Methan, das nicht nur
direkt klimawirksam ist, sondern durch seine Beteili- Die Emissionen klimarelevanter Spurengase, die den
gung an der Bildung des troposphärischen Ozons Bereichen Landwirtschaft und Wälder zuzurechnen
sowie des stratosphärischen Wasserdampfes den sind, werden ausführlich in den Abschnitten B und C
Treibhauseffekt verstärkt. Schätzungen dieses, den behandelt. An dieser Stelle soll lediglich eine grobe
direkten Treibhauseffekt des Methans verstärkenden Einordnung dieser Emissionen in Relation zu der
Anteils liegen zwischen etwa 30 % (Lelieveld u. Crut Emission aus anderen Quellen erfolgen.
zen, 1992) und 100 % (IPCC, 1992) des direkten
In Tab. 1.2 sind die derzeitigen Anteile der verschie-
Treibhauspotentials.
denen Verursacherbereiche am globalen anthropoge-
Ein indirektes Treibhauspotential besitzen auch die nen Treibhauseffekt zusammengefaßt. Danach ist die
Spurengase CO, VOC und NOX, die zur Bildung von Rodung der Wälder mit etwa 15 % (überwiegend
Ozon in der Troposphäre beitragen. Zur Bestimmung durch die Emissionen der Spurengase CO 2 , N2 0, CH4
des Treibhauspotentials des troposphärischen Ozons undCO)sowieLartchfmebnls15%
ist eine räumlich wie zeitlich differenzierte Betrach- (überwiegend durch die Emissionen der Spurengase
tung erforderlich, da sowohl die Vorläufer als auch das CH4 , N20 und CO 2 ) am anthropogenen Treibhausef-
Ozon selbst relativ geringe mittlere Verweilzeiten fekt beteiligt.
aufweisen und damit die horizontale wie auch die
Der durch die Rodung der Wälder freigesetzte CO 2
vertikale Ozon-Verteilung in der Atmosphäre — im
Anteil entspricht etwa 25 % der gesamten anthropo-
Gegensatz zu allen übrigen in Tab. 1.1 aufgeführten -
Spurengasen — starken räumlichen Gradienten und genen CO 2 -Emissionen (s. Kap. 1.3.3). Darüber hinaus
ist der Bereich Landwirtschaft für knapp 60 % aller
ebenfalls starken zeitlichen Variationen unterworfen
anthropogenen CH 4 -Emissionen (jährliche Gesamt-
sind. Eine generell akzeptierte globale Abschätzung
summe etwa 360 Mio. t CH 4 ) und ebenfalls für etwa
des Einflusses erhöhten troposhärischen Ozons gibt es
60 % aller anthropogenen N 2O -Emissionen (jährliche
noch nicht. Das troposphärische Ozon bestimmt
Gesamtsumme etwa 3,5 Mio. t N) verantwortlich
zudem die OH-Konzentration der Troposphäre, die
(abgeschätzt nach Angaben des IPCC, 1992). Die in
ihrerseits wieder Einfluß nimmt auf die Konzentration
der Bundesrepublik Deutschland landwirtschaftlich
und Verteilung anderer direkt und indirekt wirksamer
bedingten CH 4 - und N 20-Emissionen werden für das
Treibhausgase.
Jahr 1990 auf 2,05 Mio. t CH4 bzw. 0,075 Mio. t N 2O
Weiterhin ist Ozon insofern noch klimarelevant, als geschätzt, was in beiden Fällen in etwa einem Drittel
der anthropogen ausgelöste Ozonverlust in der unte der gesamten anthropogenen Emissionen entspricht
ren Stratosphäre (s. Kap. 2.1) eine Zunahme der (BMU, 1993).
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
Tabelle 1.2

Anteile der verschiedenen Verursacherbereiche weltweit


am zusätzlichen, anthropogenen Treibhauseffekt 1 )

Anteile Aufteilung
Verursachergruppen (grob auf die Spurengase Ursachen
gerundet) (grob gerundet)

Energie 50 % 40 % CO 2 , Emissionen der Spurengase aufgrund der


einschließlich Verkehr 10 % CH4 und 03 Nutzung der fossilen Energieträger Kohle,
(0 3 wird durch Erdöl und Erdgas sowohl im Umwandlungs-
die Vorläufer- Bereich, insbesondere bei der Strom- und
substanzen Fernwärmeerzeugung sowie Raffinerien, als
NON , CO und auch in den Endenergiesektoren, Haus-
NMVOC ge- halte, Kleinverbrauch (Handwerk, Dienst-
bildet) leistungen, öffentliche Einrichtungen etc.),
Industrie und Verkehr

Chemische Produkte 20 % 20 % FCKW Halone Emissionen der FCKW, Halone etc.


(FCKW, Halone u. a.) 2 ) etc.

Vernichtung der Tropen- 15 % 10 % CO 2 , Emission durch die Verbrennung und Ver-


wälder 5 % weitere Spu- rottung tropischer Wälder einschließlich
rengase, ins- verstärkter Emissionen aus dem Boden
besondere
N20, CH4 und
CO

Landwirtschaft 15 % 15 % in erster Linie Emissionen aufgrund von:


CH4 , N2 0 und — anaeroben Umsetzungsprozessen (CH 4
CO2 durch Rinderhaltung, Reisfelder etc.)
— Düngung (N 20)

(CO2 = Kohlendioxid; CH 4 = Methan; NOx = Stickoxide; CO = Kohlenmonoxid; NMVOC = flüchtige organische Verbindungen
[außer Methan]; FCKW = Fluorchlorkohlenwasserstoffe; N2O = Distickstoffoxid = Lachgas)
1) Im Hinblick auf die Spannbreite der Anteile der einzelnen Spurengase am zusätzlichen Treibhauseffekt und auf die großen
Unsicherheitsbereiche bei der Zuordnung der einzelnen Treibhausgase zu den verschiedenen Bereichen können gegenwärtig
nur grob gerundete Näherungswerte angegeben werden. Die hier angegebenen Anteile stimmen im Rahmen der vorhandenen
Spannbreiten und Unsicherheiten mit den Werten des IPCC überein.
2) FCKW, Halone und andere Verbindungen, die sowohl zu einem Abbau der Ozonschicht in der Stratosphäre als auch zum
zusätzlichen Treibhauseffekt beitragen.

1.3.3 Der CO2-Kreislauf CO 2 -Flüsse vor allem zwischen den relativ schnell
Im Gegensatz zu anderen klimarelevanten Spurenga- austauschenden Reservoiren Atmosphäre, Ozean-
sen unterliegt das CO 2 einem besonders komplexen deckschicht sowie Biosphäre geführt. Dabei verblie-
Kreislauf, an dem die Atmosphäre, die terrestrische ben lediglich etwa 40 % des gegenüber dem natürli-
und marine Biosphäre, die Böden der Landflächen, die chen Kreislauf zusätzlich emittierten Kohlendioxids in
ozeanische Deckschicht, die tieferen Schichten der der Atmosphäre, der Hauptteil wurde von den Ozea-
Ozeane inkl. der ozeanischen Sedimente sowie die nen und von der Biosphäre aufgenommen (Siegentha-
Erdkruste beteiligt sind (Abb. 1.2). Der rasche, anthro- ler u. Sarmiento, 1993). Die Abb. 1.2 gibt die anthro-
pogene Anstieg der CO 2 -Emissionen in den letzten pogenen jährlichen Kohlenstoffflüsse, Mittelwerte für
zweihundert Jahren hat dabei zu Veränderungen der den Zeitraum 1980 bis 1989, an (IPCC, 1992).
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

Abbildung 1.2: Der Kohlenstoff-Kreislauf


Die verschiedenen Reservoire sind vertikal bzgl. der Zeitspanne angeordnet, über der sie den
CO2-Gehalt der Atmosphäre beeinflussen. Alle Angaben sind in Gt C bzw. Gt C / Jahr.
Der gegenseitige jährliche Austausch zwischen den Reservoiren ist durch Pfeile gekenn-
zeichnet. Die gestrichelten Pfeile zeigen die anthropogen ausgelösten Kohlenstoffflüsse,
Mittelwerte für den Zeitraum 1980 bis 1989, an (IPCC, 1992). Während der Austausch
zwischen Atmosphäre und Ozean relativ gut abgeschätzt werden kann, sind die Angaben für
den Austausch zwischen Atmosphäre und Biosphäre noch mit einiger Unsicherheit behaf-
tet.
Quellen: Sundquist (1993), IPCC (1992), Siegenthaler u. Sarmiento (1993)*

Die Tab. 1.3 faßt den heutigen Kenntnisstand über die 18. Jahrhundert etwa konstant. Es ist jedoch dabei zu
zeitliche Entwicklung des CO 2 -Haushaltes in den beachten, daß die Schätzungen der durch Landnut-
letzten mehr als 200 Jahren zusammen (Sundquist, zung freigesetzten CO 2 -Mengen nicht ausreichend
1993). Danach wurde der Anstieg der atmosphäri- genau sind, da die entscheidenden Faktoren wie z. B.
schen CO 2 -Konzentration vor 1850 nahezu aus- die Größe der umgewandelten Flächen oder die Art
schließlich durch die Umwandlung von Waldflächen der neuen Landnutzung nicht hinreichend genau
in landwirtschaftlich oder anderweitig genutzte Flä- bestimmbar sind.
chen hervorgerufen. Die Ausweitung der landwirt-
schaftlichen Nutzflächen zu Lasten der Waldflächen Als Quelle des anthropogenen CO 2 dominiert seit
erfolgte zunächst vor allem in Europa, den USA und etwa der Mitte dieses Jahrhunderts die Verbrennung
Teilen Ostasiens. Innerhalb der letzten 100 Jahre sind fossiler Brennstoffe. Die zwischen 1750 und 1990
dagegen vor allem die Tropen betroffen. Im Gegen- dadurch emittierte CO 2 -Menge beträgt 217 Mrd. t C,
satz dazu nahm die Waldfläche in den meisten Indu- was etwa 57 % der gesamten anthropogenen CO 2
strieländern in den letzten Jahren wieder deutlich zu. Emissionen seit 1750 entspricht. Der jährliche Anstieg
Nicht zuletzt deshalb blieb die durch den Landnut- der „fossilen" CO 2 -Emissionen verlief insbesondere
zungswandel freigesetzte Kohlenstoffmenge seit dem in den vergangenen 40 Jahren exponentiell. Die pro
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
Tabelle 1.3

Entwicklung des CO 2 -Haushalts in den letzten 240 Jahren


(Sundquist, 1993)

Jahr
Reservoir
1750 bis 1850 1850 bis 1950 1950 bis 1990 1750 bis 1990

Quellen
fossile Brennstoffe 1 61 ± 6 155 ± 18 217 ± 22
Landnutzung 40 ± 12 69 ± 21 53 ± 16 162 ± 49

gesamt 41 ± 12 130 ± 22 208 ± 23 379 ± 4


Senken
Atmosphäre 21 50 89 160
Ozeane 20 16 63 49 72 63 155 118

gesamt 41 37 113 99 161 142 315 278


Differenz 0 4 17 31 47 66 64 101

Alle Angaben in GtC.


Differenz = Quellen (gesamt) minus Senken (gesamt). Weitere Erläuterungen im Text.
Für die Senkenstärke der Ozeane gibt Sundquist jeweils zwei Abschätzungen an, wobei die linke Zahl auf Untersuchungen von
Keeling (1989) und die rechte Zahl auf Untersuchungen von Sarmiento, u. a. (1992) beruht.

Jahr emittierte CO 2 -Menge, die durch die Verbren- -Flüsehinrcdgaubstmin—Falder


nung fossiler Brennstoffe freigesetzt wird, beträgt zur durch Landnutzung freigesetzten Menge gilt dies nur
Zeit ca. 6 Mrd. t C. Ihr prozentualer Anteil stieg damit sehr eingeschränkt — so muß ein wesentlicher Anteil
auf über 75 %. des anthropogen emittierten CO 2 durch die terrestri-
sche Biosphäre in Form von organischem Kohlenstoff
Das anthropogen emittierte CO 2 verteilt sich auf die fixiert werden. Dabei kann der sogenannte „CO 2
Atmosphäre sowie die terrestrische Biosphäre und die -Düngefkt"iRolspn(.Ka312
Ozeane. Während der CO 2 -Zuwachs in der Atmo- Abschnitt B). Gegenwärtig wird abgeschätzt, daß die
sphäre für den Zeitraum 1750 bis 1990 von 160 Mrd. t durch die Biosphäre aufgenommene CO 2 -Menge in
C sehr gut belegt ist, sind die Angaben über die durch etwa der durch die Landnutzung freigesetzten CO 2
die Ozeane aufgenommene CO 2 -Menge verhältnis- -Mengtsprich.DaIPC(192)sätzdieurch
mäßig unsicher. Die Tab. 1.3 enthält dazu zwei Landnutzung freigesetzte CO 2 -Rate für die letzten
Abschätzungen von Sundquist (1993), die auf Anga- 10 Jahre auf 1,6 ± 1,0 Mrd. t C pro Jahr.
ben von Keeling u. a. (1989) sowie Sarmiento u. a.
(1992) beruhen. Danach liegt die durch die Ozeane in
den letzten 240 Jahren aufgenommene CO 2 -Menge
zwischen 118 und 155 Mrd. t C. Die durchschnittliche 1.4 Klimavorhersage
CO2 -Aufnahmerate der Ozeane in den letzten zehn
Jahren wird auf 2 ± 0,8 Mrd. t C pro Jahr geschätzt Der anthropogene Treibhauseffekt verursacht Um-
(IPCC, 1992). Abschätzungen, nach denen das CO 2 stellungen im Klimasystem, deren Ausmaße und Aus-
wirkungen aufgrund der vielfältigen und komplexen -AufnahmevrögdOznutehalbvo
1 Mrd. t C pro Jahr liegen sollte (Tans u. a., 1990), Wechselbeziehungen innerhalb des Klimasystems
konnten durch neuere Untersuchungen (Sarmiento u. nur durch Klimamodelle bestimmt werden können.
Lundquist, 1992; Robertson u. Watson, 1992; Enting, Die besten Klimamodelle sind in der Lage, die wesent-
u.a, 1993; Keeling u. Shertz, 1992) nicht bestätigt lichen Merkmale des heutigen Klimas zuverlässig zu
werden. beschreiben (Gates, 1992; Roeckner u. a., 1992;
McFarlane et. al., 1992). Sie erlauben darüber hinaus
Stellt man für die angegebenen Zeitabschnitte in Tab.
Aussagen zur künftigen Entwicklung des globalen
1.3 die gesamte CO 2 -Bilanz auf, so übersteigen die
Klimas. Große Unsicherheiten liegen allerdings noch
anthropogenen CO 2 -Emissionen die von den beiden
im Bereich der regionalen Klimavorhersage.
Reservoiren Atmosphäre und Ozeane aufgenommene
CO2 -Menge. Dieses Ungleichgewicht wächst mit der Im einzelnen lassen die Klimamodelle die folgenden
Zeit. Setzt man voraus, daß die abgeschätzten CO 2 Aussagen zu:
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— Die mit einer Verdopplung des äquivalenten CO 2 1.5 Erkennbare Klimaänderungstendenzen


1 ) nach Erreichen des Gleichgewichtszu--Gehalts
stands verbundene globale Erwärmung beträgt Der beobachtete Anstieg der globalen bodennahen
etwa 2,5 °C, bei einem Unsicherheitsbereich von Durchschnittstemperatur liegt mit etwa 0,5 °C in 100
1,5 bis 4,5 °C (IPCC, 1992). Die relativ große Jahren gerade noch im Bereich der natürlichen
Spannweite resultiert wesentlich aus der unter- Schwankungsbreite des Klimas und ist deshalb nicht
schiedlichen Einschätzung des Bewölkungsein- eindeutig der Zunahme der Konzentrationen der kli-
flusses in den verschiedenen Klimamodellen (Cess marelevanten Spurengase in der Atmosphäre zuzu-
u. a., 1989) 2 ). ordnen. Diese natürliche Schwankungsbreite ist
durch eine Reihe von internen und externen Einfluß-
— Setzt man einen stetigen, mittleren Anstieg der
faktoren bedingt. Es ist nicht auszuschließen, daß der
äquivalenten CO 2 -Konzentration von 1 % pro Jahr
Einfluß des anthropogenen Treibhauseffektes zur Zeit
für die kommenden Jahre voraus — dies entspricht
noch durch die Wirkung anderer Einflußfaktoren
etwa dem jetzigen Trend — so prognostizieren
überlagert bzw. maskiert wird und deshalb noch nicht
gekoppelte Ozean-Atmosphäre-Modelle einen
in vollem Umfang zum Tragen kommt. Hinzu kommt,
mittleren Anstieg der global und jahreszeitlich
daß das Klimasystem, insbesondere durch die große
Bemittelten Lufttemperatur in Bodennähe von
Wärmekapazität der Ozeane, zeitlich verzögert auf
0,3 °C pro Jahrzehnt. Der Unsicherheitsbereich
die Zunahme der atmosphärischen Treibhausgaskon-
liegt zwischen 0,2 und 0,5 °C pro Jahrzehnt (IPCC
zentrationen reagiert und deshalb erst ein Teil der
1990).
bereits induzierten Klimaänderung wirksam gewor-
— Neuere Abschätzungen für den zu erwartenden den ist.
Temperaturanstieg, die u. a. mit leicht verminder- Tab. 1.4 zeigt einen größenordnungsmäßigen Ver-
ten Konzentrationszuwachsszenarien und mit gleich der Temperaturänderungspotentiale einiger
Hilfe nichtgekoppelter Modelle angestellt worden Einflußfaktoren für die vergangenen sowie die kom-
sind, liegen bei einer Erwärmung von 0,25 °C pro menden 100 Jahre. Demnach sind zwei anthropogene
Jahrzehnt (IPCC 1992). Der Meeresspiegel wird Einflußfaktoren unterschiedlichen Vorzeichens im
danach im Mittel um 4,8 cm pro Jahrzehnt stei- nächsten Jahrhundert die wesentlichsten. Die Wär-
gen. meabstrahlung behindernden Treibhausgase haben
das größte Erwärmungspotential und die Sonnen-
— Der Anstieg der oberflächennahen Lufttemperatur strahlung zurückstreuenden und die Luft trübenden -
wird über den Landflächen stärker ausfallen als Aerosolteilchen das größte Abkühlungspotential.
über den Ozeanen. Bleibt es beim gegenwärtigen Anstieg der Konzentra-
tionen klimarelevanter Spurengase, so wird der
— Die Temperatur wird in der bodennahen Tropo-
anthropogene Treibhauseffekt wegen der Akkumula-
sphäre steigen, in der oberen Stratosphäre dage-
tion der langlebigen Treibhausgase CO 2 , N2O, FCKW
gen sinken.
und CH4 in den kommenden Jahrzehnten unser
— Durch die mit der Erwärmung verbundene, höhere zukünftiges Klima dominieren.
Verdunstung von Oberflächenwasser entsteht eine
Globale Klimaänderungen können sich regional sehr
Tendenz zu allgemein zunehmenden Niederschlä-
unterschiedlich auswirken. Dies gilt insbesondere für
gen. Dies gilt vornehmlich für die höheren Breiten
die mittleren Breiten der Nordhemisphäre, die sich
beider Hemisphären, in der Nordhemisphäre im
durch große Wechselhaftigkeit des Wetters auszeich-
Winter auch für die mittleren Breiten. Im Sommer
nen. Ein Beispiel geben die Abbildungen 1.3 und 1.4,
der nördlichen mittleren Breiten wird allgemein
die Karten der mittleren Veränderung der bodenna-
eine Abnahme der Niederschläge erwartet, was
hen Lufttemperatur bzw. des Niederschlages für
eine Verringerung der Bodenfeuchtigkeit und
Europa in den letzten 100 Jahren zeigen (Schönwiese
nachteilige Auswirkungen für das Pflanzenwachs
u. a., 1993). Trotz starker regionaler Unterschiede sind
turn haben dürfte.
einige generelle Tendenzen erkennbar: So ist in den
letzten 100 Jahren in den Wintermonaten fast überall
I) Der sogenannte äquivalente CO 2 -Gehalt berücksichtigt eine leichte Erwärmung mit Werten zwischen 0,5 bis
neben dem CO 2 auch alle übrigen klimarelevanten Spuren- 1,0 °C festzustellen, dagegen haben sich die Tempe-
gase.
raturen in den Sommermonaten kaum verändert. In
2 ) Zur Validation des Wolkeneinflusses in Klimamodellen
den Übergangsjahreszeiten ist eine deutliche Ab-
geeignete Satellitenmessungen stehen erst seit sehr kurzer
Zeit zur Verfügung (Ramanathan u. a., 1989, Harrison u. a., nahme der Niederschläge im westlichen und mittleren
1990, Rieland u. Stuhlmann, 1993). Die ersten Vergleiche Mittelmeergebiet erkennbar. In den übrigen Regio-
zwischen Modellergebnissen und diesen Messungen zeigen nen Europas, insbesondere in West- und Nordeuropa
bereits eine gute Übereinstimmung in der Einschätzung des haben die Niederschläge, mit Ausnahme der Sommer-
Wolkeneinflusses unter heutigen Klimabedingungen (Kiehl monate, allgemein zugenommen. Betrachtet man
u. Ramanathan, 1990; Roeckner u. a., 1991, Graßl, 1993). Die
lediglich die letzten 3.0 Jahre, so haben sich in
neuesten Auswertungen von Satellitendaten deuten auf eine
zumindest positive, d. h. den anthropogenen Treibhauseffekt Deutschland die Trends hin zu höheren Wintertempe-
unterstützende, betraglich allerdings noch unbestimmte raturen (+1,5 °C) bzw. hin zu trockeneren Sommermo-
Rückkopplung der Bewölkung 'hin (Tselioudis u.a, 1992; naten (-30 mm Niederschlag) verstärkt (Schönwiese
Tselioudis u. Rossow, 1993). u. a., 1993).
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Abbildung 1.3: Veränderung der bodennahen Lufttemperatur für Europa in den letzten 100 Jahren (Schönwiese u. a., 1993) gestrichelte Linien
(negative Werte): Temperaturabnahme, durchgezogene Linien (positive Werte): Temperaturzunahme

Abbildung 1.4: Veränderung des Niederschlags für Europa in den letzten 100 Jahren (Schönwiese u. a., 1993) gestrichelte Linien (negative
Werte): Niederschlagsabnahme, durchgezogene Linien (positive Werte): Niederschlagszunahme
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Tabelle 1.4

Charakteristika der wichtigsten Einflußgrößen auf die globale Mitteltemperatur

Temperaturänderungs- Temperaturänderungs-
Klimaparameter Eigenschaften potential in den letzten potential in den nächsten
100 Jahren 100 Jahren

anthropogener global langanhaltend 0,5 bis 1° C → +2,5° C


Treibhauseffekt weiter wachsend

anthropogener regional kurzlebig -0,5 bis -0,2°C -0,5 bis -0,2° C


Aerosolzuwachs

Sonnenaktivität global (11 Jahre) -0,1 bis +0,1°C -0,1 bis +0,1°C
11-Jahreszyklus wechselnd

Sonnenaktivität global (100 bis 200 Jahre) <= 0,1°C -0,2 bis +0,2°C
Veränderung der Zyklenlänge wechselnd

hochreichende global (1 bis 10 Jahre) -0,3°C -0,3° C


Vulkaneruptionen

El Niño global (1 bis 2 Jahre) +0,3°C +0,3°C

Legende: → : strebt gegen einen bestimmten Wert; <, > : kleiner oder größer als
Quellen: IPCC (1990), Schlesinger u. Ramankutty (1992), Schönwiese (1992), Wigley u. Raper (1992)

Weitere Indizien für eine bereits beginnende globale auch in den neuesten Modellrechnungen zu erken--
Klimaänderung sind: nen. Erst zum Zeitpunkt der äquivalenten CO 2
Verdopplung wird die Erwärmung in den polaren
(1) Das Auftreten der sechs wärmsten Jahre der Zonen stärker sein als in den Tropen. In einigen
letzten 130 Jahre innerhalb der letzten 10 Jahre Modellen ist dann die Arktis im Sommer nahezu
(2) Die Verminderung des mittleren Tagesganges der eisfrei (z. B. Boer u.a, 1992).
Temperatur aufgrund des Anstiegs der Minimum-
temperaturen
1.6 Quintessenz
(3) Der Anstieg der Oberflächentemperaturen in gro-
ßen Bereichen der tropischen Ozeane um 0,5 °C in
Der wissenschaftliche Sachstand über den anthropo-
den letzten 50 Jahren
genen Treibhauseffekt mit seinen Folgen für das
(4) Die Erwärmung der mittleren Troposphäre, insbe- Klima der Erde hat sich seit dem 3. Bericht der
sondere in den Tropen Enquete-Kommission (EK, 1991) weiter gefestigt.
Setzt sich der Anstieg der atmosphärischen Treib-
(5) Die Zunahme der mittleren Windgeschwindigkeit
hausgaskonzentrationen aufgrund der vielfältigen
in mittleren Breiten aufgrund einer signifikanten
Aktivitäten des Menschen weiter fort, ist bereits vor
Vertiefung der quasi-stationären Tiefdruckge-
der Mitte des nächsten Jahrhunderts mit einer Ver-
biete in den mittleren Breiten der Nordhemisphäre dopplung des äquivalenten CO 2 -Gehalts gegenüber
während der vergangenen 40 Jahre
dem vorindustriellen Wert zu rechnen. Die globale
(6) Die Zunahme der Niederschläge in den mittleren Durchschnittstemperatur wird dann gegen Ende des
und hohen Breiten um 5 % seit 1950 nächsten Jahrhunderts um etwa 3 °C über dem
heutigem Wert liegen, wobei jedoch die Unsicherheit
(7) Die drastische Abnahme der Masse der Gebirgs- dieser Angabe wie bisher mit 2 bis 5 °C Erwärmung
gletscher um z. B. etwa 50 % seit 1850 in den groß bleibt. Ein solcher Temperatursprung ist von der
Ostalpen Größenordnung her gesehen vergleichbar mit der
(8) Der Anstieg des Meeresspiegels von 10 bis 20 cm Temperaturdifferenz zwischen der Eiszeit vor 18 000
in den letzten 100 Jahren (IPCC, 1990), nach Jahren und der jetzigen Warmzeit (4 bis 5 °C), mit dem
neueren Untersuchungen allein in den vergange- Unterschied daß die anthropogen ausgelöste Ände-
nen 50 Jahren um etwa 9 bis 12 cm (Barnett, 1988, rung des Klimas weitaus schneller eintreten wird. Die
Peltier u. Tushingham, 1989) in der Wissenschaft, aber noch mehr in der Öffentlich-
keit geführte Debatte der vergangenen zwei Jahre um
Die Punkte (3) bis (5) deuten auf eine Intensivierung die wissenschaftliche Absicherung der Zahlenanga-
der allgemeinen Zirkulation hin, die ursächlich mit ben zur anthropogenen globalen Erwärmung hat
der raschen Erwärmung der tropischen und subtropi- keine Argumente für eine Revisison der Werte gelie-
schen Atmosphäre zusammenhängt. Dieser Effekt ist fert.
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
Angaben zum genauen zeitlichen Ablauf der Klima- Veränderung der Extrema kommt eine größere
änderung und zu den möglichen regionalen Auswir- Bedeutung zu als der Änderung der mittleren Klima-
kungen sind noch unsicher, da weder Analogien aus bedingungen.
der Klimageschichte existieren, noch die Modellrech- Diese anthropogen ausgelöste Änderung des globalen
nungen eine ausreichende Güte erreicht haben. Klimas wird erhebliche, nicht alle Regionen gleicher-
Angesichts der großen Komplexität des Klimasystems maßen betreffende ökologische und sozioökonomi-
sind regionale wie globale Überraschungen sicher. sche Auswirkungen haben, deren genaue Ausmaße
Regionale Klimaänderungstendenzen können vom heute noch nicht hinreichend genau abgeschätzt
mittleren Klimatrend abweichen. Und: Der möglichen werden können.

2. Veränderung des Ozongehaltes durch den Menschen

2.1 Grundlagen: Ozonbildung, -transporte und Die über Deutschland gemessenen Ozontrends zeigt
mittlere Trends die Abb. 2.1. Der Ozonrückgang in der Stratosphäre
im Höhenbereich um etwa 22 km betrug im vergan-
Ozon wird nicht durch natürliche oder anthropogene genen Jahrzehnt ca. 0,5 % pro Jahr, die Zunahme in
Quellen in die Atmosphäre emittiert, sondern aus- der freien Troposphäre im Durchschnitt der vergange-
schließlich durch chemische Prozesse in der Atmo- nen 25 Jahre etwa 2 % pro Jahr. In ländlichen Gebie-
sphäre gebildet. 90 % des Ozons befindet sich in der ten wird eine Zunahme der Ozonkonzentration von
Stratosphäre. Das stratosphärische Ozon wird über- etwa 1 % pro Jahr gemessen.
wiegend in den äquatorialen Breiten gebildet und
gelangt von dort durch horizontalen Transpo rt in die
mittleren und höheren Breiten. Der Abbau des stra-
tosphärischen Ozons erfolgt durch chemische Reak- 2.2 Auswirkungen der anthropogen bedingten
tionen und durch Photolyse sowie durch den vertika- Änderung des Ozongehaltes
len Transport stratosphärischer Luftmassen in die
Troposphäre. Der Ozongehalt in der Stratosphäre Die Änderung des Ozongehaltes in den beiden Atmo-
nimmt zur Zeit aufgrund anthropogener Aktivitäten
sphärenstockwerken Troposphäre und Stratosphäre
allgemein ab (s. Kap. 2.3).
wirkt sich in vielerlei Hinsicht nachteilig aus. Nach-
Der Ozongehalt der Troposphäre (etwa 10 % des folgend sind einige Beispiele aufgeführt und disku-
Gesamtozongehaltes) wird einmal durch den Eintrag tiert.
ozonreicher Luftmassen aus der Stratosphäre und zum
anderen durch photochemische Prozesse in der Tro-
posphäre bestimmt. Der Eintrag aus der Stratosphäre Ozon als UV-B-Filter
erfolgt in hohen und mittleren Breiten beider Hemi-
sphären und ist in den Winter- und Frühjahrsmonaten, Die Ozonschicht in der Stratosphäre absorbiert
insbesondere der Nordhemisphäre, am stärksten aus- nahezu die gesamte ultraviolette Strahlung der Sonne
geprägt. Die photochemische Produktionsrate ist u. a. im Wellenlängenbereich zwischen 230 und 320 nm.
abhängig von den anthropogenen Emissionen der Der extrem kurzwellige Teil bei Wellenlängen kleiner
Ozon-Vorläufer NO R , VOC, CH4 und CO sowie von als 290 nm wäre bei der Intensität der Sonnenstrah-
der Einstrahlung der Sonne. Die photochemische lung für niedrige Organismen und für die Oberflä-
Produktionsrate erreicht in den mittleren Breiten ihre chenzellen höherer Organismen bei längerer Exposi-
maximalen Werte im Frühsommer. In den Tropen tion tödlich. Die sogenannte UV-B-Strahlung (Wellen-
werden maximale O3-Produktionsraten während der längenbereich zwischen 280 und 320 nm) führt bei
Trockenzeit beobachtet, wenn die Emissionen der ausreichender Exposition zu Schädigungen bei Men-
O3 -Vorläufersubstanzen durch die Verbrennung von schen, Tieren und Pflanzen. Ein Abbau im Bereich der
Biomasse besonders ausgeprägt ist. Der Ozongehalt in maximalen Ozonkonzentration (etwa zwischen 20
der Troposphäre nimmt aufgrund anthropogener und 30 km Höhe) ist mit der Zunahme des UV-
Aktivitäten, vor allem in der Nordhemisphäre, zu (s. B-Strahlungsanteils in den darunterliegenden Schich-
auch Kap. 2.4). ten der Atmosphäre verbunden.
Die in den letzten Jahrzehnten gemessenen Trends Die Zunahme der UV-B-Strahlung an der Erdoberflä-
der O3 -Konzentrationen in der Troposphäre (O 3 che kann beim Menschen zu einer Zunahme der
3 -Abnahme) sind -Zunahme)dirStospä(O Erkrankungen an Hautkrebs und grauem Star sowie
somit grundverschieden. Der gesamte atmosphäri- zu verringerter Immunabwehr führen. Nach heutigem
sche Ozongehalt nimmt aber aufgrund des in absolu- Kenntnisstand kann eine höhere UV-B-Strahlung das
ten Werten größeren 0 3 -Abbaus in der Stratosphäre in den oberen Schichten der Ozeane lebende Phyto-
generell ab, wobei starke regionale Unterschiede plankton, das wichtigste Glied in der marinen Nah-
beobachtet werden. rungskette mit Wirkung auf Fischfang und damit
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Abbildung 2.1: Ozontrends in verschiedenen Höhen 1967-90 (Wege u. Vandersee, 1992)

Welternährung (Smith u. a., 1992), schädigen. Dar land (Station Neuherberg in 48 °N) etwa doppelt so
über hinaus werden Wachstumsstörungen, Zellschä hohe UV-B-Strahlung fest.
den und Mutationen an höheren Pflanzen auftreten.
Die Zunahme der UV-B-Strahlung in den mittleren
Eine Zunahme der UV-B-Strahlung ist insbesondere Breiten beider Hemisphären im Zeitabschnitt zwi-
in den durch das „antarktische Ozonloch" betroffenen schen 1979 und 1989 ist mit Hilfe von Modellrechnun-
Ländern beobachtet worden. Einerseits sind hier die gen auf 4 bis 12 % abgeschätzt worden (Liu u. a., 1991;
Verluste an stratosphärischem Ozon am größten, Madronich, 1992). Zuverlässige Messreihen über
andererseits sind mögliche kompensierende Effekte, einen Zeitraum von mehreren Jahren liegen noch
wie z. B. die Zunahme des troposphärischen Ozons nicht vor, weil bisherige Geräte sowohl nicht ausrei-
(zusätzliche Absorption) oder der troposphärischen chend spektral auflösten als auch nicht genau genug
Aerosole (mehr Streuprozesse) schwächer ausge- geeicht wurden, um Veränderungen im Bereich eini-
prägt als in der Nordhemisphäre. So stellten Seck- ger Prozente sicher feststellen zu können. Außerdem
meyer u. McKienzie (1992) in den Sommermonaten schwankt die UV-B-Strahlung auch mit Bewölkung,
1990/91 in Neuseeland (Station Lauder in 45 °S) eine Lufttrübung und Ozongehalt in der unteren Atmo-
im Vergleich zu den Sommermonaten 91 in Deutsch sphäre.
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Ozon als Luftschadstoff Die vertikale Verteilung des Ozons in der Atmosphäre
hat einen großen Einfluß auf die dynamischen Vor-
Höhere Ozonkonzentrationen in den untersten gänge in der Atmosphäre. So ist die Ozonschicht in der
Schichten der Troposphäre können zwar die durch Stratosphäre maßgeblich für die Temperaturstruktur
den Ozonverlust in der Stratosphäre verbundene und die Dynamik der Stratosphäre verantwortlich. Sie
Zunahme der UV-B-Strahlung zumindest regional beeinflußt damit den vertikalen Transport von Luft-
abmildern, schädigen dafür aber unmittelbar Pflan- massen in der Stratosphäre sowie zwischen der Tro-
zen, Tiere und Menschen. posphäre und der Stratosphäre und hat damit einen
entscheidenden Einfluß auf die chemische Zusam-
Beim Menschen wirkt Ozon wegen seiner stark oxi-
mensetzung der Atmosphäre.
dativen Eigenschaften primär schädlich auf die
Lunge. So führt Ozon bereits bei einer Konzentration
von 160 µg/m 3 (etwa 80 ppb) bei mehrstündiger
körperlicher Belastung zu Veränderungen der Lun-
2.3 Stratosphärischer Ozonabbau
genfunktionswerte (Wagner, 1991). Bei Kindern ver-
ringert sich das pro Sekunde aus der Lunge ausgeat-
mete Luftvolumen bereits bei einer Ozonbelastung Die Ozonkonzentration in der Stratosphäre hat in den
von 120 ppb um 16 % (Sonnemann, 1992). letzten 20 Jahren, insbesondere in den mittleren und
hohen Breiten beider Hemisphären im Mittel um 5
Ozon kann zu Augenreizungen und zu Veränderun- bis 10 % pro Jahrzehnt abgenommen (WMO/UNEP,
gen der Sehschärfe führen. Reizungen der Nasen- 1992). Dieser Trend wird sich nach gegenwärtigem
schleimhäute und Luftröhre treten bei Ozonkonzen- Verständnis noch mindestens ein Jahrzehnt weiter
trationen von etwa 590 µg/m 3 auf. Ungeklärt ist, ob die fortsetzen. Extreme Ozonverluste werden in den Win-
Einwirkung von Ozon auch mutagene und kanzero- ter- und Frühjahrsmonaten beobachtet:
gene Auswirkungen hat.
— Das antarktische Ozonloch war 1992 und 1993
Das bodennahe Ozon gilt derzeit als der bedeutendste hinsichtlich „Tiefe" und Ausdehnung mit den
Luftschadstoff für die Biosphäre, wobei die Auswir- Ozonlöchern der Jahre 1987, 1989, 1990 und 1991
kungen arten- und sortenspezifisch sind. Das Ozon vergleichbar. Dabei beträgt der Ozonverlust über
sowie die bei der photochemischen Ozonbildung der Antarktis im dortigen Frühjahr bis zu 60 %
freigesetzten anderen Photooxidantien führen zur gegenüber den Werten der 70er Jahre.
Braunfärbung von Blättern, manchmal sogar zum
Absterben von Pflanzenpartien, wobei die Einfluß- — Im Winter 91/92 wurden über weiten Gebieten der
nahme bei sehr jungem sowie bei älterem Gewebe Nordhemisphäre ungewöhnlich niedrige Ozon-
geringer ist. Ozon wird ursächlich mit den neuartigen mengen — bis zu 10 % unter dem langjährigen
Waldschäden in Verbindung gebracht. Die Schädi- Mittel — beobachtet (EK, 1992). Der Ozonverlust
gung der Chloroplasten sowie die Veränderung der im Winter 92/93 war noch höher. Über einigen
Durchlässigkeit der Zellmembranen durch Photooxi- Gebieten der mittleren Breiten der Nordhemi-
dantien verringern das Wachstum und führen zu sphäre wurden zwischen Dezember 1992 und
einem überdurchschnittlichen Verlust an Wasser. März 1993 zeitweise 10 bis 20 % geringere Ozon-
konzentrationen im Vergleich zum vorangegan-
gen Winter festgestellt (Waters u. a., 1993).

Ozon als Treibhausgas


Ursachen für den Ozonabbau
Höhere Ozonkonzentrationen in der Troposphäre und
der unteren Stratosphäre bis etwa 35 km Höhe ver-
Die für die Ozonzerstörung verantwortlichen Radikale
stärken den Treibhauseffekt (s. Kap. 1.3). Dieser
wie Chlormonoxid (ClO), Brommonoxid (BrO) oder
Effekt ist um so stärker, je niedriger die Temperatur
Stickoxide (NO x) entstehen beim Abbau langlebiger
ist, bei der Ozon gebildet wird. Da Ozon in der
Spurengase in der Stratosphäre, welche zum weit
Troposphäre zunimmt und in der Stratosphäre
überwiegenden Anteil (FCKW, Halone) oder zu einem
abnimmt, ist es regional treibhauseffektverstärkend
wesentlichen Anteil (N 2 O) durch menschliche Aktivi-
oder -abschwächend, auf jeden Fall aber wegen damit
täten in der Troposphäre freigesetzt werden. Diese
verbundener Temperaturänderungen klimaändernd.
Gase sind in der Troposphäre reaktionsträge, werden
aber in der Stratosphäre durch UV-Strahlung sowie
durch Reaktionen mit angeregtem atomaren Sauer-
Indirekte Wirkungen des Ozons stoff und OH-Radikalen in die für die Ozonzerstörung
verantwortlichen Radikale zerlegt.
Weitere Auswirkungen der anthropogen ausgelösten
Am wichtigsten ist dabei zur Zeit der steigende
Veränderung des atmosphärischen Ozonanteils sind
Chloranteil in der Stratosphäre. Die Chlorkonzentra-
schwieriger einzuschätzen.
tion in der Stratosphäre hat innerhalb der letzten 20
So beeinflußt Ozon die chemische Zusammensetzung Jahre von 2 ppbv auf etwa 3,5 ppbv zugenommen
der Atmosphäre, in dem es die Verteilung und Kon- (WMO/UNEP, 1992). Dieser Anstieg wird zu mehr als
zentration des Hydroxyl-Radikals (OH) stark prägt. 80 % durch die anthropogenen Emissionen chemisch
OH hat wiederum entscheidenden Einfluß auf die sehr stabiler Verbindungen (FCKW) verursacht. Das
Abbauraten verschiedener anderer Spurengase in der natürliche Hintergrund-Mischungsverhältnis, das
Atmosphäre. überwiegend durch das Methylchlorid (CH 3 Cl) aus
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Abbildung 2.2: Die Verteilung von Chlormonoxid (C10), Temperatur (T), Ozon (03) und
potentieller Vorticity (Q = Maß für die Wirbelstärke der atmosphärischen
Strömung) in einem Höhenniveau von etwa 20 km über der Nordhemisphäre
am 11. Januar 1992 (Waters u. a., 1993)
Darstellung: polar orthographische Projektionen, die die gesamte nördliche
-
Erdhälfte abbilden (Äquator am äußeren Rand). Landkonturen sind lediglich in
der CIO-Teilabbildung eingezeichnet.
Herkunft der Daten: CIO und 0 3 aus UARS/MLS-Messungen (Upper Atmo
spheric Research Satellite, Microwave Limb Sounder); T und Q aus Analysen
des NMC (US National Meteorological Center).
Die Teilabbildung für Q enthält zusätzlich Windpfeile, deren Länge zur
Windstärke proportional sind, wobei die größten Windgeschwindigkeiten mit
Werten bis zu 45 m/s am Rand des Polarwirbels (roter Bereich) auftreten. In
diesem Q-feld zeigt der blau markierte Bereich das Gebiet an, in dem aufgrund
sehr tiefer Temperaturen polare Stratosphärenwolken (PSC) gebildet werden
können. Der weiße Kreis in jeder der vier Teilabbildungen gibt die Grenze der
Polarnacht an. Die übrigen weiß markierten Bereich in der Nähe des Nordpols
repräsentieren Datenlücken.
Diese Abbildung zeigt auf den ersten Blick, daß die Ozonkonzentration im
Bereich des Polarwirbels (Vergleich zwischen O 3 - und Q-Verteilung) höher ist
als außerhalb. Dieses Ozonmaximum wird durch den während des Winters in
der Nordhemisphäre besonders stark ausgeprägten Transport ozonreicher
Luftmassen aus den niedrigeren Breiten hervorgerufen und entspricht dem
Zustand einer ungestörten (d. h. normalen) Ozonverteilung über der polaren
Nordhemisphäre im Winter. Innerhalb dieses Polarwirbels sind jedoch die
Ozonkonzentrationen in den Gebieten besonders tiefer Temperaturen und
hoher CIO-Konzentration (Mittel- und Nordeuropa) deutlich (etwa 15 bis 20 %)
geringer im Vergleich zu den normalen Ozonkonzentrationen in diesen
Breiten.
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Abbildung 2.3: Die Verteilung von CIO und 03 über der Südhemisphäre am 21. September 1991
sowie am 20. September 1992 (Waters u. a., 1993)
Herkunft
- der Daten: CIO und 0 3 aus UARS/MLS-Messungen (Upper Atmo
spheric Research Satellite, Microwave Limb Sounder). In Gegensatz zu Abb.
2.2 geben diese Karten die vertikal (oberhalb etwa 15 km Höhe) integrierten
CIO- bzw. O 3-Werte an.
Die Abbildung dokumentiert den Zusammenhang zwischen hoher CIO
Konzentration und starker Ozonabnahme über der polaren Südhemisphäre. Die
O3-Konzentrationen im Jahr 1992 liegen in einem breiten Band um die Antarktis
deutlich unter denen des Vorjahres.
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den Ozeanen bestimmt wird, liegt bei etwa 0,6 ppbv (bis 1. Januar 1996) — aufgrund der langen Verweil-
(WMO/UNEP, 1992). zeiten der Vorläufersubstanzen in den nächsten Jah-
ren noch weiter ansteigen wird. Dieser Effekt wird
Extreme Ozonverluste sind dort zu verzeichnen, wo
durch den wachsenden anthropogenen Treibhausef-
die reine Gaschemie durch heterogene chemische
fekt, der zu einer weiteren Abkühlung der Strato-
Prozesse (chemische Umwandlungsprozesse an Ober-
sphäre und damit zu einer Verlangsamung des Ozon-
flächen fester und flüssiger Bestandteile) verstärkt
abbaus durch homogene Gasreaktionen führt, gemin-
wird. Dies geschieht vor allem über der Antarktis,
dert. Auf der anderen Seite wird jedoch die Bildung
deren Stratosphäre sich im Verlauf des Winters sehr
von PSC begünstigt und der Abbau von Ozon, insbe-
stark abkühlt und somit die Bildung von polaren
sondere über den Polkappen, verstärkt (Austin u. a.,
stratosphärischen Wolken (,Polar Stratospheric
1992).
Clouds', PSC) ermöglicht (Crutzen u. Arnold, 1986).
Dabei werden Stickoxide gebunden und die norma-
lerweise in Chlornitrat gebundenen reaktiven Chlor-
verbindungen freigesetzt, die dann mit Wiederkehr 2.4 Troposphärische Ozonzunahme
des Sonnenlichts im Frühjahr Ozon katalytisch zerstö-
ren. Durch diesen Prozeß der Stickstoffeinbindung in Seit der Industrialisierung hat sich das mittlere Ozon
die flüssige und feste Aerosolphase wird nahezu das Mischungsverhältnis in den bodennahen Luftmassen
gesamte Chlorpotential für die Ozonzerstörung akti- der Nordhemisphäre mit Werten zwischen 40 und
viert (Waters u. a., 1993). Den Zusammenhang zwi- 50 ppbv gegenüber dem vorindustriellen Zustand
schen Ozonabbau und hohem Chlorpotential verdeut- mehr als verdoppelt. In den Tropen liegen die Ozon-
lichen die Abbildungen 2.2 für den Januar 1992 über werte — im Mittel zwischen 25 und 30 ppbv — deutlich
der Nordhemisphäre und 2.3 für den September 1992 niedriger.
für die Südhemisphäre (Waters u. a., 1993). Die durchschnittliche Ozonbelastung ist in den hoch
Eine weitere Möglichkeit den Ozonabbauprozeß in industrialisierten Ländern der Nordhemisphäre, und
einer ähnlichen Weise zu beschleunigen, sind he- hier insbesondere in den ländlichen Gebieten, am
teorogene chemische Reaktionen an den Oberflächen höchsten. Die Tab. 2.1 gibt für die westlichen Bundes-
von Schwefel-Aerosolteilchen (Brasseur u. a., 1990), länder an meist ländlichen Stationen gemessene
deren Konzentration in der Stratosphäre selbst in Ozonkonzentrationen im Jahr 1990 an. Beachtenswert
Abschnitten ohne Vulkanaktivität um etwa 5 % pro ist dabei, daß trotz z. T. sehr unterschiedlicher Jahres-
Jahr angestiegen ist (Hofmann, 1991). Kurzfristig mittelwerte die maximalen Halb- bzw. Zwei-Stunden-
kann der Anteil von Schwefel-Aerosolteilchen in der Mittelwerte sehr eng beieinander und weit über dem
Stratosphäre durch hochreichende Vulkaneruptionen VDI-Richtwert von 120 µg/m 3 liegen. Die Station
erheblich zunehmen. Der Ausbruch des Pinatubo im Schauinsland meldete im Jahr 1990 an 135 Tagen
Juni 1991, der mit einem großen Eintrag von SO 2 in die Zwei- Stundenmittel der Ozonkonzentration über
Stratosphäre verbunden war, wird für den verstärkten 120 µg/m 3 (BMU, 1992a). An allen Stationen wird
Ozonabbau in den beiden letzten Winterperioden der kurzzeitig sogar der MAK-Wert (maximale Arbeits-
mittleren Breiten der Nordhemisphäre mitverantwort- platzkonzentration) von 0,1 ppmv (180 µg/m 3 ) über-
lich gemacht (Zellner, 1992). schritten, an 8 Stationen sogar an mehr als 10 Tagen
im Jahr.
Die Wirksamkeit dieser heterogenen Prozesse hängt
von der Dauer bestimmter austauscharmer Wetterla- Kurzzeitige O 3 -Spitzenkonzentrationen können in
gen ab, insbesondere müssen sehr niedrige Tempera- Ballungsgebieten höher sein als in Reinluftgebieten.
turen (T<-78 °C) vorherrschen. Diese meteorologi- Allerdings laufen die ozonbildenden bzw. -abbauen-
schen Randbedingungen für die Ausbildung reaktiver den Prozesse in Ballungsgebieten wesentlich schnel-
Chlorverbindungen in extrem hoher Konzentration ler ab. Der Tagesgang der Ozonkonzentration ist
sind über der Antarktis gegeben und haben zum Ende stärker ausgeprägt (größere Extrema). Bei Wetterla-
des Winters und im zeitigen Frühjahr zu einem etwa gen mit hoher Ozonkonzentration, z. B. bei austausch-
15 Mio. km2 großem Gebiet mit extrem niedriger armen Smog-Wetterlagen, werden auch hohe Kon-
- zentrationen weiterer Photooxidantien angetroffen,
Ozonkonzentration über mehrere Wochen hinweg
geführt. Über der Arktis verhindert die größere die vielfach toxischer wirken als Ozon. Die beobach-
Variabilität der atmosphärischen Zirkulation die Aus- tete Zunahme der O 3 -Konzentration ist in der freien
bildung eines ähnlich stabilen, kalten und nahezu Troposphäre in den mittleren Breiten der Nordhe-
ortsfesten Polarwirbels und somit die Ausbildung misphäre mit etwa 1 % pro Jahr im Mittel besonders
eines mit dem antarktischen Ozonloch vergleichbaren deutlich ausgeprägt. Dagegen ist in der Südhemi-
Phänomens. sphäre kein langfristiger Trend des Ozons in der
Troposphäre nachweisbar.

Ausblick
Ursachen für die Ozonzunahme
Der Ozonabbau in der Stratosphäre wird sich in den
Die anthropogenen Emissionen der Ozon-Vorläufer
kommenden Jahren verstärkt fortsetzen, da die Kon-
NOR , VOC, CH4 und CO die
zentration der ozonabbauenden Radikale in der Stra-
tosphäre — trotz des auf der 4. Vertragsstaatenkonfe- — in den Industrieländern zu einem überwiegenden
renz des Montrealer Protokolls beschlossenen be- Anteil durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe
schleunigten Ausstiegs aus der FCKW-Verwendung und
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Tabelle 2.1

Ozonkonzentrationen 1990; gemessen an Stationen des Umweltbundesamtes

Ozon 1990 [ g/m3 ]

Meßstelle Jahres- maximale maximale Anzahl der Tage mit 2-Stundenmittel


mittel- Halb- 2-Std.-
werte stunden mittel > 120 µg/m
µ 3 >180 µg/m 3 >240 µg/m 3 >300 µg/m 3 >360 µg/m 3

Schauinsland 101 317 308 135 38 8 1 0


Brotjacklriegel . 89 265 262 114 22 2 0 0
Deuselbach 76 304 288 106 32 9 0 0
Herleshausen .. 70 305 273 85 14 2 0 0
Regnitzlosau 63 240 229 69 12 0 0 0
Waldhof 59 235 229 71 11 0 0 0
Westerland 59 214 196 22 1 0 0 0
Rottenburg 59 235 225 76 17 0 0 0
Rodenberg 53 280 272 54 8 1 0 0
Meinerzhagen . 51 351 337 44 15 4 0 0
Ansbach 50 216 208 47 4 0 0 0
Hohenwestedt . 49 239 235 30 4 0 0 0
Bassum 45 250 245 35 8 1 0 0
Gittrup 33 293 287 24 8 1 0 0

— in den Tropen durch die Verbrennung von Bio- Stratosphärisches Ozon


masse emittiert werden, sind für die Zunahme des
troposphärischen Ozons verantwortlich (s. auch Von den gasförmigen Emissionen aus landwirtschaft-
Kap. 2.5). lichen Aktivitäten beeinflussen lediglich N 2O und
Ozon wird in der Troposphäre bei der durch Stick- CH4 die Chemie der Stratosphäre in bedeutsamer
Weise.
oxide katalysierten photochemischen Oxidation von
CO, CH4 und höheren Kohlenwasserstoffen gebildet.
N2 O ist die wesentliche Quelle von stratosphärischem
Die reaktiven VOC sind dabei für die O 3 -Bildung in
NO x , dem wichtigsten natürlichen Katalysator des
den untersten Schichten der Troposphäre und die
Ozonabbaus in der homogenen Gasphase (Zellner,
langlebigeren Spurengase CO und CH 4 für die O3
1992b). Dieser Beitrag zum zusätzlichen Ozonabbau
-BildungerfTopshävnauclge-
ist jedoch momentan gegenüber dem durch die FCKW
bender Bedeutung. Die photochemische Ozonbildung
klein. Darüber hinaus wird durch die Reaktion zwi-
in der Troposphäre ist i.a. durch NO x limitiert. Unter-
schen NO 2 und ClO das stabile Chlornitrat gebildet
schreitet das NO x -Mischungsverhältnis den Wert von
und dadurch die schädigende Einwirkung der reakti-
10 pptv, wird Ozon nicht mehr gebildet, sondern
ven Chlorverbindungen auf die globale stratosphäri-
abgebaut (EK, 1992).
sche Ozon-Konzentration gemindert. Der Bereich
Landwirtschaft (inkl. Biomasseverbrennung) ist mit
ca. 2,1 Mio. t N pro Jahr für etwa 15 % aller N 2O
2.5 Ozonrelevante Emissionen im -Emissionen bzw. für ca. 60 % der anthropogenen
Landwirtschafts- und Waldbereich N20-Emissionen verantwortlich (IPCC, 1992).

Die ozonrelevanten Emissionen, die den Bereichen Methan (CH 4 ) führt nicht nur zur Bildung von Wasser-
Landwirtschaft und Wälder zuzurechnen sind, werden dampf (H 2 0) in der Stratosphäre, sondern beeinflußt
ausführlich in den Abschnitten B und C behandelt. xauch
- die Bildung von HO x -Radikalen. Der über HO
Hier soll lediglich eine grobe Einordnung dieser Radikale laufende katalytische Ozonabbauzyklus ist
Emissionen in Relation zu anderen Emittenten erfol- im oberen Bereich der Stratosphäre, d. h. oberhalb
gen. Die Emissionen sind am Abbau des stratosphäri- von 50 km, dominant (EK, 1990). Durch die Reaktion
schen Ozons wie auch an der Bildung des troposphä- des Methans mit Chlor-Atomen wird außerdem reak-
rischen Ozons beteiligt. tives Chlor in Form von HCl gebunden, das dann
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durch vertikalen Transport aus der Stratosphäre in die Quellenstärken noch nicht durch ausreichende Mes-
Troposphäre gebracht und dort durch Niederschlag sungen abgesichert sind und andererseits die ver-
aus der Atmosphäre ausgewaschen wird. gleichsweise kurzen Verweilzeiten dieser Spuren-
gase in der Atmosphäre für eine insgesamt sehr
Der Bereich Landwirtschaft ist mit mehr als 200 Mio. t
inhomogene Verteilung sorgen.
CH4 für knapp 60 % aller anthropogenen CH 4 -Emis-
sionen verantwortlich (IPCC, 1992). Schätzungen der durch Verbrennung von Biomasse
jährlich global freigesetzten CO-Menge liegen zwi-
schen 335 und 1400 Mio. t CO pro Jahr. Der indirekt
Troposphärisches Ozon durch Oxidation von Methan gebildete CO-Anteil pro
Jahr liegt in der Größenordnung 600 Mio. t CO (IPCC,
Anthropogene CH 4 -Emissionen in den Bereichen 1992).
Landwirtschaft und Wälder (Naßreisanbau, Tierhal- Stickstoffmonoxid (NO) und Stickstoffdioxid (NO 2 ),
tung, unkontrollierte Verbrennung von Biomasse) oftmals zusammengefaßt als NO x , entstehen u. a. bei
liegen in der Höhe von 200 Mio. t CH 4 pro Jahr, was Brandrodung, beim Abbrand von Kultursavannen
etwa 60 % aller anthropogenen bzw. 40 % der gesam- aber auch bei mikrobiologischen Abbauprozessen in
ten CH4 -Emissionen in einem Jahr entspricht (IPCC, Böden. Die durch unkontrollierte Biomasseverbren-
1992). nung jährlich emittierte NO x -Menge liegt etwa zwi-
Die folgenden Angaben zu den Emissionsraten der schen 2,5 und 13 Mio. t N pro Jahr (IPCC, 1992). Die
Ozonvorläufer CO und NO x sind noch sehr ungenau, gesamten NO x -Emissionen werden auf über 50 Mio. t
da einerseits die räumlich wie zeitlich sehr variablen N geschätzt.

3. Literaturverzeichnis Abschni tt A

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-
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Abschnitt B — Klimaänderung und Landwirtschaft

Zusammenfassung und zentrale Empfehlungen

Intensivlandwirtschaft in den Industrieländern Landwirtschaft in den Entwicklungsländern

Die Landwirtschaft trägt global wie national zu 15 % Die Armut der ländlichen Bevölkerung, die ungleiche
zum anthropogenen Treibhauseffekt bei. Die Analyse Landbesitzverteilung (Großgrundbesitz), der expo rt
der in Mitteleuropa vorherrschenden Intensivland- -orientAbauvCsh-crop,dieVulng
wirtschaft belegt den deutlichen Zusammenhang zwi- der Entwicklungsländer, der Verfall von Preisen auf
schen der Produktionsintensität, dem Grad der Spe- dem Weltmarkt und das ungebremste Bevölkerungs-
zialisierung und Konzentration sowie dem Ausmaß wachstum überfordern das ursprünglich nachhaltige
der verschiedenen Umweltbelastungen und der kli- System des Wanderfeldbaus und verstärken die
maschädlichen Spurengasemissionen aus der Land- Brandrodungsaktivitäten in den Wäldern. Da die
wirtschaft. Böden rasch degradieren, müssen ständig neue Flä-
chen gerodet werden. Zusätzlich nehmen die
Die intensive Landwirtschaft, speziell mit intensiven Rodungsaktivitäten aufgrund staatlicher Siedlungs-
Vorleistungen (Produktion von Düngemittlen, Biozi- programme und der Anreize zur großflächigen
den etc.), in den westlichen Industrieländern trägt Erschließung der Wälder zu.
durch den Verbrauch fossiler Energieträger vor allem
bei der Herstellung von Mineraldüngern, als Treib- Die Brandrodung der Tropenwälder trägt mit 15
stoff und durch den Import bzw. Transport von Futter- zum anthropogenen Treibhauseffekt bei. Die tropi-
mitteln zur CO 2 -Emission bei. Der teilweise überhöhte schen Wälder werden zum größten Teil gerodet, um
und teilweise unsachgemäße Einsatz mineralischer neue landwirtschaftliche Anbauflächen zu gewinnen.
und/oder organischer Stickstoffdünger führt zu Stick- Der reichtumsbedingten Ressourcenverschwendung
stoffeinträgen in die Agrarökosysteme, die die Auf- des Nordens steht die armutsbedingte Ressourcenzer-
nahme durch die Pflanzen häufig weit übersteigen. störung des Südens gegenüber. Die umweltbela-
Die Stickstoffüberschüsse verbleiben im Boden oder stende Intensivlandwirtschaft mit ihren Überschüssen
werden in die Gewässer ausgewaschen. Mit der Höhe im Norden und die weitgehend fremdbestimmte,
der Stickstoffüberschüsse in den Böden nehmen exportorientierte Landwirtschaft bei Unterversorgung
zudem die Distickstoffoxid-Emissionen überpropor- der einheimischen Bevölkerung im Süden verursa-
tional zu. Die Methan- und Ammoniakfreisetzung aus chen beide steigende Emissionen klimawirksamer
der Tierhaltung und der Wirtschaftsdüngung hängt Spurengase und sind daher Mitverursacher der globa-
wesentlich vom Energie- und Eiweißgehalt des Fut- len Klimaänderung.
ters sowie dem Stallhaltungs- und Entmistungssystem
ab. Besonders hoch sind die Emissionen aus der
intensiven Massentierhaltung mit Gülle-Entmistungs-
systemen. Die Ammoniakausgasung aus der Gülle
trägt gemeinsam mit der Auswaschung bzw. dem Globale Umweltprobleme durch nicht nachhaltige
Abtrag mineralischer Stickstoffdünger in Grund- und Landbewirtschaftung
Oberflächengewässer zur Eutrophierung natürlicher
und naturnaher Ökosysteme bei. Dies führt dort wie- In engem Zusammenhang mit dem Beitrag der Land-
derum zur verstärkten Freisetzung von Distickstoff- wirtschaft zur Emission klimawirksamer Spurengase
oxid. Gleichzeitig trägt die Eutrophierung zur Zerstö- stehen zahlreiche weitere, regional unterschiedlich
rung insbesondere von nährstofflimitierten Lebens- ausgeprägte Umweltbelastungen. Die Qualität unse-
räumen wildlebender Pflanzen und Tiere und damit rer Lebensumwelt und unserer Nahrungsmittel hat
zur Verringerung der Arten- und Biotopvielfalt in der sich verschlechtert. Die Landwirtschaft ist heute in
Landschaft bei. erheblichem Umfang an der Eutrophierung von Öko-
systemen, am Artensterben und der genetischen Ver-
Die zunehmende Spezialisierung und Mechanisie- armung, an der Zerstörung wertvoller Biotope und am
rung in der Landwirtschaft führte in vielen Regionen Waldsterben beteiligt. Teile der Kulturlandschaft
zur Entkopplung von Tierhaltung und Pflanzenbau, wurden im Zuge der „Flurbereinigung" ausgeräumt
zu einer Verarmung der Fruchtfolgen, zum Rückgang und haben an Wert verloren. Gleichzeitig drohen
einer geregelten Stallmist-Humuswirtschaft. Die infolge der ökonomisch und ökologisch teilweise
Schädigung der Bodenstruktur, zum Beispiel durch bedenklichen Flächenstillegung oder der Aufgabe
den unsachgemäßen Einsatz schwerer Maschinen mit der Bewirtschaftung weite Teile des Landes zu ver-
hoher Flächenpressung und die Zunahme der Erosion öden, wie in verschiedenen Regionen der EU bereits
erhöhen den Austrag von Kohlenstoff und Nährstoffen zu beobachten ist. Zudem kommt es vorübergehend
aus den Agrarökosystemen, was letztlich ebenfalls häufig zur verstärkten Auswaschung von Stickstoff in
klimarelevant ist. Grund- und Oberflächengewässer, wenn dieser nicht
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mehr durch Kulturpflanzen dem Boden entzogen delten Winterregenzonen um das Mittelmeer, in den
wird. USA und den südlichen GUS-Ländern würden zu
unfruchtbaren Trockengebieten. Um hier weiterhin
Die Konzentration der intensiven Landbewirtschaf- Pflanzenbau betreiben zu können, müßten die
tung und die konzentrierte Massentierhaltung in den genannten Gebiete künstlich bewässert werden,
landwirtschaftlichen „Gunsträumen" verstärkt do rt soweit denn ausreichend Kapital und Wasser vorhan-
diergonalUmwtschädeurgbli den wäre. Den Böden droht bei unsachgemäßer
zur Degradation der Böden bei. Die künstliche Bewäs- Bewässerung die Gefahr der Versalzung, die eine
serung führt in semi-ariden und ariden Gebieten oft weitere landwirtschaftliche Nutzung unmöglich
zur Versalzung. Überhöhte Düngung und Pestizidein- macht. Auch der Anstieg des Meeresspiegels könnte
satz tragen zur chemischen Belastung bei. Unsachge- in vielen dichtbesiedelten Küstenregionen und frucht-
mäße, nicht standortgerechte Bodenbearbeitung so- baren Flußdeltas zu Landverlusten durch Überflutung
wie die fehlende Stallmist-Humuswirtschaft ziehen oder Versalzung führen (Bangladesh, Nildelta, Golf
Strukturschäden, Erosion und Verdichtungen der von Mexiko, deutsche und niederländische Nordsee-
Böden nach sich. Die stetig wachsende, häufig irrever- küste etc.).
sible Schädigung der Böden führt zur weiteren Aus-
dehnung der Wüstenflächen. Übernutzung und Über-
weidung, nicht angepaßte Anbaumethoden und die
Rodung der Wälder sind weltweit die häufigsten
Konsequenzen für die Ernährung der
Ursachen dieser Entwicklung.
Weltbevölkerung
Durch die notwendige Steigerung der landwirtschaft-
lichen Produktion und die weitere Ausdehnung der Wenn auch die Weltbevölkerung derzeit noch ausrei-
Landbewirtschaftung insbesondere in den unterver- chend ernährt werden könnte, so scheitert dies an der
sorgten Regionen der Welt wird der Beitrag der mangelhaften Verteilung zwischen Arm und Reich.
Landwirtschaft an der anthropogenen Klimaänderung Große Teile der Weltbevölkerung leben bereits heute
künftig weiter steigen. Gleichzeitig beschleunigt die „von der Hand in den Mund" und viele verhungern.
Klimaänderung die weitere Erosion, Versalzung und Die weltweite Klimaänderung und die dabei sehr
Desertifikation der landwirtschaftlichen Nutzflächen wahrscheinliche Zunahme der Dürren, Stürme und
im Sinne einer positiven Rückkopplung. anderer extremer Wetterereignisse gefährden die
Welternährung in zunehmendem Maße. Zudem wird
die Bevölkerung bis zum Jahr 2025 von derzeit
-
5,5 Milliarden auf schätzungsweise 8,5 Milliarden
Drohende Gefahren durch die Klimaänderung Menschen anwachsen. Fünf Sechstel der Weltbevöl-
kerung werden dann in den heutigen Entwicklungs
und Schwellenländern leben. Dies wird zu einer
Nach Klimamodellrechnungen erwartet man im näch-
drastischen Verschärfung der sich bereits abzeich-
sten Jahrhundert — ohne deutliche und weltweite
nenden Verteilungskämpfe und entsprechenden
Gegenmaßnahmen — eine Erwärmung um etwa
Migrationsproblemen führen.
0,3 °C pro Jahrzehnt im globalen Durchschnitt. Hier-
durch verschieben sich die Vegetationszonen mittle- Der weiteren Ausdehnung der landwirtschaftlichen
rer Breiten polwärts und es kommt zu teilweise Nutzflächen sind bereits jetzt Grenzen gesetzt. Die
starken Veränderungen in der regionalen Intensität Agrar-Überschußproduktion
- der westlichen Indu-
und Verteilung der Niederschläge und anderer Wet- strieländer war schon in der Vergangenheit keine
terereignisse und zu einer Zunahme extremer Wetter- Lösung der Ungleichverteilung und der Unterversor-
ereignisse (Dürren, Stürme etc.). gung weiter Teile der Welt. Sie führte vielmehr zu
Verzerrungen auf dem Weltmarkt mit erheblichen
So ungleich verteilt wie die Ursachen der Klimaände- Nachteilen für viele Entwicklungsländer, die von
rung, so ungleich verteilt sind aber auch deren Aus- Agrarexporten abhängig sind.
wirkungen. Ein Viertel der Weltbevölkerung in den
westlichen Industrienationen verursacht drei Viertel
der Emissionen bzw. der globalen Klimaänderung.
Zwar werden voraussichtlich auch die reichen Indu- Zielsetzung für die künftige globale
strieländern keine Gewinner einer Klimaänderung Landbewirtschaftung
sein, doch werden die Auswirkungen in der dortigen
Überschußlandwirtschaft weniger dramatisch sein. Aus den beschriebenen Wechselwirkungen und
Für die unterversorgten Entwicklungsländer werden Abhängigkeiten zwischen der Landwirtschaft und der
hingegen drastische Auswirkungen prognostiziert. Klimaänderung, einschließlich ihrer ökonomischen
Unter dem Anpassungsdruck der Klimaänderung und soziokulturellen Bezüge, kann man folgende
wird sich daher die Kluft zwischen Entwicklungslän- Ziele für eine künftige Landbewirtschaftung ablei-
dern und Industrieländern weiter vertiefen. ten:
Die jetzt schon relativ trockenen Zonen im westlichen — Die Freisetzung klimawirksamer Spurengase aus
und südlichen Afrika, in Südostasien und großen der Landwirtschaft (und allen anderen Wirtschafts-
Teilen von Mittel- und Südamerika wären von einem zweigen) müssen vermindert und damit die Verän-
geringen Rückgang der Niederschläge besonders derung der chemischen Zusammensetzung der
betroffen. Die Landwirtschaft ist dort bereits häufig Atmosphäre und die Veränderung des Klimas
von Dürre bedroht. Die fruchtbaren und dichtbesie begrenzt werden;
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

— die Spurengasbelastung der Atmosphäre muß Die Verringerung der Emissionen aus der westlichen
durch eine stabilere und stärkere Kohlenstoffein- Intensivlandwirtschaft eröffnet gleichzeitig den Ent-
bindung in der Biosphäre und den Böden verrin- wicklungsländern den erforderlichen Spielraum für
gert werden; eine Produktionssteigerung in ihrer Landwirtschaft.
Ebenso wie in allen anderen Wirtschaftsbereichen ist
— die künftige umweltgerechte und nachhaltige
die notwendige Entwicklung in den Entwicklungslän-
Landbewirtschaftung ist an regionale Standortbe-
dern nur dann global klimaverträglich möglich, wenn
dingungen und zukünftige Klimaänderungen an-
die Industrieländer ihre Emissionen zuvor deutlich
zupassen.
senken.
Diese Ziele gelten gleichermaßen für die Landwirt-
Die Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung in
schaft in den Industrieländern wie auch in den unter-
den unterversorgten Regionen der Welt erfordert eine
versorgten Regionen der Welt.
standortgerechte und umweltverträgliche Produk-
tionssteigerung in der dortigen Landwirtschaft. Durch
eine maßvolle und standortangepaßte Erhöhung der
Maßnahmen zur Verringerung der klimaschädlichen Produktionsintensität könnten die Erträge erheblich
Emissionen aus der Landwirtschaft gesteigert werden. Sofern gewährleistet wird, daß die
Ertragssteigerungen für die Ernährungssicherung der
Die Freisetzung klimawirksamer Spurengase hängt in einheimischen Bevölkerung genutzt werden und
der westlichen Intensivlandwirtschaft maßgeblich von nicht — wie bisher — vorwiegend den Produzenten
deren Produktionsintensität ab. Daher müssen die von „Cash crops”, dem Export und dem Gewinn
Emissionen durch eine Senkung der Produktionsin- weniger Großbetriebe international tätiger Unterneh-
tensität, durch eine Extensivierung der Landwirt- men zugute kämen, könnte auch eine wachsende
schaft reduziert werden. Dies ist möglich durch Bevölkerung ernährt werden.

— die Rückführung der Überschußproduktion durch Oberstes Ziel muß aber auch hier eine nachhaltige
eine flächendeckend umweltverträgliche und ex- und dauerhafte Landbewirtschaftung sein. Nur mit
tensivere Bewirtschaftung und die Schaffung ent- Hilfe eines stabilen und an den Standort angepaßten
sprechender finanzieller Anreize auf EU-Ebene, Anbaus (Agroforstwirtschaft/Ecofarming) läßt sich der
Teufelskreis aus Degradation der Böden und Brandro-
— die stärkere Förderung umweltgerechter Formen dung weiterer Waldflächen (mit den entsprechenden
der Landbewirtschaftung, klimarelevanten Emissionen) durchbrechen. Gleich-
— die Internalisierung externer Kosten der Landwirt- zeitig müßten aber erhebliche Anstrengungen zur
Reduzierung des Bevölkerungswachstums unternom- -
schaft durch eine Abgabe/Steuer z. B. auf Mineral-
stickstoff und Gülle, men und verschiedene regionale bzw. globale Rah-
menbedingungen der Landwirtschaft und des Welt-
— die Vergütung der ökologischen und landschafts- handels verändert werden. Hier sind insbesondere zu
pflegerischen Leistungen der Landwirtschaft nennen:
durch staatliche Transferzahlungen,
— die Verbesserung des Marktzugangs für die Ent-
— die Streichung der Landwirtschaftsklauseln im wicklungsländer durch den Abbau von Handels-
Bundes-Naturschutzgesetz und den Landes hemmnissen — insbesondere für weiterverarbei-
Naturschutzgesetzen, tete Produkte,
— die Verringerung der Tierbestände durch die Bin- — die Einführung ökologischer und sozialer Stan-
dung der Tierhaltung an die Fläche, dards in den Welthandel,
— die Verbesserung der Tierfütterung, — ein weitergehender Schuldenerlaß für Entwick-
lungsländer,
— die Verbesserung der Wirtschaftsdüngerlagerung
und -ausbringung, — der Transfer von Finanzmitteln, die gezielt und
unter der Möglichkeit der Erfolgskontrolle zur
— die Begrenzung der Stickstoffdüngung über die
Förderung einer nachhaltigen Entwicklung in Ent-
Festsetzung von Höchstmengen bei Wirtschafts-
wicklungsländern eingesetzt werden,
düngern und Abgaben/Steuern bei Mineraldün-
gern, — der Transfer umweltschonender Technologien und
Verfahren in die Entwicklungsländer,
— die Durchsetzung verbindlicher Auflagen für
Bodenschutzmaßnahmen, — die Erhöhung der staatlichen Entwicklungshilfe
der Industrieländer auf mindestens 0,7 % ihres
— die Senkung des Energieverbrauchs in der Land-
Bruttosozialproduktes bis zum Jahr 2000,
wirtschaft,
— eine wesentliche Aufstockung der Globalen Um-
— die Verringerung des Futtermittelzukaufs und
weltfazilität (GEF) und die Ausweitung der Aufga-
-imports,
ben der GEF auf eine stärkere Förderung nachhal-
— die Förderung der energetischen Nutzung organi- tiger Landbewirtschaftungssysteme in den Ent-
scher Rest- und Abfallstoffe aus der Land- und wicklungsländern.
Forstwirtschaft,
Das Leitziel ist eine weltweit nachhaltige und damit
— nach Prüfung von Öko- und Klimabilanzen die auch gleichermaßen klima- und umweltverträgliche
Förderung nachwachsender Rohstoffe. Landbewirtschaftung.
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350

1. Bedeutung der Landwirtschaft

Landwirtschaft ist die geplante und gelenkte Nutzung auch darin zum Ausdruck, daß die Landwirte seit dem
von Pflanzen- und Tierbeständen zur Versorgung des Beginn der landwirtschaftlichen Bodennutzung maß-
Menschen mit Nahrungsmitteln und Rohstoffen. Sie geblich die Entwicklung und Gestalt des Raumes und
gehört zur Ur-- oder Primärproduktion und bleibt trotz der Landschaft bestimmt haben. Dadurch war und ist
wachsender technischer und chemischer Beeinflus- Landbewirtschaftung zwangsläufig zugleich Umwelt-
sung an elementare biologische Abläufe und an den gestaltung. Dies kann zur Erhaltung der Natur, zur
Naturhaushalt, d. h. an das komplexe Beziehungs Schaffung und Entwicklung einer Kulturlandschaft,
und Wirkungsgefüge der Lebewesen untereinander zur Erhöhung der Artenvielfalt, aber auch, wie insbe-
und mit ihrer unbelebten Umwelt, gebunden. sondere neuere Entwicklungstendenzen zeigen, zur
Beeinträchtigung der Natur, zur Zerstörung von Bio-
In einer allein aus natürlichen Ökosystemen beste-
topen, dem Verlust von Arten und zur Umweltbela-
henden Umwelt konnte der Mensch nur als Jäger und
stung führen (SRU, 1985). Die wirtschaftlichen und
Sammler existieren. Erst der Übergang zu Pflanzen-
politischen Rahmenbedingungen, denen die Land-
bau und Tierhaltung ermöglichte den Menschen sich
wirtschaft unterliegt, müssen daher künftig den ver-
vom Zwang der eigenständigen Nahrungsbeschaf-
schiedenen Aufgaben der Landwirtschaft gleicherma-
fung zu befreien. Die zuverlässige Sicherung der
ßen gerecht werden. Diese Aufgaben sind:
Ernährung auch der nicht in der Landwirtschaft täti-
gen Bevölkerung durch die Landwirtschaft stellte die — die umweltgerechte, nachhaltige und ausrei-
Grundlage unserer heutigen arbeitsteiligen Gesell- chende Produktion von qualitativ hochwertigen
schaft dar. Die wachsende Produktivität in Pflanzen- und gesunden Nahrungsmitteln sowie Rohstoffen
bau und Tierhaltung ermöglichte die Ansammlung zur industriellen Verarbeitung oder energetischen
und Aufbewahrung größerer Nahrungsmittelvorräte Nutzung;
und schuf damit die Voraussetzung für die räumliche
— der Erhalt bzw. die Wiederherstellung und die
Differenzierung in Stadt und Land sowie die Versor-
Pflege der natürlichen Lebensgrundlagen (Boden,
gung der immer stärker wachsenden Bevölkerung
Wasser, Luft, Artenvielfalt) in einer vielgestaltigen
(SRU, 1985 u. 1992).
Kulturlandschaft;
Die Befriedigung des elementaren Grundbedürfnis-
ses der Nahrungsmittelversorgung besitzt daher — die Sicherung und Stärkung der Sozialstruktur
einen hohen ökonomischen Stellenwert. Gleichzeitig ländlicher Räume (Arbeitsplätze, Lebensqualität.
ist sie von größter ökologischer Bedeutung, da die etc.).
Nahrung nur durch mehr oder weniger starke Ein- Die Landwirtschaft in den gemäßigten Breiten arbei-
griffe in die natürliche Umwelt erzeugt werden kann. tete im 18. und 19. Jahrhundert, ja sogar bis in die
Die Landwirtschaft ist zudem — insbesondere im Mitte des 20. Jahrhunderts hinein in einem ausgewo-
Bereich des Pflanzenbaus — von den natürlichen genen Miteinander von Pflanzenbau und Tierhaltung.
Produktionsbedingungen, vor allem dem Klima und Eine geregelte Futterwirtschaft auf Acker und Grün-
Witterungsverlauf abhängig, was sie gegenüber land, durch die Stallmistwirtschaft weitgehend
anderen Wirtschaftsbereichen benachteiligt. Diese geschlossene Stoffkreisläufe, systematische, viel-
Tatsache begründet auch die wirtschaftspolitische gliedrige und abwechslungsreiche Fruchtfolgen und
Sonderrolle der Landwirtschaft nach § 1 des Deut- eine auf langer Erfahrung basierende Berücksichti-
schen Landwirtschaftsgesetzes. gung der speziellen ökologischen Voraussetzungen
Die Landwirtschaft nimmt aber sowohl unter ökono- jedes Betriebes und jedes einzelnen Feldes waren die
mischen wie unter ökologischen Gesichtspunkten Grundlagen der bäuerlichen Landwirtschaft. Wenn-
eine Sonderrolle in der Gesellschaft ein. Die Siche- gleich die Erträge deutlich unter dem heutigen
rung der Ernährung und insbesondere die weitge- Niveau lagen, war dieses System in seiner Flächen-
hende Selbstversorgung der Bevölkerung war zu produktivität dem des ausgehenden Mittelalters
jeder Zeit ein hohes volkswirtschaftliches Ziel. Die bereits mindestens um das zwei- bis vierfache überle-
EG-weite Selbstversorgung war einer der wesentli- gen und bot durch die Einführung der Kartoffel und
chen Gründe für den Abschluß der römischen Ver- Hülsenfrüchte in die Fruchtfolgen vor allem eine
träge (1957) und die Bildung der Europäischen Wirt- höhere Ertragssicherheit sowie Vielfalt und Qualität
schafts-Gemeinschaft. Agrarpolitische Entscheidun- der Nahrungsmittel (Hampicke, 1987). Diese nachhal-
gen und Kompetenzen wurden als erste weitgehend tige und umweltverträgliche Form der Landbewirt-
auf die EG-Ebene verlagert. Die Gemeinsame Agrar- schaftung entwickelte der ökologische Landbau in
politik hat daher zentrale Bedeutung im zusammen- einer Synthese aus traditioneller Erfahrung, techni-
wachsenden Europa. schem Fortschritt und aktuellen wissenschaftlichen
Erkenntnissen stetig weiter.
Die ökonomische Rolle der Landwirtschaft hat im
Vergleich zur Industrieproduktion in jüngster Zeit Die Begründung der Agrikulturchemie — vor allem
zunehmend an Bedeutung verloren, die ökologische durch J. v. Liebig — in der Mitte des 19. Jahrhunderts,
Sonderstellung ist jedoch geblieben. Diese kommt die großtechnische Gewinnung von Stickstoffdünge-
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

mitteln (Ammoniaksynthese nach dem Haber-Bosch- 34,0 Mrd. DM. Die Nettowertschöpfung zu Faktorko-
Verfahren seit 1913) sowie die Fortschritte in der sten verminderte sich ebenfalls um 8,6 % auf 24,7 Mrd.
Produktionstechnik und der Pflanzen- bzw. Tierzüch- DM. Der Anteil der Landwirtschaft an der gesamten
tung waren wesentliche Schritte bei der enormen Nettowertschöpfung der Volkswirtschaft belief sich
Steigerung der Produktion, der Sicherung der Erträge auf schätzungsweise 1,0 %. Das Fremdkapital verrin-
und der Ernährung einer rasch wachsenden Bevölke- gerte sich während des Wirtschaftsjahres 1992/93 um
rung. Der weitaus größte Teil der traditionell konven- 1,6 % auf 44,1 Mrd. DM.
tionellen Landwirtschaft veränderte sich in der zwei-
1993 waren in den landwirtschaftlichen Bet rieben
ten Hälfte dieses Jahrhunderts im Verlauf eines deut-
Deutschlands und deren Haushalten 1,83 Mio. Perso-
lichen Strukturwandels zu einer „Intensivlandwirt-
nen haupt- oder nebenberuflich beschäftigt. Die
schaft" . Diese Entwicklung der Landwirtschaft (Kap.
betriebliche Arbeitsleistung hat sich 1993 im früheren
1.1.3) und ihre Folgen (Kap. 1.2.1) müssen noch näher-
Bundesgebiet um 4,7 %, in den neuen Ländern um
erläutert werden.
15,7 % verringert und belief sich auf etwa 788 000
Die Intensivierung in der Landwirtschaft ist eine Arbeitskraft-Einheiten. Der Arbeitskräftebesatz be-
wesentliche Ursache für die Zunahme vieler von ihr trug 1993 in Deutschland 4,6 AK-Einheiten je 100 ha
verursachter Umweltbelastungen und steigender LF (ABL: 5,4 AKE/100 ha; NBL: 2,8 AKE/100 ha). Die
Emissionen klimawirksamer Spurengase. Im zweiten Gewinne der landwirtschaftlichen Vollerwerbsbe-
Kapitel wird die Rolle der Landwirtschaft als „Täter" triebe sanken gegenüber dem Vorjahr um durch-
ausführlich dargestellt. Zugleich ist sie aber auch schnittlich 6,3 % auf 44 707 DM je Unternehmen
„Opfer", denn sie ist der Wirtschaftsbereich, der den (Tab. 1.15) (BML, 1994 a).
Wirkungen des Klimas und der Klimaänderung am
deutlichsten unterworfen ist. „Die Gestaltung des
gesamten Landwirtschaftsbetriebes wird in entschei- 1.1.1 Landwirtschaftliche Flächennutzung
dender Weise vom Klima beeinflußt. Es ist wesentlich, in der Bundesrepublik Deutschland
sich stets dieser beherrschenden Rolle bewußt zu sein
und die Bodennutzung dem Klima als dem Stärkeren Die Bundesrepublik Deutschland hat eine Fläche von
anzupassen" (Klapp, 1967). Die möglichen, weit über- 356 950 km2 (35,7 Mio. Hektar). Davon entfallen auf
wiegend negativen Auswirkungen einer Klimaände- das frühere Bundesgebiet (ABL) 248 620 km 2 und
rung auf die Landwirtschaft sind daher Inhalt des auf die neuen Bundesländer (NBL) 108 330 km 2 . Die
dritten Kapitels. Abschließend werden im vierten Zahl der Einwohner liegt bei 80,1 Mio. (1991), was
Kapitel politische Handlungsempfehlungen und tech- zu der vergleichsweise hohen Einwohnerdichte von
nische Maßnahmen erläutert, mit denen die Emissio- 223 Einw./km2 (ABL: 256; NBL: 148) führt.
nen klimawirksamer Spurengase aus der Landwirt- Die Flächennutzung ist insbesondere in den alten
schaft gesenkt werden können. Bundesländern geprägt durch einen Landschaftsver-
brauch aufgrund der stetigen Zunahme von Sied
lungs- und Verkehrsflächen. Pro Tag wächst die
1.1 Ökonomische Bedeutung Siedlungs- und Verkehrsfläche um etwa 90 ha (ABL)
der Landwirtschaft (UBA, 1993 b). Dennoch ist die Bundesrepublik
mit über 50 % Landwirtschaftsfläche und fast 30 %
Der Produktionswert der Landwirtschaft (ABL+NBL) Waldfläche (10,38 Mio. ha) noch ein relativ grünes
ging im Wirtschaftsjahr 1992/93 gegenüber dem Vor- Land. In den Tab. 1.1 bis 1.3 wird die Flächennutzung
jahr um 6,6 % auf 64,4 Mrd. DM zurück, die Ausgaben in der Bundesrepublik Deutschland detaillie rt aufge-
für Vorleistungen reduzierten sich um 2,8 % auf schlüsselt.

Tabelle 1.1

Flächennutzung in der Bundesrepublik Deutschland 1989 (in km 2 und prozentualer Aufteilung)


(Statistisches Bundesamt, 1992 a)

Landwirtschafts Siedlungs-/
Waldfläche Wasserfläche sonstige Flächen Gesamtfläche
fläche 1 ) Verkehrsfläche

195 270 43 620 103 850 7 640 6 570 356 950

54,7% 12,2% 29,1 % 2,1% 1,8% 100%

1) Flächen des Ackerbaus, der Wiesen- und Weidewirtschaft, des Garten- und Weinbaus ohne Moor und Heide; nicht identisch mit
der „landwirtschaftlich genutzten Fläche" in Tabelle 1.2.
Deutscher Bundestag - 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350

Tabelle 1.2

Landwirtschaftlich genutzte Fläche (LF) 1991 (in km 2 und prozentualer Verteilung)


(Statistisches Bundesamt, 1992 a)

Bundesrepublik
Alte Bundesländer Neue Bundesländer
Deutschland gesamt

landwirtschaftlich genutzte Fläche . 118 450 52 920 171 370

davon: Dauergrünland 43 260 10 040 53 300


Anteil in Prozent 36,5 19 31, 1

Ackerland 73 130 42 460 115 590


Anteil in Prozent 61,7 80,2 67,5

Tabelle 1.3

Nutzung des Ackerlandes (ohne Hausgärten und Dauerkulturen) 1991 (in km 2 und prozentualer Aufteilung)
(Statistisches Bundesamt, 1992 a)

Bundesrepublik Deutschland
Frucht Alte Bundesländer Neue Bundesländer
gesamt

Getreide 44 040 60,2 % 21 560 50,8 % 65 600 56,8 %


Hülsenfrüchte 350 0,5 % 120 0,3 (Y0 470 0,4 %
Hackfrüchte 6 570 9,0 % 2 920 6,9 % 9 490 8,2 %
Raps/Rübsen 6 170 8,4 % 3 330 7,8 % 9 500 8,2 %
Futterpflanzen 11 380 /5,6 % 7 890 18,6 % 19 260 16,7 %
Sonstiges/Brache 4 620 6,3 % 6 640 15,6 % 11 270 9,7 %

In Deutschland bewirtschafteten 1993 592 681 land-


wirtschaftliche Betriebe (>= 1 ha LF) insgesamt
17,0 Mio. ha LF. Davon entfielen auf das frühere
Bundesgebiet 567 295 Betriebe mit 11,7 Mio. ha LF
und auf die neuen Länder 25 386 Betriebe mit 5,3 Mio.
ha LF (BML, 1994 a).

Tabelle 1.4

Agrarstruktur in der Bundesrepublik Deutschland (BML, 1994 a)

Zahl Veränderung Durchschnitts- Veränderung


Erwerbscharakter der Betriebe 1993 gegen Vorjahr größe 1993 gegen Vorjahr
(in 1000) (in %) (in ha LF) (in %)

Vollerwerb 276,5 -2,6 33,35 +2,9


Zuerwerb 46,5 -4,5 20,61 +3,7
Nebenerwerb 244,3 -2,0 6,42 +2,6

1.1.2 Formen und Intensitätsstufen mehrerer Produktionsfaktoren zueinander, die in


der landwirtschaftlichen Produktion einem Produktionsprozeß eingesetzt werden. In der
Landwirtschaft wird mit „spezieller Intensität" der
Die Intensität und Form der landwirtschaftlichen Pro- Betriebsmitteleinsatz je Fläche oder je Tier bezeich-
duktion ist von entscheidender Bedeutung bei der net. Im folgenden ist mit den Begriffen „hohe Produk-
Analyse der landwirtschaftlichen Einflüsse auf die tionsintensität, intensive Produktionsweise oder In-
anthropogene Klimaänderung. Unter Intensität ver- tensivlandwirtschaft" allgemein eine hohe spezielle
steht man das mengenmäßige Verhältnis zweier bzw. Intensität gemeint.
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

Die Verringerung der einen Intensität führt immer Spurengasemissionen aus der konventionellen Land-
zum Anstieg anderer Intensitäten. Strebt man das wirtschaft die Rede ist, so ist hierunter die in Deutsch-
gleiche Produktionsergebnis an, können nicht alle land bzw. Mitteleuropa vorherrschende Intensivland-
Intensitäten gleichzeitig gesenkt werden. Bei gerin- wirtschaft zu verstehen, die von hohen Erträgen bei
gerem Betriebsmitteleinsatz je Fläche steigt beispiels- hoher spezieller Produktionsintensität (Betriebsmit-
weise dessen Kehrwert, der Flächeneinsatz je Einheit teleinsatz je ha Fläche oder je Tier) sowie starker
Betriebsmittel (Bauer, 1993 b). Erzielt man aufgrund Konzentration und Spezialisierung geprägt wird.
des geringeren Betriebsmitteleinsatzes niedrigere
Die konventionelle. Landwirtschaft wird in Gesetzen
Erträge je Fläche, kann man die ursprüngliche Menge
und Verordnungen zumeist durch die Beg ri ffe „gute
nur produzieren, indem man eine größere Fläche
fachliche Praxis" und „ordnungsgemäße Landbewirt-
nutzt. Durch eine niedrigere spezielle Intensität, also
schaftung" näher gekennzeichnet, ohne jedoch in der
einen geringeren Betriebsmitteleinsatz je Fläche,
Definition und Regelung der Produktionsweise über
können jedoch die vor allem durch überhöhte spe-
Formulierungen wie „nach Stand des Wissens und der
zielle Intensitäten verursachten Umweltbelastungen
Technik" hinauszugehen. Da viele nach heutigem
verringert werden. Im Gegensatz zur intensiven Pro-
Stand des Wissens und der Technik vermeidbare
duktionsweise bezeichnet man eine auf großer Fläche
Umweltbelastungen unter der Bezeichnung „ord-
betriebene, vor allem den Boden ausnutzende Bewirt-
nungsgemäß" dennoch stetig zugenommen haben
schaftung als eine extensive Produktionsweise.
(Haber, 1989; In: Haas und Köpke, 1994), wurde es
Unter Extensivierung im klassischen Sinne wäre wiederholt als gesetzgeberische Fehlleistung kriti-
daher die Reduzierung der speziellen Intensität bei siert, die derzeitige konventionelle Landwirtschaft in
gleichzeitiger Ausweitung der Produktion auf größere Gesetzestexten als „ordnungsgemäß" festzuschrei-
Flächen zu verstehen. Aufgrund der teilweise erheb- ben (SRU, 1985; Haber, 1989; In: Haas und Köpke,
lichen Produktions- bzw. Marktüberschüsse in der 1994).
EU-Landwirtschaft wird jedoch eine deutliche Sen-
Nach einem Höhepunkt am Ende der achtziger Jahre
kung der Produktionsmengen zur Marktentlastung
ist in den vergangenen Jahren jedoch ein Rück-
angestrebt. Der Begriff Extensivierung bezeichnet
gang des Dünge- und Pflanzenschutzmitteleinsatzes
daher im folgenden die Verringerung der Überschuß-
(Tab. 1.9) sowie des Tierbestandes (Tab. 1.12) festzu-
produktion durch die deutliche Senkung der speziel-
stellen, der in erheblichem Umfang auch auf die
len Intensität, ohne die Anbaufläche weiter auszudeh-
Flächenstillegung und den Zusammenbruch der
nen.
Landwirtschaft in den neuen Ländern zurückzuführen
Durch die Agrarpreissenkungen im Zuge der Umset- ist. Die Entwicklung bzw. Zahl und Fläche der land-
zung der Agrarreform (Kap. 1.1.4) strebt man eine wirtschaftlichen Betriebe geht aus Tab. 1.8 hervor.
Senkung der speziellen Intensität an. Zusätzlich wer-
den zur Marktentlastung kurz-, mittel- oder langfristig Aufgrund der wachsenden Umweltbelastungen
Anteile der bewirtschafteten Fläche stillgelegt (bzw. wurde in Teilbereichen (v.a. Obstbau) der konventio-
z. T. nachwachsende Rohstoffe darauf angebaut). Je nellen Landwirtschaft zunächst das Konzept eines
nach Grad der Extensivierung könnte die ökonomisch integrierten Pflanzenschutzes entwickelt. Ziel dieses
und ökologisch fragwürdige Flächenstillegung ver- integrierten Pflanzenschutzes ist die Unterdrückung
mieden und eine wünschenswerte, flächendeckende von Schaderregern durch die Ausnutzung ökosyste-
Bewirtschaftung aufrecht erhalten werden. marer Regelkreise sowie durch den gezielten Ein-
satz von Pflanzenschutzmitteln erst nach dem Errei-
Wie einleitend bereits angesprochen, lassen sich fol- chen definierter wirtschaftlicher Schadensschwellen
gende Produktionssysteme unterscheiden: (Populationsdichte, Bedeckungsgrad etc.). Regelmä-
— die konventionelle Landwirtschaft und der inte- ßige Präventivanwendungen unselektiver Mittel sind
grierte Pflanzenbau durch den zeitlich und räumlich begrenzten Einsatz
selektiver, nützlingsschonender Mittel und Maßnah-
— der ökologische Landbau. men zu ersetzen. Da integrierter Pflanzenschutz nur
im engen Zusammenwirken mit anderen Bereichen
der Pflanzenproduktion bzw. des gesamten Agraröko-
systems möglich ist, wurde hieraus das Konzept des
Konventionelle Landwirtschaft und integrierter
integrierten Pflanzenbaus entwickelt. Angestrebt
Pflanzenbau
wird eine umweltverträglichere Landbewirtschaftung
unter Berücksichtigung von Standort, Ökonomie,
Die heutige konventionelle Landwirtschaft umfaßt
Ökologie und Bodenfruchtbarkeit (Heyland, 1991;
eine Vielfalt verschiedener Produktionsrichtungen
FIP, 1991; FIP, 1993).
und -intensitäten. Nur der ökologische Landbau ist
hiervon aufgrund seiner exakten Definition und In der Theorie des integrierten Pflanzenbaus sind
Bewirtschaftungsauflagen eindeutig abgrenzbar. Die letztlich Auflagen berücksichtigt worden, die prinzi-
konventionelle Landwirtschaft beinhaltet die gesamte piell jede Form der Landbewirtschaftung zum Schutz
Bandbreite von einer extensiven Bewirtschaftung in von Boden, Wasser und Umwelt vor vermeidbaren
Grenzertragslagen bis hin zur intensivsten flächen- Beeinträchtigungen mindestens erfüllen müßte, um
unabhängigen Massentierhaltung, von einem inte- als ordungsgemäß gelten zu können. Der integrierte
grierten Pflanzenbau bis hin zum intensiven Dünge- Pflanzenbau greift hier die Vorgehensweise ur-
und Pflanzenschutzmitteleinsatz in artenarmen sprünglicher Formen der Landbewirtschaftung wie-
Fruchtfolgen oder großflächigen Monokulturen. der auf, die eingebettet waren in die bewußte oder
Wenn im folgenden von Umweltbelastungen und unbewußte Nutzung der natürlichen Möglichkeiten
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
sowie die Akzeptanz der naturgegebenen Grenzen lage für die nationale und internationale Regelung des
des gesamten Agrarökosystems. Die moderne kon- ökologischen Landbaus, da sie in Teilbereichen deut-
ventionelle Landwirtschaft versuchte hingegen in den lich über die EG-Verordnung 2092/91 hinausgehen.
vergangenen Jahrzehnten begrenzende Standortge- Beispielsweise ist in der EG-Verordnung die Tierhal-
gebenheiten durch teilweise übermäßigen Faktorein- tung zur Zeit überhaupt nicht geregelt.
satz auszugleichen, was zu entsprechenden Umwelt-
belastungen geführt hat. Ziel des integrierten Pflan- Im Hinblick auf die Klimarelevanz sind folgende
zenbaus ist daher die Reduzierung dieser unsachge- Komponenten des ökologischen Landbaus hervorzu-
heben (Haas und Köpke, 1994):
mäßen, überhöhten Intensität in der Landbewirtschaf-
tung. Das Konzept des integrierten Pflanzenbaus
kommt darin dem des ökologischen Landbaus nahe,
— Kohlenstoff
ohne jedoch vergleichbar konkrete Definitionen,
Grenzwerte, Auflagen o.ä. auszusprechen. Die allge-
mein gehaltenen Formulierungen belassen es bei Durch den Einsatz organischer, hofeigen erzeugter
einem ähnlich breiten Interpretationsspielraum wie Wirtschaftsdünger, insbesondere durch die Anwen-
die bisherigen Beschreibungen der „ordnungsgemä- dung von Stallmist oder kompostiertem Rottemist
ßen Landwirtschaft" . Die standortspezifischen Unter- sowie Bodenruhe und Feldfutterbau wird eine dauer-
schiede bzw. die unternehmerische Freiheit in der hafte Produktivität des Bodens durch Erhalt und
Betriebsgestaltung verhindern nach FIP (1991 u. Steigerung des Humusgehaltes und damit der Koh-
1993), Schuh (1989; In: Haas und Köpke, 1994) und lenstoffeinbindung sowie der Bodenfruchtbarkeit
Scholz (1989; In: Haas und Köpke, 1994) eine exakte angestrebt (Kap. 2.3.3.1).
Definition des „Integrierten" ebenso wie des „ord-
nungsgemäßen" Pflanzenbaus und somit der gesam-
— Energie
ten konventionellen Landwirtschaft. Die Definition
des ökologischen Landbaus in Form von Zielsetzun-
gen, Richtlinien und Verordnungen zeigt jedoch, daß Nicht erneuerbare Ressourcen sollen möglichst spar-
eine exakte und umfassende begriffliche und inhaltli- sam eingesetzt werden. Die Möglichkeit des Zukaufs
che Abgrenzung sowie die eindeutige Formulierung von Betriebsmitteln ist reglementiert. Der Einsatzes
von Bewirtschaftungsauflagen möglich ist. Die zu synthetischer Pflanzenbehandlungs- und Düngemit-
allgemeine, unverbindliche und vage Ausgestaltung tel ist verboten. Der Zukauf bzw. die Anwendung von
des Konzeptes des integrierten Pflanzenbaus stellt mineralischen bzw. organischen Dünge- und Futter-
dagegen sehr in Frage, ob hierdurch die Umweltpro- mitteln ist erheblich eingeschränkt. Ziel ist das opti-
bleme in der Landwirtschaft gelöst werden können male und möglichst verlustfreie Management der
(Pommer, 1992). innerbetrieblichen Stoffkreisläufe bei Schonung
nicht erneuerbarer Energie- und Rohstoffquellen
Es gibt derzeit keine Angaben zur Zahl der Betriebe (Kap. 2.3.4.1).
oder den Flächen, die nach den Regeln des integrier-
ten Pflanzenbaus bewirtschaftet werden. Da keine
eindeutige Abgrenzung zwischen integriertem und — Stickstoff
„ordnungsgemäßem" konventionellem Pflanzenbau
möglich ist, werden beide im folgenden unter dem Durch den Verzicht auf mineralische Stickstoffdünger
Begriff der konventionellen Landwirtschaft zusam- und den stark begrenzten Einsatz von Zukauffutter-
mengefaßt betrachtet. Die derzeitige konventionelle mitteln stellt Stickstoff auf ökologischen Betrieben
Landwirtschaft und die Agrarstruktur in Deutschland einen begrenzenden Faktor dar. Ein verlustarmes
und Europa sind das Ergebnis eines umfangreichen Nährstoffmanagement wird daher nicht nur zur Ver-
Strukturwandels während der vergangenen Jahr- meidung von Emissionen (Nitrat in Grund- und Ober-
zehnte, der in Kapitel 1.1.3 detailliert dargestellt wird. flächengewässer, Ammoniak und Distickstoffoxid in
die Atmosphäre) angestrebt, sondern ist ein wesentli-
cher Faktor zur Erhaltung der betrieblichen Produkti-
vität (Kap. 2.2.3.1).
Ökologischer Landbau
— Methan
Für den ökologischen Landbau sind seit dem 1. Januar
1993 Anbau, Verarbeitung, Handel, Kennzeichnung
Die Tierproduktion des ökologischen Landbaus wird
und Kontrolle von Produkten durch die EWG-Verord-
von der Rinderhaltung dominiert. Aufgrund begrenz-
nung 2092/91 (24. Juni 1991) EG-weit geregelt. Dar-
ter Zukaufmöglichkeiten von Futtermitteln ist die
über hinaus sind die Mitglieder von Anbauorganisa-
maximale Anzahl von Wiederkäuern je Einheit
tionen vertraglich an die weitergehenden Richtlinien
betriebseigener Futterfläche auf vergleichsweise
ihrer Verbände gebunden. Die deutschen Anbauver-
niedrigem Niveau (1,4 Dungeinheiten ) je ha bzw. 2,1
bände haben in der Arbeitsgemeinschaft Ökologi-
Milchkühe/Rinder je ha) begrenzt. Die Freisetzung
scher Landbau (AGÖL) verbandsübergreifende Rah-
von Methan (und Ammoniak) ist im ökologischen
menrichtlinien zum ökologischen Landbau erarbeitet,
Landbau aufgrund der üblichen Festmist-Stallhaltung
die auf den weltweit geltenden Rahmenrichtlinien der
IFOAM (International Federation of Organic Agricul- 1) Eine Dungeinheit (DE) entspricht dem Tierbesatz, der eine
ture Movements) basieren (AGÖL, 1991; IFOAM, Menge an Wirtschaftsdünger produziert, die 80 kg N und
1991). Diese Richtlinien sind eine geeignetere Grund- 70 kg P205 enthält.
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

wesentlich geringer als bei den Flüssigmistsystemen 1.1.3 Strukturwandel in der Landwirtschaft
in der konventionellen Landwirtschaft (Kap. 2.1.3.1;
Kap. 2.4.1). Nach dem zweiten Weltkrieg durchlebte die gesamte
Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland
Der ökologische Landbau betrachtet den landwirt- einen massiven Strukturwandel und ein enormes
schaftlichen „Betriebsorganismus" als Ökosystem, wirtschaftliches Wachstum. Dies gilt ebenso — wenn
dessen Produktivität und Gesundheit sich aus dem auch in unterschiedlichem Maße — für die anderen
Zusammenwirken verschiedener Produktionsberei- westlichen Industrienationen (Kap. 1.1.5). In Gewerbe
che miteinander und mit ihrer Umwelt ergeben. Durch und Industrie führten Arbeitsteilung und Spezialisie-
die Abschätzung der Folgen landwirtschaftlichen rung, moderne Verfahrenstechniken und Massenpro-
Handelns auf die Umwelt im weitesten Sinne und duktion, hoher Kapitaleinsatz und Rationalisierungs-
durch die selbst auferlegten und gesetzlich vorge- maßnahmen zu
schriebenen Restriktionen ist der ökologische Land- — dem Ersatz menschlicher Arbeitskraft durch
bau per se system- und umweltorientiert, obwohl der Maschinen und Energie,
ökologische Landbau zu Anfang dieses Jahrhunderts
nicht primär unter dem Aspekt des Umweltschutzes — weitgehender Befreiung von schwerer körperli-
konzipiert wurde (Haas und Köpke, 1994). Anfang cher Arbeit,
1994 bewirtschafteten in Deutschland etwa 0,85 Pro- — kürzerer Arbeitszeit und mehr Freizeit bei den-
zent der Betriebe fast 1 % der landwirtschaftlich noch
genutzten Fläche nach AGÖL-Richtlinien (Tab. 1.5).
— wachsenden Einkommen und steigendem Lebens-
standard.
Tabelle 1.5 Für die Landwirtschaft ergab sich durch diese Ent-
wicklung eine wachsende arbeitswirtschaftliche, ein-
Fläche und Zahl der Betriebe kommenspolitische und damit soziale Konkurrenzsi-
im ökologischen Landbau in Deutschland tuation zur gewerblichen Wirtschaft. Die Rahmenbe-
(Stand jeweils zum Jahresbeginn, dingungen wurden hierbei weitgehend von dem
ab 1993 für ABL+NBL) (AID, 1990; BML, 1994a 1 ); nichtlandwirtschaftlichen Sektor vorgegeben. Da die
SÖL, 1994 2 )) ökologischen Funktionen der Landwirtschaft nicht
durch die Preise ihrer Erzeugnisse honoriert wurden,
unterlag die Landwirtschaft einem grundlegenden
Jahr Fläche in Hektar Zahl der Betriebe
volkswirtschaftlichen Wettbewerbsnachteil. Er zwang
die Landwirte dazu, ihre Erzeugungsmöglichkeiten
1960 3 182 141
und Produktivitätsspielräume unter rein ökonomi-
1970 3 920 210 schen Gesichtspunkten weitestmöglich auszuschöp-
1980 10 945 579 fen und dabei den ökologischen Zustand der bewirt-
1985 24 703 1 452 schafteten Flächen und damit den Naturhaushalt auch
zu ihrem eigenen Nachteil in wachsendem Maße zu
1989 53 831 2 608
beeinträchtigen (SRU, 1985 u. 1992).
1993 1 ) 127 240 4 385
Die landwirtschaftlichen Produktionsmethoden und
1994 2 ) 161 698 4 941
die gesamte Struktur der Landwirtschaft erfuhren in
1) Hiervon entfielen bereits 147 Betriebe mit 19 509 ha LF auf den vergangenen Jahrzehnten erhebliche Verände-
die neuen Länder. rungen. Der Anpassungsprozeß und die Entwicklung
der Erträge wurde durch die Gemeinsame Agrarpoli-
tik der EG zusätzlich unterstützt. Geprägt durch die
Entbehrungen der Kriegs- und Nachkriegszeit sollte
Darüber hinaus werden in erheblichem Umfang wei-
durch die massive Förderung des Agrarsektors mit
tere Flächen nach der EG-Verordnung 2092/91 oder
Hilfe von Abnahmegarantien, Festpreisen und Au-
dem EG-Extensivierungsprogramm ökologisch be-
ßenschutz möglichst rasch die nationale bzw. die
wirtschaftet, ohne daß die Betriebe den anerkannten
EG-weite Selbstversorgung mit Agrarprodukten er-
Verbänden der AGÖL angeschlossen sind. Insgesamt
reicht werden. Gleichzeitig sollten Einkommen und
lag die ökologisch bewirtschaftete Fläche in Deutsch-
Existenz der in der Landwirtschaft beschäftigten Men-
land bereits Anfang 1993 bei etwa 430 000 ha (2,5 %
schen gesichert werden. Diese Preispolitik war unter
der LF) in 13 000 Betrieben — mit weiter steigender
den damaligen Voraussetzung sicher richtig. Ein
Tendenz (SOL, 1994).
System, bei dem die Unterstützung der Landwirte an
Die Erträge des ökologischen Landbaus sind durch die Produktionsmengen gebunden ist, stellt einen
das Verbot bzw. die starke Einschränkung produkti- Anreiz dar, immer mehr zu erzeugen und führt daher
onssteigernder Mittel im allgemeinen um 10 bis 30 zu einer Intensivierung der Produktionsmethoden.
niedriger als in der konventionellen Landwirtschaft, Spätestens jedoch als die Selbstversorgung erreicht
was jedoch angesichts der derzeitigen Produktions- war, fehlte die notwendige Korrektur der politischen
überschüsse in vergleichbarer Größenordnung Rahmenbedingungen. Die Entwicklung blieb weitge-
(Tab. 1.13) eher Probleme löst als schafft. Gleichzeitig hend sich selbst überlassen und hatte sehr nachteilige
wird im ökologischen Landbau je Flächeneinheit weit Folgen: Dort, wo intensive Produktionsweisen vor-
weniger als die Hälfte der fossilen Energie eingesetzt herrschen, werden Gewässer verschmutzt und Böden
als bei der konventionellen landwirtschaftlichen Pro- degradieren; es kommt zu einem Mißbrauch der Natur
duktionsweise (Kap. 2.3.4) (Haas und Köpke, 1994). (EG-Kommission, 1991).
Deutscher Bundestag - 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
Tabelle 1.6

Ersatz von menschlicher und tierischer Arbeitskraft durch Maschinen (AID, 1989)

Vorkrieg 1950/51 1970/71 1987/88

in 1000

Voll-Arbeitskraft 3 852 3 885 1 363 781,6


Pferde 1 256 1 200 191 217 1 )
Zugkühe 1 972 1 820 27 -
-
Zugochsen 315 280 2 -
Schlepper 20 139 1 356 1 438
Schlepperleistung
- kW/100 ha LN 2,2 16,9 205,9 400,7
- kW/Schlepper 18,4 17,3 20,6 33,1

1) Vorwiegend Spo rt - und Freizeitpferde, aber auch Rückepferde für die Waldarbeit.

Arbeitskräfte in der Landwirtschaft 1,65 Mio. auf 582 000 zurück (Tab. 1.7 und 1.8),
während die durchschnittliche Betriebsgröße von 8 ha
Im Zuge der Rationalisierung und Mechanisierung LF auf 20 ha LF stieg - in den Vollerwerbsbetrieben
wurde die menschliche und tierische Arbeitskraft auf 32 ha LF. Knapp 9 % der Betriebe bewirtschaften
zunehmend durch Maschinen und den Einsatz von mehr als 50 ha LF, haben aber einen Anteil an der
Energie und Betriebsmitteln ersetzt (Tab. 1.6). Der gesamten landwirtschaftlich genutzten Fläche von
Arbeitskräftebesatz ging von 29,4 AK/100 ha LF 37 %. Dazu kamen 1992 etwa 18 600 Betriebe in den
(1949) auf 6,1 AK/100 ha LF (ABL; 1991) zurück. Dies neuen Ländern mit einem wesentlich höheren Anteil
führte zu einer Abnahme der in der Landwirtschaft von Großbetrieben 35 % der Betriebe über 50 ha LF
Beschäftigten von 3,9 Mio. (ABL) (1949) auf 831 000 bewirtschaften über 96 % der gesamten LF in den
(1991) bei einer nur unwesentlich verringerten land- neuen Bundesländern.
wirtschaftlich genutzten Fläche. Der Strukturwandel in der Landwirtschaft wird auch
durch die Veränderung der Betriebsgrößen bzw. die
Anzahl der Betriebe in den einzelnen Betriebsgrößen-
klassen verdeutlicht (Tab. 1.7).
Struktur der landwirtschaftlichen Betriebe
Dem Aufstockungsprozeß, der weiteren Vergröße
Im gleichen Zeitraum ging die Zahl der landwirt- rung meist bereits großer Betriebe (>30 ha), steht ein
schaftlichen Bet riebe im früheren Bundesgebiet von Abstockungsprozeß gegenüber. Bisherige kleine bis

Tabelle 1.7

Verringerung der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte und der Zahl der Betriebe


im Zeitraum 1949 bis 1990 (ABL) (Priebe, 1994)

1949 1960 1970 1980 1990/92

Arbeitskräfte (in 1000)


Landwirtschaftliche Erwerbspersonen (Anzahl) 3 900 2 400 2 146 1 273 831
- Anteil der Landwirtschaft (%) 23 9 8,1 4,7 2,8
Arbeitskräfte-Einheiten (Voll-Ak) - 2 390 1 526 987 675
Arbeitskräftebesatz (AK je 100 ha LF) 29,4 18,6 12,1 8,1 6,1

Betriebsstruktur
- Zahl der Betriebe über 1 ha (1000) 1 647 1 385 1 083 797 582
- Nebenerwerbsbetriebe (%) - - 35 39 43
- Betriebsgröße (haLF) 8,1 9,3 11,7 15,3 20,2
(% unter 10 ha LF) 76,6 69,3 59,0 51,4 46,0
(% über 50 ha LF) 1,0 1,2 1,8 3,7 9,3

Quelle: Statistisches Jahrbuch über Ernährung, Landwirtschaft und Forsten; Agrarberichte der Bundesregierung (verschiedene
Jahrgänge)
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Tabelle 1.8

Landwirtschaftliche Betriebe (> 1 ha LF) und ihre Flächen nach Größenklassen (BML, 1993 b)

Zahl der Betriebe

Betriebsgröße Bundesrepublik
Alte Bundesländer Neue Bundesländer
in ha LF I) Deutschland gesamt

1949 1982 1992 1992 (%) 1992 1992 (%) 1992 1992 (%)

1 bis 2 305 723 97 472 71 630 12,3 2 580 13,9 74 210 12,4
2 bis 5 553 061 146 112 99 825 17,2 3 128 16,8 102 953 17,1
5 bis 10 403 699 140 514 96 431 16,6 2 029 10,9 98 460 16,4
10 bis 15 171 819 96 977 64 594 11,1 1 308 7,0 65 902 11,0
15 bis 20 84 436 75 095 50 309 8,6 878 4,7 51 187 8,5
20 bis 25 51 620 56 912 39 876 6,9 604 3,2 40 480 6,7
25 bis 30 20 550 41 742 32 271 5,5 448 2,4 32 719 5,4
30 bis 40 50 271 44 914 7,7 625 3,4 45 539 7,6
40 bis 50 40 251 3 ) 25 522 28 008 4,8 463 2,5 28 471 4,7
50 bis 75 22 871 33 210 5,7 828 4,4 34 038 5,7
75 bis 100 12 621 4 ) 5 918 12 052 2,1 842 2,9 12 594 2,1
100 und mehr 2 971 4 717 8 814 1,5 5 176 27,8 13 990 2,3

Zusammen 1646 751 764 123 581 934 100 18 609 100 600 543 100

Fläche der Betriebe in 1000 ha

Betriebsgröße Bundesrepublik
Alte Bundesländer Neue Bundesländer
in ha LF 1 ) Deutschland gesamt

1949 1982 1992 1992 (%) 1992 1992 (%) 1992 1992 (%)

1 bis 2 442,1 136,9 99,9 0,9 3,6 0,1 103,5 0,6


2 bis 5 1 828,7 485,8 330,7 2,8 9,9 0,2 340,6 2,0
5 bis 10 2 860,1 1 023,9 698,2 6,0 14,5 0,3 712,7 4,2
10 bis 15 2 092,1 1 197,6 796,8 6,8 16,0 0,3 812,8 4,8
15 bis 20 1 451,1 1 305,3 874,4 7,5 15,2 0,3 889,6 5,3
20 bis 25 1 180,3 1 272,2 892,2 7,6 13,4 0,3 905,6 5,4
25 bis 30 559,2 1 141,5 884,0 7,5 12,3 0,2 896,3 5,3
30 bis 40 1 728,8 1 550,6 13,2 21,5 0,4 1 572,1 9,3
40 bis 50 1 504,5 3 ) 1 133,6 1 248,5 10,6 20,6 0,4 1 269,2 7,5
50 bis 75 1 361,2 1 999,7 17,0 50,5 1,0 2 050,2 12,2
75 bis 100 817,3 4 ) 503,0 1 029,3 8,8 47,0 0,9 1 076,3 6,4
100 und mehr 544,1 755,6 1 326,5 11,3 4 886,5 95,6 6 213,0 36,9

Zusammen 13 279,6 12 045,6 11 730,8 100 5 111,0 100 16 841,8 100

1) 1949 landwirtschaftliche Nutzfläche


2) vorläufig; Daten der Stadtstaaten aus dem Vorjahr übernommen
3) Zahl bzw. Fläche der Betriebe in der Betriebsgrößenklasse 30 bis 50 ha
4) Zahl bzw. Fläche der Betriebe in der Betriebsgrößenklasse 50 bis 100 ha
Deutscher Bundestag - 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
mittlere Haupt- oder Zuerwerbsbetriebe (10 bis 30 ha) Tabelle 1.9
werden häufig im Nebenerwerb weiterbewirtschaftet.
Je kleiner die Betriebe sind, desto eher werden sie Handelsdüngerverbrauch (ABL)
vollständig aufgegeben (Schmitt, 1989). Dieser (in kg Reinnährstoff/ha LN)
Aspekt des Strukturwandels wird häufig auch mit dem (BML, 1992 a u. 1993 d)
Schlagwort „Wachsen oder weichen" umschrieben.
1991/92 wurden 43 % der bundesdeutschen Betriebe Stickstoff Phosphat Kali Kalk
im Nebenerwerb und 8 % im Zuerwerb bewirtschaf- Jahr
N P205 K2 0 CaO
tet. Diese Tatsache spielt in der agrarpolitischen
Diskussion derzeit nur eine geringe Rolle, da diese 1938/39 23,4 28,3 43,4 56,4
Betriebe weniger gefördert werden als die größeren 46,7 47,5
1950/51 25,6 29,6
Haupterwerbsbetriebe (Tab. 1.15). Im Zuge der Spe-
zialisierung im Ackerbau und der Konzentration in der 1960/61 43,4 46,4 70,6 37,4
Tierhaltung ging auch die Zahl der Gemischtbetriebe 1970/71 83,3 67,2 87,2 49,5
(mit mehreren Produktionszweigen) deutlich zurück. 1980/81 126,6 68,4 93,4 92,9
1970 lag deren Anteil noch bei mehr als einem Fünftel
1987/88 133,9 56,8 72,3 105,3
aller Betriebe, 1991 bei nur noch 4 % (Priebe, 1994).
1988/89 129,2 54,0 74,5 127,2
1989/90 125,1 49,9 66,5 119,8
1990/91 115,3 42,9 62,3 120,8
Energieeinsatz
1991/92 114,1 37,1 53,2 103,5
Neben dem Einsatz von Maschinen und Treibstoffen 1992/93 108,2 34,0 48,4 105,0
nahm vor allem der Verbrauch von Mineraldüngern,
chemischen Pflanzenschutzmitteln und Zukauffutter-
mitteln zu. Hierdurch stieg der Verbrauch von Energie
bzw. energieintensiven Vorleistungen drastisch an. In
Energieeinsatz je Fläche leicht abgenommen hat. Die
den fünfziger und sechziger Jahren stieg der direkte
Ernteerträge je Fläche und die Produktionsmenge
Energieeinsatz in der Landwirtschaft im Mittel um
sind dennoch - beispielsweise durch züchterischen
9,1 % pro Jahr, während die Bruttobodenproduktion
und technischen Fortschritt - stetig weiter gestiegen.
im jährlichen Durchschnitt um 1,3 % zunahm. In den
Die weitere Steigerung der Produktion trotz der im
siebziger Jahren stieg der Energieeinsatz insgesamt
Nahrungs- und Futtermittelbereich seit Jahren wach-
nur noch um 1,6 % pro Jahr (Kap. 2.3.4) (KTBL, 1987).
senden Produktionsüberschüsse führt zu problemati-
Der Anstieg im Energieverbrauch hat sich jedoch in
schen Umweltbelastungen und entsprechenden Um-
der jüngsten Vergangenheit weiter verlangsamt und
welt- und Marktordnungskosten. Die Produktion
ist bereits teilweise rückläufig. Das Verhältnis zwi-
sollte sich statt dessen vor allem anderen an dem
schen dem Energieeinsatz für die Produktion (Ener-
Erhalt des wichtigsten Produktionsfaktors der Land-
gie-Input) und dem Energiegehalt des Produktes
wirtschaft, dem Erhalt des Bodens und seiner dauer-
(Energie-Output) hat sich aufgrund der steigenden
haften Tragfähigkeit und Fruchtbarkeit orientieren.
Produktionsintensität in den vergangenen Jahrzehn-
Selbst wenn das derzeitige Niveau des Betriebsmittel-
ten generell zunehmend verschlechtert (Lünzer, 1992
einsatzes und die Produktivitätssteigerung betriebs-
a u. b; Weber, 1979; Pimentel u. a., 1973, In: Lünzer,
wirtschaftlich noch sinnvoll erscheinen mag, liegt hier
1992 a u. b; Pimentel und Pimentel, 1978, In: Lünzer,
eine volkswirtschaftliche Fehlallokation und Ver-
1992 a u. b) (Kap. 2.3.4). Die ausschließlich energeti-
schwendung knapper Ressourcen vor. Dies gilt um so
sche Bewertung sehr unterschiedlicher Produkte auf
mehr, wenn man die weiteren negativen Effekte und
der Basis der physikalischen Einheit des Brennwertes
gesellschaftlichen Kosten der hohen Produktions-
ist zur Erstellung einer Energiebilanz der landwirt-
intensität insbesondere im Bereich der Düngung
schaftlichen Erzeugung jedoch sehr fragwürdig und
(Eutrophierung, Versauerung, Nitratauswaschung,
unzureichend. Die Qualität von Lebensmitteln sowie
Spurengasfreisetzung etc.; Kap. 1.2.1) mit in Betracht
die negativen Begleiterscheinungen der Produktions-
zieht. Das Ziel der Agrarreform des Jahres 1992 ist
weise bleiben bei dieser Betrachtungsweise gänzlich
daher eine Extensivierung der intensiven landwirt-
unberücksichtigt (KTBL, 1987; Haas und Köpke,
schaftlichen Produktionsweise, um die bisherige
1994) .
Überschußproduktion wieder auf ein sinnvolles Maß
zurückzuführen.

Düngemitteleinsatz Strukturwandel und Steigerung der Produktionsin-


tensität gingen in den vergangenen Jahrzehnten
Die mineralische Düngung ist allein für etwa ein Hand in Hand. Mit der Größe der Betriebe nimmt
Viertel des gesamten Energieverbrauchs in der tendentiell auch deren spezielle Intensität (Betriebs-
konventionellen Landwirtschaft verantwortlich mitteleinsatz/ha LN) zu. Die Agrarberichte der ver-
(Abb. 2.17; Kap. 2.3.4). Der Einsatz von mineralischen gangenen Jahre weisen aus, daß der Aufwand für
Stickstoffdüngern hat sich von 1950 bis 1980 verfünf- Dünger und Pflanzenschutz mit den Betriebsgrößen-
facht (Tab. 1.9). klassen ansteigt, womit jedoch keine Aussage über
die Wirtschaftlichkeit des Faktoreinsatzes verbunden
Seit Ende der achtziger Jahre ist die Düngemittelaus- ist. Der Zusammenhang zwischen Faktoreinsatz,
bringung je Fläche gesunken, wodurch auch der Betriebsgröße und möglicher Umweltbelastung wird
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

Tabelle 1.10

Aufwand (1991/92) für Dünger und Pflanzenschutz nach Betriebsgrößenklassen


und Standortverhältnissen in DM/ha LN (BML, 1993 b)

Vollerwerbsbetriebe
Betriebsform Standort - Durchschnitt
klein 1 ) mittel 2 ) groß 3 )

Marktfrucht schlecht 344 451 505 445


mittel 433 476 528 497
gut 473 551 575 543

Futterbau schlecht 226 271 304 266


mittel 296 289 324 311
gut 182 358 367 333

Veredlung Durchschnitt 348 398 422 385

Obstbau Durchschnitt 953 1252 1457 1253

Weinbau Durchschnitt 958 699 590 719

Betriebe insgesamt schlecht 266 306 360 311


mittel 376 392 427 408
gut 429 502 516 492
Durchschnitt 295 338 400 351

1) Kleine Betriebe = unter 40 000 DM Standardbetriebseinkommen (StBE)


2) Mittlere Betriebe = 40 000 bis 60 000 DM StBE
3) Große Bet riebe = 60 000 DM und mehr StBE

auch durch die jeweiligen Gegebenheiten des Agrar- — eine weitgehend flächenunabhängige Schweine-
ökosystems (Bodenart, Anbausystem, Regionalklima und Geflügelhaltung in großen Tierbeständen
etc.) mitbestimmt. Je nach Produktionszweig können (Massentierhaltung) auf Grundlage von Zukauf-
auch kleine Betriebe stark umweltbelastend wirt- bzw. Importfuttermitteln und entsprechenden Um-
schaften (v. a. Sonderkulturen, Gemüsebau). weltbelastungen;
— eine derzeit noch überwiegend flächen- bzw.
grünlandabhängige Rinderhaltung/Milchkuhhal-
tung auf der Grundlage von Dauergrünland und
Struktur der Tierhaltung
Ackerfutterbau, mit einem steigenden Anteil von
Zukauf- bzw. Importfuttermitteln zur Rationser-
In der tierischen Erzeugung ist der Prozeß der betrieb-
gänzung (SRU, 1985 u. 1992).
lichen Spezialisierung und regionalen Konzentration
besonders weit fortgeschritten, was zu einer weitge- Der aktuelle Tierbestand in den neuen und alten
henden Entkopplung von Pflanzenbau und Tierhal- Bundesländern geht aus Tab. 1.11 hervor. Die struk-
tung führte. Die heutige Tierhaltung kann unterteilt turelle Veränderung und wachsende Konzentration
werden in: sowie die drastische Zunahme des Tierbestandes

Tabelle 1.11

Tierhaltung in der Bundesrepublik Deutschland (Stand: 3. Dezember 1992) (BML, 1993 c)

Tierart Alte Bundesländer Neue Bundesländer Gesamt

Milchkühe 4 328 800 1 036 400 5 365 200


Rinder <1 Jahr 4 648 900 823 100 5 472 000
Rinder > 1 Jahr 4 398 800 971 200 5 370 000
Schafe 1 706 300 679 600 2 386 000
Schweine 22 114 800 4 399 600 26 514 400
Pferde 460 500 70 500 531 000
Geflügel 80 751 400 23 262 600 104 014 000
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
Tabelle 1.12

Strukturelle Veränderungen in der Tierhaltung der Bundesrepublik Deutschland (Alte Bundesländer)


(nach AID, 1989; BML, 1993 c 1 ))

Tierart 1950 1970 1988 1992 1 )

Rinder insgesamt
Tierzahl 11 149 000 14 026 000 14 569 000 13 376 600
Halter 1 536 000 843 000 391 000 311 100
durchschnittliche Herdengröße 7,3 16,6 37,3 43

davon Milchkühe
Tierzahl 5 734 000 5 561 000 5 024 000 4 328 800
Halter 1 333 000 722 000 308 000 226 400
durchschnittliche Herdengröße 4,3 7,7 16,3 19,1
durchschnittliche
Jahresmilchleistung/Kuh 2 560 3 812 4 717 k.A.

Schweine
Tierzahl 11 890 000 20 969 000 22 639 000 22 114 800
Halter 2 394 000 1 028 000 333 000 256 300
durchschnittliche Bestandsgröße 5 20 68 86
geschlachtete Schweine 10 700 000 30 051 000 38 936 000 k.A.

Legehennen
Tierzahl 44 761 000 77 080 000 72 035 000 46 152 300
Halter 1 751 000 1 305 000 284 000 219 300
durchschnittliche Bestandsgröße 26 59 254 210

während der vergangenen Jahrzehnte, vor allem im rengasemissionen aus Flüssigmistsystemen (Lage-
Bereich der Mastschweinehaltung, aber auch der rung) bzw. bei der Gülleausbringung besonders hoch
aktuelle Rückgang der Tierzahlen ist Tab. 1.12 zu (Kap. 2.1.3 und Kap. 2.4.1). Gleichzeitig wurde im
entnehmen. Bereich des Feldfutterbaus der traditionelle boden-
verbessernde Klee- und Kleegras-Anbau durch den
Im früheren Bundesgebiet wurden 1991/92 etwa 65
ertragreicheren, aber bodenschädigenden und
der Schweine in Beständen über 200 Tieren gehalten
gülletoleranten Maisanbau verdrängt (Tab. 1.3 und
und 71 % der Legehennen in Beständen über 5000
Kap. 2.3.3.1, Abb. 2.14) .
Tieren (Tab. 1.12).
Die flächenunabhängigen Massentierhaltungen ins-
besondere in NW- und Ost-Deutschland, Belgien, Ertragssteigerung
Dänemark und den Niederlanden basieren auf
beträchtlichen Futtermittelimporten, die zu einem Seit Beginn des 19. Jahrhunderts bis etwa zur Mitte
großen Teil aus Entwicklungsländern, aber auch aus dieses Jahrhunderts war es der deutschen Landwirt-
den USA stammen (EK, 1990 a). Insgesamt wurden schaft bereits gelungen, die Produktionsleistung je
von der EG 1992 etwa 18,5 Mio. t Getreidesubstitute Fläche allein durch eine biologische Intensivierung
(Maniok, Tapioka, Soja etc.) importiert. Die Futtermit- um das Vierfache zu steigern (Priebe, 1994). Wesent-
telimporte beliefen sich allein in der Bundesrepublik lichen Anteil hieran hatte die Einführung der Legumi-
1992 auf fast 9 Mio. t, davon 3,75 Mio. t Getreidesub- nosen 2 ) (Rotklee-Feldfutterbau) in die alte Dreifelder-
stitute (BML, 1993 b und 1994 a), trotz erheblichen wirtschaft (Kühbauch, 1993).
Überschüssen auf dem nationalen und EG-Getreide
2) Pflanzen aus der Familie der Leguminosen (Hülsenfrüchte
markt. Gleichzeitig exportierte die EG aufgrund
wie Klee, Luzerne, Wicken, Erbsen, Bohnen) können in
wachsender Überschüsse fast 30 Mio. t Getreide
Lebensgemeinschaft (Symbiose) mit Mikroorganismen
(Priebe, 1994). (Knöllchenbakterien) molekularen Luftstickstoff (N 2 ) binden
Der zunehmenden Konzentration in der Tierhaltung und in ihre organische Substanz einbauen. Nach dem Abbau
der Leguminosen-Biomasse im Boden kann der Stickstoff von
folgte aus arbeitstechnischen Gründen eine weitge-
den Nutzpflanzen aufgenommen werden. Der Anbau von
hende Umstellung der Stallhaltung von Festmist- auf Leguminosen innerhalb der Fruchtfolge stellt nach wie vor
Flüssigmistsysteme (Gülle), so daß regional hohe die wesentliche Stickstoffquelle im ökologischen Landbau
Gülleüberschüsse anfallen. Außerdem sind die Spu- dar.
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

Abbildung 1.1: Entwicklung der Weizenerträge in der Bundesrepublik Deutschland bzw. im


Deutschen Reich während der vergangenen 100 Jahre (AID, 1990).

Als Folge des beschriebenen Strukturwandels und des um 0,5 % pro Jahr. Bereits im Verlauf der siebziger
biologisch-technischen Fortschritts stieg die Bruttobo- Jahre überschritt das deutsche bzw. EG-weite Ange-
denproduktion im früheren Bundesgebiet seit 1970 bot verschiedener Agrarprodukte die Nachfrage
von etwa 50 Mio. t auf heute über 86 Mio. t Getrei- erheblich. Von der derzeitigen EU-Getreideproduk-
deeinheiten (GE), was einer Steigerung von 42 auf tion in Höhe von etwa 180 Mio. t/Jahr werden inner-
74 dt GE/ha entspricht (Priebe, 1994). Die vorlei- halb der EU lediglich 140 Mio. t verbraucht (EG-
stungsintensiven Produktionsverfahren ermöglichten Kommission, 1993). Die EG- und weltweite Agrarpo-
bei einigen Fruchtarten sogar mehr als eine Verdopp- litik reagierten hierauf jedoch nur unzureichend und
lung der Flächenerträge seit 1950. Die langfristige in Teilbereichen, z. B. mit Produktkontingentierung
Ertragsentwicklung ist am Beispiel der Weizenerträge im Zucker- und Milchmarkt. Die bisherigen Ergeb-
in Abb. 1.1 dargestellt. nisse der EG-Agrarpolitik sind nicht zufriedenstel-
lend. Die Selbstversorgungsgrade liegen nach wie vor
Überschüsse und Agrarmarkt bei einer Reihe von Agrarprodukten in vielen Ländern
bzw. EG-weit bei 120 bis 130 %. Bei der Produktion
Zwischen 1973 und 1988 stieg die landwirtschaftliche von Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten oder pflanzlichen
Produktion in der EG um jährlich 2 %; der Verbrauch Olen ist man dagegen — zumindest national — noch
von Agrarprodukten wuchs im gleichen Zeitraum nur weit von einer Selbstversorgung entfernt.
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
Tabelle 1.13

Selbstversorgungsgrad der EU bei verschiedenen Nahrungsmittel (in Prozent) (BML, 1994 a)

Nahrungsmittel EG B/L DK D GR E F IRL I NL P GB

Getreide (91/92) 126 55 144 127 127 95 238 120 85 29 56 122


Weichweizen (91/92) 136 78 158 140 66 78 235 104 54 46 58 135
Gerste (91/92) 133 61 140 136 78 109 234 144 74 25 57 135
Zucker (91/92) 123 196 211 137 82 79 207 172 94 180 0 54
Gemüse (90/91) — 126 — 41 138 109 — 80 122 245 — —
Obst (90/91) — 54 — 20 136 112 — 15 115 78 80
Wein (91/92) 96 4 — 58 114 154 94 — 135 — 141 —
Rindfleisch1) (1991) 115 178 213 137 32 95 119 977 62 173 75 91
Schweinefleisch (1991) 104 180 381 87 73 97 88 126 67 272 91 72
Milch insgesamt (1991) .. 109 105 191 106 — — 115 335 76 217 — 84
Butter (1991) 111 99 165 101 27 170 98 1225 75 248 107 60
Magermilchpulver (1991) . 129 164 131 333 — 107 124 1830 — 29 86 96

1) Rind - und Kalbfleisch

Das Auseinanderklaffen von Verbrauchs- und Pro- Einkommenssituation in der Landwirtschaft


duktionsentwicklung führte nicht nur zu hohen Über-
schüssen, sondern auch zu entsprechend steigenden In § 1 des Deutschen Landwirtschaftsgesetzes ist die
Marktordnungskosten. Von 1973 bis 1988 stiegen die Forderung formuliert, daß die Landwirtschaft in den
Agrarausgaben der EG um jährlich 7 %. Während Stand gesetzt werden soll, ihre „naturbedingten und
1982 die Ausgaben zur Stützung der Agrarmärkte wirtschaftlichen Nachteile" auszugleichen, um die
noch ungefähr 30 Mrd. DM betrugen, beliefen sie sich soziale Lage der in der Landwirtschaft tätigen Men-
im Jahr 1990 auf weit über 60 Mrd. DM (EG- schen an die vergleichbarer Berufsgruppen anzuglei-
Kommission, 1993). 1992 lag der EG-Agrarhaushalt chen. Weitaus gravierender als die Einkommensun-
bei insgesamt 75 Mrd. DM. Von den Agrarausgaben terschiede zwischen den Beschäftigten in der Land-
entfielen 88 % oder 61,5 Mrd. DM allein auf die wirtschaft und der gewerblichen Wirtschaft sind
Marktordnung (Intervention, Lagerhaltung, Exporter- jedoch die Einkommensunterschiede innerhalb der
stattung). Die nationalen und EG-Agrarmarktausga- Landwirtschaft. Das durchschnittliche Betriebsein-
ben kommen damit weit weniger den Landwirten als kommen je Vollerwerbsbetrieb lag 1991/92 im ober-
vielmehr den mit der Marktordnung (Lagerhaltung sten Viertel der Betriebe bei 127 536 DM, im oberen
und Transport, Agrarhandel und -export, inferiore Viertel bei 67 051 DM, im unteren Viertel bei 45 946
Verwertung) befaßten Unternehmen zugute. DM und im untersten Viertel bei 24 683 DM (BML,
1993 b).
Die EG-Interventionsbestände (Lagerhaltung der
Überschüsse) beliefen sich Ende 1992 u. a. auf Die Betriebseinkommen können zwischen kleinen
25,3 Mio. t Getreide, 241 000 t Butter, 147 000 t Mager- Betrieben in schlechten Lagen und großen Betrieben
milchpulver und 871 000 t Rindfleisch (BML, 1993 b). in guten Lagen um deutlich mehr als den Faktor 10
Erhebliche Mengen der — zu Festpreisen aufgekauf- voneinander abweichen. Der Grund hierfür liegt
ten — Agrarüberschüsse werden mit Hilfe hoher jedoch weit weniger in der Qualifikation des Betriebs-
Exportsubventionen außerhalb der EU verkauft. Dies leiters (BML, 1993 b), als vielmehr in der bisherigen
verstärkt den Preisverfall auf dem Weltmarkt. Je tiefer Subventionspraxis und in der Betriebsgröße. Dies
dort die Preise sinken, umso mehr Exportsubventio- wird auch deutlich am Anteil der Beihilfen und
nen müssen aufgewandt werden, um die Überschüsse Transferzahlungen am Betriebseinkommen unter-
weiterhin absetzen zu können. Die sinkenden Agrar- schiedlich großer landwirtschaftlicher Betriebe
preise auf dem Weltmarkt führen zu Schwierigkeiten (Tab. 1.15).
im gesamten Welthandel, ernsten Problemen der
zahlreichen Agrarexporteure unter den Entwick- Die Summe von unternehmensbezogenen Beihilfen
lungsländern und ständigen Auseinandersetzungen und personenbezogenen Transferzahlungen er-
bei den laufenden GATT-Verhandlungen. Ob die reichte 1992/93 im Durchschnitt der Vollerwerbsbe-
Agrarreform 1992 beim Abbau vorhandener Über- triebe 19 814 DM (21 % mehr als im Vorjahr). Wegen
schüsse und zu hoher Produktionskapazitäten bzw. der gleichzeitig sinkenden Gewinne erhöhte sich der
-intensitäten erfolgreich sein wird, kann derzeit noch prozentuale Beitrag der unternehmens- und perso-
nicht beurteilt werden. nenbezogenen staatlichen Leistungen am Gewinn in
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

Tabelle 1.14

Einkommensstreuung der landwirtschaftlichen Vollerwerbsbetriebe1) im früheren Bundesgebiet


(Gewinn in DM je Unternehmen) (BML, 1993 b)

Betriebsform/Betriebsgröße Durchschnitt Oberstes Viertel Unterstes Viertel Abstand

Marktfrucht 57 849 103 416 19 670 83 746


Futterbau 47 010 74 555 21 886 52 669
Veredlung 61 942 100 992 23 577 77 415
Dauerkultur 50 048 - 84 121 18 031 66 090
Gemischt 53 594 84 880 24 375 60 505
Kleine2 ) 35 665 59 872 12 554 47 318
Mittlere 2) 49 727 77 442 23 364 54 078
Große 2) 77 211 127 283 35 914 91 369
Durchschnitt aller Betriebe . . 50 415 82 431 21 535 60 896

1) Identische Betriebe: Durchschnitt aus den Wi rtschaftsjahren 1989/90 bis 1991/92


2) Größenklassen nach Standardbetriebseinkommen (StBE) (siehe Tabelle 1.10)

Tabelle 1.15

Einkommensbeitrag von unternehmensbezogenen Beihilfen


und personenbezogenen Einkommensübertragungen in landwirtschaftlichen Vollerwerbsbetrieben
(in DM/Unternehmen) (BML, 1994 a)

Vollerwerbsbetriebe insgesamt nach Betriebsgröße 1 ) 1992/93

1990/91 1991/92 1992/93 Kleine Mittlere Größere

Gewinn 45 749 47 721 44 707 31 090 44 603 66 180

darunter:
Beihilfen auf Erträge 1 793 1 662 2 088 1 632 1 936 2 922
für Aufwendungen
(z. B. Gasölverbrauch) 1 710 1 661 1 727 1 122 1 634 2 750
Ausgleichszulage 2 046 2 043 2 124 2 031 2 358 2 091
Sonstige Beihilfen 2 ) 9 486 8 150 10 971 8 388 10 453 15 426

Unternehmensbezogene
Beihilfen insgesamt 15 035 13 516 16 910 13 173 16 381 23 189

Personenbezogene
Beihilfen insgesamt 2 611 2 864 2 903 2 576 2 782 3 511

Gesamteinkommen 50 243 52 737 49 939 35 525 49 142 73 199

1) Größenklassen nach Standardbetriebseinkommen (StBE): Kleine = unter 40 000 DM StBE; Mittlere = 40 000 bis 60 000 DM StBE;
Größere = 60 000 DM und mehr StBE
2) Einschließlich soziostruktureller Einkommensausgleich und Stillegungsprämien

den Vollerwerbsbetrieben von 31 % 1991/92 auf 40 % kommen) dazu, daß der Beitrag zum Einkommen in
1992/93. Mit durchschnittlicher Betriebsgröße steigt den Zuerwerbs- (31 %) und Nebenerwerbsbetrieben
auch der Gesamtbetrag der Beihilfen und Transfer- (19 %) relativ kleiner als im Vollerwerb war (BML,
zahlungen, allerdings nicht so deutlich wie das 1994 a).
Gewinnniveau in den einzelnen Betriebsgrößenklas-
sen. Die geringere Betriebsgröße und die entspre- Die Struktur- und Marktordnungsausgaben der EG
chend geringere Summe aus Beihilfen und Übertra- für die Landwirtschaft in Deutschland betrugen 1992
gungen führte (neben den z. T. höheren Gesamtein etwa 12,1 Mrd. DM (1993: 13,5 Mrd. DM). Hierzu
Deutscher Bundestag - 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
kamen weitere 16,7 Mrd. DM (1993: 17,0 Mrd. DM) als Betriebe gezahlt wurden, die aber mehr als die Hälfte
öffentliche Hilfen von Bund und Ländern (Tab. 1.16). der landwirtschaftlich genutzten Fläche bewirtschaf-
Die Einkommensstützung erfolgte bis zur Agrarre- teten. Die Gemeinsame Agrarpolitik trug daher der
form 1992 überwiegend in Form von Festpreisgaran- großen Zahl kleiner und mittlerer Familienbetrieb
tien. Die Subventionierung war weitgehend propor- unzureichend Rechnung (EG-Kommission, 1991). Im
tional zum Produktionsvolumen und kam daher kon- Rahmen der Markt- und Preispolitik floß außerdem
zentriert den größten Betriebe mit dem höchsten nur ein geringer Teil der Marktordnungsausgaben
Intensivierungsgrad zugute. In Europa entfielen bei- direkt den Landwirten zu. Der weitaus größte Teil
spielsweise auf nur 6 % der Getreideanbaubetriebe dieser Mittel wurde an die der Landwirtschaft nach-
die Hälfte der Getreideanbaufläche, auf der wie- gelagerten Wirtschaftszweige (Agrarhandel, Lage-
derum 60 % des gesamten Getreides erzeugt wird. Im rung, Transport etc.) ausgezahlt. Durch die Beschlüsse
Milchsektor entfielen auf 15 % der Bet riebe und im der Agrarreform soll mit Hilfe direkter Einkommens-
Rindfleischsektor auf 10 % der Betriebe die Hälfte der transfers der den Landwirten zufallende Anteil der
Erzeugung bzw. des Bestandes. Dies führte dazu, daß Subventionen ansteigen, während die Stützung der
80 % der EG-Mittel des Europäischen Ausgleichs- landwirtschaftlichen Einkommen über die Preispolitik
fonds für die Landwirtschaft (EAGFL) an nur 20 % der zurückgeht (BML, 1993 b).

Tabelle 1.16

Öffentliche Hilfen im Sektor Landwirtschaft 1 ) (ab 1992: Alte Bundesländer und Neue Bundesländer)
(in Mrd. DM) (Agrarberichte des BML, verschiedene Jahre)

1987 19902 ) 1991 2 ) 1992 2 ) 1993 2) 1994 2)

Finanzhilfen des Bundes


und der Länder zusammen 3 ) 4,61 6,4 10,9 10,3 9,6 8,4
darunter: Gemeinschaftsaufgabe 4 ) 1,91 2,4 3,3 4,0 3,5 3,4
Gasölverbilligung 0,66 0,7 0,9 1,0 0,9 0,9
Unfallversicherung 0,45 0,5 0,5 0,6 0,6 0,6
Soziostruktureller
Einkommensausgleichs) - 1,1 2,2 2,6 1,7 0,9
Weitere Bundesmittel im Rahmen
der Agrarsozialpolitik 6 ) 4,00 4,7 4,8 5,1 5,8 6,1
darunter: Altershilfe 7 ) 2,42 2,9 3,3 3,5 3,8 4,1
Krankenversicherung 1,19 1,3 1,5 1,6 1,9 2,0
Steuermindereinnahmen 3 ) 3,84 2,6 2,9 1,3 1,6 1,5
darunter: Einkommensausgleich
über die Umsatzsteuer 2,40 1,5 1,8 k.A. k.A. k.A.

Hilfen des Bundes


und der Länder zusammen 12,44 13,6 18,5 16,7 17,0 16,0
darunter: Bundesanteil 9,13 10,6 14,2 13,1 13,1 12,5
nachrichtlich: EG-Finanzmittel
im Agrarbereich für die
Bundesrepublik Deutschland 3 ) 8 ) 9,91 12,1 14,9 15,5 13,5 k.A.

1) Einschließlich Forstwirtschaft und Fischerei


2) Geschätzt
3) Subventionen im Sinne des Subventionsberichtes
4) Ohne Angaben für den Küstenschutz, Dorferneuerung; Ausgaben für Wasserwirtschaft werden zu 50 Prozent zugeordnet.
Einschließlich Sonderrahmenplan
5) Soziostruktureller Einkommensausgleich im früheren Bundesgebiet und ab 1991 Anpassungsbeihilfen in den neuen Ländern;
für 1994 nur Bundesmittel berücksichtigt
6) Unfallversicherung, Landabgaberente, Nachentrichtungszuschüsse und Produktionsaufgaberente sind bereits in den Finanz-
hilfen nachgewiesen. Bundesmittel für die soziale Sicherung der in den neuen Ländern im Sektor der Landwirtschaft Tätigen
sind nur insoweit enthalten, als sie nicht dem allgemeinen Sozialversicherungssystem zufließen
7) Altershilfe einschließlich Zusatzaltersversorgung
8) Marktordnungsausgaben der EG einschließlich EG-Strukturfondszahlungen und ab 1991 EG-Sonderprogramm für die neuen
Länder
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag - 12. Wahlperiode

Tabelle 1.17

Vergleich der Landwirtschaft innerhalb der EG:


- Zahl der Betriebe (1987) (in 1000)1)
- Durchschnittliche Betriebsgröße (ha LF/Betrieb) (1987)1)
- Durchschnittliche Betriebsgröße (ha LF/Betrieb) der Vollerwerbsbetriebe (VE) (1990/91) 2 )
- Endproduktion der Landwirtschaft (in Mrd. ECU) (1989) 3 )
- Beitrag der Landwirtschaft zum Bruttoinlandsprodukt (in %) (1991) 4 )
- Anteil der Tier- und Pflanzenproduktion (in %) (1991) 4 )
- Anteil der Landwirtschaft an der Beschäftigung (in %) (1991) 4 )
-
EG D B DK F GR GB IRL I L NL P E

Betriebe (in 1000) 8 644 705 5 ) 93 87 982 953 260 217 2 784 4 132 636 260
Betriebsgröße (ha) 13,4 16,8 5 ) 14,8 32,2 28,6 4,0 64,4 22,7 5,6 30,2 15,3 5,2 13,8
Betriebsgröße
VE (ha) 22,2 28,9 25,5 34,2 44,8 6,4 109,7 34,6 9,3 49,8 22,0 11,8 22,0
Endproduktion . . 201,5 28,9 6,1 6,9 46,6 8,0 19,4 4,3 36,7 0,2 15,7 3,5 25,2
Anteil am BIP - 1,1 1,7 3,5 2,8 11,6 1,2 7,2 3,0 1,7 4,1 4,1 4,0
Anteil Pflanzen . . - 35,7 37,3 35,4 54,6 71,1 40,7 13,1 60,7 17,9 42,6 50,6 61,7
Anteil Tiere - 64,3 62,7 64,6 45,4 28,9 59,3 86,9 39,3 82,1 57,4 49,4 38,3
Anteil AK - 3,4 2,6 5,7 5,8 23,9 2,2 13,8 8,5 3,3 4,5 17,3 10,7

1) Ergebnisse der EG-Strukturerhebung 1987, In: BML, 1993 b


2) Agrarbe richt 1993 (BML, 1993b)
3) Statistisches Bundesamt, 1992 b
4) OECD, 1993
5) Früheres Bundesgebiet

Unterschiede in der Agrarstruktur innerhalb der EU Importzölle und Exportsubventionen wird im Grund-
satz beibehalten, unterliegt aber veränderten Rah-
Nach der EG-Strukturerhebung von 1987 wurden in menbedingungen. Die wesentlichen Inhalte der im
der EG-12 insgesamt 8,64 Mio. landwirtschaftliche Mai 1992 beschlossenen Reform der Gemeinsamen
Betriebe mit 115,4 Mio. ha LF bewirtschaftet. Darunter Agrarpolitik sind in zwei Maßnahmenkomplexe zu
haben 1,71 Mio. Betriebe (19,8%) eine Betriebsfläche unterteilen:
unter 1 ha LF (BML, 1992 a und 1993 b). Die regionalen
Unterschiede in den Betriebsstrukturen sind teilweise
erheblich. Maßgebend hierfür sind insbesondere die 1. Annäherung an das Weltmarktpreisniveau
Unterschiede in den natürlichen Standortbedingun- durch deutliche Preissenkungen bei den
gen, in der Entwicklung der jeweiligen Volkswirt- Marktordnungsprodukten Getreide, Ölsaaten,
schaften, aber auch historisch gewachsene Beson- Eiweißpflanzen und Rindfleisch
derheiten der Agrarverfassungen (BML, 1992 a).
Die derzeitigen Unterschiede gehen teilweise aus Die Stützpreissenkung erfolgt bei Getreide schritt-
Tab. 1.17 hervor. weise um insgesamt etwa 30 % in den drei Wirtschafts-
Die Entwicklung und der Strukturwandel sowie die jahren 1993/94 bis 1995/96.
Agrarüberschüsse (Tab. 1.13) und Umweltbelastun-
Tabelle 1.18
gen der deutschen Landwirtschaft sind mit denen der
europäischen, insbesondere der mitteleuropäischen
Marktordnungspreise und Einkommensausgleich
Landwirtschaft vergleichbar. Die wachsenden Agrar-
für Getreide (BML, 1994 b)
überschüsse, Einkommensdisparitäten und Agrar-
marktausgaben erforderten daher eine Reform der
EG-Agrarpolitik. Inter- Ein
Richt- Schwellen-
ventions kommens-
Wirtschafts- preis preis1)
preis ausgleich
jahr

1.1.4 Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik in DM/t


im Jahr 1992
1993/94 275 306 412 55
1.1.4.1 Maßnahmen der Agrarreform 1994/95 254 283 388 82
1995/96 235 259 365 106
Die EG-Agrarmarktordnung mit staatlichen Ankauf
garantien (Inte rv ention) sowie Außenschutz durch 1) Einfuhr-Mindestpreis
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
Die Preise bei Ölsaaten und Eiweißpflanzen orientie- Getreide (ggf. einschl. Silomais), Ölsaaten und
ren sich künftig am Weltmarktpreisniveau. Der Inter- Eiweißpflanzen einen einheitlichen, vom Getreide
ventionspreis für Rindfleisch wird ebenfalls in drei abgeleiteten Preisausgleich. Kleinerzeuger wird man
Schritten bis 1995 um insgesamt 15 % gesenkt. Er durch Erklärung. Auch Erzeuger mit größerer Fläche
beläuft sich ab 1. Juli 1995 auf 686,38 DM je 100 kg. können daher Behandlung als Kleinerzeuger beantra-
Gleichzeitig werden die Interventionsankäufe von gen, erhalten dann jedoch einen Preisausgleich ledig-
750 000. t in 1993 schrittweise bis 1997 auf 350 000 t lich für die „Kleinerzeugerfläche". Veredlungsbe-
zurückgeführt. triebe, die aufgrund von Umweltbestimmungen
(Höchstbesatzdichten, s. u.) bei der Teilnahme an der
Flächenstillegung ihren Tierbestand reduzieren müß-
2. Ausgleich der Einkommensverluste durch direkte ten, können ihre Stillegungsverpflichtung auf andere
Transferzahlungen: - Erzeuger übertragen.

Die Ausgleichszahlungen im Bereich der Tierhaltung


Die Ausgleichszahlungen (Tab. 1.18 u. 1.19) werden erfolgen durch höhere Ausgleichsprämien für männ-
im pflanzenbaulichen Bereich nach dem Umfang der
liche Rinder und Mutterkühe. Die Prämie für männli-
Anbaufläche, der Auflage zur Stillegung von Teilflä-
che Rinder wird in drei Schritten von 94 DM (1992) auf
chen (s. u.) und dem Durchschnittsgetreideertrag in 141 DM (1993) bzw. 177 DM (1994) bis 1995 auf
der jeweiligen Region bemessen. Legt man den Bun- 212 DM je Tier im Alter von 10 Monaten bzw. 424 DM
desdurchschnittsertrag zugrunde, ergeben sich für die je Tier im Alter von 23 Monaten erhöht. Gleichzeitig
Ernte 1994 folgende Ausgleichszahlungen je Hektar steigt die Mutterkuhprämie von 165 DM (1993) auf
(Tab. 1.19). 224 DM (1994) bzw. 283 DM (1995) je Tier und Jahr. Im
Bereich der Schafhaltung bleibt die bisherige Rege-
Tabelle 1.19
lung der Prämien für Mutterschafe weitgehend erhal-
ten, es werden aber Bestandsobergrenzen einge-
Durchschnittliche Ausgleichszahlungen 1 )
führt.
in der Bundesrepublik Deutschland
im Jahr 1994 (BML, 1994b) Die Gewährung der Prämien ist an bestimmte Besatz
dichten (1994: 3,0 GVE 3 )/ha Futterfläche; 1995:
2,5 GVE/ha Futterfläche; ab 1996: 2,0 GVE/ha Futter-
Getreide 2 ) 461,42 DM
fläche) gekoppelt. Hieraus errechnen sich für jeden
Ölsaaten 1 120,90 DM Betrieb eine Höchstzahl förderungsfähiger männli-
Eiweißpflanzen 856,92 DM cher Rinder und/oder Mutterkühe. Bei einer Besatz
Flächenstillegung 751,45 DM dichte unter 1,4 GVE/ha Futterfläche kann zusätzlich
eine Ergänzungsprämie (Extensivierungsprämie) von
1) Nicht anzuwenden bei der „vereinfachten Regelung" (Klein- 71 DM je Tier und Altersklasse beantragt werden.
erzeuger-Regelung) Gleichzeitig auf dem Betrieb gehaltene Milchkühe
2) Einschließlich Silomais und Zuckermais sowie bei gemisch- (entsprechend dem Milchkontingent) sowie Mutter-
tem Anbau von Getreide, Ölsaaten und Eiweißpflanzen
schafe, für die eine Prämie beantragt wurde, sind von
(z. B. Hafer-Bohnen-Gemenge)
der Anzahl maximal förderfähiger GVE (Förder-
grenze) abzuziehen. Andere Tiere (Schweine, Geflü-
Voraussetzung für den Einkommensausgleich im gel etc.) werden hierbei jedoch nicht berücksichtigt.
pflanzenbaulichen Bereich ist die Stillegung von Teil- Im Kalenderjahr sind pro Betrieb und Altersklasse
flächen. Die Ausgleichszahlungen erhält nur, wer höchstens 90 Mastbullen/Mutterkühe (ABL) prämien-
15 % seiner ausgleichsberechtigten Anbauflächen berechtigt, in den neuen Bundesländern gelten Son-
innerhalb der Fruchtfolge für eine Vegetationsperiode derregelungen. Bei Kleinerzeugern, bei denen die
stillegt (Rotationsbrache) und frühestens im sechsten Gesamtzahl der männlichen Rinder, Mutterkühe und
Jahr darauf erneut stillegt. Der Stillegungszeitraum -schafe, für die Prämien beantragt werden, bei höch-
beträgt mindestens sieben Monate, beginnend mit stens 15 GVE liegt, spielt die Besatzdichte bei der
dem 15. Dezember bis zum 15. Juli des folgenden Prämiengewährung keine Rolle. Kleinerzeuger wird
Jahres. Bei Verkürzung der Rotationsdauer (drei statt man auch hier durch Erklärung. Die Tierhöchstzahl je
sechs Jahre) oder dauerhafter Stillegung (d. h. für Betrieb bzw. die Besatzdichte stellen jedoch ohnehin
mindestens fünf Jahre) müssen sogar 20 % der Fläche keine Ausschlußgrenze, sondern nur eine Förder-
stillgelegt werden. Auf den stillgelegten Flächen muß grenze dar. Die Tierzahl bzw. -dichte je Betrieb kann
eine Selbstbegrünung oder eine gezielte Begrünung höher liegen, es werden jedoch nur für die jeweilige
erfolgen. Die Ausgleichszahlungen werden auch Höchstzahl Prämien gewährt.
gewährt, wenn die pflanzlichen Erzeugnisse (v. a.
Zusätzlich zu diesen Marktmaßnahmen wurden im
Getreide einschl. Silomais) als Tierfutter im eigenen
Rahmen der Agrarreform auch reformbegleitende,
Betrieb verwertet werden. Auch der Anbau nach-
sog. flankierende Maßnahmen beschlossen. Es han-
wachsender Rohstoffe ist ohne Verlust der Stille-
delt sich um die Förderung
gungsprämie gestattet. Sogenannte Kleinerzeuger,
die Preisausgleich für eine Anbaufläche beantragen, 1. umweltgerechter und den natürlichen Lebensraum
die höchstens der für die Erzeugung von 92 t Getreide schützender landwirtschaftlicher Produktionsver-
benötigten Fläche (ca. 15 ha LF) entspricht, sind von fahren (EG-Verordnung 2078/92);
der Stillegungspflicht befreit. Das sind in Deutschland
etwa 82 % aller Betriebe mit einem Anteil von ca. 42 3) GVE/ha = Großvieheinheiten je Hektar (ein Bulle wird mit
der Anbaufläche. Diese Kleinerzeuger erhalten für 0,6 GVE bewertet)
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

2. des Vorruhestandes in der Landwirtschaft (EG Vorgesehen ist eine breite Staffelungsmöglichkeit der
Verordnung 2079/92); Fördersätze in Abhängigkeit von der Zahl der Boden-
punkte (Ertragsmeßzahl) sowie die Unterscheidung
3. von Aufforstungsmaßnahmen auf landwirtschaftli-
von Acker- und Grünlandaufforstung. So wird für
chen Flächen (EG-Verordnung 2080/92).
Grünlandflächen eine Aufforstungsprämie von bis
Im Zuge der Umsetzung der EG-Verordnung 2078/92 600 DM/ha gezahlt. Die Länder haben daher die
ist die Förderung folgender umweltgerechter Produk- Möglichkeit, die Prämien so zu bemessen, daß nicht
tionsverfahren und Maßnahmen vorgesehen: nur ertragsschwache Standorte aufgeforstet werden.
In Abstimmung mit regionalen Raumordnungs- und
— deutliche Verringerung des Einsatzes von Dünge- Gebietsentwicklungsplänen sind potentielle Auffor-
und/oder Pflanzenschutzmitteln/Herbiziden; stungsflächen und freizuhaltende Flächen zu bestim-
— Extensivierung der pflanzlichen Erzeugung durch- men, auf denen zum Erhalt des Landschaftsbildes
andere Maßnahmen; auch die Förderung der extensiven Grünlandwirt-
schaft möglich wäre (Deutscher Bundestag, 1993 d).
— Umwandlung von Ackerflächen in extensives
Grünland;

— Einführung und Beibehaltung von ökologischen 1.1.4.2 Auswirkungen der Agrarreform


Anbauverfahren;

— Anwendung von Produktionsverfahren, die die In agrarpolitischen Kreisen geht man davon aus, daß
Umwelt und die natürlichen Ressourcen schonen durch die Agrarreform aufgrund der Senkung der
bzw. zur Erhaltung des natürlichen Lebensraums Erzeugerpreise:
und der Landschaft beitragen (z. B. Acker- und — die jährliche Überschußproduktion bei Getreide,
Gewässerrandstreifen- sowie Kulturlandschafts Ölsaaten und Eiweißpflanzen in der EU ab 1995
programme);
um bis zu 30 Mio. t gesenkt wird, was zu einer
— 20jährige Stillegung von Ackerflächen für Um- Stabilisierung der Weltmarktpreise führen
weltschutzzwecke (Biotope, Gewässerschutz, Na- dürfte,
turparks); — die spezielle Intensität der pflanzlichen Produktion
— Reduzierung der Rinder- und Schafbestände je zurückgeführt wird, d. h. der Verbrauch von
Hektar Weideland/Futterfläche; Dünge- und Pflanzenschutzmitteln gesenkt und
damit die Emission direkt und indirekt klimawirk-
— Zucht vom Aussterben bedrohter lokaler Rassen; samer Spurengase aus der Landwirtschaft redu-
— Pflege aufgegebener land- und forstwirtschaftli- ziert wird,
cher Flächen; — Flächen aus der landwirtschaftlichen Produktion
— Fortbildung von Landwirten im Bereich umwelt- ausscheiden und insbesondere für forstwirtschaft-
verträglicher Produktionsverfahren; liche sowie Umwelt- und Naturschutzzwecke zur
Verfügung stehen (BML und BMU, 1993; Scheele
Auf Grundlage der allgemeinen Richtlinien dieser und Schmitt, 1993).
EG-Verordnung wurden gemeinsam von Bund und
Im Bereich der Rinderhaltung wird die Kopplung der
Ländern Förderungsgrundsätze entwickelt und in die
Ausgleichszahlungen an Tierbestandsobergrenzen je
Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der Agrar-
Betrieb sowie die Senkung der Interventionsprei-
struktur und des Küstenschutzes" aufgenommen. Die
se und -menge den Anreiz zur Verkleinerung
konkrete, auf regionale Umwelt- und Naturschutzer-
der Bestände erhöhen. Die Extensivierungsprämie
fordernisse abgestimmte Ausgestaltung der Maßnah-
(<= 1,4 GVE/ha) bringt eine zusätzliche ökologische
men bzw. Programme obliegt den Bundesländern. Die
Entlastung. Die innerbetriebliche Verwertung von
Verordnung sollte innerhalb von 12 Monaten umge-
Getreide ohne Verlust der Ausgleichszahlungen ver-
setzt werden. Dies steht derzeit aber noch aus.
bessert die Wettbewerbsfähigkeit der tierischen Ver-
Die Vorruhestandsregelung (EG-Verordnung 2079/ edlung auf der Basis selbsterzeugten Futtergetreides
92) sieht die Zahlung eines Vorruhestandsgeldes und verringert damit vermutlich den Zukauf bzw.
(Produktionsaufgaberente) an Landwirte vor, die ihre Import von Getreidesubstituten.
landwirtschaftliche Tätigkeit nach dem 55. Lebens-
Die flankierenden Maßnahmen haben zum Teil eine
jahr einstellen. In Deutschland (ABL) existiert bereits
umweltschützende Zielsetzung und werden auch im
ein Gesetz zur Vorruhestandsförderung (FELEG), des-
Bereich des Klimaschutzes positive Auswirkungen
sen Ausdehnung auf die neuen Länder Anfang 1994
haben. Insbesondere die Förderung der Extensivie-
erfolgen sollte.
rung sowie der Umstellung auf bzw. der Beibehaltung
Die EU fördert im Rahmen der EG-Verordnung 2080/ des ökologischen Landbaus werden zur Entlastung
92 zukünftig die Aufforstung bisher landwirtschaftlich des Naturhaushaltes beitragen. Neben den extensi-
genutzter Flächen mit einer jährlichen Aufforstungs- vierungsfördernden Wirkungen der Stützpreissen-
prämie von bis zu etwa 1400 DM/ha für die Dauer von kung hat die EG mit der Förderung des rationellen
20 Jahren. Hierzu kommt noch ein einmaliger Kosten- Energieeinsatzes, der Nutzung regenerativer Ener-
zuschuß zur Aufforstung von bis zu etwa 9400 DM/ha giequellen sowie des Anbaus und der Nutzung nach-
bei Laubwald/Mischwald mit 75 % Laubbäumen bzw. wachsender Rohstoffe weitere Maßnahmen ergriffen,
bis zu etwa 7000 DM bei Aufforstung mit Nadelbäu- die direkt und indirekt zur Reduktion klimarelevanter
men. Emissionen beitragen. Genaue Aussagen zu den Wir-
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
kungen der Agrarreform können jedoch erst gemacht Abbau der Überschußproduktion und ist zumindest in
werden, wenn erste Erfahrungen aus der Umsetzung Form der Rotationsbrache eher umweltschädigend.
vorliegen (BML u. BMU, 1993). Aus stillgelegten Flächen kann es zur verstärkten
Nährstoffauswaschung und -ausgasung kommen. Aus
Die Agrarpreissenkungen sind wegen ihres zu erwar-
Sicht des Umwelt- und Naturschutzes besteht zudem
tenden intensitätsmindernden Effektes grundsätzlich
die Sorge, daß eine Aufspaltung der Kulturlandschaft
unter ökologischen und ökonomischen Gesichtspunk- in Produktionsflächen mit intensiver Landbewirt-
ten ein erster wichtiger Schritt in die richtige Richtung.
schaftung und Bracheflächen ohne jegliche Nutzung
Es gibt jedoch zahlreiche Kritikpunkte, die die erhoff-
stattfindet, was beides zum Verlust der biologischen
ten positiven Effekte der Agrarreform auch im Bereich
Vielfalt und der Kulturlandschaft führt. Neben nega-
des Umwelt- und Klimaschutzes teilweise oder gänz- tiven ökologischen Wirkungen werden vor allem in
lich in Frage stellen. Erste Modellrechnungen von
peripheren ländlichen Räumen auch soziale und wirt-
Henrichsmeyer (1993; In: SRU, 1994) haben ergeben,
schaftliche Probleme aufgeworfen (SRU, 1994). Die
daß die Extensivierungsanreize aufgrund der bisheri-
positiven und negativen Auswirkungen des Anbaus
gen Preiskorrekturen nicht ausreichen, die Nitratbe-
nachwachsender Rohstoffe auf stillgelegten (und
lastung des Grund- und Trinkwassers sowie der Öko-
anderen) Flächen werden in Kap. 4 diskutiert.
systeme in hinreichendem Maße zu senken (SRU,
1994). Die mit hohen Intensitäten verbundenen Die Förderung umweltgerechter Produktionsverfah-
Umweltbelastungen werden nicht dadurch vermin- ren im Rahmen der flankierenden Maßnahmen ist
dert, daß man den Betriebsmittelaufwand auf die eindeutig positiv zu beurteilen, die Gewichtung inner-
Gesamtfläche, d. h. auch auf die stillgelegte, nicht an halb des agrarpolitischen Gesamtinstrumentariums
der Produktion beteiligte Fläche umlegt. Die Extensi- und die demzufolge unbedeutende finanzielle Aus-
vierung kann nur durch die generelle Senkung der stattung ist jedoch als sehr kritisch anzusehen. Viele
speziellen Intensität auf der gesamten bewirtschafte- Programme können nicht in dem vorgesehenen
ten Fläche erfolgen. Andernfalls führt die EG-Agrar- Umfang durchgeführt werden oder es müssen Mittel
reform nicht zu einer Extensivierung, sondern zu innerhalb des Etats umgeschichtet werden. Der
einem verstärkten Nebeneinander intensiver Landbe- Anreiz zur Teilnahme an den Extensivierungsmaß-
wirtschaftung und Nichtnutzung (Flächenstillegung) nahmen ist zudem aufgrund vergleichsweise niedri-
(Bauer, 1993 b). Damit droht eine Entwicklung hin zu ger Prämien gering. Die Teilnahme wird daher insbe-
einer „Reservate-Landwirtschaft" . sondere in Grenzstandorten erfolgen, auf denen
bereits eine extensive Nutzung vorherrscht (Mitnah-
Die Ausgleichszahlungen haben das wesentliche meeffekt). Die Umsetzung der flankierenden Maß-
Manko, daß sie an keinerlei umweltorientierte Bewirt- nahmen ist auch fast zwei Jahre nach Inkrafttreten der
schaftungsauflagen gebunden sind. Es ist daher frag- Agrarreform noch nicht erfolgt. Derzeit drohen zudem
lich, ob sie trotz aller Bekundungen in dieser Form insbesondere im Bereich der Gemeinschaftsaufgabe
gegenüber der Gesellschaft zu rechtfertigen sind und weitere Etatkürzungen und Einsparungen.
langfristig aufrecht erhalten werden können. Den-
noch hat der Einkommensausgleich den umweltpoli- Nicht nur die erhofften ökologisch positiven Wirkun-
tisch positiven Effekt, daß auch unrentable landwirt- gen, sondern auch die ökonomisch positiven, markt-
schaftliche Flächen (Grenzstandorte) vorerst in der entlastenden Effekte der Agrarreform sind zweifel-
Bewirtschaftung verbleiben, weil die Transferzahlun- haft. Es ist zu befürchten, daß aufgrund der Fülle an
gen an die weitere Bewirtschaftung gebunden sind. Detailregelungen mit zahlreichen Ausweichmöglich-
Da jedoch andererseits nur der Anbau bestimmter keiten sowie aufgrund des kontinuierlichen techni-
Kulturarten gefördert wird, werden die in mehrfacher schen Fortschritts die notwendige und erhoffte Redu-
Hinsicht problematischen monotonen Anbaustruktu- zierung der hohen Agrarüberschüsse und der gleich-
ren in einigen Regionen Deutschlands bzw. Europas falls hohen Finanzbelastungen des EU-Agrarhaushal-
beibehalten (SRU, 1994). tes nicht erreicht wird (von Urff, 1993; Hrubesch, 1993;
Beide in: SRU, 1994). Außerdem sind die Ausgleichs-
Auch der Bereich der Tierhaltung ist weiterhin pro- zahlungen so genau auf die Einkommensverluste
blematisch. So wird die Schweine- und Geflügelhal- durch Preissenkungen zugeschnitten, daß nicht nur
tung von der Agrarreform überhaupt nicht erfaßt die Reduzierung der Überschüsse zweifelhaft wird,
(EG-Kommission, 1993). Die Ausgleichszahlungen in sondern daß es auch zu einer lähmenden Bürokrati-
der Rinderhaltung werden zwar an Höchstbestandes- sierung kommen muß (Priebe, 1992). Die planwirt-
dichten gekoppelt, die jedoch keine Ausschluß- schaftlichen Elemente des bisherigen Systems sind
grenze, sondern nur eine Fördergrenze darstellen. Es weiter ausgefüllt worden. Die künftigen Aufgaben
gibt mithin keinerlei Sanktionsmechanismen für und Probleme durch regionale Durchschnittserträge
höhere und somit umweltbelastendere Tierbestandes- bzw. Beihilfenhöhen, Ermittlung der betrieblichen
dichten, außer das für die überzähligen Tiere keine Beihilfefläche, Ermittlung und Nachweis der Kleiner-
Prämien beantragt werden können. Auch die Übertra- zeugergrenze, Kontrolle der tatsächlichen Flächen-
gung der Stillegungsverpflichtung auf andere Be- stillegung, Ermittlung und Kontrolle der betrieblichen
triebe, um die Höchstbesatzdichten nicht zu über- Tierbesatzdichte und Bestandsobergrenzen etc. für
schreiten, ist im Hinblick auf eine — aus Umwelt- und den gesamten Bereich der EG sind derzeit kaum
Klimaschutzgründen — notwendige Kopplung der abschätzbar. Das künftige Kontrolldefizit ermöglicht
Tierhaltung an die Fläche auf niedrigem Niveau sehr daher eine mehr oder weniger legale betriebliche
kritisch zu betrachten. Anpassung an die Erfordernisse (Bauer, 1993 a).
Die quasi-obligatorische Flächenstillegung dient zu- Von der quasi-obligatorischen Flächenstillegung sind
dem ausschließlich der Marktentlastung bzw. dem ohnehin nur Betriebe mit mehr als ca. 15 ha LF
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

betroffen; das sind in Deutschland nur etwa 18 % aller halb Deutschlands oder auf europäischer Ebene ganz
Betriebe mit einem Anteil von ca. 58 % der Anbauflä- erheblich (Tab. 1.17). Noch größer werden die Unter-
che. Bezogen auf das gesamte Bundesgebiet werden schiede bei einer Betrachtung der globalen Landwirt-
im Wirtschaftsjahr 1993/94 voraussichtlich 10,6 % der schaft.
Anbauflächen stillgelegt (BML, 1994 b). Die künstli-
che Verknappung des Produktionsfaktors Boden Die Landwirtschaft in den östlichen Teilen Mittel- und
durch die Flächenstillegung führt in der Tendenz zu Osteuropas erfuhr durch die weitgehende Abschaf-
Intensivierungseffekten auf den in der Produktion fung des privaten Eigentums an Grund und Boden
verbleibenden Flächen (Scheele und Schmitt, 1993). einen noch tiefgreifenderen Strukturwandel als in der
Insbesondere auf guten Standorten könnte es zu einer EG. Durch die Zusammenlegung der Flächen wurden
weiteren Steigerung der Produktionsintensität kom- nach westlichen Maßstäben riesige Staatsgüter in
men, um den Ertragsausfall durch die erzwungene - ausgeräumten Landschaften geschaffen, die jedoch
Flächenstillegung zu kompensieren (UBA, 1993; aufgrund planwirtschaftlicher Ineffizienzen und man-
Priebe, 1994). Nach Schätzungen der FAO beläuft sich gels unternehmerischer Entscheidungsfreiheit eine
die Gesamtgetreideernte der EU 1993 (im ersten Jahr relativ niedrige Produktivität aufweisen. Dennoch
nach Inkrafttreten der Reform) mit etwa 167,5 Mio. t entsprechen die Umweltbelastungen teilweise denen
lediglich 2 % unter der Durchschnittsernte des Vorjah- der westeuropäischen Landwirtschaft.
res (BML, 1994 c).
Die sehr großflächige Bewirtschaftung, wie sie vor
Die beschlossenen Maßnahmen im Bereich der EG- allem in Osteuropa und den GUS-Ländern, in Teilen
Rindfleischmarktordnung erzielen auch nach Aussa- Nordamerikas und auch in der vergleichsweise exten-
gen des Bundeslandwirtschaftsministers keine ausrei- siven Landwirtschaft in Australien erfolgt, führt zu
chende Marktentlastung (BML und BMU, 1993). erheblicher Bodenerosion und entsprechender Zu-
nahme der Desertifikation (Wüstenbildung) (Kap.
Zusammenfassend urteilt der Rat von Sachverständi-
2.3.3). In Nordamerika, Kanada und Teilen Asiens ist
gen für Umweltfragen in seinem Umweltgutachten
die dortige Wirtschaftsweise ist in ihren Umwelt- und
1994, das er im Februar 1994 der Bundesregierung
Klimabelastungen weitgehend mit der mitteleuropäi-
vorlegte: „Die aktuellen agrarpolitischen Beschlüsse
schen Landwirtschaft vergleichbar. Dort erwirtschaf-
beinhalten keine klare und langfristige Perspektive
tet die Landwirtschaft ebenfalls z. T. erhebliche
für eine ökonomische und ökologische Konzeption
Agrarüberschüsse.
zukünftiger Landbewirtschaftung. Das Extensivie-
rungsprogramm wird weder seiner marktentlasten- Den wachsenden Agrarüberschüssen der westlichen
den noch seiner ökologischen Zielsetzung in einem Intensivlandwirtschaft steht eine erhebliche Unter-
Umfang gerecht, wie es der Biotische und abiotische versorgung in den meisten Entwicklungs- und
Ressourcenschutz erfordert. Mit dem Ziel einer dauer- Schwellenländern gegenüber. Die Ursachen der
haft-umweltgerechten Entwicklung muß sich die Unterversorgung liegen sowohl im Bevölkerungs-
künftige Landbewirtschaftung stärker an der Erhal- wachstum, in der Armut der Bevölkerung, in der
tung der Umweltfunktionen orientieren. Eine ver- Verschuldung der Länder, in Unruhen und kriegeri-
stärkte Extensivierung der landwirtschaftlichen Nut- schen Auseinandersetzungen, aber auch in häufigen
zung, die sich an weitgehend ausgeglichenen Ener- und anhaltenden Dürreperioden oder in unzureichen-
gie- und Nährstoffbilanzen orientiert, ist dringend der Ausbildung und Technik begründet. Eine wesent-
voranzutreiben. Für die Weiterentwicklung einer dau- liche Ursache sind aber auch die sozialen Disparitäten
erhaft-umweltgerechten Landbewirtschaftung sind innerhalb der Länder, die insbesondere in der Agrar-
im Rahmen der europäischen Agrarpolitik einkom- verfassung vieler lateinamerikanischer und asiati-
mensichernde Transferzahlungen an die Landwirte scher Entwicklungsländer deutlich werden. Landwirt-
umfangreicher und zügiger an ökologische Gegenlei- schaftliche Nutzflächen befinden sich größtenteils in
stungen zu binden. ... Die von der Landwirtschaft der Hand weniger Großgrundbesitzer, multinationa-
ausgehenden negativen externen Effekte sind gemäß ler oder staatlicher Unternehmen (EK, 1990 a). Auf-
dem Verursacherprinzip mit Abgaben zu belegen. grund dieser Landbesitzverteilung wurde die nach-
Dies betrifft vor allem den Einsatz von Dünge- und haltige und auf Selbstversorgung der einheimischen
Pflanzenschutzmitteln.... Während einer Übergangs- Bevölkerung ausgerichtete Subsistenzwirtschaft zu-
zeit sind die heute indirekt (durch Preisstützung) oder nehmend verdrängt und durch eine exportorientierte
direkt zur Einkommenssicherung in der Landwirt- Agrarproduktion ersetzt. Erhebliche Anteile der land-
schaft verwendeten Mittel des Ausrichtungs- und wirtschaftlichen Flächen werden sehr extensiv
Garantiefonds Schritt für Schritt in Mittel zur Förde- bewirtschaftet, zumeist weil die Böden und Standort-
rung einer dauerhaft-umweltgerechten Landnutzung bedingungen keine intensivere Nutzung zulassen. Wo
umzuwandeln" (SRU, 1994). Diese und weitere Maß- der Anbau lohnt, werden unter meist ausländischer
nahmen werden in Kap. 4 ausführlich diskutiert. Die oder multinationaler Kontrolle bei intensivsten Pro-
Handlungsempfehlungen zielen dabei in erster Linie duktionsbedingungen und bei hohem Einsatz von
auf die EG-Ebene, da die nationale Agrarpolitik Agrochemikalien Agrarexportgüter, sogenannte
wesentlich in die europäische Agrarpolitik eingebun- „cash crops" wie Kakao, Kaffee, Bananen etc. für die
den ist. westlichen Industrieländer angebaut. Die Produktion
dieser cash crops steht dabei in Konkurrenz zur
Versorgung der einheimischen Bevölkerung mit Nah-
1.1.5 Blick auf die internationale Landwirtschaft
rungsmitteln. Sogar Fleisch und Futtermittel werden
Die Unterschiede in der Agrarstruktur und der Art und aus Entwicklungsländern exportiert. Die Massentier-
Intensität der Landbewirtschaftung sind bereits inner haltung in der EU basiert in weiten Teilen auf billigen
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
Importfuttermitteln aus Entwicklungsländern, trotz Umweltbelastung und Naturzerstörung durch die
Überproduktion und Preisverfall auf dem EG-Futter- Intensivlandwirtschaft und die fortschreitende Wald-
getreide- und Fleischmarkt (EK, 1990 a). Die subven- vernichtung sowie die davon ausgehenden Gefahren
tionierten Agrarüberschüsse aus der EU und den USA für das globale Klima hingewiesen. Die Brandrodung
führten zur deutlichen Senkung der Weltmarktpreise der tropischen Wälder leistet mit 15 % etwa den
für Agrarerzeugnisse. Subventionierte Exporte in die gleichen Beitrag zur Klimaänderung wie die anderen
Entwicklungsländer verdrängen die dortigen einhei- landwirtschaftlichen Aktivitäten weltweit (Tierhal-
mische Produzenten vom Markt, wodurch der Selbst- tung, Reisanbau, Düngung etc.) (Kap. 2) (EK, 1992).
versorgungsgrad in den betroffenen Ländern sinkt Eine Darstellung der negativen Umweltwirkungen
und die Entwicklung der Landwirtschaft behindert der Brandrodung und Waldvernichtung in den Tropen
wird (Deutscher Bundestag, 1994 a). Die meisten und Subtropen sowie der Probleme in den Waldgebie-
Entwicklungsländer sind jedoch vom Export weniger - ten der gemäßigten (u. a. Waldsterben) und der borea-
Agrarprodukte oder Rohstoffe abhängig. Die rapide len Breiten (großflächige Rodungen) ist Inhalt des
Verschlechterung der „Terms of Trade" beschleunigt Abschnittes C dieses Berichtes. Die Ursachen und
somit den Teufelskreis aus Verschuldung, Export- Auswirkungen der Waldvernichtung in den Tropen
zwang und Naturzerstörung. wurden außerdem 1990 ausführlich im zweiten
Bericht „Schutz der tropischen Wälder" der Enquete
Die von ihren Anbauflächen vertriebenen Bauern
Kommission „Vorsorge zum Schutz der Erdatmo-
drängen gemeinsam mit landlosen Siedlern in die
sphäre " dargestellt.
tropischen Wälder. Verstärkt wird dieser Druck auf
die Wälder durch das anhaltende Bevölkerungs- In Deutschland nutzt die Landwirtschaft etwa die
wachstum, staatliche Rahmenbedingungen und die Hälfte der Landesfläche. Der tiefgreifende Wandel
große Armut in der Bevölkerung. Staatliche Sied- der agrarischen Landnutzung hat daher einen erheb-
lungsprogramme förderten vor allem in den achtziger lichen Einfluß auf die Umwelt. Mit der zunehmenden
Jahren (in Teilen Asiens und im Amazonasgebiet) die Intensivierung treten die negativen Umweltwirkun-
Erschließung durch Landvergabe an Siedler sowie gen der Landwirtschaft in den Vordergrund. Eine
durch Investitionsbeihilfen und Steuererleichterun- umfassende und nach wie vor aktuelle Bestandsauf-
gen für nationale und internationale Unternehmen. nahme auf nationaler Ebene legte hierzu 1985 der Rat
Der Raubbau an den tropischen Wäldern ist weitge- von Sachverständigen für Umweltfragen mit dem
hend auf Landnutzungsänderungen zurückzuführen. Sondergutachten „Umweltprobleme der Landwirt-
Je zur Hälfte werden die Flächen zunächst für den schaft" (SRU, 1985 u. 1992) vor.
Wanderfeldbau brandgerodet oder mehr oder weni-
ger dauerhaft genutzt. Meist ist jedoch nur eine sehr Die mit der Landbewirtschaftung einhergehenden
extensive Nutzung als Weideland möglich (Kap. 2.3.2) Umweltbelastungen hängen ebenso wie die Höhe der
(EK, 1990 a; Amelung und Diehl, 1991). Da die Böden Emissionen klimawirksamer Spurengase vielfach
nur wenige Ernten und geringe Erträge zulassen und direkt von der hohen Produktionsintensität in der
zudem einer raschen Bodenerosion unterliegen, müs- Intensivlandwirtschaft ab. Die vorleistungsintensive
sen ständig neue Flächen brandgerodet werden. Das Landwirtschaft in den westlichen Industrieländern
System des ursprünglich nachhaltigen Wanderfeld- trägt durch den Verbrauch fossiler Energieträger vor
baus ist überfordert. Die notwendigen Brachezeiten allem bei der Düngerherstellung, dem Futtermittel
werden verkürzt und der Ackerbau wird auf ungeeig- transport und als Treibstoff zur CO 2 --Emission bei. Die
nete Standorte ausgedehnt. In den Savannengebieten Methan- und Ammoniakfreisetzung aus der Tierhal-
ist die Viehdichte zu hoch und Sträucher und Bäume tung bzw. Wirtschaftsdüngung hängt wesentlich von
werden als Brennholz schneller verbraucht als sie der Futterzusammensetzung und dem Stallhaltungs
nachwachsen können (Kap. 2.3.3.1). Rodung, Brand- und Entmistungssystem ab. Besonders hoch sind die
rodung und Überweidung der Flächen sind die Emissionen bei den Flüssigmistsystemen mit Gülle-
Hauptursachen für die rasche Ausbreitung der düngung, die insbesondere in der Massentierhaltung
Wüsten (Desertifikation) (Andersen, 1991; WBGU, verbreitet sind. Ammoniak ist gemeinsam mit den
1993). Dieser Entwicklung muß vor allem durch eine Überschüssen aus der mineralischen Stickstoffdün-
standortgerechte und nachhaltige Landbewirtschaf- gung (Auswaschung bzw. Abtrag in Grund- und
tung (z. B. Agroforestry) entgegengewirkt werden. In Oberflächengewässer) Ursache der Eutrophierung
Anbetracht der Nahrungsmittelknappheit und der natürlicher und naturnaher Ökosysteme. Dies führt
Bevölkerungsentwicklung in den Entwicklungs- und dort wiederum zur verstärkten Freisetzung von stick-
Schwellenländern ist zur Sicherung der Ernährung stoffhaltigen Spurengasen (NOx, N 2 0) und trägt zur
neben der Stabilisierung unbedingt auch eine Inten- Zerstörung von Lebensräumen wildlebender Pflanzen
sivierung der Landwirtschaft auf den bereits bewirt- und Tiere (z. B. Waldsterben) und damit zur Verringe-
schafteten Flächen notwendig. rung der Arten- und Biotopvielfalt in der Landschaft
bei. Die zunehmende Spezialisierung und Mechani-
sierung führt gemeinsam mit der Entkopplung von
1.2 Ökologische Bedeutung Tierhaltung und Pflanzenbau zu einer Fruchtfolgever-
der Landwirtschaft armung, dem Rückgang einer geregelten Humuswirt-
schaft und dem zunehmenden Einsatz schwerer
1.2.1 Negative Wirkungen der Landwirtschaft Maschinen. Die Schädigung der Bodenstruktur und
auf die Umwelt die weltweite Zunahme der Erosion erhöhen den
Bereits seit Jahrzehnten wird, wie unter anderem auch Kohlenstoff- und Nährstoffaustrag aus den Agraröko-
1980 in dem Bericht an den amerikanischen Präsiden- systemen. Alle landwirtschaftlichen Aktivitäten, die
ten (Global 2000) auf die weltweit zunehmende zu einer Verminderung der Kohlenstoffeinbindung in
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

Agrarökosystemen oder natürlichen Ökosystemen — seit jeher erbracht hat und auch heute noch
führen, sind letztlich auch klimarelevant. Alle Vor- (teilweise) erbringt, werden im allgemeinen weniger
gänge, die in der Landwirtschaft zur Emission klima- beachtet oder gänzlich vergessen. Über Jahrhunderte
wirksamer Spurengase führen, werden ausführlich in hinweg haben Land- und Forstwirtschaft die heutige
Kap. 2 dargestellt. Kulturlandschaft mit ihrer Arten- und Biotopvielfalt
erst geschaffen. Landschaftspflege im ökologischen
Andererseits wird die Landwirtschaft in erheblichem Sinn wurde von der extensiven Landwirtschaft im 18.,
Umfang durch Immissionen aus anderen Wirtschafts- 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als
bereichen belastet. Große Mengen an Stickstoff- kostenloses Koppelprodukt der Nahrungs- und Roh-
oxiden, Schwefeldioxid, bodennahem Ozon und stofferzeugung erbracht (Weinschenck, 1987; Bauer,
Schwermetallen stammen aus den Emissionen im 1993 b). Zu den positiven Leistungen der Landwirt-
Verkehrs-, Industrie- und Haushaltsbereich bzw. wer- schaft zählen vor allem:
den durch diese verursacht. Diese Belastungen stellen
jedoch aus grundsätzlichen und quantitativen Erwä- — die Schutz-, Filter- und Reinigungswirkungen für
gungen kein Argument zum Verzicht auf Maßnahmen Wasser, Luft und Böden,
dar, die Umweltprobleme der Intensivlandwirtschaft
— die Pflege und der Erhalt der landwirtschaftlich
zu verringern (Conrad, 1987).
(und forstwirtschaftlich) geprägten Kulturland-
Die Landwirtschaft verliert ihre positiven Funktionen schaft,
(Kap. 1.2.2) nicht allein durch die zunehmende Inten-
— der Erhalt der sozialen Funktionen des ländlichen
sivierung, sondern auch durch die Flächenstillegung
Lebensraumes für die Menschen,
in ungünstigen Gebieten und durch den Rückzug der
Bewirtschaftung in die Gunsträume. Wo das Land — die Schaffung,und der Erhalt von Arbeitsplätzen im
nicht mehr bewirtschaftet wird, droht die Verödung ländlichen Raum,
weiter Gebiete (EG-Kommission, 1991). Für den
Erhalt aller Funktionen der Landwirtschaft und des — der Freizeit- und Erholungswert für die ländliche
ländlichen Raumes ist eine flächendeckende Bewirt- Bevölkerung, vor allem aber für die Menschen in
schaftung unabdingbar notwendig. Die Einführung den Städten und Ballungsräumen.
einer nachhaltigen und umweltverträglichen Landbe- Diese wirtschaftlichen, gesellschaftspolitischen und
wirtschaftung durch eine flächendeckende Extensi- ökologischen Funktionen waren in der traditionellen
vierung könnte zudem mehrere drängende Probleme Wirtschaftsweise durch das langfristige und intuitive
gleichzeitig lösen. Es würden nicht nur die uner- Denken der Bauern miteinander verbunden und wur-
wünschten und teuer subventionierten Agrarüber- den von der Gesellschaft wie selbstverständlich ange-
schüsse abgebaut, Ausgaben für die Marktordnung nommen (Priebe, 1994). Erst die Einschränkung oder
eingespart und der Preis- und Konkurrenzdruck auf der Verlust der positiven Funktionen der Landwirt-
dem Weltmarkt verringert, sondern zugleich die schaft hat in der Gesellschaft ein Bewußtsein für die
Umweltbelastungen und Umweltkosten aus dem Notwendigkeit einer umweltverträglichen Land-
Landwirtschaftssektor deutlich reduziert und die kli- schaftsbewirtschaftung entstehen lassen. Zum Erhalt
mawirksamen Spurengas-Emissionen gesenkt. der genannten positiven Funktionen der Landwirt-
schaft und der Kulturlandschaft ist eine weitgehend
flächendeckende Landbewirtschaftung unbedingt
1.2.2 Positive Wirkungen der Landwirtschaft -
notwendig. Eigenständige regionalspezifische, um-
auf die Umwelt welt- und naturschutzpolitische Leitbilder müssen
entwickelt werden. Die Rahmenbedingungen dieser
Im Vordergrund der aktuellen Diskussion stehen oft künftigen Landbewirtschaftung müssen die ökologi-
ausschließlich die Umweltbelastungen, die von der schen, sozioökonomischen und kulturellen Aspekte
derzeitigen Landwirtschaft ausgehen. Die positiven der ländlichen Räume gleichermaßen mitberücksich-
Leistungen, die die Landwirtschaft — über die Pro- tigen und in einer integrierten Agrarumweltpolitik
duktion von Nahrungsmitteln und Rohstoffen hinaus umsetzen (SRU, 1994).

2. Beitrag der Landwirtschaft zur Emission klimawirksamer Spurengase

Landwirtschaftliche Aktivitäten tragen in erheblichen — der Verbrennung landwirtschaftlicher Abfälle und


Umfang zur weltweiten Emission von klimawirksa- nachwachsender Rohstoffe,
men Spurengasen bei. Diese Gase entstehen bei
— der Bodenbearbeitung landwirtschaftlich genutz
— der Rodung und Brandrodung der Wälder zur
ter Flächen (Humusabbau und Bodenerosion),
Bereitstellung landwirtschaftlicher Nutzflächen,
— den regelmäßigen Bewirtschaftungsbränden in — der Tierhaltung sowie der Lagerung und Ausbrin
den Savannen, gung der Tierexkremente (Wirtschaftsdünger),
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
— im Naßreisanbau, klimawirksamer Spurengase (z. B. Ozon) führen oder
deren Lebensdauer beeinflussen.
— durch die Verwendung stickstoffhaltiger Mineral-
dünger und bei Die Emissionsraten der einzelnen Spurengase sind
meist nur unter Schwierigkeiten zu ermitteln und
— der Herstellung, dem Transport und Einsatz der
werden daher mit einer teilweise erheblichen
Vorleistungen der landwirtschaftlichen Produk-
Schwankungsbreite angegeben. Dies liegt unter
tion (Maschinen, Treibstoffe, Düngemittel etc.).
anderem an der geringen Zahl, Dichte und Kontinuität
Die Emissionen klimawirksamer Spurengase aus der vorhandener Meßreihen, der unzureichenden Meß-
Landwirtschaft sowie aus der Vernichtung der tropi- technik sowie dem Umstand, daß landwirtschaftliche,
schen Wälder sind jeweils zu etwa 15 % am globalen aber auch natürliche bzw. naturnahe Ökosysteme für
Treibhauseffekt beteiligt (Abschnitt A, Tab. 1.2). Bei die Mehrzahl der genannten Spurengase sowohl eine
den durch die Landwirtschaft emittierten Spurenga- Quelle als auch eine Senke darstellen.
sen muß zwischen direkt und indirekt klimawirksa-
men Gasen unterschieden werden. Zu den direkt
klimawirksamen Gasen gehören Kohlendioxid (CO 2 ), 2.1 Methan (CH4 )

Methan (CH 4 ) und Distickstoffoxid (N 20). Diese Gase


tragen als langlebige und strahlungswirksame Spu- Der drastische Anstieg der atmosphärischen Methan-
rengase direkt zum Treibhauseffekt bei. N 20 und CH4 konzentration in den vergangenen Jahrzehnten hat
sind zusätzlich am Ozonabbau in der Stratosphäre mehrere Ursachen:
beteiligt. Indirekt klimawirksame Spurengase wie
— die Zunahme der weltweiten Rinderhaltung,
Stickstoffoxide (NOx), Ammoniak (NH 3 und Kohlen-
)

monoxid (CO) beeinflussen chemische Vorgänge in — die Ausdehnung und Intensivierung des Naßreis-
der Atmosphäre und Biosphäre, die zur Bildung direkt anbaus,

Tabelle 2.1

Schätzungen der Methanquellen und -senken in Mio. t CH 4/Jahr (IPCC, 1992)

Emissionsraten Anteil an den


in Mio. t CH4 /Jahr Gesamtemissionen (%)

Natürliche Quellen
Feuchtgebiete 115 (100-200) 23
Ozeane und Seen 15 (5-45) 3
Termiten 20 (10-50) 4

Summe 150 (115-295) 30

Anthropogene Quellen
Tiere 80 (65-100) 16
Tierexkremente 25 (20-30) 5
Biomasseverbrennung 40 (20-80) 8
Reisfelder 60 (20-150) 12
Mülldeponien 30 (20-70) 6
Abwassersysteme 25 5
Erdöl-/Erdgas-Systeme 50 (30-70) 10
Kohlebergbau 40 (25-50) 8

Summe 350 (225-575) 70

Gesamt 500 (340-810) 100

Senken
Reaktion mit OH in der Troposphäre 420 (340-500) 91
Mikrobieller Abbau in Böden 30 (15-45) 6
Reaktion mit OH in der Stratossphäre 10 2

Summe 460 (365-555)


Zunahme in der Atmosphäre 37 (34-40)
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

— der Anstieg der Biomasseverbrennung und der In der Bundesrepublik Deutschland wurden 1990
Brandrodung in den Tropen, etwa 6 Mio. t CH4 durch menschliche Aktivitäten
freigesetzt. Hiervon ist ein Drittel, etwa 2 Mio. t CH 4 ,
— die Zunahme der Mülldeponien und
auf die Landwirtschaft zurückzuführen. Aus der Tier-
— die Emissionen durch die Kohle-, Erdöl- und Erd- haltung (Tierverdauung) entwichen etwa 1,45 Mio. t
gasgewinnung bzw. -verteilung. CH4 /Jahr (ABL: 1,05 Mio. t / NBL: 0,38 Mio. t). Bei der
Lagerung der tierischen Exkremente (Wirtschaftsdün-
Die gesamten natürlichen und anthropogenen Emis- ger) wurden weitere 0,62 Mio. t CH 4 (ABL: 0,45 Mio. t /
sionen werden auf etwa 500 Mio. t CH 4 pro Jahr NBL: 0,17 Mio. t) emittiert (BMU, 1993 a).
geschätzt (Tab. 2.1). 70 % der globalen Methanemis-
sionen beruhen auf menschlichen Aktivitäten. Davon
werden fast 60 % durch die Landwirtschaft emittiert,
die somit als Hauptverursacher der anthropogenen 2.1.1 Methankreislauf
Methanemissionen anzusehen ist. Der Abbau des
atmosphärischen Methans erfolgt überwiegend durch In der Biosphäre sind Bildung und Abbau von Methan
die Reaktion mit Hydroxylradikalen (OH) in der zum großen Teil an biologische Prozesse gebunden,
Troposphäre und in geringerem Maße in der Strato- die in einem Kreislauf, dem Methankreislauf, unter
sphäre. Auf diesem Weg werden 340 bis 500 Mio. tCH 4/ Einschluß von Sequenzen des Kohlenstoffkreislaufes
Jahr oxidiert, wobei weitere direkt oder indirekt miteinander verknüpft sind. Ausgangspunkt für die
klimawirksame Spurengase wie z. B. Ozon, CO 2 , CO mikrobiologischen Prozesse des Methankreislaufes in
und Formalaldehyd (CH 2 O) gebildet werden. In gerin- der Natur ist fast überall die organische Substanz, die
gerem Umfang wird das atmosphärische Methan auch durch die grünen Pflanzen im Prozeß der Photosyn-
durch Bodenmikroorganismen abgebaut. In den ver- these aus Kohlendioxid und Wasser unter Nutzung der
gangenen 200 Jahren stieg die atmospärische Me- Energie des Sonnenlichtes gebildet wird (Primärpro-
thankonzentration von etwa 0,8 ppmv auf derzeit duktion). Im weiteren Ablauf des Kohlenstoffkreislau-
1,72 ppmv. Der jährliche Anstieg betrug 1989 etwa fes wird die organische Substanz durch die Organis-
0,75 % (13 ppbv) (IPCC, 1992). men zur Energiegewinnung mit Sauerstoff als Elektro-

Abbildung 2.1: Anthropogene Methanemissionen in der Bundesrepublik Deutschland (1990)


(BMU, 1993 a).
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
nenakzeptor zu Kohlendioxid und Wasser oxydiert Konzentration von Methan und durch die Verfügbar-
und damit vollständig mineralisiert. Ein kleiner Anteil keit von Sauerstoff bestimmt. Die Effektivität der
der organischen Substanz wird auch durch einen Methanoxydation wird darin sichtbar, daß durch die-
nicht-biologischen Prozeß, die Verbrennung, zu Koh- sen Prozeß in den Reisfeldern und in den meisten
lendioxid umgewandelt. Dabei entsteht auch in gerin- Gewässern mehr als 80 % des gebildeten Methans
gen Mengen Methan, das in die Atmosphäre ent- durch Oxydation in den internen Kohlenstoffkreislauf
weicht. dieser Ökosysteme zurückgeführt werden und nicht in
die Atmosphäre übertreten können. Erste Abschät-
Ein weiterer Teil der organischen Substanz gelangt in zungen haben ergeben, daß global 500 bis 700 Mio. t
die Ökosysteme unter anoxischen Bedingungen (Aus- Methan/Jahr durch die methanotrophen Bakterien
schluß von Sauerstoff) und unterliegt dort einem abgebaut werden (Reeburgh u. a., 1993; Heyer, 1990;
anaeroben Abbau. Dabei werden die polymeren orga- Beide in: Heyer, 1994). In Reisfeldern wird die globale
nischen Stoffe (Zellulose, Stärke, Eiweiße, Fette etc.) Methanoxydation auf 240 bis 480 Mio. t/Jahr
über die Stufen Hydrolyse (Spaltung), Fermentation geschätzt. Methan, das nicht durch die mikrobielle
(Vergärung) und Acetogenese mit Wasserstoffbildung Methanoxydation abgebaut wurde, entweicht in die
(Acetatbildung) von einer komplexen anaeroben Atmosphäre. Hier findet ein photochemischer Abbau
Mikrobengemeinschaft in niedermolekulare Verbin- des Methans statt, der mit einer Reaktion von Methan
dungen und zu CO 2 und H2 umgewandelt, die dann mit Hydroxylradikalen als Schlüsselreaktion eingelei-
durch die terminalen Prozesse des anaeroben Abbau tet wird und über verschiedene Zwischenprodukte bei
endgültig mineralisiert werden. Dabei ist die Methan- Kohlendioxid und Wasser endet.
bildung (Methanogenese) einer der wichtigsten ter-
minalen Schritte der anaeroben Abbaukette. Die meisten methanotrophen Bakterien sind nicht in
der Lage, die geringen Methankonzentrationen in der
Zu dieser Leistung sind die streng anaeroben metha- atmosphärischen Luft für ihren Stoffwechsel zu nut-
nogenen Mikroorganismen befähigt, die bei Aus- zen. Dennoch gibt es in verschiedenen Böden Mikro-
schluß von Sauerstoff, Fehlen von Sulfat und Nitrat organismen mit einer hohen Substrataffinität, die
und niedrigem Redoxpotential (Bei negativem Redox- atmosphärisches Methan aufnehmen und oxydieren
potential weist der Boden gegenüber möglichen können. Derzeit schätzt man diesen Weg des Methan-
Reaktionspartnern ein entsprechendes Reduktions- abbaus global auf etwa 30 Mio. t/Jahr (IPCC, 1992)
vermögen auf, gibt also leicht Elektronen ab und
reduziert die Reaktionspartner) im Prozeß der Ener-
giegewinnung aus CO 2/H2 , Acetat, Formiat, Metha-
nol, Methylaminen und anderen Substraten Methan 2.1.2 Methanemissionen bei der Tierhaltung
bilden. Diese methanogenen Organismen sind in der
Natur weit verbreitet. Sie kommen vor allem dort vor, Den Verdauungstrakt von Wiederkäuern und ande-
wo große Mengen organischer Substanzen unter ren pflanzenfressenden Haustieren ist eine der wich-
anoxischen Bedingungen abgebaut werden (z. B. in tigsten Methanquellen. Die Haustiere sind mit 16 Pro-
Mooren, Sümpfen und anderen Feuchtgebieten, in zent an der gesamten globalen Methanemission bzw.
Sedimenten von Gewässern, im Termitendarm im mit 23 % an der anthropogenen Methanemission
Darm von Haus- und Wildtieren (insbesondere Wie- beteiligt. Unter den Emissionsquellen der Landwirt-
derkäuern), in Mülldeponien und in Biogasanlagen). schaft steht die Tierhaltung mit 39 % an der Spitze.
Die wichtigsten direkten Einflußfaktoren für die Den größten Anteil daran haben Rinder (Tab. 2.3).
Intensität der Methanogenese in diesem Ökosyste-
men sind die Menge und Art (Abbaubarkeit) der
organischen Substanz und die Temperatur. Mikrobiologische Prozesse
Das Methan gelangt aus den anoxischen Bildungsor-
Bei den Wiederkäuern vollzieht sich die Methanbil-
ten der Ökosysteme durch verschiedene Transport-
dung in einem Vormagen, dem Pansen, in dem die
prozesse entweder direkt in die Atmosphäre oder
aufgenommene Nahrung durch die Aktivität einer
zunächst in die oxischen (sauerstoffhaltigen) Bereiche
komplexen anaeroben Mikrobengesellschaft aufge-
der Ökosysteme. Überall dort, wo das sich bildende,
schlossen und damit für die Energiegewinnung und
aber auch das fossile oder abiogene Methan in die
Ernährung der Tiere nutzbar gemacht wird. Ohne die
oxischen Zonen der Biosphäre eindringt, findet eine
Mitwirkung der Mikroorganismen könnte der Wirts-
Oxydation des Methans mit Sauerstoff zu Kohlen-
organismus wesentliche Teile der aufgenommenen
dioxid und eine Assimilation des Methankohlenstoffs
Pflanzensubstanz nicht verwerten, da ihm die entspre-
in die organische Substanz durch die methanotrophen
chenden Enzyme fehlen. Dies gilt vor allem für das
(methanabbauenden) Bakterien statt. Diese weit ver-
quantitativ vorherrschende Substrat Zellulose. Im
breiteten Mikroorganismen nutzen Methan als Koh-
Verlaufe des anaeroben Abbaus entstehen aus den
lenstoff- und Energiequelle. Sie bilden vor allem in
komplexen Nahrungssubstraten niedermolekulare
den Grenzbereichen zwischen den anoxischen und
organische Verbindungen, die vom Tier resorbiert
oxischen Zonen der Ökosysteme eine wirksame Bar-
(aufgenommen) werden. Dabei werden Wasserstoff
riere für den Methanfluß von den Bildungsorten in die
und CO 2 freigesetzt, aus denen die methanogenen
Atmosphäre, z. B. im Oberflächenboden von Reisfel-
Bakterien im Pansen Methan produzieren.
dern, in den Oberflächensedimenten von Gewässern
und in der oxischen Oberflächenschicht von Mooren Die hohen Methanbildungsraten im Pansen (z. B. 140
und anderen Feuchtgebieten. Die Aktivität der me- bis 600 1 Methan/Tag bei Rindern) werden durch
thanotrophen Bakterien wird in erster Linie durch die optimale ökologische Bedingungen ermöglicht:
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

— hohe Konzentration organischer Stoffe bei semi Intensivfütterung mit hochwertigen Futtermitteln
kontinuierlicher Zufuhr, kann der Energieverlust durch Methanbildung auf
2,5 bis 4,5 % absinken. Insgesamt führen eiweiß- und
— wiederholte Zerkleinerung und Durchmischung
des Futters, fettreiche Futtermittel zu geringeren Methanbil-
dungsraten, während kohlenhydrat- bzw. zellulose-
— hohe Zelldichten der Mikroorganismen, reiche Nahrung hohe Methanbildungsraten zur Folge
haben. Rinder auf der Weide produzieren durch das
— optimale Temperatur (39°C) und konstanter pH
zellulosereiche Futter mehr Methan, bezogen auf den
Wert (6,5),
Energiegehalt des aufgenommenen Futters (7,5 %),
— anaerobe Bedingungen und niedriges Redoxpo- als Mastrinder im Stall (6,5 %); durch die insgesamt
tential. geringere aufgenommene Futterenergie der Weide-
tiere ist jedoch ihre jährliche Methanemission mit
Das Methan gelangt aus dem Pansen unbeeinflußt 54 kg/Tier gegenüber 65 kg/Tier bei den Mastrindern
von mikrobiellen Oxydationsvorgängen vollständig in niedriger (Crutzen u. a., 1986). Auch innerhalb einer
die Atmosphäre. Tiergruppe kann es große Schwankungen geben. So
bestimmten van der Honing u. a. (1993; In: Heyer,
Für den Wirtsorganismus führt die Methanogenese zu 1994) in den Niederlanden Methanemissionen bei den
einem Energieverlust, der bei den Rindern durch- Milchkühen von 264 bis 550 l/Tag (bzw. 69 bis 144 kg
schnittlich 5 bis 7 % der Energie des aufgenommenen CH4/Kuh x Jahr), wobei es eine positive Korrelation
Futters beträgt. Die Methanbildung sorgt jedoch als zur Menge der aufgenommenen Nahrung und zu
terminaler Prozeß durch den Verbrauch von Wasser- deren Kohlenhydratanteil gab. Eine Hochleistungs-
stoff für die Regulation der anaeroben Abbaukette. milchkuh in den Industrieländern produziert über
Auch bei monogastrischen Haustieren (z. B. Schwei- 150 kg CH4/Jahr (Potthast, 1991), ein extensiv gehal-
nen) findet im Darmsystem eine mikrobielle Methan- tenes Rind in den Entwicklungsländern dagegen etwa
bildung statt, die aber im Unterschied zu den Wieder- 25 bis 35 kg CH4/Jahr (Crutzen u. a., 1986; IPCC,
käuern keine notwendige Voraussetzung für die 1992).
Ernährung darstellt. Insgesamt ist die Methanbildung
bei diesen Tieren deutlich geringer als bei Wieder-
käuern. Tabelle 2.2

Jährliche Methanproduktionsraten
von verschiedenen Rinderarten
Methanemission in den USA (EPA, 1992; In: Heyer, 1994)

Messungen der Methanbildung sind bei verschiede- Methanproduktion


Rindertyp
nen Tierarten durchgeführt worden, insbesondere (kg/Tier x Jahr)
jedoch bei Rindern. Dabei hat sich ergeben, daß für
die Kalkulation der Methanemission die Beziehung Milchkühe 109,4 —126,5
zwischen Gesamtenergiegehalt des aufgenommenen Färsen (0 bis 12 Monate) 18,9— 20,7
Futters und dem Energieverlust durch die Methanbil-
Färsen (12 bis 24 Monate) 57,4— 61,7 -
dung genutzt werden kann. Dieser Methanumwand-
lungsfaktor ist abhängig von: Fleischrinder 59,5— 70,9
Jungrinder (0 bis 12 Monate) . 19,2— 23,6
— der Tierart (Rinder: 2,5 bis 10 %, Büffel: 9 %, Schafe Jungrinder (12 bis 24 Monate) 60,8— 67,7
und Ziegen: 6 %, Pferde: 2,5 %, Schweine:
Bullen 100
0,6 %),
— innerhalb einer Art von der Tiergruppe (bei den
Rindern gibt es z. B. große Unterschiede zwischen
Milchkühen und Mastrindern), Die Methanemissionen durch die Verdauungsaktivi-
täten landwirtschaftlicher Nutztiere in der Bundesre-
— der Altersgruppe, publik Deutschland wurden für 1990 auf 1,45 Mio. t
— der Art der Tierhaltung (Weidehaltung, Stallhal- CH4/Jahr (ABL: 1,05 Mio. t / NBL: 0,38 Mio. t)
tung), geschätzt (BMU, 1993 a). In den vergangenen Jahren
sind die Tierzahlen (v. a. Rinder) in Deutschland,
— der Futterqualität. insbesondere in den neuen Ländern leicht rückläufig
(Tab. 1.12). Daher sanken die Methanemission aus der
Regionale und klimatische Unterschiede lassen sich tierischen Verdauung auf schätzungsweise 1,2 Mio. t/
zum großen Teil durch die unterschiedliche Verfüg- CH4 im Jahr 1992 (Tab. 2.3).
barkeit der Futtermittel und durch die Art der Tierhal-
tung erklären. In landwirtschaftlichen Gebieten der Die landwirtschaftlichen Nutztiere in Deutschland
gemäßigten Zone von Nordamerika, Europa, Austra- tragen mit ihrer Verdauung demnach etwa zu einem
lien und Neuseeland wird bei Rindern durchschnitt- Viertel zu den anthropogenen Methanemissionen
lich 5,5 bis 6,5 % der Energie des Futters in Methan (6 Mio. t CH4/Jahr) bei. Die Methanemissionen der
umgewandelt (Gibbs und Leng, 1993; In: Heyer, landwirtschaftlichen Nutztiere der EU-Länder und
1994). In tropischen Gebieten mit faserreichen Futter- weiterer Regionen der Erde gehen aus Tab. 2.4
mitteln beträgt der Energieverlust 7,5 %. Bei einer hervor.
Deutscher Bundestag - 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
Tabelle 2.3

Methanproduktion von landwirtschaftlichen Nutztieren in Deutschland


(Alte Bundesländer und Neue Bundesländer 1992)

CH4 1 ) CH 1 ) 2 CH4 Anteil


Tierart Tierzahl)
(1/Tag) (kg/Jahr)
4 (t/Jahr) in %

Rinder <1 Jahr 80 21 5 472 000 114 912 9,72


Rinder >1 Jahr 250 65,5 5 370 000 351 735 29,76
Milchkühe 450 118 5 365 200 633 094 53,57
Schafe 30 8' 2 386 000 19 088 1,61
Schweine 6 1,5 26 514 400 39 772 3,36
Pferde 70 18 531 000 9 558 0,80
Geflügel 0,5 0,13 104 014 000 13 522 1,14

Gesamt 1 181 681 100

1) Emissionsfaktoren nach Graßl u. a., 1991; EPA, 1992; In: Heyer, 1994; Crutzen u. a., 1986
2) Statistischer Monatsbericht des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten 7/93 (BML, 1993c)

Tabelle 2.4

Methanemissionen
von landwirtschaftlichen Nutztieren und Menschen
für 1990 (Bouwman u. a., 1991)

Methan
Prozent
Land/Region emission
Anteil
in 1000 t/Jahr

Belgien 168 2,8


Dänemark 138 2,3
Frankreich 1 326 22,4
Deutschland 1 218 20,6
Griechenland 159 2,7
Irland 353 6,0
Italien -
608 10,3
Luxemburg 6 0,1
Niederlande 389 6,6
Portugal 128 2,2
Spanien 516 8,7
Großbritannien 905 /5,3

EU-Staaten gesamt 5 914 100,0

EU-Staaten gesamt 5 914 8,0


Nicht-EU OECD Europa . 1 477 2,0
OECD Ost 3 787 5,1
Nicht-EU-,
Nicht-OECD-Europa 2 310 3,1
Ehemalige UdSSR 7 577 10,2
Nordamerika 6 738 9,1
Lateinamerika 12 613 17,0
Afrika 9 565 12,9
Mittlerer Osten 1 212 1,6
Zentralverwalt. Asien 6 171 8,3
Süd- und Südostasien 16 736 22,6

Gesamtmenge global 74 100 100,0


Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

Auf der Grundlage vorhandener Statistiken der Zahl thanemission für die vergangenen 100 Jahre berech-
der landwirtschaftlichen Nutztiere wurden die Me net (Crutzen u. a., 1986):

Tabelle 2.5

Globale Entwicklung der Rinder- und Schafhaltung sowie der jährlichen Methanemissionen
durch landwirtschaftliche Nutztiere in den vergangenen 100 Jahren (Crutzen u. a., 1986)

1921 1941 1961


1890 1983
bis 1925 bis 1945 bis 1965

Rinder (in Mio.) 310 640 740 1016 1225


CH4 durch Rinder (in Mio. t) 11 25 30 43 54

Schafe (in Mio.) 590 645 755 1007 1 137


CH4 durch Schafe (in Mio. t) 3 3 4 6 7

CH4 durch weitere Nutztiere (in Mio. t) 3 6 8 11 13

Gesamt-CH 4 (in Mio. t) 17 34 42 60 74

Danach sind die Methanemissionen durch landwirt- anthropogenen Methanemissionen und 12 % der
schaftliche Nutztiere in den vergangenen 100 Jahren Methanemissionen durch landwirtschaftliche Aktivi-
um das 4,4fache angestiegen. Die globale Zunahme täten:
der Zahl der landwirtschaftlichen Nutztiere, insbeson-
dere die der Rinder, ist damit eine der wesentlichen
Ursachen für den Anstieg der Methankonzentration in Mikrobiologische Prozesse
der Atmosphäre.
Die tierischen Exkremente sind vor allem wegen ihrer
Durch das ständige Wachstum der Weltbevölkerung großen Menge, dem hohen Gehalt an organischer
wird auch in Zukunft der Bedarf an Fleisch und Milch, Substanz (10 bis 23 %) und dem hohen Gehalt an
vor allem in den Entwicklungsländern, weiter wach- anaeroben Mikroorganismen eine bedeutende poten-
sen. Die dazu notwendige Vergrößerung der Tierbe- tielle Methanquelle. Durch die Konzentration der
stände wird zu einem weiteren Anstieg der Methane Tierbestände und die damit verbundenen Rationali-
mission führen. Auf der Grundlage von Szenarien zur sierungsmaßnahmen werden die Ausscheidungen der
Bevölkerungsentwicklung wurden die zukünftigen Tiere in größeren Stallanlagen mit Wasser abge-
Methanemissionen durch die landwirtschaftlichen schwemmt. Das Produkt wird als Gülle bezeichnet.
Nutztiere kalkuliert (Bouwman u. a., 1991): Die Zwischenlagerung der Gülle in Gruben und-
1990: 74 Mio. t CH4/Jahr Becken führt sehr rasch zu anaeroben Bedingungen.
2000: 79 Mio. t CH 4 /Jahr Damit können die mikrobiologischen Prozesse des
2025: 103 Mio. t CH 4/Jahr anaeroben Abbaus der organischen Substanz ablau-
2100: 131 Mio. t CH 4/Jahr fen, an deren Ende die Methanogenese steht. Der
wichtigste Ausgangsstoff (bzw. Zwischenprodukt) für
Vor allem in Afrika, Süd- und Südostasien sowie in die Methanbildung ist Acetat, das in Methan und
Lateinamerika wird mit einer Zunahme der Rinderbe- Kohlendioxid umgewandelt wird. Welcher Anteil der
stände gerechnet. In den entwickelten Ländern wird organischen Substanz der tierischen Exkremente in
hingegen nicht von einem weiteren Anstieg des Methan umgewandelt wird, hängt von der Ausgangs-
derzeit hohen Bedarfs an Fleisch und Milch ausgegan- substanz, der Verweilzeit und von weiteren Bedin-
gen, so daß dort eine weitere Erhöhung der Methan gungen ab. Die Exkremente von Tieren, die mit einem
emission durch die landwirtschaftlichen Nutztiere energiereichen Futter versorgt wurden, enthalten
kaum zu erwarten ist. einen größeren Anteil an leicht abbaubarer organi-
scher Substanz, die zu einer höheren Methanbildung
führt. Dagegen enthalten die Exkremente von Weide-
2.1.3 Methanemissionen aus tierischen tieren, die faserreiche, energiearme Nahrung aufneh-
Exkrementen men, einen hohen Anteil an Lignozellulosen in der
organischen Substanz, die nur sehr langsam anaerob
Die Methanemissionen aus den tierischen Exkremen- mineralisiert werden und daher weniger Methan
ten haben in den vergangenen 100 Jahren entspre- ergeben. Aufgrund der tierartabhängigen unter-
chend dem Wachstum der Tierbestände ebenfalls schiedlichen Zusammensetzung der Exkremente
erheblich zugenommen. Nach den Angaben von ergeben sich ebenfalls Unterschiede in den potentiel-
IPCC (1992) beträgt die derzeitige globale Methan len Methanbildungsraten. So ist nach bisherigen Mes-
emission aus diesen Quellen zwischen 20 und sungen z. B. die maximale Methanproduktion von
30 Mio. t/Jahr. Das entspricht etwa 7 % der gesamten Schweinegülle größer als die von Rindergülle.
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
Eine lange Verweilzeit in den Güllebecken, hohe Lagerung der Gülle, also bei Belüftung und Bewe-
Temperaturen (Optimum für die Methanogenese 35 gung der Gülle durch ein Rührwerk o.ä. nimmt die
bis 40 °C), ein pH-Wert um den Neutralpunkt, Aus- Methanbildung zwar ab, dafür steigt jedoch die
schluß von Sauerstoff und das Fehlen von Sulfat und Ammoniakfreisetzung (Kap. 2.4.1).
Nitrat begünstigen die Methanbildung. Da in Gülle-
becken sehr häufig günstige Bedingungen für die
Methanogenese gegeben sind, ist hier die Methan-
freisetzung besonders hoch. Gleiches gilt für die Methanemission
anaeroben Güllelagunen, die vor allem in Nordame-
rika weit verbreitet sind. In Güllebehältern und -lagu- Zur Bestimmung der aktuellen Methanemissionsraten
nen kann bei ausreichender Lagerungsdauer nahezu müssen folgende Faktoren berücksichtigt werden
die gesamte organische Substanz (außer Lignin) in (EPA, 1992; In: Heyer, 1994):
CH4 umgesetzt werden (Johnson u. a., 1991).
— die Menge der ausgeschiedenen Exkremente der
Die rasche Austrocknung der Exkremente und ihre verschiedenen Tiergruppen
Lagerung in fester Form (Festmist) begrenzt dagegen
— der Gehalt an organischer Substanz
die gesamten mikrobiellen Prozesse und damit auch
die Methanbildung. Bei Festmistlagerung kommt es — die maximale Methanbildung (m 3 CH4 /kg organi-
im Mittel nur zu 1 bis 5 % der potentiellen Methan- scher Substanz)
bildung (EPA, 1992; In: Heyer, 1994) (Tab. 2.7).
— der Methanumwandlungsfaktor für das entspre-
Ähnliche Verhältnisse sind bei der CH 4 -Freisetzung
chende Entmistungssystem
aus Exkrementen auf der Weide zu erwarten. Die
Methanemission bzw. der Methanumwandlungsfak- — der Anteil des Entmistungssystems in einer
tor wird hier durch die Temperatur und durch die bestimmten Region.
Geschwindigkeit der Austrocknung bestimmt.
Die durchschnittlichen Mengen an organischer Sub-
Die Festmistsysteme, die erheblich weniger Methan stanz, die von verschiedenen Haustierarten ausge-
emittieren, wurden und werden jedoch aus arbeits- schieden werden, und die maximalen Methanmen-
wirtschaftlichen Gründen zunehmend durch emis- gen, die daraus gebildet werden können, sind in der
sionsintensive Flüssigmistsysteme ersetzt. Bei aerober Tabelle 2.6 zusammengestellt.

Tabelle 2.6

Maximale Methanproduktionskapazität aus den Exkrementen der landwirtschaftlichen Nutztiere


(nach EPA, 1993; In: Heyer, 1994)

Organische Substanz Methanproduktions Methanproduktion


Tierart der Exkremente kapazität m3 CH4 /kg aus Exkrementen
kg/Tier • Jahr organische Stoffe kg CH4 /Tier • Jahr

Rinder 986 0,17 120 -


Milchkühe 2 008 0,24 345
Schweine 186 0,45 59,9
Schafe 226 0,19 30,7
Pferde 1 643 0,33 388
Hühner 7,3 0,32 1,67

Tabelle 2.7 Entsprechend der Art der Exkrementlagerung erge-


ben sich unterschiedliche Methanumwandlungsfak-
Methanumwandlungsfaktoren toren (Tab. 2.7).
für verschiedene Arten der Exkrementlagerung
(EPA, 1992; In: Heyer, 1994) In Tab. 2.8 sind die Anteile verschiedener Exkrement-
lagerungssysteme in Nordamerika und Westeuropa
dargestellt.
Methanumwandlungs
Lagerungsart der Exkremente
faktor (%) In Deutschland fallen in der Tierhaltung jährlich etwa
200 bis 280 Mio. t Exkremente an, aus denen 6 bis
Anaerobe Lagunen 90 9 Mio. t CH4 gebildet werden könnten. Für das Jahr
Flüssigmistsysteme 5 —65 1990 wurden die Methanemissionen aus den Tierex-
krementen in Deutschland noch auf 600 000 bis
Festmistsysteme 0, 1 5
800 000 t geschätzt (BMU, 1993 a; Söntgerath u. a.,

Weidehaltung 1—2 1992; OECD, 1991; Beide in: BMU, 1993 a; Heyer,
Sonstige Systeme 5 — I0 1994). Setzt man voraus, daß in Deutschland die
Anteile der verschiedenen Entmistungssysteme der
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag - 12. Wahlperiode

Tabelle 2.8

Regionale Anteile der verschiedenen Systeme zur Exkrementlagerung


in Nordamerika und Westeuropa (Gibbs und Woodbury, 1993; In: Heyer, 1994)

Anaerobe Flüssigmist- Festmist- Weide- Sonstige


Lagunen Systeme Systeme haltung Systeme
Tiere
in %

Nordamerika
Rinder - 1 14 84 1
Milchkühe 10 23 60 - 7
Geflügel 5 4 - 1 90
Schafe - - 2 88 10
Schweine 25 50 18 - 6
Andere Tiere - - - 92 8

Westeuropa
Rinder - 55 2 33 9
Milchkühe - 46 45 8 1
Geflügel - 13 1 2 84
Schafe - - 2 87 11
Schweine - 77 23 - -
Andere Tiere - - - 96 4

Verteilung in Westeuropa entsprechen, ergibt sich der Methanemissionen ist auf die sinkenden Tierzah-
unter der Annahme relativ niedriger durchschnittli- len (Tab. 1.11) zurückzuführen.
cher Methanumwandlungsfaktoren eine aktuelle
jährliche Methanemission in Deutschland (1992) in Unter den Systemen zur Behandlung und Aufbewah-
Höhe von etwa 485 000 t CH 4 (Tab. 2.9) (Heyer, 1994). rung der tierischen Exkremente führen die Flüssig-
Das entspricht einem mittleren Methanumwand- mistsysteme mit 89 % zur weitaus stärksten Methan-
lungsfaktor von nur etwa 9 %. Der aktuelle Rückgang freisetzung. Unter den verschiedenen Tiergruppen

Tabelle 2.9

Methanemissionen aus den Exkrementen der landwirtschaftlichen Nutztiere in Deutschland (1992)


(in 1000 t/Jahr)

Maximale
Anteil der
Methan Flüssigmist Festmist Weide Andere Summen
Tiergruppe 1) Tiergruppen
Produktions- Systeme Systeme haltung Systeme Tiergruppen
in
kapazität

Rinder 1 248 103 0,4 6,2 5,6 115,2 23,8


Milchkühe 2 022 140 13,7 2,4 1,0 157,1 32,4
Schweine 1 585 183 5,5 - - 188,5 38,9
Schafe 71 - 0,02 0,93 0,39 1,3 0,3
Pferde 192 - - 2,7 0,38 3,1 0,6
Hühner 190 3,7 0,03 0,06 16,0 19,8 4,1

Summen Systeme 5 308 429,7 19,6 12,3 23,4 485,0 100


Anteil Systeme
in % - 88,6 4,0 2,5 4,8 100

1) Tierzahlen nach BML, 1993 a (Statistischer Monatsbericht 1/93)


2) maximale Methanbildungsraten nach EPA, 1993; In: Heyer, 1994; Angenommene Methanumwandlungsfaktoren: Flüssigmist-
systeme: 15 %; Feststofflagerung: 1,5 %; Weidebetrieb: 1,5 %; Andere Systeme/allgemein: 5 %; Andere Systeme/Geflügel: 10 %
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
haben die Schweine aufgrund des besonders hohen den. In den vergangenen 40 Jahren nahm die welt-
Flüssigmistanteils mit 39 % den Hauptanteil, gefolgt weite Reisanbaufläche um 17 % zu. Die Intensivie-
von den Milchkühen (32 %) und den Rindern rung des Reisanbaus durch verbesserte Sorten, Ver-
(24 %). besserung der Düngung und Bewässerung und
dadurch ermöglichte Mehrfachernten führte seit 1950
Für die Methanemissionen aus tierischen Exkremen- zu einer Verdreifachung der Erträge. Durch die Mehr-
ten in den verschiedenen Regionen der Welt liegen fachernten (mehrere Ernten auf der gleichen Fläche
bisher nur ungenaue statistische Abschätzungen vor. innerhalb eines Jahres) wuchs die Reiserntefläche im
Nach dieser Kalkulation ist die globale Methanemis- gleichen Zeitraum um 41 %. Diese Entwicklung hat
sion aus tierischen Exkrementen (17 Mio. t CH 4/Jahr) wesentlich zur Zunahme der Methankonzentration in
deutlich geringer als von IPCC (1992) angegeben der Atmosphäre beigetragen (Heyer, 1994). Nach den
(25 Mio. t CH4/Jahr). Dies ist insbesondere darauf Angaben von IPCC (1992) sind die Reisfelder mit 17 %
zurückzuführen, daß die Anteile und die regionale an der globalen anthropogenen Methanemission
Verteilung der Exkrementlagerungssysteme nicht beteiligt.
berücksichtigt wurden. Gerade die weltweit wach-
sende Konzentration und Intensität in der Massentier-
haltung führt aber zu einer Zunahme der Flüssigmist-
systeme und somit zu erheblich höheren Methanemis- Mikrobiologische Prozesse
sionen (Tab. 2.10).
Methanbildung

Die Methanbildung in den Reisfeldern erfolgt durch


Tabelle 2.10 anaerobe mikrobiologische Prozesse beim Abbau
organischer Substanzen im Boden. Die wichtigste
Methanemission aus tierischen Exkrementen Voraussetzung dafür sind anoxische Bedingungen
in verschiedenen Regionen (1990) (Ausschluß von Sauerstoff), die im Boden als Folge der
(nach Bouwman u. a., 1991) Überflutung entstehen. Dabei wird durch die aeroben
mikrobiellen Mineralisationsprozesse mehr Sauer-
Region
Methanemission stoff verbraucht als durch Diffusion über die Flutwas-
in Mio. t/Jahr serschicht aus der Atmosphäre nachgeliefert werden
kann. Die Ausdehnung der anoxischen Bodenschicht
EU-Länder 1,588 wird durch eine Vielzahl von ökologischen Faktoren
Nicht-EU OECD Europa 0,352 reguliert: Flutwasserhöhe, Wassertemperatur, Was-
OECD Ost 0,748 serdurchdringung und Wasserströmung, Algenent-
wicklung, Menge der organischen Substanz, Menge
Nicht-EU Nicht-OECD Europa 0,407
der reduzierten Endprodukte der anaeroben Minera-
Ehemalige UdSSR 1,313 lisation, Bioturbation (Bodenbewegungen durch
Nordamerika 1,812 Tiere, Wurzelwachstum etc.), Sauerstofftransport
Lateinamerika 4,817 durch Reispflanzen.
Afrika 1,851 Wichtigster Faktor für die Methanbildung ist die
-
Mittlerer Osten 0,208 kohlenstoffhaltige organische Substanz im Boden, für
Zentralverwaltung Asien 1,380 die es verschiedene Quellen gibt:

Süd- und Südostasien 2,643 — vorhandene organische Substanz im Boden;


— absterbende Algen und Wasserpflanzen aus dem
Summe 17,119
Flutwasser;
— absterbende Wurzeln der Reispflanzen;
— Wurzelexsudate (Absonderungen) der Reispflan-
Entsprechend der zu erwartenden Zunahme der Tier- zen;
bestände zur Versorgung der wachsenden Weltbevöl-
kerung wird auch eine Zunahme der Methanemissio- — organische Düngung (Reisstroh, Reisstoppeln,
nen aus den tierischen Exkrementen prognostiziert Gründüngung, kompostierte Pflanzenreste, Ab-
(Bouwman u. a., 1991): fälle aus Biogasanlagen etc.);

1990: 17,119 Mio. t CH 4/Jahr — Begleitvegetation.


2000: 18,443 Mio. t CH4/Jahr
Die Intensität der Methanbildung hängt dabei von der
2025: 26,108 Mio. t CH4/Jahr
Menge und der Art der organischen Substanzen ab.
2100: 34,903 Mio. t CH 4/Jahr
Da die methanogenen Substrate über die anaerobe
Abbaukette gebildet werden, führen vor allem die
organischen Stoffe zu hohen Methanbildungsraten,
2.1.4 Naßreisanbau die unter anaeroben Bedingungen leicht abgebaut
werden können, wie z. B. die Wurzelexsudate der
Reis bildet die wichtigste Nahrungsgrundlage für Reispflanzen und Gründünger. Reste aus Biogasanla-
mehr als die Hälfte der Menschheit, insbesondere in gen und kompostiertes Pflanzenmaterial werden
Asien, wo etwa 90 % der Welternte produziert wer durch ihren hohen Anteil an schwer abbaubaren
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

Verbindungen (Lignin, Huminstoffe) nur sehr lang- zesses hat einen wesentlichen Einfluß auf das weitere
sam und unvollständig mineralisiert und ergeben Schicksal des Methans. Folgende Prozesse werden
daher geringere Methanbildungsraten. unterschieden:

Ein weiterer Einflußfaktor auf die Methanbildung ist — Diffusion in der wäßrigen Phase und in der Gas-
die Temperatur. Die Optimaltemperatur für die Me- phase,
thanbildung in Reisfeldböden liegt zwischen 30 und — Blasentransport,
40°C (Koyama, 1963; Sass u. a., 1991; Beide in: Heyer,
1994). In den Reisanbaugebieten der tropischen — Transport durch die Reispflanzen,
Regionen mit gleichmäßig hohen Temperaturen sind — Verfrachtung mit dem Flutwasser,
Änderungen der Methanbildungsraten durch Tempe-
raturänderungen von geringerer Bedeutung. Dage- — Verfrachtung in das Grundwasser.
gen führen die Temperaturänderungen in den nördli- Für die Methanemission in die Atmosphäre gelten die
cheren Reisanbaugebieten zu tageszeitlichen und Reispflanzen als die wichtigsten Transportwege.
saisonalen Änderungen der Methanbildungsraten Mehr als 90 % des beim Naßreisanbau in die Atmo-
(Schütz u. a., 1989; Sass u. a., 1990 u. 1992; Beide in: sphäre abgegebenen Methans werden durch das
Heyer, 1994). Aerenchym (Durchlüftungsgewebe) der Reispflanzen
Zu den weiteren notwendigen Voraussetzungen für transportiert (Seiler u. a., 1984; Holzapfel-Pschorn
die Methanbildung gehört ein negatives Redoxpoten- u. a., 1986; Beide in: Heyer, 1994). In geringerem
tial im Boden, das nach dem Verbrauch des Sauer- Maße trägt der Transport des Methans in den aufstei-
stoffs durch die Freisetzung reduzierter Substanzen genden Gasblasen zur Emission bei, während das
entsteht. Ein weiterer Einflußfaktor für die Methanbil- durch Diffusion im Bodenwasser wandernde Methan
dung ist der pH-Wert, wobei das Optimum für die zum großen Teil in den oxischen Bereichen durch die
Methanbildung im schwach sauren bis schwach alka- mikrobielle Oxydation am Übertritt in die Atmosphäre
lischen Bereich bei pH-Werten zwischen 6,4 und 7,8 gehindert wird. Das nach der Drainage der Reisfelder
liegt (Minami, 1993; In: Heyer, 1994). durch Diffusion in der Gasphase der Bodenhohlräume
verfrachtete Methan kann sowohl oxydiert werden als
auch in die Atmosphäre entweichen.

Methanabbau
Methanemission
Gelangt das in den anaeroben Bodenschichten gebil-
dete Methan in aerobe Bodenschichten, findet eine Die Methanemission ist die Differenz von Methanbil-
mikrobielle Oxidation des Methans mit Sauerstoff zu dung und Methanoxydation. Die beiden Schlüsselpro-
Kohlendioxid und Wasser statt. Die Methanoxidation zesse des Methankreislaufes entscheiden darüber,
stellt damit eine wesentliche Barriere für den Methan- wieviel Methan aus den Reisfeldern in die Atmo-
fluß aus den Reisfeldern in die Atmosphäre dar. Der sphäre gelangt. Die ökologischen Bedingungen, die
Vergleich zwischen der Methanbildung und der Me- Reispflanzen und die landwirtschaftlichen Maßnah-
thanemission belegt, daß nur etwa 20 % des gebilde- men wirken sich in der Regel nicht direkt auf die
ten Methans in die Atmosphäre entweichen (Holzap- Methanemission aus, sondern indirekt über ihren
fel-Pschorn u. a., 1985 u. 1986; In: Heyer, 1994). Einfluß auf die mikrobiologischen Prozesse im Reis--
feldboden. Messungen der Methanemission aus Reis-
Voraussetzung für die aerobe Methanoxydation ist die feldern in den USA, Spanien, Italien, den Philippinen,
Verfügbarkeit von Sauerstoff. Daher ist dieser Prozeß Japan, China, Thailand und Indien ergaben erhebli-
auf die oxischen Bereiche im Reisfeld beschränkt, d. h. che Unterschiede (0,2 bis 80 mg CH 4/m2 x h bzw.
auf die oberste Bodenschicht, auf die durch die
0,6 bis 167 g CH4/m2 x Saison), die zurückgeführt
Wurzeln mit Sauerstoff versorgten Bereiche der Rhi- werden auf Unterschiede
zosphäre (Wurzelraum) und auf das Flutwasser. Alle
ökologischen Bedingungen, die das Eindringen von — in der Düngeranwendung (Art, Menge, Ausbrin-
Sauerstoff begünstigen, wie Drainage, hohe Flutwas- gung),
serströmung, geringer Flutwasserstand, hohe Wasser-
— in der Zugabe von Hemmstoffen,
durchdringung und Sauerstoffbildung bei der Photo-
synthese der Algen haben eine Ausdehnung der — im Flutungsmanagement (Wassermenge, Draina-
oxischen Bereiche und damit eine Erhöhung der gen während der Saison, Fließgeschwindigkeit,
Methanoxydation zu Folge. Die Intensität des Me- Zeitdauer der Flutung, Flutungsbeginn, Wasser-
thanabbaus hängt in erster Linie von der Methankon- durchdringung),
zentration und außerdem von Temperatur und pH
— im Klima (Temperatur, Niederschlag),
Wert ab.
— in der Reissorte,
— im ökologischen Typ des Reises (bewässerter Reis,
Methantransport regengespeister Reis, Reis von nicht gefluteten
Böden),
Das in den anoxischen Bodenschichten gebildete
— in der Bodenart (Gehalt an organischer Substanz,
Methan gelangt durch verschiedene Transportpro-
Wasserdurchlässigkeit u. a.),
zesse in die oxischen Bodenschichten, in das Flutwas-
ser und in die Atmosphäre. Die Art des Transportpro — in der Bodenbearbeitung.
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
Düngung Temperatur

Da die organische Substanz die Grundlage für die Die Korrelation von Methanemission und Temperatur
Methanbildung ist, führt ein Eintrag von organischen konnte in verschiedenen Untersuchungen anhand der
Düngemitteln in die Böden zu einer erhöhten Methan tageszeitlichen Schwankungen aufgezeigt werden.
emission. Die Abbaubarkeit der organischen Sub- Eine Temperaturerhöhung von 20 auf 25°C führt zu
stanz unter anaeroben Bedingungen spielt dabei eine einer Verdopplung der Methanemission aus Reisfel-
entscheidende Rolle. Die Methanemission wird am dern (Schütz u. a., 1989; In: Heyer, 1994).
stärksten durch Gründüngung mit einem hohen
Anteil leicht mineralisierbarer organischer Substanz
gefördert. Auch die Einarbeitung von Reisstroh führt Ökologischer Typ der Reispflanzen
stets zu erhöhten Emissionsraten gegenüber unge-
düngten Kontrollen. Dagegen ist der Effekt von kom- Das unterschiedliche Bewässerungsmanagement der
postierter organischer Substanz oder von Abfällen aus verschiedenen Reistypen (bewässert, regenversorgt,
Biogasanlagen auf die Methanemission deutlich ohne längere Überflutung) bestimmt die Höhe der
geringer, da hier der Anteil an leicht mineralisierbarer Methanbildung und -emission. An der Methanemis-
organischer Substanz durch den Kompostierungs- sion in die Atmosphäre sind vor allem bewässerte
bzw. Vergärungsprozeß stark reduziert ist (Schütz Reisfelder beteiligt, die die Hälfte der gesamten
u. a., 1989; Yagi u. Minami, 1990; Cicerone u. a., 1992; Anbaufläche einnehmen, und in geringerem Maße
Wassmann u. a., 1993; Alle in: Heyer, 1994). die regenversorgten Reisfelder mit 38 % Flächenaus-
Die mineralischen Düngemittel und Harnstoff üben dehnung, nicht jedoch die Reisfelder ohne längere
keinen direkten Einfluß auf die Methanbildung aus. Überflutung.
Hier ist in der Regel auch keine Zunahme der Methan-
emissionsraten nach Düngung gegenüber ungedüng-
ten Kontrollen nachgewiesen worden. Reispflanzen

Die Reispflanzen beeinflussen in vielfältiger Weise die


mikrobiologischen Prozesse im Boden, die ökologi-
Zugabe von Hemmstoffen
schen Bedingungen und die Transportprozesse
durch:
Die Zugabe von Calciumcarbid (CaC2) zielt auf eine
Hemmung der Methanogenese. Bei der Reaktion von — den Eintrag von organischer Substanz (Wurzel-
Calciumcarbid (CaC2) mit Wasser entsteht Acetylen masse, Wurzelausscheidungen, Stoppel und
(C2H2 ), das bereits in geringen Konzentrationen die Stroh),
Methanbildung blockiert (Oremland u. Capone, 1988;
— den Transport von Methan in die Atmosphäre bzw.
In: Heyer, 1994).
von Sauerstoff in die Rhizosphäre,
— die Beschattung der Bodenoberfläche und des
Flutungsmanagement Flutwassers (Algenbildung, Boden- bzw. Wasser-
temperatur).
-
Die Flutung des Reisfeldbodens ist die Voraussetzung Die Methanemissionen verschiedener Reissorten lie-
für die Entstehung anoxischer Bedingungen und gen in einem Bereich von 1,3 bis 49,0 mg CH 4 /m x h
damit für die Methanbildung. Nur während der Zeit (Parashar, 1993; In: Heyer, 1994).
der Wassersättigung des Bodens kann eine Methan-
bildung erfolgen. Eine Unterbrechung der Flutung
führt vor allem dann zu einem sofortigen Stillstand der Bodenart
Methanogenese und damit der Methanemission,
wenn Sauerstoff durch Diffusion in der Gasphase in Neben dem Bodentyp spielen der Gehalt an organi-
den Boden eindringen kann. Nach erneuter Flutung scher Substanz, der Nährstoffgehalt (C/N-Verhältnis),
vergeht dann mindestens eine Woche, bevor die pH-Wert, Textur, Wasserkapazität und andere Boden-
Methanbildung wieder einsetzt (Sass u. a., 1992; In: faktoren eine Rolle. Es liegen jedoch noch keine
Heyer, 1994). ausreichenden Erkenntnisse über die Wechselwir-
Die Fließbewegungen des Flutwassers versorgen die kungen der verschiedenen Faktoren auf Methanbil-
methanoxidierenden Bakterien an der Bodenoberflä- dung und Methanoxidation und damit auf die Me-
che mit Sauerstoff. Bei Stagnation des Flutwassers thanemission vor.
kann es innerhalb eines Tages zu anoxischen Bedin-
gungen auf der Bodenoberfläche kommen, wodurch
die Methanoxidation eingeschränkt wird. In Reisfeld- Bodenbearbeitung
böden mit einer hohen Wasserdurchdringung kann
dagegen durch das Eindringen von sauerstoffhalti- Über den Einfluß der Bodenbearbeitung auf die Me-
gem Flutwasser in die anoxischen Bodenschichten die thanemission sind bisher keine systematischen Unter-
Methanogenese ausgeschaltet bzw. auf tiefere Bo- suchungen durchgeführt worden. Die Bodenbewe-
denschichten zurückgedrängt werden. Dies hat eine gungen während des Reiswachstums durch Tiere
Verminderung der Methanemission zur Folge (Mi- (Bioturbation) oder landwirtschaftliche Maschinen bei
nami, 1993; In: Heyer, 1994). der Ausbringung von Dünger, Herbiziden und ande-
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag - 12. Wahlperiode

ren Substanzen sowie bei der Ernte führen zu einer Nach Schätzungen wird die Reisproduktion bis zum
massiven Methanfreisetzung aus den im Boden Jahr 2020 auf 758 Mio. t/Jahr ansteigen (Neue, 1991).
befindlichen Gastaschen (Gasblasen). Diese Methan Das entspricht einer Steigerung um 46 % (1,5 %/Jahr).
emission ist bei den bisherigen Messungen nicht Da eine Ausdehnung der Reisanbaufläche nicht im
erfaßt worden und macht daher eine Korrektur der bisherigen Umfang möglich sein wird, muß dieses Ziel
globalen Kalkulationen der Methanemission von vor allem durch höhere Erträge und Mehrfachernten
Reisfeldern notwendig (Neue, 1992; In: Heyer, erreicht werden. Auf der Basis der bisherigen Ent-
1994) . wicklung wurde eine Kalkulation für die Zunahme der
Methanemission aus Reisfeldern in den nächsten 100
Jahren durchgeführt. Danach ist mit einer Verdopp-
lung der globalen Methanemission aus Reisfeldern
Kalkulation der globalen Methanemission aus gegenüber dem heutigen Stand zu rechnen.
Reisfeldern

Die gegenwärtige Erntefläche beträgt 145,9 Mio. Tabelle 2.12


Hektar (ha) (1990), auf der 518,9 Mio. t Reis im Jahr
produziert werden (Neue, 1991). 1951 wurden auf Entwicklung von Reisanbaufläche
einer Fläche von 103,7 Mio. ha 170,5 Mio. t Reis und Methanemission aus Reisfeldern
erzeugt. Sowohl die erhebliche Zunahme der Reisan- (bewässerter und regenversorgter Reis)
baufläche als auch der Anbauintensität führten zu in den nächsten 100 Jahren (Bouwman u. a., 1991)
einer entsprechenden Zunahme der Methanemission
in die Atmosphäre. Die derzeitigen Methanemissio- Jahr
Reisanbaufläche Methanemission
nen aus Reisfeldern wurden für verschiedene Regio- in Mio. ha in Mio. t/Jahr

nen berechnet. Danach werden entsprechend der


Verteilung der Reisanbaugebiete auf der Erde mehr 1990 131 92
als 90 % des Methans in Asien emittiert (Bouwman 2025 183 131
u. a., 1991). 2050 211 152
2075 236 170
2100 255 184

Tabelle 2.11
2.1.5 Biomasseverbrennung
Methanemissionen aus Reisfeldern
in verschiedenen Ländern und Regionen der Erde Die Biomasseverbrennung ist zu einem erheblichen
(Bouwman u. a., 1991) Teil der Vernichtung der tropischen Wälder anzula-
sten. Die Bereitstellung landwirtschaftlicher Anbau-
Methan-
Anteil flächen ist mit etwa 90 % die Hauptursache für die
Länder/Regionen emission Brandrodung und Rodung geschlossener tropischer
in Prozent
Mio. t/Jahr
Regenwälder. Die Flächen werden je zur Hälfte im -
Wanderfeldbau genutzt bzw. in mehr oder weniger
Frankreich 0,01
dauerhafte landwirtschaftliche Nutzung (Weide- und
Griechenland 0,01 Plantagenflächen) überführt (Amelung u. Diehl,
Italien 0,08 1991). Die Brände in den tropischen und subtropi-
Portugal 0,01 schen Savannengebieten sind ebenfalls überwiegend
anthropogen bedingt und dienen der Erneuerung des
Spanien 0,02
Aufwuchses für die Weidewirtschaft. Weitere Emis-
sionsquellen sind das Abbrennen von landwirtschaft-
EU gesamt 0,13 0,14
lichen Ernteabfällen und die Verbrennung von Bio-
masse zur Energiegewinnung (Holz, Holzkohle, Ern-
Nicht-EU OECD Europa 0,03 0,03
tereste, Tierdung). Bei der Verbrennung von Bio-
OECD Ost 0,86 0,9 masse werden 0,6 bis 1,6 % des Kohlenstoffs in
Nicht-EU Methan umgewandelt (EPA, 1992; In: Heyer, 1994).
nicht-OECD Europa 0,03 0,03 Die Menge des freigesetzten Methans ist vom Aus-
Ehemalige UdSSR 0,26 0,3 gangsmaterial und von der Art der Verbrennung
abhängig. Bei Schwelbränden wird wesentlich mehr
Nordamerika 0,44 0,5 Methan gebildet als bei Bränden mit hoher Luftzufuhr
Süd- und Zentralamerika 3,84 4,2 und hoher Temperatur.
Afrika 2,11 2,3 In Deutschland betrug die Methanemission aus der
Mittelost 0,36 0,4 Verbrennung von Holz in den alten Bundesländern
Zentralverwaltung Asien 20,11 21,8 11 000 t CH 4 /Jahr (1987). Das sind nur 0,2 % der
anthropogenen Methanemissionen in Deutschland.
Süd- und Südostasien 64,03 69,4
Die globale Methanemission aus der Biomassever-
Welt 92,2 100 brennung wird mit 62,2 Mio. t CH 4/Jahr angegeben.
Daran sind beteiligt (Selzer, 1992; In: Heyer, 1994):
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
Tabelle 2.13 aus der Luft führt zu einem Nährstoffeintrag in andere
Ökosysteme. Diese Erhöhung der Mineralstoffkon-
Globale Methanemissionen zentration (Eutrophierung) verursacht insbesondere
aus der Biomasseverbrennung in nährstofflimitierten Gewässern und Feuchtgebie-
(Selzer, 1992; In: Heyer, 1994) ten eine Zunahme der Primärproduktion (Algen, Was-
serpflanzen). Nach dem Absterben der vermehrt
Mio. t gebildeten Biomasse steigt die Methanbildung im
%
CH4 /Jahr Sediment und somit die Methanfreisetzung in die
Atmosphäre.
Brandrodung 22,2 36
Busch- und Waldbrände 12,4 20
Verbrennung Methanoxidation
landwirtschaftlicher Abfälle 16,6 27
Bestimmte terrestrische Ökosysteme, wie Wälder der
Holzverbrennung
borealen, gemäßigten und tropischen Zonen, Savan-
zur energetischen Nutzung 11,0 17
nen und Grasländer, wirken als Senke für das atmo-
sphärische Methan. Schätzungsweise 30 bis 40 Mio. t
Summe 62,2 100
CH4/Jahr werden von diesen Ökosystemen weltweit
aufgenommen (Seiler und Conrad, 1987; Reeburgh
u. a., 1993; Beide in: Heyer, 1994; IPCC, 1992). Die
Dem von IPCC (1992) angegebenen Durchschnitts-
Umwandlung dieser Ökosysteme in Ackerland führt
wert von 40 Mio. t Methan/Jahr (20-80) kommen die
zu einer Verminderung der Methanaufnahme auf ein
Kalkulationen von Bouwman u. a. (1991) mit 44 Mio. t
Viertel (Ojima u. a., 1993; In: Heyer, 1994). Durch das
(Tab. 2.14) und Andreae (1991) mit 38,7 Mio. t
Ausmaß der Umwandlung von tropischen Wäldern in
näher.
Ackerfläche wird daher die globale Methanaufnahme
Die Biomasseverbrennung beschränkt sich im we- aus der Atmosphäre um etwa 4 Mio. t CH 4/Jahr
sentlichen auf Lateinamerika, Afrika und in geringe- reduziert (Keller u. a., 1990; In: Heyer, 1994).
rem Umfang auf Asien. Aufgrund des Wachstums der
Auch der Nährstoff- und insbesondere der Stickstoff-
Bevölkerung in den Entwicklungsländern und der
eintrag in die Böden natürlicher und naturnaher
daraus resultierenden Ausweitung der landwirt-
Ökosysteme (z. B. auch Wiesen und Weiden) reduziert
schaftlichen Nutzflächen wird folgende Zunahme der
die Methanaufnahme der Böden (Steudler, u. a. 1989;
Emissionen durch die Biomasseverbrennung progno-
In: Heyer, 1994). Die Fähigkeit der Waldböden zur
stiziert.
Methanoxidation wird ganz erheblich durch die Stick-
stoffeinträge, vor allem durch das Ammoniak (NH 3 )
Tabelle 2.14 aus der Landwirtschaft, verringert (Hartung, 1992;
Castro et al., 1992). Allein in den gemäßigten Breiten
Entwicklung der Methanemissionen (in Mio. t CH 4 ) wird die Methanaufnahme landwirtschaftlich genutz-
durch die Biomasseverbrennung ter Böden durch die Stickstoffdüngung und Landnut-
(Brandrodung, Savannenbrände, landw. Abfälle) zungsänderungen um 1,5 bis 6 Mio. t/Jahr reduziert
in verschiedenen Regionen der Welt (Ojima u. a., 1993; In: Heyer, 1994).
-
(Bouwman u. a., 1991)

CH4
Region
1990 2025 2050 2100

2.2 Distickstoffoxid (N20)


Lateinamerika 15 19 20 21
Afrika 25 37 42 47 Die atmosphärische Konzentration von N 20 ist von
Mittlerer Osten 0 0 0 0 288 ppbv in vorindustrieller Zeit auf gegenwärtig
Zentralverwaltung 311 ppbv (1991) angestiegen. In den vergangenen
Asien 1 1 1 1 20 Jahren lag der mittlere Anstieg bei 0,8 ppbv bzw.
0,25 % pro Jahr (EK, 1992). Dies entspricht einer
Süd-, Südost-Asien 2 3 3 3
jährlichen Zunahme in der Atmosphäre um 3 bis
4,5 Mio. t N2O-N/Jahr (IPCC, 1992). Analysen aus
Welt 44 60 67 72
Eisbohrkernen zeigen, daß der Anstieg seit Beginn
der Industrialisierung mit der zunehmenden Auswei-
tung der landwirtschaftlichen Nutzflächen korreliert
und seit Mitte des 20. Jahrhunderts eine drastische
2.1.6 Indirekte Einflüsse der Landwirtschaft auf die Beschleunigung erfuhr. Diese Zunahme wird insbe-
Methanemission aus anderen Ökosystemen sondere auf den stark gestiegenen und teilweise
übermäßigen Einsatz von stickstoffhaltigen Dünge-
mitteln in der Landwirtschaft zurückgeführt. Durch
Die Auswaschung und Abschwemmung von Mineral die damit verbundene Eutrophierung natürlicher
dünger und Gülle von landwirtschaftlich genutzten Ökosysteme werden auch dort die N20-Emissionen
Flächen und der Eintrag von Stickstoffverbindungen deutlich erhöht.
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

Abbildung 2.2: Anthropogene N 2O-Emissionen in der Bundesrepublik Deutschland (1990)


(BMU, 1993 a):

Tabelle 2.15 In Deutschland wird N 2 0 insbesondere bei industriel-


len Produktionsprozessen und durch die Stickstoff-
Globale Quellen und Senken düngung in der Landwirtschaft freigesetzt. Die
des Distickstoffoxids (IPCC, 1992) gesamten anthropogenen Emissionen wurden für das
Jahr 1990 auf etwa 225 000 t N 20 geschätzt. Die
Mio. t Landwirtschaft ist hieran zu einem Drittel (75 000 t
N20-N/Jahr N2O/Jahr) beteiligt (Abb. 2.2) (BMU, 1993 a).

Natürliche Quellen N20 entsteht neben den Stickstoffoxiden (NO u. NO 2 =


Meere 1,4 — 2,6 NOR ) und molekularem Luftstickstoff (N 2 ) bei der
Tropische Böden mikrobiellen Umsetzung (Nitrifikation, Denitrifika-
— Feuchtwälder 2,2 — 3,7 tion) von anorganischen Stickstoffverbindungen
(NH4 +; NO 3- ) in Böden und Gewässern. Daneben führt
— Trockensavannen 0,5 — 2,0
Böden gemäßigter Breiten auch die Verbrennung von Biomasse und fossilen
Energieträgern zur Freisetzung von N 2O , NOx und N2.
— Wälder 0,05— 2,0
Der N 2 O-Eintrag aus der Verbrennung fossiler Ener-
— Grasländer ?
gieträger wurde bisher jedoch überschätzt und der
Anthropogene Quellen Beitrag der Landwirtschaft eher unterschätzt. Da N 20
Kultivierte Böden 0,03— 3,0 fast immer gemeinsam mit den Stickstoffoxiden gebil-
Biomasseverbrennung 0,2 — 1,0 det und emittiert wird, werden diese gasförmigen
Stationäre Energieerzeugung 0,1 — 0,3 N-Verbindungen im folgenden auch gemeinsam
Verkehr 0,2 — 0,6 behandelt, obwohl NO und NO 2 nur indirekt klima-
Chemische Indust ri e wirksam sind (Kap. 2.4.2).
— Nylonherstellung 0,4 — 0,6
— Düngemittelherstellung 0,1 — 0,2
2.2.1 Stickstoffkreislauf
Senken
Photochemische Spaltung Abb. 2.3 gibt einen Überblick über die natürlichen
in der Stratosphäre 7 —13 und anthropogenen Stickstoffeinträge in die landwirt-
Aufnahme durch Böden ? schaftlich genutzten Böden, die do rt ablaufenden
Umsetzungsprozesse und die Stickstoffausträge aus
Zunahme in der Atmosphäre 3 — 4,5
den Agrarökosystemen.
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350

Abbildung 2.3: Stickstoffbilanz im Bodenbereich (AID, 1992):

Die Stickstoffeinträge in die landwirtschaftlichen entspricht im weltweiten Durchschnitt etwa 54 kg


Ökosysteme erfolgen in Form von N/ha landwirtschaftlicher Nutzfläche (Bouwman u. a.,
1991).
— mineralischer N-Düngung,
-
Der Eintrag durch die nasse Deposition N-haltiger
— organischer Düngung durch Tierexkremente, Ern-
Spurengase (Stickstoffoxide, Ammoniak) mit den Nie-
tereste, Siedlungsabfälle etc.,
derschlägen und durch trockene Deposition der Gase,
— biologischer N2 -Bindung durch freilebende und in Aerosole und Stäube ist erheblich schwieriger abzu-
Symbiose mit Pflanzenwurzeln lebende Mikroor- schätzen, da die Angaben mit großen Unsicherheiten
ganismen, behaftet sind. Beteiligt an der Emission N-haltiger
Spurengase sind insbesondere die Verbrennung fos-
— trockener und nasser Deposition von N-Verbin-
siler Energieträger, die Verbrennung von Biomasse in
dungen aus der Atmosphäre.
Landwirtschaft, Brandrodung etc., die bei elektri-
In Böden (und Gewässern) freilebende Mikroorganis- schen Entladungen (Blitze) aus Luftstickstoff gebilde-
men und solche, die in Symbiose mit höheren Pflanzen ten Stickstoffoxide sowie die mikrobiellen Prozesse in
(vorwiegend Leguminosen) leben, sind in der Lage, Böden und Gewässern. Die gasförmigen N-Emissio-
molekularen Luftstickstoff zu binden (biologische N2 nen aus landwirtschaftlichen Nutzflächen gelangen
teilweise durch Deposition wieder in diese zurück. Die-Fixerung)dhoaisceSubtnz-
bauen oder an die Pflanzenwurzeln weiterzugeben, Stickstoffeinträge durch trockene und nasse Deposi-
mit denen sie in Symbiose leben. Nach Mineralisie- tion liegen zwischen 10 und 80 kg N/ha x Jahr (Beese,
rung der organischen Substanz liegt der darin enthal- 1994), können regional aber bis zu 200 kg N/ha x Jahr
tene Stickstoff im Boden in pflanzenverfügbarer Form und mehr betragen (Kreutzer, 1993). Dieser Eintrag
vor. Der weltweite Stickstoffeintrag in die Landwirt- erfolgt gleichermaßen in landwirtschaftlichen wie in
schaft durch den Anbau von Futter- und Nahrungsle- naturnahen und natürlichen Ökosystemen.
guminosen wird auf 80 bis 90 Mio. t N/Jahr geschätzt
Der Stickstoff der organischen bzw. Wirtschaftsdün-
(Hauck, 1988, In: Beese, 1994; IPCC, 1992).
gung lief bzw. läuft überregional betrachtet in einem
Der weltweite Eintrag von Stickstoff durch Mineral internen Kreislauf. Der Stickstoff, den die Pflanzen
düngung hat mittlerweile die gleiche Größenordnung den Böden entziehen, gelangt über die Nahrungs-
erreicht und betrug 1990 79,6 Mio. t N/Jahr. Dies kette zu den Menschen und Tieren. Die stickstoffhal-
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

tigen menschlichen und tierischen Exkremente, 2.2.2 Mikrobiologische Prozesse


Abfälle aus der Lebensmittelverarbeitung, Siedlungs-
abfälle etc. gelangen wiederum als organische Dün- Böden stellen eine wichtige Quelle für N 20 und NOx
ger (teilweise) zurück auf die landwirtschaftlichen dar. An der Spurengasbildung sind sowohl biotische
Nutzflächen. Dieser Kreislauf ist jedoch in weiten als auch abiotische Prozesse beteiligt. Zu den bioti-
Teilen unterbrochen worden. Insbesondere in der schen Prozessen gehören die Nitrifikation, die Denitri-
westlichen Intensivlandwirtschaft führte die räumli- fikation, die dissimilatorische Reduktion von Nitrat zu
che Konzentration der Massentierhaltung mit Futter- Ammonium und die assimilatorische Reduktion von
mittelimporten zu hohen Gülleüberschüssen, die auf Nitrat unter Bildung von Zellbiomasse. Zu den abioti-
den knappen Flächen als Wirtschaftsdünger nicht schen Prozessen gehören chemische Prozesse
mehr ökologisch verträglich verwertet werden kön- (Chemo-Denitrifikation) und die Verbrennung von
nen. Der Konzentration in der Tierhaltung steht meist Biomasse (Pyro-Denitrifikation) (Lobert u. a., 1990, In:
räumlich getrennt eine intensive Pflanzenproduktion Beese, 1994).
mit oftmals überhöhtem Mineraldüngereinsatz ge-
genüber. An den biotischen Vorgängen sind eine Vielzahl von
verschiedenen Bodenmikroorganismen beteiligt, die
Durch diese Zerstörung der ursprünglichen Kreisläufe über unterschiedliche biochemische Reaktionen NO
treten erhebliche Stickstoffverluste auf. Die Eiweiß- bzw. N2 0 freisetzen. Eine biologische Produktion von
überversorgung in der Tierhaltung führt bei der Lage- NO2 konnte bisher nicht zweifelsfrei nachgewiesen
rung und Ausbringung von Wirtschaftsdüngern zu werden. Die Nitrifikation und die Denitrifikation wer-
gasförmigen N-Emissionen. Die entsprechenden Ei- den allgemein als die dominierenden Prozesse ange-
weißüberschüsse in der menschlichen Ernährung sehen.
werden in Gewässern bzw. mit hohem technischen
Aufwand in Kläranlagen zu stickstoffhaltigen Gasen
abgebaut. In den Gewässern und Böden sind verschie- 2.2.2.1 Nitrifikation
dene mikrobielle Prozesse, insbesondere die Nitrifi-
zierung und Denitrifizierung für die gasförmigen Unter Nitrifikation versteht man die biologische Oxi-
N-Verlusten und mithin für die Bildung von Distick- dation von Ammonium (NH4 +) zu Nitrat (NO 3- ). Die-
stoffoxid (N 2O ) und Stickstoffoxiden (NOx) verant- ser Prozeß erfolgt in zwei Schritten:
NH4 + + 3/2 02 → NO2- + 2H+2O
wortlich. Neben den gasförmigen N-Verlusten wird
+ H
NO 2- + 1/2 0 2 → NO3 -
den landwirtschaftlichen Ökosystemen Stickstoff
durch die Ernte der wachsenden Pflanzen und die
(Nitrat-) Auswaschung und Abschwemmung in Der erste Schritt wird in den landwirtschaftlich
Grund- und Oberflächengewässer entzogen. genutzten Böden überwiegend von Bakterien der

Abbildung 2.4: Beziehung zwischen der Wassersättigung des Bodens und der relativen Nitrifikation und Denitrifikation (nach Linn u. Doran,
1984, In: Beese, 1994):
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
Gattungen Nitrosomonas und Nitrosospira durchge- Die größte Bedeutung kommt im terrestrischen
führt, während für den zweiten Schritt im wesentli- Bereich der Verfügbarkeit oder Abwesenheit von
chen die Gattung Nitrobacter verantwortlich ist. Diese Sauerstoff, von geeigneten Reduktionsmitteln (in der
Organismen benötigen CO 2 , 02 und NH4 + zum Regel organisch gebundener Kohlenstoff) sowie von
Wachstum und beziehen die notwendige Energie aus Elektronenakzeptoren (NO 3 - ; NO 2 - ) zu.
der Oxidation des Ammoniums (NH 4 +) bzw. des Nitrits
(NO2 - ). Der Prozeß, der zur Produktion von N 2 0 Die Denitrifikation steigt generell mit sinkendem
Sauerstoffgehalt im Boden und ist daher ebenfalls vom
während der Nitrifikation führt, ist noch nicht vollstän-
Luft- bzw. Wasserhaushalt, den physikalischen
dig aufgeklärt.
Bodeneigenschaften und den Klimafaktoren abhän-
In landwirtschaftlich genutzten Böden ist die Verfüg- gig. Die N2O -Freisetzung wird durch hohe Bodenwas-
barkeit von NH 4 + die dominierende Größe, die die sergehalte stimuliert. Die höchste Denitrifikationsrate
Nitrifikation regelt. Die Zufuhr von nitrifizierbarem wird bei vollständiger Wassersättigung des Bodens
Stickstoff (Harnstoff (CO(NH 2 ) 2 ), Ammoniak (NH3 ) erreicht (Abb. 2.4). Die Bildung von NO durch Denitri-
oder Ammoniumsulfat (NH 4 ) 2 SO4 )) erhöht in der fikation erfolgt ebenfalls erst, wenn anaerobe Boden-
Regel die N2 O-Bildung deutlich (Bremner u. Black- verhältnisse vorliegen (Schuster u. Conrad, 1992, In:
mer, 1981, In: Beese, 1994). Die Zugabe von Nitrifika- Beese, 1994).
tionshemmstoffen reduziert hingegen die Freisetzung Das Vorhandensein leicht abbaubarer organischer
der N-haltigen Spurengase. Substanz beeinflußt die Freisetzung N-haltiger Spu-
Die Nitrifikation erreicht ihr Maximum bei ca. 60- rengase in mehrfacher Hinsicht. Die organische Sub-
prozentiger Wassersättigung des Bodens (Abb. 2.4). stanz, die als ober- und unterirdischer Bestandesabfall
Bei höheren Wassergehalten sinkt die Aktivität durch in Böden gelangt, dient den dort lebenden Mikroor-
den zunehmenden Sauerstoffmangel. Unter 60 % ganismen als Energiequelle, als Elektronenspender
Wassersättigung nimmt die mikrobielle Aktivität und und liefert darüberhinaus Material zum Aufbau von
damit die Nitrifikation durch zunehmenden Wasser- Biomasse. Die Mineralisierung der organischen Sub-
mangel kontinuierlich ab (Beese, 1994). Die Nitrifika- stanz ist mit einem hohen Sauerstoffverbrauch ver-
tion und die damit verbundene N 2 0-Freisetzung wird bunden und kann daher rasch zu anaeroben Boden-
somit erheblich vom Wasser- und Sauerstoffhaushalt bedingungen führen.
des Bodens (Porensystem, Humusgehalt etc.) und den Die Denitrifikationsrate wird des weiteren entschei-
klimatischen Faktoren (Niederschlag, Verdunstung dend von der Konzentration der Ausgangssubstrate
etc.) beeinflußt. Wassermangel und weitgehende (Stickstoffoxide: NO 3 - , NO 2- , NO, N2 0), insbesondere
Wassersättigung reduzieren die Nitrifikation. Nitrat im Boden beeinflußt. Bei einem Überangebot
von Stickstoffoxiden im Verhältnis zum `Reduktions-
Darüber hinaus können niedrige pH-Werte, Phos-
mittel wird ein höherer Anteil an N 2 O gebildet. Im
phatmangel oder extreme Temperaturen die Nitrifi-
umgekehrten Fall verläuft ein höherer Anteil der
kation hemmen, wie dies in vielen Böden natürlicher
Denitrifikation zum molekularen N2 (Beese, 1994).
Ökosysteme beobachtet wurde (Haynes, 1986, In:
Beese, 1994). Die optimalen Temperaturen für die Bodentemperaturen unter 5°C oder über 40°C werden
Nitrifikation liegen zwischen 30 und 35°C. Tempera- allgemein als limitierend für die Mikroorganismenak-
turen unter 5°C und über 40°C wirken stark hemmend tivität angesehen. Die Denitrifikation sinkt mit abneh-
(Beese, 1994). Bei der Nitrifikation werden schät- mender Temperatur, das N 20/N2 -Verhältnis steigt
zungsweise 1 bis 4 % des umgesetzten Stickstoffs als jedoch (Keeney u. a., 1979, In: Beese, 1994). Ähnlich
N20 freigesetzt (Hutchinson u. Brams, 1992; Hutchin- verhält sich der Einfluß des Boden-pH-Wertes auf die
son u. a., 1992, Beide in: Beese, 1994). Denitrifikation. Mit steigendem pH-Wert nimmt die
komplette Reduktion von NO 3 - zu N2 zu und die
anteilige Freisetzung von N 2O und NO ab. Die Ver-
2.2.2.2 Denitrifikation
sauerung der Böden führt daher zu höheren NO- und
N2O-Emissionen (Nägele u. Conrad, 1990, Eaton u.
Die mikrobielle Denitrifikation ist die Reduktion von
Patriquin, 1984, Bollag u. a., 1973, Alle in: Beese,
Nitrat (NO 3 -) oder Nitrit (NO 2 -) unter anaeroben bzw.
1994). Verschiedene Befunde belegen auch in sauren
mikroaeroben zu NO, N 2 0 oder N2. Die Reaktions-
Böden erhebliche Denitrifikationsraten (Van Cleem-
kette läßt sich folgendermaßen beschreiben:
put u. a., 1976, Melillo, 1986, Beide in: Beese, 1994;
NO3 - → NO 2 - → [NO] → N2 0 → N2 Brumme u. Beese 1992), was auf eine Anpassung der
Mikroorganismenpopulation an verschiedene Um-
N2O - und in einigen Fällen auch das NO — können
weltbedingungen schließen läßt. Das Verhältnis von
obligatorische Zwischenprodukte dieser Reaktions-
N2O bzw. NOx zu N2 ist wesentlich von der Mikroor-
ketten sein. In Abhängigkeit von den Bodenbedin-
ganismengesellschaft des Standortes abhängig
gungen werden diese Zwischenprodukte in unter-
(Munch, 1989 u. 1990, In: Beese, 1994).
schiedlichem Maß freigesetzt. Die meisten Denitrifi-
kanten sind fakultativ anaerobe heterotrophe Bakte- Gerade die Komplexität der Umweltfaktoren und
rien der Gattungen Pseudomonas, Azospirillum, Alca- deren Veränderungen über Raum und Zeit (Tages-
ligene u. a.. Da Denitrifikanten eine sehr weite Ver- und Jahresgänge, inhomogene Bodenverhältnisse
breitung haben, wird die Denitrifikation weniger und Witterungsbedingungen etc.) bereiten erhebliche
durch die Anwesenheit bzw. Aktivität der Mikroorga- Probleme bei der Abschätzung der Freisetzung von
nismen als vielmehr durch die Verfügbarkeit notwen- NOx und N2O aus Böden. In Tab. 2.16 sind einige
diger Substrate oder die Umweltbedingungen beein- Größen angegeben, die das Verhältnis von N 2O zu N2
flußt (Firestone u. Davidson, 1989, In: Beese, 1994). bestimmen.
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

Tabelle 2.16 2.2.3 Distickstoffoxidemissionen


Bestimmungsfaktoren des N2O/N2 -Verhältnisses
Eine große Zahl von Umweltfaktoren, Bodeneigen-
bei der Denitrifikation
schaften und Bewirtschaftungsfaktoren steuern die
(Firestone and Davidson, 1989, In: Beese, 1994)
jeweilige Zusammensetzung der Bodenmikroorganis--
mengeselischaft und die Höhe der NO R - und N2O
Faktoren erhöht das N2 0/N 2 - Verhältnis
Freisetzung. Im Bereich der Landwirtschaft gilt die
Stickstoffdüngung als der wesentliche Einflußfaktor
(NO3-) oder (NO 2-) steigende Konzentration
auf die N 2 0- und NOx-Emissionen.
des Elektronenakzeptors
Sauerstoff Anstieg des
Sauerstoffpartialdruckes
2.2.3.1 Düngung
Kohlenstoff Abnahme
der C-Verfügbarkeit
Der weltweite Verbrauch von Stickstoffdüngern ist in
pH sinkender pH-Wert der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts deutlich ange-
Temperatur sinkende Temperatur stiegen. 1960 lag der Weltverbrauch bei 11 Mio. t
Enzym-Status erniedrigte N/Jahr. Dies entsprach einer durchschnittlichen jähr-
N2O -Reduktase-Aktivität lichen Aufwandmenge von 8 kg N/ha Acker- und
Dauerkulturfläche (ohne Dauergrünland (DG)). Zwi-

Tabelle 2.17

Entwicklung des N-Mineraldüngerverbrauchs in verschiedenen Ländern und Regionen der Welt


(1960 und 1990) (Bouwman u. a., 1991)

in kg N/ha. in kg N/ha.
insgesamt Acker- und Änderung insgesamt Acker- und
1960 Dauer- in %/Jahr 1990 Dauer-
in 1 000 t kulturfläche 1960 bis 1990 in 1 000 t kulturfläche
(ohne DG) (ohne DG)

1 Belgien/Luxemburg 100 107 2.3 197 240


2 Dänemark 124 44 3.0 377 147
3 Frankreich 565 26 5.2 2 604 133
4 Bundesrepublik Deutschland 618 73 3.1 1 540 206
5 ehemalige DDR 246 40 4.3 873 177
6 Griechenland 73 20 5.9 409 104
7 Irland 25 10 9.2 349 362
8 Italien 333 21 3.5 925 76
9 Niederlande 234 227 2.1 435 467
10 Portugal 64 15 3.0 157 57
11 Spanien 275 13 4.8 1 121 55
12 Großbritannien 463 64 3.9 1 462 200

1-12 Europäische Länder 3 119 34 4.1 10 448 125


13 weitere europäische
OECD-Länder 292 8 6.3 1 837 51
14 Australien und Japan 752 21 1.2 1 067 20
15 Nicht-EU
Nicht-OECD Europa 576 11 7.2 4 654 96
16 ehemalige UdSSR 820 4 9.2 11 507 50
17 USA und Kanada 3 025 13 4.3 10 834 46
18 Süd- und Mittelamerika 432 4 7.5 3 809 21
19 Afrika 340 ? 6.3 2 113 11
20 Nah-Ost 40 1 11.5 1 260 34
21 Zentralverwalt. Asien 960 8 10.5 19 549 178
22 Süd- und Ostasien 680 3 10.2 12 390 46

Welt insgesamt 11 051 0 6.0 79 563 54


offizielle Angaben 10 200 79 563
Differenz 851 0
Deutscher Bundestag - 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
schen 1960 und 1990 stieg der weltweite Verbrauch jeweilige Acker- und Dauerkulturfläche ohne Dauer-
um durchschnittlich 6,8 %/Jahr. 1990 betrug der grünland).
Weltverbrauch bereits 79,6 Mio. t N, was einer durch-
In den mitteleuropäischen EU-Staaten ist künftig auch
schnittlichen Aufwandmenge von 54 kg N/ha Acker-
aufgrund wachsender Produktionsüberschüsse und
und Dauerkulturfläche (ohne DG) entsprach (Bouw-
Umweltprobleme nicht mit einer weiteren Steigerung
man u. a., 1991).
der Stickstoffdüngung zu rechnen. Bis 2025 wird sogar
Die Intensität des Mineraldüngereinsatzes ist jedoch ein jährlicher Rückgang des gesamten Stickstoff-
regional sehr unterschiedlich verteilt. Von den im Jahr Mineraldüngereinsatzes um 0,4 % prognostiziert.
1990 weltweit ausgebrachten 80 Mio. t N-Mineral- Dennoch wird in einigen EU-Ländern mit einer zur
dünger entfielen auf die EU 10,5 Mio. t N (13,1 Pro- Zeit noch relativ geringen Bewirtschaftungsintensität
zent). In Deutschland wurden rund 2,4 Mio. t N der Düngemittelverbrauch weiter zunehmen. Durch
Mineraldünger ausgebracht, das sind etwa 3 % des die Flächenstillegung infolge der EU-Agrarreform
weltweiten N-Düngereinsatzes. Nach Tab. 2.17 ent- nimmt die Anbaufläche ab. Diese Verknappung des
sprach dies einer durchschnittlichen Aufwandmenge Produktionsfaktors Boden kann tendentiell zur Inten-
von 125 kg N/ha Acker- und Dauerkulturfläche (ohne sivierung auf den weiterhin bewirtschafteten Restflä-
DG) in der EU bzw. 206 kg N/ha in der Bundesrepu- chen führen (UBA, 1993; Scheele u. Schmitt, 1993).
blik Deutschland und sogar 467 kg N/ha in den Weltweit wird der N-Düngerverbrauch weiter anstei-
Niederlanden. In Afrika lag der durchschnittliche gen. Bis zum Jahr 2025 wird ein jährlicher Anstieg von
Stickstoff-Düngereinsatz dagegen bei nur 11 kg N/ha 1,3 % vorhergesagt (Bouwman u. a., 1991). Vor allem
und in Lateinamerika bei 21 kg N/ha (bezogen auf die in den sich entwickelnden Ländern Lateinamerikas,

Tabelle 2.18

Entwicklung der N2 O-N-Emissionen entsprechend dem N-Mineraldüngerverbrauch


in verschiedenen Ländern und Regionen der Welt (1960, 1990 und 2025) (Bouwman u. a., 1991)

Jahr 1960 1990 2025

Anteil der N 2O -N-Verluste an der N-Düngung


0,4% 3,2% 0,4% 3,2% 0,4% 3,2%
(in %)

1 Belgien/Luxemburg 0.4 3.2 0.8 6.3 0.7 5.4


2 Dänemark 0.5 4.0 1.5 12.1 1.3 10.2
3 Frankreich 2.3 18.1 10.4 83.3 8.8 70.8
4 Bundesrepublik Deutschland 2.5 19.8 6.2 49.3 5.2 41.9
5 ehemalige DDR 1.0 7.9 3.5 27.0 3.0 23.7
6 Griechenland 0.3 2.3 1.6 13.1 1.4 11.1
7 Irland 0.1 0.8 1.4 11.2 1.2 9.5
8 Italien 1.3 10.6 3.7 29.6 3.1 25.1
9 Niederlande 0.9 7.5 1.7 13.9 1.5 11.0
10 Portugal 0.3 2.0 0.6 5.0 0.5 4.3
11 Spanien 1.1 8.8 4.5 35.9 3.0 30.5
12 Großbritannien 1.9 14.0 5.0 46.8 5.0 39.7

1-12 Europäische Länder 12.5 99.8 41.0 331.1 35.5 284.0


13 weitere europäische
OECD-Länder 1.2 9.3 7.3 50.0 6.2 49.9
14 Australien und Japan 3.0 24.0 4.3 34.1 4.4 35.4
15 Nicht-EU
Nicht-OECD Europa 2.3 10.4 18.6 148.9 25.0 206.3
16 ehemalige UdSSR 3.3 26.2 46.3 370.0 64.2 513.5
17 USA und Kanada 12.1 96.0 43.3 346.7 45.0 360.0
18 Süd- und Mittelamerika 1.7 13.8 15.2 121.9 31.8 254.2
19 Afrika 1.4 10.9 8.5 67.6 23.2 185.9
20 Nah-Ost 0.2 1.5 5.1 40.6 11.3 90.3
21 Zentralverwalt. Asien 3.9 31.0 78.2 626.6 115.7 925.5
22 Süd- und Ostasien 2.7 21.7 49.6 396.7 110.3 882.7

Welt insgesamt 44 354 318 2 546 473 3 788


Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

Afrikas und Asiens ist mit steigenden Zuwachsraten sionen. Hier werden 13,5 % des weltweiten N
zu rechnen. Der Stickstoffdüngerverbrauch wird Düngers ausgebracht, aber 43,5 % des N 2O -N emit-
daher voraussichtlich von derzeit 80 Mio. t auf 120 tiert. Die Ursache dafür liegt in der verbreiteten
Mio. t im Jahr 2025 steigen (IPCC, 1992). Dieser Anwendung von Ammoniakdüngern, die besonders
Zuwachs wird zu einer entsprechend verstärkten hohe N 2O -Emissionen verursachen (Bouwman et al.,-
Freisetzung von N2O führen (Tab. 2.18). 1991). Die Düngerart hat jedoch nur einen kurzfristi-
gen Einfluß auf die Höhe der N 2 0-Emissionen, bei
Die bisherigen Ansätze zur Abschätzung regionaler langfristiger Betrachtung ist der Überschuß an Dün-
oder globaler N-haltiger Emissionen aus Böden
gemitteln der entscheidende Faktor.
beschränken sich auf die Annahme eines prozentua-
len Anteils der N-Emissionen an der ausgebrachten Ein entscheidender Mangel im Hinblick auf eine
Stickstoffdüngung. Die Auswertung zahlreicher vor- globale Abschätzung der N 2O -Emissionen auf der
liegender Versuchsergebnisse führte zu einer Ab- Grundlage der bislang vorliegenden Ergebnisse ist
schätzung des durchschnittlichen Anteils der N 2O darin zu sehen, daß beispielsweise Bodenunter-
Emissionen an den gasförmigen Stickstoffverlusten schiede, Klimafaktoren und die Art der Bewirtschaf-
verschiedener Düngerarten. Im Mittel betragen die tung bisher nicht in die Betrachtung einbezogen
Verluste 0,5 bis 2 % (Bolle u. a., 1986, In: Beese, 1994) wurden. Die Gesamtsituation kann nur verbessert
bzw. 0,2 bis 1,6 % (Eichner, 1990, In: Beese, 1994). werden, wenn stärker als bisher die steuernden Fak-
Daraus ergibt sich derzeit eine direkt düngerbedingte toren unter Feldbedingungen bei den Untersuchun-
Emission von 0,4 bis 1,6 Mio. t N 2O -N/Jahr bzw. 0,1 bis gen berücksichtigt werden. Dabei müssen insbeson-
1,3 Mio. t N2O -N/Jahr. Der auf die landwirtschaftlich dere die Einflüsse des jeweiligen standörtlichen Tem-
genutzten Flächen ausgebrachte Stickstoff verbleibt peratur- und Wasserhaushalts, der Bestandesentwick-
jedoch nicht im Agrarökosystem, sondern wird über lung und der Fruchtfolgen auf die NOx- und N 2O
das Sickerwasser in das Grundwasser, über Ab- Freisetzung bei verschiedenen Düngerformen, Dün-
schwemmung in Oberflächengewässer und gasförmig germengen und Düngerverteilungen ermittelt wer-
über die Atmosphäre in benachbarte Ökosysteme den. Gegen die Verwendung konstanter N 2O/N2
verfrachtet. Dort liegen u.U. günstigere Bedingungen -Verhältnisowf%zemüsngrl
für die N2O -Bildung vor. Erhebliche Anteile der Vorbehalte erhoben werden. Dennoch ist die Verwen-
N2O -Freisetzung aus natürlichen und naturnahen dung solcher Kenngrößen derzeit die einzige Mög-
Ökosystemen sind daher der Überdüngung durch die lichkeit, um auf nationaler, kontinentaler oder globa-
Landwirtschaft anzulasten. Unter der realistischen ler Ebene die N 2O -Emissionen abzuschätzen (Beese,
Annahme, daß von den ausgebrachten Stickstoff 1994).
Mineraldüngern mindestens die gleiche Stickstoff-
menge in anderen Bereichen der Biosphäre umgesetzt Alle bisher genannten Angaben zu N 2O -Emissionen
wird wie direkt auf den Äckern, ergibt sich insgesamt beruhen zudem ausschließlich auf dem Stickstoffein-
eine düngerbedingte Freisetzung von 0,8 bis 3,2 Mio. t trag in die Landwirtschaft durch die Anwendung von
N2O -N/Jahr bzw. 0,2 bis 2,6 Mio. t N 2O -N/Jahr Mineraldüngern. Noch nicht berücksichtigt ist der
(Beese, 1994). Nach IPCC (1992) werden etwa 3 % des Eintrag durch Wirtschaftsdünger, die Stickstoffixie-
ausgebrachten N-Mineraldüngers in N 2 0 umgesetzt. rung durch den Anbau von Leguminosen und der
Die düngerbedingte Freisetzung beträgt somit welt- Stickstoffeintrag aus der Atmosphäre. Der Stickstoff-
weit schätzungsweise 2,5 Mio. t N 2O -N/Jahr. eintrag durch den Anbau von Futter- und Nahrungs-
leguminosen hat weltweit den Umfang der Mineral-
Nach Tab. 2.18 liegen die globalen N 2O -Emissionen düngung (80 bis 90 Mio. t N/Jahr; Hauck, 1988, In:
1990 zwischen 0,318 und 2,546 Mio. t N 2O -N/Jahr. Die Beese, 1994; IPCC, 1992). Die Stickstoffeinträge aus
Emissionen in der Bundesrepublik Deutschland (ABL der Atmosphäre sind global nicht abschätzbar, liegen
u. NBL) liegen zwischen 9 700 t/Jahr und 77 000 t/Jahr aber verschiedenen Angaben zufolge in Mitteleuropa
(0,4 bzw. 3,2 %). Berücksichtigt man in der Berech- zwischen 20 und 80 kg N/ha x Jahr (Kreutzer, 1993).
nung der regionalen Emissionen zusätzlich die unter- Der Stickstoffeintrag aus der organischen Düngung
schiedlichen Düngerarten entsprechend ihrer spezifi- (Tierexkremente, Siedlungsabfälle etc.) ist global
schen Emissionsfaktoren (nach Eichner, 1990, In: ebenfalls nicht abschätzbar, zumal unbestimmt ist,
Beese, 1994), verschieben sich die Anteile an den welcher Anteil dieses Stickstoffs sich in einem land-
N2O -Emissionen zum Teil erheblich. Eine Auswer- wirtschaftsinternen Kreislauf befindet oder — insbe-
tung zahlreicher vorliegender Versuchsreihen ergab sondere in der intensiv betriebenen Landwirtschaft
eine mittlere N 2O -N-Emission (Anteil an der ausge- der Industrieländer — den Kreislauf verläßt. Der
brachten N-Menge) bei verschiedenen Düngerfor- Stickstoffüberschuß, der dem System ursprünglich im
men von 2,7 % bei reinen Ammoniakdüngern, 0,44 % Bereich der Landwirtschaft zugeführt wurde, trägt
bei Ammonium-Nitrat-Düngern, 0,07 % bei Kalium-, über verschiedene Wege zu N 2O -Emissionen bei.
Calzium- oder Natrium-Nitrat-Düngern, 0,11 % bei Beginnend mit dem innerbetrieblichen N-Kreislauf,
Harnstoff und von 0,25 % bei Gründüngung (Eichner, über Verarbeitungsbetriebe, Siedlungen und Abf all-
1990, In: Beese, 1994). Die Bundesrepublik Deutsch- beseitigung treten gasförmige N-Freisetzungen auf.
land ist aufgrund des hohen Anteils an Ammonium- Bei der Abwasseraufbereitung werden in der Denitri-
Nitrat-Düngern mit tendenziell niedriger N 2O -Emis- fikationsstufe aufgrund der Eiweißüberschüsse in der
sion trotz eines Anteils am weltweiten N-Düngerein- menschlichen Ernährung in erheblichem Umfang N-
satz von 3 % nur mit 2,4 % an der weltweiten haltige Gase und anteilig N 2O freigesetzt. Die Ammo-
N2O -Emission beteiligt. Nordamerika hat dagegen niakemissionen (NH 3 ), die im wesentlichen durch die
einen im Vergleich zur ausgebrachten N-Dünger- landwirtschaftliche Güllelagerung und -düngung ver
menge überproportionalen Beitrag an den N 2O -Emis ursacht werden, tragen maßgeblich zur Eutrophie-
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350

Abbildung 2.5: Stickstoffflüsse zwischen landwirtschaftlich genutzten Flächen und Konsumenten (nach Beese, 1994).

rung (Überdüngung) und Versauerung naturnaher schaftlich genutzten Flächen exportierten Stickstoffs
Ökosysteme (Waldsterben) bei. Der überschüssig aus- wieder in die Landwirtschaft zurückzuführen (Beese,
gebrachte Stickstoff gelangt als Nitrat ins Grundwas- 1994).
ser oder wird gasförmig freigesetzt. Die jährlichen
Stickstoffverluste aus landwirtschaftlich genutzten Die Abweichung zwischen den bisherigen Annahmen
Flächen werden für die alten Bundesländer Deutsch- und den tatsächlich von der Landwirtschaft verursach-
lands auf ca. 25 kg N/ha x Jahr durch Denitrifikation, ten N2O -Emissionen wird im folgenden am Beispiel
44 kg N/ha x Jahr durch Ammoniakausgasung und einer nationalen Stickstoffbilanz für die Bundesrepu-
50 kg N/ha x Jahr durch Nitratauswaschung geschätzt blik Deutschland veranschaulicht. Zunächst werden
(Kuntze, 1991). Die wirtschaftlichen Verluste allein die verschiedenen Stickstoffeinträge dargestellt.
durch die Ammoniakausgasung belaufen sich in der
Bundesrepublik Deutschland nach vorsichtigen
Schätzungen auf 250 bis 300 Mio. DM/Jahr, gemessen a) Depositionen
an dem Düngerwert des Stickstoffs (Brockerhoff,
1991). Durch die Eutrophierung wirken nichtlandwirt- Zum N-Eintrag in landwirtschaftliche Nutzflächen
schaftliche Ökosysteme (Wälder, Oberflächen- und bzw. zur N-Belastung aller Ökosysteme tragen neben
Grundwässer) als „Transformatoren" des eingebrach- den von der Landwirtschaft verursachten Ammoniak-
ten Stickstoffs in langlebige klimawirksame Spuren- Emissionen (Tierhaltung, Wirtschaftsdüngung) auch
gase (N 2O ) (Kreutzer, 1993). Die N 2O -Emissionen, die die Stickstoffoxid-Emissionen aus der Verbrennung
von der Landwirtschaft verursacht werden, liegen fossiler Energieträger in Verkehr, Industrie, Haushal-
daher deutlich über den obengenannten Emissions- ten und auch in der Landwirtschaft bei. Die nationalen
werten. Wenn es gilt, die Quellen für unerwünschte Emissionen sind in Abschnitt C, Kap. 3.5.3, Tab. 3.8
Spurengase (N 2O , NOx und NH3 ) zu stopfen, müssen dargestellt.
außerhalb der Landnutzung liegende Kreisläufe in die
Betrachtung mit einbezogen werden. In Abb. 2.5 ist Die Abschätzung der trockenen Deposition von NO X
daher schematisch dargestellt, wo Stickstoffverluste 3 bzw. NH4 + ist wegen der vielen Einflußgrö- undNH
auftreten können. Ziel muß es sein, auch diese — ßen (Immissionsdichte, Depositionsgeschwindigkeit,
durch zunehmende Spezialisierung und Intensivie- Bestand, Mikroklima etc.) sehr schwierig (Hadwiger-
rung zerstörten — Kreisläufe wieder weitgehend zu Fangmeier u. a., 1992). Die gemessenen Jahresmittel
schließen und den größten Teil des von den landwirt der nassen NH4 +-Deposition auf Freilandflächen
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Abbildung 2.6: Mittlere Bulk1)-Depositionraten von Ammoniak (in kg NH 4+/ha x Jahr) im


Freiland (ABL: 1983-1987) (nach FBW, 1989, In: Hadwiger-Fangmeier u. a.,
1992)
1 ) Bulk-Deposition = nasse und trockene Deposition sedimentierender
Stoffe

schwanken regional zwischen zwischen 2 und 22 kg Eintrag von Stickstoff bei. In Tab. 2.19 sind aktuelle
NH4 +-N/ha x Jahr (Abb. 2.6) (FBW, 1989; Wintermeyer Meßergebnisse der Freiland-N-Deposition in ver-
u. Klockow, 1989, Beide in: Hadwiger-Fangmeier schiedenen Regionen Westeuropas aufgeführt.
u. a., 1992). Für die neuen Bundesländer wird die
Die N-Einträge allein aus der nassen Deposition
NH3/NH4 +-Gesamtdeposition auf 15 bis 25 kg N/ha x
liegen demnach in Deutschland (ABL und NBL) zwi-
Jahr geschätzt (Möller u. Schieferdecker, 1989, In:
schen 11 und 40 kg N/ha x Jahr. Hierzu sind die
Hadwiger-Fangmeier u. a., 1992). Die durchschnittli-
Einträge aus der trockenen Deposition noch zu addie-
che Gesamtdeposition für die alten und neuen Länder
ren. Je nach Art der Vegetationsbedeckung können
wird mit 16,4 kg N/ha x Jahr (bei erheblicher klein-
die Depositionsraten insbesondere in belasteten
räumiger Variabilität) angegeben (Hadwiger-Fang-
Regionen wesentlich höher liegen. Erklärt wird dies
meier u. a., 1992). Besonders im westdeutschen Raum
durch den „Auskämmeffekt" der rauhen Vegetations-
und in weiten Bereichen der norddeutschen Tief-
oberflächen, an denen sich trockene Depositionen
ebene sind erhöhte NH 3/NH4 +-Einträge zu beobach-
verstärkt ablagern und durch Stammabfluß und Kro-
ten.
nentraufe in den Boden gelangen. Besonders ausge-
Neben dem Ammoniak/Ammonium (NH 3/NH4+) tra prägt ist dieser Effekt in Wäldern, bzw. an Waldrän
gen auch die Stickstoffoxide (NO X) bzw. daraus gebil dern (Abschnitt C, Kap. 3.5.3) (Isermann, 1994).
dete Säuren/-Ionen (HNO 3/NO 3 - ) zu dem gesamten Ebenso können die N-Einträge auch in Abhängigkeit
Deutscher Bundestag - 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
Tabelle 2.19

Nasse (Ionogene) und trockene (gasförmige) Freiland-N-Depositionen in einigen Regionen Westeuropas


(Isermann, 1994)

Atmosphärische N-Deposition (kg N/ha.a)

Land Oberfläche Reduzierter N Oxydierter N


Gesamt
NH4 + NH3 NO3 - NOx HNO3 N

1. Niederlande (1980)
(CCRMX 1988)
a) nur ionogen Gesamte 14,2 - 7,4 - - 21,6
b) zusätzlich gasförmig Vegetation 14,2 9,4 7,4 13,3 1,6 45,9

2. Süd/Ost-England
(Goulding 1990)
a) nur ionogen Ackerpflanzen 5,8 - 5,9 - - 11,7
b) zusätzlich gasförmig (n=4 Standorte) 5,8 13,7 5,9 5,5 6,5 37,4

3. DDR
(Graf und Nagel 1990) Glasgefäß 22,0 - 18,0 - - 40,0

4. BRD
a) Hessen (1983/1988)
(Balâzs 1991) Glasgefäß 5,3 - 7,5 - - 12,8
b) Bayern (1987/1989)
(Müller et al. 1990) Glasgefäß 12,0 - 6,0 - - 21,0
c) Baden-Württemberg (1988/1990)
(Hochstein und Hildebrand 1988) Glasgefäß 5,9 - 5,2 - - 11,1

5. Nordsee
(Asman 1987, Toupance 1987) Glasgefäß 7,0 - 3,0 - - 10,0

6. Ostsee
(Asman 1987, Toupance 1987) Glasgefäß 4,0 - 3,0 - - 7,0

von der Emissionsdichte bzw. der Nähe zum Emitten- b) Mineraldüngung


ten (Industriegebiet, Massentierhaltung) regional
noch erheblich höher sein. In den Niederlanden In der Bundesrepublik Deutschland (ABL+NBL) wur-
wurden Einträge bis zu 200 kg N/ha x Jahr, in der den 1990 2,413 Mio. t N als Mineraldünger ausge-
Wingst bis 72 kg N/ha x Jahr gemessen, die immer bracht (Bouwman u. a., 1991). Bezogen auf die land-
durch entsprechend hohe NH 3/NH4 +-Einträge aus der wirtschaftlich genutzte Fläche (1992: 16,858 Mio. ha;
Landwirtschaft verursacht sind (Zöttl, 1990; Lamers- BML, 1993 b) ergibt sich ein durchschnittlicher Dün-
dorf u. Büttner, 1989; Beide in: Isermann, 1994). Die gereinsatz von 143 kg N/ha x Jahr. In den alten
jetzige N-Belastung in der Bundesrepublik Deutsch- Bundesländern ist der Stickstoffeinsatz seit seinem
land wird von Isermann (1994) mit etwa 30 kg N/ha x Höchststand 1988 leicht rückläufig. Dieser Trend ist
Jahr für Freilandflächen (Grünland-, Ackerflächen auch in den neuen Ländern erkennbar.
etc.) und mit etwa 20 bis 80 kg N/ha x Jahr für Wälder
angegeben.
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

Tabelle 2.20

Stickstoffdüngerverbrauch der Landwirtschaft in Deutschland (Alte Länder)


(in 1 000 Tonnen N) (BML, 1993b und d)

1950/1951 1960/1961 1970/1971 1980/1981 1987/1988 1988/1989 1989/1990 1990/1991 1991/1992 1992/1993

362 619 1 131 1551 1601 1540 1487 1368 1351 1280

kg N je Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche

25,6 43,4 83,3 126,6 133,9 129,2 125,1 115,3 114,1 108,2

Abbildung 2.7: Entwicklung des Düngereinsatzes in der Bundesrepublik Deutschland


(Statistische Jahrbücher des BML).
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Abbildung 2.8: Stickstoffzufuhr aus der mineralischen Düngung (1987/1991) (Becker u. a.,
1993, In: Isermann, 1994):

In der Abb. 2.8 ist die regionale Intensitätsverteilung Mittel der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche
der mineralischen Stickstoffdüngung dargestellt. geht man daher von einer jährlichen symbiotischen
N2 -Fixierung in Höhe von 15 kg N/ha LN aus. Die
asymbiotische N2-Fixierung durch freilebende Mikro-
c) Biologische N-Fixierung organismen wird auf Ackerland gemäßigter Breiten
auf 7 bis 28 kg N/ha x Jahr geschätzt (Hauck, 1971, In:
Durch den Anbau von Leguminosen wird weltweit Mengel, 1984).
etwa die gleiche Menge an Stickstoff eingebracht, wie
durch die Mineraldüngung (80 bis 90 Mio. t N) (Hauck,
1988, In: Beese, 1994; IPCC, 1992). Im Mittel kann mit d) Wirtschaftsdüngung/Import von Futtermitteln
einer N2-Fixierung durch Leguminosen in Höhe von
125 kg N/ha x Jahr (50 bis 250 kg N/ha x Jahr) Der Stickstoff, der mit Wirtschaftsdüngern aus tieri
gerechnet werden. Der Anbau von Leguminosen ist in schen Exkrementen ausgebracht wird, läuft normaler
Deutschland jedoch stark rückläufig (Abb. 2.14). Im weise in einem innerbetrieblichen Kreislauf. Durch
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

die zunehmende Spezialisierung und die daraus fol- N-Zufuhr durch Wirtschaftsdünger wird im Mittel
gende teilweise Trennung von Tierhaltung und Pflan- aller landwirtschaftlichen Nutzflächen auf etwa 60 bis
zenbau wurden die innerbetrieblichen bzw. regiona- 80 kg N/ha x Jahr geschätzt. Hierbei wurden die mit
len Stickstoffkreisläufe zerstört. Die räumlich konzen- den Exkrementen ausgebrachten Stickstoffmengen
trierte intensive Massentierhaltung ist auf Zukauffut- bereits um 20 % reduziert, da im Stall sowie bei der
termittel, meist Importfuttermittel angewiesen. Allein Lagerung und Ausbringung erhebliche Stickstoffver-
durch Futtermittelimporte gelangen jährlich etwa luste durch die Ammoniakausgasung auftreten
500 000 t Stickstoff in den Nährstoffkreislauf der (Wendland u. a., 1993, In: Isermann, 1994). Die regio-
alten Bundesländer (Leser, 1993). Umgerechnet auf nale Verteilung des N-Eintrags aus Wirtschaftdün-
die landwirtschaftliche Nutzfläche (ABL 1992: gern ist aus Abb. 2.9 ersichtlich. Es wird deutlich, daß
11,73 Mio. ha; BML, 1993 b) errechnet sich allein aus die Wirtschaftsdüngung aufgrund der Konzentration
den Futtermittelimporten ein Stickstoffeintrag von der Tierhaltung bzw. der Desintegration von Tier- und
etwa 42 kg N/ha. Andere Berechnungen kommen auf Pflanzenproduktion vor allem in Nordwestdeutsch-
47 kg N/ha (Isermann, 1994). Die durchschnittliche land (Vechta-Cloppenburg, Ostwestfalen, Münster-

Abbildung 2.9: Stickstoffzufuhr aus der Düngung mit tierischen Wirtschaftsdüngern (1987/
1991) (Becker u. a., 1993, In: Isermann, 1994):
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land) und einigen Regionen von Baden-Württemberg Tabelle 2.21
und Bayern zu erheblich überhöhten Stickstoffeinträ- Mittelwerte der einzelnen Stickstoffbilanzgrößen
gen führt. in den alten (1991) und neuen Bundesländern
(1987/1989) (nach Wendland u. a., 1993,
In: Isermann, 1994; ergänzt)
e) Flächenbezogene Bilanzierung
Alte Neue
Bundesländer Bundesländer
Vergleicht man die Summe der verschiedenen Stick- (kg N/ha LF) (kg N/ha LF)
stoffeinträge auf landwirtschaftlichen Nutzflächen mit
Mineraldüngung 137 132
dem Entzug durch die Pflanzen, ergeben sich erheb- biotische N-Fixierung 30 30
liche Stickstoffüberschüsse. Wirtschaftsdüngung 83 61
Deposition 30 30
Diese Bilanz enthält noch nicht den möglichen Stick-
stoffeintrag durch den N-Rücklauf aus Nachbarsyste- Zufuhr 280 253
men (Klärschlämme, Abwässer, Siedlungsabfälle Entzug durch Pflanzen . 145 133
etc.). Abb. 2.10 stellt die N-Bilanzüberschüsse in ihrer
Saldo 135 120
regionalen Verteilung dar.

Abbildung 2.10: Regionale Verteilung der Stickstoffbilanzüberschüsse (1987/1991) (Becker


u. a., 1993, In: Isermann, 1994):
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In Abb. 2.11 ist die Entwicklung der N-Bilanzen für die Selbst unter der vorsichtigen Annahme eines durch-
alten Bundesländer seit 1950 dargestellt. Die Stick- schnittlichen Eintrages von 200 kg N/ha x Jahr errech-
stoffüberschüsse sind seit Beginn der sechziger Jahre net sich aus der gesamten landwirtschaftlich genutz-
kontinuierlich angestiegen. Außerdem wird deutlich, ten Fläche (1992: 16,858 Mio. ha; BML, 1993 b) ein
daß die Überschüsse eng an den übermäßigen Einsatz Gesamt-N-Eintrag im Bereich der Landwirtschaft von
von mineralischen N-Düngern gekoppelt sind. Daß 3,37 Mio. t N. Unter der Annahme obengenannter
dennoch die Intensivtierhaltungsgebiete besonders Emissionsfaktoren für N 20 von 0,4 bis 3,2 % ergeben
hohe Bilanzüberschüsse aufweisen (vgl. Abb. 2.10), ist sich jährliche Emissionsraten von 0,8 bis 6,4 kg
auf die noch weit verbreitete Unterbewertung der N2O -N/ha bzw. eine Gesamtemission in Höhe von
Gülle als Wirtschaftsdünger zurückzuführen. Die Gül- 13 480 bis 107 840 t N 2O -N durch die Landwirtschaft
leüberschüsse werden allzu oft auf den Flächen „ent- in Deutschland. Diese Gesamtemission liegt etwa
sorgt" , statt sie gezielt als Dünger einzusetzen. Trotz 40 % über der Freisetzung, die allein aufgrund der
Gülledüngung werden die Flächen teilweise zusätz- Mineraldüngung ermittelt wurde (9 700 bis 77 000 t
lich mineralisch gedüngt. Von besonderer Bedeutung N2O -N/Jahr). Dies führte zu einer erheblichen Unter-
ist hierbei die Tatsache, daß die N 2O -Emissionen mit schätzung des landwirtschaftlichen Anteils an der
steigendem Stickstoffumsatz, also steigendem N- globalen N2O -Freisetzung und belegt die Notwendig-
Bilanzüberschuß im Boden überproportional zuneh- keit einer Erweiterung des bisher verfolgten Ansat-
men (Munack, 1993; Beese, 1994). zes.

Abbildung 2.11: Entwicklung des Stickstoffeinsatzes und der Stickstoffüberschüsse auf den
landwirtschaftlich genutzten Flächen in der Bundesrepublik Deutschland
(1950 bis 1986) (Köster u. a., 1988, In: Nicklis, 1991).
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350

Nationale Bilanz
K1 Bach, (BRD)
K2 Krüll, (BRD)
K3 Köster et al. (BRD)
K4 Nolte und Werner, (DDR)
K5 Bufe, (DDR)
K6 Isermann und Sturm, (BRD)
VK Vergleichsgruppe konventioneller
Landbau (Haupterwerbsbetriebe)
VO Vergleichsgruppe Ökologischer
Landbau, eigene Berechnung
(nach Flächenanteilen
Agrarbericht 1993)
Öl Bilanzierungen von 7 Praxis-
betrieben, keine Differenzierung
zwischen N-fix und N-Futter
(Hege und Weigelt 1991)
Ö2 nach Nolte (1989)
„Boschheide Hof"
Abbildung 2.12: Vergleich der Stickstoffbilanzen bei konventioneller und ökologischer
Landbewirtschaftung (verschiedene Quellen; In: Haas und Köpke, 1994).

Verschiedene Untersuchungen weisen für die kon- gerecht zu werden, müßte eine weitere Reduzierung
ventionell bewirtschafteten Betriebe in Deutschland der Düngung auf mindestens die Hälfte des derzeiti-
einen Eintrag von durchschnittlich 125 kg N/ha in gen Einsatzes erfolgen.
mineralischer Form und 88 kg N/ha aus organischen
Düngern aus. Die Bilanzierung der Stickstoffaufwen-
dungen und -entzüge ergibt N-Überschüsse in Höhe 2.2.3.2 Biomasseverbrennung
von 88 bis 167 kg N/ha x Jahr. Die Berechnungen für
ökologische Vergleichsbetriebe ergeber bei Einträ- Bei der Verbrennung von Biomasse (Pyro-Denitrifika-
gen um 100 kg N/ha x Jahr Bilanzüberschüsse von tion) entstehen ebenfalls N 2 -, NOR - und N2O -Emissio-
37 bis 76 kg N/ha (Abb. 2.12). Die Ursachen für die nen. Diese Quelle spielt besonders in Afrika und in
wesentlich niedrigeren N-Bilanzüberschüsse und die Südamerika eine wichtige Rolle, wo Brandrodung und
entsprechend geringeren N 2 O-Emissionen im ökolo- Savannenbrände eine übliche Form der Landbewirt-
gischen Landbau liegen im Verbot mineralischer schaftung darstellen und Holz ein wichtiger Energie-
N-Dünger, in der flächengebundenen Tierhaltung mit träger ist. Die Freisetzung stickstoffhaltiger Spuren-
erheblich niedrigeren Tierbesatzdichten und dem gase aus der Biomasseverbrennung wird global auf 15
limitierten Futtermittelzukauf (Haas u. Köpke, bis 46 Mio. t N/Jahr geschätzt. Der Anteil des N 2O
1994). 2 O-N/Jahr (IPCC, 1992). beträg0,2is1Mo.N
Der derzeitige rückläufige Einsatz von Stickstoffdün- Die Biomasseverbrennung kann aber auch in anderen
gemitteln ist zwar sehr erfreulich, kann aber die Regionen der Welt an Bedeutung gewinnen, wenn im
erheblichen Bilanzüberschüsse bei weitem nicht aus- Zuge der Erzeugung nachwachsender Energieträger
reichend senken. Um dem Entzug durch die Pflanzen die Verbrennung von Biomasse zunimmt.
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

2.2.3.3 Indirekte Einflüsse der Landwirtschaft auf die eingebunden (Abschnitt A, Abb. 1.2). Pflanzen neh-
Distickstoffoxidemissionen aus anderen men bei der Photosynthese Kohlendioxid aus der
Ökosystemen Umgebungsluft auf. Mit Hilfe von Sonnenenergie
werden aus Kohlendioxid und Wasser organische
Bodenversauerung Verbindungen und kohlenstoffhaltige Biomasse auf-
-
gebaut. Durch den nachfolgenden Abbau dieser Bio-
Die Deposition stickstoffhaltiger Spurengase aus der
masse bei der Veratmung durch Pflanzen, Tiere und
Landwirtschaft (vor allem NH 3 , aber auch NO R) trägt Mikroorganismen wird der Kohlenstoff wieder als
in Deutschland (neben dem Verkehrs- und Energie-
CO 2 in die Atmosphäre abgegeben. Anteile des in der
sektor) etwa zu einem Drittel zu der Versauerung der
Biomasse gebundenen Kohlenstoffs werden unter
Böden bei (Abschnitt C, Kap. 3.5.3) (BMU, 1994;
anaeroben Bedingungen auch mikrobiell zu Methan
Isermann, 1994). Infolgedessen können durch chemi-
(CH4 ) abgebaut (Kap. 2.1.1).
sche Reaktionen des Nitrits (NO 2 -) oder der salpetri-
gen Säure (HNO 2 im Boden ebenfalls NO und N 2 O
) Das Ergebnis der Nettoaufnahme von atmosphäri-
gebildet werden. Diese Vorgänge bezeichnet man als schem CO 2 durch die Pflanzen wird als Nettoprimär-
Chemo-Denitrifikation. produktion (NPP) bezeichnet. Sie ergibt sich aus der
Bruttoprimärproduktion abzüglich der Respiration der
Pflanzen (Licht- und Dunkelatmung). Der bei der NPP
Eutrophierung fixierte Kohlenstoff wird mit unterschiedlicher Ver-
Der Stickstoff- und Phosphateintrag aus der Landwirt- weildauer in Form
schaft in außerlandwirtschaftliche Ökosysteme erhöht — lebender Biomasse (Pflanzen),
auch dort die Freisetzung stickstoffhaltiger Spuren-
gase. Daneben führt die Eutrophierung und die Ver- — toter Biomasse (Bestandsabfall),
sauerung der Böden durch die Verschiebung des — organisch gebundenen Kohlenstoffs in Böden bzw.
Nährstoffgleichgewichtes, die verstärkte Auswa- Sedimenten (Humus, Torf etc.),
schung basisch wirkender Nährstoffionen, die Freiset-
zung von toxischen Schwermetallionen aufgrund der — in der Biomasse der Konsumenten (Menschen,
pH-Wert-Absenkung und die Schädigung der Fein- Tiere) gespeichert.
wurzelsysteme und der Mykorrhiza zur Minderung Die Kohlenstoffspeicher sind saisonalen und langfri-
der Vitalität und einer direkten Schädigung insbeson- stigen Veränderungen unterworfen. Bei Betrachtung
dere natürlicher/naturnaher Ökosysteme. Der einsei- über einen längeren Zeitraum stellt sich ein Fließ-
tige Nährstoffüberschuß führt zur Förderung und gleichgewicht zwischen der CO 2 -Senke (CO 2 -Fixie-
Zunahme einzelner stickstoffliebender Arten und rung durch die NPP) und der CO 2 -Quelle (CO 2
damit zu einer Änderung der Vegetationszusammen- Freisetzung durch die Respiration) ein. Die Größe der
setzung, einer allgemeinen Reduktion der Artenviel- Speicher bleibt unverändert, solange sich Zu- und
falt und zur Destabilisierung nährstofflimitierter Öko- Abfluß des Kohlenstoffs ausgleichen. Verändert sich
systeme. Der überhöhte Stickstoffeintrag aus der aber der Umfang der CO 2 -Fixierung oder der CO 2
Atmosphäre untergräbt damit alle bisherigen Maß- Freisetzung, so verändert sich der Kohlenstoffgehalt
nahmen zum Schutz gerade nährstoffarmer und der Speicher.
zugleich artenreicher Standorte.
Langfristige Änderungen der NPP bzw. der Kohlen-
stoffspeicherung in der terrestrischen Biosphäre wer-
2.3 Kohlendioxid (CO2 ) den verursacht durch (Esser, 1994):
— Landnutzungsänderungen, Inkulturnahme natür-
Die Landwirtschaft trägt vor allem durch die Landnut- licher oder naturnaher Flächen, Flächenstillegung,
zungsänderungen zur CO 2 -Freisetzung bei. Erhebli- Wiederaufforstung;
che Kohlenstoffmengen sind weltweit in den Böden
und der darauf wachsenden Biomasse gespeichert — Änderungen der Anbausysteme, Extensivierung,
(Abschnitt A, Abb. 1.2). Durch die Vernichtung vor Intensivierung;
allem tropischer Wälder, durch die Brandrodung und
— Änderungen des chemischen und physikalischen
Rodung sowie die nachfolgende landwirtschaftliche
Klimas;
Nutzung der ehemals bewaldeten Flächen mit einset-
zendem Humusabbau und Bodenerosion werden — Änderungen der CO 2 -Konzentration der Atmo-
erhebliche Mengen an CO 2 und anderen klimarele- sphäre;
vanten Spurengasen emittiert. Darüber hinaus ist die
Landwirtschaft durch die zunehmende Technisierung
und den wachsenden Einsatz von energieintensiven 2.3.2 Landnutzungsänderungen
Vorleistungen (Treibstoff, Maschinen, Mineraldün-
ger, Futtermittelimporte) vor allem in den Industrie- Unter Landnutzungsänderung ist hier die zeitweise
ländern an dem Verbrauch fossiler Energieträger oder dauerhafte Inkulturnahme natürlicher oder
(Kohle, Erdöl, Erdgas) beteiligt. naturnaher Flächen zu verstehen. Die ursprüngliche
Vegetation wird dabei weitgehend oder vollständig
2.3.1 Kohlendioxidkreislauf verdrängt, die ehemals vorhandenen Wälder werden
vernichtet. Der Prozeß der Landnahme begann mit der
Das atmosphärische Kohlendioxid ist in einen globa landwirtschaftlichen Aktivität des Menschen im Früh-
len geo- bzw. biochemischen Kohlenstoffkreislauf neolithikum. In zunehmendem Umfang rodete der
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
Mensch Wälder, um freie Flächen für Äcker und bau, Holzkohlegewinnung, Verhüttung etc.) zum
Weiden zu schaffen. Das Holz nutzte er als Brennma Opfer. Im ausgehenden Mittelalter waren selbst große
terial und zum Bau seiner Häuser und Stallungen. In Teile der heutigen Waldgebiete vollkommen kahl-
den vergangenen Jahrzehnten bis zur Gegenwart geschlagen. In den gemäßigten Breiten gibt es daher
erfolgte die Landnutzungsänderung überwiegend nur noch Reste einer ursprünglichen, vom Menschen
durch die Brandrodung tropischer Wälder. unbeeinflußten Vegetation. Erst im Laufe des 19. Jahr- -
hunderts kam es in Mitteleuropa zu einer auf „Nach-
haltigkeit" ausgerichteten Forstwirtschaft mit einer
2.3.2.1 Ausmaß der Landnutzungsänderungen planvollen (Wieder-)Aufforstung der heutigen Wirt-
schaftswälder, die jedoch auch für die großflächigen
Vor 10 000 Jahren war die Landoberfläche der Erde Fichtenmonokulturen verantwortlich ist. In Kanada
etwa zur Hälfte (6,2 Mrd. ha) mit Wäldern bedeckt, und den USA erfolgte die Inkulturnahme neuer Land-
drei Viertel hiervon waren geschlossene Wälder wirtschaftsflächen im wesentlichen zwischen 1860
(4,7 Mrd. ha). Heute existieren noch schätzungsweise und 1930 (Haider, 1993) (Abb. 2.13). (Zur Entwicklung
2,8 Mrd. ha geschlossene und 1,2 Mrd. ha offene der Wälder in den gemäßigten und borealen Breiten
Wälder (FAO, 1992). siehe Abschnitt C).
Durch die Zunahme der landwirtschaftlichen Produk-
Tabelle 2.22 tivität in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
stabilisierte sich in Mitteleuropa der Anteil der Wald-
Verteilung der Landflächen der Erde (in Mrd. ha) fläche. Durch die Intensivierung und den Produktivi-
während der vergangenen 10 000 Jahre tätszuwachs in der Landwirtschaft werden bei gleich-
(FAO, 1992; Heinloth, 1993 1 )) bleibender Bevölkerung mittlerweile sogar erhebli-
che Überschüsse erwirtschaftet, die eine Stillegung
und Aufforstung ehemals bewirtschafteter Flächen
Eisfreie Landfläche der Erde 13,08
ermöglichen (Tab. 2.23 u. 2.24) .
Waldfläche zu Beginn der Warmzeit 6,20 In Lateinamerika, Afrika und Teilen Asiens wurde
— geschlossener Wald 4,68 bzw. wird dagegen bei anhaltendem Bevölkerungs-
wachstum die landwirtschaftliche Nutzfläche durch
— offener Wald 1,52 die Rodung der tropischen Wälder ständig weiter
ausgedehnt. Die Ausweitung der landwirtschaftlichen
Waldfläche heute 4,08 Nutzflächen ist zu etwa 90 % für die derzeitige
— geschlossener Wald 2,83 Vernichtung der tropischen Regenwälder verantwort-
— offener Wald 1,24 lich (Amelung u. Diehl, 1991).

Landwirtschaftliche Fläche heute 4,69


— Ackerland 1,47 Tabelle 2.23
— Dauergrünland 3,22
Entwicklung der landwirtschaftlichen Nutzfläche
Eisflächen und Wüsten 3,5 1 ) und Waldfläche (in 1 000 ha) in Deutschland
(Alte Bundesländer) (Verschiedene Jahrbücher
Siedlungs- und Verkehrsflächen 0,6 1 ) des Statistischen Bundesamtes)

Landwirtschaftliche
Jahr Waldfläche
Nutzfläche
Als erste Folge von Rodungen und Überweidungen,
begleitet von klimatischen Veränderungen, setzte
1935/1938 14 612 6 952
bereits vor etwa 6000 Jahren im Mittleren Osten und
im Gebiet der heutigen Sahara die Desertifikation 1957/1961 14 255 7 062
(Wüstenbildung) ehemals fruchtbarer Landstriche ein 1968 13 871 7 184
(Flohn, 1980; Krause u. a., 1992). Weite Teile der 1972 13 480 7 196
ursprünglichen Laub- und Misch-Urwälder, die bis in
1976 13 270 7 165
das frühe Mittelalter hinein Mitteleuropa zu drei
Vierteln bedeckt hatten, fielen überwiegend im 11. bis 1981 12 197 7 328
14. Jahrhundert der Ausdehnung der Besiedlung und 1985 12 019 7 360
der Landwirtschaft, in den folgenden Jahrhunderten 1990 11 867 7 401
auch dem Schiffsbau und der Industrialisierung (Berg
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

Tabelle 2.24

Veränderung der Ackerfläche in einzelnen Ländern und verschiedenen Regionen der Erde
(Bouwman u. a., 1991)

Ackerfläche und Dauerkulturen (ohne Grünland/Weiden)


(in 1000 Hektar)

Staat/Region Jährliche
Änderung
1960 1980 1990
in Prozent
(1960 bis 1990)

Deutschland (Alte Bundesländer) 8 503 7 496 7 466 -0,4


Deutschland (DDR/Neue Bundesländer) 5 090 5 034 4 924 -0,1
Deutschland (Gesamt) 13 593 12 530 12 390 -0,3
Belgien 935 838 820 -0,4
Dänemark 2 817 2 653 2 568 -0,3
Frankreich 21 405 18 643 19 547 -0,3
Griechenland 3 701 3 925 3 929 +0,2
Großbritannien 7 266 7 012 6 988 -0,1
Irland 1 362 972 963 -1,0
Italien 15 608 12 436 12 149 -0,7
Niederlande 1 027 860 931 -0,3
Portugal 4 130 3 550 2 750 -1,1
Spanien 20 730 20 499 20 380 -0,1

EU (Gesamt) 92 600 83 900 83 400 -0,3


OECD (ohne EU) 34 500 36 700 35 900 +0,1
GUS 228 600 232 000 232 400 +0,1
restliches Europa 51 100 48 700 48 500 --0,2

Nordamerika 226 800 235 800 235 900 +0,1


Lateinamerika 107 200 171 900 179 800 +2,3
Afrika k. A. 181 100 186 600 k. A.
Mittlerer Osten 43 100 36 700 37 800 -0,4
Japan/Ozeanien 36 600 49 200 53 000 +1,5
Süd-/Ostasien 252 700 269 300 272 000 +0,3
Zentralverwaltung Asien 115 800 113 500 110 000 -0,2
Welt 1434 000 1460 000 1475 000 +0,1

Während die LN zwischen 1900 und 1980 in Europa Tabelle 2.25


um 6 % abnahm, hat sie sich im gleichen Zeitraum
weltweit verdoppelt, im tropischen Afrika verdrei- Weltweite Veränderung der Flächenanteile
facht und in Südostasien sogar vervierfacht (EK, von landwirtschaftlichen Nutzflächen und Wäldern
1990 a). Seit etwa 1930 werden aus den tropischen in den vergangenen 100 Jahren
Waldgebieten Südamerikas, Afrikas und Asiens (in Mio. ha) (FAO, 1991)
erhebliche Mengen an Kohlendioxid durch Brandro-
dungen und Landnutzungsänderungen freigesetzt. Veränderung
Stand Stand
Durch die weltweit zunehmenden Rodungsaktivitä- 1882 1991 in in
ten nahmen die Waldbestände der Erde seit 1860 um Mio. ha Prozent
etwa ein Viertel ab.
Von den ursprünglich vorhandenen immergrünen Ackerland 860 1 470 610 + 71
und wechselgrünen Feuchtwäldern der Tropen sind Dauergrünland 1 500 3 220 1 720 +115
bis heute schätzungsweise 800 Mio. ha in landwirt- Wald 5 200 4 080 1 120 - 22
schaftliche Nutzflächen umgewandelt worden. Davon
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
wurden 350 Mio. ha zu Weideflächen und weitere atmosphäre" aus dem Jahr 1990 dargestellt (EK,
300 Mio. ha fielen erstmals dem Wanderfeldbau zum 1990 a).
Opfer. Auf weiten Teilen der gerodeten Flächen sind
die Böden rasch so erheblich geschädigt, daß sie Bei der Umwandlung von natürlicher Vegetation in
landwirtschaftlich nicht mehr genutzt werden können landwirtschaftliche Nutzflächen (LN) sind seit 1850
und daher ständig neue Flächen gerodet werden schätzungsweise 80 bis 150 Mrd. t CO 2 -Kohlenstoff -
müssen (EK, 1990 a). Zwischen 1980 und 1990 wurden aus Biomasse und Böden freigesetzt worden (IPCC,
jährlich durchschnittlich 15,4 Mio. ha gerodet. 1980 1990 a). Die bestehenden Unsicherheiten gehen aus
betrug die tropische Waldfläche etwa 1 910 Mio. ha, der Bandbreite der publizierten Schätzungen hervor,
1990 schätzte man die Restfläche der tropischen die von 56 Mrd.t CO 2 -C (Richards u. a., 1983, In: Esser,
Wälder weltweit auf etwa 1 756 Mio. ha (Lateiname- 1994) bis zu 225 Mrd.t CO 2 -C (Woodwell u. a., 1983,
rika: 920 Mio. ha; Afrika: 530 Mio. ha; Asien: In: Esser, 1994) reichen. Im Vergleich hierzu wurden
310 Mio. ha) (FAO, 1993). Der Einfluß der Landnut- im selben Zeitraum durch die Verbrennung fossiler
zungsänderungen und der Landwirtschaft auf die Energieträger etwa 150 bis 190 Mrd.t CO 2 -Kohlenstoff
Brandrodung der Tropenwälder ist ausführlich im in die Atmosphäre abgegeben (Rotty, 1987). Die
zweiten Bericht „Schutz der tropischen Wälder" der Waldrodungen und Landnutzungsänderungen sind
Enquete-Kommission „Vorsorge zum Schutz der Erd daher für ein Drittel bis die Hälfte des Anstiegs der

Abbildung 2.13: CO 2-Kohlenstofffreisetzung in die Atmosphäre durch Landnutzungsände-


rungen in Lateinamerika, Afrika, Nordamerika und Europa zwischen 1860
und 1980 (in Mio. t CO 2-C) (Houghton u. a., 1983).
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

atmosphärischen CO 2 -Konzentration verantwortlich, — Entnahme von Erntegut, Schädlingsbefall und


der seit Beginn der Industrialisierung vom Menschen andere Phytomasseverluste an Konsumenten;
verursacht wurde (Abschnitt A, Tab. 1.3).
— Einfache Bestandesstruktur, geringere Licht-,
Neben den umfangreichen Brandrodungen in den Wasser- und Nährstoffabsorption, späterer Bestan-
tropischen Wäldern kommt es in weiten Bereichen der desschluß; -
tropischen und subtropischen Savannengebiete zu
— Geringere Anpassungsfähigkeit und höhere An-
regelmäßigen Bewirtschaftungsbränden. Alle ein bis
fälligkeit landwirtschaftlicher (Mono-)Kulturen
drei Jahre wird der Aufwuchs abgebrannt, um die
gegenüber Wetterextremen, Krankheiten und
natürliche Regeneration der Weideflächen zu fördern.
Schädlingen.
Hiervon ist eine Fläche von etwa 2,6 Mrd. ha betroffen
(etwa 1 Mrd. ha/Jahr). Teilweise hatten und haben Die höhere NPP der potentiellen natürlichen Vegeta-
diese Savannenbrände auch natürliche Ursachen. Das tion kann in landwirtschaftlichen Kulturen nur bei
Abbrennen der Vegetation hat nur dann Auswirkun- Anwendung hoher Düngermengen und intensivem
gen auf den globalen Kohlenstoffhaushalt, wenn sich Pestizideinsatz erreicht werden. Die großflächige
die Häufigkeit und Intensität durch menschliche Ein- Umwandlung natürlicher Vegetation in landwirt-
griffe verändert hat oder zukünftig verändern wird schaftlich genutzte Flächen hat somit schwerwie-
(Esser, 1994). Darüber hinaus werden insbesondere in gende Konsequenzen für den Kohlenstoffhaushalt:
den Tropen erhebliche Mengen an Holz, Tierdung
— Der Umwandlungsprozeß setzt direkt erhebliche
und landwirtschaftlichen Ernteresten (Reisstroh etc.)
zur Energiegewinnung verbrannt. Mengen an CO 2 frei, insbesondere bei der heute
überwiegend angewandten Brandrodung.
— Die reduzierte NPP vermindert die CO 2 -Kohlen-
2.3.2.2 Kohlendioxidemissionen
stoffbindung in der pflanzlichen Biomasse.
Durch die Umwandlung natürlicher Waldbestände in
— Die verringerte Biomasseproduktion reduziert die
landwirtschaftlich genutzte Flächen wird der pro
Zufuhr in die Kohlenstoffspeicher Bestandesabf all
Flächeneinheit ober- und unterirdisch gespeicherte
undHms.ZätzlichwerdnHumsab
Kohlenstoff um den Faktor 20 bis 100 reduziert
und die Bodenerosion/-degradation durch die
(Houghton u. a., 1983). Wird ein Quadratmeter tropi-
Landnutzung verstärkt.
schen Regenwaldes gerodet und durch landwirt-
schaftliche Kulturen ersetzt, verringert sich der in der — Mit den Erntegütern wird die gebildete Biomasse
lebenden und toten Biomasse gespeicherte Kohlen- teilweise dem System entnommen und den Koh-
stoff von 15 bis 20 kg C/m 2 auf unter 1 kg C/m 2 (Esser, lenstoffspeichern entzogen.
1990). Der Differenzbetrag wird durch Verbrennung
Die Brandrodungen und Savannenbrände in den
oder mikrobielle Zersetzung der gerodeten Biomasse
und des Bestandesabfalls sowie durch die erhöhte tropischen Ländern setzen den in der Biomasse ent-
Mineralisation des im Boden vorhandenen Humus haltenen Kohlenstoff nicht nur als CO 2 , sondern auch
vorwiegend als CO 2 freigesetzt. als Kohlenmonoxid (CO) oder Methan (CH 4 ) frei.
Stickstoff wird vorwiegend in Form von Stickstoffoxi-
Die Netto-Kohlenstofffreisetzung durch Brandrodung den (NOx) und Distickstoffoxid (N 2O ) an die Atmo--
und Savannenbrände ist abhängig von der Menge des sphäre abgegeben.
ober- und unterirdisch gespeicherten Kohlenstoffs,
der Schwere des menschlichen Eingriffs und dem
Ausmaß der CO 2 -Kohlenstoffixierung durch eine ver-
Tabelle 2.26
bleibende oder erneut aufwachsende Folgevegeta-
tion. Je nach Art der Sekundärvegetation wird ein
Anteile verschiedener
unterschiedlich großer Anteil des freigesetzten CO 2
Biomasseverbrennungsprozesse
wiedrnBomasgbue.ISvnwächstim
an der Netto-Freisetzung von kohlenstoff-
Gegensatz zu den Tropenwäldern meist eine mengen-
und stickstoffhaltigen Gasen in den Tropen
mäßig vergleichbare Pflanzenmasse rasch wieder
(in Mio. t/Jahr) (IPCC, 1992)
nach und bindet große Anteile des zuvor freigeworde-
nen CO 2 . Daher sind die Netto-CO 2 -Emissionen je
Flächeneinheit dort weit geringer als bei der Brandro- Kohlenstoff Stickstoff
Verbrennungsprozeß emission in emission in
dung der Regenwälder (Hao u. a., 1989).
Mio. t C/Jahr Mio. t N/Jahr
Die NPP landwirtschaftlicher Kulturen liegt generell
unter derjenigen der potentiellen natürlichen Vegeta- Wanderfeldbau 500 —1 000 5 —10
tion des jeweiligen Standortes. In den Entwicklungs- Dauerhafte
ländern werden im allgemeinen nur 10 bis 20 % der Entwaldung 200— 700 2 —7
natürlichen Produktivität erreicht. Die Gründe für Savannenbrände 300-1600 2 —10
diese Reduktion sind in der Reihenfolge ihrer Bedeu-
tung (Esser, 1994): Brennholz 300— 600 1,5— 3
Landwirtschaftliche
— Unterbrechung des Mineralstoffkreislaufs Pflanze Abfällel) 500— 800 5 —16
Boden durch den Verlust der Bestandesabfallauf-
lage, das Abbrennen der Vegetation und des Summe 1800-4 700 15 —46
Bestandsabfalls und die verstärkte Mineralstoff
auswaschung; 1) = Ernteabfälle (Stroh etc.), getrockneter Tierdung etc.
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
Tabelle 2.27

Netto-Freisetzung von kohlenstoff- und stickstoffhaltigen Gasen


bei verschiedenen Biomasseverbrennungsprozessen 1 ) in den Tropen (in Mio. t/Jahr)
(Bouwman u. a., 1991)

Emissionen in Mio. t
Region - -
CO 2 2 ) CO 2 3 ) CH4 CO NOX N 2O

Lateinamerika 461 585 15 125 1,1 0,1


Afrika 354 1 403 25 211 1,6 0,1
Mittlerer Osten 1 9 0 1 0 0
Zentralverwaltung Asien . . 47 21 1 8 0,1 0
Süd-/Südostasien 125 30 2 19 0,2 0

Summe 987 2 047 44 364 3,0 0,2

1) einschließlich 20 Prozent aus der Verbrennung landwirtschaftlicher Abfälle


2) aus der Brandrodung
3) aus Savannenbränden

Die Angaben beinhalten auch die Freisetzung von neten, leichter abbaubaren Anteils der organischen
Spurengasen aus der Mineralisation und Vergärung Substanz liefert kontinuierlich pflanzenverfügbare
(Verrottung) organischer Substanz auf und in den Nährstoffe. Die organische Substanz hat ein hohes
Böden. Nach IPCC (1992) wird die derzeitige globale Absorptionsvermögen (Bindungsvermögen) für Nähr-
CO2 -Freisetzung durch Landnutzungsänderungen stoffe und verringert daher die Nährstoffverluste
auf 1,6 ± 1,0 Mrd. t C/Jahr geschätzt. Die Unsicher- durch Auswaschung. Die organische Substanz ver-
heiten, die diese Schätzung beinhaltet, werden auch bessert die Bodenstabilität (Aggregatstabilität) und
durch die Bandbreite anderer Schätzungen verdeut- somit die Durchlüftung und Sauerstoffversorgung des
licht (Tab. 2.26 und 2.27). Bodens. Dies regt die Tätigkeit von Mikroorganismen
an und verbessert das Bodenleben und das chemische
Milieu des Bodens. Die höhere Bodenstabilität ver-
2.3.3 Degradation der Böden mindert die Erosionsanfälligkeit des Bodens. Darüber
hinaus besitzt die organische Substanz eine hohe
Neben der Verbrennung hat auch die anschließende Wasserkapazität und vermag das Drei- bis Fünffache
-
Mineralisierung unverbrannter kohlenstoffhaltiger ihres Eigengewichtes an Wasser zu speichern.
Biomasse und organischer Substanz der Böden erheb-
lichen Anteil an der Freisetzung von Spurengasen.
Humusabbau
Die landwirtschaftliche Nutzung der Flächen führt im
allgemeinen zu einer niedrigeren NPP und einer Der Humusgehalt der Böden nimmt durch nahezu
geringeren C-Nachlieferung bzw. C-Speicherung in jede Form der landwirtschaftlichen Bearbeitung und
den Böden. Die Bearbeitung und Durchlüftung der Nutzung ab. Gleichzeitig wird in Agrarökosystemen
Böden verstärkt den Humusabbau. Die Erosion des die Nachlieferung von organischer Substanz durch die
freiliegenden Bodens führt zu weiteren Kohlenstoff- niedrigere NPP und den teilweisen Biomasse-Entzug
verlusten durch den Verlust C-haltigen Bodenmate- durch die Ernte und andere Konsumenten verringert.
rials. Die Degradation der. Böden durch Erosion, Deshalb liegt der Humusgehalt bewirtschafteter
Versalzung, Versauerung etc. verringert zusätzlich Böden nahezu ausnahmslos unter dem der ursprüng-
die NPP und damit die C-Senke im pflanzlichen lichen Vegetation. Organische Substanz wird dem
Aufwuchs und in den Böden selbst. Boden in Form von Wurzeln, Ernterückständen, abge-
storbenen Pflanzenteilen (Bestandsabfall) und Boden-
lebewesen sowie durch organische Düngung zuge-
2.3.3.1 Humusabbau, Bodenerosion und führt. Der Humusgehalt des Bodens spiegelt den
Bodendegradation Einfluß des Nutzungssystems und aller anderen öko-
logischen Standortbedingungen wider (Scheffer und
Global sind in der organischen Substanz der Böden Schachtschabel, 1989). Unter gleichbleibenden Um-
etwa 1 500 bis 1 800 Mrd. t C gespeichert. Die orga- weltbedingungen stellt sich nach einer Landnut-
nische Substanz hat zahlreiche positive Wirkungen zungsänderung langfristig ein neues Gleichgewicht
und bestimmt in hohem Maße die physikalischen, zwischen Abbau und Nachlieferung und somit ein
chemischen und biologischen Eigenschaften eines charakteristischer niedrigerer Gehalt an organischer
Bodens und damit das gesamte Bodenleben. Die Substanz ein. Dies gilt für die meisten landwirtschaft-
organische Substanz hat einen hohen Nährstoffge- lich genutzten Böden der gemäßigten Breiten, die
halt. Die Mineralisierung des als Nährhumus bezeich bereits seit Jahrhunderten in Nutzung sind.
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

Die Umwandlung von Waldböden in dauerhaft acker- (Tab. 2.28). Der mehrjährige Feldfutterbau und häu-
baulich genutzte Flächen vermindert deren Boden- fige Zwischenfruchtbau mit hohen Ernte- und Wurzel-
kohlenstoffgehalt um etwa 40 %, die Umwandlung in rückständen und längerer Bodenruhe führt dem
Weideflächen um etwa 20 %. Wanderfeldbau verur- Boden erhebliche Mengen organischer Substanz zu.
sacht einen Rückgang des Bodenkohlenstoffgehaltes Die ganzjährige Bodenbedeckung (Zwischenfrucht
um 18 bis 27 % (Detwiler u. Hall, 1988). Bei einer bau) verringert den Humusabbau.
derzeitigen landwirtschaftlichen Nutzfläche von
Die Anbausysteme unterscheiden sich hinsichtlich
1,5 Mrd. ha entspricht der Verlust an humusgebunde-
ihres Kohlenstoffbindungsvermögens kaum (Doran,
nem Kohlenstoff seit Mitte des 19. Jahrhunderts welt-
1992, In: Haas und Köpke, 1994). Die geringere
weit 40 bis 80 Mrd. t C bzw. 5 bis 10 % des
Biomassebildung (NPP) bzw. die geringeren Erträge
gegenwärtigen atmosphärischen CO 2 -Kohlenstoffs
des ökologischen Landbaus werden durch die ver-
(Bouwman, 1990; Haider, 1992). Die Kohlenstofffrei-
mehrte Bildung stabiler organischer Bodensubstanz
setzung in Form von CO 2 durch den Humusabbau ausgeglichen. Dies hat gleichzeitig positive Wirkun-
kann nur grob geschätzt werden, da die regionale
gen auf das Bodenleben und die Bodenstabilität und
Verteilung der ursprünglichen Humusgehalte und die
verringert die Erosionsanfälligkeit auf ökologisch
Anteile leichter bzw. schwerer abbaubarer Humus-
bewirtschafteten Flächen.
fraktionen ungenügend bekannt sind.

Erosion, Degradation und Desertifikation


Humusregeneration der Böden

Die Rodung der natürlichen Vegetation und der


Großflächige Landnutzungsänderungen finden der-
Humusverlust aufgrund der nachfolgenden Bodenbe-
zeit im wesentlichen in den Tropen und Subtropen
arbeitung stellen häufig den Beginn der Bodendegra-
statt. In den gemäßigten Breiten liegt der Umfang der
dation dar. Die Degradation führt zu einem teilweisen
Inkulturnahme neuer Flächen durch Grünlandum-
oder vollständigen Verlust der positiven Bodeneigen-
bruch, Rodung, Entwässerung und Bearbeitung von
schaften, des Bodenlebens oder sogar des Bodenma-
Moorböden etc. unter der gleichzeitigen Flächenstill-
terials und damit der Produktionsfunktion der Böden.
legung. Die Flächenstillegung und Wiederaufforstung
Da jede Form der Bodendegradation die potentielle
führt jedoch nur sehr langsam zu einer Humusanrei-
bzw. tatsächliche NPP verringert, trägt sie auch zu
cherung in den Böden. Bei einer Wiederaufforstung
einer Reduzierung der CO 2 -Senken in Böden und
vorher intensiv genutzter Böden kann es während der
Biosphäre und somit zu einem CO 2 -Anstieg in der
ersten Jahrzehnte sogar zu einem weiteren Abfall des
Atmosphäre bei. Die Degradation der Böden ist allge-
Bodenkohlenstoffgehaltes kommen (Esser, 1994). Die
mein ein natürlicher Prozeß, der aber in erheblichem
jährliche C-Anreicherung beträgt in Tundren, Wäl-
Umfang anthropogen verstärkt und beschleunigt
dern der gemäßigten Breiten und der Tropen, Gras-
wird. Die Ursachen der Bodendegradation liegen
landböden u. a. etwa 2 bis 2,5 g C/m 2 x Jahr. Global
weltweit überwiegend in der Landwirtschaft —
werden jährlich etwa 0,4 Mrd. t C als Bodenhumus
sowohl in der unaufhaltsamen Rodung und Auswei-
festgelegt. Dies entspricht 0,7 bis 0,8 % der jährlichen
tung der Nutzflächen in sensible erosions- und degra--
NPP bzw. 0,02 bis 0,03 % des gesamten im Humus
dationsgefährdete Gebiete als auch in der Intensität
gebundenen Kohlenstoffs. Die Humusbildung ist
der Landnutzung.
somit ein sehr langsamer Prozeß. Es dauert im allge-
meinen Jahrzehnte oder Jahrhunderte, bis die Böden Die weitaus häufigste Ursache der Bodendegradation
nach Stillegung und Aufforstung wieder die ursprüng- ist die Bodenerosion durch Wasser, die direkt von der
lichen Humusgehalte erreichen, die sie durch Rodung Bodenbedeckung (Rodung, Kulturart, Fruchtfolge)
oder Umbruch innerhalb von Jahren und Jahrzehnten und Bodenstabilität (Humusgehalt, Bodenbearbei-
verloren haben. Eine rasche und dauerhafte Steige- tung) abhängt. Daneben fördern falsches Bewässe-
rung des Bodenkohlenstoffgehaltes durch gesteiger- rungs- und Düngemanagement, Bearbeitungsfehler,
tes Pflanzenwachstum oder vermehrten Eintrag orga- Fruchtfolgeverarmung, Versauerung und Pestizidein-
nischer Rückstände ist daher eher unwahrscheinlich trag die Degradation der Böden. Des weiteren sind in
(Schlesinger, 1990). geringerem Umfang Emissionen und Altlasten aus
Industrie, Verkehr und Gewerbe an der Bodendegra-
Gleichwohl unterscheiden bzw. verändern sich die
dation beteiligt.
Humusgehalte des Bodens bei unterschiedlicher land-
wirtschaftlicher Produktionsweise. Obwohl die NPP Die steigende Intensität, Spezialisierung und Frucht-
des ökologischen Landbaus aufgrund der geringeren folgeverarmung in der konventionellen Landwirt-
Intensität (Düngemittel- und Pestizideinsatz) unter schaft reduzieren die Nachlieferung an organischer
der NPP der konventionellen Landwirtschaft liegt, Substanz, was häufig zur Abnahme des Humusgehal-
weisen die Böden allgemein einen höheren Gehalt tes der Böden und zur Beschleunigung der Boden-
insbesondere an stabilen Humusverbindungen auf. erosion führt. Die Abnahme des mehr- oder überjäh-
Dies ist auf verschiedene gezielte Maßnahmen des rigen Zwischenfrucht- und Feldfutterbaus mit Grä-
ökologischen Landbaues zum Erhalt bzw. zur Meh- sern und Leguminosen führte zum Rückgang der
rung der organischen Substanz des Bodens zurückzu- ganzjährigen Bodenbedeckung. Gleichzeitig nahmen
führen. Die Zufuhr von Stallmist bzw. Kompost hat ein stark erosionsfördernde Kulturarten mit später Boden-
hohes Humusbildungspotential, da in dem Rottepro- bedeckung (Mais, Zuckerrüben), insbesondere durch
zeß während der Stallmistlagerung/Kompostierung die Ausweitung des Maisanbaus in erosionsgefährde-
bereits stabile Humusbestandteile gebildet werden ten Mittelgebirgslagen, stark zu.
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350

Abbildung 2.14: Veränderung des Anteils von Klee, Kleegras, Luzerne, Gras und Mais an der
Ackerfutterfläche Deutschlands von 1950 bis 1989 (Kuhbauch, 1993).

Strukturschäden (Fahrspuren, Verdichtungen) durch Nachlieferung an organischer Substanz, das Bodenle-


schwere Maschinen und falsche Bearbeitungszeit- ben und den Humusgehalt der Böden. Eine alleinige
punkte sind häufig die Ausgangspunkte, an denen die mineralische Stickstoffdüngung oder Gülledüngung
Bodenerosion ansetzt. Gemeinsam mit einer zuneh- vermag zwar den Humusgehalt eines Bodens zu
mend schlechteren Bodenstruktur durch die intensi- stabilisieren, eine Stallmistdüngung führt dagegen zu
vere, den Humusabbau beschleunigende Bodenbear- einem Anstieg des Humusgehaltes und einer Verbes-
beitung verstärkte auch die Vergrößerung der Felder serung der Bodenstabilität. Mit steigender Intensität
im Zuge der Flurbereinigung, die Beseitigung von kann die Mineraldüngung sogar zu einer Abnahme
Hecken, Hangstufen, Gräben, Bäumen, etc. und die der Bodenkohlenstoffgehalte führen (Haider, 1992; In:
Umwandlung von Grünland in Ackerland die Haas u. Köpke, 1994).
Erosionsanfälligkeit landwirtschaftlich genutzter Flä-
Der jährliche Abtrag durch Bodenerosion erreicht in
chen.
Deutschland Höchstwerte von bis zu 200 t/ha (BINE,
Die zunehmende Spezialisierung und Konzentration 1992). Weltweit werden Höchstwerte der Boden-
in der Tierhaltung bei gleichzeitiger Verdrängung der erosion von bis zu 500 t/ha ermittelt. Die durchschnitt-
Kompost- und Stallmistwirtschaft durch die Flüssig- lichen Abtragsraten durch Erosion liegen in Deutsch-
mistwirtschaft (Gülle) wirkt ebenfalls negativ auf die land bei etwa 10 Tonnen Bodenmaterial je Hektar und
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

Tabelle 2.28 hung der Sedimentfracht der großen Flußsysteme.


Jährlich gelangt hierdurch etwa 1 Mrd. t Kohlenstoff
Entwicklung des Kohlenstoff- und Stickstoffgehaltes (sowie ebenfalls eutrophierend wirkende Mineral-
in Böden bei dem Dauerdüngungsversuch stoffe und Düngemittel) in die Weltmeere (WBGU,
des „Ewigen Roggenbaus" in Halle 1994).
bei unterschiedlicher Düngung
Durch die große Armut und das starke Bevölkerungs-
(nach Schmalfuss u. a., 1963; In: Boguslawski, 1981)
wachstum hat die Waldvernichtung und Überwei-
dung und die dadurch bedingte Bodenerosion und
1878 1929 1949 1953 1958 -degradation vor allem in den tropischen und subtro-
Düngung
pischen Ländern dramatisch zugenommen. Die De-
in %
gradation durch menschliche Eingriffe in ariden, se-
miariden und trocken-subhumiden Gebieten bezeich-
C-Gehalt
net man als Desertifikation (UNEP, 1991). Die Ursa-
ungedüngt ... 1,24 1,15 1,12 1,12 1,14 chen für die Degradation und Desertifikation der
mineral. NPK 1 ) 1,24 1,24 1,22 1,26 1,26 Böden liegen zu 70 % in der Bewirtschaftung unge-
Stallmiste) .... 1,24 1,64 1,66 1,68 1,69 eigneter Flächen, in Bewirtschaftungsfehlern und in
der Überweidung der Savannen und zu etwa 30 % in
N-Gehalt der Rodung und Brandrodung der Wälder (Fleisch-
hauer, 1993). Im einzelnen sind vier Faktoren hervor-
ungedüngt .... 0,095 0,071 0,086 0,085 0,081
zuheben, die der Schädigung der Böden Vorschub
mineral. NPK 1 ) 0,095 0,080 0,095 0,094 0,093 leisten:
Stallmist 2) .... 0,095 0,109 0,125 0,132 0,135
— Im Ackerbau (Wanderfeldbau) werden die not-
1) = 40 kg N/90 kg K2O/56 kg P 2O5/ha x Jahr wendigen Brachezeiten verkürzt, so daß dem
2) = 120 dt/ha x Jahr Boden nicht mehr genügend Zeit zur Regeneration
bleibt, ohne daß dies durch geeigneten Frucht-
wechsel oder gezielte Düngung kompensiert
würde. Zusätzlich wird der Ackerbau auf ungeeig-
Jahr. Die mittlere Bodenneubildungsrate beträgt in
nete Standorte ausgedehnt.
Abhängigkeit vom geologischen Ausgangsgestein
und den klimatischen Bedingungen jährlich nur 1 bis — Die Viehdichte ist so hoch, daß Gräser und
2 Tonnen Bodenmaterial je Hektar (Fleischhauer, Strauchwerk durch Überweidung Schaden neh-
1993). Die Zunahme der Bodenerosion führt zur Erhö men.

Tabelle 2.29

Prozesse der Bodendegradierung (WB GU, 1993)

Verlagerung von Bodenmaterial Bodeninterne Umwandlungen -

Wassererosion Winderosion Physikalische Prozesse Chemische Prozesse Biotische Prozesse

Verlust von Ober- Verlust von Ober- Versiegelung Nährstoffverluste Wandel der Bio-
bodenmaterial Bodenmaterial und Verkrustung (Biomasseexport, zönosenstruktur
von Oberflächen Auswaschung)

Deformation Schädigung Verdichtung Versalzung Wandel der Bio-


der Oberflächen der Vegetation (Bearbeitung) (Bewässerung) zönosenfunktion
(Rinnen, Gullies,
Täler)

Deformation Strukturwandel Versauerung Entkoppungen


der Oberflächen (Dispersion, (Deposition, zwischen Zerset-
(Senken, Wehen, Humusabbau) Biomasseexport) zungs- und Pro-
Dünen) duktionsprozessen

Wasserstau Toxifikation
(Verdichtung, (Schwermetalle,
Bewässerung) Organika)

Austrocknung Red/Ox-
(Drainage) Veränderungen

Sedimentation Abbau der orga-


nischen Substanz
Deutscher Bundestag - 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
- Sträucher und Bäume werden als Brennholz ser Prozeß offene Savannenlandschaften in Sandwü-
schneller verbraucht, als sie nachwachsen kön- sten (BMWZ, 1987).
nen.
Mehr als ein Drittel (etwa 5,2 Mrd. ha) der eisfreien
- Die einzelnen Brandrodungsflächen werden zu Landoberflächen gelten als Trockenzonen. Zwei Drit-
groß, so daß die Wiederbewaldung eingeschränkt tel (etwa 3,6 Mrd. ha) dieser Trockengebiete sind
wird. bereits durch Desertifikation/Degradation in Mitlei-
denschaft gezogen oder verwüstet (Tab. 2.30). Auf
Kann die überstrapazierte Vegetation dem Boden 2,6 Mrd. ha ist die Vegetation degradiert (ohne bisher
nicht mehr genug Schutz geben, vermindern die nachweisbare Bodendegradation) und auf etwa
einsetzende Abtragung durch Wind und Wasser, die 1 Mrd. ha sind auch die Böden degradiert. Jahr für
schnellere Austrocknung des Bodens und die Verän- Jahr werden weitere 6 Mio. ha landwirtschaftliche
derung des Regionalklimas die Regenerationsfähig- Nutzfläche vollständig und irreversibel verwüstet. 21
keit der Vegetation. Teilweise kommt es zu einem Mio. ha LN/Jahr werden zumindest so stark geschä-
völligen Abtrag des Oberbodens und zur Verwüstung digt, daß eine weitere ökonomische Landbewirtschaf-
ganzer Landstriche. Im Extremfall verwandelt die tung nicht mehr möglich ist (UNEP, 1991).

Tabelle 2.30

Stand der Desertifikation/Degradation in landwirtschaftlich genutzten Trockengebieten der Welt


(UNEP, 1991)

mit ausreichend gesamte


bewässe rte
Regen versorgte Weideland landwirtschaftlich genutzte
Landflächen
Feldfruchtflächen Trockenlandflächen
Kontinent
insge insge insge insge
degradie rt degradie rt degradie rt degradiert
samt samt samt samt

Mio. ha Mio. ha % Mio. ha Mio. ha % Mio. ha Mio. ha % Mio. ha Mio. ha %

Afrika 10,42 1,90 18 79,82 48,88 61 1342,35 995,08 74 1432,59 1046,84 73,0
Asien 92,02 31,81 35 218,17 122,28 56 1571,24 1187,61 76 1881,43 1311,70 69,7
Australien 1,87 0,25 13 42,12 14,32 34 657,22 361,35 55 701,21 375,92 53,6
Europa 11,90 1,91 16 22,11 11,85 54 111,57 80,52 72 145,58 94,28 84,8
Nordamerika . 20,87 5,86 29 74,17 11,61 16 483,14 411,15 85 578,18 428,62 74,1
Südamerika . 8,42 1,42 17 21,35 6,64 31 390,90 297,75 76 420,67 305,81 72,7

Gesamt 145,50 43,15 30 457,74 215,56 47 4 556,42 3 333,46 73 5 159,66 3 562,17 69,0 -

Eine globale Abschätzungen der Bodendegradation tar, was 17 % der weltweiten eisfreien Landfläche
(auch außerhalb der Trockengebiete) ermittelt eine (13 Mrd. ha) entspricht (Oldeman u. a., 1991, In:
bereits degradie rte Landfläche von fast 2 Mrd. Hek WBGU, 1994).

Tabelle 2.31

Ursachen und Ausmaß der anthropogenen Bodendegradation (Oldemann u. a., 1991, In: WBGU, 1994)

Degradie rte Ursachen der Degradierung in %


Flächen -

(Mio. km2 ) Rodungen Übernutzung Überweidung Ackerbau Industrie

Welt (gesamt) 19,64 30 7 35 28 1

Afrika 4,94 14 13 49 24 <1


Nord-/Mittelamerika 1,58 11 7 24 57 <1
Südamerika 2,43 41 5 28 26 <1
Asien 7,48 40 6 26 27 <1
Europa 2,19 38 <1 23 29 9
Ozeanien 1,03 12 <1 80 8 <1
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2.3.3.2 Kohlendioxidemissionen stungen (Mineraldünger, Import-/Futtermittel, Ma-


schinen, Gebäude, Pestizide etc.).
Der Anteil der Bodendegradation und -desertifikation
Die Landwirtschaft hat andererseits die besondere
an der Freisetzung klimarelevanter Spurengase ist
Möglichkeit, fossile Energieträger durch den Anbau
derzeit nicht abschätzbar. Der degradationsbedingte
nachwachsender Rohstoffe und Energieträger sowie
Verlust von Nutzflächen verstärkt jedoch bei gleich-
mittels der energetischen Verwertung von Rest- und
zeitigem Bevölkerungswachstum die Nutzungsinten-
Abfallstoffen (Biomasse, -gas) zu ersetzen. In welchem
sität auf den verbleibenden Flächen und die Notwen-
Maß dies möglich oder sinnvoll ist, wird in Kap. 4.2.4.3
digkeit der weiteren Ausdehnung der Nutzflächen.
diskutiert.
Die in Kap. 2.3.2.2 genannten Emissionen sind daher
anteilig auch der Bodendegradation zuzurechnen.
Ebenso wie alle anderen Ressourcen ist auch die
potentiell landwirtschaftlich nutzbare Bodenfläche 2.3.4.1 Energieeinsatz
begrenzt. Während in Lateinamerika und Afrika wei-
tere Landnutzungsänderungen möglich erscheinen, Durch die Intensivierung, Spezialisierung und Ratio-
stößt dies in Asien, wo die Landreserven bereits nalisierung in der konventionellen Landwirtschaft
weitgehend erschöpft sind, an natürliche Grenzen. wurden in den vergangenen Jahrzehnten in erhebli-
Zum Schutz der verbliebenen Wälder und in Anbe- chem Umfang die menschliche Arbeitskraft und die
tracht der gravierenden Probleme durch die Landnut- tierische Zugkraft durch Maschinen und Treibstoffe,
zungsänderungen ist eine weitere Steigerung der im eigenen Betrieb erzeugtes Futter durch teilweise
Nahrungsmittelproduktion in Asien, aber auch in importierte Zukauffuttermittel sowie Wirtschaftsdün-
Afrika und Lateinamerika nur durch eine intensivere ger und die biologische Stickstoffixierung der Legu-
Nutzung bereits bewirtschafteter Flächen zu errei- minosen durch mineralische Stickstoffdünger ersetzt.
chen. Um jedoch den Teufelskreis aus Degradation Die Auswirkungen des Strukturwandels in der Land-
und Landnutzungsänderungen zu durchbrechen, ist wirtschaft (Kap. 1.1.3) auf den Einsatz von Produk-
zugleich eine nachhaltige, schonende und degrada- tionsfaktoren und Energie sind zusammenfassend in
tionsvermeidende Bewirtschaftung der Flächen not- Abb. 2.15 dargestellt.
wendig. Durch standortangepaßte Landbewirtschaf-
tung (z. B. Agroforestry) können teilweise bereits In den fünfziger und sechziger Jahren stieg der
degradierte Flächen wieder rekultiviert werden. Der direkte Energieeinsatz in der Landwirtschaft im Mittel
großflächigen Wiederaufforstung gerodeter Waldflä- um 9,1 % pro Jahr, während die Bruttobodenproduk-
chen zur Schaffung von Kohlenstoffsenken steht tion im jährlichen Durchschnitt nur um 1,3 % zunahm.
zumindest in den Entwicklungsländern die Notwen- Der Anstieg im Energieverbrauch hat sich jedoch in
digkeit der Ernährung einer wachsenden Bevölke- der jüngsten Vergangenheit etwas verlangsamt und
rung entgegen. Es ist vielmehr zu befürchten, daß die ist bereits teilweise rückläufig (Tab. 2.32). In den
Brandrodung der Wälder unverminde rt voranschrei- siebziger Jahren stieg der Energieeinsatz insgesamt
tet. Zur CO 2 -Freisetzung infolge von Landnutzungs- nur noch um 1,6 % pro Jahr (KTBL, 1987). Nach
änderungen in den gemäßigten Breiten gibt es keine Berechnungen von Weber (1979) stieg der Gesamt-
Angaben. energieeinsatz in der deutschen Landwirtschaft (ABL)-
von etwa 250 PJ (Petajoule = 1015 Joule) im Jahr 1950
auf etwa 500 PJ im Jahr 1975 (Abb. 2.16).
Die Berechnung des Gesamtenergieeinsatzes wur-
den bis Anfang der neunziger Jahre fortgeführt
2.3.4 Verbrauch fossiler Energieträger (Tab. 2.32). Diese neueren Daten sind jedoch keine
Fortschreibung der Ergebnisse von Weber (1979), da
Werden durch die Brandrodungen und Landnut- sie nur den kommerziellen Energieinput berücksich-
zungsänderungen weltweit 1,6 ± 1,0 Mrd. t CO 2 tigen und nicht, wie Weber, auch die menschliche
-C/Jahrfeigstz,oüdVrbenugfosil Arbeitskraft energetisch bewe rt et und in die Berech-
Energieträger insgesamt zu Emissionen in Höhe von nung einbezogen haben. Darüber hinaus sind die
5,4 ± 0,5 Mrd. t CO 2 -C/Jahr mit weiter steigender verschiedenen Energieträger und Betriebsmittel von
Tendenz. Auch die zunehmende Intensivierung der Weber energetisch z. T. wesentlich höher bewe rt et
Landwirtschaft ist mit einem steigenden Verbrauch worden, als dies nach heutigen Erkenntnissen üblich
von fossilen Energieträgern verbunden. Dieser Ver- ist. Auch die Berechnungsgrundlagen für den indirek-
brauch erfolgt direkt als Treibstoff, Heizöl etc. oder ten Energieeinsatzes in Form von Betriebsmitteln ist in
indirekt durch den Einsatz energieintensiver Vorlei den beiden Untersuchungen nicht deckungsgleich.
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Abbildung 2.15: Anteil des Energieeinsatzes von Produktionsfaktoren am Gesamtenergieeinsatz in der deutschen Landwirtschaft von 1880 bis
1975 (Weber, 1979):

Tabelle 2.32

Entwicklung des Gesamtenergieeinsatzes in der Landwirtschaft (einschließlich Garten- und Weinbau)


der Bundesrepublik Deutschland (Alte Bundesländer) (KTBL, 1987; Zahlen für 1990/91
ergänzt nach Angaben des Bundesamtes für Ernährung und Forstwirtschaft)

Gesamtenergieeinsatz je Wi rtschaftsjahr in GJ
Betriebsmittelart
1970/1971 1975/1976 1980/1981 1985/1986 1990/1991

1. Direkter Energieeinsatz 165 297,12 175 359,14 188 450,44 186 398,88 184 669,71
- Kraftstoffe 77 959,28 77 080,04 83 527,80 82 062,40 77 402,43
- Heizöl 73 270,00 82 062,40 86 751,68 84 407,04 87,894,69
- Elektrizität 10 843,96 14 067,84 16 705,56 18 757,12 17 877,87
- Gas und feste Brennstoffe . 3 223,88 2 148,80 1 406,78 1 172,32 1 494,71

2. Indirekter Energieeinsatz 182 582,39 188 803,32 218 096,93 211 507,34 192 825,83
- Mineraldünger 71 546,40 74 706,68 90 598,36 86 970,32 76 637,49
(darunter N-Dünger) (51 995,03) (56 454,54) (71 303,73) (69 694,42) (62 890,28)
- Pflanzenschutzmittel 1 029,00 2 520,78 3 426,11 3 126,58 3 448,38
- Futtermittel 79 413,84 81 977,41 95 078,08 96 383,75 87 615,68
- Saat- und Pflanzgut 3 142,70 2 793,64 3 142,99 3 142,70 3 143,28
- Maschinen 23 348,51 22 703,74 21 614,65 17 764,46 21 981,00
- Schmierstoffe 253,51 252,64 271,10 271,10 21 981,00
- Wirtschaftsgebäude 3 848,43 3 848,43 3 848,44 3 848,43 21 981,00

Gesamtenergieeinsatz 347 879,51 364 162,45 406 547,97 397 906,22 377 495,54
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Abbildung 2.16: Gesamtenergieeinsatz (in PJ1)) und Energieeinsatz je Hektar (in GJ2)/ha LN) in der deutschen Landwirtschaft von 1880 bis
1975 (Weber, 1979)
1) PJ = Petajoule (1015 Joule)
2) GJ = Gigajoule (109 Joule)

Abweichend von den Angaben in Tab. 2.32 ermittel- Ländern (Abb. 2.16). Die größten Anteile am direkten
ten Haas und Köpke (1994) in ihrer Studie für die Energieverbrauch haben Heizöl, Kraftstoffe und
Enquete-Kommission für das Jahr 1990/91 einen deut- Strom, am indirekten Energieverbrauch Stickstoff-/
lich höheren Gesamtenergieeinsatz im Agrarsektor in Dünger, Import-/Futtermittel und Maschinen. Nach
Höhe von 412,3 PJ (ABL) (Abb. 2.17). Der Unterschied Literaturangaben liegt der Anteil des Agrarsektors am
ist im wesentlichen auf eigene Berechnungen für die jeweiligen nationalen Energieverbrauch in Industrie-
Bereiche Treibstoffe, Elektrizität und Futtermittel ländern allgemein zwischen 2 und 6 %. Für den
zurückzuführen. So ermittelten Haas und Köpke den gesamten Ernährungssektor werden jeweils zwischen
Energieeinsatz für den Stromverbrauch in der Land- 12 und 21 % am Gesamtenergieverbrauch angegeben
wirtschaft unter Berücksichtigung eines primärener- (verschied. Quellen; In: Haas u. Köpke, 1994).
getischen Wirkungsgrades von 33,5 %. Der Primär-
Die Produktivität des Energieeinsatzes in der Land-
energiebedarf für Strom ist daher dreimal höher als
wirtschaft hat sich in der Vergangenheit trotz gestie-
vom Bundesamt für Ernährung und Forstwirtschaft
gener Erträge wesentlich verschlechtert (Kap. 1.1.3).
(BEF) in Tab. 2.32 angegeben (Haas u. Köpke,
Zwischen 1905 und 1975 verringerte sich das Verhält-
1994).
nis zwischen eingesetzter und „geernteter" Energie-
Der gesamte Energieverbrauch im Agrarsektor der menge um 55 %. Wurden 1905 pro eingesetzter
Bundesrepublik Deutschland (ABL) lag im Wirt- Energieeinheit noch 4 Einheiten an Nahrungsenergie
schaftsjahr 1990/91 bei 412,3 PJ und betrug damit erzeugt, so waren es 1950 noch etwa 2,7 Einheiten und
3,6 % des gesamten Energieverbrauches in den alten 1975 nur noch 1,8 Einheiten an Nahrungsenergie
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350

Abbildung 2.17: Gesamtenergieeinsatz im Agrarsektor der Bundesrepublik Deutschland


(ABL) 1990/91 (Haas u. Köpke, 1994).
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Abbildung 2.18: Produktivität des Energieeinsatzes (Joule Bruttobodenproduktion je Joule Energieeinsatz) in der deutschen Landwirtschaft
von 1880 bis 1975 (Weber, 1979):

(Weber, 1979) (Abb. 2.18). Die energetische Input- geschlossenen Betriebskreislauf an und ist weit weni-
Output-Relation sank beispielsweise im Maisanbau ger von importierten Betriebsmitteln abhängig. Der
von 1 : 3,7 (1945) auf 1 : 2,5 (1930) (Pimentelu. a., 1973, Zukauf von Futtermitteln ist stark eingeschränkt und
In: Lünzer, 1992 a und b). Sowohl die Erträge (in der Einsatz von mineralischen Stickstoffdüngern ist
absoluten Zahlen) als auch die Arbeits- und Flächen- verboten. Die Tierhaltung erfolgt auf betriebseigener
produktivität sind im gleichen Zeitraum dagegen Futtergrundlage mit dem Schwerpunkt im Legumino-
deutlich gestiegen (Weber, 1979). senanbau, der über die Pflanzenrückstände und den
Wirtschaftsdünger (Stallmist) dem Betriebskreislauf
Es liegen keine umfassenden aktuelleren Untersu- Stickstoff zuführt. Der direkt zuordbare flächenbezo-
chungen zur Energiebilanz des gesamten Landwirt- gene Energieeinsatz im ökologischen Landbau
schaftssektors oder einzelner Betriebszweige bzw. beträgt 6,6 GJ/ha (Gigajoule = 10 9 Joule). Der Ener-
Produktionsverfahren vor. Daher hat die Enquete- gieeinsatz in der konventionellen Landwirtschaft
Kommission eine Studie in Auftrag gegeben, die den (Durchschnitt der Haupterwerbsbetriebe) ist mit
Energieeinsatz in der konventionellen Landwirtschaft 19,4 GJ/ha dreimal so hoch. Die Erträge liegen im
und im ökologischen Landbau miteinander ver- ökologischen Landbau im allgemeinen nur um 10 bis
gleicht. Der ökologische Landbau strebt im Gegensatz 30 % niedriger als in der konventionellen Landwirt-
zur konventionellen Landwirtschaft einen möglichst schaft (Haas u. Köpke, 1994).
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350

Abbildung 2.19: Durchschnittlicher Energieeinsatz (direkt zuordbare Energieträger) im öko-


logischen und konventionellen Pflanzenbau bei systemüblichen Flächenan-
teilen einzelner Nutzpflanzenarten (Flächennutzungsanteile nach Agrarbe-
richt 1993) (Haas u. Köpke, 1994).

Dieser deutliche Unterschied ist im wesentlichen auf 2.3.4.2 Kohlendioxidemissionen


die mineralische Stickstoffdüngung und die Futter-
mittelzukäufe zurückzuführen. Der anteilige Energie- Der Einsatz fossiler Energieträger im Agrarsektor
aufwand für die mineralische Stickstoffdüngung im (Abb. 2.16) führte im Jahr 1990/91 zu CO 2 -Emissionen
intensiven Getreide- und Hackfruchtbau beträgt bis in Höhe von 27,5 Mio. t CO 2 . Dies entspricht einem
zu 50 % des Gesamtenergieeinsatzes je Fläche (Haas Anteil von 3,9 % an den Gesamtemissionen der
u. Köpke, 1994). Die Energieeinsparungen durch Bundesrepublik Deutschland (ABL) in Höhe von
ökologische Wirtschaftsweise liegen bei Winterwei- 708 Mio. t CO 2 (Haas u. Köpke, 1994).
zen zwischen 15 und 48 %, bei Gerste bei 25 % und bei
Sommerweizen bei 47 % (USDA, 1980, In: Lünzer, Hochgerechnet auf die gesamte Fläche der Bundesre-
1992 a und b). Der Vergleich des Energieverbrauchs je publik Deutschland (ABL u. NBL) ergeben sich jährli-
Ertragseinheit verdeutlicht ebenfalls die erheblichen che CO 2 -Emissionen von schätzungsweise 38,4 Mio. t
Einsparpotentiale an fossiler Energie (Abb. 2.20). CO 2 (Smukalski u. a., 1992). Auf die gesamte land-
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

Abbildung 2.20: Energieeinsatz bezogen auf den Ertrag im konventionellen und ökologischen
Landbau (Haas u. Köpke, 1994).
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350

Abbildung 2.21: Kohlendioxidemissionen im Agrarsektor der Bundesrepublik Deutschland


(ABL) 1990/91 (Haas u. Köpke, 1994).

wirtschaftliche Nutzfläche bezogen, entspricht dies x Jahr) liegen bei nur 39 % der konventionellen
der Emission von etwa 2,24 t CO 2/ha x Jahr (Burdick, Vergleichsbetriebe (1,4 t CO 2/ha x Jahr). Während im
1994). Die dargestellten Unterschiede im Energiever- ökologischen Landbau etwa die Hälfte des emittierten
brauch zwischen der konventionellen und ökologi- CO2 auf den direkten Energieeinsatz (Treibstoffe,
schen Landwirtschaft führen zu entsprechend unter- Heizöl, Strom) zurückzuführen ist, beträgt dieser
schiedlichen CO 2 -Emissionen (Abb. 2.22). Anteil im konventionellen Landbau durch den hohen
Die direkt zuordbaren flächenbezogenen CO 2 -Emis Einsatz von Vorleistungen nur etwa ein Viertel (Haas
sionen im ökologischen Landbau (0,54 t CO 2/ha u. Köpke, 1994).
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

Abbildung 2.22: Durchschnittliche CO 2-Emission (aus direkt zuordbaren Energieträgern) bei


konventioneller und ökologischer Bewirtscha ftung bei systemüblichen
Flächenanteilen einzelner Nutzpflanzenarten (Flächennutzungsanteile nach
Agrarbericht 1993) (Haas u. Köpke, 1994).

2.4 Indirekt klimawirksame Spurengase Eutrophierung natürlicher und naturnaher Ökosy-


steme bei und verstärkt deren Freisetzung von NOX
In der Landwirtschaft werden neben den bereits und N2 0 bzw. führt durch Versauerung der Böden zur
genannten direkt klimawirksamen Spurengasen Me- Schädigung der Ökosysteme (z. B. Waldsterben) und
than (CH4 ), Distickstoffoxid (N 2 0) und Kohlendioxid reduziert deren Kohlenstoffaufnahme (CO 2 und
(CO 2 ) eine Reihe weiterer atmosphärischer Spuren- CH4 ).
gase freigesetzt. Diese Gase wirken indirekt auf das
Klima, weil sie unter anderem den Auf- und Abbau
direkt klimarelevanter Spurengase beeinflussen 2.4.1 Ammoniak (NH 3)
(Ozonbildung in der Troposphäre; Abschnitt A,
Kap. 2). Zu nennen sind hier Stickstoffoxide (NO X), Ammoniakemissionen entstehen fast ausschließlich in
Kohlenmonoxid (CO), Nicht-Methan-Kohlenwasser- der Landwirtschaft und hier weit überwiegend in der
stoffe (NMHC) und gasförmige Schwefelverbindun- Tierhaltung. Aus dem Harnstoff der Tierfäkalien wird
gen wie Carbonylsulfid (COS). Ammoniak (NH 3 ) ist mikrobiell Ammonium (NH 4 +) und CO2 gebildet, das
ebenfalls nicht direkt klimawirksam. Es trägt zur teilweise als Ammoniak gasförmig entweicht (Kap.
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
Tabelle 2.33

Mittlere Nährstoffgehalte und Nährstofformen organischer Dünger


(in kg Nährstoff/Tonne Wirtschaftsdünger) (AID, 1992)

Trocken Gesamt NH4 NH 4 N


Dünger P2O5 K 2O
ubstanz (%) Stickstoff Stickstoff in %

Festmist Rind 25 5 0,5 10 3,0 6


Festmist Schwein 23 6 0,6 10 5,0 3
Gülle Rind 10 4 2,0 50 2,0 6
Gülle Schwein 7,5 4,5 3,1 70 4,5 3
Jauche 3 3,0 3,0 100 1,0 7

2.2.1 u. 2.2.3.1). Ammoniak wird im Stallbereich, bei Oberflächengewässer ausgewaschen oder denitrifi-
der Lagerung und Ausbringung von Wirtschaftsdün- ziert (N 2O -Emissionen), Ammonium entweicht gasför-
gern sowie bei der Weidewirtschaft freigesetzt. mig als Ammoniak. Im Stallmist und Kompost liegt
Stickstoff dagegen nahezu ausschließlich in organi-
Die globalen NH 3 -Emissionen werden auf etwa 28 bis
scher Bindung vor. Organisch gebundener Stickstoff
45 Mio. t geschätzt, die nahezu ausschließlich anthro-
wird nur sehr mäßig bis langsam durch Mineralisation
pogenen Ursprungs sind. In Europa werden sechs bis
verfügbar, wirkt daher langsam und nachhaltig und
acht Mio. t NH 3/Jahr freigesetzt (Döhler, 1991 a u. b;
stellt somit eine über Jahre wirksame verlustarme
Hartung, 1992). In der Bundesrepublik Deutschland
Stickstoffquelle dar (Tab. 2.34).
(ABL u. NBL) wurden 1990 etwa 650 000 t NH 3/Jahr
(ABL: 480 000 t ; NBL: 175 000 t) emittiert (BMU,
1993 a) (Abschnitt C, Kap. 3.5.3, Tab. 3.8). Etwa 90 % Tabelle 2.34
der Gesamtemissionen sind — global wie national —
der Tierhaltung zuzurechnen. Die restlichen 10 % N-Fraktionen verschiedener Verfügbarkeit
entstehen überwiegend bei der Produktion und Aus- in organischen Düngern
bringung von mineralischen Stickstoffdüngern (Döh- (Angaben in Prozent des Gesamt-N-Gehaltes)
ler, 1991 n u. b). (Sluijsmans u. Kolenbrander, 1977)
Ammoniak (NH3 ) ist für viele Organismen toxisch. Es
führt bei hohen Immissionsraten zu Welkeerscheinun- min. org. org.
gen, Nekrosen (Gewebeschäden) und Blütenendfäu- Stickstoff Stickstoff Stickstoff
Dünger
sofort mäßig langsam
len an Pflanzen (Döhler, 1991 b). Der aus der Land- verfügbar verfügbar verfügbar --s
wirtschaft stammende Ammoniak-Stickstoff ist an der
Überdüngung und Bodenversauerung der Waldöko- Stallmist 10 46 44
systeme etwa zur Hälfte beteiligt. Die andere Hälfte
Rindergülle 50 25 25
des Versauerungspotentials tragen die Stickstoffoxid
Emissionen aus dem Verkehrs- und Energiebereich Schweinegülle . 51 34 15
bei (Isermann, 1994). Hühnergülle 54 32 14
Die Rationalisierung in der Intensivtierhaltung ver- Jauche 94 3 3
drängte seit Mitte der sechziger Jahre die Festmist
Wirtschaft zunehmend durch die Einführung der
weniger arbeitsintensiven Aufstallung auf Spaltenbö- Der durchschnittliche Viehbesatz ökologischer Be-
den ohne Einstreu (Flüssigmistsysteme). Diese Aus-
triebe ist aufgrund der limitierten Futtermittelzukäufe
weitung der Güllewirtschaft (Tab. 2.8) sowie die flächengebunden mit einer Vieheinheit/ha (1 VE/ha)
erhebliche Zunahme der Tierzahlen sind die wesent- deutlich niedriger als in den konventionellen Haupt-
lichen Ursachen für den Anstieg der NH 3 - und
erwerbsbetrieben (1,6 VE/ha). Die durchschnittliche
CH4 -Emissionen in Deutschland bzw. Europa
Tierbesatzdichte in der intensiven konventionellen
(Kap. 2.1.3.2). Erst in jüngster Zeit sind die Tierzahlen Massentierhaltung, vor allem in der Schweinehal-
leicht rückläufig. tung, liegt bei 4,6 VE/ha (BML, 1993 b). Entsprechend
Der unterschiedliche Beitrag der Wirtschaftsdünger dem Tierbesatz je Hektar verursacht die Tierhaltung
zur NH3 -Emission ist auf deren unterschiedlichen im ökologischen Landbau NH3 -Emissionen in Höhe
Ammoniumgehalt zurückzuführen. Der Stickstoff in von 25 kg NH3 -N/ha x Jahr. Die Emissionen konven-
der Gülle liegt überwiegend als leicht lösliches tioneller Haupterwerbsbetriebe betragen 45 kg NH 3
Ammonium vor (Tab. 2.33). -N/haxJr,dieEmsonuchtlierV-
edlungsbetriebe liegen bei 132 kg NH 3 -N/ha x Jahr
Je löslicher die Stickstoffverbindungen sind, desto und in intensiven Veredlungsbetrieben werden sogar
rascher sind sie pflanzenverfügbar, aber desto höher 162 kg NH3 -N/ha x Jahr freigesetzt (Abb. 2.23) (Haas
sind auch die Verluste. Nitrat wird in Grund- und u. Köpke, 1994).
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

Abbildung 2.23: Viehbesatz und Ammoniakemissionen ökologischer und konventioneller


Betriebe 1991/92 (in VE/ha und kg NH 3-N/ha x Jahr) (Haas u. Köpke,
1994).
1) Viehbesatz nach Agrarbericht 1993 für ABL
2) Intensive Veredlungsbetriebe mit Standarddeckungsbeitrag 60 000 DM
(Agrarbericht 1993)

Bei Viehbesatzdichten über 2 bis 2,5 VE/ha ist eine mehr Ammoniak entweicht. Beim Rottemist sind die
umwelt- und klimaverträgliche Anwendung von Wirt- Emissionen geringer und hängen hier vor allem vom
schaftsdüngern nicht mehr möglich (Haas u. Köpke, Strohzusatz ab. Je mehr trockenes Stroh zugesetzt
1994). Hinzu kommt, daß hohe Viehbesatzdichten in wird, desto höher sind die Emissionen. Die geringsten
aller Regel mit Flüssigmistsystem verbunden sind. Die Emissionen entstehen bei der Tiefstallhaltung, da hier
Aufstallung im ökologischen Landbau erfolgt dage- der Mist feucht und fest gelagert wird (Kempkens,
gen in Festmistsystemen mit Stroheinstreu. In Flüssig- 1991). Festmist ist generell kühl und feucht zu lagern.
mistsystemen treten die höchsten NH 3 -Emissionen Flüssigmist sollte ebenfalls kühl, aber darüber hinaus
auf, abhängig von der Lufttemperatur im Stall, dem unbedingt abgedeckt gelagert werden. Des weiteren
Querschnitt der Güllekanäle und der allgemeinen sollte Gülle nicht gerührt oder belüftet werden, da der
Stallhygiene (Nachspülen mit Wasser). NH 3 hat einen Luftkontakt die Ammoniakemissionen deutlich er-
hohen Dampfdruck. Je länger die Harnstoff- bzw. höht. Statt dessen ist die Gülle — soweit von der
ammoniumhaltigen Fäkalien der Luft ausgesetzt sind Lagerkapazität her möglich — mit Wasser zu verdün-
und je höher die Umgebungstemperatur ist, desto nen.
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
Die pH-Werte von anaerob gelagerter Schweine- und Stickstoffs als Ammoniak verdampfen. NH 3 löst sich
Rindergülle schwanken in der Regel zwischen pH 7,2 leicht in Wasser. Daher sollte Gülle bei kühler, feuch-
und 8,5. Sofort nach der Ausbringung entweichen, vor ter Witterung, möglichst bei leichtem Regen und
allem bei höheren Temperaturen organische Säuren Windstille oder auf feuchten Boden ausgebracht und
(Propion- u. Essigsäure) und Kohlendioxid aus der eingearbeitet werden. Die Einarbeitung muß sofort
Gülle. Dies führt zu einem raschen pH-Anstieg in der erfolgen, da die Verluste gleich nach der Ausbringung
Gülle. Je höher der pH-Wert, desto mehr Ammoniak am höchsten sind. In einem Planzenbestand sollte die
entweicht (Aldag, 1991). Ausbringung durch Schleppschläuche, auf Grünland
Je nach Ausbringungstechnik und Wetterlage können durch Bodeninjektion erfolgen. Das großflächige Ver-
bis zu 90 % des in der Gülle enthaltenen Ammonium- sprühen ist generell zu untersagen.

Abbildung 2.24: Der Einfluß des pH-Wertes auf die Verteilung von Ammoniak und Ammonium
in der Lösung (nach Court u. a., 1964; In: Aldag, 1991).
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Abbildung 2.25: Einfluß der Witterung auf die Ammoniakverluste nach Gülleausbringung
(nach Bless, 1990; In: Brockerhoff, 1991).

2.4.2 Kohlenmonoxid (CO) Kohlenwasserstoffemissionen zur CO-Freisetzung


bzw. CO-Bildung bei. Durch die photochemische
Oxidation von CH4 und Nichtmethan-Kohlenwasser-
Das Kohlenmonoxid entsteht im Bereich der Land-
stoffen wird in der Troposphäre CO gebildet.
wirtschaft vor allem durch die Biomasseverbrennung
(Kap. 2.3.2.2, Tab. 2.26) bei der Brandrodung tropi- Die globalen Emissionen durch die Biomasseverbren-
scher Wälder (Landnutzungsänderungen), Savannen- nung betragen schätzungsweise 360 Mio. t CO (Bouw-
bränden und der Verbrennung von Holz und landwirt- man u. a., 1991), können aber nur mit einer erhebli-
schaftlichen Abfällen. Indirekt trägt die Landwirt- chen Schwankungsbreite angegeben werden. Nach
schaft durch ihren Anteil an der Verbrennung fossiler einer älteren Schätzung liegen die CO-Emissionen
Energieträger und an den CH 4 - und Nichtmethan deutlich höher.
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
Tabelle 2.35 Tabelle 2.36

Anthropogene CO-Emissionen Anthropogene Quellen der Stickstoff oxide


(in Mio. t CO/Jahr) (EL 1990b) in der Troposphäre (in Mio. t NOX-N/Jahr
(IPCC, 1992; EK, 1990b 1 ))
Verbrennung
fossiler Brennstoffe 500 (400-1 000) Verbrennung fossiler Brennstoffe . 21
Brandrodung Verbrennung von Biomasse 5,5±3
tropischer Wälder 400 (200— 800) Flugverkehr (in der Troposphäre) 0,6
Savannenbrände und land- Mineraldüngung 2 ±11)
wirtschaftliche Abfälle 200 (100— 400) 2 ±11)
Wirtschaftsdüngung (Gülle)
Verbrennung von Holz
zur Energiegewinnung 50 (25 — 150) Summe 31 ±5
Photochemische Oxidation
von anthropogenem CH 4
in der Troposphäre 250 (200— 300) Untersuchungen lassen bisher kaum verläßliche groß-
Photochemische Oxidation räumige Aussagen zu einer quantitativen Abschät-
von anthropogenem NMHC zung der NO X -Freisetzung aus Böden bzw. des Ein-
in der Troposphäre 90 (60— 120) flusses der Landbewirtschaftung oder der Stickstoff-
düngung zu.
Summe 1490 (985 —2770)
Nach ersten Abschätzungen trägt die mineralische
Stickstoffdüngung weltweit mit etwa ein bis drei Mio. t
NOX-gebundenem Stickstoff/Jahr zu den globalen
NOX -Emissionen bei. Etwa die gleiche Menge wird
weltweit durch die mikrobielle Zersetzung von Gülle
2.4.3 Stickstoffoxide und Harnstoff aus Wirtschaftsdüngern freigesetzt.
4 bis 10 Mio. t NOX -gebundener Stickstoff werden bei
der Biomasseverbrennung (Brandrodung, Brennholz-
NO und NO 2 (zusammen als NO,, bezeichnet) ent-
nutzung, etc.) emittiert (EK, 1990 b).
stehen vor allem durch die Biomasseverbrennung
bei der Brandrodung und den Savannenbränden
(Kap. 2.3.2.2, Tab. 2.26). Über den Brandrodungsge-
bieten der Tropen und den Großbränden in den 2.4.4 Nicht-Methan-Kohlenwasserstoffe (NMHC)
Savannen führen die freigesetzten Stickstoffoxide zu
Ozonkonzentrationen, die mit den hohen Ozonkon- Die NMHC sind Verbindungen aus Kohlenstoff, Was-
zentrationen in industriell belasteten Photosmogge- serstoff und teilweise auch Sauerstoff und Halogen
bieten der Nordhemisphäre vergleichbar sind (An- (gesättigte und ungesättigte Kohlenwasserstoffe, Al-
dreae, 1991). kohole, Ester, Ether, Carbonylverbindungen, Furane
In Böden entstehen NO X bei den gleichen mikrobiolo- und teilhalogenierte Verbindungen). Sie werden auch
gischen Prozessen, in denen auch N 2 O gebildet wird als flüchtige organische Kohlenstoffverbindungen
(Denitrifikation, Nitrifikation) (Kap. 2.2.2). Die Bil- (VOC) bezeichnet. In der Atmosphäre sind bisher
dungsraten der verschiedenen Stickstoffoxide vari- mehr als tausend verschiedene Kohlenwasserstoffe
ieren in Abhängigkeit von den Bodenverhältnissen. nachgewiesen.
Die NOX -Freisetzung wird allgemein durch Stickstoff- Die NMHC entstehen vor allem bei der unvollständi-
düngung stark stimuliert. Die wenigen vorliegenden gen Verbrennung fossiler Energieträger. Eine Viel-

Tabelle 2.37

Schätzwerte für die biogenen und anthropogenen NMHC-Emissionen


in Deutschland (Alte Bundesländer und Neue Bundesländer)
und Europa für das Jahr 1985 (in 1000 t/Jahr) (Hahn u. a., 1994)

Landwirtschaft
anthropogene
Region Wald Emissionen
Maschinen/ Biomasse- Nutz-
(alle Sektoren)
Traktoren verbrennung pflanzen

Deutschland 14 — 12 635 3 200


Europa 150 1 ) 868 3 ) 90 2 ) 4 420 2 ) 11 100 2 )

1) OECD-Europa
2) EU-Europa
3) Kontinental-Europa
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zahl von NMHC wird aber auch, bzw. nur aus bioge- den stratosphärischen Ozonabbau beeinflussen (Ren-
nen Quellen emittiert. Aus dem Meerwasser werden nenberg, 1994).
beispielsweise Ethen, Propen, Ethan und Propan frei-
gesetzt. Zahlreiche NMHC werden von Pflanzen frei- Einige landwirtschaftlich wichtige Pflanzen und ver-
gesetzt. Isopren wird vor allem durch Sträucher und schiedene Bodenmikroorganismen sind ebenfalls in
Laubbäume, verschiedene Terpene vorwiegend der Lage, flüchtige reduzierte Schwefelverbindun-
durch Koniferen gebildet und emittiert. gen, vor allem Schwefelwasserstoff (H 2 S), Dimethyl-
sulfid (DMS) und Carbonylsulfid (COS) zu produzie-
Schätzwerte für die NMHC-Emissionen aus der Land- ren und in die Atmosphäre abzugeben (Rennenberg,
wirtschaft und Wäldern sind für Deutschland (ABL u. 1994). Böden und Pflanzen setzen weltweit etwa
NBL) und Europa im Vergleich zu den gesamten 1 Mio. t Schwefel (v.a. DMS und H 2 S) frei (IPCC,
anthropogenen Emissionen in Tab. 2.37 zusammen- 1992).
gefaßt. Die Angaben für den Sektor Landwirtschaft
stellen aufgrund der unzureichenden Datenbasis nur Quantitative Aussagen zur Emission flüchtiger
grobe Näherungswerte dar. Schwefelverbindungen aus Pflanzen und Böden terre-
strischer Ökosysteme bzw. aus der Landwirtschaft
Die Emissionsrate von Isopren und den verschiedenen sind jedoch extrem unsicher. Die Emissionen werden
Terpenen wird weltweit auf etwa 1 000 Mio. t/Jahr von zahlreichen Faktoren beeinflußt und die Quellen
geschätzt. Die anthropogene Emission von NMHC in sind äußerst inhomogen verteilt. Die derzeit verfügba-
die Atmosphäre dürfte gegenwärtig bei etwa ren Daten weisen Schwankungen in den Emissionsra-
100 Mio. t/Jahr liegen (EK, 1990 b). ten von 0,002 bis 1,5 g 5/m 2 x Jahr auf (Kesselmeier,
1991, In: Rennenberg, 1994). Messungen der Schwe-
fel-Emissionsraten aus Agrarökosystemen weisen
2.4.5 Gasförmige Schwefelverbindungen eine Schwankungsbreite von 0,002 bis 0,273 g 5/m 2
xJahruf(Anej.Cop,198I:Renbrg
Gasförmige Schwefelverbindungen gelangen vor 1994). Eine zuverlässige Abschätzung der Quellstärke
allem durch die Verbrennung fossiler Energieträger in der Biosphäre bzw. der landwirtschaftlicher Ökosy-
die Atmosphäre. Hierbei entstehen weltweit etwa steme auf der Basis der publizierten Daten ist nicht
70 Mio. t Schwefel, vor allem als Schwefeldioxid (50 2 ). möglich (Rennenberg, 1994).
Bei der Verbrennung von Biomasse werden weltweit
etwa 2,5 Mio. t Schwefel (v.a SO 2 ) freigesetzt. Durch Neben den direkten Emissionen aus den Agrarökosy-
vulkanische Aktivitäten gelangen weitere 11 Mio. t stemen ist die Landwirtschaft indirekt an weiteren
Schwefel (v.a. SO 2) in die Atmosphäre (IPCC, 1992). Schwefelemissionen beteiligt

Die wichtigste klimawirksame Schwefelverbindung — durch ihren Anteil an den Schwefeldioxidemissio-


ist Dimethylsulfid (DMS). DMS wird insbesondere nen (50 2 ) aus der Verbrennung fossiler Energie-
durch das Phytoplankton in den Weltmeeren gebildet träger,
und stellt in der marinen Troposphäre Kondensations-
— durch die Anwendung schwefelhaltiger Dünge-
kerne für Wolkentröpfchen dar. Weltweit gelangen
mittel,
etwa 16 Mio. t Schwefel (v.a. DMS) aus dem Meer in
-
die Atmosphäre (IPCC, 1992). Carbonylsulfid (COS) — durch die Eutrophierung küstennaher Gewässer,
ist in der Stratosphäre an der Bildung der Sulfat die zu einer gesteigerten COS- und DMS-Bildung
Aerosole beteiligt, die den Strahlungshaushalt und durch Algen und Phytoplankton führt.

3. Auswirkungen von Klimaänderungen auf die Landwirtschaft

Die Landwirtschaft trägt in erheblichem Umfang zur innerhalb der Agrarökosysteme und in deren Umge-
Emission klimawirksamer Spurengase bei. Zugleich bung auf vielfältige Weise und durch zahlreiche
stellt sie neben der Forstwirtschaft den Wirtschaftsbe- Wechselwirkungen. Hierzu gibt es eine Vielzahl von
reich dar, der am deutlichsten von Klimaänderungen wissenschaftlichen Untersuchungen, die sich meist
betroffen sein wird. Eine Veränderung des physikali- mit sehr speziellen Aspekten innerhalb dieses
schen Klimas (Temperatur, Niederschlag etc.) und Wirkungsgeflechtes auseinandersetzen. Zahlreiche
eine veränderte chemische Zusammensetzung der Wechsel- und Nebenwirkungen müssen jeweils unbe-
Atmosphäre beeinträchtigen physiologische Vor- achtet bleiben, da in einer Untersuchung meist nur
gänge bei Pflanzen und Tieren und können nach den einzelne Faktoren verändert werden können. Auf-
bisherigen Erkenntnissen zu sinkenden Erträgen und grund dessen sind die jeweiligen Ergebnisse prinzi-
damit zu einer Gefährdung der Ernährung einer piell nur unter den jeweiligen Versuchsbedingungen
wachsenden Weltbevölkerung führen. gültig und nicht ohne weiteres (auf Freiland-/Anbau-
bedingungen) übertragbar. Gleichwohl sind Intensi-
Die klimatischen Faktoren beeinflussen die biologi vierungen dieser Arbeiten notwendig, um ein tieferes
schen, chemischen und physikalischen Vorgänge Verständnis von den Wirkungen der klimatischen
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
Faktoren auf die Agrarökosysteme und deren Sub- Bei der Betrachtung der Wirkungen des Lichtes auf
systeme zu erlangen. das Pflanzenwachstum spielt auch die jeweilige Tem-
peratur eine wesentliche Rolle. Durch den allgemei-
Das zweite und eher noch größere Problem bei der nen Temperaturanstieg bzw. die polwärtige Verlage-
Prognose der Auswirkungen ist derzeit das Fehlen rung der Anbauzonen wird den Pflanzen tendentiell
verläßlicher regionaler Vorhersagen zur Klimaände- bei steigenden Temperaturen gleichviel bzw. weniger
rung (Abschnitt A, Kap. 1.4 bis 1.6). Daher werden im Licht zur Verfügung stehen. Bei gleichbleibender
folgenden die generellen Wirkungen einzelner klima- Beleuchtungsstärke führt ein Temperaturanstieg über
tischer Faktoren und die Folgen ihrer Veränderung die pflanzenspezifische Optimaltemperatur hinaus
beschrieben. Da sich die Wirkungen der verschiede- zu verringerter Biomassebildung. Generell können
nen klimatischen Faktoren häufig gegenseitig ver- Pflanzen eine höhere Umgebungstemperatur nur in
stärken oder auch aufheben können (synergistische eine verstärkte Biomassebildung umsetzen, wenn
und antagonistische Wirkungen) und sich die ver- gleichzeitig auch die Beleuchtungsstärke ansteigt und
schiedenen Kulturarten und -sorten in ihrer Reaktion alle anderen Wachstumsfaktoren (Wasser, Nährstoffe
unterscheiden, sind meist nur tendenzielle, qualita- etc.) nicht limitiert sind.
tive Aussagen möglich. Bisherige Angaben basieren
Hier gilt — ebenso wie bei allen anderen Wachstums-
auf einzelnen Versuchen, Modellrechnungen und
und Ertragsfaktoren — das Gesetz des Minimums
Abschätzungen und können daher nicht auf andere
bzw. des Optimums. Justus von Liebig formulierte
Regionen übertragen oder sogar global hochgerech-
1855 das Gesetz des Minimums: „Die Höhe des
net werden. Bereits heute belegen jedoch die über-
Ertrages ... steht im Verhältnis zu demjenigen zur
wiegend negativen Ergebnisse, daß es weltweit kaum
völligen Entwicklung der Pflanze unentbehrlichen
„Gewinner" künftiger Klimaänderungen geben
Nährstoff, welcher im Boden in kleinster Menge (in
wird.
minimo) vorhanden ist." Diese Vorstellung wurde von
E. Liebscher (1895) dahin gehend ergänzt, daß die
Wirkung des Minimumfaktors von dem optimalen und
ausgewogenen Vorhandensein aller anderen Produk-
tions- bzw. Wachstumsfaktoren abhängt. E. Wollny
(1897/98), der sich mehr mit den Wirkungen klimati-
3.1 Auswirkungen auf den Pflanzenanbau scher Faktoren befaßte, formulierte darauf aufbauend
das Gesetz des Optimums, das besagt, daß die ertrags-
steigernde Wirkung eines Faktors von seinem Mini-
3.1.1 Wirkungen von klimatischen Faktoren mum bis zu seinem Optimum zunimmt, um anschlie-
auf Pflanzen ßend wieder abzufallen (Klapp, 1967).

3.1.1.1 Strahlung 3.1.1.2 Temperatur

Die einfallende Sonnenstrahlung liefert die Lichtener- Die Temperatur und der Bodenwassergehalt beein-
gie für die Photosynthese. Diese Strahlungsenergie ist flussen alle Wachstums- und Entwicklungsvorgänge
für einen bestimmten Ort an der Erdoberfläche lang- und bestimmen maßgeblich die Anbauwürdigkeit
fristig als relativ konstant anzusehen. Neben den und Ertragsleistung aller Kulturarten. Durch die pro-
regelmäßigen tages- und jahreszeitlichen Schwan- gnostizierte Temperaturerhöhung können art- oder
kungen wird die einfallende Strahlungsmenge von sortenspezifische physiologische Wachstumsgrenzen
den aktuellen Bewölkungsverhältnissen bestimmt. überschritten werden. Dies gilt sowohl für die räumli-
Die Intensivierung des hydrologischen Zyklus führt chen und zeitlichen Mittelwerte der klimatischen
durch die zunehmende Verdunstung zu einer Faktoren, insbesondere aber für die neuen Extrem-
Zunahme der Wolkenbildung. Dieses hat tendentiell werte. In Abb. 3.1 ist der prinzipielle Einfluß der
die Verminderung der den Pflanzen zur Verfügung Temperatur auf die Primärproduktion der Pflanzen
stehenden Lichtenergie zur Folge. dargestellt. Im Bereich des arten- und sortenspezifi-
schen Temperaturoptimums ist der Temperaturein-
Durch den globalen Temperaturanstieg verschieben fluß auf die Photosyntheseleistung (Bruttoprimärpro-
sich die Anbau- und Vegetationszonen polwärts. In duktion) der Pflanzen relativ gering (Geisler, 1980).
höheren Breiten erhalten die Pflanzen grundsätzlich Die Photosynthese hängt dann weitaus stärker von der
weniger Sonnenstrahlung (geringere Intensität, kür- Absorption der photosynthetisch aktiven Strahlung
zere Vegetationsperiode) (EK, 1992). Bestimmte Vor- und der aktuellen Wasserbilanz der Pflanzen ab
gänge während der Entwicklung einiger Pflanzen (Esser, 1990). Mit steigender Temperatur erhöht sich
werden durch die Tageslänge gesteuert, beispiels- dagegen die Atmung (Respiration) überproportional
weise der Übergang von der vegetativen Wachstums- gegenüber dem Anstieg der Photosynthese, bis ein
phase in die generative Phase mit der Blüten- und artspezifischer Maximalwert erreicht ist, ab dem sie
Samenbildung. Von den niederen Breiten zu den steil abfällt (Larcher, 1973, Esser, 1989). Die Differenz
höheren Breiten hin unterliegt die Tageslänge einem aus Bruttophotosynthese und Atmung, die Netto-
zunehmend ausgeprägten Jahresgang. Der Sommer- photosynthese (Nettoprimärproduktion bzw. NPP)
tag ist länger, der Wintertag kürzer als in niederen (schraffiertes Feld in Abb. 3.1), nimmt daher bei
Breiten. Hiervon können photoperiodische Steue- Überschreiten des Temperaturoptimums unter sonst
rungsvorgänge (Kurztag-/Langtag-Reaktionen) in- gleichen Bedingungen mit steigenden Temperaturen
nerhalb der Pflanzen beeinflußt werden. ab.
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

Abbildung 3.1: Schema der Temperaturabhängigkeit von Photosynthese und Atmung


(Larcher, 1973).

Der Treibhauseffekt führt nicht zu einem gleichmäßig — die durchschnittliche Wachstumsrate, also die
über den Tagesgang verteilten Temperaturanstieg. Trockenmassezunahme in einer Zeiteinheit;
Die Maximaltemperaturen, die im allgemeinen am
— die Phasendauer, also die notwendige Zeit zwi
Tage erreicht werden, haben sich bisher relativ wenig schen zwei Entwicklungsstadien der Pflanze.
verändert. Die Minimaltemperaturen in der Nacht
sind dagegen über den Landflächen der mittleren Der Einfluß der Temperatur auf die Wachstumsdauer
Breiten der Nordhemisphäre signifikant angestiegen und die Wachstumsrate ist in Tab. 3.1 dargestellt.
(Karl u. a., 1991). Mit dem Anstieg der Nachttempera- Steigende Temperaturen beschleunigen die Entwick-
turen erhöhen sich insbesondere die nächtlichen lung und verkürzen die Phasendauer. Die Phasen-
Atmungsverluste der Pflanzen (FAO, 1990). dauer wurde hier gemessen als die Anzahl der Tage
Die Ertragsleistung einer Pflanze wird neben der vom Auflaufen bis zum Schossen bzw. Blühbeginn.
Nettoprimärproduktion von zwei weiteren Faktoren Die Wirkung steigender Temperaturen nimmt bis zum
bestimmt: Erreichen einer Mindestphasendauer stetig ab.
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
Tabelle 3.1

Einfluß der Temperatur auf die Wachstumsdauer, Wachstumsrate und das Endgewicht
(in Gramm Trockenmasse/Pflanze) verschiedener Kulturpflanzen
(nach van Dobben, 1962; In: Geisler, 1980)

Wachstumsdauer Wachstumsrate Endgewicht

Temperatur in °C

10 16 25 10 16 25 10 16 25

Sommerroggen 82 51 37 22 14 13 8,8 4,6 4,1


Sommerweizen 129 70 57 32 22 20 16,2 11,1 7,3
Sommergerste 99 63 52 20 12 11 12,0 6,8 5,4
Hafer 115 68 50 23 20 18 16,2 9,8 7,4
Erbsen 86 52 37 42 27 23 4,9 3,2 2,0
Flachs 100 65 50 27 23 20 3,2 2,2 1,7
Mais — 87 50 — 19 9 — 13,7 35,2
Phaseolus-Bohne — 46 24 — 33 15 — 3,7 4,9

Die Wachstumsdauer wurde gemessen als die Anzahl der Tage vom Auflaufen bis zum Schossen bzw. Blühbeginn. Die
Wachstumsrate wurde gemessen als die Anzahl der Tage, die vor dem Schossen bzw. Blühbeginn zur Verzehnfachung der
Pflanzentrockenmasse notwendig waren.

Danach bleibt ein weiterer Temperaturanstieg wir- die generative Phase (Blütenbildung) oder für die
kungslos. Im Bereich des pflanzenspezifischen Tem- Keimung des Saatgutes (Stratifikation) notwendig
peraturoptimums erhöht sich mit steigender Tempera- sein. Bei zunehmender Erwärmung ist dieser Kältereiz
tur die Wachstumsrate, die hier gemessen wurde als nicht mehr ausreichend gewährleistet.
die Anzahl der Tage, die vor dem Schossen bzw.
Des weiteren kann es bei überhöhten Temperaturen
Blühbeginn zur Verzehnfachung der Pflanzentrok-
kenmasse notwendig waren. zur bleibenden Schädigungen der Pflanzen durch
Schädigung von Zellmembranen und Denaturierung
Die Wachstumsdauer bestimmt die Produktionslei- (irreversible Veränderungen) pflanzlicher Eiweißver-
stung der Pflanzen stärker als die Wachstumsrate. bindungen kommen. Höhere Temperaturen und eine
Eine längere Wachstumsdauer ermöglicht insgesamt entsprechend steigende Transpiration führen zu vor-
eine höhere Gesamtassimilatproduktion (Summe der übergehenden Welkeerscheinungen und vorzeitigem
bei der Photosynthese gebildeten Kohlenhydrate) und Laubfall. Verbrennungen an Blättern, Farbverände-
dadurch höhere Erträge (Geisler, 1980). Bei den rungen und absterbende Gewebeteile an Früchten
sind weitere Symptome von zu hohen Temperatu-
meisten Kulturarten wirken sich daher niedrigere
ren.
Temperaturen generell günstiger auf die Ertragslei-
stung aus als höhere (Santer, 1984). Eine Ausnahme Die Wirkung hoher Temperaturen (oberhalb des spe-
bilden hier ausgesprochen wärmeliebende, ange- zifischen Temperaturoptimums) auf Pflanzen unter-
paßte Kulturarten wie die Phaseolus-Bohne und der liegt dem Dosis-Wirkungsgesetz, d. h. daß der schädi-
Mais. Dies gilt jedoch nur, solange diese Arten nicht in gende Effekt einer geringeren Dosis über einen län-
niederen Breiten angebaut werden, aus denen sie geren Zeitraum dem Effekt einer einmaligen hohen
ursprünglich stammen, sondern in den gemäßigten Dosis gleichkommt. Die prognostizierte mäßige Erhö-
Breiten. Bei einem Anbau in niederen Breiten mit hung der Temperatur wirkt daher möglicherweise
entsprechend höheren Temperaturen wird der ebenso schädlich wie kurz einwirkende, große Hitze
beschriebene Effekt sinkender Erträge bei höherer (Wetterextreme) (Hoffmann u. a., 1985).
Wachstumsrate und kürzerer Wachstumsdauer auch
bei diesen wärmeliebenden Pflanzen eintreten. Die Assimilatproduktion ist wesentlich von der ver-
fügbaren Lichtenergie sowie der Größe und Lebens-
Eine andere mögliche negative Wirkung steigender dauer der Blattfläche (Absorptions- bzw. Assimila-
Temperaturen tritt bei vernalisationsbedürftigen tionsfläche) abhängig. Diese wiederum ist negativ mit
Pflanzen ein. Vernalisation ist ein pflanzenart- oder der Temperatur korreliert, da höhere Temperaturen,
sortenspezifisch notweniger Entwicklungsreiz durch vor allem in Kombination mit Wassermangel zu früh-
eine niedrige Temperatur während eines bestimmten zeitiger Alterung (Seneszenz) der Blattfläche bzw. der
Zeitraums. Solche Kältereize können beispielsweise ganzen Pflanzen führen (Mohr und Schopfer, 1978).
für den Übergang der Pflanze von der vegetativen in Nicht nur die Assimilatproduktion, sondern auch der
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Nährstoff- und Assimilattransport in der Pflanze ist Eine geschlossene Schneedecke isoliert und verbes-
unter anderem vom Wasserhaushalt und der Umge- sert den Kälteschutz der Pflanzen, andererseits kann
bungstemperatur abhängig. Alle Stofftransporte in eine durch regionale Klimaänderung bedingte höhere
der Pflanze erfolgen in Wasser gelöst mit dem Tran- Schnee- bzw. Eisbedeckung zu Sauerstoffmangel und
spirations- oder Assimilatstrom. Die Transpiration und Fäulnis durch fehlenden Luftaustausch oder Schnee-
damit der Stofftransport nehmen bei Temperaturan- bruch führen.
stieg solange zu, bis Wassermangel aufgrund über-
höhter Temperaturen die Transportvorgänge inner-
halb der Pflanze einschränkt. Der Turgor (Innendruck 3.1.1.4 Wind
der Zellen und des pflanzlichen Gewebes) sinkt und
die Blattöffnungen (Stomata) schließen sich teilweise Die Zunahme der Windgeschwindigkeit und der
oder ganz. Die CO 2 -Aufnahme der Pflanzen und der Sturmhäufigkeit erhöht die Wahrscheinlichkeit von
Transpirationsstrom in der Pflanze werden reduziert Windbruch, Lagergetreide (Abknicken der Halme),
oder sogar unterbrochen. Fruchtfall oder Entwurzelung der ganzen Pflanzen
sowie Windschliff durch Sand oder Eiskristalle. Sie
Steigende Temperaturen verlängern die Vegetations- erhöht auch das Dampfdruckgefälle zwischen Blatt-
periode, so z. B. in Europa um schätzungsweise zehn hohlräumen und Umgebungsluft, was die Transpira-
Tage bei einem Temperaturanstieg um 1° C (Parry, tion verstärken und im Extremfall auch zur Austrock-
1990). Soweit Licht, Wasser und Nährstoffe in entspre- nung der Pflanzen führen kann.
chender Menge vorhanden sind, kann sich dadurch
die Produktivität eines Standortes erhöhen. Zugleich Die bisherige allgemeine Darstellung der Einflüsse
erweitern sich die Anbaumöglichkeiten besonders der verschiedenen klimatischen Faktoren auf das
wärmeliebender Arten und Sorten. Pflanzenspezifi- Pflanzenwachstum kann nur einen ersten Überblick
sche Minimaltemperaturen für die Keimung, die Blü- über mögliche Auswirkungen geben. Bei der Betrach-
tenbildung oder andere Stadien innerhalb der Pflan- tung einzelner Pflanzenarten ergibt sich ein weitaus
zenentwicklung werden auch in höheren Breiten eher differenzierteres Bild. Verschiedene Arten und auch
erreicht bzw. überschritten, zumindest soweit die verschiedene Sorten einer Art haben teilweise sehr
notwendigen Anbaubedingungen (Bodenqualität, spezifische Ansprüche an bestimmte klimatische Fak-
Licht, Wasser, Nährstoffe etc.) gegeben sind. Die toren oder zeigen unterschiedliche Reaktionen auf
prognostizierte Zunahme extremer Wetterereignisse bestimmte klimatische Veränderungen. So lösen
schränkt den erweiterten Spielraum jedoch mögli- höhere Temperaturen bei Reis Pollensterilität aus
cherweise wieder ein, da häufiger Früh- oder Spät- oder beeinflussen die Blütenbildung und Knollenform
fröste und andere Wetterextreme auftreten werden. bei Kartoffeln (FAO, 1990). Die Fülle aller möglichen
Durch einen Temperaturanstieg werden zudem die Wechselbeziehungen kann hier nicht dargestellt wer-
Anbaumöglichkeiten in niederen Breiten zunehmend den und ist bisher auch nur für wenige Kulturarten
eingeschränkt oder zumindest die Erträge deutlich näher untersucht. Die komplexen Wechselwirkungen
reduziert, da hier vielfach das pflanzenspezifische zwischen Temperatur und Bodenfeuchte auf die ein-
Temperaturoptimum bereits erreicht oder sogar über- zelnen Phasen der Pflanzenentwicklung und Ertrags-
schritten ist. Dies gilt insbesondere für den Reisanbau, bildung sind am Beispiel einer der bestuntersuchten
der in weiten Teilen der Erde das Hauptnahrungsmit- Kulturarten, dem Winterweizen, an anderer Stelle
tel darstellt (FAO, 1990; Baker u. a., 1992). Die Mög- (Geisler, 1983; Burdick, 1990 und 1994) detailliert
lichkeit der Ausweitung der Anbauflächen in höhere dargestellt.
Breiten ist fraglich und droht zusätzlich durch den
gleichzeitigen Verlust von Anbauflächen (Desertifi-
kation) in niederen Breiten überkompensiert zu wer- 3.1.2 Wirkungen der Zunahme atmosphärischer
den. Spurengase auf Pflanzen

3.1.2.1 Kohlendioxid (CO 2)


3.1.1.3 Niederschlag
Pflanzen nehmen bei der Photosynthese Kohlendioxid
Niederschläge dienen u. a. der Auffüllung der Boden- auf und bilden hieraus pflanzliche Biomasse. Bei
wasservorräte, aus denen die Pflanzen ihren Wasser- ausreichender Versorgung der Pflanzen mit allen
bedarf decken. Die enge Wechselbeziehung zwischen anderen Wachstumsfaktoren (Nährstoffe, Wasser,
Niederschlag, Temperatur, Bodenwassergehalt und Licht etc.) ist das Wachstum und der Ertrag durch die
Pflanzenwachstum wird in Kap. 3.1.4 dargestellt. CO 2 -Konzentration in der Umgebungsluft begrenzt
(Gesetz des Minimums/Optimums). Ein Anstieg der
Bei einer Klimaänderung werden neue Wetterex- CO2 -Konzentration in der Atmosphäre kann unter
treme auftreten und die Häufigkeit von Wetterextre- diesen Umständen insbesondere bei C3-Pflan-
men kann zunehmen. Dies bedeutet z. B. heftigere zen — die Photosyntheserate und dadurch die Biomas-
Sommerniederschläge (Starkregen, Hagel, etc.), bei seproduktion erhöhen.
höheren Temperaturen. Durch erhöhten Abfluß hefti-
gerer Niederschläge und Bodenerosion können vor Die Landpflanzen werden im wesentlichen in zwei
allem Keimpflanzen verschlämmen oder entwurzelt große Gruppen (C3- und C4-Pflanzen) unterteilt, die
werden. Hagel verletzt die Pflanzenoberfläche direkt sich durch die Art der CO 2 -Fixierung unterscheiden.
und erhöht die Infektionsanfälligkeit durch offene C3-Pflanzen binden das CO 2 an einen Zucker, der fünf
Wunden. Die Fläche mit Lagergetreide (Abknicken Kohlenstoffatome enthält (Ribulose-bi-Phosphat,
der Halme) steigt. RuBP). Die entstandene Verbindung mit sechs Koh-
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lenstoffatomen zerfällt in zwei Zucker, die aus je drei Diese Lichtatmung addiert sich zu der normalen
Kohlenstoffatomen (= C3) aufgebaut sind. C4-Pflan- Atmung (Dunkelatmung in den Mitochondrien) und
zen binden dagegen das CO 2 zunächst an eine C3- verschlechtert daher die Bilanz aus Bruttophotosyn-
Verbindung (Phosphoenolpyruvat, PEP). In dem so these und Atmung: Die Nettophotosynthese nimmt ab.
entstandenen C4-Körper (organische Säuren) wird Da ein Anstieg der CO 2 -Konzentration in der Atmo-
das CO 2 zwischengespeichert und der Photosynthese sphäre das CO 2 : O 2 -Verhältnis in der Pflanze erhöht,
in einer effizienten Form zugeführt. Diese CO 2 -Vorfi- werden die Verluste durch Lichtatmung verringert
xierung erfolgt (im Mesophyll) räumlich getrennt von und dadurch die Nettophotosynthese gesteigert. Im
der eigentlichen Kohlenhydratsynthese (Assimilatbil- Gegensatz dazu erfolgt die CO 2 -Vorfixierung bei den
dung) in den Bündelscheidenzellen. Neben C3- und C4-Pflanzen über ein anderes Schlüsselenzym, die
C4-Pflanzen gibt es noch die kleine Gruppe der PEP-Carboxylase, die im Vergleich zur Rubisco eine
CAM-Pflanzen (Crassulaceen u. a.), bei denen unter höhere Affinität für CO 2 aufweist. Das durch die
Trockenstressbedingungen die CO 2 -Fixierung nachts Lichtatmung innerhalb der C4-Pflanzen gebildete
durch Anreicherung organischer Säuren und die Koh- CO2 verläßt die Pflanze nicht, sondern wird direkt von
lenhydratsynthese tagsüber bei geschlossenen Sto- der PEP-Carboxylase wieder fixiert und der Kohlen-
mata erfolgt. Dies stellt eine Anpassung an besonders hydratsynthese zugeführt. Durch die räumliche Tren-
trockene Standorte dar. Wichtige C3-Kulturarten sind nung von CO 2 -Fixierung und Kohlenhydratsynthese
Reis, Weizen, Gerste, Kartoffeln und Bohnen, wichtige sowie aufgrund ihrer Enzymausstattung (PEP-Carbo-
C4-Pflanzen sind Mais, Hirse und Zuckerrohr. Die xylase) verfügen die C4-Pflanzen bei heutigen CO 2
Mehrzahl aller Kulturarten gehören zu den C3-Pflan- -GehaltnidrLufmVgechzC3-Planübr
zen. In Europa beträgt ihr Anteil an der Pflanzenpro- einen effektiven Mechanismus der internen CO 2
duktion über 90 %. -Anreichug.Dsbdtleichzg,aßb
künftig steigender CO 2 -Konzentration in der Luft bei
Das Schlüsselenzym bei der CO 2 -Fixierung der C3
C4-Pflanzen eine wesentlich geringere Zunahme der
Pflanzen ist die Ribulose-bi-Phosphat-Carboxylase/
Nettophotosynthese und der Biomasseproduktion zu
Oxygenase (Rubisco), um deren Bindungsstelle CO 2
erwarten ist, als bei den meisten C3-Pflanzen
2 konkurrieren. Für die Wirkungsweise der und0
(Abb. 3.2).
Rubisco ist das CO 2 :O 2 -Verhältnis in den Chloropla-
sten (Zeltorgane der Photosynthese) entscheidend. Die fördernde Wirkung des CO 2 -Anstiegs ist — arten-
Bei einem abnehmenden CO 2 :O2 -Verhältnis wird von und sortenabhängig — für eine Reihe meist annueller
der Rubisco zunehmend das Substrat (RuBP) durch (einjähriger) landwirtschaftlicher Nutzpflanzenarten
Anlagerung von O2 oxidiert, wobei CO 2 entsteht und experimentell belegt. Aus den vorliegenden Experi-
abgegeben wird (Photorespiration/Lichtatmung). menten leitet man im Falle einer CO 2 -Verdopplung

Abbildung 3.2: Nettophotosyntheserate bei C3- und C4-Pflanzen in Abhängigkeit


von der CO 2-Konzentration in der Umgebungsluft (Taiz und Zeiger,
1991; In: Rogers u. a., 1994)
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eine mittlere Ertragszunahme von 33 % bei C3-Pflan- — Dikotyledonen (zweikeimblättrige Pflanzen, i. d. R.


zen und 10 % bei C4-Pflanzen ab (Rogers u. a., 1992). Kräuter) reagieren stärker als Monokotyledonen
Mittelfristig — etwa im Laufe der nächsten 50 bis 60 (einkeimblättrige Pflanzen, i. d. R. Gräser) (Poor-
Jahre — wird eine Zunahme der atmosphärischen ter, 1993).
CO 2 -Konzentration auf etwa 480 ppmv CO 2 erwartet,
Neben den Wirkungen auf Photosynthese und Stoff-
so daß mit einem geringeren Ertragszuwachs als bei
produktion wurde im einzelnen die Zunahme der
CO 2 -Verdopplung zu rechnen ist.
Blattdicke und -größe sowie der Zahl und Größe der
Blüten und Früchte festgestellt. Verschiedene Unter-
Verschiedene Gruppen von Pflanzen reagieren mit
suchungen belegen eine Veränderung der Zahl bzw.
einer unterschiedlich starken Biomassezunahme auf
Dichte der Stomata je Blattfläche (Woodward, 1987).
einen CO 2 -Anstieg:
Bei Getreide steigt die Zahl der Triebe und Körner je
— Krautige C3-Kulturpflanzen reagieren stärker als Pflanze. Auch eine deutliche, häufig sogar überpro-
C3-Wildkräuter; portionale Zunahme des Wurzelwachstums ist belegt.
Das stärkere Sproß- und vor allem Wurzelwachstum
— schnellwachsende Pflanzen reagieren stärker als
bindet mehr Kohlenstoff und hinterläßt mehr organi-
langsamwachsende Arten;
sche Rückstände im Boden (stärkere Humusbildung).
— C3-Leguminosen reagieren stärker als andere C3- Das größere Wurzelsystem kann zudem mehr Nähr-
Pflanzen; stoffe und Wasser erschließen und der Pflanze zufüh-

Abbildung 3.3: Wassernutzungseffizienz von C3- und C4-Pflanzen bei steigendem CO 2


Gehalt in der Umgebungsluft (Rogers u. a., 1994).
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ren (Bazzaz u. Fajer, 1992). Weitere Wirkungen eines daß Leguminosen (Hülsenfrüchte) von einem CO 2
CO2 -Anstieges sind zusammenfassend in Tab. 3.2 -Anstiegbodrspfiten.
dargestellt.
Trotz der großen Zahl von experimentellen Untersu-
Aufgrund der oben beschrieben internen CO 2 -Anrei- chungen, die eine positive Wirkung einer höheren
cherung weisen C4-Pflanzen bei einer geringeren CO2 -Konzentration in der Umgebungsluft auf die
Öffnungsweite der Stomata und damit verringerter Photosyntheserate und die Biomassebildung belegen,
Transpiration eine höhere Photosyntheserate als C3 gibt es zugleich erhebliche Kritik an der Aussagekraft
Pflanzen auf. Daher nutzen sie das zur Verfügung bzw. Übertragbarkeit dieser Ergebnisse im Hinblick
stehende Wasser effizienter und sind besser an aride auf eine Abschätzung des künftigen Ertragspotentials
und semiaride (trockene) Standorte angepaßt. Ein in der Landwirtschaft. In mehr als 80 % der Versuche
Anstieg der CO 2 -Konzentration führt zu einer zusätz- wurden lediglich Kurzzeitmessungen der Photosyn-
lichen Steigerung der Wassernutzungseffizienz theserate über Stunden, Tage oder wenige Wochen
(Abb. 3.3). durchgeführt, während kaum Untersuchungen über
den gesamten Entwicklungsverlauf von Pflanzen vor-
Bei steigendem CO 2 -Gehalt der Luft können auch die
C3-Pflanzen ihre Stomata teilweise geschlossen hal-
ten. Die Pflanzen nehmen dennoch die gleiche Menge
CO2 auf, verdunsten dabei aber weniger Wasser Tabelle 3.2
(Abb. 3.3). Der erhöhte Wasserausnutzungsgrad
ermöglicht den Pflanzen daher bei abnehmendem Direkte Wirkungen einer CO2 -Verdopplung
Bodenwassergehalt eventuell eine gleichbleibende (nach Krupa und Kickert, 1993)
Biomasseproduktion. Bei einer Verdopplung der CO 2
Wirkungsort Direkte Wirkung -KonzetraidUmgbunslftkadieTr-
spiration einzelner Blätter um 30 bis 40 % verringert bzw. -größe einer CO 2 -Verdopplung
sein (Kimball und Idso, 1983). Aus einer geringeren
Photosyntheserate Bei C3-Pflanzen deutlich,
Transpiration einzelner Blätter kann aber nicht
C4-Pflanzen kaum
zwanglos auf eine geringere Transpiration eines
gefördert
Pflanzenbestandes geschlossen werden. Wenn durch
eine CO 2 -Verdopplung die Biomasseproduktion und
Stomataöffnung Verringert
somit die Gesamtblattfläche zunehmen, kann der
bei C3- und C4-Pflanzen
Gesamtwasserverbrauch bezogen auf die Bodenflä-
che sogar ansteigen, insbesondere wenn gleichzeitig
Wasserausnutzung Erhöht
eine Erhöhung der Lufttemperatur stattfindet (Mori-
bei C3- und C4-Pflanzen
son, 1992). Zusammen mit einer steigenden Verdun-
stungsrate am Boden (Evaporation) führt dieser Pro- Bei C3-Pflanzen stärker
Blattfläche
zeß zu einer Abnahme der Bodenfeuchtigkeit, die sich vergrößert als bei
wiederum negativ auf das Wachstum der Pflanzen C4-Pflanzen
auswirken kann.
Blattgewicht Erhöht -
Durch eine CO 2 -bedingte Verringerung der Stomata-
bei C3- und C4-Pflanzen
öffnung wird gleichzeitig die Aufnahme potentiell
phytotoxischer Gase (Luftschadstoffe wie SO 2 , O 3)
Pflanzenreife Beschleunigt
reduziert. Denkbar ist auch ein erschwertes Eindrin-
bei C3- und C4-Pflanzen
gen von Schaderregern (z. B. Pilzinfektionen) über die
Stomata. Früheres Blühen
Blüte
Durch eine vermehrte CO 2 -Aufnahme der Pflanzen bei C3- und C4-Pflanzen
bei gleichbleibendem Stickstoffangebot ändert sich
das Kohlenstoff-Stickstoff-Verhältnis in der Pflanzen- Trockenmasse- Bei C3-Pflanzen deutlich,
substanz. Der relative Kohlenstoffgehalt der Pflanzen- produktion und C4-Pflanzen kaum
substanz steigt und der Stickstoffgehalt sinkt. Damit Ertrag gefördert
verschiebt sich auch das Verhältnis von Kohlenhy-
Artunterschiede Deutliche Unterschiede
drat- und Proteingehalt. Ein geringerer Proteingehalt
Inder Pflanzen- zwischen C3- und
verringert den Nährwert der Pflanzensubstanz für die
reaktion C4-Pflanzen
menschliche und tierische Ernährung. Es gibt aber
auch pflanzliche Produkte (Braugerste, Zuckerrüben),
Unterschiede in der Sortenabhängige
bei denen ein geringer Stickstoffgehalt durchaus
Pflanzenreaktion Unterschiede möglich
erwünscht ist. So wird eine Begasung mit CO 2 im
(Sorten einer Art)
Unterglasgemüsebau bereits seit langem zur Ertrags-
steigerung eingesetzt und führt dort gleichzeitig zu
Trockenstreß Geringere Trockenstreß-
niedrigeren Nitratgehalten im Gemüse (Lenz, 1991).
empfindlichkeit
Durch eine höhere Nettophotosynthese erhöht sich
der Pflanzen
das Angebot und die Verfügbarkeit von Kohlenhydra-
ten für Organismen, die mit den Pflanzen in Symbiose Nährstoffmangel Geringere oder keine
leben (stickstoffixierende Knöllchenbakterien, My- Reaktion auf CO2-Anstieg
corrhizapilze). Dies ist gleichzeitig der Grund dafür,
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liegen. Viele Pflanzenarten zeigten bereits nach kur- — Synergistische Effekte, wie z. B. die Zunahme der
zer Zeit nur eine geringe, eine rasch nachlassende UV-B-Strahlung (Kap. 3.1.3) sowie der Anstieg
oder überhaupt keine Reaktion auf einen CO 2 der Konzentrationen des bodennahen Ozons
Anstieg. Dies kann mehrere Gründe haben: (Kap. 3.1.2.2) und weiterer Luftschadstoffe beein-
trächtigen das Pflanzenwachstum.
— Durch die nachlassende Aktivität des Schlüsselen-
zyms der CO 2 -Fixierung (Ribulose-bi-Phosphat- — Eine höhere Biomasseproduktion ist nur bei gleich-
Carboxylase) kommt es zu einem Engpaß bei der zeitig höherer Nährstoffversorgung bzw. entspre-
CO 2 -Bindung. chender Düngung möglich.

— Durch das genetisch festgelegte oder durch — Die veränderten Wirt-Parasit- bzw. Nutzpflanzen-
begrenzende äußere Faktoren hervorgerufene Unkraut-Beziehungen (C3-/C4-Konkurrenz) kön-
Mißverhältnis zwischen der Kohlenhydratsyn- nen im Einzelfall sowohl ertragsmindernd, als auch
these in den Blättern und der Verlagerung der ertragssteigernd wirken (Kap. 3.1.8).
Kohlenhydrate in die Wurzeln, Früchte oder Abschließend bleibt festzustellen, daß die bisher vor-
andere Organe (Source-Sink-Mißverhältnis) in der liegenden Versuchsergebnisse zu den Wirkungen
Pflanze kommt es zu einem Kohlenhydratstau. eines CO 2 -Düngeeffektes in Abhängigkeit von den
Dieser hemmt wiederum die Enzymaktivität im Versuchsbedingungen und Pflanzenarten teilweise
Zusammenhang mit der Photosynthese in der erheblich differieren bis hin zu gegensätzlichen Aus-
Pflanze. Die Funktionsfähigkeit der Chloroplasten sagen. Die Ergebnisse können fast ausnahmslos nicht
(Zellorgane der Photosynthese) wird durch eine auf Feldbedingungen und vor allem nicht auf natürli-
übermäßige Stärkespeicherung infolge des Koh- che oder naturnahe Ökosysteme übertragen werden.
lenhydratstaus beeinträchtigt. Ein relativer Phos- Das Wachstum und die Produktivität natürlicher und
phormangel im Energiestoffwechsel der Pflanzen naturnaher Ökosysteme ist im allgemeinen nicht
kann den Kohlenhydrattransport (Assimilattrans- durch die CO 2 -Konzentration der Umgebungsluft,
port) ebenfalls hemmen. sondern durch andere limitierende Faktoren, z. B.
Nährstoffe und Wasser begrenzt. Ein nennenswerter
Pflanzen können sich in ihrer Morphologie auch
CO2 -Düngeeffekt wird wahrscheinlich eher in Agrar-
langfristig an die steigende CO 2 -Konzentration
ökosystemen als in natürlichen oder naturnahen Öko-
anpassen und somit einen möglichen CO 2 -Düngeef-
systemen von Bedeutung sein. Durch Düngung und
fekt reduzieren. Untersuchungen an Bäumen haben
weitere Kulturmaßnahmen versucht man möglichst
ergeben, daß sich in den letzten 200 Jahren — ver-
optimale Wachstumsbedingungen zu schaffen. Je
mutlich bedingt durch die CO 2 -Zunahme in der Atmo-
besser dies gelingt, desto eher kann sich ein CO 2
sphäre — die Zahl der Stomata auf je Blattfläche
-Anstiegra duwiken.DsAr-
verringert hat. Dies konnte auch in Gewächshausver-
kungen auf den Ertrag sind jedoch keineswegs mit
suchen bei unterschiedlichen CO 2 -Konzentrationen
simuliert werden (Woodward, 1987). Durch eine dem Effekt zu vergleichen, der bei Nährstoffmangel
geringere Zahl von Spaltöffnungen verringert sich schon durch geringe Düngergaben erzielt wird (Esser,
trotz steigender CO 2 -Konzentration in der Umge- 1993). Dies gilt insbesondere angesichts des Nähr-
bungsluft der CO 2 -Eintrag in die Blätter. stoffmangels (und zugleich Nahrungsmittelmangels)
-
in der extensiven Landwirtschaft in weiten Teilen der
In zahlreichen bisherigen Versuchen wurde die CO 2 Welt. Langfristige Effekte einer CO 2 -Erhöhung lassen
Konzentration deutlich und abrupt angehoben (z. B. sich derzeit kaum abschätzen. Vermutlich gibt es bei
Verdopplung/Verdreifachung). Außerdem wird der deutlich höheren CO 2 -Konzentrationen keine dauer-
Strahlungs- und Wasserhaushalt in den meist verwen- haften Wachstumseffekte (Bazzaz, 1993).
deten Expositionssystemen (Klimakammern, Gas-
wechselküvetten, Gewächshäuser) gegenüber den
Freilandbedingungen erheblich verändert. Solche
Versuchsbedingungen stellen daher die Aussagekraft 3.1.2.2 Troposphärisches Ozon
der Ergebnisse hinsichtlich der zu erwartenden Wir-
kung eines CO 2 -Anstiegs in Frage. Die meist mono- Aufgrund der steigenden Emission der Vorläufersub-
kausale Betrachtung der CO 2 -Wirkung weist zusätzli- stanzen (CO, CH 4 , NOX, VOC) wird in der Tropo-
che Schwächen auf, da mögliche synergistische und/ sphäre bei intensiver Sonneneinstrahlung vermehrt
oder antagonistische Wechselwirkungen mit anderen Ozon (0 3 ) gebildet (Abschnitt A, Kap. 2). Dieses
Faktoren unberücksichtigt bleiben. Aufgrund dieser bodennahe Ozon ist in weiten Teilen der Nordhemi-
Wechselwirkungen werden potentielle Wachstums- sphäre gegenwärtig der wichtigste phytotoxische
und Ertragssteigerungen durch einen CO 2 -Anstieg Luftschadstoff.
(CO 2 -Düngeeffekt) reduziert, möglicherweise sogar
Ozon wirkt als Zellgift. Es dringt durch die Blattöff-
überkompensiert:
nungen in die Blätter ein, schädigt die Zellmembra-
nen und beeinträchtigt die Wasseraufnahme und den
— Bei steigenden Temperaturen nehmen die At-
Stofftransport innerhalb der Pflanzen. Es führt zum
mungsverluste zu. Höhere Verdunstungsraten und
Chlorophyllabbau und mindert die Photosyntheselei-
— im Sommer — weitgehend rücklaufige Nieder-
stung und das Wachstum der Pflanzen.
schläge führen zu stärkerer Verdunstung durch
größere Blattflächen, zu häufigerem Wasserstreß Die in Abb. 3.4 dargestellten Wirkungen der Immis-
und zu frühzeitiger Alterung der Pflanzen etc. Die sionen von Säurebildnern sind ausführlich in
Produktivität sinkt (Kap. 3.1.1). Abschnitt C, Kap. 3.5.3 beschrieben.
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350

Abbildung 3.4: Schematische Darstellung der Schädigung von Pflanzen durch Immissionen, insbesondere durch troposphärisches Ozon (O3)
(nach Heath, 1980; In: Ho ffmann u. a., 1985).

Tabelle 3.3

Maximale Immissionskonzentration für Ozon zum Schutz der Vegetation


(nach Jäger u. a., 1989 und Norm VDI 2310 Bl. 6, 1989; In: Grünhage u. a., 1992)

Wert Statistische Definition/ Wert Statistische Definition/


Organisation Organisation
(µg/m) Zeitbezug (µg/m) Zeitbezug

VDI (1989) sehr empfindliche Pflanzen WHO (1987) terrestrische Vegetation


70 8h-Mittelwert 60 Mittelwert
90 4h-Mittelwert Vegetationsperiode
110 2h-Mittelwert 65 24h-Mittelwert
160 1h-Mittelwert
200 0,5h-Mittelwert
320 0,5h-Mittelwert

empfindliche Pflanzen UN-ECE (1988) 50 Mittelwert


160 8h-Mittelwert Vegetationsperiode
(7h-Mittel;
190 4h-Mittelwert
9.00 bis 15.59h)
240 2h-Mittelwert
empfindliche Pflanzen,
320 1h-Mittelwert
Pflanzengemeinschaf ten,
480 0,5h-Mittelwert Ökosysteme
weniger empfindliche Pflanzen 60 8h-Mittelwert
320 8h-Mittelwert 80 4h-Mittelwert
370 4h-Mittelwert
110 2h-Mittelwert
400 2h-Mittelwert
480 1h-Mittelwert 150 1h-Mittelwert

800 0,5h-Mittelwert 300 0,5h-Mittelwert


Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

Die Wirkungen eines Anstiegs der bodennahen Ozon- Bei akuter Einwirkung hoher Ozonkonzentrationen
konzentration auf Pflanzen hängen ab von der Ozon- können an empfindlichen Pflanzen sichtbare Schäden
aufnahme in die Pflanze (absorbierte Dosis). Die auftreten. Zu den Schadbildern gehören Blattaufhel-
Ozonaufnahme ist eine Funktion der Ozonkonzentra- lungen (Chlorosen), weißliche bis braune Blattflecken
tion, der Austauscheigenschaften der Atmosphäre (Nekrosen) und abgestorbene Blattbereiche. Bei chro-
(vorwiegend Turbulenz) sowie der art- und sortenspe- nischer Einwirkung niedriger Ozonkonzentration tre-
zifischen Senkeneigenschaften der Pflanzen (Grün- ten verschiedene latente (unsichtbare) Schäden bzw.
hage u. a., 1992). Bei den derzeitigen Richt- und Wirkungen auf, die letztlich in Ertragsverlusten
Grenzwerten werden weder Austauscheigenschaften zutage treten können (Tab. 3.5).
der Atmosphäre noch Senkeneigenschaften der Pflan-
zen berücksichtigt, sondern nur Konzentration, Wir- Neben direkten Pflanzenschäden kann Ozon eine
kungsdauer und relative Empfindlichkeit der Pflan- erhöhte Anfälligkeit der Pflanzen für weitere biotische
zen (Tab. 3.3 und Tab. 3.4). (Krankheiten und Schädlinge) und abiotische (Wet-

Tabelle 3.4

Relative Empfindlichkeit von landwirtschaftlichen Kulturpflanzen gegenüber Ozon


(nach Norm VDI 2310 Bl. 6, 1989; In: Grünhage u. a., 1992)

sehr empfindliche Pflanzenarten empfindliche Pflanzenarten weniger empfindliche Pflanzenarten

Allium cepa Brassica oleracea Apium graveolens


(Zwiebel) (Kohl) (Sellerie)
Avena sativa Brassica rapa Beta vulgaris
(Hafer) (Rübsen, Stoppelrübe) (Rübe)
Fagopyrum esculentum Cichorium endivia Fragaria x magna
(Buchweizen) (Endivie) (Erdbeere)
Hordeum vulgare Cucumis sativus Lactuca sativa
(Gerste) (Gurke) (Garten-Lattich)
Lycopersicon lycopersicum Daucus carota Sinapsis arvensis
(Tomate) (Mohrrübe) (Senf)
Medicago sativa Pastinaca sativa
(Luzerne) (Pastinak)
Nicotiana tabacum Petroselinum crispum
(Tabak) (Petersilie)
Phaseolus vulgaris Pisum sativum
(Bohne) (Erbse)
Raphanus sativus Vicia faba
(Radieschen) (Ackerbohne)
Secale cereale Zea mays
(Roggen) (Mais)
Solanum tuberosum
(Kartoffel)
Spinacia oleracea
(Gemüse-Spinat)
Trifolium pratense
(Rotklee)
Trifolium repens
(Weißklee)
Triticum aestivum
(Weizen)
Vicia sativa
(Futterwicke)
Vitis vinifera
(Weinrebe)
Zea mays var. saccharata
(Zuckermais)
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terextrema) Streßfaktoren verursachen. Umgekehrt Bodennahes Ozon beeinträchtigt bereits heute in
können Witterungsextreme wie Trockenheit, die zu vielen Regionen der Erde die Leistungsfähigkeit von
einer verringerten Stomataöffnung führen, gleichzei- Kulturpflanzen und ist daher als bedeutendster Luft-
tig die Ozonaufnahme der Pflanzen (absorbierte schadstoff anzusehen. Troposphärisches Ozon und
Dosis) vermindern. Auch ein Anstieg der CO 2 -Kon- gleichzeitig auftretende Oxidantien sind wahrschein-
zentration verengt die Stomata (Kap. 3.1.2.1) und lich für über 90 % der Pflanzenschäden durch Luftver-
kann somit die Ozonaufnahme der Pflanzen verrin- schmutzung verantwortlich (Adams u. a., 1986). Für
gern. die wichtigsten Kulturarten der gemäßigten Breiten
wurden in den vergangenen Jahren mit Hilfe zahlrei-
Symbiotische Beziehungen können ebenfalls durch
cher systematischer Versuche empirische Exposi-
Ozon beeinträchtigt werden, da insbesondere Legu-
tions-Wirkungs-Beziehungen ermittelt. Hieraus er-
minosen (Hülsenfrüchte) als sehr ozonempfindlich
rechnen sich bereits unter den gegenwärtigen Ozon-
gelten (Tab. 3.4). Allgemein kann Ozon aufgrund der
belastungen potentielle Ertragsverluste für bestimmte
artspezifischen Empfindlichkeitsunterschiede die
Regionen. Je nach Region, Kulturart (Sorte) und Jahr
Konkurrenzverhältnisse innerhalb von Pflanzenbe-
wurden beispielsweise in Hessen im Zeitraum 1984
ständen beeinflussen. Beispielsweise können Legu-
bis 1992 potentielle Ertragsverluste zwischen 0,1
minosen in einem Grünlandbestand zugunsten der
(Gerste, 1984) und 32,6 % (Sommerweizen, Sorte
Gräser verdrängt werden.
Turbo, 1992) errechnet (Grünhage u. a., 1992).
Vergleichbare Abschätzungen wurden auch in den
Tabelle 3.5 USA vorgenommen und ökonomisch bewertet. In den
USA werden die jährlichen Ernteverluste durch Ozon
Direkte Wirkungen einer Ozon-Zunahme auf zwei Mrd. Dollar geschätzt (Heck u. a., 1988).
(nach Krupa und Kickert, 1993)

Wirkungsort Direkte Wirkung 3.1.3 Wirkungen der UV-B-Strahlung auf Pflanzen


bzw. -größe einer Ozon-Zunahme
Durch die Abnahme des stratosphärischen Ozons wird
Photosyntheserate Abnahme bei vielen ein Anstieg der UV-B-Strahlung in der Troposphäre
Pflanzen und am Erdboden erwartet. Dieser Anstieg kann
jedoch regional teilweise oder vollständig durch die
Stomataöffnung Abnahme bei empfind-
Zunahme des troposphärischen Ozons sowie der
lichen Arten und Sorten
Aerosolkonzentration kompensiert werden (Ab-
schnitt A, Kap. 2). Eine UV-B-Zunahme aufgrund des
Wasserausnutzung Abnahme bei empfind-
stratosphärischen Ozonabbaus ist für die Südhemi-
lichen Arten und Sorten
sphäre durch Messungen belegt (Seckmeyer und
MacKenzie, 1992, Seckmeyer, 1994). Ob auch in der
Blattfläche Abnahme bei empfind-
Nordhemisphäre eine Zunahme der UV-B-Strahlung
lichen Arten und Sorten
erfolgt ist, kann aufgrund fehlender Messungen nicht
Blattgewicht Zunahme bei empfind- einwandfrei belegt werden. Aufgrund meßtechni-
lichen Arten und Sorten scher Probleme gibt es erst seit wenigen Jahren
kontinuierliche und zuverlässige Meßreihen, die aber
Pflanzenreife Allgemein reduziert noch keine gesicherten Aussagen über einen Trend
(Notreife) zulassen. Das Ausmaß der aufgrund der beobachteten
Ozonabnahmen in der Stratosphäre zu erwartenden
Blüte Verspätete Blütenbildung Änderungen der UV-B-Intensität läßt sich daher zur
und Abnahme der Zeit nur mit Hilfe von Modellrechnungen abschätzen
Blütenzahl und des (Zellner, 1993). Diesen Modellberechnungen zufolge
Fruchtertrages hat die Intensität der UV-B-Strahlung in den mittleren
Breiten beider Hemisphären zwischen 1979 und 1989
Trockenmasse- Abnahme bei vielen um 4 bis 12 % zugenommen (EK, 1992). Im Januar und
produktion und Pflanzen Februar beträgt der Anstieg der UV-Dosis bis zu 20 %
Ertrag pro Jahrzehnt (Zellner, 1993). Für die Antarktis
errechnet sich eine mittlere Zunahme der UV-B-
Unterschiede in der Sehr große artabhängige Intensität von 50 %. In den Monaten September und
Pflanzenreaktion Unterschiede Oktober, d. h. im Höhepunkt des saisonalen strato-
(Arten) sphärischen Ozonabbaus, wäre sogar eine Zunahme
um bis zu 140 % möglich (EK, 1992).
Unterschiede in der Sortenabhängige
Unter Einwirkung von erhöhter UV-B-Strahlung wur-
Pflanzenreaktion Unterschiede möglich
den an Pflanzen sowohl sichtbare morphologische
(Sorten einer Art)
Veränderungen (Nekrosen, Chlorosen) wie auch
Trockenstreß Geringere Anfälligkeit Schädigungen auf der Ebene physiologischer und
gegen Ozon, aber erhöhte biochemischer Prozesse beobachtet. UV-B-Strahlung
Trockenstreßempfindlich- wird von Proteinen und Nukleinsäuren absorbiert, die
keit der Pflanzen dadurch geschädigt werden. Da die Nukleinsäuren
Träger der Erbsubstanz sind, besteht bei erhöhter
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UV-B-Strahlung die Gefahr von Schäden an der mehrfach beschrieben (u. a. Tevini, 1992; Simm,
Erbsubstanz durch Mutationen (spontane Verände- 1993). Auch eine Unterdrückung oder Verzögerung
rungen) (Krupa und Kickert, 1994). Da alle Enzyme in der Blütenbildung durch UV-B-Bestrahlung konnte
den Pflanzen einen Proteinanteil haben, können sie nachgewiesen werden (Rau und Hofmann, 1988;
ebenfalls durch die UV-B-Strahlung geschädigt oder Tevini, 1992). Die wichtigsten direkten Wirkungen
inaktiviert werden. Enzyme regeln den gesamten einer erhöhten UV-B-Strahlung sind zusammenfas-
pflanzlichen Stoffwechsel. Somit können vielfältige send in Tab. 3.6 aufgeführt.
negative Reaktionen ausgelöst werden. Beispiels-
weise wird im Bereich der Photosynthese die Aktivität Oft konnten Beobachtungen in Klimakammern bei
des CO 2 -fixierenden Enzyms (Ribulose-bi-Phosphat- geringeren Lichtintensitäten (Photonenflußdichten)
Carboxylase) beeinträchtigt. Auch wachstumssteu- an den gleichen Pflanzenarten unter Freilandbedin-
ernde Phytohormone (z. B. Indolessigsäure) gelten als gungen mit höheren Lichtintensitäten nicht bestätigt
besonders UV-B-empfindlich (Tevini, 1989; Krupa werden (Krupa und Kickert, 1994). So fanden z. B.
und Kickert, 1994). Weiterhin wurden Reduktionen Biggs und Kossuth (1978, In: Krupa und Kickert, 1994),
der Keimungsrate, der Blattfläche, des Pflanzen- daß bei mehr als 60 % von insgesamt 70 in Klimakam-
wachstums, des Ertrags und des Proteingehaltes mern untersuchten Pflanzenarten und -sorten die
Blattfläche durch UV-B erheblich (z. T. um mehr als
50 %) reduziert wurde. In Freilandversuchen bei mitt-
leren UV-B-Strahlungsintensitäten traten derart aus-
Tabelle 3.6 geprägte negative Effekte bei vielen Pflanzen nicht
mehr auf. In einigen Fällen wurde sogar eine Stimu-
Direkte Wirkungen einer UV-B-Zunahme lierung des Blattflächenwachstums beobachtet. Auch
(nach Krupa und Kickert, 1993) Teramura und Caldwell (1981) fanden bei mittleren
UV-B-Intensitäten und hoher Lichtintensität keine
Wirkungsort Direkte Wirkung negativen Effekte, sondern eher eine Stimulierung.
bzw. -größe einer UV-B-Zunahme
Sichtbare UV-Schäden (Chlorosen, Nekrosen) wur-
den in der Regel ebenfalls nur bei höheren VV-
Photosyntheserate Abnahme bei vielen
B-Intensitäten und gleichzeitig geringem Lichtange-
C3- und C4-Arten
bot beobachtet (Tevini u. a., 1981; Vu u. a., 1981,
Beide in: Krupa u. Kickert, 1994).
Stomataöffnung Bei den meisten Arten un-
beeinflußt; bei geringerer Es wird angenommen, daß die unterschiedliche Reak-
Lichtintensität reduziert tion von Pflanzen auf UV-B auf unterschiedliche
Gehalte UV-absorbierender Pigmente in Blättern von
Wasserausnutzung Abnahme bei den meisten Freiland- und Klimakammerpflanzen bzw. auf eine
Arten Stimulierung der Synthese solcher Pigmente unter
Freilandbedingungen zurückzuführen ist (Krupa und
Blattfläche Abnahme bei vielen Arten Kickert, 1993 und 1994). Zu diesen Pigmenten zählen
z. B. Flavonoide, die als UV-B-absorbierende Schutz-
Blattgewicht Zunahme bei vielen Arten
pigmente (Pflanzenfarbstoffe) in der Epidermis (äu-
ßere Zellschicht) der Blätter eingelagert werden kön-
Pflanzenreife Nicht beeinflußt
nen und dadurch tiefer liegende Zellschichten schüt-
Blüte Unterdrückt oder fördert zen. Über diesen Schutzmechanismus verfügen aller-
dings nur bestimmte Pflanzenarten (Tevini, 1989).
Blütenbildung bei einigen
Arten Außerdem wird diese Schutzpigmentbildung bereits
bei derzeitig verstärkt einfallenden Wellenlängen im
Trockenmasse- Abnahme bei vielen Übergangsbereich von UV-A- zu UV-B-Strahlung
Produktion und Arten aktiviert. Es ist deshalb fraglich, ob dieser Schutzme-
Ertrag chanismus bei einer weiteren UV-B-Zunahme ausrei-
chen wird (Wellmann, 1989). Einige Pflanzen besitzen
Unterschiede in der Sehr große artabhängige außerdem die Fähigkeit, UV-Schäden an der Erbsub-
Pflanzenreaktion Unterschiede stanz durch Bildung des Enzyms Photolyase zu repa-
(Arten) rieren (Tevini, 1989).

Auch die Synthese weiterer Pflanzeninhaltsstoffe wird


Unterschiede in der Sortenabhängige
durch die Intensität der UV-B-Strahlung beeinflußt.
Pflanzenreaktion Unterschiede möglich
Dazu gehören z. B. Glycosid-Verbindungen, die als
(Sorten einer Art)
Geruchs- und Geschmacksstoffe in Gewürzpflanzen
vorkommen. So wird durch UV-B-Bestrahlung der
Trockenstreß Geringere Anfälligkeit
Geschmack von Basilikumpflanzen verstärkt (Tevini,
gegen UV-B, aber erhöhte
1992). In Cannabispflanzen werden vermehrt halluzi-
Trockenstreßempfindlich-
nogene Inhaltsstoffe gebildet. Phaseolus-Bohnen bil-
keit der Pflanzen
den unter UV-B-Bestrahlung vermehrt Cumestrol,
Nährstoffmangel Bei einigen Arten eine Substanz, die in ihrer Wirkung dem Schwanger-
geringere, bei anderen schaftshormon Östrogen vergleichbar ist (Simm,
stärkere UV-B-Anfälligkeit 1993). Durch die Zunahme der UV-B-bedingten
Mutationen und Wechselwirkungen mit anderen
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Streßfaktoren bilden sich möglicherweise in den Der Bodenwassergehalt ist in erster Linie von der
Pflanzen weit höhere Konzentrationen bekannter Niederschlagshöhe sowie der räumlichen und zeitli-
oder völlig neuer gesundheitsgefährdender Inhalts- chen Verteilung der Niederschläge und der Tempera-
stoffe. tur abhängig. Daneben spielen unter anderem auch
Für eine Abschätzung potentieller Ertragsverluste physikalische Faktoren wie die Korngrößenvertei-
infolge der Zunahme der UV-B-Strahlung bzw. der lung, das Porenvolumen oder die Hangneigung eines
Veränderung der atmosphärischen Ozonkonzentra- Bodens eine wichtige Rolle.
tion gibt es zur Zeit keine ausreichende Datenbasis Die Evaporation eines Standortes nimmt bei einem
(nur wenige Freilanduntersuchungen). Es gibt zudem Temperaturanstieg um 1°C um 5 % zu (Parry, 1990).
eine große arten. bzw. sortenspezifische Streubreite Der Bodenwassergehalt eines Standortes bleibt stabil,
in den Reaktionen. Die UV-B-Toleranz einiger Pflan- wenn bei einer Temperaturerhöhung um 1° C die
zenarten ist evolutionär bedingt, da diese Arten über- Niederschläge — bei unveränderter räumlicher und
wiegend aus niederen Breiten mit natürlicherweise zeitlicher Verteilung — gleichzeitig um 20 mm/Jahr
bis zu fünfmal höherer UV-B-Strahlung stammen. Von steigen. Diese stark vereinfachten Beziehungen
den bisher untersuchten 300 Pflanzenarten sind mehr haben jedoch nur begrenzte Aussagekraft, da die
als die Hälfte UV-B-empfindlich. Bei Versuchen an 23 Meßgenauigkeit der Wasserhaushaltsgrößen noch
Sojabohnen-Sorten erwiesen sich sieben Sorten als einige Unsicherheiten aufweist (Roth, 1989) und der
unempfindlich, 14 Sorten reagierten mit deutlichen Wasserhaushalt von zahlreichen anderen Faktoren
Wachstumsdepressionen. Zwei Sorten brachten bei beeinflußt wird. Zusätzlich hat die jahreszeitliche
erhöhter UV-B-Strahlung sogar höhere Erträge (Tera- Verteilung der Niederschläge bzw. der Bodenfeuchte
mura u. a., 1988; In: Simm, 1993). Im Rahmen einer ganz erhebliche Bedeutung für das Pflanzenwachs-
Freilanduntersuchung an Sojabohnen führte die tum.
Simulation einer 16-prozentigen Ozonabnahme in der
Stratosphäre zu einem Ertragsverlust von bis zu 25 %. Man geht allgemein davon aus, daß die prognosti-
Dagegen scheint z. B. Weizen gegenüber höherer zierte Zunahme der Niederschläge in den gemäßigten
UV-B-Strahlung relativ unempfindlich zu sein (Tera- Breiten der Nordhemisphäre vor allem in das Winter-
mura u. a., 1990). halbjahr fällt. Die Sommerniederschläge über den
Landflächen nehmen dagegen ab. Böden sind aber
Die Unsicherheiten in der Abschätzung möglicher
nur sehr eingeschränkt in der Lage, fehlende Som-
Ertragsänderungen werden zusätzlich durch die viel-
merniederschläge durch höhere Winterniederschläge
fältigen Wechselwirkungen (z. B. gleichzeitige Zu-
auszugleichen. Selbst dort, wo die Niederschläge
nahme von CO 2 , 03 und UV-B) und die ausgeprägte
auch im Sommer ansteigen, wird durch die gleichzei-
räumliche und zeitliche Varianz (v. a. bei 0 3 und
tige Temperaturerhöhung die Verdunstung soweit
UV-B) erheblich erschwert (Krupa und Kickert, 1994).
zunehmen, daß die Niederschlagszunahme meist
Die UV-B-Zunahme beeinflußt auch die Konkurrenz-
überkompensiert wird und die Bodenfeuchte ab-
verhältnisse zwischen Nutzpflanzen und Unkräutern
nimmt (FAO, 1990). Durch den Temperaturanstieg
oder die Wirt-Parasit-Beziehungen (z. B. durch die
— verstärkt durch den sommerlichen Rückgang der
Aktivierung/Inaktivierung von Krankheitserregern).
Niederschläge — wird die Häufigkeit von Trockenpe-
rioden insbesondere in den kontinentalen gemäßigten
Breiten der Nordhemisphäre zunehmen.
3.1.4 Wirkungen von klimatischen Faktoren
auf Böden Die Pflanzenverfügbarkeit des Bodenwassers wird mit
dem Begriff der Feldkapazität umschrieben. Sie wird
Die Wirkungen der einzelnen klimatischen Faktoren vor allem durch den Wassergehalt, das Porenvolumen
auf Böden stehen in einer engen Wechselbeziehung und dessen Größenverteilung sowie den Gehalt an
und beeinflussen gemeinsam das Pflanzenwachstum. organischer Substanz des Bodens bestimmt. Die nutz-
Sie werden daher nicht einzeln angesprochen, son- bare Feldkapazität gibt die Höchstmenge des pflan-
dern gemeinsam betrachtet. zenverfügbaren Bodenwassers an. Sinkt der Boden-
Der Bodenwassergehalt bzw. die Bodenfeuchte ergibt wassergehalt bis zum permanenten Welkepunkt, liegt
sich aus dem Zusammenwirken verschiedener klima- kein pflanzenverfügbares Bodenwasser mehr vor. Die
tischer Faktoren und Standortfaktoren. Der Boden- Pflanzen welken dauerhaft, was zu Pflanzenschäden
wassergehalt hängt ab von der Differenz zwischen der und zum Absterben der Pflanzen führt. Zwischen
Wasserzufuhr aus nutzbarer Feldkapazität und permanentem Welke-
punkt korrelieren der Bodenwassergehalt und das
— der Versickerung von Niederschlägen, Pflanzenwachstum (Trockenmassezunahme) positiv
— dem Oberflächenzufluß und (Geisler, 1980). Akuter Wassermangel durch Ausblei-
ben der Niederschläge und/oder hohe Temperaturen
— dem Kapillaraufstieg aus dem Grundwasser und Lufttrockenheit führen zum zeitweisen Welken,
sowie dem Wasserverlust durch zu Wachstumsstörungen (Stauchungen, Steckenblei-
ben der Ähre etc.) und zur Notreife, bei anhaltender
— die Evaporation (Verdunstung des Bodens), Trockenheit letztlich zum Verdorren und Absterben
der Pflanze (Hoffmann u. a., 1985).
— den Entzug durch Pflanzenwurzeln und die Tran-
spiration der Pflanzen, Das Bodenwasser ist Trägersubstanz der minerali-
schen Nährstoffe, die die Pflanzenwurzeln nur in
— den Oberflächenabfluß und
gelöster Form aufnehmen können. Die Pflanze ent-
— die Versickerung ins Grundwasser. nimmt dem für sie verfügbaren Bodenwasser die
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Wasser- und Nährstoffmengen, die sie für den Aufbau flüsse der Klimaänderung auf die Bodenbearbeitung,
ihrer organischen Substanz und den Erhalt der die Nährstoffdynamik und Düngung, die Konkurrenz
Lebensvorgänge benötigt. Eine Abnahme des pflan- und Regulation der Begleitvegetation und den Druck
zenverfügbaren Bodenwassers verringert daher die durch Krankheiten und Schädlinge, die Ernte und
Nährstoffaufnahme der Pflanzen. Zahlreiche mikro- Lagerung sowie die Fruchtfolgegestaltung darge-
bielle Umsetzungsprozesse in den Böden sind eben- stellt. Die Auswirkungen einer Klimaänderung kön-
falls an ausreichenden Bodenwassergehalt gebunden nen je nach Region, Standort und Nutzungsweise von
und nehmen daher bei sinkendem Bodenwasserge- Fall zu Fall sehr verschieden sein. Aussagen zu
halt ab. Ein Anstieg der bodennahen Lufttemperatur regionalen Wirkungen sind aber derzeit noch nicht
führt — in Abhängigkeit von Wärmekapazität und möglich.
-leitfähigkeit des Bodens — zu einem Anstieg der
Bodentemperatur. Die biologischen und chemischen
Prozesse bei der Nährstoffbereitstellung (z. B. Mine-
Bodenbearbeitung und Bodenerosion
ralisierung) im Boden sowie bei der Aufnahme durch
die Pflanzen korrelieren positiv mit der Temperatur.
Durch ein rascheres Abtrocknen des Bodens bei
Ausgewogene Nährstoff- und Wasserversorgung vor-
höherer Lufttemperatur verlängern sich die Zeit-
ausgesetzt, nehmen Pflanzen daher beim Anstieg der
räume, in denen die Ackerflächen befahrbar sind. Auf
Bodentemperatur Nährstoffe schneller und leichter
trockeneren Böden kommt es seltener zu Verdichtun-
auf.
gen, die das Porenvolumen und damit die Durchlüf-
Heftige und/oder lange anhaltende Regenfälle führen tung und Durchwurzelbarkeit des Bodens einschrän-
je nach bodenphysikalischen Gegebenheiten zu ken. Im Mittel könnten die Flächen bei einem Tem-
einem kurzzeitigen oder anhaltenden Sauerstoffman- peraturanstieg im Frühjahr eher und im Herbst länger
gel im Boden. Die oxidativen Vorgänge im Boden befahrbar sein, als unter heutigen Klimabedingun-
werden von reduzierenden abgelöst und die Mikroor- gen. Mitentscheidend ist aber die zeitliche Verteilung
ganismentätigkeit im Boden wird vermindert. Die der Niederschläge. Eine Zunahme der Niederschlags-
mikrobielle und pflanzliche Bodenatmung wird unter- häufigkeit und -intensität führt möglicherweise auch
bunden. Anhaltende Staunässe führt zu Chlorosen zu einer eingeschränkten Befahrbarkeit der Flächen.
und Wurzelfäulen. Bestimmte anaerobe Prozesse wer- Höhere Anteile des Jahresniederschlages könnten
den hingegen verstärkt, so daß durch Gärung und künftig als Starkregen niedergehen, wodurch sich der
Denitrifikation weitere klimawirksame Spurengase Oberflächenabfluß erhöhen und die Versickerung
(CH4 , N2O ) freigesetzt werden. reduzieren würde. Eine Zunahme der Winternieder-
schläge könnte die Abtrocknung und damit die Früh-
jahrsbestellung verzögern.
3.1.5 Wirkungen auf die Produktqualität Des weiteren beschleunigt die höhere Temperatur
den Abbau der organischen Substanz in den Böden.
Jeder einzelne Wachstumsfaktor — somit auch die Dies verbessert zwar vorübergehend die Nährstoff-
klimatischen Faktoren — wirken nach dem Gesetz des freisetzung. Längerfristig verschlechtert der Verlust
Minimums/Optimums quantitativ begrenzend. Dane- an organischer Substanz aber die Wasser- und Nähr--
ben können die einzelnen klimatischen Faktoren, stoffbindung sowie die Bodenstruktur und -stabilität.
insbesondere ihr unausgewogenes Verhältnis bzw. Ohne entsprechenden Ausgleich durch häufigere
ihre zeitliche Verteilung, auch die Produktqualität Grün-, Stallmist- oder Kompostdüngung und ganzjäh-
oder die Inhaltsstoffe der geernteten Agrarprodukte rige Bodenbedeckung führt dies zu einer Beeinträch-
beeinträchtigen. Vor allem extreme Wetterereignisse tigung des Bodenlebens und zu einem Anstieg der
(besonders hohe oder niedrige Temperaturen, Nie- Bodenerosion. Verschärft wird die Erosionsgefahr
derschläge, Dürren etc.) führen zu Veränderungen an noch durch die Zunahme der Wetterextreme (Starkre-
Pflanzen, Pflanzenteilen und Inhaltsstoffen (Defor- gen/Stürme). Die physikalische Bodenverwitterung
mationen, Schrumpfung, Aufplatzen, Verletzungen, wird durch höhere Temperaturen und eine höhere
Chlorosen, Nekrosen, Schädigung von Eiweißverbin- Variabilität der klimatischen Faktoren gefördert.
dungen, Auswuchs bei Getreide etc.).
Der CO 2 -Anstieg führt möglicherweise zu einer ver-
Die Einflüsse der Luftzusammensetzung, insbeson- mehrten Bildung von Pflanzensubstanz und zu mehr
dere des CO 2 -Anstiegs auf die Produktqualität bzw. organischen Rückständen auf bzw. im Boden.
die Inhaltsstoffe wurden bereits in Kap. 3.1.2.1 darge- Zugleich verändert sich jedoch auch das Kohlenstoff/
stellt. Die verschiedenen Wirkungen der UV-B-Strah- Stickstoff-Verhältnis der Pflanzenrückstände. Auf-
lung wurden in Kap. 3.1.3 erläutert. grund des relativen Stickstoffmangels verlangsamt
sich die Mineralisierung. Die Humusqualität sowie die
Verfügbarkeit von Nährstoffen nimmt vermutlich
ab.
3.1.6 Auswirkungen auf die Produktionstechnik
Die prognostizierte Klimaänderung wird eine polwär-
Die prognostizierte Klimaänderung hat neben den tige Verschiebung der Vegetationszonen zur Folge
direkten Wirkungen auf das Pflanzenwachstum und haben. Pro Grad Celsius Temperaturerhöhung verla-
die Pflanzenentwicklung auch verschiedene Wirkun- gern sich die Anbaugebiete um 200 bis 300 km
gen auf andere Standortfaktoren und die produktions- polwärts bzw. im Bergland um 200 Meter höher.
technischen Abläufe im Pflanzenbau. Im folgenden Weiter im Norden liegen jedoch häufig schlechter
werden einige mögliche positive und negative Ein entwickelte und weniger fruchtbare Böden. Die mög-
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lichen Verbesserungen der klimatischen Wachstums- Kompost ist nicht vor Auswaschungsverlusten ge-
bedingungen könnten dort nicht wirksam werden. schützt. Die Nährstoffe, insbesondere der Stickstoff,
Zudem wird die Inkulturnahme bisher ruhender liegen jedoch kaum in leicht löslicher, auswaschungs-
Böden den Humusabbau anregen und zusätzlich Koh- gefährdeter Form, sondern zumeist organisch gebun-
lenstoff freisetzen. den vor (Ausnahme Gülle). Der höhere Eintrag orga-
nischer Substanz und die entsprechende Humusbil-
In den niederen Breiten dehnen sich die tropischen
dung verbessern gleichzeitig das Nährstoffbindungs-
und subtropischen Trockengebiete und Wüsten wei-
vermögen der Böden.
ter polwärts aus. Soweit verfügbare Wasserreserven
dies gestatten, wird der Bewässerungsfeldbau bis in
die gemäßigten Breiten hinein massiv zunehmen.
Große Landflächen drohen durch Versalzung zu de- Begleitvegetation und deren Regulation
gradieren oder infolge Wassermangels unfruchtbar zu
werden. Um hier weiterhin Landbau betreiben zu Durch ihre Artenvielfalt und entsprechende Anpas-
können, ist eine Förderung und Wiedereinführung sungsfähigkeit ist die Begleitvegetation (Unkrautpo-
ursprünglicher angepaßter Landnutzungsverfahren pulation) den — meist in Monokultur angebauten —
(extensiver Regenfeldbau) notwendig. Kulturpflanzen bei nahezu allen Wachstumsbedin-
gungen deutlich überlegen. Dies gilt insbesondere bei
Der Anstieg des Meeresspiegels und die gebietsweise
neuen Wetterextremen. Die Begleitvegetation wird
Zunahme der Sturmhäufigkeit führt zum Verlust
durch künftige Klimaänderungen weniger beein-
fruchtbarer Küstengebiete, insbesondere in den
trächtigt, die Wachstumsbedingungen wärmelieben-
äußerst fruchtbaren Flußdeltas. Mit dem Anstieg des
der und trockenresistenter Unkräuter werden deutlich
Grundwasserspiegels sind weitere küstennahe Land-
verbessert, wodurch deren Konkurrenzkraft gegen-
gebiete durch Versalzung und Vernässung gefähr-
über den Kulturpflanzen erhöht wird. Zusätzlich brei-
det.
ten sich wärmeliebende Unkräuter mit den Vegeta-
Böden wurden in der Vergangenheit und werden tionszonen polwärts aus, verdrängen dabei aber auch
auch künftig eher durch menschliche Einwirkungen die derzeitige, an niedrigere Temperaturen ange-
(Rodung, Bearbeitungsfehler) als durch klimatische paßte Begleitvegetation. Die Verlängerung der Vege-
Veränderungen in Mitleidenschaft gezogen. Um so tationsperiode ermöglicht den Unkräutern eine stär-
wichtiger sind verstärkte Anstrengungen zum Schutz kere Vorwinterentwicklung, geringere Auswinterung
der Böden. Hierzu kann eine nachhaltige Landbewirt- und eine zeitigere Keimung im Frühjahr. Die
schaftung ganz wesentlich beitragen. beschleunigte Entwicklung führt eventuell zu ver-
mehrter Samenproduktion. Die Bodenwasserab-
nahme kann ebenfalls Auswirkungen auf die Konkur-
Nährstoffdynamik und Düngung renzkraft der Unkräuter haben. Durch die Sommer-
trockenheit werden zunehmend tiefwurzelnde und
Die höhere Bodentemperatur beschleunigt die Mine- schwer bekämpfbare Unkräuter selektiert werden,
ralisierung und erhöht damit die Nährstoffverfügbar- die den Wassermangel der Kulturpflanzen zusätzlich
keit. Dies verbessert die Nährstoffaufnahme der Pflan- verstärken. Der CO 2 -Düngeeffekt — soweit er denn
zen, aber — je nach Niederschlagsverteilung — auch wirkt — erhöht die Konkurrenzkraft von C3-Unkräu-
die Verlagerung von Nährstoffen, v. a. Nitrat ins tern gegenüber C4-Kulturpflanzen, aber auch
Grundwasser. Mineralische Nährstoffe können von von C3-Kulturpflanzen gegenüber C4-Unkräutern.
den Pflanzenwurzeln nur in gelöster Form auf genom- Ebenso verschieben sich aufgrund der a rt - und sorten-
men werden. Infolge der Klimaänderung wird für spezifischen Empfindlichkeiten gegenüber einer Zu-
weite Teile der Nordhemisphäre — zumindest in der nahme des troposphärischen Ozons und/oder der
Hauptvegetationszeit im Sommer — eine Bodenwas- UV-B-Strahlung die Konkurrenzverhältnisse in Pflan-
serabnahme prognostiziert. Die Nährstoffaufnahme zenbeständen (und natürlichen/naturnahen Ökosy-
würde hierdurch eingeschränkt werden. stemen).
Die mit einer Klimaänderung einhergehenden neuen Die Witterungsbedingungen sind von erheblicher
Wetterextreme erschweren eine genaue Abschätzung Bedeutung für die Unkrautbekämpfung. Die mecha-
der Nährstofffreisetzung und -verfügbarkeit. Eine nische Unkrautbekämpfung wird bei höheren Tempe-
exakte Bemessung der Düngung, vor allem mit leicht raturen und bei Bodenwasserabnahme erfolgreicher
löslichen mineralischen Düngemitteln, wird dadurch sein, da Trockenheit das erneute Anwachsen oder
zunehmend problematisch. Bei steigender Nieder- Austreiben der Unkräuter erschwert. Die chemische
schlagsintensität wächst z. B. die Gefahr von Nähr- Unkrautbekämpfung durch Blattherbizide wird durch
stoffverlusten durch Auswaschung. Dies fördert das Ausbleiben von Niederschlägen nach der Aus-
zusätzlich den Prozeß der natürlichen Bodenversaue- bringung verbessert, da die Wirkstoffe nicht vom Blatt
rung (Basenauswaschung). Wärmere Winter be- abgewaschen werden. Länger andauernde Trocken-
schleunigen die Stickstoffmineralisation der Böden heit führt jedoch zum Eintrocknen des Mittels, das
und erhöhen gleichfalls die Gefahr der Nitrat- und dadurch wirkungslos wird. Unkräuter, die bei anhal-
Nährstoffauswaschung ins Grundwasser und — vor tender Trockenheit mit der Ausbildung bzw. Verstär-
allem bei gleichzeitig steigenden Winterniederschlä- kung ihrer Wachsschicht (Kutikula) als Transpira-
gen — die Denitrifikation (Freisetzung von Distick- tionsschutz reagieren, sind hierdurch weniger emp-
stoffoxid). Auch eine Düngung mit organisch gebun- findlich gegenüber Blattherbiziden. Wuchsstoffherbi-
denen Nährstoffen, also eine Gründüngung mit Legu- zide werden nur über die Bodenlösung aufgenom-
minosen oder eine Wirtschaftsdüngung mit Stallmist/ men, benötigen daher einen ausreichenden Boden-
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wassergehalt, um systemisch wirksam werden zu mungsrate vieler pilzlicher Sporen fällt unterhalb
können. Durch höhere Temperaturen werden sie einer relativen Luftfeuchte von 90 bis 95 % steil ab. Die
allgemein in ihrer Wirksamkeit unterstützt. Plötzliche Intensivierung des hydrologischen Zyklus erhöht die
heftige Regenfälle oder Dürreperioden beeinträchti- relative Luftfeuchtigkeit und somit die Infektiosität
gen dagegen die Wirksamkeit von Blatt- und Wuchs- zahlreicher Pilzsporen. Bestimmte Vermehrungssta-
stoffherbiziden. Eine höhere Klimavariabilität sowie dien (Zoosporen) sind sogar auf Blattbenetzung ange-
neue und möglicherweise häufigere Wetterextreme wiesen. Die Dauer der Blattbenetzung, die für eine
erschweren generell die exakte Wahl und Dosierung Infektion erforderlich ist, kann umso kürzer sein, je
von Herbiziden und verringert deren Effizienz. schneller die Sporen bei höherer Temperatur keimen
(Hoffmann u. a., 1985).
Der Herbizidabbau ist vom Bodenwassergehalt und
von der Bodentemperatur abhängig. Die höhere Die Aktivität und Entwicklung der wechselwarmen
Bodentemperatur beschleunigt, der sinkende Boden- Insekten ist temperaturabhängig. Höhere Temperatu-
wassergehalt verringert u. U. den Abbau. Bei ren fördern die Entwicklungsgeschwindigkeit und
Zunahme von Starkniederschläge steigt generell das den Entwicklungszyklus, beeinflussen die Fraßaktivi-
Risiko der Verlagerung und Auswaschung. Sollte sich tät und Nahrungssuche, die Wanderung und Vermeh-
der Abbau verlangsamen, erhöht sich die Gefahr der rung und damit den Verlauf von Epidemien. Bei einer
Anreicherung von Wuchsstoffherbiziden im Boden Temperaturerhöhung in höheren Breiten entfällt die
mit möglichen Schäden an Folgekulturen und der Überwinterung (Eier, Puppen etc.), die auch häufig
Kontamination der Ernteprodukte. mit einem Wirtswechsel verbunden ist, und es treten
ganzjährig aktive Populationen auf (Hoffmann u. a.,
1985). Entsprechend werden die von Insekten über-
Krankheitserreger und Schadursachen tragenen Viruskrankheiten stärker verbreitet. Die
jeweiligen Bodentemperaturen entscheiden über den
Die Temperaturerhöhung und Bodenwasserab- Flugbeginn und die zeitliche Abfolge des Auftretens
nahme, gepaart mit extremen Wetterereignissen und verschiedener überwinternder Schadinsekten (Ber-
dem Anstieg verschiedener Spurengase beeinträchti- ger, 1989). Die an die jeweiligen Lebensbedingungen
gen das Pflanzenwachstum, können zu direkten Schä- der verschiedenen Schädlinge angepaßten natürli-
den an den Pflanzen führen (Kap. 3.1.1, 3.1.2, 3.1.3) chen Feinde werden durch die geänderten Lebensbe-
und erhöhen deren Anfälligkeit für Krankheiten und dingungenebenso gefördert oder gehemmt wie die
Schaderreger. Zusätzlich werden die veränderten Schädlingen selbst.
klimatischen Verhältnisse zur weiteren Verbreitung Möglicherweise spielen sich daher auf höherem Tem-
wärmeliebender Schädlinge und Pflanzenkrankhei- peraturniveau neue Regelkreise ein. Die Zunahme
ten beitragen. In höheren Breiten werden Krankhei- der extremen Wetterereignisse wird aber in jedem
ten und Schaderreger zunehmen, die dort bisher eine Fall zu eine Destabilisierung der Wirt-Parasit- oder
untergeordnete oder gar keine Bedeutung haben, da Schädlings-Nützlings-Beziehungen führen. Zudem
sie nur in wärmeren Regionen niederer Breiten auf- wird die Wahl und exakte Dosierung von Fungiziden,
treten. Derzeit werden zahlreiche Schädlinge und Insektiziden und anderen Pestiziden erschwert. Stabi-
Krankheiten, aber auch deren natürliche Feinde lere und anpassungsfähigere Agrarökosysteme, die-
durch tiefe Wintertemperaturen in ihrer Entwicklung wie der ökologische Landbau und teilweise auch der
gehemmt oder dezimiert. Mildere Winter lassen künf- integrierte Pflanzenbau auf der Stärkung der natürli-
tig ein höheres Krankheitspotential überdauern. Es chen Widerstandskraft der Pflanzen und der Nütz-
überleben mehr frostempfindliche Schadinsekten und lingsförderung aufbauen, haben bei häufigeren Wet-
Wurzelparasiten, deren natürliche Feinde (Nützlinge) terextremen erhebliche Vorteile gegenüber dem Che-
werden entsprechend gefördert. An die derzeitigen mieeinsatz in der konventionellen Landwirtschaft.
klimatischen Bedingungen angepaßte Krankheiten
und Schaderreger werden möglicherweise mit den Es sei noch erwähnt, daß die Zunahme der UV-
Klima? men polwärts verdrängt oder verschwinden B-Strahlung möglicherweise auch Pflanzenkrankhei-
ganz. ten und Schädlinge beeinflußt. Neben den negativen
Wirkungen der UV-B-Strahlung auf Mikroorganis-
Das Temperaturoptimum für die Keimung der meisten
men wird auch eine keimstimulierende Wirkung auf
pilzlichen Überdauerungsorgane (Sporen) liegt im
pilzliche Überdauerungsorgane beschrieben. Viele
Bereich zwischen 22 und 26° C. Neben der Lufttempe-
Pilze benötigen zur Ausbildung der Fortpflanzungsor-
ratur stellen hohe Luftfeuchtigkeit und Blattbenet-
gane unter Laborbedingungen eine Induktion durch
zung (Tröpfchen oder Flüssigkeitsfilm auf der Blatt-
UV-Bestrahlung. Durch verstärkt auftretende Muta-
oberfläche) notwendige Voraussetzungen für die
tionen können zudem neue Krankheiten bzw. Patho-
Infektion durch die meisten pilzlichen Krankheitser-
typen auftreten.
reger dar. Günstige Keimungstemperaturen werden
inMteluropabmTeturnsigh
und häufiger erreicht. Da es bei höheren Temperatu-
ren zu einer stärkeren Vorwinterentwicklung im Win- Ernte und Lagerung
tergetreide kommt, wird der Herbstbefall mit Blatt-
und Fußkrankheiten begünstigt. Die höhere Tempe- Die Getreideernte wird heute überwiegend im Mäh-
ratur fördert vor allem die Keimungsgeschwindigkeit, druschverfahren durchgeführt. Optimale Vorausset-
die für den Befall oft entscheidender ist als die zung hierfür ist das Stadium der Totreife, bei der die
Keimungsrate. Steigende Temperaturen führen Körner einen Wassergehalt von weniger als 16 %
gleichzeitig zu intensiverer Verdunstung. Die Kei aufweisen. Durch höhere Temperaturen und niedri-
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
gere Bodenwassergehalte nimmt der Wassergehalt tationsperiode verlängert auch die Weidesaison. Mög-
des Getreides im Sommer schneller ab. Damit erhöht licherweise könnten dadurch größere Tierbestände
sich die Wahrscheinlichkeit niedriger Kornfeuchtege- von der gleichen Fläche ernährt werden. Da die
halte zum Erntezeitpunkt, was die Kosten und den Grünlandnutzung (und der Feldfutterbau) auf ausrei-
Zeitaufwand für die Getreideernte und -lagerung chend hohe und insbesondere gleichmäßige Wasser-
verringert. U. U. kann die energieintensive Getreide- versorgung angewiesen ist, wird eine zunehmende
trocknung entfallen. Sommertrockenheit die Produktivität des Grünlandes
jedoch vermutlich beschränken und kann in weiten
Andererseits können heftige Niederschläge während
Teilen sogar zur Aufgabe der Grünlandnutzung zwin-
der Erntezeit zu Lagergetreide, höherer Kornfeuchte
gen. Ein Umbruch von Grünland mit anschließender
oder sogar Auswuchs (Keimen der Getreidekörner
ackerbaulicher Nutzung führt zum Humusabbau und
bereits in der Ähre) führen. Dies stellt eine erhebliche
setzt CO 2 frei. Höhere Winterniederschläge verzögern
Beeinträchtigung der Inhaltsstoffe und der späteren
möglicherweise den Weideaustrieb im Frühjahr und
Keimfähigkeit der Körner dar. Bei Auswuchs setzt der
erhöhen die Gefahr von Tritt- und Narbenschäden.
enzymatische Stärkeabbau ein und verringert die
Verkleisterungsfähigkeit und Backqualität des Wei- Ein beschleunigtes Wachstum und eine rasche Reife
zenmehls. der Gräser mindert unter Umständen deren Futter-
wert. Höhere Temperaturen führen zu einer stärkeren
Bei nahezu allen anderen Ernteverfahren sind eben-
Lignifizierung (Verholzung) des Pflanzengewebes,
falls sowohl positive als auch negative Folgen denk-
was die Verdaulichkeit des Pflanzenmaterials ein-
bar, die beispielsweise von der Restfeuchte des Ern-
schränkt. Zusätzlich könnte die Futterqualität des
tegutes (Heuernte, Strohbergung) oder der Befahrbar-
Pflanzenmaterials durch ein erweitertes Kohlenstoff/
keit der Flächen (Mais- und Zuckerrübenernte)
Stickstoff-Verhältnis aufgrund eines CO 2 -Düngeef-
abhängen. Die prognostizierte Zunahme extremer
fektes beeinträchtigt werden. Ein Düngeeffekt kann
Wetterereignisse wirkt sich tendentiell negativ aus.
zu veränderten Konkurrenzverhältnissen innerhalb
von Grünlandbeständen führen. Auch durch eine
selektive Förderung hitzetoleranter hartblättriger
Fruchtfolge Kräuter und Gräser kann sich die Futterqualität unter
Umständen verschlechtern.
Höhere Temperaturen führen zu einer Verlängerung
der Vegetationsperiode und zu einer Beschleunigung
der Entwicklung und Reifung der Kulturpflanzen
innerhalb einer Vegetationsperiode. Somit ließen sich 3.2 Auswirkungen auf die Tierhaltung
wärmebedürftigere Arten und Sorten anbauen, die
unter heutigen klimatischen Verhältnissen nicht zur Hohe Temperaturen und insbesondere eine Boden-
Reife gelangen. Hierzu gehören vor allem später wasserabnahme stellen eine zukünftige ausreichende
reifende, ertragreichere Sorten. Andererseits könnten Produktivität der Grünlandwirtschaft in Frage. Durch
die Erträge der traditionell angebauten Arten und ein verändertes Kohlenstoff/Stickstoff-Verhältnis
Sorten durch das beschleunigte Wachstum und die würde zudem die Futterqualität gemindert. Im
schnellere Reife sinken. Die längere Vegetations- Bereich der intensiven Landwirtschaft kann der Land- -
periode ließe sich auch durch eine Ausweitung des wirt durch die Futterzusammensetzung mögliche
Zwischenfruchtanbaus oder unter Umständen durch Mängel ausgleichen. In der extensiven Weidewirt-
den Anbau einer zweiten Hauptfrucht nutzen. Der schaft, vor allem in den Tropen und Subtropen,
Bodenwassergehalt wird jedoch in beiden Fällen als müssen sich die Tiere ihr Futter selbst suchen und
begrenzender Faktor wirken. können einem möglichen Mangel kaum auswei-
chen.
Die veränderten klimatischen Verhältnisse und ein
Anstieg der atmosphärischen CO 2 -Konzentration, Den Anteil der aufgenommenen Futterenergie, der für
eine Zunahme des troposphärischen Ozons und der den reinen Erhaltungsbedarf der Tiere aufgewandt
UV-B-Strahlung beeinflussen die Konkurrenzverhält- werden muß, also nicht in Produkte oder Gewichtszu-
nisse zwischen den Pflanzen (z. B. C3-/C4-Pflanzen nahme umgewandelt wird, bezeichnet man als Erhal-
bzw. Ozon- und UV-B-sensitive oder tolerante Pflan- tungsaufwand. Unterhalb der tierspezifischen Opti-
zen). In Monokulturen des Ackerbaus wird hierdurch maltemperaturen führt ein Temperaturanstieg zur
nur die Konkurrenz zu Unkräutern verändert. In Verringerung des Erhaltungsaufwandes; die Tiere
landwirtschaftlichen Mischkulturen (z. B. Feldfutter- müssen weniger Energie für die Stabilisierung der
bau) oder Pflanzengesellschaften (Dauergrünland) Körpertemperatur aufwenden. Oberhalb des optima-
können jedoch unerwünschte Veränderungen der len Temperaturbereiches steigt bei weiter zunehmen-
Artenzusammensetzung der Vegetation eintreten, der Temperatur der Erhaltungsaufwand jedoch wie-
indem Arten mit höherem Futterwert zugunsten min- der an, da auch Energie für die Kühlung des Körpers
derwertiger aus dem Bestand verdrängt werden. verbraucht wird. Zudem sinkt bei höheren Tempera-
turen die Futteraufnahme und die Futterverwertung
der Nutztiere.
Grünlandwirtschaft In höheren Breiten sinkt bei einem Temperaturanstieg
der Aufwand für Heizung und Isolation der Tierställe.
Der CO 2 -Anstieg und die Erwärmung können bei Andererseits steigt aber auch der Aufwand für die
ausreichender Bodenfeuchte die Futterproduktion Kühlung der Ställe in den wärmeren Sommermona-
von Wiesen und Weiden erhöhen. Die längere Vege ten.
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

Durch einen Temperaturanstieg können verschie- Studies (GISS), des Geophysical Fluid Dynamics
dene parasitäre und infektiöse Tierkrankheiten Laboratory (GFDL) und des United Kingdom Meteoro-
zunehmen. Diese Krankheiten werden meist von logical Office (UKMO) für den vereinfachten Fall einer
Insekten (Tse-Tse-Fliegen, Zecken, Stechmücken) völligen Anpassung an eine spontane CO2-Verdopp-
übertragen, deren Entwicklung durch einen Tempe- lung bildeten die Grundlage. Die mit neueren ge-
raturanstieg und eine Intensivierung des Wasserkreis- koppelten Ozean-Atmosphäre Modellen möglichen
laufes gefördert würde (FAO, 1990). Zudem können zeitabhängigen und realistischen Simulationen des
sich Tierkrankheiten und -seuchen, die bisher auf globalen Klimas sind noch nicht für eine solche Studie
wärmere Gegenden beschränkt waren, mit den stei- herangezogen worden. Die im folgenden beschrie-
genden Temperaturen polwärts ausbreiten. bene Ergebnisse besitzen daher nur eine einge-
schränkte Aussagekraft.
Im Bereich der Fischwirtschaft ist überwiegend mit
negativen Auswirkungen zu rechnen. Mit einem Für verschiedene Länder bzw. größere Regionen
Anstieg der Wassertemperatur intensiviert sich zwar wurden die Ergebnisse der Klimasimulationen in
der Stoffwechsel der Fische/Wassertiere und ihre verschiedene Ertragsmodelle eingegeben und die
Futteraufnahme steigt, gleichzeitig führen aber stei- jeweiligen nationalen Erträge der regional spezifi-
gende Wassertemperaturen zu einem sinkenden schen Nutzpflanzen ermittelt. Die untersuchten Nutz
Sauerstoffgehalt des Wassers. pflanzenarten waren Weizen, Reis, Mais und Sojaboh-
Die Hauptfanggebiete der Meeresfischerei werden nen. Gemeinsam stellen diese vier Arten mehr als
sich polwärts verlagern. Die Binnenfischerei könnte 85 % des Weltgetreide- bzw. -hülsenfruchtmarktes
durch Wassermangel und Wetterextreme beeinträch- dar. Die Erträge wurden sowohl ohne als auch mit
tigt werden. Bereiche der Küstenfischerei, Brutplätze Einbeziehung eines möglichen CO 2 -Düngeeffektes
für Fische, küstennahe Teichanlagen, Zuchtanlagen berechnet. Mit Hilfe eines Welthandelsmodells für
für Muscheln, Krabben, Garnelen etc. werden durch Nahrungsmittel wurden aus den nationalen Ertrags-
den Anstieg des Meeresspiegels und Überschwem- änderungen Auswirkungen auf die Produktion, den
mungen in Mitleidenschaft gezogen (FAO, 1990). Verbrauch und die Preise der Nahrungsmittel sowie
die Zunahme des regionalen Nahrungsmittelmangels
berechnet. Hierbei wurden auch verschiedene Anpas-
sungsmöglichkeiten durch Bewässerung, Bewirt-
3.3 Auswirkungen auf die Welternährung schaftung, Sortenwahl etc. berücksichtigt. Unterstellt
wurde ein freier Welthandel sowie ein gemäßig-
3.3.1 Quantitative Abschätzung tes Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum (ECU,
von Ertragsveränderungen 1992).

In den niederen Breiten sinken die Erträge, in mittle-


Um die Auswirkungen einzelner Faktoren (Bodenei- ren und höheren Breiten sind den Modellergebnissen
genschaften, Nährstoffversorgung, Kulturtechnik) auf zufolge regionale Ertragszuwächse möglich. In niede-
das Pflanzenwachstum und damit die Erträge abschät- ren Breiten wachsen die Pflanzen bereits nahe ihrer
zen zu können, wurden die Abhängigkeiten modell- Temperaturtoleranz, in gemäßigten und vor allem
haft erfaßt. Beabsichtigt war ursprünglich die ertrags- höheren Breiten könnte der Temperaturanstieg dage--
relevante Optimierung der kulturtechnischen Maß- gen die Vegetationsperiode verlängern und die Pro-
nahmen (Düngung, Bearbeitung etc.). Die klimati- duktivität eines Standortes erhöhen.
schen Standortfaktoren wurden allgemein als kon-
stant vorausgesetzt. Im Zuge der Diskussionen um die In den moderaten Klimaänderungsszenarien verän-
Klimaänderung versucht man, auch die Auswirkun- dern sich unter Einbeziehung des CO 2 -Düngeeffektes
gen veränderter klimatischer Bedingungen auf das die Erträge um ± 30 %. Das UKMO-Klimaände-
Pflanzenwachstum und die Erträge zu simulieren. rungsszenario zeigt die deutlichsten Auswirkungen.
Es berechnet einen globalen mittleren Temperaturan-
Die Zusammenhänge zwischen klimatischen Fakto-
stieg von 5,2 Grad Celsius (bei CO 2 -Verdopplung) und
ren und Ertragshöhe können auf unterschiedliche
liegt damit an der oberen Grenze der IPCC-Szenarien.
Weise dargestellt werden. Ausgehend von der Formu-
Unter der Annahme dieses Szenarios sinken die
lierung einer einfachen statistischen Regressionsglei-
Erträge weltweit, regional sogar um mehr als 50 %.
chung können mit zunehmendem Verständnis der
Die größten Ertragsverluste treten bei Mais und Reis
physiologischen Abläufe deren Abhängigkeiten von
auf. Mais als C4-Pflanze profitiert nicht vom CO 2
Klimavariablen in mathematischen Modellen erfaßt
Düngeeffekt und Reis reagiert auf einen weiteren
werden. Grundsätzlich unterscheidet man Regres-
Temperaturanstieg unter anderem mit Pollensterilität,
sionsmodelle (Empirisch-statistische Modelle) und
was deutliche Ertragsverluste nach sich zieht (FAO,
dynamische Modelle (Physiologisch-prozeßorien-
1990; Schumacher, 1993). Die Sojabohne hingegen
tierte Modelle). In jüngster Zeit ist es gelungen,
profitiert als Leguminose relativ stark vom CO 2
regionale Simulationen global zu aggregieren.
Düngeeffekt. Berechnet man die Ertragsveränderun-
Unter Federführung des Goddard Institute for Space gen ohne die — derzeit umstrittenen — physiologi-
Studies (USA) und der Environmental Change Unit schen Wirkungen des CO 2 -Anstieges, treten weltweit
(ECU) in Oxford (GB) wurden die möglichen globalen unter allen drei Klimaszenarien ausnahmslos Ertrags-
Auswirkungen einer vorgegebenen Klimaänderung verluste zwischen 11 und 20 % ein. Die Ertragsverlu-
auf Pflanzenerträge, den Agrarwelthandel und die ste weichen regional sehr stark voneinander ab, fallen
Welternährung weltweit analysiert. Die Prognosen dabei insbesondere in einigen Bereichen der Tropen
von Klimamodellen des Goddard Institute for Space und Subtropen sehr drastisch aus. Die höchsten
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Ertragseinbußen werden daher in den Entwicklungs- rung eines CO 2 -Düngeeffektes in die Modelle ist sehr
ländern, vor allem in Afrika, auftreten. Die Getreide- kritisch zu betrachten, wie die Darstellung und Dis-
preise auf dem Weltmarkt würden infolge dessen kussion des CO 2 -Düngeeffektes (Kap. 3.1.2.1) bele-
erheblich ansteigen. Millionen Menschen droht dann gen.
Jahr für Jahr der Hungertod, weil sie sich selbst
Alle Modellaussagen basieren auf den prognostizier-
billigste Nahrungsmittel nicht mehr leisten könnten
ten, über viele Jahrzehnte relativ stetig verlaufenden
(ECU, 1992; Rosenzweig u. Parry, 1994). Bereits der-
Klimaänderungen. Nicht berücksichtigt werden bis-
zeit sterben jährlich weltweit etwa 18 Mio. Menschen
lang aber die Auswirkungen plötzlicher Klimabrüche,
an Hunger (Egger u. Rudolph, 1992).
wie sie vermutlich in der vergangenen Warmzeit vor
In den Industrieländern wird ein leichter Anstieg der etwa 120 000 bis 140 000 Jahren bei einer mittleren
Produktion prognostiziert. Unter den Bedingungen Temperatur von nur etwa 1 bis 2 Grad über der
des UKMO-Szenarios können dagegen auch in den heutigen Mitteltemperatur, also bei einer Temperatur,
Industrieländern leichte Verluste eintreten. Das vor- die voraussichtlich schon innerhalb der ersten Hälfte
handene Ungleichgewicht in der Nahrungsmittelver- des kommenden Jahrhunderts erreicht werden wird,
sorgung zwischen Industrie- und Entwicklungslän- mehrmals aufgetreten sind.
dern wird sich durch eine Klimaänderung deutlich
Die möglichen Auswirkungen einer Klimaänderung
verstärken (ECU, 1992; Rosenzweig u. Parry, 1994).
auf die Pflanzenphysiologie und die Produktionstech-
nik (Kap. 3.1 und 3.2) dürften bei allen noch bestehen-
den Unsicherheiten dennoch verdeutlichen, daß welt-
weit mit überwiegend negativen Auswirkungen auf
Zusammenfassende Bewertung
landwirtschaftliche, aber auch auf alle natürlichen
der Modellaussagen
und naturnahen terrestrischen und marinen Ökosy-
steme zu rechnen ist. Die Ertragsmodelle prognosti-
Die bisherigen numerischen Simulationen verweisen
zieren nahezu ausnahmslos und weltweit klimabe-
übereinstimmend auf eine Minderung der landwirt-
dingte Ertragsverluste in der Landwirtschaft. Selbst
schaftlichen Erträge im Fall eine globalen Erwär-
wenn regional positive Wirkungen durch eine Verän-
mung. Dies gilt vor allem für die Tropen und Subtro-
derung einzelner klimatischer Faktoren eintreten soll-
pen, die ohnehin mit großen Problemen des Bevölke-
ten, können diese durchaus von möglichen negativen
rungszuwachses zu kämpfen haben.
Auswirkungen durch eine Zunahme extremer Wetter-
Die Auswirkungen der erwarteten Klimaänderung ereignisse, den Anstieg des bodennahen Ozons, der
und des CO 2 -Anstieges auf das Pflanzenwachstum UV-B-Strahlung und weiteren anthropogenen Um-
und die Erträge (Kap. 3.1) sind von einer Vielzahl von weltbelastungen (z. B. Bodendegradation) zumindest
Einflußfaktoren abhängig, die je nach regionalen teilkompensiert werden.
Standortfaktoren und regionaler Ausprägung der Kli-
Trotz aller derzeit noch vorhandenen Unsicherheiten
maänderung zu unterschiedlichen Ertragsänderun-
in den Vorhersagen zu dem Ausmaß und der regiona-
gen führen können. Die zuvor aufgeführten Ertrags-
len Ausprägung der Klimaänderungen ist dennoch
verluste sind daher nur grobe Näherungswerte.
absolut gesichert, daß eine Klimaänderung kommen
Zudem weisen sowohl die Klimamodelle als auch die -
wird bzw. bereits stattfindet, da sie auf der Basis
Ertragsmodelle noch eine Reihe von Unsicherheiten
physikalischer Grundgesetze berechnet wurde. Be-
und Unzulänglichkeiten auf. Die Klimamodelle, die
reits die bisherigen Emissionen klimawirksamer Spu-
als Grundlage für die Berechnungen dienten, stam-
rengase, v. a. durch die Verbrennung fossiler Energie-
men aus den Jahren 1982 (GISS) bis 1988 (GFDL) und
träger, werden schwerwiegende Folgen für das Leben
entsprechen nicht mehr dem aktuellen Wissensstand
der nächsten Generationen auf dem Planeten Erde
in der Klimamodellierung. Die Wechselwirkungen
haben. Die Klimaänderung gefährdet zunehmend die
zwischen klimatischen Faktoren, Standort und Pflan-
Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung. Die
zenwachstum bzw. -ertrag sind von derart komplexer
Verursacher dieser Klimaänderung sind fast aus-
Natur, daß auch funktionale Modelle mit Vereinfa-
schließlich die reichen Industrieländer des Nordens,
chungen und Auslassungen bislang unzureichend
die hierfür die Verantwortung übernehmen müssen,
verstandener Prozesse arbeiten müssen. Viele Effekte
sofort die Initiative zu ergreifen haben und nicht
werden durch die Addition oder die Bildung von
länger auf Kosten der Umwelt, Mitwelt (v. a. „Dritte
Mittelwerten überdeckt. Die negativen Wirkungen
Welt") und Nachwelt leben und wirtschaften dür-
der Zunahme von Luftschadstoffen (Ozon etc.) und der
fen.
UV-B-Strahlung auf das Pflanzenwachstum sind in
bisherigen Ertragsmodellen nicht berücksichtigt. Des
weiteren sind die Wirkungen und Wechselwirkungen
der Klimaänderungen auf ertragsrelevante Faktoren 3.3.2 Derzeitiger Stand und weitere Entwicklung
wie Krankheits- und Schädlingsdruck, Unkrautkon- der Welternährung
kurrenz, Nährstoffdynamik, Veränderung des Grund-
wasserpegels und Produktionstechnik in den be- Bisherige Entwicklung der Erträge
schriebenen Ertragsmodellen bisher kaum erfaßt wor-
den. Auch nichtklimatische Faktoren wie z. B. der Die Welt-Nahrungsmittelproduktion wies in den ver-
technische oder züchterische Fortschritt, die in den gangenen Jahrzehnten bis zum Beginn der achtziger
verwendeten Modellen bisher nicht berücksichtigt Jahre höhere Wachstumsraten als das Bevölkerungs-
worden sind, können sich positiv oder negativ auf wachstum auf. Die Zuwachsraten der Weltagrarpro-
zukünftige Erträge auswirken. Die pauschale Einfüh duktion lagen seit 1960 im Mittel bei 2 bis 3 %/Jahr.
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

Tabelle 3.9 feldbaus bzw. allgemein der Anbauflächen führte


häufig zu einem Rückgang der Grundwasservorräte
Veränderung der Nahrungsmittelproduktion und zur Versalzung und Degradation der Böden. 30 %
pro Kopf/Jahr in den Entwicklungsländern der Bewässerungsflächen in den Trockengebieten
zwischen 1951/55 und 1978/82 (Crosson, 1986): (43 Mio. ha) sind bereits stark oder sehr stark — ins-
besondere durch Versalzung oder Versumpfung —
Veränderung der degradiert. Pro Jahr gehen hierdurch 1,0 bis 1,3 Mio.
Region Nahrungsmittel ha Anbaufläche verloren (Kap. 2.3.3.1, Tab. 2.31).
produktion (in Prozent)
Der Anbau dehnte sich häufig auch auf erosionsge-
Ostasien + 1,4 fährdete Flächen aus. Von den regenbewässerten
Südasien + 0,4 Anbauflächen der Erde (1,26 Mrd. ha) gehen pro Jahr
Lateinamerika + 0,9 etwa 7 bis 8 Mio. ha, vor allem durch Erosion und
Afrika - 0,5 Versiegelung verloren (UNEP, 1991). Die Neuer-
schließung von landwirtschaftlichen Nutzflächen wird
Entwicklungsländer + 0,5 durch die Stillegung in Überproduktionsgebieten und
vor allem die voranschreitende Bodendegradation
und Desertifikation überkompensiert. In der Intensiv-
Die Bevölkerung wuchs im gleichen Zeitraum um landwirtschaft der Industrieländer ist das Maximum
etwa 1,8 %/Jahr. Die Pro-Kopf-Versorgung mit Nah- des Chemieeinsatzes überschritten. Die vermehrte
rungsmitteln stieg trotz des Bevölkerungswachstums Anwendung von Mineraldüngern trägt kaum mehr
real bis in die achtziger Jahre hinein an. Eine Aus- zur weiteren Steigerung der Nahrungsmittelproduk-
nahme stellt Afrika dar, wo aufgrund landwirtschaft- tion, dafür um so mehr zur Umweltbelastung bei. Die
licher Probleme, häufiger Dürrekatastrophen, voran- Zuwachsraten des Düngemitteleinsatzes haben daher
schreitender Bodendegradierung und des Rekord in den meisten Ländern in den vergangenen Jahren
Bevölkerungswachstums von fast 3 %/Jahr die Pro- abgenommen, in einigen Ländern, auch in Deutsch-
Kopf-Versorgung bereits seit Jahrzehnten abnimmt land, ist der Düngemitteleinsatz bereits rückläufig
(WWI, 1991). (WWI, 1991).
Der Anstieg der Weltnahrungsmittelproduktion hat
Die starke Zunahme der Nahrungsmittelproduktion
sich in den letzten Jahren deutlich verlangsamt. So
wurde zu 80 % durch die Steigerung der Erträge je
betrug das Wachstum der Weltgetreideproduktion
Fläche — vor allem in den gemäßigten Breiten — und
zwischen 1984 und 1990 etwa 1 %, das Wachstum der
nur zu 20 % durch die Ausdehnung der Anbauflächen
Bevölkerung dagegen 1,8 %. Die jeweiligen regiona-
— vor allem in den Entwicklungsländern — erreicht
len Höchststände der Pro-Kopf-Versorgung liegen
(Crosson, 1986). Möglich wurde die Ertragssteigerung
bereits Jahre oder — wie im Falle Afrikas — sogar
durch die Züchtung neuer hochertragsfähiger Sorten
Jahrzehnte zurück.
(Weizen/Reis/Mais), die Zunahme des Naßreisan-
baus, die Verbesserung und Ausdehnung des Bewäs- Die sinkenden Zuwachsraten seit 1984 hätten schlim-
serungsfeldbaus und eine drastische Zunahme des mere Konsequenzen gehabt, wären nicht die weltwei--
Düngemittel- und Pestizideinsatzes. Das enorme ten Getreidevorräte bis Mitte der achtziger Jahre auf
Wachstum der Nahrungsmittelproduktion zwischen eine Rekordmenge (461 Mio. t in 1987) angewachsen.
1950 und 1984 ist überwiegend auf eine weltweite In den drei darauffolgenden Jahren sanken die Welt-
Verneunfachung des Düngemittelverbrauchs und die getreidevorräte auf 290 Mio. t (WWI, 1991). Die Welt-
Verdreifachung der Bewässerungsflächen zurückzu- bevölkerung lebt also zunehmend „von der Hand in
führen (WWI, 1991). Die derzeitige bewässerte den Mund". In dieser Situation können Mißernten in
Anbaufläche wird weltweit auf 240 Mio. ha geschätzt. einer der Hauptanbau- und -exportregionen der Welt
Etwa zwei Drittel hiervon liegen in Trockengebieten bereits zu weltweiten Versorgungsengpässen und
(145,5 Mio. ha). Die Ausweitung des Bewässerungs Preissprüngen auf dem Weltmarkt führen.

Tabelle 3.10

Regionale Produktion und Weltgetreideproduktion pro Kopf im jeweiligen Rekordjahr und 1990
(nach USDA, 1990; In: WWI, 1991)

Höchstproduktion 1990 Abnahme


Region
Jahr kg/Kopf kg/Kopf in Prozent

Afrika 1967 169 121 -28


Osteuropa 1978 826 763 - 8
Lateinamerika 1981 250 210 -16
Nordamerika 1981 1 509 1 324 -12
Westeuropa 1984 538 496 - 8
Asien 1984 227 217 -4

Welt 1984 343 329 -4


Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
Derzeitiger Stand der Versorgung Vor allem in Afrika bestehen ernste Nahrungsmittel-
verknappungen. In der Region Nordafrika ist die
Wie bereits in den Vorjahren wird die Zuwachsrate Weizenproduktion 1993 um etwa 5 %, die Grobgetrei-
der Weltagrarproduktion mit hoher Wahrscheinlich- deproduktion sogar um 10 % zurückgegangen. In
keit weiter sinken. Die Nahrungsmittelproduktion West- und Zentralafrika wird 1993 mit einer über-
kann mit dem anhaltenden Bevölkerungswachstum durchschnittlichen Grobgetreideproduktion gerech-
nicht Schritt halten. Die Pro-Kopf-Versorgung wird net. Dennoch wird die Getreideproduktion in den
deshalb, insbesondere in Afrika, weiter abnehmen. westafrikanischen Sahel-Ländern etwa 2 % unter der
Die bisherige Entwicklung hält somit weiterhin an. Ernte von 1992 bzw. 5 % unter der Rekordernte von
Diese Entwicklung wird deutlich am Beispiel der 1991 liegen. Die Weizenproduktion 1993 in Ostafrika
weltweiten Weizenproduktion, die für 1993 auf etwa wird 20 % unter der Vorjahreserzeugung liegen, die
562 Mio. t geschätzt wird, was einem Rückgang der Grobgetreideproduktion etwa 7 % unter dem Vorjah-
weltweiten Produktion um 9 Mio. t bzw. 1,7 % gegen- resergebnis. Damit wird der Importbedarf an Getreide
über 1992 entspricht. Die weltweite Produktion von sowie der Bedarf an Nahrungsmittelhilfe 1994
Grobgetreide 1 ) wird für 1993 auf etwa 845 Mio. t beträchtlich zunehmen. Die meisten asiatischen Län-
geschätzt, was einem Rückgang von 26 Mio. t bzw. der, mit der Ausnahme Chinas, haben durchschnittli-
2 % gegenüber 1992 entspricht. Im Wirtschaftsjahr che bis überdurchschnittliche Ernten bei Grobge-
1993/94 ist die Weltgetreideversorgung noch ange- treide und Reis eingebracht. In Zentral- und Süd-
spannter als im Vorjahr. Die Weltgetreideerzeugung amerika wird 1993 mit einer geringeren Getreide-
wird vermutlich 4 % niedriger liegen, was einen bzw. Weizenproduktion als im Vorjahr gerechnet.
beträchtlichen Rückgriff auf Lagerbestände notwen- Die Gesamtgetreideproduktion 1993 in Europa
dig macht, um den erwarteten Verbrauch zu sichern (262,3 Mio. t) lag 1 % höher als 1992. Die Gesamtge-
(Deutscher Bundestag, 1993b; BML, 1994c). treideernte in der Europäischen Union sank hingegen
um 2 % (BML, 1994c). Dieser Rückgang der Getrei-
Während in Nordamerika, Europa und Teilen Asiens deproduktion ist nur zu einem geringen Teil auf
Überschüsse produziert werden, herrscht in vielen Extensivierungsmaßnahmen in den überversorgten
Entwicklungsländern Mangel an Nahrungsmitteln Industrieländern zurückzuführen. Das Nahrungsmit-
und akuter Hunger. Der Hunger in der Welt war und telangebot in den Entwicklungsländern und die welt-
ist jedoch weniger ein Produktionsproblem, als viel- weite Lagerhaltung werden weiterhin abnehmen.
mehr ein globales, aber auch regionales Verteilungs-
problem. Hier wäre eine regional differenzierte Akute Nahrungsmittelknappheit besteht derzeit im
Betrachtung notwendig, die aber im Rahmen dieses südlichen und östlichen Afrika (Äthiopien, Somalia,
Berichtes nicht möglich ist. Einige Entwicklungslän- Sudan, Kenia, Liberia, Sierra Leone, Angola, Ruanda,
der, in denen in weiten Teilen Hunger herrscht, Zaire), wo Dürren und politische Unruhen die Nah-
exportieren gleichzeitig Nahrungs- und Futtermittel rungsmittelversorgung bedrohen. Bosnien-Herzego-
in die EU. Der Sudan erhielt 1992 die Zusage der EG, wina und mehrere zentralasiatische Republiken der
100 000 Tonnen Hirse als Viehfutter zu Vorzugsprei- Gemeinschaft Unabhängiger Staaten benötigen
sen in die Gemeinschaft zu exportieren, obwohl Hirse ebenfalls Nahrungsmittelhilfe, um Hungersnöte ab-
im Sudan ein Grundnahrungsmittel ist und dort seit zuwenden. In den Ländern entlang des Roten Meeres,
Jahren Hungersnöte grassieren. Die internationale in Eritrea, Teilen Somalias und Ägyptens sowie in der
Staatengemeinschaft versucht gleichzeitig, die Bevöl- Zentralsahararegion bedrohen Heuschreckenplagen
kerung des Sudan mit Nahrungsmittelhilfe am Leben die Nahrungsmittelversorgung (Gallus, 1992; Deut-
zu halten. Namibia bemüht sich darum 10 000 Tonnen scher Bundestag, 1993b).
Rindfleisch in die Gemeinschaft zu exportieren, 800 Mio. Menschen auf der Welt sind unter- oder
obwohl auch dort großer Hunger herrscht und ande- mangelernährt, etwa 18 Mio. Menschen sterben der-
rerseits in der EG ein hoher Rindfleischüberschuß zeit jährlich an Hunger, nicht nur in den akuten
vorhanden ist (Deutscher Bundestag, 1992 d). Auch Krisengebieten, sondern in nahezu allen Entwick-
Äthiopien hat während der letzten Hungersnot lungsländern. Nur etwa 10 % der Hungernden sind
Getreide exportiert, was keineswegs ungewöhnlich Opfer akuter Hungersnöte, 90 % der Betroffenen ster-
ist. Diese Tatsachen stehen nur in eklatantem Wider- ben an den Folgen chronischer Unterernährung
spruch zu den westlichen Vorstellungen von der (Egger und Rudolph, 1992).
Nahrungsmittelknappheit in den Entwicklungslän-
dern (Dudley und Stolton, 1992). Ursache ist häufig die
Agrarstruktur in den Entwicklungsländern, die von
einer massiven Ungleichverteilung des Landbesitzes Prognose des Bevölkerungswachstums
geprägt wird. Gleichzeitig behindern die mit Hilfe
hoher Subventionen zu niedrigen Preisen exportier-
Die globale Wachstumsrate der Bevölkerung er-
ten Agrarüberschüsse (Rindfleisch, Getreide) die Ent-
reichte zu Beginn der siebziger Jahre mit etwa 1,9 %
wicklung der Landwirtschaft in einigen Entwick-
ihren höchsten Stand. Sie verlangsamte sich danach
lungsländern. Die Exporte führen zu einem niedrige-
kurzzeitig und fiel bis auf 1,7 % in den frühen achtzi-
ren Preisniveau auf den lokalen Märkten. Einheimi-
ger Jahren. Im Laufe des vergangenen Jahrzehnts
sche Produzenten werden aus dem Markt gedrängt
beschleunigte sich das Wachstum wieder und
und der Selbstversorgungsgrad in diesen Ländern
erreichte Ende der achtziger Jahre 1,8 %. 1950 lebten
sinkt (Deutscher Bundestag, 1994 a).
2,5 Mrd. Menschen auf der Welt. Bereits 1987 hatte
1) Grobgetreide = alle Getreidearten außer Weizen und Reis sich die Weltbevölkerung verdoppelt. Derzeit leben
(hauptsächlich Mais und Gerste) 5,420 Mrd. Menschen (1992) auf der Erde, 1,2 Mrd. in
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

den Industrieländern und 4,2 Mrd. in den Entwick- Standort. Die landwirtschaftliche Produktivität ist in
lungsländern. den meisten Regionen der Erde durch die Verfügbar-
keit der Pflanzennährstoffe bzw. deren Zufuhr durch
Bis zum Jahr 2025 wird die Weltbevölkerung nach
Düngungsmaßnahmen begrenzt. Nur bei intensivster
Schätzungen der Vereinten Nationen auf 8,5 ± 0,9
Bewirtschaftung (Düngung, Bewässerung, Anbau-
Mrd. Menschen anwachsen. Zur Zeit wächst die
technik, Sortenwahl etc.), wie in der Intensivlandwirt-
Weltbevölkerung um etwa 95 Mio. Menschen Jahr für
schaft der westlichen Industrienationen, wird annä-
Jahr. Über 80 % dieses Wachstums findet in Afrika,
hernd die ursprüngliche natürliche Produktivität
Asien und Lateinamerika statt. In den entwickelten
erreicht (Esser, 1994).
Industrieländern stagniert oder schrumpft die Bevöl-
kerung bzw. wird durch Zuwanderung stabilisiert. Die durchschnittlichen Getreideerträge betragen in
Den höchsten absoluten Zuwachs haben China, Afrika 1 t/ha, in Westeuropa dagegen 4 t/ha. Viele
Indien, Bangladesch, Indonesien, Pakistan, Nigeria, Entwicklungsländer verfügen über ein hohes und
Mexiko, Brasilien, Ägypten und Äthiopien zu ver- noch steigerungsfähiges Ertragspotential (Schug,
zeichnen. Das Maximum der Weltbevölkerung wird 1993). Gerade in den kritischen Gebieten droht jedoch
— unter der Annahme einer entsprechend steigenden eine künftige Klimaänderung die Produktivität zu
Nahrungsmittelproduktion — auf 11 bis 13 Mrd. verringern.
Menschen geschätzt. Diese Zahl wird beim Übergang
in das 22. Jahrhundert erreicht werden, wenn voraus-
sichtlich alle Staaten der Erde den demographischen Potentielle Ausdehnung
Übergang vollzogen haben werden (Schmid, 1993). der bewirtschafteten Flächen
Aufgrund der Altersstruktur in den Entwicklungslän-
dern wird das Wachstum nur sehr langsam reduziert Die Ausdehnung der landwirtschaftlichen Nutzflä-
werden können. Durch die große Zahl junger Men- chen kann nur auf Kosten der noch vorhandenen,
schen und Kinder ist bereits ein weiteres Wachstum natürlichen Ökosysteme, insbesondere durch die wei-
für die nächsten Jahrzehnte vorprogrammiert, selbst tere Vernichtung tropischer Wälder erfolgen. Eine
wenn es gelänge, die Geburtenrate zu senken. weitere Inkulturnahme von Land erscheint derzeit
ohnehin nur noch in Lateinamerika und Afrika mög-
lich, in Asien und in den gemäßigten Breiten stößt dies
Potentielle Erträge der bewirtscha fteten Flächen bereits an natürliche Grenzen, da hier die Landreser-
ven weitgehend erschöpft sind. Neue landwirtschaft-
Die Nettoprimärproduktion (NPP) landwirtschaftli liche Nutzflächen können aber zumeist nicht dauer-
cher Flächen liegt im allgemeinen weit unter der haft erschlossen werden. Bereits jetzt dringt die Land-
Produktivität der natürlichen Vegetation am gleichen wirtschaft in weiten Teilen der Welt in sensible

Abbildung 3.5: Weltweite relative landwirtschaftliche Produktivität für das Jahr 1990 (Esser, 1994):
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
Tabelle 3.11

Vergleich der Nettoprimärproduktivität (Trockenmassebildung in g/m 2 x Jahr) natürlicher und


landwirtschaftlich genutzter Flächen in verschiedenen Ländern (Esser, 1994)

Landwirtschaftliche Natürliche
Verhältnis der
Land Produktivität Produktivität
Produktivität
g/m2 x Jahr g/m2 x Jahr

Zaire 180 1 960 0,10


Kenia 350 1 300 0,13
Nigeria 150 890 0,17
Kambodscha 310 1 800 0,17
Bolivien 280 1 500 0,19
Brasilien 310 1 620 0,19

Spanien 510 750 0,68


Deutschland 1 130 1 190 0,95
Be-Ne-Lux-Länder 1 290 1 210 1,07

Randgebiete vor, was zu einer massiven Zunahme der Tropische und subtropische Trockengebiete werden
Bodendegradierung geführt hat. Die Schädigung der nach Aussage der Klimamodelle eher noch trockener.
Böden droht in Zukunft — beschleunigt durch die Die dadurch notwendige verstärkte Bewässerung
Klimaänderung — weit schneller voranzuschreiten als führt zu einer starken Versalzung und schließlich zum
die Erschließung neuer Flächen überhaupt möglich Verlust landwirtschaftlicher Flächen. Trockenge-
wäre. Eine künftige Steigerung der Nahrungsmittel- biete, in denen mangels Wasser und/oder Technik
produktion ist daher nur möglich, wenn keine Bewässerung möglich ist, werden bei einem
Temperaturanstieg nicht mehr landwirtschaftlich ge-
— die Produktionsintensität auf den derzeit bewirt-
nutzt werden können. Handelt es sich bei diesen
schafteten Flächen in den unterversorgten Regio-
Regionen um bevölkerungsreiche Länder, so sind dies
nen der Welt weiter angehoben wird,
die extrem gefährdeten Regionen. Außerdem basiert
— die weitere Schädigung (Degradation und Deserti- die Nahrungsproduktion in den Tropen und Subtro-
fikation) derzeit bewirtschafteter Flächen durch pen im wesentlichen auf C4-Pflanzen (Mais, Hirse,
eine nachhaltige und standortgerechte Bewirt- Zuckerrohr), die nicht von einem CO 2 -Anstieg profi-
schaftung vermieden wird. tieren, sondern der verstärkten Konkurrenz von C3-
Pflanzen ausgesetzt sind.
Die Ausdehnung der potentiell bewirtschafteten Flä-
chen wird in Zukunft zusätzlich durch die Verschie- Die globale Erwärmung führt wegen veränderter
bung der Klimazonen infolge der Klimaänderung Intensität und Verteilung der Niederschläge zu einer
beeinträchtigt. In Abhängigkeit von der geographi- Verschiebung der Vegetationszonen. Nach Modell-
schen Breite ergeben sich aus den atmosphärischen rechnungen werden die kontinentalen Bereiche der
Zirkulationmustern stabilere und anfälligere Klima- mittleren Breiten im Sommer deutlich trockener. Auch
und Vegetationszonen. Besonders anfällig für Klima- in Teilen Mitteleuropas wird dann das pflanzenver-
änderungen sind die Zwischenzonen: fügbare Wasser vermutlich zum begrenzenden Faktor
für die Landwirtschaft werden. Dürre- und Hitzeperio-
— die Savannen- und Steppenzone zwischen den den, wie sie in den vergangenen Jahren bereits
Tropen und Subtropen, da hier der Niederschlag mehrfach (USA, UdSSR, China) aufgetreten sind,
auf den Sommer beschränkt ist und in Richtung der könnten zu einem öfter wiederkehrenden Ereignis
Subtropen immer spärlicher wird; werden. Die heutigen Trockenzonen im nördlichen
— die Zone zwischen den Subtropen und den gemä- Afrika, in Arabien, Zentralasien und in südlichen
ßigten Breiten, in der der Niederschlag im wesent- Teilen der USA werden sich nordwärts verschieben.
lichen auf die Wintermonate beschränkt ist; Die fruchtbaren und dichtbesiedelten Winterregenzo-
nen um das Mittelmeer, in den USA und den südlichen
— die subpolare Tundrenzone zwischen den gemä- GUS-Ländern könnten sich in subtropische Trocken-
ßigten und polaren Breiten, in der weniger der gebiete verwandeln (IPCC, 1990b; EK, 1990b; EK,
Niederschlag als die Temperatur den begrenzen- 1992).
den Faktor für die Vegetation darstellt.
Die Ausweitung der landwirtschaftlichen Nutzflächen
Vieles deutet darauf hin, daß in den Gebieten, in steht im Widerspruch zu vielen anderen Interessen
denen die Klimavariabilität schon heute die Landwirt- wie beispielsweise dem Erhalt der Wälder und dem
schaft stark beeinträchtigt, zum Teil mit dramatischen Schutz der biologischen Vielfalt. Auch sind die
Veränderungen gerechnet werden muß. Rodung der Wälder und die nachfolgende landwirt-
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

schaftlichen Nutzung mit der zusätzlichen Freiset- nachhaltig zu ernähren (Weber, 1988; Schug, 1993).
zung von klimawirksamen Spurengasen verbunden Wie viele Menschen die Erde auf Dauer ertragen
(Kap. 2.3.2). Eine weitere Steigerung der Nahrungs- kann, hängt allerdings nicht nur von der maximal
mittelproduktion wird daher in Asien, aber auch in möglichen Erzeugung von Nahrung ab, sondern in
Afrika und Lateinamerika in erster Linie durch die noch weit größerem Maß von Art und Umfang der
Erhöhung der Flächenerträge auf den bereits bewirt- Nutzung aller natürlichen Ressourcen und den daraus
schafteten Flächen erreicht werden müssen. Notwen- resultierenden Eingriffen in die Umwelt.
dig ist daher eine Begrenzung der Klimaänderung und Die Zunahme des Hungers in der Welt ist heute und
eine weltweit nachhaltige Landbewirtschaftung, um wahrscheinlich auch in Zukunft weit weniger auf eine
den weiteren Verlust von Nutzflächen und die Aus- unzureichende Nahrungsmittelproduktion, als viel-
breitung der Wüsten zu verhindern. Wenn auch der mehr auf die ungerechte Verteilung der Nahrungs-
derzeitige Wissensstand nicht ausreicht, um die und Produktionsmittel zurückzuführen. Dies basiert
Ernährungskapazität der Erde genau genug zu ermit- sowohl auf globalen Disparitäten und Abhängigkei-
teln, dürfte es rein rechnerisch möglich sein, mit den ten (Auslandsverschuldung, einseitige Handels-
bekannten landwirtschaftlichen Techniken, mit den hemmnisse, Verschlechterung der „Terms of Trade"),
verfügbaren Ressourcen und ohne Landnutzungsän- als auch auf Problemen innerhalb der unterversorgten
derungen in größerem Umfang eine doppelt so große Länder und Regionen (Großgrundbesitz, kriegerische
Anzahl von Menschen (11 Mrd.) ausreichend und Auseinandersetzungen, Bevölkerungswachstum etc.).

4. Handlungsoptionen und Potentiale zur Verringerung des Beitrages


der Landwirtschaft zur Emission klimawirksamer Spurengase

4.1 Derzeitige Situation der Weltlandwirtschaft schaft bei. Die zunehmende Spezialisierung und
Mechanisierung in der Landwirtschaft führt zur Ent-
4.1.1 Intensivlandwirtschaft in Europa kopplung von Tierhaltung und Pflanzenbau, zu einer
Fruchtfolgeverarmung, zum Rückgang einer geregel-
Die zusammenfassende Analyse des ersten und zwei- ten Stallmist-Humuswirtschaft und dem steigenden
ten Kapitels im Abschnitt B belegt den deutlichen Einsatz schwerer Maschinen. Die Schädigung der
Zusammenhang zwischen der Produktionsintensität, Bodenstruktur und die Zunahme der Erosion erhöhen
dem Grad der Spezialisierung und der Höhe der den Kohlenstoff- und Nährstoffaustrag aus den Agrar-
Emissionen klimawirksamer Spurengase aus der ökosystemen. Alle landwirtschaftlichen Aktivitäten,
Landwirtschaft. Die vorleistungsintensive Landwirt- die zu einer Verminderung der Kohlenstoffeinbin-
-
schaft in den westlichen Industrieländern trägt durch dung in oder sogar zu einer Kohlenstofffreisetzung aus
den Verbrauch fossiler Energieträger vor allem bei der Agrarökosystemen oder natürlichen Ökosystemen
Herstellung von Mineraldüngern, als Treibstoff und (z. B. Landnutzungsänderungen, Waldsterben) füh-
durch den Import von Futtermitteln zur CO 2 -Emission ren, sind letztlich auch klimarelevant.
bei. Der teilweise überhöhte und unsachgemäße Ein-
satz mineralischer und/oder organischer Stickstoff-
dünger führt zu Stickstoffeinträgen in die Agraröko- 4.1.2 Landwirtschaft in den Entwicklungsländern
systeme, die den Entzug durch die Pflanzen häufig
weit übersteigen. Mit der Höhe der Stickstoffüber- Die Armut der ländlichen Bevölkerung, die unge-
schüsse in den Böden nehmen die Distickstoffoxid- rechte Landbesitzverteilung (Großgrundbesitz), der
Emissionen überproportional zu. Die Methan- und exportorientierte Anbau von Cash-crops, der Verfall
Ammoniakfreisetzung aus der Tierhaltung und der der Weltmarktpreise und das ungehremste Bevölke-
Wirtschaftsdüngung hängt wesentlich vom Energie- rungswachstum verstärken die Brandrodungsaktivi-
und Eiweißgehalt des Futters sowie dem Stallhal- täten in den Wäldern und überfordern das ursprüng-
tungs- und Entmistungssystem ab. Besonders hoch lich nachhaltige System des Wanderfeldbaus. Da die
sind die Emissionen bei der intensiven Massentierhal- Böden rasch degradieren, müssen ständig neue Flä-
tung mit Gülle-Entmistungssystemen. Die Ammoni- chen gerodet werden. Zusätzlich nehmen die
akausgasung aus der Gülle trägt gemeinsam mit der Rodungsaktivitäten zu aufgrund staatlicher Sied-
Auswaschung bzw. dem Abtrag mineralischer Stick- lungsprogramme und der Anreize zur großflächigen
stoffdünger in Grund- und Oberflächengewässer zur Erschließung der Wälder. Die tropischen Wälder wer-
Eutrophierung natürlicher und naturnaher Ökosy- den zum größten Teil brandgerodet, um neue land-
steme bei. Dies führt dort wiederum zur verstärkten wirtschaftliche Anbauflächen zu gewinnen. Lastet
Freisetzung von stickstoffhaltigen Spurengasen. man diese Waldvernichtung insoweit der Landwirt-
Gleichzeitig trägt die Eutrophierung zur Zerstörung schaft an, so ist diese weltweit zu etwa einem Drittel
insbesondere von nährstofflimitierten Lebensräumen Verursacher des globalen Treibhauseffektes. Der
wildlebender Pflanzen und Tiere und damit zur Ver- reichtumsbedingten Ressourcenverschwendung des
ringerung der Arten- und Biotopvielfalt in der Land Nordens steht die armutsbedingte Ressourcenzerstö-
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rung des Südens gegenüber. Die umweltbelastende Dieser Vorgang wird durch die Klimaänderung im
Intensivlandwirtschaft mit ihren Überschüssen im Sinne einer positiven Rückkopplung zusätzlich
Norden und die weitgehend fremdbestimmte, export- beschleunigt.
orientierte Landwirtschaft bei Unterversorgung der
einheimischen Bevölkerung im Süden verursachen
beide steigende Emissionen klimawirksamer Spuren-
gase und sind daher Mitverursacher der globalen
4.1.4 Drohende Gefahren durch die Klimaänderung
Klimaänderung.
Das dritte Kapitel im Abschnitt B hat die zahlreichen
Gefahren der Klimaänderung für die Landwirtschaft
aufgezeigt. Nach Klimamodellrechnungen erwartet
man im nächsten Jahrhundert ohne globale Gegen-
4.1.3 Globale Umweltprobleme durch nicht maßnahmen eine Erwärmung um etwa 0,3°C pro
nachhaltige Landbewirtschaftung Jahrzehnt im globalen Durchschnitt. Hierdurch ver-
schieben sich die Vegetationszonen mittlerer Breiten
In engem Zusammenhang mit dem Beitrag der Land- polwärts und es kommt weltweit zu teilweise starken
wirtschaft zur Emission klimawirksamer Spurengase Veränderungen in der regionalen Intensität und Ver-
stehen zahlreiche weitere, regional unterschiedlich teilung der Niederschläge und anderer Wetterereig-
ausgeprägte Umweltbelastungen. Die Qualität unse- nisse.
rer Lebensumwelt und unserer Nahrungsmittel hat
sich verschlechtert. Die Landwirtschaft ist heute in So ungleich verteilt wie die Ursachen der Klimaände-
erheblichem Umfang an der Eutrophierung von Öko- rung, so ungleich verteilt sind aber auch deren Aus-
systemen, an der Generosion und dem Artensterben, wirkungen. Die westlichen Industrienationen verur-
an der Zerstörung wertvoller Biotope und am Wald- sachen durch ihre Emissionen mindestens drei Viertel
sterben beteiligt. Die Kulturlandschaft wurde im Zuge der globalen Klimaänderung. Zwar werden voraus-
der „Flurbereinigung" ausgeräumt und hat an Wert sichtlich auch die reichen Industrieländern keine
verloren. Gleichzeitig drohen infolge der ökonomisch Gewinner einer Klimaänderung sein, doch werden die
und ökologisch teilweise bedenklichen Flächenstille- Auswirkungen in der dortigen Überschußlandwirt-
gung oder Aufgabe der Bewirtschaftung weite Teile schaft weniger dramatisch sein. Für die unterversorg-
des Landes zu veröden. Dies ist in verschiedenen ten Entwicklungsländer werden hingegen drastische
Regionen der EU bereits der Fall. Zudem kann es zu Auswirkungen prognostiziert. Unter dem Anpas-
einem verstärkten Eintrag von Stickstoff in das Grund- sungsdruck der Klimaänderung wird sich daher die
wasser kommen, wenn dieser nicht mehr durch Kul- Kluft zwischen Entwicklungsländern und Industrie-
turpflanzen dem Boden entzogen wird. Die Konzen- ländern weiter vertiefen.
tration der intensiven Landbewirtschaftung und die Die jetzt schon relativ trockenen Zonen im westlichen
konzentrierte Massentierhaltung in den landwirt- und südlichen Afrika, in Südostasien und großen
schaftlichen Gunsträumen verstärkt dort die regiona- Teilen von Mittel- und Südamerika wären schon von
len Umweltschäden und trägt erheblich zur Degrada- einem geringen Rückgang der Niederschläge beson-
tion der Böden bei. Die künstliche Bewässerung führt ders betroffen. Die Landwirtschaft ist dort bereits jetzt
in semi-ariden und ariden Gebieten oft zur Versal- häufig von Dürre bedroht. Die fruchtbaren und dicht-
zung. Überhöhte Düngung und Pestizideinsatz tragen besiedelten Winterregenzonen um das Mittelmeer, in
zur chemischen Belastung bei. Unsachgemäße, nicht den USA und den südlichen GUS-Ländern würden zu
angepaßte Bearbeitung sowie die fehlende Stallmist- unfruchtbaren Trockengebieten. Um hier weiterhin
Humuswirtschaft ziehen Strukturschäden, Erosion Pflanzenbau betreiben zu können, müßten die
und Verdichtungen der Böden nach sich. genannten Gebiete künstlich bewässert werden,
soweit denn ausreichend Kapital und Wasser vorhan-
Die Zerstörung der Lebensgrundlagen führt somit zu
den wäre. Den Böden droht bei unsachgemäßer
einer stetig wachsenden, häufig irreversiblen Schädi-
Bewässerung die Gefahr der Versalzung, die eine
gung der Böden und der weiteren Ausdehnung der
weitere landwirtschaftliche Nutzung unmöglich
Gebiete mit Desertifikation. Jährlich wächst die
macht. Auch der Anstieg des Meeresspiegels könnte
Wüstenfläche weltweit um mindestens 6 Mio. ha.
in vielen dichtbesiedelten Küstenregionen und frucht-
Übernutzung und Überweidung, nicht angepaßte
baren Flußdeltas zu Landverlusten durch Überflutung
Anbaumethoden und die Rodung der Wälder sind die
oder Versalzung führen (Bangladesh, Nildelta, Golf
wichtigsten Ursachen dieser Entwicklung. Der wirt-
von Mexiko, deutsche und niederländische Nordsee-
schaftliche Verlust durch Desertifikation belief sich
küste etc.).
1990 auf 42 Mrd. US-Dollar. Für die Eindämmung der
weiteren Ausdehnung der Wüsten und die Rekultivie-
rung verwüsteter Gebiete wurden 1990/91 weltweit
270 Mrd. US-Dollar veranschlagt (Weltbank; In: Öko- 4.1.5 Konsequenzen für die Ernährung
logische Briefe, 1994). Durch die steigende Intensivie- der Weltbevölkerung
rung und weitere Ausdehnung der Landbewirtschaf-
tung insbesondere in den unterversorgten Regionen Wenn auch die Weltbevölkerung derzeit noch ausrei-
der Welt wird der Beitrag der Landwirtschaft an der chend ernährt werden könnte, so scheitert dies an der
anthropogenen Klimaänderung künftig weiter stei- mangelhaften Verteilung zwischen Arm und Reich.
gen. Gleichzeitig droht diese Entwicklung die land- Große Teile der Weltbevölkerung leben bereits heute
wirtschaftliche Nutzfläche durch Erosion, Versalzung „von der Hand in den Mund" und viele verhungern.
und Desertifikation immer rascher zu reduzieren. Die weltweite Klimaänderung und die dabei sehr
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

wahrscheinliche Zunahme der Dürren, Stürme und leistet wird, daß die Ertragssteigerungen für die
anderer extremer Wetterereignisse können die Welt- Ernährungssicherung der einheimischen Bevölke-
ernährung in zunehmendem Maße gefährden. Zudem rung genutzt werden und nicht — wie bisher — nur
wird die Bevölkerung bis zum Jahr 2025 von derzeit den Produzenten von „Cash crops", zum Export und
5,5 Mrd. auf schätzungsweise 8,5 Mrd. Menschen dem Gewinn weniger Großbetriebe oder multinatio-
anwachsen. Fünf Sechstel der Weltbevölkerung wer- naler Konzerne zugute kämen, könnte auch eine
den dann in den heutigen Entwicklungs- und Schwel- wachsende Bevölkerung ernährt werden. Oberstes
lenländern leben. Dies wird zu einer drastischen Ziel muß aber auch hier eine nachhaltige und dauer-
Verschärfung der sich bereits abzeichnenden Vertei- hafte Landbewirtschaftung sein. Nur mit Hilfe eines
lungskämpfe und entsprechenden Migrationsproble- stabilen und an den Standort angepaßten Anbaus
men führen. Der weiteren Ausdehnung der landwirt- (Agroforstwirtschaft/Ecofarming) läßt sich der Teu-
schaftlichen Nutzflächen sind bereits jetzt Grenzen felskreis aus Degradation der Böden und Brandro-
gesetzt. Die Agrar-Überschußproduktion der westli- dung immer neuer Wälder (mit den entsprechenden
chen Industrieländer war schon in der Vergangenheit klimarelevanten Emissionen) durchbrechen. Gleich-
keine Lösung der Ungleichverteilung und der Unter- zeitig müßten aber erhebliche Anstrengungen zur
versorgung weiter Teile der Welt. Sie führt zu Verzer- stetigen Reduzierung des Bevölkerungswachstums
rungen auf dem Weltmarkt mit erheblichen Nachtei- unternommen und verschiedene regionale bzw. glo-
len für viele Entwicklungsländer, die von Agrarexpor- bale Rahmenbedingungen der Landwirtschaft und
ten abhängig sind. des Welthandels verändert werden. Das Leitziel sollte
daher weltweit eine nachhaltige und damit auch
gleichermaßen klima- und umweltverträgliche Land-
bewirtschaftung sein.
4.1.6 Zielsetzung für die künftige globale
Landbewirtschaftung

Aus den zahlreichen beschriebenen Wechselwirkun- 4.1.7 Politische Grundlagen zur globalen
gen und Abhängigkeiten zwischen der Landwirt- Umsetzung einer nachhaltigen
schaft und der Klimaänderung, einschließlich ihrer Landbewirtschaftung
ökonomischen und soziokulturellen Bezüge, kann
man folgende Ziele für eine künftige Landbewirt- Während der Konferenz der Vereinten Nationen für
schaftung ableiten: Umwelt und Entwicklung (UNCED), die im Juni 1992
in Rio de Janeiro stattfand, wurden mit der Klimarah-
— Die Freisetzung klimawirksamer Spurengase aus
menkonvention und der Konvention über die biologi-
der Landwirtschaft (und aller anderen Wirtschafts-
sche Vielfalt, mit der Walderklärung und der Rio-
zweige) vermindern und damit die Veränderung
Deklaration, mit dem Aktionsprogramm „Agenda 21"
der chemischen Zusammensetzung der Atmo-
und dem Beschluß zur Einrichtung der UN-Kommis-
sphäre und die Veränderung des Klimas begren-
sion für nachhaltige Entwicklung (CSD) die Grundla-
zen;
gen für eine qualitativ neue weltweite Zusammenar-
— die Spurengasbelastung der Atmosphäre durch beit in der Umwelt- und Entwicklungspolitik geschaf-
eine stabilere und stärkere Kohlenstoffeinbindung fen. Die Klimarahmenkonvention enthält in Artikel 2 -
in der Biosphäre und den Böden verringern; die Verpflichtung, die Emissionen der klimawirksa-
men Spurengase weltweit so weit abzusenken und
— die landwirtschaftliche Produktion an regionale „die Stabilisierung der Treibhausgaskonzentrationen
Standortbedingungen und zukünftige Klimaände- in der Atmosphäre auf einem Niveau zu erreichen, auf
rungen anpassen. dem eine gefährliche anthropogene Störung des Kli-
Diese Ziele gelten gleichermaßen für die Landwirt- masystems verhindert wird. Ein solches Niveau sollte
schaft in den Industrieländern wie auch in den unter- innerhalb eines Zeitraumes erreicht werden, der aus-
versorgten Regionen der Welt. Die Höhe der Freiset- reicht,
zung klimawirksamer Spurengase in der westlichen — damit sich die Ökosysteme auf natürliche Weise
Intensivlandwirtschaft hängt maßgeblich von der Pro- den Klimaänderungen anpassen können,
duktionsintensität ab. Deren Senkung durch eine
Extensivierung der Landwirtschaft reduziert die Emis- — die Nahrungsmittelerzeugung nicht bedroht wird
sionen und eröffnet gleichzeitig den Entwicklungslän- und
dern den erforderlichen Spielraum für die Produk-
— die wirtschaftliche Entwicklung auf nachhaltige
tionssteigerung in ihrer Landwirtschaft. Ebenso wie in
Weise fortgeführt werden kann. "
allen anderen Wirtschaftsbereichen ist die notwen-
dige Entwicklung in den Entwicklungsländern nur Eine mittlere globale Erwärmung um etwa 0,1°C pro
dann global klimaverträglich möglich, wenn die Indu- Jahrzehnt wird unter diesen Umständen seitens der
strieländer ihre Emissionen deutlich absenken. Wissenschaft als noch verträglich angesehen. Progno-
stiziert wird derzeit jedoch eine Erwärmung um 0,3°C
Die Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung in
pro Jahrzehnt.
den unterversorgten Regionen der Welt erfordert
zugleich eine standortgerechte und umweltverträgli- Die Konzentration der Spurengase in der Atmosphäre
che Produktionssteigerung in der dortigen Landwirt- hängt neben der Emissionsmenge und -art vor allem
schaft. Durch eine maßvolle und standortangepaßte von deren Verweilzeit in der Troposphäre (Lebens-
Erhöhung der Produktionsintensität könnten die dauer) ab. Aufgrund der langen Verweilzeit würde
Erträge erheblich gesteigert werden. Sofern gewähr daher selbst bei konstanter Emissionsrate die Konzen-
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
tration in der Atmosphäre stetig weiter ansteigen. Das mit der nachhaltigen Pflanzenernährung zur Steige-
europäische Ziel, die CO 2 -Emissionen bis zum Jahr rung der Nahrungsmittelproduktion und mit der
2000 auf dem Stand von 1990 zu stabilisieren, führt Umstellung der ländlichen Energieversorgung zur
daher zu einer weiterhin deutlich steigenden CO 2 Steigerung der Produktivität.
-KonzetraidAmsphäe.urtikl2d
Die Notwendigkeit einer nachhaltigen und flächen-
Klimarahmenkonvention resultiert somit die Forde-
deckend umweltschonenden Landbewirtschaftung
rung, daß je nach atmosphärischer Verweilzeit der
findet auch zunehmend Eingang in die EU-Politik.
Spurengase die anthropogenen Spurengasemissio-
Hier sei auf das Landwirtschaftskapitel des 5. Umwelt-
nen bis zur Mitte des kommenden Jahrhunderts bei
aktionsprogramms der europäischen Gemeinschaften
CO2 um 60 bis 80 %, bei N 2 O um ca. 80 %, bei CH 4 um
1992 mit dem Titel: „Für eine dauerhafte und umwelt-
15 bis 20 % und bei FCKW um 60 bis 90 % reduziert
gerechte Entwicklung" verwiesen. Die Reform der
werden müssen. Die Landwirtschaft muß wie alle
gemeinsamen Agrarpolitik 1992 diente aber fast aus-
anderen Wirtschaftsbereiche ihren Beitrag zur Reduk-
schließlich der Marktentlastung des Agrarmarktes
tion der klimawirksamen Spurengase leisten — min-
und nicht der Neugestaltung einer umweltverträgli-
destens in dem Umfang, der ihrem Anteil an den
chen und nachhaltigen Landbewirtschaftung. Anfang
jeweiligen Emissionen entspricht.
Mai 1993 erklärte hierzu die 40. EU-Umweltminister-
Die Konvention zum Schutz der biologischen Vielfalt konferenz ausdrücklich, daß die nachteiligen Auswir-
verlangt, daß jede Nutzung biologischer Ressourcen kungen der Landwirtschaft auf die Umwelt durch die
nachhaltig zu erfolgen habe, und das Konzept der Reform der EG-Agrarpolitik nicht wesentlich vermin-
nachhaltigen Nutzung in die nationalen Entschei- dert werden. Die flankierenden Maßnahmen der EG-
dungsprozesse integriert werden muß. Die Rio-Dekla- Agrarreform unterstützen zwar umweltfreundliche
ration hebt hervor, daß die Zielsetzung einer nachhal- Produktionsverfahren in der Landwirtschaft, jedoch
tigen Entwicklung und höherer Lebensqualität für alle nicht in dem erforderlichen Ausmaß (Kap. 1.1.4)
Menschen es notwendig macht, nicht nachhaltige (BMU, 1993 b). Dies liegt vor allem an ihrer geringen
Konsum- und Produktionsweisen abzubauen (Grund- Gewichtung und einer demzufolge unbedeutenden
satz 5). In diesem Zusammenhang wird erstmals auf finanziellen Ausstattung. Insgesamt beinhalten die
globaler Ebene das Verursacherprinzip grundsätzlich aktuellen agrarpolitischen Beschlüsse keine klare und
anerkannt und zugleich gefordert, dieses mit Hilfe langfristige Perspektive für eine ökonomische und
eines verstärkten Einsatzes ökonomischer Instru- ökologische Konzeption zukünftiger Landbewirt-
mente sowie der Internalisierung externer Kosten schaftung. Die Maßnahmen zur Extensivierung wer-
durchzusetzen (Grundsatz 16). Die Walderklärung den weder ihrer marktentlastenden noch ihrer ökolo-
verlangt verbesserte gesellschaftliche Rahmenbedin- gischen Zielsetzung in einem Umfang gerecht, wie es
gungen, so u. a. nachhaltige Produktions- und Ver- der biotische und abiotische Ressourcenschutz erfor-
brauchsgewohnheiten, Armutsbekämpfung und Er- dert (SRU, 1994). Insgesamt ist eine grundsätzliche
nährungssicherung (BMU, 1992). Änderung der EU-Agrarpolitik aus betriebswirt-
schaftlicher, volkswirtschaftlicher und ökologischer
Besonders deutlich weist die Agenda 21 auf eine
Sicht weiterhin notwendig. So wie die Reform derzeit
nachhaltige Landbewirtschaftung hin. Die Umset-
umgesetzt wird, ist sie zu bürokratisch, in der Markt-
zung der Agenda 21 ist eine weltweite Aufgabe. Alle
entlastung wirkungslos, für die wettbewerbsfähigen
Regierungen sind angehalten, entsprechende natio-
Betriebsleiter und Hofnachfolger demotivierend und
nale Politiken, Strategien, Programme und Maßnah-
in den Verteilungswirkungen disparitätisch (Zeddies
men zu entwickeln und durchzuführen. Mehrere
u. a., 1994) (Kap. 1.1.4.2).
Kapitel der Agenda 21 befassen sich — mehr oder
weniger direkt — mit der Ausgestaltung einer nach-
haltigen Landbewirtschaftung und der nachhaltigen
4.1.8 Definition einer nachhaltigen
Nutzung von Landressourcen (Kap. 10 bis 16). Von
Landbewirtschaftung
entscheidender Bedeutung ist das Kapitel 14 mit dem
Titel: „Förderung der nachhaltigen Landwirtschaft
Die Enquete-Kommission „Schutz der Erdatmo-
und der ländlichen Entwicklung" . Der erste Pro-
sphäre " empfiehlt daher als Leitbild für eine künftige,
grammbereich innerhalb dieses Kapitels lautet:
weltweit nachhaltige und damit auch gleichermaßen
„Überprüfung der Agrarpolitik, Planung und Ent-
klima- und umweltverträgliche Landbewirtschaftung
wicklung integrierter Programme unter Berücksichti-
die folgende Definition:
gung des multifunktionalen Aspekts der Landwirt-
schaft, insbesondere auf die Ernährungssicherheit Eine dauerhaft umweltverträgliche Landbewirt-
und eine nachhaltige Entwicklung". Begründet wird schaftung arbeitet weitgehend in Kreisläufen bei
die Notwendigkeit einer umweltverträglichen und Schonung und dauerhaftem Erhalt der natürlichen
nachhaltigen Entwicklung im ernährungs- und agrar- Lebensgrundlagen (Boden, Wasser, Luft, Arten-
politischen Bereich mit dem weitgehenden Fehlen vielfalt) und der knappen Ressourcen (fossile Ener-
einheitlicher nationaler Rahmenbedingungen für eine gieträger, mineralische Rohstoffe). Voraussetzung
nachhaltige Landwirtschaft und ländliche Entwick- hierfür ist die Wiederherstellung der natürlichen
lung. Dieser Mangel ist dabei keineswegs nur auf ökosystemaren Regelsysteme und Stoffkreisläufe
Entwicklungsländer beschränkt (BMU, 1992). Das und die Einbindung und Anpassung der Landbe-
Kapitel 14 enthält auch Programmpunkte mit direkter wirtschaftungsmethoden in den Naturhaushalt.
Bedeutung für eine klimaverträgliche Gestaltung der Der Energiebedarf in der Landwirtschaft und im
Landbewirtschaftung. So befassen sich Programm- ländlichen Raum ist weitgehend mit Hilfe regene-
punkte mit der Bodenerhaltung und -verbesserung, rativer Energiequellen zu decken. Ziele der Land-
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

bewirtschaftung sind sowohl eine auf die Region In den folgenden Kapiteln werden sowohl konkrete
ausgerichtete Versorgung der Bevölkerung mit technische und/oder politische Maßnahmen zur
gesunden Nahrungsmitteln und Rohstoffen als Reduzierung der Emission klimawirksamer Spuren-
auch gleichermaßen die Schaffung bzw. Wieder- gase aus der Landwirtschaft als auch politische Hand-
herstellung und der Erhalt einer abwechslungsrei- lungsempfehlungen zur Gestaltung einer künftigen
chen, vielfältig strukturierten, arten- und biotop- nachhaltigen und zugleich umwelt- und klimaver-
reichen Kulturlandschaft 1 ) und die Sicherung und träglichen Landbewirtschaftung diskutiert. Abschlie-
Entwicklung des ländlichen Raumes. Im Sinne ßend wird die Anpassungsfähigkeit der Landwirt-
einer Kreislaufwirtschaft ist außerdem die mög- schaft an die künftige Klimaänderung sowie weiterer
lichst vollständige Rückführung unbedenklicher Forschungsbedarf im Bereich Klimaänderung und
biogener Abfälle und Reststoffe und deren Verwer- Landwirtschaft dargestellt.
tung innerhalb der Landwirtschaft anzustreben.
Die Beeinträchtigung des globalen Klimas ist eine
wesentliche, aber dennoch nur eine weitere Facette 4.2 Handlungsoptionen auf nationaler
der ökonomischen und ökologischen Krise der Land- und europäischer Ebene
wirtschaft, vor allem in den Industrieländern. Mit
einer nachhaltigen und umweltverträglichen Landbe- Die in Kapitel 4.2 und 4.3 aufgeführten Maßnahmen
wirtschaftung könnten auf längere Sicht mehrere stellen Optionen zur Verringerung der Spurengas-
drängende Probleme gleichzeitig gelöst werden: emissionen aus der Landwirtschaft und zur Ausgestal-
tung der Rahmenbedingungen für eine nachhaltige
— Die unter ökonomischen und ökologischen Ge-
Landbewirtschaftung dar. Die aus diesen Optionen
sichtspunkten unerwünschten Agrarüberschüsse
resultierenden Handlungsempfehlungen der En-
werden abgebaut,
quete-Kommission „Schutz der Erdatmosphäre" sind
— die Überschußexporte und damit der Preisdruck Inhalt des Kapitels 4.4.
auf dem Weltmarkt wird verringert, woraus sich
Oberstes Ziel aller Maßnahmen sollte der dauerhafte
neuer Handlungsspielraum für künftige GATT-/
Erhalt einer weitgehend flächendeckenden Landbe-
WTO-Verhandlungen ergäbe,
wirtschaftung sein. Keinesfalls dürfte die Umsetzung
— landwirtschaftliche Arbeitsplätze und eine ländli- der Maßnahmen zu Lasten der Landwirtschaft erfol-
che Sozialstruktur bleiben erhalten oder werden gen. Die Umsetzung aller Maßnahmen sollte gleicher-
neu belebt, maßen auf nationaler Ebene wie auch auf europäi-
scher und globaler Ebene angestrebt werden. Gerade
— die Verschwendung knapper Ressourcen wird
im Bereich der europäischen Landwirtschaft liegt die
durch weitgehend geschlossene Kreisläufe verrin-
Rechtgebungskompetenz ohnehin häufig auf euro-
gert,
päischer Ebene. Liegen bereits EU-Richtlinien oder
— weniger belastete Nahrungsmittel werden um- Verordnungen vor, bedarf es der entsprechend kon-
weltverträglich und nachhaltig produziert, sequenten Umsetzung durch Bund und Länder (z. B.
Nitratrichtlinie, flankierende Maßnahmen). Teilweise
— regionale Umweltbelastungen aus dem Landwirt- ist jedoch unter dem Aspekt des Klimaschutzes eine
schaftssektor werden deutlich reduziert, Nachbesserung bestehender Richtlinien und Verord-
— die Kosten für die Umweltschäden 2 ) werden ent- nungen und deren stärkere Ausrichtung auf ökologi-
sprechend gesenkt, sche Ziele erforderlich. Soweit auf der Ebene der EU
rechtliche Grundlagen fehlen, sollte sich die Bundes-
— die klimawirksamen Spurengas-Emissionen wer- regierung für deren EU-weite Formulierung einset-
den vermindert. zen. In diesen Fällen könnte zunächst — soweit
möglich — ein beispielsetzender nationaler Allein-
gang erfolgen, in der Erwartung und mit dem Ziel, daß
1) Der Erhalt der Kulturlandschaft ist in aller Regel an die EU diesem folgen wird. Aus Gründen der Wettbe-
bestimmte Formen der Landnutzung gebunden. Daher sollte werbsfähigkeit erfordert dies meist eine zusätzliche
auf der gesamten Agrarfläche eine, den jeweiligen Standort-
staatliche Unterstützung der Landwirtschaft, um
gegebenheiten, den Belangen von Naturschutz und Land-
schaftspflege sowie dem ggf. kulturhistorisch geprägten höhere Produktionskosten oder geringere Einnahmen
Landschaftsbild entsprechende Bewirtschaftung aufrechter- der Landwirte auszugleichen, was aber durch die
halten oder wieder ermöglicht werden. Hierunter fallen sinkenden Agrarmarktausgaben und externe Um-
häufig auch sehr extensive, aber gleichwohl zum Erhalt der weltkosten gerechtfertigt wäre. Der Mechanismus der
Kulturlandschaft unabdingbar notwendige Formen der Finanzierung des EU-Agrarmarktes erschwert derzeit
Bewirtschaftung (Streuobstwiesen, Wanderschäferei etc.). einen nationalen Alleingang, da sich ein einseitiger
Pflegemaßnahmen zum Erhalt einer Kulturlandschaft sollten
Abbau der Überschußproduktion nicht bzw. kaum
daher die Ausnahme (z. B. bei Biotopen mit gefährdeten
Arten) sein bzw. nur eine Übergangslösung bis zur Wieder- mindernd auf die deutschen Zahlungspflichten in die
herstellung einer Kulturlandschaft und ihrer typischen EU-Kasse auswirken würde, die deutsche Landwirt-
Bewirtschaftung darstellen. schaft aber gleichzeitig wesentlich geringere Aus-
2) Die Kosten der Trink- und Brauchwasserversorgung wurden gleichszahlungen aus der EU-Kasse erhalten würde.
allein für das jahr 1983 auf etwa 810 Mio. DM geschätzt. Die Bundesregierung sollte sich daher auf EU-Ebene
Davon entfielen etwa zwei Drittel auf die Einhaltung des
dafür einsetzen, den Finanzierungsmechanismus da-
Nitratgrenzwertes (50 mg NO 3 -/l) und ein Drittel auf die
Entfernung von Pflanzenschutzmitteln (Becker u. Guyomard,
hin gehend zu ändern, daß ein nationaler Überschuß-
1992). Die Entfernung von einem kg Stickstoff aus Trinkwas- abbau — der auch im Interesse der Gemeinschaft liegt
ser kostet etwa 60,— DM. — belohnt und nicht benachteiligt würde.
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
Bei der Ausgestaltung von Maßnahmen ist generell Wirtschaftsweise (Kap. 4.1.6). Die Entscheidung zwi-
zwischen räumlich differenzierten und flächendek- schen regional differenzierter und flächendeckender
kenden Strategien zu unterscheiden. Beispiele für Vorgehensweise spielt eine gewisse Rolle bei der
räumlich differenzierte Instrumente — beispielsweise Diskussion und Bewertung der einzelnen, im folgen-
zum Schutz des Trinkwassers vor Nitrat- und Pestizid- den dargestellten Handlungsoptionen.
einträgen — sind die Ausweisung von Wasserschutz-
Ansatzpunkte für flächendeckende Strategien liegen
gebieten mit bestimmten Bewirtschaftungsauflagen
allgemein im Bereich der
oder regionale Kooperationen und Ausgleichszahlun-
gen zwischen Wasserwirtschaft und Landwirten. Je — Modifizierung ökonomischer Rahmenbedingun-
differenzierter ein Instrument gestaltet wird, um so gen durch
gezielter kann man sich der Ursache bestimmter
— Verteuerung umweltgefährdender Betriebs-
Umweltprobleme — hier v.a. des Nitrataustrags in das
mittel bzw. Produktionsverfahren durch Abga-
Grundwasser — annähern. Hiermit wäre das Verursa-
ben und/oder Steuern;
cherprinzip sehr gezielt umzusetzen, wobei zugleich
Anpassungsprobleme und Ungerechtigkeiten auf sei- — Förderung umweltgerechter Produktionsver-
ten der Adressaten vermieden würden. Andererseits fahren durch Ausgleichszahlungen, Steuerver-
führen Maßnahmen mit zunehmender Differenzie- günstigungen und Subventionen;
rung zu einem exponentiell ansteigenden Verwal-
— Inverkehrbringungsregelungen (derzeit erhebli-
tungs- und Kontrollaufwand mit entsprechend hohen
che Vollzugsdefizite)
Kosten bei dennoch erheblichen Kontrolldefiziten.
Gerade diese Kontrolldefizite waren und sind neben — Anwendungsverbot;
einer mangelnden Ausrichtung an Umweltzielen
— Zulassungs- oder Anmeldeverfahren;
einer der wesentlichen Kritikpunkte an der bisherigen
nationalen und EG-Agrarpolitik, sind einer der — Mitteilungs- und Kennzeichnungspflicht;
wesentlichen Schwachpunkte der EG-Agrarreform
und sollten daher künftig vermieden werden. Eine — Regelungen zur Verwendung von Stoffen und
weitere prinzipielle Beschränkung der regional diffe- Produkten durch
renzierten Vorgehensweise liegt darin begründet, daß — Produktbezogene Regelungen (z. B. Pflanzen-
großflächige und diffuse Schadstoffquellen — also die schutzmittel-Anwendungsverordnung) ;
Mehrzahl der in der Landwirtschaft freigesetzten
Emissionen — nur unzureichend erfaßt werden. Eben- — Verhaltensbezogene Regelungen (z. B. Dünge-
sowenig ist der großflächig wirkende Eintrag von verordnung, Gülleverordnung);
Luftschadstoffen aus Verkehr, Industrie etc. oder — Information, Aufklärung, Bildung etc. (TAB,
sogenannte Summations- und Distanzschäden, die die 1993 b).
Landwirtschaft beeinträchtigen, durch regional be-
Ein wesentliches und zugleich sehr effektives Instru-
grenzte Maßnahmen zu unterbinden. Die Grenzen
ment ist die Verteuerung von Produktionsmitteln
räumlich differenzierter und begrenzter Maßnahmen
(Mineraldünger, Importfuttermittel, Pflanzenschutz-
können nur durch einen flächendeckenden Ansatz
mittel, Treibstoffe etc.). Eine wirksame nationale Ver-
behoben werden. Zugleich wären übergeordnete
teuerung landwirtschaftlicher Betriebsmittel würde
Schutzziele und -güter festzulegen und mit Hilfe
die Einkommens- und Wettbewerbsverhältnisse mas-
integrierter Strategien umzusetzen. Bezogen auf das
siv beeinflussen. Deshalb wäre es agrarökonomisch
konkrete Beispiel des Trinkwasserschutzes (s.o.), folgt
günstiger, ein solches System auf EU-Ebene einzufüh-
daraus, daß es nicht ausreicht, einzelne Wasserschutz-
ren, wobei gleichzeitig ein Außenschutz denkbar und
gebiete auszuweisen und auf den nicht zu Wasser-
gerechtfertigt wäre, da die Konkurrenten auf dem
schutzgebieten erklärten Flächen weiterhin Schad-
Weltmarkt im Allgemeinen nicht unter vergleichbar
stoffeinträge zu dulden und damit eine generelle
umweltgerechten Rahmenbedingungen produzieren.
Verschlechterung des Grundwasserzustandes bewußt
Zudem ergäbe sich im Rahmen künftiger GATT-/
in Kauf zu nehmen. Die Ausweisung von wesentlich
WTO-Verhandlungen ein Verhandlungsspielraum
weiter gefaßten Wassereinzugsgebieten könnte ein
aufgrund des Abbau der subventionierten Überschuß-
erster Schritt in diese Richtung sein. Statt dessen sollte
exporte der EU.
das Grundwasser in seiner Gesamtheit als weitgehend
ungestörtes Ökosystem erhalten und unter Vorsorge- Solange eine EU-weite Durchsetzung einer Betriebs-
aspekten in allen Wirtschaftsbereichen vor Verminde- mittelverteuerung nicht durchsetzbar ist, wäre auch
rung und jeglicher Verunreinigung geschützt werden eine nationale Vorreiterrolle denkbar. Die Landwirte
(TAB, 1993 b). Diese Zielsetzung sollte auf den Schutz sollten dabei durch vorübergehende direkte Einkom-
der Erdatmosphäre und des globalen Klimasystems menstransfers unterstützt werden. Sobald der EU-
entsprechend angewandt werden. Finanzierungsmechanismus entsprechend geändert
würde (s.o.), stünden aufgrund sinkender Marktord-
Leitbild eines flächendeckenden, umfassenden Um- nungskosten und Exportsubventionen ausreichend
weltschutzes sollte daher nicht die oftmals anthropo- Finanzmittel zur Verfügung.
zentrische Ausrichtung auf den Erhalt bestimmter
ausgewählter Funktionen einzelner Ökosysteme sein, 4.2.1 Maßnahmen zur Reduzierung von
sondern eine Ausrichtung auf den Schutz und Erhalt Methanemissionen (CH 4)
des ganzen Naturhaushaltes. Dies ist insbesondere
von zentraler Bedeutung bei der Gestaltung und Die Tierhaltung ist für den größten Teil der Methan-
Umsetzung einer nachhaltigen Landwirtschaft bzw. emissionen aus der Landwirtschaft Mitteleuropas ver-
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

antwortlich. Methan wird in der Landwirtschaft vor führt. Die Ausgestaltung der Instrumente sollte so
allem bei der Verdauung durch die Wiederkäuer gewählt werden, daß die Zielerreichung gewährlei-
(Rinderhaltung) und bei der anaeroben Lagerung der stet ist. Erfahrungen in der Vergangenheit zeigten,
Wirtschaftdünger freigesetzt. Etwa drei Viertel der daß dies bisher nicht der Fall war.
Methanemissionen stammen allein aus der tierischen
Allgemein gültige Produktionsauflagen für eine
Verdauung. Die deutliche Zunahme der Methanemis-
umwelt- und klimaverträgliche sowie tiergerechtere
sionen und weiterer Umweltbelastungen ist daher vor
Produktionsweise, wie z. B. die Umstellung der Flüs-
allem auf den starken Anstieg der Tierzahlen und im
sigmist- auf die Festmistwirtschaft, böten einen ande-
weiteren auf die wachsende räumliche Konzentration
ren Ansatz, der auch zur Reduzierung der Tierbestän-
in der Tierhaltung und insbesondere die flächenunge-
den beitrüge. Sie steigern in der Tendenz die Ver-
bundene Massentierhaltung zurückzuführen. Mit
braucherpreise und senken die Nachfrage, was auf
hohem Energieaufwand werden zudem erhebliche
die Produktionsmenge und damit auf die Tierbe-
Mengen an Futtermitteln, zum Teil über große Entfer-
stände zurückwirkt.
nungen — auch aus Entwicklungsländern — zu den
Tieren transportiert. Gleichzeitig müssen die regional Durch die Einführung von Abgaben und Rückerstat-
im Übermaß anfallenden Exkremente mit hohem tungen, die nach dem Grad der Umweltbelastung des
Energieaufwand verteilt, anderweitig verwertet oder Produktionssystems zu differenzieren sind, wäre ein
entsprechend umweltbelastend auf den Flächen aus- für den Bereich Tierhaltung insgesamt relativ aufkom-
gebracht werden. mensneutrales Lenkungsinstrument verfügbar. Mög-
lich wäre auch innerhalb der vorhandenen Marktord-
Um eine wesentliche Reduzierung der Methanemis-
nung eine differenzierte Gestaltung des Einkommens-
sionen zu erreichen, sollten daher gleichermaßen die
ausgleichs. Erhielten beispielsweise Betriebe mit
absoluten Tierzahlen verringert und die Konzentra-
einer tiergerechten und umweltverträglichen Tierhal-
tion in der Tierhaltung beseitigt werden. Beides wäre
tung einen höheren bzw. einen alleinigen Einkom-
auch im Hinblick auf die derzeitigen Überschüsse auf
mensausgleich, würde hiermit eine Lenkungswir-
dem Milch- und Rindfleischmarkt der EG sinnvoll. Ein
kung ausgeübt (Burdick, 1994). Eine vergleichbare
höherer Anteil pflanzlicher Nahrungsmittel hätte
Differenzierung wäre auch denkbar, um extensive
zudem die positiven Nebeneffekte, daß die Energie-
Formen der Tierhaltung in Mittelgebirgsregionen und
bilanz der Ernährung 3 ) wesentlich verbessert würde
anderen benachteiligten Gebieten zu erhalten bzw.
und zugleich eine ausgewogenere und gesündere
verstärkt zu fördern. Erste Ansätze für solche Maßnah-
Ernährung der Bevölkerung möglich wäre (Kap.
men gibt es bereits auf nationaler und EU-Ebene (z. B.
4.2.3.1).
EG-Bergbauernprogramm). Sie müßten jedoch erheb-
lich ausgeweitet werden und konsequenter auf ökolo-
gische Belange ausgerichtet sein.
4.2.1.1 Reduzierung der Tierbestände

Ein Abbau der Überschüsse, vor allem auf dem Milch- 4.2.1.2 Bindung der Tierhaltung an die Fläche
und Rindfleischmarkt wäre am ehesten durch eine
deutliche Senkung der Tierzahlen erreichen. Die Bei einer Bestandsdichte von 1,5 GVE 4 )/ha ist die
zur Reduzierung der Tierbestände bisher ergriffenen Tierernährung auf betriebseigener Futtergrundlage
Maßnahmen, die Milchkontingentierung und die ohne zusätzlichen Zukauf/Import von Futtermitteln
Rindfleischpreissenkung, haben in der Vergangen- möglich. Gleichzeitig ist sichergestellt, daß die Wirt-
heit jedoch nur teilweise zur notwendigen Marktent- schaftsdünger sinnvoll verwertet werden können,
lastung geführt. Die Zahl der Milchkühe ist zwar ohne die Umwelt durch eine Gülleausbringung im
gesunken, dennoch gibt es — durch die Erhöhung der Stile einer „Abfallbeseitigung" zu belasten. Die
Produktionsintensität — nach wie vor deutliche Über- Umweltschäden würden bereits wesentlich verrin-
schüsse. Die im Rahmen der EG-Agrarreform gert, wenn die Konzentration aufgelöst, die Massen-
beschlossene Senkung der Rindfleischpreise wird tierhaltung abgebaut, die Güllewirtschaft zurückge-
wenig an der Überproduktion ändern können, da drängt und die Tierhaltung gleichmäßig auf die Flä-
diese durch Ausgleichszahlungen betriebswirtschaft- che verteilt würde, ohne daß die Tierzahlen absolut
lich kompensiert werden (BML u. BMU, 1993). sinken.

Eine Option wäre die striktere Anwendung der bishe- Es gibt bisher keine betrieblichen Obergrenzen für die
rigen Instrumente, also eine deutlichere Senkung der Gesamttierzahl oder die Tierbesatzdichte. Die vor-
Produktpreise und der Ausgleichszahlungen bzw. der handenen gesetzlichen Regelungen sehen ab be-
Produktkontingente. Die Instrumente weisen aber die stimmten Tierzahlen lediglich bestimmte Auflagen
Nachteile auf, daß sie zu Einkommenseinbußen bei oder Genehmigungspflichten vor. Seit der Novelle des
den Landwirten führen bzw. entsprechende Aus- Bundes-Immissionsschutzgesetzes (BImSchG) vom
gleichszahlungen notwendig machen. Zudem werden 23. März 1993 sind selbst Rinderstallungen mit mehr
freiwerdende Produktionskapazitäten möglicher- als 350 Rindern keine genehmigungsbedürftigen
weise zur Steigerung der Produktion in anderen Anlagen mehr. Aus Klimaschutzgründen sollte daher
Bereichen genutzt, was dort zu neuen Überschüssen die Wiedereinführung oder ggf. Verschärfung von
Genehmigungspflichten und Auflagen im Rahmen
3) In der Massentierhaltung müssen bis zu 35 Einheiten pflanz- einer erneuten Novelle des BImSchG erwogen wer-
licher Energie als Futter eingesetzt werden, um eine Einheit
tierischer Energie im Endprodukt zu erzeugen (Lünzer, 1992 4) Eine Großvieheinheit je Hektar (1 GVE/ha) entspricht einem
b). Tierbesatz von 500 kg Lebendgewicht.
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
den. Innerhalb der Agrarreform sind die Tierbesatz 4. Leistungssteigerung durch Hormonzugabe (v.a.
dichten oder Bestandsobergrenzen keine Ausschluß Wachstumshormone);
grenzen, sondern lediglich Fördergrenzen.
— Rinder-Somatotropin (BST);
Die momentan diskutierte Aufhebung der Flächen- — Anabole Steroide;
bindung der Milchquoten und die Einführung der —
zumindest regional — freien Handelbarkeit der Quo- 5. Verbesserung der Reproduktionsleistung (Beein-
ten wirken hier kontraproduktiv. Die freie Handelbar- flussung der Fortpflanzung);
keit innerhalb von Regionen fördert die flächenunab- — Erzeugung von Zwillingsgeburten;
hängige Tierproduktion und die Konzentrationsten-
denzen in der Tierhaltung. Weiter ist mit einem — Embryo-Transplantation;
Abwandern der Quoten aus marginalen Grünlandge-
— Künstliche Besamung und Brunftsynchronisa-
bieten zu rechnen, die einzig sinnvoll durch eine
tion.
extensive Milchviehhaltung genutzt werden können
(Priebe, 1994; Burdick, 1994). Daher wäre auch die Die drei letztgenannten Maßnahmen sind wegen
Rückführung freiwerdender Quoten in Grönlandge- Gefahren für die menschliche Gesundheit verboten
biete zu fördern. bzw. nur in einigen Ländern zulässig (BST-Einsatz
derzeit in USA, Brasilien, Mexiko, Namibia, Zim-
babwe, Südafrika, Bulgarien, Tchechische Republik,
Slowakien und GUS erlaubt), andere haben techni-
4.2.1.3 Reduzierung der Methanemission sche Grenzen (Veränderung der Pansenmikroflora)
je Produkteinheit
oder sind relativ teuer. Von wenigen Ausnahmen
abgesehen sind die Reduktionspotentiale dieser Maß-
Ein Teil der aufgenommenen Futterenergie dient den nahmen zudem gering. Der entscheidende Fehler ist
Tieren zur Erhaltung ihrer Lebensfunktionen (Erhal aber, daß sie zwar allesamt geeignet sind, die Produk-
tungsbedarf), der Rest wird entweder in Gewichtszu- tivität und Leistung einzelner Tiere in der Tierhaltung
nahme (Fleischzunahme) oder direkt in Verkaufspro- zu erhöhen. Eine höhere Einzeltierleistung führt aber
dukte (Milch, Eier etc.) umgewandelt. In Abhängig- insgesamt nur zur Reduzierung der Methanemissio-
keit von der Verwertbarkeit des Futters geht ein nicht nen aus der Tierhaltung, wenn gleichzeitig die Anzahl
unerheblicher Teil der Energie ungenutzt verloren der Tiere entsprechend reduziert wird. Ohne eine
und wird überwiegend in Form von Methan abgege- deutliche Änderung der Rahmenbedingungen wer-
ben — bei Wiederkäuern bis zu zwölf Prozent der im den jedoch Produktivitätssteigerungen — wie bisher
Futter enthaltenen Energie. Eine höhere Futterver- auch — vor allem zur Steigerung der Produktion
wertung, v.a. durch eine verbesserte Futterqualität genutzt, aber weniger zur Abstockung (Verkleine-
und optimierte Zusammensetzung des Futters führt rung) der Tierbestände oder Extensivierung der Pro-
zwar bei höherer Futtermenge zu einer höheren duktion. Statt dessen ist zu befürchten, daß die Über-
Methanemission pro Tier, unter Umständen aber zu schüsse weiter anwachsen.
einer geringeren Methanproduktion je Produktein-
heit.
-
4.2.1.4 Verringerung der Methanemissionen
Neben in der Praxis leicht umsetzbaren Möglichkei-
aus den Exkrementen
ten zur Methanreduktion bieten sich verschiedene, im
Einzelfall sehr kritisch zu betrachtende Möglichkeiten Die Methanemissionen aus tierischen Exkrementen
an (EPA, 1992; In: Heyer, 1994): haben vor allem durch die Flüssigmistsysteme, infolge
anaerober Lagerungsbedingungen der Gülle (und
1. Verbesserung der Futterzusammensetzung und Jauche) zugenommen. Die Flüssigmistsysteme in
-verwertung Deutschland verursachen etwa 90 % der Methanemis-
— Erhöhung der Verdaulichkeit durch mechani- sionen aus Tierexkrementen (Heyer, 1994). Hier soll-
sche oder chemische Behandlung des Futters; ten daher die Maßnahmen zur Reduktion der Metha-
nemissionen ansetzen, insbesondere dort, wo durch
— Optimale Ausgewogenheit der Futterzusam- eine Konzentration der Tierbestände kontinuierlich
mensetzung durch Zugabe von limitierenden hohe Güllemengen anfallen. Neben der Reduktion
Nähr- und Wirkstoffen; der Tierbestände sind mögliche Handlungsoptionen
beispielsweise die Verkürzung der Lagerzeiten von
2. Leistungssteigerung durch Tierzüchtung;
Gülle. Durch entsprechende Technik und Fruchtfol-
— Steigerung der Produktionsleistung und gegestaltung (z. B. Ausbringung mit Schleppschläu-
Wachstumsrate; chen in den Bestand) könnten Ausbringungsintervalle
verkürzt werden. Die Belüftung der Gülle (z. B. durch
— Steigerung der Reproduktion;
ein Rührwerk) — wie sie auch der ökologische Land-
— Verbesserung der Krankheitsresistenz; bau befürwortet — verringert die Bildung von Me-
than. Gleichzeitig wird jedoch durch die Belüftung
3. Veränderung der Pansenmikroflora;
dieAmmoniakbildung angeregt, was zur verstärkten
— Gentechnologische Veränderung der Pansen- Ammoniakemission und damit auch zu Stickstoffver-
mikroorganismen; lusten (Düngerwert) in der Gülle führt (Kap. 4.2.3).
— Biotechnologische Beeinflussung durch Zugabe Nicht belüftete Güllelager und -behälter sollten unbe-
spezifischer Hemmstoffe oder Antibiotika; dingt abgedeckt werden. Das sich bildende Methan
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

sollte als Biogas aufgefangen und energetisch verwer- solchen Anlagen zur industriemäßigen Tierproduk-
tet werden. Mit relativ geringen Kosten und einer tion ist die anfallende Güllemenge so groß, daß eine
einfachen Technologie könnte die Methanemission umweltverträgliche Ausbringung auf die Felder nicht
aus den Lagunen und Güllelagern um bis zu 80 % mehr möglich ist. Die Probleme bei der Beseitigung
reduziert werden und dabei gleichzeitig Energie der Überschußgülle können mit einer Biogasanlage
gewonnen werden (Heyer, 1994; Döhler, 1992). Bei besser gelöst werden als mit Anlagen zur aeroben
der Verbrennung wird Methan zu Kohlendioxid oxi- „Entsorgung" . Es gibt heute eine Vielzahl von Biogas
diert, das jedoch ein erheblich geringeres Treibhaus- anlagen, die sich in Technologie und Kapazität
potential hat. Fallen kontinuierlich größere Gülle wesentlich voneinander unterscheiden. Welche An-
mengen an, kann die Güllevergasung in speziellen lage für einen bestimmten Ort geeignet ist, hängt von
Biogasanlagen (Biogasreaktoren) und die anschlie- den lokalen Bedingungen ab. Über die Größe der
ßende Energiegewinnung in dezentralen Anlagen mit Anlage entscheidet die Menge der täglich anfallen-
Kraft-Wärme-Kopplung sinnvoll sein. Hiermit könn- den Gülle.
ten einzelne Bauernhöfe oder sogar ländliche Streu-
Weniger als 1 % der Gülle wird derzeit in Deutschland
siedlungen — unabhängig von der öffentlichen Strom-
in Biogasanlagen behandelt. Durch eine weitere Ver-
versorgung ihren Strom- und Wärmebedarf mit Hilfe
breitung von Biogasanlagen könnte die Methanemis-
regenerativer Energiequellen decken.
sion aus den Tierexkrementen um 70 % vermindert
Der Nutzen der Biogastechnologie bei einer Behand- werden (Heyer, 1994). Zu bedenken ist jedoch, daß
lung der tierischen Exkremente besteht nicht nur in mit einem deutlichen Ausbau der Biogasanlagen
einer Reduktion der Methanemission und in der möglicherweise eine zukünftige Abhängigkeit von
Gewinnung von Biogas als Energieträger, sondern den, auch aus anderen Gründen problematischen,
auch in einer Reihe von weiteren Vorteilen (Heyer, Flüssigmistsystemen festgeschrieben wird. Es ist
1994): jedoch möglich, in Biogasanlagen auch andere Bio-
— Gewinnung eines organischen Düngers gene (Siedlungs-)Abfälle und Reststoffe zu verwerten.
Die Methanbildung entzieht den Wirtschaftsdüngern
Der nach Ablauf der anaeroben Fermentation (bzw. der organischen Substanz) den größten Teil des
verbleibende Rest enthält schwer abbaubare orga- organisch gebundenen Kohlenstoffs. Hierdurch ver-
nische Verbindungen mit Lignozellulose als ringert sich der Eintrag von Kohlenstoff bzw. organi-
Hauptbestandteil sowie Ammonium, Phosphat scher Substanz in die Böden, was langfristig negative
und anderen Mineralstoffe und kann damit ein Auswirkungen auf die Bodenfruchtbarkeit haben
we rt voller Dünger sein. könnte, da weniger Humus gebildet wird.
— Geruchsbeseitigung Auch wenn die Optimierungsmöglichkeiten bei
Die Ausbringung von unbehandelter Gülle führt zu Anfall, Lagerung und Ausbringung der Gülle ausge-
einer erheblichen Geruchsbelästigung der Um- schöpft würden, wäre es sinnvoll, die Güllewirtschaft
welt. Nach der Passage der Biogasanlage entste- generell einzuschränken, um eine Minderung der
hen fast geruchlose Produkte. Emissionen zu erreichen. Flüssigmistsysteme führen
bereits im Stallbereich zu höheren Methan- und
— Teilhygienisierung Ammoniakemissionen als Festmistsysteme. Festmist-
hat eine deutlich bessere Wirkung auf die Boden-
Während der Fermentation findet eine Abtötung
fruchtbarkeit als Gülle, die Nährstofffreisetzung
von pathogenen Bakterien, Viren und Wurmeiern
erfolgt langsamer und anhaltender und die Verluste
sowie die Verminderung der Keimfähigkeit von
sind daher geringer. Da Festmistsysteme mit Einstreu
Unkrautsamen in der Gülle statt.
zudem tiergerechter sind als Flüssigmist-Tierhal-
— Trennung von flüssiger und fester Phase tungssysteme mit Spaltenböden, sollte die techni-
schen Weiterentwicklung und Wiedereinführung
Zur Verregnung der flüssigen Phase ist eine
bzw. Beibehaltung der Festmistwirtschaft gefördert
Abtrennung der Festbestandteile notwendig. Bei
werden (Kap. 4.2.3).
Rindergülle macht dies den Einsatz von Separato-
ren notwendig. Nach Durchlaufen der Biogasan-
lage erfolgt die Trennung bereits durch Sedimen-
4.2.2 Maßnahmen zur Reduzierung von
tation.
Distickstoffoxidemissionen (N 20)
— Vermeidung von Umweltbelastungen
Distickstoffoxid-Moleküle haben eine lange Verweil-
Durch eine Behandlung der Gülle in abgeschlosse-
zeit in der Troposphäre und sind daher nicht nur über
nen Reaktoren können Umweltrisiken, die bei
lange Zeiträume treibhauswirksam, sondern gelan-
einer unkontrollierten Ausbringung und Lagerung
gen bis in die Stratosphäre, wo sie — bislang zu
von Überschußgülle auftreten, wie Ammoniakfrei-
wenigen Prozenten — am Abbau der Ozonschicht
setzung in die Atmosphäre, Trinkwasserverunrei-
beteiligt sind. Der Einsatz von mineralischem und —
nigung, Kontamination von Grund- und Oberflä-
zumindest regional — auch von organischem Stick-
chenwasser, Eutrophierung von aquatischen und
stoffdünger ist in den Industrieländern sehr stark
terrestrischen Ökosystemen, vermieden werden.
angestiegen. Dies führte zur Überdüngung der Öko-
Vor allem bei hoher Konzentration der Tierbestände, systeme, der Nitratbelastung der Nahrung und der
wo aus Rationalisierungsgründen die Flüssigmistsy- Grund- und Oberflächengewässer sowie zu steigen-
steme vorherrschen, wäre der Bau von Biogasanlagen den Distickstoffoxidemissionen. Aufgrund der be-
zumindest kurzfristig die zweckmäßigste Lösung. In kannten ökologischen Probleme, die eine Stickstoff-
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
überversorgung mit sich bringt, dürfte Düngung nicht dungsverordnung), durch die die Nitratrichtlinie in
ausschließlich der vollständigen Ausschöpfung des nationales Recht umgesetzt werden soll. Hiernach
Ertragspotentiales dienen, sondern müßte verstärkt sollen alle in den Bet ri eb importierten und aus dem
Aspekte des Umwelt- und Klimaschutzes berücksich- Betrieb exportierten stickstoffhaltigen Güter (Mine-
tigen. Der Umwelt- und Klimaschutz sollte daher ral- und Wirtschaftsdüngung, Futtermittel, Verkaufs-
unbedingt in die allgemeinen Zielvorstellungen des produkte etc.) erfaßt werden. Mit Hilfe von Normwer-
Düngemitteleinsatzes, wie sie in § 1 a des Düngemit- ten für den Stickstoffgehalt dieser Güter soll eine
telgesetzes formuliert sind, integriert werden. Daher Stickstoffbilanz erstellt werden. Der so geschätzte
wäre nachdrücklich eine deutlich reduzierte und am einzelbetriebliche Stickstoffüberschuß wird auf die
zeitlichen Bedarf der Pflanzen orientierte Zufuhr bewirtschaftete Fläche umgerechnet. Die Stickstoff-
mineralischer und organischer Stickstoffdünger bei emissionen steigen mit der Höhe dieses Stickstoff-
weitgehend geschlossenen Nährstoffkreisläufen in bilanzüberschusses überproportional an. Die Bilan-
einer extensiven Landwirtschaft zu fordern. Notwen- zierung wäre daher ein sehr effektives Instrument, das
dige Voraussetzungen hierfür wären beispielsweise dem Verursacherprinzip gerecht würde und für das
die Verknappung und/oder Verteuerung minerali- darüber hinaus eine relativ hohe politische Akzeptanz
scher Stickstoffdünger, die gesetzlich verbindliche zu erwarten ist. Ein weiterer Vorteil wäre die Flexibi-
Regelung und Begrenzung des Düngemitteleinsatzes, lität dieses Instrumentes, da sich die Begrenzung je
aber auch die Flächenbindung der Tierhaltung (Kap. nach umweltpolitischen Erfordernissen für einzelne
4.2.1.2). Betriebe oder Regionen differenzieren ließe. Der ent-
scheidende Nachteil dieses Instrumentes ist aber der
Daneben gibt es zahlreiche Faktoren, die die N 20-
enorme nationale bzw. EU-weite Verwaltungs- und
Freisetzung (gemeinsam mit der NO X -Freisetzung)
Kontrollaufwand, der entsprechende Probleme und
aus Böden steuern (Kap. 2.2). Viele davon können
Kontrolldefizite nach sich zieht. Es sei hier erwähnt,
durch Bearbeitungsmaßnahmen beeinflußt werden.
daß die Mehrzahl der landwirtschaftlichen Betriebe in
Alle Maßnahmen, die den Nährstoff-, Luft-, Wasser-
Deutschland nach wie vor noch nicht buchführungs-
und Temperaturhaushalt der Böden verändern,
pflichtig ist. Daher empfiehlt auch der Wissenschaftli-
beeinflussen damit die Art und Intensität der bioti-
che Beirat des Bundeslandwirtschaftsministeriums
schen Zersetzungsprozesse, bei denen N 2 0 und NO X
dieses Konzept nicht weiter zu verfolgen (BML,
entshka.
1993 d).

4.2.2.1 Flächenbezogene Stickstoffbilanzierung


4.2.2.2 Verteuerung und Begrenzung des mineralischen
Die wichtigste Maßnahme zur Verringerung der dün- Stickstoffdüngers
gungsinduzierten N 2 O-Emission ist die Vermeidung
von Stickstoffüberschüssen, da hierdurch sowohl die Umweltverträgliche Landbewirtschaftung erfordert
Emissionen als auch die Stickstoffbelastung angren- eine wirksame Herabsetzung der Bewirtschaftungsin-
zender Systeme wesentlich verringert werden kön- tensität, insbesondere der speziellen Intensität (Be-
nen. Der Stickstoffeintrag hat sich daher nach dem triebsmitteleinsatz je Flächeneinheit bzw. je Tier). Der
Entzug der angebauten Kulturpflanze unter den gege- Stickstoffdüngung kommt hierbei eine Schlüsselrolle -
benen Standortbedingungen zu richten. Hierbei muß zu, da Stickstoff
die standorttypische Stickstoffnachlieferung (Minera- — die größte ertragssteigernde Wirkung hat;
lisierung) während der Vegetationsperiode und das
Ertragspotential der Kulturpflanze berücksichtigt — in großen Mengen, z. T. verschwenderisch und
werden. Ziel ist letztlich eine ausgeglichene Flächen- umweltschädigend eingesetzt wird;
bilanz zwischen den Stickstoffeinträgen und dem — in nahezu allen Kulturen angewandt wird;
Stickstoffentzug durch das Erntegut. Deshalb müßten
neben der Mineraldüngung auch alle weiteren Ein- — zusätzliche Pflanzenschutzmaßnahmen sowie eine
träge über organische Wirtschaftsdünger und über die höhere Versorgung mit anderen Nährstoffen nach
symbiotische N-Bindung (Leguminosenanbau), sowie sich zieht (Gesetz des Minimums);
der Stickstoffeintrag über die nasse und trockene
— unter hohem Energieverbrauch hergestellt wird
Deposition in die Bilanzierung eingehen. Diese Ein-
(Beese, 1994);
träge werden bisher nur unzureichend oder garnicht
in die Düngeplanung einbezogen (Beese, 1994). — nur mit hohem Aufwand und entsprechenden
Generell haben sich die Nährstoff-Bilanzüberschüsse Kosten (ca. 60,— DM/kg N) aus Trinkwasser ent-
in Deutschland seit Anfang der fünfziger Jahre beim fernt werden kann.
Stickstoff versechsfacht und beim Phosphor und
Der im Flächenmittel durch die Landwirtschaft verur-
Kalium verdoppelt.
sachte jährliche Stickstoffeintrag ist selbst für die
Eine Stickstoffbilanzierung kann auf der Ebene des Erzeugung von Maximalerträgen weit überhöht.
Einzelbetriebes oder der Einzelfläche erfolgen. Eine Durch Schließung der Stickstoffkreisläufe und durch
betriebliche Nährstoffbilanzierung wird auch im Rah- die Vermeidung unproduktiver Stickstoffverluste lie-
men der — noch ausstehenden — Umsetzung der ßen sich die Stickstoffemissionen mittelfristig deutlich
EG-Nitratrichtlinie (RL 91/676/EWG) gefordert. So ist vermindern. Solange der Stickstoffdünger so billig
die einzelbetriebliche Nährstoffbilanz auch Grund- bleibt wie heute und solange ein Zwang zum Maxi-
lage des derzeit vorliegenden BML-Entwurfes einer malertrag die Produktion beherrscht, ist mit einer
Düngeverordnung (vormals Düngemittelanwen drastischen Senkung der N-Düngung jedoch nicht zu
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rechnen. Hier müßten politische Entscheidungen Kaufnachweis zurückerstattet. Der über 80 kg N/ha
getroffen werden, um Landwirtschaft und Klima- hinausgehende Stickstoffeinsatz bleibt abgabenbela-
schutz miteinander zu vereinen. Eine staatliche Legi- stet.
timierung der Überdüngung kann nicht Sinn einer auf
In der zweiten Variante werden Wirtschaftsdünger
Nachhaltigkeit und Umweltschonung ausgerichteten
einbezogen, um reine Ackerbaubetriebe nicht gegen-
Gesetzgebung für die Landbewirtschaftung sein
über tierhaltenden Betrieben zu benachteiligen (Kap.
(Beese, 1994).
4.2.2.3). Die Rückerstattung der Abgabe erfolgt gegen
Die Instrumente einer Stickstoffabgabe, -besteuerung Verwendungs- bzw. Kaufnachweis bis zu einer abga-
oder -kontingentierung zielen auf eine deutliche Ver- befreien Höchstmenge, die in Abhängigkeit vom
teuerung bzw. Verknappung des Produktionsfaktors Viehbesatz gestaffelt wird.
Stickstoff. Zudem können die externen Kosten des
übermäßigen Düngemitteleinsatzes internalisiert Tabelle 4.1
werden. Düngemittelabgaben, -steuern oder -kontin-
gente stellen hierfür besonders effektive Instrumente Staffelung der abgabenfreien Höchstmenge
dar, da sie beim „Flaschenhals" Indust rie bzw. Handel an mineralischem Stickstoff (kg N/ha)
ansetzen und der Verwaltungsaufwand erheblich in Abhängigkeit vom Tierbesatz (DE 1 )/ha)
geringer ist, als bei der Durchsetzung und Kontrolle (Weinschenck, 1987; Gottlieb, 1992)
von Nährstoffbilanzen oder Bewirtschaftungsaufla-
gen auf einzelbetrieblicher Ebene (Kap. 4.2.2.1). Abgabefreie Höchstmenge
Tierbesatz (DE/ha)
(kg N/ha)
Die Umsetzung einer Stickstoffabgabe oder -steuer
sollte auch auf EU-Ebene und global angestrebt
0-1,0 80
werden. Die Verteuerung belastet generell alle Land-
1,0-1,5 60
wirte, die mineralischen Stickstoffdünger einsetzen
und trüge daher zur flächendeckenden Extensivie- 1,5-2,0 20
rung bei. Die Verteuerung der Mineraldünger würde 2,0-2,5 -20
gleichzeitig Anreize zum effizienteren und damit 2,5-3,0 -60
umweltverträglicheren Einsatz der Wirtschaftsdünger
1) Eine Dungeinheit (1 DE) entspricht einem Tierbesatz, bei
sowie zur Auflockerung der Fruchtfolge durch den
dem Wirtschaftdünger mit einem Nährstoffgehalt von 80 kg
Anbau von stickstoffixierenden Zwischen- und Gesamtstickstoff, 70 kg Gesamtphosphat und 100 kg Gesamt-
Hauptfrüchten schaffen (UBA, 1993 a). kali anfällt.

Stickstoffabgabe Der höhere Verwaltungsaufwand im Modell Wein-


schenck, insbesondere in der zweiten Va riante, ist
Bei der Stickstoffabgabe erfolgt im Gegensatz zur etwa vergleichbar mit dem Verwaltungsaufwand bei
Stickstoffsteuer ein direkter Ausgleich der landwirt- der Gasölverbilligung. Andererseits sind sowohl der
schaftlichen Einkommensverluste durch Einkom- Einkommensausfall als auch die Einkommensübertra-
mensübertragung aus den Abgabeeinnahmen. Es gibt gung niedriger. Außerdem erlaubt die Veränderung
verschiedene Vorschläge zur Ausgestaltung einer der Höchstgrenze eine flexible Anpassung an ver-
Stickstoffabgabe. schiedene regionale oder betriebliche Bedingungen
oder Anforderungen (Viehbesatzdichte, Wasser-
schutzgebiete, Sonderkulturen) (Weinschenck, 1987).
Je nach Grad der Differenzierung führt dies jedoch zu
1. Modell des Rates von Sachverständigen für
einer problematischen Erhöhung des Verwaltungs-
Umweltfragen (1985):
und Kontrollaufwandes.
Geplant ist hier die Erhebung einer Abgabe auf
mineralischen Stickstoffdünger. Gleichzeitig wird den
Landwirten eine Ausgleichszahlung in Form eines Stickstoffsteuer
Festbetrages je Hektar landwirtschaftlich genutzter
Fläche gewährt. Die Höhe des Festbetrages bemißt Für die Erhebung einer Stickstoffsteuer auf minerali-
sich nach der Abgabe, die auf den durchschnittlichen sche Stickstoffdünger bieten sich zwei grundsätzliche
Einsatz von mineralischen Stickstoff in Deutschland in Möglichkeiten an.
einem Referenzjahr zu zahlen wäre (SRU, 1985). 1. Besteuerung mit einem konstanten Betrag pro
Mengeneinheit des Stickstoffdüngers (z. B. DM/
kg N) .
2. Modell von Professor Weinschenck (Universität
Hohenheim): 2. Besteuerung mit einem festen oder progressiven
Prozentsatz vom Geldwert des Stickstoffdüngers
(z. B. Prozent/DM Aufwand).
Für dieses Modell gibt es zwei Varianten. Gemeinsam
ist diesen Varianten, daß bei der Erhebung einer Der zweite Ansatz hat den Vorteil, daß bei einer
Abgabe auf mineralischen N-Dünger jeweils eine inflationsbedingten Erhöhung der Düngemittelpreise
abgabefreie Grundmenge von etwa 80 kg N/ha zuge- die Steuer in einem konstanten Verhältnis mit
standen wird. In der ersten Va riante wird die Abgabe ansteigt, während bei dem ersten Ansatz — bei einer
für die ersten 80 kg N/ha gegen Verwendungs- bzw. Besteuerung mit festem Betrag pro Mengeneinheit —
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die Lenkungswirkung der Steuer abnimmt, wenn der Deshalb müßten auch außereuropäische Futtermittel-
Faktorpreis steigt. importe begrenzt bzw. verteuert werden (Ganzert,
1994) oder die Tierhaltung an die Fläche bzw. die
Die Stickstoffsteuer ist im Gegensatz zur Abgabe nicht betriebseigene Futtergrundlage gekoppelt werden
mit einer direkten Ausgleichszahlung verbunden. (Kap. 4.2.2.3).
Von Seiten der Landwirtschaft ist daher mit einer
geringeren Akzeptanz als bei einer Stickstoffabgabe
zu rechnen. Die Notwendigkeit der EU-weiten Ein-
Stickstoffkontingentierung
führung wäre bei der Stickstoffsteuer noch stärker
gegeben als bei der Stickstoffabgabe, die zunächst
Bei der Stickstoffkontingentierung wird durch die
auch national eingeführt werden könnte.
Vergabe von Lizenzen der Einsatz einer bestimmten
Düngemittelabgaben bzw. -steuern sind in Öster- Stickstoff-Gesamtmenge pro Betrieb oder Region
reich, Finnland, Norwegen und Schweden bereits zugelassen. Die Festlegung kann in Prozent der
eingeführt. Die Abgabesätze betrugen in Österreich ursprünglich ausgebrachten Menge oder als fester
1988 umgerechnet 0,70 DM/kg Stickstoff, 0,40 DM/kg Betrag pro Hektar — unabhängig von der bisherigen
Phosphor und 0,20 DM/kg Kali, was einer Verteue- Ausbringungsmenge — erfolgen (Kling u. Steinhau-
rung des Stickstoffs um über 40 % (20 % bei Phosphor, ser, 1986, In: Gottlieb, 1992). Auf EU-Ebene wäre die
30 % bei Kali) entsprach. Der Stickstoffverbrauch sank einsetzbare Stickstoffmenge je Mitgliedsstaat ein-
nach Einführung der Abgabe nur um 11 %, der schließlich der wirtschaftseigenen Düngemittel auf
gesamte Handelsdüngerabsatz ging um fast 20 % niedrigerem Niveau festzulegen. Bei der Umsetzung
zurück. In Schweden wurde im Wirtschaftsjahr 1988/ in den Mitgliedsstaaten könnten regionale oder ein-
89 ein kg Stickstoff mit 1,72 SKr Steuern und Abgaben zelbetriebliche Unterschiede berücksichtigt werden.
belastet. Dies entsprach etwa 30 % des Düngemittel Der Vorteil der Kontingentierung gegenüber steuer-
preises. Die Stickstoffnachfrage blieb — auch auf- und preispolitischen Maßnahmen läge da rin, daß man
grund sinkender Energiepreise und steigender Pro- das Reduktionsziel bzw. die nach ökologischen Krite-
duktpreise — konstant (UBA, 1994). Auch in der rien höchstens auszubringende Stickstoffmenge
Schweiz liegen Vorschläge für eine Stickstoffsteuer exakt festsetzen könnte. Die Festsetzung auf regiona-
vor. In England wird ebenfalls die Einführung einer ler oder bet rieblicher Ebene sollte nicht prozentual
Stickstoffsteuer diskutiert, um mit deren Einnahmen von der bisherigen Ausbringungsmenge bemessen
die Kosten der Wasseraufbereitung zu decken. In werden, da hiermit die bisherige Überdüngung „ho-
Frankreich sollen mit den Einnahmen aus der Stick-
noriert" würde. Ein fester Höchstbetrag unabhängig
stoffsteuer Ausgleichszahlungen finanziert werden, von der bisherigen Ausbringungsmenge je Hektar
die durch Auflagen in Wasserschutzgebieten entstan-
erscheint gerechter und ökologisch wirksamer. Einer
den sind (Gottlieb, 1992). Der Wissenschaftliche Beirat
Differenzierung der Kontingenierung nach standörtli-
des Bundeslandwirtschaftsministeriums empfiehlt die
chen und betrieblichen Gegebenheiten sind jedoch
EU-weite schrittweise Verteuerung des Mineralstick-
verwaltungs- und kontrolltechnische Grenzen gesetzt
stoffs, sobald sich abzeichnet, daß die Maßnahmen der
(Gottlieb, 1992). Eine Kontingentierung ertragsstei-
EG-Agrarreform nicht zu einer ausreichenden Verrin-
gernder Betriebsmittel wird als „der Gipfel des Inter-
gerung der Stickstoffbilanzüberschüsse führen (BML, ventionismus " angesehen und würde vermutlich an -
1993 d). Hiervon gehen derzeit zahlreiche Wissen-
der politischen Durchsetzbarkeit und dem hohen
schaftler aus (TAB, 1993 a; Henrichsmeyer, 1993, In: administrativen Aufwand scheitern (Köhne, 1989, In:
SRU, 1994) (Kap. 1.1.4.2). Gottlieb, 1992). Die Verteuerung ertragssteigernder
Nach Henrichsmeyer (1990, In: UBA, 1993 a) ergäbe Betriebsmittel durch Abgaben oder Steuern scheint
sich — ausgehend vom derzeitigen Stickstoffpreis von daher die praktikablere Lösung zu sein.
1,15 DM/kg N — bei einer Stickstoffabgabe von
2 DM/kg N ein durchschnittlicher Rückgang der Dün-
gungsintensität um 30 %. Um zu einer deutlichen
4.2.2.3 Bindung der Tierhaltung an die Fläche
Verringerung der Intensität, der Produktionsüber-
schüsse und damit auch der Umweltbelastungen und
Die Intensität und Konzentation in der Tierhaltung ist
Emissionen zu gelangen, wäre demzufolge eine
maßgeblich sowohl für die Höhe der Methanemissio-
wesentlich höhere Stickstoffverteuerung erforderlich.
nen sowie — zumindest regional — für den überhöh-
Weinschenck (1987) schlägt beispielsweise einen
ten Stickstoffeintrag auf landwirtschaftlich genutzten
viermal so hohen Stickstoffpreis (also 4 bis 5 DM/kg N)
Flächen verantwortlich. Die bisher vorgestellten Maß-
vor, um eine unter ökologischen Erfordernissen aus-
nahmen zur Reduzierung des Stickstoffeintrages
reichende Lenkungswirkung zu erzielen. Bei einer
wären daher nach Betriebsformen differenziert zu
Erhöhung des Stickstoffpreises um das Vier- bis
gestalten bzw. zu ergänzen.
Sechsfache würden sich die Stickstoffeinträge und
damit auch die Erträge so stark vermindern, daß Wie bereits bei den Maßnahmen zur Reduktion der
neben der Umweltentlastung auch ein Marktgleich- Methanemissionen dargestellt, sollte auch zur Redu-
gewicht für Agrarprodukte in Europa erreicht würde zierung der Distickstoffoxidemissionen sowie der
(Zeddies u. a., 1992; Gebhard, 1986, Beide in: Gan- Ammoniakemissionen (Kap. 4.2.3) die Bindung der
zert, 1994). Auf diese Weise könnte die Flächenstille- Tierhaltung an die Fläche erfolgen. Wie in Kap. 4.2.2.1
gung durch eine N-Abgabe ersetzt werden. Mit der genannt, müßte eine Nährstoffbilanzierung auf
Höhe der Abgabe wächst der Anreiz, die Stickstoffde- betrieblicher Ebene unbedingt den Gesamteintrag
fizite durch Futtermittelzukäufe zu kompensieren. aus allen Quellen berücksichtigen. Um bei einer
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Tabelle 4.2

Stickstoff-Feldbilanzen (kg N/ha LN) für jeweils drei repräsentative Betriebssysteme in Deutschland
(nach Bach, 1987) bzw. Baden-Württemberg (nach van der Ploeg u. a., 1991; Beide in: Isermann, 1994)

Deutschland Baden-Württemberg
Betriebssystem (DE 3 )/ha);
Tierart Futterb. Veredl.3,0; Futterb. 1,6; Veredl.3,2;
Marktfr. Marktfr.
Rind. Schw. Rind. Schw.

N-Zufuhr
— Mineraldünger 135 100 114 141 170 95
— Wirtschaftsdg.
nach Ausschdg. 1 ) — 180 300 — 160 320
nach Zufuhr 1 ) — 115 192 — 102 204
— Niederschlag 20 20 20 20 20 20
Gesamtzufuhr
nach 1 ) 155 300 434 161 350 435
nach 2) 155 235 326 161 292 319

N-Entzug durch
die Pflanzen -114 -135 -119 -118 -192 -111

N-Überschuß
nacht) + 41 +165 +315 + 43 +158 +324
nach 2) + 41 +100 +207 + 43 +100 +208

1) unter Anrechnung der N-Ausscheidung je Dungeinheit mit 100 kg N


2) unter Anrechnung der N-Zufuhr in den Boden je Dungeinheit mit 64 kg N 1 ) DE
3)DE = Dungeinheit; eine DE entspricht der Gülleproduktion der nach der jeweiligen Gülle-Verordnung festgelegten Tierzahlen.

Verteuerung mineralischer Stickstoffdünger tierhal- Der Sachverständigenrat empfahl daher als Ober-
tende Betriebe gegenüber reinen Ackerbaubetrieben grenze ebenfalls einen Wert von 1,5 bis 2 Dungeinhei-
nicht zu bevorzugen, wäre das Instrument einer Stick- ten/Hektar, wobei von einem Nährstoffgehalt von
stoffsteuer, -abgabe oder -kontingentierung entspre- nicht mehr als 80 kg Gesamtstickstoff und 70 kg
chend zu differenzieren. Die Unterschiede in den Gesamtphosphat je Dungeinheit (DE) ausgegangen
Stickstoffbilanzen einzelner Betriebssysteme gehen wurde (SRU, 1985).
aus Tab. 4.2 hervor.
Den Bilanzen in Tab. 4.2 ist zu entnehmen, daß — Tabelle 4.3
unter Vernachlässigung des relativ geringen Stick-
stoffentzuges durch die Tierhaltung — wachsende Maximaler Pflanzenbedarf und Nährstoffgaben
Stickstoffüberschüsse vom Marktfrucht- über den Fut- bei drei Dungeinheiten (DE) je Hektar
terbau- zum Veredlungsbetrieb zu verzeichnen sind. (in kg/Hektar und Jahr)
Selbst bei dem relativ geringen Tierbesatz in den nach der Gülleverordnung in NRW
Futterbaubetrieben (1,6 bzw. 1,8 DE/ha LN) ergibt (Böhnke, 1984; In: SRU, 1985)
sich ein N-Bilanzüberschuß mindestens in der Höhe
der zusätzlich ausgebrachten Mineraldüngermenge. Rinder- Schweine- Hühner-
maximaler
In den Veredlungsbetrieben mit einem durchschnitt- gülle gülle gülle
Nährstoff Bedarf der
4,5 21 300
lichen Tierbesatz von 3,0 bzw. 3,2 DE/ha LN über- Pflanzen
Rinder Schweine Hühner
steigt allein der N-Eintrag aus Wirtschaftsdüngern
den Pflanzenentzug um das zwei- bis dreifache. Ein
Stickstoff 160-240 423 252 252
Tierbesatz von 1,5 bis 2,0 DE/ha LN würde ohne
zusätzliche N-Mineraldüngung bereits eine ausrei- Phosphat 70— 90 216 189 201
chende bedarfsgerechte Stickstoffversorgung sicher-
stellen.
Bei der Umsetzung der EG-Nitratrichtlinie (RL 91/
Der Sachverständigenrat für Umweltfragen hat 676/EWG) in nationales Recht wäre daher eine abso-
bereits in seinem Sondergutachten über Umweltpro- lute Düngungshöchstmenge (Summe aller Wi rt
bleme der Landwirtschaft (1985) ausgeführt, daß in -schaftdüngeruMil)vonrmae-
den vorliegenden Gülle-Verordnungen, insbesondere weise 120 kg N/ha (entspricht 1,5 DE/ha), bzw.
in Nordrhein-Westfalen, die Bestandsobergrenzen übergangsweise in Ausnahmefällen bis zu 170 kg
generell zu hoch bemessen wurden. Die tatsächlich N/ha zu fordern. Daneben müßte die Nährstoffmenge
zulässigen Nährstoffgaben übersteigen den Bedarf je Dungeinheit verbindlich definiert werden. Die
der Pflanzen wesentlich, teilweise um das Dreifache. Ausbringungszeiträume für Wirtschaftsdünger, ins-
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besondere für Gülle wären so festzulegen, daß gene- Ammonium enthalten oder dazu umgesetzt werden,
rell eine Ausbringung im Zeitraum von November bis zeigen in der Regel höhere N 2O-Verluste als reine
einschl. Februar untersagt werden sollte. Daneben Nitratdünger, da bei letzteren die N 2 O-Bildung auf die
sollten für die Lagerung und Ausbringung bestimmte Denitrifikation beschränkt ist. Bei Ammoniumdün-
Regelungen und Techniken verbindlich vorgeschrie gern kann N 2 0 sowohl während der Nitrifikation als
ben werden (Kap. 4.2.3). Voraussetzung für die Fest- auch bei der nachfolgenden Denitrifikation gebildet
legung von Düngungshöchstgrenzen im Rahmen werden. Der Einsatz von Nitrifikationshemmern kann
einer Düngeverordnung ist das Inkrafttreten des verhindern, daß der Stickstoff erst nitrifiziert wird,
Kreislaufwirtschaftsgesetzes. bevor er von den Pflanzen aufgenommen wird. Beim
Einsatz dieser Agrochemikalien ist allerdings auf
Nur durch eine strikte Bindung der Tierzahl an die mögliche negative Nebeneffekte zu achten (Beese,
Fläche könnte der Tierbestand von der betriebseige-
1994).
nen Futterfläche ernährt und ökonomisch sowie öko-
logisch schädliche Futtermittelimporte vermieden Auch organische Wirtschaftsdünger (z. B. Gülle oder
werden. Jährlich gelangen etwa 500 000 t Stickstoff Stallmist) können die Ursache für erhöhte N 2O
und 190 000 t Phosphat durch die Futtermittelimporte -Bildungse.DrEtaichzsebrogan-
in den Nährstoffkreislauf der alten Bundesländer scher Substanz begünstigt durch eine gesteigerte
(Leser, 1993). Um die relativen Preisvorteile der Mikrobenatmung das Entstehen von kleinräumigen
Importfuttermittel zu verringern, wäre daher in Kom- anaeroben Bereichen, in denen die Voraussetzung für
bination mit einer mengenmäßige Begrenzung und/ die Denitrifikation gegeben sind. Die Förderung
oder Verteuerung des Mineralstickstoffs auch eine anaerober Zersetzungsprozesse durch ein zu tiefes
mengenmäßige Begrenzung und/oder Verteuerung Einarbeiten der organischen Dünger muß deshalb
der Importfuttermittel einzuführen. Dies förderte speziell auf schweren und zur Staunässe neigenden
gleichzeitig die Verwertung von Getreideüberschüs- Böden vermieden werden (Beese, 1994).
sen auf dem Binnenmarkt, entlastete damit den Welt-
Die Reduktion der Stickstoffdüngung auf ein entzugs-
markt und verringerte die finanzielle Belastung der
orientiertes Niveau sollte mit der Steigerung der
Gemeinschaft durch die Exportsubventionen. Der
Düngeeffizienz verbunden werden. Anhand der
Ersatz der Importfuttermittel durch Eigenerzeugung
Ergebnisse zahlreicher Düngungsversuche läßt sich
würde zudem die angestrebte EU-weite Flächenstille-
für fast alle Kulturpflanzen der Stickstoffbedarf zu
gung von ca. 10 Mio. ha erübrigen (Scholz, 1990, In
bestimmten Entwicklungsstadien ableiten. Die men-
Isermann, 1994). Die Getreidepreissenkungen infolge
genmäßige und zeitliche Dosierung der Düngung
der EG-Agrarreform sowie die Gewährung von Aus-
sollte hierauf abgestimmt werden. Auch sind für
gleichszahlungen für Getreideflächen bei innerbe-
Gülle- und Mineraldüngung die Zeitspannen be-
trieblicher Verfütterung des Getreides wirken bereits
kannt, in denen die Ausbringung unterbleiben sollte,
in diese Richtung. In den Niederlanden wird derzeit
wenn keine entsprechende Stickstoffaufnahme durch
eine Futtermittelabgabe von 6 Mio. Gulden jährlich
die Kulturpflanzen stattfindet und die Denitrifika-
erhoben, die für die Forschung über umweltfreundli-
tions- und Auswaschungsgefahr hoch ist. Die Ermitt-
che Produktionsverfahren verwandt werden (UBA,
lung des Nitratvorrates im Boden zu Vegetationsbe-
1994).
ginn (z. B. Nmin-Methode) ermöglicht es, die erste
-
Stickstoffgabe gezielt auf die Ansprüche der Pflanze
4.2.2.4 Bewirtschaftungsmaßnahmen zur Beeinflussung sowie die Standortverhältnisse abzustimmen. Auch
der Distickstoffoxidemissionen
die Verbesserung der Verteilgenauigkeit bei der Dün-
Neben der absoluten Menge an zugeführtem Stick- gerausbringung, zum Beispiel durch den Einsatz flüs-
stoff in Wirtschafts- und/oder Mineraldüngern hängt siger Mineraldünger, die mit der Pflanzenschutz-
die Höhe der Distickstoffoxidemissionen auch von Art spritze ausgebracht werden können, steigert die Effi-
und Zeitpunkt der Düngung ab. Darüber hinaus zienz der Düngemaßnahme, da eine lokale Über- bzw.
beeinflussen Maßnahmen, die zu Veränderungen des Unterdüngung verringert wird. Die teilweise N-Ver-
Nährstoff- (Kohlenstoff-), Luft-, Wasser- und Tempe- sorgung der Pflanzen über das Blatt sollte stärker
raturhaushaltes der Böden führen, die Art und Inten- beachtet werden (Beese, 1994).
sität der biotischen Zersetzungsprozesse, bei denen
N2O und NOX entstehen kann. Erhöhte N 2O - und
NOX -Emissionen aus landwirtschaftlich genutzten Fruchtfolgegestaltung
Böden können im wesentlichen auf folgende Bewirt-
schaftungsmaßnahmen zurückzuführen sein: Pflanzenkulturen, bei denen aufgrund stickstoffrei-
cher Ernterückstände nach der Ernte größere Mengen
— Art und Zeitpunkt der Düngung an leicht verfügbarem Stickstoff auf dem Feld verblei-
— Fruchtfolgegestaltung ben (z. B. Leguminosen, Zuckerrüben, Raps), sind
hinsichtlich der N2O-Freisetzung „kritische Feld-
— Bodenbearbeitung früchte", da einerseits die Gefahr der N 2O-Produktion
— Be- und Entwässerung durch die Denitrifikation in den Wintermonaten
besteht und andererseits die Stickstoffauswaschungs-
gefahr sehr hoch ist. Dem hohen Stickstoffangebot
Art und Zeitpunkt der Düngung nach der Ernte wäre durch einen gezielten nachfol-
genden Anbau von überwinternden Pflanzen als Zwi-
Neben der Düngungshöhe beeinflußt auch die Dün- schen- oder Hauptfrucht Rechnung zu tragen, die
geart die N 2O-Emissionsraten. Stickstoffdünger, die noch im Herbst eine hohe Stickstoffaufnahme aufwei-
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sen. Dies sollte insbesondere beim Anbau von Legu- stoffbelastung angrenzender Ökosysteme. Auf die
minosen beachtet werden, die aufgrund der symbioti- zusätzliche Inkulturnahme von naturnahen Moorge-
schen Stickstoffbindung große Stickstoffmengen an bieten sollte deshalb auch hinsichtlich der Vermei-
reichern können. Das Einbringen von Untersaaten, dung zusätzlicher N 2O -Emissionen unbedingt ver-
der Zwischenfruchtbau oder der Anbau von Misch- zichtet werden. Da nach der vollständigen Wassersät-
kulturen ist ebenfalls eine effiziente Maßnahme, um tigung organischer Böden nahezu keine N2O-Freiset-
den Stickstoffüberschuß nach der Ernte der Legumi- zung mehr festzustellen ist, dürfte die Renaturierung
nosen zu verringern (Beese, 1994). entwässe rter Moorgebiete durch das Anheben des
Grundwasserspiegels zu einer deutlichen Reduzie-
Durch die Spezialisierung der landwirtschaftlichen
rung der N 2O -Emissionen führen (Beese, 1994).
Betriebe und den Import/Zukauf von Futtermitteln
sowie die Ausweitung des Maisanbaus (Abb. 2.14) hat Die Bewässerung von landwirtschaftlich genutzten
die Abfuhr und Nutzung nährstoffreicher Ernterück- Flächen sollte so gestaltet werden, daß die N-Auswa-
stände und Zwischenfrüchte als Tierfutter stark abge- schung gering ist und daß bei der Bewässerung keine
nommen. Hierdurch ist die Gefahr der N 2O -Bildung anoxischen Bedingungen in den Oberböden auftre-
speziell nach dem Einarbeiten der großen Mengen ten. Das notwendige „Durchwaschen" von Böden zur
organischer Substanz angestiegen. Eine Abnahme Entsalzung hat zu Zeiten geringer N-Gehalte und
und Verwertung der Ernterückstände (z. B. Zuckerrü- biotischer Aktivität in den Böden zu erfolgen (Beese,
benblatt) durch viehhaltende Betriebe verringert 1994).
diese Gefahr (Beese, 1994).

4.2.3 Maßnahmen zur Reduzierung von


Bodenbearbeitung Ammoniakemissionen (NH 3)

Sauerstoffmangel im Boden begünstigt die Denitrifi- Die Ammoniakemissionen sind nicht direkt klima-
kation und ist eine wichtige Ursache für erhöhte wirksam, tragen aber erheblich zur Eutrophierung
N2O-Emissionen. Der Erhalt einer günstigen Boden- natürlicher und naturnaher Ökosysteme bei und ver-
struktur ist eine Voraussetzung für die gute Durchlüf- stärken deren Freisetzung von Distickstoffoxid (N 2O )
tung des Bodens und den aeroben Abbau der organi- und anderen stickstoffhaltigen Spurengasen sowie die
schen Substanz. Bodenverdichtung durch den Einsatz Auswaschung von Nitrat. Daneben ist der Ammoniak
schwerer Maschinen sowie durch einen falschen eintrag wesentlich (zu etwa 25-30 %) an der Ver-
Bearbeitungszeitpunkt müssen deshalb vermieden sauerung der Böden und der daraus resultierenden
werden. Nach dem Einarbeiten von leicht verfügbarer Schädigung der Ökosysteme (z. B. Waldsterben)
organischer Substanz (Ernterückstände, organische beteiligt (Abschnitt C, Kap. 3.5.3). Für die Versaue-
Dünger) können durch den gesteigerten mikrobiellen rung sind des weiteren vor allem die Stickoxide und
Sauerstoffverbrauch auch bei geringeren Wasserge- Schwefeldioxid aus der Verbrennung fossiler Ener-
halten kleinräumig anaerobe Zonen entstehen, in gieträger, v.a. im Verkehrsbereich verantwortlich.
denen N20 gebildet wird. Um diese anaeroben Stoff-
National wie global sind Ammoniakemissionen fast
umsetzungen nicht zu fördern und eine gute Sauer-
ausschließlich der Landwirtschaft zuzuschreiben und-
stoffzufuhr zu gewährleisten, ist speziell auf schweren
hier zu etwa 90 % der Tierhaltung. Etwa die Hälfte der
Böden ein flaches Einarbeiten der organischen Rück-
Ammoniakemissionen stammt aus der Rinder- und
stände vorteilhaft. Soweit möglich, ist eine gleichmä-
Milchviehhaltung und etwa ein Drittel aus der
ßige Verteilung der organischen Dünger auch auf
Schweinehaltung. Ammoniak entsteht im Stallbe-
Viehweiden notwendig. Die ungleichmäßige Ablage
reich, bei der Lagerung und Ausbringung von Wirt-
des Harns und Kots der Weidetiere kann punktuell zu
schaftsdüngern (v.a. in der Güllewirtschaft) sowie bei
erheblichen gasförmigen N-Verlusten bzw. Nitrataus-
der Weidewirtschaft. Aus dem Harnstoff in den Tier-
waschungen führen (Beese, 1994).
fäkalien wird mikrobiell Ammonium (NH4+) gebildet,
das als Ammoniak gasförmig entweicht. Die restlichen
10 % der Ammoniakemissionen entstehen bei der
Be- und Entwässerung
Herstellung und Ausbringung mineralischer Stick-
stoffdünger (Kap. 2.4.1).
Die Wirkung von Be- und Entwässerung auf die
N2O -Freisetzung aus Mineralböden wird unterschied-
lich beschrieben. Drainierte organische Böden (An-
4.2.3.1 Reduzierung der Tierbestände/Bindung der
moore, Niedermoore) unter landwirtschaftlicher Nut-
Tierhaltung an die Fläche
zung zeigen fast immer extrem hohe N 2O -Emissions-
raten, die die N 2O -Freisetzung mineralischer Acker-
Da die Ammoniakemissionen nahezu ausschließlich
standorte um ein Vielfaches übersteigen. Im Gegen-
aus der Tierhaltung und hier v.a. aus der Güllewirt-
satz hierzu, sind naturnah belassene, wassergesättigte
schaft stammen, wäre eine Reduktion der Ammoni-
bzw. überstaute organische Böden, Hochmoore, sehr
akemissionen in erster Linie durch die Verringerung
geringe N2O -Quellen.
der Tierbestände und den Abbau der Konzentration in
Durch die Entwässerung und die damit verbundene der Tierhaltung zu erzielen. Die bereits zur Reduktion
Belüftung des Bodens setzt eine sehr intensive Stick- der Methanemissionen (Kap. 4.2.1.1, 4.2.1.2 und
stoffmineralisation ein, die den Bedarf der Pflanzen oft 4.2.1.4) bzw. der Distickstoffoxidemissionen (Kap.
bei weitem übersteigt. Dies führt zur Stickstoffauswa- 4.2.2.3) vorgeschlagenen Maßnahmen verringern
schung mit dem Drainagewasser und damit zur Stick daher gleichermaßen die Ammoniakemissionen. Wie
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
do rt bereits erwähnt, wäre die Reintegration von orientierte und ausgewogene Versorgung der einhei-
Tierhaltung und Pflanzenbau eine unerläßliche Vor- mischen Bevölkerung durch den Abbau der Eiweiß-
aussetzung für die Wiedereinführung einer tierartge- überversorgung in der Ernährung sowie die ausgewo-
rechten Festmistwirtschaft mit Stroheinstreu, die im gene Versorgung je zur Hälfte mit tierischem und
Vergleich zur Güllewirtschaft eine wesentlich gerin- pflanzlichem Eiweiß könnte die Tierbestände und die
gere Freisetzung von Ammoniak, aber auch von damit verbundenen Stickstoffbilanzüberschüsse so-
Methan aufweist (Isermann, 1994). wie die Ammoniakemissionen national um 40 bis 50 %
reduzieren (Isermann, 1994). Die Rückführung der
Zur Emissionsminderung sowie zur Durchsetzung der
Eiweißüberversorgung könnte durch die Internalisie-
Flächenbindung der Tierhaltung wäre die Einführung
rung der externen Kosten der Tierproduktion und der
einer Abgabe/Besteuerung der Nährstoffüberschüsse
Nährstoffüberschüsse (Abwasserreinigung, Sied-
in Wirtschaftsdüngern, insbesondere der Gülleüber-
lungsabfälle), beispielsweise durch deren Anlastung
schüsse geeignet. In den Niederlanden wird derzeit
an die Tierhaltung bzw. die Fleischproduktion erfol-
eine Überschußabgabe eingeführt, die hier jedoch auf
gen.
den — über den gesetzlichen Standard hinaus —
anfallenden organischen Phosphor erhoben wird.
Diese Abgabe wird voraussichtlich ein Volumen von 4.2.3.2 Reduzierung der Ammoniakemissionen
43,5 Mio. Gulden haben und soll vorrangig in die je Produkteinheit
Gülleaufbereitung investiert werden. Über Gülleban-
Maßnahmen zur Verbesserung der Produktivität des
ken und -aufbereitungsanlagen soll eine regionale
Einzeltieres (Tierernährung, -züchtung, -medizin),
Umverteilung zwischen Regionen mit Gülleüber-
die bereits im Zusammenhang mit der Reduktion der
schüssen und solchen mit Bedarf an organischen
Methanemissionen (Kap. 4.2.1.3) dargestellt wurden,
Nährstoffen erreicht werden. Die Kosten der Güllever-
gelten vergleichbar auch für die Verringerung der
arbeitung werden für das Jahr 2000 auf etwa 800 Mio.
Ammoniakemissionen. Von besonderer Bedeutung ist
DM geschätzt und wären somit bei weitem nicht
hierbei die Tierfütterung. Eine bedarfsgerechte und
gedeckt. Daher wird in den Niederlanden u. a. die
ausgewogene Ernährung, die sowohl Über- als auch
Einführung einer Abgabe auf Ammoniakemissionen
Unterversorgung mit einzelnen Nährelementen, Mi-
aus der Tierhaltung erwogen (UBA, 1994).
neralstoffen, Vitaminen, Aminosäuren etc. vermeidet,
Um die Flächenbindung und einen Rückgang der verhindert entsprechende unproduktive Verluste und
Güllewirtschaft zu erzielen, wäre die Einführung überhöhte Stickstoffgehalte in den Tierfäkalien.
einer Gülleabgabe bei Überschreiten von 1,5 DE/ha Ebenso wie für die pflanzliche Ernährung gilt auch für
LN möglich. In Abhängigkeit von der eintretenden die tierische (und menschliche) Ernährung das Gesetz
Lenkungswirkung sollte diese Abgabe ggf. in den des Minimums (Kap. 3.1.1.1). Die Futterration ist
Folgejahren weiter ansteigen. Ein Teil der Einnahmen daher in ihrer Zusammensetzung, Menge und Quali-
aus der Abgabe sollte kurzfristig für den Abbau der tät dem jeweiligen Bedarf der Tiere im Verlauf der
regionalen Überschüsse (regionale Umverteilung Mast (z. B. Zwei- bzw. Mehrphasenfütterung) bzw.
durch Güllebanken), für die Gülleaufbereitung und entsprechend der Einzeltierleistung (z. B. Tages-
-vergasung (Biogas) bzw. für die Verbesserung der milchleistung, Tageszunahme, Laktationsdauer) an-
Ausbringungstechnik eingesetzt werden. Der über- zupassen. In Bezug auf die Stickstoff- bzw. Eiweißzu-
-
wiegende Teil der Einnahmen sollte jedoch zur Finan- fuhr ist vor allem auf ein optimale Versorgung mit den
zierung einer Umstellung auf Festmisthaltungssy- ,notwenigen essentiellen Aminosäuren zu achten.
steme verwandt werden. Durch den gezielten Einsatz limitierender essentieller
Aminosäuren (ggf. durch die Zufütterung geschützter
Die Eiweißversorgung der Bevölkerung liegt in
Proteine) ist eine generelle Herabsetzung des Rohpro-
Deutschland etwa doppelt so hoch wie der Bedarf,
teingehaltes der Futterrationen und damit zugleich
wobei die Versorgung bereits zu zwei Dritteln durch
des Reststickstoffgehaltes in den Tierfäkalien mög-
tierisches und nur zu einem Drittel durch pflanzliches
lich. Analog sind vergleichbare Schritte (Futterkom-
Eiweiß erfolgt. Diese Eiweißüberversorgung verur-
ponenten mit hoher Phosphorverdaulichkeit; Zugabe
sacht im Bereich der Tierhaltung erhebliche Emissio-
mikrobieller Phytase im Futter) auch für die Optimie-
nen. Aber auch die der menschlichen Ernährung
rung der Phosphor-Versorgung der Tiere möglich.
nachgelagerten Bereiche (Abwasserreinigung, Sied-
Phosphate sind neben Ammoniak und anderen N
lungsabfälle) sind aufgrund des Eiweiß- und Stick-
Verbindungen maßgeblich an der Eutrophierung von
stoffüberschusses zu erheblichen Stickstoff-Emis-
Oberflächengewässern und anderen Okosystemen
sionsquellen geworden.
beteiligt. Zahlreiche Untersuchungen haben eine
Der Verzehr an Fett liegt etwa 80 % über dem Bedarf. Reduzierung der N- und P-Ausscheidungen von bis zu
Dies hat zur Folge, daß fast die Hälfte aller Deutschen 50 % infolge der beschriebenen Fütterungsmaßnah-
an Übergewicht und mehr als 10 % an Fettsucht men festgestellt (Spiekers, 1992; Pessara u. a., 1992;
leiden. Der vom Bundeslandwirtschaftsministerium Van Vuuven u. Meijs, 1987, In: Isermann, 1994;
mitherausgegebene Ernährungsbericht 1992 weist Spiekers, 1993; Schwarz, 1993, Beide in: Nischwitz,
darauf hin, daß zunehmender Fleischkonsum das 1994) .
Risiko von Darm- und Bauchspeicheldrüsenkrebs,
Gicht und Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems 4.2.3.3 Gewinnung, Lagerung, Aufbereitung und
erhöht. Auch eine nationale Verzehrsstudie (BMFT Ausbringung von Wirtschaftsdüngern
1991, In Isermann, 1994) kommt zu dem Ergebnis, daß
die Deutschen zu viel, zu fett und zu eiweißreich, Jeweils 15 % der Ammoniakemissionen entstehen im
insbesondere aber zu viel Fleisch essen. Eine bedarfs Stallbereich bzw. bei der Lagerung des Flüssig- und
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

Festmistes. Weitere 25 % entgasen beim Weidegang emissionen in Abhängigkeit von Lagerungstempera-


der Tiere. 35 % der Verluste entstehen bei der tur und Durchlüftung mehr oder weniger deutlich an
Ausbringung der Wirtschaftsdünger, insbesondere und sind mit gasförmigen NH3-Stickstoffverlusten in
der Gülle (Döhler, 1991 b). Höhe von 10 bis 50 % des Gesamtstickstoffgehaltes
mit den Verlusten bzw. Emissionen der Güllelagerung
vergleichbar. Durch erhöhten Strohzusatz und damit
Stallbereich ein höheres C:N-Verhältnis oder eine dichte Lage-
rung (z. B. als Stapelmist auf einer von Mauern
Ammoniak hat einen hohen Dampfdruck. Je länger umgebenen Mistplatte) können die gasförmigen N-
die harnstoff- bzw. ammoniumhaltigen Fäkalien der Verluste beträchtlich vermindert werden (Isermann,
Luft ausgesetzt sind bzw. je größer die Oberfläche mit 1994).
Luftkontakt ist und je höher die Umgebungstempera-
Die Ammoniakemissionen aus offenen Güllebehäl
tur ist, desto mehr Ammoniak entweicht in die Luft.
tern werden von verschiedenen Faktoren beeinflußt:
Beim Flüssigmist treten die höchsten Emissionen auf,
v.a. abhängig von der Stalltemperatur, dem Quer- — Lagerungsdauer der Gülle;
schnitt der Güllekanäle und der allgemeinen Stallhy-
— Verhältnis von Volumen zu Oberfläche (Luftkon
giene (Nachspülen mit Wasser). Beim Rottemist sind
takt);
die Emissionen etwas geringer und hängen hier vor
allem vom Strohzusatz ab. Je mehr trockenes Stroh - Temperatur- und Windverhältnisse;
zugesetzt wird, desto höher sind die NH 3 -Emissionen.
— Ammonium- und Trockensubstanzgehalte der
Die geringsten Emissionen entstehen bei der Tiefstall-
Gülle;
mistwirtschaft (Kaltmist), da hier der Mist feucht und
fest gelagert wird. Hier bestätigt sich die alte Lehrmei- — Art der Gülle (Schwimmschichtbildung).
nung: „Halt' ihn feucht und tritt ihn feste, das ist für
den Mist das Allerbeste" (Kempkens, 1991; Isermann, Flüssigmist sollte daher möglichst kurz, kühl, aber
1994). Die Unterschiede zwischen den verschiedenen darüber hinaus unbedingt abgedeckt gelagert wer-
Aufstallungsverfahren bezüglich der Höhe der Am- den. Gülle sollte nicht gerührt oder belüftet werden,
moniak-Emissionen im Stallbereich sind jedoch nicht da dies die Stickstoffverluste durch Ammoniakemis-
so gravierend wie im Bereich der Lagerung und sionen drastisch erhöht. Statt dessen sollte Gülle —
Ausbringung. Die Ammoniakemissionen aus der soweit von der Lagerkapazität her möglich — mit
Hühnerhaltung sind besonders hoch, da die Tiere ein Wasser verdünnt werden. Daneben kann die pH-
Kot-Harn-Gemisch mit hohen Ammoniumgehalten Wert-abhängige Ammoniakbildung (Kap. 2.4.1)
ausscheiden. Die hohen Emissionen, insbesondere durch die Ansäuerung der Gülle mit Salpetersäure
aus der nicht tiergerechten Käfighaltung, können verringert werden.
durch möglichst raschen bzw. kontinuierlichen
Bei Rinder- und Hühnergülle bilden sich aus zellulo-
Abtransport der Fäkalien und deren Trocknung oder
sereichen Verdauungsresten natürliche Schwimm-
Verflüssigung (Aufschwemmen in Wasser) sehr deut-
schichten aus. Bereits die Ausbildung dieser
lich reduziert werden. Anzustreben ist aber auch hier
Schwimmdecke ggf. verstärkt durch die Zugabe von -
eine Umstellung auf emissionsarme und tiergerechte
Stroh (4 bis 5 kg Stroh pro m 2 Gülleoberfläche) oder
Haltungssysteme.
Rinder- und Schweinefestmist reduziert die Ammo-
Das Ausmaß der Ammoniakausgasung im Stallbe- niakemissionen deutlich. Daneben gibt es weitere
reich hängt wesentlich von der Luftgeschwindigkeit Möglichkeiten durch die Zugabe von Blähton- oder
und -temperatur ab. Im Stallbau, insbesondere für die Styroporkugeln oder das Abdecken mit Hartschaum
Schweinehaltung, sollte man daher auf Systeme platten, Schwimmfolien und — bei höherem Kapital-
zurückgreifen, bei denen sowohl die Zulufttempera- bedarf — mit Zeltdächern oder Betonplatten. Durch
tur als auch die Luftgeschwindigkeit niedrig gehalten eine Abdeckung können die Emissionen während der
werden kann. Des weiteren lassen sich die Emissionen Lagerung um 70 bis 90 % reduziert werden (Döhler,
aus dem Stallbereich durch eine Stalluftreinigung mit 1992).
Biofiltern und Biowäschern reduzieren, was jedoch
hohe Investitionen erfordert.
Ausbringung

Lagerung Die wirksamsten Sofortmaßnahmen zur Reduzierung


der Ammoniakemissionen sind durch die Abdeckung
Festmist sollte generell kühl und feucht gelagert der Güllebehälter sowie während und nach der Aus-
werden. Diese Bedingungen sind am ehesten bei der bringung der Gülle zu erreichen. Bei extremen Wet-
Lagerung des Tiefstallmistes im Stall gegeben. Bei terlagen können nach der Ausbringung 80 bis 90 %
Tiefstallmistwirtschaft erfolgt die Gewinnung und des in der Gülle enthaltenen Ammoniums verdamp-
Lagerung am gleichen Ort, im Stall. Daher müssen die fen (Döhler, 1991 a u. b). Dabei kommt der Gülleart
Emissionen im Tiefstall verglichen werden mit den und der Lufttemperatur die größte Bedeutung zu.
Emissionen aus der Rottemist- bzw. Flüssigmistge- Rindergülle ist im Vergleich zur Schweinegülle relativ
winnung im Stall zuzüglich der Emissionen bei der zähflüssig und dringt daher weniger schnell in den
Lagerung (Dunglege, Güllebehälter). Wird der Fest- Bestand (bzw. die Stoppeln) oder den Boden ein. Da
mist als Rottemist (Heißmist) außerhalb des Stalles sich NH 3 leicht in Wasser löst, sollte Gülle (v.a.
gelagert oder kompostiert, steigen die Ammoniak Rindergülle) ggf. mit Wasser verdünnt bei kühler,
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
Tabelle 4.4
Ammoniakverluste bei verschiedenen Ausbringungstechniken von Gülle auf Grünland
(nach IMAG/NMI, 1989/1991, In: Krebbers, 1992)

Güllegabe NH3 -Verluste Verminderung der Verluste


Ausbringungstechnik
(m /ha) (in % ) (in A)

Breitverteilung 15 60 (20-100)
Verregnung verdünnter Gülle
(Gülle/Wasser-Verh. 1:3) 15 8— 34 44— 85
Gülleeinarbeitung 40 0— 5 95-100
Narbeneinarbeitung 20 0— 5 95-100
Narbendüngung 20 2— 15 84— 91
Schleppfußsystem 10-15 13— 27 33— 77

feuchter Witterung (nach leichtem Regen), Windstille zeitige Besteuerung/Abgabe sowohl des minerali-
und auf feuchten Boden ausgebracht werden. (Kap. schen Stickstoffs als auch der Importfuttermittel und
2.4.1; Abb. 2.25). der Wirtschaftsdüngerüberschüsse angegangen wer-
den.
Auf unbewachsenen Böden bzw. Stoppel/Stroh sollte
die Einarbeitung parallel zur bzw. sofort nach der
Ausbringung erfolgen, da die Ausgasungsverluste zu 4.2.3.4 Herstellung und Ausbringung von
Beginn am höchsten sind. In einem Planzenbestand stickstoffhaltigen Mineraldüngern
sollte die Ausbringung durch Schleppschläuche, auf
Grünland durch Bodeninjektion (Gülleeinarbeitung, Die Emissionen bei der Herstellung sind sehr gering,
Narbeneinarbeitung, Narbendüngung oder Schlepp- die Anwendung trägt hingegen in Deutschland mit
fußsystem) erfolgen. Die bisherigen Breitverteilungs- 10 %, weltweit mit etwa 15 % zu den anthropogenen
systeme sollten wegen der sehr hohen Emissionen Ammoniakemissionen bei. Zur Reduzierung dieser
generell nicht mehr eingesetzt werden (Tab. 4.4). Emissionen ergeben sich folgende Optionen (Iser-
mann, 1994):
Die Ammoniakausgasung beim Weidegang ist prak-
tisch nicht zu beeinflussen, es sei denn durch aus- — Keine Anwendung alkalisch wirkender Stickstoff-
schließliche Stallhaltung. dünger bzw. Ammoniumdünger (z. B. Harnstoff,
Die Anwendung emissionsarmer (und zugleich tier Diammonphosphat, AHL, Ammoniumsulfat, Kalk-
artgerechter) Stallhaltungssysteme sowie Lagerungs- stickstoff), insbesondere mit Zusatz von Nitrifika-
tionshemmstoffen auf Böden mit -
und Ausbringungstechniken für Wirtschaftsdünger
sollten in bestehende Verordnungen und Gesetze — hohem pH-Wert (>7,0)
(Dünge-Verordnung, Gülle-Verordnungen, Kreis-
laufwirtschaftsgesetz etc.) integ riert und damit recht- — hohem Anteil an freiem Kalk
lich verbindlich vorgeschrieben werden. Beim Ge- — geringem Nährstoffbindungsvermögen (v. a.
nehmigungsverfahren für den Bau/Umbau von Stal- niedriger Kationenaustauschkapazität bei ton-
lungen und bei Investitionsförderungen sollten die und humusarmen Sandböden).
genannten Maßnahmen ebenfalls berücksichtigt bzw.
gefördert werden. Durch eine Optimierung der — Bei Anwendung alkalisch wirkender Stickstoff-
Gewinnung, Lagerung und Ausbringung von Wirt- dünger bzw. Ammoniumdünger, insbesondere mit
schaftsdüngern lassen sich die Ammoniakemissionen Zusatz von Nitrifikationshemmstoffen sollte unver-
(sowie die Emissionen von anderen stickstoffhaltigen zügliche Einarbeitung erfolgen.
Spurengasen und von Methan) bereits mit vergleichs- — Bedarfsorientierte N-Düngung.
weise geringem Aufwand um mindestens 50 % sen-
ken. Die langfristige Ausnutzung des Wirtschaftsdün-
ger-Stickstoffs durch die Kulturpflanzen würde sich
4.2.4 Maßnahmen zur Reduzierung von
von derzeit höchstens 30 % auf etwa 60 % erhöhen.
Kohlendioxidemissionen (CO 2)
Die Ausbringung von Mineralstickstoffdüngern
könnte allein hierdurch um die Hälfte reduziert wer-
Die Landwirtschaft ist in vielfältiger Weise mit dem
den (Isermann, 1994). Wie bereits im Zusammenhang
Kohlenstoffkreislauf verbunden und dadurch an der
mit der Abgabe/Steuer auf mineralische Stickstoff-
Freisetzung bzw. Einbindung von Kohlendioxid betei-
dünger (Kap. 4.2.2.2) bzw. mit der Bindung der
ligt.
Tierhaltung an die Fläche (Kap. 4.2.2.3) angesprochen
wurde, wäre eine Reduzierung des überhöhten Stick- — Die kohlenstoffhaltige organische Substanz in den
stoffeintrages am ehesten durch die Kombination Böden stellt eine wesentliche Kohlenstoffsenke
verschiedener Maßnahmen zu erzielen. So sollten die dar, die u. a. durch die landwirtschaftliche Boden-
verschiedenen Eintragsursachen durch eine gleich- bearbeitung beeinflußt wird.
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— Bei der Herstellung und Verwendung aller Vorlei- Verkehrs- und Siedlungsflächen oder durch Schad-
stungen für die landwirtschaftliche Produktion, stoffe und Altlasten aus Industrie, Verkehr und Kom-
beim Bau von Maschinen, Anlagen und Stallungen munen. Die steigenden Bodenbelastungen und -schä-
und dem Einsatz von Geräten wird in der Land- den machen den gesetzlichen Schutz der begrenzten
wirtschaft Energie verbraucht, die im allgemeinen Ressource Boden notwendig. Ein Bundes-Boden-
durch die Verbrennung von fossilen Energieträ- schutzgesetz ist bereits seit Jahren in Vorbereitung.
gern mit entsprechender CO 2 -Freisetzung bereit- Der vorliegende Entwurf (vom 22. September 1993)
gestellt wird. hat einen Altlasten- und einen Bodenschutzteil, in
denen vor allem die Sanierung vorhandener Altlasten
— Zugleich ist die Landwirtschaft aber in der Lage,
(Dekontamination, Sicherung, Nutzungsbeschrän-
nachwachsende Rohstoffe und Energieträger be-
kungen) und der Schutz vor neuen Einträgen toxi-
reitzustellen. Durch deren Nutzung können fossile
scher Stoffe berücksichtigt wird. Der Entwurf bleibt
Rohstoffe und Energieträger ersetzt werden. Die
weit hinter der Bodenschutzkonzeption der Bundesre-
Menge an Kohlendioxid, die bei der Verbrennung
gierung von 1985 zurück, in der die ökologischen
von pflanzlicher Biomasse freigesetzt wird, wurde
Funktionen des Bodens vorrangiger Schutzgegen-
vorher von den Pflanzen mit Hilfe der Sonnenener-
stand waren.
gie (Photosynthese) in die Biomasse eingebun-
den. Das Bodenschutzgesetz soll nicht angewandt werden,
solange inhaltliche Regelungen anderer Gesetze oder
Verordnungen (z. B. Vorschriften des Abfallgesetzes
4.2.4.1 Bodenschutz und Humuswirtschaft über das Ausbringen von Abwasser, Klärschlamm,
Fäkalien, Jauche, Gülle, Stallmist oder ähnlichen
In Kapitel 2.3.3 wurde ausführlich dargestellt, wie die Stoffen und den hierzu ergangenen Rechtsverordnun-
Inkulturnahme und intensive Bearbeitung von Böden gen; Vorschriften des Dünge- und Pflanzenschutzmit-
zum Humusabbau führt. Beim Abbau von organischer telrechts) eingehalten sind. Des weiteren steht der
Substanz wird Kohlenstoff (v.a. als CO 2) an die Atmo- Schutz der Bodennutzung gleichrangig neben dem
sphäre abgegeben und die Stabilität des Bodengefü- Schutz der natürlichen Funktionen des Bodens.
ges verringert. Zusätzliche Bewirtschaftungs- und
Bearbeitungsfehler beschleunigen die Erosion der Mögliche Schäden durch die landwirtschaftliche
Bewi rt schaftung der Böden spielen hier nur eine
Böden. Das Bodenmaterial wird mit den enthaltenen
Nährstoffen oberflächlich abgeschwemmt oder ver- untergeordnete Rolle. So muß die Landwirtschaft zur
weht und u. a. in Oberflächengewässer eingetragen. Erfüllung ihrer Pflichten lediglich „nach guter fachli-
cher Praxis" wirtschaften und Bodenschädigungen
Da der Substanzverlust der Böden die Bodenneubil-
„so weit wie möglich" vermeiden, was aber auch hier
dung häufig übersteigt, degradieren die Böden bis
nicht näher präzisiert wird. Bodenbelastungen durch
keine weitere pflanzenbauliche Nutzung möglich
ist. Pflanzenschutzmittel, Düngemittel und organische
Abfälle klammert der Entwurf aus. Andererseits sind
Die Degradierung der Böden erfolgt in der Landwirt- Ausgleichszahlungen für Landwirte vorgesehen,
schaft auch durch wenn sie durch nicht von ihnen verschuldete Boden-
schäden (z. B. Schwermetallbelastung) Anbauein-
— die Versauerung durch Nährstoffeintrag und
schränkungen hinnehmen müssen 5). Ein Finanzie-
Deposition von Luftschadstoffen,
rungsmechanismus fehlt jedoch ebenso wie die
— den Eintrag von Schwermetallen und toxischen Berücksichtigung von Summations- und Distanzschä-
Stoffen durch Pestizide, überhöhte Düngung oder den (z. B. durch verkehrsbedingte Emissionen).
belastete Siedlungsabfälle,
Folgende Bodenschutzaspekte könnten zugunsten
— die Übernutzung bzw. Überweidung der Böden, einer nachhaltigen Bewi rt schaftung der Böden sowie
aus Gründen des Klima- und Umweltschutzes Ein-
— die Versalzung aufgrund unsachgemäßer Bewäs-
gang in das Bodenschutzgesetz, eine Erosionsschutz-
serung.
Verordnung oder in die entsprechenden Ausfüh-
Ein wichtiger Aspekt des Bodenschutzes ist der dau- rungsverordnungen der Länder finden (Burdick,
erhafte Schutz von Dauergrünlandflächen. In der 1994):
Vergangenheit kam es im Vorfeld von Stillegungs-
— Berücksichtigung diffuser Belastungen durch Ein-
und Extensivierungsprogrammen häufig zu einem
träge aus der Atmosphäre;
verstärkten Umbruch von Grünlandflächen, die
anschließend unter Mitnahme der Subventionen wie- — Reduzierung des Schadstoffeintrags in benach-
der stillgelegt oder begrünt wurden. Aufgrund der barte Ökosysteme (Böden/Grundwasser/Oberflä-
wesentlich höheren Humusgehalte in Grünlandböden chengewässer) durch Verringerung von Düngung
belastet der Umbruch den Naturhaushalt in zweierlei und Pflanzenschutzmitteleinsatz bzw. Auflagen
Hinsicht. Es kommt zu einem raschen und deutlichen zur emissionsarmen Ausbringung (in Abstimmung
Humusabbau mit entsprechender CO 2 -Freisetzung. mit entsprechenden Änderungen der/des Dünge-
Der Boden verliert an Stabilität und Nährstoffbin- verordnung (ehemals Düngemittelanwendungs-
dungsvermögen, so daß es zusätzlich zu teilweise Verordnung bzw. Gülle-Verordnungen), Wasser-
erheblichen Stickstoffverlagerungen (Nitratauswa-
schung ins Grundwasser) kommt. 5) Für mögliche Schäden durch die Anwendung von Klär-
schlämmen ist eine Entschädigungsregelung durch einen
Außerhalb der Landwirtschaft drohen den Böden Haftungsfonds seitens der Klärschlammproduzenten im
Gefahren durch die zunehmende Versiegelung mit Kreislaufwirtschaftsgesetz vorgesehen.
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
haushaltsgesetzes, Kreislaufwirtschaftsgesetz, Ab- Haber-Bosch-Synthese je Tonne Stickstoff 4 t CO 2 in
fallgesetzes etc.); die Atmosphäre. Die Landwirtschaft ist in Deutsch-
land zu etwa 4 % am Energieverbrauch bzw. an der
— Bewirtschaftungsauflagen zur Verbesserung der
entsprechenden CO 2 -Freisetzung aus fossilen Ener-
Bodenstruktur und der Wasser-/Nährstoffkapazi-
gieträgern beteiligt (Kap. 2.3.4). Es sind daher auch im
tät durch Zufuhr an organischer Substanz (Grün- Bereich der Landwirtschaft alle Möglichkeiten zur
düngung, Stallmistdüngung, Feldfutterbau), Kal Einsparung fossiler Energieträger zu ergreifen. Die
kung und Vermeidung von Bodenverdichtungen; Verbrauchssenkung könnte erfolgen durch:
— Verbot der ackerbaulichen Nutzung von Hängen
— eine Verbesserung des Wirkungsgrades (Heizung,
über 12 % Gefälle (Grünlandnutzung bzw. Verbot
Verkehr, Maschineneinsatz, Herstellung der Be-
des Grönlandumbruchs);
triebsmittel) und/oder
— Pflicht zu ganzjähriger Bodenbedeckung, Unter-
— den Verzicht auf bestimmte Leistungen/Betriebs-
saaten, Mulchsaat, Direktsaat, Minimalbodenbe-
mittel.
arbeitung, pfluglose Bodenbearbeitung, Zwi-
schenfruchtbau, Reduzierung bzw. Verbot des Durch verschiedene nationale und EU-Strukturpro-
Anbaus von Mais, Zuckerrüben und Hopfen sowie gramme (z. B. Investitionsbeihilfen im Rahmen der
Einschränkung der Unkrautbekämpfung in er- Gemeinschaftsaufgabe) bzw. spezifische Energie-
osionsgefährdeten Lagen, Pflicht zur Begrünung sparförderprogramme (JOULE, THERMIE, SAVE)
von steilen Hängen im Weinbau; werden bereits Investitionen in den effizienteren
Energieeinsatz, in die Energieeinsparung sowie in die
— Hanglinienparalleler Streifenanbau, Einsaat von
Nutzung regenerativer Energien gefördert. Hierunter
Getreideeinzelreihen oder Getreidestreifen in
fallen beispielsweise Maßnahmen wie der Ersatz
erosionsgefährdeten Kulturen; Vorgeschriebene
veralteter Heizungssysteme, verbesserte Wärmedäm-
Bearbeitungsrichtung am Hang quer zum Gefälle
mung an Gebäuden im landwirtschaftlichen Bereich
(bis zu einer Hangneigung von höchstens 12 Pro-
oder der Aufbau von Biogasanlagen. Diese Maßnah-
zent);
men könnten verstärkt gefördert werden.
— Verkleinerung der Schläge, Anlage bzw. Erhalt
von Stufenrainen und Ackerterrassen bei der Flur- Durch eine generelle Extensivierung der landwirt-
bereinigung; schaftlichen Produktionsweise wäre vermutlich die
deutlichste Reduzierung des Energieeinsatzes in der
— Bearbeitungsrichtung quer zur Hauptwindrich- Landwirtschaft zu erreichen. Die verschiedenen Maß-
tung; nahmen zur Verringerung bzw. zum Verzicht des
— Aussaat und Anpflanzung von Grasstreifen und Betriebsmitteleinsatzes und zur Reduzierung der Pro-
Hecken als Windschutzstreifen alle 200 bis 300 m duktions- bzw. Bearbeitungsintensität wurden bereits
quer zur Hauptwindrichtung. ausführlich dargestellt. Im Falle einer flächendecken-
den Extensivierung durch weitgehende Reduzierung
Durch geeignete Bewirtschaftungsmaßnahmen wird des Mineraldünger- und Pflanzenschutzmitteleinsat-
die Bodenfruchtbarkeit dauerhaft erhalten. Zugleich zes und der Futtermittelimporte wäre die oben
kann die organische Substanz bzw. der Humusgehalt genannte CO 2 -Freisetzung aus der Landwirtschaft,
der Böden deutlich erhöht und dadurch zusätzliches selbst unter der Annahme eines erhöhten Aufwandes
Kohlendioxid aus der Atmosphäre dauerhaft in Böden für mechanische Pflegemaßnahmen, auch nach vor-
gebunden werden. Diese Möglichkeit ist zwar eindeu- sichtiger Schätzung um mindestens ein Drittel gerin-
tig gegeben, darf jedoch nicht überbewertet werden. ger (Smukalski u. a., 1992). Legt man die Ergebnisse
Die Erhaltung und Förderung möglichst hoher der aktuellen Studie von Haas und Köpke (1994)
Humusgehalte in den Böden ist weniger aus Klima- zugrunde, die im Auftrag der Enquete-Kommission
schutzgründen, als vielmehr wegen der zentralen erstellt wurde, so liegt der Energieverbrauch und
Bedeutung des Humus für die Bodenfruchtbarkeit, die damit die CO 2 -Emissionen je Flächeneinheit bei der
Bodenstabilität und das Nährstoff- und Wasserbin- Bewirtschaftung nach den Regeln des ökologischen
dungsvermögen der Böden anzustreben. Maßnah- Landbaus (6,6 GJ/ha bzw. 0,54 t CO 2/ha) sogar um
men, die auf eine reduzierte Bodenbearbeitung zie- zwei Drittel unter dem Energieverbrauch bzw. den
len, führen sowohl zu einer Stabilisierung des Boden CO2 -Emissionen bei konventioneller Bewirtschaftung
humusgehaltes als auch zu niedrigerem Treibstoffver- (19,4 GJ/ha bzw. 1,4 t CO 2/ha). Die Erträge des
brauch in der Landwirtschaft. ökologischen Landbaus liegen dabei im Mittel nur um
- 10 bis 30 % unter denen der konventionellen Wirt-
schaftsweise (Kap. 2.3.4) (Haas u. Köpke, 1994).
4.2.4.2 Senkung des Energieverbrauchs
in der Landwirtschaft In diesem Zusammenhang ist auch der Abbau/Umbau
der Subventionierung des Treibstoffeinsatzes im
Die Landwirtschaft verbraucht in wachsendem Maße Bereich der Landwirtschaft zu erwägen. Hierzu zäh-
fossile Energieträger direkt als Treibstoffe oder zur len vor allem die Gasölverbilligung (Subventionie-
Heizung und indirekt durch den Energieverbrauch rung des Dieseltreibstoffs) und die Steuerbefreiung
bei der Herstellung und Bereitstellung der Betriebs- landwirtschaftlicher Nutzfahrzeuge. Durch eine Steu-
mittel (Dünge- und Pflanzenschutzmittel, Futtermit- erbefreiung für Kraftstoffe aus nachwachsenden Roh-
telimport, Maschinen, Gebäude etc.). Beispielsweise stoffen und/oder eine entsprechende Umwidmung
gelangen bei der besonders energieintensiven Her- der Gasölverbilligung könnte der Treibstoffeinsatz in
stellung von mineralischen Stickstoffdüngern in der der Landwirtschaft u.U. weitgehend auf nachwach-
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sende Basis umgestellt werden. Im Jahr 1992 beliefen Rest- und Abfallstoffe, Leckagen etc. aus der Herstel-
sich die nationalen Ausgaben für die Gasölverbilli- lung und Anwendung nachwachsender Rohstoffe und
gung auf 877 Mio. DM und die steuerlichen Minder- Energieträger belasten den Naturhaushalt im Allge-
einnahmen aufgrund der Kfz-Steuerbefreiung auf meinen weit weniger. Zudem gibt es positive Wirkun-
etwa 680 Mio. DM. Im Hinblick auf den gemeinsamen gen (Fruchtfolgeauflockerung, Landschaftsbild, Ein-
Binnenmarkt wäre auch eine Harmonisierung des kommenssicherung etc.) durch die Einführung neuer
Steuersatzes für Dieselkraftstoff (Tab. 4.5) wün- Kulturarten, die als nachwachsende Rohstoffe und
schenswert, wobei dieser zur Internalisierung der Energieträger dienen. Hier bieten sich der Landwirt-
externen Kosten des Kraftstoffverbrauchs auf einem schaft mehrere Optionen (Schoedder, In: Sauerbeck u.
höherem Niveau liegen sollte (UBA, 1993). Brunnert, 1990):
— Anbau von Rohstoffpflanzen, deren komplexe
Tabelle 4.5 organische Wertstoffe bisher energieaufwendig
synthetisierte fossile Rohstoffe ersetzen können;
Einkaufspreise der Landwirtschaft
— direkte energetische Verwertung organischer
für Dieselkraftstoff in den
Reststoffe aus der Land- und Forstwirtschaft (Ver-
EU-Mitgliedstaaten (UBA, 1993)
brennung von Stroh und Abfallholz);

Preis in DM/Hektoliter — energetische Verwertung organischer Reststoffe


Land
(1991) der pflanzlichen und tierischen Produktion nach
Konversion (Biogas aus pflanzlichen Rest- und
Belgien 37,74 Abfallstoffen, Tierexkrementen und biogenen
Dänemark 46,42 Siedlungsabfällen);
Deutschland 53,72 — gezielter Anbau nachwachsender Energieträger
Griechenland 71,04
— zur direkten Verbrennung;
Frankreich 66,17
— zur Biogassynthese;
Italien 48,48
Luxemburg 44,97 — zur Gewinnung von Kraftstoffen (Pflanzenöl,
Ethanol, Methanol, Rapsmethylesther).
Niederlande 54,36
Großbritannien 52,08 Grundsätzlich unterscheidet sich der Anbau nach-
wachsender Rohstoffe und Energieträger nicht vom
Anbau anderer landwirtschaftlicher Kulturpflanzen.
Die Bewertung von nachwachsenden Rohstoffen
Erhebliche Energiesparpotentiale ergeben sich auch erfordert aber eine differenzierte Betrachtung und
durch Veränderungen in den Ernährungsgewohnhei- Abwägung ihrer Wirtschaftlichkeit und ihres Subven-
ten, insbesondere durch den Rückgang des teilweise tionsbedarfs, der Energiebilanzen und CO 2 -Minde-
überhöhten Fleischkonsums sowie durch die Berück- rungspotentiale und -kosten sowie weiterer Umwelt-
sichtigung der saisonalen und regionalen Produk- und Klimawirkungen. Daneben sind die mittel- und
tionsmöglichkeiten und den Verzicht auf extrem ener- längerfristigen Marktperspektiven und Flächenpo-
gieintensive Anbauverfahren (Gewächshausanbau) tentiale von Bedeutung.
oder weite Transportwege. Der Abschlußbericht der
Enquete-Kommission „Schutz der Erdatmosphäre",
der im Spätsommer/Herbst 1994 erscheinen wird,
Nachwachsende Rohstoffe
wird in einem Kapitel zum Thema Landwirtschaft und
Ernährung auf die Einsparpotentiale im Ernährungs-
Derzeit werden in Deutschland (ABL+NBL) auf etwa
sektor näher eingehen.
210 000 ha LF nachwachsende Rohstoffe angebaut.
1990 wurden in Deutschland 440 000 t pflanzliche Öle
und Fette industriell weiterverarbeitet, vor allem für
4.2.4.3 Anbau nachwachsender Rohstoffe und
die Produktion von Waschrohstoffen. Aufgrund von
Energieträger
spezifischen Anforderungen (Länge der Fettsäureket-
ten) und von Preisvorteilen wurden 80 bis 90 %
Nachwachsende Rohstoffe und Energieträger können
importiert, v.a. Palmöl, Palmkernöl und Kokosöl. Die
einen positiven Beitrag auf dem Weg hin zu einer
züchterische Veränderung des Fettsäuregehaltes und
nachhaltigen Wirtschaftsweise leisten. Aus nach-
-musters in hiesigen Kulturpflanzen könnte in Verbin-
wachsenden Rohstoffen hergestellte Produkte und
dung mit der anschließenden chemischen Verände-
nachwachsende Energieträger ersetzen nicht-erneu-
rung der Substanzen neue Marktpotentiale erschlie-
erbare und damit nur begrenzt verfügbare fossile
ßen (Wintzer u. a., 1992).
Rohstoffe und Energieträger. Angesichts der Über-
schüsse auf dem Agrarmarkt wäre es mit dem Ziel der Von besonderem Interesse ist die technische Verwen-
Nachhaltigkeit weit eher zu vereinbaren, bei extensi- dung pflanzlicher Ole für Schmierstoffe und als
ver Bewirtschaftung nachwachsende Rohstoffe und Hydraulikflüssigkeiten, v.a. in umweltsensiblen Be-
Energieträger anzubauen als weiterhin intensiv Nah- reichen (z. B. Kettensägenschmierung, Treib- und
rungsmittelüberschüsse zu produzieren, die energie- Schmierstoffe für Bootsmotoren). Hierdurch könnten
aufwendig gelagert werden, den Weltmarkt belasten in Deutschland mittelfristig 80 000 bis 240 000 t Rapsöl
oder am Ende gar vernichtet werden. pro Jahr abgesetzt werden. Die Verwendung fossiler
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
Tabelle 4.6

Mittelfristiges Verwendungspotential und Flächenbindung für nachwachsende Rohstoffe


zur chemisch-technischen Verwendung in Deutschland (Wintzer u. a., 1992)

Verwendungspotential 2005 (in 1 000 t)


Flächenbindung 2005
inländisch (in 1 000 ha)
insgesamt
angebaut

Stärke 900-1 700 900-1 700 180-340


Pflanzliche Öle 725— 910 275— 610 190-420
— technische Verwendung 80— 240 80— 240 50-150
— Oleochemie 615— 620 165— 320 100-200
— (erucasäurereiches Öl) (15— 20) (15— 20) (10)
— Leinöl 30— 50 30— 50 40— 70
Zucker 60— 100 60— 100 7— 12
Pflanzenfasern (Flachs) 85— 120 40— 60 20— 30
Arznei-/Gewürzpflanzen 10— 15
Lignocelluloseträger
1 000-7 000 1 ) —1)
(zusätzlicher Bedarf)

Summe Flächenbedarf 2 )
— bei intensiver Produktion 410-820
— bei extensiver Produktion 3 ) 480-960

1) Kann vermutlich überwiegend über die zusätzliche Nutzung von Industrierestholz und Waldrestholz gedeckt werden.
2) Derzeit werden in der BRD (inkl. NBL) bereits rd. 210 000 ha LF für den Anbau von Nachwachsenden Rohstoffen genutzt.
3) Ausgehend von eigenen Schätzungen wurde ein durchschnittlicher Ertragsrückgang von rd. 15 % und somit ein entsprechend
höherer Flächenbedarf unterstellt.

Rohstoffe und die mit dem Abbau bzw. der thermi- energieintensiven Verarbeitung der nachwachsen-
schen Entsorgung des Altöls verbundene CO 2 -Frei- den Rohstoffe berücksichtigt werden, zum anderen ist
setzung könnten entsprechend verringert werden. kompostierbare Biomasse im Überschuß vorhanden,
Pflanzliche Öle sind zudem besser biologisch abbau- so daß die Verwertung bereits ein Problem darstellt.
bar (geringere Boden- und Gewässerbelastung bei Es ist daher nicht sinnvoll, Massenkunststoffe durch
Leckagen, Verlustschmierung etc.). Zur Erschließung biologisch abbaubare zu ersetzen (Wintzer u. a.,
dieses Substitutionspotentials sollten die Kosten- und 1992). Der Einsatz sollte sich auf bestimmte Nischen
Wettbewerbsnachteile gegenüber fossilen Mineralöl- beschränken, die nach dem Einsatz von Mehrwegver-
produkten durch deren finanzielle Belastung, durch packungen und der Recyclierung sortenreiner Kunst-
die finanzielle Honorierung der Umweltvorteile nach- stoffverpackungen noch verbleiben.
wachsender Produkte und/oder durch entsprechende
Verwendungsgebote und -verbote gefördert bzw. Auf den Einsatz von Holz als nachwachsenden Roh-
erreicht werden (Wintzer u. a., 1992). stoff geht Kap. 7.4.2 (Abschnitt C) näher ein. Das
mittelfristige Verwendungspotential und die entspre-
Ein anderer wichtiger nachwachsender Rohstoff ist chende Flächenbindung nachwachsender Rohstoffe
die Stärke. 1990 wurden in Deutschland 530 000 t gehen aus Tab. 4.6 hervor.
Stärke und Folgeprodukte im chemisch-technischen
Bereich eingesetzt. Der wichtigste Verwendungsbe-
reich (350 000 t/Jahr) ist die Papier- und Pappeherstel-
lung. Mittelfristig kann für diesen Bereich von einem Nachwachsende Energieträger
Bedarf von 500 000 bis 700 000 t ausgegangen wer-
den. Neue Absatzchancen für Stärke eröffnen sich Derzeit trägt Biomasse weltweit mit 15 bis 20 % zur
durch die Herstellung biologisch abbaubarer Kunst- Primärenergieversorgung bei. In den Industrielän-
und Verpackungsstoffe. Der Vorteil der biologischen dern liegt der Anteil bei durchschnittlich 3 % (USA
Abbaubarkeit ist jedoch nur dann überzeugend, wenn 4 %, Schweden, 9 %, Österreich 15 %), in den Entwick-
eine Recyclierung oder eine thermische Nutzung lungsländern bei durchschnittlich 38 % — in Einzel-
bisheriger fossiler Produkte nicht oder nur unter fällen bis über 90 %. Der Anteil in Deutschland liegt
hohem Aufwand möglich ist. Zum einen müssen die bei nur 1 %, vorwiegend aus der Müll- und Klär-
ökologischen Belastungen aus dem Anbau und der schlammverbrennung (IMA-NR, 1993). Eine frühere
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

Tabelle 4.7

Vergleich des Einsatzes von Rapsöl und Miscanthus als Energieträger (Wintzer u. a., 1992)

Rapsöl Miscanthus
(als Kraftstoff oder als Heizöl) (Pellets in 25 MW e -HKW-Anlage)

Gegenwart 2005 1 ) Gegenwart 2005 1 )

Energieertrag (H u) [MWh/ha] 10 — 14 14— 20 65-120 75-155


Prozeßenergiebedarf [% von H u ] 32 — 44 21 — 29 11 — 17 10 — 16
Netto CO 2 -Entlastung [t CO2/ha] 1,7— 2,7 3— 4 23— 43 29— 49
Schwellenpreis für Heizöl 2 ) . . [DM/MWh] 120 — 0 85-145 75 —100 54 — 78
Subventionsbedarf 2 ) 3 ) [DM/MWh] 50 — 0 25— 75 55— 85 10— 40
CO 2 -Minderungskosten 2 ) 3 ) .. [DM/t CO 2 ] 350 —450 185-285 150-240 30-120

Anmerkung: 1 MWh entspricht dem Heizwert (Hu) von 100 1 Heizöl


1) Projektionen unter Veranschlagung technischer Fortschritte und mäßiger Energiepreissteigerungen von 20 $ auf 30 $/barrel
Rohöl
2) HKW-Stromerlöse sind aus Importkohlepreisen (Gegenwart: 122,— DM/t SKE; 2005: 195,— DM/t SKE) abgeleitet; entfallene
EG-Marktordnungskosten wurden verrechnet (Gegenwart: 1500,— DM/ha; 2005: 1000,— DM/ha)
3) Ohne Veranschlagung von Steuern (MWSt, Energiesteuern) oder sonstigen Abgaben auf fossile Energieträger

Initiative der Enquete-Kommission „Schutz der Erdat- Aufwand) ohnehin höchstens ein bis wenige Prozent
mosphäre" zur verstärkten thermischen Nutzung von der fossilen Treibstoffe durch Rapsmethylesther
Biomasse wurde von der Bundesregierung positiv ersetzt werden. Das Treibhausgaspotential könnte
aufgenommen. bestenfalls um wenige Promille gesenkt werden.
Wesentlich günstiger wäre dagegen die Weiterent-
Mögliche CO 2 -Einsparpotentiale sind differenziert zu wicklung und Einführung von Motoren für landwirt-
betrachten. Die Nutzung nachwachsender Energie- schaftliche Maschinen und Traktoren, die direkt
träger führt nicht zu einem vollständig geschlossenen unverestertes Rapsöl nutzen können. Das Rapsöl
CO2 -Kreislauf, da bei festen Energieträgern (Stroh, könnte in kleinen dezentralen, überbetrieblich zu
Holz) 5 bis 15 %, bei flüssigen Energieträgern (z. B. nutzenden Anlagen gewonnen werden. Die Land-
Rapsöl) bereits 30 bis 50 %, bei einer aufwendigen wirte könnten „ihren Treibstoff auf dem eigenen
Nachbehandlung (Ethanol, Methanol, Rapsmethyl- Acker erzeugen".
esther) sogar noch höhere Anteile des Gesamtener-
gieertrages des Erntegutes bzw. Energieträgers als Wirtschaftlich und ökologisch sinnvoll ist unter derzei-
Fremdenergie in Form von Betriebsmitteln für die tigen Rahmenbedingungen nur die direkte Verbren-
Produktion und Weiterverarbeitung eingesetzt wer- nung fester Energieträger, insbesondere ohnehin vor--
den müssen (Wintzer u. a., 1992). Dies zeigt beispiel- handener Rest- und Abfallstoffe (Stroh, Schwach-
haft der folgende Vergleich zwischen Rapsöl und bzw. Abfallholz etc.). Deren vergleichsweise geringe
Chinaschilf (Miscanthus). Wenn auch die CO 2 -Bilanz Energiedichte erfordert jedoch eine raumintensive
im Allgemeinen positiv ist, kann dieser Vorteil je nach Vorratshaltung oder eine kontinuierliche Nachliefe
Anbauintensität durch die zusätzliche Freisetzung rung. Der Transport darf dabei nur kleinräumig erfol-
u. a. von N2O -Emissionen als Folge der Stickstoffdün- gen, da sich sonst die Energiebilanz drastisch ver-
gung teilweise oder vollständig kompensiert wer- schlechtert. Die Verwertung erfolgt am sinnvollsten in
den. kleinen bis mittleren dezentralen Blockheizkraftwer-
ken im ländlichen Raum. Die Holzverfeuerung wird
Die Energiebilanz verschlechtert sich mit steigendem derzeit in Deutschland in mehreren Kleinanlagen (im
Aufwand für die Produktion bzw. den Anbau und die Hausbereich bzw. in holzverarbeitenden Betrieben)
nachfolgende Weiterverarbeitung sowie den Trans- sowie in acht größeren Kraftwerken mit einer Gesamt-
port. Dieser Aufwand ist bei der Herstellung von leistung von 75 MW durchgeführt. In Österreich gibt
Ethanol aus Zuckerrüben, Methanol aus stärkehalti- es z.Zt. 360 Anlagen im Megawatt-Bereich — in der
gen Pflanzen oder Rapsmethylester (RME) als Treib- Regel mit Hackschnitzelverfeuerung — mit einer
stoff besonders hoch, so daß deren Anbau, Herstellung Gesamtleistung von 1400 MW (IMA-NR, 1993). Im
und Verwendung weder ökonomisch noch ökologisch Bereich der Strohverfeuerung gibt es in Deutschland
tragbar sind. Die notwendigerweise hohe Subventio- einige Anlagen im KW-Bereich. In Thüringen wurde
nierung des Anbaus und der Verwendung dieser 1993 eine Anlage mit 3,15 MW in Betrieb genommen.
nachwachsenden Energieträger erscheint daher nicht In Dänemark dagegen gibt es mehr als 50 Anlagen mit
sinnvoll. Die Bereitstellungskosten liegen derzeit bei Strohverfeuerung im MW-Bereich. Ein wichtiger
etwa 2,— DM/1 RME bzw. 0,40 DM/1 Diesel (vor Grund hierfür ist der wesentlich höhere Heizölpreis in
Steuern). Selbst bei erheblicher — ökologisch Dänemark, der seit der zweiten Ölkrise zu Beginn der
bedenklicher — Erweiterung der Raps-Anbauflächen achtziger Jahre auf über einer DM je Liter gehalten
in Deutschland könnten (mit hohem logistischem wurde.
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
Tabelle 4.8

Vorschlag zu den Umsetzungsstrategien entweder als Brennstoffe


oder umgewandelt zu Biogas in relativ kleinen Heizkraftwerken

Potentiale in PJ
Material
e rw artet erwartet
Nutzart techn. 1990 genutzt
bis 2005 bis 2050

Holz-Abfälle Verbrennung 100 1 40 60


Überschuß-Stroh Verbrennung 100 1 20 100
Müll Verbrennung 75 9 10 10
Biogas — 20 40
Gülle, Mist Biogas 60 0,002 30 60
Grünabfälle Biogas 15 5 10
Klärschlämme Biogas 30 0,2 20 30

nachwachsende einjährige Pflanzen


(auf 4 % Landwirtschaftsfläche) Verbrennung 120 — 20 120
und Biogas
nachwachsendes Holz
(20 % jährlicher Einschlag) Verbrennung 40 — 10 40

Gesamt 540 11 175 470

Diese Potentiale könnten genutzt werden zur Erzeu- schlamm, Müllkompost etc.) sollte weitestgehend ver-
gung von elektrischer Energie und Heizwärme: mieden werden, um deren Rückführung in die land-
wirtschaftlichen Stoffkreisläufe im Sinne einer regio-
bis 2005 bis 2050 nalen Kreislaufwirtschaft zu ermöglichen (Burdick,
1994). Hierzu wäre eine möglichst lückenlose Kon-
% % trolle der organischen Substanz, die Erfassung der
heutige heutige
PJ
Bedin-
PJ Schadstoffquellen sowie deren Beseitigung notwen-
Bedin-
gungen gungen dig.
Aufgrund der angestrebten Reduzierung des Mineral-
elektrische düngereinsatzes sollten Wirtschaftsdünger, aber auch
Energie .. 50 3 140 9 Siedlungsabfälle (Klärschlamm, Müllkompost etc.)
Heiz- künftig besser als organische Dünger eingesetzt wer--
wärme ... 100 3 260 8 den, statt sie zu verbrennen oder in Biogas umzuwan-
deln. Neben den logistischen Voraussetzungen (ge-
trennte Sammlung etc.) ist hierfür eine Haftungsrege-
Unter Abwägung der Vor- und Nachteile bzw. der
lung möglich, die die Landwirtschaft vor Folgeschä-
verschiedenen Umweltbelastungen ist unter derzeiti-
den (Bewirtschaftungsauflagen, -verbote) eines
gen Rahmenbedingungen der Vergasung der Gülle in
Schadstoffeintrages durch Siedlungsabfälle schützt.
Biogasreaktoren der Vorzug vor der häufigen Über-
Im Rahmen des Kreislaufwirtschaftsgesetzes wurde
güllung mit entsprechenden Auswirkungen auf
ein solcher Haftungsfond, getragen von den Klär-
Böden, Klima und Grundwassers zu geben (Kap.
schlammproduzenten, zunächst für Klärschlamm be-
4.2.1.4). Sollte es zu einer konsequenten Flächenbin-
schlossen. Zusätzlich müssen aufgrund der TA Sied-
dung der Tierhaltung kommen, wird es keine regio-
lungsabfall künftig jährlich 8 bis 10 Mio. t organische
nalen Überschüsse an Wirtschaftsdüngern oder Gülle
Siedlungsabfälle (z.Zt. 1,2 Mio. t) kompostiert werden.
mehr geben. Der Erhalt der Bodenfruchtbarkeit erfor-
Die sich daraus ergebenden etwa 4 bis 5 Mio. t
dert zudem eine weitgehend verlustfreie Rückfüh-
Kompost wären wegen ihrer Düngewirkung am sinn-
rung der Nährstoffe und der organischen Substanz in
vollsten in der Landwirtschaft zu verwerten. Vorbe-
den tierischen Exkrementen und pflanzlichen Rest-
dingung wäre aber die weitgehende Vermeidung der
stoffen zurück in die Böden. Die Nachlieferung orga-
Schadstoff- und Schwermetallbelastungen in den
nischer Substanz in die Böden muß in Zukunft sogar
Siedlungsabfällen. Zusätzlich sollte analog auch ein
noch steigen, um bei höherer Temperatur und rasche-
Kompost-Haftungsfonds geschaffen werden.
rer Mineralisierung die Humusgehalte in den Böden
stabil halten zu können. Stroh ist zudem unabdingbar Der gezielte Anbau nachwachsender Energieträger
notwendig für die anzustrebende Stallmistwirtschaft ist derzeit weder ökonomisch noch ökologisch tragfä-
und kommt ebenfalls über die Wirtschaftsdünger hig, vor allem dann nicht, wenn sich eine Weiterver-
zurück in die Böden. Die unerwünschte Schadstoffbe- arbeitung (Biogassynthese, Gewinnung flüssiger
lastung der organischen Siedlungsabfälle (Klär Kraftstoffe) anschließt. Sinnvoll ist die Anwendung
Drucksache 12/8350 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode

nur in bestimmten Teilbereichen, beispielsweise die Die Land- und Forstwirte bearbeiten und gestalten
Verwendung solcher Treibstoffe in umweltsensiblen mehr als 80 der Landflächen in Deutschland. Die
Bereichen (z. B. Land- und Forstwirtschaft). Nach hierbei erbrachten positiven ökologischen Leistungen
derzeitigem Forschungsstand ist selbst der am ehe- (Kap. 1.2.2), so insbesondere
sten wirtschaftliche Anbau von Festbrennstoffen öko-
— der Beitrag zur Erhaltung der heutigen Arten- und
logisch bedenklich, da hohe Trockenmasseerträge
Biotopvielfalt,
(Miscanthus, schnellwachsende Baumarten) nur bei
ausreichend hoher und kontinuierlicher Wasser- und — die Schutz-, Filter- und Reinigungswirkungen für
Nährstoffversorgung auf guten bis sehr guten Acker- Wasser, Luft und Böden sowie
standorten gewährleistet sind. Die Flächen würden
— die Pflege und Erhaltung der landwirtschaftlich
aber bei derzeit nicht abschätzbarem Investitions- und
geprägten Kulturlandschaft 6 )
Ertragsrisiko für 10 bis 15 Jahre gebunden (Flaig u.
Mohr, 1993). wurden früher als kostenlose Koppelprodukte der
Bewirtschaftung erbracht. Im Zuge des massiven
Durch das Anfang 1991 in Kraft getretene Stromein-
Strukturwandels und der wirtschaftlichen Entwick-
speisungsgesetz wird für Strom, der aus regenerativen
lung hat sich zunehmend eine Konkurrenzsituation
Energieträgern erzeugt und in das öffentliche Netz
zwischen der Produktion marktgängiger, entlohnter
eingespeist wird, eine erhöhte Vergütung gewährt.
Agrarprodukte und nicht marktfähiger, ökologischer
Diese Vergütung beträgt bei der Nutzung land- und
Leistungen herausgebildet. Daher ging die „kosten-
forstwirtschaftlicher Biomasse mindestens 75 % und
lose" Bereitstellung dieser Leistungen in den letzten
bei der Nutzung von Sonnenenergie und Windkraft
Jahrzehnten deutlich zurück (Bauer, 1993 b). Unter
mindestens 90 % des durchschnittlichen Stromerlös
den ' derzeitigen agrarmarktpolitischen Rahmenbe-
preises. Der Anreiz für die Stromgewinnung aus
dingungen ist der zumeist intensiv geführten Land-
Biomasse könnte jedoch noch verbessert werden,
wirtschaft eine ökonomische Produktion unter Be-
indem die Vergütung für Biomasseenergie minde-
rücksichtigung ökologischer Belange kaum mehr
stens auf das Niveau der Vergütung für Strom aus
möglich. Gleichzeitig wachsen die Probleme der Poli-
Sonnen- und Windenergie angehoben würde (BML u.
tik, die Einkommenstransfers an die Landwirte gegen-
BMU, 1993).
über der Gesellschaft weiterhin zu rechtfertigen. Die
Die Wettbewerbsnachteile der nachwachsenden Roh- in der Agrarreform vereinbarten Ausgleichszahlun-
stoffe und Energieträger bzw. allgemein der regene- gen werden auch aus diesem Grund in derzeitigem
rativen Energien könnten durch die Einführung einer Umfang kaum langfristig aufrecht erhalten werden
CO 2 -/Energiesteuer ausgeglichen werden, von der — können.
je nach Ökobilanz — auch andere regenerative Ener-
Ein Lösungsweg eröffnet sich in einer extensiveren
gieträger auszunehmen sind. Die Verteuerung des
Bewirtschaftung, durch die sowohl die Umweltbela-
Verbrauchs fossiler Energieträger würde auch der
stungen und Treibhausgasemissionen aus der Land-
Internalisierung der externen Kosten und Umweltbe-
wirtschaft als auch die Erträge und damit die Über-
lastungen und damit der konsequenten Förderung
schußproduktion gesenkt werden könnten. Bei exten-
einer nachhaltigen Wirtschaftsweise dienen. Durch
siver Bewirtschaftung und gewolltermaßen sinken-
eine entsprechende Gestaltung der politischen und
den Erträgen entstehen den Landwirten entspre-
wirtschaftlichen Rahmenbedingungen könnten mit-
chende Einkommensverluste. Die Landwirte dürfen
tel- bis langfristig deutlich höhere Anteile des Ener- -
jedoch nicht — wie bisher — dafür entschädigt wer-
giebedarfs allein aus der Biomassenutzung gedeckt
den, daß sie in ihren Rechten bzw. in ihrem Ertrags-
werden.
potential eingeschränkt wurden, vor allem nicht,
Gemeinsam mit dem konsequenten Ausbau aller wenn dabei große Teile der Landwirtschaft weiterhin
regenerativen Energien und der Energieeinsparung umweltbelastend produzieren. Statt dessen müssen
— auch durch einen effizienteren Einsatz in der die positiven ökologischen Leistungen umweltgerecht
Landwirtschaft — wäre langfristig ein vollständiger wirtschaftender Landwirte, die über die Produktion
Ersatz der fossilen Energieträger möglich. von Nahrungsmitteln weit hinausgehen, von der
Gesellschaft anerkannt und den Landwirten ange-
messen vergütet werden (Burdick, 1994). Diese Ver-
4.2.5 Rahmenbedingungen zur Gestaltung einer
gütung kann sowohl am (Binnen-)Markt über stei-
nachhaltigen Landbewirtschaftung

Keine der gegenwärtig in Deutschland bzw. Europa 6DerEhaltdKu)nscfialerRgn


vorliegenden Gesetze und Verordnungen (bzw. Ent- bestimmte Formen der Landnutzung gebunden. Daher sollte
auf der gesamten Agrarfläche eine, den jeweiligen Standort-
würfe) berücksichtigen die Anforderungen, welche
gegebenheiten, den Belangen von Naturschutz und Land-
sich aus der notwendigen Reduktion klimawirksamer
schaftspflege sowie dem ggf. kulturhistorisch geprägten
Spurengasemissionen im Landwirtschaftsbereich er- Landschaftsbild entsprechende Bewirtschaftung aufrechter-
geben. Sie verhindern allenfalls Exzesse und erlauben halten oder wieder ermöglicht werden. Hierunter fallen
im Rahmen einer „ordnungsgemäßen" und deshalb häufig auch sehr extensive, aber gleichwohl zum Erhalt der
wohl „guten fachlichen Praxis" weiterhin eine erheb- Kulturlandschaft unabdingbar notwendige Formen der
liche Belastung des Naturhaushaltes (Isermann, Bewirtschaftung (Streuobstwiesen, Wanderschäferei etc.).
Pflegemaßnahmen zum Erhalt einer Kulturlandschaft sollten
1994). Der Bereich der Landwirtschaft bedarf daher
daher die Ausnahme (z. B. bei Biotopen mit gefährdeten
zur Berücksichtigung von Klima- und Umweltschutz- Arten) sein bzw. nur eine Übergangslösung bis zur Wieder-
aspekten neuer gesetzlicher Grundlagen mit interna- herstellung einer Kulturlandschaft und ihrer typischen
tionaler Geltung (Kap. 4.1.7, letzter Absatz). Bewirtschaftung darstellen.
Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode Drucksache 12/8350
gende Preise für umweltgerecht produzierte Nah- Extensivierung, sondern eine dauerhafte und nach-
rungsmittel, als auch über direkte Transferzahlungen haltige Landwirtschaft zu fördern und langfristig wirt-
erfolgen. Hierzu müßten die Vergabekriterien für den schaftlich abzusichern. Die z. Zt. diskutierten Vor-
Einkommensausgleichs in der EG-Agrarreform ent- schläge und Maßnahmen beziehen sich meist nur auf
sprechend geändert werden. Die Erhaltung und bestimmte „Nischen" und müßten — über zeitlich,
Pflege der Kulturlandschaft und der natürlichen räumlich und v.a. finanziell begrenzte Extensivie-
Lebensgrundlagen läßt sich langfristig nur sichern, rungsprogramme , den Vertragsnaturschutz oder Aus-
wenn sie zu einer echten Marktleistung wird (Kiechle, gleichszahlungen für Einzelprojekte im Rahmen der
1989). flankierenden Maßnahmen hinaus — eine dauerhafte
rechtliche Grundlage erhalten. Die Einstellung der
Zusätzliche Einkommensquellen können sich den
Gesellschaft und der Landwirte gegenüber den staat-
Landwirten künftig durch den verstärkten Anbau
lichen Transferzahlungen im Agrarbereich könnte
nachwachsender Rohstoffe und Energieträger sowie
sich infolge dessen grundlegend ändern. Eine dauer-
die stoffliche Verwertung von organischen Siedlungs-
hafte Entlohnung der Land- (und Forst-)wirte für ihre
abfällen erschließen. Beides sollte — unter Berück-
ökologischen Leistungen in einer umweltgerechten
sichtigung von Ökobilanzen — im Sinne einer nach-
Produktion, im Naturschutz und bei der Landschafts-
haltigen Kreislaufwirtschaft gef