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Frühneuhochdeutsch

(1350 - 1650)
Räumliche Gliederung,
phonematische und
lexematische Aspekte

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 1
Nach dem Vorschlag Wilhelm Scherers (1878)
wird heute allgemein zwischen dem Mhd. und
dem Nhd. eine eigenständige Periode
„Frühneuhochdeutsch“ angesiedelt. In dieser
Periode entwickeln sich unter völlig neuen
soziokulturellen Verhältnissen (Entwicklung der
Städte, Ostbesiedelung, Buchdruck und
Reformation Luthers) die Grundlagen der
späteren nhd. Schreib- und Verkehrssprache.

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 2
Kriterien für diese zeitliche Einordnung:

 Deutliche Ansätze zu überlandschaftlichen


Schreibsprachen (am frühesten in der Prager
Kanzlei Karls IV.) seit der Mitte des 14. Jh.
 Entstehung im Bereich der Gebrauchsprosa
neuer Textsorten mit speziellen Normen.
 Bedeutende sprachliche Ausgleiche und
Ansätze eines einheitlichen Sprach- und
Kulturbewusstseins im 17.Jh.

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 3
 Erste Versuche, den neuen Sprachzustand
allgemeingültig zu normieren (Schriften von
Ratke, Opitz und Schottelius).
 Als lautlich-phonologische Kriterien werden oft
die nhd. Diphthongierung für den Beginn und der
Ausgleich des Stammvokals im Präteritum der
starken Verben für das Ende der Periode
hervorgehoben.

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 4
 Festigung der deutschen Territorialstaaten in der
Mitte des 14. Jh. Die Territorialstaaten erlangen
eine große Bedeutung für die Ausbildung von
Sprachgrenzen.
 Das Ende des 30-jährigen Krieges und der
Westfälische Friede sanktionieren das
Ausscheiden der Niederlande aus dem
Deutschen Reich. Die lange vorher einsetzende
Sonderentwicklung des Niederländischen ist
dadurch endgültig besiegelt.
D. Koroljow. Geschichte der
deutschen Sprache. 5
Historisch-sozialer Hintergrund

 Das Aufkommen der Städte führt zu Beginn der


fnhd. Zeit zum Wandel der feudalen agrarischen
Gesellschaftsordnung des Mittelalters. Neue
Aufgaben im Rechts- und Verwaltungswesen
sowie die Entwicklung der Diplomatie erfordern
eine breitere Bildungselite. Es kommt zu einer
Welle von Universitätsgründungen in wichtigen
Städten.

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 6
 Ein Streben nach verwaltungs- und
verkehrsmäßiger Vereinheitlichung zwischen
Dialekten führt im 14. Jh. in Städten mit weiten
Handelsverbindungen zu den ersten
überregionalen Kanzleisprachen.
 Übergang vom Pergament zu dem billigeren
Papier Ende des 14.Jh. und Erfindung des
Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch
Johannes Gutenberg 1436.

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 7
Gründung neuer Druckereien und Verbreitung des
gedruckten Wortes führen schließlich zur
Entstehung verschiedener Druckersprachen und
zur Vereinheitlichung der Orthografie und der
Sprachformen. Im frühen 17. Jh. erscheinen die
ersten Tageszeitungen, ein wichtiger Faktor der
sprachlichen und kulturellen Konsolidierung.

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 8
 Unter dem Einfluss der Kanzlei- und
Druckersprachen bilden sich auf deutschem
Boden 5 größere Schreibsprachen heraus:
1) die mittelniederdeutsche Schreibsprache,
2) die Kölner Schreibsprache,
3) die ostmitteldeutsche Schreibsprache,
4) die südöstliche Schreibsprache (das Gemeine
Deutsch) und
5) die südwestliche Schreibsprache.
D. Koroljow. Geschichte der
deutschen Sprache. 9
 Die Reformation, Martin Luthers Tätigkeit und
besonders seine Bibelübersetzung tragen
wesentlich zur Herausbildung einer
gemeindeutschen Literatursprache bei.
 Der Humanismus ist neben der Reformation die
zweite große geistige Strömung des 16. Jh.
Obwohl die Humanisten die Stellung des Lateins
noch mehr befestigten, förderten sie in
Deutschland ein Interesse an der eigenen
Vergangenheit und Sprache.
D. Koroljow. Geschichte der
deutschen Sprache. 10
 Zerfall des alten Reichsgebietes in Einzelterritorien nach
dem Tod Friedrichs II. 1250. Die politische und
wirtschaftliche Zersplitterung führte zur verspäteten
Entwicklung einer deutschen Nationalsprache.
 Die Gegenreformation und die Aufteilung in drei
politisch-religiöse Lager (Lutheraner, Calvinisten und
Katholiken) führten auch zu einer kulturellen Spaltung.
Der 30-jährige Krieg hatte katastrophale humanitäre
Folgen und besiegelte die Kleinstaatlichkeit sowie die
politische Zersplitterung.

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 11
Räumliche Gliederung des Fnhd.

Oberdeutsch:

 Alemannisch (einschl. Schwäbisch),


 Bairisch-Österreichisch,
 Ostfränkisch;

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deutschen Sprache. 12
Mitteldeutsch:

 Westmitteldeutsch:
-Rheinfränkisch,
-Mittelfränkisch (Moselfränkisch + Ripuarisch);
 Ostmitteldeutsch:
-Böhmisch,
-Thüringisch,
-Obersächsisch (Meißnisch),
-Lausitzisch-Schlesisch,
-Hochpreußisch.

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 13
Das phonologische System des Fnhd.
 Frühneuhochdeutsche Diphthongierung
 Frühneuhochdeutsche Monophthongierung
 Dehnung kurzer Vokale in offenen betonten und
geschlossenen Silben
 Kürzung langer Vokale vor mehrfacher Konsonanz
 Entrundung der Vokale
 Frühneuhochdeutsche Vokalrundung
 Frühneuhochdeutsche Vokalsenkung
 Weitere Entwicklung des Umlauts
 Assimilation und Dissimilation der Konsonanten

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 14
Frühneuhochdeutsche Diphthongierung

Der Prozess beginnt bereits im 12. Jh. im


Südbairischen. Die mhd. Monophthonge [i:],
[u:], [y:] werden im Nhd. zu [ai], [au] und [ɔy]:

mhd. zît  nhd. ?


mhd. mûs  nhd. ?
mhd. niun  nhd. ?

Merkworte: mhd. mîn niuwez hûs  nhd. ?

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 15
mhd. zît  nhd. Zeit
mhd. mûs  nhd. Maus
mhd. niun  nhd. neun

mhd. mîn niuwez hûs  nhd. mein neues


Haus

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 16
Die neuen Diphthonge sind ein wichtiges Kennzeichen des
nhd. Vokalismus. Die ursprünglichen Grafeme für die
neuen Diphthonge sind ei, ou, öu, die aber oft bald
durch ai/ay, au, eu/äu ersetzt werden. Die Verteilung
der Grafeme eu und äu in der Gegenwartssprache hängt
vom morphologischen Prinzip der Schreibung ab. ai, ay
ist entweder historischer Reflex (Kaiser) oder dient der
Vermeidung von Homografen (Laib und Leib, Seite und
Saite) oder kennzeichnet die Schreibung von
Eigennamen (Maier).

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 17
Frühneuhochdeutsche Monophthongierung
Dieser Lautwandel beginnt schon in der mhd. Zeit, etwa ab
1100. Die mhd. Diphthonge ie, uo, üe werden im Nhd.
zu den Langvokalen [i:], [u:], [y:] monophthongiert. Zum
Teil bleibt die alte Schreibweise erhalten (ie, ů). Der
Rest des o erscheint bis ins 20. Jh. als Bogen über dem
u (ŭ). Das e verliert durch die Monophthongierung seine
Funktion und wird oft zum Dehnungszeichen.

mhd. lieb  fnhd. ?;


mhd. huon  fnhd. ?;
mhd. süeze  nhd. ?

Merkworte: mhd. lieben guoten brüeder  nhd. ?


D. Koroljow. Geschichte der
deutschen Sprache. 18
mhd. lieb  fnhd. līb, lieb;
mhd. huon  fnhd. hū(h)n;
mhd. süeze  nhd. süß
mhd. lieben guoten brüeder  nhd. liebe
gute Brüder

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deutschen Sprache. 19
Dehnung kurzer Vokale

Kurze Vokale in offener Silbe werden gedehnt:


mhd. lëben  fnhd. lēben,
mhd. wonen  fnhd. wō(h)nen,
mhd. lẹwe  nhd. ?
mhd. vride  fnhd. frīd, friede.
Auch Vokale in geschlossenen Silben werden
häufig gedehnt
1) in Analogie zu flektierten Formen mit kurzen
Vokalen in offener Silbe:
mhd. sunes  fnhd. sūnes; mhd. sun  fnhd. sūn, ?;

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 20
2) vor bestimmten Konsonanten, v. a. vor r, l, m, n
und Konsonantenverbindungen, v. a.
r + Konsonant:
mhd. für  fnhd. fǖr; mhd. hẹr  fnhd. hēr  nhd. ?;
mhd. wol  fnhd. wōl  nhd. ?; mhd. art  fnhd. ārt
 nhd. ?
Vor r + Konsonant bleibt jedoch oft der
kurze Vokal erhalten:
nhd. bergen, fertig, Herz.

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 21
3) bei unterschiedlichem Stammvokal in Formen des
gleichen Wortes:
mhd. sprach, sprâchen  fnhd. sprāch, sprāchen.
In manchen Fällen ist die Dehnung nicht eingetreten,
besonders vor t, m und den Endungen -er, -el. Meist
sind die Konsonanten dabei verdoppelt worden,
besonders seit dem 16. - 17. Jh.:
mhd. himel  fnhd. himel  nhd. ?;
mhd. wëter  fnhd. weter  nhd. ?

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 22
Regelmäßig unterbleibt die Dehnung vor sch
und ch. In beiden Fällen handelt es sich
um ursprüngliche Doppelkonsonanz, d. h. hier
liegt eigentlich keine offene Silbe vor:
ahd. fiskâri  fnhd., nhd. ?;
ahd. brëchan  fnhd., nhd. ?

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 23
Kürzung langer Vokale

Lange Vokale vor mehrfacher Konsonanz werden in der


fnhd. Zeit gekürzt, v. a. im Ostmitteldeutschen und
Ostfränkischen. Dieser Wandel tritt besonders vor ht
(cht), ft sowie vor r + Konsonant ein:
mhd. dâhte  fnhd. dachte;
mhd. klâfter  fnhd. klafter;
mhd. lêrche  fnhd. lerche.
Vor st unterbleibt die Kürzung oft, z. B.:
mhd. Ôster  nhd. ?;
mhd. trôst  nhd. ?

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 24
Die Kürzung erfasst teilweise auch die Monophthonge, die
erst durch die fnhd. Monophthongierung entstanden
sind:
mhd. lieht  fnhd. ?; mhd. stuont  fnhd. ?;
mhd. nüehtern  fnhd. ?
Die Kürzung tritt auch dann ein, wenn die mehrfache
Konsonanz durch Komposition entstanden ist:
mhd. brâmber  fnhd. brambör, bramber  nhd. ?;
mhd. hôchzît  fnhd. ?; mhd. hêrlîche  fnhd. ?

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deutschen Sprache. 25
Die Kürzung tritt im mitteldeutschen Gebiet auch
vor einfacher Konsonanz ein: vor t und m sowie
vor den Endungen -er, -el, -en.
mhd. muoter  fnhd. ?; mhd. iemer  fnhd. ?;
mhd. wâfen  fnhd. ?
Selten tritt die Kürzung vor anderen Konsonanten
ein, z. B.:
mhd. slôz  fnhd. ?

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 26
Entrundung der Vokale

Die gerundeten Monophthonge und Diphthonge


[œ], [ø], [y], [y:], [oi], [üe] werden in vielen
Gebieten entrundet und fallen daher mit den
Phonemen [ε], [e:], [ı], [i:] und [ai] zusammen:
mhd. eröugnen  nhd. ?;
mhd. müeder  nhd. ?

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 27
Vokalrundung

Die Rundung von ursprünglich ungerundeten


Vokalen erfasst vorwiegend oberdeutsche
Mundarten. Ursache für diese Labialisierung ist
vermutlich der Einfluss benachbarter Laute.
 Mhd. e  ö nach w, vor Labialen, sch und l:
e e e e
fnhd. zwolf, schwöster, wollen, hoben, troschen.
In die Schriftsprache aufgenommen wurden u. a.
Hölle. Löffel, Löwe, löschen, schöpfen,
schwören, zwölf.
D. Koroljow. Geschichte der
deutschen Sprache. 28
 Mhd. i  ü nach w, vor sch und
Nasalverbindung, besonders vor Doppelnasal:
fnhd. zwüschen, schwümmen, wüschen, fünden.
Dieser Wandel zeigt sich am stärksten
im Alemannischen.

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 29
Vokalsenkung

Mhd. u und ü werden im Mitteldeutschen oft zu


o und ö gesenkt:
mhd. vrum  fnhd. ?
Besonders häufig setzt sich dieser Wandel
vor Nasalen und Nasalverbindungen durch:
mhd. sun  fnhd. ?;
mhd. künec  fnhd. ?;
mhd. sunst  fnhd. ?;
mhd. sumer  fnhd. ?

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 30
Aber auch in anderer Nachbarschaft ist
diese Entwicklung festzustellen, v. a.
vor r, l plus Konsonant:
mhd. mügen  fnhd. ?;
mhd. burse  fnhd. ?;
mhd. durst  fnhd. ?;
mhd. wurst  fnhd. ?
Vom mitteldeutschen Raum aus sind viele
Formen in die Schriftsprache eingedrungen,
v. a. wenn der Vokal vor m(m) und n(n) steht,
z. B. Nonne, Sonne, Trommel.
D. Koroljow. Geschichte der
deutschen Sprache. 31
Weiterentwicklung des Umlauts

 Der Umlaut wird mehr und mehr


gekennzeichnet, sodass die Phonemopposition
auch ihren grafischen Ausdruck findet:
fnhd. mutter - mütter.
Die Opposition [a] ↔ [e] wird meist durch die
Grafeme a und ä markiert.
 Der Umlaut erhält stärker als im Mhd. eine
grammatische Funktion, v. a. bei der
Pluralbildung der Substantive und der
Komparation der Adjektive:
mhd. nagele  nhd. ?
D. Koroljow. Geschichte der
deutschen Sprache. 32
Der Umlaut betrifft zunächst nicht alle Substantive mit
umlautfähigem Vokal oder es gibt anfangs noch keine
Bezeichnung des Umlauts. Bei Substantiven mit dem en-
Plural schwankt der Sprachgebrauch bis in die
Gegenwart:
Bogen / Bögen, Wagen / Wägen.
Beim en-Plural kommen im 17.Jh. neben den umlautlosen
Pluralformen auch die Formen mit Umlaut. Die Formen
mit und ohne Umlaut konkurrieren oft miteinander:
gartner / gärtner, kramer / krämer, rauber / räuber,
traumer / träumer. In vielen Wörtern hat sich der Umlaut
in der Schriftsprache nicht durchgesetzt: Hauer,
Klausner, Maurer, Zauberer.

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 33
Entwicklungen im Konsonantismus

 Konkurrenz von b und p in der Schreibung. In


die Schriftsprache wurden u. a. folgende Wörter
mit p übernommen: pochen, Polster, Posaune,
prangen, Prügel, purzeln, putzen.
Die zwischenvokalische Geminata bb erscheint
oft als pp: crippe, rappe „Rabe“, rippe, üppig.
Doppelformen führen zur
Bedeutungsdifferenzierung bei rappe / rabe,
knappe / knabe.

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 34
 Vor allem im Oberdeutschen wird d vor r zu t:
mhd. drabant  fnhd. ?; mhd. drucken  fnhd. ?
 Das mhd. g geht in weiten Teilen des
Mitteldeutschen in j am Wortanfang und gh oder
ch im Wortinnern über:
mhd. gut  fnhd. (md.) ?; mhd. gar  fnhd. (Nürnb.) ?;
mhd. sagen  fnhd. (md.) ?;
mhd. nachvolgen  fnhd. (md.) ?
Einige Formen sind in die Schriftsprache
übernommen worden: jäh, jählings, mancher,
mancherlei.
D. Koroljow. Geschichte der
deutschen Sprache. 35
 Durchsetzung der Affrikate [pf] im Wortanlaut. Während
der gesamten fnhd. Zeit finden sich Formen mit
unverschobenem [p]. Unter niederdeutschem und
mitteldeutschem Einfluss dringen einige Wörter mit
anlautendem [p] in die Schriftsprache ein: pellen,
plunder, plündern, pocke, pöckeln. Im In- und Auslaut
nach m sowie in der Gemination ist die Verschiebung
zur Affrikata im Md. zum großen Teil unterblieben. Eine
Reihe von Wörtern ist mit unverschobenen Formen
schriftsprachlich geworden: klappern, Knüppel, Lippe,
Stempel.

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 36
 Das mhd. tw (ahd. dw) wird im Fnhd. zum zw
oder kw:
mhd. twalm → fnhd. ?;
mhd. twarc → fnhd. ?;
mhd. twër → fnhd. ?;
mhd. twërch → fnhd. ?

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 37
mhd. twalm → fnhd. qualm;
mhd. twarc → fnhd. quark;
mhd. twër → fnhd. kwer;
mhd. twërch → fnhd. zwerch.

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 38
 Die Epithese des t. Es tritt oft an das Ende eines
Wortes, besonders nach unbetonter Silbe:
mhd. mâne → fnhd. ?;
mhd. ieman → fnhd. ?;
mhd. nirgen → fnhd. ?
Die Epithese ist auch im mittelbaren Auslaut, beim
ersten Teil der Komposita festzustellen:
mhd. anderhalben → fnhd. ?;
mhd. allen halben → fnhd. ?

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 39
mhd. mâne → fnhd. mond;
mhd. ieman → fnhd. iemant;
mhd. nirgen → fnhd. nirgent(s);
mhd. anderhalben →
fnhd. anderthalben;
mhd. allen halben →
fnhd. allenthalben.

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 40
Ebenso erscheint t als Gleitlaut in
Ableitungen zwischen auslautendem n
und anlautendem l des Suffixes, z. B.:
eigentlich, ordentlich, namentlich.
 Im Anlaut vor Vokalen und im Inlaut zwischen Vokalen
sowie zwischen sonoren Konsonanten und Vokalen setzt
sich der stimmhafte [z]-Laut durch. Im Inlaut nach
kurzem Vokal und neben Konsonanten, v. a. in der
Verbindung st, sp, sowie im Auslaut entwickelt sich ein
stimmloser [s]-Laut. Im Anlaut vor Konsonanten [l, m, n,
w, p, t] wird [s] zum [ ʃ ]:

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 41
mhd. swërt → fnhd. ?;
mhd. snê → fnhd. ?;
mhd. sprëchen → fnhd. ?;
mhd. stein → fnhd. ?
Im In- und Auslaut nach [r] wird [s] oft zu [ ʃ ]:
bursche, herrschen, kirsche.

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 42
 Das h zwischen Vokalen innerhalb eines Morphems
verliert auch weiterhin seinen Wert als Hauchlaut und
wird zum Dehnungszeichen.
mhd. sehen [zehən] → fnhd. ?;
mhd. nâhe [na:hə] → fnhd. ?
Das ch im Auslaut verliert oft seinen Lautwert:
mhd. schuoch → fnhd. ?; mhd. sach → fnhd. ?
Nach hellen Vokalen entwickelt sich
der velare Reibelaut [x] zum palatalen [ç]:
mhd. rëcht [rεxt] → fnhd.?;
mhd. niht [nıxt] → fnhd. ?

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 43
Vor s geht der Reibelaut in den Verschlusslaut
[k(g)] über: fuchs, sechs.
 w fungiert bis ins Mhd. als Halbvokal. Zu Beginn
der fnhd. Zeit ist w meist schon labiodentaler
Reibelaut [v], der nun in Opposition zum
stimmlosen Reibelaut [f] steht. Im Inlaut wird [v]
nach [a:] zu [u] vokalisiert. Diese Entwicklung
wird dann in den Auslaut übertragen:
mhd. brâwe → fnhd. ?; mhd. klâwe → fnhd. ?

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 44
Nach anderen langen Vokalen fällt w im Inlaut
in der Regel aus:
mhd. bûwen → fnhd. ?; mhd. niuwez → fnhd. ?
In der Schriftsprache erhalten bleibt inlautendes w nur in
ewig und Löwe.
 Das mhd. j entwickelt sich weiter vom Halbvokal zum
stimmhaften palatalen Reibelaut. Inlautend zwischen
Vokalen fällt j in der Regel aus und wird oft durch h
ersetzt:
mhd. næjen → fnhd. ?; mhd. blüejen → fnhd. ?;
mhd. glüejen → fnhd. ?

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 45
In dieser Position kommt es nur bei Wörtern
niederdeutscher Herkunft vor: Boje, Koje. Weit
verbreitet ist der Wandel von j zu g vor
Konsonanten. Besonders nach r setzt er sich z.
T. in der Schriftsprache durch:
mhd. schẹrje → fnhd. ?;
mhd. mẹtzjer → fnhd. ?

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 46
 Das n vor g und k entwickelt sich zum velaren Nasal.
Infolge der Assimilation des folgenden Verschlusslautes
entsteht das Phonem [ŋ].
 Zum alveolaren [r] des Mhd. kommt in der fnhd. Zeit das
uvulare [ʀ] hinzu. Die Aussprache ist zunächst
landschaftlich bedingt, in der fnhd. Zeit dringt das [ʀ]
allmählich weiter vor.
 Beim Übergang vom Mhd. zum Fnhd. und besonders in
der fnhd. Zeit selbst tritt häufig die Assimilation von
Konsonanten auf. Viele von ihnen sind in die
Schriftsprache eingegangen. Die Dissimilation kommt nicht
so oft vor.
D. Koroljow. Geschichte der
deutschen Sprache. 47
Wortschatz in der fnhd. Zeit

Beim Wortschatz sind mehrere Faktoren


zu nennen, die auf unterschiedliche Weise
zur Anreicherung des Lexikons beitragen:
1) die landschaftliche Gebundenheit der
Territorialsprachen,
2) ein realistisch-nominalistischer Grundzug der Zeit,
3) der gesellschaftlich-wirtschaftliche Fortschritt,
4) die Sprachgewalt Luthers,
5) der Einfluss der klassischen Sprachen.

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 48
 Über die Territorialsprachen kommt es zum
Nebeneinander zahlreicher Heteronyme:
Niederdeutsch Mitteldeutsch Oberdeutsch
Pott Topf Hafen
Tischler Tischler Schreiner
Pferd Gaul Ross

In der weiteren Entwicklung konnten sich manche dieser


Heteronyme mit neutraler Denotation allgemein
durchsetzen (Topf, Pferd). Andere machten eine
Bedeutungsveränderung durch (Tischler, Schreiner)
oder erhielten soziale Konnotationen.

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 49
 Ein realistisch-nominalistischer Grundzug der
Zeit führt zu genauerer Beobachtung der Umwelt
und zu exakterer Kennzeichnung von
Einzelerscheinungen. Das bewirkt die
Verwendung von Synonymen und Metaphern.
So, z. B. bei Johann von Tepl, Ackermann aus
Böhmen:
jagen, hetzen, birsen, beizen, züchtigen, strafen,
bessern; kotfaß, stankhaus, leimtigel, harnkrug (für
den Leib des Menschen).
D. Koroljow. Geschichte der
deutschen Sprache. 50
Besonders literarische Texte zeigen bald
eine Vorliebe für die Häufung
sinnverwandter Ausdrücke und für
die asyndetische Reihung von Wörtern
oder Satzgliedern. Hierher rührt auch die
spätere Forderung nach lexikalischer Varianz
in normativen Poetiken.

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 51
Gleichermaßen werden nun ältere, unzeitgemäße
Wörter verdrängt, z. B. diet durch volk, barn
durch kind, kopf durch haupt. Manche Wörter
verändern ihre Bedeutung:
mhd. kriec „Widerstand, Streit“ → nhd. Krieg „Kampf“;
mhd. hövesch „höfisch“ → nhd. hübsch, höflich;
mhd. edel „adelig“ → nhd. edel „vornehm“.

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 52
 Der gesellschaftlich-wirtschaftliche Fortschritt
bewirkt eine Zunahme der Nomina agentis, v. a.
mit handwerklichen Berufsbezeichnungen
(Böttcher, Gerber, Brauer; Buchdrucker,
Buchbinder; Schuster etc.). Ebenfalls ist hier der
Ersatz der alten Beinamengebung durch die
Einführung fester Familiennamen zu erwähnen
(nach Kriterien wie Beruf, Herkunft,
Abstammung, Wohnplatz u. a.). Besonders
wichtig ist die Ausbildung von Fach- und
Sonderwortschätzen mit starkem Lehneinfluss,
aus denen dann zahlreiche Elemente in die
Allgemeinsprache übergehen.
D. Koroljow. Geschichte der
deutschen Sprache. 53
 Luthers Schriften verdankt der deutsche
Wortschatz eine ganze Reihe von Neubildungen
und auch den Erhalt älteren Wortguts. Im
„Deutschen Wörterbuch“ der Brüder Grimm
wurde Luthers Sprachgebrauch stark
berücksichtigt. Zu nennen sind hier einmal noch
erhaltene bildkräftige Neologismen wie
Feuereifer, friedfertig, gastfrei, Glaubenskampf,
Herzenslust, Lückenbüßer, Lästermaul,
Machtwort, Morgenland, Sündenbock,
wetterwendisch.
D. Koroljow. Geschichte der
deutschen Sprache. 54
Von Luther stammen viele Schlagwörter der
reformatorischen Bewegung, z. B. evangelium,
wort gottes, glaube, gnade, christenmensch und
aus der Polemik hervorgegangene
Schimpfwörter papist, schwarmgeist,
werkheiliger, ertzgotteslästerer, beichthengst,
arschhummel, eselfurzbabst, seeltyrann. Aber
auch die typische Verwendung zahlreicher
Würz- oder Modalwörter geht auf Luther zurück:
ja, doch, denn, nun, nur, allein, sonst, schon etc.
D. Koroljow. Geschichte der
deutschen Sprache. 55
Von Polenz nennt außerdem eine Reihe
ursprünglich dialektaler Ausdrücke wie Splitter,
schüchtern, Spuck, Motte, Knochen, lüstern,
Scheune, bange, Wehklage sowie
niederdeutsche und mitteldeutsche Wörter, die
sich durch Luthers Bibelübersetzung gegen
oberdeutsche durchsetzen konnten: Lippe
gegen Lefze, Peitsche gegen Geißel, Ziege
gegen Geiß, Ufer gegen Gestad.

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 56
Um der Anschaulichkeit willen gebrauchte Luther
viele volksläufige Wendungen, vor allem
Redensarten und Sprichwörter, die so zum
Gemeingut der deutschen Sprache werden
konnten: sein Licht unter den Scheffel stellen,
sein Scherflein beitragen, ein Stein des
Anstoßes sein, ein Dorn im Auge sein, mit
Blindheit geschlagen sein, herrlich und in
Freuden leben, der Mensch lebt nicht vom Brot
allein, niemand kann zwei Herren dienen, bleibe
im Lande und nähre dich redlich usw.
D. Koroljow. Geschichte der
deutschen Sprache. 57
 Die klassischen Sprachen Latein und Griechisch
erhielten durch die Humanisten neue Geltung. Es kam
zu zahlreichen Entlehnungen außerhalb der bereits
erwähnten Fachsprachen:
Latein Griechisch
Universität Akademie
Kollege Bibliothek
Professor Gymnasium
Text Pädagoge
diskutieren Apotheke
protestieren Technik
Despot
Pathologie

D. Koroljow. Geschichte der


deutschen Sprache. 58
Recht aufschlussreich ist der Beitrag einzelner
Wissenschaften aus dem 15. und 16. Jh.:
Philosophie: Logik, Definition, Deduktion;
Mathematik: dividieren, multiplizieren, addieren;
Medizin: Medizin, Medikament, Kur, Patient, Skelett;
Sprachwissenschaft: Verb, Deklination,
Konjugation, Periode, Etymologie.
Bis heute schöpfen vor allem die westlichen Zivilisations-
und Fachsprachen aus lateinisch-griechischem Wort-
und Wortbildungsmaterial. Produktiv wurden antike
Elemente auch in der Studentensprache: Kommers,
Karzer, Moneten, Jux, Luftikus, Schwulität, burschikos.

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deutschen Sprache. 59
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