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Die wundersame Wandlung einer missratenen Tochter

Teil 1

Für ihre 18 Jahre war Monika schon ein rechtes Miststück: Rauchen wie ein Schlot, ungehemmter
Alkoholgenuss, wegen Drogenmissbrauch und Diebstahl mit dem Gesetz in Konflikt gekommen, Kiffen
war für sie so selbstverständlich wie das Stehlen im Elternhaus. Schule und Ausbildung hatte sie abge-
brochen, oder besser gesagt, war rausgeflogen, und hatte nichts Besseres zu tun, als die meiste Zeit des
Tages mit ziemlich fragwürdigen Typen herumzuhängen.

Wie kann ein junges Mädchen nur so tief sinken? Bis zu ihrem 16. Lebensjahr war sie ein fröhlicher
Teenager, sportlich veranlagt mit einer tollen Figur. Jetzt, mit 18 Jahren, waren die Folgen von Drogen-
und Alkoholexzessen schon deutlich sichtbar, dunkle Ringe unter den Augen, und ihr Körper fing an
etwas schwammig zu wirken.

Dr. Erich Heinemann und seine Frau Helga konnten es nicht verstehen, Monika hatte es nie an irgend-
was gefehlt, an der Erziehung konnte es auch nicht liegen, schließlich hatten ihre zwei älteren Brüder
Schule und Ausbildung/Studium mit sehr gutem Erfolg durchlaufen und waren in ihren Berufen erfolg-
reich. Doch trotz allem hielten Heinemanns zur ihrer Tochter, ihr ganzes Bestreben war darauf gerich-
tet, Monika auf einen vernünftigen Lebensweg zu bringen.

Es war Anfang April, als es zur Mittagzeit an der Haustür schellte, Erich Heinemann, der zur
Mittagspause nach Hause gekommen war, ging zur Tür und machte sie auf. Draußen stand ein Postbote,
der einen Einschreibebrief für Monika in der Hand hielt. Herr Heinemann rief seiner Frau zu, sie solle
ihrer Tochter Bescheid sagen, dass sie den Empfang eines Briefes zu quittieren hätte. Frau Heinemann
ging nach oben und scheuchte ihre Tochter aus dem Bett: „Da ist ein Einschreibebrief für Dich, komm
bitte sofort herunter und nimm den Brief in Empfang.“ Monika quälte sich verkatert aus dem Bett und
ging, nur mit einem Sleepshirt an, die Treppe hinunter zum Postboten hin.

„Unsere Tochter war gestern auf einer Feier, da ist es wohl etwas spät geworden.“ versuchte Erich
Heinemann das Aussehen seiner Tochter zu entschuldigen. „Das kommt bei jungen Leuten ja mal vor.“
sagte der Postbote, dem aber anzusehen war, dass er die Lebensgewohnheiten von Monika kannte. Er
ließ sich den Brief quittieren, wünschte noch einen schönen Tag und ging seiner Arbeit nach.

Monika wollte schon wieder nach oben, um sich noch einmal ins Bett zu legen, doch ihre Eltern woll-
ten wissen, was es mit dem Brief auf sich hätte, es blieb ihr nichts anders übrig als das Schreiben gleich
zu lesen.

Kaum hatte sie den Brief geöffnet und die ersten Zeilen überflogen, als sie auch schon anfing zu flu-
chen, das Schreiben auf den Boden warf und wieder ins Bett ging. Erich Heinemann hob ihn auf und
las ihn durch, worauf er seine Frau ansah und sagte: „Jetzt haben wir den Salat, Monika muss, weil sie
die ihr auferlegten Sozialstunden nicht abgearbeitet hat, für 3 Wochen in die Vollzugsanstalt.“

„Das darf doch nicht wahr sein,“ rief Helga Heinemann entsetzt, „lässt das Mädchen denn nichts aus,
um sich selbst fertig zu machen? Auf keinen Fall darf sie in eine Vollzugsanstalt, Erich, du musst etwas
unternehmen, der Staatsanwalt ist doch im gleichen Golfclub wie Du.“

„Du hast vielleicht Nerven,“ meinte er, „was soll ich ihm denn sagen? Hallo, wir kennen uns doch und
ist es vielleicht möglich, unserer Tochter die Strafe zu erlassen? „Natürlich nicht, aber vielleicht gibt es
einen Weg ihr einen Gefängnisaufenthalt zu ersparen, solche Leute wie der Staatsanwalt kennen mögli-
cherweise noch andere Wege, versuchen könntest Du es doch einfach mal.“

„Was glaubst Du wohl, wie peinlich mir das Ganze ist, aber wahrscheinlich ist das der einzige Weg, den
wir in dieser Situation überhaupt noch gehen können, ich werde heute Nachmittag bei ihm im Büro vor-
beifahren.“

Erich Heinemann hielt Wort, am Nachmittag kurz vor Dienstschluss ging er zum Gericht und bekam tat-
sächlich einen Termin bei Staatsanwalt. Nach dem Austausch allgemeiner Höflichkeiten kam Heinemann
dann auch schnell zum Thema und wollte von seinem Golffreund wissen, ob es noch einen Ausweg gäbe.

Der überlegte eine ganze Weile, sah Heinemann mit festem Blick an und sagte: „Ja, es gibt eine
Möglichkeit die Haftstrafe abzuwandeln, aber sie ist mehr als hart, hätte aber den großen Vorteil, dass
Eure Monika keinen Kontakt mehr mit ihrem Umfeld hat, außerdem keinen Zugriff mehr auf Drogen,
Alkohol und Nikotin. Der Nachteil dieser Aktion wäre, dass sie mindestens ein Jahr dauert, und Ihr in
dieser Zeit keinen Kontakt mit ihr hättet, auch die monatlichen Kosten mit ca. 1500 Euro sind nicht
unerheblich. Dazu kommt, dass Eure Tochter sich schriftlich damit einverstanden erklären müsste, sonst
geht es nicht, schließlich ist sie volljährig.

„Für die Einverständniserklärung sorge ich, worauf Du Dich verlassen kannst, auch die Kosten sind in
Ordnung, denn es wäre wirklich eine Chance ihr Leben wieder in Ordnung zu bringen, doch wäre es jetzt
nicht an der Zeit, mir etwas Genaueres zu erzählen?“

Nachdem der Staatsanwalt Herrn Heinemann schwören ließ, nichts von der folgenden Unterhaltung wei-
terzuverbreiten, fing er an zu erzählen. Über eine halbe Stunde zog sich der Bericht hin, und nachdem
der Staatsanwalt geendet hatte, sagte Erich Heinemann überwältigt: „Das es so etwas bei uns in
Deutschland gibt, hätte ich nicht für möglich gehalten, die Idee ist zwar fremdartig, aber ich bin begei-
stert. Innerhalb von 2 Tagen hast Du das schriftliche Einverständnis meiner Tochter hier auf dem
Schreibtisch liegen, wie lange wird es dann bis zum Beginn der Aktion dauern?“

„Ein paar Dinge muss ich noch abklären, aber von heute an in einer Woche, ja, das müsste hinhauen.
Stell Dich also auf eine Woche ein, Deine Tochter braucht weiter nichts mitzunehmen als die Kleidung,
die sie auf dem Leib hat, für alles andere wird dort gesorgt.“
und gab ihm noch einen Vordruck für die Einverständniserklärung mit.

Teil 2

Erich Heinemann fuhr auf dem direkten Weg nach Haus, um sich dort gleich mit seiner Frau zu unter-
halten. Nun durfte er ihr nicht genau erklären, um was es dabei ging, nur soviel konnte er ihr sagen: Sie
würden mindestens ein Jahr lang keinen Kontakt mit Monika haben, doch sie wäre an einem Ort, der
ihr helfen würde, zu einem ordentlichen und geregeltem Leben zurückzufinden.

Anfangs war das Vorhaben für Helga Heinemann etwas dubios, doch in Anbetracht der Möglichkeiten,
die sich da auftaten, ließ sie sich nach einiger Zeit für den Plan gewinnen.

Jetzt bestand die größte Schwierigkeit darin, von ihrer Tochter eine Einverständniserklärung zu bekom-
men. Die Beiden überlegten lange und beschlossen, sich noch einmal vernünftig mit Monika zu unter-
halten, ob sie nicht aus freien Stücken bereit wäre, etwas für ihr weiteres Leben zu unternehmen.

Es war schon wieder dunkel, als Monika endlich aus ihrem Zimmer kam um noch auf Tour zu gehen.
Als sie die Treppe heruntergegangen war, wurde sie von ihren Eltern aufgefordert ins Kaminzimmer zu
kommen, da sie mit ihr noch etwas zu besprechen hätten.

Ziemlich widerwillig folgte sie der Aufforderung und setzte sich auf eine Sessellehne. „Monika,“ fing ihr
Vater an, „wir müssen unbedingt über Deine Zukunft reden, so geht es nicht mehr weiter.“ „Jetzt hört
doch mal auf mich ständig zu nerven,“ erwiderte sie aufgebracht, „ich kann die alte Leier nicht mehr
hören: Mach was aus Deinem Leben, nimm Dir ein Beispiel an Deinen Brüdern, Du bist ständig mit den
verkehrten Leuten zusammen, Du solltest nicht rauchen und keinen Alkohol trinken, und, und, und.
Meine Güte, von Euern gutgemeinten Ratschlägen habe ich die Fresse endgültig voll, das könnt ihr mit
glauben.“

„Und was ist mit der Haftstrafe, die Du in einigen Tagen antreten musst?“ fragte ihre Mutter. „Ach du
heilige Scheiße,“ sagte Monika, „an die verdammte Haftstrafe habe ich überhaupt nicht mehr gedacht,
Papa, Du musst mir helfen.“

„Sieh mal an, jetzt auf einmal werde ich wieder gebraucht, aber nur weil Fräulein Tochter ganz dick in
der Patsche sitzt.“ knurrte Heinemann verbittert. „Aber ich habe Dich noch nie im Stich gelassen, und
da ich mir vorstellen konnte, dass so etwas in dieser Richtung passiert, habe ich mich bereits erkundigt,
was man unternehmen könnte.“ Damit sagte er zwar nur die halbe Wahrheit, aber kurzfristig hatte er
einen Plan geschmiedet, um an die Unterschrift seiner Tochter heranzukommen.

„Es ist so,“ fing er gerade an zu erzählen, „wenn Du einen Tag bevor Du die Haftstrafe antreten musst
Dich bei einer bestimmten Adresse meldest, könnte es sein, dass Du um die JVA herumkommst. Dazu
bräuchtest Du nur eine Einwilligungsbestätigung zu unterschreiben, die ich bereits besorgt habe.“

Im gleichen Augenblick war von draußen ungeduldiges Hupen zu hören, Monika sagte sie müsse sofort
los, ihr Bekannter würde schon warten, ihr Vater solle einfach tun, was er für richtig hielte. Mit diesen
Worten sprang sie auf und wollte zur Haustür, doch ihr Vater rief sie noch einmal zurück und hielt ihr
einen Kugelschreiber hin. „Unterschreib das schnell, dann kann ich alles in die Wege leiten, und Du
kannst von mir aus zu Deinen Freunden gehen.“

„Dann gib den Wisch doch her,“ gab sie schnodderig zurück und setzte ihre Unterschrift unter das
Dokument, einen Augenblick später war sie auch schon durch die Haustür verschwunden.

„Das lief ja besser als ich dachte,“ seufzte Heinemann erleichtert und sah seine Frau an, die inzwischen
Zweifel an der Richtigkeit des geplanten Unternehmens bekommen hatte. Ihr Mann beruhigte sie aber
schnell, denn sie hätte ja auch nun wieder gesehen, dass ihre Tochter vollkommen uneinsichtig wäre und
es keinen anderen Weg geben würde, als die geplante Aktion in Angriff zu nehmen.

Gleich am nächsten Tag fuhr Heinemann mit der Erklärung seiner Tochter zu dem Staatsanwalt, der sich
von ihm schriftlich bestätigen ließ, dass sie die Unterschrift freiwillig geleistet hätte. Das tat er nur zu
gerne und bekam die Order, sich in fünf Tagen am Vormittag zusammen mit seiner Tochter in der
Hafenstadt Lauwersoog in den Niederlanden einzufinden. Er solle den Wagen möglichst weit entfernt
parken und dann zum Fischereihafen kommen, bei den vier Energiewindmühlen würde jemand auf ihn
warten, alles andere würde er dort erfahren.

Teil 3

Einen Tag vor der Abfahrt nach den Niederlanden bat Erich Heinemann seine Tochter, den Abend zu
Hause zu verbringen, da sie am nächsten Tag zeitig wegfahren müssten. Monika versprach ihrem Vater,
dass sie nicht lange wegbleiben würde, sie wolle nur kurz zur einer Freundin gehen. Natürlich hielt sie
sich nicht an ihre Zusage, erst am nächsten Morgen um 6.00 Uhr kam sie wieder nach Hause, blau wie
ein Veilchen. Ihr Vater hatte in dieser Nacht vor lauter Sorge, dass sie überhaupt nicht auftauchen würde,
so gut wie nicht geschlafen und war dementsprechend sauer. Er ließ ihr weder Zeit zum Umziehen noch
zum Frühstücken, sondern verfrachtete sie hinten in den Wagen und fuhr los Richtung Niederlande.

Während der ganzen Fahrt schlief Monika auf der Rückbank, ein säuerlicher Geruch von ihrem
Alkoholatem verpestete die Luft im Wageninneren. Nach fast vier Stunden Autofahrt kamen sie endlich
in Lauwersoog an, Heinemann parkte seinen Wagen verabredungsgemäß am Stadtrand, von da aus hat-
ten sie eine Viertelstunde zum Alten Hafen zu laufen.
Monika war unterwegs nur am meckern, sie wollte einen Kaffee trinken, außerdem müsste sie unbedingt
mal auf die Toilette, doch Heinemann war absolut nicht in der Stimmung, auf die Wünsche seiner miss-
ratenen Tochter einzugehen.

Im Fischereihafen wurden sie bereits von einem deutschen Rechtsanwalt erwartet, der sich mit dem
Namen Rolf Meyerdirks vorstellte. Er erkundigte sich nach dem Verlauf der Fahrt, und Heinemann bestä-
tigte ihm, dass es unterwegs keine Probleme gegeben habe, bei der Grenze hätten sie durchfahren kön-
nen, auch hätten sie unterwegs nicht einen Stopp eingelegt.

Anwalt Meyerdirks führte sie zu einem Fischkutter, dessen Diesel leise brummte. Nun wurden sie aufge-
fordert an Bord zu kommen, doch jetzt wurde Monika die Sache unheimlich, sie fragte ihren Vater was
sie auf einem dreimal verfluchten, stinkenden Fischkutter zu suchen hätten. Ihr Vater gab ihr zu verste-
hen, dass es an Bord zumindest eine Toilette geben würde. Bei dem Druck, den sie auf der Blase hatte,
hetzte sie geradezu auf das Schiff und verschwand auf der Toilette.

Auch Meyerdirks und Heinemann gingen nun an Bord, und noch während Monika auf der Toilette saß,
wurden Vor- und Achterleine und die Springs losgeworfen, der Kutter schob sich langsam von der
Kaimauer weg und nahm Fahrt auf , verließ den Hafen auf dem Zoutkamperlaag, um dann über das
Westgat zwischen Ameland und Schiermonnikoog die Nordsee zu erreichen.

Als Monika von der Toilette zurückkam ging sie auf den Steuerstand um zu erfahren, wohin die Reise
gehen sollte. Da ihr Vater und sie kein Gepäck mitgenommen hatten, konnte es nach ihrer Meinung nicht
allzu weit sein. Auf dem Steuerstand angekommen wurde ihr ein Becher Kaffee angeboten, den sie dank-
bar annahm, auch gab es frisches holländisches Weißbrot, dick mit Butter bestrichen und mit Ham
(gekochter Schinken) belegt.

Nachdem sie herzhaft gegessen hatte und von dem starken Kaffee wieder klar im Kopf war, wollte sie
nun endlich wissen, was es mit dieser Reise auf sich hatte. Das war nun für Erich Heinemann der schwie-
rigste Moment, und etwas hilflos sah er Anwalt Meyerdirks an.

„Vielleicht sollten wir das Gespräch unten in der Messe weiterführen.“ schlug er vor und so begab man
sich in den Mannschaftsraum, der im Moment verlassen war.

Nachdem die Drei sich an einen Tisch gesetzt hatten fragte Monika nach einer Zigarette, die ihr auch
bereitwillig angeboten wurde, sie konnte zu diesem Zeitpunkt auch nicht wissen, dass es die letzte ihres
Lebens war.

„Ja, Monika,“ hob Meyerdirks an, „es ist einfach so, dass Du im Moment große Probleme hast, so wie
mir gesagt wurde. Du hast Schule und berufliche Ausbildung abgebrochen, bist mehrmals mit dem
Gesetz in Konflikt gekommen, solltest sogar für einige Wochen ins Gefängnis kommen, es sieht also
wirklich nicht gut aus mit Dir. Wenn Du so weitermachst wie bisher, hast Du in Deinem Leben keine
Chance.“

„Was ist hier eigentlich los,“ giftete Monika Anwalt Meyerdirks an, „sind sie vielleicht mit meinem seni-
len Vater in eine Schulklasse gegangen und schon genauso bescheuert wie er? Ich will sofort wieder an
Land, aber augenblicklich, diesen Käse hier mache ich nicht mit.“

„Liebe Monika, sie werden an Land kommen, aber Ihr Weg führt nicht nach Hause zurück, sondern für
Sie geht es in eine Art neue Welt, in eine Welt, in der nur ein Mensch zählt, der sich in eine Gemeinschaft
einfügen kann, der bereit ist, für seinen Lebensunterhalt hart zu arbeiten.“

„Ihr könnt mich mal alle Beide kräftig am Arsch lecken, aber hochkant, Ihr Spinner. Ich gehe nirgend-
wo hin, ich fahre sofort zurück nach Hause. Also dreht diesen gammeligen Fischeimer um und bringt
mich zurück, aber sofort, sonst zeige ich Euch wegen Freiheitsberaubung an, das schwöre ich Euch.“
„Nein, da hättest Du wahrscheinlich wirklich keine Hemmungen,“ sagte ihr Vater, „aber die einzige
Möglichkeit, Dir die Schande eine Gefängnisaufenthalts zu ersparen, ist dieser Weg. Die rechtlichen
Möglichkeiten hast Du mir doch selbst gegeben, erinnerst Du Dich daran, wie Du mir den Vordruck
unterschrieben hast, es ist gerade eine Woche her. Damit hast Du Dich einverstanden erklärst, für min-
destens ein Jahr die Verantwortung für Dein Leben in unsere Hände zu legen, und glaube mir, wir wol-
len nur das Beste für Dich.“

„Jetzt begreife ich erst, was hier gespielt wird,“ brüllte Monika die beiden Männer an, „ich passe nicht
in Euer so perfektes Familienleben hinein, also schiebt man mich einfach ab, verschwunden in der
Versenkung. Aber damit kommt Ihr nicht durch, das könnt ihr mit mir nicht machen. Ich weiß zwar
nicht, was Ihr vorhabt und wo Ihr mich hinbringen wollt, aber das kann ich Euch jetzt schon sagen, egal
wo das sein soll, da werden mich keine 10 Pferde halten.“

Nach diesen Worten sprang sie auf und wollte zur Tür hinauslaufen, doch hatte sie nicht mit den
Matrosen rechnen können, die vorsichtshalber vor der Tür postiert waren. Die fackelten nicht lange,
packten Monika und drehten ihr die Arme auf den Rücken, um sie dort mit einem Tau zusammenzubin-
den. Monika fing an zu treten, aber auch das hatte keinen Sinn, mit einem zweiten Ende Tau wurden ihr
nun auch noch die Fußgelenke zusammengebunden.

Völlig wehrlos wurde sie wieder auf die Bank in dem Mannschaftsraum verfrachtet, wollte gerade wie-
der anfangen zu brüllen, als Anwalt Meyerdirks aufstand und ihr eine Ohrfeige verpasste. Niemals in
ihrem Leben war sie geschlagen worden, und jetzt schlug sie ein fremder Mann im Beisein ihres Vaters.
Mit weit aufgerissenen Augen sah sie ihren Vater an, der aber setzte einen abweisenden
Gesichtsaufdruck auf.

„Jetzt hörst Du ganz genau zu, Du kleines Luder,“ schrie Meyerdirks sie an, „ab sofort machst Du keine
Schwierigkeiten mehr, denn ich entscheide nach einem Jahr, ob Du Deine Lektion gelernt hast oder nicht,
wenn Du nicht mitspielst kann es sein, dass Du Deine Eltern für Jahre nicht mehr siehst, haben wir uns
jetzt verstanden?“

In so einem rauhen Ton hatte noch keiner mit ihr geredet, allmählich fing sie an zu begreifen, dass sich
in ihrem Leben einiges ändern würde, ob sie wollte oder nicht.

Teil 4

Inzwischen hatte der Kutter Lauwersoog weit hinter sich gelassen und fuhr durch das friesische Zeegat
zwischen Ameland und Schiermoonikoog auf die offene Nordsee zu.

Die Matrosen hatten die immer noch gefesselte Monika an Deck gebracht, der es inzwischen vollkom-
men egal war was passierte, sie war derartig seekrank, so dass sie nur noch über einer Pütz (Schiffseimer)
kniete und sich die Seele aus dem Leib kotzte.

So bekam sie es überhaupt nicht mit, dass der Kutter bei einer Tjalk längseits ging, und sich die beiden
Mannschaften herzlich begrüßten. Auf einmal wurde sie gepackt und von dem Kutter auf die Tjalk beför-
dert, sie sah ihren Vater noch einmal winken, doch dann forderte Neptun wieder sein Recht, denn die
Tjalk schaukelte in dem Moment noch mehr als der Kutter. Erst als die Segel gesetzt wurden war es mit
der wilden Schaukelei der Tjalk vorbei, sie hatte zwar etwas Schräglage, aber schaukelte nicht mehr wie
blöd hin- und her sondern glitt ruhig und majestätisch durch die Wellen.

Langsam wurde Monika bewusst, dass ihr Vater sie allein gelassen hatte, nur der verhasste Meyerdirks
war an Bord. Einer der Männer kam zu ihr und löste die Fesseln, gab ihr dabei zu verstehen, dass sie
keinen Ärger machen und ruhig an Deck sitzen bleiben solle.
Nach einer Weile fing sie an zu frieren, im April ist es auf dem Meer immer noch sehr kalt. Wie ein
Häufchen Elend saß sie zusammengekauert auf dem Deck und klapperte mit den Zähnen, als einer der
Männer ihr einen dicken Rollkragenpullover brachte, den sie sich überziehen sollte.

Kaum hatte sie den Pullover in den Händen, als ihr ein seltsamer Geruch daran auffiel, es war eine
Mischung von Körperschweiß, feuchten Räumen und altem Fisch. „So einen Lumpen ziehe ich nicht an,
den Gestank kann doch kein normaler Mensch aushalten, mit besten Dank zurück!“ giftete sie den
Seemann an und warf ihm den Pullover vor die Füße. Der zuckte nur mit den Schultern, hob den
Pullover auf und nahm ihn wieder mit unter Deck.

Langsam fing sie an ihre Umgebung aufmerksamer zu beobachten, als erstes fiel ihr die altmodische
Kleidung der drei Männer auf, die das Schiff führten. „Das sind doch bestimmt Leute von einem dieser
historischen Segelvereine.“ dachte sie bei sich. Mit einem Mal sah sie Meyerdirks den Niedergang hoch-
kommen, sie konnte sich ein lautes Lachen nicht verkneifen, denn jetzt trug er einen Anzug, der viel-
leicht vor 100 Jahren mal modern gewesen war.
Meyerdirks sah sie nur stumm an, sagte weiter nichts und ging auf das Achterschiff zur Besatzung, um
sich dort mit ihnen zu unterhalten.

Mit einem Mal sah Monika von ihrem Platz in Fahrtrichtung der Tjalk ein weiteres Segel, scheinbar kam
ihnen ein anderes Segelschiff entgegen. Falls das nicht auch so ein dreimal verdammter Schlickrutscher
von diesem bescheuertem Segelverein war, konnte das ihre Rettung bedeuten.

Wenige Minuten später konnte sie das andere Schiff gut erkennen, es war eine moderne Segelyacht, die
jetzt direkt auf die Tjalk zukam. Als beide Schiffe auf gleicher Höhe waren, sprang sie auf und fing mit
beiden Armen an zu winken und um Hilfe zu rufen, doch bevor die Besatzung der Segelyacht ihr Winken
und Rufen begreifen konnte, stand einer der Seeleute neben ihr und winkte ebenfalls der Yacht zu, dabei
packte er mit seiner Hand Monikas Oberarm und drückte ihn so fest, dass ihr die Hilferufe im Hals stek-
kenblieben.

Auch die Besatzung der Segelyacht winkte nun und rief Grußworte herüber, keiner hatte ihre Notlage
bemerkt, Sekunden später waren die Schiffe aneinander vorbeigefahren und der Abstand vergrößerte
sich zusehends.

Der Seemann hielt Monikas Arm immer noch fest und führte sie zu dem Niedergang hin. „Runter mit
Dir, Du Miststück, ich hab Dir doch gesagt, dass Du keinen Ärger machen sollst.“

Untern angekommen hatte sie sich auf eine Bank zu setzten, ihr Aufpasser öffnete eine Kiste und holte
eine kurze Kette heraus. Mit den Worten: „Wer nicht hören kann, muss fühlen!“ legte er das eine Ende
der Kette um ihren Hals und sicherte es mit einem Vorhängeschloss, das andere Ende wurde an einer Öse
angeschlossen, die in den Boden der Schiffsmesse eingelassen war.

Monika ließ es ruhig mit sich geschehen, es kam keinerlei Gegenwehr von ihr, doch als sie richtig begrif-
fen hatte, was man mit ihr gemacht hatte, stieg ihr die Wut von den Zehenspitzen bis zum Kopf hoch.
„Du verdammter Hurensohn, was fällt Dir ein, sofort machst Du die Kette los, wessen Geistes Kind
glaubst Du eigentlich zu sein, Du primitives Arschloch.“

Der Seemann sah sie an und gab ihr den Rat, sich ab sofort ruhig zu verhalten, für ihre Beschimpfungen
und Flüche würde sie später ihre Strafe bekommen, sollte er jetzt noch auch nur einen Ton von ihr hören,
würde er ihr die Hände zusammenbinden und seine alten Socken als Knebel für sie gebrauchen. Nach
diesen Worten drehte er sich um und ging wieder an Deck, fest in dem Glauben, Monika ruhig gestellt
zu haben.

Doch die gab nicht so schnell auf, sie sprang auf und riss an der Kette, versuchte das einfache Schloss
zu zerstören, aber alle ihre Bemühungen waren vergeblich. Sie sah sich in der Messe um, hier müsste es
doch etwas geben, mit dem die Schlösser zu öffnen wären, doch ihre Kette war so kurz, dass sie nirgends
ankam.

Entmutigt ließ sie sich auf die Bank zurückfallen, im Moment konnte sie nichts ausrichten, doch irgend-
wann würde die Bootsfahrt ja wohl ein Ende haben, und dann würde sie mit Sicherheit einen Weg fin-
den, ihren Aufpassern zu entkommen.

Teil 5

Allmählich wurde Monika etwas ruhiger und fing an, über ihre neue Lage nachzudenken. Ihre Eltern sah
sie als Verräter an, zumindest ihr Vater war zu 100 Prozent an der Entführung beteiligt. Wieder kam Wut
in ihr auf: Was wollte der Alte damit erreichen? Während sie noch Rachepläne schmiedete, hörte sie
jemanden den Niedergang herunterkommen, Anwalt Meyerdirks kam zu ihr in die Messe. Wieder muss-
te sie lachen, als sie seinen altmodischen Anzug sah, Meyerdirks jedoch sah sie ganz ruhig an und frag-
te sie höflich, ob sie noch eine Ohrfeige haben wolle.

Schlagartig war Monika still, so langsam bekam sie es mit der Angst zu tun. Der Anwalt wollte von ihr
wissen, was für ein Gefühl es wäre, angekettet wie ein Hund allein in der Messe zu sitzen. Das war zuviel
für ihre Nerven, wie eine Rakete schoss sie hoch und wollte sich auf Meyerdirks stürzen um ihm die
Augen auszukratzen, doch nach zwei Schritten wurde sie schmerzhaft durch die Kette gestoppt. Ihr
wurde schlecht vor Schmerzen und mit einem Röcheln setzte sie sich wieder auf die Bank.

Meyerdirks schüttelte nur mit dem Kopf und meinte: „Sehr unvernünftig von Dir, in der Tat, sehr unver-
nünftig.“ und setzte sich zu ihr an den Tisch. „Kann ich jetzt vernünftig mit Dir reden oder brauchst Du
noch erst eine Stunde, um Dich wieder zu beruhigen?“

„Ich bin ja schon ruhig“ sagte sie leise und rieb sich den Hals, „was bleibt mir denn anders übrig?“ „So
gefällt mir das schon wesentlich besser, doch das nächste Mal, wenn du mir antwortest, sagst Du gefäl-
ligst: „Ich bin ja schon ruhig, Herr Meyerdirks. Hast Du das verstanden?“

„Ja, das hab ich verstanden.“ „Wie bitte?“ fragte Meyerdirks. „Ja, das habe ich verstanden, Herr
Meyerdirks.“

„Na also, bei Dir scheint ja noch nicht alles verloren zu sein, da gibt es durchaus noch Hoffnung, ja,
durchaus noch Hoffnung. Nun möchtest Du sicher gerne wissen, in was Du hier hereingeraten bist.“
Monika nickte mit dem Kopf und sah den Anwalt erwartungsvoll an, dachte aber bei sich: „Dich
Arschloch mache in auch noch fertig.“

„So wie mir Dein Vater berichtete, hast Du in den letzten 2-3 Jahren eine ganze Menge von Problemen
gehabt, Drogen, Alkohol, schlechter Umgang, Gesetzesübertretungen, dazu kommt, dass Du Deinen
Eltern nicht den gehörigen Respekt erwiesen hast, das ist unverzeihlich, in der Tat, unverzeihlich.”

Monika zog sich bei diesen Worten vor Frust der Magen zusammen, dieses dämliche Gesülze hatte sie
sich schon oft genug anhören müssen, und am liebsten hätte sie Meyerdirks den Hals umgedreht, doch
sie blieb ruhig sitzen und sah ihn nur erwartungsvoll an.

„Nun, meine liebe Monika“ sprach er weiter, „das nächste Jahr Deines Lebens wird bestimmt ganz anders
verlaufen, als Du Dir das vorstellen kannst. Es ist nicht unsere Absicht, Dich irgendwo einzusperren,
ganz im Gegenteil. Du wirst viel arbeiten, hauptsächlich an frischer Luft, es gibt eine deftige und gesun-
de Ernährung, und auch Dein Geist wird neu belebt werden, ja, neu belebt werden.“

„Das hört sich sehr gut an, Herr Meyerdirks,“ flötete sie schlangenfalsch, „doch können Sie mir bitte
nicht verraten, was da auf mich zukommt, ich möchte mich doch gerne darauf einstellen können, um
Sie nicht zu enttäuschen.“
Das war Musik in Meyerdirks Ohren, wohlwollend sah er Monika an und erzählte weiter: „Es gibt in
Ostfriesland eine ganze Region, die für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist, wir haben uns selbst die
Bezeichnung „Land der alten Dörfer“ gegeben. In unserem Land gibt es fünf Dörfer, in einem von ihnen
wirst Du das nächste Jahr leben.“

„Ich habe noch nie von einem Land der alten Dörfer gehört, Herr Meyerdirks, wo liegt denn dieses Land
genau?“ fragte Monika, die sich im Geist schon aus diesem seltsamen Land möglichst schnell verschwin-
den sah.

„Hinter Emden liegt die sogenannte Krummhörn, was auf Hochdeutsch Krummes Horn bedeutet, da die-
ses Gebiet auf einer Landkarte auch so aussieht.“ Meyerdirks holte Papier und Bleistift und fertigte eine
grobe Skizze an. Als er fertig war, schleimte Monika: „Sie haben aber Talent zum Zeichnen, Herr
Meyerdirks, das hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut.“

Anwalt Meyerdirks blähte sich auf wie ein Pfau und wehrte das Kompliment halbherzig ab: „Aber nein,
meine liebe Monika, so gut ist es nun auch wieder nicht geworden, in der Tat, nicht geworden.“

Bevor Monika, die den Anwalt schon so schön um den Finger gewickelt hatte, ihn noch weiter ausfra-
gen konnte, wurde vom Deck aus runtergerufen: „Meyerdirks, kumm no boben, we bünt dor, dat Wicht
kann glicks nokommen.“ Monika verstand kein Wort und fragte: „Was hat er gesagt, Herr Meyerdirks,
ich habe kein Wort verstanden.“ „Ich soll nach oben, wir sind jetzt am Ziel, und wirst auch gleich nach
oben gebracht. Das war übrigens unserer Plattdeutsch, je eher Du es lernst, umso besser, bei uns wird
fast nur Platt gesprochen.“

Kaum war der Anwalt verschwunden, als der Seemann von vorhin in die Messe kam und Monikas Kette
an der Öse löste, sie an ihrer Kette an Deck führte und dort ihre Hände hinter dem Rücken zusammen-
band.

Die Tjalk hatte inzwischen kurz vor der Küste geankert und die Segel geborgen. Das Beiboot wurde zu
Wasser gelassen, Meyerdirks und 2 Seeleute stiegen ein, zum Schluss wurde Monika hineinbugsiert.

Mit kräftigen Riemenschlägen ruderten sie auf den Strand zu, als der Bug im Sand knirschte und das
Boot am Strand lag, wurde Monika herausgehoben. Einer der Männer blieb als Wache beim Beiboot
zurück, der andere nahm das lose Ende der Kette und zog Monika in Richtung Deich, Meyerdirks stapf-
te mühsam hinterher.

Oben auf der Deichkrone blieben sie stehen um auf Meyerdirks zu warten, der nur mühsam hinterher
kam, Monika schaute sich um und ihr Blick fiel auf ein kleines Dorf, das dicht unter dem Deich lag. Sie
schaute etwas näher hin, konnte nicht glauben, was sie dort sah und sagte nur: „Ach du heilige Scheiße,
das darf doch nicht wahr sein.“

Teil 6

Als Meyerdirks auch endlich auf der Deichkrone angekommen war, ruckte der Seemann an der Kette und
die Drei gingen den Deich hinunter auf das Dorf zu. Auf dem Weg zur Dorfmitte begegneten sie einigen
Leuten, die zwar kurz und freundlich grüßten, aber von einer jungen Frau mit einer Kette um den Hals
kein Aufhebens machten.

Monika verstand die Welt nicht mehr, am frühen Morgen war sie von ihrem Vater ins Auto verfrachtet
worden, nach einer scheinbar längeren Autofahrt, von der sie nichts mitbekommen hatte, wurde sie auf
einen Fischkutter verfrachtet, von da aus wurde sie gefesselt auf ein altes Segelboot gebracht, und das
scheinbar mit Einverständnis ihrer Eltern.
Nicht nur, dass sie von diesem verfluchten Meyerdirks geschlagen worden war, nein, sie wurde auch
noch wie ein wildes Tier an eine Kette gelegt. Dann wurde sie, immer noch mit der Kette um den Hals
und die Arme auf dem Rücken gefesselt, über den Deich in ein armseliges Dorf gebracht, und nicht einen
Menschen schien zu interessieren, dass sie ganz offensichtlich gekidnappt worden war.

Auf dem Dorfplatz wartete schon ein älterer Mann auf sie, der Meyerdirks und den Seemann herzlich
begrüßte, von Monika nahm er weiter keine Notiz. Der Alte pfiff einmal auf den Fingern, kurze Zeit spä-
ter kamen zwei Frauen aus einem der Häuser und gingen auf Monika zu. Der Seemann übergab den
Frauen das lose Ende der Kette, und diese führten Monika an das andere Ende des Dorfes auf eine Art
Schuppen zu.

Erst als die Frauen Monika ins das Gebäude gebracht hatten, wurde sie direkt angesprochen: „Hab keine
Angst, Mädchen, wir wollen Dir nicht weh tun, aber Du musst jetzt vernünftig sein und das machen,
was wir Dir sagen.“ und lösten ihre Handfesseln.

Nun war sie diesen beiden Frauen in den altmodischen Kleidern ausgeliefert, die machten zwar einen
ziemlich normalen Eindruck, doch mochte der Satan persönlich wissen, was die mit ihr vorhatten.

„Zieh Dich aus, Mädchen, wir müssen Dir erst mal anständige Kleidung geben, bei uns darf keine Frau
in Hosen herumlaufen.“ „Wo lebt ihr denn, Ihr Suppenhühner, seit wann darf eine Frau keine Hosen tra-
gen? Und überhaupt, wieso laufen hier alle in historischen Kostümen herum, Karneval ist doch schon
lange vorbei!“

„Du armes Kind, hat Dir denn keiner gesagt, wo Du hier bist?“ fragte Kea, die Ältere von den Beiden.
„Doch sicher, im Land der alten Dörfer, irgendwo in Ostfriesland, wo es scheinbar normal ist, mit einer
Eisenkette um den Hals herumzulaufen. Was läuft hier ab, ist es die Sendung „Vorsicht, Kamera“ oder
„Verstehen sie Spaß?“

Die jüngere der Beiden, Thekla war ihr Name, meinte ganz ruhig: „Draußen in der Welt gibt es viele
Dinge, die wir hier nicht kennen, aber die kannst Du auch vergessen, die brauchen wir hier nicht. Aber
darüber können wir uns später noch unterhalten, zieh jetzt bitte deine Sachen aus.“

„Ich werde mich mit Sicherheit nicht ausziehen, ihr könnt mich mal an die Füße fassen, ich bin weder
lesbisch noch andersartig veranlagt, wisst Ihr, was ich jetzt machen werde? So schnell wie möglich
werde ich aus Eurem bescheuertem Dorf verschwinden.“ und wollte zur Tür herausrennen.

Doch den Aufstand hätte sie sich sparen können, Kea hatte das Ende ihrer Kette fest in der Hand und
hielt sie fest. „Mädchen, mach Dir das Leben nicht unnötig schwer, gegen uns kommst Du doch nicht
an.“

Nun hatte Monika schon bei Meyerdirks gelernt, dass offener Widerstand ziemlich zwecklos war, also
nickte sie mit dem Kopf und meinte, dass sie nun keine Schwierigkeiten mehr machen wolle. Gehorsam
zog sie sich aus und legte ihre Kleidung auf einem Schemel ab.

Thekla öffnete ein Wäschebündel und gab Monika eine Unterhose, beim Anziehen bemerkte sie, dass der
Schritt der Hose offen war, was eine ungutes Gefühl in ihr aufkommen ließ.
Es gab bei diesem seltsamen Kleidungsstück noch nicht einmal ein Gummizug im Bund, dafür war eine
Art Kordel eingearbeitet, die Thekla ihr strammzog und mit einer Schleife verschloss. Das nächste Teil
war ein Unterhemd, dass scheinbar aus einer groben Wolle gestrickt worden war, denn schon nach weni-
gen Augenblicken fing es an, auf ihrer Haut zu jucken.

Sie bekam noch ein paar dicke Stricksocken, dann gab Kea ihr ein Kleid, das sie anzuziehen hatte. „Wenn
alte Kartoffelsäcke als Kleider mal modern werden, bekommt dieser Lumpen bestimmt den ersten Preis.“
dachte Monika bei sich, hielt aber wohlweislich den Mund. Das Kleid, das ihr fast bis zu den Knöcheln
reichte, wurde von Kea mit einem Band mittels einer Schleife im Nachen zugemacht. Als letztes bekam
sie noch ein Paar Klumpen (Holzschuhe), die ihr zwar etwas zu groß waren, aber das schien die beiden
Frauen nicht zu interessieren.

Während Thekla die alte Kleidung in einen Sack stopfte, hatte Monika sich auf den Schemel zu setzen,
Kea holte einen Kamm aus der Tasche, scheitelte ihre Haare und flocht ihr zwei Zöpfe, um dessen Enden
sie ein einfaches Stück Bindfaden wickelte und verknotete, anschließend wurde ihr eine Haube aufge-
setzt und unter dem Kinn verknotet.

„Jetzt siehst du manierlich aus, so können wir Dich unseren Dorfvorsteher vorstellen, sein Name ist übri-
gens Mimke de Groot. Vergiss ja nicht einen tiefen Knicks zu machen, wenn er Dich anspricht, und reden
darfst Du nur, wenn Du gefragt wirst. Außerdem hast Du jede Antwort, die Du gibst, mit: „Ja, Herr de
Groot“ zu beenden, außerdem hast du Herrn de Groot nicht anzusehen, sondern deinen Blick keusch
nach unten zu halten, außer er spricht gerade mit Dir, kannst Du Dir das merken?“

„Ich denke schon,“ meinte Monika, „aber könnt Ihr mir nicht sagen, was nun weiter mit mir passieren
wird?“ „Das weiß nur der Vorsteher, wir Frauen werden in die Pläne der Männer nicht eingeweiht.“ mein-
te Kea und nahm das Ende der Kette in die Hand und führte Monika zu den Männern auf den Dorfplatz.

Teil 7

Auf dem Weg zum Dorfplatz sah Monika sich neugierig um, es war wirklich nur ein kleines Dorf. Links
und rechts der scheinbar einzigen Straße, die aus kleinen Findlingen gebaut war, standen niedrige
Bauerngehöfte, dazwischen wieder ganz kleine Häuser. Auf allen Fenstern standen Blumenkästen, und
jedes Gebäude hatte einen großen Garten mit Blumen, aber auch Gemüse und Salat wurden angebaut.

Beim Dorfplatz angekommen sahen sie den Vorsteher und Anwalt Meyerdirks in ein Gespräch vertieft
zusammenstehen, der Seemann war wohl schon wieder auf das Schiff zurückgegangen.

Mimke de Groot nahm Monika erst mal genauer in Augenschein, auch Meyerdirks begutachtete ihre
neue Kleidung. „Nun, mein gutes Kind,“ sagte Meyerdirks, „mich deucht, diese Kleider stehen Dir viel
besser als die anderen, ja, in der Tat, viel besser. Wie dem auch sei, Vorsteher de Groot, ich muss nun
wieder los, aber wie ich Ihnen schon sagte, sehe ich bei diesem Mädchen Aussicht auf Besserung.“

Nun sah Meyerdirks wieder Monika an und meinte wichtigtuerisch: „Ich hoffe, Du wirst Dich hier schnell
einleben und Dich zu einem guten Menschen entwickeln, ich werde Deine Fortschritte genau beobach-
ten, ja wirklich, genau beobachten.“ „Alte w***ser!“ dachte Monika, sagte aber zu ihm nur: „Ich werde
bestimmt mein Bestes tun, Herr Meyerdirks, ja, in der Tat, mein Bestes tun.“

Das brachte ihr zwar einen Ruck mit der Kette ein, doch das war ihr der Spaß wert, den Anwalt wütend
abrauschen zu sehen. Pech allerdings war es, dass Vorsteher de Groot so gar keinen Sinn für Humor
hatte, er sah Monika streng an und meinte: „Solange das Mädchen meint, dass es erwachsene Männer
veralbern kann, wird es auch die Folgen dafür zu tragen haben. Kea, heute Nacht bleibt sie in Eurem
Haus, morgen nach dem Melken soll Dein Mann sie nach Hohedörp bringen, Du weißt schon zu wem,
der soll sie anschließend beim Bürgermeister abliefern. Wenn Dein Mann mit seiner Arbeit fertig ist, soll
er noch eben bei mir vorbeikommen, ich muss ihm noch zwei Schreiben mitgeben.“ Damit drehte er sich
um und ging ohne zu Grüßen seiner Wege.

„Oh Mädchen, was bist Du nur für eine dumme Gans, kaum bist Du hier, da hast Du Dich auch schon
bei zwei wichtigen Leuten unbeliebt gemacht. Wenn ich das richtig sehe, wirst Du schon morgen die
Folgen davon spüren. Aber Du musst ja selbst wissen, was Du tust, und jetzt müssen wir uns beeilen,
die Sonne steht schon tief und ich habe noch nicht mit dem Melken angefangen.“

Monika konnte wegen der Holzschuhe nicht so schnell laufen wie Kea, die immer wieder ungeduldig an
der Kette zog. Außerdem taten ihr schon jetzt von beiden Füßen der Spann weh, denn das richtige Gehen
in Klumpen will gelernt sein.

Nun bogen sie von der Straße ab und gingen auf einen Bauernhof zu, der sauber und gepflegt aussah.
„Hier ist mein Zuhause,“ sagte Kea stolz, „vor acht Jahren habe ich hier eingeheiratet, nun lebe ich hier
mit meinem Mann, den beiden Kindern und meinen Schwiegereltern.“

„Das sieht ja richtig gemütlich aus,“ meinte Monika, „ich bin schon gespannt auf Deine Familie.“
Apruppt blieb Kea stehen und sah Monika an: Für meinen Mann und meine Schwiegereltern gilt das
Gleiche wie für Vorsteher de Groot, halt bloß Deinen Mund und gib keine Widerworte, denn solltest Du
Dich schlecht benehmen wird mir die Schuld daran gegeben, weil ich Dich dann angeblich nicht richtig
eingewiesen habe. Also tu mir den Gefallen und reiß Dich die paar Stunden zusammen, übrigens hast
Du mich im Beisein meiner Familie mit „Sie“ und Frau Schilling anzureden, vergiss das bloß nicht.“

„Ist schon in Ordnung,“ sagte Monika nun doch etwas kleinlaut, „ich möchte nicht, dass Du wegen mir
Schwierigkeiten bekommst.“ und ließ sich widerstandslos an der Kette ins Haus führen.

Als sie die Küche betraten war die ganze Familie um den Küchentisch versammelt, es war gerade
Verperzeit (Tee und Brote am Nachmittag). „Habt Ihr für mich noch eine Tasse Tee übriggelassen?“ woll-
te Kea wissen. „Aber natürlich, mein Kind, wir werden Dich doch nicht verdursten lassen.“ gab ihre
Schwiegermutter freundlich zurück.

„Warum hast Du das Mädchen mitgebracht?“ fragten die Kinder, für die es scheinbar ganz normal war,
dass jemand mit einer Kette um den Hals ins Haus gebracht wurde. Sie bleibt nur heute Nacht bei uns,
morgen soll Euer Vater sie nach Hohedörp bringen. Bevor ich es vergesse,“ sagte sie zu ihrem Mann, „der
Vorsteher lässt Dich grüßen und Du möchtest nachher noch zwei Briefe bei ihm abholen.“

„Das geht in Ordnung,“ sagte er, ging zu einem Schrank, aus dem er ein Vorhängeschloss nahm und
nahm seiner Frau die Kette ab. „Ich werde mich um das Mädchen kümmern und bring sie in den Stall,
trink Du erst mal in Ruhe Deinen Tee.“

„Na, dann komm mal mit,“ sagte er freundlich zu Monika, „Du brauchst keine Angst zu haben, die Tiere
tun Dir nichts.“ Gehorsam folgte sie ihm in den Stall, wo er sie zu einer freien Stelle an der Wand führ-
te, und verschloss das freie Ende der Kette mit dem Vorhängeschloss an einem Eisenring in der Wand,
der sonst dazu diente die Kühe anzubinden.

Nun fing er an die Kühe zu melken, Kea kam etwas später und half ihm, dann wurde der Stall ausgemi-
stet und frisches Stroh auf die gereinigten Flächen verteilt, zum Schluss wurden die Tiere mit Futter ver-
sorgt, und als die Arbeit nach anderthalb Stunden erledigt war, wurde es schon dunkel in dem Stall

Monika stand die ganze Zeit über da und konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, war es denn wirk-
lich möglich, dass sie heute Morgen noch zu Hause bei ihren Eltern war? Nun stand sie neben diesen
grässlichen Kühen, die sie aus großen Augen blöde anschauten und dabei muhten, als wenn ihnen die
Gesellschaft von ihr nicht gefallen würde. Außerdem hatte sie ein unbändiges Verlangen nach einer
Zigarette, von Hunger und Durst ganz zu schweigen.

Während der Bauer wieder in die Küche ging, holte Kea eine große Ladung Heu und breitete es bei
Monika aus. „Auf kalten Steinen schlafen ist nicht gesund, Mädchen,“ erklärte sie ihr, „aber auf dem Heu
wirst Du prima schlafen, eine Decke hole ich Dir auch noch.“

„Soll ich wirklich die ganze Nacht hier bei den Viechern verbringen? Bitte tu mir das nicht an, ich hab
schon immer Angst vor so großen Tieren gehabt.“ „Nun stell Dich mal nicht so an,“ meinte sie, „die Kühe
werden Dir nichts tun, außerdem sind sie genau wie Du angebunden. Ich komme nachher mit der Decke
wieder und bring Dir etwas zu Essen mit.“

Nach einer Stunde kam sie zurück, eine Decke über dem Arm und brachte auch einen Becher Tee und
einen Holzteller mit belegten Broten mit. Mit den Worten: „Ich komme nachher noch mal wieder und
hol das Geschirr ab.“ ließ sie Monika alleine, die sich mit Heißhunger über Tee und Brote hermachte.

Inzwischen war es stockdunkel im Stall, die Geräusche der Tiere wurden ihr immer unheimlicher, da ging
die Küchentür auf und Kea kam, mit einer Laterne in der Hand, in den Stall. „Hat es Dir geschmeckt,
Mädchen?“ „Ja, es war wirklich gut, vielen Dank, aber ich habe eine Bitte, sag doch nicht immer
Mädchen zu mir, mein Name ist Monika.“

„Die Auszeichnung, mit dem Namen angeredet zu werden, musst Du Dir erst verdienen, solange bist Du
für alle nur das Mädchen, doch wenn Du fleißig bist und Dich ordentlich verhältst, wirst Du auch mit
Deinem Namen angesprochen werden. Jetzt leg Dich hin, es wird Zeit zum Schlafen, Gute Nacht.“

Teil 8

Monika schlief tatsächlich wie eine Tote, sie hörte weder die Geräusche von den Tieren noch störte sie
sich an der Kette, sie war einfach total fertig. Nach einem, wie sie meinte, viel zu kurzem Schlaf hörte
sie eine Stimme: “Hallo Mädchen, Zeit zum Aufstehen.” Im erstem Moment wusste sie überhaupt nicht
wo sie war, doch schnell wurde sie sich ihrer traurigen Lage wieder bewusst.

Kea hatte ihr einen Eimer mit kaltem Wasser hingestellt, auch ein Stück Seife und ein Handtuch lagen
bereit. “Du hast aber wirklich einen festen Schlaf, wir haben die ganze Stallarbeit schon fertig und Du
hast nichts davon mitbekommen. Mach Dich jetzt frisch, gleich wird mein Mann Dich nach Hohedörp
bringen.”

Nachdem sie sich so gut wie möglich gewaschen hatte, fragte sie Kea: “Kannst Du mich nicht von der
Kette losmachen, ich muss dringend auf die Toilette.” “Dann hock Dich doch hin und lass es laufen, wir
sind hier schließlich in einem Stall.”

Monika ließ sich das nicht zweimal sagen und hob das Kleid hoch, um das Band der Unterhose zu öff-
nen, Kea schüttelte amüsiert mit dem Kopf: “Was glaubst Du, wozu der Schlitz in der Unterhose ist? Aber
so seid Ihr Frauen aus der anderen Welt, unpraktisch bis zum Abwinken.”

Kea ging wieder zur Küche, um für Monika etwas zu Essen zu holen, doch als sie wiederkam und ihr
eine Schale mit Buttermilchbrei mit einer trockenen Scheibe Schwarzbrot und einen Becher Tee hinstell-
te, drehte sich der fast der Magen um. “Mir genügt das Brot und der Tee.” meinte sie, und war froh, dass
sie den stinkenden Brei nicht essen musste.

Kurz darauf kam der Bauer und öffnete das Schloss an dem Eisenring, führte sie vor die Stalltür und ließ
sie auf einen Ackerwagen klettern, der mit Milchkannen beladen war, die er vorher im Dorf bei den
anderen Bauern eingesammelt hatte und nach Hohedörp bringen musste.

Kea kam aus der Scheune und brachte die Decke, unter der Monika die letzte Nacht geschlafen hatte, zu
dem Ackerwagen. “Die leg Dir mal lieber um die Schultern, im Moment ist es doch noch ziemlich frisch.”

Schon knallte die Peitsche und der Wagen ruckte an, langsam ging es durch das kleine Dorf. Monika
schaute sich gründlich um, schließlich konnte jede Kleinigkeit, die sie von dieser Gegend wusste, bei der
Flucht von Hilfe sein.

Im Dorf herrschte geschäftiges Treiben, nirgendwo konnte sie Leute faul herumstehen sehen, sogar die
Jüngsten der Dorfbewohner packten mit an, wo sie nur konnten. Die kleine Ortschaft war schnell durch-
fahren, jetzt gingen es über eine gepflasterte Straße in Richtung Hohedörp.

Auf beiden Seiten der Straße konnte sie nur Felder und Äcker sehen, auf dem die Menschen am Arbeiten
waren. Auf einem der Felder, dicht bei der Strasse, sah sie zwei junge Mädchen, die ebenso hässlich
gekleidet waren wie sie selbst. Die Beiden schauten noch nicht mal auf, als der Ackerwagen an ihnen
vorbeirumpelte, sondern arbeiteten in einem Stück weiter.

Monika sah noch mal genauer hin, sie war sich nicht ganz sicher, aber vom Ackerwagen aus meinte sie
sehen zu können, dass den beiden Mädchen eine Kette vom Hals herunterbaumelte.

“Ich muss hier weg,” dachte sie, “und zwar noch heute, es muss doch möglich sein in die Zivilisation
zurückzukommen, hier würde ich bescheuert werden.” Wütend zog sie an ihrer Kette, so langsam kamen
ihre Lebensgeister wieder zurück und ihr Widerstand gegen dieses unwürdige Leben wuchs mit jedem
Kilometer, den der Ackerwagen zurücklegte.

Wenn sie die Lage richtig beurteilte, blieb ihr nur eine Möglichkeit: Sobald man am Zielort das Schloss
der Kette öffnete, würde sie sich losreißen und abhauen. Auch die Fluchtrichtung stellte für sie kein
Problem dar, sie wollte einfach in der Richtung, in der jetzt der Ackerwagen fuhr, weiterlaufen, da auf
der anderen Seite bekanntlich die Küste war, bei der es kein Entkommen gab.

Nach einer, wie es ihr schien, halben Ewigkeit drehte der Bauer sich um und meinte: “Jetzt sind wir
gleich da, Hohedörp ist der größte Ort hier bei uns, immerhin leben hier fast 200 Leute.” Der Wagen fuhr
in den Ort hinein, jeder der Einwohner, der dem Wagen sah, grüßte mit einem kurzen “Moin”.

Endlich hielt Bauer Schilling an, um vom Wagen zu steigen und in ein kleines Gebäude zu gehen, kurze
Zeit später kam er in Begleitung eines anderen Mannes wieder heraus. Dieser Mann trug eine dicke
Lederschürze, hatte die Figur eines Kleiderschrankes und sah nicht so aus, als ob er viel Humor besitzen
würde.

Die Beiden kamen auf den Ackerwagen zu, Schilling öffnete das Schloss und übergab das Ende der Kette
dem Mann mit der Lederschürze mit den Worten: “So, Schmiedemeister, ich habe meine Pflicht getan,
nun bist Du für das Mädchen verantwortlich.”, stieg auf seinen Ackerwagen und fuhr weiter, ohne sich
noch einmal um Monika zu kümmern.

Teil 9

So hatte Monika sich das nicht vorgestellt, diesem Schmiedemeister würde sie die Kette bestimmt nicht
aus der Hand reißen können, doch war sie noch lange nicht bereit, ihren Fluchtplan aufzugeben. Der
Schmied zog sie an der Kette in das Gebäude hinein, hier war es jedenfalls angenehm warm.

„Dass ich hier der Schmied bin, hast Du ja sicher mitbekommen, du kannst mich mit Meister Düring
ansprechen. Monika nickte mit dem Kopf. „Ich habe nichts gehört,“ sagte Düring zu Monika, „wurde Dir
noch nicht beigebracht, wie Du Dich zu verhalten hast?“ „Entschuldigung, ja, Meister Düring.“ und
machte einen tiefen Knicks, um nicht sein Missfallen zu erregen.

„Na also, es geht doch. Dann will ich mal an die Arbeit gehen und Dich ein wenig ausstaffieren. So wie
der Vorsteher von Texlum in seinem Brief schreibt, hast Du Dich gegenüber Advokat Meyerdirks schlecht
benommen, bei mir brauchst Du solche Scherze gar nicht erst probieren, ist das klar.“ „Jawohl, Herr
Düring“ und wieder einen dämlichen Knicks.

„Gut, dann sind wir uns soweit einig. Als erstes werde ich Dir die Kette abnehmen, die brauchen wir
nicht mehr.“ Mit diesen Worten holte er einen Schlüssel aus der Tasche und öffnete das Vorhängeschloss
an ihrem Hals, um ihr die Kette abzunehmen. Als er sich zur Feuerstelle umdrehte um einen Metallstift
in die Glut zu legen, reagierte Monika sofort. Leise zog sie die Klumpen aus und bewegte sich vorsich-
tig in Richtung Tür. Kaum hatte sie ein paar Meter Abstand zum Schmied, war sie mit zwei großen
Sprüngen bei der Tür und riss sie auf.
In diesem Moment wollte dummerweise die Frau des Schmieds hereinkommen, und Monika lief gerade-
wegs in sie hinein. Frau Düring packte sie fest am Arm und meinte: „Das ist die falsche Richtung,
Mädchen, der Amboss steht da hinten.“

„So ein kleines Luder,“ sagte Meister Düring kopfschüttelnd, „erst spielt sie hier die Lammfromme, kaum
drehe ich ihr für einen Moment den Rücken zu, will sie uns ausreißen. Halt sie gut fest, Frau, mit den
Späßen ist es gleich sowieso vorbei.“

Mit einem Stück Band wurde Monikas Halsumfang gemessen, der Schmied ging in einen Raum, der hin-
ten im Gebäude lag, und kam mit einem Halseisen, an dem eine Kette befestigt war mit einem großem
Ring am Ende, wieder. Während Frau Düring Monika mit eisernem Griff festhielt, legte der Meister ihr
das Schmückstück probeweise an. „Passt ganz genau,“ meinte er zufrieden und holte mit einer Zange
den rotglühenden Eisenstift aus dem Feuer. „Wenn Du rumzappelst kann es sein, dass Du vom heißen
Eisen verbrannt wirst, also halt Dich still, damit ich meine Arbeit erledigen kann.“

Vor Angst wurde Monika ganz schlecht, sie rührte sich nicht vom Fleck. Dann ging alles recht schnell,
Meister Düring ließ den Eisenstift von oben in die Scharniere gleiten, hielt einen Hammer unter das
Halseisen, und mit einem anderen Hammer schlug er das herausstehende Ende des Stiftes platt, das unte-
re Ende des Stiftes wurde ebenso bearbeitet.

Monika brüllte vor Schmerzen, denn durch das Hämmern waren Funken auf ihrer Haut gelandet, doch
Düring war unerbittlich, erst als er seine Arbeit beendet hatte, kippte er einen Krug Wasser über ihren
Nacken, was ihr im ersten Moment einen großen Teil der Schmerzen nahm.

„Jetzt hast Du das Schlimmst hinter Dir,“ meinte Frau Düring tröstend, „der Rest ist dagegen nur noch
ein Kinderspiel, dass wir Frauen unter uns ausmachen.“

Frau Düring schickte ihren Mann vor die Tür mit der Anweisung, kein männliches Wesen in die
Schmiede hereinzulassen. Nachdem sie die Tür von innen verschlossen hatte, forderte sie Monika auf,
ihr Kleid auszuziehen. Nur widerwillig gehorchte die, doch im Moment war es vielleicht besser, den
Anordnungen nachzukommen.

Nun wurde die Kette des Halseisen an einem Ring angeschlossen, der in dem Steinboden der Schmiede
eingelassen war. Dann ging sie, wie vorher ihr Mann, in den hinteren Raum des Gebäudes, um etwas zu
holen. Nach wenigen Minuten kam sie zurück, in der Hand hielt sie einen Gegenstand, der ebenfalls aus
Metall gearbeitet war. Im ersten Moment konnte Monika nicht erkennen, um was es sich dabei handel-
te, doch als sie den Gegenstand erkannte, wich sie, soweit es ihre Kette zuließ, vor Frau Düring zurück
rief entsetzt: „Nein, niemals, nur über meine Leiche.“

Teil 10

„Nun stell Dich mal nicht so an, was sein muss, muss sein.“ Vor Wut fletschte Monika die Zähne, schrie
Frau Düring an: „Ihr habt doch alle einen Sockenschuss, ihr verrücktes Volk, wir leben doch nicht mehr
im Mittelalter, ich will sofort einen Anwalt sprechen.“ Wie ein in die Enge getriebenes Tier sah sie sich
mit wilden Blick um, griff sich eine schwere Zange, die in ihrer Reichweite lag, hielt sie kreisend über
dem Kopf. „Bleib mir bloß von den Hacken, sonst zieh ich Dir mit diesem Ding einen neuen Scheitel, Du
alte Seekuh.“ „Schön ruhig bleiben, nicht aufregen, es wird alles gut.“ versuchte die Düring Monika zu
beruhigen.

Da klopfte es an die Tür, der Schmied wollte wissen, was in Gottes Namen los wäre. Seine Frau gab ihm
den Auftrag, schnell zwei Nachbarinnen herzuschicken, das Mädchen wäre nicht bei sich.

Während Monika immer noch die Zange über den Kopf hielt, kamen nach kürzester Zeit zwei Frauen in
den Raum. „Leg die Zange weg, aber sofort.“ befahl die Eine, während die Andere langsam in Richtung
von Monikas Rücken ging. Im gleichen Augenblick, als Monika sich umdrehte und die Gefahr von hin-
ten bannen wollte, machte Frau Düring einen Sprung auf Monika zu und entriss ihr die Zange.

Sekunden später waren ihre Hände auf dem Rücken gefesselt, als erste Quittung für Ihr schlechtes
Benehmen fing sie sich ein paar Ohrfeigen ein. Die zwei Frauen zogen ihr die Unterhose aus, trotz der
verzweifelten Gegenwehr mit den Füssen, und Frau Düring legte ihr den schweren Keuschheitsgürtel um,
nicht ohne rufen: „Ich hoffe, Du kommst den Rest Deines Lebens nicht mehr aus dem Tugendwächter
heraus.“

Anfangs konnte sie den Taillengürtel nicht schließen, doch als sie den Frauen befahl, Monika mit dem
Rücken auf den Fußboden zu legen, schaffte sie es schließlich doch. Das Schrittblech wurde ohne große
Vorsicht zwischen den Beinen hindurchgezogen und vorne im Taillengurt eingerastet. „Haltet sie gut
fest.“ warnte sie die anderen und holte das größte Vorhängeschloss, das sie finden konnte. Mit größter
Befriedigung hängte sie das Schloss ein und drehte den Schlüssel um.

Auf das Kommando:„Stellt sie auf die Beine und zieht ihr die Unterhose an.“ wurde sie unsanft hochge-
rissen. „Wag es nicht noch einmal, irgendwelche Mätzchen zu machen.“ wurde sie gewarnt, doch da ihr
von der Enge des Keuschheitsgürtels übel war, dachte sie im Moment nicht mehr an Gegenwehr.

Ihre Hände wurden losgebunden, ohne zu Mucken ließ sie sich die Hose anziehen, die Kette wurde vom
Boden gelöst und sie hatte das Kleid anzuziehen. Jetzt durfte auch der Schmied wieder hereinkommen,
der solange draußen bleiben musste wie Monika nicht ordentlich angezogen war, schließlich waren sie
eine anständige Gemeinde.

„Ich gebe Dir einen guten Rat,“ sagte Frau Düring aufgebracht zu ihrem Mann, „je kürzer ihre Fußkette
wird, umso besser ist es für uns alle.“ Der Schmied ließ sich das nicht zweimal sagen, holte zwei
Fußschellen, probierte sie kurz an und verband sie mit einer kurzen Kette. Kaum hatte er das heiße Eisen
im Wasser abgelöscht, als die Fesseln auch schon um Monikas Knöchel festgemacht wurden.

„Jetzt kann dieses liederliche Weibsbild zum Bürgermeister gebracht werden“ sagte Meister Düring
erleichtert, ich werde mich sofort auf den Weg machen. Komm her, Mädchen, nun wollen wir mal sehn,
was der Bürgermeister von Deinen Frechheiten hält.“ Er zog leicht an der Kette, Monika blieb nichts
anderes übrig als ihm mit trippelnden Schritten durch das ganze Dorf zu folgen.

Auch wenn es nur ein 200-Seelen-Dorf war, Monika kam der Gang zum Bürgermeister endlos lang vor:
Mit den Fußfesseln ließ es sich fast nicht laufen, auch die Holzklumpen an den Füßen taten ihr weh, die
kleinen Brandstellen im Nacken brannten, und der Keuschheitsgürtel schnürte ihr den Leib zusammen,
wobei auch noch das Schrittblech fürchterlich scheuerte.

Immer wieder kamen Ihnen Leute entgegen, die den Schmied freundlich grüßten, für Monika hatte kei-
ner ein Wort übrig. Endlich kamen sie auf den Dorfplatz, an dem eine überraschend große Kirche
angrenzte. In die Mitte des Platzes hatte man Bäume gepflanzt, die bestimmt schon sehr alt waren, die
mächtigen Kronen ragten weit in den Himmel hinauf.

Unter diesen Bäumen saßen drei alte Männer, ein vierter, ganz in schwarzer Kleidung, kam von der Seite
auf die Gruppe zu. Die Turmuhr schlug gerade 11,00 Uhr, als sie bei den Männern ankamen, der Schmied
grüßte mit einem knappen: „Moin“ und sagte: „Bürgermeister, hier bringe ich das neue Mädchen, seid
vorsichtig bei ihr, uns hat sie jedenfalls schon genug Ärger gemacht.“ Er zog Monika weiter zu einem
dicken, viereckigem Pfahl, der in den Dorfplatz eingelassen war und in dem an jeder Seite ein Eisenring
befestigt war.

Er kettete Monika an den Pfahl, ging zu den Männern zurück und gab dem Bürgermeister den Brief vom
Vorsteher in Texlum. „Nehmt es mir nicht übel, doch ich habe meinen Teil erledigt und würde gern in
der Schmiede weiterarbeiten, wenn es recht ist.“ Der Schmied wurde mit Dank für seine Bemühungen
entlassen und war sichtlich erleichtert, die kleine Teufelin zurücklassen zu können.
Nachdem der Bürgermeister den Brief vom Vorsteher laut vorgelesen hatte, wandte er sich an die
Männer: „Herr Pastor, meine beiden Herren vom Gemeinderat, ich bitte um Vorschläge, wie wir in die-
sem Fall am Besten verfahren können.“

Die Gemeinderatsmitglieder waren Beide dafür, dieses aufsässige Mädchen nach Moorum zu schicken,
von Morgens bis Abends Torfstechen und Soden aufstucken würde sie bald zur Vernunft bringen. Der
Pastor stimmte den Beiden im Prinzip zu, gab aber zu bedenken, dass auf dem Hof von Wattjes inner-
halb des letzten halben Jahres die beiden Alten verstorben waren, so dass der Bauer den Hof mit seiner
Frau und den vier Kindern, von denen eines noch ein Säugling war, alleine bewirtschaften müsse.

„Ist es nicht unsere Christenpflicht, zuerst an das wohl unserer Gemeindemitglieder zu denken?“ fragte
er salbungsvoll. „Ein Mann, der so stark im Glauben ist wie unser Bruder Wattjes, hat er nicht unser
Wohlwollen verdient? Ja, liebe Brüder im Glauben, es wird kommen der Tag des jüngsten Gerichtes, dort
werden wir alle über unser Tun Rechenschaft ablegen müssen.“

Bevor der Pastor noch weiter ausholen konnte, sagte der Bürgermeister schnell: „Herr Pastor, ich kann
Ihnen nur zustimmen.“ Auch die Gemeinderatsmitglieder gaben sofort ihr Einverständnis, denn sie alle
kannten ihren Seelsorger gut genug um zu wissen, dass er stundenlang in einem Stück reden konnte.

Nun stellte sich die Frage, wer diese aufsässige Maid nach Andersum bringen solle, doch wurde die
Lösung dieses Problems auf die Zeit nach dem Mittagessen verschoben. Die Herren begaben sich in ihre
Häuser, um zusammen mit ihren Familien das Mittagsmahl einzunehmen, Monika wurde der Einfachheit
halber am Pfahl stehen gelassen, dort konnte sie jedenfalls keinen Unsinn anstellen.

Zu einem Mittagessen gehörte im Land der alten Dörfer auch ein kleines Mittagsschläfchen, danach
wurde in aller Ruhe Tee getrunken, mindestens drei Tassen pro Person, wie es die Tradition verlangt.
Während dieser ganzen Zeit stand Monika am Pfahl, sie konnte sich noch nicht einmal hinsetzen, weil
der Schmied in seinem Ärger auf sie die Kette so kurz wie möglich angeschlossen hatte.

Teil 11

Es war schon fast 14.30 Uhr, als sich Bürgermeister, Gemeinderatsmitglieder und Pastor wieder auf dem
Dorfplatz versammelten. Die Vier fingen an zu beraten, wem die zusätzliche Arbeit des
Mädchentransports aufgebürdet werden könne, als ein Ackerwagen über den Dorfplatz fuhr, war es doch
ausgerechnet Wilko de Fries, der Nachbar von Bauer Wattjes.

Der Bürgermeister winkte ihm zu, Wilko de Fries lenkte sein Gespann auf den Dorfplatz. “Moin, die
Herren,” rief er fröhlich, was gibt es Wichtiges?” “Gut Dich zu sehn,” sagte der Bürgermeister, “Du kön-
nest uns einen Gefallen tun, wir haben beschlossen das neue Mädchen bei Deinem Nachbarn Eiso
Wattjes unterzubringen, würdest Du uns den Gefallen tun und sie dort abliefern?”

“Aber gerne, das ist kein Problem, außerdem freue ich mich über diese Entscheidung, Herr Bürgermeister,
denn Wattjes können wirklich Hilfe gebrauchen.” “Nun,” meinte der Pastor, “bevor dieses Mädchen eine
richtige Hilfe wird, wird wohl noch einige Zeit vergehen, da bedarf es noch einer strengen Erziehung.”

“Eiso Wattjes wird das hinbekommen, Herr Pastor, da bin ich mir ganz sicher. Na, dann mal her mit der
Deern, es gibt schließlich noch viel Arbeit heute.” Wilko stieg vom Wagen und ließ sich von dem
Bürgermeister den Schlüssel geben, ging zu dem Pfahl und öffnete das Schloss. “Mach mir keinen Ärger,
Mädchen, dann hast Du auch nichts zu befürchten.” und zog sie an der Kette zu seinem Wagen, hob sie
hinauf und befestigte die Kette wieder mit dem Schloss. Nachdem der Bürgermeister ihm noch die
Schlüssel für die Fußfesseln gegeben hatte, schwang er sich leichtfüßig auf den Bock, schnalzte mit der
Zunge und ließ seine Pferde anziehen.
“Was für ein Glück, dieses verdorbene Kind sind wir erst mal los, aber gleich nächsten Sonntag, Herr
Pastor, soll sie den ersten Teil ihrer wohlverdienten Strafe bekommen, das Maß zu bestimmen überlasse
ich wie immer Ihnen.” sagte der Bürgermeister.

Der Wagen von Wilko de Fries rumpelte genau so wie der von Bauer Schilling, Monika saß hinten auf
der Ladefläche, doch diesmal wurde jedes Schlagloch zur Strafe, der Keuschheitsgürtel saß derartig
stramm um die Taille, dass ihr jede Bewegung zuviel war. Anderthalb Stunden rumpelten sie auf der
schlechten Straße dahin, auch jetzt waren rechts und links des Weges nur Felder und Äcker zu sehen, ab
und zu stand mal eine Hütte, aber das war auch schon alles.

Mit einem Mal wurde die Strasse besser, sie waren endlich in Andersum angekommen. Auch hier stan-
den saubere Bauernhäuser, und die Gärten waren wie überall in diesem Land gut gepflegt. Sie waren
schon fast am Ende des Dorfes angelangt, als Wilko de Fries ?Hoooo? rief und seine Pferde zum Stehen
brachte.

Er stieg vom Wagen herunter, löste die Kette, hob Monika von der Ladefläche und stellte sie auf die
Straße. “Dann komm mal mit, Mädchen, das hier ist Dein neues Zuhause.” rief er und führte sie an der
Kette zu einem schmuck aussehenden Bauernhaus mit vielen Blumen im Garten und auf den
Fensterbänken.

Eine gutaussehende Frau kam ihnen entgegen, freundlich grüßte sie ihren Nachbarn: “Hallo Wilko, wen
bringst Du uns da mit?” “Auftrag vom Bürgermeister,” meinte er, “das neue Mädchen ist Euch zugeteilt
worden.”

“Guten Tag, Mädchen, sei willkommen in unserem Haus, ich hoffe, wir werden gut miteinander auskom-
men.” Monika sah ihr in die Augen, machte den vorgeschriebenen Knicks und antwortete: “Vielen Dank,
Frau Wattjes.”

Frau Wattjes wandte sich wieder zu Wilko: “Das scheint mir ja eine ganz Liebe zu sein,” meinte sie zu
ihm. “Da bin ich mir nicht so sicher,” gab er zurück und erzählte ihr grinsend, wie sie sich gegenüber
Advokat Meyerdirks und dem Schmied und seiner Frau verhalten hatte. Das hatte ihm der Bürgermeister
zwar verschwiegen, aber im Land der alten Dörfer verbreiteten sich neue Nachrichten schnell wie der
Wind.

“Mädchen, Du machst ja Sachen, da kommt bestimmt noch ein dickes Ende hinterher.” rief Swantje
Wattjes. Nachbar de Fries gab seiner Nachbarin die Schlüssel, verabschiedete sich, wünschte noch viel
Spaß und fuhr in Richtung seines Hofes davon.

Während Monika noch immer mit gesenktem Blick in der Hofeinfahrt stand, kamen die Kinder von
Familie Wattjes nach draußen, um das neue Mädchen zu betrachten, keines der Kinder schien sich über
Fußeisen und Halskette zu wundern. “So, Mädchen, jetzt lernst Du erst mal meine Kinder kennen: Das
hier ist die Älteste, Fenna ist ihr Name, im Herbst wird sie 14 Jahre alt, dieser kleine Pummel hier ist
gerade 12 geworden und hört auf den Namen Wilma, und das hier ist unserer Stammhalter, der ist jetzt
mal gerade 8 Jahre alt und heißt Wübbi, aber das sind noch nicht alle, in der Wiege im Haus liegt Jan,
unser Jüngster, der nun 4 Monate alt ist.”

Sie gingen in die Küche, die gemütlich und aufgeräumt aussah. In der großen, offenen Feuerstelle loder-
ten die Flammen eines Torffeuers, die Küchengeräte aus Messing glänzten um die Wette, die Blumen auf
dem Tisch und auf der Fensterbank gaben dem Raum ein freundliches Aussehen.

Scheinbar hatte Monikas Ankunft gerade die Vesper gestört, auf dem Tisch lag ein dunkles Brot, Wurst,
Schinken und Käse waren zu sehen, auch an Butter fehlte es nicht, für die kleineren Kinder gab es fri-
sche Milch und für die anderen einen starken Tee.

Monika wurde aufgefordert sich mit an den Tisch zu setzen, doch irgendwie traute sie dem Frieden nicht
und blieb unbeholfen in der Küche stehen. Frau Wattjes sah sie mitfühlend an und fragte, wie lange sie
denn schon im Land der alten Dörfer wäre. “Seit gestern, Frau Wattjes” und machte wieder einen Knicks.
“Das mit dem Knicks ist gut gemeint, den brauchst Du aber nicht bei jeder Antwort machen, nur bei
Begrüßungen anderer Leute.”

Sie wandte sich an ihre älteste Tochter und gab ihr den Auftrag, die lange Laufkette zu holen. Fenna
stand sofort auf, kam mit dem losen Ende einer nicht zu dicken Kette und einem Schloss wieder, mit
dem Vorhängeschloss verband sie die Enden der Laufkette und die 1,2 Meter lange Kette des Halseisens,
um ihrer Mutter dann den Schlüssel zu geben.

Nachdem sie ihr dann die Fußfesseln abgenommen hatte fragte sie Monika. “Hat man Dir vor dem
Verschließen keine Salbe an die Knöchel gegeben?” “Nein, Frau Wattjes.” Und was ist mit dem
Keuschheitsgürtel und dem Halsreif, da hat man die Stellen vorher auch nicht eingesalbt?” “Nein, Frau
Wattjes, dafür habe ich die Leute in der Schmiede wohl zu sehr geärgert,” gab sie ziemlich zerknirscht
zu.

Sie sah sich die Haut am Halsreif an und sagte ganz erschrocken: “Was hat der Schmied denn angestellt,
du hast im Nacken überall kleine Brandblasen, da werde ich Dir sofort Buttermilch draufgeben, dass
nimmt Dir die Schmerzen.”

Als Monika gegessen hatte, wurde sie von Frau Wattjes verarztet, die Buttermilch wirkte wahre Wunder,
und auch die Salbe an den Fußknöcheln tat richtig gut. Nur bei dem Keuschheitsgürtel konnte sie nichts
ausrichten, (der Schmied hatte entweder vergessen, den Schlüssel mitzugeben, oder es absichtlich unter-
lassen) da er so eng anlag, dass sie nicht zwischen Eisen und Haut kommen konnte, was sie missbilli-
gend zur Kenntnis nahm, dabei wäre es möglich gewesen, in ein oder zwei Löcher weiter zu schließen.

Kurz darauf sah Frau Wattjes durch das Fenster ihren Mann von der Feldarbeit zurückkommen. “Euer
Vater ist wieder zurück von der Arbeit.” sagte sie zu ihren Kindern, die gleich nach draußen liefen. Der
Sohn nahm dem Vater Hacke und Spaten ab, Wilma die Feldflasche, und Fenna brachte ihrem Vater die
Pantoffeln.

“Mein Mann ist ein guter Mensch,” sagte Frau Wattjes zu Monika, “und wenn Du vernünftig bist, wirst
Du ihm in allen Punkten ohne Widerspruch gehorchen. Lügen und Faulheit sind ihm verhasst, halte Dich
daran, sonst könnte es sein, dass Dir eine schlechte Zeit bevorsteht.” Monika nickte nur mit dem Kopf
und hatte schon jetzt Angst vor dem Hausherrn.

Teil 12

Die Tür ging auf und Eiso Wattjes betrat die Küche, er war ein großer Mann mit dunklen Haaren und
hellblauen, stahlharten Augen. Er begrüßte seine Frau zärtlich, die für ihn schon Brote aufgeschmiert
und Tee eingeschenkt hatte.

Monika war schon vorher vom Tisch aufgestanden, hielt den Blick nach unten gerichtet und wartete mit
bangem Herzen darauf, von ihm angesprochen zu werden. „Lass Dir in die Augen sehen, Mädchen, ich
möchte wissen, mit wem ich es hier zu tun habe.“ Ängstlich sah sie auf, Eiso Wattjes sah sie mit abschät-
zendem Blick an.

„Von Deinen Schandtaten habe ich schon gehört, doch will ich die Deiner Unerfahrenheit zu Gute hal-
ten, schließlich ist auch ein junges Pferd oft ungestüm. und muss erst lernen zu gehorchen. Wenn wir
heute Abend mit dem Melken fertig sind, werden wir uns über verschiedene Dinge unterhalten, damit
beide Teile wissen, woran sie sind.“

Nachdem Wattjes seine Vesper beendet hatte ging die gesamte Familie in den Stall, um die abendliche
Arbeit zu verrichten, nur Wilma blieb in der Küche, um aufzuräumen und abzuwaschen. „Kann ich nicht
irgendwas helfen?“ fragte Monika, die sich ziemlich überflüssig vorkam und außerdem einen höllischen
Respekt vor Bauer Wattjes hatte.

Wilma zeigte ihr, wie sie sich nützlich machen konnte, Monika war froh, nicht mehr dumm herumste-
hen zu müssen. Sie half Wilma beim Abräumen des Tisches, wusch mit ab und bereitete mit ihr zusam-
men das Abendessen vor.

Langsam wurde es in der Küche dunkel, Wilma steckte zwei Petroleumlampen an, die ein warmes Licht
verbreiteten. Sobald die Familie vom Stall in die Küche zurückkam, setzte Wilma eine große Pfanne auf,
legte reichlich gestreiften Räucherspeck hinein, briet ihn kurz aus und schlug jede Menge Spiegeleier in
die Pfanne. Ein herrlicher Duft durchzog die Küche, Monika, der das Wasser im Mund zusammenlief,
fragte sich, ob sie davon wohl etwas abbekommen würde.

Die Familie setzte sich an den gedeckten Tisch, und zu ihrer großen Freude durfte sich Monika dazuge-
sellen. Fenna stellte die große Pfanne mit dem Speck und Spiegeleiern auf einen Untersetzer, der in der
Tischmitte lag. „Wir wollen beten,“ sagte Bauer Wattjes, und alle falteten die Hände und nahmen den
Kopf nach unten. Obwohl Monika mit der Kirche nichts am Hut hatte, wollte sie keine Ausnahme bil-
den und schloss sich den Anderen an.

Nach einem schier endlos langen Gebet sagte der Bauer: „Amen“, worauf sich jeder mit der Gabel direkt
aus der Pfanne bediente, nur Monika traute sich nicht. „Magst Du keine Spiegeleier?“ wollte der Bauer
wissen. „Doch, schon, aber ich weiß doch nicht, ob ich auch davon nehmen darf, Herr Wattjes.“ „Solange
das Essen auf dem Tisch steht, darfst Du Dir soviel nehmen, wie Du essen kannst, schließlich musst Du
ab morgen schwer genug dafür arbeiten.“ meinte Wattjes durchaus nicht unfreundlich.

Ihr Leben lang hatte sich Monika vor Speck geekelt, doch dieser hier war gut ausgebraten und knusp-
rig, dazu das etwas grobe Brot, mit dem in kleinen Stücken das Fett aus der Pfanne aufgetunkt wurde,
es war herrlich.

Als auch der Letzte mit dem Essen fertig war, stand Monika von selbst auf und fing an, den Tisch abzu-
räumen. Fenna und Wilma wollten auch aufstehen, um ihr zu helfen, doch ihr Vater gab ihnen einen
Wink, also blieben sie auf ihren Plätzen und alle sahen ihr bei der Arbeit zu.

Monika war sich bewusst, dass ihr auf die Finger gesehen wurde, ließ sich aber nicht aus der Ruhe brin-
gen, zumindest brachte sie ihre Arbeit zu Ende, ohne etwas fallen zu lassen oder zu zerbrechen. Swantje
sah ihren Mann an und lächelte leise, flüsterte ihm zu: „Ich glaube, das Mädchen ist nicht so schlecht,
wie allgemein erzählt wird.“ „Wie ich vorhin schon sagte, sie ist wie ein junges wildes Fohlen, dass
gezähmt werden muss.“ gab er zurück.

Jetzt durften auch endlich die Kinder vom Tisch aufstehen, die sich in eine Ecke setzten um gemeinsam
etwas zu spielen, während Monika sich bei den Wattjes an den Tisch zu setzen hatte.

„Bisher machst Du einen ganz ordentlichen Eindruck“ fing Bauer Wattjes an, „wenn Du so weitermachst,
gehörst du bald zur Familie. (Monika dachte: „Guter Mann, das ist ja nett von Dir, aber so lange werde
ich bestimmt nicht hier bleiben.) „Du wirst Dich bestimmt schon gefragt haben, warum Dir Halseisen
und Keuschheitsgürtel umgelegt wurden, richtig?“

Monika nickte nur mit dem Kopf und ließ Bauer Wattjes weiterreden: „Seid vielen Jahren werden immer
wieder junge Leute aus der großen Welt zu uns gebracht, die dort nicht klargekommen sind. Nun ist es
früher schon mehrmals passiert, dass manche mit dem Leben hier auch nicht zurechtkamen und bei
Nacht und Nebel verschwinden wollten. Aus diesem Grund sind die Mädchen innerhalb des Hauses an
einer Fußfessel oder an einer langen Kette zu sichern, wobei sich das Halseisen als sehr praktisch erwie-
sen hat. Sobald ein Mädchen das Haus verlässt, allerdings nur in Begleitung und niemals allein, muss
es die Fußfesseln tragen, um der Begleitperson nicht ausreißen zu können. Alle Mädchen haben einen
Keuschheitsgürtel zu tragen, damit ihnen nicht in den Sinn kommt, einen unserer jungen Männer zu
verführen und ihn sich für eine Flucht gefügig zu machen, was es schon einmal gegeben hat, auch wenn
aus der Flucht nichts wurde.“

„Hast Du das soweit verstanden?“ „Jawohl, Herr Wattjes.“ „Nun gut,“ sagte er, kommen wir zum näch-
sten Punkt. In der Welt, aus der Du zu uns gekommen bist, gibt es viele Sachen, von denen vor allen
unsere Kinder nicht wissen, und das soll auch so bleiben, denn alles, was sie wissen müssen, erfahren
sie von uns. Niemals wirst Du über Dein vorheriges Leben erzählen, ist das vollkommen klar?“ „Jawohl,
Herr Wattjes.“ sagte Monika, die unruhig auf der Bank hin- und herrutschte, denn der Keuschheitsgürtel
tat beim Sitzen auf der harten Bank ganz schön weh.

Nun wollte Frau Wattjes wissen, wie es denn um ihre christliche Gesinnung bestellt wäre. Monika druck-
ste herum und sagte zögernd: Mit 14 Jahren bin ich konfirmiert worden, aber seit dem habe ich keine
Kirche mehr von innen gesehen, wenn ich ehrlich sein soll.“ „Und was haben Deine Eltern dazu gesagt?“
wollte der Bauer wissen. „Nichts, die gehen doch auch nicht in die Kirche, das ist doch bei den meisten
Leuten so.“

„Kein Wunder, dass es in der großen Welt soviel Sünde und Verderbnis gibt. Aber ich bin davon über-
zeugt, dass Du Dich über kurz oder lang bei uns mit der Kirche anfreunden wirst, Mädchen.“ „Ja, indem
ich diesen Pastor in die Eier trete,“ dachte sie, sagte aber: „Das wäre sicher möglich, Herr Wattjes.“

Fenna kam an den Tisch und fragte ihre Mutter, ob sie jetzt den Tee fertig machen solle (kurz vor dem
Schlafengehen wird noch einmal Tee getrunken) die schaute auf den Regulator (Uhr) und meinte, dass
es ja schon unverschämt spät sei, sie solle sich mit dem Tee beeilen.

Während Fenna der Tee aufbrühte, fordere Frau Wattes Monika auf, sich mit dem Nacken ins Licht zu
drehen und zeigte ihrem Mann die Brandstellen. „Der Schmied ist wohl verrückt geworden.“ schimpfte
er, „warum hat er keinen Lederlappen auf die Haut gelegt, dann wäre das nicht passiert.“ „Es kommt
noch besser,“ sagte seine Frau und holte die Fußfesseln hervor. „Wie soll das Mädchen mit so einer kur-
zen Kette laufen können, das ist doch wohl ein Witz.“ polterte er los. „Sobald ich Zeit habe, werde ich
zum Schmied gehen und ein ernstes Wort mit ihm reden.“ „Wenn Du schon zu ihm gehst, dann bring
doch bitte auch die Schlüssel von ihrem Keuschheitsgürtel mit, abgesehen davon, dass ihre Haut nicht
eingefettet wurde, sitzt der Gürtel viel zu eng.“

Bauer Wattjes war zwar ein harter Mann, aber so eine Quälerei ging ihm gegen den Strich: „Gleich mor-
gen reite ich nach Hohedörp, dann soll der Schmied mir mal erklären, wie er das mit seiner christlichen
Überzeugung und Nächstenliebe vereinbaren kann.“

Wattjes hatte genau so reagiert, wie seine Frau sich das vorgestellt hatte, er musste nur ein wenig ange-
stoßen werden, um in die richtige Richtung zu kommen. Leise lächelnd meinte sie: „Nun sei aber nicht
zu hart mit dem Schmied, wer weiß, was für Gründe er gehabt hat.“

Die Teetassen wurden abgeräumt und Wattjes brummte: „Feierabend, alle sofort ins Bett, morgen ist ein
neuer Tag voller Arbeit.“ Die Kinder gingen gehorsam in die Melkkammer, um sich dort an der Pumpe
zu waschen, während Monika in Richtung Stall ging.

„Mädchen, was willst Du denn jetzt im Stall?“ fragte Wattjes ganz verdutzt, „zum Melken ist es wohl
noch viel zu früh.“ „Ich wollte schlafen gehen, Herr Wattjes.“ „Und warum willst Du im Stall schlafen?“
„Das habe ich letzte Nacht auch, Herr Wattjes.“

„Sind die Leute in Texlum denn von allen guten Geistern verlassen? Bei uns schläft niemand im Stall,
Du teilst Dir mit Fenna eine Buzze (in der Wand eingelassenes Doppelbett mit Flügeltüren davor), die
anderen gehen zusammen in die andere. „Vielen Dank, Herr Wattjes,“ rief Monika, und fing sie an, ihn
etwas zu mögen.
Die Kinder zeigten ihr, wo die Seife lag und wie sie mit der Handpumpe umzugehen hätte. Während die
Kinder ihre Kleider auszogen und die Nachthemden überstreiften, kam Swantje in die Melkkammer, löste
die Halskette, ließ sie das Kleid aus- und das Nachthemd anziehen, um sie danach wieder an die Kette
anzuschließen. „Wir müssen sehen, dass wir praktische Kleidung für Dich bekommen, die Du trotz der
Kette anziehen kannst, so ist das zu umständlich.“ meinte Frau Wattjes, „aber in einer der Truhen wer-
den wir bestimmt etwas für Dich finden.“

Kurz darauf war auch Monika gewaschen, hatte die Zöpfe geöffnet und die Haare gebürstet und ging
zurück in die Küche . Fenna lag schon hinten in der Buzze und rückte noch etwas zur Seite, als Monika
hineinkletterte. Kaum hatte sie sich mit der blau-weiß-kariertem Bettdecke zugedeckt, als Frau Wattjes
an die Buzze kam und Fenna einen Gutenachtkuss auf den Mund gab. Auch Monika bekam von ihr einen
Kuss auf die Stirn, und als sie ihnen eine gute Nacht wünschte, strich sie ihr noch einmal über die Haare.
Lächelnd schaute sie auf die Beiden hinab und schloss die Flügeltüren.

Monika hatte einen Kloß im Hals, der Kuss auf die Stirn hatte in ihr eine zarte Saite zum Klingen
gebracht, sie konnte sich nicht daran erinnern, wann ihr zum letzten Mal so liebevoll eine „Gute Nacht“
gewünscht worden war. Noch beim Einschlafen nahm sie sich vor, der Familie Wattjes so wenig Ärger
wie möglich zu bereiten.

Teil 13

Mit dem ersten Hahnenschrei war die Nachtruhe vorbei, die beiden Mädchen stiegen aus der Buzze und
Fenna begann mit den wichtigsten Arbeiten: Feuerholz und Torf nachlegen, Wasser aufsetzen,
Katzenwäsche, Zöpfe flechten, Arbeitskleidung anziehen, Tee aufbrühen, sobald der fertig war, den
Eltern und Geschwistern je eine Tasse in die Buzze bringen, Teetassen wieder abholen, die Geschwister
aus dem Bett in die Melkkammer zum Waschen schicken. Bis dahin konnte Monika mithelfen oder sich
zumindest ansehen, was gemacht werden musste, doch anziehen konnte sie sich erst, als Frau Wattjes
die Kette wieder aufgeschlossen hatte.

Danach wollte auch Monika in den Stall, um bei den Arbeiten zu helfen, doch die Kette war nicht lang
genug, um sich dort vernünftig bewegen zu können. „Heute brauchst Du im Stall noch nicht zu helfen,“
meinte Swantje Wattjes, „das kommt noch früh genug, aber Du kannst Jan aus der Wiege nehmen, falls
er schon wach werden sollte.“

Also ging Monika in die Küche zurück, sah den noch nicht abgeräumten Tisch und fing an, das
Teegeschirr zu spülen. Sie war gerade dabei die letzte Tasse abzutrocknen, als der kleine Jan wach wurde
und zu weinen anfing.

Vorsichtig, da sie im Umgang mit kleinen Kindern nicht die geringste Ahnung hatte, nahm sie ihn aus
der Wiege und hielt ihn im Arm, schaukelte ihn sanft und sang ihm ein längst vergessengeglaubtes
Kinderlied vor. Dem Kleinen schien das gut zu gefallen, er gluckste vor Freude, nur jedes Mal wenn sie
aufhörte zu Singen, verzog er das Gesicht, es blieb ihr nichts übrig, als das Lied von vorne zu beginnen.

Eiso Wattjes hatte seinen Teil der Stallarbeit beendet, er machte sich auf den Weg in die Küche, um
Monika Fußfesseln zu holen und nach Hohedörp mitzunehmen. Bevor er die Tür öffnete, sah er vom
Stall aus durch die kleine Scheibe in der Tür in die Küche hinein, zog seine Hand von der Türklinke weg
und holte seine Frau her, die nun ebenfalls durch die Scheibe zu Monika hinsah. „Warum sagen alle,
dass sie ein missratenes Mädchen ist?“ wollte sie von ihrem Mann wissen. „Ich weiß es nicht, vielleicht
wurde sie nur zu hart angefasst und wollte sie auf ihre Art wehren, aber wir werden ja sehn, wie sie sich
weiterentwickelt, bisher bin ich ganz zufrieden mit ihr.“

„Das meine ich auch,“ stimmte seine Frau ihm zu, „sie ist zwar erst den zweiten Tag hier, aber ich finde,
sie hat sich eine kleine Belohnung verdient.“ „Belohnung wofür, etwa nur weil sie bisher keine
Dummheiten gemacht hat, das sind ja ganz neue Sitten.“ brummelte Wattjes, der schon wieder Kosten
auf sich zukommen sah.

„Ich dachte dabei eher an etwas Kleidung, schließlich braucht sie Wäsche zum Wechseln, und willst Du
sie am Sonntag wirklich in ihren Arbeitslumpen mit in die Kirche nehmen? Ich kann jetzt schon hören,
was die Anderen sagen werden: Eiso Wattjes ist zu geizig, um dem armen Mädchen Kleidung zu kau-
fen.“

„Ich bin nicht geizig,“ schnaubte er, seine Frau hatte genau seinen wunden Punkt getroffen, „ich würde
ihr ja etwas mitbringen, aber ich gehe doch nicht in den Kramerladen und kaufe Weiberkleidung, nein,
das kannst Du nicht von mir verlangen.“ „Mein lieber Mann,“ sagte sie lächelnd zu ihm, „das würde ich
auch nie von Dir verlangen, darum habe alles was sie braucht auf diesem Zettel aufgeschrieben. Sobald
Du in Hohedörp ankommst, gibt Du den Zettel im Laden ab, gehst zum Schmied, und auf dem Rückweg
holst Du das Paket beim Krämer ab.“
„Na gut,“ gab er klein bei, steckte den Zettel ungelesen in die Tasche, hatte dabei aber das unbestimm-
te Gefühl, von seiner Frau irgendwie aufs Kreuz gelegt worden zu sein.

Wattjes nahm die Fußkette in die Hand und stieg auf sein Pferd, um dem Schmied in Hohedörp einen
Besuch abzustatten. Er ließ das Pferd ruhig laufen, besah sich in aller Ruhe die Felder am Wegesrand,
ja, auch ein Kerl wie Eiso Wattjes verdrückte sich gern mal von der Arbeit.

Am Ziel angekommen suchte er zuerst den Kramerladen auf. „Meine Frau hat mir eine Bestellung mit-
gegeben, unser neues Mädchen braucht ein paar Sachen, schließlich muss sie ja anständig aussehen.“
meinte er selbstbewusst und gab der Krämerfrau den Zettel. Die faltete ihn auseinander, überflog ihn
kurz und sagte: „Du bist aber wirklich ein großzügiger Mann, Eiso Wattjes, das muss ich schon sagen.
Willst Du warten, bis ich die Sachen zusammengepackt habe? „Ich habe noch beim Schmied zu tun, in
einer halben Stunde bin ich zurück und hole die Sachen dann ab.“

Mit einem ungutem Gefühl verließ er den Laden, was, um Gottes Willen, hatte seine Frau wohl alles auf-
geschrieben? Sie schaffte es doch immer wieder, ihren Willen durchzusetzen, und der war meist mit
Kosten verbunden, was er nun gar nicht mochte.

Diese Gedanken brachten ihn auf dem Weg zum Schmied jedenfalls in die richtige Stimmung für das
bevorstehende Gespräch. Wenig später band er sein Pferd bei der Schmiede an und ging hinein.

„Moin, Eiso Wattjes, was führt Dich hierher, brauchst Du vielleicht ein Paar Handfesseln für Dein neues
Mädchen?“ Eiso sah ihn an, ging zur Tür und schloss sie von innen, um dann ein klärendes Gespräch
mit dem Schmied zu führen.

Die Tür hätte Eiso aber ruhig auflassen können, denn seine Stimme war bis auf die Straße zu hören, so
dauerte nur wenige Minuten, bis sich vor der Schmiede mehr als 20 Leute eingefunden hatten, die dem
meist sehr einseitigen Gespräch lauschten. Die Zuhörerschaft, unter denen sich auch der Pastor befand,
grinste sich an: Endlich wurde dem selbstherrlichen Schmied mal der Marsch geblasen.

Mit einem Mal flog die Tür auf, Eiso Wattjes kam heraus, die verlängerte Fußfessel in der Hand, grüßte
die Gruppe auf der Straße mit einem „Moin, zusammen.“, stieg auf sein Pferd und ritt höchstbefriedigt
zum Kramerladen zurück.

Seine Bestellung lag fertig verpackt auf dem Tresen, und so ungern er sich sonst von seinem Geld trenn-
te, diesmal machte ihm das Bezahlen nichts aus. Frohgelaunt stieg er wieder auf sein Pferd und ritt
zurück nach Andersum, in dem guten Gefühl, seine Christenpflicht mehr als erfüllt zu haben.

Teil 14

Im Haus von Wattjes war die Arbeit inzwischen erledigt, die Kinder ein zweites Mal zum diesmal gründ-
lichem Waschen geschickt worden, anschließend wurde gemeinsam gefrühstückt und die Kinder um kurz
vor 8.00 Uhr zur Schule geschickt, die sich am Dorfrand von Andersum befand.

Nachdem auch der kleine Jan versorgt worden war, kümmerte sich Frau Wattjes um ein paar ordentli-
che Kleidungsstücke für Monika. Sie sah in verschieden Truhen nach, die in der Küche ebenso standen
wie in der „Guten Stube“, die nur an Feiertagen wie Ostern, Pfingsten und Weihnachten, oder auch bei
hohem Besuch, benutzt wurde.

Immerhin wurden Socken und Strümpfe, Nachtkleidung, Hauben, Arbeits-, Tages- und
Sonntagsschürzen, auch Röcke und Blusen, teils neuer, teils älter, aus den Tiefen der Truhen hervorge-
zaubert. Manche Sachen passten, viele mussten geändert werden, aber immerhin bekam Monika jetzt
eine anständige Ausstattung, in der sie sich sehen lassen konnte.

Swantje Wessels war gerade dabei in einer der Truhen für Monikas Sachen Platz zu schaffen, als die Tür
aufging und die Nachbarstochter Hanna, die Schwester von Wilko de Fries, der sie hierher gebracht
hatte, kam herein, um ein bisschen zu klönen (sich unterhalten).

Hanna sah genau so gut aus wie ihr Bruder, nach Monikas Schätzung müssten sie gleich alt sein, auch
wenn sie in der althergebrachten Kleidung etwas älter aussah. „Du bist also das neue Mädchen, von dem
die Leute im Moment alle reden. Der Frau vom Schmied hast Du einen schönen Schrecken eingejagt,
Tränen habe ich gelacht, als Wilko mir die Geschichte erzählte.“

Mit rotem Kopf stand Monika da, nicht nur, dass sie schon zum Dorfgespräch geworden war, nein, sie
schämte sich vor der Gleichaltrigen für ihr Halseisen und die Kette, an der sie angeschlossen war.

„Aber Hanna,“ sagte Frau Wattjes streng, „über solche Sachen darf man doch nicht lachen, das gehört
sich nun wirklich nicht.“ Im Land er alten Dörfer wurden die Erwachsenen respektiert, nun war es an
Hanna, einen roten Kopf zu bekommen. „Endschuldige bitte, Swantje, das ist mir nur so herausge-
rutscht.“, sagte aber gleich hinterher: „Ich wäre trotzdem gern dabei gewesen, so etwas wird einem nicht
jeden Tag geboten.“

Nun wurde erst mal wieder, wie bei jedem Besuch, egal zu welcher Uhrzeit, Tee aufgebrüht. Während
Monika die Tassen, Kluntjes und Sahne auf den Tisch stellte, sahen die Frauen die Kleidungsstücke
durch. Die Sachen, die nicht geändert werden brauchten, wurden gleich in einen Teil der Truhe gelegt,
die für Monika freigeräumt worden war. Die anderen Kleidungsstücke wurden auf die Truhe gelegt,
darum würde im Laufe des Tages kümmern, erst mal wurde Tee getrunken.

Sie waren noch bei der ersten Tasse, da hörten sie Eiso Wattjes zurückkommen. Der sattelte sein Pferd
ab, brachte es auf die Koppel und kam in die Küche. „Moin, zusammen.“ rief er, immer noch in bester
Laune, gab seiner Frau das Paket und die neue Fußfessel und erstattete Bericht von seinem Ausflug. Die
Frauen konnten zu ihrem Leidwesen nicht herausbekommen, was genau er dem Schmied gesagt hatte,
er meinte nur, das würde keine Rolle spielen, das Wichtigste wäre, dass das Mädchen sich durch die neue
Fußfessel besser laufen könne.

„Dann wollen wir das Mädchen doch von der langen Kette befreien.“ bestimmte Frau Wattjes, worauf
Monika die Socken herunterziehen wollte. „Die Socken kannst Du oben behalten,“ meinte Bauer Wattjes,
„die Fußeisen sind so weit, dass Du sie über den Socken tragen kannst.“ Swantje Wattjes legte ihr die
Fußeisen um und verschloss sie, anschließend wurde sie von der langen Kette befreit.

„Jetzt lauf doch mal ein paar Schritte.“ forderte Hanna sie auf. Tatsächlich konnte sie jetzt fast norma-
le Schritte machen, das war doch ein ganz anderes Laufen als vorher, auch tat ihr jetzt das Eisen der
Fessel an den Knöcheln nicht mehr weh.

„Vielen, vielen Dank, Herr Wattjes, ich weiß nicht, wie ich das wieder gutmachen kann.“ Sekunden spä-
ter fragte sie sich selbst ob sie wohl noch bei Verstand wäre, hatte sie sich eben tatsächlich dafür
bedankt, eine Fessel an den Beinen tragen zu dürfen? Na ja, immerhin war diese jetzt wesentlich ange-
nehmer zu tragen als die Fessel vorher, mit der sie anstatt laufen nur trippeln konnte, und der Bauer
hatte sich wirklich für sie eingesetzt. Es waren schon seltsame Menschen hier, auf der einen Seite wurde
sie wie ein Kettensträfling gehalten, auf der anderen Seite waren die Leute warmherzig und nett, und
ganz gegen ihren Willen merkte sie, dass ihr die Menschen hier immer sympathischer wurden.

Wattjes stand vom Tisch auf und meinte zu den Frauen, dass sie das mitgebrachte Bündel alleine aus-
packen könnten, das wäre schließlich Weibersache. Er kramte noch in seinen Taschen, wurde nach einer
Weile fündig und zog einen Schlüssel heraus, gab ihn seiner Frau und sagte: „Der Schmied meinte, er
hätte nur vergessen den Schlüssel vom Keuschheitsgürtel mitzugeben, aber ich sage Euch, das war
Absicht.“ Nach diesen Worten verließ er die Küche, um seiner Arbeit nachzugehen, außerdem konnte er
sich vorstellen, was seine Frau jetzt als nächstes machen würde, und dabei wäre er nur im Weg.

Ja, Wattjes kannte seine Swantje genau, kaum war ihr Mann zur Tür hinaus forderte diese Monika und
Hanna auf, mit in die Melkkammer zu kommen, sie wolle erst mal die Sache mit dem Keuschheitsgürtel
kontrollieren.

In der Kammer zog Monika sich aus, zwar genierte sie sich zuerst etwas vor Hanna, aber die würde
bestimmt schon mehr Mädchen in solch einem Gürtel gesehen haben. Im gleichen Moment, in dem ihre
Kleidung herunter war und Swantje und Hanna den ersten Blick auf den Keuschheitsgürtel geworfen
hatten, sahen die Beiden sich stirnrunzelnd an, was sie da sahen, gefiel ihnen überhaupt nicht.

Teil 15

„Das wollen Christenmenschen sein? regte Hanna sich auf, „am Sonntag in der Kirche einen
Heiligenschein tragen, aber keine Hemmungen haben, um ein Mädchen zu quälen, Pfui, sage ich nur.“
Swantje sagte erst mal nichts, nahm den Schlüssel und öffnete das Schloss des Gürtels. Sie nahm das
Schloss ab und löste vorsichtig das Schrittblech, um dann ebenso behutsam den Taillengurt zu öffnen
und Monika den Keuschheitsgürtel abzunehmen.

Monika stöhnte vor Erleichterung, die ganze Zeit über hatte dieses Instrument sie gequält, bei jeder
Bewegung hatte sie Schmerzen gehabt, doch wollte sie sich nichts anmerken lassen. Nun aber war es mit
ihrer Selbstbeherrschung vorbei, Tränen der Erleichterung kullerten ihre Wangen hinab.

„Kind, Kind, warum hast Du mir nicht gesagt, was für Schmerzen Du hast, ich hätte Dir doch schon eher
helfen können,“ sagte sie leise zu Monika. „Ich hab mich doch nicht getraut, ich dachte, das soll so sein.“
gab Monika zurück und fing an zu heulen. Swantje nahm sie fest in den Arm, strich ihr zärtlich über
Kopf und flüsterte: „Was bist Du nur für ein dummes Mädchen, hast Du denn gar kein Vertrauen zu
mir?“ Schon rollten auch bei ihr die Tränen, doch das war zuviel für Hannas Nerven, nun fing auch sie
an zu heulen wie ein Schlosshund.

Swantje fasste sich als Erste wieder: „Hanna, steh hier nicht zu heulen, damit ist uns nicht geholfen, geh
sofort rüber zu Nachbarin ten Broek, die soll Dir sofort etwas von ihrer Spezialsalbe geben. Hanna lief
los wie ein geölter Blitz, Swantje begann damit Monikas Taille und Schritt vorsichtig zu reinigen.

Wenige Minuten später war Hanna wieder da, Nachbarin Meike ten Broek war gleich mitgekommen und
wollte sich von der Misshandlung, die dem Mädchen angetan wurde, selbst überzeugen.

Sie musste zugeben, dass Hanna mit ihrem Kurzbericht nicht übertrieben hatte, die Haut, die unter dem
Taillenband gesessen hatte, war zum Teil aufgescheuert und entzündet, die Innenseiten der Schenkel
waren durch das Scheuern an dem Schrittblech ebenfalls verletzt, das Mädchen musste die ganze Zeit
über starke Schmerzen gehabt haben.

Sie ließ sich von Swantje den Keuschheitsgürtel zeigen, ihr Verdacht bestätigte sich: Hier handelte es
sich mit Sicherheit um einen sogenannten Strafgürtel, der nur bei schweren Vergehen eingesetzt werden
durfte, keinesfalls war so ein Teil dazu geeignet, dauerhaft getragen zu werden, dafür war alleine das
Gewicht solch eines Gürtels viel zu groß.

Meike ten Broek hatte einen Korb mit einigen Tiegeln Salbe mitgebracht, von denen sie jetzt einen her-
aussuchte, öffnete und Monikas kaputte Stellen mit einer seltsam riechenden Salbe gründlich einstrich.

Kaum hatte sie ihre Arbeit beendet, als sie auch schon wieder ihren Korb packte und verschwand. Die
Salbe hatte sie Swantje dagelassen mit dem Auftrag, die Stellen an dem geschundenen Körper zweimal
täglich einzustreichen.

Monika fühlte sich schon besser, die Salbe kühlte die entzündeten Stellen und ließ sie schnell die
Schmerzen vergessen. Swantje holte ihr neue Kleidung aus der Küche (aber nicht die Unterwäsche, die
hatte sie ja erst den dritten Tag an) und kurze Zeit später saßen die Drei bei frisch aufgebrühtem Tee
zusammen.

Kurze Zeit später ging Hanna nach Hause, und auch im Haus von Wattjes musste man sich sputen, die
Familie würde pünktlich zum Essen hier sein. Monika stellte Suppenschalen auf den Tisch, holte Löffel,
Brot und Butter, während die Bäuerin die Erbsensuppe abschmeckte, die mit einem guten Stück getrock-
netem Bauchfleisch und gepökelten Schweinepfoten gekocht worden war.

Die Suppe stand schon auf dem Tisch, als Kinder von der Schule zurückkamen, auch Bauer Wattjes ließ
nicht auf sich warten. Nach dem wieder ewig langen Tischgebet wurde zugelangt, und als Monika sich
zum drittenmal aus dem Topf bediente, konnte sich Wattjes ein Grinsen nicht verkneifen: Die Landluft
schien dem Mädchen gut zu bekommen.

Nach dem Essen nahm Swantje ihren Mann an die Seite und erzählte ihm von Monikas Blessuren und
dem viel zu schweren Gürtel. Er machte ein ernstes Gesicht, denn jetzt gab es ein Problem: Die Mädchen
hatten den Keuschheitsgürtel immer zu tragen, das einzige Ausnahme war das wöchentliche Bad am
Samstag.

Andererseits hatte der Schmied einen groben Fehler gemacht, denn er hätte keinen Strafgürtel verwen-
den dürfen. Aus diesem Grund sagte er seiner Frau, dass das Mädchen solange, wie die Haut nicht abge-
heilt sei, keinen Gürtel tragen brauche, erst nach vollständiger Genesung würde sie wieder sicher ver-
wahrt werden, aber diesmal in einem normalen Keuschheitsgürtel, für den er dann schon sorgen wolle.

Sicherheitshalber setzte er zwei kurze Schreiben auf, in denen er die Sachlage erklärte. Die beiden Briefe
würden morgen von dem Milchkutscher mit nach Hohedörp genommen werden, den einen würde der
Bürgermeister erhalten, den anderen der Pastor, so konnte ihm keiner vorwerfen, heimlich gegen
Bestimmungen verstoßen zu haben.

Die Salbe wirkte wahre Wunder, schon am Donnerstag war von den Entzündungen nichts mehr zu sehen,
und so war es an der Zeit, das Mädchen wieder verschließen zu lassen. Diesmal aber würde dem Schmied
und seiner Frau nicht mehr freie Hand gelassen werden, Eiso Wattjes hatte sich schon einen Plan
zurechtgelegt.

Teil 16

Als am Freitag die morgendliche Arbeit erledigt war, nahm Swantje ihre Arbeitsschürze ab, band sich
die sogenannte Tagesschürze um und setzte eine frisch gestärkte Haube auf. Monika, die natürlich wuss-
te was auf sie zukommen sollte, stand schon fertig angezogen neben ihr, allerdings mit klopfendem
Herzen und einem Flattern im Bauch, sie hatte panische Angst vor dem Schmied und seiner Frau.

Einer Eingebung folgend fragte sie die Bäuerin, ob sie sich im Garten ein paar Blumen pflücken dürfe.
Swantje hatte nichts dagegen, packte den kleinen Jan in einen Tragekorb und ging mit ihr in den Garten,
wo sie Monika half, einen Strauß zusammenzustellen.

Sie waren fast fertig mit ihrem Blumenstrauß, als Eiso mit der Kutsche um das Haus herumkam. Swantje
stieg ein, Eiso gab ihr den Korb mit Kind auf den Schoß, hob Monika, die wegen der Fußfesseln nicht
alleine einsteigen konnte, hoch und setzte sie hinten in die Kutsche. Da kamen aus den Nachbarhäusern
auch schon Hanna de Fries und Meike ten Broek, die ebenfalls einstiegen.

Wattjes kletterte auf den Kutschbock und ließ die Pferde antraben, langsam fuhr die Gesellschaft in
Richtung Hohedörp, und mit jedem Kilometer, der sie weiter ans Ziel brachte, wuchs die Angst in
Monikas Herzen.

In Hohedörp angekommen stiegen alle aus, Swantje trug den Korb mit dem kleinen Jan, Hanna führte
Monika an der Kette neben sich her. Der erste Weg führte zu der Frau Bürgermeister, die gebeten wurde
als Zeuge mitzukommen, als Zweite wurde die Frau Pastor um Begleitung gebeten. Auf dem Weg zum
Schmied wurde den beiden Frauen erzählt, wie es Monika ergangen war und welche Schmerzen sie
wegen der Schmiedeleute ertragen musste. „Das ist nicht richtig,“ meinten die Beiden, „aber wer weiß,
was das Mädchen angestellt hat.“

Wattjes marschierte stramm auf das Wohnhaus der Schmiedeleute Düring zu, klopfte an die Tür. Nach
wenigen Augenblicken öffnete die Frau des Schmieds die Tür, sah verwundert auf die Gruppe, die sich
bei ihr versammelt hatte. Als ihr Blick auf Monika fiel verdüsterte sich ihr Gesicht, die Erinnerung an
das zangenschwingende Mädchen lösten in ihr keine guten Gefühle aus.

Hanna ließ die Kette des Halseisens los, Monika holte die Blumen hinter dem Rücken hervor und ging
mit gesenktem Blick auf Frau Düring zu, machte einen tiefen Knicks und sagte: „Frau Düring, bitte ent-
schuldigen Sie mein schlechtes Benehmen, als ich vor ein paar Tagen bei Ihnen in der Schmiede war,
inzwischen weiß ich, dass sie nur ihre Arbeit machen wollten. Würden Sie als Zeichen der
Entschuldigung diese Blumen von mir annehmen?“

Frau Düring sah sie einen Moment nachdenklich an, warf einen kurzen Blick in die Gesichter der ande-
ren Anwesenden und meinte dann: „Scheinbar bist Du zur Vernunft gekommen, in diesem Fall will ich
das Geschehne vergessen und Dir verzeihen.“ und nahm die Blumen aus Monikas Hand an, die wieder
zu Hanna zurückging, um sich von ihr an der Kette halten zu lassen.

„Meta Düring, wir hätten da noch ein Anliegen, wir glauben dass dieses Mädchen einen falschen
Keuschheitsgürtel bekommen hat.“ sagte Eiso Wattjes und holte den Strafgürtel aus dem Jutesack..
„Kann es sein, dass Du das Mädchen aus Versehen in einen Strafgürtel gesteckt haben?“ Die Düring
wurde erst blass, dann rot, jeder der Anwesenden konnte merken an ihrer Reaktion merken, dass sie dem
Mädchen den schweren Gürtel mit voller Absicht umgelegt hatte.

„Na, so etwas,“ sagte sie, „das ist mir überhaupt nicht aufgefallen, das ist tatsächlich nicht der richtige
Gürtel. Aber wieso tragt Ihr den Gürtel im Jutesack spazieren, es ist Vorschrift, dass die Mädchen die
Gürtel ständig zu tragen haben.“

„Das war leider nicht möglich,“ mischte sich Swantje jetzt ein, „da der Gürtel so eng von Dir verschlos-
sen wurde, dass die Haut verletzt wurde und sich schon entzündet hatte, und um die Vorschriften mach
Dir mal keine Sorgen, der Bürgermeister und der Pastor wissen beide Bescheid.“

Meta Düring wurde langsam etwas unruhig, sie hatte sich, als sie Monika den Gürtel umlegte, in ihrem
Zorn zu etwas hinreißen lassen, was das Missfallen der Gemeindemitglieder erregte. Im Moment hatte
sie nur zwei Möglichkeiten: Die getroffene Maßnahme verteidigen, oder den Fehler eingestehen. Sie ent-
schied sich für die zweite Möglichkeit und sagte: „Ich glaube, ich habe einen Fehler gemacht, jetzt ist es
ist wohl an mir, mich zu entschuldigen. Lasst uns in die Schmiede gehen, dann will ich dem Mädchen
einen anderen Keuschheitsgürtel anpassen.
So gingen die Frauen in die Schmiede, schickten Meister Düring nach draußen und verschlossen die Tür
von innen. Monika musste sich ausziehen und Meta ging in den Lagerraum und kam mit einem Gürtel
wieder, den die Frauen begutachteten, erst dann durfte Meta ihn Monika umlegen.

Als Monika das kalte Metall spürte fing sie unwillkürlich an zu zittern, die Angst vor den Schmerzen
war einfach zu groß. Meta ging unter den Augen der versammelten Frauen vorsichtig zu Werk, schloss
das Taillenband nicht zu fest, auch mit dem Schrittblech passte sie auf. Als die Teile alle richtig saßen
wurden sie mit einem, diesmal nur kleinen Schloss gesichert.

„Du brauchst nicht zu zittern, es ist doch schon alles erledigt.“ sagte Meta und wollte ihr die Wange
streicheln, doch als Monika die Hand auf sich zukommen sah, hob sie schützend die Arme vor ihr
Gesicht und ließ sich auf die Knie fallen.

Für die Anwesenden war es klar, dass Meta das Mädchen schon einmal geschlagen haben musste, sonst
hätte sie nicht so panisch reagiert. „Meta, Meta, was hast Du nur mit dem Mädchen gemacht, dass sie
solch eine Angst vor Dir hat?“ Ziemlich verlegen gab die zu, dass ihr beim letzten Mal die Hand ausge-
rutscht wäre, was sie jetzt aber sehr bedauern würde.

„Das war allein meine Schuld,“ sagte Monika, „schließlich bin ich mit einer großen Zange in der Hand
auf Frau Düring losgegangen, da brauchte ich mich nicht zu wundern als ich ein paar Ohrfeigen bekam,
ich hatte sie ja auch verdient.“ Frau Düring sah sie dankbar an, kaum zu glauben, dass ausgerechnet die-
ses Mädchen ihr den Rücken deckte, das rechnete sie ihr hoch an.

Nachdem Frau Wattjes den Schlüssel des Gürtels in Empfang genommen hatte rückte die ganze
Gesellschaft wieder ab, während Wattjes mit Frau und Kind, den Nachbarinnen und Monika zur Kutsche
gingen, unterhielten sich die Frau des Pastoren und des Bürgermeisters noch eine Weile. Den
Gesprächstoff bildete das neue Mädchen von Wattjes, das auf die beiden Frauen einen tiefen Eindruck
hinterlassen hatte.

Teil 17

Eiso Wattjes lenkte die Kutsche in seine Hofeinfahrt, bedankte sich bei seinen Nachbarinnen für die
Unterstützung, half seiner Familie aus dem Fahrzeug und spannte die Pferde aus, während Swantje und
Monika zusammen mit dem kleinen Jan in die Küche gingen, es wurde höchste Zeit das Mittagessen vor-
zubereiten.

Während Wattjes nach dem Essen wieder auf um Zäune zu richten, kümmerte der Rest der Bewohner
sich um Haus und Garten: Hofplatz fegen, Unkraut jäten, Blumen gießen, Torf und Brennholz ins Haus
bringen, Hühner und Kaninchen füttern, usw., die Arbeit wurde nur von einer Teepause unterbrochen.

Kaum waren diese Arbeiten erledigt, als es im Stall weiterging, immer der gleiche Ablauf: Melken,
Ausmisten, frisches Stroh verteilen, Füttern. Für Monika war es der erste richtige Arbeitstag, körperliche
Anstrengungen waren für sie zwar ungewohnt, doch ließ sie sich keine Schwäche anmerken und gab ihr
Bestes.

Die viele frische Nordseeluft und die Arbeit gingen nicht ohne Wirkung an ihr vorbei, beim Abendessen
langte sie zu wie ein Fuhrknecht beim Bier. Nach dem Essen las Eiso Wattjes eine halbe Stunde aus der
Bibel vor, um die Familie auf den Sonntag einzustimmen. Während Wattjes vorlas (worauf Monika als
Atheistin gerne verzichtet hätte) sah sie sich nacheinander die Familienmitglieder an, alle schienen diese
Lesestunde zu genießen, in den Gesichtern der Anderen konnte sie Ausgeglichenheit und Ruhe erken-
nen, wobei sie selbst eher erleichtert war, als Wattjes die Bibel schloss.

Auch den Rest des Abends saßen alle am Tisch, während Swantje mit ihren Töchtern die Kleider von
Monika abänderte, wobei Monika wirklich keine Hilfe war, denn alleine schon das Einfädeln des Fadens
in die Nadel war für sie ein Riesenproblem, übte Wattjes mit seinem Sohn Rechenaufgaben. Ab und zu
stimmte irgendjemand ein Lied an und alle sangen mit, teilweise hochdeutsch, doch meist im
Plattdeutscher Sprache: “Dat du mien Leevste büst, dat du woll west, kumm bi de Nacht, kum bi de
Nacht, sech wo du heest (Das du mein Liebster bist, das weißt du, komm in der Nacht, komm in der
Nacht, sag wie du heißt.” Aber es gab noch viele andere Lieder, z.B.: “Int Fischerhus, dor wohnt de Not,
denn seven Kinner willen Brot, oder: Trina , kumm mol vor de Dör, kieg mol bitje rut.”

Etwas später brachte Fenna ihren Bruder Wübbi ins Bett, während Monika sich um Wilma kümmerte,
kaum lagen die Beiden in der Buzze, als auch Fenna und Monika sich bettfertig machten. Monika wurde
wieder an die Laufkette angeschlossen, die Fußfesseln wurden ihr abgenommen, nur Minuten später war
sie eingeschlafen.

Am nächsten Tag wurde bereits am frühen Nachmittag der große Kessel angeheizt, der sich in einem
separaten Raum hinter dem Backhaus befand. In diesem Kessel wurde sonst das Schweinefutter gekocht,
doch gut gereinigt diente er jetzt zum Aufbereiten des Badewassers.

In einer Scheune stand ein Holzbottich, den Fenna und Monika mit kaltem Wasser aus der Pumpe in der
Melkkammer auffüllten, erst zum Schluss kam heißes Wasser, das Eimer für Eimer aus dem Kessel geholt
werden musste, dazu.

Gebadet wurde der Reihe nach, Swantje fing an, der nächste war Eiso, dann waren Fenna, Wilma und
Wübbi an der Reihe, zwischendurch wurde zwar immer wieder mit einem in den Trog eingelassenen
Hahn Wasser abgelassen und durch neues, heißes Wasser ersetzt, aber sehr vertrauenserweckend sah das
Bad nicht gerade aus.

Trotzdem stieg auch Monika, nachdem ihr Frau Wattjes den Keuschheitsgürtel abgenommen hatte, zum
Schluss in den Bottich, sie lechzte geradezu nach einem Bad, und auch wenn dieses nicht mit einem
Duftschaumbad im Haus ihrer Eltern vergleichbar war, so fühlte sie sich danach durchaus sauber.
Während sie noch badete, ging Swantje Wattjes mit dem Gürtel in die Melkkammer, um ihn zu reinigen
und die Innenseiten reichlich mir Salbe einzustreichen.

Monika war gerade aus dem Bottich gestiegen und hatte sich abgetrocknet, als sie mit dem Gürtel
zurückkam. Der neue Tugendwächter hatte bei Monika keine Spuren hinterlassen, so legte sie ihr den
Gürtel wieder um. Durch die großzügig aufgetragene Salbe fühlte sich der Gürtel noch besser an als vor
dem Bad, nun gab es auch noch frische Wäsche und Kleidung, was ihr Wohlbefinden noch beträchtlich
steigerte.

Fenna kam in die Scheune zurück, und die beiden Mädchen stecken die ganze getragene Wäsche von
der Familie in den Bottich, um sie bis Montag einzuweichen, was Monika schon ahnen ließ, welche
Arbeit auf sie zukommen würde.

Nach Erledigung der Stallarbeit und des Abendbrots verlief der Abend wie der vorherige, die Zeit wurde
zusammen in der Küche verbracht.

Auch am Sonntagmorgen wurde erst gemolken, ausgemistet und den Tieren Futter gegeben, doch dann
ging es mit der gesamten Familie in der Kutsche nach Hohedörp, um dort an dem sonntäglichen
Gottesdienst teilzunehmen.

Auf dem Weg dorthin wandte sich Swantje an Monika: “Mädchen, zwei Sachen muss ich Dir noch erzäh-
len, bevor wir gleich ankommen. Es ist so, dass alle neuen Mädchen hinten in der Kirche bleiben müs-
sen, erst wenn sie es sich verdient haben, mit ihrem eigenen Namen angesprochen werden, weil sie sich
als ordentlich und tüchtig erwiesen haben, dürfen sie bei ihren Familien sitzen.” “Das ist schon in
Ordnung, Frau Wattjes, machen Sie sich keine Sorgen.”
“Der zweite Punkt wird Dir bestimmt nicht gefallen,” fuhr Frau Wattjes fort, “aber da können mein Mann
und ich nichts dran ändern, sondern haben uns dem Beschluss der Gemeinde unterzuordnen: Jeden
Sonntag vor dem eigentlichen Gottesdienst verließt der Pastor eine Liste, in der alle Mädchen aufgeführt
sind, die sich nicht ordentlich betragen haben. Er verließt die Namen der Familien, bei der die Mädchen
untergebracht sind und gibt auch gleich das Strafmaß bekannt.”

Monika hatte schon wieder dieses Flattern im Bauch als sie Frau Wattjes fragte: “Um was für eine Art
von Strafe handelt es sich dabei, Frau Wattjes?” “Die Mädchen werden nach dem Gottesdienst in das
Spritzenhaus geführt, dort hat sich jede die vom Pastor festgelegte Anzahl Hiebe, die mit einer Art
Lederriemen auf den blanken Hintern gegeben werden, abzuholen.”

Monika wurde still, im Geist zählte sie ihre Missetaten der ersten Tage zusammen, und sagte zu der
Bäuerin: “Frau Wattjes, muss ich unbedingt mit zur Kirche, ich habe solche Angst!” “Ja,” sagte Frau
Wattjes, “das kann ich gut verstehen, denn die Hiebe werden von Frau Düring gegeben, der Frau vom
Schmiedemeister.”

Teil 18

Je dichter sie auf Hohedörp zukamen, umso mehr Kutschen waren zu sehen, die alle in Richtung Kirche
fuhren. Bei der Kirche angekommen, stieg Familie Wattjes aus, Monika wurde vom Bauern herunterge-
hoben und Frau Wattjes nahm den Eisenring an ihrer Halskette in die Hand.

Eiso Wattjes fuhr die Kutsche auf einen schattigen Platz und band die Pferde an, während der Rest der
Familie damit beschäftigt war, Bekannte und Verwandte zu begrüßen, die man meist nur einmal in der
Woche sah. Da Monika als namenloses Mädchen Luft für die Leute war, sah sie sich unauffällig auf dem
Dorfplatz um, und entdeckte an dem Pfahl, an dem auch sie schon einmal angekettet war, ein Mädchen,
das wütend an ihrer Kette riss und wüste Beschimpfungen aussties.

Scheinbar störte sich keiner an den Flüchen des Mädchens, doch dann gingen zwei Männer auf sie zu,
fesselten ihr die Hände auf dem Rücken, stecken ihr einen Knebel in den Mund, und sicherten den mit
einem Stück Tuch, dass hinter ihrem Kopf verknotet wurde. Mehr bekam Monika auch nicht mehr mit,
denn Frau Wattjes zog vorsichtig an ihrer Kette, um sie auf ihren Platz in der Kirche zu führen.

Durch den niedrigen Glockenturm ging es in das Kirchenschiff, gleich links und rechts von dem Eingang,
also im hintersten Winkel des Raumes, saßen auf der schmalen Bank acht Mädchen in schlichten
Kleidern, alle mit der Kette ihres Halseinsen an Ringen in der Rückwand des Kirchengebäudes eingelas-
senen Eisenringen.

Keine von ihnen blickte auf, als Frau Wattjes auch Monika anwies, sich auf die Bank zu setzen und auch
ihre Kette an einen Eisenring anschloss. Leise sagte sie noch zu ihr: „Denk daran, immer den Blick nach
unten halten, auch wenn der Pastor Dich aufruft und Du aufstehen musst. Sei ein liebes Mädchen und
mach uns keinen Kummer.“ sagte sie noch, bevor sie ihr mit einem Lächeln über die Haare strich und
sie in der Gesellschaft der anderen Mädchen zurückließ.

Noch war die Kirche nicht gefüllt, in den 5 Reihen vor den Mädchen saß zur Zeit niemand, es war ja
auch noch eine gute Viertelstunde bis zum Beginn des Gottesdienstes. Das Mädchen auf ihrer rechten
Seite fragte leise: „Seit wann bist Du hier?“ „Noch nicht mal eine Woche.“ gab Monika ebenso leise
zurück, doch bevor die Andere noch eine Frage stellen konnte, wurden die nächsten Mädchen hereinge-
bracht und angekettet, auch die Reihen vor ihnen füllten sich jetzt, so dass jede Unterhaltung unmög-
lich wurde.

Während die Kirchenglocken zu läuten anfingen, zählte Monika die angeketteten Mädchen: Mit ihr
saßen hier insgesamt 20 Mädchen und junge Frauen (ohne diejenigen, die bei ihren Familien saßen), die
alle den Blick nach unten gerichtet hielten. Das Mindestalter schätzte Monika auf 18, die Älteste von
ihnen schien aber auch schon über 25 Jahre alt zu sein.

Das Glockengeläut wurde leiser, um dann ganz zu verstummen, der Pastor trat hinter dem Altar hervor
und stellte sich vor die Gemeinde. „Liebe Anwesenden, bevor wir unseren Gottesdienst beginnen kön-
nen, habe ich wieder die traurige Pflicht, einige der unserer Gemeinde anvertrauten Mädchen zur
Abstrafung zu bringen.“

Er zog einen Zettel aus der Tasche und begann: „Ich rufe auf das Mädchen der Familie Bültena.“ Eines
der Mädchen aus Monikas Reihe stand auf, den Blick nach unten gerichtet, die Hände wie zum Gebet
vor dem Schoß gefaltet. Der Pastor las nun der Gemeinde die „Verbrechen“ des Mädchens vor, es wurde
ihr vorgeworfen schlampig gearbeitet zu haben, außerdem hätte sie zweimal geflucht und es an
Gehorsam und Respekt fehlen lassen. Da sie aber erst seit einem Monat in der Gemeinde wäre, würde er
noch einmal Milde walten lassen und sie lediglich zu 15 Schlägen verurteilen. „Wirst Du diese Strafe in
Dankbarkeit und Demut annehmen, auf dass Du Dich in Zukunft wohl verhältst?“ Als Antwort machte
sie einen tiefen Knicks, der solange anzuhalten hatte, bis der Pastor die Nächste aufgerufen hatte.

Nachdem der Pastor fünf Mädchen abgeurteilt hatte, kam er scheinbar zum Schluss, denn er steckte den
Zettel wieder ein. Monika fiel ein dicker Stein vom Herzen, hatte sie sich doch ganz umsonst Sorgen
gemacht.

„Ich rufe auf das Mädchen der Familie Wattjes.“ dröhnte die gewaltige Stimme des Pastors zum Entsetzen
von Monika durch die Kirche, mit weichen Knien stand sie auf und hatte eine erbärmliche Angst vor
dem, was da kommen musste.

Wie es sich gleich darauf zeigen sollte, war ihre Angst durchaus berechtigt: Nichts wurde vergessen, jede
ihrer Beschimpfungen und jeder Fluch waren dem Pastor mitgeteilt worden, am schlimmsten aber wohl
war, dass sie die Schmiedefrau mit einer großen Zange tätlich bedroht hatte.

Aus Angst vor dem Urteilsspruch würde Monika fast übel, ihre Knie zitterten jetzt wie Espenlaub, dann
war der fürchterliche Moment gekommen: Der Pastor verlas sein Urteil.

Teil 19

„Wehret den Anfängen,“ rief der Pastor durch das Kirchschiff, „und wollt Ihr das Unkraut vernichten, so
müsset Ihr die Wurzel mit hinausziehen. Darum verurteile ich das Mädchen der Familie Wattjes dazu,
heute und an den drei folgenden Sonntagen jeweils 30 Schläge in Empfang zu nehmen.“ Ein leises
Raunen ging durch die Reihen, so ein hartes Urteil hatte der Pastor selten gefällt.

„Wirst Du diese Strafe in Dankbarkeit und Demut annehmen, auf dass Du Dich in Zukunft wohl ver-
hältst? fragte er Monika, die nichts anderes zu tun wusste als einen tiefen Knicks zu machen und in die-
ser Stellung zu verharren.

Nach einer Viertelminute fing er wieder an zu sprechen: Mädchen der Familie Wattjes, Du hast in die-
ser Gemeinde Fürsprecher, die Schmiedeleute Düring haben ein Wort für Dich eingelegt, auch die Frau
Bürgermeister und meine eigene Frau haben mir von deinem Wohlverhalten berichtet, dass auf Einsicht
und Besserung schließen lässt. Da Du erst knapp eine Woche hier in unserer Gemeinde bist, sich Familie
Wattjes zufrieden über Dich äußerst und Du sonst keine Schandtaten mehr begangen hast, ändere ich
das Urteil um und setze die Strafe von 30 auf 5 Schläge herunter, die Du jede der nächsten vier Wochen
lang bekommen wirst, es sei denn, Du lässt Dir heute 20 Hiebe geben, dann bist Du von der Strafe ab.
Du darfst Dich wieder setzen, wir beginnen jetzt endlich mit dem Gottesdienst.“

Monika setzte sich wieder auf die Bank, einerseits erleichtert von der harten Strafe abgekommen zu sein,
doch andererseits war die Aussicht auf die Abstrafung nach dem Gottesdienst ein schrecklicher Gedanke.
Der Pastor erzählte irgendwas von einem jungen Baum, der sich bei Wind biegen muss um nicht zu bre-
chen, um später einmal zu einem großen, festen Stamm zu werden.

Monika hörte nur halbherzig zu, der Keuschheitsgürtel, der sich auf dieser schmalen Holzbank schmerz-
haft bemerkbar machte, lenkte sie von der Predigt ab. Ein Blick auf ihre Leidensgenossinnen ließ sie aber
etwas Trost empfinden, alle 20 Frauen und Mädchen rutschen unruhig mit ihren Hintern auf der Bank
hin- und her.

Erst als die Orgel einsetzte wurde sie von Schmerzen und Angst abgelenkt, mindestens fünf Jahre war
es her, dass sie dem Klang der Orgel gelauscht hatte. Sie hatte sich nie etwas aus dieser Musik gemacht,
doch diesmal berührte sie der Klang des mächtigen Instruments auf eine seltsame Weise.

Über anderthalb Stunden zog sich der Gottesdienst hin, das Sitzen wurde unerträglich, dann endlich
sprach der Pastor seinen Segen, die Gemeine verließ nach und nach die Kirche und die Mädchen wur-
den von den Eisenringen losgeschlossen, um an ihren Halsketten nach draußen geführt zu werden. Die
Fußketten klirrten, als sie über die Steinfliesen nach draußen gingen, die Glücklichen unter ihnen konn-
ten gehen, doch die sechs verurteilten Mädchen wurden zum Spritzenhaus gebracht, um ihre Strafe zu
empfangen.

Während die Gemeinde sich noch auf dem Dorfplatz versammelte um miteinander zu klönen, waren die
Mädchen beim Spritzenhaus angekommen, wo Frau Düring schon auf sie wartete. In der gleichen
Reihenfolge, wie sie auch verurteilt worden waren, wurden sie jetzt in das Spritzenhaus hereingerufen.

Die erste war das Mädchen mit den 15 Schlägen Strafe, ihre Begleiterin über gab Frau Düring das Ende
der Kette, die führte das Mädchen hinein und schloss die Tür von innen. Kurze Zeit später war ein jäm-
merliches Geheule zu hören, das nach jedem Klatschen des Riemens ausbrach.

Monika machte sich vor Angst fast ins Hemd, doch Hanna nahm sie in den Arm und meinte: „So
schlimm wird es schon nicht werden, die Mädchen heulen alle so laut, weil sie dann hoffen, dass die
Düring nicht so fest zuschlägt.“ Das war nun auch nicht der richtige Trost für Monika, die nach diesen
Worten schon wieder zu zittern anfing.

Jetzt legte Frau Wattjes den Arm um sie, sprach beruhigend auf sie ein, wie das nur eine Frau kann, die
selbst Kinder hat. Langsam entspannte Monika sich etwas, doch als sie dann das Spritzenhaus betreten
musste, war es mit ihrer Fassung vorbei, ihre Augen waren schon etwas feucht, als Frau Wattjes das Ende
ihrer Kette in die Hände von Frau Düring legte.

Monika machte den vorgeschriebenen Knicks, ließ sich an widerstandslos in das Gebäude bringen, wo
sie einen mit Leder gepolsterten Bock mit Lederriemen an der Seite sah, dessen Bedeutung sie sofort ver-
stand. Frau Düring fragte sie, ob sie alle vier Wochen die 5 Schläge haben wolle, oder ob sie das ganze
Strafmass mit einem Abwasch erledigen wolle.

Monika entschied sich für die 20 Schläge, zog den Rock hoch und die Unterhose herunter, um sich dann
auf den Strafbock zu legen. Als Frau Düring die Lederfesseln anlegen wollte, meinte sie, dass das nicht
notwendig wäre, sie hätte ihre Strafe verdient und würde sich nicht wehren.

Der erste Schlag kam wie aus heiterem Himmel, doch sie verbiss sich ihren Schrei, der zweite Schlag
löste ein leises Stöhnen bei ihr aus, doch nach dem dritten Hieb brüllte sie genauso laut wie ihre
Vorgängerinnen. Die Düring sagte leise zu Monika: „Das war der richtige Schrei, jedes Mal, wenn der
Riemen klatscht, will ich diesen Schrei hören“ und schlug mit dem Riemen auf das Lederpolster, worauf
Monika, die schnell verstanden hatte, dass die Frau es gut mit ihr meinte, ein fürchterliches Gebrüll aus-
stieß.

Fast wäre die Sache aufgeflogen, denn nach dem elften Schlag auf das Lederpolster fingen beide Frauen
an zu lachen, Monika hätte fast keinen Schrei mehr herausgebracht. In der Zwischenzeit standen die
Frauen der Familie Wattjes draußen vor dem Spritzenhaus, und bei jedem Gebrüll von Monika zuckten
sie zusammen. „Wenn die Düring jetzt schon wieder übertreibt, werde ich mehr als ein ernstes Wort mit
ihr reden.“ regte sich Frau Wattjes auf.

Während Monika sich wieder anzog, wurde sie von Frau Düring angesprochen: „Mädchen, ich möchte
mich bei Dir bedanken, dass Du beim letzten Mal, als Du bei uns in der Schmiede warst, die Schuld auf
Dich genommen hast, damit hast Du meinem Mann und mir große Schwierigkeiten erspart. Wenn Du
jetzt nach draußen gehst, erzähl bitte keinem von unserer „besonderen“ Strafaktion, sonst habe ich näm-
lich schon wieder ein Problem.“

„Wenn Sie sich nicht für mich eingesetzt hätten, wäre meine Strafe viel höher ausgefallen, es ist also an
mir, mich zu bedanken.“ meinte Monika.

Frau Düring öffnete die Tür und führte Monika hinaus, Frau Wattjes kam sofort an um die Kette zu über-
nehmen und ihre Schutzbefohlene zu fragen: „Na, Mädchen, alles in Ordnung?“

„Ja, Frau Wattjes, es ist alles in Ordnung, vielen Dank.“

Dass die Augen des Mädchens noch feucht waren konnte sie gut verstehen, nur ahnte sie nicht, dass es
Lachtränen waren. So wunderte sie sich doch, als Monika sich von Frau Düring mit einem Knicks und
den Worten: „Vielen Dank für alles, Frau Düring.“ verabschiedete. Noch seltsamer kam ihr aber vor, dass
die Frau vom Schmied das Mädchen in den Arm nahm und zu ihr sagte: „Wer weiß, vielleicht werden
wir noch die besten Freundinnen.“

Auf dem Weg zur Kutsche fragte Monika nach dem Mädchen, dass vorhin an den Pfahl gefesselt war.
„Auch dieses Mädchen ist jetzt bei einer Familie untergekommen,“ meinte Swantje Wattjes, „ich bin
davon überzeugt, dass Du sie in nächster Zeit noch öfters sehen wirst.“

Teil 20

Nun kam der schönste Teil des Sonntags, zuerst wurde das Mittagessen gemacht: Salzkartoffeln standen
schon fertig geschält in einem Kochtopf, ebenso wie die Bohnen. In noch einem anderen Topf lag ein
Stück Pökelfleisch, dass in Abwesenheit der Familie richtig schön gargezogen war. Vom Sud des
Pökelfleischs wurde eine Sauce gezogen, und sobald die Kartoffeln gar waren, konnte gegessen werden.
Fenna stellte noch eine Schüssel mit Roten Beten auf den Tisch, während Swantje das Pökelfleisch in
Scheiben schnitt.

Sobald der Abwasch fertig war, durften die Kinder zum Spielen nach draußen gehen, sogar Fenna mit
ihren 14 Jahren war nicht mehr zu halten. Nachbarin Hanna de Fries kam vorbei, nach dem üblichen
Teetrinken fragte die, ob sie mit Monika durch das Dorf gehen dürfe, sie hätte ja noch nicht viel davon
gesehen.

Wattjes hatten nichts dagegen einzuwenden, also nahm Hanna den Ring an Monikas Halskette in die
Hand und die Beiden spazierten durch das Dorf. Überall spielten die Kinder, Mädchen vertrieben sich die
Zeit meist mit Seilspringen, während die Jungs mit Murmeln spielten oder einen aus Weideruten gefloch-
tenen Reifen über die Straße trieben.

Hanna hatte Monika soviel zu erzählen, dass sie sich nur einen Teil merken konnte, bei jedem Haus wur-
den ihr die Namen der Bewohner genannt, wo die Frau des Bauern herkam, wie sie mit Mädchennamen
hieß, wie viel Kühe und Schweine sie im Stall hätten, wie viel Land sie bewirtschafteten, und, und, und.

Jetzt sah Monika auch andere Mädchen, die an einer Kette durch das Dorf geführt wurden, leise fragte
sie Hanna, ob sie mit diesen Mädchen sprechen dürfe, doch Hanna erklärte ihr, dass das nicht gern gese-
hen würde, es sei denn, sie würden zusammen eine Arbeit verrichten und müssten sich darüber verstän-
digen.

Zumindest hatte sie im Vorbeigehen Blickkontakt mit den anderen Mädchen, aber keine wagte ein Wort
zu sagen, die Augen zu Boden gerichtet gingen sie aneinander vorbei. Nur bei einer schien es anders zu
sein, das Mädchen/die Frau an der Kette, Monika schätzte sie um die 22 Jahre, wurde auch von den
Dorfbewohnern begrüßt und in die Gespräche mit eingebunden.

„Warum wird sie so anders behandelt als die anderen Mädchen?“ wollte sie von Hanna wissen. „Weil sie
sich ihren Namen verdient hat, außerdem ist ihre Zeit in vierzehn Tagen abgelaufen, dann kann sie
gehen wohin sie auch immer will.“

Sie kamen zu dem kleinen Dorfplatz, liefen die Strasse weiter bis zum letzten Hof, drehten dann wieder
um und gingen zurück. Aus der Richtung Hohedörp kam ein Ackerwagen angerumpelt, die Mädchen
wichen an den Straßenrand aus, um den Wagen vorbei zu lassen.

Vier junge Männer befanden sich auf dem Wagen, zwei von ihnen saßen vorn, der eine war der Bruder
von Hanna, Nachbar Wilko de Fries, die anderen Beiden saßen auf der Ladefläche, zwischen ihnen ein
wütendes Mädchen, deren Arme und Beine gefesselt waren. Die Vier riefen Hanna ein fröhliches: „Moin.“
zu, die ebenso munter zurückgrüßte.

„War das nicht das Mädchen, dass heute auf dem Dorfplatz angebunden war?“ fragte Monika. „Ganz
genau,“ gab Hanna zurück, „keine Familie wollte sie nehmen, allen war sie zu wild und unbeugsam, jetzt
kommt sie in unser Haus, unsere Eltern glauben, dass sie das Mädchen zur Vernunft bringen können.“

„Darum hat Frau Wattjes heute gesagt, ich würde das Mädchen noch öfters sehen, als ich sie danach
fragte, was mit ihr passiert wäre. Aber warum habt Ihr sie nicht gleich nach der Kirche mit hierher
gebracht, so musste der Weg doch zweimal gefahren werden.“

Das haben wir ja auch probiert, aber das Mädchen versuchte zu treten und zu beißen, fing an zu flu-
chen und zu spucken, da wollten meine Eltern sie nicht mit in der Kutsche haben. Wilko brachte sie an
den Pfahl zurück, wo sie bis vorhin darauf warten musste, von ihm abgeholt zu werden.“

Inzwischen waren sie wieder auf dem Dorfplatz angekommen, nachdem Hanna sich noch mit einigen
Leuten unterhalten hatte, gingen sie wieder nach Hause zurück. Kaum beim Wattjes angekommen hör-
ten sie schon aus Hannas Elternhaus eine wütende Mädchenstimme, die sich in den wildesten Flüchen
und Verwünschungen erging. „Ich denke, es ist besser, wenn ich Dich wieder zu Wattjes zurückbringe
und meinem Bruder zu Hilfe komme, das neue Mädchen scheint wirklich nicht bei Verstand zu sein.“

Eiso und Swantje Wattjes saßen auf einer Bank vor dem Haus, genossen die noch schwache Aprilsonne.
„Setzt Euch zu uns.“ bot Swantje den Mädchen an, doch Hanna meinte, sie würde lieber nach Hause
gehen. „Eiso Wattjes grinste sie an und sagte: „Da habt Ihr Euch ja ein schönes Wildpferd eingefangen,
bin mal gespannt, wie Ihr das zähmen wollt.“

„Bisher sind doch noch alle vernünftig geworden,“ gab Hanna zurück, „und was wir selbst nicht zurecht-
biegen können, das macht Frau Düring Sonntags mit dem Lederriemen.“ „Da bin ich mir nicht so sicher,“
sagte Swantje und sah Monika an, „es gibt Mädchen, die bekommen 20 Hiebe mit dem Lederriemen,
denen tut anschließend noch nicht einmal der Hintern weh, bedanken sich nach der Prügel noch bei der
Zuchtmeisterin, die darauf antwortet, dass sie vielleicht noch die besten Freundinnen werden würden,
schon sehr seltsam, finde ich.“

Monika tat, als wenn sie den Flug der Vögel beobachten würde, während Eiso meinte: „Ja, das muss ich
schon sagen, unser Mädchen ist härter als ich dachte, nicht jede würde eine tüchtige Tracht Prügel so
einfach wegstecken, und dass sie sich anschließend auch noch dafür bedankt, ist doch ein Zeichen von
Charakterstärke und gutem Willen.“
Teil 21

Am Montag wurden die Kühe auf die Weide gebracht, zwei Tage lang wurde der Stall geschrubbt und
gewienert, bis nicht ein Fleck oder Hälmchen mehr zu sehen war. Monika war froh, als diese Arbeit been-
det war, die ganze Zeit mit der Bürste auf den Steinen herumkriechen war nun wirklich nicht ihr Ding.

Nun brauchten die Kühe zwar nicht mehr gefüttert werden, auch das Stallausmisten fiel weg, aber dafür
ging es jetzt jeden Morgen und Spätnachmittag hinaus auf die Weide zum Melken. Monika glaubte gera-
de, sich an die Arbeit gewöhnt zu haben, als Wattjes meinte, dass man am nächsten Tag mit dem
Mistfahren anfangen würde.

Die Bauern machten diese Arbeit immer zu zweit, in diesem Jahr sollte erst der Misthaufen von Nachbar
de Fries weggefahren werden. Wattjes spannte die Pferde vor den Wagen, ließ Monika aufsteigen und
fuhr zu seinem Nachbarn.

Nun wurde zuerst der Wagen von Wattjes mit Mist beladen, Monika hinten am Wagen mit einer Kette
festgemacht, Wattjes nahm die Zügel und lief neben dem Wagen her, bis sie auf einem Acker von de
Fries angekommen waren. Der Bauer ließ die Pferde halten, ging zum Ackerrand, holte eine schwere
Eisenkugel mit einer langen Kette daran, löste Monikas Kette vom Ackerwagen und befestigte sie an der
Kette mit der Eisenkugel.

Jetzt ließ er die Pferde langsam weiterlaufen, Monika und er zogen mit Hacken den Mist vom Wagen
herunter, immer gleiche Mengen in gleichen Abständen, wobei Monika mit ihrer Kette aufpassen muss-
te, mehrere Male unterbrach sie das Abladen und schleppte die Eisenkugel ein Stück weiter.

Als der Wagen entladen war, zeigte Wattjes ihr wie der Mist mit der Forke zu verteilen ist. Sobald er
merkte, dass das Mädchen verstanden hatte, führte er die Pferde zurück zu dem Hof von de Fries, wäh-
rend Monika alleine auf dem Acker zurückblieb.

Sie hatte noch nicht mal die Hälfte des stinkenden Düngers verteilt, als auch schon Wilko de Fries sei-
nen Ackerwagen mit der nächsten Fuhre brachte, auch er hatte ein Mädchen hinten am Wagen angeket-
tet, es war die Neue, die sie am Sonntag bereits gesehen hatte.

Auch Wilko ließ die Pferde halten, holte eine Eisenkugel mit Kette und befestige sein Mädchen daran,
zeigte ihr was sie zu machen hätte und ließ die Pferde langsam laufen. Doch sein Mädchen dachte nicht
im Traum daran, den stinkenden Mist vom Wagen abzuladen, sondern stand da mit verschränkten
Armen vor der Brust und sah ihm bei der Arbeit zu.

Monika konnte gut sehen, dass Wilko mehr als sauer war, also steckte sie ihre Forke in die Erde, nahm
die Eisenkugel hoch und ging zu Wilko, um ihm zu helfen. Der lächelte sie an und meinte: „Mädchen,
Du bist wirklich in Ordnung, schade dass Du bei Wattjes bist, Dich hätte ich gern bei mir im Haus.“ Sie
wurde ganz verlegen, sagte aber nichts und arbeitete dafür nur noch härter. „Dieser Wilko ist ein ganz
feiner Kerl,“ dachte sie bei sich, „irgendwie finde ich ihn ganz symphatisch.“

Sobald der Wagen abgeladen war, drücke Wilko seinem Mädchen eine Forke in die Hand und wies sie
an, sich von Monika zeigen zu lassen, was gemacht werden solle. Dann führte auch er das Gespann wie-
der auf seinen Hof zurück.

„Wie heißt Du?“ wollte Wilkos Mädchen wissen. „Monika, und Du?“ „Ich heiße Anja, sag mal, wie lange
bist Du denn schon hier bei den Verrückten?“ „Ungefähr anderthalb Wochen, aber jetzt nimm die Forke,
erst mal dürfen wir nur über Sachen reden, die mit der Arbeit zu tun haben, und dann müssen wir sehen,
dass wir den Mist verteilt haben, bevor mein Bauer wiederkommt, sonst könnte das derbe Ärger geben.“

„Dich haben die aber schon gut in den Griff bekommen,“ meinte Anja, „mit mir können die das nicht
machen, und arbeiten werde ich hier mit Sicherheit nicht.“ „Mach lieber, was Dir gesagt wird, solange
Du Dich ordentlich verhältst hast Du auch nichts zu befürchten, doch wenn Du Widerstand leistest, wirst
Du dementsprechend behandelt.“

„Was wollen diese Primitivlinge denn schon mit mir machen, schließlich gibt es auch noch
Menschenrechte, ich brauch mir so etwas nicht gefallen zu lassen, mein Vater ist schließlich kein unbe-
deutender Mann in der Öffentlichkeit.“ „Genau der wird Dich auch hierher gebracht haben, nehme ich
an, wie alt bist Du denn?“

„Ich bin neunzehn, aber was hat das damit zu tun?“ „Hast Du in den letzten Tagen vielleicht irgendet-
was unterschrieben, irgendein Formular?“ „Nein,“ meinte Anja, sich dabei auf die Forke stützend, „ich
glaube nicht, doch Moment, meine Mutter hat mir einen Wisch hingehalten, den ich eben schnell unter-
schreiben sollte, was ich auch gemacht habe ohne näher hinzusehen, weil ich es eilig hatte.“

„Damit hast Du Dich selbst ausgeliefert, genau so ist es mir auch ergangen, und Du hast nicht die gering-
ste Möglichkeit etwas daran zu ändern, hat Dir das Anwalt Meyerdirks nicht gesagt?“ fragte Monika und
fing an noch schneller zu arbeiten, weil sie ihren Bauern schon mit der nächsten Fuhre kommen sah.

Sogar Anja fing jetzt an zu arbeiten, sie wollte nicht von Monika getrennt werden, jede Information, die
sie von ihr erhielt, könnte vielleicht zu verwerten sein. Auch beim Abladen der Fuhre Mist half sie mit,
und solange Wattjes in der Nähe war, arbeitete sie stramm durch.

Kaum war der Bauer mit seinem Ackerwagen wieder vom Acker herunter, als Anja die Forke auf die Erde
warf und Monika fragte: „Hast Du auch diesen seltsamen Anwalt Meyerdirks kennen gelernt?“
„Natürlich,“ gab sie zurück, „aber solange Du nicht mitarbeitest, spreche ich kein Wort mehr mit Dir, ich
habe nicht die geringst Lust, wegen Dir Ärger zu bekommen.“

„Was für einen Ärger kannst Du Dir hier denn schon einhandeln, bei mir steht höchstens der Bauer vor
mir und sagt: „Mädchen, Mädchen, Du machst Dich selbst unglücklich“. Nun sag doch mal selbst, die
haben doch wirklich einen an der Marmel hier.“

„Du hast doch mit Sicherheit schon mit Frau Düring Bekanntschaft gemacht, richtig?“ „Hör bloß auf,“
knurrte Anja, „das verrückte Weib hat mir einen Keuschheitsgürtel verpasst.“ „Das ist nur eine ihrer
Aufgaben,“ sagte Monika, „ihre andere Arbeit besteht da drin, jeden Sonntag die Mädchen, die sich nicht
ordentlich benommen haben, mit einem dicken Lederriemen zu verprügeln.“

„Das ist nicht Dein Ernst,“ sagte Anja. „Worauf Du Dich verlassen kannst, ich spreche aus Erfahrung,
und jetzt halt endlich die Klappe und fang an zu arbeiten.“ „Puh,“ sagte die bloß und setzte sich auf eine
Stelle des Ackers, auf dem noch kein Mist lag.

Monika blieb nichts anderes übrig als Anjas Arbeit mitzumachen, sie schuftete wie eine Wilde, kaum
hatte sie den Mist verteilt, als auch schon Eiso Wattjes mit der nächsten Fuhre kam. Anja war clever
genug um aufzustehen, sich die Forke zu nehmen und den Eindruck von Arbeitsamkeit zu verbreiten,
doch Wattjes wachem Auge war nicht entgangen, dass Monika die Arbeit allein gemacht hatte.

Die half ihm nun auch wieder den Wagen abzuladen, während Anja sinnlos mit der Forke herumfuch-
telte. „Nachher schicke ich dir Fenna, die wird Dir wohl eine größere Hilfe sein als dieses Mädchen von
de Fries.“ meinte er.

Kaum war abgeladen, als er auch schon wieder zurückfuhr um die nächste Fuhre zu holen. Monika for-
derte Anja noch einmal auf, endlich die Forke zu nehmen und mitzuarbeiten, doch die störte sich nicht
darum. Nun kam Wilko de Fries wieder mit seinem Wagen an, doch anstatt abzuladen ging er auf Anja
zu. „Dir scheint es auf dem Acker nicht zu gefallen.“ meinte er, „wahrscheinlich würde Dir ein kleiner
Spaziergang besser gefallen, stimmt es?“
„Das könnte sein,“ meinte Anja ziemlich keck, „noch schlimmer als hier auf dem stinkenden Acker her-
umstehen kann es ja nicht werden.“ Wilko grinste sie an und sagte: „Wenn das so ist, dann darf ich die
Dame bitten, mich zu begleiten.“

Teil 22

Wilko löste die Kette mit der Eisenkugel, führte Anja hinter den noch beladenen Ackerwagen, befestig-
te dort die Kette ihres Halseisen an den Ackerwagen. Die Kette war so kurz angeschlossen worden, dass
sie Anja höchstens einen halben Meter Spielraum gab. Die hatte noch nicht begriffen, was dieses erneu-
te Anketten bedeuten sollte, doch als Wilko die Pferde weiter vorwärts trieb, dämmerte es bei ihr: Der
verfluchte Kerl wollte sie hinter diesem Scheißhaufentransporter hinterherlaufen lassen.

Als der Wagen an der richtigen Stelle stand, begannen Monika und Wilko mit dem Abladen, wobei es
auch mal passierte, das Spritzer in Anjas Gesicht flogen. Wieder wurde der Ackerwagen ein paar Meter
weitergefahren und ein Teil der Ladung heruntergezogen, so ging es mehrere Male, bis der Wagen leer
war.

Bevor Wilko wieder zurückfuhr, sagte er zu Monika: „Du brauchst Dich nicht zu beeilen, Fenna kommt
gleich zu Hilfe, dann hast Du es etwas leichter. Ich muss jetzt wieder los, die junge Dame hinter dem
Ackerwagen wartet auf ihren Spaziergang, also bis später.“ Er schnalzte mit der Zunge und ließ die
Pferde loslaufen. Anja, die nicht aufgepasst hatte, wurde unsanft nach vorne gerissen, was bestimmt
ziemlich schmerzhaft war. Wütend wie ein Raubkatze brüllte sie: „Du Hirni, du verdammter, sobald ich
von dieser Kette loskomme reiß ich Dir den Arsch auf, ich mach Dich fertig, Du Arsch mit Ohren.“ Wilko
drehte sich um, lächelte ein wenig und meinte: „Ich werde Dich heute Abend noch an diese Worte erin-
nern.“

Da es ihr ziemlich dumm erschien, allein und untätig auf dem Acker herumzustehen, nahm Monika sich
die Forke und machte mit ihrer Arbeit weiter, inzwischen hatte sie auf den richtigen Dreh heraus, und
die Arbeit ging ihr flott von der Hand.

Mit einem Mal sah sie Fenna auf den Acker kommen, einen Weidekorb in der Hand haltend. „Hallo
Mädchen, Schluss mit Arbeit, jetzt ist Pause.“ rief sie schon von weitem, stellte den Korb an den Wall,
half Monika dabei, die schwere Kugel mit der Kette an den Wall zu bringen.

Monika setze sich hin, stöhnte vor Erleichterung, sie konnte jeden ihrer Knochen einzeln spüren. Fenna
packte den Korb aus: Eine Tonflasche mit noch heißem Tee, Brote dick mit Butter bestrichen, belegt mit
Schinken, Leberwurst, Mettwurst und Käse. Beim Anblick dieser Sachen fing Monikas Magen an zu
knurren, Fenna lachte und meinte: „Warum fängst Du nicht an zu essen, wenn Du so einen Hunger hast,
das ist schließlich alles für Dich.“ Das brauchte sie kein zweites Mal sagen, mit Heißhunger biss Monika
in die Brote. Tatsächlich verdrückte sie alles, bis auf den letzten Krümel Brot und Tropen Tee, selten hatte
ihr etwas so gut geschmeckt, aber sie hatte bisher auch noch nie so schwer körperlich gearbeitet.

Normalerweise hätte Eiso Wattjes schon lange mit der nächsten Fuhre hier sein müssen, doch auch der
machte eine Pause, wie Fenna ihr erklärte. So lagen die beiden Mädchen am Wall und genossen den
Moment der Ruhe.

Die Pause war viel zu schnell vorüber, denn nun kam Wattjes wieder angefahren. Diesmal ging das
Abladen schnell als vorher, denn Fenna legte für ihre 14 Jahre ein ganz schönes Tempo vor. Auch das
Verteilen des Dungs über den Acker war jetzt flott erledigt, und so konnten sie sich noch einige Minuten
hinsetzen, bevor Wilko de Fries wieder angefahren kam.

Sie konnten ihn zwar noch nicht sehen, aber zu hören war sein Gespann ganz deutlich, denn Anjas
Stimme war nicht zu überhören. Sie fluchte und zeterte was das Zeug hielt, doch Wilko schien das nicht
zu stören. Als er bei den Mädchen auf dem Acker anhielt, fingen die sofort an zu lachen: Beim Aufladen
hatte man scheinbar keine Rücksicht auf die angekettete Anja genommen, sie war übersät von Spritzern.

Bis zum Nachmittag wurde Wagen für Wagen gebracht, und während Fenna und Monika ihre Arbeit ver-
richteten, hatte Anja die ganze Zeit über dem Ackerwagen zu folgen. Mit jeder Fuhre, die sie unfreiwil-
lig begleiten musste, wurde sie ruhiger, zum Schluss sagte sie überhaupt nichts mehr.

Endlich brachte Wattjes den letzten Wagen für diesen Tag, sobald der Dung verarbeitet war, wurde
Monika von der Eisenkugel befreit und Fenna nahm den Ring ihrer Halskette in die Hand, im gemütli-
chen Tempo spazierten die Mädchen nach Hause.

Nachdem sie sich unter der Pumpe gewaschen hatten, gab es Vesper, bei dem Monika schon wieder einen
Riesenappetit an den Tag legte. Danach wurde es auch Zeit, die Sachen fürs Melken zusammenzustellen:
Eimer mit Wasser, Melkeimer, Bürsten, Stofftücher zum Filtern und natürlich die Melkeimer wurden auf
den Wagen geladen, ein Pferd vorgespannt, und schon ging es zum letzten Arbeitsgang des Tages.

Dann endlich gab es Abendbrot, Monika ließ sich erleichtert auf die Bank fallen, wobei sie aber schmerz-
haft an ihren Keuschheitsgürtel erinnert wurde. Seltsamerweise hatte sie jetzt kaum noch Hunger, sie
fühlte sich etwas seltsam. Wattjes fragte sie, ob der Tag vielleicht doch etwas zuviel für sie gewesen wäre,
doch Monika sagte: „Bauer Wattjes (zum ersten Mal hatte sie unbewusst die Anrede „Herr“ weggelas-
sen), das hat mir überhaupt nichts ausgemacht, von mir aus hätten wir noch 20 Fuhren verarbeiten kön-
nen.“ Keine 15 Sekunden später fielen ihr die Augen zu, sie lehnte den Kopf an Fennas Schulter und
fing an, leise zu schnarchen.

Wie ein kleines Kind wurde sie von Swantje und ihren Töchtern in die Buzze gebracht, die sie auszo-
gen, ihr das Nachthemd überstreiften, die Fußfessel abnahmen und sie an der Laufkette festmachten. So
bekam sie leider auch nicht mit, wie Swantje sich auf den Buzzenrand setzte, ihr die Wange streichelte,
einen Kuss auf die Stirn gab und flüsterte: „Kleine Monika, Du wirst bestimmt noch ein ganz liebes
Mädchen, davon bin ich fest überzeugt.“

Teil 23

Als am nächsten Morgen der Hahn krähte und Monika aus der Buzze kletterte, um ihre morgendlichen
Pflichten zu erledigen, glaubte sie den Tag nicht überleben zu können, kein Muskel und kein Knochen
in ihrem Körper, der ihr nicht schmerzte, doch als sie erst etwas in Bewegung gekommen war, wurde es
besser.

Nach dem Tee erst wieder zum Melken, als sie danach zusammen beim Frühstück saßen wollte Wattjes
wissen, wie Monika geschlafen hätte. „Danke, sehr gut, Herr Wattjes.“ Monika stutzte, alle am Tisch grin-
sten sie an, was war denn los? Sie ging den gestrigen Tag und Abend noch mal im Geist durch, ja, zum
Kuckuck, wie war sie den ins Bett gekommen?

„Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich ins Bett gegangen bin.“ meinte Monika. „Kein Wunder,“
sagte Frau Wattjes, „du bist uns ja am Tisch eingeschlafen.“ „Und wie bin ich dann ins Bett gekommen?“
„Du warst so fest am schlafen, dass du überhaupt nicht gemerkt hast, wie Fenna und ich Dich ins Bett
gebracht haben, meine Güte, musst Du müde gewesen sein.“

Die Kinder gingen zur Schule, Frau Wattjes räumte die Küche auf, Monika wurde die Fußfessel angelegt
und die Laufkette abgenommen, dann ging es wieder hinaus zum Mistfahren. Als Wattjes mit seinem
Wagen beim Nachbarn de Fries angekommen war, hatte der seinen Ackerwagen schon beladen, Anja war
wieder, genau wie am Vortag, mit kurzer Kette an dem Gefährt angebunden worden.

Wilko de Fries fuhr los, eine inzwischen schweigsame Anja trottete missmutig hinterher. Nun machte
Wattjes sich an das Beladen des Ackerwagens und kurze Zeit später liefen auch zogen auch seine Pferde
den Wagen Richtung Acker. Nach einer Weile kam ihnen de Fries entgegen, fröhlich vor sich hinpfei-
fend und grinsend, von Anja war nichts zu sehn. Die Wagen fuhren aneinander vorbei und de Fries blin-
zelte entgegen allen Vorschriften Monika, die wieder hinten an dem Wagen angekettet war, freundlich
zu, die sofort einen roten Kopf bekam. Dumme Kuh, schimpfte sie mit sich selbst, wieso wirst du verle-
gen, wenn einer dir nur mal zublinzelt, wollte sie sich doch selbst nicht eingestehen, dass ihr der
Nachbar Wilko de Fries mehr als nur gut gefiel.

Schon aus weiter Entfernung sahen Wattjes und Monika, dass Anja richtig am Arbeiten war. „Hat es die-
ser Wilko doch geschafft.“ brummelte Wattjes anerkennend vor sich hin. Nachdem Monika an der
Eisenkugel angekettet war, half sie dem Bauern beim Abladen des Wagens und machte sich sofort an
das Verteilen des Dungs.

Wattjes war gerade vom Acker weg, als Anja zu ihr sagte: „Lass uns abhauen, und zwar jetzt sofort.“
„Du bist ja verrückt,“ gab Monika zurück und verteile den Mist mit inzwischen geübten Schwung, „mit
der Eisenkugel an der Kette hätten Sie Dich doch sofort wieder geschnappt, und ich möchte nicht wis-
sen, welche Strafen dann auf Dich zukommen würden.“

„Die Eisenkugeln können wir tragen, das ist kein Problem, außerdem sind wir heute so gut wie alleine
hier, unsere Flucht würden die erst später merken, dann können wir schon eine ganze Ecke weit weg
sein. Also was ist, kommst Du mit?“

„Nein,“ sagte Monika, „und Du kannst auch jeden Gedanken an eine Flucht vergessen, was glaubst Du
denn passiert mit mir, wenn ich nicht versuche Dich zurückzuhalten, dann werden alle glauben, dass ich
mit Dir unter einer Decke stecke, auf den Ärger kann ich gut verzichten.“

„Dann würdest Du also Krach schlagen, wenn ich versuchen sollte abzuhauen?“ wollte Anja wissen.
„Worauf Du Dich verlassen kannst.“ sagte Monika und arbeitete weiter. Anja sagte nichts mehr, nahm
ihre Forke und verteilte den Mist auf dem Acker, so gut sie konnte.

Kurze Zeit später war de Fries mit der nächsten Fuhre zurück, gehorsam half Anja ihm beim Abladen.
„Na, Mädchen,“ meinte er, „jetzt scheinst Du ja vernünftig zu werden, wenn Du so weitermachst bin ich
zufrieden mit Dir.“ „Ich werde mir Mühe geben, Herr de Fries.“ gab sie zur Antwort und nahm die Forke
wieder in die Hand, worauf de Fries befriedigt nickte und sein Gespann zum Hof zurückführte.

Kaum war de Fries außer Sichtweite als Anja die Forke noch fester in die Hand nahm, sich hinter Monika
stellte und ihr die flache Forke mit voller Wucht auf den Kopf schlug. Monika spürte nur den Schlag,
sonst merkte sie nichts mehr und lag ohnmächtig in dem Mist, den sie kurz vorher noch selbst verteilt
hatte, während Anja sich die Eisenkugel über die Schulter legte und die lange Kette hinter sich herzie-
hend vom Acker lief.

Teil 24

Schon von weitem konnte Wattjes sehen, dass auf dem Acker etwas nicht stimmte: Von den beiden
Mädchen war nichts zu sehen. Diesem neuen Mädchen von de Fries hatte er nicht über den Weg getraut,
aber von dem Mädchen, dass bei ihnen im Haus lebte, hatte er eine bessere Meinung gehabt, nach dem
ersten Gefühl der Enttäuschung stieg Wut in ihm auf, er würde dafür sorgen, dass sie eine schwere Strafe
bekommen würde.

Da er genau wusste, dass die Mädchen nicht so einfach entkommen konnten, führte er sein Gespann auf
den Acker, um den Wagen zu entladen, dort fand er dann die immer noch bewusstlose Monika, die aus-
gestreckt auf dem Acker lag. Die Zügel fallen lassend lief er zu ihr, und sah das Blut auf ihrem
Hinterkopf, dass ihre Haube schon rot verfärbt hatte.

Er spannte eines der Pferde aus, legte Monika über den Pferderücken, stieg selbst auf, nahm Monika jetzt
wie ein Kind in die Arme und ritt nach Hause. Dort angekommen wurde Monika vorsichtig vom Pferd
heruntergehoben und ins Haus gebracht. Nun wurde sie von Swantje und Hanna ausgezogen und in ihre
Buzze gelegt, die Fußfesseln abgenommen, ein feuchter Lappen auf ihre Stirn gelegt und Nachbarin
Meike ten Broek verständigt, die sich mit Verletzungen wie keine andere im Dorf auskannte.

So langsam kam Monika wieder zu sich, sie schaute sich irritiert um, konnte nicht verstehen, dass sie
schon wieder ohne ihr Wissen in der Buzze gelandet war. „Was ist denn passiert?“ fragte sie mit
schmerzverzerrtem Gesicht, denn ihr Kopf tat ihr unheimlich weh. „Ruhig liegen bleiben und nicht
reden.“ sagte Swantje zu ihr und legte ihr einen feuchten Lappen auf die Stirn, was Monika erleichtert
aufstöhnen ließ.

Schon kamen auch die Nachbarinnen Hanna de Fries und Meike ten Broek in die Küche, Meike hatte
wieder ihren Arzneimittelkorb dabei, aus dem sie sofort ein Pulver holte, dass sie in einen Becher mit
Wasser gab und umrührte. Monika wurde aufgefordert, das Gebräu in einem Zug zu trinken, was sie
auch gehorsam tat. Die Medizin von Meike hatte es in sich, schon nach einer kleinen Weile flackerte
Monika mit den Augenliedern und sie sank in einen tiefen Schlaf, nun erst wurden die Wunde gereinigt
und verbunden, Monika merkte nichts von alledem.

In der Zwischenzeit waren Eiso und Wilko auf ihre Pferde gestiegen, um das flüchtige Mädchen zu
suchen, wobei sie von einigen Nachbarn unterstützt wurden. Die Männer ritten zu dem Acker, auf dem
Monika gearbeitet hatte und verteilten sich dort, um eine fächerförmige Suche zu starten.

Sie ließen es ruhig angehen, das Land der alten Dörfer hatte ringsherum einen breiten und tiefen Kanal,
niemals würde das flüchtige Mädchen dieses Hindernis überwinden können, nicht mit dem Halseisen,
der Fußfessel und der Eisenkugel mit der langen schweren Kette an ihrem Körper.

So dauerte es auch nicht lange bis sie das Mädchen entdeckt hatten, vollkommen ausgelaugt lag sie am
Kanalrand, unfähig, auch nur noch einen Meter weiterzulaufen. Wilko stieg vom Pferd, band ihr die
Hände auf dem Rücken zusammen, legte ihr die Kette der Eisenkugel um den Körper und beförderte sie
unsanft bäuchlings auf den Pferderücken. Nachdem er selbst wieder aufgesessen hatte ging der Ritt
zurück nach Andersum, wo er sich bei seinen Nachbarn für die Unterstützung bedankte.

Anja wurde in den Stall verfrachtet, ihre Halskette gerade so lang gelassen, dass sie sich auf die nack-
ten Steine legen konnte. Ohne mit ihr zu sprechen oder ihr die Hände loszubinden, verließ Wilko den
Stall, und machte sich auf den Weg zu seinem Nachbarn Wattjes, um dort nach der verletzten Monika
zu schauen, auch wenn sie auch nur eines der Mädchen war, scheinbar hatte sie einen guten Charakter,
und schlecht aussehen tat sie auch nicht.

Als er zu Wattjes kam gab es noch nichts Neues, Monika schlief tief und fest. Meike ten Broek meinte,
dass sie keine schwere Verletzung hätte, ein, zwei Tage der Ruhe und sie würde wieder hergestellt sein.

Bei den üblichen drei Tassen Tee überlegte man gemeinsam, was mit dem Mädchen von de Fries anzu-
fangen wäre. Auf jeden Fall, darüber war sofort Einigkeit, müsse sie schwer bestraft werden, und am
besten wäre es der Obrigkeit sofort Bescheid zu geben, bevor die es von anderen hören würden.

Da bis zum Mittag noch zwei Stunden Zeit waren schwang sich Wilko de Fries auf sein Pferd und ritt
zum Bürgermeister nach Hohedörp, den er zusammen mit dem Pastor auf dem Dorfplatz antraf. Wilko
erzählte nun den Beiden die ganze Geschichte von dem Mädchen, und als er an die Stelle kam, wo sein
Mädchen mit der Forke niedergeschlagen worden war, konnte der Pastor nicht mehr an sich halten und
sagte zornig mit erhobenen Zeigefinger: „An diesem unglückseligem Mädchen werden wir ein Exempel
statuieren, so etwas darf bei uns nicht passieren.“

Wilko erzählte seine Geschichte zu Ende, und bekam den Auftrag das Mädchen am nächsten Vormittag
um 10.00 Uhr zum Schmied zu bringen, sie würden in der Zwischenzeit mit dem Schmied sprechen und
alles Nötige veranlassen.
Wilko ritt zurück, und Bürgermeister und Pastor diskutierten darüber, welche Strafen für das Mädchen
angebrachte wären, konnten sich aber nicht einig werden. Also einigten die Beiden sich darauf, die
Unterhaltung am Nachmittag weiterzuführen, erst mal ein deftiges Mittagessen, dann ein kleines
Mittagschläfchen, anschließend Tee trinken, dann hätte man auch den notwendigen innerlichen Abstand
gefunden und würde sich nicht von Gefühlen leiten lassen, wobei die Beiden aber nichts anderes im Sinn
hatten, als ihren Frauen die Geschichte zu erzählen und diese um Rat zu fragen.

Teil 25

Auch Wilko de Fries freute sich aus das Mittagessen, dass er zusammen mit seiner Schwester Hanna und
seinen Eltern einnahm. Da im Land der alten Dörfer der Spruch galt: Bit Eten word nich snakt (Beim
Essen wird nicht gesprochen), wurde erst beim anschließenden Teetrinken darüber geredet, was mit dem
Mädchen passieren sollte.

Hanna, die schon immer eine mitfühlende Seele war, wollte dem Mädchen gern die Hände wieder los-
binden, doch Wilko meinte, dass er das nachher selbst übernehmen würde, denn diesem Wildpferd könne
man nicht über den Weg trauen, auch zu Essen oder Trinken würde er ihr lieber selbst bringen. Dann
sollte er berichten, was Pastor und Bürgermeister von dem Fall halten würden, doch außer, dass er das
Mädchen am nächsten Vormittag zum Schmied bringen solle, konnte er nichts berichten.

Jetzt drängte Hanna ihren Bruder, dem Mädchen doch endlich die Hände zu befreien, ihr würden
womöglich noch die Arme absterben, was Wilko dazu veranlasste in den Stall zu gehen und nach dem
Mädchen zu sehen. Anja saß auf den Steinen, mit dem Rücken an die Wand gelehnt und sah den
Jungbauern hasserfüllt an. „Steh auf,“ befahl er, „ich werde Dir die Hände losbinden, auch wenn Du es
nicht verdient hast.“ Er zog sie an der Kette des Halseisens hoch, löste den Knoten des Tauendes und
warnte sie: „Solltest Du auch nur versuchen irgendwelchen Mist zu bauen, wird es Dir bitter Leid tun.“

Anja war clever genug um die Ausweglosigkeit ihrer Situation zu begreifen, sie ließ sich die Arme los-
binden und setzte sich wieder auf den Boden, wobei sie Wilko aber nicht aus den Augen ließ. „Bis heute
Abend bleibst Du erst mal hier, dann werden sich ein paar Frauen um Dich kümmern. Du kannst Dich
aber schon auf morgen freuen, wir werden einen kleinen Ausflug unternehmen, und zwar zum Schmied,
der bestimmt etwas Schönes für Dich finden wird.“

Wilko ging zurück an seine Arbeit, wegen dem Mädchen war heute schon genug Zeit verloren gegan-
gen, und es war nicht sicher, wie lange das Wetter noch hielt. Als der nach draußen kam sah er außer
Wattjes noch zwei seiner Nachbarn, die ihren Mist bereits verfahren hatten und ihm zu Hilfe kamen, so
schaffte er es jedenfalls noch an diesem Tag den Rest des Misthaufens auf den Acker zu bringen. Nun
konnte er jedenfalls am morgigen Tag in Ruhe mit dem Mädchen nach Hohedörp fahren, und mit
Nachbar Wattjes machte er ab, ab Montag bei ihm zu helfen.

Nachdem auf dem Hof die Arbeit erledigt und das Abendbrot gegessen war, brachte Hanna einen Eimer
mit kaltem Wasser, eine harte Bürste und ein Stück Seife in den Stall, in dem Anja angekettet war, gleich
darauf kamen die Nachbarinnen Swantje und Meike dazu.

Misstrauisch sah Anja die drei Frauen an, egal was die vorhatten, sie würde sich zur Wehr setzen. „Zieh
Dich aus.“ sagte Swantje zu ihr. „Einen Scheißdreck werde ich tun.“ giftete Anja die Frauen an. „Du sollst
Dich doch nur waschen,“ versuchte Hanne sie zu beruhigen, „an Dir hängt ja noch der halbe Misthaufen
dran.“

Doch Anja dachte nicht im Traum daran der Anordnung zu folgen, im Gegenteil, mit aller Kraft trat sie
trotz ihrer Fußfessel gegen den Wassereimer, so dass der durch den Stall flog. Hanna hob den Eimer auf
und ging in die Waschküche, um ihn dort an der Pumpe wieder aufzufüllen, während Meike sich im Stall
zwei kurze Stricke suchte.
Nochmals wurde Anja aufgefordert sich auszuziehen, doch als sie sich diesmal weigerte ging Meike auf
sie zu und sagte: „Mädchen, mach Dir das Leben doch nicht selbst so schwer.“ und verpasste ihr links
und rechts eine kräftige Ohrfeige. Anja, die noch nie geschlagen worden war, stand wie betäubt da, und
die Frauen zogen ihr innerhalb von wenigen Sekunden die Kleider aus.

Als Meike ihr die Arme auf den Rücken drehte und Swantje ihr die Hände zusammenband, kehrten ihre
Lebensgeister wieder: „Ihr blöden Kühe, lasst mich in Ruhe.“ schrie sie die Frauen an und begann nach
ihnen zu treten, was ihr allerdings nur ein paar weitere Ohrfeigen einbrachte. Immerhin bewirkten die
letzten Ohrfeigen, dass sie sich ohne weiteren Widerstand von den Frauen waschen ließ, obwohl die
harte Bürste rote Striemen auf ihrer Haut hinterließ.

Mit einem groben Tuch wurde sie abgetrocknet, ihre Arme wieder befreit und Hanne hielt ihr eine Art
Sackkleid hin, in das sie von oben einsteigen musste. Das Kleid, das unwahrscheinlich viel Ähnlichkeit
mit einem alten Kartoffelsack hatte, wurde im Nacken mit mehreren Knoten kräftig zusammengebun-
den. „Soll sie denn keine Unterwäsche bekommen?“ fragte Hanna, die solch eine harte Behandlung über-
haupt nicht leiden mochte.

„Nein, wozu denn, das vereinfacht die Sache morgen beim Schmied nur.“ meinte Meike.

Damit ließen sie Anja alleine im Stall zurück, die sich langsam Sorgen darüber machte, was der Schmied
mit ihr anstellen würde.

Die Frauen saßen zusammen mit Familie de Fries in der Küche beim üblichen Tee, als Hanna ihren
Bruder fragte: „Wilko, hast du etwas dagegen, wenn ich dem Mädchen etwas zum Essen bringe?“ „Von
mir aus mach das, aber sei bloß vorsichtig, die ist zu allem fähig.“ warnte er sie.

Hanna machte ein paar Scheiben Brot und einen Becher mit Tee fertig, stellte die Sachen auf einen
Holzteller, nahm sich eine der Laternen und ging in den Stall. Anja saß zusammengekauert an der Wand,
zitternd vor Kälte, was auch kein Wunder war, denn ein Stall ohne Tiere kann an einem Aprilabend sehr
kalt sein, vor allen Dingen, wenn man auf den kalten Steinen sitzen muss.

So sah Hanna das auch und holte ein großen Haufen Heu, auf den Anja sich setzen oder legen konnte,
auch eine Decke ließ sich im Stall finden, dann stellte sie ihr vorsichtig die Brote und den Tee in
Reichweite. Anja sah sie nur an, sagte nichts. Hanna ließ sie gewähren und ging zurück in die gemütli-
che, warme Küche.

Erst am nächsten Morgen ging Hanna wieder in den Stall um nach Anja zu sehen. Die hatte sich das
Heu ausgebreitet und sich darauf schlafen gelegt, die Decke fest um sich gezogen. Hanna nahm das leere
Geschirr wieder mit zur Küche und meinte zu ihrer Familie: „Ich glaube, das Mädchen hat sich beruhigt,
gegessen und getrunken hat sie, und sie schläft tief und fest, den größten Ärger mit ihr haben wir hin-
ter uns.“ „Dein Wort in Gottes Ohr,“ sagte ihr Vater, „hoffentlich behältst Du recht.“

Nach dem Melken brachte Hanna Frühstück in den Stall. Anja war inzwischen wach und hatte sich auf-
gesetzt, die Decke um die Schultern gezogen. „Möchtest Du etwas frühstücken?“ fragte sie Anja, die nur
mit dem Kopf nickte, aber nichts sagte. Also stellte sie ihr das Frühstück hin und ging zurück an ihre
Arbeit. Als sie später noch einmal in den Stall ging um das Geschirr abzuholen, fragte Anja: „Was hat
man mit mir vor, was für eine Strafe erwartet mich?“

„Das weiß ich auch nicht genau,“ meinte Hanna nicht ganz wahrheitsgemäß, „das musst Du auf Dich
zukommen lassen, davor ausreißen kannst Du nicht.“ Zu weiteren Erklärungen kam sie auch nicht mehr,
weil Wilko jetzt mit einem Strick in der Hand in den Stall kam. „Nimm die Hände auf den Rücken und
dreh Dich um!“ befahl er ihr. Erst zögerte sie, doch als Hanna ihr beruhigend zunickte gehorchte sie.
Wilko fesselte ihre Arme auf den Rücken, löste die Halskette von der Wand und führte sie nach drau-
ßen, setzte sie auf den Wagen und kettete sie dort an. Dann stieg er selbst auf, nahm die Zügel in die
Hand und ließ den Wagen anfahren.
Es war ein kalter, leicht regnerischer Morgen, Anja fror wie ein Schneider und die stramm gefesselten
Hände taten ihr weh, doch lieber hätte sie sich die Zunge abgebissen als zu klagen.

In Hohedörp angekommen fuhr Wilko bis zur Schmiede, hielt an und holte sie von dem Wagen herun-
ter. Er zog sie an der Halskette zur Schmiede hin und sagte zu ihr: „So, Mädchen, jetzt bekommst Du
den ersten Teil Deiner Strafe, an den Du Tag und Nacht denken wirst.“ „Bitte nicht,“ rief sie voller Angst,
als sie die düsteren Gesichter der Schmiedeleute sah, „ich will da nicht hineingehen!“, doch unbarmher-
zig zog Wilko sie weiter.

Teil 26

Dank der guten Medizin von Meike erholte Monika sich rasch, auch die liebevolle Pflege der Familie
Wattjes tat ein übriges sie schnell wieder auf den Damm zu bringen, entweder saßen Fenna, Wilma oder
Wübbi bei ihr an der Buzze, oder Swantje brachte mal wieder eine Tasse mit Fleischbrühe, die sie zu
essen hatte.

Schon am Freitagabend fühlte sie sich so gut, dass sie wieder aufstehen wollte, doch die Bäuerin befahl
ihr energisch in der Buzze liegen zu bleiben. Dafür musste sie genau berichten, was den Tag auf dem
Acker vorgefallen war. Monika war erst drauf und dran Anja in Schutz zu nehmen, erzählte dann aber
ehrlich, was sich abgespielt hatte.

„Hättest Du dem Mädchen nicht gesagt, dass Du sie am Fortlaufen hindern würdest, hätte sie Dich nicht
mit der Forke niedergeschlagen. Nun sag mir ehrlich, warum Du sie am Fortlaufen hindern wolltest.“
fragte Bauer Wattjes ernst. „Weil ich nicht wollte, dass Sie wegen mir Ärger bekommen.“ gab Monika
leise zur Antwort.

Doch mit der Antwort war Wattjes noch nicht zufrieden, und so fragte er weiter: „Warum sollte es dich
kümmern, ob wir Ärger wegen Dir haben oder nicht, schließlich bist du nicht freiwillig hier, sondern hast
Halseisen, Keuschheitsgürtel und Fußfesseln zu tragen, arbeiten musst Du von Morgens bis Abends, und
das alles nur für Dein tägliches Essen, jetzt sag mir einen Grund, warum wir Dir nicht egal sein sollten.“

„Weil, weil ich sie alle gut leiden kann,“ stotterte Monika, „und weil Sie alle gut zu mir gewesen sind,
und das ist doch das erste Mal, dass ich in einer richtigen Familie leben darf, und, und,..“ Doch dann
versagten ihr die Worte und sie fing an fürchterlich zu heulen. Swantje sprang auf, setzte sich zu ihr auf
den Buzzenrand und nahm sie in den Arm, wiegte sie sanft hin und her.

„Ist doch schon gut, mein liebes Kind, sei ganz ruhig.“ blickte dabei ihren Mann mit vorwurfsvollen
Augen an. Der kannte diesen Blick seiner Frau nur zu genau und kratzte sich verlegen am Kopf, stand
auf und ging auch zur Buzze. Sanft drückte er Monikas Hand und sagte zu ihr: „Ich wollte Dir nicht
wehtun, Mädchen, ich wollte nur wissen, aus welchem Grund Du so gehandelt hast. Du bist wirklich ein
gutes Kind, egal was die anderen von Dir gesagt haben, und solange Du hier bist gehörst Du mit zur
Familie, das verspreche ich Dir.“

Nun fing Monika erst recht an zu flennen, Swantje nahm sie noch fester in den Arm und fragte sie: „Was
ist denn mit Deiner eigenen Familie, die haben Dich doch auch bestimmt lieb.“ „Die haben keine Zeit für
mich,“ schluchzte sie, „mein Vater arbeitet den ganzen Tag in seinem Büro, meine Mutter ist dauernd
unterwegs, die meiste Zeit war ich alleine zu Haus, und da habe ich mir einfach nur Freunde gesucht,
ich habe doch nicht gewusst, in was ich da hineingeraten bin.“

Durch Swantjes Zuneigung wurde Monika schnell wieder ruhig, es dauerte nicht lange und sie war ein-
geschlafen. Auch die anderen Kinder der Wattjes gingen nun ins Bett, nur die Alten saßen noch am Tisch
und unterhielten sich leise. „Was sind das nur für Eltern in der anderen Welt, lassen so ein Kind allein
seinen Weg gehen.“ meinte Bauer Wattjes. „Ja,“ meinte seine Frau, „so etwas könnte bei uns nicht pas-
sieren, wir sind unser ganzes Leben mit den Kindern zusammen, Gott sei Dank. Aber sag mal, hast Du
aus ihren Worten das Gleiche wie ich herausgehört? Wir sind eine Familie für sie, sie scheint uns wirk-
lich zu mögen, darum hat sie auch das andere Mädchen an der Flucht hindern wollen. Sie ist wirklich
ein gutes Kind, ich liebe sie inzwischen wie eine eigene Tochter.“

„Nun wirklich, ich muss schon sagen, ich mag sie auch, sie ist fleißig und ordentlich, gibt keine
Widerworte und ist mit allem zufrieden, auf jeden Fall ist sie das beste Mädchen, dass wir jemals bei uns
im Haus gehabt haben, und wenn ich ganz ehrlich sein soll, ich mag sie auch wohl leiden.“

Als Monika am nächsten Morgen wach wurde, fühlte sie etwas um ihrem Körper liegen, es war Fenna,
die sie die ganze Nacht über den Arm um sie gelegt hatte. Vorsichtig legte sie Fennas Arm auf die
Strohmatratze und stand auf, um endlich wieder ihre Arbeit zu erledigen. Zwar hatte sie noch leichte
Kopfschmerzen, aber das machte ihr nichts aus.

Irgendetwas war an diesem Morgen anders als sonst, erst konnte sie sich keinen Reim darauf machen,
doch dann wusste sie, woran es lag: Sie hatte weder Fußfesseln an noch war sie an der Laufkette befe-
stigt. Das war nun der Moment, auf den sie solange gewartet hatte, jetzt würde einer erfolgreichen Flucht
nichts mehr im Wege stehen.

Teil 27

Wilko übergab das Ende von Anjas Halskette dem Schmied, der sie gleich zum Amboss hinzog und ihr
befahl sich hinzuknien. Der hintere Rand des Halseisens kam auf dem Amboss zu liegen, mit Hammer
und Meisel entfernte er den oberen flachgeschlagenen Teil des Eisenstifts und schlug ihn mit einem
Körner nach unten heraus.

Nun brachte Frau Düring, die Frau des Schmieds, einen andern Halsreif, gearbeitet aus dickem Eisen und
ungefähr 8 cm hoch, an dem vorn ein großer Ring befestigt war. An dem Halsreifring war, wie bei dem
alten Halsreif auch schon, eine Kette mit einem großen Ring am Ende angearbeitet, nur war diese Kette
wesentlich schwerer als die alte.

Der wurde von innen mit einer Salbe eingestrichen, ihr um den Hals gelegt und zugedrückt, worauf der
Schmied den Halsreif wieder mit einem glühenden Eisenstift verschloss und die herausstehenden Enden
des Stifts flachschlug. Auf Anjas Stirn bildeten sich Schweißperlen, die ungewohnte Enge des Halseisen
bereitete ihr Übelkeit, auch konnte sie kaum noch den Kopf drehen.

Nachdem ihre Arme losgebunden wurden, bekam sie nun Armreifen angepasst, ebenfalls aus dickem und
6 cm breiten Eisen und wie das Halseisen jeweils mit einem Ring versehen. Die wurden genau so ver-
schlossen wie der Halsreif, ohne Werkzeug gab es keine Möglichkeit sie wieder zu öffnen. Doch damit
nicht genug, nun wurden ihr auch noch Fußfesseln angepasst, genau so gearbeitet wie die Armreifen.
Als diese verschlossen waren, wurde das Ende ihrer Halskette an einer sich im Boden eingelassen Öse
angeschlossen.

Die Männer verließen nun die Schmiede, und Anja, die diese Prozedur ja schon einmal erlebt hatte,
konnte sich gut vorstellen, was auf sie zukam. Frau Düring sagte zu ihr: „Ich werde jetzt Deinen
Keuschheitsgürtel aufschließen und ihn Dir abnehmen, aber freu Dich nicht zu früh, Du bekommst sofort
einen anderen Gürtel umgelegt.“ Da klopfte es an der Tür und zwei Nachbarinnen von Frau Düring
kamen herein, sie waren bereits darin geübt, widerspenstigen Mädchen den Keuschheitsgürtel umzule-
gen.

„Heb Dein Kleid hoch!“ wurde Anja befohlen, die zwar erst etwas zögerte, dann aber dem Befehl nach-
kam. Frau Düring öffnete das Schloss des Keuschheitsgürtels und nahm ihn ihr ab. Eine der
Nachbarinnen nahm einen Tiegel mit Salbe und strich Anjas Haut an allen Stellen, die nachher von dem
Keuschheitsgürtel bedeckt sein würden, dick mit der Salbe ein.
Sich die Taille einsalben zu lassen machte Anja nichts aus, doch als die Frau die Salbe auch in ihrem
Intimbereich auftragen wollte, presste sie die Beine zusammen, das Zeug stank derartig, das wollte sie
nicht an ihren empfindlichen Körperstellen haben. „Sieh an, nun wird sie schon wieder aufsässig, das
kleine Luder.“ sagte Frau Düring, kniff Anja so fest ins Ohrläppchen, dass sie vor Schmerz in die Knie
ging, wobei sie automatisch die Knie etwas auseinander nahm. Im gleichen Augenblick klatsche eine
ganze Ladung von der Salbe in ihren Schambereich und wurde von der Frau mit kräftiger Hand einge-
rieben.

Die Augen wurden ihr feucht vor Wut und Erniedrigung, doch das schlimmste stand ihr erst noch bevor:
Frau Düring ging nach hinten und kam mit einem Monstrum von Keuschheitsgürtel zurück. „Seht Euch
dieses Prachtstück von einem Keuschheitsgürtel an,“ rief sie, „den ganzen Tag hat mein Mann gestern
daran gearbeitet.“ Noch die hatten die Nachbarinnen einen Gürtel gesehen, der aus so dickem Eisen
geschmiedet worden war, auch das Schrittblech war ungewöhnlich stabil.

Anja, die schon ihren alten Keuschheitsgürtel für ein Marterinstrument gehalten hatte, fing vor Angst
an zu keuchen, nein, in diesen Gürtel wollte sie sich nicht verschließen lassen. Zum ersten Mal, seit sie
in dem Land der alten Dörfer war, fluchte und schimpfte sie nicht, sondern verlegte sich aufs Betteln.
„Bitte nicht diesen Gürtel, das würde ich nicht aushalten, kann ich nicht den alten Gürtel behalten, ich
verspreche auch in Zukunft keine Schwierigkeiten mehr zu machen.“

„Das hättest Du Dir früher überlegen müssen, für eine wie Dich, die andere Mädchen mit der Forke besin-
nungslos schlägt, gibt es kein Pardon, also zieh Dein Kleid wieder hoch und leg Dich auf den Boden.“
Anja zögerte, um keinen Preis der Welt wollte sie sich dieses Eisenteil umlegen lassen und suchte
krampfhaft nach einem Ausweg.

„Wird’s bald oder müssen wir erst nachhelfen?“ wollte Frau Düring wissen. Anja gab auf, gegen die drei
Frauen hatte sie eh keine Chance und so legte sie sich auf den Boden. Frau Düring streifte ihr den Gürtel
über die Beine und legte den breiten Taillengurt über ihre Hüfte. Das kalte Metall jagte Anja Schauer
durch den Körper, doch richtig schlimm wurde es erst, als der Taillengurt geschlossen wurde, die Düring
wandte alle ihre nicht unbeträchtliche Körperkraft auf, um den Gürtel so eng wie nur möglich zu
machen.

Scheinbar saß der Taillengurt jetzt nach ihren Vorstellungen an der richtigen Stelle, denn nun hatte Anja
die Beine zu spreizen, was sie schon fast willenlos sofort tat. Das Schrittblech, besser gesagt das
Schritteisen, wurde durch ihre Beine gezogen und nur mit Mühe konnte die Düring das Eisen in den
Taillengurt einrasten lassen, so stramm lag dieses Teil an ihrem Körper. Nachdem der Keuschheitsgürtel
mit einem großen Schloss gesichert war, durfte Anja aufstehen.

Kaum war sie wieder auf den Beinen, als sie sich an der Werkbank festhalten musste, mühsam schnapp-
te sie nach Luft. Nicht nur, dass der Halsreif so hoch und eng am Hals saß, das sie meinte nie wieder
schlucken zu können, nein, noch weit fürchterlicher war dieser überschwere Keuschheitsgürtel, der ihren
Unterleib umklammerte wie eine eiserne Faust, am schlimmsten dabei war der Druck auf ihre Scham.

„Wenn ich nicht gleich frische Luft bekomme, kippe ich hier noch um.“ dachte Anja, doch bevor es nach
draußen ging wurde an ihren Fußreifen noch eine Spreizstange befestigt. Ein kurzes Ende Kette wurde
durch den Ring des Halsreifens gezogen und die Enden jeweils an den Ringen der Armreifen angeschlos-
sen, so dass sie kaum Bewegungsfreiheit für die Arme hatte. Erst dann wurde die Halskette von der Öse
im Fußboden gelöst und sie von Frau Düring nach draußen geführt.

Vor der Schmiede wartete de Fries schon darauf Anja wieder in Empfang zu nehmen. Die Düring gab
ihm das Kettenende mit dem Ring sowie die Schlüssel und meinte: „Wir haben unser Bestes getan, nun
liegt es an Dir, das Mädchen zu erziehen, weglaufen aber wird es mit Sicherheit nicht mehr.“

Wilko de Fries bedankte sich bei den Schmiedeleuten und zog Anja hinter sich her in Richtung Dorfplatz,
wo er seine Pferde bei der Tränke angebunden hatte. Das Laufen mit der Fußkette war für sie schon
schlimm genug gewesen, doch mit der Spreizstange wurde jeder Schritt zur Qual, mühsam machte sie
Schritt für Schritt.

Auf dem Dorfplatz angekommen wurde sie von Wilko auf den Wagen gesetzt, das Anketten wäre nor-
malerweise jetzt überflüssig gewesen, doch Vorschrift ist Vorschrift. Langsam ging es über die holprigen
Wege in Richtung Andersum, bei jedem kleinen Schlagloch stöhnte Anja leise auf, das Sitzen in dem
schweren Keuschheitsgürtel war unerträglich. Da der Wagen keine Federung besaß ruckelte er die ganze
Zeit, dadurch wurde ihr Schambereich durch das Schrittblech unentwegt stimuliert, was sie zusätzlich
noch an den Rand des Wahnsinns trieb.

Sie konnte sich trotz der kurzen Armkette wohl mit einer Hand im Schritt berühren (dafür saß die ande-
re Hand direkt am Halseisen), doch ihr Unterleib fühlte sich wie ein Fremdkörper an.

Wieder auf dem Hof angekommen wurde sie von Wilko vom Wagen gehoben und auf die Füße gestellt,
Hanna, die inzwischen herausgekommen war, führte sie an der Halskette in den Stall und befestigte ihre
Kette wieder an der Wand. Anja ließ alles ruhig mit sich geschehen, sie versuchte nicht einmal sich zu
wehren oder aufzubegehren, stumm setzte sie sich auf ihr Heulager.

Kaum war Hanna, die sie noch mitleidsvoll angeblickt hatte, wieder gegangen, als Anja sich so gut es
ging hinlegte, das Halseisen tat ihr weh, der Keuschheitsgürtel drückte ihr den Leib zusammen, die
Hand- und Fußfesseln, vor allen Dingen die Spreizstange, ließen sie jede unnötige Bewegung vermei-
den.

Zu Mittag brachte Hanna warmes Essen und Tee in den Stall, sie wollte Anja nicht unnötig leiden las-
sen. „Komm Mädchen, setz Dich auf, hier hast Du etwas zu essen.“ Mühsam kam Anja hoch, es war ihr
deutlich anzumerken, dass ihr der Eisenschmuck ziemlich zusetzte.

Hanna gab ihr Teller und Becher in die Hand, und wollte gerade wieder gehen, als Anja leise sagte:
„Vielen Dank, Frau de Fries.“ Hanna blieb stehen, drehte sich wieder um, sah Anja mit einem leisen
Lächeln an und sagte: „Gern geschehen, lass es Dir schmecken.“

Den Rest des Tages und die Nacht verbrachte Anja alleine in dem Stall, noch nie war sie so einsam gewe-
sen. Sollte sie wirklich ein Jahr in schweren Eisenfesseln verbringen, immer nur alleine in diesem dunk-
len Stall?

Am Samstag wurde sie wieder von Hanna mit Frühstück und Mittagessen versorgt. Als Hanna das
Mittagesgeschirr abholen wollte, sagte Anja: „Darf ich sie etwas fragen, Frau de Fries?“ „Ja sicher, was
möchtest Du wissen?“ „Wissen Sie, wie der nächste Teil meiner Strafe aussieht, was wird mit mir
gemacht werden?“

„Ja Mädchen, ich fürchte, der morgige Tag wird für Dich nicht ganz einfach werden.“ sagte sie und setz-
te sich neben ihr ins Heu und erzählte ihr, wie sie sich in der Kirche zu verhalten hätte, wer das Strafmaß
bekannt gab, und wie es mit der Bestrafung ablaufen würde. Anja sah sie mit traurigen Augen an, und
gerade als Hanna aufstehen wollte fing sie an zu weinen. „Weine ruhig, Mädchen,“ sagte Hanna, „das
erleichtert das Herz“ und nahm sie vorsichtig in den Arm. „Ich habe Angst, Frau de Fries, gibt es denn
keinen Ausweg?“ „Nein,“ sagte Hanna, „da musst Du durch, das hilft nichts, die Suppe hast Du Dir selbst
eingebrockt, aber wenn Du Dich in Zukunft ordentlich verhältst, kann es nur besser werden:“

Teil 28

Leise öffnete Monika die Tür und ging ins Freie, lehnte sich mit dem Rücken an die Mauer und schau-
te den Vögeln nach, die am Himmel dahinzogen. Frei sein wie ein Vogel, dachte sie, das muss herrlich
sein, aber war sie nicht die letzten Jahre auch immer frei gewesen? Zumindest hatte sie nur das gemacht,
wozu sie Lust hatte, aber was hatte ihr das gebracht: Entweder hing sie mit ihrer Clique herum, oder sie
war allein zu Hause, niemand interessierte sich richtig für sie.

Doch was hatte Bauer Wattjes gestern Abend zu ihr gesagt: „Solange Du hier bist, gehörst Du zur
Familie.“ Unbewusst fing sie an zu lächeln, als sie dann noch daran dachte, wie Swantje sie in den Arm
genommen und getröstet hatte, und auch Fenna, die ganze Nacht über hatte sie den Arm um sie gelegt
wie bei einer eigenen Schwester.

Sollte sie wirklich weglaufen? Gewinnen würde sie bei einer Flucht nichts, aber verlieren würde sie die
Liebe und das Vertrauen der Menschen, die ihr inzwischen ans Herz gewachsen waren. Immer noch über-
legend stand sie an der Wand, als ihr die Entscheidung aus der Hand genommen wurde: Der kleine Jan
war wach geworden und lag weinend in seiner Wiege. Monika ging zurück in die Küche und schloss
leise die Tür, ging zur Wiege und nahm Jan auf den Arm, der sie glücklich anstrahlte. „Ich bin zu Hause,
kleiner Jan, und ich werde bei Euch bleiben, wenn ich das darf.“ und wiegte den Kleinen glücklich in
ihren Armen.

Eiso Wattjes, der durch einen kleinen Spalt in der Buzzentür alles beobachtet hatte, zog die Tür leise wie-
der zu und fing an zu lächeln, dieses Mädchen hatte nun auch seine Liebe und sein Vertrauen restlos
gewonnen.

Nachdem sie ihre Fußfesseln wieder umgelegt bekommen hatte, ging es mit der Arbeit los, auch dieser
Samstag lief genauso ab wie der letzte: Melken, Haus und Hof reinigen, Badewasser heißmachen, der
einzige Unterschied war, dass Swantje ihr den Keuschheitsgürtel schon kurz nach dem Mittagessen
abnahm, noch drei Stunden vor der Badezeit. So hatte Monika Gelegenheit ihren Gürtel selbst zu reini-
gen, was ihr auch wesentlich lieber war.

Erst nach dem Abendbrot wurde ihr der Gürtel wieder umgelegt, Swantje nahm sie mit in die
Melkkammer, Monika machte den Unterkörper frei, doch bevor Swantje den Gürtel umlegte, bestrich sie
Monikas Haut reichlich mit Salbe, seltsamerweise machte es ihr auch nichts aus, von der Bäuerin auch
zwischen den Beinen eingecremt zu werden. Danach wurde ihr der Keuschheitsgürtel umgelegt, wobei
Swantje feststellte, dass Monika wohl abgenommen haben müsse, jedenfalls hätte sie den Taillengurt
jetzt im letzten Loch einrasten lassen, trotzdem würde er nicht allzu fest anliegen. „Das mag Dir im
Moment wohl angenehm vorkommen,“ meinte sie, „doch das kann auch zu Scheuerstellen auf der Haut
führen, aber das werden wir im Auge behalten, besser wäre es auf jeden Fall, wenn der Taillengurt enger
anliegen würde, glaub mir ruhig, ich spreche aus Erfahrung.“

Für Monika war es das erste Mal seit längerer Zeit gewesen, dass sie für mehrere Stunden vom
Keuschheitsgürtel befreit war, den Gürtel jetzt wieder zu tragen löste zwiespältige Gefühle in ihr aus: Sie
hatte sich ohne den Tugendwächter wohl gefühlt, doch als sie den Gürtel wieder umgelegt bekommen
hatte, fühlte sie sich auf eine unbestimmte Weise sicher und beschützt.

Am Sonntagmorgen machte sich die Familie fertig, um mit der Kutsche nach Hohedörp in die Kirche zu
fahren. Die Mädchen hatten über ihre Festtagskleider weiße Schürzen anzuziehen, die vom allen
Mädchen getragen werden mussten, vom der kleinsten bis zur erwachsenen Frau, wenn die noch nicht
verheiratet war, nur verheiratete Frauen und Witwen waren davon befreit. Für Monika gab es eine
schlichte graufarbene Schürze, die das Zeichen eines Kettenmädchens war.

Auch die Nachbarn de Fries saßen schon in ihrer Kutsche, Wilko und seine Schwester Hanna vorn, die
Eltern der Beiden dahinter, ganz hinten saß Anja, den Blick nach unten gerichtet. An die 15 Kutschen
waren es, die ruhig hintereinander nach Hohedörp fuhren, und bis auf Anja machten alle einen glück-
lichen und zufriedenen Eindruck, der Sonntag war ja auch der schönste Tag der Woche, auf den man
sich immer freute.

In der Kirche angekommen ließ Monika sich bereitwillig anketten, diesmal freute sie sich richtig auf den
Gottesdienst, vor allem auf den Klang der Orgel. Die Gemeinde war vollzählig versammelt, als Anja als
letzte hereingeführt wurde, für sie war ein Platz direkt am Mittelgang vorgesehen, da sie mit der
Spreizstange Mühe hatte, auf ihren Platz zu kommen.

Diesmal wurden nur zwei Mädchen zur Abstrafung aufgerufen, die erste hatte es am nötigen Respekt
fehlen lassen und bekam eine Strafe von 10 Schlägen, die zweite, die an diesem Tag aufgerufen wurde,
war Anja.

Teil 29

Unheilvoll tönte die Stimme des Pastors durch die Kirche: “Ich rufe auf das Mädchen der Familie de
Fries!” Anja stand auf, den Blick nach unten gerichtet stand sie mit bangem Herzen da, wissend, dass
eine harte Strafe auf sie zukommen würde.

Der Pastor nahm sich viel Zeit um der Gemeinde ihre Verfehlungen in allen Einzelheiten zu schildern,
und obwohl fast alle schon die Geschichte kannten kam ein unruhiges Raunen in der Kirche auf. Den
Pastor bestärkte das in seiner Ansicht eine wirklich harte Strafe verhängen zu müssen und so sagte er:
“Jeden Sonntag soll dieses Mädchen der Familie de Fries 25 Schläge empfangen, erst wenn sie Zeichen
der Besserung erkennen lässt, wird die Strafe gemildert.”

Anja merkte wie ihr vor Angst die Übelkeit hochkam, doch als der Pastor fragte: “Wirst Du diese Strafe
in Dankbarkeit und Demut annehmen, auf dass Du Dich in Zukunft wohl verhältst?” machte sie einen
tiefen Knicks, in dem sie so lange verharrte, bis der Pastor sagte: “Nun, dann können wir jetzt mit dem
Gottesdienst beginnen.”

Panik kam in Anja auf, als sie nach dem Gottesdienst zum Spritzenhaus geführt wurde, wo das andere
Mädchen bereits seine Strafe erhielt und laute Schmerzenschreie ausstieß. Nach kurzer Zeit ging die Tür
auf und die Bestrafte kam heraus, nicht ohne sich bei Frau Düring höflich mit einem Knicks für die
Prügel zu bedanken.

Hanna zog leicht an der Anjas Kette und flüsterte ihr ermahnend zu: “Du darfst nachher nicht verges-
sen Dich zu bedanken, so wie Du es gerade bei dem anderen Mädchen gesehen hast.” Anja nickte nur,
sie war unfähig auch nur ein Wort zu sagen, ließ sich von Frau Düring in das Spritzenhaus bringen und
sich widerstandslos über den Strafbock legen, wo ihre Arme, obwohl sie noch mit der Kette miteinander
verbunden waren, mit Lederriemen fixiert wurden.

Nachdem auch die Beine festgebunden waren zog Frau Düring ihr das Kleid hoch, nahm den schweren
Lederriemen in die rechte Hand, holte aus und ließ ihn auf den nackten Hintern klatschen. Anja stöhn-
te, biss aber die Zähne zusammen, der zweite Schlag, der dritte, inzwischen liefen ihr vor Schmerz die
Tränen hinunter, nach dem vierten Schlag konnte sie nicht mehr, sie schrie ihren Schmerz laut hinaus.
Unbarmherzig schlug die Düring weiter, einen Schlag auf die linke, dann wieder auf die rechte Pobacke,
bis alle 25 Riemenschläge auf dem Hintern ein Muster gezeichnet hatten.

“Das war’s doch schon.” meinte die Zuchtmeisterin fröhlich und löste die Lederfesseln, half Anja vom
Strafbock herunter und führte sie vor das Spritzenhaus, wo sie Hanne die Kette des Halseisens gab. Mit
schmerzverzehrtem Gesicht machte Anja den vorgeschriebenen Knicks und bedankte sich bei Frau
Düring für die erhaltene Tracht Prügel, wobei ihr die Tränen aus den Augen und die Rotze aus der Nase
lief.

Hanna gab ihr ein Taschentuch, in das Anja sich kräftig ausschnäuzte, führte sie zur Kutsche und ließ
ihren Bruder das Mädchen hineinheben. Erschöpft ließ Anja sich auf die Holzbank fallen, was sich sofort
als ein fataler Fehler erwies, der Schmerz in ihrem Hintern ließ sie fast ohnmächtig werden.

Für Anja war die Rückfahrt die reinste Tortur, die Schmerzen waren fast nicht auszuhalten, dazu kam
gemeiner weise auch noch die Stimulierung ihres Schambereichs durch das Schrittblech des
Keuschheitsgürtels, so dass sie abwechselnd vor Schmerzen und vor Geilheit jammerte.
In Andersum angekommen wurde Anja wieder im Stall angekettet, doch Hanna, die mitfühlende Seele,
kam zu ihr, einen Tiegel in der Hand haltend. “Heb Dein Kleid hoch, dreh dich um und bück Dich.” sagte
sie zu Anja, der inzwischen so ziemlich alles egal war. Behutsam bestrich Hanna das misshandelte
Hinterteil mit einer kühlenden Salbe, was von Anja mit einem dankbaren Stöhnen quittiert wurde.

Am Nachmittag ging Hanna wieder in den Stall, um Anja für eine Weile an die frische Luft zu führen.
Den Ring am Ende der Kette gut festhaltend führte Hanna das Mädchen zur Straße hin, um von dort in
Richtung Dorfplatz zu gehen, was sie zwangsläufig an dem Hof von Wattjes vorbeiführte. Die hatten sich
alle in den Garten gesetzt, die Kinder gingen ihren Spielen nach, während sich Monika mit dem kleinen
Jan beschäftigte, der ihr inzwischen ans Herz gewachsen war.

Neidisch schaute Anja zu diesem Bild des Friedens hinüber, was hatte sie sich mit ihrer vergeblichen
Flucht nur für einen Ärger eingehandelt. Einer Eingebung folgend fragte sie Hanna: “Frau de Fries,
könnten Sie mich nicht zu den Wattjes gehen lassen, ich hätte Ihnen etwas zu sagen.” Hanna schaute
sie misstrauisch an und meinte: “Solltest Du die Leute vor den Kopf stoßen, kannst Du mit viel Ärger
rechnen.” “Das habe ich ganz bestimmt nicht vor.” gab sie zurück und so führte Hanna sie auf den Hof.

“Wir bekommen Besuch.” rief Wattjes und alle sahen Hanna und Anja entgegen, die langsam auf sie
zukamen. Nach der Begrüßung meinte Hanna: “Unser Mädchen wollte hierher, weil sie Euch angeblich
etwas zu sagen hat.” “Na, Mädchen, dann lass mal hören, was Du uns Wichtiges mitzuteilen hast.” Anja
sah Wattjes fest in die Augen und sagte: “Ich möchte mich bei Ihnen allen für mein schlechtes Benehmen
entschuldigen, es tut mir sehr leid.” Zu Monika gewand meinte sie: “Das ich Dich mit der Forke nieder-
geschlagen habe, werde ich wohl nie wieder gutmachen können, aber ich würde alles dafür geben, um
es ungeschehen zu machen.”

Alle warteten gespannt auf Monikas Reaktion: Sie stand auf, gab den kleinen Jan in Swantjes Arme und
ging auf Anja zu. Die schloss die Augen, denn dass sie sich jetzt ein paar saftige Ohrfeigen einhandeln
würde, stand außer Frage. Doch Monika legte den Arm um sie und meinte: “Ist ja noch mal alles gut
gegangen, mach Dir keine Sorgen, ich bin Dir nicht mehr böse.” Anja machte die Augen auf, sah Monika
mit großen Augen an und sagte leise: “Danke, Du bist wirklich in Ordnung.”

“Es wird Zeit, dass wir zum Teetrinken nach Hause kommen,” meinte Hanna und führte Anja wieder auf
den eigenen Hof zurück. Auch Familie de Fries saß draußen vor dem Haus und genoss den
Sonnenschein, als Hanna mit Anja zurückkam. “Hat sich das Mädchen anständig benommen?” wollte
Hannas Vater wissen. Hanna erzählte ihnen von der freiwilligen Entschuldigung, die vor allem von
Wilko de Fries gut aufgenommen wurde. Bevor Hanna sie in den Stall zurückbrachte, machte sie vor
Wilko einen Knicks und fragte ob es möglich sei, dass sie ab morgen wieder arbeiten dürfe. Der rieb sich
nachdenklich das Kinn und meinte, er würde es sich überlegen.

Als sie wieder auf ihrem Schlafplatz angekettet war meinte Hanna zu ihr: “Wenn Du das, was Du heute
Nachmittag gesagt hast, wirklich ernst meinst, auch in Bezug auf die Arbeit, kann es sein, dass Du es
beweisen musst, enttäusche meinen Bruder lieber nicht, denn er hat schon mit dem Gedanken gespielt
Dich nach Moorum zu schicken, und das möchte ich Dir wirklich nicht wünschen.”

Teil 30

Inzwischen war es Mitte Mai geworden, zu Monikas großer Freude waren die Misthaufen abgefahren,
auf dem Land verteilt und untergepflügt, nun war man dabei, die erste Maat Heu einzubringen.

Wattjes und seine Frau fingen an das lange Gras (40 cm) mit der Sense zu mähen, während Monika das
Gras mit dem Holzrechen zu Wiersen (lange Streifen) zusammenharkte. Stunde um Stunde ging es so,
bis die ganze Weide, auf der bisher noch keine Kühe geweidet hatten, abgemäht war. Inzwischen war es
später Nachmittag geworden, und normalerweise wären sie jetzt auf den Hof zurückgekehrt, doch nach
einem Blick in den Himmel meinte Wattjes, dass es vielleicht Regen geben würde, so mussten nun noch
alle Wiersen zu Oppers (kleine Haufen) zusammengeharkt werden, da Regen sonst die Maat verdorben
hätte. Am nächsten Morgen wurden die Oppers dann wieder zu Wiersen verteilt, damit das Gras richtig
trocknen konnte.

Auch die Nachbarn de Fries waren mit der Heuernte beschäftigt, unterstützt von Anja, die wirklich ihr
Bestes gab und fleißig arbeitete. Allerdings hätte Anja mehr schaffen können, doch war sie durch die
Handkette, die ja auch noch durch den Ring des Halseisens lief und zusätzlich durch die Spreizstange
an den Fußgelenken stark in ihren Bewegungen eingeschränkt, gar nicht zu reden von dem breiten
Halseisen, dass sie nur ungelenkte Bewegungen machen ließ.

Sobald das Heu von der ersten Maat eingefahren war, setzte sich Wilko de Fries auf sein Pferd und ritt
nach Hohedörp, um Bürgermeister und Pastor davon zu überzeugen, dass sein Mädchen keine große
Hilfe sein könnte, wenn sie nur so wenig Bewegungsfreiheit hätte.

Schließlich einigte man sich darauf die Handkette wegzulassen und die Spreizstange durch eine Kette zu
ersetzen, auch sollte sie, weil sie sich bis jetzt gut geführt hatte, ein leichteres Halseisen bekommen.

Anja ahnte nichts davon, de Fries sagte ihr nur, dass er sie am nächsten Morgen zum Schmied bringen
würde, weil der an ihren Fesseln einige Veränderungen vornehmen würde. Sie sagte nur: „Jawohl, Herr
de Fries.“, wagte aber nicht zu fragen, um was für Veränderungen es sich dabei handeln würde. So ver-
brachte sie eine unruhige Nacht in ihrer Buzze, in der sie seit einigen Tagen wegen ihrer guten Führung
schlafen durfte.

Gleich nach dem Frühstück wurde sie von de Fries auf den Wagen gehoben und zum Schmied gebracht.
Wieder beschlich sie ein Angstgefühl, als sie an ihrer Kette zum Amboss geführt wurde, doch als der
Schmied meinte, dass ihr seine Änderungen sicher gefallen würden, wurde sie ruhiger.

Als erstes wurde das Halseisen entfernt, jeder Schlag mit Hammer und Meißel auf die flachgeschlagenen
Enden des Eisenstiftes taten wegen der Enge des Halseisens weh, doch die Schmerzen waren auszuhal-
ten, dafür war es um so schöner, als ihr das schwere Teil abgenommen wurde, zum ersten Mal seit
Wochen konnte sie ihren Kopf wieder unbeschwert bewegen.

Nun wurde ihr von der Frau des Schmieds der Hals mit einer Salbe eingerieben und ein anders Halseisen
umgelegt, das wesentlich leichter und etwas weiter war als das vorher. Nachdem der neue Reif mit einem
glühendem Eisenstift verschlossen war, wurde ihr die Armkette abgenommen und die Spreizstange
tauschte man gegen eine Kette.

Wilko de Fries wurde von den Schmiedeleuten aufgefordert mit ihnen den Vormittagstee zu trinken, was
er auch gern annahm. Anja wurde solange an einem Eisenring in der Schmiede angekettet, für sie galt
die Einladung zum Teetrinken natürlich nicht. Gelangweilt schaute sie sich in der einfachen Werkstatt
um, viel zu sehen gab es für sie hier wirklich nicht. Da fiel ihr Blick auf eine kleine Feile, die auf der
Werkbank lag, sie wollte sie sich etwas näher ansehen, doch zu ihrem Leidwesen war ihre Halskette zu
kurz, sie kam nicht an die Feile heran.

„Ich muss diese Feile haben.“ dachte sie sich und merkte dabei, wie ihr Trieb nach Freiheit wieder die
Oberhand gewann. Ihr Blick fiel auf eine neue Hacke, die der Schmied wohl für jemanden fertiggemacht
hatte, mit der zog sie die Feile auf der Werkband vorsichtig an sich heran. Die Hacke stellte sie wieder
an den gleichen Platz zurück und überlegte krampfhaft, wie sie das Werkzeug aus der Schmiede heraus-
schmuggeln könnte. Da sah sie ein Stück Bindfaden, zwar nur ein kurzes Ende, doch für ihre Zwecke
würde es genügen. Das eine Ende des Bindfadens befestigte sie an der Feile, das andere Ende zog sie
durch die Öse des Vorhängeschlosses, mit dem ihr Keuschheitsgürtel gesichert war. Nun baumelte die
Feile zwischen ihren Beinen, kein Mensch würde etwas merken.
Kurz darauf kamen die Schmiedeleute und de Fries wieder zurück, Anjas Kette wurde gelöst, sie bedank-
te sich bei dem Schmied artig mit einem Knicks und wurde wieder auf den Wagen gehoben, nicht ohne
dass ihre Halskette wieder sicher befestigt wurde.

In Andersum auf de Hof angekommen suchte sie als erstes ein sicheres Versteck für das Werkzeug, im
Stall entdeckte sie einen Holzbalken mit einem tiefen Riss, gerade groß genug, um die Feile darin zu ver-
stecken.

Teil 31

Was Anja nicht ahnen konnte: Schmiedemeister Düring war ein ordentlicher Handwerker, jeden Abend
räumte er sein Werkzeug wieder weg, alles hatte seinen festen Platz. Als er nun an diesem Abend wie-
der Ordnung geschaffen hatte, vermisste er seine kleine Feile. Überall suchte er, konnte sie aber nicht
finden. Nach einer Weile gab er auf, schloss die Schmiede zu und machte Feierabend, seine Frau warte-
te schon mit dem Abendbrot.

Während des Essens fragte er seine Frau, ob sie vielleicht wissen würde, wo die Feile abgeblieben sein
könnte. Das hätte er besser bleiben lassen können, denn Frau Düring polterte sofort los: „Habe ich nicht
schon genug Arbeit hier im Haus, soll ich mich vielleicht jetzt auch noch um Deine Schmiede kümmern?
Seit die Kinder aus dem Haus sind bin ich hier allein mit der Arbeit, keine Hilfe im Garten oder sonst
irgendwie, aber der Herr Schmiedemeister besteht natürlich darauf, pünktlich seine Mahlzeiten einzu-
nehmen. Mein lieber Mann, wenn Du nicht in der Lage bist auf Dein Werkzeug aufzupassen, dann kann
ich Dir auch nicht helfen.“ „Ist ja schon gut, war ja auch nur eine Frage.“ brummelte der
Schmiedemeister und fragte sich zum zehntausendsten Mal, warum der Herr ihn mit einer so dominan-
ten Frau gestraft hatte.

Doch ging dem Schmiedemeister die Sache mit der Feile nicht aus dem Kopf, er hatte die Werkstatt wirk-
lich gründlich durchsucht, doch nirgends war das Werkzeug zu finden. Auch würde keiner der
Gemeindemitglieder sich an seinen Sachen vergreifen, da war er sich absolut sicher. Auch als er schon
im Bett lag überlegte er immer noch, wohin das Teil verschwunden sein könnte. Er ließ den Tag Revue
passieren, wer war alles bei ihm in der Werkstatt gewesen?

Es fiel im wie Schuppen von den Augen: Hatten sie nicht das Mädchen alleine in der Schmiede gelas-
sen, um Tee zu trinken? Nun war es mit seiner Nachtruhe vorbei, im Geiste stellte er sich vor, wie die-
ses Mädchen der de Fries sich mit Hilfe seiner Feile von der Kette befreite und flüchtete. Welchen Ärger
würde er bekommen, wenn sich sein Verdacht bestätigen würde! Er rüttelte seine Frau wach, die ihn
ungnädig anfauchte: „Düring, büst Du nu malle worn, mi midden in de Nacht wockertomoken, so sacht
worst Du wohl braigenklütterig (Düring, bist Du nun verrückt geworden, mich mitten in der Nacht zu
wecken, so langsam verlierst Du wohl Deinen Verstand).

Doch diesmal ließ sich Düring nicht von seiner Frau einschüchtern und erzählte ihr von seinem
Verdacht. Die meinte, dass sie dem Mädchen so etwas durchaus zutrauen würde, gleich am Morgen solle
er de Fries eine Nachricht zukommen lassen, damit er die Sache im Auge behalten könne.

Der Schmied verbrachte eine unruhige Nacht, gleich nach dem Frühstück schrieb er einen Brief an de
Fries, in dem er seinen Verdacht aussprach und ihn darum bat, die Ketten des Mädchens zu kontrollie-
ren.

Ein Bewohner aus Andersum, der die Milch nach Hohedörp gefahren hatte, brachte den Brief am
Vormittag zu de Fries. Der wunderte sich zunächst sehr einen Brief vom Schmied zu bekommen, doch
schnell wurde ihm die Wichtigkeit des Schreibens klar. Sollte dieses Mädchen wirklich so hinterlistig und
falsch sein, wie der Schmied vermutete, würde er die weitere Verantwortung für sie ablehnen und sie
zurück nach Hohedörp bringen.
Wilko de Fries passte auf wie ein Luchs, doch nichts deutete darauf hin, dass sie versuchte, mit einer
Feile die Kette zu durchtrennen. Im Gegenteil, sie verhielt sich ordentlich, erledigte die ihr übertragenen
Aufgaben zuverlässig, auch ihr übriges Verhalten gab keinen Grund zur Klage. Die Aufmerksamkeit von
de Fries ließ langsam aber unaufhörlich nach, der Schmied würde seine Feile bestimmt selbst verlegt
haben, vermutete er.

Die Vorsicht von Anja wurde belohnt, natürlich hatte sie mitbekommen, dass der Bauer, seit dem er einen
Tag nach dem Diebstahl einen Brief bekommen hatte, immer wieder ihre Ketten kontrollierte, was für ein
Glück, dass sie nicht gleich am ersten Tag die Feile benutzt hatte, sonst hätte sie mal wieder ein dicke
Problem gehabt.

So war sie weiterhin fleißig, verhielt sich freundlich und gewann langsam das Vertrauen der gesamten
Familie. Auch hatte sie sich nun schon zum zweiten Mal ihre sonntägliche Prügel abholen müssen, dies-
mal brauchte sie noch nicht einmal angebunden zu werden, freiwillig legte sie sich über den Strafbock
und ertrug die Schläge, die ihr Frau Düring mit scheinbar großer Genugtuung verabreichte. Doch ein
Ding war sicher: Zum dritten Mal würde sie sich nicht mehr auf den Strafbock legen, es wurde Zeit, sich
von den Ketten und von diesem Dorf auf Nimmerwiedersehen zu verabschieden.

So begann Anja jetzt, in jedem Augenblick, in dem sie sich unbeobachtet fühlen konnte, die
Kettenglieder anzufeilen, doch nur soweit, dass bei jedem bearbeitetem Kettenglied zwei dünne Stege
stehen blieben, die sie innerhalb von Minuten ganz durchtrennen konnte. Zuerst bearbeitete sie die
Fußkette, anschließend die Kette des Halseisens. In die ausgefeilten Spalten der Kettenglieder schmierte
sie eine Mischung aus Kuhdung und Harz, wer nicht genau hinsah konnte die Veränderungen an der
Kette nicht sehen.

Drei Tage später war es soweit: Wilko de Fries und seine Schwester Hanna waren auf einem Acker am
Arbeiten, die alten de Fries waren kurz zu einem Nachbarn gegangen. So kam es, dass Anja nur die Kette
des Halseisens durchtrennen musste, da sie im Haus nur an der Laufkette angeschlossen war, die Arbeit
mit den Fußfesseln hätte sie sich schenken können.

Sie ging durch den Stall und spähte nach draußen, nur vereinzelt in weiter Ferne konnte sie Leute auf
den Feldern arbeiten sehen, vorsichtig und in gebückter Haltung lief sie über die Felder in die entgegen-
gesetzte Richtung von Hohedörp, sie musste so schnell wie möglich durch den Kanal schwimmen, der
dieses ganze Land umgab, dann wäre sie endlich wieder in der Freiheit.

Immer weiter lief sie, die halbe Strecke, und das waren immerhin rund 6 Kilometer, war schon fast
geschafft, da traf sie ein Missgeschick, mit dem sie niemals gerechnet hätte.

Es war das nur das Eingangsloch von einer Wildkaninchenhöhle, in dem ihr linker Fuß stecken blieb,
aber es reichte aus, um sie der Länge nach hinfallen zu lassen. Sie rappelte sich auf und wollte weiter-
laufen, doch hatte sie sich den Knöchel verstaucht. Aber das sollte sie nicht daran hindern, in die Freiheit
zu entkommen, mit zusammengebissenen Zähnen humpelte sie ihrem Ziel langsam, aber stetig, entge-
gen.

Nur noch 300 Meter trennten sie von ihrem Ziel, dem Kanal, als sie von vorne Reiter kommen sah. Sie
schmiss sich flach auf den Boden, noch immer in der Hoffnung, von ihren Häschern nicht entdeckt zu
werden, doch unaufhaltsam kamen die Reiter näher.

Jetzt hörte sie die Männer sich gegenseitig etwas zurufen, zwei Minuten später war sie von ihnen umzin-
gelt, nun war auch ihre zweite Flucht gescheitert, an das, was jetzt auf sie zukommen würde, mochte
Anja lieber gar nicht erst denken, was auch besser war, denn für sie begann nun die härteste Zeit ihres
ganzen Lebens.

Teil 32
Der Sommer ging langsam dahin, die zweite Maht Heu war in die Scheune gebracht, auch Gerste, Hafer,
Weizen und Roggen waren gemäht und gedroschen, und das Stroh in die Scheunen geschafft worden.
Dafür hatten sie alle aber auch von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang arbeiten müssen, nur gut, das
in dieser Zeit die Kinder nicht zur Schule mussten und mit anfassen konnten. Der einzige freie Tag in
der Woche war wirklich nur der Sonntag, die Fahrten nach Hohedörp und der Kirchgang waren fast die
einzige Abwechslung die sie hatten.

So stand die Familie Wattjes auch diesem letzten Sonntag im Juli nach dem Kirchgang auf dem
Dorfplatz, um Neuigkeiten auszutauschen. Für Monika, die als Kettenmädchen nicht beachtet werden
durfte, war es ziemlich langweilig, meist von Fenna oder Swantje an der Kette festgehalten, immer mit
den Fußfesseln versehen, stand sie mit gesenktem Blick dabei und durfte nichts sagen, nur diesen däm-
lichen Knicks musste sie bei jedem machen, der Familie Wattjes grüßte.

Während die Unterhaltungen der Leute kein Ende zu nehmen schien, gab es auf einmal vom Dorfweiher
her ein Geschrei: „He is int Woter falln, he suppt glicks of (Er ist ins Wasser gefallen, er wird gleich
ertrinken). Monika traute ihren Augen nicht, ein kleiner Junge war ins Wasser gefallen, doch keiner
sprang in den Weiher um ihn zu retten, die Männer brüllten nur, dass sie sofort Taue oder einen langen
Stock brauchen würden.

Monika riss Swantje das Ende der Halseisenkette aus der Hand, lief so schnell es die Fußfesseln zulie-
ßen auf den Weiher zu und stürzte sich mit einem Hechtsprung in das Wasser hinein. Mit wenigen
Schwimmstößen war sie bei der Stelle, an dem der Junge untergegangen war, holte noch einmal Luft
und tauchte nach ihm. In der trüben Brühe konnte sie ihn zuerst nicht finden, doch dann fühlten ihre
Hände einen Körper. Fest packte sie zu und zog den leblosen Jungen an die Oberfläche, um ihn an das
Ufer zu bringen.

Dort wurde ihr der Kleine abgenommen und ins Gras gelegt, er rührte sich nicht mehr. Die Mutter des
Jungen fiel neben ihm auf die Knie und schrie: Mien lüttje Jung is versoopen, he levt nich mehr, mien
lüttje Jung is dod (Mein kleiner Junge ist ertrunken, er lebt nicht mehr, mein kleiner Junge ist tot).

Auch Monika hatte inzwischen wieder festen Boden unter den Füssen, ging zu der Mutter des Jungen
und schob sie rücksichtslos zur Seite, um mit Wiederbelebungsmaßnahmen zu beginnen. Sie pumpte
durch die Bewegungen mit seinen Armen das Wasser aus seinen Lungen, zwischendurch beatmete sie
ihn, pumpte weiter. Mit einem Mal spuckte der Kleine eine ganze Ladung Wasser aus, das Leben ström-
te zurück in seinen kleinen Körper.

Überglücklich nahm die Frau ihr Kind in den Arm, das jetzt fürchterlich zu weinen anfing, während die
Anderen, die bei dem Unglück nur zugesehen hatten, anerkennende Worte wechselten.

Nass wie eine Katze ging Monika zurück zur Familie Wattjes, gab Swantje das Ende ihrer Halskette in
die Hand und sagte: „Entschuldigen Sie bitte, Frau Wattjes, aber es ging nicht anders.“ Swantje sah sie
lächelnd an und meinte: „Dafür, mein Kind, brauchst Du Dich nicht zu entschuldigen, was Du eben
gemacht hast, war mehr als mutig.“ und nahm sie, obwohl das bei einem Kettenmädchen nicht erlaubt
war, liebevoll in den Arm.

„Jetzt aber schnell nach Hause, in den nassen Klamotten holt das Mädchen sich sonst noch eine
Lungenentzündung.“ befahl Bauer Wattjes und wollte alle in die Kutsche einsteigen lassen, doch die
Schmiedeleute hielten sie auf. „Warum kommt Ihr nicht bei uns vorbei, dann könnte ich dem Mädchen
ein Kleid von meiner Tochter geben, dass bei uns noch immer in der Truhe liegt, obwohl sie schon lange
ihre eigene Familie hat.“ sagte Frau Düring.

Eiso Wattjes sah seine Frau an, die nickte zustimmend und so machten sich alle auf in das Haus der
Dürings. Dort angekommen ging Frau Düring erst an den Herd, um den Wasserkessel für den Tee auf-
zusetzen, zeigte Fenna, wo das Geschirr stand und verschwand mit Monika und Swantje in den hinte-
ren Räumen.

Dort öffnete Frau Düring eine Truhe und holte ein Kleid heraus, hielt es an Monikas Rücken und mein-
te, dass es perfekt passen würde, ihre Tochter würde es sowieso nicht mehr tragen können. Doch jetzt
legte Swantje Protest ein, das Kleid wäre zwar sehr schön, aber würde es keinen Ärger mit dem
Gemeindevorstand geben, wenn sie gekleidet wäre wie ein freies Mädchen.

„Ärger?“ fragte die Düring, „wer vom Gemeindevorstand will Ärger machen, vielleicht die
Vorstandsmitglieder, die selbstlos in den Weiher gesprungen sind um meinem Enkelsohn das Leben zu
retten? Hier macht keiner Ärger, und wenn das Mädchen von uns das Kleid geschenkt bekommt, hat da
niemand reinzureden.“

Selbst Swantje Wattjes kapitulierte vor der aufgebrachten Schmiedefrau, Monika wurden die nassen
Kleider ausgezogen, mit einem Handtuch wurde sie trockengerubbelt und von Frau Düring komplett neu
ausgestattet.

Nicht nur ein neues Kleid, nein, auch alles was eine unverheiratete Frau tragen durfte, holte Frau Düring
aus der Truhe: Unterwäsche, die richtig angenehm zu tragen war und nicht kratzte, feingestrickte lange
Strümpfe, einen aus einem guten Stoff gearbeiteten Unterrock, selbst ein Schultertuch zauberte sie aus
der Truhe hervor.

Monika fühlte sich so gut wie schon lange nicht mehr, gern hätte sie sich in einem Spiegel betrachtet,
doch zu ihren großen Bedauern gab es im Land der alten Dörfer keine Spiegel, weil das ein Ausdruck
von Selbstgefälligkeit und Eitelkeit gewesen wäre.

Zurück in der Küche wurde Monika gebührend bewundert, was ihr aber sichtlich peinlich war, mit hoch-
rotem Kopf blickte sie verschämt zu Boden, so ein Aufhebens um ihre Person war sie nun wirklich nicht
mehr gewohnt. Auch die anschließenden Lobreden machten sie verlegen, und so war sie froh, als es nach
Andersum zurückging.

Teil 33

Die Woche verging wie gewohnt mit viel Arbeit, von Monikas Rettungsaktion wurde nicht mehr gespro-
chen, doch am nächsten Sonntag bemerkte sie Veränderungen: Sie waren mit der Kutsche zum
Gottesdienst gefahren und auf dem Dorfplatz ausgestiegen, Fenna hielt die Kette von ihrem Halseisen
und die Familie Wattjes ging geschlossen zur Kirche. Wie immer grüßten die anderen Leute, auch jetzt
wurde Monika nicht von den anderen angesprochen, aber immerhin wurde ihr nun manchmal zugelä-
chelt.

Auf ihrem Platz in der Kirche angekettet hörte Monika dem Pastor zu, der gerade damit angefangen war,
einigen der Mädchen ihr Strafmass zu verkünden. Da sie ein reines Gewissen hatte, traf sie fast der
Schlag als der Pastor rief: „Ich rufe auf das Mädchen der Familie Wattjes!“ Sich keiner Schuld bewusst
stand sie auf, den Blick nach unten gerichtet und die Hände vor dem Leib gefaltet, trotz ihres reinen
Gewissens überkam sie ein ungutes Gefühl.

„Liebe Gemeinde,“ begann der Pastor, „seht Euch dieses Mädchen an, nicht nur, dass sie sich in der gan-
zen letzten Zeit vorbildlich verhalten hat, nein, liebe Gemeinde, sie wurde sogar, als sie ein Mädchen an
der Flucht hindern wollte, wegen ihres vorbildlichen Verhaltens hinterrücks niedergeschlagen, war aber
auch noch großherzig genug, ihrer Peinigerin zu verzeihen, das, liebe Gemeinde, nenne ich eine aufrich-
tige, christliche Gesinnung. Was sie aber letzten Sonntag getan hat, war mehr als nur selbstlos: Mutig
hat sie sich in den Weiher geworfen und einem kleinen Jungen das Leben gerettet. Aus diesem Grund
hat der Rat beschlossen, dieses Mädchen zu belohnen. In Zukunft soll sie mit ihrem Namen angespro-
chen werden, auch soll sie beim Gottesdienst bei Ihrer Familie sitzen dürfen.“
Der Pastor sah Bauer Wattjes an und sagte: „Eiso Wattjes, gehe hin und hole Monika in den Kreis Eurer
Familie.“ Das ließ Wattjes sich nicht zweimal sagen, er stand auf, ging zur hinteren Bank, befreite
Monika von der Kette und führte sie zu der Bank, in der seine Familie saß.

Für Monika war dass ein so überwältigendes Erlebnis, dass ihr beim Einsetzen der Orgelmusik Tränen
der Dankbarkeit in die Augen stiegen, selten war sie so glücklich gewesen. Nicht ganz so glücklich war
der Rest der Gemeinde, denn diese Ereignisse beflügelten den Pastor bei seiner Predigt derartig, so dass
er kein Ende finden konnte und der Gottesdienst diesmal rund zwei Stunden dauerte.

Nach dem Kirchgang standen Wattjes und Monika auf dem Dorfplatz, als der Bürgermeister von
Hohedörp zu ihnen kam. Auch er sprach noch mal Lobesworte aus und meinte, dass der Rat noch eine
weitere Überraschung für Monika hätte, sie solle Anfang der Woche in die Schmiede kommen, dann
würde sie schon sehen.

Sonst war Monika das Getratsche auf dem Dorfplatz ziemlich auf die Nerven gegangen, doch nun, wo
sie in die Gespräche mit einbezogen wurde, hätte sie am liebsten den ganzen Tag hier verbracht.
Inzwischen verstand sie auch schon einigermaßen Plattdeutsch und versuchte es auch zu sprechen, doch
das war nicht so ganz einfach, denn Plattdeutsch ist kein Dialekt, sondern eine eigenständige Sprache.
Doch das Meiste, was sie von sich gab, wurde von den Anderen verstanden, über Fehler wurde hinweg-
gesehen, wichtig war nur, dass sie es versuchte.

Spät ging es diesen Sonntag nach Andersum zurück, während der ganzen Zeit überlegte Monika, was
Schmiedemeister Düring wohl mit ihr anstellen würde. Doch da es sich um eine Belohnung handelte,
konnte es ja nichts Schlimmes sein.

Erst am Mittwoch fand Wattjes Zeit, um mit Monika nach Hohedörp zum Schmied zu fahren. In der
Schmiede angekommen wurde ihr als zunächst die Fußfessel abgenommen und durch eine leichtere
Kette ersetzt, diese Kette war so lang, dass Monika zur ihrer großen Freude ohne Probleme große Schritte
machen konnte.

Nun wurde ihr das Halseisen abgenommen, so vorsichtig der Schmied auch arbeitete, die Schläge mit
Hammer und Meißel auf die Verschlussstellen des Halseisens dröhnten ihr im Kopf. Dafür war es für sie
aber auch ein herrliches Gefühl, als ihr das schwere Eisen vom Hals genommen wurde.

„Ja, Monika,“ sagte Meister Düring, „wenn es nach mir ginge würdest Du kein Halseisen mehr tragen
müssen, aber jedenfalls hat der Rat nicht vorgeschrieben, wie das Eisen aussehen muss, und so habe ich
für Dich als Dank für die Rettung unseres Enkels ein ganz besonderes Teil angefertigt, von dem ich hoffe,
dass es Dir gefallen wird.“

Nach diesen Worten ging er vor die Schmiede und rief nach seiner Frau, die gleich darauf in die
Werkstatt kam, in der einen Hand hielt sie einen Gegenstand, der in ein Tuch eingeschlagen war. Sie
legte das Teil auf die Werkbank und forderte Monika auf es selbst auszupacken, schließlich wäre es ja
auch für sie gemacht worden.

Neugierig wickelte sie das neue Halseisen aus, sah ungläubig auf das, was da nun auf der Werkbank
lang: Das war kein Halseisen, sondern ein wunderschöner Halsreif, in dem altfriesische Verzierungen
eingearbeitet waren. „Das ist ein wunderschöner Halsreif,“ sagte Monika, „aber das ist doch ein richti-
ges Schmuckstück und kein Halseisen, soll der wirklich für mich sein.“ „Natürlich ist der für Dich,“ sagte
Düring, „aber sehe ihn Dir erst mal genauer an, das Beste hast du noch nicht gesehen.“

Monika betrachtete den Halsreif von allen Seiten: Während das alte Halseisen aus einem breiten
Eisenband gearbeitet worden war, hatte dieser Halsreif eine runde Form, wie ein großer Ring, zwar war
auch an ihm vorne eine Kette befestigt, doch war diese Kette um vieles leichter als die alte.

Aber das war noch nicht alles, denn dieses Teil schien aus einem ganz anderem Material hergestellt wor-
den zu sein. Als Monika den Schmiedemeister darauf ansprach, grinste er nur und meinte: „Auch da gibt
es vom Rat keine Vorschriften, darum habe ich diesen Halsreif aus Silber bearbeitet. Aber sieh noch mal
genau hin, es gibt noch einen weiteren Unterschied.“

„Nun spann Monika doch nicht auf die Folter.“ schimpfte Frau Düring gutmütig mit ihrem Mann, wor-
auf der einen kleinen Schlüssel aus der Tasche holte. „Dieser Halsreif wird nicht angeschmiedet,“ erklär-
te er, „sondern ist hinten durch einen Schlüssel zu verschließen, und natürlich auch jederzeit zu öffnen.“

Aber nun wollen wir erst mal sehen, ob das gute Stück auch passt oder ob Du doch das alte Halseisen
wieder umgelegt bekommen musst.“ scherzte Düring und wollte ihr den Halsreif umlegen, doch da pro-
testierte seine Frau: „Das lass mich lieber machen, Du bist wohl geschickt im Umgang mit Eisen und
Amboss, aber an Monika lasse ich Dich nicht heran.“ Düring grinste nur und gab seiner Frau den inzwi-
schen geöffneten Halsreif.

„Dann komm mal her, mein Kind, mal sehn, ob mein Mann das richtige Maß genommen hat und legte
den Halsreif vorsichtig um Monikas Hals, drückte ihn sanft zu und drehte den Schlüssel um. „Wie fühlt
es sich an,“ fragte sie, „sitzt er auch nicht zu eng?“ „Aber nein,“ rief Monika, „da drückt überhaupt
nichts, und es fühlt sich viel angenehmer an als das alte Halseisen, es ist einfach nur schön.“

„Das freut uns wirklich,“ sagte der Schmiedemeister, „vor allen Dingen mich selbst, denn was glaubst
Du wohl was meine Frau mir erzählt hätte wenn der Halsreif zu eng gewesen wäre.“ nahm dabei aber
seine Frau in den Arm und lächelte sie an, es war den Beiden anzusehen, dass sie sich darüber freuten,
Monika so angenehm überrascht zu haben.

Nun schickte Frau Düring ihren Mann und Bauer Wattjes aus der Werkstatt hinaus, bei der letzten Sache
könnten sie die Männer hier nicht gebrauchen. Kaum waren die Beiden verschwunden, als Frau Düring
eine kurze, dünne Kette holte und zu Monika meinte: „So schön die lange Fußfessel auch ist, wir wer-
den sie etwas hochbinden müssen, sonst wirst Du ständig auf die Nase fallen, weil die Kette sich irgend-
wo verhakt.“

Monika hatte den Rock hochzuheben und Frau Düring wollte gerade die Kette an ihrem
Keuschheitsgürtel festmachen, als sie feststellte, dass Monika wohl abgenommen haben müsse, auf jeden
Fall sei ihr Keuschheitsgürtel zu weit geworden, was ihr im Laufe der nächsten Zeit bestimmt Probleme
bereiten würde, weil dadurch die Haut unter dem Gürtel aufgescheuert werden würde.

Sie holte eine ganze Kiste voll kleiner Schlüssel und probierte solange, bis sie einen passenden Schlüssel
für Monikas Keuschheitsgürtel gefunden hatte. Nachdem das Schloss entfernt war, nahm sie ihr den
Gürtel ab, ging in den Lagerraum und kam mit einem neuen Keuschheitsgürtel wieder, den sie ihr gleich
umlegte.

„Dieser Gürtel passt wesentlich besser.“ meinte sie und nahm ihn wieder ab, um die Innenseiten des
Tugendwächters reichlich mit Salbe zu bearbeiten. Sie legte ihn Monika wieder um und verschloss ihn,
nicht ohne zu fragen, ob sie ihn vielleicht zu eng gemacht hätte. Doch Monika meinte, dass er perfekt
passen würde, empfand den jetzt wieder stärkeren Druck auf Hintern und Schambereich als durchaus
angenehm.

Jetzt konnte das eine Ende der kurzen Kette am KG befestigt werden, die Fußkette wurde angehoben und
das andere Ende an ihr befestigt, so dass die Kette der Fußfesseln beim Laufen nicht mehr über den
Boden schleifen musste. Damit hatte Frau Düring genau das erreicht, was sie vorgehabt hatte: Auf der
einen Seite war den Vorschriften Genüge getan, auf der anderen Seite konnte Monika jetzt fast unbe-
schwert laufen.

„Das wäre es dann,“ meinte Frau Düring und wollte die Werkstatt verlassen, wurde aber von Monika
noch aufgehalten. „Frau Düring,“ sagte Monika, „ich weiß wirklich nicht, wie ich Ihnen danken soll, das
kann ich doch nie wieder gutmachen.“, fiel der Schmiedefrau um den Hals und drückte ihr einen dicke
Kuss auf die Wange.

Arm in Arm kamen die Beiden ins Freie, nachdem sich Monika auch bei Meister Düring in aller Form
bedankt hatte drängt Wattjes zur Eile, ihm knurrte schon wieder der Magen.
Auf der Rückfahrt wurde nicht viel gesprochen, Monika saß auf dem Wagen und lächelte still vor sich
hin. Bauer Wattjes führte das auf ihren neuen Halsreif zurück, konnte er doch nicht ahnen, dass Monika
in ihrem neuen, engen Keuschheitsgürtel durch die Vibrationen des Ackerwagens auf das Herrlichste sti-
muliert wurde.

Teil 34 Anja in Moorum 1

„Steh auf“ befahl einer der Reiter, der vom Pferd abgestiegen war. Anja rappelte sich hoch und ließ sich
widerstandslos die Hände auf dem Rücken fesseln, auch ihre Füße wurden zusammengebunden, danach
wurde sie wie ein Kartoffelsack bäuchlings auf das Pferd von Wilko de Fries gelegt.

Auf der Straße angekommen trennte sich die Reiterschar, die meisten kehrten nach Andersum zurück,
nur einer der Reiter begleitete de Fries, der den Weg mach Moorum eingeschlagen hatte. Es war ein lan-
ger Weg, vor allen Dingen für Anja, der Strafkeuschheitsgürtel tat ihr in dieser ungewohnten Haltung
fürchterlich weh, auch dass sie die ganze Zeit mit dem Kopf nach unten auf dem Pferderücken hing,
machte ihr ziemlich zu schaffen.

Nach einem endlos langem Ritt kamen die beiden Reiter in einem kleinen Dorf an, dass einen schon fast
ärmlichen Eindruck machte: Die Häuser waren klein und gedrungen, hier waren keine gepflegten Gärten
zu sehen, nein, Moorum konnte dem Vergleich mit Hohedörp oder Andersum nicht standhalten.

Doch auch hier gab es einen Dorfplatz, und auch auf diesem Platz war ein dicker Eichenpfahl in die Erde
gerammt worden. Dort wurde Anja vom Pferd gehoben, die gefesselten Füße wurden befreit und sie mit
einem Tau so kurz an den Pfahl angebunden, dass sie nur gebückt stehen konnte, ohne Rücksicht auf
ihren schmerzenden Fuß.

Die beiden Männer gingen in ein Haus, hielten sich dort aber nur kurz auf, denn schon nach einigen
Minuten kamen sie wieder heraus, stiegen auf ihre Pferde und ritten davon, ohne Anja auch nur noch
einmal anzusehen.

Stundenlang war sie an den Pfahl gefesselt, ihr Fuß schmerzte genau so wie ihr Rücken. Es kamen zwar
immer wieder Leute vorbei, doch keiner kümmerte sich um sie, für die Dorfbewohner war sie Luft. So
langsam wurde ihr klar, dass sie sich mit ihrem zweiten Fluchtversuch selbst keinen Gefallen getan hatte.
Dieses Moorum gefiel ihr nicht, es war ihr geradezu unheimlich an diesem Ort.

Erst am Abend kümmerte sich ein Mann um sie, er löste das Tau von dem Pfahl und zog Anja in eine
kleine, kümmerliche Hütte ohne Fenster. Dort nahm er den Strick ab, befestigte dafür mit einem
Vorhängeschloss eine in dem Boden verankerte Kette an ihrem Halseisen, ging hinaus und schloss die
Tür.

Anja war erst mal froh, ihren Rücken durchstrecken zu können, jeder einzelne Muskel tat ihr weh. Sie
versuchte sich in der Hütte umzusehen, doch es war so dunkel, dass sie nichts erkennen konnte, nur ein
kleiner Lichtstrahl vom letzten Tageslicht fiel unter der Tür hindurch, aber auch der war mit der einset-
zenden Dunkelheit bald verschwunden.

Die schwere Eisenkette war so kurz, dass sie die Tür nicht erreichen konnte, es blieb ihr nichts anderes
übrig als sich auf den nackten Boden zu setzen. Die Zeit schien stillzustehen, kein anderes Geräusch als
das ihres eigenen Atems war zu hören. Langsam aber stetig wuchs ihre Angst, sie hatte nicht die geringst
Ahnung, was auf sie zukommen würde, aber viel Gutes würde sie wohl nicht erwarten können.
Trotz Hunger und Durst wurde sie müde und streckte sich auf dem Boden aus, langsam fiel sie in einen
leichten Schlaf. Mit einem Mal spürte sie, dass etwas über ihren Körper lief, mit einem Satz sprang sie
auf die Füße, da hörte sie auch schon das Fiepen einer Ratte. Verzweifelt riss sie an der Kette, schrie um
Hilfe, doch niemand kam, um nach ihr zu sehen, so blieb ihr nichts anderes übrig als die ganze, schein-
bar endlose Nacht stehend zu verbringen.

Endlich kroch wieder ein leichter Lichtstrahl unter der Tür hindurch, diesen Alptraum von einer Nacht
hatte sie im wahrsten Sinn des Wortes überstanden, jetzt konnte sie sehen, dass sich keine Mäuse oder
Ratten mehr in dem Raum befanden. Erschöpft legte sie sich auf den Boden um jetzt endlich etwas zu
schlafen, doch da wurde die Tür aufgestoßen und eine Frau brachte ihr schweigend eine Holzschüssel
mit einem Brei, eine trockene Scheibe Schwarzbrot und einen Becher dünnen, ungesüßten Tee.

Angewidert löffelte Anja den undefinierbaren Brei in sich hinein, wenn es auch noch so ekelig schmeck-
te, ihr Körper verlangte nach Nahrung. Außerdem musste sie bei Kräften bleiben, denn das war ihr jetzt
schon klar: Hier würde sie niemals bleiben, bei der ersten Gelegenheit würde sie auch den dritten
Fluchtversuch unternehmen.

Lange Zeit kümmerte sich niemand um die Gefangene, erst am frühen Nachmittag wurde die Tür der
Hütte wieder geöffnet, zwei Frauen kamen herein und forderten sie auf, sich auszuziehen. Anja blieb
nichts anderes übrig als zu gehorchen, sie zog das Kleid über den Kopf und streifte es über die Kette,
auch die Wäsche hatte sie auszuziehen. Eine der Frauen gab ihr ein Kleid, für das der Ausdruck
„Lumpen“ noch schmeichelhaft war, vergleichbar mit einem Sack, in den Löcher für Kopf und Arme hin-
eingeschnitten sind.

Die Frauen banden ihre Hände auf dem Rücken zusammen, öffneten das Schloss am Halseisen, nahmen
ihr die im Boden befestigte Kette ab, schlossen aber gleich darauf wieder eine kurze Kette an das
Halseisen an und führten sie an der Kette vor die Tür.

Wieder wurde sie auf den Dorfplatz geführt, und wie auch schon am Tag vorher an dem Pfahl angeket-
tet, immerhin war die Kette so lang, dass sie aufrecht stehen konnte. Über eine Stunde lang passierte
nichts, Dorfbewohner kamen und gingen, selbst die Kinder zogen achtlos an ihr vorüber.

Von fern sah sie einen geschlossenen Wagen mit zwei Pferden davor auf das Dorf zukommen, als das
Gefährt näher kam konnte sie den Mann auf dem Kutschbock erkennen, im gleichen Augenblick wuss-
te sie, dass dieser Mann wegen ihr hierher kam, dieser Mann war nun wirklich der Letzte, den sie im
Moment gebrauchen konnte.

Teil 35

Der größte Teil der Feldarbeiten war für dieses Jahr erledigt, die dritte Maht Heu lag in der Scheune, im
September waren die Rüben vom Acker geholt worden, und auch die Kartoffelernte im Oktober war end-
lich vorbei.

Dafür waren jetzt die Kühe wieder auf dem Stall, also ging es wieder los mit Ausmisten und Füttern,
doch das war nicht weiter schlimm, denn jetzt ging es über Tag gemütlicher zu. Je kürzer die Tage wur-
den, umso weniger brauchten sie alle zu arbeiten.

An einem Sonntag kam unverhoffter Besuch, Familie Wattjes saß gerade beim Nachmittagstee und
Butterkuchen, als ein Reiter auf den Hof kam. Neugierig schaute auch Monika aus dem Fenster, den
Mann kannte sie: Es war der Rechtsanwalt Meyerdirks, der nun auf das Haus zukam.

Bauer Wattjes ging nach draußen, um den Gast zu begrüßen und ins Haus zu bitten, während Monika
sich fragte, ob dieser Besuch des Rechtsanwalts etwas mit ihr zu tun haben würde, und wenn, ob er etwas
Gutes oder Schlechtes zu bedeuten hätte.
Anwalt Meyerdirks wurde von der ganzen Familie hochachtungsvoll begrüßt, jeder von ihnen wusste,
was für ein wichtiger Mann er für das Land der alten Dörfer war. Auch Monika verhielt sich diesmal
vorschriftsmäßig, machte einen tiefen Knicks vor ihm und verharrte in der Stellung solange, bis sie von
ihm angesprochen wurde.

„Nun Mädchen,“ sagte er, „mir scheint, dass Du Dich gut eingelebt hast, auch hörte ich gute Dinge von
Dir, ja, in der Tat, gute Dinge. Inzwischen wirst Du ja auch schon mit Deinem Namen angesprochen, das
ist ein gutes Zeichen für Dein Wohlverhalten. Die ersten sechs Monate im Land der alten Dörfer sind nun
vorbei, nun noch einmal die gleiche Zeit und Du kannst zu Deinen Eltern zurückkehren.“

Meyerdirks redetet und redete, was ihn aber nicht daran hinderte, sich zwischendurch vier Stücke
Butterkuchen einzuverleiben. Irgendwie waren alle erleichtert als er wieder ging, sein ständiger Redefluss
war auf die Dauer doch ziemlich nervig.

Normalerweise hätte Monika sich jetzt freuen müssen, die Hälfte der Zeit ihres Zwangsaufenthalts war
vorbei, und wie es im Moment aussah, würde einer Entlassung in einem halben Jahr nichts entgegen-
stehen. Einerseits freute sie sich auf ihren alten Bekanntenkreis, endlich mal wieder auf eine Party gehen,
sich vielleicht mal wieder einen Joint gönnen, anderseits war ihr die Familie Wattjes ans Herz gewach-
sen, aber darüber konnte sie sich immer noch Gedanken machen, sechs Monate waren noch eine lange
Zeit.

Später am Nachmittag nahm Fenna sie an ihrer Halskette, die Beiden wollten noch etwas im Dorf spa-
zieren gehen. Langsam liefen sie die Strasse entlang, Monika genoss es noch immer von den
Dorfbewohnern mit ihrem Namen begrüßt zu werden, wären Fußkette, Halseisen und Keuschheitsgürtel
nicht gewesen, hätte sie sich als vollwertiges Mitglied der Gemeinde fühlen können, aber auch so war
sie nicht unzufrieden.

An diesem Sonntag sprach Fenna zum ersten Mal von ihrer im April bevorstehenden Schulentlassung
und von der Zeit in der Fremde. Monika sah sie verwundert an und fragte, was sie denn mit der Zeit in
der Fremde meinen würde.

Erst wollte Fenna nicht mit der Sprache heraus, doch als sie Monika das Versprechen abgenommen hatte,
nichts von ihrer Unterhaltung weiterzuerzählen, klärte sie Monika auf.

„Alle Mädchen und Jungen,“ erklärte sie ihr, „die aus der Schule entlassen worden sind, müssen für min-
destens ein halbes Jahr in eine andere Gemeinde, aber nicht innerhalb von dem Land der alten Dörfer,
sondern ins Ausland.“

Monika sah sie verwundert an und Fenna berichtete weiter: „Es gibt noch mehr Gemeinden, in denen
die Menschen so leben wie wir. Eine Gemeinde befindet sich in Süddeutschland, aber wir haben auch
Kontakt mit Dänemark, Holland und Frankreich. Wohin man geschickt wird entscheidet der Rat, sich
selbst ein Land aussuchen, das geht nicht.“

„Weißt Du schon, wann und wohin Du geschickt wirst?“ wollte Monika wissen. „Nein, eine Woche vor
der Abreise kommt ein Bescheid ins Haus, erst dann weiß ich, wohin die Reise geht.“

„Ist es nicht schlimm für Dich, wenn Du alleine in die Fremde gehen musst, weg von den Eltern,
Geschwistern und Bekannten? Wer weiß, zu was für Leuten Du kommst, ob Du Dich überhaupt mit ihnen
verstehst, und ob es Dir da gefällt.“

„Danach fragt keiner, während dieser Zeit muss man sich eben anpassen, darum wird es ja auch
Bewährungszeit genannt. Aber Angst habe ich nicht, ganz im Gegenteil, denn während dieser Zeit kann
ich mich auch nach einem zukünftigen Ehemann umsehen, das ist auch einer der Gründe, warum eine
bestimmte Zeit im Ausland verbracht werden muss.“
„Was ist denn, wenn du dort einen jungen Mann kennen lernst und ihn heiraten möchtest, musst du
dann für immer ins Ausland?“ „Nicht unbedingt, es kommt darauf an, ob er den Hof seiner Eltern eines
Tages übernimmt, dann würde ich für immer dort hinziehen, es kann aber auch sein, das hier ein Hof
frei wird, dann wäre es möglich hier zu leben.“ „Aber was ist, wenn Du dort einen netten Jungen ken-
nen lernst und Du von ihm schwanger wirst?“ „Wie soll das denn möglich sein?“ fragte Fenna ganz ver-
wundert.

„Ach du meine Güte,“ dachte Monika, „wie soll ich ihr das nur erklären, vielleicht mit der Geschichte
von den Blumen und den Bienen?“ Ganz vorsichtig versuchte sie Fenna aufzuklären: „Weißt Du, Fenna,
wenn ein Mädchen und ein Junge sich ganz lieb haben, und sehr zärtlich miteinander sind.......“ Weiter
kam sie nicht, denn Fenna schüttelte sich vor Lachen, was Monika nun gar nicht verstehen konnte. „Ach,
Monika, Du bist vielleicht ein Schaf, meinst Du im Ernst ich weiß nicht, warum die Kuh zum Bullen
gebracht wird? Um sie zu decken, selbstverständlich.“

Leicht eingeschnappt fragte Monika. „Wenn Du das weißt, dann erkläre mir bitte mal, wieso es nicht
möglich sein soll, dass Du von einem Jungen schwanger wirst.“ „Oh Monika,“ rief Fenna, „was bei der
Kuh geht, funktioniert bei mir mit Sicherheit nicht.“ „Und wieso?“ wollte sie wissen. Fenna liefen die
Lachtränen nur so herunter als sie zu Monika sagte: „Weil die Kuh im Gegensatz zu mir keinen
Keuschheitsgürtel trägt, du Dummerchen.“

Teil 36 Anja in Moorum 2

Schmiedemeister Düring hielt seinen Wagen auf dem Dorfplatz an, sah kopfschüttelnd einmal zu Anja
herüber und ging in das Haus, in dem gestern auch Wilko de Fries und sein Begleiter gewesen waren.
Über eine halbe Stunde dauerte es, bis der Schmied in Begleitung eines Mannes wieder aus dem Haus
herauskam, mit Sicherheit hatten die Beiden erst wieder Tee getrunken.

Bei Anja angekommen sagte der Mann: „Hör zu, Mädchen, ich erzähle Dir das nur einmal: Ich bin Jan
Siefkes, der Ortsvorsteher von Moorum. Warum Du hierher gebracht worden bist, wirst Du selbst am
besten wissen. Ein Ding sage ich Dir gleich: Von hier aus gibt es keine Flucht, das ist noch keiner gelun-
gen. Was Deine Zukunft anbelangt hast Du drei Möglichkeiten: Du machst was man Dir sagt, dann könn-
te es sein, dass der Rat Dich nach ein oder zwei Jahren wieder gehen lässt, wenn nicht, wirst Du so lange
Torf stechen, bis Du alt und grau bist, und falls Dir das nicht gefallen sollte, kannst Du Dich immer noch
im Moor versenken, niemand wird Dir eine Träne nachweinen. Hast Du das verstanden was ich Dir
gesagt habe?“

Anja sah ihn nur hasserfüllt an und sagte nichts, im gleichen Augenblick zog Siefkes ihr einen Streich
mit der Reitgerte über, die er bisher hinter dem Rücken gehalten hatte. „Ob du mich verstanden hast, will
ich wissen?“ brüllte er sie an und hob die Gerte ein zweites Mal hoch.
„Jawohl, Herr Siefkes.“ rief Anja schnell, und machte auch instinktiv den vorgeschriebenen Knicks,
einen zweiten Schlag wollte sie sich nicht einfangen, dafür war die Handschrift dieses Ortvorstehers viel
zu kräftig.

Düring fing an seine fahrbare Schmiede aufzubauen, es hatte alles dabei, was er für seine Arbeit benö-
tigte. Einer der Dorfbewohner brachte eine Schaufel mit glühenden Kohlen, das Feuer in der Esse brauch-
te nicht lange, um die erforderliche Temperatur zu erreichen.

Als erstes befreite Düring sie von dem Halseisen, aber nur um ihr ein anderes, viel schwereres Eisen, wie
sie es vorher auch schon tragen musste, wieder umzulegen und mit einem glühenden Eisenstift zu ver-
schließen, auch dieses Halseisen hatte wieder eine kurze Kette, an der sie geführt werden konnte.

Das Tau, dass ihre Hände auf dem Rücken zusammenhielt, wurde gelöst, um die Armreifen an ihren
Handgelenken mittels einer Kette zu verbinden, die aber auch noch durch den den Ring des Halseisens
lief. Nun wurde auch noch eine schwere Kette an den Fußreifen befestigt, nicht wie die Armkette nur
mit Schlössern, sondern die Kette wurde angeschmiedet.

Anja meinte schon die Prozedur endlich überstanden zu haben, als Düring zu seinem Wagen ging und
eine Eisenkugel mit einer 3 Meter langen Kette herausholte, die wurde an dem Ring, der sich in der Mitte
der Fußkette befand, angeschmiedet.

Jetzt kamen die beiden Frauen, die sie auf den Dorfplatz gebracht hatten, wieder zu ihr, die Eine nahm
das Ende der Halseisenkette, forderte Anja auf, die Eisenkugel zu tragen und zog sie zu der Hütte, in der
sie die letzte Nacht verbracht hatte, zurück.

Zweimal musste Anja trotz des relativ kurzen Weges die Kugel ablegen, sie war zu schwer. In der Hütte
wurde sie wieder an den Ring im Boden angeschlossen und alleine gelassen. Am Abend brachte eine
Frau eine dünne Suppe und ein Stück Brot zu der Gefangenen, auch einen Becher mit Tee und einen
Krug mit Wasser stellte sie ihr hin.

Wieder kam die Dunkelheit, wieder stand ihr eine lange Nacht bevor, aus Ekel und Angst vor den Ratten
legte sie sich erst überhaupt nicht hin, die ganze Zeit über stand sie in dem Raum. Früh am Morgen öff-
nete sich die Tür, eine Frau löste die Kette von den Bodenring, ließ Anja die Eisenkugel hochnehmen sie
vor der Hütte in eine hölzerne Schubkarre legen. „Auf was wartest Du noch,“ sagte die Frau, „pack die
Karre an und schieb sie in Richtung Moor.“ und zeigte mit dem Arm in die Richtung, die Anja einzu-
schlagen hatte.

Kaum hatten sie das Dorf verlassen als von einer Straße nichts mehr zu sehen war, auf einem vom Regen
der letzten Nacht aufgeweichtem Feldweg schob sie mühsam die Karre vor sich her. Eine Stunde waren
sie schon gelaufen, Anja war am Ende ihrer Kräfte, doch jedes Mal, wenn sie langsamer wurde, bekam
sie einen Schlag mit einer Peitsche auf den Rücken. Vor Erschöpfung torkelnd schob sie die Karre wei-
ter, hier gab es nicht einmal mehr Feldwege, es war nur ein schmaler Pfad, auf dem sie entlang gingen.

„Anhalten!“ befahl die Frau, erleichtert stellte Anja die Karre ab, ihre Finger waren schon verkrampft.
„Ich werde Dir mal etwas zeigen,“ sagte die Frau und holte einen Stein aus der Karre, den sie auf das
Land neben dem Pfad warf. Als der Stein auf das Land fiel hörte Anja ein ihr fremdes, fast schmatzen-
des Geräusch, verwundert sah sie zu wie der Stein in dem Land versank. „Das hier ist Moor,“ erklärte die
Frau, „falls Du wirklich noch einmal versuchen solltest zu fliehen, ergeht es Dir genau wie dem Stein.“

Schon musste Anja die Karre wieder weiterschieben, immer weiter auf dem Pfad entlang in dieser
unwirklichen Gegend. Endlich sah sie ein paar Hütten stehen, und tatsächlich waren sie am Ziel ange-
kommen. Neben der einen Hütte lag ein großer Findling (Stein), in dem ein Eisenring eingelassen war,
an dem wurde sie angekettet. Die Frau nahm wortlos die Schubkarre und ging zurück in die Richtung,
aus der sie gekommen waren.

Körperlich und seelisch am Ende ließ Anja sich auf den Boden fallen, zwei Nächte ohne Schlaf waren
einfach zuviel, so dauerte es nicht lange, bis sie in einem festen Schlaf versank.
Die Ruhezeit war aber nur kurz, unsanft wurde sie geweckt, und noch ehe sie selbst wusste, wo sie war,
wurde sie von einer Art Mannweib angeschrieen: „Komm auf die Füße, Du Miststück, hier wird über Tag
nicht geschlafen.“

Zwar mühsam aber so schnell wie sie nur konnte, stand sie auf, sie merkte sofort, dass mit dieser Frau
nicht zu spaßen war. „Du wirst mich mit Frau Bültena ansprechen, aber nur, wenn Du etwas gefragt
wirst, sonst hast Du den Mund zu halten. Namen gibt es hier für Euch nicht, Du bist die Nummer Acht,
merk Dir das.“

Damit drehte sie sich um und ging in eine der Hütten, während Anja einsam und verlassen an dem
Findling stand. Es dauerte nicht lange, als eine ganze Gruppe langsam auf die Hütten zukam, Anja
glaubte in ihrem ganzen Leben noch nie so etwas Trauriges gesehen zu haben.
Teil 37

„Du trägst doch überhaupt keinen Keuschheitsgürtel.“ sagte Monika verwundert. „Noch nicht,“ klärte
Fenna sie auf, „doch nach der Schulentlassung im nächsten April kommt mein großer Tag, dann werde
ich in den Kreis der jungen Frauen aufgenommen.“

„Jetzt verstehe ich aber immer noch nicht, was das mit einem Keuschheitsgürtel zu tun hat.“ meinte
Monika. „Alle jungen Frauen tragen bis zum Tag ihrer Hochzeit einen Tugendwächter, so war das bei
uns schon immer, hier hat noch keine Frau vor der Eheschließung ein Kind bekommen.“

„So gesehen macht das Sinn,“ gab Monika zurück, „aber dann könnte es doch sein, dass du den Gürtel
viele Jahre tragen musst.“ „So schlimm wird es nicht werden, die meisten heiraten doch schon mit 18
Jahren, dann ist es ja überstanden. Außerdem brauche ich den Gürtel nicht im Haus zu tragen, das macht
die Sache dann noch leichter, trotzdem sehe ich etwas dagegen an, in einen Eisengürtel eingeschlossen
zu werden, wie kommst du eigentlich damit klar?“

„Inzwischen habe ich mich so an den Gürtel gewöhnt, dass ich ihn meistens schon nicht mehr merke,
manchmal kommt es mir vor, als hätte ich ihn schon mein Leben lang getragen. Mach dir also keine
Sorgen, so schlimm ist es wirklich nicht.“

Auf dem Weg nach Hause begegneten sie der Nachbarstochter Hanna de Fries, die sich ihnen anschloss.
Hanna wollte von den Beiden wissen, über was sie sich eben so angeregt unterhalten hätten, so kam
man wieder auf das Thema Keuschheit zu sprechen. Monika konnte sich nicht vorstellen, dass auch
Hanna einen Keuschheitsgürtel trug, doch die forderte Monika auf sie an der Taille anzufassen, wo sie
das Metall fühlen konnte.

„Wer kontrolliert eigentlich, ob ihr wirklich den Gürtel tragt oder nicht?“ wollte Monika wissen. „Das
kann eine Nachbarin sein, oder die Frau vom Ortsvorsteher, aber auch jede andere Frau aus dem Dorf,
sie fühlen einfach, genau wie du eben gerade, kurz an der Taille und merken sofort, ob ein Mädchen ver-
schlossen ist oder nicht. Aber keiner von uns würde es einfallen unverschlossen aus dem Haus zu gehen,
schließlich haben wir in der Kirche vor der ganzen Gemeinde Versprechen abgelegt, den
Keuschheitsgürtel immer zu tragen, wenn wir aus dem Haus gehen.“

„Sag mal, Hanna, hast du Deine Bewährungszeit eigentlich schon hinter dir?“ fragte Monika. „Nein,“
meinte die, „ich hätte das schon längst hinter mir haben müssen, aber wer soll bei uns im Haus die Arbeit
machen, meiner Mutter geht es gesundheitlich nicht so gut, als das sie die Arbeit alleine schaffen könn-
te, also ist es bei mir immer wieder aufgeschoben worden. Aus diesem Grund ist uns ja auch vor eini-
ger Zeit das neue Mädchen zugeteilt worden, aber was aus der geworden ist, das weißt du ja selbst. Nun
muss ich solange warten, bis der Rat ein neues Mädchen zu uns schickt, doch wer weiß, wann das sein
wird.

Das Schlimme an der Geschichte ist, dass es in Hohedörp einen Jungen gibt der mir gut gefällt und der
mich auch gerne leiden mag. Wir können aber nicht zusammenkommen, weil ich meine Bewährungszeit
noch nicht hinter mir habe, und ich habe Angst davor, dass er sich doch nach einer anderen Braut umse-
hen könnte.“

„Wenn ich aus der Schule entlassen bin, kommt Monika zu euch, dann kannst du Deine Bewährungszeit
hinter dich bringen.“ rief Fenna. „Davon wird wohl nichts werden, Fenna, du wirst im April aus der
Schule entlassen, und im gleichen Monat hat Monika ihre Zeit bei uns um und wird uns alle verlassen,
das war zwar gut gemeint von dir, aber leider klappt es nicht, ich werde wohl noch warten müssen.“

„Dann muss Monika einfach länger bleiben,“ meinte Fenna, „dann würde es doch klappen.“ „Aber
Fenna,“ sagte Hanna, „du weißt doch, dass das nicht geht, wenn Monikas Jahr um ist, dann muss sie
gehen, das war schon immer so.“

„Ich will aber nicht, dass Monika geht,“ sagte Fenna mit leiser Stimme, „warum kann sie denn nicht bei
uns bleiben?“ „Weil es das noch nie gegeben hat, oder hast du schon mal von einem Mädchen gehört,
dass nach ihrer Zeit bei uns geblieben ist?“

„Nein,“ antwortete Fenna traurig, „das stimmt wirklich, davon habe ich auch noch nie etwas gehört.“

Teil 38 Anja in Moorum 3

Sieben Frauen und Mädchen in Ketten, zweimal zu zweit und einmal zu dritt aneinandergeschlossen,
kamen langsam daher, vier von ihnen schoben eine Karre, in der jeweils zwei, bzw. drei der
Halseisenketten mit den Eisenkugeln lagen.

Allesamt waren sie in Lumpen gekleidet, ihre Haare hatten sie scheinbar seit Wochen nicht gewaschen,
genau so wenig wie den Rest ihrer Körper. Schwankend vor Müdigkeit kamen sie langsam näher, das
Klirren der Ketten spielte eine traurige Melodie dazu.

Da trat auch schon die Frau Bültena aus ihrer Hütte heraus. „Stehen bleiben!“ brüllte sie mit lauter
Stimme, die einem Feldwebel zur Ehre gereicht hätte.

Sie ging zu der Dreiergruppe, löste eines der Mädchen davon, ließ sie ihre Kugel aus der Karre nehmen
und zog sie zu Anja hin, um dort die Halskette des Mädchens an Anjas Halseisen zu verschließen.

Beide Mädchen hatten jetzt ihre Kugeln aufzunehmen und sich hinter der Gruppe einzuordnen. Ein
scharfer Befehl von Bültena ließ die Mädchen sich wieder in Bewegung setzten, bei einer Hütte wurden
die Karren abgestellt, die Eisenkugeln in die Hände genommen und die Gruppe betrat eine der Hütten.

Links und rechts in dem Raum standen mit Stroh gefüllte, flache Holzkisten, das waren die Betten, bei
jedem dieser Betten stand ein Holzeimer mit einem Deckel darauf. In der Mitte befand sich ein langer
Tisch, an beiden Seiten standen grob zusammengezimmerte Holzbänke ohne Rücklehnen. Außerdem gab
es an der Stirnwand noch einen gusseisernen Ofen, ansonsten hingen noch drei Petroleumlampen von
der Decke herunter, das war die gesamte Ausstattung.

Schweigend blieben die Mädchen hinter den Holzbänken stehen, erst als zwei ältere Frauen einen Topf
und eine Schale auf den Tisch stellten und das Essen auf die Holzteller verteilt hatten, durften sie sich
hinsetzen. Pro Person gab es zwei grüne Heringe, dazu reichlich Pellkartoffeln, aus den Krügen konnten
sie sich selbst dünnen, ungesüßten Tee einschenken.

Während des Essens wurde kaum ein Wort gesprochen, dafür schienen alle viel zu müde zu sein. Anja
hätte gern gewusst, was genau auf sie zukommen würde, doch traute sie sich nicht ein Gespräch anzu-
fangen.

Nach dem Essen wurde gemeinschaftlich aufgestanden, die jeweils zu zweit aneinander geketteten
Mädchen legten sich auf ihre Schlafplätze. Vor jedem der Schlafplätze lagen zwei Ketten, die an einem
im Boden verankerten Eisenring befestigt waren. Kaum lagen die Mädchen, als die Bültena hereinkam
und jedes Mädchen einzeln eine der Ketten an der Fußfessel befestigte.

Noch bevor sie alle Ketten angeschlossen hatte, kamen die beiden älteren Frauen wieder und holten das
Geschirr ab, danach verließ auch Bültena die Hütte und verriegelte die dicke Holztür von außen.

Durch die kleinen, vergitterten Fenster fiel nur wenig Licht, doch es war noch hell genug, um etwas
sehen zu können. Als Anja sah, dass sich einige der Mädchen leise unterhielten, traute sie sich ihre
Kettengenossin anzusprechen: „Ich bin Anja, wie ist Dein Name?“ fragte sie leise. „Mein Name ist Ilona,
aber hier bin ich Nummer 5, pass auf, dass du in Gegenwart von der Bültena niemanden mit Namen
ansprichst, das würde Ärger ohne Ende geben.“

„Du hör mal,“ sagte Anja, „ich muss mal ganz dringend pullern, wo kann ich denn hier?“ „Was glaubst
du wohl, wofür die Holzeimer da sind?“ Anja wollte schnell aufstehen und sich auf den Eimer setzen,
doch Ilona bremste sie ab: „Mach mal ein bisschen langsamer, schließlich muss ich mit aufstehen.“
Tatsächlich war die Kette ihrer Halseisen so kurz, dass wenn die Eine den Eimer benutzen wollte, die
andere mit aufzustehen hatte.

Als sie sich wieder hingelegt hatten wollte sie von Ilona wissen, wie lange sie schon hier wäre und
warum, ob schon jemanden die Flucht gelungen war, und wie überhaupt hier alles ablaufen würde.

Obwohl Ilona vor Müdigkeit die Augen schon fast zufielen erzählte sie von dem Leben, das jetzt auf sie
zukommen würde, und je mehr Anja hörte, um so banger wurde ihr.

Teil 39

Winter war es geworden im Land der alten Dörfer, es war eine trübe Jahreszeit, die einem auf das Gemüt
schlagen konnte. Die einzige Abwechslung war das Weihnachtsfest, das Backen der Kekse und die
Vorbereitungen für das Festessen vertrieben die Zeit. Ansonsten waren alle im Haus beschäftigt, jetzt
war Zeit sich um Wäsche und Kleidung zu kümmern, während Eiso Wattjes kleinere Reparaturen an den
Gebäuden und dem Arbeitsgerät erledigte.

Doch auch Januar und Februar gingen vorüber und im März gab es schon die ersten wärmeren
Sonnenstrahlen. Es war am einem Dienstagmorgen, als eine Kutsche auf den Hof der Wattjes gefahren
kam. „Das ist doch der Anwalt Meyerdirks!“ stellte Bauer Wattjes verwundert fest.

Meyerdirks kam mit ernstem Gesicht ins Haus, nach der Begrüßung forderte er die Eheleute Wattjes zu
einem Gespräch unter 6 Augen auf. Die drei gingen in die gute Stube, während der Rest der Familie mit
einem unguten Gefühl in der Küche blieb.

Nach wenigen Minuten kam Frau Wattjes in die Küche, nahm Monika in den Arm und führte sie zu den
Männern in die Stube. „Es gibt schlechte Nachrichten für dich,“ sagte sie leise zu Monika, „Du musst
jetzt tapfer sein.“

Monika setzte sich mit klopfenden Herzen auf einen Stuhl, während Meyerdirks sich räusperte und zu
reden anfing: „Nun, meine liebe Monika, heute bin ich aus einem sehr unerfreulichen Grund hier, ja, in
der Tat, sehr unerfreulichen Grund, denn ich habe dir eine sehr schlechte Nachricht zu überbringen.“

„Ja, es tut mir sehr leid dir sagen zu müssen, dass es einen schweren Unfall gegeben hat, von dem Deine
Eltern betroffen worden sind. „Sind sie verletzt?“ wollte Monika wissen. „Viel schlimmer,“ sagte
Meyerdirks, „sie sind bei dem Unfall ums Leben gekommen.“ Wie versteinert saß Monika auf dem Stuhl,
im erstem Moment konnte sie noch nicht realisieren, was der Anwalt ihr gesagt hatte.

Die Eltern tot? Von einem Augenblick auf den anderen zur Vollwaise geworden? Was sollte jetzt passie-
ren, hatte sie nun kein Zuhause mehr, wo sollte sie hin? Das waren die ersten Fragen, die ihr durch den
Kopf gingen, langsam kam ihr Schmerz hoch, auch wenn sie in den letzten Jahren nicht den besten
Kontakt zu ihren Eltern gehabt hatte, dieser Schicksalsschlag traf sie hart.

Ihre Augen wurden feucht, langsam stand sie auf und wandte sich zu Frau Wattjes. Die nahm sie in den
Arm, mit einer Handbewegung schickte sie die beiden Männer aus dem Zimmer. Jetzt brach der Schmerz
aus Monika heraus, weinend lag sie in den Armen der Bäuerin.
Nach einer ganzen Weile war der erste Schock vorüber, Meyerdirks kam in die Stube zurück und hatte
mit Monika zu reden. Er sagte ihr, dass die Beerdigung ihrer Eltern bereits in drei Tagen stattfinden
würde, aus diesem Grund müsse sie sofort mit ihm kommen, damit er sie zu ihren Brüdern bringen
könne, die sich weiter um sie kümmern würden.

Von Frau Wattjes und Fenna wurde sie in die Melkkammer gebracht, nach dem Auskleiden wurden ihr
die Armreifen- und Fußreifen abgenommen, doch den Halsreif wollte sie gern umbehalten, den empfand
sie als Schmuckstück und nicht als Strafe, auf war dieser Halsreif ja ein Geschenk der Schmiedeleute
Düring.

Auf Anraten von Frau Wattjes behielt sie den Keuschheitsgürtel um, draußen in der großen Welt sei es
viel zu gefährlich, da wäre es besser, wenn sie verschlossen blieb, doch sie wollte ihr für alle Fälle den
Schlüssel zu dem Gürtel mitgeben.

Wenig später stand sie frisch gewaschen und mit ihrem besten Kleid angezogen in der Küche, eine Tasche
mit ein paar Habseligkeiten war schon gepackt worden. Meyerdirks drängte zum Aufbruch, doch bevor
Monika sich verabschiedete fragte sie den Anwalt, ob sie die Familie Wattjes wiedersehen würde.

Das konnte er ihr zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen, so wurde es auf beiden Seiten ein tränenrei-
cher Abschied, am schlimmsten war es für Fenna, die in Monika eine Schwester gefunden hatte.

Still und in sich gekehrt saß Monika in der Kutsche, die schnell in Richtung Texlum fuhr. Dort ange-
kommen ging es zu Fuß über den Deich, wo schon zwei Männer mit einem Ruderboot warteten.
Meyerdirks und Monika stiegen in das Boot, die Männer schoben es vom Strand und ruderten mit kräf-
tigen Schlägen auf die Tjalk zu, die sie vor fast einem Jahr hierher gebracht hatte.

Auf der Hinfahrt waren sie erst mit einem Kutter ausgelaufen, dann hatte man sie auf hoher See auf die
Tjalk gebracht, doch diesmal fuhr die Tjalk direkt in den Hafen von Lauwersoog, von wo aus Meyerdirks
sie selbst zu ihrer Heimatstadt fuhr. Obwohl der Anwalt sich an die Geschwindigkeitsvorschriften hielt
hatte Monika das Gefühl in einem Geschoss zu sitzen, immerhin war sie schon fast ein Jahr lang nur zu
Fuß gegangen oder Sonntags mit der Kutsche mitgefahren, an das Autofahren würde sie sich erst wie-
der gewöhnen müssen.

Unterwegs erzählte Meyerdirks ihr von seinem Dilemma, einerseits war ihr Aufenthalt im Land der alten
Dörfer für ein Jahr im Voraus bezahlt worden, doch anderseits könne er ihr nicht verdenken, wenn sie
nicht zurückgehen würde, schließlich wäre sie jetzt für ihr Leben selbst verantwortlich.

Er brachte Monika bis zu Haustür, gab ihr noch seine Visitenkarte und verabschiedete sich. Einen
Haustürschlüssel hatte sie nicht mehr, also klingelte sie wie eine Fremde an der Tür ihres Elternhauses.
Sie hörte Schritte und die Tür wurde von Knut, ihrem älteren Bruder, geöffnet.

Es war gab keine herzliche Begrüßung, sie hatte sich mit ihren Brüdern Knut und Erich noch nie gut ver-
standen. Stattdessen sagte er: „Wo hast du dich schon wieder herumgetrieben, es wird langsam Zeit, dass
du hier erscheinst.“

Sie ging ins Wohnzimmer um den Rest der Familie zu begrüßen: Ihren Bruder Erich mit seiner Frau
Sabrina und ihre Schwägerin Helga. Auch bei denen hielt sich die Freude über das Wiedersehen in
Grenzen, im Gegenteil, ihre Schwägerinnen fingen gleich an zu lästern, was sie für seltsame Kleidung
tragen würde, bestimmt wäre das wieder mal ein neuer Spleen von ihr. Ihre Brüder wollten wissen, wo
um Himmels Willen sie die ganze Zeit über gewesen wäre, doch Monika meinte nur, dass sie auf dem
Land gewesen wäre um zu arbeiten, vom Land der alten Dörfer würde sie ihrer Verwandtschaft bestimmt
nichts erzählen.

Nachdem sie einmal durch das Haus gegangen war, ging sie in ihr Zimmer. Sie legte sich auf ihr Bett,
sie hatte schon ganz vergessen, wie gut es sich auf einer Matratze liegen lässt. Dann schaute sie in die
Kleiderschränke, um sich etwas passende Kleidung für die nächsten Tage herauszusuchen. Doch bevor
sie sich umzog, gönnte sie sich noch einen lange vermissten Luxus: Sie ließ die Badewanne einlaufen,
nahm reichlich von dem Badezusatz und genoss das frische, heiße Wasser, das sie nach einem Jahr end-
lich mal wieder für sich allein hatte.

Später ging sie zurück ins Wohnzimmer, wo ihre Brüder schon dabei waren die Papiere der Eltern zu
durchforschen, schließlich wollten sie wissen, wie hoch ihr Erbe ausfallen würde. „Hat das nicht Zeit bis
die Eltern beerdigt sind?“ wollte Monika wissen, doch es wurde ihr zu verstehen gegeben, dass sie sich
da heraushalten solle.

Die Zeit bis zur Beerdigung verging für sie nur langsam, und irgendwie war sie erleichtert, als endlich
alles vorbei war, denn nun konnte sie wieder nach vorne sehen. Als erstes würde sie sich wohl eine klei-
ne Wohnung und einen Job besorgen müssen, denn die Brüder gaben ihr zu verstehen, dass das
Elternhaus verkauft werden solle, man würde aber erst noch die Testamentseröffnung abwarten, solan-
ge könne sie hier wohnen bleiben.

Es waren schlimme Tage für Monika, das Zusammenleben mit ihren Brüdern und deren Frauen war für
sie eine Strafe, vor allem nachdem sie einmal vergessen hatte vorm Duschen die Badezimmertür abzu-
schließen und ihre Schwägerin Helga sie in dem Keuschheitsgürtel gesehen hatte, jeden Tag konnte sie
sich nun hämische Bemerkungen anhören.

Dann kam endlich der Tag der Testamentseröffnung, langsam verlas der Notar den letzten Willen der
Eltern. Monika hatte überhaupt nicht richtig zugehört, erst als ihre Brüder und Schwägerinnen anfingen
zu protestieren, konzentrierte sie sich auf die Ausführungen des Notars. Der erklärte das Testament noch
mal in kurzen Worten: Das Vermögen ihrer Eltern war größer als sie das vermutet hätten, den
Hauptanteil sollte Monika bekommen, weil die Söhne beide ein teures Studium und eine nicht unbe-
trächtliche Starthilfe für ihre Firmen von den Eltern bekommen hätten.

Ziemlich sauer verließ Monikas Verwandtschaft die Kanzlei, während sie sich noch mit dem Notar unter-
hielt, um sich noch mal nach den Einzelheiten zu erkundigen. Der erklärte ihr noch mal geduldig den
Testamentsinhalt: Ab sofort könne sie über ein Konto mit einer Einlage von 40 000 Euro verfügen,
außerdem würde sie durch eine Kapitalanlage der Eltern eine monatliche Zahlung von 1800 Euro erhal-
ten, so dass sie den Rest ihres Lebens versorgt wäre.

Nachdem sie sich bei dem Notar bedankt hatte (gewohnheitsmäßig machte sie zur Überraschung des
Notars einen Knicks), verließ auch sie die Kanzlei, setze sich in einem nahegelegenen Park auf eine Bank
und dachte nach. Über zwei Stunden saß sie dort, betrachtete ihr Leben von allen Seiten, bis sie endlich
eine Entscheidung getroffen hatte. Zum ersten Mal seit Tagen frohen Herzens stand sie auf, sie hatte ihre
Entscheidung getroffen.

Sie ging zurück in das inzwischen verwaiste Elternhaus, nahm ein Branchenbuch und suchte eine
Telefonnummer heraus, rief dort an, bekam die Auskunft die sie sich erhofft hatte und machte für den
übernächsten Tag einen Termin ab.

Teil 40 Anja in Moorum 4

„Sobald der erste Hahn kräht müssen wir aufstehen,“ erzählte Ilona, „als erste kommt die Bültena und
löst die Fußbodenketten, anschließend haben wir uns aufzustellen und vor die Hütte zu gehen, eine von
uns muss sich einen Schubkarren nehmen, beide legen ihre Eisenkugeln hinein und dann geht es ins
Moor zum Torfstechen. Die härteste Arbeit ist es, wenn die Torfsoden ausgestochen und hochgeworfen
werden müssen, da ist es viel besser, oben an der Abbaustelle zu stehen und die Soden zum Trocknen
nebeneinander hinzulegen.

Der dritte Arbeitsgang besteht darin, die schon getrockneten Stücke in kleine Haufen aufzustapeln, die
vierte Gruppe hat den schon getrockneten Torf zu großen Haufen aufzuschichten, die werden dann mit
Grassoden abgedeckt werden, damit sie bei Regen nicht wieder nass werden. Aber immerhin wird jede
Stunde die Arbeit gewechselt, so dass jedes Kettengespann auch jede Arbeit machen muss.“

„Nach vielleicht zwei Stunden bekommen wir das erste Mal etwas zu essen, dann gibt es Tee,
Schwarzbrot, sogar Butter, Käse und Wurst, ohne vernünftiges Essen wäre es auch nicht auszuhalten.
Danach geht es ohne Pause bis zum Mittag weiter, und du kannst mit ruhig glauben, dass wir nicht eine
Sekunde mit der Arbeit nachlassen dürfen, immer ist eine von Bültenas Aufseherinnen da, die keine
Hemmungen haben, uns eins mit der Peitsche zu verpassen.“

Anja konnte nicht glauben was sie da hörte, ließ Ilona aber ohne Unterbrechung weiter berichten. „Zum
Mittag gibt es immer einen Eintopf, mal Bohnen,- Erbsen,- Graupen- oder Linsensuppe, mal aber auch
durchgestampfte Kartoffeln mit Möhren oder Steckrüben, mit Glück findest du sogar ein kleines Stück
Speck darin. Dazu gibt es wieder dünnen Tee, manchmal aber sogar Milch.“

„Auch am Nachmittag gönnt man uns eine kleine Pause, dann gibt es wieder Schwarzbrot mit Belag und
etwas zu Trinken, anschließend geht es weiter mit der Arbeit bis die Dämmerung hereinbricht. Danach
werden wir in die Hütte zurückgebracht, essen noch einmal und werden dann an den Betten angekettet,
aber das hast du ja schon selbst gesehen.“

„Gibt es denn nicht einen freien Tag in diesem verfluchten Moor?“ wollte Anja wissen. „Aber sicher,
Sonntags darf nicht gearbeitet werden, das ist aber auch der einzige Tag in der Woche. Jedenfalls dür-
fen wir uns am Sonntag waschen, doch danach kommt schon die Abstrafung.“

„Was soll das denn nun wieder bedeuten, was für eine Abstrafung?“ „Na hör mal, du wärst doch nicht
hier, wenn du nicht mindestens einen Fluchtversuch unternommen hättest, also hat dir der Pastor doch
bestimmt für jeden Sonntag eine Prügelstrafe verhängt oder nicht?“

„Doch, das stimmt, dieser Himmelskomiker hat mir für jeden Sonntag 25 Schläge aufgebrummt.“ „Tja,“
meinte Ilona, „und was sonst die Düring gemacht hat, erledigt hier die Bültena, und ich kann dir sagen,
sie schlägt verdammt hart zu.“ „Und ich hatte schon gehofft endlich von den Schlägen abzukommen.“
stöhnte Anja.

„Was passiert denn nach der Abstrafung?“ wollte sie von Ilona wissen. „Nichts, wir haben den ganzen
Tag in der Hütte zu bleiben, das ist alles.“ „Wie lange machst du das schon mit?“ „Ich bin nun schon
fast 10 Monate hier, wenn ich weiterhin keinen Ärger mache, könnte ich in ungefähr 2 Monaten hier
wegkommen.“

„Hast du ein Glück, dann bist du ja bald wieder zu Hause.“ „Du hast wirklich keine Ahnung, wenn ich
hier wegkomme, habe ich erst noch ein ganzes Jahr bei einer Familie zu arbeiten, erst dann, und auch
nur bei guter Führung, darf ich das Land der alten Dörfer verlassen.“

„Dann lass uns doch gemeinsam abhauen.“ schlug Anja vor, doch Ilona wollte davon nichts wissen, es
wäre noch nie jemand gelungen durch das Moor zu entkommen, das zu versuchen wäre der reinste
Selbstmord.

Während Ilona die Augen zufielen konnte Anja noch nicht schlafen, sie musste das Gehörte erst einmal
verarbeiten. Für den nächsten Tag nahm sie sich vor alles genau zu beobachten, irgendwas würde ihr
schon einfallen, um dieser Sklaverei zu entgehen.

Früh am nächsten Morgen begann ihr erster Arbeitstag, er lief tatsächlich genau so ab, wie Ilona ihr es
erzählt hatte. Niemals hätte sie gedacht, dass die Arbeit im Moor so schwer sein würde, als sie am Abend
zurück in der Hütte waren hätte sie am liebsten auf das Essen verzichtet und sich gleich hingelegt, doch
musste sie sich wohl oder übel zusammen mit Ilona auf die Bank setzten, schließlich wollte die nicht auf
ihr Essen verzichten.
Auch die Vorhersage, dass die Bültena einen Lederriemen mit harter Hand führen konnte, bewahrheite-
te sich zu Anjas großem Leidwesen, dagegen waren die Schläge von der Düring die reinsten
Streicheleinheiten gewesen.

Schon nach wenigen Tagen hatte sie begriffen, dass es aus dem Moor keine Flucht geben würde, ihre
einzige Möglichkeit, dieses Elendslager wieder zu verlassen lag darin, nicht aufzufallen und keinen Ärger
zu machen.

Lang zogen sich die Wochen dahin, endlich gab es den ersten Frost und das Torfstechen wurde einge-
stellt, doch das bedeutete nicht, dass die Mädchen nicht mehr arbeiten mussten. Jetzt von ihnen bekam
ein hölzernes Gestell auf den Rücken, dass mit Torf beladen wurde, zusätzlich hatten sie eine bis oben
hin mit Torf voll gepackte Karre zu schieben. Dreimal am Tag fand dieser Torftransport statt, wobei das
Wetter keine Rolle spielte, ob Regen oder Schnee, immer wurde der Torf in das Dorf gefahren.

Auch wenn sie in der ersten Zeit dachte, dass sie diese Tortur nicht überstehen würde, Anja hielt sich
tapfer. Inzwischen verfluchte sie ihre Dummheit mit den beiden Fluchtversuchen, sie hatte es bei dem
Bauern de Fries wirklich nicht schlecht gehabt. Falls sie eines Tages wirklich mal aus dem Moor heraus-
kommen sollte, war es auch noch nicht sicher, ob sie in einer guten Familie unterkommen würde, aber
so schlimm wie hier war würde es dort bestimmt nicht werden.

Teil 41

Die nächsten zwei Tage verbrachte Monika damit, ihre alten Freunde und Bekannten aufzusuchen. Sie
wurde überall mit großem Hallo begrüßt und sollte natürlich berichten, wo sie die ganze Zeit gesteckt
hätte, aber sie erzählte immer nur, dass sie auf dem Land gearbeitet hätte, um sich von Nikotin und
Alkohol zu entwöhnen. Wenn es auch keiner ihrer Freunde laut sagte, so gingen sie doch alle davon aus,
dass Monika eine Entziehungstherapie mitgemacht hatte, es jetzt aber nicht zugeben wollte.

Für Monika waren diese Besuche etwas seltsam, die Begrüßung war überall herzlich, doch nach kurzer
Zeit ging ihr der Gesprächsstoff aus, sie hatte eben doch fast ein Jahr in einer ganz anderen Welt gelebt,
in der fetzige Klamotten und irgendwelche Musikgruppen keine Rolle spielten. Viel wichtiger war gewe-
sen, wie das Korn steht oder wie viel Mich die Kühe gaben, damit konnten ihre Bekannten aber nun
wirklich nichts anfangen.

Doch die Zeit verging schnell, pünktlich zur abgesprochenen Uhrzeit traf sie zu ihrem Termin ein, nach
einigen Voruntersuchungen und Blutproben wurde die von ihr gewünschte Operation durchgeführt.
Bereits nach drei Tagen konnte sie die Klinik wieder verlassen, fuhr in ihr Elternhaus zurück und rief
von dort aus Anwalt Meyerdirks an.

Der Anwalt hatte nicht damit gerechnet jemals wieder von Monika zu hören, so war er doch mehr als
überrascht, als sie ihm mitteilte, dass sie für den Rest der abgemachten Zeit ins Land der alten Dörfer
zurückkehren wolle.

Es wurde vereinbart, dass sie sich in drei Tagen in Lauwersoog einfinden würde, die Tjalk würde dann
bereits auf sie warten. Die Wartezeit nutzte Monika, um noch einmal den Notar aufzusuchen und ihm
ihre finanziellen Belange anzuvertrauen, auch sollte er sich um den Verkauf des Elternhauses kümmern.

Drei Tage später ging Monika, die jetzt wieder die gleichen Kleider trug wie auf der Hinreise, an Bord
der Tjalk, auch Anwalt Meyerdirks war da und begrüßte sie ausgesprochen herzlich. Kaum hatte das
Schiff den Hafen verlassen, als Monika den Anwalt um eine Unterredung bat. Meyerdirks machte den
Vorschlag, sich unten in die Messe zu setzen, dort wären sie ungestört, außerdem wäre es dort wesent-
lich wärmer als an Deck.
Zwei Stunden dauerte das Gespräch, von dem Meyerdirks einerseits sehr angetan war, anderseits sah er
fast unlösbare Probleme auf Monika und sich selbst zukommen, jedenfalls war die Situation für ihn voll-
kommen neu. Immerhin versprach er, sein Bestes zu tun, um Monika bei ihrem Vorhaben behilflich zu
sein.

Am frühen Nachmittag ankerte die Tjalk, wie auf der ersten Hinfahrt wurde das Beiboot ausgesetzt und
zwei Männer der Besatzung ruderten Monika und Meyerdirks an den Strand, von wo aus sie über den
Deich gingen und den Ortvorsteher von Texlum aufsuchten. Der ließ sofort die Pferde vor Meyerdirks
Kutsche anspannen und die Beiden machten sich auf den Weg nach Andersum.

Endlich auf dem Hof von Wattjes angekommen gab es eine stürmische Begrüßung, die Kinder kamen
aus dem Haus gerannt und fielen Monika um den Hals, Fenna, die Älteste der Kinder, wollte sich gar
nicht mehr beruhigen und rief lautstark: „Moder, Moder, kum flink no buten, Monika is wer terug
(Mutter, Mutter, komm schnell nach draußen, Monika ist wieder da).

Auch Frau Wattjes war die ehrliche Freude über das Wiedersehen anzumerken, kräftig schloss sie Monika
in ihre Arme und sagte: „Ich habe es doch gewusst, dass du wiederkommen würdest.“ Erst jetzt wurde
Meyerdirks von Frau Wattjes mit reichlichen Entschuldigungen begrüßt, über die Wiedersehensfreude
habe sie jedes gute Benehmen vergessen, meinte sie.

Doch Meyerdirks meinte: „Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, liebe Frau Wattjes, schließlich sieht
man nicht alle Tage eine so herzliche Begrüßung, in der Tat, nicht alle Tage.“ Selbstverständlich wurde
nun erst einmal nach Friesenart Tee getrunken, und da es sowieso Vesperzeit war, wurde der Tisch (nicht
zuletzt wegen Meyerdirks, dessen gesegneter Appetit bekannt war) reichlich gedeckt: Frisches Brot,
hausgemachte Butter, Wurst, Käse und Schinken.

Der Anwalt ließ sich auch nicht lange nötigen und langte kräftig zu, während Monika kaum zum Essen
kam, sie musste von ihrer Fahrt in die Welt berichten. Mit einem Mal ging die Tür auf und Bauer Wattjes
kam herein, Monika sprang auf und fiel auch ihm um den Hals. „Da hat meine Frau doch mal wieder
recht behalten, sie hat die ganze Zeit über gesagt, dass du wiederkommen würdest, und ich freue mich,
dass sie recht behalten hat.“ lachte er sie an.

Nachdem Meyerdirks sich den Bauch vollgeschlagen hatte, machte er sich auf den Rückweg, hatte aber
zum Abschluss noch eine gute Nachricht für Monika: „Nun, meine liebe Monika,“ sagte er salbungsvoll
wie immer, „ich denke, in Deinem speziellen Fall können wir auf Fußfesseln und Laufkette verzichten,
wer freiwillig hierher zurück kommt, hat an einer Flucht ja wohl kein Interesse.“

Monika bedankte sich herzlich bei dem Anwalt, der sich jetzt verabschiedete und von Wattjes zu seiner
Kutsche gebracht wurde. Bevor er losfuhr sagte er zu dem Bauern: „Diese Monika ist in der Tat ein sehr
beachtenswertes Mädchen, ja, in der Tat, sehr beachtenswert, und ich glaube, sie hat noch einige Über-
raschungen für uns parat.“ Nach diesen rätselhaften Worten ließ er die Pferde antraben, Wattjes stand
auf seinem Hof, kratzte sich am Kopf und fragte sich, was um aller Welt der Anwalt damit andeuten
wollte.

Teil 42

Am gleichen Abend, die kleineren Kinder lagen schon in der Buzze, saßen die beiden Wattjes, Fenna und
Monika am Küchentisch. Inzwischen hatte Monika schon ihre Geschenke verteilt, Buntstifte und
Schokolade für die Kleinen, für Fenna und Swantje jeweils ein Seidentuch und für Eiso Wattjes ein neues
Taschenmesser. Nun berichtete sie ausführlich über die Fahrt zur Beerdigung ihrer Eltern, von dem
Verhalten ihrer Verwandtschaft, vom ehemaligen Freundeskreis, doch von der Erbschaft erwähnte sie
vorläufig nichts.

Auch wurde darüber gesprochen, dass Monikas Zeit im Land der alten Dörfer fast vorüber war, Mitte
April würde sie ihre Zeit abgedient haben. Fenna sah sie traurig an und fragte: „Warum bleibst du nicht
einfach hier?“ Doch Swantje Wattjes meinte, dass das nicht so einfach wäre, so einen Fall hätte es ihres
Wissens bisher noch nicht gegeben, da würde der Rat sich bestimmt weigern.

Monika ließ vorsichtig anklingen, dass sie sich auf der Fahrt hierher mit Meyerdirks über dieses Thema
unterhalten hätte, unmöglich wäre es nicht, wenn auch nicht einfach. „Hast du wirklich vor, hier im
Land der alten Dörfer zu bleiben?“ fragte Swantje Wattjes überrascht. „Wenn alle damit einverstanden
sind, dann möchte ich das wirklich.“ gab sie zurück.

„Was hat Anwalt Meyerdirks denn nun genau gesagt?“ wollte Eiso Wattjes wissen. So gut sie es behal-
ten hatte wiederholte Monika die Ausführungen des Anwalts: „Also, erst mal müsste ich schriftlich
bestätigen, dass es mein eigener Wunsch ist, hier zu leben, ist die Erklärung unterschrieben, gibt es kein
Zurück mehr, dann muss ich nachweisen, dass ich noch Jungfrau bin („Was ich ja jetzt nach der
Operation glücklicherweise wieder kann.“ dachte sie bei sich), ebenso habe ich mich von den Lehrern
und dem Pastor prüfen zu lassen, ob ich das Wissen einer Schulabgängerin habe. Wenn dann die Frage
der Mitgift geklärt ist, muss ich noch eine Familie finden, die bereit ist mich zu adoptieren.“

„Eiso Wattjes sah seine Frau an und meinte: „Das mit dem Adoptieren ist wohl das kleinste Problem,
oder was meinst du, Frau?“ „Das sehe ich genau so, Monika ist für uns doch schon jetzt wie eine eige-
ne Tochter, dann soll sie es auch auf dem Papier werden.“ Zu Monika gewandt meinte sie: „Also, auf
uns kannst du zählen, wir würden uns alle freuen, wenn du zur unserer Familie gehören würdest.“

Doch noch bevor Monika sich bei den Wattjes bedanken konnte, kratzte Eiso sich am Kopf und meinte:
„Die Sache mit der Mitgift bereitet mir allerdings Kopfzerbrechen, wo bekommen wir die her?“ Doch
seine Tochter Fenna meinte seelenruhig: „Dann teilen wir die Mitgift für Wilma und mich einfach durch
drei, dann gibt es doch kein Problem.“

Diesmal ließ Monika die anderen nicht zu Wort kommen und sagte: „Ich habe doch etwas geerbt, die
Verwaltung von dem Geld übertragen wir Anwalt Meyerdirks, der hat sich bereit erklärt, sich darum zu
kümmern.“ „Ja dann,“ sagte Eiso Wattjes, dem jetzt ein dicker Stein vom Herzen gefallen war, sah er
doch seine kostbaren Ersparnisse bereits den Bach hinunterschwimmen, „dann ist doch alles klar, nun
müssen wir nur noch mit dem Rat sprechen, ob auch der seine Einwilligung dazu gibt, aber darum werde
ich mich gleich morgen selbst kümmern.

Wattjes hielt Wort, gleich am nächsten Vormittag ritt er nach Hohedörp und sprach mit dem Rat.
Anfangs war der Rat nicht begeistert, auf den anderen Seite hatte sich Monika im Land der alten Dörfer
einen guten Namen gemacht. Man verblieb so, dass die Ratsherren sich die Sache wohlwollend durch
den Kopf gehen lassen sollten, die Entscheidung über die Aufnahme von Monika würde am kommen-
den Sonntag in der Kirche verkündet werden.

Wattjes war mit dem Erreichten zufrieden und ritt nach Andersum zurück, während sich die Ratsherren
jeder für sich nach Hause zum Mittagessen zurückzogen. Allerdings ging es ihnen nicht nur um das
Essen, wie inzwischen bekannt, holten sie sich bei ihren Frauen Ratschläge ein, wie sie in einer solch
schwierigen Lage entscheiden sollten, was sie öffentlich natürlich nie zugeben würden.

Familie Wattjes lebte den Rest der Woche in gespannter Erwartung: Würden die Ratsherren den Antrag
von Monika annehmen oder sich darauf berufen, dass es so einen Fall in den ganzen Jahren noch nicht
gegeben hatte? Der Rat hielt gerne am althergebrachten Regeln fest, neue Sitten und Gewohnheiten
mochten sie absolut nicht leiden.

Am Sonntagmorgen war die Spannung im Haus der Wattjes schon fast greifbar, und auch wenn Eiso
Wattjes behauptete, ihn könne das nicht aufregen, so hatte er doch schon eine Viertelstunde vor der Zeit
die Pferde angespannt und drängte zum Aufbruch.

Als sie auf dem Dorfplatz von Hohedörp ankamen, wurden gerade die ersten Kettenmädchen in die
Kirche geführt und angebunden, das Geklirre ihrer Fußketten wurde von dem beginnenden
Glockengeläut übertönt. Nun kamen auch schon andere Gemeindemitglieder, teils zu Fuß, teils mit
Kutschen, auf dem Dorfplatz an.

Langsam und feierlich schritten die Leute in ihren alten friesischen Trachten in das Kirchenschiff, um
auf den Bänken Platz zu nehmen. Die Glocken wurden leiser und die Orgel stimmte einen Choral an. Der
Pastor stieg auf die Kanzel, begrüßte die Gemeinde, verkündigte wie immer, welche Mädchen zur
Abstrafung gebracht werden sollten.

Doch anstatt danach mit dem Gottesdienst zu beginnen, hielt er noch eine Ansprache: „Liebe Gemeinde,
heute ist ein ganz besonderer Tag, denn zum ersten Mal in der Geschichte im Land der alten Dörfer hat
eines der uns anvertrauen Mädchen den Wunsch geäußert, für immer bei uns bleiben zu wollen.“

Während der Pastor der Gemeinde die Angelegenheit erklärte, klopfte Monika das Herz bis zum Hals,
vor Nervosität war ihr ganz schummerig und sie konnte der Rede des Pastors kaum folgen, doch auch
dem erwachsenen Rest der Familie Wattjes erging es nicht viel besser.

Was sollte mit ihr werden, wenn die Gemeindemitglieder sie nicht in ihre Reihen aufnehmen wollten,
innerhalb von kürzester Zeit würde sie ihr neugefundenes Zuhause verlassen müssen, und wo sollte sie
dann hin, sie hatte doch niemanden mehr!

„Ich rufe auf das Mädchen der Familie Wattjes!“ dröhnte die gewaltige Stimme des Pastors durch die
Kirche, jetzt war der Moment der Entscheidung gekommen, langsam erhob sie sich und stand mit
gesenktem Kopf da, ihren Schicksalsspruch erwartend.

„Monika, Mädchen der Familie Wattjes, der Rat und die Gemeinde haben Deinen Antrag zur Kenntnis
genommen, und wir sind zu einer Entscheidung gekommen.“

Teil 43 Anja in Moorum 5

Alle acht der ins Moor verbannten Frauen hatten den Winter mehr oder weniger gut überstanden, die
ersten warmen Sonnenstrahlen des Jahres lösten langsam die Kälte, die ihnen tief in den Knochen saß.
Sie bauten zwar selbst den Torf ab, bekamen aber für ihre Hütte nur wenig Brennmaterial zugeteilt.

In dem letzten halben Jahr hatte sich in der Strafkolonie einiges verändert, so waren jetzt auf dem Weg
in das Dorf, der einzige schmale Zugang zu Moorum, zwei scharfe Schäferhunde an einer langen
Laufleine postiert worden, dadurch wurde jeder Gedanke an eine Flucht schon im Keim erstickt.

Man hätte jetzt durchaus auf die Ketten und Eisenkugeln bei den Frauen verzichten können, denn sie
waren, bis auf diesen einen Weg, von dem undurchdringlichen Moor eingeschlossen, aber es gehörte mit
zur Strafe, die Frauen leiden zu lassen.

Selbst Anja dachte nicht mehr daran einen Fluchtversuch zu unternehmen, inzwischen sah die
Ausweglosigkeit eines solchen Unternehmens ein, vielmehr dachte sie jetzt oft an die Familie de Fries,
bei der sie die erste Zeit im Land der alten Dörfer verbracht hatte. Die ersten Gedanken gingen immer
zu dem knusprig gebratenen, geräuchertem Bauchspeck mit Spiegeleiern, oder auch an das frischgebak-
kene, noch warme Rosinenbrot, dick mit Butter bestrichen.

Aber noch mehr fehlte ihr die Zuneigung, die Hanna de Fries ihr entgegengebracht hatte, die hatte es
wirklich gut mit ihr gemeint, und sie war so dumm gewesen, die gesamte Familie zu enttäuschen, was
für ein verdammtes Leben hatte sie sich dafür nur eingehandelt.

Doch für Anja wurde es nur noch schlechter anstatt besser: Ilona wurde aus der Strafkolonie entlassen
und hatte jetzt nur noch ein Jahr bei einer Bauernfamilie zu arbeiten.
Da es in der Zwischenzeit keinen Neuzugang gegeben hatte, waren auch nach Ilonas Entlassung noch 7
Frauen als Kettensträflinge in der Hütte, das hatte für Anja zur Folge, dass sie an ein bestehendes
Zweiergespann angekettet wurde. Nicht nur sie selbst, auch die anderen Frauen waren davon nicht
begeistert. Alleine schon zu zweit angekettet sein war eine harte Sache, nun mussten sie zu Dritt auf
einem Lager schlafen, und genauso mussten alle zusammen aufstehen, wenn sich eine erleichtern woll-
te.

Das Wetter wurde besser, also ging es wieder los mit dem Torfstechen. Die Aufseherin Bültena war mit
dem Dreiergespann nicht zufrieden, was aber weniger an der Arbeitsbereitschaft der drei zusammenket-
tenden Frauen, sondern mehr als an ihrer Unbeweglichkeit lag. Kurz entschlossen änderte Bültena die
Arbeitseinteilung, eine der drei Frauen wurde jeweils von dem Gespann erlöst, musste dafür aber im bei
der Hütte bleiben und sämtliche Arbeiten erledigen, zu dem das Kochen der Mahlzeiten genau so gehör-
te wie das Entleeren der Fäkalieneimer, von anderen Arbeiten gar nicht erst zu sprechen.

Jedenfalls wurde das Essen nun besser, jede von den Dreien gab sich die größte Mühe, aus dem vorhan-
denen Material das Beste zu machen. Baute eine von ihnen mal Mist, hatte sie den Ärger und Zorn der
anderen sechs Verurteilten zu fürchten. Die Bültena war mit dieser Lösung auf jeden Fall zufrieden, spar-
te sie sich doch die Entlohnung für die beiden alten Frauen, die sonst die Arbeit gemacht hatten.

Ausgerechnet Anja, die in früheren Zeiten mal gerade eine gefrorene Pizza aufbacken konnte, entwik-
kelte sich zu einem richtigen Kochtalent. Sie schaffte es immer öfter, aus den ihr zugeteilten
Lebensmitteln ein richtig leckeres Essen zu kochen. Ihre Kochkunst entwickelte sich soweit, dass sogar
die Bültena sich am Essen beteiligte, was zur Folge hatte, dass sich die Zutaten für alle vermehrten, denn
die Aufseherin wollte auf ein tüchtiges Stück Fleisch nicht verzichten, also wurde das eine oder andere
Huhn geschlachtet, oder es gab auch mal ein Hauskaninchen. Anja war clever genug, gut für ihre
Leidensgenossinnen zu sorgen, die es ihr damit dankten, dass sie ihr soviel Arbeit wie möglich abnah-
men.

Nach weiteren zwei Monaten brauchte Anja nicht mehr in das Moor um Torf zu stechen, sie hatte sich
nur noch um das leibliche Wohl von Bültena und ihrer Leidensgenossinnen zu kümmern, was ihr
wesentlich besser gefiel als die schwere körperliche Arbeit.

So hatten sich die Verhältnisse in dem Lager für alle um einiges verbessert, sogar die sonst sprichwört-
lich schlechte Laune der Bültena lockerte sich etwas auf. Als die Aufseherin nach einem (jedenfalls für
sie) reichlichen Essen zufrieden gerülpst hatte, wagte Anja es, sie anzusprechen: „Entschuldigen Sie bitte,
Frau Bültena, dürfte ich Ihnen eine Frage stellen?“

„Was willst du wissen?“ fragte sie zurück. „Können Sie mir sagen, bei welcher Familie Ilona jetzt arbei-
tet?“ „Natürlich weiß ich, wo sie untergekommen ist, dass werde ich dir aber nicht auf die Nase binden,
nicht nur, weil es dich nichts angeht, sondern weil du dann vor Neid zerfressen werden würdest, und
schließlich brauche ich dich hier noch, wer sollte denn sonst kochen.“

Teil 44

„Die Entscheidung ist uns nicht leicht gefallen, denn einen ähnlichen Fall haben wir noch nie gehabt.
Nun, liebe Gemeinde, werdet Ihr Euch fragen: Kann es überhaupt gut gehen, wenn ein Mädchen aus der
Welt Mitglied in dieser unserer Gemeinde sein möchte? Ist sie nicht schon zu sehr den Verlockungen
erlegen gewesen, kann sie auf Dauer ein bescheidenes und gottesfürchtiges Leben führen, ja, liebe
Gemeinde, was für Beweggründe kann sie haben?“

In der Kirche wurde es etwas unruhig, denn damit hatte der Pastor genau den Punkt angesprochen, den
viele nicht verstehen konnten, denn zuerst hatte sich dieses Mädchen mit Händen und Füßen gewehrt,
hatte sogar Frau Düring tätlich bedroht. Sollte sie sich in diesem Jahr wirklich so geändert haben, oder
was waren ihre wahren Gründe, um im Land der alten Dörfer leben zu wollen?

Der Pastor sah sich durch das Raunen in seiner Ansprache gestört und blickte streng auf die
Kirchenbesucher, die sofort wieder still wurden. Erst da setzte der Seelsorger seine Ansprache fort: „Der
Rat, der Bürgermeister und ich haben beschlossen, dem Mädchen Monika ein Probejahr einzuräumen. In
dieser Zeit hat sie den bei uns gültigen Schulabschluss nachzuholen, auch wird sie im Falle einer
Aufnahme genau wie alle unsere Mädchen und Jungen eine Probezeit außerhalb unserer Gemeinde
absolvieren müssen. Die Familie Wattjes hat sich bereit erklärt, Monika zu adoptieren, so ist also auch
für ihre Unterkunft und Verpflegung gesorgt. Und nun, liebe Gemeinde, beginnen wir mit unserem
Gottesdienst.“

Nach dem Kirchgang stand Familie Wattjes zusammen mit Monika auf dem Dorfplatz, um noch, wie
jeden Sonntag, Neuigkeiten auszutauschen, doch diesmal sollten sie nicht viel erfahren, denn dauernd
kamen Leute, um Monika zu ihrem Entschluss zu gratulieren, allen voran die Schmiedeleute Düring,
gefolgt von den Nachbarn de Fries, der Frau des Bürgermeisters und vielen anderen mehr.

Wieder auf dem Hof der Wattjes angekommen, kümmerten sich die Frauen um das Mittagessen,
anschließend wurde besprochen, was nun als erstes zu tun wäre. Schnell wurden sie sich darüber einig,
dass Monika sich als erstes um die Schulprüfung kümmern sollte.

Fenna holte ihre Schulbücher hervor und gab sie Monika, damit sie sich einen Überblick verschaffen
konnte. Bei den meisten Fächern hatte Monika keine Bedenken, für die Prüfungen in Deutsch und
Rechnen brauchte sie ganz bestimmt nichts tun, auch was das Fach Geschichte anbelangt sah sie keine
Probleme, da sich der Stoff, der überwiegend von der Entwicklung vom Land der alten Dörfer selbst und
von den befreundeten Gemeinden handelte, schnell zu lernen war. Wesentlich schwieriger war für sie
das Fach Religion, auf das hier großen Wert gelegt wurde, bevor sie hierher kam, hatte sie sich (außer
in der Schule) mangels Interesse überhaupt nicht mit dem Thema beschäftigt.

Die schulischen Leistungen würden vom Lehrer geprüft werden, doch die Kenntnisse der Religion wür-
den vom Pastor hinterfragt werden, der in dieser Angelegenheit ziemlich streng war. Es wurde beschlos-
sen erst die schulische Prüfung abzulegen, dann hätte sie die erste Hürde hinter sich und könnte sich
voll auf die Religion konzentrieren.

Zur Feier des Tages bereitete Swantje am Abend noch Mehlpüt zu, einen Hefekloß, der in einem
Leinentuch über Wasserdampf gargezogen wird, dazu gab es Zucker und zerlassene Butter.

Später am Abend lagen Fenna und Monika in ihrer Buzze und unterhielten sich noch leise, Fenna erzähl-
te ihr Geschichten von Mädchen, die ihre Bewährungszeit bereits hinter sich hatten und ihr von dem
Erlebten berichtet hatten. Für manche war es eine schwere Zeit gewesen, andere schwärmten in den
höchsten Tönen von der schönen Zeit, die sie dort verbracht hätten. Irgendwann schliefen die Beiden ein
und träumten von der Zukunft.

Am nächsten Vormittag, die Kinder waren zur Schule und Eiso Wattjes reparierte Zäune auf einer Weide,
kam wie immer um die gleiche Zeit der Milchwagen mit den leeren Kannen von Hohedörp zurück. Bei
jedem Haus hielt er an und stellte die Milchkannen in die Hofeinfahrt, so auch bei Wattjes. Swantje und
Monika kamen gleich aus der Küche heraus um die Kannen hereinzuholen, da sahen sie auf der
Ladefläche des Ackerwagens ein Kettenmädchen sitzen. Als der Wagen bei dem Hof der de Fries hielt,
lud der Kutscher erst die Kannen ab, löste die Halskette des Mädchens und führte sie zu dem Haus.

Da kam auch schon Hanna aus der Tür, der Kutscher grüßte und übergab die Kette des Mädchens mit
folgenden Worten: „Da ihr mit dem letzten Mädchen kein Glück hattet, wurde vom Rat beschlossen, euch
dieses Mädchen anzuvertrauen. Sie war über ein Jahr in Moordorf und hat noch mindestens ein Jahr zu
arbeiten, bei der kleinsten Verfehlung wird sich ihre Zeit verlängern, so soll ich es euch vom Rat aus-
richten.“ Er grüßte noch mit einem kurzen „Moin“ und ging zu seinem Gespann zurück, um auch die
restlichen Kannen noch im Dorf zu verteilen.

Das Mädchen stand mit gesenkten Augen vor ihrer neuen Herrin, sie wagte nicht aufzublicken, bevor
sie angesprochen wurde. Hanna, die seit ihrer schlechten Erfahrungen mit Anja nicht mehr ganz so ver-
trauensselig war, sagte zu ihr: „Mein Name ist de Fries, wie du dich zu verhalten hast, dürftest du, wenn
du schon in Moordorf gewesen bist, wohl wissen.“

„Ja, Frau de Fries.“ sagte sie und machte den vorgeschriebenen Knicks. Hanna forderte sie auf, die
Eisenkugel an ihrer Fußfessel hochzunehmen und zog das Mädchen an der Kette in den Stall, befestige
die Kette mit einem Schloss an einem in der Wand eingelassenen Eisenring und meinte: „Deine Ankunft
war nicht angemeldet worden, darum habe ich im Moment auch keine Zeit für dich, aber hier im Stall
bist du ja gut aufgehoben.“ Eine Antwort nicht mehr abwartend drehte sie sich um, und ließ das
Mädchen alleine im Stall zurück.

Wieder am Herd stehend (heute mittag sollte es „Döörstamt Wuddels un pökelt Isbeen“ (durchgestampf-
te Karotten und Kartoffeln mit gepökeltem Eisbein) geben, und sie hatte schon Bedenken gehabt, das ihr
das Essen angebrannt wäre, doch ihre Mutter hatte ein wachsames Auge auf den Eintopf gehabt.

„Der Rat hat uns ein neues Mädchen schicken lassen, der Milchkutscher hat sie gerade bei uns abgelie-
fert.“ erzählte sie ihren Eltern. Wir haben dich mit ihr am Fenster vorbeilaufen sehen, weißt du, wo sie
herkommt?“ wollten die Alten wissen.

Das einzige, was ich euch sagen kann ist, dass sie das letzte Jahr in Moordorf verbracht hat, mehr weiß
ich im Moment auch nicht.“ Ihr Vater rieb sich nachdenklich das Kinn und meinte: „Hoffentlich haben
wir mit der etwas mehr Glück als mit der letzten.“ Ihre Mutter aber meinte: „Keines der Mädchen, das
zur Strafe in den Torf musste, hat sich danach noch einmal schlecht benommen, warum sollte es bei die-
ser hier anders sein.“

„Wollen wir es hoffen,“ sagte Hanna, „sonst ende ich hier noch als alte Jungfer, weil ich nie Gelegenheit
bekomme, meine Bewährungszeit hinter mich zu bringen.“

Währenddessen saß das Mädchen nachdenklich im Stall, hier war es durch die Tiere zwar angenehm
warm, dafür war der Empfang bei dieser Bauernfamilie aber auch ziemlich kalt gewesen. „Das ist allein
Anjas Schuld,“ dachte sie Ilona bei sich, „die Leute hier sind jetzt bestimmt sauer auf alle
Kettenmädchen, und wenn diese Frau de Fries, die mich hier in den Stall gebracht hat, die nette und ver-
ständnisvolle Hanna sein soll, von der Anja mir erzählt hat, möchte ich ihren Bruder Wilko de Fries lie-
ber gar nicht erst kennenlernen!“

Am späten Nachmittag kam der Jungbauer von der Arbeit zurück, aber erst nach der Vesper wurde ihm
von dem neuen Mädchen erzählt, schließlich wollte ihm keiner den Appetit verderben. „So, so, sieh mal
einer an, der Rat ist ja richtig tüchtig.“ meinte er nur, stand auf und ging in den Stall, um sich das neue
Mädchen einmal anzusehen.

Ilona war durch die ungewohnte Wärme in dem Stall in einen leichten Schlaf gefallen, so hatte sie nicht
mitbekommen, dass Bauer Wattjes mit einem Mal vor ihr stand. Wach wurde sie erst, als der laute Befehl:
„Aufstehen!“ kam. Trotz ihrer Ketten sprang sie wie ein Wiesel auf ihre Füße, mit klopfendem Herzen
und gesenktem Blick wartete sie auf weitere Befehle, doch de Fries brummte nur: „Na, ja!“ und ging in
die Küche zurück, um mit seiner Familie die nächsten Schritte abzuklären, die wegen des neuen Mädchen
unternommen werden mussten.

Teil 45

Wie überall, wurde auch bei de Fries in aller Herrgottsfrühe gefüttert und gemolken, wobei Hanna und
Wilko das neue Mädchen, dass immer noch im Stall angekettet war, nicht beachteten. Erst nach der mor-
gendlichen Arbeit brachte Hanna Tee und belegte Brote in den Stall, Familie de Fries hatte sich vorge-
nommen, mit dem neuen Mädchen wesentlich strenger umzugehen als mit ihrer Vorgängerin.

Für Ilona waren der starke Tee und die gut belegten Brot das reinste Festmahl, wenn sie da an den
schlabberigen Tee und das alte Brot im Torflager dachte, hatte sich ihre Lage doch wesentlich verbes-
sert, auch wenn ihr der Jungbauer ziemlich Angst einjagte.

Später am Morgen kam Hanna de Fries mit einer anderen Frau in den Stall, ihre Kette wurde gelöst, sie
hatte wieder ihre Eisenkugel hochzunehmen und wurde in die Melkkammer geführt. Während die
Jungbäuerin mit zwei Eimern in die Küche ging, fing die andere an, ihr das Kleid, wenn ein verdreckter
Putzlumpen so genannt werden kann, auszuziehen. Frau de Fries kam zwei Eimern heißem Wasser
zurück und meinte zu der anderen Frau: „So, Monika, dann wollen wir aus diesem Moorhuhn erst mal
wieder ein sauberes Mädchen machen.

Während Ilona von den Frauen mit Wasser, Seife, Lappen und Bürste bearbeitet wurde, bis ihre Haut
schon fast rot war, überlegte sie, ob diese Monika das Kettenmädchen war, von der Anja gesprochen
hatte, aber das konnte nicht sein, denn sie trug außer einem wunderschönen Halsreif, der aber nur
Schmuck sein konnte, keine Fessel. Auch legte sie nicht das unterwürfige Verhalten, dass einem
Kettenmädchen eigen war, an den Tag, im Gegenteil, diese Monika und die Frau de Fries schienen eher
Freundinnen zu sein.

Nachdem auch die Haare gewaschen und mit einem Handtuch einigermaßen getrocknet waren, bekam
sie ein einfaches Kleid übergezogen, in dem sie sich aber wie eine Königin vorkam. Alleine schon das
Gefühl der Sauberkeit löste Dankbarkeit in ihr aus, doch als sie dann in die Küche geführt, den alten de
Fries vorgestellt und sich zur Vormittagsvesper mit an den Tisch setzen durfte, fühlte sie sich zum ersten
Mal seit langer Zeit wieder als ein Mensch.

Sie fing gerade an sich etwas zu entspannen, als Wilko de Fries in die Küche kam. Mit einem Satz sprang
sie von der Bank hoch, senkte ihren Blick auf den Boden und wagte kaum zu atmen. Wilko blieb einen
Meter vor ihr stehen und sagte: „Sieh mich an!“ Ilona schaute in die Augen des Bauern und wartete
stumm.

„Jetzt hör gut zu, Mädchen. Wir sind keine Unmenschen, wir wollen dir auch nichts Böses, aber wir
erwarten von dir, dass du dich anständig verhältst und hart arbeitest. Wenn du dich daran hältst, sollst
du es bei uns gut haben, wenn du uns aber wie Deine Vorgängerin enttäuschst, bist du schneller als der
Blitz zurück in Moorum, ist das klar?“

„Jawohl, Herr de Fries!“ und wieder der tiefe Knicks, „ich verspreche Ihnen, dass ich mich anständig füh-
ren werde, sie können sich darauf verlassen.“ „Wenn das so ist, „sagte er aufgeräumt, „dann lass uns
jetzt mit der Vesper anfangen.“ Ilona zögerte noch, aber Hanna gab ihr ein Zeichen, dass sie sich ruhig
hinsetzen dürfe.

Beim Anblick der auf dem Tisch liegenden, deftigen Köstlichkeiten, wie geräucherten Schinken, Käse,
Mett- und Pümmelwurst, (Pümmelwurst ist eine ostfriesische Spezialität) Leber- und Rotwurst, eingeleg-
te Gurken und Kürbisse, eine große Schale mit Butter, dazu dann Schwarz,- Weiß- und Graubrot, und
lief Ilona zwar das Wasser im Mund zusammen, aber sie zu ängstlich, um sich von diesen Herrlichkeiten
etwas zu nehmen.

Erst als der alte de Fries sagte: „Jetzt fang aber an zu essen, Mädchen, ohne etwas im Bauch kannst du
schließlich auch nicht arbeiten.“ und Wilko de Fries ihr aufmunternd zunickte, fing sie an, sich zu bedie-
nen. Das Beste für sie war frisches Weißbrot, dick mit Butter bestrichen und mit Käse belegt, das sie so
andächtig aß, als wenn ein Meisterkoch ein Deichlammbraten im Kräutermantel für sie zubereitet hätte.

Wieder fing sie gerade an sich etwas wohler zu fühlen, als Wilko meinte, dass es nun Zeit wäre nach
Hohedörp zum Schmied zu fahren. Bei Ilona klingelte sofort eine innere Alarmglocke, den Schmied hatte
sie in keiner guten Erinnerung. Schon zehn Minuten später hatte der Bauer die Pferde vor den Wagen
gespannt und Hanna kam mit Ilona nach draußen.

Nachdem Wilko erst die Eisenkugel und dann Ilona auf den Wagen gehoben hatte, befestigte er ihre
Halskette an einem Ring, währenddessen Hanna es schon wieder nicht lassen konnte, fürsorglich zu wer-
den und dem Mädchen eine Decke umzulegen.

Schweigend verlief die Fahrt nach Hohedörp, während Wilko daran dachte, dass es für ihn so langsam
Zeit würde sich eine Braut zu nehmen, fragte Ilona sich, was der Schmied diesmal mit ihr anstellen
würde.

Zum Glück regnete es an diesem Tag im April nicht, so kamen sie trocken in Hohedörp an. Die Kette
lösen und das Mädchen von dem Wagen herunterheben war eine Sache von wenigen Sekunden, und ehe
Ilona sich versah, stand sie schon wieder einmal in der ihr so schlecht in Erinnerung gebliebenen
Schmiede.

In der Werkstatt war außer dem Schmiedemeister Düring auch noch seine Frau anwesend, die Ilona mit
einem abschätzenden Blick musterte, sie hatte schon zu viele von den Mädchen erlebt, die während der
Behandlung ihres Mannes in Panik geraten waren.

Zuerst wurde ihr die Armkette, die auch durch den Halsreif lief, entfernt, dann hatte Ilona sich beim
Amboss niederzuknien, wurde aufgefordert ihr Halseisen festzuhalten, und schon begann Düring auch
schon damit, den Eisenstift aus dem Halseisenscharnier herauszuarbeiten. Bei jedem Schlag mit dem
Hammer dröhnte Ilonas Kopf, der Schmied geriet langsam in Schweiß, dann endlich fiel der Eisenstift
aus dem Scharnier heraus.

Im gleichen Augenblick war Frau Düring zur Stelle und strich ihren Hals mit einer Salbe ein. Noch ehe
Ilona nach über einem Jahr ihren Hals befühlen konnte, wurde ihr schon wieder ein Halsreif umgelegt.
Auch jetzt kam wieder die gleiche Prozedur, der Schmied verschloss den Reif mit einem glühenden
Eisenstift, aber immerhin legte er ein Stück Leder an ihren Hals, um ihr durch die Funken keine unnö-
tigen Schmerzen zu verursachen.

Die fest angeschmiedeten Arm- und Beinreifen wurden entfernt und durch abnehmbare Reifen ersetzt,
auch der schwere Strafkeuschheitsgürtel wurde abgenommen und durch einen leichteren Gürtel ersetzt.

Als letzte Arbeit wurde wieder eine Kette an die Fußfesseln angeschlossen, auch legte der Schmied noch
eine weitere Kette bereit, die im Bedarfsfall an den Handgelenken angeschlossen werden konnte.

Nachdem de Fries die Schlüssel für die Fesseln und den Keuschheitsgürtel bekommen hatte, verabschie-
dete er sich von den Schmiedeleuten, selbst Ilona machte unaufgefordert einen Knicks und ließ sich zu
dem Wagen zurückführen.

Wieder wurde sie von ihrem Bauern auf den Wagen gesetzt und ihre Kette am Fahrzeug befestigt. Ilona
störte das alles nicht, denn im Moment fühlte sie sich richtig gut: Gewaschen, frische Kleidung, ein vol-
ler Magen und endlich wieder leichtere Eisenfesseln, vor allen Dingen war sie jetzt die Eisenkugel los,
die ihr das letzte Jahr über das Leben so schwer gemacht hatte.

Teil 46

Wieder in Andersum angekommen wurde Ilona an die Laufkette angeschlossen und die Fußfesseln wur-
den ihr abgenommen. Es war schon ein tolles Gefühl für sie, die Füße ohne das Gewicht von Fesseln und
Kette bewegen zu können.

Hanna teilte ihr einfache Arbeiten zu, die für Ilona jedoch kein Problem waren, hatte sie vor ihrer Zeit
in Moordorf schon über ein halbes Jahr bei einem anderen Bauern gearbeitet. Sie half Hanna bei der
Zubereitung des Mittagessens, deckte den Tisch, ihr brauchte auch nur einmal gesagt werden, wo wel-
che Sachen in den Schränken standen oder wie es gemacht werden sollte, dieses Mädchen erledigt wil-
lig alle Arbeiten.

Kurz nach dem Mittagessen, doch selbstverständlich erst nach dem Teetrinken, nutzte Hanna die Gunst
der Stunde, um eben schnell bei Wattjes hereinzusehen, das konnte sie sich jetzt auch mal erlauben, ihre
Arbeit blieb ja nun auch nicht mehr liegen.

Als sie zu Wattjes in die Küche kam, sah sie Monika schon wieder über den Büchern sitzen. „Du entwik-
kelst dich zu einer richtigen Streberin.“ meinte Hanna zu ihr. „Lass man, ich glaube ich bin jetzt soweit,
dass ich mich für Schulprüfung melden kann. Aber erzähl doch mal, wie du mit dem neuen Mädchen
zurechtkommst.“

„Soviel ich bis jetzt sagen kann, macht sie sich ganz ordentlich, zumindest ist sie willig, hat eine schnel-
le Auffassungsgabe und redet nur, wenn sie angesprochen wird.“ „Normalerweise müsste sie doch auch
Anja kennen, hat sie irgendetwas erzählt?“ „Nein, das nicht, aber ich habe sie auch nicht danach gefragt.
Aber lass ihr noch ein paar Tage Zeit, dann werde ich mich mal schlau machen.“

Ein paar Tage später kam für Fenna der große Tag: Sie wurde aus der Schule entlassen und in den Kreis
der Frauen aufgenommen. Vorher war Swantje schon mit ihr bei Frau Düring gewesen, um ihr den ersten
Keuschheitsgürtel anmessen zu lassen. Zwei Tage vor dem großen Ereignis holte Wattjes stolz den ersten
Tugendwächter für seine Tochter beim Schmied ab und brachte ihn seiner Frau, die ihn in eine Truhe
legte.

Am Sonntagmorgen war es dann soweit: Fenna sollte zum ersten Mal ihren Gürtel umgelegt bekommen.
Monika und Fenna waren schon in der Melkkammer, als Swantje den Gürtel hereinbrachte, der nun erst
einmal prüfend betrachtet wurde. Doch der Schmied hatte wirklich saubere Arbeit geleistet, es gab nicht
die kleinste Stelle zu bemängeln. Während Fenna sich die Wäsche auszog und Swantje sie mit der Salbe
einrieb, strich Monika die Innenseiten des KG gründlich ein. Monika legte ihr den Taillengürtel um,
Swantje zog das Schrittblech durch die Beine und ließ es in die Halterung einrasten, und hängte dann
das Schloss ein, um zum ersten Mal ihre Tochter zu verschließen.

Dabei sagte sie die alten Worte, die von den Frauen von Generation zu Generation weitergegeben wur-
den:

Der Gürtel ist ein Zeichen der Fraulichkeit,


nun bist auch du dafür bereit,
trage ihn stolz und in Ehren,
niemals darfst du dich dagegen wehren.
Und bist du vermählt und hast einen Mann,
der nimmt den Schlüssel für dich an.
In der Hochzeitsnacht ist’s dann soweit,
dann wirst du von ihm aus dem Gürtel befreit,
Was danach passiert, das wirst du schon sehn,
folg nur dem Gefühl, du wirst schon verstehn,
Bleib immer arbeitsam, fromm, keusch und tüchtig,
dann, liebes Kind, machst du uns alle glücklich.

Nach diesen Worten drehte Swantje den Schlüssel des Schlosses um, zog ihn ab und steckte ihn in ihre
Tasche. Fenna ließ den Rock fallen und Mutter und Tochter schlossen sich in die Arme, dann fiel Fenna
Monika um den Hals. „Heut ist der schönste Tag in meinem Leben.“ rief sie ausgelassen.

Am liebsten wäre Fenna jetzt durch Andersum gelaufen und hätte jedem erzählt: Ich trage jetzt auch
einen Keuschheitsgürtel, doch einmal gehörte sich das nicht, zum anderen wurde es nun Zeit nach
Hohedörp zu fahren, denn die offizielle Zeremonie fand ja während des Gottesdienstes statt.

Der Rest der Familie wartete schon bei der Kutsche, als die drei Frauen aus dem Haus kamen. Fenna lief
zwar etwas breitbeinig, hätte aber um keinen Preis der Welt zugegeben, dass das Tragen eines
Keuschheitsgürtels doch gewohnheitsbedürftig ist. Den ersten Dämpfer bekam sie aber schon, als sie sich
nach alter Gewohnheit auf die harte Bank fallen ließ, ein leises „Aua“ konnte sie sich nicht verkneifen.

In Hohedörp angekommen ging es gleich in die Kirche, die Familien setzten sich auf ihre angestamm-
ten Plätze, nur die schulentlassenen Mädchen und Jungen hatten vor der Kirche zu warten. Der Pastor
stieg diesmal nicht auf die Kanzel, sondern blieb vor dem Altar stehen und sagte: „Zu meiner großen
Freude ist heute keines der uns anvertrauten Mädchen zur Abstrafung gemeldet worden, wir können
gleich mit unserem Gottesdienst beginnen. Als die Orgel anfing zu spielen, wurden beide Kirchentüren
weit geöffnet und die Mädchen und Jungen kamen einer nach dem anderen langsam und feierlich in die
Kirche, und stellten sich mit dem Gesicht zur Gemeinde in einer Reihe auf.

Für den Pastor war das mal wieder eine willkommene Gelegenheit, eine überlange Ansprache zu halten:
Über die Unbeschwertheit der Jugend kam er zu den Sorgen der Eltern, sprach von der großen
Verantwortung, die diese jungen Menschen ab heute zu tragen hätten, gab viele unnötige und überflüs-
sige Ratschläge. Doch bevor er sich noch weiter auslassen konnte, hörte der Pastor seine Frau sich mehr-
mals kräftig räuspern, für ihn ein Zeichen, jetzt schnell mit seiner Ansprache ans Ende zu kommen.

Doch auch der Bürgermeister ließ es sich nicht nehmen noch ein paar passende Worte zu sagen, aller-
dings war schon fast alles vom Pastor erwähnt worden, so dass er sich (und die Gemeinde war ihm auf-
richtig dankbar dafür) doch kurz fassen konnte.

Nach dem Gottesdienst traf sich alles auf dem Dorfplatz um den jungen Mitgliedern der Gemeinde zu
gratulieren, bei den Jungs wurde dann die Hand extra stark gedrückt, oder es gab einen freundschaftli-
chen Schlag auf die Schulter, das musste so sein, denn sie gehörten ja nun mit zu den Männern, außer-
dem sollten sie diesen Tag in ihrem Leben nie vergessen.

Bei den Mädchen ging es wesentlich feinfühliger zu, jede Gratulantin nahm Fenna in den Arm und
drückte sie, allerdings fühlte auch jede an ihre Taille, ob sie nun auch wirklich einen Keuschheitsgürtel
trug. Das war im Land der alten Dörfer schon immer so gewesen, und Fenna gefiel diese alte Sitte,
schließlich hatte sie lange genug auf ihren Keuschheitsgürtel warten müssen und war stolz darauf, ihn
endlich tragen zu dürfen.

Auf der Rückfahrt nach Andersum war Fenna recht schweigsam, blickte mit verträumten Augen vor sich
hin. Während Eiso Wattjes und der Rest der Familie davon ausgingen, dass sie jetzt einfach nur glück-
lich wäre, wussten Swantje und Monika es besser: Fenna hatte soeben den Vorteil eines eng sitzenden
Schrittbandes erkannt.

Teil 47

Nur zwei Sonntage später gab es das nächste große Ereignis im Haus von Wattjes: Monika hatte ihre
Strafzeit abgedient und sollte nun als ein Gemeindemitglied aufgenommen werden, wenn auch nur erst
mal für ein Jahr auf Probe.

Vor ein paar Tagen war Anwalt Meyerdirks mit den Adoptionspapieren gekommen, nachdem er allen
Beteiligten noch einmal klar gelegt hatte, dass es von diesem Schritt kein Zurück geben würde, hatten
Wattjes und Monika unterschrieben. Nun mussten sie noch darauf warten, dass diese Unterlagen von
einem Gericht in der Welt bearbeitet würden und sie eine schriftliche Bestätigung erhielten, doch
Meyerdirks meinte, das er alles gut vorbereitet hätte und er ihnen die Bestätigung schnellstmöglichst
hereinbringen würde.
Nun war Monikas großer Tag gekommen, die offizielle Aufnahme fand natürlich in der Kirche statt. Der
Bürgermeister bestand darauf, als erster eine Ansprache zu halten, diesmal wollte er sich von dem Pastor
nicht ausbooten lassen, außerdem war das ja auch mehr eine weltliche Handlung. Je länger der
Bürgermeister redete, um so unruhiger wurde der Pastor, was natürlich auch die Gemeinde mitbekam.
„Recht so,“ dachten die meisten von ihnen, „jetzt ist der Spieß mal umgedreht.“

Jedenfalls machte der Bürgermeister seine Sache sehr gut, Monika wurde feierlich in die Gemeinde auf-
genommen und auch Anwalt Meyerdirks war anwesend, der Wattjes im Beisein der Gemeinde die
Adoptionsurkunde überreichte. Jetzt durfte der Pastor, dem das Grinsen seiner Schäfchen nicht entgan-
gen war, endlich seinen Gottesdienst beginnen. Er konnte es sich natürlich nicht verkneifen, sich für die
Schadensfreude der Gemeindemitglieder zu rächen und hielt eine ellenlange Predigt, die von den
Anwesenden mit manchen Seufzern quittiert wurde.

Nach dem Kirchgang versammelten sich die meisten auf dem Dorfplatz, und fast alle kamen, um Monika
zu gratulieren und sie in ihrer Gemeinschaft willkommen zu heißen. Eiso Wattjes war froh, als sie end-
lich zur Kutsche zurückgingen, ihm knurrte schon seit einer Stunde der Magen.

In Andersum angekommen forderte Swantje Monika auf, ihre graue Schürze abzulegen, ab jetzt gehöre
sie ja nicht mehr zu den Kettenmädchen, also dürfe sie ab sofort eine weiße Schürze tragen. Schon sol-
che kleine Gesten machten die inzwischen bescheiden gewordene Monika restlos glücklich und so sagte
sie: „Vielen, vielen Dank, Frau Wattjes.“ „Was heißt denn hier Frau Wattjes, haben wir dich nun adop-
tiert oder nicht? In Zukunft sagst du einfach Mutter zu mir, und das „Sie“ ist natürlich auch vergessen.“

Ganz einfach war das für Monika am Anfang nicht, schließlich hatte sie ihre neuen Eltern ein Jahr lang
förmlich ansprechen müssen, doch nach wenigen Stunden hatte sie sich daran gewöhnt, sie hatte sich
ja auch die ganze Zeit über wie eine Tochter der Wattjes gefühlt.

Den Rest des Sonntags verbrachte Wattjes in gewohnter Weise, sie ließen es ruhig angehen. Nach dem
Teetrinken gingen Fenna und Monika noch etwas spazieren, als sie die Dorfstrasse hinunterliefen kam
ihnen Hanna entgegen, das neue Mädchen an der Kette mit sich führend.

Die drei unterhielten sich angeregt, während Ilona mit gesenktem Blick danebenstand. Aus den
Augenwinkeln sah sie immer wieder zu Monika hin, inzwischen war sie fest davon überzeugt, dass es
die Monika war, von der Anja öfters gesprochen hatte. Außerdem hatte sie am Morgen ja noch, genau
wie sie selbst, die graue Schürze der Kettenmädchen getragen, und auch wenn sie jetzt eine weiße
Schürze trug, so hatte sie doch noch immer den Halsreif um, auch wenn es sich dabei anscheinend um
ein edles Teil handelte.

Die drei Mädchen führten wirklich ein langes Gespräch, Fenna erzählte erst lang und breit, wie sie mit
dem Keuschheitsgürtel klar kommen würde, Monika schilderte ihre Eindrücke von diesem Sonntag, nur
Hannas Thema war immer das gleiche: Sie wollte unbedingt ihre Bewährungszeit hinter sich bringen,
andere in ihrem Alter wären schon längst verheiratet, inzwischen hatte sie richtig Angst, dass ihr
Liebster sich eine andere suchen und sie niemals einen Mann kriegen würde.“

Hanna konnte zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen, dass an ihrem Problem bereits gearbeitet wurde, und
auch Monika konnte jetzt noch nicht wissen, dass auch sie unmittelbar an der Problemlösung beteiligt
war.

Für die Mädchen wurde es langsam Zeit nach Hause zu gehen, schließlich erledigte sich die Stallarbeit
nicht von allein, und keine von ihnen würde es auch nur im Traum einfallen sich vor der Arbeit zu drük-
ken, nicht im Land der alten Dörfer.

Nach der Stallarbeit und nach dem Abendbrot saß Familie Wattjes gemütlich in der Küche zusammen,
jeder ging einer Tätigkeit nach, während die Kleinen noch etwas spielen durften, Wattjes in der Bibel las,
waren Swantje und Fenna am Ausbessern der Wäsche, und Monika beschäftigte sich mit dem Lernen
von Gesangsversen. Doch diese gemütliche Runde endete schlagartig, als es an der Tür klopfte und
Wattjes: „Nur herein“ rief. Die Tür ging auf und Wattjes meinte. „Das ist doch mal ein netter Besuch,
kommt nur herein und setzt euch zu uns.“

Teil 48

Bei dem Besuch handelte es sich um die beiden alten de Fries, den Eltern von Hanna und Wilko.
Nachdem die ersten Neuigkeiten ausgetauscht und die erste Tasse Tee getrunken war, kam der alte de
Fries auf den Grund des Besuches zu sprechen:

„Wie ihr alle wisst, haben wir seit einiger Zeit ein neues Mädchen bei uns im Haus, die sich bisher gut
gemacht hat. Sie ist willig, arbeitsam und weiß sich auch zu benehmen. Leider fehlt ihr noch die
Erfahrung, um alle Arbeiten im Haus oder im Stall alleine machen zu können. Bevor dieses neue
Mädchen selbstständig arbeiten kann, und in der Lage wäre Hanna zu vertreten, würde schon wieder
mindestens ein halbes Jahr vergehen, und wir brauchen euch nicht zu erzählen, wir gern Hanna ihre
Bewährungszeit hinter sich bringen möchte, auch wenn sie sich nie beklagt, wissen wir doch, wie wich-
tig ihr das ist.“

„Das ist wohl war,“ meinte Swantje, „alle anderen in ihrem Alter haben diese Zeit schon längst hinter
sich, es wird nun wirklich Zeit für sie.“ „Wie wahr, wie wahr,“ sagte Frau de Fries, „und wenn mein Mann
und ich noch etwas jünger und kräftiger wären, würden wir sie jetzt in die Bewährungszeit schicken las-
sen, doch wir beiden Alten sind unserem Sohn keine große Hilfe mehr, und das neue Mädchen ist ein-
fach noch nicht soweit.“

„Können wir euch bei dem Problem irgendwie behilflich sein?“ wollte Eiso Wattjes wissen. Die alten de
Fries sahen sich an, es war ihnen anzumerken, dass ihnen ihr Anliegen nur schwer über die Lippen kam.

„Tja, also, Eiso Wattjes,“ sagte de Fries sichtlich verlegen, „uns ist da eine Möglichkeit in den Sinn
gekommen, aber bevor ich weiterspreche möchte ich euch sagen, dass wir es euch nicht übel nehmen
werden, wenn ihr nicht damit einverstanden seid.“

Wattjes sahen ihn nur erwartungsvoll an und so sprach er weiter: „Eure Monika ist eine tüchtige Deern,
und normalerweise wäre sie schon nicht mehr bei euch, ihre Zeit hat sie ja abgedient. Darum wollten
wir fragen, ob nicht die Möglichkeit besteht, dass sie ein halbes Jahr bei uns arbeiten und wohnen könn-
te, dann würde Hanna endlich ihre Bewährungszeit hinter sich bringen können.“

„Dat is ja nu watt.“ sagte Eiso Wattjes ziemlich überrascht, auch Swantje sah nicht unbedingt glücklich
aus. Monika, die es am meisten anging, saß dabei und sagte nichts, schließlich hatten die älteren Leute
zu entscheiden, zu fügen hatte sie sich allemal.

„Das kommt nun doch ziemlich überraschend.“ meinte Swantje und wandte sich zu Monika. „Was meinst
du denn davon?“ wollte sie von ihr wissen. „Ich halte das für eine gute Idee, damit wäre Hanna gehol-
fen.“ gab Monika zurück, ohne sich anmerken zu lassen, dass sie diese Idee sogar für hervorragend hielt,
würde sie dann doch viel in der Nähe von Wilko de Fries sein, auf den sie schon lange ein Auge gewor-
fen hatte.

Im Land der alten Dörfer ist Hilfsbereitschaft eine Selbstverständlichkeit, so dauerte es nur wenige
Minuten bis die Wattjes sich dazu durchgerungen hatten, auf diesen Vorschlag einzugehen. „Es ist
schließlich unsere Christenpflicht zu helfen, wenn Hilfe erforderlich ist.“ meinte Eiso Wattjes salbungs-
voll, zu gerne kehrte er den guten Christen hervor, wenn sich die Gelegenheit dazu ergab. Doch die ande-
ren kannten ihn alle zu gut, um ihm diese Marotte übel zu nehmen.

Da der Weg für Hanna nun geebnet war, wurde auch gleich der Rat davon in Kenntnis gesetzt. Nun hat-
ten die Ratsherren in bezug auf Hannas Bewährungszeit schon seit langem ein schlechtes Gewissen,
daher überschlugen sie sich fast vor Eifer, diese Angelegenheit endlich zum Abschluss zu bringen, nach
vierzehn Tagen bekamen de Fries den Bescheid, das Hanna sich in genau neun Tagen zur Abfahrt bereit
zu halten hätte.

Mit einer so schnellen Reaktion hatten weder de Fries noch Wattjes gerechnet, aber im Endeffekt war es
auch egal, denn je eher Hanna aufbrach, um so eher würde sie auch wieder zurück sein.

Schon einige Tage vor Hannas Abfahrt wurde Ilona gesagt, dass sie in den nächsten Tagen zu Wattjes
kommen würde, für Ilona brach fast eine Welt zusammen, weil sie davon ausging, dass man, aus wel-
chen Gründen auch immer, mit ihrer Arbeit oder ihrem Verhalten nicht zufrieden war. Erst als Hanna sie
aufklärte, warum sie das nächste halbe Jahr bei Wattjes zu verbringen hätte, beruhigte sie sich wieder.

Für die beiden jungen Frauen war der Tausch von den Familien schon eine unterschiedliche
Angelegenheit, während Ilona, die sich gerade bei den de Fries etwas eingewöhnt hatte, Angst vor den
ihr relativ unbekannten Wattjes hatte, freute sich Monika, nun ständig in der Nähe von Wilko de Fries
zu sein.

Schnell kam der Tag, an dem für Hanna die große Zeit ihres Leben beginnen sollte, abgeholt wurde sie,
wie kann es denn auch anders sein, von dem Advokat Meyerdirks. Der gab zwar vor es sehr eilig zu
haben, doch für einen kräftigen Imbiss fand er doch noch Zeit. Nach der siebten Tasse Tee, zu denen er
drei Mettwurst,- vier Schinken- und zwei Käsebrote verdrückt hatte, ganz zu schweigen von den einge-
legten Gurken und Kürbissen, legte er den Löffel in die Teetasse (überall in Friesland das Zeichen dafür,
dass nicht mehr nachgeschenkt werden soll) und meinte: „Nun Hanna, kann es sein, dass ihr in der
Schule die Dänische Sprache gelernt habt?“ „Nein, Herr Advokat Meyerdirks, das haben wir nicht.“ „Das
macht nichts,“ meinte er, „wenn du wieder zurück bist, wirst du perfekt Dänisch sprechen können.“

Wie es nun an die Verabschiedung ging war doch allen schwer um Herz, am meisten aber wohl Hanna,
die noch nie von zu Hause weggewesen war und nun für mindestens ein halbes Jahr in zu unbekann-
ten Leuten in ein ihr fremdes Land fuhr, dessen Sprache sie noch nicht einmal verstehen konnte.

Um den Abschiedsschmerz so gering wie möglich zu halten, drängte Meyerdirks jetzt zum Aufbruch,
schon rollte die Kutsche vom Hof und fuhr in Richtung Texlum davon, noch ein letztes Winken, dann
war Hanna außer Sicht. „So ist das nun mal im Leben,“ seufzte die alte Frau de Fries, „aus Mädchen wer-
den Frauen, da führt kein Weg dran vorbei.“ und wischte sich mit dem Taschentuch noch eine kleine
Träne aus den Augen.

Teil 49

Für Monika und Ilona war es nun an der Zeit, die jeweiligen Habseligkeiten zusammenzupacken und
umzuziehen. Während Monika noch am Packen war, führte Wilko de Fries sein Mädchen schon an der
Kette in die Küche von Wattes hinein. Fenna nahm ihm die Kette ab und schloss Ilona an die inzwischen
bereitgelegte Laufkette an, stellte ihr einen Korb mit Kartoffeln und eine Schüssel mit Wasser hin und
gab ihr den Auftrag, die Kartoffeln für das Mittagessen zu schälen.

Nun war auch Monika soweit, sie klappte den Deckel ihrer Truhe zu und meinte: „Ich bin jetzt soweit,
von mir aus können wir losgehen.“ Zum Abschied (obwohl es ja nur zum Nachbarhaus ging) wurde sie
von allen noch einmal liebevoll in den Arm genommen, ja es war ein Abschied, als wenn sie nach
Amerika auswandern würde.

Wilko de Fries nahm die Truhe auf die Schulter, und Monika sagte: „Ich bin ja nicht aus der Welt, ich
komme euch jeden Tag besuchen, und wenn es nur für ein paar Minuten sein sollte, oder darf ich das
nicht, Bauer de Fries?“

„Natürlich darfst du so oft du willst zu Wattjes gehen, du bist ja schließlich kein Kettenmädchen mehr,
sondern als Jungfer in der Gemeinde, aber tu mir bitte einen Gefallen und sag nicht Bauer de Fries zu
mir, wenn du mich einfach beim Vornamen nennen würdest, wäre mir das entschieden lieber.“ „Ja
gerne,“ sagte Monika, und strahlte Wilko an, „das mache ich gern.“

Als Monika und Wilko sich auf den Weg gemacht hatten, kümmerte sich Swantje Wattjes erst mal um
das neue Mädchen, das inzwischen fleißig am Kartoffelnschälen war. Es waren ungefähr die gleichen
Worte, die auch Monika bei ihrer Ankunft zu hören bekommen hatte: „Du bist in unserem Haus will-
kommen, ich hoffe, dass wir gut miteinander auskommen werden. Wenn du fleißig und ehrlich bist, hast
du hier nichts zu befürchten, ganz im Gegenteil.“

„Ich werde mir die größte Mühe geben, Frau Wattjes, ich werde alles tun, was sie mir sagen, ganz
bestimmt.“ sagte Ilona und machte den vorgeschriebenen Knicks. „Gut,“ sagte Swantje, „dann sind wir
uns einig, lass uns wieder an die Arbeit gehen.“

Während der Empfang für Ilona durchaus freundlich war, war die Aufnahme von Monika bei den de
Fries mehr als herzlich. Frau de Fries nahm sie gleich in den Arm und meinte: „Du kannst dir gar nicht
vorstellen, wir sehr wir uns darüber freuen, dass du jetzt eine Zeitlang bei uns bist. Wenn du irgendet-
was brauchst oder möchtest, sag es einfach, wir werden es dann schon möglich machen.“

Sobald Monika ihre Sachen eingeräumt hatte, begann sie mit der Arbeit. Sie kümmerte sich als erstes
um das Mittagessen, die Wachtelbohnen für den Eintopf hatte Frau de Fries über Nacht schon einge-
weicht, so brauchte sie jetzt nur noch das Gemüse zu putzen und schneiden, die Kartoffeln schälen und
würfeln und die gepökelten Schweinepfoten mit hineinzugeben. Aus dem Garten holte sie sich noch
etwas Bohnenkraut und Liebstöckel, um den Eintopf gehaltvoll abzuschmecken.

Als zur Mittagszeit das Tischgebet gesprochen worden war, wurde Monika leicht nervös, ob ihre Art zu
kochen bei den de Fries wohl Anklang finden würde? Sie hätte sich aber keine Sorgen zu machen brau-
chen, die ganze Familie war begeistert von ihren Kochkünsten und lobte sie über alle Maßen.

Auch bei der Stall- und Feldarbeit gab sie ihr Bestes, die Arbeit ging ihr sicher und flott von der Hand.
Immer öfter merkte sie, dass Wilko sie bei jeder Gelegenheit beobachtete. Schon immer hatte er dieses
Mädchen gerne leiden mögen, doch jetzt fing er an, sich in sie zu verlieben, jedes Mal, wenn sie ihn
anlächelte, wurde ihm ganz warm ums Herz.

Die alten de Fries bekamen das natürlich mit, im Geiste sahen sie Monika schon als ihre
Schwiegertochter. Eines Sonntags, Monika war auf einen Sprung zu den Wattjes gegangen, sprachen sie
Wilko darauf an: „Die Monika ist doch ein tüchtiges Mädchen,“ meinten sie zu Wilko, „dazu sieht sie
auch noch gut aus und hat ein freundliches Wesen. Wer die mal zur Frau bekommt, hat wirklich Glück
gehabt.“

„Ich will euch ehrlich etwas sagen,“ meinte Wilko zu seinen Eltern, „ich habe sie von Herzen gern und
würde gern um ihre Hand anhalten, aber ich weiß nicht, ob ich mir bei ihr nicht einen Korb holen
würde.“ „Wie ist es nur möglich, dass ihr Männer so unsensibel seid.“ schimpfte Frau de Fries, „hast du
wirklich noch nicht gemerkt, dass Monika dich gerne leiden mag? Beim Essen sorgt sie immer dafür,
dass du die besten Stücke vom Braten bekommst, in die Teetassen gibt sie dir die dicksten Kluntjes, und
hast du wirklich noch nicht bemerkt, dass sie dich immer lächelnd ansieht? Mein lieber Sohn, ich rate
dir, halte dieses Mädchen fest, bevor ein anderer ihr Herz gewinnt, wir Alten jedenfalls könnten uns
keine bessere Schwiegertochter wünschen.“

„Ihr habt gut reden,“ gab Wilko zurück, „ihr wisst genau so gut wie ich, dass ich ihr, solange sie bei uns
im Haus lebt, keinen Antrag machen darf, das widerspricht allen Regeln.“ „Das ist richtig, aber warum
lädst du sie nicht einfach mal zu einem Spaziergang ein? Oder bring ihr von der Feldarbeit doch mal
einen Strauß Blumen mit, die Natur ist doch voll davon.“

Wilko hörte auf den Rat seiner Eltern, gleich am nächsten Sonntag lud er Monika zu einem Spaziergang
durch das Dorf ein. Am liebsten hätte er sie dabei in den Arm genommen, doch das widersprach den
guten Sitten. Aber auch so genossen die Beiden den gemeinsamen Spaziergang, und viele, die ihnen
begegneten, meinten anschließend, dass sie ein schönes Paar abgeben würden.

Ein paar Tage später brachte er wirklich einen Strauß selbstgepflückter Blumen mit. „Die sind für dich,“
meinte er bloß und gab ihr den Strauß. „Das ist ja lieb von Dir,“ rief Monika und gab ihm zum Dank
einen Kuss auf die Wange. Der Kuss durchfuhr den bisher vollkommen keuschen Wilko wie ein Blitz,
wider besseren Wissens und ohne Rücksicht auf die Sitten nahm er Monika bei der Hand und fragte:
„Monika, könntest du es dir vorstellen, für immer bei uns zu bleiben?“

Damit hatte Monika zu diesem Zeitpunkt nicht gerechnet, und sie sah Wilko tief in die Augen, als sie
ihm antwortete.

Teil 50

„Wilko, kannst du mir sagen, warum ich für immer bei euch bleiben soll? „Weil ich dich über alles in
der Welt liebe und ich dich hiermit frage, ob du meine Frau werden willst.“ Sie lächelte ihn an und mein-
te: „Seitdem du mich in Ketten gefesselt bei Wattjes abgeliefert hast, wünsche ich mir nichts anderes. Ja,
ich will deine Frau werden, ich liebe dich schon seit dem Tag, an dem ich dich zum ersten Mal gesehen
habe.“

Wilko wollte sie in den Arm nehmen und küssen, doch Monika sagte ganz ruhig: „Nein, Wilko, dafür ist
es noch zu früh, als erstes müssen wir mit deinen Eltern sprechen, ob sie mit mir als Schwiegertochter
überhaupt einverstanden sind, schließlich bin ich bisher nur auf Probe hier, muss noch die Schul- und
Religionsprüfung ablegen, und die Bewährungszeit steht mir, vorausgesetzt, es läuft alles planmäßig,
auch noch bevor. Außerdem wirst du bei meinen Eltern auch noch um meine Hand anhalten müssen,
ohne ihr Einverständnis dürfen wir nichts machen. Wilko, dem es sichtlich schwer fiel sich zu beherr-
schen, musste ihr Recht geben, und so einigten sie sich darauf, noch am gleichen Abend mit den Eltern
zu sprechen.

Als man am Abend bei de Fries am Küchentisch zusammensaß, sagte Wilko zu seinen Eltern: „Wir haben
etwas mit euch zu besprechen, es geht um unsere Zukunft. Kurz gesagt, ich habe Monika einen Antrag
gemacht, und sie hat zugestimmt, nun möchten wir gerne wissen, ob ihr uns eueren Segen dazu gebt.“

„Na endlich,“ rief der alte de Fries erleichtert, „ich dachte schon, du würdest niemals in die Hufe kom-
men.“ Doch Frau de Fries stand auf, ging zu Monika und nahm sie in den Arm. „Ich könnte mir keine
bessere Schwiegertochter wünschen, du bist uns von ganzem Herzen willkommen.“

Es wurde noch ein schöner Abend, an dem viel über die Zukunft gesprochen wurde. Die alten de Fries
waren ebenso glücklich wie Monika und Wilko, nicht nur, dass ihr Sohn endlich eine Braut hatte, hatte
er doch ein Mädchen gefunden, dass aller ihrer Vorstellungen von einer idealen Schwiegertochter ent-
sprach.

Am drauffolgenden Sonntag nach dem Gottesdienst fasste Wilko sich ein Herz und bat seine Nachbarn
Wattjes um ein Gespräch. Eiso Wattjes meinte, er solle doch am Nachmittag zum Tee kommen, dann hät-
ten sie ausreichend Zeit um sich zu unterhalten. Swantje Wattjes wusste zu diesem Zeitpunkt schon mit
Sicherheit, um was es sich bei diesem Gespräch handeln würde, als Frau hatte sie schon längst gemerkt,
dass die jungen Leute sich gefunden hatten, wogegen Eiso Wattjes meinte, dass er sich nicht vorstellen
könne, was Wilko mit ihnen zu besprechen hätte.

Je weiter die Uhr voranschritt, um so nervöser wurde Wilko, er war zwar nicht auf den Mund gefallen,
aber um die Hand eines Mädchens anzuhalten und das noch bei seinen besten Nachbarn, war für ihn
doch nicht so leicht.
So rückte er zuerst auch nicht mit der Sprache heraus, als er dann zusammen mit Monika bei Wattjes in
der Küche saß, erst als Eiso ihn fragte, was für ein Anliegen er denn nun hätte, riss er sich zusammen
und sagte: „Also, was ich sagen wollte, nein, ich meine, ich wollte etwas fragen, es ist ganz einfach so,
na ja, es hat sich einfach so ergeben, dabei muss man wissen, es fing ja alles schon eher an, nun, nicht
so, wie es jetzt den Anschein erweckt, aber das ist nun mal so, nicht, dass ihr jetzt was verkehrtes denkt,
nein, nein, in allen Ehren, ja, und darum sind wir jetzt hier.“ Während Swantje und Monika sich gegen-
seitig angrinsten, meinte Eiso Wattjes zu dem armen Wilko: „Ich versteh kein Wort von dem, was du uns
hier erzählst, was willst du uns eigentlich die ganze Zeit über sagen?“

Endlich fasste Wilko sich ein Herz, stand auf und sagte: „Ich bitte Euch um die Hand eurer Tochter
Monika.“ und ließ sich mit einem Seufzer der Erleichterung wieder auf den Stuhl fallen. „Das hättest du
doch gleich sagen können.“ meinte Eiso und fing jetzt auch an zu grinsen, hatte ihm die Verlegenheit
von Wilko doch richtig Spaß gemacht, Hauptsache war, dass Swantje den anderen nicht verriet, dass es
ihm damals, als er um Swantjes Hand angehalten hatte, genau so ergangen war.

Doch schnell wurde er wieder ernst, es handelte sich ja schließlich um eine wichtige Angelegenheit. Er
schaute kurz zu Swantje herüber, die lächelnd mit dem Kopf nickte und sagte: „Wilko de Fries, wir ken-
nen dich lange genug um zu wissen, dass du ein guter und ehrlicher Mensch bist, und wenn du Monika
zur Frau nehmen willst, so hast du hiermit unseren Segen.“

Nun war der Zeitpunkt gekommen, um die nächsten Schritte zu besprechen. Allen Beteiligten war klar,
dass es bis zur Rückkehr von Hanna keine Verlobung geben würde, denn solange Monika bei de Fries
im Haus war, würde es ja den guten Sitten widersprechen. Also mussten die jungen Brautleute über ihre
Zukunftsabsichten noch Schweigen bewahren.

Doch wer viel Arbeit hat, dem vergeht die Zeit schnell, inzwischen waren die Kühe wieder auf der Weide,
der Misthaufen wurde abgefahren, Heu musste eingefahren werden, die Roggen-, Weizen- und
Haferfelder waren zu mähen. Für Monika war das Jahr noch schwerer als das vorangegangene, sie hatte
auch noch ihre Schul- und Religionsprüfung abzulegen, die sie aber beide mit Bravour meisterte.

Als dann auch die Rüben und Kartoffeln eingelagert und das Vieh wieder im Stall war, kam an einem
Nachmittag eine Kutsche auf den Hof von de Fries gefahren, Advokat Meyerdirks brachte Hanna zurück.
Allen fiel Hanna um den Hals und hätte vor lauter Freude fast vergessen, den Anwalt Meyerdirks auf
eine Tasse Tee ins Haus zu bitten.

Doch der nahm das nicht übel, ganz im Gegenteil, er freute sich mit allen Beteiligten, war es doch für
ihn immer ein schönes Gefühl, eine Familie wieder vereinigen zu können. Die Einladung zum Tee lehn-
te er dankend ab, alle hatten sich soviel Neuigkeiten zu erzählen, da wollte er nicht stören, und so fuhr
er zurück nach Hohedörp, um dem Bürgermeister seine Aufwartung zu machen.

Teil 51

Nachdem die wichtigsten Neuigkeiten ausgetauscht waren, wobei Hanna sich bei der Vorstellung, dass
Monika vielleicht ihre Schwägerin werden würde, vor Freude ganz aus dem Häuschen war, wurde es nun
für Ilona und Monika wieder Zeit die Plätze zu tauschen, zum großen Leidwesen von Wilko, der seine
zukünftige Braut jetzt nicht mehr ständig sehen konnte. Hanna ließ es sich nicht nehmen Monika nach
Hause zu begleiten, Wilko durfte die Kiste schleppen.

Im Haus von Wattjes waren Ilonas Sachen schnell gepackt, Swantje befreite sie von der Laufkette und
meinte zu ihr: „Du hast dich hier bei uns gut gehalten, Mädchen, mach weiter so, dann wirst du in weni-
gen Monaten wieder in die Welt gehen können.“ Mit einem Knicks bedankte Ilona sich, und ließ sich
bereitwillig von Hanna an der Kette in das Haus von de Fries führen.

Fenna freute sich wie eine Schneekönigin, dass Monika nun wieder mit ihr zusammen in einer Butze
schlafen würde, auch der Rest der Familie war froh, sie endlich wieder zurückzuhaben.

Nur vier Wochen nach Hannas Rückkehr wurde von der Kanzel aus die Verlobung mit ihrem Liebsten
bekannt gegeben, auch die Hochzeit würde nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Wie gerne hätte Monika zu diesem Zeitpunkt gewusst, ob sie nach Ablauf des Probejahres im Land der
alten Dörfer in die Gemeinde aufgenommen werden würde. Auch Wattjes und de Fries überlegten, ob es
keinen Weg geben würde, das Probejahr zu verkürzen.

Bei einem gemeinsamen Gespräch einigte man sich darauf, am nächsten Sonntag den Pastor nach dem
Gottesdienst daraufhin anzusprechen, und bei der Gelegenheit durchblicken zu lassen, dass Monika und
Wilko durchaus ernste Absichten hätten.

So passierte es auch, der Pastor nahm die Geschichte positiv auf und versprach, beim Rat ein gutes Wort
einzulegen. „Dann sollten wir auch sehen, dass Monika ihre Bewährungszeit möglichst schnell hinter
sich bringt,“ meinte er noch, „sonst ist der guten Hanna ja immer noch nicht geholfen.“ Doch erst mal
passierte gar nichts, Weihnachten kam, auch der Januar war schon fast vergangen, und keiner sprach
von einer mehr von einer Verkürzung des Probejahres.

Doch am letzten Januarsonntag sagte der Pastor von der Kanzel herab: „Liebe Gemeinde, ich habe noch
eine gute Botschaft zu überbringen, der Rat hat beschlossen, Monika Wattjes schon vor Ablauf der
Probezeit in die Gemeinschaft der Gemeinde aufzunehmen. Auch soll bereits im März ihre
Bewährungszeit beginnen, denn es gibt in unserem Kreis einen jungen Mann, der sie gerne zum
Traualtar führen würde.“

Das war nun endlich mal eine gute Nachricht für das junge Paar, hauptsächlich für Wilko, dem der
Lebenssaft im Körper immer höher stieg, es war ja auch nicht einfach, seine Braut jeden Tag sehen, aber
nicht berühren zu können.

Anfang März war es dann soweit, Monika hatte ihre Kiste gepackt und Anwalt Meyerdirks kam mit der
Kutsche auf den Hof gefahren, um Monika abzuholen. „Können sie mir sagen, wo ich meine
Bewährungszeit verbringen werde, Herr Meyerdirks?“ fragte sie den Anwalt. „Du wirst deine Zeit in
Holland abdienen,“ gab er zurück, „das befreundete Land liegt von hier aus gesehen kurz hinter
Amsterdam.“

Nach einem tränenreichen Abschied war es dann soweit, die Truhe wurde auf die Kutsche geladen,
Meyerdirks nahm die Zügel in die Hand und an ging es nach Texlum. Auf der Fahrt dahin sagte
Meyerdirks, dass er sie aus Zeitgründen auf der Fahrt nicht begleiten könne, doch die Mannschaft der
Tjalk würde Bescheid wissen und sich um sie kümmern.

Zwei Mann der Besatzung warteten in Texlum schon auf sie, den einen kannte Monika von ihrer ersten
Fahrt zum Land der alten Dörfer, das war der Mann, der sie damals in der Messe angekettet hatte. Auch
jetzt noch schaute er Monika misstrauisch an, doch nachdem er sich leise mit Meyerdirks unterhalten
hatte, zuckte er nur mit den Schultern, packte die Truhe mit an und brachte sie über den Teich in das
Beiboot, das am Strand lag.

Kurze Zeit später war Monika an Bord, der Anker wurde gelichtet und trotz des etwas kräftigem Windes
bei herabgelassenen Schwertern sämtliche Segel gesetzt. Majestätisch rauschte die Tjalk durch die
Nordsee in Richtung holländische Küste, durch den enormen Druck auf die Segel hatte die Tjalk zwar
etwas reichlich Kränkung (Schräglage), lag sonst aber erstaunlich ruhig in der See.

Monika stand die meiste Zeit bei den Männern am Ruder, einer hatte ihre eine Öljacke und einen
Südwester gebeben, so dass ihr Gischt nichts ausmachen konnte. Zur Mittagszeit fragte sie die
Besatzung, ob sie ihnen nicht etwas zu Essen machen sollte, was dankbar angenommen wurde, nur sel-
ten war einer ihrer Passagiere bereit, von sich aus etwas zu tun.
Viel Auswahl gab es in der Kombüse nicht, aber zumindest fand Monika Brot, Butter, Mettwurst,
Schinken und Käse. Da die vier Mann Besatzung abwechselnd essen mussten, setze Monika zwei
Pfannen auf den Herd, gab in jede Pfanne 4 Spiegeleier hinein, würzte sie und legte ein paar Scheiben
Käse darüber, um die Pfannen dann mit Topfdeckeln abzudecken.

Anschließend bestrich sie pro Person zwei Scheiben Brot dick mit Butter, belegte sie mit reichlich geräu-
chertem Schinken. Die ersten beiden Bestatzungsmitglieder kamen in die Messe, als sie gerade den Tee
in Mucken (Henkeltassen) einschenkte.

Nun brauchte sie nur noch die Eier mit dem zerlaufenen Käse auf die Schinkenbrote geben, und konn-
te das Essen dann zu den Männern bringen. „Was ist das denn für eine seltsame Mahlzeit?“ wollte der
eine wissen, probierte aber auch gleich. „Mensch, Mädchen,“ sagte er, „das schmeckt ja richtig lecker,
wie heißt denn das Gericht.“ Sie grinste ihn an und meinte: „Das nennt sich „Monika-Spezial“, ich wün-
sche guten Appetit.“

Als die beiden Seeleute wieder an Deck waren im ihre Macker (Kollegen) abzulösen, fragte der Eine: „Was
gibt es denn zu essen?“ „Bestellt euch am besten einen „Monika-Spezial,“ sagte der einer der Männer,“
hat uns jedenfalls gut geschmeckt.“ „Monika-Spezial“? vergewisserte er sich, „wat is dat denn nu wer
för en moderen Kram? (Was ist das denn nun wieder für ein moderner Kram)?“ Doch auch bei den Beiden
fand Monikas Kreation den gebührenden Anklang, und so hatte sie sich mit diesem einfachen Essen die
Sympathie der Besatzung erworben.

Am späten Nachmittag erreichten sie die holländische Stadt Den Helder, wo sie über Nacht festmachten.
Direkt im Hafen war eine kleiner Stand, an dem es frische Matjesfilet zu kaufen gab. Während Monika
einen Topf mit Pellkartoffeln aufsetzte und Speck-Zwiebel-Sauce machte, holte einer der Besatzung für
jeden drei Matjes zum Abendbrot.

Nach dem Essen saßen sie in gemütlicher Runde in der Messe, und Monika bekam so manches
Seemannsgarn vorgesponnen. Als der Skipper dann noch sein Schifferklavier holte und Seemannslieder
spielte, bei denen alle Mann mitsangen, wäre sie am liebsten für immer an Bord geblieben.

Teil 52 Anja in Moorum 6

Das Leben ging seinen gewohnten Gang: Sieben der Mädchen mussten jeden Tag ins Moor, während
Anja sich um die Hütte, den Garten und das Essen kümmerte. Wären die Eisenfesseln mit der dicken
Kette daran nicht gewesen, hätte sie sich allerdings viel wohler gefühlt. Dazu kam, dass sie während der
ganzen Zeit in Moordorf nicht mehr aus dem Keuschheitsgürtel herausgekommen war, sie fühlte sich
unglaublich schmuddelig.

In einem günstigen Augenblick fragte sie die Aufseherin, ob sie die alte Zinkwanne, die dort in einer
Hütte stand, nicht am Sonntag, dem einzigen freien Tag in der Woche, als Badewanne gebrauchen dürf-
ten. „Macht am Sonntag, was ihr wollt, solange ich keine Arbeit damit habe, ist mir das egal.“

Als die Mädchen am Abend in der Hütte zusammensaßen, erzählte Anja ihnen von dem Gespräch. Die
Mädchen waren begeistert, sich endlich wieder einmal baden zu können kam ihnen vor wie ein
Hauptgewinn in einer Lotterie. Ja, der nächste Sonntag war wohl für alle der schönste Tag, seitdem sie
in Moordorf waren, gemeinschaftlich machten sie das Wasser heiß und füllten die Wanne. Anja durfte
sich als erste baden, am liebsten wäre sie den ganzen Tag in der Wanne liegengeblieben, doch nach 15
Minuten war die nächste dran. Trotzdem fühlte sie sich herrlich, endlich einmal wieder rundherum sau-
ber zu sein war ein unbeschreiblich schönes Gefühl.

Anfang März machte Anja der Bültena den Vorschlag, ob es nicht möglich wäre, einen Gemüsegarten
anzulegen, außerdem wäre es doch nicht verkehrt, Hühner und Kaninchen zu züchten, so hätte die
Aufseherin doch öfter mal ein ordentliches Stück Fleisch auf dem Teller.

Die Bültena, die normalerweise gegen jede Neuerung war, überlegte ein paar Tage und gab dann ihre
Zustimmung, allerdings hätten die Gefangenen die Arbeit mit dem Garten zusätzlich zum Torfabbau zu
übernehmen.

Der Garten wurde tatsächlich angelegt, es wurde nicht nur Grün- Weiß- und Rotkohl angepflanzt, die
Bültena besorgte alles, was für den Anbau für andere Gemüse, Salat und Kräutern notwendig war. Auch
Hühner und Kaninchen wurden besorgt, außerdem Fallen aufgestellt, um Wildkaninchen fangen zu kön-
nen.

Ein Ding hatte Anja aber bei aller Voraussicht vergessen: Die Kaninchen und Hühner mussten auch
geschlachtet werden. Damit waren Anja und die anderen Gefangenen allerdings total überfordert, keine
von ihnen hatte bisher ein Tier verletzt, geschweige denn geschlachtet. Doch Bültena blieb hart, und da
es Anja gewesen war, von der die Idee mit der Tierhaltung stammte, blieb die Arbeit an ihr hängen.

Schweren Herzens fing Anja ein Huhn ein, hielt es an den Beinen fest und legte es mit dem Kopf auf
den Hauklotz, der vor der Hütte stand. In dem Moment, wo Anja dem Huhn mit einem Beil den Kopf
abgeschlagen hatte, riss das Tier sich los und rannte ohne Kopf mehrmals um den Hauklotz herum. Das
war der Moment, an dem Anja fast in Ohnmacht gefallen wäre, doch sie riss sich zusammen und blieb
bei Bewusstsein. Endlich fiel das Huhn hin, zuckte noch ein paar mal, dann konnte Anja dem Huhn die
Federn lesen und es ausnehmen.

Am gleichen Tag wurde aus dem Huhn eine schmackhafte Hühnersuppe, die von allen hochgelobt wurde.
Anja war das egal, ihr war der Appetit vergangen und sie verzichtete gern auf ihren Anteil.

Ein Jahr war Anja nun schon hier, jeden Tag rechnete sie damit, endlich aus dem Moor herauszukom-
men, aber die Zeit zog und zog sich endlos hin. Im April wagte sie es, die Frau Bültena zu fragen, wann
denn ihre Zeit im Lager vorbei wäre, sie sei doch jetzt schon weit über ein Jahr hier. Doch die Aufseherin
zuckte nur mit den Achseln und meinte, dass das eine Entscheidung des Rates wäre, sie hätte keinen
Einfluss darauf.

In Wahrheit hatte Bültena, die Anja so lange wie möglich behalten wollte, dem Rat mitgeteilt, dass es
für das Mädchen besser wäre, wenn sie noch einige Zeit im Lager verbringen würde, sie sei sich nicht
sicher, ob das Mädchen nicht vielleicht immer noch Fluchtgedanken hätte.

Bisher konnte der Rat dem Urteil der Aufseherin immer blind vertrauen, also wurde beschlossen, das
Mädchen vorerst im Moorlager zu belassen.

Anja, die von allem nichts wusste, kam so jedenfalls noch in den Genuss ihrer Gartenarbeit, denn als
endlich an der Zeit war den Kohl zu ernten, war sie immer noch im Lager. Inzwischen waren zwei Neue
dazugekommen, erst eins der anderen Mädchen war entlassen worden. Langsam bekam sie das Gefühl,
für immer in das Moor verbannt zu sein, und manche Nacht lag sie auf ihrem Lager und weinte still vor
sich hin.

Teil 53

Früh am nächsten Morgen, gerade als das Frühstücksgeschirr abgewaschen war, verließ die Tjalk den
Hafen in Richtung Den Over, um dort durch die Schleuse auf das Ijsselmeer zu kommen.

Monika hielt sich die meiste Zeit an Deck bei den Männern am Ruder auf, und als die Schleuse hinter
ihnen lag, durfte sie unter Aufsicht das Ruder übernehmen. „Immer genau auf 162° halten, dann kom-
men wir auf direktem Weg nach Enkhuizen.
Zwar hatte sie erst Schwierigkeiten die Tjalk auf Kurs zu halten, doch mit der Zeit klappte es immer bes-
ser. Kurz vor der Schleuse in Enkhuizen, von der es aufs Markermeer gehen sollte, übernahm der Skipper
wieder. Die Segel wurden eingeholt und kurze Zeit später konnte die Tjalk unter Motorenkraft in die
Schleuse fahren. Erst als die regelrecht vollgestopft war, wurde das hintere Schleusentor geschlossen und
der eigentlich Schleusungsvorgang begann.

In der Schleuse lagen außerdem noch zwei Tjalken der braunen Flotte, ein Fischkutter und reichlich
Sportboote. Viele von ihnen sahen verstohlen zu Monika herüber, die in ihrer altmodischen Kleidung
(die Öljacke hatte sie inzwischen ausgezogen, da es in der Schleuse windgeschützt war) an Deck stand
und sich das bunte Treiben ansah.

Eine ziemlich große Segelyacht hatte direkt an der Backbordseite der Tjalk festgemacht, die drei Frauen,
die dort an Deck in Monikas unmittelbarer Nähe standen, sahen sie an und fingen an zu tuscheln.
Monika, die sich denken konnte, dass gerade über sie hergezogen wurde, lächelte die Frauen freundlich
an. Nun war gerade in diesem Moment das vordere Schleusentor geöffnet worden, eine Windbö fegte in
die Schleuse hinein und ließ Monikas weiten Rock hochfliegen. Für einen kurzen Augenblick konnten
die drei Frauen das Metall des Keuschheitsgürtels sehen, fassungslos starrten sie Monika an. Die aber
winkte ihnen nur fröhlich zu und ging zur Seite, um nicht im Weg zu stehen, als die Yacht losgeworfen
wurde.

Zu gerne hätte sie das Gespräch der drei Frauen verfolgt, was dachten die wohl von einer jungen Frau,
die ein Kleid trug, wie es vor 100 Jahren mal modern gewesen sein mochte, und dazu noch in einen
Keuschheitsgürtel verschlossen war.

Von Enkhuizen ging es weiter Richtung Amsterdam, dort ging es durch eine Schleuse in die Stadt hin-
ein, quer durch Amsterdam hindurch und auf der anderen Seite wieder durch eine Schleuse in die
Kanäle.

Links und rechts der Kanäle standen schmucke Häuser oder auch große landwirtschaftliche Betriebe, mal
war endlos freies Land, dann kam mal wieder eine kleine Ortschaft, in denen viele der Leute zu der Tjalk
herüberwinkten.

Nach einer Stunde Kanalfahrt drehten sie in einen kleineren Kanal ab, der nur ungefähr einen Kilometer
lang war. Das Ende des Kanals war zu einem kleinen Hafen ausgebaut, in dem die Tjalk nun festmach-
te, das Ziel der Reise war erreicht.

Offensichtlich waren sie schon erwartet worden, zwei in Tracht gekleidete Männer standen auf dem Steg,
fingen die Leinen auf und belegten sie auf den Pollern. Der Skipper sprang sofort an Land, begrüßte die
Beiden mit Handschlag und übergab ihnen einen Umschlag, den der Ältere der beiden einsteckte.

Nachdem Monika sich von dem Skipper und der Crew verabschiedet hatte (nicht ohne das Versprechen
zu geben, auf der Rückfahrt wieder einen „Monika-Spezial“ zu machen) ging auch sie jetzt an Land

„Hartelijk welkom, sagten die Beiden zu ihr, zum Glück wusste sie, dass diese Worte „Herzlich willkom-
men“) bedeuteten. Sie antwortete in dem Platt, dass sie im Land der alten Dörfer gelernt hatte und stell-
te zur ihrer großen Freude fest, dass das gelernte Platt sehr viel Ähnlichkeit mit der holländischen
Sprache hatte.

Die Männer verstauten ihre Kiste in einer offenen Kutsche, Monika winkte noch einmal den Seeleuten
zu, und schon ging es los, erst nur über weite Felder, dann kam aber auch bald die erste Ortschaft in
Sicht.

Langsam fuhren sie durch den Ort, jeder, der auf der Strasse war, rief ein paar Grußworte herüber, die
ebenso lautstark wie fröhlich erwidert wurden. Die Männer nutzten die Fahrt, um Monika einiges über
ihr Land zu erzählen, wollten aber auch vieles von ihr wissen und was es im Land der alten Dörfer Neues
gab.

Die Zeit verging ihr wie im Flug, viel zu schnell wurde das nächste Dorf erreicht. Vor einem schönen
Bauernhaus hielten sie an, während einer die Kiste ablud, führte der andere sie in die Küche hinein.
Kaum hatten sie den Raum betreten, als eine Frau, die mit dem Gesicht zur Wand stand, sagte: „Na, da
ist sie ja endlich.“

Diese Stimme kannte sie doch, so sehr konnte sie sich nicht irren, und als die Frau sich jetzt zu ihr
umdrehte und sie lächelnd ansah, wäre Monika vor Überraschung fast ohnmächtig geworden: Diese
Frau, die dort in der Küche stand, konnte niemals die Bäuerin sein, nein, das war vollkommen unmög-
lich!

Teil 54

Wie versteinert stand Monika in der Küche und starrte die Frau an: Vor ihr stand Swantje Wattjes, wie
sie leibt und lebt, oder war es nur ihr Geist? Monika machte ein selten dummes Gesicht und sagte ganz
verdattert: „Aber das kann doch nicht wahr sein, das glaub ich nicht.“

Die Frau ging auf Monika zu, nahm sie in den Arm und sagte: „Es ist sehr schön, die Adoptivtochter
meiner Zwillingsschwester bei mir zu haben.“ „Sie hat nie davon gesprochen, dass sie eine Schwester
hat, von einer Zwillingsschwester ganz zu schweigen, ich dachte einem Augenblick wirklich, ich würde
ein Gespenst sehen.“ meinte Monika.

„Nimm uns den kleinen Spaß man nicht übel, aber wir konnten es einfach nicht bleiben lassen. Doch
nun sage ich dir erst mal ein herzliches Willkommen in unserem Haus, ich hoffe, dass du dich bei uns
wohlfühlen wirst. Mein Name Liesbeth van de Meer, das hier ist meine älteste Tochter Wiebke, die Kleine
daneben ist ihre Schwester Robine, die Männer wirst du erst später kennen lernen, die sind noch bei der
Feldarbeit.“

Die beiden Männer, die sie hergebracht hatten, wurden zum Tee aufgefordert, und genau wie im Land
der alten Dörfer wurde kräftig aufgetischt. Monika, die sich nützlich machen wollte, musste mit am Tisch
Platz nehmen und sich bedienen lassen, was ihr aber überhaupt nicht gefiel.

Während die Bäuerin sich mit den Männern unterhielt, sah Monika sich unauffällig in der Küche um.
Alles war blitzblank und sauber, strahlte aber trotzdem eine behagliche Atmosphäre aus. Jetzt wurde
auch Monika mit in das Gespräch mit einbezogen, zum zweiten Mal an diesem Tag erzählte sie die
Neuigkeiten aus ihrem Land, und ihre Erlebnisse von der Fahrt hierher.

Kurze Zeit später verabschiedeten die beiden Männer sich, nicht ohne der Bäuerin den ihnen vom
Skipper übergebenen Umschlag auszuhändigen, nun konnte Monika erst mal einen Teil ihrer Kleiderkiste
auspacken und verstauen. Anschließend zeigten die Mädchen ihr den Hof mit den Stallungen und
Scheunen, die im Prinzip auch nicht anders aussahen wie bei Wattjes, doch zum Schluss kamen sie in
ein kleines Gebäude, das innen sauber verfließt war. In der Mitte des Raumes stand ein großer Kessel,
an den Seiten Arbeitstische und Regale, auf denen große, runde Käse lagen.

„Nun sagt bloß, ihr stellt hier selbst Käse her?“ wollte Monika von Wiebke und Robine wissen. „Ja, neu-
erdings machen wir den Käse selbst, genauer gesagt unsere Mutter, und wir helfen ihr dabei.“ „Das würde
mich auch mal interessieren,“ meinte Monika, „ob ich euch dabei wohl mal zusehen darf?“ „Zusehen
bestimmt nicht, aber mitarbeiten schon.“ sagte die etwas vorlaute Robine.

Nach dem Rundgang ging es zurück in die Küche, nun ließ Monika sich nicht mehr von der Arbeit abhal-
ten. Sie ging in die Melkkammer und zog sich ihre Arbeitskleidung an, kurz darauf kamen auch der
Bauer und sein Sohn von der Feldarbeit zurück. Als der Bauer die Küche betrat, machte Monika einen
Knicks und sagte: „Guten Tag, Mijnheer van de Meer, mein Name ist Monika Wattjes, vielen Dank, dass
Sie mich in ihr Haus aufgenommen haben.“

„Du bist uns herzlich willkommen, fühl dich hier wie zu Hause. Das hier ist unser Sohn Pietje, der eines
Tages mal den Hof übernehmen wird. Ich glaube, wir werden uns alle gut verstehen, oder was meinst
du, mein Sohn.“ „Aber sicher, Vater, da haben sie bestimmt recht.“ (Auch heute noch sprechen die Kinder
in Holland ihre Eltern mit „Sie“ an).

Nach der Stallarbeit und dem Abendessen saßen sie alle um den Küchentisch herum und Monika muss-
te vom Land der alten Dörfer und den Bewohnern erzählen. Auch sprach sie offen darüber, wie sie selbst
als Kettenmädchen dahingekommen war, sich gegen Fesseln und Keuschheitsgürtel gewehrt hatte und
der Schmiedemeisterfrau Düring fast den Schädel eingeschlagen hatte.

Als daraufhin der Bauer meinte, dass es vielleicht besser wäre sie in der Nacht anzuketten, sah sie ihn
mit erschrockenen Augen an, doch fing der gleich an zu Lachen und meinte, dass sie sich keine Sorgen
machen brauche, sie hätten auch schon viel Gutes von ihr gehört, außerdem wäre sie ja nicht zur
Bestrafung, sondern zur Bewährung bei ihnen.

Wenig später lag Monika zusammen mit Wiebke und Robina in der Buzze, und obwohl sie noch viele
Fragen an die Mädchen hatte, fielen ihr schnell die Augen zu.

Teil 55

Schnell gewöhnte Monika sich in ihr neues Zuhause ein, die Arbeiten waren in gleichen wie in
Andersum, auch mit der Familie kam sie gut aus. Zwar wurde auch hier hart gearbeitet, doch irgendwie
waren die Leute hier lockerer, es wurde viel gescherzt und gelacht.

Extrem war allerdings die Frömmigkeit, nach dem Aufstehen, vor und nach dem Essen, vor dem
Schlafengehen, gebetet wurde den ganzen Tag über, aber damit konnte sie leben. Aus dem
Keuschheitsgürtel war sie bisher noch nicht herausgekommen, aber dass ging der ältesten Tochter der
van de Meer auch nicht besser, auch sie trug die ganze Zeit über ihren Tugendwächter.

Wiebke sah das ganz locker, sie meinte: „Höchstens noch drei Jahre, dann bin ich verheiratet, und dann
hat sich das Thema mit dem Keuschheitsgürtel doch von selbst erledigt, worüber ich bestimmt nicht böse
sein werde. „Na ja,“ gab Monika zurück, „ich habe aber auch schon gehört, dass es Ehemänner gibt, die
ihren Frauen den Gürtel auch nach der Hochzeit weiterhin umlegen, vielleicht erwischt du ja gerade so
einen.“ „Da bin ich selbst mit dabei, den Kerl möchte ich sehen, der mich nach der Hochzeit noch ein-
mal in den verflixten Gürtel sperrt.“

Überhaupt hatte Monika den Eindruck, dass sich die Frauen in dieser Gemeinschaft besser durchsetzen
konnten als in ihrem Dorf. Der Ton untereinander war zwar etwas rauer, aber durchaus herzlich, stan-
den mehrere Frauen zusammen und ein junger Mann kam vorbei, musste der sich derbe Scherzworte
gefallen lassen.

„Deinen Ehemann musst du dir erziehen.“ wurde ihr gesagt, „und das musst du so langsam machen, dass
er es überhaupt nicht merkt.“ „Die können gut reden.“ dachte Monika bei sich, nahm sich aber vor, die
Augen offen zuhalten.

Es gab einiges zu lernen, wie sie bald feststellte, ob es nun beim Backen oder Kochen war, auch im
Garten wurde einiges anders gemacht, als sie es bisher kannte. Am interessantesten jedoch fand sie die
Käserei, in der sie jede Woche mithelfen musste.

Endlich war es wieder Samstag geworden, in dem großen Kessel der Käserei wurde Wasser heißgemacht
und mit Eimern in einen kleinen Baderaum gebracht, in dem eine Wanne stand. Auch hier war der
Badeablauf streng geregelt, als erstes badete die Bäuerin, dann der Bauer, danach kam der Sohn an die
Reihe. Da reichlich heißes Wasser vorhanden war, wurde die Wanne frisch gefüllt und als erste durfte
dann die kleine Robine baden, dann erst war Wiebke an der Reihe.

Zum Schluss war Monika dran, die schon in dem Baderaum war, als Wiebke noch in der Wanne saß.
Während Wiebke aus der Wanne stieg und sich abtrocknete, zog Monika schon ihre Kleidung aus, wurde
dann von der Bäuerin aufgeschlossen und konnte sich in die Wanne legen. Während sie sich einseifte,
wurde die inzwischen trocken gerubbelte Wiebke von ihrer Mutter kräftig mit Salbe eingestrichen und
bekam anschließend gleich wieder den gereinigten Keuschheitsgürtel umgelegt.

Diese Prozedur blieb auch Monika nicht erspart, sie wurde genau wie die Tochter mehr als reichlich mit
Salbe eingestrichen und auch gleich wieder verschlossen. Während die Bäuerin in die Küche zurückging,
erkundigte Monika sich, ob sie denn die ganze Zeit über verschlossen sein würden, in ihrem Dorf wür-
den die Mädchen, solange sie das Haus nicht verließen, auch mal vom dem Tugendwächter befreit wer-
den.

„Vor einem Jahr ist eines unserer Mädchen aus dem Dorf schwanger geworden,“ erzählte Wiebke ihr
leise, „seitdem haben wir den Gürtel ständig zu tragen. Davor war es genau wie bei euch, im Haus durf-
ten wir die Gürtel weglassen, aber das ist erst mal vorbei.“ „Mir soll es egal sein,“ sagte Monika, „ich
habe schon einen viel schwereren Keuschheitsgürtel tragen müssen, diesen merke ich schon bald nicht
mehr.“

Das wollte Wiebke nun wieder ganz genau wissen, doch bevor Monika mit ihrer Geschichte noch rich-
tig angefangen war, wurden sie schon wieder ins Haus gerufen, die Hausarbeit wartete auf sie.

Am nächsten Tag ging es mit der Kutsche zum nächsten Dorf, um an dem Gottesdienst teilzunehmen.
Auch hier gab es vor der Kirche einen großen Platz, auf dem sich die Leute versammelten. Es wurde zwar
freundlich, doch mit einem gewissen sonntäglichen Ernst gegrüßt, kurz vor der vollen Stunde gingen
alle mit gemessenem Schritt in das Gebäude hinein.

Beim Betreten der Kirche schaute Monika sofort zu den hinteren Bänken, um zu sehen, ob es auch hier
Kettenmädchen gab, aber sie sah weder Kettenmädchen noch Vorrichtungen an der Wand, an der die
Mädchen hätten angeschlossen werden können.

„Das finde ich sehr sympathisch, dass hier keine Mädchen in Ketten gehalten werden.“ dachte sie bei
sich. Die Orgel setzte ein, die Gemeinde stimmte das erste Lied an, da war es Monika, als wenn sie
Kettengeklirre hören würde. Das Geräusch wurde immer lauter, doch wagte sie es nicht nach hinten zu
schauen, weil alle Anderen auch keine Notiz davon nahmen. Das Geräusch wurde immer lauter, nun
konnte sie auch die Ursache dafür sehen.

Teil 56

Zwölf Mädchen waren es, die jetzt in die Kirche hineingeführt wurden, alle trugen Hand- und Fußfesseln
sowie Halseisen, wie auch Monika sie getragen hatte. Alle waren mit den Führungsketten der Halseisen
aneinander gekettet, so mussten sie in einer Reihe hintereinander laufen. Das Geklirre kam von den
Fußketten, die sie alle zu tragen hatten, aber auch an den Handgelenken waren sie mit einer kurzen
Kette, die durch den Ring des Halseisens lief, in ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt.

Sobald die letzte von ihnen im Kirchenschiff war, hatten sie sich hinzuknien, um dort die ellenlange
Andacht über sich ergehen zu lassen. Während der ganzen Zeit hatten sie ihren Blick auf den Boden zu
richten, auch war nicht ein Geräusch von ihnen zu hören. Aufstehen durften sie erst wieder, als der
Gottesdienst vorbei war, sie wurden nach draußen geführt und in ein Gebäude gebracht.

Nun trafen sich die Kirchenbesucher auf dem Dorfplatz, um Bekannte zu begrüßen und Neuigkeiten aus-
zutauschen. Monika wurde an diesem Sonntag den Nachbarn vorgestellt und musste dem meisten ver-
sprechen, mal auf einen Besuch vorbeizukommen, was sie auch gerne versprach, denn die Leute mach-
ten alle einen sehr netten und gastfreundlichen Eindruck.

Bei der Rückfahrt mit der Kutsche ließ Gerrit van de Meer die Pferde etwas schneller laufen als auf der
Hinfahrt, was zur Folge hatte, dass die Kutsche mehr vibrierte und schaukelte. Wiebke und Monika
genossen die Fahrt in vollen Zügen, herrlich war es, sich so durch das Schrittband des Keuschheitsgürtels
an der bewussten Körperstelle massieren zu lassen, nur mussten sie sich beherrschen, um sich ihre
Empfindungen nicht anmerken zu lassen.

Nach dem Mittagessen schlenderten die beiden Mädchen noch etwas durch den Ort, Monika bekam bei
der Gelegenheit erklärt, wer wo wohnt, wie viel Land und wie viel Vieh zu den einzelnen Gehöften
gehörte. Auch andere Mädchen und Burschen waren unterwegs, es wurde gescherzt und geschäkert, was
das Zeug hielt.

Allerdings ahnte Monika zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sie bei einigen Burschen einen tiefen
Eindruck hinterlassen hatte, so mancher von den jungen Kerlen hätte sie gern etwas näher kennen
gelernt, auch der Sohn der Familie van de Meer bildete da keine Ausnahme. So eine Frau wie die Monika
wünschte er sich schon seit langem, und er nahm sich vor, ihr Herz zu erobern. Nur stellte er sich dabei
derartig ungeschickt und auffällig an, dass die ganze Familie nach kurzer Zeit wusste, dass er sich in
Monika verliebt hatte.

Manche Nacht, wenn er in der Buzze lag, träumte er davon, neben Monika zu liegen und ihren Körper
zu erforschen. Sein großes Pech war, zu oft und zu intensiv von ihr zu träumen, und da die Natur sich
nicht aufhalten lässt, hatte er nun öfters mal weiße Flecken in der Unterwäsche. Das blieb seiner Mutter
an den Waschtagen natürlich nicht verborgen, und sie hatte den Verdacht, dass er selbst Hand an sich
legen würde.

Als der Bauer davon erfuhr, war er ziemlich sauer, Selbstberührung war streng verboten, da mussten
energische Schritte unternommen werden. So kam es, dass er mit seinem Sohn zum Schmied ging, der
ihm einen Keuschheitsgürtel verpasste.

Für den Schmied war das ein Kinderspiel, Taillengürtel hatte er immer auf Vorrat, und ein Schrittband
war schnell nach den nötigen Massen angefertigt, auch eiserne Hüllen für den Freudenspender hatte er
in verschiedenen Größen auf Lager.

Nach noch nicht einmal zwei Stunden war Pietje keusch verschlossen, todunglücklich kehrte er mit sei-
nem Vater nach Hause zurück. Allein schon der Weg zurück nach Haus war eine Strafe für sich, der
Gürtel saß nach seiner Meinung viel zu eng und das Schrittblech scheuerte an seinen Schenkeln.

Es war ihm nun unmöglich sein bestes Stück selbst zu berühren, der Schmied hatte ganze Arbeit gelei-
stet. Auch fand er es unerträglich, ab sofort nur noch im Sitzen urinieren zu können, doch hatte dieser
Keuschheitsgürtel noch eine weitere, unangenehme Überraschung für ihn bereit, die er am gleichen
Abend noch kennen lernen sollte.

Teil 57

Es war zur Abendbrotzeit, alle saßen bereits an dem großen Küchentisch, als Monika merkte, dass sie
vergessen hatte die Butter auf den Tisch zu stellen. Schnell stand sie auf und ging in die Speisekammer,
holte den Steintopf mit der Butter. Sie wollte ihn in die Mitte des Tisches stellen, aber Pietje saß ihr etwas
im Weg, also stütze sie sich mit einer Hand auf seiner Schulter ab und beugte sich über den Tisch, um
die Butter abzustellen.

Allein diese direkte Berührung ließ bei Pietje die Körpersäfte steigen, sein bestes Stück wollte schon wie-
der anschwellen, doch mit einem Mal bekam er genau dort wahnsinnige Schmerzen. Der Schmied hatte
wirklich ganze Arbeit geleistet, in die eiserne Hülle, die seinen Penis umschloss, hatte er spitze Dornen
eingearbeitet, die jetzt von allen Seiten in seinen Freudenspender stachen.

Der Bauer, der als einziger von den Dornen wusste, grinste schadenfroh und dachte, dass es wohl kein
besseres Mittel geben könne, um einen Heißsporn im Zaum zu halten, während die Bäuerin ihren Sohn
sorgenvoll ansah und ihn fragte, was ihm denn fehlen würde, er hätte so ein schmerzverzehrtes Gesicht
gemacht. Es wäre alles in Ordnung, meinte Pietje, es wäre nur ein kleiner Krampf im Bein gewesen, nicht
von Bedeutung.

Auffällig aber war, dass er ab sofort etwas Abstand von Monika hielt, mit den plumpen
Annährungsversuchen war es schlagartig vorbei. Das führte dazu, dass Monika sich fragte, was sie denn
falsch gemacht hätte. Nachdem seine Veränderung schon über eine Woche angehalten hatte, legte sie
ihm die Hand auf die Schulter und fragte, ob sie ihn irgendwie unwissentlich verletzt oder beleidigt
hätte. Er machte sich aber sofort von ihr los und sagte mit schmerzverzerrtem Gesicht, das mit ihr alles
in Ordnung wäre, es läge nur an diesen Krämpfen, die er ab und zu hätte, die würden ihn wohl etwas
unleidlich machen.

Es dauerte nicht lange, bis auch Wiebke und Monika über den Keuschheitsgürtel Bescheid wussten,
zumindest wussten sie, dass er einen Gürtel trug, von den Dornen im Penisrohr mal abgesehen. Auf die
Dauer lässt sich das Tragen eines Gürtels im Familienkreis nicht verbergen, vor allen Dingen nicht, wenn
ein junger Mann, der sein Wasser abschlagen muss, jedes Mal auf den Abort geht, anstatt sich draußen
an den Misthaufen zu stellen.

Während Wiebke von ausgleichender Gerechtigkeit sprach, die von ihr aus ruhig für alle jungen
Burschen eingeführt werden solle, bekam Monika Mitleid mit dem Verschlossenen und tat das einzig
Falsche: Sie versuchte ihn zu trösten und legte den Arm um ihn. Das löste schon wieder einen Krampf
aus, und nun war Monika fast am Verzweifeln, sie glaubte schon den bösen Blick oder ähnliches zu
haben, die Krämpfe bekam Pietje immer nur in ihrer Nähe.

Voller Sorge wandte sie sich an Liesbeth van de Meer, erzählte ihr ihre Befürchtungen. Doch die Bäuerin,
die inzwischen auch von den Dornen wusste, erzählte Monika unter dem Siegel der Verschwiegenheit,
was es mit den Krämpfen auf sich hätte.

Monika, die den Keuschheitsgürtel für Männer so langsam auch als eine gerechte Sache ansah, wurde
jetzt richtig neugierig und wollte wissen, wie so ein Gürtel für Männer genau aussehen würde, soviel sie
wüsste, würde es so etwas im Land der alten Dörfer nicht geben.

Die Bäuerin meinte, dass sie ihr das Teil am nächsten Badetag mal unauffällig zeigen wolle, Pietje müsse
ja nicht unbedingt dahinterkommen, das wäre ihm bestimmt zu peinlich. Genau so wurde es gemacht,
als sie Pietje am nächsten Badetag den Keuschheitsgürtel aufgeschlossen hatte und er ihn abgelegt hatte,
nahm sie ihn unter dem Vorwand, die Salbe vergessen zu haben, mit aus der Badekammer heraus und
zeigte ihn Monika, die dort schon auf sie wartete.

Sie sah sich den Gürtel genau an, am meisten interessierte sie die Penishülle. Probeweise steckte sie mal
einen Finger hinein und fühlte die Dornen. Die wären aber gewaltig spitz, meinte sie zur Bäuerin, nun
könne sie auch verstehen, dass er immer Krämpfe bekommen hätte. Das mache überhaupt nichts, gab
die zurück, das bewirke jedenfalls, dass er sich jetzt den Frauen und Mädchen gegenüber so benehme,
wie es sich gehören würde.

Die spitzen Dornen seien übrigens eine Idee der Schmiedemeisterfrau gewesen, erzählte die Bäuerin, es
sei noch nicht lange her, dass der Sohn der Schmiedeleute den Mädchen über die Maßen nachtgestellt
hätte, doch jetzt lebte er nicht nur keusch, nein, sogar die unkeuschen Gedanken wären ihm im Laufe
der Zeit vergangen, und nun sei er im Umgang mit der Weiblichkeit zahm und ordentlich.

Während Liesbeth den Keuschheitsgürtel in die Badekammer brachte, ging Monika in die Küche zurück
um ihre Arbeit zu erledigen. Wiebke merkte schnell, dass Monika in Gedanken ganz woanders war und
fragte, an was sie denken würde.

„Mich lässt der Gedanke an diesen Keuschheitsgürtel für Männer nicht mehr los, das ist wirklich ein opti-
males Erziehungsmittel, damit macht sich eine Frau jeden Mann gefügig, vorausgesetzt, sie schafft es
aus irgendeinem Grund, ihn in einen Gürtel zu verschließen.“ „Na also,“ lachte Wiebke, „das Thema hat-
ten wir doch schon mal: Einen Mann musst du dir erziehen, jetzt scheinst du es kapiert zu haben.“

Teil 58

Nachdem die Weiden das erste Mal gemäht worden waren, wurden die Kühe aus dem Stall geholt und
auf die Weide verbracht. Nun kam der gleiche Ablauf wie immer: Stall reinigen, Mist fahren, Heu ein-
fahren, usw., es wurde von Morgen bis Abends geschuftet. Nebenbei hatte Monika sich mir der Käserei
zu beschäftigen, was ihr allerdings auch großen Spaß machte.

Fast jeden Sonntag war Monika bei einer anderen Familie zu Besuch, sie war gleich zu Anfang von vie-
len Familien eingeladen worden. Unter anderem besuchte sie eines Tages auch die Schmiedeleute des
Ortes und es dauerte nicht lange, bis das Gespräch auf die Keuschheitsgürtel kam, insbesondere auf die
Gürtel für Männer. Monika erzählte den Schmiedeleuten, dass Keuschheitsgürtel für Männer im Land der
alten Dörfer völlig unbekannt wären, doch sie würde zu Hause bestimmt davon berichten.

Es wurde in Holland zwar genau so hart gearbeitet wie im Land der alten Dörfer, doch irgendwie schaff-
ten es die Leute, es gemütlicher angehen zu lassen. Auch wurde durchaus mal ein Genever (Spirituose
in Holland) getrunken, aber immer mit Maß und Ziel.

Schnell vergingen die Wochen und Monate der Bewährungszeit, an einem Septembertag kam überra-
schend das Schreiben, dass Monika wieder in das Land der alten Dörfer zurückfahren solle, der genaue
Termin würde noch mitgeteilt werden, doch innerhalb der nächsten Wochen wäre es soweit.

Immerhin hatte sie, als es nun Anfang Oktober auf die Rückreise ging, ihr halbes Jahr Bewährungszeit
voll machen können. Einen Tag vor der Abreise, ihre Kiste war schon gepackt, kam noch Besuch auf den
Hof: Die Frau des Schmieds machte ihre Aufwartung und gab Monika ein großes Paket, dass sie der
Schmiedefrau Düring in Andersum mit schönen Grüssen von ihr überbringen solle.

Früh am Morgen wurde sie mit der Kutsche abgeholt, ihre Kiste, das Paket und ein Riesenfresskorb, den
Familie van de Meer ihr eingepackt hatte, wurden in die Kutsche verladen. Herzlich verabschiedete sich
Monika von allen, bedankte sich für die gute Zeit, die sie bei der Familie und in diesem Land gehabt
hatte.

Zum Abschluss wurde sie von der ganzen Familie noch einmal in den Arm genommen. Auch Pietje bil-
dete da keine Ausnahme, er nahm sie vorsichtig in den Arm, ohne sie dabei groß zu berühren. Doch
Monika meinte zu ihm, dass es ihr wirklich leid täte, dass er wegen ihr nun im Keuschheitsgürtel stek-
ken würde und gab ihm einen dicken Kuss auf den Mund. Pietje war zu einer vernünftigen Antwort nicht
mehr fähig, er gab nur ein jammervolles: „ Uuuuhhuuu, auaaua, huuuhuuu“ von sich. „Hast du schon
wieder einen Krampf?“ wollte Monika ganz unschuldig von ihm wissen, während die Familie sich vor
Lachen nicht mehr halten konnte und der arme Pietje mit hochrotem Kopf dastand.

Als sie in der Kutsche saß, rief sie noch einmal: „Vielen Dank für alles, ich werde euch nie vergessen.“
Während die Kutsche anfuhr und alles am Winken war, dachte Pietje bei sich: „Dich werde ich auch nicht
vergessen, das war ja nicht zum Aushalten.“ Sobald das Gefährt außer Sicht war, ging Pietje zu seiner
Mutter und bat um den Schlüssel für den Keuschheitsgürtel.

Im ersten Reflex griff Frau van de Meer in die Schürzentasche, zog dann die Hand aber wieder hervor,
ohne den Schlüssel herausgenommen zu haben. „Was willst du denn mit dem Schlüssel?“ fragte sie ihn.
„Na, was wohl? Ich will so schnell wie möglich aus diesem Marterinstrument heraus, was denkt Ihr
denn?“

Mit dominanten Blick, doch nicht ohne ein leicht hintergründiges Lächeln auf den Lippen, sagte sie zu
ihm: „Nein, du bekommst den Schlüssel nicht, jetzt, wo du gerade gelernt hast, dich uns Frauen gegen-
über rücksichtsvoll und höflich zu verhalten, wäre es doch geradezu ein Fehler, dich wieder in alte
Gewohnheiten zurückfallen zu lassen.“ „Mutter,“ rief Pietje ganz entsetzt, „das könnt Ihr doch nicht im
Ernst meinen.“ Frau van de Meer sah ihre Töchter an und sagte: „Was meint ihr Beiden, soll ich ihn auf-
schließen oder wollt ihr weiterhin einen wohlerzogenen Bruder haben?“

Wiebke ergriff sofort das Wort: „Ich bin doch auch die ganze Zeit verschlossen, da ist es doch nicht mehr
als gerecht, wenn auch Pietje einen Keuschheitsgürtel trägt, gleiches Recht für alle! Dazu kommt, dass
er, seitdem er den Gürtel trägt, wirklich sehr nett und lieb geworden ist, warum soll das nicht so blei-
ben?“

„Pietje soll so bleiben, wie er jetzt ist.“ rief auch die kleine Robine, und somit war sein Schicksal besie-
gelt. „Wie lange soll ich denn noch eingeschlossen bleiben?“ wollte er von seiner Mutter wissen. „Das
liegt ganz an dir,“ meinte sie, „je eher du heiratest, um so ehr kann ich den Schlüssel deiner zukünfti-
gen Frau übergeben.“

Während Pietje wie ein geprügelter Hund seiner Arbeit nachging, fuhr die Kutsche in Richtung Hafen.
Monika unterhielt sich mit den beiden Männern in einem fehlerfreien, fließendem friesischen
Plattdeutsch, wieder hatten sie viel Spaß während der Fahrt. Dann kam auf schon die Tjalk in Sicht, die
in dem kleinen Hafen am Steg festgemacht hatte.

Monika sprang aus der Kutsche und lief auf das Schiff, um die Mannschaft zu begrüßen, die sich sehr
freute sie wiederzusehen. Schnell waren ihre Sachen an Bord verstaut, die Kutscher nahmen noch einen
Postsack in Empfang und verabschiedeten sich, allerdings nicht ohne vorher der Besatzung des Schiffes
noch 2 Flaschen Genever zuzustecken, natürlich nur aus medizinischen Gründen, wie ihr erklärt wurde.

Kurz darauf legten sie unter Maschinenkraft ab und fuhren über die Kanäle Richtung Amsterdam, dort
wieder mitten durch die Stadt und hielten auf dem Markermeer Kurs Richtung Enkhuisen, von dort aus
ging des durch die Schleuse auf das Ijsselmeer zu gelangen. Von dort aus ging es nach Makkum, wo sie
die Nacht verbrachten.

Die Abfahrt am nächsten Morgen verzögerte sich, da noch auf drei Passagiere gewartet werden musste.
Mit einer Stunde Verspätung kamen sie endlich an, der eine Passagier war Monika bestens bekannt, doch
die beiden Anderen kannte sie nicht, obwohl sie schon eine Ahnung beschlich, was diese Leute an Bord
wollten.

Teil 59

Bei den drei Passagieren handelte es sich um Advokat Meyerdirks, einem elegant gekleideten Herrn und
um ein junges Mädchen zwischen 18 und 20 Jahren, die in knallenge Jeans und ebenso enge Lederjacke
gekleidet war. Die Haare hatte sie sich entweder eingesprayt oder lange nicht gewaschen, abgerundet
wurde ihr Outfit durch mehrere Pircings und einem Nasenring.

Meyerdirks kam als erster an Bord, begrüßte jeden der Mannschaft mit Handschlag und gab auch
Monika die Hand. „Nun, meine liebe Monika, dich auf deiner Heimreise begleiten zu können freut mich
außerordentlich, in der Tat, außerordentlich.“ „Vielen Dank, Herr Meyerdirks,“ gab Monika zur Antwort
und machte einen Knicks, „auch ich bin sehr froh, dass sie an Bord sind, wenn sie nachher etwas Zeit
haben sollten, würde ich mich gerne mit ihnen unterhalten.“ „Das werden wir einrichten können, doch
erst muss ich mich um unsere Gäste kümmern.“
Auch der Herr und das Mädchen waren inzwischen an Bord, die Tjalk hatte abgelegt und fuhr Richtung
Abschlussdeich auf die Schleuse Kornwerderzand zu. Während Meyerdirks mit seinen Gästen in der
Messe saß, leistete Monika den Männern an Deck Gesellschaft. Nach einer halben Stunde war die
Schleuse erreicht, die Tjalk brauchte nicht warten und konnte sofort in die Schleusenkammer einfahren.

Kaum war das Schleusentor geschlossen, als einer der Besatzung aus einer Kiste eine Kette und zwei
Vorhängeschlösser holte und damit in Richtung Messe ging. Als das Schleusentor geöffnet wurde, kam
der Herr aus der Messe und ging an Land, während man von unten wütendes Geschimpfe hören konn-
te. Kurz darauf war das Besatzungsmitglied wieder an Deck, schüttelte mit dem Kopf und meinte: „Was
für eine Wildkatze, mit der wird man noch viel Freude haben, ich bin jetzt schon froh, wenn wir sie
heute Nachmittag an Land bringen.“

Wenig später kam auch Meyerdirks an Deck, sichtlich genervt von der Unterhaltung mit der jungen
Dame. „Dieses Mädchen ist ein schwieriger Fall,“ meinte er, „sie ist störrisch und uneinsichtig, aber wir
werden schon mit ihr fertig werden.“

Der Advokat ließ sich einige Minuten den frischen Seewind um die Nase wehen und meinte dann zu
Monika: „Nun, mein liebes Kind, du wolltest dich mit mir unterhalten, was hast du auf dem Herzen?“
Doch Monika, die den Anwalt inzwischen gut kannte, sagte zu ihm: „Wenn es ihnen recht ist, würde ich
die Unterhaltung lieber auf später verschieben, ich wollte mich gerade um das Mittagessen kümmern.“

„Nun,“ meinte Meyerdirks, „ich muss zugeben, ein kleines Häppchen könnte ich auch vertragen, ich ver-
spüre doch etwas Appetit, in der Tat, etwas Appetit.“ „Möchten sie wirklich nur ein kleines Häppchen
anstatt einer richtigen Mahlzeit?“ fragte Monika ihn mit einem unschuldigem Blick. Die Besatzung, die
das Gespräch mitbekam, grinste über beide Ohren, war Meyerdirks für seinen Riesenhunger doch über-
all bekannt.

Der Anwalt sah sich in die Enge getrieben, bekam mit, dass die Männer an Deck ihn grinsend ansahen
und meinte: „Nun, ich möchte keine Extrawurst gebraten haben, ich nehme die gleiche Portion wie alle
anderen auch.“ „Aber gern, Herr Meyerdirks, ganz wie sie wünschen, ihr Wunsch ist mir Befehl.“ lächel-
te Monika ihn an und ging nach unten in die Kombüse. Wieder einmal war Meyerdirks ratlos: Hatte die-
ses Mädchen ihn nun veralbert oder nicht? Ja, ja, diese Monika war schon ein höchst bemerkenswertes
Mädchen, höchst bemerkenswert.

Das „höchst bemerkenswerte Mädchen“ brauchte nicht darüber nachzudenken, was es den Männern zu
Essen machen sollte, selbstverständlich würde es wieder einen „Monika-Spezial“ geben, doch diesmal
mit frischem Weißbrot, saftigem Kochschinken und einem jungem Käse.

Sie setzte den Wasserkessel auf und ging in die Messe, um nach dem Mädchen zu sehen. Wie sie es sich
schon gedacht hatte, war die Neue mit einer Kette um den Hals angeschlossen worden. Monika war noch
nicht ganz im Raum, als die Neue schon anfing sie anzuschreien: „Was wollt ihr Idioten von mir, habt
ihr den Verstand verloren? Du machst mir jetzt sofort die Kette ab, oder ich zeige dich genauso an wie
die anderen Volltrottel auf diesem Holzeimer.“

„Du solltest dich lieber beruhigen und dich vernünftig benehmen, sonst bekommst du nicht nur hier an
Bord, sondern auch später an Land fürchterlichen Ärger. Es bleibt dir sowieso nichts anders übrig als
dich zu fügen, und es liegt nur an dir selbst, wie man dich behandeln wird, also sei friedlich. Ich bin
auch nicht gekommen, um mich von dir beschimpfen zu lassen, sondern um zu fragen, ob du etwas
essen möchtest.“

„Du kannst dir dein verdammtes Essen sonst irgendwo hinschieben, ich will nur von diesem Kahn run-
ter, und sonst nichts.“ „Na gut,“ sagte Monika, „wer nicht will, der hat schon und ging in die Kombüse
zurück.

Als sie wenig später in die Messe zurück kam, um schon mal Bestecke und Mucken auf den Tisch zu
stellen, war einer der Matrosen gerade dabei, die Neue an der Kette den Niedergang heraufzuführen, um
sie an Deck wieder anzuketten.

Als die ersten Zwei der Besatzung zum Essen in die Messe kamen, fragte sie, warum das Mädchen jetzt
an Deck angeschlossen wäre. „Wir wollen doch in Ruhe essen, und uns von der Göre nicht stören las-
sen, außerdem könnte sie ein Messer von Tisch nehmen und damit Blödsinn anstellen, nee, die ist da
oben gut untergebracht.“

Monika ging zurück in die Kombüse und machte die nächsten zwei Essen fertig, erst als die Besatzung
versorgt war, kam auch Meyerdirks in die Messe. Für den Anwalt machte sie eine Riesenportion, wäh-
rend sie für sich selbst nicht viel mehr als einen Kinderteller machte. Der Anwalt war begeistert von dem
„Monika-Spezial“, er ließ auch nicht einen Krümel über.

Erst als Monika den Tisch abgeräumt und noch einmal Tee nachgeschenkt hatte, kam sie auf ihr
Anliegen zu sprechen: Sie erzählte von ihrer Zeit in Holland, was sie dort erlebt und gelernt hatte. Der
Anwalt hörte interessiert zu, und als Monika geendet hatte meinte er: „Dir scheint es richtig gut gefal-
len zu haben, aber ich habe das Gefühl, dass du mir der Schilderung deiner Erlebnisse etwas Bestimmtes
sagen wolltest.“

„Ja, Herr Advokat Meyerdirks, genauso ist es, ich habe nämlich eine Idee.“ „Oh grundgütiger Gott.“
stöhnte Meyerdirks, der mit den Ideen von Monika erfahrungsgemäß immer Arbeit hatte. Doch Monika
ließ sich nicht beirren und unterbreitete dem Anwalt ihren Plan.

Teil 60

Lang und ausführlich erklärte Monika dem Anwalt ihre Absicht: Sie wollte im Land der alten Dörfer eine
Käserei aufbauen. Die Kosten für das Gebäude sowie für die Einrichtung wollte sie selbst übernehmen,
Meyerdirks sollte die Sachen besorgen, aber vor allen Dingen musste sie das Einverständnis des Rates
haben, von ihrem zukünftigen Ehemann und dessen Eltern ganz zu schweigen.

Wenn Meyerdirks der Sache am Anfang auch etwas skeptisch gegenüberstand, so erwärmte er sich nun
mehr und mehr, die Sache mache Sinn, meinte er. Es würde zumindest einen Teil der doch recht auf-
wendigen Transportkosten für die Milch einsparen, zudem wäre für einen guten Käse auch ein guter
Preis zu erzielen.

Über eine Stunde lang hatten die beiden sich unterhalten, da kam einer der Matrosen mit dem neuen
Mädchen im Schlepptau in die Messe, um sie dort bei der Bank wieder anzuketten. „Tut mir leid, dass
ich stören muss, doch der Wind frischt auf und darum muss das Mädchen vom Deck weggebracht wer-
den.“ sagte er entschuldigend. „Das macht nichts,“ gab Meyerdirks zurück,“ wir hatten unsere
Unterhaltung gerade beendet.“

Während der Matrose und der Anwalt wieder an Deck gingen, kümmerte sich Monika um die Neue:
„Möchtest du jetzt vielleicht eine Muck Tee trinken?“ fragte sie. Doch die sah sie nur mit giftigem Blick
an und schwieg.

„Nun sei doch nicht so störrisch, es hilft dir doch alles nichts, für mindestens ein Jahr lang hast du dich
unterzuordnen, und je eher du dich einfügst, um so schneller hast du es auch überstanden. Aber jetzt
werde ich dir doch erst einmal eine heiße Muck Tee bringen, du zitterst ja vor Kälte.“

Die Neue sagte nichts, doch Monika ging in die Kombüse, schenkte eine Muck Tee ein und brachte die
Henkeltasse zu dem angekettetem Mädchen. „Trink den Tee, er wird dir gut tun,“ sagte sie zu ihr und
ging zurück in die Schiffsküche, um den Rest Geschirr abzuwaschen und aufzuräumen.

Als sie nach einer Weile in die Messe zurückkam, fand sie die Henkeltasse zerschlagen am Boden liegen.
„Warum hast du das gemacht, ich habe es doch nur gut gemeint mit dir.“ Doch die Neue riss an ihrer
Kette und schrie sie an: „Ihr seid doch alle bescheuert hier, so etwas wie hier kann es nur in einem
Horrorfilm geben, aber doch nicht in der Wirklichkeit. Ich will sofort von diesem Scheißschiff runter, ich
zeig euch alle an.“

Monika sagte nichts, holte einen Besen und ein Kehrblech und fegte die Scherben zusammen. Als sie
dann auch den verschütteten Tee aufgewischt und den Eimer und Feudel wieder zurückgebracht hatte,
setzte sie sich neben das neue Mädchen hin. „Pass gut auf, Mädchen, ich werde dir jetzt einmal etwas
erzählen.“ „Ich habe einen Namen, du blöde Kuh, hör auf mich mit „Mädchen“ anzusprechen, das kann
ich auf den Tod nicht ab.“

„Dein Name wird für mindestens 10 Monate einfach nur „Mädchen“ sein,“ erklärte Monika ihr ganz
sanft, „du wirst in ein Land gebracht, in dem sich jemand, der mit seinem Namen angesprochen werden
möchte, diese Ehre erst verdienen muss. Außerdem kannst du dich gleich daran gewöhnen, mich mit
Jungfer Wattjes anzusprechen, sonst könntest du alleine schon dadurch Ärger bekommen.“

„Ich lach mich tot, „Jungfer Wattjes“ soll ich zu dir sagen, du hast sie doch nicht mehr alle im
Gehirnkasten.“ „Für dich bin ich Jungfer Wattjes, und du hast mich zu Siezen, halte dich daran, denn
dort wo du jetzt hinkommst, lernt man gutes Benehmen notfalls auch durch die Peitsche.“

„Das glaube ich jetzt nicht, willst du im Ernst behaupten, jemand würde mit einer Peitsch auf mich los-
gehen?“ Monika stand auf, sah ihr fest in die Augen und verpasste ihr eine deftige Ohrfeige. Das
Mädchen schrie überrascht auf, doch Monika sagte ruhig: „Habe ich dir nicht gerade eben erklärt, wie
du mich anzusprechen hast?“

„Du hast kein Recht mich zu schlagen, was fällt dir eigentlich ein?“ rief sie wutentbrannt, doch im glei-
chen Augenblick hatte sie sich die zweite Ohrfeige eingefangen. „Wir können von mir aus gerne so wei-
termachen,“ meinte Monika, „doch wenn meine Hände anfangen weh zu tun, rufe ich die Mannschaft,
die dich an den Mast binden und dann auspeitschen wird.“

Die Neue sah sie mit großen Augen an und begriff ganz langsam, dass es wohl besser wäre sich zu fügen,
diese Jungfer Wattjes würde ihre Worte wahr machen und sie tatsächlich an den Mast binden lassen.

„Soll ich dir mal was erzählen, Mädchen? Wenn du dich fügst, tust, was man dir sagt, und wenn du dich
wirklich ordentlich und anständig benimmst, hast du nichts zu befürchten. Es muss jetzt ungefähr zwei
Jahre her sein, da war ich, genau wie du jetzt, hier in der Messe an der gleichen Stelle angekettet, und
ich habe mich genau so gewehrt wie du.“ „Das kann ich mir gar nicht vorstellen, Jungfer Wattjes, kön-
nen Sie mir noch mehr darüber erzählen?“ fragte die Neue, die jetzt überhaupt nicht mehr wusste, was
sie von der ganzen Sache halten sollte.

Advokat Meyerdirks, der inzwischen wieder in die Messe gehen wollte, dann aber dem Gespräch vom
Niedergang her zugehört hatte, dachte mal wieder bei sich: „Diese Monika ist in der Tat eine außerge-
wöhnliche junge Frau, in der Tat, außergewöhnlich! Wenn wir in zwei Stunden die Tjalk verlassen, hat
sich die Neue schon mit ihrem Schicksal abgefunden.“

Damit hätte er vielleicht auch Recht gehabt, nur trat auf einmal ein Riesenproblem auf, mit dem keiner
gerechnet hatte.

Teil 61

Laute Kommandos waren auf einmal auf dem Deck zu hören: Segel einholen, Sturmsegel setzen,
Bullaugen verschalen, usw., auf Monika kapierte schnell, was da auf sie zukommen würde und verstau-
te alle beweglichen Gegenstände in Kisten und Schubladen.
Einer der Matrosen kam nach unten, ging kurz in die Kombüse und in die Messe, sah, dass alle losen
Gegenstände sicher verstaut waren, brummte Monika ein: „Gut gemacht.“ zu und befreite die Neue von
ihrer Kette. Meyerdirks, der jetzt auch in der Messe war, meinte: „Ich würde die Kette nicht losnehmen,
das Mädchen könnte uns Ärger machen.“ „Kann sein,“ gab der Matrose zurück, „aber wenn ich sie ange-
kettet lasse, hat sie überhaupt keine Überlebenschance, wenn wir absaufen sollten.“

„Sieht es denn wirklich so schlimm aus?“ wollte der Anwalt wissen. „Na ja, unsere Tjalk ist ein
Plattbodenschiff, und ist nicht für Sturmfahrten auf offener See gebaut worden, aus diesem Grund müs-
sen wir mit allem rechnen.“ Er wollte den Sachverhalt noch weiter erklären, doch in dem Moment holte
das Schiff gewaltig nach Steuerbord über. „Ich muss zurück an Deck, ihr drei bleibt hier unten, sollte es
zum Äußersten kommen, sage ich von selbst Bescheid.“

Scheinbar hatte der Skipper die Tjalk in den Wind gedreht, nun schwankte sie zwar nicht mehr, schlug
mit dem Bug aber so hart in die Wellen, dass das ganze Schiff zitterte. Selbst Meyerdirks schien sich
nicht mehr wohl zufühlen, ständig wischte er sich den Schweiß von der Stirn, aber noch wesentlich
schlechter erging es aber der Neuen, die langsam, aber sicher, eine grau-grüne Gesichtsfarbe bekam.

In weiser Voraussicht holte Monika einen Eimer aus der Kombüse und stellte ihn unter den Tisch in der
Messe, keine Minute zu früh, wie sich schnell herausstellen sollte, denn nach dem nächsten Heben und
Senken des Schiffsbugs in der kochenden See ließ die Neue sich auf den Boden sinken, hielt den Kopf
über den Eimer und brachte Neptun ihre Opfergaben dar.

Nun fing auch noch Anwalt Meyerdirks an, seltsame Geräusche von sich zu geben, scheinbar schien
auch er seekrank zu werden. Aber das war ja auch kein Wunder, frische Luft kam nicht mehr in die Messe
hinein, dafür wurden der Geruch von Dieselöl, abgestandenem Wasser in der Bilge (tiefster Punkt in
einem Schiff) und dem Erbrochenem immer intensiver.

Trotz des starken Seegangs turnte Monika noch einmal in die Kombüse, um auch für den Anwalt einen
Eimer zu holen. „Das wäre nicht notwendig gewesen, meine liebe Monika, ich stamme von einer alten
Seefahrerfamilie ab, bin also absolut seefest, in der Tat, absolut seefest.“ tönte er noch, bevor auch er
Sekunden später über dem Eimer hing.

Bis Mitternacht hielt der Sturm am, erst dann flaute es etwas ab, die See wurde etwas ruhiger. Nun wurde
auch die Luke zum Niedergang wieder geöffnet und frische Luft strömte in das Innere des Schiffes. Ein
Matrose kam in die Messe, fragte ob alles in Ordnung wäre, nahm die beiden Eimer und nahm sie mit
an Deck, um sie dort zu entleeren und zu reinigen.

Als er die gereinigten Eimer zurückbrachte erzählte er, dass die Tjalk sich kurz vor Helgoland befinden
würde und sie in weniger als einer Stunde dort im Hafen festmachen würden. Diese Auskunft ließ
Meyerdirks nachdenklich werden: „Ich hoffe, wir werden wegen dem neuen Mädchen im Hafen von
Helgoland keine Unannehmlichkeiten bekommen, wahrscheinlich kommt doch der Zoll an Bord und
wird Fragen stellen.“

„Keine Ahnung,“ sagte der Matrose, „dafür ist unser Skipper zuständig, der wird das schon regeln.“ und
ging wieder an Deck. Auch Meyerdirks und die beiden Mädchen brauchten frische Luft und gingen eben-
falls nach oben. Während Meyerdirks nach achtern zum Steuerstand ging, zog es die Mädchen zum Bug,
um einen Blick von Helgoland zu erhaschen.

Sie waren noch nicht mal vorne angelangt, als sie vom Skipper zurückgerufen wurden: „Sofort weg vom
Vorschiff, das ist im Moment noch zu gefährlich.“ Im gleichen Augenblick wurde das Vorschiff der Tjalk
von einer hohen Welle emporgehoben, um Sekunden später in ein Wellental einzutauchen. Beide
Mädchen wurden durch die Welle, die daraufhin das Deck überspülte, von den Füßen gerissen und nah-
men in dem eisigen Wasser ein Vollbad.

Sofort kamen zwei der Matrosen zum Vorschiff gelaufen, packten die Beiden und brachten sie unter
Deck. „Das habt ihr von eurer Neugier,“ meinte der Eine, „nun seid ihr nass wie die Katzen, zieht euch
lieber sofort trockene Sachen an.“ und verschwand mit seinem Macker wieder an Deck.

Monika fackelte nicht lange, ging zur ihrer Kiste, die in einer Ecke der Messe festgelascht war und holte
für die Neue und für sich trockene Kleider und Handtücher heraus. „Los,“ sagte Monika, „worauf war-
test du noch, runter mit den nassen Sachen.“ Die Neue zögerte erst, doch da ihr fürchterlich kalt war
und auch Monika sich jetzt auszog, legte auch sie ihre nassen Kleidungsstücke ab.

Sobald Monika sich ganz ausgezogen hatte, rubbelte sie sich mit dem Handtuch trocken, während die
Neue wie versteinert dastand und sie ansah. „Was ist los mit dir, warum sieht du mich so seltsam an?“
wollte sie wissen. „Spinn ich jetzt, oder tragen sie wirklich einen Keuschheitsgürtel, und was bedeutet
dieser Reif um ihrem Hals?“ fragte sie ganz verdattert.

„Natürlich trage ich einen Keuschheitsgürtel, schließlich bin ich noch nicht verheiratet, und dieser
Halsreif ist ein Geschenk, auf das ich sehr stolz bin, doch nun sieh zu, dass du dich endlich ausziehst.“
Während Monika sich schon wieder anzog, rubbelte die Neue sich noch trocken und zog anschließend
das Kleid an, dass ihr hingelegt worden war. „In den Klamotten kann ich mich doch nicht auf Helgoland
sehen lassen.“ jammerte sie. „Darüber mach dir mal keine Gedanken, ich glaube nicht, dass du viel von
Helgoland sehen wirst.“ bekam sie von Monika Bescheid, „außerdem wirst du während des nächsten
Jahres Kleider tragen, die deinem anspruchvollem Geschmack noch weniger gefallen werden.

Kurz darauf kam einer der Matrosen in die Messe, ging zum Tisch und winkte die Neue zu sich heran.
„Komm her, Mädchen, es ist wieder Zeit für die Kette.“ Doch die dachte nicht daran, sich wieder wie
einen Hofhund anleinen zu lassen, blickte zur Messetür und wollte an Deck flüchten, doch hatte sie in
diesem Moment nicht mit Monika gerechnet, die durch die harte Arbeit richtige Muskeln bekommen
hatte. Die griff sich den rechten Arm der Flüchtenden, drehte ihn auf den Rücken und führte sie so zu
dem Messetisch hin, wo der Matrose ihr die Kette wieder um den Hals legte und verschloss.

„Wo wolltest du denn hin, vielleicht in die Nordsee springen, du verrücktes Huhn?“ fragte der Matrose
und ging lachend wieder an Deck, während das Mädchen wütend an der Kette riss. „An deiner Stelle
würde ich mich ganz schnell beruhigen, ich habe dir doch schon erzählt, dass es keine Flucht gibt, und
ein weiteres Auflehnen gegen das, was auf dich zukommen wird, hat nur Nachteile für dich.“ Seufzend
ließ das Mädchen sich auf die Bank fallen, sah Monika an und fragte: „Jungfer Wattjes, kann es sein,
dass ich auch so einen Keuschheitsgürtel tragen muss?“ „Das wird dir nicht erspart bleiben, aber du
kannst mir glauben, das ist das kleinste Übel, da kommen auch noch andere Sachen auf dich zu.“

Auch Monika ging jetzt an Deck, um sich das Einlaufen in den Helgoländer Hafen anzusehen, das
Mädchen saß allein in der Messe und überlegte, wie sie im Hafen von dem Schiff herunterkommen könn-
te. Immerhin macht der Anwalt sich Sorgen, dass der Zoll an Bord kommen und sie sehen könnte, also
wurde sie widerrechtlich festgehalten. Wenn es ihr nun gelingen würde sich bemerkbar zu machen, wäre
diese Irrsinnsfahrt endlich vorbei.

Etwas später setzten sich zwei der Matrosen zusammen mit Monika und Meyerdirks mit an den
Messetisch, um eine heiße Muck Tee zu trinken, als sie durch die jetzt wieder geöffneten Bullaugen eine
Stimme hörten, die das Schiff anrief. Im gleichen Augenblick sprang die Neue hoch und fing an zu
schreien: „Hilfe, Hilfe, ich bin...........!“

Teil 62

Weiter kam die Neue nicht, denn der Matrose, der links von ihr saß, hielt ihr den Mund zu. Der andere
holte blitzschnell ein Stück Tau und fesselte dem Mädchen die Hände auf dem Rücken. Dann wurde ihr
ein Stück Stoff in den Mund gestopft und mit einem Tuch, das hinter ihrem Kopf verknotet wurde, gesi-
chert.
Währenddessen stand Monika auf, zog sich ihr Kleid in Brusthöhe vom Körper weg und goss ihre Muck
Tee darüber, um dann wie ein geölter Blitz an Deck zu laufen und zu jammern: „Was bin ich nur für
eine blöde Kuh, kippe ich mir doch die ganze Muck mit dem heißen Tee auf die Brust, wie kann man
nur so dämlich sein.“ und wedelte sich die frische Nachtluft auf ihr Kleid.

„Hast du dich verbrannt?“ wollte der Skipper wissen, der zusammen mit dem Hafenmeister an Land
stand. „Nein, ich glaube nicht, es ist gerade noch mal gut gegangen.“ meinte sie und verzog sich wie-
der unter Deck.. „Unser Krankenhaus hat einen Notdienst,“ sagte der Hafenmeister, „wenn etwas sein
sollte, könnt ihr jederzeit dorthin gehen.“ Der Skipper bedankte sich und ging zurück an Bord, während
der Hafenmeister sich wieder in sein Büro verkrümelte, ihm war kalt geworden.

Besorgt ging der Skipper in die Messe, doch da sah er (mit einer Ausnahme) nur grinsende Gesichter.
„Was ist denn hier so lustig?“ wollte er wissen. Nachdem ihm die Geschichte erzählt worden war, grin-
ste auch er und meinte zu Monika: „Das hast du gut gemacht, ich muss schon sagen, du gefällst mir,
von mir aus könntest du sofort an Bord anmustern.“

„Vielen Dank für das Angebot,“ sagte Monika, „aber ich glaube, im Land der alten Dörfer wären ein paar
Leute sehr enttäuscht, wenn ich nicht wiederkommen würde.“ Meyerdirks fiel bei diesen Worten ein dik-
ker Stein vom Herzen, das hätte ihm jetzt gerade noch gefehlt, dem Rat und der Familie Wattjes erklä-
ren zu müssen, dass Monika jetzt Seemann werden wollte.

„Was machen wir denn nun mit der Neuen?“ wollte einer der Matrosen wissen. „Das kann ich dir sagen,“
meinte der Skipper, „aus der machen wir jetzt ein handliches Paket, wenn du weißt, was ich meine.“ Doch
der grinste nur und sagte: „Ay, ay, Skipper, geht klar.“

Er befreite die Neue von der Kette, zog sie in eine kleine Kabine, drückte sie dort auf eine Koje und band
ihr die Fußgelenke zusammen. Ein weiteres Seil wurde an den auf dem Rücken gefesselten Händen befe-
stigt und an dem Seil der Fußgelenke angeknotet, als letzte Sicherheitsmaßnahme bekam sie eine Kette
um den Hals, die an einem Ring in der Bordwand angeschlossen wurde.

Kaum hatte der Matrose die Kabine verlassen, als die Neue versuchte sich von ihren Fesseln zu befrei-
en, sie ahnte, dass das hier ihre letzte Möglichkeit war, doch noch die Flucht zu ergreifen. Doch sie konn-
te versuchen, was sie wollte, die Seemannsknoten saßen fest, ein Entkommen war unmöglich.

Der Sturm ließ mehr und mehr nach, am nächsten Morgen gegen 5 Uhr wehte zwar noch eine kräftige
Brise, doch der Skipper ließ Leinen und Springs einholen und legte ab. Kaum waren sie aus dem Hafen
heraus, als auch schon die Schwerter heruntergelassen und die Segel gesetzt wurden, die Tjalk war auf
Heimatkurs.

Auch Monika war schon auf den Beinen, ihr erster Gang führte sie zum Skipper, von dem sie sich die
Erlaubnis holte, die Neue von ihren Fesseln zu befreien. Da die Tjalk sich jetzt wieder auf Hoher See
befand, hatte der nichts dagegen einzuwenden.

Als sie die Tür zur Kabine öffnete, kam ihr schon ein gequältes: „Mmmmhhhhhh“ entgegen, scheinbar
machte dem Mädchen der Knebel zu schaffen. Monika löste das Tuch und zog ihr den vollgesabberten
Stofflappen aus dem Mund. Mehrere Male holte die Neue tief Luft, während Monika anfing, ihre Arme
und Beine von den Tauen zu befreien. Auch die Halskette wurde ihr abgenommen und sie durfte sich
nach Stunden endlich wieder bewegen.

„Du kannst dich nützlich machen und den Tisch decken.“ sagte Monika zu ihr, aber die dachte nicht
daran, sich an der Arbeit zu beteiligen sondern rannte an Deck, um dort nach einer Fluchtmöglichkeit
zu suchen. Doch die Tjalk war hatte den Helgoländer Hafen schon lange verlassen, weit und breit war
auch kein anderes Schiff zu sehen. In ihrem dünnen Kleid wurde ihr schnell kalt und so ging sie zurück
in die Messe, um sich aufzuwärmen.
„Willst du dich jetzt nützlich machen oder nicht?“ wurde sie von Monika gefragt. „Den Teufel werde ich
tun, wie komme ich dazu hier auch nur einen Handschlag zu tun?“ „Wenn das so ist, brauchst du mir
hier auch nicht im Weg zu stehen. Sieh bloß zu, dass du wieder an Deck kommst und lass dich hier unten
nicht mehr sehen.“

„Das können sie doch nicht machen, Jungfer Wattjes, da oben ist es eiskalt, da hole ich mir den Tod.“
„Und wen interessiert das?“ fragte Monika, „Jedes Schwein im Stall ist wichtiger als du, also verschwin-
de endlich.“ Das Mädchen sah Monika an und fragte: „Was soll ich denn machen.“

Als Anwalt Meyerdirks in die Messe kam, wunderte er sich nicht schlecht, die Neue arbeiten zu sehen.
„Meinen Respekt,“ sagte er zu Monika, „wie hast du das Mädchen denn ans Arbeiten bekommen?“ „Ich
habe sie nur vor die Wahl gestellt zu arbeiten oder an Deck zu gehen, da hat sie sich zur Mitarbeit ent-
schieden, das ist alles.“ „Ich habe es bereits wiederholt gesagt, aber ich muss es an dieser Stelle noch
einmal wiederholen, du bist in der Tat eine außergewöhnliche junge Frau, in der Tat, außergewöhnlich.“

„Nur praktisch veranlagt, Herr Advokat, das ist auch schon alles.“ gab sie zurück und nötigte den
Anwalt, doch schon mal mit dem Frühstück zu beginnen. Als dann später auch die Mannschaft und sie
selbst versorgt war, forderte Monika das Mädchen auf, jetzt auch zu frühstücken. Im ersten Moment
schien sie Widerworte geben zu wollen, doch entweder hatte sie nun wirklich Hunger oder wollte im
Moment keinen Ärger haben, jedenfalls begann nun auch die Neue zu essen.

Nachdem die Messe abgeräumt und die Kombüse aufgeklart worden war, fragte die Neue, ob sie nicht
etwas an Deck gehen dürfe. Monika hatte nichts dagegen und gab ihr wegen der Kälte noch ein Öljak-
ke mit. So ausgerüstet stellte sich das Mädchen an den Bug und sah auf die Nordsee hinaus.

Über eine Stunde stand die Neue vorne auf dem Schiff, ihr musste inzwischen eiskalt geworden sein,
doch das schien sie nicht zu stören, man hätte den Eindruck gewinnen können, als wenn sie auf etwas
warten würde. Und tatsächlich, als wenn sie es geahnt hätte, kam ein Schiff von ca. 27 Metern Länge
auf die Tjalk zugefahren. Die Neue verhielt sich ganz ruhig, wartete, bis das Schiff näher herangekom-
men war, erst dann fing sie an zu winken und zu rufen: „Hilfe, Hilfe, ich bin entführt worden.“

Das entgegenkommende Schiff hielt weiter Kurs auf die Tjalk, erst jetzt gingen zwei Matrosen zum
Vorschiff und packten sich das Mädchen, um es unter Deck zu bringen. Das andere Schiff kam immer
näher, umrundete die Tjalk und kam bis auf 3 Meter Abstand längsseits zu liegen.

„Moin“ rief der Schiffsführer des anderen Schiffes dem Skipper der Tjalk zu, „ich habe mal eine wichti-
ge Frage.“ „Was liegt an?“ wollte der Skipper wissen. „Es gibt da ein Problem,“ sagte der Schiffsführer,
„und zwar folgendes..........!“

Teil 63

Bei dem Schiff handelte es sich um die „Alfried Krupp“, einem auf Borkum stationiertem Rettungsschiff
der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Die Seenotleitstelle hatte den Notruf eines
Seglers aufgefangen, konnte das Schiff bisher aber nicht orten. Aus diesem Grunde wollte der Vormann
des Rettungsschiffes wissen, ob der Besatzung der Tjalk irgendetwas aufgefallen wäre, möglicherweise
hätten sie irgendwelches Treibgut gesichtet.

Der Skipper verneinte, versprach aber die Augen aufzuhalten und die „Alfried Krupp“ setzte ihre Suche
fort. Währenddessen war das neue Mädchen wieder in der Messe angekettet worden, vor Wut und
Enttäuschung über die gescheitere Fluch heulte sie wie ein Schlosshund.

„Das hättest du lieber nicht machen sollen,“ sagte Monika zu ihr, „Anwalt Meyerdirks wird über dein
Verhalten einen Bericht abgeben, und du kannst mir glauben, er hat ein ausgezeichnetes Gedächtnis. Ab
jetzt solltest du deine Einstellung lieber ändern, sonst machst du es noch schlimmer und wirst die
Konsequenzen zu spüren bekommen.“ Nach diesen Worten ging auch sie an Deck und ließ die Neue in
der Messe allein.

Noch am Vormittag kamen sie an der Küste an, die Segel wurden eingeholt und der Anker fallengelas-
sen. Nachdem das Beiboot zu Wasser gelassen war, wurde zuerst das Gepäck eingeladen, dann stiegen
Monika und Meyerdirks in das Boot. Nun wurde die Neue an Deck gebracht, immer noch die Kette um
den Hals und die Hände auf dem Rücken zusammengebunden.

Zwei der Männer ruderten das Boot an den Strand, halfen ihren Passagieren trockenen Fußes an Land
zu kommen, und luden die Sachen aus. Meyerdirks und die Männer kümmerten sich um das Gepäck,
Monika führte die Neue an der Kette den Deich hoch. Oben auf der Deichkrone angekommen beobach-
tete sie den Gesichtsausdruck des neuen Kettenmädchens, die sprachlos auf den kleinen Ort heruntersah.

„Das darf doch nicht wahr sein,“ rief sie ganz perplex aus, „was ist das denn für ein primitives Nest dort
unten?“ „Du bist jetzt im Land der alten Dörfer, der Ort vor dir heißt Texlum, und das mit dem primiti-
ven Nest habe ich jetzt noch einmal überhört. Ich rate dir: Hüte deine Zunge. Und dass du mir nicht ver-
gisst, wie du dich zu benehmen hast: Den Blick hältst auf den Boden gerichtet, nur wenn du angespro-
chen wirst darfst du aufsehen, und denke ja daran, jedes Mal einen tiefen Knicks zu machen.“

Monika ruckte an der Kette und widerwillig setzte die Neue sich in Bewegung. Kurze Zeit später waren
sie auf dem Dorfplatz angelangt und wurden von dem Ortsvorsteher begrüßt und ins Haus gebeten,
außer der Neuen, die wurde von zwei Frauen in eine Scheune geführt.

Nach einer halben Stunde war die Kutsche von Meyerdirks fahrbereit, die Kiste und das übrige Gepäck
wurde aufgeladen, auch das neue Mädchen wurde nun zur Kutsche geführt. Während die übrige
Gesellschaft in der warmen Küche gesessen und Tee getrunken hatte, musste die Neue das geliehene
Kleid ausziehen und sich die für Kettenmädchen üblichen Sachen anziehen.

Wieder mit auf dem Rücken gefesselten Händen wurde sie hinten in die Kutsche gesetzt und die Halskette
an dem Wagen angeschlossen. Unterdessen hatte sich Monika und Meyerdirks von der Mannschaft und
dem Ortsvorsteher verabschiedet und stiegen ebenfalls in die Kutsche. Während der Fahrt unterhielten
sich Meyerdirks und Monika angeregt über die verschiedensten Sachen, das Kettenmädchen aber saß
stumm auf ihrem Platz, sah auf die herbstlichen Felder und konnte nicht fassen, was da im Moment mit
ihr passierte.

Kurz vor der Mittagszeit kamen sie in Hohedörp an und fuhren als erstes zum Bürgermeister, um die
Neue dort abzuliefern. Doch der bat Meyerdirks, sie doch gleich zum Schmied zu bringen, der könne
dann am Nachmittag die notwendigen Arbeiten durchführen.

Meyerdirks war das recht, also fuhr er weiter zum Schmiedemeister Düring. Dort wurde die Neue von
der Kutsche geholt und in der Schmiede mit einer sehr kurzen Kette an einem Ring in der Wand wieder
befestigt. Monika ging in dieser Zeit zu dem Wohnhaus der Schmiedeleute, um Frau Düring zu begrü-
ßen.

Die freute sich aufrichtig, Monika gesund und munter wiederzusehen, stellte Fragen am laufenden Band
und erzählte gleichzeitig die neusten Nachrichten. Nur mit Mühe konnte Monika den Redefluss kurzzei-
tig stoppen, um der Frau Düring mitzuteilen, dass sie von der Schmiedefrau in Holland ein Geschenk an
sie mitgebracht hätte. „Tatsächlich, ein Geschenk für mich, na, das ist ja eine Überraschung, was ist es
denn?“ Bevor Monika antworten konnte, kamen der Schmied und Advokat Meyerdirks ins Haus.

„Hast du das Mittagessen fertig, Frau, unsere Gäste haben Hunger von der Reise.“ „Habe ich in den gan-
zen Jahren auch nur einmal das Essen nicht fertiggehabt?“ fragte Frau Düring zurück. „Wir wollen euch
nicht beim Mittagessen stören, wir fahren jetzt gleich weiter nach Andersum.“ „Nichts davon,“ bestimm-
te Frau Düring, „erst wird zusammen gegessen, ich habe einen Riesentopf Weißkohl mit Hammelfleisch
auf dem Ofen, und jetzt keine Widerrede mehr.
Der ewig hungrige Meyerdirks ließ sich schnell überzeugen, während er und der Schmied sich schon an
den Tisch setzten, ging Monika der Schmiedefrau zur Hand und sagte dabei leise zu ihr: „Das Geschenk
für sie bringe ich in den nächsten Tagen hierher, es wäre gut, wenn auch die Frau Bürgermeister und die
Frau Pastor dabei wären, denn ich habe schon eine Ahnung, was sich in dem Paket befindet, und das
ist, wenn ich Recht behalten sollte, reine Frauensache, von der die Männer noch nichts zu wissen brau-
chen.“ „Jetzt machst du mich wirklich neugierig.“ meinte Frau Düring, war aber mit dem Vorschlag ein-
verstanden.

Teil 64

Nach dem wirklich ausgezeichnetem Hammeleintopf (von dem Meyerdirks vier volle Portionen in sich
hineingeschaufelt hatte) und dem anschließendem Teetrinken machten sich Monika und Meyerdirks auf
den Weg nach Andersum, der Schmied und seine Frau aber kümmerten sich um das Mädchen in der
Schmiede, die musste noch am gleichen Tag ihren neuen Schmuck angepasst bekommen.

Beim Anlegen der Armreife war sie noch ganz ruhig, auch gegen die Fußreife mit der Kette dazwischen
wehrte sie sich nicht, doch als ihr das Halseisen angelegt wurde, fing sie an Schwierigkeiten zu machen,
indem sie sich drehte und wendete, so dass der Schmied nicht arbeiten konnte.

Nur wenige Minuten später kamen zwei Nachbarinnen den Schmiedeleuten zur Hilfe, die Neue konnte
machen was sie wollte, der Halsreif wurde ihr dauerhaft angelegt. Vor dem letzten Arbeitsgang verließ
der Schmied wie immer die Werkstatt, das Anlegen des Keuschheitsgürtels war Frauensache.

Nun hatte die Neue schon bei Monika den Keuschheitsgürtel gesehen und konnte sich vorstellen, was
auf sie zukommen würde, doch als sie den schweren Eisengürtel sah, den Frau Düring aus dem Lager
geholt hatte, regte sich noch einmal ihr Widerstandsgeist, aber eine kräftige Ohrfeige brachte sie schnell
zur Besinnung und ehe sie sich versah, stand sie nackt in der Schmiede, wurde mit einer Salbe einge-
strichen und in den Tugendwächter gesteckt.

Sobald sie ihr Kleid wieder angezogen hatte, kam der Schmied zurück, nahm das lose Ende der
Halseisenkette und zog sie hinter sich her zum Dorfplatz. Dort wurde sie, wie schon so viele vor ihr, an
dem dicken Pfahl angekettet. Düring ging zum Bürgermeister, gab ihm die Schlüssel des
Keuschheitsgürtels und ging in seine Schmiede zurück.

Über eine Stunde stand die Neue frierend auf dem Dorfplatz, niemand kümmerte sich um sie, noch nicht
einmal die Kinder nahmen Notiz von ihr. Dann endlich kam ein Pferdegespann auf den Platz gefahren,
der Kutscher ging in das Haus des Bürgermeisters, ließ sich die Schlüssel geben, befreite das Mädchen
von dem Pfahl, setzt sie auf den Wagen, schloss die Kette an und brachte sie nach dem östlichsten Dorf
namens Sierum, wo sie für ein Jahr als Kettenmädchen bei einer Bauernfamilie zu leben hatte.

Währenddessen waren Monika und Meyerdirks in Andersum angekommen, schon auf der Dorfstrasse
wurden sie von allen Seiten begrüßt: „Moin, Herr Advokat, Moin, Monika, schön, dass du wieder zurück
bist.“ Die Wiedersehenfreude bei Wattjes war riesig, alles redete durcheinander und keiner hörte richtig
zu. Meyerdirks machte sich, sobald das Gepäck abgeladen war, wieder auf die Rückfahrt, er war noch
nicht mal zu bewegen, eine Tasse Tee zu trinken, nein, diese Stunden der Freude gehörten alleine der
Familie.

Schnell wurden bei Wattjes die abendlichen Arbeiten erledigt, und nach dem Abendbrot saß die gesam-
te Familie um den Tisch herum, selbstverständlich war auch Wilko mit seiner Schwester Hanna gekom-
men. Monika berichtete von ihren Erlebnissen und Eindrücken, alleine schon die Sache, wie sie das erste
Mal das Haus der Familie van de Meer betreten hatte und meinte, einen Geist zu sehen, löste ein
Riesengelächter aus. Bis spät in Nacht saßen sie an diesem Abend zusammen, denn als Monika mit ihrem
Reisebericht fertig war, wollte sie nun auch erfahren, was es zu Hause an Neuigkeiten gegeben hätte.
Das wichtigste war wohl, dass Hanna im kommenden Frühjahr endlich heiraten durfte. Allerdings brach-
te das auch Probleme mit sich, denn zu diesem Zeitpunkt würde das de Fries anvertraute Kettenmädchen
ihr Jahr umhaben, und da sie sich in der ganzen Zeit nichts zu schulden kommen lassen hat, würde sie
zu dem abgemachten Zeitpunkt gehen dürfen. „Vielleicht bekommen wir bis dahin ein anderes Mädchen
zugeteilt.“ meinte Wilko, doch sicher konnte er sich darüber nicht sein, auch konnte er seiner alten
Mutter nicht zumuten, den ganzen Tag auf ein Kettenmädchen aufzupassen.

„Normalerweise wäre das kein Problem, Fenna oder Monika könnten für einige Monate zu euch kom-
men,“ meinte Swantje Wattjes, „doch höchst wahrscheinlich wird Fenna Anfang nächsten Jahres auch
schon ihre Bewährungszeit absolvieren müssen, also fehlt schon wieder jemand. Aber egal, uns wird
schon eine Lösung für dieses Problem einfallen, wir lassen es einfach an uns herankommen.“

Für den übernächsten Sonntagnachmittag hatten sich mehrere Frauen zu einem Treffen bei Frau Düring
verabredet: Natürlich Monika, die endlich das Geschenk abgeben wollte, Swantje Wattjes, Hanna de
Fries, Frau Bürgermeister und Frau Pastor. Pünktlich um 14.00 Uhr trafen sie bei Frau Düring ein.
Während des Teetrinkens erzählte Monika von ihrer Bewährungszeit im allgemeinen, kam aber dann
aber auch auf den Keuschheitsgürtel von Pietje zu sprechen.

In allen Einzelheiten schilderte sie das Verhalten von Pietje, von seinen Annährungsversuchen bis zu
seiner totalen Umerziehung, für die es nur wenige Tage bedurft hatte. Die Frauen hörten erst ungläubig,
dann aber mehr und mehr begeistert zu, wie schnell und wirkungsvoll sich ein ungestümer Jüngling
durch solch einen Gürtel erziehen ließ.

Während die Frauen noch diskutierten, ging Monika zur Kutsche und holte das Paket heraus, dass sie
Frau Düring im Auftrag der holländischen Schmiedefrau überbringen sollte. „Nun hätte ich doch fast
vergessen, ihnen das Paket zu geben, Frau Düring. Schöne Grüße soll ich ihnen noch ausrichten, und
das in dem Paket noch ein Schreiben liegen würde.“

Frau Düring schob die Teetassen an die Seite, stellte das Paket auf den Küchentisch und öffnete es. Etwas
verwundert schaute sie in das Paket hinein, und zog schließlich einen Keuschheitsgürtel heraus. Im
ersten Augenblick sahen alle Frauen keinen Unterschied zu denen ihnen reichlich bekannten Gürteln,
doch dann entdeckten sie die Penisröhre, die sie gleich ausgiebig untersuchten.

Der Keuschheitsgürtel wanderte von Hand zu Hand, jede von ihnen untersuchte mit dem Finger das
Innere der Röhre und besah sich die Konstruktion von allen Seiten. „So etwas sollten wir bei uns auch
einführen.“ meinte die Frau Pastor, und erntete sofort die Zustimmung der gesamten Damenrunde.

„Was uns fehlt,“ meinte die Frau Bürgermeister, „ist so eine Art Versuchsobjekt, wenn es uns gelingen
würde, einen der jungen Burschen in diesem Gürtel zu verschließen, könnten wir uns doch am Besten
ein Bild davon machen, wie gut die erzieherische Wirkung des Gürtels wirklich ist.“

„Sie haben ja so recht, liebe Frau Bürgermeister,“ meinte die Düring, „aber wo sollen wir einen jungen
Burschen herbekommen, und selbst wenn wir einen hätten, wie stellen wir es an, ihn in den Gürtel zu
stecken?“

Noch während die Frauen debattierten, waren auf der Strasse laute Stimmen zu hören, neugierig mach-
ten sie das Küchenfenster auf und versuchten herauszubekommen, was in aller Welt denn da draußen
wohl los sei.

Zwei junge Mädchen standen auf der Strasse und riefen einem Jungen, der gerade Fersengeld gab, eini-
ge unfreundliche Worte hinterher. „Was ist denn passiert?“ wollte die Düring wissen. „Wir sind gerade
angegrapscht worden, das lassen wir uns doch nicht gefallen.“ „Das braucht ihr auch nicht, wer war der
Flegel denn?“ „Das war der Sohn von Heini Tebbens, der Fokke.“
„Das ist doch wohl nicht wahr, das ist doch mein Enkelsohn.“ stöhnte die Bürgermeisterin. „Na warte,
Bürschchen, mit dir werde ich schnell fertig.“ Die Bürgermeisterin stand auf, haute mit der Faust auf den
Tisch und rief: „Meine Damen, wir gehen jetzt geschlossen zu dem Haus von meiner Tochter und mei-
nem Schwiegersohn Tebbens, dem Treiben von dem Fokke werden wir sofort ein Ende setzen.

Teil 65

Mit festem Schritt und erfüllt von ihrer Mission marschierten die Frauen durch das Dorf. Vornweg gin-
gen Frau Bürgermeister und Frau Pastor, dann folgten Swantje Wattjes und Frau Düring, zum Schluss
Monika und Hanna. So etwas hatte man im Land der alten Dörfer noch nie gesehen, zum ersten Mal
setzten Frauen sich zur Wehr, das grenzte schon fast an Revolution.

Auf dem Weg zu dem Übeltäter schlossen sich immer mehr Frauen an, erst nur aus Neugierde, doch
sobald sie von der Schandtat gehört hatten, aus Solidarität. Beim Haus von Tebbens angekommen waren
sie eine Gruppe von 22 Frauen, die eine sofortige Bestrafung des Übeltäters forderten.

Die Eltern von Fokke waren über dessen Tat genau so entrüstet wie die Streitmacht der Damen, und auch
wenn sie es nicht gewesen wären, hätten sie doch keine andere Wahl gehabt, als ihren Sohn selbst zur
Schmiede zu begleiten. Dort angekommen gingen Vater und Sohn zu dem Schmied in die Werkstatt,
währenddessen Frau Düring den Musterkeuschheitsgürtel aus dem Haus holte und ihn ihrem Mann
brachte, um sich anschließend der Damenkampfgruppe anzuschließen.

Was sich dann genau in der Schmiede abspielte, konnten die Frauen nur ahnen, jedenfalls waren laute
Stimmen und auch einmal das Klatschen einer Ohrfeige mit anschließendem Jammergeschrei zu hören.
Jetzt wurden erst mal alle Frauen über die neue Erfindung aus Holland informiert, speziell über die
Eisenröhre mit den Stacheln, was bei allen Frauen großen Anklang fand. Nach einer Viertelstunde wurde
Frau Tebbens in die Schmiede hereingerufen, kurze Zeit später kehrte sie zu den Damen zurück und
berichtete, dass ihr Sohn jetzt im Keuschheitsgürtel verschlossen wäre.

Durch diese Sofortmaßnahme befriedigt löste sich die Versammlung auf, nun kamen auch Tebbens und
sein Sohn Fokke wieder aus der Schmiede heraus, vorsichtshalber hatten sie doch lieber gewartet, bis die
Luft wieder rein war. „So habe ich die Frauen noch nie erlebt,“ sagte der Schmied nachdenklich, als er
die beiden Tebbens herausließ, „wenn das zur Gewohnheit wird, dann man Gute Nacht.“

Wie ein Lauffeuer hatte es sich im Dorf verbreitet, dass zum ersten Mal in der Geschichte im Land der
alten Dörfer ein Jüngling in einen Keuschheitsgürtel gesteckt worden war, und so war der Gang nach
Hause für Fokke das reinste Spiessrutenlaufen. Breitbeinig, weil ihn das Schrittblech so unheimlich stör-
te, da es an den Innenseiten der Oberschenkel scheuerte, ging er an der Seite seines Vaters durch das
Dorf.

Überall standen die Leute in ihren Vorgärten oder auf der Strasse, um sich den jetzt so keusch verschlos-
senen Übeltäter anzusehen. Zwar wurden die beiden Tebbens von allen freundlich gegrüßt, doch kaum
waren sie ein paar Schritte weitergelaufen, hörten sie die verschiedensten Kommentare: „Der Junge läuft,
als wenn er sich in die Hose gemacht hat.“ oder „Ja, ja, nun sind neue Zeiten angebrochen, den Fokke
hat es als ersten erwischt, aber da kommen bestimmt noch andere hinterher.“ Wieder andere meinten,
dass, wenn alle jungen Burschen verschlossen wären, die Keuschheitsgürtel für die Mädchen abgeschafft
werden könnten. Keiner, aber wirklich keiner, ahnte zu diesem Zeitpunkt, welch wichtige Rolle die
Keuschheitsgürtel noch spielen würden.

Es war fast nicht zu glauben, aber von einem Tag auf den anderen waren die alten und bewährten
Gesellschaftsstrukturen in ihren Grundmauern erschüttert, wohin würde das noch führen, welche
Veränderungen sollte diese Gemeinschaft in den nächsten Jahren noch erfahren müssen?

Nun, die nächste Veränderung sollte nicht lange auf sich warten lassen, denn Monika hat noch immer
ihr ehrgeiziges Projekt der Käseherstellung im Auge, doch war es äußerst schwierig, in so einer konser-
vativen Gesellschaft etwas Neues einzuführen.

Monika, die von ihrem Vater eine diplomatische Ader geerbt hatte, erzählte Abends im Kreis der Familie
immer wieder von den Vorteilen einer eigenen Käserei: Käse würde einen besseren Verkaufpreis erzielen
als die abgelieferte Milch, gleichzeitig würde noch Futter für Schweine und Kälber abfallen, auch wären
die Transportkosten für die frische Milch doch sehr hoch, da könne man viel Geld einsparen, usw.

Eiso Wattjes, dem Neuerungen immer ein Greuel waren, wollte zuerst nichts davon wissen, aber je öfter
Monika das Thema auf den Tisch brachte und immer wieder von den Vorteilen sprach, desto geringer
wurde sein Widerstand. Im Gegensatz zu ihrem Mann hatte Swantje Wattjes die Vorteile einer eigenen
Käserei schon längst erkannt, auch Monikas Bräutigam war der Sache nicht abgeneigt.

Nach und nach konnte Bauer Wattjes umgestimmt werden, und endlich hatten sie ihn soweit, dass er
seine Zustimmung gab. Nun fing Monika an, grobe Zeichnungen der geplanten Käserei aufs Papier zu
bringen, ein paar Tage später präsentierte sie ihre Skizzen.

Geplant hatte sie ein kleines Gebäude, die eine Hälfte sollte der Herstellung dienen, die andere Hälfte
hatte sie als Lagerraum geplant. Kaum hatte Wattjes einen Blick auf die Zeichnung geworfen, als er auch
schon entschieden sagte: „Nein, da wird nichts von, das würde ja ein Vermögen kosten, wer soll das denn
bezahlen?“

Zustimmend nickte der Rest der Familie, ihr Bräutigam Wilko de Fries eingeschlossen, solch eine große
Investition konnten sie sich nicht leisten. Doch Monika meinte nur ganz trocken: „Das Gebäude mit
Einrichtung würde ich selbst bezahlen, das wäre kein Problem.“ Erst schauten alle verduzt, dann fingen
sie wie auf Kommando alle an zu lachen. „Liebe Monika,“ prustete Wattjes los, „das ist ja nett gemeint,
aber wo willst Du das Geld hernehmen?“

„Ganz einfach,“ meinte sie, „ich brauche Advokat Meyerdirks nur einen Brief zu schreiben, und schon
haben wir das nötige Geld.“ „Mein liebes Kind,“ sagte Swantje lächelnd zu ihr, „du hast bei dem
Meyerdirks zwar einen dicken Stein im Brett, aber soweit geht auch sein Wohlwollen nicht, dir soviel
Geld zu leihen.“ „Er soll es mir nicht zu leihen, er braucht es nur von meinem Konto abzuheben, das ist
alles.“

Nun verstanden die anderen überhaupt nichts mehr, und wollten wissen, woher sie soviel Geld hätte.
Bisher hatte nur Meyerdirks von ihrer Erbschaft gewußt, doch nun war es an der Zeit, die Familie und
den zukünftigen Ehemann über die Vermögensverhältnisse aufzuklären. Schweigend und voller Staunen
hörten sie sich Monikas Erbschaftsgeschichte an, konnten im ersten Moment nicht glauben, was sie da
hörten.

Als erster fing sich Wilko, ihr Bräutigam, und meinte: „Das ist ja ein Ding, ich habe nicht nur das schön-
ste aller Mädchen zur Braut, nun ist sie auch noch vermögend.“ „Das hätte ich eher wissen müssen,“
beklagte sich Eiso Wattjes, „dann hätte ich einen ganz anderen Brautpreis aushandeln können.“

Doch jetzt stand der schwierigste Teil immer noch bevor, ohne Zustimmung des Rats würde aus dem Plan
nichts werden. Leider war Advokat Meyerdirks augenblicklich nicht im Land, so dass auf seine Hilfe
momentan verzichtet werden musste, aber Swantje und Monika waren sich schnell darüber einig, wie
die Sache am besten vorangetrieben werden könnte, und noch am gleichen Tag wurden Einladungen
nach Hohedörp verschickt, in denen um ein Besuch am nächsten Sonntag gebeten wurde.

Keine der drei Eingeladenen ließ sich diese Gelegenheit zu einem Besuch bei den Wattjes entgehen, kurz
nach dem Mittagessen kam eine Kutsche auf den Hof gefahren und die heimliche Führungselite vom
Land der alten Dörfer stieg aus und machte es sich in der Küche gemütlich.
Teil 66

Nachdem auch Eiso Wattjes die Frau Pastor, die Frau Bürgermeister und die Frau Düring begrüßt hatte,
wurde er mitsamt den Kindern hinauskomplimentiert. Eiso brummelte etwas vor sich hin, dass sich so
anhörte wie: „Jetzt muss ich schon aus meinem eigenen Haus verschwinden.“, doch das konnte die
Frauen nicht stören.

Außer den schon bereits aufgeführten Damen gehörten auch Nachbarin Hanna de Fries sowie Fenna,
Monika und Swantje Wattjes zu dieser Runde. Noch während des Teetrinkens kam die Unterhaltung auf
den Punkt, Monika berichtete von ihren Erfahrungen der Käseherstellung, sprach von Kostensenkung
und zusätzlichem Verdienst. Sie brauchte nicht lange, um die Damen von den Vorteilen einer eigenen
Käserei zu überzeugen, und als sie dann auch noch klarlegte, dass die finanzielle Seite abgesichert wäre,
waren alle Frauen Feuer und Flamme für diesen Plan.

Es wäre kein richtiges Damenkränzchen gewesen, hätte sich nicht auch noch über andere Sachen unter-
halten, so wollte Swantje unter anderem wissen, wie es denn nun mit Fokke Tebbens stehen würde und
ob bei ihm, seitdem er in dem Keuschheitsgürtels verschlossen wäre, schon eine Veränderung in seinem
Verhalten erkennbar sei.

Die Bürgermeisterin, deren Enkel Fokke ja war, rief ganz beigeistert: „Der reinste Musterknabe ist er
geworden, ein leuchtendes Vorbild für Anstand, Tugend und Höflichkeit.“ „Das hört sich ja wirklich gut
an,“ meinte Hanna, „aber wie verhält er sich jetzt den Mädchen gegenüber?“ „So anständig und respekt-
voll, wie man es sich nur wünschen kann, er ist in dieser einen Woche direkt schüchtern geworden, wird
er von einem Mädchen angesprochen, bekommt er einen roten Kopf und schaut verlegen zu Boden, er
ist wirklich nicht mehr wiederzuerkennen!“

Diese Äußerungen der Frau Bürgermeister wurden von allen begeistert aufgenommen, und schon wurde
überlegt, ob nicht generell alle jungen Burschen in so ein ausgezeichnetes Erziehungsgerät gesteckt wer-
den sollten. Gerade die Frau Pastor konnte sich für diesen Gedanken sofort erwärmen, aber auch die
anderen Damen schienen den Gedanken nicht abwegig zu finden.

Als dann die Frau Schmiedemeisterin Düring noch erzählte, dass dem Paket mit dem
Musterkeuschheitsgürtel ein Brief beigelegen hätte, in dem der holländische Schmied sich angeboten
hatte, die eisernen, stacheligen Röhren zu einem günstigen Preis in verschiedenen Größen liefern zu wol-
len, wäre es um die körperlichen Freiheit der jungen Burschen fast getan gewesen, so sehr gefiel den
Damen die Idee der keuschen Jünglinge.

Doch nach der ersten Begeisterungswelle sahen sie ein, dass sie wohl nicht das Recht hätten alle
Burschen zu verschließen, allerdings wollte man die Sache durchaus im Auge behalten und im Falle
eines Falles genauso verfahren wie bei Fokke Tebbens. Frau Düring versprach, ihren Mann dazu anzu-
halten, ein Sortiment dieser hervorragenden Stachelhüllen zu bestellen, so wäre man jederzeit für einen
Notfall gerüstet.

Hochzufrieden trennten sich die Damen, einstimmig wurde festgestellt, dass es ein wunderschöner
Nachmittag gewesen sei, und es wurde abgemacht, so ein Treffen bald, wenn nicht sogar in regelmäßi-
gen Abständen zu wiederholen.

Kaum waren Frau Düring, Frau Bürgermeister und Frau Pastor wieder in Hohedörp bei ihren
Ehemännern angekommen, als sie auch schon anfingen, von den großen Vorteilen einer eigenen Käserei
zu berichten. Nach erster Ablehnung konnten sich die Männer dann doch mit der Idee anfreunden, sahen
sie doch einen zusätzlichen Profit in ihre Taschen fließen.

Wie nicht anders zu erwarten, verbreitete sich das Gerücht um eine Neuerung wie ein Lauffeuer in gan-
zen Land, und wie üblich, kamen die unwahrscheinlichsten Gerüchte auf. So blieb es nicht aus, dass am
drauffolgenden Sonntag der Bürgermeister noch vor Beginn des Gottesdienstes vor die Gemeinde trat
und über den Plan, eine Käserei zu errichten, genauen Bericht ablegte. Man einigte sich dann darauf,
einen Treffen sämtlicher Dorfvorsteher einzuberufen, zu dem zum ersten Mal in der Geschichte auch
mehrere Frauen zugeslassen wurden.

Schon am kommenden Mittwoch fand die Versammlung statt, die Herren legten klar, dass sie im Grunde
nichts gegen eine Käserei einzuwenden hätten, nur müssten sie darauf bestehen, die Fäden selbst in der
Hand zu behalten und die Oberaufsicht zu führen.

Doch die Damen machten ihnen schnell klar, dass davon nichts werden würde, denn erst mal würden
sie kein Geld investieren, und außerdem hätten sie von der Käseherstellung nicht die geringst Ahnung,
also würde diese Sache hier eine reine Frauenangelegenheit sein. Nach kurzer Beratung strichen die
Männer das Segel und meinten, dass die Frauen doch tun und lassen sollten, was sie wollen.

So geschah es auch, während Monika einen genauen Plan des Gebäudes zeichnete und mit Advokat
Meyerdirks schriftlich Kontakt aufnahm, um die notwendigen Einrichtungsgegenstände in Holland
durch ihn bestellen zu lassen, hatten die anderen schon für Baumaterial und Arbeitskräfte gesorgt, inner-
halb kurzer Zeit stand auch schon der Rohbau, auch das Dach war schon gedeckt und so konnte der Bau
im Winter trocknen.

Diesen Winter gab es noch viel mehr Arbeit als sonst, denn gleich drei wichtige Ereignisse sollten im
Frühjahr stattfinden, und die Vorbereitungsarbeiten dafür schienen kein Ende zu nehmen, aber auch der
Schmied war gefordert, obwohl seine Arbeit nichts mit der Käserei zu tun hatte.

Teil 67

Hart war der Winter gewesen, sogar im Norden Deutschlands war ungewöhnlich viel Schnee gefallen. In
den Häusern von Wattjes und de Fries herrschte zu der Zeit reges Treiben, standen doch bei beiden
Familien eine Hochzeit ins Haus, Monika würde ihren Wilko heiraten, Hanna ihren Ubbo. Also halfen
die Nachbarinnen bei der Fertigstellung der Aussteuer tüchtig mit, sonst wäre es gerade für Monika auch
nicht zu schaffen gewesen.

Anfang März heirateten erst Hanna und Ubbo, Ende des Monats Monika und Wilko. Beide Feste wurden
gebührlich gefeiert, und manches Huhn und manches Schwein musste sein Leben dafür lassen.

Nun war Hanna mit dem Tag ihrer Hochzeit zu ihrem Ubbo gezogen, während Monika als junge Bäuerin
in das Haus von de Fries eingezogen war. Für Hanna war die Umstellung nicht so einfach, schließlich
musste sie nun bei ihren Schwiegereltern leben. Auch wenn sie gut mit ihnen auskam, war es doch eine
Situation, an die sie sich ergewöhnen musste.

Mit dem Eingewöhnen hatte Monika nun überhaupt kein Problem, hatte sie doch schon einige Zeit im
Haus ihrer Schwiegereltern verbracht und sich dabei sehr wohlgefühlt. Nein, sie hatte ein ganz anderes
Problem: Die Arbeit wuchs ihr über den Kopf. Ihre Schwiegermutter versuchte ihr zu helfen, wo sie nur
konnte, doch die Gicht machte ihr schwer zu schaffen.

Nun hätte Monika die Arbeit auch alleine bewältigen können, aber inzwischen war der Bau der Käserei
abgeschlossen und sie fand nicht die Zeit, dort auch zu arbeiten. So stand die Käserei, komplett einge-
richtet, verwaist im Dorf, und sofort wurden Stimmen laut, die sagten: „Das kommt davon wenn
Neuerungen eingeführt werden, nun steht der Bau und nichts passiert; aber wir waren ja von Anfang an
dagegen.“

Auch der Schmied hatte seine Probleme, er hatte sich inzwischen mit seinem Berufskollegen aus Holland
in Verbindung gesetzt und bei ihm, auf Anraten seiner Frau, eine ganze Kiste mit den stacheligen Röhren
bestellt. In weiser Voraussicht hatte er außerdem den ganzen Winter über vorgearbeitet, sein Lager war
gut gefüllt mit Taillengürteln, Schrittblechen, Arm- und Beinfesseln, Halseisen, Spreizstangen und dik-
ken Eisenkugeln mit Ketten daran. Nun darf nicht vergessen werden, dass ein Schmied auf dem Land
gerade im Winter viel zu tun hat, weil die Bauern in dieser Zeit ihre Arbeitsgeräte wieder auf
Vordermann bringen oder neues Werkzeug anfertigen ließen.

„Ich brauche einen Gesellen oder einen Lehrling dazu,“ klagte er, „alleine wird mir die Arbeit zuviel.“
„Das mit einem Lehrling oder Gesellen kannst du vergessen, die Bauern haben selbst zuwenig Leute, ich
weiß sowieso nicht, warum du neuerdings ein so großes Lager an Fesseln und Keuschheitsgürtel
brauchst, das hast du sonst doch auch nicht gehabt.“ meinte seine Frau.

„Das ist richtig, doch aber das erspart mir in nächster Zeit viel Arbeit, sonst hatte ich nur zwei oder drei
Keuschheitsgürtel im Lager, und wenn die nicht passten, musste ich extra noch einen anfertigen. Jetzt
ist es so, dass ich verschiede Teile liegen habe, aus denen ich im Handumdrehen einen passenden Gürtel
zusammenstellen kann.“ „Aber bisher war das doch auch nicht notwendig, bis jetzt hat es doch auch
immer so geklappt.“

„Das siehst Du verkehrt,“ beharrte der Schmiedemeister auf seiner Meinung, „nun stell dir vor, es kom-
men drei Kettenmädchen auf einen Schlag, denen ich ihre Fesseln und Gürtel anlegen soll, soll ich die
vielleicht zwei Tage hier in der Schmiede behalten? Wenn dann noch andere Arbeiten anliegen, vergeht
noch mehr Zeit, bis die Mädchen verschlossen sind, da spielt der Rat nicht mit.“

„Düring, jetzt fängst du an zu spinnen, es sind noch niemals drei Kettenmädchen auf einen Schlag
gekommen, wieso sollte das in Zukunft anders sein?“ „Ich weiß nicht, ich weiß nicht, aber ich habe so
ein Gefühl, als wenn auf mich noch eine ganze Menge Arbeit zukommt.“

Der Schmied war nicht der einzige, der händeringend nach einer Hilfskraft suchte, auch einige der
Bauern benötigten dringend Arbeitskräfte, von Monika ganz zu schweigen, für die sich fürchterlich dar-
über ärgerte ihre Käserei nicht betreiben zu können.

Auch der Rat hatte das Problem erkannt, aber woher sollten sie zusätzliche Arbeitskräfte nehmen,
immerhin waren sie eine geschlossene Gemeinde, in der keine Fremden zugelassen wurden.

Die fehlenden Arbeitskräfte waren auch bei dem Damenkränzchen ein wichtiges Thema, diesmal war es
Frau Düring, die einen Vorschlag machte, mit dem alle anwesenden Frauen sofort einverstanden waren.

Einen Tag später stand das geschlossene Kränzchen vor dem Haus des Bürgermeisters von Hohedörp, um
ihm den Vorschlag zu unterbreiten, der ebenso einfach wie genial war. Der Bürgermeister hörte die
Frauen an, fand die Idee nicht schlecht und versprach, so schnell wie möglich mit dem Rat darüber zu
verhandeln. Sogar die Ratsherren hatten nichts dagegen einzuwenden, und so ging es sofort zur
Ausführung des Plans.

Teil 68 Anja in Moorum 7

In Moorum hatte sich nichts verändert, außer dass die Aufseherin Bültena noch fetter geworden war. Gut
zwei Jahre war Anja jetzt schon in der Einöde, in dieser Zeit hatte sie mehrere Kettenmädchen kommen
und gehen sehen, keine der anderen musste so lange bleiben wie sie.

Zwei Jahre im Moor, zwei Jahre mit gefesselten Fuß- und Handgelenken, zwei Jahre den überschweren
Halsreif tragen mit der Kette und der Eisenkugel daran, zwei Jahre ohne Unterbrechung in einem
Strafkeuschheitsgürtel eingeschlossen, dass sind zwei Jahre, die viele nicht überstanden hätten.

Doch Anja war hart und zäh, und vielleicht hätte auch sie aufgegeben, aber dank ihrer Kochkünste war
sie von der schweren Arbeit im Moor befreit. Trotzdem waren ihre Arbeitstage nicht einfach: Sie hatte
nicht nur zu kochen, sondern sich auch noch um den Gemüse- und Kräutergarten und um das Viehzeug
zu kümmern.
Vor einiger Zeit waren alle Kaninchen an einer Krankheit gestorben, und obwohl es nicht Anjas Schuld
war, bekam sie den Zorn der Aufseherin zu spüren, die ihr vorwarf, die Ställe nicht ordentlich gereinigt
zu haben und somit für den Verlust ihres Sonntagsbratens verantwortlich zu sein. Mehrere Wochen lang
musste Anja immer wieder die Schläge mit einer Peitsche ertragen, bis die Bültena sich langsam wieder
beruhigte.

Jedenfalls war der Winter wieder einmal überstanden, die schlimmste Zeit während der Gefangenschaft.
Nun konnte sie auch wieder im Garten arbeiten und in der schon angenehmen Aprilsonne die Sonne auf
sich scheinen lassen.

Es war kurz nach der Mittagszeit, Anja wollte gerade mit den Vorbereitungen für das Abendessen anfan-
gen, als sie die beiden Schäferhunde, die den Damm bewachten, anschlagen hörte. Im gleichen Moment
kam auch die Bültena aus ihrer Hütte heraus, und lief, so schnell es ihr überhöhtes Körpergewicht zuließ,
zu den Schäferhunden hin.

Neugierig blickte Anja zu dem Damm hinüber, doch zu ihrem Leidwesen konnte sie wegen einiger
Sträucher, die am Damm standen, nur die wütend bellenden Hunde sehen, aber sie wusste aus Erfahrung,
dass sich, wenn die Hunde so aggressiv meldeten, fremde Menschen in der Nähe sein mussten.

„Das wird bestimmt wieder ein neues Kettenmädchen sein, das von Moordorf hierher gebracht wird.“
dachte sie bei sich und fragte sich, ob sie auch dieses Mädchen wieder gehen sehen müsste.

Auf das Kommando von Bültena hin waren die Hunde jetzt ruhig und ließen mehrere Personen den
Damm passieren. Noch konnte Anja nicht erkennen, um welche Personen es sich dabei handelte, doch
sie kamen schnell näher und sie konnte sehen, dass diesmal kein neues Kettenmädchen gebracht wurde.

Die Gruppe kam näher und als Anja vorsichtig hinübersah (sie wollte sich nicht schon wieder den Zorn
der Bültena zuziehen), erkannte sie die Leute: Die eine war die Frau vom Schmied, der ihr das schwere
Eisen angelegt hatte, auch die andere kam ihr bekannt vor, ja, das war eine Frau aus Moordorf, die sie
damals über den Damm hier ins Moor gebracht hatte; bei den beiden Männern handelte es sich um den
Pastor von Hohedörp und um den Ortsvorsteher von Moorum, deren Gesichter sie wohl nie vergessen
würde.

Mit einem Mal brüllte die Bültena sie an: „Was gaffst du durch die Gegend, du faules Luder, sieh bloß
zu, dass der Tee gleich fertig ist.“ „Jawohl, Frau Bültena!“ sagte Anke gehorsam und machte ihren
Knicks.

Während Bültena die Delegation in ihre Hütte bat, beeilte sich Anke wie noch nie in ihrem Leben. Wasser
hatte sie immer heiß, schnell war der Treckpott (Teekanne) heiß ausgespült, die Teeblätter hineingege-
ben und mit etwas Wasser aufgefüllt, um dann auf einem Stövchen zu ziehen. Eben so schnell machte
sie ein Tablett mit Tassen, Kluntjes und Sahne fertig, goss den Tee auf, nahm das Tablett und ging zur
der Hütte.

Sie war schon fast bei der Hütte angelangt, als Bültena die Tür aufriss, sie anblöckte: „Das wurde auch
langsam Zeit!“ und ihr das Tablett aus den Händen nahm. „Geh an deine Arbeit und lass dich nicht bei
meiner Hütte blicken, sonst wird es dir noch leid tun.“ zischte sie ihr noch zu, ging mit dem Tablett in
die Hütte und trat die Tür mit dem Fuß zu.

So neugierig Anja auch wahr, der Gedanke zu lauschen wäre ihr nie gekommen, dafür hatte sie viel zu
viel Angst vor der Aufseherin. Kaum war sie an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt, als Bültena aus der
Hütte kam und die Glocke läutete, die auch hinten im Moor gut zu hören war und für die Gefangenen
bedeutete, sofort zu ihrer Unterkunft zurückzukommen. Schon rauschte Bültena wieder in die Hütte
zurück und schloss die Tür, von dem Gespräch, dass nun dort stattfand, konnte Anja zu ihrem größtem
Bedauern nichts mitbekommen.
Nach einer ganzen Weile kamen die anderen Gefangenen auf das Glockenzeichen hin aus dem Moor
zurück, und stellten sich wie jedes Mal vor ihrer Hütte zum Appell auf. Zehn Mädchen waren es, die dort
immer zu zweit aneinandergekettet dort standen, die Jüngste mit ihren 18 Jahren sah noch aus wie ein
Kind, die Älteste mochte 22 Jahre alt sein.

Erbärmlich sahen sie aus in ihrer Gefangenenkleidung, dreckig, müde und abgearbeitet. Da gab es kein
Kichern oder Herumalbern, dafür hatte sie ihr Schicksal viel zu hart geschlagen. Erst als Anja an ihnen
vorbei in die Hütte ging und ihnen zuflüsterte, dass eine Delegation hier im Moor eingetroffen wäre,
belebten sich die Gesichtszüge etwas, in jeder von ihnen keimte Hoffnung auf, endlich aus diesem Joch
befreit zu werden.

Eine der Aufseherinnen, die mit den Gefangenen im Moor gewesen war, ging zur Hütte und meldete die
Rückkehr der Kettenmädchen in das Lager, worauf die Delegation zusammen mit der Bültena aus der
Hütte herauskam und die Gefangenen in Augenschein nahm.

Die Kettenmädchen (auch Anja war jetzt dabei) standen bei dieser Musterung in einer Reihe, den Blick
angstvoll zu Boden gerichtet und wagten kaum zu atmen. Schweigend wurden sie betrachtet, nicht ein
Wort fiel. Erst als der Pastor der Aufseherin ein Zeichen gab, schickte Bültena alle Mädchen bis auf Anja
in die Hütte und schloss die Tür.

Anjas Herz klopfte wie wild, sollte sie jetzt endlich aus dieser Hölle erlöst werden? Doch die Bültena
schickte sie mit groben Worten an ihre Arbeit zurück, auch von der Delegation wurde sie nicht mehr
beachtet.

Mit Tränen der Enttäuschung in den Augen kehrte sie an ihren Arbeitsplatz zurück, von dort aus sah sie,
wie die Delegation den Heimweg antrat. War ihre Hoffnung wieder vergebens gewesen? War sie nicht
schon am längsten von allen Gefangenen hier? Was sollte dieser seltsame Besuch überhaupt bedeuten,
ändern würde sich scheinbar doch nichts.

Teil 69 Anja in Moorum 8

Doch da sollte Anja sich irren, denn als sich die Mädchen am nächsten Morgen wieder geschlossen in
das Moor gehen wollten, kam Bültena und sonderte ein Kettenpärchen aus, dass in die Hütte zurückge-
hen musste. Am Vormittag kamen zwei Frauen über den Damm, die eine schob eine Schubkarre vor sich
her. Die zwei Mädchen wurden aus der Hütte geholt, mussten ihre Eisenkugeln, die mit Ketten an ihren
Halseisen angeschlossen waren, in die Karre legen, eine von ihnen hatte die Karre aufzunehmen und zu
schieben, während die andere neben ihr herlief. So wurden sie an den Schäferhunden vorbei auf den
Damm in Richtung Moordorf geleitet, die beiden Frauen liefen hinter ihnen.

Am nächsten Tag wiederholte sich das gleiche Spiel, wieder brauchten zwei der Mädchen nicht zum
Torfabstechen in das Moor gehen, und als ihre Mitgefangenen am Abend von der Arbeit zurückkamen,
waren sie nur noch zu siebt.

Auch am dritten dieser denkwürdigen Tage wiederholte sich das Ritual, und als auch am vierten Tag
noch zwei der Kettenmädchen abgeholt wurden, waren sich die drei übergeblieben Mädchen sicher, auch
aus dem Moor befreit zu werden.

Tatsächlich wurde am drauffolgenden Tag das letzte Pärchen abgeholt, Anja fieberte dem nächsten
Morgen entgegen, an dem sie nun auch endlich dran wäre, abgeholt zu werden, doch nichts passierte.
Als auch am übernächsten Tag niemand kam, war sie kurz davor, sich mit einem Küchenmesser die
Pulsadern aufzuschneiden, doch bevor sie dazu Gelegenheit bekam, war sie alleine in der Hütte einge-
schlossen.
Dann endlich, am nächsten Vormittag, war es auch für Anja soweit, wieder kamen die zwei Frauen in
das Moor, jetzt durfte auch Anja ihre Eisenkugel in die Karre packen und über den Damm in Richtung
Moorum schieben. Die Bültena konnte es sich nicht verkneifen ihr zum Abschied noch zu sagen, dass es
für sie verlorene Mühe wäre nach Moorum zu gehen, in kürzester Zeit wäre sie doch wieder hier.

Es war zwar ein langer Weg vom Moor in das Dorf, aber Anja kam es vor, als wenn sie auf Wolken wan-
deln würde, endlich war auch sie aus diesem grausamen Moor heraus, schlimmer als dort gewesen war
könnte es nun nicht mehr kommen.

In Moordorf angekommen wurde sie gleich auf einen Wagen gesetzt und nach Hohedörp gebracht, wo
sie beim Schmied wieder abgeladen wurde. Allein schon der Anblick der Schmiede trieb ihr den
Angstschweiß auf die Stirn, nur widerwillig ließ sie sich in die Werkstatt führen. Trotz aller Angst ver-
gaß sie nicht vor den beiden Schmiedeleuten einen tiefen Knicks zu machen, um nichts in der Welt woll-
te sie sich irgendwelchen Ärger einfangen.

„Dann wollen wir mal,“ meinte Düring und zog sie zum Amboss hin, wo sie sich hinzuknien hatte. Mit
einem Dorn und einem schweren Hammer löste er ihren Halsreif, auch die Arm- und Fußfesseln wurden
ihr abgenommen, aber nur, um ihr gleich wieder andere Reife anzuschmieden, die allerdings wesentlich
leichter waren als die alten. Auch der neue Halsreif war nicht mehr so schwer, er hatte zwar auch eine
Kette, aber zum Glück war keine Eisenkugel mehr daran befestigt.

Frau Düring frage sie dann, ob sie sich ohne Ärger zu machen einen anderen Keuschheitsgürtel anlegen
lassen würde, und Anja, die diese Prozedur schon aus Erfahrung kannte, nickte mit dem Kopf, machte
den vorgeschriebenen Knicks und sagte nur: „Jawohl, Frau Düring.“, worauf der Schmiedemeister die
Werkstatt verließ und den Rest der Arbeit seiner Frau in die Hände legte.

Die öffnete auch gleich das Schloss des Strafgürtels, nahm ihr den Gürtel ab und salbte die entsprechen-
den Hautteile kräftig ein, obwohl das überflüssig gewesen wäre, dort, wo der Strafgürtel gesessen hatte,
war schon fast Hornhaut zu sehen. Ohne sich zu wehren ließ Anja sich jetzt wieder in einen anderen,
wesentlich angenehmer zu tragenden Keuschheitsgürtel einschließen und bedankte sich dafür auch noch
bei Frau Düring, die das wohlwollend zur Kenntnis nahm.

Immer noch einem ungewissen Schicksal entgegensehend, wurde sie nun vom Schmied auf den
Dorfplatz geführt und an dem schon bekannten Pfahl auf dem Dorfplatz angeschlossen. Der Schmied
ging zum Bürgermeister, übergab ihm die Schlüssel für das Mädchen und ging in seine Werkstatt zurück.

Lange Zeit stand Anja dort am Pfahl angekettet, niemand kümmerte sich um sie. Nun fing es auch noch
an zu regnen, sie war schon nass wie eine Katze, als endlich ein Fuhrwerk kam. Der Kutscher stieg ab,
ging zum Bürgermeister und holte sich die Schlüssel für das Mädchen, befreite sich vom Pfahl und setz-
te sie auf den Wagen, auf den sie wegen ihrer Fußkette nicht allein aufsteigen konnte.

Als sie auf dem Wagen saß wurde sie vom Kutscher angekettet, auch legte er eine wasserfeste Plane über
sie. Während sie über die Wege fuhren fragte Anja sich, was für ein Schicksal sie nun wohl erwarten
würde. Bestimmt hatte der Bürgermeister für sie eine strenge Bauernfamilie ausgesucht, bei der es mehr
Schläge als etwas zu Essen gab.

Während das Fuhrwerk über die Wege zog fiel Anja in einen tiefen Schlaf, die Aufregung der letzten
Tage, die immer nagende Ungewissheit, was nun mit ihr passieren würde, hatten sie zermürbt. So merk-
te sie nicht, dass der Regen aufgehört hatte, sie kam noch nicht mal dahinter, dass das Fuhrwerk ange-
halten hatte. Wach wurde sie erst, als der Kutscher die Plane über ihr wegzog und zu ihr sagte: „Wir sind
am Ziel, hier ist die Familie, der du jetzt zu dienen hast.“

Schon war ihre Kette gelöst und sie vom Wagen heruntergehoben, doch als sie dann ihre neue Herrschaft
auf sich zukommen sah, stockte ihr der Atem und ein eisiger Schreck durchfuhr ihre Glieder.
Teil 70

„Willkommen in unserem Haus, mein Name ist Bäuerin de Fries, ich hoffe, wir werden gut miteinander
auskommen.“ sagte Monika freundlich, während der Bauer sie grimmig anschaute. Anja erhob sich von
ihrem Knicks, stammelte ein: „Vielen Dank, Frau de Fries.“ und sah sich hilflos um. Von genau diesem
Bauernhof war sie vor zwei Jahren geflohen, was ihr die schlimmste Zeit ihres Lebens beschert hatte.

Jetzt war ihre ehemalige Mitgefangene scheinbar Bäuerin auf diesem Hof geworden, das war für Anja
schon hart genug zu ertragen, doch dass sie nun wieder unter der Fuchtel von Wilko de Fries stand,
macht ihr fürchterlich angst.

Monika nahm das Ende ihrer Halskette in die Hand und führte die etwas zögernde Anja in die Küche,
wo die beiden alten de Fries sie misstrauisch betrachteten. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich noch
einmal wiedersehen würde!“ sagte der alte Bauer de Fries etwas sauertöpfisch, zu gut erinnerte er sich
an den Ärger, den dieses Mädchen ihnen gemacht hatte. Doch seine Frau legte ihm die Hand auf den
Arm und meinte zu ihm: „Lass es gut sein, immerhin hat sie wegen ihrem Ungehorsam zwei Jahre im
Moor verbracht. Ich bin überzeugt, dass sie inzwischen zur Vernunft gekommen ist und sich in Zukunft
anständig verhalten wird.“

„Ganz bestimmt, Frau Wattjes, ich werde ihnen bestimmt keinen Ärger mehr machen, es tut mir jetzt
sehr leid, was ich damals angestellt habe.“ „Wir werden ja sehen, ob du dich im Moor wirklich verän-
dert hast,“ sagte Wilko mit leicht drohender Stimme, „aber erlebe ich nur einmal einen Anflug von
Ungehorsam, Faulheit oder anderer Sachen, bist du innerhalb von wenigen Stunden wieder im Moor, ist
das klar?“ „Jawohl, Herr de Fries!“

„Lass man gut sein, Wilko, ich glaube, sie wird sich in dem einen Jahr bei uns nichts zuschulden kom-
men lassen.“ meinte Monika, schloss Anja an die Laufkette an und wollte ihr die Fußfesseln abnehmen,
aber da kannte sie ihren Mann schlecht. „Die Fußfessel bleibt solange dran, bis ich mir sicher bin, dass
sie sich wirklich geändert hat.“ befahl er. Dagegen konnte Monika nichts einwenden, es tat ihr um Anja
zwar leid, aber schließlich konnte sie ihrem Ehemann nicht in den Rücken fallen, schon gar nicht in der
Gegenwart eines Kettenmädchens.

Anja gab sich alle Mühe, die ihr übertragenen Aufgaben zur Zufriedenheit ihrer Herrschaft auszuführen,
nun war sie ja schon mit allen Arbeiten und dem Haushalt vertraut, so dass ihr die Arbeit nicht weiter
schwer fiel, doch saß ihr immer die Angst im Nacken, dass der Jungbauer sie bei dem kleinsten Fehler
wieder ins Moor schicken würde, das hatte er ja auch klar und deutlich gesagt, sie hatte das Gefühl, als
wenn er nur auf einen Fehler von ihr warten würde.

Nach zwei Wochen war Anja so gut eingearbeitet, dass Monika sie mit der Arbeit im Haus alleine las-
sen konnte, endlich war die Gelegenheit gekommen die Käserei einzuweihen. Doch ohne Hilfe würde sie
die Arbeit nicht schaffen, das war ihr klar. Zu ihrem Glück erklärte sich die Nachbarstocher Fenna
Wattjes bereit, sie bei ihren ersten Probeläufen zu unterstützen.

Am Anfang waren sie nur einmal in der Woche in der Käserei und stellten auch nur kleine Mengen her,
denn wie gut der Käse sein würde, ließ sich erst nach der Reifezeit feststellen, außerdem hatten sie auch
nicht mehr Zeit, denn es war unumgänglich, dass sie auf ihrem Hof bei der Arbeit mithelfen mussten.

An einem Sonntagnachmittag bei dem inzwischen schon fest etablierten Damenkränzchen klagte
Monika ihr Leid, so sehr sie sich auch anstrengte, irgendeine Arbeit blieb immer liegen. „Meinen Mann
wird die Arbeit auch zuviel,“ stimmte Frau Düring in Monikas Klage ein, „er würde gern einen Lehrling
anstellen, aber es gibt von den jungen Burschen keinen, der Zeit oder Interesse dafür hätte.“

„Könnten wir denn keine Arbeitskräfte aus der Welt bekommen?“ wollte Monika wissen, doch das wurde
sofort abgelehnt, damit würde die ganze Gemeinschaft zerstört werden, bekam sie zur Antwort. Monika
gab aber noch nicht auf. „Was ist denn mit den Kettenmädchen, die gehören doch auch nicht zur
Gemeinschaft und sind trotzdem hier.“

„Ja, das stimmt, aber immer nur für begrenzte Zeit, bei denen wissen wir genau, dass sie nach Ablauf
ihrer Zeit wieder gehen, außerdem wird für die Mädchen noch Geld bezahlt, während wir für fremde
Arbeitskräfte tief in die Tasche greifen müssten.“ erklärte Frau Bürgermeister.

„Die Lösung ist doch ganz einfach, dann müssen wir eben mehr Kettenmädchen zu uns holen.“ rief die
Frau Pastor mit entschiedenem Ton. „Damit ist meinem Mann aber auch nicht geholfen,“ klagte nun die
Düring, „oder soll er eines der Kettenmädchen im Schmiedeberuf anlernen, damit sie sich und anderen
selbst die Ketten abnehmen kann?“

Die Situation war schwierig, und noch schwieriger schien es zu sein, es allen recht zu machen. Sie über-
legten hin und her, waren sich darüber einig, dass etwas passieren müsse, konnten aber keine Lösung
finden, und so trennten sie sich an diesem Nachmittag in etwas gedrückter Stimmung, das war nun das
erste Mal, dass die energischen Damen keine Lösung für ein Problem fanden.

Als Frau Düring wieder nach Hause gekommen war, bereitete sie in der Küche schweigend das
Abendbrot zu. Ihr Mann sah sie etwas verwundert an, so in sich zurückgezogen hatte er seine Frau sel-
ten erlebt. „Was ist los mit dir, hat es bei eurem Treffen Ärger gegeben?“

„Nein,“ gab sie zurück, „Ärger hat es keinen gegeben.“ und erzählte ihrem Mann daraufhin den Verlauf
des Gespräches. Der Schmiedemeister hörte sich die Schilderung in Ruhe an, und fing nun selbst an in
Gedanken zu versinken und nach einer Lösung zu suchen, doch auch ihm, der übrigens noch nie ein
schneller Denker war, fiel spontan eine Lösung dazu ein.

Nach dem Abendessen saßen die beiden Schmiedeleute in der Küche, während Frau Düring zur ihrer gei-
stigen Erbauung in der Bibel las, sah der Schmied gedankenverloren in das Kaminfeuer.

Nach einer langen Zeit intensiver Denkarbeit meinte er: „Die Frau Pastor hat ganz recht gehabt, der
Advokat Meyerdirks muss dafür sorgen, dass mehr Kettenmädchen hierher kommen.“ „So weit waren wir
auch schon,“ gab Frau Düring zurück, „aber das ersetzt uns auch keine männlichen Arbeitskräfte, alle,
die handwerklich arbeiten könnten, ob nun als Maurer, Zimmermann, Stellmacher oder was weiß ich,
haben mit ihrer Landwirtschaft so viel zu tun, dass sie zu nichts anderem mehr Zeit haben, und du hast
doch selbst gesagt, dass dir die Arbeit zuviel wird und du einen Lehrling oder Gesellen brauchst.“

„Ein Lehrbursche würde mir schon genügen, ein Geselle würde viel zu teuer werden.“ „Siehst du, nun
sind wir genau so weit wie vorher, männliche Arbeitskräfte sind einfach zu teuer.“ Auf einmal ging ein
Leuchten über das Gesicht des Schmieds: „Die müssen aber nicht teuer sein,“ grinste er sie an in der
festen Überzeugung, ein ebenso einfache wie geniale Lösung gefunden zu haben.

„Das, mein lieber Düring, musst du mir jetzt mal genau erklären, willst Du allen Ernstes behaupten, dass
es möglich ist, preiswerte Arbeitskräfte zu bekommen. „Aber sicher,“ sagte Meister Düring im Brustton
der Überzeugung, die Sache ist doch ganz einfach..........!!!!!

Teil 71

Ausführlich erläuterte der Schmied seiner Frau den Plan, anfangs hielt sie es für ein Hirngespinst, doch
je länger sie darüber nachdachte, um so mehr konnte sie sich mit der Idee ihres Mannes anfreunden, vor
allem deshalb, weil nicht nur die Gemeinschaft davon profitieren würde, sondern auch die Schmiede.

Beim nächsten Damenkränzchen drehte sich das Gespräch mal wieder um die so dringend benötigten
Arbeitskräfte. Immerhin standen durch die vorübergehende Auflösung des Torfstraflagers elf
Kettenmädchen mehr zur Verfügung, aber das war nur ein Topfen auf den heißen Stein, denn drei der
Mädchen waren nach Hohedörp gekommen, die restlichen acht waren auf die vier anderen Dörfer ver-
teilt worden.

Nun war der Rat auch schon an den Advokaten Meyerdirks herangetreten mit der Frage, ob es nicht
möglich wäre, die Anzahl der Kettenmädchen zu verdoppeln. Der Advokat versprach sein Bestes zu tun,
nur versprechen konnte er auch nichts, es wäre nicht so einfach, von den zur Erziehung überstellten
Mädchen im Vorfeld eine eigenhändig unterschriebene Einverständniserklärung zu bekommen, dass sei
im allgemeinen nur mit Druck oder einem kleinen Täuschungsmanöver möglich. Trotzdem wollte er
seine guten Beziehungen spielen lassen und versuchen, mehr Mädchen als bisher in das Land der alten
Dörfer zu vermitteln.

Soweit war die Sachlage den Damen von dem Kränzchen auch bekannt, und sie sahen darin zumindest
einen kleinen Hoffnungsschimmer; Frau Düring verstand es jedoch hervorragend keine Zufriedenheit
aufkommen zu lassen: „Das ist ja alles sehr schön,“ sagte sie, „aber wer weiß, wie lange es dauern wird,
bevor sich die Anzahl der Kettenmädchen vergrößert, wir sollten lieber nach einem weiteren Weg
suchen. Außerdem hatten wir auch gesagt, dass uns außerdem noch männliche Arbeitskräfte fehlen, also
ist uns noch immer nicht geholfen.“

Diese Worte lösten eine heftige Diskussion aus, die aber zu nichts führte, weil keine der Damen einen
Vorschlag machen konnte. Als sich die Wogen der Erregung wieder etwas geglättet hatten, meinte Frau
Düring ganz beiläufig: „Also, mein Mann und ich haben uns vor ein paar Tagen über dieses Thema
unterhalten, und ich glaube, es gibt eine Möglichkeit männliche Arbeitskräfte zu bekommen, für die wir
kein Geld bezahlen brauchen.“

Nun wurde das Damenkränzchen mehr als hellhörig und wollte Genaueres hören. Sich sichtlich im all-
gemeinen Interesse sonnend setzte die Düring zu ihrem Vortrag an: „Nun, wir wissen alle, aus welchem
Grund uns die Kettenmädchen anvertraut werden: Wir haben die Aufgabe, aus diesen verkommenen
Geschöpfen brauchbare Mitglieder der menschlichen Gemeinschaft zu machen.“

„Liebe Frau Düring,“ versetzte die Frau Pastor, „dass wissen wir selbst, nun kommen sie doch lieber mal
auf den Kern der Sache zu sprechen.“ Leicht pikiert, weil bei ihrer Rede unterbrochen, setzte sie ihre zu
Hause wohl vorbereitete Rede fort: „ Nun gibt es draußen in der Welt nicht nur nicht nur Mädchen, die
sich nicht einfügen, es wird doch auch genug junge Burschen geben, die mit ihren Eltern oder mit dem
Gesetz in Konflikt gekommen sind. Auch die könnten uns zwecks Erziehung und Läuterung anvertraut
werden, so hätte wir zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Wir haben Arbeitskräfte und unsere
Gemeinde bekommt sogar noch Geld dafür.“

Stolz auf diese gute Idee sah Frau Düring die anderen Damen an, Zustimmung und Begeisterung erwar-
tend; doch nach ein paar Sekunden des überraschten Schweigens redeten sie alle durcheinander: Das
wäre total verrückt, das könne man nicht machen, so etwas habe es auch noch nie gegeben, Unzucht
und Sittenverfall würden Einzug halten, der Rat würde dem nie zustimmen, wer wolle den einen
Burschen ins Haus aufnehmen, usw., doch dass konnte die clevere Frau Düring nicht erschüttern, hatte
sie mit einer solchen Reaktion doch gerechnet.

„Aber meine Damen,“ sagte sie leicht hintergründig lächelnd, „was wollen sie denn noch mehr, oder hat
jemand von ihnen einen besseren Vorschlag zu machen?“, worauf das Damenkränzchen sich ratlos
ansah. Natürlich konnte niemand einen anderen Vorschlag unterbreiten und so fuhr sie in ihrer Rede
fort.

„In der letzten Zeit hat es bei uns doch schon einige Neuerungen gegeben, nehmen wir z.B. unsere liebe
Monika, ist sie nicht das erste Kettenmädchen gewesen, dass inzwischen Bäuerin in unserer Gemeinde
geworden ist? Oder was ist mit der Käserei, auch daran hätten wir alle vor einem Jahr noch nicht mal
im Traum gedacht.“ Etwas widerwillig mussten die anderen ihr Recht geben, und Frau Düring frohlock-
te innerlich, ihre Rede schien Anklang zu finden, zumindest konnten ihre Aussagen nicht einfach vom
Tisch gewischt werden.“

„Selbstverständlich würde es viele Dinge zu bedenken geben,“ räumte sie ein, „aber wenn wir Frauen
zusammen halten, sollten die Probleme doch wohl gelöst werden können. Nehmen wir doch mal das
Beispiel Unzucht und Sittenverfall, da sehe ich z.B. kein Problem, haben wir doch für die Burschen einen
speziellen Keuschheitsgürtel, durch den sie sanft und gefügig gemacht werden können.“

„Das ist wohl wahr,“ gab die Frau Bürgermeister zu, „mein Enkelsohn Fokke ist durch dieses
Erziehungsinstrument zu einem richtigen Musterburschen geworden, ein leuchtendes Beispiel für Sitte
und Moral.“ Die anwesenden Damen stimmten ihr vorbehaltlos zu, der Fokke hatte sich wirklich zu sei-
nem Vorteil verändert, so ein guterzogener und freundlicher Bursche war er geworden, dass er für die
anderen jungen Burschen schon fast zum Vorbild geworden war.

„Nun, ich gebe zu, die Bedenken wegen Sitte und Moral wären tatsächlich nicht das größte Problem,“
gab Swantje Wattjes zu, „doch wir hätten bei uns im Haus keinen Platz, um einen Burschen unterzu-
bringen, ich kann ihn ja wohl nicht mit meinen Töchtern in einer Buzze schlafen lassen.“

Allein diese Vorstellung rief schon Empörung und Entsetzen hervor, schon waren die Damen sich einig,
dass aus dem Vorschlag von der Düring nichts werden könne, aber klugerweise hatte die sich auch mit
dieser Schwierigkeit schon im voraus beschäftigt.“

„Wer hat denn gesagt, dass die Burschen bei den Familien im Haus leben sollen?“ trumpfte sie auf,
„davon war doch nie die Rede.“ „Aber wo sollen sie denn untergebracht werden?“ wollte man nun von
ihr wissen und wartete gespannt auf ihre Antwort.

Die gute Frau Düring verstand es wirklich ausgezeichnet sich in Szene zu setzen. Bevor sie antwortete
nahm sie erst noch einen Schluck Tee aus ihrer Tasse, sah noch einmal in die Runde und ließ erst dann
die Katze aus dem Sack: „Nun, es gibt doch in der Nähe von Hohedörp noch ein Gebäude, dass schon
unsere Altvorderen errichtet haben und von uns seit vielen Jahren nicht mehr gebraucht wird.“ Die
Damen sahen sich zuerst etwas ratlos an, doch dann dämmerte es bei ihnen. „Das kann doch nicht ihr
Ernst sein, beste Frau Düring, jedenfalls nicht, wenn wir jetzt an das gleiche Gebäude denken.“ „Aber
sicher doch,“ gab sie zurück, „ich finde es gar nicht so schrecklich, auch wenn ich selbst nicht darin
wohnen möchte.“

Nun flammte die Diskussion von Neuem auf, würde es wirklich möglich sein, Kettenburschen zu bekom-
men, wäre die Unterbringung in diesem Gebäude wirklich machbar, würden auch ganz bestimmt nicht
Unsitte und Sittenlosigkeit Einzug halten, wer sollte auf die Kettenburschen aufpassen, wer sollte für die
Verpflegung sorgen und wer sollte sich um die Wäsche der Gefangenen kümmern, die geäußerten
Bedenken nahmen kein Ende.

Immerhin, eine neue Idee fasste langsam Fuß, und um so wurde beschlossen, sich dieses alte, seit lan-
ger, langer Zeit leerstehende Gebäude anzusehen und auf seine Tauglichkeit hin zu überprüfen.

Teil 72

Einige Tage später trafen sich die Frauen verabredungsgemäß bei einem kleinen Wäldchen, dass einsam
und verloren zwischen Texlum und Andersum lag. Selten kam jemand hierher, denn das Gebäude war
ein Relikt aus alter Zeit, als die Ostfriesen zur Verteidigung ihrer Heimat noch zu den Schwertern gegrif-
fen hatten, heute wollte niemand mehr von den Kämpfen und dem Blutvergießen hören, das passte nicht
in eine streng gläubige Gemeinde.

Der befestigte Weg durch den kleinen Wald war im Laufe der Zeit dichtgewuchert, nur mit Mühe gelang
es den Damen bis zu dem Gebäude vorzustoßen, immer wieder blieben ihre Kleider an Dornenbüschen
hängen, umgefallene Baumstämme lagen quer über dem Weg, und als dann noch ein aufgeschreckter
Hirsch durch das Unterholz brach und dicht an ihnen vorbei lief, bekamen sie alle einen derartigen
Schrecken, dass sie fast den Rückweg angetreten hätten, aber keine von ihnen als Feigling dastehen
wollte, also kämpften sie sich weiter vor und nach einer Weile hatten sie ihr Ziel erreicht.

Dicht beieinander standen sie da, die Frau Bürgermeister, Frau Pastor, Frau Düring, Frau Wattjes, Monika
und Hanna, und sahen etwas beklommen zu dem alten Wehrturm, der von Efeu und Pflanzen überwu-
chert, einen düsteren und feindseligen Eindruck machte.

„Ach du liebe Güte, das ist ja ein schauerlicher Ort hier,“ meinte Monika, „wann war denn wohl das letz-
te Mal eine Menschenseele in dem Gebäude?“ „Ewig lange nicht mehr, selbst wir als die Ältesten von
uns haben das Gemäuer noch nie von innen besehen. Als Kinder sind wir wohl mal heimlich hierher
gekommen, aber hineingegangen sind wir nie, dafür war uns das viel zu unheimlich hier.“ gab ihr die
Bürgermeisterin zur Antwort.

„Unheimlich hin, unheimlich her, wir sind hier um uns den Turm von innen anzusehen, also los, meine
Damen.“ rief die Frau Düring resolut und ging auf die schwere, eisenbeschlagene Eingangstür zu und
versuchte sie zu öffnen, was ihr aber nicht gelang, scheinbar waren die Türangeln angerostet. Erst als
sie sich mit der Schulter gegen die Tür stemmte, gab die unter fürchterlichem Knarren und Quietschen
langsam nach und öffnete sich. Ein ekeliger Modergeruch strömte ihnen entgegen, und nur zögerlich
betraten sie den alten Wehrturm.

Vorsichtshalber hatten sie zwei Petroleumlampen mitgebracht, die sie jetzt anzündeten. Ohne die Lampen
wäre eine genaue Untersuchung des Turms auch nicht möglich gewesen, denn durch die schmalen
Schießscharten fiel nur wenig Licht in das Innere des Turms.

Erst mal sahen sie sich in dem ebenerdigen Raum gründlich um, überall lag Kot von Vögeln und ande-
ren Tieren, Spinnweben hingen überall und in jeder Ecke. „Das sieht ja fürchterlich aus.“ sagte Hanna
leise, und ebenso leise meinte die Frau Pastor: „Das kannst du wohl sagen, ich darf gar nicht daran den-
ken, was uns in den anderen Räumen erwartet.“ „Warum flüstert ihr denn, habt ihr Angst die Toten auf-
zuwecken?“ scherzte Frau Düring, die um nichts in der Welt zugegeben hätte, dass auch sie sich etwas
beklommen fühlte.

Die Frauen sahen sich noch weiter um und entdeckten schnell zwei Torbögen, hinter beiden befanden
sich Treppen, von denen die eine in den Keller und die andere zu den oberen Stockwerken führte. Schnell
wurde man sich darüber einig, erst den oberen Teil zu begutachten, und nacheinander stiegen sie die nur
ca. 1 Meter breite, in die Außenwand eingearbeitete Steintreppe hoch.

Dieser Raum war ebenso verkommen und verdreckt wie es auch schon der erste gewesen war, nur waren
hier in Abständen von 2 Metern Eisenringe an der Wand befestigt. Schweigend sahen die Frauen sich in
dem runden Turmzimmer um, um gleich darauf durch einen weiteren Torbogen eine weitere Steintreppe
hinaufzusteigen.

In dem obersten Bereich des Wehrturms pfiff der Wind durch die etwas größeren Schießscharten, hier
war es nicht nur dreckig, sondern auch noch erbärmlich kalt. Der Raum war nackt und leer, auch hier
war keine Einrichtung mehr zu finden, von den Eisenringen an der Wand abgesehen. „Wenn die
Erzählungen unserer Altvorderen stimmen,“ meinte die Frau Bürgermeister, „dann hat Störtebecker, der
Pirat, hier schon Gefangene und Geißeln gefangen gehalten, und wenn ich mir die Eisenringe an der
Wand besehe, fange ich an, die alten Geschichten zu glauben.“ „Störtebecker hatte seine Zuflucht doch
in Marienhafe,“ gab Frau Wattjes zu bedenken. „Richtig, aber trotzdem hatte er hier auch noch einen
Stützpunkt, er war eben vorsichtig.“ „Ja, solange, bis ihm in Hamburg der Kopf abgeschlagen wurde.“
gab Frau Düring ihren Senf dazu.

Bevor sie aber Gelegenheit bekam die Geschichte der Hinrichtung des Piraten in aller Ausführlichkeit zu
erzählen, machten die Frauen sich im Gänsemarsch wieder auf den Weg nach unten. Im Erdgeschoss
angekommen marschierte die Düring nun zielstrebig auf den anderen Torbogen zu, der in das
Kellergewölbe führte.

„Müssen wir uns den Keller unbedingt ansehen?“ fragte Hanna, die schon von dem feuchten
Modergeruch, der hauptsächlich aus dem Keller zu kommen schien, angewidert war. „Da müssen wir
jetzt durch.“ bestimmte Frau Düring und ging als erste die Treppe hinunter, der Rest der Expedition folg-
te ihr.

Unten angekommen hatte Frau Düring, bevor sie den Raum betreten konnte, erst noch mit einer schwe-
ren Eisentür, in der in Augenhöhe ein Gitter eingearbeitet war, zu kämpfen, aber auch dieses Mal schaff-
te sie es, die Tür mit ihrer Schulter aufzudrücken, knarrend drehte sich die Tür in ihren Angeln und gab
den Weg frei.

Nacheinander betraten die Frauen das Gewölbe, hielten die beiden Lampen hoch, um besser sehen zu
können, wobei ihnen aber das, was sie da sahen, überhaupt nicht gefiel. Hier waren nicht nur Eisenringe
in die Wand eingelassen, sondern es gab Halseisen, Fuß- und Beinfesseln, die Überreste einer hölzernen
Schandgeige, verschiedene Zangen und andere Instrumente, dessen Bedeutung sie lieber gar nicht erst
wissen wollten.

„Ist euch klar, wo wir hier gelandet sind?“ fragte Frau Pastor und gab gleich, ohne eine Antwort abzu-
warten, die richtige Erklärung: „Wir sind hier in einer Folterkammer!“ Allgemeines Entsetzen machte
sich breit, niemand hatte auch nur geahnt, dass es so etwas im Land der alten Dörfer jemals gegeben
hatte. Während die Frauen sich die schauerliche Einrichtung genauer ansahen, wollte Hanna eine in die
Wand eingelassene, auch wieder mit Eisen beschlagene Holztür öffnen, die aber klemmte, weil sich im
Laufe der Jahre das Holz verzogen hatte.

Erst als eine alte Eisenzange als Hebel angesetzt wurde gelang es die Tür ein Stück zu öffnen. Die Frauen
blickten gespannt zu der Tür, Frau Wattjes zog sie mit einem Ruck auf und im gleichem Augenblick stieß
das gesamte Damenkränzchen (bis auf Frau Düring) schrille Schreie des Schreckens aus, lief in Panik die
Steintreppe hoch und rannte vor die Tür ins Freie.

Teil 73

„Nein, nein,“ rief die Frau Pastor, „das war ja nun wirklich zu gruselig, um nichts in der Welt bringt mich
noch jemand in diesen Folterkeller hinein.“ Die anderen Damen gaben ihre volle Zustimmung, es wäre
wirklich unerträglich gewesen, so ein fürchterlicher Anblick, einfach scheußlich, davon würden sie noch
wochenlang schlechte Träume haben.

Was war passiert? Nichts weiter, als das hinter der Tür ein Skelett gestanden hatte, dass durch das Öff-
nen der Tür nach vorne in die Arme der Frauen gefallen war, die im ersten Reflex automatisch ihre Arme
nach vorne gestreckt hatten, um den fallenden Gegenstand aufzufangen. Doch sobald ihnen klar wurde,
dass es sich um die sterblichen Überreste eines Menschen handelte, sprangen sie alle zurück und flüch-
teten aus dem Keller.

Immer noch nach Luft schnappend standen sie vor dem Wehrturm, der Schreck stand ihnen deutlich ins
Gesicht geschrieben. Die Lust an weiteren Erforschungen des Turms war ihnen gründlich vergangen,
geschlossen traten sie den Heimweg an. Immerhin wurde verabredet, sich einige Tage später wieder zu
treffen, dann würde man beratschlagen, ob der Turm als Unterkunft geeignet wäre.

Ein glücklicher Zufall fügte es, das gerade beim dem nächsten Treffen auf Advokat Meyerdirks im Land
der alten Dörfer war. Die Frau Bürgermeisterin lud ihn höchstpersönlich ein, sich an dem Nachmittag
bei dem Damenkränzchen einzufinden.

Der gute Advokat war von der Einladung der Damen etwas überrascht, hatte er bisher doch immer nur
mit den Männern zu tun gehabt. Als er sich daraufhin beim Schmied erkundigte, was es denn mit die-
ser Einladung auf sich haben könne, meinte der nur, dass die Frauen in letzter Zeit sehr aktiv geworden
seinen, und man könne nie wissen, was sie als Nächstes planen würden.

Pünktlich zur angegebenen Zeit traf er bei dem Wohnhaus der Dürings ein, wo diesmal das Treffen statt-
fand. Die Frauen, die genau wussten, was Meyerdirks für ein Schleckermaul war, hatten sich ihren Torten
und Kuchen die größte Mühe gegeben, und der Anwalt dankte es ihnen, indem er gewaltig zulangte.

Erst als beim ihm auch nicht mehr ein Krümel hineinging, kamen sie zum eigentlichen Grund der
Einladung. Die Frauen erzählten ihm von der gewaltigen Arbeitslast, die auf ihren Schultern lag, von
dem Mangel gerade an männlichen Arbeitskräften, die für die Landwirtschaft so dringend gebraucht
würden.

Natürlich waren Meyerdirks diese Probleme zur Genüge bekannt, immer wieder hatte er bei seinen
Besuchen mit dem Rat darüber gesprochen, doch eine Lösung war bisher nicht gefunden worden, was er
den Frauen auch mitteilte.

Das war nun die Stunde von Frau Düring, verschweigend, dass die Idee nicht von ihr, sondern von ihrem
Mann stammte, erklärte sie Meyerdirks die Idee mit den Kettenburschen. Der hörte sich den Vortrag an,
schüttelte mit dem Kopf und meinte: „Es ist wirklich seltsam, meine Damen, dass sie mir diesen
Vorschlag unterbreiten, denn es ist noch keinen Monat her, als eine solche Frage von bedeutenden
Leuten in der Welt gestellt wurde. Nun muss ich zugeben, dass ich ein solches Ansinnen abgelehnt habe,
dass hat es ja auch noch nie vorher gegeben.“

Diese Äußerung war nun wieder Wasser auf die Mühle von der Düring, die keine der anderen Damen zu
Wort kommen ließ, sondern gleich rief: „Mein lieber Herr Meyerdirks, warum ein solches Ansinnen
gleich ablehnen, nur weil es das bei uns bisher nicht gegeben hat? Dann muss ich sie im Namen aller
Anwesenden darüber aufklären, dass wir bereits die Voraussetzungen für den Einsatz von
Kettenburschen geschaffen haben.“

Das war zwar weit übertrieben, imponierte Meyerdirks aber ungemein, trotzdem wollte er nun Genaueres
wissen: „Nun,“ gab er zu bedenken, „so einfach ist das alles nicht, da haben wir einmal die Frage der
Unterbringung.“ „Kein Problem“ strahlte Frau Düring, „wir haben uns erst vor ein paar Tagen ein pas-
sendes Gebäude angesehen, dass alle Voraussetzungen für eine sichere Unterbringung erfüllt.“

„Das zu hören freut mich sehr, ja, in der Tat, freut mich sehr. Doch das größte Problem wäre noch zu
lösen: Wie soll man die jungen Burschen keusch halten, es müsste doch jederzeit und immer darauf
geachtet werden, dass die Burschen keinen Kontakt zu den Kettenmädchen bekommen, die Folgen davon
wären fürchterlich für uns, ja, wirklich fürchterlich.“

Wenn der Anwalt nun gemeint hatte, die Frauen durch seine Überlegungen unsicher gemacht zu haben,
irrte er sich gewaltig, denn alle Damen fingen an zu grinsen und es war wieder die Frau Düring, die das
Wort ergriff: „Verehrter Herr Meyerdirks, selbstverständlich haben wir auch diesem Problem Rechnung
getragen (die anderen Damen schauten sich verwundert an, so salbungsvoll hatten sie die Düring noch
nie sprechen hören), und auch dafür haben wir eine Lösung anzubieten, speziell für männliche
Geschöpfe haben wir ein sehr probates Erziehungsmittel gefunden.“

Langsam wurde Meyerdirks die Selbstsicherheit der Frauen unheimlich, hatte er sie doch sonst nur als
gehorsame Ehefrauen kennen gelernt, nun aber merkte er, dass sich im Land der alten Dörfer etwas geän-
dert hatte, diese Frauen verbreiteten ein Selbstbewusstsein, dass er sonst nur bei Frauen in der Welt
kannte.

„Um was für ein probates Erziehungsmittel handelt es sich dabei?“ fragte er leicht zweifelnd.
Da es sich um ihren Enkelsohn handelte, ließ sich die Frau Bürgermeister das Wort nicht nehmen, erzähl-
te die Begebenheit mit ihrem Enkel Fokke in allen Einzelheiten und lobte die Erfindung aus Holland in
den höchsten Tönen. Meyerdirks hörte sich die Schilderung an, fand sie sehr interessant und konnte sich
durchaus vorstellen, junge Burschen durch solch einen Tugendwächter zu disziplinieren.

„Nun, meinte er, „es scheint mir in der Tat durchaus möglich, auch junge Burschen zur Umerziehung bei
uns aufzunehmen, die Voraussetzungen dafür sind ja offensichtlich gegeben, doch was sagt der Rat dazu,
ist er denn damit einverstanden?“

„Lieber Herr Meyerdirks,“ sagte Swantje Wattjes nun ganz diplomatisch, „wir als Frauen hatten ja nur
die Idee; ob es nun wirklich etwas wird oder nicht, dass überlassen wir selbstverständlich den Männern.“

Der Anwalt brauchte nicht lange zu überlegen, immerhin würde diese neue Maßnahme eine Vermehrung
der so dringend benötigten Einnahmen sowie eine Arbeitserleichterung bedeuten: „Meine lieben Damen,
ihre Ausführungen haben mich überzeugt, ich werde diesen Vorschlag in ihrem Sinne dem Rat unter-
breiten.“

„Ach bitte, Herr Meyerdirks,“ meldete sich Monika zu Wort, „ein Ding gäbe es vielleicht noch zu beden-
ken. Verwundert sahen alle zu Monika, konnten sie sich doch nicht vorstellen was es da noch zu beden-
ken geben würde.

„Nun, meine liebe Monika de Fries, was für ein Anliegen wollen sie denn vorbringen?“ erkundigte sich
Meyerdirks. „Na ja,“ meinte Monika, „sie haben doch eben selbst gesagt, dass bedeutende Leute aus der
Welt sich schon danach erkundigt haben, ob wir nicht auch Burschen zur Umerziehung bei uns aufneh-
men wollen.“

„Das ist durchaus richtig, meine liebe Monika, durchaus richtig, aber warum fragen sie?“ „Ganz einfach,
Herr Anwalt, scheinbar hat man in der Welt ein großes Interesse daran, auch männliche Personen bei
uns umerziehen zu lassen. Aus diesem Grund meine ich, dass wir für diesen Aufwand doppelt so hoch
entschädigt werden sollten.“ Meyerdirks sah sie verwundert an, daran hatte er selbst noch nicht gedacht.

„Das ist ein wirklich guter Gedanke, wirklich gut, ich vermute dass sich in dieser Richtung wirklich etwas
bewegen lassen würde.“ sagte er und dachte mal wieder bei sich: „Diese Monika ist wirklich ein außer-
gewöhnliches Mädchen, in der Tat, ein außergewöhnliches Mädchen.“

Teil 74

Trotz der Fürsprache von Advokat Meyerdirks konnte der Rat sich mit dem Gedanken, auch männliche
Personen umzuerziehen, nicht anfreunden. Auch nachdem die Fragen von eventueller Unterbringung
und Arbeitseinsatz geklärt worden waren, blieb der Rat mehr als skeptisch. Erst als der Anwalt von den
Mehreinnahmen sprach, die durch diese Maßnahme zu erwarten wären, fing der Rat an, die
Angelegenheit noch einmal zu überdenken.

Nach langer Diskussion wurde dann beschlossen einen Versuch zu wagen, wobei der Rat aber darauf
bestand, zum Anfang auf keinen Fall mehr als 10 männliche Kettenburschen zu genehmigen. Des wei-
teren wurde vereinbart, dass die Burschen ausschließlich in der Landwirtschaft zu arbeiten hätten, um
keinesfalls einem Handwerker seine Arbeit wegzunehmen.

Das kam auch dem Schmiedemeister Düring zu Ohren, der ja nun gerade durch die neue Maßnahme auf
eine kostengünstige Hilfe in seiner Schmiede gehofft hatte. Er beschwerte sich lauthals, was ihm aber
auch nichts nützte, gerade in der Schmiede hätte ein Kettenbursche ja wohl nichts zu suchen, das wäre
doch wohl den Bock zum Gärtner machen, bekam er zur Antwort.

Verständlicherweise war Düring mehr als verärgert, schließlich stammte die Idee mit den Kettenburschen
ja von ihm, auch wenn seine Frau das jetzt nicht mehr zugab. In seiner Enttäuschung setzte er sich eines
Abends hin und schrieb, wie so oft in letzter Zeit, einen Brief an seinen Berufskollegen in Holland, der
ihm auch die Penisröhren mit den Stacheln geliefert hatte.
Nun hatten die beiden Schmiedemeister inzwischen nicht nur geschäftlichen Kontakt, sondern hatten
eine Art Brieffreundschaft begründet. Jedenfalls schrieb Düring an diesem Abend einen langen Brief, in
dem er sein Leid klagte und seinem Brieffreund schilderte, dass zwar die Arbeit für ihn immer mehr
zunehmen würde, er aber keine Hilfe zu erwarten hätte.

Nach unglaublich kurzer Zeit (es waren noch nicht einmal drei Wochen vergangen) bekam er ein
Antwortschreiben von seinem Kollegen. Als Düring den Brief las konnte er sein Glück nicht fassen:
Fragte sein Brieffreund doch an, ob er nicht bereit wäre, eines seiner Kinder, dass auch den Beruf des
Schmieds gelernt hatte, nur gegen Kost und Wohnung für ein Jahr bei sich arbeiten zu lassen. Außerdem
schrieb er noch, dass er sich für Jan keinen besseren Meister wünschen könne, und er sehr dankbar wäre,
wenn Jan ein Gesellenjahr bei ihm verbringen könnte, sei es doch wichtig, dass junge Menschen
Erfahrungen sammeln.

Am liebsten hätte Düring sofort zurückgeschrieben und sich einverstanden erklärt, doch wollte er sicher-
heitshalber doch lieber vorher seine Frau fragen, ob die damit einverstanden wäre. Nachdem auch Frau
Düring sich den Brief durchgelesen hatte, sah sie ihren Mann an und meinte: „Irgendwie ist das doch
sehr ungewöhnlich, dass ein Geselle nur für Kost und Wohnung arbeiten will.“

„Es geht meinem Kollegen doch nur darum, dass eines seiner Kinder in der Fremde Erfahrungen sam-
meln kann, was kann daran verkehrt sein?“ „Ich weiß nicht, irgendwie habe ich ein seltsames Gefühl bei
der Sache, aber immerhin hättest du dann endlich Hilfe in der Schmiede.“

Die gute Frau Düring hatte schon immer ein feines Gespür gehabt, nur wenige Wochen später sollte sich
herausstellen, dass der Schmied aus Holland zwar nichts Verkehrtes geschrieben hatte, aber auch nicht
mit der ganzen Wahrheit herausgekommen war, zumindest würden die Schmiedeleute noch eine Über-
raschung erleben.

Düring war nun nicht mehr zu bremsen, er holte Feder und Papier und setzte einen Brief an seinen
Kollegen in Holland auf, in dem er schrieb, dass Jan bei ihnen willkommen wäre und sobald als mög-
lich anfangen könne.

Advokat Meyerdirks hatte Wort gehalten und mit den Behörden in der Welt ins Benehmen gesetzt, schon
nach einiger Zeit wurden die ersten Kettenmädchen in das Land der alten Dörfer gebracht. Fünf Mädchen
standen auf dem Dorfplatz, allesamt steckten sie schon in den Sackkleidern, die für die Kettenmädchen
üblich waren. Jede von ihnen trug eine Eisenkette um den Hals, die mit einem dicken Vorhängeschloss
gesichert war, das andere Ende war an dem dicken Eichenpfahl befestigt, der in der Mitte des Dorfplatzes
in die Erde gerammt worden war.

Nun war die Tjalk, die wie immer die Mädchen nach Texlum gebracht hatte, an diesem Tag durch den
ungünstigen Tidenstand erst spät angekommen, und auch der Transport nach Hohedörp hatte noch eini-
ge Zeit in Anspruch genommen, so dass es inzwischen schon später Nachmittag geworden war.

Nun sah sich der Rat vor ein ungewohntes Problem gestellt: Wohin mit den Mädchen für diese Nacht?
Der Schmied würde es heute nicht mehr schaffen, gleich alle der Gefangenen in Ketten zu legen, ja, dazu
würde er mindestens den ganzen morgigen Tag brauchen. Außerdem wäre es nicht gut die Mädchen
zusammen wegzuschließen, sollten sie doch untereinander so wenig Kontakt wie möglich miteinander
haben. So wurden vereinbart sie in verschiedenen Bauernhäusern unterzubringen, dort konnten sie bis
zum nächsten Tag im Stall angekettet werden.

Den Bauern, deren Höfe am nächsten lagen, wurde Bescheid gesagt, nacheinander wurde eins nach dem
anderen Mädchen vom Dorfplatz abgeholt und an der Halskette weggeführt, was nicht ohne Jammern
und Tränen abging, da jede sich vor dem fürchtete, was auf sie zukommen würde.

Schon mit dem ersten Hahnenschrei war Düring in seiner Schmiede, um das Feuer in der Esse zu entfa-
chen. Kaum glühte die Kohle, als auch schon das erste der Mädchen zu ihm gebracht wurde. Für den
Schmiedemeister begann ein langer Arbeitstag, ohne Pause arbeitete er bis zum Abend durch. Auch Frau
Düring verbrachte den ganzen Tag in der Werkstatt, schließlich verlangten Sitte und Moral, dass eine
Frau bei den Arbeiten anwesend war.

Drei der Mädchen ließen alles mit sich geschehen ohne sich zu wehren, bei der Vierten mussten die
Nachbarinnen beim Anlegen des Keuschheitsgürtels Hilfestellung leisten, doch richtig schwierig wurde
es bei der Fünften, die sich zur Wehr setzte, als ginge es um ihr Leben. Doch auch sie konnte sich der
Behandlung nicht entziehen, die Schmiedeleute hatten bisher noch jede in Eisen gelegt.

Am Abend schloss Düring seine Schmiede ab, wischte sich den Schweiß von der Stirn und sagte zu sei-
ner Frau: „So geht es nicht weiter, das wird mir zuviel.“ „Ja,“ seufzte seine Frau, „wir könnten wirklich
Hilfe gebrauchen, ich bin gespannt, wann der Jan aus Holland bei uns eintreffen wird.“

Doch die Hilfe war schon unterwegs, und genau acht Tage später klopfte es eines Abends an der
Küchentür. „Wer kommt denn noch um diese Zeit zu uns?“ brummte Düring, während seine Frau die Tür
öffnete. Nach kurzer Zeit kam sie in die Küche zurück und sagte über beide Backen grinsend zu ihrem
Mann: „Dein Geselle ist eingetroffen.“

„Das ist ja wunderbar, herein mit ihm!“ sagte Düring und stand auf, um seinen neuen Mitarbeiter zu
begrüßen, doch kaum hatte der die Küche betreten, ließ der Schmiedemeister sich erschüttert wieder auf
seinen Stuhl fallen und sagte nur noch: „Das kann doch wohl nicht wahr sein!“

Teil 75

„Guten Abend, Meister Düring, ich bin die Janette aus Holland, der neue Geselle.“ begrüßte sie den
Schmiedemeister, der sie nur mit einem blöden Gesichtsausdruck ansah und stammelte: „Aber du bist
doch eine Frau.“ Das war nun wirklich nicht zu übersehen, denn Janette war mit ihren 1,72 Metern
Größe und einem Gewicht von 96 Kilo mehr als üppig gebaut, dazu hatte sie auch noch unerhört viel
Holz vor der Hütte, wie eine große Brust so gern umschrieben wird.

„Willst du deinen neuen Gesellen nicht anständig begrüßen, wie es sich gehört?“ ermahnte die Düring
ihren Mann. Der erholte sich nur langsam von seinem Schrecken, riss sich aber zusammen, stand auf
und ging auf Janette zu. Er gab ihr die Hand und sagte: „Dann mal herzlich willkommen in unserem
Haus.“ „Vielen Dank, Meister Düring, „ich glaube, wir kommen bestimmt gut miteinander aus.“ und
drückte ihm die Hand so fest, dass er vor Schmerz fast in die Knie gegangen wäre.

Frau Düring war begeistert von dem weiblichen Gesellen, war es doch mal wieder ein Beweis dafür, dass
für Frauen nichts unmöglich ist und sie außer der Arbeit in Haus und Hof auch für handwerkliche
Tätigkeiten, die bisher ausschließlich den Männern vorbehalten waren, geeignet sind.

Während der Schmiedemeister nach draußen ging, um die schwere Truhe seiner Mitarbeiterin ins Haus
zu schaffen, zeigte Frau Düring der neuen Mitbewohnerin die Buzze, in der sie das nächste Jahr schla-
fen würde. Die inzwischen ins Haus gebrachte Truhe wurde erst einmal in eine Ecke gestellt, darum
würde man sich später noch kümmern können.

Während der Schmiedemeister am Grübeln war, wie er Janette wieder loswerden könnte, ging seine Frau
in ihren Pflichten als Hausfrau auf und sorgte für einen späten Imbiss, das gute Kind solle ja nicht hung-
rig ins Bett gehen müssen, ließ sie verlauten.

Janette hatte, wie sich schnell herausstellte, einen unbändigen Appetit: 6 Spiegeleier, 5 Scheiben Brot,
Schinken, Wurst, Käse, Gewürzgurken, eingelegten Kürbis und dazu einen halben Eimer Tee, dabei
schaffte sie es auch noch, fast ununterbrochen zu reden. Als sie endlich mit dem Essen fertig war, sagte
sie: „Das war lecker, ich hätte gern noch mehr gegessen, aber Abends darf ich nicht soviel, ich muss
schließlich auf meine Figur achten.“ „Ja, ja,“ meinte Frau Düring, wobei sie heftig mit dem Kopf nick-
te, „wir Frauen haben es nicht leicht, was tut man nicht alles, um den Männern zu gefallen.“

„Was in aller Welt habe ich nur verbrochen, dass ich so hart bestraft werde?“ frage der Schmied sich im
Stillen, der befürchtete, in Zukunft weder im Haus noch in der Schmiede Ruhe zu finden.

Als das Schmiedepaar später im Bett lag, meinte sie: „Ich glaube, mit der Janette haben wir einen
Glücksgriff gemacht.“ „Das wird sich erst noch herausstellen,“ konterte Düring, „erst mal will ich sehen,
ob sie etwas von ihrem Handwerk versteht, wenn nicht, ist ihr Aufenthalt hier nicht von langer Dauer.“

„Sie wird ihr Handwerk schon verstehen, sonst hätte dein Kollege aus Holland sie erst gar nicht zu uns
geschickt.“ „Ha,“ rief Düring verbittert, „wahrscheinlich konnte er keine andere Stelle für sie finden, er
hätte ja auch ehrlich schreiben können, dass es sich um eine Frau handelt. Außerdem frisst sie schein-
bar soviel wie ein Pferd, da wären wir mit einem normalen Gesellenlohn ja noch günstiger abgekom-
men.“

„Hab dich nicht so, Düring,“ schimpfte seine Frau, „ich bin froh, dass endlich wieder Leben im Haus ist,
und du wirst dich an sie gewöhnen müssen, auch wenn es dir schwer fällt.“ Damit war die Diskussion
beendet, doch Meister Düring überlegte schon, welche schweren Arbeiten er Janette in den Magen drük-
ken könne, damit sie von selbst das Handtuch schmeißen würde.

Das Leben im Land der alten Dörfer ging seinen gewohnten Gang, gerade jetzt in dieser Jahreszeit muss-
te von Morgens bis Abends gearbeitet werden. Zwar waren nun 16 Kettenmädchen mehr im Einsatz, aber
die waren ja auch auf fünf Dörfer verteilt worden, so dass von einer großen Arbeitserleichterung noch
keine Rede sein konnte, also mussten alle genau so hart arbeiten wie bisher, jedenfalls fast alle, denn
einen Glücklichen gab es doch, den Schmiedemeister Düring.

Der hatte sich zwar geschworen, sich die Janette so schnell wie möglich wieder vom Hals zu schaffen,
doch bereits am ersten Arbeitstag zeigte die junge Frau, dass sie ihr Handwerk mehr als verstand. Mochte
ihr Meister ihr noch so schwere Arbeit zuteilen, ihr machte das überhaupt nichts aus. Wenn Janette das
glühende Eisen mit dem schweren Hammer bearbeitete, flogen die Funken nur so durch Schmiede, doch
dass sie sich auch auf ganz spezielle Schmiedearbeiten verstand, sollte Düring erst einige Zeit später
merken.

Teil 76

Es war ein sonniger Tag Anfang Mai, als die ersten beiden Kettenburschen in das Land der alten Dörfer
geführt wurden. Wie üblich, so waren auch sie mit der Tjalk gebracht worden und wurden mit auf dem
Rücken gefesselten Händen sowie der Kette um den Hals auf den Dorfplatz von Texlum geführt.

Dort warten bereits der Ortsvorsteher mit zwei anderen Männern, um die Burschen in Empfang zu neh-
men. Natürlich war auch Advokat Meyerdirks an diesem denkwürdigem Tag mit von der Partie, schließ-
lich war der für den sicheren Transport der Gefangenen verantwortlich.

Die Halsketten der Burschen wurden an Eisenringen, die fest und sicher an dem dicken Eichenpfahl befe-
stigt waren (jeder Dorfplatz verfügte inzwischen über so eine praktische Einrichtung) angeschlossen, erst
dann begrüßten sich die Männer und gingen in das Haus des Ortsvorstehers.

Die angeketteten Neuankömmlinge sahen sich nun erst einmal gründlich um, konnten erst nicht reali-
sieren, was sie sahen: Ein Dorf mit kleinen Bauernhäusern, Menschen in altmodischen Kleidung und
Pferdefuhrwerke, aber nicht ein Auto, keine Straßenlaternen, ja, noch nicht einmal ein Fahrrad war zu
sehen.

„Wo sind wir hier bloß gelandet?“ jammerte Heinz, dem seine Angst anzusehen war. „In einem gottver-
dammten Nest, das aussieht wie ein Dorf im Mittelalter und wo man keine Hemmungen hat, Leute ein-
fach an einen Pfahl anzuketten.“ gab Werner ziemlich giftig zurück, während er versuchte, seine gefes-
selten Hände zu befreien.

Ab und zu kamen ein paar von den Dorfbewohnern über den Platz, aber wie auch schon bei den
Kettenmädchen nahm keiner Notiz von ihnen, außer dass jemand vielleicht mal einen flüchtigen Blick
auf die ersten Kettenburschen warf.

Es dauerte lange bevor sich wieder jemand um sie kümmerte, die beiden Männer, die bei ihrer Ankunft
bei dem Ortsvorsteher gestanden hatten, kamen nun auf sie zu und lösten die Kette, mit der Heinz ange-
schlossen war und führten ihn in eine Scheune.

Die Hände wurden ihm losgebunden, endlich konnte sein Blut wieder zirkulieren. „Zieh dich aus.“ wurde
ihm befohlen. Heinz beeilte sich der Aufforderung nachzukommen, mit vor Angst zittrigen Finger legte
er Sweatshirt und Hose ab und stand in seiner Unterwäsche da. „Alles ausziehen.“ hieß es. Also entle-
digte er sich auch seiner Wäsche, und erst als er nackt vor den Männern stand, gaben sie ihm eine grobe
Hose und einen Kittel zum Anziehen.

Gerade hatte er sich die Sachen übergestreift, als er auch schon aus der Scheune heraus zu einem
Bauernhof gebracht wurde, dort wurde sein Kette an einen sich fest an der Wand befestigten Eisenring
angeschlossen.

Nun wurde Werners Kette von dem Eichenpfahl gelöst und er in die gleiche Scheune gebracht, in der
Heinz vorher gewesen war. Auch ihm wurden die Hände losgebunden und der Befehl: „Ausziehen“
erteilt.

Doch anstatt zu gehorchen sagte er: „Ihr könnt mich mal!“ Der ältere der beiden Männer sagte ganz
ruhig zu ihm: „Du solltest lieber gehorchen, machst du es nicht freiwillig, dann müssen wir Gewalt
anwenden.“

Kaum hatte Werner wutentbrannt „Ich schlag euch die Schnauze ein, ihr Bauerntrottel“ gerufen, als er
von einem Kinnhaken zu Boden gestreckt wurde und besinnungslos in der Scheune lag. Als er wieder
zu sich kam, war er bereits ausgezogen und lag nackt auf dem Scheunenboden.

Kaum hatte er die Augen wieder auf, als ihm Kleidung ins Gesicht geworfen wurde. „Anziehen, aber ein
bisschen flott, sonst helfe ich etwas nach.“ Werner beeilte sich, in die Hose und den Kittel anzuziehen,
ein Kinnhaken hatte ihm voll und ganz gereicht.

Auch er wurde jetzt in einen Stall gebracht und dort angekettet, seine Versuche, sich von der Fessel zu
befreien, verliefen ohne Erfolg. So konnte er nichts weiter tun als abzuwarten, was als nächstes passie-
ren würde.

Erst gegen 8.00 Uhr am nächsten Morgen kamen die beiden Männer vom Vortag wieder zurück und ban-
den Werner erneut die Hände auf dem Rücken zusammen, erst dann wurde er aus dem Stall geführt und
auf einen Ackerwagen verladen. Kaum saß der auf der Ladefläche, da wurden mit einem Strick auch
seine Füße zusammengebunden und die Halskette an dem Wagen angeschlossen.

Nun wurde auch Heinz geholt, mit dem ebenso verfahren wurde, als auch er gut verschnürt und gesi-
chert auf dem Wagen saß, stiegen die beiden Männer auf den Kutschbock und fuhren mit ihrer Fracht
nach Hohedörp.

Dort angekommen wurden ihnen die Fußfesseln abgenommen und die Halsketten vom Wagen gelöst. Die
Männer halfen ihnen vom Wagen herunter und führten sie in die Schmiede, wo sie in einer Ecke gleich
wieder an einen Eisenring an der Wand angeschlossen wurden.
Erst jetzt begrüßten die Männer den Schmiedemeister und seine Gesellin, und wie es nun mal Brauch
war, gingen sie gemeinsam in das Haus des Schmieds, um in aller Ruhe Tee zu trinken.

Teil 77

Erst jetzt konnten Heinz und Werner sich unterhalten, denn während er Fahrt war ihnen jedes Wort ver-
boten worden. Nachdem er sich in der Schmiede umgesehen hatte, meinte Werner: „Nun sieh dir mal
diese Bude hier an, fällt dir dabei etwas auf?“ „Was soll mir hier auffallen, das ist eine Schmiede, wei-
ter nichts.“

„Weiter nichts,“ bohrte Werner weiter, „hast du noch nicht gesehen, dass es hier keinen Strom gibt? Das
wir hier in einer Schmiede sind weiß ich selbst, du Blödmann, aber solche Werkstätten gibt es nur noch
in Freilichtmuseen.“ „Worauf willst du hinaus?“ fragte Heinz verwundert. „Ist doch ganz einfach, wir
sind hier in einem Museum, wahrscheinlich sind hier irgendwo Kameras versteckt, mit denen wir gera-
de aufgenommen. Irgendjemand hat sich einen dämlichen Witz mit uns gemacht, ich schätze, in ein paar
Minuten sind wir aus dem Schlamassel wieder raus.“

„Glaubst du wirklich?“ fragte Heinz voller Hoffnung, dem die Situation mehr als unheimlich war.“ „Na
sicher, jede Wette, der Spuk ist gleich vorbei.“

Kurz darauf kamen Meister Düring und Janette in die Schmiede zurück. „Meister, mit welchem von den
Beiden wollen wir anfangen?“ erkundigte sie sich. „Nehmen wir zuerst den Kleineren, der andere neigt
scheinbar dazu Ärger zu machen.“

Während Düring in sein Lager ging um den ersten Satz Armreifen sowie ein Halseisen zu holen, löste
Janette Heinz Kette von der Wand und zog ihn zu dem Amboss hin. „Du brauchst keine Angst zu haben,“
sprach sie ihm beruhigend zu, „wenn du vernünftig bist, wird es dir nicht wehtun, jedenfalls nicht so
sehr.“

Heinz, der jetzt davon ausging, dass doch alles mehr oder weniger nur Spaß wäre, nickte mit dem Kopf
und folgte gehorsam der Aufforderung, sich neben dem Amboss hinzuknien. Er blieb auch ganz ruhig,
als der Schmied ihm lose den Halsreif umlegte, um die Größe zu prüfen. „Das nenne ich Augenmaß.“
sagte Düring befriedigt und ging zur Esse, um mit einer Zange den glühenden Eisenstift zu holen, mit
dem der Halsreif verschlossen werden sollte.

Janette drückte den Halsreif zu, der Schmied ließ den Eisenstift in das entstandene Loch der Scharniere
fallen, schlug mit dem Hammer mehrmals zu und schon war der Halsreif gesichert und ließ sich ohne
entsprechendes Werkzeug nicht mehr öffnen.

Immer noch nicht hatte Heinz den Ernst der Lage erkannt, so ließ er sich ohne Klagen die Armreifen
anschmieden, auch bei der Montage der Fußreifen lächelte er nur leicht dümmlich. Erst als eine kurze
Kette durch den Ring seines Halseisens gezogen und die Enden an den Armreifen angeschlossen wur-
den, schien er sich unbehaglich zu fühlen, und als dann auch die Fußreifen mittels einer weiteren Kette
verbunden wurden, konnte man an seinem Gesichtsausdruck Zeichen von Unsicherheit erkennen.

„Für den letzten Teil der Arbeit wirst du mich wohl alleine lassen müssen, Janette.“ sagte Düring zu sei-
ner Gehilfin. „Aber Meister, warum denn das? Bei meinem Vater in der Schmiede war ich auch immer
dabei, ja, er hat sogar darauf bestanden.“ „Tatsächlich?“ fragte der Schmied verwundert, „aber ist das
nicht ungehörig für eine junge Frau? Warum hat dein Vater denn darauf bestanden, dass du immer dabei
sein solltest?“

„Das werde ich ihnen gleich zeigen, Meister Düring, lassen sie mich nur machen!“ Schon wandte sie sich
an Heinz und sagte: „So, nun lass deine Hose mal fallen.“ „Warum denn, nein, das will ich nicht.“ rief
er panisch und trat einen Schritt zurück..
Janette diskutierte gar nicht erst, sondern holte ein Vorhängeschloss, stecke den Bügel durch das erste
Kettenglied beim dem linken Armreifen, dann beim rechten Armreifen und zum Schluss durch das ober-
ste Kettenglied des Halseisens. Der nun wehrlose Heinz konnte nichts dagegen tun, dass Janette ihm die
Hose öffnete und sie fallen ließ.

Jetzt endlich hatte Heinz begriffen, dass diese Angelegenheit hier in der Schmiede nichts mit Spaß zu
tun hatte, sondern bitterer Ernst war. Schwer atmend, mit hochrotem Kopf und kurz vor dem Heulen
stand er da, sich zu Tode schämend.

„So, Meister Düring, jetzt will ich ihnen zeigen, warum mein Vater mich beim Verschließen der Burschen
immer dabei haben wollte.“ und fing an, den Schniedelwurz von Heinz zu zärtlich zu streicheln. Gegen
seinen Willen wuchs das gute Stück, und die Berührungen von Janette wurden intensiver.

Düring glaubte nicht richtig zu sehen: „Janette, bist du von Sinnen, so etwas kannst du doch nicht
machen.“ „Aber Meister, wir müssen doch die richtige Größe für die Hülle herausfinden, wie soll das
denn sonst gehen.“ gab sie fröhlich und gut gelaunt zurück, denn diesen Teil ihrer Arbeit fand sie immer
wieder sehr interessant.

Kurz bevor Heinz den enormen Druck in seinem Freudenspender loswerden konnte, nahm Janette einen
Zollstock, maß Länge und Dicke, und zum Abschluss ihrer Aktion versetzte sie Heinz seinem besten
Stück einen kräftigen Schlag mit dem Zollstock, so dass der arme Kerl nur noch einen jammervollen
Schrei ausstoßen konnte.

Janette ging in den Lagerraum, um dort eine von ihrem Vater gefertigte, für Heinz passende, stachelbe-
setzte Penisröhre zu holen, während Düring schon angefangen hatte, einen Keuschheitsgürtel in der rich-
tigen Größe zu herauszusuchen.

Schnell war die Penishülle an dem Schrittblech angearbeitet, und schon wollte Janette dem neuen
Kettenburschen den Gürtel umlegen, als sie von Düring davon abgehalten wurde. „Willst du ihn vorher
nicht mit Salbe einstreichen?“ fragte er verwundert. „Aber Meister Düring, das ist ja der reinste Luxus,
soll ich das wirklich machen.“ Düring nickte nur.

Janette zuckte mit den Schultern, holte sich den Eimer mit der Salbe und ging zu Heinz. Sie strich ihm
erst die Taille ein, griff nochmals in den Eimer und sagte: „Nun mach mal schön die Beine auseinander.“
Heinz sah sie nur mit großen Augen an und presste die Schenkel zusammen. „Hast du nicht gehört,
Bengel, du sollst die Beine auseinander machen.“ Heinz schüttelte nur mit dem Kopf und machte nicht
die geringsten Anstalten, der Aufforderung nachzukommen.

„Meister, ich brauch den Zollstock noch mal, der Bursche ist widerspenstig. Doch der hatte den letzten
Schlag damit noch nicht vergessen, gab seinen Widerstand auf und nahm die Beine auseinander. Im glei-
chen Moment klatschte sie ihm auch schon die Salbe zwischen die Beine und verteilte sie gründlich an
den Pobacken und im Schambereich.

„Na also, warum denn nicht gleich so.“ strahlte sie Heinz an, dem bei den Berührungen schon wieder
der Saft in die Lenden stieg. „Oh, oh, oh, Meister, ich glaube dieser Bursche hat den Gürtel bitter nötig.“

„Das sehe ich auch so, aber gleich wird ihm seine Lüsternheit vergehen.“ gab Düring zurück und legte
ihm den Taillengürtel um. Während Janette, die jetzt hinter Heinz stand, den Gürtel an den Hüften
soweit es nur ging zusammendrückte, ließ Düring ihn vorne in der vorletzten Lochung einschnappen.

Heinz sagte nichts, er ließ alles willenlos mit sich geschehen, aber was hätte er auch machen sollen?
Janette legte ihm jetzt das Schrittblech durch die Beine, führte seinen kleinen Freund in die Röhre ein
und zog das Blech hoch, ließ es einrasten und mit einem stabilen Vorhängeschloss sicherte sie den
Tugendwächter.
Zum Abschluss ihrer Arbeit entfernt sie das Schloss, so dass er seine Hände herunternehmen und seine
Hose wieder hochziehen konnte und führte ihn in die Ecke der Schmiede zurück, um dort das Ende sei-
ner Halskette wieder an dem Eisenring zu befestigen.

„Wollen wir jetzt auch gleich den zweiten Burschen in Ketten legen, Meister?“ Doch Düring winkte ab
und meinte, dass es jetzt wohl an der Zeit wäre, um erst einmal Tee zu trinken und ein Stück Brot zu
essen. „Aber für mich nur ein kleines Häppchen, Meister Düring, sie wissen doch, ich muss auf meine
Figur achten.“ „Darum isst du immer sowenig.“ sagte Düring in ironischem Ton zu ihr. „Genau, Meister,
was meinen sie, wie gern ich mich wieder einmal satt essen würde.“ gab sie zurück und ging schon in
Richtung Haus. Kopfschüttelnd folgte Düring und fragte sich mal wieder: „Herr im Himmel, warum
strafst du mich so hart?“

Teil 78

„Du bist doch ein blöder Hund,“ sagte unterdessen Werner zu Heinz, „lässt dir alles gefallen und dir
Ketten anlegen wie ein Galeerensträfling, und das alles ohne dich zu wehren, so bescheuert kann man
doch nicht wirklich sein.“

„Was hätte ich denn machen sollen,“ gab Heinz zurück, „gegen die hatte ich doch keine Chance, oder
glaubst du im Ernst, dass du nicht auch gleich in Ketten sein wirst?“ „Mit mir machen die das nicht, das
kannst du mir glauben, bevor die noch richtig schnallen, was Sache ist, bin ich schon längst abgehau-
en.“

„Wenn du dich da mal nicht versiehst.“ zweifelte Heinz und versuchte den Keuschheitsgürtel nach unten
abzustreifen. „Warts ab,“ tönte Werner großspurig, „sobald die zurückkommen kannst du sehen, wie ich
einen Abgang mache.“

Frisch gestärkt kamen Düring und seine Gehilfin in die Schmiede zurück. „Dann wollen wir uns mal
Nummer 2 vornehmen.“ meinte der Schmied unternehmenslustig, ging zu Werner und löste seine Kette
von dem Eisenring. Das war der Moment, auf den Werner gewartet hatte, kaum sah er, dass die Kette
gelöst war, als er dem Schmied einen Tritt in die Weichteile gab und trotz der auf dem Rücken gefessel-
ten Hände versuchte, aus der Schmiede herauszukommen.

Doch auf dem Weg zur Tür gab es noch ein Hindernis: Janette stand da und sah in kampflustig an: „Na,
was ist los, ich dachte du wolltest uns verlassen.“ Hektisch sah Werner sich um und suchte nach einem
Ausweg. Ein Blick nach hinten sagte ihm, dass der Schmied sich gerade wieder aufrappelte. „Jetzt oder
nie!“ sagte er sich und wollte an Janette vorbei ins Freie stürmen, doch die stellte sich ihm in den Weg
und verpasste ihm einen Schlag in die Magengrube, dass er sich vor Schmerzen krümmend auf den
Boden wiederfand.

„Was bist du nur für ein dummer Kerl, für diese Frechheit bekommst du von uns gleich eine schöne
Belohnung, wart nur ab.“ sagte Janette und zog ihn an den Haaren hoch. Mit einer Hand nahm sie das
Ende der Halskette und brachte ihn zum Amboss, doch Werner gab noch nicht auf und verpasste nun
auch noch Janette einen Fußtritt. Die aber war hart im Nehmen, sah den Burschen giftig an und ver-
passte ihm einen derartig harten Kinnhaken, so dass er durch die halbe Schmiede flog und besinnungs-
los schon wieder auf dem Boden lag.

„Bei dem fangen wir mit den Fußfesseln an, dann ist es mit dem Treten jedenfalls vorbei.“ schnaubte der
Schmied und ging in das Lager, um die schwersten Fesseln, die er nur finden konnte, zu holen.

Noch bevor Werner wieder richtig bei Besinnung war, hatten die Beiden ihm die Fußfesseln bereits ange-
schmiedet und mit einer wirklich kurzen Kette miteinander verbunden, so dass er in der in der nächsten,
für ihn selbst nicht absehbaren Zeit, nur kleine Schritte machen konnte.

Doch merkte er noch nichts von seiner Fesslung, von dem gnadenlosen Kinnhaken schwebte er noch
zwischen Ohnmacht und so am Rande etwas mitbekommen. Was er merkte war, dass er auf einmal einen
starken Druck um seinen Hals fühlte, doch bevor er in irgendeiner Weise reagieren konnte, hatten Düring
und Janette ihm das dickste Halseisen, dass sich überhaupt auf dem Lager befand, um den Hals gelegt
und mit dem glühenden Eisenstift verschlossen, ohne sich die Mühe zu machen, die Haut mit einem
Stück Leder zu schützen.

Erst als die absplitternden Metallstücke seine Haut verbrannten, kam er mit wilden Schmerzensschrei in
die Wirklichkeit zurück. Düring und Janette sahen ihn nur verachtungsvoll an, stellten ihn auf die Beine
und befestigen die Kette seines Halseisens an einer weiteren Kette, die von der Decke herunterhing.

Erst jetzt lösten sie die Fesslung der Hände hinter seinem Rücken, zur Gegenwehr hatte er keine
Möglichkeit, denn durch das lange Binden der Hände mit dem Tau waren seine Arme gefühllos gewor-
den. Dem Schmied war es eine Freude ihm die schwersten Armreifen um die Handgelenke anzuschmie-
den, während Janette mit wahrer Begeisterung eine kurze Kette heraussuchte, die anschließend durch
den Ring des Halseisens von Handgelenk zu Handgelenk führte.

„Jetzt fehlt nur noch sein eisernes Höschen.“ meinte Janette und sah den Schmied auffordernd an.
„Meine liebe Janette,“ sagte Düring, „da werde ich mir in diesem besonderen Fall richtig Mühe geben,
ein geeignetes Teil zu finden.“ „Ach, Meister Düring,“ gab sie zurück, „ich bin felsenfest davon über-
zeugt, dass sie das Richtige finden werden.“

Ja, Meister Düring gab sich richtig Mühe als er in seinem Lager war, und suchte nach einem, für diesen
aufmüpfigen Burschen geeigneten Keuschheitsgürtel, er kam mit einem Monstrum von
Keuschheitsgürtel wieder zurück. „Das ist der schwerste Tugendwächter, den ich jemals geschmiedet
habe.“ verkündete er stolz. „Der ist ja wunderbar für diesen Zweck geeignet,“ strahlte Janette ihn an, „so
einen schweren Gürtel habe ich noch nie gesehen.“

„Nun fehlt nur noch die passende Röhre mit den Dornen, aber das Maß wirst du doch bestimmt schnell
ermittelt haben.“ „Aber ja, mein lieber Meister, das werden wir gleich haben.“ gab Janette zurück und
machte sich mit diebischem Vergnügen an die Arbeit.

Werner hatte nicht mehr die geringste Möglichkeit, an Flucht oder Gegenwehr zu denken: Die Beine mit
der kurzen Kette gefesselt, die Hände nur begrenzt einsatzfähig, um den Hals einen derartig schweren,
hohen und engen Halsreif, der ihm einen Blich nach unten unmöglich machte.

So musste er es sich gefallen lassen, die Hose von Janette ausgezogen zu bekommen. Kaum war das
Kleidungsstück heruntergerutscht, als Janette auch bei ihm mit ihrer Massage anfing. Werner war wild
entschlossen, sich um keinen Preis der Welt erregen zu lassen, doch konnte widerstehen. Zwar hatte sie
von ihrer Arbeit richtig Hornhaut an den Händen, verstand es aber ausgezeichnet, junge Burschen zu
stimulieren.

Nach noch nicht mal einer Minute war es mit Werners Selbstbeherrschung vorbei, sein bestes Stück ent-
faltete sich zur vollen Pracht. Wieder nahm Janette den Zollstock und ermittelte die Maße, ging dann
zusammen mit ihrem Meister in das Lager, um eine passende Röhre auszusuchen.

Schnell hatte sie ein nach ihrer Meinung passendes Teil gefunden, doch Düring hat starke Bedenken, ob
die von ihr ausgesuchte Röhre nicht viel zu klein wäre. Sie sah ihren Meister mit boshaften Lächeln an
und sagte: „Aber ja, Meister, selbstverständlich die Röhre für den Kerl zwei Nummern zu klein, darum
habe ich sie ja ausgesucht.“ Düring lächelte zurück: „Recht hast du, wenn ich mir das genau überlege,
ist das doch das passende Teil für ihn.“

Höchstvergnügt schmiedete er die Röhre an den inzwischen ausgesuchten, extra schweren


Keuschheitsgürtel, es war im anzumerken, dass ihm diese Arbeit mehr als Genugtuung war. Nur flüch-
tig kühlte er das heiße Eisen mit Wasser ab, besah sich seine Arbeit noch einmal gründlich und meinte
selbstzufrieden: „Es ist soweit, schreiten wir zur Tat.

Teil 79

Nachdem bei Werner, wie vorher auch schon bei Heinz, die Hände oben am Hals gesichert waren, holte
Janette den Eimer mit der Salbe, bearbeitete seine Taille damit und forderte ihn auf, die Beine zu sprei-
zen.

„Ich denke ja nicht daran, du perverse Kuh.“ sagte er und presste, genau wie sein Mitgefangener vorher,
die Beine zusammen, wohlwissend, dass er sonst die Kontrolle über seinen Freudenspender für lange Zeit
verlieren würde.

Janette ballte ihre Faust und wollte ihm gerade den nächsten Schlag in die Magengrube verpassen, als
Düring rief: „Warte mal eben, das bekommen wir ganz einfach in den Griff. Ja, der gute Schmiedemeister
war nicht auf den Kopf gefallen und hatte schnell gelernt, dass es bei dem Verhalten von Kettenmädchen
und Kettenburschen doch Unterschiede gab.

Findig, wie er nun einmal war, nahm er eine Eisenstange und steckt sie in die Esse, es dauerte nicht
lange, bis das eine Ende rotglühend war. Er nahm das Eisen, ging zu dem Delinquenten und kam mit
der glühenden Eisenspitze immer dichter auf die geschlossenen Beine zu.

Ganz freundlich, dabei aber boshaft grinsend, sagte er zu Werner: „Du kannst die Beine freiwillig aus-
einandernehmen, aber wenn du das nicht willst, kann ich gerne etwas nachhelfen.“

Werner spürte schon die Hitze, die von dem Metall ausging, und es war ihm klar, dass der Schmied nicht
die geringsten Hemmungen haben würde seine Beine notfalls mit dem Eisen zu öffnen. Sein Widerstand
brach, folgsam spreizte er die Beine und Janette konnte ihrer Arbeit nachgehen.

Nun kann man nicht behaupten, dass sie mit ihm sehr zärtlich umging, ganz im Gegenteil! Es machte
ihr gerade zu Freude, die Salbe mit harter Hand auf seine empfindlichsten Körperstellen aufzutragen.

Trotzdem wurde er schon wieder erregt, was Janette gleich zum Anlass nahm, ihm mit der Handkante
einen kräftigen Schlag auf seinen Freudenspender zu verpassen. Sein Schmerzensschrei war mitleider-
regend, aber schließlich war er selbst schuld, hätte er die Schmiedeleute doch nicht tätlich angreifen sol-
len.

Meister Düring legte ihm den Strafkeuschheitsgürtel um die Taille, Janette drückte den Gürtel so eng wie
möglich zusammen, so eng, dass Werner nur noch nach Luft schnappte. Erst als Düring sah, dass es noch
enger beim besten Willen nicht mehr ging, ließ er den Verschluss einschnappen.

Nun war Janette wieder an der Reihe, sie zog das Schrittblech von hinten durch seine Beine nach vorne,
und nahm sein bestes Stück in die Hand, dass jetzt nach dem letzten Schlag allerdings keine Reaktion
mehr zeigte.

„Du bist ein ganz, ganz böser Junge,“ sagte sie zu ihm (wobei sie aber hintergründig und falsch lächel-
te), und darum werden wir dir jetzt helfen, ein guter und warmherziger Mensch zu werden.“ Werner
schnaubte nur, als sie ihm jetzt sein edelstes Teil in die Stachelröhre steckte, und die erste Vorahnung
von Schmerzen bekam er, als sie das Schrittblech mit einem Ruck nach oben zog.

„Aber, aber, wer wird denn so empfindlich sein, doch bestimmt keiner, der mit seinen Füßen nach ande-
ren Leuten tritt.“ strahlte Janette ihn an, und auch der Schmied konnte sich ein schadenfrohes Grinsen
nicht verkneifen. Noch einmal zog sie kräftig das Schrittblech nach oben, bis es dann in der richtigen
Position lag und der Schmied den Gürtel mit einem festen Schloss sichern konnte.

Noch bevor der Schmied Werners Hände von dem Hals befreien konnte, ließ Janette es sich nicht neh-
men, zärtlich Werners Hoden zu kraulen. Die Wirkung war fürchterlich, schon nach wenigen Sekunden
fing er vor Schmerzen an zu jaulen wie ein geprügelter Hund.

„Meister,“ rief Janette fröhlich, „ich glaube, wir haben genau das richtige Röhrenmaß für diesen
Burschen ausgesucht, jetzt schimpft und flucht er nicht mehr, die ersten Zeichen seiner Besserung sind
nun schon zu erkennen.“

„Ja, wirklich, liebe Janette, ich muss zugeben, schon jetzt ist bei dem Kerl eine Wendung zum Guten zu
erkennen. Nun weiß ich, warum dein Vater beim Verschließen von Burschen auf deine Anwesenheit
immer großen Wert gelegt hat, du hast tatsächlich hervorragende Arbeit geleistet.“

Das war schon ein denkwürdiger Augenblick, die ersten Kettenburschen waren erfolgreich verschlossen,
auch wenn es einige Schwierigkeiten gegeben hatte. Doch hatte Düring erst jetzt den Wert seiner Gesellin
voll erkannt, und seit diesem Zeitpunkt konnte sie noch soviel essen, Janette war ihm ab sofort wie eine
Seelenverwandte und eigene Tochter.

Kaum war Werner wieder in der Ecke an der Mauer angeschlossen, als von draußen Stimmen zu hören
waren. „Nanu,“ wunderte Düring sich, „wer kommt denn jetzt noch so kurz vor der Mittagszeit?“

Teil 80

Unangemeldet, doch durchaus nicht unwillkommen, stand der komplette Rat vom Land der alten Dörfer
auf einmal vor der Schmiede, wollte man sich doch einen Eindruck von den ersten Kettenburschen hier
im Land verschaffen.

Dem Schmied kam das gerade recht, hatte er doch in seinem Innersten den Tritt von Werner noch nicht
überwunden. Mit leidvoller Stimme erzählte er von den Mühsalen, die er und seine Gesellin hatten erlei-
den müssen. Durchaus geneigt hörte der Rat seinen Ausführungen zu, machte aber innerlich Abstriche,
da Düring für seine Übertreibungen, zumindest was seine Arbeit angelangt, nicht unbekannt war.

Doch als nun auch Janette in das gleiche Horn stieß und erzählte, dass einer der Burschen sich nicht nur
widerspenstig, sondern mehr als aggressiv verhalten hätte und auch noch gewalttätig geworden wäre,
glaubte man dem Dorfschmied.

Schnell wurde allen Beteiligten klar, dass der Umgang mit den Kettenburschen neue Maßnahmen erfor-
dern würde, auf jeden Fall müssten sie strenger gehalten werden als die Mädchen, um Widerstand und
Fluchtversuche von vornherein zu verhindern.

Der Pastor ließ es sich nicht nehmen, den beiden Burschen einmal kräftig ins Gewissen zu reden und sie
zu einem ordentlichen Verhalten zu ermahnen. Während Heinz sich die Ansprache mit gesenktem Blick
anhörte, grinst Werner den geistlichen Herrn nur verächtlich an und sagte zu ihm, als der geendet hatte:
„Die Rede hättest du dir schenken können, du Himmelskomiker.“

Sämtliche Anwesenden sahen sich empört an, was erlaubte sich dieser Kettenbursche? So eine
Unverschämtheit konnte man sich unmöglich bieten lassen, oh nein, man würde den Kerl schon zur
Räson bringen.

„Meister Düring, „sagte der Bürgermeister, „wir scheinen es hier mit einem besonders verkommenen
Objekt zu tun haben, ich halte es für ratsam, wenn ihr den Beiden eine Eisenkugel anlegt.“ Der Vorschlag
fand allgemeinen Anklang und Düring und Janette machten sich sofort ans Werk.
Eisenkugeln hatten sie ja immer auf Vorrat liegen, jetzt noch mehr als vorher, weil das Lager in Moordorf
ja aufgelöst war. Schnell waren eine mittelschwere und eine schwere Eisenkugel, an denen bereits eine
2 Meter lange Kette angearbeitet war, hervorgeholt an dem Ring am Halseisen mittels eines
Vorhängeschlosses angebracht.

„Mich können keine Ketten halten, ich bin hier schneller verschwunden als ihr euch das vorstellen könnt,
ihr Hirnis.“ schrie Werner wutentbrannt, sah er doch eine Flucht durch die Eisenkugel noch schwieriger
werden.

Der Rat hatte genug gesehen und verabschiedete sich, beim Hinausgehen sagte der Bürgermeister zum
Schmied: „Am liebsten würde ich diesem einen Kerl den Mund stopfen.“ „Herr Bürgermeister,“ rief
Janette, die das natürlich mitbekommen hatte, „warum legen wir ihm keinen Knebel an?“

„Das wäre vielleicht nicht das Schlechteste, aber wo bekommen wir einen Knebel her?“ „Lassen sie mich
nur machen,“ meinte sie, „das ist schnell erledigt.“ Voll Anerkennung nickte der Bürgermeister mit dem
Kopf und meinte zu Düring: „Zu so einem tüchtigen Gesellen kann man nur gratulieren.“ „Das ist wohl
wahr,“ entgegnete Düring stolz, „erst heute hat sie wieder bewiesen, wie umsichtig und geschickt sie
arbeitet.“

Während Düring den Rat noch zur Strasse begleitete, machte sich Janette schon an die Arbeit: Sie such-
te sich ein 3 cm breites, flaches Eisenband, brachte es in ungefähre Kopfform, hielt es an Werners Kopf
und markierte zwei Punkte auf dem Eisen.

Währenddessen war Düring in die Werkstatt zurückgekommen und sah ihr interessiert bei der Arbeit zu:
Nachdem Janette das gebogene Eisenband an beiden Enden etwas gekürzt hatte, legte sie es zusammen
mit einem flachen Stück Eisen in die Esse.

Aus der Eisenplatte schmiedete sie mit geschickten Händen ein ovales Rohr, holte das Eisenband aus dem
Feuer, bog die hinteren Enden um und schlug mit einem Dorn jeweils ein Loch hinein. Nachdem beide
Werkstücke in der Esse wieder erhitzt worden waren, schlug sie in der Mitte des Eisenbandes ein Loch
hinein, schmiedete das ovale Eisenrohr von innen an und versah das Rohr vorne und hinten rundher-
um mit kleinen Löchern.

Ein passendes, dickes Stück Leder war schnell gefunden, wurde zurechtgeschnitten und um die ovale
Röhre gelegt; mit kleinen, glühenden Kopfnägeln, die in die vorbereiteten Löcher geschlagen wurden,
war das Leder dann an der Röhre befestigt.

Nachdem der Knebel mit Wasser abgekühlt worden war, betrachtete Düring ihn von allen Seiten.
„Saubere Arbeit,“ meinte er anerkennend, „dazu noch in dieser kurzen Zeit. Auch der Einfall mit dem
Luftloch ist hervorragend, so wird dem Kerl bei der Arbeit jedenfalls nicht die Puste ausgehen.“ Janette
ging das Lob ihres Meisters herunter wie Öl, bescheiden meinte sie nur: „Nun müssen wir aber erst mal
sehen, ob es auch passt.“

Werner, der den Beiden bei der Arbeit zugesehen hatte und wusste, was da auf ihn zukommen sollte,
presste die Lippen zusammen, doch Janette hielt ihm die Nase zu und nach wenigen Sekunden musste
er notgedrungen nach Luft schnappen, aber er hatte den Mund nicht weit genug geöffnet, um sich den
Knebel hereinschieben zu lassen.

„Meister, das Bürschchen will nicht, würden sie den Knebel nehmen und ihn gleich, wenn er den Mund
schön weit aufgemacht hat, hineinstecken?“ Düring zuckte nur mit den Schultern, nahm den Knebel in
die Hand und fragte sich, was in aller Welt Janette jetzt wieder vorhatte.

Die fasste in Werners Schritt, nahm einen seiner Hoden in die Hand und presste ihn so stark, dass Werner
nicht anders konnte als vor Schmerz laut aufzuschreien, im gleichen Moment saß der Knebel auch schon
bei ihm im Mund. Düring hielt den Knebel fest, während Janette mit einem Schloss die Enden des
Eisenbandes am Hinterkopf sicherte.

„Das war’s dann wohl,“ rief der Schmied erleichtert, „jetzt wird es aber auch wirklich Zeit zum
Mittagessen, ich hoffe, du hast auch richtig Hunger.“ „Ja, Meister, Hunger hab ich schon, aber sie wis-
sen doch, mehr als ein kleines Häppchen darf ich nicht.“ „Nein,“ sagte Düring und grinste sie kamerad-
schaftlich an, „das ist mit vollkommen klar: Selbstverständlich nur ein kleines Häppchen, wie immer.“

Teil 81

Während sich wohl alle Leute im Land der alten Dörfer zum Mittagessen zurückgezogen hatten, standen
Werner und Heinz noch immer angekettet in der Schmiede. Kein Mensch fragte danach, ob sie vielleicht
auch Hunger oder Durst hätten.

„Was werden die jetzt mit uns machen?“ wollte Heinz vor Werner wissen, doch der gab, bedingt durch
seinen Knebel, nur unverständliche Geräusche von sich, so dass jeder Versuch einer Unterhaltung im
Vorfeld zum Scheitern verurteilt war.

Es dauerte noch bis zum frühen Nachmittag, bis sich endlich wieder jemand um sie kümmerte. Zuerst
war das Rumpeln eines Ackerwagens zu hören, dann betraten zwei Männer die Schmiede. Nach einer
kurzen Begrüßung der Männer löste Düring bei Werner das Schloss dicht unter dem Halseisen, so dass
er seine Arme, jedenfalls in dem kurzen Bereich, den die durch den Halsreifring führende Kette zuließ,
wieder bewegen konnte.

Auch die Schlösser, die ihre Halsketten an den Eisenringen an der Wand gesichert hatten, wurden geöff-
net und die beiden Kettenburschen, die ihre Eisenkugeln aufzunehmen hatten, in Richtung Ackerwagen
geführt.

Während Heinz einigermaßen laufen konnte, war es für Werner nur mit Trippelschritten möglich, Fuß
vor Fuß zu setzen. „Nun sieh zu das du weiterkommst, das geht auch schneller.“ wurde er angebrüllt.
Wie Kartoffelsäcke wurden sie auf den Wagen geladen, auf ein zusätzliches Anketten an dem
Ackerwagen konnten die Männer in diesem Fall verzichten, denn jede Flucht war ausgeschlossen.

Die Männer stiegen auf den Kutschbock, einer nahm die Zügel der beiden Pferde in die Hand, schnalz-
te mit der Zunge und der Wagen setzte sich in Bewegung. Langsam fuhren sie durch Hohedörp, die
Burschen auf der Ladefläche schauten sich um, immer noch nicht richtig verstehend, wo sie sich nun
eigentlich befanden.

Die Fahrt zu dem entlegenden Wäldchen dauerte an die anderthalb Stunden, nachdem Hohedörp hinter
ihnen lag gab es außer Feldern, Wiesen und Äckern nicht mehr viel zu sehen. Nur manchmal sahen die
Burschen Leute auf dem Feld arbeiten, ein Teil von denen schienen genau wie sie in Ketten geschlagen
zu sein, doch sicher waren sie sich nicht, da die Entfernung meist zu groß war. Nur einmal sahen sie ein
Mädchen dicht an dem Feldweg arbeiten, die trug die gleichen Eisenfesseln wie sie selbst.

Das Ziel der Fahrt war erreicht, die Männer stiegen von dem Kutschbock herunter und ehe sich die
Burschen versahen, standen sie neben dem Ackerwagen. Wieder hatten sie ihre Eisenkugel aufzunehmen
und wurden an den Halsketten zu ihrem neuen Zuhause hingeführt.

Der Not gehorchend hatte man in der letzten Woche einen schmalen Durchgang zu dem Turm freige-
macht, der Rest des Weges war aber immer noch überwuchert und zugewachsen. So konnten die
Kettenburschen erst auch nicht sehen, wohin sie gebracht wurden.

Doch dann war schon durch das Dickicht die Spitze des Turms erkennbar, kurze Zeit später standen sie
vor der geöffneten Turmtür. „Ist jemand zu Hause?“ rief einer der Männer. Nach wenigen Augenblicken
kam die neu ernannte Aufsichtsperson für die Kettenburschen heraus, es war niemand anderes als die
Frau Bültena, die schon in Moordorf die Sträflinge unter sich gehabt hatte.

Mit einem knappen „Moin“ begrüßte sie die beiden Männer und nahm dann ihre neuen
Schutzbefohlenen in Augenschein. „Da habe ich seit Jahren nichts anderes gemacht als Kettenmädchen
zu beaufsichtigen, die besten Jahre meines Lebens habe ich dafür geopfert,“ klagte sie, „und wie hat man
es mir gedankt? Nun muss ich Kettenburschen beaufsichtigen, und noch dazu in diesem alten Wehrturm
leben.“

Sie sah ihre Burschen mit einem bitterbösem Blick an und meinte: „Ich war im Moor immer eine viel zu
mitfühlende Seele, konnte vor Sorgen wegen der Mädchen so manche Nacht nicht schlafen, aber das ist
jetzt vorbei, nun gibt es kein Mitleid mehr.“

Bei dieser Rede schlug Heinz vor lauter Angst das Herz bis zum Hals, doch Werner sah seine
Aufpasserein nur geringschätzig an. Der Bültena, erfahren in dem Mimenspiel von Gefangenen sah, ent-
ging der Blick von Werner nicht, sie stellte sich vor ihm hin und meinte: „Kann es sein, dass du mir
Ärger machen willst, Bürschchen?“

Bedingt durch den Knebel war er zu keiner verständlichen Antwort in der Lage, so zuckte er als Antwort
nur mit den Schultern. „Auf dich werde ich ein ganz besonders scharfes Auge halten.“ sagte sie zu ihm
und sah ihn dabei kaltlächelnd an.

„Bringt die Burschen in den ersten Stock des Turms.“ befahl sie den Männern, die zwar erst zögerten,
weil sie es nicht einsahen sich von der Bültena kommandieren zu lassen, aber der ihnen übertragenen
Aufgabe gerecht werden wollten und in diesem Ausnahmefall von ihr einen Befehl annahmen.

Bei Heinz war es kein Problem, er ging, mit der Eisenkugel in den Händen, in den Turm hinein und stieg
folgsam die Steintreppe hoch. Bei Werner wurde die Sache schon schwieriger, es war ihm gut anzumer-
ken, dass er der Aufforderung zum Abmarsch in den Turm nur widerwillig folgte.

Doch sah er ein, dass er die Übermacht von den beiden Männern und der Aufseherin nichts entgegen-
zusetzen hatte und ging in den Turm hinein. Schwierig wurde es aber, als er die Treppe hinaufsteigen
sollte, Schmiedemeister Düring und seine Gesellin Janette hatten die Kette zwischen den beiden Fußeisen
so kurz gehalten, dass er es einfach nicht schaffte, einen Fuß nach dem anderen auf die Treppe zu setz-
ten.

Es blieb ihm nichts anderes übrig, als mit der Eisenkugel in den Händen Stufe für Stufe hochzusprin-
gen, selbst einem sportlichen Typ wie ihm ging nach der 10. Stufe die Puste aus, doch unerbittlich wurde
er von der Bültena hochgetrieben, wobei ihr die Peitsche, die sie aus dem Moorlager mitgebracht hatte,
gute Dienste leistete. Endlich in der ersten Turmkammer angekommen wurde das Ende seiner Halskette
gleich an einem Ring in der Wand angeschlossen, das gleiche Schicksal erlitt auch Heinz.

Als die Burschen sicher angekettet waren, machten sich die beiden Männer auf den Nachhausweg, län-
ger als unbedingt notwendig wollten sie in dem Gemäuer nicht bleiben. Die Bültena schloss sich den
Männern an und ging auf wieder die Treppe hinunter.

Die beiden Gefangenen sahen sich nun erst mal in dem Turmzimmer um, und was sie da sahen, gefiel
ihnen absolut nicht: Dort gab es nur einen Haufen Stroh, den sie sich teilen konnten, zwei alte
Pferdedecken stellte ihr Bettzeug dar, als Krönung gab es noch einen Holzeimer mit einem Deckel dar-
auf, der würde in der nächsten Zeit ihr WC sein.

„Ich will hier nicht bleiben,“ rief Heinz weinerlich, „warum tut man uns so etwas an, dass ist doch nicht
mehr menschlich!“ Werner versuchte zu antworten, doch hatte er immer noch den Knebel im Mund und
so verlief die Unterhaltung ziemlich einseitig.
Teil 82

Während die beiden Kettenburschen noch darüber nachdachten, wie um alles in der Welt sie in eine sol-
che Situation hatten geraten konnten, ging das Leben im Land der alten Dörfer seinen gewohnten Gang.

Inzwischen waren weitere Kettenmädchen angekommen und auf die Dörfer verteilt worden, auch
Monika war ein weiteres Mädchen zugeteilt worden, da sie mit der Käserei zuviel Arbeit hatte.

Als Birgit, das neue Mädchen, gebracht wurde, war nichts mit ihr anzufangen. Schlotternd vor Angst
stand sie vor den Bauersleuten de Fries, war vor lauter Heulen unfähig auch nur ein verständliches Wort
herauszubringen. Doch Monika wusste mit ihr umzugehen, mit jedem Tag der verging, wurde Birgit ruhi-
ger und vertrauensvoller, nach einem Monat war die Bäuerin wie eine Mutter für sie.

Ja, trotz ihrer Fesseln und Ketten himmelte sie Monika geradezu an, denn sie wurde fair und gerecht
behandelt und zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie das Gefühl, einer Familie zugehörig zu sein.

Dazu hatte sie von Anja, mit der sie in einer Buzze schlief, schon viel Böses über das Straflager im Moor
gehört. Zwar sollte das Lager jetzt angeblich aufgelöst sein, doch wer konnte schon sagen, ob es nicht
einfach wieder in Betrieb genommen werden würde, schließlich benötigten die Leute den Torf zum
Heizen und Kochen, und wer würde jetzt den Torf abbauen?

Doch das sollte Birgits Sorge im Moment nicht sein, sie tat wirklich ihr Bestes, um alle an sie gestellten
Anforderungen zu erfüllen, und sie schaffte es auch, dass man mit ihr zufrieden war. Wäre da doch nur
nicht dieser verflixte Keuschheitsgürtel gewesen, früher hatte sie sich jeden Tag mindestens einmal selbst
befriedigt, doch nun ging überhaupt nichts mehr. Auch an den Badetagen am Samstag konnte sie sich
nicht selbst berühren, weil die Bäuerin sie nicht aus den Augen ließ.

Kaum war sie aus dem Bottich heraus, da wurde ihr der Keuschheitsgürtel wieder umgelegt, dabei muss-
te sie auch noch dankbar sein, nicht einen der schweren Strafgürtel tragen zu müssen, von dem Anja
ihr aus eigener Erfahrung berichtet hatte.

Anja, die ihre Fluchtversuche so teuer hatte bezahlen müssen, war inzwischen ruhig und ausgeglichen.
Nicht nur, dass sie sich mit ihrem Schicksal abgefunden hatte, nein, sie hatte sogar Freude an ihrer
Arbeit gefunden.

Am meisten liebte sie die Arbeit in der Käserei, schnell war sie mit den meisten Arbeitsschritten vertraut
und durchaus in der Lage, selbstständig und alleine die Käseproduktion zu bewältigen, zumindest die
erste Zeit, denn immer mehr Bauern wollten ihre Milch zur Käserei liefern, weil die Bezahlung dort ein-
fach besser war, als wenn sie die Milch in gewohnter Weise ablieferten.

Auch der Advokat Meyerdirks war in Punkto Käse aktiv geworden und hatte einzelne Käselaibe zur
Verkostung mitgenommen. Die Resonanz auf den Käse war mehr als gut, immer öfter klingelte bei
Meyerdirks das Telefon und es häuften sich die Anfragen, wo dieser Käse zu bekommen wäre.

So kam der Zeitpunkt, dass Monika sich für eine Richtung entscheiden musste: Sollte sie jetzt die viel-
versprechende Käserei weiter ausbauen oder sich in die Rolle der einfachen Bäuerin einfügen, die sie
durch die Eheschließung mit Wilko de Fries eingegangen war. Beides zusammen würde sie nie bewälti-
gen können, das war ihr klar, nur wie sollte sie sich entscheiden?

Das Problem löste sich aber ganz von selbst, ihre Monatsblutungen blieben aus, denn Monika war
schwanger. Instinktiv fühlte sie, dass es das Wichtigste ist, einem Kind ein Zuhause geben zu können,
und so kamen bei ihr Überlegungen auf, die Käserei trotz der sehr guten Erfolge wieder zu schließen.

Doch da hatte sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn die Bauern, die ihr bisher die Milch zu
einem für sie selbst guten Preis geliefert hatten, legten Protest ein und wollten auf die vermehrte
Einnahme nicht verzichten.

Nun war guter Rat teuer, Monika selbst würde nur noch absehbare Zeit in der Käserei mitarbeiten kön-
nen, ein weiteres Kettenmädchen würde ihr auch nicht zur Verfügung gestellt werden, das war schon
mal klar. Doch wer sollte in Zukunft die Käserei weiterführen?

Es blieb nichts anderes übrig, als Anja für die Käserei abzukommandieren, denn sie war außer Monika
die Einzige, die alle Kniffe und Tricks der Käsezubereitung kannte.

So wurde Anja nun jeden Morgen von Monika in die Käserei geführt, um die dort anfallenden Arbeiten
zu erledigen. Sie war gerne dort, konnte sie jetzt doch ohne Aufsicht und Bevormundung arbeiten,
außerdem war sie in der Lage, sich die Arbeit selbst einzuteilen, Hauptsache, dass bis zum späten
Nachmittag die gelieferte Milch verarbeitet war.

Der einzige Wermutstropfen dabei waren nur die relativ kurze Fußkette, die ihr größere Schritte unmög-
lich machten sowie die Laufkette, an die sie jeden Morgen angeschlossen wurde, doch als wirklich stö-
rend empfand sie das Klirren der Ketten auf dem Steinfußboden, das bei jedem ihrer Schritte eine trau-
rige Melodie spielte.

Teil 83

Spät am Tag machte sich Bültena die Arbeit, ihren Gefangenen eine Holzschüssel mit Gerstenbrei sowie
zwei Holzlöffel in die Kammer zu bringen, auch eine Kanne mit Wasser brachte sie mit.

„Glaubt ja nicht, dass ich euch jeden Tag etwas zu Essen bringe, in Zukunft werden ihr für euren Fraß
selber sorgen müssen.“ klärte sie die Burschen beim Betreten des Raumes schwer atmend auf, das unge-
wohnte Treppensteigen hatte ihr schwer zu schaffen gemacht.

Sie stellte die Kanne und die Schüssel auf dem Boden ab und wollte schon gerade wieder die Treppe hin-
untergehen, als ein Schnaufen von Werner sie zurückhielt.

„Nichts als Arbeit habe ich mit diesen Burschen.“ maulte sie schlechtgelaunt, ging zu Werner und öff-
nete das Schloss seines Knebels und nahm ihm das Marterinstrument ab. Der bewegte seinen Kiefer
mehrmals, scheinbar hatte er durch das Tragen des Knebels eine Art Maulsperre bekommen, jedenfalls
war es ihm nicht möglich, den Mund zu schließen und so sah er aus wie ein Fisch auf dem Trockenen.

Bültena stand immer noch bei ihm und sah ihn fordernd an, doch Werner war viel zu sehr mit sich selbst
beschäftigt, um etwas zu bemerken. Nach zwei Minuten fragte die Bültena: „Na, wird’s bald oder muss
ich noch lange warten?“

Er sah sie nur verständnislos und wusste nicht, was von ihm erwartet wurde. „Willst du nicht dafür
bedanken, dass ich dir den Knebel abgenommen habe, du Nichtsnutz?“

„Ja, vielen Dank.“ sagte er und bekam im gleichen Augenblick einen Streich mit der Peitsche übergezo-
gen. Während er vor Schmerz noch jaulte, brüllte Bültena ihn an: „In Zukunft heißt es: „Vielen Dank,
Frau Bültena,“ außerdem hast du mich nicht anzusehen sondern deinen Blick auf den Boden zu richten,
du Wurm. Hast du das begriffen?“

„Jawohl, Frau Bültena, vielen Dank, Frau Bültena.“ beeilte er sich zu sagen, schnell hatte er begriffen,
dass mit den Leuten im alten Land nicht zu spaßen war und er mit seiner schnodderigen Art hier nicht
weiterkommen würde.

Bültena drehte sich befriedigt um, warf noch einen Blick auf Heinz, der sie mit vor Angst aufgerissenen
Augen ansah, blaffte ihm noch ein kurzes: „Das gilt auch für dich.“ zu und stieg die Treppe hinunter.
Die Burschen besahen sich misstrauisch ihr Abendbrot, Heinz probierte und verzog das Gesicht. „Das
Zeug ist ja ekelig.“ meinte er angewidert, woraufhin auch Werner den Gerstenbrei probierte und seine
Meinung bestätigte: „Das ist nicht nur ekelig, das ist auch noch angebrannt, dazu fehlt auch noch jedes
Gewürz, noch nicht mal Salz ist an diesem Fraß dran.“

Nur wenig später zog ein Geruch hoch, der ihnen das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Beide
schnupperten an den Küchendüften, während ihre Mägen rebellisch knurrten. „Gebratenes
Schweinekotelett, dazu Bratkartoffeln mit Speck und viel Zwiebeln.“ sagte Werner selbstsicher. „Gott sei
Dank,“ rief Heinz erleichtert, „ich dachte schon, dass diese Pampe unser einziges Essen sein sollte.“

Immer lauter wurde das Magenknurren der Burschen, Heinz meinte: „Mir ist schon ganz schlecht vor
Hunger, hoffentlich kommt die Bültena bald.“ Doch nichts geschah, dann nach einer ganzen Weile hör-
ten sie einen langgezogenen Rülpser, der nur von ihrer Aufseherin kommen konnte.

„Das war’s dann mit unserem Essen, Kotelett und Bratkartoffeln gibt es hier wahrscheinlich nur für das
Aufsichtspersonal.“ knurrte Werner. „Und was ist mit uns, ich sterbe gleich vor Hunger.“ klagte sein
Mitgefangener. „Dann solltest du noch etwas von diesem deliziösen Brei essen, wenn du so einen
Kohldampf hast, meinen Teil überlasse ich dir gerne.“ Tatsächlich nahm Heinz sich die Schüssel und
schlang den Inhalt mit Todesverachtung hinunter, lieber so einen Fraß als verhungern, dachte er sich.

Bis zum nächsten Morgen passierte überhaupt nichts mehr, mal davon abgesehen, dass Heinz
Durchmarsch bekommen hatte und dreimal auf dem Holzeimer sitzen musste, was die allgemeine
Stimmung nun auch nicht steigen ließ.

Kurz nach der Morgendämmerung war das Schnaufen von der Bültena zu hören, die mühsam die Treppe
heraufkam. Mit einem barschen: „Auf die Beine, ihr Nichtsnutze!“ jagte sie die Burschen hoch.

Sie löste die Halsketten von der Wand und schickte sie die Treppe hinunter. Für Heinz kein Problem, aber
bei Werner war es schon fast ein akrobatischer Akt, mit der schweren Eisenkugel in den Händen Stufe
für Stufe hinunterspringen zu müssen.

Untern angekommen wurden sie vor die Tür geschickt, ihre Aufseherin nahm das Ende einer langen
Kette und befestigte mit einem Vorhängeschloss die Enden der Halsketten mit an der langen Kette.

„Ihr fangt jetzt an die Zufahrt zu dem Turm freizumachen, und zwar bis der Wald zu Ende ist. Links und
rechts der Straße will ich es gerade geschnitten haben, das abgesägtes Holz und die Zweige bringt ihr
hier zum Turm.“ Sie drückte jedem eine Säge in die Hand, schickte sie an die Arbeit und ging zurück in
die Turmkammer, um sich ein reichhaltiges Frühstück zu gönnen.

Nach einer halben Stunde war wieder mal ein tierisches Rülpsen zu hören, kurz darauf kam die Bültena
vor die Tür, um nach dem rechten zu sehen. „Mehr habt ihr noch nicht geschafft, ihr Tagediebe!“ brüll-
te sie die Burschen an, die daraufhin an Tempo zulegten.

Kaum war ihre Sklaventreiberin wieder im Turm verschwunden, als Werner es wieder ruhig angehen ließ,
warum auch sollte er sich hier ein Bein ausreißen? Doch da kam die Bültena schon wieder an, in der
einen Hand hielt sie einen Hammer, in der anderen einen Stock.

Nichts Gutes ahnend sahen die Burschen die Bültena auf sich zukommen, und beide fragten sich, was
für eine Teufelei diese Frau wohl jetzt wieder mit ihnen vorhatte.

Teil 84

Bei Monika riss die Arbeit nicht ab, zwar war ihr Anja in der Käserei eine große Hilfe, auch Birgit mach-
te sich gut, aber wie sollte es werden, wenn die Schwangerschaft sich richtig bemerkbar machen würde
und sie nicht mehr voll mitarbeiten könnte.

In ihrer Not hatte sie ihren Mann nach Hohedörp zum Rat geschickt, dort sollte er ein weiteres
Kettenmädchen beantragen. Doch kam er unverrichteter Dinge wieder zurück, denn laut Statuten durf-
ten im Land der alten Dörfer je Haus höchstens zwei der Mädchen gleichzeitig aufgenommen werden.

Wilko überbrachte seiner Frau die schlechte Nachricht nur ungern, doch Monika verstand es, aus jeder
Situation das Beste zu machen. „Die Lösung liegt doch auf der Hand,“ sagte sie zu Wilko, „Anja wohnt
ab sofort in der Käserei, dann ist hier wieder ein Platz frei und der Rat kann uns ein weiteres Mädchen
schicken.“

„Anja alleine in der Käserei? Nein, Monika, jetzt gehst du aber wirklich zu weit, mit dem Plan wirst du
wohl kein Glück haben.“

„Das ist doch ganz einfach,“ gab sie zurück, „in der Käserei ist doch noch eine Kammer frei, die richten
wir einfach für Anja ein. „Und wer passt auf sie auf, wir können sie doch nicht alleine lassen, du weißt
genau, dass ich ihr immer noch nicht traue.“

„Mach dir keine unnötigen Sorgen, mein Lieber, erst mal hat sie jeden Fluchtgedanken aufgegeben,
außerdem wird sie Tag und Nacht an einer Laufkette angeschlossen sein.“ Wilko kratzte sich am Kinn,
dachte eine Weile nach und meinte: „Du schaffst es doch immer wieder deinen Willen durchzusetzen,
aber egal, wir können es ja mal versuchen, ich werde nächste Woche noch einmal mit dem Rat spre-
chen.“

Anja hatte von dem, was da auf sie zukommen sollte, noch keine Ahnung, wunderte sich aber, als auf
einmal Tischler Bruns in der Käserei auftauchte und zusammen mit ihrer Bäuerin in die kleine Kammer
ging. Nach wenigen Minuten kamen sie zurück, Bruns stecke seinen Bleistift, mit dem er einige Maße
auf einem kleinen Holzbrett notiert hatte, wieder in die Tasche und verabschiedete sich.

Zu gern hätte sie gewusst, was mit der Kammer passieren sollte, aber Fragen stellen durfte sie nicht, ent-
weder würde die Bäuerin es ihr von selbst erzählen oder sie würde einfach abwarten müssen.

In der Zwischenzeit war Wilko wieder bei dem Rat vorstellig geworden und stellte erneut, nachdem er
den veränderten Sachverhalt erklärt hatte, einen Antrag auf Zuweisung eines weiteren Kettenmädchens.

Begeistert war der Rat nicht, und zuerst sah es auch nicht so aus, als wenn sie über die Angelegenheit
positiv urteilen würden, doch war es unumgänglich die Käserei in Betrieb zu halten, und so blieb dem
Rat nichts anderes übrig, als der Familie de Fries ein weiteres Mädchen zuzuteilen.

Froh, diese Angelegenheit geregelt zu haben, ging Wilko zu seinem Pferd zurück und hatte sich gerade
in den Sattel geschwungen, als er den Schmied Düring und seine Gehilfin Janette auf den Dorfplatz
kommen sah, beide jeweils 2 Kettenmädchen im Schlepptau.

Schnell sprang er wieder vom Pferd herunter, ging nochmals zum Rat und fragte, ob er nicht gleich eines
der neuen Mädchen mitnehmen könne. Dagegen hatte der Rat nichts einzuwenden, bat ihn aber darum,
bei der Gelegenheit das für Bauer Tjaden in Andersum zugedachte Kettenmädchen mitzunehmen.

Wilko gab zu verstehen, dass er die Aufgabe gern übernehmen würde und ging. zum Dorfplatz zurück,
wo ihm der Schmied, der auf dem Weg zum Bürgermeister war, um die Schlüssel für die Ketten und
Keuschheitsgürtel der Neuen abzuliefern, schon entgegenkam.

„Meister Düring,“ rief Wilko ihm zu, „ich soll zwei der Mädchen mit nach Andersum nehmen, ich brau-
che die passenden Schlüssel.“ „Dann lass uns mal hingehen und sehen, welche von denen du haben
willst.“

Nachdem Wilko auch Janette begrüßt hatte, nahm der die vier Neuen in Augenschein. Eine von ihnen
hatte glasige Augen, die schied schon mal aus, eine andere hatte einen wütenden und aufsässigen Blick,
die zu erziehen überließ er gern jemand anderem, die Erfahrungen mit Anja hatten ihm voll und ganz
gereicht.

Als er seine Wahl getroffen hatte, machte der Schmied die anderen zwei Mädchen los und gab Wilko die
Enden ihrer Halsketten in die Hand. Der lieh sich vom Schmied die beiden Vorhängeschlösser, befestige
links und rechts vom Pferd die Enden an den Steigbügeln und saß auf.

Nach einem kurzen „Hü“ setzte sich das Pferd in Bewegung und den Mädchen blieb nichts anderes übrig
als mitzulaufen und Schritt zu halten, was aber durch die Fußketten und durch das Scheuern von den
Schrittblechen der Keuschheitsgürtel an den Innenseiten ihrer Schenkel nicht so einfach war.

Lang war der Weg nach Andersum, lang für den Reiter, der auf die gefesselten Mädchen Rücksicht neh-
men musste, aber noch viel länger für die Mädchen. Entführt in eine Gegend die für sie so fremd war
wie das Mittelalter, Eisenfesseln an Füßen und Händen, Halsreif mit Kette und einen Keuschheitsgürtel
tragen müssend, angebunden an ein Pferd und dazu noch in Holzschuhen laufend, die schon lange
schmerzten, dazu auch noch diese entwürdigenden Lumpen auf dem Leib tragen zu müssen, das alleine
war schon mehr als hart, doch am Schlimmste war nicht zu wissen, was jetzt auf sie zukommen würde
und so heulten sie vor sich hin, dabei wohl wissend, dass sich niemand für ihr Schicksal interessierte.

Endlich kamen sie in Andersum an, vor einem der Bauernhäuser hielt der für sie fremde Mann das Pferd
an und stieg ab. Gleich darauf kam eine Frau aus dem Haus die sagte: „Ich habe mir schon Sorgen
gemacht, wo bist du so lange gewesen?“

„Schneller ging es leider nicht,“ gab Wilko ihr zur Antwort, „eines der Mädchen hätte ich wohl bei mir
aufsitzen lassen können, doch bei Zweien mussten sie eben laufen, darum hat es so lange gedauert.“

Monika sah die Mädchen an und fragte ihren Mann: „Welches der beiden Mädchen ist uns zugeteilt wor-
den?“ „Du kannst dir eine aussuchen.“ meinte er, worauf sie sich die beiden Unglücklichen genauer
ansah.

Die Mädchen standen mit gesenkten Köpfen neben dem Pferd, sie fühlten sich erniedrigt und gedemü-
tigt, kamen sich vor wie ein Stück Vieh, dass den Besitzer wechseln sollte, sehr viel anders konnte es
früher bei den Sklavenversteigerungen auch nicht zugegangen sein.

„Lass uns die mit den langen, schwarzen Haaren nehmen, die finde ich ganz niedlich.“ fällte Monika ihr
Urteil, sich selbst nicht mehr vorstellen könnend, dass es gar nicht mal so lange her war, als sie selbst
als neues Kettenmädchen in das Haus von Wattjes geführt worden war.

Wilko war es recht, er löste die Kette des dunkelhaarigen Mädchens, gab das Ende der Halskette seiner
Frau in die Hand und stieg wieder auf sein Pferd, um nun auch das andere Mädchen an ihren
Bestimmungsort zu bringen.

Teil 85

Frau Bültena lief auf die Burschen zu, ging an ihnen vorbei und beachtete sie nicht mal mit einem kur-
zem Blick. Nach ungefähr 20 Metern blieb sie stehen und schlug den Stock rechts neben dem zugewach-
senem Weg in die Erde ein.

Auf dem Rückweg zum Wehrturm blieb sie kurz bei den Burschen stehen, sah sie an und achtete streng
darauf, dass sie in ihrer Gegenwart die Blicke zu Boden gerichtet hielten. „Kann es sein, dass ihr Hunger
habt?“ fragte sie die Burschen scheinheilig.

Heinz, dem genau wie Werner vor Hunger schon ganz schlecht war, antwortete: „Jawohl, Frau Bültena.“
„Nun,“ meinte sie boshaft grinsend, „wenn ihr den Weg bis zum dem eingeschlagenen Stock fertig habt,
dann sollt ihr auch etwas zu essen bekommen, vorausgesetzt, ihr habt ordentlich und sauber gearbei-
tet.“

Befriedigt darüber, ihre Schützlinge zu vollem Arbeitseinsatz motiviert zu haben, kehrte sie zum Turm
zurück, holte sich den Schaukelstuhl nach draußen und sah den Jungs bei der Arbeit zu.

Während die Burschen nun bei ihrer Arbeit noch einen Schlag zulegten, um das vorgegebene Ziel so
schnell wie möglich zu erreichen, wobei sie aber noch daran zweifelten, ob es überhaupt zu schaffen
war, saß die Bültena in ihrem Stuhl, ließ sich von der Sonne wärmen und genoss das Leben.

Kaum war sie bei ihrer anstrengenden Tätigkeit in einen leichten Schlummer gefallen, als sie von wüten-
dem Hundegebell geweckt wurde. Seufzend und sich selbst bedauernd stand sie auf, um besser sehen zu
können, woher der Lärm kam.

Lange brauchte sie nicht zu warten, und als sie die Ursache für den Krach erkannt hatte, ging ein zufrie-
denes Lächeln über ihr Gesicht. Ein Mann kam den Weg entlang, zwei Schäferhunde an der Leine füh-
rend. Sobald die Hunde die Bültena erkannt hatten stießen sie ein freudiges Heulen aus, machten einen
derartigen Satz nach vorne, so dass dem Hundeführer die Leinen aus der Hand gerissen wurden und
stürmten auf ihre alte Herrin zu, um an ihr hochzuspringen und sie auf das Freudigste zu begrüßen.

Heinz und Werner, die sich zu dem Zeitpunkt ziemlich genau in der Mitte zwischen der Aufseherin und
dem Hundeführer befanden, befürchteten im ersten Augenblick, dass die Hunde auf sie selbst zurennen
würden, um so größer war ihre Erleichterung, als die beiden scharfen Schäferhunde an ihnen vorbeilie-
fen.

Nichtsdestotrotz war ihnen schnell klar, dass diese Hunde in Zukunft auf sie aufpassen würden, womit
sich ihre Chancen an eine Flucht, woran aber nur Werner dachte, wesentlich minimiert wurden.

Der Mann, der die Hunde gebracht hatte, grüßte von der Ferne und sah zu, dass er diese unsympathi-
sche Gegend so schnell wie möglich wieder verlassen konnte, sollte die Aufpasserin sich doch selbst um
die Tiere kümmern, er zumindest war froh, seinen Auftrag erledigt zu haben.

Nur drei Tage später kam wieder Besuch, diesmal wurden 4 Kettenburschen auf einen Schlag gebracht,
auch sie waren mit Halseisen, Fuß- und Armfesseln und dem unerlässlichen Keuschheitsgürtel versehen
worden.

Vorsichtshalber brachte Bültena drei der Burschen jetzt in der oberen Turmkammer unter, die anderen
Drei hatten ihren Schlafplatz im mittlerem Turmzimmer, was für die Bültena bedeutete, dass sie nun
zweimal täglich den mühsamen Gang bis ganz oben in den Turm machen musste, was ihr, bedingt durch
ihre Faulheit und ihr enormes Übergewicht, verständlicherweise unendlich stank.

Aber damit waren ihre Leiden noch lange nicht vorbei, musste sie doch nun auch noch jeden Tag für
die sechs Burschen kochen. Zwar machte sie sich die Sache so einfach wie nur möglich, Graupensuppe
ohne Gemüse und ohne Fleisch war schnell gemacht, doch kam sie nicht umhin, immer wieder mit einem
Holzlöffel die Suppe umrühren zu müssen.

Wehleidig dachte sie an die guten alten Zeiten beim Torfabbau zurück, da brauchte sie sich um nichts
zu kümmern, das Kochen, die Gartenarbeit und die Versorgung des Viehzeugs hatte Anja erledigt, und
kochen konnte die, es war die reinste Freude.

Als sie nun am späten Nachmittag einen Topf mit Pellkartoffeln aufsetzte, zu dem es eingelegten Hering
aus dem großen Fass geben sollte (etwas anderes hatten die Burschen außer dem Brei noch nie zu essen
bekommen), wurde ihr klar, dass sie dabei war, sich zu Tode zu arbeiten.

Am gleichen Abend, als die 6 Gefangenen vor dem Turm auf der Erde saßen und ihre magere Kost zu
sich nahmen, befragte sie ihre Schutzbefohlenen, welche Tätigkeiten sie denn vor ihrer Verschickung
ausgeübt hätten.

Zwar konnte sie mit Ausdrücken wie Programmierer, Fernmeldetechniker, Gymnasiast, Kfz-Mechaniker
und Elektriker wenig anfangen, aber immerhin hatte einer der Burschen eine Ausbildung als Schlachter
angefangen. Das war nun genau er richtige Kerl für die Bültena, so einer musste sich auch auf die
Zubereitung von Lebensmitteln verstehen, denn Brühen und Räuchern gehören schließlich zu dem
Handwerk.

„Seltsam,“ dachte die Bültena bei sich, „nur einer von den Burschen hat angefangen einen richtigen
Beruf zu lernen, was immer die anderen gemacht haben, kann ich hier nicht gebrauchen.“

So wurde der arme Heinz von der Bültena nicht nur als Toiletteneimerentleerter, Koch und Putzfrau ein-
geteilt, nein, ab sofort war er Mädchen für alles. Noch am gleichen Abend holte Bültena eine lange Kette
aus dem Keller, befestige das Kettenende am Halseisen von Heinz, nahm ihm dafür aber die Eisenkugel
ab.

Das andere Ende der Kette befestige sie an einem Eisenring, der nahe der Treppe zum ersten Turmzimmer
in der Wand eingelassen war. So war es für Heinz möglich, trotz der Laufkette vom Keller bis in das
zweite Turmzimmer gehen zu können.

Damit begann für ihn ein Leidensweg, um den er von seinen Kameraden nicht beneidet wurde, stand er
doch nun unter der ständigen Aufsicht dieser herrischen Frau. Das einzige, was die Bültena jetzt noch
machen musste, war zweimal täglich ins erste Turmzimmer zu gehen, Morgens, um die Ketten loszuma-
chen, Abends, um die Gefangenen wieder dort anzuschließen.

Nach drei Tagen hatte sie von der gewaltigen Anstrengung allerdings die Nase voll, den sie fand es wirk-
lich unzumutbar, zweimal täglich die Treppe hoch- und niederzusteigen, und wie allen faulen Menschen
fiel ihr schnell die Lösung für das Problem ein.

Teil 86

Monika führte das neue Mädchen in die Küche, befestigte ihre Halskette an der Laufleine und wies ihr
einfache Arbeiten an, ging dann wieder nach draußen, um auf ihren Mann zu warten.

Kaum war sie aus der Tür hinaus, als die Neue von Birgit wissen wollte, wo um alles in der Welt sie nun
eigentlich gelandet wäre, doch Birgit gab ihr nur zu verstehen, dass sie nicht reden sollte, sonst würden
sie es am nächsten Sonntag beide bereuen müssen.

Der Neuen fiel es schwer keine Fragen stellen zu dürfen, konnte sie ihre Situation doch immer noch nicht
richtig einschätzen, aber klugerweise hörte sie auf den geflüsterten Rat des anderen Mädchens und erle-
digte die ihr übertragenen Aufgaben.

Schwierig wurde es nur, wenn beide in der Küche hin- und herlaufen mussten, da konnten sich die
Laufketten schnell einmal verwickeln, so dass für keine mehr ein Vorwärtskommen gegeben war.

Richtig schlimm wurde es erst am Abend, als Anja aus der Käserei zurückgeführt wurde und ebenfalls
an die Laufkette angeschlossen war. Nicht nur, dass die Ketten der Mädchen dauernd klirrten, jetzt sich
zu Dritt in der Küche zu bewegen wurde ein logistisches Spiel, denn sobald sie nicht aufpassten, hatten
sie das schönste Kettenknäuel gebildet und es kam öfters vor, dass eine von ihnen auf die Nase fiel. Aus
diesem Grund waren Monika und Wilko mehr als froh, als die Umbauarbeiten in der Käserei endlich
beendet waren und Anja in der Käserei bleiben konnte.

Anja, die bis zu diesem Zeitpunkt von ihrem Umzug keine Ahnung hatte, war mehr als überrascht, als
ihr ein paar Tage später gesagt wurde, dass sie ihre Sachen zusammenpacken solle. Die wildesten
Gedanken schossen ihr in den Kopf, sie fragte sich, ob sie vielleicht in das Moor zurückgebracht werden
würde, doch verwarf sie den Gedanken wieder, da sie sich ihrer Meinung nach nichts zu Schulden hatte
kommen lassen.

Erst als Monika sie wieder in die Käserei gebracht und dort an der langen Kette angeschlossen hatte,
bekam sie zu wissen, dass sie nun ständig hier wohnen würde. Die Freude darüber, endlich allein zu sein
und Ruhe haben zu können, war ihr anzusehen.

Auch jetzt erst bekam sie die kleine Kammer zu sehen, in der sie bis auf weiteres leben würde, sie hatte
eine kleines, vergittertes Fenster, eine Buzze, einen Tisch, drei Stühle und eine Lampe, in einer Ecke stand
noch eine Truhe, in der sie ihre Sachen verstauen konnte. Als sie sich genauer umsah, entdeckte sie an
den Wänden und am Boden eingelassene Eisenringe, deren Bedeutung ihr sofort klar waren.

Als Verpflegung sollte sie zwei mal wöchentlich Lebensmittel bekommen, dazu konnte sie sich, wer hätte
es auch verhindern oder kontrollieren wollen, einen Krug frischer Milch trinken. Für ihre dringenden,
menschlichen Bedürfnisse gab es draußen einen Abort, der gerade noch dicht genug stand, um ihn trotz
der Laufkette noch erreichen zu können.

Kaum war Monika gegangen, allerdings nicht ohne sie zu ermahnen, auch ohne Aufsicht die Arbeit gut
und schnell zu machen, setzte Anja sich auf einen Schemel und schaute sich in ihrem kleinen Reich um
und malte sich aus, wie ihre Zukunft hier in der Käserei wohl aussehen würde.

Die Arbeit konnte sie allein bewältigen, auch wenn es nicht einfach werden würde, aber lieber hart arbei-
ten als immer wieder die Handlangerin der Bäuerin spielen und dauernd sagen zu müssen: Jawohl, Frau
de Fries, mache ich sofort fertig, Frau de Fries, ganz wie sie meinen, Frau de Fries.

Nein, dann lieber alleine, auch wenn es mehr Arbeit bedeutete, immerhin hatte sie jetzt die
Abendstunden ganz für sich alleine. Mit diesen Gedanken machte sie sich frisch ans Werk, noch ganz
angefüllt von dem herrlichen Gefühl, nicht mehr auf Schritt und Tritt bevormundet zu werden.

Während dieser Zeit gab Birgit sich die größte Mühe das neue Kettenmädchen anzulernen, was ihr aber
nicht leicht viel, denn die Neue hatte vor lauter Angst zwei linke Hände, ständig fiel ihr etwas auf den
Boden oder sie stieß etwas um, dazu hatte sie als Stadtkind auch noch panische Angst vor allen Tieren,
die größer waren als die Hühner.

Auch mit ihren Ketten kam sie nicht klar, entweder stolperte sie über die Laufkette oder räumte aus
Versehen mit ihrer Handkette den halben Tisch ab. Wenn Monika, die durch ihre Schwangerschaft im
Moment öfters mal schlecht gelaunt war, sie dann anfuhr, fing sie hemmungslos an zu Heulen und war
zu nichts mehr zu gebrauchen. Ja, man konnte sagen, die Lage im Haus der de Fries hatte sich deutlich
verschlechtert.

Dafür hatten andere Bewohner im Land der alten Dörfer mehr Glück, so kam eines Tages Anteus Cirksena
mit einem Wagen zur Schmiede gefahren, auf dem hinten eine Egge lag, die dringend überholt werden
musste.

Die Schmiedeleute und natürlich auch Janette hatten sich gerade in die Küche gesetzt um ihre
Vormittagsteepause zu machen, als Frau Düring durch das Fenster den Wagen vor die Schmiede fahren
sah. „Nun sieh mal an,“ sagte sie, „Anteus Cirksena ist auch wieder im Land, wann ist der denn von sei-
nem Bewährungsjahr wiedergekommen?“
„Keine Ahnung,“ meinte der Schmiedemeister, „aber lange kann er noch nicht hier sein, sonst hätten wir
ihn am Sonntag ja in der Kirche gesehen.“ Janette interessierte sich mehr für die belegten Brote als für
den Ankömmling, erst als Düring rief: „Nun seht euch das an, der Kerl hebt die Egge mit einer Hand
vom Wagen runter, ich glaube, der hat in der letzten Zeit noch mehr Kraft bekommen.“ wurde auch sie
neugierig und schaute aus dem Fenster hinaus.

Teil 87

Was sie dort sah gefiel ihr über alle Maßen: Ein junger Kerl in ihrem Alter, ein Kreuz wie ein
Kleiderschrank und noch größer als sie selbst. „Wer ist denn das?“ fragte sie Frau Düring. „Das ist Anteus
Cirksena, der zweitgeborene Sohn der Familie. Die haben ihren Hof in Sierum, sein älterer Bruder wird
ihn eines Tages übernehmen.“ „Dann ist er noch Junggeselle?“ erkundigte sie sich. „Aber ja, wie soll er
denn heiraten, wenn er keinen eigenen Hof hat, schließlich will eine Familie ja auch ernährt sein.“

Gerade wollte der Schmiedemeister aufstehen und sich in die Schmiede begeben, doch Janette meinte:
„Meister, ich habe heute überhaupt keinen Appetit, trinken sie ruhig noch eine Tasse Tee, ich gehe schon
hin.“ Der wollte sich die Arbeit nicht aus den Händen nehmen lassen, doch seine Frau warf ihm einen
Blick zu und so blieb er in der Küche sitzen, während Janette geradezu in die Schmiede stürzte.

Anteus hatte die Egge in der Schmiede abgestellt und wollte gerade wieder gehen, als Janette in die
Werkstatt kam. Bei ihrem Anblick fuhr es ihm durch Mark und Bein. „Was für ein Weib!“ dachte er bei
sich und bekam kein Wort heraus.

Janette stand da, die Hände im Schoß gefaltet, den Blick schüchtern nach unten gerichtet, mit dem lin-
ken Fuß malte sie unsichtbare Zeichen auf den Steinfußboden und sagte mit hochrotem Kopf: „Moin,
Anteus Cirksena.“

Er sah sie überrascht an und gab zurück: „Ja, Moin, doch nun sag mal, wer bist du, ich hab dich noch
nie gesehen.“ „Ich bin Janette aus Holland und arbeite hier bei Meister Düring als Geselle.“

Nachdem auch er sich vorgestellt hatte, reichte er ihr zur Begrüßung die Hand. Seinen starken
Händedruck erwiderte sie ebenso kräftig, und als die beiden sich dabei in die Augen sahen, sprang bei
den Beiden der Funke über.

Niemand weiß genau, was sie sich alles erzählten, aber als der Schmied nach einer halben Stunde wie-
der in die Werkstatt kam, sah er sie in eine innigen Unterhaltung vertieft zusammen stehen.

„Moin Anteus, auch wieder im Land?“ begrüßte er den jungen Mann, doch zu Janette meinte er: „Was
ist mit der Egge, hast du sie ihm schon repariert?“ „Da bin ich noch überhaupt nicht zu gekommen,
Meister, ich wollte gerade anfangen.“

Janette hätte sich von ihrem Meister bestimmt noch mehr anhören müssen, machte es dem doch über
alle Maßen Spaß, sie ein bisschen zu ärgern, doch da kam auch Frau Düring in die Schmiede, um selbst
mal zu sehen, was die beiden jungen Leute die ganze Zeit so trieben.

Auch sie begrüßte Anteus und lud ihn ein, doch mal auf einem Sonntagnachmittag zum Tee zu kom-
men, er hätte von dem Bewährungsjahr doch bestimmt viel zu erzählen. Die Einladung nahm er mit
Freuden an, war es für ihn doch eine der wenigen Möglichkeiten, Janette etwas näher zu sein.

Diese Begegnung mit dem jungen Mann hatte Janette völlig gewandelt, eine Frohnatur war sie schon
immer gewesen, doch jetzt strahlte sie die ganzen Tage über wie eine Sonne. Worüber der Schmied sich
allerdings sehr wunderte war, dass sie jetzt tatsächlich zu den Mahlzeiten nur immer noch ein kleines
Häppchen aß, und dabei hätte er schwören können, ständig ihren Magen knurren zu hören.
Auch Frau Düring war von der guten Laune angesteckt worden, erst mal freute sie sich für Janette, dass
die nun endlich einen Verehrer gefunden hatte, zum anderen setzte sie alle ihre Kraft ein, um die bei-
den vor den Traualtar zu bringen, Leute zu verkuppeln hatte ihr schon immer Spaß gemacht.

Nur der Schmiedemeister hatte ernsthafte Bedenken, ob aus dieser Beziehung wohl etwas werden könne,
denn Anteus hatte als zweitgeborener Sohn keinen Anspruch auf den elterlichen Hof, hatte aber auch
keinen Beruf gelernt und bisher nur immer auf dem Hof mitgeholfen.

Doch die gute Frau Düring ließ sich von solchen Bedenken nicht aus der Ruhe bringen, denn sie war fest
entschlossen die Janette, die sie ins Herz geschlossen hatte, unter die Haube zu bringen. So sagte sie
etwas herablassend zu ihrem Mann: „Düring, kannst du nicht weiter sehen als bis zu dem Rand deiner
Teetasse?“

„Was soll das denn nun schon wieder heißen?“ fragte er etwas säuerlich, in der letzten Zeit schienen ihm
sämtliche Frauen immer aufmüpfiger zu werden, so etwas hätte es früher nie gegeben.

„Nun hör mal gut zu, mein lieber Mann, hättest du nicht Interesse daran das Geschäft zu erweitern? Jetzt
hast du doch eine tüchtige Gesellin, da könntest du doch noch einiges mehr machen.“

„So ein Blödsinn,“ schnaubte er, „es ist nur eine Frage der Zeit, dass Janette wieder nach Holland zurück-
geht, dann sitze ich wieder alleine mit der Arbeit, und das ausgerechnet jetzt, wo die Kettenburschen
dazugekommen sind und auch die Kettenmädchen immer mehr werden, wie soll ich das denn alles schaf-
fen?“

„Du musst sehen, dass Janette hier bei uns bleibt, dann brauchst du die Arbeit nicht mehr alleine zu
machen.

„Janette ist nur für ein Jahr hier, bis dahin haben wir nicht nur sämtliche Burschen und Mädchen sicher
in die Keuschheitsgürtel verschlossen und ihnen alle anderen Fesseln angelegt, sondern auch noch für
Jahre im voraus vorgearbeitet, ob es nun Halseisen, Keuschheitsgürtel oder Armreifen sind. Aber dann
habe ich es nur noch mit der normalen Schmiedearbeit zu tun, nur ob sich dann ein Geselle noch rech-
nen lässt, das glaube ich nicht.“

„Genau das meine ich doch,“ rief die Düring jetzt schon etwas ungehalten, „wenn du weiterhin einen
Gesellen arbeiten lassen willst brauchst du noch andere Abnehmer für deine Sachen.“

„Andere Abnehmer,“ schnaubte der Schmiedemeister, „wo soll ich denn noch andere Kunden herbekom-
men, dass ist bei uns im Land der alten Dörfer wohl schlecht möglich.“

Lächelnd sah Frau Düring ihren Mann an und sagte: Vor einiger Zeit haben wir Frauen uns mit Advokat
Meyerdirks unterhalten, und da ist mir im Laufe des Gesprächs eine Idee gekommen.“

Meister Düring hielt nicht viel von Neuerungen und vor allen Dingen nicht von den Ideen seiner Frau,
entweder waren ihre Eingebungen für ihn meist teuer oder aber mit viel Arbeit verbunden, so fragte er
auch ziemlich misstrauisch, an was sie denn wohl gedacht hätte.

Frau Düring schenkte noch einmal Tee ein, setzte sich gemütlich hin und fing an, dem Schmiedemeister
ihre Idee in aller Ausführlichkeit zu unterbreiten. Der hielt seine Frau am Anfang für übergeschnappt,
dann für unrealistisch, doch langsam, ganz langsam, konnte auch er sich mit der Idee von ihr anfreun-
den

Teil 88

Wieder einmal wurden Lebensmittel zum Wehrturm gebracht, diesmal konnte der Wagen bis an den
Turm heranfahren, denn der Weg zur Strasse war von den Burschen in eine Zufahrt verwandelt worden,
die selbst einem Schloss zur Ehre gereicht hätte.

Heinz musste die ganzen Lebensmittel alleine abladen und im Turm verstauen, was ihm schwer fiel, denn
die Kartoffelsäcke und die Fässer mit den Heringen waren schwer. Der Rest war schneller erledigt, der
bestand nur noch aus Graupen, Steckrüben, Karotten und Zwiebeln, sogar Fleisch war dabei: Ohren,
Pfoten und Schwänze vom Schwein. Es waren auch noch edlere Fleischstücke dabei, aber die würden
die Burschen nie zu sehen bekommen, dafür würde Bültena schon sorgen. Sogar an die Schäferhunde
war gedacht worden, in einem Holztrog lagen Lunge, Herz und Pansen. Nicht nur, dass die Hunde diese
Innereien liebten, dieses Futter sorgte auch dafür, dass sie scharf blieben.

Der Kutscher, der die Waren gebracht hatte, bekam von der Aufseherin den Auftrag den Schmiedemeister
zu benachrichtigen, dass es für ihn Arbeit im Wehrturm geben würde. Der versprach, noch am gleichen
Tag dem Schmied Bescheid zu geben und fuhr wieder zurück nach Hohedörp.

Am nächsten Morgen wurden fünf der Burschen zu ihrem ersten Arbeitseinsatz auf den Feldern abge-
holt, Heinz musste im Turm bleiben und die anderen Arbeiten erledigen, obwohl er alles in der Welt
dafür gegeben hätte, aus der Nähe von der Bültena zu verschwinden.

Er hatte die Fäkalieneimer zu leeren, Holz zu hacken, zwischendurch für die Bültena Tee aufzubrühen,
Pellkartoffeln aufzusetzen, für seine Aufseherin eine kleine Zwischenmahlzeit zuzubereiten, die Heringe
zu wässern, sämtliche Turmstuben ausfegen, das Fleisch für die Hunde klein zu schneiden, wieder Tee
zu machen, und das alles unter der strengen Aufsicht der Bültena.

Am späten Nachmittag kam schon wieder ein Wagen zum Turm, diesmal wurden geschnittene Bretter in
verschiedenen Längen abgeladen. Zusätzlich zu seiner normalen Arbeit musste Heinz die Bretter in die
oberen Turmstuben hinaufbringen, was bei der engen Treppe, die sich ja auch noch in einem Bogen hin-
aufwand, gar nicht so einfach war, und auch die lange Laufkette war ein Hindernis der besonderen Art,
da die auch schon ein nicht unbeträchtliches Eigengewicht hatte.

Was Wunder, dass er am frühen Abend, als seine Mitgefangenen wankend vor Müdigkeit und körperli-
cher Erschöpfung wieder zum Turm zurückgebracht wurden, weder das Essen noch den Tee fertig hatte.
Heinz ahnte schon, was auf ihn zukommen würde, gab sich die größte Mühe, das Essen für seine Macker
so schnell wie möglich fertigzubekommen, doch bis er dann soweit war, ihnen die gefüllten Holzteller
und Kannen mit Tee nach oben zu bringen, hatte sich bei denen ein Frust aufgebaut, den er sofort zu
spüren bekam.

„Du fauler Hund,“ wurde er angefahren, „du hängst den ganzen Tag hier rum und wenn wir von der
Sklavenarbeit wiederkommen, hast du noch nicht mal unseren Schweinefraß fertig.“

„Ich musste doch die ganzen Holzbretter nach oben bringen, das ist doch nicht meine Schuld.“ Doch an
wem sonst sollten die Kettenburschen ihren Frust ablassen außer an Heinz? Für den armen Burschen war
das zuviel, erst herausgerissen aus der gewohnten Umgebung, Eisenfesseln an Armen, Beinen und Hals,
eingezwängt in einen Keuschheitsgürtel, angekettet wie ein Hofhund, dazu den ganzen Tag der Bültena
ausgeliefert und nun machten auch noch seine Kameraden ihm das Leben zur Hölle, jetzt war es genug,
dieses Leben war nicht mehr auszuhalten.

Er stürzte, so schnell wie es die Laufkette zuließ, die Treppe hinunter und rannte aus dem Turm heraus
auf die Schäferhunde zu, lieber wollte er sich von den Hunden zerfleischen lassen, als so weiterzuleben.
Er war nur noch sieben Meter von den Tieren entfernt, die schon knurrend von ihrem Platz aufgestan-
den waren und ihn mit gefletschten Zähnen erwartete, als er auf einmal einen gewaltigen Ruck verspü-
re und auf dem Rücken lag.

Es war die Bültena, die reaktionsschnell die Kette gepackt und Heinz zum Stoppen bekommen hatte.
Nicht, dass sie menschliche Regungen bekommen hätte, aber dieser Bursche war ihr einfach nützlich,
und so musste er ihr erzählen, wie es ihm bei seinen Kameraden ergangen war und dass sie ihm das
Leben zur Hölle machen wollten.

Nachdem Heinz erzählte hatte wie es ihm ergangen war, meinte die Bültena, dass es wohl besser wäre,
wenn er sich für die Nacht in eine Ecke des Erdgeschosses legen würde, denn sonst könnte es passieren,
dass seine Kameraden ihn mit seiner eigenen Kette erdrosseln würden.

Heinz, voller Angst, war glücklich nicht mehr in einem der Turmzimmer schlafen zu müssen, denn er
hatte den Hass in den Augen der anderen gesehen, und so schlief er ab dem Tag in dem gleichen Raum
wie seine Aufpasserin.

Nun hatte er keinen Freund mehr, keinen Kameraden, Tag und Nacht war er jetzt dieser fürchterlichen
Frau ausgeliefert, doch immerhin hatte er jetzt eine Möglichkeit zu überleben.

So war es wirklich kein Wunder, dass er sich mit der Zubereitung des Essens für seine ehemaligen
Leidensgenossen keine große Mühe mehr gab, dafür versuchte er den hohen Ansprüchen der Bültena
gerecht zu werden, die eine gute Mahlzeit wirklich zu schätzen wusste.

Teil 89

Nein, nicht jeder Frau bekommt eine Schwangerschaft gut, und alle, die im Umkreis von Monika lebten,
konnten da ein Lied von singen. Niemand, der Monika vorher gekannt hatte, würde vermutet haben, dass
ihr die Schwangerschaft so zusetzen würde und sie eine Wandlung durchmachte, doch diesmal war die
Wandlung durchaus negativ.

Sie war meistens schlecht gelaunt, ungeduldig in dem Umgang mit den Kettenmädchen, ja, sogar ihren
Mann blaffte sie an, es wurde immer schlimmer.

Das bekam natürlich auch ihre Adoptivmutter Swantje Wattjes mit, und als sie und Monika eines
Vormittagtags bei ihr zum Teetrinken in der Küche saßen, meint sie: „Nun sag mal, mein liebes Kind,
was ist eigentlich los mit dir, geht es dir nicht gut oder wirst du von deinem Mann schlecht behandelt?“

„Niemals würde Wilko mich schlecht behandeln, außerdem fehlt mir überhaupt nichts, ganz im
Gegenteil, ich weiß überhaupt nicht, was du von mir willst.“

„Ach, Monika, ich will überhaupt nichts von dir, mir ist nur aufgefallen, dass du dich in letzter Zeit ver-
ändert hast, und ich muss dir ehrlich sagen, dass mir diese Veränderung nicht besonders gut gefällt.“

„Ich habe mich doch nicht verändert, aber alles um mich herum verändert sich, nicht nur, dass die
Käserei viel Arbeit macht, ich habe den Haushalt zu führen, in der Landwirtschaft zu helfen, muss mich
um meine Schwiegereltern kümmern, der Garten muss gemacht werden, und zu allem Glück ist das neue
Kettenmädchen auch noch ein Trampeltier, das alles fallen lässt und dann nur dasteht zu heulen.“

„Aber hast du das denn nicht alles so haben wollen, wie es jetzt ist?“ fragte Swantje leise.

„Das ist ja richtig, aber ich schaffe das alles nicht mehr, es wächst mir einfach über den Kopf, ich kann
bald nicht mehr.“ rief Monika und nach langer Zeit wieder fing sie an zu weinen.

Das war für Swantje das Zeichen die junge Bäuerin in den Arm zu nehmen und sie zu beruhigen. „So
etwas ähnliches habe ich mir schon gedacht,“ meinte sie, „aber warum bist du mit deinen Sorgen nicht
zu mir gekommen und hast mit mir darüber gesprochen, hast du denn kein Vertrauen mehr zu mir?“

„Bisher hat doch alles gut funktioniert, ich habe es geschafft etwas aufzubauen, ich liebe meinen Mann
und meine Schwiegereltern, die wirklich gut zu mir sind, aber im Moment ist mir alles einfach zuviel,
ich kann nicht mehr.“
„Das glaube ich dir gerne, aber ist das wirklich ein Grund, ständig schlecht gelaunt zu sein und seinen
Mitmenschen das Leben schwer zu machen? Nein, Monika, wir haben es alle nicht leicht, und wenn es
uns nicht gut geht, dürfen wir das nicht an anderen auslassen, das ist nicht richtig.“

„Was soll ich denn tun?“ fragte Monika nun ziemlich kleinlaut, denn sie hatte den Vorwurf ihrer
Adoptivmutter wohl verstanden.

„Die Lösung ist doch ganz einfach, wir müssen dein Umfeld wieder in Ordnung bringen und zusehen,
dass du dich um verschiedene Sachen nicht mehr kümmern brauchst, jedenfalls nicht, solange du
schwanger bist.“

„Das wäre ja zu schön um wahr zu sein, ich kann mir aber nicht vorstellen, was man da machen könn-
te.“

„Als erstes musst du zusehen, dass du mit der Käserei nichts mehr zu tun hast, denn die Belastung ist
wirklich zuviel. Die Anja hat sich doch gut bewährt, und ist in der Lage selbstständig zu arbeiten.“

„Ja,“ gab Monika zu, „das stimmt wirklich, sie hat wirklich schnell gelernt und könnte alleine arbeiten,
aber für nur eine Frau ist es zuviel Arbeit, die kann sie alleine nicht bewältigen.“

„Und warum stellst du das neue Kettenmädchen nicht einfach für die Käserei zur Verfügung? Dann
würde Anja Hilfe haben und dir ginge das ungeschickte Mädchen nicht mehr auf die Nerven.“

„Das wäre wirklich eine Möglichkeit,“ stimmte Monika nachdenklich zu, „doch wenn ich dann hoch-
schwanger bin und nicht mehr so mitarbeiten kann, wie es nötig wäre, was dann?“

„Dann kommt Wilma (zweite Tochter von Wattjes) zu euch, immerhin ist sie jetzt schon fast 15 Jahre alt
und kann kräftig zupacken, außerdem gibt es keine Arbeit, mit der sie nicht fertig werden würde.“

„Das stimmt,“ lächelte Monika, „sonst wäre sie auch wohl nicht deine Tochter. Aber wie soll es denn bei
euch auf dem Hof mit der Arbeit gehen, Wilma würde euch doch an allen Ecken und Kanten fehlen?“

„Darüber mach Dir keine Sorgen, das bekommen wir schon hin, jetzt müssen wir erst einmal sehen, dass
es bei dir auf dem Hof weitergeht, und dass du wieder die Monika wirst, die du sonst gewesen bist.“

Für Monika wurde es nun Zeit zum Gehen, doch bevor sie ging, nahm sie Swantje in den Arm und sagte:
„Du bist die einzig richtige Mutter, die ich jemals gehabt habe.“

Glücklich, ja, schon fast ausgeglichen, kehrte sie in ihr Haus zurück, gerade in dem Moment, als sie die
Küche betrat, fiel dem neuen Kettenmädchen eine Kumme (Schüssel) aus der Hand und zersplitterte auf
den Küchenfliesen.

Dem neuen Kettenmädchen liefen, schon bevor Monika ein Wort gesagt hatte, die Tränen herunter,
wusste sie doch, dass ihr eine Strafpredigt bevorstand. Um so größer war ihr Erstaunen, als Monika ganz
ruhig zu ihr sagte: „Das kann ja mal passieren, pass nur auf, dass du dich nicht an den Scherben schnei-
dest.“

Nach diesen Worten ging sie in den Stall, die Kettenmädchen sahen sich verduzt an und verstanden die
Welt nicht mehr, was war auf einmal mit der Bäuerin passiert?

Teil 90

Es war noch früh am Morgen, die Kettenburschen waren gerade zur Arbeit abgeholt worden, als
Schmiedemeister Düring bei dem alten Wehrturm eintraf. Er band sein Pferd an einen Baum an und ging
mit gemischten Gefühlen zu der schweren Eingangstür, denn wie alle Leute im Land der alten Dörfer war
ihm dieser Ort unheimlich. Mit der Faust klopfte er an die schwere Tür, die ihm nach wenigen Sekunden
von einem Kettenburschen geöffnet wurde.

Schon kam ihm die Bültena auf ihn zu. „Das ist aber eine Freude, den Schmiedemeister selbst hier begrü-
ßen zu dürfen,“ schleimte sie, denn sie stand auf handfeste Kerle wie den Schmied.

„Mir wurde gesagt, dass sie meine Arbeit hier brauchen, was also kann ich für sie tun, Frau Bültena.“

„Nun, Herr Schmiedemeister, es sind hier einige Änderungen notwendig um die Arbeit etwas zu erleich-
tern, und um mehr Sicherheit zu gewährleisten.“

Bevor sie mit dem Schmied den Turm hinaufstieg, gab sie Heinz noch einen kurzen Befehl: Rühreier mit
Speck, dazu Schwarzbrot mit dick Butter darauf, Gurken dazu und Tee, und wenn du das nicht fertig
hast, bis wir wieder zurück sind, kannst du dein blaues Wunder erleben.

Während Heinz mit seinen Vorbereitungen begann, stiegen Bültena und Düring die zwei schmalen
Treppen bis ins zweite Turmzimmer hoch. „Genau hier, wo die Treppe nach unten beginnt, muss eine
Tür aus Eisengittern eingebaut werden.“ erklärte sie dem Schmied. Dem war es egal, was die Aufseherin
vorhatte und so nahm er Maß.

Das gleiche Spiel wiederholt sich in der unteren Turmkammer, nur dass diesmal jeweils eine Tür an den
Treppenaufgang nach sowie nach unten eingebaut werden sollte. Doch damit war es noch nicht genug,
als die beiden wieder im Erdgeschoss angelangt waren, verlangte die Bültena auch noch eine vierte
Gittertür für den unteren Einlass der Treppe, die zum ersten Turmzimmer führte.

„Gute Frau Bültena,“ sind diese Sicherheitsvorkehrungen nicht etwas übertrieben?“ fragte der
Schmiedemeister, worauf er sich über die Rühreier hermachte.

„Mein lieber Schmiedemeister,“ flötete die Bültena so sanft und zärtlich, wie sie es nur vermochte, „ich
bin nur eine arme schwache Frau, ich muss doch an meine Sicherheit achten, und außerdem muss alles
getan werden, dass die Kettenburschen nicht ausbrechen können, da stimmen sie mir doch sicher zu:“

Düring durchblickte das Anliegen der Bültena zwar nicht, aber irgendeinen Grund würde sie für den
zusätzlichen Einbau der Türen wohl haben, außerdem war das für ihn ein fetter Auftrag, so gab er nur
zurück: „Die Sicherheit, Frau Bültena, muss bei ihrer schweren Aufgabe selbstverständlich gewährleistet
sein, dass sehe ich genau so, noch heute werde ich den Rat um Erlaubnis für die Arbeiten bitten.“

Beide Seite verabschiedeten sich im vollkommenden Einverständnis, zwar hielt jeder den anderen für
einfältig, was aber der Zufriedenheit beider Parteien keinen Abbruch tat.

Auf dem Ritt zurück nach Hohedörp überschlug der Schmied schon mal, wie viel er dem Rat für die
Anfertigung und Montage der Türen wohl berechnen könne, aber auch die Bültena ließ die Zeit nicht
ungenutzt verstreichen.

„Bursche, komm her!“ lautete der Befehl, der Heinz sofort von der Turmkammer in das Erdgeschoss eilen
ließ. Die Aufseherin drückte ihm eine Bürste in die Hand und gab ihm die Order, beide Schäferhunde
damit gründlich zu bearbeiten.

Heinz machte sich vor Angst fast in die Hose, denn das waren keine Hunde, sondern scharfe Bestien.
Trotzdem blieb ihm nichts anderes übrig, als den Befehl auszuführen. Ganz langsam ging er auf die
Hunde zu, die ihn zwar kannten, weil er ihnen immer das Futter geben musste, ihn bisher aber nicht
näher an ihn herangelassen hatte.
„Ihr seid ja liebe Hündchen, ich will euch ja nur etwas Gutes tun.“ sagte er mit angstvoller Stimme, die
Hunde rochen aber schon seine Angst und fingen an zu knurren, als er ihnen näher kam, ohne Futter
für sie zu bringen.

Zu seiner großen Verwunderung ließen sie sich dann aber doch mit der Bürste bearbeiten, sie schienen
es sogar richtig zu genießen, kein Wunder, bekamen sie doch selten Streicheleinheiten und wenn über-
haupt, dann nicht so vorsichtig wie von Heinz.

Frau Bültena beobachtete die Pflege der Hunde mit Wohlgefallen, und nachdem Heinz seine Arbeit erle-
digt hatte und er zum Turm zurückkam, lächelte ihm die Aufseherin so freundlich wie sie nur konnte zu
und meinte: „Das hast du sehr gut gemacht, mein lieber Junge.“

Hätte Heinz zu diesem Zeitpunkt geahnt, dass die Freundlichkeit der Bültena nur eiskalte Berechnung
war, würde er sich zu diesem Zeitpunkt nicht so sehr über das unerwartete Lob gefreut haben, sondern
Angst vor der Zukunft bekommen haben, denn der Plan seiner Herrin war ebenso genial wie grausam!

Teil 91

Die Veränderungen im Haus der de Fries begannen damit, dass das neue Kettenmädchen seine kleine
Habe zusammenpacken musste und an der Halskette in die Käserei geführt wurde. Dort wurde sie, genau
wie Anja, an einer gleich langen Laufkette befestigt.

Das Kettenmädchen wusste nicht was es von diesem Umzug halten sollte, aber Monika, die es sich nicht
hatte nehmen lassen, sie selbst dorthin zu bringen, klärte sie auf: „Wie du weißt oder auch sehen kannst,
bin ich schwanger und habe in den nächsten Monaten nicht die Zeit, um hier in der Käserei zu arbei-
ten. Anja ist inzwischen mit allen Arbeiten vertraut und wird dich anlernen. Du wirst ihr gehorchen und
tun, was sie sagt, sonst könnte es passieren, dass die Schmiedemeisterin dir die Peitsche zu spüren gibt.
Haben wir uns richtig verstanden?“

„Jawohl, Frau de Fries.“ sagte das Kettenmädchen gehorsam mit auf den Boden gerichteten Blick und
macht den vorgeschriebenen Knicks.

Zu Anja gewandt meinte Monika: „Ist hier alles in Ordnung oder gibt es irgendwelche Probleme?“

„Nein, Frau de Fries, es geht alles seinen gewohnten Gang, es ist alles so, wie sie es befohlen haben.“

„Das freut mich,“ meinte Monika, „du machst deine Sache wirklich gut, doch jetzt wirst du dich selbst-
ständig um den Betrieb kümmern müssen, dazu hast du auch noch die Neue anzulernen, und ich will
nicht hoffen, dass irgendwelche Klagen kommen.“

„Sie können sich ganz auf mich verlassen, Frau de Fries.“ gab ihre ehemalige Mitgefangene demütig
zurück, die auf keinen Fall riskieren wollte, noch einmal unangenehm aufzufallen und damit ihren
Aufenthalt im Land der alten Dörfer unfreiwillig zu verlängern.

„Das ist sehr schön, inzwischen habe ich auch das Gefühl mich auf dich verlassen zu können, und bis-
her hast du die Arbeit wirklich gut gemacht. Gibt es irgendetwas, womit ich dir zur Anerkennung dei-
ner Leistungen eine Freude machen kann?“

Anja wusste überhaupt nicht was ihr geschah, solch freundlichen Worte hatte sie von der Bäuerin schon
seit langer Zeit nicht mehr gehört, und so war es für sie die Gelegenheit, eine große Bitte auszusprechen
und sie sagte zu Monika: „Ich weiß, dass meine Bitte ungehörig ist, Frau de Fries, aber wäre es nicht
möglich, mir die Handfesseln mit der Kette abzunehmen, denn damit ist die Arbeit nur schwer zu bewäl-
tigen.“
„Nun, sicher würdest du ohne die Handfesseln leichter arbeiten können, aber es ist nun mal bei uns
Vorschrift, dass Kettenmädchen die Fesseln tragen müssen, obwohl, gerade bei dieser Arbeit würde es
Sinn machen, auf die Handfesseln zu verzichten. Aber wie ich das meinem Mann beibringen soll, ist mir
noch nicht klar, der hatte schon große Bedenken, dich überhaupt alleine hier in der Käserei wohnen zu
lassen.“

„Oh bitte, Frau de Fries, sprechen sie doch noch mal mit ihrem Mann darüber, ich verspreche ihnen bei
alles was mir hoch und heilig ist, dass ich nie wieder einen Fluchtversuch unternehmen werde, die Zeit
in Moordorf hat mir gelangt.“

„Ich werde sehen, was ich tun kann, nur versprechen kann ich nichts, die Entscheidung liegt bei mei-
nem Mann und natürlich auch bei dem Rat, dessen Einverständnis wir dafür auch brauchen würden.“
und damit verließ Monika die Käserei, um wieder nach Hause zu gehen.

Kaum hatte Monika die Tür hinter sich zugemacht, als Anja ihre neue Mitbewohnerin fragte: „Was ist
denn mit Frau de Fries passiert, so kenne ich sie ja überhaupt nicht, sie war ja auf einmal die
Liebenwürdigkeit in Person.“

„Ich weiß es nicht, aber seit gestern ist sie wie umgewandelt, ist mir auch egal, Hauptsache, ich muss
nicht mehr in dem Bauernhaus leben.“ meinte Helga.

„Du hast es bei de Fries doch bestimmt nicht schlecht gehabt,“ meinte Anja verwundert, „mich haben
sie jedenfalls immer gut behandelt.“

„Die erste Zeit war es ja auch ganz in Ordnung, aber in den letzten Wochen war die Bäuerin immer
schlechter drauf, sogar ihren Mann hat sie angemault.“

„Nun schau einer an, die vorbildliche Monika de Fries hat auch ihre schwachen Seiten, das ist ja inter-
essant, ich hatte schon gedacht, dass sie in jeder Lebenslage ein Musterbeispiel wäre, aber sie muss frü-
her ja auch Mist gebaut haben, sonst wäre sie nicht als Kettenmädchen hierher gekommen.“

„Was sagst du da, Frau de Fries ist als Kettenmädchen hierher gekommen, nein, das kann ich nicht glau-
ben, oder hat man sie gegen ihren Willen hier festgehalten?“

„Nein, sie ist freiwillig hier geblieben, dabei hat sie aber in der ersten Zeit ganz schön Ärger gemacht,
sie hat sogar die Schmiedemeisterin tätlich angegriffen.“

Helga war ganz perplex und gab keine Ruhe, bevor Anja ihr nicht die ganze Geschichte von Monikas
Werdegang im Land der alten Dörfer erzählt hatte.

Teil 92

Einfach war es nicht für den Schmiedemeister, dem Rat die gewünschten Erneuerungen im Turm
schmackhaft zu machen, vier schwere Gittertüren, die dann auch noch mit verschiedenen Schlössern
versehen sein sollten, stellten eine immerhin nicht unbeträchtliche Investition dar, doch unter dem
Aspekt der Sicherheit stimme der Rat schließlich zu und Düring ging frohgelaunt in die Schmiede
zurück, diese Einnahme hatte er sich gesichert.

Noch bevor er seine Werkstatt betrat hörte er von fern schon eine wehklagende, weibliche Stimme.
„Aha,“ dachte er, „Janette ist mal wieder in ihrem Element und legt ein Mädchen in Eisen.“

Genau so war es, zwei neue Kettenmädchen sollten ihren Schmuck bekommen, eine stand noch ange-
kettet in der Ecke, die andere bekam gerade ihr Halseisen angelegt. Janette frohgelaunt, weil unsterblich
verliebt, sagte gerade zu dem Mädchen: „Nun sieh dir doch mal dieses Halseisen an, dass hat mein
Meister selbst geschmiedet, ist es nicht wunderschön?“

Das neue Kettenmädchen konnte die Begeisterung für das Halseisen nicht teilen, im Gegenteil, mit vor
Angst weit aufgerissenen Augen sah sie Janette an und hoffte im Innersten ihres Herzens, dass diese
Frau nur einen Scherz gemacht hätte. Doch schon Sekunden später hatte sie das Halseisen probehalber
umgelegt bekommen, wehren konnte sie sich wegen ihrer Fesseln nicht.

Schmiedemeister Düring betrat die Werkstatt, nahm seine Lederschürze vom Haken und meinte zu
Janette: „Warte einen Moment, ich bin gleich soweit und helfe.“

Zu zweit ging die Arbeit leichter von der Hand, schnell war das Halseisen angeschmiedet, und da das
Mädchen bis auf den Keuschheitsgürtel schon mit allen Eisenteilen versehen war, wurde jetzt sie in einer
Ecke der Werkstatt angekettet und ihre Leidensgenossin kam an die Reihe.

Auch sie bekam die Hand- und Fußfesseln angelegt, anschließend das Halseisen. Sie überstand diese
Prozedur genau so tapfer wie ihre Vorgängerin, hoffte allerdings immer noch, nur einen schlechten
Traum zu haben.

Der Schmiedemeister war gerade hinten im Lager um zwei passende Keuschheitsgürtel zu holen, als
Anteus Cirksena in die Schmiede kam, um eine neue Forke zu kaufen.

Für Janette ging die Sonne auf, sie bat Anteus um einen kleinen Augenblick Geduld und konnte das
Mädchen gar nicht schnell genug an der Wand anketten.

Als Düring aus dem Lager kam und die beiden jungen Leute sich angeregt über Mistforken unterhalten
sah, meinte er, dass ihm eine kleine Pause gut tun würde und zog sich in sein Haus zurück, um dem jun-
gen Glück nicht im Wege zu stehen, außerdem hatte er wirklich Teedurst.

Janette zeigte ihrem Verehrer die verschiedenen Forken, die sie zum Teil selbst geschmiedet hatte. Dabei
passierte es, dass er unabsichtlich ihren Unterarm berührte, was ihr sofort die Farbe ins Gesicht trieb. Da
fasste Anteus sich ein Herz und sagte: „Janette, dat mut ik di nu mol seggen, ik mach di woll lieden,
wullt du nich mien Brut wordn?“ (Janette, das muss ich dir nun mal sagen, ich mag dich wohl leiden,
willst du nicht meine Braut werden?).

„Aber Anteus, wie kannst du dich erklären wenn niemand dabei ist, dass ist doch ungehörig, was ist,
wenn Meister Düring dahinterkommt?“

„Mit dem Meister Düring und seiner Frau will ich wohl sprechen, daran soll es nicht liegen, gleich die-
sen Sonntagnachmittag werde ich ihnen meine Aufwartung machen, aber du hast mir noch nicht gesagt,
ob du überhaupt meine Braut werden willst.“

„Ach, Anteus, vom ersten Augenblick an, als ich dich gesehen habe, war ich in dich verliebt und habe
mir nichts anderes gewünscht, als deine Braut zu werden.“

Beiden schlug vor Glück das Herz bis zum Hals, verliebt sahen sie sich in die Augen, sie umarmten sich
zärtlich und wollten sich gerade den ersten Kuss geben, als der Schmied in die Werkstatt kam und rief:
„Moin Anteus, wo geit di dat?“ (Hallo Anteus, wie geht es dir?).

Wie ertappte Schulkinder sprangen die beiden auseinander, worauf der Schmied sie schadenfroh angrin-
ste und meinte: „Nun sag nicht, deine Egge ist schon wieder kaputt, Anteus Cirksena.“

„Nein, nein, Meister Düring, ich bin nur gekommen um eine neue Forke zu kaufen.“

„Dann ist es in Ordnung, und wenn ich das richtig sehe, wirst du ja schon bestens beraten.“
Kurz darauf hatte Anteus die Forke bezahlt und war gegangen, nicht ohne Janette noch einen schmach-
tenden Blick zuzuwerfen, der Meister Düring natürlich nicht entging.

So hatte der Meister den Rest des Tages nichts besseres zu tun, als Janette eine stundenlangen Vortrag
über Keuschheit, Sitte und Moral zu halten, dann erzählte er auch noch von seiner Jungendzeit, und dass
er seine Frau das erste Mal geküsste hatte, als sie vor dem Traualtar gestanden hatten, es was anderes
wäre ihm nie in den Sinn gekommen.

Der armen Janette waren die ganzen Themen peinlich, tat das nun not, dass der Meister den ganzen Tag
darüber schwadronierte? Während sie sich ärgerte und nur kurzsilbige Antworten gab wie: „Ja, Meister;
Wie sie meinen, Meister, Bin ganz ihrer Meinung, Meister.“ hatte Düring einen wundervollen Tag, nicht
nur, dass er einen dicken Auftrag an Land gezogen hatte, nein, nun hatte er auch noch einen Grund
gefunden sich als Moralapostel aufzuspielen, was ihm sichtlich Freude machte.

Die einzige Unterbrechung der Moral- und Sittlichkeitsansprache war, als Janette den Mädchen die
Keuschheitsgürtel anpasste, wobei sie sich diesmal ausgiebig Zeit ließ. Während der Arbeit sang sie fröh-
lich vor sich hin, noch nie waren Kettenmädchen von einer so glücklichen Schmiedegesellin in einen
Tugendwächter gelegt worden.

Der Schmied und seine Frau standen in der Zeit vor der Werkstatt, er durfte nicht hinein, weil er sonst
die Mädchen im unbekleideten Zustand gesehen hätte, und seine Frau hielt sich parat, falls eine der
Gefangen Ärger machen sollte.

„So einen fröhlichen Gesellen hast du noch nie gehabt.“ meinte Frau Düring zu ihren Mann.

„Mmmhh, das kann schon sein, aber nun wird es so langsam Zeit an die Zukunft zu denken, denn man
soll das Eisen schmieden, solange es heiß ist.“

„Was du nicht sagst, mein guter Düring, wo hast du es nur sitzen?“

„Alles im Kopf, meine Liebe, alles im Kopf.“ antwortete er stolz und merkte nicht, wie er von seiner Frau
veralbert wurde.

Teil 93

In dem alten Wehrturm gab es Veränderungen, denn es kam jemand der Fenster in die Schießscharten
einsetzte, aber sonst wären die Burschen im nächsten Winter vor Kälte mit Sicherheit eingegangen. Aus
den Brettern, die Heinz so mühsam hochgeschleppt hatte, wurden einfache Betten gebaut, die aus einem
einfachem Rechteck bestanden und von Heinz mit Stroh gefüllt wurden.

Doch war es schon sehr seltsam, dass Heinz sich verstärkt um die beiden scharfen Schäferhunde küm-
mern musste, das Fressen für die Tiere bekamen sie schon einige Zeit von ihm, aber jetzt hatte er die
Biester auch noch jeden Tag das Fell zu bürsten, wovor er sich jedes Mal graute, weil er vor den beiden
Tieren eine unheimliche Angst hatte. Doch je mehr Zeit verging, um so mehr gewöhnten sich die Tiere
an ihren neuen Pfleger, und es dauerte nur einige Wochen, bis er mit den Hunden machen konnte, was
er wollte.

Die Bültena sah das mit großem Wohlgefallen, genau so hatte sie es geplant, dieses Weichei von einem
Kettenburschen, der ohnehin keine Chance für eine Flucht hatte, sollte sich die Hunde zu Freunden
machen, was ja nun auch gelungen war.

Nun endlich wurden auch die von der Aufseherin bestellten Gittertüren angeliefert, Schmiedemeister
Düring und seine Gesellin setzten die Türen mit viel Kraftaufwand ein, denn der Meister hatte nicht am
Material gespart und dementsprechend schwer waren die handgeschmiedeten Teile ausgefallen.

Es war schon später Nachmittag, als die Schmiede ihre Arbeit beendet hatten und die Bültena riefen, um
das Werk von ihr abnehmen zu lassen.

Ganz genau besah sie sich jede Tür und jedes Schloss, konnte aber zu ihrem Leidwesen keinen Grund
zum Meckern finden und sagte gezwungenermaßen: „Nun, Meister Düring, ich muss schon sagen, da
habt ihr eine gelungene Arbeit abgeliefert, durch diese Türen wird mir keiner der Burschen entwischen.“

Düring und Janette waren’s zufrieden, packten ihr Werkzeug zusammen und sahen zu, dass sie diesen
ungastlichen Ort so schnell wie möglich wieder verlassen konnten, während die Bültena nun zum wei-
tern Teil ihres Planes schritt.

Diesen Abend gab es für die Gefangenen Erbsensuppe, und Heinz hatte alles in seiner Macht stehende
getan, um sie so schmackhaft wie möglich zu machen, wenn auch die Karotten und Zwiebeln nicht mehr
allzu frisch waren, aber immerhin, dafür hatte er Schweinebacken und Pfötchen mitkochen dürfen.

Nachdem er die Suppe noch einmal abgeschmeckt hatte, bekam er von Bültena den Auftrag, schon mal
die Tonschüsseln und die dazugehörigen Holzlöffel in die oberen Räume zu bringen. Kaum war er die
erste Treppe hochgegangen, als Bültena einen Topf holte und sich das meiste Fleisch aus der Suppe her-
ausfischte.

Das wäre bei dem miesen Charakter dieser Frau auch ja noch zu verstehen gewesen, aber was sie dann
tat, kann nur als eine Schweinerei bezeichnet werden: Griff sie doch in den Salztopf und verwürzte die
Erbsensuppe derartig, dass sie noch nicht einmal mehr als Schweinefutter taugte.

Von dieser Schandtat nichts ahnend kam Heinz wieder die Treppe hinunter, ging zum Herd und rührte
die Erbsensuppe um, die ihm seiner Meinung nach so gut gelungen war. Seltsam nur, dass sie ihm auf
einmal so dünn vorkam, doch zu diesem Zeitpunkt dachte er sich noch nichts dabei. Dann sah er aber
auch schon den anderen Topf, den Bültena an die Seite gebracht hatte, dachte sich dabei aber nur, dass
seine Aufseherin ein verfressenes Miststück sei, die schwer arbeitenden Gefangenen noch nicht einmal
die ihnen zustehende Rationen gönnen würde.

Nachdem er dann den Küchenbereich aufgeräumt hatte, musste er den von der Bültena gefüllten Topf
auf den Herd stellen und die Suppe heißmachen, der große Topf mit der Suppe für die Kettenburschen
stand immer noch auf dem Feuer, was sollte bei der Wassersuppe denn auch wohl anbrennen?

Von fern war Kettengeklirr zu hören, was bedeutete, dass die Burschen zum Turm zurückgebracht wur-
den. „Stell meinen Topf mit der Erbsensuppe auf den Tisch, dazu zwei Löffel und zwei Teller, und ver-
giss mir ja nicht das frische Brot.“ befahl sie Heinz.

Der, nichts Böses ahnend, weil er meinte, dass die Bültena den Aufpasser der Kettenburschen zum Essen
einladen wollte, kam dem Befehl sofort nach und stellt das Gewünschte auf den Tisch. Kaum stand auch
die Suppe da, als er von Bültena aufgefordert wurde, sich ebenfalls an den Tisch zu setzen.

Er verstand die Welt nicht mehr, sollte diese fürchterliche Frau ihn jetzt auch noch veralbern wollen?
Aber nein, sie füllte seinen Teller, wobei sie ihm mehr Fleisch als Suppe auffüllte. Nachdem sie sich selbst
bedient hatte, sagte sie mit einem kleinen Lächeln im Gesicht: „Lass es dir schmecken, jetzt fang an und
trödel nicht.“

Das ließ Heinz sich natürlich kein zweites Mal sagen, wann würde er je wieder die Möglichkeit bekom-
men Fleisch zu essen, also haute er rein, was das Zeug hielt. Noch während er am Schmausen war,
kamen seine Mitgefangenen durch den Raum, um in ihr Quartier hochzusteigen.

Als sie ihren Mitgefangen am Tisch sahen, lief ihnen bei dem Anblick von dem vielen Fleisch auf Heinz
Teller das Wasser im Mund zusammen und die Vorfreude auf ein gutes Essen war ihnen anzusehen.

Teil 94

Es war für die Kettenburschen aber auch ein harter Tag gewesen, fast ohne Pause hatten sie arbeiten
müssen, der Rücken tat weh und manch einer hatte von dem Hackenstiel schmerzende Blasen an den
Handflächen. Das alles wäre zu ertragen gewesen, doch heute waren sie durch die Hölle gegangen, denn
zum ersten Mal seit langer Zeit waren sie wieder in die Nähe von Mädchen gekommen. Dabei handelte
es sich natürlich um Kettenmädchen, die mit ihren Hacken das Rübenfeld vom Unkraut befreien muss-
ten.

Immer, wenn die Mädchen die Hacke in die Erde schlugen, sahen die Jungs unter der dünnen Kleidung
die Brüste der Mädels im Gleichtakt schwingen, und nach dieser schon recht langen Zeit der Keuschheit
genügte schon dieser Anblick, um ihre Freudenspender in den dornigen Gefängnissen wachsen zu las-
sen.

Mit neun Mann standen sie auf dem Feld und jaulten vor Schmerzen wie die jungen Hunde, während
die Mädchen, die um die sichere Verwahrung der Burschen wussten, vor Lachen nicht mehr arbeiten
konnten. Eins der Mädchen konnte es sich nicht verkneifen, sich mit der Bluse den Schweiß von der Stirn
abzuwischen, wodurch ihr strammer Busen für die Burschen sichtbar wurde, was sofort eine zweite Welle
des Wehklagens auslöste.

Doch jedenfalls hatten sie nun die Hoffnung, zum ersten Mal seit langer Zeit eine anständige Mahlzeit
zu bekommen, schließlich hatten sie den gutgefüllten Teller von Heinz gesehen und gingen davon aus,
das auch sie das Gleiche zu Essen bekommen würden.

Heinz hatte inzwischen seine Mahlzeit beendet und brachte nun den Topf mit der Erbsensuppe in die
erste Turmkammer. Erwartungsvoll und freundlich wurde er von den Kameraden begrüßt, doch als der
erste sich mit der Kelle an der Suppe bediente, ging der Ärger schon los.

„Wo, verdammt noch mal, ist das Fleisch geblieben?“ brüllte der empört. „Das wird dieses
Kameradenschwein alleine gefressen haben.“ meinte ein anderer.

„Ich hab da nichts mit zu tun,“ rechtfertigte Heinz sich, „das müsst ihr mir glauben, als ich die Suppe
gekocht habe war da reichlich Fleisch drin.“

„Aber sicher doch,“ rief Werner, „aber nachdem die Bültena und du euch den Magen vollgeschlagen
habt, kriegen wir nur noch diese magere Brühe, du Schweinehund.“

Bevor die Lage eskalierte zog Heinz sich schnell zurück, er konnte die Aufregung seiner Kameraden ja
gut verstehen, doch hatte er doch nur auf Befehl gehandelt. Er war gerade wieder unten angekommen,
als aus dem Turmzimmer ein wütendes Gebrüll zu hören war, die ersten hatten die Suppe probiert und
sofort wieder ausgespuckt, der Fraß war wirklich nicht durch den Hals zu kriegen.

Es dauerte nicht lange, bis die empörten Gefangenen die Holzschüsseln die Treppe hinunterwarfen und
Heinz drohten, ihm bei erster Gelegenheit den Hals umzudrehen. Der arme Kerl wusste nun wirklich
nicht was ihm geschah und was man von ihm wollte, na ja, den größten Teil von dem Fleisch hatten die
Bültena und er selbst verzehrt, die Bültena weil sie verfressen war, er aber doch nur auf Befehl.
Außerdem war die Erbsensuppe diesmal doch wirklich besser gewesen als sonst, darum konnte er das
Verhalten seiner Mitgefangenen nicht verstehen.

Ein Ding war ihm allerdings klar: Wenn er gleich in das Turmzimmer gehen musste um den Topf wie-
der abzuholen, würde er mit seinen Kameraden ein Riesenproblem bekommen, denn dass sie auf ihn
stocksauer waren, hatte er begriffen.

Auf einmal wurde es ruhig in dem oberen Zimmer, Heinz, der Topf und Schüsseln wieder abholen muss-
te, hatte ein seltsames Gefühl im Bauch, irgendetwas stimmte dort oben nicht. Er stieg die Treppe hoch
und hatte den Raum noch nicht einmal richtig betreten, als ihn der erste Schlag traf. Nacheinander prü-
gelten sie auf ihn ein, bis er halb ohnmächtig am Boden lag.

Bültena hörte zwar seine Hilferufe, dachte aber nicht im Traum daran ihm zur Hilfe zu kommen, ganz
im Gegenteil, sie grinste vor sich hin und fand, dass alles den gewünschten Gang ging.

Blutend wankte Heinz die Treppe hinunter, sich mit der einen Hand an der Mauer abstützend, in der
anderen Hand den Topf, dessen Inhalt die Kameraden über ihn geschüttet hatten.

Dass er von der Bültena kein Mitleid zu erwarten hatte, war ihm klar, aber das sie ihn anschrie: „Du
saust mir den ganzen Raum ein, sieh zu, dass du dich saubermachst, aber ein wenig flott, sonst helfe ich
dir nach!“, nein, damit hatte er nun auch nicht gerechnet. Doch was blieb ihm übrig, gehorsam ging er
nach draußen und wusch sich an der Pumpe.

Aber damit war der Schreckenstag noch nicht zu Ende, denn Bültena hatte noch einen ganz speziellen
Auftrag für ihn.

Teil 95

Ruhe und Frieden war wieder eingekehrt in das Haus der de Fries, Monika hatte wieder zu sich selbst
gefunden und ihre schlechte Laune abgelegt, sehr zur Freude aller, die täglich mit ihr zu tun hatten. Aber
sie hatte nun ja auch keinen Grund mehr sich zu sorgen, denn inzwischen war Wilma Wattjes, ihre
Stiefschwester, ins Haus eingezogen und kümmerte sich um den reibungslosen Ablauf des Haushalts und
war auch bei der Feldarbeit und bei dem Melken mit dabei. Auch das Kettenmädchen erledigte die ihr
übertragenen Aufgaben prompt und zuverlässig, hatte sie die Bäuerin doch als eine energische Person
kennen gelernt, mit der man sich besser nicht anlegte.

Auch in der Käserei lief alles nach Plan, Anja hatte die Sache gut im Griff, und wenn Helga, ihre
Mitgefangene, meinte, dass sie nun ein gemütliches Leben machen könnte, hatte sie sich gewaltig geirrt.
Jeden Morgen, wenn die Milch geliefert wurde, trieb Anja die Arbeit erbarmungslos voran, nicht die
kleinste Pause gönnte sie Helga und sich. Meist waren sie am Nachmittag mit der Arbeit fertig, doch
bevor Feierabend war, wurde die ganze Käserei gründlich saubergemacht.

Viel Abwechslung hatten die beiden nicht, zwar gab es in der ersten Zeit genug Gesprächsstoff, doch
irgendwann war alles erzählt. Die einzigen Zerstreuungen waren die Zubereitung der eigenen Mahlzeiten
und das Lesen in dem einzigen Buch, was im Haus war, in der Bibel.

So saßen die Beiden oft auf einer Bank vor dem Haus und betrachteten gelangweilt das Geschehen auf
der Strasse, doch außer ein paar Pferdefuhrwerken, einzelnen Leuten und gefangen Mädchen, die an
ihrer Halskette durch den Ort geführt wurden, gab es nicht viel zu sehen.

Nur eines Nachmittags kam Wilma Wattjes mit einer kleinen Kutsche zur Käserei, nahm Anja wortlos
die Laufkette ab und führte sie zur Kutsche und forderte sie auf, sich hinten auf die Ladefläche zu set-
zen. Schnell befestige sie die Kette an dem Fahrzeug, stieg auf und ließ die Stute antraben. Nach einer
guten Stunde kamen sie in Hohedörp an, Wilma lenkte den Wagen zur Schmiede und ließ Anja abstei-
gen, löste die Kette und führte sie in die Schmiede.

Mit einem fröhlichen „Moin“ wurde sie von Janette begrüßt, während Anja noch nicht einmal mit einem
Blick bedacht wurde. Die aber kannte die Gepflogenheiten der Dorfbewohner inzwischen zu genau, um
sich weiter darum zu kümmern. Meister Düring war zwar unterwegs, hatte seine Gesellin aber darüber
informiert, dass ein Kettenmädchen gebracht werden sollte, so wusste Janette, was sie zu tun hatte.

Erst nahm sie die eine Seite der Handkette ab, zog sie durch die Öse am Halsreif durch, und löste dann
das andere Ende. Nun wurde sie zum Amboss hingezogen, um dort die Armreifen abzunehmen, was mit
Dorn und Hammer schnell geschehen war. Wilma bedankte sich bei der Schmiedegesellin und führte
Anja wieder zur Kutsche zurück, wobei sie von Janette begleitet wurde, die immer für ein kleines
Schwätzchen zu haben war.

Gerade hatte Wilma die Halskette von Anja, die jetzt wieder auf der Ladefläche saß, befestigt, als Frau
Düring aus dem Haus kam. „Du willst doch wohl nicht wieder wegfahren ohne mir „Moin“ gesagt zu
haben, rief sie Wilma zu und drohte ihr mit dem Zeigefinger. „Ich wollte sie nicht störten, Frau Düring.“
gab sie zurück. „Dat is ja Tüünkram, ji beid kummt nu nor binnen, Tee is al lang klor.“ (Das ist ja
Blödsinn, ihr beide kommt jetzt herein, der Tee ist schon lange fertig).

Nicht nur im Land der alten Dörfer, nein, in ganz Ostfriesland darf eine Einladung zum Tee nicht abge-
schlagen werden, auch müssen mindestens 3 Tassen getrunken werden, sonst ist der Gastgeber tödlichst
beleidigt. Außerdem wird so lange nachgeschenkt, bis der Gast seinen Löffel in die Tasse legt, das ist das
Zeichen dafür, dass er nun nicht mehr möchte.

Die drei Frauen machten es sich in der Küche gemütlich, Frau Düring gab in jede Tasse einen dicken
Kluntje, schenkte sich selbst als erste den Tee ein, was in Ostfriesland keine Unhöflichkeit ist sondern
zum guten Ton gehört, da die erste Tasse meistens nicht so gut durchgezogen ist. Erst danach schenkte
sie auch den anderen Tee ein. Der heiße Tee brachte den Kluntje zum Knistern, dann schöpfte sie aus der
Kumme Milch vorsichtig die sich oben abgelagerte Sahne ab und gab sie vorsichtig in die Tasse, worauf
sich in dem Tee kleine Sahnewölkchen bildeten. Ohne Umzurühren wurde dann der heiße Tee getrunken,
und natürlich hatte es Frau Düring sich nicht nehmen lassen, selbstgebackene Zuckerplätzchen auf den
Tisch zu stellen.

Schnell war eine angeregte Unterhaltung in Gang, Wilma musste von zu Hause und von Monika berich-
ten, während Janette es nicht bleiben lassen könnte von ihrem Verehrer zu schwärmen. Auf einmal
bezog sich der Himmel, Minuten später fing es tüchtig an zu regnen. Janette sah aus dem Fenster zur
Kutsche hin und meinte: „Sie wird ja ganz nass in dem Regen, ich bringe besser schnell eine Plane raus.“

Während Janette in die Schmiede ging, meinte Frau Düring zu Wilma: „Die Janette ist wirklich eine mit-
fühlende Seele, wer sie mal als Frau bekommt kann sich glücklich schätzen.“

Kurz darauf kam Janette wieder zurück, zwar etwas nass, aber zufrieden. „Hat sie sich auch anständig
bei dir bedankt?“ wollte Wilma wissen, worauf Janette sie verwundert ansah und zurückfragte: „Seit
wann können Pferde denn sprechen?“

Nach einer Weile hörte der Regen auf und Wilma machte sich auf den Heimweg, nicht ohne der Stute
vorher die Plane abzunehmen und sie Janette mit einem Dankeschön zurückzugeben. Wieder bei der
Käserei angekommen wurde Anja von ihr wieder an der Laufkette angeschlossen und ohne sich weiter
um die vor Nässe triefende Anja zu kümmern lenkte Wilma die Kutsche zum Hof der de Fries, sichtlich
angetan von diesem schönen Nachmittag.

Teil 96

Die Bültena gab Heinz einen Bund mit vier Schlüsseln in die Hand und trug ihm auf, die Gittertüren im
Turm zu verschließen, was sie sonst bisher selbst gemacht hatte.

„Bitte nicht, Frau Bültena, bitte schicken sie mich nicht nach oben, ich bin dort meines Lebens nicht
mehr sicher.“ klagte Heinz, dem allein schon bei dem Gedanken daran das Herz in die Hose rutschte.
„Was geht mich das an, du nichtsnutziger Bengel, du tust, was ich dir sage.“

In seiner Verzweiflung fiel er vor der verhassten Aufseherin auf die Knie und flehte sie mit vor Angst
erfülltem Herzen an, ihn von dieser Aufgabe zu befreien.

„Wenn du so viel Angst hast, dann nimm von mir aus die Hunde mit nach oben, aber abschließen wirst
du die Türen, und wenn es das letzte ist, was du auf dieser Welt machst.“

Zwar hatte Heinz nicht mehr soviel Angst mehr vor den Hunden wie noch vor einiger Zeit, doch traute
er den Bestien nicht über den Weg und hatte immer noch Angst, von ihnen angefallen zu werden. Aber
welche Alternative hatte er? So rief er die Hunde zu sich: „Sarbas, Blexen, kommt hierher.“

Zu seiner großen Verwunderung gehorchten die Hunde seinem Befehl, standen auf und kamen zu ihm,
wobei sie ihre Herrin allerdings etwas verwirrt ansahen, bisher durften sie noch nie auf den Befehl eines
Kettenburschen reagieren. Doch als die Bültena ihnen noch beruhigend zusprach, folgten sie Heinz
gehorsam in die oberen Turmzimmer.

Kaum betrat er das erste Zimmer, als er von den anderen schon wieder beschimpft wurde, und prompt
fielen Worte wie Verräter, Drecksau, Schweinehund und andere liebenswürdige Bezeichnungen. Zwei der
Burschen kamen auf ihn zu, um ihm noch eine Tracht Prügel zu verpassen, doch hatten die nicht gese-
hen, dass die Hunde mit nach oben gekommen waren. Sie waren noch nicht mal in der Nähe von Heinz,
als Sarbas und Blexen die Zähne fletschten und zu knurren anfingen, wobei sich ihr Nackenhaar sträub-
te. Mit einem Satz sprangen die Burschen zurück, auch der Rest der Kettenburschen versuchte soviel wie
möglich Abstand zu den Hunden zu halten. Heinz durchströmten in diesem Augenblick mehrere
Empfindungen: Erleichterung, Dankbarkeit, ein leichtes Machtgefühl, vor allem aber Sicherheit.

Mit ungewohnt fester Stimme gab er seinen ersten Befehl: „Die oben wohnen gehen jetzt die Treppe
hoch.“

Die vier Angesprochenen zögerten, wollten sie sich von ihm doch keine Befehle erteilen lassen, doch als
sie sahen, dass er dem einen der Hunde ganz leise etwas sagte und Sarbas darauf hin anfing zu knur-
ren, folgen sie seinem Befehl, wenn auch nur zögerlich. Kaum hatte der letzte der Vier die Treppe betre-
ten, als Heinz es sich nicht verkneifen konnte zu rufen: „Nun macht mal ein bisschen zu, das dauert ja
ewig mit euch.“

Wie auf ein Kommando blieben die vier Jungs stehen, das ging ihnen nun doch entschieden zu weit,
aber Heinz, der Sarbas am Halsband festhielt, kam mit dem Hund zu der Treppe hin und brüllte:
„Weitergehen, sonst hetz ich den Hund auf euch.“ Sarbas merkte sofort, dass Heinz Probleme hatte, fing
wütend an zu bellen und wollte sich auf die Treppe stürzen. So schnell waren die Burschen die alte stei-
nerne Turmtreppe noch nie hochgekommen, und dass trotz der schweren Eisenkugeln, die sie zu tragen
hatten.

„Schön aufpassen, Blexen, ich bin gleich wieder da.“ befahl Heinz dem anderen Hund, der nun knurrend
bei der Tür saß, die aus dem Zimmer nach unten führte. So konnte der neugeborene Hilfsaufseher in aller
Ruhe in das oberste Zimmer gehen, die Eisengittertür zuziehen und verschließen, worauf er zusammen
mir Sarbas wieder hinunterging und die zweite Treppentür verschloss. Das gleiche Spiel wiederholte sich
nun mit der ersten Turmkammer, und als er die letzte Eisengittertür gesichert und den Schlüssel an
Bültena zurückgegeben hatte, beschäftige er sich ausgiebig mit den Hunden. Er holte frisches Wasser für
sie, bürstete ihnen das Fell und kraulte sie den ganzen die ganze Zeit über.

Erst als die Bültena ihm den Befehl gab sich schlafen zu legen, ließ er von den Hunden ab, die sich dar-
auf hin auf ihren Schlafplatz verzogen. Für Heinz war es die erste Nacht im Land der alten Dörfer, in
der er ruhig und mit schönen Träumen schlief, auf denn nun hatte er zumindest die Hunde als Freunde
gewonnen, und die gaben ihm ein Gefühl der Sicherheit und nahmen ihm viel von seiner Angst.
Noch bevor der nächste Morgen dämmerte wurde Heinz wach, obwohl er so gut wie schon lange nicht
mehr geschlafen hatte, doch irgendetwas war anders als sonst. Er wollte sich gerade auf die andere Seite
legen, doch da war ihm etwas im Weg: Hatten sich nicht die Hunde links und rechts von ihm hingelegt
und teilten sein Lager! Ja, die Hunde beschützten ihn sogar im Schlaf, sie akzeptierten ihn zwar nicht
als Herrn oder als Rudelführer, das blieb nach wie vor Frau Bültena, doch instinktiv hatten sie erkannt,
dass dieser Mensch ihren Schutz brauchte, und beschützen liegt in der Natur der Schäferhunde, vor
allem, wenn sie von dieser Person auch noch ihr Futter bekommen.

Teil 97

„Oh, du meine Güte,“ rief Monika, „ich glaube, jetzt geht es los.“ Wie von einer Tarantel gestochen
sprang Wilko vom Stuhl auf, rief ihr zu: „Bleib ganz ruhig, ich hol sofort die Hebamme.“ rannte plan-
los aus der Küchentür hinaus auf die Strasse, blieb stehen, fasste sich selbst an den Kopf und kam eben-
so schnell wieder retour und hetzte in den Stall, um das Pferd herauszuholen und vor die Kutsche zu
spannen.

Kaum war die Kutsche fahrbereit, als er wieder in die Küche sauste um nach seiner Frau zu sehen. Die
saß immer noch in Ruhe am Küchentisch, sah ihren verwirrten Gatten an und meinte: „Nun bleib mal
ganz ruhig, das war ja nur die erste Wehe. Jetzt tu mir nur einen Gefallen und fahr nach Hohedörp und
hol die Hebamme, aber lass dir um Himmels Willen Zeit und treib das Pferd nicht zuschanden.

Wilko drehte auf dem Absatz um, hechtete zur Kutsche, sprang auf und ließ die Peitsche knallen. „Hü,
du Mähre, lauf.“ und jagte das arme Pferd im Höllentempo die Dorfstrasse entlang.

Währenddessen setzte die alte Frau de Fries einen großen Topf mit Wasser auf, schickte ihren Mann zu
Wattjes hinüber und ließ ihn dort Bescheid sagen, dass die Niederkunft von Monika unmittelbar bevor-
stand. Kurze Zeit später kam Swantje Wattjes herüber, um Frau de Fries und Wilma zur Hand gehen zu
können und Monika seelischen Beistand zu leisten.

Noch nie war Wilko die Strecke nach Hohedörp so lang vorgekommen, aber endlich erreichte er sein
Ziel, sprang aus der Kutsch heraus und klopfte wie ein Verrückter an der Haustür der Hebamme. Eliese
Klumpenmoker hatte schon viele Kinder auf die Welt geholt, und übernervöse werdende Väter waren ihr
ebenso vertraut wie verhasst, meinten die doch immer, dass ihre Frauen in den letzten Zügen liegen wür-
den.

„Na, Wilko de Fries, ist es bei deiner Monika nun so weit?“ fragte sie ihn.

„Es kann jeden Augenblick losgehen, lassen sie uns sofort losfahren, es pressiert.“ drängte Wilko und
konnte sich vor Ungeduld fast nicht zurückhalten, sich die Hebamme zu schnappen und in die Kutsche
zu setzen.

Nachdem Frau Klumpenmoker sich nach dem bisherigen Verlauf der Wehen erkundigt hatte, forderte sie
Wilko auf, mit in die Küche zu kommen und sich zu ihrer Familie an den Tisch zu setzen, die gerade
beim Teetrinken war. Selbstverständlich wurde dem Gast auch eine Tasse eingeschenkt, und obwohl
Wilko in diesem Augenblick wirklich nicht nach Tee zumute war, blieb ihm nichts anderes übrig, alles
mindestens 3 Tassen zu trinken. In seiner Panik stürzte er sich das heiße Getränk in den Rachen, was
ihm sofort Brandblasen im Gaumen bescherte, was ihn aber im Augenblick nicht interessierte. Nach dem
dritten Tee legte er schnell seinen Löffel in die Tasse, um nicht noch einmal nachgeschenkt zu bekom-
men und fragte sich verzweifelt, warum die Hebamme denn wohl noch nicht zur Abfahrt bereit wäre.

Endlich hatte sie ihre Tasche gepackt und gab Wilko Bescheid, dass man nun losfahren könne. Der nahm
ihr die Tasche ab, rannte zur Kutsche und stellte sie hinein und fragte sich verzweifelt, warum die
Hebamme sich nicht etwas schneller bewegen würde. Kaum saß sie in der Kutsche, als er nach der
Peitsche griff und das Pferd antreiben wollte.

„Wilko de Fries, das will ich dir sagen, wenn du nicht vernünftig fährst, dann nehme ich dir die Zügel
ab und fahre wieder nach Hause, denn ich habe nicht die geringste Lust, mit gebrochenem Hals im
Straßengraben zu liegen, ist das klar?“

Eliese Klumpenmoker war als eine resolute Person bekannt, der man besser nicht widersprach, so blieb
ihm nichts anderes übrig, als die Kutsche in einem vernünftigen Tempo nach Andersum zurückzulen-
ken, auch wenn er aus Sorge um seine Frau während der Fahrt an die tausend Tode starb.

Endlich kamen sie bei dem Hof an, in aller Ruhe stieg Eliese von der Kutsche herunter und bewegte sich
langsam in Richtung Haus, was Wilko schon wieder an den Rand des Wahnsinns trieb. Nachdem er das
Pferd abgespannt und gestriegelt hatte, wollte er nach dem Rechten sehen und ging in die Küche. Doch
bevor er sich versah, hatten die Frauen ihn mit der Aufforderung, doch lieber bei Nachbar Wattjes im
Haus zu warten, denn er würde ihnen nur im Weg stehen, schon wieder herausgeworfen.

So blieb ihm nichts anderes übrig, als zu seinem Schwiegervater zu gehen. Das Kettenmädchen machte
ihnen Tee, der ihm heute aber nicht recht schmecken wollte, und nervös trommelte er mit den Fingern
auf die Tischplatte.

„Kann es sein, dass Du etwas nervös bist?“ fragte Wattjes seinen Schwiegersohn.

„Ich doch nicht,“ gab der zurück und sah dabei zum hundersten Mal aus dem Fenster hinaus zu seinem
Haus hin, ob sich da nicht endlich was bewegen würde.

Mit ernsten Gesicht sagte Wattjes: „Sag mal, kennst du dich eigentlich mit kleinen Kindern aus?“

„Was soll es da groß zum Auskennen geben, ja sicher kenne ich mich mit kleinen Kindern aus.“

„Dann verrate mir doch mal, was ein Kind als erstes macht, wenn es auf die Welt kommt.“

„Luftholen natürlich, ist doch klar!“

„Falsch!“ sagte Wattes.

„Na ja, dann eben Schreien.“

„Auch falsch!“ sagte sein Schwiegervater

„Dann weiß ich es wirklich nicht, was macht denn nun ein Kind als erstes?“

„Platz für nächste Kind natürlich, was denn sonst! Ha, ha ha.“ prustete Wattjes und lachte dabei, dass
ihm die Tränen die Wangen herunterliefen. Wilko hatte für die derben Scherze seines Schwiegervaters
im Moment noch weniger Verständnis als sonst und wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als Wilma
in die Küche kam und zu Wilko sagte: „Du kannst jetzt rüberkommen, Monika wartet auf dich.“

Ohne zu fragen ob alles klar gelaufen wäre stürmte er hinaus und rannte auf seinen Hof, wo ihm als
erste die Hebamme über den Weg lief, doch noch bevor sie etwas sagen konnte, war er auch schon bei
Monika, die ihn glücklich anlächelte und ihr erstes Kind in den Armen hielt. „Es ist eine Tochter, kern-
gesund und munter.“ sagte sie und vertraute dem jungen Vater das Kind an. Stolz betrachtete er den
kleinen Wurm und meinte lächelnd: „Sie ist genau so schön wie ihre Mutter.“ und gab sie vorsichtig
ihrer Mutter zurück, wobei er sich etwas ungeschickt anstellte.

„Du tust ihr schon nicht weh, keine Angst.“ meinte Monika zu ihm.
„Ich weiß, ich weiß, schließlich kenne ich mich mit kleinen Kindern aus.”

„Tatsächlich?“ fragte Monika verwundert, „das habe ich ja gar nicht gewusst, wer hat dir das denn bei-
gebracht.”

„Och,“ grinste Wilko, „mein Schwiegervater hat mir da was erzählt.“ ging dabei aber nicht näher auf
seine speziellen Kenntnisse ein.

Teil 98

Der Sommer neigte sich seinem Ende zu, die meiste Arbeit auf den Feldern war getan. Das sahen natür-
lich auch die Kettenburschen, die sich schon darauf freuten, nicht mehr sechs Tage die Woche wie die
Sklaven arbeiten zu müssen. Dann noch lieber in den stickigen Turmkammern herumhängen und die
Zeit verstreichen lassen, auch wenn es sterbenslangweilig war.

Der Bültena war es so ziemlich egal, ob die Burschen zum Arbeitseinsatz kamen oder im Turm saßen,
solange Heinz sich um alles kümmerte und sie keine Arbeit damit hatte. Ja, sie würde es sich gerade im
Winter richtig gemütlich machen, Brennholz für den Ofen hatte sie für ihren Raum genug, die Burschen
würden sich wohl warme Gedanken machen müssen, denn sie hatte nicht die geringste Absicht, auch
die oberen Kammern heizen zu lassen.

Während sie am späten Nachmittag in solche Gedanken versunken in ihrem Lehnstuhl vor der Tür saß
und Heinz bei der Arbeit zusah, hörte sie eine Kutsche kommen. Neugierig stand sie auf und fragte sich,
um was für einen Besucher es sich wohl handeln könne und aus welchem Grund jemand die Fahrt zu
dem Turm unternahm.

Erst konnte sie nur erkennen, dass in der Kutsche vier Personen waren, doch als das Gefährt näher kam,
beschlich sie ein leicht flaues Gefühl in der Magengegend, denn nun konnte sie den Pastor, den
Bürgermeister sowie zwei Mitglieder des Gemeinderates erkennen. Immer wenn die Obrigkeit in der
Vergangenheit zu ihr gekommen war, hatte es für sie Probleme gegeben, das letzte mal mit dieser Anja,
die sie zu lange im Moor behalten hatte.

Doch ihre trüben Gedanken konnten sie nicht davon abhalten, die Herren auf das Freundlichste zu
begrüßen. Wie es nun mal Brauch war, bot sie den Gästen Tee an, was selbstverständlich angenommen
wurde. Da es ein schöner Tag war, hatte Heinz die Tassen, Kluntje und Sahne auf den Tisch vor die Tür
zu stellen, während Bültena die Herren aufforderte, auf den Bänken Platz zu nehmen.

Doch die wollten sich, bevor es den Tee gab, erst einmal die verschiedenen Räumlichkeiten im Turm
ansehen und stiegen die Treppen hoch. Beflissen wollte die Bültena vorausgehen, doch die Herren mein-
ten, dass sie recht gut alleine klar kommen würden, und so blieb sie unten und überlegte krampfhaft, ob
sie sich etwas zuschulden hatte kommen lassen. Da sie aber ein Gemüt wie ein Fleischerhund hatte und
ein schlechtes Gewissen für sie ein Fremdwort war, setzte sie sich wieder hin und wartete in aller Ruhe
ab, was die Herren denn nun eigentlich wollten.

Sie wäre sicher nicht so ruhig geblieben, wenn sie den Rat auf der Besichtigungstour begleitet hätte,
denn der war mit den vorgefundenen Räumen absolut nicht einverstanden. Nicht, dass an der
Einrichtung, die nur aus provisorischen Betten und den Fäkalieneimern bestand, etwas auszusetzen
gehabt hätten, doch das es trotz der geöffneten Schießschartenfenster so erbärmlich stank, dass sie sich
ihre Taschentücher vor die Nasen halten mussten, erregte ihr Missfallen aufs äußerste, und als sie sich
die Räumlichkeiten genauer ansahen, entdecken sie auch Ungeziefer: Kakerlaken, Silberfische und ande-
res Getier.

Nachdem sie beide Turmzimmer einer genauen Inspektion unterzogen hatten, gingen sie wieder hinun-
ter und stiegen in den Keller hinab. Dort roch es zwar muffig, doch war der Raum relativ sauber, wor-
auf Bültena auch großen Wert legte, lagerte sie doch dort ihre privaten, besser gesagt: abgezweigten
Lebensmittel. Mett- und Pümmelwürste sowie ein Räucherschinken hingen dort am Haken, aber auch
zwei mit der Schlinge gefangene Wildkaninchen, obwohl das Fangen von Wild in dieser Jahreszeit
streng verboten war. Auch gab es einen reichlichen Vorrat an Zucker, Mehl, Kluntje, Butter, eingelegten
und eingekochten Früchten und Marmeladen. Dazu kamen dann noch Sachen wie Seife, Handtücher,
Bekleidung, usw., alles Dinge, die den Burschen vorenthalten worden waren.

Nun, die Herren nahmen das alles zur Kenntnis und begaben sich wieder nach oben, um erst einmal fri-
sche Luft zu schöpfen. Jetzt leisteten sie auch der Aufforderung zum Tee folge und setzten sich auf die
Bank, vor dem ein roh behauener Tisch stand. Bültena holte den Trekkpott (Teekanne) höchstpersönlich
aus der Küche und ließ es sich auch nicht nehmen, selbst den Tee einzuschenken, während sie Heinz den
Auftrag gab, einen Imbiss zu richten. Doch angesichts der hygienischen Verhältnisse lehnten die Herren
das Angebot zwar dankend, doch sehr bestimmend, ab.

Noch während der Teetrinkens war von fern Kettengeklirre zu hören, die neun Kettenburschen wurden
in den Turm zurückgebracht. Doch diesmal wurden sie nicht sofort in die Turmkammern hinaufgejagt,
sondern hatten sich in einer Reihe aufzustellen, da der Rat die Burschen in Augenschein nehmen woll-
te.

Der Rat brauchte nicht lange, um sich ein Urteil zu bilden, denn was da vor ihnen stand, waren keine
Kettenburschen, sondern Gestalten des Jammers: Abgemagert und hohlwangig, einen impertinenten
Gestank verbreitend, was auch kein Wunder war, trugen sie doch noch immer die gleiche Kluft wie bei
ihrer Ankunft, und hatten bisher keine Erlaubnis gehabt, die Sachen einmal auszuziehen und zu
waschen, außerdem konnten die Lumpen, die sie am Leib trugen, nicht mehr als Kleidung bezeichnet
werden.

Als sich dann bei näherer Untersuchung herausstellte, dass alle Burschen eiternde Stellen von
Ungezieferbissen am Körper hatten und der Pastor auch noch Kopfläuse fand, war den Herren vom Rat
klar, dass die Bültena nicht nur faul war, sondern sich auch noch bereichert hatte, und, was am aller-
schlimmsten war, sie hatte ihre Schutzbefohlenen aufs sträflichste vernachlässigt.

„Meine Herren, ich denke, wir haben genug gesehen, lassen sie uns wieder zurückfahren.“ sagte der
Bürgermeister und wandte sich an die Aufseherin: „Sie, Frau Bültena, werden in Kürze von uns hören,
und das, was sie zu hören bekommen, wird ihnen bestimmt nicht gefallen, Guten Tag.“

Nach diesen Worten stiegen die vier Ratsherren in die Kutsche, der Bürgermeister ließ die Pferde antra-
ben und lenkte sie zurück nach Hohedörp, eine Aufseherin zurücklassend, die die Welt nicht mehr ver-
stand: „Warum war der Bürgermeister nur so unfreundlich zu ihr, sollte er mit irgendwas nicht zufrie-
den gewesen sein?“ Achselzuckend wandte sie sich von dem Anblick der davonfahrenden Kutsche ab
und kümmerte sich wieder um ihre Arbeit, indem sie Heinz anfuhr: „Wieso hast du mein Essen noch
nicht fertig, du nichtsnutziger Bengel, muss ich mich hier um alles alleine kümmern?“

Heinz verdoppelte sein Arbeitstempo und Bültena ließ sich erschöpft in ihren Lehnstuhl fallen, um sich
von der Aufregung wieder zu erholen. Irgendwas hatte dem Rat wohl nicht gefallen, wenn sie auch nicht
nachvollziehen konnte, was es auszusetzen gab, und was meinte der Bürgermeister nur mit dem Satz,
dass ihr das, was sie zu hören bekommen sollte, nicht gefallen würde? Leicht, ganz leicht, machte sich
ein ungutes Gefühl bei ihr bemerkbar, und je tiefer die Sonne am Horizont sank, um so mehr sank auch
ihre Stimmung und sie fragte sich selbst immer wieder, was da wohl auf sie zukommen würde.

Teil 99

Advokat Meyerdirks war mal wieder im Land, und sein erster Weg führte wie immer zum Bürgermeister.
Der war hocherfreut, den Anwalt gerade jetzt im Land der alten Dörfer zu wissen, denn immer noch
suchten der gesamte Rat eine Lösung für das Problem mit den Kettenburschen, auch war man sich noch
nicht darüber einig, wie mit der Aufseherin am besten zu verfahren sei.

Den ganzen Nachmittag verbrachten die beiden in der Küche des Bürgermeisters, so manche Idee wurde
geboren und gleich darauf wieder verworfen. Es war schlichtweg zum Haare ausraufen, ihnen fiel ein-
fach keine machbare Lösung ein, und doch war klar, dass die Zustände im Turm so schnell wie möglich
geändert werden mussten.

Erst gegen Abend verabschiedete sich Meyerdirks etwas frustriert von dem Bürgermeister, war es ihm
doch mehr als unangenehm, die Sache mit den Kettenburschen nicht in den Griff bekommen zu haben.
Nun machte er sich auf den Weg zum Schmiedemeister Düring, an den er eine etwas ungewöhnlich Bitte
richten wollte.

Dürings fühlte sich durch die Aufwartung des Advokaten auf Höchste geehrt, und für Janette, die natür-
lich auch mit am Küchentisch saß, war es ein besonderes Erlebnis, mit so einem Mann von Welt zusam-
mensitzen zu dürfen.

Selbstverständlich wurde sofort Tee aufgebrüht, und Frau Düring schenkte erst sich selbst, dann Janette,
danach ihrem Mann und zum Schluss dem Herrn Advokaten ein. Obwohl es alle von ihnen schon
Tausende Male gehört hatten, lauschten sie dem Knistern des Kluntes, als er im Tee versank. Keiner sagte
ein Wort, und alle sahen sich die Wölkchen in der Tasse an, die sich durch die vorsichtig hereingelasse-
ne Sahne in der Teetasse bildeten.

Bevor der Anwalt auf sein eigentliches Anliegen kam, wurden zuerst einmal die Neuigkeiten besprochen,
wobei auch die Kettenburschen ein Thema waren. Meyerdirks erzählte, was ihm der Bürgermeister
berichtet hatte, Dürings und Janette waren ehrlich erschrocken als sie hörten, wie die Bültena die
Kettenburschen vernachlässigt hatte. Das war nicht die Art und Weise, wie dem Land der alten Dörfer
anvertraute Menschen behandelt werden sollten, darüber waren sie sich sofort einig. Zwar wurden die
jungen Leute, die zu ihnen gebracht wurden, nicht gerade zart angefasst und die meisten konnten sich
nicht an die Keuschheitsgürtel und Ketten gewöhnen, doch Hunger und Misshandlungen waren Sachen,
die alle auf das Strengste verurteilten.

Dann kam Meyerdirks zur großen Freude von Janette auf Anteus Cirksena zu sprechen, was für ein
gestandener Kerl er doch wäre und dass Janette und er doch wirklich ausgezeichnet zusammenpassen
würden. Janette wurde ganz verlegen, freute sich aber sehr, dass ein so vornehmer Mann Anteil an ihrem
Leben nahm.

„Ja, Anteus und ich würden gern ein Paar werden, aber das ist nicht so einfach, Herr Anwalt.“

„Nanu,“ wunderte sich Meyerdirks, „ich dachte, ihr wärt Euch schon einig und würdet bald zum Altar
schreiten.“

„Das würden wir ja auch gerne, aber von was sollen wir denn leben? Den Hof übernimmt sein älterer
Bruder, wie es nun einmal Brauch ist, und Anteus hat immer in der Landwirtschaft gearbeitet und kein
Handwerk gelernt, doch als Knecht verdient er nicht genug, um uns beide zu ernähren.“

„Hmm, das ist in der Tat ein großes Problem, ja, ein großes Problem.“ brummelte der Anwalt vor sich
hin, dem so auf Schlag auch keine Lösung einfiel. „Was ihm fehlt, ist eine vernünftig bezahlte Arbeit,
aber wo soll er die finden, hier im Land der alten Dörfer wird es schwierig werden.“

„Es ist schon eine verrückte Sache,“ gab nun Schmiedemeister Düring seinen Senf dazu, „da ist ein jun-
ger Kerl, stark wie ein Bär und kann keine Arbeit finden, doch auf der anderen Seite lebt die Bültena
auf Kosten der Allgemeinheit wie eine Made im Speck, so was ist doch nun wirklich nicht richtig.“

Verwundert sah der Advokat den Schmiedemeister an und rief ganz begeistert: „Meister Düring, das ist
doch die Lösung, damit ist uns allen geholfen.“ Schnell verstanden auch die anderen, Anteus könnte
anstatt der Bültena die Betreuung der Kettenburschen übernehmen und hätte so ein sicheres Einkommen,
dann würde einer Eheschließung zwischen Janette und Anteus auch nichts mehr im Wege stehen.

Schnell wurde die kleine Runde sich darüber einig, nichts von dem Plan zu verraten, erst sollte
Meyerdirks mit dem Rat sprechen und sehen, was der von dieser Lösung hielt.

Vor lauter Begeisterung hätte der Anwalt fast sein Anliegen, wegen dem er überhaupt gekommen war,
vergessen, doch nun kam er auf den eigentlichen Grund seines Besuches zu sprechen: „Meister Düring,“
sagte er, „ich hätte da ein etwas ungewöhnliches Anliegen an sie, doch vielleicht können sie mir hel-
fen.“

Teil 100

Advokat Meyerdirks gab sich einen Ruck und erklärte dem Schmied sein Anliegen: „Nun, Meister
Düring, es ist so, dass meine älteste Tochter ihre schulische Ausbildung beendet hat und in einiger Zeit
ein Studium beginnen wird. Zu meinem Leidwesen ist das in unserer schönen Stadt Emden nicht mög-
lich, und so wird sie nach Oldenburg gehen müssen.“

„Das arme Kind,“ fiel Frau Düring ihm ins Wort, „auf sich allein gestellt in einer großen, fremden Stadt,
nein, da hätte ich keine Ruhe mehr.“

„So ist es in der Tat, werte Frau Düring, ihr wisst ja, wie verdorben die Menschen in den großen Städten
sein können, und sicher könnt ihr es mir nachfühlen, dass ich mir um meine Tochter große Sorgen
mache, denn wie schnell könnte es passieren, dass sie sich von irgendeinem Lüstling betören lässt und
ihre Unschuld verliert. Das passt aber nicht zu unseren moralischen Wertvorstellungen und unserer
streng christlichen Gesinnung. Aus diesem Grund haben meine Frau und ich uns überlegt, unsere Tochter
sicherheitshalber in einen Keuschheitsgürtel zu verschließen, um sie so vor den weltlichen Versuchungen
zu schützen und ihren guten Ruf zu wahren.

„Wehret den Anfängen!“ rezitierte Meister Düring mit erhobenen Zeigefinger die Bibel und kam sich
dabei äußerst gebildet vor.

Meyerdirks ließ sich aber auch davon nicht aus dem Fahrwasser bringen und sprach weiter: „Nun ist
meine Frage: Würdet Ihr meiner Tochter einen solchen Tugendwächter anpassen wollen, und wäre es
möglich, einen besonders schön gearbeiteten Gürtel zu bekommen? Selbstverständlich würde ich für alle
Kosten aufkommen, daran soll es nicht scheitern.“

„Das mache ich doch gerne für sie, Herr Meyerdirks, gleich morgen werde ich mich an die Arbeit
machen, allerdings wäre es in diesem Fall notwendig, den Gürtel direkt anzupassen, weil es sich in die-
sem Fall ja um eine Extraanfertigung handelt.“

„Das ist genau der Punkt der mir Sorgen macht, denn wie ihr wisst, hat niemand freien Zutritt zu dem
Land der alten Dörfer, und so müsste meiner Tochter der Keuschheitsgürtel außerhalb unserer Gemeinde
angepasst werden, und darin sehe ich im Moment doch ein Problem, ja, in der Tat, ein Problem!

Ratlos kratze sich Düring am Hinterkopf, das war mal wieder ein neues Problem, doch der Anwalt hatte
recht, nur sehr wenige Außenstehende hatten das Recht, in das Land einreisen zu dürfen, und so sah er
sich nicht in der Lage, dem Anwalt seinen Wunsch zu erfüllen.

Es war Janette, die eine rettende Idee hatte: „Wenn die Tochter von dem Herrn Anwalt nicht zu uns kom-
men darf, müssen wir eben zu ihr gehen.“

„Daraus wird wohl nichts werden, wir gehen nie in die Welt, damit wird der Rat nicht einverstanden
sein.“ gab Frau Düring zu bedenken.

„Das ist mir ja auch klar,“ meinte Janette, „doch wie wäre es, wenn wir die fahrbare Feldschmiede auf
die Tjalk bringen würden, dann könnte der Herr Meyerdirks mit einem anderen Schiff die Tjalk irgend-
wo treffen und wir seiner Tochter den Gürtel anpassen.“

Während sich Herr und Frau Düring zweifelnd ansahen, konnte sich Meyerdirks mit der Idee schnell
anfreunden, was es allerdings notwendig machte, eine Sache, die er Frau Düring schon einmal angedeu-
tet hatte, zu unterbreiten.

„Nun,“ sagte Meyerdirks bedächtig, „diesen Vorschlag halte ich in der Tat für eine gute Idee, ja, in der
Tat, für eine gute Idee. Denn ihr müsst wissen, dass sich die Tatsache, dass die Keuschheitsgürtel bei uns
viel getragen werden, in der Welt bekannt geworden ist und ich schon manches Mal gefragt wurde, ob
es nicht möglich wäre, so einen Tugendwächter zu beziehen. So gesehen würde sich der Aufwand, die
Feldschmiede auf die Tjalk zu bringen, tatsächlich lohnen, in der Tat, tatsächlich lohnen.“

„Ich habe nie verstanden, dass die Leute in der Welt ohne Keuschheitsgürtel auskommen können,“
bemerkte Frau Düring, „wie wollen die denn Sitte und Moral ohne dieses vorzügliche
Keuschheitsinstrument gewährleistet wissen?“

„So ist es, meine liebe Frau Düring, so ist es.“ gab der Advokat zurück, „doch allmählich gibt es auch in
der Welt Menschen, denen das immer klarer wird und die nun ihre Kinder schützen und behüten wol-
len.“

„Das mag wohl alles sein,“ meinte der Schmiedemeister, der zwar schnell begriff, dass es sich bei dieser
Angelegenheit um ein gutes Geschäft handeln könnte, trotzdem aber von der Aussicht, die
Schmiedearbeiten auf einem Schiff zu erledigen, nicht gerade begeistert war, „nur ist es so, dass ich hier
unabkömmlich bin und leider für die Arbeit auf dem Schiff nicht zur Verfügung stehen kann, so leid es
mir tut.“

„Das ist aber wirklich sehr bedauerlich.“ meinte Meyerdirks, der sich genau wie die anderen am Tisch
ein Grinsen verkneifen musste, denn es war allgemein bekannt, dass der Schmied, der das Land der alten
Dörfer nur einmal in seinem Leben zur Ableistung seines Bewährungsjahres verlassen hatte, bei der
Hinfahrt sowie auch bei der Rückfahrt über der Reling gehangen und pausenlos Neptun geopfert hatte,
wovon er aber heute nichts mehr hören oder wissen wollte. Ebenso bekannt war auch, dass er hoch und
heilig geschworen hatte, niemals mehr in seinem Leben die Planken eines Schiffes zu betreten.

„Aber Meister,“ warf Janette ein, „das könnte ich doch übernehmen, zur Zeit haben wir doch nicht mehr
so viel Arbeit wie sonst, im Moment brauchen wir noch nicht mal mehr für die Kettenmädchen- und
Burschen vorzuarbeiten, alle haben ihren Schmuck angelegt bekommen und neue Zöglinge kommen
doch erst, wenn die anderen wieder entlassen werden.“

„Nun, ja, also, äh, na ja, genaugenommen, wenn man die Sache richtig betrachtet, hast du durchaus
recht, Janette, und ein gegen eine zusätzliche Einnahmequelle wäre durchaus nichts einzuwenden, aber
ich meine, da gibt es noch viele Sachen zu bedenken, so einfach wird es alles nicht gehen.“

„Aber wir könnten es ja mal versuchen.“ meinte nun Frau Düring, die im Geist schon den zusätzlichen
Verdienst vor sich sah.

„Lasst es uns doch so machen,“ meinte Meyerdirks, „gleich morgen früh werde ich mit dem Rat spre-
chen. Als erstes werde ich ihm den Vorschlag machen, Anteus als neuen Aufseher einzusetzen, und dann
werde ich sehen, ob ich den Rat nicht davon überzeugen kann, eine weitere Verdienstmöglichkeit zu
schaffen, in dem wir die Keuschheitsgürtel auf der Tjalk verkaufen, immerhin hat Monika mit der Käserei
es auch geschafft, mehr Geld in das Land der alten Dörfer zu bringen.“
Dieser Vorschlag wurde angenommen, denn ohne die Genehmigung des Rats wäre jede weitere Planung
auch sinnlos gewesen, und so wurde noch eine letzte Tasse Tee getrunken, bevor der Anwalt sich ver-
abschiedete.

Etwas spät am nächsten Morgen, es war schon sieben Uhr durch, ging Meyerdirks wie versprochen zum
Bürgermeister und unterbreitete ihm die beiden Vorschläge, einmal, dass Anteus Cirksena die Betreuung
der Kettenburschen übernehmen sollte, zum anderen die Idee mit der Anfertigung von
Keuschheitsgürteln auf der Tjalk.

Über eine Stunde saßen die beiden Männer zusammen und besprachen die Angelegenheit, dann gab der
Bürgermeister den Befehl, die Mitglieder des Rats zusammenzuholen, um die Sache im großen Kreis zu
besprechen, aber auch nach Anteus wurde jemand geschickt, um ihn zu der Versammlung hinzu zu zie-
hen.

Während sie noch auf das Eintreffen der Ratsmitglieder warteten, klopfte es an der Tür. „Herein!“ rief
der Bürgermeister und Monika betrat das Zimmer.

Nachdem Monika die beiden Herren respektvoll begrüßt hatte, wurde sie aufgefordert am Küchentisch
Platz zu nehmen. Just hatte sie sich gesetzt, als auch die Frau Bürgermeisterin in die Küche kam und
erst mal dafür sorgte, dass für den Besuch Tee angesetzt wurde.

„Nun, Frau de Fries, was führt sie zu mir?“ wollte der Bürgermeister von dem ehemaligen
Kettenmädchen wissen.

„Ja, Herr Bürgermeister,“ erklärte Monika, „es ist einfach so, wir kommen mit der Kapazität der Käserei
nicht mehr aus, es wird mehr Milch geliefert als wir verarbeiten können, und wir dürfen doch nicht nur
die Milch von einigen verarbeiten, sondern müssen allen die Möglichkeit geben, mehr an der Milch zu
verdienen.“

„Das ist wohl war!“ entgegnete der Bürgermeister, der gerne selbst noch mehr Milch zur Käserei gelie-
fert hätte und somit großes Verständnis für diese Situation hatte.

Auch der Advokat meldete sich zur dieser Angelegenheit zu Wort und sprach den Bürgermeister an: „Ich
denke, es wäre sinnvoll, wenn Frau de Fries, vorausgesetzt natürlich, der Rat ist überhaupt einverstan-
den, sich eine neue Käsereieinrichtung selbst begutachten würde, schließlich handelt es sich dabei um
eine nicht unerhebliche Investition.“

Noch ehe er eine Antwort bekommen konnte, kamen die ersten Ratsmitglieder ins Haus, Monika verab-
schiedete sich, während Meyerdirks sich zu den Ratsherren begab und sie begrüßte.

Nach der offiziellen Eröffnung kam der Bürgermeister schnell auf den ersten Punkt: Sofortige Ablösung
von der Bültena durch Anteus Cirksena, der damit dann die monatlichen Bezüge der Aufseherin bezie-
hen würde. Einstimmung wurde dieser Vorschlag begrüßt, und der inzwischen eingetroffene Anteus
gefragt, ob er bereit wäre, diesen nicht schlecht bezahlten Posten zu übernehmen.

Der überlegte nicht lange, sondern war sofort einverstanden, jetzt war er nicht mehr auf den kargen
Lohn eines Knechts angewiesen, sondern würde sein eigenes Einkommen haben, was ihm ermöglichte,
Janette zu fragen, ob sie seine Frau werden wolle.

Anteus bedankte sich für das ihm entgegengebrachte Vertrauen, versprach gute Arbeit zu leisten und
ging zur Schmiede, um seiner Liebsten von der für ihn unverhofften Wendung zu berichten.

Der Rat behandelte inzwischen den nächsten Punkt der Tagesordnung, schnell war man sich darüber
einig, dass Bültena sich nicht nur am Allgemeingut bereichert hatte, sondern auch die ihr anvertrauten
Kettenburschen mehr als nur schlecht behandelt hatte, keiner Bauer im Land der alten Dörfer würde sich
erlauben, auch nur ein Schwein so schlecht zu behandeln.

Scheinbar stand keiner der Ratsherren auf gutem Fuß mit der Bültena, denn die vom Pastor geforderte
Maßnahme und Bestrafung fand allgemeinen Beifall und es wurde beschlossen, möglichst bald zur Tat
zu schreiten.

Die Sitzung wurde kurz gestört, Frau Bürgermeister stellte Kannen mit frisch gebrühtem Tee auf den
Tisch, den die Herren nach dieser harten Sitzung gut gebrauchen konnten. Doch noch waren nicht alle
Punkte erledigt, nun schnitt der Bürgermeister das Thema mit der Erweiterung der Käserei an.

Was Wunder, dass die Ratsmitglieder schnell mit einer Vergrößerung einverstanden waren, denn bis auf
einen waren sie doch alles Bauern, die von der Käserei profitierten. Auch gegen eine Reise in die Welt
von Monika de Fries hatten sie nichts einzuwenden, hatte diese Frau die Käserei doch überhaupt erst
eingeführt und bisher auf das Beste verwaltet.

Glücklich und zufrieden, alle Angelegenheiten so schnell und reibungslos über die Bühne gebracht zu
haben, standen die ersten Ratsherren schon auf und wollten den Raum verlassen, doch da meldete sich
Anwalt Meyerdirks zu Wort. „Meine Herren, so leid es mir tut, eine Sache gäbe es da noch zu bespre-
chen.“

Die Ratsherren sahen sich verwundert an, was um aller Welt gab es denn nun wieder für ein Problem,
und außerdem war fast Mittag, da würde es nun wirklich Zeit, wieder nach Hause zu gehen. Doch der
Advokat war eine Respektsperson, und so setzten die Herren sich wieder hin.

Nun erzählte Meyerdirks dem Rat von der in der Welt bestehenden Nachfrage nach Keuschheitsgürteln,
kam auf die Schwierigkeiten mit dem Betreten unbefugter Personen in das Land der alten Dörfer zu spre-
chen, erzählte ihnen von dem Vorschlag, sich eine zweite Tjalk zuzulegen und berichtete auch, dass
Janette bereit wäre, die Schmiedearbeiten auf dem Schiff zu erledigen.

Als der Anwalt geendet hatte, machte sich zuerst Schweigen am Tisch breit, doch dann hagelte es
Proteste: Das wäre nun wirklich eine Risiko, eine weitere Tjalk käme viel zu teuer, die Sache würde sich
nicht rechnen lassen, und überhaupt, sie wären Bauern und keine Schmiede oder Seeleute.

Anwalt Meyerdirks kannte seine Leute, und so hatte er eine Expertise vorbereitet, die er nun dem Rat
vorlegte. Als die Herren sahen, wie viel ein einziger Keuschheitsgürtel kosten sollte, lachten sie lauthals
und konnten sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass jemand nur für einen Tugendwächter so viel
Geld ausgeben würde, doch schnell wurden sie von Meyerdirks eines besseren belehrt, der ihnen erzähl-
te, was alleine er schon für einen Preis für den Keuschheitsgürtel, den seine Tochter tragen sollte, mit
dem Schmied vereinbart hatte.

Zwar war der Rat auch jetzt noch nicht vollkommen überzeugt, scheute vor allen Dingen die Kosten für
die Tjalk, aber als ihnen klargemacht wurde, dass so ein Schiff jederzeit wieder zu verkaufen wäre und
somit die ganze Sache risikolos wäre, fand der Plan schon eher ihre Zustimmung, und als sie dann noch
hörten, wie viel der Schmied an Steuern in die Gemeindekassen abführen müsste, waren sie einverstan-
den, außerdem wurden sie jetzt aber mehr als dringend zu Hause zum Essen erwartet, was dann wohl
wirklich den Ausschlag für die Zustimmung gab.

Meyerdirks wurde dann von den Bürgermeisterleuten zum Essen eingeladen, was er dankbar annahm,
denn seine feine Nase hatte ihm schon verraten, dass es heute Aalsuppe geben würde.

Noch nicht einmal drei Tage später standen an einem Vormittag der gesamte Rat inklusive Anteus
Cirksena vor dem Turm, um der Gerechtigkeit zu ihrem Lauf zu verhelfen, eine wichtige Person fehlte
zwar noch, die war aber schon auf dem Weg und würde in Kürze eintreffen.
Teil 101

Die Herren des Rats bauten sich in einer Reihe vor der Turmtür auf, der Bürgermeister klopfte energisch
an die Tür und kurz darauf wurde ihnen von der Bültena geöffnet.

„Was für eine Ehre, der gesamte Rat kommt auf einen Besuch zu mir.“ schleimte die Bültena und rief
nach hinten: „Heinz, setz sofort Teewasser auf, hoher Besuch ist gekommen.“

Nicht nur der Bürgermeister, nein, der gesamte Rat sah sie mit finsteren Blicken an, die zu fühlende
Feindseeligkeit gegenüber der Aufseherin war fast körperlich zu spüren.

„Wir sine nicht zum Teetrinken oder auf einen Plausch hierher gekommen, Esmiralda Bültena, sondern
um euch für die Schandtaten, die ihr begangen habt, zur Verantwortung zu ziehen.“ sagte der
Bürgermeister barsch.

„Meiner Treu, Herr Bürgermeister, von welchen Schandtaten sprecht ihr nur, ich habe nur immer meine
Pflicht getan und mir nie etwas zu Schulden kommen lassen.“

„Das sehen der Rat und ich aber von ganz einer anderen Seite,“ erwiderte der Bürgermeister, der zur sei-
ner großen Befriedigung das sich nahende Rumpeln von Pferdefuhrwerken hören konnte.

„Ihr guten Herren, ich weiß wirklich nicht, warum ihr mich so böse anseht, habe ich denn in irgendei-
ner Weise euer Missfallen erregt?“

„Unterschlagung von Lebensmitteln und Kleidung für die Kettenburschen, Verwahrlosung und
Schlamperei, schamlose Bereicherung, das sind die Punkte, derer ihr euch schuldig gemacht habt,
Esmiralda Bültena, schmählich habt ihr das in euch gesetzte Vertrauen missbraucht, was das ganze Land
der alten Dörfer in euch gesetzt hatte.“ rief der Pastor empört.

„Das ist doch nicht wahr,“ entgegnete die Bültena, „immer bin ich dazu angehalten worden so sparsam
wie möglich zu wirtschaften, was ich ja auch gemacht habe, und genau das will man mir jetzt als ein
Vergehen vorwerfen?“

„Und wieso hortet ihr im Keller Mettwürste, Schinken, Käse und Butter, eingelegte Gurken,
Schnippelbohnen und andere Sachen, und wieso habt ihr haufenweise Seife und Kleidung für die
Burschen dort liegen, ja noch nicht einmal die Wolldecken habt ihr herausgegeben, was seid ihr eigent-
lich für ein Mensch?“ fragte der Bürgermeister ziemlich sauer, dem das Gehabe der Aufseherin nun wirk-
lich gegen den Strich ging.

Die Bültena sah von einem zum anderen, jetzt merkte sie, dass die Sache bitterernst und höchstgefähr-
lich wurde, versuchte aber immer noch, das Beste aus der Sache zu machen. „Das sind nur Vorräte für
schlechte Zeiten.“ versuchte sie sich aus der Affäre zu ziehen, doch diese verlogene Antwort ließ sie nur
noch mehr in Ungnade fallen.

„Bringt die Kettenburschen hierher!“ befahl der Bürgermeister, und zum ersten Mal seit langer Zeit stieg
sie selbst die Treppen hoch, um die Gittertüren zu öffnen. „Seht zu, dass ihr nach unten kommt, und
höre ich ein falsches Wort von euch, werdet ihr es noch bitter bereuen, das schwöre ich.“ fauchte sie die
Burschen an.

Sie scheuchte die Burschen die Treppen hinunter und jagte sie vor die Tür. Dort waren inzwischen 3
Fuhrwerke angekommen, zwei leere Ackerwagen und die fahrbare Feldschmiede von Meister Düring. Die
Männer, die mit den Ackerwagen gekommen waren, bekamen sogleich den Befehl, sämtliche Vorräte aus
dem Turmkeller auf den einen der Wagen zu schaffen, während Düring anfing, seine Feldschmiede auf-
zubauen und anzuheizen.
Es war kaum zu glauben, was aus dem Keller alles zum Vorschein kam, der Ackerwagen füllte sich immer
mehr. Während der Bültena bei dem Anblick das heulende Elend überkam, staunten die Ratsherren nicht
schlecht, was diese Frau alles zusammengetragen hatte, während die Kettenburschen voller Verlangen
und Heißhunger auf die Lebensmittel blickten, die ihnen vorenthalten worden waren.

Nachdem der Keller ausgeräumt war, sah sich der Rat noch einmal die Kettenburschen genauer an, tat-
sächlich waren sie verdreckt, verlaust und unterernährt, die Kleidung bestand nur noch aus Lumpen und
sie gaben einen Gestank von sich, der nicht auszuhalten war.

Der Bürgermeister ging mit dem Rat zur Seite und flüsternd unterhielten die Herren sich. Schon nach
wenigen Minuten nickten sie alle mit den Köpfen und kamen zu dem Turm zurück, wo der Bürgermeister
das Wort ergriff.

„Esmiralda Bültena, ihr habt das in euch gesetzte Vertrauen auf das Schändlichste missbraucht und euch
nicht nur bereichert, sondern diese Burschen schlechter als Vieh behandelt. Aus diesem Grund hat der
Rat beschlossen, euch eures Postens zu entheben und einer gerechten Bestrafung zuzuführen.

Während er nun das einstimmig beschlossene Urteil verlas, blickte Bültena den Rat mit ungläubigen
Augen an. Mit zittrigen Knien ließ sie sich auf die Bank fallen und keuchte entsetzt: „Das könnt ihr doch
nicht im Ernst meinen, das dürft ihr nicht machen.“ doch an den verschlossenen Gesichtern der Männer
konnte sie erkennen, dass es bitterer Ernst war.

102

Doch, der Rat meinte es wirklich ernst mit seinem Urteil, eine Frau wie die Bültena gehörte nicht in das
Land der alten Dörfer und war ab sofort geächtet. Da es in diesem Land kein Gefängnis gab, hatte der
Rat beschlossen, Esmiralda Bültena bis zum Ende ihres Lebens in den alten Wehrturm zu verbannen.

Nun war der Schmied an der Reihe, seinen Teil zur Bestrafung der ehemaligen Aufseherin zu leisten.
Sobald die Kohlen in der Esse heiß genug waren, forderte er Bültena auf, zu ihm an die Feldschmiede
zu kommen, um sich in Eisen legen zu lassen. Die weigerte sich energisch, der Aufforderung Folge zu
leisten, und wie nun der Schmied und Anteus Cirksena auf sie zugingen, um sie mit Gewalt zur
Feldschmiede zu bringen, rief sie ihre Schäferhunde zu sich.

„Blexen, Sarbas, hierher zu mir!“ Die Hunde stürmten zu ihr hin, und kaum machten Düring und Anteus
noch einen Schritt auf die Bültena zu, fingen die beiden Bestien an die Zähne zu fletschen und zu knur-
ren. Mit diesem Widerstand hatten die beiden nicht gerechnet und machten langsame Schritte nach hin-
ten, um nicht von den Hunden angefallen zu werden.

Der Rat sah sich vor ein ungeahntes Problem gestellt, dass er so nicht zu lösen wusste, doch waren es
die Kettenburschen, die den Lauf der Gerechtigkeit aufgehalten sahen und sich doch nichts mehr
wünschten, als das die verhasste Aufseherin für das, was sie ihnen angetan hatte, bestraft werden würde.

„Grundgütiger Gott, nun haben wir aber ein Problem.“ rief der Pastor, „was machen wir denn jetzt?“
Darauf konnte ihm keiner der Ratsherren eine Antwort geben, denn die Hunde machten ihnen doch mehr
den Eindruck von wilden Wölfen als von Schäferhunden und keiner von ihnen wollte das Risiko einge-
hen, von einem der Tiere angefallen zu werden.

Da meldete sich Werner ganz zaghaft, indem er wie früher in der Schule die Hand noch oben hielt. „Was
willst du?“ fragte der Bürgermeister.

„Entschuldigen sie bitte, aber wenn sie die Hunde aus dem Weg haben wollen, gäbe es eine Möglichkeit.“

„Ach ja, willst du dich um die Hunde kümmern?“ wollte der Bürgermeister von ihm wissen.
„Nein, nein“, wehrte Werner sofort ab, „aber Heinz wird mit den Kötern fertig.“

„Wer ist Heinz?“

„Der Vertraute von der Frau Bültena.“

„Nun sieh mal einer an, der Vertraute von der Bültena, das wird ja immer schöner hier! Wer von euch
ist denn dieser Heinz?“

„Ich, Herr Bürgermeister“, meldete Heinz sich mit Angstschweiß auf der Stirn zu Wort und kam aus der
Turmstube heraus, wo er sich bisher unbemerkt aufgehalten hatte.

Tatsächlich hatte sich bisher keiner die Mühe gemacht und nachgezählt, ob auch wirklich alle
Kettenburschen vor den Turm gebracht worden waren, und so war die Verwunderung über die eigene
Nachlässigkeit doch recht groß.

„Hören die Hunde auf dich, hören sie auf dich mehr als auf ihre Herrin?“ wollte der Bürgermeister wis-
sen.

„Ich glaube schon.“ gab Heinz vorsichtig zur Antwort.

„Dann ruf die Hunde zu dir und leg sie an die Leine.“ forderte der Bürgermeister ihn auf.

„Einen kleinen Moment noch, bitte, ich bin sofort wieder da.“ sagte Heinz und ging in das Turmzimmer,
um gleich darauf mit zwei Fleischknochen zurück zu kommen.

„Sarbas, Blexen, hierher zu mir.“ rief er den Hunden zu, die jetzt sichtlich verwirrt waren. Einerseits hat-
ten sie ihre Herrin zu verteidigen, auf der anderen Seite war da dieser Bursche, der für ihr Fressen sorg-
te, sie bürstete und neben dem sie jede Nacht schliefen. Nach kurzem Zögern der Tiere siegte ihr
Selbsterhaltungstrieb, und so liefen sie auf Heinz zu, um sich von ihm die Knochen geben und sich von
ihm an die Leine legen zu lassen.

Esmiralda Bültena, die bis dahin noch selbstsicher gegrinst hatte, fiel schlagartig die Kinnlade herunter,
doch am Ende war sie noch lange nicht. Sie suchte ihr Heil in der Flucht und wollte durch die Linie der
nebeneinander stehenden Kettenburschen hindurchbrechen, die aber waren sich auf Schlag einig und
vereitelten die Flucht.

Nun hatten Düring und Anteus leichtes Spiel, sich der ehemaligen Aufseherin zu bemächtigen und ihr
die Hände auf dem Rücken zusammenzubinden. Während sie die Bültena zur Feldschmiede führten,
hatte Janette, deren Anwesenheit in diesem Fall unerlässlich war, bereits ein passendes Halseisen her-
ausgesucht, das der sich immer noch wehrenden Bültena um den Hals geschmiedet wurde.

Schnell bekam sie auch Fußfesseln mit einer kurzen Kette dazwischen angelegt, ebenso schnell war auch
eine Eisenkugel an der kurzen Fußkette befestigt. Etwas schwierig wurde es, als ihr die Handfesseln
angelegt werden sollten, da man ihr dafür die Hände hinter dem Rücken losbinden musste. Sie wollte
dann auch gleich anfangen auf die Schmiedeleute loszuprügeln, doch Anteus hatte kein Problem damit,
sie in jeder gewünschten Lage festzuhalten. So wurden ihr dann auch die Armreifen fest angeschmiedet,
und die Kette, die ihre Armreifen verband, vorher noch durch den Ring des Halseisens gezogen. Zu guter
Letzt wurde ihr noch eine Laufkette angelegt, die so lang war, dass sie alle Räume im Turm erreichen
konnte. Das Ende dieser Kette wurde von Meister Düring so gut befestigt, dass noch nicht einmal ein
Elefant sich hätte losreißen können.

Jetzt war Janette an der Reihe, ihre Arbeit zu erledigen. Aus der Werkstatt hatte sie einen schweren
Keuschheitsgürtel mitgebracht, den sie jetzt aus der Feldschmiede holte und der Bültena anlegen woll-
te. Doch die wehrte sich trotz ihrer Eisenfesseln mit Händen und Füssen, so das nichts anderes übrig
blieb, als ihr noch mal die Hände auf den Rücken zu fesseln.

Nachdem sie in den Turm verbracht und die Tür geschlossen worden war, sagte Janette zu ihr: „Wenn
du mir jetzt noch einmal Schwierigkeiten machst, lasse ich Anteus Cirksena hereinkommen, der mir dann
zur Hand gehen wird.“

Das wollte sie auf jeden Fall vermeiden, und so ließ sie sich zähneknirschend den Tugendwächter anle-
gen. Fast wäre Bültena von dem Gürtel verschont geblieben, denn nur mit Mühe und Not gelang es
Janette, den Taillengurt zu schließen, doch schließlich rastete der Gurt auf der weitesten Stufe ein und
sie konnte das Schloss anbringen.

„Der ist doch viel zu eng, du dusselige Kuh!“ brüllte die ehemalige Aufseherin, was ihr eine schallende
Ohrfeige von Janette einbrachte.

Nachdem Janette ihr die Hände wieder befreit hatte, ließ sie die Gefangene stehen und ging zu den ande-
ren vor dem Turm. Bültena nutzte die Zeit um nachzusehen, was ihr an Proviant übrig geblieben war,
doch aus Graupen, Zwiebeln, altem Brot und schon angegammelten Kartoffeln konnte sie nichts finden.

Während die Bültena sich nun in wüsten Beschimpfungen erging, wurden die Kettenburschen auf den
eines der Fuhrwerke verladen, außer Heinz, der mit den Hunden an der Leine dem Wagen hinterher zu
laufen hatte.

Die Burschen freuten sich über alle Maßen, der Schikane durch die Aufseherin entkommen zu sein und
sahen wieder Licht am Ende des Tunnels, sie wussten zwar nicht, was man mit ihnen vorhatte, doch
schlimmer als im Turm gewesen war würde es wohl nicht werden können. Der einzige, dem vor der
nächsten Zeit graute, war Heinz, der die Rache seiner Mitgefangen fürchtete.

Endlich setzte sich der Konvoi in Bewegung, vorweg die Ratsherren in den Kutschen, dann der Wagen
mit den Vorräten, dahinter Meister Düring mit seiner Feldschmiede und zum Schluss das Fuhrwerk mit
den Burschen darauf, am Ende Heinz mit Sarbas und Blexen an der Leine. Hinter Heinz waren nur noch
2 Reiter auf ihren Pferden, die ein wachsames Auge auf die Burschen hielten.

So zogen sie langsam durch das Land der alten Dörfer, dem neuen Bestimmungsort der Kettenburschen
entgegen.

Teil 103

Der erste Teil des Weges führte nach Hohedörp, dort trennten sich die Ratsherren von dem Transport,
auch Schmiedemeister Düring ging in seine Werkstatt zurück, doch Janette übernahm die fahrbare
Feldschmiede. Während sich die Begleitpersonen mit belegten Broten und heißem Tee stärkten, sahen die
Burschen mit knurrenden Mägen neidvoll zu. Zwar erregte das heruntergekommene Aussehen wohl
etwas Mitleid bei den Frauen, die den Männern die Stärkung brachten, doch hatten sie keine Order
bekommen, auch die Burschen zu versorgen und so gingen die Gefangenen leer aus bis auf einen Eimer
Wasser mit einer Kelle darin, aus der sie dann nacheinander ihren Durst löschen konnten.

Endlich ging die Fahrt weiter, langsam aber stetig nährte man sich dem Ziel. Die Gegend wurde immer
kahler, einsam und verlassen. Hier wuchsen nicht einmal mehr Bäume, nur ein paar Sträucher sahen sie
am Wegesrand. Dann war von fern ein Dorf zu sehen, und als sie langsam näher kamen meinte einer
der Burschen namens Torsten leise zu den anderen: „Das muss dieses Dorf Moorum sein, jetzt weiß ich,
was auf uns zukommt.“
Die anderen sahen ihn verständnislos und fragend an, und so sprach er flüsternd weiter: „Nach diesem
Ort kommt nur noch ein schmaler Knüppeldamm durch ein Moor, und am Ende des Weges liegt eine
Torfabbaustelle, die früher eine Art Straflager für die Kettenmädchen war.“

„Woher willst du das denn wissen, du Klugscheißer?“ fragte Werner.

„Du kannst Heinz ja mal fragen, der hat mir gesagt, was die Bültena ihm erzählt hat.“

„Straflager, na Klasse, vom Regen in die Traufe!“ meinte niedergeschlagen einer der Burschen.

„Was soll’s,“ meinte Werner, „jedenfalls sind wir die Bültena los, und schlechter als im Turm kann es
dort auch nicht werden.“

„Es gibt noch einen großen Vorteil,“ gab Torsten sein Wissen preis, „dieses Moor liegt dicht an der
Grenze vom Land der alten Dörfer, wenn es überhaupt möglich ist von hier zu entkommen, dann von
dieser Stelle aus.“

Nachdenkliches Schweigen machte sich unter den Burschen breit, jeder hing seinen eigenen Gedanken
über eine Flucht nach, und es war keiner dabei, der nicht über eine Flucht nachdachte.

Die drei Fuhrwerke rumpelten über die schlechte Strasse in den Ort Moorum hinein, die Burschen sag-
ten nichts mehr und sahen sich nur um. Hier standen nur kleine Häuser, einfach und primitiv gebaut,
auch die wenigen Menschen, die sie sahen, machten keinen besonders glücklichen Eindruck. Wenn es
hier schon so erbärmlich aussah, was würde sie dann erst im Moor erwarten? So waren ihre Gedanken,
als die Kutscher die Pferde zum Stehen brachten und die Burchen den Befehl bekamen von dem
Fuhrwerk abzusteigen.

Sie standen vor der Hütte, in der auch Anja schon eine schlimme Nacht verbracht hatte, aber im
Gegensatz zu Anja wurden sie nicht gleich in die Hütte gebracht, sondern hatten sie vor der Tür auf die
Erde zu setzen. In der Zwischenzeit hatte Janette in der Nähe einer Scheune die Feldschmiede aufgebaut,
heiße Kohlen wurden ihr aus einem der Häuser gebracht und nach kurzer Zeit war die Esse betriebsbe-
reit.

Jetzt wurden die ersten zwei der Kettenburschen weggeführt, mussten in die Scheune, bei der die
Feldschmiede stand, hineingehen, dort wartete Janette bereits auf die Burschen. Beide Jungs wurde an
dem Halseisen eine längere Kette befestigt, danach riss Janette ihnen die Lumpen vom Leib und befrei-
te sie von den Keuschheitsgürteln.

Die Burschen konnten ihr Glück gar nicht fassen, endlich waren sie nach so langer Zeit zum ersten Mal
die verhassten Keuschheitsgürtel los. Oh, was war das für ein herrliches Gefühl, und beide konnten es
nicht bleiben lassen, Hand an ihr Gemächt zu legen.

„Die Hände auf den Rücken, aber sofort!“ befahl ihnen die Stimme von Anteus Cirksena, der seine Braut
bei der Arbeit unterstützte.

Vollkommen eingeschüchtert gehorchten sie sofort der Aufforderung, und nur Sekunden später waren
ihre Arme auf dem Rücken gefesselt.

„Du bist als erster dran!“ bestimmte Anteus, der neue Aufseher, und drückte den einen der Burschen auf
einen Hocker. Dem wurde Angst und Bange, konnte sich der arme Kerl doch nicht vorstellen, was nun
mit ihm passieren würde. Ehe er sich versah, wurde er von sämtlichen Körperhaaren befreit, anschlie-
ßend musste er sich in einen hölzernern Trog setzen, der mit einer stark übelriechenden Flüssigkeit
gefüllt war. Das Gute an der Flüssigkeit war, dass sie eine durchaus angenehme Temperatur hatte, doch
schon nach kurzer Zeit in dem Bad find die Haut an zu jucken. Wie der Bursche nun meinte, den Juckreiz
nicht mehr aushalten zu können, durfte er aus dem Trog heraussteigen und sich in eine mit Wasser
gefüllte Zinkwanne legen. Auch hier war die Temperatur durchaus angenehm, doch schon nach weni-
gen Minuten musste er die Wanne verlassen.

Nackt, aber zumindest mit gereinigtem und wenn auch haarlosem Körper stand er in der Scheune, fühl-
te sich trotz der auf dem Rücken zusammengebundenen Hände endlich mal wieder sauber und als
Mensch, als Janette auf ich zukam und mit einer Schnur die Weite seiner Taille nahm. Nur Minuten spä-
ter kam sie mit einem passenden Keuschheitsgürtel, der auch wieder mit einem Stachelbehältnis für den
Freudenspender versehen war, wieder zurück.

Nun folgte die gleiche Prozedur wie bei der Einlieferung in das Land der alten Dörfer: Janette nahm
reichlich Pferdesalbe in die Hand und bestrich damit die Körperteile, die gleich wieder von Eisen
umschlossen sein würden. Zwar zuckte der Bursche bei der Behandlung zusammen, aber auf solche
Kleinigkeiten hatte Janette noch nie Rücksicht genommen.

„Beine breit machen!“ sagte sie nur, und schon bekam der Bursche eine geballte Ladung der hervorra-
genden Pferdesalbe an seine intimsten Stellen geklatscht. Darauf hin wurde ihm sofort ein jetzt wieder
genau passender Keuschheitsgürtel umgelegt, der mit einem schweren Schloss gesichert wurde.

Nun hatte der Rat beschlossen, in Zukunft bei den Kettenburschen auch verstärkt auf saubere Kleidung
zu achten, aber das Wechseln der Kleidung bei angelegten Hand- und Fußfesseln war doch sehr
umständlich.

So kamen die Frauen auf die Idee, den Burschen eine Art Sack zu nähen, der auf den Schultern geknöpft
werden konnte. Die Begeisterung über dieses neue Kleidungsstück hielt sich absolut in Grenzen, doch
was blieb dem Burschen anderes übrig als zu gehorchen?

Teil 104

Als der erste gewaschene, entlauste, kahlgeschorene und in eine Art Sack gekleidete Kettenbursche zu
seinen Kameraden zurückgebracht wurde, konnten die sich bei dem Anblick ihres Leidensgenossen vor
Lachen nicht halten. Zugegebenerweise sah er auch wirklich bescheuert aus, durch die geschorenen
Haare kamen seine Segelohren richtig zur Geltung und seine neue Bekleidung machte einen ziemlich
lächerlichen Eindruck.

Noch während die anderen lauthals lachten und ihre mehr als gemeinen Kommentare abgaben, brüllte
der Bursche zurück.: „Lacht nur, ihr Idioten, aber was glaubt ihr wohl, wie ihr gleich aussehen werdet!“

„Ruhe hier und ab in die Hütte.“ kam der Befehl eines Aufsehers, und so suchte er sich einen Platz in
dem Raum aus. Es dauerte nicht lange bis er Gesellschaft bekam, der zweite der Burschen war gerade
mit seiner Behandlung fertig geworden und ebenfalls in die Hütte geschickt worden. Diesmal war es der
Erstbehandelte, der sich bei dem ungewohnten Anblick seines Kameraden ein Grinsen nicht verkneifen
konnte.

Nach und nach füllte sich der Raum, jeder Neuankömmling bekam den gutmütigen Spott der Kameraden
zu hören, aber da sie alle im gleichen Boot saßen, nahm es auch keiner übel. Zumindest wurden sie jetzt
nicht mehr von Läusen und anderem Ungeziefer gequält, auch war es ein gutes Gefühl, wieder einmal
gewaschen und sauber zu sein, solange sie bisher im Land der alten Dörfer waren, hatten sie dieses
Gefühl nicht mehr erleben dürfen.

Als letzter wurde Heinz, der vorher die Hunde in einer naheliegenden Scheune hatte anbinden müssen,
der allgemeinen Reinigungsbehandlung unterzogen. Verständlicherweise hatte er eine Todesangst, auch
in den Raum eingesperrt zu werden, wo die anderen Kettenburschen saßen. Doch das Risiko ging Anteus
Cirksena, der neue Aufseher, nicht ein und so wurde er in die Scheune zu den Hunden gebracht und dort
angekettet.
In der Hütte saßen die Burschen auf dem Stroh, strichen sich selbst immer wieder über die eigene, unge-
wohnte Glatze oder versuchten, die Position der jetzt wieder stramm anliegenden Keuschheitsgürtel zu
ändern, um etwas gemütlicher sitzen zu können. Doch Janette hatte ganze Arbeit geleistet, die
Tugendwächter saßen so genau an den Körpern, dass die Burschen die Bemühungen schon bald aufga-
ben.

Noch während die Kettenburschen sich leise über ihre Zukunft unterhielten, betraten drei Frauen den
Raum. Die eine brachte einen Stapel Schalen und Holzlöffel, die anderen einen großen Topf mit
Steckrübeneintopf. Nachdem sie die Sachen in der Mitte des Raumes abgestellt hatten, verließen sie die
Hütte wieder und verschlossen die Tür von außen. Der Eintopf roch hervorragend, und genau so sah er
auch aus, denn außer den Steckrüben war noch frisches Gemüse wie Zwiebeln, Karotten, Lauch, Sellerie
und reichlich Nackenfleisch mitgekocht worden.

Was für ein Festmahl, die Burschen hauten sich die Wampe voll bis nichts mehr hineinging und tatsäch-
lich schafften sie es, den Topf ratzekahl leer zu machen. Kurz darauf kamen die Frauen wieder, um den
Topf und die Schalen und Löffel abzuholen. Die Burschen lagen bewegungslos auf dem Stroh und hiel-
ten sie die Bäuche fest, da gab es nicht einen, der von der ungewohnt guten und reichlichen Mahlzeit
Bauchschmerzen hatte. Dazu kam auch noch, dass die jetzt wieder eng sitzenden Keuschheitsgürtel sich
spürbar durch Kneifen und Zwicken bemerkbar machten.

Spät am nächsten Morgen, erst eine Stunde nach dem ersten Hahnenschrei, wurde die Tür der Hütte von
Anteus geöffnet und die Burschen hatten vor der Tür anzutreten. 10 Schubkarren standen dort in einer
Reihe, jeder hatte sich hinter eine der Karren zu stellen und seine Eisenkugel hineinzulegen. Nachdem
die Karren nun mit Proviant bepackt waren, hatten sie die Karren aufzunehmen und in Richtung Moor
zu schieben.

Hinter den neun Burschen lief Heinz mit den beiden Hunden, auch er schob eine Karre, die mit Töpfen
und Pfannen vollbepackt war. Ganz zum Schluss marschierte Anteus Cirksena zusammen mit einem
älteren Mann namens Temmo, der ihm bei der Arbeit im Moor helfen sollte.

Während Anteus sich interessiert umsah (er war schon viele Jahre nicht mehr im Moor gewesen), wur-
den den Burschen beim Anblick dieser Einöde angst und bange. Kein Haus, kein Baum, vielleicht mal
ein dürrer Strauch, ansonsten nur das Quaken der Frösche, und das mal ein Hase aufsprang oder ein
Moorhuhn hochflog.

Über den holperigen, schmalen Knüppeldamm ging es immer weiter, doch war Anteus kein Unmensch
und ließ alle ½ Stunde eine kurze Rast einlegen. Der letzte Mut verließ die Burschen, als sie dann end-
lich das Moorlager erreichten, hier schien es ihnen nur Elend und Öde zu geben.

Zumindest hatten die Hütten die letzte Zeit gut überstanden, und so reinigten die Burschen ihr neues
Domizil, während Heinz Temmo und Anteus zur Hand gehen musste, die sich um ihre eigene Hütte küm-
merten.

Kaum war es einigermassen sauber, als die Kettenburschen sich wieder vor die Schubkarren stellen muss-
ten, um an diesem Tag den Weg nach Moordorf noch einmal hin- und zurück zu machen, da noch etli-
ches an Proviant und Ausrüstung in dem Dorf gelagert war. Begleitet wurden sie dabei von Anteus, der
schon dafür sorgen wollte, dass ihm keiner der Burschen entkam. Heinz hingegen hatte sich um die
Kochstelle zu kümmern und ein Essen für den Abend vorzubereiten.

Teil 105

So langsam spielte sich das Leben im Torflager ein, 9 der Burschen gingen von Montags bis Sonnabends
zum Torfstechen, immer umschichtig begleitet von Anteus oder Temmo, während Heinz sich um das
Essen und alle anderen Arbeiten im Lager kümmerte.

Die Verpflegung war anständig, und so hatten die Burschen sich von dem Turmaufenthalt wieder eini-
germassen erholt. Auch die hygienischen Bedingungen hatten sich wesentlich verbessert, jeden Samstag
durften sie baden und bekamen frische Kleidung.

Hart aber war die doch schwere Arbeit des Torfstechens und die Langeweile an den Abenden und am
Sonntag. Im Laufe der Zeit waren alle Geschichten erzählt worden, kein Witz, den man nicht schon meh-
rere Male gehört hätte, und das Thema Mädchen wurde überhaupt nicht angeschnitten, weil jedes Mal,
wenn einer von seiner Freundin erzählte und die Jungs sich das Mädchen vor ihrem geistigen Auge vor-
stellten, ein kollektives Wehklagen ausbrach, weil die Dornen in der Eisenröhre sich mehr als schmerz-
haft bemerkbar machten.

Es war ungefähr eine Woche nach der Umsiedlung der Kettenburschen von dem Turm ins Torflager, als
Monika und Janette sich zur ihrer großen Reise rüsteten. Die wenigen Sachen, die sie für die Reise
brauchten, waren schnell gepackt, da machte der Proviantkorb, der mit auf die Reise sollte, schon
wesentlich mehr Arbeit. Butter, Eier, Brot, Schinken, Käse, kaltes Hühnchen, eingelegte Gurken, Kürbis,
Rote Bete, usw., es war schon beachtlich, was da alles zusammen kam.

Für Monika war es das erste Mal nach der Geburt ihres Kindes, dass sie wieder einen Keuschheitsgürtel
umlegt bekam. Es war erst ein ungewohntes, schnell aber wieder ein vertrautes Gefühl, sicher verschlos-
sen zu sein. Aber darüber machte sie sich sowieso keine Gedanken, denn sie wusste ja, dass sie um den
Keuschheitsgürtel nicht herum kam.

Frühmorgens nach der Arbeit spannte Wilko die Pferde auf die Kutsche, verlud den Berg von Proviant
und die kleine Reisetasche und schon ging es los nach Hohedörp. Dort wartete Janette bereits ungedul-
dig, nach der langen Zeit im Land der alten Dörfer freute sie sich darauf, ihre Eltern und Geschwister in
Holland wieder zu sehen.

Wilko wollte, nachdem Janette in die Kutsche gestiegen war, gerade weiterfahren, als Frau Düring aus
dem Haus kam, hatte sie doch auch noch einen Fresskorb fertig gemacht. Kopfschüttelnd fragte sich
Wilko, wer um alles in der Welt den ganzen Proviant verzehren solle, aber die beiden Frauen meinten,
dass Seeluft gewaltig Appetit machen würde.

Weiter ging die Fahrt nach Texlum, wo schon Advokat Meyerdirks auf die Gruppe wartete. Nach der all-
gemeinen Begrüssung wurde das Gepäck und der Proviant auf Schubkarren verladen und über den Deich
gebracht.

Auch Wilko de Fries war mit auf den Deich gestiegen, wollte er sich bei dieser Gelegenheit die Neuerung
im Wattenmeer einmal selbst ansehen. Das Wasserwirtschaftsamt hatte Dalben (Pfähle) in das
Wattenmeer rammen lassen und Schwimmstege angebracht, so brauchte die Tjalk jetzt nicht mehr zu
ankern, sondern konnte an dem Steg festmachen, auch fiel so das mühsame Übersetzen mit dem
Rettungsboot weg.

Nachdem Wilko sich verabschiedet hatte, zog die Reisegruppe weiter zu der Tjalk, wo sie mit grossem
Hallo begrüsst wurden. Schnell waren die Sachen an Bord verstaut, der Hilfsdiesel war schon warmge-
laufen. Nachdem die Vor- und Achterleine eingeholt war, wurde erst die Achterspring, dann die
Vorspring losgeworfen und die Reise konnte beginnen. Kurz nach dem Auslaufen wurden die Segel
gesetzt, wobei Janette tatkräftig mit anpackte. Wo sonst die beiden Matrosen unter Einsatz ihrer ganzen
Kraft die Taue bedienten, stand nun Janette und bewerkstelligte die Arbeit allein, sehr zur Freude der
Matrosen, die sich nur allzu gern die Arbeit aus der Hand nehmen liessen.

Nach Austausch der wichtigsten Neuigkeiten gingen die beiden Frauen in die Kombüse, um mal wieder
einen „Monika-Spezial“ zuzubereiten, selbstredend wurde auch Tee zu aufgebrüht. Bei Windstärken von
4 bis 5 rauschte die Tjalk nur so durch die Nordsee mit Kurs auf das Ijsselmeer, ging dort durch die
Schleuse und fuhr weiter nach Urk, dem ersten Zielhafen dieser Reise.

Am späten Nachmittag kamen sie in Urk an und fuhren ganz hinten in den Hafen hinein, wo sich das
Büro des Hafenmeisters sowie eine Werft befindet, die sich auf den Bau und die Reparatur von
Flachbodenschiffen spezialisiert hat. Dort lag auch die Tjalk, die Meyerdirks im Auftrag des Rates
gekauft hatte, eine 18 Meter lange Tjalk mit dem Namen Kuisheid.

Teil 106

„Das nenne ich jetzt doch mal einen treffenden Namen.“ meinte der Skipper und frage den Anwalt, ob
es sich dabei um den Originalnamen handeln würde.

„Nun,“ sagte Advokat Meyerdirks, „diesen Namen hatte die Tjalk bereits, als ich sie gekauft habe. Es ist
in der Tat für dieses Schiff der richtige Name, in der Tat, der richtige Name.“

„Das ist ja ein seltsamer Zufall,“ meinte der Skipper, „wem mag die Tjalk wohl vorher gehört haben?“

„Das ist eine Geschichte für sich,“ gab Advokat Meyerdirks zurück, „die Tjalk ist hier auf der Werft vor
ungefähr 30 Jahren gebaut worden, Auftraggeber war ein Brauereibesitzer, der 3 Töchter hat. Er hat
seine Mädchen streng erzogen, und alle 3 Töchter sollten, was bei uns im Land der alten Dörfer selbst-
verständlich ist, als Jungfrauen in die Ehe gehen. Darum hat er dem Schiff den Namen „Kuisheid“ gege-
ben, um seine Töchter, die oft mit gefahren sind, daran zu erinnern, dass sie bis zur Verheiratung keusch
zu bleiben hätten. Seltsamerweise sind alle drei noch vor ihrer Eheschliessung schwanger geworden,
vielleicht aus Prostest gegen die ständigen Ermahnungen ihres Vaters.

Nun ist er zu alt geworden, um die Kuisheid noch selbst segeln zu können, darum hat er sie zum Verkauf
angeboten. Durch Zufall habe ich davon gehört und mich mit ihm in Verbindung gesetzt. Zuerst hatte
er eine Preisvorstellung, die unseren finanziellen Rahmen gesprengt hätte, doch als ich ihm erzählte, für
was das Schiff in Zukunft eingesetzt werden soll, war er hellauf begeistert und hat uns die Tjalk für einen
symbolischen Preis überlassen. Allerdings kommen nun noch die Kosten für den Umbau auf uns zu,
trotzdem meine ich, dass wir ein mehr als gutes Geschäft gemacht, in der Tat, ein gutes Geschäft.“

„Das ist ja ein tolles Ding,“ sagte der Skipper sah seinen Steuermann an, der die Kuisheid prüfend
betrachtete und fragte ihn: „Was sagst Du dem Schiff, Peter Petersen, gefällt es dir?“

„Was für eine Frage,“ gab Petersen zurück, „wie sollte mir eine Tjalk nicht gefallen, außerdem werde ich
nun zum ersten Mal als Skipper fahren, darauf habe ich nie zu hoffen gewagt.“

Der Skipper haute Petersen freundschaftlich auf die Schulter und meinte: „Du bist der geborene
Seemann, und ich gönne dir deine Stellung als Skipper von ganzem Herzen, aber jetzt möchte ich mir
die Tjalk doch gern einmal genauer ansehen.“

„Das geht mir nicht anders.“ gab Petersen zurück und so machten sich alle auf, die neue Tjalk in
Augenschein zu nehmen. Auf der Werft wurden sie von dem Chef auf das Herzlichste begrüßt und zu
der Kuisheid begleitet.

Zuerst wurde das Steuerhaus inspiziert, und da fing für den Skipper und Petersen das erste Problem an,
denn da gab es Geräte, von denen sie wohl schon gehört, die sie aber noch nie gesehen hatten. Unter
anderem war das Schiff ausgerüstet mit einem Echolot, um die Wassertiefe messen zu können, Radar,
um sich bei Nebel orientieren und andere Schiffe, die den Kurs kreuzen könnten, rechtzeitig zu bemer-
ken zu können. Dann gab es auch noch eine Selbststeueranlage, auch „Eiserner Gustav“ genannt sowie
ein GMDSS (Global Maritime Distress and Saftey System), ein weltweites Seenot- und Sicherheitsfunk-
System und zu guter letzt GPS (Global Positions System).
Der Werftdirektor erklärte den Seeleuten kurz die Bedeutung der einzelnen Geräte und brachte damit
Petersen an den Rand der Verzweiflung, während sein Skipper sich diebisch freute, nicht mit einem so
modernen und seiner Meinung nach unnötigem Kram belastet zu werden.

Die nächste Schwierigkeit gab es im Maschinenraum, denn auf der alten Tjalk gab es zwar auch einen
Hilfsmotor, der recht einfach zu bedienen war. Angeworfen wurde der mit einer Kurbel, und wenn er
dann endlich lief, brauchte nur alle halbe Stunde etwas Öl auf die Ventile gegeben zu werden.

Doch auf der Kuisheid sah der Maschinenraum vollkommen anders aus, da stand ein Diesel, der von den
Ausmassen etwas kleiner war als was sie bisher kannten, dafür aber auch die 15-fache Leistung hatte.
Außerdem gab es auch noch einen Jockel (Dieselaggregat), dass nur für die Stromversorgung sorgt,
zusätzlich gab es noch eine bordeigene Heizung sowie eine Trinkwasserversorgung.

Petersen bekam das grosse Flattern, mit so viel nautischer sowie technischer Ausstattung hatte er nicht
gerechnet, und er hatte nicht die geringste Ahnung, wie er mit diesem modernen Kram umgehen sollte.
Dazu bekam er von dem Werftdirektor auch noch zu hören, dass für die Bedienung von dem GMDSS
eine zusätzliche Prüfung gemacht werden müsse.

„Nee, nee,“ sagte Petersen, „den ganzen modernen Schietkram können wir gleich ausbauen, mit so einen
Tüddelkram hab ich nichts am Hut.“

„Genau, Peter Petersen, was sollen wir mit diesem neumodischen Zeug, wir fahren bei Wind und Wetter
und haben unser Schiff immer sicher ans Ziel geführt, also weg mit diesem Firlefanz.“ gab ihm der
Skipper recht.

„Das ist wohl wahr,“ sagte Advokat Meyerdirks, „ihr habt eure Tjalk immer sicher in den Hafen gebracht,
und ich habe ja auch schon selbst erlebt, wie gut ihr euer Schiff auch bei schlechtem Wetter immer wie-
der zurückbringt, doch in diesem Fall gibt es, so ungern ich das sage, eine Schwierigkeit, mit der wir lei-
der leben müssen, ja, in der Tat, leider leben müssen.“

Teil 107

„Grundgütiger Himmel,“ stöhnte Petersen, der nun wirklich nichts anderes wollte, als endlich als Skipper
auf einem eigenen Schiff zu fahren, „was ist das denn für eine Schwierigkeit?“

Bevor Meyerdirks etwas sagen konnte, meldete sich der Werftdirektor zu Wort: „Nun, Peter Petersen,
soviel ich verstanden habe, wollt ihr dieses Schiff gewerblich nutzen, und da sagt der Gesetzgeber, dass
ein Skipper heutzutage einen Befähigungsnachweis über die Bedienung dieser Geräte erwerben muss.“

„Und wo bitte, soll ich diesen Befähigungsnachweis so schnell herbekommen?“ fragte Petersen, der sich
seines Kommandos schon wieder enthoben sah.

„Peter Petersen, du bist doch der holländischen Sprache mächtig, wenn ich mich nicht irre.“ erkundigte
sich Meyerdirks nun.

„Ja, sicher, Holländisch spreche ich ebenso gut wie unser Platt, warum wollen sie das wissen?“

„Nun,“ gab Meyerdirks zurück, „in Amsterdam fängt in zwei Tagen auf der Seefahrtschule ein Kursus
an, an dem du teilnehmen und das Patent machen könntest, dann wären diese Probleme aus der Welt
geschafft.“

„Alles andere, wie der Umgang mit dem Schiffsdiesel, der Trinkwasserversorgung, Heizung, der elektri-
schen Anlage und alles weitere könnten meine Leute ihnen zeigen, auch das ließe sich einrichten.“
machte der Werftdirektor ihm Mut.

So kompliziert und umständlich hatte sich Peter Petersen sein erstes Kommando nicht vorgestellt, doch
wie er das Grinsen auf dem Gesicht seines Skippers sah, meinte er nur: „Geht in Ordnung, dieses Patent
werden ich machen“

Während die Männer noch auf der Schiffsbrücke standen und diskutierten, waren Janette und Monika
unter Deck gegangen, um sich die Räumlichkeiten anzusehen. Beim Anblick der Einrichtung verschlug
es ihnen glatt den Atem: Die gesamte Einrichtung bestand aus Edelhölzern, überall waren Drechsel- und
Schnitzarbeiten zu sehen, auf dem Boden war ein dicker Teppich, alle Lampen und Bulleyes waren aus
Messing gearbeitet und auf Hochglanz poliert. In den Schränken stand in Halterungen (Schutz bei
Seeganz) teures Geschirr, schweres Besteck und handgeschliffene Gläser.

Fassungslos ob dieser vornehmen Ausstattung ließen sich Janette und Monika in die Salonsessel fallen.
„Ich habe nie gewusst, dass es eine solche Einrichtung überhaupt gibt.“ meinte Janette und sah sich
dabei und immer weiter in dem Salon um, während der Blick von Monika auf die Fernbedienungen fiel,
die dort auf dem Tisch lagen. Schnell war ihr klar, wozu sie dienten, eins für ein TV-Gerät, eins für einen
Videorecorder und das dritte für eine Stereoanlage, nur konnte sie die Geräte nirgends entdecken.

Janette war es, die versehentlich mit ihrer Hand auf einen Schalter kam, der dafür sorgte, dass wie von
Geisterhand ein Teil der Seitenverkleidung wie von selbst zurück geschoben wurde.

„Ach du liebe Güte,“ sagte Monika, „auf diesem Schiff ist ja wohl alles technisch durchorganisiert.“
Janette sah sie nur verständnislos an und wusste nicht, was sie damit zum Ausdruck bringen wollte,
doch Monika nahm eine der Fernbedienungen in die Hand und schaltete damit die Stereoanlage ein.
Sobald die irgendwo unsichtbar in dem Raum eingebauten Lautsprecher die ersten Töne von sich gaben,
sprang Janette wie von einer Tarantel gestochen hoch und riss vor Schrecken die Augen so weit auf, als
wenn der Leibhaftige direkt vor ihr stehen würde, sprang aus dem Sessel hoch und wollte aus dem Salon
fliehen.

Monika platzte fast vor Lachen, stellte aber sofort den Ton leiser, worauf Janette sich schnell wieder
beruhigte. „Was ist das für ein Teufelskram?“ wollte sie wissen. Nun erklärte ihr Monika die
Grundprinzipien des Rundfunks, die für Janette immer noch unvorstellbar waren.

Noch interessanter wurde es, als dann auch noch der Fernseher sowie der Videorecorder in Betrieb
genommen wurden, Janette konnte es nicht fassen, sich bewegende Menschen, Landschaften und Häuser
in dem seltsamen Kasten zu sehen und starrte wie gebannt auf den Bildschirm, erst als Monika das Gerät
wieder abschaltete, war sie wieder ansprechbar. „Komm, Janette, wir wollen doch mal sehn, wie hier die
Küche aussieht.“ forderte sie ihre Freundin zum Aufstehen auf.

Auch die Kombüse war auf dem neusten Stand der Technik: Mikrowellenherd, Kaffeemaschine,
Spülmaschine, die Küchenblock aus Edelstahl, der Fussboden mit rutschfesten Fliesen ausgelegt. Jetzt
ging es Janette ähnlich wie Peter Petersen, sie fühlte sich total überfordert, solche Geräte hatte sie noch
nie gesehen, wie , um alles in der Welt, sollte sie denn damit umgehen müssen?

Die Frauen gingen wieder an Deck, wo die Männer noch fachsimpelnd zusammen standen. „Na,“ fragte
Petersen, „wie sieht es in den unteren Räumen aus?“

„Das ist mit Abstand das schönste Schiff, dass ich jemals gesehen habe.“ rief Monika begeistert, wäh-
rend Janette eher einen nachdenklichen Eindruck machte.

„Da scheint Janette aber anderer Meinung zu sein, wenn ich mir sie so ansehe.“ meinte der Skipper.

Noch bevor Janette etwas Verkehrtes sagen konnte, dass die Männer eventuell hätte auf die Idee brin-
gen können, einiges von den modernen Sachen in der Küche ausbauen zu lassen, meinte Monika: „Das
liegt nur an der Schönheit der gesamten Einrichtung, soviel Gediegenheit muss der Mensch erst mal ver-
kraften, stimmt’s, Janette?“

„Genau so ist es.“ gab sie zurück, zum Glück hatte sie das Augenzwinkern von Monika bemerkt und sich
schnell einen Reim darauf gemacht.

Für diesen Tag hatten sie erst mal genug gesehen, und so gingen die Männer auf die Tjalk zurück, wäh-
rend die Frauen noch durch den Hafen bummelten und sich das bunte Treiben ansahen. In Urk hatten
sie dazu den Vorteil, in ihrer Kleidung nicht aufzufallen, da viele der Einheimischen auch heute noch
Trachten tragen.

Janette blieb immer wieder bei den Yachten, die im Hafen festgemacht hatten stehen und sah sich die
verschiedenen Relinge an, die zum grössten Teil aus Edelstahl gearbeitet waren. „Was ist das für ein
glänzendes Metall?“ wollte sie von Monika wissen, doch die konnte ihr nur sagen, dass das ein Eisen
wäre, dass nicht rosten würde.

„Sieh an, sieh an,“ meinte Janette nachdenklich und nahm sich vor, am morgigen Tag, noch vor der
Besprechung der anfallenden Umbaumassnahmen, sich die Werft mal genau anzuschauen, um etwas
mehr über dieses seltsame Eisen zu erfahren.

Teil 108

Kaum war am darauffolgenden Morgen der erste Hammerschlag von der Werft zu hören, als Janette auch
schon zu Stelle war. Zuerst machte sie einen Rundgang in der kleinen Halle, besah sich ihr unbekannte
Werkzeuge und Einrichtungen, dann aber hatte sie das Objekt ihrer Begierde gefunden, denn einer der
Männer fertigte gerade eine Reling aus V4A-Stahl für eine Segelyacht an.

Fasziniert beobachtete sie die Arbeiten, vor allem das ihr bisher unbekannte Schweissgerät zog sie voll-
kommen in den Bann. Sie hätte am liebsten den ganzen Tag zugesehen, doch war für 9:00 Uhr die
Besprechung wegen der Umbauarbeiten angesagt.

Es blieb ihr nichts anderes übrig, als sich kurz vor 9:00 bei dem Bürogebäude der Werft einzufinden, wo
die anderen bereits auf sie warteten. Der Werftdirektor Mijnheer ten Kate hatte bereits einen Plan aus-
arbeiten lassen, der nach den ersten Anregungen von Janette gestaltet worden war. Im Grunde sollte die
Einrichtung ähnlich wie in der Schmiede in Hohedörp aussehen, allerdings in etwas kleinerem Ausmass.
Vor einer Stunde wäre Janette von dem geplanten Schmiedeeinrichtung noch begeistert gewesen, doch
seit sie gerade gesehen hatte, dass sich Metall auch einfacher als im glühenden Zustand verarbeiten ließ,
kamen ihr ob der Richtigkeit des Umbaus erhebliche Zweifel.

So gab sie dann, als sie gefragt wurde, ob ihr die Einrichtung der Schiffsschmiede zusagen würde, vor-
sichtig ihre Bedenken preis und berichtete von den Errungenschaften der Technik, die sie erst unmittel-
bar vorher kennen gelernt hatte.

Den Bedarf an neuen Techniken konnten der Skipper und Petersen nicht recht nachvollziehen, doch
Mijnheer ten Kate verstand sofort, dass es Janette nicht nur um einfachere Verarbeitung von Metall ging,
sondern um den Umgang mit Edelstahl. So hielt Herr ten Kate spontan einen Vortrag über dieses edle
Metall, ging dabei auch auf die Verarbeitung ein und sprach dabei auch an, dass durch diesen Methode
nicht so viel Platz für die Schiffsschmiede gebraucht werden würde, und es auch keine
Rauchentwicklung von der Esse geben würde, was gerade Petersen aufhorchen liess.

Als der Werftchef geendet hatte sahen sich die Leute aus dem Land der alten Dörfer etwas unschlüssig
an, doch als Advokat Meyerdirks, der nun wesentlich weltoffener war, meinte, dass Janette einen wirk-
lich guten Vorschlag gemacht hätte, und das man gerade, weil man nun mit Menschen in der Welt zu
tun hätte, nicht unbedingt auf dem alten Stand stehen bleiben müsse, sondern sich wegen der Geschäfte,
die zu tätigen waren, anpassen müsse, gab es keine Gegenargumente mehr.

Nun aber hatte Janette sich eine richtig dicke Suppe eingebrockt, zwar fand sie diese neue Technik der
Eisenverarbeitung hervorragend, hatte selbst aber natürlich keine Ahnung, wie sie mit einem
Schweissgerät umzugehen hatte. Auch hatte sie geplant, während der cirka drei Wochen langen
Umbauarbeiten ihre Familie besuchen zu können. Doch irgendwie erkannte sie auch die grosse Chance
etwas für sie absolut Neues zu erlernen, und so war sie damit einverstanden, die nächsten 14 Tage auf
der Werft zu verbringen, um sich die Kenntnisse anzueignen, die sie für die Arbeit auf der Kuisheid brau-
chen würde. Wenig später legte die Tjalk in Urk ab, ohne Peter Petersen und Janette, die inzwischen
beide das Gefühl hatten, von den Ereignissen überrollt geworden zu sein, an Bord zu haben.

Der Skipper ließ den Hilfsmotor warmlaufen, ließ die Leinen loswerfen und fuhr langsam und bedäch-
tig aus dem Hafen heraus, der neue Kurs führte nun nach Edam, wo sie dann am Nachmittag ankamen.

Drei Tage waren Monika und Advokat Meyerdirks nun damit beschäftigt, sich Einrichtungen und
Ausstattungen für eine größere Käserei anzusehen, mit anderen Angeboten zu vergleichen und zu han-
deln wie die Kesselflicker. Endlich hatte man sich für eine Firma entschieden, Preis und Liefertermin aus-
gehandelt. Nun, wo alles unter Dach und Fach war, segelte die Tjalk nach Urk zurück.

Wieder wurde beim Haus des Hafenmeisters festgemacht, und der erste Weg führte auf die Werft, um zu
sehen, ob die Umbauarbeiten auf der „Kuisheid“ schon Fortschritte gemacht hätten. Immerhin war sie
schon auf die über die Slipanlange auf die Hellig gezogen worden, und einige Arbeiter wieselten auf dem
Schiff herum. Tatsächlich war der zukünftige Arbeitsraum von Janette schon in groben Zügen zu erken-
nen, aber es tat in der Seele weh zusehen zu müssen, wie zwei der Gästekabinen zerlegt wurden, um
Platz für die Schmiede zu schaffen. Die gesamte Einrichtung der Kammern war entfernt worden, die edle
Holzverkleidung herausgerissen, es war ein Anblick, der einem Tränen in die Augen steigen lassen konn-
te.

Da der Skipper und Monika bei den Arbeiten an Bord doch nur im Weg standen, verliessen sie die
„Kuisheid“ schnell und gingen auf die Werkstatt zu, um Janette einen kurzen Besuch abzustatten. Es war
wohl Bestimmung oder Schicksal, dass sie genau in dem Moment die Werkhalle betraten, als Janette
etwas passierte, was wohl noch keine andere Frau auf dieser Welt fertig gebracht hatte.

Teil 109

Wie ja nun allgemein bekannt, hatte sich Janette, seitdem sie sich in Anteus Cirksena verliebt hatte, doch
etwas auf ihre Figur geachtet, und jedes Mal, wenn sie aufgefordert wurde, beim Essen kräftig zuzulan-
gen, den gleichen Spruch gesagt: „Für mich bitte nur ein kleines Häppchen, ich muss auf meine Figur
achten.“

Nun bestanden diese Häppchen zwar aus einer doppelten Portion, die ein tüchtiger Arbeiter normaler-
weise zu sich nahm, aber für eine mehr als gestandene Frau wie Janette waren solche Portionen wirk-
lich nur eine Kleinigkeit, mit Leichtigkeit hätte sie von dem, was sie nun zu sich nahm, das Dreifache
essen können. Dazu hatte sie ja auch immer körperlich schwer gearbeitet, und so ist es kein Wunder,
dass sie im Laufe der Zeit doch gut abgenommen hatte.

Nun war es so, dass Janette sich in der Werfthalle mehr als nützlich gemacht hatte, zwar war sie begie-
rig darauf, den Umgang mit einem Schweißgerät zu erlernen, doch wurde natürlich nicht ständig nur
geschweißt, sondern hauptsächlich Eisen verarbeitet. Wie ein Derwisch arbeitete sie, nur dass ein
Derwisch wohl kaum einen blauen Arbeitskittel, einen langen Rock und eine dicke Lederschürze getra-
gen hat.
Die Werftarbeiter hatten zwar den ersten Tag, als sie in der Werkhalle tätig wurde, noch über eine Frau
als Werftarbeiterin gegrinst, doch schnell hatten sie ihre Meinung geändert, diese Frau stellte noch den
Stärksten von ihnen in den Schatten. So war es denn auch kein Wunder, dass sie immer wieder gerufen
wurde, wenn es darum ging, ein schweres Teil anzupassen.

Und genau bei einer solchen Gelegenheit passierte Janette das Missgeschick, sie hob eine kleine
Ankerwinde für eine Segelyacht hoch und musste sich dabei strecken, um das Teil auf Deckshöhe zu
heben. Noch bevor der Arbeiter, der auf der Yacht stand, ihr die Winde abnehmen konnte, rutschte
Janettes Keuschheitsgürtel über den Hintern weg nach unten und schlug scheppernd auf den
Werkstattboden auf.

Auf einmal herrschte Stille in der Werfthalle, alle Mann einschließlich des Skippers und Monika, schau-
ten wie gebannt auf den Keuschheitsgürtel und auf Janette und warteten darauf, was sie in dieser pein-
lichen Situation machen würde.

Janette, die nun endlich die Ankerwinde loslassen konnte, schaute nach unten, bückte sich, hob den
Keuschheitsgürtel auf und fragte den Werkstattmeister: „Meister, spricht etwas dagegen, wenn ich mir
hier in der Werkstatt den Keuschheitsgürtel etwas enger mache?“

„Nein, nein,“ gab der Meister, der zum erstenmal in seinem Leben einen Keuschheitsgürtel sah, zurück,
„da spricht nichts gegen, mach das ruhig.“ und kümmerte sich wieder um seine Arbeit. Auch die ande-
ren nahmen ihre Tätigkeiten wieder auf, keiner fing an zu Lachen oder gab einen dummen Kommentar
ab, denn instinktiv hatten sie gemerkt, dass für Janette so ein Gürtel eine Selbstverständlichkeit war.

„Oh meine Güte,“ dachte Monika bei sich, „ich glaube, ich wäre vor Scham gestorben.“, aber für Janette
war das Tragen eines solchen Gürtels einfach das Normalste der Welt.

Einige der Arbeiter gingen zu der Werkbank, auf die Janette den Tugendwächter gelegt hatte und besa-
hen ihn sich so unauffällig wie möglich, schliesslich wurde einem so etwas nicht alle Tage geboten. Ganz
anders verhielt sich der Meister, der sich dieses Teil ganz genau ansah und anschliessend mit Janette
sprach.

„Wann wolltest du diesen Gürtel denn enger machen, Janette?“

„Nach Feierabend natürlich, Meister, erst kommt die Arbeit hier, um den Gürtel kümmere ich mich spä-
ter.“

„Ich mache dir einen Vorschlag,“ meinte der Meister ganz bedächtig, während er sich seine Pfeife stopf-
te, „du machst dir hier einen neuen Gürtel, aber nicht aus Eisen, sondern aus Edelstahl. Was meinst Du
dazu?“

Janette schwebte auf Wolke Sieben, das war doch der Grund gewesen, warum sie eigentlich auf der Werft
arbeiten wollte, doch schnell kam sie wieder auf die Erde zurück: „Das ist wirklich gut gemeint,“ gab sie
zurück, „doch ich habe kein Geld und kann das Material nicht bezahlen.“

„Dafür arbeitest du hier ja auch, und dass ist bestimmt mehr wert als 2 Streifen rostfreien Stahls,“ bekam
sie zur Antwort, „ausserdem habe ich im Moment Zeit und kann dir zur Hand gehen, zumindest was das
Schweissen und andere Sachen anbelangt.

Monika und der Skipper hatten von Janette unbemerkt das Geschehen beobachtet und das Gespräch mit-
bekommen, wollten auch nicht weiter stören und gingen auf die Tjalk zurück.

Währenddessen hatte Janette schon ihr neues Taillenmass bestimmt, bei dem Schrittblech diente der alte
Gürtel als Vorlage. Nun wurde geschnitten, gebogen, ausgetanzt, gefeilt und genietet, mit dem alten
Gürtel verglichen und wieder gebogen. Um 17:30 Uhr war Arbeitsende auf der Werft, doch zwei der
Gesellen blieben freiwillig länger und halfen bei der Arbeit mit, weil sie diese Sache doch sehr interes-
sierte. Einer von ihnen kam, als der Gürtel schon fertig war, auf die hervorragende Idee, den Taillengurt
von innen mit Kunststoff zu verkleiden, was allgemein Anklang fand, während der andere einen
Verschluss konzipierte, der so schnell nicht zu knacken war. Es war schon fast 21:00 Uhr, als der Gürtel
endlich fertig war und Feierabend gemacht wurde.

Janette bedankte sich bei dem Meister und den beiden Werftarbeiter für die Hilfe, wünschte noch eine
gute Nacht und ging, mit ihrem neuen Keuschheitsgürtel in der Hand, zu dem Haus des Hafenmeisters,
wo sie für die Zeit in Urk wohnte, und legte sich dort zum ersten Mal den neuen Keuschheitsgürtel.

Der Taillengürtel passte wie angegossen, war im Gegensatz zu dem alten Gürtel federleicht und ließ sich
durch die Polsterung angenehm tragen. Nun zog sie das Schrittblech durch die Beine, steckte es an der
Vorderseite in den Führungsstift und drückte das Schloss zu.

Sie machte ein paar Schritte durch das Zimmer und war von dem angenehmen Tragegefühl mehr als
überrascht. „Was für ein edles Teil,“ dachte sie bei sich, „den Keuschheitsgürtel zu tragen ist ja das rein-
ste Vergnügen!“ und wollte ihn für die Nacht wieder ablegen, doch wo, in aller Welt, war der Schlüssel?

Teil 110

Als Janette am nächsten Morgen wieder auf die Werft kam, ging sie sofort zu dem Meister und fragte
ihn, ob er wüsste, wo sich der Schlüssel zu dem Keuschheitsgürtel befinden würde. Der rief den Gesellen,
der das Schloss eingebaut hatte zu sich, zu sich, aber der musste kleinlaut eingestehen, dass er auf die
Schlüssel nicht geachtet hätte.

Nun wurden sämtliche Regale durchsucht, aber es war wie verhext, nirgends wurden sie fündig.“
Irgendwann gaben sie die Suche auf, schliesslich konnten sie nicht noch mehr teure Arbeitszeit ver-
schwenden. Janette war todunglücklich, nun trug sie diesen wundervollen Keuschheitsgürtel, der im
Gegensatz zu dem alten so leicht wie eine Feder war, und jetzt gab es keinen Schlüssel dazu. Sollte es
wirklich nötig sein, dieses edle Teil mit Gewalt zu öffnen und damit zu zerstören? Den ganzen Tag über
war sie etwas missgestimmt, auch wenn sie versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen.

Erst als der Arbeitstag dem Ende zu ging, die Gesellen die Werkzeuge wegpackten und die Lehrlinge die
Werkstatt ausfegten, fanden sich die Schlüssel wieder an, hatten die doch die ganze Zeit unter der
Werkbank gelegen, auf der sie den neuen Keuschheitsgürtel bearbeitet hatten. Der Lehrling gab den
Schlüssel seinem Meister, der Meister gab ihn weiter an den Werftdirektor, und der gab ihm der Frau
vom Hafenmeister, die ihn dann verwaltete.

Während Janette auf der Werft vor allen mit Edelstahl arbeitete und der Steuermann auf der
Seefahrtsschule sein Bestes gab, verliess der Skipper mit seiner Tjalk den Hafen, um die mitgebrachten
Waren zu verkaufen und an anderer Stelle wieder Ladung zu übernehmen. Da Monika nichts Besseres
zu tun hatte, fuhr sie auf dieser Reise mit, sehr zur Freude der gesamten Besatzung, die sich gerne von
Monikas Kochkünsten verwöhnen liess.

Fast 14 Tage waren seit der Abfahrt aus dem Land der alten Dörfer vergangen, da fuhr die Tjalk wieder
nach Urk ein und machte wie beim letzten Mal beim Haus des Hafenmeisters fest. Der Skipper hatte seine
Aufträge erledigt und wollte jetzt Janette jetzt zu ihrem Heimatdorf hinter Amsterdam bringen, doch am
Nachmittag des gleichen Tages kam Peter Petersen mit bestandenem Patent von der Seefahrtsschule
zurück und meinte, dass er Janette nach Hause bringen könne, da er sich mit der „Kuisheid“ doch noch
vertraut machen müsse.

Dem Skipper war das recht, es wurde für ihn auch höchste Zeit, die geladenen Waren in das Land der
alten Dörfer zu bringen, nur fand er es sehr schade, dass Monika von Bord ging und nun auf der
„Kuisheid“ mitfuhr, um Janette zu begleiten.
Am nächsten Morgen verliess die Tjalk den Hafen in Richtung Heimat, während Petersen den ganzen
Tag auf seinem neuen Schiff verbrachte und nun erst einmal alles genau in Augenschein nahm. Am
Nachmittag waren die Umbauarbeiten abgeschlossen und die Werftarbeiter hatten das Schiff verlassen.
Kaum waren sie von Bord, als auch schon der bestellte Proviant angeliefert wurde, der gleich verstaut
werden musste; auch wurde Diesel gebunkert und die Frischwassertanks aufgefüllt.

Während Monika sich um die Kombüse kümmerte, schaute Janette sich in ihrer Bordschmiede um, ob
auch wirklich nichts vergessen worden war, aber es war an alles gedacht worden. Dann schloss Janette
sich Petersen an, der gerade einen Gang in den Maschinenraum machen wollte und liess sich von dem
frisch gebackenen Skipper viele technische Details erklären, die er selbst auch mal gerade erst gelernt
hatte.

Während sich Petersen anschliessend in seiner Kammer einrichtete, gingen die beiden Frauen zum Haus
des Hafenmeisters, um dort Janettes Sachen abzuholen und an Bord zu bringen. Bei dieser Gelegenheit
gab die Frau des Hafenmeisters die Schlüssel des Keuschheitsgürtel Monika, die sie vorläufig erst ein-
mal einsteckte. Nachdem Janette sich für die Gastfreundschaft bedankt hatte, nahmen die Frauen
Janettes Gepäck und bezogen gemeinsam eine Kammer.

Am nächsten Morgen war es dann soweit: Petersen liess den Schiffsdiesel warmlaufen, die Leinen wur-
den losgeworfen und seine erste Fahrt als Skipper begann. Langsam verliessen sie Urk, um von da aus
Kurs auf Amsterdam zu nehmen. Wie auch schon bei der Fahrt zu Monikas Bewährungsjahr fuhren sie
mitten durch Amsterdam, von da aus ging es über einige Kanäle zu dem Liegeplatz, den nur Schiffe, die
nur von der Gemeinde, die wie die Leute aus dem Land der alten Dörfern nach den alten Traditionen
lebten, benutzt werden.

Es war nur reiner Zufall, dass gerade ein Pferdefuhrwerk aus dem Dorf an der Anlegestelle war, die Ware
zum Anleger gebracht hatten. Mit viel Hallo wurde Janette begrüsst, aber auch Monika war noch nicht
vergessen worden. So konnten sich die Frauen den Fussmarsch zum Dorf ersparen und stiegen auf das
Fuhrwerk auf, während Petersen an Bord blieb.

Etliche Zeit später kamen 2 Reiter zur Anlegestelle, der eine von ihnen ging an Bord, um für eine Woche
Petersen zur Hand zu gehen, der andere nahm die Zügel des nun herrenlosen Pferdes und ritt ins Dorf
zurück. Petersen legte auch gleich darauf wieder ab und fuhr zurück, es blieb ihm nun eine Woche Zeit,
sein Schiff richtig kennen zu lernen.

Teil 111

Oh, was war das für eine Wiedersehenfreude, als das Fuhrwerk bei der Schmiede im Dorf anhielt und
Janette ihre Eltern und Geschwister nach so langer Zeit mal wieder in den Arm nehmen konnte. Doch
auch Monika wurde ebenso herzlich aufgenommen, und für die holländischen Schmiedeleute war es
selbstverständlich, dass die Beiden die Woche bei ihnen im Haus verbringen würden.

Getrübt wurde die erste Wiedersehensfreude nur dadurch, dass Janettes Mutter auf den ersten Blick sah,
dass ihre Tochter doch wohl tüchtig abgenommen hatte. Ob sie denn nicht genug zu Essen bekommen
hätte, wollte sie von ihr wissen, doch Janette meinte, das Abnehmen hätte eine andere Ursache und das
wolle sie am Abend in aller Ruhe erzählen.

Selbstverständlich, und wie hätte es auch anders sein können, wurde nun erst einmal Tee getrunken, und
Janettes Mutter konnte es nicht bleiben lassen Wurst, Käse und Kuchen für eine ganze Kompanie auf
den Tisch zu stellen und die Beiden immer wieder aufzufordern, doch tüchtig zuzugreifen.

Nach dem Tee machten die Beiden erst mal eine Runde durch das Dorf, doch weit kamen sie nicht, denn
bei jedem Haus wurden sie angesprochen, auf das Herzlichtste begrüsst und immer wieder zum Tee ein-
geladen, was sie aber dankend ablehnten, da sie noch einige andere Leute begrüssen wollten.

Nur in einem Haus durften sie die Einladung zum Tee nicht ablehnen, und zwar bei Lisbeth van de Meer,
der Zwillingsschwester von Frau Wattjes, bei der sie ihr Bewährungsjahr verbracht hatte. Wie verlorene
Töchter wurden die Beiden von Lisbeth van de Meer und ihren Töchtern Wiebke und Robine begrüsst,
hattet sie doch nicht damit gerechnet, sich jemals im Leben wieder zu sehen. Was gab das für ein
Erzählen, gegenseitiges Unterbrechen, Lachen und Scherzen. Schade war nur, dass Mijnherr van de Meer
und sein Sohn Pietje noch bei der Feldarbeit waren und erst später nach Hause kommen würden, doch
Monika und Janette versprachen, noch einmal an einem Nachmittag wieder zu kommen.

Mit diesem Versprechen machten sie sich wieder auf den Rückweg, wobei ihnen auffiel, dass die jungen
Burschen, denen sie unterwegs begegneten, zwar freundlich grüssten, aber ihren Blick schnell wieder
abwandten, was ihnen etwas seltsam vorkam. Eine Minute später bekamen sie mit, wie zwei Burschen
auf der Strasse standen und sich unterhielten. Mit einem Mal wurde einer von ihnen von einem
Mädchen, dass nach dem Aussehen wohl seine etwas ältere Schwester gewesen sein könnte, gerufen, und
wie ein gut erzogener, kleiner Junge gehorchte er sofort und liess seinen Kameraden stehen.

Das nächste Erlebnis dieser Art hatten sie in Janettes Elternhaus, als sie zusammen am Küchentisch sas-
sen, um Abendbrot zu essen. Zur der Runde gehörte auch ein Lehrling des Schmieds, der erst ein halbes
Jahr in der Ausbildung war. Diese Junge war so höflich und zuvorkommend, wie es nur selten bei
Knaben in diesem Alter anzutreffen ist, fehlte etwas auf dem Tisch, war es für ihn selbstverständlich auf-
zuspringen und das Gewünschte zu holen. Janette und Monika waren angenehm überrascht von dem
allgemein höflichen Verhalten der jungen, männlichen Dorfbewohner.

Doch nun mussten die Beiden erst einmal berichten, wie es ihnen in der letzten Zeit ergangen war. Es
gab viel zu erzählen, ganz besonders interessant fanden die Schmiedeleute die Neuentwicklung des
Keuschheitsgürtels, den sie sich am nächsten Tag unbedingt einmal ansehen wollten, und über die Idee,
auf einem Schiff eine Schmiede einzubauen, konnten sie nur den Kopf schütteln und meinten, dass so
ein neumodischer Kram wohl keinen Sinn machen würde.

Im Gegenzug wollte Monika gern wissen, wie es möglich sei, dass die jungen Männer hier im Ort eher
den Eindruck von wohl erzogenen Knaben als von jungen Burschen machen würden. „Nun,“ erklärte der
Schmied bereitwillig, „das liegt daran, dass die Burschen fast alle einen Keuschheitsgürtel mit der
Stachelröhre tragen, und wie mir mein Kollege aus dem Land der alten Dörfer geschrieben hat, ist die-
ses Erziehungsinstrument ja auch bei euch mit gutem Erfolg eingeführt worden.“

„Das ist richtig,“ gab Monika zurück, „aber bisher sind bei uns die Gürtel nur bei den Kettenburschen
eingesetzt worden, allerdings gibt es eine Ausnahme, und bei dem einen Burschen aus unserem Dorf hat
der Gürtel ein wahres Wunder bewirkt. Aber wie kommt es, dass so viele der Burschen hier einen Gürtel
tragen?“

„Du weißt doch noch, wer als erster den Gürtel bekommen hat? Richtig, das war der Pietje. Nun wurde
aus dem manchmal vorlautem Bengel ein höflicher Junge, was den anderen Frauen so gut gefiel, dass
auch sie ihre Söhne verschlossen sehen wollten.“

Ganz nachdenklich meinte Monika: „Das sollte man vielleicht auch bei uns einführen, schaden könnte
es bestimmt nicht, und ausserdem sehe ich nicht ein, warum immer nur die Mädchen verschlossen wer-
den müssen.“ und malte sich dabei aus, was der Rat wohl zu so einem Vorschlag sagen würde.

Es war schon fast Zeit zum Schlafengehen, als Monika Janette mit dem Ellbogen einen leichten Stoss in
die Rippen gab und zu ihr sagte: „Janette, du wolltest deinen Eltern doch noch etwas ganz Bestimmtes
erzählen.“

Die druckste zwar noch etwas herum, doch nachdem nun die Neugierde ihrer Eltern geweckt worden
war, sagte sie schüchtern wie ein kleines Mädchen: „Ja, es ist nämlich so, das war in der Schmiede, vor-
her hatte ich ihn ja auch noch nie gesehen, und es kam ja auch ganz überraschend, und nun ist es ein-
mal so, wie es ist.“

Ihre Eltern sahen sie nur verständnislos an und hatten kein Wort verstanden, doch da mischte Monika
sich ein und sagte: „Janette hat seit einiger Zeit einen Liebsten gefunden und möchte ihn auf wohl hei-
raten.“

Nun war an Schlafengehen (ausser für den Lehrling) überhaupt nicht zu denken, Janette musste nun erst
einmal Bericht erstatten, nicht nur, wie sie in kennen gelernt hatte, sondern auch, was er beruflich
machen würde, wie es mit seinem Elternhaus bestellt wäre, usw., nach einer Stunde wussten Janettes
Eltern so ziemlich alles über Anteus Cirksena und hatten zur grossen Erleichterung Janettes nichts gegen
eine Verbindung mit ihm einzuwenden, ganz im Gegenteil, hatten sie doch insgeheim schon befürchtet,
dass ihre stabile Tochter niemals einen Mann bekommen würde.

Viel zu schnell verging die Woche in dem holländischen Dorf, da hiess es auch schon wieder
Abschiednehmen. Zwar fiel der Abschied schwer, doch Monika freute sich ebenso auf ihre Familie wie
Janette auf ihren Anteus. Mit einer Kutsche wurden sie zum Anleger gebracht, wo Petersen schon auf
sie wartete. Der junge Mann, der Petersen in der Zeit zur Hand gegangen war, stand auf schon auf den
Steg.

Nur kurz später legte Petersen ab, fuhr unter Motor langsam durch den kleinen Kanal und hielt Kurs auf
Amsterdam. Noch am Vormittag hatten sie die Stadt durchquert und wollten nun weiter zu ihrem
Heimathafen. Sie waren gerade auf dem Markermeer, als über UKW ein Gespräch hereinkam, worauf
Petersen sofort den Kurs änderte, was den Frauen sofort auffiel.

„Ist irgendwas passiert?“ wollte Monika wissen.

„Passiert ist zuviel gesagt,“ antwortete Petersen, „wir haben den Auftrag bekommen nach Volendam zu
laufen.“

„Was sollen wir denn in Volendam?“ fragte Janette

„Dort kommt jemand an Bord, dem ein Keuschheitsgürtel angefertigt werden soll,“ klärte Petersen sie
auf, „du kannst mit den Vorbereitungen schon anfangen, die wichtigsten Masse hat man mir durchge-
geben und stehen hier auf dem Zettel.“

Janette machte sich gerade auf in ihre Schmiede, als Petersen ihr noch grinsend hinterher rief: „Mach
die Sache ordentlich, der Auftraggeber ist eine wichtige Persönlichkeit.“

Teil 112

Kaum hatte die „Kuisheid“ Amsterdam hinter sich gelassen, als Janette die Segel setzte, und unter
Vollzeug rauschten sie durch das Markermeer in Richtung Volendam, Während Monika auf das
Achterschiff ging und sich dort bei Petersen auf die Pflicht setzte, ging Janette nach unten, um mit den
Vorbereitungen für den Keuschheitsgürtel zu beginnen.

Herrlich war die Fahrt mit dieser Tjalk, bei einer Windstärke von 5 bis 6 glitten sie nur so dahin und
zogen viele neidische Blicke auf sich, was Petersen vor lauter Stolz die Brust schwellen liess. Janette kam
erst wieder nach oben, als es Zeit wurde die Segel zu reffen und unter Motorkraft in den Hafen einzu-
laufen. Sobald die Einfahrt passiert war, gab Petersen 90 Grad nach Steuerbord und hielt auf die kleine
Hafenpromenade zu, an der für sie ein Liegeplatz freigehalten worden war.

Sie hatten noch nicht einmal richtig festgemacht, als ihre Passagiere auch schon eingetroffen waren,
handelte es sich dabei doch um den Advokat Meyerdirks mit seiner etwas unglücklich aussehenden
Tochter Marlies.

„Willkommen an Bord!“ rief Petersen aufgeräumt und startete sofort den Diesel, um so schnell wie mög-
lich wieder abzulegen, denn er hatte den Hafenmeister schon kommen sehen und wollte sich das
Liegegeld sparen, was ihm auch gelang, da Meyerdirks und Tochter ohne Verzug an Bord kam und
Monika die Leinen schnell wieder einholte.

Nach der einer kurzen, aber herzlichen Begrüssung meinte Janette zu Marlies: „Je eher wir anfangen,
um so besser.“ und ging voraus in ihre Schmiede. Marlies zögerte kurz, sah noch einmal ihren Vater an,
ergab sich dann aber in ihr Schicksal, schliesslich hatte sie im Vorfeld zugestimmt und konnte jetzt nicht
mehr zurück.

Kaum in der Schmiede angekommen wurde sie aufgefordert, sich auszuziehen, was sie auch folgsam
machte. Während Janette nach einem ersten Anhalten der vorbereiteten Teile diese noch in Form brach-
te und miteinander verband, sah Marlies sich nun erst einmal richtig um und wurde stutzig, als sie
Eisenringe an den Wänden, am Boden und an der Decke sah, auch der eiserne Halsreif und die Arm-
und Beinfesseln, die sie dabei sah, gaben ihr ein mulmiges Gefühl. Schliesslich fasste sie sich ein Herz
und fragte Janette, wofür diese Fesselinstrumente gebraucht würden.

„Nur zur Vorsicht, falls sich jemand gegen das Anlegen des Keuschheitsgürtels wehren will, dann kann
es sein, dass wir von den Fesseln Gebrauch machen müssen, aber das ist bei dir doch nicht der Fall,
oder?“

„Nein,“ gab Marlies zurück, „ich habe mit meinem Vater einen Handel abgeschlossen und trage den
Keuschheitsgürtel freiwillig, jedenfalls solange, wie ich am Studieren bin, ausserdem komme ich jedes
Wochenende nach Hause und in der Zeit brauche ich den Gürtel nicht zu tragen.“

„Sollte mich nicht wundern, wenn du dieses gute Stück sogar noch freiwillig umlegen würdest, warte
nur mal ab, aber jetzt wollen wir mal sehen, ob der Tugendwächter auch richtig passt.“ und forderte
Marlies auf, sich auf die Bank zu legen.

Marlies gehorchte und liess sich von Janette den Gürtel umlegen. Als der Taillengürtel geschlossen
wurde, schnaufte sie ein bisschen, sagte aber keinen Ton, nur als das Schrittblech durch die Beine hoch-
gezogen und angelegt wurde, liefen ihr ein paar kalte Schauern den Rücken herunter. Janette nahm nun
eines dieser modernen Vorhängeschlösser, setzte es ein und drückte den Bügel zu. Das leise „Klick“ beim
Einrasten des Bügels in das Schloss hatte für Marlies etwas Unheimliches, um nicht zu sagen, etwas
Unwiederbringliches.

Nun endlich durfte sie aufstehen und einige Schritte gehen, um zu sehen, ob es irgendwo scheuerte oder
die Gefahr von Druckstellen gegeben wäre, aber so auf Anhieb schien alles in Ordnung zu sein, worauf
Janette den Keuschheitsgürtel wieder aufschloss und ihn ihr abnahm.

„Und ich dachte schon, ich müsste den Gürtel gleich umbehalten.“ rief Marlies erleichtert.

„Das sollst Du auch, aber erst muss ich den Gürtel noch von den Rückständen der Arbeiten säubern, aus-
serdem musst du dich an allen Stellen, wo eben das Metall gesessen hat, tüchtig eincremen, damit keine
wunden Stellen entstehen.“ und drückte ihr eine Dose mit Salbe in die Hand.

„Oh!“ sagte sie nur etwas enttäuscht, obwohl ihr der Gedanke, gleich wieder so seltsam verschlossen zu
sein, überhaupt nicht gefiel. Anderseits hätte sie aber auch wohl kaum etwas anderes erwarten können
und so nahm sie die Dose mit der Salbe und bestrich die gleich wieder vom Eisen umschlossenen
Körperteile.

Sie war noch nicht ganz fertig, als Janette mit dem gereinigten Keuschheitsgürtel zurück war und sie
fragte, ob sie sich gründlich eingecremt hätte, was Marlies bejahte.

„Lass mich mal lieber nachsehen, bevor du später Probleme bekommst.“ meinte Janette und besah sich
die eingeriebenen Stellen. „Du hast viel zu wenig Salbe genommen, also noch mal das Ganze, ich bin
gleich wieder zurück.“ und verliess die Schmiede, damit sich das Mädchen ungestört eincremen konnte
und ihr es nicht peinlich wurde, dies vor einer anderen Frau zu tun. Dieses Feingefühl kam aber nicht
von selbst, denn bei den Kettenburschen war Janette ganz anders zu Werke gegangen, doch Monika
hatte Janette klargemacht, dass es zwischen Kettenburschen und zahlender Kundschaft doch einen
gewaltigen Unterschied geben würde und der Kunde mit dem nötigen Respekt zu behandeln wäre.

Kurz darauf kam Janette zurück, Marlies hatte sich wieder auf die Bank zu legen und bekam den
Keuschheitsgürtel jetzt entgültig umgelegt. Nachdem sie wieder aufgestanden war, sah sie an sich her-
unter, konnte aber nicht viel erkennen, worauf Janette sie aufforderte, nackt bis auf den
Keuschheitsgürtel in den kleinen Lagerraum mitzukommen. Marlies fragte sich zwar wozu das gut sein
sollte, doch auf Anraten von Monika hatte Janette auf der Rückseite der Lagertür einen grossen Spiegel
anbauen lassen, in dem Marlies sich jetzt ausgiebig betrachtete.

„So ein Keuschheitsgürtel sieht ja gar nicht mal so schlecht aus.“ meinte Marlies leicht verwundert und
durchaus auch etwas angetan von dieser Schmiedearbeit.

„Hab ich doch gesagt,“ gab Janette zurück, „du wirst diesen Gürtel noch lieben lernen.“

Kurz darauf waren Janette und Marlies wieder bei den anderen an Deck, und zur grossen Erleichterung
von Advokat Meyerdirks schien seine Tochter den Gürtel akzeptiert zu haben, jedenfalls hatte sie keinen
unglücklichen oder beleidigten Gesichtsausdruck..

„Nun, mein Kind, alles in Ordnung?“ fragte er seine Tochter, die sich gerade neben ihn auf die Bank set-
zen wollte.

„Alles in bester Ordnung, ich denke, ich werde mich an den Gürtel gewöhnen können.“ gab sie zurück
und liess sich auf die Holzbank fallen, was ihr gleich ein kräftiges „Aua!“ entlocken sollte, worauf hin
Monika und Janette sich ein Grinsen nicht verkneifen konnten.

„Auch der Umgang mit einem Tugendwächter will gelernt sein.“ meinte Monika und forderte Marlies
auf, mit ihr in den Salon zu kommen und sich dort eingehend über das Thema Keuschheitsgürtel zu
unterhalten, was Marlies gerne tat, während Janette lieber an Deck blieb und die Fahrt mit der Tjalk
genoss, ausserdem hatte sie noch eine für sie vollkommen neue Tätigkeit zu verrichten, nämlich das Geld
für ihre Arbeit zu kassieren.

Teil 113

Sobald die beiden Frauen im Salon sassen, erzählte Monika von ihren Erfahrungen mit dem
Keuschheitsgürtel, was sie am Anfang dabei empfunden hatte, wie eine Frau auch in den kritischen
Tagen den Tugendwächter ohne Probleme tragen kann, aber auch, welch ein Gefühl der Sicherheit und
Geborgenheit so ein Gürtel einer Frau vermitteln kann.

Langsam schien sich Marlies an den Gedanken, in Zukunft unter der Woche verschlossen zu sein,
gewöhnen zu können, auch wenn sie etwas unruhig in dem Sessel hin- und herrutschte. Dann versuch-
te sie, Einzelheiten über das Land der alten Dörfer in Erfahrung zu bringen, doch erst mal wich Monika
dem Thema aus, dann fing die Tjalk an, unruhiger durch das Wasser zu fahren, für Monika ein Zeichen
dafür, dass die Segel gerefft waren und der Hafen nur kurz voraus lag.

So war es auch, denn die „Kuisheid“ hatte Lemmer erreicht. Petersen nahm die alte Einfahrt in den
Hafen, die, wenn man von Richtung See kommt, auf der Steuerbordseite liegt. Nach kurzem Warten
konnten sie in die Schleuse einfahren und waren, kurz nachdem der Schleusenvorgang beendet war, in
dem Binnenhafen und machten dort fest.

Hier verliessen Advokat Meyerdirks und seine Tochter das Schiff, Meyerdirks um etliches an Bargeld
ärmer, Marlies dafür mit einem etwas breitbeinigen Gang. Den Rest des Tages und die Nacht blieb die
„Kuisheid“ in Lemmer liegen, erst am anderen Morgen sollte die Fahrt in Richtung Heimat fortgesetzt
werden. So langsam wurde es für Monika und Janette auch Zeit, wieder nach Hause zu kommen, denn
die Angehörigen wurden langsam ungeduldig.

Als eines der ersten Schiffe verliess die „Kuisheid“ dann am nächsten Morgen den durchaus gastlichen
Hafen, und sobald sie wieder auf dem Ijsselmeer waren liess Petersen von Janette die Segel setzen, die
erst wieder gerefft wurden, als sie die Schleuse im Kornwerderzand am Abschlussdeich passieren muss-
ten. Doch dann liess Petersen jeden Quadratmeter Segel setzen, um so schnell wie möglich zum Land der
alten Dörfer zu kommen.

Das war nun für den frischgebackenen Skipper die erste Fahrt mit dem eigenen Schiff in der Nordsee,
und obwohl sie nur Windstärke 5 bis 6 hatten, machten sie gute Fahrt über Grund. Der Wind blähte die
Segel, die bis auf den letzten Fetzen gesetzt waren, die Tjalk steamte durch die Wellen, so dass es eine
reine Freude war. Weder der erfahrene Petersen, noch Monika oder Janette konnten sich der Faszination,
die dieses aussergewöhnliche Schiff ausübte, entziehen und so genossen sie die Fahrt in vollen Zügen.
Viel zu schnell wurde die heimatliche Küste erreicht, doch auch die schönste Reise neigt sich einmal
ihrem Ende zu und so wurde die „Kuisheid“ an dem neuen Steg beim Land der alten Dörfer sicher ver-
täut.

Niemand war am Steg um sie zu begrüssen, aber wie sollte das auch sein, zwar war die „Kuisheid“ mit
allen modernen Techniken ausgestattet, doch gab es im Land der alten Dörfer kein Telefon. So gingen
Monika und Janette gemeinsam den Steg hinunter auf den Deich, um von dort aus nach Texlum zu kom-
men, während Petersen lieber an Bord blieb, was Wunder, konnte es ihm an Land denn besser gehen als
auf Tjalk?

In Texlum angekommen wurden die beiden Frauen herzlich aufgenommen und schnell war für eine
Kutsche gesorgt, die sie nach Hause bringen würde. Auf der Fahrt wurde Monika seltsam still, zu sehr
hatten die Eindrücke der letzten Wochen auf sie eingewirkt. Zwar hatte sie es geschafft, hier in diesem
Land ein anerkanntes Mitglied der Gemeinde zu werden, war von einem Kettenmädchen zu einer aner-
kannten Frau und Bäuerin aufgestiegen, hatte einen Mann, der sie über alles liebte und mit ihm zusam-
men auch ein Kind, doch wenn sie daran dachte, dass Janette bald wieder mit der „Kuisheid“ auf Fahrt
gehen würde und dabei die Vorzüge der Neuzeit geniessen würde, wurde sie mehr als neidisch. Ja, an
Bord verfügte sie nicht nur über elektrisches Licht, nein, sie konnte auch Radio hören oder sich ein
Fernsehprogramm ansehen, nachdem sie inzwischen richtig süchtig geworden war. Aber nicht nur das,
auch noch fließend kaltes und warmes Wasser, eine Dusche, eine richtige Toilette anstatt einem im
Sommer stinkenden und im Winter eiskaltem Plumpsklo.

Es war noch gar nicht so lange her, dass Monika von anderen immer wieder beneidet worden, immer-
hin hatte sie es geschafft, im Land der alten Dörfer einen Betrieb in Form einer Käserei aufzubauen, und
nun sollte der Betrieb sogar noch erweitert werden.

Doch gab es nicht noch mehr als nur ein zufriedenes Leben in dem kleinen, rückständigen Land und
hatte sie das Recht, ihr Kind unter diesen Bedingungen aufwachsen zu lassen? Sie war so von Zweifeln
erfasst, dass ihr sogar das fröhliche Geplapper von Janette auf die Nerven ging, was ihre Freundin aller-
dings nicht bemerkte.

In Hohedörp vor der Schmiede war die Fahrt zu Ende, und noch bevor die beiden Frauen sich bei ihrem
Kutscher richtig bedanken konnten, stürmte Frau Düring schon aus dem Haus und schloss sie in die
Arme. Obwohl Monika jetzt am liebsten sofort weiter nach Hause gefahren wäre, musste sie erst noch
mit ins Haus kommen bis jemand gefunden war, der sie nach Andersum fahren konnte.

Doch brauchte sie nicht lange warten, denn der Pastor wollte sich gerade auf den Weg in ihr Heimatdorf
machen und es war ihm eine Freude, Monika nach Hause zu bringen. Während der Fahrt machte die
junge Frau einen nachdenklichen Eindruck, und so verzichtete der Pastor als feinfühliger Mensch auf
eine längere Unterhaltung.

In Andersum angekommen gab es Tränen der Wiedersehensfreude auf beiden Seiten, und nachdem die
erste Aufregung sich gelegt hatte, musste Monika von den letzten Wochen erzählen, was bei der Menge
der Ereignisse eine ganze Weile dauerte. Als sie dann wissen wollte, was es denn im Land der alten
Dörfer Neues geben würde, wurden alle am Tisch stumm und ihr Mann sagte: „Während du auf der Reise
warst, hat es hier zwei Tote gegeben.”

Teil 114

„Meine Güte, was ist denn passiert?“ fragte Monika entgeistert und sie konnte merken, wie eine eiskal-
te Hand nach ihrem Herzen griff.

„Nun, es waren keine Menschen, die uns unbedingt nahe standen, trotzdem hat es uns allen doch zu
denken gegeben.“

„Kann mir jetzt bitte mal jemand erzählen, was denn nun eigentlich passiert ist und wer gestorben ist,
bitte sehr, ihr macht einen ja ganz dösig mit euren Andeutungen.“

Wilko de Fries sah seine Frau an und begann zu berichten: „Der erste Todesfall ist besonders schlimm,
da es sich um einen Selbstmord handelt.“ begann er seine Ausführungen. „Letzte Woche war jemand
damit beauftragt, Lebensmittel zu dem alten Wehrturm zu bringen, in dem die Bültena angekettet ist.
Als er dort ankam und nach ihr rief, bekam er keine Antwort, so ging er in das erste Turmzimmer hoch
und hat die Bültena gefunden, aufgehangen an ihrer Laufkette.“

„Bestimmt konnte sie die Einsamkeit nicht mehr ertragen, oder es hat ihr zu schaffen gemacht, dass sie
geächtet wurde.“ mutmasste Monika und wollte wissen, ob sie denn beerdigt worden wäre.

„Verscharrt worden ist sie wie ein alter Köter,“ antwortete ihr Mann, „Selbstmörder werden nicht beer-
digt, für solche Menschen ist kein Platz auf unserem Friedhof.“

Monika sagte nichts zu dem Thema, da sie die Einstellung der Leute kannte und sie wusste, dass es bes-
ser wäre, mit der eigenen Meinung hinter dem Berg zu halten, und so fragte sie, was denn mit dem zwei-
ten Todesfall wäre.

„Das war einer der Kettenburschen, der hat tatsächlich versucht zu fliehen.“ erklärte ihr Wilko. „So wie
berichtet wurde, ist das an einem Sonnabend passiert, an diesem Tag dürfen die Burschen baden und
anschliessend frische Kleidung anziehen. Die Gelegenheit hat einer von ihnen genutzt, um in das Moor
zu laufen und ehe Anteus, der die Flucht mitbekommen hatte und ihm hinterher lief, fing er schon an
im Moor zu versinken. Bevor zu seiner Rettung Bretter, Bohlen oder ein Seil geholt werden konnten,
hatte das Moor ihn bereits verschluckt. Er war übrigens einer der ersten Kettenburschen, die hier ins
Land gekommen waren, Werner soll sein Name gewesen sein.“

„Das sind ja keine guten Nachrichten,“ meinte Monika, „da wird es doch bestimmt noch Ärger geben mit
den Behörden aus der Welt.“

„Die waren schon da, zum Glück war Advokat Meyerdirks anwesend und hat alles geregelt, aber es wur-
den Andeutungen gemacht, dass die Kettenburschen zu streng gehalten werden und es könnte soweit
kommen, dass die Burschen entlassen werden müssen.“

„Das wäre aber schlecht,“ meinte Monika, „wer soll denn die Arbeit machen und was wird aus Anteus,
ohne Anstellung hat er keinen Verdienst, ohne Verdienst gibt es keine Heirat mit Janette.“

„Wer die Arbeit machen soll weiss ich auch noch nicht, vielleicht sollten wir ums mehr Kettenmädchen
holen, die sind auch leichter zu erziehen als die Burschen, und mit Anteus muss man sehen, aber im
Moment wüsste ich auch nicht, wo man ihn einsetzen könnte.“

Monika ging die Sache nicht aus dem Kopf, denn schliesslich war Janette eine gute Freundin von ihr
und sie wusste, wie sehr sie es sich wünschte, mit Anteus vor den Traualtar zu treten.

Und wirklich, es dauerte nicht lange, da kam Meyerdirks mit einem Schreiben der weltlichen Behörde,
dass die Burschen unverzüglich von Ketten zu erlösen seien und in die Freiheit geschickt werden soll-
ten.

Schon am nächsten Morgen wurden sie nach Hohedörp gebracht, wo ihnen Meister Düring die Ketten,
Halseisen und Keuschheitsgürtel abnahm. Anschliessend bestiegen sie ein Fuhrwerk und wurden nach
Texlum gefahren, um dort an Bord der Tjalk zu gehen. Zur Sicherheit begleitete Anteus den Transport,
schliesslich konnte man nie wissen, ob es nicht doch noch Probleme geben würde. Doch die 9 Burschen
dachten überhaupt nicht daran, irgendwelchen Ärger zu machen, sie wollten nur so schnell wie möglich
in die Freiheit. Nur Heinz konnte sich nicht so richtig freuen, zu sehr waren ihm die Schäferhunde ans
Herz gewachsen und ihr trauriges Geheul beim Abschied klang ihm immer noch in den Ohren.

Es dämmerte schon, als sie am Aussenanleger in Ditzum festmachten, dort stand dann auch ein Kleinbus
bereit, der die Burschen weiter beförderte. Die Tjalk legte wieder ab und fuhr zurück, und Anteus sass
auf dem Vorschiff und machte sich Gedanken um die Zukunft. Er sah bereits seine Felle wegschwimmen
und seine Janette nach Holland zurückkehren, was könnte er ihr denn auch schon bieten als ein einfa-
cher Knecht, der er jetzt wieder werden musste.

Es war schon später Abend, als die Tjalk wiederan ihrem Liegeplatz vertäut wurde, und da Anteus nicht
so recht wusste, wo er die Nacht verbringen sollte, bot ihm der Skipper an, doch einfach an Bord zu
übernachten.

Dankbar nahm der das Angebot an, konnte aber die ganze Nacht hindurch keine richtige Ruhe finden,
die Zukunftssorgen machten ihm schwer zu schaffen. Er hätte wesentlicher ruhiger schlafen können,
wenn er geahnt hätte, dass jemand ihn von seinen Sorgen befreien wollte.

Teil 115

Die „Kuisheid“ profitierte davon, dass nach der Entlassung der Burschen nacheinander an die 20 neue
Kettenmädchen in das Land der alten Dörfer kamen. Bisher waren die Mädchen immer mit der Tjalk bis
nach Texlum gebracht worden, doch nun konnte praktischer gearbeitet werden.

Ein Kutter aus Lauwersoog in den Niederlanden nahm die Mädchen auf, fuhr in die Nordsee Richtung
Helgoland und traf unterwegs die Kuisheid, die dann die Mädchen übernahm. Meistens waren es zwei
Mädchen, die dann übergeben wurden, aber es waren auch mal nur eine oder auch schon mal drei. Diese
Mädchen waren ja nun nicht freiwillig an Bord, sie nahmen an einem Programm der Regierung teil, dass
ihnen bei einem in dem Land der alten Dörfer verbrachten Jahr anschliessende Straffreiheit versprach,
vorausgesetzt, sie hatten sich gut geführt. Es waren nicht nur junge Menschen, die ein Kavaliersdelikt
begangen hatten, nein, es waren notorische Diebinnen, junge Frauen aus dem horizontalem Gewerbe,
Drogenabhängige und anderen Gestrauchelte, die durchaus zur Gewalt neigten.

Schon bei der ersten Übernahme von zweien der Mädchen gab es Probleme, während die eine sich in ihr
Schicksal ergeben hatte, wollte sich die andere um Nichts in der Welt in Eisen legen lassen. So blieb
Janette nichts anders übrig, als beide mit einer so Kette um den Hals so kurz wie nur möglich an der
Schiffswand zu sichern, um ungestört ihrer Arbeit an Deck nachgehen zu können, den immer wieder
musste die Stellung der Segel geändert werden, um optimale Fahrt machen zu können.

Dabei passierte es durchaus, dass Janette, die erst kurz vorher an Deck gewesen war und sich jetzt um
den Verschluss der Mädchen kümmerte, von ihrer Arbeit weggerufen wurde, weil der Wind seine
Richtung geändert hatte und die Segel wieder anders gesetzt werden mussten. Bei der ersten Fahrt mit
den Kettenmädchen akzeptierte Janette das noch, aber bei der zweiten Fahrt wurde es ihr mehr als lästig.
Kaum hatte sie ein Mädchen in die Mangel genommen, musste sie auch schon wieder aufhören, das
Mädchen wieder an der Bordwand sicher und an Deck. Petersen als Skipper war da unerbittlich, schliess-
lich wollte er so wenig Diesel wie möglich verbrauchen und möglichst unter Segel fahren.

Es blieb nicht aus, dass Janette anlässlich eines Besuchs bei Monika von den doch sehr anstrengenden
Arbeitsverhältnissen an Bord der „Kuisheid“ erzählte, und wie es unter Frauen so üblich ist, wenn sie
über etwas klagen, ein offenes Ohr fand.

„Ihr braucht noch einen Mann an Deck,“ meinte Monika, „dann könntest Du in Ruhe arbeiten und
Petersen sein Schiff in Schuss halten, denn Arbeit gibt es auf einem Schiff doch immer.“

„Soweit sind wir auch schon gekommen, aber von den jungen Burschen bei uns will keiner an Bord, die
arbeiten lieber an Land und arbeiten bei ihren Eltern in der Landwirtschaft, du weißt ja selbst, dass die
Seefahrt hier keinen besonders guten Ruf hat.“

„Und warum nehmt ihr nicht deinen Anteus an Bord, der ist auf dem elterlichen Hof unter dem Befehl
seines älteren Bruders doch todunglücklich, ausserdem würde er wieder ein vernünftiges Einkommen
haben und ihr könntet doch noch heiraten.

„Die Idee gefällt mir wohl, alleine wenn ich daran denke, den ganzen Tag mit Anteus zusammen zu sein,
bekomme ich ein Kribbeln im Bauch, aber du weißt auch, was er sich von seinem Bruder anhören muss-
te, als das Torflager aufgelöst worden war. Der hat ihn doch, so wie er sagte, nur aus christlicher
Nächstenliebe wieder aufgenommen, sein Bruder hat ihm nie verziehen, dass er damals den Hof verlas-
sen hat. Wenn das jetzt wieder den Bach runtergehen sollte, stände Anteus mit leeren Händen da und
hätte nicht einmal ein Dach über dem Kopf.“

„Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, und ausserdem müsstest du Anteus ja auch erst mal fragen, was er
von dem Vorschlag hält, und auch Petersen müsste damit einverstanden sein.“

„Ich werde so bald wie möglich mit Anteus sprechen.“ rief Janette entschlossen aus, die sich für den
Gedanken, ihren Liebsten den ganzen Tag in der Nähe haben zu können, mehr als nur erwärmen konn-
te.

Doch wenn Janette nun gemeint hatte, dass Anteus dem Vorschlag begeistert zustimmen würde, so sah
sie sich derbe enttäuscht. „Wer weiss, ob Petersen mich überhaupt haben will, was wird mein Bruder
sagen, ein zweites Mal nimmt er mich nicht wieder auf.“ zweifelte er, aber Janette fragte ihn nur, ob er
sie immer noch heiraten wolle. Das genügte, um ihm Rückrat zu geben und entschlossen meinte er: „Du
hast Recht, was habe ich schon zu verlieren, lass mich so schnell wie möglich mit Petersen sprechen.“

Aber so einfach war es gar nicht Petersen zu treffen, da Anteus nur am Sonntag frei hatte, und dann
auch nur den Nachmittag, da am Vormittag der Kirchenbesuch anstand und anschliessend gemeinschaft-
lich zu Mittag gegessen wurde. Doch diese Zeit war zu kurz, um ganz nach Texlum hin- und zurück zu
fahren, bis die Stallarbeit wieder begann.

Da blieb nur ein Ding übrig, Janette würde selbst mit Petersen sprechen müssen, obwohl es sich dabei
um eine reine Männerangelegenheit handelte, mit der sie sich normalerweise überhaupt nicht befassen
durfte, um ihren Liebsten nicht vor den Augen der anderen lächerlich zu machen. Aber das war ihr jetzt
auch egal, schliesslich übte sie erfolgreich einen Männerberuf aus und wusste sich inzwischen wohl zu
behaupten.

Sobald sie wieder an Bord der „Kuisheid“ war, fasste sie sich ein Herz und sagte zum dem Skipper:
„Petersen, ich habe in einer ernsten Angelegenheit mit dir zu reden.“

Teil 116

Petersen, der gerade dabei war, ein Auge in eine Festmacherleine zu spleissen, sah überrascht von sei-
ner Arbeit auf, nahm die Pfeife aus dem Mund und sagte: „Wat hesst du denn up Hart, mien Wicht, prot
man tau.“ (Was hast du denn auf dem Herzen, mein Mädchen, erzähl mal).

„Petersen,“ sagte sie „auf die Dauer ist das kein Zustand so, nie nicht kann ich meine Schmiedearbeiten
in Ruhe machen, denn dauernd muss ich wieder an Deck um mit anzupacken, ob es nun wegen der Segel
ist oder wenn wir auf den holländischen Kutter treffen und die Mädchen übernehmen. Versteh mich
nicht falsch, ich mache das gerne, aber das wird mir auf die Dauer einfach zuviel.“

Petersen kratzte sich im Bart, überlegte eine Weile und steckte sich dann in aller Ruhe erst seine Pfeife
an. Nachdem er eineige tiefe Züge genommen hatte, setzte er bedächtig zur einer Antwort an.

„Tja, Janette, so einfach ist das alles nicht, ich gebe ja zu, dass wir ein paar helfende Hände bei uns an
Bord gebrauchen könnten, aber wer von den Leuten an Land will denn bei uns an Bord arbeiten, die
Seefahrt hat doch noch immer einen schlechten Ruf und die Alten verbieten ihren Söhnen sogar bei uns
anzuheuern. Aber das ist nicht meine einzige Sorge, denn wenn wir ganz ehrlich sind, arbeiten wir noch
lange nicht kostendeckend, ausser der Tochter von Advokat Meyerdirks, mal abgesehen von
denKettenmädchen, hast du noch keinen Keuschheitsgürtel angefertigt, und von dem bisschen Umsatz
können wir nicht leben, ich mache mir schon die ganze Zeit Gedanken darüber, wie lange der Rat unser
Unternehmen noch finanzieren wird.“

„Ja, das ist ja richtig, bisher lässt der Umsatz noch gewaltig zu wünschen übrig, aber es braucht eben
alles seine Zeit.“

„Das brauchst du mir nicht erzählen, dass musst du dem Rat klarmachen, sonst befürchte ich, dass unse-
re gute „Kuisheid“ bald zum Verkauf angeboten wird.“

„Das ist ja richtig, aber trotzdem gibt es hier an Bord mehr Arbeit als wir beide schaffen können, so oder
so, wir brauchen Hilfe.“

„Was uns fehlt,“ gab Petersen, der die Kosten für ein weiteres Besatzungsmitglied mehr als scheute,
zurück, „das ist ein Matrosenanwärter, der bekommt nicht soviel Heuer und trotzdem wäre uns gehol-
fen, aber wie gesagt, einfach ist das nicht, denn auch wenn wir einen finden sollten will ich dir wohl
sagen, dass ich nicht jeden an Bord nehme.“

„Wie müsste so ein Matrosenanwärter denn beschaffen sein, um vor deinen Augen Gnade zu finden?“

„Willig muss er sein, lernen muss er wollen, Kraft muss er haben, die See muss er lieben und fürchten,
seinen Skipper akzeptieren und auch mit dir klarkommen, so stelle ich mir einen solchen Kerl vor. Ja,
wenn du mir so einen bringen könntest, den würde ich auf der Stelle anheuern.“

„Tja,“ sagte Janette, „dann ist doch alles klar.“ und schickte sich an, das Schiff zu verlassen,

„Was ist nun denn los, bist du nun vergrellt (verärgert), weil das mit einem Matrosenanwärter nicht
klappt?“
„Mitnichten, Petersen, ich gehe bloss eben schnell los und hol uns den passenden Mann an Bord, wei-
ter nichts.“

„Wat wullt du daun? Du büst ja breegenklütterig!“ Was willst du machen? Du bist ja durcheinander!).

„Ich bin nicht durcheinander, denn ich kenne einen der willig ist, lernen will, Kraft hat, die See liebt,
dich als Skipper akzeptiert und der sogar mit mir auskommt. Also Tschüss, Petersen, bis morgen.

Teil 117

„Da wird ja der Seehund in der Pfanne verrückt!“ brummelte Petersen vor sich hin und rechnete sich
schon mal aus, was ihn ein Matrosenanwärter im Jahr kosten würde, während Janette zielstrebig nach
Texlum marschierte, um von dort aus mit einem Fuhrwerk oder einer Kutsche zu dem Elternhaus von
Anteus zu fahren. Sie konnte es gar nicht abwarten, ihm die Neuigkeit zu erzählen und ihn gleich mit
an Bord zu nehmen.

Da im Moment aber weder Kutsche noch Fuhrwerk zur Verfügung standen, blieb ihr nichts anderes übrig
als sich ein Pferd auszuleihen. Auch das erwies sich als nicht so einfach, denn in Anbetracht ihres immer
noch hohen Körpergewichts war man nur bereit, ihr einen Kaltblüter zu überlassen, der zwar kräftig
gebaut war, dafür aber auch nur sehr langsam lief, an Galopp oder Trapp war bei dem Gaul nicht zu
denken.

Je länger sie auf dem Pferd sass, um so mehr machte sich ihr Keuschheitsgürtel unangenehm bemerk-
bar, das Schrittband scheuerte bei jeden Tritt des Pferdes an ihren Schenkeln, dass sie schon daran dach-
te, zu Fuss weiterzugehen, doch wie würde es in den Augen der anderen aussehen, wenn sie über die
Wege lief und das Pferd hinter sich her führte? Nein, lächerlich machen wollte sie sich nicht und so ritt
sie weiter.

Es war ein langer und schmerzvoller Ritt und sie dankte ihrem Schöpfer aus ganzem Herzen, als sie end-
lich bei dem Elternhaus von Anteus angekommen war. Sie war noch nicht einmal vom Pferd abgestie-
gen, als Anteus schon bei ihr war und sie glücklich begrüsste. Auch der Rest der Familie kam heraus,
um sie zu begrüssen. Mit der Freundlichkeit war es aber vorbei, als Janette erzählte, dass sie für Anteus
eine neue Anstellung gefunden hätte und er sofort auf der „Kuisheid“anfangen könne.

„Wenn Du noch einmal den Hof verlässt, brauchst Du mir nicht wieder kommen, einmal habe ich dich
aufgenommen, obwohl du mich im Stich gelassen, ein zweites Mal mache ich das nicht mehr.“ sagte
Anteus Bruder, der inzwischen der Bauer auf dem Hof war.

Im ersten Moment wusste Anteus sich nicht zu entscheiden, doch als er seinen finster dreinblickenden
Bruder ansah, der ihm das Leben sauer machte und ihn für Kost und Wohnung arbeiten liess wie einen
Sklaven, hatte er seine Entscheidung bereits gefällt, lieber ein Seemann werden und zusammen mit
Janette in eine ungewisse Zukunft gehen als hier noch länger den Knecht zu spielen.

„Was habe ich schon zu verlieren auf diesem Hof, wo ich weniger gelte ein Aushilfsarbeiter? Mein
Entschluss steht fest, ich gehe mit Janette.“

„Dann pack deinen Kram zusammen und sieh zu, dass du es Weges kommst, hier bist du nicht mehr wohl
gelitten.“ sagte Anteus Bruder, drehte sich um und ging mit seiner Familie zurück ins Haus.“

„Warte einen Moment, ich hole mir nur meine Sachen, dann können wir gehen.“ sagte Anteus und ging
ebenfalls in das Haus, um nach ein paar Minuten mit seinen Sachen, die alle in ein Bündel passten, wie-
der herauszukommen.
Das Pferd hinter sich herführend machten sich die beiden auf den Weg nach Texlum, wo sie erst spät
am Abend ankamen. Nachdem sie den Kaltblüter wieder abgegeben hatten, gingen sie über den Deich
auf den Anleger.

Schon von fern konnten sie Petersen auf dem Deck sitzen sehen, die unvermeidliche Pfeife im linken
Mundwinkel hängend. Als sie bei dem Schiff angekommen waren, rief der Skipper: „Das nenne ich einen
stämmigen Matrosenanwärter, willkommen an Bord, Anteus Cirksena, so einen Kerl wie dich kann ich
wirklich gebrauchen.

Während sich die Männer unterhielten, ging Janette mit Anteus Beutel nach unten und richtete ihm eine
Kajüte her, die ab sofort sein neues Zuhause sein sollte. Wie gern hätte sie mit ihm ihre Koje geteilt, doch
das war selbstverständlich auch bei dem sonst so weltoffenen Petersen nicht denkbar, aber es würden
sich bestimmt Gelegenheiten ergeben, wo sie mit ihrem Liebsten alleine sein würde, dafür wollte sie
schon sorgen.

Während sie ihren durchaus angenehmen Gedanken nachhing, fühlte sie sich unbewusst an den
Keuschheitsgürtel und zum ersten Mal in ihrem Leben empfand sie den Tugendwächter als äusserst stö-
rend.

Teil 118

Im Haus von Wattjes ging alles seinen gewohnten Gang, gleichmässig und ruhig verliefen die Tage vol-
ler Arbeit und Monika hatte ihre Zweifel, ob sie wirklich bis zum Ende ihrer Tage in diesem Land blei-
ben wollte, entgültig abgelegt.

Auch war sie wieder schwanger, doch zum Glück war sie diesmal dabei nicht so übellaunig wie beim
dem ersten Mal, nein, ganz im Gegenteil, sie strahlte eine innere Ruhe aus, die sich wohltuend auf die
Menschen in ihrer Umgebung auswirkte.

Nun hatte sie auch allen Grund, ruhig und ausgeglichen zu sein, denn die Arbeit ging dem
Kettenmädchen gut von der Hand, und wenn es wirklich mal eng wurde, packte ihre Adoptivschwester,
die gleich nebenan wohnte, gerne mit an. Beide Käsereien arbeiteten ohne Probleme, und ihr neustes
Objekt hatte sie schon in Planung: Von den Schafen, die am Deich liefen, wollte sie die Milch zu Feta-
Käse verarbeiten, in Salzlake geben und eimerweise in den Handel bringen.

Ja, alles hätte ruhig und friedlich weiterlaufen können, wäre da nicht eine Nachricht vom Rat aus
Hohedörp gekommen die besagte, dass Anja in 4 Wochen aus dem Dienst entlassen werden solle. Nun
war das für Monika keine Überraschung, denn Anja hatte sich während der ganzen Zeit in der Käserei
nicht zu Schulden kommen lassen und so hatte sie schon mit diesem Bescheid gerechnet. Dummerweise
hatte aber auch Birgit ihre Zeit fast abgedient und würde ebenfalls entlassen werden Aus diesem Grund
hatte sie auch schon vor etlichen Wochen die Zuteilung von zwei neuen Kettenmädchen beantragt, und
bereits ein paar Tage nach Einreichen des Gesuchs eine positive Antwort bekommen.

Für Anja war es wohl der schönste Tag ihres Lebens, als ganz überraschend am frühen Morgen Monika
in die Käserei kam. Sie machte zusammen mit Helga den vorschriftsmässigen Knicks und beide warte-
ten mit auf den Boden gesenkten Blicken darauf, von ihrer Herrin angesprochen zu werden.

„Meinen Glückwunsch, Anja, deine Zeit im Land der alten Dörfer ist zu Ende und du darfst nach Hause
fahren.“

„Ist das wirklich wahr,“ stammelte Anja freudig erregt, „darf ich wirklich nach Hause?“

Unter den neidvollen Blicken von Helga löste Monika die Laufkette von Anjas Halseisen und schickte
sie nach draussen zu ihrem Mann, der mit dem Pferdefuhrwerk vor der Käserei wartete.
„Dann setzt dich mal zu mir auf den Kutschbock, wir fahren gleich los.“ meinte Wilko de Fries und half
ihr auf den Wagen. Für Anja war dies das erste Mal, dass sie von Wilko de Fries in einem freundlichen
Ton angesprochen wurde, denn bisher war er ihr gegenüber mehr als kühl gewesen, was sie sich aber
durch die Schwierigkeiten, die sie dem Bauern früher bereitet hatte, selbst zuschreiben musste.

Nun kam auch Monika, die Helga erst noch zu erhöhter Arbeitsleistung ermahnt hatte, zu dem Wagen
und sagte: „Anja, ich wünsche dir alles Gute, viel Glück in der Welt da draussen und vielleicht denkst
du nicht so ganz böse an mich zurück, wenn die Erinnerungen an das Land der alten Dörfer bei dir
wachwerden.“

Anja hielt es nicht mehr auf dem Wagen, sie sprang herunter, nahm Monika in den Arm und meinte,
dass sie ehemalige Mitgefangene und jetzige Bäuerin in ihrem ganzen Leben bestimmt nie vergessen
würde. Nun aber drängte Wilko aber zur Abfahrt, denn es lag noch ein langer Weg vor ihnen.

Es war gar nicht so lange her, da wurden die entlassenen Mädchen erst zum Schmied gebracht, der sie
dann von allen Fesseln befreite, aber die Zeit konnten sie sich dank der „Kuisheid“ sparen, die
Entfesslung war inzwischen Bestandteil der Rückreise geworden.

So ging es im gemächlichem Tempo von Andersum über Hohedörp nach Texlum, dort angekommen
begleitete Bauer de Fries sein ehemaliges Kettenmädchen auf den Steg, um sie an Bord der „Kuisheid“
abzuliefern und gleichzeitig das neue Kettenmädchen in Empfang zu nehmen

119

Was für ein himmelweiter Unterschied zwischen den beiden Mädchen: Eine glückliche Anja, die nur auf
Wolke Sieben zu schweben schien, es nicht mehr abwarten konnte, das Schiff zu betreten um da end-
lich die verhassten Eisenfesseln loszuwerden und dann in ein paar Stunden wieder in Freiheit zu sein.
Auf der anderen Seite das neue Kettenmädchen (Irmgard), zitternd vor Angst, gefesselt mit Hals-, Arm-
und Beinreifen, die mit Ketten verbunden waren, dazu eingeschlossen in einen Keuschheitsgürtel der sich
anfühlte, als wenn jemand mit eiserner Hand ihren Unterleib gepackt hätte.

Wenn Irmgard auch noch nicht ahnte, was auf sie zukommen würde, war ihr doch klar, dass sie schein-
bar die Ablösung für dieses andere Mädchen sein sollte. Zu gerne hätte sie mit ihr gesprochen, doch dazu
ergab sich keine Gelegenheit, denn sobald das Mädchen an Bord war, wurde sie von der dicken Frau, die
sie selbst in Eisen gelegt hatte, in Empfang genommen und mit den Worten: „Na, dann wollen wir dir
mal den Eisenschmuck abnehmen.“ in die Bordschmiede geführt.

Während sie den beiden noch nachsah, gab es einen kurzen Ruck an ihrer Halskette, der sie sofort auf-
schrecken lies. Der Mann, der das andere Mädchen hierher gebracht hatte, hielt nun das Ende ihrer
Halskette in der Hand und sagte: „Mein Name ist de Fries, ich bin dein neuer Herr. Wie du dich zu ver-
halten hast, hat man dir schon beigebracht, wie ich hörte. Also lass uns gehen, wir haben noch einen
weiten Weg vor uns.

Nachdem de Fries sich kurz verabschiedet hatte, ging er den Steg hinunter in Richtung Texlum, das ver-
ängstigte Mädchen an der Kette hinter sich her führend.

Währenddessen legte die „Kuisheid“ ab und nahm Kurs Richtung Nordsee, wo sie sich an einer bestimm-
ten Position mit einem Kutter treffen sollte, der Anja dann an Bord nahm und in Holland an Land brin-
gen sollte. Da kein anderes Kettenmädchen zur Übergabe angemeldet war, würde die „Kuisheid“ von da
aus nach Emden fahren, um dort Diesel, Öl und Frischwasser zu bunkern. Auf diesen Abstecher nach
Emden freute sich die Besatzung jedes Mal, denn es war immer interessant, die Leute in der Welt zu
beobachten.
Nur wurde leider nichts von der geplanten Fahrt nach Emden, weil kurz nach dem Ablegen ein
Funkspruch hereinkam, in dem stand, dass der Kutter doch noch ein neues Mädchen an Bord habe, das
übernommen werden müsse.

„So ein Schiet aber auch.“ schimpfte Petersen, dessen Pläne damit durchkreuzt waren.

„Was ist los, Skipper, hast du gerade einen Klaubautermann gesehen oder warum schimpft du so?“ woll-
te Anteus, der neue Matrosenanwärter wissen.

„Wird nichts mit Emden, Anteus, wir müssen doch noch ein neues Mädchen an Bord nehmen.“

„Ja Skipper, ich will dir ja nicht reinreden, aber hast du nicht gesagt, wir müssten dringend nach Emden,
um Diesel und Wasser zu bunkern.“

„Weiss ich selbst, Anteus Cirksena, weiss ich selbst, aber wir sollen nach der Übernahme eines Mädchens
keine Umwege machen sondern direkt nach Hause zurückfahren, wie du selbst wohl wissen dürftest.“

„Ja, ja, ja, ja, weiss ich wohl Skipper, ist aber wirklich jammerschade, was wäre ich aber auch gern nach
Emden gefahren.“

Diesen letzten Satz bekam Janette noch gerade mit, als sie zu den beiden Männern am Ruder ging. „Was
ist nun denn los, fahren wir doch nicht nach Emden?“ fragte sie enttäuscht.

„Müssen noch ein Mädchen übernehmen.“ brummelte Petersen in seinen dichten Bart, steckte sich seine
Pfeife an und schaute finster auf die Kimm.

„Schade, wirklich schade, alleine schon wegen der leckeren holländischen Matjes, die dort im Hafen ver-
kauft werden.“

Nun konnte Petersen sich ein Grinsen doch nicht verkneifen und meinte spöttisch: „Ja, Janette, hast du
mir nicht erzählt, dass du auf strengster Diät bist?“

„Ich wollte ja auch nur ein kleines Häppchen, Petersen, wirklich nur ein kleines Häppchen, etwas essen
muss ich schliesslich.“ gab Janette leicht sauer zurück, Anspielungen auf ihr Gewicht konnte sie immer
noch nicht vertragen.

„Ich mein ja auch nur,“ sagte Petersen, „denn dein Bauch muss doch so leer sein wie unser Dieseltank.“

Janette sah Petersen nachdenklich an, fing ihrerseits nun an zu grinsen und meinte: „Petersen, ist dir
eigentlich klar, dass hier ein seemännischer Notfall vorliegt, der uns dazu zwingt Emden anzulaufen?“

Dem Skipper war sofort klar, auf was Janette hinauswollte, war er doch verpflichtet, immer soviel Diesel
im Tank zu haben, dass er im Notfall ohne Segel den nächsten Hafen anlaufen konnte.

„Eine gute Idee, Janette, eine wirklich gute Idee, schliesslich müssen die Vorschriften befolgt werden und
aus diesem Grund verkünde ich hiermit die freudige Nachricht, dass wir heute Abend in Emden im Hafen
liegen werden.“

Frohgelaunt ging Janette in ihre Bordschmiede zurück, um nachzusehen, wie weit Anja inzwischen war.
Das Abnehmen der Fesseln und des Keuschheitsgürtels war Janettes Lieblingsarbeit an Bord, noch nie
hatte es dabei Ärger oder Widerstand gegeben, ganz im Gegenteil. Auch bei Anja war es nicht anders
gewesen, sie war dankbar für jede einzelne Fessel, die ihr abgenommen wurde, und ein richtiges Stöhnen
der Erleichterung war der Augenblick, wenn der Keuschheitsgürtel aufgeschlossen und für immer abge-
nommen wurde.
Danach bekamen die Mädchen Gelegenheit zum Duschen und Haare waschen, ein Luxus, der vor
Anschaffung der „Kuisheid“ undenkbar gewesen wäre. Anja machte von diesem Angebot reichlich
Gebrauch, wie endlos lange war es her, dass sie geduscht hatte. Janette hatte ihr aus dem Magazin
(Lager) noch Kleidung, Wäsche und Schuhe herausgesucht, es war zwar alles nur schlicht und einfach,
erfüllte aber seinen Zweck.

Kaum hatte Anja sich angezogen, als Janette sie aufforderte, doch mit an Deck zu kommen und die Fahrt
zu geniessen. Von Petersen wurde sie freundlich aufgefordert, doch hinten bei ihnen Platz zu nehmen
und Anteus kam mit einem grossen Tablett, auf dem Tee und Kekse waren, zu ihnen. So sassen sie in
gemütlicher Viererrunde zusammen und Anja fühlte sich zum ersten Mal wieder als ein vollwertiger
Mensch und ganz zart wie eine kleine Pflanze machte sich ein Gefühl der Dankbarkeit gegenüber die-
sen Menschen breit. Eine harte Zeit hatte sie hinter sich gebracht, auch hatte sie viel erleiden müssen,
aber war sie an der strengen Behandlung nicht selbst schuld gewesen? Und was wäre mit ihr passiert,
wenn sie nicht in das Land der alten Dörfer gekommen wäre, möglicherweise sässe sie heute in einem
Gefängnis.

Dabei musste sie an ihre Eltern denken, zu denen sie schon seit Jahren den Kontakt abgebrochen hatte.
Was würden die wohl sagen, wenn sie auf einmal in der Haustür stehen würde. Wahrscheinlich würden
die Eltern heute nichts mehr mit ihr zu tun haben wollen, aber das konnte sie ihnen auch nicht verden-
ken.

Jetzt jedenfalls war sie glücklich, es war einfach herrlich als freier Mensch auf diesem Schiff zu sein, Tee
zu trinken und sich den Wind um die Nase wehen zu lassen, etwas Schöneres konnte es kaum geben.

Um die Mittagszeit kamen sie zu dem vereinbarten Treffpunkt und die „Kuisheid“ legte sich an die
Backbordseite des Kutters. Nachdem Anja sich verabschiedet hatte, stieg sie auf den Kutter über und
wurde von dessen Skipper begrüsst. Auch wenn sie jetzt kein Kettenmädchen mehr war, so machte sie
doch noch einen Knicks und verhielt sich mustergültig. Kaum hatte sie sich an Deck des Kutters umge-
sehen, als ihr zwei Leute auffielen, die sie aufmerksam ansahen. „Anja,“ sagte die Frau, „komm in meine
Arme, mein Kleines.“ und ging auf sie zu, ebenso wie ihr Vater. Anja stand da wie vom Blitz getroffen,
konnte es nicht fassen, dass ihre Eltern hier auf dem Schiff waren, „Mama, Papa.“ rief sie, und schon
lagen sich die drei in den Armen. Nach der ersten Begrüssungswelle sorgte der Kapitän dafür, dass die
Drei unter Deck einen Tee serviert bekam und unter sich sein konnten.

Die Mannschaft der „Kuisheid“ hatte die Familienzusammenführung natürlich beobachtet, und es war
nicht einer von ihnen dabei, der sich nicht unauffällig eine Träne aus dem Auge wischen musste und
Anja dabei alles Gute für ihr weiteres Leben wünschte.

Noch bevor das neue Mädchen übernommen werden konnte, kam Anjas Vater wieder an Deck, stieg auf
die „Kuisheid“ über und bedankte sich, auch im Namen seiner Frau, für die so gelungene Umerziehung
ihrer Tochter, die sich jetzt so verhalten würde, wie sie es sich zu wünschen nie gewagt hätten.

Da schoss Janette eine Idee durch den Kopf, sie bat Anjas Vater, doch noch einen Moment zu warten,
ging in ihre Schmiede, kam kurz darauf mit einem gefüllten Jutesack wieder und übergab ihm dem ver-
wunderten Vater.

Leise sagte Janette zu ihm: „Sollte Anja Anstalten machen, in schlechte Gewohnheiten zurück zu fallen,
so legen sie ihr diesen Gürtel an, der bringt sie schnell wieder zur Vernunft. Der gute Mann sah in den
Jutesack, erkannte einen Keuschheitsgürtel und meinte: „Der sieht aber ziemlich eng aus, ich glaube
nicht, dass Anja da herein passen würde.“

„Bis vor 2 Stunden hat sie ihn noch getragen, und das die ganze Zeit über, glauben sie mir, er passt
absolut genau und ist für eine junge Frau ein hervorragendes Erziehungsmittel.“
„Da mögen sie recht haben“, räumte Anjas Vater ein und fragte nach dem Preis.

Darauf war Janette nun nicht vorbereitet, ihre Kalkultation beschränkte sich auf den Verkauf von einem
neuen KG oder den für die Kettenmädchen, über den Preis von einem gebrauchten Tugendwächter hatte
sie sich noch nie Gedanken gemacht und so sagte sie: „Das weiss ich jetzt auch nicht genau, einen
gebrauchten Keuschheitsgürtel habe ich noch nie verkauft.“

„Was kostet denn ein neuer Keuschheitsgürtel?“ wollte ihr Gesprächspartner wissen, worauf Janette ihm
den Preis nannte.

Ohne zu zögern griff Anjas Vater in die Brieftasche und legte das Geld für einen neuen KG auf den Tisch.
„Das ist mir die Sache wert.“ meinte er, nahm den Jutesack an sich und ging auf den Kutter zurück.

Janette strahlte wie eine ganze Lichterkette, mit so viel Erfolg hatte sie nicht gerechnet, und noch wäh-
rend sie sich den zu erwartenden Gewinn in der Zukunft ausrechnete, wurden auf einmal seltsame
Geräusche laut, die sie erst nicht einordnen konnte.

Auch Petersen und Anteus waren aufmerksam geworden und sahen zum Kutter hinüber. Da brachten
zwei Matrosen eine Gestalt an Deck, bei deren Anblick die Bestatzung der „Kuisheid“ nur noch gaffen
konnte wie ein Haufen Blöder.

Petersen fing sich als erster und meinte nur: „Oh, du heiliger Bramus, das kann ja noch was werden.“

Teil 120

Schwarze Lackklamotten, schwarze Stiefel, schwarze Strümpfe, schwarze Haare, schwarz lackierte
Fingernägel, an diesem Mädchen war alles schwarz, sogar ihr Gesicht war von dem verlaufenen Make
up verfärbt. Die Arme hatte man ihr auf dem Rücken zusammengebunden, aber auch die Beine hatte
man ihr gefesselt und die seltsamen Geräusche kamen daher, dass sie trotz ihres Knebels sprechen woll-
te. So eine wütendes und wildes Geschöpf war ihnen bisher noch nicht untergekommen, aber da muss-
ten sie jetzt durch. Anteus ging an Bord des Kutters, packte das Mädchen und klemmte sie wie ein
Franzose das Stangenweißbrot unter den Arm und ging zurück auf die „Kuisheid“. Die Leinen wurden
losgeworfen, beide Schiffe nahmen langsam Fahrt auf und trennten sich voneinander, da rief der eine
der Kutterbesatzung noch: „Den Knebel würde ich an eurer Stelle lieber nicht herausnehmen, wenn ihr
Ärger vermeiden wollt.“

Janette rief noch zurück, weil sie wissen wollte was genau er damit meinen würde, doch der Abstand
zwischen den Schiffen war schon zu gross. „Dann bring sie mal in meine Schmiede.“ forderte sie Anteus
auf, der ihrem Wunsch sofort nachkam.

Diesmal konnte es sich das Mädchen nicht unter den Arm klemmen, da der Niedergang für diese Art von
Transport zu schmal war, also liess er sie wie einen Kartoffelsack Stufe für Stufe hinunterrutschen, was
bei ihr sofort einen Protest in Form von unverständlichen Sprechversuchen und Drehen und Winden des
Körpers zur Folge hatte. Anteus, dem solche Reaktionen bisher fremd waren und für die er auch nicht
das geringste Verständnis hatte, packte sie einfach beim Kragen, zerrte sie die letzten Meter hinter sich
her und bugsierte sie in die Werkstatt.

„So ein Aas, so ein verrücktes, habe ich noch nie erlebt, ich glaube es ist besser, wenn ich dir bei dei-
ner Arbeit zur Hand gehe, wer weiss, was die hier sonst noch anstellt.“ meinte er zu Janette.

„Bisher bin ich noch mit jeder fertiggeworden, aber die hier scheint eine harte Nuss zu sein, vielleicht
hast du recht und bleibst besser hier, jedenfalls bis auf die letzte Arbeit, die werde ich auf jeden Fall
alleine machen. Als erstes kannst du ihr mal den Knebel herausnehmen, sie sieht so aus, als wenn sie
mal wieder richtig Luft holen müsste.“
Gesagt, getan, Anteus nahm ihr den Knebel ab, der aus einem Ende dünnem Tau sowie einer, jedenfalls
dem Geruch nach, länger getragenen, aber nicht gewaschenen Socke bestand. Doch anstatt dankbar zu
sein, spuckte sie Anteus an und fing an zu schimpfen und zu fluchen, schlimmer als jeder Dockarbeiter
und jeder Bierkutscher.

Das war zuviel für den guten Anteus, schon hob er die Hand und wollte ihr eine Ohrfeige versetzen, doch
Janette hielt ihn zurück. „Lass man, die kriegen wir schon ruhig, am besten legen wir ihr erst das
Halseisen um.“

Nur widerstrebend liess Anteus seine Hand wieder fallen, doch Janette blinzelte ihm zu und da er voll-
stes Vertrauen zu ihr hatte, hielt er sich zurück. Janette nahm ein Massband, ermittelte den Halsumfang
des Mädchens und holte aus einer Kammer ein schweres und fast sechs cm breites Halseisen. „Das müss-
te ihr passen,“ lächelte sie, „nur finde ich, dass der Eisenring am Halseisen etwas klein ausgefallen ist,
aber das lässt sich schnell ändern.“

Schon legte sie das Halseisen in die Esse, löste den kleinen Ring und arbeitete einen grossen, dicken Ring
an das Halseisen an. Sobald das glühende Eisen im Wassereimer abgekühlt war, legte sie dem Mädchen
das Halseisen zur Probe um.

„Normalerweise etwas eng, aber für die da ist das Halseisen weit genug.“ meinte Janette und gab Anteus
Anweisung, das Mädchen an den Amboss heranzubringen. Trotz aller Gegenwehr war das Halseisen
schnell umgelegt und mit einem glühenden Eisenstift gegen jeden Ausbruchversuch gesichert.

Barbara, so hiess das neue Kettenmädchen, war anzusehen, dass ihr der neue Schmuck nicht gefiel, sie
versuchte ihren Kopf wie bisher zu bewegen, doch sass das Halseisen so eng, dass ihre Bewegungsfreiheit
mit dem Kopf eingeschränkt war. Das hinderte sie aber nicht daran, weiter zu fluchen und die beiden
Besatzungsmitglieder auf das Übelste zu beschimpfen. Die aber blieben ganz ruhig und Janette holte aus
der Kammer ein Instrument, dass die Barbara schnell zum Schweigen bringen sollte. Hatte sie damals
doch schon für einen der ersten Kettenburschen einen Knebel angefertigt, und inzwischen hatte sie das
in ihrer reichlich freien Zeit immer wieder neue Modelle angefertigt, was ihr nun zugute kam.

Kaum erkannte Barbara den Knebel in Janettes Hand, als sie auch schon schlagartig den Mund hielt und
die Beiden nur noch mit funkelnden Augen bitterböse ansah. „Jetzt, wo sie den Mund aufmachen soll,
hält sie auf einmal die Klappe.“ meinte Anteus.

„Ich bin davon überzeugt, dass sie gleich geknebelt sein wird.“ meinte Janette und fragte Barbara:
„Machst du den Mund freiwillig auf oder muss ich nachhelfen?“

Teil 121

Doch ausser einem bösen Blick kam keine Reaktion, und Janette meinte nur: „Wer nicht hören will muss
fühlen.“ und trat dem Mädchen mit aller Kraft auf den grossen Zeh. Der kurze Schrei vor Überraschung
und Schmerz genügte vollkommen, ihr den Lederball des Knebels einzuführen. Während Anteus ihn von
vorne festhielt, befestige Janette ihn von hinten mit einem Stahlband, wodurch der Knebel unverrück-
bar fest sass. Endlich war wieder Ruhe auf dem Schiff, und das Fluchen und Geschimpfe von Barbara
war nur noch gedämpft zu hören.

Der nächste Arbeitsgang bestand darin, ihr die Stiefel auszuziehen und die Strumpfhose über den
Knöcheln abzuschneiden. Dann wurde eine Kette an einem Deckenhaken der Schmiede befestigt und das
andere Ende durch den Eisenring des Halsbands geführt und strammgezogen und ebenfalls an dem
Deckenhaken eingehangen, doch nicht bevor Janette die Kette vorher durch eine Art Sack zog. Barbara
konnte nur noch auf den Zehenspitzen stehen, sonst wäre sie von dem Halseisen gewürgt worden.
Erst jetzt wurde das Seil um ihre Beine abgenommen, und kaum waren ihre Beine frei, als Barbara schon
versuchte, Anteus zu treten, doch ihre Bemühungen waren vergebens. Janette nahm ihr linkes Bein in
die Hand und legte ihr eine Fussfessel um, die gleich darauf verschlossen wurde, während Anteus die
Gefangene stütze und gleichzeitig festhielt, da sie auf einem Bein nicht stehen konnte. Als auch die zwei-
te Fussfessel angelegt war, nahm Anteus die Gefangene wieder wie eine Teppichrolle unter den Arm und
Janette befestigte zwischen den Fussfesseln eine kurze Kette, worauf Anteus sie dann wieder hinstellte
und sie auf ihren Zehenspitzen stehen konnte.

Doch nun war es an der Zeit, dass Aneus die Werkstatt verliess, denn das Mädchen musste ausgezogen
werden und dabei hatten Männer nichts zu suchen. „Ich bleibe in der Nähe, wenn sie Schwierigkeiten
macht, bin ich innerhalb von Sekunden zur Stelle.“ sagte er noch beim Hinausgehen.

„Du hast gehört was mein Verlobter gesagt hat, also richte dich danach und mach mir jetzt keine
Schwierigkeiten mehr.“ warnte Janette sie und löste ihre Handfesseln. Barbara stöhnte erleichtert auf und
wollte sofort die Situation ausnutzen und auf ihre Peinigerin einschlagen, doch waren ihre Arme durch
die lange Zeit, in der sie gebunden war, eingeschlafen und es war ihr nicht möglich, die Arme kontrol-
liert zu bewegen.

Wehrlos musste sie sich die Armfesseln anlegen lassen, und bevor Janette die Armreifen mit einer Kette
verband, zog sie das sackartige Gebilde, dass nun das neue Gewand von dem Mädchen sein sollte her-
unter und steckte ihre Hände durch die Armlöcher. In aller Schnelle hatte Janette dann auch die
Armfesseln mit einer Kette verbunden, jedoch nicht ohne das eiserne Band vorher durch den Ring an
dem Halseisen zu ziehen.

Barbara war total fertig, sie schaffte es auch nicht, noch länger auf Zehenspitzen zu stehen und gab
röchelnde Geräusche von sich, worauf Janette, die ja im Grunde ihres Wesen wirklich ein weichherziger
Mensch war, die Halskette soweit verlängerte, dass die Gefangene jedenfalls auf ihren Füssen stehen
konnte. Kaum hatte das neue Kettenmädchen erleichtert nach Luft geschnappt, als ihr das Herz vor
Schreck fast stehen blieb, denn Janette kam mit einem Messer in der Hand auf sie zu. Wie eine
Wahnsinnige riess sie an ihren Ketten, doch Janette beruhigte sie schnell: „Du brauchst keine Angst zu
haben, ich werde dich jetzt nur von deiner seltsamen Gewandung befreien.“ sagte sie und zerschnitt
Barbaras Kleidung, so dass das Mädchen nur Minuten später als einziges Bekleidungsstück das sackar-
tige Kleid am Körper hatte.

Barbara stand schwer nach Atem ringend in der Schmiede, der Knebel und das breite Halseisen mach-
ten ihr schwer zu schaffen, Allein die Hand- und Fussfesseln mit den schweren Ketten daran waren
waren Barbara unerträglich, und noch schlimmer war das breite und Halseisen, dass ihr normale
Bewegungen mit dem Kopf unmöglich machte, doch der Gipfel der Quälerei war der Knebel, der sie nicht
nur daran hinderte sprechen zu können, sondern sie auch noch durch den widerlichen Geschmack des
Lederballs in ihrem Mund vor Ekel würgen liess.

Janette hatte die Schmiede inzwischen verlassen und war in die Last (Vorratsraum auf einem Schiff)
gegangen, um von dort einen passenden Keuschheitsgürtel zu holen. Es war unglaublich, wie viel ver-
schiedene Modelle sie dort liegen hatte, vom Gürtel aus einfachem Eisen zur Ausführung in Edelmetall,
manche sogar mir eingearbeiteten Verzierungen. Mit geübtem Auge suchte sie einen einfachen
Keuschheitsgürtel aus, einfach, aber absolut ausbruchssicher.

Mit dem Tugendwächter in der Hand ging sie zurück in die Schmiede, wo Barbara bewegungslos ver-
harrte, doch sobald sie den Keuschheitsgürtel erblickte, war es damit vorbei.

Teil 122

„Oh nein,“ dachte Barbara, „niemals lasse ich mich in einen Keuschheitsgürtel einschliessen, egal was
nun passiert.“ zerrte und riess an ihren Ketten wie eine Wahnsinnige. Am liebsten hätte sie ihren Frust
herausgebrüllt, doch durch den Knebel gab sie nur nichtverständliche Geräusche von sich.

Janette waren solche Reaktionen bei dem ersten Anblick eines Keuschheitsgürtels durchaus nicht unbe-
kannt, folglich blieb sie ganz ruhig und meinte: „Mädchen, du kannst dich von mir aus wehren wie du
willst, aber diese Schmiede verlässt du nur tot oder in einen Keuschheitsgürtel verschlossen.“

Barbara war das egal, sie drehte und wendete sich wie ein Aal an Land und versuchte mit allen Mitteln
die Zwangsverschliessung zu verhindern. Ihre Ketten klirrten, hin und her versuchte sie sich zu drehen,
um dem Unvermeidlichen doch noch zu entkommen, aber so gefesselt wie sie im Augenblick war hatte
sie nicht die geringste Chance.

Trotzdem hatte Janette nun Schwierigkeiten ihr den Tugendwächter umzulegen, denn bei diesem
Gezappel konnte sie einfach nicht in Ruhe arbeiten. Langsam wurde sie böse und gab Barbara noch ein-
mal den guten Rat, sich nun nicht mehr gegen den Verschluss zu sträuben.

Doch das neue Kettenmädchen keuchte vor Wut und Entsetzen, ihre Augen waren weit aufgerissen und
der Schweiss stand ihr auf der Stirn, Janette jedoch wurde ruhig wie ein Eisblock, was bei ihr kein gutes
Zeichen war, denn sie wollte ihre Arbeit so schnell wie möglich beenden, da die „Kuisheid“ inzwischen
Kurs auf Emden genommen hatte und sie den Abend in der Welt geniessen wollte.

„Ich sag es dir jetzt zum letzten Mal, hör auf mit dem Gezappel, sonst wird es dir leid tun.“ Janettes
Worte jedoch waren wirkungslos, also zog sie die Kette, die von dem Halseisen zur Decke führte, so
stramm, dass das Mädchen fast keine Luft mehr bekam. Erst jetzt wurde sie ruhiger, anstatt an
Gegenwehr hatte sie nun genug damit zu tun soviel Luft wie möglich zu bekommen.

Wie immer arbeitete Janette schnell und sicher, und schon nach kurzer Zeit war der Keuschheitsgürtel
perfekt angepasst. Da aber das Gesicht des Kettenmädchens durch die knappe Luftzufuhr eine mehr als
ungesunde Farbe bekam, löste sie die Kette wieder ein Stück. Barbara konnte nun auf den Zehenspitzen
stehen und atmete durch den Knebel so viel und tief sie nur konnte. In der Zeit hatte die Schmiedin
schon ihren Tiegel mit Salbe geholt, nahm eine tüchtige Hand voll heraus und verteilte sie auf Barbaras
Taille, eine zweite Portion der Salbe verteilte sie am Hintern, zwischen den Pobacken und den
Schamlippen, dabei aber nicht vergessend, die Salbe gut einzureiben.

Jetzt erst kam Barbara wieder richtig zu sich und begriff, was mit ihr gemacht wurde, doch nun war es
für jede Gegenwehr zu spät, gegen das Umlegen und Verschliessen des Keuschheitsgürtels konnte sie sich
nicht mehr wehren. Dafür wurde jedenfalls die Kette am Halseisen gelockert und sie konnte wieder auf
eigenen Füssen stehen.

„Na siehst du, war doch gar nicht so schlimm.“ strahlte Janette sie an und betrachtete selbstkritisch ihre
Arbeit, mit der sie dann aber doch sehr zufrieden war. Barbara wurde nun in einer Ecke der Schmiede
angeschlossen, anschliessend räumte Janette ihre Werkstatt auf und ging dann an Deck, um zu sehen ob
Emden schon in Sicht wäre.

Tatsächlich konnte sie die Hafenstadt schon von der Ferne sehen, auch wenn die Sicht nicht allzu gut
war, denn dunkle Wolken zogen auf. Janette ging weiter zum Steuerstand, wo Petersen und Anteus sich
gerade einen Becher Tee gönnten.

„Das sieht nicht gut aus.“ meinte Petersen zur Begrüssung und zeigte auf die Wolken, und auch das
Barometer zeigte an, dass schlechtes Wetter zu erwarten war, wenn auch nicht unbedingt noch heute,
doch bis zum nächsten Morgen würde es wohl einen schönen Sturm geben.

In Emden angekommen gingen sie gleich längsseits an ein Bunkerschiff, füllten Diesel und Trinkwasser
auf und entschlossen sich angesichts des zu erwartenden schlechten Wetters doch lieber gleich zurück
zu fahren, sehr zum Leidwesen von Janette, die Abende im Emder Hafen über alles liebte. Doch Petersen
lies sich nicht umstimmen, und so verliessen sie den Hafen wieder um durch das Wattenmeer den
Liegeplatz vom Land der alten Dörfer zu erreichen.

Sie waren mal gerade eine gute Stunde unterwegs, als über Funk Sturmflutwarnung durchgegeben
wurde. Nordwestliche Winde der Stärke 11 bis 12 wurden gemeldet, und schon jetzt hatte die Tjalk mit
dem Seegang zu kämpfen.

„Was wirst Du jetzt machen?“ wollte Janette von Petersen wissen.

„Wir laufen weiter, wenn wir bei dem Wetter eine Wendemanöver versuchen kann es zum Kentern kom-
men. Also fahren wir weiter in Richtung Helgoland, das ist die einzige Möglichkeit die wir haben, denn
bei einer Sturmflut in unser Liegeplatz zu Hause auch nicht sicher. So stampfte die „Kuisheid“ durch die
aufgewühlte See, einem ungewissen Schicksal entgegensehend.

Auch im Land der alten Dörfer bekamen es die Leute so langsam mit der Angst zu tun, denn der Sturm
wurde immer heftiger. Mit gewaltiger Kraft blies dieser Sturm über das Land, vereinzelt wurden Bäume
entwurzelt. Alle hofften nun auf das Kippen der Tide, denn bei ablaufendem Wasser wurde das
„Schlechtwetter“ meistens mit auf See gezogen.

Doch diesmal brachte der Tidenwechsel nicht die erhoffte Besserung, es frischte noch weiter auf und der
Sturm entwickelte sich zu einem Orkan, wie ihn selbst die Ältesten im Dorf noch nie erlebt hatten. Die
Alten munkelten schon, dass das Ende der Welt gekommen sei, und in den meisten Häusern wurde mit
bangem Herzen gebetet.

Derweil schlugen harte Brecher immer und immer wieder an den Deich, und das Wasser stieg so hoch,
wie es wirklich noch nie gewesen war, doch das bekamen die Leute von Land der alten Dörfer nicht mit,
denn keiner war so verrückt, bei einem derartigen Sturm auf den Deich zu gehen und sich die tobende
See anzuschauen.

Nach 12 Stunden ebbte der Wind etwas ab und die ersten jungen Männer verliessen ihre Häuser, um
nach dem Rechten zu sehen, so auch in Texlum. Einer der Männer (Texlum liegt direkt am Deich) bestieg
die Deichkrone und glaubte seinen Augen nicht zu trauen: Das Wasser stand nur 2 Meter unter der
Deichkrone und langsam wurde der Deich von Wasser durchtränkt und weich.

Sofort wurde ihm klar, dass sich alle Bewohner in höchster Lebensgefahr befanden und er lief so schnell
er nur konnte in das Dorf zurück und die Bewohner zu warnen. Doch die hörten nicht auf ihn, der Deich
hielt schon seit Generationen jedem Unwetter stand und würde auch diesmal halten, bekam er zur
Antwort. Kurze Zeit später fing es wieder an zu wehen, es war, als wenn der Sturm nur eine kurze Pause
gemacht hätte, um mit noch mehr Kraft zu blasen. Nun schlugen die ersten Wellen schon über die
Deichkrone, das erste Wasser lief in das Dorf.

Nun bekamen es die Einwohner von Texlum doch mit der Angst zu tun, eilig trieben sie das Vieh aus
dem Stall, packten einige Sachen zusammen, spannten die Pferde vor Kutschen und Wagen und flüch-
teten nach Hohedörp, dass zumindest 3 Meter höher lag als Texlum.

Währenddessen tobte der Sturm immer weiter, schon waren die ersten Risse im Deich, und diese kleinen
Risse verwandelten sich innerhalb von Minuten zu grossen Spalten. Der blanke Hans schlug immer wei-
ter auf den Deich ein, immer weicher und widerstandsloser wurde der Deich und so dauerte es nicht
lange, bis er auf der ersten Stelle brach. Das aufgestaute Wasser suchte sich seinen Weg, mit furchtba-
rer Gewalt wurden nun weitere Teile des Deiches einfach weggespült und die Nordsee überspülte das
Land der alten Dörfer.

Auch im Haus von Monika Wattjes bekam man es mit der Angst zu tun, und es wurde überlegt ob es
nicht besser wäre, einen sichereren Platz zu suchen, aber das lehnte der Bauer ab. „Bis hierher kann das
Wasser selbst bei einem Deichbruch nicht kommen.“ meinte er und machte sich viel mehr Sorgen um
die Leute in Texlum als um sich selbst.

Monika aber hatte eine seltsame Vorahnung, und sie drängte ihren Mann dazu, doch vorsichtshalber
nach Hohedörp zu fahren, dort könne man sich im Falle eines Falles notfalls noch oben in dem
Kirchenschiff in Sicherheit bringen. Zwar hielt der das für überflüssig, da Monika aber nicht aufhörte zu
drängeln und er den Dickkopf seiner Frau kannte, liess er sich dann doch breitschlagen und machte sich
mit seiner Familie auf nach Hohedörp.

Inzwischen war der Deich auf einer Breite von 600 Metern weggespült, ungeheuere Wassermassen wälz-
ten sich über das Land und rissen alles hinweg, was ihnen im Wege stand. Kein Baum, kein Haus, dass
dieser ungeheueren Naturgewalt stand halten konnte, und immer weiter erobere sich die Nordsee ihr
Land zurück, es kam nicht nur nach Hohedörp sondern überspülte sogar noch Andersum.

Zwei Tage und zwei Nächte hielt die Flutkatastrophe an, dann zog sich das Wasser langsam zurück. Den
wenigen Überlebenden bot sich ein Bild des Grauens: Nur noch wenige Gebäude standen, die meisten
durch die Kraft der Wellen zusammengebrochen, totes Vieh trieb mit aufgeblähten Leibern im Wasser.

Ihrer Existenz und ihrer Heimat beraubt stand ein kleines Häuflein Menschen im kniehohen Wasser, fas-
sungslos schauten sie sich um und konnten, obwohl sie es mit eigenen Augen sahen, doch nicht fassen,
was sie da sehen musste.

Wie sollte es nun weitergehen, würde das Land der alten Dörfer für immer verloren sein oder gab es
noch mehr Überlebende, mit denen das Land wieder aufgebaut werden könnte? Die Zukunft war unge-
wiss, und mit bangem Herzen dachten die Menschen an das, was nun auf sie zukommen würde.

Ende