Sie sind auf Seite 1von 7

Ritual. Zum Glück hat er gerade jemand anderen am Wickel:

Ältere Herrschaften, die ihn nicht kennen und dementspre- chend verstört aus der Wäsche gucken. Von einer ruhigen Ecke aus beobachte ich Künstlerkol- legen beim Smalltalk: Die einen lassen schlaff die Arme hin- unterhängen, die anderen fesseln sich selbst durch eng am Körper verschränkte Arme. Das wirkt ängstlich und bockig zugleich. Wieder andere kommen wurschtig daher, mit bei- den Händen in den Hosentaschen, machen auf lässig, tatsäch- lich würden sie für Geld alles tun. Be issen netzwerken und dabei cool-desinteressiert wirken – das ist ihre Masche. Im schärfsten Gegensatz dazu der Kühlschrankfabrikant: Geht aufrecht, lässt die Arme seitwärts locker schwingen, und am Revers baumelt das ihm am Tag zuvor verliehene Verdienst- kreuz am Bande. Sein erhobener und etwas zurückgeworfe- ner Kopf signalisiert Entschlossenheit und Tatkraft. Die Hal- tung des Sammlers, dieses „Was kostet die Welt“, man muss sie kopieren! Man sollte durch eine Ausstellung gehen wie der Duce anno 1938 durch die Biennale von Venedig! Gleich mal ausprobieren (zusammen mit meiner herrischen Hirschhorn- Brille, die ich jetzt aus der Jackentasche ziehe). Es wirkt! Ich komme mit einer aparten Dame ins Gespräch. Sie stamme ursprünglich aus Pinneberg, sei der Liebe wegen nach Schwa- ben gekommen, schon vor über dreißig Jahren. Bald verrät sie mir ihren Vornamen und gesteht ihre Neigung zum Kunst- sammeln („Schwerpunkt Papierarbeiten“). Ganz offensicht- lich langweilt sie sich, der Mann mit 65-Stunden-Woche, die Kinder aus dem Haus. Es gelingt mir, Monika zum Lachen zu bringen, wobei alles an ihr zu wackeln beginnt (wie ein Berg Gelee, der leichten seismischen Erschütterungen ausge- setzt wird). Nach ihrem Urlaub wollen wir uns verabreden.

24

18. Juni

Freitag Freibad Silberweg. Wie jedes Jahr im Böblinger Sommer: The place to be. Ich gehöre zu der Handvoll von Stammgästen mit Saisonkarte (76 Euro), den megabraunen Rentnern, den Möchtegern-Pimps, den Ledermumien unde nierbaren Alters, Frühpensionierten und arbeitslosen Dauerurlaubern, die im- mer da sind. Man kennt sich, nickt sich zu, eine eingeschwo- rene Gemeinschaft, die stets am Platz ist, von Anfang Mai an, und die durchhält bis zum letzten Tag der Saison. Absolutes Highlight ist hier die Carsten-Höller-mäßige 75-Meter-Rut- sche. Viersche, hendersche, nonder, nuff – macht beson- ders Spaß, wenn man gerade einen durchgezogen hat. Mein Stammplatz aber sind die Whirl-Liegen im Erlebnisbecken, das konstant auf 26 Grad geheizt ist! Rutschen und Liegen im Wechsel – Ambient Art unlimited.

19. Juni

Samstag Im Freibad. Herrgeddle, schon morgens 28 Grad! Was wird das für ein fetter Sommer werden! Sinniere bei einem kühlen Pils darüber, wie ich auf Frauen wirke. Zunächst mein bio- logischer Vorteil: Wer wie ich groß ist und sich einigermaßen in Form hält, hat immer einen Schlag bei Frauen. Viele suchen einen, zu dem sie aufschauen können, der breite Schultern bietet. Wenn man dann noch einen guten Tag hat, kann alles wie von selbst laufen. Die Jammertour liegt mir nicht, dann bleibe ich lieber ganz zu Hause. (Vittorio hat die Einsame- Cowboy-Nummer hingegen perfektioniert. Er spielt den trau- rigen, unverstandenen Mann, der sich in Sehnsucht nach einer Seelenverwandten verzehrt. Wenn er dann noch seinen italienischen Akzent aktiviert, wirkt er auf manche Ladys

25

unwiderstehlich.) Ich halte mich lieber an meine goldenen Flirtregeln. Nr. 1: Erotik funktioniert nur im Zusammenhang mit Geheimnissen, Ahnungen, Vermutungen. Man wirkt nur dann geheimnisvoll, wenn man in geringen Dosen etwas von sich preisgibt. Flirtregel Nr. 2: Vertrauen schaffen, indem man scheinbar intime Dinge mit gespielter Befangenheit beichtet und im Gegenzug echte Geheimnisse offenbart bekommt. Nun heißt es interessiert dreinblicken, ausdauernd zuhören, nachdenkliches Interesse zeigen. Flirtregel Nr. 3: Ideal bei Ver- nissagen. Zusammen andere beobachten, über sie lachen. Läs- tergemeinschaften schaffen Vertrautheit. Meine erfolgreichste Masche besteht jedoch darin, Be- scheidenheit zu inszenieren. Erfolge, Preise und Bildung nur in winzigen Dosen und äußerst dezent durchscheinen zu las- sen. Karriere, Stipendien, Geld – das alles interessiere mich nicht; der Kunstmarkt – da stehe ich drüber. Mir gehe es um innere Werte, um eine ausgeglichene Work-Life-Balance, um Lebensqualität etc. gebe ich meinem Gegenüber zu verste- hen. Das gespielte Understatement soll den Eindruck erwe- cken, dahinter befänden sich noch unendlich viele Beispiele weiterer Erfolge und Fähigkeiten, zumindest aber ein riesi- ges Potential. Man könnte ja jederzeit, wenn man wollte. Das ist die wahre Kunst: Hochstapeln durch simuliertes Tiefstapeln.

22. Juni Dienstag Im Freibad. Rutschen und Liegen, Whirlpool und Weizenbier im stetigen Wechsel, die Wiederkehr des immer Gleichen. Philosophische Lektüre beim Bier. Habe online Peter Sloter- dijks Ästhetischen Imperativ für 49 Cent erworben. Eine abgestoßene, handliche Hardcoverausgabe. Der Karlsruher

26

Akademiedirektor gehört meines Erachtens zu den wenigen Philosophen (neben Nietzsche natürlich), die wirklich was über Kunst zu sagen haben.

24. Juni

Donnerstag

Selbstporträt à la Vincent van Gogh begonnen. „Rosa-grau-

es Gesicht mit grünen Augen, aschfarbenes Haar, Runzeln auf der Stirn und um den Mund, hölzern-steif, ein sehr roter Bart, ziemlich wirr und trübselig … du wirst sagen, das er- innere etwas an das Gesicht, ja des Todes.“ So schrieb er im Brief an seine Schwester über sein berühmtes Selbstporträt als Künstler. Ich benutze wie Vincent leuchtende Komple- mentärfarben, eine impressionistische Farbpalette, der grim- mige Ausdruck konterkariert die fröhlichen Farben.

1. Juli Donnerstag Verabredet zum Bummel durch die Staatsgalerie. Ich warte auf Monika in der Rotunde. Mörderische Hitze. Da kommt sie, in ihrem großblütengemusterten Sommerkleid wie eine animierte Niki-de-Saint-Phalle-Skulptur inmitten dieser ver- unglückten Museumsarchitektur. Sie sieht großartig aus, scheint gegen die Hitze immun zu sein. Gemeinsamer Gang durch die menschenleere Galerie. Wir reden vordergründig über Kunst, eigentlich aber über uns selbst. Thema Lieblings- bilder. Ergriffen bleibt sie vor Rothkos O.T. aus dem Jahr 1962 stehen: In diesem Gemälde glaube sie wahrzunehmen, wie sich die Farbfelder geradezu plastisch ausdehnten, wo- bei sie vor dem dunklen Grund gleichsam schwebten! Diese Schwerelosigkeit! Und das seltsame innere Licht, das aus dem Bild herausscheine! Ich zeige mich eher an schärferen

27

Konturen interessiert, und führe Monika zu Modiglianis Lie-

gendem Frauenakt auf weißem Kissen, den wir eine Weile

schweigend betrachten. Leider könne sie nicht lange bleiben, müsse zum Aqua-Fitness-Kurs, der gleich beginne. Noch im- mer glaubt sie übrigens, ich sei auch Sammler, ich habe es nicht geschafft, ihr die Wahrheit zu beichten. Siehe Flirtregel Nr. 1: Die Balance zwischen Geheimnis und Offenbarung wahren!

6. Juli Dienstag Selbstporträt à la Beckmann begonnen. Habe mir dafür ei- gens einen Frack geliehen. Den Betrachter frontal anblickend, selbstbewusst bis in die Haarspitzen, mit Fliege und weißer Hemdenbrust. (Weit mehr sprechen mich allerdings seine monumentalen Frauen an, die Aktbilder und Porträts seiner Frau Quappi. Er arbeitet mit einem einfachen Trick: Er ver- kleinert den Kopf, verschiebt die Relation zwischen Kopf und Körper, macht auf diese Weise Riesinnen aus ihnen.)

12. Juli Montag, Ostfildern-Ruit Monika hat mich eingeladen, ihre Sammlung zu besichtigen. Eigentlich ist ihr Mann der Sammler, denn er hat ja alles bezahlt, und sie nur die Kuratorin. Ost ldern-Ruit, Ecke Dahlienweg /Im Flieder, ein stattliches Einfamilienhaus, ge- baut in den späten 1970er Jahren. Schöne Lage am Südhang. Hollywoodschaukel. Steingarten. „Dr. W. & M. Bressler“ steht auf dem Klingelschild, im Haus scheint alles ruhig. Monika öffnet, im weißen Leinenkleid, wirkt etwas befan- gen, was durchaus Charme hat (oder ist es gar eine Masche von ihr, eine geschickt gespielte mädchenhafte Verlegenheit?).

28

Treppenhaus, Flur, Wohnzimmer, selbst der Garten: überall Bilder, Graphiken und jede Menge Kleinplastik, hauptsäch- lich von regionalen Künstlern, dazu kommt ein bisschen nie- derpreisige Graphik der klassischen Moderne (ein wenig wahllos und zusammengewürfelt wirkt alles, wie so oft bei Privatsammlungen, die doch von Gelegenheitskäufen, emotio- nalen Altlasten, Erinnerungs- und Erbstücken geprägt wer- den). So wie die unzähligen Blumensträuße, Pralinenschach- teln, Schuhe, Schmuckstücke nanzierte Wolfgang auch klaglos all die Kunstwerke, die Monika als Trostp aster dien- ten für ihre Einsamkeit während seiner langen Geschäftsrei- sen, für die dunkle Ahnung seiner Affären, die nagende Ei- fersucht. Eines der Aquarelle aber fällt mir besonders auf, dies, erklärt Monika, sei eine Arbeit von Sabine Riechert, einer Künstlerin ganz hier aus der Nähe. Ich verschweige, dass es sich hierbei um meine Exfrau handelt. Weiter geht’s. Und diese Keramik hier habe sie bei der Kleinplastik-Trien- nale Fellbach erstanden, erklärt sie mir, im Esszimmer warte aber noch ein echtes Highlight, ein Nolde-Aquarell, das habe ihr Wolfgang zum Fünfzigsten geschenkt. Durch die offene Tür des Schlafzimmers sehe ich eine großformatige Aktzeich- nung. Monika fordert mich auf, näher zu treten. Eine kurvi- ge Schönheit in den Dünen, signiert von Bruno Bruni. „Ja“, seufzt sie, „das war im Sommer 1976 auf Sylt, da war ich noch Studentin.“ Es stellt sich heraus, dass wir beide an der gleichen Hochschule waren, sie allerdings Jahre vor mir. Bei Franz Erhard Walter und Bazon Brock habe sie studiert.

[Anm. Christian Saehrendt: Auf meine Anfrage, ob sie bereit wäre, für dieses Buch ein State- ment über Ronald abzugeben, da sie ja häufig in seinen Tagebüchern erwähnt wurde, habe ich

29

folgendes Schreiben von Monika Bressler er- halten:]

„Sehr geehrter Herr Dr. Saehrendt, mit großer Verwunderung habe ich Ihr Schrei- ben mit den Kopien von Ronald Läpplingers Ta- gebuch zur Kenntnis genommen. Dazu möchte ich feststellen: Gemeinsam mit meinem Mann Wolf- gang baue ich seit gut zehn Jahren eine Samm- lung zeitgenössischer Kunst auf, wobei wir uns vor allem der Förderung junger Künstler aus der Region verschrieben haben. In diesem Zusammenhang wurde mir auch Ronald Läpplinger persönlich vorgestellt, dessen Arbeiten aber leider nicht mit dem Profil unser Kollektion vereinbar waren. Eine darüber hinausgehende Beziehung zwischen uns hat es nie gegeben — so wie sie Herr Läpplinger in seinen Aufzeich- nungen darstellt, entspringt diese Affäre zu hundert Prozent seiner Phantasie. Mit freundlichen Grüßen“

Monika Bressler, Ostfildern-Ruit, 28. November 2012

17. Juli Samstag Ben ist wieder da. Die Begegnung mit Sabine ist dabei auf null reduziert. Seit einiger Zeit hat sie, wenn sie Ben bringt oder abholt, die Angewohnheit, ihren Wagen nicht mehr zu verlassen, auch sonst keine Handzeichen, Hupsignale oder sonst was zu geben. Nicht mal ihr Gesicht kann ich hinter den getönten Scheiben des Cayenne erkennen. Ist es über- haupt noch Sabine, die da am Steuer sitzt?

30