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Richard Schreiner Der Batzen

Die Sonne lacht von einem stahlblauen Himmel. Ich sitze in N´gorkou auf Bintus Holzschemel und genieße die morgendliche Kühle. Eine frische Brise trägt vom Niger her prickelnde Luft. Es wird nicht lange dauern und ein Wind wird aufkommen. Er wird den allgegenwärtigen Staub aufwirbeln und ihn hochreißen. Die Sonne wird verschwinden, das saubere Saheldorf wird sich in ei- nen Schleier aus Staub, Sand und Dunst hüllen.

Vor mir steht eine Hütte aus Hirsestrohmatten. Links davon nie- dere Kastenhütten aus luftgetrocknetem Lehm, mit Vordächern aus Krüppelholz, strohmattenbedeckt. Auf dem blank gekehrten Sandboden liegt ein Mörser aus Holz, Stößel liegen herum. Es ist ruhig und still, silbrig schillernde Blätter eines Eukalyptusbaumes säuseln hoch über mir.

Fünf Buben, ich schätze sie auf 10 Jahre, stellen sich vor mich hin. Es scheint, als hätten sie noch nie einen Weißen gesehen. Ich spüre, wie sie mich und noch mehr meinen Rucksack, den ich aus Sicherheitsgründen immer neben mir abstelle, mit ihren Augen abtasten. "Was werden sie wohl von mir denken, wie werden sie mich sehen?", frage ich mich. Ihre Sorglosigkeit, ihre Fröhlichkeit und ihre ungehemmte Neugier freuen mich.

Manchmal kichern sie sich zu, wenn ich mich bewege oder ihnen wohlwollend zulächle. Mein Rucksack ist das Objekt ihrer beson-

deren Neugier. Ich bin sicher, sie vermuten in ihm die unerdenk- lichsten Dinge ihrer Phantasie. Am Vortag hatte einer von ihnen gesehen, wie ich in ihm meine Fotoausrüstung verstaut hatte.

Nach und nach setzen sie sich im Respektsabstand vor mir in den Sand. Ihre ebenholzschwarzen Beine schimmern samten von Staub. Ich ziehe mein Taschentuch aus der Hosentasche und put- ze die Nase. Der rote Sahelstaub verstopft sie mir mit einer hart- näckigen Kruste. Das Tüchlein um meinen Zeigefinger spannend, versuche ich, Teilchen für Teilchen des kratzenden Staubes zu entfernen. Die Nasenschleimhaut darf ich nicht verletzen. Ich stoße einen kräftigen Luftstrom durch die Nase und verstecke das Tuch in der Hosentasche. Als die Buben mein Bemühen beo- bachten, kichern sie sich heimlich zu. Sie stoßen sich gegenseitig in die Rippen und wälzen sich vor Vergnügen auf dem Boden. Ich verstehe ihr Lachen. Welch ein seltsames Etwas und welch ein Luxus muss es für die Buben im Sahel sein, zum Putzen der Nase einen besonderen Stoff mit sich herum zu tragen. Die eklige Ausscheidung wird sogar in der Hose aufbewahrt. Sie werden sich fragen, was ich mit dem unappetitlichen Schleim machen werde.

Ich spüre die Neugier der Buben und ihren Wunsch, ein leichtes Tüchlein zu sehen, es anfassen zu dürfen. In Mali habe ich Pa- piertaschentücher bei mir, sie sind unter den gegebenen Um- ständen geeigneter als Stofftaschentücher. In die Hosentasche greifend, ziehe ich ein Tüchlein heraus und gebe es ihnen. Auf Kommando springen sie auf, rempeln sich gegenseitig zur Seite um das Ding zu erhaschen. Wie Hühner, die ein Huhn hetzen das

einen Wurm im Schnabel trägt, rennen sie dem Besitzer des Ta- schentuchs hinterher. Nach einer heftigen Balgerei beruhigen sie sich, bestaunen und befühlen das weiche Papier.

Meinen Rucksack und mich haben sie inzwischen vergessen. Sie stecken ihre Köpfe zusammen, bewundern das weiße Etwas von beiden Seiten, streifen mit ihren Fingern über die samtig feine Oberfläche. Nach ihren Handbewegungen und Gesten zu urtei- len, scheinen sie das Handwerk des Naseputzens zu besprechen. Ich meine zu verstehen, dass sie dem Besitzer Ratschläge gäben, wie er das Taschentuch verwenden könne.

Der Inhaber legt seinen Kopf in den Nacken und breitet das Pa- pier flach über sein Gesicht, das kaum mehr zu sehen ist. Er be- fühlt es, sucht nach Konturen. Er greift mit Daumen und Zei- gefinger, als würde er die Lage seiner Nase überprüfen. Die Bu- ben geben immer wieder Anweisungen, warten und verfolgen mit Neugier die Versuche ihres Freundes.

Er hat seine Nase im Griff, alle freuen sich. Nun verbleibt ihm nur noch, wie bei mir gesehen, den Inhalt der Nase in das Tuch zu pusten. Seinen Kopf nach vorne nehmend, weitet er seinen Brustkorb, als wolle er mit einem Stoß einen Luftballon auf- blasen. Er holt tief Luft und pustet mit ganzer Kraft den Inhalt seiner Lunge in das Tuch. Fast hätte es ihm seine Hand mit- genommen. Das Experiment scheint geglückt zu sein. Seine Freunde freuen sich mit ihm, bewundern ihn, bezeugen ihm Re- spekt und Anerkennung.

Plötzlich, Panik scheint ausgebrochen zu sein. Ein Junge stößt ei- nen gellenden Schrei aus. Er schlägt mit den Händen auf seine Knie. Alle schauen auf, was ist geschehen? Hat sich eine Schlange an sie herangeschlichen? Der Unruhestifter zeigt auf den Meister, den gerade noch umjubelten. Auf dessen ebenholzschwarzen Brust, die sein zerrissenes Hemd ungehindert zeigt, glänzt schlei- mig und fett ein Batzen von beachtlichem Ausmaß.

Die Buben wälzen sich kringelnd vor Lachen und Schadenfreude. Wie ein Lauffeuer geht es durch das Saheldorf: Boubakar hat sich die Nase geputzt, wie ein Weißer.

Richard Schreiner, Jahrgang 1941, geboren in Friedberg bei Augsburg, aufgewach- sen in der Heimat seines Vaters im Bayerischen Wald, von Beruf Bauingenieur. Lebt seit 1968 im Neu-Ulmer Raum, mit seiner Frau hat er drei erwachsene Kinder. Nach der Durchquerung der Sahara entdeckte er die Liebe zu Mali/Westafrika, die ihn zeitlebens nicht mehr losließ. Hobbies: Fotografie, Musik.