Sie sind auf Seite 1von 9

Treppenhaus, Flur, Wohnzimmer, selbst der Garten: überall Bilder, Graphiken und jede Menge Kleinplastik, hauptsäch- lich von regionalen Künstlern, dazu kommt ein bisschen nie- derpreisige Graphik der klassischen Moderne (ein wenig wahllos und zusammengewürfelt wirkt alles, wie so oft bei Privatsammlungen, die doch von Gelegenheitskäufen, emotio- nalen Altlasten, Erinnerungs- und Erbstücken geprägt wer- den). So wie die unzähligen Blumensträuße, Pralinenschach- teln, Schuhe, Schmuckstücke nanzierte Wolfgang auch klaglos all die Kunstwerke, die Monika als Trostp aster dien- ten für ihre Einsamkeit während seiner langen Geschäftsrei- sen, für die dunkle Ahnung seiner Affären, die nagende Ei- fersucht. Eines der Aquarelle aber fällt mir besonders auf, dies, erklärt Monika, sei eine Arbeit von Sabine Riechert, einer Künstlerin ganz hier aus der Nähe. Ich verschweige, dass es sich hierbei um meine Exfrau handelt. Weiter geht’s. Und diese Keramik hier habe sie bei der Kleinplastik-Trien- nale Fellbach erstanden, erklärt sie mir, im Esszimmer warte aber noch ein echtes Highlight, ein Nolde-Aquarell, das habe ihr Wolfgang zum Fünfzigsten geschenkt. Durch die offene Tür des Schlafzimmers sehe ich eine großformatige Aktzeich- nung. Monika fordert mich auf, näher zu treten. Eine kurvi- ge Schönheit in den Dünen, signiert von Bruno Bruni. „Ja“, seufzt sie, „das war im Sommer 1976 auf Sylt, da war ich noch Studentin.“ Es stellt sich heraus, dass wir beide an der gleichen Hochschule waren, sie allerdings Jahre vor mir. Bei Franz Erhard Walter und Bazon Brock habe sie studiert.

[Anm. Christian Saehrendt: Auf meine Anfrage, ob sie bereit wäre, für dieses Buch ein State- ment über Ronald abzugeben, da sie ja häufig in seinen Tagebüchern erwähnt wurde, habe ich

29

folgendes Schreiben von Monika Bressler er- halten:]

„Sehr geehrter Herr Dr. Saehrendt, mit großer Verwunderung habe ich Ihr Schrei- ben mit den Kopien von Ronald Läpplingers Ta- gebuch zur Kenntnis genommen. Dazu möchte ich feststellen: Gemeinsam mit meinem Mann Wolf- gang baue ich seit gut zehn Jahren eine Samm- lung zeitgenössischer Kunst auf, wobei wir uns vor allem der Förderung junger Künstler aus der Region verschrieben haben. In diesem Zusammenhang wurde mir auch Ronald Läpplinger persönlich vorgestellt, dessen Arbeiten aber leider nicht mit dem Profil unser Kollektion vereinbar waren. Eine darüber hinausgehende Beziehung zwischen uns hat es nie gegeben — so wie sie Herr Läpplinger in seinen Aufzeich- nungen darstellt, entspringt diese Affäre zu hundert Prozent seiner Phantasie. Mit freundlichen Grüßen“

Monika Bressler, Ostfildern-Ruit, 28. November 2012

17. Juli Samstag Ben ist wieder da. Die Begegnung mit Sabine ist dabei auf null reduziert. Seit einiger Zeit hat sie, wenn sie Ben bringt oder abholt, die Angewohnheit, ihren Wagen nicht mehr zu verlassen, auch sonst keine Handzeichen, Hupsignale oder sonst was zu geben. Nicht mal ihr Gesicht kann ich hinter den getönten Scheiben des Cayenne erkennen. Ist es über- haupt noch Sabine, die da am Steuer sitzt?

30

19. Juli Montag Weiteres Selbstporträt begonnen. Diesmal schwebt mir ein Ganzkörperbild vor, in antiker Pose, in heroischer Nacktheit. Blick in den Spiegel: Ich sehe eine große, eher hagere Gestalt. Unschön und unheroisch: Tendenz zum Rundrücken und der Ansatz einer Fettschürze in der Körpermitte. Ich beschließe, auf dem Bild lieber doch eine Unterhose zu tragen, am bes- ten eine weiße Picasso-Riesenunterhose in Doppelripp, die ich mir allerdings nicht, wie es weiland Kippenberger tat, bis unter die Achseln hochziehen werde. „Ein Bild, das nicht schockiert, ist nichts wert.“ Marcel

Duchamp

5. August Donnerstag Ein glutheißer Nachmittag, bereite mir gerade eine frische Ka- raffe Campari-O zu, da klingelt es an der Tür: Mirjana. Ker- zengrade steht meine Schwägerin vor mir. Ihr lachsoranger Blazer oder ihr prüfender Blick, ich weiß nicht, was mir hef- tiger in die Augen sticht: Wo denn die Miete für Juni, Juli und August bleibe? Außerdem hätte ich ja ne ganz schöne Fahne! Sie hat mich kalt erwischt, ich suche hastig ein paar Scheine zusammen und verspreche, den Rest zu überweisen. „Nee, lass sein“, sagt sie, sie käme ab jetzt immer Anfang des Monats vorbei und kassiere in bar, und außerdem – sie lässt ihren Blick schweifen – müsse ja hier ab und zu jemand nach dem Rechten sehen, seit d’ Muddr nicht mehr da sei. Mirjana wirft die Tür mit Schwung hinter sich zu. Ich stehe noch einen Augenblick belämmert im Haus ur herum, schlurfe schließ- lich ins Wohnzimmer, um mich kraftlos auf die Couch fallen zu lassen. Jetzt erst mal einen Campari-O […]

31

[unleserliche Passage]

„Ende Mai musste meine Schwiegermutter aus- ziehen — es ging einfach nicht mehr so weiter, Johanna war dermaßen vergesslich geworden, dass eine selbständige Haushaltsführung zu gefährlich wurde, und Ronny? Der war eher noch eine zusätzliche Belastung für sie. Wir hat- ten eigentlich alle gehofft, dass er sie un- terstützen würde, als er vor zehn Jahren wie- der zu Hause einzog, aber nichts dergleichen, selbst zum Rasenmähen war er zu faul. Und Jo- hanna ließ es sich bis zuletzt nicht nehmen, für ihn dreimal am Tag (!) was Warmes zu ko- chen, einmal setzte sie dabei um ein Haar die ganze Küche in Brand, und Ronny, der merkte nichts, weil er wohl wieder bedröhnt im Bett lag und alternative Rockmusik hörte. Die Jungs haben sich darauf geeinigt, dass Ronny allein im Haus wohnen bleiben kann, den Hausmeister mimt und die Gartenarbeit über- nimmt und dafür sechshundert Euro Miete zahlt. Seinen Pflichten ist er nie nachgekommen. Stattdessen kam er mit dem wahnsinnigen Plan an, das ganze Haus nach und nach in eine be- gehbare Skulptur zu verwandeln, er hatte da wohl einen Künstler vor Augen, der was Ähn- liches mit seinem ererbten Haus angestellt hatte, und das ruinierte Gebäude dann totes Haus oder so ähnlich nannte. Matthias und Bernd haben ihm sofort klarge- macht: No way! Er hat’s dann bald eingesehen,

32

aber so richtig trauten sie ihm nicht, deshalb sollte ich regelmäßig auf dem Nachhauseweg bei ihm vorbeifahren, die Miete kassieren und mich umschauen, ob er nicht doch irgendwie abdreht und anfängt, irgendetwas umzubauen (Bernd meinte, Frauen seien für solche schwie- rigen Aufgaben am besten geeignet, weil sie diplomatischer seien und ihr Auftritt deeska- lierend wirke).“

Mirjana Läpplinger, September 2012

7. August

Samstag, Stuttgart Ben zu Besuch. Wir fahren ins Porsche-Museum nach Zuffen- hausen, eine Pilgerstätte für jeden Möchtegernrennfahrer, Ra- ser und Rabauken. Wenn das nichts für Jungs ist, weiß ich auch nicht weiter. Ben reagiert hö ich interessiert, als ich ihn für den Workshop Young Porsche Explorers in der Museums- werkstatt anmelde. Eineinhalb Stunden später treten wir die Rückfahrt an. Schweigen. „Wie war’s?“, frage ich ihn nach zwanzig Minuten. „Ging so“, ist die knappe Antwort, „wir haben Holzspielzeug bemalt und sind Bobby-Car gefahren.“

9. August

Montag Leben im Autoland. Wer schon nicht für Daimler oder Porsche arbeitet, hat wenigstens die unausgesprochene Verp ichtung, einen zu fahren. Ich kenne niemanden, der das nicht tut. Ich bin das schwarze Schaf in der Familie, einen Toyota zu fah- ren, das ist hier schon Punk. Deshalb heute Selbstporträt im Cabrio begonnen. Es zeigt mich im 911er Carrera S Cabriolet, mit Gelfrisur und

33

Porsche-Sonnenbrille, inmitten unserer herrlichen schwäbi- schen Landschaft, die von sanften Hügeln, Hochspannungs- masten, Werkhallen, Tankstellen und Autobahnzubringern geprägt wird. Ich als Böblinger Jeff Koons, mit allen Insignien des ökonomischen Erfolgs.

10. August Dienstag, Bad Cannstatt Khalil heißt jetzt nicht mehr Latif, er nennt sich Alberto – zumindest wenn Gäste in der Nähe sind. Und er hat sich eindeutig verbessert. Von Latif’s Falafel-Palace im Leonard- Viertel zur Pizzeria Diavola im Cannstatter Carré, einem Ein- kaufscenter in der Daimlerstraße. Er begrüßt mich gekonnt mit „Ciao, Ronny, va bene?“ und begleitet mich ins Hinter- zimmer. Alles rein geschäftlich, klärt er mich auf, in seinem Herzen bleibe er für immer Marokkaner und natürlich Mus- lim, aber Italienisch ziehe eben besser, die Deutschen könnten die Südländer eh nicht auseinanderhalten, und echte Italiener kämen so gut wie nie hierher. Wir kommen zur Sache: An- bieten könne er mir zum Vorzugspreis, speziell für mich, sei- nen alten Freund, eine Kostbarkeit namens Zero Zero, reines Haschisch aus dem Harzdrüsenpulver der feinsten ersten Sie- bung. Seine Wirkung sei intensiv belebend. Das goldbraune hocharomatische Pulver lasse sich auch ungepresst gut rau- chen, sei aber wegen der Schwierigkeit, es zu schmuggeln, nur sehr selten im Handel und deshalb teuer. Außerdem habe er, als Treuebonus für ausgewählte Kunden wie mich, Chocolata im Angebot, grünschwarzes, von Hand verarbeitetes und nicht nachgepresstes Haschisch, das noch vor der eigent- lichen Ernte von den auf dem Feld stehenden P anzen gewon- nen wird. In den Handel komme dieses Leckerli nur in klei- nen Mengen von maximal zwanzig bis fünfzig Gramm – ein

34

delikates und wirkstoffreiches Guten-Abend-Dope. Leider ist es im Cannstatter Carré nicht möglich, eine Kostprobe zu rau- chen, dafür serviert Alberto eine weitere Spezialität des Hau- ses: Antipasti mit Haschischöl. Wir kommen ins Plaudern, zumal im Restaurant nicht viel los ist. Die Antipasti wirken, Rania, Khalils zweite Frau, serviert Pfefferminztee. Er hat sie erst vor acht Wochen geheiratet, eine füllige Cousine aus Ke- nitra, und dann subito nach Stuttgart geholt. Rania stellt ei- nen Teller mit Gebäck auf den Tisch und lächelt mich an. Als sie weg ist, kommen wir irgendwie auf Elke zu spre- chen, Khalils Exfrau. Ob ich wüsste, fragt er mich, dass sie immer noch seinen Namen, Al-Mansour, trage? Sie hänge eben immer noch an ihm, er sei der wichtigste Mann in ih- rem Leben gewesen. Mir fällt ein, dass sie zuletzt im Lütze- Museum in der Kunstvermittlung gearbeitet hatte, Malkurse für Kinder, Führungen für Senioren etc. Ich sollte sie mal anrufen.

[Anm. Christian Saehrendt: Auf meine Anfrage, ob er bereit wäre, für dieses Buch ein State- ment über Ronald abzugeben, da er ja häufig in seinen Tagebüchern erwähnt wurde, habe ich folgendes Schreiben im Auftrag von Khalil Al- Mansour erhalten:]

„Sehr geehrter Herr Dr. Sährend [sic!], im Namen meines Mandanten Khalil Al-Mansour teile ich Ihnen auf Ihr Schreiben vom 16. Ok- tober 2012 mit, dass Herr Al-Mansour keiner- lei illegale Geschäftsbeziehungen zu Ronald Läpplinger unterhalten hat. Herr Läpplinger ist meinem Mandanten lediglich als Gast in

35

seinem Gastronomiebetrieb bekannt. Herr Al- Mansour ist seit Jahren als seriöser Ge- schäftsmann in Stuttgart tätig. Die Passagen in Herrn Läpplingers Tagebuch, die eine Ver- wicklung meines Mandanten in Drogengeschäfte andeuten, entspringen vollkommen der Phanta- sie dieses Autors. Mein Mandant behält sich weitere Schritte vor, um gegen diese Rufschä- digung vorzugehen. Hochachtungsvoll“

Dr. jur. Matthias Dolder, Bad Cannstatt, 19. Oktober 2012

12. August Donnerstag, Sindelfingen Ich habe mich mit Elke im Lütze-Museum verabredet, bin aber ein bisschen zu früh da. Elke führt eine Gruppe von Se- nioren durch die Sammlung, ich beobachte sie aus der Dis- tanz: Inmitten der grauen, beigen und fahlgelben Blousons steht Elke, in einen blauen Sari gehüllt. Ihre Dreadlocks hat sie unter einem Turban versteckt, der indischgelb und azur- blau leuchtet. Eine einsame, bunte, exotische Blume in farb- loser Umgebung. Wir treffen uns im Museumscafé. Seit drei Jahren haben wir uns nicht mehr gesehen. Ich bemühe mich, charmant zu sein, offenbar freut sie sich über das Wiederse- hen, doch unverkennbar stimmt etwas nicht mit ihr. Sie wirkt bleich und aufgeschwemmt, teigiger Teint, unguter Atem. Der Kontrast zum munteren Out t könnte nicht schärfer sein. Ob sie wohl Psychopharmaka nimmt, frage ich mich im Stillen. Ja, seufzt sie, und ihr Blick schweift ins Unendliche, sie sei eine Weile in Indien gewesen, danach auf Bali, dann auf Jamaika, habe Abstand gebraucht von allem, nach der Trennung von Khalil sei sie „in ein schwarzes Loch gefallen“.

36

Wir wechseln vom Museumscafé in die Weinstube.

17. August

Dienstag, Sindelfingen Im Lütze-Museum, Treffen mit der Museumsleiterin und ih- rer Volontärin. Frau Dr. Henrike von Münchberg erklärt mir, die von ihr sehr geschätzte Künstlerin und Mitarbeiterin Elke Al-Mansour habe sich derart nachdrücklich für mich einge- setzt, und sie persönlich fände mein Projekt ja auch „sehr spannend“, so dass sie sich spontan zu einer Ausstellung durchgerungen habe. Ich reagiere hocherfreut. Elke hat gan- ze Arbeit geleistet. Das Lütze-Museum, die Galerie der Stadt Sindel ngen, ist eine gute Adresse für meine Selbstporträtserie. Sicher nicht Championsleague, dafür solide aus nanzierte Regionalliga. In einem knappen Jahr soll es so weit sein. „Man kann jahrelang in völliger Isolation arbeiten, aber irgendwann kommt dann ein Moment, in dem man das Be- dürfnis hat, seine Arbeit der Welt zu zeigen, nicht so sehr, um deren Urteil einzuholen, sondern um sich der Existenz dieser Arbeit und seiner selbst zu vergewissern.“ Michel Houellebecq

21. August

Samstag Mit Elke im Freibad. Ich möchte mich galant für ihr Enga- gement revanchieren, spendiere Eis, Pommes und ein ordent- liches Piece. Mit ihrem quietschbunten Sari fällt Elke auf der Liegewiese mächtig auf, wenigstens hat sie ihren Turban nicht angelegt. Nachdem ich vorgeschlagen habe, die Whirl- Liegen aufzusuchen, lässt sie die Hüllen fallen. Himmel, wie kann ein Mensch nur so bleich sein, mei Mädle, wir haben August! White lard Elke. Sie nimmt mein formales Angebot, ihr den Rücken einzucremen, ausgiebig in Anspruch, mir liegt

37