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Bona I. Das Hunnenreich

Bona I. Das Hunnenreich

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ISTVÁN BÓNA

DAS HUNNENREICH

CORVINA

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort Der Sturm des Jahres 376 Bekanntschaft mit Rom Die Hunnen. Glaube und Irrglaube vom Altertum bis zur Gegenwart Die „nomadische Armut". Über den wirtschaftlichen Hintergrund der hunnischen Lebensweise Die Großmacht - die Zeit von Ruga und Bleda... Attila gelangt an die Macht Attila Der in Wolken gehüllte Berggipfel Eine sonderbare Bilanz: Unterdrücker und Unterdrückte - Römer und Barbaren - Götter und Heilige Eudoxius Der Kaufmann von Viminacium Onegesius/Hunigis Orestes Die beiden fränkischen Herzöge. Attilas persönlicher Charme Legende und Wirklichkeit Was uns von den Hunnen erhalten blieb. Die Ergebnisse der Archäologie Die hunnischen Kupferkessel Die Diademe der vornehmen hunnischen Frauen

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Die Eigentümlichkeiten der Bestattung und der Tracht zur Hunnenzeit Schleier und Fibeln. Über die alanisclie und germanische Frauentracht zur Hunnenzeit Bogen und Pfeil der Hunnen Waffen des Nahkampfes Sattel und Pferdegeschirr der Hunnen Drei Totenopfer in Ungarn Bestattung der niedrigeren Würdenträger des Hunnenreiches Der Fund von Nagyszéksós Totenopfer und Fürstengräber Die Zikaden Siedlungsgeschichte des Karpatenbeckens zur Hunnenzeit Das Siedlungsgebiet der Hunnen Attilas Bestattung Das Ende Die Söhne Attilas Zeittafel Ereignisse Verzeichnis der Abkürzungen Literatur Erläuterungen zu den Abbildungen Erläuterungen zu den Tafeln

150 153 167 175 177 180 186 187 189 196 198 200 203 207 208 210 212 213 216 234 267

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Vorwort

Das vorliegende Buch ist das Ergebnis meiner mehr als drei Jahrzehnte dauernden Forschungen. Mein erster Versuch, die archäologischen Denkmäler der Hunnen zu behandeln, ist mehr als fünfunddreißig Jahre alt. Aber auch der vorliegende Text und die Ergebnisse haben sich im Laufe von zwanzig Jahren allmählich geformt. Eingehender befasse ich mich mit der Geschichte der Hunnen seit etwa einem Vierteljahrhundert. Einiges ist auch bereits im Druck erschienen, doch ist dies alles mit dieser ausführlicheren und revidierten Darstellung nicht zu vergleichen. Mein Ziel war, die die Hunnen betreffenden schriftlichen und archäologischen Quellen miteinander in Einklang zu bringen und zu verbinden, soweit dies überhaupt möglich ist. In diesem Werk wird kein Geschehnis erwähnt, das im Gegensatz zur Zeugenaussage der Bodenfunde stünde. Aber auch umgekehrt wird kein archäologischer Fund erörtert, der sich nicht in das sich allmählich entfaltende, wirklichkeitsnähere historische Bild einfügen ließe. Ich habe den so typischen Vermutungen und Hypothesen der bisherigen Hunnenforschung radikal ein Ende bereitet und schreibe über nichts, das nicht durch zeitgenössische Schriftquellen nachgewiesen oder durch die archäologische Hinterlassenschaft belegt wäre. Das Buch enthält daher keine neuen oder gar allerneuesten Hypothesen über die Hunnen, sondern stellt den Versuch dar, die uns derzeit bekannten Fakten zusammenzufassen. Zwischen der für uns unverzichtbaren früheren Forschungstätigkeit und meiner eigenen Auffassung bzw. Methode versuchte ich zwei Unterschiede nachdrücklich zu betonen. Bei der Skizzierung des historischen Bildes über die Hunnen stützte ich mich durchweg auf jenen 7

Priscus von Panium, der sich bei den Hunnen aufgehalten, Attila und seine Würdenträger, aber auch die hunnischen Krieger persönlich gekannt hatte. Ich kehrte also jenem geltenden Hunnenbild den Rücken, mit dem sich Ammianus Marcellinus hervorgetan hatte - allerdings in seinem behaglichen Haus in Rom, wo er zu seinem Glück niemals Hunnen zu Gesicht bekommen hatte. Der zweite wesentliche methodische Unterschied liegt im Beruf des Verfassers begründet, der als praktizierender Archäologe nicht gezwungen war, die Zeugnisse der archäologischen Funde außer acht zu lassen, welche selbst die ausgezeichnetsten Historiker für unüberschaubar oder aber geradezu für widersprüchlich gehalten haben. Und ich war auch nicht gezwungen, archäologische Theorien und Ergebnisse kritiklos zu übernehmen, weil ich die wichtigsten Funde und die einschlägige Fachliteratur selbst kenne. Die Archäologie der Hunnen war bisher überwiegend Teil der europäischen Archäologie, endete im Osten an der Wolga und im nördlichen Vorgelände des Kaukasus. In diesem Buch versuche ich, die Archäologie der Hunnen dank einiger neuer oder gerade sehr alter, in beiden Fällen jedoch zumeist an mehr oder weniger unzugänglichen Stellen publizierter Funde bis nach Asien zurückzuverfolgen. Die Arbeit weitet daher die Grenzen der Archäologie der Hunnenzeit bis zum Ob und zum Tien-schan-Gebirge aus. Diese Ausweitung bereitete auch dem Verfasser einige Überraschungen, es stellte sich nämlich heraus, daß fast alle wesentlichen Elemente der materiellen und geistigen Kultur der Hunnen schon vor ihrem Eintreffen in Europa ausgebildet waren.

Dieses Buch ist für all jene bestimmt, die sich für die Geschichte und das Leben der Hunnen interessieren. Ich war daher bestrebt, die historische, besonders aber die archäologische Fachsprache nach Möglichkeit zu meiden. Nach langen Überlegungen wei auch zahlreichen Kämpfen mit dem in mir wohnenden Fachmann erachtete ich es für richtiger, den Haupttext nicht mit Anmerkungen und Hinweisen auf Fachliteratur und Quellenangaben zu belasten. Der Interessierte findet die Museumsnachweise und Fachliteratur über die archäologischen Funde in den Bild- und Tafellegenden. Bei diesen den Historikern schwer zugänglichen Einzelheiten trachtete ich nach Vollständigkeit und enthielt mich auch nicht der Kritik. Bezüglich aller übrigen Fragen und Daten bietet die Bibliographie ausführliche, fallweise vielleicht auch zu eingehende Angaben, hal doch der Verfasser nicht mit der Meinung und den Ergebnissen anderer, sondern mit den Primärquellen gearbeitet. Wo längere Texte antiker Autoren zitiert werden, wird immer angegeben, woher sie stammen. Ich glaube aber nicht, daß es den Leser stört oder daß die Glaubwürdigkeit des Textes leidet, wenn in Klammern oder in einer Anmerkung der Hinweis, wie Buch V, Kapitel 4, oder Buch IV, Kapitel 5, fehlt. Bei den von Chronisten oder Kirchenvätern stammenden kurzen Zitaten wur-

de manchmal von einer Quellenangabe abgesehen; doch handelt es sich dabei um Einzelfälle, die für den Leser bedeutungslos sind. Außerdem gibt es heule vielleicht nur noch einige hundert Forscher, die bezüglich der Hunnen mit Originalquellen arbeiten, und sie wissen genau, woher diese oder jene Textstelle stammt. Ich bin mir dessen bewußt, daß das im folgenden gezeichnete Bild der Hunnen und der durch sie hervorgerufenen Ereignisse für jene teils vorteilhafter, teils unvorteilhafter ist als das bisherige. Es ist wahrscheinlich ungewohnt, daß sich die Mosaiksteine der verschiedensten Quellen nach jahrzehntelangen Überlegungen anders zusammenfügen als bisher. Besonders sei an die Beurteilung des Verhältnisses von Bleda und Attila gedacht. Manche Angaben ließen sich erst jetzt zu einem Bild zusammensetzen oder sind gerade dabei, ein solches zu ergeben; die Forschung, vor allem die archäologische, wird nämlich nie abgeschlossen sein. Bei den archäologischen Fundorten werden an erster Stelle immer jene Namen genannt, unter denen sie Eingang in die wissenschaftliche Fachliteratur gefunden haben, an zweiter Stelle jeweils die möglichst neuesten, offiziellen Ortsnamen. Intercisa - Dunaújváros März 1991

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Der Sturm des Jahres 376

ut turbo montibus celsis gleich dem Wirbelwind aus den hohen Bergen (Ammianus Marcellinus 31, 3, 8)

Das Erscheinen der da hinjagenden hunnischen Reiter in Europa wird nicht durch heutige Vorstellungen mit dem von den hohen Bergen herabbrausenden, immer ärger und immer rascher werdenden Wirbelsturm verglichen, der Vergleich stammt von einem zeitgenössischen Römer. Gegen Ende des Sommers 376 n. Chr. begann sich die Nachricht zu verbreiten, in den weiten Ebenen zwischen den Karpaten und der Wolga hätten sich fürchterliche Ereignisse zugetragen. Ein vorher höchstens dem Ruf nach bekannter Feind hätte starke Völker unterjocht und das Ostgotische Reich Ermanarichs gestürzt. Ruf und Name des Feindes waren ihm selbst kaum zuvorgekommen ... Athanarich, der König der seit der Eroberung Daziens (nach der Mitte der 270er Jahre) sich auf dem Gebiet des heutigen Rumänien niedergelassenen „Waldgoten" (terwingisch-Terwinger) oder „weisen, tapferen" (Wesu-Wisi-) Goten, beschloß sich zu verteidigen. Er faßte diesen Beschluß trotz der Kenntnis von der Niederlage seiner „Flachland-" (greuthungischenGreuthungen), „ruhmreichen, glänzenden", aber zugleich „Ost-" (austro-ostro-) gotischen Brüder und ihres großmächtigen Königs Ermanarich. Athanarich war offenbar davon überzeugt, er und sein Volk wären aus härterem Holz als ihre östlichen Brüder geschnitzt. Es waren noch keine sieben Jahre verstrichen, seitdem die unter Athanarichs Führung stehenden Goten dem Heer der östlichen Hälfte des Römischen Reiches und dessen Kaiser selbst Jahre hindurch erfolgreich Widerstand geleistet hatten. Athanarich demütigte im Jahr 369 Kaiser Valens persönlich, indem er diesen zwang, mit ihm in der 9

Mitte der Donau, die ihre Länder voneinander trennte, auf einem Schiff zu verhandeln. Athanarich zog mit dem Heer der Wisigoten eilig an die Ostgrenze seines Landes, an das steile Ufer des Dnjestr (Danaister/Danastius), vor und bezog dort Abwehrstellung. Das Lager wurde mit Wagen und Graben gründlich befestigt. Athanarich glaubte sich in Sicherheit, war er doch nicht allein durch den Fluß geschützt, sondern auch durch eine starke Vorhut, die er gute 30 Kilometer vor dem Fluß aufgestellt halte. Er erwartete also wohl vorbereitet den unbekannten Feind und befürchtete keine Überraschung. So vergingen einige Tage, bis in einem dunstigen Morgengrauen Pfeile, einem Hagel gleich, das Lager überschütteten. In der Ferne - für die Goten außer Schußweite - kreisten, auf sonderbaren kleinen Pferden sitzend, disziplinierte Reitertruppen und schossen auf ein Kommandowort in einer den Goten unbekannten Sprache gleichzeitig ihre Pfeile auf die sich erschrocken aufrichtenden Goten los. Bei Sonnentaufgang gab es nur noch Tote im Lager. Die Überlebenden waren ausgebrochen und hatten sich zerstreut. Der überwiegende Teil floh nach Süden, Athanarich und sein demoralisiertes Gefolge nach Westen, in Richtung Karpaten. Was sich am Ulfer des Dnjestr zugetragen hatte, wiederholte sich beim ersten Zusammentreffen der Streitkräfte des Ostens und Westens noch vielfach Die Hunnen hatten sich mit der gotischen Vorhut gar nicht abgegeben, sondern diese vorsichtig und unbemerkt umgangen. In einer mondhellen Nacht setzten sie über der. Fluß, von dem ihre sich schwerfällig bewegenden Gegner meinten, er könne nur unter größten Schwierigkeiten überquert werden.

Athanarichs Lager hingegen nicht erkundet hatten. Das Lager der Goten hat sich offenbar in der Nähe einer großen Waldung befunden; nur so war es Athanarich und seinem Heer möglich, der völligen Vernichtung zu entgehen. Die in den Wald flüchtenden Goten konnten, all ihre Habe zurücklassend, ihr Leben retten, genauso wie auch Béla IV. sein Entkommen aus der Schlacht am Sajó-Fluß dem Umstand verdankte, daß es seinem Gefolge gelungen war, sich bis zu den Wäldern durchzuschlagen. Der Krieg der Goten und Athanarichs war jedoch noch keineswegs beendet. Der diesmal ungenügend informierte römische Zeitgenosse meinte, die Hunnen hätten die Goten, „unter der Last der Beute fast zusammenbrechend", laufen lassen; er kannte die orientalische Kriegspraxis noch nicht: den besiegten Feind bis zur totalen Zerrüttung und Erschöpfung verfolgen. Der wahrheitsgetreuere Verlauf der Ereignisse ist vermutlich in der Kirchengeschichte des Soso1. Von den Hunnen blieb uns keine zeitgenössische Darstel- menos aus dem 5. Jahrhundert überliefert: „Die Hunnen griffen die Goten bei der ersten Gelelung erhalten. Eine gute Vorstellung von dem nomagenheit nur ein wenig an, schlugen sie aber spädischen Bogenschützen mit spitzer Mütze, auf einem kleinen Pferd mit großem Kopf sitzend, vermittelt uns ein in- ter in einer Schlacht mit großen Kräften und nerasiatischer Bronzeguß eroberten ihr ganzes Land." Zosimos, der ihre Neue Geschichte bis 410 verfaßte, war dahingeAm frühen Morgen des 11. April 1241 wurde hend informiert, daß die Hunnen noch mehrdas ungarische Heer am westlichen Ufer des mals Blutbäder veranstalteten, die ihr Pfeilregen Hochwasser führenden Sajó-Flusses in seinem sowie ihre blitzschnellen Reiterangriffe verurLager von den mongolischen Reitern des Batu sachten, wodurch die verzweifelten „Skythen Khan und seines Bruders Schiban sowie des (Goten), die am Ufer der Ister wohnten", gewelterobernden Feldherrn Sübe'etej fast auf die zwungen wurden, ihre Heimat zu verlassen. gleiche Art und Weise überrascht. Die Urväter Während also Athanarich und sein militärider schwerbewaffneten Krieger des ungarischen sches Gefolge in den Bergen und Wäldern SieKönigs Béla IV. waren jedoch zu noch größeren benbürgens herumirrten, „verheerten" die HunLeistungen fähig. In der Nacht vom 4. zum nen die von Alavivus und Fritigern geführten 5. Juli 907 überquerten sie in der Nähe der Burg Wisigoten, die sie dann „besiegten und vertrievon Braslav (Brazalauspurc-Preßburg-Bratisla- ben". Die demoralisierten, geschlagenen Trupva) zu Pferde die Donau, um dem im Lager pen flüchteten an das Ufer der unteren Donau ruhenden, von Herzog Luitpold und Erzbischof und boten dem Reich im Falle der Erlaubnis Thietmar geführten bayerischen Heer den ewi- zur Überfahrt über den Strom ihren militärigen Schlaf zu bringen. Acht Jahre davor, am schen Dienst an. Noch nie im Laufe ihrer Ge24. September 899, hatten sie die bestürzten lom- schichte waren sie kleiner und demütiger; wenn bardischen Soldaten Berengars I. überrascht, dies nicht so gewesen wäre, hätte ihnen selbst die indem sie am hellichten Tage die Brenta gegen kurzsichtige oströmische Regierung keine Zudie Strömung kommend durchschwammen. flucht gewährt. Sie hatte Mitleid mit ihnen und Betrachten wir die Schlacht am Dnjestr auf- bewilligte ihnen die Überfahrt pro misericordia, grund ähnlicher Erfahrungen der orientalischen d. h. aus Mitleid. Kampfweise, scheinen die Hunnen einen ernsten An wie Lämmer zitternden, einstigen Löwen taktischen Fehler begangen zu haben, indem sie herrschte zu jener Zeit auch sonst kein Mangel, nur die gotische Vorhut ausgekundschaftet, es war offensichtlich, daß sie alle sehr verängstigt 10

waren. Kaum hatten die noch vor kurzem so stolzen Wisigoten mit Kähnen, Schiffen und Fähren mit Mühe und Not. einander niedertretend und ins Wasser stoßend, das jenseitige Ufer erreicht, erschien bereits der „legitime" Thronfolger der Ostrogoten, der Knabe Viderich, an der unteren Donau und flehte um Einlaß. Seine königlichen „Ahnen" und sein Vater waren unter den Schlägen der Hunnen gefallen. Viderich und sein zahlreiches, aus müden, erschöpften Steppenreitern bestehendes Gefolge waren jedoch den Römern unerwünscht, von ihren wilden Truppenführern, dem Ostrogoten Alatheus und dem Alanen Safrax, erwarteten sie nicht viel Gutes. Die gehetzten, an die Donau gedrängten greuthungischen und alanischen Reiter nutzten schließlich doch jenen Augenblick, als die römische Flotte den einen Stromabschnitt gerade unbewacht ließ, und setzten auf in Eile zusammengebastelten Flößen über die untere Donau. Noch einige Jahre, und auch der große Athanarich war gezwungen, aus Siebenbürgen zu fliehen. Am Ende des Jahres 380 fuhr er mit dem kleinen Rest seines Gefolges über die Donau und eilte nach Konstantinopel, um sich vor dem Nachfolger Valens', dem Kaiser Theodosius I., persönlich zu demütigen. So irgendwie begannen die Goten das Oströmische Reich zu überfluten ... Der die Fäden bewegende hunnische Marionettenspieler blieb jedoch vorläufig unsichtbar. Nur durch die Flüchtlinge erfuhr, richtiger ahnte man, was eigentlich vor sich gegangen war. In einem Winter der 370er Jahre setzte das „unbekannte" oder „kaum bekannte" Volk der Hunnen über die Wolga. Sofort griffen sie das in der Gegend zwischen Wolga, Don und dem Kaukasus lebende iranische Hirtenvolk der Alanen an. Die Alanen waren berühmte berittene Krieger, mit langen Lanzen, Schwertern, aber kläglichen Bögen ausgerüstet. Sie waren Reiter, aber keine berittenen Bogenschützen. Früher hieß es von ihnen, daß „sie die Knechtschaft nicht kennen, da sie alle adligen Blutes sind". Bis dahin mag es so gewesen sein, danach jedoch nicht mehr: Die Alanen erlitten eine Niederlage. Ihre zersprengten Gruppen flohen nach Westen, und in den folgenden Jahrzehnten gab es kaum ein europäisches Ereignis, an dem sie nicht beteiligt gewesen wären. Ihre eine ernstzunehmende militärische Macht darstellenden Gruppen schlossen sich den auf den Balkan geflüchteten Goten (die-

se Alanen tauchten nicht viel später in Pannonien auf) und später den Wandalen an, mit denen sie dann bis nach Karthago flohen und das „Königreich der Wandalen und Alanen" gründeten. Auch in Gallien fanden bedeutende Kräfte Zuflucht, deren Nachfahren 451 das Mitteltreffen des weströmisch-wisigotischen Heeres gegen Attila bildeten. Der größte Teil der Alanen schloß sich jedoch den Siegern an, sie wurden das erste europäische „Hilfsvolk" der Hunnen. Hunnen und Alanen fielen bereits gemeinsam in das Reich von Ermanarich ein. Das überschwengliche Selbstbewußtsein der späten gotischen Chronik scheute sich nicht, den auch nach den zeitgenössischen römischen Quellen „kriegerischen und gefürchteten" (H)Ermanarich mit Alexander dem Großen zu vergleichen. Die Erinnerung zählt in seinem ostrogotischen Reich siebzehn unterworfene Völker auf: Germanen (z. B. Heruler, Skiren), Iranier, Slawen und finnisch-ugrische Völker; sein Reich dürfte also tatsächlich mächtig gewesen sein. Allerdings nur so lange, bis es die Heere des hunnischen Großkönigs Balamber noch nicht angegriffen hatten. 1.-8. Siehe Farbtafeln I—VIII
9. Ein als Würdeabzeichen dienender Goldring, Szilágysomlyó

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9.

Dann stürzte es jedoch - ohne Übertreibung einem Kartenhaus gleich zusammen. Man weiß nicht, was sich genau zugetragen hat. sicher ist nur, daß sich die erschütternde Begebenheit für Jahrhunderte in die Erinnerung der germanischen Völker eingenistet und in den Sagen weitergelebt hat, einst wird man auch auf Island den Tod „Jörmunrekks" besingen. Die gotische Hermanarich-Sage trachtete selbstverständlich, den guten Ruf ihres Helden zu wahren, indem sie innere Streitigkeiten und Blutrache mit ins Spiel brachte. Nackte Tatsache ist jedoch das, wovon die römischen Zeitgenossen Kenntnis erhalten haben: Den der Schlacht und seines Heeres verlustig gewordenen König „erschütterte die Kraft des plötzlich aufgekommenen Sturmwindes", und da er sein Volk nicht zu schützen vermocht hatte, „machte er seinem Leben eigenhändig ein Ende". Kurze Zeit später fiel auch der Nachfol-

ger Ermanarichs, Vithimir, im Kampf gegen die Hunnen und Alanen. (Seinem minderjährigen Sohn Viderich begegneten wir bereits an der unteren Donau in der Gruppe, die von den Römern Zuflucht erbat.) Nach diesen zwei Niederlagen unterwarf sich die ostrogotische Königsfamilie, das stolze Geschlecht der Atrialer, den Hunnen nicht nur bedingungslos, sondern wenn nötig, diente sie ihnen auch untereinander wetteifernd. Als Herzog Vinitharius aus dem Geschlecht der Amaler (sein Name bedeutet „veneth-vend = Wenden/ Slawensieger" und ist vielleicht mit Vithimir identisch) versuchte, sich des hunnischen Jochs zu entledigen, fand er sich nicht allein Balamber gegenüber, sondern auch seinem treuen ostrogotischen Waffenbruder Ge(n)simund aus dem Amaler-Geschlecht. In der Schlacht am südukrainischen Erak-Fluß (der heute nicht mehr identifizierbar ist) überraschten die Hunnen - offenbar auch diesmal in Anwendung der sich 10. s. Farbtafel IX auf einen Fluß stützenden orientalischen 11. Grab eines Mannes mit künstlich deformiertem Kampfweise - Vinitharius, der ein wahrlich ehrenvolles Ende fand: Balambers Pfeil bohrte sich Schädel während der Freilegung, Soponya in seine Stirn. Die bei den Hunnen verkehrenden oder die Hunnen persönlich kennenden zeitgenössischen Römer wußten sehr wohl, daß eines der Geheimnisse der hunnischen Siege in den „vorzüglichen Bogenschützen ihrer Könige" lag: „Sie sind mit gekrümmten Bogen und Pfeilen bewaffnet, ihre Hand trifft mit erschreckender Genauigkeit ins Ziel, in ihrer bösen Kriegswut verfehlen sie das Ziel niemals, ihre Schüsse bringen den sicheren Tod" (Abb. 1-7). Ein Beweis hierfür ist Vinitharius. Auf die Ostrogoten warteten acht bittere Jahrzehnte der Knechtschaft: „Sie mußten den Wunsch ihres Herrn erfüllen, selbst wenn er befahl, Verwandte zu töten." Und sie erfüllten ihn auch. Ein Nachfolger des den Hunnen dienenden Ermanarich, Hunimund (schon sein Name bedeutet „Schützling der Hunnen"), nahm an der Niederwerfung der nördlich von Pannonien lebenden Sweben-Quaden teil, sein Neffe Vandalarius zeichnete sich, wie bereits sein Name ( = Wandalensieger) verrät, mit der Vertreibung der Wandalen aus, schließlich ließ der Nachfolger Hunimunds, Thorismu(n)d, gelegentlich der Unterwerfung der im Karpatenbecken lebenden Gepiden sein Leben. („Es heißt, sein Pferd sei gestürzt" - womit die gotische Chronik auch in 12

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2. Knochenversteifungen von den beiden Enden und vom Griff eines hunnischen Reflexbogens

diesem Fall die Todesursache eines Gotenherrschers verschönte.) Mit dem Tod Thorismu(n)ds starb der herrschende Zweig der Amaler-Dynastie aus, für Herzöge der Seitenlinien aber hatten die Hunnen keinen Bedarf. Die gotische Chronik verhüllt dies wie folgt: „Als er [nämlich Thorismu(n)d] starb, betrauerten ihn die Ostrogoten so sehr, daß sie vierzig Jahre lang keinen neuen König auf den Thron hoben, damit sein Andenken auf ihren Lippen ewig lebe." 13

Das Geheimnis der raschen Erfolge Balambers und seiner Hunnen beurteilten die zeitgenössischen römischen Augenzeugen eindeutig. Niemals noch begegnete die antike Welt einer so einmaligen Harmonie zwischen Reiter und Pferd. Sie saßen auf ihren Rössen, „als ob sie angenagelt wären", „als ob sie zusammengeschmiedet wären", „als ob sie zusammengewachsen wären", und schließlich der poetische Superlativ: „Selbst Kentauren sind nicht enger mit ihren Pferden zusammengewachsen als sie." Die in den Augen der Römer „häßlichen und ausdauernden" Pferde - eine zu unglaublichen

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3. Grab eines mit Bogen und Köcher bestatteten hunnischen oder hunnenzeitlichen orientalischen Kriegen aus Aktöbe

Leistungen fähige Steppenrasse - fanden sogar unter dem Schnee Futter. Da sie über reichlich Ersatzpferde verfügten, konnten die Hunnen ihre ermüdeten Pferde immer mit ausgeruhten wechseln. Eine zeitgenössische Quelle hielt es geradezu für Zauberei, daß sie fähig waren, zwei, drei Pferde auf einmal zu führen, und sollten sie selbst müde geworden sein, ihre „unheilbringenden" Pferde waren immer frisch. Die hunnische Reiterei war demnach keine saisonale Waffengattung, sie war vielmehr sowohl im Winter wie auch im Sommer kampffähig, eine Tatsache, die nach den Völkern Osteuropas bald auch die Römer erfahren sollten. Die hunnischen Reiter stammten von Pferdehirten ab, die von Kindheit 12. s. Farbtafel X
13. Silberschnalle mit Zellenornamentik aus dem Grabfund von Regöly

an auf Pferden lebten, hoch zu Roß verhandelten, aßen, tranken und schliefen. Hin halbes Jahrhundert nach ihrem Erscheinen in Europa verhandelten Bleda und Attila hoch zu Roß mit den bestürzten oströmischen Gesandten. Das Geheimnis der Einheit von Pferd und Reiter, das die Römer anfangs nicht zu lösen imstande waren, das jedoch aufgrund archäologischer Funde jener Zeit klar zutage tritt, war der Sattel mit vorne und hinten hochgezogenem Sattelkopf, der einen bequemen und festen Sitz gewährleistete. Hunnenfürsten ließen nicht wie nicht wenige der Gotenkönige ihr Leben, indem sie vom Pferd stürzten. Die so reiten können wie die Hunnen, „tauchen dort auf, wo man sie am wenigsten erwartet, ihre Geschwindigkeit geht ihrem Ruf voran". Die Attribute, die in dieser Hinsicht in der Antike den Hunnen zugeschrieben worden sind, können nicht mehr gesteigert werden: Sie sind in „Geschwindigkeit unübertreffbar", sie dringen „mit verblüffender Geschwindigkeit" vor „wie der Wirbelwind aus den hohen Bergen", sie sind so „maßlos geschwind, daß sie, ehe man sie bemerkt, schon das

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Lager stürmen". Das heißt, sie überraschten ihre Gegner fast immer. Sie griffen nicht in großer Zahl, sondern mit kleineren. 500 - 1000 Mann starken Truppen gleichzeitig aus mehreren Richtungen an Den Kampf begannen sie aus der Ferne mit einem dichten und erschreckend genauen Pfeilhagel. Man kann getrost sagen: Damit versetzten sie ihren Feinden den Todesstoß, deren Angst die klare Sicht verdunkelte und sie ins Verderben trieb. Die Abwehr des aus der Ferne kommenden Todes war nämlich nicht anders möglich, als in den Schußbereich der Pfeile zu kommen, das heißt verblendet auf die Hunnen loszustürmen. Diese machten auf die Attacke ihrer Feinde kehrt und stoben auseinander, als ob sie die Flucht ergreifen wollten. Flucht vortäuschend lockten sie den Feind in einen Hinterhalt, in die Nahe ihrer wartenden Kameraden. Ein andermal stürzten sich die Hunnen aus dem Hinterhalt auf das Lager des in einem Siegestaumel sich zur Verfolgung aufmachenden feindlichen Heeres. Wenn die Hunnen den verfolgenden Feind durcheinandergebracht halten, reihten sie sich blitzschnell wieder in Schlachtordnung ein, machten kehrt und schlugen aus mehreren Richtungen einem Schmiedehammer gleich zu. In solchen Fällen metzelten sie den zusammengedrängten Feind mit ihren über einen Meter langen Schwertern nieder. Die gleiche Taktik verfolgten 500 Jahre später die in Mitteleuropa erschienenen Ungarn: die byzantinischen und westlichen Zeitgenossen, die deren Taktik beschrieben, halten nicht allein aus den Werken antiker Autoren ihre Inspirationen geschöpft. Es wäre jedoch ein Irrtum anzunehmen, daß es sich um eine „nomadische'4 Taktik handle, die auch alle östlichen Reitervölker anwandten. Wohl kannten die Awaren Bajans sehr gut die Kampfweise leichter Bogenschützen, im Entscheidungskampf aber „walzten" sie, das heißt, sie errangen den Endsieg durch den stürmischen Angriff ihrer gepanzerten Reiterei, die mit ge-

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14. Goldene Armreifen aus Regöly

streckten Lanzen daherbrauste. Was die hunnische Strategie betrifft, können wir die treffendste Parallele 800 Jahre später bei den Mongolen beobachten: Die Grundelemente dieser Strategie waren die durch weite Gebiete umfassende und genau ausgeführten Zangenbewegungen erzwungene Entscheidungsschlacht, der zwecks Liquidierung der Widerstandszentren unerbittlich angewandte Terror: die Einäscherung von Städten und Dörfern, das Niedermetzeln von Männern, Frauen, Säuglingen und Greisen. Dies verfolgten sie so lange, bis der Widerstand endgültig gebrochen war und sich die Besiegten bedingungslos ergeben hatten.

4. Bestattung eines hunnischen Kriegers aus Mittelasien mit Resten eines Bogens mit Knochenversteifung aus Sewakino

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Bekanntschaft mit Rom

Nach dem großen Sturm des Jahres 376 verschwanden die Hunnen für etwa zwei Jahrzehnte aus dem unmittelbaren Gesichtskreis der Römer. „Nachdem sie die Verwüstung, die sie selbst verursachten, eingeleitet haben", befaßten sie sich mit der Organisation ihres osteuropäischen Reiches und ließen die antike Welt in Ruhe. Vielleicht gerieten sie auch in der Zeit der seit 376 das Innere des Römischen Reiches verwüstenden blutigen Kämpfe mit den Goten und Alanen ein wenig in Vergessenheit. Nicht so die Hunnen, die die Geschehnisse im Reich wachsam verfolgten. Zum ersten Angriff entschieden sie sich - wie Hieronymus gewahrte und klagte -, als sie vom Bürgerkrieg der beiden Reichshälften erfuhren. Theodosius I. zog die Truppen aus den Ostprovinzen ab, er nahm sogar die am Südufer der unteren Donau angesiedelten und zur Bewachung der mösischen Grenzen verpflichteten Wisigoten mit und zog mit seinem Heer über die Alpen gegen den italischen Gegenkaiser Eugenius (394). So blieben die Grenzen im Osten und an der unteren Donau unbewacht. Diese günstige Gelegenheit nutzten die Hunnen Anfang 395, um sich den Römern in Erinnerung zu bringen. Die Hunnen griffen - ihrer bereits bekannten Strategie entsprechend - das Reich aus zwei verschiedenen Richtungen an. Zuerst drangen sie über die zugefrorene untere Donau in die Ebene von Mösien ein, von wo aus sie bis zu den Alpen Streifzüge unternahmen. Kurz danach überquerten sie den Kaukasus und fielen in Kleinasien und Syrien ein. Aus dem verheerenden Angriff der „Wölfe" schöpfte die schon fast erlahmte römische Verteidigung dennoch eine sonderbare Hoffnung. Noch mehr als die Römer 18

erschraken nämlich die Illyrien, Mösien und Thrakien verwüstenden und brandschatzenden gotischen Kampfscharen und Kriegsführer, denen die vor zwanzig Jahren empfundene Angst noch in den Knochen steckte. Alarich I. und seine Truppen, die Theodosius I. auf seinen italischen Feldzug als Hilfskräfte begleitet halten, kehrten auf die Kunde vom Angriff der Hunnen in größter Eile in ihre Quartiere in Mösien an der unteren Donau zurück, brachen samt ihren Familien noch vor Winterende auf und flüchteten auf den Balkan, in das Innere des Reiches. Die Umgebung von Konstantinopel verwüsteten seit 399 Scharen des aufrührerischen gotischen Söldnerführers Gaina, die zusammen mit den meuternden Truppen des sich König der Ostrogoten nennenden Tribigild(us) auf beiden Seiten des Bosporus einen blutigen Krieg mit den Römern (aber auch gegeneinander) führten. Die römische Verteidigung war gegenüber dem starken barbarischen Heer fast hilflos. Im Sommer 400 eroberte Gaina sogar Konstantinopel und übte eine wahre Schreckensherrschaft aus: Er plünderte die Banken und ließ den kaiserlichen Palast in Flammen aufgehen. Als leidenschaftlicher Arianer trachtete er, für seine Anhänger eine christliche Kirche einzunehmen. Das sollte ihm zum Verhängnis werden. Das empörte Volk der Hauptstadt erschlug in Straßenkämpfen die eine Hälfte seines Heeres, worauf die andere entsetzt aus der Stadt floh. Gaina und seine arg mitgenommenen Scharen wurden sogar aus dem Reich gedrängt; sie flohen durch Thrakien an das nördliche Ufer der unteren Donau, in die „alte Heimat" zurück. Hier sollte sich Gainas Schicksal erfüllen. In der grimmigen Dezemberkälte erwartete er keinen Angriff, er

kannte die Hunnen nicht. Diese überraschten, umzingelten und desorganisierten sein Heer und metzelten es nieder. Der Hunnenfürst Uldin (Uldis, Huldin) schickte den Kopf des Gaina als Neujahrsgeschenk (3. Januar 401) nach Konstantinopel. wo man sich keine erfreulichere Neujahrsbotschaft vorstellen konnte als die über den Tod des Räuberhauptmanns, der zwei Jahre hindurch so viel Unheil angerichtet hatte. Kaiser Arcadius drückte seinen Dank mit reichlichen Geschenken aus und ging mit dem so erfolgreichen Feind der Feinde des Reiches ein offenes Bündnis ein. Die Größe des Sieges verkündete die zu seinem Andenken - nach dem Vorbild der Trajanssäule - errichtete prächtige Arcadiussäule (Abb. 8). Nur eben den Endsieg errangen diesmal nicht der den Triumphzug führende Kaiser und die Römer. Dem Wisigotenkönig Alarich I., der in den ßalkanprovinzen maßlose Verwüstungen angerichtet und den „römischen General" gespielt hatte, wurde auf die Kunde vom Sturz des Gaina
15. Aus Goldblech gepreßte Schleierbesätze aus dem Grabfund von Regöly

der Boden unter seinen Füßen wieder zu heiß. Schon im Jahre 401 „brach er" in Italien ein, tatsächlich floh er hinter die Julischen Alpen. Ein Teil seines Heeres bestand damals noch aus den „Helden" der Schlacht am Dnjestr, die wahrscheinlich ahnten, was ihrer harren würde, sollten sie von den Hunnen eingeholt werden. Der italische „Feldzug" mißlang diesmal. Der weströmische Feldherr Stilicho besiegte die Wisigoten mit Hilfe der alanischen und hunnischen Reitertruppen von Pannonien sowie aus Rätien als Söldner verdingten Wandalen zweimal, vertrieb sodann Alarich, der sich 402 - kaum zufällig - in das Gebiet zwischen Pannonien und Dalmalien, in den Schutz der Dinarischen Alpen, zurückzog. Inzwischen brach auch im Karpatenbecken eine allgemeine Panik aus. Die hunnische Beißzange setzte sich mit unbarmherziger Sicherheit in Bewegung. Aus der Gegend der unteren Donau brach Uldin ein, woraufhin Tausende von Sarmaten auf römisches Reichsgebiet flüchteten. Wirkliche Furcht verursachte jedoch die obere Zangenbacke, die von den Ostkarpaten bis zu den Kleinen Karpaten „biß". Vorne griffen die ostrogotischen „Knechte" der Hunnen die Wan-

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16. Trinkbecher aus Glas mit blauer Noppenauflage, Regöly

dalen, Sweben-Quaden und Gepiden an. hinten aber bewegten sich überall hunnische Reiter. Das Ergebnis war eine in der Weltgeschichte bis dahin unbekannte Panik. Das Weströmische Reich wurde von wahren Menschenströmen überflutet. Die Flucht begann der im Karpatenbecken ansässige Zweig der Wandalen unter der Führung der später das karthagische Königreich gründenden Hasding-Dynastie im Bündnis mit den sich ihnen anschließenden größeren Alanenund kleineren Gepiden-Gruppen. Sie hatte der ärgste Schock erfaßt, sie ruhten in ihrer Flucht nicht eher, als bis das Meer sie von Europa trennte. Auf ihren Spuren flohen die SwebenQuaden und der andere Zweig der Wandalen unter Führung der Siling-Dynastie: Mit den aus Pannonien und Norikum mitgerissenen Freibeutern zogen sie zwischen 401 und 405 durch das Donautal dem Rhein zu. Zur gleichen Zeit sammelte ein gewisser Radagais die jenseits der Donau verbliebenen Goten, Sarmaten und anderen ,,Barbaren" um sich, mit denen er über die Alpenpässe in Italien einfiel. Der gegenüber dem neuerlichen, unerwarteten Schlag unvorbereitete Stilicho bat Uldin um Hilfe und versprach den Hunnen Geld und Kriegsbeute. Und das Wunder wiederholte sich. Stilicho und Uldin holten

die Scharen des Radagais in Mittelitalien ein, umzingelten und vernichteten sie im August 406. Auf dem Forum in Rom wurde die Quadriga mit der Bronzestatue diesmal den ,,siegreichen Kaisern" aufgestellt, die Siegesaufschrift dagegen bekam Stilicho ... Italien war zum zweiten Mal gereitet, es mußte dies jedoch teuer bezahlen: Nach dem Abzug der gegen Alarich und dann gegen Radagais nach Italien abkommandierten rheinischen Truppen blieb der Strom unbewacht. Am 31. Dezember 406 setzte das aus Wandalen. Alanen und Sweben bestehende Heer über den Rhein und überflutete das ungeschützte Gallien. ,,Ganz Gallien qualmte wie ein einziger Tolenscheiterhaufen" - die „große Völkerwanderung" hatte begonnen. Vor dem „romfreundlichen" Palastaufstand im August 408. der dem von Barbaren abstammenden Stilicho ein Ende bereitete, brauchte man von Alarich nichts zu befürchten. Der Wisigotenkönig diente in diesen Jahren „freiwillig" - und natürlich für eine schöne Summe Geld der Sache Westroms. Setzte sich Alarich in Bewegung, genügte es, ihn mit Uldin und seinen anrückenden Reitern zu schrecken, und er hielt sofort still. Entsprach eine derartige Nachricht auch nicht immer der Wahrheit, möglich war sie immer. Die weströmische Regierung baute nämlich immer engere Freundschafts- und Bündnisbeziehungen zu den Hunnen aus. Unterpfand dieses Bündnisses war der als Geisel (und zugleich als Gesandter) zu den Hunnen geschickte „Gardekadett", der aus Durostorum (heute Silistra) gebürtige Aetius, der von den Hunnen unter anderem das Reiten und den Umgang mit Pfeil und Bogen ausgezeichnet erlernte. Das weströmisch-hunnische Bündnis blieb bis 450 erhalten und verlängerte das Bestehen des todkranken Reichsteiles um ein Menschenalter. Nur in den Wochen nach der Ermordung Stilichos und in den hierauf folgenden zwei entscheidenden Jahren versagte die auf die Hunnen gesetzte Hoffnung. Als er von dem Tod des Arcadius (1. Mai 408) und davon erfuhr, daß dessen siebenjähriger Sohn den Thron bestiegen
5. Im Fund von Kysyl-Adyr im Süduralgebiet sind die Vorbilder der wichtigsten mitteleuropäischen hunnischen Funde zusammen zu sehen: der knochenversteifte Rellexbogen, die Pfeilspitzen, das Schwert, die Gürtelverzierungen, der Lockenring und der Kupferkessel

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7. Die von einem Reflexbogen abgeschossenen dreischneidigen Kampfpfeilspitzen aus Eisen waren größer und schwerer als die Pfeilspitzen früherer Zeiten

hatte, griff Uldin 408 das Oströmische Reich an. Zuerst eroberte er das Gebiet von der Mündung des Olt-Flusses bis zum Eisernen Tor und äscherte die Brückenkopffestungen sowie die burgartigen kleinen Flottenstützpunkte am Nordufer der unteren Donau ein (von Osten nach Westen: Sucidava/Celei, Desa, Hinova, Drobeta/Turnu Severin, Dierna/Orsova, Gornea - alle wurden niedergebrannt) dann setzte er über den Fluß. Die skirischen Hilfstruppen Uldins (die ostgermanischen Skiren waren schon seit 381 Waffenbrüder der Hunnen) eroberten durch List die eine Schlüsselstellung einnehmende Befestigung Castra Martis (Kula) in Mösien Der oströmische Befehlshaber trachtete den Streit mit Uldin auf friedliche Weise zu schlichten. Dieser war selbst ebenfalls bestrebt, den Frieden und das Bündnis zu erhalten, allerdings auf ungewöhnliche Weise: Er forderte eine jährliche Unterstützung in Gold für die Erhaltung des Friedens und die Räumung der Befestigung. Dem Hunnenfürsten dürften die vielen Erfolge zu Kopf gestiegen sein: Indem er auf die aufgehende Sonne wies, prahlte er, daß es ihm ein leichtes wäre, alles Land zu erobern, auf das die Sonne schien, wenn er nur wollte. Was in Anbetracht
6. Die neue Rekonstruktion eines gespannten, asymmetrischen Reflexbogens erfolgte aufgrund der Bogenüberreste von Wien-Simmering und dem Grabfund ton Minfeng in Turkestan

der tatsächlichen Kräfte, über die der Heerführer Uldin verfügte, selbstgefällige Großtuerei war. Der Erpressungsversuch mißlang, die Oströmer eroberten Castra Martis zurück und fügten nicht nur den Skiren schwere Verluste zu, sondern warfen Uldin selbst auf das Nordufer der unteren Donau zurück (409). Kurz darauf besserten sie die Befestigungen am Südufer der unteren Donau aus, und im Frühjahr 412 sicherten sie durch die Aufstellung der neuen Donauflotte und die Wiederherstellung der alten Schiffe die Verteidigung der Flußgrenze. Der erste organisierte hunnische Angriff war dennoch von weltgeschichtlicher Bedeutung für das Oströmische Kaiserreich. Die Regierung des Kaisers Theodosius II. (408-450), der während der Kämpfe noch als Kind den Thron bestiegen hatte, ordnete sofort die Errichtung einer neuen Mauer zum Schutz der Hauptstadt an Diese bis 413 erbaute „theodosianische" - oder nach ihrem Ausführer im Konsularrang auch ,,anthemische" - Mauer beschützte Konstantinopel/ Byzanz über lausend Jahre lang Während all dieser Ereignisse im Oströmischen Reich war aber auch Alanen nicht untätig geblieben: Im Oktober 408 erreichte er im Promenadenmarsch Rom und brandschatzte es. Im nächsten Jahr folgte ihm sein Schwager Athawulf (Athaulfus) zusammen mit gotischen Kräften, die sich in den vorangegangenen Jahren in Nordpannonien verbogen hatten. Kaiser Honorius, der sich unter den Schutz der vom östlichen Hauptführer Anthemius geschickten oströmischen Truppen begeben und nach Ravenna zurückgezogen hatte, vermochte sein Ansehen

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18. s. Farbtafel XI 19. Schwertortband und Schwertverzierungen aus Lébény

17. Falkenköpfiger Krug mit Gußhenkel aus dem Grabfund von Regöly

für kurze Zeit nur mit der - falschen - Nachricht zu wahren, zehntausend hunnische Reiter seien zu seiner Hilfe bereits unterwegs. Nachdem sich diese Nachricht als unwahr erwiesen hatte, folgte ein weltgeschichtliches Ereignis: Roms Einnahme und Plünderung im Jahre 410. Alarich und seine Goten konnten ruhig „arbeiten", führten doch Uldin und seine Hunnen Krieg mit dem Oströmischen Reich. Der oströmischen Regierung gelang es erst 412, mit dem hunnischen Großkönig Kharaton einen Waffenstillstand zu schließen. Das Bündnis und die Freundschaft zwischen den Hunnen und dem östlichen Teil des Römischen Reiches kamen jedoch nie wieder zustande.
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Die Hunnen. Glaube und Irrglaube vom Altertum bis zur Gegenwart

Die Nachrichten über die Herkunft, das Leben, die äußere Erscheinung und die Taten der Hunnen überlieferten uns überwiegend jene Zeitgenossen, die nahezu acht Jahrzehnte hindurch auf der Seite der Unterlegenen standen, zu Boden geworfen, erniedrigt, ausgeplündert und ihres Selbstbewußtseins beraubt. Es ist daher unmöglich, von ihnen eine wahrheitsgetreue Berichterstattung oder objektive Meinung zu erwarten. Ihr voreingenommenes Urteil hat sich Jahrhunderte hindurch vererbt und st förmlich zum „Gemeingut" geworden. Solar ge es auf der Welt nationale Geschichtsschreibung geben wird, wird den Hunnen und vor allem dem Gallien und Italien angreifenden Attila keine Gnade zuteil : Sie sind und bleiben die v eltgeschichtlichen Repräsentanten „östlicher Barbarei". Zumindest in den Geschichtsbüchern und dem jeweiligen politischen Jargon. Tatsache ist, daß die geographische und historische Literatur der Antike über die Herkunft der Hunnen nichts Genaues wußte. Für die spätantike Welt erschienen sie erstmals in der Gegend der Wolga, des Don und im Kaukasusgebiet. Über das Woher und Wie gab es nur völlig absurde Ideen. Allerdings ist die bei dem Goten Jordanes nebenbei und kurz beschriebene Sage vom Wunderhirsch wahrscheinlich der Auszug einer hunnischen Herkunftssage, der aber bestenfalls religionsgeschichtliche Bedeutung zukommen kann. Heute wissen wir bereits etwas mehr. Mit Hilfe der archäologischen und historischen Quellen können wir ihre Spur bis in das 4. Jahrhundert n. Chr. nach Mittelasien zurückverfolgen. Im Zusammenhang mit der Lebensweise der Hunnen wiederholte die spätantike Historiogra-

phie die tausendjährigen Märchen der Geographie des Altertums. Die Anwendung von Topoi war nämlich Pflichtsache, kein auf sein Ansehen bedachter Autor der Antike konnte schreiben, ohne sich mit seiner „klassischen" literarischen
20. Krug aus dem Grab von Lébény. Römisches Erzeugnis aus Pannonien

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Bildung zu brüsten. Ammianus Marcellinus, ein hervorragend gebildeter Offizier hohen Ranges, konnte die Feinde und Nachbarn des Reiches wiederholt persönlich kennenlernen, kein anderer beschrieb genauer und vor allem objektiver die Volks- und Herrschaftsverhältnisse der Donaugegend und der Schwarzmeerküste im 4. Jahrhundert. Sobald er jedoch nicht mehr über zeitgenössische Ereignisse schrieb, sondern die angeführten Gegenden, die er andernorts wohl den damaligen Tatsachen entsprechend geschildert hatte, allgemein charakterisierte, scheute er nicht davor zurück, diese mit den tausend Jahre zuvor entstandenen märchenhaften und ungeheuerlichen Gestalten des Herodot zu bevölkern: mit den Amazonen, Menschenfressern, Milchessern und schwarz Bemantelten oder mit den vor nahezu tausend Jahren ausgestorbenen Agathyrsen, Massageten, Gelonen und Neuren. Bei der Charakterisierung der Hunnen in der antiken ethnographischen Literatur ist stets diese Duplizität zu finden: Die zeitgenössischen Tatsachen verschmelzen fast unentwirrbar mit der von Strabon bis Herodot, ja sogar bis Homer zurückreichenden Ethnographie und dem Weltbild eines fiktiven „Nordens": Je kälter es irgendwo ist, desto barbarischer sind dort die Menschen. Ammianus Marcellinus hatte niemals Hunnen gesehen, sondern nur von den durch sie verursachten Ereignissen gehört. Ihre Beschreibung entnahm er seinen geliebten Büchern - diese war bis in die Gegenwart in den Schulen Unterrichtsstoff über die Hunnen. Die Unmöglichkeit solcher Aussagen wie die folgenden ist offensichtlich: Die Hunnen brauchen kein Feuer, da sie warmes und gekochtes Essen nicht kennen; sie essen Wurzeln und rohes Fleisch, letzteres nur zwischen ihren Schenkeln und dem Pferderücken etwas aufgewärmt; sie leben wie die wilden Tiere, können bestenfalls jagen oder nicht einmal dies, sie essen, was sie gerade erbeuten. Mit der streng geregelten Lebensweise der Großviehhaltung und des weidenwechselnden Hirtenlebens vermochte die antike Welt nie ins reine zu kommen. In ihren Augen waren die Großviehhalter der eurasischen Grassteppen
8. Triumphsäule des oströmischen Kaisers Arcadius in Konstantinopel. Die heute nur noch von Stieben bekannten Relieh der Marmorsäule stellen aller Wahrscheinlichkeit nach auch Uldins Hunnen dar

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ewige Heimatlose, die dauernd herumzogen, Häusern aus dem Weg gingen, ja sich sogar fürchteten, ein Haus zu betreten, aus Angst, das Dach könnte über ihnen einstürzen, sie hatten nicht einmal eine Rohrhütte usw. Die Augen der Autoren der Antike hefteten sich mit der Kraft einer Zwangsvorstellung an die beim Herumziehen benutzten Wagen (auf denen die Hunnen ihre Zelte und Jurten beförderten) und waren der Meinung, die Frauen würden diese ebenso nicht verlassen wie die Männer nicht vom Pferd stiegen, da sie nämlich gar nicht gehen konnten, ihre verkümmerten, krumm-kurzen Beine wären zum Gehen ungeeignet. Wer so primitiv war, dem konnte man alle Wildheit und Grausamkeit, welche die späte orientalische und mediterrane Phantasie zusammengetragen halte, zumuten: Sie töteten ihre greisen Eltern, schlitzten die Lippen der Säuglinge mit Messern auf, damit diese Schmerz zu ertragen lernten, stählten ihre Pfeile im Saft ge21. Spätrömischer Beinkamin aus dem Grab eines barbarischen Vornehmen, Lébény

kochter Embryonen, die sie aus schwangeren Frauen herausschnitten, ihre Spezialitäten waren Kinderfleisch und Frauenblut. Es ist richtig, daß die gutgesinnte moderne Geschichtsschreibung dies alles mit einer Handbewegung abtut, um so übler ist es hingegen, daß sie jene nie existierende Gesellschaft, die Ammianus Marcellinus gerade auf diese vormenschlichen Menschen zugeschnitten hat, für bare Münze nimmt, wonach diese die Herrschaft von Königen (Stammeshäuptlingen) nicht gekannt hätten, ihnen niemand befohlen habe, höchstens im Kriegsfall gelegentliche militärische Anführer. Was ihr geistiges Niveau betrifft, sollen sie keine Religion, nicht einmal Aberglauben gekannt haben. Daraus entstand die nicht minder verblüffende moderne Bewertung der auf dem „Niveau paläolithischer Horden" oder „auf der niedrigsten Stufe des Hirtenlebens" stehenden kleinen hunnischen Gruppen, die ihren unverdienten Sieg über die Goten ihren primitiven Pfeilen und ihrem erschreckenden Äußeren zu verdanken hatten. „Natürlich" wurden sie von den Goten zivilisiert und in die Höhe gehoben.

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bis diese ihrer überdrüssig wurden und sie ver- aus allem Leinen genähte Kleidung als zerlumpt jagten. Ammianus Marcellinus vereinfachte das beschrieb, ja sogar ihre gefürchteten KriegspfeiLeben der Hunnen sogar so weit, daß er die aus le mit Knochenspitzen bestückte. Demgegender Haut von Mäusen zusammengeflickte oder über benutzten die Jäger der Taiga und Steppe die feinen Pfeilspitzen aus Knochen nur für die Jagd auf Vögel und kleine Pelztiere, um an ihrem 9. Die bärtigen Männergesichter sind sarmatisch-alanischer Gefieder oder Pelz keinen Schaden anzurichten. Herkunft aus der Gegend des Schwarzen Meeres und wurDie Knochenpfeilspitze ist ein Gradmesser für den ab Besätze auf hunnischen bzw. hunnenzeitlichen die Objektivität der Autoren. Die gleichzeitig Pferdegeschirren und Kleidungsstücken verwendet. mit den Hunnen in Ost- und Mitteleuropa verGleichzeitig zeigen sie eine gute Wiedergabe der hunnenbreiteten, vorzüglich geschmiedeten eisernen zeitlichen Gesichtszüge

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Pfeilspitzen (Abb. 7) - sie sind uns aus den damaligen hunnischen Grabfunden, ja sogar in die Rückenwirbel (z. B. Wien-Leopoldau, Csongrád - Werböczistraße, Grab 6), in den Bauch (Traismauer) der Gegner der Hunnen oder in das Schienbein einer hunnischen Frau (Melitopol) eingebohrt, wohl bekannt! verhalten sich zu den Knochenpfeilspitzen der Urwelt des Ammianus Marcellinus ungefähr so wie die tatsächliche hunnische Gesellschaft zu der von ihm gezeichneten. Die hunnische Gesellschaft war nämlich vom Augenblick ihres Erscheinens in Europa an gut aufgegliedert und organisiert, an ihrer Spitze standen Großkönige und selbsttätige Militärführer. Aus den archäologischen Funden und den Aufzeichnungen von Zeitgenossen ersteht vor uns das Bild einer Macht mittelasiatischpersischer Kultur, die den sassanidisch-iranischen Prunk und die Etikette liebte und für die die bewußte Aufbautätigkeit eines Reiches ebenfalls kennzeichnend war. Die strenge militärische Ordnung zeigte sich auch in ihrer Erscheinung. Es ist kein Zufall, daß der die Hunnen zum ersten Mal persönlich kennenlernende Claudius Claudianus die von römischen Offizieren so begehrten Prunkgürtel der Hunnen besang. Was im Lichte der Tatsachen von der „klassischen" Charakterisierung des Ammianus Marcellinus übrigbleibt, ist nichts anderes als die uralten äußeren Merkmale der Steppenvölker: ihre in den Steppen noch heute bekannte und benutzte krumme Mütze mit hoch- und runterklappbarem Rand, ihre Lederstiefel mit weicher Sohle und ihr im Vergleich zu den Römern ungewöhnlich breitschultriger Wuchs. Übrigens kann auch die Beschreibung ihres Äußeren von zwei Seiten betrachtet werden. Real ist die allgemeine Wahrnehmung der Zeitgenossen, wonach die Mehrzahl der hunnischen Männer einen niedrigen Wuchs, einen verhältnismäßig großen Kopf, dicken Hals, breite Schultern, eine gewölbte Brust, einen stämmigen Rumpf und kurze Beine gehabt hat. Die Beurteilung dieser Körpergestalt war schon damals Geschmackssache. Die kleine Gestalt der Hunnen dürfte die kleinwüchsigen, wohlgebauten Römer kaum befremdet haben, sie schätzten höchstens deren Untersetztheit gering und sprachen von Holzklötzen oder Bären. Sidonius Apollinaris hielt die Hunnen geradezu für schön, er meinte, sie muteten auf Pferden sitzend sogar hochgewachsen an. Für den gotischen Chronisten, der die Goten, 29

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22. Spätrömisches Trinkglas aus Lébény

deren „hopfenstangenartiger" Wuchs die Römer zum Lächeln reizte, als „Schönheitsideal" ansah, glich ein „kleiner, häßlicher, armseliger" Hunne keinem Menschen, zumindest keinem gotischen. Authentische Grabfunde weisen leider einstweilen kaum auf einen solchen untersetzten Menschentyp hin (Abb. 9). Gräberfelder der Awaren und der Altungarn bieten uns hingegen solche zu Hunderten und Tausenden, in den Gebieten zwischen dem Karpatenbecken und der Mongolei leben heute sogar Millionen Menschen dieser Statur. Was die antiken Autoren bestimmt in außerordentlichem Maße übertrieben haben, ist die fast einheitliche Schilderung der mongolischen Gesichtszüge der Hunnen. Derartige Feststellungen treffen auch jene, die aufgrund ihrer persönlichen Erfahrung die Hunnen ganz anders gesehen haben. So viel mag von derartigen Schilderungen noch akzeptabel sein, daß ihre von Sonne und Wind gegerbte Gesichtshaut dunkler war als die der in Grubenhäusern. Wäldern und auf Rodungen lebenden blonden, hellhäutigen Goten Archäologische Schädelfunde sprechen dafür, daß es unter den Hunnen charakteristische mongoloide Typen tatsächlich gegeben hat, deren plötzliches und wiederholtes Auftauchen für das an das europide Schönheitsideal gewohnte Auge erschreckend gewesen sein mag. Ihr Gesicht fanden sie „form-

los", ihre winzigen Augen, die aus in weitem Abstand voneinander gelegenen, tiefen Augenhöhlen funkelten, bezeichneten sie als glänzende Punkte, von ihrer Nase meinten sie, sie hebe sich aus ihrem flachen Gesicht kaum hervor. Am unglaubwürdigsten scheint jedoch, daß die Männer mit mongolischen Gesichtszügen keinen Bart hatten. Auch dies wurde ihrer Grausamkeit zugeschrieben, da man meinte, sie hätten das Gesicht der kleinen Kinder kreuz und quer zerschnitten, um durch die Narben den Bartwuchs zu verhindern. Diese von Ammianus Marcellinus über Hieronymus und Sidonius Apollinaris bis Jordanes gleichlautende Klügelei bezeugt jedoch nicht etwa die Grausamkeit der Hunnen, sondern vielmehr die kaum weniger humane Phantasie von Römern und Goten. Nach unseren derzeitigen Kenntnissen ist es kaum wahrscheinlich, daß der Anteil mongoloider Typen unter den Hunnen mehr als 20-25 Prozent betragen hat, obwohl eine Prüfung des prozentuellen Anteils an den in authentisch freigelegten Gräbern gefundenen Schädeln noch aussteht. Das Übergewicht europider Typen in den vielen hundert Gräbern aus der ersten Hälfte des (. Jahrtausends n. Chr., die in dem zwischen dem Altai und der nördlichen Mongolei gelegenen Tuwa freigelegt worden sind, ist noch so frappant, daß mit der hunnischen Bewegung kaum eine größere Anzahl Mongoloider nach Europa gelangt sein kann; gerade nur so viele, daß ihr ungewohntes Aussehen die Europäer verdutzt hat. Es ist daher sehr wahrscheinlich, daß jener Teil der Charakterisierung Attilas von Jordanes, in dem er die äußere Erscheinung des Großkönigs wiedergibt (niedriger Wuchs, breite Brust, großer Kopf, kleine Augen, schütterer, graumelierter Bart, stumpfe platte Nase, häßliche Gesichtsfarbe), nichts anderes als das Produkt einer hundert Jahre späteren, schriftstellerischen Phantasie ist, daß Jordanes die „mongoloid-hunnische" Schilderung der tatsächlichen Zeitgenossen auf Attila als Repräsentanten par excellence seines Volkes übertragen hat. Sonderbar ist hingegen das Schweigen der zeitgenössischen Literatur über die im Zusammenhang mit der hunnisch-alanischen Bewegung weil verbreitete artifizielle Schädeldeformation; Sie wird erst von Sidonius Apollinaris nach dem Zusammenbruch des Hunnenreiches in Verbindung mit nach Gallien verschlagenen Hunnen erwähnt. Er irrt sich aber gründlich, wenn er meint, die 30

10. Funde tus dem bisher am östlichsten gelegenen und bekannten hunnischen Fürstengrab der Völkerwanderungszeit in Tugoswonowo

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hunnischen Müller hallen den Kopf der Neugeborenen zu dem Zweck umwickeil, um die Nasen plattzudrücken, und der sich nach hinten erhebende, spitze Schädel sei nur eine Folge dieser Maßnahme gewesen. Die Mode des deformierten, „erhöhten" Kopfes hatten die meisten ostgermanischen Völker übernommen und in breitem Kreise angewandt, besonders bei den Mädchen und Frauen war dies beliebt und „modisch". Nach dem Sturz der Hunnen kamen die Germanen jedoch von diesem Brauch ab und sprachen auch nicht mehr davon ... Laut Jordanes erinnert die Sprache der Hunnen kaum an die von Menschen, das heißt an die gotische, griechische und lateinische Sprache. Die zeitgenössischen Römer hatten allerdings von der - ihnen meist nur als Geschrei bekann23. Römischer und barbarischer Krug mit Glättverzierung. Gjör und Dör

ten - Sprache der Goten auch keine bessere Meinung als Jordanes von den fremd klingenden Stimmen der Hunnen. Von Priscus erfahren wir immerhin, daß die Militärführer der Germanen in den 440er Jahren bereits mit großem Eifer „skythisch". das heißt hunnisch, redeten, wie auch die hunnischen Hauptleute, so auch Attila selbst. Gotisch konnten. Von der hunnischen Sprache wurde leider nichts, besser gesagt nichts sicher Hunnisches, überliefert, erhallen Nielsen uns nur zahlreiche Eigennamen. Diese auch nur so, wie sie die Goten, Römer und Griechen verstanden hallen bzw. wie diese fähig waren, sie wiederzugeben und niederzuschreiben. Ein ansehnlicher Teil der Namen weist auf eine (Verbindungen mit dem Altbulgarischen und dem Mongolischen zeigende) Turksprache hin, auch wenn dies nicht immer sofort augenfällig ist. Der Name des hunnischen Großkönigs der 420er Jahre wird beispielweise in fünf- bis

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sechserlei Formen geschrieben. Ursprünglich lautete er Ruga, jedoch mit dem für die Turksprachen kennzeichnenden, kaum hörbaren Kehllaut G (nach der wissenschaftlichen linguistischen Schreibweise Ruγa, im modernen Türkisch Ruga). Die meisten Zeitgenossen latei­ nischer oder griechischer Muttersprache hörten diesen G-Laut nicht und schrieben seinen Na­ men Roa(s). Rua(s), Rua. Mit stummem G blieb er auch für die Nordgermanen erhallen: R Hroar, mit der aus dem Gotischen übernomme­ nen Diminutiv- oder Koseform Roila. Seine ostgermanischen Untertanen hingegen lernten, den Kehllaut G auszusprechen ja sie versahen den Namen des Großkönigs sogar nach goti­ scher Sitte mit dem diminutiven Kose-Suffix Ru­ gila - Rugachen (vgl. Wulfila - Wölfchen, Totila = Papachen - sein ursprünglicher Name war ebenfalls eine Koseform: Baduila usw.) Ebenso gaben sie seinem noch größeren Nach­ folger in Ehrerbietung und aus Furcht den Ko­ senamen Attila (ata = sowohl in den Turkspra­ chen wie auch im Gotischen. Vater), das heißt Väterchen. Daraus folgt, daß der große Herr­ scher diesen Namen kaum in die Wiege mitbe­ kommen hat. Aus der gotischen Koseform kann man auf manches schließen, nur nicht darauf, die beiden hunnischen Großkönige wären Goten oder Halbgoten gewesen Attila war der Sohn des Mundschuk (alttürkisch: Munčuq = Perle, Schmuck oder Fahne) und der Neffe von Ruga und Oktar/Uptar (alttürkisch: Öktär = Kräftig. Brav. Mächtig). Sein Onkel väterlicherseits hieß Oibarsius (alttürkisch: Aybars = Mondpanther oder Oybárs = Dunkler Panther). Der uns eben­ falls authentisch überlieferte Name seiner Gal­ lin, der Fürstin Erekan/Arykan (alttürkisch: Ariqan = Schöne Fürstin, Keine Fürstin) dürfte in der Sprache der Ost- und Nordgermanen zu Kreka oder Kerka, im Griechischen aber zu Rekam einstellt worden sein, das änderi aber an der turkvölkischen Abstammung des Namens und seiner Trägerin kaum etwas, da eine andere Variante, Kräkän, auf alttürkisch Ehefrau. Her­ rin bedeutet. Ihre Sohne Ernak, Irnäk (alttür­ kisch: H/Ernäk = Held, Wahrer Mensch). El­ lak/Ilek (alttürkisch: Elläg) und Dengi(t)zik/ Dintzik (alttürkisch: Meeresähnlicher, dem Himmel Ähnelnder, anderen Darlegungen zu­ folge Meeres-[Süd-]Wind) trugen ebenfalls Turk­ namen. Der letztere, konsequent in der längeren oder kürzeren Form erhallen gebliebene Name

24. Krug mit menschlichem Antlitz aus Dunaszekcső

dos „wilden Herzogs" ist ein noch schlagenderer Beweis für die oben erörterte phonetische Ge­ setzmäßigkeit als der Name Rugas. Turknamen sind mit ziemlicher Sicherheit fol­ gende aus der führenden hunnischen Schicht bzw. aus dem Fürstenhaus: Kharaton/Karaton (alttürkisch: Qaráton = Schwarzbekleideter). Uldin/Uldis (alttürkisch: Öldin = Glücklicher). B/Vasik (alttürkisch: Bársig = Pantherähnli­ cher oder Basїg = Gouverneur), Kursik (alttür­ kisch: Kürsig = Braver, Edler oder Quršig = Gürteltragender). Eskam (alttürkisch: Großer Pfarrer), Atakam (alttürkisch. Vater-Pfarrer). Emnetzur (alttürkisch: Emnečür), Ultzindur (alllürkisch: Öltinčür), Kelkal (alttürkisch Qїlgїl = Fester Charakter). Auch die Erklärung der Namen Balamber/Balamur und Esla (alttürkisch: Éslä = Großer Alter) dürfte in diese Richtung weisen Allerdings gibt es auch aus dem Gotischen erklärbare hunnische Namen wie Berich(us) (= Berig/Verika). wobei in diesem Fall ein türkisch klingender Berik/Verik

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11. Reliefdarstellung eines weströmischen Feldherrn aus der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts auf einem Consulardiptychon aus Elfenbein. Das mit Edelsteinen besetzte Prunkschwert, von einem vornehmen Man an einem

iranisch-innerasiatischen Waffengürtel getragen, ist unter den zeitgenössischen Darstellungen einmalig und verrät orientalische, vermutlich hunnische, Verbindungen

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(altttürkisch: Starker) ebenso gut vorstellbar wäre. Ungewiß ist bloß der Name des uns in der Form Bleda/Blidas überlieferten Großkönigs, der übrigens auch in der für die späten Großkönige kennzeichnenden Diminutivform Blaed(i)la vorkommt Neueren Erklärungen zufolge ist ursprünglich die alttürkische Form Bildä/Blidä = Weiser Herrscher. In Kenntnis all dieser Fakten bedarf der populär gewordene und große Irrtum einzelner moderner Forscher einer Richtigstellung: Sie verwechseln wegen einiger mongoloide Züge aufweisender Schädel die mongoloide Großrasse mit der mongolischen Sprache und machen aus den Hunnen ,,richtige" Mongolen. Ohne Schwierigkeit kann festgestellt werden, daß die Machthaber des Hunnenreiches von dessen Entstehung bis zu seiner Vernichtung (469) Turknamen trugen und demnach auch hunnischer Herkunft waren. Die Kontinuität dieses Fürstengeschlechtes kann seit dem Zeitpunkt der Überquerung der

Wolga verfolgt werden. Sein erster Repräsentant. Balamber, war nicht allein Feldherr, sondern offenbar auch Großkönig, dem die Hunnen und ihre ostgermanischen Vasallen gleichermaßen gehorchten. Den niedrigeren Rang des im 5. Jahrhundert tätigen Uldin, aber auch des Donat(us) erkannten auch die Oströmer, wußten aber, daß im Hintergrund der Großkönig, der Phylarch. Kharaton existierte. Großkönig Ruga war bereits Verbündeter und Freund Roms, seine Würde übertraf die seines Bruders und Unterfühl was keinen Augenblick angezweifelt wurde. Noch einige Jahre, und die ost- und weströmischen Kaiser sollten sich darum sorgen, wie siedle Gefahr. Attila beirachte sich als gleichrangig mit ihnen, abwehren könnten Sie fürchteten, im Falle eines Sieges Attilas über den persischen Großkönig, den die römischen Kaiser stets als gleichrangig anerkannt hatten, dessen Rang auch Attila zugestehen zu müssen.

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Die „nomadische Armut" Über den wirtschaftlichen Hintergrund der hunnischen Lebensweise

Die in der Vorstellung des Ammianus Marcellinus lebenden hunnischen Wilden spielten in der Mißdeutung des tatsächlichen Lebens der Hunnen mindestens eine ebenso große Rolle wie die skizzenhaften, oberflächlichen Folgerungen der Wirtschaftsgeschichte über die „nomadische" Lebensweise der neuzeitlichen Kirgisen und Mongolen. Von Priscus, der dem Leben der „Barbaren" wenig Interesse entgegenbrachte, kann bei der Beseitigung der Unklarheiten keine Hilfe erwartet werden, schon gar nicht von den übrigen Schriftquellen von nur wenigen Zeilen oder späterer Herkunft. Sie berichten über Heere, Kriegsverwüstungen, kämpfende hunnische Truppen, also über Vorgänge, die kaum Einblick in die Verhältnisse des hunnischen Hinterlandes gewähren. Und da meist selbst objektive Historiker die früher kaum bekannten oder falsch interpretierten archäologischen Funde in ihre Untersuchungen selten einbezogen, entstand, gestützt auf den als Hauptquelle angesehenen Ammianus Marcellinus, ein falsches Bild, das im wesentlichen auch heute noch als allgemeingültig angesehen wird. Diejenigen, die Ammianus Marcellinus zum Ausgangspunkt nehmen, kommen immer zu dem Ergebnis wandernder, viehhaltend-weidender, gelegentlich auch jagender Hunnen. Entsprechend den „Nomaden" des bereits erwähnten kirgisischen Beispiels als unabänderliches Schicksal einer Hirtengesellschaft entstand das wissenschaftlich verbrämte Urteil über die auf einer niederen Stufe der Entwicklung steckengebliebenen oder gar einer Weiterentwicklung unfähigen Steppennomaden. Auf den immer und unter allen Umständen als niedrig erachteten Produktionsertrag des Hirtentums beruft sich 36

jene Meinung, wonach es den Hunnen nur durch Einführung einer „parasitären", „ausbeutenden" Lebensweise gelungen sei, ihre ursprüngliche Wirtschaftsgrundlage auf ein Niveau zu heben, das ihre erfolgreichen Eroberungen ermöglichte. Da der Nomade außerstande ist. Nahrungsüberschüsse zu produzieren - verkündet die Theorie-, seien auch die Hunnen so lange zu Eroberungen unfähig gewesen, geschweige denn ein Reich zu organisieren, bis sie zu einem derartigen Nahrungsmittelüberfluß gelangten. Gerade die moderne Geschichtsschreibung geriet also zu dem Schluß, daß sich die Hunnen - mit Ausnahme ihres Könnens im Bogenschießen - auf nichts verstanden, hätten, bis sie sich den „Lebensmittelüberfluß" der Goten - gemäß den römischen Quellen aus dem 4. bis 5. Jahrhundert litten gerade die Goten unter chronischem Getreidemangel ! - angeeignet hätten. Andere Autoren begründeten die hunnischen Erfolge auch mit dem Nahrungsüberschuß und den Produktionskräften der Slawen und „Romanisierten", also der um die Steppen herum lebenden, angesiedelten Agrarvölker. Ohne Ausbeutung dieser Ackerbauern hätten die Hunnen angeblich nicht bestehen können, auch zu einer Differenzierung ihrer Gesellschaft wäre es nicht gekommen. Parallel zu dieser Anschauung steht die zu oben Gesagtem von vornherein widersprüchliche Anschuldigung: Die wilden Hunnen verwüsteten Dörfer und Produktionsmittel der friedlichen Ackerbauern, den Rest schröpften sie in einem solchen Ausmaß, daß schließlich der Verfall der Agrarwirtschaft zum Niedergang der Hunnen führte. Mit einem Wort: Unterjochte Agrarbauern und Stadtbewohner unterhielten die Hunnen und erzeugten deren sämtliche Habe.

Den Archäologen waren diese Gedankengänge, die sich großer Popularität erfreuten, schon immer verdächtig. Die Hunnen mußten ja auch östlich der Wolga, in Mittelasien, ja sogar in ihrer Urheimat östlich des Tien-schan-Gebirges, in Innerasien, von irgendetwas leben. Und zwar gar nicht so schlecht und keineswegs innerhalb einer „ungegliederten" Gesellschaft, wenn wir an die großartigen Gräber der asiatischen Fürsten aus der Saka-Hunnenzeit und an die der asiatischen Hüte aus der frühen Hunnen/eil (Tugoswonowo. Abb. 10; Kanattas, Abb. 18; KaraAgatsch, Schadrinsk) denken und auch die reichen Bestattungen der bewaffneten Schichten berücksichtigen. Es ist offensichtlich, daß die Historiker Funde und Ergebnisse der Archäologie außer acht ließen. Nicht allein diese, sondern sogar auch die aus den Quellen bekannten Hunnen, die sie bald mit den Jägern der Urzeit, bald mit dem Hirtenvolk des späten Neolithikums verwechseln, bald mit der hunnischen Aristokratie der 440er Jahre charakterisieren. Mit jenen Vornehmen, die, wie die eine Witwe des Großkönigs Bleda, gerne von den Oströmern solche bei den Hunnen raren Luxusartikel wie Purpur, rotes Saffianleder, phönizische Datteln und indischen Pfeffer sowie andere Gewürze entgegennahmen, von dem als Geschenk erhaltenen Gold- und Silbergeschirr, den Seidengewändern sowie indischen Perlen und Edelsteinen gar nicht zu reden. Es gibt in Eurasien kein nennenswertes hunnisches oder hunnenzeitliches Grab und Totenopfer, das nicht reich, ja fast schon überreich mit Fleischspeisen und Getränken für den Schmaus des Toten im Jenseits ausgestattet wäre. In Kanattas, in der Gegend des Balchasch-Sees, wurde im Grab einer Mutter und zweier Kleinkinder eine wahrlich verblüffende Menge an Pferde-, Rind- und Schaffleisch gefunden, die selbst ein homerisches Mahl in den Schatten stellte. Und dies ist keineswegs ein Einzelfall. Wenn wir die hunnischen Grabfunde vom Ob über Mittelasien und die ukrainischen Steppen bis Pannonien überblicken, erstaunt uns der Reichtum an Fleischbeigaben, vor allem an Schaffleisch. Nicht allein in den Gräbern der Vornehmen des Reiches findet man Fleisch; jedermann bekam in ausreichender Menge Fleisch als Wegzehrung ins Jenseits mit, und offensichtlich mangelte es auch im diesseitigen Leben nicht daran. Während des Festmahles Attilas im Herbst

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25. Fibel aus dem Fund von Rábapordány

449 - wir kommen auf dieses später noch zurück - folgte ein Fleischgericht dem anderen, und die Grabfunde beweisen, daß Fleischgenuß keineswegs ein Privileg der herrschenden Elite war. Die großviehhaltenden Hirten, die mit Fleischspeisen und vielleicht ähnlich den Mongolen auch mit getrocknetem Fleisch reichlich versorgt waren, litten wohl kaum einen Mangel an aus Milch hergestellten Getränken und Speisen, darunter verschiedenen konservierten Milchprodukten. Es ist Ansichtssache, ob die Hunnen - aufgrund theoretischer Überlegungen nachträglich zum Genuß von Bohnen und Erbsen oder von aus grob gemahlenem Gerstenmehl gebackenen Fladen gezwungen waren, nur um zu Eroberungen fähig zu sein Den Hunnen schmeckten solche Speisen wohl kaum. Von den

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den. In wessen Besitz in den 440er Jahren die großen Herden und Gestüte auch waren (die Familien der Krieger besaßen ebenfalls Vieh), kann es kein Zufall sein, daß die zur Zeit der Skythen üblichen Pferde- und Reiterbestattungen nach einer Pause von vielen Jahrhunderten gerade zur Hunnenzeit in den Steppen wieder auflebten. Als die Gesandtschaft des Maximinus und Priscus nach der Überquerung der Donau erstmals mit Attila zusammentraf, schenkte der Großkönig trotz seines gespielten Zornes den Oströmern Rinder (und auch frisch gefangene Fische), offensichtlich aus der seinem Gefolge nachgetriebenen Herde. Der wichtigste Exportartikel des Hunnenreiches war bald verbotenerweise - wie im Sinne der 448 mit Anatolius und 449 mit Maximinus geschlossenen Vereinbarung -, bald erlaubterweise wie fast immer: das Reitpferd. So wird sich der oströmische Dolmetscher Vigila später vor Attila wegen der bei ihm gefundenen zu vielen Goldmünzen mit der Begründung entschuldigen, unter anderem Reitpferde und Lasttiere gekauft haben zu wollen. Im Hunnenreich bestand wahrscheinlich auch ein 26. Silberner Eidring mit Anhängern, Rábapordány „staatlicher" Pferdewechsel, wie dies später bei den Mongolen der Fall war. Die Beschwerde mongolischen Heeren wissen wir, daß sie sich von Maximinus und Priscus, man habe ihnen die aus dem milgetriebenen Viehbestand verpflegten als „Geschenk" überlassenen Pferde am Fluß und sich schwerlich zum Gemüseessen herbei- Istros (Donau) wieder abgenommen, dürfte auf ließen. dieses System hinweisen. In der Besorgung von frischem Fleisch und Der große Viehbestand versorgte die Hunnen zur Konservierung vorgesehenen Fleischspeisen nicht nur mit Fleisch und Milch, sondern auch spielte die Jagd eine herausragende Rolle, die mit Leder, Wolle und Knochen. Der in Rom die auch von den Zeitgenossen der Hunnen gewür- Toga tragende Ammianus Marcellinus konnte digt wurde. Bei der Verpflegung des Heeres war die hunnische Lederbekleidung geringschätzen, es die Jagd der Großkönige. Letztere war bei den die verbündeten Germanen taten dies wohl Mongolen und aller Wahrscheinlichkeit nach kaum. So schrieb Eugippius aufgrund der Erinauch schon bei den Hunnen zugleich eine Krieg- nerungen seiner Vorfahren, daß Prinz der Torkisübung. Im Frühherbst 449 fielen Priscus die zur ling-Dynastie, Odoaker, Sohn des Skirenkönigs Donau befohlenen zahlreichen Fährboote auf, Edika, eines ehemaligen Vasallen Attilas, „in die der Gesandtschaft den raschen Flußüberarmselige Felle gekleidet" um Segen und Untergang erleichterten. Priscus bemerkt zwar ironisch, daß sie nicht ihr zu Ehren in Bereitschaft stützung bittend vor den heiligen Severin trat. gehalten wurden, sondern weil Attila die Donau Die Hunnen erzeugten aus dem Fell ihrer Tiere passieren und in dem bis Naissus geräumten Stiefel, Köcher und Pferdezaumzeug, aus der römischen Gebiet jagen wollte. Priscus meinte Wolle ihrer Schafe Filzzelte, Mäntel und vielauch, daß diese „Jagd" eigentlich als Kriegsvor- leicht auch Teppiche. Der Fußboden des Palabereitung gegolten hätte, wenn sie nicht beide stes der Arykan, der Hauptgemahlin Attilas, infolge der rasch veränderten politischen Lage war mit Teppichen ausgelegt, auf denen man nach dem Überraschung widerspiegelnden Beweggeblieben wären. Am Reichtum des hunnischen Viehbestandes 12. Bei den östlichen Hunnen verbreitete zweischneidige kann aufgrund der Quellen nicht gezweifelt werSchwerter und Dolche persischen Typs 38

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13. Darstellung von Aspar und Plinta auf der Silberschüssel ton Orbetello

richt des Priscus „gehen konnte". In diesem Fall sind natürlich auch Perserteppiche nicht auszuschließen. Die aus Knochen geschnitzten Pfeilspitzen dienten, wie oben erwähnt, zur Jagd auf Pelztiere und Vögel. Schlagender Beweis hierfür ist das aus der frühen Eroberungszeit stammende Grab von Tugoswonowo, in welchem sich im Köcher des Verstorbenen als Zeugen seiner Jagdleidenschaft neben dreißig Pfeilen mit Eisenspitzen auch zwei solche mit Knochenspitzen fanden. Zu Beginn des Jahres 450 beschenkte Attila zwei vornehme oströmische Herren, Nomus und Anatolius, mit wertvollen Pelzen, mit solchen, „wie sie die Hunnenkönige tragen". Pelz wurde auch von den in den Waldgebieten Osteuropas lebenden Völkern als Steuer eingenommen, wie dies schon früher, aber auch später üblich war. Langst bekannt ist, daß im Gebiet des Oberlaufes der Kama, in Werchni Konez, sowie in der Gegend von Perm hunnische Kupferkessel gefunden worden sind, die ebenso wie die Grabfunde von Musljumowo, Schadrinsk und anderswo die hunnische Anwesenheit inmitten der Pelzregion beweisen. Zur Zeit Attilas bewirteten die Vornehmen, so auch die erste Gemahlin des Großkönigs und die Hauptfrau des Großwesirs, ihre Gäste mit Wein. Wir wissen nicht, ob es sich um pannonische (syrmische), kaukasische Weine, solche von der Krim oder um oströmische aus den thrakischen Provinzen handelte, doch ist dies auch nicht wesentlich. Wir haben jedoch keinen Grund anzunehmen, daß Wein das Privileg der königlichen Familie gewesen sei, das gemeine Volk aber

mit dem Medoss (Honigwein) und dem Kamon (wäßriger, gegorener Hirsesaft) habe vorliebnehmen müssen, also mit jenen Getränken, welche armselige Dorfbewohner den durch das Banal ziehenden oströmischen Gesandten vorsetzten. Das übliche Getränk der Hunnen war offenbar die bei sämtlichen Turkvölkern vorhandene saure Milch. Am liebsten hatten sie aber offensichtlich ein aus Stutenmilch gegorenes Getränk - aber nicht im Herbst 449, als Priscus bei den Hunnen war. Anhand der bisherigen archäologischen Funde kann festgestellt werden, daß sich die Hunnen auf eine Vielzahl von Handwerken verstanden, anders hätten sie ja auch nicht bestehen können. Ihre meisterhaft, ja kunstvoll ausgeführten Bögen vermochten die europäischen Völker nicht nachzumachen; sie waren Meisterwerke ihrer Bogenmacher (Abb. 2-6). Ihre Sattlermeister erzeugten als erste die sich mit dem Hunnenzug verbreitenden Holz-Leder-Sättel (Abb. 23-24), ihre Riemenschneider das Zaumzeug der Pferde. Ihre Schmiede hämmerten die eisernen Trensen, die vor dem Erscheinen der Hunnen überhaupt nicht oder kaum bekannten rhombischen, dreiflügligen eisernen Kampfpfeilspitzen, die Speerspitzen, die Langschwerter und Kampfmesser. Ihre Kenntnisse hatten sie genauso bereits in Mittelasien wie später in Europa verwertet, fanden sich doch ihre nicht selten 100-120 cm langen Schwerter, die in der Antike in diesem Ausmaß unbekannt gewesen waren, zuerst in ihren Gräbern in der Gegend des Altai- und Tien-schan-Gebirges (z. B. Tugoswonowo, Kara-Bulak, Kök-Bel, Törken). Bemerkenswert ist, daß die Prunkschwerter der Vornehmen - auf deren Bestellung zumeist durch fremde Goldschmiede mit Montierungen versehen wurden, erst durch persisch-

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sogdische, dann durch griechisch-pontische (die entweder von dort herstammten oder unter deren Einfluß arbeiteten) (Abb. 12). Die hunnischen Schwerter „verhallen" sich also gerade umgekehrt wie die aus dem Karolingerreich nach Norden gelieferten Schwertklingen, die zumeist von wikingischen Goldschmieden montiert worden waren. Diese Tatsache spricht für das handwerkliche Können der hunnischen Schmiede. In der Holzbearbeitung und Holzschnitzerei erreichten die Völker der nördlichen Mongolei und der Region um den Balchaschsee bereits während der Saka-Hunnen-(Taschtik-) Epoche ihren Höhepunkt. In Kenntnis der aus Balken meisterhaft zusammengefügten gewaltigen Grabkammern (es sind förmlich Häuser!) der Kurgane von Pasirik, Baschadar, Tüekta, Ujbat, Tepsa, Nojon-ul (Noin Ula), ebenso wie der ostkasachstanischen von Alatau-Besschatir,
27. Aus Goldblech gepreßter Halsschmuck aus Rábapordány

Tschilikti-Goldener Kurgan sowie EssikKurgan und deren erstaunlich geschnitzten Ornamenten erscheint die allgemeine europäische Meinung, welche die von Priscus bewunderten hunnischen Holzpaläste - vor allem jene Attilas als Werke gotischer oder geradezu slawischer (?) Holzschnitzer hinzustellen versucht, wenig durchdacht. Die geschnitzten Holzgefäße - Kessel, Schüsseln, Platten und Schalen - sind in den Grabkammern Innerasiens aus dem 5.-1. Jahrhundert v. Chr. und dem 1.-5. Jahrhundert n. Chr. etwas Alltägliches: Sie wurden wohl kaum von fremden Ackerbauern angefertigt, war doch Holz im Überfluß vorhanden, und die Hirten waren schon immer Meister, ja Künstler der Holz- und Beinschnitzerei. Keramik ist seit dem Neolithikum Gemeingut aller Völker des Altertums, wir wissen von keinen Völkern, die sie nicht gekannt und benutzt hätten. Sic ist zumeist Produkt ortsansässiger Töpfer für jedermann, der sie kaufen wollte. Die im Karpatenbecken in den Hunnen- und hun-

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14. Vorläufer und Parallelen zu den aus Ungarn stammenden hunnischen Kesseln aus (1) Kysyl-Adyr im Uralgebiet, (2) Soka im mittleren Wolgagebiet, (3) Ilabas im Nordkaukasus, (4) Iwanowka im Donezgebiet, (5) Schestatschi am Dnjestr, (6) Benešov im Quellgebiet der Oder, (7) Ionesti in Muntenien, (8) Desa im Gebiet der unteren Donau

nenzeitlichen Gräbern häufig vorkommenden Krüge sind spätrömische oder unter dem Einfluß der späten Antike entstandene barbarische Erzeugnisse. Sie dienten zur Aufnahme von Getränken und als Totenopfer. Getrunken wurde bei den Hunnen wie bei allen anderen aus Holz-, Ton- und Glasbechern. Spätantike Trinkgläser wurden nicht allein in den Gräbern der Vornehmen neben dem Krug deponiert, sondern auch in denen der Mittelschicht, im Osten (z. B. Kara-Agatsch, Nowaja Majatschka-Schtscherbala[jal-Tal und Radensk) orientalische (syrische oder sogdische) Gläser mit Fadenauflagen-Dekor oder grüne, geschliffene Gläser. Auf die hunnischen Siedlungen in Asien, ihre Dörfer, ihren Ackerbau und ihr Handwerk (vgl. z. B. die wichtigen Funde des in der Gegend des Baikalsees freigelegten befestigten Dorfes Iwolga) lohnt es sich nicht ausführlich einzugehen, da die in Mitteleuropa eindringenden hunnischen Streitkräfte ihr diesbezügliches Wissen und Können kaum in Anwendung bringen konnten. Sichtbare Beweise der hunnischen Metallbearbeitungstechnik sind die gegossenen Kupferund Bronzekessel, die überall zu finden sind, wo Hunnen hinkamen (Abb. 14). Allerdings verrät ihre Form und Gußtechnik chinesischen Einfluß des 2. bis 4. Jahrhunderts, ebenso wie ihre Metallspiegel, deren unmittelbare Vorbilder, die chinesischen Prunkspiegel, in den hunnischen Gräbern bis zur Wolga in beträchtlicher Zahl zu finden sind. Die Kupfer- und Bronzegießerei selbst, der Guß künstlerisch ausgeführter Waffen und Kessel, war bei den Völkern Innerasiens schon seit der späten Bronzezeit allgemein bekannt und verbreitet. Form, und Technik der chinesischen Luxusartikel in den Gräbern weisen darauf hin, daß wir die Hunnen nicht für ein aus dem Nebel aufgetauchtes Volk halten dürfen, nur deshalb, weil sich die Römer über ihre Herkunft völlig im unklaren waren. Wer sonst als die Hunnen hätte die Kessel herstellen können, waren doch deren Formvarianten vor dem Erscheinen der Hunnen in Europa unbekannt (Abb. 16). Die sogdisch-persischen Ein-

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28. Bernsteinperlen aus dem Fund von Rábapordány

29. s. Farbtafel XII flüsse, die stärker als selbst die innerasiatischen Wurzeln und bereits in den sog. „fürstlichen" Trachten der Hunnen am Ende des 4. Jahrhunderts zu erkennen waren (Tugoswonowo, KaraAgatsch, Schadrinsk, Turajewo usw.), werden anhand der archäologischen Funde weiter unten behandelt werden. Hier nur so viel, daß die Hunnen vor ihrer Ankunft in Europa in der Nachbarschaft anderer Hochkulturen gelebt hatten und von diesen beeinflußt worden waren. Davon wußte Ammianus Marcellinus allerdings nichts, auch seine Epigonen schenkten dem kaum Beachtung. Die hier skizzierten wirtschaftlichen Grundlagen der hunnischen Gesellschaft werden noch im Zusammenhang mit den archäologischen Funden behandelt, allerdings nur kurz, weil die Funde zur Rekonstruktion der Gesellschaftsordnung der Hunnen in Europa noch immer zu spärlich sind. Aus dem Gesagten geht klar her-

vor, daß die Ansicht des Ammianus Marcellinus von einer paläolithisch-neolithischen Horde der Märchenwelt des Altertums angehört, daß der zur Zeit Attilas erreichte Höhepunkt hingegen das Ergebnis eines Aufschwungs lokaler Prägung ist. Die archäologischen Funde, einschließlich der besten, weiter unten noch zu besprechenden, reichen leider zur Zeit noch nicht aus, um die Entwicklungsphasen der hunnischen Gesellschaft während der acht Jahrzehnte von 375 bis 455 genau zu verfolgen. Doch hoffen wir, dies bald nachholen zu können. Die historisch überlieferte Polygamie eines Bleda. Attila und Onegesius ist nur für diese Mächtigsten nachgewiesen; doch der Vorrang der jeweils ersten oder Hauptgemahlin (Abb. 21) wurde sogar von diesen vollblütigen Großherren anerkannt. Die Vielweiberei war also durchaus kein ausschließlich hunnisches Phänomen, das man heute verurteilen muß, sondern bloß eine legalisierte Variante der Polygamie der herrschenden Schicht, wie sie ja auch bei allen Gesellschaften des Altertums festgestellt werden kann.

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Die Großmacht - die Zeit von Ruga und Bleda

Nach den Ereignissen des Jahrzehnts um die Wende vom 4. zum 5. Jahrhundert verschwanden die Hunnen wieder von der Donaugrenze. Bis dahin hatten bloß Aktionen einiger nach Westen vorgeschobener Kampftruppen den Römern zu schaffen gemacht. Aus der Nachricht, daß die von dem oströmischen Olympiodorus geführte Gesandtschaft den Großkönig Kharaton im Jahre 412 nach Überquerung des Meeres irgendwo in der Gegend des Tanais/Don erreicht habe, geht hervor, daß die hunnische Machtpolitik damals noch eurasischen Charakter aufgewiesen hat. Nur wenige Quellen berich15. Frühe irdene Nachahmungen der asiatisch-hunnischen Kupferkessel

ten über den Krieg, den die Hunnen zwischen 415 und 420 gegen die Perser geführt haben. Dabei dürfte er keineswegs erfolg- oder nutzlos gewesen sein, was die unter den hunnischen archäologischen Funden häufigen Erzeugnisse sassanidischer Goldschmiedekunst, besonders aber die im hunnischen Siedlungsraum im Karpatenbecken gefundenen sassanidischen, kuschanischen, baktrischen, ja sogar indischen Goldmünzen beweisen. Diese Funde sind schlagende Beweise dafür, daß die in die Donaugegend eingedrungenen Hunnen mit jenen identisch waren, die kurz zuvor in Mittelasien gekämpft hatten. Erst als sie in ihrem alten und neuen Reich Ordnung geschafft hatten, wandten sie sich erneut gen Westen.

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30. Solidus des weströmischen Kaisers Valentinianus III., eines Zeitgenossen von Ruga, Bleda und Attila 31. Die sogenannte Siegesprägung Valentinianus' III. aus dem Schatz von Szikáncs 32. Bildnis der Honoria Augusta auf einem Solidus 33. s. Farbtafel XIII

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Als sie 422 wieder an der unteren Donau erschienen, traten sie sofort feindselig gegenüber dem Oströmischen Reich auf. Großkönig Ruga nutzte die Abwesenheit römischer Streitkräfte aus und brach verheerend in Thrakien ein. Da wir von keinem anderen erfolgreichen oströmischen Krieg zu Lebzeiten Rugas wissen, gelang es Ruga offenbar in dem diese Feindseligkeiten beendenden Friedensschluß als erstem hunnischen Großkönig, von der oströmischen Regierung einen jährlichen Tribut von 350 Pfund Gold ( = 25 200 Solidi, ein Goldpfund entspricht 0,327 kg) zu erhallen. (Es ist am besten, sich des zeitgenössischen Ausdrucks Tribut zu bedienen, denn was vom hunnischen Standpunkt aus als Steuer galt, war nach byzantinischem Begriff bestenfalls eine Unterstützung - und beides ist richtig.) Damit begann der Strom oströmischen Goldes in das Hunnenreich zu Hießen (424), mit dem das in den archäologischen Funden so glanzvoll seinen Niederschlag findende „goldene Zeitalter" begann. Die Stelle Ostroms in der Geschichte der Hunnen nahm im folgenden Jahrzehnt Westrom ein. Als der Sohn Theodosius' ,,des Großen", Kaiser Honorius, gestorben war (15. August 423), sahen die militärischen Befehlshaber Italiens, ja selbst der römische Senat die Zeit für gekommen, der Herrschaft des Hauses Theodosius und der damit einhergehenden, bedrückenden Bevormundung durch die östliche Reichshälfte ein Ende zu bereiten. In Rom wurde ein italischer Vornehmer, der Senator Iohannes, zum Kaiser ausgerufen (20. November 423). Dieser übertrug die Hofmeislerwürde (cura palatii) dem Kommandanten des Hofregiments (comes domesticorum), Aetius, einem begabten Offizier, der in der Zeit um 410 als Reichsgeisel unter den Hunnen gelebt hatte. Als daraufhin die Tochter Theodosius' I., die Augusta Galla Placidia, mit tatkräftiger Unterstützung ihres

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34. Hunnischer Kessel aus Hőgyész im Kapos-Tal

Neffen, des oströmischen Kaisers Theodosius II., im Jahre 424 einen überlegenen Angriff ge­ gen Iohannes richtete, eilte Aetius persönlich zu den Hunnen um Hilfe, und zwar mit Erfolg! Ruga stellte ihm - wie es hieß um eine ansehnli­ che Menge Goldes - bedeutende Kräfte zur Ver­ fügung, jedoch zu spät. Iohannes wurde in der Zwischenzeit gefangengenommen und auf grausame Weise hingerichtet (Mai 425). Den­ noch schreckten die oströmischen Generäle da­ vor zurück, mit dem mit furchterregendem Ge­ folge drei Tage später in Italien eintreffenden Aetius den Kampf aufzunehmen. Das Regime der Galla Placidia, das im Namen ihres Sohnes, des Kindes Valentinianus III., an die Macht gelangte, einigte sich mit Aetius, bestärkte ihn im Rang eines comes (Grafen), gab ihm große Besitzungen, und um ihn zu entfernen, wurde er

zum Nachfolger seines Vaters Gaudentius, je­ doch in höherem Rang, zum Militäroberkommandierenden in Gallien ernannt. Der Angele­ genheit setzte die in ein Lustspiel passende Wen­ dung die Krone auf: Die Regierung der Galla Placidia war gezwungen, sich für die uner­ wünschte „Hilfe" der Hunnen mit einem Tribut erkenntlich zu zeigen. Die Hunnen waren also bereits im Jahre 425 in der Lage, sich entschei­ dend in die Innenpolitik des Reiches einzumi­ schen. Die Hunnen, die die Karriere des Aetius in Gang gebracht hatten, gelangten ungehindert nach Italien. Aus dem Grab 734 des Friedhofs der valeri­ schen Stadt Floriana kamen Solidi des Honorius (395-423) bzw. des Iohannes (423-425) zusam­ men mit einem Solidus von Theodosius II. aus dem Jahr 430, der das Zeichen VOT XXX MVLT XXXX trägt, zutage. Das Grab verweist auf einen Mann, der im Dienst der Hunnen stand, der aber auch in Italien gewesen und sodann an der Steuer des Oströmischen Reiches beteiligt war. Ein römisches Grab mit Goldmün­ zen (sogar vier zusammen!) als Grabobolus ist nämlich in Pannonien nicht bekannt. Im Jahr 430 oder kurz danach, d. h. in der „oberen Schicht" des Friedhofs von Floriana, wurden nur noch die östlichen Besetzer, die eine Vorliebe für Gold hatten, beigesetzt (deformierter Schä­ del, begrabenes Pferd usw.), die Bestattung der römischen Einwohner war zu der Zeit schon endgültig eingestellt. Den neueren Forschungen zufolge ist mit gu­ tem Grund anzunehmen, daß die Bewohner und die Regierung von Valeria Ripensis nach 425 ausgesiedelt und aus ihnen die neue Provinz Va­ leria Media gegründet wurde, die sich südwest­ lich von Savia, am Ausläufer der Provinz Venetia-Hislria, östlich der Iulischen-Alpen, zwi­ schen Emona und Siscia befand und um 435 bereits erwähnt wird. Die Umsiedlung der Be­ völkerung ist die erste akzeptable Erklärung da­ für, warum allein Valeria Ripensis im pannoni­ schen Gebietskomplex keine Kontinuität in be­ zug auf die römischen Ortsnamen aufweist. Aus den strategischen Prinzipien der früheren und späteren Kriege sowie der Forderungen der Hunnen könnte man folgern, daß die Hunnen nach der Besetzung den valerischen Limes zwi­ schen Aquincum und der Draumündung liqui­ diert, die Befestigungen in Brand gesteckt und 48

zerstört, also ein Grenzödland errichtet hätten. stung auf. Mauern und Innengebäude waren Dem war aber nicht so. Die valerischen Limes- überall unberührt, aber leer stehengeblieben. Ihr Befestigungen, die im Verlauf der Angriffe der Zerfall dauerte Jahrhunderte lang. Diese TatsaSarmaten und Germanen in den Jahrhunderten che allein scheint schon zu beweisen, daß die davor mehrmals niedergebrannt wurden, weisen Grenzprovinz geräumt - anhand eines Vertrages diesmal keine Spuren einer gewaltsamen Verwü- - Unter die Herrschaft der hunnischen „Verbündeten44 gelangte. Eigene Wachstationen errichte16. In Höckricht in Schlesien kamen zusammen mit einem ten die Hunnen nur an einigen wichtigen Stellen Bronzekessel und einer Bronzeschüssel hunnenzeitliche des Donau-Limes (bespielsweise in Intercisa, das Schmuckstücke zutage: zellenverzierte Goldschnallen, einen weiten Ausblick bot, oberhalb eines Flußaus Goldblech gepreßte Riemenzungen und für überganges). Schnallenbeschlagplatten ausgeschnittene, mit EdelAnhand des kaum zufälligen Zusammenfalsteinen verzierte Goldbleche

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35. Hunnischer Kessel mit erhalten gebliebenem Fußring aus der Umgebung von Várpalota

lens von archäologischen, numismatischen und historischen Angaben ist es heute schon mehr als wahrscheinlich, daß der einstige SarmatenLimes, die Donauübergänge und die Provinz Valeria Ripensis selbst Ruga und seinen Hunnen als Gegenleistung für die wirksame militärische Hilfe im Jahr 425 und in der Zeit danach „geschenkt" wurden. Es handelte sich dabei entweder um einen im voraus ausgehandelten Preis, den Johannes und sein Vertrauensmann Aetius bezahlten, oder um den Lohn für den Auszug der Hunnen aus Italien, den bereits die Regierung von Valentinianus III. entrichtete. Eng mit diesem Ereignis hängt der Ausbau des neuen hunnischen Machtzentrums zusammen. Nicht allzuweit von den Grenzen der beiden Reichshälften entfernt, am Schnittpunkt der nach den beiden Hauptstädten führenden Stra- 36. Der bisher größte und am reichsten verzierte ßen, aber doch an einer Stelle, die gut verleidigt hunnische Kessel, Törtel werden konnte: im Herzen des Donaubeckens. Dieses Zentrum lag im Flußgebiet der mittleren 37.-38. s. Farbtafeln XIV-XV 50

Theiß, zwischen den Flüssen Körös und Maros. Hier begannen die Hunnen, den neuen königlichen Ordu auszubauen. Wegen der Umgruppierung der hunnischen Hauptkräfte waren die Oströmer gezwungen, wirksame Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Sie besetzten die zum Weströmischen Reich gehörende Provinz Pannonia Secunda (Syrmien). von wo sie die in weströmischem Dienst stehenden „barbarischen" (darunter auch hunnischen) Föderaten-Truppen vertrieben. Sie schoben also ihre Grenze bis zum batschkaer-syrmischen Donauabschnitt vor, der militärisch gut zu verteidigen war. und besetzten im Jahre 427 die den wichtigen Save-Übergang schützende Kaiserstadt Sirmium (Sremska Mitrovica). Der weströmische Kaiser Valentinianus III. bestätigte erst zehn Jahre später, gelegentlich seines Besuches und seiner Trauung in Konstantinopel, diesen nicht gerade freundschaftlichen Akt (Oktober 437). Inzwischen nützte Aetius seine hunnischen Geschäftspartner großartig aus, fast Jahr für Jahr erschienen hunnische Hilfstruppen in Gallien. In den Jahren 425-427 warfen sie die immer aggressiver auftretenden Wisigoten zurück, die 425 bereits die hochwichtige Großstadt Arelas (früher Arelate, heute Arles) angriffen. 428 zwangen sie die den nördlichen Teil der Provinz verheerenden ripuarischen Franken zur Treue oder vertrieben sie ans jenseitige Ufer des Rheins, um 429/430 griff Oktar/Uptar, der Bruder und Heerführer Rugas, die am rechten Rheinufer lebenden Burgunden an (er starb im Laufe dieses mißlungenen Feldzuges). Wäre dies so weitergegangen, hätte Aetius mit Hilfe der Hunnen in wenigen Jahren Nordgallien von jenen germanischen Heerscharen befreit, die zögerten, die Oberherrschaft Roms anzuerkennen. Ende 429 wurde Aetius jedoch durch die am weströmischen Hof wütenden inneren Machtkämpfe vom Schauplatz seiner Erfolge entfernt, nach Italien befohlen und „nach oben gestürzt": Er wurde zum Oberbefehlshaber der Armee (magister militum et utriusque militiae dux) ernannt. Sein Gegner, der Patrizier Flavius Felix, stürzte jedoch im Laufe dieser Intrige, die Macht

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zum Patricius ernannte comes Bonifatius und seine afrikanischen Truppen besiegten Aetius und die ihm treu gebliebenen Soldaten bei Ariminium (Rimini). Aetius versuchte zuerst in Rom Hilfe zu erhalten, floh aber dann mit seinem Sohn nach Dalmatien und von dort über Pannoniae (also über die pannonischen Provinzen) an den hunnischen Hof. Ruga gewährte ihm abermals Hilfe. Auch Galla Placidia und ihre Partei blieben nicht untätig, sie erbaten und erwarteten von den südgallischen Wisigoten Hilfe. Die Hunnen waren aber schneller. Sie zersprengten das kaiserliche Heer, die letzten Elitekräfte Italiens, und geleiteten Aetius 433/434 bis nach Rom zurück. Der weibliche Haß der Kaiserin erwies sich auch dieses Mal nicht als politischer Meisterzug. Sie war gezwungen, Flavius Aetius endgültig nachzugeben, ihn mit der allerhöchsten Würde, dem Rang eines Patricius, zu bekleiden und ihn wieder zum militärischen Oberbefehlshaber des Weströmischen Reiches zu ernennen (434/435). Während dieser Geschehnisse starb Ruga, der 39. Goldblechverkleidung einer Tierfigur, Árpás-Dombi- zehn Jahre lang treue Verbündete und Freund föld. Detail des Aetius. Die Rechnung präsentierten seine Nachfolger Bleda und Attila. Aetius überließ des Aetius, die ihm nur dem Namen nach zuge- den in Rom verhandelnden hunnischen Gesanddacht war, wurde im Mai 430 mit einem Schlag ten 434/435 wahrscheinlich „offiziell" die ProWirklichkeit. Er nutzte die neuen Möglichkeiten vinz Valeria und zugleich die Provinz Pannonia sofort, verjagte die in das Reich eingedrungenen Prima (das heutige ungarische Transdanubien). germanischen Juthungen und stellte die erschütInzwischen entwickelten sich die weströmischterte Römerherrschaft nördlich der Alpen in bei- hunnischen Beziehungen besser denn je. Aetius den Rätien sowie in Norikum (letzteres ist im ließ sich am Hofe Bledas durch seinen Sohn wesentlichen das heutige Österreich) wieder her, Carpilio vertreten, er selbst setzte die Säuberung wohin er auch im folgenden Jahr (431) seine Galliens fort, als ob nichts geschehen wäre. Truppen zur Niederschlagung eines Aufstandes Nachdem es ihm im Jahre 435 nicht gelungen führte. Der Grenzschutz am Oberlauf des war, der über den Rhein auf römisches ReichsRheins und der Donau war wieder gefestigt. Für gebiet vorgedrungenen und sich dort selbständig die Geschichte Pannonia Primas wird es immer gebärdenden Burgunden Herr zu werden, wandein Rätsel bleiben, warum Aetius nicht auch die te er sich wieder einmal an seine hunnischen Neuorganisierung des Schutzes dieser Provinz Freunde. Deren Hilfe fiel jedoch allzu gut aus. vornahm: darum, weil es nichts mehr wiederher- 436 oder 437 metzelten sie das Heer der Burgunzustellen gab. oder bloß deshalb, weil er auf dem den mit ihrem König Gundicharius (Gundahar, Höhepunkt seiner neuerlichen Erfolge abermals Gunther) fast bis zum letzten Mann, ab stirpe gestürzt wurde? nieder. Die erschütternde Niederlage prägte sich Im Jahre 432 erachteten nämlich Galla Placi- auch in diesem Fall in das Gedächtnis der gerdia und ihre Umgebung die Zeit für gekommen, manischen Völker ein und sollte dereinst ihren mit dem erfolgreichen, immer mehr Macht in Niederschlag im Nibelungenlied finden. Anseinen Händen vereinigenden Feldherrn endgül- fangs war auch die Hilfe erfolgreich, die die tig abzurechnen. Man enthob ihn seiner Würde Hunnen dem zweiten militärischen Befehlshaber als Oberbefehlshaber und übertrug die Führung von Gallien, dem Stellvertreter von Aetius, dem der Armee Bonifatius, dem dux von Afrika. Der Heiden Litorius, gegen die Wisigoten leisteten. 52

39.

17. Charakteristisch für die barbarischen Goldschmiedearbeiten der Hannenzeit var die überreiche Oberflächenverzierung. Form und Größe der einzelnen Kastchenfassungen paßten sich den Edelsteinen an. (1-2) Schwertscheidenbesclhäge, (3) Schnallenbeschlag, (4) Riemendurchzüge eines Lang- oder Kurzschwertes

437 durchbricht der Angriff der hunnischen Reiter des Litorius den Belagerungsgürtel der Heere des Königs der Wisigoten, Theoderichs I., den dieser vor fast einem Jahr um Narbona/Narbonne gezogen hat, und befreit die Stadt. Im folgenden Jahr drängen Litorius und seine Hunnen die Wisigoten in einer Reihe von siegreichen Schlachten in ihre Hauptstadt Tolosa/Toulouse zurück. Aus dieser Lage erlöst die Wisigoten nur das persönliche Mißgeschick des Litorius, er fällt in gotische Gefangenschaft. Unter den Mauern der Stadt werden auch die Hunnen zu Leidtragenden der Niederlage des führerlos gebliebenen gallisch-römischen Heeres (439). Die Bilanz des 15 Jahre dauernden, sonderbaren Dreiecks zwischen Aetius, Galla Placidia und den hunnischen Großkönigen war für das Weströmische Reich ziemlich niederschmetternd. Aetius, „der letzte Römer", war trotz des peinlich gewahrten Anscheins letzten Endes eine Kreatur der Hunnen, ohne die er weder an die Macht zu gelangen, noch die Macht zu erhalten vermocht hätte. Die in ihrem Selbstbewußtsein vielfach gekränkte bigotte Augusta war um nichts besser; um Aetius zu stürzen, war sie bereit, sogar mit ihren ältesten Feinden, den Wisigoten, ein Bündnis zu schließen. Die Folge ihrer Katastrophenpolitik war der Verlust Nordafrikas. Hätte sie ihre Kräfte gegen die Wandalen konzentriert, wäre sie mit ihnen fertiggeworden. Statt dessen schickte sie die Truppen, die die afrikanischen Städte bis dahin mit Erfolg verteidigt hatten, gegen die Hunnen ins Verderben. Nachdem 439 Karthago gefallen war, konnten selbst die vereinten Kräfte der beiden Reichshälften die Wandalen nicht mehr bewältigen. Es scheint, Aetius' Politik war die Säuberung und Erhaltung Galliens, deshalb hatte er früher sogar mit den Wandalen einen Waffenstillstand geschlossen (435). Für seine bis zur endgültigen Rückkehr nach Italien im Jahre 441 im Westen errungenen Erfolge mußte er einen hohen Preis bezahlen: Br mußte auf die Donauprovinzen verzichten, seine hunnischen Gönner wurden beinahe Nachbarn Italiens. 53

Die Nachfolge ging anscheinend vollkommen reibungslos vor sich. Im Sinne der Erbfolge wurde der Sohn Mundschuks, Bleda, Großkönig der Hunnen. Es ist daher mehr als wahrscheinlich, daß der Vorgänger Rugas in der Würde eines Großkönigs sein Bruder Mundschuk war. Wäre dem nicht so gewesen, hätte der offizielle Titel des späteren hunnischen Großkönigs kaum Attila, der Sohn Mundschuks, gelautet. Außerdem hätte sich Attila durch seinen Gesandten Orestes dem auf seine Herkunft so stolzen Theodosius II. gegenüber kaum seiner adligen, dem Kaiser gleichrangigen Abstammung gerühmt 40/2. und betont, er sei „Nachkomme" des edlen Mundschuk. Neben Bleda erschien von Anfang an sein jüngerer Bruder Attila - schon damals unter diesem Namen - als Fürst der hunnischen Gebiete im Osten und an der unleren Donau. In den späteren Quellen, die zum Großteil zur Zeit der Alleinherrschaft Attilas oder auch schon nach seinem Tode entstanden waren, verblaßte die zehnjährige Regierungszeit Bledas fast spurlos, wofür offenbar auch sein Nachfolger gesorgt hatte. Die wenigen zeitgenössischen Aufzeichnungen berichteten aber genau darüber, daß Bleda Großkönig geworden war, Attila wurde überhaupt nicht oder nur an zweiter 40/1.-5. Silberschnallen, Zikadenfibeln und Nieten- Stelle erwähnt. Bleda ließ sich im Ordu Rugas an der Theiß nieder und dürfte auch für dessen köpfe aus Kistokaj Ausbau während seiner Regierungszeit gesorgt Das Zünglein an der Waage schlug eindeutig haben. Der Ordu Attilas befand sich in der Zeit zugunsten der Hunnen aus. Die Politik des zwischen 434 und 444 irgendwo im Raum des Weströmischen Reiches hing seit 425 von den heutigen Bukarest-Ploiesti. Aufgrund der sich militärischen Kräften der Hunnen ab, allein die- entlang des Buzäu-Flusses aneinanderreihenden se gewannen bei dem eigenartigen Geschäft Ge- hunnischen Funde war der Ordu Attilas wohl biet, Geld, Beute und Erfahrung. In diesen Jah- eher in der Gegend des heutigen Ortes Buzäu, da ren bestand nicht nur ihre Kriegskunst, sondern der Königsitz vom Oströmischen Reich aus am kürzesten über Scythia Minor (Dobruauch ihre politische Kunst die Prüfung. Gleichzeitig mit diesem sonderbaren weströ- dscha) erreichbar war. Im Jahre 441 legte eimisch-hunnischen Idyll rückte auch das oströ- ne oströmische Gesandtschaft den Weg bis misch-hunnische Verhältnis wieder in den Vor- Odessus (Varna) per Schiff zurück und erdergrund der Geschichte. Das ein Jahrzehnt lan- reichte die Residenz Attilas von don über die ge neutrale Verhältnis verschlechterte sich noch untere Donau. zu Lebzeiten Rugas. Ostrom versuchte sich in Es ist das Verdienst Bledas, des gelassenen der später von Byzanz so erfolgreich geübten und heiteren neuen Großkönigs, den am LeAußenpolitik, im Rücken der Hunnen nach Ver- bensabend Rugas entfachten Streit mit Ostrom bündeten zu forschen, namentlich unter den durch einen glänzenden diplomatischen Sieg geStämmen Amilzur, Itimar, Tonsur und Boisk. schlichtet zu haben. Zu den FriedensverhandRuga verwahrte sich mit scharfen Worten und lungen kam es auf „neutralem" Gebiet, auf eischickte seinen Gesandten Esla nach Konstanti- nem Feld zwischen den prächtigen Zelten der nopel; er fiel zugleich auf der unteren Donau in Hunnenkönige und der gegenüber von Margus Thrakien ein. Hierbei ereilte ihn der Tod. (früher Margum, heute Orašje bei Dubravica an
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der Mündung des Morawa-Flusses) gelegenen römischen Gegenfestung Castra Constantia (auf byzantinisch (Constantia). Bleda und Attila verhandelten wortwörtlich „vom hohen Roß" mit den Oströmern Plinta (Plinthas) (Abb. 13) und Epigenes, die, um ihr Ansehen zu wahren, gezwungen waren, gleichfalls in den Sattel zu steigen und in dieser für sie ungewohnten Positur zu verhandeln. Sie retteten wirklich nur den Schein, denn die hunnischen Bedingungen wurden alle akzeptiert. Im Namen des Reiches verpflichteten sie sich, mit den „barbarischen" Feinden der Hunnen zukünftig kein Bündnis zu schließen, erhöhten den jährlichen Goldtribut auf das Doppelte, auf 700 Pfund (fast 229 kg), sie nahmen zur Kenntnis, für die von den Hunnen entkommenen oder auszulösenden Gefangenen pro Kopf acht Solidi entrichten zu müssen (auch dies ist das Doppelte der früheren Summe), sie verpflichteten sich, einen öffentlichen Markt zu eröffnen, dessen Sicherheit von beiden Seiten garantiert werden sollte, und schließlich - in Wirklichkeit war das

der erste Punkt des Vertrages - mußten sie alle Deserteure, die vor der hunnischen Herrschaft auf oströmisches Gebiet geflohen waren, ausliefern. Der Friede von Margus (435) war im Grunde genommen ein Friedensdiktat, aber so geschickt abgefaßt, daß der Bogen in keinem einzigen Punkt überspannt wurde. Das Ergebnis war die Vermeidung eines Krieges. Bleda und Attila gewannen freie Hand, sie rechneten mit den obenerwähnten, mit Ostrom verbündeten Stämmen ab und weiteten ihr Reich bis an die Alpen, den Rhein und das Weichselgebiet aus. Damals kam es auch zur Vernichtung der Burgunden und zur Besetzung von Pannonia Prima. Im Oktober 439 nahmen die Wandalen Karthago, die „Metropole" der Provincia Africa, ein, wo sie eine bedeutende Flotte erbeuteten. Im Frühling des folgenden Jahres trafen ostund weströmische Armeen zum Schutz von Sizilien ein, das schon von den Wandalen angegriffen worden war. Kaum hatten die Perser von dieser Expedition der oströmischen Streitkräfte

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40/5.

Kenntnis erlangt, griffen sie das schon seit langem begehrte Armenien an. Ostrom mußte das ganze noch greifbare Militär einsetzen. All dies blieb natürlich auch den Hunnen kein Geheimnis. Blitzschnell erkannte Bleda, der nicht umsonst der Neffe Rugas war, die Lage und erstürmte mit seinen Truppen die letzte, an der hunnischen Donauseite gelegene oströmische Festung Castra Constantia. Garantie hin, Garantie her, er nahm die gerade dort auf dem Markt friedlich versammelten Kaufleute gefangen. Dies war zwar ein Casus belli, aber noch kein Krieg. Im Laufe der dem tatsächlichen Ausbruch des Krieges vorangehenden Verhandlungen versuchte Bleda durch verschiedene Anschuldigungen, die Verantwortung von den Hunnen abzuwehren, und zwar mit Erfolg, da die Oströmer, über die unmöglichen Forderungen erbost, die Verhandlungen selbst abbrachen. Im Herbst 440 setzten die Truppen Bledas bei Viminacium (auf griechisch Viminakion; Kosto-

lac) über die Donau und erstürmten und zerstörten die Stadt. Dann wendeten sie sich die Donau entlang gegen Westen und nahmen Margus mit Hilfe des Bischofs dieses Städtchens ein. der aus Furcht, die Seinen könnten ihn in der Hoffnung auf Frieden doch ausliefern, sich selbst ergab. Am südlichen Ufer des Stromes griffen sie weiter westwärts, in Richtung Illyricum, an. Durch Belagerung nahmen sie Singidunum (Belgrad) ein und schleppten seine Einwohner in Gefangenschaft. Im darauffolgenden Jahr, 441, griff Bleda abermals im Westen an und eroberte Sirmium (Sremska Mitrovica), dessen Bewohner das gleiche Schicksal erlitten wie jene von Singidunum. Nach dem Fall Sirmiums eroberte Bleda von Süden her die Provinz Pannonia Secunda. In der Zwischenzeit überlegte Attila, ob er sich überhaupt einmischen sollte. Lange nach Ausbruch des Krieges veranlaßte er brieflich Verhandlungen mit der oströmischen Regierung (Frühling 441). Er erpreßte den Kaiser: „er halte sein Heer nur ungern weiter zurück", sollte der seit Kriegsbeginn ausgebliebene Tribut nicht sofort entrichtet und erhöht werden. Seine Hauptforderung bestand jedoch in der Auslieferung einiger hunnischer Herzöge und anderer Vornehmer, die er gern in seine Hände bekommen hätte. Zur Zeit der Eroberung Sirmiums kam Attila jedoch zu Bewußtsein, daß er im Falle einer weiteren Nichteinmischung zu spät käme und bei der Verteilung der Beute übergangen würde. Er brach daher die Verhandlungen mit der sich in seinem Ordu unter der Leitung des Senators (des oströmischen Konsuls des Jahres 436, einem Günstling Attilas, den er auch 449 zu den seiner würdigen Verhandlungspartnern zählte) aufhaltenden Gesandtschaft ab und wies ihre fast schon zufriedenstellenden Friedensund Tributangebote zurück. Attila war zu der Erkenntnis gekommen, daß er allein mit Ostrom nicht fertig würde, Theodosius II. hatte nämlich seine Hauptforderung abgewiesen und war nicht bereit gewesen, die Flüchtlinge auszuliefern. Mit „seinem Heer" setzte Attila nun über die untere Donau und griff nach der Einnahme einiger kleinerer Festungen die dichtbevölkerte Stadt Ratiaria (Artschar), den Schlüssel zu der unteren Donaugegend, mit Erfolg an. Die endlich vereinten hunnischen Kräfte stürmten und eroberten mit Hilfe der in Ratiaria erbeuteten römischen Kampfmaschinen Naissus/Niš und Serdica/So56

18. Vornehme Frau mit Diadem aus Kanattas in Kasachstan. Ukrainische und ungarische Parallelen zu dem hunnischen metallbeschlagenen Gürtel von Kanattas

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41/2-3.

41/1. Silberschnalle aus Szirmabesenyö

41/2.-3. Silberschnallen aus Szirmabesenyö

fia, drangen danach in Thrakien ein und eroberten Philippopolis/Plovdiv sowie Arcadiopolis. Nur Hadrianopolis/Edirne und das an der Küste des Marmarameeres gelegene Heracleia/ Iregli wiesen die Angriffe ab. Der Erfolg war enorm, die hunnischen Streitkräfte bedrohten bereits Konstantinopel. Es darf jedoch nicht vergessen werden, daß die Hunnen ihre Erfolge gegenüber verzweifelt und ohne jegliche Hoffnung auf Entsatz kämpfenden städtischen Milizen und nicht gegenüber dem oströmischen Heer errungen hatten. Doch auch dazu sollte es bald kommen. Wegen der gefährlichen Lage wurde ein beträchtlicher Teil der von den Wandalen arg mitgenommenen oströmischen Truppen aus Sizilien zurückbefohlen und unter der Führung des großen Feldherrn Aspar gegen die Hunnen eingesetzt. Aspar erlitt 442 auf dem Chersones (Halbinsel Gallipoli/Gelibolu) in der ersten offenen Schlacht zwischen Hunnen und Römern

eine Niederlage. Theodosius 11. und seine Regierung waren gezwungen, durch Aspar um Frieden zu bitten. Die Friedensverhandlungen leitete der ehemalige Konsul Senator Anatolius, der Oberkommandierende der Orient-Armee des Reiches. Der im Jahre 443 geschlossene „erste Friede des Anatolius" legte dem Oströmischen Reich schwerwiegende Lasten und Verpflichtungen auf: Der jährliche Tribut wurde auf das Dreifache, auf 2100 Pfund, erhöht. Diese Summe nahmen die Hunnen als Grundlage bei der nachträglichen Auszahlung des drei Jahre lang entfallenen Tributs des ihrer Meinung nach „aus Verschulden der Römer" ausgebrochenen Krieges. Sie forderten und erhielten somit 6000 Pfund Gold (1962 kg) auf einmal! Der Tarif für die Auslösung von Kriegsgefangenen erhöhte sich auf zwölf Solidi, und wenn die Römer diesen Betrag für die aus der Gefangenschaft Geflohenen nicht 58

entrichteten, waren sie verpflichtet, die Betreffenden zurückzuschicken. Der Friedensvertrag verpflichtete die Römer ferner zur Auslieferung der hunnischen Deserteure, aber auch dazu, Deserteuren und Flüchtlingen in Zukunft kein Asyl mehr zu gewähren. Diese Bedingungen waren, wie das die Folgen zeigen sollten, undurchführbar. Nur eine besondere Forderung Attilas vermochte Anatolius nicht zu erfüllen. Die löwenmutigen Bewohner des an dem in die untere Donau mündenden Flusses Osima/Osm gelegenen befestigten Städtchens Asimus oder Asemus/Musaliewo hatten alle Angriffe der Truppen Attilas zurückgeschlagen und gelegentlich
19. Hunnische Frauenbestattung mit einem Diadem auf der Stirn aus Schipowo

ihrer Ausbrüche nicht allein römische Kriegsgefangene befreit, sondern sogar Hunnen gefangengenommen. Attila drohte, seine Armee nicht zurückzuziehen und den Friedensvertrag nicht zu bekräftigen, falls Asimus nicht bestraft würde. Die Einwohner von Asimus seien dazu zu verpflichten, die hunnischen Gefangenen auszuliefern und Lösegeld für die von ihnen befreiten römischen Gefangenen zu zahlen; er forderte also von Asimus noch zusätzliches Geld. Anatolius selbst und Theodolus, der Militärkommandant von Thrakien, flehten die Bewohner von Asimus an - umsonst. Die Attila zurückgeschlagen hatten, erschraken auch vor Anatolius nicht. Ihre Antwort lautete, daß sie die römischen Gefangenen- selbstverständlich - schon längst freigelassen, die hunnischen hingegen getötet hatten. Mit Ausnahme von zweien, die sie gegen

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zwei von den Hunnen verschleppte Asimunter Knaben auszutauschen geneigt wären. Nachdem Attila eingesehen hatte, daß er gegen Astmus nichts auszurichten imstande war - die beiden Asimunter Knaben konnten die Hunnen nirgends finden -, war er gezwungen, nachzugeben und sich damit zu begnügen, daß die Bewohner von Asimus die zwei hunnischen Gefangenen großmütig freiließen. Ein derartiger Verlust an Ansehen konnte jedoch nicht vergessen werden! Der Krieg und der darauffolgende Friede der Jahre 440-443 waren ein Erfolg Bledas. Ergebnis des Sieges war die Liquidation des oströmischen Donaulimes und des Städtesystems, das den zentralen hunnischen Ordu unmittelbar bedroht hatte. Die Goldpresse erreichte ihren Höhepunkt: Die Hunnen sollten aufgrund des Friedensvertrages von 443 bis zum Jahre 449 in den Besitz von 20 700 Pfund Gold gelangen. Attila vermochte diesen vertraglich zugesicherten Tribut um kein einziges Pfund mehr zu erhöhen, ja in seinen letzten vier Lebensjahren verlor er diesen sogar ganz; und eben dieser Umstand zwang ihn zu immer erbitterteren Kämpfen. Aber auch das Hunnenreich erreichte fast schon seine größte Ausdehnung in Europa - Attilas Kriege sollten es um keinen einzigen Quadratmeter mehr vergrößern. Das bedeutendste Ereignis war jedoch, daß Bleda die Erfolge durch regelrechte, von beiden Seiten sanktionierte Friedensverträge sicherte.

20. Hunnische Frau mit Diadem aus Werchneje Pogromnoje

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Attila gelangt an die Macht

Die aufwärtsstrebende Periode der hunnischen Großmacht wurde von einem tragischen Er­ eignis unterbrochen. Attila lockte - gestützt auf sein vertrautes Gefolgt und die Waffen seiner im Hunnenreich bis dahin von der Macht ausgelas­ senen germanischen Vasallen - seinen Bruder, den Großkönig der Hunnen, in eine Falle und tötete ihn. Bledas „Volk", das heißt die hunni­ schen Elitetruppen, „zwang er, ihm zu gehör­ chen". Ein unklares Ereignis der hunnischen Ge­ schichte: Wie war es Attila gelungen, Bleda zu stürzen? Die zeitgenössischen Berichte vermer­ ken nur die Tatsache an sich, fügen aber keinen Kommentar hinzu. So viel ist jedoch gewiß, daß der „Putsch" eine Jahrzehnte zurückreichen­ de Vorgeschichte hatte. Der eigene Weg Attilas in der Politik während des Krieges der Jahre 440-442 ist mehr als auffallend. Die Anfänge dieses eigenen Weges reichen in die Zeit zurück, als Bleda und Attila an die Macht kamen. Nach Rugas Tod und dem folgenden Machtwechsel flohen zwei Herzöge der hunnischen Herrscher­ dynastie auf oströmisches Gebiet. Mama und Atakam dürften Söhne eines der Brüder Rugas, vielleicht die des Oktar - wenn nicht sogar Ru­ gas eigene Söhne - gewesen sein, die, falls etwas mit Bleda geschehen sollte, die Nachfolge Attilas gefährdet hätten. Aufgrund des Friedensvertrages von Margus lieferten die Oströmer die beiden Herzöge im Jahre 435 unmittelbar an Attila aus. Die Über­ gabe vollzog sich in der Nähe von Attilas Ordu, beim Stromübergang der unleren Donau, in Scythia Minor, der oströmischen Festung Karsium/Carsium (heute Hirşova - früher Harşova - in der Dobrudscha). Die Männer Attilas 61

machten mit den beiden keine Umstände und pfählten sie - auf dem flachen gegenüberliegen­ den Ufer, offenbar auf Befehl ihres Herrn - vor den Augen der Römer, die sie aus der Höhenfe­ stung beobachteten. Die Mitglieder des königli­ chen Geschlechtes flüchteten verständlicherwei­ se hierauf in noch gröberem Maße. Nach dem
42. Krug aus dem Fund von Szirmabesenyö

21. Hunnische Diademe. Die ,,pilzförmigen" Aufsätze am Diadem von Stara(ja) Igren (1) sind den Henkeln hunnischer Kessel ähnlich. Das auf der Stirn eher jungen Frau mit deformiertem Schädel auf dem Berg Kertsch-Mithridates (2) gefundene, mit doppeltem Falkenkopf verzierte Diadem ist eines der bedeutendsten Exemplare dieser Art

Friedensvertrag von 443 wurden von der Bevölkerung Konstantinopels jene fürstlichen Verwandten erschlagen, deren Auslieferung Attila bereits 441 gefordert hatte, die aber jetzt dem kaiserlichen Befehl zur Heimkehr nicht nachgekommen waren und damit den mühevoll wiederhergestellten Frieden gefährdeten. Die gnadenlose Verfolgung des königlichen Geschlechts der Hunnen war von Anbeginn Attilas Werk, und sie hörte eigentlich nie auf. Zwischen 443 und 445 belästigte Attila auch weiterhin mit einem Heer von Gesandten in dieser Angelegenheit den Hof in Konstantinopel. Er bereitete also systematisch seine Alleinherrschaft und die seiner Familie vor. Sein letztes Opfer war Großkönig Bleda, den Attila Ende 444 oder Anfang 445 eigenhändig ermordete. Es gab also keinen Zu62

sammenstoß - die Flügel des Vogels waren sorgfältig gestutzt worden, ehe man ihm den Hals umdrehte. Aus den Quellen der Zeit Attilas geht hervor, wer seinen Herrn bei der Machtübernahme unterstützte; sie wurden die „Auserlesenen" (logades) des neuen Fürstenhofes, seine „Anhänger und Freunde" (epitedeioi). An der Spitze der „Auserlesenen", der Elite, d. h. der Hocharistokratie, stand ein Geschwisterpaar unbekannter Herkunft, Onegesius und Scotta(s). Ihrem Namen nach waren sie hellenisierte Barbaren aus der Pontusgegend, die Griechisch, Lateinisch und Hunnisch gleich gut konnten. Onegesius bekleidete nach Attila die höchste Würde, er war gewissermaßen „Großwesir", der auch in seinem eigenen Gefolge gern aus der Gefangenschaft befreite Griechen und Lateiner sah. In der Nähe seines Holzpalastes ließ er sich von einem sirmiensischen Meister ein Bad erbauen, da er den gewohnten antiken Komfort nicht missen konnte. Sein Bruder Scotla(s) prahlte damit, ein intimer Freund Attilas zu sein. Tatsächlich hatte ihn Attila schon im Jahre 443 nach Konstantinopel

gesandt, um die Auslieferung der geflohenen Verwandten und ,,Fürsten" zu betreiben und vertraulich abzuwickeln. Dieser Mann war der Anführer des Gefolges Attilas und vielleicht sein früherer „Großwesir" an der unteren Donau. Ein weiterer „Auserwählter" Attilas an der unteren Donau dürfte Berichus gewesen sein, dessen Herkunft ebenfalls unbekannt ist. Mit ihnen gleichen Ranges waren nur die Familienmitglieder Attilas, sein Onkel Ajbars und Laudarich (Laudaricus) mit seinem „gotischen", in Wirklichkeit aber ostgermanischen Namen, dessen Endung rik (gotisch reiks, ausgesprochen riks = lateinisch rex, König) darauf verweist, daß er mit großer Wahrscheinlichkeit der wahre König eines mit den Hunnen verbündeten ostgermanischen Volkes war, vielleicht der andere König der Gepiden, die bis um 500 nachweislich mehrmals unter zwei Königen lebten. Diese zweifellos getreuen Männer wären Attila jedoch höchstens im offenen Kampf von Nutzen gewesen, zu einer überraschenden Machtübernahme waren sie ungeeignet. Das Überraschungsmoment und militärische Übergewicht gewährleisteten die germanischen Vasallenkönige. Von diesen dürften zwei Männer beim Anschlag auf Bleda die Hauptrolle gespielt haben: Edika und Ardarich.
43. Schwertscheidenverzierung, Pécs-Üszögpuszta

Edika, der Kommandant der skirischen „Hoftruppen", lagerte mit seinen Mannen vermutlich in der Nähe des zentralen Ordu; durch seine Bestechung sicherte Attila den Überraschungseffekt. Edikas Rolle bei der Ermordung Bledas dürfte auch am Hof von Konstantinopel wohl bekannt gewesen sein, sonst hätte man kaum gerade ihn später mit einem Attentatsplan gegen Attila betraut. Für die mililärische Übermacht sorgte der Gepidenkönig Ardarich. Die potentielle Energie der starken, gutbewaffneten Kriegsmacht der „wilden" Gepiden, die in unmittelbarer Nähe im Norden des Hunnenzentrums lebten, trat schon damals zutage. „Ardarich war der berühmteste König, der wegen seiner Treue zu Attila auch an dessen Beratungen teilnahm. Der mit einem scharfen Verstand abwägende Attila war ihm nämlich unter sämtlichen Königen am meisten zugetan; Ardarich machten seine Treue und seine Ratschläge berühmt." - So lautet die Charakteristik des Jordanes, der einen Auszug der unter Verwendung von Angaben des Zeitgenossen Priscus verfaßten gotischen Geschichte des Cassiodorus anfertigte. Aus dem Zitat ist bloß die linkisch formulierte und schlecht gelungene Einfügung des Liebhabers der gotischen „Nationalgeschichte" weggelassen worden, wonach nämlich Attila auch dem Ostrogotenkönig Valamer „am meisten" zugetan gewesen sei. Wir verfügen über

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44. Speerspitze, Pécs-Üszögpuszta

keinerlei Angaben, daß auch der Gote Valamer eine besondere Rolle am Hof Attilas gespielt habe. Tatsache ist zwar, daß, von Attila „ge­ wählt", an der Spitze der Ostrogoten, die vierzig Jahre lang keinen König hatten, gerade nach 445 der nur einen Namen tragende Valamer/Valamir (was soviel bedeutet wie „von gutem Ruf") auf­ taucht, dessen Recht und Pflicht es nun sein wird, sein Volk in die Kriege Attilas zu führen. Dies sollte jedoch für die moderne deutschspra­ chige Geschichtsschreibung noch kein Grund sein, Rolle und Bedeutung von Ardarich und Valamer gleichsam zu vertauschen. Auch Arda­ rich war ein Neuling an der Spitze der Gepiden und gehörte nicht der früheren Dynastie von Fa­ stida an. Rätselhaft ist, welche Rolle die Aktion gegen Bleda bei Ardarichs unglaublich raschem Emporkommen spielte und ob er wohl schon vorher Führer der Gepiden war. Der Putsch kann also im großen und ganzen rekonstruiert werden. Ardarichs Gepiden hiel­ ten den Ordu Bledas in Schach, die Skiren Edikas überfielen ihn, Attila und sein Gefolge aber

führten den Anschlag aus. Die kriegsfreundli­ chen Mitglieder des hunnischen Hofes, in erster Linie der ältere Bruder von Scotta, Onegesius, dann Esla, Rugas Vertrauter, und der in der südlichen Tiefebene begüterte hunnische Groß­ herr Eskam, gingen zu Attila über. Die unter deren Führung stehenden oder die ihrer Führer soeben beraubten hunnischen Truppen wollten oder konnten sich nicht einmischen. Es schlos­ sen sich auch Römer an, unter ihnen der pannonische Constantiolus, mit dem sich fortan Rusticius, der aus Moesia Prima (dem heutigen Ser­ bien) stammende, vom Kriegsgefangenen des Jahres 441 emporgestiegene Sekretär Attilas, die Kanzlei- und Dolmetschaufgaben teilte. Die we­ nigen am Leben gebliebenen Getreuen Bledas kamen während der Flucht um ; so zum Beispiel jener Würdenträger, der auf dem heutigen Ge­ biet von Hódmezővásárhely-Szikáncs ursprüng­ lich vielleicht 1440 Goldmünzen (heute sind da­ von 1439 erhalten) im Gewicht von 20 römi­ schen Pfund (gegenwärtig 6446 g) vergraben hatte. 17 Prozent des zu 97 Prozent aus den Solidi von Theodosius IL bestehenden Schatzes waren neugeprägte Solidi aus dem Jahr 443; diese gelangten zusammen mit den den Großteil des Schatzes ausmachenden früheren, aber meist nicht in Umlauf gebrachten Prägungen (offen­ bar mit dem Goldregen als Folge des Friedens­ schlusses von 443) in die Hände von Bleda und seinen Getreuen. Der Goldschatz wurde, wie dies der einzige im Fund vorkommende Solidus aus dem Jahr 443/444 oder vielleicht schon 444 beweist, zur Zeit von Bledas Sturz verborgen; vielleicht gar nicht weit vom fürstlichen Ordu... Der Münzhort von Szikáncs, dieser großarti­ ge archäologische Beweis für den Attila-Putsch, wirft das Problem des Standortes der Residenz Attilas auf. Mehrere namhafte Historiker be­ streiten nämlich leidenschaftlich die Annahme, die Residenz Attilas sei mit dem Ordu Rugas und Bledas in der Theißgegend identisch gewe­ sen ; ihrer Ansicht nach haben Priscus und ande­ re oströmische Gesandte Attila n der rumäni­ schen Ebene aufgesucht. Diese irrtümliche Mei­ nung ist begründet, wohnte doch Attila, wie bereits erwähnt, vor 445 tatsächlich zwischen der unteren Donau und den südöstlichen Karpa­ ten. Außerdem ist in einer Episode des Reisebe­ richtes von Priscus tatsächlich davon die Rede, daß die Gesandten, nachdem sie Naissus (Niš) verlassen hatten, ein Stück Weges der aufgehen-

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45.

45. Pferdetrense mit eisernem Mundstück und goldblechverkleideten Knebeln, Pecs-Üszögpuszta

den Sonne entgegenzogen. Aber nur, weil der Weg eine Wendung machte, worauf bereits Priscus selbst gekommen war! Denn von Niš geradewegs nach Bukarest zu reisen, ist am Schreibtisch leicht möglich, tatsächlich jedoch sehr umständlich. Hinsichtlich der Lage von Attilas königlichem Ordu liefert gerade Priscus unzweideutige Angaben, von diesen kann keine einzige auf die rumänische Ebene bezogen werden. Nach Überquerung der Donau zogen die Gesandten gegen „Norden" in das Innere des Landes. Unterwegs stiegen sie neben dem Dorf einer der Frauen Bledas ab. Die Frauen des ermordeten Großkönigs hatten demnach ihre Besitzungen und ihren Rang behalten. Mit großer Umsicht half die Königin den in Not geratenen Oslrömern, deren Lager am Seeufer in der Nacht vom Sturm zerstört worden war. Dieser seeartige große Sumpf ist noch auf der um 1514 angefertigten Karte Ungarns des Lazarus zu finden, und zwar im heutigen Banat; später verschwindet er langsam.

Viel später erreichten die Gesandten in der Mitte einer „völlig baumlosen" Ebene den Ordu, in dem Onegesius neben dem königlichen Palast vorher ein mächtiges Bad hatte errichten lassen, zu dem die Steine, das Holz und der Meister aus „Pannonien", der nächstgelegenen römischen Provinz, herangeschleppt worden waren Bei diesem Ansitz kann es sich daher nur um den allen, zentralen Ordu handeln, den Aetius und sein Sohn Carpilio „über Pannoniae" erreich) hallen und zu dem Attila nach seinen westlichen Feldzügen „nach Überquerung der Donau" zurückgekehrt war. Die genaue Lage des Ordu kann aufgrund der Angaben des Priscus nicht bestimmt werden. Auch aus der Anzahl der Tage des zurückgelegten Weges der Gesandtschaft kann nicht auf die Entfernung von der Donau geschlossen werden, die Lage kann aber auch nicht mit Hilfe jener
22. Die Parierstangen und Scheiden der Schwerter vornehmer hunnischer und alanischer Krieger wurden auf der Schauseite mit Goldblechen und zellengefaßten Steinen verziert; (1) Pokrowsk, (2) Dmitrowka, (3) Kisslowodsk. (4) Abrau-Dürso

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23. Metallblechbesätze vom Holzsattel der Hunnen mit hohem vorderen und hinteren Sattelbogen. Die früheren, auf technische Beobachtungen zurückgehenden (1. Pécs-Üszögpuszta) und die neuen, sich auf Crabungsergebnisse stützenden (2. Melitopol) Rekonstruktionsversuche stimmen überein

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Flußnamen erschlossen werden, die Priscus aufgezeichnet hat. Diese sind nach der Donau der Reihenfolge nach: Drekon, Tigas und Tiphesas. Keiner dieser Flußnamen ist aus anderen Quellen bekannt. Jordanes „germanisierte" 100 Jahre später einen von diesen als „Drinka", zwei hingegen „deutete er ura": Tisia = Tisza (Theiß) und Tibisia = Temesch. Er führte die Flüsse auch in einer anderen Reihenfolge an als Priscus, der diesen Weg tatsächlich zurückgelegt hatte. Die Residenz Attilas erreichten die oströmischen Gesandten nach einem als erste Etappe der Strecke geltenden, von der Donau sieben Tage dauernden Weg, dann nach Überquerung mehrerer, dem Namen nach nicht bezeichneter Flüsse am Ende eines weiteren Weges von unbestimmter Dauer. Gewiß ist nur, daß sie den seit
24. Pferdegräber mit Sattelbrettbeschlägen ab Belag für die Rekonstruktion hunnischer Sättel. Abrau-Dürso

Urzeiten unter dem Namen Crissos/Crisia bekannten Körös-Fluß nicht überquerten (an dessen jenseitigem Ufer sich auch, den archäologischen Funden zufolge Gepidien befand), während sie über den seinerzeit unterhalb der heutigen Stadt Arad sich mehrfach verzweigenden, offenbar mit verschiedenen Namen bezeichneten Fluß Maris/Maros auch kommen konnten, ohne daß ihnen die wahre Bedeutung des Flusses aufgefallen wäre. Etwa in der Mitte der ausgedehnten Lagerstadt auf einer Anhöhe (wahrscheinlich auf einem der in der Tiefebene üblichen Siedlungshügel aus der Urzeit) stand der Fürstenpalast mit offener Vorhalle, ein aus Balken und gehobelten Brettern erbautes Meisterwerk. Seine mit Holztürmen verzierte hohe Einfriedung, die einen weiten, großen Hof umschloß, wurde auch von den byzantinischen Gesandten bewundert. In der Nachbarschaft befand sich der Palast des

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46.

47.

48.

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49.

46. Goldblechverkleidung eines Sattelbrettes, Pécs-Üszögpuszta 47. Goldblechverkleidung eines Bogenendes, Pécs-Üszögpuszta 48. Pferdegeschirrdekor, Pécs-Üszögpuszta 49. Goldblechanhänger eines Zaumzeuges, Pécs-Üszögpuszta Onegesius, dessen Einfriedung jedoch nicht mit Türmen verziert war. Entfernter stand der einge­ friedete Aul Arykans, der Gattin Attilas, inner­ halb dem sich zwischen zahlreichen Bretterbau­ ten der aus Balken gebaute hohe, mit Holzarka­ den verzierte, turmartige Palast erhob. Der Fuß­ boden des Empfangssaales war mit weichen Teppichen ausgelegt, auf denen die im Dienst Arykans stehende Mädchenschar saß und die von den Hunnen getragenen bunten Leinen stickte. Mittelbar weisen auf den Ordu die östlich der Theiß, an leider nicht näher bekannten Stellen gefundenen orientalischen Münzen hin: Gold­ münzen des sassanidischen Großkönigs Varakhran V. (420-438), des Kuschanschahs Kidara (425-430) und des indischen Herrschers Kumaragupta (414-455). Außer der „Hauptstadt" be­ saß Attila (und vor ihm Bleda) auch anderwärts Auls und Paläste, doch ist uns über diese noch weniger bekannt. Einer dürfte sich aber in Sie­ benbürgen im Tal des Maros-Flusses befunden haben, da in Szászsebes (Mühlbach, Sebeş) ein Flüchtling Goldmünzen von Varakhran V. ver­ grub, vielleicht gerade zur gleichen Zeit, als die oströmischen Solidi von Szikáncs in die Erde kamen. Der im Jahre 445 zum Großkönig gewordene Attila herrschte insgesamt nur acht Jahre lang, auf seine nur „kurze Zeit" währende Herrschaft spielt 449 auch Orestes' Schwiegervater, Romu­ lus comes, in einem Gespräch mit Priscus und Constantiolus an. Und obwohl er selbst wie auch seine Getreuen seine Herrschaft von 434 an rechneten und später auch die Oströmer, die sich schon zu jener Zeit, als Attila noch Zweitfürst war, zumeist mit ihm abgeben mußten, geneigt waren, den Beginn seiner Herrschaft bis zu die­ sem Zeitpunkt zurückzuführen, ändert das nichts an der Tatsache, daß Attila kürzere Zeit Großkönig war als jeder seiner Vorgänger. We-

der sein Ruhm noch seine bestürzende Persön­ lichkeil berechtigen also dazu, das hunnische Zeitalter heutzutage einfach als „Attilazeit" oder „Attilas Jahrhundert" und das Hunnenreich als „Attilareich" zu bezeichnen. Attila war an die Macht gelangt, doch seine Auserwählten und Getreuen sowie die germani­ schen Vasallenkönige, die ihm dazu verholfen hatten, warteten auf ihre Belohnung, ja erwarte­ ten diese direkt. Die Machtgier der pontischen (untere Donau) Clique, der Gold-, Schatz- und Besitzhunger der germanischen Militärführer, die bisher von der Macht ausgeschlossen gewe­ sen waren, konnte nur auf eine Weise befriedigt werden: durch Raubfeldzüge und durch eine die Besiegten belastende Steuerschraube. Die germanischen Könige erkannten schon zu Beginn der Herrschaft Attilas, daß dessen maß­ lose Eitelkeit Anbiederungsversuche begünstig­ te. Durch die bewundernswerte Zusammenar­ beit einer Kuh und eines Hirtenknaben „fanden sie" für ihn das bis dahin im Boden vergrabe­ ne Schwert des Kriegsgottes (Ares, Mars). Mit Glaube und Legende halfen sie dem abergläubi­ schen Hunnenfürsten, auch selbst immer mehr an die göttliche Herkunft seiner Macht und an seine weltbeherrschende Sendung zu glauben. Die Macht mußte nicht nur verschafft, sie 50. Goldene Riemenzungen, Pécs-Üszögpuszta

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50.

25. Elektronschale aus dem Opferfund von Nagyszéksós (Rekonstruktion)

mußte auch erhalten werden, indem man die Getreuen immer öfter belohnte. Attila wurde daher um jeden Preis und unter jedem Vorwand Kriege beginnen, die anfangs einträglich sein und die germanische Militäraristokratie, die die Herrschaft Attilas unterstützte, wahrhaftig erhöhen und in Gold kleiden sollten. Es ist kein

Zufall, daß zur zentralen Gestalt der deutschen Heldensagen der etwas schwachsinnige, aber um so freigebigere Etzel wird, der edelmütige Freund der verschiedenen germanischen Könige und Fürsten. Allerdings nicht aller. Denn auch der Atli der Sagen ist eine zentrale Figur, jedoch grausam und goldgierig. Die Erinnerungen der „großen" und „kleinen" Verbündeten haben in den zwei verschiedenen Attilas den wahren einen Attila bewahrt.

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Attila

„Während wir uns vorbereiteten, ließ uns Attila durch Scotta(s) rufen. Wir ei ten zu seinem Zeit, das von barbarischen Leibwächtern umgeben war. Als wir eintraten, saß dort Attila auf einem hölzernen Thronsessel. Während wir etwas weiter, dem Thron gegenüber stehen blieben, trat Maximinus vor, begrüßte den Barbaren und überreichte ihm den Brief und die Grüße des Kaisers: der Kaiser hoffe, daß Attila und die Seinen wohlauf und gesund seien. Er antwortete, daß er den Römern das gleiche wünsche wie diese ihm ..." Nichtssagender könnte man diesen historischen Augenblick kaum noch beschreiben: die Begegnung Priscus' mit jenem Mann, der sich schon damals als „der Größte der Götter" pries, beziehungsweise das Zusammentreffen des nichtsahnenden Attila mit dem Geschichtsschreiber, dem er seine Unsterblichkeit verdanken sollte. Keiner der beiden war sich der Bedeutung des anderen bewußt, die Zeitgenossen, die späteren Großen der Weltgeschichte, sahen einander immer als leibhaftige Menschen. Priscus war „von dem Barbaren" so wenig beeindruckt, daß er jegliche Beschreibung seiner charakteristischen Züge unterließ und dies auch später nicht nachholte. Dennoch findet sich in der Beschreibung der Begegnung ein meisterhaft dargestelltes Detail. Attila erblickte hinter Maximinus und neben Priscus den Goten Vigila, den hinterlistigen oströmischen Agenten, der die Gesandtschaft als Dolmetscher begleitete und den auch Priscus aus tiefster Seele verachtete. Vigila war schon ein Jahr zuvor, in Begleitung des Senators Anatolius, am hunnischen Hof gewesen. Attila wußte, daß Vigila eben jetzt im Auftrag des Oberministers Chrysaphius, eines Eu-

nuchen, einen Mordanschlag gegen ihn vorbereitete, er wußte aber auch, daß der vor ihm stehende und ihn soeben höflich begrüßende vornehme Herr sowie dessen ihm ähnlicher Sekretär keine Ahnung von den dunklen Absichten ihres Ministers hatten. Seine als nichtssagende Höflichkeitsfloskel anmutende Antwort war ein politischer Kunstgriff, dessen wirkliche Bedeutung selbst Priscus erst später begriff. Doch wenden wir uns dem Fortgang des Geschehens zu : „Dann wandte er sich plötzlich zu Vigila, nannte ihn ein schamloses Tier und fragte ihn, weshalb er hergekommen sei, er müßte ja die mit Anatolius geschlossene Friedensvereinbarung genau kennen, wonach er so lange keine Gesandtschaft empfangen werde, bis der letzte Entkommene nicht ausgeliefert sei ..." Auf die Umschweife machende Antwort Vigilas „wurde Attila noch zorniger und brüllte ganz außer sich, er würde ihn pfählen und seinen Leib den Vögeln vorwerfen lassen, müßte er nicht die den Gesandtschalten zukommenden Rechte berücksichtigen. Wegen seiner Unverschämtheit und seiner verwegenen Worte verdiene er nichts anderes!" Doch dachte Attila keineswegs daran, seine Worte in die Tat umzusetzen ! Auch wenige Wochen später nicht, als er Vigila des Attentatsplanes öffentlich überführt hatte. Das Ganze war ein Schauspiel, eine geheuchelte Entrüstung, aber eine so vollkommene, daß sie sowohl seine Untertanen als auch seine Freunde verwirrte und in Schrecken und Ungewißheit versetzte wie das Löwengebrüll die sich vor Schreck drückenden und dann aus ihrem Versteck auseinanderstiebenden Huftiere. Betrachten wir die genaue Charakterisierung Attilas durch Jordanes, der diese wahrscheinlich dem in Verlust gerate-

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51.

51. Goldblechbeschlag von der Vorderseite einer Schwertscheide, Pécs-Üszögpuszta

nen Teil des Werkes von Priscus entnommen hat: ,,Ein Mann, der zur Erschütterung der Völker, zum Schrecken der ganzen Well geboren wurde, vor dem sich jedermann wegen der über ihn verbreiteten schrecklichen Nachrichten fürchtete. Er ging hochmütig einher, seine Augen funkelten, er ließ seine stolze Macht auch durch die Bewegungen seines Körpers fühlen. Obwohl er den Kampf über alles liebte, handelte er doch wohlüberlegt, das meiste erreichte er mit seinem Verstand. Den Flehenden gegenüber zeigte er sich mitleidig und war gnädig gegenüber allen, die sich ihm ergaben ... Er war weise und schlau, er griff stets in einer anderen Richtung an, als er drohte." Auch Priscus nahm wahr, daß Attila Tag für Tag andere mit seiner Gunst auszeichnete, an seinem Hof herrschte eine Atmosphäre der Unsicherheit. Beim Abschiedsabendessen saß zur Rechten Attilas nicht Ellak, der Thronfolger - den sein Vater nicht liebte -, sondern Attilas Onkel, Aybars. Attila zerschmolz förmlich vor Freundlichkeit und ließ sich während des Mahls sogar in ein Gespräch mit Maximinus ein. Zu dem zu Ehren der Gesandtschaften der beiden Römischen Reiche gegebenen Abendmahl waren die Vasallenkönige jedoch nicht geladen. Mit ihnen verhandelte Attila auf andere Weise: „Die Gruppe der verschiedenen Könige und die Militärführer der Völker harrten, satellites gleich,

der Befehle Attilas. Es genügte, mit den Augen zu winken, und schon traten sie alle, ohne aufzumucken, ängstlich und zitternd vor ihn und taten alles, was er befahl." Die unmittelbaren Nachkommen bemerkten also richtig, daß zu Lebzeiten Attilas „sich kein einziges skythisches Volk von der Hunnenherrschaft befreien konnte". Priscus hatte noch mehrmals Gelegenheit, Attila genauer zu beobachten: „Nachdem wir über einige Flüsse gesetzt hatten, gelangten wir zu einem ausgedehnten Dorf, in dem sich der Palast befand, von dem es hieß, er sei vorzüglicher als jeder andere Wohnsitz Attilas." Beim Eingang des Dorfes wurde Attila von jungen Mädchen begrüßt. „In breiten Reihen kamen sie ihm unter flatternden weißen Leinendraperien entgegen, die an beiden Seiten von Frauen hochgehalten und gestrafft wurden. Unter jedem Schleier näherten sich sieben oder noch mehr Mädchen. Es war ein förmlicher Festzug von Frauen und unter weißen Schleiern einherschreitenden Mädchen, die skythische (d. h. hunnische) Lieder sangen. Als er sich dem Haus des Onegesius näherte - der Weg führte am Palast vorbei -, trat die Frau des Onegesius mit einer Anzahl von Dienern aus dem Haus, die Speisen und Wein brachten: Das ist die höchste Ehrenbezeigung bei den Skythen. Die Frau begrüßte den König und bat ihn, von den gastfreundlich angebotenen Speisen zu nehmen. Attila nahm, um der Frau seines ihm so nahestehenden Freundes die Ehre zu erweisen, hoch zu Roß von den Speisen, unterdessen hielten ihm die zu seinem Gefolge gehörenden Barbaren ein Silbertablett vor.

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Nachdem er auch den Wein gekostet hatte, ging er in seinen Palast, der höher war als die umliegenden Häuser und auf einer Anhöhe stand. ..." Die Geschichte lehrt uns, der Spontaneität der beschriebenen Szene nicht allzuviel Glauben zu schenken. Der feierliche Empfang war gründlich vorbereitet, eingeübt, man könnte sagen, insze26. Holzschale mit Goldbeschlägen aus dem Opferfund von Nagyszéksós (Rekonstruktion) (I). Holzschale mit Elektronbeschlägen aus dem Opferfund ton Nagyszéksós (2)

niert, wobei es schwierig ist, Inszenierung und aufrichtige Begeisterung zu trennen. Eine Ausnahme bildete vielleicht die Gattin Onegesius', die allerdings guten Grund hatte, Attila feierlich zu empfangen. Am gründlichsten aber beobachtete Priscus Attila gelegentlich des ersten Festmahles : „Sobald wir in unser Zeit zurückgekehrt waren, kam der Vater des Orestes [Tatulus] und sprach : Attila hat euch beide zum Essen eingeladen, das zur neunten Stunde des Tages [drei Uhr nachmittags] beginnt. Wir warteten bis

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27. ,,Attilas Münzen". Verschiedene nach dem Muster der Solidi von Theodosius II. geprägte Goldmünzen aus der Zeit nach 450 aus Érmihályfalva, Kápolnokmonostor und Bina/Bény

zum angegebenen Zeitpunkt, dann erschienen wir zwei Geladenen [nämlich Maximinus und Priscus] und die weströmischen Gesandten alsogleich an der Schwelle Attilas. Die Mundschenke reichten uns nach ortsüblicher Sitte einen Kelch, und wir mußten den König, bevor wir Platz nahmen, mit dem Kelch in der Hand begrüßen. Nachdem dies geschehen war und wir den Inhalt des Kelches gekostet hatten, begaben wir uns an unseren im voraus zugewiesenen Platz. Die Stühle reihten sich an den beiden Längswänden des Saales, in der Mitte [nämlich am Ende des Saales] saß Attila auf einem Sofa. Hinter ihm befand sich ein zweites Sofa, dahinter aber führten einige Stufen zu Attilas Bett hinauf, das mit weißem Leinen bedeckt und mit bunten Vorhängen geschmückt war, ähnlich wie bei Griechen und Römern das Brautbett. Während des Essens waren die Plätze rechts von Attila die vornehmeren, die zweitrangigen waren die zu seiner Linken, wo wir saßen und wo vor uns ein skythischer Edelmann na76

mens Berichus saß. Onegesius saß rechts vom Sofa des Königs in einem Armsessel, ihm gegenüber nahmen die beiden Söhne Attilas Platz. Der älteste Sohn [Ellak] saß auf dem Sofa des Königs, aber nicht neben ihm, sondern am Rande des Sofas, und senkte seinen Blick aus Ehrfurcht vor seinem Vater zu Boden. Als alle Platz genommen hatten, trat ein Mundschenk zu Attila und reichte ihm einen vollen Holzbecher. Attila nahm ihn und trank seinem rangältesten Nachbarn zu. Der so Geehrte erhob sich und durfte sich so lange nicht setzen, bis der König den Wein gekostet oder ausgetrunken und den Pokal dem Mundschenk zurückgegeben hatte. Alle Anwesenden begrüßte er auf ähnliche Weise, während er selbst sitzen blieb; er nahm die Becher und kostete nach jeder Begrüßung. Jeder Gast hatte seinen Mundschenk, der jeweils genau in dem Augenblick hervortrat, als sich der Mundschenk Attilas zurückzog. Nachdem er auch den folgenden Mann und der Reihe nach jeden begrüßt hatte, begrüßte Attila, der Sitzordnung entsprechend, auch uns der Reihe nach feierlich. Als die feierliche Begrüßung der Anwesenden beendet war, entfernten sich die Mundschenke.

Von Attilas Tisch beginnend, reihten sich im Saal Tische für drei, vier oder mehr Personen aneinander. Von den Tischen konnte jedermann ruhig auf seinen Teller nehmen, ohne die Sitzordnung zu stören. Als erster trat der Diener Attilas ein, der eine Schüssel mit Fleisch brachte, während die übrigen bereitstehenden Diener Brot und sonstige Speisen auf die Tische stellten. Den übrigen Barbaren und uns wurden auf silbernen Schüsseln köstliche Speisen aufgetragen, für Attila gab es nichts anderes als Fleisch auf einem Holzteller. Auch in allem anderen zeigte er sich bescheiden. Seine Gäste tranken aus goldenen und silbernen Pokalen, er benutzte einen
52. Goldene Riemenbeschläge eines Pferdegeschirrs, Pécs-Üszögpuszta

Holzbecher. Seine Kleidung war einfach, er war nur auf äußerste Reinheit bedacht. Weder das Schwert an seiner Seite noch die Riemenschnallen seiner barbarischen Stiefel oder das Geschirr seines Pferdes waren mit Gold, Edelsteinen oder anderen Kostbarkeiten verziert wie bei den übrigen Skythen. Als die ersten Schüsseln leer waren, erhoben wir uns alle. Niemand setzte sich, bevor er seinen Pokal auf Attila erhoben und ihn auf die Gesundheit des Königs geleert hatte. Nach den Trinksprüchen setzten wir uns und langten nach dem auf die Tische gestellten zweiten Gang. Nachdem wir alle gegessen hatten, standen wir abermals auf. tranken auf obige Weise Wein auf Attilas Wohl und setzten uns wieder. Mit Einbruch der Dunkelheit wurde der Saal

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28. Aureliani/Orléans war Mitte des 5. Jahrhunderts eine die Liger/Loire-Brücke schützende Quadratburg

mit Fackeln beleuchtet. Zwei Barbaren traten vor Attila und trugen selbstkomponierte Lieder über die Siege und Heldentaten Attilas vor. Der Blick der Teilnehmer des Festmahls richtete sich auf die beiden Sänger, einige wurden vom Text des Gesanges erheitert, andere, die sich an ihre Kriegserlebnisse erinnerten, erschütterte das Vorgetragene, die Älteren hingegen, deren Lejb und Seele vom Alter und von den Erinnerungen bereits geschwächt waren, brachen in Tränen aus. Als der Gesang verklungen war, erschien ein Skythe, der nicht ganz bei Sinnen war, und trug allerlei Unsinn zusammen, sprach dummes und sinnloses Zeug, worauf Gelächter ausbrach. Danach trat Zerko(n) ein ... Der Schmaus dauerte bis tief in die Nacht, da wir aber nicht so viel Wein trinken konnten, entfernten wir uns schon früher." Es ist jammerschade, daß man diesem Festmahl unverdienterweise nur wenig Beachtung schenkte beziehungsweise nur unwesentlichere Momente wahrnahm; die Blicke der Mehrheit 78

hingen am „zusammengeraubten" Gold- und Silbergeschirr (Abb. 25-26), die der AttilaSchwärmer hingegen an der finsteren Majestät ihres Vergötterten. Doch Priscus beschrieb dieses Mahl deswegen so eingehend, weil es ihm, einem Menschen der Antike, der an die in Orgien übergehenden Gelage der vornehmen Römer gewöhnt war, erstaunlich neuartig anmutete. Vor allem die unerhört genaue und strenge Sitzordnung, die genau festgelegte Rang-, Wertund Würdenordnung einer differenzierten Gesellschaft. Es ist ausgeschlossen, daß sich diese während der vier- bis fünfjährigen Herrschaft Attilas entwickelt hatte. Von uralter Anregung zeugt noch mehr die strenge Etikette. Sie erinnert an die orientalischen Reiche des Altertums, an die Darstellung feierlicher Gelage auf assyrischen, altpersischen und sassanidischen Reliefs sowie auf kuschanischen und sogdischen Fresken. Diese Etikette hatten die Hunnen nicht von den Goten und auch nicht von den Römern gelernt, sondern noch in Mittelasien am Hof der sassanidischen Großkönige und ihrer Vornehmen. Die Hunnen fugten aber auch eigene Vorstellungen hinzu. Die vornehmere rechte Seite des Hausherrn und des Raumes war bei einer Anzahl eurasischer Steppenvölker bekannt, sie ist bis zur letzten Jurte eine noch heute lebendige und verpflichtende Vorschrift. Das Zeremoniell des Eintritts durch die Tür (des Überschreitens der Schwelle) erstarrte bei den Mongolen des Dschihgis-Khan sogar zu einem lebensgefährlichen Ritual. Das Auftreten von Sängern, Harlekins und Zwergen war seit Jahrtausenden an Fürstenhöfen bekannt und wird dies auch noch weitere tausend Jahre hindurch bleiben. Unbekannt war aber, lachend und weinend zu feiern, wie das auch bei Attilas Beisetzung geschah. Am meisten überrascht in dieser Gesellschaft aber die gegenseitige Ehrerbietung, die gegenseitig erwiesene Hochachtung. Im Gegensatz zu orientalischen Vorbildern kannte die hunnische Etikette weder das Katzbuckeln noch die Verneigung, den Kniefall oder gar das Auf-denBauch-Fallen, nicht einmal Attila forderte derartiges. Imponierend ist, wie ungezwungen die Herren des Hunnenreiches im Zeit Attilas - wie sie sagten: „ihres Freundes" - ein und aus gingen; wie Onegesius, der zweite Mann im Reich, stehenden Fußes mit den Römern und den Mitgliedern seines eigenen Gefolges verhandelte; wie die hunnischen Reiteroffiziere, die die Maxi-

minus-Delegation begleiteten, mit den vornehmen Fremden plauderten und mit ihnen zusammen aßen; wie die Witwe Bledas den in Not geratenen Oslrömern zu Hilfe eilte; und nicht zuletzt die trotz des zeremoniellen Empfanges anziehende, warme Atmosphäre, mit der die Gemahlin Attilas, Arykan, und ihre Hofdamen die den Palast der Königin aufsuchenden Römer umgaben. In der berechneten Einfachheit - Priscus erkannte, daß es sich hierum handelte - ging Attila allen voran. Was diesem außerordentlichen Mann an sich schon einen Platz in der Geschichte sichern würde: Er wurde mehr als einmal zum Vorbild für Nachkommen ähnlichen Charakters. Seine Einfachheit wurde durch seine unfreundliche bedrückende Persönlichkeit aufgewogen: Erinnern wir uns nur daran, wo und wie der Thronfolger des Reiches auf dem Sofa

seines Vaters saß. Und kehren wir noch für einen Augenblick zum Festmahl, zum Mohren Zerko(n), dem Zwerg, zurück. Dieser mißgestaltete, belustigende Kerl war der größte Spaßmacher der damaligen Welt. Er gehörte dem Gefolge des oströmischen Feldherrn Aspar an und geriet im Krieg des Jahres 442 in hunnische Gefangenschaft und an den Hof Bledas. Bleda amüsierte sich selbst in den unmöglichsten Situationen über ihn und nahm ihn sogar auf seine Feldzüge mit. Attila sträubte sich von Anfang an gegen ihn ein glänzendes Beispiel für den unterschiedlichen Charakter der beiden Brüder. Nach Bledas Tod entledigte sich Attila seiner sofort, er schenkte ihn Aetius, der ihn wiederum an Aspar zurückschickte. Zerko(n) kehrte nun auf den Rat Edikas und zum großen Ärger Attilas an den hunnischen Hof zurück und versuchte durch seine „Kunst", von Attila seine noch von Bleda erhaltene hunnische Frau zurückzubekommen - es erübrigt sich vielleicht zu sagen: 53. Goldbeschläge eines Schwertes aus dem hunnischen ergebnislos. Bei dieser Gelegenheit kauderOpferfund von Bátaszék

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welschte er in einer aus Latein, Hunnisch sowie Gotisch vermischten Sprache unmögliches Zeug, womit er die finsteren hunnischen Kriegsführer zum Lachen reizte. „Mit Ausnahme Attilas. Attila blieb regungslos, sein Gesichtsausdruck änderte sich nicht, er verriet seine Gefühle weder mit Worten noch mit Gesten. Erst als sein jüngster Sohn - er hieß Ernak - eintrat und vor ihm stehen blieb, milderten sich seine Züge. Er streichelte dem Knaben das Gesicht und betrachtete ihn mildherzig. Als ich mich hierüber verwundert zeigte - kümmerte sich doch Attila nicht viel um seine übrigen Söhne und schenkte nur diesem Beachtung -, erklärte mir mein barbarischer Tischnachbar auf Ausonisch (Latein), daß dies alles wegen einer Weissagung geschehe. Die Hellseher prophezeiten Attila nämlich, daß sein Geschlecht vernichtet, in diesem Knaben aber weiterleben werde." Dies war freilich nur eine erbärmliche Entschuldigung für die Voreingenommenheit Attilas, die nach seinem Tod für das Hunnenreich verhängnisvoll werden sollte. Die Herrschaftsmethoden des abergläubischen Stimmungsmenschen und großen Schauspielers erkannte der zeitgenössische gute Beobachter nur zu klar.

29. Mit Goldblech überzogener Griff eines Schwertes mit herzförmigem Knauf mit Zellenornamentik aus Pouan, in der Nähe von Arcis-sur-Aube nordöstlich von Tricassis/Troyes, also im hunnischen Teil der schwerwiegenden Auseinandersetzung zwischen Aetius und Attila gelegen

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I.

II.

I. Onyx-Fibel aus dem II. Schatz von Szilágysomlyó (s.Taf. 1) II. Fibel mit stufenförmiger Platte aus dem II. Schatz von Szilágysomlyó (Taf. 2)

III. Fibel mit Zellenornamentik aus Szilágysomlyó (Taf.3) IV. Fibelpaar aus dem II. Schatz von Szilágysomlyó (Taf. 4)

III.

IV.

V.

VI.

V. Fibelpaar aus Szilágysomlyó (Taf. 5) VI. Fibel mit Zellenornamentik uml Filigranverzierung aus Szilágysomlyó (Taf. 6)

VII. Fine Holzschale nachahmende Goldschale, Szilágysomlyó (Taf. 7)

VII.

VIII.

IX.

X.

VIII. Mit Edelsteinen flächenfüllend verzierte Fibel, Szilágysomlyó (Taf. 8) IX. Fibelpaar aus Gelénes (Taf. 10) X. Mit Edelsteinen verzierte Fibel aus Regöly (Taf. 12)

XI.

XII.

XIII.

XI. Goldene Schnallen und Goldschmuck aus Lébény (Taf. 18) XII. Solidus des oströmischen Kaisers Theodosius II., der von Uldin bis Attila Zeitenosse der Hunnen war (Taf. 29) XIII. ,,Attilas Münze", Sárospatak-Végardo (Taf. 33)

XIV. Hunnisches Diadem wm Csorna (Taf. 37) XV. Detail des hunnischen Diadems von Csorna (Taf. 38)

XIV.

XV.

XVI.

XVI. Schwertperle aus dem Fund von Bátaszek (Taf. 55) XVII. Goldene Schnallen und Riemenzunge an dem Fund von Bátaszek (Taf. 56) XVIII. Goldbeschlagenes Schwert aus Pannonhalma (Taf. 58)

XVII.

XVIII.

XIX. Goldene Pferdegeschirrbeschläge aus dem Fund von Pannonhalma (Taf. 63) XX. Pferdetrense mit eisernem Mundstuck und goldblechverkleideten Knebeln aus Pannonhalma (Taf. 64) XXI. Almandinverzierte Goldschnalle, goldene Riemenzungen und ein Solidus Theodosius' II. aus den hunnischen Grabern von Szekszárd (Taf. 67)

XIX.

XX.

XXI.

XXII.

XXIII.

XXII. Silberne Gürtelgarnitur, goldene Schwertgurtund Stiefelriemenschnallen aus Lengyeltóti (Taf. 71) XXIII. Goldener Halsring, Gürtel- und Stiefelriemenschnallen aus dem Grab von Keszthely-Téglagyar (Ziegelei) (Taf. 74) XXIV. Goldener Halsring und Goldschmuck, SzegedNagyszéksós (Taf. 78)

XXIV.

XXV.

XXV. Die in der Gegend des Schwarzen Meeres hergestellten Zikaden aus Györköny (Taf. 92) XXVI. Goldschnallen mit Zellenornamentik im Ungarischen Nationalmuseum (Taf. 93) XXVII. Goldschnalle mit Zellenornamentik aus einem Frauengrab, Nagydorog(Taf. 102) XVIII. Goldener Ohrring aus dem Grab von Mezöbéreny (Taf. 103) XXIX. Goldene Halskette mit Granatanhangern aus Bakodpuszta (Taf. 115) XXX. Goldene Gurtelschnalle mit Tierkopf, Szeged-Öthalom (Taf. 116) XXXI. Detail der Gurtelschnalle aus Szeged-Öthalom (Taf. 117)

XXVI.

XXVII.

XXVIII.

XXIX.

XXX.

XXXI.

Der in Wolken gehüllte Berggipfel

54.

Den Zeitgenossen und unmittelbaren Nachkommen zufolge war die kurze - ihnen aber endlos dünkende - Herrschaft Attilas, des Europae orbator, des „Verwaisers Europas", eine Geschichte von Kriegen: „Er zwang Tausende von Menschen in den Krieg." Wahr ist dagegen aber, daß er in den ersten zwei Jahren seiner Alleinherrschaft keinen Krieg begann, zumindest nicht gegen die beiden Römischen Reiche. Allerdings hatten selbst Aetius und das weströmische Regime bezüglich der Friedfertigkeit Attilas keine rosigen Vorstellungen. Nach dem Sturz des freundschaftlich gesinnten Bleda wurde der Experte für hunnische Angelegenheiten. Carpilio, und mit ihm Cassiodorus Senator, Großvater des späteren Schriftstellers und gotenfreundlichen Ministers, sofort zum neuen Herrn des Hunnenreiches entsandt. Attila war bereit, mit ihnen zu verhandeln, und sie konnten mit der Freudenbotschaft heimkehren, daß der Friede erhallen bleibe. Aber nicht dank der mutigen und glänzenden Rede des Cassiodorus Senator, wie sich dies sein Enkel vorstellte, sondern um den Preis großer Opfer. Die schleierhafte Angabe Priscus' von dem Boden „Pannoniens am Ufer der Saue", „von dem Gebiet, das Aetius, der Oberkommandant der Weströmer, vertragsmäßig den Barbaren überließ" - das heißt ausgesprochen Attila -, konnte sich nur auf die Provinz Pannonia Savia beziehen. Die anderen pannonischen Provinzen waren nämlich schon früher unter die Herrschaft der Hunnen gelangt. Attila drohte mit Krieg und stellte Forderungen, also mußten die Weströmer 445/446 auch auf Savia verzichten. Nur um den Schein zu wahren, der Fiktion des Rechtes der Aufrechterhaltung der römischen

54. Goldblechverkleidung eines Bogenendes aus dem Fund von Bátaszék

55.-56. s. Farbtafeln XVI-XVII

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30. Grab eines alanischen Kriegers mit Schmuckbeigaben (1). Eine an der Unken Seite ihres Mannes bestattete alanische Frau (2) mit gegürtetem Langschwert und reichen Schmuckbeigaben. Abrau-Dürso 31. Pontische Fibeln und alanische Nahkampfwaffen aus Ungarn. Jászberény, Csongrád

Herrschaft zuliebe wurde der Hunnenkönig gleichzeitig zum weströmischen magister militum ernannt. Der neue Titel bedeutete gleichzeitig ein der Würde entsprechendes regelmäßiges, hohes Jahreseinkommen - in Wirklichkeit war es die Form des jährlichen Tributs, die das Selbstbewußtsein der Weströmer am wenigsten verletzte, wie Priscus höhnisch feststellt. Die weströmische militärische Verteidigung wurde in den Alpenvorraum, nach Noricum Mediterraneum und Valeria Media mit Zentrum Poetovio (Ptuj/ Pettau) an der Drau zurückgedrängt. Orestes, der junge Aristokrat aus Savia, bot damals dem Hunnenkönig seine Dienste an und zog mit seiner Frau, der Tochter von Romulus, dem Militärkommandanten von Norikum (dux Norici), in den Ordu Attilas. Die Verbindung zu seiner Familie konnte er, natürlich mit der von Hintergedanken nicht freien Genehmigung Attilas, weiterhin aufrechterhalten. Attila, der sich in lebhafte diplomatische Beziehungen einließ, benötigte sehr gebildete, griechisch und lateinisch sprechende Schriftkundige. Orestes war in ihrer Reihe, zusammen mit dem italischen Sekretär Constantius - den Attila von Aetius bekommen hatte -, bereits der vierte, wurde aber dem Rang nach bald der erste. Diese drei, vier römischen Sekretäre verwandelten Attilas Reich noch kaum in ein „bürokratisches". Entweder zogen sich die Verhandlungen ein Jahr lang hin, oder auch die Konzessionen waren nicht imstande, die Angst und Spannung zu lösen. Aus dem berühmten Brief der Briten an Aetius im Jahre 446 (gerade zur Zeit der dritten Konsulschaft des Aetius), in dem sie um Hilfe ersuchten, geht hervor, daß die weströmische Regierung nach wie vor einen Angriff Attilas befürchtete; von einer Hilfe für die Bewohner Britanniens konnte keine Rede sein. Eine unerwartete Gelegenheit richtete jedoch Attilas Augenmerk auf Konstantinopel, Rom atmete - allzu selbstsüchtig - auf. Am 27. Januar 447, Montag früh um 2 Uhr, wurde Konstantinopel von einem gewaltigen 83

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32. Bei dem Grab ton Szekszárd-Palánk kann beobachtet werden, daß die Frauen nichtgermanischer Herkunft der Hunnenzeit die Fibeln zum Zusammenhalten ihrer diagonal schließenden Oberkleidung gebrauchten (1). In einem Grab von Csongrád weisen die beiden im Schulterhereich getragenen Fibeln (sowie die Kammbeilage) auf eine weite Oberkleidung tragende, ostgermanische Frau (2)

Erdbeben erschüttert. Eine lange Strecke der theodosianischen Mauern stürzte ein, 57 Türme lagen in Trümmern, darunter auch solche, die als Getreidelager gedient hatten. Die Hauptstadt, die auch im Zentrum große Schäden erlitten hatte, wurde von einer Hungersnot und von Epidemien heimgesucht. Innerhalb der Erdbebenzone erlitten auch andere oströmische Städte schwere Schäden. Mit diesem schrecklichen Ereignis begannen Attilas Kriegszüge, er wollte die vielleicht nie wiederkehrende Gelegenheit gnadenlos ausnutzen. Er warf den Friedensvertrag beiseite und überflutete sofort das Reich mit seinen Heeren, darunter erstmals mit den in den Rang von Verbündeten erhobenen germanischen Stämmen. Damit aber beraubte er sich der Hoffnung auf einen blitzschnellen Erfolg, der früher für die Hunnen so kennzeichnend gewesen war. Die Kriege Attilas waren militärisch gesehen keine Kriege der Hunnen. Dem sich ungewöhnlich langsam fortbewegenden Heer stellte sich am Fluß Utus (Vit) in Mösien die oströmische Streitmacht in den Weg. Nach einem mörderischen Kampf, in dem auch der römische Heerführer (magister militiae) Arnegisculus ums Leben kam, zwang Attila seine Gegner zum Rückzug, vermochte sie aber nicht zu vernichten. Das römische Heer zog sich wahrscheinlich in das von Donau und Meer geschützte Festungsquadrat Scythia Minor (Dobrudscha) zurück und bedrohte im Verlauf des Krieges von der Flanke und von hinten ständig das Heer Attilas. Aus diesem Grund war Attila zu einem Umweg über Serdica (Sofia) gezwungen, um gegen Konstantinopel vorzurücken. Diese Verzögerung ermöglichte den Bewohnern der oströmischen Hauptstadt, die Stadtmauern in selbstaufopfernder Arbeit innerhalb von zwei Monaten (!) wiederaufzubauen, ja am Rande des Wassergrabens vor diesen sogar noch eine
57. Schwert mit Parierstange, Bátaszék

58. s. Farbtafel XVIII 85
57.

33. Trachtbestandteile und Beigäben des hunnenzeitlichen Gemeinvolkes aus einem Grab von Lewenz/Léva/Levice: Bronzefibeln, aus Bronzedraht geflochtener Halsring mit Perlen, hörnchenförmiger Lockenring, Silberzikade und Weißmetallspiegel

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59.

dritte äußere Mauer (peribolos) aufzuziehen: Konstantinopel war wieder uneinnehmbar geworden. Die vor Konstantinopel zurückgeschreckten Heere Attilas zerstörten bis zu den Thermopylen die vom Erdbeben heimgesuchten Städte; einzelne Quellen berichten über die Vernichtung von mehr als 70 Städten. Die Art und Weise ihrer Kriegführung hatte sich im Laufe dieses Feldzuges geändert. Oströmische Quellen betonen, daß die Hunnen ehedem Klöster nicht zerstört, Mönche und Nonnen nicht umgebracht, Gräber der Heiligen und Kirchenkrypten nicht aufgebrochen haben. Dies ist offensichtlich eine Idealisierung früherer Umstände, als die Oströmer nur unter dem Angriff kleiner, rasch beweglicher, disziplinierter Reitertruppen zu leiden gehabt hatten. Es ist dennoch Tatsache, daß die Hunnen früher mehrmals in Klöster des Balkans eindrangen, so auch in das berühmte Alexandros-Kloster in Drizipera, doch zeigten sie keinerlei Interesse für die Gräber der Märtyrer und Heiligen - aus früheren Erfahrungen wußten sie wohl, daß sie außer Knochen nichts darin finden würden. 447 wurde jedoch das Land von den seit Jahrzehnten in Armut lebenden, nach Beute hungernden, zu allem bereiten germanischen und iranischen Freibeutern überflutet, die wüteten und raubten. Der Angriff erstickte dennoch rasch. Attila sah sich gezwungen, das nicht mehr zu ernährende und zu zügelnde Heer zurückzuziehen. Die Friedensverhandlungen zogen sich jahrelang hin. Die immer neuen Forderungen Attilas drohten, den mit dem Patricius Anatolius geschlossenen Vorfrieden des Jahres 448 zunichte zu machen. Attila sandte seine „Getreuen und Auserlesenen" wieder nacheinander nach Konstantinopel, wohl wissend, daß ja seine schatzhungrigen Unterführer dort immer reichlich beschenkt wurden. Vor allem verlangte er die früher ausgehandelte Geldsumme, die er 448 auch zurückbekam. Zu seinen unerfüllbaren Forderungen gehörte jedoch die vollständige Räumung eines fast 500 Kilometer breiten Streifens des Südufers der Donau in einer Tiefe von fünf Tagesreisen von Pannonien bis Novae (Swischtow) an der unteren Donau. Die Grenzstadt und zugleich der Standort des illyrischen Marktes sollte nach seinen Plänen die im letzten Krieg zum zweiten Mal zerstörte Stadt Naissus sein. Denn eines Marktes bedurften die Hunnen

59. Schwert mit Parierstange, Pannonhalma

auch zukünftig dringend, konnten sie doch ihr Vieh, ihre tierischen Produkte, ihre Sklaven nur auf einem Markt gegen Getreide, gewerbliche und Luxuserzeugnisse eintauschen. (Der Sohn Attilas, Dengi[t]zik, wird 469 dadurch zu Fall kommen, daß er die Oströmer mit Waffengewalt zur Eröffnung eines Marktes an der unteren Donau zwingen will.) Der hunnische Großkönig wollte nördlich von Naissus, auf dem Gebiet der einst blühenden Provinz Mösien, eine Grenzöde errichten. In dieser verzweifelten Lage beschloß Chrysaphius, der „demokratische" Minister der Friedenspartei, durch Bestechung des Skirenkönigs Edika Attila ermorden zu lassen. Genau zu der Zeit, als der ungeschickte Altentatsplan ausgeführt werden sollte, befand sich Priscus als Sekretär des Gesandten Maximinus im Ordu Attilas (Herbst 449). Priscus stammle aus dem an der Küste des Marmarameeres gelegenen Städtchen Panion, aus der Provinz „Europa", und dieses „Europäertum" paßt sehr gut zu seinem Wesen. Zu dieser Zeit war er aber eben noch 87

60.

60. Goldblechverkleidung des unteren Bogenendes aus dem Opferfund von Pannonhalma 61. Goldblechverkleidung des Bogengriffes aus Pannonhalma 62. Goldblechverkleidung des oberen Bogenendes aus dem Fund von Pannonhalma

63.-64. s. Farbtafeln XIX-XX ein Anlänger. Die Gesandtschaft vermochte nichts zu erreichen, weil sie Attila nicht für vornehm genug erachtete - worin sie auch recht hatte. Nach der Enthüllung des Attentatsplanes wandte sich Attila direkt an Theodosius II. und forderte die Auslieferung des Chrysaphius, aber eine Großmacht konnte doch ihren Ministerpräsidenten (magister officium) nicht ausliefern. Die bis zum Bersten gespannte Lage fand eine komödienhafte Lösung. Bereits gelegentlich des Gesandtschaftsbesuches Maximinus' hatte Priscus etwas bemerkt. Der wohlgezielte Wutausbruch Attilas traf die zum „Freund" des Aetius delegierten, eingebildeten weströmischen Gesandten wie eine kalte Dusche, machte er doch die Frage von Krieg oder Frieden von einem so unmöglichen Wunsch abhängig wie - später dem der Auslieferung des Chrysaphius. Der Fall hatte sich noch 441 zugetragen. Zur Zeit der Belagerung Sirmiums gelang es dem Bischof der Stadt - unter geheimer Mitwirkung des aus Gallien stammenden Sekretärs Bledas. Constantius - die sakralen Gefäße der Kirche durch den Belagerungsgürtel zu retten. Constantius, ein Mann von zweifelhaftem Charakter, nahm später gelegentlich einer offiziellen Reise nach Italien die goldenen Kelche mit sich und verpfändete sie in einem Bankhaus der Stadt Rom, weil er sich in finanziellen Schwierigkeiten befand. Constantius wurde später wegen Verrats auf Befehl Bledas und Attilas gepfählt; die Angelegenheit verlor sich jedoch im Dunkel der Geschichte. Auf irgendeine Weise erhielt Attila jetzt doch Kenntnis von den einstigen Machenschaften des Constantius und forderte von den weströmischen Gesandten donnernd die Auslieferung des „ihm gestohlenen" Schatzes oder des an der Sache völlig unschuldigen „Diebes", des Bankiers oder Bankagenten Silvanus, der dem Kaiserhaus nahestand. Dies geschah zur auf-

richtigen Schadenfreude der Oströmer, hatte doch die hunnenfreundliche weströmische Regierung in den Kriegen der vierziger Jahre keinen Finger zur Hilfe der Oströmer gerührt. Konstantinopel verstand diese Wendung glänzend auszunützen und schickte auf ausdrücklichen Wunsch Attilas den nicht lange zuvor (447) zur Würde eines Patriziers erhobenen Anatolius, derzeit schon Kommandant der kaiserlichen Garde (magister militum praesentalis), sowie den einstigen Wirtschaftsminister, den für seine Freigebigkeit berühmten Exconsul und Patrizier Nomus, als Gesandte. Nomus' politisches Bekenntnis war, daß in heiklen Fällen nicht mit dem Gold des Staates gespart werden dürfe. Kaum hatten sie die Donau überquert, begegneten sie Allila, der aus Aufmerksamkeit gegenüber seinen hochrangigen Gästen ihnen bis zum Fluß Drekon entgegengereist war. Die oströmischen Gesandten erhielten hier alles: Attila verzichtete in einem feierlichen Friedensvertrag auf seine territorialen Ansprüche, gab das Versprechen, den Kaiser wegen der Flüchtlinge nicht mehr zu belästigen, gab Vigila um einen Spott88

61.

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preis von 50 Pfund Gold frei, entließ eine Anzahl römischer Gefangener ohne Lösegeld, überhäufte Anatolius und Nomus mit Geschenken, Pferden und wertvollen Pelzen und vergaß sogar, den jährlichen Tribut zu erhöhen! All dies beweist, daß Attila inzwischen die Kräfteverhältnisse der beiden Reichshälften gründlich erwogen hatte und zu der Einsicht gelangt war, daß die Kräfte des oströmischen Reiches vorerst unerschöpflich waren, er hütete sich also vor einem neuerlichen Zusammenstoß. Der Friedensvertrag harrte nur noch der Ratifizierung, als Theodosius II., der auf der Jagd vom Pferd gestürzt war, am 28. Juli 450 seinen Verletzungen erlag. Der am 25. August auf den Thron gesetzte alte Soldat Marcianus war ein Mann der „blauen" Partei der Senatoren und Aristokraten, jener Partei und Schicht, die für den Frieden keine einzige Goldmünze zu zahlen hereit war. Chrysaphius, der der „grünen" Partei angehörende Minister des Theodosius, wurde (statt von Attila) von dem neuen Kaiser hingerichtet, der die Zahlung des den Hunnen seit einem Vierteljahrhundert entrichteten Tributs 89

sofort einstellte. Attilas Gesandten ließ er in soldatischer Kürze mitteilen: Wenn sie Frieden hielten, würden sie eventuell Geschenke bekommen, andernfalls sollte der Krieg entscheiden. Alle Erfolge von Ruga und Bleda wurden zunichte, das Oströmische Reich bereitete sich auf die Abrechnung vor. Attila aber war hilflos, da er sich immer mehr in die weströmischen Angelegenheiten verstrickte: zuletzt in den Fall Honoria. Honoria war augusta, also Mitkaiserin, wurde aber von ihrem Bruder Valentinianus III. im Interesse der Einheit der Macht gewaltsam zu jungfräulichem Leben gezwungen. Wie aus den 449 ausgebrochenen Skandalen bekannt ist, mit mäßigem Erfolg. Aus diesem Grund schickte die kaiserliche Familie Honoria nach Konstantinopel und belegte sie dort mit Palastarrest (449). Die gedemütigte Kaisertochter wandte sich im Frühjahr 450 im geheimen an Allila um Hilfe und sandte ihm einen Ring. Attila nahm das Angebot ernst und forderte als „Mitgift" den - seiner Meinung nach - Honoria zustehenden Teil des Weströmischen Reiches. Gallien, für seine „Braut". Bevor noch

der selbst an unmögliche Friedensanträge glaubende Vetter im Osten. Theodosius II., diese Forderung eventuell angenommen oder unterstützt hätte, führte man Honoria rasch nach Hause an den im Februar 450 nach Rom gezogenen Kaiserhof. verheiratete sie zum Schein und ließ sie für immer verschwinden. Attila hingegen drohte mit Krieg und forderte immer heftiger, die kaiserlichen Rechte seines Schützlings in Ehren zu halten. Dies wurde von Valentinianus III. natürlich entschieden zurückgewiesen. Attila aber halle vom Herbst 450 an keine andere Wahl als den Krieg gegen das Weströmische Reich. Schon das entfallene oströmische Gold konnte durch nichts ersetzt werden, obendrein wurde die Zahlung des weströmischen Tributs eingestellt. Ein ewiges Zeugnis der inneren Zahlungs-

34. Vom Eindringen östlicher, hunnischer, alanischer und germanischer Volkselemente in das Karpatenbecken zeugen die vorher unbekannten (A) Kurzschwerter, (B) Krüge mit Gußhenkel, (C) Bronzeschnallen, (D) kerbschnittverzierten Bronzefibeln, (E) Zikaden und (F) hörnchenförmigen Lockenringe

Schwierigkeiten und gleichzeitig der Wahrung des Scheins bilden jene Solidi, die nach dem Muster der Münzen von Theodosius II. aller Wahrscheinlichkeit nach auf Attilas Befehl geprägt worden waren. Wenn man von der Verbreitung von „Attilas Münzen" ausgeht, kann man darauf schließen, daß der Zweck war, die unmittelbar nördlich des hunnischen Zentrums wohnenden germanischen Verbündeten durch pünktliche Überweisung der Zahlungen zu beruhigen und zur Zeit der Vorbereitung auf den 65. Aus dem Grabfund von Lewenz/Levice/Léva sind gallischen Feldzug zu begeistern (Abb. 17). Es begann eine lebhafte diplomatische Tätigdie Metallbeschläge der Sattelbretter zusammen mit der Einrahmung und den Pferdegeschirr- keit sowohl von römischer wie auch von hunnischer Seite zwecks Spaltung der fränkischen beschlägen erhalten geblieben

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Kräfte in Gallien sowie zur Gewinnung bezie­ hungsweise Irreführung der Wisigoten. Im Hin­ tergrund dieser hunnischen Aktion in Gallien kann eine eigenwillige Person vermutet werden: Eudoxius, ein früherer Arzt, der zum Anführer eines Volksaufstandes geworden war, der ein­ stige Führer der machtfeindlichen Bagauden (Bauernaufständischen) der Loire-Gegend, war 448 an den Hof Attilas geflohen. Dieser „böse" Mann spielte vermutlich eine bedeutende Rolle in der Gestaltung der neuen Politik Attilas, die auf die Erwerbung Galliens abgezielt war. und noch mehr in der Bestimmung der eigentümli­ chen Angriffsrichtung Attilas im gallischen Feldzug. Eudoxius dürfte überhaupt an dem plötzlichen politischen Stimmungswechsel Atti­ las gegen das Weströmische Reich bestimmend beteiligt gewesen sein, den Priscus im Herbst 449 noch nicht ganz begriff. Die diplomatischen Vorbereitungen Attilas hatten nur wenig Erfolg, sowohl die römischen

35. Im Donaugebiet als Unika gellende Bronze- und Silber­ fibeln kaukasischer Herkunft: 1-3 Óbuda (Altofen)Aquincum, 4 und 6 Kisslowodsk, 5 Nordkaukasusgebiet, 7 Szőny/Brígetio, 8 Pilismarót, 9 Maikop, 10 Pécs/Sopia­ nae, 11 Tschegem, 12 Keszthely, 13 Bajtal-Tschapkan, 14 Karlsburg/Alba Iulia, 15 Gilatsch, 16 Schapkino (d. h. 1-3 und 7-8, 10, 12 Pannonien, 14 Dazien, 4-6, 9, 11, 13, 15-16 Nordkaukasus)

wie auch die germanischen Führer des Weströ­ mischen Reiches durchschauten meist seine Ab­ sichten. Die Unentschlossenen sollte die Art und Weise der Kriegführung von Attila in das feind­ liche Lager bringen: Die barbarischen Massen kannten keine Verbündeten oder Freunde. Anfang 451 führte Attila eine noch nie dage­ wesene Zahl von Kriegern der verbündeten Völ­ ker gegen Gallien. Der überwiegende Teil seines Heeres bestand aus Germanen: außer dem „un­ zählbaren" Heer der Gepiden aus den Streitkräf­ ten der Ostrogoten, Rugier, Skiren, Sweben, Alamannen, Heruler, Thüringer sowie Kräften der hunnenfreundlichen Burgunder und Fran­ 66. Die Bronzetrense mit eisernem Mundstück aus dem ken. Attila war zum Einsatz der germanischen Waffengrab von Keszthely ist ein osteuropäisches Heere genötigt, weil er seine mobilsten hunni­ schen Reitertruppen zur gleichen Zeit zur UnterErzeugnis

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Stützung der gegen die Perser rebellierenden Ar- en Zugang zum Land der Wisigoten (Abb. 28). menier einsetzte. Das hunnische Reiterheer ver- Die spätrömische befestigte Stadt Aureliani am mochte jedoch nicht, die persischen Grenzsper- Brückenkopf war zwar bedeutend, aber nicht ren der kaukasischen Pässe zu durchbrechen größer und stärker als die in Ausdehnung und und konnte die katastrophale Niederlage Arme- Grundriß sehr ähnliche innerpannonische befeniens am 26. Mai 451 in der tragischen Schlacht stigte Stadt Iovia (Heténypuszta). Eine lang anauf dem Feld Avrair nicht verhindern. Im galli- dauernde Belagerung konnte sie also auch so schen Feldzug konnten die einsetzbaren hunni- nicht aushalten, obwohl die gallische Stadt noch schen Reiter das träge Heer bestenfalls begleiten, eine zahlreiche Bevölkerung und viele Verteidivon der herkömmlichen hunnischen Taktik und ger hatte. Hier stand Attila plötzlich einem aus vielen Völkern angeworbenen Entsatzheer geStrategie konnte also keine Rede sein. genüber. Den größeren Teil dieses gegen Attila Attilas Heer, das am 7. April bereits die ausgebrannten Ruinen von Divodurum-Mettis/Metz ziehenden gallischen Heeres machten die Wisihinter sich gelassen hatte, zerstörte unterwegs goten Theoderichs I. aus, während im ,,römiStädte. Kirchen und Klöster. Es zog geradewegs schen" Heer des Aetius sämtliche barbarischen gegen Südwesten bis Aureliani/Orléans und be- Völker Galliens vereint waren: Alanen, Burgungann die Besetzung der die Steinbrücke der der, Franken, Kämpfer der sarmatischen gentiLoire schützenden, rundherum mit runden Tür- les (Stammes-)Dörfer, Sachsen sowie die barbamen befestigten Stadt. Die Brücke war von ent- rischen Soldatensiedler, die laeti. Attila zog sich scheidender Bedeutung, wer sie besaß, hatte frei- vor dem Gegner langsam zurück, vermutlich suchte er ein zur Schlacht geeignetes Gelände seine Wahrsager hatten ihm nämlich aus in Glut 67. s. Farbtafel X I X geworfenen tierischen Schulterblättern eine Nie68. Edelsteinverzierte Gürtel-, Schwertriemen- und derlage prophezeit. Gemäß den uns erhalten gebliebenen zeitgeStiefelschnallen aus dem Grab von Murga nössischen Berichten, darunter sämtlichen gallischen Quellen, stießen die beiden Heere in der Ebene (campana). welche die Ortschaft Maurica oder Mauriacum umgab und fünf römische Meilen (etwa 7,5 km) westlich der antiken Stadt Trecas/Tricassis/Tricassina (Troyes) gelegen war, aufeinander, und hier fand die pugna Mauriacensum (Schlacht von Mauriacum) - wie sie im Gesetzbuch eines der Hauptbeteiligten, der Burgunder, bezeichnet wird - statt. Die Gegner trafen also auf den Feldern des Campus Mauriacus oder des Mauriacum campanum zusammen, im weiteren geographischen Sinn am Südrand der Campania (Champagne) genannten Ebene, am linken Ufer der Seine und nicht auf den durch spätere und von nichtgallischen Autoren überlieferten Feldern von „Catalaunum" (Chälons-sur-Marne). Auf den Zeitpunkt der Schlacht kann aus den auf diesem Gebiet verläßlich scheinenden Angaben der Legende des heiligen Anianus (Vita Aniani) geschlossen werden: Aureliani wurde am 14. Juni von der Belagerung Attilas befreit. Mit dem Rückzug auf einer Strecke von etwa 180-200 km und den Vorbereitungen vergingen mindestens zwei Wochen, zur Schlacht kann es daher frühestens in den letzten Tagen des Monats Juni gekommen sein. Das
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36. Die sich dem Denkmälerbestand der ukrainischen Tschernjachow-Kultur des 4. Jahrhunderts anschließenden ostgermanischen Grab- und Siedlungs funde sind uns in immer größerer Zahl in den Tälern der Flüsse Hernád, Bodrog und der oberen Theiß bekannt

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Gebiet um den fünften Meilenstein vor Tricassis (Troyes) war vermutlich nur der Schauplatz eines heftigen Zusammenstoßes, der sich entlang der Hauptverkehrslinie Aureliani-Tricassis im
37. Die mit Schuppenmastern verzierten Silberbleche waren Ortbänder und Scheidenbeschläge von Dolchen östlicher Herkunft, die Tragbänder mit gezacktem Rand stammen von alanischen oder hunnischen Langschwertern und Dolchen

Schutz des Stromübergangs der Seine abspielte. Der Kampf in der Ebene wogte in nordnordwestlicher Richtung. In der Nähe des 18 km nordwestlich von Tricassis (Troyes) ebenfalls am linken Seineufer gelegenen antiken Städtchens Brolium ermordeten nämlich die Krieger eines germanischen Vasallenkönigs Attilas in der nervösen Stimmung vor oder nach der Schlacht den Presbyter Maximianus und dessen Gelahrten,

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die im Auftrag des heiligen Lupus, des Bischofs von Tricassis. vor den König treten wollten. Dies bedeutet, daß der rechte Flügel der Hunnen offenbar den bei Brolium befindlichen anderen wichtigen Seineübergang verteidigte oder sich nach der Schlacht von dort in Richtung PouanSur-Aube zurückzog. Brolium trägt seit dem frühen Mittelalter den Namen seines Märtyrers der Hunnenzeit (Saint Mesmin). Die Geschehnisse werden unterschiedlich in den Legenden um den heiligen „Memorius" wiedergegeben, der unter diesem Namen niemals existiert hat. Die Anzahl der Krieger, die auf 30 000 bis 50 000 Mann angenommen werden kann, wird von den fernen und späten Chroniken in einer für das Mittelalter kennzeichnenden Weise - mit Zehn multipliziert, obwohl die reale Schätzung an sich schon recht hoch für die Verhältnisse des Zeitalters der Spätantike ist. Die von drei Uhr nachmittags bis zur Abenddämmerung dauernde Metzelei brachte und konnte auch keinen Sieger hervorbringen, nur Besiegte, und zwar zu Tausenden. Die überwiegend mit römischen Waffen ausgerüsteten Barbaren des Aetius konnten im Nahkampf doch die Oberhand gewinnen, sie drängten die schlechter ausgerüsteten Barbaren Attilas allmählich zurück. Attila zog sich bei Einbruch der Dunkelheit in sein Lager zurück und ließ für den Fall, daß der Feind einbrechen sollte, aus Holzsätteln - angeblich - einen Scheiterhaufen errichten. Er wollte lieber bei lebendigem Leibe verbrennen als in die Hände seiner Feinde geraten. Er bewertete demnach den bisherigen Verlauf der Auseinandersetzungen nicht optimistisch. Das wisigotisch-römische Heer wagte jedoch wegen des dichten Pfeilhagels der Hunnen - zu Attilas Glück waren auch Hunnen hier! - nicht, das Lager zu stürmen, und zog sich nach Einbruch der Dunkelheit in sein eigenes Lager zurück. Auch Aetius „verbrachte die Nacht unter dem Schutz der Schilde". In der Nähe des Hunnenlagers oder des Schlachtfeldes wurde erst vor kurzem ein Bruchstück eines hunnischen Opferkessels gefunden. Es ist nicht ausgeschlossen, daß dieser mit der Bestattung des in der Schlacht gefallenen Laudarich, des Verwandten Attilas, zusammenhängt. Auch die Wisigoten suchten nach ihrem gefallenen König und nahmen ihn mit (der von seinem Pferd gerissene Theoderich I. wurde von

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69. Krug mit Clättverzierung, eine „barbarische" Variante spätantiker Krüge, Murga

den Ostrogoten ermordet), seine Söhne mit dem Thronfolger Thorismud, der in der Schlacht eine Kopfwunde bekommen hatte, an der Spitze, eilten heim, um sich ihre Herrschaft zu sichern. Die anderen Verbündeten zerstreuten sich. Aetius hätte mit seinen unbedeutenden Streitkräften die Verfolgung des eine Zeitlang noch in seinem Lager verbleibenden, dann sich langsam zurückziehenden Attila, dem Lupus, Bischof von Tricasis, den Weg bis zum Rhein wies, kaum aufnehmen können. Übrigens gab er sich dem Irrglauben hin, er könne die Hilfe seines einstigen Freundes gegen die machthungrigen Wisigoten - und vielleicht einmal auch gegen seinen eigenen Kaiser - noch benötigen. Er irrte sich. Aber auch Attila war im Irrtum, als er nach seiner Heimkehr aus Gallien wieder versuchte, die Oströmer zu erpressen: Entweder bekomme er seinen früheren Tribut wieder oder er werde Krieg führen. In seinem Zorn ließ er die oströmische Gesandtschaft, die unter der Leitung des Militäroberkommandierenden Apollonius über

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die Donau zu ihm gekommen war, nicht vor. Er forderte von ihr unter Todesandrohung nur die Geschenke des Kaisers - Geschenke ohne Verhandlung verweigerte jedoch Apollonius rundweg. Erreicht wurde somit nichts. Attila aber war wegen des bedrückenden Goldmangels abermals gezwungen, das geringeren Widerstand leistende Weströmische Reich anzugreifen. Im Spätfrühling des Jahres 452 zogen Attila und sein Heer durch Pannonien und überschritten die von Aetius nur wenig geschützten Gebirgspässe der Julischen Alpen. Nach einer harten dreimonatigen Belagerung „eroberten und zerstörten" sie die vom Meer, von Flüssen und Sümpfen geschützte, durch Gewalt noch niemals eingenommene Stadt Aquileia, die dem Rang nach neuntgrößte Stadt des Gesamtreiches. Von hier setzten sie ihren Weg über Concordia-Altinum-Patavia/Padua-Vicentia/Vicenza-VeronaBrexia/Brescia-Bergamus/Bergamo und Medio70. Pferdetrense mit eisernem Mundstück und Silberknebel aus Lengyeltóti

lanum/Mailand bis Ticinum/Pavia fort. Die Städte, die ihnen das Tor nicht freiwillig öffneten, gingen in Flammen auf. Die meisten ergaben sich also lieber. In dieser verzweifelten Lage wandten sich Kaiser Valentinianus III. und seine in Rom residierende Regierung in Ermangelung einer besseren Idee oder Lösung der erprobten Praktik der Oströmer zu. Unter der Führung des Avienus, des Konsuls des Jahres 450, schickten sie Trigetius, den Präfekten der Ewigen Stadt, und Leo I. (den Großen), den Bischof von Rom. den Papst, als Delegierte zu Attila. Ihre Hoffnung setzten sie offensichtlich in Trigetius, dem es 435 in der Stadt Hippo Regius gelungen war, mit dem diabolischen König der Wandalen. Geiserich, übereinzukommen. Die vornehme und glänzende Gesandtschaft traf mit Attila am Mincio-Fluß zusammen: Sie bat um Waffenstillstand und erhielt ihn auch. Der Papst schloß hinsichtlich der verschleppten Gefangenen ein günstiges Abkommen - sicher nicht gratis oder billig. Danach verließ Attila Italien und zog sich hinter die Donau zurück. Der Waffenstillstand am Mincio

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bot einen günstigen Vorwand zum Rückzug. Bei der Belagerung Aquileias hatte nämlich das Heer schwere Verluste erlitten, dann brach infolge der unbeerdigten Toten in der Sommerhitze eine Epidemie in Norditalien aus, die auch auf die Streitkräfte übergriff. Die Menschenmassen grasten, Heuschrecken gleich, alles ab, man konnte sie nicht verköstigen. Dennoch war dies nicht die Hauptursache für den Rückzug. Während Attila und sein Heer Norditalien verwüsteten, setzten oströmische Truppen über die Donau und besiegten das hunnische Grenzschutzheer in Attilas eigenem Land. Kaiser Marcianus entlastete das Weströmische Reich und fiel genau zum richtigen Zeitpunkt Attila in den Rükken, ja er schickte Aetius sogar Hilfstruppen. Attila und sein Reich gerieten in einen Zweifrontenkrieg, der das hunnische Zentrum in der Donaugegend früher oder später mit der sicheren Vernichtung bedrohte. Attila, bis zum Äußersten erbittert und jetzt schon fast verzweifelt, warf die Wiederherstellung des theodosianischen Tributs in die Waagschale zwischen Krieg und Frieden (vgl. Abb. 75) und bereitete sich auf einen Vergeltungsfeldzug gegen Marcianus vor. Dazu kam es jedoch nicht mehr: Im Frühjahr 453 starb Attila während einer neuerlichen Hochzeitsnacht vermutlich im Schlaf an Blutsturz. Nach einer schönen Sage des Altertums „erschien dem Kaiser Marcianus, den der grimmige Gegner beunruhigt hatte, in derselben Nacht eine Gottheit und zeigte ihm den zerbrochenen Bogen Attilas. Die Waffe, von der dieses Volk so viel hielt."

38. Das größerenteils erhalten aufgefundene Männergrab von Lébény ermöglichte einen Einblick in die vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten hunnenzeitlicher Goldschnallen. Je nach Form und Größe waren sie an Gürtel-, Schwert- und Stiefelriemen befestigt

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Eine sonderbare Bilanz: Unterdrücker und Unterdrückte Römer und Barbaren - Götter und Heilige

Eudoxius Die Gallische Chronik berichtet im Jahre 448: „Eudoxius. Doktor der Medizin, ein böser, aber in den Wissenschaften überaus bewanderter, gebildeter Mann, der sich zu jener Zeit dem Bacauden-Aufstand angeschlossen hatte, flüchtete (jetzt) zu den Hunnen." 71. s. Farbtafel XXII
72. Krug aus dem Grab von Lengyeltóti

Wenn man von dem in der „offiziellen" Chronik obligaten Attribut „böser" absieht, so erhält man das Porträt eines überaus hervorragenden Mannes: Der „intellektuelle" Führer der gallischen Bagauden kann kein alltäglicher Mensch gewesen sein. Die gegen die zentrale Macht Roms und die senatorische Aristokratie Galliens gerichteten Bagauden-Aufstände blickten damals bereits auf eine blutige VergangenheiT von anderthalb Jahrhunderten zurück. Der kaum ein Jahrzehnt vorher unterdrückte und damals von Tibatto geführte Aufstand brach unter der Führung des Eudoxius wieder aus. Von den entlang des mittleren Laufes der Liger/ Loire entfachten Kämpfen ist nur so viel bekannt, daß ein junger Offizier des Aetius, der spätere weströmische Kaiser Maiorianus, zwischen 446 und 448 die Stadt Turonium/Tours gegen die angreifenden Bagauden verteidigt hat. Wir wissen jedoch nicht, wie und wann der Aufstand zusammengebrochen ist (ob er überhaupt im Jahre 448 zusammengebrochen ist?). Wir werden bloß über die überraschende Folge unterrichtet: Der Führer floh zu Attila. Über die Ursachen der Bagauden-Aufstände in Gallien zwischen 435 und 448 erzählt ein Zeitgenosse, der in Treveri/Trier geborene Presbyter Salvian(us) von Massilia/Marseille.
39. Die Verbreitung der zur Tracht der militärischen Aristokratie gehörenden edelsteinverzierten, kreisförmigen oder schwach ovalen Schnallenbeschläge zeugt in eindrucksvoller Weise davon, dali die tatsächliche Besetzung auf Pannonien und seiner nächsten Umgebung lastete. Allein der reichste und alle Schnullentypen umfassende Fund von Nagyszéksós weist auf das hunnische Zentrum in der Theißgegend

72.

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und nicht nur zwecks Beschaffung von Beute, wie dies gewöhnliche Räuber zu tun pflegten, sondern sie schwelgten in ihrer Zerfleischung und in ihrem Blut ..." Da es keinen anderen Ausweg gab, „waren sie gezwungen, wenigstens ihr nacktes Leben zu retten, da sie einsahen, daß die Freiheit für sie für immer verloren war. Was sonst geschieht heute, wenn nicht das gleiche, was früher geschehen war: Wer bisher kein Bacaude war, ist jetzt gezwungen, einer zu werden." Die Bagauden versuchten also zumindest ihr nacktes Leben zu retten, aber was geschah mit den anderen (?): „Die Armen werden ausgeplündert, die Witwen jammern, die Waisen werden unterdrückt. So sehr, daß viele und keineswegs nur jene niedriger Herkunft, sondern gut ausgebildete, geschulte Menschen zum Feind fliehen, sie wollen nicht den Qualen der staatlichen Verfolgung erliegen. Bei den Barbaren suchen sie die römische Menschlichkeit, da sie bei den Römern die barbarische Unmenschlichkeit zu erdulden außerstande waren... Sie ertragen also lieber unter den Barbaren die fremde Lebensweise als die unter den Römern wütende Ungerechtigkeit. Deshalb wandern sie rundum entweder zu den Goten oder zu den Bacauden oder anderswohin, 73/1.-5. Funde aus dem Grab eines vornehmen jungen wo Barbaren herrschen. Sie bereuen niemals, Hunnen, Budapest-Zugló daß sie umgesiedelt sind, da es besser ist, unter dem Schein der Gefangenschaft in Freiheit zu „Über die Bacauden, die von verruchten, grausamen Richtern ausgeraubt, gepeinigt und leben als unter dem Anschein der Freiheit gefanunterdrückt wurden, sagt man mir nun, daß sie gen zu sein." durch den Verlust der römischen Freiheitsrechte Bestürzende Worte und ein erschütterndes gleichzeitig auch die mit dem römischen Namen Krankheitsbild, eine mutige Anklageschrift, die verbundene Ehre verspielt hätten. Ihr Unglück sich noch lange fortsetzt. Kein Wunder, daß der wird ihnen als eigene Sünde angerechnet, selbst fromme und gottesfürchtige Presbyter bei den ihre unglückselige Bezeichnung wird ihnen vor- Mächtigen seiner Zeit nicht beliebt war, und er geworfen, obwohl wir diese für sie erfunden ha- ist es vielleicht noch weniger bei heutigen Histoben. Wir nennen sie Rebellen und erklären sie rikern der „römischen" oder „gallo-römischen" für ruchlose Übeltäter, obwohl wir sie selbst Sache. Die Angelegenheit der Bagauden gilt gezwungen haben, Verbrecher zu werden. Denn genau wie in den Augen der Reichs- und galliwas sonst hat die Bacaudenunruhen ins Leben schen Aristokratie - auch heute als ein „romgerufen, wenn nicht die Ungerechtigkeit der feindlicher", „antirömischer Paroxysmus" (TobUnsrigen, wenn nicht die Ehrlosigkeit der Rich- suchtsanfall), die unglücklichen Bagauden gelter, schließlich verurteilten sie sie zur Einziehung ten als „Verräter", Salvian selbst als verblendeihres Vermögens und machten dies zu ihrer eige- ter Moralist. Diese Historiker versuchen die Sanen Beute sowie jene, die das Amt der Steuerein- che der Bagauden genauso wenig zu verstehen treibung zu einem gewinnsüchtigen Geschäft ge- wie jene, die die verzweifelte Notwehr der an die macht haben und sie unter dem Titel der Steuer- Peripherie der Gesellschaft gedrängten Menbemessung zu ihrer eigenen Beute machten. Die schen als eine „Klassenkampf-Bewegung" von die ihnen Anvertrauten nicht geleitet, sondern selbstbewußten Aufständischen hinstellen. grausamen Bestien gleich aufgefressen haben, Es lohnt sich eher, Salvian zu glauben, der

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auch eine Erklärung für die in der Gallischen Chronik enthaltene Nachricht gibt. Salvian macht kein Geheimnis aus den auslösenden Faktoren des Bagauden-Aufstandes und verheimlicht nicht, daß auch die „Intelligenz" mit ihnen sympathisierte. Mit den Bagauden und mit den Barbaren, wobei, wenn man zwischen den Zeilen liest, sogar der Schatten der von den Barbaren geleiteten Großmacht in Erscheinung tritt. Haben also tatsächlich die Barbaren die persönliche Freiheit vertreten? Eine viele Jahrhunderte zurück oder vorwärts führende Frage, die schwerlich mit einem Ja oder Nein zu beantworten ist. Dem spätrömischen, aus den despotischen hellenistischen Reichen entstandenen, bürokratisch und zentralistisch organisierten Staatsmechanismus war nicht mehr zu helfen: Er konnte nur noch die Herrschaft einer kleinen aristokratischen Schicht und der Soldateska mit rücksichtslosen Mitteln sichern. Die für die Herrschenden und die Untergebenen gleichermaßen verpflichtenden persönlichen Rechte der Vorfahre der europäischen Freiheit - garan-

tierte trotz aller Widersprüchlichkeit die barbarische Seite. Dies erkannten die Bagauden und ihr Führer Eudoxius, der kaum zufällig zu den Hunnen und zu Attila geflohen war. Dies wird noch von der legendären Biographie des Aureliani/Orléans verteidigenden Bischofs Anianus/Saint Aignan, der Vita Aniani. die vor dem 6. Jahrhundert überhaupt noch nicht existierte, übertroffen. Immerhin berichtet die Vita Aniani aufgrund lokaler Überlieferungen, jedoch mit den damaligen politischen Verhältnissen sehr gut übereinstimmend, daß die Verteidiger der Stadt - trotz des Protestes des Anianus - schon tagelang mit dem Beauftragten Attilas, einem Bischof, wahrscheinlich Lupus von Tricassis, über die Kapitulationsbedingungen verhandelt hatten und noch bevor die Entsatztruppen des Aetius und Theoderich eingetroffen waren, „an jenem Tag die Tore öffneten, durch die die hunnische Vorhut in die Stadt eindrang". Der Verfasser der Legende will auch wissen, daß sich die Offiziere der Hunnen anschickten, die Stadt zu plündern - die bewegliche

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Habe ließen sie schon auf die Wagen aufladen und ihre Bewohner zusammen mit ihrem Hab und Gut mitzunehmen, als sie von den Entsatztruppen überrascht wurden. Mit einem Wort: „Sie belagerten und nahmen die Stadt und plünderten und zerstörten sie dennoch nicht." Dies wird auch durch einen kurzen und bündigen Satz in einem Brief bestätigt, den der gallische Zeitgenosse Sidonius Apollinaris, Bischof von Clermont, dem Bischof von Aureliani, Prosper, schrieb: „Aurelianensis urbis obsidio, oppugnatio, inruptio nec direptio." Dem eilig abziehenden Heer Attilas schlossen sich aus den Reihen der Verteidiger die Gegner des Anianus an, „die freiwillig, von selbst zu den Barbaren übergelaufen sind, da sie seinen Gebeten [wortwörtlich: Weissagungen] nicht trauten". Es dürfte sich bei ihnen offenbar um jene bagaudischen Gefangenen gehandelt haben, die - nach der Biographie von Comes Agrippinus, der die Verteidigung der Stadt organisierte -, auf Bitte und Vorschlag des Anianus auf freien Fuß gesetzt worden waren. Es blieben aber noch immer gerade genug Feinde der römischen Ordnung in der Stadt, weil Anianus nur „durch sein persönliches Eingreifen die Niedermetzelung der Widerstandskämpfer verhindern konnte, namentlich jener, die vom Zorn des plötzlich eindringenden [Entsatz-] Heeres bedrängt wurden". Gab es also in der Stadt selbst nicht genug Feinde, die die Tore hätten öffnen können? Standen die Dinge wohl nur im Westteil des Reiches so? Lesen wir wieder den Priscus von Panium.

Der Kaufmann von Viminacium „Als ich mit den die Geschenke schleppenden Dienern das Haus des Onegesius erreichte, waren die Tore noch geschlossen; ich mußte also geduldig warten, bis jemand herauskam und mich anmeldete. Eine Weile spazierte ich vorder Pfahlmauer, die das Haus umgab, als ein Mann heraustrat. Seiner skythischen Kleidung nach hielt ich ihn für einen Barbaren, doch er begrüßte mich mit dem griechischen Chaire [Heil]. Es überraschte mich sehr, daß ein Skythe griechisch sprach. Da die Skythen ein Gemisch von aus verschiedenen Ländern zusammengescharten Völkern sind, pflegen sie außer in ihrer barbarischen Sprache, dem Hunnischen und dem Gotischen, wenn sie mit Römern zusammentreffen, ausonisch [lateinisch] zu sprechen; in hellenischer Sprache kann man sich kaum mit jemandem verständigen, höchstens mit Kriegsgefangenen ... die an ihrer zerfetzten Kleidung und ihrem schmutzigen Haar leicht zu erkennen sind. ... Dieser Mann hingegen schien ein wohlgekleideter Skythe zu sein, sein Haar war auf skythische Art geschoren. Ich erwiderte seinen Gruß und fragte ihn, wer er sei, wie er in dieses fremde Land gekommen und wie es möglich sei, daß er auf skythische Art lebte. Als Antwort fragte er mich, warum ich dies alles wissen möchte. Ich antwortete ihm, meine Neugierde sei durch seinen hellenischen Gruß ausgelöst worden. Er lachte und begann dann zu erzählen. Er sei tatsächlich gebürtiger Grieche, dereinst Kaufmann in Mösien, in der am lster gelegenen Stadt Vimi-

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nakion [Viminacium, Kostolac] war. Er lebte dort längere Zeit und heiratete sehr reich. Als die Stadt in die Hände der Barbaren geriet, verlor er seine gesamte Habe, er selbst gelangte bei der Verteilung der Beule - wegen seines einstigen Reichtums - zu Onegesius ... Später kämpfte er mutig gegen die Römer und die Akat[z]iren, und als er seine Kriegsbeute dem Gesetz der Skythen entsprechend seinem Herrn übergab, schenkte ihm dieser seine Freiheit. Er heiratete eine barbarische Frau und hat Kinder. Im übrigen ist er ständiger Gast am Tisch des Onegesius, und dieses Leben gefällt ihm viel besser als das frühere. Bei den Skythen ist nämlich das Leben, wenn der Krieg zu Ende ist, bequem, leicht und sorglos, während bei den Römern der Krieg den Menschen im Nu zugrunde richtet. Hauptsächlich deshalb, weil sie hinsichtlich ihrer Sicherheit auf die Hilfe anderer hoffen müssen; ihre Tyrannen gestatten es ihnen nämlich nicht, Waffen zu
40. Cloisonnierte Goldschnallen mit kreisförmigen and ovalen Beschlägen aus hunnischen Funden in der Ukraine, im Kaukasus und von den Steppen der Krim

tragen [um sich damit selbst zu verteidigen] ... Noch ärger als die Schrecken des Krieges sind jedoch die Verhältnisse im Frieden infolge der hohen Steuern und aller Greuel, die man seitens der Schurken erdulden muß, gelten doch die Gesetze bei weitem nicht in gleicher Art für jedermann. Wenn ein Reicher das Gesetz verletzt, muß er deswegen keine Strafe befürchten, wenn dies aber ein Armer oder Unwissender tut, dann muß er mit Sicherheit auf die Strenge des Gesetzes gefaßt sein und wird - vorausgesetzt, daß er nicht schon beim Verhör sein Leben lassen muß - durch die sich lange hinziehende Prozeßführung aufgerieben und inzwischen seines Geldes beraubt. Das größte Übel ist jedoch, daß man die Gerechtigkeit mit Geld erkaufen muß. Keiner bekommt recht, sei ihm eine noch so große Rechtswidrigkeil widerfahren, solange er den Richter und die Häscher nicht mit einer guten Summe Geldes schmiert." Die langatmige historische, rechtliche und gesellschaftspolitische Entgegnung des Priscus wirkt kaum überzeugend, sie macht den Eindruck, als ob er selbst dem zustimme, was er aus

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dem Munde des Kaufmannes aus Viminacium gehört hat. Seine Erörterung gipfelt in einer Lehrfabel: „Die Gesetze sind für jedermann verpflichtend, und jedermann, selbst der Kaiser, muß sie befolgen, und es ist nicht wahr, worüber du dich beklagst, daß die Reichen gegenüber den Armen ungestraft gewalttätig handeln dürfen ... die Gesetze gelten für die Armen genauso wie für die Reichen..." Zuletzt geht Priscus abermals zu weit: „Die Römer behandeln sogar ihre Sklaven besser [nämlich als die Hunnen], sie gehen mit ihnen wie ein Vater oder Lehrmeister um und sind darauf bedacht, daß ihnen keine Rechtswidrigkeit widerfahre, sie streben das Gute an und beschützen sie wie ihre eigenen Kinder vor dem Bösen ..." „Er antwortete: ... mag sein, daß die römischen Gesetze ausgezeichnet sind, offenbar ist auch die römische Staatsordnung gut, nur kümmern sich jene, die an der Macht sind, schon lange nicht mehr um ihre Vorfahren." Priscus, wenn auch anscheinend mit unsicheren Worten, wozu er guten Grund hatte, läßt den Kaufmann von Viminacium fast wortwörtlich die Klagen des Salvian wiederholen. Zweifellos gab es Menschen, die ihre persönliche Sicherheit und ihre Freiheit eher bei den Barbaren
41. Die Einheit der hunnenzeitlichen Tracht beweisen die vom Kaukasus bis zur Seine in gleicher Form verbreiteten, am Gürtel zu befestigenden ösenringe und Rundschnallen

als im Imperium gewährleistet sahen. Schon zur Zeit des Feldzuges nach Vorderasien im Jahre 395 stellten die orientalischen Zeitgenossen konsterniert fest, daß sich viele den Hunnen angeschlossen hatten. Onegesius/Hunigis Der Großwesir des Hunnenreiches war nicht hunnischer Abstammung. Dies gestand er selbst, als er im Zelt der oströmischen Gesandten mit Maximinus und Priscus griechisch - aller Wahrscheinlichkeit nach in seiner Muttersprache! plauderte. Er bemerkte, und das nicht nur so nebenbei, daß er seine unter den Hunnen verbrachte Jugend nicht leugnen könne. Demnach geriet er schon in jungen Jahren unter die Hunnen und wurde ein überzeugter Hunne - ein Jahrtausend später sollten die Großwesire des Osmanischen Reiches fast ausnahmslos den gleichen Weg gehen. Wir wissen, daß Onegesius auch gut lateinisch gesprochen hat, der schlagendste Beweis seiner griechisch-römischen Herkunft ist jedoch das antike Bad, das er sich in der Nähe seines Palastes hat errichten lassen. Um 440 zählte Onegesius zu den Hauptleuten Bledas. Darüber besitzen wir durch die vorhin zitierte Erzählung des Kaufmannes von Viminacium Kenntnis. Viminacium wurde nämlich durch Bleda erobert, unter den vornehmen und reichen Gefangenen trafen nach dem Großkönig

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75/1-3.

74. s. Farbtafel XXIII
75/1-2. Vergoldete Bronzeschnallen aus dem Grab von Gencsapáti 75/3. Haarpinzette, Gencsapáti

seine Hauptleute ihre Wahl, und unser Mann fiel schon damals Onegesius zu. Da im Jahre 441 auch Sirmium unter die Herrschaft Bledas gelangte, ist der Zeitpunkt gegeben, nach dem sich nicht viel später Onegesius durch einen in Sirmium gefangengenommenen Baumeister im zentralen Ordu der Hunnen ein Bad bauen ließ. Wenn er solches tun konnte, muß in der Nähe auch sein Palast gestanden haben. Folglich muß Onegesius ab den 440er Jahren Großwesir Bledas, also des westlichen Flügels des Hunnenreiches gewesen sein. Daß seiner Stellung auch der Sturz Bledas keinen Abbruch tat, ist damit zu erklären, daß sein Bruder Skotta(s) der Vertraute Attilas war; wir begegnen ihm bereits in den Jahren 441 und 443 an der Seite Attilas. Onegesius ging gelegentlich des Attila-Putsches nicht

nur zum neuen Großkönig über, er behielt auch seine Macht und Würde, was für eine besondere Anpassungsfähigkeit spricht. Seine Begabung als Feldherr und Diplomat erhob ihn an die Seite der Dynastie. Denken wir nur an das Festmahl, bei dem sein Armstuhl gegenüber den beiden jüngeren Söhnen Attilas, aber an einem vornehmeren Platz, nämlich zur Rechten Attilas, stand. Die Wertschätzung seiner Fähigkeiten zeugt auch vom staatsmännischen Weitblick Attilas. Das alles wußte man natürlich auch in Kon-

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stantinopel, wo man seine Umgangsformen, seinen Verstand, seine Flexibilität und freilich auch den Umstand, daß man mit ihm griechisch verhandeln konnte, hoch einschätzte. Sie rechneten mit ihm und wollten ihn gerne für sich gewinnen. Während im Hintergrund der schmutzige Attentatsplan des Chrysaphius seinen Lauf nahm, wies der Kaiser persönlich Maximinus und Priscus an, alles zu unternehmen, um Onegesius zu umgarnen. Zu diesem Zweck sandte ihm der Kaiser eine ungewöhnliche Menge an Geschenken, vor allem Gold in einer solchen Fülle, daß Priscus bei der Übergabe von einer Schar Träger begleitet wurde. Schon daraus geht die Absicht der Bestechung klar hervor. Noch offensichtlicher wurde diese, als Onegesius, um sich für die Geschenke zu bedanken, in das Zelt des Maximinus ging und dort mit den beiden oströmischen Herren alleinblieb. Maximinus wollte Onegesius bei seiner Eitelkeit packen und schmeichelte ihm deshalb folgendermaßen: Es wäre an der Zeit, daß Onegesius bei den Men42. Goldene Ohrgehänge mit Anhängsel aus einem österreichischen und einem dagestanischen Grabfund. Untersiebenbrunn (1) und Iragi (2)

schen zu großem Ruhm und hoher Ehre gelangte. Dies könnte er erreichen, indem er zum Kaiser ginge und durch seine Weisheit in strittigen Fragen Ordnung schaffte und zwischen den Römern und den Hunnen Frieden stiftete. Seine Sendung wäre nicht allein für beide Völker von Nutzen, sie würde auch seinem eigenen Haus zahllose Wohltaten einbringen, er selbst und seine Kinder aber würden für ewige Zeiten die Freundschaft des Kaisers und seiner Familie gewinnen. Dieses durchschaubare Angebot kam dem Großwesir verdächtig vor. Er fragte daher Maximinus, mit welchen Taten er das Wohlwollen des Kaisers gewinnen sollte, und wie er sich eigentlich die persönlichen Verhandlungen mit ihm vorstellte. Maximinus erwiderte, daß Onegesius beim Betreten römischen Gebietes und im Falle des Ebnens der Schwierigkeiten die Gunst des Kaisers erfahren würde, vor allem wenn er die Verhandlungen so einleitete, daß sie die Sache des Friedens förderten. So lautete der mit Friedensphrasen gespickte, tugendhafte Text des Priscus. Aus der Antwort des Onegesius geht jedoch hervor, daß sich Maximinus noch viel weiter vorgewagt hate. Onegesius erwiderte nämlich, daß er dem Kaiser und seinen Ratgebern nur das sagen könnte, was Attila wünschte. „Oder glauben die Römer ernsthaft, daß sie mich dazu bewegen könnten, meinen Herrn zu verraten, meine unter den Skythen verbrachte Jugend zu verleugnen, meine Frauen und Kinder zu vergessen? Glauben sie wirklich, daß die Abhängigkeit von Attila für mich nicht günstiger ist als der Reichtum unter den Römern?" Diesem einmaligen Zeugnis barbarischen Selbstbewußtseins fügte Onegesius noch versöhnlich hinzu: Es wäre auch für die Römer um vieles nutzbringender, wenn er hier in seinem Lande bliebe. Hier könnte er nämlich seinen Herrn mäßigen, falls sich dieser wegen irgendetwas über die Römer empörte. Wenn er hingegen zu ihnen ginge, wäre er dem Verdacht ausgesetzt, die Sache Attilas zu verraten. Onegesius half tatsächlich. Einem Talleyrand gleich begann er zu erkennen, wohin die sanguinischen Ausbrüche seines Herrn führten. Zum Verräter wurde er jedoch nicht, denn Attilas Sache war für ihn gleichbedeutend mit der Sache der Hunnen. Offenbar war er es, der Attila den Rat gab, sich nicht in einen Zweifrontenkrieg zu

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76.

76. Hunnischer Gräberschmuck des gemeinen Volkes, Tamási-Adorjánpuszta

verwickeln, teilte er doch den oströmischen Gesandten die Entscheidung seines Herrn mit, mit vornehmen Beauftragten im Range von Konsuln verhandeln zu wollen. Seine sprachliche und diplomatische Gewandtheit spielte später wahrscheinlich eine bedeutende Rolle dabei, daß die Verhandlungen mit Anatolius und Nomus tatsächlich zu einem Erfolg führten. Inzwischen wurde er jedoch keinen Augenblick wankend. Er wies das Angebot des Priscus (in Wirklichkeil

das des Kaisers) kategorisch zurück, wegen der Einladung der beiden Senatoren selbst nach Konstantinopel zu kommen. Die Verhandlungen würden hunnischerseits Orestes und Esla initiieren. Onegesius war offensichtlich Vermittler zwischen Attila und dessen ältestem Sohn, dem Thronfolger Ellak. Im Frühjahr 449 setzte er diesen als König der Akat(z)iren ein, ließ ihn jedoch nicht dort, sondern brachte ihn unter dem Vorwand eines gebrochenen Armes in die Residenz des Hunnenreiches zurück. So saßen sie nicht nur während des mehrmals erwähnten

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77/1.

77/1. Bronzeschnallen mit Vogelkopf von der hunnen- sche Widergabe einer Hunigis[ios] lautenden zeitlichen Kleidung des gemeinen Volkes, Mözs- Originalform sein; siehe Onoulf = Hunwalf. Palánk Wir haben jedoch keinen Grund zu der Annah-

Festmahls nebeneinander, sondern auch im entscheidenden Augenblick, beim Tode Attilas, befand sich der Prinz im Ordu und konnte so, vermutlich mit der Unterstützung des Onegesius, die Macht übernehmen. Onegesius diente also aus Überzeugung dem Hunnischen Reich, und wir müssen uns im klaren sein, daß er wohl nicht der einzige war, der so handelte und fühlte. Namentlich begegnen wir Onegesius zuletzt in Gallien am Rhein, das ist der einzige Fall, daß sein Name in einer weströmischen lateinischen Quelle vorkommt. Der Biograph des Bischofs Lupus von Tricassis erwähnt ihn unter dem Namen Hunigasius als Attilas „Dolmetscher", offenbar weil er die Worte Attilas dem Bischof ins Lateinische übersetzt hat. Die Schreibart von Priscus konnte doch die zeitgenössische griechi-

me, daß diese Namensform der tatsächlichen eher entsprach als jene, die uns Priscus als Gast am Tische des Onegesius überliefert hat. Orestes

Es ist uns nicht bekannt, aus welcher spätantiken Gesellschaftsschicht Onegesius und Skotta(s) stammten, doch gehen wir kaum fehl, sie in einem der das „Reich erhaltenden" Stände zu suchen. Nach dem „intellektuellen" Eudoxius und dem „bürgerlichen" Kaufmann aus Viminacium wenden wir uns nun einem echten „Aristokraten" - „einem sehr klugen Menschen" (Prokopios) - zu, der sich in den Dienst der hunnischen Sache stellte und unerschütterlich an ihrer Seite ausharrte.

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Orestes aus Savia (und sein jüngerer Bruder Paulus, der am Hofe Attilas noch keine Rolle spielte) entstammte der provinzialert Gutsbesitzerschicht. Die Familie kam, dem Namen des Vaters Tatulus nach zu schließen, aus Noricum mediterraneum. Die junge Frau des Orestes stammte auch aus Poetovio, das damals zu Norikum gehörte, aus einer nicht minder vornehmen Familie. Ihr Vater, Romulus comes, war nach Priscus ein erfahrener Diplomat. Das Gut des Tatulus lag irgendwo an der Grenze von Savia und Norikum. Die Besitzer wurden sich im Jahre 445 oder 446 eines Tages bewußt, daß sie dank dem italischen Regime zu Untertanen Attilas geworden waren. Es widerfuhr ihnen nichts Böses, sie wurden weder von ihrem Gut vertrieben noch von den jenseits der Grenze wohnenden Familienmitgliedern abgeschnitten. Wir wissen nicht, ob sich Orestes, der gebildete, gut griechisch sprechende ältere Sohn, Attila freiwillig oder auf Befehl anschloß; das ist auch nicht wichtig. Die Familie erachtete die Lage Attilas für stabil; Priscus legte einen Kommentar in den Mund des Schwiegervaters Romulus darüber, welch unerhörtes Glück Attila gehabt habe, durch dieses sei seine Macht so gewaltig geworden, wie dies vor ihm keinem einzigen skythischen oder anderen Herrscher innerhalb so kurzer Zeit gelungen war. Attila herrschte bereits über ganz Skythien und zwang die Römer zur Entrichtung eines Tributs. Jetzt zerbreche er sich gerade darüber den Kopf, sein Reich auszudehnen, deshalb rüste er gegen die Perser. Und sobald er auch die Perser besiegt habe - dies fügte bereits sein pannonischer Gesprächspartner Constantiolus hinzu -, werde er sich nicht mehr mit dem Titel magister militum (bei Priscus: strategos) begnügen, sondern für sich einen dem Kaiser gleichen Rang fordern. „Wenn er zornig ist, pflegt er jetzt schon zu sagen, beim Kaiser seien auch die Feldherren Diener, während seine eigenen Hauptleute dem Kaiser der Römer ebenbürtig sind!" Orestes begegnen wir zum ersten Mal im Sommer 449 in Konstantinopel, wo er zusammen mit dem Skiren Edika als Gesandter weilte. Es ist sehr beachtenswert, daß der intelligente und gebildete Kaiser Theodosius ebensowenig versuchte, den geborenen römischen Aristokraten zu umgarnen, wie der mit allen Wassern gewaschene Eunuch und Hauptminister Chrysaphius. Beide konzentrierten ihre Überredungs-

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77/2. Bronzeschnalle mit Vogelkopf. Mözs-Palánk

78. s. Farbtafel XXIV und Bestechungskünste mit vollem Erfolg auf Edika. Sie begingen jedoch einen Fehler, den sie einfach begehen mußten: Sie verhandelten mit Edika im geheimen, hinter dem Rücken des Orestes. Als sie meinten, Edika sei zum Anschlag auf Attila bereit, machten sie einen Fehler nach dem anderen. Die Honoratioren des kaiserlichen Hofes luden Edika fast ostentativ der Reihe nach zum Abendessen ein und überhäuften ihn mit Geschenken. Orestes hätte blind sein müssen, hätte er die Absicht nicht durchschaut. Dieser Fehlgriff seiner Herren unterlief hingegen Maximinus mit seinen guten Manieren nicht. Er lud in Serdica zusammen mit Edika auch Orestes zum Mahl ein und beschenkte anschließend beide mit Seidengewändern und indischen Edelstei-

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43. Ein vorhunnenzeitlicher Innerasiatischer Grabfund zeigt gut die fast vollständige Ausrüstung der späteren Hunnen. Kokel

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nen. Orestes wartete den Fortgang Edikas ab. rief Maximinus zur Seite und lobte ihn dafür, „daß er nicht den gleichen Fehler begangen habe, den die Höflinge des kaiserlichen Palastes begangen hatten". Maximinus und Priscus begriffen die Worte des Orestes nicht, sie glaubten, er sei gekränkt, weil ihn die kaiserlichen Ratgeber bei den Einladungen und der Verteilung der Geschenke übergangen hatten. Orestes war jedoch keineswegs gekränkt, mit seinen rätselhaften Worten wollte er Maximinus nur auf feine Art zu verstehen geben, daß er die Absicht durchschaut hatte, aber auch von dessen Un79. Schwert- oder Zaumzeugbeschläge aus SzegedNagyszéksós

schuld wußte. Maximinus, von dem wir bereits erwähnten, daß er in den Attentatsplan des Chrysaphius nicht eingeweiht gewesen war, mißverstand Orestes und bat tags darauf Vigila um eine Erklärung. Der selbstgefällige Gote gab der Angelegenheil endgültig eine falsche Deutung. Er nahm an, Orestes sei bei Attila bloß Diener und Sekretär, Edika hingegen Feldherr und hoher Würdenträger, der weit über Orestes stand; sollte er also ruhig lamentieren! Obendrein gab Vigila die ganze Geschichte in gotischer Sprache an Edika weiter und verstand nicht, warum dieser plötzlich so zornig wurde. Edika wußte wohl, daß er nicht über Orestes stand und daß in Attilas Augen beide gleichrangig waren. Durch die Worte Vigilas wurde ihm

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plötzlich klar, daß Orestes ihn durchschaut hatte und dahintergekommen war. daß ihn die Oströmer mit Erfolg umgarnt halten. Von diesem Augenblick an war Edika in den Händen des Orestes, der Attila melden konnte, daß Edika unter seiner (Orestes') Umgehung insgeheim mit dem Kaiser und dessen Minister verhandelt hatte. Und diese Anschuldigung konnte er auch durch die zu Edikas Ehren veranstalteten Gelage und die Geschenke beweisen. Aus Angst war er nun gezwungen, den Attentatsplan von Chrysaphius und Vigila vor Attila aufzudecken, obwohl diesen in Wirklichkeit Orestes vereitelt hatte! Erst als die Oströmer hunnisches Gebiet betraten, stellte sich heraus, daß Orestes zu den Würdenträgern des Reiches gehörte. Mit der Gesandtschaft unter der Leitung des Maximinus verhandelten in Attilas Namen zuerst Scotta(s) und Orestes. Dessen Vater und Schwiegervater waren gerade zur Residenz Attilas unterwegs, um Orestes und seine Frau zu besuchen, die das allerhöchste Vertrauen genossen. Zu dem be80. Riemenzungen mit Zikadenflügeln, SzegedNagyszéksós

rühmten Mahl ließ Orestes die oströmische Gesandtschaft durch seinen Vater einladen, so, als ob er den zwischen ihnen bestehenden Rangunlerschied demonstrieren wollte. Für die Aufdeckung des Attentatsplanes des Chrysaphius wurde Orestes von Attila selbst ausgezeichnet. Nach dem Geständnis Vigilas führte Orestes die Genugtuung fordernde Gesandtschaft nach Konstantinopel an. Er erschien mit Vigilas leerem Geldsack vor dem Kaiser, Esla begleitete die Szene durch das Aufsagen eines einstudierten Textes. Wir wissen nicht, ob Orestes am gallischen Feldzug teilgenommen hat. Bekannt ist hingegen, daß 452 „der pannonische Orestes, als Attila nach Italien kam, sich ihm angeschlossen hat und sein Sekretär (notarius) war". Mit einem Wort, er schreckte nicht vor einem Feldzug gegen Italien zurück. Nach dem Tod Attilas zog sich Orestes offenbar auf seine Besitzung zurück. Möglicherweise mußte er sich in den folgenden Jahren sogar verborgen halten, weil er zur Zeit des Valentinianus III., des Aetius, des von einem gallischen Senator zum Kaiser gewordenen Avitus und des von einem einstigen Offizier des Aetius zum weströmischen Kaiser aufgestiegenen Maiorianus höchstwahrscheinlich als „Verräter" galt. Nach 461 aber herrschte über dem, was vom Weströmischen Reich übriggeblieben war, ein an die Politik seiner Vorgänger nicht mehr gebundener italischer Kaiser und anschließend ein barbarischer Militärkommandant. Für sie war Orestes kein Verbrecher mehr, so daß seiner politischen und militärischen Karriere in Italien kein Hindernis mehr im Wege stand. Es ist kaum Zufall, daß er gerade während des gegenseitigen Kampfes des von Konstantinopel Italien aufgezwungenen Kaisers oströmischer Herkunft, Anthemius, und dessen Gegenspielers Olybrius, in seiner Laufbahn immer höher stieg. Als lachender Dritter erlangte er den höchsten militärischen Rang (472). Um die Macht wirklich in die Hand nehmen zu können, mußte er erst seinen Rivalen, den südgallischen Patrizier Ecdicius, stürzen. Ecdicius war der Sohn von Eparchius Avitus. dem agilsten Gegner Attilas im Jahre 451, Hauptorganisator des römisch-barbarischen Widerstandes in Gallien. Avitus war 455 von den römischen und wisigotischen Kräften Galliens zum weströmischen Kaiser proklamiert worden, und seine wisigotischen Truppen er-

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44. Grab eines hunnenzeitlichen Kriegers mit zerbrochenem Bogen aus Kysylkajnartöbe

oberten Ende 455 vorübergehend einen Teil des hunnischen Pannonien zurück. Infolgedessen waren Avitus und sein Sohn sowie Orestes und seine Familie Feinde. Bei der Entstehung der sich in den 470er Jahren immer mehr aufeinander stützenden oströmisch-gallisch-römischen „Achse" war Ecdicius zuerst Patrizier des An-

themius oströmischer Herkunft, dann zu Beginn der Herrschaft von Iulius Nepos (Herbst 474) der Oberbefehlshaber all jener Militäreinheiten, die vom Weströmischen Reich verblieben waren. Nachdem Orestes mit Hilfe der donaugermanischen Truppen, einst Vasallen der Hunnen, Ecdicius entfernt hatte, vertrieb er. der Oberbefehlshaber und Patrizier der weströmischen Armee, Ende August 475 die letzte oströmische Kreatur, Iulius Nepos. Doch nicht er selbst be-

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45. Mit gespanntem Bogen bestatteter hunnischer oder orientalischer Krieger der Hunnenzeit aus Žamantogaj Korymy

zwanzig Jahre alt war und am Hofe Attilas erzogen worden war. Die beiden fränkischen Herzöge

stieg den Thron, sondern sein Sohn Romulus, der den Namen des Großvaters aus Poetovio trug, wurde letzter weströmischer Kaiser. Das Römertum des einstigen Sekretärs Attilas getraute sich zu jener Zeit in Italien wohl kaum jemand anzuzweifeln, obwohl Orestes seinen konstanlinopel- und gallienfeindlichen Grundsätzen, die er am Hofe seines barbarischen Herrn vertreten hatte, treu blieb. Nur der ältere Sohn seines einstigen barbarischen Rivalen Edika brachte dieser Einstellung keinerlei Achtung entgegen; er forderte für seine Soldaten, die Orestes zur Macht verholfen hatten, Geld und Land und für sich selbst die Macht. Es war dies kein anderer als Odoaker. der zu der Zeit, als Orestes im Dienst der Hunnen stand, etwas über

Der italische Chronist übertrieb vermutlich, als er für das Jahr 451 schrieb, Attila hätte viele tausend Mann in den Krieg „gezwungen". Die verbündeten antirömischen Armeen wurden tatsächlich auf Befehl Attilas einberufen und in Marsch gesetzt, doch ist es mehr als unwahrscheinlich, daß man irgendeines der Völker zur Teilnahme an den Feldzügen gegen Gallien und Italien hätte zwingen müssen. Zu einer Zeit, als Attila überhaupt noch nicht geboren bzw. noch ein kleines Kind war, überfluteten die Heere der Wisigoten, Wandalen, Sweben und Alanen beide Teile des Reiches - zwar aus Angst vor den Hunnen, aber ohne von ihnen verfolgt zu werden - und eigneten sich weite Gebiete Afrikas, Hispaniens und Galliens an. Die Hunnen hatten mit der gewaltsam durchgeführten Ansiedlung 81. Goldschmuck, in den Zellen Steineinlagen, Szegedfränkischer und burgundischer Gruppen westNagyszéksós

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81.

82.

82. Trensenzierbeschlag, stark vergrößert, SzegedNagyszéksós

lich des Rheins überhaupt nichts zu tun. Wie wir bereits gesehen haben, versuchte sie Aetius zur Zeit Rugas und Bledas geradezu mit hunnischen Waffen zu vertreiben und zu maßregeln - mit mehr oder weniger Erfolg. Bis zur Zeit Attilas stützten sich die Hunnen gar nicht oder nur gelegentlich auf die Kräfte besiegter barbarischer Völker, der Feldzug „der verbündeten Völker" war eine Neuerung Attilas. Es ist jedoch wenig glaubhaft, daß diese kampflüsternen und beutegierigen Völker nicht gerne gegen Konstantinopel, Aureliani oder Mediolanum gezogen wären. Man kann sich auch nur schwer vorstellen, womit Attila beispielsweise die Thüringer zu einem Kriegszug gegen Gallien hätte zwingen können; es war sicher ein leichtes, sie dazu zu überreden. Offen bleibt hingegen, ob sich der Großkönig nur die Beutegier dieser Völker zunutze machte oder ob auch andere Beweggründe in Frage kommen könnten. Doch sei sofort festgestellt, daß mit Ausnahme der Thüringer alle Völker und Volksteile, die zur Zeit Attilas im Bündnis mit den Hunnen das Reich von außen angegriffen haben, zwei Jahrzehnte später im Inneren des Reiches anzutreffen sind (Ostrogoten, Skiren. Sweben, Gruppen der Heruler), noch später auch Überreste der Rugier und Heruler, und zwischen 473 und 504 sowie 536 und 551 besetzen auch die Gepiden beträchtliche Teile der

oströmischen Grenzgebiete. Ganz davon abgesehen, daß der Zug der germanischen Stämme und Völker nach Süden sogar ein Jahrhundert nach dem Zerfall des Hunnenreiches noch nicht aufgehört hat. genügt es, auf die über Pannonien nach Italien ziehenden Langobarden und Sachsen zu verweisen. Es ist bekannt, daß die Franken erst in den Jahrzehnten nach dem Zerfall des Hunnenreiches ihre Herrschaft nach Gallien ausdehnten, zur selben Zeit erfolgte die angelsächsische Invasion Britanniens. Die Allgemeingeschichte macht gerne die Hunnen und vor allem Attila für Geschehnisse verantwortlich, die auch ohne sie passierten, ja die gerade die typisch hunnische Grenzschutzorganisation bis zum Tode Attilas und bis zur Auflösung des Hunnenreiches verhinderte: Zwischen 408 und 456 vermochte sich kein einziges ostgermanisches Volk dem hunnischen Bündnis zu entziehen und auf römischem Gebiet anzusiedeln. Was den gallischen Feldzug Attilas betrifft, lassen die oströmischen und ostrogotischen Geschichtsschreiber vermuten, der stets dämonisch dargestellte Wandalenkönig Geiserich hätte seine Hand und sein Gold mit im Spiel gehabt wahrscheinlich aber völlig grundlos. Attila wurde durch seine eigene Politik in den Krieg getrieben. Doch wie verhielten sich zu alledem die daran Beteiligten? Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten, weil, abgesehen von Priscus, alle zeitgenössischen Quellen und auch die des späteren Frühmittelalters den Hunnen gegenüber feindlich eingestellt waren, infolgedessen auch die Mehrzahl der modernen Kommentare. Dabei sind die Widersprüche bisweilen sehr kraß. Der Chronist der Ostrogoten beklagt sich dem Schein nach hundert Jahre nach dem Sturz der Hunnen, in welch mörderischen „Bruderkampf" Attila die beiden gotischen Völker getrieben hatte. Gleichzeitig bewahrt er mit brennender Sorge und unbändigem Stolz den Namen und Ruhm des Andag(is), Sohn des Andela aus dem ostrogotischen Geschlecht der Amaler, der in der Schlacht bei Mauriacum den vom Pferd stürzenden König der Wisigoten, Theoderich I., mit dem Speer niedergestochen hat. Auch beim Erzählen vom Heldentod Ellaks, des Sohnes Attilas, fällt er aus der Rolle; die Ostrogoten waren damals noch die Verbündeten Ellaks. Aus den auf Priscus zurückgehenden Stellen der gotischen Chronik scheint es auch zweifelhaft, ob

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Attila überhaupt wegen der Wisigoten nach Gallien gezogen ist, zwischen den beiden Völkern kann es keinen ernsten Grund zur Auseinandersetzung gegeben haben. Angeblich ersuchte Atti46. Funde aus dem Grab eines Militärführers. Fedorovka

la in einem Brief Theoderich bloß, sich vom Bündnis mit den Römern loszusagen und erinnerte an den von den Römern, nämlich von Litorius, dem Feldherrn des Aetius, erst kürzlich gegen die Wisigoten geführten Krieg. Theoderich war sich indessen bewußt, daß er - ob er

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47.-48. Funde von Pécs-Üszögpuszta zur Zeit der Freilegung: Langschwert mit Parierstange und Scheidenbeschlägen, Beschlagbleche ron Bögen und

Köchern, Pfeilspitzen, Sattelbeschläge, Zierbeschläge einer Kopfbedeckung oder eines Köchers

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wollte oder nicht - zur Verteidigung seines Landes gezwungen sein würde. Deshalb brach er vor den um Hilfe bittenden Gesandten des Valentinianus III. voller Bitterkeit aus: „Römer, euer Wunsch hat sich erfüllt, ihr habt Attila auch zu
49. Die östlichen Vorläufer der hunnischen Trensen mit Seitenstange im Unigebiet. Mertwje Soli

unserem Feind gemacht!" Es war also keineswegs Begeisterung, was Theoderich zum Verteidiger Galliens und der „römischen Sache" machte, sondern einfach notwendige Selbstverteidigung. Auch andere gallische Verbündete der Römer zeigten wenig Lust, für den Schutz der senatorischen Güter und der Bischofsstädte zu kämpfen.

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83. Beschläge mit Zellenornamenuk aus Szeged-Nagyszéksós

Sangiban, König der nördlich der Loire stationierten Alanen, ließ Attila angeblich ausrichten, er würde zu ihm übergehen und ihm die Stadt Aureliani in die Hände spielen. War das wirklich geschehen, wäre das der Grund, warum Attila nach dieser Stadt eilte. Doch üblicherweise vergißt man zu fragen, was denn Sangiban und seine Alanen - zumindest anfangs auf die andere Seite gelockt hatte. Die Ostrogoten und Wisigoten lebten seit dem

3. Jahrhundert getrennt. Von einem „Bruderzwist" zu sprechen, dramatisiert bloß die Tatsache, daß sich beide Völker zur Zeit Attilas feindlich gegenüberstanden. Viel abstechender ist das Verhalten der Burgunder und Franken, die auf beiden Seiten kämpften. Gerade die außerhalb des Reiches lebenden Burgunder hätten seil dem Feldzug Uptars Zeit gehabt, sich eine schlechte Meinung über die Hunnen zu bilden ... Die Verteilung der Franken auf beide Seiten ist so verblüffend, daß sogar die hervorragendsten modernen Historiker darüber mit halben Sätzen hinweggehen, während die Anhänger der ,,gallo-

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50. Goldblecbverkleidung des oberen Bogenendes aus Bátaszék

römischen" Richtung sie gefälscht interpretieren. Unsere Hauptquelle ist auch in diesem Fall Priscus: „Für den Feldzug gegen die Franken dienten Attila der Tod ihres Königs und der sich daraus ergebene Zwist seiner beiden Söhne um die Macht als Vorwand. Der ältere Sohn trachtete, Attila als Bundesgenossen zu gewinnen, der jüngere hingegen Aetius. Ich sah diesen Knaben, als ich Gesandter in Rom war: ein junges Bürschchen, auf dessen Kinn noch kein Bartflaum zu sehen war, sein langes, blondes Haar fiel auf seine Schultern herab. Aetius nahm ihn an Kindes Statt an und beschenkte ihn, wie auch der Kaiser, reichlich. Bevor er ihn entließ, schloß er Freundschaft und ein Bündnis mit ihm." So weit der Bericht vom Herbst 450, der einen riesigen Schönheitsfehler besitzt: Priscus hat die Namen des verstorbenen Königs und seiner beiden Söhne nicht niedergeschrieben und bietet damit die Möglichkeit für endloses Rätselraten. Im übrigen ist der Bericht klar und eindeutig. Offenbar lehnte sich der jüngere Bruder, vermutlich auf Zureden des Aetius, gegen den älteren und demnach zweifellos legitimen Nachfolger auf. Nicht der ältere ist geflohen, sondern der jüngere, der ältere blieb an der Spitze seines Volkes daheim. Der junge Herzog wurde in Rom gegen seinen Bruder aufgehetzt, der sich aus Überzeugung oder gezwungenermaßen an Attila um Hilfe wandte. (Die Quellen werden nur von wenigen objektiv angeführt. Es gibt auch eine moderne historische Arbeit, die den Fall umgekehrt interpretiert. Danach wäre der „treue und rechtmäßige" Sohn daheim geblieben und der „Verräter" zu Attila geflohen. Andere wiederum bezeichnen die Franken des älteren Bruders als Rebellenclan, und wir werden gleich sehen, warum ...) Die Geschichtsschreibung versucht seit Jahrhunderten verzweifelt, den in Rom eine Rolle spielenden Herzog, der als loyaler Verbündeter des Reiches an der Seite des Aetius gegen Attila kämpfte, mit Merowech, dem namengebenden Ahnen der Merowinger, zu identifizieren. Könnte man sich den Ahnen der heiligen MerowingerDynastie an einem anderen Ort und auf einer anderen Seile vorstellen? Wir sind es gezwungen zu tun. Der kleine blonde Herzog, der in Rom gesehen worden ist, verschwindet nämlich; man hört nie mehr wieder etwas über ihn. Aus der einzigen zeitgenössischen westlichen Quelle, die

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über die Taten der loyalen Franken im Jahre 451 kurz und prägnant berichtet, geht klar hervor, daß die Hilfstruppen der mit den Römern verbündeten Franken von Heerführern (duces) befehligt worden sind, da die romfreundlichen Rheinfranken gerade keinen König gehabt haben; weder einen alten König (der gestorben war) noch einen kleinen, jungen. Trotz dieser Tatsachen setzen sich seriöse Forscher auch neuerdings mit abenteuerlichen Lösungsvorschlägen für den „Ruhm" der Merowinger ein Demnach wäre Merowech in der Schlacht von Mauriacum bei der Verteidigung des Vaterlan84. Goldschnallen aus Szeged-Nagyszéksós

des gefallen, die Begegnung des Priscus mit dem „verwaisten" kleinen Herzog in Rom im Herbst des Jahres 450 datiert man hingegen um ein Jahr später. Jedoch ist dies nicht möglich. Es ist allgemein bekannt, daß die fast dreihundert Jahre lang regierende Dynastie der Merowinger von Chlodowech/Clovis, dem siegreichen Bezwinger Galliens, gegründet wurde. Seinen Vater, den Ende 481 oder Anfang 482 verstorbenen Childerich I., kennen wir ebensogut wie seine Mutter, die thüringische Prinzessin Basina. Merowech kann also nur ein Ahne des Chlodowech und Childerich sein Großvater oder Vater gewesen sein, sonst hätte sich die Dynastie nicht nach ihm benannt. Von Childe-

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84.

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85.

51. Funde aus einem Männergrab ton Kertsch-Glinischtsche

rich I. ist uns bekannt, daß er frühestens nach 458, mit Sicherheit aber erst ab 463 mit seinen fränkischen Kriegern in Gallien erschienen ist, und zwar an der Seite des „Königs der Römer". Aegidius, im Kampf gegen die Wisigoten! Wo sich Childerich vorher aufgehalten hat. davon berichten die unklaren, aber doch eindeutigen Angaben der fränkischen Chroniken. Die sogenannte Fredegar-Chronik will wissen, daß sich die Gattin Merowechs - wohl offensichtlich seine Witwe - und sein Sohn Childerich in „hunnischer Gefangenschaft" befunden haben. Sie schweigt sich jedoch darüber aus. wie die beiden dorthin gekommen und wann sie zurückgekehrt sind. Gregor von Tours berichtet hingegen trotz aller Beschönigungen doch das Wesentliche. Jener Childerich, „der über das fränkische Volk herrschte", floh auf einmal nach Thüringen und hielt sich dort bei König Bysin acht Jahre lang verborgen. Nachdem er aus Thüringen zurückgekehrt war, gelang es ihm, sein Königreich „wiederherzustellen". Aus Thüringen brachte er seine Gattin, Basina, die Mutter des Chlodowech/Clovis, mit. Wenn wir von der naiven, ja einfältigen Erklärung des Bischofs Gregor absehen, warum Childerich nach Thüringen fliehen mußte (als junger König stellte er den Mädchen zuviel nach, deshalb vertrieben ihn seine sittenstrengen fränkischen Untertanen), und auch die schöne Geschichte seiner Rückkehr außer acht lassen, bleibt die nackte Tatsache: Merowechs Sohn Childerich war König der Franken, war jedoch zur Zeit der Hunnen gezwungen, zusammen mit seiner Mutter zu fliehen. Er erhielt bei den mit den Hunnen verbündeten Thüringern, die im gallischen Feldzug auf hunnischer Seite gekämpft hatten, Zuflucht und hielt sich so lange bei ihnen verborgen, bis eine Ruckkehr möglich war. Dazu bot sich zum ersten Mal nach dem Sturz des gallischen Kaisers Eparchius Avitus (17. Oktober 456) Gelegenheit, doch scheint es wahrscheinlicher, daß die Rückkehr erst nach dem Fortgang nach Italien (457) oder dem Sturz des einstigen gallischen Waffenbruders von Aetius, des Kaisers Maiorianus (2. August 461) erfolgte, also zu einer Zeit, als sich die in die Selbstverteidigung gedrängten Römer Nordgalliens endgültig von der weströmischen Zentralmacht getrennt haben. Childerichs thüringisches Abenteuer halten

85. Vergrößerung einer Goldschnalle, SzegedNagyszéksós

die meisten Historiker für ein romantisches Märchen, in seinen Einzelheiten stimmt das auch. Man kann sich allerdings schwerlich vorstellen, daß die Witwe Chlodowechs/Clovis', die langlebige Chlotilda (+555), und von ihren Söhnen die Könige Chlotachar I (+56l) und Childebert I. (+558) - alles Zeitgenossen des 538 geborenen Gregorius Turonensis - nicht wußten, wer ihre Schwiegermutter und Großmutter war: Basina stammte aller Wahrscheinlichkeit nach aus der Thoring-Dynastie. Das Ergebnis ist einfach und eindeutig. Childerich, der ältere und legitime Sohn Merowechs. war König der Rheinfranken und wurde infolge des Aulslandes seines jüngeren Bruders unbekannten Namens oder aus eigenem Entschluß Verbündeter Attilas und kämpfte in der Schlacht bei Mauriacum zusammen mit den Franken des rechten Rheintales an der Seite Attilas gegen die Wisigoten. 127

86.

86. Goldene Riemenzunge mit Zellenornamentik, Szeged-Nagyszéksós

Für die Frage, ob sich Childerich freiwillig oder aber unter Zwang auf die Seite Attilas stell­ te, mag als einmalige und unparteiische Zeugen­ aussage das am 27. Mai 1653 auf der SaintBrice-Terrasse in Tournai (Doornik) gefundene, leider zerstörte Grab des Königs gelten. Über die Person des Bestatteten und dessen Rang gab es keinen Augenblick einen Zweifel. Der Siegel­ ring mit der Inschrift CHILDIRICI REGIS und in dessen Mitte mit dem Brustbild des langhaari­ gen Königs mit der Lanze als Herrscherinsignie, das beim Kopf des Toten befindliche fränkische Wurfbeil (francisca) und die neben den Sarg gelegte fränkische Lanze bestätigen sowohl die Herkunft des Toten wie auch dessen Identität. Ein von den Römern übernommener Toten­

brauch waren die Silber- und Goldmünzen in einem Beutel, die ein kleines Vermögen darstell­ ten. Von den Goldmünzen würden die Solidi des Basiliscus (475-476) und des Zeno (476-491 zum zweiten Mal Kaiser) vermutlich auch dann auf die Person des Childerich verweisen, wenn der Siegelring mit der Inschrift dem König nicht mit ins Grab gegeben worden wäre. Diese Gewißheit über seine Identität halte der 481 oder Anfang 482 verstorbene und in seiner früheren Residenz Turnacum begrabene Childe­ rich nur allzu nötig, wirken doch die anderen Beigaben für das Gebiet südlich des Rheins viel­ leicht noch fremdartiger als die Grabfunde von Pouan. Das Grab könnte man ohne sonderliche Schwierigkeit auf die Begräbnisstätte der Gepidenkönige, der Ardarikingen in Apahida, über­ tragen, sind doch fast sämtliche Goldbeigaben mit den Waffen und Trachtbestandteilen der Königs- und Fürstengräber der Donaugermanen verwandt (Apahida I—III, Blučina. Komárom-Ószőny, Schatz von Someşeni/Szamosfalva). An hunnischem „Erbe" übertrifft das Childerich-Grab sogar die Königsgräber der Gepi­ den, die sich im Reichtum und im Land der Hunnen teilten. Der im Grab gefundene Pferdeschädel (wie auch Bein und Huf?) bilden die Überreste des von den orientalischen Völkern übernomme­ nen Pferdeopfers; und auch das Pferdegeschirr (von dem das Fragment einer edelsteinverzierten Trense und eine - oder mehrere? - Riemenzun­ ge(n) mit Schuppenzellenwerk bekannt sind) ist orientalischen, hunnischen Ursprungs. Die Pa­ rallelen zu der Goldzellenverzierung der im Grab zerfallenen Bernstein- oder Kalksteinscheibe, die einst vom Schwert herunterhing, lassen sich bis nach Mittelasien verfolgen. Von ebenfalls östlichen, hunnischen Einflüssen zeu­ gen der mit zellenverzierten Goldzikaden verse­ hene Mantel (?) und die auf „Apahidaer Art" mit Zellen verzierten Taschen verschlüsse, deren beide Enden - als erstes Vorkommen im Westen -in Form von Raubvogelköpfen gearbeitet sind. Schließlich vertritt ein Teil der Goldschnallen mit dickem ovalem Ring, zellenverziertem run­ dem bzw. quadratischem Beschlag und zellenverziertem Dorn - offensichtlich Schwertriemen-, Gürtel- und besonders Stiefelriemenschnallen einen Typ aus der Hunnenzeit. Sie gehörten dem
52. Funde von Nowogrigorewka

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König und eventuell der Königin Basina - im Grab sind nämlich ein größerer und ein kleinerer Schädel gefunden worden; einige Schmuckstükke wie z. B. eine Kristallkugel, der kleine Goldarmreif, die Goldnadel sowie eine der beiden unterschiedlichen Serien von kleineren bzw. größeren Zikaden weisen möglicherweise auf eine Frau hin. Der andere Teil der Goldschnallen, vor allem die größeren, reicher verzierten Stükke, ähnelt den edelsteinbelegten Schnallen der thüringischen und alamannischen Fürsten sowie der Gepidenkönige aus der gleichen Zeit. Ein schmuckvolleres, größeres Pendent der antiken Goldfibel mit Zwiebelknopf von Childerich ist im Königsgrab I von Apahida gefunden worden, und die Stierkopfverzierung aus dem ChilderichGrab ist ebenfalls mit den gepidischen Stierkopfringen und den stierkopfverzierten Fibeln verwandt. Tracht und Rüstung des Königs Childerich zeigen den orientalischen Prunk der Auserlesenen des Hunnenreiches und seiner Vasallenkönige. Ein Teil der Waffen und Schmuckstücke war vermutlich ein persönliches Geschenk Attilas, anderes stammte vielleicht von König Bysin, wieder andere sind natürlich gallisch-fränkische Erzeugnisse. Worin die Bestattung von der der hunnischen Großen abweicht, ist sie mit jenen Ardarichs, des einstigen Lieblings Attilas, und seiner Nachkommen verwandt. Es sind hier wie dort Insignien der damals allgemein und auch von den Römern anerkannten Würde (römische Goldfibeln) und der Souveränität (beschriftete Goldringe und Fingerringe ohne Namen). Childerich wird von der Geschichtsschreibung unserer Tage schlecht bewertet. Als Hauptverdienst läßt sie gellen, daß er der Vater des Chlodowech war - wenn man diesen heidnischen Kondottiere überhaupt erwähnt. Wie anders sah ihn das Jahrhundert, in dem sein Grab freigelegt wurde! Die Reliquien von Tournai wurden 1656 nach Wien gebracht und ab 1662 in der kaiserlichen Schatzkammer verwahrt. Doch sollten sie dort nicht lange bleiben. Im Jahre 1664, nach der Schlacht bei St. Gotthard an der Raab, verlangte der französische Gesandte in Wien im Namen Ludwigs XIV. als Entgelt für die tatkräftige französische Hilfe von Kaiser Leopold I. „den Grabschatz von Merowechs Sohn" und erhielt
53. Hunnisches Prunkschwert, Schnallen und Riemenzungen aus Jakuszowice

87.

87. Vogelkopfförmiges Zierstück, Szeged-Nagyszéksós

ihn auch. Childerich wurde noch lange so genannt, erst im vorigen Jahrhundert wurde er zum „Vater des Clovis". Das „römische" Heer des Aetius, die südgallischen Wisigoten und die romfreundlichen Franken verteidiglen von vornherein Unterschiedliches und vermochten sich gegenseitig nicht genug zu verdächtigen. Aetius stellte daher seine Schlachtordnung in erster Linie nach dem Gesichtspunkt her, wie er ein Auseinanderlaufen seiner Verbündeten verhindern könnte. Es ist also kein Zufall, wenn Jordanes, Priscus folgend, vor der Schlacht bei Mauriacum Attila folgende Worte in den Mund legte: „Verachtet das vereinte Gesindel unterschiedlicher Herkunft, es ist ein Zeichen der Angst, wenn sich jemand von seinen Verbündeten verteidigen läßt." Das gleiche läßt er auch den Kaufmann von Viminacium sagen. Noch sonderbarer ist, daß die Quelle gerade Attila seine Gegner als kunterbunten Haufen bezeichnen läßt. Meinte der Verfasser, die Streitmacht Attilas sei einheitlicher gewesen ? Vermutlich ja. und er wird schon gewußt haben, warum . Wir sind nicht und können auch nicht darüber im klaren sein, wie die in Gallien und dann in Italien aufeinanderstoßenden „barbarischen" und „römischen" Heere und Heerführer fühlten und was sie dachten. Bloß eines ist gewiß: Sie waren nicht von den Ideen des 19. und 20. Jahr131

hunderts durchdrungen. Noch schwieriger ist es, stand nämlich in der Ebene. Wir schlugen also sich vorzustellen, die an der Seite Attilas Stehen- unser Zelt dort auf, wo es die Skythen wollten. den oder zu ihm Übergelaufenen seien von kei- Edika, Orestes, Scotta[s] und andere, die bei den nerlei Gefühlen bewegt gewesen, und nur die Hunnen als vornehm galten, kamen dahin ..." offizielle „römische" Seite habe eine „Ideologie" Also nicht die bekannten Würdenträger untergehabt, und nur diese sei „gerecht" gewesen. Es sagten den Römern die Aufstellung ihres Zelist ratsam. Tatsachen als Tatsachen zu behan- tes hoch über dem Attilas, sondern die begleitenden, gemeinen Hunnen. Welchen andedeln. ren Grund hätten sie dazu gehabt als ihre Verehrung für Attila? Attilas Name und Ruf mag bis zu den großen Attilas persönlicher Charme westlichen Feldzügen bei den Weströmern, die So düster der hunnische Großkönig bei dem mit den Hunnen jahrzehntelang verbündet wadenkwürdigen Festmahl auch erscheinen mochte, ren und in Freundschaft mit ihnen lebten, nicht verfügte er doch über eine persönliche Ausstrah- schlecht geklungen haben, nicht einmal in höchlung, wie sie uns in ähnlicher Art nur von ganz sten Kreisen. Friede und Entfernung ließen ihn großen „Welteroberern" berichtet wird. Als Be- in den Augen vieler Menschen zum romantiweis seien zwei von Priscus überlieferte Begeben- schen Helden werden, zu einem mächtigen, mutigen und großzügigen Herrscher. Der „unverheiten herausgegriffen. ständliche" Fall der Honoria wird - ganz gleich, „Zusammen mit den Barbaren setzten wir unsere Reise fort und kamen nach Serdica/Sofia. wie man ihn heute auszulegen versucht - gerade Diese Stadt können Reisende mit leichtem Ge- ohne die Anerkennung des Gegenpols, also Attipäck von Konstantinopel aus innerhalb von drei- las, wirklich unverständlich. Für die ihres Liebzehn Tagen erreichen. Wir machten dort Rast sten auf drastische Weise beraubte, um ihren und waren der Meinung, daß es gut wäre, Edika Anteil gebrachte, in ihrer Freiheit begrenzte, und die in seiner Begleitung befindlichen Barba- kurz: aus politischen Gründen in ihrer Menren zum Abendessen einzuladen. Von den Ein- schenwürde geschändete Augusta war Attila die heimischen beschafften wir uns Schafe und einzige und letzte Hoffnung. Rindfleisch und bereiteten die Speisen zu. Während des Mahles, als die Barbaren auf Attila, wir aber auf den Kaiser die Gläser erhoben, ließ Legende und Wirklichkeit Vigila die Bemerkung fallen, man dürfe doch einen Gott nicht mit einem Menschen verglei- Den gallischen und italischen Feldzügen Attilas chen, wobei er Attila für einen Menschen, Theo- verdankt die Kirche zahlreiche schöne, in den dosius hingegen für einen Gott hielt. Die Hun- späteren Jahrhunderten des frühen Mittelalters nen ergriff ein maßloser Zorn, und sie begannen entstandene Legenden. Vom Beginn des späten uns zu beschimpfen. Wir gaben dem Gespräch Mittelalters an boten diese Legenden den Künstrasch eine Wendung ..." Aus dieser Szene geht lern reichlich Stoff für spektakuläre Arbeiten. klar hervor, daß hinsichtlich des „Byzantinis- Das Kölner Martyrium der heiligen Ursula und mus" keine Partei hinter der anderen zurück- der in ihrer Begleitung befindlichen elftausend stand. Ihren eigenen Herrscher hielten, dem da- Jungfrauen war ein genauso dankbares Thema maligen Brauch entsprechend, beide für einen wie die mörderische Schlacht der Hunnen mit Gott, auch die Hunnen, zur großen Empörung den aus ihren Gräbern auferstandenen Römern. des vom Goten zum Neophyten gewordenen. Höhepunkt ist aber die heroisch erhabene GeDies bedeutet, daß beide Seiten dies auch glaub- stalt des Papstes Leo der Große, als er sich vor ten und bekannten. Nicht allein die Vornehmen, den Mauern Roms stolz der „Geißel Gottes" sondern auch das einfache Volk. stellte, die vor der Erscheinung der Apostel Pe„Um die neunte Stunde des Tages [drei Uhr trus und Paulus erschrocken war. Diesen heute nachmittags] erreichten wir die Zelte Attilas; sie bekannten und benutzten Ausdruck (flagellum waren recht zahlreich. Als wir begannen, unser Dei) hat in Wirklichkeit Augustin auf Alarich Zell auf einer Anhöhe aufzuschlagen, verboten und seine Goten angewendet, als sie 410 Rom uns dies die begleitenden Barbaren, Attilas Zell zerstörten. Erst Jahrhunderte später wurde er

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88.

88. Scheibenbeschlag mit Zellenornamentik von einer Schale, Szeged-Nagyszéksós

auf Attila angewendet, der in der antiken Welt niemals so genannt worden war! Stimmung vermochten diese Legenden also gewiß zu machen, Geschichte dafür um so weniger. Der andere Verteidiger neben dem in der Legende negativ dargestellten, Aureliani/Orléans wirklich verteidigenden Agrippinus magister militum war im Range eines Bischofs der heilige Anianus, der im Laufe der Jahrhunderte zu einem genauso übermenschlichen Wundertäter und Hellseher wird wie der Beschützer der Stadt Rom, Papst Leo der Große, der in Wirklichkeit zwei Jahre nach dem Tod Attilas vor den Wandalenkönig Geiserich trat und um Gnade und Schonung für die Ewige Stadt bat. Um so lehrreicher ist eine, authentische Elemente enthaltende Biographie des Bischofs Lupus von Trecas-Tricassis (Troyes). Tatsache ist, daß es dem Bischof gelungen war, die wehrlose Stadt, die zur Zeit der Schlacht bei Mauriacum

den Hunnen als Hauptquartier diente, am Anfang und am Ende des Kriegszuges, also zweimal, zu schützen - der Legende nach wurde auf Attilas Befehl nicht mal ein Huhn mitgenommen! Auf Attilas Bitte, vielleicht auch aus Dankbarkeit, aber keinesfalls als „Geisel" - dies wird nirgends erwähnt -, begleitete Lupus das hunnische Heer erst bis Aureliani, dann beim Rückzug bis an den Rhein. Man könnte sagen, er verdingte sich als Führer Attilas. Am Rhein entließ ihn Attila nicht nur in Frieden, sondern ersuchte ihn auch durch Onegesius („Hunigasius"). für ihn zu beten. Nach der ältesten Version der Biographie waren die Bewohner von Tricassis - oder vielleicht eher Aetius - vom sonderbaren Dienst des Bischofs nicht gerade angetan, weil er diesen - ihrer Meinung nach in verdächtiger Weise - lebend überstanden hatte. Er mußte mehr als zwei Jahre im Exil verbringen, ehe er in seine Stadt heimkehren durfte. Aetius wurde am 20. September 454 von Valentinianus III. ermordet ...

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Was uns von den Hunnen erhalten blieb. Die Ergebnisse der Archäologie

In die Vorstellungswelt Europas, vor allem aber Ungarns, prägte sich im wahrsten Sinne des Wortes jenes Bild, das ihr die Illustrationen der Geschichtsbücher und historischen Romane vom vorigen Jahrhundert bis in unsere Gegenwart sowie die romantische und nationale Malerei von den Hunnen vorzeichneten, unauslöschlich ein: unter den Planen unförmiger Ochsengespanne neugierig hervorguckende Frauenund Kindergesichter, Schaf- und Pferdeherden treibende, unbändige Hirten zu Pferde, mit Goldschmuck behängte Krieger in Pantherfellen (oder auch wilde Räuber mit schwarzem Gesicht), Attilas Festmahl mit dem auf dem Thron sitzenden majestätisch strengen Großkönig und so weiter. Ihre Kleidung und Ausrüstung scheinen aus der Requisitenkammer eines Theaters hervorgeholt zu sein. Und wenn schon die Streitmacht aus fünfhunderttausend Mann bestand, wie dies die „weisen" Chronisten schreiben, wie groß mag dann erst das Hunnenvolk gewesen sein? Auch die noch in Kinderschuhen steckende Archäologie hatte dieses Bild vor Augen gehabt. Sie suchte eine Unmenge von Menschen, unzählige Gräber und Funde. Und sie fand sie auch. Sie fand den Nachlaß der „unzähligen turanisehen Völker", der das Karpatenbecken förmlich „bedeckte". Erst ein halbes Jahrhundert später stellte sich heraus, daß sie die Friedhöfe und die Ornamentik der in den Gräbern gefundenen Gegenstände, die zweifellos in den östlichen Steppen wurzelte, den Hunnen zugeschrieben hatte, obwohl sie aus Dorfsiedlungen des awarischen Reiches aus dem 7.-9. Jahrhundert stammten. Im ersten Drittel unseres Jahrhunderts gelang

es, Schritt für Schritt den Irrtum zu korrigieren und aufgrund einiger miteinander verwandter Funde aus der Wolga-, Dnjepr- und Donaugegend jenes archäologische Erbe zu entdecken, das hinsichtlich Zeit, Raum und Charakter tatsächlich mit den Hunnen in Zusammenhang gebracht werden kann. Und noch mehr, anhand einheitlicher Bestimmung von Herkunft und Zeit der hunnischen Kupferkessel konnte der bedeutende Repräsentant ihrer archäologischen Hinterlassenschaft bis nach Inner- und Ostasien zurückverfolgt werden. Dank zahlreicher Neufunde beschreitet die Archäologie nun seit drei Jahrzehnten statt irreführender Nebenpfade endlich den richtigen Weg. Im Gebiet zwischen Ostkasachstan und Moldawien (Moldauische Republik) gelang es bisher, je fünfundzwanzig freigelegte Bestattungen reicher Männer und Frauen in die Zeit der Hunnenherrschaft zu datieren und ihre archäologische Einheit und Zusammengehörigkeit nachzuweisen. Aus den Donauländern zwischen der Donaumündung und den Alpen kennen wir bislang ungefähr je zehn sehr ähnlich ausgestattete Fundkomplexe. Anhand dieser ungefähr 70 eindeutig bestimmbaren Grabinventare läßt sich etwa die doppelte Anzahl fragmentarisch oder unvollständig ans Tageslicht gekommener, in Museen aufbewahrter Funde archäologisch einreihen. Die archäologische Sammel- und Forschungstätigkeit von rund 150 Jahren kann jedermann davon überzeugen, daß es aus der Hunnenzeit - und innerhalb dieser von den Hunnen - keine andere oder andersartige Hinterlassenschaft gibt und auch in Zukunft wohl kaum geben wird. Und gerade diese Überreste bestärken uns in der Überzeugung, daß es nicht

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nur möglich, sondern sogar erforderlich ist, die historischen Quellen im Lichte des archäologischen Materials zu überprüfen. Heute ist es bereits offensichtlich, daß uns überwiegend von solchen Personen eine archäologische Hinterlassenschaft erhalten geblieben ist, die an der Spitze der Hunnenbewegung gestanden, das Reich ausgebaut und beherrscht haben, also von Mitgliedern der obersten und mittleren Gesellschaftsschicht. Die ost- und innerasiatischen Wurzeln der materiellen und geistigen Kultur dieser Schicht können heute erst in Spuren erfaßt werden, um so auffallender sind ihre mittelasiatische Entfaltung und Wandlung. Diese „nomadische" Aristokratie und dieser Adel stellen nicht unbedingt eine ethnische Einheit dar, so wie auch das Gefolge und die militärische Elite Kharatons und Attilas es nicht waren. Dennoch handelt es sich im Hunnenreich in der Mehrzahl um die Großen und Militarführer orientalischer Herkunft und in hunnischer Tracht, die unabhängig von ihrer Abstammung die Hunnen und ihr Reich bis zu deren Untergang repräsentierten. Das „gemeine Volk" und das „Heer" hinterließen - nach der mittelasiatischen Ausgangsbasis - kaum noch archäologische Spuren, nur vereinzelte oder aus wenigen Gräbern bestehende, zumeist ausgeraubte Bestattungen. Die archäologischen Funde machten deutlich, daß die hunnischen Bewegungen und das Hunnenreich noch am ehesten im Vergleich mit der Geschichte und den Denkmälern der mongolischen Feldzüge und Eroberungen im Europa des 13. Jahrhunderts verständlich sind. An der Spitze der später Goldene Horde genannten europäischen Mongolen standen einige Mitglieder des Herrscherhauses, mongolische Vornehme und militärische Anführer. Sie lebten zu einer anderen Zeit, und das archäologische Erbe besitzt anderen Charakter, ist ärmlicher und auch geringer als die Hinterlassenschaft der hunnischen Aristokratie. In dieser Hinsicht können keine Vergleiche angestellt werden. Was die Khane und Feldherren der Goldenen Horde jedoch zielbewußt bewegten, war ein sich dauernd änderndes, kleiner und wieder größer werdendes Heer aus jungen und starken Männern. Es ist archäologisch genau so wenig faßbar wie jedes andere mobile Heer des Altertums oder des Mittelalters. In seinen Spuren jedoch ist es um so besser sichtbar. In Osteuropa verweisen nieder-

54. Die Goldblechverkleidung von Jakuszowice folgt genau der Form and Struktur hunnischer Reflexbögen

gebrannte, für immer verlassene Städte und Siedlungen, im Karpatenbecken Hunderte eingeäscherter Dörfer und Burgen auf seinen Weg und seine Existenz. In der Kiewer Rus ebenso wie in Ungarn bezeugen zahlreiche verborgene und von ihren Eigentümern nie hervorgenom-

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mene Geld- und Schmuckschätze die Vernich­ tung von Gütern und Menschen. Mit ähnlichen Spuren konnten auch die hunnischen Heere prahlen: Wo sie erschienen waren, hinterließen sie eine „Brandschicht". In der Zeit zwischen 376 und 381 verweisen in der heutigen rumänischen Ebene verlassene Dörfer und Friedhöfe auf die Flucht der Wisigoten und auf das Erscheinen der Hunnen. Verschreckte Goten vergruben im heu­ tigen Siebenbürgen ihr Geld, Gold und ihren Schmuck, so in Gyergyó-Tekerőpatak/VăleaStrimba, Kraszna/Crasna, Szászföldvár/ Marienburg/Feldoiara, Borszek/Borsec. Auch sie hatten nie mehr Gelegenheit, die Schätze zu heben. Auch auf die Niederwerfung der Gepiden und den Untergang der alten Gepiden-Aristokratie weist ein Schatzhorizont hin. Die römischen Goldmünzen des I. Schatzes von Szilágysomlyó/ Şimleu-Silvaniei gesellen sich zu der einmali­ gen Schmuckserie des II. Schatzes vom selben Fundort Mit dem ersten stimmt in Zeit und Charakter der Goldmünzen- und Goldketten­ hort von Ormód/Brestow überein, während das Pendant des letzteren ein mit Edelsteinen ge­ schmücktes, goldenes Fibelpaar einer gepidi­ schen Vornehmen aus Gelénes ist. Die in diesen Horten vergrabenen Gegenstände wurden im 4. Jahrhundert oder spätestens zu Beginn des 5. Jahrhunderts angefertigt. Die Schätze selbst wurden im Gepidenland im 5. Jahrhundert ver­ graben, ihre Besitzer waren geflohen oder ge­ storben. Die Flucht der im Laufe der hunnischen Be­ wegung aufgestörten Völker Osteuropas, na­ mentlich der an der unteren Donau, kann nicht allein mit Hilfe der schriftlichen Quellen verfolgt werden. Die noch aus dem 4. Jahrhundert stam­ menden Elemente der sich über die Ukraine, die Moldau, Siebenbürgen und die Rumänische Tiefebene (Walachei), ausdehnenden Tschernjachow-Marosszentanna/„Sîntana de Mureş"Kultur (z. B. kleine Blechfibeln aus Bronze oder Silber) erscheinen am Ende des 4. und zu Beginn des 5. Jahrhunderts ohne irgendwelche Vorläu­ fer in Pannonien und im unteren Theißtal (Abb. 36, Taf. 98-99). Die edelsteingeschmückten Goldfibeln des Szilágysomlyó-Typs der adligen Frauen ostgermanisch-alanischer Herkunft sind auch westlich von Gepidien, in Pannonien (Rá­ bapordány, Regöly), in dessen Nachbarschaft (Untersiebenbrunn in Niederösterreich), ja sogar

in der entfernten Normandie (Moult-Argence „Airan") aus Gräbern und verborgenen Schät­ zen der Vornehmen zum Vorschein gekommen. Zur Zeit kann noch nicht entschieden werden, wer derartige Fibeln getragen hat: in mit golde­ nen Füttern besetzte, iranisch-pontische Schleier gekleidete Germaninnen oder ostgermanische Fibeln verwendende alanische Männer wie auch Frauen. Aufgrund gewisser archäologischer Funde ist es nämlich sehr wahrscheinlich, daß sich den ostgermanischen Flüchtlingen fast über­ all Alanen angeschlossen haben, wie dies ja auch aus historischen Quellen bekannt ist. Die Vermi­ schung von verschiedenen Schmuckgegenständen und Trachtstücken ist im pannonischen Raum vom Erscheinen der ersten Flüchtlinge aus dem Osten im Jahre 378 bis zum Ende der tatsächli­ chen Hunnenherrschaft zu beobachten und ge­ sellt sich entsprechend der Vielfalt der zeitgenössi­ schen Völker und Religionen zu den verschieden­ sten Bestattungen. Fast schien bereits der Ver­ such zu gelingen, die wichtigeren Funde nach Jahrzehnten zu gliedern sowie bestimmten Volks­ gruppen zuzuschreiben und in die Ausstattung der in römischem Dienst stehenden alanischhunnisch-ostrogotischen „Föderaten" vor 430 einerseits und in solche der in hunnischem Dienst stehenden hunnisch-alanisch-ostgermanischen „Feinde" nach 430 andererseits zu trennen. Der­ artigen Auslegungsversuche der wenigen Funde können aber kaum anders angesehen werden als mehr oder weniger gute Hypothesen. Die Denkmäler des sich seit etwa 400 immer intensiver gestaltenden römisch-barbarischen Zusammenlebens verbreiteten sich bald auch auf ehemals nicht zum Reich gehörenden Nachbar­ gebiete. Die in der pannonischen Provinz erhal­ ten gebliebenen Handwerkszweige wie Töpferei, Bronzebearbeitung, Goldschmiedekunst und Glaserei stellten sich in den Dienst der „Barba­ ren" (Abb. 65-66). Ihre eigenartigen Erzeugnisse werden nicht nur in Pannonien, sondern auch in den Nachbargebieten gefunden, der Großteil des Karpatenbeckens ist also mit ethnisch und zeitlich unbestimmbaren römisch-barbarischen Handwerksprodukten übersät worden. Mit den alanischen, hunnischen und ostger­ manischen Flüchtlingen begannen sich auch einige orientalische Modeartikel zu verbreiten. So zum Beispiel die runden, an der Rückseite mit erhabenen geometrischen Siegen verzierten Weißmetallspiegel mit Öhr (Taf. 97), die ostasia-

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tisch-chinesischen Ursprungs sind. Ein derartiger Weißmetallspiegel galt als „Modeartikel" und zugleich als rituelle Grabbeigabe schon vor dem Eintreiffen der Hunnen, er blieb es während der gesamten Hunnenherrschaft und auch noch Jahrzehnte danach. Obwohl sich diese Spiegel unabhängig von einem bestimmten Volk verbreitet haben, steht dennoch im Hintergrund ihrer Verbreitung der Hunnensturm. In diesem Sinn ist, wie davon auch andere Beispiele zeugen, die hunnische Bewegung in ihrer Auswirkung auch archäologisch zu fassen.
89. Elektronpokal mit Ringfuß, Szeged-Nagyszéksós

Im Laufe der Bewegung werden aber auch die Hunnen selbst sichtbar - wenn auch nicht allzu leicht. Häufig besteht nur ein geringer Unterschied zwischen den zu Eroberern gewordenen Flüchtlingen und den eigentlichen Eroberern, die die Flucht verursachten und die kleineren Eroberer alsbald verschlungen haben. Nicht allein das archäologische Material, sondern auch die Schriftquellen jener Zeit sprechen dafür. Die archäologischen Denkmäler der Hunnen werden immer, besser bekannt. Zweifler könnten dennoch behaupten, daß es sich bei den hundert oder etwas mehr Funden um keine echte archäologische Hinterlassenschaft handle, die auf ei-

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89.

90.

90. Bruchstück einer Elektronschale aus SzegedNagyszéksós

nem Gebiet von fast 5 000 000 km2 verstreut ist und nicht einmal aus derselben Zeit, sondern aus einem Zeitraum von einem dreiviertel oder aber einem ganzen Jahrhundert stammt. Auf 50 000 km2 entfällt damit ein einziger Fund, wenn wir mit einer Zeitspanne von drei Generationen rechnen, sogar auf 150 000 km2. Kann man darauf überhaupt etwas bauen? Gewiß! In der modernen Archäologie, namentlich jener der bewegten Jahrhunderte der Völkerwanderung, ist nicht die Anzahl der Funde, sondern deren Qualität entscheidend: die Zusammenhänge früher unbekannter, neuer Phänomene. Die Funde, die mit der hunnischen Bewegung in Zusammenhang gebracht werden können, bilden von Ost nach West derzeit bereits geradezu eine Kette,

allerdings eine, die aus ungleichen Gliedern besteht (s. Karte). Die Fundorte sind in Wirklichkeit nicht über eine Entfernung von 5000 bis 6000 km verstreut (voneinander viele hundert Kilometer entfernt verstreute hunnische Funde sind uns nur östlich der Wolga, in der großen Ebene zwischen Ural und Ob bekannt, z. B. Tugoswonowo, Kanattas, Kysyl-Adyr. Musljumowo, Mertwije Soli, Fedorowka, Schipowo Abb. 5, 10, 18-19, 46, 49), sondern verdichten und gruppieren sich in den auch historisch bekannten hunnischen Siedlungs- und strategischen Zentren. Eine Serie namhafter hunnischer Funde kam auf dem beiderseits des bekanntesten Wolgaüberganges gelegenen Gebiet von Saratow und dem südlich daran angrenzenden Gebiet von Wolgograd ans Tageslicht (z. B. Wladimirowskoje, Marxstadt, Pokrowsk mit mehreren Fundstellen [Abb. 22], Beresowka, Seelman/

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Rownoje, Kurnajewka, Werchneje Pogromnoje, Nishnjaja Dobrinka), in der mittleren Gegend des Nordkaukasus (Sdwishenskoje, Kudenetowo, Selenokumsk, Chasawjurt, Bylym Osrukowo, Naltschik-Wolnij Aul, Kumbulta, Werchnaja Rutcha, Galajty), nahe des Kaspisees in Dagestan (Kischpek, Utamisch, Iragi - Abb. 42, 70, 71), auf dem sich vom Unterlauf des Dnjepr bis zum Eingang zur Halbinsel Krim erstrecken­ den Gebiet von Dnjepropetrowsk, Saporoshje und Cherson (Igren, Nowo-Iwanowka, Makartet bei Tokmak, Osipenko, Melitopol, Dmitrowka, Nowogrigorewka, Aleschki bei Zjurupinsk sowie in der Nähe der letzteren Kutschuguri und Saga, Schtscherbata-Tal bei Nowa[ja] Majatschka, Radensk, Kapulowka bei Nikopol - Abb. 21-23, 52, 58), auf der Halbinsel Krim, vor allem in deren Steppenregionen (Kertsch mit mehreren Fundstellen, Marfowka, Beljaus, Feodossija mit zwei Fundstellen, Kalinino bei Krassnogwardeiskoje, Tschikarenko Abb. 51, 59-60), zwischen südlichem Bug und dem Pruth (Antonowka, Tiligul, Olbia), am Ufer des Dnjestr und des Pruth in der östlichen und westlichen Moldau (Conceşti, Buhăeni, Măriţea, Schestatschi [Abb. 14] in der Nähe von Resina), im Buzäu-Tal, das die südöstlichen Karpaten mit dem Donauknie in der Dobrudscha verbindet, zugleich aber auch abriegelt (Bălteni, Gherăseni, Sudiţi, Cilnău), in Oltenien (Desa, Hinova, Hotarăni, Celei-Sucidava, Coşo­ venu de Jos). Die einzelnen Fundgruppen liegen im allgemeinen auf einem Gebiet, das kleiner oder höchstens ebenso groß ist wie das heutige Ungarn. Verstehen kann man diese Fundgrup­ pen jedoch nur in ihrer Einheit. Es gibt keine besonderen hunnischen Funde oder eine eigene hunnische Archäologie in Ungarn, auf der Krim oder in der Wolgagegend. Die Eigenart der hun­

nischen Ausrüstung und des hunnischen Bestat­ tungsritus besteht gerade darin, daß man über sie nur unter gleichzeitiger Berücksichtigung sämtlicher Funde Entscheidendes aussagen kann. Ja noch mehr, zu ihrer Interpretation ist es unumgänglich erforderlich, auch die hunnen­ zeitliche Schicht der großen alanischen Gräber­ felder im Gebiet des Nordkaukasus zu berück­ sichtigen (Pjatigorsskaja, Majkop, Gilatsch Kisslowodsk-Lermontow-Fels, Mokraja-Balka, Bajtal-Tschapkan, Chabas, Abrau-Dürso bei Noworossijsk, usw. - Abb. 22, 24, 35, 57), da wichtigere Elemente der hunnischen Tracht und Pferdegeschirre oft nur mit Hilfe der alanischen Katakomben und anderer Körperbestattungen verstanden werden können. Die hunnischen Funde des Karpatenbeckens stammen aus einer kaum längeren Zeitspanne als einer einzigen Generation; sie stellen weniger eine Aufeinanderfolge als ein Nebeneinander dar; nicht schlechter als die archäologischen Denkmäler der ersten Generation des Awarentums, der frühesten Awaren. Die früheste awari­ sche Ausstattung, Siedlung und Sitte erinnern überhaupt sehr an den archäologischen Nachlaß der Hunnen im Karpatenbecken, was kaum ein Zufall ist. Einige wenige „Fürstengräber", Ein­ zelgräber von Rang, Grabgruppen von Familien-unterkünften („aul") sowie die dazugehöri­ gen Totenopfer spiegeln glänzend Asien und das Zeitalter des Kagan Bajan wider. Die fortlau­ fend belegten Friedhöfe der awarischen Dörfer im 7. Jahrhundert sind hingegen bereits Ergeb­ nis einer historischen Entwicklung, die die Hun­ nen wegen ihres zu kurzen Aufenthaltes im Kar­ patenbecken nicht mehr erreichen konnten. Was also Hunnen und Awaren verbindet, ist ihre asiatische oder pontische Tradition; was sie un­ terscheidet, ist die örtliche Weiterentwicklung.

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Die hunnischen Kupferkessel

Vom archäologischen Standpunkt aus betrachtet ist von allen hunnischen Funden der bis vor kurzem bedeutendste - tatsächlich der älteste und beste - Fund im Jahre 1831 im schlesischen Jedrzychowice (damals Höckricht; die archäologische Literatur kennt den Fund eher unter diesem Namen) aus einem niedrigen Sandhügel ans Tageslicht gefordert worden (Abb. 16). Im Höckrichter Fund können nämlich alle drei für die Hunnen charakteristischen Fundtypen zusammen studiert werden: 1. der gut erhaltene Kupferkessel samt einer aus Bronzeblech getriebenen Schüssel, 2. die edelsteinverzierten Goldbleche und 3. die mit in Zellen gefaßten Edelsteinen verzierten Goldschnallen, goldene Riemenzungen, vergoldete Bronzeschnallen, also Zierstücke von Gürtel, Stiefeln und vielleicht auch von Pferdegeschirr. Der in geringer Tiefe beim Ackern zutage gekommene Fundkomplex war, unseren heutigen Kenntnissen entsprechend, Teil eines Totenopfers. Einen entscheidenden Beweis dafür liefert ein vor kurzem - gleichfalls beim Ackern - zum Vorschein gekommener Fundkomplex, nämlich der von Makartet in der Ukraine (Abb. 58), wo ebenfalls zusammen mit den aus Höckricht/Jedrzychowice bekannten, mit Preßgold überzogenen Riemenzungen und anderen spezifischen hunnischen Ausrüstungen (Kleiderschmuck aus Preßgold, Trensen, Langschwerter, dreißüglige Pfeilspitzen) Kesselfragmente aus Kupfer ans Tageslicht kamen. Wir wissen leider nicht, was für Kesselfragmente. Die hunnischen Kessel, die zum Großteil nur fragmentarisch oder in Bruchstücken erhalten sind, hatten ursprünglich zusammen mit dem Fußring eine Höhe von 35-100 cm (meist 50-60 cm) und sind ostasiatischen Ursprungs.

Die von wenigen Ausnahmen abgesehen viel kleineren, rundlichen Bronzekessel mit breiter Öffnung waren schon in den vorchristlichen Jahrhunderten häufig Grabbeigaben in skythisch-sakischen Kurganen Eurasiens. Es ist daher kein Zufall, daß die hunnischen Kessel von vielen für Denkmäler der Skythenzeit gehalten worden sind. Die unmittelbaren Vorgänger der zylindrischen, im allgemeinen größeren hunnischen Kessel sind jedoch nicht die um Jahrhunderte älteren skythischen Kessel, sondern die in China, in der Gegend der Großen Mauer, und in der Mongolei gefundenen Kupfer- und Bronzekessel, von denen einer gerade im Gebirge von Nojon-ul/Noin Ula aus dem fürstlichen Hügelgrab (Kurgan 6) der asiatischen „Ahnen" der Hunnen ans Tageslicht gekommen ist. Die Kessel wurden samt den Verzierungen und den verzierten Henkeln in zwei (der größte Kessel von Törtel und vielleicht auch der ähnlich große von Intercisa, Celamantia und Bennisch in vier) Einzelteilen in Lehmformen gegossen, die Einzelteile nachträglich zusammengeschweißt und der separat gegossene, zylindrische Fußring schließlich ebenfalls angeschweißt oder angenietet. Dieses Verfahren sowie die eigentümlichen Verzierungen, die den Kesselrand einfassenden, den Gefaßkörper in senkrechte Felder teilenden, sich scharfhervorhebenden, aus einer bis drei Leisten bestehenden Rippen sind ausnahmslos Kennzeichen chinesischer Bronzearbeiten (Abb. 14, Taf. 34-36). Diese Technik und Verzierung charakterisieren jene nunmehr über zwanzig Kessel bzw. Kesselreste, die vom Ob bis Troyes - also bis zum Schlachtfeld von Mauriacum -jene beiden Endpunkte mit unheimlicher Genauigkeit anzeigen, zwischen denen sich die Hunnenmacht

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entfaltete. In Kenntnis dieser Tatsachen scheint es überhaupt kein Zufall mehr zu sein, daß die Mehrzahl der Kessel in den beiden militärischen Zentren der hunnischen Großmacht in Europa, in der nördlich von der unteren Donau gelege­ nen rumänischen Ebene - besonders in der Fluß­ gegend - und aus dem Donau-Theiß-Becken, zum Vorschein gekommen ist. Der größte und prächtigste, ursprünglich rund 1 m hohe und ungefähr 40-50 kg schwere Kessel stammt aus jener Gegend, in der auch der größte hunnische Goldfund, der von Nagyszék­ sós, ans Tageslicht gekommen ist. Er wurde etwa 15-16 km vom Theißtal entfernt dort freigelegt, wo einst das Überschwemmungsgebiet die Sand­ hügel erreichte (am Fuß des Czakó-halom ge­ nannten urzeitlichen Siedlungshügels, in der Ge­ markung von Törtel - Taf. 36). Der Goldfund von Nagyszéksós kam gleichfalls an der Grenze des Überschwemmungsgebietes zu den Sandhü­ geln zum Vorschein. Und wenn der zuletzt ange­ führte Fund - wie wir noch sehen werden - den südlichen Endpunkt der verborgenen Gräber hoher hunnischer Würdenträger, die zwar in der Nähe des Theißtales gelebt haben, aber weiter davon entfernt, in den „westlichen Sandstep­ pen" bestattet worden sind, anzeigt, so stellt der Kessel von Törtel mit Gewißheit den nördlichen Endpunkt dar. Auch aufgrund der beiden größ­ ten hunnischen Funde kann auf die Lage der Ordu Rugas, Bledas und Attilas in der mittleren Theißgegend, vermutlich am östlichen Flußufer im Raum südlich der Körös und nördlich der Maros, geschlossen werden. Der in der Größe nach dem von Törtel folgende, 71 cm hohe Kes­ sel von Ioneşti verhält sich im großen ganzen so zu dem Fund des hunnischen Ordu an der Buzău wie der von Törtel zu dem aus der Theißgegend: ein westlich vom Ordu gelegener einsamer Fund im Argeş-Tal, das von den Hunnen nicht besetzt worden war. Die Kessel werden seil einem Jahrhundert für Opferkessel gehalten, eine Ansicht, die der ein­ stigen Wirklichkeit ziemlich nahekommt. Schon seit langem und auch neuerdings sind aus Südsi­ birien Felszeichnungen bekannt, die ähnliche Kessel darstellen, auf den Felsbildem von KysilKaja zumeist in der Weise, daß neben dem Kes­ sel ein, zwei Männer stehen oder knien und der eine mit einem langen Löffel (?) in dem durch­ sichtig gemeißelten, zweihenkligen Kessel etwas umrührt. Er „kocht" etwas oder „bringt ein Op55. Ornamente der Goldbeschläge der Bogenenden und des Griffes aus dem Fürstenfund von Pannonhalma

fer dar", der jeweiligen Auslegung entsprechend. Das teure Material, die Größe und die prunkvolle Ausführung der erhalten gebliebenen hunnischen Kessel weisen jedoch - was auch immer in ihnen gerührt worden ist - nicht auf ein einfaches Mahl sondern entweder auf ein rituelles Mahl der Vornehmen oder auf einen Leichenschmaus

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Auf den Felszeichnungen bei Bolschaja Bojarskaja hingegen - die neuerdings ebenfalls in die Auslegungsversuche der hunnischen Kessel mit­ einbezogen werden - spielen die zahlreichen Kessel eine untergeordnete Rolle. Neben Holz­ häusern und Jurten stehen einzeln oder auch serienmäßig Kessel unterschiedlicher Größe offensichtlich wurden sie im täglichen Leben der
56. Rekonstruktion des goldbeschlagenen Schwertes aus dem hunnischen Opferfund von Bátaszék

Siedlung benutzt. Die in Tuwa und im Altaige­ biet Jahrhunderte hindurch verwendeten Tonund Holzkessel beweisen ebenfalls die Verwen­ dung dieser Art von Gefäßen in Innerasien als alltägliche Gebrauchsgegenstände (Abb. 15). Es kann also nicht mit Sicherheit behauptet wer­ den, daß auf den Felszeichnungen nur Metall­ kessel dargestellt wurden. Den jüngsten, über­ zeugenden Prüfungen gemäß sind übrigens die Felszeichnungen Darstellungen der verschiede­ nen Typen der um ein ganzes Jahrtausend vor­ her-häufig in Südsibirien und in Innerasien zur skythisch-sakischen Zeit - gebrauchten Bronze­ kessel. Es ist also sehr wahrscheinlich, daß aus den Felszeichnungen Südsibiriens keinerlei Fol­ gerungen bezüglich der hunnischen Kupferkes­ sel gezogen werden können. Nur genau bekannte Fundumstände könnten klären, welcher Kessel aus einem zerstörten La­ gerplatz stammt - ein solcher ist bisher nur das Bruchstück aus dem wallachischen (muntenischen) Sudiţi - und welcher in der Nähe einer Begräbnisstätte zur Darbringung eines Totenop­ fers gedient hat. Als „Urne" kann keiner der Kessel gedient haben; alle bekannten Befunde schließen eine derartige Möglichkeit aus. Der heute unversehrt scheinende Törteler Kessel wurde in Wirklichkeit mit fehlerhaftem Rand, an zwei Stellen löchrigem Boden, gebrochenem Fuß ans Tageslicht gefördert. Entweder wurde er mutwillig beschädigt oder in einer Weise ver­ wendet, die schwere Schäden an ihm verur­ sachte. Als der Kessel zum Vorschein kam, wa­ ren zwei Fünftel von ihm gewaltsam zerschla­ gen, ein Henkel war abgebrochen, an seinem Boden waren verkohlte Flecken zu sehen. Der Kessel von Hőgyész aus dem Kapos-Tal wurde von einem Pflug aus geringer Tiefe gehoben (Taf. 34); er war am Boden an zwei Stellen durchlöchert, ein Henkel war abgebrochen. Das Kesselbruchstück von Bennisch/Benešov (Abb. 14/6) wurde an einem Bergabhang gefun­ den, es war derart verbrannt, daß es schon in der ersten Beschreibung für Überrest eines „Toten­ opfers" gehalten wurde. Der nur an der einen Seite unversehrt scheinende, außen stark rußige Kessel von Ioneşti (Abb. 14/7) ist in Wirklich­ keit zertreten, zerdrückt, an den Seilen an meh­ reren Stellen durchlöchert, Rand, Henkel und Boden wurden verstümmelt, bevor man ihn ver­ grub. In allen Fällen handelt es sich um ein Zerschlagen oder eine Beschädigung aus der

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91.

91. Goldschnallen aus der Umgebung von Sopron/Ödenburg

92.-93. s. Farbtafeln XXV-XXVI Hunnenzeit, was auch eine Erklärung dafür ist, warum so viele einzelne Kesselhenkel und ver­ stümmelte Kessel gefunden wurden. Es liegt na­ he, in diesem Zusammenhang an die chinesi­ schen und mittelasiatischen Metallspiegel zu denken, die zum Großteil in Stücke zerbrochen, beschädigt oder gar nur als Fragment in die Gräber gelangten (Taf. 97). Es handelt sich of­ fensichtlich um einen asiatischen Hunnen­ brauch, kamen ja auch in die Gräber von Nojonul (Noin Ula) nur noch halbe oder ein Drittel große chinesische Spiegelbruchstücke (Kurgan 25 und Gol-mod, Grab 25), der „Ahne" unserer Bronzekessel dagegen kann aus einem Henkelbruchstück aus dem Kurgan 6 - also Grab -, 10 größeren oder kleineren Wandstücken und dem zylindrischen Fußring rekonstruiert werden. Auch auf dem am mittleren Lauf des Dnjestr, im moldauischen Schestatschi, beim Pflügen ge­ fundenen Kessel (Abb. 14/3) befanden sich Brandspuren. Er kam aus einer Tiefe von 80 cm zusammen mit einem aus Kupferblech gehäm­ merten Gefäß zum Vorschein, jetloch sicher nicht aus einem Grab. In noch geringerer Tiefe wurden der Kessel und die Bronzeschüssel von

Höckricht ähnlicherweise gefunden, und wahr­ scheinlich auch der Kessel von Várpalota - zu­ sammen mit einem angeblich ebenfalls aus Bron­ zeblech gehämmerten, kleineren Gefäß. Die Kesselbruchstücke von Makartet waren zusam­ men mit anderen verbrannten Opferbeigaben in einem „Einäscherungskomplex" zerstreut. Auf einen eingeäscherten Menschen hinweisende Überreste, verbrannte menschliche Knochen, wurden bisher neben den Funden nicht ermittelt. Es kann sich also nicht um Grabfunde, sondern nur um Opferreste handeln, wurden doch die rußigen Kessel - vielleicht den von Ioneşti aus­ genommen - fast immer in geringer Tiefe gefun­ den. Wäre dem nicht so, besäßen wir heute nicht schon etwa 20 Exemplare aus einer einzigen kur­ zen Periode. Dennoch stehen die Kessel in Zusammenhang mit den Bestattungen. Darauf machen uns be­ reits Gräber der Taschtik-Kultur aus der sibiri­ schen „Hunnenzeit" (1.-4. Jahrhundert n Chr.) aufmerksam, aus der kleine Bronze- und Eisen­ kessel bekannt sind, obwohl Tonkessel überwie­ gen. Unter letzteren gibt es auch solche, die Form und Verzierung der aus Bronze gegosse­ nen Kessel, also die der Vornehmen, nachah­ men. Kleine, einfachere kesseiförmige Metallge­ fäße kommen auch unter den Totenopfern euro­ päischer Hunnen vor (Melitopol-Ksyljarskaja, Selenokumsk), was als unmittelbare Fortset-

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zung des asiatischen Brauches gewertet werden kann. Von entscheidender Bedeutung ist den­ noch jenes ,,Brandgrab", tatsächlich ein Toten­ opfer, das 1977 jenseits des Ural-Flusses in Kysyl-Adyr in einer kleinen, mit Steinplatten verschlossenen Höhle zusammen mit dem aus den europäischen Hunnenfunden wohlbekann­ ten Kupferkessel mit „Pilzhenkel" (Abb. 14/1), ferner mit Bruchstücken eines eisernen Schwer­ tes, mit Bogenresten. dreiflügligen Pfeilspitzen, Trense und Speiseopfer (Tierknochen) gefunden worden ist. Daraus geht nämlich hervor, daß die großen Kupfer- und Bronzekessel irgendwie mit den Bestattungen bzw. mit dem Totenkult zu­ sammenhängen. Mit Ausnahme jenes von Törtel stammen alle übrigen im Karpatenbecken gefundenen Kupferkessel aus der das hunnische Zentrum vertei­ digenden pannonischen Militärzone, wo auch die Mehrzahl der hunnischen Funde zum Vor­ schein kam. Der kleine Bruder des Törteler Kes-

sels, der (mit fehlendem Fußring ursprünglich über 60 cm hohe) „Kapos-Taler" Kessel, wurde in der Gemarkung von Hőgyész gefunden. Am Kessel von Várpalota (Taf. 35) mit schadhafter Wand und beschädigtem Rand blieb der zylin­ drische Fußring erhalten. Auffallend häufig sind die mehr oder minder verzierten Kesselhenkel sowie Kesselhenkel- und Ränderbruchstücke. Verbrannte Henkelbruchstücke stammen aus Troyes, aus Rázova-Benešov/Raase-Bennisch in Mährisch-Schlesien, aus Hotărani in Oltenien, aus Oltenien ohne nähere Fundortangabe und aus Boşneăgu (an letzterem Fundort waren zwei große Kesselhenkel in 150 cm Tiefe „begraben", ihre Bruchflächen waren gleichmäßig patiniert, die Henkel waren demnach bereits zur Hunnenzeit abgebrochen). Warum an den erwähnten fünf Fundstellen nur Kesselhenkel erhalten ge­ blieben sind und warum nur Kesselwandbruchstücke von anderswo (Intercisa, Celamantia, Sudiţi-Gherăseni, Hinova), können wir ebenso nur vermuten wie die Frage, warum die Wand des Kessels von Várpalota und jene von Iwanowka 94. Die geometrische Verzierung an einer Goldzikade in der Donezgegend in gleicher Weise gebrochen aus Sáromberke ist verwandt mit den reichen sind, warum der Kessel von Ioneşti durchlö­ Pferdegeschirrverzierungen aus den Jahren chert, zerbrochen und zusammengedrückt und um 400 der Fuß des Kessels von Kysyl-Adyr abgebro­ chen und der Boden durchlöchert wurde. Die meisten Streitfragen entbrannten wegen jener Kesselbruchstücke, die auf dem von den Hunnen verwüsteten Gebiet der spätrömischen Kastelle gefunden worden waren. Die ange­ brannte Seitenwand eines Kessels, der kaum kleiner als der Kessel von Ioneşti und ähnlich (mit drei Rippen) verziert war, konnte im Castrum von Intercisa (Dunaújváros) gelegent­ lich der Ausgrabungen eines spätrömischen Gebäudes geborgen werden. Ist er in dem zweifellos abgebrannten römischen Gebäude zugrunde gegangen? Wann, warum, wie und wohin sind die anderen Teile gekommen? Oder war der Kessel vielleicht der „Gefährte" jener bärtigen Menschenantlitze und menschlichen Figuren, die ebenfalls im Inneren des Kastells gefunden wurden und zu denen wirklich gute Parallelen nur von den hunnischen Funden der Wolgagegend (Pokrowsk) und der Dnjeprgegend (Nowogrigorewka) (Abb. 9) bekannt sind? Die vermutlich zum Ausschneiden bestimmten Gesichter aus Intercisa zeugen davon, daß im Kastell Hunnen gelebt und gearbeitet haben. Das spätrömische Gebäude aber bestand schon

94.

144

95.

lange nicht mehr, als die Überreste des Opfer­ scheiterhaufens eines hunnischen Anführers in den mit Schutt vermengten Boden eingegraben wurden. Ähnlich ist die Lage in der Gegenfestung von Brigetio (Szöny), Celamantia (Leányvár) am lin­ ken Donauufer, wo in der obersten Schicht aus der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts ein mit drei Rippen verzierter Kessel und ein mit einer Rippe verziertes kleines Seitenbruchstück sowie eine halbrunde „pilzförmige" Randverzierung eines verbrannten Kessels gefunden wurden. In der spätrömischen Gegenfestung Sucidava/Celei an der unteren Donau wurden vier kleine Rand­ bruchstücke eines hunnischen Bronzekessels ausgegraben. Es ist kaum glaubwürdig, daß die von Uldin um 408 zerstörte Befestigung von Hunnen gegen Hunnen bis zum letzten Atemzug verteidigt worden wäre und daß sich die ver­ brannten „auseinandergesprungenen" Kessel­ bruchstücke gelegentlich der Zerstörung der Be­ festigung verstreut hätten. Die in der gleichen Schicht gefundenen Bruchstücke eines Metall­ spiegels asiatischen Typs weisen kaum auf in rö­ mischem Sold stehende Soldaten hin. Die Kessel­ bruchslücke aus Sucidava sowie die südlich von Drobeta gefundenen aus der ebenfalls 408 zer­ störten spätrömischen Kleinfestung von Hinova, am linken Ufer der unteren Donau verraten ledig­ lich so viel wie jene aus Intercisa und Celamantia: in den eroberten und zerstörten römischen Befe­ stigungen lebten in der ersten Hälfte des 5. Jahr­ hunderts schon Hunnen mit ihren Familienmit­ gliedern und brachten dort ihre Totenopfer dar. Die bisher aufgefundenen Kessel zeugen von deren Herstellung und Gebrauch während der gesamten Hunnenzeit überall dort, wo Hunnen hingelangten. Und zwar wurden sie in mehreren Werkstätten, aus verschiedenem Material, in unterschiedlichen Ausmaßen und zahlreichen Varianten gefertigt. Dennoch stimmt die Ver­ breitung der Kessel auffallend mit den Etappen und Schwerpunkten des Vordringens der Hun­ nen überein. Ein Kessel ostasiatischen Charak­ ters ist in Mitteleuropa allein jener von Höckricht/Jedrzychowice, seine Verwandten finden wir im Wolgatal und Östlich davon. Verblüffend ist zudem, daß uns der größere Bruder des Kes­ sels von Kysyl-Adyr im Ural schon in RaaseBennisch, also westlich des Quellgebietes der Oder, begegnet, der nahe Verwandte des nord­ kaukasischen Kessels von Chabas dagegen in

95. In einer Goldschmiedewerkstatt auf der Krim her­ gestellte Zikade mit Almandineinlagen aus Csömör

Desa in Oltenien. Der größere Bruder des Kes­ sels von Iwanowka im Donezgebiet ist der von Boşneăgu an der unteren Donau und der des Kessels von Schestatschi in der Dnjestrgegend geradewegs der von Troyes. Obwohl die Kessel aus der mittleren und unteren Donaugegend im 5. Jahrhundert in verwandten Werkstätten (z. B. Desa-Ciuperceni und Törtel oder Ioneştı und wahrscheinlich Intercisa) hergestellt wurden, hängen die Kessel von Törtel und Hőgyész den­ noch eng zusammen: Nur diese beiden besitzen unter dem Rand umlaufenden „Zellendekor". (Dieses Zellen- und zusammen mit diesem ange­ wandte „Anhänger"-Motiv ist dagegen auf dem in Soka, am rechten Ufer der mittleren Wolga, gefundenen schönen, wohlerhaltenen Kessel an­ zutreffen [Abb. 14/2], letzteren Dekor verbinden die Anhängerverzierungen in Form eines Ausru­ fezeichens auf dem Kessel aus Chabas im Nord­ kaukasus [Abb. 14/3J mit denen aus dem Do­ naugebiet.) Aufgrund ihrer Eigenart handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach bei den Kes­ seln von Törtel und Hőgyész um Produkte hun­ nischer Werkstätten, die nach 425 nach Ungarn verlegt wurden. Zu einigen Kesseln bzw. Bruch­ stücken gibt es vorerst noch keine Parallelen (Várpalota, Hotărani, Bruchstück a-d Celei/ Sucidava), die Anzahl der Werkstätten bzw. 145

Kesseltypen war demnach weitaus größer, als wir zur Zeit rekonstruieren können. Wie wir gesehen haben, ist unter allen bisher bekannten Kesseln der größte und prächtigste der von Törtel. Die die beiden Henkel und den Rand schmückenden Halbkreisplatten mit Stiel bzw. „pilzförmigen" Platten hielten und halten heute noch viele für eine Nachahmung zeitge­ nössischer Fibeln, für „Pseudofibeln" (als „Ein­ fluß" des Modeschmuckes ostgermanischer Frauen, was in diesem Fall ein Unsinn ist), ande­ re meinen, in der Verzierung eine „Bekrönung" der zu Bestattungszwecken dienenden Kesselur­ nen zu sehen (obwohl es sich um keine „Urnen" handeln kann, die als Vorbild angesehenen, um ein Jahrtausend älteren griechischen Urnen wur­ den mit einem echten oder aus Goldfolien nach­ gebildeten Lorbeerkranz versehen). Die an­ nehmbarste Erklärung - die letzten Endes die „Bekrönung" der Kessel anders, aber dennoch erklärt - ist jene, in der Verzierung der Kessel den gleichen Ursprung wie den für die Verzie­ rung eines früher und eines neuestens gefunde­ nen hunnischen Golddiadems zu sehen (Werchne Jablotschnoje bei Werchne Kurmojarskaja und Stara[ja] Igrenj - Abb. 21). Im Falle der Diademe ist es mehr als wahrscheinlich, daß die „pilzförmigen" Verzierungen stilisierte Bäume, richtiger Blätter bzw. Laub nachahmen. Verzie­ rungen in Form stilisierter Blätter sind in ähnli­ cher Weise aus etwas späterer Zeit auf koreani­ schem Kopfschmuck und auf Diademen üblich. Jedenfalls ist es sehr wahrscheinlich, daß sowohl

den Blättern wie auch deren Anzahl irgendeine Bedeutung zukam. Am Rand und auf den Hen­ keln des Törteler Kessels sind diese in einer Anordnung von zweimal 1 4 1 zu linden. Die —— gleiche Anordnung ist auf dem Kessel von Schestatschi und dem Henkel von Troyes zu finden. Die Anordnung der Verzierung der Kessel von Hőgyész und Ioneşti von 1-3-1 ist vermutlich für alle bisher gefundenen Kessel mit „Pilzverzierung" kennzeichnend, mit Ausnahme des Kessels von Várpalota, dessen Verzierungssystem (2-?-2) zwar unbekannt ist, aber sicher anders war. Unverzierte Ränder und Henkel wurden früher nur - mit Ausnahme des Kessels von Höckricht - östlich des Dons gefunden, woraus die früheren Forscher die falsche Schlußfolge­ rung gezogen haben, daß die Henkel der Kessel nur westlich des Dons von den Hunnen in Werk­ stätten des Pontusgebietes verziert wurden. Die­ se Meinung wurde jedoch durch Kupferkessel­ funde von Chabas im Kaukasus und besonders durch den von Kysyl-Adyr grundlegend erschüt­ tert. Schon die Henkel der bereits erwähnten Tonkessel aus der Taschtik-Zeit waren häufig mit drei „Knöpfen" verziert; sie stellen nichts anderes als die Vorläufer der „Pilze" dar. Die Verwandtschaft asiatischer und europäischer Kupferkessel kann folglich kaum mehr bezwei­ felt werden. Das Vorhandensein oder Fehlen der Verzie­ rungen dürfte eher den „Rang" der Kessel anzei­ gen als deren chronologische, werkstältenmäßige oder sonstige Einordnung.

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Die Diademe der vornehmen hunnischen Frauen

Wichtig für unsere archäologischen Überlegun­ gen sind die mit roten Edelsteinen bedeckten Goldbleche von Höckricht, vielleicht die wieder­ verwendeten Stücke eines zertrümmerten Dia­ dems, deretwegen man bei weitem nicht Grab­ beigaben von Frauenbestattungen unter den Funden vermuten darf. Die gepreßte Randver­ zierung der Bleche und deren mit Edelsteinen bedeckte Oberfläche erinnern tatsächlich an das Diadem von Csorna (Farbtaf. XIV-XV) in Un­ garn. Dieses Diadem wurde jedoch in einem Grab auf dem Kopf einer vereinzelt bestatteten Frau gefunden, und später kamen ähnliche Stirnreifen in Buhăeni in der Moldau und in Gherăseni in Muntenien zum Vorschein. Das schönste Exemplar ist das aus drei Platten zu­ sammengefügte Diadem von Kertsch (Abb. 21). das vorn in der Mitte mit zwei stilisierten Raub­ vogelköpfen (einem „Doppeladler", eigentlich einem ausgebreiteten, zweiseitig dargestellten Falkenkopf verziert ist. Durch seine Struktur und die Vogelkopfverzierung schließt sich das Kertscher Diadem schon an jenes von Schipowo (Abb. 19) jenseits der Wolga an und bildet somit ein Glied in der sich von der Obgegend bis nach Csorna erstreckenden Kette von Diademen. Übrigens wurde auch das Kertscher Diadem auf einem Skelett gefunden. Die in ähnlicher Technik und in ähnlichem Stil hergestellten Diademe von Csorna, Buhăeni. Gherăseni und Kertsch sind Arbeiten einer eigenartigen „barbarischen" Goldschmiede­ werkstatt. Die Gold- oder vergoldeten Silberrei­ fen sind mit in drei bis vier untereinanderliegen­ den Reihen dicht angeordneten roten und mit einigen andersfarbigen Edelsteinen verziert, die in Kästchenfassungen verschiedener Größe und

unregelmäßiger Form gefaßt sind, das heißt, die Fassungen sind den Steinen angepaßt. Diese Werkstätten befaßten sich jedoch auch mit der Erzeugung anderer Gegenstände: mit der von Schnallenbeschlägen ähnlichen Stils (beson­ ders schöne Exemplare sind die Schnalle von Kistokaj, eine Schnalle unbekannten Fundorts und ein Schnallenbeschlac von Nowogrigorew­ ka (Taf. 40/2. 17/3 und Farbtafel XXVI. Abb. 52) und von Schwertscheidenbeschlägen verschiedener Größe. Genau solche gibt es im Fund von Kalinino; kleinere Beschlagplatten sind die weiter unten zu erörternden Schwertbe­ schläge von Pécs-Üszögpuszta (Taf. 43, Abb. 47). Bátaszék (Taf. 59, Abb. 56) und Jakuszo­ wice (Abb. 53) sowie die als „Diadem" rekon­ struierten Bruchstücke von Budapest-Zugló, dann von Schwertriemendurchzügen (Zmaje­ vac Vörösmart in Baranja. (Abb. 17, 4) und von Pferdegeschirrzierstücken (z. B. aus den Grä­ bern von Jakuszowice und Nowogrigorewka)alles Gegenstände künstlerischer hunnischer Goldschmiedearbeit. Das Tragen von Metalldiademen war westlich der Donmündung weder unmittelbar vor dem Erscheinen der Hunnen noch nach dem Nieder­ gang der Hunnenherrschaft Mode. Aus der Hunnenzeit selbst sind uns aber bisher Diademe bereits aus über zwanzig Frauengräbern be­ kannt. Der „Ausgang" der Diademfunde fällt fast mit dem der Bronzekessel zusammen, das zur Zeit östlichste Stück ist das prächtige Dia­ dem von Kanattas (Abb. 18) aus der Gegend zwischen Ob und Balchaschsee. Der westliche Endpunkt ist Csorna, und dies nicht zufällig. Denn nur bis dorthin reichten die geschützten Wohnstätten (Auls), wo die vornehmen Frauen

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57. Schwert mit goldverzierter Parierstange und silbernen Scheidenbeschlägen aus Verin Holm, Friedhof von Schapkino

des Hunnenreiches lebten und bestattet wurden. Weiler nach Westen drangen nur die Heere vor. Die Mehrzahl der acht östlich der Wolga gefundenen Diademe scheint aufgrund ihrer Form und ihrer technischen Eigenschaften sassanidisch-persischer Herkunft oder zumindest unter solchem Einfluß hergestellt worden zu sein. Schon im Osten waren die Diademe also Prachtstücke vornehmer hunnischer Frauen. Der Schwerpunkt der Verbreitung der Diademe in Europa weicht von dem der Kupferkessel und der Waffengräber ab. Sie wurden überwiegend (zwölf Funde) an der Nordküste des Schwarzen Meeres und auf der Krim ans Tageslicht befördert. Sicher nicht allein darum, weil der Großteil der europäischen Exemplare bereits in den antiken Städten der Krim hergestellt wurde, sondern wahrscheinlich als Beweis dafür, daß die - wohl kaum sehr große - Volksbasis der Hunnenmacht auch nach dem Vordringen Rugas nicht bis an die Theiß reichte, bot doch die Ebene zwischen Wolga und unterer Donau günstigere Wohnstätten für die Lebensweise der Großviehhaltung. Der eigenartig archaische Stil der bisher in der Donaugegend gefundenen Diademe ist eine barbarische - offensichtlich hunnische - Nachahmung iranischer Traditionen und Einflüsse. Diese Diademe stammen also theoretisch aus der frühen Zeit der Hunnenbewegung, aus der Zeit vor Bleda und Attila, wobei natürlich fraglich bleibt, wann sie ihre Eigentümer mit ins Grab bekommen haben. In Dulceanca in der rumänischen Ebene wurde z. B. am Rand eines verlassenen gotischen Dorfes aus dem 3./4. Jahrhundert jenes Männergrab freigelegt, das ein mit Edelsteinen verziertes Blechbruchstück enthielt. Die intakten Metalldiademe wurden in Gräbern gefunden, und, wo uns die Fundumstände bekannt sind, im allgemeinen auf Schädeln (z. B. Marfowka, Leninsk Kurgan 3. Beresowka, Kanattas). Selbst bei dem die Forschung eine Zeitlang irreführenden Fund von Melitopol, wo das Diadem vor den Ausgrabungen der Überreste des Totenopfers für einen Mann gehoben worden war, wurde es tatsächlich in einem Grab auf einem weiblichen Schädel gefunden, der nach dem hunnischen Schönheitsideal künstlich erhöht („deformiert") war und an dessen Stirn sogar noch die Patina des Diadems erhalten war. Die anderen Beigaben (Weißmetallspiegel sarmatischen Typs, edelsteinverzierte goldene

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96.

96. Vergoldete Silberfibel aus Tiszacsege

Scheibenbrosche) gehören auch zur Frauen­ tracht. Auf artifiziell deformierten Frauenschädeln wurden auch die Diademe von Schipowo. Kertsch und Gherăseni - hier mit östlichem Me­ tallspiegel und auf östliche Tracht hinweisenden Schuhschnallen - gefunden. Es ist demnach

nicht ausgeschlossen, daß auch die Frau von Csorna makrokephal war, obwohl diese beiden Erfordernisse von Schönheit und Rang keines­ wegs immer gemeinsam anzutreffen sind. Die vielen Bestattungen vornehmer Frauen sind ein schlagender Beweis dafür, daß in der hunnischen Gesellschaft das mit einem feierlichen Toten­ schmaus verbundene „Brandopfer" nur den Männern von Rang gebührte.

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Die Eigentümlichkeiten der Bestattung und der Tracht zur Hunnenzeit

Gelegentlich der Prüfung der Tragweise von Diademen wurde ein wichtiges archäologisches Problem der Hunnenzeit angeschnitten. Die Forschung sah nämlich einen Teil der DiademGrabfunde (z. B. die von Kertsch, Melitopol) bis in allerletzte Zeit für männliche Bestattungen an. Wie wir jedoch gesehen haben, wird diese Annahme durch die gründlich untersuchten Funde nicht unterstützt. Sondern wir die für Diadembruchstücke gehaltenen Schwert- und sonstigen Verzierungen von den tatsächlichen Diademen ab, so ergibt sich die Lösung auch des anderen, allerdings nur dieses Problems, von selbst. Andere Funde trüben nämlich seit Jahrzehnten jede klare Sicht, denn der beliebte Schmuck der Hunnenzeit: Halsringe, Armreifen, hörnchenförmige Haarringe, gelegentlich auch Ohrgehänge, ferner an verschiedenen Stellen der Kleidung angenähter, aus Gold gepreßter Schmuck und die Metallspiegel sind keine geschlechtsspezifischen Grabbeigaben. In den Gräbern vornehmer Frauen, die prächtige goldene Ohrgehänge und Diademe getragen haben, kommen als Beigaben oft Pferdegeschirr, ja sogar Überreste vom Pferdeskelett vor, eine Beigabensitte, die bei den Frauen späterer „Nomaden", bei den frühen Awaren, fast unvorstellbar gewesen wäre. Ja, man könnte sogar behaupten, daß die in der Hunnenzeit üblichen partiellen Pferdebestattungen, wobei von den abgehäuteten und zerlegten Pferden in das Grab nur der im Fell gelassene Schädel und die Reste der Gliedmaßen als Begleiter ins Jenseits gelangten, gerade in den Bestattungen vornehmer Frauen häufiger sind (z. B. Kara-Agatsch, Sdwishenskoje, Kurgan 36/2 Pokrowsk, Stara[ja] Igrenj, Melitopol, Werchneje Pogromnoje [Abb. 20], Ka-

nattas, die letzteren fünf davon Diademgräber). Auch in dem in der Ziegelei von Léva/Lewenz 1904 aufgedeckten Männergrab war ein Pferdeschädel deponiert, das mitgegebene, beschlagene Pferdegeschirr sowie der Sattel lagen jedoch über dem Skelett. Der gleiche Bestattungsritus war bei den Männergräbern von Aleschki Beljaus und Budapest-Zugló und bei einem Frauengrab mit Diadem von Werchneje Pogromnoje zu beobachten. Im Falle mangelhafter Funde von bereits zerstörten oder nur unzureichend untersuchten Gräbern ist es sehr oft schwierig zu entscheiden, ob die in Frage stehenden Funde aus Frauen- oder Männergräbern stammen. Hinsichtlich der, Identifizierung hunnischer Männerbestattungen und Totenopfer sind zur Zeit die einzigen verläßlichen Wegweiser die Waffen: Schwertklinge und Schwertscheide, die Schwertperle, die wenigstens 3 bis 4 Pfeilspitzen und die Speerspitze. Aber auch in diesem, eigentlich klar erscheinenden Fall kann die Kleidung im Diesseits oder auch für das Jenseits einzelner orientalischer Verbündeter der Hunnen, namentlich die der ihren „Amazonenahnen" nachgeratenen Alanen, zu Fehlschlüssen führen. Die Totenkleidung einzelner Alanengruppen ist nämlich in fast unglaublichem Maße geschlechtsunspezifisch. Bereits vor anderthalb Jahrhunderten hätte der im Dorf Porschnino nahe Maloarchangelsk gehobene reiche Grabfund Aufregung ausgelöst, wäre er nicht einige Jahre nachdem er ans Ta58. Hunnische Funde aus der Ukraine, die wie jene von Nagyszéksós aus der Humusschicht zutage kamen: (1-7) Kapulowka, (8-10) Makartet, (11-15) Radensk

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geslicht gekommen war, im Herbst 1941, vom Krieg zerstört worden. Archivfotos und Angaben dieses Fundes wurden erst Jahrzehnte später bekannt. Der Fundkomplex besteht aus einem hunnisch-alanischen östlichen Langschwerl mit Parierstange, mit Edelsteinen verziertem goldenem Fingerring und einem silbernen Fibelpaar mit Goldblechüberzug im Szilágysomlyó-Stil, an der Oberfläche mit Edelsteinen reich besetzter Zellendekor und Schmucksteinen in Fassungen. War es eine Männerbestattung mit Frauenschmuck oder umgekehrt? Seitdem hat sich die Zahl der fachgerecht erschlossenen und veröffentlichten, ähnlich gemischt zusammengesetzten alanischen Grabfunde, die uns zu etwas mehr Kenntnissen verhelfen, vermehrt. Wir haben erfahren, daß den alanischen Männern der Hunnenzeit mit Edelsteinen verzierte Goldfibeln und große Silberplatten-Fibelpaare ebenso mit ins Grab gegeben wurden wie Perlen, Armringe, Ohrgehänge und mit Flitterschmuck versehene Kleidungsstücke; auch fehlt fast nie ein Metallspiegel. Noch überraschender sind die Bestattungen einiger alanischer Frauen mit umgegürtetem zweischneidigem Langschwert, goldbeschlagenem Waffengürtel und Halsring, unter den Grabbeigaben befindet sich - was bei den

zeitgenössischen Germanen in den Händen von Frauen unvorstellbar war - eine Schafschere (Abb. 30). Da sowohl Frauen wie Männer Hosen trugen, faßten sie die Hosenbeine in ähnlicher Weise, mit Schnallen und goldbeschlagenen Riemen, oberhalb der Knöchel zusammen. Nach all dem erübrigt es sich fast zu erwähnen, daß sowohl Frauen wie auch Männern als Grabbeigabe Pferdegeschirr, Pferdefleisch oder ein in der Nähe der Gräber gesondert bestatteter, angeschirrter Kampfhengst gebührte. In einigen jüngst freigelegten Alanengräbern von AbrauDürso ist die geschlechtsunspezifische Ausrüstung und Beigabensitte so stark, daß sie die Geschlechtsbestimmung der Bestatteten anhand der weiblichen und männlichen Beigaben aus der Hunnenzeit auf ein Jahrhundert zurückgerechnet in Frage stellen kann, wenn wir ihre Fundumstände nicht kennen. Es ist daher notwendig, die seit langem bekannten, großen Hunnenfunde bezüglich ihrer Zuordnung Frau oder Mann bzw. Frau und Mann immer wieder neu zu erwägen; ein Beispiel hierfür ist neuestens die Diskussion um die berühmten Untersiebenbrunner Funde. Was die Hunnen selbst betrifft, wird diese Aufgabe durch das nur für sie kennzeichnende Bestattungsritual erleichtert.

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Schleier und Fibeln. Uber die alanische und germanische Frauentracht zur Hunnenzeit

Wen verbirgt der reiche und so verschiedene Funde umfassende Komplex von Untersiebenbrunn in der Mitte des niederösterreichischen Marchfeldes? Fibeln kann und braucht man nämlich nicht zu jeder Kleidung zu tragen. Für die Frauenkleidung östlicher „Reitervölker". die sich wie die der Männer eng an den Körper anpaßte, einen hohen Kragen besaß, mit Knöpfen und Haken zu verschließen und oft mit einem Gürtel zusammengefaßt war, bestand keinerlei Notwendigkeit, Fibeln zu tragen. Sie finden sich auch tatsächlich nicht bei den Frauen der Hunnen, frühen Awaren, Bulgaren, Altungarn, Petschenegen und Kumanen. Große Fibeln tragende Frauen können demnach von vornherein keine Hunnen gewesen sein. Skandinavische und deutsche Forscher legten um die Jahrhundertwende genau dar, wie sich unter dem Einfluß provinzialrömischer Fibeln der germanische Fibeltyp, mit halbkreisförmigen und polygonalen Platten bedeckt, im Gebiet von Germania Magna entwickelt halte. Die Achsen- bzw. Spiralkonstruktion der früheren, an Sicherheitsnadeln erinnernden Fibeln wurde nun von einem halbkreisförmigen, der Nadelhalter von einem mehreckigen Blech verdeckt. Beide boten so schier unendliche Möglichkeiten zur Verzierung. Auch heute noch ist das Erbe einstiger kunsthistorischer Ableitung lebendig, nach der die einzelnen Fibelabschnitte nach menschlichen Körperteilen bezeichnet worden sind: der Teil über der Spiralkonstruktion als Kopf, der über dem Nadelhalter als Fuß, die Verbindung zwischen beiden als Hals und eventuelle Fortsätze als Arme. Im Vergleich zu der Konstruktion der einfachen, sicherheitsnadelähnlichen Vorläufer eigentlich logische Bezeich-

nungen. Erst die moderne Archäologie schuf Klarheit darüber, daß die Plattenfibeln, abgesehen von Unsicherheiten bezüglich der Anfangszeit ihrer Verwendung, anders getragen worden waren: in Hunderten, sorgfältig untersuchten Gräbern wurden diese Fibeln mit dem „Kopf" nach unten und dem „Fuß" nach oben gefunden. Ebenso erwies sich jene Theorie der Archäologie als unhaltbar, wonach aufgrund der Verbreitung von Fibeln mit glatter halbkreisförmiger „Kopfplatte" und mehreckiger „Fußplatte" auch solche Teile Europas von Ost- oder Westgoten besiedelt gewesen wären, in denen zur Zeit der Erzeugung und des Gebrauches derartiger Fibeln von Goten weit und breit nichts zu sehen war. Die Rolle dieser Fibeln als ethnisches Merkmal für Goten hatte in diesem Jahrhundert ihre Ursache aber sicher nicht nur in rein archäologischen Überlegungen. Die französische Forschung des vorigen Jahrhunderts und die skandinavische der Jahrhundertwende erkannten allerdings richtig, daß die Blech- und Plattenfibeln zuerst in den gotischen Gebieten Ermanarichs und Athanarichs so richtig populär geworden waren. Auch ihre Entwicklung läßt sich im selben geographischen Raum verfolgen: ihr Anwachsen von einem kleinen, 5-7 cm langen Grundtyp über Varianten von 10-15 cm Länge bis zu 20-25 cm langen und noch größeren Riesenfibein, von gehämmerten Bronze- oder Silberblechen bis zu dicken, gegossenen Silberplatten. Heute wissen wir bereits, daß diese Entwicklung nicht geradlinig verlief und keineswegs Allgemeingültigkeit besaß; sie bezieht sich in erster Linie auf die Schmuckstükke der Reichen und Vornehmen. Schließlich wurde bereits im vorigen Jahrhundert richtig

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festgestellt, daß die Goldschmiede der Pontusgegend die ersten waren, die gegossene Silberfibeln unterschiedlicher Größe mit Goldblech überzo­ gen, die Goldblech in Zellen und Kästchenfas­ sungen mit Edelsteinen und Filigranverzierun­ gen versahen. Die Grundlagen dieser Theorie wurden von dem Ungarn 1. Kovács bestätigt. Als er das 1903 in Marosszentanna (Sîntana de Mureş) erschlos­ sene Gräberfeld publizierte, war er der erste, der die Hinterlassenschaft den Wisigoten zuschrieb, die im 4. Jahrhundert in Siebenbürgen gelebt hatten, und die Funde mit jenen Gräberfeldern der Umgebung von Kiew in engen Zusammen59.-60. Funde aus dem Grab eines vornehmen hunnischen Jünglings. Beljaus

hang brachte, die damals noch zum größten Teil unveröffentlicht waren. Damit bestimmte Ko­ vács nicht nur den archäologischen Nachlaß der Goten - und zwar gleichzeitig den der Wisigoten und den der Ostrogoten (heute: Tschernjachow-Marosszentanna/Sinlana de MureşKultur) - des späten 3. und des 4. Jahrhunderts, sondern auch die Zeit, die paarweise Tragweise an der Schulter, und das Ethnikum der als Ent­ wicklungsgrundlage dienenden, kleinen Bronzeund Silberblechfibeln (1912). Diese historisch wohl untermauerte und auch archäologisch nachgewiesene Entdeckung wurde von der Forschung der folgenden Jahrzehnte absolutisiert. Sehr bald jedoch zeigten sich an den Mauern dieses für fest gehaltenen archäologischen Ge-

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bäudes die ersten Risse, gerade im Zusammen­ hang mit dem größten Fibelfund, nämlich dem des II. Schatzes von Szilágysomlyó. Schon die ersten Bearbejter erkannten, daß der erstaunlich reiche Polychromstil aus der Pontusgegend zu den IOstgermanen des Karpatenbeckens gelangt war, und zwar - unter Berücksichtigung der Goldmünzen aus verschiedenen Perioden des I. Schatzes - noch bevor die Hunnen in Europa aufgetaucht waren. Die meisterhafte letzte Bear­ beitung bestätigte unwiderruflich, daß die aus purem Gold gefertigten Fibeln des II. Schatzes bereits in den siebziger Jahren des 4. Jahrhun­ derts seit langem getragene, abgenutzte, beschä­ digte und ausgebesserte Schmuckstücke waren. Demgegenüber sind die großen, mit Goldblech überzogenen Fibeln aus gegossenem Silber,

die den Großteil des Schatzes ausmachen, solche Schmuckstücke, die erst nach den siebzi­ ger Jahren in Mode kamen und während der Hunnenzeit auch noch lange in Mode blieben. Der gesamte Komplex des II. Schatzes schließt also von vornherein den von historischer Ro­ mantik genährten „Glauben" bzw. die wissen­ schaftliche Vorstellung aus. der Schatz sei im Jahre 376 gelegentlich des Zusammenbruches des wisigotischen Stammesbundes oder späte­ stens 381 vor der Flucht des Wisigoten Athana­ richs verborgen worden. Aber auch der Fundort selbst schließt derartige Möglichkeiten aus. Szi­ lágysomlyó ist vom geographischen und histori­ schen Siebenbürgen (Ultrasilvana/Transilvania) und von der um vieles kleineren römischen Pro­ vinz Dacia Superior durch das Meszes/Meseş-

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61. In Szirmabesenyö kamen an derselben Stelle ein östliches zweischneidiges Langschwert und ein langes Kampfmesser zutage

Gebirge getrennt. Es ist selbst heute nicht leicht zu überwinden. An der Ostseite der Gebirgskette reihten sich die römischen Limeskastelle aneinander. Doch selbst diese Limeszone wurde von der von Ost nach West vordringenden wisigotischen Besiedlung Daziens niemals erreicht. Sie endete weit östlich von Szilágysomlyó, im Bereich der 120 km entfernten Ruinen des antiken Napoca, also in der Umgebung von Klausenburg. Ein Volk aber vergräbt seine fürsilichen Schätze kaum weit außerhalb der unwegsamen Grenzen seines Landes. Außerdem ist die Gegend um Szilágysomlyó durch die Flüsse Beretytyó und Kraszna gegen Westen und Nordwesten geöffnet, in deren breiten Tälern endet die nördliche Tiefebene. Es ist daher kein Zufall, daß die ungarischen und rumänischen Forscher die Schatzfunde von Szilágysomlyó (Farbtaf. I VIII und Taf. 9) schon seit langem mit dem im 4. Jahrhundert in den Tälern der oberen Theiß, der Kraszna und Szamos siedelnden Volk der Gepiden in Verbindung gebracht haben. Sie blieben aber mit ihrer Meinung allein. Denn die mit politischen Landkarten und Begriffen neuerer und neuester Zeit arbeitende internationale Forschung hält einerseits hartnäckig an der Ansicht fest, es handle sich dabei um „siebenbürgische", „transsilvanische" bzw. „dazische" Schätze, andererseits vermag sie sich nicht vorzustellen, derart reiche Schätze seien mit einem anderen Volk als dem der historisch mythisierten Goten in Verbindung zu bringen. Wenn es sich aber nicht um Wisigoten handeln kann, dann wird eben, gerade unter Berufung auf den einzigartigen Reichtum des Schatzes, eine ostrogotische Herrschaft in „Siebenbürgen" während der Hunnenzeit postuliert. Die vom gotischen Chronisten des 6. Jahrhunderts mißachteten und geringgeschätzten Gepiden kamen nicht in Frage, und wenn doch, dann höchstens als gotisch/gepidische Alternative, die in Kenntnis der Geschichte beider Völker kaum besser ist als eine FeuerWasser-Alternative. Die Schriftquellen aus dem 5. Jahrhundert lehren uns demgegenüber, daß die Gepiden die wichtigsten ostgermanischen Verbündeten der Hunnen waren, später deren Besieger und die Erben ihres Landes und ihres Reichtums. 156

97/1-3.

97/1.-3. Ganze und fragmentierte Spiegel aus hunnenzeitlichen Gräbern

Eine historisch und archäologisch unanfechtbare Interpretation ist nur durch die Behandlung beider Teile des Schatzes als Einheit möglich. Die Hortung des ganzen Schatzes wurde am Ende des 3. Jahrhunderts begonnen und seitdem fortlaufend durch andere Goldgegenstände vermehrt. An der Stelle, wo der Schatz zum Vorschein kam, lebten zu der in Frage kommenden Zeit die Gepiden. Die Gepiden waren das einzige ostgermanische Volk, das seine Heimat im Karpatenbecken zur Zeit der hunnischen Angriffe nicht verlassen hatte. Ihre Herrscher und Anführer wurden von dem schweren Schlag getroffen, der zur Verbergung des auch territorial zusammenhängenden - früher schon erwähnten „Schatzhorizontes" führte (Fibeln von Gelénes, mit Goldmünzen aus dem 4. Jahrhundert verzierte Halskette von Ormód/Brestow). Und ein derartiger Schlag in dieser Zeit konnte nur einen Grund haben: das Eindringen der Hunnen in das Karpatenbecken und die Unterwerfung der Gepiden um 424/425. Die Hunnen rotteten, den 157

ungeschriebenen Gesetzen der Steppenreiche entsprechend, die sich nicht bedingungslos unterwerfenden Fürsten- und Herrscherfamilien aus und setzten ihnen ergebene Männer über ihr neues „Hilfsvolk" ein. Wenn sich dies aber alles so verhalten hat, drängt sich berechtigterweise die Frage auf, warum die Fibeln von Szilágysomlyó und Gelénes im Rahmen der Archäologie der Hunnen erörtert werden. Die Antwort ist einfach: Die späten Fibeln und Schalen der Schatzfunde weisen bereits jene Veränderungen auf, die in der Goldschmiedekunst des Pontusgebietes und der nördlich davon liegenden Steppen mit der Hunnenherrschaft begonnen haben. Die in das Land der Gepiden gezogenen oder geflohenen Goldschmiede vermittelten laufend die zwischen 370 und 430 sich vollzogene Entwicklung im Pontusgebiet. Ausgeschlossen ist aber auch nicht, daß sich die seit den Jahren nach 400 den Hunnen nominell unterworfene gepidische Aristokratie gewollt oder unter Zwang der neuen Mode anzupassen begonnen hat. Der Schatz von Szilágysomlyó ist also der schönste uns erhalten gebliebene ostgermanische Fundkomplex aus der

98.

98. Fibelpaar östlichen Ursprungs aus PécsBasamalom

Hunnenzeit. Seine jüngsten Stücke vereinigen sämtliche Stilrichtungen und Kenntnisse der Goldschmiedekunst der Hunnenzeit, anhand derer alle anderen Funde aus dieser Zeit vergli­ chen werden können. Da mit der Verbergung der Schätze I—II von Szilágysomlyó weder die stilistische Entwick­ lung noch die Goldschmiedekunst einen Bruch erlitten haben, kann dieser Hortfund als Vorläu­ fer, aber auch als untrennbarer Bestandteil der Hunnenzeit im Karpatenbecken angesehen wer­ den; ohne seine Kenntnis wäre die Entwicklung und die führende Rolle, die die Goldschmiede­ kunst bei den Barbaren jener Zeit spielte, kaum verständlich. Die mit Steinen verzierten und mit Goldblech überzogenen Fibeln gehören zum charakteristischen Frauenschmuck der ostger­ manischen Aristokratie während der Hunnen­ zeit (Rábapordány, Regöly, Völc/Velţ, Untersie­ benbrunn), auch wenn die genaue Zeit ihrer Ver­ wendung und Vergrabung nur schwer zu bestim­ men ist. Einen einzigen, aber dafür um so wesentliche­ ren Gesichtspunkt in bezug auf die Fibeln ließ die skandinavisch-deutsche Forschung außer

acht bzw. streifte ihn nur: Die Fibel war seit Christi Geburt von der Wolga und dem Kauka­ sus bis zur Ungarischen Tiefebene ein organi­ scher Bestandteil der iranischen Welt, auch der Frauentracht von Sarmaten, Jazygen, Roxolanen und Alanen. Daß die auf beiden Schultern getragenen gotischen Plattenfibeln von den graeco-iranischen Goldschmieden des Pontusgebietes in den Polychromstil übertragen wurden, war für die skandinavisch-deutsche Forschung noch klar, nicht aber, daß sich diese neuen Fibeln rasch auch bei anderen ostgermanischen Völ­ kern wie auch bei den unter ihnen und in ihrer Nachbarschaft lebenden Iranern verbreiteten (Abb. 32). Sie maß diesem Umstand keine ernstzunehmende Bedeutung bei, obwohl bereits seit der Jahrhundertwende aus alanischen Kata­ kombengräbern des Kaukasus kleine Plattenfi­ beln, ja sogar mit Goldblech überzogene und mit Steinen verzierte Varianten hunnenzeitlichen Typs bekannt waren (Kumbulta-Werchnaja Rutcha, neuerdings Gilatsch usw.). Die Frage der Herkunft der einfachen, kleinen Blechfibeln vom Typ Tschernjachow-Marosszenlanna/Sîntana de Mureş ist bereits entschie­ den. Statt hier Einzelheiten zu erörtern, sei nur auf die entsprechende Abbildung (Abb. 35) ver­ wiesen, auf der sowohl die in den alanischen Gräbern des nördlichen Kaukasus gefundenen und hinsichtlich ihrer Form, Technik und Ver­ zierung von den gotischen Vorbildern wohl un­ terscheidbaren, kleinen Plattenfibeln als auch ihre pannonischen Pendants zu sehen sind; aus jenem Pannonien, in dem seit 380 nachweislich Alanen ansiedelten (die Alanen des Saphrax und später des Sarus) und wohin nach der Einwande­ rung der Hunnen aller Wahrscheinlichkeit nach auch neue, in hunnischem Dienst stehende alani­ sche Gruppen gelangten. Die Entdeckung dieser pannonischen Plattenfibeln zerstörte einen lang­ währenden historisch-archäologischen Irrglau­ ben, nach dem die Blech- und Plattenfibeln stets verschiedenen Gruppen von Goten zugeordnet wurden. Anders verhält es sich mit den seit Beginn des 5. Jahrhunderts immer größer werdenden gegos­ senen Silberplattenfibeln und mit deren mit Goldblech überzogenen und mit Edelsteineinlagen versehenen, vornehmen Varianten. Ihr Ver­ breitungsgebiet im Osten lag lange Zeit im Be­ reich der Nordküste des Schwarzen und des Asowschen Meeres, vor allem auf der Halbinsel

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Krim, wo die großen Plattenfibeln bis in das 6. Jahrhundert in Mode waren. Es halte den Anschein, daß dieses Verbreitungsgebiet identisch mit jenem sei. in das im 4. Jahrhundert germanische Gruppen gelangten, wo auch noch in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts Reste von ihnen lebten und auf der Krim sogar die Hunnenherrschaft überdauerten. Obwohl mittelgroße Plattenfibeln auf der Halbinsel Taman und sogar in der Umgebung von Maikop fallweise auftauchten, konnte dies mit dem Einfluß der Krimgoten, eventuell auch mit deren „Vordringen" erklärt werden. Das heißt, die Rolle dieser Fibeln als absolutes ethnisches Merkmal blieb fast unangetastet. Die Fibeln dürfen jedoch nicht von der aus den Gräbern sich widerspiegelnden Tracht, von den Bestattungssitten und vor allem von den Fundorten selbst losgelöst behandelt werden. In diesem Zusammenhang müssen die mit Goldflitter bestickten Schleier genannt werden, die einerseits im Zusammenhang mit Prunkfibeln völlig unbekannt sind (sämtliche gepidischen, swebischen, wisigotischen sowie nachweisbar ostrogotischen Grab- und Schatzfunde, auch der Fund von Rábapordány), andererseits aber besonderer Bestandteil der Kleidung auch Fibeln tragender vornehmer Frauen sind. Umgekehrt sind aus dem mittleren Drittel des 5. Jahrhunderts mehrere „Goldgräber" vornehmer Frauen bekannt, in denen wohl ein Goldschleier, jedoch keine Fibeln gefunden worden sind (DunapatajBakodpuszta, Papkeszi, Bolschoi Kamenez Grab I, auch „Sudshaer Schatz" genannt), ein Beweis dafür, daß Schleier und Fibeln für die Kleidung von gleichrangiger Bedeutung waren. Im März 1876 wurde in Moult-Argences in der Normandie, auf dem Gutshof Valmeray, in 150 cm Tiefe neben dem Skelett einer etwa 24jährigen Frau (gleichen Alters war auch die „Fürstin" von Untersiebenbrunn, die Zeit begünstigte kein langes Leben) ein reicher Schmuckfund freigelegt. Seil Beginn dieses Jahrhunderts wurde er unter der falschen Bezeichnung „Airaner Schatz" in der Archäologie bekannt. Am bedeutendsten ist wohl das Fibelpaar mit Schmucksteineinlagen, das durch eine Goldkette mit Ringgehänge zusammengehalten wurde. Es ist mit den Fibelpaaren von Untersiebenbrunn und Rábapordány nahe verwandt; möglicherweise stammen sie sogar aus ein und derselben Werkstatt. Wegen der beiden Parallelen aus

dem Gebiet der mittleren Donau hielt die deutsche Forschung die Frau aus dem Grab von Moull-Argences für eine Gotin bzw. Ostgermanin. Die französischen Bearbeiter hingegen vertraten eine davon abweichende Meinung, jedoch keinesfalls infolge irgendwelcher Aversionen den Goten gegenüber. Sie betonten, daß in der Gegend der Fundstelle in der Normandie niemals Goten oder andere Ostgermanen auftauchten, auch sei ihnen unbekannt, daß die südgallischen Wisigoten im Laufe ihrer Feldzüge jemals so weit nach Norden vorgedrungen wären. Hingegen sind in dem aus dem ersten Viertel des 5. Jahrhunderts stammenden römischen militärischen Verzeichnis, der Notitia Dignitatum, um die Normandie herum zahlreiche sarmatische Verbände genannt. Einzelne alanische Gruppen wiederum schlugen im zweiten Viertel des 5. Jahrhunderts ihre Lager ausgesprochen nördlich der Loire auf. Südlich und östlich der Fundstelle von Moult-Argences gibt es heute noch Ortsnamen wie Allaines und Allones, die auf die ehemalige Anwesenheit von Ala99. Östliche Silberfibel, Harkány

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99.

100.

100. Beliebter Schmuck im 5. Jahrhundert war der mit einem polygonalen Knopf verzierte Ohrring, Regöly

nen hinweisen. Die französischen Bearbeiter, einmal auf dem richtigen Weg, erkannten ferner, daß die anderen Schmuckstücke des Fundes sarmatisch und graeco-iranischen Typs waren: eine dicht geflochtene goldene Halskette, ein mit einer Gemme versehener goldener Fingerring, eine eigentümlich geformte Haarnadel, vor allem aber die Schleierzierbleche, wie die in siebenerlei verschiedenen Formen gepreßten Goldflitter und auch die vom Schleierrand stammenden W-förmigen Goldflitter. Ihr einigermaßen zaghafter Vorschlag, die Verstorbene von MoultArgences sei sarmatischer oder alanischer Herkunft gewesen, wird auch heute noch als gewagt angesehen. Möglicherweise noch weniger Beachtung als dem „Airaner Schatz" wurde einem anderen Grabfund geschenkt, obwohl er für die Chronologie der Trachtsitten während der Hunnenzeit fundamentale Bedeutung besitzt. Er wurde vor dem Ersten Weltkrieg im tunesischen KoudiatZateur, westlich von Karthago und sogar westlich von Utica, in einem sekundär verwendeten römischen Sarkophag freigelegt. Seine Bezeichnung als „Schatz von Karthago" ist in diesem Fall nicht nur falsch, sondern auch irreführend. Er wird für einen wandalischen Fund gehalten, obwohl die Schmuckstücke in keiner Weise an die wohlbekannte wandalische, schwerreiche Goldschmiedekunst der Hasdingen und Silingen

des 3. und 4. Jahrhunderts erinnert. Nicht dieser Meinung war der erste und zugleich letzte Bearbeiter des Fundes, Michail Rostowzew, der damals hervorragendste Experte für die südrussische Metallkunst. Rostowzew erkannte, abgesehen von der offensichtlich spätrömisch-frühchristlichen Halskette, nur zu gut die enge Verwandtschaft der Tracht der im Sarkophag ruhenden vornehmen Frau mit den Grabfunden von Kertsch (1904) und Olbia sowie mit dem eben besprochenen Fund von Valmeray (MoultArgences). Besonders die vom Totengewand stammenden 169 Goldflitter in dreierlei Ausführung und deren Parallelen erweckten seine Aufmerksamkeit. Diese Goldflitter konnten natürlich auch in Koudiat-Zateur nicht auf ein Kleid genäht gewesen sein, die biegsamen, dünnen Bleche haften nur an einem dünnen Schleier. Rostowzew bestimmte den Fund als ein sarmatisches oder alanisches Grab aus der Wandalenzeit. Diese Ansicht wird von historischer Seite noch meisterhaft durch den Titel König der Wandalen und Alanen (rex Vandalorum et Alanorum) untermauert. Was Rostowzew damals nur vermuten konnte, ist heute vollkommen klar und für die Herkunft bestimmend: Die Fibeln von KoudiatZateur, vor allem aber deren kreuzförmig angeordnete, fast die gesamte Oberfläche bedeckende runde Schmucksteineinlagen besitzen ihre - zum Großteil seit damals ans Tageslicht gekommenen - Parallelen ausschließlich im nördlichen Vorraum des Kaukasus (Kumbulta, „NordKaukasus", Abrau-Dürso). Die mit dem Grabfund verbundenen historisch-chronologischen Möglichkeiten hat die Forschung bisher nicht genutzt. Das Grab kann keinesfalls vor der wandalischen Invasion Nordafrikas (Mai 429) angelegt worden sein, da glücklicherweise in diesem Zusammenhang nie der Gedanke auftauchte, die schwerreiche Frau hätte zu den wisigotischen Söldnertruppen des comes Bonifatius gehört. Noch genauer: Die Bestattung kann auch nicht vor 435 durchgeführt worden sein, denn erst zu diesem Zeitpunkt wurde der nordwestliche Teil der Provinz Africa Proconsularis, an deren Grenze Koudiat-Zateur liegt, von dem aus der hunnischen Geschichte bekannten, später mit Attila am Fluß Mincio einen Waffenstillstand schließenden Trigetius (der sich damals durch die Lösung schwerwiegender Probleme einen guten Ruf verschaffte) in

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einem Waffenstillstands- und Bündnisvertrag an den Wandalen Geisecrich abgetreten. Es ist am wahrscheinlichsten, daß die Schmuckstücke erst nach 439 - also nach dem Fall Karthagos - in den Sarkophag gelangten. Wegen der Erfolge Geiserichs wird leicht vergessen, daß der Hasdinger Herrscher sein Volk aus demselben Grund nach Afrika schiffte, der Alarich schon 410 dazu veranlaßt hatte; die Suche nach Sicherheit. Geiserichs Volk floh 401 vor den Hunnen nach Norikum und dann nach Rätien. Auch die plötzliche Überquerung des Rheins Ende 406 mochte irgendwie mit dem Vordringen Uldins in das Donaugebiet und mit dessen Erscheinen in Italien in Zusammenhang stehen. Nach dem Rückzug der nach ihnen in Hispanien eingedrungenen Wisigoten, d. h. nach 418, hatten die Wandalen auf der Halbinsel nichts mehr zu befürchten. Sie schlugen Sweben und lokale römische Kräfte mit Leichtigkeit zurück oder unterwarfen sie. Was den Wandalen vermutlich abermals Furcht einjagte, war das Erscheinen der Hunnen des Aetius in Gallien. Es dürfte daher kaum Zufall sein, daß sie nach der Besiegung der südgallischen Wisigoten durch die Hunnen 425/426 zum ersten Mal versuchten, in Mauretanien Fuß zu fassen. Die Angriffe wiederholten sich in den folgenden Jahren, die Hunnen erschienen regelmäßig im benachbarten Gallien. Von dort aus konnten sich vor den Hunnen fliehende oder sich von ihnen lossagende Alanen ohne besondere Schwierigkeiten ihren Brüdern in Hispanien anschließen und mit ihnen zusammen nach Afrika segeln. Die Tochter oder Frau eines dieser Alanen dürfte die Tote von Koudiat-Zateur gewesen sein. Die Goldschnalle des Grabes von KoudiatZateur ist gleichen Typs wie die von Kertsch (Grabkammer vom 24. Juni 1904) und wurde offenbar in einer Werkstatt von Kertsch hergestellt. Die runde, goldene Gürtelschnalle mit Zellenverzierung, die hunnenzeitliche Schnalle (Abb. 39), gab es unseren gegenwärtigen Kenntnissen nach weder im Karpatenbecken vor der hunnischen Ansiedlung und Eroberung noch konnte sie vor 429 nach Nordafrika gelangt sein. Die Schnalle wurde von ihrer Eigentümerin zwischen 429 und 439 schon getragen, in Kenntnis der damaligen Lebenserwartungen sicher nicht lange. Es ist typisch alanisch, daß eine derartige Gürtelschnalle, die bei den Hunnen nur von Männern getragen wurde, in diesem Fall

62. Im Fund von Nagyszéksós kamen zahlreiche mit Schuppen- und anderen geometrischen Mustern verzierte Goldbleche, in den meisten Fällen Schwert- und Saitelbeschläge, zutage

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63. Wegen der individuellen Stilmerkmale der Pfauenköpfe mit den roten Granat- and Glaseinlagen dürften diese Stücke aus dem Opferfund von Nagyszéksós stammen. Die dazugehörende schwere Goldperle kennen wir aus den hunnenzeitlichen Bestattungen auf der Krim

Bestandteil eines Frauengürtels ist. Die Datie­ rung dieses so weit entfernten Grabes wirkt so­ mit bis nach Kertsch zurück und beeinflußt auch die Chronologie der Hunnenzeit. Das Frauengrab von Regöly mit artifiziell de­ formiertem, europidem Schädel enthielt eben­ falls einen mit den gleichen Goldflittern wie im ,,Airaner", „Karthager" und „Sudshaer" Schatz bestickten Schleier und ursprünglich auch eine geflochtene Halskette, beide sicher für die Tracht ebenso typisch wie das Fibelpaar (Farbtaf. X, Taf. 13-15). Die ungarische Forschung bestimmte denn auch die Tote von Regöly als vornehme Alanin. Nur die Datierung muß heute als überholt angesehen werden, Regöly und ähn­ liche Grabfunde wurden damals mit den 380 als römische „Foederati" angesiedelten Alanen (Goten, Hunnen) in Verbindung gebracht. Russische, französische und ungarische For­ scher, die sich mit dieser Frage beschäftigten, hoben etwas großzügig die jahrhundertelange Tradition von Kleidern (richtiger: Schleiern) mit Goldflitterverzierung bei den Iranern hervor. Dies trifft wohl auf die Schleiertracht an sich zu, nicht aber auf deren Goldbesätze. Denn gleich­ zeitig mit der hunnischen Bewegung erschienen völlig neuartig geformte Goldflitter, im Gegen­ satz zu der früheren Vielfalt nur wenige Typen: W-förmige, spielfigurenartige, quadratische, rhombische, dreieckige, kreisförmige und selte-

ner auch S-förmige Bleche, von denen mit Aus­ nahme der ersten alle einen Perldraht nachah­ menden gepreßten Rand besitzen. Der Formen­ reichtum ist damit im großen und ganzen er­ schöpft, die angeführten Typen unterscheiden sich höchstens in ihrer Größe und Anzahl, even­ tuell kommen noch Doppel- und Dreifachbleche vor. All das weist darauf hin, daß diese neue Schleiertracht ausschließlich mit der hunnischalanischen Bewegung in Verbindung zu bringen ist und sich sicherlich nicht in einem weiteren Umkreis verbreitet hat. So übernahmen zum Beispiel die Frauen der mit den Hunnen ein Vierteljahrhundert in Symbiose lebenden Gepi­ den die Schleiertracht nicht, wohingegen die Gepiden (aber auch Sweben und Thüringer) hunnische Männertracht, Waffen und Pferdege­ schirre der nachfolgenden Zeit überlieferten (Königsgräber I—III von Apahida, der Schatz von Spmeşeni/Szamosfalva, das Fürstengrab von Blučina usf.)/Nur ein Fall und zugleich der späteste ist bekannt, daß die Frau eines aller Wahrscheinlichkeit nach germanischen Fürsten einen mit Goldflittern bestickten Schleier trug, nämlich die Tote von Dunapataj-Bakodpuszta. Sie war mit sehr viel Schmuck ausgestattet, trug jedoch keine Fibeln. Diese skirische Fürstin war entweder sarmatisch-alanischer Herkunft, oder sie bewahrte einfach die Tracht vornehmer Hunnen- oder Alanenfrauen (Taf. 111-113, Abb. 72). Obwohl sich die ethnische Deutung des Gra­ bes von Regöly auf die bereits besprochenen Funde und Zusammenhänge stützte, konnte das Ergebnis nicht bewiesen werden. Der Schleierschmuck der Hunnenzeit verbreitete sich näm-

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lich - dem Anschein nach - im Osten nicht über den Don und die Meerenge von Kertsch hinaus, er kam also nicht einmal so weit wie die „gotischen" Fibeln. Es ist daher nicht verwunderlich und kaum zu kritisieren, daß mehrere Forscher auch in der vornehmen Frau von Regöly eine Ostgermanin sahen. Erst die Grabungen der vergangenen Jahre schufen eine völlig neue Ausgangsbasis. Mittelgroße und große Plattenfibeln aus Silber kamen in unbestreitbar alanischen Friedhöfen der Hunnenzeit ans Tageslicht, und zwar in einer solchen Menge und Vielfalt, daß sie die bisher vom Karpatenbecken bis zum Don und zu der Halbinsel Kertsch bekannten Fibeln zahlenmäßig übertrafen und sämtliche früheren Theorien und Vor- 101. Hunnische goldene Riemenzunge aus „Buda" stellungen über den Haufen warfen (16 Gräber in Abrau-Dürso, Krassnodar). In zwei Gräbern 102.-103. s. Farbtafeln XXVII-XXVIII wurden sie sogar zusammen mit goldblechüberzogenen und mit Schmucksteinen verzierten FiUnd von hier aus kehren wir wieder zu unsebeln getragen (Grab 300 und 490 von Abrau- rem Ausgangspunkt zurück, zu den beiden Dürso). Der Fundort Porschnino, wo zusam- „fürstlichen" Grabfunden von Untersiebenmen mit einem hunnischen oder alanischen brunn im norddanubischen Niederösterreich Langschwert ein mit Edelsteinen verziertes Fi- Ihre ethnische Bestimmung blieb 80 Jahre unbelpaar gefunden wurde, liegt auch viel weiter verändert: Mit Ausnahme der römischen Glänördlich als das östliche Siedlungsgebiet der Go- ser (zu denen auch noch eine antike Haarnadel ten, die Funde können ihnen also keineswegs aus Silber gerechnet werden müßte) wären zugeschrieben werden. Könnten die angeführten „sämtliche Gegenstände germanisch", ja „herFunde gewissermaßen noch immer mit dem goti- vorragende Schöpfungen der germanischen schen Fundblock des Pontusgebietes in Verbin- Kunst". Diezu frühe Datierung dieses Grabfundung gebracht werden, so ist dies für die alani- des wirkt auch heute noch auf die wisigotische schen Grabfunde aus Dagestan am Kaspischen Bestimmung des Schatzes von Szilágysomlyó Meer schon nicht mehr möglich. In Iragi wurde nach, neuerdings auch auf die Theorie der ostroin einem nicht allzu großen, mit Steinplatten gotisch-alanischen Foederati Pannoniens. Unabgedeckten Grab eine junge Frau mit fast allen tersiebenbrunn liegt jedoch außerhalb von PanBestandteilen alanischer Tracht und Mode aus nonien und ist keineswegs so vereinzelt und isoder Hunnenzeit gefunden: das mit Anhängern liert. Es paßt vielmehr ausgezeichnet zu den arversehene goldene Ohrgehänge (Abb. 42), der chäologischen Funden der Hunnenzeit in der mit figuralen und geometrischen, auch mit W-förMarch- und Thayagegend. Der mit den vielen migen Goldflittern bestickte Schleier, ein aus hundert Goldflittern hunnenzeitlichen Typs Karneol-, Achat-, Bernstein-, Bergkristall-, Glas- durchwirkte Schleier dieser vornehmen, im Alter und Gagatperlen bestehender Halsschmuck, der von nur 24 Jahren verstorbenen, auffallend kleiGürtel mit einer Silberschnalle und mit Gold- nen (150 cm) Frau und jener ihrer siebenjährigen blech überzogene und mit Schmucksteinen ver- Tochter oder Verwandten sind die bisher reichzierte Riemenzungen, eine goldene Toilettengar- sten und prächtigsten Vertreter dieser Tracht. nitur, ein Weißmetallspiegel, zwei verschiedene Besonders auffallend ist die Beigabe von vier Armringe, eine eiserne Knebeltrense, kleinere Fibeln in dem Frauengrab: neben dem FibelBronzeschnallen, eine Silberschüssel und Silber- paar mit den Schmucksteinen zwei verschieden phiole, mehrere Tongefäße und zu alledem gearbeitete, mittelgroße Plattenfibeln aus Silber, noch ein mit Goldblech überzogenes und mit von denen eine einwandfrei nordkaukasischen Schmucksleinen verziertes Fibelpaar aus Bronze Typs ist. In germanischen Gräbern ist eine derund ein unverziertes Plattenfibelpaar aus Silber. artige ,,Fibelanhäufung" unbekannt, um so cha-

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104/1.

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104/1. Goldene Kopfschmuckplatte aus Mezőberény

rakteristischer ist sie jedoch für die alanische Frauentracht. In Iragi, nahe des Kaspischen Meeres, ist uns das fast inventargleiche Vorbild für die Untersiebenbrunner Tracht bekannt. In Abrau-Dürso hingegen fanden sich in den Grä­ bern 353, 410, 416 und 500 je drei silberne Plat­ tenfibeln, wobei in letzterem Grab eine der Fibeln mit Goldblech überzogen und mit Schmucksteinen besetzt und die Frau auch mit einem massi­ ven Halsring ausgerüstet war. In Grab 300 wie­ derum fand sich neben drei silbernen Plattenfi­ beln eine Fibel mit „umgeschlagenem Fuß" wie in Koudiat-Zateur. Bemerkenswert ist auch das Mädchengrab 383 von Abrau-Dürso mit drei großen silbernen Plattenfibeln, einer Fibel mit „umgeschlagenem Fuß", zwei massiven Halsrin­ gen, einem Armring, mehreren Rundschnallen mit ovalen Beschlägen, Ovalschnallen mit recht­ eckigen Beschlägen, einem gut erhaltenen Spie­ gel, einem Glasbecher mit blauer Noppenauflage, einer Toilettengarnitur und einem Ohrgehän­ ge mit massivem Polyederknopf. Also auch in diesem Grab fanden sich fast alle Trachtbe­ standteile des Untersiebenbrunner Grabes. Da­ zu kommt noch, daß die Fibeln dieses Mädchens mit einer Ringkette verbunden waren, eine Mo104/2. Goldene Kopfschmuck platte aus Mezőberény

de, die uns bereits bei dem Grab von MoultArgences begegnete, aber auch noch in anderen Gräbern von Abrau-Dürso (300, 408, 410, 483, 516) vorkam. Aus zeitgleichen germanischen Grabfunden ist uns diese Sitte bis jetzt nicht bekannt. Daß die mit Anhängern versehene gol­ dene Halskette der Untersiebenbrunner Dame aus einer Werkstätte des Pontusgebietes stammt, kann aufgrund eines Parallelstückes aus der Gospilalnaja-uliza in Kertsch und eines verwandten Stückes aus Bakodpuszta kaum bezweifelt wer­ den. Übrigens besaß die Untersiebenbrunner Dame zwei Halsketten, ein Umstand, zu dem es in dem ebenfalls nicht germanischen Fund II von Bolschoj Kamenez (Gebiet Kursk - der so­ genannte Schatz von Sudsha) eine Parallele gibt. Die geflochtenen Halsketten selbst sind hinge­ gen auch in weit im Osten gelegenen alanischen und hunnischen Gräbern (Pokrowsk-Woschod, Kysylkajnartöbe - Abb. 44) nicht selten. Genau das selbe gilt auch für das in Tierköpfen endende Armreifenpaar. Die Ohrgehänge aus Untersie­ benbrunn sind wie die aus Mezőberény anschei­ nend Einzelstücke. Mit ihren auf einem hörnchenförmigen Ring befestigten Anhängern glei­ chen sie jedoch einerseits den östlichen Haarlok­ kenringen der Hunnenzeit, andererseits ähneln die Gehänge selbst denen aus dem Grab von Iragi, die dort keineswegs eine isolierte Stellung einnehmen, können sie doch auf gut bekannte

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104/2.

105.

105. Armreif und Riemenzungen, Mezőberény

kaukasische Vorbilder zurückgeführt werden (Abb. 42). Die Toilettengarnitur sowohl der Frau wie auch des Mädchens von Untersieben­ brunn, der entzweigebrochene Spiegel der Frau, der ganz erhaltene Spiegel mit Radialstegverzie­ rung kaukasischen Typs des Mädchens und ihre Zikaden sind fast „alltägliche" Beigaben und Trachtbestandteile der Vornehmen der Hunnen­ zeit. Ein Archäologe hat schon vor zwei Jahrzehn­ ten mit gutem Blick erkannt, daß sich unter den Funden des Untersiebenbrunner Grabes auch solche befinden, die in der hunnischen und ger­ manischen Tracht der Hunnenzeit seiner Mei­ nung nach immer (richtiger wäre zu sagen: im allgemeinen) für Männer kennzeichnend waren. Aufgrund dessen äußerte er den Verdacht, daß in Untersiebenbrunn noch ein drittes, nicht er­ kanntes Grab, nämlich das eines Mannes vor­ handen gewesen sei, zu dem zumindest eins der prächtigen Zaumzeuge gehörte. So richtig diese Vermutung theoretisch sein mag, so berechtigt ist der Protest des Forschers, der damals (1910) an Ort und Stelle tätig war: Neben dem Grab der jungen Frau befand sich kein weiteres. Der

Streitfall wird - so scheint es - durch die Bestat­ tungen alanischer Frauen, die von KoudiatZateur bis Abrau-Dürso und Iragi zurückverfolgt werden können, entschieden, für die „männ­ liche" Tracht- und Ausrüstungsgegenstände gera­ dezu kennzeichnend sind: der massive Halsring (Abrau-Dürso, 483 in Gräber 259, 292, 306, 500, 516), das Auftreten von zwei Halsringen (Ab­ rau-Dürso, 483 in Frauen- und Kindergräbern mit silbernen Plattenfibeln), die Gürtel- und Stiefelriemenschnalle, vor allem aber das Pferde­ geschirr und die Trensen. Die Parallelen des prächtigen Pferdegeschirrs von Untersiebenbrunn umringen von Coşovenii de Jos in Oltenien und Katschin in der West­ ukraine ausgehend gleichsam das Karpatenbekken, ihre Verbreitung weist auf die frühe Phase der hunnischen Bewegung. Der Untersieben­ brunner Trensentyp kann über seine Gleichstükke (dazu gehören auch die Trensen von Königsbruch/Luki in Schlesien und die von Jakuszowi­ ce) bis in das Pontusgebiet und auf die Krim zurückgeführt werden. Nur seine selbständige Niederlegung kann als hunnisch-alanische Sitte angesehen werden. Alles in allem gibt es außer dem Ursprung der Fibeltracht der Fürstin und dem Knochenkamm des kleinen Mädchens kei­ ne echten germanischen Elemente in den beiden Untersiebenbrunner Bestattungen. Um so zahl­ reicher sind die alanischen Trachtenelemente aus der Hunnenzeit. Die Schmuck- und Ausstat­ tungsgegenstände selbst sind Schöpfungen der hunnenzeitlichen Goldschmiedekunst, die sich vom Kaukasus bis zu den Alpen verbreitet wa­ ren. In Untersiebenbrunn wurden offenbar keine Hunnen bestattet. Um so wahrscheinlicher ist es, daß in den Gräbern Familienmitglieder ei­ nes Anführers der hunnischen Bewegung be­ stattet waren. Die Familie war sicherlich so wie die Bewegung selbst: zusammengesetzt. Alanen und Ostgermanen spielten seit dem 4. Jahrhundert eine bedeutende Rolle an der Seite der Hunnen, ihre Führer stiegen innerhalb des Hunnenreiches immer höher auf, sie wurden Vasallenkönige und Auserwählte im Dienste des Hunnenreiches. Es ist anzunehmen, daß die weiblichen Familienmitglieder eines sol­ chen Vasallenfürsten oder Auserwählten in Untersiebenbrunn die letzte Ruhestätte ge­ funden haben.

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Bogen und Pfeil der Hunnen

Das allerwichtigste Requisit der hunnischen Kriegserfolge, nach der treffenden Bezeichnung eines hervorragenden österreichischen Forschers „ihre Wunderwaffe", der aus elastischem Holz hergestellte, an beiden Enden und in der Mitte mit Knochenplatten versteifte, daher auch zusammengesetzter Kompositbogen genannte, ursprünglich auch mit Hornplättchen verstärkte Rückschlag- oder Reflexbogen ist aus Osteuropa bislang kaum bekannt. Einzelne beschädigte Überreste von Knochenplatten, die zur Versteifung der Bogenenden gedient haben, kommen in hunnischen Opferfunden aus der Wolga- und Dnjeprgegend sowie in Katakombengräbern auf der Halbinsel Kertsch und aus Trümmern nordpontischer Städte (Tanais, Tiritaka) vor, in den hunnischen Gräbern fehlen sie hingegen. Die in langjähriger Erfahrung und mit großem fachlichen Können hergestellten Bögen wurden offenbar von den Hunnen nicht gerne in die Gräber mitgegeben oder in das Opferfeuer geworfen, sie wurden lieber vom Vater auf den Sohn vererbt. In das europäische „Eroberungsgebiet" konnten wahrscheinlich nur wenige asiatische Bogenmacher dem hunnischen Heer folgen, daher stieg der Wert der Bögen immer mehr. Es kann als besonderes Glück angesehen werden, daß in der hunnischen Grenzzone Westpannoniens, in einem leider bereits gestörten Grab, eine annähernd vollständige, aus sieben Stücken bestehende Garnitur Knochenversteifungen gefunden worden ist: die Reste eines asymmetrischen Bogens (Wien 11-Simmering, 1930 - Abb. 2). Er wurde anhand der awarischen Bögen rekonstruiert, doch scheint man sich bezüglich der Abmessungen gründlich verrechnet zu haben. Es stimmt zwar, daß die Simmeringer Knochen-

platten zu den bisher größten bekannten eurasischen Bogenresten aus dem 3.-5. Jahrhundert zählen, die auf 180 cm geschätzte einstige Länge des Bogens hätte aber die Größe eines hunnischen Kriegers nicht nur auf dem Boden stehend, sondern auch hoch zu Roß übertroffen. Aus diesem Grund nahm man die Länge des hunnischen Bogens später „nur" noch mit 160 cm an, noch vorsichtigere Forscher mit 140-160 cm. Doch wurde niemals klar ausgedrückt, ob sich derartige Angaben auf die Länge des Bogens in gespanntem oder ungespanntem Zustand oder gar auf die Gesamtlänge des Bogens beziehen. Durch derartige Rekonstruktionsversuche verbreitete sich überall die Vorstellung von hunnischen Riesenbögen und in Verbindung damit von mehr als einen Meter langen Pfeilen. Eine eigentlich unverständliche Meinung, wurde doch zur gleichen Zeit aufgrund zahlreicher verläßlicher Befundangaben die Spannweite der unbedingt leistungsfähigeren, auch zum Abschuß schwererer Pfeile geeigneten awarischen Bögen mit 110-130 cm bestimmt, die der so furchterregenden ungarischen „schnellschießenden" Bögen aus dem 9./10. Jahrhundert hingegen mit 120-130 cm. Die Verläßlichkeit letzterer Forschungsergebnisse wurde erst durch einen in unserer Zeit freigelegten, als Unikat geltenden Fund bestätigt: durch den 1974 im gefrorenen Boden der Hochgebirgsregion des Kaukasus entdeckten, gut erhaltenen Bogen von Moschtschewaja Balka. Der leider nicht von Fachleuten freigelegte Bogen mit Knochen- und Hornversteifungen aus einem alanischen Grab, das auch wundervolle Prachtgewänder enthielt, stellt geradezu eine Sensation dar. Die Gesamt-

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ge des Bogens bloß 100 cm, also in gespanntem Zustand ist er schon entwickelter und kräftiger, als der der Hunnen, seine Länge könnte etwa 130 cm betragen haben. Von einem Bogen mit diesen Maßen konnte man 80-90 cm lange Pfeile abschießen. Es erübrigt sich zu erwähnen, daß hunnische Bögen, deren Stärke nach der herkömmlichen Meinung durch ihre großen Ausmaße wettgemacht werden sollte, für berittene Bogenschützen unhandlich und daher vollkommen ungeeignet gewesen wären. Sic entsprachen auch nicht dem Bild, das wir uns aufgrund zahlreicher Darstellungen reitender Bogenschützen, so vor allem der Silberreliefs jagender sassanidisch-persischer Könige und der vielen sibirischen Felszeichnungen, machen können. Die Größe der dargestellten Bögen kann durchschnittlich auf 100 cm geschätzt werden. Zufriedenstellende Ergebnisse wurden nur durch die Auffindung mittel- und innerasiatischer Bestattungen mit Bögen ermöglicht. 1939 wurde das Katakombengrab 10 von Kenkol (Kirgisien), das nach langen Debatten als frühhunnisch anerkannt wurde, aufgedeckt. Neben einem Mann mit deformiertem Schädel lag ein asymmetrischer, knochenversteifter Bogen, dessen Spannweite in ungespanntem Zustand 105 cm betrug, und ein bloß 81 cm langer Pfeil. Der Bogen gilt als der früheste Mittelasiens, seine Knochenplatten können als Vorbilder jener von Wien-Simmering angesehen werden. Der im Grab 26/VIII von Kokel in situ gefundene Bogen, der als innerasiatischer Vorläufer des Kenkoler Exemplars gelten kann, war selbst in gespanntem Zustand nur 100 cm lang; von ihm konnten 60-70 cm lange Pfeile abgeschossen werden. Etwas länger als dieser war der in gespanntem Zustand 110 cm lange asymmetrische Bogen von Minfeng (Abb. 6). Dennoch ist anzunehmen, daß die hunnischen Eroberer des 4./5. Jahrhunderts bereits mit größeren und leistungsfähigeren Bögen und Pfeilen als die oben erwähnten ausgerüstet waren, was die bogenversteifenden Knochenplatten und Pfeilspitzen von Kysyl-Adyr neuestens auch bewiesen (Abb. 5). 64. Gläserne persische Parallele des Elektronpokals aas Klare Vorstellungen über die Bögen waren Nagyszéksás lange Zeit nicht möglich: durch die zahlreichen beraubten Gräber, durch zu knappe Angaben in länge der C-förmigen Biegung des annähernd den Publikationen (im allgemeinen ist nicht ersymmetrischen Bogens aus dem 8. Jahrhundert, sichtlich, ob sich die Spannweiten auf Bögen in offenbar chasarischer Herkunft, macht 140 cm gespanntem Zustand beziehen) und durch wiaus. In ungespanntem Zustand beträgt die Län- dersprüchliche Angaben (oft wurde die Bie168

gungskurve der Bögen statt der Spannweite ge­ messen). Erst die vielen neuen Ausgrabungen und Funde, gerade im mittelasiatischen Aus­ gangsgebiet der hunnischen Eroberungen, er­ möglichten eine halbwegs befriedigende Ord­ nung. Bogenüberreste des Kenkoler Typs mit 7-10 Knochenplatten kamen immer häufiger zum Vorschein (z. B. neben dem Krieger mit deformiertem Schädel in Dshoon-Töbe im Ta­ lastal und neben dem „Fürsten" mit künstlich deformiertem Schädel in Tugoswonowo), neuestens in der Tien-schan-Gegend: KetmentöbeAktschikarassu, Dshalarik, Kysart, Törken auch Exemplare, deren Maß im Grab abgenommen werden konnte. Die angezweifelten Maße der in Gräbern von Kirgisien (Dshoon-Töbe, Grab 2: 142 cm, Kalmaktübe, Grab 1: 128-130 cm) ge­ fundenen hunnischen Bögen wurden durch die aus dem Gräberfeld von Kara-Bulak bestätigt. Die Länge der in diesen Kurgangräbern ur­ sprünglich gespannt deponierten, nach dem Ver106. Goldschnallen aus dem Grab von Mezőberény

gehen der Sehne jedoch nachgelassenen Bögen betrug 140-165 cm, in gespanntem Zustand kaum mehr als 120-130 cm. Ein wirklich ent­ scheidender Nachweis für die Spannweite hunni­ scher Bögen ist durch das Grab von Aktöbe II in Kasachstan gelungen: Die Spannweite des darin gefundenen Bogens betrug in ungespann­ tem Zustand 120 cm, in gespanntem konnte sie daher 110 cm kaum übersteigen (Abb. 3). Nur etwas größer kann der 130 cm lange Bogen aus dem Kurgan I von Sewakino gewesen sein, der in gespanntem Zustand 115 cm lang war (Abb. 4). Noch größer ist der asymmetrische Bogen von Tatarskije Mogilki aus der späten Hunnen­ zeit mit einer Spannweite von 120 cm in ge­ spanntem Zustand. Aufgrund all dieser Maß­ angaben kann die Spannweite des Simmeringer Bogens in gespanntem Zustand auf 120-130 cm geschätzt werden, also für die damalige Zeit ein wahrlich großer Bogen. Die Zahl der vor allem in Mittelasien gefundenen, bogenversleifenden Knochenplatten des 3./4. Jahrhunderts, die we­ gen ihres Erhaltungszustandes bzw. ihrer Fund-

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106.

107/1-2.

107/1.-2. Goldene Zikaden aus Nordostungarn und Mezőberény

Situation (in beraubten Gräbern nicht mehr in situ oder nicht komplett erhalten) nicht oder nicht gut rekonstruierbar (zerbrochen, dislo­ ziert) sind, ist heute kaum mehr überschaubar. Unlängst konnten wir auch die innerasiatischen Vorläufer aus dem 1.-5. Jahrhundert, die Bo­ gen- und Pfeilfunde der Baikalgegend und der Mongolei, kennenlernen. Erst in den beiden letzten Jahrzehnten sind somit die Maße dieser unheimlichen Waffe rich­ tig erkannt worden. Sie war kleiner als früher angenommen, was aber ihrer Bedeutung für die Kriegskunst keinerlei Abbruch tut. Aus dem bisher Gesagten geht auch hervor, daß die für Miniaturausgaben gehaltenen, goldbeschlage­ nen Bögen mit 80-100 cm Spannweite kaum kleiner waren als die üblichen Bögen. Zu Minia­ turausführungen wurden sie nur im Vergleich mit den falsch angenommenen 160-180 cm lan­ gen hunnischen Bögen. Aufgrund der vielen

neuen Funde hat sich erwiesen, daß die For­ schung auch die Form der hunnischen Bögen nicht richtig sah. Symmetrische Bögen zum Ab­ schießen von Pfeilen vom Pferd aus wären völlig ungeeignet für die hunnische „Kriegsart" gewe­ sen. Derartige Bögen kommen in hunnenzeitli­ chen Fundkomplexen nicht vor. Die Ursache hierfür wird weiter unten noch zu erörtern sein. Es scheint, daß die Alanen, Germanen und Sarmaten die hunnischen Bögen nicht nachma­ chen konnten; möglicherweise war ihnen dies auch gar nicht gestattet. Daher galt der in dem germanischen Fürstengrab von Blučina in Mäh ren - allerdings aus der Zeit nach dem Sturz der Hunnen - gefundene ziemlich kleine und schwa­ che Bogen mit Knochenversteifungen lange Zeit als Unikat. Dabei ist er es nicht. Auch vom mittleren Neckartal, aus Rüdern, liegt eine ale­ mannische Parallele vor. Aus dem Grab eines mit einschneidigem Kampfmesser hunnischen Typs mit Goldgriff und mit Schwert bewaffneten vornehmen Kriegers kamen mit einer schönen, zellenverzierten Goldschnalle posthunnenzeitli-

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65. Zur Zeit der Ansiedlung der Hunnen blühte das Schmiedehandwerk entlang der Theiß. In Csongrád wurden in zwei Gräbern mit ihren Besitzern auch die entsprechenden Werkzeuge gefunden

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108.

108. Parallele aus Oros zu der Schwertgriffverzierung des barbarischen Fürsten von Pouan in Gallien

chen Typs neun dreiflüglige Pfeilspitzen und die minieren Knochenplatten eines Bogens zusammen zum Vorschein - die ganze Ausstattung scheint aus der minieren Donaugegend zu stammen. Mehr ähnliche Funde gibt es hingegen tatsächlich nicht. In dem reich ausgestatteten Grab von Aktöbe II blieb ein aus Birkenrinde hergestellter, 77 cm langer Köcher (Abb. 3) und in einem Nomadengrab aus dem 4./5. Jahrhundert in Tschalai-nor in der äußeren Mongolei Chinas ist ein aus Leder genähter Köcher ähnlicher Größe unversehrt erhalten. Die Maße stimmen im großen und ganzen mit den durchschnittlich 70-80 cm großen awarischen und ungarischen Köchern überein. Nach den in südsibirischen und mittelasiatischen Gräbern des 3.-5. Jahrhunderts oft intakt oder fast intakt aufgefundenen Köchern und häufig rot bemalten Pfeilen waren letztere 60-80 cm lang; längere Pfeile müssen als Ausnahme gelten (Abb. 43). Entsprechend den Bögen und Pfeilen sind natürlich auch die Pfeilspitzen nicht gleich groß. Die während der Hunnen-

zeit zumeist verwendeten dreikantigen Pfeilspitzen aus Eisen mit rautenförmigem Querschnitt sind 3-4-5-6-7-9 cm lang, die Länge der meisten bewegt sich um den Mittelwert von 5-6 cm. Neben diesen kommen auch flache Pfeilspitzen mit rhombischem Blatt und nagelartige mit massivem Kopf vor, offenbar für unterschiedliche Bestimmungen gedacht; wie wir gesehen haben, wurden für spezielle Zwecke Pfeilspitzen aus Knochenmaterial benutzt. Seit dem Auftreten der Hunnen haben die „Nomaden" die Pfeile mit der Spitze nach oben in den Köcher gesteckt, so daß die jeweils entsprechenden leicht gewählt werden konnten. Unbekannt ist, wie viele Pfeile in einem Köcher Platz fanden. Im Grab von Tugoswonowo, Obgegend, fanden sich im Köcher 28-30 Pfeile mit Eisen- und zwei mit Knochenspitzen, insgesamt also 30-32 Stück; wahrscheinlich stellt diese Zahl ein Maximum dar. Abgesehen davon ist die größte Anzahl von Pfeilen, nämlich 19-20 Stück, bisher aus den hunnischen Gräbern von Fedorowka und Aktöbe II bekannt. In den Überresten der Totenopfer sind stets weniger zu finden (Nowogrigorewka VIII und IX 8 und 12, Kurgan 17 von Pokrowsk 9 und Seelman/Rownoje 7 Stück). Bei den nicht fachgerecht durchgeführten Ausgrabungen derartiger Fundkomplexe dürften offenbar einige Pfeilspitzen abhanden gekommen sein (Makartet 5, Pécs-Üszögpuszta 4, Kalinino 3 und Nowaja MajatschkaSchtscherbata-Tal 2). Beachtenswert ist die sich gleichmäßig verringernde Zahl. Wenn man in den Köcher des Toten viel weniger Pfeile als möglich legte, so mag dies mit dem militärischen Rang des Verstorbenen oder mit Jenseitsvorstellungen zusammenhängen. (Kysyl-Adyr: 14, Wien-Simmering: 10 [+ 1], Kurgan 14 von Ketmentöbe-Aktschikarassu und Kysylkajnartöbe: je 8, Kurgan 23 von Ketmenlöbe-Aktschirakaschu und Žamantogaj: 6 [Abb. 45], Mertwije Soli: 5 [Abb. 49], Grab 2 von Szob-Homokdülö:4 + 1, Kurgan 2 von Kenkol, Keszthely-Gátidomb und Grab 4 und 128 von Csongrád-Kaiserne: je 4, Sewakino [Abb. 4] und Oradea/Groß66. In den nördlichen Küstengegenden des Schwarzen Meeres sowie in den antiken Städten und Friedhöfen Pannoniens tauchen zur gleichen Zeit Gürtelschnallen, Fibeln und andere Schmuckstücke identischer Form und Verzierungen auf, die dann auch in den Gräbern der benachbarten „Barbaren" zu finden sind

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109.

109. Hunnische Goldbeschläge aus einem spätawarischen Gräberfeld, Kékesd

wardein-Szalka: je 3, Kurgan 3 von Schipowo und Beljaus je 1 Stück). In den Ferganaer Gräbern von Koklasch wurden sie von 16 bis 3 verringert, von anderswo sind genaue Angaben noch nicht bekannt. Es ist geradezu gesetzmäßig und heute gar

nicht mehr auffällig, wenn die alanischen Gräber der Kaukasus-, Wolga- und Donaugegend weder Bögen noch vor allem Pfeile enthalten. Unter Berücksichtigung dieses Umstandes ist die Bogen-Pfeil-Beigabe in Gräbern eines der wichtigsten, wenn auch nicht ausschließliches Merkmal des hunnischen Volkselementes während der Hunnenzeit.

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Waffen des Nahkampfes

Es ist verständlich, daß die antiken Autoren kaum etwas über jene Waffe berichteten, die die wichtigste und sozusagen alltägliche auch bei der römischen und persischen Reiterei war, nämlich das Schwert. Man betrachtete es daher lange Zeit nicht als charakteristische Waffe der Hunnen. Das zweischneidige Langschwert mit verhältnismäßig schmaler Klinge und meist star­ ker Parierstange ist jedoch vom Altai (Tugos­ wonowo), Ostural (Musljumowo), Mittelasien (Kara-Bulak, Schauschukumtöbe, KetmentöbeAktschikarassu, Dshalarik, Törken usw.) und vom Kaukasus (Abb. 57) über die südrussischen und ukrainischen Steppen bis nach Mitteleuropa bekannt und neben Pfeil und Bogen die andere Hauptwaffe des hunnischen Reiters (Abb. 12). Es unterscheidet sich von den zeitgleichen und auch etwas jüngeren germanischen Schwertern eben durch die schmalere Klinge sowie die - allerdings nicht obligate - Parierstange. In den Grab- und Opferfunden ist das Schwert so oft vertreten, manchmal auch in zwei bis drei Ex­ emplaren (z. B. Pannonhalma, Makartet), daß wir von einer eingehenden Erörterung und Auf­ zählung absehen können; es sollen nur einige charakteristische, schöne Prunkschwerter ange­ führt werden (Abb. 22). Schon auf den frühesten orientalischen „Fürstenschwertern" findet sich die am Griff ange­ brachte Schwertperle, das sind eigenartige, sich mit den Hunnen verbreitende, pomponartige Ziergehänge. Es handelt sich dabei um aus Chalzedon, Bergkristall, Karneol, Bernstein, Magne­ sit oder Kalkstein sorgfältig geschnittene Zylin­ der oder Scheiben mit abgerundeten Rändern und 3-6 cm Durchmesser. Sie sind mit kleinen Goldscheiben verziert, die eigentlich die Köpfe

der durch die Scheibe geführten Hängeöhrchen darstellen. Leider gibt es bis heute keine verläßli­ che Befundsituation, um zu bestimmen, wie und womit diese Anhänger am Schwert befestigt wa­ ren. Nur eines ist gewiß, daß sie 15-20 cm vom Griff herabhingen. Auch ihre Bedeutung ist un­ klar, doch mögen sie den Rang des Schwertes und dessen Eigentümers symbolisiert haben. Im Katakombengrab 20 von Dshoon-Töbe im Talas-Tal wurde bereits ein zellenverzierter, golde­ ner Scheibenkopf gefunden, der - ob das Schwert erhalten blieb oder nicht - auch dann mit Gewißheit auf das ursprüngliche Vorhan­ densein von Schwertern in Grab- und Opferfun­ den (Tschegem, Selenokumsk, Kertsch-Glinischtsche [Abb. 51], Nowogrigorewka IX, PécsÜszögpuszta [Abb. 47], Bátaszék [Abb. 56], Pouan [Abb. 52], Childerichgrab Tournai) hin­ weist, wenn die Scheibe selbst etwa vernichtet wor­ den oder verlorengegangen wäre. Aus der Selten­ heit des Vorkommens einer derartig prächtigen Schwertperle geht klar hervor, daß nur eine ge­ ringe Anzahl von Schwertern mit solchen ausge­ stattet war, die Mehrzahl der Schwert perlen ist viel einfacher. Wie dies die inner- und mittelasiatischen Grä­ ber (z. B. Tugoswonowo, Kysylkajnartöbe, Ka­ ra-Bulak) bezeugen, waren die einschneidigen Jagdmesser oder Kampfmesser charakteristi­ sche hunnische Waffen (z. B. Szirmabesenyö [Abb. 61], Wien-Simmering und Leopoldau, Großwardein/Oradea-Szalka), die auch von den germanischen Verbündeten übernommen wur­ den (z. B. Érmihályfalva/Valea lúi Mihai, Csök­ mö, Blučina, Pouan. Childerichgrab Tournai). Demgegenüber ist das zweischneidige. 60 cm lange Kurzschwert mit breiter Klinge aus Fedo-

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rowka der östlichste Vertreter diesen Typs (Abb. 46). Es scheint, daß er auf alanischen Einfluß bei den Hunnen und den Alanen der Hunnenzeit hier und da auftauchte (z. B. Kischpek - Abb. 70). Der mit einem oder mehreren Fähnchen ge­ schmückte Speer stellt auf den südsibirischen Felszeichnungen eine mit Pfeil und Bogen gleichrangige Waffe des asiatischen Reitervolkes dar. Bei der Bestattung wurde der Speer auf das Grab des Verstorbenen oder auf dem zu seinem Andenken aufgeschütteten Hügel aufgepflanzt. Speereisen werden in hunnischen Komplexen nur seilen gefunden. Und doch ist es kaum ein Zufall, daß die Speerspitze von Pecs-Üszögpuszta mit der des Woschod-Fundes von Pokrowsk nahe verwandt ist und beide als Vorläufer der awarischen Speere anzusehen sind (Taf. 44). Von Schilden als Schutzwaffen der Hunnen besitzen wir weder schriftliche Nachrichten noch archäologische Spuren. Schwieriger ist die Beur­ teilung der Bedeutung der aus Eisenplatten her­ gestellten Schuppenpanzer, da wir sie aus den mittelasiatischen Kurgangräbern der Hunnen­

zeit (Ketmenlöbe-Aktschikarassu) kennen. Je ein Panzerhemd wurde aus dem Fund von Fedorowka im Gebiet der mittleren Wolga und aus dem Woschod-Fund von Pokrowsk erwähnt. Aus den Beschreibungen geht jedoch nicht klar hervor, ob es sich um vollständig erhaltene Pan­ zerhemden oder nur um symbolische Deponie­ rungen von Teilen handelt. Ein zerbröckeltes Panzerhemd fand sich im Kammergrab von Kischpek (Abb. 70). Im selben Grab kam der bisher einzige orientalische hunnische Helm zum Vorschein (im hunnischen Fürstengrab von Conceşti lag ein erbeuteter spätrömischer Prunkhelm). ein später häufiger vorkommender, aus Eisenplatten zusammengefügter Typ. Da im Kreise der Hephtaliten-Hunnen Mittelasiens und der frühen türkischen Militäraristokratie des 6. und 7. Jahrhunderts sowohl das Panzer­ hemd wie auch der aus Eisenplatten hergestellte Helm vorkommt, können wir ihre Vorläufer in den Funden der Hunnenzeit annehmen. Die Frage ihres Ursprungs sollte aber bis zur fachge­ mäßen Untersuchung der entsprechenden Fun­ de offen bleiben.

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Sattel und Pferdegeschirr der Hunnen

Die mangelhaften Beobachtungen, die unklaren Fundumstände und vor allem die eigenartigen Opferfunde haben lange Zeit eine Rekonstruktion des hunnischen Sattels unmöglich gemacht. Dabei ist seit Jahrzehnten bekannt, daß die dreieckigen (trapezförmigen) Besatzbleche mit abgeschnittener Spitze und die hornförmigen goldenen oder vergoldeten Bleche Sattelverkleidungen waren. Die gleichen, schon oben genannten Umstände sowie die Sitte, das Pferdegeschirr nicht dem Pferd mitzugeben, sondern neben dem Toten zu deponieren, haben bis heute die Rekonstruktion des Riemen- und Zaumzeuges verhindert. Die Konstruktion des Sattels war aufgrund von Funden schon lange zu vermuten. Hier seien nur die Form der Bronzebesätze des Ziegeleifundes von Léva/Lewenz/Levice genannt, vor allem ihre technischen Eigenarten wie z. B. die kannelierten Runder und die Befestigungsart (unter den früheren Funden war ein solcher der Sattelbeschlag mit kanneliertem Bronzerand aus dem Fund Nowogrigorewka VIII. und Kurgan 18 von Pokrowsk, sehr ähnlich sind die neuerdings in dem überaus reichen alanischen Katakombengrab von KisslowodskLermontow-Fels gefundenen, mit kanneliertem Band umrandeten Silberplatten mit Schuppenmuster), außerdem die zur Gänze erhalten gebliebenen, vergoldeten Silberbesätze von Mundolsheim (Elsaß) mit zahlreichen Holz- und Lederspuren auf den Rückseiten, die zum Großteil erhalten gebliebenen, mit kannelierten silbernen Umrahmungsbändern versehenen Goldblechbesätze von Pécs-Uszögpuszta und zuletzt die im Kurgan 3 von Schipowo auf Sattelbrettern gefundenen Goldblechbesätze. Wesentlich ist, daß die Besätze nur am ersten Sattelknopf und am 177

Vorderende der Sattelbretter angebracht waren, also an Stellen, die schon von weitem gut sichtbar waren (Abb. 23). Der hintere Sattelknopf besaß bestenfalls ein schmales Metallband. Diese schauseitigen Verzierungen sind für die Hunnenzeit charakteristisch, waren doch auch die Schwertscheiden und die Parierstangen nur auf der Vorderseite verzier' Die vor kurzem in Abrau-Dürso freigelegten
110. Krug mit Glättmuster, Körösladány

110.

67. Tongefäße vom Boden eines abgebrannten Hauses aus der letzten Phase des römischen Kastells Intercisa/ Dunaújváros

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alanischen Pferdegräber aus der Hunnenzeit be­ stätigen alle diese Vorstellungen (Abb. 24). Die auf dem Rücken der Pferdeskelette gefundenen Gold- und Silberbesätze mit Schuppenmuster ermöglichten die Rekonstruktion des Aufbaus und der Verzierung dieser Holzsättel. Besonders geeignet für eine Rekonstruktion erwies sich die komplette Sattelbesatz-Garnitur von Melitopol in der Ukraine. Wir kennen ähnliche goldene oder vergoldete Holzsattelbeschläge, zumeist mit Schuppenver­ zierung, auch aus zahlreichen östlichen hunni­ schen sowie aus alanischen Funden (Concesti, Olbia, Nowogrigorewka Fund VIII und IX, Kurnajewka, Kalinino, Kertsch Katakombe 6 [1909], Galajty, Woschod-Fund von Pokrowsk, Wladimirowskoje Kurgan 4/2 (Samara- Gebiet). Es ist zu hoffen, daß die bisher nur erwähnten, nicht ausreichend publizierten oder nur frag­ mentarisch erhalten gebliebenen Beschläge zu­ sammen mit den Holzüberresten und Sattelbe­ sätzen aus dem Kammergrab 13 von Kischpek neue und bessere Anhaltspunkte für eine Rekon­ struktion des Sattels liefern werden. Die Rekon­ struktion der mit Knochen und Silber umrande­ ten hunnischen Holzsättel erfolgte bisher mit Hilfe der awarischen Sättel (Blučina in Mähren). Die verschiedenen Ringtrensen, die zum siche­ ren Lenken dienenden Knebeltrensen (z. B. Abb. 46, 49, 50) sowie die Zaumzeugbeschläge und -anhänger gehören zu den üblichen hunnischen Funden, wie dies bei einem Reitervolk zu erwar­ ten ist. Die Pferdegeschirre aus dem Karpaten­ becken (Pécs-Üszögpuszta, Pannonhalma-Szél­ domb, Budapest-Zugló, Léva/Lcwenz/LeviceZiegelei, Lengyeltóti-Apotheke, Keszthely-Gáti­ domb, Szeged-Nagyszéksós) sind bloß Varianten der aus dem Osten bekannten Zaumzeuge. Man ist immer wieder versucht zu denken, daß so ausgezeichnete Reiter wie die Hunnen irgendwelche aus Seilen geflochtenen oder aus Holz gearbeiteten Steigbügel gekannt und ge­ braucht haben „müßten", doch sind bisher in den Gräbern und Opferfunden keine diesbezüg­

lichen Hinweise bekannt geworden. Das ist auch nicht möglich, da die ältesten aus Holz ge­ schnitzten, mit Leder überzogenen oder mit Bronzeblech verstärkten Steigbügel (das frühe­ ste Exemplar der letzteren stammt vom Beginn des 5. Jahrhunderts aus Xiguanyingu) erst von der ersten Hälfte des 4. bis zur Mitte des 5. Jahrhunderts in den in Nordostchina, zwi­ schen der Mongolei und dem Hoang-ho, er­ schlossenen chinesisch-nomadischen Gräbern auftauchen, und es handelt sich auch hier um unpaarige, linksseitige Steigbügel, die das Be­ steigen des Pferdes erleichterten. Die neue Erfin­ dung gelangte nicht mehr zu den Hunnen, die im 4. Jahrhundert begannen, von Mittelasien nach Osteuropa zu ziehen. Ganz gewiß bot aber die an der Wende vom 3. zum 4. Jahrhundert entstandene und verbrei­ tete innerasiatische Erfindung, der vorn und hinten mit hohem Sattelknopf versehene Holz­ sattel den hunnischen Reitern Sicherheit. Die ebenfalls aus nordostchinesischen Gräbern be­ kannten, bis jetzt ältesten (vom Beginn des 4. Jahrhunderts) erhaltenen Holzsättel sowie die Satteldarstellungen gleichaltriger chinesischer kleiner Pferdeplastiken sind in Form und Kon­ struktion den europäischen hunnischen Sätteln fast gleich, sogar ihre Sattelknopfbeschläge aus vergoldetem Bronzeblech sind verwandt (z. B. aus Xiaomintun). Diese Sättel sicherten einen festen Sitz, was von den flachen Sätteln oder den als Sattel dienenden Decken der germanischen und römischen Reiter nicht gesagt werden kann. So überraschend es zuerst auch klingen mag, gerade das Fehlen von Steigbügeln erforderte von den Hunnen und Persern des 4.-6. Jahrhun­ derts den Gebrauch asymmetrischer Bögen. Die awarischen Bogenschützen hingegen, die als er­ ste eiserne Steigbügel benutzten, konnten sich bereits im Sattel erheben und fast stehend zielen. Es ist daher kein Zufall, daß durch die Awaren und Türken der symmetrische Bogen seine Ver­ breitung fand, durch den eine größere Ziel- und Treffsicherheit gewährleistet war.

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Drei Totenopfer in Ungarn

Der in Pécs-Üszögpuszta in nur 70 cm Tiefe, auf einem ausgedehnten Gebiet verstreut freigelegte Komplex, der trotz zum Teil vielleicht in Verlust geratener Funde noch immer 66 Goldgegenstände umfaßt, enthält fast alles, was die hunnische militärische Führungsschicht charakterisierte und sie auch heute noch archäologisch kennzeichnet. Vor allem ist das Merkmal der 30 bedeutendsten hunnischen Funde das Pferdegeschirr: eiserne Trense mit vergoldeten Knebeln, mit Silberrand beschlagene Goldblechbesätze mit Schuppen- und Netzmuster eines Holzsattels, Goldbeschläge, Anhänger und Riemenzungen des Zaumzeugs (z. B. Abb. 47-48). Die Riemenzungen entsprechen genau denen der männlichen und weiblichen Prunkgürtel. Uns sind mehrere Grabfunde (in Ungarn z. B. die beiden Bestattungen von Szekszárd) ohne Pferdegeschirr bekannt, also müssen diese Riemenzungen bestimmt die Nebenriemen der Gürtel geschmückt haben. Auch aus dem Osten kennt man viele Männer- und Frauengräber oder Opferreste - mit und ohne Pferdegeschirr -, die solche zumeist mit „Schlangenmuster" und auch mit Edelsteinen versehenen, mit gepreßtem Goldblech überzogenen Riemenzungen mit Bronzeeinlage enthielten. Von einer in ähnlicher Weise aufeinander abgestimmten, verfeinerten Mode der Ausrüstung von Reiter und Pferd zeugen auch die Grabfunde vornehmer früher Awaren. Im Fund von Pécs-Üszögpuszta sind alle schreckenerregenden Waffen der Hunnen vereint: die eisernen dreiflügligen Spitzen der im goldbeschlagenen Köcher getragenen Pfeile, die zu dem ursprünglich vorhanden gewesenen Reflexbogen gehörten, die eiserne Speerspitze und das zweischneidige Reiterschwert mit langer

Klinge, von dem in Pécs-Üszögpuszta nur die mit Edelsteinen versehenen Mundbeschläge der Scheide, die Goldblechverkleidung der Schwertscheide und die in Goldzellen mit Edelsteinen verzierte Goldscheibe der Schwertperle erhalten blieben. Die Schwertperle selbst, aus Bernstein oder Kalkstein, ist nicht erhalten. Ebensowenig das häufig über einen Meter lange eiserne Langschwert, das aber aus osthunnischen und alanischen Funden der Hunnenzeit wohlbekannt ist; in Ungarn wurden solche vor kurzem in Pannonhalma und Bátaszék ans Tageslicht gebracht (Taf. 57, 59, Farbtaf. XVIII). Die 1979 in Pannonhalma-Széldomb aufgedeckte, 80-100 cm tiefe Grube enthielt seltsamerweise zwei Schwerter und zwei Trensen. Dies mag jedoch nur für Ungarn eigentümlich sein, der Fund von Makartet in der Ukraine beispielsweise enthielt drei Schwerter und drei Trensen. Die 106-107 cm langen Schwerter von Pannonhalma sind jedoch nicht von gleichem Rang: Das eine ist mit einer einfachen Parierstange versehen, die Parierstange des anderen ist an der Vorderseite mit roten Almandinen in Zellen verziert und besaß, den Bruchstücken nach zu schließen, eine mit Schuppenmuster-Goldblech verzierte Scheide und einen mit Goldblech geschmückten Griff. Die Trensen sind feiner ausgeführt als die von Pécs-Üszögpuszta mit Goldblech überzogenen Knebel. Die Trensen gehören zu den typischsten „hunnischen", wie das die Vorgänger von Mertwije Soli (Abb. 49) im Orenburger Gebiet beweisen. Die länglichen Riemenzierstücke und kreuzförmigen Riemen Verteiler aus gepreßtem Gold auf bronzenem Grund können sowohl zu einem als auch zu zwei Pferdegeschirren gehört haben. Von dem Goldblech-

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besatz des Holzsattels mit Schuppenmuster kam nur ein kleines Bruchstück ans Tageslicht (Färbtaf. XVIII-XXX). Das Würde- bzw. Rangabzeichen des vornehmen Hunnen von Pécs-Üszögpuszta war ein am
68. Die am Henkel nur gelochten oder mit einem Gußhenkel versehenen Krüge verbreiteten sich im Karpatenbecken nach Vorbildern auf der Krim

oberen, längeren Ende mit Goldblech überzogener kleiner Bogen. In Form und Maßen fast gleich sind die goldene Bogenverkleidung von Bátaszék (Abb. 50) sowie die in einem vornehmen Männergrab in Kertsch-Glinischtsche gefundene, auf einer Schwertklinge angerostete Bogenverkleidung (Abb. 51) und vielleicht auch die im Grabfund von Nowo Iwanowka. In Pannonhalma fanden sich Goldverkleidungen der

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beiden Enden und vom Griff eines Miniaturbo- wandten Stücke stammen aus den Funden von gens (Abb. 55). Derartige Bögen von kleiner Nowogrigorewka (Abb. 52) im Bezirk SapoGröße wurden entweder speziell für die Funeral- roshje. während uns der Typ von Bátaszék - das zeremonie hergestellt und in dieser Art und Wei- voreinst unbestimmte Bruchstück von Nowo se verziert oder aber „Goldbögen" wurden be- Iwanowka im Dnjeprgebiet nicht mit eingerechreits zu Lebzeiten als Insignien getragen. Der net- nur von der Halbinsel Krim bekannt ist. Es kleine, goldverkleidete Bogen galt seit der Sky- scheint also, daß die Goldbögen für die westhunthenzeit als Würdeabzeichen der Sleppenvöl- nischen Funde, für die Aristokratie der Zeit des ker und gelangte vermutlich von den mittelasi- Ruga, Bleda und Attila, charakteristischer sind. atischen Steppen auch unter die Rangabzeichen Ein auf dem größeren Teil der oberen und der sassanidischen Könige Persiens. Der Gold- mittleren Hälfte mit Goldblech überzogener Bobogen kann bei den Hunnen daher als Steppe- gen war der hunnische Grabfund von Jakuszonerbe wie auch als persischer Einfluß gelten, wice (Abb. 54) nördlich der Karpaten und jenjedenfalls ist schwer zu erklären, daß Goldbögen seits der Weichsel, zwischen Krakau und Kielce. eben für die östlichen hunnischen Funde weniger Alle drei Varianten der goldenen Bögen waren kennzeichnend sind. Die den goldenen Bogenbe- Rangabzeichen, da sie wegen der dünnen Goldschlägen von Pannonhalma am nächsten ver- blechverkleidung nicht gespannt und verwendet werden konnten. Auch ihre Maße entsprechen nicht ihrem ursprünglichen Zweck. Die drei zeit69. Hunnische and „nomadische" Fünde im Karpatengleichen ungarischen Funde beweisen die relatibecken. Die Verbreitung der Kessel, Sättel, Trensen, des ve Häufigkeit der goldenen hunnischen Bögen, anderen Pferdezubehörs, der Langschwerter, Bögen sowie Pfeile, Riemenzungen und Diademe zeigt einzusammen mit denen von Jakuszowice, Kertsch drucksvoll die Siedlungsordnung der Hunnen und ihrer und Nowogrigorewka auch, daß die auf veröstlichen Verbündeten (Siehe Kartenbeilage) schiedene Weise und in unterschiedlichem Ausmaß vergoldeten Bögen tatsächlich Würdeabzeichen des Hunnenreiches waren. In Kenntnis der 79. Kammergrab eines hunnenzeitlichen Würdenträgers. Bedeutung des hunnischen Bogens: zu Recht. Kischpek

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die goldenen Stiefelschnallen tatsächlich ne­ ben den Knöcheln zum Vorschein. Aber auch in Was in Pécs-Üszögpuszta möglicherweise in Waffengräbern niedrigeren Ranges jener Zeit Verlust geraten ist, in Pannonhalma-Szélsőha­ (z. B. Szirmabesenyö - Taf. 41/3) und in ausge­ lom jedoch unter den Funden nicht vertreten raubten oder zerstörten, aber genau dokumen­ war, blieb in Bátaszék erhalten. In einer Tiefe tierten Kriegergräbern (Prša/Perse-Bércz-dűlő) von 70 cm wurden neben einem goldbeschlage­ wurden silberne Stiefelschnallen ebenfalls neben den Knöcheln gefunden. Innerhalb des Karpa­ nen Schwert mit Schwertperle, goldener Bogenverkleidung sowie einer goldblechüberzogenen tenbeckens sind uns von 25-30 Fundorten runde Riemenzunge schwere, in Zellen mit roten Edel­ Gürtel, Schwertriemen- und Stiefelschnallen be­ steinen verzierte Goldschnallen mit ovalem Ring kannt. Abgesehen von einigen einfacheren mit und rundem Beschlag geborgen (Farbtaf. XVII). viereckigen Gold- und Silberbeschlagplatten han­ Ebensolche Schnallen sind auch aus Fundkom­ delt es sich um schwere Goldgüsse mit roten plexen, die mit ungarischen Hunnenfunden ver­ Edelsteineinlagen (Abb. 39). Von den letzteren wandt sind, außerhalb des Karpatenbeckens sind Exemplare mit unbekanntem Fundort oder (z. B. Cilnău, Jakuszowice, Radensk, Pawlowka, unbekannten Fundumständen in Museen und Nowogrigorewka, Nowo Iwanowka, in mehre­ Sammlungen gelangt (Umgebung von Szeged, ren Funden auf der Krim und in zahlreichen Alcsut-Vértesszentgyörgy, Marcelháza/MarceAlanen- und Hunnengräbern im Kaukasus - lová, Mönchhof/Barátudvar, Sobor, Tolna), so Abb. 40) bekannt. Die kleinen Schnallen ver­ daß wir über deren Zusammenhänge im Fund zierten die Riemen, die die Stiefel an den Fuß­ nichts Näheres wissen. An anderen Fundstellen knöcheln befestigten, und waren ebenfalls Ab­ wurden sie in auffallend geringer liefe geborgen zeichen von Vornehmheit und Rang. Auch Pris­ (Bozsok-Irtási dűlő, Kispirit, Ludányhalászicus erwähnt den goldenen Stiefelschmuck der Gárdos, Fertőmedgyes/Mörbisch-Ried, Gold„skythischen" Auserwählten. In den von Ar­ berg), so daß die Annahme, sie stammten von chäologen freigelegten vornehmen Männergrä­ Totenopfern, nicht von der Hand zu weisen ist. bern aus der Hunnenzeit oder der Zeiten unmit­ Andere wiederum wurden in, in der Neuzeit telbar danach (Lébény, Keszthely-Ziegelei, Ár­ zerstörten Kriegergräbern gefunden, so z. B. in pás-Dombiföld bzw. Blučina in Mähren) kamen Lengyeltóti zusammen mit einer silbernen Gür71. Funde aus einem Katakombengrab. Utamysch

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telschnalle, mit Riemenzungen, mit einem Schwert kommenen Exemplare fast ausschließlich aus und Pferdegeschirr. Aus der Táska-Fehérvízi der Zeit der Hunnenherrschaft stammen. Meierei wiederum kamen die goldenen StiefelHinsichtlich des Charakters und der Zusamoder Schwertriemenschnallen zusammen mit mensetzung können sich die sehr ähnlichen den Bruchstücken der Schwertklinge und die Fundkomplexe von Pécs-Üszögpuszta, Bátaszék Bernsteinscheibe der Schwertperle ins Museum. und Pannonhalma mit einer Reihe verwandter Da auch im Bátaszéker Fund ein goldbeschlage- im Osten rühmen. Vor allem mit einigen bedeunes Schwert und die Schwertperle mit Zierschei- tenden Funden im Gebiet von der Dnjeprmünbe, Goldzellen und Edelsteineinlagen anzutreffen dung bis zur Krim (Nowogrigorewka, Nowaja waren, ist es nicht ausgeschlossen, daß auch die Majatschka-Schtscherbata-Tal, Radensk, NoGoldschnalle von Neslin in Syrmien und ein wo Iwanowka, Melitopol-Ksyljarska[ja] balka, dort gefundenes Langschwert zusammengehör- (Kalinino, im Kaukasus ähnlich), aber ein wenig ten (Farbtaf. XXVI). später ist der Fund von Galejty) weisen sie eine Die verschiedenen barbarischen Militärführer überraschende Ähnlichkeit auf, in denen in geahmten seit Beginn des 4. Jahrhunderts die mit ringer Tiefe oder gar an der Oberfläche SchwerRiemen und Gold geschmückten Schuhe und ter, Schwertperlen. Pfeilspitzen, goldene BoStiefel der römischen Kaiser und persischen genverkleidungen, dem Typ nach sehr ähnliche Großkönige sowie deren Würdenträger nach. blatt-, kreuz- und halbmondförmige RiemenWährend der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts beschläge von Pferdegeschirren, Riemenzungen, wurden goldene Stiefelschnallen von Hunnen, Sattelbleche mit Schuppenmuster, Trensen und Alanen und Germanen von Mittelasien bis zum verschiedene edeisteinverzierte Schnallen vorAtlantik, ja sogar bis Nordafrika getragen. Gleich- kommen. Aus den Zusammenhängen geht einstücke der ovalen oder kreisrunden pannoni- deutig hervor, daß es sich in Pécs-Uszögpuszta, schen Stiefelschnallen findet man vom Kaukasus Bátaszék und Pannonhalma um Totenopfer für über Rätien bis nach Norditalien und Gallien. höhere Würdenträger aus der Zeit der HunAus den Fundumständen im Vergleich mit ande- nenherrschaft im Karpatenbecken handelt. Aus ren Hunnenfunden zu schließen, dürften jedoch dem Osten kennen wir sechs bis acht ähnliche, die im pannonischen Raum ans Tageslicht ge- mit ihnen vergleichbare Hunnenfunde.

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Bestattung der niedrigeren Würdenträger des Hunnenreiches

Verfolgt man die militärische Rangleiter des der Pontusgegend (Taf. 66), Pfeilspitzen und Hunnenreiches nach unten, so muß man bis zur vermutlich mit einem langen, zweischneidigen nächsten nachweisbaren Stufe mindestens zwei Schwert sowie die zahllosen unvollständigen, Schritte tun. Die im Grab von Léva/Lewenz/ weil nicht fachgerecht geborgenen Funde. SeiLevice-Ziegelei gefundenen Pferdegeschirrbe- nem Charakter nach kann der Besitzer des im schläge aus vergoldeter Bronze, die Eisentrense, sogenannten Depotfund 2 aus Wien-Leopoldau die Sattelbleche aus vergoldeter Bronze, der sil- - vielleicht in einem Totenopfer - gefundenen berbeschlagene Peitschenstiel und dann die sil- Schwertes mit Parierstange nur am Schwertgriff bernen Dolchscheidenbeschläge mit Schuppen- sowie am Mundstück mit goldenen Platten vermuster irgendwo aus der Donaugegend von Kis- ziert, hierher gezählt werden. Sehr ähnlich dem kunhalas weisen auf eine Mittelschicht hin, die letzteren Schwert könnte das neben einem Skeaus dem Osten besser bekannt ist. Schwieriger lett ausgegrabene Schwert von Szekszárd-Bargestaltet sich die Beurteilung jener aus der er- tina (1837) gewesen sein, letzteres ist uns leider sten Hälfte des 5. Jahrhunderts stammenden nur aus guten Beschreibungen bekannt. Grabfunde, die vorläufig nur mit Vorbehalt in Der Grabfund von Keszthely-Gátidomb sodie Militärordnung des Hunnenreiches einge- wie der des makrokephalen Kriegers von Szirreiht werden können. Solche sind der Krieger mabesenyö mit Schwert, Kampfmesser, silberaus Lébény mit goldenen Gürtel- und Stiefel- nem Gürtel- und Stiefelschnallen (Abb. 61, Taf. schnallen sowie silberner Schwertscheide (Abb. 41) und der Krieger von Alsónyék mit ebenfalls 38), der Krieger aus Lengyeltóti mit Schwert, deformiertem Schädel mit Schwert und Silbersilbernem Pferdegeschirr, silberner Trense, sil- schnalle vertreten die militärischen Anführer berbeschlagenem Gürtel, aber goldener Stiefel- niedrigeren Ranges der hunnischen Streitmacht. schnalle (Taf. 70, 72, Farbtaf. XXII), der „Rei- Zu letzteren gehört aus Wien-Leopoldau das ter" von Keszthely-Gátidomb in einer für die Skelettgrab 3 mit Schwertperle aus Bernstein Wohlhabenden jener Zeit üblichen Kleidung mit und zweischneidigem Langschwert mit Pariersilbernen Gürtel-, Schwertriemen- und Stiefel- stange, mit Kampfmesser, silberner und bronzeschnallen, in Bronze gefaßter Eisentrense aus ner Schnalle.

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Der Fund von Nagyszéksós

Wenn wir die hunnische Rangleiter auch nicht weiter nach unten verfolgen können, so dafür aber nach oben. So hoch hinaus, wie man in dem mehrere Millionen Quadratkilometer umfassen­ den Hunnenreich anderswo vorerst noch nicht hinaufgelangen kann. In der vormals zu Szeged gehörenden, jetzt in der Gemarkung von Röszke gelegenen Nagyszéksóspußta wurde seit den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg Gold ans Ta­ geslicht gebracht. Wenn der Volksmund auch übertreibt, indem er von schubkarrenweise nach Hause gebrachtem und vertrödeltem Gold er­ zählt, so ist immerhin so viel gewiß, daß kein größerer hunnischer Goldfund aus der Donau­ gegend bekannt ist. Bis zum Jahre 1966 erreichte die Zahl der in Museen und Privatsammlungen gelangten Goldgegenstände 200 Stück. Mit we­ nigen Ausnahmen ist es verstümmeltes, gebro­ chenes, mangelhaftes und verbogenes Gold, Überreste von heute nur schwer deutbaren Ge­ genständen. Das wichtigste Stück ist ein 407 g schwerer, massiver goldener Halsring (Farbtaf. XXIV), der mit seinen Abmessungen, seiner Dicke und Feinheit die Dutzende von Gold- und Silberhalsringe, die wir vor allem aus den Grä­ bern vornehmer hunnischer Männer von Ostka­ sachstan bis in die Donaugegend kennen (ein einfacherer, dünnerer Goldhalsreif stammt bei­ spielsweise aus dem hunnischen Knabengrab mit goldener Stiefelschnalle von Keszthely-Ziegelei), bei weitem übertrifft. Wer diesen Halsring trug, überragte nach Würde und Rang sämtliche bisher bekannten Herren der Hunnenzeit im Karpaten­ becken. Aufgrund der erhalten gebliebenen Funde von Nagyszéksós (Taf. 79-90, Farbtaf. XXIV, Abb. 25-26, 62-63) kann man annähernd auf nachste­

hende Kleidungs- und Ausrüstungsgegenstände schließen: anhand der neun (aber in siebenerlei Formen und Abmessungen!) Gürtel-. Schwert­ riemen- und Stiefelschnallen mit Zellenverzierung sowie der Riemenzungen mit Zellenverzierung auf verzierte Waffen- und Würdegürtel sowie auf mit Riemen und Anhängseln geschmückte Stiefel, ferner auf mit Goldflitter bestickte und mit Goldfäden durchwobene Kleider oder Män­ tel, auf goldene Griff- und Scheidebeschläge von einem Schwert oder mehreren Schwertern, auf goldbeschlagene Schwertriemen und auf Gold­ scheiden eines größeren und kleineren Dolches. Weitere Goldbruchslücke weisen auf Köcher. Von Pferdegeschirr stammen die mit schuppen­ verzierten Goldblechbesätzen versehenen zwei (wenn nicht mehr) Holzsättel, ein Trensenbruch­ stück mit goldüberzogenem Knebel, goldene Riemenbeschläge mit Zellenornamentik und Anhänger. Kraft und Macht symbolisiert ein goldener Peitschenstiel. Auch Gefäße und auf solche hinweisende Bruchstücke befinden sich unter den Funden: so z. B. eine Elektronschale, die in achtblättrigen Blumenfassungen einst mit eingelegtem Glas geschmückt war, und ein orientalischer Elektronkelch, der an seinen durchbrochen gearbeiteten Seiten einst mit runden Glas- oder Edelsteinplatten verziert war. ferner mehrere Goldbänder, die auf Holzgefäße, etwa Holzschalen, hinweisen. Eine größere Scheibe mit Zellenornamentik dürfte den Boden einer Goldschale verziert haben. Ein schwaches Abbild und eine Parallele des uns nur in erbärmlichen Bruchstücken erhal­ len gebliebenen unermeßlichen Reichtums von Nagyszéksós sind die bisherigen östlichen „fürst­ lichen" Hunnenfunde (Conceşti 1812: Riemen-

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zungen mit Zellenornamentik, Sattelbeschlag, Halsring. Bolschoj Kamenez: Halsringe usw.; bloß der Form wegen ist hier einer der östlichsten, aus Musljumowo bei Tscheljabinsk stammenden, hunnischen Funde erwähnt, der verblüffende Parallelen aus Silber zu den Riemenzungen von Nagyszéksós enthält). Mit Nagyszéksós vergleichbar sind nur die Funde aus den 1904 entdeckten Katakombengräbern von Kertsch und andere dortige Grabfunde. Leider gibt es unter den Funden von Nagyszéksós keinen einzigen Gegenstand, mit dessen Hilfe der Zeitpunkt ihrer Erzeugung oder Vergrabung mit der Genauigkeit von einem Jahrzehnt bestimmt werden könnte. Die archäologische Forschung hielt auch den Fund von Nagyszéksós jahrzehntelang für ein „Brandgrab", für die Überreste eines vom Wind verwehten Hügelgrabes oder des vom Wind freigelegten Grabes eines eingeäscherten Mannes, also mit einem Wort: für eine Bestattung. Diese Annahme hat jegliche Grundlage verloren. Wir

haben zwar keine Kenntnis davon, daß die Hunnen ihre Toten, wo auch immer, jemals verbrannt hätten. Tatsache ist jedoch, daß ein Teil der Funde von Nagyszéksós wie der Halsring, das Messerheft, zahlreiche Goldbeschläge und die beiden Elektrongefäße (aus deren Zellen sogar die Glaseinlage ausgebrannt ist), stark verbrannt und deformiert ist; auch verschmolzene Goldklumpen und Goldtropfen gehören zu dem Fund. Auf anderen Gegenständen aus Nagyszéksós sind hingegen keinerlei Spuren von Feuereinwirkung zu beobachten. Unversehrt sind beispielsweise die Edelsteine der Schnallen, die Riemenzungen, die Schwertriemenbeschläge, ja sogar der aus dünnem Goldblech gepreßte und ausgeschnittene Kleiderschmuck. Es ist also ursprünglich nur ein Teil der Funde Feuereinwirkung ausgesetzt gewesen, doch wissen wir nicht genau, wie viele, da auch Schmelzversuche von Findern und zeitweiligen Eigentümern nicht auszuschließen sind.

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Totenopfer und Fürstengräber

Aufgrund der authentischen Berichte über die Ausgrabungen in Nagyszéksás kann mit Sicherheit behauptet werden, daß die Funde aus einer geringen Tiefe von 40-75 cm, aus dem Humus und Subhumus, zutage gekommen sind, gelegentlich der ersten Ausgrabung zum Großteil auf einer kleinen Fläche, „ohne jegliche Spur eines Skelettes oder einer Bestattung". Die zweite Grabung klärte, daß sich unter der Humusschicht, die die Funde enthielt, keine Grabgrubenverfärbung befunden hatte, nur gewachsener, reiner Sand. Zur Lösung des Rätsels, das auch das der hunnischen Kupferkessel ist, führt uns der im Zusammenhang mit den Kesseln bereits erwähnte Fund von Makartet (Abb. 58), der unter ähnlichen Umständen wie jener von Nagyszéksós geborgen worden ist. Er befand sich in so geringer Tiefe, daß die ersten Gegenstände (zwei Langschwerter, Bruchstücke eines Kupferkessels, zwei goldene Fingerringe mit Gemme) von einem Traktor ausgeackert wurden. Bei der Untersuchung der Fundstelle kamen in einer Tiefe von nur 35 cm aus einer kleinen Grube die in situ gebliebenen Funde zum Vorschein: weitere Bruchstücke des Kupferkessels, Fragmente eines geschmiedeten Bronzekessels mit Eisenhenke), Teile eines dritten Schwertes, ein dritter goldener Fingerring mit Gemme, ferner 23 als Kleiderbesatz dienende Goldflitter, eine Trense, dreiflüglige Pfeilspitzen und mit vergoldetem Silberblech verkleidete Riemenzungen mit „Schlangenmuster". An einem Teil der Gegenstände sind Spuren starker Feuereinwirkung zu erkennen, z. B. an den Kesselbruchstücken und den Riemenzungen. Andere Gegenstände, wie die goldenen Fingerringe mit Gemmenkopf, sind völlig un-

72. Ein auf der Halbinsel Taman gefundener goldener Armreif mit Tiertopfenden ist ein hervorragendes Vorbild für die Goldschnalle von Szeged and die goldenen Armreifen von Bakodpaszta

versehrt. An der Fundstelle waren keinerlei menschliche Skelett- oder Leichenbrandreste, „es wäre demnach schwierig, sich vorzustellen, daß es sich um eine Bestattung handelt", heißt es im Bericht. Die Ausgräber gelangten also zu derselben Schlußfolgerung, wie wir zu der weiter unten, im Zusammenhang mit dem Fund von Nagyszéksós und zu der weiter oben im Zusammenhang mit den Kesseln und Kesselbruchstükken aus Kupfer und den drei anderen ungarischen Goldfunden gekommen sind: es handelt sich um die Überreste eines Totenopfers, und zwar um die Überreste eines Rituals, das in der näheren oder weiteren Umgebung des eigentlichen Grabes abgehalten worden ist Nach die-

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fand sich in der Mitte eines sich vom Boden kaum abhebenden Hügels auf der ursprünglichen Oberfläche ein runder Brandfleck. Hier kamen neben verkohlten Birkenholzresten verbrannte und deformierte Gegenstände zum Vorschein: ein Trensenknebel fragment, der winzige Rest der Knochenversteifung eines Bogens, eine Pfeilspitze, ein Eisenmesser, Bronzeschnallen und wenige angebrannte Riemenbeschläge von Pferdegeschirrzieraten. Am Rand der Opferstelle lagen Pferdeknochen und auch ein Topf, menschliche Überreste wurden jedoch bei der fachgerecht durchgeführten Ausgrabung nicht gefunden. Das gleiche wurde auch in Pokrowsk in zwei nahe beieinander gelegenen, niedrigen Grabhügeln festgestellt, wobei der einzige Unterschied darin bestand, daß um die mit Holzasche vermischten Überreste und darunter der Boden nicht verbrannt war, also die nie angebrannten dünnen Riemenbeschläge des Pferdegeschirrs von einer anderen Stelle hierhergebracht und vergraben worden waren. In Pokrowsk wurden auch Schaf- und Pferdeknochen gefunden, jedoch keinerlei menschliche Überreste. Dies ist um so überraschender, als in Pokrowsk in einem anderen Kurgangräberfeld in einem nachträglich gegrabenen echten Grab (Kurgan 36/2) neben Überresten einer partiellen Pferdebestattung das Skelett einer hunnischen Frau lag. Aus anderen Kurganen jenseits der 73. Krug aas einem gepidischen Grab von Füzesgyarmat Wolga kamen bekleidet begrabene bewaffnete Hunnen zum Vorschein (Schipowo, Mertwije sem Bericht soll in Melitopol-Kzyljarskaja bal- Soli [Abb. 49], Koktal). ka die Frauenbestattung mit Diadem auf dem Die frühawarischen Gräber in Europa und die künstlich deformierten Schädel von dem an mit diesen gleichaltrigen türkischen in Innerdemselben Fundort früher (1947) gefundenen Schwert mit edelsteinverzierten Beschlägen so- asien lassen immer besser den Ritus des eigenarwie von den goldenen Sattelblechen, Eisentren- tigen asiatischen Totenopfers erkennen. Der besen mit Bronzeringen, edelsteinverzierten golde-, kleidete und ausgerüstete Tote wurde in üblicher nen Zaumzeugbeschlägen, verstreuten Pferde- Weise in einem einfachen Grab oder in einem und Ziegenknochen, die bei der Authentisie- Kurgan bestattet. Gelegentlich der Beerdigung rungsgrabung (1948) in einer Tiefe von 40-50 cm oder nach verschiedenen Angaben 3, 7 oder 49 freigelegt worden sind, voneinander zu trennen Tage später wurde ein Pferd des Toten beim sein - all diese sind Reste des Totenopfers eines Totenmahl verzehrt und die Überreste zusammen mit dem Pferdegeschirr und den Waffen auf Mannes. Betrachtet man die Funde der Wolgagegend einen Scheiterhaufen geworfen. Die verbrann(Kurgan 17 und 18 von Pokrowsk, Nishnjaja ten Pferdegeschirrteile (Steigbügel, Trense oder Dobrinka, Seelman/Rownoje), die als Hauptbe- Trensen) und Waffen (Speer oder Speere, Panweis für den hunnischen „Brandbestattungsri- zerüberreste) wurden nach Erlöschen des Feuers tus" angesehen werden, im Lichte der Fundum- eingesammelt und in der Nähe des Grabes oder stände von Makartet, Nagyszéksós, Pannonhal- auch in der Umgebung der Totenmahlstelle in ma und Melitopol, so wird man auf sonderbare einer nur seicht eingetieften runden Grube verDinge aufmerksam. In Seelman/Rownoje be- graben. Unter Umständen wurde dieses Brand190

opfer auch mit unverbranntem Pferdegeschirr und mit Ersatzgürteln ergänzt. Auch ist ein Fall bekannt, bei dem die Opfergaben in einem Bronzekessel vergraben wurden. In diesen kaum hundert Jahre jüngeren, „nomadischen" Parallelen liegt das Geheimnis des hunnischen „Brandritus", auf diesen Brauch gehen die vielen, nur in geringer Tiefe verborgenen hunnischen Waffen-, Pferdegeschirr- und Kesselfunde zurück. Noch etwas kann man aus den frühawarischen Bestallungen lernen. Die wertvollste Waffe, der aus Eisenlamellen zusammengefügte Panzer, wurde nur in außergewöhnlich reich ausgestatteten Gräbern gefunden, war doch der Panzer an sich die Schutzwaffe der Vornehmen. In acht bis zehn frühawarischen Bestattungen von Rang symbolisieren jeweils sieben kleine herausgeschnittene Lamellen den ganzen Panzer, „als Teil, aus dem im Jenseits ein Ganzes wird". Die eine Lamellenserie stammt gerade aus dem in einem Bronzekessel vergrabenen Scheiterhaufenfund. Aus Mittel- und Innerasien sind uns mehrere, dem Brauch symbolischer Panzerbeigaben entsprechende Sitten bekannt. Zugleich versinnbildlichen einige Perlen, eventuell Frauenschmuck, in besonders ausgestatteten Kriegergräbern, die Zusammengehörigkeit der Lebenden mit den Toten. Das in der Hunnenzeit in Dulceanca in einer Tiefe von 2 m neben einem unversehrten Männerskelett gefundene Bruchstück eines goldenen Diadems (?) vom Typ Csorna, das im Koktal im Kurgan eines bewaffneten Mannes freigelegte Bruchstück eines Diadems (?) mit Almandinsteinen und das in Lébény in das Grab eines Kriegers gelegte goldbeschlagene Schleierstück passen gut in diese Gedankenwelt. Die unvollständigen, fragmentierten und mangelhaften Opfergaben machen fast die Hälfte aller bekannten Hunnenfunde aus. Ihre zumindest teilweise absichtliche Zerstörung und ihr Fundzustand sind die Folge des einstigen Totenrituals. In anderen, nicht wenigen Fällen ist der Verdacht nicht von der Hand zu weisen, daß beim Einsammeln der auf den Scheiterhaufen geworfenen Überreste nicht immer mit der nötigen Sorgfall vorgegangen wurde und halbe Trensen, fragmentierte Knebeltrensen und in Eile zusammengeklaubte Pferdegeschirrbeschläge die menschliche Hinfälligkeit des Rituals widerspiegeln. Beide Ursachen trugen dazu bei, daß fast alle hunnischen Opferfunde mangelhaft sind. Um sie zu verstehen, um sich das Totenritual

vorstellen zu können, müßten alle Funde zugleich betrachtet werden. Was man über die Fundumstände von PécsÜszögpuszta. Pannonhalma und Bátaszék weiß, ist mehrdeutig: Es wurden weder menschliche Skelett- noch Leichenbrandreste gefunden. Zu einer Zeit, als die Archäologen noch fest davon überzeugt waren, die Hunnen hätten ihre Toten verbrannt, wurden diese Fundumstände (z. B. im Falle von Pécs-Üszögpuszta) geradezu als Beweise für den Brandbestattungsritus angesehen. Demgegenüber sind jedoch gerade die in Pécs-Üszögpuszta erhallen gebliebenen Funde nicht angebrannt. Es wurde bereits erwähnt, daß unsere drei großen Fundkomplexe mit den für
111. Goldene Gürtelschnalle aus dem Grab einer Fürstin von Bakodpuszta

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111.

„verbrannt" erachteten Funden von Nowogrider Mehrzahl offenbar in einfachen Gräbern, im gorewka nahe verwandt sind. In NowogrigorewOsten häufig auch unter Hügeln. Die Vorneh­ ka wurden goldene Sattel- und Bogenbeschläge, men begrub man im geheimen und in Einzelgrämit dünnem Goldblech überzogene und mit bern, ebenso wie später die Awarenfürsten und Edelsteinen geschmückte bronzene Riemenzun­ militärischen Anführer. Der Bestattung der hun­ gen, goldene Gürtel- und Stiefelschnallen mit nischen Würdenträger folgte ein feierliches To­ Edelsteineinlagen, vergoldete Pferdegeschirrbe­ tenmahl. Bei dieser Gelegenheit wurde so man­ schläge und eine Schwertperle aus Bernstein völ­ ches auf den Scheiterhaufen geworfen, was nicht lig unversehrt geborgen (Abb. 52); man kann ins Grab mitgegeben worden war. Diese Gegen­ daher schwerlich behaupten, sie seien durch stände vergrub man zusammen mit den Überre­ Feuer beschädigt worden. Die edelsteinverzier­ sten des Scheiterhaufens, oder es wurden - im ten Schnallen sind beispielsweise genauso unver­ Osten häufig unter flachen Hügeln in eine sehrt wie ihre hier abgebildeten Verwandten aus gesonderte Grube jene Ersatzvorräte gelegt, die dem Körpergrab von Murga (Taf. 68). Auch die dem Toten nachträglich für das Jenseits mitge­ Stiefelschnallen mit Granateinlagen unterschei­ geben wurden. Mit den Teilen des Totenopfers den sich in keiner Weise von den neben den gerieten auch die beim Opfermahl gebrauchten, Skeletten in Lengyeltóti und Lébény geborge­ absichtlich beschädigten oder auf dem Scheiter­ nen. Die Beschädigungen an den Fundstücken haufen deformierten Kupferkessel in die Erde, von Nowogrigorewka sind unbedeutend, sie ge­ einmal in eine Höhle(!) (Abb. 5). Wir können rieten also auf ähnliche Weise in die Erde wie demnach die archäologische Gesetzmäßigkeit ihre ungarischen Parallelen. Ebenso in Nishnaja wie folgt interpretieren: Bei den in geringer Tiefe Dobrinka, wo mit den angeblich vom Feuer gefundenen Waffen, Pferdegeschirren und Re­ beschädigten Pferdegeschirrbeschlägen sogar sten von Fleischspeisen handelt es sich nicht der Lederriemen völlig heil zum Vorschein kam ! um Gräber, sondern um Totenopfer. In näherer In Kapulowka bei Nikopol wurden teils als oder weiterer Umgebung von Nagyszéksós und „Schatz", teils aus einer archäologischen „Kul­ Makartet, die an angebrannten und beschädig­ turschicht" zerstreute edelsteingeschmückte, ten Fundstücken so reich sind, von Pécs-Üszög­ goldüberzogene Riemenzungen aus Bronze, Pfer­ puszta, Pannonhalma-Széldomb, Bátaszék und degeschirrbeschläge (Abb. 58) und ein golde­ Höckricht, die vom Feuer des Scheiterhaufens ner Fingerring mit Gemme gefunden. Unter der kaum angegriffene, schadhafte oder beschädigte „Kulturschicht" wurden Siedlungsgruben der Waffen und Pferdegeschirre lieferten, und von Tschernachow-Kultur ausgegraben, die Funde den Kesselfundorten Törtel, Várpalota, Scheaus der Hunnenzeit sind also jünger als die aus statschi und noch vielen anderen liegt jeweils das der Siedlung. Die im Lauf der Ausgrabungen eigentliche, zu den Opferresten gehörende Grab. gefundenen Schmuckstücke sind übrigens bloß Vielleicht gar nicht immer einmal weit. In Meli­ Reste von bereits früher verschleppten Gegen­ topol war das Frauengrab in der Nähe des Op­ ständen. Es handelt sich um einen Fundkomplex ferfundes den früheren Berichten (1945) über vom Typ Pécs-Üszögpuszta oder Bátaszék, je­ die Funde zufolge kein Einzelgrab. Was von den doch auf Nagyszéksóser Art zum Vorschein ge­ vielfältigen Totenopferfunden bisher gefunden worden ist, ist möglicherweise nur ein Teil des­ kommen. sen, was die eigentlichen Gräber enthalten. Die­ Ebenfalls keine Spur einer Bestattung wies der se Gräber wurden derart im Verborgenen ange­ „Schatz" von Galajty im Čečen-Ingul-Land auf, legt, daß es der Archäologie seit der ersten Hälf­ der beim Tabakpflanzen gefunden und auch ver- te des vergangenen Jahrhunderts nicht gelungen mittels Grabungsarbeiten kontrolliert wurde. ist, sie ausfindig zu machen. Der Tote aus der Die Überreste vom vergoldeten Silberbesatz ei­ Grabkammer Tugoswonowo von Kischpek oder nes Sattels, von Riemenzungen, Pferdegeschirr­ der Vornehme aus Tscharisch zählen nur u den beschlägen und Zellenverzierungen, die bis in 1 lokalen Führern. Meter Tiefe zerstreut waren, zeugen davon, daß die Sitte auch im Kreis der späten Hunnen im Man kann bei dem um 1808 in Conceşti in Kaukasus vorhanden war. der Nordmoldau gefundenen hunnenzeitlichen Die hunnischen Männer wurden sicherlich ge­ Grab an die Bestattung eines Reichswürdenträ­ nauso in der Erde bestattet wie die Frauen: in gers aus dem 5. Jahrhundert denken. Auf die 192

Spur führte eine Silberschüssel von mehr als einem halben Meter Durchmesser, deren Rand mit Tierfigurenreliefs verziert war. Die Schüssel hatte das Wasser aus der Erde gehoben. Authentisch klingenden Erinnerungen zufolge, die Mitte des vergangenen Jahrhunderts niedergeschrieben wurden, enthielt die Grabstätte eine aus Steinen zusammengesetzte, mit Steinplatten bedeckte Grabkammer ähnliche sind uns aus
112. Armringe aus dem Grab von Bakodpuszta

den zentralasiatischen hunnischen „Fürstengr-bern" bekannt (Kara-Agatsch. Kanattas). In der rechten Seite der Grabkammer ruhte der Tote in einem durch den feuchten Boden konservierten Holzsarg; Wasser und Gerbsäure konservierten auch seine mit Goldblech und Edelsteinen bestickte seidene Kleidung. Er trug verschiedenen Goldschmuck - darunter einen Halsring -, seine goldbeschlagenen Waffen lagen neben ihm. An das Kopfende des Sarges war eine wertvolle Beule gelegt worden, ein spätrömischer Offiziers-

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112.

113.

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113. Geflochtene goldene Halskette, Bakodpuszta

helm mit vergoldetem Silberblech überzogen. Links vom Sarg lag ein Pferdeskelett mit goldenem Geschirr, vergoldetem Sattel und goldenen Schnallen. Am Fußende der Grabkammer schlossen eine silberne Amphore mit Amazonomakhia-Darstellung und ein Silbereimer mit mythologischen Szenen die Reihe der erbeuteten Schätze ab. Man liest noch von einem Goldtablett rechts vom Sarg, auf dem verkohlte Lebensmittel erhallen geblieben sind, aber Näheres ist darüber nicht bekannt. Die beschriebenen Funde gelangten nämlich nur zum Teil in die Ermitage (1812), die vorhandenen, wie z. B. die schönen Silbergefäße und der Helm, bekräftigen die Erinnerungen der Augenzeugen. Überreste und Bruchstücke der Ausrüstung des Mannes und des Pferdes: ein 200 g schwerer geflochtener goldener Halsring; mit den Riemenzungen von Nagyszéksós und Musljumowo verwandte goldene Riemenzungen mit Granateinlage und Zellenverzierung; Goldblechbruchstücke mit Schuppenmuster von Holzsattel und Schwertscheide; mit Edelsteinen verzierter Goldbeschlag des Sattelknopfes; edelsteinverzierte und goldblechüberzogene bronzene Geschirrbeschläge; Kleiderverzierung aus Goldflitter zum Aufnähen, eine Silberschnalle und ein wunderbares kleines Meisterwerk: eine aus Gold gefertigte, genial zusammenkomponierte Fisch- und Adlerfigur mit Edelsteineinlage in Schuppenzellen. Es besteht kein Zweifel, daß es sich hier um das Grab eines „Auserwählten" handelt. Ein anderes, ähnliches hunnisches „Fürstengrab" kennen wir bis heute nicht. Es sei denn, wir betrachten den nordöstlich von Troyes, in Pouan in der Nähe von Arcis-sur-Aube, 1842 gefundenen Fürstengrabfund als solches. Die Tracht dieses vornehmen Mannes, die Schmuckstücke aus purem Gold (Halsring, Armband, Gürtelschnalle, die runden Schnallen vom Schwertriemen und von den Stiefeln) und seine Waffen (zweischneidiges Schwert mit goldüberzogenem Griff, Mundstück mit Granateinlage, goldener Zellenknopf der Schwertperle sowie ein Kampfmesser

mit goldenem Griff und zellengeschmücktem herzförmigem Knauf- Abb. 29) stimmen nämlich Stück für Stück mit einer langen Reihe von Hunnenfunden im Karpatenbecken und im Osten überein; inzwischen wurde in Gallien seit eineinhalb Jahrhunderten kein ähnlicher Fund geborgen. Die zeitgenössische Gallische Chronik hielt die Namen zweier berühmter Opfer der in der Nähe ausgetragenen mauriacensischen Schlacht für aufzeichnungswürdig: den des Wisigotenkönigs Theoderich und den Laudarichs, eines „Blutsverwandten Attilas". Das Grab von Pouan wurde natürlich von Anfang an mit Theoderich in Zusammenhang gebracht, obwohl dem auf römischem Boden geborenen und ab 418 in Südgallien herrschenden König nichts ferner gestanden haben mag als die erst überwiegend nach der Ansiedlung der Goten in Gallien entstandene und überhandgenommene orientalische Mode und Prunksucht. Ganz abgesehen davon ist es unwahrscheinlich, daß der christliche Gotenkönig auf dem Schlachtfeld begraben wurde, offensichtlich hatte man ihn nach Tolosa heimgetragen. Besser paßt alles zu einem hohen Würdenträger Attilas - wenn man will: zu seinem Verwandten, zu einem König der Ostgermanen, Laudarich. Dem würde auch der aus dem Fund hervorgegangene, „als Geschenk erhaltene" Goldring mit einer Inschrift, die nicht auf den Namen des Eigentümers hinweist und zum Siegeln ungeeignet ist, nicht widersprechen. Auf das zu diesem Grab gehörende Totenopfer könnte eventuell der bereits erwähnte, in der Nähe von Troyes gefundene, große und prächtige Kesselhenkel hinweisen. Pouan liegt den gallischen topographischen Angaben der großen Schlacht entsprechend 20-25 km hinter der hunnischen Frontlinie. In Nagyszéksós kann man aufgrund der Überreste vom Totenmahl auf das Totenopfer eines der mächtigsten hunnischen Herren schließen. Unter Berücksichtigung der historischen und topographischen Angaben kann nicht ausgeschlossen werden, daß es sich dabei um die Überreste des Totenopfers für Ruga oder Attila handelt.

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Die Zikaden

Die großflüglige Zikaden darstellenden Schmuck­ stücke zählen indirekt zu den Merkmalen der Bewegung, Ausbreitung, ja sogar der gesell­ schaftlichen Struktur der Hunnen, doch müssen sie mit Vorsicht interpretiert werden. Die „asia­ tischen Hunnen", die Hiung-nu, trugen zwar auf ihren Kopfbedeckungen zikadenförmigen De­ kor aus verschiedenem Material (Gold, Jade, Bein) und in unterschiedlicher Anzahl als Rang­ abzeichen. Von den Hiung-nu gelangten die Zi­ kaden auch in die Ausrüstung des chinesischen Heeres, wo sie ebenfalls als Rangabzeichen Ver­ wendung fanden. So kennen wir aus der Gegend der Großen Mauer eine Anzahl zumeist aus Jade geschnittener Zikaden. Es muß aber vermerkt werden, daß aus dem Gebiet zwischen der Gro­ ßen Mauer und der Wolga bisher kein derarti­ ges Exemplar ans Tageslicht gekommen ist. Mit Ausnahme des Katakombengrabes von Kertsch („VI. 24.") aus dem Jahre 1904, des Grabfundes von Mezőberény und neuestens von Kistokaj sind die Zikaden aus den anderen eurasischen hunnischen Grabfunden unbekannt. Außerdem spricht vieles für ihre von Ostasien unabhängige ostmediterran-antike Herkunft. So sind die gro­ ßen, aus Bronze gegossenen Zikaden in Panno­ nien und im gesamten Illyricum schon lange vor dem Erscheinen der Hunnen bekannt. Aller­ dings unterliegt es keinem Zweifel, daß um 375 und danach in den Grabfunden des nördlichen Kaukasus und der Krim eine neue, andersartige Zikadenform auftaucht, und zwar die aus Bron­ ze und Silber gegossenen oder der Mode jener Zeit entsprechenden, in Zellen oder Fassungen mit Edelsteinen verzierten Typen, die sich kurz darauf entlang der Weichsel bis zur Ostsee und entlang der Donau vom Eisernen Tor bis ins

Marchfeld ausbreiteten (Abb. 34). Diese Zika­ den sind in zahlreichen Grabfunden aus der Zeit um 430 und später (z. B. Šarovce/Nagysáró-Makóczadomb, Léva/Lewenz/Levice-Kalvarienberg [Abb. 33], Kistokaj-Homokbánya [Taf. 40, 3], Nagybakta/Bakta, Dunaújváros-Intercisa-Öreghegy, Monostorszceg/Bački MonoštorZiegelei, Kostolac/Viminacium-Burdelj, Abb. 66) einzeln oder paarweise stets als Schmuckstücke von Frauen oder jungen Mädchen anzutreffen. Es ist wesentlich, daß die Einzelstücke (mit Aus­ nahme der von Kostolac) nie als Fibeln getragen wurden. An manchen Fundstellen kamen sie zu­ sammen mit paarweise getragenen Fibeln vor, an anderen bei solchen Frauen, für die zumindest im Grab die fibellose Tracht üblich war. Frauen von Rang trugen aus dem Schwarzmeergebiet stam­ mende goldene, mit Edelsteinen verzierte Zika­ den. Die älteste im Karpatenbecken gefundene, aus massivem Gold hergestellte Zikade (Taf. 94) stammt aus Sáromberke/Dumbrăvioara im siebenbürgischen Maroslal. Sie wurde nach 400 im Stil der Funde aus dem Pontusgebiet hergestellt. Über die mit Edelsteinen verzierte Zikade von Csömör, die mit der 1904 in Kertsch gefundenen verwandt und in einem Körpergrab mit silberner Schnalle und Ohrgehängen (die bei der Auffin­ dung in Verlust geraten sind) geborgen worden ist, sowie eine Goldblechzikade kaukasischen Typs aus Ungarn unbekannten Fundortes kom­ men wir zu der bedeutendsten Zikade aus der Hunnenzeit: zu dem mit Edelsteinen verzierten Zikadenpaar aus Györköny, wo es in einem zur Hunnenzeit sekundär verwendeten römischen Sarkophag gefunden wurde (Farbtaf. XXV). Repräsentieren die Fibeln die ,,germanische Mode" jener Zeit, so die Zikaden vom Kauka-

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74.

Granulierte Schmuckstücke mit Steineinlagen Mittelasien

aus

sus-Krim-Typ die „nichtgermanische Mode". Letztere dürfte von der griechisch-sarmatischalanischen Frauentracht des Schwarzmeergebietes abzuleiten sein. Die nach Europa gekommenen Hunnen kannten offenbar dieses alte Symbol, worauf die in Kertsch, Nagyszéksós und Léva/Lewenz gefundenen Riemenzungen mit

Zikadenflügeln (Taf. 65, 80) hinweisen, übernahmen dieses aber in der lokalen Formung und verbreiteten es weiter. Nicht allein das Grab eines jungen hunnischen Mädchens von Mezöberény bestätigt dies, sondern auch das Frauengrab von Iszkaszentgyörgy, das vom Ende der Hunnenzeit oder sogar aus der Zeit kurz danach stammt; das Fehlen von Fibeln und das Tragen einer goldenen Zikade beweist, daß eine nichtgermanische Frau im Grab lag.

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Siedlungsgeschichte des Karpatenbeckens zur Hunnenzeit

Die archäologische Tätigkeit von eineinhalb Jahrhunderten findet nach vielen Fehlschlägen und Irrwegen langsam den richtigen Weg. Bereits eingangs wurde erwähnt, daß als Folge des Hunnenvorstoßes, aber noch vor Beginn der tatsächlichen Hunnenherrschaft, in der Gegend von Donau und Theiß Volks- (und Bildungs-) Elemente aus den Gebieten des Schwarzen Meeres und der unteren Donau erschienen waren. Ihr neues Zentrum war, wie sowohl die historischen als auch die archäologischen Quellen bestätigen, Pannonien. Doch setzten sie sich auch in den Tälern der Flüsse Hernád-Sajó-BodrogBorzsa und Tarna-Zagyva, entlang dem rechten Theißufer sowie im Banat fest (Abb. 69). Anfangs blieben drei Gebiete von den Elementen der unteren Donau und des Pontusgebietes frei, und zwar die Gebiete von drei Völkern, die an der großen Flucht der Jahre 401-405 gar nicht oder nur teilweise teilgenommen haben: Gepidia im nördlichen Teil des Gebietes jenseits der Theiß sowie in den Tälern der Flüsse Szamos und Ér, Sarmatia, das zu dieser Zeit bereits auf das Gebiet zwischen Donau und Theiß und zum Teil vielleicht in das Banat zurückgedrängt war, und Suavia, das einstige Land der Quaden. In den folgenden Jahrzehnten, die der dauernden Anwesenheit der Hunnen vorausgingen, nahm das aus der Verbindung alter und neuer Elemente entstandene, „barbarisch-römische" Handwerk überhand, in Suavia in stärkerem, in Sarmatia in geringerem Ausmaß. Zumindest läßt die frühe Verbreitung der Tonkrüge mit Glättverzierung, der in Kerbschnittechnik verzierten geometrischen Fibeln (mit dreieckiger Spiralplatte und rhombischer Hakenplatte - Abb. 34), der spätrömischen Glasbecher sowie der sil-

bernen und bronzenen Ohrgehänge mit massivem Polyederknopf darauf schließen. Östlich der Theiß kam der „barbarisch-römische" Einfluß fast gar nicht zur Geltung, bei den nördlich des Körös-Flusses siedelnden Gepiden und bei den südlich von diesen auftauchenden Hunnen war er kaum zu finden. Daraus kann geschlossen werden, daß die Hunnen anfangs die Theiß als Westgrenze ihres Machtbereiches ansahen, und zwar als eine streng bewachte Grenze. Im Grenzgebiet, im Land der Gepiden, entwickelte sich zuerst durch hunnischen und alanischen Einfluß (auf solchen ist z. B. die frühe und massenweise Übernahme von Metallspiegeln mit radial verziertem Rücken zurückzuführen), später), zur Zeit der Blüte des Hunnenreiches, eine eigenartige, selbständige materielle Kultur und Mode, die vorerst eher an die Männer- und Frauentracht des Schwarzmeergebietes denn an die der Vornehmen am Westufer der Theiß erinnerte. Die männlichen Vertreter des gepidischen „neuen Adels" sind uns vorläufig weniger bekannt, mit Ausnahme von einigen mit Nahkampfwaffen der Hunnenzeit (langes zweischneidiges Schwert, Kampfmesser oder mit beiden zusammen) bestatteten, meist mit Schilden mit facettiertem Schildbuckel ausgerüsteten Fußkriegern (Oros, Érmihályfalva/Valea lui Mihai, Ghenci/Gencs, Tiszakarád-Inasa, Tiszadob-Sziget, Debrecen, Szilágysomlyó, Csökmö). Häufiger sind die in der Umgebung von Herrenhäusern im geheimen, einzeln begrabenen adligen Frauen. Auf Neureichenart prunkten sie in Gewändern, die mit unförmig großen Silberplattenfibeln, Gürtelschnallen und Armringen aufgeputzt waren, sie trugen goldene Ohrringe mit

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Polyederverschluß, die mit rotem Glas oder mit Edelsteinen eingelegt waren (Balsa, Tiszalök, Mád, Barabás, Karcag, Szamostatárfalva und andere sowie noch einige unvollständige Grab­ funde). Dies alles war aber nur ein schwacher Abglanz des Reichtums ihrer hunnischen Her­ ren. Es soll wiederholt werden, daß sich diese Mode nicht bodenständig entwickelt hat, son­ dern auf ostgermanisch-alanischen Einfluß des Pontusgebietes zurückgeht. Von unmittelbaren Beziehungen zum Pontus zeugen die in die Grä­ ber gegebenen, in Formen gegossenen Glaspo­ kale (Tarnaméra, Barabás, Ghenci/Gencs), ver­ mutlich auch die frühesten großen Silberplatten­ fibeln. Die mutmaßlich ersten Einflüsse Pannoniens und Mösiens erreichten erst zur Zeit Rugas und Bledas den Rand des von Gepiden bewohn­ ten Gebietes (Fibel von Tiszacsege, Schnalle aus Tiszaladány). Das volle Aufblühen der hier cha­ rakterisierten gepidischen Kultur erfolgte erst zur Zeit nach dem Sturz der Hunnenherrschaft. Damals verbreitete sie sich auf die gesamte, von den Gepiden eroberte Theißgegend, damals ge­

riet auch der Großteil des zur Hunnenzeit herge­ stellten Schmuckes in die Erde. Der genaue Umfang des Siedlungsgebietes der Sweben zur Zeit der Hunnen ist aufgrund der archäologischen Funde noch nicht geklärt. In der Ebene zwischen Eipel und March muß man nämlich auch mit östlichen, in der Mehrzahl wohl alanischen Gruppen rechnen („Einzelgrä­ ber" oder kleine Friedhöfe mit Zikaden, Me­ tallspiegeln, Krügen und künstlich deformier­ ten Schädeln wie Ábrahám, Šarovce/Nagysáró, Zsitvabesenyö/Bešenov, Zsitvaudvard/Dvory nad Žitavou-Törökdomb, Perse/Prša-Bérc-dűlő. Hull/Hul, Straže/Vágör, Lewenz/Levice-Kalvarienberg, Szob-Kálvária), ja sogar selbst mit den Hunnen (das Grab mit Pferdeschädel, Trense und Sattel in Léva/Lewenz/Levice-Ziegelei, der in Léva/Lewenz/Levice-Alsórétek mit einem Pferdeopfer und einem Schwert sowie der im Szob-Homokűlő begrabene Bogenschütze). Nach dem Zusammenbruch der Hunnenherr­ schaft werden swebische materielle Kultur und Siedlung nicht von diesen Grundlagen ausgehen.

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Das Siedlungsgebiet der Hunnen

Von dort, wo sich das Zentrum der Hunnen und innerhalb dessen wiederum der königliche Ordu befand, also im Gebiet östlich der Theiß und südlich der vereinigten Körös-Flüsse, sind uns bisher überhaupt keine hunnischen Friedhöfe und Kriegergräber bekannt. Außer dem SolidusSchatz von Hódmezővásárhely-Sákáncs ist der einzige wirklich nennenswerte Fund nur das Grab von Mezőberény. Von der östlichen Herkunft des jungen Mäd­ chens von fürstlichem Rang, das vermutlich am hunnischen Hof gelebt hat, zeugt vor allem seine Kleidung bzw. seine Tracht. Es trug keine Fi­ beln, sein prächtigster Schmuck war ein Paar goldene Ohrringe mit fein granulierten Gehän­ gen, das trotz seiner individuellen Form zu den bei den vornehmen hunnischen Frauen belieb­ ten, prächtigen Ohrgehängen zählt (Farbtaf. XXVIII). Ein ebenfalls östlicher, symbolträchti­ ger Schmuck ist die hier gefundene goldene Zi­ kade. Geradewegs „nomadische" Trachtelemen­ te sind der das Kleid zusammenfassende Gürtel (?) oder die oberhalb der Knöchel auf den Ho­ sen zusammengebundenen Schuhriemen (?), von denen ein mit Zellen geschmücktes, goldenes Schnallenpaar und goldene Riemenzungen er­ halten sind, sowie die Bruchstücke eines Stirnrei­ fens (?): filigranverzierte halbovale, eckige, raubtierköpfige und fischförmige Goldplatten (Taf. 104/1-2). Den fürstlichen Rang des Mäd­ chens von Mezőberény bestätigt auch ein massi­ ver Goldarmring mit sich verbreiterndem Ende (Taf.: 105-107). Das Grab von Mezőberény ist bisher das ein­ zige, das in der Gegend des zentralen Ordu der Hunnen ans Tageslicht gekommen ist. Das vor­ nehme kleine Mädchen begrub man wahrschein­

lich, wie die vor allem bei Frauen modischen rechteckigen goldenen Schuhschnallen späten Typs zeigen, zur Zeit Attilas. Die hunnische Herkunft des Mädchens wird außerdem noch durch einen Grabfund aus dem Gebiet Cherson, in der Nähe des für seine Hunnenfunde berühm­ ten Zjurupinsk-Aleschki gelegenen Kutschugury, bestätigt. Die dort Begrabene könnte man als jüngere Schwester der Toten von Mezőberény ansehen, so sehr gleichen einander die Tracht­ beigaben: ein ähnlicher, aber noch kleinerer gol­ dener Armring, eine feine goldene Riemenzunge, goldene Schuhschnallen und Riemenzungen mit Granat- und Karneoleinlagen, vor allem aber die prächtigen, mit Steineinlagen versehenen halbovalen und eckigen Goldplatten, über deren Lage und Bestimmung in dem fast zur gleichen Zeit zufällig aufgedeckten Grab ebensowenig bekannt ist wie über die von Mezőberény. Die Formen und Verzierungen dieser Platten können bis Mittelasien zurückverfolgt werden (Abb. 74). Der Bereich des Ordu östlich der Theiß war, aus dem Fehlen weiterer Funde, vor allem von Gräberfeldern, zu schließen, eine militärische Basis. Archäologische Funde könnten uns nur der Ordu selbst und seine unmittelbare Umge­ bung, einige Herrenhäuser, Wegstalionen und dienstleistende Dörfer geben, wenn wir wüßten, wo diese gelegen sind. Die Fürsten und „Auser­ wählten" wurden außerhalb der Basis, westlich der Theiß, im geheimen bestattet. Nach dem von hunnischen Funden bzw. sol­ chen aus der Hunnenzeit praktisch freien Gebiet zwischen Theiß und Donau mehren sich die ein­ schlägigen Fundorte im Donautal wieder. In der einstigen Provinz Valeria Ripensis bestätigt eine Reihe von Funden die Anwesenheit der Hunnen.

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Charakteristische alanische Fibeln und eine klei­ ne, hunnisch-alanische Riemenzunge aus Gold (Aquincum, Budapest III. Taf. 101 -obwohl der wirkliche hunnische Herr von Aquincum, ein junger Mann mit euromongoloiden Gesichtszü­ gen, in den Sandhügeln auf der Pester Seite, in Zugló, bestallet wurde, wie die wenigen Überreste reicher Grabbeigaben beweisen, Taf. 73m 1-5), ein bronzenes Kesselbruchstück, einige vielleicht zum Zerschneiden bestimmte Bronzebleche mit hunnischen Gesichtern und Gestalten (Intercisa, Dunaújváros-Öreghegy - Abb. 9), die edelsteinverzierten goldenen Riemendurchzüge eines Schwertes, das indirekt durch einen im Jahre 443 geprägten Solidus des Theodosius II. (Ad Novas/ Zmajevac/Vörösmart, Abb. 17) datiert ist, ver­ weisen auf einzelne hunnische Wachtposten in den verlassenen römischen Kastellen. Im Inne­ ren von Pannonien ist die Situation überra­ schend anders. Vom Marchfeld bis Syrmien zeichnet sich diagonal oder eher in einem sich gegen Südwesten wölbenden Halbkreis gewisser­ maßen ein gegen Italien gerichteter „Schild" von Fundstellen ab, der offensichtlich den abge­ schlossenen, zentralen Ordu zu schützen hatte. Die Schutzzone ist in der Mitte im Gebiet zwischen Leitha und Plattensee bzw. zwischen diesem und der Drau am stärksten. In diesem Bereich wurden die meisten der mit Langschwer­ tern. Bögen, Pfeilen und Pferdegeschirren be­ statteten Krieger mit goldenen und silbernen Stiefelschnallen gefunden (Abb. 69). Die Anfüh­ rer des „Hunnenschildes" hatten ihren Sitz in­ nerhalb dieses Schildes, in den befestigten Städ­ ten und Kastellen des von den Römern evakuier­ ten Valerien, da die meisten Tolenopfer zwi­ schen Hügeln in der Umgebung römischer Befe­ stigungen freigelegt wurden. So gehört das große Totenopfer von Pécs-Üszögpuszta zu Sopianae (Pécs), das von Bátaszék zum Castrum von Lugio/Dunaszekcsö oder zu jenem von Ad Statuas/Várdomb, die Grabfunde von SzekszárdBartina und Csatár gehörten zum Castrum Ad Latus. Für den in Herculia (Gorsium/Tác) sta­ tionierten Hunnenhäuptling dürfte das Toten­ opfer von Várpalota, für den in Iovia (Alsóheténypuszta) stationierten aber das Kesselopfer von Hőgyész dargebracht worden sein. Eine ge­ wisse römische Verbindung ist in Pannonia Pri­ ma bei den in der Nähe der Stadt Mursella/ Kisárpás gefundenen Goldschließen von ÁrpásDombiföld und Sobor, bei den ausgeackerten

114. Gefall aus dem Grab von Bakodpuszta

115.-117. s. Farbtaleln XX1X-XXXI Goldschließen aus den Weinbergen von Fertömedgyes/Mörbisch neben dem von Mauern um­ gebenen Scar(a)bantia/Sopron, bei den Grab­ funden Vindobona/Wien 11 und 22, sowie bei den in der Nähe der Festung „Castellum" (Keszthely-Fenekpuszta) gefundenen (Ziegelei, Gáti­ domb) festzustellen. Die Waffenträger, die die­ sen Schild bildeten, waren den archäologischen Funden zufolge nur zum Teil Hunnen, die ande­ ren dürften sich aus von den östlichen Ebenen des Reiches hierher verlegten alanischen, sadagarischen, skirischen und herulischen Elementen zusammengesetzt haben. Aus den zumeist ver­ einzelten Funden und Gräbern zu schließen, mag ihre Anzahl nicht allzu groß gewesen sein. Erst aus dem letzten Jahrzehnt der Besetzung gibt es Münzfunde (in Konslantinopel nach 443 geprägte Goldmünzen des Theodosius II. mit der Rundschrift IMP XXX COS XV II aus Tüs­ kevár, Nickelsdorf Miklósfalu, Carnuntum, Scarabantia. Quadrata/Barátföld), die mit großer Wahrscheinlichkeit mit ihnen in Verbindung zu bringen sind Trotz offensichtlicher territorialer Zusammen-

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hänge ist das Verhältnis der Pannonia Prima besetzenden Hunnen zu den Überresten der romanisierten Bevölkerung zur Zeit unklar. Die auch lokale Einflüsse widerspiegelnden Tonkrü­ ge und Glasbecher (z. B. die Funde mit künstlich deformiertem Schädel der Frauengräber von Gencsapáti und die der Männergräber von Len­ gyeltóti, Lébény, Keszthely-Ziegelei und ÁrpásDombiföld), vor allem die bei den Hunnen un­ bekannten, mit ihrer Haartracht offensichtlich unvereinbaren einfachen und verzierten Bein­ kämme lassen von Fall zu Fall auf die römischen Verbindungen der nichthunnischen Elemente schließen. Die Vertreter derartiger Volksgruppen wurden während der Hunnenzeit manchmal in Ziegel- und Steinplattengräbern sowie in Sarko­ phagen spätrömischer Friedhöfe Valeriens bei­ gesetzt (Mözs, Szabadbattyán, Györköny, Csák­ vár). In Nordungarn dürfte weniger Militär statio­ niert gewesen sein. Darauf weisen die goldenen Stiefelschnallen von Ludányhalászi, die Grab­ funde mit Schwert und Schwertperle von Tár­ naméra und Szirmabesenyö sowie der zweite Fund von Kistokaj mit edelsteinverzierter silber­ ner Gürtelschnalle und silberner Stiefelriemen­ schnalle hin. Im Osten sind von den vereinig­ ten Körös-Flüssen und südlich des Sebes-Körös bis zum Siebenbürgischen Mittelgebirge nur die Gräber mit Kampfmesser, Pfeil und Schwert von Körösladány und Oradea/GroßwardeinSzalka bekannt. In Körösladány wurde neben

dem Schädel des einen Mannes der Totenobolus, ein kaum abgenutzter Solidus des Honorius thessalonischer Prägung, gefunden. Diese Grä­ ber dürften aus der Zeit der Besetzung stammen, obwohl ein Solidus des Honorius aus dem Jahre 423 noch im Schatz von Szikáncs vorkommt. Eine in Kronstadt/Braşov gefundene goldene Stiefelschnalle weist bereits auf Gebiete außer­ halb des Karpatenbeckens. Zusammen mit den in Cîlnău im Bodsau/Buzău-Tal zum Vorschein gekommenen ähnlichen Goldschnallen beweisen sie die Benützung des Bodsauer Buzău-Passes durch hunnische Vornehme, die im Ordu Attilas oder in dessen Umgebung lebten und im gehei­ men in den Bergen bestattet wurden. Die bisherigen archäologischen Funde zeigen vor allem die Richtung der hunnischen Bewe­ gung, die Ausbreitung des Reiches, die Standor­ te des militärischen Gefolges der Reichsaristo­ kratie und der Fürsten sowie gewisse historische Geschehnisse und Hinweise auf die gesellschaft­ liche Struktur. Mehr, z. B. eine übersichtliche und zusammenfassende Geschichte der hunni­ schen Kunst, ist aus den zum Großteil sporadi­ schen Grabfunden und aus den fast gesetzmäßig durch Zufall entdeckten Opferfunden nicht zu gewinnen. Der Einfluß des orientalischen Prun­ kes der Hunnen auf die Insignien und Symbolik der von der Hunnenherrschaft befreiten ger­ manischen Fürsten ist bereits Thema der Ge­ schichte und Kulturgeschichte der folgenden Epoche.

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Attilas Bestattung

Nach dem Tode des Großkönigs tauchten wie auf einen Schlag die seit acht Jahren zu Statisten degradierten und zu Nebenrollen gezwungenen Hunnen wieder auf. Die Totenfeierlichkeiten waren Angelegenheit der Söhne Attilas, seiner Auserwählten und der Hunnen, „seines Volkes". Die Trauerfeierlichkeiten waren des allermächtigsten Großkönigs tatsächlich würdig, als ob die daran Beteiligten geahnt hätten, was folgen würde. Die Zeremonie war in der gesamten Abfolge asiatisch: „Die Männer schnitten sich dem Volksbrauch entsprechend ihren Zopf ab, ihr furchterregendes Gesicht aber verunstalteten sie mit tiefen Wunden, so daß der glorreiche Held nicht mit Jammergeschrei und Tränen der Frauen, sondern mit Männerblut betrauert werde." Die anläßlich derartiger Trauerfeierlichkeiten abgeschnittenen und mit den Toten begrabenen Haargeflechte sind durch ewigen Frost in den Gräbern der Saka-Fürsten im Altaigebiet und der Hiung-nu-Fürsten in der Mongolei erhalten geblieben. „Sein Leichnam wurde in einem in der Mitte der Lagerstadt aufgestellten Seidenzelt aufgebahrt, hernach folgte eine erhebend schöne Sehenswürdigkeit. Die aus dem gesamten Hunnenvolk erlesenen besten Reiter galoppierten rund um die Bahre [wie in einem Zirkus, fügt der antike Abschreiber hinzu] und sangen Trauerweisen über die Taten des Verstorbenen." „Größter aller Hunnenkönige, Attila, Sohn des Mundschuk, Herr und Gebieter der heldenhaftesten Völker, der Du allein mit einer zuvor nie gesehenen Macht über die skythischen und germanischen Länder geherrscht hast, der Du beide römischen Reiche mit Schrecken erfüllt

hast, ihre Städte einnahmst, Dich aber, bevor sie alle Deine Beute geworden wären, ihrem Flehen erbarmt und eine jährliche Steuer von ihnen angenommen hast. Nachdem Du dies alles mit Erfolg vollbracht hast, entferntest Du Dich, nicht durch feindliche Wunden, auch nicht infolge Ränken der Deinen, sondern im Schutz Deines Volkes, unter Freuden fröhlich, ohne Schmerz. Wer würde das für einen Tod erachten, da niemand an Rache denkt? Nachdem sie ihn mit Trauergesang beweint hatten, hielten sie über dem Totenhügel ein Totenmahl - oder wie sie ihn nennen [in Wirklichkeit wie ihn Priscus' Angabenvermittler nannte] eine Strava - mit sehr großem Trinkgelage, von einer Übertreibung in die andere fallend: Trauer und Unterhaltung lösten einander ab. In der Nacht aber wurde der Leichnam im geheimen in die Erde gelegt. Er wurde erst mit Gold, dann mit Silber und zuletzt mit Eisen verhüllt, um so zu symbolisieren, daß diese drei des mächtigsten Königs würdig sind. Das Eisen besiegte Völker, mit dem Gold und Silber hat er Würdenzeichen beider (römischer] Reiche gewonnen. Die vom Feind im Kampf erbeuteten Waffen, verschiedene, von Edelsteinen glänzende Pferdegeschirre sowie jene Insignien der königlichen Würde wurden mit ihm begraben, die die Zierde seines Hofes waren. Und um die menschliche Habgier von diesem großen und wertvollen Schatz fernzuhalten, bezahlten sie die Totengräber in schändlicher Weise: Sic wurden erbarmungslos niedergemetzelt. So riß der plötzliche Tod die Begrabenden samt dem Begrabenen mit sich." Obgleich die eben wiedergegebene Beschreibung, durchwoben mit Motiven eines hunni-

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schen Klageliedes, wie wir noch sehen werden, durch den hundert Jahre später schreibenden Jordanes erhalten geblieben ist, übertrifft sie an Schönheit und Erhabenheit bei weitem die schriftstellerischen Fähigkeiten des gotischen Chronisten. Stil und Wortgebrauch des Textes verweisen darauf, daß er Wort für Wort aus dem verlorengegangenen Teil des griechischen Werkes von Priscus stammt und authentisch ist. Andere zeitgenössische oder spätere Berichte über die Bestattung blieben nicht erhalten. Aus chinesischen Quellen ist uns dagegen die osttürkische Trauerzeremonie bekannt: „Die Leiche wird im Zelt aufgebahrt... man läßt die Pferde zweimal um das Zelt galoppieren ... sie verwunden ihr Gesicht und weinen, so daß sich die Tränen mit dem Blut vermischen. Das tun sie sieben Mal..." - es ist also überholt, von „germanischen" Elementen dieser Zeremonie zu sprechen. In der Beschreibung des Jordanes gibt es auch unklare Textstellen, die er vermutlich unrichtig aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzt hat und die in der Neuzeit nicht viel besser in verschiedene moderne Sprachen weiter übersetzt werden. Der Ausdruck super tumulum eius, das heißt, die Beschreibung des über dem Grabhügel Attilas gehaltenen Totenmahls, steht in diametralem Gegensatz zu der im folgenden Satz erwähnten und der Wirklichkeit sicher viel besser entsprechenden, in der Nacht und im geheimen durchgeführten Beerdigung. Meiner Meinung nach können die neuen Ergebnisse der Archäologie in diesem Punkt zur Auflösung des Gegensatzes beitragen. Das Trauermahl wurde offenbar jeweils in der Nähe der zum Gedenken an die Könige oder Fürsten errichteten Hügel oder Grabmale abgehalten. Die Überreste dieser Totenfeiern begegnen uns in den in geringer Tiefe vergrabenen angebrannten Tierknochen und Bronzekesseln sowie in den auf den Scheiterhaufen geworfenen angebrannten oder unversehrten Totenopfern: Waffen, Pferdegeschirre, Sättel und Prunkgürtel. Unbekannt ist allerdings zur Zeit noch die Distanz des eigentlichen Bestattungsplatzes von jenem des Totenmahls, ob die Opfergaben also am Ort des Totenmahls oder in der Nähe der Bestattung vergraben wurden. Das Wort coperculum bedeutet im klassischen Latein höchstens in poetischen Wendungen Sarg, sonst nur Bedeckung, Deckblatt und Umhüllung. Auch in den Nachfolgesprachen des Lateinischen blieb das Wort zumeist im Sinne von Dek-

ke oder Deckel erhalten: Im Italienischen wird z. B. nur der Deckel des Sarges oder Sarkophages coperchio genannt. Die copercula des Jordanes sind daher in Wirklichkeit keine Särge oder gar ein „dreifacher Sarg", sondern irgendwelche Bänder, Umhüllungen, Deckel oder mit Metall verzierte Leichentücher eines einzigen Sarges. In Kenntnis des Bestattungsbrauches innerasiatischer Fürsten, der von Attilas Zeit an ein Jahrtausend zurückverfolgt werden kann, darf mit Sicherheit angenommen werden, daß Attila tatsächlich in einem Sarg begraben wurde. Wie die in den Kurganengräbern von Nojon-ul/ Noin Ula unversehrt erhallen gebliebenen Inneneinrichtungen zeigen, ist es nicht ausgeschlossen, daß der eigentliche Holzsarg in einer zur Aufnahme kostbarer Beigaben geeigneten größeren Grabtruhe und diese wiederum in einer noch größeren Grabkammer untergebracht war. In Nojon-ul/Noin Ula barg die Grabkammer den Leichnam also tatsächlich in dreifacher Weise. Tatsache ist jedoch auch, daß aus der archäologischen Hinterlassenschaft der eurasischen Steppen keine Metallsärge bekannt sind. Demgegenüber kennen wir das Motiv des „goldenen, silbernen und eisernen Sarges" aus einem kürzlich veröffentlichten mongolischen Volksmärchen. Aus diesem Grund ist es sehr wahrscheinlich, daß schon Priscus einen hunnischen Volkstrauergesang über die Bestattung Attilas notierte. Die übrigen Vermutungen im Zusammenhang mit der Bestattung Attilas sind neuzeitliche Mißverständnisse und Phantasieprodukte. Vielleicht mit Ausnahme des Grabes Alexanders des Großen gibt es auf der ganzen Welt kein weiteres Grab, das die Phantasie der schatzhungrigen Nachwelt in einem derartigen Ausmaß anregt. In Ungarn und im gesamten Karpatenbecken „weiß" man, daß Attila in einem Fluß und natürlich in einem dreifachen Sarg begraben ist. Dabei war bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts allerdings nie die Rede davon, daß Attila in einem ab- und wieder zurückgeleiteten Fluß (vor allem in der Theiß) begraben worden sei. In der von Simon von Kéza im 13. Jahrhundert phantasievoll erträumten und zusammengestellten hunnisch-ungarischen Chronik, die im 15. Jahrhundert gleichsam kanonisiert in die gedruckte (Ungarische Chronik, lateinische Chronica Hungarorum) des Johannes von Turócz übernommen wurde, ist keine Rede von

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einem dreifachen Sarg, geschweige denn von einer Bestattung Attilas in der Theiß oder im Bett eines anderen abgeleiteten Flusses. Diese Chronik war bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts Tradition, genauer, sie lebte bis zum Reformzeitalter in unveränderter Form weiter. Das heißt, daß die neuere Version von der mit poetischen Vorstellungen verbrämten Bestattung Attilas ein Produkt erst des vorigen Jahrhunderts ist. Der vielleicht erfolgreichste ungarische Archäologe unseres Jahrhunderts, F. Móra, dem wir übrigens die Rettung des hunnischen Fundes von Nagyszéksós verdanken, gelangte während seiner Forschungen nach dem Ursprung dieser irrgläubigen Ansichten bis zu A. Ipolyis Werk Magyar mithologia (Ungarische Mythologie. Pest 1854) und hielt dieses für die Urquelle. Er war der Meinung, daß die schaurig schöne, poetische Vorstellung von der Beerdigung Attilas durch Ipolyi entstanden sei und diese Phantastereien dann in Hunderttausenden Exemplaren durch literarische Werke und durch den Schulunterricht zum Allgemeingut nicht allein der Ungarn, sondern auch ihrer Nachbarvölker geworden seien. Dem allen stellte er den trockenen zeitgenössischen Bericht gegenüber: Der Leichnam wurde nachts im geheimen in die Erde gelegt. Die Urquelle, die Chronik des Jordanes, war bis zum Erscheinen der kritischen Ausgabe Mommsens im Jahre 1882 nur in schlechten Texten bekannt A. Mócsy machte darauf aufmerksam, daß für die Vorstellung eines dreifachen Sarges auch die schlechten Textpublikationen verantwortlich seien: Statt der ursprünglichen copercula wurde fercula geschrieben, was soviel wie tragbare Gestelle bedeutet. Als ob Attila auf mehreren Totenbahren begraben worden wäre. Diese Sinnlosigkeit überbrückte die französische Übersetzung der Serie Firmin Didot damit daß sie von drei Särgen (trois cercueils) spricht. Aus dem einen, mit drei verschiedenen Metallen geschmückten Sarg, wurden so drei Särge; und dieser Irrtum blieb auch noch, als der authentische Text des Jordanes bereits allgemein zugänglich war. Bei Jordanes ist auch zu lesen, daß im Jahre 410 der Wisigotenkönig Alarich in Süditalien im
75. Triumphsäule des Kaisers Marcianus in Konstantinopel. Der hart gegen Attila kämpfende Herrscher ließ sich als Besieger des Hunnenreiches feiern

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vorher abgeleiteten Busentus-Fluß begraben worden sei und man die begrabenden Knechte danach ermordet hätte (es ist eine Sage oder ein Märchen, war doch eine derartige Bestattung aufgrund der technischen Möglichkeiten des Altertums fast undurchführbar, vor allem innerhalb weniger Tage, und das noch in Kriegszeiten). Irgendjemand begann irgendwann bei Jordanes zwischen den Zeilen zu lesen oder etwas falsch zu verstehen (wofür der Text bei Jordanes ebenfalls Möglichkeiten bietet) und gelangte so zu dem Schluß, Attila sei genau so begraben worden wie Alarich. Die Theiß fand fast logisch Eingang in diese Geschichte, war sie doch nach der Donau (die man schließlich nicht so ohne weiteres ableiten konnte) der zweite große Fluß im Reich Attilas. Anläßlich der im Jahre 1846 begonnenen Regulierung der Theiß wurden zahlreiche Flußschlingen begradigt, und das etwa gleichzeitig mit der Entstehung der Legende. Ihr Schöpfer oder ihre Schöpfer empfanden nicht als Anachronismus, die vor ihren Augen durchgeführten Arbeiten in die Hunnenzeit zu verlegen; es gab ja Hunnen und Knechte zu Hunderttausenden, meinten sie aufgrund der Chronisten. Durch den Vergleich Attilas mit Alarich gelangten sie zu dem Schluß, der größere König müsse auch in einem größeren Fluß begraben worden sein. Auf diese Weise mag das populär gewordene Märchen von der Bestattung in der Theiß entstanden sein. Doch gibt es im Karpatenbekken wohl keine Gegend, wo nicht von ewigen Träumern und Phantasten das Attila-Grab gesucht wird. Der heutige Wissenschaftler würde die bei

Jordanes beschriebene barbarische Niedermetzelung der bei den Erdarbeiten für die Bestattung Eingesetzten gem bezweifeln, für derartige Vorsichtsmaßnahmen gibt es nämlich in Europa bisher keine archäologischen Nachweise. Um so mehr sind jedoch aus dem antiken China bekannt, und das darf bei der Bestattung der hunnischen Großkönige nicht außer acht gelassen werden. Tatsache ist, daß es den Organisatoren der Totenfeierlichkeiten gelungen ist, die Grabstelle geheimzuhalten. Und wenn es den germanischen Aufständischen nicht gelang, das Grab ausfindig zu machen, so ist es nur verständlich, daß es bis heute nicht entdeckt wurde. Attilas Grab kann natürlich gefunden werden, wie alles, was einst in der Erde verborgen wurde. Es kann aber nicht gesucht werden. Stellen wir uns ein besonders großes Grab vor, in dem viele, viele Kostbarkeilen mühelos untergebracht werden konnten (z. B. Abb. 70/a); es mag so groß wie ein Zimmer sein. Auf einem einzigen Hektar hätten 500 solcher Gräber Platz, auf einem Quadratkilometer schon 50 000. Da wir von der Lagerstadt der Hunnen, in deren näherer oder weiterer Umgebung Attila begraben wurde, einstweilen nur so viel wissen, daß sie östlich der Theiß, im Norden des Temes-Flusses und im Süden des Körös-Flusses lag, Attila aber vermutlich in der östlichen Hälfte des Gebietes zwischen Donau und Theiß begraben wurde, kämen mindestens 20 000 km2 in Betracht. Auf einer so großen Fläche könnte man sich - kein Irrtum ! eine Milliarde Attila-Gräber vorstellen. Leichter wäre es, eine Stecknadel in einem Heuhaufen zu finden!

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Das Ende

Nach Attilas Tod wurde sein ältester, von Arykan geborener Sohn, Ellak, Großkönig der Hunnen. Die Machtübernahme verlief anfangs reibungslos. Ellak kannte seit Jahren den Großwesir Onegesius als seinen Helfer und Freund. Attilas Liebling, Ernak, und der seinem Vater ähnlichste mittlere Sohn, Dengi(t)zik, forderten jedoch sehr bald ihren Anteil an der Herrschaft. Wahrscheinlich wünschten sie die Wiederherstellung der Lage vor 445, also eine Teilung der Macht. Sie trachteten nicht nur danach, die Gebiete zu teilen, sondern mit typischer Steppendenkweise auch die unterworfenen Völker, die sie nicht höher schätzten als die Viehherden Diese König und Volk in gleicher Weise als Diener betrachtende hochmütige Anschauungsweise erwies sich dann, als die Zentralmacht zu

schwanken begann, als ein tragischer Irrtum. Die Anführer und Krieger der Hunnen spalteten sich in zwei Lager und wandten sich gegeneinander. An dieser ersten Etappe der Kämpfe beteiligten sich die germanischen und iranischen Vasallen entweder noch nicht, oder sie standen auf Ellaks Seite. Jedenfalls blieb Großkönig Ellak im Kampf gegen seine jüngeren Brüder siegreich. Als Ellak jedoch im Jahre 455 von der Gegend der unteren Donau nach Südpannonien zurückkehrte, stellte sich ihm die Übermacht der germanisch-sarmatischen Koalition des Karpatenbeckens unter Führung des Gepidenkönigs Ardarich entgegen. Der letzte Großkönig der Hunnen fand bei der Verteidigung seines Volkes, seines Reiches und seiner eigenen Macht in der Schlacht am Nedao-Fluß den Heldentod.

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Die Söhne Attilas

Nach der Niederlage am Nedao blieb den Hunnen nichts anderes übrig als die Flucht. Ellaks und vielleicht auch Bledas einstige Getreue versuchten ihr Glück im Oströmischen Reich - mit überraschendem Erfolg. Von der Oltmündung entlang des unteren und mittleren Laufes der Donau und der Save traten am Nordufer nämlich neue Feinde auf: mächtige und aggressive ostgermanische Königreiche. Ihnen gegenüber erwiesen sich die ehemaligen Räuber als die besten Häscher. Zuerst wurde das bewaffnete Gefolge des mit Attila verwandten Emnetzur und Ultzindur aufgenommen und in Ufer-Dazien (Dacia Ripensis) in den Tälern der Flüsse Utus, Almus und Oescus angesiedelt, also an der am meisten gefährdeten Grenze zu der sich bis zur unteren Donau und dem Olt erstreckenden Gepidenmacht. Andere hunnische Truppen wurden unter dem Befehl eines gewissen Kelkal (Chelchal) dem Heer Aspars zugeteilt; sie wurden zu Reitern der mobilen Armee. Der selbstbewußte und auf seine hunnische Herkunft stolze Reitergeneral Kelkal ging mit harter Faust gegen die in Thrakien eingedrungenen Ostrogoten vor und ließ diese während der folgenden Verhandlungen in nicht zu übersehender Weise das einstige Verhältnis zwischen Hunnen und Goten fühlen. Dengi(t)zik (Dintzik), der mittlere und Attila ähnlichste Sohn, sowie Ernak (Irnik), der Lieblingssohn Attilas, flohen zusammen mit den ihnen treu gebliebenen, ihres Landes verlustig gewordenen Hunnen gegen Osten und begannen die Gebiete der Ostrogoten im Pontusgebiet zu besetzen. Die aufgestörten Ostrogoten unter Valamer wandten sich an Kaiser Marcianus und baten um eine neue Heimat. Diese Bitte kam den Absichten des Marcianus auf halbem Weg ent-

gegen. Der Kaiser in Konstantinopel erkannte nämlich die Herrschaft des von den Wisigoten in Gallien zum Kaiser erhobenen Avitus nicht an und beanstandete auch dessen Versuch, die weströmische Herrschaft in dem von den Hunnen befreiten Pannonien wiederherzustellen (Herbst 455). Marcianus wollte Pannonien, das jenseits der schwachen Grenze des Oströmischen Reiches entlang der Save gelegen war, seinen er meinte verläßlicheren - Verbündeten zuspielen. Er hielt es für wünschenswert, den unter Ardarich mächtig gewordenen Gepiden sowie Edika und seinen Skiren, die im südlichen Teil des Gebietes zwischen Donau und Theiß, also gegenüber Pannonia Secunda, Land genommen hatten, feindliche Ostgermanen entgegenzustellen. So kam es im Sommer und Herbst des Jahres 456 zur Besetzung des antiken Pannonien durch die Ostrogoten. König Valamer ließ sich mit seinem kriegerischen Gefolge in der schon vor der hunnischen Eroberung dem Oströmischen Reich angeschlossenen Pannonia Secunda nieder. Sie siedelten sich zwischen dem lateinisch Aqua Nigra bezeichneten Flüßchen und dem gotisch bezeichneten Scarniunga an. Dengi(t)zik und Ernak fanden sich jedoch nicht so ohne weiteres mit dem Abzug der „Deserteure" (desertores) ab. Im Winter 456/457 folgten sie den Spuren der Goten, als ob sie nach „geflohenen Sklaven" suchen würden. Zweifellos ein Zeichen des veränderten Kräfteverhältnisses war die in hartem Kampferfolgte Abwehr des Angriffes der Attila-Söhne durch Valamer; jene zogen sich bis zum Danaber/Dnjepr, den sie in ihrer Sprache Var nannten, zurück. Anlaß zum zweiten hunnischen Angriff gaben die Ostrogoten. Ihre Könige bereiteten einen Feld-

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zug gegen das kleine, mit den Hunnen verwandte Volk der Sadagaren (Sadagen) vor, die irgendwie in Pannonien ansässig geblieben waren; leider wissen wir nicht genau, wo. Auf diese Nachricht hin sammelte Dengi(t)zik die Streitkräfte der ihm treu gebliebenen hunnischen Sippen (Stammeshäupter, von deren Existenz und Namen - als sicheres Zeichen des Zerfalls des Reiches - wir hier das erste und letzte Mal hören: Ultzindur, Burtugur, Bittugur. Angiskir, Bardor oder Bardar) und eilte den Sadagaren zu Hilfe. Um die schon anmarschierenden Goten vom Angriff gegen die Sadagaren abzuhalten, stürmte Dengi(t)zik den Sitz des Königs Valamer, die noch existierende, mauerbewehrte antike Stadt Bassiana. Die gotischen Heere verdrängten auch in diesem Fall Dengi(t)zik. Den dadurch ausgelösten Siegestaumel beschreibt die gotische Chronik wie folgt: „Seit dieser Zeit fürchten sich die verbliebenen Hunnen bis zum heutigen Tag vor den Waffen der Goten" (459). Während der ersten Hälfte der 460er Jahre konsolidierten Dengi(t)zik und Ernak ihre Macht im Pontussteppengebiet und in der Ebene nördlich des Unterlaufes der Donau. Sie schickten im Jahre 466 sogar eine Gesandtschaft zu Kaiser Leo I.: Sie seien bereit, mit den Fehlern der Vergangenheit abzurechnen, einen regelrechten Friedensvertrag zu schließen und bäten, an einem bestimmten Punkt der Donau, dem alten Brauch entsprechend, einen Markt einzurichten, wo Römer und Hunnen ihre Waren austauschen könnten. Die hunnischen Gesandten mußten erfolglos zurückkehren. „Leo der Fleischer" ließ einen Handel zwischen den Römern und den hunnischen Herrschern nicht zu, weil die Hunnen, wie er sagte, dem Reich einst großen Schaden zugefügt hatten. Die Antwort trennte die beiden Brüder. Dengi(t)zik wollte auf die Beleidigung mit Krieg antworten, Ernak jedoch widersetzte sich diesem Plan, weil im Osten - in seinem Landesteil - ein Krieg im Anzug war. Der hitzköpfige Dengi(t)zik war aber nicht aufzuhalten, er ging den Weg seines Schicksals. Wie einst seine siegreichen Ahnen überquerte er im Winter 466/467 die zugefrorene Donau und brach mit seinem militäri-

schen Gefolge in Dacia Ripensis ein. Den Befehlshaber der oströmischen Grenztruppen, General Anagastes (Sohn des Arnegisclus, der 447 in dieser Gegend gegen Attila kämpfte), ignorierte er vollkommen und schickte aus seiner neuen Position wiederum Gesandte direkt zu Kaiser Leo. In dem von seinem Vater übernommenen hochmütigen Ton forderte Dengi(t)zik für sich und sein Heer sowohl Land als auch eine Jahresrente, andernfalls würde es zum Krieg kommen. Den gestiegenen Wert der hunnischen Krieger spiegelte das Verhalten des Kaisers wider, der fast schon zu einer Vereinbarung geneigt war, indem er betonte, er habe Menschen gern, die aus Feinden zu Verbündeten würden; allerdings forderte er Gehorsam. Es ist unbekannt, was danach genau geschehen ist, doch dürften sich die Gemüter etwas beruhigt haben und die Verhandlungen vorerst weitergeführt worden sein. Nach deren endgültigem Scheitern rüstete Dengi(t)zik zum Angriff und hielt erstaunlich lange stand. Erst besiegte General Anthemius (ab 12. April 467 weströmischer Kaiser) eine seiner bis Serdica vorgedrungenen Truppen, dann rechnete 469 Anagastes, der neue Oberbefehlshaber von Thrakien, mit Dengi(l)zik ab. Sein Kopf wurde in Konstantinopel öffentlich aufgespießt, zum großen Jubel der Bevölkerung der Kaiserstadt, die unter seinem Vater so viel Schrecken erdulden mußte. Die von Ernak befürchtete Gefahr trat tatsächlich ein: ein Angriff des neuen bulgarischen Zweiges des Türkentums (Bulgaren. Oguren, Saraguren). Ernak und seine Hunnen hatten jedoch aus dem Schicksal Dengi(t)ziks die nötigen Lehren gezogen. Sie boten sich in bescheidenem Ton mit Erfolg den Oströmern als „Föderaten" an, erhielten in der nördlichen Hälfte von Scythia Minor (tief heutigen Dobrudscha) Land zugewiesen und wurden mit der Grenzverteidigung betraut. Über ihre Nachkommen hören wir noch lange. Die seibständige Rolle der über die Wolga nach Europa vorgedrungenen Hunnen dauerte ein Jahrhundert, eine Tatsache, die bei der Prütung ihrer archäologischen Hinterlassenschaften nicht außer acht gelassen werden darf.

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Zeittafel
RÖMER Weström. Kaiser
Valentinianus I. (364-375) 375 Gratianus (367-383+) Magnus Maximus (383-388+) Valentinianus II. (373/75-392+) Theodosius I. (392-395) Eugenius (392-394+) Honorius (393/95-423) 400 Theodosius II. (402/8-450) Anthemius (405-414) Stilicho (384/95-408+) Arcadius (383/95-408) Rufinus (388-395+) Euthropius (395-399+) Uldin (399-410) Valens (364-378+) Theodosius I. (379-395)

Wenn zwischen zwei Jahreszalen ein Bruchstrich steht, so bedeutet die erste Zahl den Beginn der nominellen Regierung, die nach dem Bruchstrich den tatsächlichen Beginn. Ein + nach einer Jahreszal bedeutet, daß der Bertreffende eines gewaltsamen Todes starb, auch dann, wenn er in einer Schlachtfiel.
HUNNEN
GOTEN Ostflügel Ostrogotische Könige Ermanarich (um 3 5 0 - 3 7 5 + ) Vasallen d. Hunnen Balamber (375[?]-?) Gesimund Gegner d. Hunnen Vithimir-Vinitnarius (375-376+) Westgotische Könige

m. tatkräftige Menschen

Oström. Kaiser

u. tatkräftige Menschen

Westflügel

Grosskönige

Athanarich (364-381) Frithigern (376-382?) 375

Viderich ( 3 7 6 - u m 405+)

Kharaton (um 412) Mundschuk (um 4 1 5 - 4 2 0 )

Donat (?-um 4l2+)

Hunimund ( ? - u m 405) Thurismu(n)d ( 4 0 5 ? - u m 407+) Interregnum

Alarich I. (391-410) 400 Athaulf ( 4 1 0 - 4 1 5 + ) Sigerich(?-415+)

Iohannes (423-425+) 425 Galla Placidia Regent (425-437) Valentinianus III. (424/25-455+) Honoria Augusta (426-454) 450

Galla Placidia (423-450) Fl. Felix (425-430+) Fl. Aetius (424/30-454+) Papst Leo I. (d. Große) (440-461) Chrysaphius (441-450+) Marcianus (450-457) Aspar (425-472+)

Ruga (422-434)

Oktar (?-430)

Wallia ( 4 1 5 - 4 1 8 ) Theoderich I. (418-451+) 425

Bleda (434-445+)

Attila (434-445)

Attila (445-453)

Ellak (449-453)

Valamer (447?-467+) Thurismund (451-453+) Theoderich II. (453-466+)

450

Ellak (453-455+) Dengi(t)zik (455-469+) Ernak (455-?)

Petronius Maximus (455+) Avitus (455-456+) Ricimer (456-472)

Maiorianus (457-461+)
460 Libius Severus (461-465) Anthemius (467-472+) Orestes (474-476+)

Leo I. (457-474)

460 Thiudimer (467-474)

Ereignisse

vor 375 Die Hunnen überschreiten die Wolga und besiegen die Alanen am 375 Die Hunnen zerstören unter Balambers Führung das Reich Ermanarichs Ende Sommer 376 Sieg der Hunnen über Athanarich am Dnjestr Herbst 376 Flucht der Wisigoten unter Führung von Alavivus und Fritigern 9. August 378 Sieg des Wisigoten Fritigern bei Hadrianopolis 11. Januar 381 Flucht Athanarichs nach Konstantinopel Januar 395 Die Hunnen greifen Mösien an Frühling 395 Rufinus tritt -angeblich - mit den Hunnen in Verbindung August-November 395 Verheerender Angriff der Hunnen gegen Kleinasien und Syrien Sommer 400 Schreckensherrschaft des Gaina in Konstantinopel 23. Dezember 400 Uldins Sieg über Gaina vor 406 Aetius ist drei Jahre lang römische Geisel bei Alarich 23. August 406 Stilicho schlägt mit Hilfe Uldins bei Fiesole Radagais nieder nach 406 Aetius als römische Geisel bei den Hunnen 408 Uldin nimmt die oströmischen Gegenfestungen am Nordufer der unteren Donau ein und brennt sie nieder 408/09 Uldin überquert die untere Donau und führt Krieg um den Besitz von Castra Martis 24. August 410 Alarich erobert Rom 412 Olympiodorus' Friedensdelegation bei Kharaton

422 Angriff der Hunnen auf Mösien um oder nach 424 Friedensschluß Rugas mit Ostrom um 424 Ruga verlegt seinen Sitz in die Theißgegend 424/25 Aetius erbittet und erhält Hilfe von Ruga; die Hunnen ziehen durch Valeria 425 oder kurz danach Die weströmische Regierung übersiedelt die Einwohner und die Regierung von Valeria in die neu organisierte Provinz Valeria Media im Vorraum der Iulischen Alpen; Valeria Ripensis wird den Hunnen überlassen 426 Aetius befreit mit seinen hunnischen Truppen das von den Wisigoten besetzte Arelas/Arelate 427 Die Oströmer besetzen und annektieren das zum Weströmischen Reich gehörende Pannonia Secunda vor 430 Erfolgloser Feldzug Oktars gegen die Burgunder 432 Aetius flüchtet zu Ruga 434 Aetius wird mit hunnischer Unterstützung erneut militärischer Oberbefehlshaber des Weströmischen Reiches; Rugas Angriff gegen Thrazien 434/35 Bündnisabkommen der Weströmer mit den Hunnen in Rom; Pannonia Prima gerät unter hunnische Herrschaft 435 Bledas und Attilas Friedensdiktat bei Margus 436 oder 437 Großer Sieg der Hunnen über die Burgunder 437 Litorius befreit mit Hilfe der Hunnen das besetzte Narbona 439 Niederlage des Litorius und seiner Hunnen bei Tolosa 440/41 Erfolgreicher Feldzug Bledas gegen die Oströmer; Pannonia Secunda gerät unter hunnische Herrschaft

441/42 Gemeinsamer Krieg Bledas und Attilas gegen das Oströmische Reich; Sieg auf der Chersones 443 Friedensschluß zwischen den Hunnen und den Oströmern (I. Friede des Anatolius) 445 Attila gelungt an die Macht 445/46 Verhandlungen Corpilios mit Attila. Aetius überläßt Savia Attila, der weströmischer magister militum wird 447 Attilas Krieg gegen Ostrom; Schlacht am Utus-Fluß 448 Anatolius schließt einen Vorfrieden mit Allila 448 Der Arzt Eudoxius, Anführer der Bagauden, flüchtet zu Attila Ende Sommer 449 Maximinus und Priscus am Hofe Attilas Frühling 450 Anatolius und Nomus schließen mit Attila Frieden (2. Friede des Anatolius) Frühling-Sommer 451 Attilas gallischer Feldzug; Schlacht bei Mauriacum Sommer-Herbst 452 Attilas italischer Feldzug. Waffenstillstand beim Fluß Mincio 453 Attilas Tod Frühjahr 455 Schlacht am Fluß Nedao. Sturz Ellaks und der Hunnen Sommer-Herbst 456 Die Ostrogoten übersiedeln nach Pannonien Winter 456/57 Erster Angriff Dengi(t)ziks und Ernaks gegen die Ostrogoten Pannonies 459 Dengi(t)zik unk Ernak belagern Bassiana 469 Sturz des Dengi(t)zik

212

Verzeichnis der Abkürzungen

Acta ArchHung = Acta Archaeologica Academiae Scientiarum Hungaricae, Budapest Acta OrientHung = Acta Orientalia Academiae Scientiarum Hungaricae, Budapest Alföldi: Hunnenzeit = Alföldi, A.: Leletek a hun korszakból és ethnikai szétválasztásuk Funde aus der Hunnenzeit und ihre ethnische Sonderung. Arch. Hung. IX, Budapest 1932 ArchAust = Archaeologia Austriaca, Wien ArchÉrt = Archaeologiai Értesítő, Budapest Arch. Hung. = Archaeologia Hungarica, Buda­ pest ArchSb = Archeologitscheski Sbornik, Lenin­ grad BAR. = British Archaeological Reports, Oxford BBÁMÉ = A szekszárdi Béri Balogh Ádám Múzeum Évkönyve [Jahrbuch des Szekszárder Ádám-Béri-Balogh-Museums] Beninger: Der westgotisch-alanische Zug = Beninger, E.: Der westgotisch-alanische Zug nach Mitteleuropa, Mannus-Bibliothek Nr. 51, Leipzig 1931 BM = Balatoni Múzeum, Keszthely BMV = Bakonyi Múzeum, seit 1990 Laczkó Dezső Múzeum, Veszprém BTM = Budapesti Történeti Múzeum (Histori­ sches Museum der Stadt Budapest) Csallány: Gepiden = Csallány, D., Archäologi­ sche Denkmäler der Gepiden im Mitteldonau­ becken (454-568 u. Z.). Arch. Hung. XXXVIII, Budapest 1961 213

Diner: Catalog = Sammlung Géza v. Kárász, Catalog der Kunstgegenstände und Antiqui­ täten von J. Diner, Budapest 1890 DissArch = Dissertationes Archaeologicae, Budapest DissPann = Dissertationes Pannonicae, Buda­ pest Dolgozatok-Szeged = Dolgozatok a Szegedi Tudományegyetem Régiségtudományi Inté­ zetéből [Arbeiten des Archäologischen Insti­ tuts der Universität der Wissenschaften in Szeged] Drewnosti (1982) = Drewnosti epochi welikowo peresselenia narodow V-VIII. wekow, Sowjelsko-wengerskij sbornik, Moskau 1982 ELTE = Eötvös Loránd Tudományegyetem, (Loránd-Eötvös-Universität der Wissen­ schaften) Budapest ESA = Eurasia Septentrionalis Antiqua, Helsinki ÉTK = Értekezések a Történeti Tudományok Köréből [Abhandlungen aus dem Bereich der Geschichtswissenschaften), Budapest Fettich: Szilágysomlyó = Fettich, N.: A szilágy somlyói második kincs. Der zweite Schatz von Szilágysomlyó. Arch. Hung. VIII, Budapest 1932 Fettich: 1940 = Fettich. N.: A hunok régészeti emlékei. In: Attila és hunjai [Archäologische Denkmäler der Hunnen. In: Attila und seine Hunnen]. Hrsg.: Németh, Gy. Budapest 1940, 227-264, 316-320 (Reprint 1986)

Fettich: Nagyszéksós = Fettich, N.: A szeged- LFM = Liszt Ferenc Muzeum, Sopron nagyszéksósi hun fejedelmi sírlelet. La trou- MAG = Mitteilungen der Anthropologischen vaille de tombe princiére hunnique à SzegedGesellschaft in Wien Nagyszéksós. Arch. Hung. XXXIII, Budapest MFM = Móra Ferenc Múzeum, Szeged 1953 MAI = Mitteilungen des Archäologischen FoliaArch = Folia Archaeologica, Budapest Instituts der Ungarischen Akademie der GHA = Germanen, Hunnen und Awaren. Wissenschaften, Budapest Schätze der Völkerwanderungszeit. Verlag des Germanischen Nationalmuseums, Nürn- MFMÉ = A Móra Ferenc Múzeum Evkönyve [Jahrbuch des Ferenc-Móra-Museums], berg 1987 Szeged Hampel: Alterthümer = Hampel, J.: Alterthümer des frühen Mittelalters in Ungarn I—III, MGH AA = Monumenta Germaniae Historica, Auctores Antiquissimi Braunschweig 1905 MIA = Materialy i Issledowanija po ArcheoHampel: Régibb középkor I. = Hampel, J. : logii SSSR, Moskau A régibb középkor emlékei Magyarhonban I. [Denkmäler des frühen Mittelalters in Un- Minajewa: Pogrebenija = Minajewa, T. M.: Pogrebenija s soschshennijem blis gor. garn. I]. Budapest 1894 Pokrowska. Utschennije Sapiski PedagogiHampel: Régibb középkor II. = Hampel, J.: tscheskij Fakultet Saratowskowo Universiteta A régibb középkor emlékei Magyarhonban II. 6, 1927, 91-123 [Denkmäler des frühen Mittelalters in Ungarn MKÉRT = Múzeumi és Könyvtári Értesítő H]. Budapest 1897 [Mitteilungen für Museen und Bibliotheken], HMMM = Hansági Múzeum, MosonmagyarBudapest óvár MNM = Magyar Nemzeti Múzeum (Ungari­ HOM = Herman Ottó Múzeum, Miskolc sches Nationalmuseum), Budapest HOMÉ = A Herman Ottó Múzeum Évkönyve [Jahrbuch des Ottó-Herman-Museums], Mis- MRT = Magyarország Régészeti Topográfiája [Archäologische Topographie Ungarns], kolc Budapest JbfA = Jahrbuch für Altertumskunde, Wien MTA = Magyar Tudományos Akadémia [Un­ JOÖMV = Jahrbuch des Oberösterreichischen garische Akademie der Wissenschaften], Musealvereins, Linz Budapest JPEK = Jahrbuch für prähistorische und ethno- MTAK = A Magyar Tudományos Akadémia graphische Kunst, Berlin IL társadalmi-történeti tudományok osztá­ lyának közleményei. Régészet [Mitteilungen JPM = Janus Pannonius Múzeum, Pécs der Abt. II für Gesellschafts- und Geschichts­ JPMÉ = A Janus Pannonius Múzeum Évwissenschaften der Ungarischen Akademie könyve [Jahrbuch des Janus-Pannoniusder Wissenschaften. Archäologie]. Budapest Museums], Pécs JRGZM = Jahrbuch des Römisch-Germani- OAK = Ottschet Imperatorskoj Archeologitscheskoj Komissii, Sankt Petersburg schen Zentralmuseums, Mainz Katalog Nibelungenlied = Ausstellungskatalog OrnJank = Ornatus pretiosi et argentei e collectione Nicolai Jankovich des Vorarlberger Landesmuseums Nr. 86, Bregenz 1979 PA = Památky Archeologické, Prag Katalog Severin = Katalog Severin zwischen Párducz: Hunnenzeit = Párducz, M.: Die eth­ Römerzeit und Völkerwanderung, Linz 1982 nischen Probleme der Hunnenzeit in Ungarn. StudArch I, Budapest 1963 KSIA = Kratkije Soobschtschenija Instituta Archeologii Akademii Nauk SSSR (Moskau) PLRE 2. = Martindale, J. R.: The Prosopography of the Later Roman Empire 2. A. D. KSIAK = Kratkije Soobschtschenija Instituta Archeologii Akademii Nauk USSR (Kiew) 395-527, Cambridge 1980 214

Pósta: Studien = Pósta, B.: Régészeti tanulmá­ nyok Oroszföldön - Archäologische Studien auf Russischem Boden. Budapest - Leipzig 1905 Pulszky: Szilágy-Somlyó = Pulszky, F.: Die Goldfunde von Szilágy-Somlyó. Budapest 1890 PWRE = Pauly-Wissova-Realenzyklopädieder klassischen Altertumskunde RGA = Reallexikon der Germanischen Alter­ tumskunde. Begründet von J. Hoops. Zweite Auflage. Berlin - New York 1973 RRM = Rippl-Rónai Múzeum, Kaposvár Samokwasow: Katalog = Samokwasow. Ja. D.: Osnowanija chronologitscheskoj klassifikazii, opissanije i katalog kollekzii Drewnostej Professora D. Ja. Samokwasowa. Warschau 1892 Sassetzkaja: Solotyje ukraschenija = Sassetzkaja, I. P.: Solotyje ukraschenija gunnskoj epochi. Leningrad 1975

SCIVA = Studii şi cercetări istorie veche (şi arheologia). Bukarest SowArch = Sowetskaja Archeologia, Moskau StudArch = Studia Archaeologica, Budapest TTKAEE = Trudy Tuwinskoj Komplexnoj Archeologo-Etnografitscheskoj Expedizii I. Moskau 1960, IL Moskau-Leningrad 1966. HL Leningrad 1970 Vágó-Bóna: Intercisa = Vágó, E. B.-Bóna, I.: Die Gräberfelder von Intercisa I. Der spätrö­ mische Südostfriedhof. Budapest 1976 VMMK = A Veszprém Megyei Múzeumok Közleményei [Die Mitteilungen der Museen des Komitats Veszprém], Veszprém WMM = Wosinszky Mór Múzeum, Szekszárd (bis 1988 Béri Balogh Ádám Múzeum) WPZ = Wiener Prähistorische Zeitschrift, Wien XJM = Xantus János Múzeum, Győr

215

Literatur

Die Geschichte der Hunnen hat eine Aufarbei­ tung erfahren, die in ihrer Gründlichkeit, Viel­ seitigkeit und vor allem Objektivität, wäre sie nicht in Ungarn und in ungarischer Sprache erschienen, die Forschungen der nächsten Jahr­ zehnte in eine viel realere Richtung als die heuti­ ge hätte leiten können. In dem von dem Turkologen Gy. Németh herausgegebenen, 332 Seiten umfassenden Sammelband „Attila és hunjai" [Attila und seine Hunnen] (Budapest 1940) wur­ den von dem Innerasien persönlich kennenden Altaist-Sinologen L. Ligeti die Kapitel „Attila hunjainak eredete" [Der Ursprung der Hunnen Attilas] und „Az ázsiai hunok" [Die asiatischen Hunnen] verfaßt, von P. Váczi der schwungvoll geschriebene geschichtliche Teil „A hunok Eu­ rópában" [Die Hunnen in Europa], von S. Eck­ hardt das geistreiche Kapitel „Attila a mondá­ ban" [Attila in der Sage], von Gy. Németh „A hunok nyelve" [Die Sprache der Hunnen] und das selbst in Ungarn auch bisher nicht die ihm gebührende Beachtung findende „Hunok és ma­ gyarok" [Hunnen und Ungarn] sowie von N. Fettich „A hunok régészeti emlékei" [Die ar­ chäologische Hinterlassenschaft der Hunnen]. Dieser mit einem überwältigenden fachliterari­ schen Apparat ausgestattete Band stellte für meine Arbeit immer eine Basis dar und war mir richtunggebend. Reprint: Budapest 1986, mit einem Vorwort von J. Harmatta (I.-XXXIX). Meine eigene Konzeption über die Geschichte der Hunnen, die sich zu einem nicht geringen Teil auf meine damals fast zwei Jahrzehnte lange archäologische Forschungstätigkeit stützt, habe ich im Jahre 1970 unter dem Titel „A népván­ dorláskor" [Die Völkerwanderungszeit] zusam­ mengefaßt. Vervielfältigtes Manuskript zu „Ma­

gyarország története" [Die Geschichte Un­ garns], Band 1, MTA Történettudományi Inté­ zete, Budapest 1971, A hunok [Die Hunnen], 1-24 und 104-110. Erschienen in: Magyaror­ szág története. Előzmények és magyar történet 1242-ig [Die Geschichte Ungarns. Vorereignisse und ungarische Geschichte bis 1242], Verlag der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, Bu­ dapest 1984, 265-288, 1586-1590 (2. Ausgabe 1987). Meine weiterentwickelten Ansichten sind zusammengefaßt unter dem Titel: „Die Hunnen in Noricum und Pannonien. Ihre Geschichte im Rahmen der Völkerwanderung", im Katalog Severin zwischen Römerzeit und Völkerwande­ rung (Linz 1982, 179-200), wo auch die für das Verständnis des historischen Hintergrundes not­ wendigen archäologischen Funde der Hunnen in Pannonien behandelt sind, zusammen mit der sich auf die Fundumstände beziehenden Litera­ tur. Meine Auffassung ist zwar weit entfernt selbst von dem Gedanken an eine hunnisch-ungarische Verwandtschaft, dennoch versuche ich, die Ereignisse vom Standpunkt der Hunnen zu unter­ suchen. Meine Betrachtungsweise wurde da­ durch in großem Maße erleichtert, daß die Chro­ nisten der Klöster des Mittelalters über die Alt­ ungarn die gleichen Phantastereien des Alter­ tums wiederholten, das Verzehren des unter dem Sattel mürbe gerittenen Fleisches inbegriffen, die bereits in Verbindung mit den Hunnen zu­ sammengetragen wurden. Und obwohl uns Un­ garn von der ehemaligen Glorie der Hunnen kein einziger Lichtstrahl gebührt, ist es vielleicht verständlich und verzeihbar, wenn wir die Hun­ nen nicht nur verständnislos und feindselig be­ handeln. Denn eine andere Darstellung gibt es

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nicht. Ein trauriges Kapitel der Historiographie ist, daß sich auch jene Wissenschaftler nicht von der Voreingenommenheit des Altertums oder eben der neuesten Zeit frei gemacht haben, die durch ihre weite Entfernung von der Alten Welt oder zumindest von Europa die Möglichkeit dazu gehabt hätten. Gesthichtswerke In den Standardwerken der spätantiken Ge­ schichte erscheinen die Hunnen und die Vertre­ ter der hunnischen Angelegenheit natürlich aus der Sicht der spätrömischen Geschichte, oft nur im Hintergrund: J. B Bury. History of the Later Roman Empire, London 19232, I. 101-105, 135, 212-213, 223-225, 240-241, 250, 265-298, 318, 405-406, 434 und E. Stein, Histoire du Bas Em­ ire, Amsterdam 19682, I, 188-189, 237, 247, 250, 283-285, 289-293, 317-337, 357, 390-396. A. H. M. Jones, The Later Roman Empire 284-602, Oxford 19732 152-153, 176-189, 192-194, 199-201, 218-219, 223. Meiner Auflas­ sung steht nahe M. A. Wes, Das Ende des Kai­ sertums im Westen des Römischen Reiches, 's-Gravenhage 1967. Wichtige Einzelheiten im Zusammenhang mit den Ereignissen n Italien unter Stilicho und Aetius enthalten die Mono­ graphien: S. Mazzarino. Stilicone. La crisi impe­ riale dopo Teodosio, Roma 1942, und A. V. Sirago, Galla Placidia e La Trasformazione Po­ litica deli' Occidenle, Louvain 1961. Bezüglich Pannonien konnte ich nur stellenweise dem Werk L. Váradys, Das letzte Jahrhundert Pannoniens 376-476, Budapest 1969, folgen, das trotz wichtiger Erkenntnisse die Rolle der pan­ nonischen Föderaten überschätzt und die Be­ deutung der hunnischen Macht unterschätzt. Gemäß Váradys Thesen gelangte das pannonische Gebiet zwischen Donau und Drau nie unter hunnische Herrschaft. Dies widerspricht nicht nur den Aussagen der damaligen Schriflquellen, sondern auch dem reichen archäologischen Fundmaterial Pannoniens. Die Archäologie wurde vom Autor bewußt nicht zur Kenntnis genommen, das bedeutet, daß er sich auf den Standpunkt einer 50-100 Jahre allen Ge­ schichtsschreibung gestellt hat. Eine neue histo­ rische Entdeckung von großer Bedeutung ist die planmäßige Räumung von Valeria Ripensis und die Umsiedlung der Einwohner der Provinz: E. Tóth, Provincia Valeria Media. Acta ArchHung 41, 1989, 197-226. Archäologische Fundierung

der These und über die Goldmünzen von Csák­ vár: V. Lányi, Die Fundmünzen der römischen Zeit in Ungarn 1. Bonn - Budapest 1990, 45. Aus der Sicht der ostgermanischen Geschichte analysiert L. Schmidt die durch die Hunnen ver­ ursachten Ereignisse in seinem klassischen Werk: Die Ostgermanen, München 1941. Das­ selbe tut, jedoch unter gewisser Zurückdrängung der Rolle und Bedeutung der Hunnen, H. Wolf­ ram. Geschichte der Goten, München 1979. Auch in seiner Kürze nützlich ist L. Musset, Les invasions; Les vagues Germaniques, Paris 1969, wo die Geschichte der Hunnen, sich vor allem auf Priscus stützend, zusammengefaßt ist. Zur Biographie der Hauptdarsteller des Zeit­ alters benutzte ich natürlich das Opus von J. R. Martindale: The Prosopography of the Later Roman Empire 2. A. D. 395-527, Cambridge 1980. Um nur die wichtigeren Namen zu erwäh­ nen: Aetius, Anagastes, Anatolius, Anthemius, Arnegisclus, Aspar, Attila, Bleda, Carpilio, Edi­ ka, Epigenes, Felix, Honoria, Litorius, Maximi­ nus, Nomus, Oebarsius, Onegesius, Orestes, Pla­ cidia, Plintha, Priscus, Rua, Senator, Theode­ rich, Theodosius, Theodolus, Vldin, Valentinia­ nus, die trotz ihrer philologischen Detailliertheit dem Historiker viele Sorgen und Kopfzerbre­ chen bereiten. Von seinen Fehlern stört uns be­ sonders die konsequente Verwechslung des von Priscus ausdrücklich an die Donau versetzten Margus mit Horreum Margi an der March (heu­ te: Čuprija, Serbien). Im englischen Sprachgebiet zählt die erste mo­ derne Aufarbeitung der hunnischen Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg schon zu den Klas­ sikern: E. A. Thompson. A History of Attila and the Huns, Oxford 1948. Seine Zusammenfas­ sung über die historischen Ereignisse ist bis heu­ te am zuverlässigsten, seine wirtschaftshistori­ schen Folgerungen nahm die ungarische For­ sch ung jedoch von Beginn an nur mit stark kriti­ schem Vorbehalt auf (vgl. die Rezension von J Harmatta. ArchÉrt 76, 1949, 117-118). Die den Entwicklungsstand der hunnischen Wirt­ schaft und Gesellschaft verblüffend unterschät­ zenden Thesen konnten nicht einmal allein im Licht der archäologischen Funde jemals akzep­ tiert werden. Eine ähnlich simplifizierende und verallgemeinernde Auffassung charakterisiert das Werk von A. N. Bernschtam, Otscherki isto­ rii gunnow, Leningrad 1951, welches übrigens der Forschung praktisch unbekannt blieb. Gro-

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ße Wirkung auf die moderne Beurteilung der hunnischen Gesellschaft, hauptsächlich zur Zeit Attilas, hatten die Arbeiten von J. Harmatta: A hun aranyij [Der hunnische Gold bogen], MTAK VI/1 1951, 123-187; The Golden Bow of the Huns, Acta ArchHung 1, 1952, 107-151; A hun birodalom felbomlása [Die Auflösung des Hunnenreiches], MTAK II. 2, 1952, 147-192; „The Dissolution of the Hun Empire. Hun Society in the Age of Attila", Acta ArchHung 2, 1952, 277-305; „La société des Huns à l'époque ď Attila", Recherches internationales, à la lumière du marxisme II. Paris 1957, 179-238. L' apparition des Huns en Europe orientale. Acta AntiquaHung 24, 1976, 277-283. F. Altheim und Mitarbeiter, Attila und die Hunnen, Baden-Baden 1951; Geschichte der Hunnen I-V, Berlin 1959-1962, behandeln alle Hunnen genannten Völker, doch verlegt sich die Betonung eher auf die Osthunnen. Über die eurasischen Völkerbewegungen des 1.-6. Jh. im Licht der orientalischen Quellen: K. Czeglédy, From East to West: The Age of Nomadic Migrations in Europe. Archivum Eurasiae Medii Aevi 3, 1983, 22-126. Ein klassisches Werk in diesem Themenkreis ist R. Grousset, L' Empire des Steppes. Attila, Gengis Khan, Tamerlan, Paris 19604 - leider ist der Teil über die Hunnen in Europa, 115-125, recht wortkarg. Grundlegende Werke zur Geschichte der Gebiete nördlich und südlich des Kaukasus während der Hunnenzeit sind: K. Czeglédy, Kaukázusi hunok, kaukázusi avarok [Kaukasische Hunnen, Kaukasische Awaren], Antik tanulmányok 2, 1955, 121-140., K. W. Trewer,Otscherki po istorii i kulture kawkaskoj Albanii IV. w. do n.e. - VII. w.n.e., Moskau-Leningrad 1959, 178-334, A. W. Gadlo, Etnitscheskaja istorija Sewernowo Kawkasa IV. - X. w w., Leningrad 1979 und W. B. Kowalewskaja, Kawkas i alany, Moskau 1984, 74-131. Streifzug im J. 395: K. Czeglédy, The Syriac Legend Concerning Alexander the Great. Acta OrientHung 7, 1957, 231-249. Die Geschichte der Hunnen im Osten, also in Mittelasien, faßt L. N. Gumilew in Hunnu. Sredinnaja Asija w drewnije wremena, Moskau 1960, zusammen. Die vom Herausgeber als „absoluter Wendepunkt" apostrophierte, postume Zusammenfassung von O. J. Maenchen-Helfen, The World of the Huns. Studies of Their History and Culture. Ed. by Max Knight, Berkeley-Los Angeles-Lon-

don 1973, bzw. deren deutsche Ausgabe: Die Welt der Hunnen. Eine Analyse ihrer historischen Dimension, Wien 1978, ein aus Nachlaß-Manuskripten zusammengestellter, dicker Band, ist bezüglich der Berichte über die Hunnen zweifellos die bisher über die meisten Einzelheiten verfügende, mit philologischer Methode zusammengestellte Sammlung, ein wahres Lexikon der „Hunnenkenntnis", mit allen Vor- und Nachteilen der Kunstgattung. Trotzdem kann der Autor die Hunnen genauso wenig verstehen wie die von ihm so scharf und ungerecht kritisierten E. A. Thompson und andere. In den Detailstudien des Autors, in denen er zu allem eine Analogie sucht, die Angaben einmal hyperkritisch, das andere Mal weniger kritisch überblickt, geht gerade das Wesentliche der Hunnen und der hunnischen Geschichte unrettbar verloren. Unter den neueren Zusammenfassungen verdient das kleine Handbuch von L. Hambis, Attila et les Huns, Presses Universitaires de France, Paris 1972, erwähnt zu werden. Über die eingangs aufgezählten Standardwerke zur Geschichte der Zeit der Franken und Childerichs hinaus noch E. Zöllner, Geschichte der Franken bis zur Mitte des sechsten Jahrhunderts, München 1970, 30-39 und J. M. Wallace-Hadrill, The LongHaired Kings and other Studies in Frankish History, London 1962, 158-184 und eine gute historisch-archäologische Darstellung Galliens im 5. Jahrhundert: P. Périn - L. Ch. Feffer, Les francs. Tome 1. A la conquéte de la Gaul. Paris 1987. Über den Gallienfeldzug Attilas und seine Politik: É. Démougeot, Attila et les Gaulois (Chalons-sur-Marne 1958). Über die führenden fränkischen Persönlichkeiten der Zeit mit recht abweichenden Ergebnissen: R. Wenskus, Childerich von Tournai (RGA 4, Berlin-New York 1980), ders., Chlodio (ebd.) und H. H. Anton, Chlodwig (ebd.). Über die Sprache und die Personennamen der Hunnen bis heute grundlegend ist: Gy. Németh, A hunok nyelve [Die Sprache der Hunnen] (Attila és hunjai, Op. cit., 217-226, 315-316). Als eine Sprache bulgarischen Typs gewertet: J. Benzig, Das Hunnische, Donaubulgarische und Wolgabulgarische (Fundamenta I, Wiesbaden [1969], 685-751). Ausführlich über den Namen *Tengizich-Dengizikh: L. Ligeti, Sur deux mots comans (Acta Antiqua Hung 10 [1962] MoravcsikFestschrift, 168-173). Unseren Vorstellungen

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nah steht: O. Pritsak, The Hunnic Language of the Attila Clan (Harward Ukrainian Studies VI [1982], 428-476) - wenn wir der Arbeit auch nicht in allem gefolgt sind. Zwei bis drei türkische Namenvarianten sind aus dem bereits erwähnten Vorwort von J. Harmatta übernommen worden. Über die Mongolen und ihr Reich, als über die meistbekannte östliche „nomadische" Formation, neuestens: I. Vásáry, Az Arany Horda (Die Goldene Horde], Budapest 1986. Ein Schulbeispiel der falschen topographischen Erläuterungen zum hunnischen Zentrum ist: R. Browning. Where was Attila's Camp (The Journal of Hellenistic Studies 73 [1953], 143-145) - , über die „Route durch das TimokTal" der Maximinus-Priscus-Gesandschaft doch der kürzere Weg ist nicht immer der schnellere. Die Literatur über die Frage ist uferlos. In Ungarn sind seil 1754 immer wieder die buntesten Ideen aufgetaucht, die heutzutage allerdings schon als wissenschaftsgeschichtliche Sonderheiten gellen. Die Vorstellungen, nach denen die Holzpaläste des hunnischen Zentrums von „Germanen" oder gar „Slawen" errichtet worden wären, gehören zu den „historischen Krankheiten" der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, vgl. dazu die kritische Zusammenstellung von F. Vámos, Attilas Hauptlager und die Holzpaläste. Sbornik Instituta imeni N. P. Kondakova V (1932), 131-148. Ich selbst gehe bei meiner Arbeit von dem Augenzeugen Priscus aus und stütze mich vor allem auf die zeitgenössischen Aufzeichnungen. In deren Licht erweist sich die „klassische" Charakterisierung des Ammianus Marcellinus und seiner Anhänger als typischer Topos. Und dies erkannten auch bereits andere (vgl. bei O. J. Maenchen-Helfen, The Date of Ammianus Marcellinus' Last Books, American Journal of Philology 76, 1955, 384-399, und diesem folgend die Studien anderer). Schriftquellen Die sich auf die Hunnen beziehenden Textstellen in lateinischer Sprache verwendete ich - mit nur ganz wenigen Ausnahmen - im Original, überprüfte diese und übersetzte die in diesem Buch angeführten Zitate ins Ungarische. Die verwendeten Textausgaben: Ammianus Marcellinus: Rerum gestarum libri XXXI =

Römische Geschichte I—IV, Übers, und Hrsg. W. Seyfarth. Berlin 1970-1971; Jordanes: Romana et Getica, Hrsg. Th. Mommsen. MGH AA Bd. V. 1. Berlin 1882; Claudius Claudianus: Carmina, Hrsg. J. Koch, MGH AA Bd. X. Leipzig 1893, Consularia Constantinopolitana und dazu die Continuatio Prosperi Havniensis, ferner Prosper Tiro: Epitoma Chronicon sowie die Chronica Gallica, Hrsg. Th. Mommsen im I. Band der Chronica Minora, MGH AA Bd. IX. Berlin 1892; Hydatius: Chronicon; Marcellinus Comes: Chronicon; Cassiodorus: Chronicon; Victor: Chronicon Caesaroaugustanorum und die Consularia Italica, Hrsg. Th. Mommsen im II. Band der Chronica Minora, MGH AA Bd. IX. Berlin 1894; Sidonius Apollinaris: Epistolae et carmina. Hrsg. P. Mohr, MGH AA Bd. VIII. Leipzig 1895; Salvianus: De gubematione Dei in der Herausgabe von K. Hahn, MGH AA Bd. I. I. Berlin 19612; der die hunnenzeitlichen Verordnungen des oströmischen Kaisers enthaltende Codex Theodosianus, Hrsg. Th. Mommsen und P. M. Meyer, Theodosiani libri XVI. Bd. I—II., Berlin 19623; Excerpta Valesiana, Hrsg. J. Moreau-W. Welkow. Bibliotheca Teubneriana, Leipzig 1968; Les Burgundionum, Hrsg. L. Rudolf Salis, MGH Leges Germanicarum II. 1, Berlin 1892; Gregorii episcopi turonensis Historiarum libri decem, Hrsg. B. Krusch, MGH Scriptores rerum Merovingicarum Bd. I. Berlin 19512; Fredegar: Chronica, Hrsg. B. Krusch. MGH Scriptores rerum Merovingicarum Bd. II. Hannover 1888; Hieronymus: Epistulae, Hrsg. I. Hilberg, Corpus Scriptorum Ecciesiasticorum Latinorum LIV-LVI. Wien 1910-1918, schließlich die im 6.-9. Jahrhundert entstandenen und aufgezeichneten Legenden der Heiligen von Gallien im 5. Jahrhundert: Vita Aniani, Vita Memorii, Vita Lupi episcopus Trecensis, Hrsg. B. Krusch, MGH Scriptores rerum Merovingicarum Bd. III. Berlin 19512. Über Datierung und historische Authentizität der Vita Aniani neuestens, mit großem Optimismus B. Czut, Acta Historica Universitatis Szegediensis LXXXI, 1983. 3-10. Grundlegend zu Priscus und Olympiodorus sogar zur Zeit selbst - C. D. Gordon, The Age of Attila, Fifth Century Byzantium and the Barbarians, Ann Arbor 1960. Eine etwas kürzere Auswahl und weniger gute Übersetzung der sich auf die Hunnen beziehenden Fragmente von Priscus gibt H. Homeyer, Attila. Der Hunnenkö-

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nig von seinen Zeitgenossen dargestellt, Berlin menden Kesselfund aufarbeitete, publizierte 1951. Das Buch enthält auch die in Frage kom­ erstmals die zwei aus Ungarn stammenden Kes­ menden Texte des Eunapius, Orosius, Zosimus, sel zusammen mit zwei Parallelen aus dem WolSozomenos, Sokrates und Kallinikos. Die sich ga-Wjatka-Gebiet und einem aus dem Obauf die West- und Osthunnen (Hephtaliten) be­ Gebiet (Bijsk). Wosinsky bestimmte die Kessel ziehenden armenischen Quellen wurden von als Opfergefäße innerasiatischen Ursprungs und versuchte bereits ihren Zweck anhand der Fels­ L. M. Ter-Mkrtitschjan herausgegeben: Armjanskije istotschniki o Srednej Asii V.-VII. w., zeichnungen von Kysyl-Kaja zu erklären. Für die Zeitbestimmung der völkerwanderungszeitli­ Moskau 1979. Mit der Lokalisierung der Schlacht auf dem chen Kessel zog auch er die damals noch immer Campus Mauriacus befaßt sich D. Jalmain an­ nicht veröffentlichten Gold funde von Höckricht hand von historischen, archäologischen und to­ heran: A kaposvölgyi népvándorlás kori üst pographischen Angaben sowie mit Hilfe von [Der im Kapos-Tal gefundene Kessel aus der Luftaufnahmen immer erfolgreicher, ich bin ihm Zeit der Völkerwanderung], ArchErt 11, 1891, für seine Angaben dankbar. Sein Forschungsbe­ 427-431. Nach seiner Studienreise in Rußland richt: Attila en Gaule. Archaeologia 205, 1985, formulierte er seine Ansichten noch eingehender und präziser: Tolna vármegye az őskortól a 72-75. honfoglalásig [Das Komitat Tolna von der Ur­ Die hunnischen Kessel als Leitfaden zeit bis zur Landnahme], Budapest 1896, IL der archäologischen Forschungsgeschichte 986-992, Taf. 191-192 und Zeichnungen. Die Die archäologische Literatur der Hunnenfor­ Publikation des Fundes von Höckricht, E. Krau­ schung wurde von mir, mit besonderem Hin­ se, Der Fund von Höckricht, Schlesiens Vorzeit blick auf die ungarische archäologische Litera­ in Bild und Schrift III, 1904, 46-50, brachte die tur, eingehend analysiert: Die archäologischen mit den Kesseln zusammenhängenden Fragen Denkmäler der Hunnen und der Hunnenzeit in der Lösung kaum näher, sie verursachte bloß Ungarn im Spiegel der internationalen Hunnen­ den emotionell gefärbten Protest J. Hampels, forschung, Ausstellungskatalog Nibelungenlied, ArchÉrt 25, 1905, 85-87, wo er auch Krauses Abbildungen übernimmt, nachdem Hampel Bregenz 19793, 297-317 und 318-325. Den Anfang Frühjahr 1869 gefundenen, in schon vorher in zwei großen Studien ein Be­ der Fachliteratur als ersten veröffentlichten hun­ kenntnis zu der unbedingt skythischen Herkunft nischen Bronzekessel aus Törtel erkannte bereits und Datierung der Kessel von Törtel, Kaposvölgy Fl. Rómer als völkerwanderungszeitlich: Képes und der mit diesen verwandten abgelegt hatte. Die Bestimmung der ostasiatischen Wurzeln kalauz a Magyar Nemzeti Múzeum Érem- és Régiségtárában, Pest 1870, Abb. 114; ders.: Illu­ der hunnischen Kessel war das Verdienst von Z. strierter Führer in der Münz- und Altertumsab­ Takács, der, die chinesischen Formen, techni­ theilung des Ung. Nazionalmuseums [sic!], Pest schen Elemente und Ornamente erkennend, als 1870, Abb. 114; ders.: A czakói bronz edény erster aussprach, die Kessel seien die archäologi­ [Das Bronzegefäß von Czakó], ArchÉrt II, 1870, schen Zeugnisse für die hunnische Bewegung: 290-292, Abb. 2. Einige Wochen später, anläß­ Turan 1, 1913, 2-9; Ostasiatische Zeitschrift 3, lich einer Studienreise nach Berlin, wurde er auf 1914/15, 275; ArchÉrt 35, 1915, 221-222; zu­ die Parallele des Kessels von Törtel aufmerk­ sammenfassend: Chinesische Kunst bei den sam, nämlich auf den (noch 35 Jahre wissen­ Hunnen, Ostasiatische Zeitschrift 4, 1915/16, schaftlich unveröffentlichten) Kessel aus Höck­ 174-188. In seinen Arbeiten veröffentlichte er richt in Schlesien. Und aufgrund der Zusam­ gute Fotografien sowohl von den in Ungarn menhänge datierte er auch den Fund aus Höck­ gefundenen Kesseln als auch von deren Paralle­ richt (Jedrzychovice) in die Völkerwanderungs­ len in Rußland. Takács gelangte bezüglich der zeit, ArchÉrt III, 1870, 114-115. P. Reinecke, Zeitbestimmung der Kessel durch die Diskus­ dem nach Alföldis Meinung die richtige Zeitbe­ sion über das in dem Römerkastell Intercisa stimmung der hunnischen Kessel zuzuschreiben gefundene und eine entscheidende Rolle spielen­ ist, kam erst 26 Jahre später, 1896, zu der glei­ de Fragment (A. Hekler, ArchÉrt 30, 1910, 32, chen Erkenntnis. M. Wosinsky, der den zweiten, der noch Hampels „skythische" Bestimmung aus Hőgyész im Tal des Kapos-Flusses stam­ vertreten mußte, gegenüber L. Márton, Praehi220

storische Zeitschrift 4, 1912, S. 185, und M. Ebert, a. a. O., 453-454 sowie Z. Takács, Ostasia­ tische Zeitschrift 4, 1915/16, S. 115) zu einer neuen Synthese: Chinesisch-hunnische Kunst­ formen IL Hunnische Opferkessel. Bulletin de l'Institut Archéologique Bulgare 3, 1925, 205-229. In dieser Arbeit erkannte er mit Hilfe des Fundes von Höckricht auch den hunnischen Ursprung der Funde von Pécs-Üszögpuszta und Musljumowo. Eine jüngere Studie sollte endgül­ tig den ostasiatischen Ursprung der betreffenden Kesselgruppe entscheiden: Sino-Hunnica, Pe­ trovics Elek Emlékkönyv - Alexis Petrovich Anniversary Volume, Budapest 1934, 21-31, 151-162, und zwar ein Jahr vor der Publikation der bis dahin grundlegendsten Sammlung von Bronzekesseln aus dem Gebiet der chinesischen Großen Mauer (Namio Egami und Seichii Mizuno. Inner Mongolia and the Region of the Great Wall, Tokyo und Kyoto 1935. Die Vorgänger der europäischen Kessel sind auf den Tafeln XXIV-XXXIV und den Abbildungen 102-114 wiedergegeben, so auch der Kessel von Noin Ula). Schließlich ist es auch das Verdienst von Takács, anhand des in der Umgebung von Troyes gefundenen Kesselhenkels die Ge­ schichte der europäischen Hunnen erfolgreich mit den bis zur Mitte unseres Jahrhunderts ge­ fundenen europäischen Kesseln in Verbindung gebracht zu haben (Catalaunischer Hunnenfund und seine ostasiatischen Verbindungen, Acta OrientHung 5, 1955, 143-173). Der vollständig erhaltene Kessel von Desa (der nach D. Berciu. Archeologia preistorica a Olteniei, Craiova 1938, Abb. 234, 292, aus Ciuperceni stammt) und der Kesselhenkel von Hotărani wurden von I. Nestor und C. N. Plopşor, Hunnische Kessel aus der Kleinen Walachei, Germania 27, 1937, 178-182, publiziert. Im Zusammenhang mit der Veröffentlichung des letzten Kesselfundes aus Ungarn faßte I. Kovrig die Probleme der bisher bekannt gewor­ denen hunnischen Kessel zusammen, wobei sie auch die Resultate der Spektralanalyse der Kes­ sel mit einbezog: Hunnischer Kessel aus der Umgebung von Várpalota, FoliaArch 23, 1972, 95-121. Ein detailliertes Verzeichnis mit Fotos der hunnischen Kessel bringt auch MaenchenHelfen in dem zitierten Werk auf den Seiten 216-228 und den Abbildungen 48-69. Der mittel­ asiatische „Kesselhenkel" auf Abb. 67 ist jedoch - so wichtig er auch wäre - fälschlicherweise in

dem Verzeichnis angeführt; er hat nichts mit dem Kessel zu tun. Bereits T. Nagy hat in seinem Werk Budapest Műemlékei II. [Budapester Kunstdenkmäler II], Budapest 1962, 66-67, auf­ geworfen, die Kessel von Törtel und aus dem Kapostal seien auf ungarischem Boden herge­ stellt worden, und diese Annahme erstreckte er auch auf einige Schmuckstücke. Mit Verbreitung, Herstellungstechnik, Typ, und Rolle befaßten sich zuletzt eingehend R. Harhoiu-P. Diaconescu, Hunnische Kessel aus Muntenien, Dacia 28, 1984, 99-116. Dabei regi­ strierten sie 30 Kennzeichen von 20 Kesselbruchstücken - auf alle Fälle viel später als wir, vgl. Katalog Nibelungenlied 1979, a. a. O. Im selben Jahr veröffentlichlen das in panno­ nischer Hinsicht wichtige Kesselbruchstück von Celamanlia-Leányvár K. Kuzmová-J. Raj­ tár, Archeologické výskumy á nálezy na Slo­ vensku v roku 1983. Nitra 1984, 138-140, 75, Abb. 9 sowie K. Pieta: GHA 1987, 414. IX 25a-c. Die Kesseldarstellungen auf den Felszeich­ nungen von Kysyl-Kaja und Bojarskaja als aus der Bronze- bzw. frühen Eisenzeit stammend behandelt überzeugend N. A. Bokowenko, Problemi sapadnosibirskoj archeologii. Epocha shelesa, Nowosibirsk 1981, 42-52. Spätestens tagarzeitliche sind aus dem 7.-2. Jahrhundert v. Chr. Vgl. mit der Beobachtung von A. I. Martynow, Lesoslepnaja Tagarskaja kultura. Nowosibirsk 1979, 92. Allgemeine Forschungsgeschichte der hunnischen Denkmäler Das erste gut aufgearbeitete und publizierte hunnische Frauengrab mit Diadem war jenes von Csorna: A. Lakner, Csornai leletekről [Über Funde von Csorna], ArchÉrt 9, 1889. 263-272. Hampel bestimmte zwar in: A régibb közép­ kor I., 17-19, die Zeit der Funde richtig, vermu­ tete später sogar ihren hunnischen Ursprung (ders. 11. 1897, 110), brachte jedoch das Diademengrab mit den in der Umgebung von Csorna später erschlossenen germanischen Grabfunden in Zusammenhang. Seit der deutschen Ausgabe der Arbeit Hampels im Jahre 1905 ist dieses falsche Grabinventar (das im Buch von Alföldi noch durch weitere falsch eingereihte Funde ver­ mehrt worden ist) einer der wichtigen „Beweise" für die nicht existierende gemeinsame „hun­ nisch-germanische" Frauentracht.

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Das restaurierte Diadem von Csorna publizierte erneut mit einer sich auf alle Einzelheiten er­ streckenden Analyse sämtlicher bisher veröffent­ lichter hunnischer Diademe I. Kovrig, Das Dia­ dem von Csorna, FoliaArch 36, 1985, 107-148. Ihre grundlegende Arbeit enthebt mich allerwei­ teren eingehenden Betrachtungen. Eine gute Beschreibung der frühesten (1818) hunnischen Frauenbestattung mit Diadem aus Szekszárd-Csatár stammt vom Jahre 1865: A. Gaál-M. Kőhegyi, Tolna megye Pesthy Frigyes helynévtárában [Das Komitat Tolna im Orts­ register von Frigyes Pesthy], BBÁMÉ 6-7, 1975-1976, 309 - ebd. der Bericht über die Schwertbestattung von Szekszárd-Bartina. Das Golddiadem von Szekszárd-Csatár, das mit Steinen verschiedener Größe und Farbe besetzt war, war ein echter Fund, der nicht viel später in Baja eingeschmolzen wurde, vgl. M. Jankovich, Tudományos Gyűjtemény XI, 1827, 14. Bedeutend ungewisser ist das 1858 erwähnte Skelett vom Balmazújváros-Malátoner Hügel, dessen Schädel ebenfalls ein goldenes Diadem zierte. Auch dieses wurde zertrümmert und ein­ geschmolzen. I. M. Nepper-J. Soregi-L. Zoltai, Hajdúsági Múzeum Évkönyve [Jahrbuch des Museums der Hajdúság], Hajdúböszörmény 1981, 94. Die ersten bedeutenden hunnischen Fundinventare in Ungarn, und zwar die von KeszthelyGátidomb (1895) und Pécs-Üszögpuszta (1900), veröffentlichte I. Hampel, Újabb hazai leletek az avar uralom korából [Neuere Funde in Ungarn aus der Zeit der awarischen Herrschaft] mit awa­ rischer Zeitbestimmung (ArchÉrt 20, 1900, 98-111). Auf der awarischen Ursprung und der späten Datierung der Funde in das 7./8. Jahr­ hundert beharrte er ebenso wie auf der um ein Jahrtausend zu frühen Datierung der als sky­ thisch bestimmten Kessel. Den Irrtum bezüglich Pécs-Üszögpuszta sollte erst T. M. Minajewa im Jahre 1927 berichtigen. Der in großen Zusammenhängen denkende und Fundgruppen für das ganze Land systema­ tisierende Hampel irrte sich auch in einer seiner Größe angemessenen Weise in seinem zusam­ menfassenden Hauptwerk (Alterthümer des frü­ hen Mittelalters in Ungarn, I—III, Braunschweig 1905). Während er die tatsächlichen hunnenzeit­ lichen Funde anderen Fundgruppen (I = Ger­ manen, III = Awaren) eingliederte, glaubte er, die hunnischen Funde in der Gruppe II („Sar-

maten-Hunnen") zu erkennen. Heute wissen wir, aber auch zu Zeiten Hampels wußten alle diejenigen, die selbst die Gräber freigelegt hatten (M. Wosinsky, B. Pósta, A. Sőtér, E. Kada sowie auch P. Reinecke), daß die Gruppe II die Hin­ terlassenschaft der späten Awarenzeit des 7. und 8. Jahrhunderts umfaßte. Den Irrtum Hampels berichtigte erst Alföldi im Jahre 1926 endgültig (Der Untergang der Römerherrschaft in Pan­ nonien, Bd. 2. Berlin und Leipzig 1926), als er die auch im weiteren „Keszthely-Kultur" ge­ nannte Gruppe II Hampels in die Awarenzeit setzte. Gleichzeitig mit dem großen Werk Hampels erschien das umfangreiche Buch seines um nichts geringeren Zeitgenossen B. Pósta, Ar­ chäologische Studien auf Russichem Boden (1905). Pósta, der die Funde selbst einmal in der Hand hatte, die seinerzeitigen Museen Rußlands von Odessa bis zum Kaukasus und bis Tomsk in Sibirien persönlich kannte und die Fundzu­ sammenhänge erkannte, vermutete im IL Teil seines Buches als erster den tatsächlichen archäo­ logischen Nachlaß des hunnisch-germanischen Zeitalters. In richtigen Zusammenhängen und mit richtigen Datierungen publizierte er zusam­ menfassend manchmal als erster die auch heute noch bedeutenden Funde aus der Hunnenzeit auf russischem Boden (Musljumowo, Sdwishenskoje, Saga, Aleschki, Kertsch), wies auf die asiatischen archäologischen Hinterlassenschaf­ ten der Hunnen hin (Kurgane von Tesch, unter anderem mit Tonkessel-Beigaben) und bezog aus Ungarn nicht nur das Grab von Murga in diesen Kreis mit ein, sondern auch die Kessel­ funde von Törtel bis Tobolsk. Außerdem er­ kannte er den östlichen Ursprung der Metall­ spiegel mit Strahlenstegen auf der Rückseite. Mit einem Wort, Pósta schaffte mit bis heute währender Gültigkeit die Grundlagen der hun­ nischen Archäologie. Den Weg Póstas beschritt anfangs nur G. Supka (der wegen seiner politisch-revolutionären Rolle 1918/19 später in der Geschichte der For­ schung unverdienterweise übergangen wurde). In seiner großen, vom 30. September 1913 da­ tierten Studie, Molívuimándorlás a korábbi kö­ zépkorban - Motivenwanderung im frühen Mit­ telalter, ArchÉrt 34, 1911, 89-110, erschienen in Heft 2 am 15. April, hob er die entscheidenden Einflüsse des Orients auf jene Funde der Völker­ wanderungszeit hervor, die die europäische Ar-

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chäologie bis dahin immer als „gotisch" bezeich­ nete. In einem Kapitel (a. a. O., 105-110, deutsch 166) vermerkte er richtig die überra­ schende Verwandtschaft des goldenen Hänge­ schmucks mit der Ardaschir-Inschrift von Wolfsheim mit der großen, zellenverzierten Schüssel des Khosrau Parvez I (a. a. O., Abb. 33 und 34). Dem im Jahre 1870 gefundenen, 43 Jahre lang falsch interpretierten, bis heute be­ deutendsten westlichen Fund aus der Hunnen­ zeit (Wolfsheim liegt am rechten Rheinufer, in der Nähe von Mainz) gab Supka nicht nur eine genaue Datierung, sondern brachte ihn aus­ drücklich mit den Hunnen bzw. der hunnischen Bewegung in Zusammenhang. Damit bestimmte Supka auch - zwei Jahrzehnte vor der Auf­ findung! - sowohl die Zeit als auch den ethni­ schen Hintergrund des in ähnlichem Stil verzier­ ten Elektronkelches von Nagyszéksós. Die Nagyszéksós betreffende spätere Forschung übernahm Wort für Wort Supkas Ergebnisse, ohne die Quelle anzugeben, oder zitierte die ein Jahr später erfolgten, ähnlichen Feststellungen M. Eberts (Die Wolfsheimer Platte und die Goldschale des Khosrau, Baltische Studien zur Archäologie und Geschichte, Arbeiten für den XVI. Archäologischen Kongreß in Pleskau 1914, Berlin und Riga 1914, 57-96). Supka er­ kannte auch die in Ungarn gefundenen östlichen Münzen: A magyarországi hun uralom néhány éremlelete [Einige Münzfunde der Hunnenherr­ schaft in Ungarn], ArchErt 35, 1915, 224-237, deutsch 33-48. Die von Pósta, Supka bis dahin auch von Takács erarbeiteten Grundlagen fanden durch T. M. Minajeva ihre Weiterentwicklung. Sie be­ arbeitete die von P. Rykow im Jahre 1925 in Pokrowsk durchgeführten Ausgrabungen und ergänzte die Funde des 17. und 18. Kurgans mit denen der durch D. Ja. Samokwasow bereits 1884 in Nowogrigorewka untersuchten Kurgane sowie mit den Angaben und Funden der im Jahre 1914 ausgegrabenen Kurgane von Nishn­ jaja Dobrinka. Von Minajewa stammt der Be­ griff der hunnischen „Totenverbrennung" im Zusammenhang mit Funden und Bestattungen (Pogrebenija s soschenijem blis goroda Pokrowska, Utschennije sapiski Pedagogitscheskij Fakultet Saratowskowo Universiteta. Bd. VI/3. Saratow 1927, 91-123), welche sie jedoch nicht immer so bestimmt von den „Scheiterhaufenfun­ den" trennte wie die auf ihren Spuren arbeitende

Forschung. Sie stellte korrekt die Parallelen ih­ rer eigenen Funde zusammen und verfolgte diese bis Pécs-Üszögpuszta. Letztere Funde beschrieb sie von neuem - und richtig-, verglich sie einge­ hend mit den von ihr selbst analysierten Funden und korrigierte so als erste die irrtümliche Datie­ rung Hampels. Das Ansehen des deutschspra­ chigen Werkes von Hampel hielt sie jedoch von der letzten Konsequenz ab; sie hielt die in Frage stehende Fundgruppe für die Hinterlassenschaft der „sarmatischen" Bewegung des ausgehenden 4. und 5. Jahrhunderts. Wenig später veröffent­ lichte Minajewa, ebenfalls aufgrund der Ausgra­ bungen Rykows im Jahre 1925, die ersten gut erschlossenen und untersuchten Skelettgräber aus Kurganen (Zwei Kurgane aus der Völker­ wanderungszeit bei der Station Šipovo, ESA 4, 1929, 194-204) sowie andere wichtige Funde, unter anderem das Diadem von Beresowka. Nach den Publikationen Minajewas fehlte ei­ gentlich nicht mehr viel, auf der Grundlage ihrer Arbeiten und der von Pósta zusammen mit den Ergebnissen von Takács „Die Archäologie der Hunnenzeit" entstehen lassen zu können. Die auf der Hand liegenden Möglichkeiten erweck­ ten auch bald die Aufmerksamkeit A. Alföldis (Archäologische Spuren der Hunnen, Germania 16, 1932, 135-138) und J. Werners (Bogenfrag­ mente aus Carnuntum und von der Unteren Wolga, ESA 7, 1932, 33-58). Beide griffen zwar den heutigen Ansichten nach daneben (siehe die scharfe Kritik N. Fettichs über die Ergebnisse von Alföldi. Germania 16, 1932, 300-304), schlugen aber doch den richtigen Weg ein. Alföldis Buch Hunnenzeit (1932), welches er dem Andenken von Pósta widmete, wurde des­ wegen bis beute grundlegend, weil es die bis dahin - parallel - erreichten Ergebnisse vereinigte. Neue Funde wurden zwar kaum mit einbezogen (den damals noch nicht vollständigen Goldfund von Szeged-Nagyszéksós, die Funde von Léva und Kiskunhalas), Fundumstände und die Be­ stimmung der Funde im Zuge seiner Analysen mit kunsthistorischen Methoden kaum beachtet oder Irrtümer wiederholt (z. B. nennt er die damals bereits bestimmten Sattelbeschläge Kö­ cherbeschläge), doch neu veröffentlichte er auf Fototafeln die alten Funde (Pécs-Üszögpuszta, Murga, Körösladány. Höckricht, Conceşti. Po­ krowsk, Nishnjaja Dobrinka, Kesselfunde usw.) und analysierte sie zusammen, als Einheit. Eigene Wege in der Erforschung der Hunnen

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ging N. Fettich, der in seinen Arbeiten hartnäkkig gegen den asiatischen Ursprung und Zusam­ menhang der hunnischen Hinterlassenschaft an­ kämpfte. Die Goldschmiedearbeiten hielt er ge­ nauso für Produkte der antiken städtischen Werkstätten des Pontus wie die „fibelverzierten" Bronzekessel. Durch die Einbeziehung des Fun­ des von Szeged-Nagyszéksós aus dem Jahre 1934, jenes von Kertsch aus dem Jahre 1892 sowie des Wolfsheimer Fundes erweiterte er je­ doch selbst den Kreis hunnischer Hinterlassen­ schaften östlichen bzw. „nomadischen" Charak­ ters: A hunok régészeti emlékei. In: Attila és hunjai [Archäologische Denkmäler der Hunnen. In: Attila und seine Hunnen], 1940, 227-264. Sein hervorragendes Werk Nagyszéksós (1953) ist die ausführliche Beschreibung des bisher größten hunnischen Goldfundes. Es wird durch prachtvoll ausgeführte, zeichnerische Rekon­ struktionen von I. Méri ergänzt. Szeged-Nagy­ széksós wurde neben einigen seit langem be­ kannten hunnischen Funden bedauerlicherweise in ein Milieu eingearbeitet, das zum Großteil nicht einmal in die Zeit der Hunnen datiert wer­ den kann. Die mehr den Spuren Alföldis folgende Ar­ chäologie der „Hunnenzeit" in Ungarn sammel­ te den sarmatisch-ostgermanischen Nachlaß aus der Zeit vor und während der hunnischen Bewe­ gung des 4. und 5. Jahrhunderts und widmete namentlich der Graborientierung und der Töp­ ferkunst mit Glättverzierung eine über Gebühr große Beachtung, z. B.: M. Párducz, Archäolo­ gische Beiträge zur Geschichte der Hunnenzeit in Ungarn, Acta ArchHung 11, 1959, 303-398. Mit der hunnisch-alanischen Bewegung verbrei­ tete sich auch im Karpatenbecken die Sitte der künstlichen Schädeldeformierung. Die archäo­ logische Verfolgung dieses eigenartigen Brau­ ches des 4.-6. Jahrhunderts sowie deren Zusam­ menstellung enthält natürlich auch hunnische Bestattungen. Die Forschung überwertete je­ doch - in den Fußstapfen der Anthropologen (L. Bartucz und J. Nemeskéri) sowie J. Wer­ ners - vielfach deren Bedeutung: M. Párducz, Hunnenzeit (1963). Die auf Nebenpfade gera­ tene Archäologie der „Hunnenzeit" hatte of­ fensichtlich wenig mit den Hunnen selbst zu tun. Vgl. dazu I. Bóna, Ein Vierteljahrhundert der Völkerwanderungszeitforschung in Ungarn (1945-1969), I. Die Hunnen und die „Hunnen­ zeit", Acta ArchHung 23, 1971, 266-273.

Infolge der immer mehr mit sich selbst in Widerspruch geratenden „Resultate" erkannten Historiker der fünfziger Jahre (E. A. Thompson, F. Altheim, J. Harmatta, oben zitierte Werke, damals auch O. J. Maenchen-Helfen, Huns and Hsiung-nu. Byzantion 17, 1944-1945, 222-243, oben zitierte Werke und K. Jettmar, Hunnen und Hsiung-nu - ein archäologisches Problem, Archiv für Völkerkunde 6-7. 1953, 166-180) nicht die Rolle der Archäologie in der Rekon­ struktion der Geschichte der Hunnen oder be­ zweifelten sogar, daß die mit den Hunnen in Beziehung gebrachten Funde tatsächlich von den Hunnen stammten. Der die Archäologie am stärksten bejahende J. Harmatta z. B. erkannte außer den Kesseln nur die Funde von Nagyszék­ sós als hunnisch an. Die historische Kritik und die über die Me­ thoden sowie Möglichkeiten der Archäologie nicht in entsprechendem Maße unterrichtete Ge­ schichtswissenschaft verlangten, ja forderten von der Archäologie etwas, was es nicht gibt und auch nicht geben wird: die Hinterlassenschaft der einfachen „nomadischen" Hirten, der Mas­ sen des „gemeinen" hunnischen Volkes. Nach Möglichkeit Gräberfelder, Grabreihen und Grabgruppen, mit eurasischen Waffen und Hir­ tenausrüstung bestattete Männer mit mongoliden Schädeln, mit Spinn- und Webewerkzeugen versehene Frauen, mit Kindern darum herum, mit auf diese Welt hinweisenden Lebensmitteln für das Jenseits wie Schaf- und Pferdeknochenüberreste, mit einem Wort also die Hunnen nach der Vorstellung des Ammianus Marcellinus. An neuen Initiativen bestand gerade in der Archäologie der fünfziger Jahre kein Mangel. Gy. László erarbeitete mit der bravourösen Re­ konstruktion der goldenen Bögen von Jakuszo­ wice und Pécs-Üszögpuszta sowie mit seiner meisterhaften Belebung der Gegenstände aus diesen Gräbern für die Forschung neue Grund­ lagen bezüglich des „nomadischen" Elementes des Hunnenreiches und der Gesellschaft der Hunnenzeit: Gy. László, A hun aranyíj jelentő­ sége. Adatok a hun-nomád birodalom szerkesz­ téséhez [Die Bedeutung des hunnischen golde­ nen Bogens. Angaben zur Struktur des hun­ nischen Nomadenreiches]. MTAK 1/1, 1951, 105-122. Ders.: The Significance of the Hun Golden Bow. Contribution to the Structure of the Hun Nomad Empire, Atta ArchHung 1, 1951, 91-106. Später begab sich László jedoch

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mit seiner künstlerischen Vorstellung der „Bekrönung" der Bronzekessel auf einen weniger gangbaren Weg. Zuletzt: Steppenvölker und Germanen. Kunst der Völkerwanderungszeit. Wien und München 1970, 39-41. J. Werner, der sich bereits im Erkennen hunnischer Funde ausgezeichnet halte, stellte mit seiner großangelegten, literarischen Sammelarbeit und Kartierungsmethode die hunnenzeitliche (bei Werner „attilazeitliche" auch ein Vierteljahrhundert vor der Geburt Attilas) Hinterlassenschaft hinsichtlich der Elemente östlichen Ursprungs (künstliche Schädeldeformierung, „östliche" Metallspiegel, Haar- oder Ohrringe, „magische" Schwertanhänger, „iranische" Schwerter, Reflexbogen mit Knochenversteifungen, „nomadische" Holzsättel und Sattelbeschläge, Reitpeitschen, Pferdegeschirr, „nomadische" Kessel, Diademe, Tracht) in einer eigenartigen, schwer verfolgbaren Reihenfolge zusammen. Und obwohl auch Werner nur wenig wesentliche neue Funde oder Gesichtspunkte in seine Untersuchungen einbezog, gelanges ihm, durch die nochmalige Veröffentlichung früher außer acht gebliebener Funde und Angaben eine aus Mittelasien nach Europa gelangte „reiternomadische" Mode und Bewaffnung entstehen zu lassen. Aus den isoliert behandelten und analysierten Angaben und Funden kam schwer eine neue Einheit zusammen zweifellos standen damals viel weniger Funde und Angaben zur Verfügung als heute. Die östlichen hunnischen bzw. „reiternomadischen" Elemente verschmolzen so zwar langsam, aber sicher zusammen mit allem Neuen, was sie bedeuteten, in die auch im Geist des Buches zum Ausdruck kommende „germanische Welt", in der sogar die Herrscherschicht der Hunnen für germanisch und iranisch angenommen wird (Beiträge zur Archäologie des Attila-Reiches, 2 Bände, München 1956). Trotzdem zeigt das große Ansehen des Autors, daß dieses Buch die die Hunnen betreffende, ältere archäologische Literatur in der westeuropäischen Forschung fast verwischte. In seiner letzteren Zusammenfassung, Die archäologische Hinterlassenschaft der Hunnen in Südrußland und Mitteleuropa. Katalog Nibelungenlied, 273-280, geht J. Werner, abgesehen von einem Grabfund von Kisslowodsk, über seine Resultate und seinen Standpunkt des Jahres 1956 nicht hinaus, historisch dagegen beurteilt er die Hunnen und die Rolle Attilas viel realer.

Neuere archäologische Forschungen in bezug auf die östlichen Steppengebiete Dabei besteht an neuen Ergebnissen kein Mangel. Grundlegend sind die Arbeiten von I. P. Sassetzkaja. Als ersten Schritt berichtigte sie die Chronologie der Hunnenfunde in der Sowjetunion (O chronologii progrebenij „epochi pereselenija narodow" Nishnewo Powolschja, Sow Arch 1968/2, 52-62). Danach faßte sie Angaben, die mit der Pferdebestattung der Hunnenzeit in Zusammenhang stehen, zusammen (Osobennosti pogrebaljnowo obrjada gunnskoj epochi Features characterizing the Funerary Ritual of the Hun Period, ArchSborn 13, 1971, 61-72). In einem schönen kleinen Buch bearbeitete sie die berühmten hunnischen Funde der Ermitage (Solotyje ukraschenija gunnskoj epochi, Leningrad 1975). Dann zeigte sie in einer kritischen Arbeit, in der sie die hunnischen Denkmäler von der in der sowjetischen Archäologie forcierten „sarmatischen" Periode absonderte, daß der hunnische Ritus wie auch die hunnischen Funde völlig neue Erscheinungen sind (O roli gunnow w formirowanii kultury jushno russkich stepej konza IV-V weka naschej ery - The Role of the Huns in the Formation of the Culture of Southern Russian Steppelands in the Late fourth and fifth Centuries. ArchSb 18 (1977), 92-100. 130) - sodann gelangte sie zu einer Zusammenfassung der auf dem Gebiet der Sowjetunion geborgenen wichtigsten hunnischen Funde (O chronologii i kulturnoj prinadleshnosti pamjatnikow Jushnorusskich Stepej i Kasachstana gunskoj epochi. SowArch 1978, 53-71, mit zeichnerischen Tabellen und Literaturangaben der bis zum Erscheinungsjahr der Arbeit gebundenen, großen Grabinventare). In ihrer folgenden Arbeit, in der (leider nur skizzenhaften) Klassifizierung der ein Dreivierteljahrhundert unpubliziert gebliebenen Katakombengräber von Kertsch und der daraus stammenden Funde, klarte sie die Zusammenhänge, aber auch die Unterschiede der Funde aus den Steppen (Bosporskie sklepy gunnskoj epochi kak chronologitscheskij etalon dlja datirowki pamjatnikow wostotschno ewropejskich stepej, KSIA 158, Moskau 1979, 5-17). Ihr können wir die Aufarbeitung der Opferfunde von Kysyl-Adyr verdanken: Pogrebenije u sela Kysyl-Adyr w Orenburgskoj oblasti. In: Drewnije pamjatniki kultury na Territorii SSSR, Leningrad 1982

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drewnosti (83-97). Was die hunnischen Funde betrifft, diskutiert Ambros mit Sassetzkaja. Auf seinen Tafeln vertreten neben Funden aus Kalinino, Nowogrigorewka, Beljaus, Rownoje und den Kesseln auch, als bester Beweis für die Einheit der hunnischen Archäologie, die Funde von Pécs-Üszögpuszta. Jakuszowice, Untersiebenbrunn die Hunnenzeit. Demgegenüber hält er daran fest, eine Reihe von berühmten östlichen Hunnenfunden (z. B. Melitopol, Leninsk, Aleschki, Fedorowka, Pokrowsk Grab 36 Schipowo, Kanattas) würde aus dem 6./7. Jahrhundert stammen. Und selbst diese Feststellung ist nicht ganz glücklich, wie es die in zwei verschiedene Perioden eingereihten Funde von Nowogrigorewka und Pokrowsk zeigen. Es gibt jedoch Funde, mit deren Einordnung Ambros die chronologische Schlacht gewonnen hat. Ein solcher ist der Fund von Borowoje in Kasachstan. Die tatsächliche Chronologie des von Bernschtam, Werner und Sassetzkaja als wichtigster hunnischer Fürslenfund des „Attila-Reiches" im Osten bewerteten Grabes von Borowoje (die russische Fachliteratur gibt als näheren Fundort das in der Nähe des ehemaligen Petropawlowsk gelegene Dorf Schtschutschewo an; in der kasachischen Fachliteratur heißt dasselbe Dorf Tschortandi, in der Nähe von Köktschetaw am Buwrabaj/Borowoje-See gelegen; die letzlere Bezeichnung ist jedoch die gebräuchliche) konnte erst kürzlich in überraschender Weise geklärt werden. Aus dem Grab 14 von Kyongju Kyerim-ro in Südkorea kam ein gut erhaltener, goldÜber die Diademe und hunnische Grabfunde beschlagener, mit Schmucksteinen verzierter mit Diademen zusammenfassend: N. A. Tichano- Dolch mit einer Länge von 32 cm ans Tageslicht. wa und I. T. Tschernakow, Nowaja nachodka Mit dessen Hilfe konnte aus Fundstücken von pogrebenija s diademom w Sewero-Sapadnom Borowoje, deren Bestimmung bis dahin unbePritschernomorje, SowArch 1970/3, 117-126 kannt war (Sassetzkaja, Solotyje ukraschenija (mit Katalog und Literatur). Nr. 13, 15-19, 27-32), ein verwandtes Exemplar, Nach dem ersten Abschluß dieses Manu- der Form nach ein Gleichstück des koreanischen skriptes erschien die umfassende Kollektivarbeit Dolches, rekonstruiert werden. Der koreanische der sowjetischen Archäologie: Archeologija Dolch stammt aus einer Bestattung nach 520, so SSSR, Stepi Ewrasii w epochu srednowekowja, daß die Datierung des Dolches und zugleich des herausgegeben von S. A. Pletnewa, Moskau Fundes von Borowoje mit dem ausgehenden 1981; im ersten Kapitel eine Zusammenfassung 5. und der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts, also oder wenn man will: die „Antithese" über die mit der Zeit der Hephtalitenherrschaft, festgeHunnen von dem inzwischen verstorbenen A. K. setzt werden kann. Wegen des Zusammenhanges Ambros, Wostotschnoewropeiskije i sredneasi- der P-förmigen Öse des Dolches von Borowoje atskije stepi V. - pervoj polowiny VIII w. und „Taman" war der Autor dieser Arbeit schon (10-22) und ein vom Standpunkt der hunnischen früher dieser Ansicht, wie er das ausführlich darArchäologie nicht weniger aufregender Beitrag legte in: VMMK 18, 1986, 102-103, 112. Der seitvon W. B. Kowalewskaja, Sewerokawkasskije dem verstorbene hervorragende Archäologe A. 226

54-77. Zur lesten hunnenzeitlichen Datierung des Melitopoler Diadems und der Funde entschloß sich im Laufe der mit A. K. Ambros geführten ausdauernden chronologischen Diskussionen, Data melitopolskowo komplexa. In: Drewnosti Ewrasii w skifo-sarmatskoje wremja, Moskau 1984, 68-70 [Sie begeht jedoch trotz des richtigen Endresultats den Fehler, daß sie das Frauengrab mit Diadem mit dem Tolenopfer eines in der Nähe gefundenen Mannes identifiziert. Der einstige Leiter der Melitopoler Ausgrabungen, K. F. Smirnow, in: Woprossy skifosarmatskoj archeologii, Moskau 1954, 216, charakterisierte den Fundkomplex noch als eine „Flußbestattung", was unserer Auffassung nach einem Totenopfer entspricht. Die Trennung der beiden Melitopoler Funde kann noch aus dem vom einstigen Mitarbeiter von Smirnow mitgeteilten Grabungsbericht herausgelesen werden: N. F. Peschanow, Melitopolskaja diadem. KSIAK 11, 1961, 70-74. -] Abgesehen von der letzten Frage, erübrigen gerade die zusammenfassenden Arbeiten Sassetzkajas, an dieser Stelle auf die einschlägige Literatur der Jahre 1960-1980 in der Sowjetunion detaillierter einzugehen. Ihre letzte Arbeiten in diesem Themenkreis sind zwei kritische Zusammenfassungen: Gunni w Nishnem Powolshe in: Drewnjaja i srednewekowaja istorija Nishnewo Powolshja. Saratow 1986, 98-113, und Nekatorye itogi isutschenija Chronologii pamjatnikow gunnskoj epochi w Jushnorrusskich Slepjach. Arch 5b 27, 1986, 79-91.

K. Ambros, der die Funde von Borowoje ebenfalls aufgrund awarischer Parallelen in das 7. Jahrhundert datierte (SowArch 1971/3, 119-120), errang also trotz seines guten Empfindens nur einen relativen Sieg wegen der zu späten Datierung. Vgl.: Wakou Anazawa und Junichi Manome, The Problems of a Gold Dagger with Cloisonné Decorations from Kerim-lo, Nr. 14. Tomb in Kyongju, Korea, Kobunka Dansou 7, Kita-Kishu (Japan), April 1980, 245-278, Taf. I/1-2. Die letzte Behandlung der Funde von Borowoje/Buwrabaj: K. Akischew und A. Akischew, Drewneje soloto Kasachstana. Alma-Ata 1983, Abb. 160-173. Die Datierung der Autoren in das 3.-5. Jahrhundert ist jedoch trotz der unter den Funden zweifellos vorkommenden „hunnischen" Typen (Riemenzungen, granulierte und edelsteinverziertc Goldbleche) genauso verfehlt wie die früheren Datierungen. Tracht - Schleier und Fibel Über den Grabfund von Porschnino (Russische Föderation, Oblast Orel; in der Fachliteratur irrtümlich unter dem Namen des Dorfes Krugliza verbreitet): B. A. Rybakow, SowArch XVII, 1953, 50, Abb. 5/1-3. Aufgrund eines Archivfotos die einzige vollständige Publikation; die Schwertklinge war jedoch falsch zusammengesetzt. Richtige Angaben bei: W. W. Kropotkin, Rimskije imporlnyje isdelija w Woslotschnom Ewrope, Swod Archeol. Istotschnikow D. 1-27, Moskau 1970, 113. Nr. 1044, Abb. 54/2-4. Zu den germanischen Fibeln bleibt immer grundlegend: B. Salin, Die altgermanische Thierornamentik, Stockholm 1904. Hier wurden zum ersten Mal Funde aus ganz Europa vorgestellt, so auch eine Fibel, die Gürtelschnalle und Goldflitter aus dem Fund von „Airan" (140-141). Marosszentanna: I. Kovács. A marosszentannai népvándorlás kori temetö - Cimetière de Pépoque de la migration des peuples à Marosszentanna, Dolgozatok (Travaux) Kolozsvár 3, 1912, 249-342 - 343-367. Über südrussische Fibeln zusammenfassend: A. P. Kalitinskij, O nekolorych formach fibuly is Jushnoj Rossii. Seminarium Kondakovianum 1, 1927. Ders., K woprossu o nekatorych formach dwuchplastintschatich fibul is Rossii, a. a. O. 2, 1928. Neuere Zusammenfassung: A. K. Ambros. Fibuly juga ewropejskoj Ischasti SSSR, Swod Archeol. Isto-

tschnikow D. 1-30, Moskau 1960. Hier bereits in Ansätzen die Theorie, die Fibeln stammen aus dem Donauraum, d. h. das Karpatenbecken bestimmt die südrussische Entwicklung. Über die allgemeine Entwicklung der Blech- bzw. Plattenfibeln: V. Bierbrauer, Zur chronologischen, soziologischen und regionalen Gliederung des ostgermanischen Fundstoffes des 5. Jahrhunderts in Südosteuropa. In: Die Völker an der mittleren und unteren Donau im fünften und sechsten Jahrhundert, Wien 1980, 131-142. Dazu Bemerkung: I. Bóna. Germania 60, 1982, 653-654. Die späten Fibeln von Szilágysomlyó behandelt als Zusammenfassung der Elemente ihrer I.-IV. Stilgruppe der Hunnenzeit (= Gruppe VI) theoretisch richtig: I. P. Sassetzkaja, Drewnosti 1982. 14-30. Doch das aus ihren richtigen - nur bezüglich ihrer Details anfechtbaren - Beobachtungen gewonnene Endergebnis, daß der Schatz aus der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts und aus dem 6. Jahrhundert stammen könnte, ist ein archäologischer Unsinn, kennen wir doch das umfangreiche und völlig abweichende Fundmaterial dieses Zeitalters (ostrogotische, swebische, gepidische, langobardische Zeit) viel besser als das der Hunnenzeit. Die Verbreitung der großen und der edelsteinverzierten Plattenfibeln der Hunnenzeit faßte ebenfalls zusammen: A. K. Ambros, Drewnosti 1982. 107-121. Seine Ausgangsposition, in der Sowjetunion wären alle diese Fibeln Importe aus dem Donaubecken, ist völlig aus der Luft gegriffen. Die erste gute Publikation des Grabfundes vom Gutshof Valmeray in Moult-Argences ist die mit 1876 datierte, eigenhändige Zeichnung von L. Coutil. Bulletin de la société des antiquaires de Normandie VIII. Caen 1878, Tafel auf S. 156. Es scheint, daß diese Arbeit selbst der Aufmerksamkeit der französischen Forschung entgangen ist. werden doch gewöhnlich die um Jahrzehnte späteren Arbeiten von L. Coutil als Quellenwerke bezeichnet Vgl. dazu: E. Sahn und A. France-Lanord, Le trésor d'Airan cen Calvados, Monuments et Mémoires Piot 43, 1949. 119-135, Taf. XIII-XV. M. Kazanski hält den „airanischen" Fund für eme „pannonische Kulturwirkung", den pouaner dagegen ausgehend von der nachhunnenzeitlichen ostrogotischen Bestimmung des Fundes von Oros. der auf dem fälschlichen Fundort von Németkér basiert für den Grabfund eines um 480 beigesetzten

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lokalen Würdenträgers. M. Kazanski, Deux riches tombes de l'époque des Grandes Invasions au nord de la Gaule: Airan et Pouan. Archeolo­ gie Médiévale XII, 1982, 17-33. Über Koudiat-Zateur: M. Rostovtzeff, Monu­ ments et Mémoires Piot 26, 1923, 150-153, Abb. 23. Dies ist die einzige richtige Wiedergabe des Fundes. Die Reproduktionen werden, damit der „Kopf' der Fibeln nach oben steht, umgedreht gebracht. Auf diese Weise wendet sich der Hals­ bandanhänger mit Christus-Monogramm, den Buchstaben Alpha und Omega, nach unten. Vgl. z. B. Taf. 54 in der guten Zusammenfassung der wandalischen Goldschmiedekunst vor der Abwanderung: W. Schulz, Ein Fibeltypus der wandalischen Hasdingen, Jahresschrift Halle 44, 1960, 298-315. Zum historischen Hintergrund und zur Fund­ stelle des Grabfundes von Koudiat-Zateur: Chr. Courtois, Les Vandales et l'Afrique, Paris 1955, 178 ff. Zur Geschichte der Alanen in Westeuro­ pa: W. A. Kusnezow und W. K. Pudowin, Alany w sapadnoj Ewrope w epochu welikowo pereselenija narodow, SowArch 1962/2, 79-95. Zu­ sammenfassend: B. S. Bacharach, A History of the Alans in the West, Minnesota University, 1973. Über die Verbreitung der Kurzschwerter alanischen Typs: R. Harhoiu, Das Kurzschwert von Micia. Dacia 32, 1988, 79-90. Zu den Funden I—II von Bolschoj Kamenez bei der Sudscha: L. A. Mazulewitsch, Pogrebenie warwarskowo knjasja w Wostotschnoj Ewrope, Moskau und Leningrad 1934, 15-75, Taf. I-X. Zusammenfassung über die Fibeln und die Tracht von Abrau-Dürso: A. W. Dmitrijew, Rannesrednewekowyje fibuly is mogilnika na r. Djurso, Drewnosti 1982, 69-107, Abb. 1-10. Zu Iragi: O. M. Dawudow, Grobniza is sel. Iragi, in: Narodnoje dekoratiwno prikladnoje iskusstwo Dagestana, Machatschkale 1979, 184-187. Ders.: Serebrjannoje bljudo is iraginskoj grobnicy (Dagestan). SowArch 1984/1, 77-87. Zum Pferdegeschirr von Coşoveni de Jos: H. Zeiß und C. Nicolăescu-Plopsor, Ein Schatzfund der Gruppe Untersiebenbrunn von Coşo­ veni, Kleine Walachei, Germania 17, 1933, 272-285. Über das zusammen mit Plattenfibeln gefun­ dene Pferdegeschirr aus Silber von Kaschtin: Ju. W. Kucharenko, O katschinskoj nachodke V. w., Drewnosti 1982, 234-244.

Zu Untersiehenbrunn: W. Kubitschek, Jahr­ buch für Altertumskunde 5, 1911, 32-74. Als gotischen Fund um 400 bewertet: H. Mitscha-Märheim, Dunkler Jahrhunderte goldene Spuren, Wien 1963, 11-21. und neuestens auch P. Stadler, GHA, 342-344. Über männliche Trachtbestandteile: E. Kel­ ler, Bemerkungen zum Grabfund von Untersie­ benbrunn, Germania 45, 1967, 109-120. Kritik dazu: O. F. A. Menghin, Germania 46, 1968, 125-126. Moderne Kataloge: R. Noll, Vom Altertum zum Mittelalter, Wien 19722, 76-79. W. Oberleitner, Die Römer an der Donau, Wien 1973, 279-289, Nr. 747, 1-49. A. Bernhard-Walcher und H.-J. Ubl, Katalog Severin, 482-485, Nr. 5, 33a-i - 5, 34a-l, und P. Stadler. GHA, 342-344, VII. 33-36. - Die „ostgermanische" oder eben „alanische" Familienbestattung und die reale Datierung um 430 warf in seiner neuesten Arbeit auch Friesinger auf. H. Freisinger - B. Vacha, Die vielen Väter Österreichs. Römer-Germa­ nen-Slawen, Wien 1987. 51 58. Über das in meinen Arbeiten oft erwähnte fürstliche Grab von Blučina (Mähren): K. Tihel­ ka, Časopis Maravského Musea 39, 1954, 31-76; Ders., Archeologické rozhledy 6, 1954, 437-441; Ders., Čezavy u Blučiny, Brno 1957, 45-48; Ders:, PA 54, 1963. 467-498; Ders., Slo­ venská Archeológia 14, 1966. 411-416. Um ein klares Bild von dem Grabfund und den Fund­ umständen zu erhalten, müssen alle Publikatio­ nen beachtet werden. Über den gleichaltrigen Fund von Rüdern: R. Christlein, Waffen aus dem völkerwande­ rungszeitlichen Grabfund von Esslingen-Rüdern. Germania 50, 1972, 259-263. Die vergleichende Laboruntersuchung der Granate und der Klebstoffe des I. und II. Schat­ zes von Szilágysomlyó bekräftigte die hier ange­ wendete Datierung und Deutung: B. Arrhenius, Merovingian Garnet Jewellery. Stockholm 1985. Bogen, Pfeil, Bewaffnung Eine Zusammenfassung über Pfeil und Bogen sowie über andere Waffen der Hunnen: Gy. László, Die Bewaffnung der Hunnen, RGA 2 [1973], 453-454, allerdings auf Angaben und Ergebnissen von vor 30-50 Jahren basierend. Die geschichtliche Entwicklung der mittel­ asiatischen Bögen vollzog mit Hilfe der schriftli­ chen Quellen und aller erreichbaren Darstellun-

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gen, auch auf Münzen, B. A. Litwinski nach in: SowArch 1966/4. 51-69. Ihm verdanken wir auch die erste Zusammenfassung der eisernen Pfeilspitzen Mittelasiens SowArch 1965/2, 75-91. der seitdem eine neuere folgte: G. A. BrukinaN. G. Gorbunowa. Shelesnije nakonetschniki strel is Fcrgani. Drewnosti Ewrasii w skifosarmatskoje wremja, Moskau 1984, 28-36. Über die asiatischen Vorbilder der hunnischen Pfeilspitzen ist auch in der zuvor erwähnten Arbeit von I. P. Sassetzkaja aus dem Jahre 1982 zu lesen: 57-68, Abb. 2-3, über die hunnischen Pfeilspitzen: Klassifikazija nakonetschnikow slrel gunnskoj epochi (konez IV-V ww. n. e) in: Istorija i kultura sarmatow. Sara tow 1983. 70-84. Über die Pfeilspitzen des Altaigebietes: A. M. Iljuschin in: Wojennoje djelo drewnewo i srednewekowo nasselenija Sewernoj i Zentralnoj Asii, Nowosibirsk 1990, 31-43. Die Entwicklung des hunnischen Bogens erörterte anhand der in Inner- und Mittelasien in den letzten Jahrzehnten gefundenen Knochenplatten A. M. Chasanow: Materialnaja kultura narodow Srednej Asii i Kasachstana, Moskau 1966, 33-44. Über die Entwicklung des Bogens, Köchers, Panzerhemdes, Helmes und der Pfeiltypen gibt die Publikation Woennoje djelo drewnich plemen Sibiri i Zentralnoj Asii, Nowosibirsk 1981, Hrsg. Ju. S. Chudjakow. einen guten Überblick. Über die Entwicklung des hunnischen knochenversteiften Bogens. Pfeiles, Beiles, Schwertes und Kampfmessers Innerasiens in der ersten Hälfte des l. Jahrtausends geben drei neue Werke eine eingehende und zugleich zusammenfassende Analyse: Ju. S. Chudjakow. Woorushenije kotschewnikow w epochu posdnei drewnosti, (II. w do n. e. V. w. n. e.) in: Woorushenije srednewekowych kotschewnikow Jushnoj Sibirii i Zentralnoj Asii, Nowosibirsk 1986, 23-135, I. K. Koshomberdijew - Ju. S. Chudjakow, Komplex woorushenija kenkolskowo woina. In: Wojennoje djelo drewnewo nasselenija Sewernoj Asii, Nowosibirsk 1987, 75- 107. und Ju. S. Chudjakow, Woorushenije kotschewnikow Zentralnoj Assii w perwoj polowine I. tys. n. e. in: Wojennoje djelo drewnewo i srednewekowo nasselenija Sewernoj i Zentralnoj Asii. Nowosibirsk 1990, 44-60. Die grundlegende Rekonstruktion der awarischen bzw. ungarischen Reflexbögen ist in zwei Werken zu finden: K. Cs. Sebestyén. Dolgozatok - Szeged 6, 1930 und Dolgozatok - Szeged 8,

1932. Zum hunnischen Bogen Mittelasiens grundlegend A. N. Bernschtam: Kenkolskij mogilnik, Leningrad 1940, besonders die Tafeln XXVII-XXVIII. Über den Bogen von Moschtschewaja Balka: E. Milowanow und A. Jerusalimskaja. Luk is Moschtschewoj Balki. Soobschtschenija Gos. Ermitasha XLI, 1976. 40-43. Zu den angeführten Bögen und Pfeilen von Tuwa: S. I. Wajnstejn, TTKAEE III. Leningrad 1970. 15-21. Weitere Publikationen über Pfeil und Bogen: A. K. Kibirow, Trudy Kirgisskoj archeologo-etnografitscheskoj expedizii II, Moskau 1959, 128-132, Ju. Sadneprowski, Archeologitscheskije pamjatniki jushnych rajonow Oschskoj oblasti, Frunse 1960, 19-20, J. Koshomberdijew. Archeologitscheskije pamjatniki Talasskoj doliny, Frunse 1963, 56-57, Ju. D. Barusdin, Kara-Bulakskij mogilnik. Iswestija Akademija Nauk Kirgisskoj SSR III/3, 1961. 61-63, F. H. Arslanowa. Drewnosti Kasachstana, Alma-Ata 1975, 118, 124-125. Zum Lederköcher aus Grab 25 von Tschalai-nor siehe Kaogu (= Archaeology, Peking) 1961/12, 673-680, Abb. 3. Bezüglich der Schwert-Zierperlen ist bis heute die Monographie J. Werners, „Attila-Reich", die beste - bei ihm heißen sie „magische Schwertperlen". Sattel Zum Auftauchen des Steigbügels und des Holzsaltels mit vorn und hinten hohem Sattelknopf ist von entscheidender Bedeutung über die chinesische Entdeckung: Grabfund von Xiguanyingzi (Hsi-Kuan-Ying-Tsu, Provinz Liaoning) aus dem frühen 5. Jahrhundert mit bronzebeschlagenem Holzsteigbügel: Li-Yao-Po. Wenwu, Peking, 1973/3. 2-28. Ebenfalls hierüber, jedoch ergänzt mit koreanischen und japanischen Holzsteigbügelfunden aus dem 5. Jahrhundert sowie mit Darstellungen auf Pferdeund Reiterstatuetten aus Changsha Wakou Anazawa - Junichi Manome. The Tomb of Feng Su-Fu. Kokogaku Janaru. (Archaeological Journal) Tokio, Nr. 85. 1973/8. 6-12. Publikation des Grabfundes von Xiaomintun (Anyang): Kaogu, Archaeology, Peking, 1983/6, 501-511. Die Rekonstruktion des Sattels mit Parallelen a. a. O. 554-559 und Tafel. Von demselben mit weiterer Analyse des Holzsattels und des Steigbügels: Wakou Anazawa - Junichi Manome The Jin Age Burials from Xiaomintun.

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Anyang and its Problem. Kokogaku Janaru, Archaeological Journal, Tokio, Nr. 227, 1984, 31-36, Nr. 228, 1984, 35-38. Über den im Kammergrab von Yountazi (Pro­ vinz Liaoning) gefundenen lederbezogenen Holz­ steigbügel aus dem 4. Jahrhundert und die lack­ ierten Sattelknöpfe in Verbindung mit den beiden obigen Grabfunden: Wakou Anazawa, The Mi­ gration Period in the East and the West. Tohou (Tokio), Nr. 45, 1984, 14-20. Sattelbeschläge von Galajty: M. CH. Bagaew, Sow Arch 1977/2, 238-242. Grab- und Opferfunde In Ungarn aus der Zeit der hunnischen Herr­ schaft gefundene neuere reiche Grabfunde: Lé­ bény {R. Pusztai, A lébényi germán fejedelmi sír - Das germanische Fürstengrab von Lébény, Arrabona 8, 1966, 99-118) und Regöly (Gy. Mészáros, A regölyi népvándorláskori fejedel­ mi sír - Das Fürstengrab von Regöly aus der Frühvölkerwanderungszeit, ArchÉrt 97, 1970, 66-92). Zwei reiche Grabfunde können aller Wahrscheinlichkeit nach mit östlichen Volksele­ menten der hunnischen Bewegung in Verbin­ dung gebracht werden: Keszthely (K. Sági, Hun­ kori sír Keszthelyen [Ein Grab aus der Hunnen­ zeit in Keszthely], ArchÉrt 82, 1955, 185-189) vergleiche dazu R. Müller, GHA 181, III. 50, und vor allem Lengyeltóti (K. Bakay, Bestattung eines vornehmen Kriegers vom 5. Jahrhundert in Lengyeltóti, Acta ArchHung 30, 1978, 149-172). Aus dem Theißgebiet wurde seit langer Zeit nur ein einziger Grabfund von Bedeutung veröf­ fentlicht, nämlich der von Szirmabesenyö (G. Megay, Hun-germán sírleletek a Borsod me­ gyei Szirmabesenyőről [Hunnisch-germanische Grabfunde aus Szirmabesenyö im Komitat Bor­ sod], ArchÉrt 79, 1952, 132-134). Das wichtige Grab von Tarnaméra wurde hingegen noch nicht publiziert; dessen Kenntnis verdankt der Verfas­ ser dem frühverstorbenen J. Gy. Szabó. Pannonhalma: P. Tomka, Der hunnische Für­ stenfund von Pannonhalma. Acta ArchHung 38, 1986, 423-488, die Arbeit ist nicht nur als Fundpublikation hervorragend, sondern gibt auch eine gründliche Übersicht über die hunni­ schen Bestattungsbräuche und Totenopfer. Über letztere: A sztyeppei temetkezési szokások sajátos változata. A hun halotti áldozat. - Die eigenartige Variante der Begrabungsgewohnheiten von den Steppen. Arrabona 22-23, 1986,

35-55. Knappe Zusammenfassung der Ergebnis­ se: ders., Der hunnische Fundkomplex von Pan­ nonhalma. GHA 156-161. Neuestens über Nagyszéksós mit schönen Farbtafeln: B. Kürti. Fürstliche Funde der Hunnenzeit aus Szeged-Nagyszéksós, GHA 163-170, 178-180. Über die aus der BerthieDelagard-Sammlung stammenden Parallelen aus Kertsch: O. M. Dalton, The Antiquaries Journal 4, 1924, 259-262. Taf. 37/3, 5. 7-8, 10 und D. S. W. Kidd, in: Seven Thousand Years of Jewellery (ed. H. Tait). London 1986, 226, a, c-d, h, i sowie Ders., GHA 110-113, I. 16, 3, I, n, o. Neue Beschreibung mit ausgewählten Farb­ tafeln von Jakuszowice: \V. Menghin, GHA 180-181. Über die hochwichtigen Ausgrabun­ gen am Fundort, die den Fundort des fürstlichen Fundes und sein Verhältnis zu einer nahen spät­ kaiserzeitlichen Siedlung klärten: K. Godlowski, Jakuszowice, eine Siedlung der römischen Kai­ serzeit und der frühen Völkerwanderungszeit in Südpolen. Die Kunde 37, 1986, 103-132. Conceşti: Die in der Ermitage aufbewahrten Funde publizierte L. Matzulcnitsch, Die byzan­ tinische Antike, Berlin-Leipzig 1929, 123-127, Taf. 35-51. Über die Fundumstände: A. Odobesco, Opere IV., Bukarest 1976, 146, 487-488. Zum Childerichgrab: K. Böhner, Childerich von Tournai. RGA 4, 1980, 441-460. F. Dumas, Le Tombeau de Childéric. In: La Normandie souterraine. Musée départemental des Antiquités, Rouen 1975, Fasc. 3. Juli - 2. November, Ders., La tombe de Childéric, Paris 1982. Während Du­ mas auf der Vorstellung vom romantischen Hel­ den, der gegen die Hunnen kämpft, beharrt, hält er das Grab von Pouan für die Bestattung eines zum Hofe Attilas gehörenden „gotischen" Prin­ zen, womit er die Ausführungen des Autors von kompetentester französischer Seite unterstützt. Eine gute Zusammenstellung ist noch der Ka­ talog: Childéric-Clovis. Rois des Francs 4821983. De Tournai â Paris, naissance d'une nation, Paris 1983. Über die östlichen Elemente und die Chronologie (ab 450) der Schwerter von Tournai und Pouan K. Böhner, Germanische Schwerter des 5.-6. Jahrhunderts. Jahrbuch des RömischGermanischen Zentralmuseums Mainz, 34, 1987, 432. Auf den in den vergangenen Jahrzehnten in der Fachliteratur oft erwähnten „hunnischen fürstli­ chen Fund von Moigrad" müssen wir endgültig verzichten, da sich von den fünf unter die Gold-

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stücke aus der Kupferzeit gemischten völkerwandemngszeitlichen Objekten herausstellte, daß sie moderne Fälschungen sind. I. Bóna. A mojgrádi kincs hamis népvándorláskori aranya­ iról - Über die Fälschungen des Goldschatzes von Moigrad. VMMK 18, 1986, 95-113. Über neuere hunnische Funde im rumänischen Tiefland: A. K. Florescu, Diadema is solotoj plastinki epochi pereselenija narodow, najdennaja w Buhăeni, Dacia 4, 1960, 561-568; B. Mitrea, Bei­ träge zum Studium der hunnischen Altertümer, Dacia 5, 1961, 549-558 (mit der Veröffentlichung der Kesselhenkel von Boşneagu); über die Funde von Sucidava: D. Tudor, Sucidava, Bruxelles— Berchem 1965, 86-104; zusammenfassend über die Goldfunde des 4. und 5. Jahrhunderts in Ru­ mänien: R. Harhoiu, The Treasure from Pietroa­ sa, Romania, in the Light of Recent Research, BAR. Supplementary Series 24. Oxford 1977. Über das in der römischen Kontrafestung von Hinova gefundene hunnische Kesselbruchstück (rand- und rippenverziertes Seitenbruchstück): M. Davidescu, Drobeta 4, 1980, 83, Abb. 7. Über den hunnenzeitlichen Friedhof von Großwardein: T. L. Rosu, Hunnenzeitliche Funde aus Oradea, Dacia 9, 1965, 403-405. Über den 408 abschließenden Geldverkehr der Gegenfestungen an der unteren Donau (Su­ cidava, Hinova usw.): Gh. Poenaru-Bordea- V. Barbit, Dacia 14, 1970, 251-295. Gh. PoenaruBordea, Studii şi Cercetări de Numismatica 6, 1975, 75-80. B. Mitrea, Dacia 24, 1980, 375. Iatrus in Bulgarien: Iatrus-Krivna: Spätantike Befestigung an der unteren Donau I.-III. Berlin 1979-1986. Mähren: Mehr, als der Titel verspricht, enthält J. Tejral, Mähren im 5. Jahr­ hundert, Prag 1973, er arbeitet mit der Verwen­ dung der gesamten hierher bezüglichen Literatur bis 1970. Er übernahm auch die Systematisie­ rung und kartographische Darstellung eines be­ deutenden Teiles der hunnenzeitlichen Funde der Donaugegend, die Bedeutung der „reiterno­ madischen" und mit dieser eng zusammenhän­ genden alanischen Komponente unterschätzte er jedoch einigermaßen. Das ist aber viel eher die Schuld der benutzten Sekundärliteratur als die des Autors. Die gründliche und hervorragende Zusammenfassung der mährischen Funde des 5. Jahrhunderts enthält seine neuere tschechische Monographie: Morava na slonku antiky deut­ scher Auszug: Mähren an der Neige der Antike. 238-244. Monumentu Archaeologica, Tomus

XIX, Prag 1982. Ihm verdanken wir ebenfalls die eingehende Zusammenfassung des Fundma­ terials östlichen Typs, das zwischen 375 und 400 am Nordrand der Donaugegend auftauchte: Einflüsse und kulturelle Veränderungen nörd­ lich der mittleren Donau zu Beginn der Völker­ wanderungszeit. In: Peregrinatio Gothica ( = Archaeologia Baltica VII.), Łódź 1986, 175-238. Zuletzt: Probleme der Völkerwanderungszeit nördlich der mittleren Donau. GHA, 351-375, und nur teils verfolgbar: Zur Chronologie der frühen Völkerwanderungszeit im mittleren Do­ nauraum. ArchAust 72, 1988, 223-304. Eine gute Zusammenfassung der Funde der Hunnen und aus der Hunnenzeit in Niederösterreich geben H. Friesinger und H. Adler, Die Zeit der Völkerwanderung in Niederösterreich, St. Pölten-Wien 1979. Den hierher bezüglichen Teil hat Friesinger geschrieben. Grundlegend ist zu unse­ rem Thema noch H. Friesinger, Bemerkungen zu den frühgeschichtlichen Grab- und Siedlungs­ funden von Wien-Leopoldau, ArchAust 68, 1984, 127-154. Chinesische Bewaffnung und Zi­ kadentracht Hiung-nu Ursprungs: P. Pelliot. T'oung Pao (Leiden) 26, 1929, 140 und Anm. I, W. Eberhard, T'oung Pao 36, 1942, 84. Zikaden Der erste in der Fachliteratur bekannt geworde­ ne Grabfund mit Zikaden, jener aus Csömör, wurde von Fl. Romer bereits in die Völkerwanderungszeit datiert (A csömöri lelet [Der Fund von Csömör]. ArchÉrt VI. 1871. 192. 201-202). Die Zikaden aus Csömör und Györköny sowie die aus gegossenem Gold von Saromberek wur­ den gemeinsam von F. Pulszky in die Völker­ wanderungszeit datiert (Rekeszes ötvösség Ma­ gyarországon [Zellen-Goldschmiedekunst in Ungarn] ArchÉrt I. 1881. 149-150). Er publi­ zierte sie mit einem aus Bronze gegossenen Typ zusammen, der jedoch sicher älter, nämlich rö­ misch ist. Die bekannte Zusammenstellung H. Kühns. (Die Zikadennbeln der Völkerwanderungszeit. JPEK 10, 1935. 85-106) verfolgte die­ se falsche Spur Später konnte Z. Vinski die völkerwanderungszeitlichen Typen, wenn auch nicht in vollständigem Ausmaß, typologisch gliedern (Zikadenschmuck aus Jugoslawien. Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz 4, 1957, 136-160). Letztere ha­ ben nämlich heute noch ungeklärte, doch nicht zu unterschätzende römische Bezüge.

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Der einzige hunnische „Fürstinnen"-Fund in Ungarn, das 1884 erschlossene Grab von Mező­ berény, erhielt von der Forschung infolge fal­ scher Publikationen unverdient wenig Aufmerk­ samkeit. Die Zusammengehörigkeit der Funde ist seit 1890 bekannt und nicht nur die Erkennt­ nis von Fettich, der in seinem Buch über den Fund von Nagyszéksós in gebührender Weise die Funde des Fürstinnengrabes veröffentlichte.

Ännliche zellenverzierte Schnallen aus Bron­ ze: AQVILEIA. Aquileia Nostra 24/25, 1953/54, 106, Abb. 24. Germansberg (Speyer). Werner, Op. cit. über Fürst, 176, Taf. 17/12-13. Edingen (Mannheim). A. a. O., Taf. 17/14. Hömchenförmige Lockenringe aus Gold: VIENNA-Vienne, aus einem Grab. Premiers temps chrétiens en Gaule meridionele. Antiquité tar­ dive et Haut Moyen Age, Lyon 1986, 92, Nr. 182 (M. Jannet). TICINVM-Pavia oder dessen Um­ Hunnische und hunnenzeitliche Funde gebung. Oreficerie c metali i lavorati tardoantiwestlich vom Karpatenbecken che e altomedievali dal Territorio di Pavia, SpoSkelettgräber: Altlußheim, Schwert mit Goldbe­ leto 1967, 112, Nr. 70. Taf. 15. Zikaden: Umgebung von Namur. Vom hunni­ schlag, Kampfmesser (1932). J. Werner, Beiträ­ schen Typ, zellenverziert, aus Gold. H. Kühn, ge zur Archäologie des Attila-Reiches, München 1956, Taf. 1-3. Wolfsheim, goldener Halsring, JPEK 10, 1935, 87. Nr. 8, Taf 21/7. Beaurepaire Armreif, Anhänger, zellenverzierte Schnallen (Isère). Vom Pontus-Donau- Typ, mit Edelstein(1870). GHA 183-184, III. 55 Taf. 13 (E. Waverzierung, aus Gold. H. Kühn. a. a. O. Nr. 7, mers). Mundolsheim, vergoldete Sattelbeschläge Taf. 21/13. (1881). Gallien in der Spätantike, Mainz 1980, Über die asiatischen 193, Nr. 301 (M. Schulze). Fürst, 3 zellenverzier­ Wurzeln te Goldschnallen, Armreif, Trinkglas (1843). J. Werner, Bayerische Vorgeschichtsblätter 25, Mit Ausnahme der Kessel, Reflexbögen und 1960, 169-171, Taf. 15, GHA 183, III. 54, Taf. 12 Spiegel konnte hunnische Hinterlassenschaft (Tb. Fischer). Prag 5-Radotin „Grab 1", goldener kaum bis in Gebiete östlich des Ob zurückverSchnallenring, Trinkglas, Solidus des Arcadius folgt werden. Die berühmten Kurgane von No(1924). B. Svoboda, Cechy v době stěhování ná­ jon-ul (Noin Ula) in der Mongolei können zwar rodů, Prag 1965, 271, Taf. 32/2, 10) Crimolois zur Zeit nur als Wurzeln (C. Trever, Excavations (Côte-d'Or), Gürtel-, Schwert- und Stiefelriemen­ in Northern Mongolia, Leningrad 1932; S. I. schnallen aus Bronze (1867). Les Mérovingiennes Rudenko, Kultura hunnow i noinulskije kurgaau Musée de Dijon. Collections mérovingiennes ny, Moskau-Leningrad 1962), wenn auch als du musée archéologique, Dijon 1977, 34, Nr. besonders wichtige gelten. Über die Grabungen 90-92, 95-96 (C. Aronovici-Martin). der Jahre 1954-1957: Z. Doržsüren, Umard hunGoldene Gürtel-, Schwertriemen- und Knö­ nu[Nördliche Hunnen], Studia Archaeologica I. chelriemenschnallen mit rundem Ring und run­ 5. Ulanbatar 1961. Ders., Raskopki mogli hundem, zellenverziertem und edelsteinbelegtem now gorach Noin-ula (1954-1957 w.w.) MonKörper aus der Hunnenzeit, vom hunnischen golskij Archeologitscheskij Sbornik, Moskau Typ. Einzelfunde: Villers-sur-Authie (Somme). 1963, 36-44. Über neuere Forschungen: I. ErdéLa Picardie, berceau de la France, Amiens 1986, lyi-Z. Dorjsüren-D. Navan. Results of the Mon207, Abb. 175 (D. Bayard). BONONIA-Bologna golian-Hungarian Archeological Expeditions oder dessen Umgebung. A. Riegl, Jahrbuch der 1961-1964. Acta Arch Hung 19, 1967, 335-370. K. K. Zentral-Kommission. Neue Folge 1, 1903, Aus Südkorea sind zahlreiche, mit den europäi229, Abb. 212. CASTRA REGINA-Regensburg schen Hunnenfunden verwandte, mehr oder weoder dessen Umgebung. Die Bajuwaren. Von niger zeitgleiche Funde bekannt (Schwerter, PferSeverin bis Tassilo, München-Salzburg 1988, degeschirr, Sattelbeschläge )Meile, Speere, Diade375, M. I. 26, Abb. 6, /3. Gundremmingen- me mit stilisiertem Baum verziert und MetallbeCastellum. „Bürgle", vergoldetes Silber, ohne schläge mit der für hunnische Funde so charakteEdelsteinverzierung (1971). E. Keller, Das spät- ristischen Schuppenornamentik). Für Korea römische Gräberfeld von Neuburg an der Do­ macht sich damit ebenso wie für Europa der Einnau, Kallmünz 1979, 57 und Anm. 297, Abb. fiuß der Kultur aus dem Gebiet der Großen Mauer 5/10. Am selben Ort wurden früher Pferdege­ bemerkbar (Akio Ito, Zur Chronologie der frühsilschirre vom Untersiebenbrunn-Typ gefunden. lazeitlichen Gräber in Südkorea, München 1971). 232

Bestattung Attilas Über die Bestattung Attilas und die in diesem Buch vertretene Auffassung über den Fund von Nagyszéksós siehe: I. Bóna. A szeged-nagyszéksósi hun fejedelem [Der hunnische Fürst von Szeged-Nagyszéksós], in: A magyar régészet re­ génye [Der Roman der ungarischen Archäolo­ gie], Budapest 1968, 19763. Früher: J. Moravcsik, Attilas Tod in Geschichte und Sage. Körösi Csoma Archivum 2, l926-1932, 83-116, neuer­ dings: I. Ecsedy. The Oriental Background to the Hungarian Tradition about Attilas Tomb. Acta OrientHung 36, 1982, 129-153 Ober die Auslegung der copercula neuestens M. Rimóczy Hamar, Attila temetése (Legenda és valóság) [Attilas Bestattung. Legende und Wirklichkeit] Antik Tanulmányok 31, 1984, 73-79. Anläßlich der Trauer abgeschnittene und ins Grab gelegte lange, geflochtene - oft in Seiden­ scheiden gesteckte - Zöpfe kennen wir aus den asiatischen Bestattungen der Hunnen - Hiungnu von Nojon-ul/(Noin Ula Kurgan 6 (26 St.), ebendort Dshuramt-Kondratew-Kurgan (12 St.) C. Trever, Excavations in Northern Mongolia, Leningrad 1932, 50. Taf. 33/2-5. Syry Grab­ kammer 1 (12 St.). Ujbat Grabkammer 1. 7 (7 St.), L. R. Kyslassow, Taschtykskaja epocha, Moskau 1960, 126, Abb. 43(9) und Oglatky Grabkammer 1 (2. St.), A. M. Tallgren, ESA XI (1937) 76, Abb. 4). Ein interessanter neuer Gesichtspunkt die Be­ stattung Attilas betreffend bei L. Bese. A hármas koporsó motívuma egy mongol népmesében. Előmunkálatok a Magyarság Néprajzához 3 [Das Motiv des dreifachen Sarges in einem mon­ golischen Volksmärchen Vorarbeiten zur Eth­ nographie des Ungarntums 3], Budapest 1978, 77-80. Der nach Sui-shu LXXXIV. über die Funeralzeremonien der osttürkischen Fürsten zitierte Teil bei Liu Mau-tschai Die chinesischen Nachrichten zur Geschichte der Osttürken. Wiesbaden 1958, in der neuen Übersetzung von I. Ecsedy, Ancient Turk (Tu-chüen) burial customs. Acta OrientHung 38, 1984, 263-287.

Die Vorarbeiten der in diesem Buch vorgeleg­ ten archäologischen Analysen dauerten über dreißig Jahre. Am l. September 1956 reichte ich bei der Redaktion der Acta Archaeologica die Arbeit ein: Tanulmányok az európai hun régé­ szeti leletek közép- és belső-ázsiai kapcsolatairól [Studien über die Verbindungen der hunnischen archäologischen Funde in Europa mit Zentralund Innerasien]. Ich erörterte den asiatischen Ursprung der Kessel - gestützt auch auf die frühen awarischen Funde, der Reflexbögen, der eisernen Pfeilspitzen, der Langschwerter, der Speerspitzen, des Pferdegeschirrs, der Sättel, au­ ßerdem verglich ich die europäischen Zikaden mit denen aus dem Gebiet der Großen Mauer und rekonstruierte den Holzsattel vom Typ Léva-Pécs-Mundolsheim sowie den von Conceşti (die vorherige Rekonstruktion ist auch in dieser Arbeit wiedergegeben). Die Denkmäler der hun­ nischen Metallkunst teilte ich damals in zwei große Gruppen: in Erzeugnisse persischen und pontischen Stils; dieser Gesichtspunkt wurde in der vorliegenden Arbeit nicht oder kaum ver­ folgt. Schließlich versuchte ich mit Hilfe nach strengen Maßstäben ausgewählter, tatsächlich als hunnisch einzuordnender Funde einen Ab­ riß der archäologischen Geschichte der Hunnen zu geben. Die Herausgabe der bereits lektorierten und zur Publikation vorbereiteten Arbeit (zi­ tiert von M. Párducz, Acta ArchHung II, 1959, 394, Anm. 499) hielt der Autor unter Berufung auf das damals gerade erschienene Buch von J. Werner, in Wirklichkeit aber we­ gen des nach 1956 über Jen Autor verhäng­ ten Silentiums, für „nicht aktuell" - die Er­ gebnisse waren tatsächlich in zahlreichen Fra­ gen identisch oder zumindest ähnlich. So blieb die Arbeit ein Manuskript. Den Lektoren des vorliegenden Buches, Ilona Kovrig und dem allzu früh verstorbenen András Mócsy, sei für ihre freundschaftlichen Ratschlä­ ge, mit denen sie in nicht geringem Maße zur endgültigen Gestaltung des Textes beigetragen haben, der beste Dank ausgesprochen.

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Erläuterungen zu den Abbildungen

1. Pfeilschießender Reiter mit knochenversteiftem Reflexbogen der Füllerde des Grabes 7/1984 aus dem frühen 3. Jahrhundert und die Siedlung (vicus) aus der Abfallgrube 30/1984 China, Innere Mongolei Alter unbekannt, doch nicht viel älter oder jünger als das vom Ende des 2. Jahrhunderts freigelegt (Ausgrabung und hunnische Zeitalter. Bronzeguß kleinen Formats. Länge ca. freundliche Mitteilung von J. B. Horváth). Die Überreste aus Intercisa stammen von Bögen der syrischen Cohors sa7,5 cm. gittariorum equitata = berittenen Bogenschützen aus HemeNamio Egami, Ancient Northern Cultures of Eurasia. sa. Ebenso als völkerwanderungszeitliche Funde hunnischen Tokio 1948, nach dem Foto von Taf. 4. oder alanischen Ursprungs, „sicherlich nicht vor dem 2. Knochenversteifungen eines asymmetrischen Reflexbogens Jahr 380", behandelte die Bogenendversteifungen von CarWien 11 - Simmering, Österreich (1930) nuntum, Vindobona und vor allem aus dem Kastell von Sie stammen aus einem gestörten Grab, so daß ihre ge- Klosterneuburg H. Mitscha-Märheim, Knochenbeschlag einaue Fundlage unbekannt ist. Das Grab enthielt ein Skelett nes Reflexbogens. Akten zum VII. Internationalen Kongreß für Frühmiltelalterforschung. Graz-Köln 1962, 350-351. mit deformiertem, mongoloidem Schädel. Neben dem linken Bein zehn auf einen Köcher hinweisende, dreifiüglige Pfeil- Ders., Dunkler Jahrhunderte goldene Spuren. Wien 1963, spitzen und ein Henkelkrug mit Glättverzierung. Die Funk- 34. Seitdem ist ihr römischer Ursprung aus dem 2./3. Jahrtion der Bogen Versteifungen wurde anhand der Forschungen hundert, das von Klosterneuburg aus dem Kastell der Covon K. Cs. Sebestyén (Dolgozatok - Szeged 6, 1930, 178 ff. hors I. Aelia sagittariorum milliaria equitata (berittene Boschon in der ersten Publikation erkannt, doch wurden die genschützen!) stammende Exemplar einbegriffen, überzeuverschieden langen Knochenplatten für die Überreste zweier gend bestätigt von H. J. Ubl in: Vindobona. Die Römer im Bögen gehalten. Erst J. Kalmár gelang es, die Bruchstücke Wiener Raum. Wien 1978, 274-275. Katalog B. 9-11. richtig zusammenzusetzen. Aufgrund der ersten, sich mit den Trotzdem spuken die Datierung der römerzeitlichen BoHunnen befassenden Werke von Werner und Alföldi brachte genreste mit Beinendversteifung von eigenartiger Form und auch Kalmár die Knochenplatten irrtümlicherweise mit BoGröße in die Hunnenzeit und die daraus gezogenen historigenversteifungen parthisch-syrischer Herkunft des 2. bis 3. schen Schlußfolgerungen auch heute noch weiter. Im angeJahrhunderts aus Carnuntum, Mogonliacum und anderen führten Werk von Salamon werden die römisch-orientalirömischen Kastellen in Verbindung. Und obwohl gerade schen Beinendversteifungen von Carnuntum von neuem auf Werner als erster seinen Irrtum korrigierte, indem er sich auf die Hunnenzeit „rückdatiert", die Bearbeiterin eines anderen die entlang des Limes bis Britannien vorkommenden Bein- römisch-orientalischen Bogenenden läßt die Datierungsfrage versteifungen römischer Bögen des 2. und 3. Jahrhunderts - auch die syrische Möglichkeit erwähnend - zwischen der stützte (Germania 18, 1934, 237), hat man neuerdings die zu hunnischen und awarischen (?) Möglichkeil offen (Bíró, T. Beginn unseres Jahrhunderts im Castrum von Intercisa ver- M.: Bonecarvings from Brigetio. Acta ArchHung 39, 1987, streut gefundenen, bogenversteifenden Knochen den Hun161, Taf 5, 19), obwohl in Brigetio im 3. Jahrhundert auch nen zugeschrieben, ja sogar eine im Castrum tätige hunni- die Ala Osrhoenorum sagittariorum stationiert war. Die sche Bogenwerkstätte postuliert (Á. Salamon, ArchÉrt 103, mit dem Exemplar von Brigetio übereinstimmende Beinend1976. 207-215 = MAI 6, 1976, 47-54, Taf. 25-26. Dies., versteifung wurde schon aus der severuszeitliehen Schicht Katalog Severin 171, Abb. 16 - ihre Datierungen [4./5. Jh.) von Ulcisia Castra (Szentendre) mitgeteilt, aus der Zeit, als wurden ohne Zweifel und Kritik übernommen von J. C. die Ala I. Itureorum sagittariorum die Garnison des Castrum Coulston. Roman Archery Equipment. BAR 275, 1985, stellte (Nagy. L.: ArchÉrt 52, 1939, 139-140, Taf. 117). 220-366, Catalogue Nr. 25 und J. Tejral. ArchAust 72, 1988, Neuerdings sind die in der 271 geräumten Provinz Dazien 240 ff. Abb 12/1), wobei außer acht gelassen wurde, daß die unter den Ruinen des zur Mitte des 3. Jahrhunderts zerstörbei neuen Grabungen an demselben Ort gefundenen 25-30 ten Kastells Tibiscum gefundenen Bogenend- und -griffplatStück ausnahmslos aus Abfallgruben des 2. bis 3. Jahrhun- ten geradezu entscheidend (Benea, D.: Banatica 8, 1983, derts stammen (Vágó-Béna. Intercisa 243), neuestens wur- 201-223, Taf. 2, und Bona, P.-Petrovszky, M. und R.: Acta den die Übereste vollständiger Bogenknochenbestände in Musei Napocensis 20, 1983, 418, Taf XI/l-2). übrigens

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gleichfalls aus mit syrischen Bogenschützen belegten Garni­ sonen (Numerus Palmyrenorum und Cohors I. sagittariorum). Länge der die beiden Bogenenden befestigenden Knochenplatten: 27.3 bzw. 38,5 cm. Länge der griffversteifenden Knochen: 39.0cm. Beninger, Der westgolisch-alanische Zug. 72-84, Abb. 37. J. Werner, ESA 7, 1932. 33-58 E. Polasckek, WPZ 19, 1932, 239-240. J. Kalmár, MAG 65. 1935, 151-152, Abb. 1. Die Rekonstruktion und die Knochenplatten hatte schon vorher veröffentlicht: Alföldi, Hunnenzeit. 18-20. Abb. I. 3. Grab eines mit Bogen und Köcher bestatteten hunnischen oder orientalischen Kriegers der Hunnenzeit Ansiedlung Aktöbe II. Gebäude 7. Kasachstan. Oblast Tschimkent. Sowjetunion Einzelbestattung unter dem Boden eines zerstörten und verlassenen, antiken Kuppelbaus aus Ziegeln Der Tote lag in einem gut erhaltenen Brettersarg mit geschnitztem Holzrahmen. Särge ähnlicher Konstruktion kommen bei den frühen Gruppen der Awaren asiatischen Ursprungs vor. Links vom Schädel des auf dem Rücken liegenden kräftigen Mannes waren in einem mit Kupferblechen beschlagenen Holztopf und in einem ähnlichen Holzkrug mit Kupferhenkel Speisen und Getränke mitgegeben. In der linken Ohrge­ gend fand sich ein verziertes Stirn- oder Ohrgehänge aus vergoldetem Silber, das dem Typ nach zwar vorläufig ein Unikat, aber mit denen aus Mezőberény verwandt ist. Auf den linken Arm wurden offenbar aus magischen Gründen zwei Pfeile gelegt (die gleiche Situation begegnet uns auch beim hunnischen Grab von Wien 11 - Simmering), quer über dem Rumpf lagen ein Kampfmesser sowie eine Eisenschnalle mit Ring und runde Riemenplatten. Alle anderen Ausrüstungsgegenstände und Beigaben la­ gen in einem rund 100 cm hohen, oben 38 cm und unten 28 cm breiten, aus Birkenrinde geflochtenen und mit Birken­ scheiben verzierten Sack: der in ungespanntem Zustand et­ wa 120 cm lange, mit Knochenversteifungen sorgsam verse­ hene, leicht asymmetrische Bogen und darunter in einem aus Birkenrinde verfertigten, 77 cm langen Köcher mindestens 20 dreiflüglige eiserne Pfeilspitzen; der Köcher konnte mit einer eisernen Tragöse am Gürtel befestigt werden. Schließ­ lich kam in den Sack neben einem großen Lammrücken auch das Eisenmesser des Toten. Die Stiefel waren in der Knöchelgegend in zwei Reihen mit Kupfernägeln beschlagen. Die Bestattung wurde in das ausgehende 4. Jahrhundert bzw. in die Wende vom 4. zum 5. Jahrhundert datiert und ihre Beziehung zu den Gräbern „nomadischen" Charakters der Wolgagegend betont hervorgehoben. Aus der Datierung und der mittelasiatischen Fundstelle folgt von selbst auch die hunnische bzw. hunnenzeitliche Bestimmung. A. G. Maksimowa-M. S. Merschtschijew-B. I. Wajnberg-L. M. Lewina. Drewnosti Tschardary. Alma-Ata 1968. 71-79. nach Abb. 30-33. 4. Grabbeigaben eines Kriegers aus Mittelasien Sewakino, Kurgan I, Ostkasachstan. Bezirk Schemonaicha. Sowjetunion (1972) In einem mit einer Steinplatte abgedeckten Grab unter­ halb eines von einem Steinkranz umgebenen Kurgans waren ein Mann und ein Kleinkind bestattet. Aus den Beigaben des Mannes lernen wir die Ausrüstung eines asiatischen Militär­

führers niedrigeren Ranges kennen. An seinem linken Ohr trug er einen einfachen, jahrhundertelang in Mode gebliebe­ nen, aus Bronzedraht gedrehten Ohrring. Beachtenswert sind auch der bronzene Malsreif, Variante zahlreicher silber­ ner und goldener Halsreifen, sowie der mit Bronzeplättchen besetzte Waffengürtel vom Typ Kanattas-Kapulowka. Als Verschluß des letzteren diente eine Eisenschnalle mit Bronzebeschlag (vgl. Abb. 18. 1-3). In der Beckengegend lag ein einschneidiges Kurzschwert mit Holzgriff, daneben ein Mes­ ser. Unter den Bruchstücken eines Köchers neben dem lin­ ken Knie befanden sich drei Pfeilspitzen verschiedenen Typs. Zur Rechten des Toten lag ein mit zehn Knochenplatten versteifter, asymmetrischer Bogen, der in ungespanntem Zu­ stand 130 cm lang gewesen sein konnte. Sein unterer, kürze­ rer Teil kam aber unvollständig und zerbrochen zum Vor­ schein. Das Grab kann sehr gut mit den frühhunnischen Bestattungen im Talastal, mit dem Einzelgrab Aktöbe II (vgl. Abb. 3) und mit dem Doppelgrab von Kanattas (vgl. Abb. 18) in Verbindung gebracht werden. Aufgrund dessen wurde das Grab von Sewakino in das ausgehende 4., höch­ stens aber in das beginnende 5. Jahrhundert datiert. Aus einem der nahe liegenden Kurgane kam auch ein Tonkessel mit Fußring zutage. F. H. Arslanowa, Kurgany „s usami" wostotschnowo Kasachstana, Drewnosti Kasachstana. Alma-Ata 1975, 116-118, 124-126, Taf. I. 5. Totenopfer eines hunnischen militärischen Würdenträgers aus ei­ ner Höhlenbestattung Kysyl-Adyr, RSFSR. Oblast Orenburg, Bezirk Kuwandyk, Sowjetunion Im Karstgebiet zwischen den Flüssen Ural und Ilek, an der Grenze von Nordkasachstan, stieß 1977 eine geologische Expedition in einer mit einer Steinplatte bedeckten kleinen Höhle beim Grab einer gestörten Bestallung auf Reste eines Totenopfers. Von der Bestattung zeugten nur einige Kno­ chenreste. Vor und neben dem Grab kamen im I laibkreis aus einer höheren Schicht die Gegenstände des Totenopfers zum Vorschein. Auch an der Oberfläche war ein Kupferkessel mit ausgebrochenem Boden und abgebrochenem Fuß zu sehen (vgl. auch Taf. 14/1). In der Nähe, neben dem Grab, lagen Stücke der 85 cm langen Klinge des zweischneidigen Schwer­ tes und als Lebensmittelüberreste Pferdeknochen. Aus der Grube zwischen Grab und Höhleneingang stammten die Garnitur einer Knochenversteifung eines asymmetrischen Bogens, und 14 Pfeilspitzen - wahrschein­ lich aus einem Köcher -, darunter 11 dreiflüglige verschiede­ nen Typs und drei Eisenspitzen mit dreieckigem Querschnitt. Die kleinste hat einen Durchmesser von 3 cm, die Durchmes­ ser betragen im Durchschnitt 6-6.7 cm Reste eines Waffengürtels. ein eiserner Haken zur Befestigung des Gürtels, zwei 7 cm lange silberne Riemenzungen mit bronzener Fixierplatte auf dem Rücken, eine goldene und vier silberne Nieten, zur Tracht gehören noch ein hörnchenförmiger silberner Lockenring und eine kleine runde Eisenschnalle, schließlich verweist eine Eisentrense auf eine symbolische Pferdebestattung. Der Komplex kann von der Wende des 4. zum 5. Jahrhundert stammen. I. P. Sassetzkaja. Pogrebenije u sela Kysyl-Adyr w orenburgskoi oblasti. In: Drewnije pamjatniki kultur na territtorii SSSR. Sbornik nautschnych trudow Ermilage. Le­ ningrad 1982, 54-77 und nach Abb. 2. 4-6.

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6. Hunnischer Reflexbogen 1.Rekonstruktion eines asymmetrischen hunnischen Reflexbogens 2.Dic Rekonstruktion bestätigt ein einzigartiger Grabfund: In der Nähe von Minfeng im chinesischen Turkestan (Autonomer Kreis Ujgur) wurde 1959 in einem späthunnzeitlichen Brettersarg ein vollkommen erhaltener gespannter Bogen gefunden, der in Form und Ausmaß den gespannten asymmetrischen Reflexbogen veranschaulicht. Wen Wu 1960/6, 9-12, nach Abb. I. 7. Hunnische Pfeilspitzen aus Eisen Es war üblich, in die Gräber 2-30 Pfeilspitzen zu legen, ihre Zahl hatte aller Wahrscheinlichkeit nach eine bestimmte Bedeutung. Vgl. auch Abb. 3-5, 44, 49, 58. 1.-3. Csongrad-Kenderföldek, Grab 4. Länge 6,2, 5,5 und 4 cm. M. Párducz. Acta ArchHung II, 1959, 311, nach Taf. IV/4-6. 4.Eine der vier Pfeilspitzen von Keszthely-Gátidomb. Länge 5,6 cm. J. Hampel, ArchÉrt 20, 1900, 110-111, nach Abb. 8. 5.-6. Wien-Simmering, 1930. Zwei Pfeilspitzen verschiedener Größe, jedoch gleichen Typs, die zusammen mit den Knochenversteifungen (vgl. Abb. 2) aus demselben Fund stammen. Länge 5 und 6,7 cm. Beninger, Der westgotisch-alanische Zug. 74, nach Abb. 34. 7.Nowogrigorewka (1884) „Grab" VII (7). Länge 6,0 cm. Nach Samokwasow. Katalog, 61, Nr. 3039-3040, Taf. IV/27. Ders., Mogily russkoj semli. Moskau 1908, 133-135, Taf. IX/27. 8. Die Arcadius-Säule Die zwischen 410 und 421 zur Erinnerung an den 408 verstorbenen Kaiser Arcadius von seinem Sohn Theodosius II. in Konstantinopel aufgestellte Triumphsäule war 56 m hoch; 233 Stufen führten nach oben. Die Reliefs der 1719 durch ein Erdbeben schwer beschädigten und abgetragenen Säule verewigten Kriege gegen die Westgoten und Gaina, und gewiß waren auch die Hunnen des Uldin dargestellt, doch sind Details auf der Zeichnung des unbekannten Künstlers aus dem Quattrocento nicht erkennbar. O. Wulff, Allchristliche und byzantinische Kunst I. Berlin-Neubabelsberg 1916, 168-169, nach Taf. XII/2. 9. Aus Silber- und Bronzeblech gepreßte bärtige Männergesichter (Masken) aus hunnenzeitlichen Fundkomplexen Von links nach rechts: 1. Engels/Pokrowsk, Kurgan 17. RSFSR, Oblast Saratow, Sowjetunion (1925) Auf Bronzeunterlage gepreßtes Silberblech. Nach den Publikationen mindestens zwei Exemplare. Durchmesser 5 cm. Nach den Abbildungen in Minajewa, Pogrebenija. 93, Taf. 1/6, und Alföldi. Hunnenzeit. 78, Taf. XXIV/6, rekonstruiert. Auf dem von Alföldi publizierten Foto waren die Bruchstücke falsch zusammengesetzt.

2. Kumbulta-Werchnjaja Rutha. Ossetien, Sowjetunion. Auf Bronzeunterlage gepreßtes Goldblech. Durchmesser 5.8 cm. P. S. Uwarowa. Mogilniki Sewernowo Kawkasa, Materialy po Archeologii Kawkasa VIII. Moskau 1907, nach Taf. 101/11. 3. Dunaújváros-Intecisa, Komitat Fejér (1912) In Serien hergestellte, noch unausgeschnittene gepreßte Bronzegesichter; kein römischer Kastenbeschlag! Blechgröße 7 x 7 cm, Durchmesser des Gesichtes 5,6 cm. 1. Paulovits, ArchÉrt 1940, 66-76, nach Taf. XVII. 4. Pokrowsk, Kurgan bei „Woschod -Sowchos", RSFSR, Sowjetunion (1929) Auf Bronzeunterlage gepreßte Goldbleche, von denen 23 ein Pferdegeschirr schmückten. Länge 7,8 cm, Breite 5 cm. I. W. Sinizyn, Iswestija Saratowskowo Nishnewolsskowo Instituta Krajewedenija im M. Gorkowo VII. 1936, 75-76, nach Abb. 4-4a. 5. Nowogrigorewka, aus einem „Grab" unbekannter Numerierung (VII?) vom Jahre 1884, Oblast Cherson, Ukraine, Sowjetunion Auf Bronzeunterlage gepreßtes Goldblech. Durchmesser 4 cm. Nach Samokwasow, Katalog, 60. Nr 3030, Tar. IV/15. Ders., Mogily russkoj semli, Moskau 1908, 133-135, Taf. IX/15. 6. Nowogrigorewka, „Grab" VII, Ukraine, Oblast Cherson, Sowjetunion (1884) Zwei auf Bronzeunterlagen gepreßte Goldbleche. Durchmesser 4,5 cm. Minajewa, Pogrebenija, 100. Sassetzkaja, Solotye ukraschenija, 73, nach Nr. 82. 7. Wladimirskoe, Kurgan 4. Oblast Samara, Sowjetunion. Werkstattgleich mit Nr. I., Material und Maß sind ähnlich. Die mongoloide Gesichtzüge sind also gar nicht später, wie es die Bearbeiter glauben wollen. Nach I. P. Sassetzkaja, ArchSb 27, 1986, 84, Abb. 1/42 und A. K. Ambros, Chronologija drewnosstej Sewernowo Kawkasa. Moskau 1989, 73-74, Abb 30/5. Die in der Ufa-Tukajew-Straße (Baschkirien) zusammen mit einem Schwert mit schuppenverzierter Silberscheide, gepreßten, silbernen und bronzenen Pferdegeschirrverzierungen, schuppenverzierten Sattel beschlägen, Trense mit Seilenstange, Bronzeschellen und Gürtelschnalle gefundenen 3, auf Bronze aus silbervergoldetem Silberblech gepreßten Scheiben mit Maske von durchschnittlich 6 cm Durchmesser sind wahrscheinlich schon posthunnenzeitlich. Obwohl die Haartracht der Masken den Blechen des Fundes von Pokrowsk-Woschod folgt, sind die mongoloiden Gesichter bartlos. P. B. Achmerow, SowArch 1974/2, 240-245, Taf. 3/1-1 10. Funde aus dem bisher am östlichsten gelegenen hunnischen Fürstengrab aus der Zeit der Völkerwanderung Tugoswonowo, am Tscharisch-Fluß, und Nowoselski, RSFSR, Oblast Altai, Sowjetunion (1959) In einer Windung des bei Barnaul in den Ob mündenden Tscharisch-Flusses ruhte in einem Grab gewöhnlichen Aus-

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maßes (Länge 220 cm. Breitc 80 cm) und normaler Tiefe (170-180 cm)jener etwa dreißigjährige Mann von gewaltiger Statur und mit artifiziell deformiertem, europid-mongoloidem Schädel, dessen - leider bereits gestörte - Ausstattung Einblick in den Reichtum der Asien verlassenden bzw. dort verbliebenen Hunnen gewäbrt. Der Militärführer von Rang war in voller Rüstung begraben worden: mit einem ursprünglich etwa 110 cm langen, goldbeschlagenen, zweischneidigen Langschwert, einem goldbeschlagenen Kampfmesser, einem Messer in einer silberblechverzierten Scheide. In einen silberbeschlagenen Köcher waren 30 rotbemalte Pfeile mit eisernen dreiflügligen Spitzen und 2 mit Knochenspilzen gelegt. Aufgrund der Bruchstücke waren die Enden und der Griff eines großen Reflexbogens hunnischen Typs mit Knochenversteifungen befestigt. Auch beim Trachtenzubehör sind alle Charakteristika der Hunnenzeit vertreten: das goldene Stingehänge, der goldene Halsring, die mit Edelsteinen und Granulation verzierte, mit Goldblech überzogene silberne Gürtelschnalle, die Schwertriemenschnalle, die Stiefelschnallen und die Riemenzungen mit Zellenverzierung. Der Großteil der in der Ermitage verwahrten und noch in späteren Jahren ergänzten Funde ist noch nicht publiziert, ihre Rekonstruktion wird Jahre in Anspruch nehmen. Die nächste Parallele zum Tugoswonowo-Schwertknauf stellt der 1884 bei Schadrinsk in der Brjuchanowo-Siedlung (ehem. Gouvernement Perm, heute Oblast Kurgan) geborgene Schwertknauf aus Chalzedon mit „Goldmütze", offensichtlich ein Überrest eines aus einem ähnlichen Grab stammenden Fundes, dar. Der Schwertknauf des Tugoswonowoer Schwertes konnte gerade mit Hilfe dieser Parallele rekonstruiert werden. (Sassetzkaja. Solotyje ukraschenija. 53-55, Nr. 35-37. besonders Nr. 33), aber auch mit dem Schwertknauf von Kertsch-Glinischtsche ist er verwandt (vgl. Abb. 51). Das mit einem Karneol verzierte Slirngehänge ist mit den Exemplaren aus Ketmen-Tübe und Alaj in Kirgisien, aus Aktöbe II, Aktas I, Satach und Kysylkajnartöbe in Kasachstan und somit auch mit den goldenen Stirngehängen zahlreicher europäischer Hunnenfunde verwandt. Die Riemenzungen und andere Bruchstücke schließen an den Fund von Musljumowo im Gebiet von Tscheljabinsk an, stellen jedoch frühere Typen dar. Die Riemenzungen von Tugoswonowo sind demnach Vorläufer jener des Typs Musljumowo-Concesti-Nagyszéksós. Die anderen Schmuckstücke des Funde knüpfen an jene aus dem Grab einer hunnischen Fürstin von Kara-Agatsch in Ost-Kasachstan, an das Diadem von Kanattas sowie an die mit Edelsteinen und Granulation verzierten Riemenzungen des Katakombengrabes von Dshoon-Töbe an. Eine Variante des in Tierköpfen endenden Halsringes von Tugoswonowo liegt im hunnischen Fund von Kalinino auf der Krim vor, mit dem es auch andere Verbindungen gibt. Mit einem Gewicht von 322,8 g folgt er unmittelbar auf den Halsring von Nagyszéksös. Die Länge des Tugoswonowoer Schwertes stimmt mit der der Schwerter aus Pannonhalma überein, die Verzierung der Schwertscheide ist mit jener von Nowo-Iwanowka verwandt. Die Rekonstruktion des Schwertes stellen wir uns jedoch - aufgrund der Parallelen - anders als in der vorläufigen Publikation vor. Der Grabfund von Tugoswonowo stammt wahrscheinlich aus der Zeit der Entfaltung der hunnischen Macht in Europa. A. P. Umanski, Pogrebenie epochi „welikowo pereselenija narodow" na Tscharische. Drewnije kultury Altaja i Sapadnoj Sibiri. Nowosibirsk 1978, 129-163.

11. Ein spätrömischer Feldherr und seine mit Edelsteinen verzierte Schwertscheide Wahrscheinlich eine Darstellung des Aetius aus dem Jahre 432 Den auf der Tafel I bzw. A des weltberühmten Diptychons der Domschatzkammer zu Monza dargestellten feldherrn hatte man im vorigen Jahrhundert noch zumeist für Aetius gehalten. Erst um die Jahrhundertwende verstärkte sich trotz Zweifel der größten Autoritäten. O. M. Dalton und O. Wulff, die - auch bis heute nicht einer gewissen nationalen Romantik entbehrende - Meinung, auf dem Diptychon wäre der 408 ermordete weströmische Feldherr germanischer (wandalisch-adliger) Herkunft, Stilicho, um 395 (Später meinte man, im Jahre 400, also zur Zeit seines ersten Konsulats) dargestellt. Dementsprechend deutete man die Personen auf der Tafel 2. bzw. B als die Gemahlin Stilichos. Serena, und als seinen 388 (richtig 389) geborenen Sohn Eucherius. Der Trugschluß lag darin, daß zur Identifizierung Stilichos eigentlich die vornehme Frau der 2. Tafel und deren dem 4. Jahrhundert zugeschriebene Kleidung als Grundlage genommen wurde und neuerdings als Zeitpunkt der Herstellung des Diptychons „Stilichos", der wiederholt das Konsulat innehatte, nach einigen Mißverständnissen (395. 405) gerade mit Hilfe des vermuteten Lebensalters von „Eucherius" angegeben wurde (400). Mit dieser Datierung stand zwar die Haar- und Barttracht des Feldherrn im Widerspruch. (Um 400 rasierten sich die vornehmen Römer noch und trugen ihr Haar anders, vgl. z. B. den gänzlich anderen Slil der Diptychen des Probianus um 400 und des Probus von 406: W. F. Volbach. Elfenbeinarbeiten der Spätantike und des frühen Mittelalters. Mainz 19763, Nr. 1 und 62), dies wurde aber stillschweigend mit der germanischen Abstammung der dargestellten Person gelöst. Auf diese romantische und äußerst subjektive Auffassung sowie stilistische und historische Unmöglichkeit wics bereits früher A. Rumpf, Stilphasen der spatantiken Kunst, KölnOpladen 1957, 28-29, hin. Rumpf, der stets von sicher datierbaren Darstellungen (und nicht umgekehrt!) ausging, verglich die Männergestalt des Diptychons von Monza mit dem aus dem Jahre 428 stammenden Consulardiptychon des Felix und datierte sie überzeugend in die Zeit um 430, ebenso wie die anonymen Konsuldarstellungen des zweifellos gleichaltrigen Diptychons von Novara (ebd., Taf. 22/93 und 95) Von unserem Standpunkt aus ist es wesentlich, daß die Hand und die Handhaltung der (von Rumpf nicht erörterten) Männergestalt auf der weiten Tafel des Diptychons von Novara denen des kleinen Knaben auf dem Diptychon von Monza genau entsprechen (vgl. W. Volbach. Elfenbeinarbeiten, a. a. O., Nr 64; Volbach versuchte übrigens gerade mit dem Diptychon von Novara, den Zeitraum zwischen der Darstellung des vermeintlichen Stilicho und der zweifellosen Felixdarstellung zu „überbrücken" und datierte es unbegründet zwischen 418 und 422, getraute sich aber kein früheres Datum anzuführen). Von besonderer Wichtigkeit ist ferner, dal) die zweite Tafel des Felix-Diptychons mit der Inschrift MAG VTROQ . MIL . PATR . ET COS . ORD und der Darstellung der Fibel, des Mantels und der Schuhe, die neuestens fast in Vergessenheit geraten und nur als Zeichnung überliefert ist, mit jener des Feldherrn von Monza große Ähnlichkeit besitzt (R. Delbrück. Die Consular-Diptychen I. 2. Berlin-Leipzig 1926, Nr. 3). Nicht weniger überzeugend ist ein Vergleich der Haar- und Bartracht des Monzaer Heer-

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führers mit den zeitgenössischen Goldmünzen: Sie steht der Darstellung des Kaisers Johannes (423-425) am nächsten. In unserer Zeit argumentiert für die Identifizierung der Diptychon-Figuren Stilicho - Serena - Eucherius mit allgemeinem Erfolg der angesehene W. F. Volbach. Frühchristliche Kunst, München 1958. 57, Taf. 62-63. Ders., Elfenbeinarbeiten. A. a. O. 1952-19761-3, Nr. 63. Ders., Avori di scuola ravennate nel V e VI secolo. Ravenna 1977, 9. Ähnlich D. Talbot Rice in: II Tesoro del Duomo di Monza. Milano 1966. 5. Abb. 1-3. Bezüglich des Stils und der Darstellungsweise des Diptychons von Monza (die zeitbestimmende Männerfrisur und Barttracht, die Frauenfrisur, der Schmuck und die Tracht sowie nicht zuletzt die Kontrapoststellung der stehenden Figuren) besitzt die bisher in die diesbezüglichen Erörterungen nicht einbezogene Silberschüssel von Orbetello entscheidende Bedeutung. Das Hauptrelief der beschrifteten, genau datierten Schüssel mit 42 cm Durchmesser stellt den weströmischen Konsul des Jahres 434, Aspar, Sohn des Ardaburius, dar, das heißt einen Gegner des eben gestürzten, doch noch im selben Jahr 434 siegreich zurückgekehrten Aetius. Aspar, der eine ähnliche Frisur und einen ähnlichen Bart (vgl. Abb. 11/1) wie die Männer von Monza und Novara sowie die in das Jahr 428 datierte Darstellung des Felix trägt, ist in Festkleidung und unbewaffnet, ja entschieden in antimilitärischer Weise wiedergegeben. (Im Vordergrund liegen übereinandergeworfene römische Ovalschilde, ohne die Namen der Besiegten anzugeben.) Die friedliche Festlichkeit Aspars steht in erstaunlichem Gegensatz zum Konsul des Diptychons von Monza. Die Kontrapoststellung der Ravenna symbolisierenden Frauenfigur auf der linken Seite der Schüssel, ihre Kleidung, die doppelte Perlenkette und der in der linken Hand gehaltene Blumenstrauß stehen der Frauenfigur von Monza näher als jede andere Darstellung. Noch augenfälliger ist die Ähnlichkeit des auf der rechten Tafel von Monza neben seiner Mutter dargestellten Knaben-Praetors mit dem neben seinem Vater stehenden Knaben „Ardaburius ivnior pretor" (sic!) auf der Schüssel von Orbetello. Der Stil der Reliefgruppe vom Felix-Diptychon über das Diptychon von Monza und die Aspar-Schüssel bis zur Genfer Silberschüssel, die Valentinianus Hl. im Kreise seiner Offiziere darstellt (F. Staehelin, Die Schweiz in römischer Zeit. Basel 19483, 317 Abb. 70; M. Martin, Die Schweiz im Frühmittelalter. Bern 1965, Taf. 7) und in die Zeit von 428 bis zum Ende der dreißiger Jahre des 5. Jahrhunderts datiert werden kann, ist mit Schöpfungen der italischen Großkunst, nämlich den Mosaiken des Triumphbogens der LiberiusBasilika (Santa Maria Maggiore), verwandt. Die Entstehungszeit letzterer mit etwa 435 wird durch die Inschrift XYSTVSEPISCOPVSPLEBI DEI ( = Papst Sixtus III., 432-440) bestätigt (A. Rumpf, a. a. O., 30. C. Cecchelli. I mosaici della basilica di S. Maria Maggiore, Turin 1936. W. Oakeshott, Die Mosaiken von Rom. Leipzig 1968, 83 ff.). Der Stil des Diptychons von Monza und die Kleidung der dargestellten Personen sprechen also eindeutig gegen Stilicho und seine Familie. Über diese negative Aussage hinaus ist es jedoch notwendig, die wiedergegebenen Personen genauestens zu prüfen. Die an den Beinen anliegenden Hosen germanischen Ursprungs hatten sich zu dieser Zeit bereits längst in der militärischen Kleidung eingebürgert und können in diesem Zusammenhang außer acht gelassen werden. Das Prunkschwert iranisch-hunnischen Typs, das der offen-

sichtlich in spätrömischer Feldherrenkleidung dargestellte Mann an einem nomadischen Gürtel und auf nomadische Weise aufgehängt trägt und in der spätantiken Kunst (nicht allein unter Berücksichtigung der Elfenbeinschnitzereien) ohne Beispiel dasteht (die hunnischen Eigenarten des Schwertes und Gürtels haben schon Alföldi und Werner an der Darstellung Stilichos erkannt und hervorgehoben!), der in das 5. Jh. datierbare kannelierte Schildbuckel, die Zwiebelknopffibel mit Volutenornament, die aufgrund der Goldfibel im Schatz von Ténès in Nordafrika verläßlich mit etwa 429 datiert werden kann, und nicht zuletzt die beiden Kinderfiguren auf dem Schild müssen hingegen bei der Identifizierung des Mannes unbedingt berücksichtigt werden. Die zwei auf dem Schild zu erkennenden Brustbilder sehen und beschreiben unvoreingenommene Forscher als Kinder. Sic können also keinesfalls die ost- bzw. weströmischen Kaiser Arcadius und Honorius sein, die im Jahre 400 bereits 16 bzw. 23 Jahre all waren, noch weniger Honorius mit dem 400 noch nicht lebenden Theodosius II (401-450) sondern nur das zur Zeit der Herstellung des Diptychons wirklich jugendliche weströmische Kaiserpaar, der 12jährige Valentinianus und die 13jährige Honoria Augusta. Sic wurden übrigens im Jahre 428 in einem Doppelbild auf dem Zepter des Felix als noch kleinere Kinder dargestellt. Erscheint es auch noch so ungewöhnlich, daß die weströmischen Konsuln eine Zeitlang nur das Bild ihrer eigenen Kaiser auf ihren Insignien getragen haben, so ist dies gut mit dem kühlen Verhältnis zwischen Ravenna und Konstantinopel zwischen 427 und 431 zu erklären. Es ist also wahrscheinlich, daß die alle, frühere Bestimmung richtig und zutreffend gewesen ist, wonach das Diptychon von Monza den hunnenfreundlichen Aetius mit einem orientalischen, vermutlich hunnischen, auf hunnische Art gegürteten Prunkschwert darstellt, lebte er doch in seiner Jugend bei Goten und Hunnen, hatte sich hunnische Sitten angeeignet und kam mit Hilfe der Hunnen an die Macht. Das Diptychon wurde offenbar zur Zeit seines ersten Konsulats im Jahre 432 hergestellt. Auf der rechten Tafel ist die erste Gemahlin unbekannten Namens des Aetius mit Haartracht und Schmuck der „Galla Placidia" (wegen dieser bloß zeitbedingten Modeerscheinung hielt und hält man sie, fälschlicherweise, für die Kaiserin selbst) sowie sein damals etwa 12 Jahre alter Sohn Carpilio zu sehen, der nach damaligem Brauch während des Konsulats seines Vaters praetor wurde. Die Maße der Tafel von Monza betragen 32,5x15,8 cm. Nach R. Delbrück, Die Consular-Diptychen. BerlinLeipzig 1929, 245, Nr. 63 (mit Datierung 395). A. Alföldi, Germania 16, 1932, 136. Abb. 1. J. Heurgon. Le trésor de Ténès. Paris 1958, 27, Taf. XL A. Merati. II Tesoro del Duomo di Monza. Monza 1963,4, Abb. 1-2, und R. Conti II Tesoro. Duomo di Monza 1983, 14.-16. Nr. 6 12. Osthunnische Schwerter und Dolche persischen Typs Seit Anfang unseres Jahrhunderts sind uns aus Gräbern von Kertsch (Grabkammer 145 und Grabkammer 24/6/1904) eigenartige, trichterförmige Goldgegenstände bekannt, von denen vermutet oder angenommen werden kann, daß sie einst Schwertgriffe verzierten. Ihre genaue Funktion beleuchteten aber erst die in der nahen Vergangenheit freigelegten, auf unserer Abbildung dargestellten Funde, die zugleich die Rekonstruktion eines pallaschförmigen hunnischen Schwerttyps sassanidisch-persischen Ursprungs und

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eines der Form nach ähnlichen Dolches ermöglichten. Solche Waffen kennen wir zur Zeit nur aus Funden der östlichen Hunnen und von der Krim, sie sind auch mit den Prunkschwertern von Kertsch-Glinischtsche (Abb. 51) und mit denen von Tugoswonowo (Abb. 10) verwandt. 1. Goldverzierung und Schwertknopf eines Schwertgriffes Kalinino, Halbinsel Krim. Sowjetunion (1959) Obwohl im äußerst reichen hunnischen Goldfund auch die echten Fragmente des Schwertes zum Vorschein kamen, hielt die ursprüngliche Publikation die mit Edelsteinen verzierten Griff- und Scheidenbeschläge (Abb. 17. I-2 zeigt zwei von diesen) für Teile eines weiblichen Diadems, die Schwertperle aus Bernstein hingegen für einen Griffknopf. Sassetzkaja sah schon klar, welche Gegenstände das Schwert verzierten, doch konnten wir uns zur annähernden Rekonstruktion des Griffes nur aufgrund des Schwertes von Turajewo entschließen. I. T. Wyssotskaja - E. N. Tscherepanowa. SowArch 1966, 3. 189-194, nach Taf. 2/10 und Abb. 4, 6, sowie I. P. Sassetzkaja. SowArch 1968, 2, 57, nach Abb. 1/10. Ein gewisser Teil der Fachliteratur vom Beginn unseres Jahrhunderts hielt - charakteristischerweise - die Schwertgriffenden des Dolches und Schwertgriffes von Kertsch und sogar von Musljumowo (!) für das Spitzendekor germanischer Schildbuckel, deren wahre Funktion A. M. Tallgren, Finnisch-ugrische Forschungen 20, 1929. 35. Anm. 1. erkannte. Die Beschläge des Schwertgriffes von Musljumowo betrachtete auch Fettich. Nagyszéksós 131 und 135, noch als Griffbeschläge einer Nagaika (Peitsche). 2. Goldverzierung und Knopf eines Schwertgriffes Kertsch, Grabkammer 145. Halbinsel Krim, Sowjetunion (1904) Mit Hilfe des Dolches von Cibilium war die Verzierung des Schwertgriffes und der Scheidenöffnung leicht vorstellbar. Das Foto unter OAK sa 1904 god (1907) 72, Abb. 109. stellt den zellenverzierten Griff in natürlicher Größe dar Mit Hilfe der von I. P. Sassetzkaja. KSIA 158, 1979, 15. Abb. 4/1-2, 4, 7 mitgeteilten weiteren Funde rekonstruiert. 3. Griff eines Dolches Cibilium. Gräberfeld I, Grab 43, Abchasien, Grusien. Sowjetunion (um 1970) Der ausnahmsweise unversehrt erhallen gebliebene Prunkdolch einer reichen Waffenbestallung des. 5. Jahrhunderts. Die Beschläge sind aus Silber, oben auf dem Griffknopf in Zellen rote Glaseinlage auf rotem, auf der Parierstange auf grünem Hintergrund. Ju. N. Woronow - N. K. Schenkao. Drewnosti. 1982. 148-154. nach Abb. 18/3 und 19/1 - etwas vereinfacht. 4. Schwertgriff mit Silberbeschlag Turajewo, Kurgan V, RSFSR, Tatarische Autonome SSR. Bezirk Elabuga. Sowjetunion (1960) 106 cm langes Schwert mit ungewöhnlich schmalem. 24 cm langem Griff. Wurde mit seinen Holzteilen last unversehrt gefunden, auf dem Griff und auf der Scheide befinden sich bemalte Muster. Die palmettenverzierten Silberbeschläge verraten, daß das Schwert sassanidischen

Ursprungs ist. Das Zeitalter der Kurgane ist die erste Hälfte des 5. Jahrhunderts, die silbernen oder zellenverzierten Schnallen der Tracht, die Riemenzungen und sonstigen Funde sind hunnischen Typs, zum Teil mit nordkaukasischen. zum Teil mit östlichen Funden, zum Beispiel aus Musljumowo, verwandt. W. F. Gening, Turajewskij mogilnik V. w. n. e. In: Is archeologii Wolgo-Kamja (Red. A. H. Chalikow). Kasan. 1976, 67-72, nach Abb. 15 und 28. 5. Rekonstruktion eines Schwertgriffes Musljumowo, RSFSR, Oblast Tscheljabinsk - früher Gouvernement Perm, Bezirk Schadrinsk, Sowjetunion (1895) Das Schwert mit goldblechverzierter Scheide aus dem in nordöstlicher Richtung auch heule am entferntesten befindlichen reichen hunnischen Fund war uns schon lange bekannt, die goldenen Verzierungen des Schwertgriffes konnten aber erst aufgrund des Schwertes von Turajewo rekonstruiert werden. OAK sa 1895 god (1897) 72-73, Abb. 181-188. Erste, vollständigere Publikation: Pósta. Archäologische Studien 377-380, Abb. 222-223. Die einzige Veröffentlichung der Griffbeschlägeauf Fotos: Fettich, Nagyszéksós 131, Taf. XIX/7-10 (Fotos verschiedener Größe). Zu den weiteren Funden vgl. noch Sassetzkaja. Solotyje ukraschenija 55-58. Nr. 39-44 - den stumpfkegelformigen Zylinder des Griffansatzas hielt schon Sassetzkaja für die Zierde eines Schwertgriffes: Sow Arch 1968 /2. 57. Abb. 1/13. 13. Aspar und Plinta Die Silberschüssel von Orbetello hat die Gesichtszüge jener beiden Männer bewahrt. die in der hunnischen Geschichte eine bedeutende Rolle gespielt halten. Aspar. Sohn des alanischen Ardabur, wirkte schon 425 entscheidend am Sturz des Johannes. Kaiser von Aetius, mit. Damals stand er Aetius und seinen Hunnen bewaffnet gegenüber. Als Befehlshaber der 431 -433 den comes Bonifatius unterstützenden oströmischen Hilfstruppen kämpfte er hartnäckig gegen die Wandalen in Nordafrika. Wegen seiner Verdienste wurde er offensichtlich aus gründlichen politischen Erwägungen - gerade zur Zeit des Sturzes von Aetius von der Regierung Galla Placidias ausgezeichnet und Anfang 434 zum Konsul der westlichen Reichshälfte designiert. Nach seinem Eintreffen in Italien entstand das hier abgebildete silberne Relief Aspars als Konsul des Jahres 434. Nach der siegreichen Rückkehr des Aetius und seiner Hunnen zog Aspar nach Osten heim. Wie aus direkten und indirekten Angaben bekannt ist. wurden Aspar und seine Soldaten im Jahre 442 von Konstanlinopel auf Sizilien zurück berufen und gegen Bleda und Allila eingesetzt. Aspar etlitt jedoch in der Schlacht am Chersones eine Niederlage und bat um Frieden Bei dieser Gelegenheit geriet der maurische Spaßmacher Zerko(n). der noch zur Zeit des libyschen Feldzuges 431-433 in den Dienst Aspars getreten war. in Bledas Gefangenschaft und kam an den hunnischen Hof. Es ist uns nichts darüber bekannt, daß Aspar sich an den weiteren hunnischen Ereignissen aktiv beteiligt hätte. Plinta (griechisch Plintas) war gotischer Herkunft und entweder in mütterlicher Linie der Onkel oder aber der Schwiegervater Aspars, weshalb ihn dieser als „Ahne" auf

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der Schüssel von Orbetello verewigen ließ. Plinta war magi­ ster militum im oströmischen Heer und im Jahre 419 Konsul, danach Oberbefehlshaber der kaiserlichen Garde. Während des Angriffs Rugas im Jahre 434 wurde er als Gesandter zum hunnischen Großkönig geschickt, doch kam es infolge des plötzlichen Todes Rugas damals nicht zu Verhandlungen. Mit Plinthas Namen ist jedoch der Abschluß des Vertrages von Margus im Jahre 435 mit Bleda und Attila verbunden, der dem oströmischen Reich schwere Verpflichtungen aufer­ legte. Bei den hoch zu Roß geführten Verhandlungen war Epigenes, der 438 Quaestor sacri Palatii wurde, sein Partner. Flavius Ardabur Aspar: PWRE H/1, 607-609. (0. Seeck) und PLRE 2. 164-169. Plinta: PWRE XXI, 457-458 W. Ensslin, und PLRE 2. 892-893. Epigenes. PLRE 2, 396. Priscus, der sich in den 470er Jahren als Schriftsteller betätig­ te, hat - wie dies zu allen Zeiten und in allen Memoiren gang und gäbe ist - den Zeitpunkt der späteren Würde des Epige­ nes vorverlegt, deshalb setzt Martindale - nach MaenchenHelfen - den Vertrag von Margus zwischen 438 und 440. Es erübrigt sich, die historische Unmöglichkeit dieser Datie­ rung zu beweisen, denn die neuen Herrscher schlossen den Krieg von Ruga im Jahre 433/434 bei Margus ab. Eine vorzügliche Zeichnung des „Silberschildes" von Or­ betello veröffentlicht A. Odobesco, Le trésor de Pétrosa I. Paris 1889-1900. 160-161. 493-494. Abb. 201. Ein gutes Foto der seither häßlich restaurierten Schüssel findet sich in: W. F. Volbach und H. Hirmer, Frühchristliche Kunst. Mün­ chen 1958, 65, Taf. 109. Durchmesser der Schüssel 42 cm, Florenz, Bargello. 14. Hunnische Kessel aus Ost- und Mittelosteuropa 1. Kysyl-Adyr, RSFSR, Oblast Orenburg, Sowjetunion Aus dem Opferfund im Karstgebiet zwischen den Flüssen Ural und Ilek (vgl. Abb 5) Aus zwei Teilen gegossener Kupferkessel, Höhe 28,3 cm, mit Henkel 34,5 cm. Fußring fehlt, Boden ist löchrig. W. A. Garjainow, SowArch 1980/2, 259-262, nach Abb. 3. Vgl. noch: Sakrovište na Chan Kubrat, Sofia 1989, 16. Nr. 1. 2. Soka, RSFSR, Oblast Uljanowsk (zur Zeit der Freilegung Gouvernement Simbirsk, an der Grenze der Bezirke Sengilej und Korsun, jedoch bereits auf dem Gebiet des letzteren), Sowjetunion Streufund aus dem Jahre 1884 „vom Ufer des Flusses Osoka". Seine unklar publizierten Fundumstände spielten spä­ ter für die weitverbreitete Theorie, die Kessel wären Uferoder Wasseropfer gewesen, eine große Rolle (nach Nestor und Plopşor viele andere). In zwei Teilen aus Kupfer oder zinnarmer Bronze gegossen. Höhe mit Fußring 53,2 cm, Gewicht 17,7 kg. Seine Besonderheit besieht darin, daß er trotz seines einfachen Henkels (vgl. Höckricht) ein sonst nur an den Kesseln von Törtel und Hőgyész zu beobachtendes Zellenmuster sowie das rundköpfige Hängemotiv der späten kaukasischen (Chabaser) und westlichen Kessel, wie die beiden schon genannten und die von Schestatschi und Desa, trägt. Er wurde daher vermutlich spät, nach 425, hergestellt. Bekannt wurde er in der universellen Archäologie

zuerst aufgrund einer Skizze des Fürsten Pawel Putjanin (M. Wosinsky, ArchÉrt II. 1891. 429-430, Abb. 2. und danach in den Werken Hampels und anderer). Ein gutes Foto veröffentlichte Z. Takács, Ostasiatische Zeitschrift 4, 1915/1916, 178-179. Abb. 5. Als Fundort wurde Osoka angegeben, woraus in den Publikationen Hampels Otoka wurde (erstmals: Ethnographische Mitteilungen aus Un­ garn IV, 1895. Taf. I. 13 und Abb. 14-15, wo Hampel allerdings die Zeichnung des Kessels von Soka mit jener von Werchnij Konez verwechselte, so fanden sie mit die­ sem Namen und vertauschten Fundortangaben Eingang in die Werke Fettichs). Später wurden als Fundort Osoka, Otoka, zwischen Sysran und Sagarina, angegeben; auch die neuere Zusammenfassung trug nicht zur Klärung bei (A. K. Ambros, Archeologija SSR. Stepi Ewrasii w epochu srednewekowja. Moskau 1981, 98, Abb. 4/a-b). Es ist der Aufmerksamkeit der ungarischen und der sich auf sie stützenden Forschung entgangen, daß der ins Historische Museum von Moskau gelangte Kessel kurz nach seiner Auffindung tatsächlich unter dem Fundort Osoka veröf­ fentlicht, dieser Name jedoch bald danach korrigiert wurde. W. Poliwanowa, Trudy Arelieologilscheskowo Sesda VII. Jaroslawl, 1887. I., Moskau 1890, 39. Taf. 1. Die Richtigstellung des wahrscheinlich fälschlich belegten Fundortes auf Soka erfolgte durch den Topographen des Gouvernements: W. N. Poliwanow, Archeologitscheskaja karta Simbirskoj Gubernii. Simbirsk 1900, 23, 71, und eine genaue mehrfarbige Landkarte. Unter Berücksichti­ gung dieser und anderer unveröffentlichter Angaben wur­ de im ausführlichen archäologischen Kataster der minie­ ren Wolgagegend (P. D. Stepanow, MIA 111, Moskau 1962, 243, Nr. 247 und Karte 7 D - E ) als Fundort aus­ drücklich Soka angegeben. 3. Chabas-Schijakky kol Flur. RSFSR, Kabardino-Balkaria, Bezirk Solka, Nordkaukasus, Sowjetunion (1981) Aus einem seit langem bekannten alanischen Friedhof kamen aus drei bereits zerstörten Grabkammern stam­ mende, jedoch den einzelnen Bestattungen nicht zu­ zuordnende Funde zutage: nordkaukasische Keramik des 4. bis 5. Jahrhunderts, ein Glasbecher mit Spitzboden und Wabenverzierung, ein erhaltener und ein halber Bronzespiegel sowie ein kleinerer und ein größerer Kochkessel aus getriebenem Bronzeblech. Gußbronze, der beschädigte frühere Fußring ist durch einen neueren, breiteren ersetzt worden. Gesamthöhe 57,5 cm, Gewicht „etwa 20 kg". W. M. Batschajew, Gunnskij kotel is selenija Chabas. SowArch 1984/1, 256-258. Abb. 2. Der Verfasser weist daruul hin, daß dieses guterhaltene Exemplar der sonst meist fragmentierten-beschädigten hunnischen Kessel, die in den hunnischen Funden stets eine rituelle Rolle spielten, aus einem nichthunnischen Grab, aus dem eines „Einheimischen", stammt. Neuere Publikation: J. M. Tschetchenow in: Archeologitscheskie issledowanija na nowostrojkach Kabardino-Balkarii w 1972-1979 gg. Tom 3 Naltschik 1987, 43, Abb. 2. 4. Iwanowka, Ukraine, Oblast Lugansk, Sowjetunion Seine Fundumstände sind unbekannt oder unpubliziert, jedoch zeugen seine brüchigen Stellen am Rand und an den Seiten von einem Opferfund.

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Gußbronze. Höhe ohne Fußring 33 cm. Gesamthöhe 41 cm. Z. Takács. Sino-Hunnica, Petrovics Elek Emlékkönyv Alexis Petrovich Anniversary Volume. Budapest 1934, 25. Abb. 3. Fettich, Nagyszéksós, 143, Taf. XXXVI/4. Z Takács. Acta OrientHung 5, 1955, 143, Abb. 15. In den angeführten und späteren Publikationen wird mit Ausnahme der Zusammenfassung von I. Kovrig als Fundort fälschlicher­ weise immer Iwanowski oder Iwanowskaja genannt. Die Kesselmaße gab erst W. A. Gorjainow, SowArch 1980/2, 261, bekannt. 5. Scheslatschi, Moldau, Bezirk Resina, Sowjetunion Der Kessel wurde zusammen mit einem Kupfergefäß 1962 beim Tiefpflügen in einer 80 cm tiefen Opfergrube gefunden. Aus Bronze gegossen Gesamthöhe 53 cm. Gewicht 29 kg. I. A. Nudelman. SowArch 1967/4, 306-308. nach Abb. 1. Vgl. noch C. A. Rikman, Chudoshestwennije sokrowischtscha drewnoj Moldawii. Kisehinjow 1969, 47-49. 6. Rázová bei Horný Benešov, Bezirk Opava (früher RaaseBennisch, Bezirk Troppau, Mährisch-Schlesien) Tsche­ choslowakei Er wurde 1907 am Fuß des 683 m hohen „Schanzenberges" in dem für einen Dammbau abgetragenen Erdreich gefunden. Wegen seiner stark angebrannten, z. T. sogar verschmolzenen Oberfläche dachte man bereits anläßlich der ersten ausführlichen Beschreibung an ein Tolenopfer oder an eine Einäscherung. Gußbronze mit hohem Kupfergehalt. Maß in frag­ mentiertem Zustand 22 x 29 cm. Anzeiger des Schlesischen Landesmuseums, Troppau 1914, 30-32, Taf. 5/5. V. Karger. Allschlesien 9. 1940. 112-113, und besonders G. Raschke, ebd. 114-119, Taf. 14 und 15/3. Vorbild für die frühere Rekonstruktion (J. Břen in: Pravěk Československa. Prag 1960. 372-373. Taf. 151) warder Kessel von Iwanowka. Der Form nach steht er jedoch dem neuen Kessel von Kysyl-Adyr, den Maßen nach dem von Törtel nahe. 7. Ioneşti, Judeţul Dîmboviţa. Munienien, (1893) Rumänien

Nur mit einem einzigen Punkt der äußierst gründlichen monogragraphischen Bearbeitung der Autoren kann man sich schwer einverstanden erklären: Der ehemaligen Theone von I. Nestor und C. Nicolaescu-Plopşor folgend wird der Umstand, daß einige hunnische Kessel ia Fluß .., und in sumpfigem Gebiet gefunden worden sind überbewertet. Einerseits ist dies im Tal der unteren Donau und der Flüsse Kapos und Argeş gar nicht verwunderlich, andererseits können aber die Kessel von Törtel. Varpalota und Rázová-Benešov, die in die Überlegungen ebenfalls einbezogen wurden, niemals in einem Fluß oder Sumpf versenkt worden sein. 8. Zwischen Desa und Ciupcrceni Noi. Judeţul Dolj. Rumä­ nien Angeblich wurde der Kessel von Fischern aus dem Was­ ser gezogen, seine Fundumstände sind also unsicher. Der Fundort selbst liegt gegenüber der für Mösien eine Schlüsselstellung einnehmenden römischen Donaufestung Ratiaria. Völlig unversehrt. Aus Kupfer gegossen. Gesamthöhe 54,1 cm. D. und I. Berciu in: Istoria Românilor. Bukarest 1935. 265, Abb. 78. I. Nestor und C. N. Plapşor. Germania 21, 1937, 178-179, Taf. 39/3. D. Berciu, Archeologia preisto­ rică a Olteniei. Craiova 1938, 234, Abb. 292 mit den Fundumständen. 15. Frühe irdene Nachahmungen hunnischer Kupferkessel aus Asien 1. Kokel, K E Grab 40, RSFSR, Autonome Republik Tuwa, Sowjetunion In einem Brettersarg kam neben dem Kopf des mit Kö­ cher und Pfeilen ausgestalteten Toten zusammen mit ei­ nem Holztablett und einer Holzschale ein Tonkessel mit Fußring zutage, der sich von den - im allgemeinen einfa­ chen - die Kupferkessel nachahmenden irdenen Kesseln derartig unterscheidet, daß er als innerasiatisches Unikat bezeichnet werden muß. Die gegliederten Rippen und Warzenmuster an der Außenseite sind genaue Nachah­ mungen der zeitgenössischer, kupfergüsse, die Henkelform mit der Verzierung im 1-3-1-System stellt das Vor­ bild für die Henkel der späterer, Hunnenkessel dar. Höhe 20.7 cm. Randurchmesser 16,7 cm. Das Grab gehört zu den späten Bestattungen der asiatisch-hunnischen Schurman-Kultur des 2. bis 3. Jahrhun­ derts. Der irdene Kessel ist also wesentlich älter als alle hunnischen Kupferkessel Europas. S. J. Wajnstein, TTKAEE III. Leningrad 1970. 58-61 und 76, nach Abb. 95 Vgl. noch V. N. Basilov -M. F. Zirin. Nomads of Eurasia. Los Angeles-Denver-Washington. 1989 45. 2.-3. Dshety-Asary, Siedlung 3. Kasachstan. Oblast Kyzylorda, Sovietunion. Die beiden einander änlichen, in der oberen Schicht des sogenannten großen Hauses gefundenen, mit Henkel und Fußring 35 bzw. 39 cm hohen Tonkessel knüpfen mit ihren eckigen Henkeln, die von bis auf den Gefäßkörper reichenden Rippen umrahmt sind, mit den senkrechten Leisten und ihren Warzenmustern auch an den vorbin beschriebenen Tonkessel an. Mit dem ersten Auftreten der in die Stufe II von Dshety-Asary gehörenden Tonkessel kann um die Wende vom 3. zum 4. Jahrhundert gerechnet werden, die obere Grenze ihrer Datierung ist.

Der Fund wurde bei Kiesgewinnungsarbeiten in 6 m Tiefe im ehemaligen Flußbett des Argeş freigelegt. Er war bei trockenem Wetter in der Kurve eines ehemaligen Flusses in 1,5 m oder noch geringerer Tiefe vergraben worden Der Kessel und sein Fußring waren in je zwei Teilen aus Kupfer gegossen und zusammengelötet worden. Auch der Fußring wurde an den Kessel gelötet. Das Oberteil des Kessels war oval zusammengedrückt. An einer Seite sind kräftige Spuren absichtlicher Beschädi­ gungen zu erkennen: Der Zieraufsalz eines Henkels und der Rand sind ab- bzw. ausgebrochen, die Kesselwand ist an mehreren Stellen gesprungen und durchlöchert, der Fußring ist ebenfalls beschädigt und unvollständig. An der Außenseite waren Rußspuren zu sehen. Gesamthöhe 71,4 cm, ursprünglicher Öffnungsdurchmesser etwa 37 cm, Gewicht ist nicht angegeben R. Harhoiu - P. Diaconescu, Hunnischer Kessel aus Muntenien. Dacia 28. 1984. 99-116, nach Taf. 3/8-9.

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ungewiß. Die gegenüber dem Tonkessel von Kokel jüngeren Nachahmungen von Dshety-Asary kamen sicherlich mit den im 4. Jahrhundert in Mittelasien eindringenden Hunnen in die Siedlung. Ihre Henkel sind zwar „archaischer" als jene des Tonkessels von Kokel, aufgrund ihrer Maße und Verzierungen schließen sie sich aber doch enger an die hunnischen Kupferkessel entlang der Wolga an. L. M. Lewina, Materialnaja kultura narodow Srednej Asii i Kasachstana. Moskau 1966, 55, nach Abb. 7/37-38. Dies., Keramika Nishnej i Srednej Syrdari, Moskau 1971, 17, 20, 72-73. Abb. 3/194-195 und Abb. 16/15. 16. Hunnischer Opferfand mit Kupferkessel Höckricht, Bezirk Ohlau, heule Jedrzychowice, Bezirk Olawa, Oberschlesien, Polen (1831) Beim Pflügen zutage gekommene Funde, die nach Berlin ins einstige Museum Vaterländischer Alterthümer gelangt sind. Die mit Karneolen und roten Glaseinlagen verzierten Goldbleche waren sekundär als Beschlagplatten von Schnallen (1-2) und wahrscheinlich einer Schwertscheide (5-7) verwendet worden. Laut dem alten Inventar waren sie ursprünglich auf Bronzeblechen angebracht, die sich aber noch im vorigen Jahrhundert vollkommen auflösten. Ebenso mögen die Riemenzungen (3-4, Höhe der größeren 4,6 cm) gearbeitet gewesen sein. Die Beschlagplatte der kleinen Goldschnalle (8) trägt eine Granateinlage. Die Schüssel mit einem Randdurchmesser von 24 cm (9) wurde aus Bronzeblech gehämmert, der 55 cm hohe Kessel (10) aus Kupfer oder zinnarmer Bronze gegossen. L. von Ledebur, Das Königliche Museum Vaterländischer Alterthümer im Schlosse Monbijou zu Berlin. Bertin 1838, 46, Taf. IV - ein für die Forschung praktisch unbekannter erster Bericht. E. Krause, Schlesiens Vorzeit in Bild und Schrift. N. F. III, 1904, 46-50, Taf. 1-13. J. Hampel, Arch Ért 25, 1905, 85-87, Abb. 3. Als Foto erstmals in: Alföldi, Hunnenzeit, 77, Taf. 19. Vorliegende Zeichnung nach Krause und Alföldi. 17. Schmuckstücke mit Edelsteinauflagen unterschiedlicher Form und Größe aus der Hunnenzeit 1.-2. Schwertscheidenbeschläge von Kalinino bei Krasnogwardeiskoje, Krim, Sowjetunion (1959) In geringer Tiefe fand man zwischen zerwühlten Menschen- und Pferdeknochen 28 Goldgegenstände, darunter mit Edelsteinen besetzte Pferdegeschirrbeschläge aus goldüberzogener Bronze, rechteckige und kreuzförmige Riemenbeschläge, Riemenzungen, Bruchstücke eines schweren goldenen Halsreifens, Sattelbesälze mit Schuppenomament, Pfeilspitzen und eine Bronzeschüssel. Unter den ausschließlich auf Männer weisenden Gegenständen befanden sich auch 4,5 cm breite, mit roten Steinen verzierte Goldbleche, die von einer Schwertscheide stammen könnten (vgl. das Schwert auf Abb. 11). T. N. Wysotskaja und E. N. Tscherepanowa, SowArch 1966/3,187-194, Abb. 2/1 und 4 (als „Diadem" bezeichnet) und O. Ganina, The Kiev Museum of Historie Treasures. Kiew 1974, nach den Farbfotos von Abb. 74. 3. Südrussisch-ukrainischer Fund Mit Goldblech überzogener Schnallenbeschlag, in den Zellen Karneoleinlagen. Der Fundort ist unbekannt. Unter den 1929 zusammen angekauften Gegenständen befin-

det sich auch eine zellenverzierte Scheibe mit Granateinlage orientalischen Typs, wohl von einer Schwertperle. Durchmesser des Schnallenbeschlages 3,3 cm. M. C. Ross, Arts of the Migration Period in the Walters Art Gallery. Baltimore 1961, 36-37, nach Abb. 4/b. 4. Mit Goldblech überzogene bronzene Riemendurchzüge eines Lang- oder Kurzschwertes. 1941 im Weingarten des J. Pilisi in Zmajevac-(Vörösmart-),,Várhegy", Jugoslawien, gefunden. Bei dem Fundort handelt es sich wahrscheinlich um das römische Castrum Ad Novas. Mit Goldblech überzogene bronzene Riemendurchzüge eines Schwertes oder Dolches. An der Oberfläche in Goldfassungen Almandineinlagen, an den Rändern gepreßte Perldrahtnachahmungen. Länge 4,9 cm. 2. Vinski. Situla 2, Ljubljana 1957, 36-38, 50-51, Taf. 24/92-93. Ders., Seoba Národa. Zemun 1962, 69-70, Taf. I/l. Neuestens GHA 226, V, 13. mit farbigen Abbildungen - fälschlich als Gepidenfunde. Aus demselben Fundort kam ein Solidus des Theodosius II. aus dem Jahre 443, IMP XXXXII COS XVII, zum Vorschein. Z. Vinski. Republika, Zagreb, 2, 1956, 20, Abb. 1: Vorder- und Rückseite der Münze, Abb. 2-3: die Riemendurchzüge von vorn und von hinten. 18. Kanattas, Kurgan 19 Zentral-Kasachstan, Oblast Karaganda, Sowjetunion Unweit des Nordufers des Balchaschsees eine hunnenzeitliche Bestattung in einem groben Steinkammergrab, ähnlich dem „Fürstinnengrab" von Kara-Agatsch in Kasachstan. 1. Die Frau mit künstlich deformiertem (?) Schädel wurde zusammen mit ihren zwei kleinen Kindern begraben. In der hier nicht abgebildeten linken Kammerhälfte lagen als Speisebeigaben der Schädel und die Keule eines Ochsen und eines jungen Pferdes. Die Frau trug auf der Stirn ein halbes, ursprünglich aus drei Platten bestehendes Diadem, dessen fehlende mittlere Platte sowie die andere Hälfte der entzweigebrochenen linksseitigen Platte wohl aus rituellen Gründen zurückbehalten worden waren. Die mit Goldblech überzogenen Bronzeplatten zieren Almandine, Bernsteine, Karneole und andere Steine sowie eine feine Granulation. Länge der unversehrten Platte 6 cm. Die Halskette der Frau bestand aus Bernsteinperlen. Ihr Sohn trug einen 2,5cm breiten, mit Silberplättchen versteiften Gürtel mit Silberschnalle. M. K. Kadyrbajew, Trudy Instituta Istorii. Archeologii i Etnografii Akademii Nauk Kasachskoj SSR 7, 1959, 179-183, 193-198, Abb. 14 (Grabplan), Taf. 25 (Rekonstruktion des Gürtels) und nach Taf. XX. 2. Das erstaunliche Gleichstück des Gürtels von Kanattas aus dem hunnischen Fund von Kapulowka in der Ukraine bearbeitete L. M. Rutkiwska, Archeologija XXIV, Kiew 1970, 199-201, 210. Abb. 5/9. Die Länge der hier teilweise wiedergegebenen, gürtelversteifenden Plättchen von Kapulowka beträgt 2,8 cm. 3. In Ungarn kamen aus einem Grab unbestimmbaren Fundortes im Komitat Tolna acht 3,6 cm lange Verstei-

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fungsplättchen aus vergoldetem Silber von einem ähnlichen Gürtel zusammen mit Silberschnallen ins Museum (WMM N. 23, 1933, 566/14-21). Eine gute Parallele zu dem Gürtel von Tolna stammt aus der Schweiz, aus einem Grab des spätrömischen Vindonissa (Windisch), aus einer für ostgermanisch gehaltenen Bestattung einer Frau mit ihrem Kind aus der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts. Fettich. Nagyszéksós, 71, Taf. LXII/4-13 Vindonissa: M. Hartmann in: Gallien in der Spätantike. Mainz 1980. 136. Nr. 191. 19. Schipowo, Kurgan 2 Uralgebiet. am Derkul-Fluß, Kasachstan, Sowjetunion Unter dem niedrigen Kurgan lag in 220 cm Tiefe eine makrokephale Frau mit artifiziell deformiertem Schädel (1) Sic trug einen hörnehenförmigen Lockenring aus Gold (2), einen aus vergoldeten) Bronzedraht gedrehten Halsring (3), eine eiserne und eine bronzene Gürtelschnalle. Neben dem rechten Knöchel lagen das kleine Bruchstück eines Spiegels und ein Spinnwirtel, neben dem Fuß lagen eine Schuhschnalle und als Wegzehrung Schaffleisch (Schädel und andere Knochen). Das auf der Stirn der Frau gefundene, auf Leder befestigte, aus drei Bronzeplatten zusammengefügte Diadem (4) ist mit lilaroten Glaseinlagen verziert. Länge 25-26 cm. Nach T. M. Minajeva, ESA IV, 1929, 194-197, Taf. 2-10. Der Grabplan wurde aufgrund der Abb. 1 umgezeichnet. Die Rekonstruktion des Diadems geschah mit Hilfe der Originalreste: I. P. Sassetzkaja. ArchSb 10, 196S. 40, Abb. 5/3. 20. Hunnische Frau mit Diadem Werchneje Pogromnoje. Gräberfeld I, Kurgan 4. RSFSR. Oblast Wolgograd, Sowjetunion In diesem östlich der Wolga freigelegten Grab kann ein einzigartiger Grabritus bezüglich der Mitgabe eines Diadems beobachtet werden. Während die Frau von Schipowo das Diadem auf ihrer Stirn trug (vgl. Abb. 19), ebenso wie die Frau von Kanattas die eine Hälfte des aus rituellen Gründen entzweigebrochenen Diadems (vgl. Abb. 18/1), wurde in diesem Fall das dreiteilige Diadem bei der Bestattung zerbrochen, die beiden Außenteile wurden am Becken und beim linken Fuß, der Mittelteil hingegen in der Grabschachtfüllung gefunden. Alle drei Teile dürften während des Bestattungsvorgangs in das Grab geworfen worden sein. In richtiger Position lagen in der linken Ohrgegend ein hörnchenförmiger Lockenring aus Gold (2). ferner eine Perle (3) sowie im Fußbereich bronzene Schuhschnallen (4). Als Speisebeigaben enthielt das Grab reichlich Pferdefleisch: einen halben Schädel, eine Keule. Rippenstücke und Fesselgelenkstücke Die volle Länge des auf doppelter Bronzeunterlage mit Elektronfolie überzogenen Diadems beträgt 28,7 cm (10,5 + 7,7+ 10,5). die größte Breite 3,6cm. Die Oberfläche trägt Almandineinlagen in mit gepreßten Doppeldrahtimitationen gefaßten Zellen. Sehr stark abgetragen und abgenutzt, aus vielen Zellen fehlen die Einlagen. Beschreibung der Grabfunde mit Grabplan: W. P. Schilow. Otscherki po istorii drewnich plemen Nishnewo Powolshja. Leningrad 1975, 56-58. Abb. 43/2. Die Funde veröffentlichte. I. P. Sassetzkaja. ArchSb 10. 1968. 35-36. Taf. 1/10-14 und 4/2. Eine neue Bearbeitung der Schmuckstücke: Sassetzkaja, Solotyje ukraschenija, 41-42, Nr 11-12 (mit Farbfoto des Diadems).

21. Hunnische Diademe 1. Stara(ja) Igren, Ukraine, Oblast Dnjepropetrowsk. Sowjetunion (1959) Stammt aus einem großen Fundkomplex mit Pferderähnen und -knochen, zu dem 29 halbovale und viereckige Goldbeschläge, Riemenzungen usw. gehörten. Außer dem wiederholt publizierten Diadem wurde bisher aus dem Fund nur eine Auswahl veröffentlicht. Mit einem Bernstein und roten Schmucksteinen verziertes Diadem aus mit Goldblech überzogener Bronze, die Fassungen mit feiner Granulation ausgefüllt. Länge 21,5 cm. I. F. Kowalewa. SowArch 1962/4, 233-238. Abb. I. L M. Rutkiwska. Archeologija XXII. Kiew 1962, 154-155, Abb. I. O. Ganina. The Kiev Museum of Historie Treasures. Kiew 1974, Farbtaf. 73, und I. W. Bondar, Orfevrerie ancienne. Moskau 1975, nach Farbbildern mit Maßangaben. 2. Nordhang des Berges Kertsch-Mithridates (?). Halbinsel Krim. Sowjetunion Bestattung mit schmucksteinverzierten Goldblechen. Ohrgehängen und mit Karneolen besetzten, ovalen Fibeln. Auf dem artifiziell deformierten Schädel fand sich das Diadem, dessen Bedeutung darin besteht, daß es wegen seines dreiteiligen Aufbaus und seines Stirnzierates mit dem doppelten Falkenkopf die östlichen Diademe (vgl. Abb. 19: Schipowo, Kurgan 2), wegen seiner Herstellungstechnik und Oberflächenverzierung aber die westlichen vom Typ Csorna (vgl. Farbtaf. XIV-XV) miteinander verbindet. Mit Goldblech überzogene Bronzeplatten, die in 257 Fassungen unregelmäßig geformte Almandine und Granate zieren - auf den beiden Platten mit Vogelköpfen von grünen Glaseinlagen durchsetzt. Durchmesser zusammengesetzt 19 cm, Gesamtlänge 25 cm. A. Goetze. Amtliche Berichte aus den Königlichen Preußischen Kunstsammlungen 29/3. Berlin 1907/8, 62, Abb. 44. Ders., Ein goldenes Diadem der Völkerwanderungszeit. Festschrift Albert Bezzenberger. Göltingen 1921, 52-59. Alföldi,. Hunnenzeit, 59, 76, Taf. VII. Über die angeblich mit dem Diadem zusammen freigelegten funde: F. Fremersdorf. Goldschmuck der Völkerwanderungszeit Sammlung Diergardt. Köln 1953, 37 und Tafel. 22. Hunnische Prunkschwerter aus Osteuropa 1. Sowchos „Woschod", Pokrowsk. RSFSR. Oblast Saratow. Sowjetunion (1929) Die Fundumstände des Grabes dieses Mannes mit artifiziell deformiertem Schädel und sehr reichen Funden (Pferdegeschirr-, Sattel- und Gürtelbeschläge, Speerspitze) sind unklar. Da die Funde vom Wasser unterspült wurden, ist ihre ursprüngliche Lage unbekannt. In der Publikation wurden das 89.5 cm lange Schwert, der in der Nähe gefundene 11.7 cm lange Schwerttragbügel aus Nephrit und die 9.3 cm lange Parierstange getrennt beschrieben. Die goldene Parierstange (in der Publikation wurde sie als ,,Kammbehälter" bestimmt) trägt in Zellen gefaßte rote Glaseinlagen, die Augen der beiden an den Rändern angebrachten Vogelkopfe sind durch weiße Glaseinlagen betont. Dieses Schwert mit der mit doppeltem Vogelkopf verzierten Parierstange iranischen Typs kann als Vorbild

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einer ganzen Reihe von Prunkschwertern der europäi­ schen Völkerwanderungszeit gelten. Die Zellen der obe­ ren Platte sind die nächsten Verwandten der Zellen auf dem Quereisen des 2. Schwertes von Pannonhalma (Farb­ taf. XVIII). I. W. Sinizyn, Iswestija Saratowskowo Nishnewolshskowo Instituta Krajewedenija im. M. Gorkowo VII. 1936, 73-80, nach Abb. I, Abb. 2/2 und 7. 2. Dmitrowka (russisch: Dimitrijewka)-Wolnaja Woda, Ukraine, Bezirk Berdjansk, Sowjetunion Wurde neben einem Männer- und Pferdeskelett in 2,5 m Tiefe gefunden. In goldener Zelle mit violetter Glaseinlage verzierte Parierstange und Schwertperle aus Bernstein. Schwertlänge 100 cm. OAK sa 1904 god (1907). 123 und Abb. 215/a-b. 3. Kisslowodsk-Lermontow-Fels, RSFSR, Bezirk Krasno­ dar, Sowjetunion In dem alanischen Männergrab 10 der Katakombe 2 fanden sich eine goldene Prunkschnalle mit einem Raubvogelkopf und Edelsteineinlage (b), runden Schnallen mit roten Edelsteineinlagen (c), wie sie in hunnischen Fund­ komplexen des Donaugebietes häufig auftreten, Riemen­ zungen (d) sowie kreuzförmige und rechteckige, aus ver­ goldetem Bronzeblech gepreßte Pferdegeschirrbeschläge. Letztere sind ebensogut mit dem Fund von Pannonhalma in Verbindung zu bringen wie das Schwert selbst (a). Das Langschwert von Kisslowodsk ist als Vorbild für das aus Pannonhalma, vor allem aber das aus Altlußheim zu betrachten (zu letzterem: E. Wahle, Forschungen und Fortschritte 10, 1934, 65-67, Abb. 1. F. Garscha, Das völkerwanderungszeitliche Fürstengrab von Altlußheim. Germania 20, 1936, 191-198, Taf. 38-40. Beide Autoren erkannten, daß das Altlußheimer Schwert eine „südrussische" Arbeit ist, doch datierten sie es viel zu spät, nämlich in die zweite Hälfte des 5. Jahrhunderts, und sahen es zweifelsfrei als germanisch, alemannisch oder gotisch an). In den Zellen der nur an der Vorderseite verzierten Parierstange befinden sich rote und gelbe Glasplatten sowie weiße Glaseinlagen. Die Schwertperle ist ebenfalls aus Glas. Schwertlänge 100 cm. A. P. Runitsch, SowArch 1976/3, 256-266, nach Abb. 3/19-20 und 5/2. Ähnlich verzierte Schwerter wurden im Kaukasus noch im 5. und 6. Jahrhundert angefertigt und benutzt, z. B. in Gagra: Ju. N. Woronow, Materialy po Archeologii Abhasii. Tbilissi 1979, 53-54, Taf. 31/2l-21a, ihre europäischen Gegenstücke gehen also auf hunnische und alanische Schwerter zurück. 4. Abrau-Dürso, Grab 479, RSFSR, bei Noworossijsk, Be­ zirk Krasnodar, Sowjetunion Das bei der Zerstörung des Grabes zerfallene Prunk­ schwert kann mit Hilfe der Schwerter von Dmitrowka (auf der Parierstange gut erhaltene Zellen Verzierung mit gleichem Muster, vgl. Abb. 22/2) und Szirmabesenyö (ähnliches Schwertortband, vgl. Abb. 61) rekonstruiert werden. Gleichzeitig ist es einer der wenigen authenti­ schen Beweise in bezug darauf, wie und wo die auf der Abb. 37/1-5 dargestellten Mundbeschläge mit Tragtasche an der Schwertscheide befestigt waren. Im Gegensatz zu der Schwertscheide von Nagyszéksós war die von AbrauDürso mit einem schuppenverzierten Goldblech nicht

überzogen, sondern nur verziert, (vgl. Abb. 62). In dem Grab kamen wichtige. Ethnikum und Zeittellung bestim­ mende Gegenstände zum Vorschein: je ein Kampfmesser alanischen und hunnischen Typs, hörnchenförmige Zopfringe aus Gold (b-c) sowie silberne Gürtel- und Schwertriemenschnallen (d), die das Grab in das zweite Drittel des 5. Jahrhunderts datieren. A. W. Dmitrijew. SowArch 1979/4, 223-226, nach Abb. 8. Über die weiteren Funde des Gräberfeldes Ders., Drewnosti. 1982. 69-107. 23. Rekonstruktion hunnischer Sättel Früher glaubte man. die aus Funden stammenden dreickkigen Besätze mit abgerundeter Spitze gehörten auf den hinteren Sattelknopf. Dem widersprechen jedoch die Funde selbst, die alten Satteldarstellungen und die auch damals noch in Verwendung gewesenen nomadischen Sattel. 1. Aufgrund der schuppenverzierten Gold- und vergoldeten Blechbesätze aus den Funden von Pécs-Üszögpuszta, Lewenz/Léva/Levice, Mundolsheim, Schipowo 3, Nowo­ grigorewka VIII und IX rekonstruierter Sattel (I. Bona, 1956). Zu Mundolsheim: H. Zeiß. Ein hunnischer Fund aus dem Elsaß. Germania 17. 1933, 127-128. Abb. I. Nach Alföldi hielt er die Blechbesätze wegen der Holz- und Lederüberreste an deren Rückseite für Schildbeschläge. Später hat sie J.J. Hatt. Cahier ď Archeologie et d'Histoire d'Alsace 132, 1952. 119-120. als Zierbeschläge eines gorytos, eines Köchers skythischen Typs, interpretiert. Zu Schipowo: T. M. Minajeva, ESA IV, 1929, 202-203, Abb. 30-31 (mit Überresten der hölzernen Bretterenden). Zu Nowogrigorewka: Minajeva. Pogrebenija 97, Taf. VII/26. Sassetzkaja, Solotye ukraschenija 75, Nr. 88. 2. Rekonstruktion des Sattels von Melitopol-Ksiljarskaja Balka aufgrund der Sattelbesätze mit Randleisten aus Gold und vergoldetem Silber (vgl. Lewenz/Léva/Levice und Pécs-Üszögpuszta), die in den alanischen Gräbern 4, 5,9 und 10 von Abrau-Dürso auf den Pferdeskeletten in situ gefunden wurden. A. W. Dmitrijew. SowArch 1979/4, 212-221, nach Abb. 5 (Rekonstruktion des Sattels von Melitopol). Zu Melitopol: W. P. Peschanow. KSIA 11, Kiew 1961, 72-73, Abb. 2-3., und neuere: I. P. Sassetzkaja, Data melitopolskowo komplexa. In: Drewnosti Ewrasii w skifosarmatskoje wremja. Moskau 1985, 68-70, Abb. 1/3, 9. Länge der trapezoiden Sattelbrettbeschläge 16 cm, Breite 8 cm, Gesamtgröße der hörnchenförmigen Be­ schläge 55 x 6 x 2 cm. Wichtig für die Rekonstruktion sind auch die silberbeschlagenen Satttelbrettenden mit Randleisten und Schup­ penverzierung aus der alanischen Katakombe l0 des Lermontow-Felsens von Kisslowodsk. A. P. Runitsch, Sow Arch 1976/3, 259, Abb. 6/1. Größe 19 x 9 cm. 24. Pferdegräber mit Pferdegeschirr und Sattelbeschlägen Abrau-Dürso bei Noworossijsk, Bezirk Krasnodar, RSFSR, Sowjetunion (1974) Die Zeichnungen der Pferdegräber 4, 5 und 9 zeigen gut, daß die schuppenverzierten Goldplatten so und dort neben­ einander gelegen haben, mit der verzierten Seite nach oben,

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wo und wie sich auf dorn Pferderücken Sattelbretter nur befinden bzw. beginnen können. A. W. Dmitrtjew. SowArch 1979/4. 212-215. nach Abb. I/I—III. Die schuppenverzierten Sattelbrettbeschläge ebenda unter Abb. 4/1-3, die übrigen Pferdegeschirreste auf Abb. 3/1-8, 13-21. Di: in der Sowjetunion gefundenen schuppen­ verzierten Sattelbeschläge faßt zusammen I. P. Sassetzkaja in: Drewnosti Jewrasii w skifo-sarmatzkoj wremja. Moskau 1984, 71-78. Tabelle und Typentafel (Abb. 2). 25. Elektronschale Szeged-Röszke-Nagyszéksós (1934) Rekonstruktion des auf Taf. 90 wiedergegebenen Schalenbruchstückes Fettich. Nagyszéksós, 139, nach Taf. XVI/l6a. 26. Holzschalen 1. Holzschale mit Goldbeschlägen Szeged-Röszke-Nagyszéksós (l926, 1934) Mit Hilfe der auf Taf. 88 wiedergegebenen zellenverzierten Scheibe und eines Goldbeschlages rekonstruierte Holzschale Die Zusammengehörigkeit beider Stücke ist zwar ungewiß, doch immerhin möglich. A. Kiss. FoliaArch 33, 1982, 169, nach Abb. 3. 2. Holzschale mit Elektronbeschlägen Szeged-Röszke-Nagyszéksós (1926) Mit Hilfe der unter den Funden vorkommenden Beschlä­ ge rekonstruierte Trinkschale aus Holz. A. Kiss. FoliaArch 33, 1982, 166-168, nach Abb. 2/1. Schon in der ersten Publikation war es Fettich klar. daß es sich bei den Blechen um Beschläge von Holzgefäßen handelte, für ihn ähnelte auch die Gefäßform der von Szilágysomlyó (Fettich. Nagyszéksós. 135-136). Der aus­ schlaggebende Beweis für eine derartige Interpretation war damals schon publiziert: Auf einer zu Füßen des Toten deponierten scheibenförmigen Holzschale in dem frühhunnischen Katakombengrab von DshumgalKysart, Tien-schan-Gegend, Kurgan 10, waren sehr ähnli­ che, am unteren Ende mit je einer Niete befestigte Bronzebeschläge. A. N. Bernschtam, MIA 26, Moskau und Leningrad 1952, 64, Abb. 36/11-13. Auf Holzschalenresten des Kammergrabes 13 von Kischpek (vgl. Abb. 70) kommen verschiedene Varianten ähnlicher Bronzebeschläge vor Die Holzschalen mit Beschlägen sind also östlicher Her­ kunft, ja sie treten auch schon häufig, allerdings ohne Beschläge, in mehreren Varianten und Großen in früh­ hunnischen Katakombengräbern von Kenkol auf (I. Koshomberdijew. Aicheologilscheskije pamjatniki Talasskoj doliny. Frunze 1963. 35-54, Abb. 9/2-4 und in anderen gleichzeitigen Gräbern [Kara-Mojnok. KaraBulak]) Bemerkenswert ist noch, daß die Holzschalen. allerdings mit rechteckigen Beschlagen, auch in den Grä­ bern von Kertsch ab der Zeit der Hunnenherrschaft auf­ tauchen (N. I. Sokolskij. Derewoobrabatywajuschtseneje remeslo w antitschnych gosudarstwach Sewernowo Pritschernomorja. Moskau 1971. 196-197, Taf XXV 9-10. Taf. XXVI/5-6. Dieser Typ hangt nicht direkt mit den metallbeschlagenen Holzgefäßen der Skythenzeit zusam­ men.

27. „Attilas Münzen" 1. Nachahmung des Solidus von Theodosius II Érmihályfalva / Valea lui Mihai, Komitat Bihar, Judeţul Bihor, Rumänien (1926) Die in natürlicher Größe und ziemlich genau umgezeich­ net veröffentlichte Münze wurde von der numismatischen Fachliteratur für verschollen erklärt, und diese enthielt sich mangels eines Fotos auch einer eingehenderen Unter­ suchung. Es blieb jedoch je ein Foto beider Seiten des Solidus in mehr als zweifacher Vergrößerung erhalten, nach dem unsere Zeichnung angefertigt wurde. Die Originalrundschrift des 443 geprägten Solidus (DN THEODOSIVS PF AVG - IMP XXXXII COS XVII PP) wird auf der Nachahmung zwar mit zahlreichen Fehlern wiedergegeben, ist aber dennoch gut zu erkennen (z. R sieht O[[TNEOOO VS. oder aus 42 wird XXXXN). Auch die figuralen Darstellungen auf Avers und Revers sind von höherem Niveau als die des entspre­ chenden Solidus von Végardó, hinter der Feinheit der Zeichnung der Original-Solidi bleiben sie freilich weit zurück. Literatur s. bei Farbtaf. XIII. 2. Nachahmung des Solidus von Theodosius II. Kápolnokmonostor,. einstiges Komitat Szatmár, Copainic-Mănăştur. Judeţul Maramureş. Rumänien (um 1900) Der im Gebiet des Dorfes gefundene Solidus kam in dai damalige Museum von Nagybánya. Durchmesser 21 mm, Gewicht 4,5 g. Die behelmte Kaiserfigur in Panzer und mit Lanze der Vorderseite ist schlechter ausgeführt als auf den Exemplaren von Végardó (Farbtaf. XIII) und Érmihályfalva, auch die Rund­ schrift ist fehlerhafter O]]VOOO . IV Huckseite erinnert entschieden an die Nachahmung von Végardó, jedoch wurde die zeitbestimmende In­ schrift VOT XXX - MVLT XXXX (430) so fehlerhaft kopiert, daß ihr Vorhandensein nur durch das Ge­ samtbild der Inschrift und des Münzbildes bewiesen wird Aus dem die Emission bezeichnenden CONOB wurde U OHO . Der unverzierte Rand der Nachahmung ist mit der Münze von Érmihályfalva nah verwandt und unter­ scheidet sich in dieser Hinsicht gründlich von der von Végardó. Útmutató a Nagybánvai Városi Múzeum gyűjtemény­ eihez - Wegweiser zu den Sammlungen des Städtischen Museums zu Nagybánya, Nagybánya 1904, 10. E. Chirilă - A. Socoian. Tezaure şi descoperiri monetare din colecţia Muzeului Judeţean Maramureş. Baia Mare 1971. 72-73, nach Taf. XI/I umgezeichnet. 3. Nachahmung des Solidus von Theodosius II. Dina-Berek, Okres Nové Zámky. Bény (früher: Kisbény). ehemaliges Komitat Esztergom (1964) Über den Schatz, die Fundumstände und die Münzfäl­ schung vgl. die Beschreibung und Daten der Farbtaf. XIII E. Kolníková. Numismatický Sborník 10 (1965), 5-50, Taf. I-X., über die zwei gefälschten Solidi 43 und Taf. IX. Nr. 107-108. Unsere Zeichnung wurde nach E. Kolníko­ vá. Rimske mince na Slovensku. Tatran 1980, 89, 116, Abb. 68. angefertigt.

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28. Aureliani/Orléans, Mitte 5. Jahrhundert Infolge der Forschungen von J. F. Baratin wurde Ende der 1970er Jahre geklärt, daß das Aureliani aus dem späten 4. Jahrhundert eine die - früher nicht gekannte - Steinbrücke der Liger/Loire schützende 400 x 500 m große Quadratburg (quadriburgium) war. ein Festungstyp, dessen Parallelen gerade aus Pannonien und Valeria bekannt sind, in erster Linie der Größe fast identisch mit Iovia/Alsóheténypuszta. Aus den Orléanser Forschungen ergeben sich zwei große Lehren. Einesteils haben wir erfahren, daß die im allgemeinen in ihrer militärischen Bedeutung unterschätzten spätrömischen Quadratburgen imstande waren, für eine ge­ wisse Zeit auch einer gewalligen Armee zu widerstehen, wenn sie entsprechend verteidigt wurden. Andernteils wurde klar, wie die von Aetius und Theoderich geführten verbünde­ ten Truppen schnell und „unerwartet" die fast schon gefalle­ ne Festungsstadt befreien konnten: über die durch die kleine Festung am Brückenkopf noch gehaltene Steinbrücke. M. F. Gleizes-M. Petit in: La Neustrie. (Hrsg. P. Périn und L.-Ch. Feffer) Rouen 1987, 338-339 und Grundriß nach Abb. 137. Ebenda eingehende Literatur. Zu Iovia/Kapospula-Alsóheténypuszta: S. Soproni, Der spätrömische Limes zwischen Esztergom und Szentendre. Budapest 1978, 138-142, Taf. 88, und E. Tóth: ArchÉrt 114-115, 1988, 22-61, Abb. 3. Zum ähnlichen pannonischen aus Floriana/Ságvár und Keszthely-Fenékpuszta E. Tóth, Zur Chronologie der militärischen Bautätigkeiten des 4. Jh. in Pannonien. MAI 14, 1985, 121-136, Taf. 1-6. allgemeine Zusammenfassung: St. Johnson, Late Roman Fortifications. London 1983, 123, 254. Dort ist aber in Orléans noch der Forschungsstand vom Beginn des Jahrhunderts, ohne Brükke und Türme (101 und Abb. 33) angegeben. 29. Schwertgriff Pouan. Dépt. l'Aube, Frankreich Ein auf eigene Faust tätiger Arbeiter stieß am Ufer der Aube im Jahre 1842 auf diesen besonders reichen Gold fund. Schon um 1860 debattierte man über die Fundumstände, die jedoch heute noch unklarer als vor 150 Jahren sind. Die Funde kamen nämlich aus nur 80 cm Tiefe ans Tageslicht: „Verschiedene menschliche Knochen, zwei oxidierte Eisen­ klingen sowie Goldschmuck und Zierate". All das erinnert sehr an die Fundumstände der Opferfunde von Bátaszék, Pannonhalma, Pécs-Nagykozár-Üszögpuszta, Makart e t, Schtscherbata-Tal, Radensk und Nowo Iwanowka. Man kann sich jedoch nicht des Eindrucks erwehren, daß das „ex­ humierte Skelett" erst später zu den inzwischen zu Grabbeiga­ ben des Westgotenkönigs Theoderichs I. erhobenen Funden dazugedichtet worden ist. Denn über den Schädel sowie die anderen Knochenrequisiten des Königs war schon Mille des vorigen Jahrhunderts nichts Näheres mehr bekannt. Mit Ausnahme des 87 cm langen, zweischneidigen Schwertes mit Goldgriff und zellenverziertem Knauf, das sich wegen der der „germanischen" Tragweise angepaßten Riemendurchzüge von den bisher bekannten „nomadischen" Prunkschwertern unterscheidet (was allerdings auch auf eine nachträgliche Veränderung zurückzuführen sein kann), sind alle Funde von Pouan (goldener Ösenhalsring, Armring mit trompetenförmigem Ende, verschiedene goldene Schnallen, zellenverzierte Rundscheibe einer Schwertperle, Ösenring) Erzeugnisse der Donau- oder Pontusgegend. Trotzdem un­ terscheidet sich dieser Fundkomplex wesentlich von den oben angeführten Parallelen: Es fehlen Bogenbeschläge und

Pferdegeschirr. Sei es, daß diese Gegenstände zusammen mit dem Toten in einem Grab niedergelegt wurden oder daß es sich tatsächlich um ein Totenopfer hunnischer Art handelte, der ursprüngliche Besitzer kann keinesfalls ein Hunne ge­ wesen sein. In Frage kommen könnte der an der Seite Attilas gefallene König Laudarich, ein Verwandter von Attila. Die Klinge des einschneidigen Kampfmessers ist 60,2 cm lang und 3 cm breit. Die herzförmige Goldplatte am Knauf ist kleiner als jene von Oros (Taf. 108), ihre Länge beträgt 3,3 cm. Die Ausmaße und die Form des Kurzschwertes stim­ men mit den hunnenzeitlichen gepidischen und hunnischen Kampfmessern und Schwertern von Szirmabesenyö (Abb. 61), aus dem ,,Fürstengrab" von Érmihályfalva-StancGarten, dem Grab VIII desselben Fundortes von KrisánBesitz, von Klausenburg/Kolozsvár-Kardosfalva (ClujCordoş), den Bruchstücken von Ghenci/Genes-Akaszlódomb sowie von Großwardein/Nagyvarad-Szalka (OradeaSalca) überein, die in den Gräbern nicht selten zusammen mit zweischneidigen Langschwertern vorkommen. z. B. D. Cochet, Le tombeau de Childéric I". Paris 1859, 86 und Abbildung sowie 107, 260, 313 und 378, M. Peigné-Deiacourt, Recherches sur le Lieu de la Bataille d'Attila. Paris 1860, 1, 4-5, 53, Taf. 11/16-17. É. Salin und A. France-Lanord. Gallia 14, 1956, 68, Abb. 9. Während die letztgenannten Autoren im Zusammenhang mit dem gesamten Fundkomplex - das Langschwert, dessen Ursprung wahrlich diskutabel ist. inbegriffen -zu dem veral­ teten Begriff „graeco-sarmatischen" Ursprungs kommen, können sie sich geschichtlich nicht von dem tief verwurzel­ ten „gotischen" Komplex lösen (a. a. O. 73-75). Selbst E. Keller (Germania 45, 1967, 109 120), der das „attilazeitli­ che" Grab von Pouan und seine östlichen Zusammenhänge neu erörterte, schreckte vor Schlußfolgerungen zurück, er ließ sogar Pouan von der Verbreitungskarte weg. Die zuletzt ausgezeichnet restaurierten und vielleicht logi­ scher als früher zusammengestellten Fundstücke sind mit der gesamten älteren Literatur vorgestellt bei: J. Bienaimé, Le trésor de Pouan au Musée de Troyes. Troyes o. J. Später wurden sie von M. Schulze wieder beschrieben, die hunni­ schen und ostgermanischen Elemente hervorhebend. Gallien in der Spätantike. Mainz 1980, 195-196 und Abb. 305b. 30. Alanische Gräber Aus dem in der Nähe von Noworossijsk am Dürso-Fluß beim Dorf Abrau erschlossenen Gräberfeld, RSFSR, Bezirk Krasnodar, Sowjetunion 1. Grab 300. Skelett eines kräftigen Mannes mit künstlich deformiertem Schädel, mit auf Steppentracht weisenden Gürtel- und Stiefelschnallen und einem barbarischen Obolus in der rechten Hand. In der Halsgegend eine vergoldete, mit Steinen verzierte Bronzefibel, quer über der Brust große Silberplattenfibeln. Das während der Bestattung in drei Teile gebrochene (?) oder nachträglich gestörte Langschwert ist auf unserer Abbildung wiederher­ gestellt und mit dem Chalzedonanhänger in richtiger Lage wiedergegeben. Neben dem rechten Arm lagen eine Perlenhalskette, ein Bronzespiegel und ein hörnchenförmiger Lockenring, zu Füßen befindet sich eine Tonschüssel. 2. Grab 500. Doppelbestattung eines Mannes und einer Frau, die sich un den Händen halten. Ein Teil des rechts ruhenden Männerskeletts fiel moderner Störung zum Op-

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fer. Beachtenswert ist das neben seinen Schädel gelegte Kurzschwert. Für die Frauenbestattung überraschend ist die Beigabe eines an den Gürtel geschnallten zweisehnei­ digen, silberbeschlagenen Langschwertes, dessen Scheide ursprünglich auch ein Silberblech mit Schuppenmuster zierte. Die Frau muß aufgrund der im Unterbeinbereich gefundenen Schnullen Hosen getragen haben. Unge­ wohnt ist auch die neben ihren Kopf gelegte Schafschere. Als Schmuck trug sie eine große Silberplattenfibel und silberne Armreifen. Das Paarstück der Plattenfibel sowie ihre Perlen, die silbernen Ohrgehänge mit Polyederknopf, der Bronzespiegel, die Haarpinzette und ein Spinnwirtel aus Bergkristall waren zu ihren Füßen deponiert. A. W Dmitrijew. SowArch 1979/4, 222-229. aufgrund der Abb. 6-7 und 9-10 Als ob er vor seiner eigenen Kühnheit zurückgeschreckt sei. bezeichnet der Verfasser in einer neueren Arbeit das Grab 500 als ein doppeltes Männergrab. Dank der anatomisch genauen Skelettzeichnung bestand allerdings kein Grund zu derlei Be­ sorgnis, schon deshalb nicht, weil sich in dem Friedhof eine Reihe solcher, wie er sich ausdrückt, „Shemuschtschina" („Mannweib" oder umgekehrt) fand: z. B. der im Grab 291 bestattete Mann mit großen Silberplattenfibeln, hörnchenförmigen Haarringen, einem Lang- und Kurzschwert oder eine im Grab 420 bestattete Frau mit einem großen silbernen Plattenfibelpaar und einem Kurzschwert. A. W. Dmitrijew. Drewnosti. 1982, 82, 90-91. 31. Alanische Grabfunde Jászbereny-Szőlődűlö. Komital Jász-Nagykun-Szolnok (1930). Funde aus vier W-O-orientierten Gräbern, MNM Inv.-Nr. I. 1930 1. Das aus Grab 4 stammende, zweisehneidige Kurzschwert mit ungewöhnlich breiter Klinge war aufgrund zahlrei­ cher Grabfunde (vgl. z. B Abb. 30) eine Nahkampfwaffe der Alanen. Länge 49,2 cm, Klingenbreite 6,3-9,5 a n . 2.-3. Aus dem bereits altgestörten Grab I stammen die beiden aus Bronze gegossenen, kerbschnittverzierten Fi­ beln, die von der Krim bis in das Kurpatenbecken verbfei­ tet waren. Aus dem erwähnten Männergrab mit Kurz­ schwert folgernd, wurden sie von einer alanischen Frau getragen (vgl. dazu Abb. 32 und 34). Länge 6.2 cm. 4. Die Alanen machten manchmal bei der Bestattung die Schwerter durch Zusammenbiegen unbrauchbar, so z. B. das in Grab 40 von Csongrád-Kenderföldek gefundene Kurzschwert. Ursprüngliche Länge 44,5 cm. Ein Paar kam aus Grab 136 desselben Friedhofs ohne Verkrüm­ mung zutage. Länge 43,4 cm M. Párducz. Acta ArchHung 11, 1959. 313, 318, nach Taf. 1/8 (Csongrád). Taf. XX1/13-14, XXII/1 (Jászberény) Zu Grab 136 aus Csongrád-Kaszárnya Párducz, Hunnenzeit 51-52, Taf. XI/I. Erst bei erneuter Reinigung stellte sich heraus, daß es sich um den gleichen Typ han­ delt. G. Vörös, GHA. 146. II. 32a.

A. Salamon. A Szekszárdi Balogh Ádám Muzeum Füzetei 9. Szekszárd 1968. 3. 4, 9, Abb. 4/2. 6. 2. Csongrád-Kaserne, Grab 133 Das Skelett war im Bereich der Beine durch einen moder­ nen Kanalgraben geteilt. Länge der Fibeln 6,1 cm. MNM Inv.-Nr. N 54. 2. 224. Die Halskette besteht aus Bern­ stein- und farbigen Glasperlen. Im rechten Brustbereich ein zweireihiger Beinkamm. Párducz. Hunnenzeit. 51, Taf. VIII/I-II. Die Planzeichnung (Abb. 3) wurde von M. Kőhegyi angefertigt. 33. Grabfund von Léva/Leweni/Levice-Kalvaríenberg Tschechoslowakei (1899) Die Länge der vergoldeten Bronzefibeln (1-2) beträgt 6,4 cm. Die Perlen (3) aus farbigem Glas, Bernstein und Karneol waren auf einen halben, aus Bronzedraht geflochte­ nen Halsring aufgezogen. Der hörnchenförmige Lockenring (4) und die Zikade (5) (Lange 2,5 cm) sind aus Silber. Der Weißmetallspiegel (6) mit einem Durchmesser von 5,5 cm kam in Bruchstücken ans Tageslicht Zu dem Komplex ge­ hörte noch ein 10 cm hohes, henkelloses Näpfchen. Die Funde wurden keinesfalls in dem Gefäß vorgefunden, wie dies die die Funde zum Kauf anbietenden Vermittler mit gewohnter Besserwisserei behaupteten (vgl. Mezőberény. Farbtaf. XXVIII). Sic stammen sicherlich aus einem Körpergrab. T. Lehoczky. ArchÉrt 28, 1908, 422-423, Abb. 1-3. Unse­ re Abbildung wurde nach dem im ehemaligen LehoczkyMuseum in Munkács (Mukatschewo) aufgenommenen Ar­ chivfoto (ELTE, Lehrstühle für Archäologie) angefertigt. Die folklorisüschen Fundumstände leben jedoch - wie die ähnlichen im allgemeinen - auch heute weiter und verbreiten sich. Sie wurden bereits übernommen von E. Beninger, Die germanischen Bodenfunde in der Slowakei. Reichenberg und Leipzig 1937, 53, dann von H. Kühn, Die germanischen Bügelfibeln der Völkerwanderungszeit in Süddeutschland II Graz 1974, 631 und nach ihm von A. Holl. Annalen des Naturhistorischen Museums in Wien 85/A 1983, 46. A Kiss. Alba Regia 19, 1981, 179, vermutet geradezu einen Schatzfund. 34. Waffen, Gußhenkelkrüge und Schmuck östlicher Herkunft im Karpatenbecken

Die aus der Mitte und dem Westteil des Karpatenbeckens früher unbekannten Waffen, Gefäße und verschiedenen Schmuckstücke zeugen vom Eindringen hunnischer, alanischer und ostgermanischer Volksgruppen aus dem Osten. Die neuen Funde sind in kleineren und größeren Gruppen verbreitet und stammen hauptsächlich von den ethnischen Gruppen, die von den Hunnen aufgestört und bis nach Pannonien vertrieben worden waren, zu einer Zeit, als die Hunnen selbst mit Ausnahme von Valerien Pannonien überhaupt noch nicht betreten hatten. Die eigentümliche großenteils in Verbindung mit spätrömischen Festungen bzw. Siedlungen - Verbreitung der Zikaden vom pontischen Typ erfordert noch weitere Untersuchungen. 32. Frauengräber mit kerbschnitttverziertem bronzenen Fibelpaar Die zweischneidigen Kurzschwerter mit breiter Klinge weisen in erster Linie auf das Eindringen von Alanen hin: 1. Szekszárd-Palánk, Grab 210. Komitat Tolna Länge der Fibeln 6 cm Die Halskette besieht aus far­ bigen Glasperlen unterschiedlichen Ausmaßes und hat einen großen Bernsteinanhänger A/1. Jászberény-Szölödúlö. (Vgl. Abb. 31/1) A/2. Umgebung von Jászberény M. Párducz. Acta Arch Hung 11, 1959, 318, 367

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A/3. Csongrád-Kenderföldek, Grab 40 und 136, (Vgl. Abb. 31/4) A/4. Tiszakarád-Szent Mária-puszta, Komitat BorsodAbaúj-Zemplén. MNM Inv.-Nr. 6, 1893, 3, Unpubliziert. A/5. Izmény, Komitat Tolna. WMM Inv.-Nr. N 7, 938, 3, Länge 40 cm. Während des Zweiten Weltkrieges verlo­ rengegangen. A/6. Keszthely-Fenekpuszta. Erwähnt von K. Sági, Arrabona 21, 1979, 115, Ders., Drewnosti. 1982, 53-54, Von der Halbinsel Krim stammt der Typ der hunnenzeitlichen Krüge mit Gußhenkel: B/1. Středa nad Bodrogom/Bodrogszerdahely (Abb. 68/2) B/2. Tiszalök-Razompuszta (Abb. 68/3) B/3. Csongrád-Kenderföldek, Grab 28 B/4. Regöly (Taf. 17) B/5. Wien-Leopoldau, Grab 3 (Abb. 68/4). Zur Literatur vgl. Abb. 68, B/6. Velke Nemčíce, Bezirk Břeclav, Mähren, Tschechoslo­ wakei. Aus einer hunnenzeitlichen Siedlung zusammen mit schönen geglätteten Krügen vom Murga-Typ. I. Peskár, Památky Archeologické 74, 1983, 184, Abb. 2/1-2. Die kleinen, mit einem Vogelkopf verzierten Bronze­ schnallen sind östlicher Herkunft. Parallelen aus Bronze sind uns von der Krim (Simferopol, Kertsch) und aus dem Kau­ kasus (Tschegem) bekannt, aus Gold aus einem Grab in Kisslowodsk (vgl. Abb. 22/3). Die Glaseinlagen sind aus­ nahmslos herausgefallen. C / 1 . Nyíregyháza, Komitat Szabolcs-Szatmár-Bereg. MNM Inv.-Nr. 22,1854. C / 2 . Sály-Latorhegy, Komitat Borsod-Abaúj-Zemplén. Noch nicht inventarisiertes Einzelstück aus den Gra­ bungen Judit Gádors. C/3. Jánoshida-Káposztásdúlő, Komitat Jász-NagykunSzolnok. Paarweise aus einem Frauengrab. MNM Inv.-Nr. N 3, 1939, 1-2. Csallány, Gepiden, 235-236, Taf. 202/5-6, I. Kovrig, ArchHung XL, 1963, 196-197, Abb. 13/2-3. C/4. Magyarcsanád-Bökény-Marospart, Komitat Csong­ rád. Aus gestörten Gräbern, darunter auch eine hun­ nenzeitliche dreiflüglige Pfeilspitze aus Eisen. Ehema­ liges Museum in Makó, Inv.-Nr. 661/1938, Csallány, Gepiden, 143, Taf. 159/3, C/5. Esztergom-Téglagyár (Ziegelei). Angeblich aus einem Männergrab, in der Beckengegend. A. Balogh. ArchÉrt 1944/45, 301, Taf. 95/6, C/6. Németkér-Innengebiet, Komitat Tolna. Aus einem Frauengrab zusammen mit einem Armring und einer Bernstein-Halskette. Verlorengegangen. C/7. Mözs-Palánk, Grab 11, Männergrab mit einem glättverzierten Krug, einer zellenverzierten Gürtelschnalle mit Vogelkopf und mit je einer glatten bronzenen Vogelkopfschnalle im Bereich der Knöchel, (vgl. Taf. 77/1-2,) Á. Salamon. MittArchInst 1958-1968, 148-149, Nr. 51, Á. Salamon -I. Lengyel, World Archaeology 12/1, 1980, 90, Taf. 1/1-2, C/8. Wien 21-Leopoldau, Grab 3, Aus einem hunnenzeitli-

chen Grab zusammen mit einem Langschwert mit eiserner Parierstange und Schwertperle aus Bernstein sowie mit einem Gußhenkelkrug. E. Beninger. Mannus 28, 1936, 260. Abb. 8-9, H. Friesinger, ArchAust 68, 1984, 130. Abb. 12/8, C / 9 . Sigmundsherberg. Niederösterreich (1889). Aus zer­ störten Körpergräbern. Unter den Funden auch ein einschneidiges Kampfmesser. A. Lippert, Germania 46, 1968, 328-329, Abb. 2/4, E. Szamek. ArchAust 68, 1984, 151, Abb. 16/4-5. C/10. Nový Šaldorf, Südmähren. Tschechoslowakei. Aus zerstörten Gräbern, verwandte Variante ohne Vogel­ kopf. L. Červinka, Anthropologie Prag 14, 1936, 135, Abb. 29/9, J. Tejral, Morava na slonku antiky. Prag 1982, 117-118, Abb. 41/6 und Taf. 24/12. Die aus Dreiecken und Rhomben zusammengesetzten kerbschnittverzierten, gelegentlich vergoldelen Bronzefibeln wurden von Germanen, Alanen und vielleicht auch Hunnen in gleicher Weise getragen. D / 1 . Leva/Lewenz/Levice-Kalvarienberg (1899). (Vgl. Abb. 33,) Paarweise freigelegt. D / 2 . Jászberény-Szőlődülő, Grab I (Vgl. Abb. 31/2-3,) Paarweise freigelegt. D / 3 . Szekszárd-Palánk. Grab 220. (Vgl. Abb. 32/1,) Paarweise freigelegt. D / 4 . Csongrád-Kaszárnya. Grab 133, (Vgl. Abb. 32/2,) Paarweise freigelegt. D / 5 . Szekszárd-Palánk, awarische Grab 100. Einzelfund. Á. Salamon, A Szekszárdi Balogh Ádám Múzeum Füzetei 9, Szekszárd 1968, Abb. 4, 5/6, D / 6 . Kassa/Kaschau/Košice, Ostslowakei, Tschechoslo­ wakei. Einzelfund. Im Kaschauer Museum frühere Inv.-Nr. 2356, A. Bálint, Új Magyar Múzeum 1, 1942, 97, Taf. III unten rechts. Die spätere Fachliteratur publiziert die fälschlich erneut ins Inventar aufgenommene Fibel irrtümlich als „zweiten" Fund von Lewenz. D / 7 . Prša/Perse-Bércdűlő, Grab 27, A. Točik und J. Drenko, Archeologické rozhledy 2, 1950, 166, Abb. 99, A. Točik. Študijné zvěsti AUSAV 9, Nitra 1962, 202, Abb. 12/2. D / 8 . Csongrád-Kenderföldek, Grab 85 (7). M. Párducz. Acta ArchHung 11, 1959, 314-315, Taf. XI/5, Kommt in der Beschreibung des fachgemäß freigelegten Grabes 58 nicht vor, kam unter dieser Grabnummer nur auf die Tafel. Wahrscheinlich stammt der Fund aus dem zerstörten, nicht beschrie­ benen Grab 85 und ist identisch mit der Fibel des Csongráder Museums, Inv.-Nr. 85, 2, 12, D / 9 . Szilágy-Aranyoldal, (Comitat Baranya. Einzelfund. J. Dombay, JPMÉ 1, 1967, 255, Taf. 38/25, D/10. Bodrogmonostorszeg/Bački Monostor, Grab l. K. Gubitza, ArchÉrt 22, 1902, 339, Abb. 2, Paarweise zusammen mit Zikaden gefunden! Z. Vinski, Problemi seobe naroda u Karpatskoj kotlini. Novi Sad 1978,35, Taf. VI. 1-2: nach Reinigung und Restaurierung angefertigtes Foto. D / 1 1 . Lužianky/Sarlóskajsa-Neutraufer, Slowakei, Tsche­ choslowakei. Wahrscheinlich aus einem bei der Flußregulierung zerstörten Grab, (194l).

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A. Točik, Študijné zvesti AUSAV 9, Nitra 1962, 195-196, Abb 8/2, D / 1 2 . Steinbrunn (vormals Stinkenbrunn/Büdöskút). Bur­ genland, Österreich. H. Mitscha-Märheim. Festschrift für Alfons A. Barb. Eisenstadt 1966, 110, Abb 2/5, D / 1 3 . Carnuntum/Bad Deutsch-Altenburg. Einzelfund Länge 6,2 cm. E. Beninger. Materialien zur Urgeschichte Öster­ reichs. 4, 1930, 38, Taf 17/2, D / 1 4 . Carnuntum/Bad Deutsch-Altenburg. Einzelfund, an­ dere Variante. Länge 6,9 cm. E. Beninger, a. a. O., Taf. 17/3. W. Jobst. GHA 330, VII. 1. g. D / 1 5 . Sicia/Šišak, Jugoslawien. Einzelfund. H. Brunšmid Vjesnik hravatskojarh društva 8, 1905, 219, Abb 36 D / 1 6 . ,,Ungarn". Einzelfund. MNM Inv.-Nr 171, 1874, 35, F. Pulszky. ArchÉrt 1, 1881, 209, Abb. 4 auf Seite 206 Hampel. Alterthümer III, Taf. 10/4 D / 1 7 . Halbturn/Féltorony-Bauernhutweide. Burgenland, Österreich. Einzelfund. Bronze, Länge 8,3 cm. A. Holt. Annalen des Naturhistorischen Museums in Wien 85/A, 1933, 45-46, Taf. I/2, P. Stadler. GHA 338, VII, 24 D/18, Mitterhof, Grab 3, Niederösterreich. Unpubliziert. A. Hall, a. a. O. unter 46. D / 1 9 . Pobedim/Pobedény. Slowakei, Tschechoslowakei. Streufund. D. Bialeková. Študijné zvesti AUSAV 18, Nitra 1970. 368-369, Abb. 1. D/20. Bratei/Pretai/Barátbely, Grab 2/1968, Siebenbürgen. Rumänien. L. Bârzu. SCIVA 37, 1986, 99-100. Abb. 5/2-3. In einem ausgeraubten gestörten Grab zusammen ein Exemplar von 6,3 und eins von 6 cm Durchmesser. Auf der Karte sind Nr 16 und 20-21, rudu verzeich­ net. D/21, Bakta/Nagybakta. Grabfund mit Zikade (1990). Wie E/20. Die aus der Gegend des Schwarzen Meeres und dem Kau­ kasus stammende Variante der Gold-, Silber- und Bronzezikaden verbreitete sich hauptsächlich entlang der Donau. Die großen römischen Variantco der Zikaden sowie die bei den römerzeitlichen Sarmaten der Tiefebene vorkommenden klei­ nen Typen (Öcsöd-Bábocka, Tiszafoldvár) dürfen mit den hier in Frage stehenden Zikaden nicht verwechselt werden. E / 1 . VIMINACIVM/Kostolac, Serbien, Jugoslawien, Grab 16, Länge 4,3 cm. L. Zotovič, Starinar 31, 1980, 110, Taf. IV/7 E / 2 . MARGVS/Orašje, Jugoslawien. Aus Silber. Länge 4,6 cm. Z. Vinski, Zikadenschmuck, aus Jugoslawien. JRGZM 4, 1957, 140, Abb. 16. E / 3 . BVRGENAE/Novi Banovci, Wojwodina, Jugo­ slawien. Sechs in die Hunnenzeit und zu unseren Typen gehörende Bronzeexemplare. Länge um 3 cm. H. Kühn. JPEK 10, 1935, 90. Taf 24, Nr. 58-59 Z. Vinski, a. a. O., 138, Abb. 3, 4, 6 GHA 224-225, V, 11, b-i. E / 4 . Tiszavasvári-Városföldje, Haus I. Komitat SzabolcsSzatmár-Bereg. 1982

Grabung von E. Istvánovits. ArchÉrt 111, 1984, 262, Unpubliziert. Aus Silber, Länge 2 cm. E / 5 . Bodrogmonostorszeg/Bački Monostor. Grab I Woj­ wodina. Jugoslawien. Aus vergoldeter Bronze. Länge 3 cm. K. Gubitza. ArchÉrt 22, 1902, 339-340, Abb. 4 E/6. INTERCISA/Dunaújváros, Komitat Fejér, Grab­ fund, 1973, Paar aus Silber, Länge 3,9 cm. Zs. Visy. ArchÉrt 108, 1981, 211, Abb. 3/1-2 und 4/1-2. E/7. Kistokaj-Homokbánya, Komitat Borsod-AbaújZemplén, aus zerstörtem Grab, 1972, Paar aus ver­ goldetem Silber, Länge 3,7 cm. Unpubliziert. (Vgl. Taf. 40/3,) E / 8 . Csömör. (Vgl. Taf. 95,) E/9. Léva/Lewenz/Levice-Kalvarienberg. 1899, (Vgl. Abb. 33,) E/10. Šarovce/Sáró-Makóczadomb, Grab 17/1955, Slowa­ kei, Tschechoslowakei. Aus vergoldetem Silber, Län­ ge 4,4 cm. B. Novotný. Šarovce. Bratislava 1976, 154, Abb. 20/ B3 und Taf. XXI/2, K. Pieta. GHA 414, IX, 23, E / 1 1 . BRIGETIO/Szöny. Komitat Komárom. Drei ver­ schiedene Zikaden: a. Bronze, Länge 3 cm. Z Vinski, a. a. O., 146, Abb. 19, b. Bronze, Länge 3,6 cm. T Kolník, Skvosty antiky na Slovensku. Bratislava 1979, 140, Abb. 53, c Bein. Länge 3 cm. I. Borsos. ArchÉrt 18, 1898, 352, Abb. 2 (aus der Sammlung J. Sárközy, Ószőny). E/12. CELAMANTIA/Leányvár. Slowakei, Tschechoslo­ wakei. Bronze, Länge 4 cm. K. Kuzmovâ-T. Kolnlk-J. Rajtár. Archeologické výz­ kumy na Slovensku v roku 1980. Nitra 1981, 158-159, Abb. 88/10. E / 1 3 . Györköny. (Vgl. Farbtaf. XXV) E / 1 4 .Großmutschen/Sopronudvard, Burgenland, Öster­ reich. Bronze, Länge 3,1 cm. H. Mitscha-Märheim. ArchAust 50, 194-195, Abb. 18, E / 1 5 . SISCIA/Šišak, Kroatien, Jugoslawien. Blei, Länge 2,2 cm. Z. Vinski, a. a. O., 138, Abb. 52, Nach Meinung von K Simont, GHA 195, IV, 7.a, Silber. Länge 2,4 cm. E/16. NEVIODVNVM/Drnovo. Kroatien. Jugoslawien, Bronze, Länge 2,5 cm. Z. Vinski, a. a. O NO. Abb. 14, E/17. Devin/Theben/Dévény, Slowakei. Tschechoslowakei Aus einer spatrömischen Kontrafestung. Bronze, Länge 3,8 cm. V. Placha-K. Pieta. Archeologické rozhledy 38, 1986, 354, Abb. 5/13. E / 1 8 . Untersiebenbrunn. Niederösterreich. Aus einem Kindergrab ein Silberpaar, Länge 5,6 cm. W. Kubitschek. JbfA 5, 1911, 64, Taf V. Abb. 1/3-4, E/19. Novy Šaldorf, Grab 9/23, Südmähren, Tschechoslo­ wakei. Bronze, Länge 2,5 cm. L. Červinka. Anthropologie Prag 14, 1936, 107, Taf. 29/7, J. Tejral. Morava na slonku antiky. Prag 1982, 109-110. 207, Abb. 40/2, 81/2 und Taf. 24/8. E/20. Bakta/Nagybakta, Karpato-Ukraine, Bezirk Bereg­ szász, Sowjetunion, Bronze mit abgebrochenen Flügeienden, Länge 3,9 cm.

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Typ wie E/10. In einem Frauengrab zusammen mit einem hörnchenförmigen Lockenring aus Gold und mit Silberschnallen gefunden. Unpubliziert. Freundli­ che Mitteilungen von Jolanda Tscherkun (1991). Auf der Karte nicht verzeichnet. Die hörnchenförmigen Lockenringe aus Bronze, Silber und Gold sind im Karpatenbecken seltener und nicht so beliebt gewesen wie im hunnischen und hunnenzeitlich-alanischen (zu den letzteren s. z. B. die Funde der Katakombengräber von Kisslowdsk, A., P. Runitsch in: Materialy po archeologie drewnej istorii Sewernoj Ossetii Bd II. 1969, 97 ff. Taf. III/9, VI/16, VII/8) Osten. Bereits während der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts wurde dieser Schmuck in die Tracht der Gepiden und anderer Germanen aufgenommen. Nach den Grabfunden in der Tiefebene und in Siebenbürgen bewahr­ ten die Gepiden diese Trachtbeslandteile bis in die zweite Hälfte des 5. Jahrhunderts. F / 1 . Csongrád-Kenderföldek (=Kaszárnya) Grab 14, Paar aus Silber M. Párducz, Acta ArchHung II, 1959, 311, Taf. V/13-14 Csongrád-Kaszárnya. Grab 128, Silbernes Exemplar in einem Männergrab mit Pfeilspitzen. Párducz, Hunnenzeit, 50, Taf. IX/1. F/2.a Csongrád Werböczi utca, Kindergrab 5, Silber. Párducz, Dolgozatok 12, 1936, 53, Taf. 41/5, F/2.b Csongrád - Iskola utca Nr. 8, Frauengrab. Silber M. Párducz, MFMÉ 1968, 28, Taf. 1/3. F / 3 . Hejókeresztúr-Homokbánya, Komitat BorsodAbaúj-Zemplén. Silber und Gold paarweise aus ei­ nem Brandgrab zusammen mit Silberschnalle und Silberanhänger. Csallány, HOMÉ 2, 1958, 83, Taf. 1/2-3. F / 4 . Lewenz/Léva/Levice-Kalvarienberg, (1889.) Silber. (Vgl. Abb. 33,) F / 5 . Nyírkarász-Kishalom, Komitat Szabolcs-SzatmárBereg, Goldexemplar aus einer nicht untersuchten Nachbestellung. D. Csallány. HOMÉ 2, 1958, 89, Taf. 1/5. F / 6 . Oros-Gegend, Komitat Szabolcs-Szatmár-Bereg, Gold. I. Kovrig, Acta ArchHung 10, 1959, 211, Taf. 3/9, Publiziert als Németkér-Fund. Zum Fundort vgl. Taf. 108, F / 7 . Marchegg, Niederösterreich. Gold mit glatter und eingekerbter Oberfläche aus einem Frauengrab. R. Pittioni und J. Weninger, Natur und Kultur 29, 1944, 15, Taf. 1/3-4. F / 8 . Laa an der Thaya, Grab 2, Niederösterreich. Gold aus einem Männergrab. E. Beninger, Eiszeit und Urgeschichte 6, 1929, 148, Taf. 19/25. F / 9 . Drslavice, Mähren, Tschechoslowakei. Gold aus dem Grabeines Mannes mit deformiertem Schädel, Gürtelund Schuhschnallen vom Typ Genesapáti, zusammen mit einem Glasbecher und einem Henkelkrug. L. Červinka, Anthropologie, Prag 14, 1936, 132, Abb. 16, J. Tejral, Morava na slonku antiky. Prag 1982, 201, Abb. 8/7. F/10. Ivanka pri Dunaji/Pozsonyivánka, Slowakei, Tsche­ choslowakei. Zwei Goldexemplare aus einem Frauengrab. B. Novotný, Sarovce. Bratislava 1976, 96, Unveröf­ fentlicht.

F / 1 1 . Mözs-Palánkapuszta, Grab 21 und 23, Komitat Tol­ na. Je ein Silberexemplar. A. Salamon - I. Lengyel, World Archaeology 12/1, 1980, 97, Taf. II/10-11. F / 1 2 . INTERCISA/Dunapentele/Dunaújváros. Einzelfund. Gold. MNM 30. 1909, 47, Unveröffentlicht. F / 1 3 . Békéscsaba, Komitat Békés. Einzelfund. Gold. MNM 107, 188l, 6. Unveröffentlicht. Auf der Karte nicht verzeichnet. F / 1 4 . Tiszadob-Sziget. Komitat Szabolcs-Szalmár-Bereg. Aus einem zerstörten Grab. Silber. E. Istvánovits. Ein Friedhof aus dem 4./5. Jh. in Tiszadob-Sziget. Acta ArchHung im Druck. Abb. 17/15. F / 1 5 . Ungarn. Dieses Bronzeexemplar stammt aus einem hunnenzeitlichen Männergrab mit einer ovalen Gür­ telschnalle aus Bronze, deren viereckige Beschlagplatte am Rand kreuz und quer graviert, in der Mitte mit Schupperrmuster verziert ist. mit bronzenen Stiefelriemenschnallen und ovalen Schwertriemenschnallen. Sammlung Ráth, MNM Inv.-Nr. 1, 1874, 452, 457-458, Unveröffentlicht. F / 1 6 . Bakta/Nagybakta, wie F./20. Aus einem Frauengrab. Gold. F / 1 7 . Szentes-Kökényzug, Grab 77, Vergoldete Bronze. Csallány. Gepiden 37, Taf. VI/11, Gepidisch, 2. Hälf­ te 5. Jh. F / 1 8 . Szenles-Nagyhegy, Grab 27, Gold. Csallány. a. a. O., 50. Taf. XXV/7, Gepidisch. 2. Hälfte 5. Jh. F / 1 9 . Szolnok-Szanda, Grab 30. Gold. Gepidisch. 2. Hälfte 5. Jh. Unveröffentlicht. 35. Fibeln aas dem Kaukasusgebiet und ihre Parallelen in Pannonien Im Vorgebiet des Nordkaukasus kamen bei Grabungen von alanischen Katakombengräbern zahlreiche einfache und verzierte, größere und kleinere Blechfibeln aus Bronze, Silber sowie mit Goldblech überzogene edelsteinverzierte Fibeln zum Vorschein. Während der Hunnenzeit wurde das Tragen von Blechfibeln zu einer interethnischen Mode. Von den kleineren Fibeln können die in einem Stück gegossenen oder getriebenen Exemplare mit punziertem oder graviertem Rand als spezifisch alanisch angesehen werden. 1.-3. AQUINCUM-Budapest III. Silberfibeln ohne näher bekannte Fund umstände aus der während des Zweiten Weltkrieges abhanden gekommenen Sammlung Schmidt. Länge ca. 12,5, 10,5 und 6 cm. T. Nagy, Budapest műemlékei II. Budapest 1962, 65, Anm. 36 auf S. 109, nach Abb. 14, Neben „goti­ scher" erwägte er bereits alanische Herkunft. 4. Kisslowodsk-Lermontow-Fels, Katakombe 10, Grab 2, RSFSR, Bezirk Krasnodar, Sowjetunion Wurden zusammen mit dem auf Abb. 22/3 dargestell­ ten Prunkschwert und Pferdegeschirr unter den leider nicht getrennt beschriebenen Männer- und Frauenbeigaben gefunden. Silber, Länge 9,4 cm. (Vgl. das bei Pécs-Basamalom gefundene Fibelpaar auf Taf. 98.) A. P. Runitsch. SowArch 1976/3, 260. 265, nach Abb. 6.

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5. „Kaukasus" Bronze, Länge 6,5 cm. B. Salin, Die altgermanische Thierornamentik. Stock­ holm 1904, 19, 364, nach Abb. 36. 6. Kisslowodsk, Friedhof I, Katakombe 5 Bronze. Länge 7,2 cm. Wurde zusammen mit einem hörnchenförmigen Lockenring aus Silber und einem schuppen verzierten Silberblech gefunden. G. E. Afanasjew und A. P. Runitsch, SowArch 1970/4, 222-225, nach der schematisierten Abb. 2. 7. BRIGETIO/Szöny Wurde angeblich in einem Grab gefunden, was aber durch die alten Aufzeichnungen Fettichs nicht unter­ stützt wird (vgl. T. Nagy. a. a. O., 109, Anm. 37). Nach Fetlich zierten von der Rückseite hineingeschlagene Punkte den Rand, was heute an der überrestaurierten Fibel kaum mehr zu erkennen ist. Bronze, Länge 7,7 cm. E(ndre) B(iró). Katalog Severin, 550, Nr. 7, 152, Taf. 26. 8. Pilismaröt-Malompatak. Aus dem Schuttmaterial ei­ ner spätrömischen Kleinfestung. Bronze, Länge 6,8 cm. S. Soproni, Der spätrömische Limes zwischen Eszter­ gom und Szentendre. Budapest 1978, 43, Taf. 33/3, 9.-10. Maikop und SOPIANAE/Pécs/Fünfkirchen Silberne Fibel mit Goldblechüberzug und umge­ schlagenem Fuß, in den Zellen Almandineinlage (Länge 3 cm) und goldene Fibel mit Granateinlage (Länge 3,2 cm ). Berlin, Königliches Museum. Inv Nr. III. d. 2086 und IV. d. 2378, M. Ebert, Praehistorische Zeitschrift I. 1909, 73-74, Abb. 6-7. 11. Tschegem. Kabardino-Balkaria, Nordkaukasus, So­ wjetunion Aus gestörtem Grab, Länge 7,5 cm. B. Pósta in: E. Zichy, Voyages au Caucase et en Asie Central II. Description de la collection archeologique. Budapest 1897, 460. Taf. XX/24. 12. Keszthely-Fenékpuszta Aus den Ruinen eines spätrömischen Gebäudes. Bronze. Länge 6,2 cm. Keszthely. BM. alte lnv.-Nr. 1492. B. Kuzsinszky, A Balaton környékének archeoló­ giája [Die Archäologie der Balatongegend). Buda­ pest 1920, 6I, Abb. 76/2 sowie nach Archivfoto. Bereits Kuzsinszky betonte, daß sie von den germa­ nischen Fibeln abweicht. 13. Bajtal-Tschapkan, Autonomes Gebiet KaratschaiTscherkes. RSFSR, Sowjetunion, Katakombengrab 24. Bronze mit Noppenverzierung. Länge 4,4 cm. T. M. Minajeva, SowArch XXVI, 1956, 249, Abb. 7/2. - Mit einer römischen Zwiebelknoplfiebel aus dem 4. bis 5. Jh. aus einem Grab.

14. Karlsburg/Alba Iulia, Judeţul/Alba oder Umgebung, Rumänien Fundumstände unbekannt. Aus Bronze, Länge 9,3 cm. E. Beninger: Mannus 30, 1938, 129, Nr. 4, K. Horedt. SCIV 5, 1954, 487-489, Abb. 1/4 A. Papa. Acta Musei Apulensis 4, 1961, 223, nach Abb. 2a. Die Siebenbürger Forscher bemerkten im Gegen­ satz zu Beninger (Der westgotisch-alanische Zug. 16). daß sie von den Blechfibeln der Marosszentanna-Tschernachow-Kultur schon abweicht, und er­ klärten dies mit dem nicht beweisbaren „Weiterle­ ben" der Kultur in Siebenbürgen. Zuletzt hält K. Horedt, Siebenbürgen im Frühmittelalter, Bonn 1986, S. 15, Abb. 7/1, sie ebenfalls für hunnenzeitlich. 15. „Friedhof bei der Festung" entlang des Gilatsch(Kül-Tübe)-Flusses, Grab 5, RSFSR. Nordkaukasus. Bezirk Stawropol, Sowjetunion (1965) Bronze, Länge 7,5 cm. An der rechten Brust des Toten, von oben nach unten, kam eine Fibel mit umgeschlagenem Fuß und eine vergoldete, mit Steinen besetzte alanische Fibel aus der Hunnenzeit schon beim Becken zutage. Wei­ tere Funde: ein Glas mit blauen Glasnoppen ver­ ziert, goldene Lockenringe, Gefäße und andere Schmuckstücke. T. M. Minajewa. Drewnosti, 1982, 232, nach Abb. 6/6, 16. Schapkino-Kirchenhügel, Grab 7, Georgien, Abchasien, Sowjetunion (1968) Silber, am Fuß mit einem Schmuckstein in mandel­ förmiger Fassung. Länge 9,8 cm. Wurde auf der Brustmitte getragen. Kam zusammen mit einer Goldschnalle mit Zellenverzierung (Abb. 40/11) und dem ebendort gefundenen Schwert mit silberner Montierung (Abb. 40) ans Tageslicht. Ju. N. Woronow- W. A. Juschin. SowArch 1973/1, 176, nach Abb. 7/2. Die hier gezeigten alanischen Blechfibeln dürfen nicht mit den germanischen Fibeln in Pannonien, die mit spätrömischer Guß-Ritz-Tcchnik hergestellt wurden, verwechselt werden. INTERCISA. CAR­ NUNTUM. Ternitz usw. vgl. A. Holt, Annalen des Naturhistorischen Museums Wien 85A, 1983, 39-45, 36. Ostgermanische Grabfunde Čaňa/Hernádesány, Kreis Kaschau/Košice. Tschechoslowa­ kei (1936) Die Verteilung der Funde aus drei Körpergräbern ist unbekannt Die Funde sind im Museum von Kaschau/Košice aufbewahrt. Die vorliegende Zeichnung wurde nach dem mit Maßangaben versehenen Archivfoto im Archäologi­ schen Institut der Budapester Universität (ELTE) angefer­ tigt. Die Länge der Silberblechfibeln beträgt ohne Zierknopf 9,7 cm. mit Zierknopf 10,4 cm. Die Rundschnalle ist aus Silber, die beiden ovalen Schnallenringe aus Eisen und die Ringe aus Bronze. Der Kamm ist aus Knochenplatten mit Hilfe von Eisennieten zusammengesetzt. A. Bálint, Új Magyar Múzeum Kassa 1, 1942, 17, Taf III J. Pastor. Svojina Košice III/4, 1949, 193-194, Abb. 3, Vgl. noch J. Pásztor. Fáklya Košice III. 1953, 25.

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Auf den neueren, nach unbekannten Quellen publizierten Zeichnungen fehlt im allgemeinen die Spiralkonstruklion der Fibeln. Mit ihnen zusammen wird nur eine schematische Zeichnung des Kammes wiedergegeben. Die neueste, restau­ rierte Wiedergabe zeigt dagegen erneut das vollkommene Fibelpaar. K. Pieta. GHA 413, IX, 18, Die Funde von Čaňa sind zeitgleich mit dem 1893 in Kaschau ans Tageslicht gekom­ menen Silberblechfibel, Schnalle und Henkelkrug von ähnli­ cher Form und Größe enthaltenden Grabfund (J. Mihalik, A kassai sirleletról [Über den Kaschauer Grabfund). ArchÉrt 14, 1894, 77-79 und Abb.), aber auch mit den in den letzten Jahren aufgedeckten Gräbern von Tiszakarád und Tiszadob-Sziget (am ehemaligen rechten Ufer der Theiß!), die Blechfibeln ähnlicher Größe und Materials, Kämme, Schnallen, Gefäße und auch Waffen enthielten. Diese Grä­ ber zeugen von den in den Tälern des Hernád, Bodrog und der oberen Theiß zu Beginn des 5. Jahrhunderts lebenden ostgermanisch-gepidisch-alanischen Bevölkerungsgruppen. 37. Dolch- und Langschwertscheidenbeschläge und Tragbänder östli­ chen Ursprungs 1.-2. Schuppenverziertes silbernes Mundblech und Ortband einer Dolchscheide. Bemerkenswert ist das Trag­ band mit gezacktem Rand. Von einem unbekannten Fundort in Ungarn. Ursprünglich waren sie in der Sammlung des Reformierten Kollegiums in Kiskun­ halas verwahrt, gingen während des Zweiten Weltkrie­ ges verloren. Länge ll und 10 cm. Alföldi. Hunnenzeit, 74, nach Taf. XXXIII. 3. Mundblech und Tragband mit eingeschnittener Ver­ zierung einer Dolchscheide aus Grab 28 von Csong­ rád-Kenderföldek (1949) Breite der Scheide 4,5 cm. Der Beschlag kam zusam­ men mit dem Fragment eines östlichen Kruges mit Ausgußhenke] zutage. M. Párducz, Acta ArchHung 11, 1959, 312, nach Taf VII/2 und XXV/8. 4 . - 5 . Körösladány-Gát, Punkt B, Komitat Békés (1929) Neben dem Skelett wurden ein glätlverzierter Krug (vgl. Taf. 110), Bruchstücke eines Eisenschwertes mit bronzenem Tragband und das ähnliche, aber kleinere bronzene Tragband eines Dolches gefunden. Länge 9 und 7,6 cm. Das südlich des Körös freigelegte Grab stammt aus der gleichen Zeit wie das ebendort früher aufgedeckte Einzelgrab „5", dessen Schwert und Gefäß in eine italienische Privatsammlung gelangten; nur der Grab­ obolus, ein in Thessaloniki geprägter Solidus des Ho­ norius (395-423), kam in das MNM. Die beiden glei­ chaltrigen Dokumente, das von Ausgräber Fettich selbst angelegte Inventar (MNM N 4, 1929, 25 und 28-29) sowie die sofort erschienene Publikation der Ausgrabung N. Fettich, ESA V. 1930, 54-60, Abb. 5/2-3) beweisen eindeutig die Existenz von zwei Ein­ zelgräbern mit Schwert. Kurz danach wurden die Grabfunde neuerlich richtig erörtert: Alföldi, Hun­ nenzeit, 27, Taf. XXXIII, der auf die Gegenwart des Dolches aufmerksam wurde. Leider beging gerade Fettich (1940, 258) den Fehler, die erhaltenen Funde

zu einem einzigen Grab zusammenzuziehen. Es ist ebenfalls ein Irrtum, nur ein einziges hunnenzeitliches Grab sei zum Vorschein gekommen (Punkt B), wäh­ rend die Honorius-Münze mit den mit ihr gefundenen bzw. abhanden gekommenen Funden aus einer „awa­ rischen" Bestallung herrühren soll. K. Bakay, MRT 6, A szeghalmi járás [Bezirk Szeg­ halom], Budapest 1982, 118, Nr. 7/105, 6. Scheidenmundbeschlag eines 65 cm langen, einschnei­ digen Kurzschwertes mit Tragband ähnlich der Nr. 3, Aus Grab 7 von Cebelda-Schapkino-Kirchenhügel, Georgien, Abchasien, Sowjetunion. Der Mann war noch mit einer Gürtelschnalle mit zellenverzierter Beschlagplatte (vgl. Abb. 40/11), mit Stiefelschnallen. einem metallbeschlagenen Gürtel und mit Lanzen ausgestattet. Länge 9,2 cm, Breite 5 cm. Ju. N. Woronow - W. A. Juschin, SowArch 1973/1, 176, nach Abb. 7/22c. 7. Dem unter Nr. 2 erwähnten sehr ähnliches schuppenverziertes bronzenes Ortband einer Dolchscheide aus Grab 17 von Bajtal-Tschapkan aus der Gegend des Nordkaukasus. RSFSR, Karatschai-Tscherkes Auto­ nomes Gebiet, Sowjetunion Wurde unter dem 38 cm langen, zweischneidigen Dolch eines silberne Stiefelschnallen tragenden Toten mit deformiertem Schädel gefunden. Länge etwa 8-10 cm. T. M. Minajeva, K istorii alan Werchnewo Prikubanja po archeologitscheskim dannym, Stawropol 1971, 132-133, nach Taf 35/4, 38. Grab eines Militärführers Lébény-Magasmart, Komitat Györ-Moson-Sopron (1964) Vor der Freilegung gestörtes Grab eines Mannes von auffallend großer Statur. Das Schwert samt den Schwertriemenschnallen sowie die goldenen Gürtelschnallen waren schon ausgehoben. Mit Hilfe des im Grab erholten gebliebe­ nen Ortbandes und der vom Griffriemen herabhängenden Bernsteinscheibe konnte die Lage des ursprünglich 95 cm langen Schwertes mit silberbeschlagener Scheide bestimmt werden (vgl. Taf. 19). R. Pusztai, Arrabona 8, 1966, 99-105, nach Abb. 2, Das Schwert wird hier nach der Rekonstruktion auf Abb. 5 in seiner ursprünglichen Lage wiedergegeben. 39. Gürtel-, Schwert- und Stiefelriemenschnallen hunnischer Männer Die Karte zeigt im selben Maßstab ausschließlich jene Schnallen aus reinem Gold, von denen mit großer Gewißheit bewiesen werden kann, daß sie aus Männergräbern oder von ihren Totenopfern stammen. Die Verbreitungskarte hilft bei der Entscheidung einer alten Streitfrage. Die früher hauptsächlich als Einzelfunde ans Tageslicht gekommenen Goldschnallen schrieb man bis in letzter Zeit verschiedenen ostgermanischen Völkern, in erster Linie den Goten, zu und datierte sie in die Zeit zwi­ schen dem ausgehenden 4. Jahrhundert und dem Ende des mittleren Drittels des 5. Jahrhunderts. Die Karte bestätigt hingegen, daß vor dem Erscheinen der Hunnen im Karpa­ tenbecken im „Föderaten"-Zeitalter und auf dem Föderatengebiet, dann nach dem Einzug der Hunnen südlich der Drau im heutigen Kroatien und in Slawonien keine einzige

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Goldschnalle des in Frage kommenden Typs in Gebrauch war. Ihre Verbreitung kann auch nicht mit dem kurzen Aufenthalt der Westgoten Alarichs in Pannonien und No­ rikum in Verbindung gebracht werden. Ein negatives Bild ergibt sich auch bezüglich der ostrogotischen Siedlung in Pannonien nach 456. Letzteres wird auch durch die Fürstengräber der Generation nach dem Sturz der Hunnen sowohl im Westen (Klein-Hüningen, Esslingen-Rüdern, Flonheim. Krefeld und das Childerichgrab von Tournai/Doornik) als auch im Osten (Blučina, Komárom-Szöny und die Königs­ gräber I-III von Apahida) bestätigt, für die schon andere weiterentwickelte Schnallentypen charakteristisch sind. Nach dem außer den östlichen Funden (vgl. Abb. 40) frü­ her allein dastehenden Fund von Nagyszéksós haben jetzt die Funde von Bátaszék, Lébény und Lengyeltóti bewiesen, daß alle Schnallenvarianten der Hunnenzeit für die Tracht der das Karpatenbecken erobernden hunnischen Herrscherschicht charakteristisch waren. Anzahl, Ausmaße und Ausführung der Goldschnallen hingen offensichtlich mit dem im hunnischen Reich einge­ nommenen Rang zusammen. Die Häufigkeit ihres Auftre­ tens ist aufgrund der Prüfung der Fundumstände gerade mit den zahlreichen, in geringer Tiefe niedergelegten hunnischen Totenopfem zu erklären. Die Verbreitung der Schnallen steht im Einklang mit den hunnenzeitlichen Siedlungsverhältnissen (vgl. Abb. 69), und in Kenntnis der Siedlungsgeschichte des Karpatenbeckens während des 5. Jahrhunderts kann gesagt werden: nur mit diesen. Offenbar sind die auf der Karte eingetragenen Goldschnallen - von einigen möglichen Ausnahmen abgesehen - nicht nur im Karpatenbecken, sondern in ganz Europa als Rangab­ zeichen jener Würdenträger zu werten, die Priscus während seines Aufenthaltes im Hunnenreich charakterisiert hat. Zeitlich können sie in die drei Jahrzehnte zwischen 425 und 455 gesetzt werden Eine genauere Datierung dieser Schnallen ziernlich einheitlichen Stils ist vorläufig nicht möglich doch beträft ihre Verwendungsdauer ohnedies nur eine Generation. 1. Laa an der Thaya, Männergrab 2. Niederösterreich, (1911). Mit hörnchenförmigem Lockenring aus Gold E. Beninger, Eiszeit und Urgeschichte 6, 1929, 144, Taf. XIX/26-29. 2. Untersiebenbrunn, Niederösterreich. (1910) W. Kubi­ tschek. JbfA 5, 1911, 189 ff., Taf. 1/3 und 5. E. Keller. Germania 45. 1967, 109-113, Abb. 1/10-11. 3. Lébény-Magasmart. Komitat Györ-Moson-Sopron Aus einem Kriegergrab. (Farbtafel Xi). 4. Mönchhof/Barátudvar, Burgenland. (1913). Wien. Kunsthistorisches Museum, Inv.-Nr. VII, B 835. Einzel fund. Beninger, Der westgotisch-alanische Zug. 33, Taf. 9. 5. Mörbisch/Fertömedgyes, Burgenbnd. (Vgl. Taf. 91) 6. Sobor. Komitat Gyór-Moson-Sopron (Vgl. Taf 91) 7. Bozsok-Irtási dűlő. Komitat Vas (1874). Beim Pflügen in geringer Tiefe gefunden, über die Fundumstande: Vasmegyei Lapok vom 21.1., 31.1., 11.2., 11.4. 1875 und 26.3. 1876. Erste Veröffentlichung mit hervorragender Zeichnung: V. Lipp, A Vasmegyei Régészeti Egylet Ev­ könyve [Jahrbuch des Archäologischen Vereins des Komitats Vas] 4. 1876, 63-64. Ein Foto summt aus dem­ selben Jahr: J. Hampel und A. Beszédes Antiquités préhistoriques de la Hongrie. Esztergom 1876/77, Taf. XXIII/52. über weitere frühere Publikationen I. Bóna.

8. 9. 10. 11. 12.

13. 14. 15.

16. 17. 18. 19.

20.

21. 22. 23. 24.

Katalog Severin, 196-197, Anm. 33. Die Schalle gelangte unter uns nicht bekannten Umständen 1927 in die Vereinigten Staaten; zuletzt veröffentlicht von M. O. Ross. Arts of the Migration Period in the Walters Art Gallery. Baltimore 1961, 30-31, Nr. I. Kispirit, Komitat Veszprém. (Vgl. Farbtaf XVV1/13) BRIGETIO/Szőny, Komitat Komárom. Einzelfund. A. Kiss. FoliaArch 32, 1981, 202. Abb. I/I, auf der Karte nicht angeführte einfache Form. Atcsutdoboz-Szentgyörgy puszta, Komitat Fejér. Drei Exemplare. (Vgl. Farbtaf. XXVI/4. 7, 12.) Keszthely-Téglagyár (Ziegelei), Komitat Zala. Aus ei­ nem Grabfund. (Vgl. Farbtaf. XXIII). Tasks-Fehérvizi major. Komitat Somogy. Zusammen mit einem Schwert mit Bernsteinanhänger. Während des Zweiten Weltkrieges verlorengegangen. Fetlich, Nagyszéksós, 176, Anm. 4. Nach einem Archivfoto publiziert von I. Bóna. Katalog Nibelungenlied, 341. Taf. 17. Ders., Katalog Severin. 188, Abb. auf S. 192. Lengyeltóti. Komitat Somogy. Zwei Schnallen mit Zellenverzierung, eine mit glatter Oberfläche aus einem Grabrund. (Vgl. Farbtaf. XXII.) Buda-Budapest I—II. Aus einem Grabfund. MNM. Inv.-Nr. 5. 1886. 2. Unpubliziert Tolna, Komitat Tolna. Mit Karneoledelsteinen verzierte Goldschnalle, wahrscheinlich aus einem geschlossenen Fund. British Museum MLA 1901. 7-14, 1. Erste Erwähnung: Prähistorische Blätter 1890/2. 28. Catalogue of the Important Collection.., förmed by the late Dr. S. Egger, London 1891, 24, Nr. 201, Taf. XXVI/201. R. A. Smith, A Guide to the Anglo-Saxon and Foreign Teuto­ nic Antiquities in the British Museum. London 1923. 152. Taf. XV/7 (mit Fundort Tolnau). A. Kiss. JPMÉ 14/15, 1969/70,. 123, Taf. 1/5-6. Zum irrtümlicherweise mit ihm zusammen publizierten kleineren Schnallen­ paar vgl. Farbtaf. XXVI/5. Szekszárd. Komitat Tolna (Vgl. Farbaf. XXVI/1.) Bátaszék-Iskolaudvar. Komitat Tolna. (Vgl. Farbtaf. XXVII.) Marcellháza/Marcelová. (Vgl. Taf XXVI/6.) Ludányhalászi-Gárdos, Komitat Nógrád. Ehemals in einer Privatsammlung, ihr Verbleib ist unbekannt. Fettich. Nagysziksós. 133. Anm. 10 Foto: I. Bóna Katalog Nibelungenlied. 341, Abb. 18. Kisterenye-Hársashegy, Komitat Nógrád. Einzelfund. Verbleib unbekannt. M. Jankovich. Tudományos Gyűjtemény XII/I. 1828. 30, Taf. 1/7. Szeged. (Vgl. Fatbtaf. XXVI/5.) Zum Paar vgl. 15: Cataogue.., Egger 24. Nr. 202. Szeged-Nagyszéksós Vgl. Taf 84 und Fettich. Nagy­ széksós, 116. Taf 1/1-8. Neštin. Syrmien/Srem. Jugoslawien Am einem Waffen­ grab? (Vgl. Farbbtaf. XXVl/10) Auf der Karte nicht angeführt Pécs-Móra Ferenc utca. Komitat Baranya. Form und Ausmaß der Goldschnallen folgende (vgl. z. B. Schnalle von Tolna Nr. 15) glatte Silberschnalle, aber ohne Zellenverzierung. Länge 5.5 cm. JPM Inv.-Nr. N. 69 7. 1. A. Kiss, JPMÉ 14/15. IV6970 (1974). 121-122, Abb. 7/1, zusammen mit einer Silberschnalle mit eckiger Beschlagplatte in einem 230 cm tiefen. N-S-onentierten Einzelgrab gefunden.

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Mit der Ansicht, die Schnallen wären gotischen Ursprungs, fand sich schon Alföldi (Hunnenzeit, 61-63) nicht ab. Doch die lückenhafte Kenntnis der Fundorte ungarischer Exemplare und ihr sporadisches Auftreten in Norditalien. Westeuropa und Nordafrika verleiteten ihn zu übertriebener Vorsicht. Das Vorkommen von Goldschnallen in den letztgenannten Gebieten bleibt tatsächlich hinter der historischen Rolle der verschiedenen alanischen und hunnischen Gruppen. Söldner und Militärführer zurück. Jedenfalls kam Fettich in dieser Frage nicht weiter. Werner vertrat die Meinung, die Schnallen wären von Hunnen und Germanen gleichermaßen getragen worden. Als erster hielt - nach Wissen des Autors - M. C. Ross. Arts of the Migration Period in the Walters Art Gallery. Baltimore 1961, 30, die Schnalle von Bozsok für ausgesprochen hunnisch.

Waren früher zellenverzierte Goldschnallen nur von der Halbinsel Kertsch, vom „Bosporus" (Kertsch, KertschGlinischtsche, Achtanisowskaja staniza) bekannt, so tauchten sie in neuerer Zeit auch in hunnischen Gräbern der nordöstlichen Steppen regionen der Krim auf. 6. Tschegem. Kabardino-Balkaria (1897) Goldener Schnallenbeschlag in nierenförmiger Zelle mit Granateinlage. der Schnallenring fehlt. OAK za 1897 god (1900) 75, Abb. 176, A. A. lessen. MIA 3, 1941, Taf. VI I 9 Die von Fettich und anderen Forschern für hunnenzeitlich gehaltenen, 1897 in Tschegem im Kaukasus gefundenen Schnallen und anderen Schmuckstücke (OAK sa 1897 god, 1900, 75, Abb. 172-176) sind aller Wahrscheinlichkeit nach bereits nachhunnenzeitlich.

40. Goldschnallen mit ovalen und kreisförmigen zellenverzierten Beschlagplatten aus hunnischen Funden der Steppen des Kaukasus, der 7.-10. Tschikarenko. Krim (1951) Aus einem gestörten Steinpackungsgrab, u. a. zuOstukraine, des Don-Gebietes und der Krim sammen mit Schwertbruchstücken, Krügen und 1 . - 3 . Pawlowka, nahe Krasnyj-Sulin, Oblast Rostow, SoGlasbechern: wjetunion (IS98) Goldene Schnalle mit ovalem Schnallenring und ovalem Beschlag, in Zellen mit Almandineinlagen Unterhalb der Zähne eines zerfallenen Pferdeschädels zwei davon fehlen -. wahrscheinlich eine Gürteldas NW-SO-orientierte Skelett. In dessen Schädelnähe schnalle. Länge 6 cm. Breite 3,9 cm. ein Bronzekessel mit Eisenhenkel, bei der rechten Hand eine spätantike Silbertasse, an der linken Seite ein zerZwei kleinere Goldschnallen, in zweigeteilter Zelfallenes Eisenschwert und am Becken Gürtelschmuck. le Almandineinlage. wahrscheinlich Schuh- bzw. Gürtelschnalle aus Gold, in kreuzförmig angeordStiefelriemenschnallen, Länge 4,2 cm. Breite 2,5 cm. neten Zellen rote Glaseinlagen auf dem Beschlag, LänGoldene Riemenzungen, auf der Vorderseite in ge 3 cm. Zellen Almandineinlage, wahrscheinlich RiemenzunKleine Riemenzunge aus Gold, die der Finder vergen von Stiefelschnallen, Länge 3,7 cm und 3,8 cm. bog, mit eingefaßten Karneolen. I. A. Baranow, Pogrebenije V. w. n. e. w seweroVerstreckt-rechteckige große Riemenzunge aus Bronwostotschnom Kryme. SowArch 1973/3, 243-245, ze mit roten Glaseinlagen in 22 Goldzellen, Länge 5 cm. Abb. 1/1, 4, 5, 7. P. S. Uwarowa, Drewnosty. Trudy ImperatorskoÜber die Gürtelschnalle und die eine Riemenzunwo Moskowskowo Archeologiytscheskowo Obschge bringt ein schönes Farbfoto: Das Museum für ischestwa XIX, 1901, 70-72, nach Abb. 1-3, historische Kostbarkeiten der Ukrainischen SSR, In der Fachliteratur wurde die große Riemenzunge Kiew 1984, Taf 28. irrtümlich als Schwertmundblech von „Sulino" erwähnt. 11. Schapkino-Kirchenhügel, Grab 7, Georgien, Abchasien, 4 . - 5 . Naltschik. Kabardino-Balkaria, Sowjetunion (1913) Sowjetunion (1968) Goldschnalle, auf dem durch Zellen zweigeteilten, Aus dem auch wegen des Schwertes, der Scheidenbeschläovalen Beschlag Steineinlage, Länge 3,8 cm. ge und Fibel bereits erwähnten Grab (vgl. Abb. 37/6). In Grab 5 fand sich eine ähnliche Schnalle aus Bronze und Goldene Riemenzunge mit perldrahtumrahmten Silber. Goldene Schnalle verziert mit auf ovalem BronzeZellen, Länge 4,2 cm. beschlag Rubineinlagen in Goldzellen. Länge 4,4 cm. OAK sa 19l3-19l5 god, Petrograd 1918, 209, Abb. 258 links oben und Mitte. Dasselbe A. A. Jessen. MIA Ju. N. Woronow-W. Juschin. SowArch 1973/I, 176, 3, 1941, Taf. VII/12 und 14. nach Abb. 7/5, Der in kaum zur Hand genommenen Blättern publizierte Pawlowka-Fund blieb für die mittel- und westeuropäische Forschung ebenso unbekannt wie die in den Krisenjahren 1918 und 1941 veröffentlichten Funde von Naltschik. Deswegen beurteilte man die kreisförmigen und ovalen Goldschnallen mit Zellenverzierung nur aufgrund ihres Auftretens in Kertsch, Mittelund Westeuropa und brachte sie mit den Goten in Verbindung; als Ausnahme galt nur das Vorkommen in Nowogrigorewka. Neuere „Ausnahmen" fanden sich erst zuletzt in den hunnischen bzw. hunnisch-alanischen Funden von Nowo Iwanowka, Zentralnij, Kisslowodsk, Schapkino sowie in Lengyeltóti und Bátaszék. Einer ähnlichen Situation begegnen wir auf der Krim. 12. Nowo Iwanowka, Ukraine, Oblast Saporoshje, Kreis Nowonikolajewka, Sowjetunion (1961) Männergrab mit einem Schwert und Scheidenbeschlägen, mit Bruchstücken einer Bogenverkleidung aus Gold vom Typ Bátaszék-Pécsüszög(?), mit gegossenen, zellenverzierten Riemenzungen, mit Pferdegeschirr, einer großen, schmucksteinverzierten Gürtelschnalle und der dazugehörigen rechteckigen Riemenzunge. Goldschnalle mit ovalem Beschlag mit zellengefaßten Steinen. Länge 4,4 cm. I. P. Sassetzkaja. SovArch 1978/1,69, nach Tabelle 5, Dies., KSIA 158, 1979, 19, Tabelle 6, Farbfolo: Das Museum für historische Kostbarkeiten der Ukranischen SSR. Kiev 1984, Abb. 28.

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1 3 . - 1 4 . Zentralnij Kurgan IV/14, Gebiet Rostow. RSFSR. Sowjetunion (1982) Aus dem Katakombengrab wurden ein zweischneidiges Schwert von 90 cm Länge, zwei Gefäße und zwei Goldschnallen freigelegt. Goldene Gürtelschnalle, den ovalen Riemenbeschlag zieren in Goldzellen ein Almandin und in je einer runden Zelle weiße Glaseinlagen. Länge 4,1 cm. Goldene Schwertriemenschnalle. Länge 1,8 cm. S. I. Besuglow- W. P. Kopylow. SowArch 1989/3, 171-173, Taf 2/2-3. 1 5 . - 1 6 . Südrußland(?) Goldschnallen mit roter Sichteinlage, Länge 4,1 und 3,6 cm The Metropolitan Museum of Art. Inv.-Nr. 17, 190, 697. J. J. Rorimer, Medieval Jewelery. New York 1944, Taf. 10, die Angaben verdanke ich W. Ostoja. 41. Hunnisch-ahnische Rundschnallen und Ösenringe 1. Bajtal-Tschapkan Grab 29, RSFSR, Autonomes Gebiet Karatschaj-Tscherkes, Nordkaukasus. Sowjetunion Silber mit Karneoleinlage. T. M. Minajeva, SowArch XXVI. 1956, 25!-252, Abb. 10/1. 2. Wolnij Aul. Nordkaukasus, RSFSR, Sowjetunion Grabfund. A. K. Ambros, SowArch 1971/2, 102, Abb. 2/15, 3. Kertsch. Sowjetunion. Grabkammer vom 24, Juni 1904, Gold mit roter Steineinlage. I. P. Sassetzkaja, KSIA 158, 1979, 10, Abb. 3/56, 4. Achtanisowskaja staniza. Krim. Halbinsel Kertsch. Sowjetunion Gold. Edelsteineinlage verlorengegangen. OAK sa 1900 god (1902), 108, Abb. 220 5. Radensk Oblast Cherson, Ukraine, Sowjetunion Gold mit roter Edelsteineinlage. OAK sa 1897 god (1900). 35, Abb. 107. 6. Szeged-Röszke-Nagyszéksós Gold, Edelstein herausgefallen. Feilich. Nagyszéksós, 117, Taf. 1/7. 7. Szeged-Röszke-Nagyszéksós Gold, Edelstein herausgefallen Fetlich. Nagyszéksós, 117, Taf. 1/8. 8. Taska, Komitat Somogy Zwei Exemplare, Gold mit roten Edelsteineinlagen. I. Bóna. Katalog Severin. 188, Abb. auf S. 192. 9. Lébény, Komitat Györ-Moson-Sopron Gold mit roter Edelsteineinlage. R. Pusztai. Arrabona, 8, 1966, 108, Abb. 6/3. 10. Lengyeltóti, Komitat Somogy Silberplatte, von der die Goldfassung wahrscheinlich verlorengegangen ist. K. Bakay. Acta ArchHung 30, 1978, 154, Abb. 3/5. 11. Untersiebenbrunn, Niederösterreich Gold mit Almandineinlage. E. Keller. Germania 45, 1967, 112, Abb. I I I 12. Mundolsheim, Elsaß, Frankreich Zwei Exemplare aus Gold mit drei Nieten auf den Beschlägen H. Zeiß. Germania 17, 1932, 127-128, Abb. 1.

13. Pouan. Dep. Aube. Frankreich Gold mit Granateinlage. E. Keller. Germania 45, 1967, 113, Abb. I/13, 14. Šarovce/Sáró-Makóczadomb, Grab 12/1955, Slowakei, Tschechoslowakei Bronze, in der Mitte mit einem Niet durchgeschlagen. B. Novotný, Šarovce. Bratislava 1976, 140. Abb. 19/A und Taf. XIX/3. 15. Kisslowodsk-Lermontow-Fels, Katakombe 2, Grab 10. RSFSR. Sowjetunion Silber, in der Mitte mit einem Niet durchgeschlagen. Ebd. auch eine ähnliche Schnalle. A. P. Runitsch. SowArch 1976/3, 258-259, Abb. 3/18. 42. Goldene Ohrgehänge mit Anhängsel Untersiebenbrunn, Niederösterreich und Iragi. Dagestan, Sowjetunion Im Schmuckkomplex des Frauengrabes von Untersiebenbrunn ist das goldene Ohrgehängepaar zweifellos das ungewöhnlichste - es stellt seit seinem Vorkommen ein wahres Unikat unter den mitteleuropäischen völkerwanderungszeitlichen Funden dar (R. Noll. Vom Altertum zum Mittelalter. Wien 1974, 77, Nr. 12). Sein einziges wohlbekanntes hunnenzeitliches Charakteristikum ist der hörnchenförmige Ohrring, von dem die Anhängselgamitur herunterhängt. Das Anhängsel selbst besteht aus zwei Teilen. Dem Ohrring schließt sich ein kugelförmiges Miniaturgoldgefäß an, mit zylindrischem, geripptem Hals und mehrfach geschweiften Bandhenkeln. Von der unteren Hälfte des Goldflakons hängen von den an kleinen Henkeln aufgehänglen, geflochtenen Golddrähten sieben deltoide Rasselzierden herab. In der östlichen Archäologie ist das kleine goldene Flakon ebenso eherbekannt wie der hörnchenförmige Ohrring. Im nördlichen Ufergebiet des Schwarzen Meeres, an beiden Seiten des Kaukasus und des Kaspischen Meeres verbreiteten sich in der Römerzeit kleine goldene, silberne und bronzene Parfümflakons ähnlicher Form, meist als Anhänger geflochtener Ketten (K. M. Skalon. ArchSborn 2, 1961, 126-140. Abb. 9-18). Es gibt unter ihnen auch ein Exemplar. das zusammen mit von geflochtenen Goldkellen herunterhängenden Kugelverzierungen zum Vorschein gekommen ist. In ähnlicher Miniaturgröße wie im Fund von Untersiebenbrunn kommen sie in der westsibirischen Sammlung von Zar Peter dem Großen vor, sogar der Henkel des einen ist sehr ähnlich (S. I. Rudenko. Sibirskaja Kollekzija Petra I. Moskau-Leningrad 1962, 48-49, Taf. XXI/II und 53) Die von den Ohrgehängen an Golddraht herabhängenden 3, 7, 9 oder 12 Anhängsel sind in gleicher und Kreis häufig (K. M. Skalon. a. a. O., 114-119, Abb. 2-3). - Der Ursprung des in der Mitte Europas als Unikat geltenden Gehängepaares von Untersiebenbrunn ist also irgendwo im Nordkaukasus und in der Gegend des Kaspischen Meeres zu suchen, dort, wohin die Ostgermanen nicht gelangt sind. In entscheidender Weise bewies dies der im dagestanischen Bezirk Dachadaew in Iragi 1978 gemachte Frauengrabfund, der hinsichtlich seines Schmuckkomplexes dem Grab der „Fürstin" von Untersiebenbrunn äußerst nahe steht. Von den größtenteils noch unveröffentlichten Funden wurde glücklicherweise das gerade nur etwas kleinere, goldene Gehängepaar gut vorgeführt Die Konstruktion des Gehänges gleicht der von Untersiebenbrunn Vom Ohrring hangen ein zylindrisches Goldflakon mit geripptem Hals und

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vom unteren Teil des Flakons von geflochtenen Kelten neun kleine Goldschellen herunter. Die einzige wesentliche Abweichung: Das kleine Gefäß hat einen polyederförmigen Körper und rote Edelsteineinlagen (vgl. den Pokal von Nagyszóksós und die Schalen von Pietroasa, gleichfalls von östlichem Ursprung!). - Diese überraschende Ähnlichkeit der einzigartigen Schmuckstücke wird durch die auch ansonsten auffallende Verwandtschaft von Untersiebenbrunn und Iragi gründlich untermauert. Das Ohrgehänge von Untersiebenbrunn zeichneten wir nach R. Noll. Vom Altertum zum Mittelalter. Wien 19742, Abb. 53, (vergrößertes Foto) sowie H. Friesinger-H. Adler, Die Zeit der Völkerwanderung in Niederösterreich. St. Pölten-Wien 1979, Abb. II (Zeichnung), das Exemplar von Iragi nach 0. M. Dawudow. Narodnoje dekoratiwnoje iskusstwo i sowremennost. Machatschkala 1979, 184-187, Abb. 3, insbesondere aufgrund des prächtigen Farbfotos Nr. 69 in Iskusstwo Dagestana, Moskau 1981 (mitgeteilt von D. M. Magomedow) um. 43, Grab eines Bogenschützen aus Innerasien Kokel, RSFSR, Tuwinische ASSR, Sowjetunion (1962) Die „asiatisch-hunnischen" Friedhöfe von Tuwa, das bis 1945 zur Mongolei gehörte, können vorläufig mit den europäischen Hunnen nicht in unmittelbare Verbindung gebracht werden. Dieses Beispiel dient nur der Erläuterung des innerasiatischen Hintergrundes. ín dem mit einem Steinkranz von 42 m Durchmesser umgebenen Kurgan 26 eigentlich eher ein kleiner Friedhof fand man 46 Bestattungen. Die Toten waren in gezimmerten Brettersärgen beigesetzt. Um und unter dem Männergrab 8 waren die Sargüberreste noch gut zu erkennen. Hinweise auf die Kleidung und Tracht des Toten gaben nur das unter dem Kinn gefundene, vielleicht die Oberkleidung im Halsbereich einfassende, bogenförmige Goldplättchen, eine eiserne Gürtelschnalle und zwei den Gürtel verzierende Eisenknöpfe. In den Gürtel war ein Eisenmesser gesteckt. Offenbar war der kleine, gespannte, asymmetrische Bogen auf den Sarg gelegt worden. Als der Erddruck zunahm, dürften die rotgefärbten Knochenversteifungsplatten des Bogens zerbrochen und mit dem morschen Sargdeckel auf das Skelett gefallen sein. Dabei zerbrach auch ein neben dem Kopf des Toten deponiertes Tongefäß. Der mit einer eisernen Tragöse versehene Köcher lag im Sarg auf dem Toten. Im Köcher waren zwei Pfeile mit rotgefärbien Schäften. Unter den dreiflügligen Spitzen blieben die aus Knochen geschnitzten Pfeilvorrichtungen erhalten. Der Eisenkessel mit Henkel und Fußring am Kopfende des Sarges ist von besonderem Interesse. Der Tote war mit dem üblichen reichen Proviant ausgestattet, große Tongefäße in und neben dem Sarg enthielten Speise und Trank, beim linken Fuß war Hammelfteisch niedergelegt worden. Neben dem linken Fuß lag auch ein dreieckiges, aus Knochen geschnitztes Amulett(?). S. I. Wajnstejn, Raskopki mogilnika Kokel w 1962 g. TTKAEE III., Leningrad 1970, 17, nach Abb. 19-20, Taf. 1/18 und 11/17. 44. Hunnenzeitliches Kriegergrab mit zerbrochenem Bogen Kysylkajnartöbe (Ksyl-Kajnar-Tobe), Zentral-Kasachstan, Sowjetunion In einer Ruine des Altertums lief eingegrabene Einzelbestattung, ähnlich dem Grab Aktöbe II. Es handelte sich um

cinen älteren europiden Mann mit mongoloiden Zügen, artifiziell deformiertem Schädel mit einer Trepanationsöffnung von 11 cm Durchmesser. Teile des Skeletts waren vermodert. Am Hals trug der Tote eine 35 cm lange, geflochtene Goldkette, deren Anhänger ein ein an zwei Seiten durchbohrtes goldenes Stirngehänge mit abgebrochenem Ring bildete, das für den ursprünglichen Zweck nicht mehr zu gebrauchen war. Von der Halskette hingen ein Knochen- und ein Bronzeplattenzierat herab. Der mit einer ovalen Bronzeschnalle versehene und mit 30 Bronzeplättchen beschlagene Waffengürtel war geöffnet über den Rumpf des Toten gelegt. Der Tracht nicht entsprechend - umgekehrt - war das Kampfmesser neben dem Toten deponiert an der rechten Seite lag das Langschwert und schräg über dem Kampfmesser der Köcher mit acht dreiflügligen eisernen Pfeilspitzen. Auf die Beine war quer auch der angespannte Bogen gelegt. Anhand der Überreste der Knochenversteifungen ist schwer zu beurteilen, ob es sich um einen kleineren ungespannten Bogen oder um einen zerbrochenen. eventuell im Grab zerfallenen Bogen handelte. Der bedeutendste Fund dieses Grabes ist jedoch die Goldblechverkleidung eines ursprünglich aus Holz geschnitzten Pferdekopfes. Die aus Goldblech verfertigten Pferdeköpfe stellen die bisher nicht gewürdigten Stationen der hunnischen Bewegung von Kasachstan über den Fund von Nowogrigorewka in der Dnieprgegend (vgl. Abb. 52) und dem Grab von Beljaus auf der Krim (Abb. 59) bis zu dem Fund von Árpás-Dombiföld (vgl. Taf. 39) in Westungarn dar. Ihre aus Holz geschnitzten Vorbilder sind uns aus der asiatischen Taschtik-Kultur und aus den Fürstengrabern der Frühhunnen-Hiung-nu von Nojon-ul (Noin Ula) in der Mongolei bekannt. Der Gürtel von Kysylkajnartöbe ist mit den metallbeschlagenen Gürteln des Typs Kanattas verwandt (vgl. Abb. 18), die wirklich gute zeitgenössische Parallele jedoch aus dem Kurgan I von Sewakino in Kasachstan bekannt (vgl. Abb. 4). Diese Gürtel erinnern an die römischen Militärgürtel des 4. Jahrhunderts. Da aber in Kasachstan zu dieser Zeit nicht mit römischem Einfluß gerechnet werden kann, ist es wahrscheinlich, daß die metallbeschlagenen Gürtel sowohl bei den Hunnen als auch bei den Römern auf persische Vorbilder zurückzuführen sind - daher ihre überraschende Ähnlichkeit. Ein Gegenstück der geflochtenen Goldkette ist im reichhaltigen hunnischen Komplex des Woschod-Fundes in Pokrowsk vertreten. Das Stirngehänge des Grabes ist, ebenso wie der ganze Grabfund, mit dem Ohrgehänge der Bestattung Aktöbe II sowie mit einigen anderen Ohrgehängen aus Kasachstan verwandt (vgl. Abb. 74). M. S. Merschtschljew, Poselenije Ksyl-Kajnar-Tobe I-IV wekow i sachoronenije na nem woina IV-V weka. Po sledam drewnich kultur Kasachstana, Alma-Ata 1970, 86-91, nach Abb. 6-7, Die Zeichnung des Stirngehänges wurde aufgrund von K. Akischew-A. Akischew. Drewneje soloto Kasachstana. Alma-Ata 1983, Abb. 154, die geflochtene Kette aufgrund von Taf. 155 korrigiert. 45. Mit gespanntem Bogen bestatteter hunnischer oder hunnenzeitlicher orientalischer Krieger Zamantogaj Korymy (Shaman-Togaj), Kurgan 21, Kasachstan, Oblast Tschimkent, Sowjetunion Im Randbereich des kleinen, zu einem wesentlich früheren Friedhof gehörenden Kurgans 21 war nachträglich in einem mit Brettern abgedeckten Schacht, der in einer Tiefe

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von kaum 50 cm begann, ein kräftiger Mann zusammen mit allen bedeutenden Waffen der Hunnenzeit bestallet worden. Auf dem Sarg war der knochenversteifte, asymmetrische Bogen deponiert, neben der linken Hüfte und dem linken Bein lag ein 80 cm langes Schwert mit Parierstange und aus Bein geschnitzten Tragbügel, ähnlich dem aus Nephrit des vom Woschod-Fund in Pokrowsk an der Wolga bekannten hunnischen Prunkschwertes (vgl. Abb. 22/1). Neben dem rechten Oberschenkel lag ein einschneidiges Kampfmesser, neben dem linken Knie lagen auf einem Haufen die auf einen Köcher weisenden, dreiflügligen Pfeilspitzen verschiedener Größe. Die vom Gürtel herabhängende Tasche enthielt die in hunnischen Fundkomplexen nicht selten auftretende Haarpinzette, eine Ahle und ein Messer. Über den Knöcheln des Toten lagen einlache eiserne Vorläufer der für die Tracht der Hunnenzeit so charakteristischen runden Stiefelriemenschnallen. Interessant ist ferner eine neben dem linken Arm des Toten gefundene, mit einer eingravierten Hirschfigur verzierte Knochenplatte. Erwähnenswert sind noch der run­ ter dem Kopf reichlich niedergelegte Speisevorrat (Lamm­ knochen, Gefäße) und die in einem Henkelkrug neben den Füßen befindliche Trankbeigabe. In der Publikation wird die Bestattung in das 3.-5. Jahrhundert dauert. Der in der Kata­ kombe 14 ruhende, mit zweischneidigem Langschwert und runden Eisenschnallen ausgestattete Tote war etwa zur glei­ chen Zeit, in der Tat im 4. bis 5. Jahrhundert bestattet worden. Bei beiden durfte es sich demnach um Vorfahren bzw. Zeitgenossen der europäischen Hunnen handeln. A. G. Maximowa - M. S. Merschtschijew - B. I. Weinberg-L. M. Lewina, Drewnosti Tschardary. Alma-Ata 1968, 184-191, 254-255. nach Abb. 3 und Taf. III-V. 46. Funde aus dem Grab eines Militärführers Fedorowka, Bezirk Kinel (früher Kreis Busuluk). Sowjet­ union (1927) Der Grabfund, dessen Fundumstände uns kaum bekannt sind, ist nicht seiner Bedeutung angemessen in die hunnische Archäologie einbezogen worden. Die Waffe den Kriegers war ein 60-61 cm langes, zweischneidiges Kurzschwert, dessen Scheide mit Goldblech überzogen war und Almandineinla­ gen besaß. In seinem Köcher befanden sich 19 Pfeile mit dreiflügligen Spitzen, zehn kleinere mit kantigen Spitzen und neun größere rhombusförmige. Sein mit einer Silberschnalle und mit Silberplättchen (ca. 20 gibt es unter den Funden) versehener Gürtel ähnelt zahlreichen hunnischen Gürteln, von Kanattas über Kapulowka bis Szekszárd (Abb. 18). Auch die in den Zellen mit Glaseinlagen verzierte silberne Riemenzunge und ein Gartelschmuck mit Zellenornamentik, meist aus Gold, ist in reichen hunnischen Funden ge­ bräuchlich. Zwei der Silberschnallen hingen wahrscheinlich an einem Nebenriemen, die beiden anderen dürften Stiefel riemenschnallen gewesen sein. Die im Grab das Pferd sym­ bolisierende Trense aus Eisen besitzt silberne Ringe und silberne Zügelösen. Die Bestimmung einer größeren silber­ nen Schnalle - zu der wahrscheinlich ein inzwischen zerfalle­ ner eiserner Schnallenring gehörte - ist unbekannt Die Rei­ he der kleinen Funde schließt ein Goldring mit Hängeöse. dessen Rolle ungewiß ist, letzterer ist auf unserer Abbildung nicht zu sehen. Nichts Näheres ist über das im Grab gefunde­ ne Panzerhemd bekannt, nämlich ob es ganz war oder nur ein Teil symbolisch mitgegeben wurde. Aus einer anderen Publikation ist uns ein Kupferkessel mit Eisenrand und Eisenhenkel bekannt, dessen Durchmesser 41 cm und dessen

Höhe 24 cm beträgt. Ähnliche Kessel sind in mehreren t o ­ nischen Fundkomplexen zutage gekommen. W. W. Golmsten. Archeologitscheskije pamjatniki Samarskoj Gubernii Trudy Sekzii Archeologii RANION IV, 1928. 134-137. nach Abb. 54-63, sowie A. M. Tallgren, Zur osteuropäischen Archäologie. Finnisch-ugrische Forschun­ gen 20, 1929. 35. Abb. 30, nach einem kleinen Foto mit Zentimeterangabe. 47.-48. Pécsüszög. Richtig. (Pécs) Nagykozár-Üszőgpuszta, Komitat Baranya Die eine Hälfte der Funde wurde am 30. Januar 1900 bei Pflügarbeiten auf einem Hügelplateau in etwa 70 cm Tiefe an der Grenze der Lehmschicht gefunden. Diese Funde konnten erst nachträglich und nur unvollständig sicherge­ stellt werden. Die andere Hälfte des Fundkomplexes wurde bei der systematischen Untersuchung der Umgebung der Fundstelle aurgesammelt. Menschen- oder Tierknochen, aber auch Leichienbrand kamen dabei nicht zum Vorschein. Die Funde wurden entsprechend dem Verzeichnis der Finder ins Inventar des damals errichteten Museums von Pécs (Fünfkircher) aufgenommen. Aufgrund der Fundzusam­ menhänge ukrainischer und ungarischer Opferfunde, vor allem unter Berücksichtigung von Bátaszék und Pannonhalma, dürfte das als verrostetes Eisen offensichtlich geringgeschätzte Schwert nicht in das Museum gelangt sein. Es ist auch nicht ausgeschlossen, daß goldene Schnallen mit Edelsteineinlage abhanden gekommen sind. Eingehende zeitgenössische Angaben hinsichtlich der Fundstelle und der Fundumstände blieben mit Ausnahme der Tiefenangabe zum Leidwesen der Forschung achtzig Jahre lang unbe­ kannt, was zu einer ganzen Reihe falscher Theorien führte. Hampel hielt den Fund für einen mit seinem Pferd bestatte­ ten Awaren; er war sich dessen „gewiß", daß das Gold zwischen menschlichen und Pferdeknochen gefunden wurde, und bedauerte den Verlust der beiden Steigbügel. Die Inter­ pretation als hunnisches ,,Reitergrab" tauchte erst kürzlich wieder auf (Budapest története [Geschichte von Budapest] I, Budapest 1973, 189; Baranya megye története az őskortól a honfoglalásig [Geschichte des Komitats Baranya von der Urzeit bis zur Landnahme], Pecs 1979, 342) Von Minajewa. die die Funde nur von den Zeichnungen Hampels gekannt bat, stammt die Annahme, es habe sich „vermutlich" um ein Brandgrab gehandelt. Diese Vermutung übernahm Alföldi bereits als unbestrittene Tatsache, was jedoch von Fettich und László, die von den Originalfunden ausgingen, niemals anerkannt wurde. In internationalem Ausmaß machte Wer­ ner den Fund wiederum zu einem Brandgrab. Seiner Mei­ nung folgten eine Zeitlang auch in Ungarn einige Forscher. Erst A. Kiss klärte die Fundumstände endgültig mit Hilfe des im Janus-Pannonius-Museum aufgefundenen handgeschrie­ benen Tagebuches und einer zeitgenössischen Zeitungsmeidung. Beide zeugen eindeutig von einem Opferfund (Arch Ért 108, 1981, 79-80). Obwohl Hampel die Funde für awarisch hielt, stammen doch von ihm die einzige vollständige, zeitgenössische Be­ schreibung und Veröffentlichung (ArchÉrt 20, 1900, 98-107; Hampel. Alterthümer II. 370-362) Eine fachgemäße und neblige Beschreibung der Funde erfolgte aufgrund der Parallelen von Pokrowsk, Nowogrigorewka und Nishnaja Dobrinka und nach den Abbildungen Hampels durch Mina­ jeva, Pogrebenija, 107-108. Die Fototafeln I-VII in Alföldi. Hunnenzeit, bewahrten gewissermaßen alle bis 1930 schon

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arg mitgenommenen und beschädigten Funde von „PecsÜszög", ergänzt durch einige von Hampel nicht abgebildete Bruchstücke. Eine Beschreibung der Funde fügte Alföldi den Tafeln nicht bei, auch übernahm er bis auf das unglücklich gewählte Attribut „eingeäschert" nicht die Fundbestinimungen Minajewas. Von den gegen Ende der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts auf frevelhafte Weise beschädigten und eingeschmolzenen Goldfunden ist nicht einmal mehr die Hälfte vorhanden. Die besten der erhaltenen Stücke sind auf unseren Tafeln 43-52 abgebildet. Auf unseren Zeichnungen wurde versucht, den Großteil der Funde von Üszögpuszta aufgrund der Zeichnungen und Fotos von Hampel bzw. Alföldi zu rekonstruieren. Die Rekonstruktion des Miniaturbogens mit goldüberzogenen Enden und die mit ihm zusammenhängende Diskussion erfolgte bereits nach einem Foto von Alföldi, das von wesentlich besserer Qualität und viel schärfer ist als das veröffentlichte (Gy. László. Acta ArchHung 1, 1951, 96-97, Taf. XII/4, Fettich, Nagyszéksós, 171-177). Von dem Beschlag ist, wie aus Taf. 47 ersichtlich, nur der untere Teil vorhanden. 49. Pferdetrense und andere Grabfunde aus der Kurgangruppe Mertwyje soli bei Iletzkaja Saschtschita RSFSR, Oblast Orenburg, Sowjetunion (1887) Die Funde der mit Steinplatten abgedeckten Gräber sind wegen der Eisentrense mit bronzenen Zügelösen bedeutend. Die Trense ist unmittelbares Vorbild für die entsprechenden Stücke aus den hunnischen Opferfunden Ungarns aus PécsÜszögpuszta und Pannonhalma sowie aus dem Grab in Budapest-Zugló. Die letzteren weichen von ihrem Vorbild nur durch ihre goldblechüberzogenen Knebel ab. Neben dem Männerskelett im Stein-Kurgan 1, der eine Doppelbestattung enthielt, lagen - in einem Köcher(7) ursprünglich fünf Pfeile mit dreiflügligen Spitzen. Der Gürtel wurde von einer großen Bronzeschnalle zusammengehalten. Die neben dem Mann Hegende Frau trug eine Perlenkette und einen granulierten und mit Edelsteinen besetzten silbernen Fingerring. Aus dem Männergrab des Kurgans 2 stammen eine die Pferdebestattung symbolisierende Trense, zwei Gürtelschnallen und zwei kleinere Stiefelschnallen aus Bronze. Im ärmlich ausgestalteten oder bereits ausgeraubten Kurgan 3 fanden sich bloß eine eiserne Gürtelschnalle und ein Eisenhaken mit Schlingenende. F. D. Nefedow, Kurgany na göre Merlwyja soli, Orenburgskowo uesda. Materialy po Archeologii Vostotschnych Gubernii III. Moskau 1899, 10-11, 28-29, nach Taf. 3/1-15, Vgl. noch A. K. Schmidt, ESA 1, 1927, 39-40, Abb. 39/a-m. Auf unserer Zeichnung sind die Rippen der verrosteten Knebel etwas übertrieben dargestellt. Die Parallele des in hunnischen Funden seltenen Silberringes ist uns aus dem Friedhof von Lebedewka am Ural bekannt: K. Akischew-A. Akischew: Drewneje soloto Kasachstana. Alma-Ata 1983, Abb. 156-157. 50 . Goldblechverkleidung des oberen Bogenendes Bátaszék, Komitat Tolna (1965) Das „Goldblech" lag neben dem Schwert, brach bei der Freilegung entzwei und wurde nach außen verbogen (vgl. Taf. 54). Die auf den beiden Bruchstücken fortlaufenden gepreßten Leistenmuster beweisen eindeutig ihre Zusammengehörigkeit. Das Goldblech ist für die hunnische Archäologie von großer Bedeutung. Mit seiner Hilfe ist es

gelungen, aus Bruchstücken die ähnlich verzierte und etwa gleich große Goldblechverkleidung des Bogenendes von Pécs-Üszögpuszta (vgl. Abb. 47) zu rekonstruieren und den „Schwerttragbogen" von Kertsch-Glinischtsche als Bogenendverkleidung zu bestimmen. Durch die drei genannten Goldblechbögen wiederum war es möglich, die als Würdeabzeichen geltenden kleinen Funeralbögen mit ihren goldüberzogenen oberen Enden als besondere Gruppe von den anläßlich der Trauerfeiern entzweigebrochenen und nur fragmentarisch auf den Scheiterhaufen oder ins Grab gelangten Bögen zu sondern. Das Ende des Goldbleches stellt wahrscheinlich einen Tierkopf dar. Länge 24,3 cm. I. Kovrig, in: Drewnosti. 1982, 8-11, nach Abb. 4/2 mit gewisser Änderung. 51. Funde aus einem Männergrab Kertsch-Glinischtsche, Krim. Sowjetunion (1896) Die Bedeutung der Bestattung des auf der rechten Seite dieses Doppelgrabes liegenden reichen Mannes beginnt man erst heute richtig zu erkennen, es handelt sich aller Wahrscheinlichkeit nach um die Bestattung eines Würdenträgers des hunnischen Reiches. Das 91 cm lange Schwert mit goldblechverziertem Griff besitzt Parallelen unter den Schwertern der östlichen Hunnen. Der Schwertknauf aus Chalzedon, mit goldenen Zellen mit roten Glaseinlagen verziert, sowie auch die polyedrische Schwertperle aus Bergkristall in einer Rundscheibe mit roter Glaseinlage sind alanischen und osthunnischen Schwertern verwandt. An der Schwertscheide war neben anderen Schmuckstücken ein 26,8 cm langes Goldblech angerostet, über dessen Funktion auch in der Publikation bloß Vermutungen angestellt wurden. Wegen seiner Maße, Form und Lage konnte es sich keinesfalls um einen Schwerttragbogen handeln, sondern um eine Bogenendverkleidung vom Typ Bátaszék-Pécs-Üszögpuszta in unversehrtem Zustand. Das an einen Tierkopf erinnernde Ende der Bogenverkleidung war einst mit goldenen, mit roten Steineinlagen versehenen Nieten am Bogen befestigt. Auf unserer Abbildung wurde versucht, diesen Beschlag in Draufsicht wiederzugeben. Die Tracht des Toten von Glinischtsche stimmt mit jener der Vornehmen des Hunnenreiches überein: Der Gürtel endete in einer Silberschnalle mit vergoldeter Beschlagplatte und einer rechteckigen, edelsteinverzierten Riemenzunge. Die Goldschnallen mit roigrünen bzw. roten Steineinlagen auf den ovalen Beschlägen könnten sowohl vom Schwertriemen als auch von den Stiefelriemen stammen. Die hier nicht abgebildeten goldenen Fingerringe stellen hingegen eine Verbindung zu den hunnenzeitlichen Grabfunden am Bosporus und in der Südukraine her. E. R. von Stern, K voprossu o proischoshdenii „gotskowo stilja" predmetow juwelirnuwo iskusstwa. Sapiski Imperatorskowo Odesskowo Obschtschestwa Istorii i Drewnosti XX. 1897, 1-5, nach Taf. 1/2-3, 11-17. Die erhallen gebliebenen Funde des Männergrabes (Schwertknauf, Schwert perle aus Bergkristall, Blechverzierung des Schwertgriffes, Edelsteine und die obere Hälfte des Bogenbeschlages) sind auf einem Farbfoto wiedergegeben: N. G. Dokont, in: Odesskij Archeologitscheskij Musej ANUSSR, Kiew 1983, 177, Nr. 141, Taf. 75, Aus dieser Publikation wurde die vergrößerte Seitenansicht der Bogenverkleidung für unsere Arbeit entnommen.

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52. Funde sus Nowogrigorewka Heute Knjashe-Grigorewka. Ukraine. Oblast Saporoshe, einst Kreis Alexandrowka, Sowjetunion (1884) Von den am Ufer des Konka freigelegten Opferresten bieten wir eine Auswahl jener, die mit den Hunnenfunden des Karpatenbeckens eng verwandt sind. Die Trennung der Scheiterhaufenfunde VIII und IX ist nicht problemlos, ihre Beschreibung ist in den verschiedenen Berichten etwas unterschiedlich. Da jedoch in beiden Komplexen dieselben Fundtypen vertreten sind, kann an ihrer Gleichzeitigkeit und Zusammengehörigkeit nicht gezweifelt werden. Von unserer Zusammenstellung war früher nur der 8,3 cm große Tierkopf aus Goldblech nicht publiziert. Das Schwert IX (Lunge 88 cm, Klingenbreite 4,2 cm), das nach dem Ausgräber mit Gold verziert war, versuchten wir einigermaßen zu rekonstruieren. Der Bernsteinanhänger mit roten Glaseinlagen in Silberzellen hat einen Durchmesser von 3,4 cm. Das Zellenwerk des einen Schnallenbeschlags ist heute leer, das des anderen besaß zur Zeit der Auffindung rote Granat- oder Glaseinlagen, es dürfte sich um die üblichen Stiefelriemenschnallen handeln. Von den mit Edelsteinen verzierten Riemenzungen aus goldblechüberzogener Bronze kamen in den Funden VIII und IX je drei 7,5 cm lange zutage, von den ähnlich gearbeiteten, edelsteinverzierten 8,9 cm langen blattförmigen Pferdegeschirranhängern je zwei. Die mit drei ovalen Karneolen besetzte kleine Riemenzunge aus Gold publizierte der Ausgräber noch in ausgebogenem Zustand, ihre richtige Form wird hier nach Minajewa wiedergegeben. Von den in beiden Komplexen gefundenen, etwa 6 cm langen Goldblechen, die vielleicht von den Enden von Miniaturbögen stammen, wurde bisher nur eines veröffentlicht. Die 14 cm langen und 7,2cm breiten, schuppcn\crzierten Sattelbrettbesätze aus Gold kamen in beiden Funden paarweise zutage. Das Bruchstück einer mit Edelsteinen verzierten, ovalen Goldplatte dürfte ein Schnallenbeschlag oder der Teil eines Anhängers gewesen sein. Die Trense ist aus Eisen, die bronzenen Trensenringe sind durch einen mehrkantigen Schaft an ihr befestigt. In der Beschreibung des OAK 1883-1884(1885), LII-LV. bzw. in dessen französischer Fassung, Rapports pour 1882-1888, St. Petersbourg 1893, MX LXI, entspricht das Grab VII-VIII dem Grab VIII-IX des Inventarbuches der Ermitage vom Jahre 1911, Auch die Berichte des Ausgräben; sind nicht immer eindeutig, seine vorzüglichen Abbildungen stellen hingegen die wichtigste Quelle Für unsere Wiedergabe dar: Samokwasow, Katalog, XXX-XXXl. Taf. IV/2, 7-8, 19-20 und 26, Ders., Mogily russkoj semli, Moskau 1908, 132-136, Taf. IX. Zu weiteren Funden: Minajewa. Pogrebenija, 94-101, Taf. III/17, 22, Taf. IV/25-26, 28, 30, 34 und Taf. V/37-38, Sassetzkaja. Solotye ukraschenija, 68, Nr. 72, 76, 89-90. Über den Bestattungsritus nach Samokwasow und Minajewa: Fetlich. Nagyszéksós 136-137. 53. Hunnisches Prunkschwert, Schnallen und Riemenzungen Jakuszowice, Bezirk Olszawa, Polen (1911) Aus einem sehr tiefen Einzelgrab eines Reiters (freundliche Mitteilung von K. Godlowski). Das 95 cm lange zweischneidige Schwert mit Parierstange ist mit den hunnischen Schwertern (Zainantogaj Grab 21 Nowogrigorewka IX, Szirmabesenyö, Lengyeltóti, Bátaszék usw.) engstens verwandt. László interpretierte das als Scheidenbeschlag publizierte lange Goldblech als Bogenbeschlag (vgl. Abb. 54). Die

Schwertscheide verzierte in Wirklichkeit ein Goldblech mit Schuppenmuster wie bei dem jüngst in Pannonhalma gefundenen Schwert (Farbtaf. XVIII). Höchstwahrscheinlich wurde der Schwertgriff mit einem edelsteinbesetzten Goldband (oder mit zwei Bändern) verziert. Auch das silberne Ortband und das Scheidenende blieben erhalten, so daß das Schwert zusammen mit der vom Griff herabhängenden Schwertperle aus Bernstein ganz gut rekonstruiert werden kann. Der Perlanhänger von 6 cm Durchmesser wurde in den ersten Publikationen noch für den Schwertknauf gehalten. Als erster erkannte Fettich seine Funktion und damit auch die der anderen Schwertperlen (Nagyszeksós, 175-176). In Jakuszowice kamen erstmals in Ostmitteleuropa Funde unbestreitbar östlicher Herkunft zutage: Waffen wie Langschwert und Bogen, halbmondförmige bzw. rechteckige Goldbeschläge mit Almandinen in unregelmäßig angeordneten und geformten Fassungen, schwere Schwert- bzw. Stiefelriemenschnallen mit ovaler, zellenverzierter Beschlagplatte samt den dazugehörigen Riemenzungen. Da das Grab früher mit der Bestattung eines Goten in Zusammenhang gebracht wurde, blieben diese Gesichtspunkte fast unberücksichtigt. Man hielt das der Form nach politische, mit nordischen Motiven verzierte Pferdegeschirr für ein ethnisches Bestimmungsmerkmal, ohne daran zu denken, daß das als Geschenk erhaltene, erbeutete oder käuflich erworbene angeschirrte Roß für die ethnische Zugehörigkeit des Eigentümers kaum bestimmend sein kann. Nach N. Aberg. Fornvännen 5, 1936, 270-277, Taf. I-II. Gy. László. Acta ArchHung I. 1951, 92-96, Taf XVIIIXIX. St. Nosek. Inventaria Archaeologica, Pologne. Fasc. 2, Lodž 1959, Taf. 15/1-4. 54. Goldblechverkleidung eines Bogens Jakuszowice, Bezirk Olszawa, Polen Sic wurde ursprünglich als Schwertscheidenbeschlag interpretiert, ihre Funktion erkannte erst László. Die jetzt 70 cm langen, fragmentierten Goldbleche verkleideten wahrscheinlich den oberen und initiieren Teil des Bogens, der gespannt einen Durchmesser von 80 cm gehabt haben könnte. Seine geringe Größe läßt auf einen symbolischen Funeralbogen oder auf eine Insignie schließen. N. Aberg. Formännen 5, 1936, 271, Taf. I. Gy. László. Acta ArchHung I. 1951, 93-94, nach Taf. XXI. Den in Wirklichkeit zum Schwertortband gehörenden „unteren" Goldbeschlag habe ich außer acht gelassen (vgl. Abb. 53). 55. Ornamente der Goldplatten der Bogenenden und des Griffes aus Pannonhalma Nach ihrer ursprünglichen Bestimmung seitlich dargestellt; mit geringer Ergänzung (vgl. Taf. 60-62) P. Tomka, Der hunnische Fürstenfund von Pannonhalma. Acta ArchHung 38, 1986, 431-434, nach Abb. II. 56. Rekonstruktion des hunnischen Prunkschwertes von Bátaszék Bezüglich der Fundumstände vgl. den Text zu Taf. 57, Die Verzierungen der Goldbeschläge des Griffes und des Scheidenmundes des 96 cm langen Eisenschwertes figurierten ebenso unter den Funden wie der Perlenanhänger aus Kalkstein (vgl Taf. 53 und Farbtaf XVI) Problematisch ist die tropfenförmige Zelle, die am Griff ebenso wie an der Schwertscheide angebracht gewesen sein konnte. I. Kovrig. Drewnosti, 1982, 6-9, Abb. 2-3, A(ttila) G(aál) und H(annsjörg) U(bl). Katalog Sevenn, 471-472, Taf 18-19.

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57. Schwert mit goldverzierter Parierstange und silbernem Scheidenbeschlag Verin Holm, Schapkino-Friedhof. Georgien, Abchasien So­ wjetunion (1981) Das rechts vom Skelett aufgefundene Schwert vereinigt obwohl es nachhunnenzeitlich ist - gleichsam alle Elemente der Konstruktion und der Zierbeschläge der Schwerter von Pannonhalma, Lébény und Szirmabesenyö. Die Gesamtlän­ ge des zweischneidigen Schwertes beträgt 90 cm. In den Zellen der 9 cm breiten, bronzenen Parierstange befindet sich über gegitterten Goldplättchen eine farblose Glaseinlage. Das silberne Ortband ist 10,5 cm lang. Ju. N. Woronow- N. K. Schenkao, Woorushenije woinow Abchasii IV-VII. w. w. Drewnosti, 1982, 158, nach Abb. 23/3-5. 58. Hunnische Opferfunde aus der Südukraine 1.-7. Kapulowka, Ukraine, Bezirk Nikopol, Sowjetunion (1961) In der verlassenen Siedlung der TschernjachowKultur „verstreut" ans Tageslicht gekommene Pferdegeschirrbeschläge, Riemenzungen, goldene Fin­ gerringe, Schnallen und silberne Gürtelbeschläge (zu letzteren vgl. Abb. 18). Die auf Bronzeunterlagen gepreßten Goldbleche sind mit eingefaßten ro­ ten Edelsteinen verziert. Die Länge des längsten Goldblechs beträgt 16 cm. L. M. Rutkiwska (Rutkowskaja), Archeologija XXIV, Kiew 1970, 197-200, nach Abb. 3, Nah verwandt den unweit aufgedeckten Pferdegeschirrbeschlägen von Saga (OAK sa 1899 [1902], 127-128, Abb. 250). 8.-10. Showtnewoje, Gemarkung Makartet, Oblast Saporoshe, Sowjetunion (1967) Erst beim Pflügen, dann bei Grabungen in einer seichten Grube gefundenes Schwert und Goldfund. Außer zwei goldenen Fingerringen mit Gemme wurden bisher nur die hier wiedergegebenen Pfeil­ spitzen und die Riemenzunge veröffentlicht. W. F. Peschanow und Ja. D. Telegin, Archeologitscheskije otkrytija 1967, Moskau 1968, 229-232, L. M. Rutkiwska, Archeologija XXII, Kiew 1968, 156, nach Abb. 2. 11.-15. Radensk, Ukraine, Oblast Cherson, Sowjetunion (1897) Von den „an der Oberfläche" entdeckten Funden (Eisenschwert, Trense, Pferdegeschirr) und Bruch­ stücken werden hier die mit den oben angeführten Funden verwandten Beschläge, Riemenzunge und die zwei hörnchenförmigen Lockenringe aus Silber wiedergegeben. OAK sa 1897 (1900), 34-35, Abb. 108 (Pferdegeschirrbeschläg). Fettich, Nagyszéksós, 140, publi­ ziert einen Teil der Funde aufgrund von Originalfo­ tos, nach Taf. XXXV/2, 8, 10, 15-16. 59.-60. Funde aus dem Grab eines vomehmen Jünglings Beljaus, Nordwestkrim, Sowjetunion (1967) Steinkammergrab in einem vereinzelten Kurgan. Unter der das Grab abdeckenden Steinplatte und über den die

eigentliche Bestattung schützenden Steinplatten fand sich die Teilbestattung eines Pferdes: Die Haut war abgezogen und eingerollt, Schädel, Bein- und Fesselgelenkknochen lagen auf einem Haufen. Das Pferdegeschirr war auch in diesem Fall nicht neben den Pferdeknochen deponiert, sondern zu Füßen des Toten niedergelegt. Das in östlichen Hunnenfunden häufig auftretende Goldgehänge mit Edelsteinschmuck und der hörchenförmige Lockenring aus Bronze wurden nebeneinander aufgefunden und zierten wahrscheinlich einen Zopf. Der 13-15jährige Knabe mit künstlich deformiertem und mongoloidem Schä­ del trug noch keine Waffe, wohl aber einen Gürtel. Seine vergoldete Gürtelschnalle besitzt mehrere zeitgenössische Parallelen. Am ähnlichsten sind die Schnalle aus Katschin in Wolhynien (Ju. W. Kucharenko. Drewnosti, 1982, 237-240) und die schuppenverzierte Gürtelschnalle von PoroszlóRáboly-puszta (unpubliziert). Die Stiefel hatten unterhalb der Knie und im Bereich der Knöchel Riemen mit Silberschnallen. Bemerkenswert sind die Trense mit bronzeblechüberzogenen Knebeln, die silbernen Riemenverteiter und Riemenzun­ gen aus goldblechüberzogenern Silber, die hier gewiß das Pferdegeschirr verzierten, und eine mit Eisenblech überzoge­ ne bronzene Glocke mit Griff; eine ähnliche war in dem reich ausgestatteten Hunnengrab von Budapest-Zugló (Taf. 73/1). Eine besondere Beigabe stellt die Pferde- oder Maultierfigur aus Goldblech dar, eine Beigabe, wie sie uns in hunnischen Funden von Mittelasien (Kysylkajnartöbe, Abb. 44) über Nowogrigorewka (Abb. 52) bis Arpas-Dombiföld (Taf. 39) begegnet. O. D. Daschewskaja. Pogrebenie gunnskowo wremeni w tschernomorskom rajone Krima. Drewnosti Wostotschnoj Ewropy, Moskau 1969, 52-61, nach Abb. 2-5, 61. Eisenschwert mit Oberresten der Scheide Szirmabesenyö-Hátsóföld, Komitat Borsod-Abaúj-Zemplén (1950) Das Besondere an diesem neben einem Mann mit künst­ lich deformiertem Schadel niedergelegten, 97 cm langen und mit einer 9,5 cm breiten Parierstange versehenen Schwert ist das rechteckige Ortband. Sein unterer Abschluß ist mit zwei Eisen knöpfen verziert, der daran anschließende Ortband­ rahmen besteht aus tordierten Bronzestäben, die in einander zugewandten Vogelköpfen enden. Identische Lösungen sind uns auch von alanischen Schwertern des Kaukasusgebietes bekannt (Noworossijsk-Abrau-Dürso, Kurz- und Langschwerter aus den Gräbern 300 und 479 (vgl. Abb. 30] sowie A. W. Dmitrijew, SowArch 1979/4, 223, Abb. 8/5, 8 und 10). Die mit Knöpfen verzierten rechteckigen Ortbänder kennen wir auch von Schwertern der spätrömischen Zeit, so z. B. von dem erst jüngst freigelegten Ziegelgrab von Zalaszentgrót aus dem beginnenden 5. Jahrhundert, in dem vermutlich ein in römischen Diensten stehender, barbarischer Militärführer bestattet worden ist. (R. Müller, Zalai Gyűjtemény 6, 1976, 56-63, Abb. 11/5 und Abb. 12). sowie eine bronzene Varian­ te aus einer spätrömischen Befestigung. Da diese eigenarti­ gen Schwerter des spätrömischen Heeres östlichen, z. T. iranischen Ursprungs sind, kann das in einem frühsächsischen Grab gefundene Eisenschwert mit drei Zierknöpfen (vgl. J. Werner, Bayerische Vorgochichlsblätter 31, 1966, 134-139, Abb. 1-3) ebensogut wie dus von Szirmabesenyó östlicher, „barbarischer" Herkunft sein. In den Fundkom­ plexen der Hunnenzeit ist auch häufig die andere Waffe des

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Kriegers von Szirmabesenyö, das 55 cm lange, einschneidige Kampfmesser, anzutreffen. Der Zierknopf des Schwertes ist aus Bernstein geschnitzt. G. Megay, ArchÉrt 79, 1952, 132-133, nach Taf. 25, 62. Goldbleche von einer Schwertscheide und von einem Sattelbrettende Szeged-Röszke-Nagyszéksós. Rekonstruktionszeichnungen von I. Méri Breite des Schwertscheidenbeschlags 5,3 cm, Durchmesser des Sattelbesatzes etwa 16 cm. Fettich. Nagyszéksós, 121, nach Taf. XV/I und XIV/I, letzteres, etwas geändert.

Länge 16 cm Aus Grab A: (4.) ein eiserner Amboß. Höhe 14,7 cm, Schlagfläche 7,5 x 7,5 cm, (5.) eine zerbrochene Schmiedezange, Länge 26 cm, (6.) ein Bohrer, Lange 16 cm und (7,) ein Hammer, Länge 19,5 cm. M. Párducz. Acta ArchHung 11, 1959, 310, 317, nach Taf I/1—3, II/1-3, III/1.

66. Prunkschnallen, Fibeln und Pferdegeschirrbeschläge Prunkschnallen verwandter Form und Ornamentik aus dem nördlichen Pontusgebiet und dem Karpatenbecken sowie im Stil der Schnallen verzierte Fibeln und Pferdegeschirrbeschlage. Die schönste zu dieser Gruppe gehörende Silberschnalle ist in Jalta gefunden worden. Auf ihrem Beschlag ist ein dreifacher Tierwirbel dargestellt, auf ihrem Schild63. Mit Granat- und roten Glaseinlagen verzierte goldene Pfauen- dorn eine Männermaske. Gerade wegen der überreichen köpfe und eine Goldperle Verzierung haben wir diese Schnalle hier nicht wiedergegeEin „ungarischer" Fund, der wahrscheinlich aus Nagy- ben (I. A. Baranow. SowArch 1975/1, 271-275, Abb. 1-2). Die mit ähnlicher Ornamentik verzierten Fibeln spiegeln die széksós zu dem Antiquitätenhändler L. Mauthner gelangte. Die Vogelköpfe sind mit dem Schmuck aus Nagyszéksós barbarisch-römischen Beziehungen zwischen Mösien, Dacia Ripensis und der Theißgegend wider. verwandt, während Parallelen zu der Perle aus dem Nagyszéksós gleichwertigen hunnenzeitlichen Grabfund von 1. Pantikapaion-Kertsch, Grabkammer 154, Grab 2 aus Kertsch (24, Juni 1904) bekannt sind (vgl. A. Spizyn, Iswestidem Jahr 1904, Krim, Sowjetunion ja Imp. Archeologischeskoj Komissii 17, 1905, 118, Abb. 9, I. P. Sassetzkaja. KSIA 158, 1979, 11, Abb. 2/60-61). Länge Vergoldete Bronzeschnalle, die zusammen mit einem der Pfauenköpfe 4,5 cm, Längendurchmesser der Perle 2 cm. Paar von Silberplattenfibeln und mit einem goldenen Totenkranz gefunden wurde, der mit einem Abdruck Fettich. 1940, 239, Taf. IV/l-3, die erste Veröffentlichung einer Münze Valentinianus I. versehen war. Die Bestatnoch aus der ungarischen Sammlung. Nach M. C. Ross, tung ist nicht vor 400 zu datieren. Catalogue of the Byzantine and Early Medieval Antiquities in the Dumbarton Oaks Collection II. Washington 1965, I. P. Sassetzkaja. KSIA 158, 1979, 16, Abb. 3/21-22, 115-116, Nr. 164. Taf. LXXVIII, kamen die Schmuckstücke 2. PANTIKAPAION-Kertsch, Fund von 1905 1936 aus Ungarn in die Bliss-Kolleklion und dann von dort an ihren gegenwärtigen Aufbewahrungsort. Vergoldete Bronzeschnalle, beschädigt und zerbrochen. 64. Sassanidischer Trinkbecher aus Glas Die aus dem Iran stammenden grünen Pokale mit Füß vom 4. bis 5. Jahrhundert sind die bisher beste Parallele des Elektronpokals aus Szeged-Röszke-Nagyszéksós. Sie ahmen aus Glas mit runden Glasmedaillons als Einlagen einen Kelch vom Typ Nagyszéksós nach und wurden dort hergestellt, wo Form und Verzierung entstanden. Gleichzeitig beweisen sie klar, daß der Kelch von Nagyszéksós keine Miniaturnachahmung der hunnischen Kupferkessel ist, sondern eine echte mittelasiatische Form und Herstellung. a) Iran. Höhe 9,2 cm. Runddurchmesser 10,2 cm Rom, Museo Nazionale d'Arte Orientale. Inv.-Nr. 2705, Bruno Genito. Vetri iranici. Schede 10, del Museo Nazionale d'Arte Orientale. Rom 1978, 16 und Titelfoto. b) Lihsien (Hopei, Nordchina). Grabfund aus der Zeit der Nord-Shou-Dynastie (1983) Höhe 9,5 cm, Randdurchmesser 12,3 cm. An Jiayao. A Glass Bowl from Li Xian's Tomb of fhe Northern Zhou Dynasty. - Discovery and Research of the Sassanian Glassware. Kaogu (Archäologie) 1986/2, 173-181, Abb. I. und Taf. 1-2, c) Einen ähnlichen Glaspokal datiert in das 4 Jh. A. von Saldern, Achaemenid and Sassanian Cut Glass. Ars Orientalis (Washington) 5, 1963, 12 und Abb. 65. Schmiedewerkzeuge Csongrád-Kenderfoldek, Komitat Csongrád (1949) In dem gestörten und ausgeraubten zweien Männergrab neben dem Skelett; (V) eine Schmidezange. Länge 24.3 cm, (2,) ein Punziereisen. Länge 13,2 cm. und (3.) cm Hammer. W. W. Schkorpil, Iswestija Imp. Archeologitscheskoj Komissii 25, 1907, 42-43 und Abb. A. I Ajbabin. SowArch 1984/1, 119, Abb. 4/16, behandelt die Schnalle fälschlich als die vorherige vom Jahre 1904, datiert sie jedoch richtig in das Ende des 4. und den Anfang des 5. Jahrhunderts. 3. TANAIS/Nedwigowka. RSFSR, Oblast Rostow. Sowjetunion Vergoldete Bronzeschnalle aus der „hunnenzeitlichen" Scnicht vom Ende des 4 Jahrhunderts. Breite 4,5 cm. D. W. Selow in: Drewnosti Nishnewo Dona. Moskau 1965, 129, Abb. 61 Die folgenden sind auf der Karte dargestellt: 4. Tiszaladány-J. Bárdos-Acker. Komitat Borsod-AbaujZomplin Aus einem Grabfund vergoldete Bronzeschnalle (Länge 8,2 cm) zusammen mit einer Fibel mit umgeschlagenem Fuß, einem Armring und Perlen. Csallány Gepiden 243, Nr. 17, Taf. 217/3, mit falscher Fundortangabe. Der genaue Fundort ist im Inventar des MNM N 14, 1931, 1 bzw. in den Fundakten nachzulesen. Unpubliziert 5. INTERCISA/Dunaújváros, Westfriedhof. Grab 1993 (1973) Aus einem mit Dachziegeln abgedeckten, sorgfältig errichteten Ziegelplattengrab, in welchem eine ungestörte Männerbestattung mit gefalteten Händen lag. Auf dem

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Becken die übliche spätrömische Bronzeschnalle, neben den Knöcheln die Prunkschnalle und zu Füßen ein glasierter Henkelkrug. Es handelt sich auf alle Fälle um ein „römisches" Grab aus der Römerzeit, barbarische Nachbestattungen waren in dem komplett freigelegten Westfriedhof nicht zu finden. Vergoldete Bronzeschnalle, Länge 8,3 cm. Unpubliziert, Grabung von J. B. Horváth. 6. Komitat Vas, wahrscheinlich aus der Umgebung von SAVARIA/Szombathely Vergoldete Bronzeschnalle, Länge 8 cm. MNM N 2, 1932, Unpubliziert. 7. Ungarn Vergoldete bronzene Prunkschnalle, Länge 8,1 cm. MNM 20, 1888, 4, Ankauf. J. Hampel. ArchÉrt 9, 1889,143, Ders.: Alterthümer III, Taf. 49/2, N. Fettich, Seminarium Kondakovianum 11, 1928, 107, Taf XV/4. 8. BRIGETIO/Szöny Ovaler Schnallenring mit Dorn- und Silbereinlage aus einem römischen Ziegelplattengrab. Länge 7 cm, Breite 3 cm. Museum Komárno, lnv.-Nr. A-5673, Unpubli­ ziert, verlorengegangen. N. Fettich, Seminarium Kondakovianum II, 1928, 107-108, Gy. Alapy, Nemzeti Kultúra, Komárom/ Komárno I, 1933, 39. 9, Ungarn, vielleicht aus BRIGETIO/Szöny Vergoldete Bronzeschnalle, Länge 9,2 cm. Köln, Samm­ lung Diergardt. W. Holmguist. Tauschierte Metallarbeilen des Nor­ dens aus Römerzeit und Völkerwanderung. Stockholm 1951, 40, Abb. 15/1, R. Madyda-Legutko, Wiadomosci Archeologiczne 43, 1978, 6, 15 (Nr. 13) Abb. 5/d. 10. Komitat Tolna Ovaler Schnallenring mit Silbereinlage. Länge 7,2 cm. Breite 3 cm. Szekszárder Museum. Verlorengegangen. Nach einem Foto. 11. Békéscsaba Ovaler bronzener Schnallenring mit Silbereinlage, Län­ ge 7,5 cm. Békéscsabaer Museum 1269 (neue Inv.-Nr. 52.1001.1). Csallány, Gepiden, 121, Nr. 56, Taf. 215/11. 12. EMONA/Ljubljana, Jugoslawien Schnalle, Stil und Verzierung wie bei den zuvorerwähn­ ten Schnallen, mit viereckigem Beschlag. Breite des Schnallenringes 5,6 cm. R. Noll, Vom Altertum zum Mittelalter, Wien 19742, nach 25, Nr. 33 und einem Archivfoto der ELTE. 13. Tiszacsege Vergoldete Silberfibel, Länge 10 cm. Vgl. Taf 73. 14. Ostružnica, Belgrad, Jugoslawien Silberfibel mit Kerbschnittverzierung, Länge 11 cm. P. M. Milosevic, GHA 232, V, 26.e.

15. Tápé-Lebő, Frauengrab 2 Vergoldete Silberfibel. Länge 5,9 cm. M. Párducz, Acta ArchHung II, 1959, 328, Abb. 5/77, Taf. XVIII/I. 16. Vajuga, Nordserbien, Jugoslawien Grab 18, Silbernes Fibelpaar aus dem Grab eines barbarisch-römischen Mädchens. Länge 9,5 cm. V. Popovič in: Die Völker Südosteuropas im 6, bis 8. Jahrhundert. München- Berlin 1987, 129-130, Abb. 10 und Taf. 5/2-3. 17. Kronberg(?), Niederösterreich Überreste von Pferdegeschirrbeschlägen vom Typ Untersiebenbrunn. L. Franz, Germania II, 1927, 33-36, nach Abb. 1. 18. Untersiebenbrunn, Niederösterreich Grab einer vornehmen Frau Im Stil der Prunkschnallen verzierter silberner Pferdegeschirrbeschlag. Durchmesser 3,4 cm. W. Kubitschek. JbfA 5, 1911, 32 ff., nach Taf IV/7 bzw. Abb. 14, Auf unserer Landkarte nicht verzeichnet. 19. AQUINCUM/Budapest III., Szőlő u. Aus einem gestörten spätrömischen Grab. Ovaler bron­ zener Schnallenring mit silberner Einlage. Länge 8 cm. BTM 88, 6, 1, Unveröffentlicht. 20. Ungvár/Ushgorod, Karpato-Ukraine, Sowjetunion. Einzelfund. Ovaler bronzener Schnallenring mit Silbereinlage, wie Nr. 8, 10, 19, Länge 6,8 cm. J. M. Jankovich, Podkarpatská Rus v prehistorii, Mukacevo 1931, 52, Taf. XI/31, Auf einer guten Zeichnung veröffentlicht von K, W. Bernjakovíč, Slovenská Ar­ cheológia 5, 1957, 445, Taf. V/3. 67. Gefäße aus der obersten, spätesten Schiebt des Kastells Intercisa/Dunaújráros Jüngere Gefäßtypen als jene 1965/1969 im Haus A/I freigelegten kommen weder im Castrum noch im Friedhof vor. Mit dem Verfall des Hauses endete auch jegliches römi­ sche Leben im Gebiet des Kastells. Dieses Ereignis kann aufgrund der historischen und archäologischen Forschungs­ ergebnisse in die Jahre 424/425, spätestens jedoch um 434, datiert werden. Im Laufe der von E. B. Vágó 1965 durchge­ führten Grabungen stieß man in einem von späteren Zerstö­ rungen glücklicherweise verschont gebliebenen Weingarten auf dieses Haus. 1969 kamen bei Untersuchungen des Ver­ fassers weitere Teile des Hauses zum Vorschein. Unmittelbar unter der Humusschicht lag eine 30-40 cm mächtige, unge­ störte Schicht aus Brandschutt, Dachziegeln, verbranntem Lehm und angebrannten Lehmziegeln, die den mit einer dicken Ascheschicht bedeckten, gestampften Lehmboden des Hauses überlagerte. Der Boden reichte im Norden und Süden bis zu den auf Steinfundamenten, ohne Bindemittel errichteten Lehmmauern; das östliche und westliche Ende ist bis heute nicht freigelegt. Die schlecht ausgeführten Lehm­ mauern folgten nicht der Ausrichtung der hier durch die Jahrhunderte gebauten militärischen Anlagen, sondern ver­ liefen in einem etwas spitzen Winkel über ihnen. Das Haus wurde also zu einer Zeit errichtet, als die römische Restbe­ völkerung bereits zwischen die Mauern des im inneren Teil

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zerfallenen Kastells gedrängt wurde, also an der Wende des 4. zum 5. Jahrhundert. Der runde, mit Steinen umstellte, „urzeitliche" Herd mit Lehmplatte und die neben ihm gele­ gene, bis zum Rand gefüllte Aschengrube beweisen die lang­ jährige Verwendung dieses Gebäudes als Wohnhaus. Das Haus fiel zusammen mit allen Einrichlungs- und Gebrauchs­ gegenständen einem Brand zum Opfer. Auf dem Lehmboden lagen, großenteils auf einem Haufen, Eisenwerkzeuge (ver­ schiedene Hacken. Gabeln. Bohrer und Roheisenstangen), aber auch der zum Kochen benutzte, stark verbrannte und zerdrückte Bronzekessel. Neben diesem fanden sich ein Kochlöffel und auf weitere Frauenarbeit weisende Spinnwir­ tel. In der Nähe des Herdes lagen Mahlsteine und der Krug Nr. 12, Sein Inhalt, verkohltes Getreide, war beim Umfallen zum Teil ausgekippt worden. In der Nähe der Nordmauer kam in zerscherbtem Zustand eine ganze Gefäßgarnitur zum Vorschein, bis auf die Gefäße Nr. 6 und 12 stammen alle Gefäße von dort. Jedoch fanden sich auch jn anderen Stellen im Hausinneren noch zusammensetzbare Töpfe und Näpfe (z. B. Nr. 6), die zusammen fast alle zu jener Zeit verwende­ ten Gefaßformen und Ziermuster vertreten. 1. Topf. Aus körnigem Ton mit waagerecht gerippter Oberfläche An der Außenseite rußschwarz gebrannt, an der Innenseite sepiabraun. Höhe 19,6 cm. IntercisaMuseum, Inv.-Nr. 68.129.1. 2. Zweihenkliger Topf mit waagerecht kannelierter Oberfläche. Hellgrau, mit beim Brand entstandenen sandfar­ benen Flecken. Höhe 30 cm. Intercisa-Museum, Inv.Nr. 68.129.12. 3. Topf mit waagerecht kannelierter Oberfläche. Außen schwarz gebrannt, innen grau getönt. Höhe 15,6 cm. Intercisa-Museum, Inv.-Nr. 68.129.16. 4. Schüssel mit waagerecht kanneliertem, konischem Un­ terteil. Gegenwärtig dunkelgrau. Höhe 8,8 cm, Randdurchmesser 22 cm. Intercisa-Museum, Inv.-Nr. 68.129.18. 5. Napf mit waagerecht kannelierter Oberfläche. Außen mit schwarz-roten Flecken, innen sepiabraun. Höhe 9,7 cm. Intercisa-Museum. Inv.-Nr. 68.129.17. 6, Napf. Ursprünglich taubengrau, außen mit gebrannten roten und schwarzen Flecken. Höhe 11 cm. IntercisaMuseum, Inv.-Nr. 77.215.2. 7. Fragment einer ursprünglich glasierten Schüssel (oder eines Topfes) mit Wellenbandverzierung. In der Zeich­ nung ergänzt. Intercisa-Museum. Inv.-Nr. 77.215.3. 8. Fragmentierter Krug, die untere Hälfte waagerecht kanneliert, der obere Teil mit Wellenbandverzierung. Die Außenseite war ursprünglich grün glasiert, davon blieben nach dem Großbrand nur noch Spuren erhal­ ten. Fragmentarische Höhe 24 cm. Intercisa-Museum. Inv.-Nr. 68.129.13. 9., Krug, grau mit matter Oberfläche. Auf der Schulter eingekratzte Wellenbänder Fragmentarische Höhe 24,6 cm. Intercisa-Museum, Inv.-Nr. 68.129.14.

10. Großer Topf aus feinem Material mit geglätteter brau­ ner Oberfläche und dunklen Brandflecken. Am Hals schwach, auf der Schulter kräftig eingeglättete Muster. Höhe 24,3 cm. Intercisa-Museum, Inv.-Nr. 68.129.11. 11. Großer Topf mit glänzender schwarzer Oberfläche. Am Hals schwach glänzende Einglättung, auf der Schulter kräftiges Glättmuster. Höhe 29 cm. Intercisa-Museum, Inv.-Nr 68.129.6. 12. Krug mit glänzendem, sepiabraunem Anstrich an der Außenseite, der während des Großbrandes an vielen Stellen beschädigt worden und abgesprungen ist. Am Hals schwach eingetiefte, glasierte senkrechte Streifen, auf der Schulter eingeglättetes Wellenmuster. Höhe 27,3 cm. Intercisa-Museum, Inv.-Nr. 68.129.9. Enthielt verbranntes Getreide. Die für Pannonien einzigartige unversehrte Gefäßkollektion stammt ausnahmslos aus provinzialrömischer Produk­ tion. Erst bei den jüngeren Grabungen hat sich herausge­ stellt, daß vor allem die waagerecht kanneliert-gerippte Ke­ ramik (1-6) Für die jüngsten Töpfererzeugnisse der Donau­ länder charakteristisch ist (A. Mócsy-V. Lányi in: Die spätrömische Festung und das Gräberfeld von Tokod. Budapest 1981, 43-46 bzw. 75, Typ I. sowie Katalog Severin 535-536, Traismauer 551-553, Tokod. Taf. 46-47). Die glasierten und unglasierten Krüge und anderen Töpfe mit Wellenverzierung (7-9) sind für den spätrömischen Burgus von Leányfalu (Alföldi. Hunnenzeit, 81-85, Taf. XXIX-XXXI). besonders aber für die späten Schichten und Gräber von Tokod (V. Lányi, a. a. O., 75, Typ III), typisch. Es ist auch nicht zu bezweifeln, daß die Töpfe und Krüge mit Glättmuster aus Intercisa (10-12) römische Erzeugnisse sind (vgl. K. Ottomá­ nyi, Fragen der spätrömischen eingeglätteten Keramik in Pannonien DissArch 11/10, Budapest 1981, 193-226), im Gegensatz zu der früheren Meinung, es handle sich um „Föderaten"-. also barbarische Keramik (S. Soproni, Der spätrömische Limes zwischen Esztergom und Szentendre. Budapest 1978, 36-46, Taf. 41-49 und auch gegenwärtig J. Tejral. ArchAust 72, 1988, 244 ff. Abb. 12-14). 68. Hunnenzeitliche Krüge mit Gußhenkel Sie entstanden im 3.-4. Jahrhundert auf der Halbinsel Krim. Seit dem 4. Jahrhundert wurden sie mit eingeglätteten Gittermustern versehen und erhielten Ausgußhenkel auf z. T. auch Metallgefäße nachahmenden Kannen. 1. PANTIKAPAION/Kersch, Krim, Ukraine. Sowjet­ union. Schwarz, Höhe 23,5 cm. I. I. Kruglikowa. MIA 33, Moskau 1954, 110. nach Taf. 7/4. 2. Středa nad Bodrogom/Bodrogszerdahely-Baktahegy, Tschechoslowakei Siedlungsfund. Von der Siedlung stammen auch andere Gefäße, ein gewölbter Schildbuckel und ein Kamm mit gewölbter Griffplatte. Dunkelgrau. Höhe 34,5 cm. B. Polla. Sborník Národního Muzea v Praze 63, 1969, 188-189, nach Abb. 6/1 Rekonstniktionsversuch unter Abb. 3/1. Hier wurde nach dem Gußhenkel des Kruges von Regöly anders rekonstruiert Vgl. noch K. Pieta. GHA 411, IX, 12.

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3. Tiszalök-Rázompuszta, Rázom-major, Komitat Szabolcs-Szatmár-Bereg Angeblich wurde der Krug neben einem W-O-orientierten Skelett zusammen mit einem Kamm mit gewölbter Griffplatte, einer Lanzenspitze und einem Schildbuckel gefunden. Grau, gut gedreht, mit Glättverzierung. Hö­ he 17,3 cm. In einer Privatsammlung. M. Párducz, Acta ArchHung II, 1959, 230, nach Taf. XXII/5; bringt ebendort zahlreiche Parallelen aus dem Pontusgebiet. 4. Wien 21-Leopoldau, Grab 3, Mit östlichem Schwert und Kampfmesser bestatteter Mann. Schwarz wirkendes Braungrau, unvollständig, untere Hälfte fehlt. Ergänzte Höhe etwa 20 cm. E. Beninger. Mannus 28, 1936, 257, Taf. 10-11, Die Bedeutung des Kruges und seinen Zusammenhang mit dem von Tiszalök erkannte unter anderem H. MitschaMärheim, Dunkler Jahrhunderte goldene Spuren. Die Völkerwanderungszeit in Österreich, Wien 1963, 42-44, doch hielt er ihn für ein germanisches Erzeugnis von der Halbinsel Krim. Neuerdings behandelt als ein Produkt unter ostgermanischem oder hunnischem Einfluß von H. Friesinger. ArchAust 68, 1984, 130, Abb. 12/11, Kleinere Gußhenkelkrüge „sarmatischen" Typs tre­ ten bereits im 4. Jahrhundert im Südteil der Ungari­ schen Tiefebene auf. 69. Die wichtigsten archäologischen Fundorte der Hunnenzeit im Karpatenbecken Von der Karte können sowohl die Etappen der hunni­ schen Eroberung Pannoniens als auch die prinzipiellen Grundlagen der Herrschaftssicherung im Karpatenbecken abgelesen werden. In der militärischen Grenzzone der Savia, die erst nach 445 unter hunnische Herrschaft geriet, findet sich kein einziger hunnischer Fund, obwohl es sich um ein archäologisch gut erforschtes Gebiet handelt. In der im Jah­ re 441 eroberten Pannonia Secunda am südlichen Donauufer kann bloß mit vorgeschobenen Brückenköpfen gerechnet werden. Die Lasten der militärischen Besetzung der Provin­ zen „Pannoniae" durch die Hunnen in der Zeit zwischen 425 und 434 hatte sicherlich die Valeria zu tragen, die tatsächlich unter hunnischer Herrschaft stand. Es ist daher kein Zufall, daß hier vier Opferkessel und drei Totenopfer mit Goldbö­ gen zutage gekommen sind. Gleichzeitig mit der Besetzung der Valeria - wenn nicht schon früher- erfolgte die Inbesitz­ nahme der wichtigen Übergänge im Gebiet zwischen den Flüssen Neutra und Eipel sowie die Sicherung des strategisch wichtigen Thaya-March-Donau-Gebietes. Die verhältnis­ mäßig starke hunnische Besetzung vor allem der nördlichen Hälfte der Pannonia Prima erfolgte nach 434, Die in diesem Bereich freigelegten Funde können mit einer Genauigkeit von etwa 20 Jahren (434-454/55) datiert werden. Das Sandhügelgebiet zwischen Donau und Theiß dürfte für die Hunnen mehr oder weniger eine Übergangszone gewesen sein, ebenso wie dies später, in den ersten zwei Dritteln des 6. Jahrhunderts, zwischen Langobarden und Gepiden der Fall war. Mit Ausnahme einiger Gräber in der Gemarkung bzw. im Gebiet des heutigen Budapest und zweier Totenopfer zwischen Sandhügeln (Törtel, Nagyszék­ sós) gibt es keinerlei Hinweise, daß sich die Hunnen oder ihre bewaffneten Verbündeten in diesem Gebiet niedergelassen

haben. Nördlich der Linie Körös-Schnelle Körös bis SajóHernád-Obere Theißgegend kann auf ein vor allem von hunnischen Kriegern bewachtes Gebiet geschlossen werden: auf das Gepidia der Hunnenzeit. Ein hervorragender Beweis für das Land der in ihrer Kampfurt von den Hunnen abwei­ chenden Gepiden ist die Verbreitung des hunnenzeitlichen Typs der gewölbten und konischen eisernen Schildbuckel. Es ist sicher kein Zufall, daß sich entlang der Hernád und Sajó die Grenze zwischen Hunnen und Germanen hinzieht, wo früher die Siedlungsgebiete der Sarmaten und Wandalen zusammentrafen (vgl. K. K. Végh: HOMÉ 10, 1971, 87-114, Abb. 1 und Karte). Das eigentliche Zentrum der hunnischen Macht, der fürstliche Ordu und seine Umgebung, dürfte sich zwischen der Körös und der Aranka oder gar der Temes befunden haben. Zwischen Temes und unterer Donau ist wieder mit militärischen Wachtposten zu rechnen, doch ist dieses Ge­ biet archäologisch noch zu wenig erforscht, um mehr als Vermutungen aussprechen zu können. Der Ordu läßt sich zwischen Szikánes und Mezőberény oder zwischen Szikánes und dem Aranka-Fluß vermuten 70. Kammergrab eines hunnenzeitlichen Würdenträgers Kischpek, Kurgan 13, Kabardino-Balkaria, Bezirk Baksan, Sowjetunion (1975) Der nur aus Vorberichten bekannte große Grabfund ist der einzige, durch welchen wir uns einigermaßen eine Vor­ stellung von den wahren Bestattungen der hunnenzeitlichen Führungsschicht machen können. Rugas und Attilas Grab müssen ähnlich, nur viel reicher ausgestattet gewesen sein. Unter dem niedrigen Kurgan mit 41 m Durchmesser kam in 2,5 m Tiefe eine 4,80 x 2,55 m große, aus Balken gefügte, S-N-orientierte, zweigeteilte rechteckige Grabkammer zuta­ ge. In der 3,60 x 2,25 m großen Kammer I war der größte Teil der Beigaben deponiert, während im südlichen Drittel innerhalb der 2,20 x 2,35 m großen Kammer II das W-Oorientierte Skelett lag. Zwar haben der Einbruch der Deck­ balken und vielleicht auch die Plünderung der Totenkammer Schäden an den Beigaben verursacht, im ganzen gesehen ist jedoch trotzdem ein einmaliges Grabinventar erhalten ge­ blieben. In der südwestlichen Ecke der Kammer I lag ein aus 32 bogenförmigen Eisenlamellen zusammengesetzter Helm, mit Silberblech überzogen und mit Karneolen in Goldzellen ver­ ziert (Durchm. 22 cm) und mit einer bronzenen Kette. Ent­ lang der Südwand der Kammer lagen eine Henkelschale aus Ton, ein zylindrischer Bronzekessel mit Eisenhenkel und ein kleinerer Bronzekessel. Entlang der Ostwand reihten sich weitere Gefäße sowie reiches Pferdegeschirr: mit Goldblech überzogene und karneolenbesetzte Phaleren mit den dazuge­ hörigen, mit blauem Glas verzierten Riemenzungen (ähnli­ che aus den hunnischen Funden da Wolgagegend sind z. B. auch aus Marxstadt bekannt), eine eiserne Trense mit ähn­ lich verzierten Zügelösen, halbmondförmige Anhänger aus Bronze, zahlreiche Bronze- und Silberschnallen, Riemenbe­ schläge usw. In der nordöstlichen Kammerecke lag unter einem verrosteten eisernen Panzerhemd ein schlecht erhalte­ ner Holzsattel, der mit Bronze- und Silberblechen verziert war; näheres ist leider über diesen Sattel nicht bekannt. Ebenfalls unter dem Panzerhemd lag diagonal ein 51,5cm langes, zweischneidiges Kurzschwert. Die beiden in der Mit­ te der Kammer aufgestellten, in Tierköpfen endenden Eisenkandelaber (Höhe 54 und 81 cm) sind in ihrer Art einmalig.

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An der Nord- und Wesltseite der Kammer kamen weitere Ton- und Holzgefäße, mit blauen Steinen verzierte Goldble­ che, goldene Rosetten und verschiedene Goldschnallen zum Vorschein. In einem Krug lagen eine Fibel und die Hälfte eines an der Rückseite mit Radialstegen verzierten Bronzespiegels mit Ohr (Durchm. 6,2 cm). In der Kammer II lag nach dem Grabplan ein zerfallenes, wahrscheinlich gestörtes Skelett. Neben dem Schädel befand sich eine Lanzenspitze aus Eisen, (Länge 28 cm) zwischen den Knochen eine massive Goldschnalle (und menschliche Antlitze darstellende, geprellte Goldbleche, eine bronzene Pinzette und Fibel. Außerhalb der Kammer in der Schutterde des Kurgans fanden sich an zwei Stellen Pferdeknochen (Rippen, Zähne. Wirbel), die Reste des Fleischopfers. Die Bestattung dieses hunnischen Würdenträgers aller Wahrscheinlichkeit nach alanischer Abstammung - dem Pfeil und Bogen nicht beigelegt worden waren! - dürfte zu Beginn des 5 Jahrhunderts erfolgt sein. R. Sh. Betrozow, Sachoronenije woshdja gunnskowo wremeni u sel. Kischpek. Sewernij Kawkas w drewnosti i w srednije weka. Moskau 1980, 113-122, nach Abb 1-3 (Aus­ wahl). Ders. Kurgany gunnskawa wremeni u selenija Kisch­ pek. Archeologitscheskijr issledownija na nowostrojkach Kabardino-Balkarii. Tom 3, Naltschik 1987, 13-19, Taf. II—VIII. - Einzelheiten nach einer noch immer unvollsländigen Publikation. 71. Funde aus einem Katakombengrab Utamysch, Kurgan 2, Dagestan, Sowjetunion (1971) Die aus dem in der Antike geplünderten Männergrab erhalten gebliebenen Funde stellen ein Verbindungsglied zwischen östlicher und westlicher hunnenzeitlicher Tracht dar. Die goldene Gürtelschnalle mit almandinverziertem Dorn kommt auch in Ungarn oft vor, die kleinere Riemen­ zunge aus Gold ist wiederum mit jener aus Buda verwandt (Taf. 101), während die größeren goldenen Riemenzungen Parallelen aus Silber im Grabfund von Musljumowo in der Tscheljabinskgegend haben, ihre Granulierung verbindet sie wiederum mit hunnenzeitlichen Funden Mittelasiens (Abb. 10 und 74). Parallelen zu den länglichen Riemenzungen aus Silber begegnen wir in den Gräbern von Kertsch und Len­ gyeltóti (Farbtaf. XXII) Die rechteckigen Silberplättchen zierten wahrscheinlich den Gürtel, die kleine runde Gold­ schnalle kam im Fußbereich zutage. Die halbmondförmigen Silberanhänger sind in östlichen bunaischen Funden sehr häufig. Alle diese Parallelen datieren den Kurgan in das zweite Viertel des S. Jahrhunderts. W. G. Kotowitch - W. M. Kotowitsch-S. M. Magomedow, Utamyschskije kurgany. Sewernij Kawkas w drewnosti i w srednije weka. Moskau 1980, 55-61, nach Abb. 10. 72. Goldener Armreif Sennoi, Halbinsel Taman, Sowjetunion (vor 1810) Stammt aus einer Sekundärbestattung. die General G. Vanderweyde bei Kurgangrabungen in einer gewölbten Grabkammer fand. Massives Gold mit Granatverzierung Durchmesser 8 cm, Gewicht um 300 g. Die Ungeheuerköpfe mit Sägezahn, offenem Mund, die Augen mit runden und der Rücken mit tropfenförmigen Granateinlagen, die trassierte Mähne sind die beste östliche Parallele zu dem Szegeder Goldschnallenhng (Farbtaf XXX-XXXI). gleichzeitig aber auch das beste Vorbild für die Armreifen von Bakodpuszta (Taf. 112)

Edward Daniel Clarke, Travels in various countries of Europe, Asia and Africa. The First part. Russia. Tartary and Turkey. London 1810, 396-399 nach der Beschreibung und dcm Stich des Armreifens. Gibt als Fundort „Sienna" an. Das wichtige Vorbild entdeckte D. S. W. Kidd (British Mu­ seum), ihm verdanke ich Bild und Angaben. 73. Krug Füzesgyarmat-Szabadkai utca, Komitat Békés (1972) Der aus einem hunnenzeitlichen oder nur etwas jüngeren gepidischen Grab stammende Krug untermauert durch sein tief eingeglättetes Fischgrätmuster die barbarische Herkunft des ähnlich verzierten Kruges von Lengyeltóti (Taf. 72). Dünnwandig, grau, unvollständig. Höhe 29 cm. Békéscsaba. Mihály Munkácsy-Museum. Inv.-Nr. 75, 88, I. I. Ecsedy - L. Kovács - B. Maráz -I. Torma. Békés megye régészeti topográfiája. A szeghalmi járás [Archäologische Topographie des Komitats Békés. Kreis Szeghalom], MRT 6, Budapest 1982, 97, nach Taf. 46/9. 74. Granulierte Schmuckstücke aus Mittelasien Für die Tracht der aus dem Osten in das hunnische Zen­ trum der Donaugegend gekommenen Menschen waren die mit in Drejeckform angelöteten Kügelchen verzierten sog. granulierten Schmuckstücke keineswegs charakteristik mit Ausnahme der Ohrgehänge von Mezőberény (Farbtaf. XXVIII) kommen sie nicht vor. Um so typischer waren sie aber für die weiten Steppenzonen von der unteren Donau über den Balchaschsee bis zum Ob. Aus Männer- und Frauengräbern sind drei Typen bzw. Varianten granulierter Ohr- und Stirngehänge bekannt: 1. Beljaus-Pokrowsk-Kara Agatsch (Abb. 59). 2. Aleschki-Marfowka-Sdwishenskoje und 3. Balteni-Leninsk-Selenokumsk. Die granulierten Schmuckstücke gehen auf die kuschan-sassanidische Goldschmiedekunst in Mittelasien zurück, an deren Stelle bei den im Karpatenbecken siedelnden Hunnen der spätantikgermanische Stil trat. Stützt man sich auf die hunnischen Funde aus Ungarn, ist es keineswegs angebracht, in die gegenwärtig geführte umfassende Diskussion in der sowjeti­ schen Archäologie einzugreifen, die Granulation in der Goldschmiedekunst zeitlich richtig einzuordnen. Eine Grup­ pe unserer frühawarischen Funde macht darauf aufmerk­ sam, daß die mit in Dreieckform angebrachter Granulation versehenen Schmuckgegenstände im Osten mindestens bis zum 7. Jahrhundert weiterhin in Mode waren. Von jener Erwägung ausgehend, werden hier so berühmte Funde wie Borowoje/Buwrrabaj. Ufa-Nowikowo und Schamschi, die im allgemeinen für hunnenzeitlich gehalten wurden bzw. wer­ den, nicht erörtert Eine Gruppe Kasachstaner Schmuckstücke bewahrt wahrscheinlich getreu jene stilistischen und technischen Vorbilder, von denen der Granulationsstil der Steppen ausgegangen war. Authentische Grabfunde (Kanat­ tas. Aktöbe II. Kysylkainartöbe. Alaj) bestätigen, daß sich diese Mode im 4, bis 5 Jahrhundert auf den kasachischkirgisischen Steppen verbreitete (vgl. Abb. 3, 18/1 und 44). 1.-2. Ein dieser Gruppe angehörendes, mit roten Steinen verziertes, goldenes Stirn gehängepaar kam im Fried­ hof I von Besoba-Aktasch (Aktaschta) im Siebenflußgebiet zum Vorschein. Durchmesser. 5,7 cm. P. Agapow-M. Kadyrbajew, Sokrowischtscha drew newo Kasachstana. Alma-Ata 1979, 116-117, Abb. 3.

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Dies. in: Kasak SSR Tarichy. Alma-Ata 1980, auf S. 288 in Farbe. K. Akischew-A. Akischew. Kasachstana. AlmaAta 1983, Drewneje Soloto, nach Abb. 152-153 korri­ giert. Vgl. noch V. N. Basilov-M. E. Zirin. Nomads of Eurasia. Los Angeles-Denver-Washington 1989, 44. 3. Ein ähnliches goldenes Stirngehänge aus dem Dorf Satah in der Umgebung von Alma-Ata. T. N. Schenigowa, Po sledam drewnich kultur Kasach­ stana. Alma-Ata 1970, 280-281, nach Abb. 1/2, 4. Besonders interessant ist das im Sowchos „Gornij gigant" im Ostteil des Siebenflußgebietes gefundene Plattenbruchstück aus vergoldetem Silber (Länge 5,3 cm. Breite 3,0 cm), da es den im Donaugebiet einzigartigen Zierplatten von Mezőberény näher steht als die granulierten Goldplatten von Kutschugury (vgl. Taf. 104). Es ist mit einem gerippten Golddraht umrahmt und ebenso wie die entsprechenden Funde von Mezőberény mit Hilfe von Nieten an einer Unterlage befestigt. Doch nicht nur die mit Golddraht in Zonen geteilte Oberfläche zeigt deutlich die Verwandtschaft der beiden Stücke, sondern auch die

mit Golddraht umrahmten Goldkügelchen. Es gibt nur wenig andere so gute Beweise für die archäologische Ein­ heit des Hunnenreiches wie gerade diese Zierplatten leider unbekannter Funktion -, die an zwei entgegenge­ setzten Enden des Reiches gefunden worden sind. T. N. Shenigowa, a. a. O., 281, Abb. 3/1, 75. Die Marcianus-Säule Konstaninopel/Islanbul, um 455/456 Die zwischen winkligen Gassen und Privathäusern be­ findliche, früher fast unauffindbare Säule wurde erst kürzlich von ihrer Umgebung befreit. Daher ist sie noch immer wenig bekannt. Die aus einem Stück gearbeitete, mehr als 10 m hohe Granitsäule ruht auf einem viereckigen Marmorsockel. Auf dem mit Adlerfiguren verzierten Kapitell stand ur­ sprünglich die Bronzestatue des Kaisers. Auf der vorderen Sockelplatte heben zwei geflügelte Viktorien einen Sieges­ kranz in die Höhe, darüber befindet sich die beschädigte Marcianus-Inschrift. Auf der hinteren Sockelplatte in einem Kranz eingerahmt ein Schildrelief mit Christogramm verziert Nach einer Foto­ aufnahme des Verfassers (1968).

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Erläuterungen zu den Tafeln

1. Onyx-Fibel aus dem II. Schatz von Szilágysomlyó (Farbtafel I) Szilágysomlyó im ehemaligen Komitat Szilágy, heute Şimleu Silvaniei, Judeţul Sălaj, Rumänien (1889) Der Schau wurde am 20. April 1889, einem Karsamstag, in kaum 45 cm Tiefe in einem Haufen gefunden. Da er mit einer dicken Kalksinterschicht überzogen war, wurde er vor­ erst als wertloser Schult durcheinandergeworfen. Einer Nachricht zufolge erkannte B. Orbán, der bekannte Histori­ ker und Archäologe des damaligen Siebenbürgen, der sich zufällig in Szilágysomlyó aufhielt, die Bedeutung des Fundes und rettete ihn. Auf seine telegraphische Verständigung hin eilte auch F. Pulszky. Generaldirektor des Ungarischen Na­ tionalmuseums, zur Stelle, und nach sorgfältiger Prüfung stellten sie zusammen fest, daß der Schatz auf demselben Grundstück zum Vorschein gekommen war wie der bereits am 3. August 1797 aufgefundene erste Teil, nämlich im kleinen Garten des von I. Pap gemieteten Hauses der Josefine Teleszky. Die Verfälschung dieser Fundumstände und im besten Fall deren Unkenntnis führten zu zahlreichen Diskus­ sionen und vor allem Theorien, nach denen die beiden Teile des Schatzfundes zeitlich und ethnisch zu trennen gewesen wären. Seit den nicht zu übertreffenden, genauen technischen Vergleichsprüfungen durch N. Fettich besteht archäologisch kein Grund mehr, die beiden Teile des Schaues zu trennen und die historisch, ja auch praktisch absurden Theorien weiterzuverfolgen. Das Sammeln des im ersten Teil des Schatzes verborgenen Männerschmuckes erstreckte sich über drei Generationen. Beginn und Abschluß sind eine Generation früher anzuset­ zen als das Sammeln des zweiten Schatzteiles, der vor allem aus Frauenschmuck zusammengesetzt ist. Die nunmehr ein Jahrhundert dauernden historischen, archäologischen, stil­ kritischen und technischen Forschungen zusammenfassend ist zu sagen: Der Schmuck stammt aus der königlichen Schatzkammer des gepidischen Stammesbundes. Sein Ver­ bergen könnte anläßlich des Eindringens der Hunnen in die Tiefebene um 425 stattgefunden haben, im Auftrag und als Tätigkeit jener Personen, die im Zuge des Sturzes der frühe­ ren gepidischen Herrscherdynastie den Geschehnissen zum Opfer fielen. Von dem aus 25 Stücken bestehenden II. Schatz wird hier mit Ausnahme der Onyx-Fibel und des Eidringes nur von solchen Schmuckstücken aus dem letzten Vierul des 4. Jahr­ hunderts und dem ersten Viertel des 5. Jahrhunderts eine Auswahl gegeben, die stilistisch und in ihrer technischen Ausführung eine enge Verbindung zu der hunnenzeitlichen Goldschmiedekunst herstellen. Die ihrer Herkunft wegen vieldiskutierte Onyx-Fibel mit dem Goldring Nr. 9 und die drei Goldschalen gehören zu­ sammen zum männlichen Teil des Schaues und sind fürstli­ che Regalien. Nach römischen Münzen und Medaillen des 4. und 5. Jahrhunderts sowie anderen Darstellungen kann

eine runde bzw. ovale, mit Edelsteinen verzierte Fibel derar­ tiger größe nur vom Kaiser getragen worden sein, zählte also zu den Herrscherinsignien. Gegenstand der Diskussion ist: Handelt es sich bei dieser Kaiser-Fibel um ein römisches Erzeugnis, das einem barbarischen Fürsten geschenkt worden war oder aber um eine geschickte barbarische Nachahmung? Der Form nach geht die Fibel auf die spätrömischen, im 4. Jahrhundert üblichen Zwiebelknopffibeln zurück. Die ei­ gentümlich rohrförmigen Fassungen der Karneol- und Bergkristalleinlagen sind von antiken Goldgeflechten überzogen. Auch der Nadelhalter ist eine charakteristisch römische Ar­ beit. Der 8,6 x 6,9 cm große, ovale Onyx in der Mitte ist ein so kunstvoll geschliffener Edelstein, wie ihn zur damaligen Zeit keine einzige barbarische Werkstatt hätte herstellen können. Der Schmuckeffekt des Edelsteines wird noch durch die in den Onyx eingelassenen Goldzellen mit roten Einlagen gesteigert, die die in Blau und Weiß schillernde Grundfarbe des Onyx noch lebendiger gestallen; also eine weitere techni­ sche Meisterleistung. Die 9,6 x 8,1 cm großen Zellenrahmen des Onyx sind viel regelmäßiger und feiner gearbeitet als alle anderen Zellenreihen des Szilágysomlyó-Schatzes. Unter Zellenschmuck verstehe ich hier und im weiteren zusammen­ hängende Zellen. In diesen wechseln rote, weiße und grüne Edelsteine einander ab. Schon bei der Auffindung der Fibel fehlten die sonst bei den kaiserlichen Scheibenfibeln immer vorhandenen, lang herunterhängenden Prunkketten aus Gold. Daß solche ur­ sprünglich auch aul unserer Fibel angebracht waren, bewei­ sen die drei kleinen Ösen auf der Hülse der Nadelspirale und Achskonsiruktion. Die Kelten wurden sicherlich deswegen von der Fibel entfernt, weil der damit Beschenkte, der sie zuletzt trug, kein Anrecht auf die nur dem Kaiser zustehen­ den goldenen Pendilien hatte. Üblicherweise wird die Onyx-Fibel zu den hier nicht erör­ terten, älteren Schmuckstücken des II. Schatzes gerechnet. Tatsächlich überragt sie jene bei weitem und ist keiner der Schmuckstückgruppen zuzuordnen. Aller Wahrscheinlich­ keit nach ist sie ein Erzeugnis der kaiserlichen Goldschmiedewerkstatt in Konstantinopel und konnte in Anbetracht ihres Grundtyps nach 330 in jedwedem darauffolgenden Jahrzehnt AI ihrem neuen Besitzer gelangen Die Abnutzungsspuren geben über ihr weiteres Los kaum Auskunft. Ihre Zellenschmelztechnik aber wurde zum unübertroffenen Vorbild der barbarischen Goldschmiedekunst von Szilágy­ somlyó. Länge 17,1 cm. Breite 11,4 cm. MNM Inv.-Nr 122. 1895 . 1. Pulszky, A szilágysomlyói kincs [Der Schatz von Szilágysomlyó], ArchÉrt 9, 1889, 233-238. Ders., A szilágysomlyói két kincslelet. Értekezések a történeti tudományok köréból (Die zwei Schatzfunde von Szilágysomlyó. Abhandlungen

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aus dem Kreis der historischen Wissenschaften), XIV/5, Bu­ dapest 1889, über die Fundumstände. Pulszky. Szilágy-Somlyó, 29 und Abb. auf den S. 23-24, Fetlich, Szilágysomlyó. 21-23, Taf. VII/l-2, VIII/8, IX/1, X/1. 2. Fibel (Farbtafel II) Szilágysomlyó (1889) Silbergegossene Platte mit Goldblech überzogen. In den angelöteten Goldfassungen rote Schmucksteine auf glatten Goldfolienunterlagen. Die Kästchenfassungen sind von gedrehten Golddrähten eingefaßt. Zwischen den einzelnen Fassungen winzige, von glatten Drähten einge­ rahmte Granulation. Am Bügel sind rote Steine in regel­ mäßigen Zellenreihen angebracht. Der Perldraht am Fi­ belrand und die Wetzspuren am Bügel verweisen auf eine lange Benutzungsdauer. Dieser Vorläufer der Fibeln vom Typ Regöly gehört dem Alter nach zu der mittleren Gruppe des Fundensembles (letztes Viertel des 4. Jahr­ hunderts). Volle Länge der Fibel (wie auch des Paarstückes) 16 cm, MNM Inv.-Nr. 122, 1895, 14. Pulszky, Szilágy-Somlyó, 27, Abb. auf S. 18. Fettich. Szilágysomlyó, 29-30, Taf. XIV/1-XV/l. 3. Fibel (Farbtafel III) Szilágysomlyó (1889) Diese relativ kleine, als Paar gefundene Fibel weicht im Stil von der Mehrzahl der späten Fibeln ab und ist nur mit dem nachfolgend behandelten, mit zickzackigen Zellen um­ rahmten Fibelpaar verwandt. Aus Silber gegossen und mit Goldblech überzogen. Fast die gesamte Oberfläche ist mit goldgefaßten Zellen bedeckt, auf der halbkreisförmigen Spiralplatte in kreis­ förmiger, am Bügel und auf der fünfeckigen Hakenplatte in Zickzack-Anordnung. Bloß die Zwischenräume sind auf beiden Platten mit je vier Granaten in eigenen, mit Filigrandraht eingefaßten Kastchenfassungen verziert In den Fassungen wechseln auf beiden Platten grüne und rote Steine auf gerippten Goldfolienunterlagen. Auffal­ lend ist das Fehlen des Perldrahtrandes, was ebenso wie die Abnutzungsspuren des Bügels und Zierknopfes auf eine lange Tragdauer verweist. Länge 12,6 cm, zusammen mit dem Zierknopf 13,3 cm, MNM Inv.-Nr. 122 1895, 11. Pulszky. Szilágy-Somlyó, 22-25, Abb. auf S. 15. Fettich, Szilágysomlyó, 34-36, Taf. XXII. I. 4. Fibelpaar (Farbtafel IV) Szilágysomlyó (1889) Mit den im Zickzack, fischgrätenartig, in drei Kreisen und kreuzförmig angeordneten Zellen bzw. Fassungen ist dieses Fibelpaar ein Vorbild und eine Parallele zahlreicher hunnenzeitlicher Goldschmiedearbeiten, unter anderem zu dem Goldschmuck von Nagyszéksós. Die Fibeln sind aus Silber gegossen, der Dekor auf Gold­ blech angelötet. In den Zellen sitzen auf gerippten Goldfo­ lien Almandine und Granate. Kaum abgenutzt, daher nur kurze Zeit benutzt. Länge 18,1 und 18,4 cm. MNM Inv.-Nr. 122, 1895, 13-13a. Pulszky. Szilágy-Somlyó, 26, Abb. auf S. 16. Fettich, Szilágysomlyó. 32-34 Taf. XX-XXI.

5. Fibelpaar (Farbtafel V) Szilágysomlyó (1889) Der Form, der Verzierung und dem Stil nach stehen von allen Fibeln von Szilágysomlyó dieser als Paar gefundenen Fibel die aus der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts stammen­ den und in reichen Adelsgräbern oder Schatzfunden der vornehmen Familien Mittel- und Westeuropas zutage ge­ kommenen Exemplare am nächsten (Untersiebenbrunn, Airan-Moult-Argences, Rábapordány [Taf 25]. Völc/Velţ, Gelénes). Allerdings sind alle diese Fibeln kleiner, einfacher und weisen vor allem keinen Zellendekor auf. Einen solchen besitzen nur zwei osteuropäische Fibelpaare : auf den Bügeln der meisterhaft gearbeiteten Stücke des Neshiner Schatzes (Oblast Tschernigow) und auf den Bügeln des weit im Nor­ den in einem alanischen Grab mit Schwertbeigabe gefunde­ nen Paares von Porschnino (Oblast Orel). Während das Neshiner Fibelpaar mit den hier nicht erörterten frühen, sehr abgenutzten Fibeln des IL Schatzes von Szilágysomlyó ver­ wandt ist, sind die Fibeln von Porschnino zweifellos in die erste Hälfte des 5. Jahrhunderts zu datieren (W. W. Kropotkin. Swod Archeologitscheskich istotschnikow SSSR, D. 1-27, Moskau 1970. Nr. 1044 und 1109, Taf. 53-54, - Das Verhältnis zwischen Porschnino und Szilágysomlyó beurtei­ len ähnlich I. P. Sassetzkaja. Drewnosti, 1982, 14-30, und A. K. Ambros. Drewnosti, 1982, 107-111, Abb. 1,) Aus Silber gegossen und mit Goldblech überzogen. In dem Zellenwerk auf den Bügeln und an der Stelle der „Palmetten" in meisterhaften Zellen rote Granate und je eine grüne Glaseinlage auf gerippten Goldplättchen. An den bei­ den Bügelseiten aus gekerbtem Draht gewundene und ange­ lötete Spiralornamente. Auf den Platten reihen sich Granate in einzelnen, mit Perldraht eingerahmten Käslchenfassungen. Die Fibel selbst ist mit einem dicken Perldraht einge­ rahmt. Kaum abgewetzt und benutzt. Die tierkopfförmigen Zierknöpfe brachen bei der Auffindung ab und gingen verlo­ ren. Nachträglich kam nur ein Seitenknopf mit Zellen Verzie­ rung zutage. Gegenwärtige Länge der Fibel 17,4 cm. MNM Inv.-Nr. 122, 1895, 12-12a. Pulszky, Szilágy-Somlyó, 26, Abb. von S. 16. Fettich. Szilágysomlyó. 30-32, Taf. XVIII-XIX. und Taf. VIII/4 (tierkopfförmiger Fibelknopf). 6. Fibel (Farbtafel VI) Szilágysomlyó (1889) Auf diesem Fibelpaar kann sehr gut beobachtet werden, welche Form das bei der Onyx-Fibel verwendete Zellenwerk selbst in der Hand des geschicktesten germanischen Gold­ schmiedes angenommen hat. Aus Silber gegossen und mit Goldblech überzogen. Die Vorderseite ist mit einem in Ährenmuster geflochtenen Draht umrahmt. Die ganze Fibel ist entlang ihrer Längsach­ se durch eine Reihe unregelmäßiger Zellen in zwei Hälften geteilt. In den Zellen wechseln role und grüne Steine. Ein wichtiges Zierelement sind die jeweils drei runden Zellen, die die Zellenreihe abschließen. In den gevierteilten Innenzellen sitzen rote und grüne Steine. Beachtenswert ist auch der runde Zellendekor des Bügels. Die Oberflächen der Fibel sind mit roten Steinen auf gerippten Goldfolien in unregel­ mäßigen Kästchenfassungen bedeckt, dazwischen sind win­ zige Kügelchen angelötet, sogenannte Granulation. Die Fi­ beln sind praktisch nicht abgenutzt, nur auf den Bügeln sind Spuren gelegentlicher Benutzung sichtbar. Der sicher bei der

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Auffindung abgebrochene Zierknopf blieb auf dem Paarstück erhalten. Länge 22,6 cm (das Paarstück mit Zierknopf 24,8 cm). MNM Inv.-Nr. 122. 1895, 3. Pulszky, Szilágy Somlyó. 27-28. Abb. oben auf der umschlagbaren Tafelbeilage. Fettich, Szilágysomlyó, 38-39, Taf. XXV/1. und XXVI/1. 7. Goldschale (Farbtafel VII) Szilágysomlyó (1889) Die im Paar angefertigte Schale wurde aus einer einzigen Goldplatte gehämmert. Am Rand sind an sechs Stellen Hobschalen-Metallbänder nachahmende, schmucksteinverzierte Altaschen angebracht. In der Mitte des Schaleninneren ist eine runde Zierscheibe befestigt, die einen von weißer Paste umrahmten roten Stein in einer runden Goldfassung und am Rand ebensolche rote Steine auf gerippten Goldfolien in einem im Zickzack angeordneten Zellenwerk besitzt. Die drei Schalen von Szilágysomlyó tragen an der Außenseite angelötete Ösenringe. Die abgebildete Schale zeigt keinerlei Abnutzungsspuren, sie wurde demnach niemals verwendet. Die Eindellungen entstanden beim Auffinden. Der Form und der technischen Ausführung nach gehört diese Schale zu den jüngsten fundstücken des Schatzes; sie verrät bereits östlichen hunnisch-alanischen Einfluß. Durchmesser 12,4 cm. MNM Inv.-Nr. 122, 1895, 15. Pulszky. Szilágy-Somlyó, 31, Abb. von S. 26, Fettich. Szilágysomlyó, 42-44, Taf. XXIX-XXX. 8. Fibel (Farbtafel VIII) Szilágysomlyó (1889) Von allen Fibeln aus Szilágysomlyó steht sie der hunnenzeitlichen „barbarischen" Goldschmiedekunst am nächsten. Ihre Oberfläche ist von den der Form und Größe der Kästchenfassungen angepaßten Almandinen wahrlich zugedeckt. Aus Silber gegossen und mit Goldblech überzogen. In den angelöteten Fassungen sitzen auf glatten Goldfolien rote Steine. Die Fassungen sind mit doppelt geflochtenem Gold draht umrahmt. Nur schwach abgenutzt, wurde kaum verwendet. Eines der spätesten Stücke des Schatzes. Länge 24,6 cm. MNM Inv.-Nr. 122, 1895, 2, Pulszky, Szilágy-Somlyó. 31. Abb. auf der unischlagbaren Tafelbeilage. Fettich, Szilágysomlyó, 36-38, Taf XXIII/1. 9. Goldring Szilágysomlyó (1889) Als Armring ist er zu groß, als Malsring nicht zu tragen. Es handelt sich aller Wahrscheinlichkeit nach um einen sogenannten Eid- oder Schwurring, der bei der Inauguration eines Königs verwendet wurde. Der Ring ist aus gewundenem, zusammengelotetem Golddraht gearbeitet, innen hohl und an drei Stellen durch knotenartige Verdickungen (Nodi) unterteilt. Zwei dieser Knoten haben eine melonenförmige Oberfläche, der dritte trägt ein eingraviertes Fischgrätmuster bzw. ein aus kleinen winkligen Linien bestehendes Blattmotiv. Der Ring ist abgewetzt, sicher längere Zeit benutzt worden und gehört zu den frühen, Männern zuzuordnenden Gegenständen des Schatzes. Durchmesser 12-12,5 cm MNM Inv.-Nr. 122, 1895, 10. Pulszky. Szilágy-Somlyó, 30. Abb. auf S. 25, Fettich, Szilágysomlyó. 40. Taf. XXVII/I.

10. Fibelpaar (Farbtafel IX) Gelénes, vormals Bereg, heute Komitat Szabolcs-SzatmárBereg, ehemaliges Degenfeld-Gut (1889) Es wurde bei Grabungsarbeiten in geringer Tiefe ohne Knochen oder andere Begleitfunde geborgen, war also sicher vergraben worden. Das Fibelpaar wurde ebenfalls dem Nationalmuseum als „Schatzfund" geschenkt. Aus Gold, mit Granaten in Kästchenfassungen geschmückt und mit Perdraht umrahmt. Zwischen den Granaten perldrahtumrahmte, angelötete Kügelchen. Länge etwa 9 cm. MNM Inv.-Nr. 79, 1889 und 50. 1892, Der Größe und der Verzierung nach steht es dem um ein Drittel kleineren Fibelpaar aus Kertsch nahe, ist also wahrscheinlich eine Arbeit aus dem Pontusgebiet. Vgl. I. P. Sassetzkaja. Drewnosti, 1982, 18, 27, Abb. 3. J. Hampel. ArchÉrt 10. 1890, 88 und Zeichnung. Hier und in allen späteren Werken Hampels (z. B. Alterthümer III, Taf. 45/2) mit ,,Gelénes" verschrieben. Über die Fundumstände: T. Lehoczky, Adatok hazánk archeológiájához I (Angaben zur Archäologie unserer Heimat). Munkács 1892, 78-79, Eine Fotoabbildung ohne Fundortangabe bei A. Riegel. Die spätrömische Kunstindustrie in Österreich-Ungarn. Wien 1901, Taf. XII/7. 11. Mann mit künstlich deformiertem Schädel Soponya-Homokbánya. Grab 4, Komitat Fejér (1959) Es gehört im Karpatenbecken zu den Seltenheiten, daß ein unversehrter deformierter Schädel aus einem ungeplünderten Grab bei Ausgrabungen zutage kommt. Der junge, dünnknochige Mann besaß als Beigaben ein Messer, eine eiserne Gürtelschnalle und ein Feuerzeug. Wegen seines Turmschädels galt er zu seiner Zeit als hochgewachsener Mann (180 cm). Germane, Mitte des 5. Jahrhunderts. Grabung und Aufnahme des Verfassers. I. Bona. Alba Regia I. 1960. 165, Abb. I 12. Fibel (Farbtafel X) Regöly-Pénzesdomb. Komitat Tolna (1967) Die Bestattung einer vornehmen Frau ist ein überraschendes Zeugnis der bewegten Jahrzehnte der Völkerwanderungszeit. Ihr Schädel wurde erst spät artifiziell deformiert, da er weder nach hinten rutschen noch sich erheben konnte. Als junge Frau erlitt sie am Kopf eine schwere Hiebverletzung, die zwar nie ganz vernarbte, die sie aber doch Jahre überlebte, bevor sie in orientalischer Prunkkleidung bestattet wurde. Von dem goldenen Kleiderschmuck blieben 123 Stücke erhallen. Ein Stuck von ihrem Hauptschmuck, eine Goldkette mit Anhängseln, ist abhanden gekommen, ebenso wie wahrscheinlich auch andere Schmuckstücke. Die Fibeln wurden auf den Schultern der Toten gefunden. Die aus Silber gegossenen und mit Goldblech überzogenen Fibeln sind von nur annähernd ähnlich angeordneten Kästchenfassungen bedeckt. In diesen Fassungen sitzen dunkelrote Granate, in einem einzigen Fall durch grünes Glas ersetzt. Die konzentrischen Rundfassungen in der Mitte der Platten sind mit dünnem, gedrehtem Golddraht umrahmt. Die Fibeln sind mit einem Perldrahtrand versehen. Hauptdekor sind die Raubvogelköpfe darstellenden Tierknöpfe mit Granataugen. Länge 18 cm. WMM Inv.-Nr. 67.3.1. Gy. Mészáros. ArchÉrt 97, 1970, 66-73, Abb. 4/1-9/1. Das durch den Fletcher-Fund 1947 in das New Yorker

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Metropolitan Museum gelangte Stück mit der falschen Fundortbezeichnung „Szilágysomlyó" ist der Form nach mit den Fibeln von Regöly verwandt und stammt wahrscheinlich aus derselben Werkstatt. Wie aus den viel später zum Vor­ schein gekommenen Fibeln von Regöly vermutet werden kann, stammt die Fibel wahrscheinlich aus einem vor 1945 gestörten Grab in Transdanubien. V. K. Ostoia. A pontogothic fibula. Bulletin of the Metropolitan Museum of Art 11, 1953, 146-152. Im Bericht konzentrieren sich die chrono­ logischen Anschauungen der ersten Hälfte unseres Jahrhun­ derts. Jüngstens hat auch K. Brown. GHA 217, die Fibel unter dem Fund von Szilágysomlyó beschrieben und abge­ bildet, dadurch ist sie aber noch keine echte Fibel von Szi­ lágysomlyó geworden. Eine ausgezeichnete Parallele der herzförmigen Zellen entdeckte auf dem Fragment des Frauendiadems von Tschiliktu am kasachstanischen Koktalftuß I. Kovrig. FoliaArch 36, 1985. 127-128, Abb. 8, 1-2, 13. Silberschnalle Regöly-Pénzesdomb, Komitat Tolna (1967) Schnalle und Beschlag sind aus massivem Silber. Der edelsteinverzierte Dorn ist mit dem der Schnalle von Nagydorog (vgl. Farbtaf. XXVII) verwandt. Die Oberseite der kreisförmigen Schnalle ist mit ringförmigen weißen Glaseinlagen und Granaten versehen. Die Gürtelschnalle stammt aus derselben Werkstatt wie das vorhin erwähnte Fibelpaar, die Art ihrer Verzierung verweist auf Vorbilder im Pontusge­ biet (I. P. Sassetzkaja, KSIA 158, Moskau 1979, Abb. 3/61). Das schuppenförmige Zellenwerk mit Granateinlage des vierpaßförmigen Beschlags ist mit der Adlerfibel des hunni­ schen Fundes von Conceşti verwandt (Alföldi, Hunnenzeit, Taf. XX/3). Gesamtlänge 9 cm. WMM Inv.-Nr. 67.3.5. Gy. Mészáros, ArchÉrt 97, 1970, 74-75, Abb. 10-11, Gute Farbaufnahme: GHA 190, Taf. 15/1V. 6.a. 14. Goldene Armreifen Regöly-Pénzesdomb, Komitat Tolna (1967) Für das Grab von Regöly ist der Armreif mit trompetenförmigen Enden von besonderer Bedeutung. Er ist in Mittel­ asien und im Kaukasus schon seil dem 1. Jahrhundert häufig und taucht seil dem Ende des 3. Jahrhunderts aufgrund östlicher Einflüsse auch in germanischen Fürsten- und Für­ slinnengräbern des Karpatenbeckens auf. (Czéke/Cejkov Osztropataka/Ostroviany Grab 2.). Weitgehende Verbrei­ tung in Europa fand dieser fürstliche Armschmuck jedoch erst zur Zeit der hunnischen Bewegung, zusammen mit den im 4. und 5. Jahrhundert neuerlich in Mode gekommenen, in Tierköpfen endenden Armreifen orientalisch-antiker Her­ kunft. Beide Armreifen sind voll gegossen. Durchmesser des Exemplars mit trompetenförmigen En­ den 6,4 cm, jenes mit Tierkopfenden 6,1 cm. WMM Inv.-Nr. 67,3,6 und 7. Gy. Mészáros. ArchÉrt 97, 1970, 75, Abb. 12/2-3, Gute vergrößerte Farbaufnahme: GHA 190, Taf.l5/lV. 6, b-c. 15. Goldene Schleierbesätze Regöly-Pénzesdomb, Komitat Tolna (1967) Es gelang hier, über 120 dieser aus Goldblech gepreßten, zum Aufnähen gelochten winkligen, dreieckigen und runden Flitter zu bergen. Ursprünglich mögen es wesentlich mehr gewesen sein, doch läßt sich die genaue Zahl kaum angeben,

da es in Ungarn bisher noch nicht gelungen ist, eine Bestat­ tung mit goldbesetztem Schleier fachgemäß freizulegen und die Funde komplett zu bergen. Die Zahl der in Regöly gefundenen Goldflitter kommt in Pannonien den 81 Exem­ plaren bzw. Bruchstücken von solchen aus dem 1903 gefun­ denen Körpergrab von Papkeszi-Sáripuszta nahe (BMV 1903. 1. 2364, D. Laczkó. MKÉRT 3, 1909, 138). Beide Funde bleiben aber gegenüber den rund 500 (noch immer nicht kompletten) Stücken aus dem Grab der vornehmen Frau von Untersiebenbrunn, einer mehr oder weniger gleich­ rangigen Zeitgenossin der Frau von Regöly, bei weitem zurück. Durchmesser der Stücke 1-3 cm. WMM Inv.-Nr. 67.3.9-14, 67.4.3-5. Gy. Mészáros. ArchÉrt, 97, 1970, 76-80. Abb. 13-15. 16. Trinkbecher aus Glas Regöly-Pénzesdomb. Komitat Tolna (1967) Es ist zwecklos, vor eingehenden Materialuntersuchun­ gen aufzuwerfen, ob dieses Exemplar der vom Kaukasus über die Krim und die Ukraine bis Pannonien verbreiteten spätantiken Gläser aus einer lokalen Werkstatt stammt oder von der vornehmen Dame bereits aus dem Osten mitge­ bracht wurde. Hellgrünes Glas mit dunkelblauer Noppenauflage. Höhe 6,7cm. WMM Inv.-Nr. 67.160.2 Gy. Mészáros. ArchÉrt 97, 1970, 84, Abb. 19/1, Schon vor ihm haben auch die Glasspezialisten L. Barkáczy-A. Salamon, ArchÉrt 95, 1968, 31, Abb. 7/1, die Alternative Pannonien-Osten aufgeworfen. 17. Falkenköpfiger Krug Regöly-Pénzesdomb, Komitat Tolna (1967) Der hinter dem Schädel der „Fürstin" von Regöly zum Vorschein gekommene Krug ist zwar ein Unikal, läßt man jedoch die mit weißer Paste ausgefüllten Augen des Raubvo­ gels außer acht, so ist das Gefäß nichts anderes als eine in Ton übertragene Variante spätrömischer Mrtallkrüge. Es ist wahrscheinlich, daß sogar das Vogelkopfmotiv auf ein spätrömisches, orientalisch beeinflußtes Ornament zurückgeht. Auf den von Sarachane in Istanbul stammenden, heute in der Eckwand der Markus-Basilika von Venedig eingemauer­ ten Kaiserstatuen der Tetrarchie sind Schwerter orientalischpersischen Stils (?) mit sehr ähnlichen Adlerköpfen darge­ stellt, ebenso wie Kaiser Honorius ein solches auf dem mit dem Regöly-Krug zeitgleichen Konsulardiptychon des Pro­ bus trägt. Trotzdem kann nicht entschieden werden, ob der Krug spätantikes, barbarischen Geschmack berücksichti­ gendes Erzeugnis eines Meisters aus dem Pontusgebiet ist oder von einem pannonisch-barbarischen Töpfer nach spätrömischen Vorbildern hergestellt wurde. Aus vorzüglichem Material, gut gedreht und von dunkelgrauer, schwarz schillernder Farbe. Höhe 38,5 cm. WMM Inv.-Nr. 67,160.1, Gy. Mészáros. ArchÉrt 97, 1970. 80-84, Abb. 16-18. Ders., A regölyi „aranysír" - Das „Goldgrab" von Re­ göly, Szekszárd 1972, Taf. VIII-X. mit dem Verwandtschaftskreis des Kruges, allerdings ohne den vor etwa 100 Jahren in das Museum gelangten, aber erst kürzlich publizierten Krug von Pölöske (J. G[ömöri] und H.U[bl]. Katalog Severin, 484, Nr. 5/24b und Taf. 24), der für ein römisches Erzeugnis spricht. GHA 195-196, IV, 6, g.

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18. Goldene Schnallen und Goldschmuck (Farbtafel XI) Lébény-Magasmart, Komitat Györ-Moson-Sopron (1964) Die Funktion der aus dem geplünderten Grab eines bar­ barischen Militärführers stammenden Goldgegenstände ist nicht ganz klar. Die im Beckenbereich gefundene, größte Schnalle dürfte eine Gürtelschnalle gewesen sein. Beim rechten Knöchel lag eine kleine Stiefelschnalle, sie war je­ doch im Bereich des linken ohne Gegenstück. 1. Goldene Gürtelschnalle. Auf dem scheibenförmigen Be­ schlag in speichenartigem Zellenwerk auf dünnen Goldplättchen weinrote Steineinlage. Länge 4,4cm HMMM Inv.-Nr. 64, 1.10. 1. 2. Goldschnalle mit rundem Beschlag. In dem Zellenwerk aus dünnen Goldplättchen weinrote Steineinlage. Länge 4,8 c m HMMM Inv.-Nr. 64, 1 . 1 1 . 1 . 3. Ähnliche, kleinere Schnalle. Länge 3,1 cm. HMMM Inv.-Nr. 64. 1. 12. 1. 4. Goldener Ösenring eines Nebenriemens. An seinem Beschlagteil ein einziger weinroter Stein. Länge 2,1 cm. HMMM Inv.-Nr. 64. 1. 13. 1. 5. Das Auftreten eines W-förmigen, goldenen Schleierflitters im Grab von Lébény ist rätselhaft. Derartige Besätze sind uns nur von den Bestattungen reicher, junger Frauen dieser Zeit bekannt (vgl. Regöly, Taf. 15), nicht jedoch aus Männergräbern Wahrscheinlich handelt es sich um ein als Andenken in das Grab mitgegebenes Schleierstück. Länge 3,7 cm. HMMM Inv.-Nr. 64. 1. 9. 1. R. Pusztai, Arrabona 8, 1966, 101-105, Abb. 3/1-5. 19. Schwertortband, Schwertperle und Scheidenschmuck Lébóny-Magasmart, Komitat Györ-Moson-Sopron (1964) Das Ortband stammt von der Scheide eines zweischneidi­ gen Schwertes mit einer ursprünglich 90 cm langen und 4,5 cm breiten Klinge. Das am unteren Ende 5,5 cm lange und 2 cm breite, in einer kahnförmigen Hülse endende Ort­ band ist zwar gut, aber unvollständig erhalten Länge zusammen mit den Rand beschlägen 18,5 cm HMMM Inv.-Nr. 64. 1. 5. 1. Vom Schwertgriff hing wahrscheinlich an einer langen Schnur oder einem Riemen der mit einer Silberöse versehene Bernsteinanhänger Durchmesser 2,7 cm HMMM Inv.-Nr 64. 1. 3. 1-2. Zu dem erwähnten Riemen dürfte eine kleine Silber­ schnalle mit übergroßem Dorn gehört haben. Länge 2,6 cm HMMM Inv.-Nr. 64. 1. 4. 1. Den Griff des Schwertes zierten offenbar die Silbernie­ ten mit Rhombus-Kopf Durchmesser des Kopfes 1,3 cm HMMM Inv.-Nr. 64. 1. 8. 1-2. R. Pusztai, Arrabona 8, 1966, 101-105, Abb. 4/1, 6 und Abb. 6/3, 5-7. 20. Krug Lébény-Magasmart, Komitat Györ-Moson-Sopron (1964) Zum Grab vgl. Abb. 38. Der wohlproportionierte Henkelkrug ist offenbar das Erzeugnis einer westpannonischen römischen Töpferwerkstatt; dem widerspricht auch nicht die Glättverzierung. Ein werkstattgleiches Exemplar wurde zu­ sammen mit einer bronzenen, mit frühchristlichen Motiven versehenen Dolchscheide bereits 1887 in Pölöske, Komitat Zala, gefunden und kam in das Museum Sopron (L. Bella, ArchÉrt 20. 1900, 362-364; zum Krug vgl. die Literatur zu Taf. 17). Die in den tervingisch-wisigotischen Friedhöfen

und Anlagen gefundenen Krüge mit kanneliertem Körper (in der Reihenfolge ihrer „Verwandtschaft": Szekler Neumarkt/ Tîrgu Secuiesc, Spanţov, Mitreni, Čistilov, Urleasca; in den östlichen Gebieten der Tschernjachow-Kultur ist die Ver­ wandtschaft noch weitläufiger) sind schlechte und unge­ schickte Nachahmungen römischer Metall- und Glasgefäße. Aus diesem Grund können die wesentlich besser geformten und gearbeiteten Krüge von Lébény und Pölöske nicht von den „barbarischen Vorbildern" hergeleitet werden. Der Krug ist gut geschlämmt, geglättet, gleichmäßig ge­ brannt und von hellgrauer Farbe. Höhe (etwas unvollstän­ dig) 33 cm. HMMM Inv.-Nr. 64.1.15.1. R. Pusztai. Arrabona 8, 1966, 105, III, Abb. 8; er hält den Krug noch für spätrömisch. K. Ottományi, Fragen der spätrömischen eingeglätteten Keramik in Pannonien, Diss Arch 11/10, 1981, 37-38, 48, Typ II. Taf. VIII. Trotz ihrer guten Beobachtungen bezüglich der lokalen spätrömischen Töpferei nimmt sie in dieser Frage aufgrund des Kruges von Regöly (vgl. Taf. 17) für den barbarischen Ursprung aus dem Pontusgebiet Stellung. 21. Spätrömischer Kamm Lébény-Magasmart, Komitat Györ-Moson-Sopron (1964) Dieser wegen seiner Bronzenieten außergewöhnlich gut erhaltene Kamm wurde unter dem Schädel des barbarischen Militärführers gefunden (vgl. Abb. 38). Der Kamm ist so­ wohl am Griffteil als auch auf dem Futteral mit dicht anein­ andergereihten Punktkreisen und geschnitzten Pferdeköpfen verziert. Obwohl der Kamm bereits bei seiner ersten Veröf­ fentlichung aus triftigen Gründen als römisches Erzeugnis vorgestellt worden ist, wird er in einem Großteil der archäo­ logischen und kunstgeschichtlichen Fachliteratur als Vertre­ ter par excellence der vom Tierstil durchdrungenen, „barba­ rischen" künstlerischen Auffassung der sich in Pannonien ansiedelnden Germanen angesehen. In Wirklichkeit stam­ men die Kämme mit dreieckigem Griff und Pferdekopfverzierung und oft mit einem Futteral von Gallien und von der Rheinmündung den Limes entlang bis zur Donaumündung und Thrazien zu 90 Prozent aus spätrömischen Gräbern (Abbeville, Cortrat, Furfooz, Ala Nova/Rannersdorf. Moguntiacum/Mainz), aus einem Sarkophag (Colonia/Köln) so­ wie aus Städten bzw. Festungen (Treveri/Trier, Bonna/Bonn, Colonia/Köln, Genava/Genf. Lauriacum/Loren, Brigetio/ Szöny, Kupinowo, Augustae/Harlec, DinogetialGarvăn, Juzac-Serbien. Pernik-Bulgarien) ; sie treten oft auch in mehre­ ren Exemplaren auf Die technische Lösung der Kämme und die Art ihrer Verzierung sind so typisch spätrömisch, daß jene Ausnahmen, als im Laufe des 5. Jahrhunderts auch die in die Provinzen eindringenden Barbaren solche „schönen" Kämme zu Lebzeiten trugen oder ins Grab mitbekamen (Lébény) oder ihre eigenen Kammacher veranlaßten, solche nachzuahmen (Gorsium/Tác, germanisches Frauengrab 154, Aquincum-Budaloki út, mit Pferdeköpfen verzierter Kamm mit buckligem Griff), die Regel nur bestärken. Aus geschnitzten Knochenplatten zusammengesetzter Kamm mit Futteral. Länge des Kammes 7 cm. Länge des Futterals 12cm. HMMM Inv-Nr. 64.1.2.1-2. R. Pusztai, Arrabona 8, 1966, 101, 107, Abb. 7. Über den Typ ( = II/3 A-B) S. Thomas. Studien zu den germanischen Kämmen. Arbeits- und Forschungsberichte 8, Leipzig 1960. 101-102, 180 ff. über den romischen Ursprung des Typs H. Deringer, Provinzialrömische und germanische Knochenkämme aus Lauriacum. JOÖMV 112, 1967, 59-60 Abb 1

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und VII/1. Über seine allgemeine spätrömische Verbreitung, auch bezüglich des Kammes von Lébény, Vágó-Bóna, Inter­ cisa, 198. - Noch heule wird die überholte Theorie, „den Kamm" als typisches ethnisches Merkmal für das Germa­ nentum anzusehen, vertreten. So hält J. Reitinger, Katalog Severin 348, das dem Kamm von Lébény verwandte Exem­ plar aus Lauriacum (Lorch) „sicher" für ein germanisches Erzeugnis des 5. Jahrhunderts, während Stadler, ArchAust 65, 1981, 158-160, bezüglich des Kammes von Ala Nova/Schwechat einen Kompromiß eingeht. Die Frage ist neuestens endgültig zugunsten der spätrömischen Herkunft entschieden worden. Die mit Pferdekopf verzierten Kämme (und im allgemeinen die mit dreieckigem Griff) aus dem Gebiet der minieren und unteren Donau kommen ausschließlich auf römischem Gebiet und an römi­ schen Fundorten vor. V. Popovič Die süddanubischen Pro­ vinzen in der Spätantike vom Ende des 4, bis zur Mitte des 5. Jahrhunderts. In: Die Völker Südosteuropas. Südosteuropa-Jahrbuch 17, München-Berlin 1987, 137-139 sowie die Verbreitungskarle auf Taf. 14. 22. Spätrömisches Trinkglas Lébény-Magasmart, Komitat Györ-Moson-Sopron (1964) Der Glasbecher kann als lokales, westpannonisches Er­ zeugnis angesehen werden. Ähnliche Trinkgläser kommen zwar zur selben Zeit auch an der Nordküste des Schwarzen Meeres häufig vor, doch haben sie eine etwas breitere Stand­ fläche und sind fast ausnahmslos mit blauer Noppenauflage verziert. Der Autor der Veröffentlichung und ihm folgend die Experten für pannonische Gläser suchen die Werkstatt des Glases von Lébény zu Recht im Umkreis der römischen Stadt Árpás (Mursella). Dickwandiges, hellgrünes Trinkglas, ergänzt. Höhe 10,5 cm, Randdurchmesser 7,5 cm. HMMM Inv.-Nr. 64.1.14.1. R.. Pusztai. Arrabona 8, 1966, 100-101, 107, Abb. 6/la-c. L. Barkóczy und Á. Salamon. ArchÉrt 95, 1968, 31, Abb. 8/2 (in beiden Publikationen ist das Glas in fragmentiertem Zustand abgebildet). Über ähnlich geformte Gläser aus den spätrömischen Gräbern von (Kis-)Arpás: E. Bíró, ArchÉrt 86, 1959, 174, Taf. LIV/3 und 7, Über die Gräber mit Glas­ funden aus dem 4./5. Jahrhundert in der Pontusgegend zu­ sammenfassend: N.P. Sorokina, SowArch 1971/4, 85-101, über jene der Kaukasusgegend: KSIA 158, Moskau 1979, 57-67. 23. ,,Hunnenzeitliche" Krüge Györ (1884) und Dör (1948), Komitat Györ-Moson-Sopron An den zwei Krügen sind die unterschiedlichen Eigenhei­ ten der spätrömischen (römisch-barbarischen) Töpferei des 4.-5. Jahrhunderts und der barbarischen zu erkennen. Györ. Der Krug wurde beim Bau der städtischen Wasser­ leitung in 170-180 cm Tiefe gefunden; offenbar in einem Grab, und zwar wahrscheinlich eines Mannes europidmongoloiden Typs mit künstlich deformiertem Schädel. Die Fundstelle befindet sich also auf dem Gebiet der römischen Stadt Arrabona. Dunkelgrau, gut geschlämmt und gedreht, auf der Schul­ ter geglättetes Gittermuster. Höhe 18,7 cm. Györ, einstige Benedektiner-Sammlung, heute XJM, neue Inv.-Nr. 53,319,1, N. Fettich. Györ a népvándorláskorban. Győr története [Győr zur Zeit der Völkerwanderung. Die Geschichte von

Györ], Györ 1943, 4, Taf. 1/1, GHA 185, III. 61a. Über den deformierten Schädel aus der Györer Benedektiner-Samm­ lung J. Nemeskérí. Acta ArchHung 2, 1952, 225-226, Taf. 74 und Abb. 1-2, Dör-Kápolnai dűlő. Henkelkrug ans einem Frauengrab mit Spinnwirtel. Bei den Grabungen 1951 (B. Szőke) sowie 1957 und 1969 (I. Bóna) wurden an der Fundstelle keine weiteren zeitgleichen Bestattungen gefunden. Dieser Krug ist gröber gearbeitet und besitzt eine dickere Wandung als der aus Györ, seine Oberfläche ist ölig-braun, die senkrechte Streifenverzierung ist einfach. Höhe 22,2 cm. XJM Inv.-Nr. 108.1948.I. Unpubliziert. 24. Krug mit menschlichem Antlitz Dunaszekcső. Komitat Baranya (1901) Auf dem Territorium des römischen Lugio gefunden. Drehscheibenware von dunkelgrauer Farbe, mit abgebro­ chenem Henkel. Verziert ist der Krug mit eingeglättetem Tannenzweigmuster, ein Ornament, wie es ähnlich im 5. Jahrhundert auf zahlreichen römischen und barbarischen Gefäßen zu finden ist. Der Krug endet in einem Kopf mit orientalischen Gesichtszügen. Ursprüngliche Höhe 15,5 cm. mit ergänztem Unterteil 22,4cm. JPM Inv.-Nr. 712/1902. A. Kiss. JPMÉ 14-15, 1969/70, 121, Taf. 1/7. 25. Fibel Rábapordány-Palyidomb, Komitat Györ-Moson-Sopron (1925) Der aus 50 Fundstücken bestehende Komplex könnte die Schmuckgarnitur aus dem Grab einer reichen vornehmen Frau sein, wenn nicht wegen des besonders gut erhaltenen Zustandes (vollkommen unversehrte Bernsteinperlen) und der Zusammensetzung (z. B. der Eidring) der Verdacht auf­ käme, es handle sich um einen vergrabenen Familienschatz. Es gelang auch Vertretern des Nationalmuseums nicht, über das angebliche Grab an Ort und Stelle entsprechende Hin­ weise zu erhalten, was die Meinung bestärkt, daß es sich auch um einen vor den Hunnen verborgenen ostgermani­ schen Schatz handeln kann. Aus Silber gegossen und mit Goldblech überzogen. Die Oberfläche ist mit Granaten in Kästchenfassungen und da­ zwischen als Ausfüllung mit angelöteten goldenen Kügelchen (Granulation) verziert. Die Fibel wird von gekerbtem Golddraht umrahmt, dünner Perldraht umfaßt auch die einzelnen Fassungen. Die abgebildete Fibel ist die kleinere des Paares. Länge 12,5 cm. MNM Inv.-Nr. 16.1926.1. N. Fettich. IPEK l, 1926, 267, Taf 19/3, Alföldi, Hunnen­ zeit, 72-73, Taf. X rechts oben. 26. Würde anzeigender Eidring Rábapordány-Palyidomb, Komitat Györ-Moson-Sopron (1925) Was seine Funktion, seine Größe und seine Herstellungs­ art betrifft, so ist er mit dem Goldring aus dem II. Schatz von Szilágysomlyó (vgl. Taf. 9) identisch. Über einen Silberkern aus Silberdraht geflochtener Ring. Wegen seines Durchmessers von 9,5 cm ist er ungeeignet, am Arm oder Hals getragen zu werden, so daß er eine männliche Insignie gewesen sein könnte. Die vergoldeten Silberanhan­ ger erinnern an Zikaden, dürften aber doch eher barbarische Nachahmungen von Eichenblättern sein.

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MNM Inv.-Nr. 16.1926.3. Fettich, IPEK 1, 1926, 267, Taf. 19/1, Alföldi, Hunnenzeit, 73-74, Taf. XI Mitte oben. 27. Halsschmuck Rábapordány-Patyidomb. Komitat Gyór-Moson-Sopron (1925) Aus Goldblech gepreßt, an Spiralröttchen hängende ge­ preßte Blätter. Länge der Blätter 2,3 cm. MNM Inv.-Nr. 16.1924.4. N. Fettich. JPEK, 1, 1926, 267, Taf. 19/4, Alföldi. Hunnen­ zeit, 73, Taf. X, unten. 28. Bernsteinperlen Rábapordány-Patyidomb, Komitat Gyór-Moson-Sopron (1925) Die insgesamt 13 Perlen fanden sich in auffallend gutem Zustand. Durchmesser 5, 3,5, 2,5 und 2 cm. MNM Inv.-Nr. 16, 1926, 34-46. N. Fettich, JPEK I, 1926, 267, Taf. 19/8-11, Alföldi. Hunnenzeit. 74, Taf. XII. 29. Solidus des Theodosius II. (401-450) (Farbtafel XII) Hódmezövásárhely-Szikáncs, Komitat Csongrád (1963) Der im Jahre 408 als Siebenjähriger auf den Thron ge­ langte Kaiser ist eine tragische Figur in der hunnischen Geschichte. Er war ein außergewöhnlich kultivierter Mann, Liebhaber der Kunste und schönen Bücher, ein Rechtsgestalter, Museums-, Bibliotheks- und Universitätsgründer, Freund der Literatur und der Philosophen. Die Kriege ha­ ben seine Herrschaft stark getrübt, er brachte sogar schwere Geldopfer, um sie zu vermeiden. Auf seinen Goldmünzen ist er im Panzerhemd, mit Federbuschhelm und einem Speer dargestellt. Mit einer einzigen Ausnahme stellt er sich in dieser Weise auch auf den von ihm stammenden 1404 Mün­ zen des Solidus-Fundes von Szikánes dar. Absichtlich wird hier gerade diese Ausnahme wiedergegeben, nämlich in der ihm zustehenden und würdigen kaiserlichen Pracht, in der einen Hand eine Schriftrolle, in der anderen ein Kreuz hal­ tend. Prägung der Jahre 443/444, die jüngste Münze des Fundes. MNM, Münzsammlung Inv.-Nr. 28.1964.385. K. Biró-Sey. Numizmatikai Közlöny 74-75, 1975/76, 9, Taf. IV/461. 30. Solidus des Valentinianus III. (419-455) Szikánes, Komitat Csongrád (1963) Die Münze stellt den Sohn der Galla Placidia, Placidius Valentinianus, im Alter von 20 Jahren dar. Zwar herrschte er seit dem 25, Oktober 425 nominell neben seiner Mutter (+ 27. November 450), doch im Schatten des Aetius, den er 454 eigenhändig umbrachte, blieb er eine unscheinbare Fi­ gur. Sein Leben, und damit auch die Herrschaft des Hauses Theodosius, endete gewaltsam (16. März 455) MNM. Münzsammlung Inv.-Nr. 28.1964.3. K. Biró-Sey. Numizmatikai Közlöny 74-75, 1975/76, Taf. 11/30. 31. Die sogenannte Sirgesprägung des Valentinianus III. Rückseite der auf Taf. 30. dargestellten Münze. Szikánes, Komitat Csongrád (1963) Die Varianten der in Ravenna und Rom geprägten Münztypen finden sich auch im Fund von Szikáncs. Auf der

Rückseite ist der Kaiser im Panzer dargestellt. In seiner rechten Hand hält er ein Kreuz, in der linken eine Victoriafigur, die dem Kaiser einen Siegeskranz reicht, mit seinem rechten Stiefel tritt er auf eine menschengesichtige Schlange. Die Rundschrift der Münze, VICTORIA AVGGG, verkün­ det bzw. erhofft den Sieg der drei Augusti, nämlich zu diesem Zeitpunkt des Valentinianus III., des Theodosius II. und der Honoria Augusta. Seit der irrtümlichen Interpretation in der früheren, romantisierenden Fachliteratur (E. Babelon. Re­ vue numismatique 18, 1914, 302ff.) wird diese Münze in historischen und populärwissenschaftlichen Werken immer wieder als „Siegesmünze" aus dem Jahre 452 des Valentinia­ nus III. hingestellt, wobei mit dem Sieg der Rückzug Attilas und mit der zertretenen, menschenköpfigen Schlange „natürlich" das Symbol des hunnischen Herrschers gemeint ist Falb die in den Jahren 439/440 geprägte Münze überhaupt den Sieg über einen äußeren Feind verkündet, so kann wohl nur der Krieg gegen die Wandalen und mit der menschenköpfigen Schlange König Geiserich gemeint sein. Derselbe Münztyp gehört auch zu den frühen Prägungen vor 450, mit deren Hortung, gleichzeitig mit dem Schatz von Szikáncs, also zur Zeit von Ruga und Bleda, auch die beiden ande­ ren Solidus-Schätze des Karpatenbeckens (Biňa/Bény und Firtosch/Firtuşu) begonnen wurden. Sic sind also wie die Münzen von Szikánes und der ähnliche Solidus von Kistslek-Alsórét (E. Wicker, Halasi múzeum I. Kiskunhalas 1989, 27) offenbar in gleicher Weise mit dem den Hunnen im Jahre 443 bezahlten großen „Goldregen" in Zusammenhang zu bringen. MNM, Münzsammlung Inv.-Nr. 28.1964.3. K. Biró-Sey. Numizmatikai Közlöny 74-75, 1975/76, 8, Taf. 11/30. 32. Solidus der lusta Grata Honoria, Schwester von Valentinianus III. Die Augusta war 32 Jahre all, als sie sich um Schulz an Altila wandte. Die Münze stellt die Kaisenn mit dem mar­ kanten Profil einige Jahre vorher, im Herrscherinnenornat dar. MNM, Münzsammlung, Jankovich-Sammlung, 365, Un­ veröffentlicht. 33. ,,Attilas Münze" (Farbtafel XIII) Nachahmung des Solidus von Theodosius 11, Sárospatak Végardó, Komitat Borsod-Abaúj-Zemplén Auf Avers: Theodosius II. mit Helm, im Panzer, mit Lanze und Schild. Auf Revers: Sitzende Frauengestalt der Constantinopolis mit einem Kreuz in der Hand. MNM, Münzsammlung Inv.-Nr. 122.1966. Eine Nachahmung einer 430 geprägten Goldmünze, de­ ren richtiges Gewicht 4,42 g betrug, im Durchmesser jedoch 1 mm größer ist als der größte echte Solidus. Die fehlerhafte Reversinschrift (XOT X + I + ПVJT X + XXI) ist die Ver­ zerrung des Datums VOT XXX MVLT XXXX. Von dem wahrscheinlich 442 neugeprägten Typ gelangten unzählige Solidi in das Gebiet des Hunnenreiches, im 445 verborgenen Schatz von Szikánes wurden 911 Stuck gefunden. Der Solidus von Végardó ist eine verhältnismäßig geschickte Kopie des Vorbildes, die barbarischen Fehler der Münzbilder und die sinnlosen Aufschriften (z. B. stall THEODO steht TИCCOOO) fallen nur unter der Lupe auf, ein solches Verkamen ist auch das auf der Rückseite der wahren

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Solidi gegen den Thron gestützte Schild oder die Buchstaben OOAOO statt des Münzzeichens CONOB. Eine Verwandte der Solidus-Nachahmung von Végardó kam in Kápolnokmonostor (Copalnic-Mănăştur, Judeţul Maramureş, Siebenbürgen. Rumänien) im einstigen Komitat Szatmár zum Vorschein, aus der Umgebung von Frauenbach/Baia Mare, dem Siedlungsgebiet der hunnenzeitlichen Gepiden im Szamostal. Das Gewicht betrug 4,50 g, sie war also schwerer als der Solidus von Végardó (Abb. 27/2.) Das gleiche Münzbild mit ähnlichen Mißverständnissen und falschen Zeichnungen kam auf der Münze von Érmi­ hályfalva/Valea lui Mihai zum Vorschein. Der Solidus im Mund des mit hunnenzeitlichem Langschwert mit Bernstein­ anhänger, hunnischem Kampfmesser, aber mit einem Schild­ buckel ausgerüsteten Schild begrabenen gepidischen Krieg­ führers war der Totenobolus. Vorbild war der IIIP XXXXN GON XVII PP, d. h. gemäß der Revers-Rundschrift IMP XXXXII COS XVII der von Theodosius 442/443 herausge­ gebene Solidus, ist aber viel schwerer (4,59 g) und 1 -1,5 mm größer (Abb. 27/1). Am wichtigsten für die Bestimmung der Münznachah­ mungen des Hunnenreiches ist der 1964 in Biňa/Bény-Berek (Slowakei, Tschechoslowakei) in einem Gefäß verborgen gefundene Schatz aus 108 Stücken. Unter den Münzen sind diejenigen aus den Prägestätten von Valentinianus III. in Rom, Mediolanum und Ravenna in der Überzahl (53 Stück, in Szikáncs fand man nur 32) gegenüber den 40 Stück des Theodosius II. Dieser Fakt macht wahrscheinlich, daß der Hauptteil des Schatzes nach 445 gesammelt wurde, in jenen Jahren, als das Weströmische Reich ebenfalls zur Entrich­ tung eines regelmäßigen Tributs gezwungen war. Daß sie im Fund von Szikáncs noch nicht, wohl aber der Solidus von Theodosius II. vom Typ VICTORIAAVG im Münzschatz von Firtosch (einst Udvarhelyszék, Siebenbürgen, Rumä­ nien) schon verborgen waren, sowie die aus dem Schatz von Szikáncs ebenso fehlenden Prägungen der östlichen und vor allem westlichen Kaiserinnen (je ein Stück der Aelia Eudocia [+460], Galla Placidia [+450], datiert sie in die Jahre nach Attilas Tod und der Auflösung des Hunnenreiches (453-455). Im Schatz von Bíňa/Bény sind im Stil der Solidi von Végardó und Érmihályfalva mit zwei verschiedenen Präg­ stöcken gefertigte zwei Solidus-Nachahmungen des Theodo­ sius II. mit der Reversrundschrift GLOR ORVIS TERRAR zu finden, mit verzerrter Avers- und Reversaufschrift, letzte­ re ungefähr in der Form ­ der gibt es im Fund von Szikáncs insgesamt nur zwei, sie kommen aber auch unter den Münzen von Firtosch vor, die auf uns überkommen sind. Auffallend barbarisch ist die Reversdarstellung des Kaisers mit Labarum in der rechten und einem Globus mit Kreuz in der linken Hand (Abb. 27/3). Die Nachahmungen von Bíňa/Bény haben ein Ge­ wicht von 4,50 und 4,51 g und sind im Durchmesser etwas größer als der Durchschnitt, 21 mm. In Kenntnis der Zusammensetzung des Schatzes von Bí­ ňa/Bény an der Gran ist es jammerschade, daß von dem Parallelschatz des Eipelgebietes, dem „mehr als hundert" Solidi des Theodosius II. enthaltenden, in SóshartyánAranyosgödör( = Goldgrube!) im Komitat Nógrád in den 1870er Jahren entdeckten Fund (J. Hampel, AK XIII/2, 1880, 65), nur zwei Solidi aus der Emission 442/443 mit der Reversrundschrift IMP XXXXII COS XVII ins Museum gelangt sind (MNM, Münzsammlung 130,1875, von einem Stifter aus

Ecseg aus der „Umgebung", und MNM RN 86, 1911, 245, von einem Sammler aus Szécsény). Es ist durchaus nicht auszuschließen, daß auch Nachahmungen darunter waren. Die gleichförmige, etwas barbarische Umrahmung der gezeigten Solidus-Nachahmungen, die ähnlichen Fehler der Bilder und Aufschriften beweisen, daß sie mit in einer barba­ rischen Werkstatt gravierten Prägstöcken hergestellt wur­ den, es handelt sich also um eine planmäßige Münznachahmungstätigkeit. Diese Werkstatt ahmte auf einmal minde­ stens dreierlei Solidi des Theodosius II. nach, und zwar serienmäßig, wie aus den Exemplaren von Biňa zu ersehen ist. Die in dieser Werkstatt hergestellten Münzen haben nichts mit den Nachprägungen von Theodosius II. zu tun, die aus dem Reichsgebiet oder der westgermanischen Welt bekannt sind. Da bis 449 die ost- und weströmischen Geldsummen pünktlich am hunnischen Hof eintrafen, war eine Nachprä­ gung nicht nötig, unter den 1439 Solidi von Szikáncs findet sich keine einzige falsche Münze. Im Schatz von Bíňa/Bény kommen jedoch bereits zwei Nachahmungen vor, also wur­ den sie zwischen 450 und 453 hergestellt. Eine spätere Zeit kommt nicht in Frage, aus dem Karpatenbecken ist nämlich keine einzige falsche Marcianus-, Leo- oder Zeno-Prägung bekannt! Im Namen von Theodosius II. wurden wohl kaum nach 450 Münzen geprägt, also entstanden sie wahrschein­ lich von der zweiten Hälfte des Jahres 450 an. Die Prägestätte arbeitete höchstwahrscheinlich am Hofe Attilas zur Zeit der Vorbereitungen auf den gallischen Feldzug. Die in Ge­ wicht und Feinheit des Goldes fehlerlosen, hinsichtlich ihrer Größe geradezu anziehend wirkenden Münzen wurden worauf man aus ihrer Verbreitung schließen kann - den Militärführern der germanischen Verbündeten (Gepiden, Sweben) zugeschickt, um den Anschein zu erwecken, der Tribut des Theodosius II. für das Jahr 450 sei noch eingetrof­ fen, die in den fernen Westen ziehenden germanischen Krie­ ger und ihre daheimbleibenden Familienmitglieder hätten also nichts von den Oströmern zu befürchten. Végardó: K. Birá-Sey, A Contemporary Counterfeit Coin of a Solidus of Theodosius II. FoliaArch 19, 1968, 99-103, nach Abb. 51/1-2. Kápolnokmonostor/Copalnic-Mănăştur: E. Chirilă-A. Socolan, Tezaure şi descoperiri monetare din colecţia Mu­ zeului Jude|ean Maramureş, Baia Mare 1971, 72. Érmihályfalva/Valea lui Mihai: M. Roska, ArchÉrt 45, 1930, 230, Abb. 148/5. Ders., Anuarul institutului de studii clasice 1, 1931, 2-3, Abb. 5 - an beiden Stellen als „barbari­ sche Nachahmung". Der Münzkatalog von L. Huszár (Acta ArchHung 5, 1955, 75, Nr. 141) erwähnt ihn mit Druckfehler in der Gewichtsangabe (0,590 g), so ging er in der falschen Form von 5,9 g in die numismatische Literatur ein: A. Săşianu, Ancient Coinage in Western and Norlh-Western Roma­ nia, Oradea 1980, 180. Nr. 143. Biňa/Bény: E. Kolníková, Numismatický Sborník 10, 1968, 5-50, Taf. I-X, über die zwei gefälschten Solidi 43 und Taf. IX, Nr. 107-108. Unsere Abbildung wurde nach Dies., Rímske mince na Slovensku. Tatran 1980, 89, 116, Abb. 68 angefertigt. Firtosch/Firtuşu-Keselyütetö(1831): S. Ferenczi, Firtosvár aranyéremlelete [Der Goldfund von Firtosvár], Székely­ ség IV, 1934, Nr. 7-8, 1-16. Ders., Siebenbürgische Vierteljahrsschrift 62, 1939, 59-78. Sóshartyán: Pintér, ArchÉrt 7, 1887, 433. G. Fehér, Folia Arch 6, 1954, 93, Taf. 22/2.

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34. Hunnischer Kupferkessel Hőgyész-Kaposvölgy, Komitat Tolna (1891) Der Kessel wurde zwischen Hőgyész und Regöly, am rechten Ufer des Kapos-Flusses, zwischen den heutigen Bahnhöfen Szakály und Regöly, von einem Pflug aus dem Torf ausgeackert. Die Fundortangaben stammen von M. Wosinsky, der den Kessel sofort an sich nahm, ihn veröffentlichte und dann dem Ungarischen Nalionalmuseum übergab. Im Museum wurde der Kessel nur mit der Fundort­ angabc „Komitat Tolna" inventarisiert. Aus diesem Grund tauchten in der Fachliteratur später andere - falsche - Fund­ ortangaben wie Pincehely und Simontornya auf. Vor kurzem wurde sogar als Fundort Kurd, ja sogar ,,Kurdcsibrák" verbreitet, wobei eine Verwechslung mit dem „Bronzekessel" MNM Inv.-Nr. 64. 1886 vorliegt, einem bronzezeitlichen Ge­ fäß aus dem Kurder Depotfund, das bereits früher in das Nationalmuseum gelangte. Die Torfüberreste an einer Seite und am Unterteil des Kessels von Hőgyész bedeuten keines­ wegs, daß er im Moor versenkt worden war. Der Boden bekam durch starkes Feuer ein Loch, der Henkel brach angeblich bei der Auffindung ab. Der Kessel wurde zusammen mit den Aufsätzen in zwei Teilen gegossen und nachträglich zusammengeschweißt. Von dem ursprünglich am Unterteil angeschweißten zylin­ drischen Ringfuß blieb nur ein Teil erhalten. Gesamthöhe 52 cm. Durchmesser 30-33 cm. Gewicht 16 kg. MNM Inv.-Nr. 79,1891. M. Wosinsky. ArchÉrt 11, 1891, 427-429, Abb. 1. Ein gutes Foto vom Unterteil bei Z. Takács. Ostasiatische Zeit­ schrift 4, 1915/16, 177, Abb. 3, Ausgezeichnete Aufnahmen von drei Seiten brachte Fettich, 1940, 246, Taf. XI/la-b und XII/1, Dieselben Aufnahmen bei I. Bona, Katalog Nibelun­ genlied. 303, Abb. 2a-c. GHA 165, III. I. 35. Hunnischer Kupferkessel Umgebung von Várpalota, Komitat Veszprém (1958) Die Fundumstände und der genaue Fundort sind bis heute unbekannt. Der in der ersten Veröffentlichung ge­ nannte Fundort Bántapuszta konnte nicht verifiziert wer­ den, der neuestens aufgekommene Ort Bérhegy scheint viel wahrscheinlicher zu sein. Der Kessel wurde zusammen mit den Aufsätzen in zwei Teilen gegossen und dann zusammengeschweißt. Der Fuß­ ring wurde gleichzeitig verfertigt, mit drei stangenartigen und dann verhämmerten Nieten am Unterteil befestigt und schließlich noch verschweißt. Die Verunreinigungen des zur Herstellung des Kessels verwendeten Kupfers sind mit denen des Kessels von Hőgyész verwandt. Trotzdem ist es unwahr­ scheinlich, daß die beiden Kessel Produkte derselben Werk­ statt sind. Gesamthöhe 57,7 cm, davon Höhe des Fußringes 9,1 cm. Gewicht 20,15 kg. MNM Inv.-Nr. 61.40.1. Z. Takács. Acta OrientHung 9, 1959, 85, Abb. 1. I. Kov­ rig. FoliaArch 23, 1972, 95-100. Abb. 3-8. 36. Hunnischer Kupferkessel Törtel-Czakóhalom. Komitat Pest (1869) Wurde beim Pflügen in geringer Tiefe am Fuß des obenge­ nannten Hügels, einer urzeitlichen Siedlung (?) oder eines Kurgans, gefunden. Die mit dem Kessel eingelieferten Ton­ scherben und Tierknochen sind älter. Die an der Fundstelle 10 Jahre später durchgeführten Nachgrabungen verliefen bezüglich des Kessels ergebnistos; auf dem Czakó-Hügel

und in der Umgebung wurden nur sarmatische Tonscherben gefunden (J. Wagner, ArchÉrt XIII, 1879, 366. B. Balanyi, Studia Comitatensia 2, 1973, 18, 22 und Anm. 35). Der Kessel kam in Bruchstücken zutage, die das Nationalmuseum zusammensetzen ließ. An der Außenseite des Unter­ teils fanden sich Rußnecken, am Boden sind auch heute noch Brandspuren zu erkennen. Der Kessel ist unten an zwei Stellen ausgebrochen oder geschmolzen, der Rand ist unvoll­ ständig. Der Kessel wurde in vier Teilen gegossen, wobei der Oberteil mit den Aufsätzen und der Unterteil separat verfer­ tigt und sodann mit den zwei anderen Teilen zusammenge­ fügt wurden. Sein schlanker Fuß von ähnlicher Proportion wie jener des Kessels von Várpalota ist abgebrochen und verschollen. Doch ist genau zu erkennen, daß er an dem Unterteil angelötet war. Gesamthöhe (mit Henkel) 88-59 cm, Randdurchmesser 46-48 cm. Gewicht 41 kg. MNM Inv.-Nr. 22.1869.1. Fl. Rómer. ArchÉrt II. 1869/1870, 49-50, 290-292, Abb. 2. Ders., ArchÉrt III, 1870, 114-115, Von den Fundumständen wußte noch F. Pulszky. ÉTK 14, 1891, 15-16. Er stellte fest, daß der Kessel zwar gewaltsam zerbrochen worden war. die wertvollen Bruchstücke aber nicht eingeschmolzen, son­ dern sorgsam eingesammelt und vergraben worden waren. All dies weist auf sakrale Tätigkeit hin. Ein genauer Plan der Fundstelle bei B. Pósta. ArchÉrt 16, 1896, 34-35 und Karte. Ein Foto des Kessels von unten mit der Stelle des abgebro­ chenen Sockels bei Z. Takács. Ostasiatische Zeitschrift 4, 1915/1916, 177, Abb. 3, Ausgezeichnete Fotos von drei Sei­ len bei Fettich 1940. 246, Taf. X/l-la und X11/2, Vgl. noch I. Bóna, Katalog Nibelungenlied. 301-304, Abb. la-b. 37. Colddiadem (Farbtafel XIV) Csorna, ehemalige Ziegelei der Propstei, Komitat GyörMoson-Sopron (1887) Wurde südwestlich von der Gemeinde in 180 cm Tiefe auf der Stirn eines N-S-orientierten Frauenskelettes gefunden. Am Schädel fanden sich noch grüne Palinaspuren und eine Kopfverletzung. (Vgl. Abb. 12, Regöly). Als zweite Beigabe stand hinter dem Schädel noch ein grauer Topf oder besser ein Krug mit „schmalerer Öffnung", der jedoch verloren­ ging. Gepreßtes Goldblech, auf ein einst mit ihm zusammen­ gepreßtes, bereits zerfallenes Bronzeblech aufgezogen. Das Diadem ist in der oberen Reihe und in der Mitte in Oval- und Rundfassungen durch rote Granate und einen großen Kar­ neol verziert, darunter in drei Reihen in der Form der Steine angepaßten Kästchenfassungen Granate, die im Mittelteil des Diadems durch einige größere Fassungen mit grünem Glas und an den Rändern durch runde Fassungen mit wei­ ßem Glas und viereckige Fassungen mit Bernsteineinlage bunter gestaltet sind. Das Diadem ist beschädigt, fragmen­ tiert und ergänzt. Ursprüngliche Länge (ca.) 29 cm. heutige Länge 26,7 cm, größte Breite 4,2cm. MNM Inv.-Nr. 55,36,1, - früher in einer Privatsammlung. Der jetzige Erhaltungszustand des Diadems ist das Ergebnis der von G. Báthy durchgeführten, von I. Kovrig geleiteten künstlerischen Restaurierung. A. Lakner. ArchÉrt 9, 1889, 263-264, Abb. IV. Alföldi. Hunnenzeit, 76, Taf. VIII. - Der Diadem-Grabfund hat nichts mit einem weiteren, in Hampels Berichten und von Alföldi veröffentlichten Grabfund mit Fibel und Spiegel des 5. Jahrhunderts zu tun, der in den Jahren 1888/1889 in einer

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anderen Schottergrube südöstlich von Csorna aufgedeckt worden ist, wie das von M. Párducz, Der gotische Fund von Csongrád. Dolgozatok-Szeged 14, 1938, 131, schon längst geklärt wurde. Neuere Aufarbeitung: I. Kovrig, Das Diadem von Csorna. FoliaArch 36, 1985, 107-148, Abb. 1-3 und 5. 38. Detail des Diadems von Csorna (Farbtafel XV) 39. Teil der Goldblechverkleidung einer Tierfigur Árpás-Dombiföld, Szérűskert, Komitat Sopron(1981) Györ-Moson-

Diese neben der Wand eines römischen Gebäudes einge­ grabene reiche Einzelbestattung aus der Hunnenzeit stellt einen neuen bedeutenden Beitrag zur Geschichte der Hunnenherrschaft in Westpannonien dar. Dank dem freundli­ chen Entgegenkommen der Ausgräber kann an dieser Stelle der Kopfteil eines Goldbleches, das ursprünglich eine aus Holz geschnitzte Figur bedeckte, vorgestellt werden. Sic ist mit den goldenen Pferde- oder Hirschkuhfiguren aus Nowo­ grigorewka (Abb. 52) und Beljaus (Abb. 59) verwandt. Die­ se, zusammen mit dem Goldblech von Kysylkajnartöbe (Abb. 44) sind vorzügliche, nur mit den Kupferkesseln ver­ gleichbare Beweise für die Hunnenbewegung. Die goldenen Tierfiguren gewähren zum ersten Mal Einblick in den in Asien wurzelnden Tierkult der Hunnen. Der Zusammen­ hang der Tierfiguren mit der im Kurgan 6 der klassischen Begräbnisstätte der asiatischen Hunnen von Nojon-ul (Noin Ula) gefundenen, mit Lack überzogenen, 16 cm hohen höl­ zernen Pferdefigur und der aus Holz geschnitzten, 11 cm hohen Hirschkuhfigur ist nämlich offensichtlich (C. Trever, Excavations in Northern Mongolia, Leningrad 1932, 48-49, 60, Taf. 30/2 und 32/1), ebenso mit der im Kurgan 1 von Kotandi/Katanda im Altaigebiet 1865 gefundenen, 8 cm ho­ hen, aus Holz geschnitzten Pferdefigur (M. Grjasnow und A. Bulgakow, Drewneje iskusstwo Altaja, Leningrad 1958, 6, 93 und Taf. 3). S. W. Kiselew (Drewnaja istorija Jushnoj Sibiri, Moskau 1951, 341, Taf. 31/6-7, 10-11) hält diese Figuren für die Ausrüstung eines Schamanen bzw. für Anhänger einer Schamanenkleidung. Obwohl diese Bestimmung der golde­ nen Tierfiguren, die ursprünglich Holzplastiken bedeckten, zur Zeit nicht nachweisbar ist, so kann darüber doch kein Zweifel bestehen, daß sie Religionsdenkmäler der nach Eu­ ropa gelangten Hunnen sind. In den Kurganbegräbnisstätten im Altaigebiet kamen letztlich solche Mengen dieser Denkmäler aus dem 5. Jahrhundert v.Chr. bis zum 1. Jahr­ hundert n.Chr. (Ulandrik I.-IV. Begräbnisstätte, Taschanta I.—II. Begräbnisstätte) zum Vorschein, daß man sie als allge­ mein charakteristische Religionssymbole verstehen muß. W. D. Kubarew, Kurgany Ulandrika, Nowosibirsk 1987, Abb. 38-39, 40, 43, Taf. 4/4, 9/3, 14/8-9, 42/5, 48/4, 50/5-6, 52/12, 59/1-8, 75/34, 86/17, 19,22, 96/9, 11. Győr, Xantus János Museum. Unveröffentlicht. E. T. Szönyi, ArchÉrt 109, 1982, 298. 40. Schnallen und Zikadenfibeln Kistokaj-Homokbánya, Komitat Borsod-Abaúj-Zemplén (1972) Aus einem zerstörten Grab kamen ein Henkelkrug mit vorzüglicher Glättverzierung und eine silberne Schuhschnal­ le mit unverziertern Beschlag zutage. Nach ihrer Form und Größe entspricht sie u. a. der von Zics, Komitat Somogy (MNM Inv.-Nr. 121.1907; Alföldi, Hunnenzeit, 86, Taf. XXXIV/I - publiziert als von unbekanntem Fundort). Ähn­

liche silberne Schuhschnalle findet sich auch im Grab von Lengyeltóti (vgl. Farbtafel XXII.). 1. Silberne Stiefelriemenschnalle mit viereckigem Beschlag. Gesamtlänge 3,1 cm. HOM Inv.-Nr. 73, 24,64, 2. Gürtelschnalle aus Silber. Am Rand des mit Goldblech überzogenen Beschlags Filigran nachahmender gepreßter Perlendekor, auf der Oberfläche rote Steineinlagen in acht unregelmäßigen Fassungen. Gesamtlänge 4,7 cm. HOM Inv.-Nr. 73,24,65, Ebenfalls aus einem zerstörten neueren Frauengrab: 3. Zikadenfibelpaar aus gegossenem Silber mit abgenutzter Feuervergoldung. Länge 3,7cm. HOM Inv.-Nr. 73.24.66.1-2. 4 . - 6 . Ovale Silberschnalle ohne Beschlag. Zur Riemenbefestigung dienten Silbernieten mit Köpfen in der Form des abnehmenden Mondes. Durchmesser der Schnalle 2,6 cm, der Nietköpfe 1 cm. HOM Inv.-Nr. 73.24.68 und 73.24.67. 1-2: Schnalle und Nieten sind mit jenen aus den Zikaden­ gräbern von Csömör und Bakta/Nagybakta verwandt. Unpubliziert. Über die Fundumstände: J. Gádor-M. Hel­ lebrandt, HOMÉ 12, 1972, 600-601. Der Krug abgebildet in J. Gádor, A Herman Ottó Múzeum. Miskolc 1979, 12, Abb. 40. 41. Silberschnallen Szirmabesenyő-Hátsóföld, Komitat Borsod-Abaúj-Zemplén (1950) Die Silberschnallen des mit einem zweischneidigen Schwert mit Bernsteinanhänger und einem einschneidigen Kampfmesser (vgl. Abb. 61) ausgestatteten Kriegers mit artifiziell deformiertem Schädel weisen nicht nur auf den niedrigeren Rang des Toten, sondern können auch insofern als lehrreich bezeichnet werden, als sie die typologischen Gleichstücke der zellenverzierten Goldschnallen der Vorneh­ men sind, die auf die Vorereignisse in der Wolgagegend und in Zentralasien zurückgehen. 1. Ovale Gürtelschnalle aus Silber ohne Beschlag. Durchmesser 4,4 cm. HOM Inv.-Nr. 53.1197.3. 2. Silberschnalle vom Schwertriemen. Auf dem runden Be­ schlag eine Niete mit rundlichem Kopf. Länge 3,2 cm. HOM Inv.-Nr. 53.1197.2. 3. Silberne Stiefelriemenschnalle vom linken Knöchelbereich. Ähnlich der vorigen, jedoch etwas kleiner, der Niet­ nagel fehlt. Länge 3 cm. HOM Inv.-Nr. 53.1197.1. G. Megay, ArchÉrt 79, 1952, 132-133, Taf. XXV/3-5. 42. Krug Szirmabesenyő-Hátsóföld, Komitat Borsod-Abaúj-Zemplén (1950) Der hinter dem Kopf des mit Schwert ausgestatteten Kriegers deponierte derbe Henkelkrug ist ein gutes Beispiel für die barbarischen Varianten der antiken Krugform aus dem 4.-5. Jahrhundert. Grau, schlecht gedreht, dickwandig, am Hals kaum sichtbare Spuren der Glättverzierung. Höhe 22,5 cm. HOM Inv.-Nr. 53.1197.10 G. Megay, ArchÉrt 79, 1952, 132-133, Taf. XXIV/2. 43. Scheidenmundbeschlag eines Schwertes Pécs, Nagykozár-Üszögpuszta, Komitat Baranya (1900) Fundumstände siehe bei Abb. 47. Goldplatte in 16 unregelmäßigen Zellenfassungen, in zwei Reihen Almandinverzierung. Gesamtlänge 12,5 cm, an den

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Enden Nietenspuren. Zusammengelegt, wiederhergestellt. Länge 5,4 cm. Breite 2,4 cm. JPM Inv.-Nr. 956/4a. J. Hampel. ArchÉrt 20, 1900. 104-105, Nr. 18. Alföldi. Hunnenzeit. Taf. H I / 1 . 44. Speerspitze Pécs, Nagykozár-Üszögpuszta, Komitat Baranya (1900) Aus geschmiedetem Eisen. Ihrer Form nach ist sie ein auffallend guter Vorläufer der aus Asien stammenden, frühawarischen Speerspitzen. In hunnischen Gräbern und anderen Funden kommt die Lanzenspitze nur selten vor, offenbar darum, weil die Lanze des Verstorbenen auf sein Grab gesteckt wurde. Die einzige annähernde Parallele findet sich im Woschod-Fund von Pokrowsk. Vgl. dazu die Literatur bei Abb. 22/1. Länge 27,9 cm. JPM Inv.-Nr. 956,1, J. Hampel. ArchÉrt 20. 1900, 99. Nr. 1. Alföldi. Hunnenzeit. Taf. II/1. 45, Knebeltrense Pécs, Nagykozár-Üszögpuszta, Komitat Baranya (1900) Die mit der Schmiedezange geschickt gerippten Knebel der Eisentrense sind mit Goldblech überzogen. Gesamtlänge 15,5 cm. Länge der Knebel 10,1-10,2 cm. JPM Inv.-Nr. 956, 2. J. Hampel. ArchÉrt 20, 1900, 99, Nr. 2. Alföldi, Hunnenzeit. Taf. I/5. 46. Sattelbeschlag Pécs, Nagykozár-Üszögpuszta, Komitat Baranya (1900) Goldblechüberzug vom vorderen Ende eines Sattelbreites mit ungewöhnlicher Verzierung, nämlich einem aus gepreßten schnurartigen Linien bestehenden Netzmuster - das einzige Gegenstück ist das Sattelbeschlaßfragment aus Pannonhalma. Die Löcher an den Rändern weisen auf den rippenartigen Rahmen und die Befestigung der Blechbesätze. Unvollständige Breite. Höhe 7 cm. JPM Inv.-Nr. 956,6a. J. Hampel. ArchÉrt 20, 1900, 103, Nr. 10. Alföldi. Hunnenzeit, Taf. IV/14, Gegenstück von Pannonhalma: P. Tomka. Acta ArchHung 38, 1986, 443, Abb. 19 - als Schuppenmuster. 47. Goldblechverkleidimg vom Ende eines kleinen Bogens Pécs. Nagykozár-Üszögpuszta. Komitat Baranya (1900) Das Goldblech kam bruchstückhaft und in verbogenem Zustand in das Museum und zerfiel später weiter. Die von Gy. László richtig erkannte Funktion wurde durch die Goldblechverkleidung von Bátaszék (vgl. Taf. 54 und Abb 50) bestätigt, wodurch auch die Ergänzung des Stückes ermöglicht wurde (vgl. Abb. 47). Die radialen Knitterungen am Unterteil des Bleches sind auf das Umbiegen zurückzuführen, die augenartigen Löcher aber stammen von der Befestigung des Goldbleches auf dem wahrscheinlich aus Holz gearbeiteten Bogen. Aufgrund dieser technischen Spuren interpretierte Fetlich das Blech als Dolchscheidenortband, das in einer bärtigen Männermaske endete. Gegenwärtige Länge 10,7 cm. Breite 3,1 cm. JPM Inv.Nr. 956.4c. J. Hampel. ArchÉrt 20. 1900. 101-102, Nr 8. Alföldi. Hunnenzeit, Taf. VI/15. Fettich. Nagyszéksós. 17I-177, Taf. LVIII/9.

48. Pferdegeschirrdekor Pécs, Nagykozár-Üszögpuszta, Komitat Baranya (1900) Die halbmondförmigen, mit Enden aus hellem Gold gepreßten Bleche in einem Hängeteil sind mit den osthunnischen Pferdegeschirranhängern eng verwandt. Zusammen mit einer Bronzeunterlage waren die Bleche auf Riemen aufgenietet. Breite 3 cm. PJM Inv.-Nr. 956.5b. J. Hampel. ArchÉrt 20, 1900,106-107, Nr. 31-32. Alföldi. Hunnenzeit. Taf. IV/8-11. 49. Blattförmiger Anhängerbeschlag eines Zaumzeuges Pécs, Nagykozár-Üszögpuszta, Komitat Baranya (1900) Der Form nach kennen wir mehrere östliche Parallelen (vgl. z. B. Abb. 52), die Blattaderung nachahmende gepreßte Verzierung ist jedoch einmalig. Die Bleche wurden aus hellem Gold verfertigt, auf Bronze aufgebracht und am oberen Ende mit zwei Nieten am Riemen befestigt. Länge 7,6-8 cm. JPM Inv.-Nr. 956.5a. Hampel. ArchÉrt 20, 1900, 103, Nr. 11-12, Alföldi. Hunnenzeit. Taf. V / 1 . 50. Riemenzungen Pécs, Nagykozár-Üszögpuszta, Komitat Baranya (1900) Bei den Hunnen ebenso wie auch später bei den Awaren dienten diese Riemenzungen als Gürtel- und Zaumzeugriemenenden (vgl. Abb. 52 und 58). Die aus hellem Goldblech gepreßten Stücke hatten ursprünglich eine bronzene Einlage. Länge 5,4-5,6 cm. JPM Inv.-Nr. 956.7c. J. Hampel. ArchÉrt 20, 1900, 105, Nr. 29, Alföldi. Hunnenzeit, Taf. III/19-21. 51. Goldblechbeschlag ton der Vorderseite einer Schwertscheide Pécs, Nagykozár-Üszögpuszta, Komitat Baranya (1900) Der in das Museum gelangte, fragmentierte, ursprünglich 45,4 cm lange Überrest gehört zu den Schwertern, deren Scheide großenteils mit Goldblech überzogen war (Kertsch, Altlußheim). Breite 5 cm, zusammen mit dem Umschlag 6,3 cm. JPM Inv.-Nr. 956.4b. J. Hampel. ArchÉrt 20, 1900, 101, Nr. 7. Alföldi. Hunnenzeit. Taf. II/1-2. 51. Riemenbeschläge Pécs, Nagykozár-Üszögpuszta, Komitat Baranya (1900) Ihre Größe und Verzierung ist genauso unterschiedlich wie bei vielen ihrer östlichen Parallelen (vgl. z. B. Abb. 52 und 58). Einige besitzen in unregelmäßigen Fassungen Almandineinlagen. Sie wurden aus hellem Gold gepreßt und waren zusammen mit einer Bronzeunterlage jeweils an beiden Enden an die Riemen genietet. Länge 4,5-3,5-3,1 cm. JPM Inv.-Nr. 956.7b. f. g. J. Hampel. ArchÉrt 20, 1900, 105, Nr. 21-27. Alföldi. Hunnenzeit. Taf. III/5-18. 53. Goldbeschläge eines Schwertes Bátaszék-Iskolaudvar, Komitat Tolna (1965) Bei der Anlage eines Wusserleitungsschachtes im Hof der Volksschule Nr. 2 (Kossuth L. u. 38-42) wurden von Arbeitern in 70 cm Tiefe ein Eisenschwert und daneben elf Goldgegenstände gefunden. Zwei weitere, nämlich eine kleinere Schnalle und eine tropfenförmige Edelsteinfassung, kamen

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vor der Kontrollgrabung beim Aussieben der ausgeworfenen Erde zum Vorschein. Daraufhin wurde vom Museum Szek­ szárd ein 160 x 260 cm großer Suchschnitt angelegt, „doch fand man weder ein Skelett noch andere Funde". Jedoch konnte festgestellt werden, daß die 140 cm tiefe, nur 120 cm westlich der Schwertfundstelle gefundene Grube aus dem vorigen Jahrhundert nichts mit dem Fund zu tun hat (aus dem Originalbericht von Gy. Mészáros vom 9, April 1966). Die mit dem Fund von Pannonhalma des Jahres 1979 voll­ kommen übereinstimmenden Fundumstände können nicht genug hervorgehoben werden, deshalb ist es bedauerlich, daß der Ausgräber in seinen gedruckten Berichten die Fund­ umstände veränderte, indem er die Theorie aufstellte, das Schwert und die Goldgegenstände seien „Beigaben des be­ reits Ende des vorigen Jahrhunderts gefundenen und aufge­ wühlten Körpergrabes" und auch die Neufunde seien „zu­ sammen" mit menschlichen Knochenüberresten zutage ge­ kommen. (Gy. Mészáros, Régészeti Füzetek I. 19, 1966, 35, Nr. 45; ArchÉrt 93, 1966, 297, Nr. 45). Eine entscheidende Rolle bei diesem Irrtum spielte der Ende des vorigen Jahrhunderts in die Budapester Anthropo­ logische Sammlung gelangte künstlich deformierte Männer­ schädel von Bátaszék. Dieser ist mit den dazugehörigen Angaben nach dem Zweiten Weltkrieg angeblich verschol­ len. Erhalten blieben nur die falschen Angaben von L. Bar­ tucz, der das Vorkommen des Schädels und dessen Übernah­ me durch das Museum auf das Jahr 1890 festsetzte, jedoch bezüglich des Fundortes und Spenders richtige, wenn auch etwas unklare Angaben veröffentlichte: A magyar ember IV. A magyarság antropológiája (Der ungarische Mensch IV. Anthropologie des Ungartums), Budapest 1939, 451 und Abb. 287, Die Fundortangaben stimmen auch schon deswe­ gen, weil er die diesbezüglichen Informationen von dem mit dem Ort vertrauten M. Wosinsky übernommen hat. Párducz, der sich ausschließlich auf Bartucz stützte (Hunnenzeit, 24, Nr. 27), war ebenso wie den Forschem, die den deformierten Schädel von Bátaszék mit dem Fund von 1965 in Zusam­ menhang brachten, entgangen, daß über die tatsächlich im Winter 1895/1896 aufgedeckten „Bátaszéker" Gräber gleich­ zeitig zwei wichtige Berichte erschienen waren. Der eine Bericht stammt von Wosinsky (Tolna vármegye az őskortól a honfoglalásig [Komitat Tolna von der Urzeit bis zur Land­ nahme], Budapest 1896, 864-865), der persönlich an der Fundstelle anwesend war, der andere vom Freund des Arztes Dr. B. Kovács, der die Funde rettete {J. F. Fetzer, ArchÉrt 16, 1896, 94-95). Diese zwei zeitgenössischen Berichte stim­ men überein und ergänzen einander. Von Wosinsky erfahren wir, daß die von Fetzer schrittgenau angegebene Fundstelle, die Ziegelfabrik von Bátaszék, eigentlich schon „zur Gemar­ kung von Alsó-Nyék gehörte". „Neben dem einen in der Ziegelei aufgedeckten, auf dem Rücken liegenden Skelett fand man Gefäßbruchstücke und Teile eines verrosteten Eisenschwertes. Der makrokephale (deformierte) Schädel dieses Skelettes wurde in das Anthropologische Museum in Budapest geschickt. Nur einen Schritt davon entfernt kam in 2 m Tiefe noch ein sehr vermodertes Skelett in gestreckter Rückenlage zum Vorschein. In der rechten Hand lagen Bruchstücke eines Knochenkammes." Über den „in 2 m Tiefe gefundenen" Silberschmuck des zweiten, reichen Frauengrabes, den Dr. Kovács bereits bruchstückhaft den Findern abgekauft hatte, berichtet Fetzer in allen Einzelhei­ ten. Er beschreibt den bei Kovács gesehenen und nicht in das Museum gelangten zweiseitigen Kamm sowie auch das Ei-

senschwert, ohne allerdings zu erwähnen, daß es zu dem anderen Grab gehörte. Bartucz erinnerte sich 1939 offenbar nicht mehr an seinen in der Presse ein Jahrzehnt früher veröffentlichten Artikel (Torzított koponyák) [Deformierte Schädel], Képes Ma­ gyarság vom 26, April 1928, Beilage 17, S. 3), in welchem er ein vorzügliches Foto vom Bálaszéker Schädel brachte. Auf dem Foto ist der auf dem Schädel angebrachte Text gut lesbar: „Geschenk von Dr. Bálint Kovács aus Bátaszék, 6, Febr. 1896," Schon Fetzer deutete an, daß Dr. Kovács „die Schmuckstücke von Bátaszék dem Nationalmuseum schenkt". Sie gelangten tatsächlich in die Allertumssammlung, wo sie als Geschenk des Dr. Kovács inventarisiert wurden (MNM 8, 1896, 1-12), kaum zufällig ebenfalls am 6, Februar 1896, Die im Inventarbuch vermerkten Fundort­ angaben stimmen mit dem von Fetzer beschriebenen Fund­ ort genau überein. Die bruchstückhaften Silbergegenstände und den vom Nachbargrab mit Schwert (!) stammenden deformierten Schädel schenkte Dr. Kovács zur selben Zeit den entsprechenden Institutionen. Die zwei auf dem Gebiet von Alsónyék gefundenen ge­ störten Gräber können daher nicht mit dem 1,5 km entfern­ ten, in der Innenstadt aufgedeckten hunnischen Opferfund in Zusammenhang gebracht werden. Die am letzteren Fund­ ort bei den Fundamentierungsarbeiten für ein Gebäude des 19. Jahrhunderts gefundenen, zerwühlten Menschenknochen aus unbekannter Zeit lagen tiefer als die Goldgegen­ stände (jedoch höher als die Gräber auf dem Ziegeleigeländc), sind mit keinem der Funde zeitgleich und haben mit ihnen nichts zu tun. Von dem Bericht leider irregeführt, werden die Fundumstände falsch übernommen: J. Tejral. Mähren im 5. Jahrhundert, Prag 1973, 22 Ders. ArchAust 72, 1988, 265-266 und I. Kovrig. Drewnosti 1982, 6 und 245-246, Goldblechbeschläge vom Griff und von der Parierstange des Schwertes mit roten Steineinlagen in Fassungen. Länge 8,4 und 13,4cm. WMM Inv.-Nr. 65,1,8 und 65,1,13, Tropfenförmige Goldfassung mit herausgefallener Ein­ lage. Länge 1,5 cm. WMM Inv.-Nr. 65,1,12, Zu unserem Rekonstruktionsversuch siehe Abb. 56, I. Kovrig, Drewnosti 1982, 7-8, Abb. 3/1-5, A. G[aál] und H. U[bl], Katalog Severin, 472, Nr. 5, 11. h, m, n und Taf. 19. Die Schwertbeschläge aus reinem Solidus-Gold, vgl. B. Vorsatz. FoliaArch 36, 1985, 146-147. 54. Goldblechverkleidung eines Bogenenden Bátaszék-Iskola, Komitat Tolna (1965) Die Bogenverkleidungen von (Pécs-)Nagykozár-Üszögpuszta und Jakuszowice verbindet die in zwei zusammenge­ hörigen Teilen erhaltene Goldblechverkleidung. In der Mitte und an den beiden Rändern verläuft eine gerippte Umrah­ mung (vgl. Abb. 50). Lange der Bleche 14 und 10,5 cm, Gesamtlänge 24,5 cm. WMM Inv.-Nr. 65.1.9-10. I. Kovrig, Drewnosti, 1982, 8-10, Abb. 4/1, A. G[aál] und H. U[bl], Katalog Severin, 472, Nr. 5,11, i, k, Taf. 19. 55. Zierperle eines Schwertes (Farbtafel XVI) Bálaszék-Iskola, Komitat Tolna (1965) Scheibenförmiges goldenes Zellenwerk mit sechs roten Steinen auf einer Magnesitkugel (MgCO3).

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Länge 3,2cm, Breite 2,1 cm. WMM Inv.-Nr. 65.1.4. I. Kovrig. Drewnosti, 1982, 7-8, Abb. 3/10. A. G[aál] und H. U[bl], Katalog Severin, 471, Nr. 5 ) 1 , d, Taf 19. 56. Goldene Schnallen und Riemenzunge (Farbtafel XV11) Bálaszék-Iskola, Komitat Tolna (1965) Goldene Gürtelschnalle. Am ovalen Beschlag in zwei V-förmigen, meinandergestellten Zellen vier rote und eine grüne Steineinlage. Länge 4,1 cm. WMM Inv.-Nr. 65.1.1. Goldene Schwertriemenschnalle. Am Beschlag in einem kreuzförmig angelegten Zellenwerk rote Almandineinlage. Länge 3,6 cm. BBM Inv.-Nr. 65.1.2. Riemenzunge aus Blei mit Goldblechüberzug. Am oberen Ende eine Befestigungsniete. Länge 4,8 cm. WMM Inv.-Nr. 65,1,3, I. Kovrig, Drewnosti. 1982, 7 und 10. Abb. 3/6-9. A. G[aál] H. U[bl]. Katalog Severin, 471, Nr. 5. 11. a-c. Taf. 19. 57. Eisenschwert mit Parierstange Bátaszék-Iskola. Komitat Tolna (1965) Dieses gut erhaltene und vorzüglich geschmiedete Langschwert ist ein Musterexemplar der so zahlreichen charakteristischen hunnischen Schwerter. Gesamtlänge 96 cm, Breite der zweischneidigen Klinge 5 cm, Länge der geraden Parierstange mit rhombischem Querschnitt 8,5 cm. WMM Inv.-Nr. 82.18.1. J. Kovrig. Drewnosti, 1982, 6, Abb. 2, A. G[aál] und H. U[bl]. Katalog Severin, 471, Taf. 18/5.9. 58. Goldbeschlagenes Schwert (Farbtafel XVIII) Pannonhalma-Széldomb. Komitat Györ-Moson-Sopron (1979) Beim Ausheben einer Grube wurden in 80-100 cm Tiefe in einem Haufen zwei Eisenschwerter, vergoldetes Pferdegeschirr, Trensen und goldene Bogenverkleidungen gefunden. Um die Funde herum waren keine Spuren einer Grube mehr erkennbar, der Untergrund bestand aus hartem, gewachsenem Sand. Im Zuge der Nachgrabung konnten von P. Tomka weder an der Fundstelle selbst noch in deren Umgebung irgendwelche Spuren eines Grabes bzw. Überreste von menschlichen und tierischen Knochen, Leichenbrand oder Asche nachgewiesen werden Ein Teil der Funde wurde von neuzeitlichen Erdarbeiten gestört. Vielleicht zerbrachen damals einzelne Stücke (z. B. der Sattelbeschlag), andere wiederum gingen verloren. Das außergewöhnlich lange Schwert (107 cm) hat eine lange Parierstange, deren Vorderplatte mit roten Edelsteinen eingelegte goldene zickzackförmige Zellen verzieren, die Schwertscheide wurde an zwei Stellen von hellen Goldblechen mit Schuppenmuster, der Griff mit gepunzten, mit Zickzackmuster versehenen Bändern aus rotem Gold verziert. Breite der Parierstange: 11,3 cm. XJM Inv.-Nr. 82. 10.10-11. P. Tomka. Der hunnische Fürstenfund von Pannonhalma. Acta ArchHung 38, 1986, 438-441. Abb. 14/2, 15/2, 16/2, 17, Ders. GHA 156-157, III. 2.a-b. 59. Schwert mit Parierstange Pannonhalma-Széldomb, Komitat Györ-Moson-Sopron (1979) Die unverzierte Parallele des vorherigen Schwertes mit etwas kürzerer Klinge gehört zu den üblichen Typen hunni-

scher Langschwerter in Ungarn (Bátaszék, Lengyeltóti, Szirmabesenyö). Gesamtlänge des Schwertes 105,7 cm. Länge der Parierstange 9,7 cm. XJM Inv.-Nr. 82,10, 12-13. P. Tomka. Der hunnische Fürstenfund von Pannonhalma, Acta ArchHung 38, 1986, 435, Abb. 14/1, 15/1, 16/1. 60. Goldblechverkleidung des unteren Bogenendes Pannonhalma-Széldomb, Komitat Györ-Moson-Sopron (1979) Dies ist der erste hunnische Fund, aus welchem die reich verzierten Goldbleche von beiden Enden und vom Griff eines symbolischen kleinen Bogens erhalten geblieben sind Ihre Qualität ist besser als die der anderen Goldsachen des Fundes, sie sind von dunklerer Farbe und aus 24karätigem Gold (vgl. Abb. 55). Die Goldverkleidung des unteren Bogenendes ausgebogen, ausgeglättet. Mit gepreßten Punktkreis- Fischgräten-, Tannenzweig- und Gittermustern verziert. Länge 7,1 cm. XJM Inv.-Nr. 82.10.5. P. Tomka. Der hunnische Fürstenfund von Pannonhalma, Acta ArchHung 38, 1986, 431-433, Abb. 11/1. 13/1. 61. Goldblechverkleidung des Bogengriffes, ausgebogen und ausgeglättet Pannonhalma-Széldomb, Komitat Györ-Moson-Sopron (1979) Die Schauseite ist mit Fischgrätenmustern, an den Rändern mit von kleinen Kreisen umgebenen Ährenmustern verziert. Erhaltene Länge 6,8 cm. XJM Inv.-Nr. 82.10.6. 62. Goldblechrerkleidung des oberen Bogenendes, ausgebogen und ausgeglättet Pannonhalma-Széldomb, Komitat Györ-Moson-Sopron (1979) Die Mitte der Schauseile ist mit einem von kleinen Kreisen eingefaßten, bandartigen Netzmuster verziert, die Ränder mit Kreis-Linienreihen, die möglicherweise mit Edelsteinen eingelegte Zellen nachahmen sollen. Länge 8,9 cm. XJM Inv.-Nr. 82.10.4. P. Tomka. Der hunnische Fürstenfund von Pannonhalma. Acta ArchHung 38, 1986, 433, Abb. 11/2-3, 13/2-3. 63. Pferdegeschirrbeschläge (Farbtafel XIX) Pannonhalma-Széldomb. Komitat Györ-Moson-Sopron (1979) Zwölf rechteckige, aus Bronze gearbeitete und mit hellem Goldblech überzogene Riemenbeschläge sowie zahlreiche Bruchstücke. Länge 5 cm. XJM Inv.-Nr. 82,10.4. Drei kreuzförmige Riemenverteiler aus hellem Goldblech mit bronzenen Gegenbeschlägen. Durchmesser 3,7cm. XJM Inv.-Nr. 82.10.3. P. Tomka. Der hunnische Fürstenfund von Pannonhalma. Acta ArchHung 38, 1986, 427-131, Abb. 6-10. Der Analyse gemäß finden sich die besten Parallelen zu den rechteckigen Beschlägen in Sdwishenskoje (OAK sa 1890. 121-122, Nr. 83, 86. Alföldi. Hunnenzeit. Taf. XXV/ 10-11). Kreuzförmige Riemenverteiler kommen in den hunnischen Männergräbern sehr häufig vor (Nowogrigorewka VIII und IX, Feodosija-Gora Klementowka. Kalinino. Sdwishenskoje - zusammenfassend I. P. Sassetzkaja. Sow

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Arch 1978/1, 53 ff., Abb. 1/1-2, 8, 10, 14; ferner „Krim", Pósta, Tanulmányok -Studien, Abb. 270/1,3; KisslowodskLermontow-Fels, A. P. Runitsch, SowArch 1976/3, 256 ff., Abb. 4/6), die Riemen Verteiler von Pannonhalma sind an Blütenblätter erinnernde individuelle Varianten. 64. Knebeltrense (Farbtafel XX) Pannonhalma-Széldomb, Komitat Gyor-Moson-Sopron (1979) Es fanden sich eine ganze und eine halbe Knebeltrense. An den kurz nach ihrer Freilegung geprüften Trensen konnte der Verfasser Brandspuren erkennen, so daß die eine Hälfte des fragmentierten Exemplars wahrscheinlich auf dem Schei­ terhaufen verlorengegangen war. Die Trensen sind aus Eisen, ihre gerippten Knebel mit hellem Goldblech überzogen. Durchmesser 11,6 cm, Länge der Knebel 11,3-11,6 cm. XJM Inv.-Nr. 82.10.1. P. Tomka, Der hunnische Fürstenfund von Pannonhal­ ma, Acta ArchHung 38, 1986, 426-427, Abb. 3-4 (vgl. Taf, 45). 65. Sattel- und Pferdegeschirrbeschläge Lewenz/Léva/Levice, Ziegelfabrik Meisel, einst Komitat Bars, Tschechoslowakei (1904) Die Fundumstände waren bis heute unbekannt, obwohl sie in den Akten 1, 1924 des Archivs des Ungarischen Natio­ nalmuseums verzeichnet sind. Bei Lehmabbauarbeiten stieß man am Hügelbang auf ein menschliches Skelett, auf das ein Pferdeschädel gelegt war. Das Pferdegeschirr kam neben dem Toten zum Vorschein. Auf die Nachricht hin eilte A. J. Horváth, Lehrer in Vác und ein vorzüglicher Amateurarchäologe, an die Fundstelle, er kaufte die Funde und über­ gab sie am 19. November 1923 als Tauschobjekte dem Na­ tionalmuseum. Überzüge aus vergoldeter Bronze mit Schuppenmuster und kannelierter Randleiste vom Sattelbreitende. Länge 13,5 cm. MNM Inv.-Nr. 1,1924 a-b. Vergoldete Bronzephaleren. Durchmesser 3,9 cm. MNM Inv.-Nr. 1,1924 d. Rechteckige Riemenbeschläge und zikadenförmige Rie­ menzungen aus vergoldeter Bronze. Länge der Beschläge 5,5 cm, Länge der Riemenzungen 4,7 cm. MNM Inv.-Nr. 1,1924 a und c. Zu dem Fund gehören noch eine eiserne Ringtrense und ein verzierter Peitschenstielbeschlag aus Silber. Alföldi. Hunnenzeit, 71-72, Taf. XIII-XIV. 66. Bronzene Knebeltrense Keszthely-Gátidomb-Steinbruch, Komitat Zala (1895) Zu Beginn des Jahres 1895 wurden in dem Steinbruch, der vom einstigen Meierhof von Mosóház bis zum Gátidomb reichte, verstreut vorkommende, mit Steinplatten und Stein­ schult bedeckte Gräber gefunden. Die Funde aus einem der Gräber wurden von der Archäologischen Landesgesellschaft angekauft und dem Nationalmuseum geschenkt. Das mit der Trense und der Schwertriemenschnalle aller Wahrscheinlich­ keit nach aus demselben Grab zum Vorschein gekommene zweischneidige Eisenschwert gelangte in die Sammlung des Rathauses von Keszthely und ging dort später verloren. Wegen der Trense veröffentlichte Hampel die vier dreiflügligen Pfeilspitzen aus Eisen (vgl. Abb. 7/4), zwei kleinere, runde Stiefelriemenschnallen aus Silber, eine ähnliche, je­

doch größere Schwertriemenschnalle und den erhalten ge­ bliebenen viereckigen Silberbeschlag der Gürtelschnalle irr­ tümlich als aus „einem Pferdegrab stammende" Funde. Das eiserne Mundstück mit viel kantigen Bronzestangen endet in Bronzeringen und -knebeln und ist mit zahlreichen Silber- und Bronzetrensen aus östlichen Hunnenfunden ver­ wandt. Originale Gesamtlänge ca. 10 cm. MNM Inv.-Nr. 76.1895.5-6. J. Hampel. ArchÉrt 20. 1900. 110-111 und Abb. Alföldi, Hunnenzeit, 60, Abb. 17, B. Kuzsinszky. A Balaton környé­ kének archeológiája [Archäologie der Balatongegend], Bu­ dapest 1920, 100-101. 67. Hunnische Grabfunde (Farbtafel XXI) Szekszárd-Bal-Parászta (Weinbergparzellen) dűlő, Komitat Tolna 1. Riemenzunge vom Weinberg des J. László (1935). In einem Nischengrab, das mit aus der Umgebung ge­ sammelten römischen Dachziegeln abgedeckt war-also nicht in einem römischen Ziegelprab! -, fand J. Csalog ein menschliches Skelett. Zu der eisernen Gürtelschnalle gehörte diese eine, mit Goldblech überzogene Riemen­ zunge. Zu Füßen des älteren Mannes mit künstlich deformiertem Schädel europid-mongoliden Typs stand ein größerer, beim Schädel ein kleinerer Krug mit Glattverzierung für die Wegzehrung in das Jenseits. Bronzene Riemenzunge mit gepreßtem Goldblechmantel. Unge 5,6 cm. WMM Inv.-Nr. R.l.935.6. Csalog, Hunkori sir Szekszárdon [Hunnenzeitliches Grab in Szekszárd], Laureac Aquincenses I., DissPann II/10, Budapest 1938, 143-146, Taf. 3/3, Den Schädel analysierte L. Bartucz, a. a. O., 8-16, Taf. 77/1-4. 2. Gürtelschnalle vom Maximilian-Weinberg. Ankauf aus einem zerstörten Grab. Der rechteckige Beschlag ist aus Goldblech und mit zwölf Almandinen in unregelmäßigen Kästchenfassungen verziert. Der zu­ rückgebogene zungenförmige Beschlag ist ebenfalls aus Gold. Gesamtlänge 7 cm. WMM Inv.-Nr. 1.942.1. 3. Riemenzunge vom Orbán-Weinberg. Ankauf aus einem zerstörten Grab. Aus Bronze, mit Goldblech überzogen und gepreßter Verzierung. Unge 5,7 cm. WMM Inv.-Nr. 1.942.2. 4. Münze aus den in Richtung Őcsény gelegenen Weingär­ ten von Szekszárd. Nach 430 geprägter Solidus des Theodosius II. mit der Rundschrift VOT XXX MVLT XXXXB und dem Münzzeichen CONOB. WMM Inv.-Nr. É. 62,18,1, Wahrscheinlich wurde der Solidus aus einem Grab ge­ borgen und kann so für die Datierung der hunnischen Bestattungen um Szekszárd herangezogen werden. I. Bóna, Katalog Severin, 191 und Farbfoto, auf dem die bis zuletzt für verloren gehaltene Münze noch nicht abgebildet ist. 68. Schnallen Murga-Szölök (Kohtthalweingärten) dűlő, Komitat Tolna (um 1894) Die näheren Fundumstände der beim Umgraben in einem Weinberg neben einem menschlichen Skelett aufgedeckten Schmuckstücke sind nicht bekannt. Hampel publizierte die

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Funde als „aus der römischen Kaiserzeit stammend". Wosinsky hingegen bestimmte zur gleichen Zeit die Funde rich­ tig als frünvölkerwanderungszeitlich. Für eine kurze Zeit schloß sich Hampel Wosinskys Meinung an (Hampel, Ré­ gibb középkor II 309, Taf. 201). erwähnte aber den Fund von Murga in seiner großen Zusammenfassung in deutscher Sprache (Alterthümer) nicht, obwohl die Schnallen von Murga nah verwandt mit den bereits veröffentlichten Schnallen von Nowogrigorewka sind (Samokwasow. Kata­ log, Taf IX. 21-22, 25) Gürtelschnalle aus vergoldetem Silber Auf dem Beschläg fünf Karneole in regelmäßigen Fassungen. Länge 5,7 cm. Schwertriemenschnalle aus Silber. Auf dem mit dünnem Goldblech überzogenen Beschlag vier Karneole. Lange 4 cm. Stiefelriemenschnallen aus Silber. Auf den mit Goldblech überzogenen Beschlägen je zwei Karneole. Länge 3,7 an. MNM Inv.-Nr. 51.1895.318-321. Der Fund von Murga wird wegen der mitgefundenen Silberfibel mit sog. umgeschlagenem Fuß für Schmuck eines Frauengrabes gehalten (Alföldi: Hunnenzeit. 48, 79, Taf. XXVI /1-6, die Angaben Wosinskys außer acht lassend und Hampel korrigierend, spricht Alföldi von einem hunnenzeitlichen barbanschen Frauengrab des Donaugebietes), ob­ wohl die einfache Fibel in dieser Zeit au sich keineswegs ein Beweis für eine Frauentracht ist. Aus der Größe der mittle­ ren Schnalle kann eher auf ein verschollenes oder vollkom­ men korrodiertes Eisenschwert gefolgert werden. 69. Krug des Grabfundes von Murga (1894) Wosinsky ist aufgefallen, daß „die Form des Kruges ganz unbekannt und in den Funden der Völkerwanderungszeit bisher nicht vorgekommen ist". Aufgrund dieser Erkenntnis wird bis heute in der Fachliteratur bei ähnlichen Krügen vom Murga-Typ gesprochen. Aus schwarzem, graphithaltigem Ton, scheibengedreht, gut gebrannt. Am Hals und Bauch Glättverzierung. Höhe 21,5 cm. MNM Inv-Nr. 51.1895.313 J. Hampel, Murgai lelet [Fund von Murga]. ArchÉrt 16, 1896, 95-96 und Abbildung; er zahlt auch die Fibel zu _den in der Römerzeit bevorzugten Formen". M Wosinsky. Tol­ navármegye az őskortól a honfoglalásig [Das Komitat Torna von der Urzeit bis zur Landnahme] II. Budapest 1896, 994-995, mit den Fundumständen, ausgezeichneten Fotos (Taf. 239-240) und guter Zeitbestimmung. 70. Eisentrense mit Silberknebel und Silberknopfbeschläge Lengyeltóti-Apotheke, Komitat Somogy (1976) Wurde bei Erdarbeiten in einem sehr großen und liefen zerstörten Grab neben einem auf dem Rücken liegenden Männerskelett gefunden. Da sich im Grab keine Pferdeknochen fanden, können die Trense und die vergoldeten Silber­ knopfbeschläge des Zaumzeuges als symbolische Pferdcbestattung, wie sie in zahlreichen östlichen Hunnengräbern vorkommen, bezeichnet werden. Die durchlöcherten und an den oberen Enden gebogenen Knebel zählten früher zu den Raritäten in hunnischen Funden (aus Seelman/Rownoje war ein Bruchstück publiziert), aus den hunnisch-alanischen Gräbern des Nordkaukasus-Gebietes gelangen sie heute um so häufiger ans Tageslicht, aus Eisen in den Pferdegräbern 3 und 10 von Abrau-Dürso zusammen mit Sattelbeschlägen, aus dem Pferdegrab 4 desselben Ortes sogar mit eisernem Mundstück und silbernen Knebeln (A. W. Dimitrijew, Sow­

Arch 1979/4, 212-217, Abb. 2/5 und 3/16-17, 22), im Kata­ kombengrab des Kisslowodsk-Lermontow-Felsens mit ei­ sernem Mundstück und mit in einem vieleckigen Knopf endendem Bronzeknebel (A. P. Runitsch, SowArch 1976/3, 258, Abb 4/5). Das Exemplar aus Lengyeltóti ist auch mit der Knebeltrense aus der symbolischen Pferdebestattung von Beljaus auf der Krim verwandt (siehe Abb. 60). Länge der Silberknebel 8,4cm, Länge des eisernen Mund­ stückes 12 cm, von den größeren Metallknöpfen des Ge­ schirrs 43 Stücke, Durchmesser 0,8 cm, RRM Inv.-Nr. 76/83 (Stangenknebel), 76/89 (Knebel), 76/80 (Metallknöpfe). K. Bakay, Bestattung eines vornehmen Kriegers vom 5. Jahrhundert. Acta ArchHung 30, 1978, 156, Abb. 6/1-3, 71. Silherne Cürtelgarnitur, goldene Schwertgurt- und Stiefelriemenschnallen (Farbtafel XXII) Lengyeltóti-Apolheke, Komitat Somogy (1976) Der Größe und Form nach könnten folgende Stücke zum Waffengürtel gehört haben: Silberne Gürtelschnalle mit punzierten Verzierungen auf dem ovalen, vergoldeten Beschlag. Länge 5,8 cm. RRM Inv.-Nr. 76/79. Silberne Riemenverbindungsnieten, ähnlich wie die von Csömör und Kistokaj (siehe Taf. 40/5). Durchmesser 1,1 cm. RRM Inv.-Nr. 76/82. Riemenzungen aus gegossenem Silber, wahrscheinlich Er­ zeugnisse aus Kertsch (vgl. I. P. Sassetzkaja. KSIA 158, 1979, 5 ff. Abb. 3/10-12, 71-72). Länge 6,9-7,1 cm. RRM Inv.-Nr. 76/84. Kleine Silberschnalle eines Nebenriemens. Länge 3 cm. RRM Inv.-Nr. 76/81. Silberner Ösenring eines Nebenriemens, wie er zumeist aus Gold von zahlreichen hunnischen Funden bekannt ist. Länge 2,4cm. RRM Inv.-Nr. 76/85. Zum Hängegurt des trotz des fragmentierten Griffes noch 84 cm langen, mit einer 8 cm langen Parierstange versehenen zweischneidigen Schwertes gehörte eine Goldschnalle mit ovalem Beschlag mit drei Nietköpfen. Ursprünglich mögen wohl zwei gleiche Schnallen vorhanden gewesen sein. Länge 4 cm. RRM Inv.-Nr. 76/87. Die eine Stiefelriemenschnalle wurde beim linken Fuß in situ gefunden, die andere kam ebenfalls zum Vorschein; Schuhschnallen aus Gold, die ovalen Beschläge mit schwar­ zen Glaspaste-Einlagen in V-förmigem Zellenwerk. Eine ähnliche schwarze Einlage ist in der Donaugegend nur in einer Zelle einer Schnalle von Nagyszéksós zu finden (Taf. 85) - die Schnallenringe sind die üblichen. Länge 3,9 cm RRM Inv.-Nr. 76/88. K Bakay. a. a. O., 151-155, Abb. 3 und 4. 72. Krug Lengyeltóti-Apolheke, Komitat Somogy (1976) Der Henkelkrug kam 20 cm oberhalb des Skelettes, rechts von der Schädelgegend zutage und dürfte auf dem Sarg deponiert gewesen sein. Wahrscheinlich daneben stand ein mit blauen Noppenauflagen verzierter Glasbecher (vgl. Re­ göly usw.). Der Krug folgt einer spatrömischen Form, ist aber keine pannonisch-römische Arbeit. Die eingeglätteten Tannen­ zweig- bzw. Fischgrätenmuster und die Zickzackverzierungen tragen barbarischen Charakter. Die beste Parallele dazu ist der Krug von Füzesgyarmat östlich der Theiß (siehe Abb. 73) Eingeglättetes Tannenzweigmuster ziert auch den aus

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dem Fürstinnengrab von Dunapataj-Bakodpuszta stam­ menden, eine antike Form nachahmenden Faltenbecher (sie­ he Taf. 114), der wie der Krug aus Lengyeltóti um die Mitte des 5. Jahrhunderts gefertigt worden ist. Gut geschlämmt, scheibengedreht, grau. Höhe 33 cm. RRM Inv.-Nr. 76/76. K. Bakay. a. a. O. 150, Abb. 2. 73. Funde aus dem Grab eines vornehmen Hunnen Budapest XIV. Bezirk (Zugló), Egressy út, Ecke Vezér utca (1961) Die tatsächliche Bedeutung dieses wahrscheinlich schon früher beraubt gewesenen und bei Bauarbeiten zerstörten Grabes liegt in den in Bruchstücken in das Museum gelang­ ten, mit Steinen verzierten Goldblechen im „Diademstil". Ihre Rekonstruktion wird Aufgabe der Publikation sein. Die Bleche wurden neben dem NW-SO-orientierten Skelett eines jungen Mannes von europid-mongoloidem Typ gefunden. Neben oder über dem Skelett lag ein Pferdeschädel mit einigen Halswirbeln, der offenbar das ganze Pferd symboli­ sierte. Aus der Nähe der Pferdeknochen stammen: 1. Große Viehglocke aus Kupfer- oder Bronzeblech, in­ nen und außen von heute stark korrodiertem Eisen­ blech überzogen. Bügel und Klöppel fehlen. Länge 16,8 cm. BTM Inv.-Nr. 84.3.1. 2. Fragmentierte, zusammengedrückte und daher wahr­ scheinlich nicht im Pferdermaul, sondern daneben ge­ fundene eiserne Knebeltrense. Durchmesser 7,5 cm. BTM Inv.-Nr. 76,2,1, Die Knebel waren nur an den Enden mit solchen gerippten Goldblechen wie bei der Trense von Pannonhalma überzogen, von denen aller­ dings nur ein Bruchstück erhalten blieb. Länge 2,5 cm. BTM Inv.-Nr. 76.2.2. 3. Rhombischer Zaumzeuganhänger aus Bronze, mit ge­ preßtem Goldblech überzogen. Länge 4 cm. BTM Inv.-Nr. 76,2,3, Seine Ergänzung ist vermutlich nicht ganz gut gelungen, denn die besten Parallelen dazu, im hunnischen Grabfund von Feodosija-Gora Klementowka auf der Krim, besitzen Hängeösen (T. N. Wys~ solzkaja und E. N. Tscherepanowa, SowArch 1966/3, 195, Abb. 3/14). Die gepreßte Verzierung entspricht am ehesten den Zaumzeugbeschlägen von Nishnjaja Dobrinka (Alföldi, Hunnenzeit, Taf. XXIII/5-6). 4 . - 5 . Schelle aus zusammengelegtem und genietetem Bron­ zeblech mit punzierten Verzierungen unten an der Vorderseite. Länge 6 cm. BTM Inv.-Nr. 76.2.4. Die Teilbestattung eines Pferdes und die Trense von Zug­ ló haben wir bereits im Haupttext behandelt. Noch aber ist über die eigenartigen Schellen zu sprechen, die im Donau­ raum im Umkreis der Hunnen zum ersten Mal in Erschei­ nung getreten sind. Eine Viehglocke oder Schelle zusammen mit einem Pferd oder mit Pferdegeschirr in das Grab zu legen, ist ein hunnischer Brauch asiatischen Ursprungs. Eine zusammen mit einer Trense gefundene Bronzeschelle und eine eiserne Viehglocke, die jedoch wesentlich kleiner als die aus Zugló ist, kennen wir aus dem Kurgan 3/1954 (= Koslow 8) von Nojon-ul (Noin Ula). Beide sind abgebildet bei: M. Gábori, ArchÉrt 89, 1962, 103, Abb. 2/2-3. Eine 9 cm lange, aus dem gleichen Material und in der gleichen Technik hergestellte Viehglocke und ebenfalls ohne Klöppel befand sich unter dem Pferdegeschirr von Beljaus (Abb. 60). Eine noch größere als die aus Zugló, nämlich 18 cm lange Vich-

glocke ohne Klöppel wurde zu Füßen der hunnischen Frauenbestattung mit Diadem von Antonowka (Tiligul II) gefunden. Vermutlich gehörte wie in vielen anderen Frauen­ gräbern mit Diadem auch in Antonowka eine partielle oder symbolische Pferdebestattung mit Pferdegeschirr zur Grabausstattung, die entweder nicht freigelegt oder nicht erkannt wurde. Die letztere Möglichkeit zogen schon die Autoren M. A. Tichanowa - I. T. Tschernjakow. SowArch 1970/3, 119 und Abb. 3, in Betracht. Aus all den ähnlichen Berichten geht eindeutig hervor, daß die Klöppel der Glocken aus rituellen Gründen entfernt wurden. In der nördlichen Küstengegend des Schwarzen Meeres wurden bisher nur in Tanais an der Donmündung ähnlich geformte und in ähnlicher Technik hergestellte große Viehglocken gefunden, und zwar zusammen fünf Stück außer­ halb der Stadtmauern. Sic wurden als Pferde- oder Kamel­ glocken interpretiert, was durch die Befunde in den Hunnengräbern bestens bestätigt wird (D. W. Schelow, Antitschnij gorod, Moskau 1963, 122, Abb. 5, Ders., Drewnosti Nishnewo Dona, Moskau 1965, 76, Abb, 19-20) Die in komplizier­ ter Technik hergestellten und mit Eisenblech überzogenen Bronzeglocken gelangten von Meistern in antiken Städten zu den europäischen Hunnen. T. Nagy, ArchÉrt 89, 1962, 265, O. Bottyán, Annales Historico-Nalurales Musei Nationalis Hungarici 59, 1967, 455-464, Für die Publikation der hier dargestellten Funde bin ich T. Nagy und M. Nagy zu Dank verpflichtet. 74. Goldener Halsring, Gürtel- und Stiefelriemenschnallen (Farbtafel XXIII) Keszthely-Téglagyár, Komitat Zala (1954) Dies war das erste hunnenzeitliche Knabengrab in Un­ garn, bei dem trotz neuzeitlicher Störungen die genaue Fundlage des bedeutenderen Trachtzubehörs beobachtet werden konnte. Dieses Nischengrab ist genauso wie die Be­ stattung am nahen Gátidomb in Ungarn alleinstehend, ob­ wohl es im östlichen hunnischen Bereich häufig auftritt. Goldener Halsring mit Hakenverschluß. Durchmesser 12,9 cm, Gewicht 84,6 g. BM Inv.-Nr. 55.22.1. Der Halsring ist ein charakteristischer Schmuck der hun­ nisch-alanischen und germanischen Männergräber aus der Hunnenzeit (Szeged-Nagyszéksós, Wolfsheim, Pouan, Con­ ceşti, Kalinino, Nowaja Majatschka Schtscherbata-Tal, Musljumowo, Schipowo Kurgan 3, Schtscherbakino, Tu­ goswonowo usw., vgl. zum Großteil E. Keller, Germania 45, 1967, 116-118 und Verbreitungskarte), der vor allem infolge der hunnischen Eroberungen in Europa zu einem Würdeab­ zeichen wurde. Die Größe und das Gewicht der Ringe zeig­ ten den jeweiligen Rang des Trägers an. So wurde der Hals­ ring von Keszthely aus 21 Goldsolidi verfertigt, der unvoll­ ständige von Nagyszéksós aus 91 Solidi! Im Bereich der rechten und linken Knöchel kamen golde­ ne Stiefelriemenschnallen mit glatten viereckigen Beschlägen zum Vorschein. Länge 2,5 cm. BM Inv.-Nr. 55.22.3-4. Goldene Gürtelschnalle mit unverziertem Beschlag. Da sie am Fußende gefunden wurde, dürfte der Gürtel abge­ schnallt im Grab deponiert worden sein. Länge 3,2 cm. BM Inv.-Nr. 55.22.2. Der neben den Kopf des jungen Toten gestellte römische Krug stammt aus dem 2.-3. Jahrhundert, dürfte irgendwo in der Nähe gefunden worden sein und diente zur Aufnahme

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eines Getränkes. Die neben dem Krug liegende Fleischbeigabe, die Keule eines jungen Schafes, weist jedoch nachdrücklich auf barbarische Grabsitten. K. Sági, Hunkon sir Keszthelyen [Hunnenzeitliches Grab in Keszthely], ArchÉrt 82, 1955, 185-189 (mit irrtümlicher Geschlechtsbestimmung als Mädchen). Taf 23/1-4. Erneut publiziert von Müller, GHA 181, III, 50 und Farbtaf. 10, ders. in: Sieben Jahrtausende am Balaton Mannheim 1989, 63. Taf. 9. 75. Schnallen und Haarpinzette Gencsapáti (früher Gyöngyösapáti)-Kápolna domb. Komitat Vas (1941) Die Funde, eine N-S-orientierte Frauenbestattung mit künstlich deformiertem Schädel, wurden in einer Sandgrube in 150 an Tiefe aufgedeckt. Rechts des Schädels lag ein spätrömischer, grauer Henkelkrug, neben dem Becken ein Hundeschädel. 1. Gürtelschnalle aus vergoldeter Bronze mit punzierter und gravierter Verzierung. Länge 6 cm. 2. Stiefelriemenschnalle aus vergoldeter Bronze mit punzier-er Verzierung. Länge 4,3 cm. 3. Bronzene Haarpinzette. Länge 5.5 cm. MNM Inv.-Nr. 6l.47.l-3. J. Nemeskéri. ArchÉrt 1944/1945, 303, Taf. 97/4-5. I. Bóna, Katalog Severin, 19l, Abb. auf S. 192 76. Schmuck aus hunnischen Gräbern des gemeinen Volkes Tamási-Adorjánpuszta, Koraitat Tolna (1977) Auf pannonischem Gebiet kommen Bestattungen einfacher Hunnen östlichen Ursprungs selten ans Tageslicht. Bei Erdarbeiten in Adorjánpusztu wurde 1964 in 2 m Tiefe ein künstlich stark deformierter europider Männerschädel gefunden. Ungefähr 50 m von dem scheinbaren Einzelgrab wurden 1977 weitere Bestattungen zerstort, darunter solche mit deformiertem Schädel. In den geretteten Gräbern ruhten einfache Männer, Frauen und Mädchen: Grab 1. Frau mit einfacher Halskette aus verschieden großen blauen Glasperlen, zu den hier vorgezeigten fünf unversehrten Perlen gehören noch Bruchstücke. Grab 2. Mädchen mit Fingerring und Armreifen; Silberner Siegelring, auf dem viereckigen Siegel das Monogramm Z oder N. Durchmesser 1,8 cm. Ovaler Bronzearmreif mit abgeflachtem bzw. eingekerbtem Ende. Durchmesser 4,1 cm. Runder Bronzearmreif mit stumpfem bzw. eingekerbtem spitzem Ende. Durchmesser 3,9 cm. Grab 4, Frau. Ovaler gerippter Bronzeschnallenring mit von halbrunden Bronzenieten durchbrochenen dreieckigen eisernen Riemenzungen. Länge 3,7 cm. Ringanhänger mit Öse, flachgehämmertes Eisen, in Vorderansicht mit Silbereinlage (Tauschierung) verziert Durchmesser 4,1 cm, Länge mit Öse 5,2 cm. Szekszárd, WMM Vormerkinventar 77.5.31. Gy. Rosners Fundrettung. Unveröffentlicht. Spätrömische Schmucktypen. Sie könnten ebensogut lokale pannonische Erwerbungen sein wie östlichen pontischen Ursprungs, da die gemischte spätantike Bevölkerung mit bereits oft künstlich deformiertem Schädel dort ebenfalls solche Perlen, Armreifen und Fingerringe trug. (Es genügt, in dieser Hinsicht auf die neueren Publikatio-

nen von römischen Friedhöfen hinzuweisen: W. M. Subar. Nekropol Chersonnesosa Tawritscheskowo I-IV. ww n. e. Kiew 1982. W. N. Korpusowa, Nekropol Solotoje (Bospor), Kiew 1983. Der fremde, östliche Ursprung der Bestatteten wird in erster Linie durch die Schnalle bewiesen. Die gleichen Formen (aus Silber) bei den Schnallen des südöstlich von Csorna 1888 ausgegrabenen Frauen- oder Kindergrabes (Alföldi Hunnenzeit, Taf. VIII), in größerer Form die Schnalle des Frauengrabes von Gencsapáti (Taf. 75/1), in Form und Größe die goldbeschlagene Eisenschnalle des Frauengrabes von Drslavice in Mähren, die zusammen mit einem hörnchenförmigen Lockenring und einem Glasbecher gefunden wurde (vgl. Abb. 34.), ferner einige Schnallen aus Gräbern nördlich der Donau und im Osten, besonders in Schipowo (den Typ faßte zusammen J. Tejral. Mähren im 5. Jahrhundert, Prag 1973, 64-65, Taf. IV/6. Ders., Morava na slonku antiky. Prag 1982, 35-39, sowie Abb. 8/3, 10/3 und Taf. VIII/2) schließlich die Schnalle von Abrau-Dürso Grab 374 (A. W. Dmitrijew, Drewnosti 1982, Abb. 12/8). Die in der antiken Welt kontinuierlich bekannte und benutzte Silbertauschierung ist an sich noch nicht zeitbestimmend, dennoch kommt sie in hunnischen Funden, zusammen mit unserem Ringanhängertyp, der gegenwärtig ohne Parallele zu sein scheint, selten vor (z. B. auf der Eisenschnalle von Schletz, Grab 2, H. J. Windel. ArchAust 72, 1988, 203, Abb. 2). Die Bestattungen von Adorjánpuszta weisen auf gehöftartige Siedlungen hin, die von Einzelgräbern und kleinen Gräbergruppen umgeben waren. Gy. Rosner. ArchÉrt 105, 1978, 283. 77. Bronzeschnallen mit Vogelkopf aus Funden des hunnenzeitlichen gemeinen Volkes Mözs-Palánku puszta, Grab 11, Komitat Tolna (1961) Aus einem 10 m vom Rand eines mit Ansiedlern mit deformiertem Schädel und barbarischer Tracht untermischten kleinen, aus dem 5. Jahrhundert stammenden römischen Dorffriedhofes gefundenen, zu den Gräbern des Friedhofes in antithetischer Richtung (N-S-orientierung) angelegten Einzelgrab. Den von der Population des benachbarten Friedhofes abweichenden „neubarbarischen" Charakter der Männerbestattung bestätigt, daß man nur in dieses Grab in einem eingeglätteten Henkelkrug Getränk sowie Fleischspeise gestellt hat. Der Henkelkrug ist von barbarischem Stil, sein naher Verwandter befindet sich im Grab B von Csongrád-Kaserne. Die Tracht des Mannes ist für die Steppenlandschaft charakteristisch, die eine Schnalle mit Vogelkopf diente als Gürtelschnalle eines in einer eisernen Riemenzunge endenden Waffengürtels (in der Nähe kam auch die Eisenschnalle des Hosenriemens zum Vorschein!), die anderen zwei gehörten zu Stiefelriemen. 1. Schnallenpaar aus gegossener Bronze mit nach links blikkendem Vogelkopf verziert, bronzene Vogelaugen, glatte Schnallenbeschläge. Länge 4.2 cm. WMM, noch nicht inventarisiert. 2. Gürtelschnalle aus gegossener Bronze mit nach rechts blickendem Vogelkopf. Edelsteinfassung imitierende, viereckige Beschlagplatte und Blechunterlage. Länge 4 cm, WMM, noch nicht inventarisiert. Á. Salamon - I. Lengyel. World Archaeology 12/1, 1980, 93-94, nach Taf. 4 und Taf. 1/1-3.

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78. Goldener Halsring und Goldschmuck (Farbtafel XXIV) Szeged-Röszke-Nagyszéksós, Komitat Csongrád (1912, 1926, 1934) Im Weinberg des M. Bálint, Gehöft 124, der bis 1950 zum 4. Bezirk von Szeged („Hauptmannschaft Nagyszéksós"), heute aber zu der selbständigen Gemeinde Röszke gehört, kamen 1912 die ersten Goldsachen zutage. Zwar sind viele davon verschollen, es blieb jedoch trotzdem eine Menge erhallen. Sechs Stücke kamen durch Vermittlung (mit falscher Fundortangabc) in die Budapester Privatsammlung von J. Fleissig. Sie gingen während des Zweiten Weltkrieges zugrunde, doch blieben von ihnen zahlreiche gute Fotos erhalten. Und sicher gelangten einige Stücke auch in andere Sammlungen (vgl. Abb. 63), 70 Stücke erwarb das Museum in Szeged. Auf die Nachricht von neueren Funden - darunter auch dem Halsring - und um die früheren Funde zu authentifizieren und zu legalisieren, begann F. Móra 1926 mit Forschungen in dem Weinberg, allerdings durfte er nur zwischen den Reihen graben. Er fand 93 Goldgegenstände „in einem Haufen, ohne jegliche Spur von Skeletten oder Bestattungsplätzen". 1934 stieß man an derselben Stelle erneut auf bedeutende Funde. Daraufhin untersuchte K. Cs. Sebestyén die Fundstelle und ihre Umgebung auf 30 m Länge, 18,5 m Breite und bis 80 cm Tiefe. Trotz größter Sorgfalt wurden nur noch wenige Goldsachen gefunden. Der Boden war unter dem umgegrabenen Humus ungestört, keinerlei Verfärbungen oder Eingrabungen konnten festgestellt werden. Seither kamen in dem Weinberg keine weiteren Funde mehr zutage. Die einzige Ausnahme: Die Erben der Familie Bálint verkauften dem Ferenc Móra-Museum von Szeged 1965 und 1966 Bruchstücke einer Riemenzunge und einer Schnalle, die sie als Andenken aufbewahrt halten. Die zu verschiedenen Zeiten gefundenen Goldstücke gehören eng zusammen, beweisen doch entzweigebrochene zusammenpassende Teile und Paarstücke unzweifelhaft die Einheit des Fundes. Die frühere Hauptinventarnummer der in Szeged aufbewahrten Funde war 4/1926, Das Nationalmuseum verwahrte die als Deposit dorthin gelangte Gegenstände bis zur jüngsten Zeit. Halsring aus massivem Gold, ein Ende fehlt. Gewicht 407,75 g, d. h. er wurde aus rund 91 -ursprünglich vielleicht 100 - Solidi gegossen. Durchmesser 19,8 cm. MFM Inv.-Nr. A.55.138.39. Quadratischer, aufnähbarer Kleiderschmuck (Flitter) aus gepreßtem Goldblech (oben). Erhalten sind 26 ganze Stücke und 10-12 Fragmente. Breite 1,4 cm. MFM Inv.-Nr. A.55.138.21. Innerhalb des Halsringes oben Nietenkopfzierate eines Kurz- oder Langschwertes aus jeweils drei kreisförmigen Zellen. Seine Parallelen kennen wir aus Pécs-Üszögpuszta und Selenokumsk im Vorland des Kaukasus. Durchmesser 1,3 cm. MFM Inv.-Nr. A.55.138.7. Im Halsring links gibt es längliche Beschläge - wahrscheinlich von einem Pferdegeschirr in drei runden Fassungen - mit blauweißen Steineinlagen. Erhallen sind mehrere ganze Stücke und zahlreiche Fragmente. Länge 4,5 cm. MFM Inv.-Nr. 55,138,20. Daneben in der Mitte vierscheibiger Zellenschmuck mit roten Steineinlagen unbekannter Funktion. Durchmesser 2,2 cm. MFM Inv.-Nr. A.55.138.9. Die Parallelen sind als kleeblattförmige Variante aus Kertsch bekannt, O. M. Dal-on. The Antiquaries Journal 4, 1924, 259-261, Taf. 1/7-8. Im Halsring rechts oben ein kreissegmentförmiges Zier-

stück mit drei V-förmigen Zellen. Durchmesser 2 cm. MFM Inv.-Nr. A.55,148,17, Darunter doppelschildförmige Zierstücke mit roten Steineinlagen in dem dreifach geteilten Zellenwerk. Länge 2,2 cm. MFM Inv.-Nr. A.55.138.16. Unter ihnen ovaler Zellenschmuck. Durchmesser 2,3 cm. MFM Inv.-Nr. A.55.138.18. Alföldi, Hunnenzeit. 63-70 (mit mehreren fehlerhaften Angaben und Abmessungen). Taf. XV/l-30, 59-60. 62-66 69-70, Taf. XVII/20. Fettich, Nagyszéksós. 117-122, Taf. II/5-6, 9-17, Taf. III/1-2, 21-63, Taf. IV/1. Über den Fundort A. Kiss, FoliaArch 33, 1982, 176-184. Die hauptsächlichen Funde publiziert erneut B. Kürti, Fürstliche Funde der Hunnenzeit aus Szeged-Nagyszéksós. GHA 163-166, 178-180, Farbtaf. 3-6. 79. Schwert- oder Zaumzeugbeschläge Szeged-Röszke-Nagyszéksós, Komitat Csongrád Zwölf auf Goldplatte gelötete Kästchenfassungen mit roter Granateinlage. Der Beschlag ist von einer gekerbten Drahtnachahmung umrahmt. Länge 5,1 cm. Ähnlicher, jedoch etwas längerer und schmalerer Beschlag mit nur sechs Granaten. Länge 5,3 cm. MFM Inv.-Nr A.55.138.19. Alföldi, Hunnenzeit, a. a. O., Taf. XV/46, 48, Fettich, Nagyszéksós, a. a. O., Taf. 11/18-19. 80. Riemenzungen mit Zikadenflügeln Szeged-Röszke-Nagyszéksós, Komitat Csongrád An der gesamten Oberfläche mit Zellen verziert, waren sie mit Hilfe von Nieten auf der Lederunterlage befestigt. Die Edelsteineinlagen sind herausgefallen. Das eine längere Exemplar wurde bei der Grabung 1934 gefunden. Länge 3,1 und 2,3 cm. MFM Inv.-Nr. A.55.138.9, 10 und 29. Alföldi, Hunnenzeit, a. a. O., Taf. XV/49-51, Fettich. Nagyszéksós a. a. O., Taf. I/16-18 und Tuf. XVII/3. 81. Goldschmuck mit Granateinlagen Szeged-Röszke-Nagyszéksós, Komitat Csongrád In der oberen Reihe „Lochschützern" ähnliche Zierstücke mit goldenen Nieten. Bei dem einen Stück blieb ein Teil jener dicken Silberplatte erhalten, auf der die Zierbeschläge einst befestigt waren. Aufgrund der typisch hunnischen Trense aus dem gepidischen Königsgrab von Apahida II dürfte es sich bei diesen Beschlägen um die einer Trense handeln. Länge 2,4 cm. MFM Inv.-Nr. A.55.138.14. Der mit Silbemieten zu befestigende dreiarmige und dreieckige Zellenschmuck könnte von Schwertern oder Lanzen stammen, eher jedoch als Riemenbeschlag gedient haben. Durchmesser der dreiarmigen Beschläge 1,9 cm, der dreieckigen 1,7 cm. MFM Inv.-Nr. A.55.138.2 und 6. Alföldi, Hunnenzeit, a. a. O., Taf XV/52-58, Fettich, Nagyszéksós, a. a. O., Taf. 1/9-10. 12-13, 23-25. 82. Trensenzierbeschlag, stark vergrößert, aus dem Fund von Szeged-Nagyszéksós 83. Zellenverzierte Beschläge Szeged-Röszke-Nagyszéksós, Komitat Csongrád Die an beiden Enden zikadenflügelförmig gestalteten langen Beschläge sind auf der Schauseite mit dreieckigem bzw. V-förmigem Zellenwerk bedeckt und mit gedrehtem Golddraht eingefaßt. Die roten Granateinlagen sitzen auf

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geriffelten Silberblechen. Möglicherweise dienten diese Be­ schläge zur Verzierung der Parierstange von Prunkschwer­ tern. An einem zugrunde gegangenen Exemplar der FleissigSammlung war noch die umgebogene und zur Befestigung geeignete Goldblechunterlage vorhanden. Eine andere Ver­ wendungsmöglichkeit wäre die als Riemenzunge. Länge des unversehrten Exemplars 8,8 cm MFM Inv.Nr. A.55.138.15. Das bisher unpublizierte, fragmentierte mittlere Exemplar kam 1965 in das Ferenc-Móra-Museum. MFM Inv.-Nr. A.65.11.35. Alföldi. Hunnenzeit, a. a. O., Taf. XV/61, 71-72, Fettich, Nagyszéksós, a. a. O., Taf. 11/2-4. 84. Goldschnallen Szeged-Röszke-Nagyszéksós, Komitat Csongrád Von oben nach unten und von links nach rechts: Ovale Gürtelschnalle. Länge 3,3 cm, Breite 3 cm. MFM Inv.-Nr. A.55.138.1. Schwertriemenschnalle. Auf dem dreirippenförmigen Be­ schlag vier Zellen mit roten Steineinlagen. Länge 4,2 cm. MFM Inv.-Nr. A.55.138.2. Das zweite Exemplar aus der Fleissig-Sammlung ging zugrunde. Stiefelriemenschnalle. Der runde Beschlag ist in drei Zel­ len unterteilt. Länge 4 cm MFM Inv-Nr. A.55.138.4. Schnalle mit halbkreisförmig geteilten Zellen im quadrati­ schen Beschlag, in der oberen schwarze Glas-, in den beiden anderen rote Steineinlagen. Länge 2,9 cm. MFM Inv.-Nr. A.55.138.5. Schnalle, in der nierenförmigen Zelle rote Steineinlage. Länge 2,3 cm. MFM Inv.-Nr. A.55.138.3. Zu den zwei dornlosen Ösenschnallen aus der ehemaligen Fleissig-Sammlung siehe Abb. 39 und 41, Zu der einen gibt es ein gutes Gleichstück im Fund von Pouan. Alföldi. Hunnenzeit. a. a. O., Taf. XVI/24-28, Fettich, Nagyszéksós, a. a. O., Taf. l/l, 3-6. 85. Schnalle mit quadratischem Beschlag, vergrößert 86.Goldene Riemenzunge Szeged-Röszke-Nagyszéksós, Komitat Gongrád Aus massivem Gold gegossen. In dem V-förmig geteilten Zellenwerk rote Edelsteineinlagen. Lange 3 cm. MFM Inv.Nr. A.55.138.12. Eine ähnliche, jedoch längere Riemenzunge mit quergeteiltem Zellenwerk ging in der Fleissig-Sammlung zugrunde Alföldi. Hunnenzeit, a. a. O., Taf. XV/40. Fettich, Nagy­ széksós. a. a. O., Taf. 1/21. 87.Vogelkopfförmiges Zierstück Szeged-Röszke-Nagyszéksós, Komitat Csongrád Aus Gold mit roten Grunuteinlagen. Seine Funktion ist un­ bestimmt; vielleicht stammt es von einer großen Riemenzun­ ge. Die nächsten Parallelen sind aus Kertsch bekannt, O. M. Dalton. The Antiquaries Journal 4, 1924, 259-262, Taf. 1/3. Länge 1,9 cm. MFM Inv.-Nr. A.55.138.13. Alföldi. Hunnenzeit, a. a. O., Taf. XV/42, Fettich, Nagy­ széksós, a. a. O., Taf. 1/22. 88. Scheibenbeschlag Szeged-Röszke-Nagyszéksós, Komitat Csongrád (1934) Goldenes Scheibenbruchstück. Im Zellenwerk rote Stein­ einlagen auf geriffelten Silberblechen. Die Scheibe ist mit Perldraht eingefaßt. In den kleinen Randösen steckten ehe­

mals Goldnieten. Gerade wegen dieser Nieten kann der Verwendungszweck der Scheibe, die den Bodenscheiben der zwei größeren Goldschalen aus dem Schatz von Szilágysomlyó (vgl. Farbtaf. VII) sehr ähnelt, erahnt werden; vielleicht war sie auf dem Boden einer Holz- oder Goldschale als Omphalos befestigt. Durchmesser 4,8 cm. MFM Inv.-Nr. A.55.138.28. Einen Rekonstruktionsversuch siehe auf Abb. 26/2. Fettich, Nagyszéksós, a. a. O., Taf. XVII/2. 89. Elektronpokal mit Ringfuß Szeged-Röszke-Nagyszéksós, Komitat Csongrád (1934) Der Oberteil ist in einem Stück gegossen, der Fuß angelö­ tet. Im Fuß eine eingepunktete Inschrift, vielleicht die Ge­ wichtsangabe. Der Gefaßkörper ist von runden Zellen unter­ brochen, aus denen die ehemaligen Glaseinlagen restlos ausgeschmolzen sind. Der Pokal kam verbrannt und deformiert zutage, sein jetziger Zustand ist das Ergebnis einer sorgfälti­ gen Restaurierung. Die der Form nach hervorragenden Verwandten sind die Trinkbecher aus Glas, die Nachahmungen eines ähnlichen Goldkelches (Abb. 64). Höhe 9,4 cm. Durchmesser 11,1cm. MNM Inv.-Nr. 81.1.1. Fettich. 1940. 240-241. Taf. III/1. Ders., Nagyszéksós. a. a. O., Taf. XV/l und XVII/l. 90. Eletktronschale Szeged-Röszke-Nagyszéksós, Komitat Csongrád (1934) Durch Feuer stark angebrannt, wurde bei der Freilegung zerstückelt. Der Omphalos ist mit blütenblattförmigem Zellenwerk verziert, die Edelsteineinlagen sind ausgeschmolzen. Durchmesser des Blütenzierats 2,7 cm. MNM Inv.-Nr. 81.1.2. Rekonstruktion siehe Abb. 25. Fettich, 1940, 239-240. Taf. III/2. Ders., Nagyszéksós. Taf. XVI. 91. Goldschnitten aus der Umgebung ton Sopron/Ödenburg Fertömedgyes-Goldberg-dűlő, einst Komilat Sopron, heute Morbisch. Burgenland, Österreich (1904) Der Name des Weinberges weist vielleicht auf dort bereits früher gemachte Goldfunde. Der Verkäufer machte über die Fundumstände keinerlei Angaben, wahrscheinlich stieß er in geringer Tiefe auf die Schnallen. 1. Schwert- oder Stiefelriemenschnalle aus Gold. Auf dem schwach ovalen Beschlag drei Zellen, in denen auf Gold­ folien Almandine sitzen; einer davon fehlt. Gesamtlänge 3.5 cm. LFM alte Inv.-Nr. 19/11, neue Inv.-Nr. 57.13.1-2. Das Paarstück wurde 1979 gestohlen. 2. Ovale goldene Gürtelschnalle mit fehlendem Dorn. Durchmesser 4,8 cm. LFM alte Inv.-Nr. 19/11, neue Inv.Nr. 57.13 3. Trotz ihrer ungewöhnlichen Form ist sie mit den Gürtelschnallen des Kurgans 3 von Schipowo, mit jener aus dem Grab von Gencsapáti und anderen Funden verwandt. A. Kugler. Medgyesi aranylelet [Goldfund von Medgyes], ArchÉrt 26.1906. 189-190. Abb. 1 -2. Alföldi. Hun­ nenzeit, 61, Abb. 18. I. Bóna. Katalog Severin, 191 und Abb. auf S. 192. 3. Gürtelschnalle. Sobor, ehemaliger Grundbesitz Esterhá­ zy, Komitat Györ-Moson-Sopron (1914). Nähere Fundumslände sind unbekannt. Der kreisför­ mige Beschlag ist mit zehn Goldzellen verziert, wovon

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noch vier die roten Steineinlagen haben. Die Art der Zellenaufteilung besitzt keine Parallele. Gesamtlänge 5,4 cm. LFM alte Inv.-Nr. 19/13, neue Inv.-Nr. 57.11.1. I. Bóna. Katalog Severin, 191 und Abb. auf S. 192. 92. Zikadenfibeln (Farbtafel XXV) Györköny-Dióser Teil, Komitat Tolna (1820) Im Dezember 1820 stieß man bei Hotzfällerarbeiten auf dem Gut des J. Kapuvári auf einen römischen Sarkophag, der in Sekundärverwendung für eine Nachbestattung be­ nutzt worden war. Die Funde kamen in die Gyönker Samm­ lung des Vizegespans S. Magyari Kossa. Im Tausch kamen die Fibeln in die Sammlung von M. Jankovich und von dort 1832 in das Ungarische Nationalmuseum. Fibelpaar aus gegossenem Silber, mit Goldblechmantel vekleidet. Die Augen der Zikaden schmücken Granate, den Körper rote Steine in tropfenförmigen Fassungen, Hals und Körper sind filigranverziert, die Flügel aufgelötete Granulie­ rungen. Länge 6,4 cm. MNM OrnJank 111, 47-48; „in possessione Györköny inventa". F. Kubinyi, Mittheilungen der K. K. Centralkommission 1860, 101, Nr. 29, Abtheilung Ungarn, Kasten 3; ohne Angabe des Fundortes. F. Pulszky, ArchÉrt 1, 1881, 150 und Taf. la-b; bereits mit richtigem Fundort. Hampel, Régibb középkor 1,14, Taf. IX/l; ebenfalls mit korrekter Fundort­ angabe. Ders., Alterthümer 1, 329, Abb. 820, an dieser Stelle irrtümlich mit dem Fundort Kömlöd, der später auch bei anderen Autoren vorkommt. Rückansicht und auseinander­ genommen bei Fettich, Nagyszéksós, 152, Taf. XL/4-5, 4a-5a-b. 93. Hunnenzeitliche Goldschnallen (Farbtafel XXVI) Ein schlagender Beweis für die Hunnenherrschaft im Kar­ patenbecken ist die Goldschnallensammlung des Ungari­ schen Nationalmuseums. Die Schnallen wurden früher im allgemeinen als solche mit unbekanntem Fundort publiziert, obwohl ihr Fundort - wenn er bekannt war - in den alten Inventarbüchern angegeben war. Von oben nach unten und von links nach rechts: 1. Szekszárd, Komitat Tolna (vor 1878). Auf dem rechtekkigen Beschlag vier Zellen mit herausgefallenen Steinen. Länge 3 cm. MNM Inv.-Nr. 2,1878,6, Hampel, Régibb középkor I, Taf. 61/4, Ders., Alter­ thümer III, Taf. 52/4, Alföldi, Hunnenzeit, 88, Taf. XXXI V/12; überall mit unbekanntem Fundort erwähnt. 2. Ungarn, Fundort unbekannt (vor 1870). Die Schnalle ist aus Silber, der kreisförmige Beschlag aus Gold. Drei unregelmäßige Kästchenfassungen in runder Einfas­ sung, einer der roten Edelsteine ist herausgefallen. Länge 4,7 cm. MNM Inv.-Nr. 235,1870.III.12, Ankauf. Fl. Rómer. ArchÉrt II, 1869,155, Alföldi, Hunnenzeit 87, Taf. XXXIV/3. 3. Unbekannter Fundort in Ungarn (vor 1884). Aus der einzigen Zelle des nierenförmigen Beschlags ist der Stein herausgefallen. Länge 2,8 cm. Aus der Szegeder Samm­ lung von G. Kárász. MNM Inv.-Nr. 107.1893.6. Diner. Catalog 9, Nr. 12, Taf. II/7, Alföldi, Hunnenzeit, 88-89, Taf. XXXIV/l5. 4. Alcsútdoboz-Szentgyőrgy, ehemals Alcsút-Vértes SzentGyőrgypuszta, Komitat Fejér (um 1838). Auf dem kreis­ förmigen Beschlag neun blütenblattförmig angeordnete Zellen mit roten Glaseinlagen auf gerippten Goldfolien.

Länge 4,7 cm. MNM Inv.-Nr. 43.1847.ß. Die Schnalle wurde mit den zwei anderen, weiter unten beschriebenen auf dem Gut des Palatins Erzherzog Joseph gefunden und kam aus dessen Nachlaß in das Nationalmuseum. Neue Inv.-Nr. 62,155,42. Alföldi, Hunnenzeit. 88, Taf. XXXIV/9; mit unbe­ kanntem Fundort. 5. Szeged (vor 1884). Auf dem schildförmigen Beschlag drei unregelmäßige Kästchenfassungen mit roten Edelsteineinlagen. Länge 3,5cm. MNM Inv.-Nr. 107.1893.4. Das Stück stammt aus der Szegeder Sammlung von G. Kárász, wohin es über den Budapester Antiquitäten­ händler D. Egger gelangte. (I. Bóna. VMMK 18, 1986, 37). Das Paarstück dieser innerhalb des Karpatenbekkens als Unikat geltenden Schnalle blieb im Besitz der Gebrüder Egger und gelangte aus dem Nachlaß von Samuel Egger 1891 in das British Museum; von dort ist uns der Fundort des Schnallenpaares bekannt. Diner, Catalog 9, Nr. 14, Taf. II/5, Alföldi. Hunnen­ zeit, 87, Taf. XXXIV/4; mit unbekanntem Fundort. Catalogue of the Important Collection..,förmed by the Late Dr. S. Egger, London 1891, 24, Nr. 202, Londoner Paarstück: bei A. Kiss. JPMÉ 14-15, 1969-1970. Taf 1/5, fälschlich ist Tolna als Fundort angegeben. 6. „Angeblich" aus Marcelháza, einst Komitat Komárom, heule Marcelova, Tschechoslowakei (um 1889). Auf dem kreisförmigen Beschlag vier kreuzförmig angeordnete Zellen, in zweien ist noch die rote Steineinlage. Gegen­ wärtig ist nur in der einen Zelle ein Bruchstück geblie­ ben. Länge 5,7cm. MNM Inv.-Nr. 62.1889. Ankauf. Alföldi. Hunnenzeit, 88, Taf. XXXIV/10; mit unbe­ kanntem Fundort. 7. Alcsútdoboz-Szentgyőrgy. ehemals Alcsút-Vértes SzentGyörgypuszta, Komitat Fejér (um 1838). Auf dem kreis­ förmigen Beschlag zwölf Zellen in doppelschildförmiger Anordnung. Die roten Glaseinlagen sind auf geriffelte Goldbleche gesetzt. Länge etwa 6 cm. MNM Inv.-Nr. 43.1847.ß. Neue Inventarnummer 62.155.40. Fundum­ stände siehe unter Punkt 4. I. Henszelmann, L'âge du fer. Compte-rendu de la huitième Session á Budapest. Budapest 1877, 524, Abb. 27, der noch so viel wußte, daß „donné par.., I'archiduc Joseph". Hampel, Régibb középkor I, 45, Taf. 41/8, Ders., Alterthümer II. 48, III, Taf. 41/8, Alföldi, Hunnenzeit, 87-88, Taf. XXXIV/8; überall mit unbekanntem Fundort. 8. Ungarn. Fundort unbekannt. Auf einem nierenförmigen Beschlag je zwei nierenförmige Zellen mit Almandinen, um sie herum rosafarbene Pasteeinlage. Länge 2,2 cm. MNM Inv.-Nr. 24.1889. Ankauf. Alföldi, Hunnenzeit, 89, Taf. XXXIV/16. 9. Unbekannter Fundort in Ungarn (vor 1832). Auf dem kreisförmigen Beschlag drei heute leere Zellen, in denen aber im vorigen Jahrhundert noch die Glas- bzw. Steineinlagen vorhanden waren. Länge 3,7 cm. MNM Orn Jank III. 53, Neue Inv.-Nr. 62.155.43. Alföldi. Hunnenzeit, 88, Taf. XXXIV/11. 10. Nestin, einst Komitat Szerém, heute Neštin, Srem, Jugoslawien. Auf dem kreisförmigen Beschlag sechs radial um eine Mittelzelle angeordnete Zellen, in denen früher rote Steineinlagen waren. Länge 4,9 cm. MNM Inv.-Nr. 42.1908. Alföldi. Hunnenzeit. 87, Taf. XXXIV/5.

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11. Unbekannter Fundort in Ungarn (vor 1884). Auf dem ovalen Beschlag ein Zickzack-Zellenwerk mit herausgefallenen Steinen. Länge 3,8 cm. MNM Inv.-Nr. 107.1893 5.; aus der Szegeder Sammlung von G. Kárász. Diner, Catalog 9, Nr. 13, Taf. II/6, Alföldi: Hunnen­ zeit. 88, Taf. XXXIV/14. 12. Alcsútdoboz-Szentgyörgy, ehemals Alcsút-Vértes SzentGyörgypuszta, Komitat Fejér (um 1838). Auf dem kreis­ förmigen Beschlag zehn radial um eine runde Mittelzelle angeordnete Zellen. Die roten Glaseinlagen sitzen auf geriffelten Goldblechen. Länge 4,7 cm. MNM Inv.-Nr. 43.1847.ß. neue Inv.-Nr. 62.155.41. Fundumstände sie­ he unter Punkt 4. I. Henszelmann, a. a. O., 524, Abb. 26, Hampel. Régibb középkor I, 45, Taf. 41/9, Ders., Alterthümer II. 48 und III, Taf. 41/9, Alföldi. Hunnenzeit. 87, Taf. XXXIV/6; überall mit unbekanntem Fundort. 13. Kispirit - Acker des J. Molnár. Komitat Veszprém (1869). Der Grundeigentümer fand die Schnalle bei Garten­ arbeiten offenbar in geringer Tiefe. Der Beschlag ist durch drei Zellen viergeteilt. Die Steineinlagen fehlten bereits bei der Übergabe an das Museum. Länge 5,7 cm. MNM Inv.-Nr. 38,1870. Fl. Rómer. ArchÉrt II. 1869, 155, Ders., Századok 4, 1870, 209. Alföldi, Hunnenzeit, 87, Taf. XXXIV/7. 94. Goldene Zikade Umgebung von Sáromberke, einst Komitat Maros-Torda, heute Dumbrăvioara. Judeţul Mureş. Siebenbürgen, Rumä­ nien (um 1880) Sic wurde auf dem ehemaligen Gut des S. Korányi gefun­ den. Massiver Guß. Die beiden Augen werden durch Alman­ dineinlagen betont. Die gravierten Verzierungen sind mit der Ornamentik der pontischen Pferdegeschirrbeschläge von Untersiebenbrunn und Coşovenii de Jos nahe verwandt. Der Nadelhalter ist eigenartig, er gleicht den spätantiken Goldperlen des 4.-5. Jahrhunderts. Länge 5,7 cm, Gewicht 46,5 g. MNM Inv.-Nr. 45.1881. F. Pulszky. ArchÉrt 1. 1881, 150. Abb. 3a-c. H. Kühn. JPEK 10, 1935, 88, Taf. 21/11., Fettich, Nagyszéksós, 152, Taf. XL/1. 95. Zikade Csömör-Ürményi-Weide, Komitat Pest (1871) Wurde in Richtung Mogyoród im Flugsand zwischen Menschenknochen gefunden. Das goldene Ohrringpaar der Frauenbestallung kam nicht ins Museum, ebenso wie nur jeweils ein Stück der paarweise gefundenen runden Stiefelriemenschnallen aus Silber und der dazugehörigen Riemennieten aus demselben Material dem Museum ge­ schenkt wurden. Dieser Umstand erhärtet den Verdacht, auch die als Einzelstück gellende Zikade sei paarweise gefunden worden. Mit Goldblech überzogene Zikade aus Silber. Ihre Schauseite ist mit almandinbesetzten Zellen und mit Fili­ grandraht verziert. Länge 3,2 cm. MNM Inv.-Nr. 168.1871.1. Fl. Rómer, Csömöri lelet [Fund aus Csömör], ArchÉrt V. 1871, 198, 201-202, Abb. 1 links. F. Pulszky. ArchÉrt 1, 1881, 150 und Bild Nr. 2; mit irrtümlicher Fundortan­ gabc. H. Kühn, JPEK 10, 1935, 88, Taf. 21/3; ohne An­

gaben. Fettich. Nagyszéksós. 152, Taf. XL/2; fälschli­ cherweise mit Mogyoród als Fundort. 96. Fibel Csege, einst Komitat Szabolcs, heute Tiszacsege, Komitat Hajdú-Bihar (1868) Aus besonders gutem Silber gearbeitet. Die sorgfältig vergoldete Oberfläche ist mit gravierten und punzierten Mu­ stern spätrömischen Charakters verziert. Länge 10 cm. MNM Inv.-Nr. 17.1868, ohne Fundortan­ gabe. Fl. Rómer, Archaeologia Közlemények VII, 1868, 184, Nr. 988 und Abb. 8, mit Fundortangabe. Aufgrund meiner Identifizierung: M. Menke, Communicationes Archaeologicae Hungariae 1986, 72, Abb. 1/3. 97. Weißbronze-Spiegel aus hunnenzeitlichen Gräbern Pilismarót-Öregek dűlő. Komitat Esztergom-Komárom (1939) Das „Grab 19" lag am Westrand eines spätawarischen Friedhofes. Andere zeitgleiche Bestattungen konnten inner­ halb des z. T. aufeinanderfolgenden, z. T. sich überlappen­ den spätrömisch-awarischen Gräberfeldes nicht gefunden werden. In dem mit Steinplatten abgedeckten Einzelgrab lag zu Füßen einer Mädchenbestattung ein ganzer Spiegel und daneben Überreste eines rituell zerbrochenen. Das in einem silbernen Polyederknopf endende Ohrgehänge, der zweirei­ hige Beinkamm und die Perlen datieren das Grab in die erste Hälfte des 5. Jahrhunderts. 1. Spiegel aus Weißbronze, auf der Rückseite mit Öse und zehn radialen Stegen. Durchmesser 6,3 cm. MNM Inv.-Nr. 1.1940.1. 2. Fragment eines Spiegels aus Weißbronze mit geometri­ scher Verzierung auf der Rückseite. MNM Inv.-Nr. 1.1940.2. I. Kovrig. Acta ArchHung 10. 1959, 210, Taf. III/3-4, Zu den Fundumständen vgl. MRT 5, Komárom megye régészeti topográfiája [Archäologische Topographie des Komitats Komárom]. Budapest 1979, 293-294, Gräberfeldplan auf Abb. 46 (I. Horváth und M. Kelemen). 3. Fragment eines Weißbronze-Spiegels. Ungarn. Fundort unbekannt. MNM Inv.-Nr. 14l.l873,l4, Unpubliziert. Mittelasiatischer Typ oder mittelasiatisches Erzeugnis. Ein ähnlicher Spiegel fand sich im Frauengrab I von Straže an der Waag mit künstlich deformiertem Schädel (J. Neustupny, Obzor prehistoricky 9, [1930-1935] 1936, 13, Abb. 2). 98. Fibelpaar Pécs-Basamalom, Komitat Baranya (1940) Es wurde in einem mit römischen Dachziegeln abgedeck­ ten Grab in der Nähe des römischen Sopianae gefunden. Massiv gegossen, an den Rändern mit eingepunzten Ver­ zierungen. Die von hinten gelochten Platten lassen auf einsti­ gen Edelsteinschmuck schließen, die Fassungen sind mögli­ cherweise schon beim Tragen verlorengegangen. Auf dem vom Autor vor der Reinigung der Fibeln angefertigten Foto sind auch diese Spuren nicht zu erkennen. Die Charakteristi­ ka zusammenfassend, gehören die Fibeln eher zu alanischen Typen aus dem Kaukasus als zu formenmäßig verwandten gotischen Erzeugnissen. Lange 8,1 cm. JPM Inv.-Nr. 7110. A. Kiss. JPMÉ 14/15, 1969/70, 121, Taf. I I / l - 2 .

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99. Fibel Harkány, Komitat Baranya (1970) Ihre Fundumstände sind unbekannt. Der Größe und Form nach steht sie dem üblichen Frauenschmuck der Marosszentanna/Sîntana de Mures-Tschernjachow-Kultur des 4. Jahrhunderts nahe. Der durchbrochen gearbeitete, Spitzenstickerei ähnliche Rand der halbkreisförmigen Spiralplatte verrät spätantiken Einfluß, wahrscheinlich die Arbeit einer Werkstatt von Pantikapaion (Kertsch) oder Olbya, Für letzteres spricht das einzige nah verwandte Stück aus Grab 14 der Begräbnisstätte Ranshevoe aus dem 4. Jahrhundert, zwischen Odessa und Nikolajew gelegen. Die paarweise ge­ tragenen Silberfibeln mit durchbrochener Spitzenstickerei und halbkreisförmigen Platten trug in der späten Tschernjachow-Kultur im genannten Gebiet eine Ostrogotin. Sie ka­ men also wahrscheinlich mit den vor den Hunnen fliehenden, 380 angesiedelten ostrogotischen foederati nach Pannonien (E. A. Symonowitsch, in: Mogilniki tschernjachowskoj kulturi. Moskau 1979, 100, Abb. 21/3-4, Abb. 25/8-9. Länge ca. 7,5 cm. Silber. Die beiden Bügelenden sind mit Perldraht umrahmt. Die fünfeckige Hakenplatte ist frag­ mentarisch. Gegenwärtige Länge 6,1 cm. JPM Inv.-Nr. 70.1.1. A. Kiss, JPMÉ 14/15, 1969/70, 121, Taf. II/3. 100. Goldenes Ohrringpaar Regöly, Komitat Tolna (1926) Stammt aus dem Grab einer Gold- und Glasperlen tra­ genden Frau. Die Ohrringe enden in massiven polygonalen Knöpfen. Durchmesser 3 cm. MNM Inv.-Nr. 57.l926.a-b. Unver­ öffentlicht. 101. Goldene Riemenzunge „Buda" (1886) Sie stammt aus einem Männergrab und stellt zur Zeit im Donaugebiet den einzigen Vertreter eines sonst in den östli­ chen Hunnenfunden häufig vorkommenden, kleinen Typs mit gewulstetem Ende dar. Sic kam zusammen mit einer kleinen goldenen Stiefelriemenschnalle zutage. Goldblech. Größe 1,8 x 1,6 cm. MNM Inv.-Nr. 5.1886.3. Als unveröffentlichten hunnenzeitlichen Fund erwähnt ihn T. Nagy, Budapest története [Geschichte Budapests] I, Budapest 1973, 189. 101. Goldene Gürtelschnalle (Farbtafel XXVII) Nagydorog, Komitat Tolna (1936) Die näheren Fundumstände sind unbekannt. Das zusam­ men mit ihr in das Museum gelangte, in polygonalen Zellenknöpfen mit roter Glaseinlage verzierte goldene Ohrringpaar weist ebenso auf eine Frauenbestattung wie die Schnalle mit rechteckigem Beschlag mit Zellenornamentik, die in Ungarn in Männergräbern nur selten vorkommt. Der Schnallenring aus massivem Gold und der am Ansatz sowie am Tierkopf mit Granaten verzierte Dorn reiht die Schnalle in die besten derartigen hunnenzeitlichen Arbeiten ein. Das Zellenwerk des Beschlags ist mit roten Steinen auf geriffelten Goldble­ chen gefüllt. Gesamtlänge 6,6 cm. WMM N.3,936,1, Vezető a szekszárdi Balogh Ádám Múzeum kiállításaiban [Führer durch die Ausstellungen des Museums von Szek­ szárd], Szekszárd 1965, 50, Taf.XXI/1 (Á. Salamon). Auf einer Farbaufnahme mitgeteilt von Kovrig. Propyläen Kunstgeschichte IV, Berlin 1979, 130, Nr. 33a.

103. Goldenes Ohrgehänge (Farbtafel XXVIII) Mezőberény, Komitat Békés (1884) Es stammt aus einem Mädchengrab, zusammen mit den auf Taf. 104-106 und 107/2 dargestellten Gegenstän­ den. Den Fundumständen der als aus zwei verschiedenen Gräbern stammend angekauften Funde ging das „Opfer" des Irrtums in einer im vorigen Jahrhundert als Ausnah­ me geltenden Weise nach. Als Fundort der von dem An­ tiquitätenhändler bzw. dessen Beauftragten einzeln ange­ kauften und inventarisierten Allsachen wurde jeweils ein anderer Punkt in der Gemarkung der Stadt angegeben. Daraufhin veröffentlichte Pulszky die zu jenem Zeit­ punkt bereits erworbenen Gegenstände als Beigaben ei­ ner getrennt aufgedeckten „Frauen"- und „Männer"Bestattung. Verdacht faßte er erst ein bzw. drei Jahre später, als der erste Verkäufer das Gegenstück der zum „zweiten Fund" gehörigen Goldschnalle und ein weiteres Exemplar des auch zu dem zweiten Fund gerechneten Goldbeschlages mit Filigranverzierung in das Museum brachte. Pulszky reiste nach Mezőberény, wo er die Zu­ sammengehörigkeit der Funde in Erfahrung brachte (Die Goldfunde von Szilágy-Somlyó, Budapest 1890. 13). Er äußerte sich folgendermaßen: „Alle kamen aus demsel­ ben Grab hervor und nicht aus zweien, wie dies die Ver­ käufer behaupteten, weil der Schau in zwei verschiedene Hände geriet und erst im Museum wieder zusammen­ kam" (Pulszky, Magyarország archaeologiája II, Buda­ pest 1897, 86, Taf. 184-185). An den von ihm geklärten Fundumständen ist nur so viel umstritten, daß das zu­ sammen mit dem ersten Fund verkaufte Gefäß und ein bronzener Armreif viel spätere Gegenstände sind, gepidische Funde aus der Wende vom 5. zum 6. Jahrhundert. Die Goldsachen von Mezőberény konnten somit keines­ falls „im Gefäß" gefunden worden sein (vgl. die angebli­ chen Fundumstände von Léva, 1899, Abb. 33). Außer­ dem wären sie durch die schmale Öffnung gar nicht in das Gefäß gegangen, sie müssen daher von einer anderen Fundstelle der Gemarkung stammen. Das besser erhaltene Exemplar der paarweise gefunde­ nen Ohrgehänge endet in einem doppelkonischen Zier­ knopf mit je sechs Flächen. In der Mitte des Zierknopfes sitzt ein Almandin, die einzelnen Flächen haben Filigranund granulierte Ornamentik. Durchmesser 4,8 cm. MNM Inv.-Nr. 43,1884,1. F. Pulszky. ArchÉrt 5, 1885, 100-102; zu dem Frauengrabinventar der „zwei Funde" publiziert. Ihm folgend und im selben Sinn Hampel, Régibb Középkor I, 42-43, Taf. 38/2, Pulszkys Korrektur wurde von Hampel. Alterthümer II. 44-46, III. Taf. 38/11/2, außer acht gelas­ sen, was die späteren Mißverständnisse verursachte. Fet­ ­ich. Nagyszéksós, 150-152, Taf. XXVIII/3, dem Pulsz­ kys neuere Feststellungen ebenfalls entgangen sind, hat aber trotzdem die Einheit der „zwei Funde" und ihre un­ bedingte Zusammengehörigkeit bewiesen. Trotz alledem wird auch neuestens „Hampels Trennung" als richtig anerkannt und Fettichs „nicht überzeugender Versuch" als falsch abgestempelt und behauptet, der kleine Arm­ reif stamme aus einem „kontinental germanischen" Knabengrab und die Kopfschmuckbeschläge gehören zu ei­ nem (nicht existierenden) „fürstlichen" Schwert. J. Wer­ ner, Der goldene Armring des Frankenkönigs Childerich. Frühmittelalterliche Studien 14, 1980, 4-9 und Anm. 11.

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104/1. Filigranverzierte Kopfschmuckplatte aus Gold 104/2. Filigranverzierte Kopfschmuckplatten aus Gold Mezőberény, Komitat Békés (1884) Zungenförmiges Gegenstück zu einem verschollenen Exemplar ähnlicher Größe und Form. Länge 4,2 cm. MNM 44.1884.4. In einem schematischen Eberkopf endender Beschlag. Länge 4,1 cm MNM Inv.-Nr. 44.1884.6. Fischförmiger Beschlag. Länge 4,1 cm. MNM Inv.-Nr. 52.1887.1. Gestreckt-rechteckiger Beschlag mit noch erhallen geblie­ bener Goldniete an einem Ende. Wahrscheinlich ebenfalls das eine Stück eines Paares. Länge 4,3 cm. MNM Inv.-Nr. 44.1884.5. N. Fettich. Nagyszéksós. 150-151, 194, Taf. XXVIII/ 9-12. 105. Armreif und Riemenzungen Mezőberény, Komitat Békés (1884) Armreif aus massivem Gold mit trompetenförmigen En­ den. Durchmesser 4,5 cm, innerer Durchmesser nur 3,8 cm. Gewicht 32,5 g. MNM Inv.-Nr. 44.1884.1. N. Fettich. Nagyszéksós, 150-151, Taf. XXVIII/8, „Die geringe Größe des Armreifes" verweist nicht nur auf ein „Frauengrab", sondern ausdrücklich auf ein Mädchen im Kindesalter. Doch ist der Armreif größer als sein nächstes Gleichstück im Fund von Kutschugury (Durchmesser 2,9-3 cm; Sassetzkaja, Solotyje ukraschenija 61, Nr. 55). Unverzierte goldene Riemenzunge mit T-förmigem Ha­ ken. Länge 2,8 cm. MNM Inv.-Nr. 44.1884.3. Das Gegenstück besitzt keinen Haken. Länge 1,9 cm. MNM Inv.-Nr. 52.1887.2. Diese beiden kleinen Riemenzungen gehören wahrschein­ lich zu den zellenverzierten Goldschnallen. Die T-förmigen Haken haben die Forschung eine Zeitlang irregeführt, weil ähnliche Hakenbeschläge in der Awarenzeit häufig vorka­ men. Die technische Lösung, die Befesügungsart und die Ausführung sind jedoch unterschiedlich. N. Fettich, Nagyszéksós, 150-151, Taf. XXVIII/6-7 106. Goldschnallen Mezőberény, Komitat Békés (1884) Auf den rechteckigen Beschlägen mit starker Umrah­ mung sind die Zellen dreigeteilt, wobei jeweils die beiden äußeren quadratischen Zellen noch diagonal geteilt sind. In den Zellen rote Edelsteineinlage. Gesamtlänge 3,2 cm. MNM Inv.-Nr.44.1884.2 und 94.1885. Die Schnallen mit rechteckigen Beschlägen können auch in diesem Fall als Charakteristika der Frauentracht gelten (vgl. die Gürtelschnalle von Nagydorog. Farbtaf. XXVII). Ein nah verwandtes Stück mit ähnlicher Zelleneinteilung ist uns aus dem Frauengrab mit künstlich deformiertem Schä­ del von Osorukowo im Nordkaukasus bekannt (W. Miller. Materialy po Archeologii Kawkasa I, Moskau 1888, 87-91, Taf. XX/3). Dies alles unterstützt die Vermutung, im Fund von Höckricht befinde sich auch Frauenschmuck in Sekun­ därverwendung (Abb. 16). N. Fettich. Nagyszéksós, 150-151, 194, Taf. XXVIII/4-5. 107. Goldene Zikaden Die aus Goldblech verfertigten und mit Edelsteinen be­ setzten, kleinen Zikaden sind spezielle ungarische Typen bzw. Funde; sie geben uns Einblick in die von vornehmen

Mädchen während der Hunnenzeit getragenen Würde- und zugleich unheilabwehrenden Abzeichen. 1. Fund aus Nordostungarn. Die Goldzikade ist an den Rändern und auf der Schauseite mit feinem Perldraht verziert. In den Augenzellen sitzen gelbliche Steine, aus den Flügelzellen sind die Steine herausgefallen. Länge 2,5 cm. MNM Inv.-Nr. 1.1883.3. Ankauf von einem Juwelier aus Miskolc, der hauptsächlich mit Fun­ den aus der oberen Theißgegend handelte. J. DeBaye. Note sur les bijoux barbares. Mémoires de la Société nationale des Antiquaires 54, 1895, 10, Taf. II/5, H. Kühn. JPEK 10, 1935, 88, Nr. 19. Taf. 21/10. N. Fettich. Nagyszéksós. 152, Taf. XL/3. 2. Aus dem Grab des fürstlichen kleinen Mädchens von Mezőberény, Komitat Békés (1884). Die Augen- und Flügelzellen der Goldzikade enthielten einst Steineinlagen Länge 2 cm. MNM Inv.-Nr. 43,1884,3, F. Pulszky, ArchÉrt 5, 1885, 100-102, Abb. B/la-b. H. Kühn. JPEK 10, 1935, 89, Nr. 36, Taf. 21/21, Fettich. Nagyszéksós, 150-151, Taf. XXVIII/1. 108. Goldbeschlag vom Knauf eines Kurz- oder Langschwertes Umgebung von Oros, Komitat Szabolcs-Szatmár-Bereg (1950) Den unsicheren Fundumständen der 1950 in Oros ge­ kauften Funde konnte erst nach deren Veröffentlichung nachgegangen werden. Die aus Németkér im Komitat Tolna stammende Verkäuferin halte als Fundort ihr eigenes Hei­ matdorf angegeben. Tatsächlich aber verkaufte sie in Oros als Beauftragte anderer die Funde dem Vertreter des Nationalmuseums. Die Fundstelle ist sicher die Umgebung von Oros, wo im Laufe des Jahres 1950 bei Straßenbauarbeiten durch Erdbewegungen und Hügeldurchschnitte zahlreiche Funde gemacht wurden. Hierbei kamen gepidische Schildund Schwertbruchstücke aus dem 4.-5. Jahrhundert hervor, neuestens auch der von Theodosius II. 439-440 geprägte Solidus (I. Bóna. Szabolcs-Szatmár megye műemlékei [Die Kunstdenkmäler des Komitats Szabolcs-Szatmár] I. Buda­ pest 1986, 71 und Anm. 253) Die aus einem Männergrab stammenden und erhalten gebliebenen Funde sprechen eindeutig gegen einen Fundort in Pannonien, wohl aber für deren hunnenzeitliche Datie­ rung. So ist der hörnchenförmige Haarlockenring aus Gold in Transdanubien sozusagen unbekannt, um so häufiger jedoch tritt er in der oberen und mittleren Theißgegend auf (vgl. Abb. 34), auch in der direkten Umgebung von Oros. Der in einen ovalen Rahmen gefaßte Almandin gehört zum Kreis des Diadems von Beresowka und anderer osthunni­ scher Funde. Das Zellenwerk des Knaufbeschlages begegnet uns auf Schwertern des Kaukasus und der Krim, die Beigabe von 50-55 cm langen Kurzschwertern/Kampfmessern neben Langschwertern ist aus dem Gebiet der oberen Theiß und Szamos bekannt (Tarnaméra, Szirmabesenyö, Ghenci/ Gencs, Érmihályfalva/Valea lui Mihai). Von dort kennt man auch Parallelen zu der Schnalle von Oros. Herz- oder schmetterlingsförmiger Goldbeschlag mit git­ terartig angeordneten Zellen, in denen rote Granate sitzen. Die Granate in den kreisförmigen Zellen sind von weißer Glaspaste umgeben. Die Zellen haben nach Meinung von D.S.W. Kidd ebenso wie diejenigen von Pouan die Form einer Tiermaske oder eines menschlichen Antlitzes. Der Rand ist mit Perldraht eingerahmt.

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Länge 5,6 cm. MNM Inv.-Nr. N.52.66.2. I. Kovrig. Acta ArchHung 10, 1959, 211, 244, Taf. III/8, Dies., Propyläen Kunstgeschichte IV. Berlin 1979, 132, Nr. 40b. - Die nachhunnenzeitliche „ostrogotische" Bestim­ mung ergab sich offenbar aus dem falschen Fundort Német­ kor, was auch die Verwandtschaft mit dem „gotischen" Schwert von Pouan zu bestätigen scheint. Zu dessen Ur­ sprung und zeitlicher Bestimmung vgl. Abb. 29, Die richtig­ gestellten Fundortangaben verdankt der Autor J. Korek, der damals die Funde sichergestellt hat, die Berichtigung des Fundortes s. in der im Text zitierten Arbeit des Autors. Zur Darstellung D. S. Kidd, Beauty and the Beast. Anzeiger des germanischen Nationalmuseums. Nürnberg 1988, 81-94, Abb. 3. 109. Riemenzungen Kékesd, Grab 63, Komitat Baranya (1936) Aus einem awarischen Friedhof. Theoretisch ist es durch­ aus vorstellbar, daß die 567/568 aus Asien gekommenen Awaren Gürtel- und Pferdegeschirrbeschläge hatten, die de­ nen der Hunnen ähnlich waren, östlich der Wolga gehen beide Zeitalter und Moderichtungen ineinander über. Der Friedhof von Kékesd datiert aber in das Ende des 8, und den Beginn des 9. Jahrhunderts, ist also von Nachkommen der Jahrhunderte früher eingewanderten Awaren belegt worden. Die gut erhaltenen Gürtelbeschläge hunnischen Typs sind daher unter den mit Greifen und Ranken verzierten, gegosse­ nen Gürtelbeschlägen wildfremd. Das eine Preßblech ist mit den hunnischen Pferdegeschirrbeschlägen des 4.-5. Jahrhun­ derts aus Pannonhalma und Nishnjaja-Dobrinka verwandt. Die Spiralverzierung der anderen Riemenzunge ist dem Kopfschmuckblech von Mezőberény ähnlich, Vorläufer sind jedoch bereits auf den Bügeln der Fibeln von Szilágysomlyó zu erkennen (vgl. Farbtaf. V und Taf. 104/1). Wahrschein­ lich fand ein Awäre in der Nähe die beiden Beschläge und verwendete sie weiter. Aus Bronze, mit gepreßtem Goldblech überzogen. Länge 4,5 und 5cm. JPM Inv.-Nr. 16.1936.63. A. Kiss, Avar Cemeteries in County Baranya, Budapest 1977, 52, 59, Taf XVI/4-6 und Taf. LXV/8-10. Ders., Bara­ nya megye története az őskortól a honfoglalásig [Geschichte des Komitats Baranya von der Urzeit bis zur Landnahme], Pécs 1979, 342, 392, 110. Hunnenzeitlicher Henkelkrug Körösladány-Gát, Komitat Békés (1929) Stammt aus dem zerstörten Grab mit Schwert vom Punkt B (vgl. Abb. 37/4-5). Graugetönt, scheibengedreht, glättverziert. Höhe 28,5 cm. MNM Inv.-Nr. 4.1929.28. N. Fettich. ESA V. 1930, 56, Abb. 4/1, Ders., ArchÉrt 44, 1930, 208-211, Abb. 137. 111. Goldene Gürtelschnalle mit zellenverziertem Beschlag Dunapataj-Bödpuszta („Bakodpuszta") Grab 1, Komitat Bács-Kiskun (1859) Am 22, September 1859 wurden bei Fundamentierungsarbeiten für eine Gehöfteschule in 4 Fuß Tiefe zwei W-Oorientierte Fürstengräber gefunden. Bei Durchsuchung der Umgebung fand sich in 3 Klafter Entfernung eine weitere, dritte Bestattung, diese Nachgrabung ist für alle anderen Funde des vorigen Jahrhunderts einmalig. Der Grundeigen­ tümer, J. Kunszt, Erzbischof von Kalocsa, ließ die Funde

zuerst in Wien untersuchen, schenkte sie am 21, Februar 1860 dem Ungarischen Nationalmuseum und stellte alle in Erfahrung gebrachten Angaben der Forschung zur Verfü­ gung. Die Funde waren in den ersten - zeitgenössischen österreichischen und ungarischen Mitteilungen noch gewis­ senhaft aufgezählt, gerieten aber bis zum Ende des 19. Jahr­ hunderts, bis zur Zeit Hampels, in Vergessenheit. Derart, daß Fettich, der die Funde 1951 wieder publizierte, die Mit­ teilungen Hampels allein aufgrund des Inventarpostens 19. 1860 der Allertumsabteilung des Ungarischen Nationalmu­ seums kritisierte. Das gleiche tat im Jahre 1961 auch D. Csallány, der den Inhalt von Grab 3 rekonstruierte. In einem Punkt halle sich jedoch das Erzbistum geirrt, nämlich in der Bezeichnung der Fundstelle. Es berichtigte zwar - für sich selbst - den Irrtum, als es 1865 in Bödpuszta einen Obelisken errichten ließ, um das Andenken an die Auffindung der Gräber zu verewigen, vermochte aber damit nicht mehr zu verhindern, daß die Funde unter der Bezeichnung Bakodpuszta bzw. veraltet Puszta Bakod bekannt wurden. Diese Bezeichnung wird den Funden wahrscheinlich für immer anhaften. Und selbst die erwähnte Gedenksäule wurde an einer falschen Stelle, nämlich im Blumengarten des Verwal­ ters von Böd-Bakod in Bödpuszta, errichtet. Dies stellte sich aber erst 105 Jahre später, im Oktober 1970 heraus, als der Verfasser dieser Zeilen in der Umgebung der Steinsäule vergeblich Nachforschungen anstellte. Erst aufgrund der bereits erwähnten zeitgenössischen Angaben und örtlicher Erinnerungen konnte die genaue Stelle der Gräber an der Südseite des heute noch bestehenden Schulgebäudes lokali­ siert werden. Die Identifizierungsgrabung führte mit Aus­ nahme der Ortsbestimmung des zerwühlten Grabes 3 zu keinem Ergebnis; die Gruben der Fürstengräber befinden sich zum Großteil heute unter dem Schulgebäude. Der Autor dieses Buches versuchte zwischen 1968 und 1976 die drei Grabinventare voneinander zu trennen sowie ihr Alter und ihre ethnische Zuordnung zu bestimmen (A bakodpusztai germán királynő. A magyar régészei regé­ nye [Die germanische Königin von Bakodpuszta. Roman der ungarischen Archäologie]1-3, Budapest 1968, 1972, 1976. Das Wesentliche der Ergebnisse wird auf Deutsch wortge­ treu zitiert von A. Kiss, Acta ArchHung 35, 1983, 104-112). Aufgrund der Forschungen wird es immer gewisser, daß man auf der einst von Donauarmen umgebenen und ge­ schützten Insel Böd nach dem Untergang des Hunnenreiches zu bestallen begann, und zwar - und das gelang Kiss nun­ mehr anhand eines zusammenhängenden Fundhorizontes zu erweitern - die Elite der Skiren, die sich nach den histori­ schen Quellen in dieser Gegend angesiedelt hatten. Ja, wegen des Reichtums der Gräber I und 2 ist auch die Möglichkeit nicht auszuschließen, daß es sich bei den Bestatteten um Familienangehörige des Skirenkönigs Edika, des einstigen Auserwählten Attilas, handelt. Das wichtigste Ergebnis, das aus der Zusammenfassung der älteren und jüngsten Forschungen gezogen werden kann, ist der Beweis, daß es sich in Bödpuszta um drei einzelne Gräber und auch nicht um völlig gleichzeitig bestattete Frauen handelt. Dadurch gelingt es hoffentlich, den „Grab­ fund von Puszta Bakod", Hampels aus einem einzigen Grab stammende „Doppelbestattung", die die Chronologie der europäischen Völkerwanderungszeit vom Beginn unseres Jahrhunderts bis in die heutige Zeit so verzerrt, aus der archäologischen Forschung auszuschalten. Den Inhalt des schon im Inventarbuch (der Altertumsab-

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teilung) 19, 1860, 9-13 gesondert eingetragenen Grabes 3 rekonstruierten bereits Fettich und Csallány (obwohl letzte­ rer irrtümlich auch das Gefäß aus Grab 1 dazuzählte). Die eigenartige Tracht, nämlich die zusammen mit zwei kleinen germanischen Bügelfibeln nach alanischer Mode getragene große Plattenfibel, fiel ihnen jedoch nicht auf. Diese gemein­ same Tragweise spiegelt noch im drillen Viertel des 5. Jahr­ hunderts die Tradition der einstigen engen hunnisch-alani­ schen Beziehungen des Skirenvolkes wider. In den Gräbern 1 und 2 wurden keine Fibeln gefunden, beide Frauen hatten an der hunnenzeithchen Hunnentracht festgehalten. Offenbar halten sie das Gefühl, dies entspreche ihrem Rang und ihrer Wurde. Die Funde der Gräber 1 und 2 können heute schon eher voneinander getrennt werden als früher, gehören sie doch zwei verschiedenen Zeithorizonten an. Die goldenen Fingerringe vom Typ Bakodpuszta waren vor Ende der Hunnenzeit unbekannt, um so häufiger waren sie jedoch in der zweiten Hälfte des 5 Jahrhunderts in Ge­ brauch. Die Parallelen aus dem Schatz von Olbia (M. C. Ross. Catalogue of the Byzantine and Early Medieval Antiquilies in the Dumbarton Oaks Collection II, Washington 1965, Nr. 166, 117-119, Taf. 81/D). in einem Fund von Kertsch (D. S. Kidd. GHA 110, 1, 16, i - 16. j). aus dem Schatz von Someşeni/Szamosfalva (K. Horedt und D. Protase. Germania 48, 1970, 94, Taf. 24/1-3), im Lörracher Grab­ fund {J. Werner, Bayerische Vorgeschichtsblätter 26, 1961, 71, Taf. 6/4) und im Grabfund „aus dem Komitat Bereg" (D. Csallány. Gepiden 220, Taf. 204/12) stammen ausnahmslos aus dieser Zeit. Auch das Auftreten von vier Fingerringen in einem Grab ist nicht außergewöhnlich, fand sich doch in Someşeni/Szamosfalva neben drei Fingerringen mit rauten­ förmigem Kopf ein vierter mit Gemme, im Grab I von Apahida lagen drei Fingerringe, und auch in den übrigen verwandten Funden wurden mindestens je zwei Fingerringe festgestellt. Zu Grab 2 gehört dem Typ nach auch das goldene Ohr­ ringpaar mit granatbesetzten Zellen auf den Polyederknöp­ fen. Offen bleibt nur, ob zu Grab 1 zwei Halsketten gehört haben können oder ob eine davon Grab 2 zuzuordnen ist. Seit 130 Jahren ist bekannt, daß das „größere Skelett" das „Skelett mit Goldschmuck" war. Diese Tote war reicher ausgestaltet als die kleinere oder jüngere Frau von Grab 2, sie war nicht nur größer sondern auch aller, ihre Beigaben und Trachtstücke stammen ausnahmslos aus der Hunnenzeit. Im folgenden sollen die hunnenzeitlichen Funde des Gra­ bes I erörtert werden. Chronologisch sind dazu auf alle Fälle einige Flitter aus gepreßtem Goldblech zu rechnen. Ob diese aber nach germanischer Art Hals- und Ärmelteile eines Klei­ des verzierten, wie dies in Hochfelden der Fall war (J. Hatt, e Une tombe barbare du V siecle á Hochfelden, Bas-Rhin. Gallia 23, 1965, 250-256, Abb. 1 und 4). oder ob sie Besätze des im Karpatenbecken gebräuchlichen alanisch-hunnischen Schleiers waren, kann nicht entschieden werden, denn nur sechs gelangten ins Museum. Ein „begehrterer" Goldfund ist bei einem bei Bauarbeiten zerwühlten Grab wohl kaum vorstellbar. Über den Fund: J. Arneth, Der Fund von Gold- und Silber-Gegenständen auf der Puszta-Bákod unweit Kolocza in Ungarn. Mitteilungen der kaiserlichen-königlichen Central-Commission 5, 1860, 102-112, mit 15 Holzschnitten. Abgesehen von der Zeichnung des Bruchstückes einer Eisenklammer aus Grab 3 wurden alle Holzschnitte Arneths

von den nachfolgenden Publikationen vor Fettich übernom­ men, Arneth hatte nämlich die Klischees dem Ungarischen Nationalmuseum geschenkt. A. Ipolyi, Magyar régészeti krónika [Ungarische archäologische Chronik], AK II, 1861, 302, Nr. 457, Fr. Kenner, Archiv für Kunde österreichischer Geschichts-Quellen XXIX. 1863, 285-290. Ders., Fundehro­ nik 1859-1861, Wien 1863, 101-105, Fl. Rómer, Mürégészeti Kalauz [Kunstarchäologischer Führer], Pest 1866, 96-99, auf den Abb. 53 und 143-154 publiziert er als erster die Abbildungen Arneths. Zwischen 1875 und 1950 sind alle Mitteilungen fehlerhaft, selbst die Beschreibung Pulszkys aus dem Jahre 1897 ist unklar. Neue, vollständige Beschrei­ bung bei N. Fettich, Régészeti tanulmányok a késői hun fémművesség történetéhez - Archäologische Studien zur Ge­ schichte der späthunnischen Metallkunst, ArchHung XXXI, Budapest 1951, 120-123, Taf. XV-XIX. Csallány. Gepiden, 232-233, mit der Beschreibung des Grabes 3, das heute aber nicht mehr als eine nachhunnenzeitliche gepidische Bestat­ tung angesehen werden kann. A. Kiss, Die Skiren im Karpa­ tenbecken, ihre Wohnsitze und ihre materielle Hinterlassen­ schaft, Acta ArchHung 35, 1983, 95-131; auf den Abb. 4-8 sind die neuesten Fotos der Funde wiedergegeben. Für eine zukünftige neue kritische Bearbeitung des gesamten Fundes wird ein aus dem Jahre 1876 erhalten gebliebenes, großes Lichtbild mit Maßangaben richtungweisend sein. Die Gürtelschnalle gehörte offenbar zur Bestattung der Frau „mit Goldschmuck". Sic geriet nach langem Gebrauch beschädigt und unvollständig in das Grab. Der Schnallenring ist ovalförmig, das Zellenwerk des Beschlages ist auf eine glatte Goldblechunterlage montiert und mit Hilfe von drei in kleinen Röhrchen eingelegten Nieten zusammengearbeitet. Mit zwei Ausnahmen fehlten schon bei der Auffindung die roten Glaseinlagen. Sehr abge­ nutzt. Länge 6,8 cm, Gewicht 67,35 g. MNM Inv.-Nr. 19.1860.4. Die Schnalle ist sogar einfacher als ihre nächste Parallele in Nagydorog (Farbtaf. XXVII). Offenbar auch älter, und das unterstützt die Bemerkung, daß Schnallen mit rechtecki­ gem Beschlag während der Hunnenzeit eher von Frauen getragen wurden. Der ovale Schnallenring selbst ist der Form und Größe nach eng mit der von Szeged-RöszkeNagyszéksós verwandt oder werkstattgleich (Taf. 84/1). N. Fettich. Régészeti tanulmányok - Archäologische Stu­ dien, a. a. O., 83-122, 195, Taf. XVII/2-2a. 112. Goldenes Armringpaar mit Tierkopfenden Dunapataj-Bödpuszta („Bakodpuszta") Grab I, Komitat Bács-Kiskun (1859) Ein werkstattgleiches Paar kam in der südlichen Ukraine zusammen mit einer zellenverzierten Goldschnalle, und zwar gewiß aus einem Grab, zutage. Auch im Frauengrab von Untersiebenbrunn fanden sich paarweise die goldenen Arm­ reifen mit Tierköpfen. Ebenso trug die vornehme Dame von Regöly-Pénzesdomb ein Paar goldene Armreifen mit Tier­ köpfen zusammen mit einem Goldarmreif mit trompetenförmigen Enden. Es kann daher kein Zweifel bestehen, daß die Armringe von Bödpuszta zu dem „größeren Skelett" „mit dem Goldschmuck" gehörten. Die breiteren Enden der aus zwei Teilen bestehenden, an den dünnsten Stellen gelenkartig ausgebildeten Armringe werden von einer Schraube zusammengehalten. Durch diese linksgängigen Schrauben mit granatengeschmücktem Kopf

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lassen sich die Armringe öffnen. Die Armringe sind aus Goldblechen zusammengebogen und verlötet. Das Innere ist mit einer weißen Paste ausgefüllt. Die beiden Teile der Armringe treffen sich in Tierköpfen aus einer Mi­ schung von Löwe und Eber, die mit kräftigen Zähnen und dichter Mähne einander schreckerregend entgegen­ blicken. Augen, Augenbrauen, Ohren und Mähnen sind in Kästchenfassungen und Zellen mit dunkelroten Gra­ naten betont. Da es sich um Einzelanfertigungen eines Goldschmiedes handelt, sind die Größen der Armbänder etwas unterschiedlich. Durchmesser 8,8 und 8,5 cm, Gewicht 76,25 und 79,75 g. MNM Inv.-Nr. 19.1860.1. Die Steineinlagen sind zum Großteil gut erhalten. Bei einem Armring sind jedoch die Fassungen im Nasenbereich ausgebrochen, und auch das Scharnier mußte ausgebessert werden. Im Laufe des Gebrauches ist auf beiden Armringen aus je einer Augenbrauenzelle der Stein herausgefallen. Trotz alledem sind die Armringe kaum abgenutzt, so daß es sich um die spätesten Schmuckstücke östlicher Herkunft des Grabinhalts handelt. Diese östliche Herkunft wird nicht nur durch die hervorragenden Vorbilder aus der Hunnenzeit bestätigt (Sennoj, Abb. 72, Kertsch, aus der Grabkammer vom 24, Juni 1904: goldener Armring mit almandinverzier­ ten Tierkopfenden, OAK sa 1904 g, 1907, 79, 124, BolschojKamenez/Sudsha, Grab II: ein Kettenarmring mit alman­ dinverzierten Tierkopfenden; (L. A. Mazulewitsch, Pogrebe­ nie warwarskowo knasja w wostotschnoj Ewrope. Moskau und Leningrad 1934, 63, Taf. X), sondern vor allem auch durch deren Gleichstücke. Von letzteren hatten ungarische Forscher bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts Kenntnis (Brief von M. Rosenberg an J. Hampel vom Januar 1904, Dokumentation des Ungarischen Nationalmuseums 84, 1904, G. Supka, ArchÉrt 34, 1914, 184-186), so daß bereits vor ihrer Publikation klar war, daß die Armringe von Bödpuszta von einem pontischen Goldschmiedemeister herge­ stellt worden waren und der Meister bzw. seine Werke offen­ bar mit den Hunnen während ihrer Herrschaft nach Ungarn gelangten. Ein Exemplar dieses östlichen Armringpaares (Durch­ messer 8,3 cm) gelangte zusammen mit einer zellen verzierten Goldschnalle (und einer geflochtenen goldenen Halskette oder einem Halsring?) aus dem ehemaligen Gouvernement Kiew in das Moskauer Historische Museum (Otschet istoritscheskowo Museja sa XXV let, Moskau 1916, 77, Taf. 41; B. A. Rybakow, SowArch XVII, 1953, 50, Abb. 5/6, Ein gutes Foto und die Beschreibung gibt auch A. Kiss, Acta ArchHung 35, 1983, 110 und Anm. 31, Abb. 17-18). Der Aufbewahrungsort des zweiten Exemplars ist unbekannt. Der aller Wahrscheinlichkeit nach aus dem südlichen Rand­ gebiet des Gouvernements Kiew stammende Grabfund dürf­ te wegen der Form und der Art der Zellenverzierung der Goldschnalle in die Zeit von Dengitzik-Irnek (455-469) zu datieren sein. Folglich dürften die Armringe von Bakodpuszta zur Zeit der Herrschaft Attilas (445-453) von ihrer Eigentümerin erworben worden sein, denn nach 455 waren die Beziehungen der zwischen Donau und Theiß lebenden Germanen zum Pontusgebiet durch die Gepiden unterbro­ chen. Allerdings kann nicht ausgeschlossen werden, daß der Goldschmied, der die Armringe anfertigte, ursprünglich im Ordu Attilas tätig war und daß das ukrainische Armringpaar von dort vor 453 zu den Ostrogoten oder nach 455 zusam­ men mit den Hunnen zurück nach dem Osten gelangte. Um

festzustellen, daß die Goldschmiede-Meisterstücke von Armringen aus Bakodpuszta während der Glanzzeit des Hunnenreiches angefertigt wurden, genügt es, sie mit den früheren Armreifen mit Tierköpfen aus Untersiebenbrunn und Regöly bzw. mit den entsprechenden nachhunnenzeitlichen Exemplaren (aus Someşeni/Szamosfalva. „Komitat Bereg" und „Ungarn"), also mit Belegstücken des sich gerade entfallenden bzw. des bereits verfallenden Stils zu verglei­ chen. N. Fetttich, Régészeti tanulmányok - Archäologische Stu­ dien, 82-83, 121, 195, Taf. XV/l-2, XVI/1. la-b. 2, 2a. 113. Geflochtene goldene Halskette mit goldenen Anhängern Dunapataj-Bödpuszta („Bakodpuszta") Grab I. Komitat Bács-Kiskun (1859) Daß zwei Halsketten gleichzeitig getragen bzw. im Grab niedergelegt wurden, gilt als Ausnahme. Ein Beispiel dafür ist nur das Frauengrab von Untersiebenbrunn. Die hier erörterte Halskette ist von früherem Stil sowie viel abgenutz­ ter und schadhafter als die andere Halskette, sie ist also zweifellos älter. Die aus vier Golddrähten geflochtene Halskette besitzt an beiden Enden ein zylindrisch geschlungenes Verschlußglied. von dem die von den geflochtenen Halsketten von MoultArgences und Kertsch bekannten Verschlußhaken fehlen. An der Kette sind zur Zeit noch in der Reihenfolge 3 + 10 + 2 15 kleine Ringe mit an diesen befestigten Anhängern er­ halten. Die kleinen Beschädigungen an der geflochtenen Kette verraten jedoch, daß an ihr ursprünglich 20 An­ hänger angebracht waren. Die Anhänger sind zweiglied­ rig, oben befinden sich von gekerbtem Draht umrahmte Dreieckfassungen mit Almandinplättcheneinlagen, an der unteren Spitze der Dreiecke hängen an weiteren kleinen Ringen befestigte eiszapfenförmige, gekerbte Goldstäb­ chen. Durch langen Gebrauch sehr abgenutzt. Aus sechs Zellen fehlt der Stein. Länge 35 cm, Gewicht 39,7 g. MNM Inv.-Nr. 19. 1860.3. Es handelt sich zweifellos um einen Schmuck aus dem Pontusgebiet, wie dies durch die Halskette aus der Grab­ kammer vom 24, Juni 1904 von Kertsch (A. Kiss, Acta ArchHung 35, 1983, 111, Anm. 46, Abb. 16) bestätigt wird. Die Kertscher Halskette besitzt jedoch keine Edelsteinverzierung, sondern nur 32 gegliederte Stäbchen-Anhänger. Dieser Halskette ähnlich ist die eine aus Untersiebenbrunn, die aber 50 Stäbchen-Anhänger, Parallelen zu den „Eiszapfen" von Bakodpuszta, besitzt. Die beiden letzteren Halsketten wur­ den vermutlich in derselben Werkstatt hergestellt, die mit Schmucksteinen besetzte aus Bakodpuszta ist jedoch eine besser ausgeführte Arbeit. Zu diesen Halsketten pflegt man auch die in Hochfelden im Elsaß gefundene geflochtene Halskette aus Gold zu zählen, die aber mit ihren 30 spitzen, innen hohlen Blechanhängern nur entfernt verwandt, sonst aber ebenfalls ein Erzeugnis des Pontusgebietes ist (J. Hatt, Gallia 23, 1965, 251, Abb. 5). Die Halskette von Bödpuszta ist aufgrund ihrer Paralle­ len und ihrer Beifunde im Grab kaum später als in den dreißiger Jahren des 5. Jahrhunderts hergestellt worden. Sic kann daher als ältere, vielleicht auch als einzige Halskette des Grabes I angesehen werden. N. Fettich, Régészeti tanulmányok - Archäologische Stu­ dien, 23, 82-83, 121,195, Taf. XV/3, XVIII/l. Neue, farbige Publikation A. Kiss GHA 193, IV, 4, a. Taf. 14.

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114. Faltenbecher mit Clättverzierung Dunapataj-Bödpuszta (,,Bakodpuszta") Grab I, Komitat Bács-Kiskun (1859) Das Gefäß wurde bei der Bestattung „mit dem Gold­ schmuck" gefunden, das heißt „an der Seite des größeren Skeletts". Graugetönt, scheibengcdreht, zwischen der Halsleiste und dem Mundsaum kurze, geglättete Fischgrätenmaster. Zwischen der Halsleiste und dem Bauch abwechselnd senk­ rechte Dellen und lange, geglättete Fischgrätenmuster. Das Gefäß kam in fragmentiertem Zustand in das Museum. Höhe 18 cm. MNM Inv.-Nr. 19.1860.14. Die Gefäßform provinzialrömischen Ursprungs verbrei­ tete sich im 3. Jahrhundert bei den germanischen Stammen, den nördlichen Nachbarn des Reiches. Das Gefäß aus Bödpuszta geht aber nicht unmittelbar auf ein provinzialrömisches Vorbild zurück, sondern folgt vielmehr der barbari­ schen Tradition und ist das Erzeugnis eines germanischen Töpfers. Das geglättete Fischgrätenmuster mit schräg nach oben angesetzten Gräten ist auch provinzialrömischer Her­ kunft. Die langen, nach unten weisenden Gräten sind hinge­ gen ein charakteristisches Motiv barbarischer Töpferei wäh­ rend der Hunnenzeit (vgl. Lengyeltóti. Taf. 72, Dunaszekcső, Taf. 24, Füzesgyarmat, Abb. 73), das auch in den Gebieten nördlich der Donau, so weit die Hunnen gelangt sind, anzu­ treffen ist (Henkelkrug aus Velké Némčice, Mähren: I. Peškař, PA 74, 1983, 179, Abb. 2/9 und 8/3; vorzüglich gearbeite­ ter Henkelkrug östlicher Form des 4./5. Jahrhunderts aus Zeißholz-Hoyerwerda. Sachsen: Jahreshefte der Gesellschaft für Anthropologie und Urgeschichte der Oberlausitz 3, Gör­ litz 1929, Taf. 3). Der spätrömische Vorläufer erscheint schon in der Tschernjachow-Kultur, z. B. auf den Krügen von Kabora. Grab 5 (B. W. Magomedow in: Mogilniki tschemjachowskoj kultury, Moskau 1979, 32-36, Taf. VI/5, VIII/4). Kurze Zeit, nachdem das fragmentierte Gefäß ins Mu­ seum gelangt war, verscholl es. 120 Jahre lang war es nur durch die schlechte Zeichnung in der Publikation Arneths bekannt. Als Hampel das Gefäß der internationalen Fach­ welt bekanntmachte, war er sich nicht einmal über dessen Abmessungen im klaren; er schätzte die Höhe auf nur 8 cm. Viel schlimmer war, daß Hampel den in der Publikation Arneths als Vorbild für das Gefäß von Bödpuszta illustrier­ ten, aus Amstetten in Niederösterreich stammenden römi­ schen Faltenbecher als „zweites Gefäß des Puszta-Bakoder Grabes" betrachtete und als gleichfalls zu diesem Fund ge­ hörend veröffentlichte (Alterthümer I, 805, II, 1-3; III, Taf. 4/1-2). Den römischen Faltenbecher datierte er in das 4. Jahrhundert (tatsächlich stammt er aus dem 3. Jahrhun­ dert) und versuchte so, die Funde von Bakodpuszta diesem chronologisch anzupassen. Hampels Irrtum ist heute eigent­ lich unverständlich, war doch den Autoren früherer ungari­ scher Arbeiten (Rómer 1866, Henszelmann 1875) durchaus bewußt, daß der römische Faltenbecher aus Amstetten stammte. Das Gefäß von Bödpuszta wurde im Jahre 1970 von I. Kovrig wieder entdeckt und identifiziert. A. Kiss, Acta ArchHung 35, 1983, 104, Taf. 6, Der Autor zählt das Gefäß zum Grab „1-2", womit er den entscheiden­ den Hinweis im Inventarbuch außer acht läßt. 115. Goldene Halskette mit Granatkugeln und Anhängern mit Granateinlagen (Farbtafel XXIX) Dunapataj-Bödpuszta („Bakodpuszta") Grab I oder 2, Komitat Bács-Kiskun (1859)

Zur Zeit ist sogar schwer zu ermessen, ob diese Halskette zu dem Grab mit dem „größeren Skelett" und „mit dem Goldschmuck" gehörte oder aber zu der späteren Bestattung mit dem kleineren Skelett. Die prunkvolle Ausführung der Kette, ihr „Rang" spricht für das ältere Grab, die techni­ schen Elemente sprechen jedoch eher für das jüngere Grab. Die Goldkelle besteht aus achterförmigen Gliedern, auf die 14 runde Granatperlen aufgefädelt sind, die gleichmäßig größer werden. Zwischen den Perlen sind an kleinen Ösen abwechselnd sieben halbmondförmige und sechs herzförmi­ ge Anhänger mit granatbesetzten Kästchenfassungen ange­ bracht. Die Verschlußkonstruktion besteht aus einer unter dem Rand einer Steinfassung verdeckten, schlingenförmigen Öse und einem mit drei ovalen Steinfassungen versehenen Haken. Aus zwei Fassungen sind die Steine herausgefallen. Abgenutzt. Gesamtlänge 36,5 cm. Gewicht 79,65 g. MNM Inv.-Nr. 19.1860.2. Diese Goldkette ist bisher in ihrer Art einmalig. Ihre Granatperlen sind wahrscheinlich iranischer oder indischer Herkunft. Eine genaue Parallele zu den ovalen Edelsteinfassungen der Verschlußkonstruktion ist uns schon aus den Funden von Szeged-Röszke-Nagyszéksós bekannt. Die Goldkette wurde also ganz sicher bereits während der Hun­ nenzeit zusammenmontiert. Ferner finden wir die hinter Edelsteinschmuck verdeckten Verschlußkonstruktionen in der italischen Goldschmiedekunst der Odoakerzeit (die Goldkelten der Schätze von Desana und Reggio Emilia), außerdem auf Halsketten mit edelsteinverzierten halbmond­ förmigen Anhängern aus demselben Bereich (V. Bierbrauer. Die ostgotischen Grab- und Schatzfunde in Italien, Spoleto 1975, Taf. XVII/1-lb. XXXV/1 und LXII/2). Aus all den genannten Gründen dürfte die Kette von Bödpuszta irgend­ wann gegen Ende der Hunnenzeit angefertigt worden sein N. Fettich. Régészeti tanulmányok - Archäologische Stu­ dien 23, 83, 121-122, 195, Taf. XV/4, XVII/1, I. Kovrig in: Magyarország régészeti leletei - Archäologische Funde in Ungarn, Budapest 1957, 306, Dies., A bakodpusztai aranyékszerek. Magyar Nemzeti Múzeum, Kiállítási lapok [Der Goldschmuck von Bakodpuszta. Ungarisches Nalionalmuseum. Ausstellungsblätter), Régészet 9, Geistvoll bringt die Autorin die Granatperlen von Bödpuszta mit jenen indi­ schen Edelsteinen in Zusammenhang, mit denen Maximinus im Herbst 449 in Serdica Edika beschenkte. 116. Goldene Gürtelschnalle mit Granateinlagen und ihr Detail (Farbtaleln XXX, XXXI) Szeged (1879) Zwei einander gegenüberliegende Tierköpfe bilden einen runden, innen hohlen Schnallenring. Die Augen der Tiere bilden kleine runde, die Ohren tropfenförmige größere Gra­ nateinlagen, am Hals trassierte, fischgrätartige Mähne. Den Dom bildet ein Ungeheuerkopf mit offenem Mund und Sägezahn, die Augen sind runde, am Hals befinden sich tropfenförmige Granateinlagen. Die Oberfläche des vierecki­ gen Schnallenbeschlags wird in der Mitte von runden, ovalen und herz- oder zikadenflügelförmigen Zellen unterteilt, diese haben rundum einfache Zellen. 1884 enthielten sie keine Steine (A magyar történelmi ötvösmü-kiállitás lajstroma [Register der ungarischen historischen Goldschmiedekunstausstellung] Budapest 1884, 71, Nr. 10). Rückseite glatte Goldplatte, an den vier Ecken mit den glattgehämmerten Enden der Nieten von der Vorderseite. Gesamte Länge 7,6 cm, Gewicht (1890) 201,4 g.

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Der Schnallenring knüpft an die Armreifen von Bakodpuszta (Taf. 112) und ihre Parallele vom Pontus an, ist aber als Schnallenring bis heute ein Unikum. Die Schnalle, vor allem die Schnallenbeschlag, ist mit der goldenen Schnalle von Nagydorog (Farbtaf. XXVII) und der hunnenzeitlichen Schnalle von Kruševac in Altserbien verwandt (A. Riegl, Spätrömische Kunstindustrie, Wien 1901, Taf. XII/5), wahrscheinlich gehörten alle drei zu den Gürteln vornehmer Frauen aus der Hunnenzeit. Diner: Katalog 8, Nr. 11, Taf. II/7 (Foto), ohne Fundorlangabe. Bekanntere Publikation (H. Rupp, Die Herkunft der Zelleneinlage und die Almadin - Scheibenfibeln im Rheinland, Bonn 1937, 130, Abb. 65) bringt sie fälschlich mit dem Fundort „Sissek", dem angeblichen Fundort eines urzeitlichen Schmuckes im Diner-Katalog, Taf. II/2. in Verbindung. Drei von den 1890 im Diner-Katalog aus der KárászSammlung gezeigten vier völkerwanderungszeitlichen Goldschnallen hat Géza Kárász bestimmt von den Gebrüdern Egger gekauft. Diese drei Schnallen kamen nämlich beim Verkauf der Sammlung in das Ungarische Nationalmuseum. Der Inventarposten RN 107, 1893 teilt mit daß auf allen drei Schnallen der Stempel ET (Egger-Teslvérek = Gebrüder Egger) zu finden ist (I. Bóna, VMMK 18, 1986, 37 und Anmerkung). Die hier angeführte, vierte, herausragend schöne Schnalle aus der Szegeder Kárász-Sammlung erörterte F. Pulszky 1879 als ausgesprochen „in Szeged gefundenen" „germanischen" Fund aus der Völkerwanderungszeit. Der Vortrag über eine einzige Szegeder Schnalle figuriert im amtlichen Protokoll der Országos Régészeti Társulat [Archäologische Landesgesellschaft] (ArchÉrt. XIV, 1880,

XVII), im Jahrbuch 1879-1885 der Országos Régészeti és Embertani Társulat [Landesgesellschaft für Archäologie und Anthropologie] (Budapest 1886, 6) sowie bei dem die Kárász-Sammlung gut kennenden Szegeder Archäologen und Museumsgründer (J. Reizner, Szeged története (Die Geschichte von Szeged] I. Szeged 1899, 15). Die andere Mitteilung (ArchÉrt. XIII, 1879, 32) ist also irreführend, die von einem Vortrag Pulszkys „über zwei in Szeged gefundene Goldschnallen aus der Völkerwanderungszeit" berichtet, hier wird die einzige Schnalle mit den gleichzeitig besprochenen zwei Fibeln aus Pécs verwechselt und dadurch auch die sich nur auf diese hinweisende neuere Fachliteratur irregeführt (M. Nagy, Szeged története [Die Geschichte von Szeged] I, Szeged 1983, 158, Anm. 127). Die Szegeder Schnalle aus der Kárász-Sammlung konnte das Ungarische Nationalmuseum nicht mehr erwerben, weil sie inzwischen in die Tyszkiewicz-Sammlung kam und von dort 1898 in die Pariser Béarn-Béhaque-Sammlung. Hier entstand die neue Zelleneinlage des Schnallenbeschlags, und hier wurde sie zum ersten Mal 1905 mit dem falschen Fundort Sissek katalogisiert. Der Fundort Szeged steht außer Zweifel, wahrscheinlich wurde die Gürtelschnalle auf dem Öthalom im Verlauf der Erdarbeiten nach dem großen Hochwasser von 1879 gefunden. Die Schnalle gelangte um 1988/89 in eine amerikanische Privatsammlung. Als einen „in Ungarn gefundenen gotischen" Fund beschrieb sie jetzt K [atherine] R (eynolds) B [rown] in: Glorics of the Past. The Metropolitan Museum of Art, New York 1990. 259, Nr. 191, 117. Der Dorn der Gürtelschnalle (Farbtafel XXXI)

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