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Acta Orientalia Academiae Scientiarum Hung. Volume 65 (3), 291–316 (2012) DOI: 10.1556/AOrient.65.2012.3.4

REITERNOMADEN DES SCHWARZMEERRAUMS (KUTRIGUREN UND UTIGUREN) UND BYZANTINISCHE DIPLOMATIE IM 6. JAHRHUNDERT

DANIEL SYRBE

FernUniversität in Hagen Historisches Institut, Lehrgebiet Geschichte und Gegenwart Alteuropas Universitätsstr. 33, Bauteil B, 58084 Hagen, Deutschland E-mail: daniel.syrbe@fernuni-hagen.de

The article shows how mid-6th century Byzantine governments tried to exercise an indirect control over the steppe region stretching from the banks of the Danube to the north of the Black Sea by means of diplomacy. This area is a traditional living environment of horse-nomadic groups. The Byzantine government did not simply practise a “balance of powers” policy between the large no- madic groups in the area – like the Kutrigurs and Utigurs, both mentioned by Procopius of Cae- sarea and Agathias of Myrina – but held a network of contacts right across these larger entities. The specific political and economic conditions of the 6th century obviated the rise of another “nomadic empire”.

Key words: Byzanz, Justinian I. (527–565), Kutriguren, Utiguren, Nomaden/Reiternomaden, Step- pe, Diplomatie.

Die fast vierzigjährige Herrschaft des byzantinischen Kaisers Flavius Petrus Sabba- tius Justinianus Augustus (527–565) wird in der historischen Forschung kaum weni- ger zwiespältig gesehen als schon unter den Zeitgenossen des Herrschers. 1 Der Histo- riograph Agathias von Myrina beispielsweise hebt in seinem Ende der 560er Jahre

1 Zusammenfassend zur neueren Justinianforschung: Leppin (2007) und hier bes. S. 683 zur im Folgenden im Zentrum stehenden justinianischen Außenpolitik. Maas (2005, S. 3–9). Zur Be- wertung der Herrschaft Justinians bes. Meier (2003, S. 642–655) und kurzgefasst Meier (2004, S. 114–119). Zudem die mit Blick auf mittelfristige Auswirkungen der Herrschaft Justinians sehr unterschiedlichen Bewertungen bei: Ostrogorsky (1995 [1940], S. 55), Haldon (1990, S. 15–20), Cameron (1993, S. 104–109, 123–127), Evans (1996, S. 269–272), Mitchell (2007, S. 378–386). Zur justinianischen Außenpolitik: Pohl (2005, S. 471–473). Meier (2003, S. 653) fasst die Herr- schaft Justinians I. als Transformationsphase auf, in der sich das oströmische in ein byzantinisches Reich wandelte. Aus Gründen der sprachlichen Vereinfachung werden im Folgenden Reich und Zeit Justinians (und seiner Nachfolger) als „byzantinisch“, die vorausgehenden Phasen als „spätrö- misch“ bezeichnet.

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entstandenen Geschichtswerk, das zu den wichtigsten Quellen zur Spätzeit Justinians gehört, 2 zunächst die positiven Leistungen des Kaisers hervor. Dieser habe mit der Tatkraft seiner jungen Jahre mit Afrika und Italien dem Reich zwei Regionen zurück- gewonnen, die der römischen Herrschaft im Laufe des vorangegangenen Jahrhun- derts verloren gegangen waren, so dass Justinian der erste der Herrschenden von Byzanz sei, der sowohl dem Titel als auch den faktischen Gegebenheiten nach Kaiser der Römer war. 3 Dagegen kritisiert Agathias scharf, dass der selbe Justinian in seinen späten Jahren seine Energie verloren habe und es nun vorzog, die Feinde des Reiches gegeneinander auszuspielen und diese mit Geschenken zu beeindrucken, statt – dem kaiserlichen Ideal entsprechend – militärische Stärke zu demonstrieren (Agathias V

14,1–2).

Dieses pessimistische Resümee fügt Agathias in seinen ausführlichen Bericht über den großen Einfall der reiternomadischen Kutriguren 4 ein, bei dem diese im Jahr 559 zuerst die byzantinischen Provinzen an der Donau verwüsteten, anschließend bis nach Griechenland und letztendlich sogar bis in das unmittelbare Vorfeld Kon- stantinopels – Hauptstadt und unbestrittene Metropole des Byzantinischen Reichs – vorstießen (Agathias V 13,5f.). Dieses Desaster konnte sich Agathias zufolge ereig- nen, weil sich die Zahl der byzantinischen Soldaten in der jüngsten Vergangenheit zum einen dramatisch verringert habe, diese nun aber zum anderen als Folge der of- fensiven Außenpolitik Justinians über ein viel größeres Territorium – von Spanien bis in den Kaukasus, von Italien bis nach Nordafrika und von Ägypten bis zur persi- schen Grenze – verstreut seien (Agathias V 13,7). Die Balkanprovinzen aber, die das geographische Vorfeld Konstantinopels und daher stets ein politisches und strategi- sches Kerngebiet des spätrömischen und byzantinischen Reiches darstellten (Koder 1984, S. 16), hätte Justinian dagegen – so Agathias weiter – vernachlässigt, so dass die dortigen Städte zur leichten Beute für die Barbaren geworden seien (Agathias V 14,5). 5 Dieser von Agathias zum Ausdruck gebrachten pessimistischen Sicht auf den Zustand der byzantinischen Balkanprovinzen folgt die historische Forschung bis in jüngste Zeit gern. Der Byzantinist Otto Mazal meint beispielsweise, dass „der Balkan- halbinsel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde, die doch von Hunnen, Slawen, Bulgaren und Germanen auf das Nachhaltigste bedroht wurde“, und Jochen Martin konstatiert, „für die Ost- und Westpolitik des Kaisers hatte der Balkan zu bluten“ (Mazal 2001, S. 182, Martin 1995, S. 57; ähnlich Barker 1966, S. 193f.). Für die Be-

2 Zum Stand der Agathiasforschung: Leppin (2007, S. 665). Zu Agathias immer noch grund- legend: Cameron (1970).

3 Agathias V 14,1: ‘O γ¦ ρ βασιλε Ý ς πειδ ¾ πρÒ τερον ’Iταλ ˆ αν ξÚ µπασαν χειρ èσατο κα ˆ ΛιβÚ ην κα ˆ το Ý ς µεγστους κε νους πολ š µους δι» νυσε κα ˆ πρî τος æ ς ε πε ν ν το ς κατ ¦ τÕ Βυζ £ ντιον βεβασιλευκ Ò σι ‘Pωµα ων α Ù τοκρ £ τωρ Ñνοµαστ τε κα ˆ πρ £γµατι ¢ πεδ š δεικτο.

4 Zur Frage inwiefern die Kutriguren als Nomaden zu identifizieren sind s. unten Anm. 9

und 13.

5 Agathias Pessimismus wird vor dem Hintergrund, dass der schnelle Sieg über die Vanda- len und die daraus folgende (Rück)Eroberung Nordafrikas 533/534 sowie die ähnlich spektakulären Anfangserfolge gegen die Ostgoten in Italien (535–540) in der justinianischen Regierung hochflie- gende Hoffnungen weckten, die entsprechend in die Öffentlichkeit kommuniziert wurden, umso verständlicher, s. Meier (2003, S. 144f.).

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drohung der Balkanprovinzen werden vor allem die in den Steppen- und Grasland- zonen nördlich der Donau und des Schwarzen Meeres lebenden reiternomadischen Gruppen verantwortlich gemacht. In der Forschung firmieren diese teils unter den in den zeitgenössischen byzantinischen Quellen belegten Namen als „Kutriguren“ oder „Hunnen“ oder „Bulgaren“, teils aber auch unter verschiedenen Hybridbildungen aus diesen drei Bezeichnungen. Diese Reiternomaden hätten die byzantinischen Provin- zen immer wieder mit Raubzügen überzogen und so kontinuierlich destabilisiert. 6 Zwar ist es alles in allem unstrittig, dass die byzantinischen Provinzen südlich der Donau seit den 540er Jahren wiederholt das Ziel von Plünderungszügen nördlich der Donau ansässiger reiternomadischer (aber auch slawischer) Kriegerverbände wa- ren, 7 aber eine einseitige Fokussierung auf die schlichte Abfolge solcher Konflikt- ereignisse, aus der dann wiederum auf krisenhafte Zustände in den Balkanprovinzen geschlossen wird, verstellt letztendlich den Blick auf das Wesentliche an den politi- schen Strukturen in der Region im 6. nachchristlichen Jahrhundert. Die in der histo- rischen Forschung nur wenig wahrgenommene Zeitspanne zwischen dem Zerfall des polyethnischen Attilareichs (um 453/454) und Etablierung der Awaren 8 (zwischen 558 und 568) als jenen beiden Phasen der Spätantike und des frühen Mittelalters, in denen Verbände reiternomadischer Prägung 9 den Donauraum dominierende Macht- konzentrationen bildeten, war mehr als nur eine Übergangsperiode zwischen zwei großen „Nomadenreichen“. 10 Vor allem war der Balkanraum dieser Zeit kein „danger-

16 Martin (1995, S. 57) zufolge rissen „die Einfälle der Slawen, Bulgaren und hunnischen Kotriguren und Utiguren (sic!) nicht ab“, Demandt (2007, S. 246) zufolge „gerieten die Donaupro- vinzen langsam, aber sicher unter die Herrschaft transdanubischer Völker. Bulgaren und Kutrigu- ren, Hunnen und Türken, Awaren und Slawen erschienen im Balkanbereich“. Die in der For- schungsliteratur oft anzutreffende Auflistung reiternomadischer Gruppen in Form regelrechter „Völ- kerkataloge“ soll offenbar das Ausmaß der von diesen ausgehenden Gefahr möglichst deutlich vor Augen führen. Geradezu dramatisch schätzt Evans (1996, S. 253) die Situation ein: „the Kutrigur Bulgars swept across the Danube again [im Jahr 559] and threatened to take Constantinople“.

17 Ereignisgeschichtliche Übersichten bieten Meier (2003, S. 656–670) und Batty (2007, S. 116–118). S. auch Croke (1980).

18 Zu den Awaren immer noch grundlegend Pohl (1988), hier bes. S. 48–57 zur Etablierung der Awaren im Donauraum.

19 Der Grad einer nomadischen Lebensweise bei Hunnen und Awaren kann hier leider nicht im Detail diskutiert werden. Avenarius (1988, S. 126f.) wies darauf hin, dass ein eng gefasster No- madismusbegriff aus historischer (und auch aus ethnologischer) Sicht problematisch ist, da ent- sprechende Beschreibungen in den Schriftquellen eher „literarische Fiktion und Topos“ sind und „von denselben literarischen Quellen widerlegt werden, sobald sie sich um ein konkretes Bild der Steppengesellschaft bemühen“. Durch die in der spätrömischen und byzantinischen Historiographie und Ethnographie geläufigen Beschreibungen als Nomaden wurden Hunnen, Awaren und andere vergleichbare Gruppen für den anhand der klassischen antiken Literatur gebildeten Leser in eine vertraute Weltordnung integriert. Charakterisierung der Hunnen: Ammianus Marcellinus XXXI 2. Awaren: Theophylaktos Simokates I 3; zudem Pohl (1988, S. 163–170). Besonders in der grie- chischsprachigen byzantinischen Literatur des 6. Jh. (Prokop, Agathias, Theophylaktos Simokates) löst die Bezeichnung „Hunnen“ diejenige als „Skythen“ als Synonym für nomadisch lebende Grup- pen des Steppenraumes weitgehend ab.

10 So z.B. Haldon (1990, S. 21), der für das 6. Jahrhundert im Balkanraum im Vergleich zum 7. Jahrhundert „little more than short term problems“ sieht.

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ous no-man’s land“ 11 abseits des politischen Geschehens. Seit dem späten 5. Jahrhun- dert bestanden in dieser Region eher dezentrale Strukturen, in denen eine Vielzahl von stärker sedentär oder stärker nomadisch geprägten Akteuren miteinander um Macht und Einfluss konkurrierte. 12 Neben den Langobarden und Gepiden ragen in der byzantinischen historiographischen Überlieferung des 6. Jahrhunderts die reiter- nomadischen Kutriguren und Utiguren als einflussreiche Kräfte heraus. 13 Während aber in der Attila- und in der Awarenzeit das Kräfteverhältnis zwischen Konstantino- pel und seinen reiternomadischen Nachbarn über längere Phasen zugunsten letzterer verschoben war – wobei sich dieses Verhältnis nicht statisch sondern durchaus dyna- misch gestaltete – und reiternomadische Anführer über längere Phasen das politische Geschehen diktierten, zeigte sich in der Regierungszeit Justinians ein vergleichswei- se ausgeglichenes Szenario, in dem sich die kaiserliche Regierung in Konstantinopel gegenüber den nomadischen Gruppen eher in einer Position relativer Stärke befand und aufgrund ihrer überlegenen ökonomischen Ressourcen gezielt anders als militä- risch agieren und die Mittel und Möglichkeiten einer äußerst erfahrenen und effizien- ten Diplomatie ausspielen konnte. Diese Konstellation dürfte viel eher den „Normal- zustand“ in den Beziehungen Konstantinopels zu seinen reiternomadischen Nachbarn nördlich der Donau und des Schwarzen Meeres widerspiegeln als die aus einer longue- durée-Perspektive betrachtet außergewöhnlichen Machtkonzentrationen der Attila- und der frühen Awarenzeit. Der Balkanraum der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts bietet damit ein anschauliches Fallbeispiel für das grundsätzliche Problem der poli- tischen und militärischen Interaktion zwischen einem sedentären Staatswesen mit für vormoderne Verhältnisse sehr komplexen, ausdifferenzierten administrativen Struktu- ren auf der einen und Gruppen mit einer reiternomadisch geprägten Lebensweise und ihren segmentären Gesellschaften auf der anderen Seite. Am Beispiel der beiden Raubzüge, die kutrigurische Kriegerverbände in den Jahren 551 und 559 in die by- zantinischen Balkanprovinzen führten, soll daher im Folgenden gezeigt werden, wie Konstantinopel erstens mit diplomatischen Mitteln auf die politischen und militäri- schen Kräfteverhältnisse im pontisch-danubischen Steppenraum einwirkte und welche Auswirkungen das byzantinische diplomatische Engagement in der Steppe mittel-

11 So aber Mitchell (2007, S. 403). 12 Whitby (2000, S. 712): „a complicated array of competing tribal groups“. 13 Hinsichtlich einer reiternomadischen Lebensweise der Kutriguren und Utiguren gilt prin- zipiell das in Anm. 9 zu Hunnen und Awaren gesagte. Charakterisierung als Nomaden: Prokop, Gotenkriege IV [VIII] 5 erzählt zu Kutriguren und Utiguren eine ähnliche origio gentis, wie sie seit Ammianus Marcellinus XXXI 2 und Jordanes, Getica. XXIV (121–130) von den Hunnen geläufig war und in der Kutriguren und Utiguren genealogisch von demselben Hunnenkönig abstammen; auf diese origio verweist Agathias V 11, 2f.; s. auch Ziemann (2007, S. 96f.). Zudem werden die Begriffe „Kutriguren“ bzw. „Utiguren“ und „Hunnen“ bei Prokop und Agathias wiederholt syno- nym und im selben Sinnzusammenhang abwechselnd verwendet. Zacharias Rhetor XII 7 ordnet die „Kurtargar“ in seinem Katalog der fleischverzehrenden nordpontischen Zeltbewohner ein und cha- rakterisiert diese so für den byzantinischen Leser eindeutig als Nomaden; zur Parallelisierung der „Kurtargar“ im syrisch überlieferten Text des Zacharias Rhetor mit den aus griechischen Texten be- kannten Kutriguren s. grundlegend Zacharias Rhetor, Ed. Ahrens/Krüger, S. 382 und Pohl (1988, S. 24f.), Ziemann (2007, S. 95) mit weiteren Literaturhinweisen.

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fristig auf die Beziehungen zwischen Konstantinopel und den Reiternomaden, aber auch zwischen den reiternomadischen Gruppen selbst hatte. Mit dem zweiten Punkt ist die Frage verbunden, warum in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts trotz einer Ausgangslage, die sich auf den ersten Blick kaum von der beim Eintreten der Awaren in den byzantinischen politischen Horizont unterschied, eben kein weiteres „reiter- nomadisches Großreich“ entstand.

Fallbeispiel I: Der Kutrigureneinfall des Jahres 551

Auslöser für den von Prokop von Caesarea – dem wichtigsten Historiographen zur Regierungszeit Justinians 14 – überlieferten kutrigurischen Einfall in das Illyricum und Thrakien im Jahr 551 (Prokop, Gotenkriege IV [VIII] 18–19) war die bereits seit einiger Zeit andauernde Auseinandersetzung zwischen Gepiden und Langobarden in der Donau-Theiß-Ebene. Zwar wurden die im Frühjahr 550 erneut ausgebrochenen Kämpfe zunächst eingestellt (Prokop, Gotenkriege IV [VIII] 18,1–11), jedoch be- schlossen die Gepiden für den bereits erwarteten nächsten Konflikt militärische Un- terstützung anzuwerben – zumal sie befürchten mussten, dass die Langobarden, die sich seit etwa 539/540 Konstantinopel angenähert hatten, ihrerseits von dort Unter- stützung erhalten könnten – und versuchten „einige Hunnen für ein Waffenbündnis (τîν τινας ΟÞ ννων ς τ¾ν Ð µαιχµ αν) zu gewinnen und schickten deshalb [Gesandte] zu den Anführern der Kutriguren (τîν Κουτριγο Ú ρων το Ý ς ¥ ρχοντας), die diesseits des Maioitissees wohnen, mit der Bitte, sie möchten gemeinsam mit ihnen die Lango- barden bekriegen“ (Prokop, Gotenkriege IV [VIII] 18,13f.). Diese Initiative traf bei den Kutriguren auf offene Ohren und mündete in eine gepidisch-kutrigurische Allianz (Ð µαιχµ α). 15 Kurze Zeit später traf ein kutrigurisches Heer im gepidischen Machtbe- reich ein, welches, wie Prokop explizit sagt, „neben anderen (ïν ¥ λλοι) von Chinia- lon, einem Mann, der im Krieg ganz besonders tüchtig war (¢ ν¾ρ διαφερ Ò ντως ¢ γαθ Õ ς τ¦ πολ š µια), angeführt (¹γοà ντο) wurde“ (Prokop, Gotenkriege IV [VIII] 18,15). 16 Den Gepiden aber – so Prokop weiter – ging dies nun jedoch zu schnell; zu einer Wiederaufnahme des Konflikts mit den Langobarden waren sie noch nicht be- reit. Andererseits sahen sie sich nun aber mit dem Problem konfrontiert, dass ein un- ternehmungsfreudiges kutrigurisches Heer in ihrem eigenen Machtbereich stand und auf adäquate Beschäftigung wartete. Daher verfielen die Gepiden auf die naheliegende Lösung: sie überredeten Prokop zufolge die Kutriguren „das Land des Kaisers heim-

14 Zu Prokop immer noch grundlegend ist die Arbeit von Cameron (1985). Die Forschung hat sich in jüngster Zeit intensiv mit der Historiographiegeschichte der justinianischen Zeit beschäf- tigt; für einen Überblick siehe Leppin (2007, S. 662–665). 15 Zur Ð µαιχµα: Schulz (1993, S. 157), der diese Bündnisform als kurzfristige Verträge „für einen begrenzten, meist militärischen Zweck auf paritätischer Basis“, die „nach Erreichen des Allianzzieles automatisch erloschen“ und die bewusst von längerfristigen Friedensverträgen abge- setzt waren, definiert; ähnlich Pohl (1997, S. 81), der zudem im Gegensatz zu Schulz betont, eine Ð µαιχµα „does not necessarily imply equality between the partners“. 16 Zu Chinialon: Martindale (1992a, S. 296 [Chinialon]).

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zusuchen“. Weil die römische Donaugrenze in Thrakien und im Illyricum zu dieser Zeit aber gut geschützt gewesen sei, habe das kutrigurische Heer den Fluss im gepi- dischen Gebiet passiert und begonnen, so wieder Prokop, „fast die ganze dortige Gegend“ zu plündern (Prokop, Gotenkriege IV [VIII] 18,15–18). Kaiser Justinian reagierte aber nicht wie zu erwarten wäre, indem er militärische Kräfte gegen die An- greifer mobilisierte, sondern „er schickte zu den Anführern der utigurischen Hunnen (παρ¦ ΟÞ ννων τîν ΟÙ τιγο Ú ρων το Ý ς ¥ ρχοντας), die jenseits des Maiotissees woh- nen, Gesandte, schalt sie und bezeichnete ihre Untätigkeit gegenüber den Kutriguren als Unrecht“ (Prokop, Gotenkriege IV [VIII] 18,18), denn obwohl die Kutriguren all- jährlich aus Konstantinopel große Geldsummen (χρ»µατα µεγ£ λα) erhielten, über- fielen sie die römischen Provinzen, teilten aber die Beute mit den Utiguren nicht (Prokop, Gotenkriege IV [VIII] 18,18–21). Zudem beschenkten die kaiserlichen Ge- sandten die Utiguren reichlich mit Geld und bewegten diese so zu einem Angriff auf die kutrigurischen Siedlungsgebiete. Nachdem die Utiguren wiederum bei ihren Nachbarn militärische Unterstützung organisiert hatten, überschritten sie den Don und attackierten die Kutriguren angeführt von Sandil, den Prokop als einen „äußerst verständige[n] und in vielen Kriegen erfahrene[n] Mann“ charakterisiert (¢ ν¾ρ ξυνε- τèτατος µłν κα ˆ πολ š µων πολλ îν œ µπειρος) (Prokop, Gotenkriege IV [VIII] 18,23). 17 Da den attackierten Kutriguren aufgrund des Raubzuges in den Donauprovinzen ein wesentlicher Teil ihres militärischen Potentials nicht zur Verfügung stand, verlief der utigurische Angriff erfolgreich (Prokop, Gotenkriege IV [VIII] 18,21–25). Auf der anderen Seite des räumlich weit gespannten Konfliktfeldes versäumte es die kaiserliche Administration aber nicht, die Führung des kutrigurischen Heeres, das noch immer die byzantinischen Provinzen durchzog, über die Geschehnisse in ihrer Heimat zu informieren und somit den militärischen Vorteil der Utiguren aufzu- heben. Konstantinopel ging noch einen Schritt weiter und einigte sich mit den Kutri- guren auf einen unbehelligten Abzug und sicherte eine Aufnahme auf Provinzial- gebiet zu, falls die Kutriguren nicht in der Lage sein sollten, den utigurischen Angriff abzuwehren (Prokop, Gotenkriege IV [VIII] 19,1–5). Dieses Ansiedlungsangebot wurde von einer kutrigurischen Gruppe angenommen, die allerdings nicht am Raub- zug in die Donauprovinzen teilgenommen hatte und von einem gewissen Sinnion ge- führt wurde (¹γο à ντο). Sinnion hatte 533/534 im byzantinischen Heer, das in Nord- afrika gegen die Vandalen operierte, ein Föderatenkontingent befehligt, sich aber zwischenzeitlich wieder im kutrigurischen Gebiet etabliert (Prokop, Gotenkriege IV [VIII] 19,6f.). 18

17 Zu Sandil/Sandilchos: Martindale (1992b, S. 1111f. [Sandilchus]); die Schreibweise des Namens variiert: Prokop verwendet „Sandil“, Agathias „Sandilchos“; zur Vereinfachung wird im Folgenden die Form „Sandil“ beibehalten. 18 Sinnion im Vandalenkrieg s. Prokop, Vandalenkriege I 11,11f. Sinnion ist ein aufschluss- reiches Beispiel für die sozial-kulturelle Durchlässigkeit zwischen Byzanz und der Steppe, die hier v.a. das byzantinische Heer bot; die von Sinnion befehligten Truppen bezeichnet Prokop als „Mas- sageten“, ein aus der klassischen griechischen Literatur entlehntes Synonym für Nomaden im pon- tisch-asiatischen Raum; in dieser Passage erwähnt Prokop noch einen zweiten Kommandanten eines „massagetischen“ Föderatenkontingents namens Balas. Zu den Föderaten des 6. Jahrhunderts s. Lee (2007, S. 13).

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Fallbeispiel II: Der Kutrigureneinfall des Jahres 559

Der vom eingangs bereits zu Wort gekommenen Agathias dokumentierte zweite kut- rigurische Angriff, der im Jahr 559 vor allem die thrakischen Provinzen traf (Aga- thias V 11–25), verlief trotz seiner weit größeren Dimension und längeren Dauer in vielen Zügen ähnlich, wie der des Jahres 551. 19 Den Raubzug des Jahres 559 führt Agathias auf die hochfliegenden Pläne des kutrigurischen Anführers Zabergan zu- rück, der als Vorwand jedoch seine Feindschaft zu den mit Konstantinopel verbünde- ten Utiguren vorgeschoben habe (Agathias, V 12,4–6). 20 Die Führung der Utiguren lag immer noch bei dem bereits aus Prokops Bericht über die Ereignisse des Jahres 551 bekannten Sandil, der als byzantinischer Alliierter vom Kaiser „oft in freundli- cher Weise beschenkt wurde“. 21 Im Gegensatz zum Utiguren Sandil war der Kutrigure Zabergan vom Fluss derartiger byzantinischer Zuwendungen abgeschnitten und woll- te daher mit einem Raubzug in die byzantinischen Provinzen zeigen, so Agathias, dass die Kutriguren zu fürchten seien und keine Respektlosigkeit hinnehmen würden (Agathias V 12,7). Im März 559 überquerte ein mit slawischen Kriegern verstärktes kutrigurisches Heer die Donau, ohne auf nennenswerten Widerstand zu treffen und durchzog anschließend plündernd das byzantinische Territorium. Die Verwüstung des Landes schildert Agathias ausnehmend farbig (Agathias V 11,6f.; 13,1–4), 22 aber wie schon acht Jahre zuvor verhielt sich die kaiserliche Regierung zunächst passiv. 23 Nach dem ungefährdeten Donauübergang teilte sich das kutrigurische Heer:

Die eine Gruppe stieß in südlicher Richtung nach Griechenland vor, die andere, von Zabergan angeführte, zog in Richtung Konstantinopel und überwand auch die so- genannten „Langen Mauern“ ohne Mühe, da dieser äußere Verteidigungsperimeter, der sich ca. 65 km westlich von Konstantinopel von der Südküste des Schwarzen Meeres zum Marmarameer erstreckte und das unmittelbare Vorfeld der Hauptstadt ge- gen Einfälle aus Thrakien abriegeln sollte, sich in schlechtem Zustand befand (Aga- thias V 11,6f.). 24 In Konstantinopel brach auf diese Nachrichten hin Panik aus (Aga- thias V 14,6–15,7). Zwar gelang es dem auf kaiserlichen Befehl reaktivierten greisen Kriegshelden Belisar (Martindale 1992a, S. 218f. [Belisarius 1]) mit einem Aufgebot von Reservisten und bewaffneten Bürgern die Kutriguren zu überrumpeln und in die Flucht zu schlagen, aber Zabergan formierte sein Heer schnell neu und die Kutrigu- ren durchstreiften noch mindestens bis August des Jahres beutemachend das Provin- zialgebiet (Agathias V 15,7–20,8; Malalas XVIII 129).

19 Agathias V 11,2–5 verortet die Siedlungsgebiete der Kutriguren und Utiguren ebenso wie Prokop nördlich des Schwarzen Meeres am Don.

20 Agathias kurzes Portrait Zabergans dient v.a. dazu, diesen dem byzantinischen Leser als typischen, anmaßenden Barbaren zu präsentieren. Zu Zabergan: Martindale (1992b, S. 1410 [Za- bergan 2]).

21 Agathias V 12,6: βασιλε Ý ς δè ροις θᵦ ™φιλοφονε το.

22 Zu den Slawen im kutrigurischen Heer s. S. 303 mit Anm 44.
23

24 Zu den „Langen Mauern“ s. Crow (2002, S. 344f.) und Meier (2009, S. 141–148).

Was Agathias V 13,5 ausdrücklich beklagt.

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Nennenswerte kutrigurische Erfolge blieben nun allerdings aus, auch weil die Kutriguren zunehmend gezwungen waren, befestigte Orte zu attackieren (Agathias V 21,6). Zabergan trat daraufhin mit der kaiserlichen Regierung in Verhandlungen über einen Abzug; Agathias erwähnt, dass der Kutrigure seine Forderung nach einer Geld- zahlung (χρ»µατα) mit der Drohung, sämtliche gefangene Byzantiner hinzurichten, rigoros durchsetzte (Agathias V 23,5–8). 25 Nach dem Abzug der Kutriguren aus dem byzantinischen Gebiet nahm Kaiser Justinian wieder Kontakt zu Sandil auf, den Agathias hier als „den anderen, verbün- deten Anführer“ (τÕ ν τερον ¹γεµόνα œ νσπονδον), der im „Sold“ (µισθοφόρον) Kon- stantinopels stand, bezeichnet. 26 Sandil ließ sich auch diesmal zu einem Angriff ge- gen die Kutriguren bewegen. Die erste überraschende utigurische Attacke war zwar zunächst erfolgreich, jedoch gelang es den Kutriguren diesmal, ihre Kräfte erneut zu sammeln und einen Gegenschlag zu führen. Die sich hieraus entwickelnden langwie- rigen Kämpfe zwischen den Kutriguren Zabergans und den Utiguren Sandils ver- liefen Agathias zufolge auf verschiedenen Intensitätsebenen von Raubzügen (λεηλα- σαι) in gegnerisches Territorium und Konterattacken bis hin zu regelrechten Schlach- ten (µ £ χαι). Dass sich die beiden Kontrahenten in diesen Kämpfen letztendlich so sehr gegenseitig schwächten, dass sie ihren „angestammten Namen“ (τ¾ν π£ τριον πωνυµ αν) verloren hätten, gilt Agathias als Beweis für die besondere Weitsicht des kaiserlichen Handelns (Agathias V 24,1–25,8).

Aktionsräume: Balkan und pontische Steppe

An den beiden kutrigurischen Raubzügen fällt zunächst der weitegespannte Aktions- raum der reiternomadischen Kriegerverbände auf, der sich von der Steppenzone nördlich des Schwarzen Meeres bis an die mittlere Donau erstreckte. Dieser Raum bildet nicht nur einen Interaktionsraum – sowohl in politisch-militärischer als auch in kultureller Hinsicht –, sondern wird auch durch ökologische Faktoren verbunden. 27 Die Steppenzone nördlich des Schwarzen Meeres, die sog. pontische Steppe, bildet das westliche Ende des Graslandgürtels, der die Eurasische Landmasse bis nach Ost- asien durchzieht. 28 Geographisch gesehen ist die pontische Steppe Teil der trockenen Mittelbreiten, für die ein ausgeprägtes sommerheißes und winterkaltes Klima charak- teristisch sind. Wegen der kontinentalen Lage bleiben die Niederschlagsmengen im Jahresmittel vergleichsweise gering, so dass Agrarwirtschaft nur begrenzt oder gar

25 Zu ähnlichen Lösegeldverhandlungen in frühawarischer Zeit s. Pohl (1992, S. 201). 26 Agathias V 24,2: œ στελλε γράµµα παρ ¦ Σάνδιλχον τÕ ν τερον ¹ γεµόνα œ νσπονδον τš ο ƒ Ô ντα κα ˆ µισθοφόρον. 27 Vgl. Batty (2007, S. 1f.), der die Zusammengehörigkeit dieser Region als „Pontic-Danu- bian region“ beschreibt. Zur Geographie der pontisch-danubischen Region s. neben den im Folgen- den angeführten Arbeiten grundsätzlich Batty (2007, S. 55–76) und auch Koder (1984, S. 20–28). Zur Entwicklung einer pastoralnomadischen Lebensweise DiCosmo (2000, S. 21–43).

28 DiCosmo (2000, S. 14) verweist grundsätzlich auf die Bedeutung des Eurasischen Step- pengürtels als Weg kulturellen Austauschs und bezeichnet diesen treffenden als „Steppe Highway“.

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nicht möglich ist. Die ausgedehnte natürliche Grasvegetation bietet jedoch ausge- zeichnete Bedingungen für eine extensive Viehwirtschaft und hier besonders für die Zucht von Pferden, die deutlich höhere Ansprüche an das Nahrungsangebot eines Ökosystems stellen, als beispielsweise Schafe oder Ziegen. In der Vormoderne wurde eine solche Viehwirtschaft meist als nomadische Viehwirtschaft betrieben (Schultz 2000, S. 273–312; Scholz 1995, S. 59f.). Im Westen setzt sich die pontische Step- penzone in der Walachischen Tiefebene fort, die im Süden über die Donau hinweg bis an das Balkangebirge und im Norden bis an die Karpaten heranreicht. Im Westen schließt die Donau-Theiß-Ebene als ein durch den Karpatenbogen abgetrennter Annex den Eurasischen Graslandgürtel ab. Die Walachische und die Donau-Theiß-Ebene gehören ökologisch gesehen bereits in die Zone der feuchten Mittelbreiten, denn we- gen ihrer westlicheren und damit meernäheren Lage weisen sie ein im Vergleich zur pontischen Steppe gemäßigteres und niederschlagsreicheres Klima auf, in dem Feld- bau prinzipiell möglich ist (Schultz 2000, S. 226–272). 29 Die ökologischen Bedingun- gen zwischen der Nordküste des Schwarzen Meeres und der Donau boten in Antike und Mittelalter nicht nur günstige Bedingungen für Gruppen mit pastoral-nomadi- scher Wirtschaftsweise sondern auch für die Art der Kriegführung reiternomadischer Heere, die hier – anders als beispielsweise in Gebirgszonen – erstens Raum für ihre charakteristischen taktischen Manöver (Angriffe mit mehreren eigenständig, aber auf- einander abgestimmt operierenden Einheiten, Scheinfluchten und Hinterhalte) und zweitens hinreichende Bedingungen für die Versorgung der in der Regel großen Zahl der beim Heer mitgeführten Pferde fanden. 30 In dieser geographischen Zone bildet die Donau eine natürliche topographische Linie, die in römischer und frühbyzantinischer Zeit als politische Grenze definiert und seit dem späten 3./ frühen 4. Jahrhundert mit einer entsprechenden militärischen Infrastruktur ausgebaut war. 31 Allerdings war – wie auch in anderen römischen und byzantinischen Grenzgebieten – diese Grenzlinie keineswegs allzeit undurchlässig, denn das römische bzw. byzantinische Imperium war phasenweise militärisch in den Territorien nördlich der Donau aktiv, strahlte aber vor allem ökonomisch und kultu- rell in die Gebiete jenseits seiner politischen Grenzen aus. Die Donau war somit viel- mehr Teil einer „area of contact and exchange“ zwischen den innerhalb des römischen bzw. byzantinischen Imperiums gelegenen Territorien südlich der Donau und denen außerhalb des Imperiums nördlich der Donau (Curta 2001, S. 150). Die Fähigkeit,

29 Die gemäßigteren ökologischen Bedingungen machen die Walachische und die Donau- Theiß-Ebene zu einer besonders ausgeprägten Kontaktzone zwischen nomadischen und sesshaften Kulturen. 30 Der Autor des gegen Ende des 6. Jh. entstandenen sog. „Strategikon des Maurikios“ be- handelt im Kapitel XI 2 die Kriegführung der Reiternomaden und warnt seine Leser, diese „freuen sich am Kampf aus der Entfernung, an Anschlägen, Einkreisungen gegen die Feinde, am vorge- täuschten Rückzug und an Wendungen, der Formation im Keil, d.h. an zerstreuten Aufstellungen“. Unter den Faktoren, die reiternomadische Heere in Bedrängnis bringen können, nennt er an erster Stelle der Mangel an Weideflächen, da diese stets eine große Menge an Pferden mitführten.

31 Donau als Grenze des Imperiums: Prokop, Bauten IV 1,33 und IV 5,9f. Ausbau der Do- naugrenze: Curta (2005, S. 176–179).

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solche überregionale Kontakte mit dem Imperium zu organisieren und zu koordinie- ren, konnte sich stabilisierend auf die soziale Stellung der lokalen Eliten nördlich der Donau auswirken, da diese so ökonomisches und soziales Prestige aufbauen konnten. In umgekehrter Richtung konnten Veränderungen politischer Konstellationen und Konzepte (die sich aus Quellengründen in der Regel nur auf römisch-byzantinischer Seite nachvollziehen lassen) – wie z.B. der von Kaiser Justinian etwa in der Mitte des 6. Jahrhunderts vorangetriebene massive Ausbau der Donaugrenze mit starken Befes- tigungsanlagen, 32 wodurch die Donau in viel stärkerem Maß als politisch-militärische Grenze konstituiert und Austauschbeziehungen zwischen dem Imperium und den Ge- bieten jenseits seiner Grenzen unterbrochen wurden – die Stellung der etablierten norddanubischen Lokaleliten untergraben. Dem bisher eingespielten Wettbewerb um soziales Prestige wurden dann neue Spielregeln aufgezwungen; das anhaltende Stre- ben nach Prestigegütern aus dem römischen bzw. byzantinischen Imperium konnte sich dann in Raubzügen in das Imperium entladen. Der Kontakt zur und damit der Zu- gang zu den ökonomischen Ressourcen der römisch-byzantinischen Welt wurde da- mit zu einem wichtigen Stabilitätsfaktor sowohl innerhalb der Gesellschaften außer- halb des Imperiums wie auch in deren Verhältnis zum römischen bzw. byzantinischen Imperium. 33 Die Donau aber auch tatsächlich in der Praxis als politisch-militärische Grenze durchzusetzen, gelang Byzanz darüber hinaus nicht immer gleichermaßen, da Konstantinopel nicht mehr den gesamten Donaulauf unter seiner Kontrolle hatte, was besonders für den Nordwesten der Balkanhalbinsel galt. Das 551 von den Gepiden an- geworbene kutrigurische Heer konnte Prokop zufolge die Donau ohne Schwierigkei- ten im gepidischen Gebiet überqueren und so die byzantinischen Verteidigungsanla- gen – auf deren guten Zustand Prokop eigens hinwies – einfach umgehen. Eine zweite, für die Beziehungen zwischen Byzanz und seinen reiternomadi- schen Nachbarn wichtige Kontaktzone bildete die Krim, deren administratives und ökonomisches Zentrum mindestens vom 4. bis zum 7. Jahrhundert die Stadt Cherso- nesos war (Ajbabin 2010, S. 397–423). Die teils engen Kontakte zu den reiternoma- dischen Gruppen auf der Krim und nördlich des Schwarzen Meeres spiegelt beispiels- weise die von Johannes Malalas dokumentierte Taufe des hunnischen Anführers Grod wider (Malalas XVIII 14 und Theophanes a.m. 6020). Besonders aufschluss- reich ist in diesem Zusammenhang aber der Bericht Menanders über die Reise des Gesandten Valentinos zu den Türken, der einen Einblick in die Reiseroute der byzan- tinischen Diplomaten und in die Machtstrukturen in der Steppe gibt. 34 Auf einen Aus- bau des byzantinischen Einflusses auf der Krim in justinianischer Zeit deutet zudem die von Prokop berichtete Einnahme der Stadt Bosporos hin (Prokop, Gotenkriege IV 5,26 und Prokop, Bauten III 7,12).

32 Die Hauptphase des justinianischen Limesausbaus an der Donau datiert Curta (2001, S. 150–155, 181–189) in die Zeit zwischen 539/40 und ca. 545.

33 Zu den sozialen und politischen Verflechtungen in den spätantiken und byzantinischen Grenzzonen s. grundsätzlich Curta (2005) und Halsall (2007, S. 138–162).

34 Menander Protektor fr. 19 (Bockley).

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Balkan und pontische Steppe: politische Fragmentierung in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts

In ihren Berichten über die kutrigurischen Kriegszüge zeichnen Prokop und Agathias für den Raum zwischen dem pannonischen Donauknie und der Nordküste des Schwarzen Meeres in der Mitte des 6. Jahrhunderts das Bild einer vielschichtigen po- litischen Landschaft mit eher kleinräumig organisierten, aber eng miteinander ver- knüpften Gruppen. 35 Die wichtigsten Akteure sollen im Folgenden kurz vorgestellt werden. Im Westen des genannten Raumes standen sich die spätvölkerwanderungs- zeitlichen Herrschaftsbildungen der Langobarden und Gepiden gegenüber. Den Ge- piden war es nach dem Zusammenbruch des Attilareichs – das politisch, militärisch und wohl durchaus auch kulturell von den Hunnen dominiert wurde, in seiner Struk- tur aber eigentlich vielmehr polyethnisch ausgerichtet war – zunächst gelungen, das vormals hunnische Kerngebiet im Karpatenbecken unter ihre Kontrolle zu bringen. 36 In der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts errangen die Gepiden eine Vormachtstel- lung im nördlichen Donau- und Karpatenraum, gerieten dann aber gegen Ende des 5. Jahrhunderts zunehmend an den Rand des „großen“ politischen Geschehens. Seit den 30er Jahren des 6. Jahrhunderts drängten die Gepiden aber wieder zurück auf die poli- tische Bühne und erwiesen sich dabei besonders aus byzantinischer Sicht als Unruhe- faktor, da die gepidischen Anführer nun immer wieder eine Politik betrieben, die Konstantinopels Interessen in der Region zuwiderlief (Pohl 1980, S. 288–290, 297– 299). 37 Zudem gerieten sie zunehmend in Konflikt mit den Langobarden, die im frü- hen 6. Jahrhundert ihren Einflussbereich aus dem Gebiet nördlich der Donau nach Pannonien, in das ehemals römische Provinzialgebiet südlich und westlich der Donau, ausgedehnt hatten. Für den konstantinopolitanischen Kaiserhof wurden die Langobar- den zu einem interessanten potentiellen Alliierten, weil sie nicht zuletzt vor dem Hin- tergrund des seit 535 geführten Krieges gegen die Ostgoten in Italien einen wirkungs- vollen Gegenpol zu den in das ostgotische Bündnissystem integrierten Gepiden bilden und die byzantinische Peripherie nach Westen und Südwesten sichern konnten (Pohl 1997, S. 87–98; 2005, S. 469; 2008, S. 26–28). 38 Die seit etwa 539/540 enger wer- denden Beziehungen zwischen Konstantinopel und den Langobarden im Zusammen-

35 Überblick bei Whitby (2000, S. 701–730).

36 Allgemein zu den Gepiden: Pohl (1980), hier bes. S. 246–249 zur Rolle der Gepiden im Attilareich, und S. 260–262 zum Zerfall des Attilareiches; zudem Wirth (1999, S. 113–115). Der Zerfall des Attila-Reiches setzte erneut schwer berechenbare Migrationsbewegungen hochmobiler germanischer Gruppen in Gang, die bis dahin durch die vergleichsweise hohen Bindungskräfte des Attilareiches aufgefangen worden waren: Wolfram (1990, S. 203f.), Heather (2006, S. 353–369) und Heather (1991, S. 246–250). Zum insgesamt nicht leicht zu fassenden Phänomen der ‚kulturel- len Prägung‘ des Attilareiches s. bes. Wirth (1999, S. 123–135).

37 Vor allem im seit 535 geführten byzantinisch-ostgotischen Krieg in Italien wurde das pannonische Donaugebiet zu einer strategischen Schlüsselregion (Pohl 2005, S. 468f.; Wirth 1999, S. 115f.; Meier 2009, S. 223–226).

38 Den Langobarden ist in der jüngeren Forschung als Fallbeispiel für frühmittelalterliche Migrationsprozesse einige Aufmerksamkeit zuteil geworden, s. dazu grundsätzlich Pohl – Erhart (2005), dort bes. Jarnut (2005).

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spiel mit der bis etwa 540 recht erfolgreichen Machtexpansion Konstantinopels in Italien (wodurch wiederum die Gepiden ihren wichtigsten Alliierten verloren) barg für die Gepiden dagegen das Risiko, politisch isoliert zu werden und von zwei Seiten unter Druck zu geraten. Unterstützung gegen diese drohende Umklammerung ließ sich am ehesten unter den reiternomadischen Gruppen im nordpontischen Steppen- raum finden, denn erstens waren infolge der politischen Entwicklungen im mittleren Donauraum Alternativen unter den germanischen gentes mittlerweile rar geworden und zweitens könnten diese Reiternomaden aus gepidischer Sicht vor dem Hinter- grund der Erfahrungen mit vergleichsweise kurzlebigen und nicht selten instabilen gentilen Herrschaftsbildungen und wechselnden Bündnissystemen den Vorteil geboten haben, dass sie einigermaßen außerhalb des langobardischen Einflusses lagen. Nördlich des Unterlaufs der Donau werden in der byzantinischen Historiogra- phie der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts erstmals slawische Gruppen erwähnt, die Prokop unter der Sammelbezeichnung „Sklavenen und Anten“ (Σκλαβηνο τε κα ˆ

Aνται) zusammenfasste. 39 Die Formierung der Slawen wurde in der historischen For-

schung des 19. und noch bis weit in das 20. Jahrhundert als das Resultat langwieriger Wanderungsbewegungen angesehen. In der jüngeren Forschung zeichnet sich hier aber – maßgeblich durch die Arbeiten Florin Curtas vorangetrieben – ein Paradigmen- wechsel ab, der wesentlich von der seit den 1960er Jahren etablierten Erforschung ethnischer Identitäten und des kulturellen Austauschs in Grenzzonen beeinflusst ist. 40

39 Erstmals tauchen slawische Gruppen in Prokops Gotenkrieg und Jordanes’ Getica auf, s. dazu Curta (2001, S. 36–43). Sklavenen und Anten galten aus byzantinischer Sicht als in ihrer Le- bensweise einander äußerst ähnlich; z.B. fasst Prokop, Gotenkriege III [VII] 14,22–30 Sklavenen und Anten in einem ethnographischen Exkurs zusammen, was insofern auffällig ist, da diese literarische Komposition eben nicht wie in der Regel üblich dem Vergleich beider Gruppen dient (wie z.B. im Exkurs zu den nordafrikanischen Vandalen und Mauren: Prokop, Vandalenkriege II 6,4–14), sondern vielmehr deren Gleichartigkeit betont. Auffällig ist zudem, dass Sklavenen und Anten sich in den Augen Prokops offenbar deutlich von den germanischen Gruppen (Langobarden, Gepiden) unterschieden. Dafür verwendet Prokop für die Beschreibung der Sklavenen und Anten Charakteristika, die in der byzantinischen ethnographischen Literatur als typisch für Nomaden gal- ten, so auch Curta (2001, S. 37f.). Wie die Unterscheidung zwischen Sklavenen und Anten in der frühbyzantinischen Histo- riographie zu interpretieren ist, kann an dieser Stelle nicht diskutiert werden. Möglicherweise han- delt es sich hierbei schlicht um die ersten Versuche, innerhalb der neu in den Horizont der byzan- tinischen Politik eintretenden und daher noch relativ unbekannten und „unstrukturierten“ Slawen – die zudem aus der Sicht der Byzantiner anscheinend ganz andere politische Strukturen aufwiesen als die seit langem bekannten und daher ethnographisch gut erfassten Germanen – einzelne Grup- pen zu unterscheiden. 40 Forschungsgeschichte zu den frühen Slawen: Curta (2001, S. 6–14); der von Curta ange- stoßene Paradigmenwechsel weist sehr enge Parallelen zum etwa seit den 1960er Jahren vollzoge- nen Perspektivwechsel in der Forschung zu den ‚germanischen‘ gentes auf, die seit den wegweisen- den Arbeiten von R. Wenskus und H. Wolfram nicht mehr länger als geschlossene, wandernde ‚Völker‘ sondern vielmehr als Ergebnis komplexer und vielschichtiger Identitätsbildungsprozesse gesehen werden; zur Forschung zu den germanischen gentes und zur Ethnogenese-/Identitätsfor- schung s. den kompakten Überblick bei Halsall (2007, S. 10–22 und 35–45). Curtas Überlegungen zur „slawischen Ethnogenese“ basieren zum Teil auf Arbeiten, die bereits die Forschung zu den ger- manischen gentes nachhaltig beeinflusst haben, s. Curta (2001, S. 14–22). Zur immer wieder auch

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Curta zufolge formierten sich die Slawen nördlich der Donau im unmittel- baren Vorfeld der byzantinischen Grenze als „response to the historical conditions created by the implementation of the fortified frontier on the Danube“ (Curta 2006, S. 60). 41 Die Grenzpolitik des byzantinischen Kaisers Justinian, der den befestigten Ausbau der Donau vorantrieb, schnitt die sozialen Eliten nördlich der Donau vom Zu- gang zu Prestigegütern aus Byzanz ab und entfachte somit einen neuen Wettbewerb um soziales Prestige innerhalb dieser Eliten. Dadurch eröffneten sich Möglichkeiten für einen „neuen Typ“ von Anführerpersönlichkeiten, der seit der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts in den historiographischen Quellen begegnet. Das Sozialprestige die- ser neuen Anführer basierte in erster Linie auf der erfolgreichen Durchführung von Raubzügen, durch die sie eine Anhängerschaft aufbauen und eine individuelle Macht- stellung errichten konnten. 42 Im Gegensatz dazu bietet die byzantinische Historiogra- phie der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts keine Hinweise auf sichtbare politische oder soziale Hierarchien in den slawischen Gruppen, was wohl als charakteristisches Merkmal der sozialen Ordnung der Slawen dieser Zeit zu sehen ist. 43 Slawische Kämpferverbände formierten sich seit den 530er Jahren wiederholt zu Raubzügen in die byzantinischen Donauprovinzen oder beteiligten sich an solchen Unternehmun- gen anderer, beispielsweise reiternomadischer Gruppen, wie bereits am Beispiel des vom Kutriguren Zabergan angeführten Heeres zu sehen war. 44 Slawische Kontingente tauchten aber auch bereits in justinianischer Zeit im byzantinischen Heer auf (Ditten 1976). In diesem Kontext ließe sich die Hypothese zur Diskussion stellen, dass die flachen sozialen Hierarchien innerhalb der slawischen Gruppen sehr flexible Struktu- ren boten, die einerseits eigene, von einzelnen oder mehreren Gruppen gemeinsam getragenen Raubzüge leicht zustande kommen ließen, und andererseits die Beteiligung an Raubzügen, die von anderen Gruppen initiiert wurden, problemlos ermöglichten. Solange innerhalb der verschiedenen slawischen Gruppen der Anspruch auf politische Führung nicht auf bestimmte etablierte Persönlichkeiten oder Personenkreise fixiert war, konnten diese Gruppierungen sich einerseits sehr leicht in andere bestehende Heeresstrukturen integrieren und waren gleichzeitig für Byzanz sowohl auf der mili- tärischen als auch auf der diplomatischen Ebene schwer zu kontrollieren, da sich ein solches hochflexibles System permanent neu ordnen und neu justieren konnte.

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mit linguistischen Argumenten geführten Debatte um die „Ausbreitung der Slawen“ s. zudem die kritischen Bemerkungen von Panzer (2002, S. 31–36).

41 Allg. zur Formierung der slawischen Gruppen s. Curta (2006, S. 56–61).

42

Curta (2005, S. 198): „The diminution of the quantity of prestige goods during the eco- nomic ‘closure’ of the Danube frontier in the mid-sixth century may have increased the level of so- cial competition and encouraged the rise of leaders whose basis of power was now warfare“. Dass militärische Konflikte und besonders die Fähigkeit, die Führung dieser Konflikte zu monopolisie- ren, die Stellung von Anführern stabilisieren, zeigt am Beispiel der Hunnen und Awaren schon Pohl

(1992). 43 Für die an hierarchischen Strukturen – wie sie die germanischen Gruppen eher boten – orientierte byzantinische Historiographie waren die slawischen Gruppen nur schwer wahrnehmbar; zur Diskussion um politische Strukturen der Slawen im 6. Jh.: Urbanczyk (2002; 2005, S. 142–150) und Hardt (2002). 44 Slawen im Heer Zabergans im Jahr 559: Malalas XVIII 129; Theophanes a.m. 6051.

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Diese hochflexiblen Strukturen machen die slawischen mit den reiternoma- dischen Gruppen, die nördlich des Schwarzen Meeres das politische Geschehen do- minierten, vergleichbar. Diese Reiternomaden wurden in der byzantinischen Histo- riographie des 6. Jahrhunderts meist unter dem literarisch gut etablierten Namen der Hunnen zusammengefasst. 45 Der Hunnenname hatte seit der zweiten Hälfte des 5. Jahrhundert unter dem Eindruck der – aus römisch-byzantinischer Sicht – drama- tischen Ereignisse der Attilazeit die Bezeichnung als „Skythen“ als Synonym für die reiternomadischen Bewohner der pontisch-danubischen Steppe ersetzt (allerdings ohne dass der Skythenname in der byzantinischen Literatur völlig verschwand). 46 Für Prokop ist im Grunde der gesamte Raum nördlich des Schwarzen Meeres von der Donaumündung bis an den Kaukasus das Habitat der „hunnischen Völker“ (ΟÙ ννικ ¦ œ θνη, Οâ ννοι) (Prokop, Gotenkriege IV [VIII] 4f.). 47 Agathias zufolge würden die Bewohner dieser Region allgemein als „Skythen“ und „Hunnen“ bezeichnet, einige Gruppen seien aber auch unter individuellen Namen bekannt, wie z.B. die Kutrigu- ren, Utiguren, Ultizuren und Burugunden (Agathias V 11,2). Einzelne dieser Hunnen- gruppen konnten, so Agathias weiter, zeitweise zu großer Bedeutung aufsteigen, aber auch wieder nahezu spurlos verschwinden, wobei Agathias explizit auf das (dann allerdings nicht näher ausgeführte) Beispiel der Ultizuren und Burugunden verweist. 48 Der Schlusspunkt, den Agathias in seinem Bericht über den Kutrigureneinfall des Jahres 559 setzt – Kutriguren und Utiguren bekriegten sich letzten Endes so lange gegenseitig, bis sie ihre angestammten Namen verloren, was nichts anderes heißt, als dass sie von der politischen Bühne verschwanden –, verdeutlicht, dass der Auf- oder Abstieg einzelner reiternomadischer Gruppen oft das Resultat militärischer Erfolge oder Rückschläge war. Mit Erfolgen konnten reiternomadische Gruppen ihren Namen so prestigeträchtig und damit identitätsstiftend machen, dass andere Gruppen sich dieser Gruppenidentität anschlossen und den Namen übernahmen. Erlosch der Glanz dieser Gruppenidentität nach (meist kriegerischen) Misserfolgen, verlor auch der Na- me seine identitätsstiftende Wirkung. Auch im 6. Jahrhundert erwies sich die ponti- sche Steppenzone als Region mit hoher politischer Dynamik. Vor diesem Hintergrund erklärt sich, dass einzelne reiternomadische Gruppen nicht selten nur einmal in den Quellen auftauchen und dann wieder verschwinden. Ob, wann und unter welchen Umständen reiternomadische Gruppen unter eigenem Namen oder als Subgruppe un- ter Identität und Namen eines größeren und gewichtigeren Verbandes auftraten, lässt sich aber aus der in der Regel nur Einzelfälle wiedergebenden Überlieferung praktisch nicht systematisch erfassen. 49

45 S. auch oben Anm. 13.

46 Zu den Bezeichnungen „Skythen“ und/oder „Hunnen“ s. Gießauf (2006, S. 175–178).

47 In IV [VIII] 5,1 parallelisiert Prokop die Hunnen mit den seit Herodot bekannten Kimme-

riern.

48 Agathias V 11,4. Es lässt sich nur spekulieren, warum Agathias keine weitere Erklärung zu den Ultizuren und Burugunden gibt; möglicherweise setzt er die Ereignisse als seinen Lesern be- kannt voraus.

49 Dazu grundsätzlich Pohl (2004, S. 95–97, 100); zudem Ziemann (2007, S. 101).

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Hinzu kommt noch, dass die historischen Ereignisse und damit auch die han- delnden reiternomadischen Gruppen ausschließlich in historiographischen Werken überliefert sind, die von römischen bzw. byzantinischen Autoren verfasst wurden, die aus städtischen – und damit sedentären – Lebenswelten stammten, nie aber von Auto- ren, die in nomadischen Kontexten lebten. Diese sedentären Autoren blickten von außen auf reiternomadische Gruppen und dokumentierten zumeist politische und mi- litärische Ereignisse für Leser, die ebenso wie sie selbst von einer urbanen Kultur ge- prägt waren. Wenn diese sedentären Autoren für ihre sedentären Leser über Nomaden schrieben, ging es nicht zuletzt darum, die Nomaden in eine den Lesern verständliche Ordnung der Welt einzubetten. 50 Wie genau die byzantinischen Autoren zwischen einzelnen reiternomadischen Gruppen unterscheiden oder diese nur summarisch unter Sammelbezeichnungen, wie „Hunnen“ oder „Skythen“ zusammenfassen, hängt auch von der intendierten Aussage ab. Versuche der Forschung, einzelne Gruppen über die Quellenangaben hinaus zu identifizieren, laufen daher zwangsläufig in Leere. Die Komplexität dieses Problems lässt sich knapp am Beispiel des von Prokop und Johan- nes von Ephesos überlieferten „Hunneneinfalls“ von 539/540 skizzieren, als Krieger- verbände, die Prokop als „Hunnen“ bezeichnet, bis nach Griechenland sowie in das Vorfeld Konstantinopels vorstießen und ein anderer Teil sogar nach Kleinasien über- setzen und dort reiche Beute machen konnte. Dieses Ereignis hinterließ bei den Zeit- genossen einen starken, schreckenbehafteten Eindruck, wie der Bericht des Johan- nes von Ephesos zeigt (Prokop, Perserkriege II 4,1–11). 51 In der Forschung zirku- lieren verschiedene Identifikationen dieser Hunnen, 52 die allerdings alle spekulativ bleiben, da Prokop nun einmal nur das Ethnonym „Hunnen“ verwendet, ohne dieses näher zu spezifizieren. Das wäre wahrscheinlich auch gar nicht in Prokops Sinn, denn dieser Hunneneinfall dient ihm in erster Linie zur Erklärung eines Vorzeichens:

Kurze Zeit vorher war für mehr als vierzig Tage ein Komet am Himmel zu sehen, dessen Erscheinen unter der byzantinischen Bevölkerung offenbar für rege Spekula- tionen über die Bedeutung dieses Prodigiums sorgte. Von dieser Himmelserscheinung ausgehend baut Prokop einen dramaturgischen Spannungsbogen auf, den er zum er- neuten Ausbruch des Perserkrieges im Jahr 540 mit der für die Byzantiner trauma- tischen Eroberung von Antiochia führt. Der Hunneneinfall, den Prokop mit dem

50 Vor dem Hintergrund, dass die byzantinische Historiographie/Ethnographie in erster Li- nie daran interessiert ist, die „Völkervielfalt“ im pontischen Steppenraum zu systematisieren – so Ziemann (2007, S. 55) – und für den byzantinischen Leser in ein verständliches geographisch- kulturelles System einzuordnen, läuft die Diskussion, ob einzelne reiternomadische Gruppen des 6. Jh., wie z.B. die Kutriguren und Utiguren, als Hunnen oder als Bulgaren anzusprechen seien (so an- dererseits auch Ziemann [2007, S. 91]), letzten Endes ins Leere. Entscheidend war aus byzantini- scher Sicht lediglich, diese pontischen Steppengruppen der Kategorie der Barbaren mit nomadischer Lebensweise zuzuordnen.

51 Johannes von Ephesos, überliefert in der Chronik von Zuqnin: Pseudo-Dionysios of Tel- Mahre, Chronicle, Part III, S. 82f. (Ed. Witakowski).

52 Witakowski gibt als Erläuterung „Bulgars“: Pseudo-Dionysios of Tel-Mahre, Chronicle, Part III, S. 83 (Ed. Witakowski). „Kutrigurische Bulgaren“ bei Meier (2003, S. 662). „Protobulgar Cutrigurs“ bei Evans (1996, S. 223). Mitchell (2007, S. 404): „Procopius … probably refers to a coalition of the new nomadic groups including the Bulgars and Kutrigurs“.

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Erscheinen des Kometen in Verbindung bringt, ist ein Element dieses Spannungsbo- gens. 53 Die Hunnen hatten schon kurze Zeit nach ihrem Erscheinen an der Peripherie der römischen Welt – am Ende des 4. Jahrhunderts – in der Literatur ihren Platz als Unglück bringendes Volk aus dem Norden gefunden und wurden in christlicher Deu- tung bald mit den Endzeitvölkern Gog und Magog identifiziert. 54 Vor diesem Hinter- grund ist leicht ersichtlich, dass es Prokop in seiner Darstellung gar nicht um eine genaue ethnographische Ansprache der Angreifer ging. Im Gegenteil, er dürfte kaum Interesse an einer genaueren Identifizierung gehabt haben, denn hätte Prokop tatsäch- lich die exakten Namen der in das byzantinische Gebiet eingefallenen reiternomadi- scher Gruppen genannt – die er vielleicht kannte, vielleicht aber nicht –, hätte diese Passage seines Geschichtswerkes ganz erheblich an Dramatik verloren.

Byzanz in der Steppe

Dass Prokop und Agathias in ihren Berichten über die kutrigurischen Raubzüge der Jahre 551 und 559 vergleichsweise detaillierte Einblicke in die politischen und so- zialen Strukturen im reiternomadischen Milieu des Nordschwarzmeerraums geben, liegt nicht zuletzt daran, dass die letzten Endes zwischen Kutriguren und Utiguren ausgebrochenen Kämpfe für beide Autoren zum – wenn man es so nennen will – „di- daktischen Vermittlungsziel“ gehören. Dem byzantinischen Leser wird einerseits das vertraute Bild des gierigen und treulosen Barbaren vor Augen geführt, andererseits aber gezeigt, wie der byzantinische Kaiser durch geschicktes politisches Handeln diese für Barbaren – und besonders für Nomaden – als charakteristisch geltenden Eigenschaften zum Vorteil der Byzantiner nutzen konnte und sollte. 55 Aus beiden Fallbeispielen lassen sich daher Mechanismen und Strategien der byzantinischen Dip- lomatie, die auf eine politische Kontrolle und Anbindung reiternomadischer Gruppen abzielten, herausarbeiten. Die byzantinische Diplomatie ruhte auch im 6. Jahrhundert auf drei bewährten Fundamenten: Erstens dem überragenden Prestige des byzantinischen Kaisers, zwei- tens den Erfahrungen aus einer im Prinzip über gut fünf Jahrhunderte zurückreichen- den diplomatischen Tradition und drittens den überlegenen ökonomischen Ressourcen des Imperiums. 56 Reiternomadische Anführer konnten ihre Machtstellung durch gute Beziehungen zum byzantinischen Kaiser – die in den meisten Fällen wohl nicht di- rekt, sondern über Gesandte hergestellt wurden – sichern oder ausbauen, da die Unter-

53 Um den Hunneneinfall integrieren zu können, nimmt Prokop auch in Kauf, dass er die geographische Ordnung seines Geschichtswerkes in Perserkriege II 4 durchbrechen muss. Zur per- sischen Eroberung Antiochias Meier (2003, S. 313–320). 54 Dazu Gießauf (2006, S. 77–79). Die eschatologische Deutung der Ereignisse von 539/540 klingt auch bei Johannes von Ephesos [Pseudo-Dionysios of Tel-Mahre, Chronicle, Part III, S. 82f. (ed. Witakowski)] an. 55 Zu den in der römischen und byzantinischen Literatur etablierten Charaktereigenschaften der Barbaren s. Gießauf (2006, S. 48 und 68). 56 Zur diplomatischen Erfahrung s. Chrysos (1992, S. 28–36).

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stützung durch den Kaiser das soziale Prestige der reiternomadischen Anführer be- trächtlich vermehren konnte. Im Idealfall erreichten Anführer eine offizielle Bestäti- gung ihrer Führungsstellung, begleitet durch die Verleihung von Herrschaftsinsignien, die als symbolisches Kapital einen Teil des kaiserlichen Prestiges auf die Anführer übertragen und diese so von ihren realen oder potentiellen Konkurrenten abheben konnten. 57 Die ökonomischen Ressourcen des Imperiums begleiteten den diplomati- schen Prozess in Form von Geschenken, bei denen es sich um Geld bzw. Edelmetall, aber auch um Prestigegüter oder Gaben mit hohem symbolischem Wert handeln konnte. 58 Die Partizipation am Zufluss diplomatischer Geschenke aus Byzanz in die Steppe brachte den Anführern eine weitere Steigerung ihres sozialen Prestiges und ermöglichte ihnen durch die Weiterverteilung dieser Prestigegüter – die dann natür- lich von den jeweiligen Anführern bewusst gesteuert werden konnte – eine Festigung ihrer sozialen Stellung. 59 Konstantinopel hatte ein Netz diplomatischer Beziehungen in die Steppe ge- knüpft, welches es ermöglichte, auf Übergriffe reiternomadischer Gruppen mit mög- lichst geringem militärischem Aufwand zu reagieren. Konstantinopel spielte dabei aber nicht einfach nur eine Gruppe gegen eine andere aus und betrieb mithin nicht nur eine einfache „Politik des Gleichgewichts“, deren Ziel die „Erhaltung von be- ständiger Spannung und Feindseligkeit zwischen den einzelnen Stämmen oder Grup- pierungen“ war (Avenarius 1974, S. 34). 60 Denn die diplomatischen Beziehungen Konstantinopels in die Steppe waren – wie im Prinzip alle Beziehungen zwischen dem römischen bzw. byzantinischen Imperium und den gentilen Gruppen an dessen Peripherie – personale Kontakte zwischen den Anführern der reiternomadischen Grup- pen – den ¥ ρχοντες/Archonten – und dem Kaiser (bzw. in der Praxis seiner Gesand- ten und Vertretern). Die kutrigurischen und utigurischen Archonten werden im Be- richt Prokops als Gruppe stets im Plural genannt. Sie repräsentieren aller Wahrschein-

57 Die beiden prominentesten Beispiele aus dem 6. Jh. sind die in die Regierungszeit Justins I. datierende Insignienverleihung an Tzath, den Herrscher des kaukasischen Lazen (Malalas XVII 9), und die Verleihung von Herrschaftsinsignien an die maurische Archonten in Nordafrika (ca. 533):

Prokop, Vandalenkriege I 25,1–9. Opposition gegen einen so legitimierten Anführer bedeutete meist gleichzeitig einen politischen Bruch mit Konstantinopel.

58 Mitunter scheint gerade das Außergewöhnliche den besonderen Wert eines Geschenks ausgemacht zu haben; in diese Richtung weist zumindest die von Theophylaktos Simokates I 3 über- lieferte ‚Bitte‘ des awarischen Khagans an den byzantinischen Kaiser Maurikios, dieser möge ihm einen Elefanten senden. Das Tier missfiel dem Khagan aber aus irgendeinem Grund, so dass er ihn wieder zurückschickte und statt dessen ein goldenes Bett verlangte. Aber auch dieses schickte er – Theophylakt zufolge unter großer Prahlerei – wieder zurück; s. dazu auch Pohl (1992, S. 185f.).

59 Dieser Prozess ist mittlerweile gut erforscht, s. dazu Pohl (1988, S. 178–185; 1992) und Hardt (2007).

60 Ähnlich Pohl (2005, S. 470): „In the north of the Black Sea, Hunnic peoples … continued to live in a delicate balance of power between Cutrigurs, Utigurs, Bulgars, and others“. S. auch Chrysos (1992, S. 37), der die Ausrichtung der byzantinischen Diplomatie ausschließlich auf “inter state relations” reduziert, was insofern zu kurz greift, als dass Byzanz an seinen Grenzen nur ver- einzelt mit Nachbarn, die in annähernd staatlichen Strukturen (wobei sich hier schon ein Defini- tionsproblem ergibt) organisiert waren, in Kontakt trat und statt dessen oft in den Strukturen seg- mentärer Gesellschaften agieren musste.

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lichkeit nach Subgruppen, die gemeinsam unterhalb der übergeordneten kutriguri- schen oder utigurischen Gruppenidentität agierten. Die Pluralität der Archonten ver- weist auf die segmentäre Gesellschaftsstruktur der Reiternomaden im Schwarzmeer- raum. 61 Zumindest zwischen den einzelnen Archonten dürften eher flache Hierarchien bestanden haben, auch wenn aus dem Kreis der Archonten Einzelpersönlichkeiten wie Chinialon oder Sandil aufgrund ihres aus Erfahrung und militärischem Erfolg ge- speisten sozialen Prestiges herausragten. Solche herausragenden Anführer stellten für den Verband im Bedarfsfall eine geschlossene militärische Führung sicher; allerdings konnte deren Stellung durchaus recht instabil sein, wie sich am Beispiel des Heeres zeigen lässt, das der Kutrigure Zabergan 559 über die Donau geführt hatte. Nach dem Überschreiten des Flusses teilte sich dieses Heer relativ bald in mehrere Gruppen, die unterschiedliche Richtungen einschlugen. Dass das kutrigurische Heer in der An- fangsphase des Kriegszuges nur auf geringen Widerstand traf, dürfte die Stellung Za- bergans untergraben und anderen, sich anfangs unterordnenden Anführern die Mög- lichkeit geboten haben, eigene Führungsansprüche anzumelden, da Zabergan keine Gelegenheit hatte, seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen und so sein Prestige und seine Autorität zu mehren. Konstantinopels Netz diplomatischer Beziehungen in den pontischen Steppen- raum setzte an der heterogenen Struktur der Kutriguren und Utiguren an. Im Bedarfs- fall ließen sich so als Reaktion auf Übergriffe einzelner reiternomadischer Gruppen Gegenkräfte aktivieren, wobei Konstantinopel darauf achtete, dass keine der Steppen- gruppen am Ende eine deutliche militärische Übermacht gewann. Das byzantinische diplomatische Netz verlief aber nicht nur entlang der übergeordneten Gruppen, wie z.B. der Kutriguren und Utiguren, sondern durch diese hindurch. Diese quer verlau- fenden diplomatischen Fäden werden aber meist durch das in der byzantinischen Literatur übliche Narrationsmuster, das barbarische und speziell nomadische Grup- pen nach pro- oder antibyzantinischer Haltung sortiert, verdeckt und sind nur in Ausnahmefällen erkennbar. Beispielsweise dürften die von Justinians Gesandten im Kreis der utigurischen Archonten erhobenen Vorwürfe, die Kutriguren erhielten jähr- lich große Summen aus Konstantinopel, unterließen aber die Übergriffe auf byzan- tinisches Gebiet nicht, wohl nicht einfach nur Rhetorik sein. Dass Konstantinopel sicher auch Kontakte zu kutrigurischen Archonten unterhielt, zeigt der Fall der 551 (erneut) auf byzantinisches Gebiet übergesiedelten kutrigurischen Gruppe des Sin- nion. Dieser hatte bereits in den frühen 530er Jahren mit einer Einheit in Diensten des byzantinischen Militärs gestanden, sich dann aber zwischenzeitlich wieder bei den Kutriguren niedergelassen. Konstantinopel spielte also nicht einfach Utiguren gegen Kutriguren aus, sondern unterhielt Kontakte in möglichst viele Richtungen. Als Ursache für die kutrigurischen Übergriffe auf byzantinisches Provinzial- gebiet führen Prokop und besonders Agathias die im Prinzip altbekannten Erklärungs- muster der – aus byzantinischer Sicht – typischen barbarischen Gier und des barbari- schen Hochmuts an. Fasst man beide Motive nicht nur als byzantinische ethnographi- sche Topoi, sondern eher als Chiffren für das Streben nach militärischer Bewährung,

61 Segmentäre Gesellschaften: Khazanov (1994, S. 144–152).

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die sich wiederum in reicher Beute niederschlägt, auf, nähert man sich einem Kern- problem nicht nur reiternomadischer Gesellschaften. 62 Die Ausgangssituation des Raubzuges von 551 ist sicher zu einem gewissen Grad eine Ausnahmesituation, da das kutrigurische Heer zu einem Kriegszug aufgebrochen war, nun aber auf Grund der veränderten Interessenlage auf der gepidischen Seite gar nicht zum Einsatz kom- men sollte. Eine Rückkehr ohne Beute wäre für die kutrigurischen Anführer wohl mit einem erheblichen Prestigeverlust verbunden gewesen; 63 zudem dürfte ein einsatz- bereites Heer letztlich nur relativ geringen Kontrollmöglichkeiten unterlegen haben. Zu berücksichtigen ist aber auch, dass Konstantinopel unter den kutrigurischen An- führern offenbar einfach keinen Zugang zu den wichtigen Autoritätspersonen fand, diejenigen aber, die Konstantinopel offen gegenüber standen – wie z.B. der bereits erwähnte Sinnion –, sich im Gesamtverband der Kutriguren nicht durchzusetzen ver- mochten. In diesem Fall würde sich der Grad des Erfolgs der byzantinischen Diplo- matie bei den Kutriguren signifikant von dem bei den Utiguren – wo Konstantinopel mit Sandil offenbar einen langjährigen, einflussreichen Verbündeten gewonnen hatte – unterscheiden. Die Agathias zufolge vom Kutriguren Zabergan erhobenen Vorwürfe, die Utiguren würden mit Geschenken aus Konstantinopel bedacht, die Kutriguren aber nicht, lassen sich vor dem Hinterrund des byzantinischen diplomatischen Agie- rens als Reflex einer „economic closure“ der byzantinischen Grenzen verstehen, wie sie CURTA für die Donaugrenze in der Mitte des 6. Jahrhunderts annimmt. 64 Ob Za- bergan vom Zufluss byzantinischer Zuwendungen abgeschnitten war, weil Konstanti- nopel seine infolge der seit gut zweieinhalb Jahrzehnten andauernden Kriege knapper werdenden Finanzmittel sparsamer bzw. gezielter einsetzte oder die Kutriguren we- gen des Angriffs gegen Byzanz im Jahr 551 noch immer als diskreditiert galten, lässt sich letztlich nicht sicher entscheiden. In jedem Fall aber dürfte Zaberans Stellung wegen der Förderung der Utiguren seitens Konstantinopel durchaus kritisch gewesen sein. Da Zabergan soziales Prestige eben nicht aus Kontakten zu Konstantinopel zie- hen konnte, wurde ein erfolgreicher Raubzug in byzantinisches Territorium zur alter- nativen Möglichkeit des Prestigeerwerbs. Neben den mehr oder weniger erfolgreich mit Konstantinopel verbundenen reiternomadischen Gruppen dürfte es aber in der Steppenzone auch einzelne Gruppen gegeben haben, die gänzlich außerhalb der Reichweite der byzantinischen Diplomatie standen. Das traf vermutlich auf die Awaren zum Zeitpunkt ihres Eintretens in den byzantinischen politischen Horizont zu. Diese „unkontrollierten“ Gruppen sind letzt- endlich diejenigen, die für Byzanz die eigentlichen Risikofaktoren darstellten. An den beiden Kutrigureneinfällen wird zudem deutlich, wie sehr die reiter- nomadischen Gruppen in den großräumigen politischen Kontext des 6. Jahrhunderts eingebunden waren. 551 traten die Kutriguren im westlichen Balkanraum im gepi- disch-langobardischen Konflikt auf, der utigurische Gegenangriff band den Utiguren benachbarten Gruppen mit ein. Der kutrigurische Raubzug des Jahres 559 zog auch

62 Grundsätzlich dazu Pohl (1992) und Hardt (2004; 2007).

63 Vgl. dazu Pohl (1992, S. 185f.).

64 S. oben S. 303.

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slawische Kriegerverbände mit. Dieser dynamische historische Kontext mit seiner Vielzahl an potentiellen Akteuren dürfte ein Faktor gewesen sein, der verhinderte, dass sich in der Mitte des 6. Jahrhunderts eine neue reiternomadische – und das heißt wegen ihrer offensiven Politik vor allem kutrigurische – „Großmacht“ formieren konnte. Die ökonomische und siedlungstopographische Situation der Balkanprovin- zen im 6. Jahrhundert dürfte einen solchen politischen Konzentrationsprozess zusätz- lich erschwert haben, denn die Raubzüge der Kutriguren führten in jene byzantini- schen Provinzen, die bereits seit der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts immer wieder teils erheblichen militärischen und in der Folge ökonomischen Belastungen ausge- setzt waren. In der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts gelang zwar eine erneute Stabili- sierung der Region, im letzten Viertel des 4. Jahrhunderts erwies sich aber vor allem der Übertritt gotischer Gruppen aus römischer Sicht als nur schwer zu handhabendes Problem. Am Anfang und besonders in der Mitte des 5. Jahrhunderts trafen hunni- sche Vorstöße die Donauprovinzen. 65 Nach dem Zusammenbruch des Attilareiches (453/454) wurden diese in den 470er und 480er Jahren zum Schauplatz der Auseinan- dersetzungen zwischen den gotischen Verbänden Theoderichs des Amalers und Theo- derich Strabons (Heather 1991, S. 272–308). Im frühen 6. Jahrhundert sind mehrfach Einfälle slawisch-antischer und vermutlich reiternomadischer Gruppen, die in der la- teinischen und griechischen Überlieferung als Bulgaren bezeichnet werden, belegt. 66 Kaiser Justinian versuchte die Donaugrenze durch ein Festungsbauprogramm und die Einrichtung der quaestura exercitus militärisch zu stabilisieren. 67 Die wiederkehrenden militärischen Krisen führten zu Veränderungen der urba- nen und ländlichen Siedlungsstrukturen in den Donauprovinzen. Die vom politischen Chaos des 3. nachchristlichen Jahrhunderts teils stark betroffenen Städte durchliefen mit regionalen und lokalen Unterschieden seit dem frühen 4. Jahrhundert eine Phase der Stabilisierung und nicht selten des Wiederaufschwungs, wobei sich deren urbaner Charakter aber nachhaltig veränderte. Die Städte wurden zunehmend befestigt, was oft mit einer drastischen Reduzierung der von den Stadtmauern umschlossenen Fläche einherging. Zudem wurden seit dem 4. Jahrhundert häufig Militäreinheiten in den Städten stationiert, die in Krisensituationen deren Sicherung übernahmen. Die da- durch ermöglichte effektive Verteidigung der Städte trug wesentlich zu deren Konti- nuität bei. 68

65 Aufnahme von Goten 376 und Schlacht bei Adrianopel (378): Heather (2006, S. 158– 181); Hunnen Uldins (408): Heather (2006, S. 196); Heathers These, die die gesamte Rhein-Donau- Grenze des Imperiums betreffende „crisis of 405–408“ sei auf „further movements of nomadic Huns“ zurückzuführen, ist nicht unproblematisch, kann hier aber nicht vertieft diskutiert werden.

66 Zu diesen frühesten Erwähnungen der Bulgaren s. Ziemann (2007, S. 50–55). Zusam- menstellung von Einfällen der Bulgaren, Slawen, Anten s. Anm. 7.

67 Einrichtung der questura exercitus, die militärische Zonen an der Donau (Provinzen Scy- thia und Moesia II) mit wirtschaftlich leistungsfähigen Territorien im Binnenland (Provinzen Caria, Cyclades, Cypros) zu einer Administrationseinheit zusammenfasste und so die Heeresversorgung sichern sollte, s. Haldon (1990, S. 12) mit weiteren Literaturangaben.

68 Allgemein: Curta (2006, S. 40–48) und Poulter (1992, S. 114–131). Fallstudien: Panaite – Magureanu (2002), Crow (2002, S. 342–347), Kirilov (2007, S. 14–19), allerdings überschätzt Kirilov m.E. den Einfluss der byzantinischen Zentralregierung auf die Umstrukturierungen der

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Entgegen der beispielsweise von Otto Mazal vertretenen Ansicht, die Kut- riguren hätten die Fähigkeit erlangt, Städte einzunehmen, 69 berichten die zeitnahen Historiographen – außer im Zusammenhang mit dem Hunneneinfall von 539/540 (Prokop, Perserkriege II 4,5) – nur von Attacken gegen Städte, nicht aber von deren Eroberung. Die Angriffe der Kutriguren scheinen nur bei unbefestigten Siedlungen erfolgreich gewesen zu sein, so dass man sich die in der Historiographie überlieferten Attacken gegen Städte eher als Verheerung des Umlandes und Abriegelungen der Stadt vorstellen muss, wie es auch aus anderen vergleichbaren nomadisch-sedentären Konflikten bekannt ist. 70 Während die urbane Struktur der Balkanprovinzen in gewandelter Form weiter bestand, zeichneten sich im ländlichen Raum seit der Mitte des 5. Jahrhunderts tiefer gehende Veränderungen ab, die aber im archäologischen Forschungsstand bisher al- lerdings weniger gut greifbar sind als die Entwicklungen in den Städten. Zudem ist wieder mit regionalen Unterschieden zu rechnen. Die Besiedlungsdichte des ländli- chen Raumes ging in dieser Zeit offenbar signifikant zurück. Die vom 1. bis zum 4. Jh. noch zahlreich zu findenden kleineren und mittelgroßen Villenkomplexe waren in der Mitte des 5. Jh. weitgehend verschwunden; die ländliche Bevölkerung konzen- trierte sich dagegen in wenigen, dann verhältnismäßig großen villae. Zudem reagierte die kaiserliche Administration im frühen 6. Jh. wiederholt mit Erlässen auf Probleme bei der Steuererhebung und die offenbar verbreitete Aufgabe landwirtschaftlicher Nutzflächen (Poulter 1992, S. 121f.; Curta 2006, S. 43–48). 71 Die ökonomischen Si- tuationen von Städten und ländliche Regionen in den Balkanprovinzen drifteten im 6. Jahrhundert signifikant auseinander. Infolge dieses Strukturwandels dürften die kutri- gurischen Raubzüge vergleichsweise ertragsarm geblieben sein. Damit blieb den An- führern der kutrigurischen Heere der Zugang zu dem materiellem Ertrag versperrt, der eine Steigerung des sozialen Prestiges nach sich ziehen und wiederum in die Ver- größerung des eigenen Verbandes investiert werden könnte. Zabergan versuchte letz- ten Endes, seinen Kriegszug durch kompromisslose Verhandlungen mit der kaiserli- chen Regierung doch noch zu einem ökonomisch einträglichen Abschluss zu führen und so wenigstens teilweise erfolgreich zu sein, zumal er auch aus den wiederholt ungünstig verlaufenen militärischen Operationen keinen nennenswerte Prestigegewinn ziehen konnte.

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Stadtbefestigungen, zudem sind seine Überlegungen zum Einfluss des Christentums auf den Wan- del der spätantiken Stadt durchaus mit Skepsis zu sehen. Zum westlichen Balkanraum und Illyri- cum: Milinković (2007, S. 163–188), der zudem S. 180f. darauf hinweist, dass Städte zum Teil Funktionen ländlicher Siedlungen (v.a. im Bereich der Agrarwirtschaft) übernehmen. Dimitrova- Milčeva (2002, S. 311–314), Mentzos (2002), Angelova – Buchvarov (2007, S. 68–72).

69 Mazal (2001, S. 186) ohne Quellenangabe.

70 Am Beispiel der Städte in den nordafrikanischen Provinzen des Imperium Romanum: Ta- citus, Historiae IV 50,4 zu den Angriffen der Garamanten gegen Leptis Magna und Ammianus Mar- cellinus XXVIII 6 zu den Attacken der Austuriani wiederum gegen Leptis Magna um 365; Prokop, Vandalenkriege I 16, 9–11 zur Zeit der Invasion Belisars (gegen Ende 533). Auch der erste awari- sche Griff nach Sirmium misslang, s. dazu Pohl (1988, S. 58–60).

71 Zur kaiserlichen Steuergesetzgebung Curta (2006, S. 44f.).

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Abschließend bleibt noch nach den langfristigen Auswirkungen zu fragen, die die justinianische Politik gegenüber Kutriguren und Utiguren im Steppenraum nörd- lich des Schwarzen Meeres hatte. Soweit dies aus dem Bericht des Agathias zu er- schließen ist, hatte die diplomatische Gegeninitiative, mit der Konstantinopel auf den kutrigurischen Angriff des Jahres 559 antwortete, zu erheblichen und langwierigen Kämpfen zwischen Kutriguren und Utiguren geführt. Etwa in diesem Zeitraum betrat mit den Awaren ein neuer Akteur im regionalen Wettstreit zwischen den reiternoma- dischen Gruppen des pontisch-danubischen Steppengürtels die Bühne. Folgt man Walter Pohl, der die für diesen Zeitpunkt überlieferte Zahl von 20 000 awarischen Kriegern für zuverlässig hält, dann erreichten die Awaren den Schwarzmeerraum mit einem schlagkräftigen militärischen Potential. 72 Dieses entfaltete bald eine entspre- chende Wirkung. Menander Protektor berichtet, dass die Awaren bereits um 557/558 die nördlich des Schwarzen Meeres siedelnden hunnischen Stämme der Zalen, Sabi- ren und Unniguren unterworfen hätten (Menander Protektor fr. 5,2 [Blockley]). 73 Die Awaren trafen auf ein kleinräumig organisiertes System politisch heterogener Grup- pen, das innerhalb seiner Grenzen zwar relativ stabil, aber anfällig gegen neue Ein- flüsse von außen war. Daher konnten sie eine Steppengruppe nach der anderen besie- gen und – ähnlich den Hunnen des 4./5. Jahrhunderts – deren militärisches Potential vereinnahmen. Mit jedem Erfolg bauten sie ihre Machtstellung sukzessive weiter aus. Zu einem nicht näher zu bestimmenden Zeitpunkt wurden auch die Kutriguren und Utiguren von der awarischen Expansion erfasst. Kutrigurische Verbände traten bei- spielsweise 568 im Kontext der Eroberung Sirmiums im awarischen Heer auf und der Khagan Baian forderte vom byzantinischen Kaiser die bisher an Kutriguren und Uti- guren gezahlten Tribute mit der Begründung, dass er diese unterworfen habe (Me- nander Protektor fr. 12,5 und 12,6 [Blockley]). Die von der byzantinischen Diplomatie bewirkte politische Fragmentierung im Steppenraum an der Peripherie des Impe- riums begünstigte damit letztlich die Etablierung und Durchsetzung der Awaren. Mit Blick auf eine Bewertung der justinianischen Politik als Erfolg oder Misserfolg wird man diese erneute Umwälzung im Steppenraum aber wiederum vorsichtig ein- schätzen müssen, denn die Auswirkungen dieses Prozesses, der durch die Entwicklun- gen im Nordschwarzmeerraum in der Mitte des 6. Jahrhunderts begünstigt wurde, waren am Kaiserhof vermutlich kaum vorherzusehen oder in ihrer Tragweite ab- schätzbar. Letzten Endes hatte Konstantinopels Reichweite in die Steppe eben doch ihre Grenzen.

72 Pohl (1988, S. 37) mit Vergleichszahlen zur Größe der Heere völkerwanderungszeitlicher gentes (ca. 15 000–20 000 Kämpfer) und byzantinischer Heere des 6. Jh. (in Italien gegen die Ost- goten je ca. 18 000–20 000 Mann; generell nie mehr als 30 000 Mann). 73 Menanders Nennung von „Unniguren“ ist umstritten; der Terminus ΟÙ ννιγο Ú ροι im Me- nandertext wurde von Niebuhr zu ΟÙ τγουροι konjiziert, dieser Lesung folgt ein großer Teil der Forschung. R. C. Blockley lehnt diese aus nachvollziehbaren Gründen ab; da mehrere hunnische Gruppen im Nordschwarzmeergebiet nur einmal in den Quellen erwähnt werden, besteht für eine Korrektur am Text kein Grund, sondern diese dient wohl nur Systematisierungsbestrebungen des modernen Historikers.

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