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Diplomarbeit

Zum Abschluss der Ausbildung zum Diplom Lebens- und Sozialberater an der Ausbildungseinrichtung Ganzheitliche Lebensberatung Dr. Clemens Hanika ZA LSB 157.0/2008

Wenn das Chi fließt, sind wir im Einklang mit uns selbst und der Welt

"Achtsame Körperarbeit am Beispiel von Shiatsu als Methode in der Lebens- und Sozialberatung"

Eingereicht im Mai 2014

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Vorgelegt von Harald Reiter

Ehrenwörtliche Erklärung

Ich erkläre hiermit ehrenwörtlich, dass ich die vorliegende Arbeit selbstständig angefertigt habe. Die aus fremden Quellen direkt oder indirekt übernommenen Gedanken sind als solche kenntlich gemacht. Die Arbeit wurde bisher weder in gleicher noch in ähnlicher Form vorgelegt und auch noch nicht veröffentlicht.

Wien im Mai 2014

Widmung

Harald Reiter

Ich widme diese Arbeit meinen Eltern wie auch all den anderen Menschen in meinem Leben von denen ich lernen durfte.

Ein besonderer Dank gilt meiner Partnerin Grit für die Unterstützung bei dieser Arbeit, ihre Ideen und Korrekturen und Ihre Geduld für die Stunden, die ich von unserer Familienzeit abzweigen musste. Ein ganz besonders großes Dankeschön richte ich an meinen Bonussohn Pawo für seinen großzügigen Umgang mit vielen nicht stattgefundenen gemeinsamen Spielstunden, die in diese Arbeit geflossen sind.

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„Das aber verkünde ich, o Freund: in eben diesem klafterhohen, mit Wahrnehmung und Bewusstsein versehenen Körper, da ist die Welt enthalten, der Welt Entstehung, der Welt Ende und der zu der Welt Ende führende Pfad.“

Buddha , Rohitassa-vagga-Sutta (Anguttara Nikâya, A.IV. 45)

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Inhaltsverzeichnis

Einleitung

 

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Abstract

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Theoretische Hintergründe und Überlegungen

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1.1

Was ist Lebensberatung?

7

1.1.1 Was ist Lebensberatung im Sinne des Gesetzgebers?

7

1.1.2 Was ist Lebensberatung, wie sie von der Ausbildungseinrichtung „Arbeitsgemeinschaft

Ganzheitliche Lebens- und Sozialberatung“ gesehen wird bzw. welche Schwerpunkte gibt es?

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1.1.2.1 Das Gesprächsmodell nach Rogers

7

1.1.2.2 Das Gesprächsmodell nach Neurolinguistische Programmierung (NLP)

8

1.1.2.3 Das Holistic Healing Gesprächsmodell für Lebens- und Sozialberater

8

1.1.3

Was ist mein persönlicher Zugang zur Lebens- und Sozialberatung?

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1.2

Definition achtsame Körperarbeit

10

1.2.1 Was meine ich mit „achtsam“?

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1.2.2 Wie verwende ich den Begriff Körperarbeit?

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1.2.3 Körpertherapie und Körperpsychotherapie

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1.3

Definition „Shiatsu“

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1.3.1 Shiatsu in der Definition des Österreichischen Dachverbandes Shiatsu (ÖDS)

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1.3.2 Philosophischer und theoretischer Hintergrund von Shiatsu

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1.3.2.1 Die Lehre der fünf Elemente

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1.3.2.2 Das Prinzip von Yin und Yang

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1.3.2.3 Zang Fu

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1.3.2.4 Das Prinzip von Kyo und Jitsu

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1.3.3

Hara Shiatsu©

26

1.3.3.1 Besonderheiten von Hara-Shiatsu©

26

1.3.3.2 Meridianarbeit

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1.3.3.3 Tsubos

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1.3.3.4 Dehnungen

29

1.3.3.5 Rotationen und Lockerungen

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1.3.3.6 Zusätzliche Techniken

30

1.4

These für den Einsatz von Shiatsu als Methode in der Lebensberatung

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1.4.1 Wie wirkt Shiatsu?

32

1.4.2 Der gesundheitsfördernde und präventive Aspekt als Verbindungsglied von

Lebensberatung und Shiatsu

37

4

1.4.3

Shiatsu und Rogers

39

1.4.4 Shiatsu und Neurolinguistische Programmierung

40

1.4.5 Shiatsu und Holistic Healing

42

2 Praktische Anwendungsfelder

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2.1

Das Setting

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2.1.1 Kombination von Gespräch und Shiatsu

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2.1.2 Shiatsu-Stunden in den Prozess einbauen

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2.1.3 Kurzinterventionen

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2.2 Westliche Anamnese und Traditionelle fernöstliche Diagnose

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2.3 Beraterische Beziehung

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2.4 Körperwahrnehmung, Körpererleben und Identität

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2.5 Stress und Entspannung

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2.6 Kommunikation

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2.7 Persönlichkeitsentwicklung

53

2.8 Neuorganisation

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2.9 Arbeit

57

2.10 Sexualität

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2.11 Partnerschaft, Familie und Kinder

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2.12 Alter und Sterbebegleitung

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3 Risiken und Kontraindikationen

62

3.1 Risiken bei der Anwendung von Shiatsu in der Lebensberatung

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3.2 Kontraindikationen für die Anwendung von Shiatsu

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4 Abschlussbetrachtung

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5 Literaturverzeichnis

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6 Abbildungsverzeichnis

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7 Tabellenverzeichnis

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8 Anhang

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8.1

Anhang 1: Tätigkeitskatalog des Gewerbes der Lebens- und Sozialberatung (§ 119 GewO

1994)

70

8.2

Anhang 2: Shiatsu in der Definition des Österreichischen Dachverbandes für Shiatsu (ÖDS)

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8.3

Anhang 3: Zusammenstellung der energetischen Einschätzung nach Masunaga

73

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Einleitung

Schon früh habe ich mich für die psychologischen Aspekte des Daseins interessiert und mir und meinem Umfeld unendlich viele Fragen gestellt, ohne die erhofften, zutiefst befriedigenden Antworten zu erhalten. Es bedurfte vieler Lebensjahre und einer massiven Lebenskrise, bis ich für mich einen Weg finden konnte, der seither mein Leben mit Sinn und tiefer Zufriedenheit erfüllt. Durch Übung in Achtsamkeitsmeditation und anderen Übungen aus dem frühbuddhistischen Kontext kann ich den sich ständig ändernden Lebensbedingungen Leben ist nun einmal Veränderung mit mehr Klarheit und Weisheit begegnen, wodurch sich für mich ein Wohl entwickelt, das in mir liegt und mich ruhiger und ausgeglichener macht und innere Freude schafft.

Auf diesem Übungsweg stellte sich aber schon bald die Frage nach einer beruflichen Tätigkeit, die auch für meine Mitmenschen hilfreich sein kann. Nach langem Suchen habe ich in meiner Arbeit als Shiatsu-Praktiker einen Berufsweg gefunden, in dem sich meine Interessen und meine Begeisterung mit dem Bedürfnis nach einer für mich sinnerfüllten Berufsausübung verbinden lassen. Doch schon während der Shiatsu-Ausbildung und den damit verbundenen Übungseinheiten mit Klienten und Klientinnen ist mir klar geworden, dass ich für die mitunter recht anspruchsvolle und tiefreichende Gesprächsführung nicht ausreichend vorbereitet war. Zudem stellte sich bald heraus, dass ich über die Körperarbeit Prozesse in Gang setzen kann, die von einem Gespräch begleitet werden oder überhaupt in eine Begleitung über die verbale Ebene weitergeführt werden müssen. Damit war für mich die Entscheidung gefallen, eine entsprechende Ausbildung zu machen. Meine Wahl ist auf die Lebens- und Sozialberatung gefallen, da ich in dieser, ebenso wie im Shiatsu, mit gesunden Menschen arbeite und in der Gesundheitsförderung und Prävention tätig sein kann.

Aus der ursprünglichen Absicht, Gesprächstechniken zu erlernen, die mir die begleitende Gesprächsarbeit im Rahmen der Tätigkeit als Shiatsu-Praktiker erleichtern sollten, hat sich die Zielsetzung im Laufe der Ausbildung zum Lebensberater verändert. Neben meiner Tätigkeit als Shiatsu-Praktiker möchte ich nun meine Erfahrungen und mein Wissen und Können aus Shiatsu als „Methode“ in die Ausübung des Lebensberaters einbringen. Dazu möchte ich in dieser kurzen Abhandlung ein paar theoretische Überlegungen anstellen, wie und in welchem Rahmen das sinnvoll sein kann und meine Thesen mit praktischen Beispielen untermauern. Meine Ausführungen sollen keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben und sollen die Thematik zur weiteren Diskussion stellen.

Anmerkung: Ich habe versucht, die Arbeit gendergerecht zu formulieren. Eine abwechselnde männliche bzw. weibliche Form stellt dabei keine Bewertung des anderen Geschlechtes dar.

Abstract

In dieser Arbeit geht es um die Integration von Shiatsu als ganzheitliche fernöstliche Körpertherapie in die Lebensberatung nach westlichem Verständnis bzw. auch um die Zusammenführung von zwei eigenständigen Methoden. Beiden gemeinsam ist das Ziel, Menschen zu begleiten, Wachstum zu fördern, das Wohlbefinden zu steigern und sie dabei zu unterstützen, in verschiedensten Lebenslagen mehr als nur eine Lebens-“bewältigung“ zu erreichen. Die Fragestellung ist dabei, ob und wie Shiatsu und Lebensberatung zusammenpassen, wie eine Kombination aussehen kann und worauf dabei geachtet werden muss und welche Risiken auftreten können.

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Theoretische Hintergründe und Überlegungen

1.1 Was ist Lebensberatung?

1.1.1 Was ist Lebensberatung im Sinne des Gesetzgebers?

Nach dem Tätigkeitskatalog des Gewerbes der Lebens- und Sozialberatung ist der Tätigkeitsbereich sehr weit gefächert. Die Ausbildung berechtigt mich nach Abschluss mit dem Diplom und den erforderlichen praktischen Voraussetzungen im Rahmen der psychosozialen Beratung zu Tätigkeiten im Bereich Beratung, Coaching, Counselling und Betreuung von Personen oder Institutionen im individuumsorientierten und im beziehungsorientierten Bereich.

Zu den individuumsorientierten Themenbereichen gehören Persönlichkeitsthemen wie Lebenssituationsanalyse und Standortbestimmung, Entscheidungsfindung und Handlungskompetenz, Freizeit und Bildung, emotionaler Umgang mit Geld und die Bewältigung von Krisen. Berufliche Themen wie Berufswahl und Karriereplanung, Alltags- und Arbeitsorganisation sowie Psychohygiene werden hier behandelt, ebenso wie Lebensabschnitt-Themen, unter anderem Krankheit, Trauerarbeit, Sterbebegleitung und Verlustbewältigung.

Im beziehungsorientierten Bereich werden persönliche Beziehungsthemen aus Partnerschaft und Ehe, Familie, Scheidung, Trennung sowie Erziehungsthemen behandelt. Beratung in sozialen Beziehungsthemen umfasst Konfliktmanagement, Gruppen- und Teamthemen sowie Supervision. Und schließlich befasst sich dieser Bereich mit den unterschiedlichsten Kommunikationsthemen (Anhang 1).

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass das thematische Arbeitsfeld, so wie es gesetzlich definiert ist, alle Lebensbereiche eines Menschen persönlich, beruflich, biografisch und seines Umfeldes beziehungstechnisch, familiär und kommunikativ umfasst.

Die vorliegende Arbeit beschränkt sich auf die Lebensberatung mit Einzelpersonen oder Familien und befasst sich nicht mit Themenbereichen von Institutionen und auch nicht mit Themen aus der Sozialberatung.

1.1.2

Was ist Lebensberatung, wie sie von der Ausbildungseinrichtung Arbeitsgemeinschaft Ganzheitliche Lebens- und Sozialberatunggesehen wird bzw. welche Schwerpunkte gibt es?

1.1.2.1

Das Gesprächsmodell nach Rogers

Wesentliche Elemente des Gesprächsmodells nach Rogers sind die drei Variablen Einfühlung (Empathie), Wertschätzung (Akzeptanz) und Echtheit (Kongruenz) als Basis für die „klientenzentrierte Psychotherapie“. Die Grundannahme ist dabei, dass der Mensch Ressourcen (Fähigkeiten, Fertigkeiten, Talente, Neigungen, Stärken usw.) in sich trägt, die gezielt hervorgehoben und gefestigt werden können.

Man geht dabei von einer Aktualisierungstendenz aus, d.h. dass der Mensch in seinem ständigen Veränderungsprozess alle seine körperlichen, seelischen und geistigen Möglichkeiten zu entfalten versucht, sie zu verwirklichen und zu erhalten. Bedingungslose Wertschätzung wird dabei als

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grundlegendes Bedürfnis betrachtet und wenn ihm/ihr diese entgegengebracht wird, so wird er/sie sich in seiner/ihrer Entfaltung konstruktiv, rational und sozial verhalten.

Wird dem Menschen diese Wertschätzung nicht entgegengebracht, so wird er/sie alles versuchen, um seine/ihre Existenz und Selbstachtung aufrecht zu erhalten, selbst dann wenn er/sie sich dabei nicht entfalten kann oder sogar seine/ihre vorhandenen Ressourcen unterdrücken muss. Dies kann zu dekonstruktivem, irrationalem und asozialen Verhalten führen (STEINER 2013 Seite 1-11, 1-12).

1.1.2.2 Das Gesprächsmodell nach Neurolinguistische Programmierung (NLP)

Der Psychologe Richard Bandler und der Linguist John Grinder als Gründer der Neurolinguistischen Programmierung haben ein Verfahren für eine Kurzzeit-Psychotherapie entwickelt und legen dafür Vorannahmen fest, von denen ich hier die für mich relevantesten kurz anführen möchte.

Sie gehen davon aus, dass die Sprache die Landkarte der Wirklichkeit ist, aber nicht die Wirklichkeit selbst. Menschen treffen innerhalb ihres Modells von der Welt grundsätzlich die ihnen bestmögliche Wahl und sind durch eine positive Absicht motiviert. Diese Annahme ignoriert nicht die möglichen Auswirkungen einer Haltung, wird aber im beratenden Kontext der NLP dazu verwendet, ein negatives Selbstbild umzudeuten. Eine weitere Annahme geht davon aus, dass wir alle Ressourcen in uns haben, um jede gewünschte Veränderung im Rahmen der individuellen Grenzen vorzunehmen. Dabei bleibt der positive Wert des Individuums konstant, nur die Angemessenheit des Verhaltens kann bezweifelt werden. Die Bedeutung von Kommunikation liegt in der Reaktion, die man erhält und es gibt in der Kommunikation keine Fehler oder Defizite, sondern alles ist Feedback, was eine verletzungsfreie Annahme von Kritik ermöglicht. Der Sinn jeder Kommunikation ist dabei nicht die Absicht, sondern die Reaktion, die sie beim Gegenüber auslöst. Diese Annahme korrespondiert mit dem Axiom von Paul Watzlawik: Wahr ist nicht, was A gesagt hat; Wahr ist, was B verstanden hat. Für die Gründer von NLP bedeutet Widerstand der Klientin, des Klienten mangelnde Flexibilität auf Seiten des Beraters/der Beraterin und es wird Verhaltensflexibilität eingefordert. Wenn etwas nicht funktioniert, so soll etwas anderes versucht werden, es geht um die Bereitschaft zur Suche nach Lösungsalternativen (STEINER 2013 Seite 1-16 bis 1-18).

Der wesentliche Vorteil dieser Methode ist das zielorientierte Arbeiten mit dem/der Klienten/Klientin, das eine raschere Lösung eines Problemzustandes ermöglicht. Dies kann besonders von Vorteil sein, wenn akute Thematiken eine tiefende Arbeit unmöglich machen. Hier kann zuerst die akute Thematik bearbeitet werden, um sich dann den tieferliegenden Thematiken zu widmen.

1.1.2.3 Das Holistic Healing Gesprächsmodell für Lebens- und Sozialberater

Das Gesprächsmodell für die Lebens- und Sozialberatung nach dem Metamodell Holistic Healing ist ein Kombinationsmodell aus dem klientenzentrierten Ansatz und der neurolinguistischen Programmierung. Aufgrund der einigermaßen gleichen Grundhaltung ist diese Kombination möglich, obwohl es in Teilbereichen wesentliche Unterschiede gibt, zum Beispiel in der Zielführung. Es hängt von der Problemstellung ab, ob eine Zielformulierung sinnvoll ist oder nicht. Wenn schnelle Veränderungsprozesse für eine Stabilisierung einer Klientin oder eines Klienten erforderlich sind, um

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den Leidensdruck rasch zu mildern und einen Veränderungsprozess vorzubereiten, so ist ein zielorientierter Ansatz in Betracht zu ziehen. Der Beginn einer Beratung erfolgt jedoch immer gleich mit dem Beziehungsaufbau.

Von den Techniken der NLP verwenden wir im Modell Holisitc Healing vor allem die achtsame Wahrnehmung, unter anderem auf die Körpersprache. Im Gegensatz zum klassischen NLP deuten oder interpretieren wir diese nicht, sondern sprechen sie an und bringen dadurch unbewusste körperliche Verhaltensmuster ins Bewusstsein.

Das Kombinationsmodell stellt hohe Anforderungen an die BeraterIn insofern, als sie die Beratungssituation richtig erkennen und den entsprechenden Beratungsansatz verwenden muss (STEINER 2013 Seite 1-25).

1.1.3 Was ist mein persönlicher Zugang zur Lebens- und Sozialberatung?

Folgende wahre Geschichte drückt gut aus, was mir als Grundhaltung bei der Begegnung mit Menschen angemessen erscheint, und der ich mich verschreibe und in der ich mich übe.

In einem großen Tempel nördlich von Thailands ehemaliger Hauptstadt Sukhothai stand einst eine riesige, uralte Buddhastatue aus Ton. Obwohl diese Statue nicht das eindrucksvollste oder eleganteste Werk der buddhisitschen Kunst Thailands war, so hatte sie doch mehr als fünf Jahrhunderte überdauert und wurde schon deshalb verehrt. Sturmwinde, Regierungen und Invasoren kamen und gingen, doch die Buddhastatue blieb.

Irgendwann jedoch bemerkten die Mönche, die sich um den Tempel kümmerten, dass die Statue erste Sprünge bekam und wohl bald würde restauriert werden müssen. Nach einer Periode besonders heißen, trockenen Wetters hatte sich einer der Risse so sehr verbreitert, dass man ins Innere der Statue schauen konnte. Einer der Mönche nahm eine Fackel und versuchte, etwas zu erkennen. Erstaunt bemerkte er einen goldenen Schimmer. Und tatsächlich entdeckten die Tempelbewohner eine der größten und schönsten Goldstatuen, die je vom Buddha in Südostasien angefertigt wurde. Nun zieht der freigelegte goldene Buddha tausende von Pilgern aus ganz Thailand an.

Die Mönche glauben, dass das glänzende Kunstwerk unter einem Mantel von Gips und Ton verborgen wurde, um es in Zeiten kriegerischer Konflikte vor gierigen Händen zu schützen. Ähnlich ist es mit uns selbst: Jeder von uns hat bereits schwere Zeiten durchlebt, die jedoch dazu beitragen, den uns innewohnenden edlen Kern freizulegen. Wie die Menschen von Sukhothai den goldenen Buddha vergessen haben, so haben wir unsere wahre Natur vergessen. Meist sind wir nur mit unserer schützenden „Tonschicht“ befasst“ (KORNFIELD 2008, Seite 22,23).

Das erste Prinzip buddhistischer Psychologie lautet:

Erkenne den inneren edlen Kern und die Schönheit in jedem Menschen(KORNFIELD 2008, Seite 23).

Ajahn Jayanto, ein buddhistischer Mönch amerikanischer Herkunft und Leiter eines Meditationsretreats zum Thema Gewahrsein hat in seinen einleitenden Worten im Mai 2013 betont, welch sensible und zerbrechliche Wesen wir Menschen sind, hochkompliziert und jeder auf seine Art und Weise einmalig.

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Aus eigener Lebenserfahrung weiß ich, dass es keine Patentrezepte für Lebensthematiken gibt und der für mich richtige Lösungsansatz für jemand anderen völlig kontraproduktiv sein kann. Daher hat mich angesprochen, was Klaus GRAWE schreibt: „Therapeuten, die ihr therapeutisches Angebot nur innerhalb der Grenzen einer bestimmten Therapieschule variieren können, sind in ihren Möglichkeiten zur Nutzung dieses Wirkfaktors (die therapeutische Beziehung, Anm. des A.) stark eingeschränkt(HANIKA 2012, Seite 118). Auch wenn hier von Psychotherapie gesprochen wird, so denke ich, dass diese Aussage sehr wohl auf die Beratung umzulegen ist. In der Lebensberatung sehe ich zudem mehr Offenheit für die Anwendung unterschiedlicher Methoden. „Würden dem Therapeuten Verfahren aus verschiedenen Therapierichtungen zur Verfügung stehen, könnte er die spezifischen Persönlichkeitskomponenten systematisch berücksichtigen und auch für verschiedene Formen von Problemen den jeweils für einen spezifischen Klienten bestmöglichen Zugang erreichen“ (GARFIELD 1995 in HANIKA 2012, Seite 119). Auch hier verwende ich die Aussage zur Anwendung in der Lebensberatung und ich bin tief beeindruckt von dieser Haltung. Und eben aus diesem Grunde fühle ich mich im Metamodell Holistic Healing nach Clemens HANIKA sehr zuhause.

1.2 Definition achtsame Körperarbeit

1.2.1 Was meine ich mit „achtsam“?

Zur Klärung des Begriffes „achtsam“ nehme ich die Definitionen von Matthias ENNENBACH aus Buddhistische Psychotherapie“ als Leitgedanken für meine Arbeit. Er unterscheidet hier zwischen Aufmerksamkeit, Konzentration und Achtsamkeit. In seiner Definition von Aufmerksamkeit ist sowohl Konzentration wie auch Achtsamkeit beinhaltet. Die Aufmerksamkeit kann schwanken und ist bewusstseinsabhängig, je höher die Hirnfrequenz (gemessen in Hertz), desto größer ist die Aufmerksamkeit.

Konzentration bezeichnet er als „eine gebündelte, gezielt fokussierte Aufmerksamkeit“. Die Aufmerksamkeit ist dabei auf einen Gegenstand gerichtet, wie der Strahl einer Taschenlampe.

Was ist nun Achtsamkeit? „Mit Achtsamkeit verbinden wir eine Aufmerksamkeitshaltung, die geweitet ist, dies im Gegensatz zur engen Aufmerksamkeitsfokussierung der Konzentration.“

Um dem Thema der Achtsamkeit näher zu kommen listet ENNENBACH eine Reihe von Kurzbeschreibungen auf, von denen ich hier die für meine Arbeit relevanten anführen möchte:

Aufmerksamkeit ohne Konzentration

Klare Sicht ohne Wertung

Beobachtung ohne Entscheidung

Annahme ohne Abwehr

Wahrnehmung ohne Anhaftung

Bewusstsein ohne analytisches Denken

Erfahren ohne Vorurteil

Erleben ohne Analyse

Ruhe ohne Lethargie

Erkennen ohne Kategorisierung

Hinnahme ohne Gleichgültigkeit

Anteilnahme ohne Übernahme

Aktivität ohne Mühe

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Denken ohne Intellektualität

Handeln ohne Verwirrung

Mitgefühl ohne Parteilichkeit

Vorsicht ohne Angst

(ENNENBACH 2012, Seite 147 150)

Achtsamkeit ist das Mittel und gleichzeitig das Ziel(ENNENBACH 2012, Seite 146 149).

Achtsamkeit ist mittlerweile in aller Munde, wurde aber auch schon früher als eine wesentliche therapeutische Haltung erkannt. Schon Sigmund Freud forderte die Psychoanalytiker auf, den freien Assoziationen ihrer KlientInnen eine „gleich schwebende Aufmerksamkeit“ entgegen zu bringen (ENNENBACH 2012, Seite 152).

Aber schon viel früher, vor rund 2500 Jahren, formulierte der historische Buddha „Die Vier Grundlagen der Achtsamkeit“: Körper, Gefühl, Geist und Geistobjekte, dargelegt in der Satipatthana Sutta. Achtsamkeit auf den Körper ist also nicht neu sondern seit langem eine Erkenntnismethode die in den buddhistischen Achtsamkeitsübungen eine unentbehrliche Rolle spielt, denn die Wahrnehmung der Achtsamkeit beginnt auf der körperlichen Ebene (ENNENBACH 2012, Seite 92,

93).

„Achtsamkeit bedeutet im Kontext der (buddhistischen) Lehre primär ein reflektives Gewahrsein dessen, was ist. Es ist die Fähigkeit, die gegenwärtige Erfahrung bewusst wahrzunehmen. Dies kann sich auf alle Aspekte unseres Erlebens beziehen, auf körperliche Erfahrungen genauso wie auf das Denken und Fühlen(KÖCK 2013, Seite 11).

1.2.2 Wie verwende ich den Begriff Körperarbeit?

Ich möchte hier zum besseren Verständnis, was ich mit Körperarbeit meine, einen ganz kurzen Rückblick auf die Geschichte der Körperarbeit machen.

Die vermutlich frühesten Aufzeichnungen, dass Berührung einen therapeutischen Wert hat, finden sich in „Des Gelben Kaisers klassischem Buch der Inneren Medizin“, das dem Kaiser Huang-ti zugeschrieben wird, der etwa von 2600 bis 2500 vor unserer Zeit gelebt haben soll (es gibt unterschiedliche Zeitangaben), wobei sein Werk vermutlich erst im 2. oder 3. Jahrhundert v. Chr. entstanden sein soll. Daneben findet sich der Begriff Körperarbeit auch in einigen Sanskrit-Schriften, in Homers Odyssee wird Körperarbeit erwähnt, ebenso von Hippokrates, Asklepiades, Galen und andere. Berühmte Römer wie Cäsar oder Cicero genossen die Körperarbeit und ihre Vorzüge.

Im Jahr 1363 veröffentlichte Guy de Chauliac ein Buch über die Chirurgie, in dem er Methoden der Körperarbeit als wirksame Therapie nach Operationen beschrieb, bei Paracelsus (1493 1541) galt sie als unverzichtbare Heilmethode.

Pehr Henrik Ling war an der Gründung des Stockholmer Königlichen Zentralinstitutes für Leibeserziehung (1813) beteiligt, wo er die schwedische Massage praktiziert und gelehrt hat.

Im 20. Jahrhundert steigerte sich die Zahl der KörperarbeitTechniken beträchtlich, hauptsächlich durch den stets wachsenden Einblick in die Vorgänge des menschlichen Körpers aus westlicher Forschung (JUHAN 1997, Seite 36,37).

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Juhan beschreibt die Berührungsempfindung als lebensnotwendig für das körperliche Überleben des menschlichen Organismus (JUHAN 1997, Seite 145). Und er beschreibt weiter, dass Berührung zu den wichtigsten Elementen der erfolgreichen Entwicklung und funktionalen Organisation des Zentralnervensystems gehört, die für unsere Existenz so lebenswichtig ist wie Nahrung, Wasser und Sauerstoff (JUHAN 1997, Seite22).

Von besonderer Bedeutung für den Zusammenhang mit der Lebensberatung ist die Tatsache, dass es keine Empfindung und kein Gefühl gibt, das nicht in eine muskuläre Reaktion irgendwelcher Art mündet. „Gefühlszustände bilden die zentralen Fundamente unserer eingefleischten Körperhaltungen und individuellen Verhaltensmuster(JUHAN 1997, Seite23).

Vor diesem Hintergrund definiere ich Körperarbeit als manuelle Behandlung (nicht eine Behandlungsmethode im medizinischen Sinne) die über eine Massage hinausgeht, neben Fachwissen auch Intuition verlangt und sich keiner Geräte bedient, sondern der gezielten und achtsamen Berührung.

1.2.3 Körpertherapie und Körperpsychotherapie

Körpertherapie bezeichnet laut Wikipedia Behandlungsmethoden zur Verbesserung von Körperhaltungen und Bewegungsabläufen. Körpertherapeutische Methoden sind nicht unbedingt oder gar nicht in ein psychotherapeutisches Konzept eingebunden. Körpertherapie wird oft mit Bodywork (Körperarbeit) gleichgesetzt, Shiatsu wird meist auch unter Körpertherapie eingereiht.

Körperpsychotherapie oder körperorientierte Psychotherapie ist die Bezeichnung für unterschiedliche Psychotherapiemethoden, die die psychischen und körperlichen Dimensionen menschlichen Erlebens gleichwertig und ineinander verschränkt behandeln.

Die Grenzen zwischen Körpertherapie und Körperpsychotherapie sind nicht immer eindeutig zu ziehen. An Körpertherapien gibt es eine Vielzahl und auch an Gruppierungen lässt sich eine große Bandbreite finden. Hier seien folgende Methoden exemplarisch und kategorisiert erwähnt: Massagen wie die Schwedische Massage, Fussreflexzonenmassage, Polarity, tiefer greifende Bindegewebsmassagen wie Rolfing, Posturale Integration, Rebalancing und Haltungs- und Aufbauschulen wie die Alexander-Technik, Eutonie und die Feldenkrais-Methode und asiatische Methoden wie Tai Chi Chuan, Yoga, Shiatsu, Akupressur und Aikido.

Ebenso gibt es eine Reihe von körperpsychotherapeutischen Methoden, wobei deren Ursprünge vor allem auf die Psychoanalyse zurückgehen. Wilhelm Reich arbeitete bereits in jungen Jahren als Psychoanalytiker und begann, die Psychoanalyse Sigmund Freuds zu erweitern. Sein Hauptinteresse bewegte sich um die Bereiche Libido Ökonomie Energie im Zusammenhang mit dem frühen Freudschen Neurose Modell. Diese Forschung ging in Richtung des Zentrums der Person, die als körperliche Personverstanden werden sollte (KUFNER 1987, Seite 251).

Mit der Beschreibung des Charakterpanzers und der darauf folgenden Gleichsetzung von muskulärer Haltung und Charakterhaltung war der Ansatzpunkt zu direkter körperlicher Arbeit gefunden(KUFNER 1987, Seite 252).

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Aus dieser Erkenntnis entwickelte Reich eine Technik, die sich mit dem Konzept der „vegetativen Strömung“ auseinandersetzte und Vegetotherapie genannt wurde. Weitere Forschungen führten ihn zu einer spezifisch biologischen Energie, die er Orgon nannte und daraus die Orgontherapie ableitete.

Wilhelm Reich hatte einen großen Einfluss auf die weitere Entwicklung von körperorientierten Psychotherapien, unter anderem auf die Bioenergetik von Alexander Lowen, die Biodynamische Psychotherapie von Gerda Boyesen, aber auch auf die Gestalttherapie von Fritz Perls und das Rebirthing von Leonard Orr (LUKOSCHIK 1989, Seite 16).

Besonders erwähnenswert erscheint mir hier, dass die Orgonenergie auch in anderen Kulturkreisen als Kraft beschrieben wird, die hinter einer ausgeglichenen körperlichen und geistigen Gesundheit steckt. Im Shiatsu wird diese Energie Ki genannt, gleichbedeutend mit dem chinesischen Chi. Die Inder nennen diese Energie Prana. Auch Paracelsus erkannte diese Energie und gab ihr den Namen Numia.

Wie Freud, so betrachtete Reich die Angst als die Kraft, die den Fluss der (sexuellen) Lebensenergie unterdrückt. Reich forschte weiter und entdeckte den Körperpanzer, eine Art materialisierte Form dieser Angst. Erschütternde Kindheitserlebnisse stoppen den Energiefluss und drücken sich durch Blockierungen im Körper aus, die Reich Charakterpanzerung nannte. Diese Blockierungen befinden sich nach Reich vor allem im Gesicht um die Augen und die Kiefermuskeln, in der Schulter- und Nackenmuskulatur, als Ring um die Brust, am Bauch und im Beckenbereich. Dies wird später noch genauer im praktischen Teil interessant, in dem es darum geht, wie Shiatsu in der Lebensberatung eingesetzt werden kann.

Reich verwies auf den Viertakt allen Lebens: Spannung Ladung Entladung Entspannung. Dieser Rhythmus spielt sich nach Reich in der einzelligen Amöbe genauso ab, wie im Menschen. Auch hier gibt es wieder Parallelen zu den polaren Kräften von Yin und Yang, die in einem eigenen Unterkapitel noch genauer beschrieben werden.

In den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts war man noch der Meinung, dass es sich bei der Reichschen Körpertherapie um eine sanfte Therapie handelt. Weit verbreitet waren für eine gewisse Zeit auch Neo-Reichsche Körpertherapien, wobei es sich dabei um verschiedene Verbindungen von z.B. Reich und Bioenergetik oder Reich und Gestalt handelt (LUKOSCHIK 1989, Seite 18-23).

Weniger sanft war zum Teil die Arbeit von Gerda Boyesen in der Biodynamischen Psychotherapie. Sie arbeitete mit der Psychoperistaltik Entspannungsgeräusche im Darm, die Boyesen mit dem Stethoskop erfasste und zuordnete. Sie arbeitete aber auch mit recht heftigeren Interventionen, um den Panzer zu brechen(BOYESEN 1995, Seite 88), mit z. B. Deep Draining. Boyesen schreibt in ihrem Buch auch „Wirklich erstaunt war ich über die Möglichkeit, neurotische Patienten ganz ohne Psychotherapie zu heilen“ (BOYESEN 1994, Seite 29).

Ich erwähne das hier, um Missverständnissen vorzubeugen. Natürlich geht es in meiner Arbeit als Lebensberater nicht um Heilung in dem Sinne, wie sie in der Psychotherapie verstanden wird. Ich nehme aber in meiner Shiatsu-Arbeit Abstand von „brechenden“ Methoden. Heute ist man allgemein der Ansicht, dass heftiger Schmerz oder heftige Abreaktionen nicht notwendig sind (REDDEMANN 2010, Seite 92).

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1.3

Definition „Shiatsu“

Liste alles auf, was deiner Meinung nach Shiatsu beinhaltet, und dann streiche alles wieder durch. Was kannst du sonst noch dazu sagen? Schreib auch das auf und streiche es wieder aus. Mach das so weiter für den Rest deines Lebens(FALL 2000, Seite 27).

Dieses Zitat beschreibt aus meiner Sicht sehr schön und poetisch, was Shiatsu sein kann. Für die vorliegende Arbeit aber scheint es mir sinnvoll, eine greifbarere Beschreibung zu verwenden. Aus meiner Sicht ist Shiatsu eine in fortlaufender Weiterentwicklung befindliche Methode der Körpertherapie, die auf einer Jahrtausende alten Denkweise des Ganzen beruht.

Berührung als heilende Kraft ist seit Menschengedenken bekannt. Den frühen chinesischen „Barfußärzten“ waren aus der praktischen Erfahrung Körperstellen bekannt, die auf Krankheiten oder beeinträchtigte Lebensfunktionen reagieren. Diese heute als Akupunktur-Punkte bekannten Stellen haben die Menschen zuerst mit den Händen stimuliert, dann mit Fischgräten oder feinen Knochen bis sie schließlich zu Nadeln übergingen. Nachdem vor etwa eintausend Jahren diese chinesischen Methoden nach Japan gebracht wurden, entwickelten sich dort eigene therapeutische Behandlungsformen. Die tief verwurzelte alte japanische Massage, Anma, konnte sich daneben bis zum beginnenden 20. Jahrhundert als Heilmethode halten und verlor dann an Bedeutung bzw. wurde mehr zum sinnlichen Genuss angewendet.

Um diese Zeit entwickelte sich eine neue Therapieform mit Ursprüngen aus Anma in Verbindung mit traditionell östlichem Gedankengut und dem Wissen um ganzheitlich kosmische Zusammenhänge. Da in dieser Methode bestimmte Körperpunkte gehalten wurden, nannte man sie Shiatsu. „Shiatsu ist aber nicht einfach Fingerdruck wie es die wörtliche Übersetzung suggerieren mag. Es ist vielmehr unmittelbare Kommunikation zwischen zwei Menschen, ein Gespräch durch Berührung(METZNER 2004, Seite 13).

1.3.1 Shiatsu in der Definition des Österreichischen Dachverbandes Shiatsu (ÖDS)

Ich führe hier eine kurze Zusammenfassung der Definition und der Anwendungsgebiete von Shiatsu nach dem Österreichischen Dachverband für Shiatsu an. Die komplette Ausführung befindet sich in Anhang 2.

Shiatsu ist eine eigenständige in sich geschlossene Form ganzheitlicher, manueller Körperarbeit. Ins Deutsche übersetzt bedeutet shiFinger, und atsuDruck, Druck im Sinne von aufmerksamer, achtsamer Berührung, die mit Fingerspitzen, Handballen, Ellenbogen, Knien oder Füßen ausgeübt wird. Diese Druckausübung erfolgt mittels Schwerkraft durch Verlagerung des Körpergewichts aus der Körpermitte, dem sogenannten Hara, der behandelnden Person. Shiatsu wird am Boden auf einer Matte ausgeübt und nutzt auch eine Vielzahl weiterer vitalisierender Techniken. Das größte Potenzial von Shiatsu liegt in der Vorsorge, der Aktivierung der Selbstheilungskräfte des Organismus und einer Steigerung des körperlichen Wohlbefindens.

Im Mittelpunkt von Shiatsu steht der Mensch mit seiner Lebensenergie Chi (Qi, Ki), die in unseren Meridianen fließt und uns mit Lebendigkeit erfüllt und bei einem Zuviel oder Zuwenig zu Ungleichgewichten führt die wir individuell unterschiedlich wahrnehmen, etwa als Müdigkeit, als Verspannung, als Nervosität, als Erschöpfung oder Rückenschmerzen. Im Shiatsu wird der Mensch in

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seiner Ganzheit auf den vier Ebenen des Seins spirituelle, mentale, emotionale und körperliche Ebene gesehen und je nach individuellem Bedarf unterstützt. Ziel ist der freie Fluss der Lebensenergie Chi, die Selbstheilungskräfte des Organismus werden aktiviert und das Wohlbefinden wird gesteigert.

Shiatsu ist eine achtsame Form der Begegnung und Berührung und findet in gelassener und offener Atmosphäre statt, in der ausreichend Zeit und Raum vorhanden ist, um Tiefenentspannung möglich zu machen. Für die Prävention unterstützt Shiatsu den Organismus dabei in Harmonie und Gleichgewicht zu bleiben und kann dafür entspannend oder aktivierend eingesetzt werden.

Die Anwendungsgebiete sind dabei vielfältig. Bei allgemeinen Befindlichkeitsstörungen wie zum Beispiel Müdigkeit, Erschöpfung, Schlafproblemen, Kopfschmerzen, Migräne, depressive Verstimmungen, Wetterfühligkeit oder Beschwerden des Bewegungsapparates kann eine Linderung herbei geführt werden. Shiatsu unterstützt bei regelmäßiger Anwendung das Immunsystem und die Ausgeglichenheit und wirkt so auch präventiv bei Lebensveränderungen auf körperlicher wie auch seelischer Ebene. Shiatsu hilft, den Körper und seine Signale bewusster wahrzunehmen und kann nach ärztlicher Rücksprache die Heilung und Wiederherstellung nach Unfällen oder Krankheiten unterstützen. Bei Frauen unterstützt Shiatsu die Regulation des Zyklus und kann während der Schwangerschaft und als Geburtsvorbereitung sowie auch während der Wechseljahre gut begleiten. Shiatsu hilft Kindern ihr Gleichgewicht zu erhalten und hat sich als Methode bei der Behandlung von Konzentrationsstörungen oder Hyperaktivität bewährt (ÖDS 2014).

Aus dieser Zusammenfassung ergibt sich schon ein breites Feld, in dem sich Arbeitsbereiche von Shiatsu und einer ganzheitlich orientierten Lebensberatung überschneiden. Bevor ich mich nun diesem Feld genauer widme, möchte ich noch auf die Grundlagen eingehen, die der Shiatsu-Arbeit zugrunde liegen und klar herausarbeiten, welchen Stil ich hier anspreche und ausübe.

Die theoretischen und praktischen Wurzeln von Shiatsu liegen in den fernöstlichen Konzepten und Heilmethoden, die auch der in der naturwissenschaftlich orientierten, westlichen Medizin anerkannten Akupunktur zugrunde liegen. Shiatsu hat sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Japan aus der traditionellen japanischen Massage entwickelt und wurde 1964 vom japanischen Gesundheits- und Wohlfahrtsministerium als eigenständige Behandlungsmethode anerkannt. In Europa ist Shiatsu heute eine anerkannte komplementäre Behandlungsmethode, die sich über die Aufnahme von Elementen der chinesischen Medizin und westlicher Behandlungsmethoden vielfältig weiterentwickelt hat (TRIPP 2013).

1.3.2 Philosophischer und theoretischer Hintergrund von Shiatsu

Shiatsu orientiert sich an folgenden philosophischen Prinzipien und verbindet diese:

die Lehre der Fünf Elemente (Wandlungsphasen),

das Prinzip von Yin und Yang,

dem Zang Fu Die Organsysteme der traditionellen chinesischen Medizin

das Prinzip von Kyo und Jitsu

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Um die östlichen Konzepte und Prinzipien verstehen zu können ist es notwendig, sich mit der Grundsubstanz Chi (Qi) auseinander zu setzen.

„Die hochentwickelte Chemie, Biochemie, Anatomie und Physiologie, welche die Basis der modernen westlichen Medizin bilden, sind für die Chinesen von geringer Bedeutung. Was sie interessiert, ist Diagnostik, das Zusammenfügen von Zeichen und Symptomen, um sich ein genaues Bild dessen zu verschaffen, was gerade vor sich geht. Aus diesem Grunde besitzt die chinesische Medizin nur eine rudimentäre Theorie vom menschlichen Organismus an sich. Die westliche Medizin muss hinter einem Schleier von Symptomen nach einem pathologischen Mechanismus suchen und benötigt deshalb eine Theorie, die über die Arzt-Patient-Situation hinausgeht und auf ein zusätzliches Wissen zurückgreift. Der chinesische Arzt hingegen schaut selten weiter als bis zum Patienten selbst; die Theorie ist lediglich zur Führung der Wahrnehmung notwendig(KAPTSCHUK 2010, Seite 45). Diese Einleitung scheint mir wichtig, denn aus diesem Blickwinkel heraus lässt sich das Konzept von Chi in seiner ursprünglichen Bedeutung verstehen.

Chi ist ein wesentliches Konzept in der chinesischen Philosophie, wobei es in unseren westlichen Sprachen kein passendes Wort gibt, dass die Bedeutung wirklich angemessen wiedergeben kann. Man kann sagen, dass alles im Universum aus Chi zusammengesetzt ist und sich durch Chi definiert. Dennoch ist Chi weder ein unveränderlicher Stoff, noch einfach „nur“ die Lebensenergie. Im chinesischen Denken wird nicht zwischen Energie und Materie unterschieden und weder klassische noch moderne chinesische Texte spekulieren über die Natur von Chi oder versuchen, diese begreiflich zu machen. Chi wird vielmehr funktionell durch sein Wirken verstanden.

Die Chinesen gehen von drei Quellen des Chi aus. Das Ursprungs-Chi oder vorgeburtliche Chi wird bei der Empfängnis von den Eltern auf das Kind übertragen und in den Nieren gespeichert. Das Nahrungs-Chi wird der Nahrung entnommen und das Atmungs-Chi wird von der Lunge aus der eingeatmeten Luft gewonnen. Diese drei Formen vermischen sich und produzieren das „Normale Chi“, das den ganzen Körper erfüllt. Das Normale Chi hat fünf Hauptfunktionen im Körper.

Chi ist die Quelle aller Bewegung im Körper und begleitet jede Bewegung im weitesten Sinne. Somit fallen gehen, tanzen, atmen, der Herzschlag, essen und sprechen sowie auch geistige Aktivitäten wie denken, träumen, sich freuen und Motivation, Entwicklung, Wachstum und Lebensprozesse im allgemeinen Sinn in diesen Bereich. All das sind „Bewegungen“, die vom Chi abhängen.

Chi schützt den Körper vor dem Eindringen von pathologischen Umwelteinflüssen und bekämpft sie.

Chi ist die Quelle harmonischer Transformation für den Körper, wobei hier die Umwandlung von Nahrung in zum Beispiel Blut, Chi, Tränen, Schweiß und Urin gemeint sind.

Chi regelt die Bewahrung von Körpersubstanzen und Organen, man könnte sagen, „Chi hält alles in Ordnung: die Organe auf ihrem Platz, das Blut in den Blutbahnen usw.

Chi wärmt den Körper (KAPTSCHUK 2010, Seite 46 50).

Es ließe sich noch vieles mehr über das Chi sagen, aber hier sei einfach die Komplexität und Allgegenwärtigkeit dieses Konzeptes anschaulich gemacht. Ob ich nun Shiatsu praktiziere oder ein Beratungsgespräch führe oder einfach nur „bin“, nichts kann ohne Chi vor sich gehen.

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1.3.2.1

Die Lehre der fünf Elemente

Das System der Fünf Elemente ist ein philosophisches Konzept, das auf der Beobachtung von Natur und Universum entstanden ist. Im Shiatsu ist das System der Fünf Elemente gleichbedeutend mit dem Prinzip von Yin und Yang. Dies steht im Gegensatz zur Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), wo das System von Yin und Yang deutlich im Vordergrund steht. Und das System der Fünf Elemente steht in Beziehung zum Prinzip von Yin und Yang.

Die fünf Elemente Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser sind nicht nur „Elemente“ im Sinne von Bausteinen, sondern größer und fließender zu betrachten und werden auch die „Fünf Wandlungsphasen“ genannt, was die Eigenschaft der Prozessorientierung beschreibt. Diese Wandlungsphasen sind innerhalb eines größeren Ganzen in Bewegung und stehen untereinander in unterschiedlicher Weise in Beziehung. Jedes Element hat dabei eine ganz bestimmte Qualität und Funktion. Im Rahmen dieser Arbeit ist nur ein sehr kurzer Einblick in die Funktion und Dynamik der Lehre der fünf Elemente möglich und ich beschränke diesen weiter auf die relevanten Gebiete für die psychosoziale Beratung. Voranstellen möchte ich aber ein paar Worte aus der Einleitung zu einem Handbuch zur Shiatsu-Ausbildung: „Es entspricht einem häufigen Missverständnis, die in diesem Buch (oder in anderen Büchern) dargestellten Zusammenhänge für wahr oder für die Wirklichkeit zu halten. Wirklich sind sie insofern, als sie konkrete und anwendbare Theorien darstellen und damit ein Teil unserer Realität sind. Richtig verstanden können sie von großer Bedeutung bei der Gewinnung eines tiefen Verständnisses für unsere Klienten sein und damit unsere Arbeit klarer und effektiver werden lassen.

Sie können jedoch niemals wahr sein. Wahr ist nur die Wirklichkeit selbst.“ (Rappenecker 2007)

Wahr ist nur die Wirklichkeit selbst.“ (Rappenecker 2007) Abbildung 1: Die 5 Elemente in der Traditionellen

Abbildung 1: Die 5 Elemente in der Traditionellen Chinesischen Medizin (Quelle: International Academy for Hara Shiatsu, Tomas Nelissen)

Das Holzelement steht für den Frühling, für Geburt, Wachstum, Neubeginn, aber auch Erneuerung und wird das junge Yang genannt. Die junge Pflanze durchbricht die Erdoberfläche und beginnt zu wachsen, das Kind entwickelt sich. Auf körperlicher Ebene manifestiert sich das Holzelement in der Leber und der Gallenblase. Diesen werden „Geistfunktionen“ zugeordnet, wobei die Leber die

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Mutter der Emotionen genannt wird und sich alle emotionalen Belastungen auf die Leber schlagen. „Hun“ ist die Geistseele der Leber und trägt unseren inneren Lebensplan in sich. Hun ist aber auch die Fähigkeit sich zu erneuern, immer wieder neu aufzunehmen und zu wachsen. Die Leber herrschtüber Inspiration und Vision, wie es in den klassischen Texten ausgedrückt wird. Eine entspannte Leber drückt sich durch Kreativität, organisatorisches Geschick, Toleranz und Großzügigkeit aus, was wiederum viel Freiraum benötigt. Die Leber liebt die Entspannung und hasst den Druck. Gerade das Holzelement wird in der Kindheit oft unterdrückt, die Leber reagiert mit ihrer emotionalen Seite: Ärger, Zorn, Wut und Aggression um sich Raum zu verschaffen. Die Leber als Architekt hat als Partnerin die Gallenblase, die Baumeisterin, die die Pläne in die Tat umsetzt. Eine Blockade der Gallenblasenenergie äußert sich in mangelnder Entscheidungsfreudigkeit bis hin zu chronischen Entscheidungsschwierigkeiten. Verursacht kann dies zum Beispiel durch übermäßigen Stress oder Frustration werden, die Folge der Unentschiedenheit ist innere Anspannung und weitere Unzufriedenheit (MANDL 2009, Seite 32 69).

Der Lebermeridian speichert Nährstoffe und Energie für den Körper, fördert die Widerstandskraft gegen Krankheiten und trägt zur Blutbildung und Blutreinigung bei und hält so den Körper gesund. Der Gallenblasenmeridian verteilt die Nährstoffe und hält die gesamte Energie im Körper mit Hilfe der Hormone und Sekrete wie Gallenflüssigkeit, Speichel, Magensäure, Insulin u.a. im Gleichgewicht (MASUNAGA 2006, Seite 64).

Das Feuerelement steht für den Sommer, es drückt sich in der Blütezeit aus und wird das große Yang genannt. Es ist die Jugendzeit, in der wir nach Erkenntnissen streben, wissen und erforschen wollen. Feuer steht für geistige Entwicklung, Inspiration, Intuition, Neugierde, Interesse und Lernen. Im Körper drückt sich das Feuerelement im Herzen aus, dem Sitz des Geistes, der Liebe, des Mitgefühls, der Offenheit und Kommunikationsbereitschaft. Die Geistfunktion des Feuers ist Shen, die es uns ermöglicht zu erkennen, dass wir Menschen im Grunde alle das gleiche Ziel haben: wir wollen glücklich sein. Shen herrscht über Liebe und Geist, der ein freudiger Geist sein kann, wenn wir erkennen, dass der menschliche Geist grenzenlos ist. Wenn wir uns von Äußerlichkeiten abhängig machen, kann diese Freude nur eine bedingte sein.

Ein gesundes Feuerelement steht für geistige Offenheit, Wissensdurst und Erkenntnis und diese Freude am Lernen und sich entwickeln ist eine gute Basis für ein langes Leben und ein gesundes Herz(-organ) (MANDL 2009, Seite 70 - 106). Das Herz verabscheut Schlaffheit (MAOSHING NI 2001, Seite 132). Überstimulierung, andauernde Überreizung, andauernde übermäßige geistige Konzentration und dauernde Anspannung durch Zeitnot schaden dem Feuerelement.

Der Herzmeridian verkörpert Mitgefühl und steuert über das Gehirn und die fünf Sinne Emotion und Geist wie auch die Blutzirkulation und den gesamten Körper. Der Dünndarmmeridian beeinflusst über den Transport und die Verdauung von Nahrung den gesamten Körper. Angst, Schock, Wut wirken sich auf die Blutzirkulation aus, Blut wird gestaut, was den gesamten Körper beeinflusst. Der Herzkonstriktormeridian unterstützt die Herzfunktion im Zusammenhang mit dem Kreislauf und wirkt sich auf den Herzbeutel, Herzarterien und das Arterien- und Venensystem insgesamt aus. Er steuert auch die Nahrungsverwertung und die Durchblutung. Der Dreifacherwärmermeridian unterstützt die Dünndarmfunktion, steuert auch das seelische Befinden und die inneren Organe und bringt die Energie im ganzen Körper in Umlauf. Er schützt die Funktionen des Lymphsystems. Der obere Teil des Meridians steht in Beziehung zum Brustraum, der mittlere Teil zum Solarplexus und der Teil über und

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unter dem Bauchnabel zum Bauchfell wie auch zur Durchblutung der Gliedmaßen (MASUNAGA 2006, Seite 61, 63).

Das Erdelement steht für die Mitte, es ist das ausgleichende und nährende Element. Je nach Betrachtung steht es auch im Elementekreis in der Mitte und ist dann für die harmonischen Übergänge der Wandlungsphasen verantwortlich oder es steht zwischen Feuer und Metall. Jahreszeitlich ist der Erde der Spätsommer zugeordnet, die Erntezeit, und so ist es kein Wunder dass Milz- und Magenmeridian mit der Verdauungsfunktion und der Erschließung von Chi aus der Nahrung hier zugeordnet sind, wobei der Yinaspekt von der Milzenergie übernommen wird und der Yangaspekt von der Magenenergie. Wenn die Milzenergie schwach ist, besteht ein Hang zum Grübeln, zur endlosen Sorge, zu unendlich vielen Gedanken. Dies wiederum bewirkt eine Energieblockade und führt zu einer weiteren Schwächung der Milzenergie.

Ausdruck findet das Erdelement im Mitgefühl aber auch in der Anerkennung - ich bin satt, folglich kann ich mich mit Erfolgen in meiner Umgebung mitfreuen- und in der Sympathie.

Die Geistfunktion des Erdelementes ist I(YI) und wird mit Bewusstheit gleichgesetzt, mit praktischem Denken und Intellekt, mit geistiger Ernährung und Wissenssammlung, wobei hier dieses Sammeln der spätsommerliche Aspekt ist. In der menschlichen Entwicklung befinden wir uns hier in der Lebensmitte und bei einem gesunden Erdelement ruht der Mensch in diesem Alter in seiner Mitte, hat eine gewisse Stabilität erlangt und ein gut entwickeltes Selbstvertrauen und wirkt dementsprechend reif und ausgeglichen. In der Meridianentwicklung kommt der Erde eine ganz besonders wichtige Rolle zu, es ist die erste Lebensphase, die ersten sechs Lebensmonate. Defizite in dieser Zeit, z.B. mangelnde körperliche Zuwendung (die Milz steht auch für Zufriedenheit über Körperkontakt), können oft ein Leben lang nicht mehr ausreichend nachgenährt werden (MANDL 2009, Seite 108 148).

Nach dem System der chinesischen Medizin besteht die Funktion der Milz darin, die Nahrung zu verdauen, was Fermentationsprozesse einschließt. Der Milzmeridian steht auch in Zusammenhang mit den Fortpflanzungshormonen, der Brust und den Eierstöcken. Geistige Erschöpfung wirkt sich auf die Milz aus und Bewegungsmangel auf die Verdauung und die Hormonausscheidung. Der Magenmeridian steuert das Zusammenspiel von Magen mit Speiseröhre, Zwölffingerdarm und Regelung des Fortpflanzungs- und Milchbildungsmechanismus, der Eierstockfunktion und des Appetits. Hier gibt es auch einen Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus. (MASUNAGA 2006, Seite 60)

Das Metallelement wird als kleines Yin bezeichnet, der Beginn der Bewegung nach innen, die Hitze des Sommers wird verdrängt und die Yinkräfte bewirken, dass sich die Säfte in den Pflanzen nach unten zurück zu ziehen beginnen, sozusagen einen Schritt zurück machen, wie er im Leben manchmal sehr sinnvoll sein kann im Sinne einer Reflexion. Von den Meridianen aus betrachtet drückt sich die Metallenergie in der Lungenenergie als Yinaspekt und der Dickdarmenergie als Yangaspekt aus, austauschen und loslassen, über die körperliche Ebene hinaus.

Die Geistseele des Metallelementes ist Pooder auch Körperseele genannt, weil es die Verbindung zum Materiellen und Körperlichen fördert. Als PoEigenschaften werden Durchsetzungsfähigkeit gepaart mit einem Sinn für Gerechtigkeit gesehen sowie ein scharfer Verstand. Aber auch Urvertrauen, Vertrauen in die eigene Existenz und die eigenen Möglichkeiten und Talente begründen sich in der Lungenenergie. Können wir unsere Talente nicht leben, die Chancen nicht nützen, dann

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befällt uns Traurigkeit, so wie Trauer und Kummer dem Metall zugeordnet sind. Bei Trauer und ständigem Kummer wird die Atmung flach, bei zu viel Druck geht einem die Luft aus, der Oberkörper hängt nach vor, oft findet dann auch ein Rückzug statt. Das Metall steht auch für Kommunikation, und die Verbundenheit mit der Umwelt geht verloren. Eine gesunde Lungenenergie hingegen ist ein starkes JA zum Leben, die Lunge wandelt kosmisches Chi aus der Atemluft um und macht es so für den Organismus verfügbar (MANDL 2009, Seite 150 188).

Aufgabe des Lungenmeridians ist das Aufnehmen von Chi aus der Atemluft, die für den menschlichen Körper lebenswichtig ist und gebraucht wird, um Widerstand gegen Einflüsse von außen aufzubauen. Ausscheiden von nichtbenötigtem Gas durch den Ausatmungsprozess ist eine weitere Aufgabe. Der Dickdarmmeridian unterstützt die Lungenfunktion. Er scheidet im Körper selbst und nach außen aus und behebt Blockierungen von Chi (MASUNAGA 2006, Seite 59).

Das Wasserelement ist das große oder maximale Yin. Die Bewegung nach innen und die Zusammenziehung der Kräfte erreichen ihren Höhepunkt, es ist Winter. Die Yangenergie konzentriert sich innen in den Samen und Wurzeln, die Yinkraft beherrscht den Raum im Außen. Nierenund Blasenenergie bilden den Yin- und Yangaspekt des Wasserelementes, wobei die Nieren auch als Organe die vor- und nachgeburtliche Energie speichern und unter anderem auch für das Gehirn und das Zentralnervensystem zuständig sind. Die genetische Anlage und die Konstitution des neugeborenen Kindes sind von der Nierenkraft der Eltern abhängig, die Nierenessenz Jing kann nicht wieder erneuert werden, es kann nur durch eine entsprechende Lebensführung der Abbau verlangsamt werden. Ist die Nierenessenz aufgebraucht, findet das Leben ein Ende.

Die Geistfunktion des Wassers ist Tsche“, „eine Kraft die die Seele bewegt, aber nicht die Seele ist. Tsche bringt auch Yi, Po, Hun und Shen in Bewegung und seht auch für die Willenskraft.

Angst, Furcht und Schrecken (Schock) werden den Nieren zugeordnet, das Chi steigt ab, was sich bei Kindern im Bettnässen zeigen kann. Angst ist ein Ausdruck geschwächter Nierenenergie und schwächt wiederum eben diese. Im äußeren Ausdruck finden wir ein geschwächtes Selbstvertrauen, Mutlosigkeit, Bindungsunfähigkeit und eine Hemmung, die Gefühle zum Ausdruck zu bringen.

Wichtig für die Energie des Wasserelementes ist ein ausgeglichenes Verhältnis von Aktivität und Passivität, ein riesengroßes Thema unserer immer hektischer werdenden Zeit (MANDL 2009, Seite 190 - 229).

Der Nierenmeridian regelt Geist- und Energiehaushalt des Körpers und sorgt für Widerstandskraft gegen psychischen Stress durch Steuerung der inneren Hormonsekretion. Er entgiftet und reinigt das Blut und verhindert die Übersäuerung des Blutes. Außerdem reguliert er den Wasserhaushalt des Körpers. Der Blasenmeridian stellt die Verbindung zum Zwischenhirn, das mit der Hypophyse und dem Nierenhormonsystem in Zusammenhang steht. Außerdem hat er Auswirkungen auf das autonome Nervensystem, das die Fortpflanzungsorgane und das Harnsystem beeinflusst. Eine weitere Funktion ist die Ausscheidung von Abfallstoffen durch den Urin (MASUNAGA 2006, Seite 62).

Die Fünf Wandlungsphasen bringen sich gegenseitig hervor, was bedeutet, dass eine Phase die energetische Grundlage für die darauffolgende Phase ist, jedes Element übernimmt die Mutterfunktion für das Folgeelement (Ernährungszyklus). Eine gesunde Mutter ist hier die Voraussetzung für ein gesundes Kind, eine kranke Mutter kann hier die Ursache für ein krankes Kind

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Tabelle 1: Die 5 Elemente im Überblick (Quelle: Mandl, Fünf Elemente, Ausbildungsskriptum International Academy for Hara Shiatsu, Tomas Nelissen)

Überblick (Quelle: Mandl, Fünf Elemente, Ausbildungsskriptum International Academy for Hara Shiatsu, Tomas Nelissen) 21

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sein. Aber auch das Kind ist wichtig für die Balance, denn eine Störung des Kindes (z.B. Leere oder Überaktivität) kann der Mutter Energie entziehen und sie dadurch erschöpfen (Erschöpfungszyklus). Ein häufiges Beispiel hierfür kann berufliche Überaktivität sein, was oft mit einer Überaktivität der Leberenergie einhergeht. Dadurch wird das Mutterelement Wasser erschöpft, was sich in Kreuzschmerzen oder Knieproblemen äußern kann. Ein gesundes Element stärkt und fördert aber nicht nur das unmittelbar nachfolgende Element (Kindelement), sondern auch das übernächste Element. „Die Großmutter kontrolliert den Enkel“ bedeutet, dass sie das Enkelelement daran hindert zu stark zu werden und dadurch in eine Stagnation zu kommen, es kann im negativen Fall aber auch eine Überkontrolle und dadurch Schwächung bewirken (Kontrollzyklus). Der Enkel trägt aber auch zum Gleichgewicht der Großmutter bei, was einerseits gesund verhindern kann, dass die Großmutter zu mächtig wird, andererseits in der Disbalance eine Rebellion gegen die Großmutter und damit eine Schädigung werden kann (Auflehnungszyklus) (RAPPENECKER 2007, Seite 15 - 19).

kann (Auflehnungszyklus) (RAPPENECKER 2007, Seite 15 - 19). Abbildung 2: Die Elemente in ihren Zyklen Wichtig

Abbildung 2: Die Elemente in ihren Zyklen

Wichtig bei all den Zuordnungen wie sie in den Tabellen angeführt sind, ist zu bedenken, dass hier Tendenzen aufgezeigt werden, die über Jahrhunderte beobachtet wurden. Kaum aber findet man in der Praxis „Reinformen“, wir haben es vielmehr immer mit einer Mischung zu tun, die noch dazu in Bewegung ist.

Ich möchte zusammenfassend und als Verbindung der Lehre von den Fünf Elementen zum Prinzip von Yin und Yang folgendes festhalten: aus dem Winterrückzug gehen wir mit neuer Kraft in den Frühling, dem jungen Yang, wir sind voller Tatendrang, es treibt uns nach draußen. Der Sommer als das maximale Yang, das Feuerelement, ist die Zeit der maximalen Aktivität. Als ausgleichende Kraft dient hier die Erdenergie, die uns in der Mitte hält und allzu wilde Ausschweifungen und Energieverschwendungen verhindert. Wenn sich die Kraft dem Ende zu neigt beginnt im Metallelement, dem jungen Yin, der Rückzug nach innen, Angelegenheiten werden abgeschlossen. Und schließlich findet der große Rückzug statt, das große Yin, der Winter. Dies ist die Zeit der Regeneration, der maximalen Ausbreitung des Yin, in der zugleich der stärkste Impuls für das kommende Yang liegt. Aus der Regeneration des Winters beginnt dann der Zyklus wieder von neuem.

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Tabelle 2: Eine für die Beratung unterstützende tendenzielle Einteilung könnte so aussehen (Quelle: ECKERT 2004 Seite 151 153)

 

Holz

Feuer

Erde

Metall

Wasser

Tageszeit

Morgen

Mittag

Nachmittag

Abend

Nacht

Lebenszyklus

Geburt und

Blüte

Reife und

Späte Reife,

Stagnation

Wachstum

Wechsel

Niedergang

u. Untergang

Die 5 Sinne

Sehen

sprechen

Schmecken

Riechen

Hören

und berühren

Verhalten bei

Kontrolle, Selbst-

Traurigkeit,

Sturheit,

Verweiger-

zittern

Stress

beherrschung

Kummer

Uneinsichtig-

ung, Husten

keit

Emotion

Wut und Zorn

Freude

Mitgefühl

Trauer

Frucht und

und Sorge

Angst

Klangfarbe

Laut schreiend

Lachend,

Melodisch

weinend

Stöhnend,

der Stimme

kichernd

singend

tief

Vorherrschen-

cholerisch

Sanguinisch, auf und ab

Phlegmatisch,

melancho-

Ängstlich,

des

zwanghaft

lisch, mutlos

paranoid

Temperament

 

Elementar-

Hun

Shen

Yi

Po

Tchen

geist

Seele, Inspiration,

Bewusstsein,

Praktische

Instinkt

Lebenswille,

Vision

Liebe

Intelligenz

Libido,

Ambition

Funktionen

Pläne und

Integration,

Nachdenken,

Konzentra-

Ehrfurcht,

des

Entscheidungen,

Verfeinerung,

Gedächtnis,

tion,

Meditation,

Elementar-

Reorganisation

Führung

konstruktive

Systematik

Energie-

geistes

Trans-

potenzial

formation

Energieform

spirituell

psychisch

physisch

vital

ancestral

Einfluss des

Entwicklung der

Energiefluss

Entwicklung

Rhythmik von

Vorstellungs-

Elementes auf

Körperkraft

in den

der

Anspannung

kraft,

Meridianen

Körperform

und

Bilderwelt,

und

Entspannung

Fantasie

Konsistenz

Das Element

Sport, Karate, Tai- Chi, Yoga etc.

Psycho-

Ernährungs-

Atemtherapie,

Autogenes

stärkend

therapie,

lehren und

Rebirthing,

Training,

 

Akupunktur

Diät,

Blüten-

Hypno-

Massage

essenzen

therapie,

Meditation,

Moxibustion

Diesen Zyklus betrachtend wird klar, dass wir weitgehend gegen die Natur leben, meist fehlt gerade im Winter die Regenerationszeit, was sich dann im Sommer zeigt, wenn plötzlich die Kräfte ausgehen. Wenn wir dann die feurige Zeit aus einem Mangel an Kraft nicht richtig leben können, fehlt der Stoff für die Strukturierung des Rückzugs und so setzt sich der schädigende Kreislauf fort.

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1.3.2.2

Das Prinzip von Yin und Yang

Yin und Yang entstammen dem Dao (oder oft auch Tao). Das Dao entstammt der chinesischen Philosophiegeschichte, es ist das Alles und das Nichts, und „entstand“ aus Beobachtung der Natur aus einer ganzheitlichen Sicht. Zu dieser Zeit (Lao Tse als Begründer des Daoismus im 6. Jhdt. v.Chr) wurde noch nicht zwischen den Aspekten der Natur und des Geistes getrennt.

zwischen den Aspekten der Natur und des Geistes getrennt. Abbildung 3: Yin und Yang Symbol Das

Abbildung 3: Yin und Yang Symbol

Das Dao ist das Allumfassende, aus dem alles geboren wird und in das alles wieder zurückgeht, das der Welt zugrundeliegende Gesetz und es wird auch als Lebensphilosophie oder „Wissenschaft des Lebens“ bezeichnet. Die Welt wurde als Ausdruck einer inneren Gesetzmäßigkeit gesehen und wir haben die Möglichkeit, mit der Natur zu leben, und nicht gegen sie.

Das Dao ist eine Einheit, aus der ein Spannungsfeld mit polaren Kräften entsteht, Yin und Yang. Es gibt kein Yin ohne Yang und umgekehrt, und gemeinsam verkörpern sie das Prinzip der ständigen Wandlung und gleichzeitig der Einheit. Alles ist in einem ständigen Fluss und nichts ist statisch. (HÄHNEL, 2002)

Im Laufe der Zeit entwickelten sich 5 Prinzipien von Yin und Yang:

1. Alle Dinge haben zwei Aspekte: einen Yin-Aspekt und einen Yang-Aspekt

2. Jeder Yin- und jeder Yang-Aspekt kann wiederum in Yin und Yang unterteilt werden

3. Yin und Yang schaffen einander

4. Yin und Yang kontrollieren sich gegenseitig

5. Yin und Yang verwandeln sich ineinander (KAPTSCHUK 2010)

„Im Shiatsu suchen wir die Gesundheit und können damit die Krankheit ausgleichen, die statisch geworden ist und wieder Raum zur Weiterentwicklung bekommt“ (HÄHNEL 2002).

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Abbildung 4: Yin und Yang mit seinen Eigenschaften (Quelle: Mandl, 5 Elemente, Ausbildungsskriptum International Academy

Abbildung 4: Yin und Yang mit seinen Eigenschaften (Quelle: Mandl, 5 Elemente, Ausbildungsskriptum International Academy for Hara Shiatsu, Tomas Nelissen)

1.3.2.3 Zang Fu

In der chinesischen Medizin werden sechs Yin- und sechs Yangorgane unterschieden. Die Yinorgane werden als Zang bezeichnet und haben die Funktion von „Speicherorganen“, da sie neben ihren physiologischen Aufgaben auch noch Lebensenergie Chi aufnehmen und speichern können, und auch Chi erzeugen und umwandeln. Die sechs Zangorgane sind das Herz, das Perikard oder der Herzkonstriktor, die Leber, die Niere, die Lunge und das Milz-Pankreassystem.

Die 6 Yangorgane heißen Fu und werden auch als Hohlorganebezeichnet: Magen, Dünndarm, Dickdarm, Blase, Gallenblase und der Dreifacherwärmer. Ihre Aufgabe besteht in der Aufnahme und Verdauung von Nahrung, der Aufnahme der Nahrungsbestandteile in die Blutbahn und die Ausscheidung von Schlacken in Harn, Schweiß und Stuhl.

Jeder Wandlungsphase wird ein Zang- und ein Fu-Organ zugeordnet wobei dementsprechend jedes Zang-Organ die Yinkraft und jedes Fu-Organ die Yangkraft eines Elementes verkörpert, wobei ihre physiologischen, emotionalen, intellektuellen und spirituellen Funktionen eng miteinander verbunden sind (ECKERT 2004).

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1.3.2.4

Das Prinzip von Kyo und Jitsu

Das Prinzip von Kyo und Jitsu ist der Atmung sehr ähnlich, es ist ein ständiger Wechsel zwischen Aufnehmen und Abgeben, die ganze Zeit und auf allen Ebenen unseres Seins. Nur so kann Leben unterstützt und aufrecht erhalten werden. Kyo-Jitsu ist eine gesunde Reaktion auf die jeweilige Lebenssituation, auf unserer ständigen Suche nach Balance. Wir reagieren auf Situationen mit Nicht- Kraft (kyo) oder Kraft (jitsu), wobei beides in einem ständigen Zusammen- und Wechselspiel vorhanden ist, die beiden Phänomene befinden sich also in einer gegenseitigen Abhängigkeit.

Die Kyo-Reaktionen definieren sich durch Yin-Qualitäten, passiv, also empfangen, absorbieren, öffnen, warten, halten, hingeben usw. Die Jitsu-Reaktionen hingegen definieren sich durch Yang- Qualitäten, aktiv, also verschließen, nach außen stoßen, ablehnen, kämpfen, verhärten, Widerstand leisten. In jedem Lebensmoment finden beide Reaktionen gleichzeitig statt, vorausgesetzt der Mensch ist gesund. Dann passiert dieser Prozess ohne dass man darüber nachdenken müsste, es ist der natürliche Antrieb, ein sinnvolles und glückliches Leben zu führen.

Die Kyo-Jitsu Reaktion wird ungesund, wenn das natürliche Aufnehmen und Abgeben behindert wird und die Reaktion entweder im Kyo oder Jitsu blockiert und stecken bleibt. Durch übertriebene Reaktionen kommt es zur Formung extremer Muster.

Im Shiatsu geht es darum, die Stagnation zu lösen, um den natürlichen Fluss wieder herzustellen. Kyo-Jitsu ist ein universelles Lebensprinzip, das auf alle Lebensbereiche Anwendung findet (MORICEAU 2001 Seite 9).

Wenn man sich nun die den Wandlungsphasen zugeordneten Eigenschaften vor Augen hält, tut sich damit ein sehr breiter Bereich auf, wie Shiatsu in der Lebensberatung eingesetzt werden kann.

1.3.3 Hara Shiatsu©

Es gibt mittlerweile eine ganze Reihe von sehr unterschiedlichen Shiatsustilen. Von Shiatsu beinahe ohne Berührung über Empty Touch zu meridianfreiem Shiatsu, punktbezogenem Shiatsu zum Meridianshiatsu und Zen-Shiatsu. All diese Stile haben ihre ganz eigenen Qualitäten und Vorzüge. Diese Entwicklung der unterschiedlichsten Shiatsustile ist sehr interessant, es würde aber hier viel zu weit führen sie im Einzelnen auszuführen.

Das Shiatsu von dem hier die Rede ist, nennt sich Hara-Shiatsu und wurde von Tomas Nelissen entwickelt. Nelissen ist ein Schüler von Shizuto Masunaga und hat mit diesem nach seiner Ausbildung auch gemeinsam in Japan unterrichtet. Er hat dann das Shiatsu von Masunaga an die westlichen Bedürfnisse angepasst und unterrichtet seit 25 Jahren in Wien Hara-Shiatsu.

1.3.3.1 Besonderheiten von Hara-Shiatsu©

Was sind nun die Besonderheiten dieses Shiatsustiles? Wie bei den meisten Shiatsustilen wird aus dem Hara der Praktikerin/des Praktikers heraus gearbeitet. Das Hara ist die „Leibesmitte“, also der Bauchbereich und hat viel mit der inneren Mitte und mit der Erdmitte zu tun. Der Begriff kommt aus Japan, mit Hara wird aber nicht nur ein spezifisch japanisches, sondern ein allgemeinmenschliches

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Phänomen beschrieben (DÜRCKHEIM 2005). Hara als Energiezentrum im Abdomen verleiht mir als Shiatsu-Praktiker die Fähigkeit das Chi wahrzunehmen und damit zu arbeiten und nur so kann ich wirksam Shiatsu anwenden (BERESFORD-COOKE 2003).

So wie ich als Shiatsu-Praktiker aus dem Hara heraus arbeite, so arbeite ich an der KlientIn grundsätzlich immer vom Hara in die Peripherie, da das Chi von sich aus immer wieder in das Hara zurück strömt.

Im Hara-Shiatsu arbeite ich mit Meridianfamilien, wobei ich speziell auf die dritte Meridianfamilie (Leber- und Gallenblasenmeridian sowie Dreifacherwärmer- und Herzkonstriktormeridian) achte und diese, falls sie Thema ist, immer zuerst öffnend und entspannend arbeite.

Kyo ist wichtiger als Jitsu und damit beginne ich grundsätzlich immer im Kyo mit stabilem tiefem Druck, wobei der Atem führt, der Druck durch Verlagerung des Körpergewichts aufgebaut und von einem mentalen Fokus unterstützt wird. Grundsätzlich wird immer mit der Zweihand-Technik gearbeitet, wobei die haltgebende und spürende Mutterhand wichtiger ist als die bewegt arbeitende Kindhand. Und ich arbeite im gegebenen Falle antagonistisch.

Ich habe hier in vielen Fällen „grundsätzlich“ eingefügt, da es auch stets Ausnahmen gibt, die aber hier nicht von Bedeutung sind.

1.3.3.2

Meridianarbeit

Die Lebensenergie Chi strömt in sogenannten „Energiebahnen“ durch den Körper, die nichts mit Blut- oder Nervenbahnen zu tun haben und bisher auch nicht naturwissenschaftlich nachgewiesen werden konnten. Die Erfahrung bestätigt aber ihre Existenz und die Tatsache, dass diese Energiebahnen, Meridiane genannt, alle Organe und Funktionen miteinander verbinden, wobei sie die „Transportstraßen“ für das Chi sind. Im Idealfall fließt das Chi ungehindert durch den Körper, sobald ein Meridian blockiert ist, kommt es zu Unausgeglichenheit, Unzufriedenheit und zu Krankheiten (HÄHNEL 2002).

In der Meridianarbeit wird nun mit dem Chi im ganzen Meridian gearbeitet, immer mit beiden Händen, und der Druck setzt sich aus Verlagerung des Körpergewichtes, Ausatmung und mentalem Fokus der PraktikerIn oder des Praktikers zusammen. Zum Einsatz kommen dabei die Handballen und Handflächen, Daumen, Ellenbogen oder Knie, die den Meridian entlang arbeiten. Es findet dabei ein Einsinken statt und die Energie im Meridian wird in Bewegung gesetzt (BERESFORD-COOKE 2003).

Masunaga hat die klassischen Merdianverläufe aus der Traditionellen Chinesischen Medizin erweitert. Nach dem Meridiansystem nach Masunaga, nach dem ich im HaraShiatsu arbeite und das auch in anderen Shiatsu-Stilen angewandt wird, finden sich die zwölf Hauptmeridiane auf dem ganzen Körper, was die Möglichkeit bietet, mit der Behandlung eines Meridians einer Schwingungsqualität am ganzen Körper zu folgen. Die Behandlung gewinnt damit einerseits an Intensität, andererseits erschließt sich die Möglichkeit, einem Thema besonders viel Raum zu geben. Auf den erweiterten Meridianverläufen nach Masunaga finden sich aber keine definierten Punkte (Tsubos), was ein wesentlicher Unterschied zu Akupunktur und Akupressur darstellt. Die Arbeit im Shiatsu orientiert sich am gesamten Schwingungsfeld des Meridians oder an speziellen

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Teilabschnitten, in denen Kyo- oder Jitsu-Bereiche besonders auffällig sind (RAPPENECKER/KOCKRICK 2007, Seite 12, 13).

auffällig sind (RAPPENECKER/KOCKRICK 2007, Seite 12, 13). Abbildung 5: Meridainverläufe nach Masunaga (Quelle: Jan

Abbildung 5: Meridainverläufe nach Masunaga (Quelle: Jan van Baarle,

http://www.baarle.com/en/masunaga-enga4.html)

1.3.3.3

Tsubos

Obwohl sich Shiatsu im Gegensatz zu Akupunktur und Akupressur am Zustand des gesamten Schwingungsfeldes eines Meridians orientiert, werden dennoch auch Meridianpunkte, Tsubos, eingesetzt. Über Tsubos ist ein wesentlich tieferer Kontakt zur Meridianenergie möglich, die Schwingungsfähigkeit kann verändert werden und Verbindungen mit anderen Bereichen des Meridians können hergestellt werden. Somit kann über diese Form der Arbeit z.B. das energetische Organ entspannt werden oder Bereiche, die damit assoziiert werden, können beeinflusst werden. Tsubos können, müssen aber nicht immer, mit den Akupunkurpunkten übereinstimmen und meist ist es so, dass gerade die nicht festgelegten Punkte einen tiefen Zugang zur aktuellen energetischen Situation ermöglichen. Wenn das Chi dabei in der richtigen Tiefe berührt wird, schwingt es eigenständig und in Harmonie mit dem Gesamtorganismus (RAPPENECKER/KOCKRICK 2007, Seite

13).

Um einen kurzen Einblick in die Zusammenhänge und Möglichkeiten der Tsubos zu ermöglichen, möchte ich hier zwei Punkte ganz kurz beschreiben.

Der erste ist Du Mai 4 oder Ming Men, zu deutsch Tor der Bestimmung. Wie die deutsche Bezeichnung bereits suggeriert, ermöglicht dieser Punkt einen direkten Zugang zum individuellen Potential eines Menschen und zwar auf einer spirituellen Ebene. Bei vielen Menschen kommt es in der Lebensmitte zu Lebenskrisen, die bekannte Midlifecrisis bei Männern, die oft mit dem Wechsel einhergehenden psychischen Belastungen bei Frauen. Aus östlicher Sicht ist die Aufgabe in diesem Lebensabschnitt eine Änderung der Ausrichtung unseres Lebens von außen nach innen. Versäumt man diese Wende, so verschleudert man seine Energie, man lässt den inneren Samen der

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Bestimmung verkommen und wird Spielball des äußeren Schicksals, wobei man vorzeitig stirbt, ohne seinen Lebenszweck erkannt und erfüllt zu haben. Haben wir uns ausgebrannt im erreichen weltlicher Ziele und befinden uns in der Krise, entzündet dieser Punkt wieder die Flamme des inneren Lebens und bringt innere Notwendigkeit in ein bis dahin von Fremdbestimmung gelenktes Leben(MÜLLER 2001, Seite 292).

Der zweite Punkt, den ich hier als Beispiel anführen möchte ist Perikard 8 oder Lao Gong, zu deutsch Palast der Mühsal. Dieser Punkt wirkt wie der Sommer und bringt die Lebendigkeit, Spontaneität und das Vermögen, Freude zu empfinden wieder zurück(MÜLLER 2001, Seite 206). Das besondere an diesem Punkt, und das ist stellvertretend für viele andere Punkte auch: er kann von der Klientin bzw. dem Klienten selbst angewendet werden, einfach, unauffällig und in beinahe jeder Situation.

Tsuboarbeit stellt im Hara-Shiatsu nur einen Teil der Arbeit dar und wird unterstützend eingesetzt. Gearbeitet wird mit Daumen, der „Schnecke“ (Fingergelenke), Ellenbogen und Knie.

1.3.3.4

Dehnungen

Im Shiatsu gibt es vielfältige Dehnungen, wobei man zwei Arten unterscheidet: die erste löst und gleicht Verspannungen am Körpergerüst der KlientIn aus, die zweite ist mehr eine Körperhaltung, um einen Meridian an die Körperoberfläche zu bringen, um ihn besser behandeln zu können.

Grundsätzlich werden Dehnungen im Shiatsu tendenziell sanft und unter Berücksichtigung der Grenzen durchgeführt. Die Shiatsu-Praktikerin oder der Shiatsu-Praktiker geht langsam und behutsam vor bis die Dehnungsgrenze erreicht ist, verweilt dort und versucht zu erfühlen, ob sich die Grenze verschiebt. Die Grenzverschiebung kann in Richtung weiterer Dehnung oder in Richtung Kontraktion gehen, was dann ein Zeichen dafür ist, dass die Grenze bereits überschritten wurde. Die im Shiatsu angewandten Dehnungen werden als statische Dehnungen bezeichnet, wobei der Dehnungsreflex des Muskels überwunden wird, der vor zu schnellen Dehnungen schützt.

Die Wirkung von Dehnungen ist die, dass sich die Durchblutung schon bei leichten, für Shiatsu typischen Dehnungen von 10% bis 20% aus der Ruhestellung, um 40% verringert. Die Ursache dafür findet sich in den mit gedehnten Arteriolen, welche bei gesteigertem intramuskulärem Druck ihren Durchmesser verringern. Nach der Dehnung kommt es dann zu einem Rebound-Effekt mit einer reaktiven Hyperämie, wodurch die Zirkulation von Blut und Lymphe angeregt wird. Regelmäßige Dehnungen rufen in vielen Geweben Veränderungen hervor. So verlängert sich die Muskulatur und Muskelspannungen werden reduziert.

Nach ostasiatischem Verständnis regen Dehnungen den Energiefluss in den Meridianen an, wobei harte oder gespannte Muskelpartien gleichermaßen auf eine energetische Disharmonie oder Blockade hinweist.

Im Rahmen der Dehnungen werden im Shiatsu auch Traktionen, also dosierter Zug auf Gelenke der Extremitäten oder der Wirbelsäule angewendet. Auch diese Anwendung ist ein Angebot der Praktikern oder des Praktikers an die KlientIn, den Klienten und kann beim Loslassen unterstützen. Durch die leichte Öffnung der Gelenke unterstützt diese Technik unter anderem auch die Versorgung des Knorpelgewebes. Übrigens werden Traktionen auch in der Physiotherapie angewandt (SEDLIN 2013, Seite 92-94).

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Dehnungen haben aber auch noch einen wesentlichen Nebeneffekt, um den es mir hier im Zusammenhang mit der Lebensberatung geht: Dehnungen lösen die Ausschüttung von Endorphinen aus (LONG/MACIVOR 2010, Seite 21): Bestimmte körperliche Anstrengungen und auch Schmerzerfahrungen können durch die Ausschüttung von Endorphinen ein Glücksempfinden hervorrufen. Diese Wirkung kann individuell höchst unterschiedlich erlebt werden, ist aber mittlerweile medizinisch anerkannt (Wikipedia Endorphine 4.2.2014). Aus meiner Erfahrung mit Shiatsu tritt dieser Effekt in unterschiedlicher Ausprägung bei vielen KlientInnen auf, meist als „Befreiung“ erlebt, oftmals aber tatsächlich als Glücksgefühl.

1.3.3.5 Rotationen und Lockerungen

Rotationen können im Shiatsu wie Dehnungen als rein körperliche Manipulationen ausgeführt werden, oder aber wesentlich einfühlsamer, um Meridiandisharmonien in Gelenksbereichen wahrzunehmen bzw. auch um dem Empfänger gerade in sensiblen Gelenksbereichen eine Entspannung in den umgebenden Muskeln zu ermöglichen.

Die meisten Gelenke lassen sich rotieren, wobei mehrachsige Gelenke wie die Schultergelenke, Hüftgelenke sowie Hand- und Fußgelenke besonders geeignet sind. Die Shiatsu-Praktikerin oder der Shiatsu-Praktiker bewegt sich hierbei im anspannungsfreien Bereich an den Grenzen zur Anspannung, unter anderem auch, um der KlientIn das aktuelle Bewegungsvermögen in dem betreffenden Gelenk bewusst zu machen.

Lockerungen und Schüttelungen werden an vielen Körperabschnitten durchgeführt, zum Beispiel an den Hüften, am Oberkörper oder an den Armen und Beinen. Jeder Mensch schwingt mit einer bestimmten Eigenfrequenz und somit wir die Frequenz der Schwingung an die KlientIn angepasst. Wird die passende Frequenz eingesetzt, dann können sich Anspannungen lösen (SEDLIN 2013, Seite

95-96).

1.3.3.6

Zusätzliche Techniken

Zu den oben ausgeführten Grundtechniken gibt es im Shiatsu je nach Schule und Stil unterschiedliche Zusatztechniken und Anwendungen. Ich möchte hier die wichtigsten davon aus dem Hara-Shiatsu anführen und kurz beschreiben.

„Moxibustion setzt sich aus „Mogusa“ (japanisch Brennkraut) und „Combustio“ (lat. Verbrennen) zusammen und bezeichnet die Wärmebehandlung von Akupunkturpunkten, Meridianen und Arealen wie sie in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) betrieben wird. Meist wird dabei Beifuß (Artemisia vulgaris) verwendet“ (HAGENEDER 2010, Seite IV).

Es gibt verschiedene medizinische Indikationen für die Anwendung von Moxibustion. Für die Anwendung im Zusammenhang mit der Lebensberatung können hier Erschöpfungszustände, Kältegefühl, Lumbalgie, Infektanfälligkeit und Bettnässen im Kindesalter interessant sein wobei Moxibustion bei übermäßiger Nervosität und innerer Unruhe sowie Schlaflosigkeit kontraindiziert ist (HAGENEDER 2010, Seite 7).

aus

Mesopotamien um 3300 v.Chr. (LAUCHE 2011, Seite 17). Es gibt unterschiedliche Schröpftechniken,

wobei in meiner Shiatsu-Praxis das Trockenschröpfen und die Schröpfkopfmassage Anwendung

30

Schröpfen

ist

eine

der

ältesten

Therapiemethoden

der

Welt

mit

ältesten

Zeugnissen

finden. Das Trockenschröpfen eignet sich zur Verbesserung der Durchblutung, zur Anregung des Stoffwechsels, zur Ableitung von einer erkrankten Stelle weg zur Entlastung dieser. Es können innere Organe und damit Organ (Meridian-) energien beeinflusst werden. Das Schröpfen zieht durch die Saugwirkung Gift und Schadstoffe aus der Tiefe unter die Hautoberfläche, wo die Schlackenstoffe von der Lymphe abtransportiert werden (SEIFERT 2013, Seite 6). Für die Anwendung als zusätzliche Methode in der ganzheitlichen Lebensberatung ist die Wirkung auf gestaute Energieflüsse von Interesse: blockierte Energie kann zu Gemütsschwankungen führen, zur Ermüdung bis zur Depression. Das Schröpfen bzw. die Schröpfkopfmassage können hier die gestaute Energie wieder ins Fließen bringen und somit über eine Harmonisierung des Nervensystems eine Ausgeglichenheit im gesamten Organismus unterstützen. Zudem hat das Schröpfen eine schmerzstillende und lösende Wirkung bei Verspannungen im Schulter- und Nackenbereich sowie in der gesamten Rückenmuskulatur, Spannungen, die häufig Folgen von andauerndem Stress sind (SEIFERT 2013, Seite

6).

Ampuku oder Hara-Behandlung befasst sich mit der Mitte des Menschen, der inneren wie der leiblichen, wobei der Zen-Meister Daiun Sogaku Harada Rōshi das Hara folgendermaßen beschreibt:

Ihr müsst erkennen, dass der Mittelpunkt des Weltalls eure Bauchhöhle ist“ (Sedlin 2013, Seite 96). Neurobiologische Erkenntnisse zeigen, dass das enterische Nervensystem, ein Teil des vegetativen Nervensystems, über ähnlich viele Nervenzellen verfügt wie das zentrale Nervensystem (ZNS), wobei biochemisch die gleichen Neurotransmitter und Rezeptoren zum Einsatz kommen (SEDLIN 2013, Seite 97). Das enterische Nervensystem oder Darmhirn steht in engem Zusammenhang mit psychischen Einflüssen (HANIKA 2012, Seite 71). Als Beispiel sei hier angeführt, dass Menschen mit einem Reizdarmsyndrom bei mechanischer Stimulation des Darms gegenüber Gesunden eine erhöhte Aktivität des Limbischen Systems aufzeigen, wobei das Limbische System für die Verarbeitung von Emotionen zuständig ist. Hier lassen sich Zusammenhänge mit depressiven Zuständen und Angsterkrankungen erkennen. Aufgrund der engen neuronalen Verknüpfung von Darmhirn und Zentralnervensystem lässt sich über die Bauchgefühle eine Weiche vom Bewussten zum Unbewussten erkennen. Über die „Diagnosezonen“ im Hara lassen sich einerseits aus Shiatsu- Sicht Ungleichgewichte erkennen, andererseits aber auch „behandeln“. Ampuku umfasst unterschiedliche Arbeitstechniken, vom sanften Auflegen der Hände über Streichungen bis hin zu tiefen Druckbehandlungen und Knetungen (SEDLIN 2013, Seite 98,99). Die Shiatsu-Praktikerin oder der Shiatsu-Praktiker haben über diese Form der Baucharbeit Zugang zum Wesen der KlientIn, können hier eine Entspannung unterstützen, Energien in Bewegung setzen und den psychophysischen Kern stärken (TRIPP 2007).

Chi Nei Tsang ist eine weitere Komplementärmethode zu Shiatsu und anderen Methoden der Körperarbeit wie Reflexzonenmassage oder klassischer schwedischer Massage und wird auch zur Baucharbeit eingesetzt um blockierte Energie auf direktem Weg wieder ins Fließen zu bringen (CHIA 2007, Seite 1-3).

31

1.4

These für den Einsatz von Shiatsu als Methode in der Lebensberatung

1.4.1 Wie wirkt Shiatsu?

Im Shiatsu arbeite ich mit inneren Ressourcen und kann diese durch das therapeutische““ Feld, die Behandlung selbst, das Gespräch und mit Hilfe von Übungen stärken.

Das von mir angebotene Feld ist eine Ressource, die Klientin oder der Klient schwingt mit mir mit und Qualitäten wie innere Stabilität und Zentriertheit, Gelassenheit und Ruhe, Mitgefühl und Liebe zu sich selbst werden von ihrem Organismus aufgenommen und wirken ressourcenstärkend. Die nicht- wertende Haltung ist eine Ressource, alles darf sein wie es ist und kann sich so zeigen und hat Raum zur Transformation.

Die Shiatsu-Anwendung hat viele ressourcenstärkende Elemente. Die stabile Lage auf der Matte am Boden, geschützt und bequem, ist eine dieser Ressourcen. Ich kann, vor allem zu Beginn zum Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung mit der Lieblingsposition der Klientin oder des Klienten arbeiten. Oft ist das die Bauchlage, oft aber auch die Seitenlage. Eine weitere Ressource ist die empathische Berührung und das Anlehnen aus dem Hara, ebenso wie der intuitive Verlauf der Behandlung, der an die Körperweisheit andockt.

Durch meine innere Ausrichtung kann ich Raum, Weite, einen sicheren Ort, Erdung und Nährung vermitteln. Wie bereits bei den Meridianen erwähnt, repräsentiert jede dieser Energiebahnen eine Organ- und Lebensfunktion und damit an sich eine Ressource und indem ich damit in Kontakt trete, aktiviere ich diese Ressource. Ich bringe damit Energie in Bewegung und zwar möglichst natürlich, flexibel und effizient (ITIN 2011).

Das Gespräch, das in der Shiatsu-Praxis einen Begleitcharakter hat, wird hier - ich stelle Shiatsu als Methode in der ganzheitlich orientierten Lebensberatung zur Diskussion - durch die lebensberaterische Tätigkeit abgedeckt und die angesprochenen Übungen decken den Aspekt des Coachings ab.

Wenn ich mich mit inneren Ressourcen beschäftige, so komme ich um den Begriff der Resilienz nicht umhin. Resilienz bezeichnet ursprünglich die Fähigkeit, schwierige Situationen zu bewältigen bzw. aus ihnen herauszufinden. Die Resilienzforschung geht auf Emily Werner zurück, welche in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts vier Kernkompetenzen evaluierte, welche für die Resilienz wichtig sind:

ein stabiles, Halt gebendes Beziehungsnetz

Übernahme von Verantwortung

ruhiges Temperament

die Fähigkeit, offen auf andere zugehen zu können

Eng verwandt mit Resilienz ist auch das SalutogeneseKonzept von Antonowsky, welcher das sogenannte Koheränzgefühl formulierte, das sich auf 3 Faktoren abstützt:

Verstehbarkeit (die Fähigkeit, Schwieriges in einem größeren Zusammenhang zusehen)

Handhabbarkeit (die Fähigkeit, angemessen zu handeln)

Sinnhaftigkeit (die Fähigkeit, dem Leben Bedeutung, eine spirituelle Dimension zu geben).

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Die amerikanische PsychologInnenvereinigung APA (American Psychological Association) formuliert 10 wichtige Schritte, um Resilienz herzustellen und es lässt sich daraus gut ableiten, dass sich Shiatsu als Methode auf dem Weg zur Resilienz eignet:

1. Aufbau von tragenden Beziehungen: Unsere Beziehung zur Klientin ist eine tragende und bewusst als eine solche zu gestalten. Wir sind „Verbündete“ der Klientin und ihres verletzen, inneren Kinds. Energetisch unterbrochene Beziehungen und Verbindungen wiederherstellen sind wichtige Ziele der Shiatsu-Behandlung. Im Gespräch können wir zudem erkunden, ob die Klientin über ein tragfähiges Netz verfügt (Familie, Freundschaften, Beratungsstellen). Wir können sie bewusst darin unterstützen, Beziehungen aufzubauen.

2. Krisen als überwindbar ansehen: Das Wahrnehmen und Wertschätzen von Veränderungen ist ein wichtiger Teil der Befindlichkeitserhebung und der Evaluation der Shiatsu-Behandlungen. Im Gespräch können wir die Klientin darin unterstützen, kleine, realistische Ziele zu formulieren und deren Erreichung zu überprüfen.

3. Veränderungen als Teil des Lebens annehmen: Shiatsu arbeitet mit Rhythmus, Bewegung, Veränderung, mit Spannungsfeldern und Wandlungsphasen, mit allem, was sich zeigt. Die nicht- wertende Haltung hilft der Klientin, auch Schwieriges wie Schmerzen, Angst, Lebenskrisen, Alterung und Tod zu akzeptieren.

4. Auf Ziele zugehen: Im Shiatsu können wir die Holzenergie stärken. Im Gespräch und mit Übungen können wir Zielformulierungen unterstützen.

5. Handeln statt Rückzug bei Problemen: Im Shiatsu können wir die Erd- und Metallenergie stärken. Im Gespräch können wir anbieten, neue Verhaltensweisen zu erproben.

6. Auf Selbst-Entdeckung gehen: Shiatsu ist per se ein Erkunden des körperlichen und seelischen Befindens. Mithilfe von Fragen zu den gespürten Wirkungen und mit Focusing-basierten Gesprächstechniken kann die Selbstentdeckung intensiviert werden.

7. Ein positives Bild von sich selbst nähren: Die Berührung im Shiatsu fördert ein positives Verhältnis zum eigenen Körper. Gespräch und Übungen können unterstützend wirken.

8. Schwieriges in den Rahmen einer längerfristigen Gesamtsicht einordnen: Shiatsu fördert die Integration von Schwierigem auf der nonverbal-energetischen Ebene, insbesondere durch die Behandlung des Dünndarm-Meridians. Im Gespräch kann Schwieriges verstanden und in einen größeren Zusammenhang gebracht werden.

9. Zuversicht aufrechterhalten: Die Behandlung des Wasserelements im Shiatsu stärkt das Urvertrauen. Unsere innere Haltung gibt der Klientin Mut.

10. Für sich selbst Sorge tragen: Shiatsu ist eine besonders schöne Art, wie die Klientin für sich selbst Sorge trägt. Man kann nicht genügend wertschätzen, dass es für jede KlientInnen einen bewussten Schritt bedeutet, Shiatsu in Anspruch zu nehmen. (ITIN 2011).

Über die Arbeit mit Shiatsu lässt sich auch ein Zugang zum Körpergedächtnis finden. Im Gedächtniskonzept von Holistic Healing werden sieben personale Gedächtnisformen unterschieden (HANIKA 2012, Seite 76-78).

Das sensomotorische Gedächtnis oder Körpergedächtnis ist ein Gedächtnis im sprachlosen Raum. Bereits beim Fötus werden einfache neuronale Muster aufgebaut, ab der 30. Schwangerschaftswoche werden sensorische, motorische, kinästhetische, taktile und auditive Erfahrungen aus dem eigenen Körperinneren und vom Außen, dem Mutterleib, abgespeichert (HANIKA 2012, Seite 77).

Große Bedeutung hat in diesem Zusammenhang auch das Schmerzgedächtnis, frühere Schmerzerfahrungen also, die im Körper ein Engramm, eine „Inschrift“ hinterlassen. Schmerzen

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werden allerdings nicht nur als Signale des Berührungs- und Schmerzsinnes gespeichert (im sensiblen Cortex), sondern zusätzlich auch in einem emotionalen Schmerzgedächtnis in einem Teil des limbischen Systems, dem „Zentrum für emotionale Intelligenz“. Interessant ist dabei, dass körperlich selbst erlittene Schmerzen an beiden Orten gespeichert werden, gesehene bzw. direkt miterlebte Schmerzereignisse „nur“ im emotionalen Schmerzgedächtnis. Besonders wichtig ist dies für Menschen mit chronischen Schmerzen „ohne medizinischen Befund“. Meist stehen diese Schmerzen in Zusammenhang mit dem Schmerzgedächtnis und sind für die betroffenen Personen besonders belastend (BAUER 2012, Seite 161, 162). Hier kann Körperarbeit in Kombination mit Gespräch sehr gut eingesetzt werden.

Mit der Anwendung von Shiatsu als Methode lassen sich aber nicht nur abgespeicherte sensomotorische Erinnerungen aktualisieren, sondern auch aktuelle Emotionen im wahrsten Sinne des Wortes „berühren“.

In einer aktuellen Studie an der Aalto Universität in Finnland wurden 761 Testpersonen aus Finnland, Schweden und Taiwan eingeladen, Texte zu lesen und Filme anzusehen und mittels Farben festzuhalten, wo im Körper sie dabei welche der sechs vorgegebenen Grundgefühle Wut, Furcht, Ekel, Freude, Trauer und Überraschung spüren konnten. Daraus ergaben sich „Körperkarten“, menschliche Atlanten der Gefühlsregungen. Die meisten der Grundgefühle sorgen für eine gesteigerte körperliche Empfindung im oberen Brustbereich, was mit einer Veränderung der Atemfrequenz und des Herzschlages zu tun haben könnte. Gesteigerte Empfindungen im Bereich der oberen Gliedmaßen traten am stärksten bei Wut und Freude auf. Die Testpersonen konnten die Farben frei wählen und haben den Bereich des Kopfes, der Brust und des Unterleibs mit warmen Farben eingefärbt (es wurden blau eingefärbte Silhouetten vorgelegt). Wenn keine Emotionen vorlagen, haben die Testpersonen mit schwarz eingefärbt. Bemerkenswert ist dabei, dass Glücksgefühle, und nur solche, den gesamten Körper gelb und rot färben!

und nur solche, den gesamten Körper gelb und rot färben! Abbildung 6: Wo im Leib die

Abbildung 6: Wo im Leib die Emotionen wohnen (Quelle: www.diepresse.com, Wissenschaft,

30.12.2013)

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Geistige Prozesse sind nicht alleine vom Gehirn gesteuert, vielmehr hat der gesamte Körper bis hin zu den Darmbakterien einen Einfluss darauf, was man denkt und wie man sich verhält (TRIPP 2014). Versuche in den Neuro- und Verhaltenswissenschaften haben gezeigt, dass Denken, Empfinden und Verhalten mit Körperfunktionen wie einfachen Reflexen, dem Stoffwechsel und dem Immunsystem verknüpft sind (http://derstandard.at/1389857712168/Der-ganze-Koerper-beeinflusst-das- menschliche-Denken).

Umgekehrt geht es bei Emotionen immer darum, dass irgendetwas den Körper aus seinem Gleichgewicht bringt und dass er es wieder herstellen will (LANGENBACH 2013). Shiatsu hat einen wesentlichen Einfluss auf das vegetative Nervensystem, welches unbewusst ablaufende Organfunktionen stimuliert und kontrolliert: es steuert die Herz-, Kreislauf- und Atmungsfunktion, die Verdauung, den Stoffwechsel, die Ausscheidung, die Sexualität und den Wärme- und Energiehaushalt. Die Somatopsyche reguliert über das vegetative Nervensystem nicht nur Organfunktionen, sondern auch über die Hypophyse den Hormonhaushalt und damit Stoffwechsel und Triebtätigkeit, über die Zirbeldrüse und ihr Hormon Melatonin wird der Tag-Nacht-Rhythmus gesteuert (HANIKA 2012, Seite 71).

Das vegetative Nervensystem ist der Bereich, wo östliche Heilmethoden und westliche Schulmedizin ihre Schnittstelle finden“ (HANIKA 2012, Seite 71). Das vegetative Nervensystem besteht aus drei Teilen: dem sympathischen, dem parasympathischen und dem enterischen Nervensystem. Das sympathische Nervensystem entspricht dabei in seiner Wirkung dem Yang, das parasympathische dem Yin. Durch Leistungsbedarf wird der Sympathikus aktiviert. Der Parasympathikus ist danach für die Entspannung, den Ausgleich und die Regeneration zuständig. Wenn durch psychischen Stress im Bereich der Noopsyche (Persönlichkeit, Willenskraft, Intelligenz, Denken, Gedächtnis) und der Thymopsyche (Motivationen, Emotionen, Affekte, Temperament, Stimmungen) kein Signal zur Entspannung an die Somatopsyche erfolgen kann, bleibt die Sympathikusaktivierung in manchen Körperbereichen bestehen, der Hormonhaushalt wird verändert (Cortisol u.a.), der Wachzustand verlängert und der Muskeltonus im willkürlichen, somatischen Nervensystem erhöht (Verspannungen) was weitere Folgen hat: durch die Freisetzung von Cortisol wird das Immunsystem gedrosselt, die Immunreaktion und auch die Entzündungsreaktion verhindert. Dieser Zusammenhang erklärt die Entstehung psychosomatischer Krankheitsbilder und Immunerkrankungen. Aber auch chronische Muskelschmerzen sind durch erhöhte Muskelaktivierung z.B. am Hals und am Rücken aufgrund von Stress erklärbar. Die Aufzählung ließe sich noch weiter führen, es sollen hier aber nur einige Beispiele genannt werden. Kurz zusammengefasst lässt sich sagen: zu viel und zu lange andauernder Stress hat massive Auswirkungen auf den gesamten Körper (HANIKA 2012, Seite 70-74).

Es ist grundlegend für das Wohlbefinden, dass beide Systeme, das sympathische und das parasympathische, für die jeweilige Situation nutzbar sind. Jede Fähigkeit zur Entspannung aktiviert den Parasympathikus, die Erregung nimmt ab und ein entspanntes Körpergefühl ist die Folge. Aus der körperlichen Entspannung resultiert eine Entspannung und Beruhigung im psychischen Bereich. Die daraus resultierende positive Kettenreaktion führt dazu, dass auch Problemen mit mehr Ruhe begegnet werden kann, die Person fühlt sich den Situationen besser gewachsen und daraus ergibt sich eine weitere körperliche Entspannung. Die Fähigkeit zur Entspannung ist somit ein Vermögen mit weitreichenden Folgen, nicht zuletzt auch für die Regeneration, um den Organismus wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Forschungsergebnisse weisen eindeutige physiologische Vorgänge im Zustand der Entspannung nach. Wie in der Meditation, so verändert sich das Gehirnwellenmuster auch durch Tiefenentspannung augenblicklich, es wird langsamer und diese langsamere Wellenform

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in der Großhirnrinde nennt man Alphawellenzustand. Dieser Zustand geht einher mit einem wachen, entspannten, intuitiv kreativen Bewusstseinszustand. Die Wirkung der Alphawellen wird zurzeit intensiv erforscht. Im normalen wachen Zustand lassen sich im Gehirn Betawellen feststellen, welche auch bei Angst und Nervosität messbar sind. Es hat sich herausgestellt, dass ein Zustand mit Alphawellen aufgrund der Wirkungen auf Körper, Geist und Psyche einen sehr heilsamen Einfluss hat. Es findet eine Synchronisierung der beiden Gehirnhälften statt, was zu einer ganzheitlichen Wahrnehmung und Aufnahmefähigkeit führt. Dies ist zum Beispiel bei Kindern eine große Hilfe, um frühzeitig eine Vielzahl an Reizen auszugleichen, leicht zu lernen und ganzheitlich zu leben (OßENBRÜGGEN 2012, Seite 164, 165). Die Entspannungsreaktion kann sogar Veränderungen dahingehend bewirken, wie Gene exprimiert werden, und somit durch chronischen Stress ausgelösten Zellschaden reduzieren (DUSEK et al. 2008 in HANSON 2011, Seite 100).

Ein wesentlicher Aspekt von Hara-Shiatsu ist die Berührung. Studien haben ergeben, dass Berührung einen direkten Einfluss auf Hormonhaushalt, Denken und Handeln von Menschen haben.

In einer Studie an der DePauw University in Indiana, sollten die Probanden versuchen, eine Liste von Emotionen per Berührung an gänzlich unbekannte Personen zu übertragen, denen die Augen verbunden wurden. Es gelang ihnen, acht verschiedene Emotionen mit 70-prozentiger Genauigkeit zu übertragen. Wurde bisher also angenommen, Berührung hätte lediglich die Funktion das anderweitig Kommunizierte verstärkend zu unterstreichen, so wird jetzt erkannt, dass sie vielmehr selbst ein ausdifferenziertes Kommunikationsmittel ist(ROTTER 2013). Liebevolle Berührungen führen zu einer direkten Entspannung beim Berührten und zur Ausschüttung des Hormons Oxytocin, welches Stresshormone abbaut und mit Gefühlen wie Liebe, Vertrauen und Ruhe in Verbindung gebracht wird. Das Gehirn interpretiert solche Berührungen als Zeichen der Verbundenheit und Erleichterung von Sorgen und Problemen. Die Zentren im Gehirn, die für Problemlösungen zuständig sind, entspannen sich unmittelbar nach der Berührung, denn der Körper interpretiert das berührt werden als Versprechen: "Ich werde dir helfen" - und entspannt sich. Sanfte Berührung erzeugt unmittelbar Vertrauen und Wohlbefinden - und das weit stärker als jede Form der verbalen Zuwendung.

Die körperlich und psychisch heilende Wirkung von Berührungen, sei es nun Massage oder Kuscheln, ist wissenschaftlich längst erwiesen. Unabhängig vom jeweiligen Krankheitsbild hilft die Körper und Seele entspannende, Stress und Angst reduzierenden Wirkung der Berührung beim Selbstheilungsprozess (ROTTER 2013). Auch in der Psychotherapie bekommt Berührung daher einen immer größeren Stellenwert, denn die Verbindung von Körperarbeit mit emotionalen Prozessen führt zu weit besseren Ergebnissen. Die Berührung ist ein wichtiges Kommunikationsmittel und schafft ein Gefühl von Geborgenheit und Vertrauen, in dem sich emotionale Blockaden leichter lösen (ROTTER 2013).

Abschließend zur Wirkung von Shiatsu sei hier noch kurz von einer großen Dreiländerstudie (Österreich, Spanien, Großbritannien) im Auftrag der ESF (European Shiatsu Federation) berichtet. Es handelt sich dabei um eine Langzeitgruppenstudie zu den Wirkungen von und den Erfahrungen mit Shiatsu. An der Studie haben in Österreich 371 KlientInnen teilgenommen, in Spanien 189 und in Großbritannien 388. Abgeschlossen haben die Langzeitstudie in Österreich 70%, in Spanien 49%, in Großbritannien 72% (ESF 2007, Seite 3-4). Das Ergebnis lässt sich verkürzt wie folgt zusammenfassen:

Die Studie ergab, dass Shiatsu von den Klienten/Innen kurzfristig als energetisierend, ausgleichend und lösend empfunden wird. Langfristig zeigt sich, dass die Methode Stress, Haltungsbeschwerden und Rückenprobleme lindert. Es hilft, Vertrauen in den eigenen Körper und Gespür für dessen

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Bedürfnisse zu entwickeln. Dadurch wächst das Körperbewusstsein und die Bereitschaft, für sich

selbst

2007,

und

seine

Gesundheit

sorgen.

(ÖDS

Besonders erwähnenswert scheint mir an dieser Studie die Ergebnisse aus dem Abschnitt „Veränderungen im Lebensstil“: „Am Ausgangspunkt gaben länderübergreifend ungefähr drei Viertel der KlientInnen an, dass ihre Shiatsu-Praktikerin oder der Shiatsu-Praktiker ihnen während der Sitzung bestimmte Ratschläge oder Empfehlungen gegeben hatte, die sich zum Beispiel auf Übungen, die Körperhaltung, den Einsatz des Körpers oder die Ernährung bezogen. Bei der Nachforschung sechs Monate später gaben ungefähr vier Fünftel der KlientInnen an, dass sie ihren Lebensstil aufgrund der Shiatsu-Behandlung geändert hatten. Ein beachtlicher Anteil der KlientInnen hatte sich mehr Zeit zur Ruhe und Entspannung sowie für Übungen genommen.

Mindestens ein Drittel der KlientInnen gaben an, dass sie andere Änderungen vorgenommen hatten. Am meisten wurden die Bereiche „Körper- und Geistbewusstsein“, Veränderungen im „allgemeinen Lebensstil“ und „Vertrauen und Entschlossenheit“ genannt. Die KlientInnen wiesen außerdem auf positive Wirkungen hin, die sie zum Beispiel am Rücken, in den Muskeln, im Allgemeinbefinden, im Umgang mit anderen und im Gefühl, geerdeter zu sein, wahrgenommen hatten.

Veränderungen in der Gesundheitsfürsorge für KlientInnen traten ebenfalls zutage. Die Anwendung konventioneller Medizin bei den Problemen, die der Grund für die Shiatsu-Sitzung mit der Shiatsu- Praktikerin oder der Shiatsu-Praktiker oder der Shiatsu-Praktiker gewesen waren, und die Verwendung von Arzneimitteln war zurückgegangen. Umgekehrt wiesen die KlientInnen neben ihrer Verwendung von Shiatsu auf eine verstärkte Verwendung von anderen CAM-Methoden 1 (ESF 2007 Seite 7).

1.4.2 Der gesundheitsfördernde und präventive Aspekt als Verbindungsglied von Lebensberatung und Shiatsu

Gesundheit ist ein Zustand völligen psychischen, physischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen. Sich des bestmöglichen Gesundheitszustandes zu erfreuen ist ein Grundrecht jedes Menschen, ohne Unterschied der Rasse, der Religion, der politischen Überzeugung, der wirtschaftlichen oder sozialen Stellung“ (BMG, WHO 1948).

Aufgrund dieser Definition wurde 1986 von der WHO die „Ottawa-Charta für Gesundheitsförderung“ formuliert und „Gesundheitsförderung zielt dabei auf einen Prozess ab, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen.“ (BMG WHO 1986)

Eine modernere, weg vom hohen Ideal hin zu einer Prozessbeschreibung führende Definition über das Zusammenspiel von Körper, Seele und Umwelt lautet: „Gesundheit ist das Bestreben, ein sozial und wirtschaftlich erfülltes Leben zu führen“ (SPATT 2012, Seite 124). Hier kommt zum Ausdruck, dass es sich bei Gesundheit um einen Prozess handelt, der das stetige Bemühen (um Gesundheit) braucht (SPATT 2012, Seite 124).

1 CAM: Complementär Alternative Methoden

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Die Gesundheitsförderung umfasst alle der Gesundheit dienlichen Maßnahmen im Rahmen einer Gesellschaft. Die Gesundheitsprävention ist auf ein bestimmtes Ziel gerichtet, nämlich die Bewahrung der Gesundheit, die Verhütung und Früherkennung von Krankheiten und somit wird zwischen 3 Arten der Prävention unterschieden:

Die Primärprävention setzt an, noch bevor es zu einer Krankheit kommt und trägt dazu bei, gesundheitsschädigende Faktoren zu vermeiden um die Entstehung von Krankheiten zu verhindern. Die Sekundärprävention dient der Verhinderung des Fortschreitens eines Krankheitsfrühstadiums durch Frühdiagnostik und behandlung. Die Tertiärprävention konzentriert sich schließlich nach einem Krankheitsereignis auf die Wiederherstellung der Gesundheit, der Vorbeugung von Folgeschäden und der Ermöglichung von Rehabilitation. (BMG 2014, http://bmg.gv.at/home/Schwerpunkte/Praevention/Gesundheit_und_Gesundheitsfoerderung#f5 ,

4.2.2014)

Lebens- und Sozialberatung gehört zu den Säulen der Gesundheitsvorsorge in Österreich. Lang anhal- tende psychische Probleme wie etwa nicht bearbeitete Ängste, Konflikte oder Niedergeschlagenheit können nahtlos in echte psychische Erkrankungen münden und/oder körperliche Beschwerden fördern oder verursachen beziehungsweise deren Genesung verzögern. Der Lebensberatung kommt deshalb besondere Bedeutung für die Gesundheit zu, weil sie durch (Wieder-) Herstellung umfassender Le- benszufriedenheit das psychische Wohlbefinden verbessert. So trägt sie entscheidend zur Genesung und der Aufrechterhaltung der Gesundheit bei. Im Sinne der WHO-Gesundheitsdefinition ist Lebens- und Sozialberatung eine präventive Tätigkeit, die mittels gezielter und strukturierter Gesprächsfüh- rung unter Nutzung unterstützender Methoden auf der Grundlage kommunikationswissenschaftli- cher, kurztherapeutischer und psychologischer Erkenntnisse das geistige, seelische, körperliche und soziale Wohlbefinden der Klientinnen und Klienten fördert(WKO 2014).

Diese Definition beschreibt sehr klar die gesundheitsfördernde Aufgabe der Lebens- und Sozialberatung in Österreich.

Shiatsu hingegen hat keinen „offiziellen“ gesundheitsfördernden Charakter im Verständnis des österreichischen Gesundheitsministeriums. Wohl aber wird es von immer mehr Zusatzversicherungen als alternative Behandlungsmethode anerkannt. Und seit Juni 2013 ist Shiatsu auch offiziell von der Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft (SVA), eines Pflichtversicherungsträgers, als gesundheitsfördernd anerkannt und wird im Rahmen des „Gesundheitshunderters“ gefördert. Shiatsu ist in diesem Zusammenhang als hilfreiche und wirksame Methode zur mentalen Gesundheit im Bereich Entspannung anerkannt (SVA 2013).

So wie in der Lebensberatung gibt es auch im Shiatsu unterschiedliche Arbeitsfelder, von denen ich hier einige herausgreife. Die ShiatsuGesundheitspraxis fördert eine aktive, selbstverantwortliche und die Gesundheit fördernde Lebensgestaltung. Shiatsu in der Lebenshilfe unterstützt Menschen im Verständnis und der Bewältigung physischer oder psychischer Krisen und Entwicklungsaufgaben. Shiatsu kann hier einen wertvollen Beitrag leisten, sich selbst, den Körper und die Lebenssituation anzunehmen. Und Shiatsu hat auch einen spirituellen Charakter, dessen Kern die Anbindung und Rückbindung des Menschen an die universelle Lebensenergie Ki (Chi) und an das Dao ist (LÖHNER- JOKISCH 2012, Seite 25).

Shiatsu unterstützt die Befähigung zu selbstbestimmtem Handeln (Empowerment) indem die Klientin oder der Klient zur Wahrnehmung der eigenen Befindlichkeit eingeladen wird, sich einlassen kann

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auf Berührungen, Dehnungen und passive Bewegungen. Sie kann eigene Grenzen spüren und selbst entscheiden, wie weit der Kontakt geht und wie sich dieser gestaltet. Die KlientInnen können dadurch ein Gespür für die eigenen Kontaktgrenzen entwickeln, dies in einem geschützten Rahmen üben, um daraus die Fähigkeit zu selbstbestimmtem Handeln und Kontrolle über Entscheidungen und Handlungen zu trainieren und zu etablieren (LÖHNER-JOKISCH 2012, Seite 28, 29).

1.4.3 Shiatsu und Rogers

Shiatsu hat aus meiner Erfahrung gegenüber vielen anderen Arten von Körpertherapie den Vorteil, dass ich es sowohl in einer Yinform als auch in einer Yangform zum Einsatz bringen kann bzw. in einem Ablauf die Ansätze kombinieren kann.

In meinem Verständnis kommen die yinnigen Arbeitsmöglichkeiten von Shiatsu sehr dem nicht- direktiven Zugang von Rogers nahe. Diese Gemeinsamkeiten möchte ich im Folgenden beleuchten.

Sowohl bei Rogers wie auch im Shiatsu verwenden wir den Begriff Klientin bzw. Klient, was für mich bedeutet, dass es kein hierarchisches Gefälle gibt. Klientinnen und Klienten sind Auftraggeber und treffen selbstverantwortlich Entscheidungen.

Die klientenzentrierte Beratung wie auch Shiatsu diagnostizieren keine Probleme, erteilen keine Ratschläge und versuchen nicht „Probleme zu lösen“, auch wenn in beiden Richtungen oftmals genau dieses Anliegen von Seiten der Klientinnen und Klienten ausgedrückt wird. Im Mittelpunkt stehen das Individuum und die Stärkung der Eigenkompetenz (Empowerment), sodass es Probleme selbständig, verantwortlich und besser organisiert bewältigen kann. Es geht darum, dass der Mensch wachsen und sich entfalten kann.

Die zugrundeliegende Annahme ist, dass jeder Mensch die inhärente Tendenz zur Entfaltung seiner Kräfte besitzt. Rogers verwendet dafür den Begriff Aktualisierungstendenz, im Shiatsu sprechen wir von Selbstheilungskräften oder Homöostase.

Die Klientin/der Klient übernimmt Selbstverantwortung für den Prozess und definiert selbst ihr/sein Lebensziel, Berater oder Beraterin und Shiatsu-Praktikerin oder der Shiatsu-Praktiker sind Begleiter.

Dementsprechende Haltungen von Beraterinnen und Beratern und Shiatsu-Praktikerinnen oder Shiatsu-Praktikern sind für die Wirksamkeit der Prozessarbeit wesentlicher als Theoriewissen oder eingesetzte Techniken.

Beratung und Shiatsu basieren in diesem Sinne primär auf der Beziehung und dem Dialog. Beraterin oder Berater und Shiatsu-Praktikerin oder Shiatsu-Praktiker stellen sich für den Augenblick zur Verfügung und es entsteht eine gemeinsame Entwicklungserfahrung.

Wie bereits eingangs erwähnt sind sowohl Beratung im Sinne von Rogers wie auch Shiatsu in einer yinnigen Anwendungsform nicht-direktiv. Diese Arbeitsform führt zu einer Selbstexploration, lenkt auf unbekannte und unbewusste Aspekte des Seins hin.

Nur Wahrgenommenes kann verändert werden. Die Beraterin, der Berater wie auch Shiatsu- Praktikerin oder der Shiatsu-Praktiker ermutigen zum Spüren und Verstehen von Gefühlen und

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Empfindungen. Es wird der Raum zur Verfügung gestellt, damit Verdrängtes ins Bewusstsein gebracht und Verleugnetes anerkannt werden kann.

Sowohl in der Beratung nach Rogers wie auch im Shiatsu geht es darum, „sich selbst sein dürfen“, das heißt erleben und gewahr werden sowohl negativer wie auch positiver Aspekte. Diese Bewusstwerdung kann als Voraussetzung verstanden werden, mit Lebenssituationen konstruktiv umzugehen.

Nicht-direktive Beratung und Shiatsu sind in erster Linie anerkennend und nicht bewertend, fragend und zuhörend, wobei dies im Shiatsu über den Körper stattfindet ich berühre die Klientin, den Klienten und „lausche“ wartend, was sich zeigen mag. In beiden Feldern geht es darum, einen Raum anzubieten der zuweilen auch leer sein darf und in dem sich Vertrauen für den Prozess entwickeln kann. Und in diesem Raum kann Verstehen, Akzeptanz und damit Einsicht entstehen als Basis für Veränderung (ITIN 2010).

1.4.4 Shiatsu und Neurolinguistische Programmierung

Das Neurolinguistische Programmieren (NLP) ist ein Modell menschlicher Kommunikation und menschlichen Verhaltens, das von Richard Bandler, John Grinder, Leslie Cameron-Bandler und Judith DeLozier entwickelt wurde. „Am Anfang dieser Entwicklung stand die systematische Untersuchung von Virginia Satir, Milton H. Erickson, Fritz Perls und anderer therapeutischer „Zauberer““ (BANDLER/GRINDER 2007, Seite 19).

Die Neurolinguistische Programmierung ist nicht unumstritten. So warnt Hilarion Petzold im „Vorwort an den deutschen Leser“ des Buches „Neue Wege der Kurzzeit-Therapie“ vor einem rein technischen Missbrauch der Methode (BANDLER/GRINDER 2007, Seite 7,8): „Die bloße Technik, ohne ein tragendes und tragfähiges therapeutisches Bündnis und das setzt eine integrierte und differenzierte Therapeutenpersönlichkeit voraus-, die Technik allein also, wird eine dauerhafte therapeutische Wirkung nicht erbringen. Sie muss im Prozess eingesetzt werden. Nicht die Technik bestimmt den Prozess, sondern die Verlaufsdynamik der Therapie bestimmt die Wahl und den Einsatz der Technik. Die Verwendung des NLP setzt deshalb gediegene Kenntnisse einer dynamisch und systemisch ausgerichteten Psychotherapie voraus, das nämlich waren die Grundlagen von Satir, Perls und Erickson“ (BANDLER/GRINDER 2007, Seite 8).

Auch wenn hier vom psychotherapeutischen Standpunkt ausgegangen wird, so möchte ich diesen für die Lebensberatung übernehmen und in diesem verantwortungsbewussten Sinne die Neurolinguistische Programmierung und Shiatsu betrachten.

Shiatsu und NLP stammen aus völlig unterschiedlichen Kulturen, was sie aber bereits auf den ersten Blick verbindet ist, dass sie auf Kommunikation aufbauen, Kommunikation nicht nur mit der Außenwelt, sondern auch mit der Innenweilt und mit dem eigenen Körper. Dadurch lässt sich mit beiden Methoden und vor allem in der Kombination gut an inneren Anteilen arbeiten, ein Ausgleich zwischen zum Beispiel Verspannungen produzierenden und für Entspannung sorgenden Anteilen anregen, Ressourcen aktivieren und ankern.

Es wird von vier Säulen des NLP gesprochen: Rapport, Wahrnehmung, Ziel und Ökologie. Rapport kann unterschiedlich beschrieben werden, manchmal wird Rapport auch mit Empathie gleichgesetzt

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als wichtige Voraussetzung, um eine Atmosphäre von Vertrauen, Zuversicht und Beteiligung aufzubauen, innerhalb der Menschen frei und natürlich reagieren können (O´CONNOR/SEYMOUR 2008, Seite 47). Die direkte Übersetzung aus dem Englischen lautet „Übereinstimmung, Harmonie“, es handelt sich also bei Rapport um eine „Zweiwege“-Beziehung (BURTON/READY 2005, Seite 123). Hier sehe ich eine Parallele der Haltung wie ich sie auch im Shiatsu habe und in diesem Sinne möchte ich Rapport für meine Arbeit verstehen und anwenden.

Wahrnehmung im Sinne sensorischer Wahrnehmung ist die zweite Säule von NLP: wie verstehen wir die Welt mit Hilfe unserer Sinne und wie schaffen wir uns damit unsere eigene Realität (BURTON/READY 2005, Seite 107)? Wir nehmen mit unseren Sinnen durch eine komplexe Reihe von Wahrnehmungsfiltern wahr, die Welt die wir wahrnehmen ist also nicht die reale Welt, das Gebiet, sondern die Landkarte, die durch unsere Neurologie hergestellt wird (O´CONNOR/SEYMOUR 2008, Seite 56). Hier kann Shiatsu über die Schulung der Achtsamkeit und die Entwicklung der Wahrnehmung zuerst des eigenen Körpers und der eigenen Befindlichkeit nicht nur nachhaltig die Sinne schärfen, sondern in einem Prozess auch dazu führen, dass die Wahrnehmungsfilter selbst wahrgenommen werden können. Der Blick auf das, was wirklich ist, kann somit nachhaltig geschärft werden.

Zur Wahrnehmung gehört aber auch das „Kalibrieren“ wie es im NLP genannt wird. Dabei geht es um die Fähigkeit der Wahrnehmung der Befindlichkeit eines anderen Menschen (O´CONNOR/SEYMOUR 2008, Seite 93). Auch hier lässt sich die Parallele zu Shiatsu leicht erkennen, denn als Shiatsu- Praktiker muss ich ebenso auf die aktuelle Befindlichkeit meiner KlientInnen eingehen und um das tun zu können, muss ich sie erkennen.

eingehen und um das tun zu können, muss ich sie erkennen. Abbildung 7: Wie wirkt Shiatsu,

Abbildung 7: Wie wirkt Shiatsu, ursprüngliches Bild O´CONNOR/SEYMOUR 2008, Seite 59

Zielgerichtetes Denken wird als die dritte Säule von NLP genannt. Es wird davon ausgegangen, dass ein wohlgeformtes Ziel erreichbar, motivierend und höchstwahrscheinlich sehr verlockend ist. Ziele müssen dabei positiv formuliert sein (daran denken, was ich will und nicht, was ich nicht will), eine

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aktive Beteiligung ist vonnöten, es soll spezifisch und nachweisbar sein, ressourcenorientiert, in der richtigen Größenordnung angestrebt werden, also vielleicht in kleinere Teilziele unterteilt werden und der ökologische Rahmen muss überprüft werden (Wen betrifft es noch? Was würde passieren, wenn ich mein Ziel erreiche?) (O´CONNOR/SEYMOUR 2008, Seite 40-42). Im Shiatsu sind Ziele ebenso Thema. Oft ist ein Zwischenziel notwendig, um in einen längeren Prozess überhaupt eintreten zu können. Es ist nachvollziehbar, dass eine KlientIn/ein Klient zuerst ihre Beklemmungsgefühle im Brustkorb ablegen will, bevor sie/er sich mit der darunterliegende Unsicherheit beschäftigt. In diesem Sinne arbeite ich im Shiatsu zielorientiert, auch mit Hausübungen (aktive Beteiligung) und schrittweise. Über den Körper lassen sich Teilziele auch gut ankern, wie es im NLP ja auch angewendet wird.

Die vierte Säule ist schließlich Ökologie, womit die Überprüfung gemeint ist, ob die Zielvorgabe auch mit allen Aspekten des Lebens in Einklang zu bringen ist (BURTON/READY 2005, Seite 61) wobei nicht nur die eigenen Aspekte in Betracht gezogen werden, sondern auch die Auswirkungen auf das Umfeld in dem ich lebe: Familie, Arbeit, Bekanntenkreis und Gesellschaft im Allgemeinen. Um beim obigen Shiatsu-Beispiel zu bleiben, so wird zu bedenken sein, wie sich die KlientIn/der Klient fühlen wird, sobald sich die Spannung um den Brustkorb löst, welche Auswirkungen das auf sie/ihn und ihre/seine Umwelt haben wird und welche weiteren Schritte damit möglich werden. Umgekehrt werde ich bei einer KlientIn/einem Klienten mit einem Thema in der Leberenergie vorsichtiger arbeiten, wenn sie anschließend eine wichtige Besprechung hat, da die Arbeit mit dieser Energie auch starke Aggressionen in Bewegung setzen kann bzw. muss ich mich mit ihr/ihm vorher darüber absprechen und mögliche Folgen erörtern.

Es gibt eine Reihe von Berührungspunkten von NLP und Shiatsu, von denen ich hier nur die Grundlagen herausgegriffen habe. In der praktischen Arbeit zeigt sich bei einiger Aufmerksamkeit eine mögliche Verbindung in vielen Bereichen. Besonders erwähnenswert erscheint mir hier noch die Grundannahme, sowohl im Shiatsu wie auch im NLP, dass jeder Mensch alle Ressourcen für jede gewünschte Veränderung bereits in sich trägt (HINZ 2001, Seite 9).

1.4.5 Shiatsu und Holistic Healing

In der Geschichte der Menschheit ist die Berührung neben der Gabe von guter Nahrung wohl die älteste Form heilender Zuwendung“ (HANIKA 2012, Seite 167). Als Basis aller Therapie und Wachstumsprozesse ist im Denken von HOLISTIC HEALING die heilende Berührung zu sehen. Sie ist die Grundlage aller körpertherapeutischen Prozesse. Sie entspricht der primären Schutz- und Haltefunktion der Mutter für ihr Kind“ (HANIKA 2012, Seite 155).

Clemens Hanika schreibt in seinem Buch „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“ mit dem Untertitel „Versuch einer Metatheorie ganzheitlichen Heilens“ in seinen einführenden Worten zu den methodischen Wurzeln von Holistic Healing, dass aus seiner Meinung nicht nur die modernen Methoden der Psychologie und Psychotherapie berücksichtigt werden sollten. Prinzipiell versucht er in seinem Metamodell möglichst neutral und undogmatisch verschiedene wichtige Traditionen „des Heilens“ in ein gemeinsames Modell zu integrieren. Die von ihm vorgestellten Methoden sollen sich über die Wirkung des Gleichgewichtsprinzips, des Feld- und Resonanzprinzips sowie des Wachstumsprinzips in ihrer Wirkung verstehen lassen (HANIKA 2012, Seite 161). Unter den körpertherapeutischen Methoden die aufgezählt werden, findet sich dann auch Shiatsu. Wie andere körpertherapeutische Methoden auch, wirkt Shiatsu vor allem über das Gleichgewichtsprinzip, im

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Gegensatz zu körperpsychotherapeutischen Verfahren, die vorwiegend Wachstums- und Integrationsprozesse nutzen (HANIKA 2012, Seite 167).

Somit ist im Grunde schon klar gestellt, dass Shiatsu seinen Platz im Metamodell Holistic Healing hat. Ich möchte diesen Platz aber noch etwas genauer begründen.

Den körpertherapeutischen Zugängen ist gemeinsam, dass sie das körperliche Befinden verbessern und damit auch ihre Wirkungen auf der seelischen und geistigen Ebene haben. Unter den genannten Prinzipien nehme ich hier die „heilende Berührung“ und die „therapeutische Entspannung“ für Shiatsu in Anspruch (HANIKA 2012, Seite 168).

Clemens Hanika hat sein Metamodell Holistic Healing als Therapiemodell und damit als Modell der „Heilung“ konzipiert. In der Lebensberatung wie im Shiatsu habe ich es mit gesunden KlientInnen zu tun. Einerseits betrachte ich den Übergang von gesund zu nicht gesund nicht immer als ganz klar abgrenzbar, andererseits gehe ich davon aus, dass ein Modell zur Heilung von krankhaften Störungen auch für die Arbeit mit gesunden Menschen anwendbar ist, vorausgesetzt ich passe es den Erfordernissen entsprechend an. Was die Grenzziehung zwischen gesund und krank betrifft, möchte ich hier Kurt Richter zitieren: „Die Übergänge von Gesundheit zur Krankheit sind fließend. Es wird in der Regel gesellschaftlich definiert, wann ein Mensch sich als krank zu betrachten hat, wie seine Rolle als Kranker auszusehen hat und wie seine Umwelt mit seiner Krankheit umgehen wird“ (RICHTER 2011, Seite 60). „Gibt es für Krankheiten meist noch Kriterien, und seien sie noch so problematisch- krank ist ein Mensch, wenn die Krankenkasse dafür aufkommt oder wenn sein Leiden in der Liste psychischer Krankheiten (z.B. ICD-10, Dilling et al, 1993) aufgeführt ist -, so scheint es noch schwieriger, Gesundheit positiv zu charakterisieren(RICHTER 2011, Seite 60, 61). Gesundheit ist kein Zustand, sondern ein Prozess gelingender Bewältigung und Gestaltung von positiven und negativen Lebensereignissen“ (RICHTER 2011, Seite 61).

Im Metamodell Holistic Healing wird das Gleichgewichtsprinzip als Grundfaktor für Heilung gesehen. Ich möchte das Gleichgewichtsprinzip hier auch als Grundfaktor für Gesundheit betrachten. Heilungsprozesse sind nicht nur durch Wachstum, sondern auch durch die Ausformung neuer Gleichgewichte charakterisiert (HANIKA 2012, Seite 146).

Wie verändern sich Menschen? Grundsätzlich ist es uns Menschen immanent, dass wir zumeist das Umfeld verändern wollen, wenn wir merken, dass Veränderung notwendig ist. Mit etwas mehr Aufmerksamkeit und Einsicht wird uns aber bald klar, dass Veränderung zuerst in uns selbst stattfinden muss. Auch Neurowissenschaftler beschäftigen sich mit der Frage, wie sich Menschen verändern. Für die Verwirklichung langfristiger Ziele (wie abnehmen, berufliche Veränderung, sportliche Hochleistungen oder stabile intime Beziehungen) müssen wir das emotionale Erfahrungsgedächtnis aktivieren. Dieses unwillkürliche Gedächtnis hat kontinuierlich unsere Aufmerksamkeit und motiviert uns fortlaufend durch emotionale Signale, auch dann noch, wenn das Gedächtnis, das Absichten bekundet (und Listen aufstellt), vollständig in den Hintergrund getreten ist(LEVINE 2010, Seite 368-370). Die auf Gefühlen basierende Gedächtnisfunktion speichert sämtliche Erfahrungen bedingungslos und bewertet sie nach ihrem emotionalen Gehalt, wobei die Aktivitäten des emotionalen Gedächtnisses oft unserer bewussten Wahrnehmung entgehen. Dieses Erfahrungsgedächtnis macht sich somatische Marker zunutze, wobei es sich dabei um Emotionen oder physische Empfindungen, die auf der Grundlage früherer Erfahrungen oder Gefühle über eine Situation informieren. Klassische somatische Marker sind Schmetterlinge im Bauch bei Angst, das

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Erröten bei Scham, weit geöffnete Augen beim Hören aufregender Ideen, die Entspannung der Muskeln nach Erledigung einer wichtigen Aufgabe (LEVINE 2010, Seite 371). „Der körperlich gefühlte Sinn hat genau aus dem Grund die Macht, unser Verhalten kreativ zu beeinflussen, weil er unwillkürlich ist“ (LEVINE 2010, Seite 371). Emotionale Intelligenz und emotionale Kompetenz kommunizieren durch den gefühlten Sinn/somatische Marker und sind entscheidend dafür, wie wir unser Leben leben“ (LEVINE 2010, Seite 371).

Wie schon früher erwähnt, werden meine Arbeitsmöglichkeiten und mein Nutzen für meine KlientInnen erweitert, indem ich meine Methoden erweitere, vorausgesetzt, ich integriere diese Methoden in ein größeres Ganzes. Shiatsu alleine kann sehr viele Themenbereiche ansprechen, stößt aber an Grenzen, ebenso wie es eine zu eng verstandene Lebensberatung tut. Durch die Kombination von Shiatsu mit einer professionellen Gesprächsführung welche wiederum eine gewisse Bandbreite aufweist (Metamodell Holisitc Healing) und anderen, eventuell auch kreativen Methoden, werden die Zugangsmöglichkeiten zu den verschiedenen Persönlichkeitsaspekten wesentlich erweitert. Und damit kann Integration im Rahmen des therapeutischen Prozesses als Zyklus von Involvierung, Integration und Entspannung stattfinden (HANIKA 2012, Seite 153, 154).

und Entspannung stattfinden (HANIKA 2012, Seite 153, 154). Abbildung 8: Die Wachstumsspirale und das therapeutische

Abbildung 8: Die Wachstumsspirale und das therapeutische Wirkfeld (HANIKA 2012 Seite 157)

Ein wichtiges verbindendes Moment von Shiatsu und Holisitc Healing stellt für mich der spirituelle Aspekt dar. Spiritualität bedeutet „Geistigkeit“. Spiritualität wird im Denken von Holisitic Healing als eine spezielle Form von einer geistigen und emotionalen Haltung, die Sinn- und Werteaspekte des Menschen in seiner Position als Wesenheit in Bezug zur Ganzheit der Welt zum Inhalt hat, verwendet

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(HANIKA 2012, Seite 277). „Spiritualität wird als unmittelbare Beziehung des Individuums zu einem größeren Ganzen beschrieben“ (GROF und GROF 1991 in HANIKA 2012, Seite 277). Neben dem Schamanismus ist auch der ursprüngliche Buddhismus eine wichtige Quelle für das Modell Holistic Healing und zwar weil er eines der ersten frühen empirisch fundierten psychologischen Systeme der Welt darstellt (HANIKA 2012, Seite 182). „Meditation erhält im Buddhismus in Form von Achtsamkeitsmeditation (Einsichtsmeditation) die Qualität einer von Religiosität losgelösten psychologischen Übung zur Erkenntnis, die auch hohe psychotherapeutische Wirkung entfalten kann“ (HANIKA 2012 Seite 182).

Es gibt derzeit bereits sehr unterschiedliche Shiatsu-Stile, wobei Hara-Shiatsu© von Tomas Nelissen seine Wurzeln von seinem Lehrer Shizuto Masunaga hat. Masunagas Stil wird von vielen seiner NachfolgerInnen als Zen-Shiatsu bezeichnet und praktiziert.

Ich praktiziere Shiatsu aus einer meditativen Haltung (Achtsamkeit auf den Körper), wobei dies natürlich nur eine mögliche Anwendungsform ist, die je nach Thema indiziert oder nicht indiziert ist. Die praktische Erfahrung zeigt, dass Shiatsu als gemeinsame Meditation von mir als Shiatsu-Praktiker und meiner KlientIn die größte Wirksamkeit zeigt, sofern diese Anwendungsform thematisch angezeigt ist. „Wir können im Sitzen, Stehen, Gehen und Liegen meditieren. Der Kern der Meditation ist Achtsamkeit, Ansichten und Bemühungen, die Achtsamkeit unterstützen, sowie die Entwicklung von Fähigkeiten und das Vertiefen, das durch sie möglich wird“ (SUCITTO 2013, Seite 17). Meditation wird hier als ein sehr tiefes Ergründen des Geistes verstanden, manchmal in intensiven Meditations- Retreats praktiziert, manchmal in der Mittagspause oder nach der Arbeit zu Hause. Und der Körper bietet sich als Grundlage dieser Meditation an, da er immer mit dabei ist. In den alten Medizinschulen des Ostens, sei es nun der chinesischen, tibetischen oder ayurvedischen Heilkunde, sind die spirituelle Dimension von Erkrankungen und der Aspekt der spirituellen Heilung untrennbar miteinander verbunden. Shiatsu schöpft aus diesen Quellen und aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass Shiatsu ohne die spirituelle Dimension nicht nur unbefriedigend sondern über weite Strecken wesentlich weniger wirksam wäre.

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2

Praktische Anwendungsfelder

Mir ist eine Laus über die Leber gelaufen

Die Galle geht mir über

Gift und Galle spucken

Da kommt mir der Magen hoch

Es dreht mir den Magen um

Das schlägt mir auf den Magen

Flaues Gefühl im Bauch haben

Kalte Füße bekommen

Mir schlottern die Knie

Mir schnürt es die Kehle zu

Einen Knoten im Hals haben

Mir bleibt der Mund offen

Mich trifft der Schlag

Sich in Hitze reden

Die Schultern hängen lassen

Den Kopf hängen lassen

Kein Auge zu tun können

Den kann ich nicht riechen

Sich Luft machen

Auf der Nase herumtanzen

Schwach auf der Brust sein

Viel um die Ohren haben

Sich etwas in den Kopf setzen

Graue Haare wachsen lassen

Diese Sammlung an Redewendungen ließe sich sicherlich noch weiterführen. Sie soll aufzeigen, wie weit wir um die Verbindung von Körper und Psyche aus den Volksweisheiten bereits wissen, ohne dass es uns bewusst ist.

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Meine praktischen Überlegungen zur Anwendung von Shiatsu in einer ganzheitlich orientierten Lebensberatung gründen sich auf meinen Erfahrungen als Shiatsu-Praktiker. Im Rahmen meiner Ausbildung und meiner Tätigkeit als selbständiger Shiatsu-Praktiker kann ich aus Erfahrungswerten aus bisher rund dreitausend Shiatsu-Anwendungen mit etwa 500 Personen schöpfen, bei denen die Gesprächsführung mehr oder weniger Teil des Ablaufes waren. Für die Diplomarbeit zum Abschluss der Shiatsu-Ausbildung (Shiatsu in der Begleitung von Traumatherapie) konnte ich zusätzlich sehr wertvolle Erfahrungen in der Gesprächsführung machen und im Laufe der Ausbildung zum Lebens- und Sozialberater hat sich meine Arbeit mit den Shiatsu-KlientInnen weiter entwickelt. Ich wende heute bereits recht häufig eine Kombination von Beratungsgespräch und Shiatsu an. Aus meiner Sicht gibt es verschiedene Möglichkeiten des Settings.

2.1 Das Setting

Unter „Setting“ wird die spezifische Gestaltung der kontextuellen Bedingungen in Therapie, Beratung, Betreuung, Begleitung etc. verstanden, z.B. die Gestaltung des Beratungsraumes, der Techniken und Interventionen, der Dauer der Einheiten usw.

2.1.1 Kombination von Gespräch und Shiatsu

Was sich bisher bereits bewährt hat, ist eine Kombination aus Gespräch und Körperarbeit. Wenn die KlientIn das erste Mal zu mir kommt, findet ein Erstgespräch statt (siehe hierzu den nächsten Punkt „Westliche Anamnese und Fernöstliche Diagnose“). Bei jedem weiteren Besuch findet anfangs immer ein Gespräch statt, das wenige Minuten dauern kann bis hin zu einer vollen Einheit von 50 Minuten. Dann kommt eine Sequenz Shiatsu und zum Abschluss immer ein Gespräch. Der Ablauf wird den Bedürfnissen der KlientInnen angepasst, manche Shiatsu-KlientInnen möchten kein Gespräch oder beziehen sich alleine auf die körperliche Dimension, andere hingegen wünschen sich das Gespräch.

Im Gespräch findet ein „Joining“ statt, ich stimme mich auf den Menschen vor mir ein und lade zu einem Einschwingen auf einer emotionalen Ebene ein (ITIN 2007, Seite 177). Von den Erzählungen der Klientin oder des Klienten erhalte ich ein erstes Bild, wo sie/er sich geistig, emotional und damit auch energetisch befindet. Dieses Bild kann ich dann zur Sprache bringen und mit der Klientin/dem Klienten besprechen, ob und welche körperliche Intervention sinnvoll sein können. Ist sie/er damit einverstanden, wenden wir uns der Körperarbeit zu. Nach der Körperintervention gehen wir wieder ins Gespräch über das, was passiert ist, was sich verändert hat und wie es sich verändert hat oder was verschwunden ist und was aufgetaucht ist. Idealerweise steht für dieses Setting eine Doppeleinheit zur Verfügung. Dies hat sich in der Praxis sehr bewährt, wird aber aus Kostengründen eher selten in Anspruch genommen.

2.1.2 Shiatsu-Stunden in den Prozess einbauen

Alternativ zu obigem Setting kann ich eine volle Shiatsu-Einheit in einen Beratungsprozess einbauen. Zu einem gegebenen Zeitpunkt kann ich der KlientIn vorschlagen, eine Stunde Shiatsu einzubauen, um ein Thema über den Körper zu bearbeiten. Dies kann besonders dann sehr hilfreich sein, wenn sich in der Beratung eine Stagnation breit macht und es kein Weiterkommen mehr gibt, die Themen ausgehen oder zu unscharf sind. Es kann sich die Notwendigkeit ergeben, dass blockierte Energie über den Körper eingeladen wird, wieder in Fluss zu kommen. Andererseits kann es aber auch sehr hilfreich sein, einem sehr aufgewühlten Menschen über den Körper etwas Entspannung bis hin zur Ruhe anzubieten.

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2.1.3 Kurzinterventionen

Manchmal kann es reichen, eine kurze körperliche Intervention in das Beratungsgespräch einzubauen. Hierzu eignen sich sowohl Techniken aus dem Sessel-Shiatsu wie auch kurze Interventionen auf der Shiatsu-Matte. Zudem kann ich die KlientIn einladen, kurze Übungen zu machen wie zum Beispiel die Makko Ho, die Meridiandehnübungen nach Masunaga oder aber einige Griffe Selbst-Shiatsu. Die Aufmerksamkeit in den Körper zu bringen und dort zu ankern kann die Konzentration wesentlich stärken bzw. auch auf das Wesentliche bringen.

2.2 Westliche Anamnese und Traditionelle fernöstliche Diagnose

Für das Erstgespräch in der Psychotherapie hat Peter Osten eine Checkliste erarbeitet, die auch in der prozessualen Anamnese in der Beratung Verwendung findet. Ich möchte hier nur kurz auf die Leib- und Bewegungsphänomenologie eingehen, wo er die Punkte Körper/Leib, Begrüßung, Bewegung, periverbaler Ausdruck und Genderperspektive anführt. Unter Körper/Leib finden sich die äußere Erscheinung und Körpersprache, Körperwuchs, Haltung, Körperpflege, Kleidung, Frisur, Hände, Bewegung, Gebärden und Gestikulation. Bei der Begrüßung werden Mimik, Blickverhalten und Händedruck zusammengefasst. Bewegung beschreibt den Bezug der Bewegung zum Raum und zur BeraterIn, z.B. scheu, kraftlos, aggressiv etc. und periverbaler Ausdruck umfasst die Mimik, das Blickverhalten, Gestik und Gebärden, Stimm- und Atemmuster. Die Genderperspektive schließlich beschäftigt sich mit der leiblichen Repräsentation der Geschlechtlichkeit als Mann oder Frau (STEINER 2013, Seite 4-68).

„Die fernöstlichen Diagnostik ist die Kunst, unter die Oberfläche zusehen und bis in die Tiefe vorzudringen, um die innere Wahrheit sichtbar zu machen“ (OHASHI 2006, Seite 13). Es gilt der Körper als physische Manifestation der Seele und es liegen den fernöstlichen Diagnosemethoden vier Leitgedanken zugrunde:

Alle Phänomene bestehen aus Gegensätzen

Jeder Mensch ist ein einheitliches Ganzes aus Körper, Geist und Seele

Das Ganze ist in jedem seiner Teile erkennbar

Durch den Körper fließt Energie in einem geregelten System von Kanälen, den Meridianen

Es werden vier Formen der Diagnose angewandt:

1. Bo-Shin - beobachten

2. Bun-Shin hören, riechen

3. Mon-Shin befragen

4. Setsu-Shin berühren, tasten

Bei Bo-Shin geht es vorerst einmal um das „sichtbar werden lassen“, das große Bild, den Gesamteindruck. Hier lasse ich die KlientIn auf mich wirken, die Haltung, Bewegung, Mimik, Kleidung usw. Erst nachdem ich das Gesamtbild achtsam wahrnehme gehe ich ins Detail wie z.B. Gesichtsdiagnose, Zungendiagnose, Spannungsverhältnisse, Rücken etc. Bei der Bo-Shin-Diagnose bin ich ein Künstler, der den anderen Menschen als großartiges Kunstwerk wahrnimmt und betrachtet.

Im Bun-Shin höre ich mit dem ganzen Körper zu, nehme die Schwingung der Stimme war, den emotionalen Gehalt und erfahre so Tendenzen, in welcher Wandlungsphase sich die Klientin/der

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Klient im Moment „befindet“, z.B. kommt Wut aus der Leberenergie, Mitgefühl aus der Milzenergie usw. Bun-Shin beginnt beim ersten Telefongespräch wenn wir einen Termin vereinbaren: spricht die Klientin/der Klient laut oder leise, schnell oder langsam, feurig oder zurückhaltend, singend oder monoton etc. Aber auch das Riechen zählt zu Bun-Shin. Wie ist der Körpergeruch der Klientin/des Klienten oder ist dieser mit Deodorant zugedeckt?

Mon-Shin befasst sich mit der Befragung, wobei nicht nur die Worte der Antwort berücksichtigt werden, sondern auch das nicht gesagte, die Gestik und Mimik dazu. Ich kann dabei ganz gezielt fragen oder aber mehr Raum lassen und die Reaktion aufnehmen.

Im Setsu-Shin schließlich berühre ich den Kern des anderen Menschen, berühre das innerste Wesen. Der Händedruck ist ein gutes Beispiel für Setsu-Shin, denn bereits hier findet ein aussagekräftiger Informationsaustausch statt. Ich „begreife“ die Person vor mir, indem ich bestimmte Körperzonen betaste und mich von den gewonnen Informationen leiten lasse.

Insgesamt muss ich mir bei jeder „Diagnose“ im Klaren darüber sein, dass ich damit in den Privatraum der Klientin/des Klienten eindringe und dass ich das mit Sorgfalt und Respekt tun muss (OHASHI 2007, Seite 23 bis 49). Sehr wichtig ist mir hier auch noch anzumerken, dass all die aus der fernöstlichen Diagnose gewonnenen Erkenntnisse Tendenzen aufzeigen und nicht als absolut angesehen werden können und keine Wertungen beinhalten. Es geht hier nicht darum, Menschen „einzuschachteln“ und zu verallgemeinern, sondern um Richtungen, die mich mit der Klientin/dem Klienten weiter führen können. Aus den gewonnenen Erkenntnissen über tendenzielle energetische Muster lässt sich auch eine Fragestellung ableiten, die basierend auf den Eigenschaften der Wandlungsphasen meist sehr treffsicher und schnell Aufschluss über Thematiken geben kann und, da sie meist nicht direkt ist, für die KlientIn leicht annehmbar und aufschlussreich ist.

2.3 Beraterische Beziehung

Nach wissenschaftlichen Wirkuntersuchungen über Psychotherapie ist die therapeutische Beziehung mit 30 % der Hauptwirkfaktor (HANIKA 2012, Seite 118) und ich lege dieses Ergebnis auf die Beratung und auf Shiatsu um. Im Shiatsu findet eine achtsame Berührung statt, die von Wertschätzung, Empathie und Echtheit gekennzeichnet ist, den drei Kernvariablen von Rogers also. Es ist nicht schwer nachvollziehbar, dass eine solche Berührung die beraterische Beziehung stärken und auch vertiefen kann. Auch wenn Shiatsu am bekleideten Körper stattfindet, so ist doch Körperkontakt vorhanden und bei Händen, Füßen und am Kopf auch direkt auf der Haut. Die Haut ist das früheste und sensitivste unserer Organe, es stellt das erste Medium des Austausches dar und ist zugleich unser wirksamster Schutz. Der mit der Haut verbundene Tastsinn wird vom menschlichen Embryo vor allen anderen Sinnen entwickelt (MONTAGUE 2004, Seite 7). Berührung ist die Grundlage von Entwicklung beim Säugling und kann zur Grundlage von Entwicklung der Klientin/des Klienten werden. Sie entspricht der primären Schutz- und Haltefunktion der Mutter für ihr Kind, wobei im Zusammenhang mit dem Aufbau einer beraterischen Beziehung vor allem die entspannenden körperlichen Prozesse, die „seelische Verdauung“ und körperlich-seelisch-geisitge Gleichgewichtsprozesse ermöglicht werden (HANIKA , Seite 155).

Aus meiner praktischen Erfahrung kann sich bei einem gesunden Menschen sehr schnell ein „Annehmen“ der Berührung einstellen, die dann zur Entspannung führt. Somit arbeite ich beim Erst- Shiatsu grundsätzlich leichter und vorsichtiger, auch wenn eine eventuelle körperliche Thematik nach

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einer stärkeren Intervention verlangen würde. Aus einer wohltuenden körperlichen Erfahrung lässt sich wesentlich schneller ein Vertrauensverhältnis aufbauen und auch pflegen, es ergibt sich einfach die Wahrnehmung „da will mir jemand etwas Gutes tun“.

2.4 Körperwahrnehmung, Körpererleben und Identität

Sowohl in der Lebensberatung wie im Shiatsu muss ich die KlientIn die zu mir kommt, dort abholen, wo sie sich innerlich befindet. Sehr häufig bin ich dabei mit Aussagen wie „eigentlich müsste ich zufrieden sein, aber ich bin es nicht“ konfrontiert, oft in Verbindung mit „ich weiß eigentlich gar nicht so genau, warum ich hier bin oder was mein Anliegen ist“. Viele Menschen sind aus meiner Erfahrung nicht gut mit sich selbst in Kontakt, können ihre eigenen Empfindungen und Bedürfnisse nicht wahrnehmen. Über die Körperarbeit erlebe ich dann immer wieder eine wahrliches „Erwachen“, zuerst zum eigenen Körper, dann aber viel tiefer zu Bedürfnissen, Defiziten aber und vor allem zu den Ressourcen und zu einer inneren Heilung.

Nach WEIGEL entsteht das Identitätsgefühl eines Menschen unabhängig von seiner intellektuellen Entwicklung. Vielmehr sind es vor allem die Empfindungen aus dem Körper, die ein Gefühl für die eigene Identität entstehen lassen (WEIGEL 2008, Seite 16). Und Gefühle entstehen durch Bewegungen und Körperempfindungen und Gefühle drücken sich auch über den Körper aus wie z.B. strahlende Augen, ein beschwingter Gang, ein Lächeln etc. (WEIGEL 2008, Seite 35,36). Der Körper hat Grenzen, die manchmal nicht so genau fühlbar sind. Die Körpergrenze trennt das Innere des Körpers vom Körperäußeren, wobei alle drei Bereiche mit Emotionen verknüpft sind. Körperinneres, Körpergrenze und Körperäußeres bilden das sogenannte Körperschema, bei dem es zu Störungen kommen kann bzw. die Körpergrenze auch verschwimmen kann wo höre ich auf, wo fängt die Umwelt, wo fangen die anderen an (WEIGEL 2008, Seite 28)? Wenn ich meine Grenzen nicht wahrnehmen kann, wird es mir wahrscheinlich schwer fallen, die Grenzen der anderen wahr zu nehmen. Wenn ich meine körperlichen Grenzen nicht wahrnehmen kann, kann ich vielleicht meine psychischen Grenzen auch nicht wahrnehmen, dort wo ich NEIN oder STOPP sagen muss. Hier kann achtsames Shiatsu sehr gut unterstützen, die KlientIn in ihren Körper bringen, ihr den Körper und ihr körperliches Erleben bewusst machen und damit öffnet sich meist ein Tor zu einer intensiven Auseinandersetzung mit sich selbst und zu Wachstums- und Entwicklungsprozessen.

2.5 Stress und Entspannung

Wachstum setzt aber auch ein gewisses Maß an Entspannung voraus. Im Kapitel Wie wirkt Shiatsu habe ich bereits den Stressreaktions-Zyklus ansatzweise beschrieben:

Stress macht uns handlungsbereit, was immer die Quelle einer „Bedrohung“ sein mag, die Amygdala löst gleich mehrere Reaktionen aus:

Der Thalamus sendet ein Signal zum Hirnstamm, der stimulierendes Noradrenalin durch das ganze Gehirn sendet.

Das sympathische Nervensystem sendet Signale zu den wichtigen Organen und Muskelgruppen, Kampf oder Flucht werden vorbereitet.

Der Hypothalamus veranlasst die Hypophyse, die Nebennieren zur Ausschüttung der Stresshormone Epinephrin (Adrenalin) und Cortisol anzuregen.

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Innerhalb von ein bis zwei Sekunden ist das sympathische Nervensystem in voller Alarmbereitschaft und Stresshormone fließen durch das Blut. Epinephrin erhöht den Herzschlag, damit das Herz mehr Blut befördern kann und erweitert die Pupillen. Noradrenalin verlagert Blut zu den großen Muskelgruppen, die Bronchiolen der Lungen erweitern sich für einen erhöhten Gasaustasuch, Cortisol unterdrückt das Immunsystem, um die Entzündung von Wunden zu verringern. Zudem bringt es Stressreaktionen auf zwei Weisen auf Touren: es veranlasst den Hirnstamm die Amygdala weiter zu stimulieren, was die Aktivierung des Sympathisches Nervensystem/Hypothalamus-Hypophysen- Nebennieren-Achse Systems(SNS/HPAA-System) durch die Amygdala steigert wodurch wieder mehr Cortisol produziert wird. Zweitens unterdrückt Cortisol die Aktivität des Hippocampus, der im Normalzustand die Amygdala hemmt, was zu noch mehr Cortisol führt. Nicht lebenswichtige Funktionen wie die Fortpflanzung werden ausgesetzt, die Verdauung wird ebenso heruntergefahren, die Speichelbildung nimmt ab, und die Peristaltik verlangsamt sich. Die Emotionen werden stärker und mobilisieren das Gehirn zum Handeln. Die Erregung des SNS/HPAA-Systems stimuliert die Amygdala, die ihrer Veranlagung nach auf negative Information fokussiert und reagiert. Wenn ich mich also gestresst fühle, bin ich auf Furcht und Wut programmiert.

Was kann ein auslösendes Alarmsignal sein? Ein Auto, das mich beinahe niederfährt, aber auch eine Abfuhr von einer Kollegin oder „nur“ ein beunruhigender Gedanke. Sogar nur die Erwartung einer stressigen Situation kann eine ebenso große Wirkung wie das tatsächliche Durchleben dieser haben.

Wenn ich mich in einer solchen Stressreaktion befinde, geraten Steuerungsmechanismen außer Kontrolle. Das Problem des modernen Lebens liegt in der chronischen Reizüberflutung durch unzählige kleine Stressoren. Die Folgen sind verheerend: neben körperlichen Erkrankungen im Verdauungstrakt, immunologischer Schwächung, Herzerkrankungen und hormonellen Störungen treten geistige Folgen auf wie Angststörungen und depressiven Stimmungen (HANSON 2011, Seite 70-76). Die Anwendung von Shiatsu in der Lebensberatung kann hier einerseits eine Entspannung für den Moment bringen, aber, und das scheint mir noch wesentlich wichtiger, eine psychoedukative Wirkung haben. Die Klientin/der Klient kann lernen, indem sie während einer Shiatsu-Sitzung oder auch nur einer kurzen körperlichen Intervention ihre Achtsamkeit in jede Berührung und jede körperliche Reaktion legt, zu spüren was ist, in diesem Moment, in diesem Körper, in ihren Emotionen, in ihren Gedanken. Und sie kann lernen, damit zu sein, ohne zu reagieren. Diese Form der Arbeit ist wie eine Achtsamkeitsmeditation, nur zu Beginn durch Körperkontakt unterstützt. Körperarbeit kann hier wieder ein guter Einstieg in einen besseren Umgang mit psychischen Stressfaktoren sein, kombiniert mit Gesprächen.

Unter dem Titel „Anspannung führt zu Verspannung“ präsentiert die Arbeitsinspektion aktuelle Forschungsergebnisse zu Wechselwirkungen zwischen Muskel-Skelett-Erkrankungen und psychischen Faktoren. Ich zitiere hier die Zusammenfassung:

Würden psychosoziale Risikofaktoren am Arbeitsplatz vermieden, dann könnten die Rückenschmerz- Fälle um gut 40 % gesenkt werden. Mehr als 75 % der einschlägigen Studien zeigen, dass es insbesondere zwischen Faktoren wie Arbeitszufriedenheit, Monotonie, Arbeitsbeziehungen, Belastungen und Stress-Erleben und Beschwerden des Stütz- und Bewegungsapparates einen signifikanten Zusammenhang gibt. Bei ca. 35 % aller Personen mit Rückenbeschwerden wird dieses Leiden chronisch. Von diesen unter chronischen Schmerzen leidenden Personen könnten rund 60 % eingespart werden, würden psychologische Begleitmaßnahmen die medizinische Therapie ergänzen. Auch die Untersuchung der Wirksamkeit von Interventionen nach der Behandlung von akuten

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Rückenbeschwerden zeigt gemessen an der Dauer der Arbeitsunfähigkeit, dass Maßnahmen wie Rückenschulen wenig, dagegen technisch-ergonomische, arbeitsorganisatorische und individuell- psychologische Maßnahmen sehr wirksam sind, um bei den betroffenen Personen wieder Arbeitsfähigkeit herzustellen.(http://www.arbeitsinspektion.gv.at/ew07/artikel/artikel01-02.htm,

2.3.2014)

2.3.2014) Abbildung 9: Unterbrechung des Stressreaktions-Zyklus

Abbildung 9: Unterbrechung des Stressreaktions-Zyklus (ursprüngliches Bild KABAT-ZINN 2009)

2.6

Kommunikation

Der Dalai Lama bezeichnete bei seinem Vortrag in der Wiener Stadthalle im Mai 2012 unser Jahrhundert als Jahrhundert der Kommunikation. Paul Watzlawik sagt „man kann nicht nicht kommunizieren“. Sobald zwei Personen einander wahrnehmen, kommunizieren sie miteinander, da dann jedes Verhalten kommunikativen Charakter hat und er Verhalten jeder Art als Kommunikation betrachtet. Verhalten hat kein Gegenteil, man kann sich demnach nicht nicht verhalten und somit ist es auch nicht möglich, nicht zu kommunizieren (Wikipedia 3.3.2014). Und wenn ich nun noch davon ausgehe, dass weitgehend der Empfänger die Botschaft macht (STEINER 2013, Seite 1-18), dann wird klar, dass Kommunikation ein herausforderndes Lebensthema ist, auch und vor allem dann, wenn wir

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glauben, nicht zu kommunizieren, uns also unbewusst verhalten und die andere(n) Person(en) diese unbewussten Botschaften mit ihren Bewusstseinsfiltern entschlüsseln.

Kommunikationsprobleme entstehen auch, wenn wir uns nicht ausreichend mitteilen können oder das Gegenüber das nicht kann oder will. In der Lebensberatung kann ich mit der Klientin/dem Klienten daran arbeiten, ihre/seine Gesprächsführung zu analysieren und eine klare und unmissverständliche Kommunikation zu trainieren.

Berührung ist auch eine Form von Kommunikation und Shiatsu ist eine Form der Kommunikation über den Körper, die auch in die Tiefe geht. Aus meiner Erfahrung ist auch diese Form der Kommunikation grundsätzlich der Gefahr von Missverständnissen unterworfen, aber sie ist auf einer gewissen Ebene unmissverständlicher, „ehrlicher“. Berührung wie ich sie im Shiatsu anwende kann aus meiner Erfahrung nicht „lügen“, der Körper kann nicht „lügen“. Und das kann tiefes Vertrauen erzeugen und die Person, die Shiatsu empfängt stärken und sicherer machen. Sie kann sich angenommen fühlen wie sie ist und lernen, dass es reicht, der Mensch zu sein, der sie bereits ist. Wenn eine Klientin/ein Klient diese Sicherheit in einem geschützten Rahmen auch über den Körper trainieren kann, fällt es ihr/ihm leichter, dies in den Alltag mitzunehmen bzw. den Mut zu haben, dort zu experimentieren. Oft fehlt der Mut zum Nachfragen, hätte man nachgefragt, wären Missverständnisse ausgeblieben. Dieser Mut und diese Selbstsicherheit kann durch Shiatsu unterstützt werden.

Als „Nebenwirkung“ von Shiatsu beobachte ich immer wieder die Veränderung der Körperhaltung von Menschen nach einer gewissen Zeit, in der sie Shiatsu in Anspruch nehmen. Üblicherweise wird die Haltung aufrechter und gleichzeitig lockerer, was eine große Wirkung auf andere Menschen hat und somit die Kommunikation erleichtern kann. Aus einer inneren Sicherheit kann der Mut zu mehr Offenheit entstehen, kann das Zugehen auf andere Menschen erleichtern, die Kommunikation verbessern und somit im Arbeits- wie im Privatleben die Lebensqualität wesentlich steigern, indem sich Ängste abbauen. Genau dort setzt auch die Stärkung der Mitte sowohl der Leibesmitte wie auch der energetischen wie psychischen Mitte an. Durch Shiatsu und begleitende Übungen für zuhause kann eine Klientin/ein Klient lernen, sich zu zentrieren, ihre/seine Mitte zu stärken und sich in herausfordernden Situationen in ihre/seine Mitte zurückziehen und aus dieser heraus agieren, anstatt automatisch zu reagieren. Über den Körper lässt sich dies sehr anschaulich einüben und vertiefen. Auch ist es in der Kommunikation mit anderen Menschen oft nötig, seinen Standpunkt zu vertreten. Hier kommt im Shiatsu die Arbeit mit den Füßen ins Spiel, die Standfestigkeit, die „Erdung“. Aus einem sicheren Stand lässt sich ein Argument besser formulieren als aus einer ängstlichen oder aggressiven Haltung. Es sind dies nur einige Beispiele, die deutlich zeigen wie Shiatsu über den Körper psychische Prozesse, Entwicklung und Wachstum unterstützen kann.

2.7

Persönlichkeitsentwicklung

Persönlichkeitsentwicklung ist ein schier unermesslich weites Gebiet, das aus meiner Sicht das Leben selbst umfasst, individuell, von der Geburt bis zum Lebensende. Ich bringe dieses Thema in Zusammenhang mit Shiatsu, da mir einerseits noch sehr bewusst ist, wie ich selbst mich im Rahmen der 3jährigen Ausbildung zum Shiatsu-Praktiker verändert habe und weil ich immer wieder beobachte, was Shiatsu in meinen KlientInnen bewirkt. Viele kommen zu Shiatsu mit einem rein körperlichen Thema, ein Problem, das gelöst werden will, etwas das nicht wie gewünscht funktioniert und wieder seinen Dienst versehen soll. Welche Entwicklungsprozesse aus dieser ursprünglichen

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Absicht dann bei vielen KlientInnen in Gang kommen ist immer wieder höchst beeindruckend und verdient hohen Respekt.

Aus der Wachstumsspirale (Abbildung 8) geht deutlich hervor, wie Wachstum und Entwicklung vor sich gehen: eine Person kommt in Kontakt mit „Neuem“ über die Wahrnehmung und setzt sich damit auseinander oder lehnt es ab (Widerstand). Wenn sich der Mensch mit der neuen Situation auseinandersetzt, so kann es zu einer Verarbeitung (Integration) kommen, woraus eine Neuorientierung resultiert (HANIKA 2012, Seite 153). Diese Prozesse finden im täglichen Leben wie auch in der Beratung wie auch im Shiatsu statt.

Die Phase des Kontaktes mit neuen Lebenssituationen aktiviert das sympathische Nervensystem, es kommt zur Alarmreaktion wie ich sie oben bereits beschrieben habe. Diese Phase ist aus Sicht des Shiatsu yang. Hier kann Shiatsu sehr gut ansetzen, da es die Entspannung fördert (parasympathisches System = yin) und damit zu einem Gleichgewicht der körperlich-seelisch-geistigen Prozesse beiträgt und statt einer oft automatischen (Abwehr-) Re-aktion ein gelasseneres und durchdachtes Agieren ermöglicht. Shiatsu kann hier also einen wesentlichen Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung leisten, nicht nur wenn es herkömmlich eingesetzt wird, sondern auch für den beraterischen Prozess wenn es begleitend oder als Einzelintervention Anwendung findet. Hier berührt Shiatsu auch wieder die Kernvariablen von Rogers, denn es braucht einen sicheren Rahmen zur Entwicklung, der geschaffen werden will. In Anlehnung an die Gestalttherapie kann man hier auch eine Nachbeelterung über den Körper einsetzen, denn sanftes Schaukeln und Wiegen finden auch Anwendung im Shiatsu.

Auch bei auftretendem Widerstand als Abwehr- und Schutzfunktion kann Shiatsu als körpertherapeutische Intervention diesen Widerstand in Bewegung bringen, denn oftmals handelt es sich bei Widerständen um alte Muster, die schon lange nicht mehr nutzbringend sind. Widerstand und Ablehnung können aus Shiatsu-Sicht verschiedenen Wandlungsphasen zugeordnet werden und entsprechend kann ich die Intervention dem Gesamtsystem von Körper-Geist-Seele (Somato-Noo- Thymopsyche nach dem Modell Holisitc Healing) anbieten, nährend und yinnig von innen stützend oder mehr yangig die Oberfläche in Bewegung setzen und in die Tiefe arbeitend. Wo Shiatsu hier ansetzt ist oft auch die „Flexibilität“. In meiner Shiatsu-Praxis begegnen mir sehr viele Menschen mit unflexiblen Gelenken, zum Beispiel Schultern oder einem unbeweglichen Brustkorb als Schutzpanzer. Vor allem über die Arbeit mit Gelenken, Rotationen, Traktionen und Dehnungen lassen sich Gelenke beweglicher machen, Chi kann wieder fließen und die Klientin/der Klient spürt eine Veränderung in der inneren Flexibilität über mehr Beweglichkeit und Freude an der Beweglichkeit im Körper. Sorgfalt und viel Zeit ist meist vonnöten, um den Brustkorb zu lockern, aber auch wenn sich an der äußeren Wahrnehmung anfangs nichts verändert, ein Gefühl von mehr Freiraum im Inneren lässt mehr Spielraum für Handlungen. Und wie schon mehrfach erwähnt, spielt auch die Achtsamkeit eine bedeutende Rolle, Achtsamkeit mit sich selbst, den eigenen Mustern und Bedürfnissen, aber auch mit dem Umfeld, mit Situationen und ihren Dynamiken. Auch hier kann Shiatsu erste Entwicklungsschritte in die Wege leiten, die der weiteren Entwicklung zu gute kommen.

Und Shiatsu kann dabei unterstützen, das Verstandene und die Einsichten in einem Lebensprozess über den Körper zu ankern, was oft nachhaltiger und besser wirksam sein kann (GÖRLITZ 2011, Seite

23).

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2.8

Neuorganisation

Wenn ich in meinem Leben zu dem Schluss komme, dass ich nicht zufrieden bin, dass ich mit dem Verlauf meines Privat- oder Arbeitslebens unterfordert oder überfordert bin oder dass ich nur mehr für die Bedürfnisse anderer lebe usw., dann ist es Zeit für Veränderung, für eine Neuorientierung und Neuorganisation meines Lebens. Vielleicht verlasse ich meine Partnerin oder wurde verlassen, vielleicht habe ich meine Arbeit verloren oder stelle fest, dass sie mich nicht mehr befriedigt, jedenfalls handelt es sich oft um eine belastende Situation, die zu einer Neuorientierung einlädt oder uns dazu zwingt.

Das Alte ist nicht mehr hilfreich oder abhanden gekommen, das Neue ist noch nicht da, eine Leere kann entstehen, Unsicherheit und eventuell Depression. Wie kann man damit umgehen, wie orientiert man sich neu?

Durch den Einsatz von körpertherapeutischen Interventionen, wie ich es im Shiatsu mache, kann ich dem Körper und über diesen in der Tiefe ein umfassendes Loslassen unterstützen oder in die Wege leiten bzw. begleiten. Das Alte ziehen zu lassen erfordert eine beträchtliche Menge Mut, den Shiatsu über eine Stabilisierung des inneren Kerns des Menschen unterstützen kann, die ganzheitliche Verbindung zwischen Intellekt und Bauchhirn auszubalancieren.

Durch Shiatsu kann ich nicht nur alte Muster in Bewegung bringen, sondern auch verschüttetes Potential zu neuem Leben erwecken oder vielleicht überhaupt erst wieder daran erinnern, indem Raum geschaffen wird, in dem es sich zeigen und ins Bewusstsein treten kann. Raum, um sich zu zeigen ist aus meiner Erfahrung ein wesentlicher Faktor, ebenso wie der Mut, hinzuschauen auf die eigenen verschütteten Anteile. So wende ich mit Absprache meiner Klientinnen und Klienten häufig eine Abwechslung von Aktivierung und Stabilisierung an. Aktivierung setzt Dinge in Bewegung, bringt vielleicht auch etwas Unordnung in eine scheinbare Ordnung und rüttelt auf. Voraussetzung dafür ist eine tragfähige und vertrauensvolle beraterische Beziehung. Und meist bedarf es dann auch einer Stabilisierung, das Aufgewühlte muss sich setzen können, zur Ruhe kommen können, um klar gesehen zu werden und weiter im Gespräch bearbeitet zu werden.

Hier kann die Meridianenergetik sehr gut eingesetzt werden wie sie im Kapitel Die Lehre der fünf Elemente beschrieben wurde: Die Dickdarmenergie hat mit dem Loslassen und mit Trauerprozessen zu tun, die Lungenenergie mit dem „JA“ zum Leben, die Magenenergie drückt den Hunger auf Leben aus, die Milzenergie die Fürsorglichkeit und die Mitte. Die Leberenergie steht für Vision und Inspiration, ihr Partner die Gallenblasenenergie für Entscheidungen bzw. für die Umsetzung der Visionen. Die nötige Klarheit kann über die Arbeit am Dünndarmmeridian unterstützt werden, der Mut und die Sicherheit über Herz- und Nierenenergie und die Blasenenergie ist für die Willenskraft verantwortlich usw.

Über die Arbeit am Körper gehe ich in Resonanz mit meiner Klientin/meinem Klienten, fühle mich ein, so als würde ich mich in der gefühlten Welt des anderen aufhalten und bewegen (Spiegelneuronen, BAUER 2011). Ich berühre dabei nicht nur die Schwingungen des anderen Menschen, sondern die gesamte Geschichte, die hindernden Muster wie auch das Potential auch auf körperlicher Ebene. Aus dem, was ich fühle oder erahne oder was sich durch die Erfahrungen meiner Shiatsu-Arbeit zeigt, seien es nun Gefühle oder Bilder, manchmal sind es Tränen die mir in die Augen kommen, kann ich vorsichtig fragen, ob davon etwas „passend“ ist (RENN 2013, Seite 57). Ich kann

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meine Wahrnehmungen nur anbieten, vielleicht sind sie zutreffend, vielleicht nicht, vielleicht sind sie auch einfach noch nicht reif, von der Klientin oder dem Klienten angesprochen oder überhaupt nur gedacht zu werden. Ich kann dann über die Arbeit mit Shiatsu das Schaffen eines Raumes für Entwicklung und Neuorganisation anbieten, sei es nun über einen inneren oder einen mehr äußeren Zugang (yinnig oder yangig), wie oben bereits beschrieben, damit die KlientIn ihn einrichten und gestalten kann.

Im Shiatsu wende ich unterschiedliche Formen der Berührung an, manche in die Tiefe gehend, andere mehr oberflächlich. Die folgende Tabelle soll einen kurzen Überblick über Berührungsformen, wie ich sie zusätzlich zum klassischen Shiatsu anwende, geben.

Tabelle 3: Zusammenfassung der Berührungsformen nach J.I.Kepner, RICHTER 2011, Seite 174

Berührungsformen nach J.I.Kepner, RICHTER 2011, Seite 174 „Jeder von uns sollte lernen, seinen Seelengarten

„Jeder von uns sollte lernen, seinen Seelengarten anzulegen, so wie jeder von uns ein eigenes Zimmer hat“ (SPATT 2012, Seite 78).

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2.9

Arbeit

Aristoteles definierte Arbeit mit Unabhängigkeit, Selbstbestimmung und Muße und es herrschte die Sicht, dass Arbeit auch der Entwicklung und Entfaltung des Menschen dienen muss (SPATT 2012, Seite 136). Von dieser Vorstellung sind wir heute meist sehr weit entfernt.

Die Anforderungen in der heutigen Arbeitswelt steigen ständig und der Preis, seinen Arbeitsplatz behalten zu können ist oft ein hoher. Aber nicht nur die enormen Anforderungen an die Arbeitsleistung machen Menschen krank, sondern oftmals ein Arbeitsklima in dem ständige Konflikte brodeln, Ellenbogentaktiken vorherrschen und Mobbing beinahe zur Alltäglichkeit geworden ist. Waren es früher physisch schwere Arbeitsbedingungen, die uns physisch krank machten, so sind es heute psychische Erkrankungen, die immer mehr zunehmen. Laut der Wirtschaftskammer Österreich

Publikationen/Publikationen/Psychische-Erkrankungen-kosten-jaehrlich-7-Mrd-Euro.html am 9.5.2014) verursachen psychische Erkrankungen in Österreich jährlich volkswirtschaftliche Kosten in der Höhe von sieben Milliarden Euro. Psychische Erkrankungen sind mittlerweile die zweithäufigste

Ursache für Frühpensionierungen und die Tendenz ist steigend.

Burn-Out ist in aller Munde und immer öfter wird der Wunsch zu wachsen zum zwanghaften Verhalten, meist begründet in einer Mischung aus Perfektionismus und mangelndem Selbstbewusstsein. Was kann hier Shiatsu als Methode in der Lebensberatung bewirken?

Ich arbeite in meiner Shiatsu-Praxis unter anderem mit Burn-Out-KlientInnen begleitend zu einer Psychotherapie. Und dabei stelle ich immer wieder fest, dass meist das Gefühl für die eigenen Bedürfnisse lange unterdrückt wird, bis es durch die Daueranspannung nicht mehr wahrgenommen werden kann, bis die eigenen Leistungsgrenzen nicht gespürt werden können. Hier kann Shiatsu in der Prävention begleitend zum Beratungsgespräch eingesetzt werden. Über den Körper lässt sich wieder zu den Sinnen kommen, sich wieder spüren lernen.

Shiatsu-Interventionen können durch die Verbindung zu unterschiedlichen Qualitäten der Meridianenergien in vielen Bereichen sinnvoll eingesetzt werden. Der Gallenblasenmeridian zum Beispiel steht unter anderem für Entscheidung und ich konnte die Arbeit an diesem Meridian bereits unterstützend bei der Entscheidungsfindung für berufliche Veränderung einsetzen. Oftmals kann nur eine Shiasu-Sitzung Klarheit als Voraussetzung für Entscheidungen schaffen, einfach indem die Klientin/der Klient entspannen und so aus dem Denkkarussel aussteigen kann, sich mit ihrem/seinem Bauchgefühl verbinden kann. Den Kopf frei zu bekommen kann förderlich sein, um die Befindlichkeit des Körpers zu spüren. Sehr oft ist es Erschöpfung, die sich zeigt. KlientInnen sind selbst überrascht, wie ausgelaugt oder verspannt sie sind, ohne dass sie es zuvor gemerkt hatten. Und das Wohlgefühl einer Stunde Entspannung kann Lust auf Ausgleich, auf Sport und Entspannung machen und ist sehr hilfreich bei der Entscheidung zur Einschränkung des täglichen Arbeitspensums. Die KlientInnen, die sich darauf einlassen können, sind meist auch wesentlich sicherer darin, „nein“ zu manchen Zusatzanforderungen zu sagen, sie beginnen ihre wirklichen Bedürfnisse zu spüren und sind dann auch leichter bereit, tatsächlich Veränderungen in ihrem Leben durchzuführen.

Wenn jemand in die Beratung kommt, so weil etwas in seinem Leben nicht so läuft, wie er/ sie sich das vorstellt. Körperliches Wohlbefinden zu erleben eröffnet nicht selten auch völlig neue Perspektiven, vor allem wenn Menschen durch Daueranspannung bereits an chronischen

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Verspannungen und damit einhergehend Schmerzen und Bewegungseinschränkungen leiden. Sie können erleben, wie viel Stress sich in ihrem Körper bereits abgespeichert hat und sie können erleben, dass die Folgeerscheinungen veränderbar sind, dass sie dem nicht ausgeliefert sind, was wiederum zu mehr Bereitschaft für Veränderung führen kann.

Bei Mobbingopfern kann das Beratungsgespräch durch Shiatsu dahingehend unterstützt werden, dass über die Nierenenergie das Selbstbewusstsein gestärkt wird, über die Dickdarmenergie die Abgrenzung, über die Lungenenergie die Kommunikationsfähigkeit usw., Konflikten kann leichter begegnet werden, wenn auch die Körperhaltung und die Zentrierung im Körper entsprechend ist.

Unter Work-Life-Balance wird die Vereinbarkeit von Berufs-, Privat- und Familienleben verstanden. Auch hier erlebe ich in meiner Shiatsu-Praxis, dass dies für viele Menschen immer schwieriger wird. Wieder ist es die „Erinnerung“ an körperliches Wohlbefinden, an die Qualität des langsamer Werdens und in den Körper Kommens, wie Shiatsu das Beratungsgespräch unterstützen kann. Die KlientInnen brauchen sich diese Erinnerung nicht zu „erdenken“, sie können sie „erleben“.

Es sind dies nur einige Beispiele für den praktischen Einsatz von Shiatsu in der Beratung, wenn es um Arbeitsthemen geht.

2.10 Sexualität

Wir finden Sexualität in unserer Kultur überall und überlebensgroß abgebildet und dennoch fällt es vielen Menschen schwer, offen und ehrlich mit ihrer eigenen Sexualität umzugehen. Sexualität kann mit sehr starken Schamgefühlen besetzt sein. Menschen schämen sich, weil sie zu wenig oder zu viel Sex haben, aufgrund ihrer sexuellen Fantasien oder Ausrichtung oder ihrer Sexualität generell. Sexuelles Verlangen ist Teil der menschlichen Natur und muss auch gelebt werden können wobei es dabei kein Richtig oder Falsch geben sollte, sondern nur ein Gesund oder Ungesund für eine Person oder ein Paar. Nur wenn wir unseren Körper und unsere Sexualität akzeptieren können, können wir ein gesundes Leben führen.

Wie kann hier Shiatsu als Form der Körperarbeit unterstützend in der Lebensberatung eingesetzt werden? In der Traditionellen Chinesischen Medizin wird gesagt, dass Menschen, deren Sexualität keinerlei Ausdruck findet, leicht reizbar und ärgerlich sind, deprimiert und körperlich erschöpft. Ein angemessenes Sexualleben ist förderlich für die Nierenenergie und wenig gelebte Sexualität schwächt letztendlich die Kraft der Nieren und kann sekundär auch die Leber in Mitleidenschaft ziehen (PLATSCH 2005, Seite 187). Shiatsu kann über einen liebevolleren Zugang zum eigenen Körper die Sexualität fördern und so zu einer besseren Gesundheit insgesamt beitragen, wobei aus fernöstlicher Sicht übermäßige sexuelle Betätigung den Körper schwächt, aus physiologischen Gründen den Mann mehr als die Frau.

Shiatsu wird traditionell nicht auf nackter Haut ausgeübt, was bei Menschen, die sich ihres Körpers schämen oder sehr unsicher sind die Hemmschwelle für eine körperliche Intervention herabsetzen kann. Begleitend zum Gespräch kann Shiatsu das Verhältnis zum Körper positiv verändern, das Annehmen unterstützen und im Idealfall die Transformation hin zur Liebe zum eigenen Körper begleiten. Es ist dies oft ein langer Weg, da der Körper nicht selten wie eine Maschine betrachtet wird, die zu funktionieren hat und mit einem solchen Verhältnis zum eigenen Körper ist es schwer, die eigenen sexuellen Bedürfnisse anzunehmen bzw. die der Partnerin oder des Partners in angemessenem Maße zu bemerken und Sexualität zu genießen. Shiatsu kann die KlientIn in der

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Achtsamkeit auf den Körper unterstützen, ja schulen, und die Bedürfnisse des Körpers wie auch die sexuellen Gefühle besser erkennen lassen.

Konkret kann ich im Shiatsu den allgemeinen Fokus auf eine Verbesserung des Energieflusses legen, die Wahrnehmung des Körpers unterstützen, körperliches Wohlbefinden wie auch Ablehnung spürbar und damit bewusst machen. Ich kann eine Sensibilisierung für die Bedürfnisse des eigenen Körpers einleiten. Es kann der Leistungsdruck spürbarer gemacht werden und damit im Gespräch gearbeitet werden, sodass es im sexuellen Bereich zu einer tiefgreifenden Befriedigung kommen kann. Im Einzelnen kann Shiatsu sowohl den Energiefluss wie auch die Durchblutung im Geschlechtsbereich durch Baucharbeit unterstützen, Blockaden durch Hüftrotationen öffnen, Entspannung durch Arbeit an den Füßen erleichtern und vieles mehr. Bei Männern kann die Kontrolle der Ejakulation gesteigert werden und bei Frauen durch Achtsamkeit auf bestimmte Muskeln und Anleitung zur Selbstmassage bestimmter Meridianpunkte das Erleben der Lust verbessert werden. Vielfach beobachte ich bei meinen KlientInnen eine starke Fokussierung auf das Denken. Auch hier kann Shiatsu unterstützen und die Energie nach unten bringen und beruhigen wenn Rastlosigkeit herrscht. Durch angeleitete Übungen und Hausübungen wie zum Beispiel Beckenbodenübungen kann die Beweglichkeit und damit der Chi-Fluss im Geschlechtsbereich angeregt werden. Auch Atemübungen wie zum Beispiel die Beckenatmung gemeinsam mit Shiatsu oder separat kann die Aufmerksamkeit in den Bereich der Geschlechtsorgane lenken und damit Energie dorthin bringen. Das sexuelle Erleben kann intensiviert werden, Menschen können sich lebendiger, leidenschaftlicher und stärker miteinander verbunden fühlen.

2.11 Partnerschaft, Familie und Kinder

Was ist Familie? Familie ist Beziehung. Was all die vielen verschiedenen Familien Großfamilien, Kleinfamilien, Patchworkfamilien, alleinerziehende Mütter und Väter, Stieffamilien verbindet, ist die Beziehung zwischen ihren Mitgliedern. Das, was zwischen den Menschen geschieht, ist das Wichtigste“ (JUUL 2010, Seite 14).

Shiatsu kann ein sehr gutes Hilfsmittel sein, um die Beziehung von PartnerInnen oder die Beziehungen in einer Familie zu fördern. Der erste Schritt muss sein, dass ein liebevoller Kontakt und Vertrauen in den eigenen Körper entwickelt wird. Zu lernen, den eigenen Körper zu beschenken ist die Voraussetzung die Partnerin oder den Partner beschenken zu können, Nähe und Berührung genießend zu erleben und zu teilen. Zu wissen, was mir gut tut, hilft mir meine Bedürfnisse auszudrücken und schafft auch mehr Offenheit und Verständnis für die Bedürfnisse des Gegenübers. Hier kann Shiatsu begleitend zum Gespräch diese Schritte über das Erfühlen hinaus erlebbar machen und kann auch Anleitung anbieten. Ich denke, dass dies sogar in einen konstruktiven Umgang mit Konflikten in Partnerschaften wirksam sein kann. Ein liebevoller Umgang miteinander ist auch erlernbar und diese Lernschritte können vorbeugend gegen Gewalt in der Familie Anwendung finden.

Unerfüllter Kinderwunsch stellt in unserer Gesellschaft ein weitverbreitetes Thema dar. Nicht selten ist es Stress, der einerseits die Qualität der Samenzellen vermindert und andererseits die Befruchtung der Eizelle oder deren Einnistung verhindert. Der unerfüllte Kinderwunsch führt dann zu zusätzlichem Stress. Auch hier kann Shiatsu die Beratung unterstützen. Ich kann Paare zusätzlich zum Gespräch praktisch anleiten, wie sie sich gegenseitig über den Körper entspannen können oder Shiatsu kann als eigene Methode begleitend zu einer Beratung zur Unterstützung bei Kinderwunsch eingesetzt werden. Bereits viele Frauenärzte und ärztinnen arbeiten diesbezüglich mit Shiatsu-

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Praktikerinnen und Shiatsu-Praktikern zusammen. Auch die Anleitung zu Selbst-Shiatsu bzw. PartnerInnen-Shiatsu können eine hilfreiche Unterstützung für Paare sein.

Es gibt eigene Kurse und Workshops für Shiatsu in der Schwangerschaft, Babyshiatsu und Shiatsu für Kinder. In meiner Rolle als Shiatsu-Praktiker und Lebensberater kann ich hier gute Hilfestellung für Eltern geben. In meiner Shiatsu-Praxis habe ich die Erfahrung gemacht, dass eine ungeplant schwanger gewordene Frau mit Shiatsu und Gespräch eine sehr gute Beziehung zu ihrem Kind bereits im ersten Schwangerschaftsdrittel aufbauen konnte, was für sie vorher nur sehr schwer vorstellbar war. Die Kompetenz der Mutter und auch ihr Selbstbewusstsein im Umgang mit ihrem Kind werden gefördert. Aus eigener Erfahrung weiß ich aber auch, dass auch die Beziehung der Väter und Bonusväter (© JUUL 2011) zu ihren Kindern sehr von der Anwendung von Massagen profitieren können. Und hier wird auch eine gute Basis für die mehr oder weniger intensive Zeit der Pubertät gelegt, wo Erziehung nicht mehr möglich ist, sondern die Früchte dieser geerntet werden.

Das Wissen um die heilende Wirkung von liebevoller und zugleich respektvoller Berührung kann in Beratungen für alle Familienmitglieder erlebt und auf der Shiatsu-Matte erlernt und eingeübt werden. Sich gegenseitig Massagen zu geben unterstützt eine völlig andere Familienkultur als zum Beispiel übersteigerter Fernsehkonsum. („Studien zum Fernsehkonsum belegen, dass der Fernsehkonsum im Kleinkindalter statistisch eindeutig mit dem Risiko einer späteren Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) korreliert“ (BAUER 2011, Seite 120).) Bei der unterstützenden Behandlung von ADHS mit Shiatsu wird üblicherweise immer auch die Mutter (oder der Vater) mit behandelt bzw. in manchen Fällen in erster Linie die Eltern mit Shiatsu unterstützt (RAPPENECKER 2013, Seite 215 bis 223).

Die Shiatsu-Matte in der Beratungspraxis kann aber auch zum Raufen genützt werden. Kinder können so einen Yang-Überschuss in einer gesunden Form abbauen und sind danach meist aufmerksamer. Söhne können spielerisch lernen, mit ihren Eltern zu toben, Kräfte zu messen und mit ihren maskulinen Energien und Aggressionen umzugehen. Kinder mit Behinderungen sprechen meist besonders gut auf kurze oder auch längere Massagen an. Auch hier können Eltern in der Beratung angeleitet werden und einfache aber sehr wirksame Shiatsu-Techniken zum Beispiel zur Entspannung rasch erlernen.

Und auch wenn es heute vor allem im urbanen Gebiet nicht mehr üblich ist in der Großfamilie zu leben, so können dank mobiler Betreuung immer mehr alte Menschen immer länger in der eigenen Wohnung leben. Vielleicht gibt es am Lebensabend der Eltern noch das eine oder andere Thema aufzuarbeiten, vielleicht lässt sich das durch eine Berührung leichter bewerkstelligen.

2.12 Alter und Sterbebegleitung

Jede Lebensphase hat ihre eigenen Herausforderungen und Aufgaben. Die große Herausforderung des Alters ist das Loslassen. Ich orientiere mich hier an der einfachen Unterteilung des Alters in drei Phasen nach Anselm Grün (GRÜN, 2012, Seite 57): Die erste Phase ist jene der Pensionierung mit dem Loslassen der Arbeit und dem Suchen nach neuen Aufgaben. In der zweiten Phase spürt der Mensch, dass er sich auch von den neuen Aufgaben zurückziehen muss, weil er sie nicht mehr bewerkstelligen kann. Und schließlich gibt es die dritte Phase, in der möglicherweise Krankheiten akzeptiert werden müssen, bis zum Tod. Die Menschen in der dritten Phase sind meist nicht mehr so sichtbar, leben oft isoliert in ihren Wohnungen oder in Pensionistenwohnhäusern auf

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Bettenstationen und in Pflegeheimen. Einsamkeit, den Weg nach innen antreten müssen, Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und Sinne, angewiesen sein auf andere sind hier die Herausforderungen, Angst, Depression bis hin zu Demenz und Wahnerkrankungen (KOZDERA 2014).

Was kann hier mit der Integration von Shiatsu in eine Beratung oder Begleitung bewirkt werden? Einerseits gilt es, sich im Alter mit seinen Krankheiten auszusöhnen (GRÜN 2012, Seite 86), andererseits ist es aber auch wichtig, sich einen „Ressourcenkoffer“ (KOZDERA 2014) zuzulegen, eine Liste auf der all das steht, was schon einmal hilfreich war in dieser oder jener Situation. In diesem Sinne sehe ich Shiatsu als Körperarbeit in allen Phasen vertreten bis hin zur Sterbebegleitung.

In der ersten Phase kann Shiatsu in jedem Falle die körperliche und geistige Beweglichkeit unterstützen und den Abbau verlangsamen. Damit kann vielen Ängsten entgegengewirkt werden. Und es erscheint mir besonders wichtig, dass Ressourcen für die späteren Phasen geschaffen werden können, nämlich eine Körperwahrnehmung mit zentraler Beachtung angenehmer Körperempfindungen. Dabei geht es vor allem um eine Bewusstwerdung, bei der die Unterstützung durch Berührung sehr förderlich sein kann, also eine Kombination von Gespräch und Körperarbeit. KlientInnen können lernen „die positive Seite des körperlichen Befindens zu fokussieren und genau zu betrachten“ (FRANK 2011, Seite 146). Erinnerungen an positives Körpererleben können wach gerufen werden und die positiven Körpererfahrungen durch Körperarbeit verankert werden. Zu den auftretenden negativen Körpererfahrungen können Strategien für den Umgang entwickelt werden, unter anderem Meditationen auf den Körper.

Und es kann hier auch eine weitere Ressource geschaffen werden: die Fähigkeit loszulassen. In unserer Kultur konzentrieren wir uns auf die Erhaltung des Yang, einen jung aussehenden Körper. Das Alter ist die Lebenszeit, in der sich die Yinfähigkeiten entfalten können, Gleichmut, Güte und Weisheit.

In der zweiten Phase muss der nächste Schritt des Loslassens vollzogen werden. Vielleicht beginnt es mit Stürzen und Gleichgewichtsproblemen die zu Angst führen und der Klientin/dem Klienten den Mut zu Unternehmungen nimmt. Vielleicht lassen die Sinne nach und das soziale Umfeld wird anders wahrgenommen, die KlientIn nimmt auch sich selbst anders wahr. Der Einsatz von Shiatsu-Techniken oder einzelnen Sitzungen kann hier ein Training für die körperlichen und geistigen Fähigkeiten einerseits, ein liebevolles Annehmen des Rückganges andererseits sein. Es kann aber auch nur die Erleichterung eines Schmerzes sein, was aus der Fokussierung auf den Schmerz führt. Und Shiatsu kann die Nebenwirkungen von Medikamenten reduzieren und manchmal sogar medizinische Eingriffe vermeiden helfen.

In der dritten Phase schließlich geht es darum, die notwendige Güte und das notwendige Wohlwollen dem eigenen Körper gegenüber zu unterstützen. Bei chronischen Schmerzen ist es wesentlich hilfreicher, den Schmerz liebevoll anzunehmen, ihm Raum zu geben, damit er nicht an einer Stelle verdichtet sein muss, sondern sich verteilen kann und damit schwächer wird. Shiatsu ist respektvolle Berührung, ein besonders wichtiger Aspekt in der Arbeit mit alten Menschen. Berührung ist emotionale Nahrung, Nähe und Kontakt, die KlientIn kann sich als Ganzes wahrnehmen und Veränderungen leichter integrieren. Und liebevolle Berührung kann Trost spenden, selbst dann wenn die verbale Kommunikation nicht mehr so gut funktioniert. Hier kommt das Körper/Leibgedächtnis zum Tragen, die pränatale intrauterine Erfahrung, wonach man davon ausgehen kann, dass sich Menschen, wenn sie gehalten werden oder langsam in einer Pendelbewegung bewegt werden, sich

61

an den Schutzraum im Mutterleib erinnern und das beruhigend wirkt. Es entsteht eine Alternative zur Defizitorientierung.

Shiatsu mit seinem spirituellen Aspekt kann auch dabei unterstützen, den Tod als Übergang anzunehmen, auch wenn vielleicht keine klare Vorstellung besteht, wohin die Reise gehen wird.

Renate Frank schreibt in ihrem Ausblick im Kapitel Subjektives Wohlbefinden und Ressourcen im Alter: „die psychologische Lebensberatung muss die u. U. fortgeschrittenen und unumkehrbaren Einschränkungen und Verluste körperlicher, neurologischer und sozialer Art, die alte Klienten belasten, ernst nehmen. Sie darf die Grenzen der noch möglichen Befriedigungsmöglichkeiten nicht verkennen, die erwähnten Chancen, die Lebenszufriedenheit zu erhalten oder wiederzuerlangen, aber auch nicht verkennen.

3

Risiken und Kontraindikationen

3.1

Risiken bei der Anwendung von Shiatsu in der Lebensberatung

Hier soll Risiken und Nebenwirkungen eine gewisse Aufmerksamkeit geschenkt werden, vor allem im Sinne einer Sensibilisierung für diese Thematik. Aus der Psychotherapie ist bekannt, dass diesem Thema sehr lange viel zu wenig Bedeutung beigemessen wurde. In Studien und Metaanalysen zeigen sich die unterschiedlichsten Ergebnisse, die aber allesamt darauf hinweisen, dass eine mangelnde Sensibilität für dieses Thema weit verbreitet ist, vor allem, was die TherapeutInnen betrifft (LEITNER, 2012). Aus diesem Grunde ist es mir hier wichtig, diese Seite zu beleuchten und zum Wohle meiner KlientInnen eine selbstkritische Haltung auch im Sinne einer Prävention vor möglichen unerwünschten Nebenwirkungen einzunehmen.

Ich möchte hier die möglichen Risiken und negativen Nebenwirkungen unterteilen in klientInnenbedingt, methodenbedingt und beraterInbedingt.

KlientInnenseitige Risikoursachen können Themen aus der Biografie sein, die der BeraterIn nicht bekannt sind. So kann zum Beispiel ein sexueller Missbrauch gegen eine Anwendung von Shiatsu sprechen, wobei ich hier die Erfahrung gemacht habe, dass dem nicht immer so ist. Wenn ein Missbrauch bekannt ist und sich die KlientIn auf eine Körperarbeit einlässt, kann dies auch recht positiv wirken, wie ich in der Arbeit in der Station für Jugendpsychosomatik im Wilhelminenspital in Wien wie auch in meiner eigenen Shiatsu-Praxis erleben durfte. Auch Menschen mit mangelnder Fähigkeit zur Abgrenzung haben in meiner Überlegung ein höheres Risikio Ihre Grenzen nicht wahrzunehmen und dadurch negative Auswirkungen zu erleiden. Hier besteht auch eine gewisse Gefahr des Missbrauchs, wenn eine KlientIn einer von der BeraterIn, die ja die „ExpertIn“ ist, angebotenen oder empfohlenen körperlichen Intervention zustimmt, obwohl sie diese innerlich ablehnt. Aus meiner bisherigen Zusammenarbeit als Shiatsu-Praktiker mit PsychotherapeutInnen kenne ich auch die Situation, dass KlientInnen in schwierigen Phasen der Therapie in die ergänzende körperliche Unterstützung durch Shiatsu abgleiten, sich auf das Empfangen verlagern um schmerzlichen inneren Prozessen auszuweichen. Dies kann manchmal eine hilfreiche Stabilisierungsphase sein, PsychotherapeutInnen haben aber auch berichtet, dass manche KlientInnen schwieriger zu erreichen waren und sich lieber vom Shiatsu verwöhnen ließen, als sich aktiv in der Therapie auf schwierige Themen einzulassen.

62

In diesen und in allen anderen Fällen von Risikoursachen auf Seiten der KlientIn ist es aber besonders wichtig darauf hinzuweisen, dass solche keinesfalls als Schuld oder Fehler der KlientInnen gesehen werden dürfen, sondern als mit bestimmten Symptomatiken verbundenen Voraussetzungen zu betrachten sind.

Unter methodenspezifischen Risikoursachen sehe ich hier eine Reihe von möglichen Themen. So kann der Zugang über das Gespräch und über den Körper zu viel auf einmal in Bewegung setzen bzw. können auch alte Traumata aktualisiert werden. Denkbar sind auch Abhängigkeiten durch die besondere körperliche Nähe in der beraterischen Beziehung bis hin zur Überschreitung der professionellen Grenzen. Unter Umständen könnten körperliche Interventionen auch von nicht ausreichend ausgebildeten BeraterInnen eingesetzt werden, die ihre Shiatsu-Kenntnisse in einem Kurzkurs erworben haben statt die 3jährige Ausbildung absolviert zu haben.

Was die beraterbedingten Risikoursachen und bedingungen betrifft, so nennt LINDEN unterschiedliche ungünstige Therapiebedingungen, die mit therapeutInnenspezifischen Variablen zusammenhängen und zu Nebenwirkungen führen können. Er bezieht sich dabei auf die Verhaltenstherapie, nennt die genannten Faktoren aber auf andere Therapieformen und Methoden übertragbar (LIEBEREI & LINDEN, 2008):

1. Diagnostische Probleme, d.h. dass möglicherweise zu rasch eine körperliche Intervention eingesetzt wird, einfach, weil die Möglichkeit besteht und dadurch andere Ressourcen oder Methoden vernachlässigt werden.

2. Urteilsverzerrungen aufgrund theoretischer Vorannahmen: einerseits verwende ich psychologische Anamnese, andererseits auch traditionelle fernöstliche Körperdiagnostik

3. Der fehlgeschlagene Einsatz von Beratungsstrategien bzw. Shiatsu-Strategien der unter Umständen eng mit einer Wahrnehmungsverzerrung zugunsten der eigenen Fähigkeiten zusammenhängt.

4. Das „falsche“ technische Vorgehen was den Einsatz von Shiatsu in einer Beratung betrifft oder im Shiatsu selbst z.B. sedierend statt tonisierend zu arbeiten.

5. Unerwünschte Effekte aufgrund von Beziehungs- und Machtmissbrauch der BeraterIn:

narzisstischer Missbrauch und Missbrauch zur Befriedigung der eigenen Bindungsbedürfnisse, sexueller Missbrauch aufgrund der Dominanzposition der BeraterIn, wirtschaftlicher Missbrauch.

Es geht in der Lebensberatung wie im Shiatsu um ein subtiles Feld von Intimität, Beziehung und Abhängigkeit (LEITNER 2012, Seite 18), wobei grundsätzlich viele dieser möglichen negativen Nebenwirkungen in den Standesregeln sowohl für die Lebens- und Sozialberatung wie auch für Shiatsu klar geregelt sind. Gänzlich wird sich ein gewisses Fehlerrisiko nicht vermeiden lassen, allerdings scheint mir eine „Fehlerkultur“ bedeutend zu sein, eingebettet in regelmäßige Supervision in beiden Arbeitsfeldern und hohe Sensibilität für das Thema.

3.2 Kontraindikationen für die Anwendung von Shiatsu

Es gibt einige Kontraindikationen, welche eine Anwendung von Shiatsu grundsätzlich ausschließen. Diese unterliegen allerdings auch wieder unterschiedlichen Sichtweisen und nicht jede PraktikerIn beurteilt diese immer gleich.

63

Als allgemein gültige Indikationen bei denen Shiatsu nicht angewendet werden darf gelten akutes Fieber, ansteckende Krankheiten, Blutungen und Blutgerinsel, schwere Hauterkrankungen oder Verbrennungen und geistige Verwirrung. Bei psychiatrischen Erkrankungen habe ich die Erfahrung gemacht, dass diese nicht unbedingt ein Hindernis für die Anwendung von Shiatsu darstellen, so die KlientIn einer solchen zustimmt und dies im Rahmen eines multiprofessionellen Settings stattfindet. Berührungsängste stellen allgemein einen Hinderungsgrund dar, da sich eine KlientIn mit solchen nicht auf Shiatsu einlassen wird. Eine absolute Kontraindikation stellt die akute Einnahme von Alkohol und Drogen dar, bei starken Medikamenten muss mit der behandelnden ÄrztIn Rücksprache gehalten werden.

Weiters gibt es noch Themenfelder, bei denen Shiatsu nur unter bestimmten Umständen bzw. eingeschränkt angewendet werden darf. Dazu zählt auch die Schwangerschaft, wobei Shiatsu hier richtig eingesetzt eine wunderbare Energiequelle einerseits sein kann und viele Schwangerschaftsbeschwerden andererseits mildern kann. Vorsicht ist auch geboten bei schweren Prellungen, Verstauchungen, Schwellungen, Knochenbrüchen, akuten Muskel- oder Bänderverletzungen, Schnittwunden, lokalen Entzündungen und Infektionen sowie verdrehten Gedärmen oder Krampfadern.

4

Abschlussbetrachtung

In dieser Arbeit geht es um die Integration von Shiatsu als Körpertherapie in die Lebensberatung bzw. auch um die Zusammenführung von zwei eigenständigen Methoden. Beiden gemeinsam ist das Ziel, das Wohlbefinden von Menschen zu steigern und sie dabei zu unterstützen, in verschiedensten Lebenslagen mehr als nur eine Lebens-“bewältigung“ zu erreichen. Die Fragestellung ist dabei, ob und wie Shiatsu und Lebensberatung zusammenpassen, wie eine Kombination aussehen kann und worauf dabei geachtet werden muss und welche Risiken auftreten können.

Die Zusammenführung meiner Erfahrung aus der täglichen Arbeit mit Shiatsu und den Rechercheergebnissen zum Thema Körper und Psyche bringen mich zu der Überzeugung, dass diese beiden Arbeitsgebiete verschiedene Wege zum gleichen Ziel anbieten zum Wohle von Menschen. Die Kombination dieser Wege ist vielleicht unter diesen Namen fast noch Neuland, aber in seiner Grundidee bereits mehrere tausend Jahre alt und in allen Hochkulturen vertreten. So wie das Gespräch im Shiatsu einen wesentlichen Teil der Wirkung ausmachen kann, so können auch Shiatsu- Interventionen eine Lebensberatung in ihrer Wirkung unterstützen. Diese Arbeit zeigt diese Zusammenhänge vor ihrem theoretischen Hintergrund auf und widmet sich der breiten praktischen Anwendung mit ihren Möglichkeiten und Einschränkungen. Wie bei jedem der beiden Zugänge zum Menschen muss auch die Kombination mit Sorgfalt und Professionalität durchgeführt werden und in einen ethischen Rahmen eingebettet sein. Eine selbstkritische Haltung erscheint mir hier als unumgänglich, so wie dies in jedem Arbeitsfeld mit Menschen der Fall ist.

Shiatsu hat wesentlich mehr anzubieten als die Unterstützung von körperlicher Balance für die KlientInnen. Shiatsu mit seinem taoistischen Hintergrund, seinen Meditationen und Übungen hat ebenso einen gesundheitsfördernden Effekt auf die Lebensberater und Lebensberaterinnen selbst. Es ist dies ein Aspekt, der sicher noch mehr beachtet werden könnte. Insgesamt musste ich mich hier kürzer fassen als es das Thema verdienen würde und konnte manches nur andenken.

64

Die Kombination von Shiatsu als Körpertherapie mit Lebensberatung eröffnet mir in meiner Arbeit mit Menschen weitere Zugänge zu deren Ressourcen und ich freue mich auf diese neue Herausforderung in meinem Berufsleben.

65

5

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69

6

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Die 5 Elemente in der Traditionellen Chinesischen Medizin (Quelle: International Academy for Hara Shiatsu, Tomas Nelissen)

17

Abbildung 2: Die Elemente in ihren Zyklen

22

Abbildung 3: Yin und Yang Symbol

24

Abbildung 4: Yin und Yang mit seinen Eigenschaften (Quelle: Mandl, 5 Elemente, Ausbildungsskriptum International Academy for Hara Shiatsu, Tomas Nelissen) Abbildung 5: Meridainverläufe nach Masunaga (Quelle: Jan van Baarle,

25

http://www.baarle.com/en/masunaga-enga4.html)

28

Abbildung 6: Wo im Leib die Emotionen wohnen (Quelle: www.diepresse.com, Wissenschaft,

 

30.12.2013)

34

Abbildung 7: Wie wirkt Shiatsu, ursprüngliches Bild O´CONNOR/SEYMOUR 2008, Seite 59

41

Abbildung 8: Die Wachstumsspirale und das therapeutische Wirkfeld (HANIKA 2012 Seite 157)

44

Abbildung 9: Unterbrechung des Stressreaktions-Zyklus (ursprüngliches Bild KABAT-ZINN 2009)

52

7

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Die 5 Elemente im Überblick (Quelle: Mandl, Fünf Elemente, Ausbildungsskriptum International Academy for Hara Shiatsu, Tomas Nelissen)

21

Tabelle 2: Eine für die Beratung unterstützende tendenzielle Einteilung könnte so aussehen (Quelle:

ECKERT 2004 Seite 151 153)

23

Tabelle 3: Zusammenfassung der Berührungsformen nach J.I.Kepner, RICHTER 2011, Seite 174

56

8

Anhang

8.1

Anhang 1: Tätigkeitskatalog des Gewerbes der Lebens- und Sozialberatung (§ 119 GewO 1994)

„Die im Folgenden angeführten Tätigkeiten sind Tätigkeiten des Gewerbes der Lebens- und

Sozialberatung und dürfen daher nur auf Grund einer diesem Gewerbe entsprechenden Bewilligung ausgeübt werden:

1. Beratung, Coaching, Counselling und Betreuung von Personen oder Institutionen, insbesondere in den Gebieten

Persönlichkeitsentwicklung

Selbstfindung

Problemlösung

Verbesserung der Beziehungsfähigkeit

sowie psychologische Beratung (mit Ausnahme der Psychotherapie)

Coaching,

individuumsorientieren

1.1

1.1.1

Beratung,

Zusammenhang mit Persönlichkeitsthemen Lebenssituationsanalyse

Counselling

und

und

Betreuung

im

Bereich

im

Unterstützung bei

Selbstwahrnehmung und Reflexion der eigenen Persönlichkeit, Arbeit an persönlichen Zielen und Zukunftsplanung, Erarbeitung des Mission Statements, Selbststärkung und Werteanalyse

Standortbestimmung

d.h.

70

Entscheidungsfindung und Handlungskompetenz d.h. Entscheidungsvorbereitung und Analyse des Entscheidungsverhaltens, Entwicklung von Handlungs- und Lösungsstrategien

Freizeit und Bildung d.h. Freizeitgestaltung zur Stärkung der persönlichen Ressourcen, persönliche Bildungskonzepte und deren Umsetzung

Emotionaler Umgang mit Geld d.h. Unterstützung bei der Bewältigung finanzieller Problemsituationen, Verantwortung im Umgang mit finanziellen Ressourcen

Themen im Zusammenhang mit der Single-Lebensform d.h. Umgang mit psychosozialen Folgen des Single-Lebens, Reflexion von Beziehungsmustern

Bewältigung von Krisen d.h. Unterstützung bei psychosozialen und persönlichen Krisen, Begleitung von Betroffenen, Angehörigen und Helfern während und nach Krisen und Katastrophen

1.1.2

beruflichen Themen

Berufswahl und Karriereentwicklung entsprechend den persönlichen Ressourcen d.h.

berufliche Standortbestimmung und Karriereplanung, Entwicklung von Bewerbungs- strategien, persönliche Erfolgskonzepte und strategien, Zeitmanagement und Umgang mit Stress, Stärkung der persönlichen Ressourcen zur Steigerung der Motivation, der Arbeitszufriedenheit und der Leistungsfähigkeit, Umgang mit den persönlichen Folgen von Arbeitslosigkeit, Pension, Unterstützung bei spezifischen Themen der Berufstätigkeit (Burn out, Mobbing)

Alltags- und Arbeitsorganisation d.h. Erarbeiten einer persönlichen Alltagsorganisation, Unterstützung bei der Herstellung einer Ausgewogenheit zwischen Arbeits- und Privatleben (z.B. Work Life Balance)

Psychohygiene d.h. Entwicklung eines gesunden psychosozialen Umfeldes (z.B. Gesundheitsberatung, Umgang mit Ängsten, Fragen der Abgrenzung), Suchtberatung und Suchtprävention

1.1.3

Lebensabschnitt Themen

Umgang mit Krankheit und Tod d.h. Trauerarbeit, Sterbebegleitung und Verlustbewältigung

Validation d.h. Persönlichkeitsförderung alter Menschen, Beratung von Angehörigen und Pflegepersonal in Bezug auf Kommunikation und Stressbewältigung

1.2

Beratung,

Zusammenhang mit

Coaching,

Counselling

und

Betreuung

im

beziehungsorientierten Bereich im

1.2.1

persönlichen Beziehungsthemen

Partnerschafts- und Ehethemen, d.h. Analyse und Bearbeitung von Konflikten, Krisen und Veränderung in Paarbeziehungen

Familienthemen, d.h. Analyse und Bearbeitung von Familienklima, Familiendynamik

Scheidungs- und Trennungsthemen

Erziehungsthemen wie allgemeine pädagogische Fragestellungen, spezielle Erziehungsprobleme und Verhaltensweisen, Themen im Bereich Schule, Lernen und Prüfungen

Sexualthemen, d.h. Fragen im Zusammenhang mit sexueller Aufklärung, Identität und sexuellem Verhalten

1.2.2

sozialen Beziehungsthemen

Konfliktthemen und Konfliktmanagement, wie Analyse und Bearbeitung von Bedürfnis- bzw. Wertkonflikten, Entwicklung von konfliktvermeidenden Verhaltensweisen und Konfliktbewältigungsstrategien, Mediation

Gruppen- und Teamthemen, wie Analyse und Bearbeitung von gruppendynamischen Interaktionsprozessen

Supervision, wie arbeitsfeldbezogene und aufgabenorientierte Themen von Menschen im Beruf oder ehrenamtlicher Tätigkeit

1.2.3

Kommunikationsthemen

Gesprächsführung und Metakommunikation, d.h. Analyse und Training verbaler und nonverbaler Kommunikationsmöglichkeiten, erkennen verschiedener Kommunikationsebenen, Entwicklung metakommunikativer Fähigkeiten

71

Soziales Kommunizieren und Lernen, wie Modellernen erwünschter sozialer Fähigkeiten, Logik, Emotion und Intuition in der sozialen Kommunikation

Gesprächs- und Führungsverhalten, wie Reflexion verschiedener Gesprächsverhaltensweisen, Entwicklung von partnerschaftlichem Kommunikationsverhalten, Techniken der Gesprächs- und Verhandlungsführung

Kommunikation- und Kooperationsthemen in Gruppen und Teams, wie Analyse und Bearbeitung von Kommunikations- und Interaktionsmustern, Erkennen und Bearbeiten von kooperationshemmenden Widerständen bei Gesprächspartnern“ (WKO 2006)

8.2 Anhang 2: Shiatsu in der Definition des Österreichischen Dachverbandes für Shiatsu (ÖDS)

„Shiatsu ist eine eigenständige in sich geschlossene Form der ganzheitlichen, manuellen Körperarbeit. Die Ursprünge von Shiatsu liegen in traditionellen chinesischen und japanischen Gesundheitslehren. Ins Deutsche übersetzt bedeutet „shi“ Finger, und “atsu“ Druck. Druck im Sinne von aufmerksamer, achtsamer Berührung, die mit Fingerspitzen, Handballen, Ellenbogen, Knien oder Füßen ausgeübt wird. Die Intensität der Berührung wird den Bedürfnissen der KlientInnen angepasst. Die Druckausübung erfolgt mittels Schwerkraft durch Verlagerung des Körpergewichts aus der Körpermitte, dem sogenannten Hara, der behandelnden Person.

Shiatsu wird am Boden auf einer Matte ausgeübt und nutzt auch eine Vielzahl weiterer vitalisierender Techniken wie Dehnungen, Rotationen und Schaukeln. Ergänzend können auch Moxibustion - eine Wärmebehandlung - oder Schröpfen eingesetzt werden.

Das größte Potenzial von Shiatsu liegt in der Vorsorge, der Aktivierung der Selbstheilungskräfte des Organismus und einer Steigerung des körperlichen Wohlbefindens.

Im Mittelpunkt von Shiatsu steht der Mensch. Die Lebensenergie Qi fließt in unseren Meridianen und erfüllt uns mit Lebendigkeit. Zuviel von dieser Energie, zu wenig oder ein gestautes Qi verursachen ein energetisches Ungleichgewicht in unserem Körper, das wir individuell wahrnehmen etwa als Müdigkeit, als Verspannung, als Nervosität, als Erschöpfung oder Rückenschmerzen.

Im Shiatsu wird der Mensch als Ganzheit gesehen und die vier Ebenen des Seins - spirituelle, mentale, emotionale und körperliche Ebene werden je nach Bedarf unterstützt. Die eingehende, energetische Befundung durch den/die Shiatsu-Praktikerin oder der Shiatsu-Praktiker oder der Shiatsu-Praktiker ermöglicht eine individuelle, auf die KlientInnen zugeschnittene Behandlung. Je nach Befindlichkeit werden KlientInnen energetisch gestärkt oder aber Blockaden aufgespürt und gelöst. Qi kann wieder leicht und frei fließen. Dadurch werden die Selbstheilungskräfte des Organismus aktiviert und das körperliche Wohlbefinden wird gesteigert.

Das Besondere an Shiatsu:

Shiatsu-Praktikerin oder der Shiatsu-Praktiker geben eine besondere Form der Aufmerksamkeit und Zuwendung und nehmen so die Bedürfnisse der KlientInnen gut wahr.

Shiatsu findet in gelassener, offener Atmosphäre statt, in der ausreichend Zeit und Raum eine Tiefenentspannung möglich machen.

Shiatsu ist eine achtsame Form der Begegnung und Berührung.

72

Prävention Shiatsu unterstützt den Organismus dabei in Harmonie und Gleichgewicht zu bleiben. Es ermöglicht tiefe Entspannung oder auch anregende Aktivierung.

Allgemeine Befindlichkeitsstörungen

Shiatsu kann typische Befindlichkeitsstörungen lindern wie z.B. Müdigkeit, Erschöpfung, Schlafprobleme, Kopfschmerzen, Migräne, depressive Verstimmung, Wetterfühligkeit oder Beschwerden des Bewegungsapparates.

Stärkung der Abwehrkraft

Shiatsu unterstützt bei regelmäßiger Anwendung das Immunsystem.

Unterstützung bei Veränderung

Shiatsu unterstützt bei Umstellungsprozessen oder Umbruchphasen körperlicher wie seelischer Natur.

Wahrnehmung Shiatsu hilft, den Körper und seine Signale wieder bewusster wahrzunehmen.

Rehabilitation Shiatsu kann (nach Absprache mit dem behandelnden Arzt) die Heilung und Wiederherstellung nach Unfällen oder Krankheiten oder Beschwerden des Bewegungsapparates unterstützen.

Frauen Shiatsu wirkt unterstützend bei der Regulation des Zyklus. Shiatsu ist auch während der Schwangerschaft und als Vorbereitung auf die Geburt geeignet. Shiatsu begleitet Frauen durch die Wechseljahre und führt sie zu Kraft, Stärke und Gelassenheit.

Kinder Shiatsu hilft Kindern ihr Gleichgewicht zu erhalten und hat sich als Methode bei der Behandlung von Konzentrationsstörungen oder Hyperaktivität bewährt.“ (ÖDS 2014)

8.3 Anhang 3: Zusammenstellung der energetischen Einschätzung nach Masunaga

Ich möchte hier eine Zusammenstellung nach Masunaga anfügen, die für die energetische Einschätzung einer KlientIn im oben genannten Sinne „diagnostisch“ hilfreich sein kann:

Holzelement, Lebermeridian im Kyo

Mangelnde Entschlusskraft, Nervosität, leicht reizbar und aufbrausend, Unbeständigkeit, Überempfindlichkeit, Magersucht, wichtig nehmen von Belanglosigkeiten

Holzelement, Lebermeridian im Jitsu

Harter Arbeiter, starrköpfig; Tendenz, sich in etwas zu verbeißen; arbeitet ungeduldig und impulsiv bis zur Erschöpfung, leicht aus dem

73

 

Gelichgewicht zu bringen; schreit manchmal los; stellt Gefühle zur Schau und kontrolliert die dann wieder; kräftiger Esser

Holzelement, Gallenblasenmeridian im Kyo

Überempfindlich und von daher leicht erregbar; plötzliches Ermüden nach Anspannung, schüchtern, leicht zu erschrecken, mangelnde Entschlußkraft, nervliche Anspannung, leichter Schlaf, Energiemangel, allgemeine Müdigkeit und Erschöpfung

Holzelement, Gallenblasenmeridian im Jitsu

Lädt sich zu viel Verantwortung auf, rasches Ermüden; Tendenz, sich in Arbeit zu vergraben; hält sich mit Kleinigkeiten auf, leicht reizbar, ungeduldig, stets grundlos in Eile, rasche Ermüdung der Augen, zu viel Anspannung

Feuerelement, Herzmeridian im Kyo

Geistige Erschöpfung, seelische Erschütterung, nervöse Spannung, Stress, Neurose, Überempfindlichkeit, Ruhelosigkeit, schlechtes Gedächtnis; ängstlich, schüchtern; Tendenz, leicht enttäuscht zu sein; keine Willenskraft

Feuerelement, Herzmeridian im Jitsu

Versucht, Angst und Unruhe unter Kontrolle zu halten; Neigung zum Stottern; hysterisches Lachen

Feuerelement, Dünndarmmeridian im Kyo

Neigung, zu viel zu denken; Geduld kontrolliert die Emotion, Konzentration auf eine Sache; Überängstlichkeit, feste Entschlossenheit; wenig in der Lage, Gefühlstiefs zu überwinden; seelische Erschütterung, Überempfindlichkeit in kleinen Dingen.

Feuerelement, Dünndarmmeridian im Jitsu

Geduldig, zielgerichtete Entschlossenheit, Verschlossenheit, Durchhaltekraft, Ruhelosigkeit; Neigung, sich zu überarbeiten; schlingt häufig beim Essen, ständige heftige Augenbewegungen, Kopfschmerzen

Feuerelement, Herzkonstriktor im Kyo

Nervöse Unruhe, zugleich aber unbeweglich; zerstreut, Schlafstörungen und häufiges Träumen, Herzklopfen und Kurzatmigkeit, beklemmendes Gefühl um die Brust

Feuerelement, Herzkonstriktor im Jitsu

Schlaflosigkeit, nervöse Unruhe, nervös im Umgang mit Menschen, anormale Konzentration auf Arbeit, gestörter Gefühlsbereich, Überempfindlichkeit

Feuerelement, Dreifacher Erwärmer im Kyo

Zwangsvorstellungen, als Kind verhätschelt worden, Kopfschmerzen, Klingeln in den Ohren, Schwere- und Schwindelgefühl im Kopf, empfindlich gegenüber Hitze, Kälte und Nässe

Feuerelement, Dreifacher Erwärmer im Jitsu

Extrem vorsichtig;, übermäßig angespannt; Neigung, die Hände zu Fäusten zu ballen; Verspannungen in den