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Subjekt und Gesellschaft, ein großer Anderer

ein kleines Potpourri an Betrachtungsweisen

Gesellschaft, ein großer Anderer ein kleines Potpourri an Betrachtungsweisen Chris-Oliver Schulz Sommersemester 2013 1

Chris-Oliver Schulz

Sommersemester 2013

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Inhaltsverzeichnis

Am Anfang war das Gerücht

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1. Fort-Da

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1.1

Žižek und Lacan

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1.2

An- und Abwesenheit, Tag und Nacht

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1.2.1 Ausflug: Sexuierung und symbolische Ordnung 9

2. Sein und Schein

2.1 Gott, der Andere und Wir

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2.2 Substanz und Relation mit Konfuzius

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3. Eintritt ins Symbolische

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3.1 Realitäten, fort-da

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3.2 Eingerahmte Leere?

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Am Ende war das Ende, war der Anfang

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Am Anfang war das Gerücht

Menschen werden geboren, aus einem System heraus in ein System hinein. Bezugspersonen die prägen, die selbst geprägt wurden stellen zunächst den Rahmen nebst Hintergrundrauschen dar. Einige Texte von Žižek befassen sich mit der Thematik des Subjekt-Seins und auch dem der Gesellschaftsordnungen. Hierarchien, Autoritäten, der Ruf nach Veränderung und ebenso auch der Ruf nach Tradition.

Zunächst werden einige von Žižeks Überlegungen genauer betrachtet und dann in Vergleich gestellt zu Lacan und Freud, auf die er sich wiederum bezieht. Sind seine Überlegungen treffend oder werden psychoanalytische Ansätze in eine bestimmte Richtung gedrängt? Drehen wir uns immer nur um und in unserem (eigenen) Diskurs, oder kann man von einem allgemeingültigen, oder eher verbindlichen Diskurs sprechen und wenn ja, wie sieht dieser aus? Gibt es d i e Gesellschaft überhaupt, kann man hier tatsächlich allgemeine Aussagen treffen? Welche Rolle spielt die psychoanalytische Theorie und inwiefern kann sie etwas über die Gesellschaft aussagen? Was setzt all diese Debatten in Gang, um was herum rotieren wir? Geht es um familiäre Konstellationen, Mutter und Vater, oder geht es um mehr und diese Figuren repräsentieren jeweils etwas? Es soll versucht werden, durch diese Fragen durchzugehen und in der Bewegung An- und Abwesenheit ein zentrales Moment herauszustreichen. Beginnen wir am Anfang, bei Vater Mutter Kind, die Dyade und die Triangulierung.

Hinweis: Aus irgendeinem Grund verdoppelt sich die Ziffer der Seitenzahlen ab Seite 4 bis 9. Es wird darum gebeten, darüber hinwegzusehen.

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1. Fort Da

Žižek referiert in Die Puppe und der Zwerg auf das sogenannte Fort-Da-Spiel. Die Mutter von Freuds Enkel, also seine Tochter, ist außer Haus. Der Enkel geht mit dieser Abwesenheit (Fort) um, indem er sie spielerisch symbolisiert. Das spielerische Element ist eine Spule, die er fortwirft, über die Bettkante und dabei die Abwesenheit verbalisiert, fort. Sie wieder zurückzuziehend, da. Žižek formuliert nun die klassische Interpretation, nach der das Kind seine Angst überwinde, indem es sie symbolisiere 1 und überlegt im Folgenden, ob denn nicht die Spule eher für das Kind selbst stehen könne, anstatt das sie die An- und Abwesenheit der Mutter darstelle. Also das Kind „sein eigenes Verschwinden und seine eigene Wiederkehr spielte“ 2 . Inwiefern kommt hier etwas Drittes (Anderer/s) bereits ins Spiel? Allein durch die Abwesenheit der Mutter, die zeigt, dass sich diese Bezugsperson auf etwas Anderes (ebenfalls) bezieht? Žižek überlegt u.a., ob es sich nicht um eine Repräsentation des Objekts a (also nicht A, sozusagen) handele, welches im Kind das darstelle, was die Mutter im Kind sehe 3 .

Zunächst nun ein paar Auszüge aus der Primärquelle Jenseits des Lustprinzips. Das Kind schien nie zu weinen, wenn seine Mutter fortging, obwohl „es dieser Mutter zärtlich anhing“ 4 , doch nun zeige es die Gewohnheit, „alle kleinen Gegenstände, deren es habhaft wurde, weit weg von sich in eine Zimmerecke, unter ein Bett usw. zu schleudern. […] Dabei brachte es mit dem Ausdruck von Interesse und Befriedigung ein lautes, langgezogenes o-o-o-o hervor, das nach dem übereinstimmenden Urteil der Mutter und des Beobachters keine Interjektion war, sondern »Fort« bedeutete“, so merkt Freud an, dass das Kind seine Spielsachen dazu benutze, um „mit ihnen »fortsein« zu spielen“ 5 . Freud selbst beobachtete eines Tages die Situation, mit besagter Spule. Das Kind wirft sie über den Rand des verhängten Bettes, sie verschwinde darin, o-o-o-o, um sie wieder hervorzuholen und „ihr Erscheinen jetzt mit einem freudigen »Da«“ 6 zu begrüßen. Freud meint nun, die größere Lust finde sich im Wiedererscheinen und in einer Fußnote wird es interessant. Er beobachtete, dass das Kind seine Mutter eines Tages mit den Worten bebi o-o-o-o! 7 begrüßte und beschreibt, dass es ein Mittel gefunden habe, sich selbst verschwinden zu lassen. Vor einem Spiegel sich niederkauernd brachte das Kind sein

1 Slavoj Žižek (2003): Die Puppe und der Zwerg: Das Christentum zwischen Perversion und Subversion, S.64f

2 Ebda.

3 vgl. ebda

4 Sigmund Freud (1967): Jenseits des Lustprinzips, in GW XIII, S. 12

5 Ebda.

6 Ebda.

7 Ebd., S.13

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eigenes Bild zum verschwinden 8 . Freud deutet das Spiel so, dass das Kind den Triebverzicht (Abwesenheit der mütterlichen Bezugsperson) so verarbeitet und fragt sich, wieso das Kind dieses Spiel, also das ihm wohl unangenehme Gefühl, immer wieder wiederhole. Freud fällt auf, dass das Kind das Fortgehen wesentlich häufiger in Szene gesetzt habe und wie sei dies nun mit dem Lustprinzip in Einklang zu bringen 9 . Nach mehreren Vermutungen (dreht es sich um den Bemächtigungstrieb oder um einen Racheimpuls, indem das Kind also die Mutter via Spielzeug fort-tut) schreibt er, dass im Wiederholen „ein andersartiger, aber direkter Lustgewinn verbunden10 sei. Einerseits also die Wiederholung von beeindruckenden Ereignissen im Spiel als ein Abreagieren - 'Herr der Situation werden' - und andererseits der Wunsch „so tun [zu] können wie die Großen“ 11 , also aus der Passivität des Erlebens in die Aktivität des Spielens übergehen. Wie passt hier nun die Vermutung, dass sich das Kind 'selbst fort-macht', wie es Žižek andeutet? Lässt es sich verschwinden, um einer fluktuierenden An- und Abwesenheit nicht mehr ausgesetzt zu sein, oder beginnt es einfach selbst Abwesendes in Szene zu setzen, um eine Art Begreifen desselben zu erleben? Žižek konzentriert sich mehr auf den Gegenstand der Spule, repräsentiert sie die Mutter oder das Kind? Für Freud ist die sich wiederholende Handlung im Fokus und bringt die Tragödie ins Spiel, da hier, sozusagen in Szene gesetzt, schmerzliche Eindrücke als ohne Scheu erlebt werden können, wenn wir beispielsweise ein Theaterstück anschauen und scheinbar geht es Freud darum, wie Unlustvolles zum Gegenstand der Erinnerung und seelischer Bearbeitung gemacht werden kann und was nun vor allem, jenseits dieses Lustprinzips liege, der manifest würde im Moment zwischen Erinnern und Wiederholen.

1.1 Žižek und Lacan

„Das wahre Problem ist die Mutter, die mich (ihr Kind) genießt, so dass es bei diesem Spiel in Wirklichkeit darum geht, der Schließung zu entgehen“ 12 meint Žižek. Ist tatsächlich ‚die Mutter‘ das Problem, oder nicht viel eher die Struktur, in der eine Frau Mutter ist? Žižek spricht der Mutter hier ihr Person-Sein ab 13 , oder meint er die Figur der Mutter, wie sie vielleicht vom Kleinkind empfunden wird, also ein real-imaginäres Bild? In Anbetracht patriarchaler

8 Ebda.

9 Ebd., S.14f (am Rande: sehr interessant sind auch die Überlegungen von Heinz Lichtenstein, 1935: Zur Phänomenologie des Wiederholungzwanges und des Todestriebes, in: IMAGO XXI, Heft 4, 1935

10 Ebda.

11 Ebd. S.15.

12 Žižek 2003, S. 64f

13 vgl.auch Jean Laplanche: Trieb und Instinkt in: Forum der Psychoanalyse 1/2013, S. 24

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Strukturen könnte man die Frage stellen, ob eine Frau nur durch das Mutter-sein jemand sein kann und dieses jemand stellt gleichermaßen eine Reduktion auf eben dieses mehr oder weniger imaginäre Bild dar. Auch die scheinbar glatte Gleichsetzung der mütterlichen Bezugsperson mit dem Anderen A scheint fragwürdig. Zumindest scheint die mütterliche Bezugsperson den Anderen (zunächst) zu repräsentieren, was wahrscheinlich nahe liegt, dennoch wird hier davon ausgegangen, dass der Andere immer fremd bleibt und man ihm sozusagen keine fixe Verbindung unterstellen kann, denn diese würde auf eine imaginäre Struktur hinweisen. Für das Kind ist die Bezugsperson vielleicht eine Zeitlang Platzhalter für den großen Anderen, aber nur solange das Kind sich im Imaginärenbefindet, mit Eintritt in die Symbolische Ordnung löst sich diese Fixierung. Der Andere als Angst auslösend 14 , die Mutter und die Präsens ihrer jouissance stehen bei ihm im Zentrum. Žižeks weiteren Überlegungen, dass das Kind selbst ein Bestreben zeige, aus der Dyade herauszuwachsen 15 , findet sich auch bei Lacan, worauf im Weiteren eingegangen wird. In der Symbolischen Ordnung gibt es kein Sein. Wir können nur darüber reden. Sich also zum ‚Sein-kommen-lassen‘ bedeutet, sich in eine symbolische Ordnung einzuschreiben. Etwas für jemanden dadurch (dann) zu repräsentieren. Nun bedeutet die Verbindung, die zwischen der mütterlichen Bezugsperson und Kind besteht, wohl etwas Spezielleres, als die, die zu dritten und weiteren Bezugspersonen besteht. Vielleicht ist es bereits die Zeit im Mutterleib, die eine Spur zwischen Mutter und Kind legt, die etwas sehr Reales hat und behält. Ist aber die Mutter immer diejenige, die ausschließlich ihr Kind genießt? Beziehen sich die meisten Mütter nicht oft und 'normalerweise' immer schon auf etwas Drittes? Sei es der Partner, die Partnerin, der Beruf, eine Leidenschaft für etwas et cetera. Gibt es ebenso Mütter, die eine Art Kastrationsbedürfnis empfinden, also das Streben nach Triangulierung, in Anbetracht der realen Konstellation? Mütter, die selbst nicht nur Mutter sein wollen? Es gibt also vielleicht nicht nur das Kind, das aus etwas herauswachsen will. Žižek verschiebt das ‚Problem‘ auf die Seite der mütterlichen Bezugspersonen. Das ‚Problemist vielleicht aber auch, wie bereits angedeutet, die gesellschaftliche Struktur mit ihren engen Beziehungsmustern, in denen eine Frau als Mutter diese Rolle zu spielen hat, währenddessen väterliche Bezugspersonen (im Vergleich dazu) quasi Narrenfreiheit genießen? Lacan beschreibt das Kastrationsbedürfnis im Gefüge Mutter Kind Phallus: Der Phallus kann hier der Platzhalter für das sein, auf das sich die mütterliche Bezugsperson bezieht und sie aber auch im Kind sehen kann. Bei einer Mutter gebe es neben dem Kind „stets die Forderung nach dem Phallus, den das Kind mehr oder

14 Ebda.

15 Ebd. S. 65

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weniger symbolisiert oder realisiert16 . Für das Kind bedeutet dies, aus diesem Gefüge, aus dieser unbestimmten Forderung, herauszutreten, sich entlang von etwas Drittem herauszuziehen, Lacan beschreibt dies folgendermaßen:

Das Subjekt geht aus aus einer synchronischen Hörigkeit, Unterwerfung im Feld des Anderen. Deshalb

muss es hier heraus, muss es sich herausholen, und in diesem Sich herausholen | s´en sortir weiß es letztlich, daß auch der reale Andere nicht anders als es selbst sich herausholen, aus der Sache herausziehen muss17

Es weiß letztlich, das auch der andere, im Grunde alle anderen, sich herausziehen und das alle etwas wollen, etwas begehren, also unvollständig sind. Diese Momente bilden eine Leerstelle in der auch Fixierungen (an Bedeutungszusammenhängen) verschwinden können und eben die Brücke über diese Kluft schlagen bedeutet unterm Strich, Subjekt zu werden.

1.2 An- und Abwesenheit, Tag und Nacht

Nun der Versuch zwischen Tag und Nacht zu gehen, um nachzuvollziehen, was dieses Schwanken zwischen An- und Abwesenheit bedeuten könnte und warum es einen Dreh- und Angelpunkt darstellt. Die Sonne geht unter, der Mond geht auf. Oder eine Bezugsperson, die kommt und geht und sich unter anderem dadurch als Andere herauskristallisiert. Etwas geht, etwas anderes kommt. Dieses Erleben, vor jeder Symbolisierung aber innerhalb des Symbolischen - dieses Hin und Her, bedeutet, dass es eben noch nichts bedeutet. Es gibt keinen Tag und keine Nacht, es gibt nur hell und dunkel, dämmrig. Hier findet sich vielleicht Angst, da etwas passiert, das man nicht benennen kann 18 , man nimmt nur eine Veränderung wahr. Man bemerkt, dass sich diese Veränderungen wiederholen. Gewohnheit kann sich etablieren. Bedeutungsmuster etablieren sich und finden vorerst Fixierungen, an denen man Halt findet. Also fügt es sich, das sich ein Raster entwirft, das aber zunächst imaginär ist, was will der Andere, diese Frage brennt und wird versucht zu beantworten. Genauer: Man setzt sich in Beziehung zum Erlebten. Morgen, Mittag, Abend, Nacht. 11 Uhr, 20 Uhr, Abendessen, Frühstück. Mutter, Geschwister, Vater, Ich, Du. Wir symbolisieren das, was wir nicht begreifen, um es zu verstehen 19 . Nehmen wir in Folge also das wahr, was wir verstehen können?

16 Jacques Lacan (2003): Seminarbuch IV, S. 63

17 Jacques Lacan (1996): Seminarbuch XI, S. 19

18 So lässt sich der Eintritt in die Sprache auch als Akt der Selbstermächtigung, weniger als einer der Unterwerfung betrachten

19 Spannend an der Stelle Bruce Finks Überlegungen zum Verstehenszwang, in: Against Understanding, Volume 1: Commentary and Critique in a Lacanian Key, 2014

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Es findet sich hier ein ‚vitales Band‘, Gewissheit und Vertrauen stiftend, ein Wahrnehmungsglauben, der „das Subjekt an die Welt bindet und dessen Existenz Halt gibt“ 20 , somit etabliert sich eine vertraute Welt, in der das Subjekt genauso viel sieht, wie es versteht. Es findet sich nun die Unterscheidung von Imaginärem und Symbolischem. Bedeutungszusammenhänge, die versuchen, den Anderen zu fixieren, sind imaginär, wenn diese Bedeutungen aber beginnen zu gleiten, befinden wir uns im sogenannten Symbolischen. Eine Art gemeinsames System, in dem ein Verstehen und Verstanden-Werden möglich ist und etwas, dass dieses System quasi stützt, eine Art Garant für die Ordnung, selbst eine Leerstelle, Gott im neuen Gewand? Heute befinden wir uns in einer Art Fragmentierung der Ordnung, Ideologien, Religionen und sonstige Ordnungsfiguren brechen auf, das Individuum soll sich selbst darin zurechtfinden. Genaugenommen haben gesellschaftliche Ordnungen immer schon Erschütterungen und Veränderungen erfahren, für diesen Kontext hier sei nun aber die Rede von dem vermeintlichen Untergang der aktuellen Gesellschaftsordnung. Der König ist tot, es lebe die Bürokratie? Wie steht es um die Debatten der Fragmentierung der Gesellschaft, ein Auseinanderfallen 'der' Ordnung. Welcher Ordnung? An was wird hier eigentlich festgehalten? Imaginäre Fixierungen oder besteht eine unterschwellige Angst, wieder auf solche zurückgreifen zu müssen? Was schwindet, was ist abwesend, was scheinbar einmal anwesend war? Der König? Wird es Nacht? Eine Psychotisierung der Gesellschaft, der Niedergang des Symbolischen, tönt und posaunt es aus einigen Ecken, aber welches Symbolische denn 21 ? Mit Lacan gesprochen gibt es zwei Weisen zu sein, eine männliche und eine weibliche, also eine phallische und eine andere. Was bedeutet es, das die symbolische Ordnung zerbreche? Genauer betrachtet bedeutet es vielleicht einfach, dass die bis Dato vorherrschende Seite „nicht mehr als das Symbolische repräsentierend gedacht werden kann22 , Cremoninis Überlegungen hierzu gehen in Richtung einer Alternative eines anderen Symbolischen, es hat Bezug zum Mangel im Anderen, ist ein nicht totalisierbares Feld, wodurch der Zugang zum Realen nicht jenseits, sondern im Symbolischen, bzw als Symbolisches sich ereignet23 . Horror vacui? Es beginnt vielleicht ein Kreisen um Unbestimmbares, daher die Erschütterungen? Zwei Weisen, eine Welt. In dem gerade eben ausgeführten Gedanken stellt die symbolische Ordnung eben nicht 'die' eine dar, sondern etwas fluides und die Möglichkeiten, die Weisen sich hier einzuschreiben, verändern

20 Rudolf Bernet (2012): Wahn und Realität in der Psychose, S.11

21 vgl. Andreas Cremonini (2007): Die verdeckte Ökonomie der Norm, Überlegungen zum Verhältnis von Symbolischem und Realem beim späten Lacan«, S. 149f

22 Ebda.

23 Ebda.

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fortlaufend (die Ordnung selbst). Gibt es die eine Ordnung, die unsere Welt, unsere Realität durchzieht? Die Symbolische Ordnung als eine starre und ewige, die uniformes Verhalten produziert? Etwas ewiges, unverrückbares, damit man sich halten kann? Ein Wunschtraum oder eher ein Alptraum.

1.2.1 Ausflug: Sexuierung, symbolische Ordnung

Widerspricht der Gedanke, dass es sich immer schon transformierende symbolische Ordnungen gebe, der Idee, die Lacan hatte?

Schema der Sexuierung

gebe, der Idee, die Lacan hatte? Schema der Sexuierung Im Folgenden nun ein Blick auf die

Im Folgenden nun ein Blick auf die zwei Weisen zu Sein. Sprechende Sein. Etwas Körperliches und etwas Jenseits von Erfahrbarem schlägt sich in Sprache nieder und findet gleichermaßen Platz darin. Die Frage, ob es eine bestimmte Symbolische Ordnung gibt, die zum Grunde gelegt werden muss, läuft sozusagen im Hintergrund mit, denn es stellt den Angelpunkt dar zwischen Subjekt und Gesellschaft dar. Zwei Faktoren, zwei Geschlechter 24 :

Die geschlechtsspezifischen Differenzen, die bei Lacan einerseits eine grundlegende Positionierung im Aussagevorgang (énonciation) bedeuten, also ein sich setzen als Argumentim Verhältnis zur phallischen Funktion, resultieren aus einer logischen Forderung im Sprechen 25 und andererseits wird diese Position durch „die kulturellen Wertungen, die allein sichtbaren Objekten Existenz zubilligen“ 26 ge- oder verformt. Sind es diese (Ver)Formungen, die uns zu ‚den Männern‘ und ‚den Frauen‘ machen? Sprache wird schnell zum Sein, ein So- Sein wird postuliert und auf vermeintliche Existenz geschlossen, im Hintergrundrauschen eines gesellschaftlichen Systems und sehr individuellen Erlebnissen, die oftmals jenseits von Sprache liegen. Aber der Trugschluss, der versucht die Kluft zu überbrücken, kann quasi eine Art

24 Man muss immer bedenken, dass es sich hierbei um das dreht, was ‚repräsentierbar‘ ist, zur Repräsentation gebracht wird, gebracht werden kann, es geht um menschliche Diskurse, nicht um ‚Natürliches‘ oder ‚Notwendiges‘, vgl hierfür auch Stuart Hall (2004): Das Spektakel des ‚Anderen‘.

25 vg. Joan Copjec (2004): Lies mein Begehren, Lacan gegen die Historisten, S.245f

26 Edith Seifert (2004): Zum Mißverständnis der weiblichen Sexualität bei Freud. Kastrationswahrnehmung als symbolische Matrix, S. 22

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Garant für unser Sein darstellen. Gerade die Falschheit stelle sicher, dass das Subjekt nicht als ein bestimmter Sinn von Sprache ins Sein kommen würde 27 . Ansprüche auf positive sexuelle Identität, also auf Männlichkeit, im Sinne von einer Verkörperung derselben wären nach Lacan Hochstapelei auf Seiten der Männer, ebenso bei der Frau bloße Maskerade 28 . Was könnten Unterschiede darstellen bezüglich der zwei Weisen, sich in die symbolische Ordnung einzuschreiben? Vielleicht vor allem dies: Hierarchie und Hierarchie-Losigkeit. Eine Seite, die sich direkt entlang des strukturierenden Moment Phallus (φ) platziert, die andere Seite, die dem Anderen näher steht, sich auf (-)φ beziehen kann, oder eben nicht. Vielleicht könnte man sagen, dass diese Seite der Sexuierung der Leere näher steht, eher um sie kreist/kreisen kann.

Von den Männern und den Frauen zu sprechen kann also nur zu Fehlschlüssen führen. Hier auf reale Existenzen zu schließen und ein So-Sein zu denken, ist ein Kurzschluss. Ebenso steht der Begriff von der Ordnung in Frage und somit auch Ordnungsfiguren, Autoritäten. Es dreht sich immer um Leerstellen.

2. Sein und Schein 2.1 Gott, der Andere und Wir

Im Folgenden nun der Versuch, die Thematik entlang der Dreieinigkeit Gottes anzugehen. Gott als Vater, Sohn und Heiliger Geist. An dieser Stelle soll Abailard (Abaelard) mit seiner Interpretation weiterführen, indem sie in diesen Kontext eingebettet wird, ohne Vollständigkeit oder Richtigkeit zu garantieren. Zunächst war Abailard einer, der sich nicht scheute, Fragen zu stellen und durch eigene Gedankengänge Neues zu produzieren, denn Wahrheit war für ihn scheinbar nichts Gegebenes, sondern etwas, das gesucht werden könne 29 . Die Universalien waren für ihn nicht real existent, sie finden bei ihm keine Repräsentanz in der für uns wahrnehmbaren Realität, was wiederum an obige Erläuterung von den Begriffen Mann und Frau erinnert, die zwar als Einzelne auftreten, aber im Grunde ebenso abstrakt sind. Bei Abailard aber zeigt sich hier sein Verständnis der Dialektik, denn existierte die Bestimmung 'Lebewesen' real, so müßte sie gleichzeitig vernunftbegabt und nicht- vernunftbegabt sein30 , er griff also auf den Satz vom Widerspruch zurück, „was in sich

27 vgl. Copjec, S. 75

28 ebd. 264f

29 Vgl. hierfür Kurt Flasch (2006): Das philosophische Denken im Mittelalter, S. 237f

30 Ebda.

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widersprüchlich sei, könne nicht auch in der Realität vorkommen“ 31 . Diese Arbeit soll nun aber keine streng logische werden, ganz im Gegenteil, denn das Unbewusste kennt diesen Widerspruch nicht und die Thematik, um die wir uns hier drehen, berührt eben dieses. Dennoch kann Abailards Denken fruchtbar hierfür gemacht werden. Er stellte sich die Frage, was eigentlich und uneigentlich sei, in Begriffen, allgemeinen Namen, die bei ihm wie gesagt, keine Entsprechung in real Existierendem haben können. Bei Abailard mache innerhalb der Trinitätsvorstellung die Macht das eigentümliche des Vaters aus, die Weisheit die des Sohnes und die Liebe die des Heiligen Geistes und somit schwäche sich der Moment der Macht im Sohn ab. Er übersteige die Macht, Wahres von Falschem zu unterscheiden, oder unterwandert sie vielleicht vielmehr. In der Liebe verschwinde die Macht gänzlich. Es zeigt sich eine Bewegung, weg von Autorität, weg von Vaterfiguren, hin zu einer Macht, die ihre Macht eben dadurch zeige, dass sie sich zurücknehme, Gott war nun wesentlich Liebe und wesentlich Macht durch Machtlosigkeit 32 . Der patriarchale Moment ist somit aufgelöst, was vor allem für damalige Verhältnisse revolutionär war. Heute ist dieser Gedanke nach wie vor reizvoll, vor allem angesichts der Rufe nach mehr Autorität und einer Art Stärkung der Vaterfiguren und hinter diesen Rufen verbirgt sich vielleicht nur eine Angst und eine Art Hilflosigkeit im Umgang mit 'dem' Mangel. Man fordert eine Autorität, die auf den Tisch haut und der man sich dann beugen kann. Freud würde an dieser Stelle vielleicht vom Vatermord sprechen, also eher dessen Wiedererwachen. Bei Freud ist der Vatermord der Beginn der Kultur, wie er es in Totem und Tabu beschreibt. Oder anders: Es scheint so, als sei der Vater noch präsent, oder vielmehr vergegenwärtigt durch Glaube und Philosophie (im Sinne von Postulaten von Wahrheit und deren Wirkmächtigkeit im Weiteren)? Es zeigen sich zwei sich widerstrebende Bewegungen. Rufe nach Veränderung und Rufe nach Autorität. Wenn man betrachtet, wie sich Religion(en) verändern, also wie Gott als mächtiger Richter schwindet, dann sehe die Veränderung so au: Aus einer fixen Verbindung wird eine Symbolische: der anwesende, mächtige Vater, wird getötet, um aus dem Imaginären zu entkommen? Er wurde zunächst ein rein symbolischer, also ein unbestimmter und weit entfernter, abwesender Vater. Zumindest gilt das für die negative Theologie. Schwindet er völlig, finden wir uns auf uns selbst zurückgeworfen. Weiblich sexuierte Menschen dürften damit weniger ein Problem haben.

31 Ebd. S. 242

32 vgl. Kurt Flasch (1994): Einführung in die Philosophie des Mittelalters, S.90

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2.2 Substanz und Relation mit Konfuzius

Hierzu kurz ein Ausflug in die Konfuzianische Philosophie: Die Gespräche, die eines der ze nt ra len Werke von Konfuz ius dars t e llen. Es so l l d ie Mög lich k e it genu t zt werden, auf den Begriff der Autorität anhand einiger Beispiele näher einzugehen und auch das Individuum in einer Gemeinschaft/Gesellschaft mit all seinen Handlungsmöglichkeiten zu beschreiben. Schlussendlich wird die Psychoanalytische Theorie nach Lacan dies abrunden, der, so behaupte ich, über alle Maßen beeinflusst war von fernost-asiatischer Philosophie. Zumindest der sogenannte späte Lacan. Bei Konfuzius dreht sich alles um den Menschen auf der Erde, als etwas zwischen Himmel und Erde, ein Element von vielen. Die Harmonie in diesem Gefüge stellt die anzustrebende

dar. Ein jeder und eine jede hat auf

dieser Welt Aufgaben, Rollen, Positionen, die auf angemessene Weise zu erfüllen sind. Wenn ich Menschen zu mir nach Hause einlade, dann bin ich in dieser Relation ein Gastgeber. Meine Aufgabe ist, diese auf angemessene Weise zu erfüllen, mir dessen bewusst zu sein. Hier zeigt sich bereits ein wichtiges Element: Relation. In den meisten fernost-asiatischen Philosophien gibt es so etwas wie Substanz oder (in Folge) Ontologisierung nicht. Ames beschreibt diesen enormen Unterschied zunächst entlang der Sprache, wenn er schreibt, dass Englisch und andere indogermanische Sprachen substantive and essentialistic seien und dem gegenüber Chinesisch eine eventful language darstelle 33 . Mit Hilfe von Sprache können wir uns mit Welt auseinandersetzen. In Anbetracht dieses Unterschieds kann man also davon ausgehen, dass es auch hier mindestens zwei Weisen gibt sich mit Welt auseinanderzusetzen. Wir tun dies, indem wir Substanz voraussetzen und den Dingen Begriffe unterstellen.

‚Haltung‘ / , Li (einer der Achsen bei Konfuzius)

Entgegen unserer eurozentrischen Ordnung und Philosophie geht es in fernost-asiatischem Denken nicht um die Suche oder das Streben nach einer (höheren) Substanz, oder einem essentialistischem 'Sein' 34 . Dies impliziert: Es gibt nicht “den Mann” oder “die Frau”. Es gibt keine Historie, keine Entwicklungsgeschichte, die festgelegt werden kann. Das alleine spricht schon ein prekäres Thema der psychoanalytischen und kulturtheoretischen Theorie an. Die chinesische Sprache operiert nicht mit Voraussetzungen, die unsererseits in Begriffen wie Mann oder Frau, Junge oder Mädchen liegen. Eine Frau kann in der Relation Mutter 'sein', dies impliziert aber (meisten) auch die Relation Ehefrau, ebenso auch Tochter, Schwester, Kollegin und so weiter. Um es allgemeiner zu formulieren: Wir befinden uns in einer Art Denk-Kontext,

33 Roger Ames, Henry Rosemont (1999): The Analects of Confucius, A Philosophical Translation, S. 20ff

34 Vgl. 22f

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der sich in Sprache niederschlägt, der auf einen Seins-Grund abzielt, das Männchen so das Weibchen so. Die Mutter so, der Vater so. Wir drehen uns verzweifelt um das Sein, das es eigentlich gerade in der Sprache, im Symbolischen, nicht gibt. Konfuzianische Philosophie und ihr Sprachraum bewegen sich in Relationen. Ein Mensch kann, wie gesagt je nach Kontext Vater, Bruder, Gast, Arbeiter, Chef, Gastgeber, Mutter, Nachbarin, Tochter, Sohn, Freund, Geliebte et cetera sein. Es findet sich kein Märchen einer Substanz, eines 'So- Seins'. Der Begriff der Autorität kann mit dem Begriff Li - , genauer betrachtet werden: Die oben angesprochenen Relationen sollen nach Konfuzius jeweils auf angemessene Weise erfüllt werden, aber nicht aufgrund von vorgegeben Regeln. Die persönliche Note, vielmehr die eigene Weise, innerhalb dieser Relationen, spielt eine ganz entscheidende Rolle. Ein bloßes Unterwerfen unter Autoritäten wäre bei ihm Heuchelei und mache eine Gemeinschaft in Harmonie unmöglich, oder wie es Ames formuliert: ”…such rote submission is a travesty, that jeopardizes communal harmony 35 . Sich mit Welt auseinanderzusetzen, sich damit in Beziehung zu setzen, kann nicht auf etwas Höheres abgewälztwerden, könnte man sagen.

Natürlich stellt Sprache ein Netz dar, in dem es Verständigung gibt und dieses Netz gilt es gewissermaßen anzunehmen. Bernet formuliert es noch als stumme Übereinkunft, zwischen den „sogenannten Normalen36 . Das Normale, das Gewohnte, die Macht der Gewohnheit also als etwas eigentlich doch fragiles, eine Art Überbau, der die Brücke darstellt, die wir schlagen, um Subjekte zu sein, oder vielleicht stellen wir mehr oder weniger immer nur eben diese Brücke dar, jeweils jeweilig. Das Bewusstsein ist ohne Bewohner, wie es Merleau- Ponty formuliert, das Selbst als Abwesenheit oder Ausweichen, ein Riß der sich eingrabe, genau in dem Maße, wie er sich ausfüllt 37 . Das es Riss ist und Riss bleibt, ist vielleicht der Grund, weshalb überhaupt darüber debattiert wird, gestritten und gestrauchelt. Das Ausfüllen des Risses, um quasi dessen Form anzunehmen, heißt leben, bedeutet in die symbolische Ordnung hineinzuwachsen. Gegenwart werden.

3. Eintritt ins Symbolische

35 Roger Ames (2002): Observing ritual propriety li ” as focusing the familiarin the affairs of the day S. 145, er bezieht sich auf die Stelle 17.14. in Gesprächevon Konfuzius

36 Bernet, S.25

37 vgl. Merleau-Ponty (2004): Das Sichtbare und das Unsichtbare, S. 77f

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Die Angst, die viele in sich tragen und nach Autoritäten, Haltepunkten suchen, Ordnung und klare Verhältnisse, fürchten sich vor der sogenannten Beliebigkeit. Ist Welt nicht immer schon beliebig? Die vorigen Seiten, die eine Subjektwerdung und ein In-Beziehung-setzen mit Welt nachzeichnen sollten, zeigen hoffentlich, dass man niemals allgemeingültige Aussagen treffen kann. Weder in kulturtheoretischen, noch in psychologischen Bereichen. Den Weg ins Symbolische muss jedeR selbst gehen, die Koordinaten dafür liegen gewissermaßen bereit, müssen aber entlang dieses Weges selbst gelegt werden. Auf diesem Weg im familialen Sinne liegen die Felder der Alienation und Separation 38 .

3.1 Realitäten, f ort - da Was ist 'die Realität', was ist das für eine Mattscheibe, auf die sich die Mehrheit der Menschen beziehen kann, vielmehr: mit dieser die meisten verflochten sind? Wie ist der Weg dorthin, einen Bezug zu 'der Realität' aufzubauen, noch mehr: Sich darin zu positionieren und zu finden? Diese Art der Fragestellung wäre eine, die etwas voraussetzt und zwar 'die Realität'. Vielmehr wird hier davon ausgegangen, das sich mit jedem Bezug zu Welt jeweils Realität konstituiert, aber innerhalb eines gewissen Koordinatensystems und diese Koordinaten sind vielleicht die Dreh- und Angelpunkte, die im Grunde keine tatsächlichen Gegenstände von Ordnung sind. In der psychoanalytischen Theorie mit Lacan ist ein Moment, den Schritt in die Sprache zu begehen, im weitesten Sinne. Die symbolische Kastration, die

von jedem Kind erlitten wird und als eine Art obligatorischer Übergang für den Eintritt in die

symbolische Ordnung fungiert. Diese symbolische Ordnung ist eine autonome und unpersönliche Ordnung, die der Vater 39 nur repräsentiert und der er auch selbst unterworfen ist. Sie ist dadurch symbolisch, dass sie das Reich der abwesenden Dinge darstellt, die vermittels Zeichen repräsentiert werden, die wiederum in ein Geflecht weiterer Zeichen, die Teile desselben Systems bilden, eingesponnen sind40 .

Die abwesenden Dinge, repräsentiert durch etwas, im einen Fall um auf die Idee der Sexuierung zurückzugreifen strukturiert durch den Phallus und/oder das Andere. Bei Lacan ist das Begehren Knotenpunkt, das sich etabliert entlang des Eintritts in die Realität, es bündelt sich, um das Unbewusste mit Welt zu verknüpfen 41 und mit dem Begehren taucht a und der große Andere wieder auf und somit wieder eine Leerstelle. Das Begehren des (ersten) großen

38 vgl. Lacan XI, S. 259

39 die väterliche Bezugsperson, oder noch allgemeiner, ein drittes Element, welches zur Elternimago gehört.

40 Bernet, S. 22

41 Vgl. Lacan XI, S.161

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Anderen, noch repräsentiert in der mütterlichen Bezugsperson, vielmehr in dem was diese wolle und gerade aufgrund der Leerstelle, aufgrund der fehlenden Antwort kann sich Begehren kristallisieren und „so kehrt also das Subjekt an seinen Ausgangspunkt zurück, der der Punkt seines Fehlens ist, das Fehlen seiner Aphanisis 42 . Begehren ist das Begehren des Anderen, der/die Andere begehrt etwas anders, ist vielmehr begehrend, was ihn/sie bei Lacan überhaupt zum Subjekt macht. Er formuliert dieses im Kreis drehen, wobei der Kreis dem borromäischen Knoten entspricht, folgendermaßen:Wenn der Mensch sein Begehren nur auf der Ebene des Begehren des Anderen und als Begehren des Anderen (an)erkennen kann, ist dann nicht etwas da, was seinem Schwinden, das ja ein Punkt ist, an dem sein Begehren sich niemals (an)erkennen kann, offensichtlich ein Hinderniss in den Weg stellt?43 . Ein Hindernis, eine Hürde gegenüber der Aphanisis, dem Schwinden des Subjekts, also das, was Sub-jekt konstituiert. Das Begehren des Anderen. Das Dritte brauche es, um zum Ersten zurückzukommen, was sich erst über diese Umwege etablieren könne 44 . Lacan greift hier auf das Fort-Da zurück und beschreibt die Ebene des fort als Platz des Mechanismus der Entfremdung, „kein fort* ohne da*, ohne Dasein*45 . Die kleine Spule ist bei Lacan Objekt a für das Kind), das Spiel, die Übung bezeichne also die Entfremdung und keine Bemächtigung, sondern sie bringe das radikale Schwanken des Subjekts an den Tag46 .

3.2 Eingerahmte Leere?

Dieses Schwanken auszubalancieren ist die Kunst, die eine reife Gesellschaft ausmachen würde, sich also nicht auf eine vorgegebene Ordnung zu verlassen und dabei das eigene Schwanken, die eigene Unzulänglichkeit zu übergehen, eine Gesellschaft, die „nicht vorgibt, das überholt zu haben, was sie selbst lediglich verschleiert hat47 . Žižek versucht den sogenannten großen Anderen präziser zu erfassen, wenn er fragt, ob der Andere nun ein anonymer Mechanismus der symbolischen Ordnung oder ein anderes Subjekt in seiner radikalen Andersheit48 sei. Er formuliert Gott als den personifizierten großen Anderen, was eher auf die negative Theologie zutrifft, also die Vorstellung, die diese mit sich bringt,

42 Lacan XI, 230. In einer Fußnote steht: manque, was wiederum in Lacans 'Schriften' mit Seins(ver)fehlen übersetzt wird

43 Lacan XI, S. 247

44 vgl. Lacan XI, S. 248

45 Lacan XI, S. 251

46 Ebda.

47 Maurice Merleau-Ponty (2006): Causerien 1948- Radiovorträge, S. 34

48 Slavoj Žižek (2008): Lacan Eine Einführung, S. 59

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denn nur hier bleibt Er (A) unbestimmt. Wird Gott mit Bildern und vielmehr: Eigenschaften versehen, die sozusagen eine Antwort generieren, auf Fragen wie „was willst du“, befinden wir uns im Imaginären und nicht mehr im Symbolischen. Andererseits betont er die Unergründlichkeit, die uns wiederum auf die Unergründlichkeit des Begehren des Anderen (im Sinne eines Gegenübers) verweist und somit uns zu unserem eigenen Begehren bringe, welches wiederum durch oder in dem Anderen zirkuliere 49 . Eben diese Ungewissheit fordert bei vielen Menschen die Suche nach Gewissheit heraus. Vielleicht findet sich eine Bewegung, die zu Religion und auch Wissenschaft führt, denn beide liefern Antworten und manchmal eben mit dem Hintergrund einer vermeintlichen Wahrheit oder wahren Erkenntnis. Etwas, auf das man sich (mehr als) verlassen kann.

In der zen- buddhistischen Philosophie gibt es, ähnlich wie in der Konfuzianischen, eigentlich keine Instanz, die etwas garantiert. Der Große Buddha, er döst und döst, den ganzen Frühlingstag50 . Im Gegensatz zur Religion, bei der der Gegenstand nichts als Gott sei, sei im Buddhismus der zentrale Begriff das Nichts, so erläutert Han Hegels Definitionen der Religionen und er greift korrigierend ein, da Hegel den Buddhismus als eine Art negative Theologie bestimme, in der eben das Nichts zum Grunde läge 51 . Hier zeigt sich wieder der Unterschied zwischen einer Begriffswelt voller onto-theo-logischen Annahmen, wie Substanz, Wesen, oder Macht, die aber dem Zen-Buddhismus unangemessen seien, denn das Nichts sei hier in sich leer 52 . Es erinnert ein Wenig an Abailards Interpretation der Trinitätslehre, die in diesem Sinne vielleicht Trinitätsleere genannt werden könnte. Im Zen- Buddhismus fehlt die Konzentrierung der 'Macht' auf einen Namen […] Niemand repräsentiert eine 'Macht' [und somit] ist er frei von jedem Anrufungstrieb53 . Ist die Psychoanalytische Theorie nach Lacan also inspiriert von Zen-Buddhistischen Le(h)ren? Lacan war ein Freund von Francois Cheng, der sich in seinen „Fünf Meditationen über die Schönheit, speziell in der Vierten, auch auf Lacan bezieht und somit kann man den Eindruck gewinnen, dass letzterer hier Inspiration fand.

49 ebd. S. 62

50 Byung-Chul Han (2012): Philosophie des Zen-Buddhismus, S. 11

51 Vgl. ebda.

52 Ebda.

53 ebd. S. 17

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Am Ende war das Ende, war der Anfang

Zurück zu den zwei Weisen zu sein und wie Mehdi B. Kacem diese weiterentwickelt: Er nimmt sich den Begriff 'Sein' selbst vor und betrachtet es, wie es andere Philosophen anwenden. Bei Deleuze schreibt er vom Sein als Virtuelles, „eine unendliche Geschwindigkeit des Auftauchens und des Verschwindens54 (Fort-Da bleibt scheinbar unser Begleiter). Dagegen fände sich bei beispielsweise Badiou eine erstarrte Ontologie, bei der die Geschwindigkeit blitzschnell sei, ein Ereignis, das nur auftauche, um zu verschwinden und diese Sichtweise beschreibt Kacem als normalmännlichen, phallischen Genuss: Sein Auftauchen ist sein Verschwinden, sein Maximum ist sein Minimum, eben das, was die Psychoanalyse Kastration genannt hat55 und auch der Akt des Wiederholens fände hier seinen Platz. Weibliches 'sexuiert' Sein agiere in Richtung einer Annäherung von Begehren und Geniessen (Begehren = Genießen), welches nie erreicht werden könne, allein schon durch Sprache eine Zäsur erfuhr und somit zu einem leeren Prinzip führe 56 . Somit sortiert Kacem beispielsweise Denker wie Deleuze, Aristoteles und Spinoza auf Seiten der weiblichen Sexuierung ein, dagegen Badiou und Platon auf die der männlichen 57 . Das Mann-Werden wird immer durch das beendet, was in der Psychoanalyse Kastration genannt wird“ 58 . Weiblich-Werden zirkuliert und braucht sozusagen keine Kastration. Man könnte auf Lacan zurückgreifen und sein 'Slogan', dass es Die Frau nicht gibt und weil sich weiblich sexuierte Menschen nicht direkt über φ in Sprache (im weitesten Sinne) verorten und repräsentieren ‚müssen‘ (könnte man sagen). Was mehr bedeutet, als sich zu artikulieren, denn es hat sehr viel mit dem zu tun, was nicht sichtbar ist und wie sich ein Körper in Sprache niederschlägt/repräsentiert und vice versa. Männlich sexuierte Menschen denken sozusagen mit Grenzen, mit einem Ende, einer Schließung. „Ontologien, in denen die Leere zumeist verworfen wird59 .

54 Mehdi Belhaj Kacem (2012: Potreptikos Zur Lektüre von Sein und Sexuierung, Merve Verlag Berlin, S.44

55 Ebda.

56 Ebd. S.37

57 Ebd. S.46

58 Ebd. S. 38

59 Ebd. S. 47

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18 Sagtest du Schweinchen oder Steinchen? ” sprach die Katze. “ Ich sagte Schweinchen ” erwiderte

Sagtest du Schweinchen oder Steinchen?sprach die Katze. Ich sagte Schweinchenerwiderte Alice, “und es wäre mir sehr lieb, wenn du nicht mehr gar so plötzlich erscheinen oder vergehen wolltest: du machst mich ja ganz schwindelig!” “Ist gut” sprach die Katze; und diesmal verging sie ganz langsam, die

Schwanzspitze zuerst, und zuletzt das Grienen, das noch eine Zeitlang sichtbar blieb, als alles übrige schon

verschwunden war.60

60 Lewis Carroll (2010): Alice im Wunderland, S. 75, Illustration auf S. 76, von John Tenniel

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Quellenverzeichnis

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Roger T. Ames (2002): Observing ritual propriety li ” as focusing the familiar” in the affairs of the day in: Dao, A Journal of Comparative Philosophy Vol. I, No. 2 Rudolf Bernet (2012): Wahn und Realität in der Psychose in: Wahn - Philosophische, psychoanalytische und kulturwissenschaftliche Perspektiven, Hg: G. Unterthurner, U.Kadi, Turia + Kant, Wien Slavoj Žižek (2003): Die Puppe und der Zwerg: Das Christentum zwischen Perversion und Subversion Slavoj Žižek (2008): Lacan Eine Einführung, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M.

Illustrationen

Das Titelbild „Graph I: Diverse Ausführungen dazu finden sich beispielsweise im Anhang des Seminarbuch V, Bildungen des Unbewussten, Turia + Kant Wien, 2006

Schema der Sexuierung: Jacques Lacan (1986): Seminarbuch XX, Encore Quadriga Verlag Weinheim, Berlin, S.85