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Erinnerung Am 27.

Dezember 2009 hat Bischof Dieses erinnert an einen außergewöhnlichen Mann und
Golser im Bozner Dom mit einer an eine schlimme Zeit, als Faschismus und National-
und Eucharistiefeier das Josef Mayr- sozialismus das Volk Südtirols einschließlich seines
Mahnung Nusser Gedenkjahr ausgerufen. Klerus in verfeindete Lager von „Bleibern“ und
„Optanten“ zerrissen, dabei Freundes- und Familien-
bande zerstört und die Landeskinder in schreckliche
Kriege von Äthiopien bis Russland geschickt hatten.
Das Schicksal Josef Mayrs berührt uns heute noch zu-
tiefst. Sein Einsatz für Glaube, Heimat und Volk darf
nicht vergessen werden. Sein tragisches Ende soll auch
den heute Lebenden Mahnung sein, totalitären Ideolo-
(Aus „Dolomiten“)
gien jederzeit die entschiedene Absage zu erteilen. Wir
legen nachstehende Dokumentation vor allem in die
Hände der Jugend.

Dr. Günther Andergassen Dr. Erhard Hartung Roland Lang Sepp Mitterhofer
Südtiroler Freiheitskämpfer Sprecher der Kamerdschaft der Obmann-Stellvertreter Obmann
ehemaligen Freiheitskämpfer Südtiroler Heimatbund Südtiroler Heimatbund

Gedenken an ein Südtiroler Schicksal:

Bekenntnis und Tod des Josef Mayr-Nusser


Im Jahre 2010 jährt sich zum 100. Male der Geburtstag eines
außerordentlich mutigen Südtirolers, dessen kompromißlose
Handlungsweise bis heute diskutiert wird.
Der am 27. Dezember 1910 auf dem Nusserhof, einem alten
Weinbauernhof im Bozner Boden geborene Josef Mayr wuchs
in einer Familie auf, deren Tiroler Selbstverständnis Religio-
sität, Nächstenliebe und Volkstum in einer selbstverständli-
chen Weise als Einheit umschloß.
Auch die Familie Mayr auf dem Nusserhof litt unter dem fa-
schistischen Joch. Wertvollste Kulturgründe rund um den Hof
waren im Zuge faschistischer Baumaßnahmen zu lediglich der
Hälfte des Schätzpreises enteignet worden. (Siehe: Josef Innerhofer:
„Er blieb sich selber treu“, Athesia Bozen, 2005, S. 24 f)

Josef Ferrari – Priester, Vorbild und Freund Josef Mayr vom Josef Ferrari, Priester und
Mit 24 Jahren wurde Josef Mayr erster „Bundesführer“ der Nusserhof in Bozen. Freund des jungen Josef Mayr.
Katholischen Jugend des deutschen Anteils der Diözese Tri-
ent, des „Jungmännerverbandes Bozen“. Der Leiter der Jugend- schen in Südtirol ist diese Sichtweise auch heute noch gültig.
arbeit der „Katholischen Aktion“ war damals der ebenfalls aus Josef Ferrari, der priesterliche Jugendfreund Mayr-Nussers hat
Bozen stammende katholische Priester und Diözesanassistent dieses Selbstverständnis auch auf dem Nusserhof angetroffen,
Josef Ferrari, mit welchem der „Nusser Peppi“, wie er von sei- in dessen Stube die Mayrs seit Generationen unter dem Kreuz
nen Freunden genannt wurde, nun eng zusammen arbeitete. im Herrgottswinkel gesessen waren und wo Freunde, Rat- und
Ferrai war ein ehemaliger Mitschüler von Josef-Mayrs älte- Hilfesuchende stets willkommen waren. Es war ein Ort der
rem Bruder Jakob. Er war nur 3 Jahre älter als Josef Mayr Nächstenliebe und der Gläubigkeit, wo man nach Ferraris ei-
und auch mit diesem persönlich befreundet. Seit den frühen Bu- genen Worten zweifeln konnte, daß es die Erbsünde gab.
benjahren war er oft auf dem Nusserhof anzutreffen gewesen. (Reinhold Iblacker: „Kein Eid auf diesen Führer“, Innsbruck-Wien-Mün-
Der Südtiroler Historiker Othmar Parteli schreibt in einem chen 1979, S. 47)
Nachruf über Ferraris Jugendarbeit: „Er sah sie als Vorausset- Josef Innerhofer, der Biograph Mayr-Nussers, berichtet, daß
zung dafür, der heranwachsenden Generation dieser Zeit, in die „Katholische Aktion“ (KA), in deren Rahmen sich Mayr-
der die Fundamente der heimischen Gesellschaftsstruktur mit Nusser so tatkräftig betätigte, in den Augen der Faschisten
dem Fernziel einer totalen Assimilierung von Land und Leuten „eine Quelle des deutschen Widerstandes gegen die Italieni-
im Ungeist faschistischer Verblendung torpediert wurden, ein sierung“ geworden war.
Mindestmaß an Orientierung und Halt zu bieten.“ (Othmar Parteli: (Josef Innerhofer: „Er blieb sich selber treu“, Athesia Bozen, 2005, S. 41)
„Vor 50 Jahren starb Josef Ferrari“, in: „Dolomiten“, 16. April 2008) Die Mitgliedsausweise der KA für Lehrer und Lehrerinnen
sowie KA-Veranstaltungen in Pfarrhöfen, Privathäusern und
Kampf gegen Totalitarismus und für Religion und Volkstum auf Berghütten und Almen waren oft ein Schutz für den durch
Um zu verstehen, mit welcher Selbstverständlichkeit sich ka- Kanonikus Gamper so tatkräftig geförderten deutschen
tholische Priester und Laien damals gleichzeitig für die Be- „Katakombenunterricht“. Die KA verlegte und verbreitete auch
wahrung religiöser Werte und für die Aufrechterhaltung der deutsche Schriften, Weihnachtsbücher und Religionsbücher.
deutschen oder der ladinischen Sprache und Kultur der Tiro- Es wurde 1934 in Bozen eine als Haushaltungskurs getarnte
ler einsetzten, muß man sich vor Augen halten, daß für einen „Apostolatsschule“ und 1936 im Deutschordenskonvent von
Großteil der Bevölkerung Religion und Volkstum gemeinsam Lana sogar eine KA-Jugendführerschule mit eigenen Deutsch-
und untrennbar zur Tiroler Identität gehörten. Bei vielen Men- kursen eingerichtet.
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Jugend der Katholischen Aktion im Jahre 1932 auf der Seiser Alm.

Meraner Jugendliche der Katholischen Aktion vor der


Zufritthütte am Ortler im Jahre 1931.

Das Bildungsdefizit der heranwachsenden Jugendführer, wel- Der Konflikt mit der staatlichen Macht war
che wie alle Jugendlichen die staatliche italienische Schule unausweichlich
besuchen mußten, wurde in bezug auf die deutsche Sprache Die Jugendarbeit der „Katholischen Aktion“ war eine ständige
und Kultur durch die „Katholische Aktion“ ausgeglichen. Es Gratwanderung, da sich der Vatikan im Jahre 1929 in den
fanden im Untergrund Dekanatstagungen, Einkehrtage, Jung- Lateranverträgen, welche die Souveränität des Vatikanstaates
führerschulungen, Werkwochen und Exerzitien statt. garantierten, sowie in dem Konkordat von 1929 gegenüber der
Diese wurden oft in freier Natur oder auf entlegenen Bauern- faschistischen Regierung hatte verpflichten müssen, daß die
höfen abgehalten, um unliebsamen faschistischen Spähern aus „Katholische Aktion“ wie alle anderen katholischen Jugend-
dem Wege zu gehen. Gemeinschaftsmessen fanden vor allem vereine keine politische und schon gar keine antifaschistische
in der von der Bozner Jugendgruppe renovierten alten roma- Jugendarbeit leisten dürfe. (Siehe: Alfons Gruber: „Südtirol unter dem
nischen Kirche von St. Johann im Dorf statt. Auf diesen Zu- Faschismus“, 3. Auflage, Athesia Bozen 1978, S. 155 f; sowie: Maria
sammenkünften, an denen Josef Mayr-Nusser mit großer Treue Villgrater: „Katakombenschule“, Athesia Bozen 1984, S. 293)
teilnahm, hielt Josef Ferrari oft zusammen mit anderen Prie- Der Andrang der Jugend zu der „Katholischen Aktion“ wurde
stern Unterricht. von den Faschisten mit zunehmendem Mißtrauen beobachtet.
Breiter Raum wurde neben der Behandlung von Glaubensfra- Der faschistische Abgeordnete Giarratana vermerkte bereits
gen auch der Pflege der Literatur, der Heimatkunde, des Volks- am 20. März 1928 in der Zeitung „Provincia di Bolzano“ voll
liedes und des Volkstanzes gegeben. Das deutsche Liedgut Ärger, daß die „Katholische Aktion“ in Südtirol „der Mittelpunkt
wurde in Singkreisen gepflegt und in Liederheften und Rund- des deutschen Widerstandes gegen die Italianisierung gewor-
briefen weiter gegeben. (Siehe: Maria Villgrater: „Katakombenschule“, den sei und die Abschließung ganzer Volksteile gegen die italie-
Athesia Bozen 1984, S. 295 ff) Alle Gesangvereine außer dem Män- nische Infiltration bewirke.“ (Zitiert nach: Maria Villgrater: „Katakom-
nergesangverein von Bozen waren ja mittlerweile von den Fa- benschule“, Athesia Bozen 1984, S. 294)
schisten verboten worden. Die Überwachung durch den Staat war scharf.
Josef Mayr-Nusser selbst hat als Verbandsobmann des Katho- Pepi Posch, ein Jugendführer der ersten Stunde und Mitstrei-
lischen Jungmännerverbandes Bozen in einer Ansprache zum ter Mayr-Nussers, schildert: „Es war damals ... ein Wagnis,
Thema „Jugendführung“ betont, daß die Jugendarbeit in „kirch- irgendwo zu siebt oder zu acht oder zu zehnt zusammen zu kom-
licher und volklicher Gemeinschaft“ erfolge. (Josef Innerhofer: „Er men ... die Kontrolle der Polizei, der Carabinieri unter dem
blieb sich selber treu“, Athesia Bozen, 2005, S. 44)
Der spätere Parlamentsabgeordnete der Südtiroler Volkspar-
tei (SVP) Karl Mitterdorfer war als junger Bursch im Winter
1936/37 von dem Priester Josef Ferrari zu einem der Jugend-
abende der „Katholischen Aktion“ eingeladen worden.
Mitterdorfer erinnert sich: „Ich tat es und dieser Abend gefiel
mir so, dass ich mich dieser Organisation voll anschloss ... In
der neuen Gemeinschaft wurde auch sehr kritisch über den Na-
tionalsozialismus diskutiert ... Diese Katholische Jugend war
nach den Ideen der deutschen Jugendbewegung aufgebaut,
unserer Religion verbunden, im nationalen Bereich aber genauso
eingestellt wie die andere Gruppe, so dass ich also unser natio-
nales Anliegen nicht im Geringsten vermisste ... Diese Heim-
abende waren etwas Wunderschönes, da wurden unsere deut-
schen Lieder gesungen, wurden interessante Texte gelesen, Spiele
veranstaltet und es wurde viel diskutiert.“ (Heinz Degle: „Erlebte
Die Jugend traf
Geschichte – Südtiroler Zeitzeugen erzählen ... 1918-1945“, Athesia Bozen
sich auf Almen,
2009, S. 34 f)
um dem Zugriff
Tatsächlich war es in Südtirol die katholische Kirche, die „als der Faschisten
der einzige Hort der deutschen Kultur“ überlebte. (Maria Villgrater: nicht ausge-
„Katakombenschule“, Athesia Bozen 1984, S. 294) liefert zu sein.
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Faschismus war damals so scharf, daß sich niemand getraute,
sich irgendwo zu versammeln. Ja, es war gerade schon so, daß
wenn sich drei oder vier Leute auf der Straße oder auf dem
Obstmarkt in Bozen oder in Meran auf dem Sandplatz hin-
stellten und miteinander eifrig diskutierten, dann waren die
bereits staatsgefährlich. Und so mußte die Schulung, die wir
planten, die Tagungen, die Werkwochen, die in der folgenden
Zeit entstanden, sie mußten in die Täler hinaus verschoben
werden. Wir wanderten in die Täler, von dort hinauf in die Ber-
ge und irgendwo auf einer Waldlichtung in der Nähe einer Ka-
pelle wurden dann unsere Werkwochen-Schulungs-Tagungen
abgehalten, mit Sport, Spiel, Gesang und Musik.“ (Zitiert bei:
Josef Innerhofer: „Er blieb sich selber treu“, Athesia Bozen, 2005, S 46)
In der Praxis konnten weder Ferrari noch Josef Mayr-Nusser
als katholische und als völkische Bekenner den politischen und
ideologischen Fragen aus dem Wege gehen. So nahm Mayr-
Nusser in einem Rundbrief an die Pfarrgruppen der Katholi-
schen Aktion bereits im Juni ein klare Stellung gegenüber den
„verschiedenen Internationalismen“ wie „Liberalismus, Bolsche-
wismus, Kapitalismus, Hypernationalismus“ (Anm.: womit er
natürlich Faschismus und Nationalsozialismus meinte) ein und
bezeichnete sie als „Mächte der Finsternis, die keine höheren
Werte über sich anerkennen wollen.“ Man dürfe von diesen
Mächten dem Volke nicht das Heiligste entreißen lassen und
müsse vor allem auch den Verwüstungen auf dem Gebiet der
Religion entgegentreten. In weiteren Schreiben wandte sich
Mayr auch ganz konkret gegen den Führerkult von Faschis-
mus und Nationalsozialismus. (Zitiert bei Reinhold Iblacker: „Kein
Eid auf diesen Führer“, Innsbruck-Wien-München 1979, S. 15ff)
Es sollte sich zeigen, daß der Konflikt mit der staatlichen Macht
unausweichlich war. Die Schule in Laas trug wie viele andere Südtiroler Schulen die
Aufschrift, wonach man an den Faschismus glauben, ihm gehor-
Josef Ferrari: Die Muttersprache blieb ein mächtiger Wall! chen und für ihn kämpfen solle. Das war es, was die Kinder lernen
In Hinblick auf den katholischen Widerstand gegen die ver- sollten. Ihr Volkstum, die deutsche Sprache und die angestammte
suchte Italianisierung der Südtiroler hat Josef Ferrari im Jah- Kultur ihres Elternhauses sollten die Kinder ablegen.
re 1958, schon vom nahen Tode gezeichnet, niedergelegt, wor-
um es damals gegangen war: „Was der italienische Staat mit Was die italienische Schule den deutschen Kindern in dem Ge-
der Italianisierung der Schule in Südtirol erreichen wollte, war schichtsunterricht, der ganz dem Zwecke des Staates dienstbar
klar. Das Volk sollte gewaltsam durch die Verdrängung der In- gemacht worden war, zu bieten hatte, erweckte die Kräfte des
telligenz italianisiert werden. Ist es ihm auch gelungen? Widerstandes im jungen Menschen. Sie wurden zum treiben-
Südtirol hatte nicht allein seinen Lehrerstand verloren, son- den Moment in einer geheimen Bewegung, die sich dem Zugriff
dern auch die Lehrerfamilien. Durch fast zwei Jahrzehnte blieb der faschistischen Staatspolizei zu entziehen wußte.“ (Josef Ferrari:
jeder Lehrernachwuchs aus, ein Umstand, der den Wiederauf- „Das Schulwesen in Südtirol“, in: Wolfgang Pfaundler Hrsg.): „Südtirol -
bau der deutschen Schule besonders schwer machte. Versprechen und Wirklichkeit“, Wien 1960, S. 222 f)
Ohne Zweifel hat der Faschismus in Südtirol sehr viel zerschla-
gen. Er hat den deutschen Beamtenstand fast vollständig aus-
Option 1939 – Die Südtiroler in einem schrecklichen
gerottet. Er hat eine ganze junge Generation geistig entwurzelt.
Gewissenskampf
Aber an das Fundament des Volkstums der Südtiroler ist er
nicht herangekommen. Südtirol stellt ein leuchtendes Beispiel Die „Katholische Aktion“ arbeitete ebenso wie Kanonikus
dafür dar, wie ein Volk durch die Bewahrung seiner Mutter- Gamper eng mit den nationalen Jugendgruppen des „Völki-
sprache seine geistige Eigenart erhalten konnte. Die Mutterspra- schen Kampfringes Südtirol“ (VKS) zusammen.
che blieb für das Südtiroler Volkstum ein mächtiger Wall, der Walther Amonn, einer der prominentesten „Dableiber“ berich-
allen Zugriffen der Gewaltpolitik widerstand. tete: „Die Ausrichtung (des Völkischen Kampfringes Südtirol)
Was allerdings für die junge Generation verhängnisvoll wurde, war katholisch. Damit entstand für die Faschisten eine Kon-
war die Ausmerzung der Geschichtskenntnis über das eigene Volk. kurrenz, die sie nicht litten.“ (Walther Amonn: „Die Optionszeit er-
Neben den religiösen Bildungskräften ist die Geschichte für die lebt“, Athesia Bozen 1982, S. 25)
Formung des jungen Menschen einer der bedeutendsten Bil- Diese Zusammenarbeit dauerte bis zum Jahre 1939, als die
dungsfaktoren. Die Jugend Südtirols ist wohl aus dem öster- über Nacht getroffene Entscheidung der VKS-Führung, sich
reichischen Kulturraum herausgerissen wor-
den, sie ist aber nicht in den italienischen Kul-
turkreis hineingewachsen. Kultur kann allein
nach den Gesetzen des Geistes wachsen; nie-
mals kann sie ein Exportartikel auf dem Mark-
te politischer Spekulation werden.“

Der Faschismus griff nach den deutschen


Kindern, die in die Uniform der faschi-
stischen Jugendorganisation „Balilla“
gesteckt wurden. Auch der Vater des
Südtiroler Heimatbundobmannstellvertreter
Roland Lang mußte diese verhaßte Uniform
gegen seinen Willen tragen.
Tiroler – Sonderdruck 57/2010 3
schwinden. Um die Südtiroler für die schwerste Entscheidung
ihres Lebens zu bearbeiten, stellte die übermächtig einsetzen-
de NS-Propaganda den „Endsieg“ Hitlers und Mussolinis über
deren Feinde als unausweichlich und das Schicksal Südtirols
als italianisiertes Land als unabwendbar hin.
Aufgrund der jahrzehntelangen Unterdrückung durch den
Faschismus glaubte die Mehrheit der Bevölkerung an diese
Unabwendbarkeit. Anders wäre das Ergebnis nicht zu erklä-
ren, daß sich rund 86 Prozent der Südtiroler voll Verzweiflung
für die Bewahrung des Volkstums in der Heimatlosigkeit ent-
schieden.
Wer nicht für die Auswanderung optiere, sei bereit, sein Volks-
tum zu verraten und ein „Walscher“ zu werden, sein Bekennt-
nis zum Bleiben sei ein Bekenntnis für Italien, so hieß es bei
vielen Optanten. Das Verhalten einiger großer Wirtschafts-
treibender und deren geschmeidiges Auftreten in Faschisten-
uniform schien diese Propaganda zu bestätigen. Einige „Da-
„Die Heimatlosen“ hat der Imster Maler Thomas Walch dieses er-
bleiber“ wiederum sahen in den „Gehern“ Verräter an der Hei-
schütternde Bild genannt. Das Schicksal der Heimatlosigkeit hielt
mat und in deren Entscheidung ein Bekenntnis zu Adolf Hit-
die von den Diktatoren Mussolini und Hitler aufgezwungene Opti-
ler, der zusammen mit Mussolini schuld an dem Unglück Süd-
on für die Südtiroler bereit.
tirols war.
bei der aufgezwungenen Option für die Auswanderung zu ent- Der „Geher“ Franz von Braitenberg schildert, warum viele jun-
scheiden, diese Gemeinsamkeit beendete. ge Südtiroler zu „Gehern“ wurden. Es war der Wunsch nach
Ferrari, dessen freundschaftlicher und priesterlicher Einfluss Freiheit: „Die ganze Jugend, die zweiten, dritten Söhne auf den
ohne Zweifel auf den jungen Mayr-Nusser tief einwirkte, war Höfen (Anm.: die den Hof nicht erben würden), die wollten in
ebenso wie Kanonikus Gamper ein entschiedener Gegner der die Freiheit, wollten deutsche Schulen, deutsche Ausbildung,
aufgezwungenen Option, der schrecklichen Entscheidung zwi- Arbeit und vor allem weg vom Faschistenjoch, weg hier, nichts
schen Heimat und Volkstum. Man kann sich heute kaum mehr wie weg! Deswegen wurden wir ‚Geher‘ genannt, trotzdem die
vorstellen, in welchem Ausmaß die vor eine solche Entschei- Mehrzahl von ihnen bei Gott nicht gehen, sondern dableiben
dung gestellte Volksgruppe innerlich zerrissen und wie ver- wollte, genauso wie die andere Seite, die ‚Dableiber‘.“ (Zitiert aus:
nichtend ihre geistige Einheit zerstört wurde. Willy Acherer: „...mit seinem schweren Leid...“, Brixen 1986, S. 79)
Hitler hatte Südtirol an seinen Freund Mussolini preisgege- In der Führungsspitze des „Völkischen Kampfringes Südtirol“
ben und nun sollte die ethnische Frage in Südtirol nach dem (VKS), die sich für die Option entschieden hatte, geisterte auch
Willen der Diktatoren ein für alle Mal bereinigt werden. Der die irreale Vorstellung herum, daß ein prozentuell möglichst
lästige Zankapfel Südtirol sollte einfach aus der Welt ver- hohes Bekenntnis für die Auswanderung in das Deutsche Reich

Schon frühzeitig hatte Hitler auf Südtirol verzichtet und dies bei
jeder Gelegenheit kund getan. Als er 1938 zu seinem bewunderten
Vorbild und Freund Benito Mussolini auf Staatsbesuch nach Rom
reiste, wollte er von der Bevölkerung Südtirols nichts sehen. Er
fuhr in seinem Salonwagen mit zugezogenen Vorhängen durch das
Land. Erst südlich von Salurn blickte Hitler aus dem Fenster sei-
nes Salonwagens und ließ sich auf jedem Bahnhof von den begei-
sterten Italienern feiern.
4 Tiroler – Sonderdruck 57/2010
den „Führer“ dazu bewegen würde, nicht nur die Leute, son- Josef Mayr-Nusser:
dern letztlich doch das ganze Land „heim ins Reich“ zu holen. Ein Leben in Einklang von Wort und Tat – Entscheidung
(Siehe: Benedikt Erhard (Hrsg.): Option-Heimat-Opzioni. Eine Geschich-
te Südtirols vom Gehen und vom Bleiben“, Wien 1989, S. 167) über die Eidesleistung
Josef Ferrari und Kanonikus Gamper waren aber der Meinung, Im Jahre 1942 heiratete Josef Mayr die junge Hildegard Straub,
daß die Südtiroler im Lande bleiben sollten. Sie glaubten nicht die ihm den Sohn Albert schenkte und führte ein vorbildliches
an den „Endsieg“ von Faschismus und Nationalsozialismus, und glückliches Familienleben inmitten einer politischen Um-
nicht daran, daß der „Führer“ Südtirol schon noch „heimho- welt, die ihn zunehmend bedrückte.
len“ werde und sie glaubten auch nicht, daß die Optanten in Mehrfach hat Mayr-Nusser in Rundbriefen und anderen schrift-
der Fremde eine gute Zukunft erwartete. lichen und mündlichen Stellungnahmen festgehalten, daß die
Im Dezember 1939 hielt Ferrari am Ritten bei Bozen eine Pre- katholischen Jugendführer Vorbilder und Bekenner sein müß-
digt, in welcher er seiner Befürchtung Ausdruck verlieh, daß ten, auch wenn um sie herum sich das „Dunkel des Unglaubens,
die Deutschlandoptanten nach Polen geschickt werden wür- der Gleichgültigkeit und der Verachtung, vielleicht der Verfol-
den, um dann als Kanonenfutter gegen den Bolschewismus zu gung“ ausbreite. (Reinhold Iblacker: „Kein Eid auf diesen Führer“, Inns-
dienen. bruck-Wien-München 1979, S. 21 ff)
Mayr-Nusser folgte bei der Option von 1939 dem Vorbild sei- Als 1944 reihenweise Südtiroler und auch er selbst zur Waf-
nes Freundes Ferrari und des verehrten Kanonikus Michael fen-SS einberufen wurden, traf Josef Mayr-Nusser bereits
Gamper und betätigte sich im illegalen „Andreas Hofer Bund“ seine persönliche Entscheidung über eine Ableistung des SS-
mit der Betreuung der „Dableiber“, damit diese nicht aus Är- Eides.
ger über Anfeindungen und „Übergriffe der Optanten in das Die Waffen-SS war eine militärische Elitetruppe, die aber stark
italienische Lager überwechselten“, wie der damalige Obmann im NS-Geist ideologisiert war. Sie war nämlich aus einer Partei-
des geheimen Bundes, der spätere SVP-Politiker Friedl Volgger, formation der NSDAP, der sogenannten „Schutzstaffel“ (SS)
in seinen Erinnerungen festhielt. „Der Bund konnte keine gro- hervorgegangen. Normalerweise beruhte die Zugehörigkeit zu
ßen Taten setzen“, berichtet Volgger weiter, wurde aber nicht dieser Truppe auf Freiwilligkeit. Nun wurden aber Südtiroler
müde, der Umsiedlungspropaganda entgegen zu wirken und zwangsweise dazu eingezogen.
„in den einigermaßen ansprechbaren Optanten den Widerwil-
len gegen die Abwanderung zu stärken. Alle einzelnen Dableiber- Mayr-Nusser war zusammen mit einigen seiner Kameraden
Familien bis in die entlegensten Täler wurden besucht und auf- zu dem Schluß gekommen, daß die zwangsweise Einberufung
gemuntert.“ (Friedl Volgger: „Mit Südtirol am Scheideweg“, Innsbruck zur Waffen-SS rechtswidrig sei und die Ableistung des SS-Ei-
1984, S. 63) des nicht in Frage komme.
Diese Tätigkeit war aber gefährlich. Friedl Volgger mußte nach Der damalige Diözesansekretär Toni Kaser erinnert sich „Jo-
dem Einmarsch der deutschen Truppen im Jahre 1943 dafür sef Mayr-Nusser wußte ... daß der Nationalsozialismus... das
mit Verhaftung, Einweisung in das KZ Dachau und schreckli- Unglück Deutschlands und Europas bedeutete. Daß unser
chen Erlebnissen in diesem Lager bezahlen. Freund aus diesem profunden und exakten Wissen nicht bereit
war, für eine Spezialtruppe, nämlich die SS, die den Gottes-
Mayr-Nusser mußte auch die Verhaftung seines priesterlichen
und Kirchenhaß in unmißverständlicher Weise auf die Fahne
Freundes Ferrari erleben, was seine tiefe Abneigung gegen das
geschrieben hatte, einen Eid zu leisten, darf nicht wunderneh-
NS-Regime verstärkte.
men.“ An einem Frühherbsttag des Jahres 1944 traf sich Kaser
Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen im Jahre 1943 zufällig mit Josef Mayr, der ihn mit der Mitteilung überrasch-
war der von den nationalsozialistischen Dienststellen als poli- te, daß er zur SS eingezogen worden sei. Toni Kaser berichtet
tischer Gegner wahrgenommene unbotsame Priester Ferrari weiter: „‘Unseren Willen sollen sie aber nicht beugen können‘,
im September von der Gestapo inhaftiert und erst auf Inter- sagten wir wie im Sprechchor, ‚den Eid leisten wir ihnen nicht!
vention des Fürstbischofs Geisler zu Weihnachten wieder frei- Das sind wir unseren Jungmännern im Verband schuldig. Wir
gelassen. Er wurde allerdings bis Kriegsende nach St. Josef können ihnen nicht zuerst etwas vorreden, und dann selbst nicht
am See/Kaltern „verbannt“, wo er den Seelsorgedienst versah. zum Wort stehen‘, fügte dann J. M.-N., ganz ernst geworden,
hinzu. Und ‚Das werden wir wahrscheinlich mit dem Leben zu
Exkurs: Nach dem Krieg errang Ferrari der Südtiroler bezahlen haben!‘ waren seine letzten Worte, die ich von ihm im
Jugend ihre deutsche Schule zurück Leben wie ein Testament vernommen habe.“ (Zitiert in: Reinhold
Im Jahre 1945 nahm Ferrari erfolgreich mit der amerikani- Iblacker: „Kein Eid auf diesen Führer“, Innsbruck-Wien-München 1979,
S. 142 f)
schen Besatzungsmacht Verhandlungen über den Wiederauf-
bau der deutschen Schule in Südtirol auf und erwirkte das Josef Nock, einer seiner damaligen Jugendführer Mayr-Nus-
„Erste Volksschuldekret“ vom 27. Oktober 1945, in welchem es sers, kann sich ebenfalls erinnern:
hieß: „Der Unterricht in den Volksschulen der Provinz Bozen „Ich war nicht überrascht, daß er den Eid nicht abgelegt hat.
wird in der Muttersprache der Schüler von Lehrkräften erteilt, Es war fast selbstverständlich, nachdem wir geschworen hat-
für welche die Unterrichtssprache ebenfalls die Muttersprache ten, den Eid nicht abzulegen. Das war in Bozen, ich glaube, es
ist.“ war im Deutschhaus eine kleinere Gruppe und da haben wir
Als Schulamtsleiter leistete Ferrai in der Folge Ungeheures den Schwur abgelegt.“ (Reinhold Iblacker: „Kein Eid auf diesen Füh-
für den Wiederaufbau des deutschen Schulwesens in Südtirol, rer“, Innsbruck-Wien-München 1979, S. 66)
den Bau von Heimen und die Errichtung von Bildungs- und
Am 5. September 1944 wurde Mayr-Nusser dann eingezogen
Weiterbildungseinrichtungen. Er meisterte diese gewaltige
und kam zusammen mit etwa 80 weiteren Südtirolern nach
Aufgabe in aufopfernder Weise. Als er am 23. Jänner 1958 nach
Konitz bei Danzig, um dort einer Einheit der Waffen-SS zuge-
einer klinischen Untersuchung im Krankenhaus in Wien von
teilt zu werden.
der Diagnose einer unheilbaren Krankheit erfuhr, brachte er
sein geistiges Testament in Form einer Anrufung Gottes zu Für Mayr-Nusser war diese Situation mit innerer Not verbun-
Papier. Darin hieß es unter anderem: „Ich opfere Dir mein Le- den. Er wäre bereit gewesen, den Wehrmachtseid zu leisten.
ben für die deutsche Schule. Ich danke denen, die mit mir die Er blieb aber dabei, den SS-Eid zu verweigern, in welchem Adolf
große Mühe teilten! Wir haben die Steine gefügt auf oft schwan- Hitler persönlich (und nicht nur als oberstem Militärbefehls-
kendem Fundament ... Lebt alle wohl! Das Sterben ist der wah- haber, wie in dem sonst sehr ähnlichen Wehrmachtseid) die
re Beginn unseres Lebens. Amen!“ (Othmar Parteli: „Vor 50 Jahren Treue geschworen werden musste. In dem Eid hieß es näm-
starb Josef Ferrari“, in: „Dolomiten“,16. April 2008. Zu Josef Ferrari siehe lich: „Ich schwöre Dir, Adolf Hitler, als Führer des Reiches, Treue
auch: Josef Gelmi: „Bedeutende Tiroler Priesterpersönlichkeiten“, Athesia und Tapferkeit. Ich gelobe Dir und den von Dir bestimmten
Bozen, 2009, S. 286 ff) Vorgesetzten Gehorsam bis in den Tod, so wahr mir Gott helfe.“
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Zum Vergleich der Wehrmachtseid:
„„Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, dass ich dem Füh-
rer des Deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler, dem Ober-
sten Befehlshaber der Wehrmacht, unbedingten Gehorsam lei-
sten und als tapferer Soldat bereit sein will, jederzeit für diesen
Eid mein Leben einzusetzen.“

In einem erschütternden Brief an seine Frau vom 27. Septem-


ber 1944, begründete Josef Mayr seine schwere Entscheidung,
den SS-Eid zu verweigern: „Dieses Bekennenmüssen wird si-
cher kommen, es ist unausbleiblich, denn zwei Welten stoßen
aufeinander. Zu deutlich haben sich Vorgesetzte als entschiede-
ne Verneiner und Hasser dessen gezeigt, was uns Katholiken
heilig und unantastbar ist. Bete für mich, Hildegard, damit ich
in der Stunde der Bewährung ohne Furcht und Zögern so hand-
le, wie ich es vor Gott und meinem Gewissen schuldig bin ... Mayr-Nussers
Jedenfalls wird es gut sein, auf schlimme und schlimmste Mög- erste Ruhestätte
lichkeiten gefaßt zu sein. Aber Du bist eine tapfere Frau, eine in Erlangen.
Christin, und auch persönliche Opfer, die vielleicht von Dir ge-
fordert werden, wären sicherlich nicht imstande, Dich zur Ver-
urteilung Deines Mannes zu bestimmen, der es vorzog, lieber
sein Leben zu verlieren, als den Weg der Pflicht zu verlassen.“
(Reinhold Iblacker: „Kein Eid auf diesen Führer“, Innsbruck-Wien-Mün- In diesem kleinen
chen 1979, S. 12) Holzsarg wurden
Mayr-Nusser erklärte vor angetretener Truppe, er könne die die Gebeine Mayr-
Ableistung des SS-Eides aus religiösen Gründen nicht mit sei- Nussers nach Bozen
nem Gewissen vereinbaren, er sei aber ohne weiteres bereit, gebracht und von
den Eid auf die Wehrmacht abzulegen. (Margareth Lun: „NS-Herr- Josef Ferrari voll
schaft in Südtirol“, Innsbruck-Wien-München-Bozen 2004, S. 356; Rein- Erschütterung
hold Iblacker: „Kein Eid auf diesen Führer“, Innsbruck-Wien-München übernommen.
1979, S. 134)

Vergeblich versuchten ihn die Vorgesetzten umzustimmen. Überleben. Habicher: „Niemand von uns ahnte, daß diese An-
Mayr-Nusser beharrte auf seiner Weigerung und begründete strengung für ihn zuviel sein könnte. Später erreichten wir wie-
sie auch schriftlich. Damit legte er sich aber erst recht frontal der unser trauriges Quartier, und mit einem herzlichen ‚Vergelt’s
mit der Macht des Regimes an. Gott‘ für alles hat er Abschied genommen.“ Am nächsten Tag,
es war der 24. Februar 1945, verstarb Mayr-Nusser. (Josef Inner-
Mayr-Nusser hatte gehofft, durch die Verweigerung des SS- hofer: „Er blieb sich selber treu“, Athesia Bozen, 2005, S. 114 ff)
Eides zur Wehrmacht abgeschoben zu werden, wie dies in der
Vergangenheit mit anderen Soldaten schon geschehen war. Er Er wurde zunächst auf durchaus würdige und christliche Wei-
hatte aber auch, wie er seiner Frau geschrieben hatte, mit dem se in Erlangen bestattet. Im Jahre 1958 wurden seine sterbli-
Schlimmsten gerechnet. chen Überreste nach Bozen überführt, wo der bereits sterbens-
kranke Josef Ferrari zutiefst erschüttert die Gebeine Mayr-
Nussers in einem kleinen Sarg übernahm und eine Nacht bei
Das traurige Ende sich behielt. Dann wurden die sterblichen Überreste in der
Er wurde nun wegen des Verdachtes der „Wehrkraftzersetzung“ Propsteikirche aufgebahrt und später in Lichtenstern am Rit-
inhaftiert. Nach einer ergebnislosen Untersuchung durch ein ten beerdigt. (Siehe auch: Margareth Lun: „NS-Herrschaft in Südtirol“,
SS-Kriegsgericht – seine Kameraden hatten günstig für ihn Innsbruck-Wien-München-Bozen 2004, S. 356 f; Eduard Widmoser: „Süd-
ausgesagt – wurde von der Gestapo seine Überweisung in das tirol A-Z“, Bd. 4, Innsbruck-München 1988, S. 281)
Konzentrationslager Dachau verfügt.
Auf dem von Fliegerangriffen und Stillständen unterbroche- Gewissen und Bekenntnis
nen Transport nach Dachau gab es tagelang keinen Nachschub Wir wissen heute, daß Mayr-Nusser sich schon lange vor sei-
an Wasser und Lebensmitteln. Mayr-Nusser litt an Lungen- ner letzten Entscheidung mit den Fragen Eid – Gehorsam –
entzündung, Erschöpfung, Hunger und krankhaftem Durch- Gewissen geistig intensiv auseinandergesetzt hat. Er hatte die
fall. religiösen Schriften des englischen Lordkanzlers, Heiligen und
Die Wachmannschaft, die den Zug begleitete, bestand offenbar Märtyrers Thomas Morus (1478 - 1535) aufmerksam studiert
keineswegs aus Unmenschen. Ein junger SS-Mann der Begleit- und sich die Unbeugsamkeit dieses katholischen Bekenners
mannschaft, Fritz Habicher aus St. Anton am Arlberg, nahm zum Vorbild genommen. Morus hatte sich geweigert gehabt,
sich nämlich zusammen mit einigen Kameraden des Schwer- nach dem Abfall des englischen Königs von der Katholischen
kranken an und versuchte, ihn in Erlangen, wo der Zug tage- Kirche einen von der Krone verlangten Treueeid auf die neue
lang hielt, in ein Spital zu bringen. Fritz Habicher berichtet: Verfassung zu leisten, mit welcher sich der König anstelle des
„Der Durchfall wollte beim Josef nicht aufhören und so haben Papstes zum religiösen Oberhaupt der neuen Anglikanischen
wir nicht nachgegeben, bis wir die Erlaubnis vom Begleitoffizier Kirche erklären ließ.
bekamen, mit ihm und noch einigen Mitgefangenen ein Kranken- Morus war darauf hin im Londoner Tower inhaftiert, zum Tode
revier aufzusuchen.“ Mayr-Nusser mußte auf dem Fußweg ins verurteilt und im Jahre 1535 enthauptet worden. Seine Briefe
Spital gestützt und zum Schluß sogar getragen werden. Im aus dem Kerker weisen ihn als standhaften bekennenden
Spital verweigerte aber der Stabsarzt seine Aufnahme und Märtyrer aus. Dr. Jakob Mayr, der ältere Bruder Josef Mayr-
vertröstete auf den nächsten Tag. Habicher dazu: „Sicher hat Nussers berichtet im Rückblick: „Ich möchte auch den uner-
der Arzt die Hoffnungslosigkeit einer Genesung erkannt und wartet starken Eindruck hervorheben, den die Lektüre der
ihn deshalb zurückgeschickt.“ Die Begleitmannschaft brachte Gefängnisbriefe des Thomas Morus auf Josef Mayr machte.“
ihn also wieder zurück zum Zug, wobei Mayr-Nusser die mei- (Zitiert bei: Reinhold Iblacker: „Kein Eid auf diesen Führer“, Innsbruck-
ste Zeit getragen werden mußte. Noch hoffte man auf sein Wien-München 1979, S. 49)

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Ein Vorbild für Es war nicht um Wehrdienstverweigerung, sondern um
Mayr-Nusser: Der das Bekenntnis gegen die NS-Ideologie gegangen
Freiheitskämpfer
von 1809, Peter Am 27. Dezember 2009, dem 99. Geburtstag Mayr-Nussers,
Mayr, Wirt an der eröffnete Bischof Golser im Bozner Dom mit einer Eucharistie-
Mahr – Das Leben feier das von ihm ausgerufene Josef Mayr-Nusser Gedenkjahr,
nicht durch eine in dessen Rahmen sein „beispielhaftes Glaubens- und Lebens-
Lüge erkaufen! zeugnis“ gewürdigt werden soll.
Die Tageszeitung „Dolomiten“ berichtete am 28. Dezember 2009
etwas erstaunt:
„Wesentlich in der Predigt des Bischofs war dabei vor allem
auch das, was er nicht gesagt hat: Kein Wort verlor der Bischof
über die Eidesverweigerung von Josef Mayr-Nusser. Denn nicht
diese Eidesverweigerung mache das Besondere am Nusser-Sohn
aus, sondern sein beispielhaftes christliches Glaubens- und
Lebenszeugnis.“
Tatsächlich ist der Bischof hier einer Thematik aus dem Wege
gegangen, die zu komplex gewesen wäre, um in einer kurzen
Predigt abgehandelt werden zu können.
Es wäre um die Unterscheidung gegangen, die Mayr-Nusser
zwischen dem politischen SS-Eid und dem Wehrmachtseid, den
damals auch die hohe Geistlichkeit bejahte, getroffen hatte.
Um Mayr-Nussers damalige Haltung zu verstehen, muß man
zuerst einmal festhalten, daß er kein Wehrdienstverweigerer
war. Damit befand er sich im Einklang mit allen deutschen
hohen kirchlichen Verantwortungsträgern, die den Wehrdienst
Beim Sterbegottesdienst am 11. April 1945 in Bozen hob der in der Deutschen Wehrmacht uneingeschränkt bejaht und zur
Priester Josef Ferrari ebenfalls hervor, daß man bei dem Ge- Pflicht erklärt hatten.
denken an seinen Freund Josef Mayr-Nusser unwillkürlich an Seit dem Jahre 1939 hatten die katholischen deutschen Wehr-
den „großen Laien und Familienvater aus der Kirchengeschich- machtssoldaten ein von dem „Katholischen Feldbischof der
te“ denken müsse, „der ein Märtyrer geworden sei, weil er Gott Wehrmacht“ genehmigtes „Katholisches Feldgesangsbuch“ im
mehr gehorchte als den Menschen – an den hl. Thomas Morus.“ Tournister. Darin war der „Fahneneid des deutschen Soldaten“
(Reinhold Iblacker: „Kein Eid auf diesen Führer“, Innsbruck-Wien-Mün- mit seiner Gehorsamsverpflichtung gegenüber „Adolf Hitler,
chen 1979, S. 74) dem Obersten Befehlshaber der Wehrmacht“ ebenso enthalten,
Als sehr bewußter Tiroler kannte Josef Mayr-Nusser die Ge- wie es auch unter den ebenfalls in dem Büchlein enthaltenen
schichte seiner Heimat und der Helden von 1809. Ein Blutzeu- „Berufspflichten des deutschen Soldaten“ hieß, daß der katho-
ge von 1809 war ihm besonderes moralisches Vorbild. Sein lische Soldat zum Gehorsam gegenüber der Wehrmacht ver-
Bruder Dr. Jakob Mayr berichtet: „Von den damaligen Füh- pflichtet sei.
rern und Kampfgenossen Andreas Hofers hat ihn ganz beson- Das war aber nicht eine einsame und von den übrigen Bischö-
ders und schon frühzeitig die Haltung Peter Mayrs, des Wirtes fen nicht geteilte Meinung eines einzelnen Militärbischofs.
an der Mahr, beeindruckt. Als Josef einmal mit mir am Gast- In der Frage der militärischen Gehorsamspflicht gegenüber
haus vorbei fuhr, das ehemals Peter Mayr gehörte, fragte er: Ist dem Staat hatten ausnahmslos alle anderen Bischöfe und Kar-
dieser Peter Mayr eigentlich nicht mehr als die Märtyrer? Und dinäle im Sinne des Christuswortes, dem „Kaiser zu geben, was
erklärte dies so: Bei den Märtyrern handelt es sich um den Glau- des Kaisers ist“, es bejaht, daß die militärische Gehorsams-
ben, und das ist immer etwas Schwerwiegendes, bei Peter Mayr pflicht grundsätzlich auch gegenüber dem faschistischen Re-
dagegen ging es nur um eine Lüge.“ (Reinhold Iblacker: „Kein Eid gime in Italien und gegenüber dem NS-Staat bestanden habe.
auf diesen Führer“, Innsbruck-Wien-München 1979, S. 50) In dem sogenannten Fuldaer „Dekalog-Hirtenbrief“ des deut-

Aus dem „Katholischen


Feldgesangbuch“.

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schen Episkopats hatten die am Grab des Hl. Bonifatius ver-
sammelten Bischöfe Deutschlands folgende Worte an die Di- Der SS-Eid als Eid einer Parteiorganisation
özesanen gerichtet, die am 29. August 1943 von allen katholi- „Der SS-Mann band sich also auf Gedeih und Verderb an den
schen Kanzeln des Reiches verlesen wurden: Willen und an das Schicksal Hitlers und schloß damit einen wah-
„Unser Herz gehört unserem Volke, zu dessen Hirten uns Gott ren Pakt mit dem Teufel ... Die Institution des Fahneneides wurde
bestellt hat; für unser Volk beten und arbeiten wir, mit ihm rin- so endgültig sinnentleert und das ursprünglich auf Gegenseitig-
keit angelegte Treueverhältnis pervertiert.“ In dem Eid der Waf-
gen und leiden wir.
fen-SS „kam anschaulich die Vorstellung eines Ordens zum Aus-
Vor allem sind wir mit unseren Gedanken, Gebeten, Wünschen druck, der allein und fanatisch Hitler ergeben war ...“ (Sven Lange:
und Sorgen bei unseren Kriegern, die in heldenmütigem Kampfe, „Der Fahneneid“, Dissertation an der Universität der Deutschen Bundeswehr
mit Opfern und Leiden ohne Zahl die Heimat schützen und vor Hamburg, Sommertrimester 2001, Edition Temmen, Bremen 2002, S. 137)
unabsehbarem Unglück bewahren.“ (Zitiert nach: Ludwig Volk: „Ak-
ten deutscher Bischöfe über die Lage der Kirche 1933 - 1945“, Veröffentli- Seine Handlungsweise wird bis heute teilweise kontrovers dis-
chungen der Kommission für Zeitgeschichte, Reihe A: Quellen, Bd.38, IV kutiert. Manche meinen, er hätte mit Rücksicht auf seine Frau
1943 - 1945, Mainz 1985, S. 180)
und sein Kind nicht derart kompromißlos handeln sollen. Er
Die Bischöfe werden damals auch voll Sorge nach Osten ge- hätte den SS-Eid ruhig leisten können, es sei ohnedies abzuse-
blickt haben, wo sich die rote Sturmflut aufstaute, um Europa hen gewesen, daß der Krieg und damit das NS-Regime bald
zu überfluten und zu verschlingen. Die Bischöfe werden den vorbei sein würden.
Bolschewismus wohl auch für ein Unglück für die Menschen Mayr-Nusser, dessen moralische und religiöse Integrität und
gehalten haben. Folgerichtig haben sie die Verteidigung der dessen Mut außer Zweifel stehen, hat seine mit größter Tragik
Heimat gegen dieses Unheil für legitim und richtig erklärt. verbundene persönliche Entscheidung nach sorgsamer Abwä-
Es ist heute Mode geworden, den Bischöfen jener Zeit vorzu- gung vor seinem Gewissen und vor Gott getroffen und gerecht-
werfen, sie seien eine geistige Kumpanei mit dem NS-Regime fertigt. Er hat das Opfer, zu dem er sich entschieden hat, nie
eingegangen. Auch wenn man einräumt, daß außer Laien und von anderen verlangt. Man kann das nur mit tiefem Respekt
Angehörigen des niederen Klerus auch hohe kirchliche Wür- zur Kenntnis nehmen und sollte sich billiger Kritik enthalten.
denträger Irrtümern unterlegen sind, Schwäche gezeigt haben Seine eigene Witwe hat später die Entscheidung ihres Man-
und auch von Opportunismus nicht zur Gänze frei gewesen nes gebilligt und gesagt, daß ihr Mann aus seiner Gesinnung
sein mögen, so ist eine generelle Unterstellung dieser Art mit heraus nicht anders habe handeln können. Auch sein Sohn
Sicherheit nicht angebracht, wie Zeitdokumente beweisen. äußert heute, daß er größte Achtung vor dem Opfer seines Va-
In demselben „Dekalog-Hirtenbrief“ wird nämlich in einer ters habe und dieses verstehe.
ungemein offenen und mutigen Sprache mit dem NS-Regime
abgerechnet. Da man heute nur selten davon hört, was dem Erinnerung an eine schlimme Zeit – Dankbarkeit für das
Regime trotz aller Macht und Repressionsmöglichkeiten von Werk der Versöhnung
den Kanzeln herab in das Gesicht geschleudert worden ist, sei
Bis heute erinnert uns das traurige Schicksal des Josef Mayr-
eine Passage, die für viele weitere steht, hier wiedergegeben:
Nusser daran, in welch schreckliche Situation Faschismus und
„Kehre zurück zum Herrn, Deinem Gott! So ruft uns mit wuch-
Nationalsozialismus die Südtiroler gebracht hatten. In solch
tigem Ernst auch die heutige Zeit zu mit ihrem unheilvollen
schweren Zeiten haben nur große Charaktere den Mut, sich
Haß, ihrer abgrundtiefen Not und ihren furchtbaren Sünden
offen zu bekennen und mit den Machthabern auf Leben und
und Vergehen. Der Ruf ergeht an alle jene, die ... an die Stelle
Tod anzulegen.
der Liebe den Haß, an die Stelle von Recht und Gerechtigkeit
Der Name Josef Mayr-Nusser steht hier in einer Reihe mit
die Gewalt, an die Stelle der Sittlichkeit die Nützlichkeit zum
rühmenswerten Namen aus der Tiroler Geschichte, derer wir
Lebensgesetz der Menschheit erheben wollen.
gedenken. Er erinnert an Bekenner wie Peter Mayr, Wirt an
Auch an jene ergeht der Ruf, welche sich einen Gott zurecht rich-
der Mahr, der Mayr-Nussers großes Vorbild war und der sein
ten, ... der nur für ihre Nation oder Rasse da ist und für sie zu
Leben vor dem französischen Kriegsgericht nicht mit der Not-
sorgen hat. An sie hat der Hl. Vater Pius XI. das mahnende
lüge hatte erkaufen wollte, er habe von dem Friedensschluß
Wort gerichtet: ‚Nur oberflächliche Geister können der Irrlehre
des österreichischen Kaisers mit Napoleon nichts gewußt.
verfallen, von einem nationalen Gott, von einer nationalen Re-
Die aufrechte Haltung Mayr-Nussers gegenüber einer über-
ligion zu sprechen, können den Wahnversuch unternehmen, Gott,
mächtig erscheinenden Staatsgewalt erinnert auch an den
den Schöpfer aller Welt, den König und Gesetzgeber aller Völ-
ebenfalls tief religiösen und moralisch unbestechlichen Josef
ker, vor dessen Größe die Nationen klein sind wie die Tropfen
Kerschbaumer aus Frangart, der als Freiheitskämpfer von 1961
am Wassereimer (Is. 40,15) in die Grenzen eines Volkes, in die
vor den Schranken des Gerichtes in Mailand mit tiefem Ernst
blutmäßige Enge einer einzelnen Rasse einkerkern zu wollen.“
sein Bekenntnis zur Heimat und zur Freiheit abgelegt hat. Auch
(Ludwig Volk, a.a. O., S. 179)
Kerschbaumer hat sich dabei auf die göttliche Ordnung und
Gegen Ende des Hirtenbriefes erklärten die Bischöfe, daß sie die Prinzipien einer höheren Gerechtigkeit berufen.
sich den mahnenden Worten verpflichtet fühlten, die ihnen bei Bei all diesen Männern stand die moralische Überzeugung in
ihrer Bischofsweihe über Sinn und Inhalt ihres Amtes vorge- Einklang mit dem, was sie vor Gott und den Menschen sagten
halten worden waren und die da lauteten: „Der Bischof liebe und taten.
die Wahrheit und verlasse sie nie, weder durch Lob noch durch Es muß auch der Größe eines Kanonikus Gamper gedacht wer-
Furcht überwunden. Nicht mache er das Licht zur Finsternis, den, der dem Vermächtnis von Bekennern wie Mayr-Nusser
die Finsternis zum Licht. Das Böse nenne er nicht gut, das Gute gerecht wurde, indem er nach 1945 das geteilte und verfeinde-
nicht böse.“ (Ludwig Volk, a.a. O., S. 196) te Volk wieder im Geiste der Nächstenliebe und Vergebung
In ähnlicher Weise und mit demselben Mut äußerten sich die versöhnte. Er hat damit auch die wichtigste Voraussetzung zur
Bischöfe noch in weiteren Hirtenbriefen. weiteren Selbstbehauptung der Südtiroler in ihrer Identität
des Glaubens, der Sprache, der Kultur und des Volkstums ge-
Mayr-Nussers Entscheidung vor seinem Gewissen schaffen.
und vor Gott
Josef Mayr-Nusser hat im Grunde die Einstellung der deut- Impressum
schen Bischöfe geteilt. Er hat die Wehrpflicht und den Abwehr- Tiroler – Dokumentation 57/2010 ISBN 978-3-921916-07-0
kampf gegen die Rote Arme bejaht und gleichzeitig die in Arbeitsgemeinschaft zur Herausgabe des „Tiroler“
Deutschland herrschende NS-Ideologie verabscheut. So wird Für den Inhalt verantwortlich: Peter Kienesberger
seine Entscheidung verständlich, den Dienst in der Wehrmacht Postanschrift: Postfach 8, A-6170 Zirl Tirol (Nord)
zu bejahen, den für eine politische Ideologie stehenden SS-Eid info@gesamttirol.eu oder landeseinheit@gmx.net
aber abzulehnen und zu verweigern. Nachdruck mit Quellenangabe erlaubt!

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