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gehirn&geist

Das Magazin für Psychologie und Hirnforschung

gehirn & geist Das Magazin für Psychologie und Hirnforschung Nr. 9/2009 € 7,90 / 15,40 sFr.

Nr. 9/2009 7,90 / 15,40 sFr.

gehirn-und-geist.de

gehirn & geist Das Magazin für Psychologie und Hirnforschung Nr. 9/2009 € 7,90 / 15,40 sFr.

editorial

editorial Carsten Könneker Chefredakteur koenneker@gehirn-und-geist.de die GeHeimNisse des icH Als wir in der Redaktion

Carsten Könneker

Chefredakteur

koenneker@gehirn-und-geist.de

die GeHeimNisse des icH

Als wir in der Redaktion die aktuelle Serie über »Die 5 größten Rätsel der Hirnforschung« planten, stand schnell fest, dass die Folge »Gehirn und Persön­ lichkeit« gleichzeitig Titelthema werden würde. Denn die Frage, wie Gehirn­ aktivität mit unserem Ich­Erleben sowie mit individuellen Persönlichkeitsmerk­ malen zusammenhängt, betrifft jeden – und beschäftigt seit einigen Jahren eine wachsende Zahl von Wissenschaftlern. Ein intaktes Selbstbild zu haben ist für die meisten von uns so selbstverständ­ lich wie laufen oder sehen können. Erst psychische Erkrankungen führen uns vor Augen, dass das Ich aus den Fugen geraten kann, etwa wenn während einer psychotischen Phase die Grenze zwischen Ich und »Welt« verschwimmt. Der Psychiater Uwe Herwig geht davon aus, dass die Suche nach den neurobiolo­ gischen Korrelaten solcher Störungsbilder neue Therapiewege eröffnet. Darüber hinaus hofft der Forscher von der Uniklinik Zürich, eine ganz andere Frage be­ antworten zu können: Warum verfügen wir überhaupt über ein Ich, das sich sei­ ner selbst und der Umwelt bewusst ist und im Normalfall beides klar voneinan­ der trennt? Dieses Rätsel, das die Philosophie­ und Wissenschaftsgeschichte seit 2500 Jahren beschäftigt, greift die aktuelle Forschung auf (S. 24).

Die Erkundung des Selbst geht aber noch weiter. Zumindest in Ansätzen lernen Neuroforscher heute zu verstehen, wie Persönlichkeitseigenschaften und Gehirn­ prozesse zusammenhängen. Hier gilt es vorsichtig zu sein und nicht vorschnell das biologische Geschehen als Ursache bestimmter Charaktermerkmale eines Menschen auszugeben. Dennoch ist es hochspannend zu beobachten, dass eine lange bestehende Kluft zwischen Persönlichkeitspsychologen einerseits und Neu­ rowissenschaftlern andererseits aktuell durch eine Reihe von Studien überbrückt wird. Einer der Protagonisten dieser Forschung ist Christian Fiebach, Professor für Kognitive Neurowissenschaften an der Universität Heidelberg. Ab S. 30 trägt er die wichtigsten Befunde seines jungen Forschungszweigs zusammen. Eine gute Lektüre wünscht Ihr

Forschungszweigs zusammen. Eine gute Lektüre wünscht Ihr AUTorEn In dIESEM HEfT Kaufsucht stellt für Betroffene wie

AUTorEn In dIESEM HEfT

Eine gute Lektüre wünscht Ihr AUTorEn In dIESEM HEfT Kaufsucht stellt für Betroffene wie für deren

Kaufsucht stellt für Betroffene wie für deren Angehörige ein gravierendes Problem dar. Warum die Störung häufig unbehandelt bleibt, erklärt die Psychologin Astrid Müller vom neuropsychiatric research Institute in fargo, north dakota (S. 14).

research Institute in fargo, north dakota (S. 14). Gibt es seelische risikofak- toren für Krebs? Hilft

Gibt es seelische risikofak- toren für Krebs? Hilft positives denken bei der Genesung? Volker Tschuschke, Professor für Medizinische Psychologie an der Universität Köln, erforscht, wie die Psyche Ausbruch und Verlauf von Tumorerkrankungen beein- flusst (S. 36).

und Verlauf von Tumorerkrankungen beein- flusst (S. 36). Vor mehr als 2000 Jahren beschrieb Herophil von

Vor mehr als 2000 Jahren beschrieb Herophil von Chalcedon als Erster den Aufbau des Gehirns. der Anatom Helmut Wicht von der Universität frankfurt am Main und G&G-redakteur Hartwig Hanser stellen den Urvater der Hirnforschung und sein Wirken vor (S. 50).

Neu im HaNdel! Soeben erschien das vierte Heft unserer Serie »Kindesentwick- lung« – mit einer

Neu im HaNdel!

Soeben erschien das vierte Heft unserer Serie »Kindesentwick- lung« – mit einer Auswahl der besten G&G-Artikel zum Jugendalter. Themen unter anderem: Hirnumbau während der Pubertät, Ursachen und Therapie von Essstörungen, Sucht- gefahr durch Partydrogen, Mobbing per Internet und Handy sowie Schuleschwänzen

inHAlt

HermAnn-gitter-illuSion 56

8 GeistesBlitze

Protein als erFolGsinDikator Depressionsbehandlung hinterlässt chemische Spuren

GeschWächte alzheimeraBWehr Mit dem Alter und im Krankheits­ verlauf schwindet die Zahl schützen­ der Antikörper

skePtische sitzenBleiBer Männer und Frauen »speed­daten« doch nicht verschieden!

Gut GeBrüllt! Kapuzineraffen manipulieren Art­

genossen mit fingierten Warnschreien

schWieriGer start ins leBen Nächstgeborene Kinder nach einer Totgeburt haben ein schlechteres

Verhältnis zur Mutter

meine zanGe Gehört zu mir Das Gehirn integriert Werkzeuge ins eigene Körperbild

Doch kein »GlücksGen«? Ein einzelner Erbfaktor erhöht nicht das Depressionsrisiko

2300 JAHre HirnAnAtomie 50
2300 JAHre HirnAnAtomie 50

psychologie

das Depressionsrisiko 2300 JAHre HirnAnAtomie 50 psychologie 14 Wenn shoPPen zur sucht WirD Obwohl Betroffene lieber

14 Wenn shoPPen zur sucht WirD

HirnAnAtomie 50 psychologie 14 Wenn shoPPen zur sucht WirD Obwohl Betroffene lieber schweigen und Ärzte sie

Obwohl Betroffene lieber schweigen und Ärzte sie oft nicht beachten, ist Kaufsucht ein ernsthaftes Problem. Die Psychologin Astrid Müller erklärt, wann die Shopping­ lust entgleitet und welche Behandlung hilft

Angemerkt!

19 Falsche GeWichtunG

Forscher, Politiker und Medien sollten nicht länger so tun, als sei in erster Linie jeder selbst für sein Körpergewicht verant­ wortlich, kritisiert der Mediziner Johannes Hebebrand von der Universität Duisburg­ Essen

interview

20 »lernen ist ein kommunikativer akt«

Die Entwicklungspsychologin Uta Frith verrät, warum es den Schulerfolg von Kindern fördert, wenn sie sich in andere hineinversetzen

kAufSucHt 14

PSycHe und krebS 3636

titelthema

24 Der Blick nach innen

4 PSycHe und krebS 3636 titelthema 24 Der Blick nach innen Wie entsteht unser Selbstbild? Und

Wie entsteht unser Selbstbild? Und – wa­ rum überhaupt? Immer tiefer dringen Neu­ ropsychologen und Hirnforscher in das menschliche Bewusstsein vor. Ihr Fazit: Ein »Ich« zu haben, ermöglicht es dem Men­ schen, flexibel und kontrolliert zu agieren

Serie: die 5 gröSSten rätSel der HirnforScHung (iii)

30 Puzzle Der Persönlichkeit

Die grauen Zellen bringen unsere geistigen Leistungen hervor. Sollte man dann nicht an Eigenarten des Gehirns individuelle Züge wie Impulsivität oder Intelligenz ablesen können? So weit sind Forscher noch nicht. Doch schon heute zeichnet sich ein Bild des »charakterbildenden« Wechsel­ spiels von Genen, Gehirn und Umwelt ab

Titelmotiv:

Meganim / Porträt: Fotolia / Daniel Dash [M]

Das sind unsere Coverthemen Diese Artikel können Sie als Audiodatei im Internet beziehen:

www.gehirn-und-geist.de/audio

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titelthema

Mosaik der Persönlichkeit

24

Das Selbst im Gehirn

30

Neuronale Grundlagen des Charakters

spezial psyche und krebs

Grundlagen des Charakters spezial psyche und krebs 36 Den toD im leiB Die Diagnose Krebs hat

36 Den toD im leiB

Die Diagnose Krebs hat nichts von ihrem Schrecken verloren. Wie bewältigen Tumor­ patienten ihr schweres Schicksal? Kann die Psyche Ausbruch und Verlauf der Krank­ heit beeinflussen? Wirkt sie sich gar auf die Lebenserwartung der Betroffenen aus? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der Kölner Psychoonkologe Volker Tschuschke

42 »mein leBen mit Dem kreBs«

Volker Tschuschke 42 »mein leBen mit Dem kreBs« 2004 wurde bei Petra Bugar Darmkrebs im fortgeschrittenen

2004 wurde bei Petra Bugar Darmkrebs im fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert. Nach sofortiger Operation folgten diverse Chemotherapien – doch der Tumor kam wieder. Heute berichtet die 53­Jährige, wie sie gelernt hat, sich trotz ihrer unheilbaren Erkrankung die Freude am Leben zu bewahren

ihrer unheilbaren Erkrankung die Freude am Leben zu bewahren hirnforschung 50 anatom Der ersten stunDe Vor

hirnforschung

50 anatom Der ersten stunDe

Vor mehr als 2000 Jahren begründete Herophil von Chalcedon die Humananato­ mie – die Lehre vom Aufbau des mensch­ lichen Körpers. Er beschrieb als Erster die Teile unseres Gehirns, die Hirnnerven sowie die Netzhaut des Auges. Doch seine Methoden waren nicht gerade zimperlich

von Sinnen

56 FlüchtiGe schatten auF Der strassenkreuzunG

Wie die berühmte Hermann­Gitter­Illusion zu Stande kommt, galt längst als geklärt. Doch 2004 brachte ein einziges Bild die Lehrbuchweisheit zu Fall. Bis heute stehen Wahrnehmungsforscher vor einem Rätsel, konstatiert der Psychologe Rainer Rosen­ zweig

60 hormonelle harmonie

der Psychologe Rainer Rosen­ zweig 60 hormonelle harmonie Zwei Hirnhälften sitzen in unserem Kopf. Von unseren

Zwei Hirnhälften sitzen in unserem Kopf. Von unseren Hormonen hängt ab, ob wir beide Hemisphären zu gleichen Teilen oder eher einseitig nutzen, entdeckten die Biopsychologen Markus Hausmann und Ulrike Bayer von der Durham University

rubriken

3

Editorial

6

Leserbriefe

66

Besser Denken: Coaching statt Nachhilfe – so fördern Eltern ihre Kinder am besten

70

Auf Sendung

72

Termine

77

Bücher und mehr u. a. mit Rezensionen zu Jonah Lehrer: Wie wir entscheiden Stephan Schleim et al.:

Von der Neuroethik zum Neurorecht? Sam Gosling: Snoop

80

Gewinnspiel

84

Impressum

85

Winters’ Nachschlag

87

Marktplatz

88

Online

90

Vorschau

87 Marktplatz 88 Online 90 Vorschau geHirn & geiSt – das Magazin für Psychologie und

geHirn&geiSt – das Magazin für Psychologie und Hirnforschung aus dem Verlag Spektrum der Wissenschaft

Fotolia / Saniphoto

leserbriefe

alTernaTIve TraumaTherapIen

Der Mediziner Ulrich Frommberger und der Psychologe Nikolas Westerhoff gaben einen Überblick über die effektivsten Behandlungsmethoden bei Posttraumatischer Belastungs- störung. (»Dem Schrecken ein Ende setzen«, Heft 6/2009, ab S. 38)

Ute Kaiser, Erding: Ein großer Teil des Artikels stellt pharmakologische und nur ein verhältnismäßig kurzer Teil therapeutische, rein aufdeckende, konfrontative Metho­ den vor. Die große Richtung der stabilisierenden, langwierigeren Verfahren aber spa­ ren die Autoren aus. Maßgebliche Traumaforscher wie Luise Reddemann und Willi Butollo haben he­ rausgefunden, dass der Betroffene erst viermal Stabilisierung braucht, bevor er sich konfrontieren kann, und dass der Wert der Konfrontation sehr überschätzt wird. Ein­ maligen Ereignissen von Gewalt und Grauen kann man vielleicht gut mit narrativer Expositionstherapie begegnen, aber chronische, diffuse oder frühkindliche Traumata können durch zu schnelle Konfrontation im Gegenteil sogar massiv verstärkt werden. Es ist nicht jedes Trauma gleich, und auch nicht jedem kann man gleich begegnen. Das aber legt der Artikel nahe! Es ist eine Frage der Werte, die man zu Grunde legt: Was ist wichtiger, die Heilung eines Menschen oder sein schnelles wieder Funktionieren?

Michael Peter Antes, Saarlouis: Als Hypnopsychotherapeut und Ausbilder in Hypno­ therapie bedauere ich es sehr, dass die Autoren die Hypnotherapie noch nicht einmal im Ansatz erwähnten, obwohl dieses Verfahren neben der EMDR wahrscheinlich das wirkungsvollste Traumabehandlungskonzept enthält. Insbesondere die kombinierte Traumatherapie von Götz Renartz stellt ein innovatives und leicht anwendbares Ver­ fahren dar, Traumata aufzulösen. Sie erwähnen zwar auf S. 44 den Behandlungsansatz von Mervin Smucker aus den USA, der teilweise Elemente enthält, die in der Hypno­ psychotherapie verwendet werden, doch wäre es sicher hilfreich und sinnvoll, auf das bekannte Expertenwissen der Praktiker zurückzugreifen, statt so zu tun, als müsste man hier das Rad neu erfinden.

In BezIehungen denken

Im Interview erläuterte der Psychiater und Philosoph Thomas Fuchs, wie kulturelle Ein- flüsse die Informationsverarbeitung in un- serem Gehirn verändern. (»Kultur existiert zwischen Gehirnen«, Heft 6/2009, S. 20)

Wolf Delong, Erlangen: Den Beginn der Artikelserie »Die 5 größten Rätsel der Hirn­ forschung« in Heft 6/2009 begrüße ich sehr. Besonders bemerkenswert fand ich das Interview mit Herrn Professor Fuchs, das die Aussage »Eine Tasse ist nicht ein­ fach eine Tasse, sondern ein Ding mit ei­ ner bestimmten Handhabung« enthielt. Die Frage wäre: Wie muss man sich das praktisch vorstellen? Warum fällt es uns so schwer, derart in Beziehungen zu denken? Prof. Fuchs stößt hier ein Thema an, dessen Raum gar nicht groß genug sein kann, weil es unser Weltbild nachhal­ tig verändern wird, falls wir die Diskus­

sion ernsthaft fortführen. Meines Erach­ tens zeigt sich hier unser Unvermögen, ausreichend in Beziehungen zu denken. Stets fokussieren wir auf Objekte und versuchen, diese in Modellen zu beschrei­ ben. Dabei bleiben die Beziehungen auf der Strecke.

keIne TaBus In der WIssen- schafT!

Jens Asendorpf und Matthias Wenderlein präsentierten unterschiedliche Sichtweisen zum Einsatz von Intelligenztests. (»Darf man mit IQ-Tests Ethnien oder Geschlechter vergleichen?«, Heft 5/2009, ab S. 14)

Dr. Tobias Wieczorek, Karlsruhe: Der Aus­ sage, dass mit Intelligenztests Ethnien oder Geschlechter nicht verglichen wer­ den dürfen, ist aufs Heftigste zu wider­ sprechen. Bei Wissenschaft geht es in

Langer SChatten der Vergangenheit als Kind erlebte Misshandlungen können ein trauma verursachen.

erster Linie um Erkenntnisgewinn, unab­ hängig davon, ob einem die gewonnenen Erkenntnisse gefallen oder nicht – wobei stets die angewendeten Methoden eben­ so zu untersuchen sind wie das eigent­ liche Untersuchungsobjekt. Irgendwelche Bereiche aus diesem Erkenntnisstreben herauszunehmen, quasi zu tabuisieren, aus welchen Gründen auch immer, ent­ spricht nicht der wissenschaftlichen Vor­ gehensweise. Selbst wenn man sich auf einen Kanon einigte, was erforschbar ist und was nicht – und das ist schon schwer genug vorstellbar, man denke nur an die divergierenden Ansichten zu Themen wie Gentechnik, Kerntechnik, Evolution oder moderne Chemie –, es bleibt die Tat­ sache, dass eine solche Einschränkung nicht dem Wesen der Wissenschaft ent­ spricht. Dass Intelligenztests noch nicht am Ende ihrer Möglichkeiten angelangt sind,

Fotolia / GriScha GeorGiew

mag zutreffen, nur lässt sich dieser Zu­ stand gewiss nicht verbessern, indem man die Forschung mit ihnen verbietet. Außerdem ist die Behauptung, es gehe um das Wohl der Menschen, ohnehin meist vorgeschoben; in der Regel stehen andere Interessen dahinter wie Machter­ halt, religiöse Deutungshoheit, Festhal­ ten an lieb gewonnenen Überzeugungen, Aufrechterhalten von Ideologien – kurz der Versuch, Diskrepanzen zwischen der Welt und dem eigenen Weltbild durch Korrektur der Welt (oder eben durch nicht Hinsehen) aufzulösen. Das mag für sich privat jeder nach ei­ genem Belieben entscheiden, aber aus seiner Entscheidung Verbote für andere abzuleiten, führt früher oder später zur Gefährdung der Freiheit der Wissen­ schaft. Wehret den Anfängen!

zölIBaT und mIssBrauch

Den evolutionären Wert von Spiritualität und Frömmigkeit erkundete der Religions- wissenschaftler Michael Blume (»Homo religiosus«, Heft 4/2009, ab S. 32)

Prof. Kuno Kirschfeld, Tübingen: Im Ar­ tikel wird die Fotografie einer lachenden Kinderschar an der Hand einer Nonne ge­ zeigt. Daneben steht: »Die freiwillige Ehe­ und Kinderlosigkeit wichtiger Glaubens­ vertreter stärkt unterm Strich den Erhalt der Gemeinschaft.« Leider kann ich sol­ che Bilder nicht mehr unbefangen an­ schauen; heute müsste der positive Kom­ mentar zum Bild doch kritisch hinter­ fragt werden. Zu lang ist die Kette der Berichte über den Missbrauch von Kin­

Briefe an die Redaktion …

… sind willkommen! Schreiben Sie bitte mit Ihrer vollständigen Adresse an:

Gehirn&Geist Frau Anja Albat-Nollau Postfach 10 48 40, 69038 Heidelberg E-Mail: leserbriefe@gehirn-und-geist.de Fax: 06221 9126-729 Weitere Leserbriefe finden Sie unter:

www.gehirn-und-geist.de/leserbriefe

dern und Jugendlichen durch katholische Priester und kirchliche Einrichtungen, wie vor Kurzem aus Irland. Meines Erachtens müsste geklärt wer­ den, ob der Missbrauch von Kindern durch zölibatär lebende Priester beson­ ders häufig ist. Parallel müsste von ideo­ logiefreien Psychotherapeuten oder Psy­ chiatern untersucht werden, ob zölibatä­ res Leben dieses Fehlverhalten womög­ lich begünstigt. Die »freiwillige Ehelosigkeit« ist zu­ dem nur bedingt freiwillig. Natürlich ent­ scheiden sich angehende Priester und Nonnen in ihrer Jugend aus freien Stü­ cken für das Zölibat. Während eines über lange Jahre gelebten Lebens kann sich aber die Einstellung zur Ehelosigkeit än­ dern, ein Weg zurück ist dann allerdings versperrt: Er würde fast immer den Ver­ lust der Arbeit bedeuten und damit der sozialen Sicherheit. Sollte sich ein ursächlicher Zusam­ menhang zwischen Kindesmissbrauch und zölibatärem Leben ergeben, so müsste unsere Regierung diese Evidenz der katholischen Kirche vorlegen mit dem Ziel, eine Abschaffung des Zölibats zu erreichen. Schlimmstenfalls müsste der Gesetzgeber tätig werden. Wenn es um unsere Kinder geht, darf es keine Ta­ bus geben.

chemIe BrauchT zeIT

Laut einer neuen EEG-Studie bemerkt das Gehirn von Klavierspielern einen Fehlgriff, noch bevor der falsche Ton erklingt. (»Fehler erkannt, doch nicht gebannt«, Geistesblitze Heft 6/2009, S. 8)

doch nicht gebannt«, Geistesblitze Heft 6/2009, S. 8) daneben gegriffen einen fehler beim Klavierspiel registriert

daneben gegriffen

einen fehler beim Klavierspiel registriert

das gehirn von Pianisten sogar schon, bevor

er zu hören ist.

Dr. Joachim von Hirsch, Schwerte: Der Impuls, der zur Handbewegung führt, dauert 0,1 Sekunden, weil er chemisch, nämlich molekular durch Botenstoffe, erfolgt. Ähnlich erfolgt die Diffusion in wässriger Lösung. Botenstoffe heißen Botenstoffe, weil sie Stoffe, also Materie, sind. Die Informationsweitergabe durch Materie erfolgt mit einer endlichen Ge­ schwindigkeit. So dauert es eine halbe Sekunde, bis ich den Schmerz verspüre, wenn ich mir mit einer Nadel in den gro­ ßen Zeh steche. Diese endliche Geschwin­ digkeit beträgt somit rund fünf Meter pro Sekunde.

erraTum

Im Inhaltsverzeichnis von G&G 6/2009 war bei einem Geistesblitz unter der Überschrift »Universeller Ohrenschmaus« von »Afrikanern« statt (richtigerweise) von »Urwaldbewohnern« die Rede. Wir bitten diese unglückliche Formulierung zu entschuldigen.

Zuletzt erschienen:

Zuletzt erschienen: 7-8/2009 6/2009 5/2009 Nachbestellungen unter: www.gehirn-und-geist.de oder telefonisch: 06221 9126-743

7-8/2009

Zuletzt erschienen: 7-8/2009 6/2009 5/2009 Nachbestellungen unter: www.gehirn-und-geist.de oder telefonisch: 06221 9126-743

6/2009

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5/2009

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geistesblitze

PsychotheraPie

Protein als Erfolgsindikator

Depressionstherapie erhöht die Konzentration eines wichtigen Transkriptionsfaktors im Gehirn.

U m Depressionen zu behandeln, grei- fen Ärzte häufig auf Medikamente

zurück, die den Stoffhaushalt des Gehirns verändern. Nun konnten Kieler Forscher nachweisen, dass auch reine Psychothe- rapie auf ähnliche Weise wirkt: Eine er- folgreiche Behandlung lässt die Konzen- tration des Transkriptionsfaktors CREB (CyclicAMP Response Element-Binding Protein) ansteigen. Dieses Protein sorgt dafür, dass bestimmte Gene in den Zell- kernen von Neuronen vermehrt abgele- sen werden. Ein Team um den Psychiater Jakob Koch von der Kieler Christian-Albrechts-

Universität untersuchte insgesamt 30 Patienten, die unter Depressionen litten. Sechs Wochen lang absolvierten die Pro- banden eine Interpersonelle Psychothe- rapie mit insgesamt zwölf Gesprächs- sitzungen. Bei rund der Hälfte der Teil- nehmer zeigte diese Kurzzeitbehandlung Wirkung: Die Schwere ihrer Depression – per Fragebogen ermittelt – ging deutlich zurück. Bereits eine Woche nach Therapiebe- ginn konnten die Forscher bei diesen Pa- tienten eine erhöhte Konzentration an pCREB, der aktiven Form des Proteins, messen. Bei jenen Teilnehmern, die nicht

auf die Behandlung ansprachen, fand sich dagegen kein solcher Anstieg. Was zuvor schon für Antidepressiva bekannt war, trifft somit auch für die Psychotherapie zu: Eine erfolgreiche Be- handlung führt zu mehr aktiviertem CREB. Das Protein fördert unter anderem das Wachstum neuer Nervenzellen und Synapsen, was eine wichtige Rolle beim Lernen spielt. »Zum ersten Mal zeigt ein zellulärer, biologischer Marker die Wir- kung einer Psychotherapie an«, so die Autoren der Studie. (sc) Psychotherapy and Psychosomatics 78, S. 187 – 192, 2009

DeMeNZ

Geschwächte Alzheimerabwehr

Mit dem Alter und mit fortschreitender Erkrankung schwindet die Zahl schützender Antikörper.

B ei der Alzheimerkrankheit kommt es vermehrt zu Ablagerungen im Ge-

hirn und in den Blutgefäßen. Diese so genannten Plaques bestehen aus ver- klumpten Eiweißresten, den Beta-Amy- loiden. Wie Wissenschaftler der Stanford University in Palo Alto (US-Bundesstaat

der Stanford University in Palo Alto (US-Bundesstaat Kalifornien) jetzt herausfanden, besitzen auch gesunde

Kalifornien) jetzt herausfanden, besitzen auch gesunde Menschen Antikörper ge- gen diese Proteinklumpen. Das Immun- system kann sie demnach also bekämp- fen – im Prinzip jedenfalls. Die Zahl der Antikörper sinkt jedoch mit zuneh- mendem Alter und fortschreitender Er- krankung. Das Team um Markus Britschgi und Tony Wyss-Coray untersuchte bei insge- samt 250 gesunden sowie an Alzheimer erkrankten Probanden zwischen 21 und 89 Jahren, auf welche Arten von Plaques ihre natürlichen Antikörper reagieren. Diese Eiweißklumpen gibt es nämlich in vielen Varianten – aus verschieden ab- gewandelten und mutierten Formen des ursprünglichen Beta-Amyloids. Auf Mikrochips testeten die Wissen- schaftler für 100 davon, wie das Blut der Probanden auf sie reagierte. Ergebnis:

sPiEl mit! Der natürliche schutz gegen Alzheimer bröckelt mit den Jahren. Umso wichtiger ist es, das Gehirn im Alter fit zu halten.

Am stärksten banden die Antikörper an so genannte Oligomere, kleinere Klum- pen aus nur wenigen Peptiden. Statt der großformatigen Ablagerungen bekämpft das Immunsystem offenbar eher die frü- hen Vorläufer, die sich nur aus wenigen Molekülen zusammensetzen. Diese Pla- ques haben alle noch eine relativ ähn- liche Form und können von den Antikör- pern besser erkannt werden. Frühere Experimente hatten bereits gezeigt, dass es Antikörper gegen die nor- male, nichtmutierte Form des Beta-Amy- loids gibt. Deren Anzahl kann durch ge- zielte Immunisierung sogar erhöht wer- den. Die Forscher konnten nun erstmals belegen, dass selbst junge und gesunde Menschen Antikörper gegen die abge- wandelten Formen des Peptids in sich tragen. Nach Ansicht der Wissenschaftler könnte eine Behandlung mit diesen Pep- tiden zu einer stärkeren Bildung von Antikörpern führen und so das Immun- system besser gegen die Alzheimerkrank- heit wappnen. (sc)

PNAS online 2009, DOI:

10.1073pnas.0904866106

Mit frdl. Gen. des oBs / datinGcafé

Mit frdl. Gen. des oBs / datinGcafé sCHÄtZCHEN WECHsEl DiCH Wer beim speeddating die Plätze wechseln

sCHÄtZCHEN WECHsEl DiCH Wer beim speeddating die Plätze wechseln muss, beurteilt potenzielle Partner/innen weniger kritisch.

PartNerWahL

skeptische sitzenbleiber

Männer und Frauen sind beim Speeddating ähnlich wählerisch.

Tagesaktuelle Meldungen aus Psychologie und Hirnforschung finden Sie im Internet unter www.wissenschaft-online.de/ psychologie

Meldungen aus Psychologie und Hirnforschung finden Sie im Internet unter www.wissenschaft-online.de/ psychologie

U ntersuchungen zum Speeddating schienen bislang stets eine alte Weisheit zu bestätigen: Frauen seien bei der Part-

nerwahl kritischer als Männer. Doch nun sammelten die Psy- chologen Eli Finkel und Paul Eastwick von der Northwestern University in Evanstown (US-Bundesstaat Illinois) Belege dafür, dass diese Erkenntnis dem »Versuchsaufbau« geschuldet sein könnte. Beim Speeddating treffen sich männliche und weibliche Sin- gles jeweils zu einem kurzen Geplauder. Üblicherweise bleiben die Damen an ihrem Tisch sitzen, während die Herren alle fünf Minuten den Platz wechseln. Nach Ende der Veranstaltung kreu- zen die Teilnehmer auf einem Fragebogen an, welchen ihrer Ge- sprächspartner sie gerne wiedersehen möchten. Im ersten Durchlauf eines solchen Prozederes konnten Fin- kel und Eastwick die gängige Lehrmeinung bestätigen. Männer wollten im Schnitt 50 Prozent ihrer Dates noch einmal treffen; die Frauen konnten sich dies lediglich in 43 Prozent der Fälle vorstellen.

In einem zweiten Durchgang ließen die beiden Psychologen ihre Probanden jedoch kurzerhand die Rollen tauschen. Nun blieb Er sitzen und empfing alle fünf Minuten eine neue Sie. Und siehe da: Die Männer votierten jetzt ihrerseits nur noch bei 43 Prozent der Damen für ein Wiedersehen, dagegen waren die Frauen mit 46 Prozent weniger wählerisch als zuvor. Finkel und Eastwick organisierten 15 Speeddating-Abende mit insgesamt 350 Teilnehmern. Ihr Fazit: Nicht das Geschlecht entscheidet darüber, wie kritisch die Probanden bei der Partner- wahl sind – sondern, ob sie stets am gleichen Tisch sitzen blei- ben oder umherwandern! Die Dauerhocker könnten die Hinzutretenden leichter als »Bewerber« wahrnehmen und sich dadurch besonders begehrt fühlen. Das verleite dazu, strengere Maßstäbe anzulegen. Zu- dem würden Männer bei möglichen Partnerinnen besonderes Augenmerk auf das Verhältnis von Hüfte zu Taille legen – und das lässt sich besser beurteilen, wenn die Frau steht. (jd) Psychological Science 2009 (im Druck)

istockphoto / torsten karock

istockphoto / torsten karock EiN KlUGEs KERlCHEN … schlägt Artgenossen per Fehlalarm in die Flucht –

EiN KlUGEs KERlCHEN … schlägt Artgenossen per Fehlalarm in die Flucht – und heimst das Futter selbst ein.

VerhaLteNsforschuNG

Gut gebrüllt!

Kapuzineraffen manipulieren Artgenossen mit fingierten Warnschreien.

U m Konkurrenten auszustechen, stoßen südamerikanische Schwarze Kapuzineraffen (Cebus apella nigritus) falsche

Alarmschreie aus: Diese sollen Artgenossen vor vermeintlichen Raubtieren warnen. Während die alarmierten Tiere fliehen, nut- zen die Schreihälse die Gelegenheit, Futter zu stibitzen. Dies beobachtete Brandon Wheeler von der Stony Brook University (US-Bundesstaat New York) bei einer Affenherde, der er Bananenstücke auf Holzplattformen anbot. Dabei variierte Wheeler die Menge und Aufteilung des Futters. Rangniedere Tiere nutzten die Strategie des gezielten Fehlalarms häufiger als dominante Affen. Außerdem lenkten die Tiere ihre Gruppenmitglieder umso eher in die Irre, je größer der Vorteil war, den dieses Manöver versprach. Indem sie andere täuschten, sparten sich die Trickser offenbar wertvolle Energie im Wettstreit um Nahrung, glaubt Wheeler. Obwohl die Primaten ihre Artgenossen regelmäßig irre- führten, reagierten die anderen Gruppenmitglieder immer wie- der auf die vermeintlichen Warnrufe und flüchteten. Offen- sichtlich schätzen sie den Verlust einer kleinen Nahrungsration geringer ein als die Gefahr zu sterben, falls tatsächlich ein Feind die Horde bedroht. Falsche Warnschreie, um eine Beute nicht mit anderen teilen zu müssen, wurden zuvor bereits bei Vögeln beobachtet. (lw)

Proceedings of the Royal Society B online 2009, DOI: 10.1098/rspb.2009.0544

KiNDeseNtWicKLuNG

schwieriger start ins leben

Nächstgeborene Kinder nach einer Totgeburt haben ein schlechteres Verhältnis zur Mutter.

E ine Totgeburt schadet der körperli- chen und geistigen Gesundheit des

nächstgeborenen Kindes nicht – erhöht aber die Gefahr familiärer Spannungen. Das fand ein Team um Penelope Turton von der St George’s University of London heraus. Die Forscher begleiteten insge- samt 52 Frauen, die ein Kind tot geboren hatten und danach ein weiteres auf die Welt brachten, bis der Nachwuchs sechs bis acht Jahre alt war. Als Vergleichsgrup- pe dienten 51 Mütter, die noch kein Kind verloren hatten. Während die Nächstgeborenen nach einer Totgeburt ebenso intelligent sowie psychisch und körperlich gesund waren wie Gleichaltrige aus der Kontrollgruppe,

fanden die Forscher vermehrt Probleme in der Mutter-Kind-Beziehung. Die Müt- ter kritisierten und kontrollierten ihren Nachwuchs häufiger, die Atmosphäre beim gemeinsamen Spiel war weniger harmonisch, und beide waren weniger engagiert bei der Sache. Außerdem meinten die Mütter bei ih- ren Kindern mehr Schwierigkeiten im Kontakt mit Gleichaltrigen zu beobach- ten – auch wenn das aus Sicht der jewei- ligen Lehrer nicht zutraf. Ob beim Kind tatsächlich Probleme vorlagen, blieb un- klar, so Turton. Die neuen Befunde passen zu einem Phänomen, das bislang nur aus Einzel- fällen bekannt war: Beim »Ersatzkind-

Syndrom« sind Mütter kritischer gegen- über ihrem Kind eingestellt, weil sie den Nachwuchs mit einer Idealvorstellung vom verlorenen Geschwister vergleichen. Es könnte allerdings auch sein, dass sie ihr Kind als besonders verletzlich wahr- nehmen und besorgter beobachten. Die Forscher wollen die Entwicklung der Nächstgeborenen nun bis in das Ju- gendalter hinein beobachten, um heraus- zufinden, ob sich das problematische Mutter-Kind-Verhältnis langfristig nicht doch auf Psyche oder Gesundheit aus- wirkt. (cg)

Journal of Child Psychology and Psychiatry online 2009; DOI: 10.1111/j.1469-7610.2009.02111.x

fotolia / hochGrat

seLBstWahrNehMuNG

meine Zange gehört zu mir

Binnen kurzer Zeit integriert unser Gehirn Werkzeuge ins eigene Körperbild.

U nser geschickter Umgang mit Werkzeugen – eine

der leichtesten Übungen für Homo sapiens – wurzelt offen- bar darin, dass das Gehirn die entsprechenden Gerätschaf- ten sehr schnell als Teil des Körpers wahrnimmt. Das be- richten französische Forscher von der Université Claude Ber- nard in Lyon. Ein Team um Alessandro Farné ließ Probanden zunächst mit Hilfe eines mechanischen Greifers kleine Objekte von ei- ner Tischplatte auflesen. In- nerhalb kurzer Zeit veränderte dies das normale Koordina- tionsvermögen der Versuchs- personen: Wer mehrfach mit dem künstlich verlängerten Arm zugelangt hatte, konnte zwar weiterhin mit bloßer

Hand nach Objekten greifen, ging dabei jedoch langsamer und vorsichtiger zu Werke als zuvor – so, als müsse sich der Bewegungsapparat erst wieder auf die kürzere Gliedmaße einstellen. In einem zweiten Schritt demonstrierten die Forscher, dass das Hantieren mit Ge- genständen tatsächlich die ei- gene Körperwahrnehmung beeinflusst: Berührungen an Ellbogen, Handgelenk oder Mittelfinger verorteten die »werkzeugerprobten« Pro- banden weiter von ihrer Kör- permitte entfernt als vor dem Gerätetraining. »Ist das Werkzeug erst ein- mal in das Körperschema in- tegriert«, erklärt Farnés Kolle- gin Lucilla Cardinali, »kann es

erklärt Farnés Kolle- gin Lucilla Cardinali, »kann es wie ein echter Körperteil kon- trolliert werden.« Diese

wie ein echter Körperteil kon- trolliert werden.« Diese Mani- pulation der Selbstwahrneh- mung erfolgt sehr schnell, hält aber nur kurz an. Nach zehn bis fünfzehn Minuten war der Effekt bereits wieder ver- schwunden. (cs) Current Biology 19(12), R478 – R479, 2009

WiE ANGEWACHsEN Das Hantieren mit Werkzeugen verändert die Wahrnehmung des eigenen Körpers.

illustration: Gehirn&Geist / MeGaniM foto links: fotolia / Michael Grünspek; foto rechts: fotolia / JacoB Wackerhausen

PsychoGeNetiK

Doch kein »Glücksgen«?

Forscher bezweifeln, dass ein einzelner Erbfaktor das Depressionsrisiko erhöht.

W er eine bestimmte Form des Gens 5-HTTLPR in sich trägt, soll mehre-

ren Studien zufolge eher dazu neigen, die guten Seiten des Lebens in den Blick zu nehmen und Stress besser verarbeiten zu können. Träger anderer Erbgutvarianten seien dagegen anfälliger für Depressio- nen (siehe auch G&G 9/2007, S. 52). Doch nun kamen Zweifel an dieser Theorie auf: Amerikanische Psychogene- tiker konnten den besagten Zusammen- hang in der bislang umfangreichsten Da- tenanalyse nicht bestätigen. Neil Risch von der University of Cali- fornia in San Francisco (USA) wertete zu-

sammen mit Kollegen insgesamt 14 Studien mit über 14 000 Probanden aus. Von jedem Teilnehmer kannten die For- scher die Ausprägung des vermeintlichen »Glücksgens«, das wichtig für den Trans- port des Hirnbotenstoffs Serotonin ist. Zudem wussten sie, ob die Probanden mit belastenden Lebensumständen zu kämpfen hatten und ob sie an Depressi- onen litten. Ergebnis der statistischen Auswer- tung: Es fand sich zwar eine Verbindung zwischen der psychischen Störung und emotionaler Belastung – die jeweilige Va- riante des Gens 5-HTTLPR spielte jedoch

ZWisCHEN FREUD UND lEiD Den Verdacht, ein spezifischer Erbgutfaktor erhöhe das Risiko, an einer Depression zu erkranken, konnten Us-Forscher in einer neuen Überblicksstudie nicht bestätigen.

keine Rolle. Weder fühlten sich Personen mit einer Mutation in diesem Gen allge- mein öfter niedergeschlagen noch schie- nen sie anfälliger dafür zu sein, unter schwierigen Lebensumständen an De- pression zu erkranken. Risch und seine Kollegen kritisieren, dass die »genetisch bedingte Schwer- mut« vorschnell als wissenschaftlich er- wiesen gegolten habe. Einzelne positive Befunde stellten noch keinen Beweis für ein genetisch verankertes Erkrankungs- risiko dar, so die Wissenschaftler. (sc) Journal of the American Medical Association 301(23), S. 2463 – 2471, 2009

psycholoGie i patholoGisches Kaufen

Wenn

Shoppen

zur Sucht wird

Wer seinem ständigen Kaufdrang nicht widerstehen kann, hat möglicherweise ein behandlungs­ bedürftiges Problem. Meist suchen Betroffene jedoch erst Hilfe, wenn die Schulden sie erdrücken oder die Partnerschaft zu zerbrechen droht. Die Psychologin Astrid Müller erforscht, was das pathologische Kaufen kennzeichnet, und erklärt die Therapiemöglichkeiten.

Von astrid Müller

Auf einen Blick

Kauflust außer

Kontrolle

1 Eine Kaufsucht kann vorliegen, wenn

jemand permanent und über längere Zeit überflüs- sige Dinge erwirbt. Der Akt des Kaufens löst dabei ein Hochgefühl aus, das schnell wieder verfliegt.

2 Die Betroffenen wissen um die Sinnlosigkeit

ihres Verhaltens, können dieses jedoch nicht kon- trollieren. Die Folgen sind Angst, Scham und Depres- sionen – und ein wachsen- der Schuldenberg.

3 Bisher gibt es nur wenige Behandlungs-

ansätze. Eine neu entwi- ckelte Verhaltenstherapie

zeigt erste Erfolge.

A ls Frau L. zum ersten Mal in die Sprechstun­ de kam, war sie sehr niedergeschlagen. Sie

berichtete, dauernd Streit mit ihrem Mann zu haben. Auslöser waren meist Mahnungen we­ gen unbezahlter Rechnungen – offenbar gab Frau L. zu viel Geld für Kleidung und Wohnungs­ dekoration aus. Fast täglich gefielen ihr neue Sa­ chen, die sie unbedingt haben musste. Obwohl die Freude an den erworbenen Dingen stets sehr schnell nachließ, konnte sie dem Kaufdrang nicht widerstehen. Manchmal versteckte sie die Einkäufe sogar vor ihrem Mann und ihren Kin­ dern. Der Keller war längst mit Kisten voller Vasen, Sofakissen und Kerzenständern vollge­ stopft. Aus Angst prüfte Frau L. schon gar nicht mehr ihren Kontostand; auch die Post öffnete sie nicht mehr. Sie schämte sich dermaßen für ihr Verhalten, dass sie mit niemandem darüber sprechen konnte. So wie dieser Patientin geht es vielen Men­ schen: Die Lust am Einkaufen entgleitet ihnen. Vorher vertrieb das Shoppen trübe Launen oder belohnte für erledigte Arbeit – jetzt ist ein ernsthaftes, behandlungsbedürftiges Problem entstanden, Psychologen sprechen vom »patho­ logischen Kaufen«.

Die Betroffenen benutzen die Waren so gut wie nie, manchmal packen sie diese nicht ein­ mal aus. Oft verheimlichen oder verstecken sie ihre Einkäufe; mitunter vergessen sie sie schlichtweg. Was erstanden wird, hängt von per­ sönlichen Vorlieben ab: Schuhe, Taschen, Elek­ tronikartikel, Bücher, Küchengeräte oder auch Lebensmittel. Dabei kaufen die Betroffenen nicht unbedingt nur Dinge für sich selbst, manchmal beschenken sie auch andere. Wäh­ rend manche Kaufsüchtige die Komplimente, die exklusive Zuwendung und das quasifreund­ schaftliche Verhältnis zu den Verkäufern genie­ ßen, bevorzugen andere das vermeintlich ano­ nyme Katalog­ oder Onlineshopping. Unabhängig davon, was oder wie jemand am liebsten kauft – Shoppingsüchtigen geht es im­ mer um den Akt an sich. Dieser kann eine Art Flucht sein: Betroffene konzentrieren sich so stark auf den Erwerb von Waren, dass sie unan­ genehme Gefühle nicht mehr spüren und auf diese Weise Konflikte ausblenden können. Für die Patienten scheint keine andere Ablenkungs­ strategie so schnell zu wirken, so einfach und gesellschaftlich so akzeptiert zu sein wie das Einkaufen.

istockphoto / Zeynep ogan

Andere empfinden ein regelrechtes Hochge­ fühl beim Kaufen. Zwar reicht die Intensität der Glücksmomente nicht an die eines Drogen­ rausches heran – das Bewusstsein ist beim Shop­ pen kaum getrübt. Doch vor allem in der Fanta­ sie der Betroffenen scheint das Hochgefühl gren­ zenlos: Viele stellen sich während des Kaufens vor, wie sie hinterher mit Bewunderung und Lob für ihre »gute Wahl« überschüttet werden.

Frust statt Vergnügen

Diese Wirkung verfliegt allerdings schnell. Be­ reits beim Bezahlen an der Kasse oder mit Ein­ treffen einer bestellten Sendung stellen sich Reue, Scham und Schuldgefühle ein. Die kurz­ fristig verdrängten Probleme treten wieder in den Vordergrund. Unvernünftige Kaufimpulse überfallen jeden Menschen ab und an. Pathologisches Kaufen unterscheidet sich jedoch vom gelegentlichen Schnäppchenwahn oder von Frustkäufen da­ durch, dass die Betroffenen extrem häufig und in unüberschaubaren Mengen Waren erstehen, die sie sich gar nicht leisten können. Kaufsüch­ tige versuchen, die negativen Konsequenzen ihres Verhaltens zu verharmlosen, zu rechtfer­

tigen oder oft auch durch Lügen oder Betrüge­ reien zu kaschieren. Mitunter kommt es sogar zu Strafdelikten, um dem Kaufdrang nachge­ hen zu können – darunter Scheckbetrug oder Bestellungen unter falschem Namen. Die amerikanische Psychiaterin Susan McEl­ roy von der University of Cincinnati formulierte bereits 1994 wissenschaftliche Diagnosekrite­ rien für pathologisches Kaufen oder compulsive buying (siehe Kasten auf S. 16). Die Betroffenen sind sich ihres ungezügelten Konsumverhaltens und den daraus resultierenden Schäden durch­ aus bewusst, dennoch gelingt es ihnen nicht, den Drang unter Kontrolle zu bringen. Erschwe­ rend kommt hinzu, dass eine Kaufsucht meis­ tens nicht plötzlich auftritt, sondern sich über Jahre hinweg langsam entwickelt. Den Kontroll­ verlust verheimlichen viele Betroffenen so lange, bis ihnen der Schuldenberg über den Kopf wächst oder der Partner mit Trennung droht. Obwohl es auf den ersten Blick so aussehen mag, ist diese Verhaltensstörung kein neues Phänomen: Bereits vor 100 Jahren beschrieb der deutsche Psychiater Emil Kraepelin (1856 – 1926) die »krankhafte Kauflust« in seinen Lehr­ büchern. Er bezeichnete sie als »Oniomanie«

FETTE BEUTE Ausgedehnte Streifzüge durch die Innenstadt oder gelegent- liche Frustkäufe sind noch nicht krankhaft. Kaufsüchtigen dagegen vergeht die Freude am Erworbenen schnell, ihr Shop- pingdrang bleibt auch bei leerem Konto ungebrochen.

istockphoto / Marcus clackson
istockphoto / Marcus clackson

KICK PER KARTE Der Akt des Kaufens löst bei den Betroffenen ein regel- rechtes Hochgefühl aus. Dabei ist nebensächlich, was sie erwerben – solange sie shop- pen, sind sie von ihren Proble- men abgelenkt.

(zu Deutsch: krankhafter Kauftrieb) und hielt sie für eine Störung der Impulskontrolle. Trotz der langen Geschichte des Konzepts ist die Forschungslage zum pathologischen Kaufen noch immer eher dürftig. Breitere Beachtung bei Psychiatern, Soziologen und Konsumforschern fand das Phänomen erst in den 1990er Jahren. Dabei scheint es durchaus weit verbreitet zu sein: Laut Schätzungen sind in Deutschland rund sechs Prozent der Erwachsenen zumindest akut gefährdet, wenn nicht gar eindeutig betrof­ fen. Dies ergab eine 2005 veröffentlichte Reprä­ sentativbefragung, bei der Wissenschaftler der Universität Hohenheim und der Fachhochschu­ le Ludwigshafen die Kaufsuchtgefährdung mit Hilfe eines Fragebogens erfassten (siehe Kasten auf S. 18). Zu ähnlichen Ergebnissen gelangte 2006 ein amerikanisches Forscherteam der Stanford Uni­ versity um den Psychiater Lorrin Koran. Dem­ nach zeigen in den USA gleichfalls knapp sechs Prozent der Bevölkerung Symptome einer Kauf­ sucht. Beide Studien ergaben zudem, dass jün­ gere Menschen deutlich öfter dem Shopping­ wahn erliegen als ältere.

Exzessive Kaufgewohnheiten gelten gemein­ hin als ein typisch weibliches Problem. Tatsäch­ lich bewegte sich der Frauenanteil unter den Kaufsuchtpatienten in mehreren Untersuchun­ gen zwischen 80 und 95 Prozent. In der Bevöl­ kerung scheinen jedoch Männer und Frauen gleich häufig kaufsuchtgefährdet zu sein – dies belegen die Resultate der amerikanischen Stu­ die von Koran. Viele Betroffene horten die erworbenen Wa­ ren zu Hause. Die entstehende Unordnung und das Nichts­mehr­finden­Können provozieren weitere unnütze Einkäufe. Soziale Aktivitäten wie etwa Einladungen an Freunde nehmen im­ mer mehr ab, da sich die Betroffenen für das zu­ nehmende Chaos in ihrer Wohnung schämen. Es fällt ihnen auch immer schwerer abzuschät­ zen, ob eine Kaufentscheidung angemessen ist, weil sie längst die Übersicht über ihren Haus­ halt verloren haben (siehe den Beitrag über das »Messie­Syndrom«, G&G 7­8/2009, S. 20). Von den Kaufsüchtigen, die sich in Behand­ lung begeben, leiden mehr als 90 Prozent an mindestens einer weiteren psychischen Er­ krankung: Wie wir in einer eigenen Studie am Universitätsklinikum Erlangen feststellten, sind Depressionen und Ängste mit etwa 80 Prozent am weitesten verbreitet; fast jeder Dritte litt an Essstörungen oder einer weiteren Suchter­ krankung. Angesichts der vielen Begleitsymptome stellt sich die Frage, ob Kaufsucht überhaupt ein ei­ genständiges Störungsbild ist – oder ob es sich nicht vielmehr um ein »Nebenphänomen« an­ derer psychiatrischer Erkrankungen handelt. Bislang ist es Wissenschaftlern nicht gelungen, diese Frage endgültig zu beantworten. Auch ein erschöpfendes Modell darüber, wie patho­ logisches Kaufverhalten entsteht, gibt es noch nicht.

Kaufsüchtig oder nicht?

Bereits 1994 formulierte die amerikanische Psychiaterin Susan McElroy von der University of Cincinnati folgende Diagnosekriterien für pathologisches Kaufen oder compulsive buying:

ó unwiderstehliche, sich aufdrängende und sinnlose Kaufimpulse oder -handlungen

ó Erwerb von mehr Waren, als der Betroffene sich leisten kann

ó Erwerb unnötiger Waren über längere Zeitspannen

ó erheblicher Leidensdruck, verursacht durch den ständigen Kaufdrang; Beeinträchtigung von sozialen und beruflichen Funktionen und/oder Verursachung finanzieller Probleme (Verschuldung oder Konkurs)

ó Auftreten der Kaufexzesse nicht nur im Rahmen manischer oder hypomanischer Phasen

Allerdings mehren sich die Hinweise darauf, dass Selbstwertprobleme, hohe Impulsivität und geringe Selbstkontrolle wesentlich dazu beitragen, dass Menschen kaufsüchtig werden und es lange Zeit bleiben. Die Patienten be­ schreiben sich oft als wenig selbstbewusst und sozial ängstlich. Offenbar gibt es einen engen Zusammenhang zwischen dem Konsumdrang und der emotionalen Befindlichkeit: In vielen Fällen lösen negative Stimmungen die »Kaufat­ tacken« aus. Ganz sicher spielt auch die kultu­ relle Umgebung eine Rolle – pathologisches Kaufen ist fast ausschließlich in Ländern mit kapitalistischen Wirtschaftssystemen bekannt. Auch neurobiologische Ursachen könnten zur Störung beitragen, zum Beispiel ein Un­ gleichgewicht im Serotonin­ oder Dopamin­ haushalt. Allerdings lassen sich auf Grund der häufigen Begleiterkrankungen solche Befunde kaum spezifisch der Kaufsucht zuordnen.

Unwiderstehliche Impulse

Experten sind sich auch noch uneinig, wie sich die Kaufsucht in die gängigen psychiatrischen Klassifikationssysteme einordnen lässt. Am plausibelsten erscheint den meisten Psychia­ tern, sie als »Impulskontrollstörung« zu werten. Darunter fallen auch andere Verhaltensmuster, die den Betroffenen oder anderen Menschen schaden, wie Kleptomanie oder pathologisches Glücksspiel. Mit diesen Phänomenen hat die Kaufsucht beispielsweise gemein, dass der Pa­ tient die aufkommenden Impulse als unwider­ stehlich erlebt und sein Verhalten nicht rational begründen kann. Außerdem setzen Kaufsüch­ tige ihre Handlungen trotz negativer Konse­ quenzen fort – dies spricht für eine Störung der Impulskontrolle. Andere Autoren betrachten den psycholo­ gischen Mechanismus dahinter tatsächlich als Sucht – nur dass die Betroffenen nicht von einer Substanz abhängig sind. Nach diesem Verständ­ nis fallen Kaufsucht, Spielsucht, Arbeitssucht, Sexsucht und Internetsucht in die gemeinsame Kategorie der »Verhaltenssüchte«. Ob mangelnde Impulskontrolle oder Sucht – den meisten Patienten dürfte die Antwort auf diese Frage egal sein. Doch die unklare wissen­ schaftliche Einordnung trägt dazu bei, dass es bisher nur wenige professionelle Behandlungs­ angebote gibt. Denn obwohl die Konsumexzes­ se sowohl bei den Betroffenen selbst als auch bei ihren Angehörigen einen enormen Leidens­ druck erzeugen, übersehen oder bagatellisieren Ärzte und Psychologen das Beschwerdebild

www.gehirn-und-geist.de

Hilfe zur

Selbsthilfe

Da es bislang kaum Be- handlungsangebote speziell für Kaufsüchtige gibt, gründeten sich in den letzten Jahren mehrere Selbsthilfegruppen in Deutschland. So ist zum Beispiel seit 2002 in Hannover »Lindes Selbst- hilfegruppe« aktiv (www. kaufsuchthilfe.de) und in Bayern seit 2006 die Fürther Selbsthilfegruppe »KAUSUD«.

Bayern seit 2006 die Fürther Selbsthilfegruppe »KAUSUD«. liTeRATuRTiPP karsten, c.: shoppen ohne ende. Wenn kaufen

liTeRATuRTiPP karsten, c.: shoppen ohne ende. Wenn kaufen zur sucht wird. patmos, Düsseldorf 2008. Ratgeber für Betroffene, inklu- sive Fragebogen zur Selbstein- schätzung. Die Autorin Carien Karsten ist Psychotherapeutin mit dem Spezialgebiet Kauf- sucht.

Der »Hohenheimer Kaufsuchtindikator«

Die Forschungsgruppe Kaufsucht der Universität Hohenheim entwickelte einen Fragebogen, um Patienten oder Versuchspersonen auf Anzeichen von pathologischem Kaufen zu testen. Hier ein Auszug aus den insgesamt 16 Fragen:

trifft

nicht zu

trifft

zu

Wenn ich Geld habe, dann muss ich es ausgeben.

Wenn ich Geld habe, dann muss ich es ausgeben.
Wenn ich Geld habe, dann muss ich es ausgeben.
Wenn ich Geld habe, dann muss ich es ausgeben.
Wenn ich Geld habe, dann muss ich es ausgeben.

Oft verspüre ich einen unerklärlichen Drang, einen ganz plötzlichen, dringenden Wunsch, loszugehen und irgendetwas zu kaufen.

ich einen unerklärlichen Drang, einen ganz plötzlichen, dringenden Wunsch, loszugehen und irgendetwas zu kaufen.
ich einen unerklärlichen Drang, einen ganz plötzlichen, dringenden Wunsch, loszugehen und irgendetwas zu kaufen.
ich einen unerklärlichen Drang, einen ganz plötzlichen, dringenden Wunsch, loszugehen und irgendetwas zu kaufen.
ich einen unerklärlichen Drang, einen ganz plötzlichen, dringenden Wunsch, loszugehen und irgendetwas zu kaufen.

Ich kaufe oft etwas, nur weil es billig ist.

Ich kaufe oft etwas, nur weil es billig ist.
Ich kaufe oft etwas, nur weil es billig ist.
Ich kaufe oft etwas, nur weil es billig ist.
Ich kaufe oft etwas, nur weil es billig ist.

Ich habe schon öfters etwas gekauft, das ich mir eigentlich gar nicht leisten konnte.

Ich habe schon öfters etwas gekauft, das ich mir eigentlich gar nicht leisten konnte.
Ich habe schon öfters etwas gekauft, das ich mir eigentlich gar nicht leisten konnte.
Ich habe schon öfters etwas gekauft, das ich mir eigentlich gar nicht leisten konnte.
Ich habe schon öfters etwas gekauft, das ich mir eigentlich gar nicht leisten konnte.

Einkaufen ist für mich ein Weg, dem unerfreulichen Alltag zu entkommen und mich zu entspannen.

Einkaufen ist für mich ein Weg, dem unerfreulichen Alltag zu entkommen und mich zu entspannen.
Einkaufen ist für mich ein Weg, dem unerfreulichen Alltag zu entkommen und mich zu entspannen.
Einkaufen ist für mich ein Weg, dem unerfreulichen Alltag zu entkommen und mich zu entspannen.
Einkaufen ist für mich ein Weg, dem unerfreulichen Alltag zu entkommen und mich zu entspannen.

Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich mir etwas gekauft habe.

Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich mir etwas gekauft habe.
Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich mir etwas gekauft habe.
Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich mir etwas gekauft habe.
Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich mir etwas gekauft habe.

(aus Raab, G. et al.: Screeningverfahren zur Erhebung von kompensatorischem und süchtigem Kaufverhalten (SKSK). Hogrefe, Göttingen 2005.)

 

nach wie vor häufig. Selbst wenn die begleiten­ den Erkrankungen wie Ängste oder Depressio­ nen erfolgreich behandelt wurden, normalisiert sich das Kaufverhalten nur selten. Daher wirken auch die etablierten Medika­ mente in der Regel nicht: Eine Behandlung mit Antidepressiva hilft nur in Einzelfällen. Die we­ nigen bisher publizierten Studien zu Serotonin­ Wiederaufnahmehemmern (SSRI) konnten kei­ ne Überlegenheit dieser Stoffe gegenüber einem Placebo in der Behandlung von pathologischen Käufern belegen.

halten ein. Da Kaufsüchtige in der Regel schlecht mit Geld umgehen können, stehen auch Finanz­ management und die Bedeutung von EC­ und Kreditkarten auf dem »Lehrplan«. Die meisten Patienten verwalten ihre Konten längst nicht mehr selbst, weil die Karten von den Banken eingezogen wurden oder Angehörige die finan­ zielle Verantwortung übernommen haben. Doch das hilft nur kurzfristig, die Patienten müssen den Umgang mit Geld selbst neu erlernen. 2008 haben wir in einer Gruppentherapie­ studie mit 60 Patienten gezeigt, dass diese Be­ handlung wirksam ist: Etwa die Hälfte der Teil­ nehmer erfüllten nach der Therapie nicht mehr die Kriterien einer Kaufsucht – auch wenn bei vielen noch Restsymptome bestanden. Die Wei­ terentwicklung solcher störungsspezifischen An­ gebote scheint derzeit der vielversprechendste Ansatz, um das Problem »pathologisches Kau­ fen« in den Griff zu bekommen. Ÿ

Astrid Müller ist Psychologin und leitete die Studie

Quellen Black, D.W.: a review of com­ pulsive Buying Disorder. in:

World psychiatry 6, s. 14 – 18,

2007.

Koran, L.M. et al.: estimated prevalence of compulsive Buying Behavior in the uni­ ted states. in: american Jour­

nal of psychiatry 163, s. 1806 – 1812, 2006. Müller, A. et al.: a rando­ mized, controlled trial of group cognitive Behavioral therapy for compulsive Buy­ ing Disorder: posttreatment and 6­Month Follow­up re­ sults. in: Journal of clinical psychiatry 69, s. 1131 – 1138,

Neues Konsumverhalten lernen

Erste Ergebnisse sprechen jedoch dafür, dass eine gezielte Psychotherapie den Betroffenen helfen könnte. Eine Forschergruppe um den Psychiater James Mitchell von der University of North Dakota erprobt derzeit eine speziell für Kaufsüchtige entwickelte kognitive Verhaltens­ therapie. An der Psychosomatischen und Psy­ chotherapeutischen Abteilung des Universitäts­ klinikums Erlangen haben wir eine modifizierte deutsche Version dieses Programms entwickelt. In zwölf Therapiesitzungen lernen die Patien­ ten, ihre Kaufattacken zu reduzieren, indem sie deren Ursachen auf den Grund gehen. Gleich­ zeitig üben sie ein angemessenes Konsumver­

2008.

zur Verhaltenstherapie Kaufsüchtiger am Universi- tätsklinikum Erlangen. Zurzeit forscht sie am Neuro- psychiatric Research Institute in Fargo (US-Bundes- staat North Dakota).

Weitere Quellen unter:

www.gehirn­und­geist.de/

artikel/1001648

 
www.gehirn-und-geist.de/audio
www.gehirn-und-geist.de/audio

www.gehirn-und-geist.de/audio

 

angemerkt!

angemerkt! Johannes hebebrand ist Professor an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters

Johannes hebebrand ist Professor an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Universität duisburg-essen.

falsche gewichtUng

Im Kampf gegen Adipositas helfen gute Ratschläge allein nicht weiter.

D ie Datenlage zur Therapie der Adipositas (»Fettleibigkeit«) im Kindes- und Jugendalter ist entmutigend. Laut einer Auswer-

tung von mehr als 60 bis zum Jahr 2006 veröffentlichten Studien sind die Erfolge der gängigen Behandlungen zur Gewichtsreduk- tion äußerst bescheiden. Selbst wenn die Pfunde während der Therapie purzeln, so nehmen doch die allermeisten Kinder auf längere Sicht wieder zu. Ähnliches gilt für die Prävention: Zwar gelingt es häufig, Teilnehmer entsprechender Kurse zu mehr Be- wegung zu animieren. Das Körpergewicht lässt sich damit jedoch allenfalls marginal beeinflussen – so das Ergebnis einer großen Metaanalyse aus dem vergangenen Jahr mit nahezu 10 000 Kin- dern und Jugendlichen. Es erstaunt, dass Mediziner und Politiker

dennoch weiter so tun, als sei dem Problem mit Imagekampa- gnen und guten Worten beizukommen. Setzen wir an den falschen Ursachen an? Das Körpergewicht eines Menschen ergibt sich aus dem komplexen Zusammenspiel

Politiker, Medien und Adipositasforscher sollten nicht länger einfach so tun, als sei in erster Linie jeder selbst für sein Körpergewicht verantwortlich

zahlreicher innerer und äußerer Faktoren. Die etwa 20 bislang be- kannten beteiligten Genvarianten haben zwar jeweils nur kleine Effekte – Menschen jedoch, die viele solcher Adipositas fördernder Erbanlagen besitzen, sind tatsächlich häufiger übergewichtig als solche mit nur wenigen. Für die wachsende Zahl fettleibiger Men- schen zeichnen aber nicht die Gene verantwortlich. Verändert ha- ben sich vor allem die Umweltbedingungen, unter denen gene- tisch vorbelastete Menschen leichter dick werden: preiswerte, kalorienreiche Lebensmittel, die überall erhältlich sind, gepaart mit Bewegungsmangel. Die Vielzahl erfolglos erprobter Präventionsansätze stimmt skeptisch. Sollte man nicht eher zu repressiven Mitteln greifen? In Kalifornien etwa hatte die Verteuerung von Zigaretten, das Ab- schaffen von Zigarettenautomaten, das Anheben des gesetzlichen

www.gehirn-und-geist.de

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Mindestalters für den Kauf und das Rauchverbot in öffentlichen Gebäuden durchaus Wirkung. Dort rauchen nur noch etwa acht Prozent der Jugendlichen – in Deutschland liegt die Rate dagegen bei über 40 Prozent! Ähnliche Maßnahmen im Kampf gegen Übergewicht scheinen denkbar: So wird gegenwärtig etwa diskutiert, die Werbung der Lebensmittelindustrie im Umfeld von Kindersendungen einzu- schränken. Auch könnte der Mehrwertsteuersatz für industriell verarbeitete Lebensmittel auf den Regelsatz von 19 Prozent er- höht werden, während der für unverarbeitete Produkte entfällt. Statt sportliche Aktivität nur zu propagieren, wäre es sinnvoll, echte Anreize für körperliche Bewegung zu schaffen – sei es durch den Ausbau von Spielplätzen, Fahrradwegen und Fußgängerzo- nen, sei es durch die Verteuerung des Autofahrens. Und wie wäre es mit einer Vergnügungssteuer für Internet und PC-Spiele?

Bislang hat man solche strukturellen Massnahmen kaum ins Auge gefasst, etwa aus Sorge um jene Arbeitsplätze, die direkt oder indirekt an der Auto-, Nahrungsmittel- und Medienindustrie hängen. Doch scheint eine gesellschaftliche Diskussion darüber dringend geboten: Schließlich sind in den westlichen Industrie- ländern zwischen 15 und 30 Prozent der Bevölkerung von Adiposi- tas betroffen. Ein weiterer wichtiger Faktor, um die Rate an Übergewichtigen zu senken, lautet: mehr Bildung! In den Industrieländern erhöht ein niedriger oder fehlender Schulabschluss ebenso wie ein gerin- ger sozialer Status das Adipositasrisiko deutlich. Politiker, Medien und Adipositasforscher sollten nicht länger einfach so tun, als sei in erster Linie jeder selbst für sein Körpergewicht verantwortlich. Eine solche Haltung stigmatisiert adipöse Menschen zu Unrecht.

literaturtipp hebebrand, J., simon, c.-P.: Irrtum Übergewicht. Zabert Sandmann, München 2008.

19

19

psycholoGie

i

kindesentwicklunG

»Lernen ist ein kommunikativer Akt«

Wie begreifen Kinder die Welt? Unter welchen Bedingungen erwerben sie Wissen besonders gut? Welche Rolle spielt dabei die Fähigkeit, sich in andere hineinzu­ versetzen? Diese Fragen beschäftigen die renommierte Entwicklungspsychologin Uta Frith seit Jahrzehnten. Ihr Kredo: Der natürliche Wissenserwerb liefert das beste Vorbild für die Schule.

Frau Frith, was versteht man unter »natür- licher Pädagogik«? Kinder kommen mit der Erwartung zur Welt, dass ihnen etwas beigebracht wird. Sie reagie­ ren von Anfang an höchst sensibel auf Signale, die ihnen die Bedeutung einer Information an­ zeigen und an denen sie erkennen: Achtung, jetzt kommt etwas, was ich mir merken sollte! Das lässt sich schon früh beobachten, etwa bei wenigen Monate alten Säuglingen: Wenn man

»Die Mechanismen, die das kindliche Lernen lei- ten, sind meist so subtil, dass sie uns im Alltag kaum auffallen. Vielleicht haben Forscher des- halb so lange gebraucht, sich ihrer anzunehmen«

sie durch Blickkontakt und Heben der Stimme auf die Wichtigkeit eines Objekts hinweist, se­ hen sie es länger an. Die Psychologen György Gergely und Gergely Csibra haben das in bahn­ brechenden Experimenten gezeigt (siehe Kas­ ten S. 22). Es gibt eine ganze Reihe metakogni­ tiver Prozesse, die dem Lernen den Weg ebnen. Was bedeutet »metakognitiv« in diesem Zu- sammenhang? Wörtlich meint der Begriff so viel wie »denken über das Denken«. Darin liegt eine ganz große

Stärke des Menschen: Er reflektiert sein eige­ nes geistiges Vermögen und das von anderen. Psychologen sprechen hier auch von »Theory of Mind«. Laufend bilden wir Hypothesen da­ rüber, was unsere Mitmenschen im Schilde führen, wie sie uns sehen und welches Wissen und Können wir bei ihnen voraussetzen kön­ nen. Das muss allerdings nicht bewusst ablau­ fen. Die Mechanismen, die das kindliche Ler­ nen leiten, sind meist so subtil, dass sie uns im Alltag kaum auffallen. Vielleicht haben For­ scher deshalb so lange gebraucht, sich ihrer an­ zunehmen. Können Sie ein Beispiel geben? Wenn ich in der Bahn sitze und Mitreisende beobachte, bin ich ständig dabei, im Geist die Perspektive zu wechseln. Der Mann da sieht müde aus, hatte bestimmt einen harten Tag. Die in dem dünnen Kleid dachte wohl, es sei wärmer draußen. Das passiert automatisch, ich merke es kaum. Eine wesentliche Erkennt­ nis der »natürlichen Pädagogik« ist nun, dass die Fähigkeit zu solchen mentalen Rollenwech­ seln das Lernverhalten von Kindern formt. Funktioniert Lernen nicht ganz unterschied- lich, je nachdem ob es um Geschichtsdaten, Radfahren oder um ein verträgliches Sozialver- halten geht?

Mit frdl. Gen. von Uta frith

Das ist richtig. Ich beziehe mich hier aber auf eine tief verankerte Grundausstattung, die überall zum Tragen kommt. Bei der Suche nach dem Erfolgsrezept für effektives Lernen haben Forscher oft allein die Inhalte betrachtet, den zu lernenden Gegenstand. Dabei machen viel­ leicht gerade die sozialen und emotionalen Umstände den Unterschied. Natürlich muss sich ein Mathematiklehrer überlegen, wie er Formeln und Rechenwege didaktisch geschickt aufbereitet. Vermeintlich nebensächliche Fak­ toren sind aber ebenso wichtig, angefangen bei der Atmosphäre im Klassenzimmer bis zur Erlaubnis, Fehler zu machen oder selbst etwas austüfteln zu dürfen. Diese Faktoren entschei­ den oft darüber, ob ein Lernstoff hängen bleibt oder nicht. Sie meinen also, statt sich nur auf das Was zu konzentrieren, sollte man auch das Wie des Lernens betrachten? Genau. Worauf es letztlich ankommt, ist dies:

Lernende und Lehrende, Kinder und Eltern, Schüler und Pädagogen müssen sich aufeinan­ der einstimmen. Wenn das Kind dafür nicht zugänglich ist, kann ich noch so oft die Augen­ brauen heben oder meine Stimme modulieren. Ich muss es im richtigen Moment tun. Beson­ ders offensichtich wird das bei Autisten. Viele ihrer kognitiven Defizite gründen darin, dass sie die Bedeutung metakognitiver Signale nicht einschätzen können oder sie gar nicht wahr­ nehmen. Weil sie die Absichten und Gedanken anderer Menschen spontan nicht entschlüs­ seln können, ist es sehr schwierig, den Betrof­ fenen gezielt bestimmtes Wissen zu vermit­ teln. Irrelevante Informationen haben für sie den gleichen Stellenwert wie das eigentlich Wichtige. Das zeigt: Lernen ist in hohem Maß ein kommunikativer Akt. Wie hängt das mit dem Talent zusammen, sich in den Kopf anderer hineinzuversetzen? Ich glaube, dass vieles von dem, was wir unter dem Begriff Metakognition zusammenfassen, letztlich im Selbstkonzept von Kindern wur­ zelt. Im Englischen gibt es dafür den Begriff self awareness, der nicht so leicht ins Deutsche zu übersetzen ist. Self awareness bezieht sich auf die Fähigkeit, sich selbst wahrzunehmen und in unterschiedliche Rollen zu schlüpfen. Das kann wie gesagt vollkommen implizit bleiben, also ohne, dass wir es recht mitbekä­ men oder steuern würden. Ein Sechsjähriger denkt ja nicht bewusst »Oh aufgepasst, der Lehrer räuspert sich, jetzt sagt er gleich etwas

der Lehrer räuspert sich, jetzt sagt er gleich etwas Wichtiges«. Dennoch verfehlt das Signal nicht seine

Wichtiges«. Dennoch verfehlt das Signal nicht seine Wirkung. Fördert es auch das Lernen? Erfolgreicher Wissenserwerb basiert auf mehr als nur auf Lehrdidaktik. Hier spielen geistige Prozesse hinein, die auf höherer Ebene ange­ siedelt sind. Kinder sind keine passiven Spei­ cher oder Schwämme, aber sie nehmen andau­ ernd für sie interessante Informationen auf. Heute begreifen wir, wie differenziert bereits die Kleinsten auf besonders wertvolles Wissen achten. Sie nehmen nicht unbesehen alles in sich auf, sondern selektieren aktiv. In Ge­ sprächen mit Eltern oder Lehrern höre ich im­ mer wieder diesen Satz: »Wenn sie (die Kinder) doch nur lernen würden, was wir ihnen sagen.« Ich denke dann oft, aber sie lernen doch – im­ merzu! Nur nicht immer genau das, was man ihnen vorgibt. Halten Sie es für eine Illusion zu glauben, man könne Lernprozesse exakt steuern? Man sollte sich jedenfalls von der Idee des »Ein­ trichterns« verabschieden. Das fördert nicht den Lernerfolg. Dafür braucht es ein funktio­ nierendes Wechselspiel von Lehrenden und Lernenden. Wie lassen sich metakognitive Fähigkeiten besser in der Schule berücksichtigen?

UTA FRITH

> geboren 1941 in Rockenhau­

sen bei Kaiserslautern

> studierte experimentelle und

klinische Psychologie in Saar­ brücken und London

> Promotion und langjährige

Forschungstätigkeit am Univer­

sity College sowie dem Medical Research Council in London

> Mitbegründerin des Institute

of Cognitive Neuroscience in London, wo sie die Abteilung

für kognitive Entwicklungspsy­ chologie leitete

> Mitglied zahlreicher wissen­ schaftlicher Akademien,

darunter die Royal Society und die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina

> seit 2007 Research Foundati­

on Professor an der Universität

in Aarhus (Dänemark)

> verheiratet mit dem Psycho­

logen Chris Frith (siehe G&G 4/2008, S. 42), zwei Söhne

VeRANsTAlTUNgs­

TIPP

»Psychologie und Zu- kunftsfragen« heißt eine neue Veranstaltungsreihe der Deutschen Gesell- schaft für Psychologie (DGP). In diesem Rahmen findet am Mittwoch, den 9. September 2009, in der Fruchthalle Kaiserslautern eine Podiumsdiskussion statt mit dem Titel »Die Rolle der Hirnforschung in der Entwicklungs- und Lernpsychologie: Zwischen Euphorie und Ablehnung«. Uta Frith und andere Experten diskutieren mit dem Publikum, wie die Schule von morgen aussehen sollte. Beginn: 19.30 Uhr; der Eintritt ist frei. Informationen im Internet:

www.sowi.uni-kl.de/

wcms/dgps-podium.html

quellen Davis­Unger, A., Carlson, S.M.:

development of teaching Skills and relations to theory of Mind in Preschoolers. in:

Journal of Cognition and de- velopment 2009 (im druck). Duckworth, A., Seligman, M.E. P.: Self-discipline outdoes iQ in Predicting academic Per- formance of adolescents. in:

Psychological Science 16, S. 939 – 944, 2005.

GerGely CSibra, bUdaPeSt

»Natural Paedagogy« – eine neues Forschungsprogramm

Heute richten Psychologen und lernforscher ihr Augenmerk vermehrt auf jene metakogni- tiven Einflüsse, die das natürliche Lernen vom jüngsten Kindesalter an vorbereiten, prägen und begleiten. Dazu zählen etwa die Modula- tion der Stimme oder der Mimik. So etablierte sich in den letzten Jahren ein neues Arbeits- gebiet – die »Natural Paedagogy«. Die Forschergruppe um György Gergely und Gergely Csibra an der Central European University in Budapest zeigte, wie stark der Blickkontakt zu Erwachsenen die Aufmerksam- keit von Babys lenkt. In einem Experiment sah eine Frau den Testsäugling zunächst direkt an und wandte sich dann einem von zwei vor ihr befindlichen Gegenständen zu (siehe Bild). Der zuvor hergestellte Kontakt ließ den Blick des Kindes sehr viel länger beim jeweiligen Objekt verweilen.

Kindes sehr viel länger beim jeweiligen Objekt verweilen. Laut den Forschern strukturieren mimische und sprachliche

Laut den Forschern strukturieren mimische und sprachliche Signale seitens der Eltern das kindliche Lernen, da sie zwischen wichtiger und unwichtiger Information unterscheiden helfen. Kinder lernen so, effektiver zu lernen.

(Csibra, G., Gergely, G.: Natural Paedagogy. In: Trends in Cognitive Sciences 13(4), S. 148 – 153, 2009.)

Indem man sie übt! In einer originellen Unter­ suchung haben Angela Davis­Unger und Ste­ phanie Carlson von der University of Washing­ ton in Seattle Kinder gebeten, die Rolle von Lehrern einzunehmen. Ich denke, man sollte die Rollen von Lehrern und Schülern nicht im­ mer strikt trennen. Viele Kinder profitieren da­ von, wenn sie einmal die Seiten wechseln und selbst erklären sollen. Das fördert die Fähigkeit zur Selbstreflexion unbewusst. Kinder sind au­ ßerdem oft viel eher bereit, von Altersgenossen zu lernen – es ist ganz natürlich für sie, sich mit Gleichaltrigen zu vergleichen und sich Dinge abzugucken. Und das wiederum verbessert den Wissens- erwerb? Vielleicht nicht unmittelbar, aber Interesse, Motivation, Wichtiges von Unwichtigem tren­ nen zu können – das sind Grundvorausset­ zungen für nachhaltiges Lernen. Das meiste, das Kinder lernen sollen, ist mit keiner direk­ ten Belohnung verbunden. Aus diesem Grund ist auch die Übertragbarkeit von Tierexperi­ menten begrenzt: Ratten lernen Assoziationen zwischen einfachen Reizen und damit gekop­ pelten Veränderungen in der Umwelt – Futter­ gabe oder Stromschläge zum Beispiel. In der Schule fallen ganz andere Faktoren ins Ge­ wicht, etwa die Signale anderer richtig zu deuten.

Haben Sie Zweifel, dass sich Erkenntnisse aus der Lernforschung an Tieren auf den Schul- unterricht übertragen lassen? Menschen lernen viel mehr von anderen Men­ schen als aus eigener Erfahrung. Das hat riesige Vorteile: Wir müssen nicht alle die gleichen Fehler machen! Die soziale Weitergabe von Wissen mag ansatzweise bei einigen Affen­ arten zu beobachten sein, aber sie ist weit ge­ hend ein Privileg des Menschen. Die Fähigkeit, Traditionen und Wissensbestände weiterzu­ geben und immer weiter auszubauen, bildet die Grundlage unserer Kultur. Und Kultur ist für mich gleichbedeutend mit Bildung. Es heißt oft, schulisches Lernen solle Spaß machen. Dennoch muss man immer auch Durststrecken und Widerstände dabei überwin- den. Ist das Ideal vom selbstbestimmten, fröh- lichen Lernen nicht eine Illusion? Ganz bestimmt. Lernen erfordert viel Selbst­ kontrolle, also das Vermögen, spontane Im­ pulse zu unterdrücken, Belohnungen aufzu­ schieben. Fragen Sie ein Kind, ob es jetzt sofort einen Lolli haben will oder zwei in einer Stun­ de, dann wird es bei hoher Selbstkontrolle eher bereit sein zu warten. Und diese hängt statis­ tisch gesehen enger mit dem schulischen Er­ folg zusammen als der IQ. Ÿ

Die Fragen stellte G&G-Redakteur Steve Ayan.

Gehirn&Geist / Bildkomposition: meGanim / porträt: Fotolia / daniel dash [m]

titelthema i ich-bewusstsein

Fotolia / daniel dash [m] titelthema i ich-bewusstsein In vIelfalt vereInt So zahlreich wie die einflüsse,
Fotolia / daniel dash [m] titelthema i ich-bewusstsein In vIelfalt vereInt So zahlreich wie die einflüsse,

In vIelfalt vereInt So zahlreich wie die einflüsse, die einen Menschen prägen, sind auch die Schichten des Ichs. Dennoch erleben wir es als den mentalen fixpunkt schlechthin.

Jeder Mensch besitzt ein Bild seines Selbst, das stabil und nur schwer wandelbar erscheint. Doch wozu ist es gut, ein »Ich« zu haben? Der Psychiater Uwe Herwig kennt eine plausible Antwort: Es ermöglicht uns, Gefühle und Handlungen zu steuern.

Von uwe herwiG

F rau K. fragt sich, wer sie eigentlich ist. Seit Monaten fühlt sich die 37-Jährige befrem-

det, oft kommt es ihr so vor, als würde sie ne- ben sich stehen. Ihre Familie, ihr Beruf, ihr gan- zes Lebens erscheinen ihr irgendwie sinnlos. Frau K. grübelt viel, leidet unter Beklemmungen. Manchmal gerät sie ihren Kindern gegenüber grundlos in Wut und macht sich anschließend Vorwürfe. Sie denkt daran, sich umzubringen. Herr M. dagegen glaubt, er sei höchstpersön- lich dazu auserkoren, die Welt zu retten. Er hält

sich für außergewöhnlich begabt, tüftelt näch- telang an einer grandiosen, neuen Weltordnung. Er schlägt das fertige Manuskript mehreren Buchverlagen zur Veröffentlichung vor, bestellt einen teuren Sportwagen, obwohl er schon jetzt Schulden hat. Herr M. fühlt sich so gut und selbstsicher wie noch nie. Das sind nur zwei Beispiele dafür, was passie- ren kann, wenn das Selbstbild von Menschen aus den Fugen gerät. Psychische Erkrankungen wie die von Frau K. und Herrn M. – Depression und Manie – verzerren die Vorstellung, die die Betroffenen von sich haben. Eine realistische Selbstwahrnehmung ist wesentlich für eine ge- sunde Psyche. Mag das eigene Ich auch oft schwer zu fassen sein, haben wir doch alle intui- tiv eine Idee davon, wer wir sind. Neurowissenschaftler versuchen aus zwei Gründen, den Wurzeln des Selbst im Gehirn auf die Spur zu kommen. Zum einen versprechen sie sich davon, seelische Erkrankungen besser zu verstehen und behandeln zu können. Zum anderen wollen sie ein alte Frage des Mensch- seins beantworten helfen: Weshalb besitzen wir

überhaupt ein Ich? Warum sind wir nicht ein- fach biologische Automaten, die sich ihrer selbst und ihrem Verhältnis zur Umwelt eben nicht bewusst sind – Wesen, die manche Neurophilo- sophen (etwas geringschätzig) als Zombies be- zeichnen? In unserem subjektiven Erleben existiert für gewöhnlich eine klare Grenze zwischen innen und außen. Gedanken und Gefühle, Motive und Erinnerungen empfinden wir als uns selbst zu- gehörig. Auch wenn wir uns mental in andere Menschen hineinversetzen und deren Wünsche und Gefühle erschließen, verwechseln wir diese normalerweise nicht mit unseren eigenen. Die Trennung zwischen »ich« und dem Rest der Welt erscheint somit als erstes wichtiges Merk- mal des Selbst.

Stabilität trotz Veränderung

Das zweite ist seine Stabilität. Das Selbst bildet einen festen Rahmen, in den wir all unsere Ge- danken, Gefühle und Erfahrungen einordnen. Das Merkwürdige daran: Während wir das eige- ne Ich als konstant erleben, unterliegt es doch einem ständigen Wandel. Jede neue Erfahrung formt uns, sowohl biografisch als auch biolo- gisch. Wie sich der Körper durch seinen Stoff- wechsel laufend verändert, tritt auch das Selbst nie auf der Stelle. Viele innere und äußere Fak- toren prägen es – angefangen bei der Erziehung und Sozialisation bis hin zu alltäglichen Erfah- rungen im Erwachsenenalter. Denn diese beein- flussen das Ablesen genetischer Information und somit auch den Aufbau synaptischer Kon- takte oder die Geburt neuer Nervenzellen im

Mehr zuM titelheMa > Puzzle der Persönlichkeit Wie sich der Charakter im Gehirn abbildet (S. 30)

Auf einen Blick

Selbst ist

das Hirn

1 Jeder Mensch hat ein Bewusstsein für innere

Vorgänge wie Gedanken, Gefühle, Erinnerungen. Diese erscheinen als der eigenen Person zugehörig und stabil – außer bei bestimmten psychischen Störungen.

2 Viele Hirnareale, die mit dem Ich-Bewusst-

sein zu tun haben, liegen an der »kortikalen Mittellinie«

der beiden Hemisphären.

3 Selbstwahrnehmung ermöglicht es, Emotio-

nen und Handlungsim- pulse bewusst zu kontrol- lieren. Dies lässt sich auch trainieren.

Weshalb besitzen wir überhaupt ein Ich? Warum sind wir nicht einfach biolo- gische Auto- maten, die sich ihrer selbst nicht bewusst sind?

Gehirn. Das lässt vermuten, dass sich die Kon- stanz des Selbst nicht irgendwie automatisch ergibt, sondern eine aktive Leistung unseres Gehirns darstellt. Nur, wie erbringt es sie? Und warum überhaupt? Ein Blick auf die Entwicklung des Ich-Kon- zepts bei Kleinkindern liefert erste Anhalts- punkte. Ab dem Alter von etwa drei bis fünf Mo- naten können Babys ihre Körperbewegungen einigermaßen sicher kontrollieren, mit zirka an- derthalb Jahren erkennen die Kleinen sich dann erstmals im Spiegel. Ab zwei Jahren verwenden sie Begriffe wie »ich« und »mein«; eigene Ge- fühlsregungen (»Ich bin traurig«) benennen sie mit etwa drei Jahren. Im Grundschulalter meh- ren sich die Vergleiche mit anderen, die Zeit des Kräftemessens beginnt, woraus nach und nach ein Selbstwertgefühl entsteht. Jugendliche und junge Erwachsene erwerben über immer diffe- renziertere soziale Rollen schließlich eine aus- gereifte persönliche Identität.

Explosionsartiges Wachstum

Parallel zu diesen Entwicklungsstufen formen sich die neuronalen Verbindungen. Bei der Ge- burt existieren nur wenige synaptische Ver- knüpfungen zwischen den schätzungsweise 100 Milliarden Nervenzellen des Gehirns. Bis zum sechsten Lebensjahr kommt es zu einem ex- plosionsartigen Anwachsen der synaptischen Verdrahtung, die sich gleichzeitig immer mehr

Das Selbst – philosophisch betrachtet Geistesgeschichtlich ist die Beschäftigung mit dem Selbst sehr alt. In
Das Selbst – philosophisch betrachtet
Geistesgeschichtlich ist die Beschäftigung mit dem Selbst sehr alt. In der an-
tiken griechischen Philosophie kam wohl erstmals der Gedanke auf, dass un-
ser Verhalten durch eine dahinterstehende Psyche bestimmt wird. Von He-
raklit (540/535 – 483/475 v. Chr.) stammt der Appell »Erkenne dich selbst!«.
René Descartes (1556 – 1650) unterschied in seinem Dualismus von Geist und
Körper die »res extensa« von der »res cogitans«. Beide Sphären träfen sich in
der Zirbeldrüse des Gehirns. Descartes’ »Ich denke, also bin ich« definiert das
Selbst als über jeden philosophischen Zweifel erhaben.
Immanuel Kant (1724 – 1804) erklärte, dass der menschliche Verstand seine
eigene Welt konstruiert, und Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 – 1831) sah
in der Selbsteinsicht einen höheren Entwicklungsstand des Bewusstseins.
Der amerikanische Psychologe William James (1842 – 1910) betrachtete Emo-
tionen und Selbst in naturwissenschaftlich-reduktionistischer Weise als
Funktionen des Gehirns. Sigmund Freud (1856 – 1939) wiederum entdeckte
das Unbewusste als mitbestimmende Instanz, die man bei der psychothera-
peutischen Modifikation des Selbst berücksichtigen müsse.

festigt. Dabei verschwinden ungenutzte Ver- knüpfungen; andere, die durch bedeutende oder wiederholte Erlebnisse gebahnt werden, konsolidieren sich. Der Neurologe Antonio R. Damasio von der University of Iowa entwarf Mitte der 1990er Jah- re ein hierarchisches Drei-Ebenen-Modell des Selbst. Demnach stellt das »Protoselbst« eine neuronale Repräsentation des Organismus dar. Auf dieser zunächst unbewussten Ebene geht es vor allem darum, allgemeine Körperfunktionen und das innere biochemische Gleichgewicht, die Homöostase, zu erhalten. Zuständig sind hierfür der Hirnstamm, das Mittelhirn sowie der Hypothalamus. Erst wenn hier Probleme auftreten, werden diese höheren Hirnzentren gemeldet. Auf der mittleren Ebene – Damasio spricht vom »Kernselbst« – steht die Interaktion mit der Umwelt im Vordergrund. Hier entsteht ein un- mittelbares Bewusstsein unseres Selbst im Hier und Jetzt. Neuronal betrachtet sind unter ande- rem Teile des Zwischenhirns beteiligt, vor allem der Thalamus sowie die Mandelkerne (Amygda- lae), der zinguläre Kortex, die Insula und der me- diale präfrontale Kortex (Grafik rechts). Körper- signale erzeugen im »Kernselbst« einfache Be- wusstseinsinhalte wie etwa Hungergefühle. An der Spitze von Damasios Modell steht das »autobiografische Selbst«. Es gewährleistet, dass wir das eigene Verhalten reflektieren und es ge- zielt beeinflussen können. Dafür ist laut Dama- sio ein sprachliches Bewusstsein erforderlich, wie es nur der Mensch besitzt. Entsprechend sind neuronale Sprachzentren wie die Broca-Re- gion sowie der Hippocampus als Vermittler- instanz für den Gedächtnisabruf beteiligt. Auf dieser Bewusstseinsebene können wir unter Einbeziehung früherer Erfahrungen und aktu- eller Ziele Handlungsimpulse rational und ana- lytisch abwägen. Der präfrontale Kortex im Stirnhirn übt dabei die Funktion eines internen Kontrolleurs aus. Damasios Modell beschreibt viele Aspekte des Selbst – um diese zu erforschen, greifen For- scher jedoch oft auf einfachere Unterscheidun- gen zurück. Eine verbreitete ist die zwischen körperlichen und gedanklichen (kognitiven) Komponenten. Wir spüren den eigenen Körper über somatosensorische Rückmeldungen von der Haut und den Gelenken, aber auch aus dem Bauchraum (viszeral). Besonders wichtig für diese Eigenwahrnehmung ist ein Abschnitt der Hirnrinde am Übergang vom Frontal- zum Schläfenlappen – die vordere Insula. Dies konn-

ten Hugo D. Critchley und seine Kollegen vom Wellcome Department for Imaging Neurosci- ence in London 2004 nachweisen. Die Forscher ließen Probanden die eigene Herzfrequenz einschätzen: Während die Ver- suchsteilnehmer im Magnetresonanztomogra- fen (MRT) lagen, lauschten sie per Kopfhörer ih- rem eigenen Pulsschlag entweder in Echtzeit oder um 500 Millisekunden verzögert. Die Auf- gabe: zu entscheiden, ob der eigene Puls direkt oder zeitversetzt erklang. Je besser ein Proband dies unterscheiden konnte, desto stärker fiel die Aktivität in der Inselregion aus. Wie weitere Messungen ergaben, hatten Probanden mit be- sonders sensiblem Körperempfinden (sie kla- gen beispielsweise eher über trockene Augen oder Magendrücken) eine größere Inselrinde als andere Personen. Kognitive Aspekte des Selbst spiegelten sich dagegen im medialen präfrontalen Kortex (MPFC) wider. In einem Experiment von Joseph Moran und Kollegen am Dartmouth College in Hanover (US-Bundesstaat New Hampshire) von 2006 sollten gesunde Probanden beurteilen, wie gut eine Reihe von Adjektiven auf sie per- sönlich beziehungsweise auf eine andere, ihnen bekannte Person zutrafen. Waren die Wörter auf sich selbst zu beziehen, fiel die Aktivität jener Frontalhirnregion stärker aus – und zwar unab- hängig vom emotionalen Wert des Adjektivs, also ob es eine positive oder negative Eigen- schaft beschrieb.

Erregung beim eigenen Anblick

Zu ähnlichen Befunden kamen Thilo Kircher von der Psychiatrischen Universitätsklinik Mar- burg sowie Stephen M. Platek und Kollegen von der University of Pennsylvania in Philadel- phia. Ihre Probanden sahen Fotos des eigenen Gesichts sowie von anderen bekannten und unbekannten Menschen. Wie der gleichzeitige Hirnscan ergab, aktivierte das Betrachten des ei- genen Porträts vermehrt mediale präfrontale, insuläre und parietale Kortexareale. Diese Regionen melden sich schon bei der bloßen Erwartung des Probanden, sich gleich selbst zu sehen, also ehe das Bild erscheint. Das berichtete Annette Brühl von der Universitäts- klinik Zürich auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) 2008 in Berlin. Die Unterscheidungen zwischen »ich« und »andere« bietet Forschern einen naheliegenden Ansatzpunkt, um der neuronalen Selbstreprä- sentation auf die Spur zu kommen. Offenbar

Mediale Schnittansicht des Großhirns

anteriorer

posteriorer

zingulärer zingulärer Kortex (ACC) Kortex (PCC) medialer parietaler dorsomedialer Kortex (MPC) präfrontaler
zingulärer
zingulärer
Kortex (ACC)
Kortex (PCC)
medialer
parietaler
dorsomedialer
Kortex (MPC)
präfrontaler
Kortex (DMPFC)
ventromedialer
präfrontaler
Kortex (VMPFC)
orbitofrontaler
Amygdalae
Kortex (OFC)
Hippocampus
Kleinhirn
(Cerebellum)
Gehirn&Geist / meGanim

unterscheidet das Gehirn sehr genau zwischen Eigen- und Fremdreizen. Das führt beispielswei- se dazu, dass wir uns nicht selbst kitzeln kön- nen, obwohl der entsprechende Hautreiz mit dem beim Gekitzeltwerden durch eine andere Person identisch ist. Wir hören auch unsere ei- gene Stimme in der Regel nicht bewusst, obwohl sie wie jedes andere Geräusch von außen ans Ohr dringt. Knut Schnell von der Psychiatrischen Uni- versitätsklinik in Bonn untersuchte dies näher. Laut Ergebnissen seiner Arbeitsgruppe nehmen wir Reize, die als Folge eigener Handlungen ent- stehen, tatsächlich deutlich schwächer wahr als extern erzeugte. In einer bildgebenden Studie konnte Schnell zeigen, dass beim Beobachten von eigenen im Vergleich zu fremden Hand- lungen während eines einfachen Videospiels ein Netzwerk aus präfrontalen Kortexarealen sowie dem unteren Scheitellappen (inferior pa- rietal) verstärkt in Aktion trat. Wie ist das zu erklären? Der präfrontale Kor- tex ist als Planungs- und Kontrollinstanz für Handlungen bekannt. Er sendet eine Kopie sei- ner Bewegungsprogramme in Regionen des Scheitellappens, der wiederum für die Wahr- nehmung fremder Bewegungen zuständig ist. Durch dieses Feedback kann selbst erzeugter In- put quasi herausgerechnet werden – das heißt,

Innere Mitte

Die neuronale Selbstrepräsen- tation beansprucht Areale in vielen verschiedenen Hirntei- len. Besonders dicht gesät sind sie auf der Innenseite der Hemisphären, auch »kortikale Mittellinie« genannt. Zu den als »CMS« zusammenge- fassten Strukturen (von englisch Cortical Midline Structures) zählen neben dem orbitofrontalen und dem zingulären vor allem der mediale präfrontale Kortex. Dieser teilt sich in einen ventral (»zum Bauch hin«) und einen dorsal (»zum Rücken hin«) gelegenen Ab- schnitt auf. Auch Gebiete im Scheitellappen (hier markiert:

medial parietal) und die Amygdala werden – je nach experimentellem Vorgehen – von ichbezogenen Reizen aktiviert.

mit Frdl. Gen. von Uwe herwiG

»SIeh an, DaS bIn ja Ich!« In einem von Uwe herwigs experimenten betrachteten Probanden fotos der eigenen oder anderer Personen. bei Selbstbetrachtung regte sich der zinguläre Kortex (hier gelb) besonders stark.

Der feine

 

Unterschied

 

Ich und Selbst: Der ame-

rikanische Psychologe Wil- liam James (1842 – 1910) unterschied zwischen »I« und »Me«. Ersteres sei der »Wissende« (Ich). Den Inhalt seines »Wissens« – Gedan- ken, Wünsche, Vorlieben et cetera – bilde dagegen das Selbst. Nach einer anderen Definition ist das Ich der je- weils aktuell bewusste Teil des Selbst, quasi die Spitze des Eisbergs.

Emotion und Gefühl:

Als Emotionen bezeichnen manche Forscher grundle- gende körperliche Erregungs- zustände. Erst aus deren gedanklicher Bewertung entstünden Gefühle. In der Alltagssprache benutzen wir beide Begriffe meist synonym.

Alltagssprache benutzen wir beide Begriffe meist synonym. die Intensität der Wahrnehmung schwächt sich deutlich ab.

die Intensität der Wahrnehmung schwächt sich deutlich ab. Bei akut psychotischen Patienten kann diese Selbst-fremd-Unterscheidung gestört sein – mit dem kuriosen Nebeneffekt, dass sie selbst herbeigeführte Berührungen der eigenen Haut unverändert stark empfinden und sich so- mit prinzipiell auch selbst kitzeln könnten. Das führt uns zu der Frage, weshalb sich überhaupt so etwas wie ein Selbst entwickelt hat. Welchen Vorteile hat ein »autoreflexiver« Organismus gegenüber einem alternativen, der sich seiner selbst nicht bewusst ist und folglich kein Ich besitzt? Eine große Rolle dürfte dabei die Regulation von Gefühlen spielen. Denn hier kommt der Selbstwahrnehmung eine wichtige Funktion zu: Sie erlaubt uns, unserer Gefühle bewusst zu werden, sie zu bewerten und gegebe- nenfalls zu modulieren. Das eigene Ich dient da- bei als eine Art Projektionsfläche.

Gefühlskontrolle im Alltag

Wir begegnen laufend vielerlei Reizen, die emo- tional bedeutsam sind: vom bissigen Nachbars- hund über den nervigen Kollegen bis hin zum lang ersehnten Kinoabend mit Freunden. Unse- re Gefühlsreaktionen und daraus entstehende Verhaltensimpulse wie Flucht, Kampf oder Freu- densprünge zu regulieren, ist eine wichtige Fä- higkeit; ohne sie wäre ein verträgliches soziales Miteinander unmöglich. Areale des präfronta- len Kortex spielen hier abermals eine entschei- dende Rolle. Sie modulieren die von den Man- delkernen ausgehende Aktivität und können so die emotionale Erregung hemmen. Doch wie gehen wir im Alltag eigentlich mit unseren Gefühlen um? Eine simple Strategie be- steht darin, sie einfach über sich ergehen zu las- sen. Das ist allerdings oft nicht praktikabel. Eine andere Möglichkeit ist die Unterdrückung des

emotionalen Ausdrucks – etwa, indem man in belastenden oder Angst auslösenden Situatio- nen bewusst »gute Miene« macht. Wie Studien gezeigt haben, verändern mimische oder an- dere motorische Signale durchaus unsere Stim- mungslage. Allerdings kann ständiges Unter- drücken von Emotionen den subjektiven Lei- densdruck und die damit verbundene Erregung noch verstärken. Eine dritte, günstigere Variante bezeichnen Psychologen als »kognitive Neubewertung« (oder Reappraisal, wie der englische Fachbegriff lautet). Sie zielt auf eine Entspannung des emo- tionalen Erlebens und eine reduzierte physiolo- gische Reaktion wie zum Beispiel verlangsam- ten Herzschlag. Mittels funktioneller Bildge- bung konnten Kevin Ochsner und James Gross von der Stanford University in Kalifornien 2005 die neuroanatomischen Korrelate der kogni- tiven Neubewertung aufzeigen. Die Forscher präsentierten gesunden Pro- banden unangenehme oder neutrale Bilder. Ein Teil der Versuchspersonen sollte sie einfach auf sich wirken lassen. Andere hatten die Aufgabe, sie durch gedankliche Neubewertung so zu interpretieren, dass sie ihre negative Bedeu- tung verloren. Einen bedrohlich die Zähne flet- schenden Hund kann man beispielsweise zum treuen Beschützer seines Frauchens umdeuten. Ergebnis: Neubewertung führte zu weniger unangenehmen Gefühlen. Dabei wurden vor allem mediale und laterale präfrontale Areale aktiv, während die Mandelkerne sowie der orbi- tofrontale Kortex in ihrer Aktivität gehemmt waren. In einer eigenen Studie von 2007 ließen wir gesunde Probanden schon bei Erwartung unan- genehmer Bilder die Strategie der kognitiven Neubewertung anwenden. Sie sollten sich in

einem »Reality Check« jeweils vor einer Bilder- reihe vergegenwärtigen, dass sie nur in einem Scanner lagen und an einem Experiment teil- nahmen, welches für sie persönlich keinerlei Be- drohung darstellte. Probanden, die sich dies nach eigenem Bekunden erfolgreich zu Herzen nahmen, zeigten ebenfalls eine stärkere Aktivi- tät insbesondere im medialen und dorsolate- ralen präfrontalen Kortex sowie verminderte Aktivität in den Mandelkernen. Das funktio- nierte selbst dann, wenn den Probanden unbe- kannt war, ob sie gleich einen angenehmen oder unangenehmen Reiz zu sehen bekommen wür- den. Die Strategie hilft also auch in Situationen, in denen man nicht weiß, was auf einen zu- kommt.

bogen die natürliche Neigung von Probanden, im Alltag achtsam zu sein. Dies lässt sich zum Beispiel an der Sensibilität des eigenen Körper- empfindens festmachen. Dann führten die Teil- nehmer im Hirnscanner eine Aufgabe aus, bei der sie emotionalen Gesichtsausdrücken die passenden Affektwörter wie Freude, Trauer oder Ekel zuordnen sollten. Als Kontrollauf- gabe galt es, das Geschlecht der Abgebildeten anzugeben. Wiederum zeigten besonders achtsame Per- sonen stärkere präfrontale Aktivierung. Die Mandelkerne regten sich bei der Affektbenen- nung gleichzeitig weniger heftig als bei anderen Probanden. Offenbar üben vor allem präfron- tale Areale über hemmende Signale Kontrolle über die Amygdala aus. Mit Hilfe von bildgebenden Verfahren könn- ten sich hier in Zukunft ganz neue Perspektiven ergeben: Angenommen, man würde Proban- den, die solche mentale Techniken üben, in Echt- zeit die eigene Hirnaktivität rückmelden, zum Beispiel indem man die registrierten Erregungs- muster auf einem Bildschirm darstellt. Dann könnten die Probanden ihren »Trainingserfolg« anhand der geänderten Hirnaktivität über- prüfen und diese so leichter zu beeinflussen lernen. Einen solcher Ansatz stellte Christian Plew- nia von der Klinik für Psychiatrie und Psycho- therapie der Universität Tübingen ebenfalls auf dem DGPPN-Kongress 2008 in Berlin vor. Zu- sammen mit anderen Instituten untersucht sei- ne Arbeitsgruppe, ob diese Art des Neuro-Feed- backs die emotionale Selbstregulation unter- stützen kann. Neuere Studien lassen das zwar vermuten, doch ist die Technik bislang noch zu aufwändig, um sie im Behandlungsalltag ein- zusetzen. Auch wenn es also noch einige Zeit dauern dürfte, bis Menschen wie Frau K. und Herrn M. mit solchen Methoden geholfen werden kann – die Erforschung der neuronalen Grundlagen des Selbst ist noch für manche Überraschung gut. Vor allem führt sie uns vor Augen, dass das Bild, welches wir uns von uns selbst machen, eine Leistung unseres Denkorgans darstellt und dass wir es positiv beeinflussen können. Ÿ

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Auf die Bewertung kommt es an

of

anticipatory emotion and

Emotionen zu kontrollieren ist somit zu einem gewissen Grad möglich. Nicht umsonst ist dies ein Element vieler psychotherapeutischer Tech- niken. Das Grundprinzip reicht aber noch viel weiter zurück: Bereits Mark Aurel schrieb in sei- nen »Selbstbetrachtungen«, dass seelische Be- lastung nicht durch ein äußeres Ereignis selbst entsteht, sondern durch unsere Bewertung des- selben. Der Mensch habe jederzeit die Macht, diese zu verändern. Ganz so einfach ist es wohl nicht. Schließlich scheitern wir häufig bei dem Versuch, uns im Zaum halten. Oft überwältigen uns Gefühle, ehe wir uns zur Räson rufen können. Und bei tief verwurzelten Ängsten wie etwa einer Spinnen- phobie hilft es zunächst ohnehin nicht viel, sich einfach zu sagen: »Das ist doch nur ein harm- loses Tierchen!« Allerdings können wir jene Hirnregionen, die für die kognitive Kontrolle zuständig sind, durchaus trainieren. Meditationstechniken wie die der Achtsam- keit fördern das bewusste Wahrnehmen der ei- genen Emotionen und körperlichen Empfin- dungen. Gleichzeitig helfen sie, sich innerlich davon zu lösen. Mindfulness – so die englische Übersetzung – umfasst das absichtliche, auf- merksame und nicht wertende Bewusstsein für den Moment. Die achtsamkeitsbasierte Psycho- therapie hat in den letzten Jahren einen be- merkenswerten Aufschwung erlebt (siehe G&G 12/2006, S. 40). Mittlerweile sind begleitende neurobiolo- gische Vorgänge auch recht gut erforscht. Of- fenbar sind dabei ähnliche Hirnregionen aktiv wie bei der Emotionsregulation. J. David Cres- well, Psychologe an der University of California in Los Angeles, bestimmte 2007 mittels Frage-

perception processing by Cog­

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37,

s. 652–662, 2007.

Kircher, t. et al.: towards a Functional neuroanatomy of

self processing: effects of Fa­ ces and words. in: Cognitive Brain research 10, s. 133–144,

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Uwe Herwig ist Leiter der Arbeitsgruppe Emotions- regulation an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich und außerplanmäßiger Professor an der Uni- versität Ulm.

literAturtipp Damasio, a.: ich fühle, also bin ich. dtv, münchen 2001. Sachbuch-Klassiker zum Ver- hältnis von Ich und Gehirn

www.gehirn-und-geist.de/audio
www.gehirn-und-geist.de/audio

www.gehirn-und-geist.de/audio

 

titelthema i neuropsycholoGie

Puzzle der

titelthema i neuropsycholoGie Puzzle der Die Geheimnisse des Charakters galten bislang als das Terrain von Psychologen.

Die Geheimnisse des Charakters galten bislang als das Terrain von Psychologen. Doch heute können Neurowissenschaftler immer besser individuelle Eigenarten im Denkorgan verorten, weiß Christian Fiebach von der Universität Heidelberg. Er umreißt eines der großen Rätsel der Hirnforschung: Wie hängt die Persönlich­ keit eines Menschen mit den Eigenheiten seines Gehirns zusammen?

von christian Fiebach

Mehr zuM theMa > Der Blick nach innen hirnforscher erkunden das Ich-Bewusstsein (S. 24)

NEUE SERIE G&G-SERIE
NEUE SERIE
G&G-SERIE

Die

NEUE SERIE G&G-SERIE Die der Hirnforschung Teil 1: Kultur (6/2009) Teil 2: Neurogenese (7-8/2009) Teil 3:

der Hirnforschung

Teil 1: Kultur (6/2009) Teil 2: Neurogenese

(7-8/2009)

Teil 3: Persönlichkeit

(9/2009)

Teil 4: Empathie (10/2009) Teil 5: Bewusstsein

(11/2009)

I n den letzten Jahrzehnten haben wir sehr viel über die Arbeitsweise des Gehirns gelernt. Das

betrifft sowohl die Funktion der Nervenzellen als auch – auf höherer Ebene – die Aufgabentei­ lung zwischen den verschiedenen Hirnarealen, die für psychische Leistungen wie das Verste­ hen von Sprache, die Gedächtnisspeicherung oder auch unser emotionales Erleben maßgeb­ lich sind. Neurowissenschaftler versuchen dabei in erster Linie zu verstehen, wie das Gehirn ganz allgemein mentale Leistungen erbringt – das heißt, sie erforschen universelle, bei jedem von uns im Prinzip gleich ablaufende Prozesse. Nun wissen wir aber aus alltäglicher Erfahrung, dass sich Menschen durchaus stark voneinander un­ terscheiden. Der eine ist besonders sprachbe­ gabt, die andere dagegen gewieft im Rechnen oder logischen Schlussfolgern; die eine fürchtet sich leicht, der Nächste fällt durch einen beson­ ders impulsiven Charakter auf. Solche mehr oder weniger stabilen Vorlieben und Persönlichkeitszüge bilden die Grundlage unserer Individualität. An den extremen Enden ihrer Ausprägungen stehen oft psychische Er­

krankungen wie zum Beispiel Angststörungen. Persönlichkeitspsychologen entwickelten viel­ fältige Instrumente, um interindividuelle Un­ terschiede im Erleben und Verhalten von Men­ schen einordnen und beschreiben zu können. Dazu zählen vor allem standardisierte Frage­ bögen, mit deren Hilfe empirisch begründete Persönlichkeitsdimensionen ermittelt werden können, wie etwa die so genannten Big Five (sie­ he Kasten auf S. 33). Dagegen verstehen wir die biologischen Grundlagen der Persönlichkeit bis heute noch wenig. Hans Jürgen Eysenck (1916 – 1997), ein bedeu­ tender britischer Psychologe deutscher Abstam­ mung, entwickelte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts seine »Aktivierungstheorie der Persönlichkeit«. Sie basiert auf der Annahme, es gebe drei wesentliche charakterliche Dimen­ sionen: Neurotizismus (etwa gleichbedeutend mit emotionaler Labilität und Ängstlichkeit so­ wie einem Hang zu negativen Gefühlen), Extra­ version – darunter fallen vor allem Geselligkeit und Optimismus – sowie Psychotizismus. Die­ ser zuletzt genannte Begriff gilt als relativ un­ scharf, weil er unter anderem so verschiedene

Gehirn&Geist / Volker straeter, BDM DesiGn
Gehirn&Geist / Volker straeter, BDM DesiGn

graue zellen, Buntes ich Ob kreativ, expressiv, rational oder impulsiv – das gehirn macht den unterschied.

Eigenschaften wie Neugier, Aggressivität, Domi­ nanz und Gewissenhaftigkeit in sich vereint. Der springende Punkt in diesem Modell ist jedoch folgender: Die jeweilige Ausprägung der drei Grunddimensionen ist laut Eysenck weit gehend genetisch festgelegt und geht auf die Er­ regbarkeit bestimmter körperlicher Systeme zu­ rück. So reagiere bei Personen mit starkem Neu­ rotizismus bespielsweise das limbische System, das am Entstehen von Emotionen beteiligt ist, besonders schnell und heftig auf Reize, die an­ dere Menschen eher kalt lassen.

Historische Vorläufer

Anders als Eysenck führte dessen jüngerer Kol­ lege Jeffrey Gray (1934 – 2004) Unterschiede hin­ sichtlich der Ängstlichkeit und Impulsivität von Menschen auf deren neurobiologische Emp­ fänglichkeit für belohnende und bestrafende Reize zurück. Gray postulierte ein fest im Ge­ hirn verankertes Behavioural Approach System (BAS), das die Annäherung an positiv verstär­ kende Reize kontrolliere – etwa Nahrung, Sexu­ alpartner, aber auch Lob, Geld oder Drogen. Ist dieses System leicht erregbar, so äußere sich das

in besonders impulsivem Verhalten. Das Beha- vioural Inhibition System (BIS) hingegen steuert nach Gray das Vermeiden von negativen Kon­ sequenzen. Eine hohe Reaktivität des BIS bringt somit erhöhte Ängstlichkeit mit sich. Der Neuropsychologe Richard Davidson von der University of Wisconsin­Madison vertritt ähnliche Ideen im Rahmen seiner Lateralisie­ rungstheorie der Persönlichkeit. Grob verein­ facht besagt dieses Modell, dass der linke Fron­ talkortex eher die Hinwendung zu angenehmen oder gewünschten Reizen steuere, während das Pendant in der rechte Hirnhälfte für Vermei­ dung oder Rückzug bei Gefahr zuständig sei. Davidson schloss dies aus Hemisphärenun­ terschieden in der Verarbeitung emotionaler Reize. So zeigen sich stärkere EEG­Signale über dem linken Stirnhirn, wenn Testpersonen freu­ dige Gesichter betrachten; die vom rechten Stirnhirn ausgehenden elektrischen Potenzial­ schwankungen sind dagegen größer beim An­ blick trauriger Gesichter. Unterschiede im emotionalen Erleben zwi­ schen Individuen wurzeln laut Davidson in Asymmetrien der neuronalen Grundaktivität,

Auf einen Blick

Hirn mit Charakter

1 Persönlichkeitszüge

wie Ängstlichkeit,

Impulsivität und Intelli- genz lassen sich ansatz- weise auf bestimmte Eigen- arten der Gehirne von Menschen zurückführen.

2 Dazu gehören Unter- schiede in der Hirn-

aktivität und -anatomie sowie im Erbgut.

3 Individuelle Persönlich- keitsmerkmale entste- hen im Wechselspiel von Genen, Gehirn und Umwelt.

Masse Mit Klasse

eine studie von 2005 legt nahe:

Je größer die linke amygdala

eines Menschen anatomisch

ausgeformt ist, desto extrover-

tierter ist er (links). Mit wach-

sendem Volumen der rechten

amydala hingegen verringert

sich der neurotizismus (rechts).

(aus Omura, K.R. et al.: Amygdala Gray Matter Concentration is Associated with Extraversion and Neuroticism. In: Neuroreport 16(17), S. 1905 – 1908, 2005.)

die den »affektiven Stil« einer Person begrün­ den. Je nach Dominanz einer der beiden Seiten des Frontalhirns spreche sie eher auf positive Reize wie Belohnungen an oder trachte eher danach, negative zu vermeiden. Davidson geht dabei von einem biologisch bedingten Kontinuum zwischen Hinwendung und Rückzug aus, während Gray diese als unab­ hängige Dimensionen auffasste. Eine Person könne Grays Theorie zufolge durchaus auf bei­ den Gebieten hohe Ausprägungen zeigen – eine solche hochimpulsive und gleichzeitig ängst­ liche Persönlichkeit entspreche dem klassischen Neurotizismus. Die differenzialpsychologische Forschung hat also eine Reihe von Theorien und Modellen hinsichtlich der biologischen Grundlagen der Persönlichkeit hervorgebracht. Allerdings gibt es bislang wenig Klarheit darüber, welcher Erklärungsansatz am ehesten zutrifft. Mit da­ zu beigetragen haben dürfte, dass der Main­ stream der Persönlichkeitspsychologie lange Zeit kaum nach den zu Grunde liegenden neu­ ronalen Mechanismen forschte, während sich Neurowissenschaftler umgekehrt wenig für interindividuelle Unterschiede interessierten. Verfeinerte Methoden der kognitiven Neuro­ wissenschaften ermöglichen es heute jedoch, diese Kluft zu überwinden und die biologischen Korrelate der Einzigartigkeit des Individuums zu ergründen.

L R L R 0,87 0,74 0,86 0,73 0,85 0,72 0,84 0,71 0,83 0,70 0,82
L
R
L
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0,87
0,74
0,86
0,73
0,85
0,72
0,84
0,71
0,83
0,70
0,82
0,69
0,81
0,68
0,80
0,67
0,79
0,66
0,78
0,65
0,77 20
0,64
40
60
80
20
40
60
80
Extraversion
Neurotizismus
Mit frDl. Gen. Von turhan Canli
Dichte der grauen Substanz
Dichte der grauen Substanz
Dichte der grauen Substanz Dichte der grauen Substanz Ein Aspekt der Persönlich­ keit, der in den

Ein Aspekt der Persönlich­ keit, der in den meisten Modellen auftaucht, ist der Faktor Neurotizismus. Er be­ schreibt in erster Linie Un­ terschiede in den emotionalen Reaktionen von Menschen. Bei geringer Ausprägung neigt die Person zu wenig Ängstlichkeit und ist eher po­ sitiv gestimmt. Wie bereits Eysenck annahm, dürfte der Grad des Neurotizismus somit auf die emotionsverarbeitenden Netzwerke des Gehirns zurückzuführen sein. Grundsätzlich wären zwei Möglichkeiten denkbar: Einerseits könnten sich verschiedene Persönlichkeitstypen hinsichtlich der Hirnanato­ mie unterscheiden – beispielsweise in Größe oder Struktur der grauen Substanz in bestimmten Arealen. Andererseits könnten die Gehirne ängst­ licherer Menschen aber auch sensibler auf (ver­ meintlich) bedrohliche Reize reagieren als die von forscheren Naturen. Für beides gibt es Belege. So berichtete die Forschergruppe um Turhan Canli von der Stony Brook University (US­Bun­ desstaat New York), dass das Volumen der Man­ delkerne (Amygdalae), einem wichtigen Gefühls­ zentrum des Gehirns, mit gleich zwei Persön­ lichkeitsdimensionen zusammenhängt (siehe Grafik links). Die linke Amygdala war bei Canlis Probanden umso größer, je extrovertierter sich diese in entsprechenden Tests zeigten. Die rech­ te Amygdala erwies sich dagegen als umso klei­ ner, je höher die Betreffenden auf der Neuroti­ zismusskala abschnitten. Dieser zweite Befund passt zu früheren Er­ kenntnissen, wonach auch depressive Patienten häufig eine verkleinerte Amygdala besitzen. Ob starker Neurotizismus somit eine Art Vorläufer depressiver Erkrankungen darstellt, wie man­ che Forscher vermuten, ist allerdings nicht end­ gültig geklärt. Doch spielt die Amygdala offen­ bar eine besonders wichtige Rolle für Persön­ lichkeitsdispositionen, die mit dem emotionalen Erleben verknüpft sind. Doch auch hinsichtlich der Hirnfunktion gilt es zu differenzieren: Die Aktivität der Mandel­ kerne verschiedener Menschen mag einerseits in ihrer Grundaktivität variieren – so könnten ängstliche Personen eine dauerhaft erhöhte Er­ regung der Amygdala aufweisen. Andererseits wäre es denkbar, dass diese Hirnregion nur zeit­ lich begrenzt heftiger reagiert, etwa wenn man mit Furcht einflößenden Reizen oder potenziell gefährlichen Situationen konfrontiert wird. Studien mittels Positronenemissionstomo­ grafie (PET), in denen die neuronale Grundakti­

»Big Five« – das Fünf-Faktoren-Modell der Persönlichkeit Das heute am weitesten verbreitete Modell der
»Big Five« – das Fünf-Faktoren-Modell der Persönlichkeit
Das heute am weitesten verbreitete Modell der Persönlichkeit umfasst fünf Faktoren – die so
genannten Big Five: Neurotizismus beschreibt eine emotionale Labilität, die sich in erhöhter
Ängstlichkeit oder Reizbarkeit ausdrückt, in Sorgen sowie in der Tendenz, negative Emotionen
zu erleben. Extraversion umfasst Aspekte wie Geselligkeit, Aktivität, Erlebnishunger und die
Tendenz, positive Emotionen zu erleben. Offenheit für Erfahrungen bezeichnet intellektuelles
Interesse, aber auch Fantasie und Experimentierfreude. Verträglichkeit beschreibt soziale Kom-
petenzen, Kooperationsbereitschaft und Uneigennützigkeit, während der Faktor Gewissenhaf-
tigkeit auf Organisiertheit und Ordnungsliebe abzielt.

vität durch Messungen des Glukoseumsatzes im Gehirn unter Ruhebedingungen bestimmt wird, ergaben tatsächlich einen dauerhaft er­ höhten Energieverbrauch der Amygdala bei de­ pressiven Patienten. Das legt in der Tat nahe, dass eine ängstliche Persönlichkeit (wie Eysenck annahm) mit einer Erhöhung der Amygdala­ Grundaktivität einhergeht – auch wenn dies an gesunden Probanden noch nicht nachgewie­ sen wurde. Vielleicht stellt die erhöhte Grund­ aktivität auch nur eine Überkompensation des reduzierten Volumens der Mandelkerne bei psychisch Kranken dar. Auch kurzfristige (phasische) Antworten auf furchtbezogene Reize (wie etwa ängstliche Ge­ sichter) fallen bei ängstlichen Personen stärker aus als bei wenig ängstlichen, was Grays Annah­ me einer erhöhten Empfindlichkeit der neuro­ nalen Emotionsverarbeitung stützt.

Von den Genen zum Botenstoff

So spannend solche Befunde sind, erklären sie noch nicht, warum die Gehirne verschiedener Personen unterschiedlich reagieren. Durch die Kombination persönlichkeitspsychologischer Fragebögen mit molekulargenetischen Metho­ den gelang dem Psychiater Klaus­Peter Lesch von der Julius­Maximilians­Universität Würz­ burg vor wenigen Jahren ein wichtiger Schritt zur Beantwortung dieser Frage (siehe Interview in G&G 3/2004, S. 39). Lesch und seine Mitarbeiter untersuchten ein Gen, das die Bauanleitung für den Seroto­ nintransporter enthält. Hierbei handelt es sich um ein Protein, das den Botenstoff Serotonin nach getaner Arbeit aus dem synaptischen Spalt entfernt, also dem Raum zwischen zwei Zellen. Dieser wird bei der neuronalen Kommunika­ tion durch chemische Botenstoffe, so genannte

Neurotransmitter, überbrückt. Der Serotonin­ transporter befördert den Transmitter in die präsynaptische Zelle zurück. Ist diese Wieder­ aufnahme nicht sehr effektiv, so kann die er­ höhte Konzentration des Botenstoffs eine leich­ tere Reizbarkeit etwa der Amygdala bewirken. Nun gibt es das Gen mit dem Bauplan für den Serotonintransporter in zwei Varianten:

Etwa jeder Fünfte von uns trägt ein kürzeres, so genanntes s­Allel in sich, das gegenüber der wei­ ter verbreiteten, längeren Form zu einem etwas weniger effizienten Serotoninabbau an den Sy­ napsen führt. Wie Lesch und seine Mitarbeiter zeigten, neigen s­Allel­Träger im Mittel zu grö­ ßerer Ängstlichkeit. Offenbar können also Un­ terschiede in zellulären und molekularen Me­ chanismen zu dispositionellen Unterschieden im emotionalen Erleben führen. Ein Team um Ahmad Hariri und Daniel Wein­ berger von den National Institutes of Mental Health in den USA stützte diese Annahme in einer viel beachteten Arbeit von 2002: Beim Betrachten von angstbesetzten Bildern zeigten s­Allel­Träger stärkere Aktivität in der Amygdala als Träger des längeren l­Allels. Allerdings sollten solche Ergebnisse mit Vor­ sicht interpretiert werden. Einzelne Genvaria­ tionen (so genannte Polymorphismen) erklären statistisch in der Regel nur sehr geringe Anteile der Unterschiedlichkeit zwischen Personen – meist deutlich weniger als zehn Prozent der ge­ samten Streubreite. Das ist kaum überraschend, da neurobiologische Einflüsse wie die Aktivität eines Neurotransmittersystems multigeneti­ schen Ursprungs sind – also durch eine Vielzahl von Erbfaktoren kontrolliert werden (siehe »Geistesblitze«, S. 12 in diesem Heft). Zudem ist – neben genetischen Faktoren – der Einfluss der Umgebung sehr bedeutsam.

Die kognitiven

Neurowissen-

schaften ermögli- chen es heute, die biologischen Korrelate der Einzigartigkeit des Individuums zu ergründen

Dna: Gehirn&Geist / MeGaniM; DiaGraMM: Gehirn&Geist naCh Christian fieBaCh

Quellen Bishop, s.J.: CoMt val 158 met Genotype affects recruit- ment of neural Mechanisms supporting fluid intelligence. in: Cerebral Cortex 18(9) s. 2132 – 2140, 2008. cohen, M.X. et al.: Connecti- vity-Based segregation of the human striatum Predicts Pe- rosnality Characteristics. in:

nature neuroscience 12(1), s. 32 – 34, 2009.

gene, gehirn, geist Dieses schema ilustriert den stand der Forschung: Die gene beeinflussen über anatomische und biochemische Faktoren die hirnfunktion. Diese steuert, vor dem hintergrund der jeweiligen umwelt, Psyche und Verhalten.

Das Wissen um den jeweiligen Genotyp allein bringt daher wenig. Wie er sich im Verhalten ei­ ner Person auswirkt, bestimmen andere Gene sowie die Erfahrungen und Lebensweise des Einzelnen sehr stark mit.

Erfahrungen und Lebensweise des Einzelnen sehr stark mit. Die Gefühlsreaktionen ei­ nes Menschen sind zwar ein

Die Gefühlsreaktionen ei­ nes Menschen sind zwar ein wichtiger, beileibe aber nicht der einzige Aspekt seiner Per­ sönlichkeit. Auch andere Ei­ genschaften lassen sich an definierten Hirn­ strukturen festmachen. Denken wir zurück an das Streben nach Be­ lohnung, das Jeffrey Gray in seinem Modell des Behavioural Approach System (BAS) als Basis der Impulsivität von Menschen beschrieb. Aus neu­ rowissenschaftlicher Sicht wurzelt dieses Merk­ mal sehr wahrscheinlich im Belohnungssystem des Gehirns. Die dazugehörigen Kerngebiete wie das ven­ trale Striatum in den Basalganglien betrachten Forscher als Motor unseres zielgerichteten Han­ delns. In einer noch unveröffentlichten Studie, die wir zusammen mit Joe Simon und Stefan Kaiser von der Psychiatrischen Universitäts­ klinik Heidelberg durchführten, reagierte das ventrale Striatum bei Personen mit stark ausge­ prägter Annäherungstendenz – also bei impul­ siven Naturen – stärker auf einen Geldgewinn als bei anderen Personen.

Verhalten

Verhalten uMWelt Kognitionen/ emotionen reaktivität/hirnfunktion anatomie transmitter
Verhalten uMWelt Kognitionen/ emotionen reaktivität/hirnfunktion anatomie transmitter

uMWelt

Verhalten uMWelt Kognitionen/ emotionen reaktivität/hirnfunktion anatomie transmitter
Kognitionen/ emotionen
Kognitionen/
emotionen
reaktivität/hirnfunktion anatomie transmitter
reaktivität/hirnfunktion
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transmitter

Und auch hier lassen sich anatomische so­ wie genetische Unterschiede nachweisen. Einen spannenden Befund lieferte Anfang 2009 die Arbeitsgruppe um Bernd Weber vom Life & Brain Center der Universität Bonn. In ihrer Stu­ die wurden Novelty Seeker neuroanatomisch untersucht – das sind Zeitgenossen, die beson­ ders oft neue, aufregende Situationen suchen (siehe auch G&G 5/2008, S. 28). Weber und Kollegen bestimmten mittels der Diffusionstensor­MRT, wie stark bei ihren Ver­ suchsteilnehmern bestimmte Hirnregionen anatomisch miteinander verbunden waren. Der Grad der Vernetzung zwischen dem Striatum und der Amygdala stieg dabei mit wachsender Tendenz zum Novelty Seeking. Die erhöhte Kon­ nektivität könnte etwa dazu führen, dass mehr relevante Informationen in eine Region gelan­ gen, wodurch diese – etwa das Striatum – ver­ mutlich stärker erregt wird.

Der Stoff, aus dem Wünsche sind

Im Belohnungssystem des Gehirns ist Dopamin der wichtigste Botenstoff. Für diesen Transmit­ ter sind inzwischen ebenfalls eine Reihe von ge­ netischen Variationen bekannt. Der Psychologe Martin Reuter von der Universität Bonn unter­ suchte in einer Studie aus dem Jahr 2006, wie die individuelle Tendenz zu positiven Gefühlen und Annäherungsverhalten durch zwei Gen­ varianten beeinflusst wird, welche die Wirksam­ keit von Dopamin kontrollieren. Eines davon steuert den Abbau des Transmitters durch das COMT­Enzym (Catechol­O­Methyltransferase); das andere reguliert die Dichte des D2­Dopa­ minrezeptors im Gehirn. Reuter konnte zeigen, dass genau diejenigen Genotyp­Kombinationen zu einer erhöhten Annäherungstendenz führten, die auch erhöhte Dopaminkonzentrationen mit sich brachten. Indem sie den gemeinsamen Einfluss zweier Genpolymorphismen ins Visier nahmen, tru­ gen Reuter und seine Kollegen dem multigene­ tischen Ansatz Rechnung.

und seine Kollegen dem multigene­ tischen Ansatz Rechnung. Neben Gefühlen und Motiva­ tion macht auch die

Neben Gefühlen und Motiva­ tion macht auch die intellek­ tuelle Leistungsfähigkeit die Individualität einer Person aus. Um sie bestimmen zu können, hat die differenzielle Psychologie ver­ scheidene Intelligenztests entwickelt. Hirnforscher fahnden auch auf diesem Ge­ biet nach biologischen Korrelaten. So suchte etwa Richard Haier von der University of Cali­

fornia in Irvine als einer der Ersten nach Hirn­ regionen, deren Volumen statistisch mit der In­ telligenz von Probanden zusammenhängt. Laut seinen Studien sind anatomische Korrelate der Intelligenz über das gesamte Gehirn verteilt. Die stärksten Effekte seien jedoch im Präfron­ talkortex zu finden. 2008 berichteten Sonia Bishop und John Duncan von der University of Cambridge au­ ßerdem, dass die Aktivierung dieser Hirnregion während der Bearbeitung von Aufgaben aus In­ telligenztests wiederum von der genetischen Ausstattung abhängt: Probanden mit einem COMT­Genotyp, der zu höheren Dopaminkon­ zentrationen im Frontalhirn führt, zeigten bei gleicher Leistung geringere Hirnaktivierung – ihre Gehirne arbeiteten sozusagen effizienter. Da Intelligenz ein hochkomplexes Maß dar­ stellt, in das verschiedene Teilfähigkeiten wie Aufmerksamkeit, Gedächtnis oder Verarbei­ tungstempo einfließen, dürfte eine Vielzahl von Einflüssen darauf wirken. Wie die einzelnen As­ pekte der geistigen Leistungsfähigkeit neuronal und genetisch genau kontrolliert werden, ist ein spannendes Forschungsfeld der Zukunft.

Befunde von Christine Stelzel aus meiner Ar­ beitsgruppe deuten darauf hin, dass die oben beschriebenen Dopamingene auch die Leistung des Arbeitsgedächtnisses beeinflussen – etwa die Fähigkeit, Informationen im Geist zu mani­ pulieren, was zum Beispiel beim Kopfrechnen sehr wichtig ist. Persönlichkeitseigenschaften wie Ängstlich­ keit, Impulsivität und Intelligenz weisen also Korrelate in der Funktion des Gehirns, in seiner Struktur sowie in der genetischen Ausstattung auf. Wie sich diese auf das Erleben und Verhal­ ten auswirken, hängt dabei auch von den Be­ dingungen der Umwelt ab (siehe dazu die Gra­ fik links unten). Die Erforschung dieses kom­ plexen Wechselspiels steht zwar noch am Anfang, doch zeichnet sich bereits ab: Die Indi­ vidualität eines Menschen wurzelt in seinem Denkorgan – wenn auch nicht in einer einzel­ nen Hirnregion. Ÿ

Christian Fiebach ist Leiter der Arbeitsgruppe »Neu- rokognition interindividueller Unterschiede« und Professor für Kognitive Neurowissenschaften an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg.

Quellen (fortsetzung) haier, r. J. et al.: structural Brain Variation and General intelligence. in: neuroimage 23, s. 425 – 433, 2005. reuter, M. et al.: Molecular Genetics support Gray’s Per- sonality theory: the inter- action of CoMt and DrD2 Polymorphisms Predicts the Behavioral approach system. in: international Journal of neuropsychopharmacology 9, s. 155 – 166, 2006.

stelzel, c. et al.: effects of Do- pamine-related Gene-Gene interactions on Working Me- mory Component Processes. in: european Journal of neu- roscience 29, s. 1056 – 1063,

2009.

spezial i psychoonkoloGie

Den Tod im Leib

Wie bewältigen Krebspatienten ihr schweres Schicksal? Beeinflusst die Psyche den Ausbruch und den Verlauf der tödlichen Erkrankung? Kann eine optimistische Einstellung gar das Leben der Betroffenen ver- längern? Das erforscht der Kölner Psychoonkologe Volker Tschuschke.

Mehr zuM theMa > »Mein Leben mit dem Krebs« (S. 42) Psychologische Patienten­ betreuung in einer Krebs­ klinik in Freiburg

Auf einen Blick

Psyche und Krebs

1 Seelische Prozesse wirken sich auf das Im-

munsystem aus und können damit den Aus- bruch und Verlauf von Krebserkrankungen beein- flussen.

2 Ob eine positive Grundeinstellung die

Überlebenschance von Tumorpatienten erhöht, ist unter Psychoonkologen umstritten.

3 Eine fundierte psycho- logische Betreuung

kann aber zumindest die Lebensqualität von schwer kranken Krebspatienten er- heblich verbessern.

Von Volker Tschuschke

L eipzig im Sommer 1990. Fast sieben Jahre litt Rolf B.* bereits an Leukämie – jetzt schien

seine Chance gekommen. Nach der Wende in der DDR konnte der Statiker endlich auf eine Transplantation hoffen. Das Knochenmark sei- nes in Westdeutschland lebenden Bruders sollte die tödliche Krankheit stoppen. Doch die Ernüchterung folgte auf dem Fuß:

Die Ärzte machten ihrem Patienten nur wenig Hoffnung, da sich sein Gewebe stark von dem seines Bruders unterschied. Tatsächlich löste das fremde Knochenmark nach dem Eingriff heftige Abstoßungsreaktionen des Immunsys- tems aus, welche die Mediziner medikamentös nur schwer in den Griff bekamen. Ein Jahr nach der Operation brach der Blutkrebs erneut aus. Doch Rolf B. gab nicht auf. Er suchte sich eine neue Stelle und baute mit seiner Familie ein Haus – für ihn existierte die Krankheit nicht. Trotz der »Minuslebenserwartung«, wie er seine eigenen Chancen realistisch einschätzte, kon- zentrierte er sich auf ein einziges Ziel – die fi- nanzielle Absicherung seiner Familie. Mit unge- brochenem Lebenswillen bekämpfte er seine Krebserkrankung mehr als 17 Jahre lang. Wir wissen nicht, ob Rolf B. gestorben wäre, wenn er sich nicht an seinem Lebensziel fest- gehalten hätte. Doch sein Beispiel stützt eine in der Bevölkerung und bei etlichen Medizinern weit verbreitete Überzeugung: Die Psyche eines Menschen könne den Verlauf einer tödlichen Krankheit wie Krebs verzögern oder gar stop-

pen. Doch ist das wirklich so? Und wie sieht es umgekehrt aus – können bestimmte psycho- logische Faktoren den Ausbruch des Leidens begünstigen? Gibt es gar, wie mitunter gemut- maßt wird, eine »Krebspersönlichkeit«? Mit solchen Fragen beschäftigt sich die Psy- choonkologie, eine Disziplin, die unter anderem erforscht, ob es zwischen der psychischen Kon- stitution einer Person und der Entstehung bös- artiger Tumoren Zusammenhänge gibt. Um es gleich vorwegzunehmen: Die Meinungen hie- rüber sind auch unter Experten gespalten. Wäh- rend ein großer Teil der Psychoonkologen ent- schieden abstreitet, dass es psychisch oder so- zial verursachte Krebserkrankungen gibt, wollen andere Forscher dies zumindest nicht von vorn- herein ausschließen.

Zweifelhafte Studien

Schon 1991 hat der dänische Onkologe Anders Bonde Jensen vom Universitätskrankenhaus Odense die bis dahin vorliegenden Studien zur Entstehung von Brustkrebs kritisch durch- leuchtet: Erhöht ein bestimmter Persönlich- keitstypus tatsächlich das Risiko von Frauen, an dieser tückischen Krebsart zu erkranken, wie einige Mediziner behaupten? Jensen ging mit seinen Kollegen hart ins Gericht. Die meisten Arbeiten schienen zweifelhaft, da sie zu kleine Stichproben umfassten und häufig statistische Mängel aufwiesen. Dennoch zeigte sich zumin- dest ein schwacher Zusammenhang: Frauen, die

Gehirn&Geist / Manfred Zentsch / Mit frdl. Gen. der sanafontis tuMorklinik, freiburG

WUNDER KÖRPER, WUNDE SEELE Dieses Selbstbildnis malte eine 32-jährige Patientin nach ihrer Brustoperation in einer Freiburger Tumorklinik. Die künstlerische Beschäftigung mit dem eigenen Körper hilft vielen Betroffenen, dessen Verletzlichkeit zu akzeptieren.

Die künstlerische Beschäftigung mit dem eigenen Körper hilft vielen Betroffenen, dessen Verletzlichkeit zu akzeptieren.
Die künstlerische Beschäftigung mit dem eigenen Körper hilft vielen Betroffenen, dessen Verletzlichkeit zu akzeptieren.

Die Psyche spielt auf vielfältige Weise eine Rolle bei der Entste- hung von Krebs

Weise eine Rolle bei der Entste- hung von Krebs tschuschke, V.: Psychoonkologie. Psychologische aspekte der

tschuschke, V.: Psychoonkologie. Psychologische aspekte der entstehung und bewältigung von krebs. schattauer, stuttgart 2006. 314 s., € 39,95. In seinem Buch fasst unser Autor Volker Tschuschke die wich- tigsten Forschungsergebnisse der Psychoonkologie zusammen.

Schwierigkeiten haben, Gefühle wie Ärger oder Wut auszudrücken, litten demnach häufiger an Brustkrebs. Zu einem ähnlichen Schluss kamen im sel- ben Jahr Jürg Bernhard von der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Klinische Krebsfor- schung in Bern und Patricia Ganz von der Uni- versity of California in Los Angeles. Auch ihre Literaturrecherche deutete darauf hin, dass Emotionsunterdrückung mit einem erhöhten Risiko für Tumorerkrankungen – in diesem Fall Lungenkrebs – verbunden sein könnte. Aller- dings: Da diese Krankheit sehr stark vom Rauch- verhalten der Betroffenen abhängt, ließ sich ein Zusammenhang mit dem jeweiligen Gefühls- leben der Patienten nicht eindeutig belegen.

Gibt es die »Krebspersönlichkeit«?

Ebenfalls 1991 erschien die Studie der Arbeits- gruppe von Gabriel Kune von der University of Melbourne (Australien). Die Forscher hatten 637 Dickdarmkrebspatienten zu ihren familiären Hintergründen und Lebensgewohnheiten be- fragt und mit denen von 714 Gesunden vergli- chen. Ergebnis: Unter den Erkrankten berichte- ten signifikant mehr Personen über eine un- glückliche Kindheit als in der Kontrollgruppe. Außerdem sprachen sie häufiger davon, dass sie sich nach einer für sie ärgerlichen Situation be- sonders unwohl fühlten. Problematisch an all diesen Studien war ihr retrospektiver Charakter: Die Betroffenen wur- den rückblickend befragt, nachdem sie ihre Dia- gnose kannten – was ihr psychisches Befinden wie auch ihr Urteil über ihre Lebenssituation mit Sicherheit beeinflusste. Solidere Ergebnisse sollten dagegen groß angelegte prospektive Stu- dien liefern, bei denen die Probanden zuvor einem bestimmten Persönlichkeitstyp zugeord- net werden, um dann zu überprüfen, wie viele von ihnen bösartige Tumoren entwickeln. Die britische Krebsforscherin Tina Morris vom King’s College Hospital in London stellte bereits in den 1980er Jahren die These auf, Per- sönlichkeiten vom so genannten Typ C seien für Krebserkrankungen besonders empfänglich. Hierunter fallen Menschen, die als gutmütig, selbstaufopfernd, geduldig und unterwürfig er- scheinen. Demgegenüber steht der risikofreu- dige, ungeduldige und ehrgeizige Typ A, der ein höheres Risiko für Herzinfarkte tragen soll. Diese Typologie erweist sich allerdings in der klinischen Praxis als problematisch, da sich nur ein Bruchteil der untersuchten Personen klar

einer solchen Kategorie zuordnen lässt. Es wundert daher kaum, dass seriöse prospektive Studien zum Thema »Krebspersönlichkeit« bis heute an einer Hand abzuzählen sind. So zeigt sich – falls überhaupt – nur eines:

Menschen, die zur emotionalen Unterdrückung neigen, die vor allem ihren Ärger herunterschlu- cken und eher angepasst auftreten, scheinen im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung häu- figer an Tumoren zu erkranken. Eine derartige Beziehung zwischen Persönlichkeitsstil und Krebs stellt allerdings noch keine kausale Erklä- rung dar. Es bleibt die Frage: Warum ist das so? Wir können von vornherein nicht ausschlie- ßen, dass psychische oder auch soziale Faktoren die Entstehung einer Tumorerkrankung beein- flussen. Schließlich gibt es eine zentrale Körper- funktion, auf die sich die Psyche nachweislich auswirkt: das Immunsystem. 2001 wertete die Arbeitsgruppe von Eric Zorrilla von der Univer- sity of Pennsylvania in Philadelphia hierzu zahl- reiche Studien aus. Demnach zeichneten sich depressive Patienten durch ein geschwächtes Immunsystem aus. Vor allem die Anzahl der weißen Blutkörperchen, die eine entscheidende Rolle bei der Abwehr von Krankheitserregern spielen, lag bei manchen Patienten dramatisch niedrig. Janice Kiecolt-Glaser und Ronald Glaser von der Ohio State University in Columbus ka- men 2002 zu einem ähnlichen Ergebnis. Ihre Metastudie wies eine Zunahme von entzün- dungsfördernden Zytokinen im Blut der Betrof- fenen nach. Entzündungen beschleunigen wie- derum Alterungsprozesse, belasten das Herz- Kreislauf-System und gelten als kanzerogen. Damit ist die Frage nach einer psychosozial bedingten Tumorentstehung, die viele Medi- ziner energisch verneinen, noch längst nicht vom Tisch. Wir dürfen eines nicht vergessen:

Beim Zusammenspiel von Psyche, Immunsys- tem und Krebs handelt es sich keineswegs um eine eindeutige Verknüpfung von Ursache und Wirkung. Krebs ist eine hochkomplexe Krank- heit, die von zahlreichen Faktoren bestimmt wird. So können die genetische Veranlagung, Umweltgifte wie Tabakrauch und Alkohol oder Viren das Leiden direkt auslösen. Falsche Er- nährung, mangelnde Bewegung sowie Stress und gestörter Schlaf tragen ebenfalls zur Er- krankungsrisiko bei. Und solche Verhaltens- weisen werden von der menschlichen Psyche gesteuert, die – wie beschrieben – auch unmit- telbar das Immunsystem beeinflusst. Dieses wiederum kann seinerseits auf Grund negativer Effekte von Umweltfaktoren, Krankheitserre-

PSychE Psyche und Krebs mangelnde körperliche Bewegung Fehlernährung Das unkontrollierte Zellwachstum von Tumo-
PSychE
Psyche und Krebs
mangelnde
körperliche
Bewegung
Fehlernährung
Das unkontrollierte
Zellwachstum von Tumo-
ren wird von zahlreichen
Faktoren beeinflusst:
Hormone
falsches Schlaf-
und Entspannungs-
verhalten
Versagen des
Immunsystems
KREBS
(unkontrolliertes
Zellwachstum)
ungesunde
Lebensführung
Vitamine?
Umweltgifte
Gendefekte/Anlage
Viren
Umweltgifte oder Viren
können die Krankheit
auslösen; die genetische
Veranlagung spielt eben-
falls eine Rolle. Nicht zu
unterschätzen ist eine
ungesunde Lebensweise
mit falscher Ernährung,
mangelnder körperlicher
Bewegung und gestörtem
Schlaf. Etliche dieser
Faktoren beeinträchtigen
ihrerseits das Immunsys-
tem, so dass der Körper
sich schlechter gegen
Zellwucherungen zur Wehr
setzen kann. Damit beein-
flusst die Psyche sowohl
direkt über das Verhalten
als auch über das Immun-
system die Krankheit
Krebs.

gern oder Gendefekten versagen. Damit spielt die Psyche wohl auf vielfältige Weise eine Rolle bei der Entstehung von Krebs (siehe Bild oben). Umgekehrt wirkt sich selbstverständlich ein bösartiger Tumor auf das psychische Befinden des Betroffenen aus. Die Patienten müssen ihr Schicksal seelisch verarbeiten, was je nach Kon- stitution unterschiedlich gut gelingt. So wies etwa eine 1998 publizierte Studie von Forschern um Robert Schnoll von der University of Rhode Island in Kingston (USA) nach, dass aktive, kämpferische Frauen wesentlich leichter eine Brustkrebsdiagnose bewältigten als Leidensge- nossinen, die eher ängstlich, resignierend und fatalistisch veranlagt waren.

Offensive Krankheitsbewältigung

2003 haben Mediziner um Susanne Sehlen von

der Ludwig-Maximilians-Universität München

2169 Tumorpatienten befragt, die sich einer

Strahlentherapie unterziehen mussten. Auch hier zeigte sich, dass sowohl subjektiv empfun- dene Hilflosigkeit als auch eine zwanghafte Be- schäftigung mit der Krankheit das seelische Wohlbefinden der Betroffenen stark beeinträch- tigten. Zu ähnlichen Schlüssen kamen 2004 Thomas Hack und Lesley Degner von der kana- dischen University of Manitoba, die 55 Brust- krebspatientinnen drei Jahre lang begleitet hat- ten, sowie zwei Jahre zuvor die Arbeitsgruppe von Annette Stanton von der University of Kan- sas in Lawrence bei der Befragung von 70 Pa- tientinnen: Frauen, die sich offensiv mit ihrer Krankheit auseinandersetzten, ging es deutlich

besser als denjenigen, die ihr Leiden verdräng- ten. Entsprechende Ergebnisse fand 2005 un- sere Arbeitsgruppe in Köln zusammen mit Kollegen aus Ulm, Hannover und Berlin bei ei- ner Langzeitstudie mit Leukämiepatienten, die eine Knochenmarkstransplantation überstan- den hatten. Eine offensive Einstellung zur Krankheit kann also für die Psyche der Betroffenen durch- aus hilfreich sein. Aber wirken sich psycholo- gische Komponenten auch auf den Verlauf ei- ner Krebserkrankung aus? Hier gehen die Meinungen von Wissen- schaftlern wiederum weit auseinander. James Levenson und seine Kollegen vom Medical Col- lege of Virginia in Richmond kamen Anfang der 1990er Jahre nach einer Literaturrecherche zu einem ernüchternden Fazit: Mit den bis dahin vorliegenden Untersuchungen ließ sich kaum ein positiver Einfluss der Psyche auf den Krank- heitsverlauf nachweisen. Spätere Studien wie die von Bert De Brabander von der Universität Antwerpen aus dem Jahr 1999 deuteten hinge- gen darauf hin, dass Stress die Rückfallrate er- höht. Inwieweit sich das soziale und familiäre Umfeld des Patienten auf den medizinischen Status auswirkt, ist unter Forschern ebenfalls bis heute umstritten. Wenn wir davon ausgehen, dass der biolo- gische Krankheitsverlauf sowie die psychischen Bewältigungsstrategien nicht vollkommen un- abhängig voneinander ablaufen, könnten sie sich theoretisch auf dreifache Weise gegenseitig beeinflussen:

literAturtipps für pAtienten:

Servan-Schreiber, D.: das antikrebs-buch. kunstmann, München 2008. Der Hirnforscher und Psych- iater David Servan-Schreiber erklärt die Zusammenhänge zwischen Krebs und Lebens- stil aus Sicht des Betroffenen:

Bei ihm selbst wurde ein Hirntumor diagnostiziert.

für Mediziner:

Angenendt, G. et al.: Praxis der Psychoonkologie. Psycho- edukation, beratung und therapie. hippokrates, stutt- gart 2007. Weis, J. B. et al.: Psychoedu- kation mit krebspatienten. therapiemanual für eine strukturierte Gruppeninter- vention. schattauer, stutt- gart 2006.

originalquellen finden sie im internet unter:

www.gehirn-und-geist.de/

artikel/1001595

1. Eine kämpferische Einstellung stärkt das Im-

munsystem und fördert so direkt die Heilung oder reduziert wenigstens das Rückfallrisiko. 2. Die mentale Auseinandersetzung mit der Krankheit hilft bei der Zusammenarbeit zwi-

schen Arzt und Patient und unterstützt so indi- rekt den Heilungsprozess.

3. Das psychische Wohlbefinden hängt seiner-

seits davon ab, wie schnell oder langsam die Krankheit fortschreitet. Welche Zusammenhänge wirklich zutreffen, bleibt noch wissenschaftlich zu klären. Für die Betroffenen selbst viel entscheidender scheint die Frage: Was kann man tun, um mit seinem schweren Schicksal besser fertig zu werden? 20 Jahre psychoonkologische Forschung ha- ben inzwischen gezeigt, dass vor allem eine pro- fessionelle Unterstützung den Patienten zu- gutekommt. So lassen sich Angst, Depression, Stress und seelische Erschöpfungszustände mit entsprechenden Methoden deutlich reduzieren, was zu einer höheren Lebensqualität der Betrof- fenen beiträgt. Entspannungsübungen wie autogenes Trai- ning scheinen zwar nicht unmittelbar in den biologischen Krankheitsverlauf einzugreifen, doch lassen sich damit Nebenwirkungen von Bestrahlungs- und Chemotherapie mildern. Der therapeutische Effekt von Musik, der sich bei- spielsweise bei Kindern mit Migräne bewährt hat (siehe G&G 3/2005, S. 32), ist in der Onko- logie bislang kaum untersucht; es gibt aller- dings Hinweise, dass Musiktherapie zumindest kurzfristig für Entspannung sorgen und Schmer- zen bei Krebspatienten lindern kann. Eine sol- che Unterstützung bietet sich vor allem bei akut belastenden Behandlungszyklen oder am na- henden Lebensende der Patienten an. Auch alternative Methoden wie Akupunktur (siehe G&G 7-8/2005, S. 32) oder Aromatherapie (siehe G&G 5/2006, S. 12) können wenigstens kurz- fristig Ängste lösen. Besonders bewährt bei Tumorpatienten ha- ben sich Gruppentherapien: In einem psycholo- gisch betreuten Kreis von Menschen, die dassel- be Schicksal teilen, lernt der Patient, dass er mit seiner Krankheit nicht allein steht, und erfährt seelische Unterstützung durch Leidensgenos- sen. Allerdings sträuben sich viele Betroffene, an solchen Gruppensitzungen teilzunehmen – aus Angst, noch intensiver mit belastenden The- men wie Schmerz und Tod konfrontiert zu wer- den oder die eigene Leidensgeschichte offenba- ren zu müssen. Doch letztlich liegt genau hierin die Chance: Der Betroffene muss sich dem Un-

vermeidlichen stellen – und gefürchteten Tabus offensiv begegnen. Diese aktive Auseinander- setzung mit Todesängsten hilft vielen Patienten, mit dem eigenen Schicksal fertig zu werden und das Thema Sterben für sich seelisch zu ent- schärfen.

Ungebrochener Lebenswille

Fehlt es an psychischer Unterstützung, etwa durch Familie oder Freunde, führt dies nach- weislich zu schlechteren Krankheitsverläufen. Doch selbst viele Ärzte fragen sich: Kann eine positive Grundeinstellung tatsächlich das Fort- schreiten der Krankheit verzögern? Leben sol- che Patienten länger? Die Studienlage hierzu könnte kaum verwirrender sein: Untersuchun- gen, die keinerlei Zusammenhänge zwischen psychoonkologischer Betreuung und Überle- benszeit nachwiesen, stehen etwa gleich vielen Studien gegenüber, die sehr wohl einen Effekt entdeckten. Auch hier gehen die meisten For- scher davon aus, dass die Psyche zumindest über den Umweg des Immunsystems die Krebserkrankung positiv oder negativ beein- flussen kann. Dennoch wissen wir bis heute nicht, ob eine psychologische Betreuung die Überlebenschan- cen von Tumorpatienten tatsächlich verbessert. Methodische Mängel vieler Untersuchungen könnten hierfür mitverantwortlich sein. So ver- glichen Forscher gerade bei Studien, die gegen eine lebenszeitverlängernde Wirkung sprechen, verschiedene Krebserkrankungen mit jeweils unterschiedlichen Prognosen und Therapien miteinander. Auch die Qualifikation des einge- setzten Personals könnte eine kritische Größe darstellen: Wenn eine Krankenschwester ab und an die Hand des Patienten hält, ist das kaum als psychoonkologische Behandlung zu werten. Es bedarf hier schon eines therapeutisch versier- ten Arztes oder Psychologen. Letztlich sollten Ärzte, Patienten und An- gehörige jeder mit Inbrunst vorgetragenen Auf- fassung zu diesem Thema – sei sie pro oder kontra – mit gesunder Skepsis begegnen. Oft handelt es sich um ideologisch motivierte Äu- ßerungen, die nicht sachlich fundiert sind. Eines scheint jedoch sicher: Ein ungebrochener Le- benswille, wie ihn Rolf B. trotz schlechter Aus- sichten zeigte, kann helfen, ein schlimmes Schicksal seelisch zu bewältigen. Ÿ

Volker Tschuschke ist Psychoanalytiker und leitet die Abteilung für Medizinische Psychologie am Uni- versitätsklinikum Köln.

speZIal I RepoRtage

»Mein Leben mit dem Krebs«

Vor fünf Jahren erfuhr Petra Bugar von ihrer Tumorerkrankung – und die Prognosen sind schlecht. Heute sagt sie: »Obwohl ich unheilbar krank bin, lebe ich gerne.« Doch das war nicht immer so, wie sie Gehirn&Geist-Redakteurin Rabea Rentschler bei einem Besuch in einer Freiburger Tumorklinik erzählt.

text: Rabea RentschleR I Fotos: ManFRed Zentsch

Rentschler bei einem Besuch in einer Freiburger Tumorklinik erzählt. text: Rabea RentschleR I Fotos: ManFRed Zentsch

Gehirn&Geist / Manfred Zentsch / Mit frdl. Gen. der sanafontis tuMorklinik, freiburG

Mehr zuM theMa > Den Tod im Leib (S. 36) Psychoonkologen unter­ suchen den zusammenhang zwischen Psyche und Krebs (S. 36)

Im EInKLang mIT SIch anfangs fühlte sich die 53-jährige Petra Bugar ihrer Tumorerkrankung hilflos ausgeliefert. Trotz mehrerer Rückfälle hat sie im Lauf der letzten fünf Jahre gelernt, mit dem Krebs zu leben.

D ie Überlebensrate von Krebspatienten hat sich dank verbesserter Diagnostik und

neuer Behandlungsmöglichkeiten in den letz- ten vier Jahrzehnten verdoppelt: In den 1970er Jahren starben drei Viertel aller Patienten inner- halb von fünf Jahren, heute ist es nur noch jeder zweite – statistisch betrachtet ein großer Erfolg. In der Realität nehmen solche Zahlen der Dia- gnose Krebs aber nicht den Schrecken: Als ein Onkologe Petra Bugar 2004 mitteilte, dass sich in ihrem Unterleib ein Rektumkarzinom gebil- det habe, kam das für sie einem Todesurteil gleich. Heute, fünf Jahre später, ist sie 53 Jahre alt und hat so viele Klinikaufenthalte hinter sich, dass sie aufgehört hat zu zählen. Die nächs- te Chemotherapie in einer privaten Krebsklinik in Freiburg im Breisgau steht kurz bevor. Angst habe sie mittlerweile nicht mehr. »Mein Leben mit dem Krebs«, wie sie es nennt, »begann vor fünf Jahren.« Die Beamtin und Kommunalpolitikerin aus Magdeburg fuhr wie jedes Jahr mit ihrem Mann und ihren bei- den Kindern zum Skifahren. Nach einem Tag auf der Piste entdeckte sie abends Blut im Stuhl. Am folgenden Montag konsultierte sie ihren Hausarzt. Der schickte sie umgehend zu einem Spezialisten. Die 48-jährige wurde gründlich untersucht, eine Stuhlprobe an ein externes Labor geschickt – dann hieß es abwarten. Zwei Tage später der Anruf: Die Befunde seien da, und Petra Bugar solle in die Praxis kommen. Der Arzt hatte keine guten Nachrichten für sie: »Der Krebs ist bereits fortgeschritten, Sie müssen dringend operiert werden.« Während der Onkologe, den sie an diesem Vormittag zum zweiten Mal in ihrem Leben sah, ihr sichtlich verlegen die nächsten Therapie- schritte erklärte, hatte Petra Bugar das Gefühl, ihn aufmuntern zu müssen: »Machen Sie sich keine Gedanken, Sie können ja nichts dafür.« Das Ganze dauerte kaum eine Viertelstunde. Vielen Ärzten fällt es schwer, Patienten eine schlimme Diagnose mitzuteilen. Zwar befür-

worten die meisten Mediziner heute den of- fenen Umgang mit schlechten Nachrichten – in den 1980er Jahren galt das noch als unverant- wortlich –, aber aus Angst, nicht den richtigen Ton zu treffen, weichen manche auf die Sach- ebene aus, ohne die emotionale Verfassung ihrer Patienten zu berücksichtigen. »Das ist auch nicht verwunderlich«, sagt Monika Keller von der Universität Heidelberg, »denn kaum ein Arzt hat gelernt, wie man solche Gespräche führt.« Die Psychotherapeutin setzt sich dafür ein, dass Onkologen schon während der Facharzt- ausbildung üben, niederschmetternde Diag- nosen einfühlsam mitzuteilen. Unter ihrer Leitung wird seit 2008 an sieben deutschen Universitätskliniken das Trainingsprogramm KoMPASS (Kommunikative Kompetenz zur Verbesserung der Arzt-Patienten-Beziehung) er- probt. Ärzte aus Leipzig, Köln, Düsseldorf, Mainz, Heidelberg, Tübingen und Nürnberg lernen in Rollenspielen, denen reale Fälle zu Grunde lie- gen, wie sie sich nicht nur fachlich, sondern auch psychologisch bewähren. Die Gespräche mit speziell geschulten Schauspielern, welche die Patienten mimen, werden auf Video aufge- zeichnet und später analysiert.

Die Unsicherheit der Ärzte

»Anfangs denken viele: Oh nein, ich habe alles falsch gemacht!«, beschreibt Keller die Reaktion einiger Onkologen zu Beginn der Schulung. Doch mit der Zeit empfänden sie die Hilflosig- keit, die Gesprächspausen oder auch die emoti- onalen Ausbrüche ihrer Patienten als weniger belastend. Dafür spricht ebenfalls der Vergleich der 150 bislang trainierten Mediziner mit einer Kontrollgruppe – Fachärzten, die nicht an dem Kurs teilgenommen haben. Fast alle Absolven- ten melden zurück, dank des Trainings weniger Angst vor schwierigen Begegnungen zu haben und besser auf die Bedürfnisse der Patienten eingehen zu können.

mEnTaLE hILfESTELLung Von allein wäre Petra Bugar nicht auf die Idee gekommen, sich psychologische unterstüt-

mEnTaLE hILfESTELLung Von allein wäre Petra Bugar nicht auf die Idee gekommen, sich psychologische unterstüt- zung zu suchen. »Krebspatien- ten kommen nur selten von sich aus auf uns zu«, sagt die Psychotherapeutin nina Rose. »Dabei können wir helfen, mit der aktuellen Krise umzu- gehen.«

Acht Minuten

… Zeit haben Ärzte in Deutschland im Schnitt dafür, ihren Patienten eine Krebsdiagnose mitzutei- len – in anderen europäi- schen Ländern dauert ein solcher Patientenkontakt zwischen elf und 19 Minu- ten. Wenn sie wirtschaft- lich arbeiten wollen, müssen Onkologen jähr- lich rund 4000 emotional belastende Gespräche führen.

(Untersuchung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlich- keit im Gesundheitswesen in Köln, 2007)

Vier Monate nach der Schulung findet ein Anschlussseminar statt. »Hier zeichnet sich ab, dass die meisten Onkologen – und damit indi- rekt auch ihre Patienten – von einer berufs- begleitenden Supervision profitieren würden«, so Keller. »Doch dafür fehlt schlicht das Geld.« KoMPASS wird von der Deutschen Krebshilfe fi- nanziert, die 2008 an die 100 Millionen Euro für 174 Forschungsprojekte ausgab. Doch nur ein Bruchteil der Gelder fließt in psychologische Projekte; das meiste kommt der Grundlagen- sowie der somatischen Therapieforschung zu- gute. »Das ist ja auch verständlich«, sagt Keller. Das Beste, was einem Patienten passieren kann, ist, dass er geheilt wird. Doch obwohl sich die Prognosen für viele der über 200 verschiedenen Krebsarten ständig verbessert haben, stürzt eine Tumorerkrankung praktisch jeden in eine exis- tenzielle Krise. Damit Onkologen von Anfang an auf die damit einhergehenden emotionalen Probleme eingehen können, wollen Keller und ihr Team die KoMPASS-Daten bis Ende 2009 vollständig auswerten, um die positiven Effekte des Trai- nings auf das Empathievermögen, die Kommu- nikationsfähigkeit und die berufsbedingten Belastungen der Ärzte schwarz auf weiß prä- sentieren zu können, was wiederum der ganz- heitlichen Behandlung von Tumorpatienten zugutekommen soll. »Dies ist ein erster Schritt dahin, dass ein Kommunikationstraining für Onkologen auch in Deutschland verpflichtend in die Facharztausbildung integriert wird. In England und der Schweiz ist das schon üblich.« Dass solche Maßnahmen nötig sind, zeigt nicht nur die Erfahrung von Petra Bugar. 2008 veröffentlichte das Wissenschaftliche Institut

der Niedergelassenen Hämatologen und Onko- logen (WINHO) die Ergebnisse einer Studie, bei der über 15 000 Tumorpatienten in 145 Krebs- kliniken und -praxen in Deutschland befragt wurden. Auf den ersten Blick klingen die Resul- tate ganz gut: Die meisten Patienten sind ins- gesamt zufrieden mit ihrer ärztlichen Versor- gung. Im Detail betrachtet schnitten allerdings drei Punkte relativ schlecht ab: geringe ärztliche Kompetenz bei Fragen zu alternativen Behand- lungsmethoden, zu wenig Aufklärung und Mit- spracherecht bei Therapieentscheidungen – und vor allem eine mangelhafte psychosoziale Betreuung, auch für die Angehörigen. Drei Punkte, die massive Konsequenzen für die Lebensqualität der Betroffenen haben kön- nen, wie eine weitere Umfrage des Instituts er- gab: Nicht ausreichend unterrichtete und be- treute Patienten fühlen sich dem Krebs stärker ausgeliefert. Sie sind unsicherer, ängstlicher und häufiger depressiv. Sowohl ihre psychi- schen Belastungen als auch ihre körperlichen Schmerzen oder Nebeneffekte der Therapie wer- den oft übersehen.

Hilflose Angehörige

Auch Petra Bugar sah sich dem Krebs anfangs hilflos ausgeliefert. Verstärkt hatte dieses Ohn- machtsgefühl nicht nur die ungenügende me- dizinisch-psychologische Betreuung. Auch pri- vat fand sie wenig Unterstützung. Als sie nach dem Termin beim Onkologen nach Hause kam und ihrem Mann von der Diagnose erzählte, fehlten ihm die Worte. Er wusste nicht, wie er mit der Schreckensnachricht umgehen sollte, und ignorierte fortan schlicht die Tatsache, dass seine Frau schwer krank war. Auch am Arbeitsplatz zogen sich die meisten zurück, als sie von der Krankheit ihrer Kollegin hörten. »Die Diagnose schockiert nicht nur die Betroffenen selbst, auch Freunde und enge An- gehörige wissen oft nicht, wie sie sich nun ver- halten sollen«, erklärt Nina Rose, Psychologin an der Freiburger Tumorklinik SanaFontis. Die Krankheit stelle Beziehungen auf die Probe; manche Paare schweiße der Krebs fester zusam- men, andere zerbrechen daran. Bei Petra Bugar und ihrem Mann war Letzte- res der Fall. »So schrecklich die Zeit war, rückbli- ckend bin ich froh, dass es so gekommen ist«, sagt sie heute. Bei Gesprächen mit Psychologen merkte Petra Bugar, dass sie ihr Leben lang ver- sucht hat, den Erwartungen anderer gerecht zu werden – ihre eigenen Bedürfnisse hatte sie hintangestellt. »Viele Patienten nehmen eine

Krebserkrankung zum Anlass, neu über ihr Le- ben nachzudenken«, bestätigt Nina Rose. Man- che fühlen sich schuldig, weil sie vielleicht ster- ben und ihre Lieben dann ohne sie zurecht- kommen müssen, andere verzweifeln an der Frage: Warum gerade ich? Wieder andere treffen die Entscheidung, etwas Grundlegendes zu än- dern – so auch Petra Bugar. Sie verließ ihren Mann samt Eigenheim und zog in eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung in der Magdeburger In- nenstadt. »Wir bewerten die Situation nicht, in der sich ein Patient befindet, sondern unterstützen ihn da, wo er gerade steht«, sagt Rose. »Dabei versu- chen wir, den Partner und die Familie mit einzu- beziehen, denn Krebs betrifft in den seltensten Fällen nur den Erkrankten allein.« Auch die An- gehörigen seien dabei gefordert. »Oft stehen sie unter dem Druck, für den Patienten stark sein zu müssen, und bagatellisieren ihre eigenen Be- lastungen, um den Kranken nicht zu beunruhi-

gen«, fährt die Psychologin fort. Deshalb lehnen Familienmitglieder solche Gespräche häufig ab. »Sehr viele Leute stecken Psychoonkologie in eine Schublade mit einer problemorientierten Einzel-, Familien- oder Paartherapie. Dabei wol- len wir den Menschen ganz einfach helfen, mit dem Sturz aus ihrer bisherigen Wirklichkeit klarzukommen«, so Rose. Die Diagnose Krebs löst oft nicht nur ein emotionales Chaos aus, sondern auch ein orga- nisatorisches. Vielfach kommen Geldsorgen hinzu. Psychoonkologen versuchen das Thema Krebs zu enttabuisieren und ermutigen Patien- ten und Angehörige, ihre Bedürfnisse auszu- sprechen. Scheinbar banale oder lieblose Fragen kommen zur Sprache: Sind finanzielle Engpässe zu erwarten, und wie kann man ihnen begeg- nen? Welche staatlichen und gemeinnützigen Hilfeleistungen gibt es? Wer kann sich um Kin- der, Eltern oder Haustiere kümmern? Darf man überhaupt schon darüber nachdenken, wie es

Krebs in Deutschland

Jedes Jahr erkranken 436 000  Menschen in Deutschland an Krebs, 211 500 Patienten sterben jährlich daran. Exper- ten schätzen, dass die Zahl der Tumorerkrankungen bis zum Jahr 2030 um 50 Prozent  zunehmen wird. Der Grund:

Die Lebenserwartung steigt – und Krebs ist eine Erkrankung, von der insbesondere ältere Menschen betroffen sind.

Wege aus der Angst: Die Zukunft zulassen

Eine bösartige Tumorerkrankung wird von vielen Menschen als die gefährlichste aller Krankheiten angesehen, ungeachtet der verbesserten Behandlungsmöglichkeiten. Mangelhaftes Wis- sen darüber, was sich hinter der Diagnose Krebs verbirgt – etwa die Tatsache, dass es rund 200 verschiedene Tumorarten mit jeweils unterschiedlichen Verläufen gibt –, ist eine Ursache. Hinzu kommen häufig Erfahrungen mit Krebskranken im wei- teren Umfeld. Die Erinnerung kann dabei trügerisch sein: Un- günstige Krankheitsverläufe bleiben besonders in Erinnerung und prägen die eigenen Erwartungen. Wer einmal an Krebs erkrankt war, kennt die Angst vor einem Rückfall (Rezidiv). Die Gewissheit, endgültig geheilt zu sein, stellt sich auch nach einer längeren krankheitsfreien Zeit kaum ein. Ein Rest von Unsicherheit und Angst bleibt.

Was kann man gegen Angst tun?

Alles, was dem Gefühl von Unsicherheit entgegenwirkt oder die Bedeutung der ängstigenden Situation verringert, kann die Furcht bannen oder erträglicher machen. Dazu gehört:

ó InFORMATIOnEn EInHOLEn. Über die Krankheit allgemein ebenso wie über erprobte Behandlungsmöglichkeiten und da- rüber, wie man selbst die eigene Gesundung unterstützen kann. Fragen des individuellen Krankheitsverlaufs wie auch des Risikos für ein Wiederauftreten der Krankheit sollten mit einem Arzt besprochen werden, der alle Untersuchungsbe- funde kennt. ó DIE AnGST MöGLIcHST GEnAU »AnSEHEn«. Was ängstigt am meisten? Die Furcht vor Schmerzen, vor der Behandlung,

vor der Abhängigkeit von anderen oder die Angst zu sterben? Die Befürchtungen sollten zu Ende gedacht werden, denn wenn die Furcht greifbar wird, lässt sich eher Abhilfe finden. Auch Verleugnung kann in bestimmten Phasen eine sinnvolle Reaktion darstellen, wenn die Angst sonst unerträglich wäre. ó DIE AnGST AUSDRÜcKEn. Schreiben, malen oder mit an- deren schöpferischen Mitteln der Furcht eine Gestalt geben, hilft oft, sie besser zu verstehen, was wiederum entlastend wir- ken kann. ó SIcH ERInnERn. An schwierige Situationen zurückdenken, die man schon erfolgreich durchgestanden hat, stärkt das Ge- fühl für die eigenen Bewältigungsmöglichkeiten. ó PLAnEn. Was man im Fall einer Verschlechterung konkret tun kann und wer dabei helfen könnte. Dazu gehört die Mit- verantwortung für Behandlungsmethoden, das Ausschöpfen der Schmerztherapie, Vereinbarungen mit Familienangehöri- gen etwa in Form einer Vorsorgevollmacht und möglicherwei- se eine Patientenverfügung. ó EnTSPAnnEn. Innere und äußere Verkrampfungen sind eine Begleiterscheinung der Angst. Sie lassen sich mit Entspan- nungsverfahren abbauen oder, soweit es die körperliche Ver- fassung zulässt, mit körperlicher Bewegung (spazieren gehen, Rad fahren, schwimmen oder anderer Sport). ó DEn ScHönEn SEITEn DES LEBEnS GEWIcHT GEBEn. Was ist in meinem Leben sinnvoll, wo kann ich meine besonderen Fä- higkeiten einbringen, was macht mir Freude, und was sollte ich erweitern oder ausbauen? Wie kann ich mir dabei von anderen helfen lassen?

Krebszahlen

weltweit

Weltweit erkranken jedes Jahr mehr als 11 Millionen

Menschen erstmals an Krebs. 7,9 Millionen ster- ben daran. Damit ist Krebs die zweithäufigste Todes- ursache überhaupt nach

Herz-Kreislauf-Erkrankun-

gen. Im Jahr 2030 werden voraussichtlich 16 Millio­ nen Menschen jährlich an Krebs erkranken.

In BILDERn SPREchEn Worte sind nicht erlaubt, wenn Kunsttherapeutin Wendy Routen-hardy und Petra Bugar gemeinsam kreativ werden. hingegen sind Lachen und andere gefühlsregungen nicht nur geduldet, sondern sogar gewünscht.

weitergeht, falls der geliebte Mensch tatsächlich stirbt? »Tumorpatienten und ihre Angehörigen ha- ben in der Regel bereits genug Belastungen, des- halb wird prinzipiell auch nicht aufdeckendgearbeitet, also nach Defiziten aus der Kindheit gesucht«, erklärt Rose. Vielmehr wird gemein- sam besprochen, welche Ressourcen vorhanden sind und welche noch aktiviert werden können:

Welche Form der Unterstützung durch Famili- enmitglieder oder Freunde ist sinnvoll? Was hat allen Betroffenen seit Diagnosestellung gutge- tan? Wie kommt der Patient zur Ruhe? Petra Bugar entspannt sich beim Malen. Des- halb nahm sie die Einladung der Kunsttherapeu- tin Wendy Routen-Hardy, gemeinsam kreativ zu werden, gerne an. Sie freut sich auf ihre zwei Stunden Kunsttherapie pro Woche während ihres Aufenthalts in der Freiburger Tumorkli- nik. Die Sitzungen basieren auf einer Methode der italienischen Psychiater Gaetano Benedetti und Maurizio Peciccia, die das »progressive the- rapeutische Spiegelbild (PTS)« 1986 ursprüng- lich im Umgang mit psychotischen Menschen erfanden. Auf Basis der PTS-Methode entwi- ckelte Wendy Routen-Hardy eine Kunsttherapie- form speziell für Tumorpatienten: Therapeut und Patient malen dabei gemeinsam ein Bild, wobei Letzterer das Thema vorgibt. »Die Spie- gelbild-Methode«, so Wendy Routen-Hardy, »ist wie das PTS eine Art nonverbaler Kommunika- tion, bei der der Therapeut versucht, in die Ge-

fühlswelt des Patienten einzutauchen und in seinen Skizzen spiegelt oder gar verstärkt, was er in den Zeichnungen des Patienten sieht.« Ziele der Übung können sein: Emotionen, Sor- gen oder Konflikte ausdrücken und verarbeiten, Entspannung erfahren sowie die Selbst- und Körperwahrnehmung verbessern. Petra und Wendy setzen sich gemeinsam vor einen weißen Bogen Papier, und die Patientin beginnt: Sie wählt blaue Kreide und malt einen großen Kreis. Wendy zeichnet einen kleinen hellblauen daneben. Danach nimmt Petra eine andere Farbe und zeichnet einen Stamm in die Mitte ihres Kreises – Wendy einen in ihren. So geht es hin und her.

Emotionen Gestalt geben

Während sie malen, sprechen Therapeutin und Patientin nicht miteinander. Ab und zu müssen beide lachen, weil eine Figur nicht so gelingt, wie sie es sich vorstellen. Sonst sind sie ernst und konzentriert bei der Sache. Zum Schluss fragt Wendy ihre Patientin, wie sie sich beim Malen gefühlt hat, und ob sie mit dem Bild et- was Bestimmtes verbindet. Petra sagt, dass die Farben und Motive ihrer Werke immer etwas da- mit zu tun haben, was sie gerade beschäftigt. »Andere Patienten«, so Routen-Hardy, »ver- binden nicht sofort etwas mit ihren Zeichnun- gen.« In solchen Fällen versucht die Therapeu- tin auch nicht, eine besondere Bedeutung he- rauszulesen. Nach ein paar Sitzungen werden

die Therapeu- tin auch nicht, eine besondere Bedeutung he- rauszulesen. Nach ein paar Sitzungen werden 46
VoRSIchTIgE KonTaKTaufnahmE Die meisten Bilder von Petra Bugar dominiert ein blauer Kreis. Er symbolisiert ihre
VoRSIchTIgE KonTaKTaufnahmE Die meisten Bilder von Petra Bugar dominiert ein blauer Kreis. Er symbolisiert ihre
VoRSIchTIgE KonTaKTaufnahmE Die meisten Bilder von Petra Bugar dominiert ein blauer Kreis. Er symbolisiert ihre

VoRSIchTIgE KonTaKTaufnahmE Die meisten Bilder von Petra Bugar dominiert ein blauer Kreis. Er symbolisiert ihre »kleine heile Welt«. Zu Beginn der Kunsttherapie spielte sich alles darin ab (links). Erst nach und nach verband sie ihren Kreis mit dem kleineren der Therapeutin (mitte) und öffnete ihn schließlich der außenwelt (rechts).

alle Bilder nochmals auf den Tisch gelegt und betrachtet. Dann erkennen viele Patienten plötzlich doch eine tiefere Bedeutung darin: Sie entdecken Gefühle wie Angst oder Wut oder fangen an zu weinen – unterdrückte Emotionen kommen an die Oberfläche. Manchen fällt auf, dass ein Motiv plötzlich nicht mehr vorkommt oder eines im Lauf der Zeit besonders dominant geworden ist. Für Petra Bugar symbolisiert der Kreis, der sich in fast allen ihren Bildern wiederfindet, ihre »kleine heile Welt«. Anfangs platziert sie kein Motiv außerhalb der blauen Linie. Statt der zarten Pflanze, die sie meist hineinmalt, zeigen einige neuere Bilder einen starken Baum oder ein lachendes Gesicht (siehe Bilderserie oben). Für Petra spiegelt dies eine Sorge der letzten Monate: Sie fragt sich, wie sie auch außerhalb des geschützten Umfelds der Klinik mit der Tat- sache klarkommen soll, dass sie nicht mehr wie früher zur Mehrheit der Gesunden in der Ge- sellschaft gehört. Sie möchte ihren Körper trotz seines Versagens wieder lieb gewinnen.

Im Hier und Jetzt leben

Hass auf den eigenen kranken Körper empfin- den sehr viele Krebskranke irgendwann. »Wir haben die Erfahrung gemacht, dass diesen Pati- enten neben der Kunsttherapie auch Achtsam- keitsübungen sehr guttun«, sagt Nina Rose. Sie helfen Betroffenen, im Hier und Jetzt zu leben und sich in ihrer Verletzlichkeit zu akzeptieren, statt unablässig über die Vergangenheit zu trau- ern oder sich in Zukunftsängsten zu verlieren. Zwar hat die Kunsttherapie eine lange Ge- schichte in der Psychoonkologie, ihre Erfor- schung steckt aber tatsächlich noch in den Kin- derschuhen. »In den letzten 25 Jahren wurden

unzählige Fallbeispiele beschrieben und analy- siert und auch kleinere kontrollierte Studien durchgeführt«, sagt Harald Gruber, Leiter des Fachbereichs Kunst und Therapie an der Alanus Hochschule bei Bonn. So ergab eine im Januar 2009 veröffentlichte schwedische Studie von der Umeå-Universität, dass bereits eine Stunde Kunsttherapie pro Woche die Lebensqualität von Brustkrebspatientinnen deutlich erhöhte. Untersucht wurden 41 zufällig ausgewählte Frauen unmittelbar vor einer Bestrahlung so- wie zwei und sechs Wochen danach. Jene, die künstlerisch aktiv wurden, fühlten sich sowohl psychisch als auch körperlich besser als die 21 Patientinnen, die nicht an den Sitzungen teilge- nommen hatten. Erstere hatten weniger Angst vor der Zukunft und ein positiveres Selbstbild. Eine Leipziger Studie aus demselben Jahr kam zu ähnlichen Ergebnissen. Bei dieser Untersuchung nahmen 18 Männer und Frauen mit unterschiedlichen Tumorerkrankungen an einem wöchentlichen Gestaltungskurs teil. 22 Wochen lang beschäftigten sie sich zunächst mit unterschiedlichen Maltechniken und -ma- terialien. »In der Anfangsphase sollten sich die Patienten einfach nur mit den kreativen Gestal- tungsmöglichkeiten vertraut machen«, erklärt Heide Götze von der Universität Leipzig. In einem zweiten Schritt wurden die Teilnehmer ermutigt, ein Thema ihrer Wahl künstlerisch umzusetzen. War dies gefunden, sollten sie die verbleibenden Wochen dazu nutzen, eine Art Bildband zu erstellen, in dem neben den im Kurs entstandenen Werken auch erklärende Texte einfließen konnten. In praktisch allen »Büchern« thematisierten die Patienten ihre Krebserkrankung, wobei dies nicht vorgegeben war. Die psychische Belastung der Erkrankten

Die häufigsten

Krebs­

erkrankungen

Frauen erkranken vorran- gig an Brust-, Lungen-, Magen- und Darmkrebs. Bei Männern treten vor allem Lungen-, Magen-, Leber-, Darm-, Speiseröh- ren- und Prostatakrebs auf. Lungen-, Magen-, Leber-, Darm- und Brust- krebs verlaufen in beson- ders vielen Fällen tödlich. Rauchen ist der größte Risikofaktor, der zu einer Tumorerkrankung führt.

VERgängLIch, aBER Schön Beim anblick der gänseblüm- chen muss Petra Bugar daran denken, wie verletzlich

VERgängLIch, aBER Schön Beim anblick der gänseblüm- chen muss Petra Bugar daran denken, wie verletzlich ihr Körper ist. Die Kunsttherapie hat ihr geholfen, ihn dennoch lieb zu haben.

Krebs bei Kindern

Jährlich erkranken in Deutschland ungefähr

1800 Kinder und Jugend­

liche unter 15 Jahren an Krebs. Diese Zahl ist seit vielen Jahren konstant. Die Heilungschancen liegen mittlerweile bei 80 Prozent. Die häufigsten Krebserkrankungen im Kindesalter sind Leukä- mien (Blutkrebs), Tumoren des Gehirns und des Rü- ckenmarks sowie Lymph- knotenkrebs.

(Quelle aller statistischen Angaben: Robert Koch-Institut,

2008)

war im Anschluss an den Kurs wesentlich gerin- ger als zuvor und zugleich deutlich niedriger als bei den Krebspatienten der zufällig ausgewähl- ten Vergleichsgruppe. »Welche Künstlerische Therapieform für wel- chen Patienten in welchem Krankheitsstadium am besten geeignet ist, können wir derzeit noch nicht sagen«, so Gruber weiter. Er arbeitet gera- de an einer vergleichenden Überblicksstudie zu den Wirkfaktoren in den Künstlerischen Thera- pien (Musik-, Tanz- und Kunsttherapie). Seiner Einschätzung nach scheinen soziale Herkunft und Bildungsgrad keine Rolle zu spielen. Es komme vermutlich eher auf die Charakterei- genschaften eines Menschen an. »Generell öff- nen sich mehr Frauen als Männer kreativen Behandlungsmethoden«, ergänzt Gruber. Ein Umstand, der in der Psychotherapie allgemein bekannt sei. »Dass Männer eine Krebserkrankung grund- sätzlich anders verarbeiten als Frauen, lässt sich daraus nicht ableiten«, betont Monika Keller. »Erfahrungsgemäß kommunizieren sie ihre mit dem Krebs verbundenen Ängste aber auf unter- schiedliche Weise.« Deshalb würden emotional stark belastete Männer oft übersehen. Für sie sei es besonders wichtig zu wissen, dass sie nicht etwa deshalb Unterstützung brauchen, weil sie psychisch krank sind. »Diese Männer standen vor ihrer Erkrankung mitten im Leben und hat- ten alles im Griff«, so die Leiterin der psycho- onkologischen Abteilung der Heidelberger Uni- klinik. Jetzt sind sie in hohem Maß von anderen

abhängig, was sie beschämt und nicht selten dazu führt, dass sie sich zurückziehen und ihre Krankheit und deren Konsequenzen verdrän- gen. Dabei leiden Männer wahrscheinlich ähn- lich stark wie Frauen unter den psychischen Fol- gen einer Krebserkrankung – und diese können zu einer schweren Depression oder gar zu Selbst- mordgedanken führen. Vanessa Strong und Kollegen von der Univer- sity of Edinburgh untersuchten 2007 über 3000 Tumorpatienten. Knapp ein Viertel von ihnen litt unter klinisch relevanten Belastungen wie Angstzuständen und Depressionen. 2008 un- tersuchten die Forscher eine zweite Stichprobe von mehr als 2900 Krebserkrankten. Ergebnis:

Knapp acht Prozent von ihnen quälten Gedan- ken wie »Tot wäre ich besser dran« oder »Viel- leicht tue ich mir selbst etwas an«. Zwei Fak- toren korrespondierten überdurchschnittlich stark mit den Selbstmordgedanken: emotio- naler Stress und chronische Schmerzen.

Die Angst im Nacken

Auch Petra Bugar hat immer wieder starke Schmerzen und weiß, dass sie – statistisch gese- hen – an ihrer Krankheit sterben wird, weil die Wahrscheinlichkeit für ein Rezidiv, eine erneute Tumorbildung, in ihrem Fall hoch ist. Drei Jahre lang zog sie von einer Kontrolluntersuchung zur anderen, immer mit der Angst im Nacken, der Krebs könnte trotz mehrerer Operationen und Chemotherapien zurückkommen. Im Som- mer 2007 hatte sie die Nase voll davon. Sie er- füllte sich einen lang gehegten Wunsch und machte eine Reise durch Indien. »Krebserkrank- te, die in ihrem Alltag immer nur funktioniert haben, wollen nun endlich einmal etwas nur für sich tun«, sagt Nina Rose. Viele beginnen ein neues Hobby oder planen Unternehmungen für die Zeit, wenn es ihnen wieder besser geht. Nach ihrer Heimkehr lebte Petra Bugar, als sei nie etwas gewesen – nur viel bewusster: »Ich regte mich nicht mehr wegen Kleinigkeiten auf, besuchte meine Kinder öfter und meditierte viel«, sagt sie. Zu Kontrolluntersuchungen ging sie nicht mehr. Endlich wuchsen die Haare nach, heilten die Schleimhäute, schmeckte das Essen wieder. Den Krebs schloss sie einfach aus ihrem Leben aus. »Positiv denken«, lautete ihr Motto. Wie schön, wenn die Geschichte hier zu Ende wäre. Doch Anfang August 2008 erkältete sich Petra Bugar. Sie wurde immer schwächer, ver- drängte aber den Gedanken an Krebs: »Alles, nur nicht wieder ins Krankenhaus.« Im Januar 2009 brach ihr Immunsystem zusammen, sie

konnte nicht mehr laufen und sehen. Der Not- arzt brachte die geschwächte Frau in die Unikli- nik Magdeburg. »Sie haben Metastasen im Ge- hirn«, teilte ihr ein Arzt mit; übermorgen werde operiert, danach Chemotherapie und Reha. »Ihr könnt mich alle mal!«, dachte Petra Bugar da. Sie wollte einfach nicht mehr. Damals fragte sie sich, ob sie womöglich nicht genug gekämpft hätte und selbst die Schuld für den Rückfall trage. »1989 und zu Be- ginn der 1990er Jahre sorgten ein paar Studien für Aufsehen in der Onkologie«, sagt Monika Keller. Die Untersuchungen stellten einen Zu- sammenhang zwischen einer optimistischen Einstellung und einem positiven Krankheitsver- lauf bei Tumorpatienten fest. »Doch die Ergeb- nisse ließen sich nicht replizieren«, betont die Expertin. Heute gelte als gesichert, dass eine be- sonders kämpferische Einstellung die Krebshei- lung nicht nachweisbar beeinflusse. »Dieser My- thos kursiert aber immer noch in den Köpfen der Menschen«, so Keller weiter. Problematisch daran sei nicht die Hoffnung auf Genesung, son- dern der Druck, unter den Menschen geraten, wenn ihr Körper trotz guten Willens nicht auf Therapiemaßnahmen anspricht oder der Krebs erneut ausbricht. Nach Kellers Einschätzung vermittelt auch das Umfeld vielen Betroffenen, sie hätten nicht stark genug an ihre Genesung geglaubt oder sich zu sehr hängen lassen. Die Kinder von Petra Bugar machten ihrer Mutter keine derartigen Vorwürfe, sondern er- mutigten sie, die Situation anzunehmen und das Beste daraus zu machen. »Das ist enorm wichtig, damit Betroffene nicht in Hoffnungs- losigkeit versinken und resignieren«, sagt auch die Psychologin Rose. Dank der Unterstützung durch ihre Kinder, Therapeuten und Ärzte fasste Petra Bugar neuen Mut. Sie willigte in die erneu- te Operation ein. Für die Nach- und Weiterbe- handlung reist sie jedes Mal in die Privatklinik nach Freiburg. Die Kosten für den Aufenthalt muss sie teilweise selbst tragen, aber sie fühlt sich hier gut aufgehoben. Es stehen mehrere Chemotherapien auf dem Plan. Das heißt pro Behandlung drei Tage lang Erbrechen und wun- de Schleimhäute, meist gepaart mit Hautaus- schlag und Haarausfall, danach folgen elf Tage Pause. Wie oft sie diese Tortur in ihrem Leben noch aushalten muss, weiß sie nicht. »Sterben will ich so bald jedenfalls nicht.« Ÿ

Rabea Rentschler ist G&G-Redakteurin.

nicht.« Ÿ Rabea Rentschler ist G&G -Redakteurin. www.gehirn-und-geist.de/audio EIn WEITER WEg Beim Interview

www.gehirn-und-geist.de/audio

EIn WEITER WEg Beim Interview vertraute Petra Bugar g&g-Redakteurin Rabea Rentschler viele persönliche Details an. Doch es dauerte lange, bis die 53-Jährige so offen mit einer fremden über ihre Krebserkrankung sprechen konnte.

Quellen götze, h. et al.: Gestaltungs­ kurs für krebspatienten in der ambulanten nachsorge. in: forschende komplementär­ medizin 16(1), s. 28 – 33, 2009. oster, I. et al.: art therapy improves experienced Qua­ lity of life among Women undergoing treatment for breast cancer: a randomized controlled study. in: euro­ pean Journal of cancer care. 18(1), s. 69 – 77, 2009. Strong V. a. et al.: better off dead: suicidal thoughts in cancer Patients. in: Journal of clinical oncology: official Journal of the american society of clinical oncology 26(29), s. 4725 – 4730, 2008.

Weitere Quellen unter:

www.gehirn­und­geist.de/

artikel/1002094

Weblinks informationsseiten für krebs­ patienten:

www.krebsinformations dienst.de www.krebsgesellschaft.de www.frauenselbsthilfe.de www.prostatakrebs­bps.de training für Ärzte:

www.kompass­o.de

www.frauenselbsthilfe.de www.prostatakrebs­bps.de training für Ärzte: www.kompass­o.de www.gehirn-und-geist.de 49

HirnforscHunG i GescHicHte

natom der

ersten Stunde

Vor mehr als 2000 Jahren begründete Herophil von Chalcedon die

Humananatomie – die Lehre vom Aufbau des menschlichen Körpers.

Der Arzt beschrieb als Erster die Architektur unseres Gehirns, die

Hirnnerven sowie die Netzhaut des Auges. Doch seine Methoden waren

alles andere als zimperlich.

Auf einen Blick

Die Geburt der Neuroanatomie

1 Herophil von Chalce- don (um 330 v. Chr. –

250 v. Chr.) gilt als erster

Forscher, der systema- tisch den Aufbau des menschlichen Nervensys- tems studierte.

2 Laut Berichten des Römers Celsus (um 25 v.

Chr.– 50 n. Chr.) nahm Herophil dafür auch Vivisektionen vor – sprich er schnitt Menschen bei lebendigem Leib auf.

3 Herophil beschrieb unter anderem Groß-

und Kleinhirn, die Hirn- nerven, die venösen Blutleiter im Gehirn, den vierten Hirnventrikel sowie die Netzhaut des Auges. Zudem unterschied er erstmals zwischen senso- rischen und motorischen Nerven.

Von Helmut WicHt und HartWiG Hanser

A lexandria im Jahr 270 v. Chr. Eine junge Stadt, die Gründung liegt kaum zwei

Menschenalter zurück. Auf der Insel Pharos, die dem Hafen vorgelagert ist, entsteht gerade der höchste Leuchtturm der Welt. Er wird einmal als eines der sieben Weltwunder der Antike in die Geschichte eingehen. Der Herrscher, der in Ale­ xandria Hof hält, ist Ptolemäus II. – Sohn eines Generals von Alexander dem Großen. Im Grun­ de ein Militärdiktator, lässt sich Ptolemäus als Pharao feiern und bekennt sich öffentlich zum Inzest mit seiner Schwester Arsinoë. In diesem turbulenten Schmelztiegel treffen Menschen aus aller Herren Länder aufeinander. Alexandria boomt – wirtschaftlich wie kulturell. Auch auf wissenschaftlichem Gebiet ist einiges los. Mitten im Stadtteil Brucheion hat die Regie­ rung eine Akademie hochgezogen: das Museion mit Labors, Sammlungen und Bibliotheken. Hier pflegt man keine mühseligen Debatten über die Ethik der Forschung oder skrupulöse Betrach­ tungen zur Technikfolgenabschätzung. Die For­ scher wie Politiker der Antike fackeln nicht lan­ ge, sondern machen Nägel mit Köpfen. Üppige Budgets und Topgehälter lassen kluge Köpfe von überall her in das Forscherparadies strömen. Ei­ ner der bedeutendsten kam schon vor vielen Jahren: Herophil von Chalcedon. Geboren um 330 v. Chr. in einem Stadtteil des heutigen Istanbul, studierte Herophil bei

dem zehn Jahre älteren Praxagoras von Kos Me­ dizin – in der Tradition des berühmten Hippo­ krates (um 460 – 370 v. Chr.), was ihm sicher die Türen des Museion zu öffnen half. Als prakti­ zierender Arzt hält sich Herophil an bewährte Therapiemethoden: Diäten, Medikamente, hie und da ein Aderlass. Diagnostisch aber ist er seiner Zeit weit voraus. Bei Krankenbesuchen hat er stets seine Klepshydra dabei, eine trag­ bare Wasseruhr. Fühlt er den Puls des Patienten, vergleicht er ihn nicht wie die anderen Ärzte mit seinem eigenen, sondern misst mit der Wasseruhr die exakte Zeit und rechnet dann die genaue Frequenz aus. Die Patienten sind von so viel Kompetenz und Hightech tief beeindruckt, vielleicht wirkt schon das allein heilend. Hero­ phils Geschäfte laufen gut, denn ganz Alexand­ ria ist zwangskrankenversichert.

Mediziner, Forscher und Günstling der Mächtigen

Doch im Inneren seines Herzens fühlt sich He­ rophil mehr als Forscher denn als Arzt. Er leitet im Museion eine eigene Arbeitsgruppe mit technischem Personal und Arztschülern. Seine Kontakte zu den Schaltstellen der Macht sind bestens, mit Ptolemäus pflegt er fast freund­ schaftlichen Umgang. Was Herophil für seine Forschung braucht, bekommt er umgehend. Als Mediziner mit anatomischen Interessen ist

Alle Abbildungen Aus: AndreAs VesAlius, »de humAni corporis fAbricA«, bAsel 1543; Kolorierungen Von helmut Wicht

das vor allem eins: menschliche Körper als Se­ zierobjekte. Hier reißt nun leider der bunte Historien­ film, und wir betreten vermintes Gelände – denn was sonst über Herophil bekannt ist, ba­ siert im Wesentlichen auf Mutmaßungen und Informationen aus zweiter Hand. Von ihm selbst ist kein längerer Text überliefert. Es gibt lediglich ein paar Fragmente, zusammenge­ nommen vielleicht 20 oder 30 Zeilen, die spä­ tere Autoren vermutlich wörtlich von ihm übernommen haben. Die Bibliothek im Musei­ on, die seine Schriften enthielt, fiel 48 v. Chr. einem Brand zum Opfer. Was Herophil tat, schrieb und lehrte, wissen wir also nur aus den Berichten anderer – Celsus, Galen, Rufus, Soranus, Tertullian –, die alle lan­ ge nach ihm lebten. Ihnen zufolge schrieb He­ rophil mindestens sechs Bücher, womit wohl Pergamentrollen gemeint sind: ein Werk über Anatomie, eines über den Puls, eines über die Hebammenkunst, eines über Therapie, eines über Diät und eines mit dem rätselhaften Titel »Gegen die vorherrschenden Meinungen«.

Aus dem, was Celsus und Kollegen berich­ ten, geht hervor, dass Herophil ein exzellenter Anatom gewesen sein muss, ja geradezu der Anatom der Antike. Was andererseits auch kaum überrascht, denn er war schlicht der Ers­ te, der systematisch den menschlichen Körper aufschnitt und in ihn hineinschaute. Angeblich sogar in lebende Körper. Und genau das ist die Tretmine: Herophil war Vivisektionist! Zumindest hat das der Römer Aulus Corne­ lius Celsus behauptet (siehe Kasten S. 52 oben), der von etwa 25 v. Chr. bis 50 n. Chr. lebte, also gut 200 Jahre nach dem Griechen. Aber es spricht viel dafür, dass er Herophil und dessen Zeitgenossen und Kollegen Erasistratos Vivi­ sektionen keineswegs einfach unterstellte, um sie zu diskreditieren. Vielmehr lassen auch ei­ nige der Entdeckungen des Forscherduos ver­ muten, dass sie auf Beobachtungen am leben­ den Organismus zurückgingen. So hat Herophil als Erster die Lungenvenen und ­arterien richtig beschrieben. Das kann man aber nur, wenn man die Strömungsrich­ tung und die Art des Bluts (hellrot = arteriell

klassiker der anato- mischen präparation nach dem entfernen des schädeldachs und dem Weg- klappen der harten hirnhaut (dura mater) sieht man den längs verlaufenden sinus sagit- talis superior und die Venen der Großhirnrinde, die in ihn einmünden (blau hervorgeho- ben). dieses und die folgenden Bilder stammen aus Vesals »de humani corporis fabrica« von 1543. Vesal ist für die neuzeit das, was herophil für das altertum war: der anatom schlechthin. Viele Beschrei- bungen herophils, der keine Bilder hinterließ, lassen sich anhand von Vesals illustratio- nen gut nachvollziehen.

Herophil – ein Vivisektionist?

Auf Vivisektionen Herophils weist vor allem folgender Text des römischen Medizinschriftstellers Aulus Cornelius Celsus (um 25 v. Chr. – 50 v. Chr.) hin (Übersetzung: Helmut Wicht). »Weil die verschiedenen Arten von Schmerzen und Krank- heiten in den inneren Organen entstehen, so glauben sie [eine bestimmte Gruppe von Ärzten, die »Rationalisten«], dass nie- mand jenen mit einer Kur abhelfen könne, der diese nicht kenne. [Sie glauben also], dass es notwendig ist, die Körper der Toten aufzuschneiden und deren Eingeweide und Gedärme zu durch- forschen. [Sie glauben weiter], dass dies bei Weitem am besten Herophil und Erasistratos gemacht haben, die [aber auch] ver- brecherische Menschen, die sie von den Königen aus den Kerkern erhielten, bei lebendigem Leibe aufgeschnitten haben sollen und bei noch anhaltender Atmung dasjenige beschaut haben sollen, was die Natur vorher verborgen gehalten hätte …«

Celsus selbst findet die Methode gleichermaßen brutal wie nutzlos:

»Es ist aber sowohl grausam als auch überflüssig, die Körper von Lebenden aufzuschneiden, die von Toten zu eröffnen hingegen ist für die Wissbegierigen unerlässlich: Denn sie müssen die Lage

und Anordnung kennen, die der Leichnam besser als der lebende und verwundete Mensch darbietet.« Celsus formuliert dabei sehr vorsichtig. Er sagt lediglich, dass es Leute gibt, die behaupten, dass Herophil und Erasistra- tos Vivisektionen vorgenommen haben sollen.

Für Latinisten hier zum Vergleich der Originaltext aus Celsus’ »De medicina« (prooemium, 23, 24 und 74): »Praeter haec, cum in interioribus partibus et dolores et morborum varia genera nascantur, neminem putant his adhibere posse remedia, qui ipsas ignoret. Ergo necessarium esse incidere corpora mortuo- rum, eorumque viscera atque intestina scrutari; longeque op- time fecisse Herophilum et Erasistratum, qui nocentes homines a regibus ex carcere acceptos vivos inciderint, considerarintque eti- amnum spiritu remanente ea, quae natura ante clausisset …«

Und die zweite, oben zitierte Stelle:

»Incidere autem vivorum corpora et crudele et supervacuum est, mortuorum discentibus necessarium: nam positum et ordinem nosse debent, quae cadaver melius quam vivus et vulneratus homo repraesentat.«

Sensorik und Motorik:

Gewaltenteilung im Nervensystem

Herophil und Erasistratos haben als Erste die Fähigkeit des Empfindens (Sensorik) und des Agierens (Motorik) den Nerven zugeordnet – vorher glaubte man, die Blutgefäße seien dafür zuständig. Das griechische For- scherduo erkannte, dass unterschiedliche Nerven für diese beiden Aufgaben verantwortlich sind, es also spezielle sensorische und motorische Nerven gibt. Unsinn ist aus heutiger Sicht allerdings Erasistratos’ Behauptung, die sensorischen Nerven gingen aus den Hirnhäuten hervor, die motorischen hingegen aus dem Hirn selbst. Anerkannt wurde das sensomotorische Konzept damals nicht. Schon in der Antike wiesen Kritiker zu Recht darauf hin, dass es Fälle von Nervenschä- digungen gibt, bei denen sowohl sensorische als auch motorische Ausfälle auftreten. Also seien die Nerven gemischt und nicht entweder sensorisch oder motorisch. Im Grunde hatten alle Recht: Im peripheren Nervensystem, also außer- halb von Gehirn und Rückenmark, sind tatsächlich die meisten Nerven ge- mischt, haben also sensorische und motorische Anteile. Dort aber, wo die Nerven ins Rückenmark eintreten, spalten sie sich stets in zwei Wurzeln auf:

die sensorische Hinterwurzel und die motorische Vorderwurzel. Charles Bell (1774 – 1842) und François Magendie (1723 – 1855) konnten zeigen, dass die Durchtrennung der vorderen Wurzeln der Spinalnerven zu Lähmungen füh- ren, die der hinteren Wurzeln jedoch zu Gefühllosigkeit. Auch diese Versuche waren übrigens Vivisektionen – allerdings an Hunden.

beziehungsweise dunkelrot = venös) kennt – und dazu muss das Blut noch fließen. Auch die Unterscheidung von motorischen und senso­ rischen Nerven (siehe Kasten links) geht auf Herophil und Erasistratos zurück – wobei die beiden Forscher mitunter noch Sehnen und Nerven verwechselten. Ob ein durchschnitte­ ner oder gequetschter Nerv sensorisch oder motorisch ist, lässt sich am leichtesten anhand der Funktionsausfälle ermitteln. Und Funktion setzt wiederum Lebendigsein voraus.

Von Grausamkeit umweht

Und schließlich war Herophil bestimmt kein zimperlicher Mensch. Als Gynäkologe erfand er ein Gerät mit dem Namen Embryosphakter:

den »Embryozerhacker«. Diesen soll er nicht nur für Abtreibungen eingesetzt haben, son­ dern wohl auch zur Rettung der Schwangeren bei schweren Komplikationen. Dennoch umwe­ hen gewaltsamer Tod und Grausamkeit diesen Mann. Er hätte ja stattdessen auch das Stetho­ skop erfinden können – hat er aber nicht. Die Fülle von Herophils anatomischen Ent­ deckungen ist beeindruckend. Die Netzhaut des Auges, die Eileiter, die inneren männlichen Ge­ schlechtsorgane, der Kanal des Gesichtsnervs

unterm schädeldach Blick auf die dura mater, nachdem das schädeldach ringsherum aufgesägt und abgehoben wurde.

unterm schädeldach Blick auf die dura mater, nachdem das schädeldach ringsherum aufgesägt und abgehoben wurde. Blau hervorgehoben ist der sinus sagittalis superior, einer der venösen Blutleiter der dura mater.

Das »Torcular des Herophil«

Wenn man das Schädeldach entfernt, blickt man zunächst nicht auf das Gehirn, sondern auf die harte Hirnhaut, die Dura mater (siehe Bild oben links). Sie enthält blutgefüllte Hohlräu- me (blau hervorgehoben), durch die das Blut aus dem Hirn ab- fließt. Es handelt sich dabei anatomisch gesehen nicht um echte Venen, denn ihnen fehlt die elastische Muskelschicht in der Wand, die alle Blutgefäße auszeichnet. Aus diesem Grund

Wand, die alle Blutgefäße auszeichnet. Aus diesem Grund kanalisation im Gehirn Großhirn samt dura mater sind

kanalisation im Gehirn Großhirn samt dura mater sind hier entfernt, in der vorderen kopfhälfte erkennt man die horizontale schnittfläche. dahinter fehlt das Großhirn, so dass ein weiteres stück dura mater zum Vorschein kommt, welches das kleinhirn bedeckt: das tentorium cerebelli (großer stern). Blau hervorgehoben sind Blutleiter, die im »torcular des herophil« (kleiner stern) zusammenlaufen.

nennen Anatomen diese Hohlräume Sinus durae matris – die Buchten der Dura mater oder venöse Blutleiter. Die größeren von ihnen treffen sich am Hinterrand des Kleinhirnzelts im »Torcular des Herophil«, heute Confluens sinuum genannt (siehe Bild rechts). Von dort aus strömt das Blut weiter abwärts zur Vena jugularis, der Drosselvene des Halses, die unterhalb der Schädelbasis entspringt.

im Schädel, ein Ventrikel des Gehirns sowie des­ sen große venöse Blutleiter, die Gliederung in Groß­ und Kleinhirn, diverse Hirnnerven – all das hat er als Erster korrekt beschrieben (siehe Kasten S. 55). Gewürdigt haben es seine Nachfolger kaum. Nur eine einzige Struktur, ein Hohlraum in den Hirnhäuten, ist nach ihm benannt: das Torcu­ lar Herophili (siehe Kasten oben). Und dabei handelt es sich auch noch um einen Überset­ zungsfehler. Ein Torcular ist eine Schrauben­ presse für die Weinherstellung. Herophil nann­ te diesen Hohlraum lenos, was man zwar mit Presse übersetzen kann, aber auch mit Trog

oder Behälter. In letzterem Sinne hat Herophil es vermutlich gemeint: ein Gefäß für das ve­ nöse Blut. Ohnehin strich man das Torcular He­ rophili Ende des 19. Jahrhunderts aus der ana­ tomischen Nomenklatur. Der Hohlraum heißt jetzt schlicht Confluens sinuum – der Zusam­ menfluss der venösen Sinus (Blutleiter). Für die fiktive Schlussszene läuft unser His­ torienschinken noch einmal an: Um 250 v. Chr. liegt Herophil auf dem Sterbebett, rund 80 Jah­ re alt ist er geworden! Neben ihm sitzt sein Kol­ lege Erasistratos – auch schon um die 70 und ein wenig klapprig. Ihr Lebtag haben sich die zwei gestritten, ob die Arterien normalerweise

Abfluss für die Hirnflüssigkeit

Calamus scriptorius bedeutet so viel wie Schreibfeder. Tatsächlich hat der vom Hirnstamm ge- bildete Boden des vierten Ventrikels eine vergleichbare Gestalt. Dem römischen Arzt Galen (um 130 – 215) zufolge war Herophil der Erste, der in den vierten Ventrikel hineinschaute und dabei diese Struktur beschrieb. Heute wird der Begriff immer noch verwendet, aber inzwischen nur noch für die Spitze des schreibfederartigen Gebildes. Und man weiß inzwischen auch, wozu der Calamus scriptorius gut ist: Er sorgt dafür, dass der Liquor – das Hirnwasser, von dem im Inneren des Gehirns pro Tag fast ein halber Liter entsteht – nach außen abfließen kann, damit sich kein Wasserkopf bildet (der Liquor gelangt letztlich in den Blutkreislauf). Dies geschieht durch eine Öffnung an der Spitze der Schreibfeder: die Apertura mediana ventriculi quarti. Davon wusste Herophil aller- dings wohl noch nichts.

der Vierte Ventrikel schneidet man das tentorium cerebelli heraus (siehe Bild s. 53 rechts), nimmt das kleinhirn aus seiner Grube und klappt es nach vorn, wird der vierte Ventrikel des hirnstamms sichtbar (hier gelb). er ähnelt seiner Form nach einer schreibfeder: herophils calamus scriptorius. Blau hervorgehoben sind venöse Blutleiter.

er ähnelt seiner Form nach einer schreibfeder: herophils calamus scriptorius. Blau hervorgehoben sind venöse Blutleiter.

Groß- und

Kleinhirn

Auch Laien fällt beim Betrachten eines Gehirns als Erstes die Unterteilung in das dominierende Großhirn und das feiner gefurchte Kleinhirn am unteren Hinterkopf auf. Schon Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) beschrieb 100 Jahre vor Herophil diese beiden Teile als Enke- phalon und Parenkephalis (Hirn und Nebenhirn) – aber nur bei Tieren. Herophil war der Erste, der beim Menschen nachsah.

Quellen leven, k. (hg.): Antike me­ dizin – ein lexikon. c.h.beck, münchen 2005. potter, p.: herophilus of chal­ cedon: An Assessment of his place in the history of Anato­

my. in: bulletin of the history of medicine 50, s. 45 – 60,

1976.

von staden, h.: herophilus – the Art of medicine in early Alexandria. cambridge uni­ versity press, cambridge

1989.

Komplette Sammlung der antiken Quellen inklusive detaillierter Auseinanderset­ zung mit den Vivisektionen

Die Verkabelung von Gehirn und Augen

Die Hirnnerven zu finden ist nicht ganz einfach, denn sie liegen versteckt an der Basis des Gehirns. Es gibt zwölf Paare von ihnen. Herophil hat sie wohl alle ge- sehen, aber nur sieben Paare gezählt; er hat einige Nerven zusammengefasst, die Anatomen heute unterscheiden. Die Sehnerven nannte er laut Galen poroi, was so viel heißt wie Gänge oder Röhren. Die irreführende Vorstellung, dass die Nerven hohl seien und in ihnen irgendein pneumatisches oder hydrau- lisches Wirkprinzip am Werk sei, findet sich bei den Griechen schon lange vor Herophil. Diese Hypothese wurde erst in der Neuzeit überwunden, als man die elektrische Erregbarkeit von Nerven, Hirn und Muskeln entdeckte. Interessanterweise gebrauchte Hero- phil aber das Wort poroi nur für die Seh-, nicht für die anderen Hirnnerven. Damit erwies er sich als erstaunlich hellsichtig, denn der Sehnerv ist der einzige, der in seinem Inneren einen winzigen Hohl- raum besitzt – durch den die Arteria cen- tralis retinae zur Netzhaut des Auges ge- langt. Das Auge selbst hat Herophil übrigens auch als Erster detailliert be- schrieben, mitsamt allen Häuten und Adern. Wenn Herophil diesen Hohlraum tat- sächlich gesehen haben sollte, muss er sehr gute Augen gehabt haben. Aber dann müsste ihm auch aufgefallen sein, dass der Hohlraum nicht bis zum Gehirn reicht, denn die Arterie tritt erst in der

bis zum Gehirn reicht, denn die Arterie tritt erst in der Von unten Betrachtet die gelb

Von unten Betrachtet die gelb hervorgehobene struktur stellt den sehnerv und die hinteren teile der augen dar. nachträglich rot markiert ist die arteria centralis retinae, die in den sehnerv eindringt, so dass dieser auf seinem letzten Wegstück zum augapfel einen zentralen hohlraum aufweist: den kanal für diese arterie.

Nähe des Augapfels in den Nerv ein. An- dererseits ist das nur beim Erwachsenen so. Am Anfang der Embryonalentwick- lung erscheint der Sehnerv tatsächlich durchgängig hohl, und sein Hohlraum hängt mit dem des Hirns zusammen. Er wächst samt Auge aus dem Gehirn her- vor, Auge und Sehnerven sind letztlich

hohle Ausstülpungen des hohlen Ge- hirns! Später verschwinden diese Gänge, und nur ein winziger Rest bleibt: jener, in dem die Arteria centralis retinae liegt. Das alles aber konnte Herophil kaum wissen, dazu hätte er ein Mikroskop ge- braucht. Und das war zu seiner Zeit noch lange nicht erfunden.

nur die luftartigen Lebensgeister (Erasistratos nennt sie Pneuma) oder auch Blut (das glaubt Herophil) enthalten. Auch jetzt können sie sich nicht einigen. »Schneid’ mich halt auf und guck nach!«, ächzt Herophil schließlich und stirbt. Erasistratos folgt seinem Ratschlag und findet: Die Arterien sind fast blutleer, es ist nichts drin – nur Pneuma eben, wie er selbst ja meinte. Heute wissen wir: Nach dem Tod versackt das Blut in den Venen. Ihre Wände sind wesent­ lich dünner und nachgiebiger als die von Arte­

rien (was ebenfalls Herophil entdeckte). Hier sammelt sich daher nach dem Kreislaufstill­ stand das Blut. Selbst so große Arterien wie die Aorta enthalten bald nach dem Tod nur noch Reste geronnenen Lebenssafts. Manchmal muss man eben doch beim Lebenden nach­ schauen, um die Wahrheit zu finden. Ÿ

Helmut Wicht ist promovierter Biologe und Privat­ dozent für Anatomie an der Dr. Senckenbergischen Anatomie der Johann Wolfgang Goethe­Universität Frankfurt a. M. Hartwig Hanser ist G&G­Redakteur.

Mit frdl. Gen. von Bernd linGelBach

von sinnen

hiRnfoRschunG i optische täuschunG

Flüchtige Schatten auf der

Straßenkreuzung

Wie die berühmte Hermann-Gitter-Illusion zu Stande kommt, galt längst als geklärt. Doch ein einziges Bild brachte 2004 die alte Lehrmeinung zu Fall und stellt Wahrnehmungsforscher aufs Neue vor ein Rätsel.

LingeLbach-gitter

Bei der 1995 von Elke und Bernd Lingelbach sowie Michael Schrauf geschaffenen Variante des Hermann-Gitters scheinen schwarze Punkte in den weißen Kreisen an den Kreuzungen wild durcheinanderzuflackern. Im Dezember 2000 wurde das Muster per E-Mail mit der Aufforderung verbreitet, schwarze Punkte als Stimmen für Al Gore und weiße für George W. Bush zu zählen und das Ergebnis danach noch einmal zu kontrollieren – als Anspielung auf die seinerzeit erforderliche Neuauszählung der Stimmen zur US-Präsident- schaftswahl. Dadurch wurde die Illusion weltweit bekannt.

Von RaineR RosenzweiG

zur US-Präsident- schaftswahl. Dadurch wurde die Illusion weltweit bekannt. Von RaineR RosenzweiG 56 G&G 9_2009

Mit frdl. Gen. von Bernd linGelBach

Mit frdl. Gen. von Bernd linGelBach D unkle Quadrate, an deren Ecken graue Fle- cken aufschimmern:

D unkle Quadrate, an deren Ecken graue Fle- cken aufschimmern: Das Hermann-Gitter

(siehe Bild oben) zählt zu den bekanntesten Wahrnehmungstäuschungen. Bereits 1844 be- schrieb sie der schottische Physiker Sir Dawid Brewster (1781 – 1868). 1870 wurde der deutsche Physiologe Ludimar Hermann (1838 – 1914) auf die Illusion aufmerksam – eher zufällig beim Betrachten einer Abbildung in einem Physik- buch. Deshalb erwähnte er sie auch nur in einem beiläufigen Kommentar, und die Täuschung verschwand wieder in der Versenkung. Erst Mit- te des 20. Jahrhunderts entdeckten Wahrneh- mungspsychologen sie neu und begannen, ver- schiedene Variationen zu produzieren, die alle

einen ähnlichen Effekt aufweisen (Bild links). Bei der Originaltäuschung bildet der weiße Hin- tergrund zwischen den regelmäßig angeord- neten schwarzen Quadraten helle »Straßen«. An deren Kreuzungen erscheinen verwaschene dunkle Flecken – kurioserweise aber immer nur dort, wo man gerade nicht genau hinblickt, also in der Sehperipherie. Wie entstehen diese »flüchtigen Schatten«? Schon 1960 schlug der Neurophysiologe Günter Baumgartner eine höchst plausibel klin- gende Erklärung des Phänomens vor. Sie basiert auf der Tatsache, dass Informationen der Seh- zellen bereits in der Netzhaut des Auges von den Ganglienzellen verarbeitet werden. Diese

hermann-gitter

An den Kreuzungen der hellen Linien fallen dunkle Flecken auf, die verschwinden, wenn man den Blick genau darauf richtet. Die Illusion ist nach dem deutschen Physiologen Ludimar Hermann (1838 – 1914) benannt, der sie 1870 als einer der ersten Forscher erwähnte.

Mit frdl. Gen. von Michael Bach

daS aLte modeLL

Laut Günter Baumgartners klassischer Erklärung der Hermann-Gitter-Illusion rufen unterschiedliche Antworten von »On-Zentrum-Zellen« aus der Sehperipherie die dunklen Flecken hervor (oben): Licht im grün markierten Bereich des rezeptiven Felds lässt die Zelle feuern (+), Licht im rot mar- kierten Bereich dagegen führt zur Hemmung (–). Im Bereich des schärfsten Sehens auf der Netzhaut, in der Fovea, sind die rezeptiven Felder deutlich kleiner, weshalb sich die Zellantworten beim direkten Fokussieren nicht mehr unter- scheiden und der Effekt ver- schwindet (unten).

mehr unter- scheiden und der Effekt ver- schwindet (unten). empfangen Signale von einem annähernd kreis- förmigen

empfangen Signale von einem annähernd kreis- förmigen Gebiet der Netzhaut – dem rezeptiven Feld der Ganglienzelle. Dieses ist in einen inne- ren und einen äußeren, ringförmigen Bereich aufgeteilt (siehe Bild oben). Die visuelle Täuschung des Hermann-Gitters erklärte Baumgartner mit Hilfe eines speziellen Typs von Ganglienzellen: den On-Zentrum-Zel- len. Diese reagieren besonders stark, wenn der innere Bereich des rezeptiven Felds stimuliert wird, der äußere jedoch nicht. Off-Zentrum-Zel- len verhalten sich genau umgekehrt. Diese Vor- verarbeitung erleichtert es unserem Sehsystem, Änderungen in der Umwelt effektiv zu verarbei- ten und beispielsweise Stufen und Kanten auch unter schlechten Sehbedingungen zu identifi- zieren, etwa bei Nebel. Erfasst nun eine On-Zentrum-Zelle beim Hermann-Gitter eine »Kreuzung« (im Bild rechts oben), wird der äußere Bereich des rezep- tiven Felds stärker gereizt, als wenn sie die Mitte zwischen zwei Quadraten im Visier hat (links oben). Entsprechend schickt die Zelle ein etwas schwächeres Signal ans Gehirn. Dieser Signal- unterschied sei verantwortlich für die dunklen Flecken an den Kreuzungen, so Baumgartner.

Das Modell erklärt auch, warum das Phäno- men nur am Rand des Sehfelds funktioniert und nicht dort, wo wir gerade hinsehen. Wenn wir et- was fixieren, fällt das Bild auf den Bereich des schärfsten Sehens der Netzhaut: die Fovea. Dort ist die Dichte der Sehzellen etwa 14-mal höher als in den übrigen Bereichen des Sehfelds. Die rezeptiven Felder der für die Fovea zuständigen Ganglienzellen sind somit auch viel kleiner – und registrieren entsprechend keinen Unter- schied mehr zwischen »Straße« und »Kreu- zung« (im Bild unten).

Zerstörte Illusion

Wahrnehmungsforscher stürzten sich be- geistert auf Baumgartners Erklärung, denn sie gab ihnen eine Möglichkeit, rezeptive Felder mittels Variation des Gitters zu vermessen und genauer zu untersuchen. Das Hermann-Gitter entwickelte sich in der Folge zu einem der be- liebtesten Forschungsobjekte der Wahrneh- mungspsychologen. Doch vor fünf Jahren erfolgte der Pauken- schlag: Eine ungarische Forschergruppe um János Geier vom »Stereo Vision«-Forschungsin- stitut in Budapest stellte im Sommer 2004 eine

Mit frdl. Gen. von Bernd linGelBach
Mit frdl. Gen. von Bernd linGelBach

auf den ersten Blick unverdächtig anmutende, aber revolutionäre Variation des Hermann-Git- ters vor und stürzte damit die heile Welt der Wahrnehmungsforscher in eine Krise. Eine ein- fache Verzerrung der »Straßen« im Hermann- Gitter ließ die Täuschung ausbleiben: Die grau- en Flecken waren verschwunden (siehe Bild oben)! Laut Baumgartners Modell müssten je- doch auch in der neuen Variante des Gitters dunklere Stellen an den Kreuzungen auftreten. Ein einziges Bild brachte damit ein von den meisten Experten akzeptiertes Erklärungsge- bäude zum Einsturz – ein wissenschaftshisto- risch höchst seltenes Ereignis. Zwar äußerten bereits Jahre zuvor verschiedene Wissenschaft- ler immer wieder Zweifel an Baumgartners Er- klärung und führten dabei durchaus überzeu- gende Argumente ins Feld, doch das allein konn- te die Mehrzahl der Fachleute nicht überzeugen. Offenbar bedurfte es eines starken visuellen Be- weises – und der lag nun mit Geiers Bild vor. Bis heute sind sich die Wahrnehmungsfor- scher noch nicht darüber einig, welche Erklä- rung des Phänomens das obsolete Modell von Baumgartner ablösen wird. Vielleicht muss man sich ja sogar ganz von der Vorstellung verab-

schieden, die Illusion ließe sich einfach und an- schaulich begründen. Einen Hinweis darauf, dass diese pessimistische Einstellung berechtigt sein könnte, lieferte kürzlich ein Experiment zweier britischer Forscher: Der Informatiker Da- vid Corney und der Wahrnehmungspsychologe Beau Lotto vom University College London trai- nierten ein künstliches neuronales Netz, aus einer Vielzahl von Eingangssignalen, die dem visuellen Input ähneln, korrekte Antworten zu erzeugen. Und siehe da – das Netzwerk unterlag ganz von selbst einer Reihe von Täuschungen, die optischen Illusionen vergleichbar sind. Da- runter fanden sich auch graue Flecken wie im Hermann-Gitter. Dieses Ergebnis liefert freilich noch keine Erklärung. Aber es zeigt, dass unser Sehsystem unter gewissen Umständen möglicherweise gar nicht anders kann, als Effekte zu produzieren, die mit der physikalischen Umwelt nicht in Ein- klang zu bringen sind – eben visuelle Täu- schungen. Ÿ

Rainer Rosenzweig ist promovierter Wahrneh­ mungspsychologe und Geschäftsführer des Nürnberger Erlebnismuseums »Turm der Sinne«.

die widerLegung

In dieser Variante des Her- mann-Gitters nach János Geier tritt die Täuschung nicht auf, obwohl die On-Zentrum-Zellen laut Baumgartners Modell hier ebenfalls dunkle Flecken an den Kreuzungen erzeugen müssten. Noch gibt es kein allgemein akzeptiertes Modell, das dieses Phänomen zufrieden stellend erklären könnte.

Literaturtipp Rosenzweig, R. (Hg.): nicht wahr?! Sinneskanäle, hirn­ windungen und Grenzen der Wahrnehmung. Mentis, Pa­ derborn 2009. Sammelband mit Beiträgen des Turm­der­Sinne­Sympo­ siums von 2007

QueLLen Corney, D., Lotto, R.B.: What are lightness illusions and Why do We See them? in: Pu­ blic library of Science com­

putational Biology 3(9), e180,

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Geier, J. et al.: Straightness as the Main factor of the her­ mann Grid illusion. in:Percep­ tion 37(5) S. 651 – 665, 2008. Schiller, P.H., Carvey, C.E.: the hermann Grid illusion revi­ sited. in: Perception 34(11), S. 1375 – 1397, 2005.

istockphoto / henrik Jonsson

HirnforscHunG i lateralisierunG

hormonelle harmonie

Zwei Hirnhälften sitzen im Kopf. Ob wir beide Hemisphären gleich stark nutzen oder bestimmte Probleme eher einseitig angehen, steuern unsere Hormone.

Von Markus HausMann und ulrike Bayer
Von Markus HausMann und ulrike Bayer

ungleiches duo Ähnlich wie in dieser künstle­ rischen darstellung sehen die beiden hirnhälften fast sym­ metrisch aus. doch sie sind auf unterschiedliche Aufgaben spezialisiert.

W ie Bild und Spiegelbild erscheint unser Gehirn auf den ersten Blick. Doch der Ein-

druck täuscht. Seit mehr als 100 Jahren wissen Forscher, dass die nahezu symmetrischen, nur durch den Balken verbundenen Hirnhemisphä- ren trotz ihres ähnlichen Aussehens durchaus unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Sie kontrol- lieren zwar in trauter Zweisamkeit unser Verhal- ten, doch die linke Seite glänzt etwa mit ihren »sprachlichen Fähigkeiten«, während das rechte Pendant vor allem unserer räumlichen Wahr- nehmung dient. Diese als »funktionelle zere- brale Asymmetrie« bekannte Eigenschaft des Gehirns kennzeichnet nicht nur den Menschen, sondern auch viele Tierarten. Das Ausmaß der Lateralisierung – also der funktionellen Ungleichheit zwischen beiden Hirnhälften – kann allerdings je nach Geschlecht beträchtlich variieren: Während Männer sprach- liche und räumliche Aufgaben stärker mit der jeweils darauf spezialisierten Hirnhälfte bewäl- tigen, scheinen Frauen dabei beide Hemisphä- ren zu etwa gleichen Teilen einzusetzen. Das weibliche Gehirn ist also funktionell symme- trischer organisiert als das männliche (siehe G&G 6/2003, S. 56). Dies zeigen auch moderne Verfahren wie die Elektroenzephalografie (EEG) oder die funktionelle Magnetresonanztomo- grafie (fMRT). Doch was verursacht diese Unterschiede in der Symmetrie? Aus biologischer Sicht drängen sich sofort Verdächtige auf: die Geschlechts- hormone. Auch wenn Mann und Frau grund- sätzlich über die gleichen Botenstoffe verfügen, liegen sie doch in sehr unterschiedlichen Kon- zentrationen vor. Männer zeigen hohe Spiegel männlicher Sexualhormone – auch Androgene genannt – mit dem prominentesten Vertreter Testosteron. Auch Frauen besitzen diese Sub- stanz, allerdings in viel geringeren Mengen. Als wichtigste weibliche Hormone gelten dagegen das zu den Östrogenen zählende Östradiol so- wie das Progesteron. Geschlechtshormone steuern in erster Linie die Fortpflanzung. Im Gehirn, das sie über das Blut erreichen, üben sie jedoch zahlreiche Ef- fekte aus, die nicht unmittelbar mit Sexualität zusammenhängen. Inzwischen mehren sich Hinweise, dass die genannten Geschlechtsun- terschiede in der Hirnasymmetrie zumindest zum Teil hormonell verursacht sein könnten.

Um den Zusammenhang zwischen Hor- monen und Hirnorganisation zu beleuchten, eignen sich Männer nicht so gut als Versuchs- personen, denn ihr Hormonspiegel bleibt trotz tages- und jahreszeitlicher Schwankungen im Großen und Ganzen ziemlich konstant. Frauen zeigen hingegen im Lauf ihres Menstruations- zyklus starke Veränderungen: In den Tagen der Regelblutung produzieren sie nur geringe Men- gen weiblicher Geschlechtshormone. Vor dem Eisprung steigt dann der Östradiolgehalt stark an, der Progesteronspiegel verharrt zunächst weiter auf niedrigem Niveau. Erst nach dem Eisprung erreicht Progesteron zusammen mit einem zweiten Östradiolgipfel sein Maximum. Am Ende des monatlichen Zyklus sinken beide Hormonwerte wieder ab (siehe Kasten S. 62). Diese natürlichen Schwankungen haben wir uns in den letzten Jahren zu Nutze gemacht, um die Auswirkungen der Sexualhormone auf die funktionelle Hirnasymmetrie zu untersuchen.

Probandinnen im Zyklustest

Zunächst gingen wir bei unseren Untersu- chungen von einem regelmäßigen Zyklus von 28 Tagen aus. Allerdings hält sich die Natur nur selten an dieses strenge Lehrbuchschema – wir mussten also die Hormonwerte unserer Pro- bandinnen stets direkt messen, um deren Zy- klusphase genau zu bestimmen. Dann ließen wir die Frauen während ihrer Menstruation (wenn die Hormongehalte niedrig lagen) sowie nach dem Eisprung (mit hohen Hormonspie- geln) verschiedene sprachliche und räumliche Aufgaben lösen. Um die funktionelle Hirnasymmetrie zu tes- ten, setzten wir die Methode der visuellen Halb- feldstimulation ein (siehe Kasten S. 63): Dabei präsentierten wir auf einem Computermonitor verschiedene Reize – Wörter oder geometrische Figuren –, die für sehr kurze Zeit entweder im rechten oder im linken Gesichtsfeld erscheinen und damit nur von einer Hirnhälfte verarbeitet werden können. Die Probandinnen sollten nun möglichst schnell den jeweiligen Reiz mit einem in der Bildschirmmitte präsentierten Wort oder Muster vergleichen. Wie erwartet zeigten die Frauen während ih- rer hormonarmen Tage eine typisch männliche Hirnasymmetrie. Im hormonellen Boom nach dem Eisprung waren dagegen beide Hirnhälf-

Auf einen Blick

Flexible

Asymmetrie

1 Die beiden Hirnhemi- sphären sind auf

unterschiedliche Aufgaben spezialisiert: Während die linke bei der Sprachverar- beitung dominiert, über- nimmt die rechte eher räumlich-geometrische Aufgaben.

2 Geschlechtshormone beeinflussen den Grad

dieser Arbeitsteilung:

Weibliche Gehirne zeigen bei niedrigem Hormon- spiegel (während der Menstruation) eine asym- metrische Organisation, wie sie auch für Männer typisch ist. Nach dem Ei- sprung, wenn die Hormon- werte ansteigen, wirken beide Hemisphären dage- gen stärker zusammen.

3 Nach der Menopause tritt die funktionelle

Hirnasymmetrie deutlicher hervor. Künstliche Hor- mongaben reduzieren dies.

nach vorlaGen von Markus hausMann Mit frdl. Gen. von Markus hausMannGehirn&Geist

hausMann Mit frdl. Gen. von Markus hausMannGehirn&Geist VerdrAhtet rechte und linke hirnhälfte kommunizieren

VerdrAhtet

rechte und linke hirnhälfte

kommunizieren miteinander

über nervenfaserbündel,

so genannte Kommissuren.

die mächtigste dieser Quer­

verbindungen ist der Balken

(corpus callosum).

Weibliche Rhythmen: Hormonschwankungen während des Menstruationszyklus

Der erste Tag der Regelblutung gilt als Beginn des Menstruationszyklus der Frau. Während der Menstruation (1), die etwa vier bis fünf Tage dauert, liegen die Geschlechtshormone nur in geringen Konzentrationen vor. In der an- schließenden follikulären Phase reift eine Eizelle mitsamt umgebendem Nährgewebe, den Follikelzellen, die wiederum das Hormon Östradiol (Ö) ab- geben (2). Dabei verdickt sich die Schleimhaut der Gebärmutter; die Östra- diolkonzentration steigt kurz vor dem Eisprung (Ovulation) am 14. Tag auf ihr Maximum an. Jetzt reißt der Follikel und gibt die Eizelle frei (3). Während des Eisprungs stimuliert das Luteinisierende Hormon (LH) die Umwandlung des restlichen Follikelgewebes in den so genannten Gelbkörper (Corpus luteum), der wiederum in der lutealen Phase Progesteron (P) ausschüttet. Etwa sie- ben bis acht Tage nach dem Eisprung erreicht die Konzentration von Östra- diol zusammen mit der von Progesteron ihren zweiten Gipfel (4). Wurde die Eizelle nicht befruchtet, degeneriert der Gelbkörper in der prämenstruellen Phase, die Hormonkonzentrationen sinken wieder ab (5). Jetzt wird auch die Schleimhaut der Gebärmutter abgebaut, mit der einsetzenden Regelblu- tung beginnt ein neuer Zyklus. Er dauert im Schnitt 28 Tage, kann aber indi- viduell stark variieren.

Ö 3 P 2 4 LH 5 1 1 5 14 24 28 menstruell follikulär
Ö
3
P
2
4
LH
5
1
1
5
14
24
28
menstruell
follikulär
Ovulation
luteal
prämenstruell
relative Hormonkonzentration

ten gleich stark aktiv. Die zerebrale Asymmetrie schien sich vor allem nach dem Progesteron- spiegel zu richten: Je höher die Konzentration dieses Botenstoffs lag, desto symmetrischer, also »weiblicher« arbeitete das Gehirn. Können Hormone die Symmetrie der Hirn- funktionen tatsächlich direkt beeinflussen? Wie unser Gehirn arbeitet, sollte zunächst ein- mal davon abhängen, wie die beiden Hemi- sphären miteinander kommunizieren. Dies ge- schieht hauptsächlich über den Balken, auch Corpus callosum genannt, der mit mindestens 200 Millionen Nervenfasern erregende und hemmende Signale in beide Richtungen über- trägt (siehe Bild links). Und wahrscheinlich be- stimmt insbesondere die gegenseitige Hem- mung das Ausmaß der zerebralen Asymmetrie:

Werden dem Gehirn sprachliche Reize dargebo- ten, übernimmt die linke Hirnhälfte die Ober- hand, indem sie die Aktivität der rechten Seite zügelt. Umgekehrt verhält es sich vermutlich, wenn räumliche Reize wie beispielsweise geo- metrische Figuren oder auch Gesichter erschei- nen. Jetzt arbeitet in erster Linie die rechte He- misphäre – und hemmt gleichzeitig ihr linkes Pendant.

Zeitweilig gehemmt

Wir gehen nun davon aus, dass die weiblichen Geschlechtshormone diese Hemmprozesse ih- rerseits vermindern, so dass die beiden Hemi- sphären quasi »gleichberechtigt« agieren – das Gehirn arbeitet symmetrischer. Unsere Experi- mente mit der visuellen Halbfeldtechnik erlau- ben jedoch nur indirekte Hinweise darauf, dass Hormone auf die neuronale Kommunikation einwirken. Um zu sehen, was wirklich im Ge- hirn geschieht, haben wir 2008 zusammen mit Susanne Weis und ihren Kollegen von der Rhei- nisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen eine so genannte funktionelle Konnek- tivitätsanalyse per fMRT durchgeführt: Wäh- rend unsere Probandinnen wiederum sprach- liche und räumliche Aufgaben bewältigten, zeichnete der Hirnscanner die Aktivitäten in ausgesuchten Gebieten der jeweiligen Hemi- sphären auf. Dabei offenbarte sich, dass Bereiche des Frontallappens der sprachdominanten linken Hirnhälfte tatsächlich entsprechende Areale auf der rechten Seite hemmten – allerdings nur während der Menstruation. In dieser Phase ar- beiteten die Gehirne der Frauen eher asym- metrisch, also »männlicher« (siehe Bild S. 64). Wenige Tage vor dem Eisprung, wenn der Öst-

Gehirn&Geist nach vorlaGen von Markus hausMann

Chance Chance G U G U Zeit Zeit
Chance
Chance
G
U
G
U
Zeit
Zeit

Einseitige Betrachtung: die visuelle Halbfeldstimulation

Mit der visuellen Halbfeldstimulation lässt sich bei gesunden Menschen die funktionelle Hirnasymmetrie testen: Die Pro- banden fixieren die Mitte eines Computermonitors, wo zu- nächst zentral ein Wort oder eine geometrische Figur auf- taucht (siehe Bild oben links). Nach einer kurzen Pause erscheint ein neuer Reiz – und zwar so, dass er entweder im rechten oder im linken Gesichtsfeld wahrgenommen wird. Da sich die Seh- bahnen im Gehirn überkreuzen, verarbeitet zunächst nur die

Hemisphäre, die der Präsentationsseite gegenüberliegt, diesen Stimulus (oben rechts). Die Versuchsperson soll möglichst schnell entscheiden, ob das aktuell wahrgenommene Objekt gleich (G) oder ungleich (U) zum zuvor gesehenen war. Typischerweise erkennen wir Wörter schneller, wenn sie im rechten Gesichtsfeld auftauchen und damit direkt in die linke Hirnhälfte gelangen; bei räumlichen Mustern verhält es sich umgekehrt.

radiolspiegel deutlich ansteigt, nimmt diese Hemmung dagegen deutlich ab – die Versuchs- personen offenbaren jetzt eine typisch weib- liche symmetrische Hirnorganisation. Dies be- stätigt unsere Annahme, dass Sexualhormone die Kommunikation zwischen den beiden Hirn- hälften beeinflussen und darüber das Ausmaß der zerebralen Asymmetrien verändern.

Auf gute Zusammenarbeit

Trotz dieser gegenseitigen Hemmung agieren rechte und linke Seite unseres Denkorgans kei- neswegs gegeneinander; vielmehr können und müssen sie zusammenwirken. Schließlich stößt die dominierende Hirnhälfte bei schwierigen Problemen schnell an ihre Kapazitätsgrenzen. Wenn sich die beiden Hemisphären die Arbeit teilen und ihre Informationen über den Balken austauschen, kann das Gehirn auch bei hö-

heren Anforderungen schnell und effizient zu einer Lösung gelangen. Um das Ausmaß dieser interhemisphäri- schen Integration zu bestimmen, zeigten wir 2008 unseren Probandinnen abermals ver- schiedene Objekte, die sie mit einem zentral präsentierten Reiz vergleichen sollten. Der Clou diesmal: Die Versuchspersonen sahen jeweils nur Teilbilder in der linken und rechten Ge- sichtsfeldhälfte. Die beiden Hirnhälften muss- ten also miteinander kommunizieren, um schnell zu entscheiden, ob die Objekte überein- stimmten. Dabei offenbarten sich wiederum Schwankungen im Monatszyklus: Nach dem Ei- sprung – wenn die Hormonwerte hoch sind – kooperierten die beiden Hemisphären beson- ders intensiv. Ein direkter Beweis dafür, dass Hormone die dynamischen Veränderungen in der funktio-

MonAtliche heMMung Areale des linken Frontalhirns regen sich bei der Verarbeitung von sprache (rot). gleichzeitig werden die entsprechenden gebiete der rechten seite ge­ hemmt (gelb). Während männ­ liche gehirne diese hirnasym­ metrie konstant zeigen, tritt sie bei Frauen nur während der Menstruation auf.

Mit frdl. Gen. von Markus hausMann und deM Journal of neuroscience (Weis et al, estradiol
Mit frdl. Gen. von Markus hausMann und deM Journal of neuroscience
(Weis et al, estradiol Modulates functional brain orGanization, 10.12. 2008)

nellen Hirnorganisation auslösen, sind diese Experimente allerdings immer noch nicht. Schließlich geht der Menstruationszyklus mit einer ganzen Palette von physiologischen und psychologischen Veränderungen einher. Daher erweiterten wir den Personenkreis unserer Ver- suchspersonen und zogen nun auch Frauen hin- zu, die bereits die Wechseljahre hinter sich hat-

Lechts und rinks: Mythen ums Gehirn

In den Diskussion um psychologische Unterschiede zwischen den Ge- schlechtern und die jeweiligen Vorlieben von linker und rechter Hirnhälfte kursieren viele Mythen und Missverständnisse. Neuropsychologische Expe- rimente ergeben zwar häufig hemisphärisch ungleich verteilte Aktivität im Gehirn, so genannte Lateralisierungen: So scheint das rechte Frontalhirn stärker an emotionalen Reaktionen beteiligt zu sein als das linke, und der rechte Scheitellappen wird besonders beim Verarbeiten von Zahlen sowie räumlichen Informationen aktiv. Demgegenüber sitzen in der linken Hirn- hälfte die neuronalen Sprachzentren. Messungen der Hirnaktivität mittels bildgebender Verfahren betrachten allerdings immer nur die »Spitze des Eisbergs« – das heißt, sie offenbaren jene Hirnregionen mit der stärksten Aktivität bei einer gegebenen Aufgabe. Das bedeutet keinesfalls, dass das übrige Gehirn schweigt. Rechte und linke Hemisphäre arbeiten vielmehr stets Hand in Hand und ergänzen einander. Von einer »emotional-ganzheitlichen« rechten Hirnhälfte im Gegensatz zur »logisch-analytischen« linken zu sprechen, geht also an der Realität vorbei. Ähnliches gilt für Geschlechterdifferenzen auf psychologischer Ebene. In entsprechenden Subkategorien von Intelligenztest schneiden Männer statis- tisch gesehen zwar bei räumlich-konstruktiven Problemen eher etwas bes- ser ab als Frauen. Diese wiederum haben in sprachlichen Untertests häufig die Nase vorn. Solche Unterschiede fallen jedoch erstens gering aus – zwei beliebig ausgewählte Personen gleichen Geschlechts schneiden meist weit unterschiedlicher ab als im statistischen Vergleich von Mann und Frau. Zwei- tens lassen derartige Differenzen keinerlei Aussage über einzelne Menschen zu (siehe auch G&G 5/2009, S. 14). Die Tücke der Statistik besteht darin, dass wir ihre Ergebnisse allzu schnell pauschalisieren. (sa)

ten. Manche von ihnen nahmen Östrogene und Gestagene ein, um negative Symptome wie Hit- zewallungen, Schlafstörungen oder Knochen- schwund zu vermeiden, welche den allmäh- lichen Rückgang des Östradiol- und Progeste- ronspiegels begleiten können. Diese Hormon- ersatztherapie, die allerdings auf Grund ihrer Nebenwirkungen umstritten ist, gibt Neurowis- senschaftlern die Gelegenheit, die Wirkung der von außen zugeführten Stoffe zu untersuchen. Tatsächlich zeigten unsere 2009 veröffent- lichten Ergebnisse, dass Frauen nach der Meno- pause, sofern sie keine Hormonpräparate ein- nahmen, sprachliche oder räumliche Aufgaben vorwiegend mit einer Hirnhälfte lösten – ähn- lich wie Frauen während der Monatsblutung oder auch Männer. Dieses Muster verändert sich auch bei nach zwei bis drei Wochen wieder- holten Tests bei den älteren Frauen kaum – of- fensichtlich auf Grund der stabil bleibenden Hormonspiegel.

Nicht besser, aber anders

Diese Asymmetrie verschwand jedoch fast voll- ständig bei Probandinnen, denen eine Hormon- ersatztherapie verordnet worden war: Dann zeig- ten ihre Gehirne eine ähnlich symmetrische Ar- beitsweise wie bei jüngeren Geschlechtsgenos- sinnenwährendderhormonreichenZyklusphase. Der Effekt trat besonders stark bei Frauen auf, die Östrogene einnahmen. Weitere Studien ergaben, dass sich dabei insbesondere die Leistung der rechten Hirnhälfte veränderte. Die Kommunika- tion zwischen den beiden Hemisphären scheint jedoch – im Gegensatz zu unserem Befund bei jüngeren Frauen – im Alter hormonell verhält- nismäßig unbeeinflusst zu bleiben. Bereits in den 1990er Jahren fanden Hirnfor- scher Hinweise darauf, dass mit zunehmendem Alter Areale im rechten Scheitel- und Hinter-

hauptslappen, die insbesondere visuelle Reize verarbeiten, an Leistungsfähigkeit verlieren. Als Kompensation könnte das Gehirn die Stra- tegie entwickelt haben, bereits bei leichteren kognitiven Problemen in stärkerem Maß über den Balken Informationen auszutauschen, um so beide Hirnhälften einsetzen zu können. Da- durch lassen sich altersbedingte kognitive Defi- zite recht gut ausgleichen. Was bedeuten nun die hormonell bedingten Veränderungen im Gehirn für den Alltag? Bringt ein mehr oder weniger symmetrisch or- ganisiertes Gehirn Vorteile für seinen Besitzer? Diese Frage lässt sich nicht eindeutig beantwor- ten, da beide Organisationsformen ihre Trümp- fe ausspielen könnten: In einem asymmetrisch organisierten Gehirn wirken benachbarte Hirn- areale eng zusammen. Die Informationen kön- nen daher auf kurzen Wegen untereinander ausgetauscht werden – das Gehirn sollte da- durch rascher arbeiten als ein eher symme- trisch organisiertes Denkorgan. Dieses wiede- rum dürfte störungsfreier funktionieren, da beide Hirnhälften an der Problemlösung mit-

wirken, so dass die eine Hälfte ein potenzielles Manko der anderen teilweise ausgleichen kann. Mit anderen Worten: Für die Asymmetrie spricht höhere Geschwindigkeit, für die Sym- metrie eine geringere Fehleranfälligkeit. Wel- che Strategie besser ist, hängt von der jewei- ligen Situation ab. Zu bedenken ist auch, dass unsere Tests kei- neswegs typische Alltagsaufgaben wie Autofah- ren, Einkaufen oder Briefeschreiben widerspie- geln. Daher lassen sich ihre Ergebnisse auch nicht so ohne Weiteres verallgemeinern! Ob »weibliche« Gehirne je nach Hormonspiegel be- stimmte Probleme besser oder schlechter mei- stern, kann also niemand pauschal beantworten. Sicher bleibt nur eins: Es verändert sich die Art und Weise, wie sie die Aufgaben angehen. Ÿ

Markus Hausmann ist promovierter Biopsychologe und forscht an der Durham University in Großbri- tannien. Ulrike Bayer ist promovierte Biopsychologin und Mitarbeiterin in Hausmanns Arbeitsgruppe.

Biopsychologin und Mitarbeiterin in Hausmanns Arbeitsgruppe. www.gehirn­und­geist.de/audio literAturtipp lautenbacher,

www.gehirn­und­geist.de/audio

literAturtipp lautenbacher, s. et al. (hg.):

Gehirn und Geschlecht. neu- rowissenschaft des kleinen unterschieds zwischen frau und Mann. springer, heidel- berg 2007. Markus Hausmann, Onur Güntürkün und Stefan Lau- tenbacher stellen die Unter- schiede zwischen Männer- und Frauengehirnen vor.

originalquellen finden sie im internet unter:

www.gehirn-und-geist.de/

artikel/1001597

besser denken – PraxistiPPs von trainern und beratern

richtiG fördern

CoaChing statt naChhilfe

Ein neuer Ansatz der Trainer Alexander Christiani und Jürgen Hoffmann nutzt bewährte Methoden der Erwachsenenbildung, um Kinder und Jugendliche in der Schule und bei den Hausaufgaben zu unterstützen. Sie machen Eltern zu erfolgreichen Coachs ihrer Sprösslinge.

Von AlexAnder christiAni und JürGen hoffmAnn

K inder sind die Zukunft unseres Landes – ihre Ausbildung stellt daher

eine äußerst wichtige gesellschaftliche Aufgabe dar. Doch steckt unser Schulsys­ tem seit Jahren in der Krise, wie die Pisa­ Studien und zuletzt die bundesweiten Bildungsproteste gezeigt haben. Wo die Politik versagt, sind die Eltern gefordert. Deren Engagement ist inzwischen zum entscheidenden Faktor für den schuli­ schen Erfolg der meisten Kinder und Ju­ gendlichen in Deutschland geworden.

Um die Chance ihrer Sprösslinge auf eine viel versprechende berufliche Karri­ ere zu vergrößern, geben Eltern hier zu Lande jedes Jahr rund eine Milliarde Euro für professionelle Nachhilfe aus. Häufig ist dabei gar nicht die Versetzung akut ge­ fährdet; den meisten Eltern geht es um eine nachhaltige Verbesserung des Noten­ durchschnitts. Dabei besitzen Kinder eine angebore­ ne Lernmotivation und eignen sich neues Wissen und neue Fertigkeiten oft viel schneller an als Erwachsene. Nur macht der Schulalltag es ihnen oft schwer, dieses Potenzial zu realisieren. Hier bietet un­ sere Initiative »LIFE’S’COOL« eine Alter­ native zum herkömmlichen Nachhilfe­ unterricht. Das Trainingsprogramm gibt den Eltern bewährte Lern­ und Motiva­ tionsmethoden aus der Erwachsenenbil­

dung an die Hand, damit sie ihren Kin­ dern das vermitteln können, was in erster Linie den Schulerfolg ausmacht: Freude am Lernen und ein effektiver Gebrauch der eigenen Lernbegabung.

1) Lernen

Die richtige Lerntechnik verhilft zu schnelleren Erfolgen, und diese fördern die Freude am Lernen. Damit Eltern das Lerntalent ihrer Kinder bewahren und fördern können, sollten sie sich in einem ersten Schritt die notwendigen Techni­ ken am besten selbst aneignen. Dann können sie im Familienalltag vormachen, wie man Sachverhalte schnell und nach­ haltig verinnerlicht.

neue Fakten einzuprägen, werden diese mit den Bildern in Verbindung gebracht. Hierbei gilt: Nicht lange nachdenken, sondern sich den Zusammenhang ein­ prägen, der spontan vor dem inneren Auge entstanden ist. Angenommen, Sie möchten sich die Opern Richard Wagners (ohne die bei­ den Frühwerke) in der Reihenfolge der Entstehung merken. »Rienzi« steht dann etwa auf dem Leuchtturm, »Der fliegende Holländer« reitet auf dem Rücken des Schwans, beim »Tannhäuser« schmücken Tannen die Brille, »Lohen­ grin« sitzt auf dem Stuhl und so weiter. Erfolgreiche Lerntechniken fördern das assoziative Denken, da sie Begriffe und

Das Engagement der Eltern ist ein entscheidender Faktor für den Schulerfolg

Bewährt sind Merkwortsysteme, die in kürzester Zeit ermöglichen, beispiels­ weise die 50 Bundesstaaten der USA oder die Opern von Richard Wagner auswen­ dig zu lernen. Hierbei werden den Zahlen Bilder zugeordnet, die sich mit ihnen leicht assoziieren lassen: Die Eins wird zum Leuchtturm, die Zwei zum Schwan, die Drei zur Brille, die Vier zum Stuhl und so fort (siehe G&G 6/2003, S. 86). Um sich

Bilder miteinander verknüpfen und da­ mit beide Gehirnhälften gleichmäßiger beanspruchen. Auch so genannte Mind Maps (siehe G&G 10/2006, S. 74) nutzen beide Gehirn­ hälften, da sie Begriffsbeziehungen visu­ alisieren. Ein zentrales Thema steht im Mittelpunkt, als Ausgangspunkt für da­ mit in Verbindung stehende Begriffe, die in abzweigenden Haupt­ und Unterästen

Gehirn&Geist / AndreAs rzAdkowsky »du schaffst das!« Kompetente förderung durch die Eltern kann teure

Gehirn&Geist / AndreAs rzAdkowsky

»du schaffst das!« Kompetente förderung durch die Eltern kann teure Nachhilfekurse überflüssig machen. dazu gehören Lerntechniken, Motivationshilfen und die richtige ansprache.

eingefügt werden (siehe Grafik S. 68). So entsteht ein Netz zusammenhängender Informationen. Bereits Grundschulkinder können ihren Unterrichtsstoff mit Hilfe einfacher Mind Maps strukturieren, an­ wenden und sich einprägen. Zudem steigert ein schnelleres Lese­ tempo den Lernerfolg von Kindern. Schon in den ersten Klassen lässt es sich spiele­ risch schrittweise erhöhen. Dabei geht

der Zeitgewinn keineswegs auf Kosten des Textverständnisses. Im Gegenteil – wer schneller liest, kann auch mehr be­ halten. Für ein höheres Lesetempo gilt es vor allem, Bremsen in der Körpermotorik zu lösen. Statt mit dem Finger an der Zei­ le entlangzufahren und das Geschrie­ bene in Gedanken mitzusprechen, muss man versuchen, möglichst viel Text mit einem Blick zu erfassen und Wörter sowie

Sätze als Bilder wahrzunehmen (siehe G&G 6/2005, S. 74). Eltern sollten mit ih­ ren Kindern versuchen, jeden Tag die pro Minute gelesene Textmenge um fünf Wörter zu steigern.

2) Motivation

Die Vermittlung effizienter Lerntechni­ ken nutzt freilich wenig, wenn die Kinder einfach keine Lust haben, zu lernen. Stän­

dige Ermahnungen (»Mach jetzt endlich deine Hausaufgaben«) sind ebenso kon­ traproduktiv wie gut gemeinte Beste­ chungsversuche (»Wenn du jetzt die Vo­ kabeln lernst, darfst du …«). Ein guter Coach dagegen braucht seine Schützlinge gar nicht immer anzutreiben, da diese sich freiwillig anstrengen. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen Eltern herausfinden, was ihren Nach­ wuchs am ehesten motiviert. Und das hängt wiederum damit zusammen, über welchen Informationskanal die Kinder am leichtesten lernen: auditiv, visuell, kommunikativ oder motorisch (siehe Kasten rechts). Oft haben Eltern aber Schwierigkeiten, dies zu bestimmen, da ihnen die nötige Distanz fehlt; dann hat es sich bewährt, Großeltern oder andere Verwandte mit häufigem Kontakt zu den Kindern da­ nach zu fragen. Deren Beobachtungen wie »Marie singt und tanzt den ganzen Tag« (motorisch), »David ist ein richtiger Bücherwurm« (visuell), »Michael ist der große Sandkastenorganisator« (kommu­ nikativ) geben meist klare Hinweise auf den Lerntyp des Kindes. Natürlich pfle­

gen viele Menschen durchaus zwei oder mehrere Lernstile, aber häufig dominiert einer davon. Danach geht es daran, die kindlichen Hauptmotivatoren zu ermitteln. Grund­ sätzlich hat jeder Mensch die Fähigkeit, sich selbst zu motivieren – fast wie auf Knopfdruck. Wir alle haben Denk­ und Gefühlsgewohnheiten, die sich nutzen lassen, um uns zu begeistern und anzu­ treiben. Eltern können diese Motivatoren gezielt ansprechen – beispielsweise bei Kindern, die stark auf Herausforderungen reagieren. Werden diese mit dem Satz »Das schaffst du nie« konfrontiert, setzen sie meist alles daran, das Gegenteil zu be­ weisen. Andere orientieren sich an Vor­ bildern, die etwas erreicht haben, was sie selbst anstreben, etwa der beste Freund, der ältere Bruder oder der Vater. Diese stacheln den inneren Antrieb an, nach dem Motto: »Was der kann, kann ich auch!«

Wieder andere Kinder brauchen als Ansporn die Dynamik einer Gruppe. Hier lässt die Verpflichtung gegenüber dem Team innere Widerstände überwinden und treibt zu Höchstleistungen an. Die unterschiedlichen Motivatoren korres­ pondieren oft mit einzelnen Lernstilen. So dürfte das letztgenannte Beispiel dem kommunikativen Lerntyp entsprechen. Anhand eines eigens entwickelten Fra­ genkatalogs, der unter www.lifescool.de kostenlos abrufbar ist, können Eltern ein ganz individuelles Motivationsrezept für jedes ihrer Kinder erstellen. Das erleich­ tert nicht nur die Bewältigung der schu­ lischen Aufgaben, sondern schafft auch eine gute Basis für ein ausgeglichenes Fa­ milienleben, da häusliche Regeln leichter eingehalten werden.

3) Kommunikation

Oft stoßen jedoch Vorschläge der Eltern beim Kind auf Ablehnung, etwa wenn

LaNdKartE dEs dENKENs

Mind Maps helfen bereits Grundschulkindern, ein thema zu strukturieren und sich wichtige

Zusammenhänge einzuprägen. hier ein von einem schüler angefertigtes Beispiel.

68 68

sehen augen Riechen nase sinne fühlen haut nachdenken Pickel gehiRn nervenzellen Brustkorb Beugemuskel
sehen
augen
Riechen
nase
sinne
fühlen
haut
nachdenken
Pickel
gehiRn
nervenzellen
Brustkorb
Beugemuskel
Kinder
Becken
sKelett
MUsKeln
kriegen
streckmuskel
Wirbelsäule
DER KÖRPER
Blutkreislauf
nährstofftransport
Blutkreislauf
herz
liebe, Mitgefühl
immunsystem
lymphsystem
schutz vor Krankheiten
Blut waschen
nieren
oRgane
KReislaUf
schmerz
alkohol
leber
lust
nerven
Kälte
Wärme
G&G 9_2009
G&G 9_2009

Wie lernt mein Kind?

DER auDitivE LERntyP nimmt lerninhalte und informationen bevorzugt über das gehör auf, auch etwa, indem er sich texte selbst laut vorliest. Diese Menschen kön- nen besonders gut mündliche aufgaben absolvieren und texte auswendig lernen, sind meist sehr eloquent und verfolgen gern gespräche, hören Vorträge oder auch Musik. Zum lernen brauchen sie aber eine ruhige Umgebung, nebengeräusche stö- ren die Konzentration.

DER visuELLE LERntyP begreift lerninhalte, indem er sich davon ganz wörtlich ge- nommen ein Bild macht. er nimmt informationen durch lesen und Beobachten auf, sucht nach Veranschaulichungen durch filme oder grafiken, achtet auf formen und farben. schriftliche aufgaben liegen ihm mehr, notizen sind für ihn unverzichtbare hilfsmittel, um informationen zu verarbeiten und zu behalten. Der visuelle lerntyp braucht eine geordnete und aufgeräumte lernumgebung, nicht das kreative Chaos.

DER KoMMuniKativE LERntyP benötigt zum effektiven lernen einen Partner. er sucht das gespräch und die Diskussion, um lerninhalte sprachlich zu erfassen, zu hinterfragen, zu erläutern. seine stärke ist die gesprächsrunde, die öffentliche Dis- kussion.

DER MotoRischE LERntyP muss sich in den lernprozess körperlich einbringen. er will Dinge anfassen und selbst ausprobieren. lernen löst bei ihm einen Bewegungs- drang aus; er unterstreicht Worte und Reden mit ausholender gestik. Wie der kom- munikative typ bevorzugt er gesellschaft beim lernen, und zwar aktive Partner, die wie er selbst informationen motorisch aufnehmen und verarbeiten.

dabei nicht der richtige Ton getroffen wurde. Nur ein positiver Gesprächsstart ermöglicht eine zielführende Kommuni­ kation! Eltern müssen lernen, die Koope­ ration ihres Nachwuchses zu gewinnen. Hierfür sollten sie nicht ihre eigene Ab­ sicht ins Zentrum der Ansprache stellen (»Du sollst jetzt endlich die Hausaufga­ ben machen!«), sondern sich überlegen, mit welchen Worten sie am besten die ge­ wünschte Reaktion der Kinder erreichen können. Ganz allgemein können Eltern mit den richtigen Formulierungen erstaun­ liche Veränderungen im Verhalten ihrer Sprösslinge erzielen. Zum Beispiel: Statt den bewegungslustigen Sohn zu ermah­ nen, wenn er mal wieder Sonntag früh morgens die Treppe hinuntergetrampelt ist und dabei alle anderen aufgeweckt hat, sollte man ihn fragen, wie es sich sei­ ner Ansicht nach ermöglichen ließe, dass der Rest der Familie am Wochenende aus­ schlafen kann. So lassen sich ganz unter­ schiedliche Konflikte innerhalb der Fami­ lie klären und entschärfen, auch Streitig­

www.gehirn-und-geist.de

keiten zwischen Geschwistern. Sogar das leidige Problem der Hausaufgaben ist auf diese Weise meist lösbar. Zum Beispiel, indem die Eltern den Nachwuchs in die Entscheidung einbinden, wann wichtige Schulaufgaben zu erledigen sind – etwa vor oder nach einem anstrengenden Fuß­ ballspiel mit Freunden. Kinder dürfen ruhig selbst die Erfah­ rung machen, wann der Lernerfolg grö­ ßer für sie ist. Eltern sollten Angebote machen, Vorschläge unterbreiten, Alter­ nativen aufzeigen, aber nicht einfach diktatorisch bestimmen. Denn die Kin­ der müssen selbst ausprobieren, was für sie gut ist. Dann können sie auch selbst­ ständig zur richtigen Einsicht gelangen, wenn sich der Erfolg einmal nicht ein­ stellt. Ÿ

Alexander Christiani ist Coach und Trainer, Jürgen Hoffmann Unternehmensberater. Beide sind Väter von jeweils drei Jungen, die ihre Schullaufbahn gerade abgeschlossen haben beziehungsweise kurz vor dem Ab- schluss stehen.

jeweils drei Jungen, die ihre Schullaufbahn gerade abgeschlossen haben beziehungsweise kurz vor dem Ab- schluss stehen.

auf sendung

SamStag, 15. auguSt

Deutschlands größter Gedächtnistest Wie kann man lernen, Namen, Gesichter oder Zahlen besser zu behalten? Die Sen- dung präsentiert Tests des Lang- und Kurzzeitgedächtnisses und stellt wissen- schaftlich fundierte Methoden vor, um die eigene Merkfähigkeit zu steigern. NDR, 21.45 Uhr

Sonntag, 16. auguSt

Philosophie der Gefühle (5/5) Herzensbildung: Vom Wesen der Gefühle Heutzutage »fühlt es überall«, sagt Ute Frevert, Direktorin am Max-Planck-Ins- titut für Bildungsforschung in Berlin. Im Medienzeitalter habe jeder die Möglich- keit, Emotionen effektvoll zu inszenie- ren. Monika Maria Trost fragt nach: Gibt es überhaupt noch »echte Gefühle«? 3sat, 9.15 Uhr

DienStag, 18. auguSt

Messies: Leben im Chaos Die Sammelleidenschaft von »Messies« kann extreme Ausmaße annehmen (sie- he auch G&G 7-8/2009, S. 20). Anett Wundrak und Birgit Mittwoch beglei- teten zwanghafte Horter durch ihr häus- liches Chaos und befragten Experten, welche Ursachen diese psychische Stö- rung haben kann. MDR, 20.45 Uhr

mittwoch, 19. auguSt

Jungs auf der Kippe Jungen sind die neuen Sorgenkinder, die Verlierer – vor allem auf dem Arbeits- markt. Elf Prozent scheitern schon am Schulabschluss. Die Dokumentation geht

scheitern schon am Schulabschluss. Die Dokumentation geht den Ursachen dafür auf den Grund: Wird das angeblich

den Ursachen dafür auf den Grund: Wird das angeblich so starke Geschlecht heute vernachlässigt? Phoenix, 12.30 Uhr

Freitag, 21. auguSt

Dem Schmerz auf der Spur Allein 2008 stieg die Zahl der Schmerz- patienten um 20 Prozent auf zehn Mil- lionen. Neue Untersuchungen zeigen:

Chronischer Schmerz ist ein erlerntes Verhalten, ein in Körper und Geist ab- gespeichertes Programm. Der Film von Antje Schmidt beleuchtet aktuelle Er- kenntnisse der Schmerzforschung. 3sat, 10.15 Uhr

Heilung durch Hypnose – Neue Erfolge einer alten Therapie Hypnose kann Angst nehmen, Geburts- schmerzen lindern und sogar bei Opera- tionen helfen, und das ganz ohne me- dienträchtigen Hokuspokus. Was passiert dabei im Gehirn? Lässt sich der Mensch einfach »umprogrammieren«, und wel- che Gefahren drohen dabei? 3sat, 11 Uhr

Planet Wissen Auf der Suche nach dem Glück Die meisten Menschen wünschen sich mehr Erfolg, mehr Geld, mehr Freunde. Ihr Ziel: dem Glück näherzukommen. Doch was macht uns überhaupt glück- lich? Die Sendung stellt das »Lustzen- trum« im Gehirn vor und spürt den viel- fältigen Wirkungen des Botenstoffs Do- pamin nach. Bayerisches Fernsehen, 12.30 Uhr

Nachtcafé Glaube und Religion – Alles reiner Selbstbetrug? Dass der Glaube sogar Berge versetzen kann, weiß der Volksmund schon lange. Doch inzwischen behaupten auch seriöse Wissenschaftler, dass Religiosität beim Überwinden von Krankheiten hilft. Gäste der Sendung sind unter anderem der Im- munologe Beda Stadler von der Uni- versität Bern sowie Nikolaus Schneider, Vorsitzender der evangelischen Kirche im Rheinland. SWR, 22 Uhr

Sonntag, 23. auguSt

Future Kids (1/10) Bildung in der frühen Kindheit Kinder sind unsere Zukunft – deshalb hat die frühkindliche Bildung eine immer größere Bedeutung. Der bayerische Bil- dungsplan sieht sogar vor, Naturwissen- schaften schon in Krippen und Kinder- tagesstätten zu vermitteln. Auch Hirn- und Entwicklungsforscher haben längst erkannt: Kleinkinder sind keine »leeren Blätter«, die man beschreiben kann, son- dern entdecken die Welt aktiv. Bayerisches Fernsehen, 9.35 Uhr

SamStag, 29. auguSt

Ich verstehe, was du fühlst Der preisgekrönte Film von Gunther Franke schildert den Umgang mit alten und verwirrten Menschen. 3sat, 13.15 Uhr

montag, 31. auguSt

Schreiende Seelen Die Posttraumatische Belastungs- störung (PTBS) Wer Extremsituationen erleben musste, hat oft noch lange Zeit darunter zu lei- den. Der Film befasst sich mit der Ver- breitung Posttraumatischer Belastungs- störungen unter Bundeswehrsoldaten. Zu Wort kommen Betroffene und ihre Angehörigen, Experten und Vertreter des Militärs. 3sat, 18 Uhr

DienStag, 1. September

Grenzen der Zeit Zeit wird höchst subjektiv empfunden:

Aus dem Blickwinkel einer Fliege agieren Menschen wie in Zeitlupe; umgekehrt muss der Mensch Hochgeschwindigkeits- kameras einsetzen, um die Flugmanöver des Insekts zu verstehen. Mit extremen Wechseln von Tempo und Perspektive gibt der Film unerwartete Einsichten in die Welt jenseits unserer alltäglichen Zeitwahrnehmung. 3sat, 10.15 Uhr

Themenabend Auf Kosten der Gesundheit Auch ökonomisch gesehen richten Krank- heiten großen Schaden an: Je mehr Be- handlungen finanziert werden müssen,

Radiotipps

DienStag, 11. auguSt

Zeig mir dein Gesicht und ich sage dir, wer du bist! Oft glauben wir schon auf den ersten Blick zu wissen, ob wir jemanden sym- pathisch finden oder nicht. Aber liegen wir damit auch tatsächlich richtig? Dieses Feature erklärt, wie sehr wir unseren intuitiven Urteilen vertrauen können. Nordwestradio, 19.05 Uhr

Freistil Von Lust und Frust des Kaufens In der bunten Warenwelt gibt es ganz unterschiedliche Typen von Käufern:

Die Bandbreite reicht von den Shop- ping-Begeisterten über Gelegenheits- käufer oder Schnäppchenjäger bis hin zu den völligen Konsummuffeln. Eine kleine Alltagspsychologie des Kaufens. (Siehe auch den Artikel ab S. 14 in diesem Heft.) Deutschlandfunk, 20.05 Uhr

Sonntag, 23. auguSt

Forschung aktuell Von wegen Spatzenhirn Volkart Wildermuth über kluge Vögel und die Evolution der Intelligenz. Deutschlandfunk, 16.30 Uhr

Freistil Benehmen Sie sich! Der »Benimm-Knigge« macht’s mög- lich: Wie man mit guten Manieren durch schlechte Zeiten kommt. Deutschlandfunk, 20.05 Uhr

DienStag, 25. auguSt

Neurochirurgie – Der Schnitt in Hirn und Rückenmark Die Arbeit von Neurochirurgen besteht nicht nur aus spektakulären Fällen: Rü- ckenmarksverletzungen zählen genauso dazu wie Missbildungen, Blutungen und Gefäßanomalien. Eine Reportage aus der Universitätsklinik Heidelberg. Deutschlandfunk, 10.10 Uhr

DonnerStag, 27. auguSt

Wissenswert Stottern – wenn die Sprache hängt Für Stotterer gibt es mittlerweile viel- fältige Hilfs- und Behandlungsangebote. Die »Kasseler Therapie« nutzt jetzt so- gar Erkenntnisse der Hirnforschung: Da- bei werden gezielt ganz bestimmte Are- ale im Denkorgan stimuliert, die offen- sichtlich für den normalen Redefluss von Bedeutung sind. hr2 Kultur, 8.30 Uhr

SamStag, 5. September

Gesundheitsgespräch Spitzenmedizin direkt – Psychoonkologie Zwei Mediziner der Ludwig-Maximili- ans-Universität München im Gespräch über die psychischen Auswirkungen ei- ner Krebsdiagnose und -therapie. (Siehe auch das Spezial zum Thema ab S. 36 in diesem Heft.) Bayern2, 12.05 Uhr

Termine

26. – 30. auguSt, brixen / italien

37. Interdisziplinärer Herbst-

Seminar-Kongress für Sozialpädiatrie –

Entwicklung, Intervention, Prävention Information: Deutsche Akademie für Entwicklungsförderung und Gesundheit des Kindes und Jugendlicher e. V., Heiglhofstr. 63, 81377 München Telefon: +49 89 724968-0, Fax: -20 E-Mail: info@akademie-muenchen.de www.akademie-muenchen.de

9. September, KaiSerSlautern

Podiumsdiskussion: Die Rolle der Hirnforschung in der Entwicklungs- und Lernpsychologie – Zwischen Euphorie und Ablehnung Eine Veranstaltung im Rahmen der Initiative »Psychologie und Zukunftsfra- gen«, Fruchthallstr. 6, 67653 Kaisers- lautern, mit einem Eröffnungsvortrag von Uta Frith, London Beginn: 19.30 Uhr Information: Dr. Claudia Steinbrink, Telefon: +49 631 205-3441 E-Mail: steinbrink@sowi.uni-kl.de www.sowi.uni-kl.de/wcms/dgps-podium. html

11. – 15. September, Freiburg

81. Verhaltenstherapiewoche:

Psychotherapeutische und psycho- soziale Versorgung von Migranten Information: Institut für Therapie- forschung (IFT), Ellen Andersson, Montsalvatstr. 14, 80804 München Telefon: +49 89 360804-94, Fax: -98 E-Mail: andersson@ift.de www.ift.de

desto schlechter für die Gemeinschaft. Müssen wir an der Gesundheit sparen? ARTE, ab 21 Uhr

DonnerStag, 3. September

Irre im Krieg Seit dem Ersten Weltkrieg bedienen sich Militärs psychiatrischer Methoden. Da- mals sollten »Kriegszitterer« mit Elektro- schocks geheilt werden. Im Zweiten Welt- krieg experimentierte die US-Army mit Tranquilizern, Amphetaminen und ande-

12.– 16. September, erFurt

Erfurter Psychotherapiewoche:

Anything goes? Möglichkeiten und Grenzen (nicht nur) von Psychotherapie Information: Organisationsbüro der Erfurter Psychotherapiewoche, Fischmarkt 5, 99084 Erfurt Telefon: +49 361 64224-48, Fax: -49 E-Mail: afp-erfurt@t-online.de www.psychotherapie-woche.de

16.– 19. September, Köln

2. Deutscher Suchtkongress Veranstaltungsort: Fachhochschule Köln, Geisteswissenschaftliches Zentrum, Mainzer Str. 5, 50678 Köln Information: Thieme.congress, Rüdigerstr. 14, 70469 Stuttgart Telefon: +49 711 8931-588 E-Mail: info@suchtkongress09.de

www.suchtkongress09.de

18.– 20. September, marburg

Tagung: Befreiende Sozialarbeit – Jugendliche zwischen Autonomie und den Institutionen Information: St.-Elisabeth-Verein e. V., Hermann-Jacobsohn-Weg 22, 35039 Marburg Telefon: +49 6421 1808-0, Fax: -40 E-Mail: info@elisabeth-verein.de www.elisabeth-verein.de

12. oKtober, berlin

Das optimierte Gehirn Sieben führende Experten stellen ge- meinsam mit Gehirn&Geist ein Memo- randum zu den gesellschaftlichen Chan- cen und Risiken des »Neuro-Enhance- ment« vor.

ren Psychopharmaka. Ein Streifzug durch 100 Jahre »Macht und Missbrauch der Militärpsychiatrie«. 3sat, 21 Uhr

Freitag, 4. September

Die Hölle im Kopf – Leben mit Migräne In Deutschland leiden rund zehn Millio- nen Menschen an Migräne. Viele gehen in ihrer Not lieber zum Apotheker als zum Schmerztherapeuten. Mittlerweile gibt es Medikamente, die sogar bei aku-

Veranstaltungsort: Leibniz-Saal der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Akademiegebäude am Gendarmenmarkt, Marktgrafenstr. 38, 10117 Berlin Beginn: 16.00 Uhr Anmeldung: Europäische Akademie GmbH, Friederike Wütscher Telefon: +49 2641 973-311 E-Mail: friederike.wuetscher@ea-aw.de www.ea-aw.de

15.– 18. oKtober, Kempten im allgäu

Festival »Emotion and Meaning in Music« Grundlagen der Musikwahrnehmung aus neurokognitiver und aus musika- lischer Sicht Kartenvorverkauf: AZ Service Center, Bahnhofstr. 13, 87435 Kempten Telefon: +49 831 206 430 Information: Zeitklänge e. V., Bichelackerstr. 9, 87480 Wengen www.zeitklaenge.com

19. oKtober, FranKFurt a. m.

Symposium »Kopf oder Bauch – Zur Biologie der ökonomischen Entscheidung« Diskussion mit dem Bremer Hirnfor- scher Gerhard Roth über die Selbst- betrachtung des Geistes und neuro- biologische Ansätze des philosophischen Denkens Veranstaltungsort: Aula der Goethe- Universität, Campus Bockenheim, Mertonstr. 17, 60325 Frankfurt a. M. Beginn: 13.00 Uhr, voraussichtliches Ende: 19.00 Uhr

ten Migräneattacken helfen – wenn sie richtig eingesetzt werden. 3sat, 10.15 Uhr

Dick durch Diät? Warum es manchmal aussichtslos ist, ab- nehmen zu wollen. Ein Film von Tilman Jens und Bettina Oberhauser. 3sat, 10.45 Uhr

Kurzfristige Programmänderungen der Sender sind möglich.

TIPP

des

mOnATs

bücher und mehr

d e s mOnATs b ü c h e r u n d m e h

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Jonah Lehrer WIE WIR ENTSCHEIDEN Das erfolgreiche Zusammenspiel von Kopf und Bauch [Piper, München 2009, 352 S., € 19,95]

Wer lenkt den Wagen?

Intuition und Ratio ergänzen sich beim Entscheiden

H onig-Mandel-, Schoko-Kirsch- oder doch lieber ein Waldbeeren-Müsli?

Weil sich Jonah Lehrer immer wieder mit der Wahl zwischen verschiedenen Früh- stückszerealien quälte, entschloss er sich dazu, ein Buch über Entscheidungen zu schreiben. Der 28-jährige Neurowissenschaftler klärt jedoch nicht nur die Frage, wie unser Gehirn mit einem Überangebot an Kon- sumgütern fertig wird. Vielmehr verwebt er neueste Erkenntnisse seines Fachs mit

Entscheidungen etwa von Piloten, Poker- spielern oder Anlageberatern, bei denen oft nur ein schmaler Grat zwischen Erfolg und Misserfolg liegt. Der Hirnforscher, der auch Literatur und Theologie studierte und bei Nobel- preisträger Eric Kandel promovierte, be- ginnt seine Erkundungsreise bei Platon (zirka 428 – 348 v. Chr.). Der menschliche Geist sei wie ein Wagengespann, das unter anderem von den Gefühlen gezogen wer- de, meinte der griechische Philosoph. Der Verstand müsse die Richtung vorgeben und die widerspenstigen Emotionen im Zaum halten. Anhand vieler aktueller Beispiele aus den Neurowissenschaften modernisiert Lehrer nun Platons Metapher. Er zeigt, dass das Bauchgefühl die Wahl zwischen zwei Alternativen nicht notwendigerwei- se negativ beeinflusst, sondern oft sogar eine bessere Entscheidungsgrundlage bie- tet. Der Verstand solle deshalb die Zügel auch mal aus der Hand geben.

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exzellent

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solide

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durchwachsen



mangelhaft

In seinem Resümee gibt Lehrer prak- tische Tipps, wie wir das Zusammen- spiel von Vernunft und Intuition opti- mieren können und so zu besseren Ent- scheidungen gelangen. Bei kniffligen Fragen solle man sich demnach besser auf das Bauchgefühl verlassen. Es lohne sich aber, den Verstand einzuschalten, wenn die Wahl vergleichsweise einfach erscheint, weil nur wenige Größen einzu- berechnen sind. Auch wenn solche Aussagen nicht voll- kommen neu sind: Dem Autor gelingt das Kunststück, die Hirnforschung aus dem Labor in den Alltag zu holen. In be- kömmlichen Häppchen serviert er sei- nen Lesern aktuelle Ergebnisse der jun- gen Forschungsdisziplin und erzählt ne- benbei auch noch viel beispielsweise über moderne Brandbekämpfung und die Hydraulik von Flugzeugen. Im Plauderton erläutert Lehrer, welche Rolle der präfrontale Kortex bei der Wahl

des richtigen Möbelstücks spielt oder wie dopaminerge Neurone ein Schlachtschiff im Golfkrieg retteten. »Jonah Lehrer macht Hirnforschung alltagstauglich«, urteilt darum der bekannte Neurowissen- schaftler Antonio Damasio auf der Rück- seite des Einbands. Es mag auch Wissenschaftler geben, die manche Ausführungen von Lehrer als Spekulation betrachten würden. Doch der Autor vollbringt, was bei eifrig publi- zierenden Forschern manchmal zu kurz kommt: Er setzt die unzähligen Einzel- befunde des interdisziplinären Wissen- schaftszweigs zu einem Gesamtbild zu- sammen – und schafft es noch dazu, alles in ein Werk zu verpacken, das sich span- nender liest als mancher Kriminalroman.

Sabrina Boll ist Diplompsychologin und

promoviert am Institut für systemische

Neurowissenschaften des Universitätsklini-

kums Hamburg-Eppendorf.

G&G – Bestsellerliste

1. Grön, O.: »ICH HabE EINEN TRaum« Was hat er zu bedeuten? [Heyne, münchen 2009, 271 S., € 19,95]

2. Reichholf, J. H.: RabENSCHWaRzE INTEllIGENz Was wir von Krähen lernen kön-

nen [Herbig, münchen 2009, 253 S., € 19,95]

3. Havener, T.: ICH WEISS, WaS Du DENKST Das Geheimnis, Gedanken zu lesen

[Rowohlt, Reinbek 2009, 189 S., € 12,–]

4. Geisselhart, O.: NOTIzbuCH Im KOpf So merken Sie sich alles

[Gräfe & unzer, münchen 2009, 191 S., mit audio-CD, € 19,90]

5. ustorf, a.-E.: WIR KINDER DER KRIEGSKINDER Die Generation im Schatten des

zweiten Weltkriegs [Herder, freiburg 2009, 189 S., € 19,95]

6. prior, m.: mINImax-INTERvENTIONEN fünfzehn minimale Interventionen mit

maximaler Wirkung [Carl auer, Heidelberg 2009, 8. auflage, 97 S., € 9,95]

7. baker, R.: WENN plöTzlICH DIE aNGST KOmmT panikattacken verstehen und

überwinden [brockhaus, Witten 2008, 192 S., € 9,95]

8. Salcher, a.: DER vERlETzTE mENSCH [Ecowin, Salzburg 2009, 279 S., € 19,95]

9. birkenbihl, v.: KOmmuNIKaTIONSTRaINING zwischenmenschliche beziehungen

erfolgreich gestalten [mvG, münchen 2008, 29. auflage, 315 S., € 8,90] 10. Hüther, G.: DIE maCHT DER INNEREN bIlDER Wie visionen das Gehirn, den menschen und die Welt verändern [vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009, 5. auflage, 137 S., € 14,90]

Nach verkaufszahlen des buchgroßhändlers KNv in Stuttgart mehr Informationen und bestellmöglichkeiten: www.science-shop.de/bestsellerliste

schaufenster – weitere neuerscheinunGen

Kinder und Familie

• Knauff, C.: »ICH bIN EINE GuTE muTTER« Warum es Ihrem Kind besser geht, wenn Sie nicht immer perfekt sind [Campus, frankfurt a. m. 2009, 227 S., € 17,90]

• Ricking, H., Schulze, G., Wittrock, m.: SCHulabSENTISmuS uND DROp-OuT Erscheinungsformen – Erklärungsansätze – Intervention [uTb, Stuttgart 2009, 200 S., € 16,90]

• Schaller, C.: ElTERN uND KIND – EIN STaRKES TEam So schaffen Sie die besten voraussetzungen für Schulerfolg [Kösel, münchen 2009, 208 S., € 14,95]

• Singer, K.: DIE SCHulKaTaSTROpHE Schüler brauchen lernfreude statt furcht, zwang und auslese [beltz, Weinheim 2009, 296 S., € 16,95]

HirnForscHung und PHilosoPHie

• Grabe, S., pessler, O., Kästle, m., Kienemann-zaradic, u.: HIRNfORSCHuNG 3 Doping für die grauen zellen (2 audio-CDs) [frankfurter allgemeine zeitung, frankfurt a. m. 2009, zirka 120 minuten, € 19,90]

• Kornhuber, H.H.: fREIHEIT – fORSCHuNG – GEHIRN – RElIGION Wege durch dichtes Gelände [lit, münster 2009, 72 S., € 19,90]

• Schöne-Seifert, b., ach, J. S., Opolka, u., Talbot, D. (Hg.): NEuRO-ENHaNCEmENT Ethik vor neuen Herausforderungen [mentis, paderborn 2009, 367 S., € 39,80]

• Sloterdijk, p.: Du muSST DEIN lEbEN ÄNDERN Über Religion, artistik und an- thropotechnik [Suhrkamp, frankfurt a. m. 2009, 714 S., € 24,80]

PsycHologie und gesellscHaFt

• levitin, D. J.: DER muSIK-INSTINKT Die Wissenschaft einer menschlichen leiden- schaft [Spektrum akademischer verlag, Heidelberg 2009, 432 S., € 26,95]

• molcho, S., Hennemann, p.: umaRmE mICH, abER RÜHR mICH NICHT aN Die Körpersprache der beziehungen – von Nähe und Distanz [ariston, münchen 2009, 192 S., € 19,95]

• Schmid, W.: aNDERS DENKEN – aRbEIT am GlÜCK lebenskunst und Älterwerden [Hoffmann und Campe, Hamburg 2009, 57 minuten, € 12,95]

medizin und PsycHotHeraPie

• batthyany, D., pritz, a.: RauSCH OHNE DROGEN Substanzungebundene Süchte [Springer, Wien 2009, 369 S., € 49,95]

• bohne, a.: TRICHOTIllOmaNIE [Hogrefe, Göttingen 2009, 90 S., € 19,95]

• paulitsch, K.: GRuNDlaGEN DER ICD-DIaGNOSTIK [facultas, Wien 2009, 320 S., € 24,90]

• Schaade, G.: DEmENz Therapeutische behandlungsansätze für alle Stadien der Erkrankung [Springer, Heidelberg 2009, 140 S., € 39,95]

ratgeber und lebensHilFe

• Gaschke, S.: KlICK Strategien gegen die digitale verdummung [Herder, freiburg 2009, 199 S., € 19,95]

• Khaschei, K.: SCHON WIEDER mONTaG 50 Ideen, mit denen Sie den Jobfrust überwinden [Campus, frankfurt a. m. 2009, 192 S., € 14,90]

• Slater, l.: ERWaCHSENE bRauCHEN mÄRCHEN magische Geschichten, die helfen, Konflikte und alltagsängste zu überwinden [beltz, Weinheim 2009, 212 S., € 17,95]

zu überwinden [beltz, Weinheim 2009, 212 S., € 17,95]   Stephan Schleim, Tade Mathias Spranger,

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Stephan Schleim, Tade Mathias Spranger, Henrik Walter (Hg.) vON DER NEuROETHIK zum NEuRO- RECHT? [Vandenhoek & Ruprecht, Göttingen 2009, 263 S., € 16,90]

revolution – oder fauler Zauber?

Die Hirnforschung und ihre Folgen

D ie Fallhöhe könnte kaum größer sein: Für die einen revolutionieren

die Erkenntnisse der Neurowissen- schaften unser Menschenbild und die Gesellschaft, da sie das Zuschreiben von Verantwortung und Schuld am eigenen Tun als naiven Irrtum entlarven. Für die anderen ist das alles nur ein fauler Zau- ber – ein von den Medien und einigen Hirnforschern inszeniertes Tamtam, das die wissenschaftlichen Fakten in keiner Weise rechtfertigen. Wer hat nun Recht? Eine Tagung in Bonn ging 2007 dieser Frage nach. Neuroforscher, Psychologen, Philosophen und Juristen tauschten da- bei ihre Argumente aus: über den neuro- nalen Determinismus (»Ist das Verhalten eines Menschen aus Hirnpozessen ableit- bar?«), über die gerichtliche Verwertbar- keit von Hirnscans (»Sind Straftäter mit verminderter Frontalhirnaktivität nur bedingt schuldfähig?«) sowie über die Willensfreiheit an und für sich. Ein wich- tiger Beitrag zum interdisziplinären Aus- tausch über neuroethische Fragen. Dieser Band versammelt nun die zehn wichtigsten Diskussionsbeiträge jener Veranstaltung. Die teils namhaften, wenn auch ausschließlich deutschsprachigen Autoren, darunter der Gedächtnisfor- scher Hans J. Markowitsch und der Philo- soph Dieter Birbaumer, stoßen im Gro- ßen und Ganzen in das gleiche Horn: Die weit reichenden Schlussfolgerungen be- stimmter Hirnforscher (Gerhard Roth und Wolfgang Singer an vorderster Front)

gingen von unzulässigen Voraussetzun- gen aus. Weder könne man anhand neu- ronaler Parameter das Verhalten eines Menschen vorhersagen noch Lügner ent- tarnen. So weit sei die Hirnforschung noch lange nicht, und ob es jemals dazu komme, bleibe ungewiss. Zu vielschichtig erscheine das Verhältnis von Gehirn und Verhalten. Letztlich rührt das Ganze an den Un- terschied zwischen deskriptiver Wissen- schaft und normativer Gesellschaftsord- nung, wie etwa der Strafrechtler Günther Jakobs in seinem Beitrag darlegt. Soll hei- ßen: Begriffe wie »Störung« oder »Schuld« haben in erster Linie ordnende Funktion – sie sind aber nicht naturgegeben. So existiert, bei aller fachlichen Exper- tise, schlichtweg kein objektives Kriteri- um dafür, wann ein Mensch »psychisch krank« oder »schuldunfähig« ist. Solche Kategorien müssen somit als das akzep- tiert werden, was sie sind: gesellschaft- liche Konstruktionen. Der Sammelband bringt den Leser auf den aktuellen Stand der Diskussion – eine gute Grundlage zum Beispiel für Uni- versitätsseminare über Neuroethik. Auf Grund seiner nüchternen bis akade- misch-spröden Sprache jedoch eher von Insi