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Grundlagen Die so genannten Vertriebenen

Von Jörg Kronauer

Die so genannten Vertriebenen


und ihre so genannte Vertreibung
Für spaßige Bezeichnungen sind die deutschen ”Vertrie- des Zweiten Weltkriegs befördert und aus denjenigen
benen” immer zu haben. ”Donauschwaben”, ”Sieben- Gebieten verjagt wurden, die nicht mehr zu Deutschland
bürger Sachsen”, ”Bessarabiendeutsche”, ”Ober-” und gehören sollten. Die ”Vertreibung” sei ”Unrecht” gewe-
”Niederschlesier”, ”Banater Schwaben” und ”Dobrud- sen, heißt es überall; die historisch korrekte Bezeichnung
schadeutsche”: Kein Name ist so absurd, dass nicht wenig- für den Vorgang - Umsiedlung - beschönige das damalige
stens ein ”Vertriebenen”-Verband sich mit ihm schmücken Geschehen.
würde.
Die eigenartigen altertümlichen Bezeichnungen, die die Ursachen für die Umsiedlung
einzelnen ”Vertriebenen”-Verbände tragen, haben eines
gemeinsam: Sie beziehen sich durchweg auf Landschaften Dabei hatte die Umsiedlung der Deutschen aus Mittel-
in Mittel- und Osteuropa, in denen einmal - bis zu ihrer und Osteuropa gute individuelle und politische Gründe;
Umsiedlung in Folge des Zweiten Weltkriegs - deutsch- sie wurde darüber hinaus völkerrechtlich verbindlich
sprachige Menschen lebten (und in geringer Anzahl heute beschlossen.
noch leben). Viele der damals Umgesiedelten und ihrer Die individuellen Gründe für die Umsiedlungen leuch-
Nachkommen haben sich in ”Landsmannschaften” zusam- ten unmittelbar ein. Deutschland hatte seit 1938 weite
mengeschlossen, die den Namen ihrer Herkunftsregion Teile Mittel- und Osteuropas annektiert und dort ein noch
tragen, und pflegen gemeinsam altertümliche Bräuche nie zuvor dagewesenes Terrorregime errichtet. Die Fakten
ihrer Vorfahren. sind bekannt: die rassistisch motivierte grausame Behand-
Die einzelnen ”Landsmannschaften” unterscheiden sich lung der einheimischen Bevölkerung durch die selbst er-
zunächst durch das jeweilige Herkunftsgebiet voneinan- nannten ”Herrenmenschen”, der Vernichtungskrieg der
der. Darunter befinden sich Gebiete, in denen auch früher Wehrmacht in Osteuropa, die industrielle Vernichtung von
nur wenig Deutschsprachige lebten; Bessarabien ist so ein Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma durch Deutsche.
Gebiet, und entsprechend hat die ”Landsmannschaft der Jahrelang dauerte das Wüten der germanischen Barbaren.
Bessarabiendeutschen” nicht so viele Mitglieder und Als die Rote Armee sich 1944 immer mehr dem
wenig Einfluss. Ganz anders die ”Sudetendeutsche Lands- Deutschen Reich näherte, wurde den Deutschen selbst
mannschaft”. Die ”Sudetendeutschen” - früher Eigen- recht rasch klar, dass das deutsche Terrorregime ihnen
bezeichnung deutschsprachiger Bürgerinnen und Bürger nicht viel Freundschaft gebracht hatte. Aus den Gebieten,
der Tschechoslowakei - zählten Millionen, und wenn die denen sich die Front und damit
”Sudetendeutsche Landsmannschaft” auch nicht die Befreiung näherte,
Millionen, sondern ”nur” 250.000 Mitglieder hat, so begannen viele
gehört sie doch zu den größten und einflussreichsten Deutsche zu fliehen;
Landsmannschaften. Groß und einflussreich sind daneben zunächst aus
vor allem die ”Landsmannschaft Ostpreußen” und die
”Landsmannschaft Schlesien”.
Um die eigenen Kräfte zu bündeln, haben die einzelnen
”Landsmannschaften” einen Dachverband gebildet:
Den ”Bund der Vertriebenen” (BdV). Er ist, wie
die einzelnen ”Landsmannschaften” auch, relativ
eng an CDU und CSU angebunden, erfährt aber seit
dem Amtsantritt der rot-grünen Bundesregierung stei-
gende Zuneigung von der Sozialdemokratie und auch von
Grünen.
Im vergangenen Jahr haben die ”Vertriebenen” auch in
der Öffentlichkeit ein gesteigertes Interesse hervorgeru-
fen; die ”Vertreibung” der Deutschen aus Mittel- und
Osteuropa ist zu einem neuen Modethema geworden.
Zeitungen, Zeitschriften, Buchläden und Fernsehpro-
gramme quellen über von Romanen und Dokumenta-
tionen, die tränenreich über ”Hitlers letzte Opfer” berich-
ten: über die Deutschen, die ab 1944 nach Jahren des
”Herrenmenschen”-Daseins unsanft in die Wirklichkeit

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Die so genannten Vertriebenen Grundlagen

Ostpreußen (heute Nordostpolen sowie die russische Politik zuzuschreiben. Die Umsiedlung war die politische
Oblast Kaliningrad), später auch aus Schlesien (heute Antwort auf die völkische Außenpolitik, die das Deutsche
Südwestpolen), dem Reichsgau Sudetenland (heute Reich seit der Reichsgründung 1871 kontinuierlich
Randgebiete der Tschechischen Republik) und anderen betrieb.
Regionen.
Doch längst nicht alle flohen; zahlreiche Deutsche ver- Völkische Außenpolitik
blieben inmitten der befreiten nichtdeutschen Bevölke-
rung. Dass die zuvor zu ”Untermenschen” erklärten Opfer Dabei machte sich die deutsche Außenpolitik das in
der Nazis ihre bisherigen Peinigerinnen und Peiniger nicht Deutschland herrschende völkische Denken zu Nutze.
besonders mochten, ist ebenso verständlich wie ihr Demzufolge ist deutsch nicht, wer einen deutschen Pass
Wunsch, nicht mit ihnen zusammenleben zu müssen. Bald besitzt, sondern nur, wer deutsche Vorfahren hat. Nach
nach der Befreiung kam es in einigen der befreiten völkischer Ansicht gab es schon bei der Gründung des
Gebiete zu so genannten ”wilden Vertreibungen”: Die Deutschen Reiches im Jahr 1871, erst recht aber nach den
Deutschen wurden spontan und ohne rechtliche Regelun- 1919 im Versailler Friedensvertrag beschlossenen Ge-
gen verjagt. bietsabtretungen so genannte ”deutsche Minderheiten” in
zahlreichen europäischen Staaten. Diese ”deutschen
Völkerrechtliche Grundlage Minderheiten” nutzte die deutsche Regierung für ihre
Außenpolitik.
Relativ rasch versuchten die Alliierten, die ”wilden Mit nicht selten verdeckten Geldzuweisungen aus
Vertreibungen” in geordnete Bahnen zu lenken. Auf der Berlin gelang es, die Anbindung der ”deutschen Minder-
Potsdamer Konferenz vom 17. Juli bis zum 2. August heiten” an Deutschland zu sichern. Eine wichtige Rolle
1945 verordneten sie völkerrechtlich verbindlich die spielten dabei auch zahlreiche nichtstaatliche Organisatio-
Ausweisung der Deutschen aus Polen, der Tschechoslo- nen, die mit reger Besuchstätigkeit persönliche Kontakte
wakei und Ungarn. ”In ordnungsgemäßer und humaner zwischen ”Reichsdeutschen” und ”Auslandsdeutschen”
Weise” solle die Umsiedlung der Deutschen in das ver- stärkten und mit publizistischer Aktivität die Ansicht för-
kleinerte Deutschland erfolgen, legten die Alliierten fest. derten, die jeweiligen ”auslandsdeutschen” Gebiete soll-
Vom Ziel wichen sie jedoch keinen Deut ab: ”Die drei ten an das Deutsche Reich angeschlossen werden.
Regierungen [Großbritanniens, der Sowjetunion und der Das bekannteste Beispiel für die verheerenden
USA] haben die Frage unter allen Gesichtspunkten bera- Auswirkungen völkischer Agitation ist das ”Sudetenland”.
ten und erkennen an, daß die Überführung der deutschen Die deutschsprachige Bevölkerung der Tschechoslowakei
Bevölkerung oder Bestandteile derselben, die in Polen, entwickelte mit Unterstützung aus dem Deutschen Reich
Tschechoslowakei und Ungarn zurückgeblieben sind, separatistische Aktivitäten in gewaltigem Ausmaß, die
nach Deutschland durchgeführt werden muß”, heißt es im den Anschluss an das Reich maßgeblich vorbereiteten. Als
Potsdamer Abkommen. die deutsche Wehrmacht im Oktober 1938 in die
Dass die Alliierten - und mit ihnen die mit- Tschechoslowakei einmarschierte, wurde sie von der
tel- und osteuropäischen Staaten - die ”deutschen Minderheit” begeistert begrüßt.
Ausweisung der Deutschen auch politisch Als die Alliierten und die polnische sowie die tschecho-
für unumgänglich hielten, haben die slowakische Exilregierung während des Zweiten
Deutschen ihrer eigenen Weltkrieges darüber nachdachten, wie die Nachkriegs-
ordnung in Europa zu gestalten sei, spielten die Erfahrun-
gen mit den staatszersetzenden Folgen der völkischen
deutschen Außenpolitik eine wichtige Rolle. Die Funktio-
nalisierung ”deutscher Minderheiten” im Ausland bis hin
zu Anschlussforderungen sollte nach den Erfahrungen des
Zweiten Weltkriegs ein für allemal unterbunden werden.
Die Lösung, auf die die Alliierten sich in Potsdam einig-
ten, bestand darin, alle Deutschen in das (verkleinerte)
Deutschland umzusiedeln. Völkischer ”Minderheiten”-
Politik, so hoffte man, könne damit die Grundlage entzo-
gen werden.

”Benes-Dekrete”

Im Zusammenhang mit der Neuordnung Europas nach


dem Zweiten Weltkrieg wurden in zahlreichen mittel- und
osteuropäischen Staaten Gesetze verabschiedet, die sich
auf die - gemäß dem Potsdamer Abkommen umzusiedeln-
den - Deutschen bezogen. Die bekanntesten dieser Gesetze
sind fünf Dekrete des tschechoslowakischen Staats-

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Grundlagen Die so genannten Vertriebenen

präsidenten Edvard Benes, die im Jahr 1946 von der tsche-


choslowakischen Nationalversammlung nachträglich zum
Bestandteil der Rechtsordnung des Landes erklärt wurden.
Ähnliche Gesetze gab es etwa in Polen (sie werden heute
oft als ”Bierut-Dekrete” bezeichnet) und in Jugoslawien
(dort ist von ”AVNOJ-Dekreten” die Rede). In den
”Benes-Dekreten” wurden die Umsiedlungen nicht
erwähnt; sie bildeten jedoch die Voraussetzungen dafür.
Auf ihrer Grundlage wurde den ”Sudetendeutschen” die
tschechoslowakische Staatsbürgerschaft entzogen und ihr
Eigentum verstaatlicht.

Erste Organisierung der Umgesiedelten


auch organisatorisch ausdrückte: Schon 1949 bekamen sie
Schon rasch nach der Umsiedlung begannen die ein eigenes Ministerium, das Bundesvertriebenenministe-
Umgesiedelten, sich trotz des alliierten Koalitionsverbots rium; der 1950 gegründete ”Block der Heimatvertriebenen
zu organisieren; und von Anfang an ging es dabei nicht und Entrechteten” (BHE) trat wenige Monate nach seiner
nur um gemeinsames Erinnern an eine gemeinsame Ver- Gründung mit einem Wahlergebnis von 23,4 Prozent in
gangenheit, sondern auch um handfeste politische Inte- die schleswig-holsteinische Landesregierung und 1953
ressen. Im Vordergrund stand dabei zunächst die materiel- mit immerhin 5,9 Prozent in die Bundesregierung ein (er
le Sicherung der eigenen Existenz; die Umgesiedelten stellte zwei Bundesminister).
schlossen sich in kirchlichen ”Hilfskomitees” zusammen,
die sich vor allem der Unterstützung notleidender ”Ver- Forderungen der ”Vertriebenen”
triebener” und ihrer Integration in die neue Umgebung
widmeten. Das ”Recht auf Heimat”, eine der ältesten Forderungen
Sehr früh jedoch war klar, dass die ”Vertriebenen” - die- der ”Vertriebenen” und schon in der ”Charta der deutschen
ser Begriff etablierte sich erst nach und nach für die Heimatvertriebenen” enthalten, ist übrigens nicht iden-
Umgesiedelten, war aber besser geeignet, sie als ”Opfer” tisch mit dem Recht auf freie Wahl des Wohnorts. Es bein-
darzustellen - Ansprüche auf ihre Herkunftsgebiete anmel- haltet - so sehen es jedenfalls deutsche Völkerrechtlerin-
deten. Im Juni 1948 etwa erklärte ein Kreis prominenter nen und Völkerrechtler - im Grundsatz auch ”Volks-
”Sudetendeutscher”, ihnen stünde ein ”Recht auf Heimat” gruppen-” bzw. ”Minderheitenrechte” für diejenigen, die
in der Tschechoslowakei sowie ”volle Wiedergut- in ihrer ”Heimat” eine ”Minderheit” darstellen. ”Volks-
machung” zu. ”Wiedergutmachung” für die völlig legal gruppen-” und ”Minderheitenrechte” gehören ebenfalls
geschehene Enteignung der ”Sudetendeutschen” und ihre zum Forderungskatalog der ”Vertriebenen”.
völkerrechtlich unstrittig geregelte Umsiedlung, versteht Und das aus gutem Grund. Denn ”Volksgruppenrechte”
sich - nicht für die Gräueltaten der Deutschen in Mittel- bilden eine strategische Variante zur - von einigen ”Ver-
und Osteuropa. triebenen” immer noch geäußerten - platten Forderung
Die aggressiven Ansprüche der Umgesiedelten in nach dem ”Anschluss” des jeweiligen Herkunftsgebiets an
Richtung Osten dürften die Zulassung der zunächst verbo- Deutschland. Ein ”Anschluss” wird so schnell nicht
tenen ”Vertriebenen”-Verbände in den westlichen Be- durchzusetzen sein; ”Volksgruppenrechte” bieten die
satzungszonen noch vor der Gründung der Bundes- Alternative: Könnten die rückkehrwilligen ”Vertriebenen”
republik erleichtert haben (in der DDR waren ”Vertriebe- in ihre Herkunftsgebiete auswandern, so der Grund-
nen”-Organisationen weiterhin nicht erlaubt). Schon im gedanke, dann bildeten sie dort mit den verbliebenen
April 1949 konnte der erste Dachverband - der ”Zentral- Deutschsprachigen eine ”deutsche Volksgruppe”. Je mehr
verband der vertriebenen Deutschen” - seine Arbeit auf- Rechte diese ”Volksgruppe” aber besitze, desto größere
nehmen. Im Rahmen der schärfer werdenden Auseinan- Autonomie habe sie und desto bessere Möglichkeiten, sich
dersetzung mit den realsozialistischen Staaten waren die an Deutschland zu orientieren, sich also quasi informell an
Alliierten bereit, so ziemlich jede deutsche Organisation Deutschland anzuschließen.
zumindest stillschweigend zu tolerieren, sofern sie den Zum Forderungskatalog der ”Vertriebenen”-Verbände
neuen ”Frontstaat” BRD stärkte und die mittel- und osteu- gehören immer noch die Forderungen nach ”Entschä-
ropäischen Staaten unter Druck zu setzen suchte. digung” für enteigneten Besitz und ”Wiedergutmachung”
Die ”Vertriebenen” erfüllten diese Erwartungen durch- für die erzwungene Umsiedlung. Jüngst haben die ”Ver-
aus. In ihrem ersten wichtigen Dokument - der am 5. triebenen” ihre Entschädigungsansprüche sogar ausgewei-
August 1950 feierlich verkündeten ”Charta der deutschen tet: Ein ”Arbeitskreis Deutsche Zwangsarbeiter”, der fast
Heimatvertriebenen” - verzichteten sie zwar prahlerisch ausschließlich von ”Vertriebenen”-Verbänden getragen
auf ”Rache und Vergeltung” (!), erklärten jedoch, ihr wird, fordert ”Entschädigungen” für die Arbeitsleistungen
”Recht auf Heimat” auch in Mittel- und Osteuropa durch- von Deutschen, die in Folge des Zweiten Weltkriegs inter-
setzen zu wollen. Mit diesem Vorhaben waren sie in den niert worden waren. Die Bemühungen der ”Vertriebenen”,
BRD-Antikommunismus bestens eingebunden, was sich in Mittel- und Osteuropa Zahlungen an ehemalige deut-

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straffrei erklärt.
Die Forderung, die Umsiedlung insgesamt zum ”Un-
recht” zu erklären, die auch das vom Bundestag geplante
”Zentrum gegen Vertreibungen” verkörpert, zielt jedoch
direkt ins Herz der europäischen Nachkriegsordnung: Sie
beträfe das Potsdamer Abkommen. Im Potsdamer Abkom-
men wurden grundlegende Entscheidungen getroffen,
etwa die Festlegung der deutschen Grenzen, die Entnazifi-
zierung und Entmilitarisierung Deutschlands und auch die
Umsiedlung der Deutschen. Würde die Umsiedlung zum
”Unrecht” erklärt, dann wäre ein wichtiger Bestandteil des
Potsdamer Abkommens hinfällig und der Weg für eine
deutsche Neuordnung Europas noch offener als bisher.
sche Internierte durchzusetzen, werden inzwischen vor- Alltägliche Zusammenarbeit von ”Vertriebenen” und
sichtig von der deutschen Regierung unterstützt. deutschen Behörden findet in unspektakulären Bereichen
statt, etwa bei Städtepartnerschaften. Die ”Vertriebenen”
Gemeinsame Interessen haben weit überdurchschnittliche Beziehungen zu ihren
von ”Vertriebenen” und Staat Herkunftsgebieten; deutsche Städte nutzen dies, um die
Kontakte zu ihren Partnerstädten im Osten auszubauen.
Die Zusammenarbeit von ”Vertriebenen” und deut- Ein dichtes Netz von Städtepartnerschaften wiederum
schem Staat reicht jedoch viel weiter; sie zeigt sich nach stärkt den deutschen Einfluss im Ausland. Dies erleichtert
der Öffnung der Grenzen nach Osten im Jahr 1989 in ver- es übrigens deutschen Konzernen, ihre jetzt schon beherr-
schiedenen Bereichen immer offener. Und sie dient der schende Marktposition in Mittel- und Osteuropa auszu-
ungebremsten Ausdehnung der deutschen Hegemonie bauen.
über ganz Europa. Die ”Vertriebenen” werden ihren Beitrag zur deutschen
Mit ihrer Forderung nach ”Volksgruppenrechten” befin- Hegemonie über Europa auch dann noch leisten, wenn
den sich die ”Vertriebenen” schon lange in weitgehender diejenigen, die persönlich umgesiedelt wurden, längst
Übereinstimmung mit dem deutschen Staat. Die deutschen gestorben sind. Dafür hat der deutsche Staat gesetzlich
Staatsapparate arbeiten selbst seit Jahren an der Durch- vorgesorgt. Die Eigenschaft, ”vertrieben” zu sein, war bis
setzung von ”Volksgruppenrechten” auf europäischer Ende 1992 erblich; Nachkommen von ”Vertriebenen”, die
Ebene. Gäbe es zahlreiche ”deutsche Volksgruppen” mit vor 1993 geboren wurden, gelten selbst als ”Vertriebene”.
weit reichender Autonomie rings um das eigene Terri- Die ”Vertriebenen”-Verbände sind da noch kulanter. Bei
torium herum, hätte Deutschland vermutlich größeren ihnen genügt schon ein Bekenntnis zu den ”deutschen
Einfluss als jetzt. Ostgebieten” zum Erwerb der Mitgliedschaft.
Die Eigenständigkeit der umliegenden Staaten, die
”deutsche Volksgruppen” beherbergen, wird derzeit vor Literaturtipps
allem mit dem Schlachtruf ”Weg mit den Benes-
Dekreten!” angegriffen. Müsste die Tschechische Repu- Samuel Salzborn
blik die ”Benes-Dekrete” annullieren, dann träten unwei- Grenzenlose Heimat
gerlich die ”Vertriebenen” auf den Plan - mit dem Verlan- Geschichte, Gegenwart und Zukunft der
gen, ihnen ihr früheres Eigentum in Tschechien wieder zu- Vertriebenenverbände
zuerkennen. Es ginge dann also darum, ob beträchtliche Berlin 2000 (Elefanten Press)
Teile des tschechischen Territoriums in deutschen Besitz
kämen. Genauso verhielte es sich mit weiten Teilen Polens Samuel Salzborn
(bei einer Annullierung der ”Bierut-Dekrete”), Slowe- Heimatrecht und Volkstumskampf
niens und Jugoslawiens (bei dem Fall der ”AVNOJ-De- Außenpolitische Konzepte der Vertriebenenverbände
krete”) etc. und ihre praktische Umsetzung
Noch weiter zielt die Forderung der ”Vertriebenen”, die Hannover 2001 (Offizin)
Umsiedlung insgesamt zum ”Unrecht” zu erklären. Ge-
stützt wird diese Forderung durch die Behauptung, im Ver- Holger Kuhr
lauf der Umsiedlungen seien zahlreiche Verbrechen an ”Geist, Volkstum und Heimatrecht”
Deutschen verübt worden. Das mag stimmen, tut aber 50 Jahre ”Charta der deutschen Heimatvertriebenen”
nichts zur Sache. Es kann ja eigentlich nicht ernsthaft und die eth(n)isch orientierte deutsche Außenpolitik
gefordert werden, Vergeltungsmaßnahmen für die Gräuel- Hamburg 2000 (GNN-Verlag)
taten der Nazis zu bestrafen, während ein Großteil der
deutschen Gräueltäter straflos geblieben ist. Und: In der Informationen zur Deutschen Außenpolitik:
Tschechoslowakei etwa wurden Vergeltungsakte für von http://www.german-foreign-policy.com
Deutschen erlittenes Unrecht in einem Amnestiegesetz
von 1946 sowieso zwar nicht für rechtmäßig, aber für

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