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Vorlesung Psychodiagnostik - Mitschrift von Tobias

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PSYCHODIAGNOSTIK

Version 1.2, Februar 2001

Literatur:

GUTHKE, J., BÖTTCHER, H. R. & SPRUNG, L. (Hrsg.) (1991). Psychodiagnostik Band 1 und Band 2. Berlin: Deutscher Verlag der Wissenschaften (im Folgenden zitiert als GBS1 bzw. GBS2) JÄGER, R. S. & PETERMANN, F. (Hrsg.) (1992). Psychologische Diagnostik. Weinheim:

Psychologische Verlags Union FISSENI, H. J. (1990). Lehrbuch der psychologischen Diagnostik. Göttingen: Hogrefe. AMELANG, M. & ZIELINSKI, W. (1994). Psychologische Diagnostik und Intervention. Berlin:

Springer KUBINGER, K. D. (1996). Einführung in die Psychologische Diagnostik. Weinheim:

Psychologische Verlags Union WOTTAWA, H. & HOSSIEP, R. (1997). Anwendungsfelder psychologischer Diagnostik. Göttingen: Hogrefe

Wegweiser durch die Psychodiagnostik-Ausbildung

 

Vorlesung

Seminar

(Schein)

Übung

Klausur

Allgemeine Psychodiagnostik

       
 

Allgemeine Psychodiagnostik

     
 

Diagnostische Verfahren

       

(ab Januar in Seminargruppen eintragen,

4

Testprotokolle abgeben)

 

Explorationskurs in Kleingruppen

   

 
 

Beratung, Begutachtung, Intervention

     
 

Fallseminar zu erwachsenendiagnostischen Fragestellungen*

 

   
 

3

Gutachten (Schein)

       

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Testkonstruktion und Testevaluation

   

Fachdiagnostik

     

Schulpsychologische Diagnostik und Beratung*

   

Interessen- und berufliche Eignungsdiagnostik*

   

Klinisch-psychologische Diagnostik*

   

Computergestützte Diagnostik**

 

 

*

wahlobligatorisch

**

fakultativ

Gliederung:

I. Einleitung und Grundfragen

3

0. Kritik der vorwissenschaftlichen Menschenbeurteilung und «Urteilsfehler»

1. Was ist Psychodiagnostik?

2. Einiges zur Geschichte der Psychodiagnostik

3. Die Verflechtung der PD mit den anderen Grundlagen- und Anwendungsdisziplinen der Psychologie

4. Datenquellen, Datenarten und Datengewinnungsmethoden

5. Exploration, Verhaltensbeobachtung und Ausdrucksanalyse

6. Der psychologische Test

7. Der psychodiagnostische Prozess und das diagnostische Urteil

II. Einführung in die Leistungsdiagnostik

36

1. Aufgaben und Möglichkeiten der Leistungsdiagnostik

2. Leistungsdiagnostische Tests im Überblick und Vergleich

3. Intelligenztests

4. Kritik des herkömmlichen Intelligenztests und neue Ansätze

5. Das Lerntestkonzept und seine Varianten

6. Spezifische Fähigkeits- und Eignungstests

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3

8. Curriculumbezogene Tests («Schultests»)

9. Entwicklungstests

III. Einführung in die «Persönlichkeitsdiagnostik»

79

 

1. Gegenstand und Geschichte der Persönlichkeitsdiagnostik

2. Erfassungsebenen der Persönlichkeit

3. Übersicht über die Hauptmethoden

4. Die «subjektiven Tests»

5. Gestaltungs- und Deutungsverfahren

6. «Objektive Tests»

IV. Der diagnostische Prozess, Spezialprobleme und Tendenzen

99

 

1. Diagnostik und Intervention

2. Präskriptive Modelle

3. Deskriptive Modelle

4. Tendenzen der Psychodiagnostik (Grobüberblick)

5. Computergestützte Diagnostik

6. Neuropsychologische Diagnostik

Prüfungsschwerpunkte

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Informationen zu diesem Dokument

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I. Einleitung und Grundfragen

0.

Kritik

«Urteilsfehler»

der

vorwissenschaftlichen

Menschenbeurteilung

und

Wie gut ist unsere natürliche Menschenkenntnis? – Einflussfaktoren:

Alter Künstlerische Befähigung Häufigkeit des Kontaktes mit anderen Menschen Geschlecht Vorurteilsfreiheit Psychische Gesundheit Ausprägungsgrad der zu beurteilenden Eigenschaft beim Beurteiler selbst (vgl. Kontrasteffekt)

Selbsterkenntnis SCHILLER: «Willst Du Dich selber erkennen, so sieh, wie die anderen es treiben, willst Du die anderen verstehen, blick in Dein eigenes Herz.»

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Intellektuelle und emotionale Differenziertheit

Resümee:

PD sollte Selbstreflexion anregen; Verhältnis Diagnostiker Diagnostikand ist nicht Verhältnis Subjekt Objekt, sondern Subjekt 1 Subjekt 2 Irren ist menschlich keine illusionären Erwartungen: 100%-ige Diagnosen sind unmöglich

nur

wegen

der

großen

Komplexität

des

Gegenstandes

kann

man

Wahrscheinlichkeitsaussagen treffen (vgl. Chaostheorie)

Bsp.: Schulpsychologe soll über Gymnasiumsbesuch eines Schülers entscheiden IQ des Kindes ist sehr hoch Entscheidung für Gymnasium während der ersten Gymnasialjahre keine Probleme, doch dann plötzliche Krise Schüler fliegt von Schule Eltern beschweren sich: Schuleignungsdiagnose war falsch!

aber: Krise hatte andere Ursachen als mangelnde intellektuelle Begabung; die Diagnose war richtig, nur die nicht berücksichtigten Einflüsse zu komplex

Fehlerquellen «Menschenbeurteilung» (treten nicht nur im Alltagsleben auf, sind auch Gefahren für ausgebildete Diagnostiker):

Halo- oder Hof-Effekt «zentrale» Eigenschaft überstrahlt andere, z. B. intelligent «charakterlich gut» vgl. implizite Persönlichkeitstheorien Tendenz zur Mitte Bsp.: Extremwertscheue in Fragebögen – nur die mittlere Kategorie wird angekreuzt Fragebogen unbrauchbar Milde-Effekt negative Extremwerte werden gemieden Bsp.: Lehrer verteilt keine Fünfen bei derartigen Fehldiagnosen: Gefahr für den Diagnostikanden und andere Beteiligte

Bsp.: Verkehrspsychologe muss Fahrtüchtigkeit eines Busfahrers einschätzen; bei Einschätzung «fahruntüchtig» verliert Busfahrer seine berufliche Existenz

Psychologe hat Mitleid schätzt «fahrtüchtig» ein Busfahrer verursacht später schweren Unfall viele Unbeteiligte verletzt

Sequenz-Effekt Einfluss gerade zuvor beurteilter Diagnostikanden auf das gegenwärtige Urteil

Guthkes Lieblingsbeispiel: eine Leipziger Veterinärmedizinerprüfung (soll wirklich passiert sein)

Prüfer winkt den nach Hause gehenden ersten Prüfling durch das Fenster zurück mit den Worten:

Prüfer hat total unfähigen Prüfling, schickt ihn verärgert mit einer Fünf nach Hause unmittelbar danach: anderer Prüfling, der noch dümmer ist

«Müller, kommen Sie nochmal hoch. Sie bekommen eine Vier – hier ist jemand noch dümmer als Sie!»

Kontrast-Effekt wie Sequenz-Effekt, aber das Urteil verschiebt sich, weil vorherige Diagnostikanden gegenteilige Eigenschaften aufwiesen Bsp.: ein und derselbe schlechte Prüfling wird noch schlechter bewertet, wenn vor ihm eine Reihe sehr guter Prüflinge absolvierte Projektions-Effekt Begriff aus Psychoanalyse: eigene schlechte Eigenschaften werden auf andere projiziert Bsp.: Geiziger sieht sich nur von Geizigen umgeben besonders bei projektiven Tests Bsp.: Psychologen werten Zeichnungen mit aggressiven Elementen aus zuvor: Psychologen auf Aggressivität untersucht

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Ergebnis: Aggressivste deuteten am aggressivsten Vorurteils-Effekt Bezugssystem- bzw. Anker-Effekt vgl. HELSON: adaptation level beim Urteil gehen im Laufe des Lebens bei Vorerfahrung mit dem Gegenstand erworbene Ankerreize mit ein Bsp.: Kind soll von 2 Psychologen auf Intelligenz und Begabung eingeschätzt werden Psychologe A: arbeitet in Heim für geistig Behinderte; Psychologe B bei der Hochbegabtenauswahl

Urteile:

Kind
Kind
Psychologe B bei der Hochbegabtenauswahl Urteile: Kind Intelligenz B ⇒ man sollte normierte Tests verwenden A
Psychologe B bei der Hochbegabtenauswahl Urteile: Kind Intelligenz B ⇒ man sollte normierte Tests verwenden A
Psychologe B bei der Hochbegabtenauswahl Urteile: Kind Intelligenz B ⇒ man sollte normierte Tests verwenden A
Psychologe B bei der Hochbegabtenauswahl Urteile: Kind Intelligenz B ⇒ man sollte normierte Tests verwenden A
Psychologe B bei der Hochbegabtenauswahl Urteile: Kind Intelligenz B ⇒ man sollte normierte Tests verwenden A
Psychologe B bei der Hochbegabtenauswahl Urteile: Kind Intelligenz B ⇒ man sollte normierte Tests verwenden A
Psychologe B bei der Hochbegabtenauswahl Urteile: Kind Intelligenz B ⇒ man sollte normierte Tests verwenden A
Psychologe B bei der Hochbegabtenauswahl Urteile: Kind Intelligenz B ⇒ man sollte normierte Tests verwenden A

Intelligenz

B man sollte normierte Tests verwenden

A

Übertragungseffekt auch aus Psychoanalyse: Pt. überträgt Gefühle gegenüber anderen Personen (z. B. Vaterangst) auf Therapeuten tritt nicht nur in Therapie auf man findet z. B. jemanden auf Anhieb sympathisch oder unsympathisch, ohne zu merken, dass er einen an jemand anders erinnert beim Diagnoseprozess sich immer ersten Eindruck bewusst machen, sonst hat dieser Einfluss auf gesamte Diagnose

Bsp. aus Guthkes Praxisleben:

Guthke wird Junge vorgestellt, der lange guter und unauffälliger Schüler war, aber bei Klassenübernahme durch neue Lehrerin plötzlich extrem auffällig wird Verhalten bleibt trotz vieler Tests und Gespräche ungeklärt Hintergrundgeschichte: Heimkind, schwerer Missbrauch seitens der Mutter Guthke bestellt sich Mutter es «fiel mir wie Schuppen von den Augen»: totale Ähnlichkeit mit Lehrerin

Unangemessene Kausalattribuierungen vgl. Attributionstheorien (z. B. Kelley, Heider etc.) Beurteilung anderer Menschen: Gefahr des «fundamentalen Attributionsfehlers» (ROSS) groß (Personenattributionen) Eigenbeurteilung: zumeist (v. a. bei Misserfolg): situative Attributionen

{GBS2 S. 12-18; SADER, M. (1980). Psychologie der Persönlichkeit. München: Juventa, S. 99-118}

vgl. auch ROSENTHAL-Effekt und Experiment von ROSENHAN

1. Was ist Psychodiagnostik?

a)

Gegenstand

Verhältnis Subjekt 1 Subjekt 2 Nachteile:

gesamte psychologische Diagnostik ist Gefahr großer Irrtümer ausgesetzt (im Gegensatz z. B. zur Diagnose eines Autos beim TÜV) Patient kann Ergebnisse bewusst verfälschen v. a. wichtigstes therapeutisch- diagnostisches Verfahren, Gespräch, hochgradig subjektiv Vorteile:

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Auto beim TÜV kann nicht reden, aber Mensch als relfexives Wesen kann Selbstauskunft geben große Hilfe für Diagnostiker vgl. KELLYs Konzept der persönlichen Konstrukte

Definitionen der Psychodiagnostik:

Von einer Allgemeinen Diagnostik – und im psychologiebezogenen Sinne von einer Allgemeinen Psychodiagnostik – wird dann gesprochen, wenn der im Wechselwirkungsverhältnis von Diagnostiker (Psychologe, Lehrer, Techniker), Differentieller Methodik (Test, Fragebogen, Stethoskop, Polygraph, Amperemeter) und Diagnostikand (Patient, Bewerber, Schüler) ablaufende, diagnosezielbestimmte und randbedingungsabhängige diagnostische Urteilsprozess den Untersuchungs-, Darstellungs- und Applikationsgegenstand bildet (vgl. GBS).

Psychologische Diagnostik ist eine wissenschaftliche Disziplin. Ihre Funktion besteht darin, eine Methodologie zu entwickeln und anzuwenden. Die Methodologie wird aufgefasst als das Insgesamt von Regeln, Anleitungen, Algorithmen etc. zur Bereitstellung von Instrumenten. Sie dient sowohl der Gewinnung psychologisch relevanter Charakteristika von Merkmalsträgern als auch der Integration gegebener Daten zu einem Urteil. Außerdem wird sie eingesetzt zur Vorbereitung und Evaluation von Entscheidungen. Als Merkmalsträger

gelten Einzelpersonen und Personengruppen, Institutionen, Situationen, Gegenstände etc

Methodologie kommt in der praktischen Tätigkeit beim Diagnostizieren und Prognostizieren

zum Tragen (nach JÄGER ist Guthke aber zu weit gefasst

Die

Psychodiagnostik ist die Lehre über die Theorie, Methodologie, Methodik und Anwendung psychologischer Verfahren zur Erfassung der psychischen Eigenschaften, Zustände und Beziehungen von Individuen, Dyaden und Gruppen in ihrer wechselseitigen Abhängigkeit, Entwicklung und Bedingtheit. Gegenstand der Psychodiagnostik ist die Bedingungsstruktur des individuellen bzw. gruppenspezifischen Person-Umwelt-Systems (Guthke wichtig!).

interindividuelle Varianzen sind nicht ausreichend als Gegenstand der PD: «Was nützt es, wenn man ein Auto zur Werkstatt bringt und der Prüfer nur sagt: ‚Ihr Auto hat einen Verkehrstüchtigkeitskoeffizienten von .85‘, ohne die Angabe von Details » heute: PD nicht nur Personen-, sondern auch Umweltdiagnostik (Defekte werden nicht beim verhaltensauffälligen Kind allein gesucht)

b) Begriff der Diagnose

kommt aus Medizin: Zuordnung eines Patienten zu einer Krankheit (zu nosologischer Einheit) «nosologisch orientierte Diagnostik», z. B. ICD 10, DSM IV aber: vorwiegend Symptomkatalog, deskriptiv nicht gesamte Diagnostik lässt sich so beschreiben (z. B. Berufseignung, Schultyp etc.) Versuch, Menschen als einmaliges Individuum zu begreifen (kein Schubladendenken)

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Guthke)

21. 10. 1999

c) Methodentheoretische Taxonomie von Diagnoseformen

Normbezug

Zielbezug

Erklärungs-

Zeitbezug

Dimensions-

ebenenbezug

bezug

Ipsativ-

Selektive

Deskriptive

Aktuelle

Mono-

normative

Diagnose

Diagnose

Diagnose

dimensionale

Diagnose

Diagnose

Gruppen-

Klassifikative

Konditionale

Prognostische

Multi-

normative

Diagnose

Diagnose

Diagnose

dimensionale

Diagnose

Diagnose

Populations-

Placierende

Kausale

Retrognostische

normative

Diagnose

Diagnose

(retrodiktive)

Diagnose

Diagnose

Erklärungen:

 

Normbezug

Ipsativ-

Maßstab ist das Individuum selbst oder seine Veränderung

normative

Bsp.: Q-Sort-Technik STEPHENSON (1953): Vpn erhalten Stapel von i. d. R. 100 Karten mit Aussagen über Eigenschaften (z. B. «ist ängstlich»); Karten müssen in Kategorien eingeordnet werden von «sehr charakteristisch für mich» bis «nicht charakteristisch für mich»; NV kann verlangt werden (z. B. 8 Stapel: 2-4-8-11-16-18-16-11-8-4-2 Karten je Stapel); auf diese Weise Real- und Idealselbst gemessen und korreliert nach Therapie sollte Korrelation gestiegen sein

Diagnose

Gruppen-

Maßstab sind Mittelwert und Standardabweichung der Gruppe

normative

Bsp.: TMS («Medizinertest») x und s an jedem Jahrgang festgestellt, dann n% Beste ausgewählt «cut-off-Wert»: Mindestwert, der erfüllt sein muss (z. B. bei Bewerbungen zur Ausbildung zum Piloten: wird der Wert unterschritten, ist eine Aufnahme unmöglich, selbst, wenn es kaum Bewerber gibt) heißt auch kriteriumsortientierte Diagnose v. a. in USA sehr weit verbreitet, z. B. SAT (School Aptitude Test):

Schulleistungs- + Intelligenztest; muss bei jeder Uni-Bewerbung absolviert werden (bei guten Unis: höherer cut-off-Wert)

Diagnose

Populations-

Maßstab ist repräsentative Eich-Stichprobe aus Gesamtbevölkerung (also nicht nur betimmte Gruppe) Mittelwert und Standardabweichung an dieser Stichprobe festgestellt fast alle Persönlichkeits- oder Intelligenztests sind solche Verfahren

normative

Diagnose

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Zielbezug Selektive bestimmte Auswahlstrategie (z. B. «geeignet für Studium oder nicht?») Diagnose Klassifikative
Zielbezug
Selektive
bestimmte Auswahlstrategie (z. B. «geeignet für Studium oder nicht?»)
Diagnose
Klassifikative
Diagnose
Zuordnung zu bestimmten Treatments (hier: jede Maßnahme, die auf
Diagnose folgt, z. B. Einschulung in bestimmten Schultyp)
typisch in Berufsberatung: Zuordnung zu Berufskategorien
klinische Psychologie: Zuordnung zu Krankheitsbildern
Placierende
Diagnose
lt. Guthke problematischer Begriff, ist nur auf Insistieren seines
Mitautors Sprung in sein Buch gekommen (also besser nicht lernen)
wie klassifikativ, aber auf mehr als einem Diagnosebereich
z. B. Lehrerberuf: Diagnostikand hat ausreichenden IQ, aber hat
ungünstige Werte bei Persönlichkeitstests ⇒ trotz Bestehens des
Bereichs Intelligenz fällt die Diagnose negativ aus
Erklärungsebenenbezug
Deskriptive
Diagnose
wird eher selten angewandt
reine Beschreibung eines Zustandes, den man gegenwärtig vorfindet
Bsp.: «Wie ist im Moment die Intelligenz des Probanden?» (= status
praesent)
Konditionale
Diagnose
Nachweis des Bedingungsgefüges für den status praesent
Bsp.: «Welche Lebensbereiche verursachen Depression?»
Kausale
Diagnose
kaum in Psychologie anwendbar, eher in Medizin
eine Ursache → eine Wirkung
meist allerdings viele Ursachen:
U
1
U
Wirkung
2
U
3
evtl. im Einzelfall brauchbar, z. B. wenn Patient mit hohem Blutdruck
nur bei Präsentation ganz bestimmter Bilder hohe Blutdrucksteigerung
hat
Bsp. für fälschliche Anwendung in Psychologie: Patient bekommt
Asthma-Anfälle immer dann, wenn er Bild der Schwiegermutter in
seinem Zimmer sieht; aber: in Bild war bestimmter chemischer Stoff,
der Anfälle auslöste (⇒ psychologische Fehldiagnose –
Schwiegermutter war unschuldig – , aber medizinisch korrekte kausale
Diagnose)

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Zeitbezug

Aktuelle

Feststellung, die sich auf gegenwärtigen Zustand bezieht Bsp.: «Wie ist der Zustand des Patienten jetzt nach der Operation?»

Diagnose

Prognostische

Vorhersage Bsp.: Schullaufbahn- oder Therapiechancendiagnose

Diagnose

Retrognostische

Bezug auf Vergangenheit wichtig in Psychoanalyse Bsp.: «Welche(s) zurückliegende Ereignis(se) ist (/sind) verantwortlich für das plötzliche Schulversagen des Kindes?»

(retrodiktive)

Diagnose

 

Dimensionsbezug

Mono-

nur eine Dimension berücksichtigt

dimensionale

Diagnose

Multi-

mehrere Dimensionen berücksichtigt Bsp.: Schulversagen, weil schlechtes Elternhaus + hirnorganischer Defekt + traumatische Erlebnisse mit Mitschülern etc.

dimensionale

Diagnose

wichtig für Prüfung: nicht das Schema auswendig lernen, sondern einzelne Diagnoseformen an Hand guter Beispiele erklären können!

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d) Praktische Aufgaben der Diagnostik

wirtschaftliche Technische Rahmenbedingungen Rahmenbedingungen Exploration Differenzielle Ψ Interview Sozial- Ψ
wirtschaftliche
Technische
Rahmenbedingungen
Rahmenbedingungen
Exploration
Differenzielle Ψ
Interview
Sozial- Ψ
Methoden
Grundlagen
Befragung
Motivations- Ψ
Psychologische
Fragebogen
Kognitions- Ψ
Diagnostik
Testverfahren
Sprach- Ψ
Verhaltensbeobachtung
Entwicklungs- Ψ
A & O-
Ψ
Forensische
Pädagogische
Klinische
Ψ
Ψ
Ψ
Anwendungen
kulturelle
Soziale

Rahmenbedingungen

Rahmenbedingungen

Abb.: Das diagnostische Dreieck (nach HOSSIEP & WOTTAWA, 1993, S. 132) muss man für Prüfung nur sehr grob wissen

e) Anwendungsfelder der Psychodiagnostik in der Medizinischen Psychologie

Traditionelle Aufgaben:

1. Psychiatrie

Beginn der Diagnostik (Diagnostiker fast Testknecht des Psychiaters) Psychosen- und Neurosendiagnose

2. Neurologie

z. B. bei Demenz: lt. WHO muss hier zusätzlich zum neurologischen ein psychologischer Befund vorliegen allgemein: wenig Korrelation zwischen neurologisch- medizinischem und psychologischem Befund (Menschen mit schweren Läsionen können fast normal erscheinen, während andere mit leichten bereits schwer gestört sind)

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3.

Kinderpsychiatrie

Diagnose

bei

Lern-

und

Erziehungsschwierigkeiten;

/ Erziehungsberatg.

Schullaufbahnberatung

 

4.

Psychotherapie

Indikations-, Verlaufs- und Effizienzdiagnostik einer Therapie Indikationsdiagnostik: Ist Patient überhaupt für Therapie geeignet?

Neue Aufgaben:

Diagnose der

1.

Persönlichkeitsstruktur und

«psychosomatische Ursachenforschung»

Umweltbelastung psychosomatisch erkrankter Menschen

2.

psychischen Auswirkungen

z. B. psychische Folgen, wenn Patient am Tropf hängt oder: Persönlichkeitsveränderungen durch dauerhaften Schmerz

körperlicher Erkrankungen und Unfälle

3.

Arzt-Schwestern-Patient-Beziehung

Bsp.: Schwester sagt zum Patienten: «Was hat denn der Doktor da wieder für einen Mist gemacht?!» Vertrauensverhältnis gestört Untersuchung von Psychologen in verschiedenen Stationen eines Krankenhauses:

«Stationsmilieu» hatte großen Einfluss auf Genesung der Patienten

und des Krankenhausmilieus

4.

präoperativen psychosozialen

Suche nach Antwort auf die Frage: «Wie kann man Patienten unmittelbar zuvor am besten auf die Operation vorbereiten?»

Situationen von postoperativen

psychischen Folgen

5. Bewältigungsstile (Coping-Forschung)

Wie werden Menschen mit ihren Krankheiten fertig?

6. gesundheitsrelevanter

z. B. Einstellung zum Rauchen

Verhaltensweisen

Folie: Definition von Aufgaben der pädagogisch-psychologischen Diagnostik

und Folie: Abb. 12.1: Bestimmungsschema

fehlen bisher, sollen im Januar nachgereicht werden

(Kanter, 1980, S. 58)

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21. 10. 1999

f) Arten der Diagnostik nach Amelang und Zielinski, 1993

(ergänzt durch den Verfasser)

ABO- und Pädagogische Ψ
ABO- und
Pädagogische Ψ

Arten der Diagnostik

ABO- und Pädagogische Ψ Arten der Diagnostik individuell ← institutionell häufig → Klinische Ψ häufig
ABO- und Pädagogische Ψ Arten der Diagnostik individuell ← institutionell häufig → Klinische Ψ häufig

individuell

institutionell

häufig

Klinische Ψ häufig
Klinische
Ψ
häufig

Selektionsdiagnostik

Modifikationsdiagnostik

Personen-

Bedin-

Verhaltens-

Bedin-

selektion

gungs-

modifikation

gungs-

selektion

modifikation

Begriffsklärungen:

Personenselektion

Konkurrenzauslese in der Bewerberauswahl

 

z. B. Aufnahmeprüfung an Hochbegabtenschulen

Bedingungs-

= Eignungs- oder Placierungsdiagnostik, klassifikative Diagnostik Auswahl von Bedingungen, unter denen Personen mit bestimmten Eigenschaften erfolgreich sind

selektion

z. B. Zuordnung von Tätigkeiten für Rehabilitanten, aber auch Berufsberatung im Arbeitsamt

Verhaltens-

Welche

spezifischen

Verhaltensweisen

einer

Person

(z.

B.

modifikation

 

Ängstlichkeit) müssen geändert werden?

 

Bedingungs-

Welche externen Bedinungen (z. B. Familie) müssen geändert werden, um ein bestimmtes Problemverhalten abzustellen?

modifikation

g) Wichtige Themen der Psychologischen Diagnostik

Fahreignungsdiagnostik (TÜV) Rehabilitations- und Behindertendiagnostik Diagnostik in Psychiatrischen Kliniken Berufswahlunterstützende Diagnostik (Arbeitsamt) Auswahl von Führungskräften Auswahl von Mitarbeitern Auswahl von Azubis Flugeignungsuntersuchungen (z. B. Lufthansa, Bundeswehr) Diagnostik im pädagogischen Bereich (z. B. Sonderschulzuweisung) Hochschulzulassung (z. B. Medizinstudium) Zuweisung militärischer Funktionen (Wehreignung) Kriminalpsychologische / Forensische Psychologie (z. B. Glaubwürdigkeitsforschung) Erziehungsberatung Therapievorbereitung und –nachbereitung

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2. Einiges zur Geschichte der Psychodiagnostik

a) Vorläufer

vgl. Vorlesung Einführung in die Psychologie: Sphinx stellt Ödipus das Rätsel, welches Wesen morgens auf vier, mittags auf zwei, abends auf drei Beinen läuft (Lösung: der Mensch

als Kleinkind krabbeln, als Erwachsener auf zwei Beinen, als Greis auf zwei Beinen und Krückstock)

im alten China: Massentests, um geeignete Kandidaten für Mandarin-Ausbildung zu finden sequentielle Tests: zuerst breite Masse in allen Bezirken, dann Beste aus jedem Bezirk, dann Beste der Besten Initiationsriten als Vorläufer von Tests

auszuwählen

Menschheit

schon

immer

daran

interessiert,

Geeignete

für

Führungspositionen

b) Geschichte der wissenschaftlichen Diagnostik

«mental tests» Wurzel dafür im Labor von WUNDT (abgeleitet aus Experimenten der allgemeinen Psychologie) Francis GALTON: Buch «Anthropometric Laboratory» mental tests beim Menschen;

Beschreibung von Versuchen (damals mussten wohlgemerkt die Vpn noch Geld bezahlen

)

Grundlage: Idee des Sensualismus «Es kann nichts im Verstand sein, was nicht vorher in den Sinnen war.» je besser die Sinne und deren corticale Repräsentationen, desto höher Intelligenz aus jener Zeit Begriff «Schwachsinn» James MCKEEN CATTELL: Schüler von WUNDT (Wahrnehmungsschwellen) und GALTON (differenzialpsychologische Fragestellungen) testet High-School-Absolventen mit GALTONs mental tests, um Berufs- und Studienerfolg vorherzusagen erleidet fürchterlich Schiffbruch: Nullkorrelationen

WUNDT übrigens in Streit mit MCKEEN CATTELL: lehnt Übertragung seiner Experimente auf derartige Fragestellungen kategorisch ab

heute: Renaissance des Konzeptes durch mental speed

«cognitive tests» [von mir gewählte klassifikatorische Bezeichnung. T. E.]

bereits im 19. Jahrhundert: psychiatrische Untersuchungen zur Patienten- Intelligenzdiagnostik Vertreter: ITARD, SEQUIN, RIEGER Beispiel: Formbretter mit ausgestanzten geometrischen Figuren (z. B. ) mussten in Löcher eingepasst werden (wird noch heute angewandt) BINET, SIMON: führen diese Gedanken weiter keine mental tests, sondern komplexe Fragestellungen zur Intelligenzmessung (Konzept des IQ) EBBINGHAUS erhält in Breslau vom Schulamt den Auftrag herauszufinden, ob Nachmittagsunterricht schlechter wirkt als Vormittagsunterricht verwendet Lückentext; Lücken mussten semantisch sinnvoll ergänzt werden KRAEPELIN, OEHRN: «Arbeitsversuch» Untersuchung der Arbeitsfähigkeit von Patienten; auch: Wirkung von Tee und Kaffee auf Leistungsfähigkeit Blatt mit Zahlen präsentiert, mussten in zwanzig Blöcken zu je drei Minuten eine Stunde lang addiert werden

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individuelle Kurven- verläufe sollen 4 3 Rückschlüsse auf 5 Charakter erlauben 1 6 2 3
individuelle Kurven-
verläufe sollen
4
3
Rückschlüsse auf
5
Charakter erlauben
1
6
2
3
1
2
3
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weitere Ansätze

C. G. JUNG + Max WERTHEIMER Assoziationsexperimente Wort wird vorgegeben, dazu so schnell wie möglich Assoziation finden erhoben: Latenz der Reaktion und Ungewöhnlichkeit der Assoziation (z. B. «Vater» präsentiert «Zensuren» genannt: ungewöhnlich weitere Analyse) WERTHEIMER: auch Anwendung in forensischer Psychologie (Glaubwürdigkeit von Zeugen) RORSCHACH (1921): Wahrnehmungsdiagnostische Experimente mit Tintenklecksen

(angeregt übrigens von Leonardo DA VINCI)

Ziel: Feststellung schizophrener Neigungen, später auch Gesamtpersönlichkeitstests (nach Meinung von RORSCHACH): Intelligenz, Angstneigung, Extra- und Introversion etc. in Europa kaum noch angewandt, in USA aber recht häufig

c) Militärische Untersuchungen

1917 anlässlich des Eintritts der USA in den Ersten Weltkrieg: army-alpha-test, army- beta-test (vgl. Entwicklungspsychologie) daraus fast alle modernen Intelligenztests hervorgegangen WOODWORTH (1917): sollte für Elitekorps der army psychisch Stabilste durch Tests auswählen verwendet heute noch gängige Methode:

verschiedene Items an Patienten und Normalpersonen erhoben Unterschiede in Patienten und Normalpersonen erhoben wenn diese besonders groß:

Items in Fragebogen aufgenommen Walter MOEDE (1917): «Kraftfahrzeugprüfungsstand» für die deutsche Wehrmacht Geräte, an denen motorische Reaktionen getestet wurden

d) Standardisierte vs. qualitative Verfahren: eine klassische Kontroverse

Fallbeispiel aus der jüngeren Geschichte:

1981 Attentat auf Präsident Ronald REAGAN Attentäter HICKLEY: vier Tage zuvor beim Psychotherapeuten Frage vor Gericht: Einlieferung in Psychiatrie oder elektrischer Stuhl?

qualitativ arbeitende (analytische) Psychiater

standardisiert arbeitende Psychiater

zumeist ältere diagnostizierten auf Grund von Lebensgeschichte etc.

zumeist jüngere wandten DSM an

Schizophrenie

keine Schizophrenie

Urteil des Gerichts

Urteil der allgemeinen Öffentlichkeit

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nach Gerichtsurteil große Diskussionen; Forschungsgelder für psychodynamisch orientierte Psychologen eingefroren in USA damals doppelt soviele Schizophreniefälle diagnostiziert wie in Europa (wegen qualitativer Diagnostik) heute: fast nur noch nosologische Diagnostik (DSM IV, ICD 10) anderer Beleg gegen qualitative Diagnostik: ROSENHAN-Experiment aber (Guthke): der Mensch muss auch als Individuum betrachtet werden auch qualitative Ansätze einbeziehen

bereits historische Kontroverse: nomothetisches vs. idiographisches Vorgehen William STERN: man braucht beides; was mehr nötig ist, hängt von Fragestellung ab Geschichte der Anti-Test-Bewegung:

20-er Jahre: «irrationalistische Philosophie» («der Mensch muss über das Gefühl verstanden werden») Verstandesfeindlichkeit die meisten ultra-linken und ultra-rechten Gruppierungen lehnen Tests ab Kritische Psychologie (HOLZKAMP): streicht zunächst alles Experimentelle (HOLZKAMP revidiert dies allerdings später) Nazis: gegen Tests («analytisch jüdisch rationalistisches Denken») Beobachtungsseminare eingeführt (Vorläufer der Assessment-Centers) SU: bis 1936 viele Tests 1936: Pädologiebeschluss gar keine Tests mehr erlaubt

anderes

Extrem:

EYSENCK

«Wege

und

Abwege

der

Psychologie»:

alles

Nichtexperimentelle ist unwissenschaftlich (aber: genauso überzogene Einstellung)

heute: Synthese z. B. Schuleignung quantitativ, klinische Diagnose oft qualitativ (Exploration) auch in Eignungsdiagnose heute auch vereinzelt qualitative Ansätze klassische Methodik der Eignungsdiagnose: «Psychotechnik» (streng quantitativ, 20-

er und 30-er Jahre) (Begriff taucht schon bei Stern auf, aber anders definiert)

Psychotechnik

in

Wehrmachtsdiagnostik

nicht

ausreichend «Stress-Interview»

(heute noch gebräuchlich): Bewerber unter großen Stress gesetzt

1942 Wehrmachtsdiagnostik aufgelöst (Neffe von Göring war als untauglich für Offizierslaufbahn befunden worden)

dominant in 20-er und 30-er Jahren: Ausdruckspsychologie, auch Graphologie nach 2. Weltkrieg beides verbannt aus Ausbildung Dominanz der amerikanischen Psychologie heute: Renaissance, z. B. nonverbale Kommunikation

{GBS1, S. 23ff., Jäger & Petermann, S. 1 bis 21}

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10. November 1999

Vertretung wegen Erkrankung Guthkes durch Philipp Yorck Herzberg

Thematischer Einschub:

Psychodiagnostische Gesprächsführung

Einteilung:

Gespräch psychodia- gnostisches Gespräch Anamnese Exploration Interview Eigen-, Stress- Fremd- interview,
Gespräch
psychodia-
gnostisches
Gespräch
Anamnese
Exploration
Interview
Eigen-,
Stress-
Fremd-
interview,
anamnese
Gruppen-
etc.
interview,

kognitives

Interview

etc.

Beratungs-

gespräch

diagnostisches Gespräch essentiell für die Arbeit eines Psychologen diagnostisches Gespräch therapeutisches Gespräch; vielmehr: Gespräch vor der eigentlichen Intervention

A) Anamnese

geschichtlich gesehen alter Begriff: PLATON «Wiedererinnern der Seele» medizinisch: Datensammlung, die zur Diagnose führt beinhaltet:

Prozess der Datenerhebung Daten selbst Krankheitsgeschichte im Ganzen Eigenanamnese = subjektive Anamnese; Fremdanamnese = objektive Anamnese in Literatur oft sehr unterschiedliche Definitionen

Definition nach SCHMIDT und KEßLER (1976):

Sammlung, Systematisierung und diagnostische Verarbeitung zum biographischen Hintergrund zu gegenwärtigen und früheren körperlichen Zuständen sowie Verhaltensweisen und Erlebnissen eines Individuums in seinem sozialen Umfeld zu den verursachenden, auslösenden, aufrechterhaltenden und beitragenden Bedingungen zu prognostischen Entscheidungen

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B) Exploration

Definition nach UNDEUTSCH (1983)

= die mit psychologischer Sachkunde vorgenommene, nicht-standardisierte mündliche Befragung eines einzelnen Menschen durch einen einzelnen Gesprächsführer mit dem Ziel, Aufschluss zu erhalten über das Individuum und seine Welt.

unterteilt man die Anamnese in Datenerhebung, Systematisierung und Weiterverarbeitung bzw. Interpretation, so ist die Exploration der Prozess der Datenerhebung

C) Interview

Definition nach KEßLER (1995)

= eine zielgerichtete mündliche Kommunikation zwischen einem oder mehreren Befragten, wobei eine Informationssammlung über das Verhalten und Erleben der zu befragenden PersonEn im Vordergrund steht.

Einteilung nach Standardisierung:

 

Reaktionen (Antworten)

standardisiert

unstandardisiert

Reize

(Fragen)

standardisiert

standardisiertes

Gespräch

halbstandardisiertes

Gespräch

unstandardisiert

halbstandardisiertes

unstandardisiertes

 

Gespräch

Gespräch

a) standardisiertes Gespräch

Fragen vorgegeben Antworten vorgegeben (meist ja/nein-Kategorien) Vorteil: Fehlerkontrolle Nachteil: subjektiver Lebensraum des Probanden vernachlässigt für Einzelfallanalyse ungeeignet oft Persönlichkeitsfragebögen bevorzugt vor standardisierten Gesprächen, aber jene nicht immer möglich (z. B. bei Kindern oder geistig Behinderten) Gespräch nötig Bsp. für standardisietes Interview: MDCL = Münchner Diagnostische Checkliste (HILLER et al. 1990)

b) unstandardisiertes Gespräch

Inhalt und Reihenfolge der Fragen und Antworten offen Vorteil: individuell auf Patienten eingehen Nachteile:

keine Vergleichbarkeit zweier Gespräche eventuell Vergessen wichtiger Fragen entscheidend: Schulung des Interviewers

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18

c) halbstandardisiertes Gespräch

Mischung aus a) und b)

Anwendung der Verfahren:

die unterschiedlich standardisierten Verfahren schließen sich nicht aus, sondern ergänzen sich:

i. d. R. soll Patient erst frei erzählen, sich später halb- bis vollständig standardisierten Gesprächen unterziehen stets Antworten des Patienten hinterfragen: «ja» und «nein» können je nach Verfassung des Patienten mehr oder weniger strikt zu verstehen sein bzw. auch völlig unzutreffend

Anwendung von Leitfäden:

Vorteile:

für Psychologen aller Schulen anwendbar, da ausschließlich deskriptiv valide und reliabel Nachteile:

erfahrene Psychologen sehen dies als Einschränkung («haben wir doch nicht nötig!») Interviewleitfäden haben lange Geschichte: z. B. im Mittelalter Leitfäden zur Befragung von Hexen

Ziele und Funktionen der Exploration

Primärziel:

Diagnostische Funktion

a) Orientierungsfunktion für Diagnostik

b) Exploration als Mittel der Persönlichkeitsuntersuchung Ziel von psychologischer Schule bestimmt (z. B. in Psychoanalyse bereits Beginn des therapeutischen Prozesses, in Verhaltenstherapie dagegen anfangs total abgelehnt, später aber wichtige Beiträge)

Sekundärziele:

motivierende Funktion Möglichkeit der Kontaktherstellung, Schaffung einer angstfreien Atmosphäre therapeutische Funktion = kathartische Funktion (?): Patient wird zur Selbstreflexion angeregt, muss Erfahrung machen, dass er ernstgenommen wird nicht gleich Ratschläge: erst Zuhören

Anwendung der Exploration

in allen psychologischen Teilbereichen z. B. Klinische Psychologie, Fahreignungsprüfung, Zeugenbeurteilung, Beratung, Rahmenbedingungen:

ungestört (kein klingelndes Telefon, keine unerwarteten Besucher) 45°-Winkel 1 bis 2 m Abstand maximal 60 bis 90 Minuten Dauer

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Inhalt:

umstritten, je nach Schule Mindestbestandteile:

Personalien Anlass des Kommens (z. B. ob freiwillig oder geschickt) Art und Ausmaß der Beschwerden Häufigkeit und Form des Auftretens Entwicklung und Verlauf Beeinträchtigung bisherige Maßnahmen und Bewältigungsversuche weitere gegenwärtige Beschwerden, Gesundheitszustand Noxen: Rauchen, Alkohol, Drogen, Medikamente soziale Anamnese Familienstruktur Wohnverhältnisse Arbeitsplatz wirtschaftliche Verhältnisse allgemeine Entwicklung Geburt Kindheit und Jugend Ausbildung Selbstbild Werte und Normen Konfliktverhalten Selbstkontrolle und Problemlösefähigkeit Interesse und Fähigkeiten kritische Lebensereignisse Ressourcen (z. B. andere stützende Personen) Therapieerwartungen / Fragen an Therapeuten

Eröffnung, Verlauf und Auswertung der Exploration

Eröffnung:

Begrüßung des Patienten und Vorstellung mit Beruf und Namen Zweck und Erwartung der Exploration schildern, damit Patient nicht enttäuscht ist, dass «nur ein Gespräch» geführt wird

Verlauf:

günstig: Mitschriften oder Tonband (aber: Patient muss einverstanden sein) «Eisbrecherfragen», z. B. «Wie war die Herfahrt» Patient in ein Gespräch bringen Ende der Exploration: nicht abrupt abbrechen, sondern mindestens 10 Minuten zuvor auf das nahende Ende verweisen (teilweise beginnt der Patient erst dann mit seinem eigentlichen Thema) zum Schluss Zusammenfassung geben und Stellung beziehen, über weiteres Vorgehen informieren Terminangebot machen

Auwertung: (4 Möglichkeiten)

a) Sofortprotokoll

b) Gedächtnisprotokoll

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20

c) Protokollierung durch Dritte (z. B. hinter Einwegscheibe), ist aber unüblich in klinischer Psychologie (eher: Verhör)

d) Tonband und Video

sinnvoll: nach Gespräch 3 bis 4 Minuten nachdenken und Wichtiges notieren

Arten von Fragen in Exploration und ihre Verwendung

Funktionale Fragen

steuern größere Einheiten des Gesprächs

a) Kontakt- oder Einleitungsfragen (= «Eisbrecherfragen»)

b) Übergangsfragen führen von einem Thema zum nächsten wichtig bei Vielrednern

c) Kontrollfragen Unklarheiten ansprechen, vermeintliche Widersprüche klären tatsächliche Widersprüche sichtbar machen aber: stets feinfühlig (nich Macht gegenüber Patienten ausspielen)

Formale Fragen einzelne Bereiche des Gesprächs

legen fest, wie der Befragte antworten soll Möglichkeit der Einteilung:

a) offene Fragen Antwortkategorie nicht vorgegeben

günstig am Anfang des Gesprächs oder bei Einführung eines neuen Themas

b) geschlossene Fragen Antwortkategorie festgelegt («ja» / «nein»)

typischer Verlauf des Gesprächs:

offene

Antwort

Antwort
Antwort aus- nein reichend?
Antwort aus-
nein
reichend?
Antwort aus- reichend?
Antwort aus-
reichend?

offene

Nachfrage

Primärfrage

ja
ja
ja nein
ja nein
nein

nein

ja

Zusammen-

geschlos-

fassung

sene

Themen-

Themen-

 

Nachfrage

 

wechsel

Unterscheidung zwischen Informationsfragen und Selektionsfragen (aus zwei oder mehreren Antworten auswählen, z. B. «Fällt es Ihnen leichter, mit Männern oder mit Frauen zu sprechen?») weitere Unterteilung:

a) direkte Fragen benennen unmittelbar Gegenstand, auf den sie zielen

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21

b) indirekte Fragen zielen verdeckt auf Gegenstand hin Bsp.: Statt «Was sind Ihre Hobbies?» «Was haben Sie am Wochenende denn so gemacht?» nur bei Sachverhalten, über die Patient nicht offen spricht, dass heißt, wenn Antworthemmung zu erwarten ist Nachteil: Generalisierung erschwert

c) Sugestivfragen «Meinen Sie nicht auch, dass ?» verletzen Neutralität nur, wenn Patient sehr starke Abwehr bei bestimmtem Thema zeigt

Einige Tips für die Exploration:

Explortion Frage-Antwort-Spiel, sonst fühlt sich Patient wie beim Verhör gleiche Sprachebene wie Patient kurze, knappe Sätze; keine doppelte Verneinung an Erfahrungen des Patienten anknüpfen nicht nach «vernünftigen Gründen» fragen viele «Warum?»-Fragen bringen Patienten in Rechtfertigungsdruck

Einzeltechniken der Gesprächsführung

«Wer fragt, der führt.» verbale Bekräftigung (Echo), keine Bewertung Paraphrasieren (umformulierendes Wiederholen der Hauptaussagegehalte des Patienten) Verbalisieren: in Botschaft mitschwingendes Gefühl zum Ausdruck bringen nonverbale Sprache, z. B. sich Patienten zuwenden

Aktives Zuhören erfodert

richtige Einstellung
richtige Einstellung
richtiges Verhalten
richtiges Verhalten
Aktives Zuhören erfodert richtige Einstellung richtiges Verhalten
Aktives Zuhören erfodert richtige Einstellung richtiges Verhalten
 

intrapersonelles

interpersonelles

«Du bist im Augenblick der wichtigste Gesprächspartner für mich.»

Verhalten

«Du bist im Augenblick der wichtigste Gesprächspartner für mich.» Verhalten Verhalten
«Du bist im Augenblick der wichtigste Gesprächspartner für mich.» Verhalten Verhalten

Verhalten

«Du bist im Augenblick der wichtigste Gesprächspartner für mich.» Verhalten Verhalten

volle

keine

vorsichtige

paraphrasieren

verbalisieren

Aufmerksamkeit

Ergänzungen

Interpretation

typische Fehler:

Dirigieren, Debattieren, Dogmatisieren etc.

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22

Proband wird zu oft unterbrochen Thema vorzeitig abgebrochen zu frühe Hypothesenprüfung (d. h. nur noch Fragen stellen, die Hypothese stützen) eigene Unsicherheit ausstrahlen

Schwierige Situationen:

langes Schweigen des Patienten Weinen des Patienten Reaktionen auf private Fragen des Patienten

Gütekriterien der Exploration:

Reliabilität der Auskünfte: globale zuverlässiger als Einzelaussagen Auskünfte über Gegenwart zuverlässiger als über Vergangenheit qualitative Angaben zuverlässiger als quantitative Validität: hängt von Schulung des Interviewers ab bei verschiedenen Vergleichsstudien teilweise gering, liegt aber daran, dass zwischen verschiedenen Interviewarten nicht genügend differenziert wird

EYSENCK

ALLPORT u. a.

Exploration vollkommen unzuverlässig

Exploration via regia der Psychologie

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23

3. Die

Verflechtung

der

PD

mit

den

anderen

Grundlagen-

Anwendungsdisziplinen der Psychologie

und

[ist durch Erkrankung Guthkes verlorengegangen, wird aber unter III.2 nachgeholt]

6. und 13. Januar 2000

4. Datenquellen, Datenarten und Datengewinnungsmethoden

Kritik an Methoden der «natürlichen Menschenkenntnis» Was wir zur Verfügung haben: Verhalten des Menschen daraus, und nur daraus, kann auf Psychisches geschlossen werden dabei viele Fehlerquellen:

Verhalten uneindeutig mit Psychischem verbunden (z. B. Fleiß eines Schülers kann unterschiedliche Ursachen haben, etwa Interesse am Fach oder für den Lehrer, aber auch aus Leistungsdruck) ebenso umgekehrt: ganz unterschiedliches Verhalten kann gleiche Ursache haben (z. B. ein Schüler reagiert aggressiv, ein anderer ängstlich beide sind intellektuell überfordert [nach EYSENCK sind dies die beiden Typen für Entstehung von Neurosen, also Extra- vs. Introversion])

Faustregel in Diagnostik:

Ein Test ist kein Test!

Versuche nie, auf Grund nur eines Verhaltensausschnittes Aussagen zu treffen. multimethodale, multimodale Diagnostik (z. B. auch physiologische Messungen)

Datentaxonomie in der Psychodiagnostik

Datenquellen:

a) Die zu untersuchende Person oder Gruppe (Diagnostikand)

b) Auskunfts- und Gewährspersonen (Eltern, Mitschüler etc.)

c) Dokumente (Schulhefte, Hobby-Produkte, Tagebücher)

d) Schriftliche Beurteilungen bzw. Berichte

{vgl. GBS S. 36-49, JÄGER/PETERMANN, S. 345-350}

Alternative Einteilung:

a) Erlebensdaten (Selbstbericht)

b) Verhaltensdaten (Beobachtung)

c) physiologische Daten

d) Fähigkeitsdaten

{SEIDENSTÜCKER et al.}

Datenarten:

(a bis c nach CATTELL)

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a) Life-Daten (L) biografische Merkmale, die frei berichtet werden, vom Diagnostikanden selbst oder von Auskunftspersonen kann über Fragebögen geschehen («biografische Fragebögen») Bsp.: Frage an Pilotenanwärter, ob sie früher Flugzeuge gebastelt hätten (hat sich als sehr zuverlässig erwiesen) «Ich bin impulsiv.» L

b) Questionaire-Daten (Q) Ergebnisse von schriftlichen Befragungen, z. B. über Interessen, Verhaltensweisen, Einstellungen (Persönlichkeits- und Interessentests etc.) hohe Werte in Impulsivitätsfragebogen Q

c) Objektive Testdaten (T) Ergebnisse von Leistungs- und Intelligenztests, objektiven Persönlichkeitstests etc. viele Fehler in Konzentrationstest, Folgerung: Impulsivität T

d) Nicht-reaktive Daten (NR) Ergänzung CATTELLs von WEBB und CAMPBELL Dokumente (s. o., Punkt c) entscheidendes Kriterium: müssen bereits vor der Diagnostik vorgelegen haben viele Flüchtigkeitsfehler in Klassenarbeit, Folgerung: Impulsivität NR

Datengewinnungsmethoden:

a) unter allgemein methodischem Aspekt Fremdbeobachtung / Selbstbeobachtung / Experiment (Test) Erhoben werden Urteile und Leistungen (aber nicht bei Deutungstests wie RORSCHACH: hier weder Urteile noch Leistungen)

b) unter dem Aspekt des praktisch-diagnostischen Prozesses Erhebung der Vorgeschichte (Anamnese), v. a. L-Daten Diagnostisches Gespräch (Exploration) Untersuchung (Tests, Verhaltensbeobachtungen etc.)

5. Exploration, Verhaltensbeobachtung und Ausdrucksanalyse

[Exploration: hat nach Guthkes Auffassung Herzberg vollständig abgedeckt (s. o.)]

Verhaltensbeobachtung

Definition:

Verhaltensbeobachtung ist die auf das Verhalten einer oder mehrerer Menschen gerichtete, methodisch kontrollierte Wahrnehmung mit der Absicht, dadurch etwas über die Persönlichkeit der beobachteten Person bzw. über die sozialen Beziehungen innerhalb einer Personengruppe Charakteristisches zu erfahren.

Formen:

a) Selbst- vs. Fremdbeobachtung Probleme bei Selbstbeobachtung:

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Beurteilungssubjekt = -objekt mit Beobachtung verändert man auch sein Verhalten (z. B. Tausendfüßler, der versucht zu beobachten, wie er mit seinen tausend Beinen laufen kann kann danach gar nicht mehr laufen) WUNDT: Selbstbeobachtung = via regia bestimmte Dinge kann man nur über Selbstbeobachtung herausfinden «subjektive Wahrheit» so, wie Pt. sich sieht, ist seine Wahrheit Probleme bei Fremdbeobachtung:

Beobachtungsfehler (vgl. FAßNACHT, G.: Systematische Verhaltensbeobachtung, Ernst Reinhardt-Verlag München, 1995):

Fehler, die auf das Objekt zurückzuführen sind (z. B. Vp-Effekt: Vpn. ändern durch Beobachtung ihr Verhalten) Fehler, die vom Untersucher stammen Stichprobenfehler

b) Gelegenheits- vs. systematische Beobachtung

Bsp. Gelgenheitsbeobachtung: Psychologe in Klinik sieht, dass Patient nach Therapie

keinerlei Kontakte zu Mitptn. zeigt

c) Dauer- vs. Kurzzeitbeobachtung

Kurzzeitbeobachtungen

können

effektiver

sein:

lieber

sechs

mal

zehn

Minuten

in

verschiedenen Situationen beobachten als einmal eine Stunde in einer Sit.

d) Teilnehmende vs. nicht teilnehmende Beobachtung

teilnehmend: in natürlichem Lebensumfeld, z. B. Psychologe wohnt in beobachteter Familie mit in USA schon in 20-er Jahren: Psychologen in Street-Gangs eingeschleußt H. LEGEWIE in Berlin: zieht in Forschungsfreisemester in sozial niedriges Viertel

veröffentlicht darüber Buch

e) Begleitendes vs. selbständiges Verfahren

in Protokollen unbedingt Verhalten des Pt. beim Test festhalten!

z. B.: Übereinstimmung verbal – nonverbal? oder: Körpersprache in Ehe-Diagnostik

Beispiele für direkte Beobachtungsverfahren:

a) Sozialverhalten: Erfassung verbaler Interaktion in einer Gruppe nach BALES (s. u.)

b) Lehrerverhalten: System nach FLANDERS

c) Psychomotorisches Verhalten nach BARKEY: für hyperaktive Kinder

d) Aufmerksamkeitsverhalten (HELMKE & RENKE) 1 : Kategoriensystem zur Beobachtung des Aufmerksamkeitsverhaltens von Kindern im Unterricht

e) Psychische Auffälligkeiten: Direct Observation-Form der Child Behavior Checklist (BLIESNER & LÖSEL) wird Kategorien werden Beobachtern, Lehrern, Eltern und Kindern selbst vorgelegt, danach auf Übereinstimmungen und Unterschiede untersucht Untersuchung zur Übereinstimmung der Einschätzungen von Kindern und Eltern von KLIEME (1998): viele Gemeinsamkeiten, aber Unterschiede im Punkt «Psychische Probleme» werden von Kindern mehr eingeschätzt

1 HELMKE & RENKE: Münchner Aufmerksamkeitsinventar, Diagnostica 2, 1992, S. 120 – 142

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26

Beispiele für Rating- bzw. Schätzskalen:

(werden nicht «on-line», sondern am Schreibtisch ausgefüllt)

a) Kategoriensystem zum gesamten Schülerverhalten im Unterricht (KREPPER & WINTHER)

b) Kinderbeobachtungsbogen nach ETTRICH

c) Encephalopathie-Fragebogen nach MEYER-PROBST: Ziel Kinder mit minimalen

Hirnschädigungen zu identifizieren; Rostocker Klinik unter MEYER-PROBST war der Meinung, 10% aller Kinder wären betroffen.

Teilskalen des EF z. B.:

Soziale Anpassung (11 Items): Unfug anstellen, Reizbarkeit, Trotz Emotionale Labilität (4 Items): Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, Hypersensibilität Intelligenz (7 Items):

Literatur zu Psychopathie-Fragebögen:

generell zu Beobachtungsverfahren: MANNIS et al. (1987): Beobachtungsverfahren in

PLIESENER & LÖSEL (Diagnostica 1993)

der Leistungsdiagnostik.

Verhaltensbeobachtung und Verhaltenstherapie:

besondere Bedeutung der Verhaltensbeobachtung: in Verhaltenstherapie Verhaltensdiagnostik ist Grundlage derselben vgl. SCHULTE: Diagnostik in Verhaltenstherapie Verhaltenstherapeuten kritisieren herkömmliche Diagnostik SORK-Schema:

Situation (z. B.: Wann tritt Erbrechen des Kindes auf? immer vor der Schule) Organismus (z. B. Disposition in der Familie) Reaktion (wie stark, wie schwach etc.) Konsequenzen (z. B.: Wie reagiert die Umgebung?)

Die BALES-Analyse:

z. B. bei Kindern: Kindergruppe bekommt Aufgabe, z. B. gemeinsam einen Turm zu bauen wird (heutzutage) per Video aufgezeichnet jedes Kind kann einzeln beobachtet werden Kategorien:

A: Sozialemotionaler Bereich: positive Reaktionen B: Aufgabenbereich: Versuche der Beantwortung bzw. Lösung C: Aufgabenbereich: Fragen stellen D: Sozialemotionaler Bereich: negative Reaktionen

ähnliches Verfahren: «Familienrorschach» nach WILLI

Familie

muss

gemeinsam

Mitglieder wird beobachtet

Rorschach-Bilder

deuten,

Verhalten

der

einzelnen

Verhaltensbeobachtung: Heute große Bedeutung in Assessment Centers.

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einige Literaturempfehlungen:

Ausdrucksanalyse

LERSCH, P.: Gesicht und Seele. München, 1966 KIEZ, G.: Der Ausdrucksgehalt des menschlichen Ganges. Leipzig, 1956 ARNOLD, W.: Ausdrucksdiagnostische Verfahrensweisen. In: ARNOLD, W.:

Diagnostisches Praktikum. Stuttgart, 1972. KIRCHHOFF, R. (Hrsg.): Ausdruckspsychologie. Handbuch der Psychologie. Band 5. Göttingen, 1972. EKMAN, P.: Gesichtsausdruck und Gefühl. Paderborn, 1988. FAST, J.: Körpersprache. Hamburg, 1972. DARWIN, C.: Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen beim Menschen und bei den Thieren. Stuttgart, 1872. BÄNNINGER-HUBER, E. & SALISCH, M.: Die Untersuchung des mimischen Affektausdrucks in face to face Interaktion. Psychologische Rundschau, 2, 1994, 79 – 99 RUDERT, J.: Vom Ausdruck der Sprechstimme. In: Handbuch der Psychologie. 5. 1965 und 1972, 422 – 464. MOLCHO, S.: etliche Titel

Bedeutung des Ausdrucks:

erster Eindruck von Menschen: Deutung seines Ausdrucks (Alltagsphänomen) natürliche Menschenkenntnis basiert vor allem auf Analyse der nonverbalen Kommunikation Formen des Ausdrucks:

Mimik Gestik (insbesondere Hände) Pantomimik (Ausdruck des gesamten Körpers) Phonognomik (Stimme, Sprache) Physiognomik (habituelle Gesichtszüge) Graphologie

Ausdrucksmerkmale

situativer / aktueller Zustand (nonverbale Kommunikation) habituelle Merkmale (Deutung hier problematisch)
situativer / aktueller Zustand (nonverbale Kommunikation) habituelle Merkmale (Deutung hier problematisch)

situativer / aktueller Zustand (nonverbale Kommunikation)

situativer / aktueller Zustand (nonverbale Kommunikation)
situativer / aktueller Zustand (nonverbale Kommunikation) habituelle Merkmale (Deutung hier problematisch)
situativer / aktueller Zustand (nonverbale Kommunikation) habituelle Merkmale (Deutung hier problematisch)

habituelle Merkmale (Deutung hier problematisch)

habituelle Merkmale (Deutung hier problematisch)

am unkompliziertesten: Deutung des Ausdrucks von Kleinkindern

Wie kommt es dazu, dass wir Ausdruck überhaupt verstehen können? nicht geklärt «Nachahmungstheorie» man nimmt Ausdruck des Anderen an und fühlt dasselbe (vgl. auch Facial-Feedback-Theory) vielleicht gibt es «begabte Ausdrucksdiagnostiker» «Augendiagnostik» Diagnose von Krankheiten durch Blick in die Augen des Patienten; bei geübten Ärtzten möglich umstrittene Theorie: braunäugige Menschen mehr extra-, blauäugige mehr introvertiert

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28

LOMBROSO:

B.

zusammenstehende Augenbrauen, angewachsene Ohrläppchen) brachte

Ausdruckspsychologie in Verruf

«Verbrecherzeichen»

in

Physiognomie

des

Menschen

(z.

Geschichte der Ausdruckspsychologie:

Antike: Menschen haben den Charakter der Tiere, denen sie ähnlich sehen («Löwenkopf», «Adlerkopf») Anmutungsqualitäten; lassen sich auch bei heutigen Studenten nachweisen Experiment: Man legt Studenten 3 Köpfe vor: Adler, Kopf des röm. Diktators GALBA, Kopf eines «Verbrechers» von LOMBROSO ähnliches Polaritätsprofil bei Einschätzung 18. Jahrhundert: Blüte der Ausdruckspsychologie (z. B. LAVATER) LAVATER: «Physiognomische Übungen» GALL: Phrenologie 20-er und 30-er Jahre des 20. Jahrhunderts: Blüte in Deutschland Philipp LERSCH, J. RUDERT Einfluss auf Wehrmachtspsychologie, wenig Tests, viel Beobachtung heute: Assessment Centers 60-er Jahre: weg vom Ausdruck hin zum Test 70-er / 80-er Jahre: wieder verstärktes Interesse (Paul EKMAN) naturwissenschaftliche Herangehensweise

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zu Paul EKMAN:

untersuchte Formen des Blickes:

20. Januar 2000

a) ruhiger und bestimmter Blick Konzentration, Bedürfnis nach Kontakt und Nähe

b) ruhiger, unbestimmter Blick in die Leere Ziellosigkeit, Müdigkeit, Unentschlossenheit

c) lebhafter Blick Betriebsamkeit, Lebendigkeit, Aktivität, Handlungsorientierung

d) unruhiger Blick Unkonzentriertheit (als Krankheitsbild eretisch)

e) «verhangenes Auge» Desinteresse, aber auch Herablassung (als Krankheitsbild torpide)

Ausdruck – angeboren oder erlernt?

Wut und Unterwürfigkeit bei Affen genauso wie bei Menschen gezeigt viele Abläufe interkulturell, aber vieles anderes auch erlernt Mentalitätsunterschiede auch zwischen Völkern kulturelle Überformung des Ausdrucks

Kritik der Ausdruckspsychologie

a) Es gibt unterschiedliche «Darstellungsqualitäten» bei Menschen nicht jeder kann Ausdruck gleich gut zeigen oder verstellen bzw. vorspielen Menschen mit hoher Selbstaufmerksamkeit (SNYDER) können sich gut im Ausdruck darstellen

b) Möglichkeit der direkten Täuschung: Es gibt Methoden, Ausdruck vorzutäuschen (oft negative Emotionen kaschiert) ist nicht immer erkennbar (manchmal aber gut) unechtes Lachen: Asymmetrie des Gesichts etc. Anleitungen zu «impressment»

c) Ausdruck ist sehr individuell generelle Aussagen in Büchern oft unbrauchbar

d) Ausdruck ist immer kontext- bzw. situationsabhängig

e) Ausdruck dient nicht nur dazu, intraorganismische Zustände zu zeigen, sondern auch zur Steuerung des Anderen HOLODYNSKI: Untersuchung bei Kindern «Interiorisierung» des Ausdrucks (wird nach Innen verlagert), d. h., je älter die Kinder, desto mehr dient Ausdruck der Steuerung Anderer

f) «double bind»-Phänomen (Begriff aus Psychiatrie): Kind wird für gleiche Aktionen unterschiedlich behandelt Bsp.: Man sagt mit lächelndem Gesicht jemandem eine Gemeinheit. kann auch im Ausdruck selbst auftreten, z. B. unechtes Lächeln

Exkurs: Graphologie

in der Schrift: «gefrorener Ausdruck» Literatur:

Vorlesung Psychodiagnostik - Mitschrift von Tobias

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PLOOG, H. (1998): Handschriften deuten. (populärwissenschaftlich) SEIPT, A. (1994): Schriftpsychologie GOETHE (1820): verteidigt Ansicht, Handschrift gebe Auskunft über Charakter Schriftpsychologie Graphologie Graphometrie

Schriftpsychologie:

Schrift eines Menschen soll Schreiber zugeordnet werden (Gericht, z. B. Testamentsanforderungen) Veränderungen der Schrift durch Alkohol etc. (HAASE-Test: Dosierung von Neuroleptika) in Verkehrspsychologie: Schrift unter Alkohol verglichen mit «Normalschrift»

Graphometrie:

will exakt messen, z. B. computergestützte Auswertung der Schrift Anwendung der Testtheorie auf die Graphologie

Graphologie:

Aussagen über Charakter und Intelligenz eines Menschen nicht experimentell, ganzheitlich, ohne Messung nicht bewiesen, aber auch nicht beweisbar

Entwicklung:

Begriff geprägt von MICHON in Frankreich in Deutschland Ludwig KLAGES (1872 – 1956) Begründer 1916: Handschrift und Charakter alle Einzelmerkmale sind doppeldeutig erst Schrift in Gesamtheit betrachten in Frankreich und Schweiz sehr populär, aber auch dort in Schulpsychologie verrufen in Schweiz v. a. C. G JUNG; Lehrbuch von PULVER in Deutschland:

POPHAL: Hirnphysiologe, wollte physiologische Grundlagen der Schrift herausfinden (heute veraltet) R. HEIß (1903 – 74): Schrift ist Bewegung in Raum und Zeit Analysieren von Geschwindigkeit, Raumausnutzung, Formgestaltung (bewegungsbetont: Unbewusstes, Spontaneität), Schrift muss über Lebenslauf hinweg verglichen werden weitere Graphologen: S. RUDERT in Leipzig, SCHMIDT-LOSSOW, PFANNE schließlich von allen Instituten verbannt als unwissenschaftlich (in USA gab es nie Graphologie)

Allgemeines:

Schrift trägt erst individuelle Züge nach Pubertät; aber vielleicht auch Gehirnschädigungen bei Kindern diagnostizierbar Schrift als Intelligenzindikator? Graphologe SCHNEEVOIGT (1968): nur bei sehr heterogenen Stichproben (z. B. Hilfsschüler vs. Studenten) signifikante Unterschiede, aber nicht innerhalb von einer dieser Stichproben vielleicht Indikator: Wegfall von Schlussstrichen, Originalität (umstritten)

Kritik an Graphologie:

a) Deutungskunst, keine empirische Beweisführung

b) keine Gütekriterien (im Gegensatz zu Graphometrie, wo die Reliabilität von Schriftmerkmalen höher als die von Tests ist (!))

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KRÜGER-ZIETZ-Phänomen: wenn man Gutachten nur schwammig genug formuliert, erkennt darin jeder sich selbst BARNUM-Effekt: Graphologen erstellen 12 Gutachten zu 12 Studenten, Studenten sollen ihres heraussuchen Ergebnis: Zufall (!) veraltete Persönlichkeitstheorien

27. Januar 2000

Was spricht für Graphologie? Schrift spricht uns unmittelbar an, hat Ausdruckscharakter, der auch Laien zugänglich ist Man hat Laien Schriften vorgelegt, deren Urteile mit denen von Graphologen verglichen hohe Korrelationen Klinische Psychologen und Graphologen sollten auf Grund von Schrift Berufserfolg

vorhersagen Korrelation bei beiden

ca.

.20 (teilweise überzufällig gut)

(Validität aber oft überschätzt: in Personalauswahl hat man «vorselektierte» Stichproben) hohe Ökonomie, hohe Verfügbarkeit des «Datenmaterials» historische Schriftanalyse oft einzige direkte Quellen bei Beurteilung nicht mehr lebender Persönlichkeiten Nichtverfälschbarkeit (Fragebögen kann man fälschen, Schriften nicht: Graphologen erkennen «verfälschte» Schrift)

Psychologie sollte sich mehr mit Graphologie beschäftigen

Methodische Mängel der Vergleiche zwischen «Psychometrie» (Tests) und Graphologie:

unterschiedliches Konstruktverständnis (Introversion Introversion) Gegenüberstellung isolierter Schriftmerkmale (Graphologie) mit komplexen Persönlichkeitsskalen (Rechtsneigung der Schrift als Indikator der Extraversion) mangelnder Einbezug der Graphologen mit ihrer mehr «ganzheitlichen» Sichtweise (graphologische Introversionsurteile basieren auf Zusammenspiel von 13 Schriftmerkmalen) Ungenügende Berücksichtigung der Verfälschungstendenzen in Fragebögen (siehe z. B. soziale Erwünschtheit) Beispiel: 1997 in Holland: mit Intro- und Extraversionstests 6 Extrempersonen selektiert, dann Schriftproben dieser Personen 10 Graphologen gegeben (60 Urteile) 58 richtige Urteile (!)

zur Leipziger Studie (mit uns als Versuchspersonen):

Hell-Dunkel-Versuch: Veränderung nur bei Extraversion Gewissenhaftigkeit: Korr. Graphologen und Tests bei .28, sonst Nullkorrelationen! ABER: objektive und subjektive Tests der Psychologie hatten auch Nullkorrelationen! Korrelationen mit sozialer Erwünschtheit (SE):

hohe SE: Graphologenurteil schlecht niedrige SE: Graphologenurteil gut

Graphologie zu Unrecht vernachlässigt, sollte aber nie isoliert angwandt werden (ein Test

ist kein Test

).

6. Der psychologische Test

Literatur:

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Leon KAMIN: Der IQ in Wissenschaft und Politik Verriss des Testens: S. GRUBITZSCH Gegenposition: INGENKAMP: Testkritik ohne Alternative, in JÄGER, INGENKAMP und STARK (1981), S. 146 – 171

Zur Geschichte des Testverfahrens: Fachinterne und gesellschaftliche Wurzeln

Vorgeschichte: siehe Vorlesung Einführung in die Psycholgoie Beamtenauswahl im alten China Bibel: Männer, die Flusswasser wie Tiere schlürften, also ohne die Hände zu gebrauchen tranken, wurden von König für Feldzug ausgewählt Mittelalter: Minnegesang, Hexenproben Eigentliche Geschichte:

Sir Francis GALTON (vgl. Vorlesung Differentielle Psychologie) James McKeen CATTELL BINET Intelligenz RORSCHACH Charakter

MÜNSTERBERG, MOEDE (Kfz-Prüfstand)

1917 army-alpha-test (für Alphabeten), army-beta-test (für Analphabeten) 1917 WOODWORTH: erster Persönlichkeitsfragebogen wissenschaftliche Wurzeln: Entwicklung der Psychologie zu einer Naturwissenschaft WUNDT-Schüler: wandeln allgemeinpsychologisches Experiment zu «Prüfexperiment» (= Test) um GULLIKSEN, THURSTONE: Validität untersucht PEARSON: Maßkorrelation gesellschaftliche Wurzeln:

Tests konnten erst mit Industrialisierung entstehen: von herrschender Klasse mit großem Interesse aufgenommen als Versuch einer «wahren» Einschätzung menschlicher Fähigkeiten (Interesse der Arbeitgeber) Eignungsdiagnostik hat immer dann Blüte, wenn hohe Arbeitslosigkeit Diagnostik aber auch wichtig für Arbeitnehmer, damit keine Über- oder Unterforderung am Arbeitsplatz Gefahr: Etikettierung des Menschen Soziale Psychiatrie (DÖRNER) Kritik von KAMIN (s. o.): Immigrationspolitik in USA auf Grund von Intelligenztests Gesellschaft für Eugenik: wollte Immigration steuern (nur «gute Gene») Tests

army-alpha-test: «nordische Rassen» am besten Folgerung der Eugeniker: angeborene intellektuelle Überlegenheit

1. Februar 2000

YERKES: rassistische Ableitungen aus army-alpha- und beta-test schließlich JENSEN: Unterschiede Weiße-Schwarze 15 IQ-Punkte Forderung von eigenen Schulen für Schwarze Schwere Bedrohungen Vorlesungen mit Polizeischutz MURRAY & HERRNSTEIN: The Bell Curve These 1: Die Intelligenz verteilt sich normal These 2: Die Intelligenz korreliert mit sozialer Schicht. These 3: Die Intelligenz ist genetisch bedingt. Sozialprogramme bremsen. Bildungsprogramme bremsen.

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Unterstützung für alleinstehende schwarze Mütter bremsen. Unterschichtsangehörige sterilisieren. Kritik: Mit Intelligenztests nur Intelligenz C gemessen, nicht A und B Wiederholung:

A: allgemeines intellektuelles Potenzial (stark anlagedeterminiert) B: aktuelle Intelligenz als Produkt von Genotyp und Umwelt C: Testperformance echter Vergleich der genetischen Anlage wäre nur bei gleichen kulturellen Bedingungen möglich

Begriffsklärung Test

kam über Psychologie in die Alltagssprache 2 Arten:

statistische Testverfahren psychologische Tests

Begriffsprägung durch MCKEEN CATTELL: testimonium (lat.) = Beweis, Stichprobe, Zeugnis, Prüfung 2 Komponenten charakterisieren psychologischen Testbegriff:

a) Provozieren einer Verhaltensstichprobe

b) Registrierung und Auswertung des Registrierten

beide Komponenten müssen standardisiert werden: genaue Bedingungen, wie man ein

Verhalten auslöst, und genaue Bedingungen zur Registrierung und Auswertung Wiederholbarkeit, Vergleichbarkeit, Objektivität; außerdem: Normierung (= Vergleichsmaßstab, mit dem das Registrierte verglichen werden kann)

Ist ein Test ein Experiment? SPRUNG: Nein quasiexperimentell GUTHKE: Doch erfüllt alle wichtigen Bedingungen für ein Experiment UV: Raum, Zeit, Aufgabe, Instruktion AV: Vpn. Vgr.: ein Testant Notwendigkeit der Standardisierung wichtiger als in

Allgemeiner Psychologie Kgr.: Normstichprobe SPRUNG: Test sind keine Experimente, weil bereits Vorliegendes (z. B. Intelligenz) registriert wird, wobei Experimente das Beobachtete verändern Gegenmeinung:

a) Lerntets verändern das Wissen

b) es wird etwas Neues provoziert, nicht etwas Omnipräsentes (hier: sowieso schon Vorhandenes)

Def. nach G. A. LIENERT:

Ein Test ist ein wissenschaftliches Routineverfahren zur Untersuchung eines oder meherer empirisch abgrenzbarer Persönlichkeitsmerkmale mit dem Ziel einer möglichst quantitativen Aussage über den relativen Grad der individuellen Merkmalsausprägung.

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Def. nach GUTHKE:

Ein psychologischer Test ist ein wissenschaftlich entwickeltes und überprüftes Routineverfahren, bei dem in standardisierten Situationen Verhalten – provoziert durch definierte Anforderungen – registriert bzw. Verhaltensmerkmale von Personen bzw. Personengruppen erfasst werden, die als Indikatoren für bestimmte Eigenschaften, Zustände oder Beziehungen dienen sollen. Tests ermöglichen Klassifikationen, die an einer Gruppe vergleichbarer Personen gewonnen wurden bzw. die durch Annäherung an ein Kriterium oder einen Idealwert bestimmt werden.

Für und Wider von Testverfahren

+
+

hoher Grad an methodischer Gütesicherung / Ökonomie, Validität, Reliabilität zeitökonomischer als andere Verfahren (am besten: Multiple Choice, Computertests, Fragebögen) Erhalt von quantitativen Werten, mit denen man rechnen kann (Mittelwerte, Korrelationen, Faktoranalysen, Rasch-Skalierung, Ausprägungsgrade von Eigenschaften z. B. in Depressionsskalen) höhere intersubjektive Vergleichbarkeit durch einen Vergleichsrahmen

–

missbräuchliche, Systemfehler vertuschende Interpretation von Messergebnissen (z. B.

JENSEN)

Verbot von Testverfahren sowohl in Amerika (Californien) als auch UdSSR (STALIN) mangelnde theoretische Fundierung vieler Testverfahren (sind oft von Praktikern erstellt) Notwendigkeit, bei Fragebogenkonstruktion auf Grundlagenwissen zurückzugreifen Testverfahren sind statisch, messen nur Ist-Zustand Lerntests, Veränderungsmessung funktionalistisches statt ganzheitliches Denken (Mensch ist mehr als die Summe seiner Teile) Tests dürfen nicht von Laien durchgeführt werden, Gesamtpersönlichkeit als Hintergrund einbeziehen Kritik am «Vermessungswahn» vieler Testologen platte Addition von Testwerten unterschiedlicher Kategorien Testdiagnostik ist nicht mit der Würde des Menschen vereinbar (ethische Problematik)

Forderungen an die Testkonstruktion und Testen

bessere Einbeziehung der Grundlagendisziplinen in die Testkonstruktion stärkere methodische und gesellschaftskritische Reflexion über die Funktion der Tests in der Gesellschaft Testanwendung immer im Sinne des Betroffenen (ist oft schwer) Tests müssen den gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen entsprechen, unter denen sie angewandt werden

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Tests ein diagnostisches Instrument unter vielen anderen (ca. ¼ der Tätigkeit der praktischen Psychologen)

werden (Tests benötigen als

Tests

müssen

sachgemäß

angewandt

und

ausgewertet

Anwender Skeptiker, nicht gläubige Laien!)

7. Der psychodiagnostische Prozess und das diagnostische Urteil

[scheint er ausgelassen zu haben

]

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Teil II

3. April 2000

II. Einführung in die Leistungsdiagnostik

1. Aufgaben und Möglichkeiten der Leistungsdiagnostik

a) Aufgaben

Eine optimale Leistungsdiagnostik würde Volkswirtschaft Milliarden sparen 2 Arten von Leistungsdiagnostik: Individual- vs. Gruppendiagnostik

Individualdiagnostik

Gruppendiagnostik

bezogen auf das Individuum dieses soll Tätigkeiten ausüben, welche es

gesamte Gruppen z. B. gesamte Schulklassen, ganze Schulsysteme verschiedener Länder (auch international)

weder über- noch unterfordert negative Varianten der Leistungsfähigkeit:

Sonderschulbedürftigkeit, LRS, Akalkulie etc. (Erwachsenenalter: Hirnorganische Störungen, Leistungsneurosen, Alzheimer, ) positive Varianten: Gymnasialempfehlung / Hochschulreife / Studienauswahl, Hochbegabtenauswahl

 

Tauglichkeits-

und

Berufseignungsuntersuchungen (Tauglichkeit: wenn man Beruf bereits ausübt – regelmäßig erforderlich z. B. bei Piloten; Eignung: Berufsberatung, Personalauslese im Betrieb, TÜV etc.)

Lit.:

Hogrefe.

WOTTAWA

und

HOSSIEP

b) Möglichkeiten

(1997):

Anwendungsfelder

psychologischer

Diagnostik.

Verhaltensbeobachtung (z. B. Jugendliche, die in Arbeitssituationen beobachtet werden) HOLZ: Heidelberger Kompetenzinventar für geistig behinderte Jugendliche C. F. SCHMIDT (Dresden): Tätigkeitsanalyse (TAL) für geistig Behinderte HACKER, RICHTER und IWANOWA: Tätigkeitsbewertungssystem für geistige und körperliche Arbeit (für Gesunde) ADL-Listen («Activities of Daily Living»), z. B. Einkaufen gehen, Toilettengang etc. Dokumentenanalyse (z. B. Schulhefte bei Kindern, Hobbyprodukte, Basteleien etc.) Tests (s. u.)

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2. Leistungsdiagnostische Tests im Überblick und Vergleich

[handelt er in den anderen Punkten mit ab

]

3. Intelligenztests

a) Tests zur Erfassung einer Allgemeinen Intelligenz

Def. Intelligenzdaten (aus VL Differentielle Psychologie):

Als Intelligenzdaten werden Informationen bezeichnet, die aus der Analyse der Lebens-, speziell aus der Bildungs- und Lerngeschichte eines Individuums, der aktuellen Schul-, Studien- und Berufsleistungen, aus der Beobachtung bei der Bewältigung von kognitiven Problemstellungen, aus der psychologieschen Exploration und aus Intelligenztests gewonnen werden und Hinweise auf die Höhe (das Niveau) sowie auf die qualitativen Besonderheiten (das Intelligenzprofil bzw. die Intelligenzstruktur) eines Individuums geben.

Wiederholung aus VL Differentielle Psychologie:

Intelligenzanlage = Intelligenz A

bei der Geburt vorhandene, aber heute noch nicht exakt diagnostizierbare Erb- bzw. Anlagebesonderheiten (anatomisch-phsysiologische Besonderheiten; individuell verschieden) Intelligenzstatus = Intelligenz B

zum Untersuchungszeitpunkt vorhandene Ausprägung der Intelligenz

Prdukt von Anlage und Umwelt

feststellbar durch Intelligenzstatustests; Ergebnis = Ausschnitt aus diesem Status = Intelligenz C Intelligenzpotenz = Intelligenz C

zum Untersuchungszeitpunkt noch feststellbare Fähigkeit zur Leistungssteigerung unter „leistunsgoptimierenden Untersuchungsbedingungen“ (Feedback, Denkhilfen, Training, Motivierung etc.)

wichtigster Bestandteil der intellektuellen Lernfähigkeit

kurz: Fähigkeit, Leistung zu verbessern

v. a. wichtig bei Kindern in schlechtem Milieu

wichtig, weil Intelligenztests v. a. dazu benutzt werden, um zukünftige Leistungen vorauszusagen

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SPEARMAN: 2-Faktoren-Theorie der Intelligenz

g-factor Test3 Test1 S 3 S 1 Test2 S2
g-factor
Test3
Test1
S 3
S 1
Test2
S2

Intelligenz (heute partiell vergleichbar mit mental speed) s i : special factors, spezifische Faktoren für jeden Test s i haben unterschiedlichen Anteil an g (z. B. Raven-Test: großer Anteil)

general factor („geistige Energie“) allgemeine

Was spricht für den g-factor?

gute Schüler überall gute Noten

bei geistiger Behinderung jede intellektuelle Fähigkeit gestört; sehr selten hohe mechanische Merkfähigkeit bzw. motorische Fähigkeiten (Intelligenz)

Vielseitigkeit von Genies (viele Universalgenies,