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:antifaschistische Nr.

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nachrichten g 3336 8.5.2008 24. jahrg./issn 0945-3946 1,30 ¤
www.antifaschistische-nachrichten.de

Hamburg. Mit 10.000 Teilneh- Unerträglich auch die Richterschelte des


merinnen und Teilnehmern ist ,Noch-Innensenators‘ Nagel.mon2 TDhte-
der Protest gegen den Nazi-
aufmarsch in Hamburg-Barmbek zur
größten antifaschistischen Veranstal-
tung seit über einem Jahrzehnt in
Hamburg geworden. „Mit so vielen
Leuten haben wir nicht gerechnet“,
meint der Sprecher des Hamburger
Bündnisses gegen Rechts, Wolfram
Siede.

In nahezu jedem Geschäft auf der Fuhls-


büttler Straße hängen die Plakate der Ini-
tiative „Barmbek sagt Nein zu Neona-
zis“, unterzeichnet von 43 Sozialkultu-
rellen Einrichtungen und Geschäften aus
dem Stadtteil. „Besonders gefreut hat
mich, dass sich so viele Menschen aus
Barmbek den Protesten angeschlossen
haben, meint Rainer Hanno, Pastor an
der Auferstehungskirche. Dort, und in
weiteren acht Kirchen läuteten Punkt
14.00 Uhr die Glocken als Zeichen des
gemeinsamen Protestes. Barmbek war in
Volksfeststimmung und den gesamten
Tag über auf den Beinen. So war es über
Stunden der Polizei nicht möglich, die
Nazis vom S-Bahnhof Alte Wöhr gegen
den Protest vieler tausender Demons-
tranten loslaufen zu lassen.
Am Schluss verließ die Hamburger In-
nenbehörde dann „die Sprache der Ver-
nunft und man griff zur altbekannten
Sprache der Gewalt“, so Wolfram Siede.
: meldungen, aktionen
des NPD-Organs „Deutsche Stimme“,
ruft im revanchistischen Wochenblatt
„Der Schlesier“ seine „von der rassisti-
Rassistische Hetze in Viersen Ausländer. Wir sind Bürger dieses Lan- schen Austreibung entrechteten Landsleu-
Viersen. Am Montag, den 21. April, wur- des.“ peb ■ te“ dazu auf, „die historische Stunde der
den am Viersener Marienplatz eine 33- Neuorientierung in einem europäischen
jährige aus dem Kongo stammende Frau Pendls Abberufung Vertriebenenverbund, sprich EUFV“ zu
und ihre sechsjährige Tochter von vier Ju- nutzen und diesem beizutreten. Die „ver-
gendlichen massiv rassistisch beschimpft. rechtens gangenen Verbrechen“, so Jeschioro, hät-
Zudem bewarfen die Tatverdächtigen die Österreich/Wien. Die Abberufung des ten „kein Anrecht auf Relativierung und
Frau und ihr Kind mit Äpfeln. Der Frau, Medizinprofessors Gerhard Pendl als Entschuldigungslügen. hma ■
die in Belgien und Deutschland Modede- Universitätsrat der Wiener Medizin-Uni-
sign studiert hatte, gelang die Flucht in ein versität war rechtens. Dies entschied jetzt 250 AntifaschistInnen
nahe gelegenes Haus, von wo aus die Po- der österreichische Verfassungsgerichts-
lizei informiert wurde. Noch im Beisein hof und lehnte eine Beschwerde des Bur- demonstrieren gegen rechte
der Polizei wurden die Frau und ihre schenschafters ab. Grund für die Abberu- Gewalt und den Wahlkampf
Tochter auf unflätige Art und Weise be- fung Pendls war dessen 2006 gehaltene der NPD
schimpft. Lobrede am Grab des NS-Jagdfliegers
Bei den Jugendlichen, die anscheinend Walter Nowotny. Die „kompromisslose Kiel. Als weitere Reaktion auf die Reihe
zu einem Zirkus gehörten, der gerade sei- Ablehnung des Nationalsozialismus“ sei faschistischer Angriffe auf linke Kieler
ne Zelte abbrach, handelt es sich um zwei „ein grundlegendes Merkmal der 1945 Objekte im Laufe der Woche, demons-
junge Männer im Alter von 22 und 16 Jah- wiedererstandenen Republik“, urteilte das trierten am 20.4.2008 etwa 250 Men-
ren. Während der Jüngere aus Viersen Gericht. Der Generalsekretär der extrem schen. Das Motto der Demo war: „Null
stammt, haben der Ältere und eine 18jäh- rechten FPÖ, Harald Vilimsky, sprach von Toleranz für Nazis. Nicht in Deinem Vier-
rige Mittäterin ihren Wohnsitz in Dort- einem „schwarzen Tag für die österrei- tel. Nicht auf unseren Straßen. Nirgend-
mund. Ein 12-jähriges Mädchen, das die chische Rechtsprechung“ und einer wo! Faschistische Strukturen aufdecken
Älteren fortwährend angestachelt hatte, „Schmierenkomödie ersten Ranges“. und bekämpfen! Den NPD-Wahlkampf
kommt aus Mönchengladbach-Rheydt. hma ■ gemeinsam lahm legen“. Die Demonstra-
Gegen die Tatverdächtigen wurden Er- tion zog lautstark vom Gaardener Vineta-
mittlungen wegen Volksverhetzung einge- Turner ehren Jahn platz in die Kieler Innenstadt zum Asmus-
leitet. Laut einem Eintrag im regionalen Bremer-Platz. Im Zentrum des Protestes
Neonazi-Forum „Nationales Forum Österreich/Wien. Am 31. Mai findet im stand ein von zwei NPD-Kommunalwahl-
Rheinland“ hatte in Viersen noch zwei Spiegelsaal des Wiener Haus des Sports kandidaten und weiteren Neonazis be-
Tage zuvor, am 19. April, eine Mahnwa- eine Festveranstaltung zum 230.Geburts- wohntes Haus in der Preetzer Str. 11 und
che der NPD stattgefunden. Angeblich tag von Friedrich Ludwig Jahn statt. Der der bevorstehende NPD-Wahlkampf in
habe die Verwaltung einen Informations- als „Turnvater“ bezeichnete Jahn nahm Kiel. An der Kreuzung Preetzer Str./
stand der NPD in der Fußgängerzone als Antisemit keine Juden in seine Turn- Schwedendamm wurde während einer
nicht genehmigen wollen. Daraufhin habe vereine auf und erklärte: „Deutschlands Zwischenkundgebung in einem Redebei-
die NPD eine Mahnwache angemeldet, Unglück sind die Polen, Franzosen, Pfaf- trag auf die Bedeutung des Hauses hinge-
die dann kurzfristig genehmigt wurde. fen, Junker und Juden“. Aber um Jahns wiesen.
Diese sei dann vor dem Rathaus und in Antisemitismus und Nationalismus geht Das Haus in der Preetzer Str., in dem
der Fußgängerzone „erfolgreich durchge- es auf dieser Veranstaltung nicht. Nach ei- zwei Kandidaten der neofaschistischen
führt“ worden, wobei „mehrere hundert ner Begrüßung durch den Obmann des NPD zur bevorstehenden Kommunalwahl
Flugblätter verteilt“ worden sein sollen. „Österreichischen Turnerbundes“ (ÖTB) in Kiel, Thomas Krüger und Nils Hollm
Der im Viersener Stadtteil Dülken leben- Wien, Helmut Fuchs, eröffnet der Bun- wohnen, war bereits in der Vergangenheit
de Gunter Kretzschmann, der als Selb- desdietwart des ÖTB, Dr. Wolfgang u.a. durch herausschallende Nazimusik
ständiger im Feinmechanik-Bereich tätig Viernstein, die Veranstaltung. Es folgen und in den Fenstern hängende SS-Fahnen
ist, wurde kürzlich erneut in den Kreis- verschiedene Referate über das Wirken aufgefallen. Am vergangenen Freitag war
vorstand der NPD Mönchengladbach- Jahns. Unter den Referenten finden sich es zu einer minutenlangen Straßen-
Heinsberg wiedergewählt. 2005 hatte er u.a. Prof. Dr. Lothar Höbelt, wiederholt schlacht zwischen TeilnehmerInnen einer
für die NPD zum Landtag kandidiert. Interviewpartner der „Deutschen Natio- antifaschistischen Spontandemo anläss-
peb ■ nalzeitung“ und Dr. Karl Katary, 1. Stell- lich der vorausgegangenen Naziattacken
vertretender Vorsitzender der deutschtü- und im sowie vor dem Haus postierten
Moschee in Wülfrath melnden „Österreichischen Landsmann- Neonazis gekommen, darunter auch die
schaft“. hma ■ beiden NPD-Kandidaten. Daran anknüp-
beschmiert fend feierten im Haus in der Nacht vom
Wülfrath. Die rassistische Kampagne EUFV unter Druck 19. auf den 20. April 30 Neonazis in den
gegen Moscheebauten zeigt ihre Wirkung. Geburtstag Adolf Hitlers hinein. Bewacht
In Wülfrath wurde in der Nacht auf den Wien. Der Generalrat der „Europäischen wurden sie dabei von einem massiven Po-
19. April eine Moschee mit rassistischen Union der Flüchtlinge und Vertriebenen“ lizeiaufgebot. Die Stimmung im Stadtteil
Parolen und Nazi-Symbolen beschmiert. (EUFV) hat sich zu der Kritik geäußert, war dementsprechend angespannt, die
„Unbekannte“ hatten Parolen wie „Sieg dass ihm extrem rechte Gruppen als Mit- Lage blieb aber relativ ruhig. Es kam aber
Heil“ und „Ausländer raus“ sowie ein Ha- glied angehören würden und maßgeblich im gesamten Stadtgebiet vereinzelt wie-
kenkreuz und SS-Runen auf die Außen- an der Erstellung des Statuts mitgewirkt der zu Übergriffen mit rechtem Hinter-
mauern der Moschee geschmiert. Der hätten. Natürlich weist die EUFV all diese grund. Auch am 21.4. postierten sich wie-
Vorsitzende des Islamischen Vereins in Vorwürfe zurück. Unterstützung erfährt der mehrere Neonazis vor dem Haus,
Wülfrath zeigte sich tief betroffen. So et- die EUFV unterdessen vom extrem rech- weshalb mit einem Ende des Konfliktes
was habe es hier in den vergangenen 27 ten „Zentralrat der vertriebenen Deut- zwischen dem Nazihaus und dem migran-
Jahren gemeinsamen Zusammenlebens schen“. Der „Zentralrats“-Vorsitzende tisch und subkulturell geprägten Stadtteil
noch niemals gegeben. „Wir sind keine Herbert Jeschioro, 1999 Interviewpartner Gaarden nicht zu rechnen ist.

2 :antifaschistische nachrichten 9-2008


DIE LINKE. verurteilt den Neo-
nazi-Aufmarsch durch Barmbek
Die friedliche Großde- stellt. Angesichts des vielfältigen friedli-
monstration des Hambur- chen Widerstands ist es ein handfester
ger Bündnisses gegen politischer Skandal, dass der scheidende
Rechts ist ein klares Zei- Innensenator Udo Nagel und die Polizei-
chen gegen Antisemitis- führung den Neonaziaufmarsch mit Was-
mus, Rassismus und neo- serwerfern, Räumpanzern und Schlag-
nazistische Gewalt. stöcken gegen die vielen gewaltfreien
DIE LINKE verurteilt Spontan-Kundgebungen von couragier-
den brutalen Polizeiein- ten AntifaschistInnen und AnwohnerIn-
satz gegen couragierte nen durchgesetzt haben.
AntifaschistInnen und Fehlt dem Innensenator Nagel wirk-
Hamburger BürgerInnen, lich jedes Gespür dafür, dass Transparen-
die sich den Neonazis in te wie „Krieg gegen ein Scheiß-System“
den Weg gesetzt haben. äußerste Gewaltbereitschaft demonstrie-
Innensenator und Polizei- ren? Dass Parolen wie „Nie wieder Isra-
Vielfältiger Protest auf den Straßen – aber auch die
führung missachten den el“ eine ungeheuerliche Bedrohung jüdi-
Anwohner ließen ihre Phantasie spielen
Beschluss des Oberver- scher BürgerInnen sowie die Hasstiraden
waltungsgerichtes zur De- gegen MigrantInnen eine direkte Gefahr
monstration des Hambur- für Menschen bedeuten?
ger Bündnisses gegen Die Transparente, Parolen und Reden
Rechts und drohten mit der Neonazis erfüllen den Straftatbe-
Strafanzeigen gegen den stand der Volksverhetzung und hätten al-
Versammlungsleiter des leine schon die sofortige Auflösung ge-
Bündnisses gegen Rechts. rechtfertigt.
Die friedliche Demons- Zudem ging von dem Neonazi-Aufzug
tration des Hamburger zu jedem Zeitpunkt eine konkrete Gefahr
Bündnisses gegen Rechts für die Sicherheit von JournalistInnen
mit über 10.000 Men- und GegendemonstrantInnen aus. Der
schen gegen den Neonazi- gewalttätige Angriff von Neonazis auf
Aufmarsch am 1. Mai Journalisten während der Auftaktkund-
2008 in Hamburg-Barm- gebung am S-Bahnhof Alte Wöhr sowie
bek war ein großer Erfolg verschiedene Angriffe von Neonazis
zivilgesellschaftlichen während der Demonstration im Rüben-
Engagements. Zu der De- kamp hätten ebenfalls die sofortige Auf-
monstration gegen die lösung erfordert.
Julia Schmidt von der Anti-Nazi-Koor- Neonazis hatte ein breites Bündnis aus Während einerseits der menschenver-
dination Kiel: „Unsere Demonstration mit Bürgerinitiativen, Kirchen, DGB-Ju- achtenden Hetze der Neonazis mit Poli-
ihrer für die Mobilisierungszeit von nur gend, Geschäftsleuten, antifaschistischen zeigewalt der Weg freigeräumt wird,
einem Tag höchst erfreulichen Teilnehme- Initiativen und der Vereinigung der Ver- werden die friedlichen couragierten Sitz-
rInnenzahl hat deutlich gemacht, dass wir folgten des Naziregimes – Bund der An- blocken und die Großdemonstration kri-
uns von den NPD-Kandidaten und ihren tifaschistInnen sowie der LINKEN auf- minalisiert.
Nazifreunden in der Preetzer Str. 11 nicht gerufen. Auf der Demonstration spra- Der Innensenator und die Hamburger
einschüchtern lassen. Wir stehen solida- chen u.a. Esther Bejarano vom Ausch- Polizeiführung haben damit eklatant ge-
risch zusammen! Dies lässt uns gestärkt in witz-Komitee, der Barmbeker Pastor gen das Deeskalationsgebot des Bundes-
die kommenden Aktionen gegen den Rainer Hanno, Dr. Jürgen Bönig vom verfassungsgerichts verstoßen. Das
Kommunalwahlkampf der NPD gehen. Museum der Arbeit, der Schauspieler Oberverwaltungsgericht Hamburg hatte
Diese Partei hat sich schon vor Beginn ih- Rolf Becker, die Betriebsrätin und Abge- der Demonstrationsroute des Hamburger
res Wahlkampfes einmal mehr als das ge- ordnete Kersten Artus, der Kabarettist Bündnisses gegen Rechts den Vorrang
zeigt was sie ist: Eine Nazi-Partei mit al- Thomas Ebermann, VertreterInnen von gegenüber der Nazi-Demonstration ein-
lem was dazu gehört, faschistische Stra- Studierenden aus GEW und ver.di sowie geräumt.
ßengewalt und menschenverachtende Pro- von Avanti und anderen antifaschisti- Nachdem die Demonstrationsroute
paganda. Sie wird es nun schwer haben, schen Initiativen gesprochen. Prof. Dr. des Hamburger Bündnisses gegen Rechts
ihre biedere Verpackung noch irgendwem Norman Paech, Hamburger Bundestags- vom Oberverwaltungsgericht bestätigt
glaubhaft verkaufen zu können.“ abgeordneter der LINKEN forderte in wurde, hätte die Polizeiführung den Neo-
PM der Anti-Nazi-Koordination Kiel, seiner Rede auf der Demonstration ein naziaufmarsch an der Alten Wöhr unver-
20.4.2008, baanord@gmx.de ■ erneutes NPD-Verbotsverfahren und die züglich aufgrund der von den Neonazis
sofortige Abschaltung der vom Verfas- ausgehenden konkreten Gefahr für die
Durlach: mehr als 600 zei- sungsschutz bezahlten V-Leute in der öffentliche Sicherheit und Ordnung ver-
NPD. bieten müssen.
gen Gesicht gegen Neonazis Christiane Schneider, Innenpolitische Die Fraktion DIE LINKE wird des-
Karlsruhe. Für mehr als eine Stunde Sprecherin der Fraktion DIE LINKE in halb im Innenausschuss der Bürgerschaft
war am Freitag, 25. April die Bundesstra- der Hamburgischen Bürgerschaft: eine detaillierte Untersuchung der Neo-
ße 3 vor dem geplanten NPD-Propagan- „Ein ganzer Stadtteil hat sich, unter- nazi-Demonstration sowie des Polizei-
dazentrum in Durlach dicht. In nur vier stützt von vielen anderen Menschen, am einsatzes initiieren.“
Tagen Vorbereitungszeit waren dem Auf- 1. Mai der Provokation der Neonazis Pressemitteilung DIE LINKE.
ruf des Antifaschistischen Aktionsbünd- durch Hamburg-Barmbek entgegenge- Hamburg vom 2. Mai 2008 ■
weiter Seite 4
: antifaschistische nachrichten 8-2008 3
nisses Karlsruhe (AAKA) mehr als 600
Bürgerinnen und Bürger aus Durlach und
4000 Menschen auf revolutionärer
der näheren Umgebung gefolgt, darunter
die Ortsvorsteherin, Ortschaftsräte, Bun- 1. Mai-Demonstration in Nürnberg
des- und Landtagsabgeordnete, viele akti- Nürnberg. Unter dem Motto destens zwei Menschen mussten mit dem
ve AntifaschistInnen und erfreulich viele „Nazis stoppen! Ausbeutung und Rettungswagen ins Krankenhaus einge-
SchülerInnen und Jugendliche. AAKA- Unterdrückung beenden! Kapita- liefert werden. Kurz darauf stürmte das
Mitglieder hatten zur Mobilisierung 5000 lismus abschaffen! Es gibt keine Alter- USK den vorderen Lautsprecherwagen
Flugblätter in Durlach verteilt. native zur sozialen Revolution“ demons- der Demonstration, auf dem zu diesem
Unter großem Beifall stellte Silvia trierten am 1. Mai über 4000 Menschen Zeitpunkt Verletzte versorgt wurden,
Schulze, Sprecherin des AAKA und der – selbst die Polizei bestätigte die Zahl schnitt die Kabel der Anlage durch, warf
Vereinigung der Verfolgten des Nazire- gegenüber dem Anmelder – auf der in- Teile derselben in blinder Zerstörungs-
gimes - Bund der Antifaschisten (VVN- zwischen traditionellen revolutionären wut auf den Boden und prügelte auf die
BdA) in Karlsruhe zur Eröffnung fest: „In 1. Mai-Demonstration in Nürnberg. Menschen auf dem LKW ein. Dadurch
Durlach wird es niemals ein NPD-Zen- Die von der organisierten autonomie wurde auch verhindert, dass ein KZ-
trum geben!“ Mit der heutigen Aktion sei- (OA) initiierte und von einem breiten Überlebender auf diesem Lautsprecher-
en geplante Nazi-Versammlungen im Bündnis linker Gruppen unterstützte wagen sprechen konnte.
Haus Badener Str. 34 bereits zum dritten Demonstration zog von Gostenhof in die Angesichts des martialischen Polizei-
Mal in Folge verhindert worden. „Auf je- Nordstadt, wo ein von der NPD ange- aufmarsches und der weiträumigen Ab-
den weiteren Versuch von Nazi-Propagan- meldeter nationalsozialistischer Auf- sperrungen, die die an der Route des
daversammlungen werden wir in der glei- marsch begann. In der Färberstraße, NS-Aufmarsches gelegenen Stadtteile in
chen Weise vor Ort reagieren, solange bis Höhe Kornmarkt schlossen sich etwa einen Belagerungszustand versetzten,
das Zentrum verschwunden ist.“ hundert Menschen, die zuvor an der De- war es bis etwa 16.00 Uhr unmöglich,
Die RednerInnen – Winnie Kratzmeier- monstration des DGB teilgenommen den Naziaufmarsch zu blockieren. Dafür
Fürst, Grüne Ortschaftsrätin, Jürgen Zieg- hatten, der revolutionären Demonstrati- legte die Polizei den öffentlichen Ver-
ler, stellv. DGB-Regionsvorsitzender und on an, um mit in die Nordstadt zu lau- kehr in der Nordstadt komplett lahm.
Verdi-Bezirksgeschäftsführer, Karin Bin- fen, um dort vor Ort gegen den Naziauf- „Der 1. Mai 2008 in Nürnberg ist für
der, MdB DIE LINKE., Johannes Jung, marsch zu protestieren. die revolutionäre Linke als großer Er-
MdB SPD, und ein Vertreter des Ettlinger Als die revolutionäre 1. Mai Demons- folg zu werten, so Julius Schöberl von
Bündnisses gegen Rassismus und Neona- tration kurz vor dem angemeldeten Ab- der organisierten autonomie (OA).
zis – bezogen sich auf verschiedene As- schlusskundgebungsort angekommen „Tausende Menschen demonstrierten für
pekte wie demokratische Traditionen von war, versuchte die Polizei die Demons- eine Welt ohne Ausbeutung und Unter-
Dur-lach, Sozialabbau und Bildungsdefi- tration zu stoppen. Die aufgezogene Poli- drückung, für eine Welt, ohne Kapitalis-
zite als Nährboden für Neonazis, Notwen- zeikette wurde jedoch von Demonstrati- mus und machten deutlich, dass Fa-
digkeit der aktiven Unterstützung der ge- onsteilnehmerInnen durchbrochen, so schistInnen und RassistInnen mit ent-
samten Region und waren sich einig da- dass die Demonstration bis zu den Ab- schlossenem Widerstand zu rechnen ha-
rin, dass der braune Spuk in gemeinsa- sperrgittern laufen konnte, die errichtet ben, wenn sie in Nürnberg marschieren
mem, kraft- und phantasievollem Wider- worden waren, um den Aufmarsch der wollen. Auch dass der Aufmarsch der
stand beendet werden wird. NPD zu ermöglichen. Hier machte die NPD nicht verhindert werden konnte,
Eine Delegation der Protestversamm- Polizei deutlich, dass sie bereit ist, unter schmälert diesen Erfolg nicht.“
lung konnte sich auf Einladung der Ver- Einsatz von Schlagstöcken und Pfeffer- organisierte autonomie (OA)
sammlungsbehörde und der Polizei davon spray den Naziaufmarsch durchzuprü- organisierte autonomie
überzeugen, dass das Haus aufgrund der geln. Etliche Menschen wurden zum Teil c/o Libresso Nürnberg
städtischen Auflage für jegliche Nutzung erheblich verletzt, als die Polizei-Spezial- organisierte-autonomie@web.de
außer Sanierungsarbeiten geschlossen ist. einheit USK wild um sich prügelte. Min- www.redside.tk ■
Laut BNN hatte die Polizei am Rande der
Demo 15 Personen des rechtsextremen
Spektrums Platzverweise erteilt. Einer da- keiten durch die Stadt Bamberg hat. In gegen den Einzug von drei extrem rechten
von hatte Videoaufnahmen der Demo- Bezug auf eine zu erwartende Gegende- Stadträten in die Stadtversammlungen
TeilnehmerInnen gemacht. Silvia Schulze monstration und eine parallel zur NPD von Nürnberg und München demonstrie-
stellte dazu als Versammlungsleiterin un- stattfindende Veranstaltung der Bamber- ren. In den beiden bayerischen Großstäd-
ter starkem Beifall der Anwesenden fest, ger Symphoniker heißt es in einer Presse- ten errang die NPD-dominierte Liste Bür-
dass von der Polizei erwartet wird, dass mitteilung des Gerichts weiter: Es sei gerinitiative Ausländerstop insgesamt drei
das Videomaterial beschlagnahmt und nicht ersichtlich, dass die öffentliche Ord- Mandate. Am 2. Mai 2008 wurden so-
vernichtet wird. Faschismus ist keine nung und Sicherheit nicht mit polizeili- wohl in Nürnberg als auch in München
Meinung, sondern ein Verbrechen! chen Maßnahmen aufrechtzuerhalten sei. die neuen Stadträte vereidigt und es fan-
Antifaschistisches Aktionsbündnis Der Bayerische Verwaltungsgerichts- den die konstituierenden Sitzungen der
Karlsruhe, www.antifa-buendnis-ka.de ■ hof legte allerdings fest, dass die NPD am neuen Vertretungen statt.
Sonntag das Gebäude bis 18 Uhr zu ver- Insgesamt 12.309 Wählerinnen und
Weg frei für NPD-Bundes- lassen habe. Die Stadt Bamberg prüft der- Wähler machten die Mandatsgewinne
weil eine Verfassungsbeschwerde, die al- durch Stimmabgabe für diese rassisti-
parteitag in Bamberg lerdings ohne große Aussichten auf Erfolg schen Listen möglich. Der bayerische
Bamberg. Der NPD-Bundesparteitag am sein dürfte. www.aida-archiv.de ■ NPD-Vorsitzende Ralf Ollert, seit 2002
24./25. Mai 2008 kann im Hegelsaal der für die BIA Nürnberg im Rathaus erhält
Konzert- und Kongresshalle Bamberg Proteste gegen extrem nun von dem Anti-Antifa Aktivisten Se-
stattfinden. Der bayerische Verwaltungs- bastian Schmaus Gesellschaft. Insgesamt
gerichtshof in München entschied am rechte Stadträte erhielt die BIA in Nürnberg 3,3% und da-
heutigen Freitag (18.4.) in einem Eilver- Nürnberg. Mit Kundgebungen jeweils mit 1% mehr als bei der letzten Wahl. In
fahren, dass die extrem rechte Partei einen vor den Rathäusern haben am Freitag 2. München schaffte der derzeitige Chefbe-
Anspruch auf Überlassung der Räumlich- Mai Antifaschistinnen und Antifaschisten rater der sächsischen NPD-Landtagsfrak-

4 :antifaschistische nachrichten 9-2008


Der in Ebersberg wohnende Ho-
locaustleugner Horst Mahler ist
am 28. April vom Amtsgericht
Haftstrafe für Horst Mahler
Erding wegen Verwenden von Kenn- anschließend zum Obersalzberg begleitet Beweisanträge wurden in der Zwischen-
zeichen verfassungswidriger Organi- hatten. Zum anderen waren neonazisti- zeit alle abgelehnt und der Staatanwalt
sationen,Volks-verhetzung und tatein- sche Aktivisten aus Gera und selbster- konnte dann im Plädoyer die in der Ankla-
heitlicher Beleidigung zu einer zehn- nannte „Reichsbürger“ bis aus Berlin an- geschrift aufgeführten Vorwürfe als er-
monatigen Haftstrafe ohne Bewäh- gereist. wiesen aufführen. Da er keine positive
rung verurteilt worden. Vor seinen Getreuen, so dachte Horst Sozialprognose aussprechen könne, for-
Mahler wohl, könne er es auf einen erneu- derte er eine Haftstrafe von elf Monaten.
Horst Mahler hatte am 4. Oktober 2007 ten Schlagabtausch mit Dr. Michel Fried- Horst Mahler verzichtete auf längere
dem Journalisten Dr. Michel Friedman man anlässlich dessen Zeugenverneh- Ausführungen und nach kurzer Beratung
(Frankfurt) im Hotel Kempinski am mung ankommen lassen. Die wenig vor- verkündete Richterin Von Boennighau-
Münchner Flughafen ein Interview gege- bereitet und nicht souverän wirkende sen-Budberg das Urteil: Eine zehnmonati-
ben und ihn dabei zu Beginn zweimal mit Richterin ließ Mahler zunächst gewähren, ge Haftstrafe sei Tat- und Schuldange-
„Heil Hitler, Herr Friedmann“ begrüßt. Es auch als der antisemitisch lospolterte messen, für eine Bewährungsstrafe gebe
folgten im Rahmen des zweistündigen „Kann ein Jude als Angehöriger eines es keinen Raum. Horst Mahler kündigte
Gesprächs mehrere eindeutigen Leugnun- auserwählten Volkes von einem Goj über- an, in Berufung zu gehen und sprach
gen der Shoah durch den von einem Be- haupt beleidigt werden?“. Mahler wieder- draußen seinen angereisten Sympathisan-
rufsverbot belegten 72-jährigen Rechtsan- holte auch einige der im Interview gefal- tInnen Mut zu: „Wir müssen die Fesseln
walt Mahler. Das Magazin „Vanity Fair“ lenen antisemitischen Parolen, etwa die spüren, damit wir uns erheben und sie
druckte Auszüge des Interviews im Heft von den „Juden als Verkörperung der zer- sprengen (..) Der Holocaust-Maulkorb ist
ab und stellte zeitweise die komplette setzenden Rolle“. kein deutsches Recht, sondern Befehl der
Transkription der eigenen Mitschnitte im Horst Mahler, der vor sich demonstra- Fremdherrschaft. Es ist nicht der Wille
online-Angebot zur Verfügung. Der zu ei- tiv die z.T. illegalen Publikationen „Vorle- des Deutschen Volkes, sich auf den Knien
ner Zeugenaussage angereiste Dr. Michel sungen über den Holocaust“ von Germar vor den Juden zu bewegen.“ Dr. Michel
Friedman rechtfertigte dies heute erneut Rudolf, seine eigene Schrift „Antworten Friedman machte darauf aufmerksam,
durch die publizistische Informations- auf die Judenfrage“ und zwei gebundene dass es nicht allein um die Person Horst
pflicht des Journalismus:“Die Öffentlich- Bände der Revisionsanträge von Sylvia Mahler geht: „Rassismus, Antisemitismus
keit muss sich damit auseinandersetzen, Stolz aufgebaut hatte, reichte dann Be- und die Verherrlichung von Hitler stellen
dass es Menschen mit so einer gefährli- weisanträge ein, mit der er die Offenkun- eine konkrete Gefahr auch im Deutsch-
chen Geisteshaltung gibt.“ digkeit der Shoah in Frage stellen wollte. land von heute dar. (...) Wenn es nur Horst
Horst Mahler erschien zum Prozess am Dabei bezog er sich u.a. auf sogenannte Mahler wäre in Deutschland, wäre er
Erdinger Amtsgericht allein. „Die einzige, „Forschungen“ der „Zeitgeschichtlichen nicht der Rede wert. Aber hinter Horst
die mich verteidigen könnte, sitzt in Forschungsstelle Ingolstadt“ und begann Mahler stehen doch hunderttausende und
Haft“, jammerte er über die Inhaftierung ausführlich über Authentizität oder Nicht- Millionen Deutsche, die so hardcore wie
seiner Lebensgefährtin Sylvia Stolz auf- Authentizität des Protokolls der Wannsee- er oder softiger mit der Nostalgie zu Hit-
grund des (noch nicht rechtskräftigen) Ur- Konferenz zu referieren. Es war letztlich ler und dem dritten Reich leben und nach
teils des Mannheimer Landgerichts. Im die Staatsanwaltschaft, die den ständigen wie vor antisemitisch sind.“
Publikum saßen wieder die notorischen auf Holocaustleugnung abzielenden An- Robert Andreasch
Mahler-Fans, die etwa zwei Dutzend an- spielungen Horst Mahlers endlich offen- 28.04.2008, www.aida-archiv.de ■
gereisten meist bürgerlich-bieder wirken- siv entgegentrat. Die bis dahin recht untä-
den SympathisantInnen fanden gar nicht tige vorsitzende Richterin
alle Platz im kleinen Sitzungssaal drei. Astrid von Boennighausen-
Bei ihnen handelt es sich zum Teil um Budberg warf daraufhin Horst
Neonazis aus der Region, die Horst Mah- Mahler wegen „ungebührli-
ler auch im Sommer 2007 bei seiner Ent- chen Verhaltens“ für einige
lassung aus der JVA Bernau begrüßt und Minuten aus dem Saal. Die

tion Karl Richter mit 1,4% den Einzug ins richtet und finanziert wurde.
Rathaus. www.aida-archiv.de ■ Mit der Inschrift auf dem
Stolperstein gedenken der
Brauner Tag für Frankfurter Frankfurter DGB und seine
Gewerkschaften der verfolg-
Gewerkschaftshaus ten, gefolterten und ermorde-
Frankfurt. Frankfurter Gewerkschafte- ten Frankfurter Gewerkschaf-
rinnen und Gewerkschafter erinnerten am terinnen und Gewerkschafter
25.4.2008 an die Besetzung ihres Hauses während der Zeit der Nazi-
durch die Nazi-Schergen am 2.5.1933 vor Diktatur.
75 Jahren. „GEWERKSCHAFTSHAUS
Mit der Verlegung eines ein Meter lan- ERBAUT 1931. WIR GE-
gen Stolpersteins vor dem Haupteingang DENKEN DEN ERBAU-
des Frankfurter Gewerkschaftshauses ERN. VIELE VON IHNEN
durch den Künstler Gunter Demnig erin- OPFERTEN LEBEN UND
nerte der Vorsitzende der DGB-Region FREIHEIT IM KAMPF GE-
Frankfurt-Rhein-Main, Harald Fiedler da- GEN DIE NAZIHERR-
ran, dass das 1931 erbaute Gewerk- SCHAFT“
schaftshaus Stein für Stein von Frankfur- aus: PM, DGB Frankfurt-
ter Gewerkschaftsmitgliedern selbst er- Rhein-Main ■

: antifaschistische nachrichten 9-2008 5


Polnische Eisenbahn (PKP)
übernimmt die letzte Etappe In Stolberg ist kein Platz
Dresden/Warschau. Die polnische Ei-
senbahngesellschaft PKP wird den „Zug für Neonazis! www.arbeiterfotografie.com
der Erinnerung“ in der Grenzstadt Gör- Bereits zum dritten Mal in
litz übernehmen und nach Oœwiêcim diesem Monat hatten am
(Auschwitz) geleiten. Dies bestätigte das Samstag rechtsextremis-
Warschauer Unternehmen am Dienstag tische Kräfte, dieses Mal vor al-
(29.4.). PKP-Triebfahrzeuge werden den lem die NPD, nach Stolberg bei
Zug am 7. Mai nach Zgorzelec bringen, Aachen mobilisiert. Die Stadt, in
wo Schüler der Stadt die Ausstellung be- der Neonazis ohnehin immer
sichtigen können. Sie berichtet an her- mehr Präsens zeigen, soll,
vorgehobener Stelle auch über das wenn es nach ihnen ginge, nach
Schicksal polnischer Kinder und Jugend- einer tödlichen Auseinanderset-
zung zwischen Jugendlichen zu
Czeslawa
Kwoka,
einem neuen Wallfahrtsort für
geb. 1928, die rechte Szene werden.
starb am
12.3.1943 Dass es sich bei den Demonstra-
in Ausch- tionen nicht um die angekündigten
witz-Birke- „Trauermärsche“ handelte, wurde
nau bereits vor zwei Wochen deutlich, als auf, indem sie sich kleine Auseinanderset-
Foto:
rund 800 Rechte, vor allem aus dem zungen mit angeblich vermummten De-
Museum
Auschwitz- Spektrum der sog. Autonomen Nationa- monstrantInnen lieferte.
Birkenau listen, durch die Stolberger Innenstadt zo- Doch schließlich wurde der Zug doch
gen und sich dort gewalttätige Ausein-an- bis zum geplanten und genehmigten End-
dersetzungen mit der Polizei lieferten. kundgebungsplatz durchgelassen, wel-
Dementsprechend wichtig wurde von cher sich in Sichtweite der Rechtsextre-
vielen linken Gruppen in den folgenden men befand. So konnte man diesen laut-
zwei Wochen die Mobilisierung für die stark zeigen, was man von ihren men-
Gegendemo genommen, da man dieses schenverachtenden Ideologien hält.
Mal zahlenmäßig überlegen sein wollte. Zwar gelang es nicht, den Aufzug der
licher, die von den NS-Behörden depor- Das gelang auch: So waren es am 26. Neonazis ernsthaft zu blockieren, aber
tiert wurden. „nur“ noch etwa 500 Rassisten, die dem dennoch kann man von dem Tag sicher-
Am Nachmittag des 7. Mai wird der Ruf der NPD gefolgt waren. Dabei war lich auch einige erfolgreiche Erkenntnisse
Zug auf dem Bahnhof Wroclaw (Bres- mit Udo Voigt, Christian www.arbeiterfotografie.com
lau) von Schülern der Stadt begrüßt wer- Worch und dem gerade
den. Am Abend trifft er dann in Oœwiê- aus der Haft entlassenen
cim (Auschwitz) ein. Axel Reitz fast die gesam-
Die polnischen Eisenbahnen PKP sind te Prominenz der deut-
das zweite europaweite Logistikunter- schen extremen Rechten
nehmen, das den „Zug der Erinnerung“ als Redner vertreten.
vorbehaltlos unterstützt. Zuvor hatten An der Gegendemo
bereits die französischen Staatsbahnen nahmen bis zu 1500 De-
(SNCF) unbürokratisch geholfen. Ledig- monstranten teil. Diese
lich die Konzernleitung der DB AG wei- stammten aus unterschied-
gert sich, die Fahrt des Zuges finanziell lichen Spektren. Von auto-
zu erleichtern. nomen AntifaschistInnen
Ganz anders verhielten sich offizielle über SAV, Linksjugend
Stellen in Sachsen. Dort traf der Zug am und VVN/BdA bis hin zu
Montag (28.4.) ein und wurde mit Gruß- den Grünen und sogar ex-
worten der Dresdner Staatsministerin Dr. tra angereisten Antifa-
Eva-Maria Stange eröffnet. Dresdner schistInnen aus den Nach- NPD-Vorsitzender Voigt in vorderster Front
Schüler hatten sich monatelang auf die barländern war alles vertreten. Erfreuli-
Ausstellung vorbereitet. Die Spurensu- cherweise gelang es auch, viele engagier- mit nach Hause nehmen. Stolberg wird
che brachte an den Tag, dass über 200 te Stolberger Bürgerinnen und Bürger für sich den Rassisten nicht ohne Widerstand
Dresdner Kinder und Jugendliche in die sich zu gewinnen, die sich entweder dem überlassen. Auch wenn 500 Rechte immer
Vernichtungslager deportiert wurden. Demozug angeschlossen hatten oder sich noch genau 500 zu viel sind, war der Tag
Bisher hatte das Bundesarchiv lediglich – wie viele Laden- oder Gastronomiebe- für die Neonazis, die sich im Laufe des
63 jugendliche Deportationsopfer ver- sitzer – sehr freundlich und kooperativ „Trauermarsches“ sogar untereinander
merkt. zeigten. Damit wurde ein klares Zeichen prügelten, alles andere als ein Erfolg.
Nachdem in den ersten drei Ausstel- gesetzt, dass die brutalen Rassisten in der Man kann also hoffen, dass es den Stol-
lungstagen fast 8.000 Besucher auf den Stadt bei weitem nicht so großen Rück- bergerinnen und Stolbergern in Zukunft
Dresdner Hauptbahnhof kamen und halt besitzen, wie sie es gerne hätten. erspart bleibt, an einem Samstag Nach-
Hunderte wegen zu langer Wartezeiten Die Polizei, die mit über 1000 Einsatz- mittag nicht mehr in die eigene Wohnung
abgewiesen werden mussten, war der kräften wie schon vor zwei Wochen die oder zum Einkaufen gehen zu können, da-
„Zug der Erinnerung“ auch am 1. Mai Innenstadt hermetisch abgeriegelt hatte, mit einige Ewiggestrige vor der Haustür
geöffnet. fiel leider während der Demonstration oder dem Laden rassistische Parolen grö-
www.zug-der-erinnerung.eu ■ vereinzelt durch unnötige Provokationen len können. JK ■

6 : antifaschistische nachrichten 9-2008


Die im kommenden Jahr stattfin- 19./20. September 2008 in Köln:
denden Kommunalwahlen NRW
werden bereits jetzt vorbereitet.
Besonders aktiv dabei sind Manfred
„Anti-Islamisierungs-Kongress“
Rouhs mit seinen Gesinnungsgenossen
von der extrem rechten „Bürgerbewegung
gemeinsam verhindern!
pro Köln“ sowie deren landesweites Pen- Fremdenfeinde nicht einfach ignorieren einig: Es soll versucht werden, die rechte
dant „pro NRW“: Ihr für den 19. und 20. und ihn schon gar nicht tolerieren. Sie Provokation mit friedlichen Mitteln wenn
September 2008 geplanter „Anti-Islami- sind der Meinung, den Rechten dürfe das möglich zu verhindern. Angestrebt wer-
sierungs-Kongress“ in Köln, den sie unter Feld nicht kampflos überlassen werden, den dazu massenhafte Aktionen bürgerli-
das hetzerische Motto „Nein zu Mo- der Internationale der braunen Menschen- chen Ungehorsams, an denen sich mög-
scheen – Nein zu Minaretten – Nein zu feinde müsse eine internationale Aktion lichst viele Menschen beteiligen sollen.
Muezzinruf“ gestellt haben, wird mit Si- der Demokrat(inn)en entgegengesetzt Diese Beteiligung sollte so aussehen, dass
cherheit den Auftakt des „pro Köln“- werden. Damit soll nicht nur – wenn mög- jede(r) sich nach seinen/ihren Möglich-
Wahlkampfs bilden. lich – die rechte Hetze unterbunden wer- keiten beteiligt – eine einheitliche Akti-
Das allerdings ist nicht der einzige den, eine solche Aktion soll auch den Auf- onsform wird nicht vorgegeben. Inhaltli-
Grund für Antifaschist(inn)en alarmiert takt für eine längerfristige inhaltliche che Grundlage der Aktionen soll aus-
zu sein: Mit dem Auftreten prominenter Auseinandersetzung mit den „pro Köln“- schließlich die Ablehnung rassistischer
europäischer Rechtsextremisten, laut Dar- Tiraden bilden, einen überparteilichen und fremdenfeindlicher Hetze der Kon-
stellung der Veranstalter haben neben dem Wahlkampfauftakt aller Antifaschist gress-Veranstalter sein – andere Bedin-
Chef der österreichischen FPÖ Strache, (inn)en. gungen für eine Teilnahme gibt es nicht.
dem FPÖ-Europaabgeordneten Andreas Um den gründlich vorzubereiten, haben In diesem Sinne haben auch bereits Ge-
Mölzer, dem Vorsitzenden des rassisti- sich bisher zweimal Menschen aus unter- spräche mit Verantwortlichen des Kölner
schen Vlaams Belang aus Belgien auch schiedlichen Gruppen und Verbänden ge- DGB stattgefunden.
Front National-Boss Jean Marie Le Pen troffen. Dabei waren neben verschiedenen Noch befinden sich die Vorbereitungen
zugesagt, erlangt das Auftreten der Rech- antifaschistischen Initiativen auch Vertre- des Widerstands in einer sehr frühen Pha-
ten eine neue Qualität. Waren sie bisher ter(innen) des ver.di Arbeitskreises Anti- se. Alle Demokrat(inn)en sind eingeladen,
vor allem auf nationaler oder regionaler faschismus/Antidiskriminierung, des El- sich daran kreativ und zahlreich zu betei-
Ebene aktiv, scheint jetzt eine Europäisie- De-Haus-Vereins und der VVN/BdA so- ligen. Wenn es gelingt, viele tausend
rung der Rechtsparteien angestrebt zu wie verschiedene Jugendverbände. Menschen aus Köln, dem Rheinland und
werden, um bei den Europawahlen koor- Auch wenn sich die Vorbereitungen in dem benachbarten Ausland zu mobilisie-
diniert aufzutreten. einem sehr frühen Stadium befinden und ren, ist es möglich, die rassistische Provo-
Viele Kölner(innen) wollen den ange- deshalb noch nicht sehr konkret sind, wa- kation zu verhindern und zu zeigen: Köln
kündigten Kongress der Rassisten und ren sich alle in den wesentlichen Punkten ist bunt, nicht braun! tri ■

ie Zerschlagung der freien Ge-


Am 2. Mai 1933 wurden die freien
D werkschaften am 2. Mai 1933
war ein sichtbares Zeichen der
Beseitigung der Demokratie. Schon im
Gewerkschaften zerschlagen
Februar 1933 wurden Gewerkschafter sierten Kräfte der Arbeiterbewegung. heitsorganisation gezogen. Eine zweite
verhaftet und misshandelt, Anfang März Wer sich – wie die NSDAP – für die po- Konsequenz ist die antifaschistische Ori-
Gewerkschaftshäuser von Nazihorden litischen und expansionistischen Interes- entierung der Gewerkschaften. Sie be-
gestürmt und demoliert. Während antifa- sen des großen Kapitals einsetzt, der kämpfen heute in den Betrieben, in ihren
schistische Gewerkschafter gemeinsam muss die Gewerkschaftsbewegung be- eigenen Reihen und natürlich in der ge-
mit anderen Arbeiterorganisationen kon- kämpfen. Dies gilt in modifizierter Form sellschaftlichen Öffentlichkeit rassisti-
kret Widerstand in Betrieben und Wohn- auch heute.
gebieten organisierten, beschränkte sich ● Der Versuch, dem fa-
die Führung des ADGB auf schriftliche schistischen Vormarsch
Eingaben an Reichspräsident von Hin- mit Erklärungen und Peti-
denburg. Mehr noch: Im April 1933 ver- tionen an den Reichs-
abschiedete der Vorstand des ADGB ei- kanzler entgegenzutreten,
nen Aufruf zur Teilnahme an dem von war ein verhängnisvoller
den Nazis inszenierten „Tag der nationa- Irrtum. Noch dramati-
len Arbeit“. scher waren die Folgen
Doch diese Anpassung wurde nicht der Anpassung an die Vor-
honoriert. Am 2. Mai 1933 besetzten SA gaben der faschistischen
und SS die Gewerkschaftshäuser. Funk- Machthaber. Damit ent-
tionäre wurden verhaftet, in Duisburg waffneten sich die Ge-
fünf von ihnen brutal ermordet. Die Na- werkschaften in ihrem an-
tionalsozialistischen Betriebszellenorga- tifaschistischen Handeln.
nisationen (NSBO) übernahmen die Füh- ● Es darf jedoch nicht vergessen wer- sches Denken und Neofaschismus. Sie
rung, bevor Mitte Mai die „Deutsche Ar- den, dass es in den Gewerkschaften viele sind damit zentrale Bündnispartner im
beitsfront“ (DAF) als Zwangsorganisati- aufrechte Antifaschisten gab, die unter antifaschistischen Handeln heute und
on mit den Unternehmern an der Spitze Einsatz von Freiheit, Gesundheit und Le- morgen.
der „Betriebsgemeinschaft“ geschaffen ben den Widerstand gegen den Faschis- Dr. Ulrich Schneider, Bundessprecher
wurde. mus organisierten. Vereinigung der Verfolgten des Nazi-
Der 2. Mai 1933 macht deutlich: Die Lehren aus diesem Datum wurden regimes - Bund der Antifaschistinnen
● Die faschistische Bewegung richtete nach der Befreiung 1945 mit der Wieder- und Antifaschisten (VVN-BdA),
sich in aller Brutalität gegen die organi- gründung der Gewerkschaften als Ein- www.vvn-bda.de ■

: antifaschistische nachrichten 9-2008 7


Der Front National steht vor offenen Widersprüchen,
und versucht seine Truppen zu (re)mobilisieren
Neben Uraltem gibt es auch Neues beim französischen Front National (FN)
Uralt ist, Seite Eins angekündigt sehen wollte – es Wochenzeitung ‚Rivarol‘ publiziert wur-
dass Jean-Marie Le Pen – ein wei- für seine Zeitschrift aber nicht in Frage de, worin er die nazideutsche Besatzung
teres Mal – die Realität des Holo- gekommen sein, ihren Titel damit aufzu- in Frankreich als „nicht besonders inhu-
caust in Frage stellte und diese (angeb- machen. Zu keinem Zeitpunkt hat Le Pen man“ qualifiziert hatte. Aber dieses Mal
lich offene) Frage als einen „Detailpunkt seine Äußerungen inhaltlich dementiert gab es, neben dieser „innerfamiliären“
in der Geschichte des Zweiten Welt- oder sich etwa darauf berufen, falsch zi- Abgrenzung, erstmals auch offenen Wi-
kriegs“ bezeichnete. In der am 25. April tiert worden zu sein. Dabei scheinen sei- derspruch seitens führender Parteifunk-
08 erschienenen Ausgabe des Regional- ne Auslassungen noch nicht einmal auf tionäre.
magazins ‚Bretons‘ erneuerte Jean-Ma- einer bewussten „Strategie der Provoka- So stellte der FN-Generalsekretär
rie Le Pen solcherlei Äußerungen, die er tion“ beruht zu haben, wie es in der Ver- Louis Aliot (ein Enddreißiger, der zur
bereits in ähnlicher Form am 13. Sep- gangenheit bei manchen seiner früheren „Modernisiererfraktion“ zählt und Mari-
tember 1987 im französischen Fernsehen „Ausfälle“ vermutet wurde, vielmehr ne Le Pen nahe steht) einen Beitrag auf
sowie am 5. Dezember 1997 in München scheint der rechtsextreme Parteiführer seinen Blog im Internet, worin es heißt:
(in Begleitung des früheren Waffen SS- tatsächlich einfach nur seinem echten „Wir sind eine ganze Anzahl von Füh-
Mannes Franz Schönhuber) tätigte. Da- „Denken“ freien Lauf gelassen zu haben. rungsmitgliedern, Kadern, Aktivisten
für ist er auch bereits mehrfach zu Geld- Allerdings verdächtigt der französische und Mitgliedern, die auf die Ereignisse
strafen von insgesamt 183.200,- Euro Zentralrat der Juden (CRIF) Jean-Marie des Zweiten Weltkriegs nicht denselben
verurteilt worden. Le Pen, er habe in mageren Zeiten, wo Blick werfen wie Jean-Marie Le Pen.“
Nunmehr wurde er wiederum rückfäl- man in den Medien doch recht wenig von Auf der Homepage der Partei (sic) hatte
lig, zunächst mit den Worten, es sei „der- ihm höre – und wenn, um den Verkauf er gar verkündet, die Äußerungen des
art selbstverständlich“, dass die Frage seines Parteisitzes aufgrund Geldman- Chefs „verpflichteten nicht (politisch)
der Existenz von Gaskammern „ein De- gels oder jetzt, neuerdings, den seiner den Front National“ – dies wollte er so
tail in der Geschichte des Zweiten Welt- gepanzerten Limousine auf eBay zu ver- verstanden wissen, dass er sich doch Wi-
kriegs“ sei. Auf die Gegenäußerung der künden – einmal mehr „von sich reden derspruch erlauben könne, da es bei die-
ihn interviewenden Journalistin, die Fra- machen“ wollen. sen Auslassungen nicht um eine „politi-
ge sei nicht die nach der genauen Zahl Neu ist sche Linie“ handele, welchselbige fest-
der Toten, sondern jene nach dem Grund- zuklopfen das alleinige Vorrecht Jean-
prinzip („man transportiert Leute in La- hingegen, dass es offen abweichende Marie Le Pens bleibt. Letzterer hatte es
ger, eigens um sie zu töten“) erwidert Le Äußerungen aus der Partei heraus gegen aber zunächst anders verstanden, näm-
Pen: „Aber das ist, weil sie das glauben! den erneuten Vorstoß Le Pens zur Relati- lich so, dass Louis Aliot ihm dieses (al-
Ich fühle mich nicht verpflichtet, dieser vierung (oder gar Rehabilitierung) des leinige) Recht abspreche und streitig ma-
Version zuzustimmen. Ich stelle fest, historischen Faschismus und Nazismus che.
dass es in Auschwitz eine Fabrik der IG gibt. Die jüngeren Kader waren schon Es kam deswegen am 30. April zu ei-
Farben gab, dass 80.000 Arbeiter be- des Öfteren der Auffassung, dass es für ner Aussprache zwischen den beiden
schäftigt waren. Meines Wissens sind die die Zukunftsstrategie ihrer Partei nichts Männern, in deren Anschluss aber an-
jedenfalls nicht vergast worden. Auch bringe, in der Vergangenheit herumzu- scheinend die Wogen geglättet wurden;
nicht verbrannt.“ stochern (wie der damalige Ideologe des es wird allerdings am 5. oder 6. Mai noch
Nachdem die neuerlichen Auslassun- FN, Bruno Mégret, es beim letzten Skan- eine Aussprache im „Politischen Büro“
gen Le Pens publik wurden und der dal zum „Detail“ Ende 1997 formuliert geben.
Skandal ausbrach, berief der Chef des hatte). Auch die eigene Tochter des Par- Jean-Marie Le Pen erklärte seinerseits
FN sich darauf, er habe das Magazin teichefs, Marine Le Pen, hat sich ein am 30. April im Radiosender France In-
dazu aufgefordert, das Interview nicht zu weiteres Mal abgegrenzt, indem sie rela- ter, er sei Opfer einer „Inquisition“, die
veröffentlichen. Dessen Chefredakteur tiv nüchtern mitteilte, sie teile „bezüglich sich auf „politische oder historische
gibt seinerseits an, der nachträgliche der Geschichte des Zweiten Weltkriegs Dogmen“ stütze wie einstmals ihre Vor-
Konflikt zwischen dem Interviewten Le nicht die Auffassungen ihres Vaters“. läuferin auf „religiöse Dogmen“. Und er
Pen und dem Magazin habe lediglich da- Ähnliches ließ sie bereits Anfang 2005 fügte hinzu: „Ich glaube, dass ich das
rauf beruht, dass der rechtsextreme Poli- verkünden, als ein Interview mit Jean- Vertrauen der übergroßen Mehrheit der
tiker das Gespräch unbedingt auf der Marie Le Pen in der altfaschistischen Kader besitze, mit Ausnahme vielleicht
einer kleinen Anzahl von ängstlichen
oder direkt von diesem Problem betroffe-
V-Leute in der NPD abschalten! nen Leuten.“
Die LINKE. hat einen Antrag auf Abschaltung der V-Leute in der Dieses relativ offene
NPD gestellt. Viel sei in den letzten Monaten über einen neuen An- Flügelschlagen ist neu
lauf gestritten, die NPD verbieten zu lassen, heißt es in ihrer Presse- für eine Partei, in der
erklärung dazu. Während die Debatte zur Frage eines Verbots über bislang das unge-
Parteigrenzen hinweg geführt wird, legen die Innenminister von schriebene Gesetz
Bund und Ländern einem möglichen Prozess Steine in den Weg und galt, dass man ein
diktieren so das Ende der Debatte: einige Landesinnenminister wei- Wort des Chefs zumindest nicht „vorne
gern sich, ihre Erkenntnisse an den Bundesinnenminister weiterzuleiten, bis auf Berlin hat kein herum“ und in der Öffentlichkeit in Fra-
einziges Bundesland (und der Bund selbst) seine V-Leute aus der NPD abgezogen. DIE LIN- ge stellt.
KE. fordert in ihrem Antrag, diese Vorraussetzungen endlich zu erfüllen – damit überhaupt Es widerspiegelt aber auch den ausge-
eine ergebnisoffene Debatte über ein Verbotsverfahren geführt werden kann. brochenen Richtungskampf, oder eher:
DS 16/9007, 25.4.2008 die strategische Unsicherheit oder Unbe-
stimmtheit bezüglich des einzuschlagen-

8 :antifaschistische nachrichten 9-2008


den Kurses, die in der rechtsextremen Druck gesetzt werden. An ihrer Kundge- Bei Marine Le Pen allerdings lautet
Partei derzeit vorherrscht. bung nahmen allerdings nur rund 50 Per- die Schlussfolgerung anders herum, und
Rechtsextreme im Widerspruch zu sonen – junge Aktivisten und einige Re- ist genau entgegen gesetzt: „Wer sich in
einem Teil ihrer sozialen Basis gionalparlamentarier des FN – teil, zu- der Illegalität aufhält, ist dazu berufen, in
züglich rund 50 Journalisten und Kame- sein Herkunftsland zurückgeführt zu
Unterdessen versuchen die Rechtsextre- raleuten. Die Wirkung zielte wahrschein- werden!“ Einige junge Aktivisten
men, ihre Anhänger zu (re)mobilisieren, lich auch überwiegend auf das Medien- schwenkten dazu Schilder mit Aufschrif-
indem sie gegen den Streik der „illegali- echo ab. ten wie „CGT, Patronat (= Arbeitgeberla-
sierten“ Einwanderer und die zu erwar- Dort, vor dem Hotel-Arbeitgeberver- ger), Komplizen bei der Sklaverei!“
tenden „Legalisierungen“ – in geringer band im noblen achten Pariser Bezirk, Nur wenige Anhänger beim 1. Mai
Anzahl – durch die konservative Regie- wetterte Marine Le Pen gegen die ‚pa-
rung hetzen und wettern. trons-voyous‘ („Ganoven in Unterneh- Am 1. Mai wiederum hielt Jean-Marie
Ein Teil des Publikums dürfte tatsäch- mergestalt“, ein Begriff, den der damali- Le Pen seine alljährliche Rede „zum An-
lich, aus rassistischen und/oder autoritä- ge Arbeits- und Sozialminister François denken an Jeanne d’Arc“ (die „National-
ren Regierungen, über das absehbare Fillon 2003 prägte), die bislang „Illega- heilige“ aus dem 15. Jahrhundert, die im
punktuelle Nachgeben der Regierung ge- le“ beschäftigt hätten und jetzt zur Be- Hundertjährigen Krieg gegen die Eng-
genüber „Illegalen“ – die in ihrer eige- lohnung ihres gesetzeswidrigen Verhal- länder kämpfte), dieses Mal vor nur rund
nen, sonstigen Diktion doch Quasi-Kri- tens deren „Legalisierung“ beantragten. 1.500 Anhängern gegenüber früher rund
minelle darstellen – aufgebracht sein. Al- Dabei machte sie sich durchaus einige 4.000 – Spiegelbild einer in einer tiefen
Krise steckenden Partei.
Auf der Pariser Place des Pyramides
widmete Jean-Marie Le Pen dabei auch
mehrere Minuten seiner rund einstündi-
gen Rede dem Streik der Sans papiers.
Und wetterte nicht allein gegen die CGT,
sondern auch gegen jenen Teil des Ar-
beitgeberlagers, der antinationalen Inte-
ressen gehorche.
Dabei versuchte Le Pen, den altbe-
kannten Unterschied zwischen dem raf-
fenden und dem schaffenden Kapital auf-
zumachen. Er bezeichnete jene Vertreter
des französischen Kapitals, die nunmehr
ihre Sans papiers „legalisieren“ lassen
möchte, als von „Gier und Spekulation“
(le lucre et la spéculation) getrieben, und
sah hinter ihnen das „Finanzkapital“ (les
financiers) stehen.
Geltende Gesetze hindern ihn freilich
daran, wie manche seiner Vorgänger von
Umjubelter Le Pen-Auftritt 1. Mai 2007 der ‚jüdischen Hochfinanz‘ zu sprechen.
Der alternde rechtsextreme Politiker ver-
lerdings nur eine Minderheit, da derzeit beinahe kapitalismus- oder globalisie- suchte, das organisierte Arbeitgeberlager
laut Umfragen rund 70 Prozent die „Le- rungskritisch klingende Begriffe zu ei- in Gegensatz zu dem guten, gesunden,
galisierung“ der derzeit streikenden, in gen, um allerdings die dahinter stehen- bodenständigen „Unternehmergeist“ zu
Frankreich arbeitenden und Steuer be- den Konzepte im Hinblick auf die politi- bringen, und fügte hinzu: „Das Patronat
zahlenden Einwanderer gutheißen. schen Konsequenzen umzudrehen – die unterstützt die Unternehmer so, wie der
Die extreme Rechte, die seit dem rela- Fähigkeit dazu hat die extreme Rechte in Strick den Gehängten/Gehenkten unter-
tiv erfolgreichen Take-over Nicolas Sar- den letzten 15 Jahren des Öfteren unter stützt!“
kozys gegenüber ihrer Wählerschaft im Beweis gestellt. Allerdings geht seine Unterscheidung
vergangenen Jahr in eine ernsthafte Krise So sprach Marine Le Pen von der „in- zwischen dem „globalisierten und fi-
geschlittert ist (jedenfalls in ihrer partei- neren (= inländischen) Produktionsausla- nanzarisierten“ Kapital einerseits, das
politisch organisierten Form), versucht gerung“, ein Konzept, das von linken aus Gründen seiner antinationalen Hal-
dadurch wieder in die Offensive zu kom- Autoren im Umgang mit der Thematik tung nichts gegen eine„Legalisierung“
men. Sie wettert sowohl gegen das Ver- der Überausbeutung „illegalisierter“ Ar- der Sans papiers einzuwenden habe, und
sprechen der Regierung, mittels einer beitskräfte geprägt worden ist. Original- dem bodenständigen (Klein-)Unterneh-
„Einzelfallprüfung“ über die Aussichten ton: „Manche Arbeitgeber verlagern ihre mer andererseits in der Sache gründlich
auf „Legalisierung“ der streikenden Sans Produktion in Billiglohnländer. Aber in fehl. Denn jene Betriebe, die derzeit un-
papiers zu entscheiden, als auch gegen Dienstleistungsbetrieben ist dies nicht ter dem Druck des Streiks der Sans pa-
die nämlichen schwarzen Schafe im Un- immer möglich, ein Restaurant lässt sich piers stehen, sind keine globalisierten
ternehmerlager. nicht nach China verlagern. Der Rück- Großkonzerne mit hohem Anteil des Fi-
Es fing damit an, dass Marine Le Pen griff auf illegale Arbeitskräfte erlaubt es nanzkapitals am Aktionärspakt, sondern
– die „Cheftochter“ und Anwärterin auf dabei aber, im eigenen Land unter Be- überwiegend paternalistische Familien-
die Nachfolge des alternden Jean-Marie dingungen wie in der Dritten Welt arbei- betriebe, „bodenständige“ Restaurants
Le Pen (er wird im Juni 80) an der Partei- ten zu lassen.“ Dieses Konzept ist ur- und auf den heimischen Markt angewie-
spitze – am Freitag, den 25. April eine sprünglich kritisch angelegt gewesen, sene mittelständische Baufirmen. Also
Kundgebung vor dem Sitz des Hotel- und die betroffenen Arbeitskräfte er- ein Teil der „natürlichen“ gesellschaftli-
und Gaststätten-Arbeitgeberverbands or- scheinen dabei als Opfer, die aus ihrer chen Basis sowohl der Konservativen, als
ganisierte. Dadurch sollte dessen Chef, „illegalen“ Situation herausgeholt wer- auch der extremen Rechten…
André Daguin, von Rechts her unter den müssen. Bernhard Schmid, Paris ■

: antifaschistische nachrichten 9-2008 9


Cuxhaven. Unter dem Schutz der
Polizei und eines privaten Sicher-
„Viele Gegner der Rechtsextremis-
heitsdienstes stand eine Veranstal-
tung im Haus der Jugend in Cuxhaven un- ten machen es sich zu leicht“
ter dem Titel „Endstation Rechts“. Zu die- Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen referierte NPD-Aussteiger Mathias
sem Thema referierte der NPD-Ausstei- Adrian in Cuxhaven von Thomas Klaus
ger Mathias Adrian, der heute für die Or-
ganisation „Exit“ ausstiegswillige Ultra- Bundesrepublik und ihr Verbot längst nicht allein den Linksaußen überlassen
rechte betreut. Ursprünglich hatten die überfällig. Der NPD-Aussteiger hält es für bleiben, sondern sei eine Aufgabe für alle
Jungsozialisten in der SPD im Landkreis ein wirksames Mittel, weil die Rechtsex- demokratischen Volksparteien. So lautete
Cuxhaven zu dem Adrian-Vortrag einge- tremisten ihre Strukturen und die Öffent- eine andere Empfehlung des SPD-Mit-
laden. Doch nach telefonischen Drohun- lichkeit zum politischen Überleben glieds Adrians in Sachen „Anti-Rechts-
gen avancierte die Juso-Veranstaltung bräuchten („In Wirklichkeit kann die NPD Strategie“. Allerdings dürfe man es sich in
kurzerhand zu einer offiziellen Veranstal- im Untergrund gar nicht existieren“). der Auseinandersetzung mit den Ultra-
tung der Stadt Cuxhaven und ihres Prä- Ein Verbot allein genüge im Kampf ge- rechten nicht zu leicht machen, mahnte
ventionsrates. gen die NPD und ihre Gesinnungsfreunde der Referent. Adrian kann z.B. nicht viel
Solche Aufregung ist Mathias Adrian jedoch nicht. Wichtig sei es auch, dass damit anfangen, wenn auf jede Demons-
(Jahrgang 1976) bei seinen zahlreichen endlich mit bestimmten Klischees aufge- trations-Ankündigung der „Nationalde-
öffentlichen Auftritten gewähnt. Schließ- räumt werde, zum Beispiel mit der Be- mokraten“ mit einer Gegendemonstration
lich gibt es nur wenige Aussteiger, die so hauptung, dass Rechtsextremisten bevor- reagiert wird. Schließlich werde genau
offensiv die Öffentlichkeit suchen und da- zugt so genannten bildungsfernen Schich- diese Aufmerksamkeit von den Rechtsex-
mit das rechtsextremistische Lager massiv ten entspringen würden und leicht an ih- tremisten angestrebt: „Auf puren Aktio-
provozieren. Bis zum Jahr 2000 hatte rem Äußeren erkennbar seien. Beides trä- nismus ausgerichtete Antifa-Gruppen
Adrian selbst zu diesem Lager gehört. Ab fe nicht zu. „Heutzutage brauchen die spielen der NPD in die Hände.“ Natürlich
1997 war er Angehöriger der „Jungen Na- Neonazis keine Bomberjacken mehr“, dürften Nazi-Aufmärsche nicht unbeant-
tionaldemokraten“ (JN), der Jugendorga- stellte Adrian fest. Sie verfolgten ein an- wortet bleiben, aber die Reaktionen da-
nisation der NPD. Schnell stieg er inner- deres Image, wollten als „netter Nazi von rauf müssten viel phantasievoller und
halb der JN auf, wurde Mitglied ihres nebenan“ Punkte sammeln. Das Engage- vielschichtiger ausfallen.
Landesvorstandes in Hessen. Adrian ver- ment gegen die Rechtsextremisten dürfe Thomas Klaus ■
antwortete den Ordnerdienst und später
die parteiinterne Sicherheit, fungierte als
Landesorganisationsleiter für Südwest- Informationsveranstaltung gegen Rechtsextremismus abgesagt
Hessen, organisierte Demonstrationen Bereits zweiter Vortrag über „Autonome Nationalisten“ von Polizei verhindert
und gestaltete die JN-Propaganda mit. Am 8.5.2008 sollte im Pulheimer „Geschwis- wird Engagement und Zivilcourage gegen
NPD-Verbot ist längst überfällig ter-Scholl-Gymnasium“ ein Informationsabend Rechts nicht gefördert, sondern verhindert. An-
Im Zuge eines langsamen Abnabe- über die gewalttätigen, rechtextremistischen statt es sich zur Aufgabe zu machen, Informa-
lungsprozesses erkannte Mathias Adrian: „Autonomen Nationalisten“ stattfinden. Ver- tionsabende gegen Rechtsextremismus zu
„Die Rechtsextremisten der NPD haben anstalter des Vortrages ist das „Netzwerk schützen, werden die Veranstalter dieser Vor-
keine realisierbaren Konzepte.“ Vielmehr buntes Pulheim“, der Referent wäre vom Ju- träge von der Polizei für vermutete Auseinan-
würden sie lediglich Probleme benennen gendclub Courage Köln e.V. gestellt worden. dersetzungen verantwortlich gemacht. Unter-
und diese „völkisch aufladen“. An genau Der von der Schulleitung zunächst genehmig- schwellig wird sogar unterstellt, dass diese
dieser Stelle könne man die Rechtsextre- te und unterstützte Vortrag wurde nach Inter- Auseinandersetzungen provoziert werden sol-
misten packen und den einen oder ande- vention der Polizei am 2.5.08 abgesagt. Of- len.
ren Parteigänger nachhaltig erschüttern – fensichtlich wurde von der Polizei ein Horror- Das heißt im Klartext: Die Veranstalter wer-
indem nämlich der Boden der NPD-Welt- szenario heraufbeschworen, nachdem Ausei- den dafür verantwortlich gemacht, dass ihre
anschauung aufgezeigt werde, und der nandersetzungen zwischen Autonomen und Veranstaltung eventuell von Rechtsextremisten
schwanke in wissenschaftlicher und kon- Rechtsextremisten quasi unvermeidbar wären. angegriffen wird. Die Rechtsextremisten wer-
zeptioneller Hinsicht ganz erheblich. In Dies ist bereits der zweite Vortrag, der durch den darüber jubeln. Mit dieser Begründung
diesem Zusammenhang sei der deutliche die „Beratung“ der Polizei verhindert wird. kann in Zukunft jede Veranstaltung gegen
Widerspruch zwischen Schein und Sein Am 28.03.08 sollte der Vortrag über die „Au- Rechts abgesagt werden. Gerade die Vorgän-
bei den Führungskadern ein besonders tonomen Nationalisten“ im Jugendzentrum ge am 1.Mai in Hamburg haben aber ge-
spannendes Thema. Als einen von zahlrei- Brühl stattfinden. Veranstalter war eine ortsan- zeigt, wie dringend notwendig Aufklärung
chen Belegen führte Mathias Adrian an, sässige Konzertgruppe, die dort seit Jahren über die extrem gewalttätigen „Autonomen
dass zu seinen JN-Zeiten die bundeswei- ohne Probleme oder Zwischenfälle Konzerte Nationalisten“ ist, die gerade in Pulheim äu-
ten Nachwuchs-Schulungen regelmäßig organisiert. Diese Veranstaltung wurde vom ßerst aktiv sind.“
in Frankfurt/Oder abgehalten worden sei- Bürgermeister der Stadt Brühl, Michael Kreuz- Gerüchte besagen, dass die „Autonomen
en, was für die meisten Teilnehmer stets berg, verboten. Auf den Träger eines Ersatz- Nationalisten Pulheim“ für den 08. Mai eine
jeweils mehrere hundert Kilometer raumes wurde von Seiten der Stadt Brühl der- Mahnwache gegen die Veranstaltung ange-
Fahrtstrecke bedeutet hätte. Erst später sei art Druck ausgeübt, dass auch die Veranstal- meldet haben. Sollte diese Mahnwache ge-
herausgekommen, dass es sich bei diesem tung in alternativen Räumlichkeiten abgesagt nehmigt werden, böte sich für den Jahrestag
Tagungsort um einen persönlichen wurde. Die Veranstaltung sei für die Rechtsex- der Befreiung vom Faschismus ein trauriges
Wunsch des damaligen JN-Bundesvorsit- tremisten eine Provokation, und somit die Ver- Bild: Rechtsextremisten dürfen öffentlich de-
zenden Sascha Roßmüller gehandelt anstalter des Informationsabends verantwort- monstrieren, während eine Informationsveran-
habe. Der habe sich nämlich im benach- lich für mögliche Auseinandersetzungen. staltung über Rechtsextremismus nicht stattfin-
barten Polen mit Begeisterung in Bordel- Auch hier stand die Polizei „beratend“ zur den kann.
len vergnügt. Seite. Presseerklärung des Jugendclub Courage
Zur aktuellen NPD-Verbots-Debatte hat Hierzu erklärt der Jugendclub Courage Köln e.V. Köln, 03.05.2008, Kontakt:
Mathias Adrian eine klare Position. Die Köln e.V.: „Es ist unglaublich, dass Informati- jc-courage@netcologne.de – Netzwerk bun-
NPD sei der „politische Arm der neo-na- onsveranstaltungen gegen Rechtsextremismus tes Pulheim: schau-nicht-weg@gmx.net
tionalsozialistischen Bewegung“ in der derart von der Polizei behindert werden. Hier

10 :antifaschistische nachrichten 9-2008


: ausländer- und asylpolitik
● Rigorose Nichtzulassungsgründe
verhindern, dass sich die Härtefallkom-
mission überhaupt mit bestimmten Ein-
Bundesregierung soll han- mitglieder ausnahmsweise Zugang zur zelfällen beschäftigt. Beispielsweise ist
deln: DGB zur Übergangs- Härtefallkommission erhalten. Eine un- bei einem Verstoß gegen gesetzliche Ein-
regelung der Arbeitnehmer- terschiedliche aufenthaltsrechtliche Be- reise- und Aufenthaltsverbote (z.B. bei
handlung von Ehepartnern, Lebenspart- vorangegangener Ausweisung) eine Be-
freizügigkeit in der EU nern oder Eltern und minderjährigen schäftigung der Härtefallkommission mit
Berlin. In einem Beschluss des Bundes- Kindern kann jedoch nur in Betracht dem Einzelfall nicht zulässig. Ein Härte-
vorstands vom März 2008 fordert der kommen, wenn Gründe vorliegen, die fallersuchen wird auch nicht angenom-
DGB die Bundesregierung auf, geeignete eine Ausnahme vom Regelfall rechtferti- men, wenn die Ausländerbehörde einen
Maßnahmen zur Begleitung der Über- gen. Der Zugang zur Härtefallkommissi- Abschiebungstermin festgelegt hat. Le-
gangsregelungen der Arbeitnehmerfrei- on wird auch für den Fall ermöglicht, diglich der an Sippenhaft erinnernde
zügigkeit und der Dienstleistungsfreiheit dass sich die Rechtslage nachträglich zu- Ausschluss aller Familienmitglieder bei
zu ergreifen. gunsten der Ausländerin oder des Aus- Vorliegen eines Nichtannahmegrundes
Ende 2009 steht die Entscheidung da- länders geändert hat. für ein Familienmitglied wird von einem
rüber an, ob die Übergangsregelung für Darüber hinaus ist geplant, dass für zwingenden Nichtannahmegrund in ei-
die Arbeitnehmerfreizügigkeit von Ar- ein Härtefallersuchen künftig nur noch nen Regelausschlussgrund umgewandelt.
beitnehmern aus den 2004 der EU beige- eine 2/3 Mehrheit der anwesenden Jenseits der Prüfung der niedersächsi-
tretenen mittel- und osteuropäischen stimmberechtigten Mitglieder nötig ist. schen Zuständigkeit für das Härtefallver-
Staaten bis 2011 verlängert wird. Bislang waren unabhängig von der Zahl fahren sollten alle weiteren Nichtannah-
Der DGB fordert unter anderem die der anwesenden Mitglieder sechs Stim- megründe gestrichen werden.
Schaffung einer soliden Informations- men der neun Mitglieder erforderlich. ● Auch an den Regelausschlussgrün-
und Datenbasis für die Entscheidung, die Eine Beschlussfassung über Härtefaller- den wird unverändert festgehalten. Zu
Sicherstellung und Durchsetzung der Ar- suchen soll jedoch nur möglich sein, den Regel-Ausschlussgründen gehört
beitnehmerrechte, etwa durch die Auf- wenn mehr als die Hälfte der stimmbe- beispielsweise der Bezug öffentlicher
nahme aller Branchen in das Entsende- rechtigten Mitglieder der Härtefallkom- Leistungen. Kranke, behinderte, arbeits-
gesetz und die Einführung eines gesetzli- mission anwesend ist. unfähige, alte und allein erziehende
chen Mindestlohns. Gleichzeitig sollen Quelle: Pressemitteilung Nds. Flüchtlinge haben damit weiterhin nur
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Innenministerium ■ geringe Chancen, als Härtefälle aner-
den neuen EU-Staaten auch in deren kannt zu werden. Auch wer nach jahre-
Sprachen über die in Deutschland beste- Flüchtlingspolitische langem Aufenthalt in Deutschland die ei-
henden Sozialversicherungs- und Steuer- gene Abschiebung nicht aktiv betrieben
vorschriften informiert werden. Die ein- Verbände kritisieren auch und sich beispielsweise nicht rechtzeitig
heimische Bevölkerung soll über die den Änderungsentwurf um die Beschaffung von Passpapieren
Wirkungen der Arbeitnehmerfreizügig- Die Flüchtlings/selbst/organisationen in bemüht hat, wird in der Regel weiter aus-
keit informiert werden, um Vorbehalte Niedersachsen begrüßen zwar die Ab- geschlossen.
und Ängste abzubauen. sicht der Landesregierung, die Härtefall- Folgende Nachbesserungen sind aus
„Sollten diese notwendigen Maßnah- verordnung zu überarbeiten. Von dem unserer Sicht dringend erforderlich:
men“, so der DGB-Bundesvorstand in vorgelegten Änderungsentwurf der Lan- ● Berufung der Flüchtlings/selbst/or-
seinem Beschluss, „nicht rechtzeitig ein- desregierung sind sie jedoch enttäuscht. ganisationen in eine neunte ordentliche
geleitet und umgesetzt werden, erwarten In ihrer Stellungnahme heißt es: Mitgliedschaft
wir, dass die Bundesregierung bei der ● Statt einer 3/4-Mehrheit aller acht ● Beschluss von Härtefallempfehlun-
EU die Fortgeltung der Beschränkungen Mitglieder soll zukünftig eine 2/3-Mehr- gen mit einfacher Mehrheit
der Arbeitnehmerfreizügigkeit bis 2011 heit der anwesenden Mitglieder für ein ● Streichung der Nichtannahme- und
beantragt.“ positives Ersuchen ausreichend sein. Die Regelausschlussgründe
Quelle: Publikation „Forum Härtefallkommission soll beschlussfähig Quelle: Presseerklärung kargah e.V.,
Migration Mai 2008“ 1.5.2008 ■ sein, wenn mindestens fünf Mitglieder Arbeitsgemeinschaft MigrantInnen und
anwesend sind. Bei Anwesenheit aller Flüchtlinge in Niedersachsen e.V.,
Niedersächsischen Härte- acht stimmberechtigten Mitglieder än- Flüchtlingsrat Niedersachsen e.V. ■
dert sich somit gar nichts: Weiterhin wer-
fallkommissionsverordnung den sechs Stimmen (faktisch eine 3/4 Niedersachsen: Zahlen zum
soll geändert werden Mehrheit) für ein positives Härtefallersu-
Hannover. Die Landesregierung hat auf chen benötigt. Bei Anwesenheit von fünf Bleiberecht weiterhin ent-
Vorschlag von Innenminister Uwe Schü- Stimmberechtigten werden sogar vier täuschend
nemann Änderungen der Verordnung Stimmen benötigt, was einer 4/5 Mehr- Die von der Bundesregierung auf Anfra-
über die niedersächsische Härtefallkom- heit entspricht. Unserer Forderung nach ge der FraktionDIE LINKE vorgelegten
mission zur Verbandsanhörung freigege- Einführung einer einfachen Mehrheit, Zahlen zur Bleiberechtsregelung für
ben. Die Landesregierung hatte am 21. wie sie bei demokratischen Entscheidun- Flüchtlinge (BT-Drs. 16/8803) verdeutli-
Juli 2006 die Verordnung über die Härte- gen allgemein üblich ist, wird nicht ent- chen, dass die Umsetzung der Bleibe-
fallkommission beschlossen. Im Septem- sprochen. Das Vetorecht des Innenminis- rechtsregelung nach wie vor äußerst un-
ber 2006 fand die konstituierende Sit- ters bleibt überdies unangetastet. befriedigend ist. Die von Innenminister
zung des Gremiums statt. Jetzt sollen so- ● Der Entwurf verzichtet auf die von Schünemann vor Jahresfrist ins Spiel ge-
wohl der Zugang zur Härtefallkommissi- uns geforderte Berufung eines neunten brachte Zahl von 7.000 bleibeberechtig-
on als auch die Voraussetzungen für den Mitglieds aus dem Bereich der Flücht- ten Flüchtlingen ist weit von den Realitä-
Beschluss eines Härtefallersuchens lings/selbst/organisationen. Diese sind in ten entfernt:
durch die Kommission erleichtert wer- Niedersachsen im Unterschied zur Situa- ● Am 31.03.2008 lebten in Nieder-
den. Bislang wurden Familien im Härte- tion in fast allen anderen Bundesländern sachsen 17.272 Flüchtlinge mit einer
fallverfahren einheitlich behandelt. mit Sibylle Naß vom kargah e.V. lediglich Duldung, davon 9796 seit sechs, 6502
Künftig sollen auch einzelne Familien- in eine stellvertretende Position berufen. Flüchtlinge seit acht Jahren.

: antifaschistische nachrichten 9-2008 11


● Nur 327 ehemals geduldete Flücht- gessätzen können eine Ablehnung
linge lebten am 31.12.2008 in Nieder- begründen.
sachsen mit einer im Rahmen der gesetz- Neben der Forderung einer nahe-
lichen Bleiberechtsregelung erteilten, an zu vollständigen Sicherstellung des
das Fortbestehen des Arbeitsverhältnis- Lebensunterhalts sorgt vor allem
ses gebundenen Aufenthaltserlaubnis. die hartherzige Sanktionierung ei-
Darüber hinaus waren zum gleichen ner mangelnden Mitwirkung bei
Stichtag 1.717 Flüchtlinge in Nieder- der eigenen Abschiebung in der
sachsen mit einer Aufenthaltserlaubnis Vergangenheit für einen Ausschluss
„auf Probe“ gemeldet. Die Verlängerung vieler potenziell von der Bleibe-
dieser Aufenthaltserlaubnis über den rechtsregelung Begünstigter. Nie-
31.12.2009 hinaus ist gebunden an den dersachsen grenzt sich damit auch
Nachweis eines dauerhaften eigenständi- vom Bundesinnenministerium ab,
gen Einkommens. Schließlich erhielten das nicht nur einen erheblich grö-
110 Kinder aufgrund einer guten Integra- ßeren Spielraum für die Gewäh-
tionsprognose ein vorübergehendes Blei- rung ergänzender öffentlicher Leistun- Mitte hinzuweisen. Die AWO betreibt
berecht. gen einräumt, sondern in seinen Anwen- zwei Flüchtlingsunterkünfte in Berlin.
Insgesamt lebten am 31.3.2008 damit dungshinweisen zur Beurteilung von Eine befindet sich in Treptow-Köpenick
2.154 Flüchtlinge mit einer Aufenthalts- Ausschlussgründen ausdrücklich auch und seit 1989 eine in der Motardstraße in
erlaubnis nach der gesetzlichen Bleibe- einen „großzügigen Maßstab“ angelegt Spandau. In der Regel werden Flüchtlin-
rechtsregelung in Niedersachsen (bun- wissen will. ge, die in die Bundesrepublik kommen
desweit: 15.239 Personen). Quelle: Presseerklärung Nds. und einen Asylantrag stellen, für die ers-
● Für 519 Personen stellten nieder- Flüchtlingsrat ■ ten drei Monate in solchen Unterkünften
sächsische Behörden bereits bei der Um- untergebracht. Zu diesem Zweck wurde
setzung der IMK-Bleiberechtsregelung Repression gegen Solidari- das Lager in der Motardstraße ursprüng-
Ausschlussgründe fest. Für die gesetzli- lich eingerichtet. Aufgrund der zurück-
che Bleiberechtsregelung liegen hierzu tätsdelegation beim Lager gehenden Flüchtlingszahlen sind viele
noch keine Zahlen vor. Nach den bisheri- in Katzhütte der Mehrbettzimmer leer. Dank des Ide-
gen Erfahrungen des Flüchtlingsrats Thüringen. Im Rahmen des Aktions- enreichtums der Betreiberin kam es, dass
wird auch diese in Niedersachsen klein- wochenendes zur Schließung von Isolati- mittlerweile auch Flüchtlinge, die sich
kariert und restriktiv umgesetzt. onslagern in Katzhütte und Jena/Thürin- bereits in einer eigenen Wohnung einge-
Nach wie vor leben rund 56 % aller gen fand am 26. April ein Solidaritätsbe- richtet hatten, von den Bezirksämtern in
Geduldeten in Niedersachsen bereits län- such bei den BewohnerInnen des Flücht- die Motardstraße eingewiesen werden.
ger als sechs Jahre im Bundesgebiet, lingslagers in Katzhütte statt. Diese In der Motardstraße leben Kinder, Ju-
rund 38 % länger als acht Jahre. Fast 18 kämpfen seit Wochen gemeinsam gegen gendliche und Erwachsene, isoliert von
Monate nach Inkrafttreten der ersten ihre miserablen Lebensbedingungen und der Mehrheitsgesellschaft, im Industrie-
Bleiberechtsregelung drängt sich der für die Schließung des Lagers (siehe gebiet Spandau. Die Unterkunft besteht
Eindruck auf, dass die gefassten Be- www.thecaravan.org; www.thevoicefo- aus 5 Containerbaracken mit jeweils 125
schlüsse “ anders als öffentlich verlaut- rum.org). Plätzen. Hier werden Haustiere in Form
bart “ wohl keine Lösung des Problems Der Lager-Sicherheitsdienst wollte die von Kakerlaken gratis mitgestellt. Dazu
der Kettenduldungen bewirken werden. Solidaritätsdelegation nicht aufs Gelände kommen defekte Toiletten, die teilweise
Bürokratische Verfahren, überzogene lassen und rief die Polizei. Diese kontrol- nicht abschließbar sind. Für das leibliche
Anforderungen und kleinliche Aus- lierte die Personalien der BesucherInnen „Wohl“ sorgt die Firma Dussmann durch
schlussgründe sorgen dafür, dass die und nahm Anzeigen wegen „Hausfrie- die Lieferung ungesunden Fertigessens.
überwiegende Mehrheit der Flüchtlinge densbruch“ auf. Von einem Filmteam, Die neue Bleibe gestaltet sich in Form
bislang nicht die erhoffte Aufenthaltser- das die Aktionen begleitete, wurden die von Mehrbettzimmern, die sich Flücht-
laubnis erhalten hat und wohl auch nicht Aufnahmen beschlagnahmt. linge mit ihnen unbekannten und andere
erhalten wird, wenn nicht noch adminis- Durch Repression versuchen die ver- Sprachen sprechenden Menschen teilen
trativ nachgebessert wird. Hier bleibt zu antwortlichen Behörden, die Flüchtlinge müssen, was zu Spannungen unter den
hoffen, dass die verstärkte Einflussnah- in Katzhütte und solidarische Unterstüt- BewohnerInnen oder zu Depressionen
me vor allem auch der Sozialpolitiker/in- zerInnen einzuschüchtern. Lassen wir führt.
nen eine spürbare Verbesserung bringen uns nicht mundtot machen! Der Kampf Während die AWO das Geld der bele-
wird. geht weiter! Keine Strafanzeigen für genden Sozialämter erhält, bleiben den
Viele Geduldete scheitern bereits da- Flüchtlinge und UnterstützerInnen in BewohnerInnen der Motardstraße 20
ran, dass sie keinen Pass vorlegen kön- Katzhütte! Isolationslager in Katzhütte Euro Bargeld im Monat. Dass dieses
nen. Ohne einen Pass wird der Antrag und anderswo schließen! Geld weder für die Inanspruchnahme
auf ein Bleiberecht jedoch von den Aus- Solidarischer Beobachter aus München rechtlicher Hilfe, noch für Fahrkarten,
länderbehörden gar nicht bearbeitet, Quelle: caravane-info mailing list - geschweige denn für kulturelle Ausflüge
selbst wenn alle übrigen Integrationsvo- flucht mailing list nds-fluerat ■ reicht, ist ja nicht das Problem der AWO.
raussetzungen erfüllt sind. Deshalb verweisen MitarbeiterInnen der
Trotz eines Arbeitsnachweises wer- AWO engagierte Menschen, die Kritik
den Flüchtlinge mit der Begründung ab- Antirassistische Aktion bei an den beschriebenen Lebensbedingun-
gelehnt, eine spätere “auskömmliche gen üben, vom Gelände.
Rente“ sei nicht sichergestellt. Ein er- der AWO Berlin Die AWO beteiligt sich an einem Sys-
gänzender Bezug öffentlicher Leistun- Berlin. Am Samstag, den 26. April be- tem, dass den MigrantInnen ihre Uner-
gen wird auch bei Härtefällen (z.B. Al- suchten eine Handvoll AktivistInnen die wünschtheit vor Augen führen soll. Zu-
leinerziehenden) weitgehend ausge- AWO Berlin Mitte, die im Wedding eine erst kommt der Profit, dann kommt der
schlossen, und selbst geringfügige Ver- Werbeveranstaltung machte, um neue Mensch. Dagegen richtete sich der Pro-
gehen unterhalb der vom Gesetzgeber Mitglieder zu gewinnen. Ziel der Aktion test.
festgelegten Grenze von 50 bzw. 90 Ta- war es, auf die Lagerpolitik der AWO http://www.chipkartenini.squat.net/ ■

12 :antifaschistische nachrichten 9-2008


Foto: http://de.indymedia.org/2008/ weiter steigt, wird Deutschland Flücht- auf, viele von ihnen sind jedoch bereits
04/214732.shtml lingen aus dem südasiatischen Inselstaat vor dem Krieg geflohen. In dieser Situati-
weiterhin keinen Schutz gewähren. Wie on sollte eine großzügige Aufnahmebe-
Strafprozess gegen Flücht- auf der gestrigen Sitzung des Innenaus- reitschaft gegenüber irakischen Flüchtlin-
schusses bekannt wurde, bleibt die Kon- gen eine Selbstverständlichkeit seien.
linge wegen umgefallenen ferenz der Innenminister von Bund und Doch das Gegenteil ist der Fall. Seit 2003
Zauns Ländern bei ihrer Haltung, keinen Ab- wurden mehr als 22.000 Widerrufsverfah-
Bramsche. Der Zaun um das Abschiebe- schiebestopp für Flüchtlinge aus Sir Lan- ren gegen Irakerinnen und Iraker eingelei-
lager Bramsche-Hesepe herum ist schon ka zu beschließen. Dazu erklärt die in- tet. In ca. 20.000 Fällen wurde der Flücht-
öfter mal umgefallen, bisher leider im- nenpolitische Sprecherin der Fraktion lingsstatus widerrufen. Dieses Vorgehen
mer nur symbolisch, oder auch mal ganz DIE LINKE, Ulla Jelpke: ist einzigartig in Europa. Soweit die Be-
pragmatisch, um frei aus dem Lager ein- Mit ihrer harten Haltung verhindern troffenen kein anderweitiges Aufenthalts-
und ausgehen zu können, ohne die Kon- die Innenminister auch, dass geduldete recht erhalten haben, leben sie seither
trolle der Security an der Pforte und ohne Staatsangehörige aus Sri Lanka eine meist mit dem unsicheren Status der Dul-
den Umweg über diese Pforte. Aufenthaltserlaubnis erhalten. Sie be- dung und allen daraus resultierenden
Auch Ende November 2006 ver- haupten, ein Abschiebestopp führe zu er- Konsequenzen, wie dem Verlust der Ar-
schwand ein Teil des Zauns, der das Ab- höhten Zahlen bei der Einreise von sri- beit, bzw. der Arbeitserlaubnis und damit
schiebelager umgibt. Wer auch immer lankischen Flüchtlingen. Generell kann verbunden oft auch dem Verlust der Woh-
dafür verantwortlich zu machen ist, es das kein Argument gegen einen Abschie- nung. Viele Betroffene müssen in eine der
geschah aus Wut über dieses Symbol der bestopp sein. Davon abgesehen, trifft es Asylunterkünfte zurückkehren und ihnen
Ausgrenzung, welches auch für die ge- hier aber auch nicht zu. Nach der Verhän- wird formal die Abschiebung angedroht.
samte menschenunwürdige Unterbrin- gung eines Abschiebestopps in den Nie- Über 8.000 IrakerInnen wurde bereits die
gung steht. derlanden vor einem Jahr ist die Zahl der Abschiebung angedroht, sie leben auf Ab-
Zur Vorgeschichte: Am Dienstag, den Asylanträge von srilankischen Staatsan- ruf in Deutschland.
21. November traten die BewohnerInnen gehörigen dort gleich geblieben. Dies Zwar gibt es zurzeit keine massenhaf-
des Lagers Hesepe einen unbefristeten geht aus der Antwort der Bundesregie- ten Abschiebungen, 2007 starteten jedoch
Boykott des Kantinenessens an, nach- rung auf eine Schriftliche Frage von mir bereits die ersten Abschiebungen in den
dem sie am Mittwoch, den 8. November hervor. Nordirak. Grundlage hierfür ist ein Be-
einen eintägigen Warnboykott durchge- Ich fordere die Innenminister auf, ih- schluss der Innenministerkonferenz vom
führt hatten. Sie forderten einen huma- ren humanitären Verpflichtungen nach- 17.11.2006, in dem die Rückführung von
nen Umgang und eine Verbesserung der zukommen und einen Abschiebestopp irakischen Straftätern beschlossen wurde.
Lebensbedingungen. Bis heute wurde sowie großzügige Bleiberechtsregelun- Abgeschoben werden sollen jedoch nicht
von Seiten der Verantwortlichen nicht gen für Flüchtlinge aus Sri Lanka zu er- nur Schwerkriminelle, wie teilweise be-
auf die Forderungen reagiert. lassen! Dem Bundestag liegt ein entspre- hauptet wird: Schon bei geringen Geld-
Die Proteste der Flüchtlinge wurden chender Antrag der Fraktion DIE LIN- strafen von 50 Tagessätzen sind Abschie-
von mehreren Demonstrationen in Bram- KE. vor, der diese Forderung stützt (Bt- bungen möglich. Auch bei Straftätern sind
sche und Osnabrück begleitet. Unter an- Drs 16/4203). die deutschen Behörden dazu verpflichtet,
derem fand am 29. November eine De- Ulla Jelpke, MdB, Innenpolitische den Hinweis des UNHCR zu beachten,
monstration in Bramsche statt und am Sprecherin Fraktion DIE LINKE ■ niemanden gegen seinen Willen und ohne
Donnerstag, den 30. November wurde eine aufnahmebereite und -fähige Familie
zur Zeit des Dienstschlusses für das Per- Keine Abschiebungen in in den Irak abzuschieben. Es ist zu be-
sonal für eine Stunde das Tor des Lagers fürchten, dass die Abschiebung von Straf-
in Bramsche blockiert, so dass ca. 50 An- den Irak tätern nur den demonstrativen Einstieg
gestellte das Gelände vorübergehend Die Lage im Irak ist seit Jahren durch an- darstellen und die Öffentlichkeit darauf
nicht verlassen konnten. In der Nacht zu- haltende und alltägliche Gewalt, schwers- vorbereiten soll, dass Irak-Abschiebungen
vor fiel ein Teil des Zaunes, der das La- te Menschenrechtsverletzungen sowie künftig auch auf andere Personen ausge-
ger umgibt, um, eindeutig eine symbol- wirtschaftliche, rechtliche und politische weitet werden. Deshalb fordern die Unter-
hafte Aktion, die die Ausgrenzung der Instabilität gekennzeichnet. Opfer der Ge- zeichnenden:
Flüchtlinge wenigstens bildhaft aufhe- walttaten werden vor allem Zivilisten, für ● Einen sofortigen Abschiebungsstopp für
ben sollte. Zu diesem Zeitpunkt war der deren Sicherheit der Staat in keinem Lan- Irakerinnen und Iraker.
Zaun sowieso nur ein einziges geflicktes desteil garantieren kann. Verantwortliche ● Die Rücknahme des IMK-Beschlusses
Loch. Dennoch wurde Anzeige erstattet für Gewalttaten gehen straffrei aus, zumal zur Abschiebung von Irakern vom
gegenüber Bewohnern des Lagers. Und Polizeieinheiten selbst oft von gewalttäti- 17.11.2006
dieser Anzeige folgt nun tatsächlich ein gen Milizen unterwandert sind. Seit 2003 ● Irakische Flüchtlinge müssen eine Auf-
Strafprozess vor dem Amtsgericht Ber- ist keine durchgreifende Verbesserung der enthaltserlaubnis erhalten.
senbrück. Der Gegenstand des Verfah- Sicherheitslage erreicht worden. Vor die- ● Bei Asylwiderrufen muss zumindest
rens und das Verfahren überhaupt, ist ein sem Hintergrund sind seit Kriegsende subsidiärer Schutz gewährleistet werden.
Politikum. Deshalb fordern wir dazu auf, über vier Millionen Menschen aller Be- ● Angesichts der humanitären Katastro-
den Prozess zu besuchen und Solidarität völkerungsgruppen und sämtlicher Kon- phe in den Flüchtlingslagern der Nachbar-
mit den angeklagten Flüchtlingen zu zei- fessionen aus dem Irak und innerhalb des länder des Iraks darf Europa seine Gren-
gen. Quelle: flucht mailing list Irak geflohen. Der UNHCR rechnet mit zen nicht verschließen. Wir fordern Hilfe
flucht@nds-fluerat.org ■ 2,2 Millionen Binnenvertriebenen inner- für die Flüchtlinge und die Aufnahmelän-
halb des Irak. Die Kapazitäten zur Auf- der Syrien und Jordanien sowie die Auf-
Innenminister bleiben hart nahme der Binnenflüchtlinge sind daher nahme irakischer Flüchtlinge auch in
längst überschritten. Fast zwei Millionen Deutschland.
– kein Schutz für Tamilen Flüchtlinge halten sich alleine in Syrien Erstunterzeichner: Pro Asyl, Bayerischer Flücht-
Berlin. Obwohl in Sri Lanka die und Jordanien auf. Nur ein geringer Teil lingsrat, Jugendliche Ohne Grenzen – Bayern,
schwersten Gefechte zwischen Armee der Irak-Flüchtlinge ist nach Europa ge- amnesty international münchen / AK Asyl, BI
Asyl Regensburg, Karawane für die Rechte der
und Tamilen-Rebellen seit langem toben flohen. In Deutschland halten sich insge- Flüchtlinge und MigrantInnen – München, Mün-
und die Zahl der zivilen Opfer immer samt rund 73.000 Irakerinnen und Iraker

: antifaschistische nachrichten 9-2008 13


Am diesjährigen 1. Mai demons- Frankreich:
trierten in ganz Frankreich rund
200.000 Menschen, darunter gut
30.000 in der Hauptstadt Paris. In Paris
Streik der Travailleurs sans papiers
war der Demozug stark von der Präsenz
der ‚Salariés sans papiers‘ oder „illegali-
oder „illegalisierten“ Einwanderer
sierten“ und lohnabhängig arbeitenden Kleinunternehmern, Restaurant- und Ho- dern“ außerhalb der Europäischen Union
Einwanderer geprägt. Letztere stellten die telbesitzern – und erhebliches Aufsehen in keinen Rechtsanspruch auf „Legalisie-
mit Abstand dynamischsten Abteilungen der Öffentlichkeit erregt. rung“ zum Zwecke der Verrichtung einer
der Demonstrationen und bildeten teils ei- Hintergründe Erwerbsarbeit. (Für die Osteuropäer/in-
gene Demoblöcke, teils „gemischte“ Blö- nen, denen der nationale Arbeitsmarkt
cke von der CGT angehörenden Beschäf- Wer „ohne Papiere“, also ohne einen gülti- noch nicht gänzlich geöffnet worden ist,
tigten (ohne Aufenthaltsprobleme) und gen Aufenthaltstitel in Frankreich arbeiten gilt eine andere Liste von 150 Berufen, da-
‚Salariés sans papiers‘. muss, ist leicht einer Überausbeutung aus- runter auch „gering qualifizierte“ Tätig-
Dass die „illegalisierten“ Einwanderer gesetzt. D.h. er oder sie wird – aus mate- keiten. Offizielle Zielsetzung scheint es
in Paris und anderswo – teils in größerer rieller Notwendigkeit des Überlebens he- dabei zu sein, ein „weißes“ Proletariat
Zahl – an gewerkschaftlichen und/oder raus – Arbeits- oder Lohnbedingungen ak- oder Subproletariat statt eines von anderen
linken Demonstrationen teilnehmen und zeptieren, zu denen der sog. Arbeitgeber Kontinenten kommenden bevorzugen zu
dort das gesellschaftliche Problem der keine französischen oder anderen „lega- wollen.) An dem erstgenannten Punkt setzt
Einwanderungspolitik aufwerfen, ist seit len“ Arbeitskräfte findet. Deshalb auch nun der Streik an: Da der Arbeitgeber seit
Jahren durchaus nichts Ungewöhnliches. war es vielen Patrons durchaus – mindes- dem 1. Juli 2007 nicht mehr – wie früher –
Außergewöhnlich war aber ihre Anzahl tens – gleichgültig, ob ihre Angestellten einfach die Augen zudrücken kann, um
und ihre massive Präsenz am gestrigen 1. im Besitz gültiger Aufent-
Mai. Da ferner der allergrößte Teil der haltstitel waren oder nicht.
‚Travailleurs sans papiers‘ – aufgrund der Aber unter dem Druck des
Rolle dieses Gewerkschaftsverbands im gewerkschaftlichen Pro-
aktuellen Streik „illegalisierter“ und lohn- tests, der die Präsenz „ille-
abhängig arbeitender Einwanderer – But- galer“ Einwanderer sichtbar
tons der CGT trägt, ist klar, dass die CGT macht und ihre Patrons da-
enorm von dieser Frischluftzufuhr profi- mit - im Falle ausbleibender
tiert. Zumal sie nunmehr zugleich das „Legalisierung“ ihrer Ar-
Überalterungsproblem, das sich nicht bei beitskräfte – selbst der Ge-
allen, aber bei manchen ihrer Auftritte zu fahr von Strafverfolgung
stellen schien, gelöst hat... aussetzt, sehen sie sich nun
Dies Alles ist, selbstverständlich, eine gezwungen zu handeln.
Konsequenz aus dem aktuell noch anhal- Denn die seit Juli 2006
tenden Ausstand von ‚Travailleurs sans pa- sukzessive durch die regie-
piers‘ in rund 30 Betrieben (Restaurants, renden Konservativen ver-
Baufirmen, Reinigungsunternehmen) in änderte Ausländer-Gesetz-
der französischen Hauptstadt und im Pari- gebung sieht einerseits vor, Großveranstaltung im Pariser Gewerkschaftshaus
ser Umland. Er hat in den letzten beiden dass die Arbeitgeber „illegal“ sich im Lan- „illegale“ und deshalb gefügigere Arbeits-
Wochen ziemlich stark das aktuelle innen- de aufhaltender Beschäftigter selbst be- kräfte einzustellen oder weiter zu beschäf-
politische Geschehen mitgeprägt. Wäh- straft werden können, wenn sie sich nicht tigen, bringt ihn die Öffentlichmachung
rend zugleich auch andere Kämpfe der der „Rechtmäßigkeit“ deren Aufenthalts der „Illegalität“ seiner Angestellten selbst
(„illegalisierten“ oder in Frankreich „uner- versichert haben. Dazu müssen sie nicht in die Bredouille.
wünschten“) Einwanderer stattfinden, na- mehr nur selbst die Papiere kontrollieren – Die Kontrollwut der konservativen Poli-
mentlich ein Hungerstreik von 100 Insas- was es ihnen früher in aller Regel erlaubte, tiker tritt an dieser Stelle in Widerspruch
sen der Abschiebehaftanstalt in Vincennes ein Auge zuzudrücken, wenn ihnen fal- zum ökonomischen Interesse der Bour-
südöstlich von Paris – wohin am Sonntag sche oder aber einer anderen Person aus geoisie. Unter dem Druck des Streiks
Nachmittag auch eine Demonstration demselben Herkunftsland gehörende Pa- spricht letztere sich deshalb für eine „Le-
führte –, hat der Streik der „arbeitenden piere vorgelegt wurden –-, sondern sie galisierung“ der betroffenen Arbeitskräfte
Sans papiers“ wesentlich entscheidendere müssen seit dem 1. Juli 2007 die Präfektur aus. Etwa der Chef des Arbeitgeberver-
Auswirkungen auf die Entwicklung des (= Polizei- und Ausländerbehörde) zu ih- bands im Hotel- und Gaststättengewerbe,
innenpolitischen Klimas. Obwohl er im rer Überprüfung einschalten. André Daguin. Eigentlich ein reaktionärer
Augenblick „nur“ 600 aktiv Streikende Andererseits aber gibt der berühmt ge- Scharfmacher, der am 30. August 2004 bei
umfasst. wordene Artikel 40 des bislang jüngsten, der „Sommeruniversität“ genannten Jah-
Alle an der Debatte Beteiligten wissen, novellierten Ausländergesetzes vom 20. restagung des Arbeitgeberverbands tönte,
dass durch den Streik im Moment nur so- November 2007 (Loi Hortefeux) den Ar- es brauche Killerfiguren an der Spitze der
zusagen die Spitze des Eisbergs sichtbar beitgebern das Recht, für ihre eigenen Ar- Kapitalverbände, und seine Kollegen gin-
geworden ist: Ganze Wirtschaftsbranchen beitskräfte eine „ausnahmsweise“ Aufent- gen viel zu nett mit ihren Beschäftigten
leben von der Ausbeutung und z.T. Über- haltsgenehmigung zu beantragen, die um: „Ihr müsst jene sein, die bedrohen,
ausbeutung „illegalisierter“ Arbeitskräfte, durch die Behörden geprüft werden muss. und nicht jene, die bedroht werden. (...)
insbesondere das Hotel- und Gaststätten- Ohne jegliche Rechtsgarantie für die be- Die Gesellschaft benötigt harte (Leute),
gewerbe, die Bauindustrie (vor allem ihre troffenen Sans papiers freilich: Außer bei nicht Weichlinge. Das Ärgerliche ist, dass
kleineren Unternehmen, aber nicht aus- circa 30 in einer ministeriellen Anordnung es viele Weichlinge gibt, zu viele. Es muss
schließlich) und das Reinigungsgewerbe. vom 7. Januar 2008 aufgelisteten „Man- Schluss damit sein, dass zurückgewichen
Der Streik hat die Regierung in Be- gelberufen“, die ausschließlich hochquali- wird, wenn der Moment der Anstren-
drängnis gebracht, Konservative wie fizierte Tätigkeiten umfasst (es sind alles gung/Leistung gekommen ist. (....) Ich zie-
Rechtsextreme in Widerspruch zu einem Ingenieurs- und höhere technische Beru- he die Mörder gegenüber den Betrügern
Teil ihrer eigenen sozialen Basis – den fe), gibt es für Immigranten aus „Drittlän- vor. Die Leute finden die Betrüger sympa-

14 antifaschistische nachrichten 9-2008


mochte etwa Ende April nur oder aber bei der Forderung nach einer
die „Legalisierung von ein kollektiven „Legalisierung“ für hundert
paar hundert Arbeitenden“ in Prozent der Streikenden hart bleiben wird.
Erwägung ziehen. Dies dürfte der Knackpunkt für eine Be-
Bis Ende der letzten April- wertung des Ergebnisses werden. Vor we-
woche haben die CGT und nigen Tagen wurde Raymond Chauveau
Droits devant! nun, statt der von der CGT Massy-Palaiseau – die seit
angekündigten 600, insgesamt längerem besonders in der Unterstützung
930 individuelle Dossiers zur für die Sans papiers engagiert ist – in den
„Legalisierung“ eingereicht. Medien mit den Worten zitiert, er „erhof-
Abzuwarten bleibt nun, ob ih- fe“ sich, dass die Präfekturen (Polizei- und
nen tatsächlich allen die seit Ausländerbehörden) „neun Dossiers von
langem ersehnte „Legalisie- zehn“ annehmen, d.h. einer „Legalisie-
rung“ winkt – oder ob die Be- rung“ zustimmen würde.
hörden, ist der Streik erst ein- Dies entspräche, so führen auch andere
mal vorbei, die Beschäftigten- Persönlichkeiten aus der CGT an, dem Er-
Streikende Sans Papiers im besetzten „Chez Papa“, Paris kollektive durch eine „Einzel- gebnis des Streiks im Nobelrestaurant ‚La
thisch. Die Mörder natürlich nicht. Aber fallbearbeitung“ nach dem Motto „Die Ei- Grande Armée’ im teuren 16. Pariser
Erstere haben einen großen Verdienst: den, nen ins Töpfchen, die Anderen ins Kröpf- Bzirk, der vom 16. bis 23. Februar 2008
nicht heuchlerisch/keine Heuchler zu chen“ zu spalten versuchen. stattfand und sozusagen den Vorläufer für
sein.“ (Originalton, vgl. http://fr.wikipe- Es wäre nicht das erste Mal, denn auf die jetzige Streikwelle bildete. Damals
dia.org/wiki/Andr%C3%A9_Daguin). diesem Wege wurden die starken Sans pa- waren acht von neun „illegal“ in Frank-
Derselbe André Daguin fordert nun piers-Bewegungen der neunziger Jahre – reich lebenden, afrikanischen Köchen „le-
aber allein für seine Branche die „Legali- die damals noch Kirchen besetzten, jetzt galisiert“ worden. Dem neunten wurden
sierung“ von 50.000 papierlosen Einwan- sind es Restaurants und andere Arbeits- die ersehnten Papiere jedoch verweigert,
derern. Eine Forderung, die bislang entwe- stätten – ab 1997/98 durch die damalige mit der Begründung, er sei drei Tage nach
der als hoffnungslos naiv geltenden Hu- sozialdemokratische Regierung gespalten dem 1. Juli 2007 (dem Stichdatum, ab dem
manisten oder aber Linksradikalen vorbe- und geschwächt. Am Ende waren sie als den Arbeitgebern die Pflicht zu einer ver-
halten schien. Daguin, der aus dem süd- politischer Faktor vorübergehend ausge- schärften Kontrolle bei der Einstellung zu-
westfranzösischen Auch kommt und dort schaltet. fiel) angestellt worden. Eine juristisch
Hotelbesitzer ist, hatte in der Vergangen- Aller Wahrscheinlichkeit nach wird die nicht haltbare Begründung, aber ein Signal
heit eine (lokal)politische Karriere bei der Regierung versuchen, durch eine 80-zu- an jene, die da nach ihm kommen würden,
bürgerlichen Rechten versucht, mit der 20-Prozent-Regelung gegenüber den denn dieser aus der Côte d’Ivoire (Elfen-
Option einer Öffnung hin zur extremen Streikenden und der CGT „Ballast abzu- beinküste) stammende Koch verlor infolge
Rechten. Doch nunmehr steht er mit seiner werfen“, aber zugleich eine Minderheit des Streiks und des Bekanntwerdens sei-
Forderung in komplettem Widerspruch so- von vielleicht einem Fünftel der Betroffe- ner „illegalen“ Anstellung auch seinen
wohl zu den Mainstreampositionen inner- nen in der „Illegalität“ zu halten. Zur Ab- Job.
halb des konservativ-liberalen Blocks, als schreckung von Anderen, die später streik- Wird die CGT dieses Mal an solchen
auch zu denen des rechtsextremen Front willig sein könnten: Ihnen würde signali- Punkten hart bleiben, und hat sie die Mit-
National. siert, dass so ein Ausstand nicht ohne Risi- tel zu einer Unnachgiebigkeit in dieser
(Vorläufige) Perspektiven ko ist. Denn wer sich auf diesem Wege als Frage? Es wird sich bald erweisen müssen.
„Papierloser“ bekannt macht, aber die er- Unterdessen wurde am Freitag, 2. Mai be-
Die konservative Regierung bleibt bisher sehnte Aufenthaltserlaubnis dabei nicht er- kannt, dass die ersten drei Sans papiers im
klar bei ihrer Position, wonach es eine hält, hat erst einmal alles verloren. „Sein“ Zusammenhang mit dem aktuellen Streik
„Legalisierung“ mittels „Einzelfallprü- Arbeitgeber kann und darf ihn, unter An- „legalisiert“ worden seien. Es handelt sich
fung“ (= au cas par cas), aber „keinesfalls drohung eigener Bestrafung, nicht weiter- um drei Köche aus dem Nobelrestaurant
eine massenhafte Legalisierung (régulari- beschäftigen. Die entscheidende Frage ‚Le Café de la Jatte’ im Millionärsvorort-
sation massive)“ wie etwa in den letzten wird sein, ob etwa die CGT sich auf einen Neuilly-sur-Seine. Letzteres bildete einen
Jahren in Spanien geben werde. Der kon- faulen Kompromiss nach dem Motto „80 besonders neuralgischen Punkt, an dem
servative Premierminister François Fillon Prozent ist besser als nichts“ einlassen, der Streik öffentlichkeitswirksam ansetzen
konnte, da es sich um Nicolas Sarkozys
ehemalige „Kantine“ handelt – der frühere
Der Herausgabekreis und die Redaktion sind zu erreichen über:
GNN-Verlag, Venloer Str. 440, 50825 Köln Tel. 0221 / 21 16 58, Fax 0221 / 21 53 73. Innenminister wohnte in dessen unmittel-
email: antifanachrichten@netcologne.de, Internet: http://www.antifaschistische-nachrichten.de barer Nachbarschaft, bevor er zum Staats-
Erscheint bei GNN, Verlagsges. m.b.H., Venloer Str. 440, 50825 Köln. V.i.S.d.P.: U. Bach präsidenten aufstieg.
Redaktion: Für Schleswig-Holstein, Hamburg: W. Siede, erreichbar über GNN-Verlag, Neuer Kamp 25, Die übrigen streikenden Sans papiers
20359 Hamburg, Tel. 040 / 43 18 88 20. Für NRW, Hessen, Rheinland Pfalz, Saarland: U. Bach, erhielten bislang hingegen von den zustän-
GNN-Verlag Köln. Baden-Württemberg und Bayern über GNN-Süd, Stubaier Str. 2, 70327 Stuttgart, Tel.
0711 / 62 47 01. Für „Aus der faschistischen Presse“: J. Detjen c/o GNN Köln. digen Präfekturen (Paris, Bobigny, Evry...)
Erscheinungsweise: 14-täglich. Bezugspreis: Einzelheft 1,30 Euro. vorübergehende Aufenthaltsgenehmigun-
Bestellungen sind zu richten an: GNN-Verlag, Venloer Str. 440, 50825 Köln. Sonderbestellungen sind gen von 14 Tagen „für die Zeit der Prüfung
möglich, Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt. ihrer Dossiers“. Nun wird sich in Bälde
Die antifaschistischen Nachrichten beruhen vor allen Dingen auf Mitteilungen von Initiativen. Soweit ein- zeigen, ob der Streik bis dahin durchgehal-
zelne Artikel ausdrücklich in ihrer Herkunft gekennzeichnet sind, geben sie nicht unbedingt die Meinung ten werden kann – im ‚Café de la Jatte‘ ist
der Redaktion wieder, die nicht alle bei ihr eingehenden Meldungen überprüfen kann. er schon seit mehreren Tagen zu Ende, an
Herausgabekreis der Antifaschistischen Nachrichten: Anarchistische Gruppe/Rätekommunisten (AGR); Annelie Bun-
tenbach (Bündnis 90/Die Grünen); Rolf Burgard (VVN-BdA); Jörg Detjen (Verein für politische Bildung, linke Kritik und Kom-
den meisten anderen Orten und besetzten
munikation); Martin Dietzsch; Regina Girod (VVN - Bund der Antifaschisten); Dr. Christel Hartinger (Friedenszentrum e.V., Arbeitsstätten hingegen nicht –, und wel-
Leipzig); Hartmut-Meyer-Archiv bei der VVN - Bund der Antifaschisten NRW; Ulla Jelpke (MdB); Marion Bentin, Edith Berg- che Strategie die Staatsmacht im Umgang
mann, Hannes Nuijen (Mitglieder des Vorstandes der Arbeitsgemeinschaft gegen Reaktion, Faschismus und Krieg–
Förderverein Antifaschistische Nachrichten); Kreisvereinigung Aachen VVN-BdA; AG Antifaschismus/ Antirassismus in
mit den eingereichten Anträgen auf „Pa-
der PDS NRW; Angelo Lucifero (Landesleiter hbv in ver.di Thüringen); Kai Metzner (minuskel screen partner); Bernhard piere“ einschlagen wird.
Strasdeit; Volkmar Wölk. Bernhard Schmid, Paris ■

: antifaschistische nachrichten 9-2008 15


: aus der faschistischen Presse
Deutschlands (NPD) offen sei-
ner entschiedenen Ablehnung
„der Überfremdung durch
Wer verursachte den zwei- unfall wurde zum Totschlagar- kultur- und rassefremde Men-
ten Weltkrieg? gument. Mit dem Effekt, dass schen“ Ausdruck verleihen.
per Gesetz aus der Atomenergie Man wolle „keine Integration“,
Junge Freiheit Nr. 17/08 vom 18.4.2008 ausgestiegen wird. Dabei sind ihre sondern Deutschland von allen
Das Buch eines polnischen Historikers Vorteile offensichtlich: klimafreund- „rassefremden Ausländer[n]“ reinigen
ist Anlass für das Blatt, seine seit langem lich, sauber, preiswert, effizient … Zu- und so den inneren Frieden wieder her-
vertretene These erneut zu bekräftigen: dem wird eine Abhängigkeit von Öl- und stellen. Wie so oft verbindet sich auch
Nicht Nazideutschland war Verursacher Gasnationen verhindert.“ Auf Seite 9 dis- bei Gansel der Rassismus mit dem völki-
und schuld am zweiten Weltkrieg, son- kutiert das Blatt, ob nicht die heimischen schen Antiindividualismus: „In dem he-
dern eigentlich die Sowjetunion. Nun hat Energieträger Braunkohle und Steinkoh- runterindividualisierten Völkergemisch
die Nazi-Wehrmacht die Sowjetunion le die besseren Energielieferanten seien einer multikulturellen Gesellschaft kann
angegriffen und nicht umgekehrt – aber als die „pseudoökologischen“ Solar- und es [...] keinen sozialen Frieden geben,
eigentlich, so die Behauptung des Blat- Windparks. Gas und Erdöl werden, weil weil es keine soziale Einheit und keine
tes, sei sie damit nur einem Angriff der in der Bundesrepublik kaum vorhanden, gewachsenen Gemeinschaftsbande gibt.“
UdSSR zuvorgekommen. Wie das mit all sowieso nicht in Betracht gezogen. (Die Aula, 4/2008, S. 20 f.)
den angeblich wissenschaftlich belegten Über die Teilnahme von – zum Teil
Phantasien vom osteuropäischen Unter- Wird ehemaliger JF-Redak- amtsbekannten – Neonazis an der Anti-
menschen zusammenpasst, den die Nazis EU-Demonstration vom 29. März in
erfanden, berührt das Blatt nicht. Statt- teur Kultusminister in Wien heißt es in der Aula: „Neben Spit-
dessen wird dieser vermeintliche Beweis Thüringen? zenvertretern von FPÖ (Strache, Rosen-
dafür herangezogen, dass auch die Bun- Junge Freiheit Nr. 19/08 vom 2.5.2008 kranz) und BZÖ (Westenthaler, Haider)
desrepublik „totalitäre Elemente“ ent- Der thüringische Ministerpräsident Alt- waren auch Hunderte Nationalisten ver-
hält: „Ihre Implementierung erfolgte in haus hat Peter Krause, CDU-Landtags- sammelt, die auf Plakaten gegen das
einem total besiegten Land. Um die Qua- abgeordneter und CDU-Vorsitzender des menschenrechtswidrige Verbotsgesetz
lität der deutschen Niederlage zu kenn- Kreisverbands Weimar, zum Kultusmi- im Allgemeinen und die Einkerkerung
zeichnen, benutzte der Historiker Hans nister berufen. Peter Krause war 1998 des Dichters Gerd Honsik protestierten.“
Joachim Arndt die Vokabel ,debelliert‘ – Redakteur der Jungen Freiheit und (Ebenda, S. 7) www.doew.at ■
völlig vernichtet. Die Debellation mani- schrieb bis zum Jahr 2000 für das Blatt.
festierte sich massenhaft in der Vertei- In einem Interview mit der Thüringi- Ordentliche Beschäftigungs-
lung von Melde- und Fragebögen an die schen Zeitung bezeichnete er das Blatt
Besiegten. Die Angaben darin waren ent- zunächst als „anerkanntes Medium in der politik?
scheidend für eine mögliche Eröffnung Presselandschaft“. Nach aufkommender Die von FPÖ-MEP Andreas Mölzer ver-
eines Spruchkammerverfahrens oder Kritik von der LINKEN, den Grünen und antwortete Wochenzeitung „Zur Zeit“
eine Einlieferung in ein Internierungsla- auch vom Koalitionspartner SPD ließ er (15/2008, S. 21) feiert die nationalsozia-
ger sowie für Lebensmittelzuteilungen dann mitteilen, die JF „vertrete eine poli- listische „Wirtschafts- und Sozialpoli-
und eventuelle Berufsverbote.“ Gemeint tische Linie, die er als CDU-Politiker tik“. Laut einer Anna Maria Langbauer
sind die Entnazifierungsverfahren der nicht teile. Daher arbeite er auch nicht hätte Hitler-Deutschland Österreich nach
Alliierten, die samt und sonders mit Ge- mehr für die Zeitung.“ Althaus hält an dem „Anschluss“ nicht ausgeplündert,
richtsverfahren verbunden waren – das seinem Vorschlag fest – mal sehen, wann sondern hoch subventioniert. Es sei nach
als totalitär zu betrachten, ist ein Beleg sich Krause im Blatt interviewen lässt. dem März 1938 zu einem „Aufblühen
für die Missachtung des Rechtswesens. uld ■ der Klein- und Mittelbetriebe“ gekom-
men. Unter Ausblendung der antisemiti-
Atomkraft Ja „Nationalisten“ im „frei- schen Raubzüge und Verfolgungen, der
Ausrichtung der Wirtschaft auf den An-
Junge Freiheit Nr. 18/08 vom 25.4.2008 heitlichen Magazin“ griffs- und Vernichtungskrieg und der
Die Energiekrise hat das Blatt erreicht – In der April-Ausgabe des FPÖ-nahen zahllosen Repressionen werden die na-
auf Seite 1 spricht sich Michael Manns Monatsblattes Aula kann Jürgen Gansel tionalsozialistischen Selbstdarstellungen
dafür aus: „Also Atom … Der Reaktor- von der Nationaldemokratischen Partei reproduziert und so der Eindruck er-
weckt, Österreich sei nach dem „An-
schluss“ zu einem wahren Paradies für
BESTELLUNG: Hiermit bestelle ich … Stück pro Ausgabe (Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt)
die kleinen Leute geworden. Vorbei auch
O Halbjahres-Abo, 13 Hefte 22 Euro
der Hader und Streit der Vergangenheit:
O Förder-Abo, 13 Hefte 27 Euro Erscheinungsweise:
14-täglich
„Die verschiedenen Bevölkerungsgrup-
O Jahres-Abo, 26 Hefte 44 Euro
O Förder-Abo, 26 Hefte 54 Euro
pen, die sich vor dem Anschluss feind-
O Schüler-Abo, 26 Hefte 28 Euro
lich gegenüberstanden, waren miteinan-
O Ich möchte Mitglied im Förderverein Antifaschistische Nachrichten werden. Der Verein unterstützt finanziell
der versöhnt.“ (Ebenda) Die NS-Apolo-
und politisch die Herausgabe der Antifaschistischen Nachrichten (Mindestjahresbeitrag 30,- Euro). gie gipfelt in der Behauptung, der Zweite
Einzugsermächtigung: Hiermit ermächtige ich den GNN-Verlag widerruflich, den Rechnungsbetrag zu Lasten Weltkrieg und damit der Anfang vom
meines Kontos abzubuchen. (ansonsten gegen Rechnung) Ende der wirtschaftlichen und sozialen
Hochblüte habe „mit der Kriegserklä-
Name: Adresse: rung von Großbritannien und Frankreich
am 3. September 1939“ (ebenda) begon-
Konto-Nr. / BLZ Genaue Bezeichnung des kontoführenden Kreditinstituts nen. www.doew.at ■
Unterschrift
GNN-Verlag, Venloer Str. 440, 50825 Köln, Tel. 0221 – 21 16 58, Fax 21 53 73, email: gnn-koeln@netcologne.de PS: Laut ddp-Meldung vom 5.5. will Krause jetzt
Bankverbindung: Postbank Köln, BLZ 370 100 50, Kontonummer 10419507 doch auf das Amt des Kultusministers verzichten.

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