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Sammelrez: Deutsche Besatzungsherrschaft im Osten 2007-4-038

Sammelrez: Deutsche Material aus über zwanzig Archiven, Mlynarczyk


Besatzungsherrschaft im Osten und Seidel beziehen auch die polnische Literatur
Angrick, Andrej; Klein, Peter: Die ’Endlösung’ im zum Thema ein.
Ghetto Riga. Ausbeutung und Vernichtung 1941- Ein gemeinsames Kennzeichen ist die akribi-
1944. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesell- sche Darstellung der Herrschaftsstrukturen und
schaft 2006. ISBN: 978-3534191499; 520 S. Mordaktionen, was dem Gegenstand geschuldet ist
– der Rekonstruktion von Verbrechen. Aus die-
Mlynarczyk, Jacek A.: Judenmord in Zentralpo- sem Grund stützen sich alle Autoren intensiv auf
len. Der Distrikt Radom im Generalgouvernement das Material der Ermittlungsverfahren gegen NS-
1939-1945. Darmstadt: Wissenschaftliche Buch- Verbrecher der Außenstelle Ludwigsburg des Bun-
gesellschaft 2007. ISBN: 978-3534202669; 408 S. desarchivs und versuchen, die in diesen Unterlagen
dominierende juristische Perspektive durch zeitge-
Seidel, Robert: Deutsche Besatzungspolitik in Po- nössische Akten und Erinnerungsberichte zu er-
len. Der Distrikt Radom 1939-1945. Paderborn gänzen. Insbesondere die Studie zum Judenmord
u.a.: Ferdinand Schöningh Verlag 2006. ISBN: in Lettland ist durch eine minutiöse Darstellung
978-3506756282; 421 S. des Ablaufs der Mordaktionen sowie der Konflik-
te zwischen den beteiligten Dienststellen gekenn-
Rezensiert von: Klaus Jochen Arnold, Berlin zeichnet. Trotz der allzu berechtigten Kritik an der
geringen Zahl verurteilter NS-Täter zeigt das aus-
In letzter Zeit erschienen zahlreiche Regional- gebreitete Material einmal mehr, wie akribisch die
oder Spezialstudien zum Mord an den Juden im Ermittlungen in den 1960er- und 1970er-Jahren
Zweiten Weltkrieg. Die hier anzuzeigenden Bän- geführt wurden, die zur unverzichtbaren Grundla-
de zeigen jedoch eindrucksvoll, wie lückenhaft das ge für die historische Forschung avancierten.
Wissen über die Ermordung der Juden selbst in Po- Andrej Angrick und Peter Klein legen – nach
len und der Sowjetunion noch ist – jenen Ländern, Jahren intensiver und durch andere Projekte un-
die am meisten unter der nationalsozialistischen terbrochener Forschung – ihre Studie zum Juden-
Vernichtungspolitik gelitten haben. Die Untersu- mord in Lettland vor, die als Standardwerk künfti-
chungen von Andrej Angrick, Peter Klein, Jacek ge Forschungen inspirieren wird.2 Das besondere
Andrzej Mlynarczyk und Robert Seidel schließen Verdienst liegt in einer umfassenden Darstellung
klaffende Lücken. Die ersten beiden Bände sind des „Mikrokosmos der Täter“. Einer einführenden
als Veröffentlichungen der überaus aktiven For- Darstellung zur Geschichte Lettlands im 20. Jahr-
schungsstelle Ludwigsburg der Universität Stutt- hundert folgt die Schilderung der deutschen Vor-
gart erschienen. Nach den Studien zum Juden- bereitungen auf den Vernichtungskrieg. Nach den
mord in den Distrikten Lublin und Galizien legen Pogromen und den Massenmorden in den ersten
Mlynarczyk und Seidel gleichzeitig Untersuchun- Wochen des deutsch-sowjetischen Krieges wurde
gen zum bislang vernachlässigten Distrikt Radom Ende Juli 1941 – auf Initiative der Wirtschafts-
vor, die sich aufgrund unterschiedlicher Perspekti- inspektion und in Vorbereitung der Übergabe des
ven und Fragestellungen ausgesprochen gut ergän- Gebietes an die Zivilverwaltung – die Einrichtung
zen.1 Dabei profitieren alle Bände von den Unter- eines Ghettos in Riga vorangetrieben. Ausführ-
lagen aus osteuropäischen Archiven, die der For- lich werden die Interessen und Konflikte zwischen
schung seit einigen Jahren in vollem Umfang zur den beteiligten Organisationen bei der Errichtung
Verfügung stehen. Angrick/Klein berücksichtigen des „lettischen Ghettos“ in Riga beschrieben, die
1 Musial, Bogdan, Deutsche Zivilverwaltung und Judenverfol-
sich vor allem um die Ausbeutung der Arbeits-
gung im Generalgouvernement. Eine Fallstudie zum Distrikt kraft der Menschen drehten. Die Sicherheitspoli-
Lublin 1939-1944, Wiesbaden 1999; Pohl, Dieter, Von der zei trat dabei in den Hintergrund und nahm „po-
„Judenpolitik“ zum Judenmord. Der Distrikt Lublin des Ge- lizeiliche Aufgaben“ wahr, wozu auch der Mord
neralgouvernements 1939-1944, Frankfurt am Main 1993;
ders., Nationalsozialistische Judenverfolgung in Ostgalizi-
an kranken und schwachen Menschen zählte, die
en 1941-1944. Organisation und Durchführung eines staatli- permanent selektiert wurden. Letztlich wurde die
chen Massenverbrechens, München 1996; Sandkühler, Tho- Einrichtung von Ghettos bei der Sicherheitspolizei
mas, „Endlösung“ in Galizien. Der Judenmord in Ostpolen
und die Rettungsinitiativen von Berthold Beitz 1941, Bonn
2 Jüngst Löw, Andrea, Juden im Ghetto Litzmannstadt. Le-
1996; Alberti, Michael, Die Verfolgung und Vernichtung
der Juden im Reichsgau Wartheland 1939-1945, Wiesbaden bensbedingungen, Selbstwahrnehmung, Verhalten, Göttin-
2006. gen 2006.

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aber immer als Zwischenlösung betrachtet, der ei- Kommandierende und die radikalen Wechsel im
ne völlige „Entfernung“ – also Ermordung – der Verhalten bemerkenswert: der Prügelnde konn-
Juden folgen sollte. te gleichzeitig auf „Tanzvergnügungen“ jüdische
Im November 1941 befahl Himmler die „Liqui- Lieder singen. Auf diese Weise wird neuerlich ein
dierung“ des Rigaer Ghettos. Der Höhere SS- und beängstigendes Licht auf die „normalen Männer“
Polizeiführer Ostland, Friedrich Jeckeln, bereite- (Christopher Browning) geworfen. Auf die aus-
te den Massenmord nach einem erprobten System führliche Beschreibung der deutsch-sowjetischen
vor, das einen permanenten Zufluss von Opfern Verhandlungen zum Nichtangriffspakt vom 23.
gewährleistete: In Marschblöcken wurden jeweils August 1939 hätte man dabei zugunsten einer in-
500 bis 1000 Menschen zu vorher ausgehobenen tensiveren Behandlung der Geschichte des Antise-
Gruben in dem Wald von Rumbula geführt, eini- mitismus’ in Lettland verzichten können. Welche
ge Kilometer von Riga entfernt. Im Wald mussten Rolle spielten die – gerade im Nordgebiet – be-
sich die Männer, Frauen und Kinder ausziehen und legten Proteste seitens der Wehrmacht gegen die
wurden in kleinen Gruppen in die Gruben geführt, „wilden“ Morde im Sommer 1941? Wünsche der
wo sie sich auf zuvor bereits Erschossene legen Wehrmacht und der Zivilverwaltung führten offen-
mussten. Am Abend des 30. November 1941, dem bar zu einer Berücksichtigung der wirtschaftlichen
ersten Tag des ungeheuerlichen Mordens, waren Interessen und zur zwischenzeitlichen Aufgabe der
bereits 14.000 Menschen tot. Beobachtende Offi- beabsichtigten Ermordung der Juden, und es stellt
ziere der Wehrmacht protestierten in Berlin, und sich – wie auch bei der Studie Robert Seidels (sie-
gleichzeitig, so stellte man im Reichssicherheits- he unten) – die Frage, ob die Proteste wirklich im-
hauptamt fest, gab es auch im Deutschen Reich mer vornehmlich utilitaristisch motiviert waren.
Wehrmachtsstellen oder Offiziere, die „in auffälli- Jacek Andrzej Mlynarczyk beginnt mit einer
ger Weise“ für jüdische Bürger intervenierten, was Beschreibung der Lebensbedingungen und der Be-
lediglich in der Empfehlung mündete, die Morde ziehungen zwischen der jüdischen und christli-
„in unauffälliger Form“ vorzunehmen (S. 169f.). chen Bevölkerung in der Region Kielce. Er stellt
Insgesamt wurden in diesen Tagen 27.800 Men- den ausgeprägten Antisemitismus in den 1930er-
schen ermordet, um im Ghetto Platz für die ein- Jahren und das Bestreben des polnischen Staa-
treffenden deutschen Juden zu schaffen. In den fol- tes vor, die Juden nach Madagaskar auszusie-
genden Monaten wurden über 15.000 Personen aus deln. Im zweiten Teil seiner Studie beschreibt er
Deutschland, Wien, Prag und Brünn nach Riga de- die Entwicklung der Mordpolitik, beginnend mit
portiert, die u.a. das – bislang kaum bekannte - den Maßnahmen der Militär- und Zivilverwaltung
Konzentrationslager Salaspils aufzubauen hatten. in den Jahren 1939/40, dem Aufbau der Besat-
Der zweite Teil der Studie beschäftigt sich zungsstruktur bis zur systematischen Isolierung
vor allem mit der Zwangsarbeit der Deportierten, und Ausbeutung der Juden. Dabei bietet er wie
der Verwertung des Vermögens der Ermordeten auch Robert Seidel eine überaus detaillierte Über-
und den divergierenden Interessen der deutschen sicht zum Aufbau der deutschen und der jüdischen
Organisationen bei der Ausbeutung der Arbeits- Institutionen. Er verbindet in seiner Darstellung –
kraft, die das Massenmorden lediglich verzöger- anders als der auf den Besatzungsapparat konzen-
ten. Himmler, so die These, habe die „Ghettoju- trierte Seidel – die Perspektiven von Tätern, jüdi-
den“ zu Häftlingen des Wirtschafts- und Verwal- schen und polnischen Opfern, Mitläufern, Kolla-
tungshauptamtes der SS gemacht, um ihre Ermor- borateuren und Widerständlern zu einem Gesamt-
dung gegen alle Widerstände durchsetzen zu kön- bild der Mordpolitik, die den Umfang des Schre-
nen (S. 481). Ausführlich behandelt wird auch die ckens und die Ausweglosigkeit für die in Ghet-
„Blechplatz-Aktion“ im Oktober 1942, die sich ge- tos Gesperrten vor Augen führt. In Weiterführung
gen organisierte Fluchten aus dem Ghetto und den neuerer Forschungsansätze werden die jüdischen
Aufbau eines systematischen Widerstands durch Institutionen – etwa die Judenräte, der Ordnungs-
Angehörige des jüdischen Ordnungsdienstes rich- dienst oder Hilfswerke – im Spannungsfeld zwi-
tete. Ebenso wie Robert Seidel beschreiben An- schen der Mitwirkung an Verbrechen und der Ret-
grick/Klein abschließend die schwierige Verfol- tung Einzelner sowie die Beteiligung christlicher
gung und Bestrafung der Täter nach dem Krieg. Polen an der Verfolgung oder Rettung jüdischer
Als Resultat der Untersuchung verschiedener Menschen beschrieben. Von Angehörigen des Ju-
Lager sind die unterschiedliche Behandlung durch denrates, die ihr Leben im Einsatz für ihre Ge-

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meinde verloren bis zu „Profiteuren der Entrech- für begehrte Belohnungen Jagd auf entflohene Ju-
tung“ (S. 227), die positiv wirken oder auch Juden den und „jüdische Banden“ wurden von allen Wi-
in Lager verschicken lassen konnten und aufgrund derstandsgruppen in unterschiedlichem Maße und
ihrer intimen Kenntnisse im Ghetto gefürchtet wa- in Abhängigkeit von den jeweiligen Anführern be-
ren. kämpft. Gleichzeitig gab es viele Polen, die ihre jü-
Der zweite Teil schließt mit einem Kapitel zum dischen Nachbarn versteckten oder sie mit Lebens-
Verhalten der jüdischen und christlichen Bevölke- mitteln versorgten. Dafür war ein rational kaum zu
rung ab. Gerne hätte man dabei mehr über das Ver- erfassender Mut erforderlich, wurde doch die Auf-
halten der polnisch-jüdischen Bevölkerung in den nahme von geflohenen Juden mit der Todesstrafe
ersten Kriegstagen erfahren. Knüpfen sich doch bedroht, ganze Familie und völlig Unbeteiligte für
daran – wie beim Angriff auf die Sowjetunion – Hilfsaktionen erschossen. Angesichts der alleror-
Thesen zur Wahrnehmung der Juden durch die Be- ten herrschenden Gewalt fragt man sich, wer sich
satzer, die eine Überprüfung und eingehende Wi- aus welchen Motiven überhaupt gegen das mörde-
derlegung verdienen. Im dritten Teil der Studie rische System von Terror und Verrat wendete. Ma-
wird die Ermordung der Juden im Distrikt Radom ria Szczecinska aus Staszow etwa, allein stehende
im Rahmen der „Aktion Reinhard“ behandelt, die Mutter von fünf Kindern, die fünfzehn Menschen
Vorbereitungen auf den verschiedenen Ebenen, die fast zwei Jahre versteckte und ihr Überleben si-
Räumung der Ghettos und die Ausplünderung der cherte, ist ein strahlendes Beispiel, über das man
in die Vernichtungslager deportierten Menschen. gerne mehr erfahren würde.3
Auch hier spiegelt Mlynarczyk die Politik und Robert Seidel behandelt neben der Ausbeutung
Methoden der Besatzer an der Wahrnehmung und und Ermordung der jüdischen Bevölkerung auch
dem Verhalten der Opfer, wiederum ergänzt durch weitere Aspekte der Besatzungspolitik, nämlich
einen Abschnitt über die Reaktionen der christli- die wirtschaftliche Ausbeutung des Distriktes, die
chen Polen. Im abschließenden Teil beschäftigt er Verschleppung von Polen zur Zwangsarbeit in das
sich schließlich mit den jüdischen Zwangsarbeiter- Deutsche Reich sowie die Partisanenbekämpfung.
lagern im Distrikt. Gab es in den ersten Monaten Zehntausende Po-
Die christlichen Polen standen dem Schicksal len, die sich aus verschiedenen Gründen – vor
der jüdischen Bürger – begünstigt durch die fort- allem Arbeitslosigkeit – freiwillig zur Arbeit im
schreitende Ghettoisierung und dem Verschwin- Reich meldeten, griff die Besatzungsmacht in dem
den aus dem Stadtbild – überwiegend desinteres- Maße, wie diese Bereitschaft zurückging und der
siert gegenüber, hatten sie doch selbst unter den Druck zur Gestellung von Zwangsarbeitern wuchs,
schweren Lebensbedingungen zu leiden. Nach der zu Auflagen und Androhung härtester Strafen. Wie
Auflösung der Ghettos ab Sommer 1942 retteten bei den Auseinandersetzungen um die Ermordung
sich erstaunlich viele Menschen in die Wälder, der Juden standen auch hier die „Kriegsnotwen-
in nicht wenigen Fällen gelang nahezu der Hälf- digkeiten“ im Vordergrund der Konflikte. Woll-
te der Juden die Flucht. Auf Hilfe gegen die Jagd- ten die Zivilverwaltung und die durch deutsche
kommandos der deutschen SS- und Polizeiverbän- Unternehmen oder die Wehrmacht geleitete Wirt-
de und ihrer einheimischen Helfer konnten sie al- schaft die Produktion im Generalgouvernement
lerdings nicht rechnen. In den letzten beiden Jah- aufrechterhalten oder gar ausweiten, bemühte sich
ren der Besatzung tobte ein grausamer Überlebens- Hitlers Bevollmächtigter für den Arbeitseinsatz,
kampf, ein bellum omnium contra omnes, bei dem Fritz Sauckel, möglichst viele Arbeitskräfte für
Rücksichten nur selten genommen wurden. Die die Landwirtschaft und die Industrie im Deutschen
Kriegslage und die damit verbundene Verschlech- Reich zu „gewinnen“.
terung aller Lebensumstände brachte niederste In- Trotz aller Zwangsmaßnahmen blieb die Ver-
stinkte sowohl bei den sich jeder moralischen Bin- schleppung von Arbeitskräften aber immer hinter
dung ledig fühlenden Besatzern wie den im Über- den Erwartungen der Besatzer zurück, wenngleich
lebenskampf stehenden Unterdrückten zutage. man fragen muss, ob 1944 bei einer Anforderung
Viele Polen, etwa die polnischen Widerstands- von 100.000 Arbeitskräften und der tatsächlichen
gruppierungen des rechtsnationalen Lagers, knüpf-
3 Jüngstauch Weinstein, Frederick, Aufzeichnungen aus dem
ten an den radikalen Antisemitismus aus der Vor-
Versteck. Erlebnisse eines polnischen Juden 1939-1946.
kriegszeit an und beteiligten sich an Erpressung Hrsg. und mit einem Kommentar versehen von Barbara
und Ausplünderung. Polnische Agenten machten Schieb und Martina Voigt. Aus dem Polnischen übersetzt von
Jolanta Wozniak-Kreutzer, Berlin 2006.

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Gestellung von 52.446 wirklich von einem „völli- schlagen, ein mühsamer Neuanfang war erforder-
gen Fehlschlag“ die Rede sein kann (S. 156). Ein lich. Eine Überprüfung der deutschen Erfolgsmel-
wegweisender Aspekt der Studie ist die Berück- dungen anhand anderer Quellen könnte Erkennt-
sichtigung des Einsatzes von Zehntausenden für nisse zu der Frage liefern, welche Ziele und Moti-
die Wehrmacht im „Baudienst“ oder im Transport- ve maßgeblich waren, ob die Methoden im Span-
wesen, ein vernachlässigtes Thema, das eine inten- nungsfeld zwischen „Intention“ und „Situation“
sive Erforschung für die verschiedenen Länder un- oszillierten usw. Seidel stellt fest, dass die Wehr-
ter deutscher Herrschaft verdient. Allein zur Vor- macht nach dem Ende der Militärverwaltung im
bereitung des Angriffs auf die Sowjetunion sind im Oktober 1939 eine „untergeordnete Rolle“ spielte
Sommer 1941 45.000 Panje-Gespanne mit Fahrern (S. 393). Ihre Dienststellen versuchten vor allem
gestellt worden. Bedenkenswert ist dabei die The- und vorübergehend erfolgreich, jüdische Arbeiter
se zur weitgehenden Handlungsfreiheit der Kreis- vor der Deportation zu bewahren und – vergeblich
und Stadthauptleute, der untersten Verwaltungs- – eine bessere Versorgung der Bevölkerung durch-
ebene. Die Androhung der Todesstrafe für Sabota- zusetzen. Außerdem wurde Kritik an den bruta-
geakte wurde allerdings zu dieser Zeit als legitim len Ghettoräumungen geübt. Weil die Handlungs-
erachtet. Kann man also ohne intensive Verglei- möglichkeiten in der „Judenfrage“ begrenzt waren,
che anhand solcher Kriterien Zeichen für „Selbst- ist aus den offiziellen Dokumenten aber kaum ab-
herrlichkeit“ und „Willkür“ Einzelner konstatieren zuleiten, dass man gegen die Ermordung der „ar-
(S. 50-53)? Handelte es sich dabei nicht um eine beitsunfähigen“ Juden „nichts einzuwenden“ ge-
Übernahme der durch die Wehrmacht ausgegebe- habt hätte (S. 394). Hier ist die eingeschränkte
nen Anordnungen? Aussagekraft der Quellen einzubeziehen: Das in
Robert Seidel beschreibt die Stufen der „Terror- den Akten überlieferte „Interesse“ der Wehrmacht
und Vernichtungspolitik“, die mit Verbrechen der galt „jüdischen Facharbeitern und Handwerkern,
Einsatzgruppen der Sipo und des SD, von Polizei- die man für kriegswichtige Produktion brauchte“
und Wehrmachtseinheiten in den ersten Wochen (S. 394), weil nur dies in ihre Kompetenz fiel und
des Krieges begannen und zur „Herrschaftsme- sich allein hier Handlungsmöglichkeiten boten.
thode“ avancierten. Verordnungen der Zivilverwal- Durch die Stationierung eines Großteils der
tung boten sukzessive die formale Grundlage für Wehrmacht für den Angriff auf die Sowjetuni-
eine Perpetuierung des Terrors durch SS- und Po- on, die Unterkünfte benötigte, wurde 1941 die
lizeiformationen, die Verhängung von Todesstra- Ghettoisierung der Juden im Generalgouverne-
fen für kleine Vergehen oder die Einführung des ment vorangetrieben. Zur Vorbereitung ihrer Er-
Prinzips der kollektiven Haftung. Dabei werden mordung wurde die Zusammenfassung dann 1942
drei „Terrorphasen“ unterschieden: die „Außeror- systematisch ausgeweitet. Insgesamt wurden allein
dentliche Befriedungsaktion“ 1940 gegen die pol- aus dem Distrikt Radom über 360.000 Menschen
nische „Intelligenz“ und gegen Menschen, die et- in die Vernichtungslager deportiert und ermordet.
wa Widerstand leisten könnten; die Systemati- Nach den Ermittlungen der polnischen Bezirks-
sierung des Terrors ab 1942 mit dem Mord an kommission zu den nationalsozialistischen Verbre-
den Juden und den „Strafexpeditionen“ gegen ver- chen wurden im Distrikt bei „Partisanenaktionen“
meintliche Zentren der Widerstandgruppen oder und im Rahmen des alltäglichen Terrors weitere
gegen „Asoziale“, verbunden mit dem Niederbren- 112.997 Menschen ermordet. In Anknüpfung an
nen von Dörfern und Verhaftungswellen; schließ- eine häufig aufgeworfene Frage könne es – so Sei-
lich die Großunternehmen 1944 gegen Partisanen del – keinem Zweifel unterliegen, dass die Besat-
und die gleichzeitige Deportation von Tausenden zungspolitik auch auf einen Völkermord an den
Arbeitskräften. Polen abzielte, ein „Programm“, das „lediglich der
Bei den unter dem nivellierenden Begriff „Ter- Kriegsverlauf und der Widerstand“ verhinderten
ror“ behandelten Großaktionen hätte man sich eine (S. 214). Der Autor verbindet seine überzeugende
differenzierendere Analyse gewünscht. Im Distrikt Analyse zum Distrikt mit den Entwicklungen im
Radom wurden im April 1942 bereits 965 Über- gesamten Generalgouvernement, eine Übersichts-
fälle gemeldet, im Herbst 1943 im Distrikt Krakau karte würde deshalb die Lektüre erleichtern.
über 2500. Zahlreiche Verhaftungswellen und Ak- Die drei Arbeiten zum Judenmord und zur Be-
tionen scheinen dabei durchaus „erfolgreich“ ge- satzungspolitik in Polen und Lettland bieten lang
wesen zu sein. Widerstandsgruppen wurden zer- erwartete Ergänzungen, setzen Maßstäbe und ge-

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Sammelrez: Deutsche Besatzungsherrschaft im Osten 2007-4-038

ben Hinweise für zukünftige Forschung. Allein die


Einbeziehung zahlreicher Archive und schwer er-
reichbarer Literatur nötigt Respekt ab. Insbesonde-
re die Studie Mlynarczyks kommt einem „Gesamt-
bild“ des Besatzungsalltags nahe, wobei es sich
immer nur um eine Annäherung handeln kann. Da-
mit ist aber auch ein besorgniserregender Trend
verbunden: Arbeiten zu dem in den europäischen
Archiven gut dokumentierten Thema sind im Rah-
men einer „normalen“ Dissertation kaum noch zu
bewältigen, zumal den enorm gewachsenen An-
sprüchen des Forschungsstandes entsprochen wer-
den muss. Der Einzelne versinkt in einer Flut von
Quellen und Literatur und muss das Thema ent-
weder – für die erfolgreiche Profilierung auf dem
„Markt“ – bis zur Bedeutungslosigkeit beschnei-
den oder aber jahrelange Arbeit in Kauf nehmen.
Das ist ohne ein gehöriges Maß an Enthusiasmus
kaum möglich, und auch dafür ist den Autoren zu
danken.

HistLit 2007-4-038 / Klaus Jochen Arnold über


Angrick, Andrej; Klein, Peter: Die ’Endlösung’
im Ghetto Riga. Ausbeutung und Vernichtung
1941-1944. Darmstadt 2006. In: H-Soz-u-Kult
12.10.2007.
HistLit 2007-4-038 / Klaus Jochen Arnold über
Mlynarczyk, Jacek A.: Judenmord in Zentralpo-
len. Der Distrikt Radom im Generalgouverne-
ment 1939-1945. Darmstadt 2007. In: H-Soz-u-
Kult 12.10.2007.
HistLit 2007-4-038 / Klaus Jochen Arnold über
Seidel, Robert: Deutsche Besatzungspolitik in Po-
len. Der Distrikt Radom 1939-1945. Paderborn
u.a. 2006. In: H-Soz-u-Kult 12.10.2007.

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