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Honneth contra Sloterdijk

Der Vermögensverwalter
Von Jürgen Kaube

Staatskritik im Geiste Nietzsches und der FDP: der Philosoph Peter Sloterdijk

25. September 2009 Axel Honneth attackiert Peter Sloterdijk in der „Zeit“. Der Vorwurf: Sloterdijk
habe in einem Beitrag für die F.A.Z. (siehe Die Revolution der gebenden Hand) das politische
Bedürfnis nach Umverteilung zu Unrecht auf Ressentiment und Gier zurückgeführt. Zu
behaupten, der Sozialstaat bringe eine institutionalisierte Kleptokratie hervor, sei, als Forderung
nach einem Steuerstreik, aberwitziger „Klassenkampf von oben“.

Demgegenüber hält Honneth den von unten für „moralisch legitim“. Schließlich beruhe das
Geldvermögen „von Teilen der bürgerlichen Klasse“ nur in geringem Umfang auf Leistung,
sondern viel mehr auf Erbschaften und auf „Erträgen aus unproduktivem Eigentum“; Honneth
denkt hier an „finanzielle Spekulation“ im Gegensatz zu „produktiver Arbeit“ derjenigen
Schichten, die „tagtäglich zur Erhöhung des Volkseinkommens“ beitragen. Außerdem habe das
Bürgertum durch seine Verfassungen jedem die gleichen Chancen zur Teilnahme am
gesellschaftlichen Leben eingeräumt. Also, könnte man Honneths Apologie kräftiger
Umverteilung zuspitzen, ist Sozialdemokratie nichts als der Versuch, mit den Phrasen des
Liberalismus Ernst zu machen.

Kritik als Phrase

Doch eben weil es Ideen sind und nicht Tatsachen, ja nicht einmal Theorien, sondern nur
Werteindrücke, die man sich hier gegenseitig vorhält, wird der Streit zu nichts führen. Woran sich
erkennen ließe, dass soziale Chancengleichheit vorliegt, vermag Honneth nicht anzugeben. Die
Bedingung dafür, diese Phrase vollständig zu realisieren, nämlich den Einfluss der Familien auf
die Kinder zu unterbinden, dürfte er wohl scheuen. Was ein gerechter Steuersatz wäre, kann der
Philosoph genau so wenig wissen wie sein Kontrahent, welche Lohn- oder Abgabenstruktur als
ressentimentfrei gelten dürfte. Sloterdijk meinte damals, eine Handvoll Leistungsträger bestritten
inzwischen mehr als die Hälfte des nationalen Einkommensteuerbudgets. Honneth setzt auf
diese einfallsreiche Behauptung mit der Unterscheidung von produktiver Arbeit und
unproduktivem Zinseinkommen anderthalb.

Zwei Philosophen stellen sich Wirtschaft und Gesellschaft vor. Von der Klugheit des John
Maynard Keynes und der nachfolgenden Makroökonomik, die Umverteilung unter funktionalen
Aspekten zu betrachten, also nicht zu fragen, ob sie moralisch ist, sondern, wozu sie führt und
ob sie funktioniert, sind beide weit entfernt. Von einer politischen Soziologie des
Wohlfahrtsstaates auch. Sie sind wie die Lilien auf dem Felde: Sie forschen nicht, sie bilden sich
nicht weiter, doch das Gerücht, man komme auch so zu sinnvoller Kritik, ernährt sie doch. Man
könnte, im riskanten Vokabular Honneths, fast von einem Fall unproduktiven geistigen
Eigentums sprechen.

Theorie auf eigene Rechnung

Zum Thema

Die Revolution der gebenden Hand

An dieser Stelle ist allerdings ein Unterschied zwischen Honneth und Sloterdijk festzuhalten.
Letzterer denkt auf eigene Rechnung, was leicht schiefgehen kann und auch die Vorteile von
Spezialisierung unterschätzt. Und die Nachteile einer Sprache, die man nur selber spricht.
Honneth hingegen, der ihm vorwirft, er koche nur längst Widerlegtes wieder auf und kenne auch
die neuere Forschungsliteratur zu seinen Themen nicht, muss sich einen etwas anderen
Maßstab gefallen lassen. Der führt zur Frage, was die Kritische Theorie denn im Angebot hat,
um die gegenwärtige Gesellschaft nicht nur zu bewerten, sondern erst einmal zu begreifen?

Im Zentrum ihrer Theorie des gesellschaftlichen Missstands (früher: Unheils) steht seit je der
Kapitalismus. Er ist die große Ungleichheitsmaschine: ungleicher Tausch, ungleicher Lohn,
ungleiche Chancen. Aber dieselbe Theorie war auch seit je und bis heute eine Theorie ohne
Ökonomen. Das Gleiche gilt für den zentralen gesellschaftliche Konflikt zwischen der
„bürgerlichen Klasse“ und den Schlechtergestellten. Was für eine bürgerliche Klasse denn? Die
Angestellten in „allen erdenklichen Machtpositionen“ in Banken und Werbeagenturen, die
Honneth als Milieu von Sloterdijk-Lesern anspricht? Um eine Soziologie der sozialen Schichtung
hat sich die Kritische Theorie noch nie gekümmert. Also muss sie sich solche Schichten
ausdenken. Wenn Sloterdijk über die Gesellschaft phantasiert, ist das die Sache eines Autors.
Wenn Honneth die Gesellschaft umgeht, um sich nur bei Moralfragen und allen erdenklichen
Normen aufzuhalten, ist das ein Konkursantrag.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Jacqueline Godany

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.


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