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Formeln der Kunst (6)

die Blaue Blume


9.1.2004

beim letzten Mal: Untersuchung des Zeitraums zwischen 1760 und 1810 unter der Perspektive
des 'dep' ('erfreuen und nützen'; 'unterhalten und belehren') – Ergebnis: zwar bezieht man sich
immer wieder auf diese Formel, deutet sie jedoch jeweils anders – mit der Aufwertung der
Kunst wird auch das dep anspruchsvoller interpretiert
in der Aufklärung: das Schöne bzw. die Kunst wird zur Zier für das moralisch Gute bzw.
Nützliche – die Kunst als 'Lockspeise', d. h. man verpackt eine Moral oder eine Funktion so,
daß sie ansprechend wirkt und gerne angenommen wird
Bspl.: Diderot – Greuze [Dia links]: das Gemälde ist so schön gemalt, daß man es gerne
genauer betrachtet – es lockt Blicke an – man fühlt sich dann auch in die dargestellte Szene
ein und wird plötzlich von dem Gezeigten gerührt – das Gemälde läutert, vermittelt
unmittelbar eine Moral (nicht als trockene Vorschrift, sondern auf dem Weg der Einfühlung
und Identifikation mit dem Dargestellten)
=> Kunst wird instrumentalisiert – sie wird zum Mittel, um einen Zweck zu erfüllen, der nicht
durch sie selbst gesetzt wird
Johann Georg Sulzer: der Künstler muß sich auskennen im Guten, muß Proben seiner
Vernunft und moralischen Gesinnung ablegen, bevor er sich als Künstler betätigen soll – d.h.:
der Künstler muß sich nach externen Vorgaben und Interessen richten
=> mit der Autonomisierung sowie Aufwertung der Kunst kommt es zunehmend zu einer
Distanzierung gegenüber ihrer Instrumentalisierung
Schiller: Kunst würde unterschätzt und verkannt, sähe man in ihr lediglich eine nette
Verpackung für moralische Anliegen vielmehr gilt: 'delectare' und 'prodesse' fallen im
"ästhetischen Zustand" zusammen – der Genuß der Schönheit belebt die Gemütskräfte, der
Betrachter wird aus den Einseitigkeiten des Alltagslebens momentan herausgerissen – er wird
befreit von Belastungen und befreit, zu sich selbst zu finden und sich neu zu bestimmen
=> Kunst dient gerade nicht dazu, irgendwelche von außen gesetzten Zwecke gefällig
einzukleiden und so zu propagieren, sondern sie macht frei von allen externen
Zwecksetzungen
das Besondere der Kunst: anstatt von vornherein einen Zweck zu verfolgen, gelingt es ihr,
jedem das zu geben, was er braucht, so daß Entspannung, Entlastung, Befreiung und
schließlich Neubestimmung stattfinden können
Intensivierung dieses Gedankens in der Romantik: Karl Friedrich Schinkel verfolgt mit seiner
Architektur das Ziel, die Menschen zu läutern [Dia rechts: Plan zum Luisenmausoleum] –
der Besucher "empfinge aber keine Lehren der Moral sondern die Würdigkeit des Raumes
stimmte jeden sich still in sich selbst zu vollenden."
die Romantik dehnt den Befreiungs- und Läuterungsanspruch der Kunst aber auch vom
Individuum auf das gesamte Volk aus
hatte Schiller noch im Sinne Kants und der Französischen Revolution das Ziel, den Menschen
– d.h. das Individuum – aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien, so wird es
zum Ziel der Romantik, die Befreiung aus traditionellen Bindungen zu einer Neubestimmung
als Nation, als Volk, als (religiöse) Gemeinschaft zu nutzen
=> Kunst sollte zum Motor einer Revolution werden – sie sollte die Menschen in eine bessere
Zukunft führen
als Maßstab für eine solche bessere Zukunft fungierte(n) die Vergangenheit bzw. die Phase(n)
der Vergangenheit, die vermeintlich bereits viel bessere Lebensverhältnisse boten als die
Gegenwart
für die Romantiker war weniger die (griechische) Antike als das Mittelalter der zentrale
Bezugspunkt – da die meisten stark religiös-christlich geprägt waren, war ihnen das antike

1
Griechenland als heidnische Kultur eher fremd (wenngleich es nie abgelehnt wurde und oft
parallel zum MA verehrt wurde) – im MA sah man eine Epoche inniger Gemeinschaft bzw.
einheitlichen Glaubens (noch vor der Reformation!), eine Zeit, in der alle Menschen durch
gemeinsame Werte verbunden waren und die Welt zudem stark auf eine transzendente Sphäre
hin ausgerichtet war
man projizierte in das MA alle Sehnsüchte, die in einer Welt beginnender Industrialisierung
wach geworden waren: man stellte sich das MA als eine Epoche vor
> in der durch die Zünfte das Handwerk gut und überschaubar geregelt war
> in der es noch keine Hektik gab
> in der es noch keine 'entfremdete' Arbeit gab, d. h. noch kaum Arbeitsteilung
> in der materielle Werte weniger zählten als religiöse/geistige Werte
> in der keine Gesellschaftsschicht auf Kosten einer anderen lebte (z. B. Adel, Industrielle,
Kapitalisten)
=> es kam zu einer Renaissance der Formen und Stilelemente des MAs – so auch bei
Schinkel, der die Architektur gotischer Dombauten aufgreift – der gotische Stil galt zudem als
spezifisch deutsch – als etwas Organisches/Naturhaftes/Gewachsenes und damit auch als
etwas Natürliches, Ehrliches, Reines, aber auch als etwas geheimnisvoll Undurchdringliches,
Komplexes, Wucherndes – nicht konstruiert, nicht auf der Basis von Geometrie und Ratio –
verwandt dem Wald
die Renaissance mittelalterlicher Bau- und Kunstformen sollte es den Menschen erleichtern,
an der hohen und großen Welt des MAs anzuknüpfen und sich 'wieder' in eine entsprechende
Mentalität einzufinden – so wie man glaubte, daß sich eine Haltung in gewissen Formen
ausdrückt, glaubte man auch, mit gewissen Formen eine Haltung ausprägen zu können
vorherrschend gerade in Deutschland (schon seit dem Klassizismus) war ein dreiphasiges
Geschichtsbild (bezogen auf die drei Zeitstufen): es gab (1) ein Goldenes Zeitalter (Antike
oder MA), dann (2) den kontinuierlichen Verfall, der in der jeweiligen Gegenwart seinen
Höhepunkt erreicht haben sollte, und schließlich (3) die 'Wiederholung' des bzw. die
Rückkehr zum Goldenen Zeitalter in der (nahen) Zukunft
=> dieses Geschichtsbild nährte große Hoffnungen auf die Zukunft: alle Sehnsüchte und
Wünsche, die man in jene idealisierte Vergangenheit rückprojizierte, galten zugleich als
Verheißungen für eine (demnächst) anbrechende Zukunft
=> vorherrschende Stimmung in Deutschland seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, besonders
dann in der Romantik, aber auch noch im frühen 20. Jahrhundert war ein Adventismus – die
Erwartung eines großen Heils – einer Zukunft, die sich grundlegend von der Gegenwart
unterscheiden sollte
=> Sehnsucht nach Revolution, nach Neuanfang, nach einer Überwindung all dessen, was
man ablehnte – diese Sehnsucht verband 'linke' und 'rechte' Strömungen – stand einmal die
Überwindung von Entfremdung und die Befreiung von Adel und Monarchie im Vordergrund,
war es im anderen Fall die Sehnsucht nach einer einigen Nation, nach verbindlichen
religiösen Werten, nach Heimat, nach einer Heils- bzw. Führergestalt, was dominierte
die deutsche Geschichte und insbesondere die Mentalitätsgeschichte der letzen zweihundert
Jahre kann man nur verstehen, wenn man sich die Dimension und die Energie dieses
Adventismus bzw. dieser Sehnsucht nach einer grundlegend neuen und besseren, anderen
Zukunft klarmacht
zu einem wichtigen Inbild und Symbol dieser Sehnsucht und Verheißung wurde die Blaue
Blume
auch hier wieder eine eigentümliche Wirkungsgeschichte: das erste 'Auftauchen' der BB ist
eindeutig, die Bedeutung läßt sich auch relativ genau bestimmen – doch besitzt das Motiv der
BB einen poetischen Überschuß, ein Mehr an Bedeutung, aus dem sich die
Wirkungsgeschichte gespeist hat

2
'Erfinder' der BB: Novalis (Georg Friedrich Philipp von Hardenberg) (1772-1801), Heinrich
von Ofterdingen – fragmentarischer Roman (1799/1800) entstanden – auch Novalis erhoffte
die Wiedergeburt eines christlichen MAs ("Die Christenheit oder Europa ")
=> Heinrich von Ofterdingen ist ein Dichter aus dem 13. Jahrhundert, von dem jedoch nur der
Name überliefert ist – der Roman erzählt seine Geschichte, der Stil erinnert an ein Märchen,
viele Traumgeschichten sind eingebunden – auch die BB taucht vor allem innerhalb eines
Traums auf – allerdings nicht nur
erste Erwähnung gleich zu Beginn des Romans:
"Die Eltern lagen schon und schliefen, die Wanduhr schlug ihren einförmigen Takt, vor den
klappernden Fenstern sauste der Wind; abwechselnd wurde die Stube hell von dem Schimmer
des Mondes. Der Jüngling lag unruhig auf seinem Lager, und gedachte des Fremden und
seiner Erzählungen. Nicht die Schätze sind es, die ein so unaussprechliches Verlangen in mir
geweckt haben, sagte er zu sich selbst; fern ab liegt mir alle Habsucht: aber die blaue Blume
sehn' ich mich zu erblicken. Sie liegt mir unaufhörlich im Sinn, und ich kann nichts anders
dichten und denken."1
> Wanduhr ist ein Anachronismus – gab es im 13. Jahrhundert noch nicht, gilt aber als
Hinweis auf einen rechtschaffenen Handwerkerhaushalt, aus dem Heinrich stammt
> Heinrich denkt über einen Fremden nach, über den sonst nichts berichtet wird – dieser
erzählte offenbar von fernen Ländern und unbekannten Dingen, sowohl von fremdem
Reichtum (im Orient?) als auch von einer geheimnisvollen Pflanze, die Heinrich nicht kennt –
deutlich wird hier bereits: die BB steht für das Immaterielle, nicht für materiellen, sondern für
'geistigen' Reichtum
> das Motiv der Sehnsucht taucht bereits auf: bei Heinrich wird sie allein durch den Bericht
von der BB geweckt – diese Sehnsucht ist zugleich Fernweh, da die BB ja offenbar nur dort
blüht, wo der Fremde herkommt
=> die Sehnsucht nach der BB ist das Verlangen nach einer geistigen, immateriellen,
transzendenten Welt, nach einer Welt jenseits des Diesseits – der erste Teil des Romans heißt
entsprechend (vgl. Adventismus!) "Die Erwartung" (der zweite Teil – "Die Erfüllung" – ist
nur noch begonnen)
> Heinrich kann nichts anderes "dichten und denken" als die BB – dies bestätigt: sie ist nicht
nur ein Stück Natur, sondern etwas, das offenbar höheren Sinn zu spenden vermag und damit
zum Gegenstand von Dichtung und Philosophie taugt
Heinrich schlummert über seinem Verlangen nach der BB ein und hat am Ende einer
unruhigen Nacht einen Traum, in dem die BB auftaucht: er geht in einem Wald auf eine
Anhöhe – hinter einer Wiese gerät er in einen Gang – eine Art Grotte –, in einen Felsen
gehauen – am Ende des Gangs wird es hell – er trifft auf ein Becken, das mit einer seltsamen,
vielfarbigen Flüssigkeit gefüllt ist – er entkleidet sich und steigt in das Becken, um zu baden –
das Bad wirkt erotisierend auf ihn ("die Flut schien eine Auflösung reizender Mädchen") – er
schwimmt zu der Stelle, an der die Flüssigkeit aus dem Felsen kommt:
"Er fand sich auf einem weichen Rasen am Rande einer Quelle, die in die Luft hinausquoll
und sich darin zu verzehren schien. Dunkelblaue Felsen mit bunten Adern erhoben sich in
einiger Entfernung; das Tageslicht, das ihn umgab, war heller und milder als das
gewöhnliche, der Himmel war schwarzblau und völlig rein. Was ihn aber mit voller Macht
anzog, war eine hohe lichtblaue Blume, die zunächst an der Quelle stand, und ihn mit ihren
breiten, glänzenden Blättern berührte. Rund um sie her standen unzählige Blumen von allen
Farben, und der köstlichste Geruch erfüllte die Luft. Er sah nichts als die blaue Blume, und
betrachtete sie lange mit unnennbarer Zärtlichkeit. Endlich wollte er sich ihr nähern, als sie
auf einmal sich zu bewegen und zu verändern anfing; die Blätter wurden glänzender und
schmiegten sich an den wachsenden Stengel, die Blume neigte sich nach ihm zu, und die
Blütenblätter zeigten einen blauen ausgebreiteten Kragen, in welchem ein zartes Gesicht
1
Novalis: Heinrich von Ofterdingen (1799/1800), in: Werke in einem Band, München 1981, S. 240.

3
schwebte. Sein süßes Staunen wuchs mit der sonderbaren Verwandlung, als ihn plötzlich die
Stimme seiner Mutter weckte, und er sich in der elterlichen Stube fand, die schon die
Morgensonne vergoldete."2
> die BB wird zum Ursprung verklärt: sie befindet sich direkt an einer Quelle – an der Quelle
einer Flüssigkeit, die mehr als anderes Kraft zu spenden vermag und die Lebensgeister weckt
> die BB wird aber auch als erotisches Symbol offenbar – nicht nur steht sie an der Quelle,
die ihrerseits erotisierend wirkt, sondern sie verwandelt sich auch ansatzweise in ein
Mädchengesicht – die Zärtlichkeit, die der träumende Heinrich ihr entgegenbringt, erwidert
sie mit Zuneigung
als er jäh aus dem Traum gerissen wird, ist er noch ganz benommen – und ist sich sicher, daß
dieser Traum ihm etwas Besonderes sagen wollte – darin wird er bestätigt, nachdem er seinen
Eltern von dem Traum erzählt hat – sein Vater erinnert sich nämlich an einen ähnlichen
Traum, den er hatte, kurz bevor er von zuhause loszog und seine Frau kennenlernte
=> die BB wird zum Symbol, zur Ankündigung der Geliebten
auch Heinrich hält es nicht mehr lange zuhause aus, er geht auf Wanderschaft und begibt sich
auf die Suche nach der BB
er findet sie in Gestalt der Tochter eines Dichters, in die er sich bei einem Festabend sogleich
verliebt – so wie sie (Mathilde) sich in ihn verliebt – als sie am Ende des Abends
auseinandergehen, resümiert Heinrich:
"Ist mir nicht zu Mute, wie in jenem Traume, beim Anblick der blauen Blume? Welcher
sonderbare Zusammenhang ist zwischen Mathilden und dieser Blume? Jenes Gesicht, das aus
dem Kelche sich mir entgegenneigte, es war Mathildens himmlisches Gesicht..."3
=> Heinrich hat die BB gefunden – seine Sehnsucht findet ihr Ziel
=> die BB ist 'lediglich' eine Chiffre für die Geliebte – was der Anfang suggerierte, nämlich
ein Reich des Geistes und der Transzendenz, scheint damit kaum noch relevant für die
Bedeutung der BB – doch ist zu bedenken, daß Heinrich seine Liebe zu Mathilde als geistig-
transzendentes Ereignis versteht – Liebe heißt für ihn (bzw. für Novalis): das Aufgehen des
vereinzelten und entfremdeten Individuums in einer gemeinsamen Natur, heißt: das
Einswerden mit der Natur – und damit auch: das Einswerden mit der Schöpfung, die Nähe zu
Gott als dem Schöpfer – statt Entfremdung Innigkeit, statt individueller Begrenztheit
Unendlichkeit und Weite, statt Vereinzelung Vereinigung, statt Ausgeschlossensein
Allverstehen, statt Sinnzweifel Erfüllung
=> die BB wird bei Novalis zum Symbol für die Erlösung von allem, woran oder worunter
der einzelne leidet
nach der Begegnung mit Mathilde hat Heinrich wieder einen Traum, in der er von ihr so
träumt wie ehedem von der BB – er gelangt wieder an eine Quelle – dann heißt es:
"Immer weiter und weiter ging er, Blumen und Bäume redeten ihn an. Ihm wurde so wohl und
heymatlich zu Sinne."4
=> die Entfremdung ist aufgehoben, die Einheit mit der Natur gefunden, Heinrich
eingebunden in die Schöpfung bzw. den Kosmos
=> die BB eignete sich als Symbol für die Sehnsüchte und für den Adventismus der Romantik
'blau' ist traditionell die Farbe der Transzendenz sowie der Unendlichkeit – der Himmel ist
blau, und in der Landschaft gibt es das Phänomen der Verblauung: je weiter etwas entfernt ist,
desto blauer ist es getönt – d.h. aber auch: man kann das Blaue nie wirklich erreichen: wenn
man sich dem zuerst aufgrund seiner Entfernung Gebläuten nähert, verliert es diesen
Charakter
=> das Blau ist die Farbe der Ferne, der Unerreichbarkeit – damit auch der Sehnsucht und
Hoffnung, ist geheimnisvoll und immateriell (nicht greifbar)

2
Ebd., S. 242.
3
Ebd., S. 325.
4
Ebd., S. 326.

4
Blau gilt auch als die einzige Farbe, die hell und dunkel zugleich ist, die Licht ausstrahlt und
doch schwer und gedeckt ist – sie gilt damit als die intensivste Farbe, die Gegensätze in sich
vereinigt
Novalis war bei der Wahl des Symbols der BB von Goethes Farbenlehre beeinflußt – dort
heißt es:
"Diese Farbe [=Blau] macht für das Auge eine sonderbare und fast unaussprechliche
Wirkung. Sie ist als Farbe eine Energie; allein sie (...) ist in ihrer höchsten Reinheit gleichsam
ein reizendes Nichts. Es ist etwas Widersprechendes von Reiz und Ruhe im Anblick."5
> 'Energie' bzw. 'Reiz' und andererseits 'Ruhe' – damit wird dem Blau eine ähnliche
Qualifikation zugesprochen wie seit Winckelmann und Schiller der Kunst überhaupt –
'energische' und 'schmelzende' Qualität, belebt das Gemüt und entspannt es zugleich, versetzt
es in Ruhe und Freiheit
=> Goethe lädt das Blau mit besonderer Bedeutung auf – es wird zu einer Farbe mit
therapeutischer Wirkung – kein Zufall: das Juno-Zimmer in Goethes Wohnhaus ist blau! [Dia
links] [Dia rechts]
bei der BB verbindet sich mit dem Himmel, mit Transzendenz und Erlösung, für die das Blau
steht, das Reich der Erde und Natur – die Blume ist Teil der Natur und Ausdruck der
Schönheit der Natur – sie steht wegen ihres Dufts für das Sinnliche, so wie das Blau für das
geistig Immaterielle steht
=> im Symbol der BB vereinigen sich die sonst getrennten Sphären: Himmel und Erde
(traditionell: das Männliche und das Weibliche), das Geistige und das Sinnliche
=> die BB wird zum Symbol der Alleinheit der Natur – sie ist Mitte und Zentrum, in ihr
kommt alles zusammen, sie ist die Quelle und der Ursprung – d.h.: wer die BB findet, ist
erlöst von Vereinzelung und Einseitigkeit, von Entfremdung und falschem Leben
=> mit der Suche nach der BB – d.h.: mit der Suche nach einem Einswerden mit der Natur
werden in der Romantik dieselben Hoffnungen verknüpft wie mit der Kunst: Therapie,
Erlösung, Befreiung, Selbstfindung
so wie die Kunst als Insel inmitten einer als feindlich und fremd empfundenen Welt erfahren
wurde, so wurde auch die Natur als ein Hort begriffen, in dem der Mensch geschützt ist vor
Fremdbestimmung und Deformation
=> Parallelisierung von Kunst und Natur durch die Romantik – beides wird mit denselben
Heilserwartungen aufgeladen, beides ist Gegenstand eines Adventismus – wie z. B. Schinkel
mit gotischen Bauten die Menschen einer besseren, friedlichen und freien Zukunft
entgegenführen wollte, so suchten viele in der Natur ihr Heil, was im Symbol der BB seinen
Ausdruck findet (vgl. Joseph Viktor von Scheffel, Ekkehard (1855): "Wem die Kunst zu
eigen ward, der hat die echte blaue Blume.") (dies erklärt auch die Beliebtheit der gotischen
Architektur, die ja als 'naturhaft' und' organisch' angesehen wurde)
diese Idealisierung der Natur setzt freilich auch schon früher ein – die Anfänge dafür liegen
wie im Fall der Kunst in der (frühen) zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts – d.h.: mit Beginn
der Entfremdungs-Erfahrung etablieren sich bereits Kunst und Natur als Gegeninstanzen
in Deutschland war die Entfremdungs-Erfahrung am stärksten ausgeprägt, was
gesellschaftspolitische Gründe hatte: der Adel verhielt sich standesbewußt und schloß die
Bürgerlichen weitgehend aus seiner Gesellschaft und von seinen Privilegien aus (nicht zuletzt,
weil er selbst nicht so wohlhabend war, um seinen Reichtum teilen zu können)
=> es kamen Ressentiments gegenüber dem Adel auf, zunehmend bildete sich – im Gegenzug
– ein Bürgerstolz heraus
=> es entstand das Bildungsbürgertum, und man berief sich auf Werte, die denen des Adels
entgegengesetzt sein sollten: geistige Interessen anstatt materieller Freuden; innere Freiheit
und Unabhängigkeit anstatt höfisch starrem Zeremoniell

5
Johann Wolfgang Goethe: Farbenlehre, §779.

5
die vom Adel zurückgewiesenen (Bildungs)bürger suchten gleichsam Trost und Zuspruch in
der freien Natur (im Gegensatz zum höfischen französischen Garten!) (Natur war auch
'billiger' zu konsumieren als Kunst!) – sie wurde ihnen Komplizin gegen die Oberflächlichkeit
– ihre Weite, Vielfalt, Schönheit wurde zum Beweis dafür, daß es Größeres und Besseres gibt
als gesellschaftliche Konvention und materiellen Prunk
berühmtes Beispiel aus dem "Sturm und Drang", der ersten antihöfischen Generation: "Die
Leiden des jungen Werther" (1772) – Mißverhältnis Werthers zur Adelsgesellschaft, die ihm
blasiert und oberflächlich erscheint, von der schroff auf Distanz gehalten zu werden ihn aber
doch schmerzt; von einer feinen Soiree hinauskomplimentiert, zieht er von dannen, in die
Natur, um "dort vom Hügel die Sonne untergehen zu sehen und dabei in meinem Homer den
herrlichen Gesang zu lesen, wie Ulyß von dem trefflichen Schweinehirten bewirtet wird. Das
war alles gut". (Hamburger Ausgabe, Bd. 6, S. 68f.)
=> der höfischen Gesellschaft wird das Natur- und Kunsterlebnis als das Wahrere
gegenübergestellt – die Ressentiments gegenüber jener Gesellschaft werden so gestärkt und
kompensiert in einem
anderes berühmtes Beispiel: Schiller, "Der Spaziergang" (1795): auch hier ist von einem
Zimmer die Rede, das verlassen wird, um die Natur aufzusuchen und als Bundesgenossin zu
begrüßen
"endlich entflohn des Zimmers Gefängnis und dem engen Gespräch" heißt es markant, und
die Natur wird ebenso deutlich als das Freie gegenübergestellt, in das man "freudig sich
rettet": "Frei empfängt mich die Wiese. .." (Vers 7f., 12)
Ausdruck bzw. Beweis dieser Freiheit ist die ungestörte und unbegrenzte Reflexion, zu der
die Natur einlädt und die dem "engen Gespräch" entgegengesetzt ist
die Antithese von Gefängnis und Freiheit, von Flucht und Rettung zeigt an: der Aufenthalt in
der Natur wirkt kompensierend, ja therapeutisch: die Natur heilt von den Wunden, die die
Gesellschaft – und vor allem der brutale Standesdünkel des Adels – dem Individuum zufügt
(man denke nur an das Bürgerliche Trauerspiel, wo diese 'Wunden' Thema sind!)
die Parallelisierung von Kunst und Natur wird innerhalb der Romantik zuerst formuliert von
Wilhelm Heinrich Wackenroder (geb. 1773, zum Jurastudium genötigt, das er in Erlangen
absolvierte, von dort aus Reisen durch Franken, nach Nürnberg, Bayreuth, Bamberg (1793),
Begeisterung für Mittelalter und Dürer, Flucht in Natur und Kunst, um dem ungeliebten
Studium/Beruf zu entgehen) – "Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders"
(1797) – Tod 1798
"Von zwei wunderbaren Sprachen und deren geheimnisvoller Kraft":
"Ich kenne aber zwei wunderbare Sprachen, durch welche der Schöpfer den Menschen
vergönnt hat, die himmlischen Dinge in ganzer Macht (...) zu fassen und zu begreifen. (...) Die
eine dieser wundervollen Sprachen redet nur Gott; die andere reden nur wenige Aus-
erwählte, die er zu seinen Lieblingen gesalbt hat. Ich meine: die Natur und die Kunst. (...) Ein
schönes Tal, von abenteuerlichen Felsengestalten umschlossen, oder ein glatter Fluß, worin
gebeugte Bäume sich spiegeln, oder eine heitere grüne Wiese von dem blauen Himmel
beschienen – ach diese Dinge haben in meinem inneren Gemüte mehr wunderbare Regungen
zuwege gebracht, haben meinen Geist von der Allmacht und Allgüte Gottes inniger erfüllt
und meine ganze Seele weit mehr gereinigt und erhoben, als es je die Sprache der Worte
vermag."6
"gereinigt und erhoben": therapeutische Funktion des Naturerlebnisses – in diesem Fall, weil
man Gott näher gebracht wird
"Die Kunst ist eine Sprache ganz anderer Art als die Natur; aber auch ihr ist, durch ähnliche
dunkle und geheime Wege, eine wunderbare Kraft auf das Herz des Menschen eigen. (...) sie
schmelzt das Geistige und Sinnliche auf eine so rührende und bewundernswürdige Weise in
6
Wilhelm Heinrich Wackenroder, Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders (1797), Stuttgart
1955, S. 60f.

6
die sichtbaren Gestalten hinein, daß wiederum unser ganzes Wesen und alles, was an uns ist,
von Grund auf bewegt und erschüttert wird."7
die Kunst "bewegt und erschüttert" – damit eine ähnliche Bestimmung wie im Fall der Natur,
die 'reinigt' und 'erhebt'
daß die Natur mehr noch als die Kunst als positive Gegenwelt zur Zivilisation verklärt wird,
hat aber vor allem auch den Grund, daß sie nichts vom Individuum fordert – sie bietet sich
dar, lädt ein zur Betrachtung, zur Kontemplation oder Meditation und Deutung – auch zur
Projektion von Wünschen und Utopien; sie ist anspruchslos: man muß nicht einem
bestimmten Stand angehören, um von ihr profitieren zu können – als 'Sprache' ist sie auch
grundsätzlich verstehbar, d. h. nicht fremd (vgl. Novalis!)
beides, das Staunen über den Zauber der Natur, sowie die Freude darüber, in der Natur ein
anspruchsloses Gegenüber zu haben, spiegelt sich in der Landschaftsmalerei des 19.
Jahrhunderts
jahrhundertelang in der Hierarchie der Gattungen ganz unten stehend, nimmt die
Landschaftsmalerei auf einmal einen besonderen Rang ein: in ihr verbinden sich die
Erwartungen an die Natur und die Erwartungen an die Kunst – entsprechend passen sich ihre
Sujets der Sehnsucht nach Alltagsferne und Ausgleich, nach Therapie und Katharsis an
allerdings: die BB selbst findet sich als Thema der Landschaftsmalerei im 19. Jahrhundert
nicht! – es wäre fast ein Sakrileg gewesen – zu indezent –, sie zu malen und damit auch ihre
Gestalt genau zu bestimmen – es gehört gerade zum Geheimnisvollen der BB, unbestimmt zu
bleiben
die BB zu malen, hätte auch bedeutet, sie gefunden zu haben – d.h.: die Sehnsucht bzw. das
Heimweh hätten ihre Erfüllung gefunden – d.h.: die Erfahrung von Entfremdung wäre
überwunden – und damit wäre auch die Legitimation der weiteren Landschaftsmalerei
verloren gegangen
ein anderes beliebtes Motiv der Landschaftsmalerei im 19. Jahrhundert war jedoch das der
Blauen Grotte von Capri, die häufig auch mit der BB in Beziehung gebracht wurde – nicht
zuletzt weil die BB bei Novalis ja auch in einer Grotte blüht [Dia links: Ernst Fries, 1826]
[Dia rechts: Heinrich Jakob Fried, 1835]
wiederentdeckt 1826 durch Ernst Fries und August Kopisch (Zusammenhang mit
Italiensehnsucht!) –
"Von dieser Grotte [in Capri] haben sie alle geträumt, und wahrlich, es konnte der Preis ihrer
Auffindung auch nur einem Maler und Dichter zukommen, aus der Zeit derer, welche die
blaue Wunderblume der Poesie suchten..."8
auch sonst waren Orte als Motive beliebt, die abgelegen waren – möglichst weit weg von
Zivilisation und Stadt – geheimnisvoll, vielleicht sogar unheimlich, auch schwer zu erreichen
[Dia links: Johann Heinrich Wüest, Rhone-Gletscher, 1777f.]
der Mensch ist auf den Gemälden meist nur noch klein und als Betrachter zu sehen – er setzt
sich der Größe der Natur aus und ist als Individuum irrelevant
ferner ist wichtig: die (gemalten) Landschaften werden leergeräumt von neckisch-
anekdotischen Details, die den Ernst der Betrachtung und die Konzentration stören könnten;
die Landschaften werden auch befreit von zu viel Inhalt, z. B. von der Vergegenwärtigung
historischer Ereignisse, von allem, was an Zivilisation, Arbeits- und Alltagswelt, an die
Gesellschaft und ihre Konventionen erinnern könnte (bis ins 18. Jahrhundert hingegen gab es
fast keine 'reinen' Landschaften – die Landschaft war Kulisse für eine mythologische bzw.
historische Erzählung)
in fast allen Abhandlungen über Ästhetik, die im 19. Jahrhundert entstanden, findet sich ein
Passus über Landschaftsmalerei, in dem davor gewarnt wird, durch zu viel Staffage die
ästhetische Stimmung und den kathartischen Effekt des Bildes zu gefährden
7
Ebd., S. 62.
8
Ferdinand Gregorovius: Die Insel Capri, Leipzig 1880.

7
Friedrich Theodor Vischer "Zustand der jetzigen Malerei" (1842) – historische Stoffe mit der
Darstellung von Landschaft verbinden zu wollen, sei eine "historische Gicht", d.h. etwas, das
dem Betrachter Schmerz verursacht und ihm eine ruhig-meditative Stimmung verdirbt
"Die Staffage muß daher durchaus anspruchslos sein, sie darf den Menschen nur in Zuständen
darstellen, in welchen er, fern von moralischen Zwecken und Kämpfen, harmlos das
elementarische Leben gleichsam durch sie hindurchziehen läßt und in ihm aufgeht: ruhig
Gelagerte, Wandernde, Hirten und Jäger, die im steten Umgang mit der Natur selbst etwas
von ihrer Unmittelbarkeit annehmen."9 [Dia rechts: Heinrich Bürkel, Blick auf Zugspitze,
1839]
wichtig: die Vokabel 'anspruchslos' – die Landschaft wie vor allem auch das Gemälde sollen
nicht durch Üppigkeit oder zivilisatorischen Prunk glänzen, sondern einfach und rein sein
doch 'anspruchslos' meint auch: die Landschaft und das Gemälde sollen vom Betrachter nichts
fordern, sollen nicht durch Funktionalität und Zweckbindung geprägt/determiniert sein,
sondern allein den freien Gang der Reflexion anregen – nur wenn der Betrachter durch nichts
in Anspruch genommen wird und wenn nichts zu sehr 'herausfällt' und Aufmerksamkeit
fordert, kann er sich ganz auf das Kunstwerk einlassen
=> ein Landschaftgernälde soll über die Darstellung von Natur bzw. Naturhaftem nicht
hinausgehen; nochmals Vischer:
"Aber der Landschaftsmaler hüte sich wohl, seine Gebäude in reinlicher Neuheit darzustellen
(...). Das Landschaftsgemälde, das ein für allemal die Natur zum Subjekte hat, fordert
Gebäude, welche die Natur bereits in ihren Bereich hereingezogen hat, indem sie ihnen die
Spuren ihrer Zufalligkeit, ihres elementarischen Charakters aufdrückte, vom Alter gebräunt,
halb zerfallen, von Vögeln umkreist, die in dem Werke der Menschenhand wie in ihrem
Eigenturne nisten usf."10
=> Ruinen als beliebtes Motiv der Landschaftsmalerei [Dia links: Blechen, Ruinen im Golf
von Neapel, 1835]
die Ruine verbindet sich mit der Natur, verweist zwar auf den Menschen und seine Formkraft,
ist jedoch als Vergangenes nicht fordernd, ist still und friedlich wieder eingegangen in die
Natur und deren Allmacht, verbreitet so eine Atmosphäre von Ruhe und Sanftheit, ja von
Versöhntheit mit der Endlichkeit, die sich zur Unendlichkeit der Natur weitet
=> Ziel der Kontemplation: der Betrachter erkennt seine Einheit mit der Natur, fühlt sich
gerade dadurch geläutert, daß er die Natur als seine Heimat erfährt und damit über all das
hinweggetröstet wird, was ihm seinen Alltag unter Menschen erschwert
zusammenfassend: Entleerung des Bildraums, Reduktion der Bildinhalte, Verzicht auf
narrativ-anekdotische Elemente, mehr Strenge und Askese
der Landschaftsverbrauch der Malerei des 19. Jahrhunderts war erheblich: sobald ein
Landschaftstypus konventionell und vom Massengeschmack eingeholt wurde, drohte die
Distanz von Gesellschaft und Alltag wieder zunichte gemacht zu werden
=> neue Typen mit fremden Reizen, mit der Aura von Wildnis und Abgeschiedenheit, mußten
immer erst wieder gefunden werden – im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurde Landschaft
zunehmend gerne als etwas Fremdes vergegenwärtigt – dies war wichtig, um die ästhetische
Erfahrung mit Natur, deren Kern ja die Distanzierung von der Gesellschaft ausmacht, auch
noch in einer Zeit zu garantieren, in der diese Erfahrung selbst bereits zum gesellschaftlich
etablierten Habitus gehörte
was für die Landschaftsmalerei galt, galt erst recht für den Umgang mit realer Natur: die
Ausdehnung von Städten und Ortschaften zwang die Naturenthusiasten immer wieder von
Neuem zur Flucht und trieb sie gleichsam vor sich her; das Auffinden unversehrter Natur
verlangte immer mehr Aufwand, der selbst einen Teil der zivilisatorischen Lästigkeit
ausmachte, von der man sich ja gerade erholen wollte
9
Friedrich Theodor Vischer: Zustand der jetzigen Malerei (1842), in: Kritische Gänge V, München 1922, S. 52.
10
Ebd.

8
=> der moderne Tourismus entstand aus diesen Fluchtbewegungen und der Sehnsucht nach
dem Fremden, Unberührten, der ästhetischen Reflexion sich Darbietenden
in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts konstituierten sich immer mehr Vereine, die den
Schutz der Natur, aber auch alter Baudenkmäler und heimatlicher Traditionen betrieben – in
diesen Heimat- und Naturschutz-Vereinen manifestierte sich die verehrend-kontemplative
Haltung gegenüber Natur und Vergangenheit ebenso wie ein Affekt gegen Zivilisation, gegen
Moderne und Technik
eigentlich paradox: diejenigen, die Einsamkeit und Ruhe, Kontemplation und
Gesellschaftsferne suchten, schlossen sich zu Vereinen zusammen, um ihr Anliegen besser
durchsetzen zu können – allerdings: die stille Kontemplation war ja nicht Selbstzweck und
letztes Ziel – vielmehr strebte man nach einer neuen, innigen Gemeinschaft, nach Einheit und
Verbundenheit zwischen den Menschen
=> der Zusammenschluß Gleichgesinnter in den Heimatschutz- und anderen Bünden wurde
als erste Stufe, als Vorbereitung größerer Gemeinschaften empfunden
man beschwor den deutschen Wald, das Mittelalter, kümmerte sich um alte Bäume und
andere Naturdenkmäler, wehrte sich gegen die 'Verschandelung' von Landschaft, gegen
Werbung im Außenraum – gegen alles, was die ersehnte 'Anspruchslosigkeit', die Reinheit
und Homogenität des Naturhaften zu stören drohte
man pries die Natur als Ort der Läuterung, als Refugium für die "schönen Seelen"
in Wäldern wurden z. B. auch "Waldschutztafeln" aufgestellt, um deren Leser "in die wald-
friedliche Stimmung [zu] versetzen", ja um "zur Selbsterziehung des Publikums in
Waldsachen bei[zu]tragen"11 [Dia rechts, Waldschutztafel 1910]
=> wer den Wald aufsuchte, um seinen "besseren Menschen zu baden", konnte sich als
ebenso rein fühlen, wie es die Natur bereits war
zur selben Zeit (Jahrhundertwende) wurde auch die BB als Symbol intensiviert – sie wurde
nämlich zum erklärten Symbol der Wandervogel-Bewegung und sodann der Jugendbewegung
die Wandervogel-Bewegung entstand innerhalb der jungen Generation als Form des Protests
gegen Zivilisation und Gesellschaft – hierbei kam es zu einer Erneuerung und Verschärfung
romantischen Gedankenguts – wichtiges Erinnerungsbuch eines Wandervogels heißt "Die
Blaue Blume des Wandervogels" – darin die Aussage: die Stimmung innerhalb der
Wandervogel-Bewegung sei als "Heimweh nach dem Heimweh" zu bezeichnen gewesen12
=> man wollte sich der Gesellschaft fremd fühlen, sich davon distanzieren – aber man sah
sich auch als Ursprung einer neuen Kultur und einer neuen Volksgemeinschaft – strenge
Reinheitsideale: gegen Alkohol, Nikotin, Fleisch, Kino etc. – FKK-Bewegung
straff organisierte Wandergruppen – zuerst nur für Jungen, später auch Mädchengruppen,
schließlich gemischte Gruppen (z. T. rückgängig gemacht) – hierarchische Struktur –
Professionalisierung des Wanderns, Unterscheidung zwischen 'richtigem' und falschem
Wandern
zum 'richtigen' Wandern gehörte: Tracht in mittelalterlicher Anmutung, Rucksack, Nächtigen
im Freien, Feuermachen, Klampfe und viel Gesang
in einigen Liedern wurde die BB ausdrücklich beschworen – z.B.:
"Wenn hell die goldne Sonne lacht, muß in die Welt ich ziehn, / denn irgendwo muß voller
Pracht die blaue Blume blühn. / So wandre ich landauf, landab, such' dieses Blümelein, / und
erst wenn ich's gefunden hab', stell ich das Wandern ein. / Im Wald die kleinen Vögelein, hab'
ich umsonst gefragt: / 'Wo find ich dieses Blümelein?' Man hat mir's nicht gesagt. / Ich suche
auf weiter grüner Au und werde nicht mehr froh. / Das einzig schöne Blümlein blau, es blüht
doch irgendwo! / Und lacht mir einst das große Glück im Auge einer Maid. / 'Leb wohl mein

11
Mitteilungen des Landevereins Sächsischer Heimatschutz, Heft 10 (1910), S. 307.
12
Werner Helwig: Die Blaue Blume des Wandervogels, Heidenheim 1980, S. 94.

9
Schatz, ich kehr zurück, noch hab' ich keine Zeit'. / Wenn hell die goldne Sonne lacht, muß in
die Welt ich ziehn, / denn irgendwo muß voller Pracht die blaue Blume blühn."13
oft sehr große Gruppen (100 und mehr Mitwandernde) – auch viele Treffen verschiedener
Gruppen (z.B. am 'hohen' Meißner 1913, jährlicher Bundestag) – dann auch Reden und
Proklamationen
einige der Gruppen waren national oder völkisch orientiert – dies verschärfte sich nach dem
Ersten Weltkrieg: in der damaligen Depression nach der Niederlage wuchs der Adventismus
und es gab eine Vielzahl selbsternannter Propheten, Heilsverkünder etc. (wie die Romantik
durch die Besetzung Preußens forciert wurde, wurde auch das neoromantisch-kulturkritische
Gedankengut infolge des Versailler Vertrags intensiviert und radikalisiert)
aus der romantischen Befreiung zum Selbst wurde nun gerne die Befreiung von allem
vermeintlich Nicht-Deutschen, aus dem Adventismus und der Sehnsucht nach einer besseren
Zukunft wurde die Heilserwartung eines großen Führers
=> zumindest Teile der Jugendbewegung waren vorbereitend für den Nationalsozialismus
(andere wurden freilich auch zu Opfern – z.B. wegen ihrer christlichen Gesinnung)
einer der 'Propheten', der der Jugendbewegung nahestand, war Rudolf Pannwitz – er
identifizierte sich mit Nietzsche und sah sich schließlich als dessen Vollender und Nachfolger
– zugleich sah er sich jedoch auch als Vollender des Christentums – für ihn war Deutschland
die Führungsmacht eines künftigen Europa, und er forderte die Deutschen auf, sich auf dem
Weg dorthin einen Führer zu wählen
1919 "Die deutsche Lehre" – darin Proömion:
"Der deutsche wird ein salz der erde und ein licht der welt sein / Nachdem er den staat die
rasse und masse überstiegen und die blaue blume gefunden hat. / Soll die blaue blume dem
volke dienen so wird das volk herr und tod aller völker werden und vom erdboden vertilgt
werden. / Will das volk der blauen blume dienen so wird es unsichtbar werden / das volk der
völker und die saat des lebens sein."14
> die BB wird zum Symbol einer Elite: nur wenn die 'Masse' überstiegen wird, kann sie
gefunden werden – diese Fähigkeit wird offenbar allein den Deutschen zugetraut
> ist die BB gefunden, darf sie jedoch nicht vereinnahmt werden, sondern man muß sich nach
ihr richten – was auch immer das heißen soll – das Volk wird dann 'unsichtbar', d.h. die
Menschen sind im Geistigen miteinander verbunden, nicht aufgrund äußerer (z.B. rassischer)
Merkmale – die BB wird damit wieder als Symbol des Immateriellen verwendet und auch
wieder zum heiß ersehnten Heilsbringer: sobald die BB gefunden ist, wird Deutschland zu
Größe und 'Leben' aufsteigen – nationale Grenzen sind dann freilich nicht mehr bindend,
vielmehr strahlt deutscher Geist auf und über die gesamte Welt aus – Assoziation: Gral,
Kyffhäuser-Sage
innerhalb der 'zweiten Romantik' am Beginn des 20. Jahrhunderts kam der Farbe Blau auch
abgesehen vom Symbol der BB besondere Bedeutung zu
berühmtestes Bspl.: beim 'Blauen Reiter' steht das Blau ebenso für den Wunsch nach
Vergeistigung, nach Transzendenz – steht für die Sehnsucht nach einer völlig anderen
Zukunft, die durch die Kunst – durch die Avantgarde – das 'Vorausreiten' – erreicht werden
soll [Dia links: Marc. Blauer Reiter (1911)]]
Kandinsky: Blau ruft den Menschen in das Unendliche
nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in Frankreich einen Künstler, dessen Leben und Weltbild
überraschend viele Parallelen zu Novalis aufweist und bei dem wiederum die Farbe Blau im
Mittelpunkt steht: Yves Klein (1928-1962)
direkter Bezug auf Novalis oder die BB ist bei ihm nicht festzustellen – doch gilt Blau (IKB)
auch ihm als Farbe der Transzendenz und des Immateriellen – als höchste und reinste Farbe –

13
Wandervogellied, zit. nach: http://www.scoutnet.de/lieder/w.html.
14
Rudolf Pannwitz: Die deutsche Lehre (1919), Proömion.

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zugleich Sublimierung von Erotik (Anthropometrien) [Dia links: Klein, Anthropometrie]
[Dia rechts: Klein, Foyer Gelsenkirchen]
die monochromen blauen Bilder sind gleichsam die letzte Form einer von Staffage befreiten
Landschaftsmalerei [Dia links]
bemerkenswert: Klein hatte zuerst in Deutschland Erfolg – hier verstand man die Affinität
zum Blau besser als in Frankreich – erste große Arbeit Kleins: Foyergestaltung der Neuen
Oper in Gelsenkirchen (1957-59)
die BB selbst machte nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland keine große Karriere mehr
– in einer Erzählung von Wolfgang Borchert wird sie nochmals von einem Kriegsheimkehrer
beschworen als äußerte Gegenwelt zu Zerstörung, Verwundung, Sinnlosigkeit, doch ist dabei
nur ein mattes Symbol-Zitat, an dessen Heilkraft der Autor selbst nicht mehr glaubt
in der Studentenbewegung von 1968 kam in Berlin die Losung auf "Schlagt die Germanistik
tot, färbt die blaue Blume rot!" – die Germanistik als Wissenschaft galt als erstarrt, als zu
verbürgerlicht, zu weihevoll und auch zu 'völkisch' – und als neues Ideal wollte man nicht
mehr Transzendenz, religiöse Gemeinschaft, sondern eine sozialistische Gesellschaft – nicht
das Immaterielle, sondern den dialektischen Materialismus
freilich: in den letzten Jahren tauchen Hinweise auf die BB wieder verstärkt auf – die
romantisierenden Teile der Öko-Bewegung und Teile der Esoterik-Bewegung beziehen sich
gerne auch auf sie und beschwören ein Naturverhältnis, das dem des Novalis und der
Romantik nahesteht – dies verbindet sich mit antimodernistischen Denkfiguren ( =>
Diskussionsforum im Internet, Bilder in Internet-Galerien, die nun doch die BB selbst zeigen,
was die Profanisierung des Sujets anzeigt)
in der bildenden Kunst scheint es nur einen Künstler zu geben, der sich mit dem Motiv in den
letzten Jahren auseinandergesetzt hat: Timm Ulrichs [Dia links: Blau, 1969-75] [Dia rechts:
Detail]: fünf Tafeln (50x50cm) in identischem Blau, jeweils anders beschriftet: "Kobaltblau",
"Himmel", "Meer", "Treue", "Romantik (Die blaue Blume)" – die Serie zeigt den Weg einer
Aufladung mit Bedeutung: aus dem einfachen Farbstoff 'Kobaltblau' wird zuerst die Farbe
von Gegenständen, dann wird damit eine allegorische Bedeutung verbunden, schließlich – als
Höhepunkt – wird das Blau zum Inbegriff einer gesamten Epoche uns ihres zentralen
Symbols: der BB

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