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Das Glasperlenspiel

Hermann Hesse
Hermann Hesse wird am 2. Juli 1877 im Schwarzwaldstädtchen Calw als Sohn des
Missionars Johannes Hesse und der ebenfalls missionarisch tätigen Marie Gundert geboren.
1881 zieht die Familie nach Basel, wo der Vater die Schweizer Staatsangehörigkeit
annimmt. Nach der Rückkehr nach Calw im Jahr 1883 besucht Hesse die Lateinschule in
Göppingen. 1891 tritt er in das evangelische Klosterseminar in Maulbronn ein. Ein Jahr
später flüchtet er jedoch von dort, um Dichter zu werden.
Das Glasperlenspiel ist Hermann Hesses letztes großes Prosawerk und die Summe
seines gesamten Schaffens. Das Buch erschien 1943 in der Schweiz, weil es in Deutschland
nicht gedruckt werden durfte. Hesse schuf den Roman als geistig-kulturellen Gegenentwurf
zu der Realität des Nationalsozialismus in Deutschland und verlegte die Handlung ins 23.
Jahrhundert. Das Glasperlenspiel ist ein komplexes Spiel mit den Werten der Kultur und
wird nur von einer Elite, den Mitgliedern des Glasperlenspielordens im Land Kastalien,
beherrscht.
Das Glasperlenspiel. Im 23. Jahrhundert beschreibt ein Chronist des Ordens der
Glasperlenspieler im Lande Kastalien die Ursprünge des Glasperlenspiels. Dabei handelt es
sich um ein hochkomplexes geistiges Spiel mit allen Inhalten und Werten der Künste, der
Musik und der Wissenschaften, das nur von der Kaste der Glasperlenspieler in langen
Jahren perfektioniert und beherrscht werden kann. Man kann es sich wie das Spiel auf
einer riesigen Orgel vorstellen, die das gesamte geistige Leben der Menschheit umfasst und
reproduzieren kann. Der Orden der Glasperlenspieler strebt das Zusammenspiel aller
Künste und Wissenschaften an. Anstelle von Noten, Wörtern oder Zahlen werden aber eben
Glasperlen als Symbole verwendet.
Die Geschichte der Glasperlenspieler. Die Geschichte des Glasperlenspiels reicht
bis ins alte China und die griechische Antike zurück. Das eigentliche Spiel entsteht aber im
Deutschland des "feuilletonistischen Zeitalters", einer Epoche (19. und 20. Jahrhundert),
welche die Menschheit mit skurrilen Allerweltsgeschichten in den Feuilletons der
Zeitungen überschüttet. Wirklich Geistreiches entwickelt sich in dieser Zeit der Dekadenz
jedoch nicht mehr, sodass eine Gegenbewegung entsteht: Einige wenige Gelehrte und
Musiker gründen den Orden der Glasperlenspieler. Das Spiel selbst entwickelt sich in den
folgenden Jahrhunderten vom bloßen Privatvergnügen zum Inbegriff der geistig-musischen
Vollkommenheit. Jedes Land verfügt über eine Spielkommission, deren Oberhaupt der
"Magister Ludi", der "Meister des Spiels" ist. An den Eliteschulen ist es der Traum jedes
Jungen, einmal in den Orden der Glasperlenspieler aufgenommen zu werden. Die
Ordensprovinz Kastalien ist der Hort und Ausbildungsort dieses Völkchens, das hier durch
strenge Meditation im hierarchischen Orden ihr Spiel perfektioniert.
Die Berufung Josef Knechts. Josef Knecht, ein zwölfjähriger Lateinschüler in
Berolfingen, wird, wie schon viele andere begabte Schüler vor ihm, von der
Erziehungsbehörde adoptiert, die fortan seine Ausbildung übernimmt. Josef ist beim Spiel
auf der Geige sehr begabt. Darum finden seine Lehrer bei der Erziehungsbehörde nur die
besten Worte für ihn. Denn einzig solche Empfehlungen können den begabtesten Schülern
vielleicht einmal den Eintritt in eine der Eliteschulen des Landes ermöglichen. Als der
Musiklehrer seinem Schüler Josef ankündigt, der Musikmeister des Ordens der
Glasperlenspieler höchstpersönlich werde die Schule besuchen, um den Musikunterricht zu
inspizieren, ist Josef hellauf begeistert. Der Musikmeister, ein alter, kleiner Mann, bittet
Josef tatsächlich zu sich. Gemeinsam musizieren sie: Josef spielt auf der Geige und der
Musikmeister zeigt ihm am Klavier, wie eine Fuge aufgebaut ist. Der Schüler empfindet
diese Stunde wie seine Berufung. Auf der Heimfahrt trägt der Musikmeister Josef in sein
"goldenes Buch" ein, das von den weniger begabten Schülern als "Streberkatalog"
geschmäht wird. Josef gehört fortan zu den "Electi", den Auserwählten. Auch wenn ihm der
Abschied von der Heimat und seinen Lehrern zunächst schwer fällt, freut er sich auf die
neue Schule.
Eschholz. Von allen Eliteschulen in Kastalien ist die Schule in Eschholz die größte
und neueste. Am Bahnhof wird Josef von einem älteren Mitschüler abgeholt, der ihn in die
Schule einführt, ihm den Schlafplatz, das Luftbad und die anderen Räume seines
Wohnhauses zeigt. Josef fühlt sich vom ersten Augenblick an wohl. Besonders beim
Musizieren blüht er auf und vergisst alles um sich herum. Schnell vergehen die Jahre an der
Schule und es nähert sich der Tag, an dem beschlossen wird, welche höhere Schule Josef als
Nächstes besuchen darf. Zuvor ist er beim Musikmeister zu Gast, den er über die Schulen
jenseits von Kastalien befragt, wo die Schüler sich "freie" Berufe wählen können. Er kann
nicht verstehen, warum das in Kastalien, dem freiesten Land überhaupt, nicht möglich ist.
Der Musikmeister schmunzelt. In seinen Augen sind die Menschen außerhalb des Ordens
alles andere als frei: Sie können zwar ihren Beruf wählen, sonst jedoch gar nichts, weil sie
zeitlebens um ihre Existenz kämpfen müssen, ganz anders als die Ordensmitglieder.
Danach führt der Meister Josef in die Kunst der Meditation ein. Zurück in Eschholz erfährt
Knecht den Namen seiner neuen Schule: Waldzell - die Ausbildungsstätte der
Glasperlenspieler.
Waldzell. Die Creme de la Creme der Elite studiert in Waldzell: Für Josef bedeutet
dies eine große Ehre. Der Schulalltag unterscheidet sich nur wenig von Eschholz. Einige
neue Fächer, wie beispielsweise die Meditation, treten zu den bekannten hinzu. Josef
schließt Freundschaft mit Carlo Ferromonte. Mit ihm verbringt er etliche Stunden im
Gespräch und mit der Musik. Im Gegensatz zu Carlo, der voll in das klosterähnliche
Schulleben integriert ist, betrachtet der ungestüme Plinio Designori den Orden mit einer
gehörigen Portion Skepsis. Plinio ist älter als Josef und gehört zu jener Schar von
Gastschülern, die sich in Waldzell aufhalten, die aber später wieder in die Welt
hinausgeschickt werden.
Vita active. Plinio ist stolz darauf, dass er Eltern draußen in der Welt hat, zu denen
er in den Ferien immer wieder zurückkehrt. In seinen Augen leben die Eliteschüler wie die
Maden im Speck: Sie brauchen sich nicht die Hände schmutzig zu machen und zu arbeiten.
Sie leben vom Geld der "normalen Menschen" und verachten diese auch noch. Josef, den die
Welt außerhalb des Ordens immer schon fasziniert hat, ist begierig, mehr von Plinio zu
erfahren. Er ist hin- und hergerissen zwischen der Freundschaft zu Plinio und der
Ablehnung von dessen Weltanschauung. Plinios feurige Schmähreden treffen Josef derart,
dass er sich an den Schulvorstand wendet. Der erlaubt ihm die Freundschaft mit Plinio,
macht Josef aber zum "Verteidiger Kastaliens". Er soll den Disput mit dem weltlichen
Freund auf einer rhetorisch hohen Stufe ausfechten, was den beiden zur Freude aller auch
gelingt.
Studienjahre. Auch die Jahre in Waldzell fliegen dahin. Josef beginnt mit dem
Erlernen des Glasperlenspiels. Doch ganz sind die Zweifel, die Plinio in ihn gesät hat, nicht
von ihm gewichen: Gehört er überhaupt nach Kastalien? Mit 24 Jahren ist die Schule für
Josef jedenfalls vorbei. Nach seiner Entlassung aus Waldzell beginnt er mit dem Studium,
das er als großen Schritt in die Freiheit betrachtet. Als Generalist kann er sich auf jede
Disziplin stürzen, die ihm interessant erscheint. Beschränkt wird seine studentische
Freiheit nur durch die jährliche Pflicht zur Abgabe von erfundenen Lebensläufen. Dabei
handelt es sich um eine Stilübung der Studenten: Sie sollen sich in einen Menschen einer
längst vergangenen Epoche hineinversetzen und mit historischen Details dessen Leben
beschreiben. Josef gibt drei Lebensläufe ab, die im Anhang seiner Lebensbeschreibung
abgedruckt sind: "Der Regenmacher", "Der Beichtvater" und "Der indische Lebenslauf".
Der Eintritt in den Orden. Die Beschäftigung mit der chinesischen Sprache und
Kultur fasziniert Josef. Besonders begeistert er sich für das I-Ging, das konfuzianische Buch
der Wandlungen. Mit Hilfe von Stängeln der Schafgarbe lässt sich demnach die Zukunft
deuten. Um diese Kunst zu vervollkommnen, sucht Josef einen Eremiten des Ordens auf,
den alle nur den "Älteren Bruder" nennen. Bei ihm verbringt er viele Monate des Studiums.
Nach seiner Rückkehr aus der Einöde bittet ihn der Glasperlenspielmeister Thomas von der
Trave zu sich, um ihn zu prüfen. Am Ende der zweiwöchigen Prüfungszeit legt er Josef
nahe, in den Orden einzutreten. Kaum ist dies geschehen, wird Josef nach Mariafels
beordert, wo er die Mönche eines Benediktinerklosters in die Kunst des Glasperlenspiels
einführen soll. Im Kloster wird er freundlich aufgenommen und gibt sich dem langsamen,
ehrwürdigen Lebenstempo der Ordensbrüder hin. In der Bibliothek trifft er auf den Pater
Jakobus, einen Historiker, mit dem er so etwas wie eine Freundschaft unter Gelehrten
aufbaut. Wie mit Plinio verwickelt sich Josef mit dem Pater in heftige Disputationen, weil
auch der Pater dem kastalischen Orden höchst skeptisch gegenübersteht: Er betrachtet ihn
als ein geistiges Wolkengespinst, als Plagiat eines echten Ordens, aber ohne wahre Religion.
Nach vielen Monaten der Gespräche scheint es jedoch so, als wolle der Pater die kastalische
Lebensweise neben der seinen gelten lassen, ohne jedes Mal ein Streitgespräch zu
beginnen.
Die Mission. Nach zwei Jahren wird der nun 37-jährige Josef zu einem Urlaub und
einer Aussprache zum Glasperlenspielmeister beordert. Dieser ist hocherfreut über die
guten Beziehungen, die Josef in Mariafels geschaffen hat. Josef trifft viele hochgestellte
Persönlichkeiten seines Ordens und es scheint ihm, als ob hiermit eine Beförderung für ihn
vorbereitet werden soll. Schließlich gibt ihm der Glasperlenspielmeister einen konkreten
Auftrag: Josef soll den einflussreichen Pater Jakobus davon überzeugen, dass der
kastalische Orden eine Vertretung im Vatikan eröffnen darf. Das Nebenherexistieren der
römischen Kirche und des Ordens soll endlich zu einer fruchtbaren Symbiose
zusammengeführt werden. Josef nimmt den Auftrag an, bittet aber darum, nicht selbst als
Diplomat nach Rom geschickt zu werden. Zurück im Kloster, beginnt er Pater Jakobus mit
der Weltanschauung des kastalischen Ordens bekannt zu machen. Der Pater riecht zwar
bald Lunte, er nimmt Josef seine politische Mission aber nicht übel, sondern will sich
bereitwillig von ihm unterweisen lassen. So vergeht eine Zeit des gegenseitigen
Unterrichts. Dann und wann fährt Josef nach Waldzell zurück, um sein Glasperlenspiel
nicht zu vernachlässigen. Schließlich schreibt Pater Jakobus einen Brief an die kastalische
Ordensleitung, in dem er seine Unterstützung für die Vorsprache beim Vatikan zusagt.
Magister Ludi. Josef kehrt nach Waldzell zurück. Das große öffentliche
Glasperlenspiel, auf das er sich gefreut hat, wird aber von einem dunklen Schatten
überdeckt: Der Spielmeister leidet an einer schweren Krankheit und stirbt bald. Während
ganz Kastalien noch in Trauer liegt, wird Josef zum neuen Magister Ludi, zum Meister des
Glasperlenspiels ernannt. Das Amt, so ehrenvoll es sein mag, hat aber auch seine
Schattenseiten: Josef wird von seinen Pflichten aufgefressen, er hat kaum noch Zeit für
private Dinge und betrachtet alte Freunde nur noch aus der Sicht seines Amtes und nicht
mehr als Person. Der Tod des alten Musikmeisters bekümmert ihn zusätzlich;
glücklicherweise bereiten ihm aber der Unterricht der Schüler und die Zusammenarbeit
mit seinen Vertrauten große Freude. Auch das öffentliche Glasperlenspiel, nun unter Josefs
Leitung, wird ein voller Erfolg. In seiner Rede findet Josef jedoch höchst bedrückende
Worte für den Zustand des Landes: Ihm wird klar, dass Kastalien eigentlich zu schön, zu
unbesorgt und zu unbekümmert ist, um wahr zu sein. Josef, der seiner historischen Studien
bei Pater Jakobus gedenkt, fürchtet darum, dass dieses Reich einmal von der
unbarmherzigen Kraft der Zeit zerrieben wird - und nichts als Geschichte zurückbleibt.
Der Ausbruch aus dem Orden. Fortan arbeiten zwei Kräfte in Josefs Seele, die ihn
in unterschiedliche Richtungen ziehen: Seine Hingabe an den Orden auf der einen Seite und
auf der anderen Seite der Drang nach außen, in die Welt jenseits von Kastalien. Er hat zwar
alles erreicht, was sich jedes andere Ordensmitglied erträumen würde - dennoch zieht ihn
das Unbekannte magisch an. Rein zufällig begegnet er seinem Schulfreund Plinio wieder,
der ihn zu sich nach Hause einlädt. In vielen langen Gesprächen, in denen sich die beiden
wieder annähern, erklärt Plinio seinem alten Freund, dass er sich um seinen Sohn Tito
Sorgen macht: Der Junge ist vorlaut, verwöhnt und hat die beiden Eltern während einer
Ehekrise zu seinem Vorteil gegeneinander ausgespielt. Josef willigt ein, sich um die
Erziehung des Jungen zu kümmern. Er sendet ein Rundschreiben an die Ordensleitung und
bittet darum, aus dem Dienst entlassen zu werden. Er vergleicht sein Leben mit einem
brennenden Haus: Während er im Dachgeschoss mit Glaskugeln spielt, fressen sich die
Flammen durch das Holzfundament. Josef sieht seinen Platz nicht mehr im Orden, sondern
draußen in der Welt. Sein Gesuch wird von der Ordensleitung und dem Magisterkollegium
abgelehnt. Hier enden die offiziellen Dokumente über Knechts Leben.
Die Legende vom Glasperlenspielmeister. Wie es mit Josef Knecht weiterging, kann man
nur noch aus der Legende erfahren, die sich seine Schüler im Orden erzählen. Josef
beschließt trotz des Verbotes, den Orden zu verlassen. Zu Fuß begibt er sich zu Plinios
Landhaus, wo er schon freudig erwartet wird. Am nächsten Morgen begrüßt ihn auch sein
Zögling Tito und lädt ihn zu einem Bad im kristallklaren, aber auch eiskalten See ein. Josef,
der sich nach seiner langen Reise ein wenig krank fühlt, möchte eigentlich nicht, dennoch
geht er auf Titos Wunsch ein. Sie schwimmen um die Wette. Doch als Tito sich umblickt, ist
Josef verschwunden und taucht nicht mehr auf. Tito betrauert den lieb gewonnenen
Mentor vom Ufer des Sees aus - und spürt die Schuld, die nun auf ihm lastet.
Hermann Hesse hat seinen Roman in drei Teile gegliedert: In der Einleitung ergreift
ein nicht näher bezeichneter Chronist das Wort, um den Leser in die Geschichte des
Glasperlenspiels einzuführen. Hiermit schafft Hesse die Atmosphäre für das ganze Buch:
Der Essaystil vermischt wichtige Hintergrundinformationen über das utopische Kastalien
mit allgemeinen Betrachtungen über das "feuilletonistische Zeitalter" - Hesses Gegenwart.
Der Hauptteil stellt die Lebensbeschreibung des Josef Knecht dar. Auch hier wird der
Anschein erweckt, dass ein Chronist das Leben dieses für den Orden der Glasperlenspieler
so wichtigen Mannes akribisch zurückverfolgt hat, um es mit Dokumenten, Erzählungen
und Originalbriefen des Magister Ludi möglichst lebhaft, aber historisch korrekt
darzustellen. Der Eindruck, dass es sich hierbei tatsächlich um ein authentisches Dokument
handelt, wird mit dem dritten Teil des Buches noch verstärkt: Hier finden sich "Josef
Knechts hinterlassene Schriften": Gedichte, die Knecht während seiner Schulzeit verfasst
hat, sowie die drei Lebensläufe vom "Regenmacher", vom "Beichtvater" und der "Indische
Lebenslauf". Diese Erzählungen variieren verschiedene Themen (wie z. B. das Lehrer-
Schüler-Verhältnis oder das Opfer eines Einzelnen für die Gemeinschaft), die auch im
Hauptteil des Romans eine Rolle spielen.