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Bernhard Reicher MYTHOMAGIE Grundlagen,Techniken und Symbolmatrices
Bernhard Reicher MYTHOMAGIE Grundlagen,Techniken und Symbolmatrices
Bernhard Reicher
MYTHOMAGIE
Grundlagen,Techniken und
Symbolmatrices
Bernhard Reicher MYTHOMAGIE Grundlagen,Techniken und Symbolmatrices

Bernhard Reicher

MYTHOMAGIE

Grundlagen, Techniken und Symbolmatrices

INHALT

Begriffsbestimmung und Urheberschaft

4

Was kennzeichnet mythisches Denken?

5

In der Zauberhöhle

5

Remythologisierung

8

Schlußfolgerungen für die Anwendung in der Mythomagie

24

Magie, oder: Was ist eine Geschichte?

25

Weltbild

25

Das Prinzip von Sein, Haben und Tun

27

Warum Magie funktioniert

30

Wie Magie funktioniert

33

Ethos

34

Techniken der Mythomagie, oder: Erzähl mir eine Geschichte

36

Grundsätzliches Vorgehen und ritueller Rahmen

36

Enthòwil

40

Das Erzählen von Märchen und Mythen

41

Phantasiereisen

42

Film als mythomagisches Verfahren

42

Orakel

44

Tarot

44

Ogham

44

Magischer Schmuck; Sigillen, Talismane und Tattoos

45

Praktiken der Volksmagie

45

Schamanische Techniken

47

Schamanische Reisen

47

Schwitzhütte

47

Visionssuche

48

Krafttiere und Kraftplanzen

48

Stäbe der Kraft

48

Mythomagischer Tempelschlaf

49

Verstärkung durch Kristall‐Magie

49

Symbolmatrices

50

Die Reise des Helden

50

Das Enneagramm

51

Tarot

51

Der Runenkreis

52

Das Medizinrad

52

Der Zodiak

53

Korrespondenzen‐ und Chakrenlehre

55

– und natürlich: Mythen

56

Glossar

58

Autor

73

Literaturverzeichnis

78

Begriffsbestimmung und Urheberschaft

Ich definiere Magie als die Kunst und die Wissenschaft, mit Hilfe veränderter Bewußt‐ seinszustände im Einklang mit seiner Bestimmung Veränderungen in der geistigen und (dadurch) stofflichen Welt herbeizuführen. Es gilt 1 :

M = W + I + T

M

= magischer Akt

W

= Wille (Wissenschaft: linke Gehirnhälfte, Vernunft, analytisch, rational, faktisch, formallogisch, Yang)

I = Imagination (Kunst: rechte Gehirnhälfte, Gefühl, synthetisch, irrational, mythisch, symbollogisch, Yin)

T = (magische) Trance: vorübergehende Ausschaltung des Zensors zwischen Bewußtsein und Unbewußtem

W

Das gewünschte Resultat wird klar bestimmt;

I

diese Definition wird in Form eines Gegenstandes, eines Bildes, einer Substanz oder einer rein geistigen Visualisierung kreativ ausgedrückt

T

und in einem Trancezustand aktiviert (wobei zwischen dämpfenden und erregenden Trancen unterschieden wird, siehe Glossar).

Dabei gibt es keine „weiße“ oder „schwarze“ Magie. Es gibt ja auch keinen „guten“ oder „bösen“ Strom. Es gibt also allenfalls weiße oder schwarze Magier.

Mythomagie wurde von mir entwickelt und zum ersten Mal am 20. Mai 2007 im Rahmen des MerryMeet‐Festivals 2 in dieser Form öffentlich vorgestellt.

Sie stellt ein eigenständiges magisches System dar, das sich in seinem philosophischen Rahmen und dem verwendeter Symbolmatrices verschiedener magischer Techniken be‐ dient. Mittels dieser archetypischen Verfahren wird einerseits gezielt auf bestimmte Tei‐ le des Unbewußten zurückgegriffen, die dem bewußten Denken im Normalfall unzu‐ gänglich sind – und durch symbol‐logische Veränderungen in diesen Bereichen werden andererseits auch Änderungen in der persönlichen Wahrnehmung ermöglicht… was ein neues Erleben der Realität herbeiführt. Um dem inneren Prozeß dabei eine strukturierte Form zu geben, bedient sich dieses flexible System 3 der bildhaften Sprache des Mythos.

Diese Arbeit versteht sich als vorläufige Darstellung des mythomagischen Systems.

1 Angelehnt an die Auslegung von Frater V D

2 http://www.wurzelwerk.at/infos/merrymeet/2007/

3 Insofern, als Mythomagie auch eklektizistisch auf unterschiedliche Traditionen, Schulen und Modelle zurück- greift, folgt sie einem chaosmagischen Ansatz.

Was kennzeichnet mythisches Denken?

Bei der Mythomagie werden die Fähigkeiten und Energien des Magiers durch methodi‐ schen Einsatz der umfassenden Wirkung mythischer Geschichten potenziert. Aus diesem Grund ist eine genaue Kenntnis der Funktionsweise mythischen Denkens und Empfin‐ dens erforderlich.

In der Zauberhöhle

Die Höhle ist Geborgenheit.

Hier ist es trocken und sicher. Der Wind ist ausgesperrt, die Mägen sind gefüllt. Und vor allem: Es ist warm. In den Gesichtern der Menschen, die sich um das Feuer versammelt haben, spiegelt sich die allmähliche Entspannung wider, die sich in ihnen breit macht. Jetzt, wo die Gefahreninstinkte zur Ruhe gekommen sind, können sie ihrer Phantasie Raum geben: Der Schamane erzählt.

Diesmal ist es die Geschichte, wie sich der Sohn des Himmelsgottes in einen Bären ver‐ wandelte, der vom Himmel herabstieg und in einer Höhle seine Mutter, die Erde, traf. Später half er ihr dabei, die Menschen zu erschaffen; aber ihre Geschöpfe wollten sich nicht regen, es fehlte ihnen das Blut. Da opferte sich der Bär und ließ sein Blut in die Lei‐ ber der Menschen fließen, da erwachten sie. Und seither heißen sie der Bären‐Clan, ge‐ schaffen von Himmel und Erde, und das Blut in ihrem Körper legt davon Zeugnis ab bis ans Ende der Zeit.

Die Menschen in der Höhle kennen die Geschichte seit ihrer frühesten Kindheit – seit sie sich erinnern können. Erzählt hat sie damals der Vorgänger des heutigen Schamanen, es ist aber immer noch dieselbe Geschichte. Während der Erzähler, das Bärenfell um die Schultern gelegt, zum Klang der Trommel durch die Höhle schreitet und den gefahrvol‐ len Weg des Himmelsgottes und der Erdmutter schildert, ihren Sohn aus der Unterwelt zurückzuholen, breitet sich vor dem geistigen Auge der Zuhörer eine immense Land‐ schaft aus: das graue Feld der Ahnen, auf dem ihre Vorfahren verzweifelt nach ihrem

und obwohl sie die Geschichte schon so oft gehört haben, daß sie sie

Sohn suchen

auswendig kennen, hat sie nichts von ihrer Kraft und Eindringlichkeit verloren. Kaum wagen sie zu atmen, als die Götter am Ende der Welt stehen, und fast bleibt ihnen das Herz stehen, als sie ihren Sohn auf dem Rückweg beinahe verlieren und alle Hoffnung verloren scheint. Kinder und Erwachsene sitzen im Bann der Geschichte und lauschen dem Schamanen: Unter seinen Worten gewinnt die Welt Sinn und Gestalt, und die Seele findet Trost.

Nachdem die Geschichte zu Ende ist, hört man nur noch das Atmen der Menschen vom Bären‐Clan. Und das Feuer knistert. Im flackernden Licht der Flammen wirken die Bil‐ der, die auf die Höhlenwände gemalt sind, beinahe lebendig. Der wieder auferstandene Bär blickt auf seinen Stamm herab. Unter seinem Schutz schlafen die Menschen ruhig ein.

Inzwischen hat sich die Technik des Erzählens weiterentwickelt. Wir hängen uns kein Bärenfell mehr um und unsere Bilder malen wir nicht mehr mit Kalk, Blut und Asche.

Aber die Geschichten sind immer noch die gleichen 4 . Manche Geschichten sind so gut, daß wir sie immer wieder hören möchten. Buchstäblich über Jahrtausende hinweg be‐ gaben wir uns immer wieder mit Gilgamesch auf die Suche nach Unsterblichkeit, schwangen uns mit Ikarus in den Himmel empor und kosteten mit Siegfried vom Herz des Drachen. Solche Geschichten, die für uns offenbar etwas so Wichtiges und Faszinie‐ rendes enthalten, daß wir sie wieder und wieder erzählen, werden zu Märchen und My‐ then. Sie gehören zum Schatz der gesamten Menschheit.

In allen guten Geschichten finden wir mythische Elemente. Sie sind der Grund, warum wir die Geschichten erzählen; weil sie es sind, die uns in sich geordnete und geschlosse‐ ne Welten eröffnen und uns unaufdringlich Antwort geben auf die großen Fragen des Lebens. Mit dem allmählichen Verblassen der Tradition des mündlichen Erzählens wur‐ den andere Formen entwickelt, wesentliche Inhalte zu transportieren. Die Mythen wur‐ den in dramatische und literarische Gewänder gekleidet… und heute begegnen sie uns unter anderem in ihrer breitenwirksamsten, der filmischen Form. Die moderne „Höhle“, in der wir uns dem magischen Sog einer Geschichte aussetzen, ist das Kino. Unbewußt empfinden viele Menschen ein „Heimweh“ nach der Höhle, in der die Welt einfach war, in der eine Geschichte das Leben mit einem neuen Inhalt erfüllen konnte.

Die Sehnsucht nach Inhalt ist eine Folge der zunehmenden Individualisierung und Pluralisierung der modernen Gesellschaft (U. Beck 1986). Unter diesen Bedingungen richtet sich eine „Auskuppelkultur“ (W. Salber 1993) ein, in der sich die Menschen immer weniger in umfassende Lebensbilder eingebunden fühlen. Dafür genießen sie eine noch nie dagewesene Vielfalt an Möglichkeiten. Um nichts zu verpassen, fahren viele Menschen „mit durchgetretener Kupplung“ durchs Leben. Sie haben Angst, sich auf eine Gangart festzule gen und halten sich alle Optionen offen. Aber das Getriebe des Lebens wird ihnen immer rätselhafter. So sieht sich tendenziell jeder selbst der Aufgabe ausgesetzt, eine Richtung in seinem Leben und eine „Moral“ für seine Unternehmungen zu finden. Diese Aufgabe wurde einst von Religionen, Staatsführern, Weltanschauungen und den durch Arbeit bestimmten Lebensbildern erfüllt. Man gliederte sich in sie ein oder stellte sich gegen sie. In dem Maße jedoch, in dem solche allgemeinen Sinnbildner nicht mehr zur Verfügung stehen, sind die Menschen allein. Jeder sucht für sich in der flirrenden Vielfalt von Lebensmöglich keiten nach dem Eigenen. Besonders junge Erwachsene machen heute eine jahrelange Experimentierphase durch, in der sie sich in raschem Wandel in die unterschiedlichsten Milieus und Szenen einklinken. In vielen Fällen so lange, bis sie nicht mehr wissen, wer sie sind. 5

Der einzelne läßt sich mal von dem einen, dann wieder von einem anderen Bild ein Stück weit mitziehen. Man kann Buddhist sein, Esoteriker, Punk, Rocker, Raver, ja sogar Transvestit. Man kann sich als Single, als Familie oder als bizarrer Aussteiger einrichten. Beinahe alle erdenklichen Lebensformen werden toleriert und finden ihren Rückhalt in entsprechenden Szenen und Märkten. Neue soziologische Begriffe wie „Erleb nisgesellschaft“ (G. Schulze), „Pluralisierung“ und „Individualisierung“ (U. Beck) benennen diese Umorien tierung. Grundlage dafür ist, was W. Salber (1993) „Auskuppeln“ nennt: Die Menschen verstehen sich immer weniger als Teil eines gesellschaftlichen Ganzen. Immer seltener sind sie in Entwicklungen von Anfang bis Ende einbezogen, halten sie für längere Zeit an ein und derselben Sache fest. Statt dessen schalten sie nach kurzer Zeit um wie mit den Tasten ihrer Fernbedienung, nehmen Dienstleistungen in Anspruch und überlassen sich den Strömungen der vielfältigen Medienangebote. Bevor sie eine Sache durchstehen, wechseln sie lieber das Programm, den Partner oder gleich das Milieu. Das läßt sie freier erscheinen als je zuvor, das macht sie allerdings auch anfälliger für Zwänge, die in dieser Welt der Entscheidungsfreiheit Orientie rung versprechen. Es mehren sich nämlich inzwischen die Anzeichen, daß die Menschen sich von der Vielfalt überfordert fühlen und unter Desorientierung und Ängsten leiden. Da grundsätzlich alles möglich ist, fällt es ihnen immer schwerer, sich für eine Sache zu entscheiden. Die ungeheure Gleichwertigkeit unserer kulturellen Viel

4 Vielleicht tragen den Helden nicht mehr der Wind oder sein weißes Pferd ans Ziel, sondern ein weißer Sportwagen, und das rettende Elixier ist nicht mehr ein Zaubertrank, sondern ein Computercode, aber im Kern bleiben die Erzählungen unverändert.

5 Aus: Dirk Blothner, Erlebniswelt Kino , S. 9.

falt wird ihnen zuviel. Eine unbewußte Sehnsucht nach einer entschiedenen Sinngebung ist zu beobachten. So frei und so beweglich sich die jüngere Generation auch zeigt, sie wird von Sekten, Abhängigkeiten, Zwängen und Obsessionen angezogen, die in der flirrenden Vielfalt eine Richtung versprechen. Vor dem Hintergrund einer kunterbunten und scheinbar lebensfrohen Anarchie lockt das Diktat geregelter und verbindlicher Lebensformen. 6

Am Ende des 20. Jahrhunderts ist eine folgenschwere Kluft zwischen technischem und wissenschaftlichem Fortschritt einerseits und dem Fehlen von praktikablen Techniken der Alltagsbewältigung andererseits ent standen. Kommunikationsmedien wie Telefon und Internet verbinden die entlegensten Orte der Erde, aber wir wissen immer weniger mit Nähe umzugehen. Wir manipulieren unsere Gene und stellen leistungsstarke Computer her, sind aber orientierungslos bei der Erziehung unserer Kinder. Wir haben Medikamente ent wickelt, die das Leben verlängern. Aber wir wissen nicht, wie wir mit unseren alten Menschen umgehen sollen. Seelisch und sozial werden wir mehr und mehr zu Analphabeten, während die Wissenschaftstempel der Moderne an dem Glauben festhalten, daß alles machbar sei. Wir haben vergessen und verlernt, wie das Leben funktioniert! Apparate, Computer und rund um die Uhr laufende Unterhaltungsprogramme nehmen uns die Gestaltung des Alltags ab. Im doppelten Sinne allerdings: Sie erleichtern das Leben, nehmen es uns aber auch weg. Wir können uns nicht mehr auf uns selbst verlassen. Wir befinden uns in einem Netz von Schematisierungen, Formalisierungen und Apparatu ren. Es erdrückt uns, und wir wollen es loswerden. Aber wir können es nicht loslassen, weil wir spüren, daß wir dann ins Ungewisse stürzen. Dann wissen wir nicht mehr, was wir tun sollen, wie wir den Augenblick gestalten können. Trotzdem hat es etwas Vielversprechendes, den ganzen komplizierten Ballast, die ganze Op tionsvielfalt zusammenbrechen zu sehen. Eine unbewußte Sehnsucht nach einfachen Formen des Umsatzes, nach überschaubaren Lebenskreisen bestimmt unsere Zeit. Und in den Filmen findet diese Sehnsucht immer häufiger Ausdruck. 7

Aber was geschieht in der Höhle noch, abgesehen von relativ abstrakten Begriffen wie „Sinn“ und „Inhalt“, die eine Geschichte vermittelt? – Wer schon einmal einem guten Er‐ zähler gelauscht hat, ihm mit all seinen Sinnen gefolgt ist, der weiß, daß sich einem hier die Möglichkeit bietet, einen Blick hinter die Kulissen seines Lebens zu tun und in ande‐ re Welten einzutauchen und von dieser Perspektive aus wieder eine neue Sicht auf sein eigenes Leben zu gewinnen.

Eine archetypische Geschichte vermag, auch wenn sie einem einmaligen kulturspezifi‐ schen Ausdruck folgt, universale menschliche Erfahrungen ans Licht zu bringen – sie bie‐ tet uns so seltene Umgebungen und Figuren, daß wir uns an jedem Detail weiden kön‐ nen, während im Erzählen Konflikte beleuchtet werden, die für die Menschheit so wahr erscheinen, daß sie in jeder Kultur zu Hause sind. Sind wir einmal in dieser fremden Welt, entdecken wir uns selbst. Tief im Innern dieser Figuren und ihrer Konflikte erken‐ nen wir unser eigenes Menschsein. Wir lauschen diesen Geschichten, um eine neue, fas‐ zinierende Welt zu betreten, um indirekt ein anderes menschliches Wesen zu bewohnen, das uns zunächst so unähnlich scheint und doch im Grunde seines Herzens ist wie wir, um in einer erfundenen Wirklichkeit zu leben, die unsere tägliche Wirklichkeit erleuch‐ tet. Wir möchten nicht dem Leben entfliehen, sondern das Leben finden, unseren Ver‐ stand auf frische, experimentelle Weise gebrauchen, unsere Gefühle spielen lassen, ge‐ nießen, lernen, unseren Tagen Tiefe verleihen. 8

Die Begegnung mit dem Mythos kann demnach zur Selbsterfahrung werden. Wir suchen sie wegen der Erlebnisse, die wir in unserem Leben ähnlich intensiv nicht machen kön‐ nen oder wollen. Diese Begegnung bringt Saiten in uns zum Schwingen, auf die wir sonst

6 Ebda, S. 215.

7 Ebda, S. 235f.

8 Nach Robert McKee, Story , S. 10‐12.

nur selten aufmerksam werden, sie hebt den Grauschleier des Alltags und macht die märchenhafte Konstruktion der Realität erfahrbar.

Wir neigen dazu, den Alltag grau zu malen. Einerseits wegen seiner Gleichförmigkeit. Vor allem aber, weil wir seine unbewußte Dramatik, seine phantastischen Verwandlungen fürchten. Der eintönige Alltag ist ein Konstrukt der Menschen aus Furcht vor seinen ungeheuerlichen Zuspitzungen. Im Unbewußten der Men schen wird häufiger gekämpft, getötet und überwältigt, als wir wahrhaben wollen. Hierauf hat uns die Tie fenpsychologie aufmerksam gemacht. Es vergeht kein Tag ohne die Frage von Gelingen oder Verfehlen, ohne den Rausch der Vereinigung und den Schmerz des Verrats. Der alltägliche Klatsch ist oft gespeist von Neid und Haß. Bei manch harmlosem Einkaufsbummel werden Ansätze zu Raub und Mord belebt. Dieser Bereich ist stets wirksam, aber er wird nur in Ansätzen bewußt. 9

Mythos vermag also auch ganz archaische Instinkte zu wecken, die wir in unserer zivili‐ sierten Welt weitgehend nicht mehr bewußt erleben (können). Doch es scheint so zu sein, daß wir eben diese archaischen, mythischen Erlebnisse brauchen . So wie unser Körper den Vorgang des Träumens braucht, um gesund zu sein, dürfen wir unserer Seele den Mythos nicht vorenthalten.

Eine der größten Schwierigkeiten dabei dürfte darin liegen, daß uns genau diese mythi‐ sche Weltsicht in jahrelanger, gewissenhafter Arbeit durch das Bildungssystem abge‐ wöhnt wurde. In bester Absicht, den Aberglauben auszutreiben, hat die westliche Gesell‐ schaft seit der Aufklärung das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und die Welt sukzessive entmythologisiert – mit allen negativen Konsequenzen.

Jenes Ungleichgewicht, das heute in der westlichen Gesellschaft zugunsten der linken Gehirnhälfte herrscht, und die Auswirkungen davon, gehören zu den Gründen, warum sich die Menschen (mehr oder weniger unbewußt) so sehr nach Märchen und Mythen sehnen.

Es kann keine Frage sein, daß wir heute – insofern wir ungläubig sind oder aber einen Glauben haben, der mit den wirklichen Problemen unserer Gegenwart keinen Kontakt hat die psychologischen Gefahren, durch welche frühere Generationen von den Bildern und Exerzitien ihres mythischen und religiösen Erbes hindurchgeleitet wurden, allein zu bestehen haben oder bestenfalls unter zögernder, improvisierter und nur selten wirksamer Leitung. Dies ist unser Problem, das der modernen, „aufgeklärten“ Individuen, für die alle Götter und Teufel aus der Welt rationalisiert sind. 10

Remythologisierung

Um uns der Vorstellungs‐ und Bilderwelt des Mythos anzunähern, lassen wir den be‐ kannten Schriftsteller Thorwald Dethlefsen zu Wort kommen. In einem Vortrag bricht er eine Lanze für den Mythos.

Der Mythos ist für uns erst einmal ein sehr schwieriger Begriff, schwer zu verstehen. Denn wir haben in den letzten Jahrzehnten eine Haltung entwickelt, die vor dem Wort „Mythos“ so ein „nur“ denkt, als etwas „nur Mythos“. Mit einer für unsere Zeit typischen, grandiosen Arroganz schauen wir ja auf alle früheren Kulturen und alle nicht technisierten Kulturen herab, und meinen, sie wären immer unterentwickelt, gehen davon aus, daß sie dümmer sind wie uns [sic], weniger weit wie wir sind. Wir setzen einfach voraus, daß unsere Art, mit dem Leben umzugehen, unsere von der Wissenschaft und von der Technik geprägte Welt einfach

9 Aus: Dirk Blothner, Erlebniswelt Kino , S. 33. 10 Aus: Joseph Campbell, Der Heros in tausend Gestalten, S. 103.

den absoluten Spitzenpunkt der Welt darstellt das wäre das höchste, was Menschsein produzieren kann, was Menschsein erreichen kann.

Die Zeit ist reif, an dieser Hybris ein wenig zu rütteln. Vielleicht waren die vor uns gar nicht so viel dümmer; vielleicht waren sie in vielen Dingen weiser und wir verstehen sie nur nicht. Vielleicht ist das, was wir zur Zeit machen, gar nicht die letzte Lösung für das Menschsein, ist gar nicht der letzte Clou, in dem men schliche Entwicklung enden muß. Wenn wir mal mit etwas mehr Bescheidenheit und etwas mehr Demut das anschauen, was Kulturen vor uns und außerhalb unseres engeren Kulturkreises hervorgebracht haben, dann finden wir, daß dort auf eine ganz andere Art und Weise Weisheit zu finden ist. Und dann werden wir vielleicht auch fähig, den Begriff des Mythos nicht einseitig abfällig zu beurteilen, indem es immer „nur Mythos“ ist, als Ausdruck von Leuten, „die eben es nicht besser wußten, und in ihrer kindlichen Phantasie so Dinge zusammenreimten und zusammenfabulierten, die ja ganz nett sind, aber

sonst,

Mythos besteht rein äußerlich gesehen erst einmal aus einer Summe von Erzählungen, Geschichten, Bildern, Riten, Zeremonien und Symbolen. Mythen können auf geschichtlichen Tatsachen beruhen – aber nicht jede geschichtliche Tatsache, nicht jedes geschichtliche Ereignis ist geeignet, Mythos zu werden. My thische Tradition wird nicht vorsätzlich, wird nicht willentlich aufgebaut. Mythos ist etwas, was wächst; es ist etwas ganz Lebendiges, was von sich aus aus den Tiefen unbewußter Schichten heraus wächst und eine Gestalt annimmt. Doch diese Gestalt, die hier angenommen wird, sollte man nicht als zufällig, sollte man nicht als sinnlos betrachten. Denn so wie auf der ganzen Welt Bäume wachsen unterschiedlichster Art und Weise – und dennoch alle eine gemeinsame Grundstruktur haben, die sie eben alle unter dem Begriff „Bäume“ einreihbar macht, so wie auf der ganzen Welt Menschen auf die Welt kommen, unterschiedlichster Hautfarbe, unterschied lichsten Aussehens, und doch liegt allen gemeinsam zugrunde eine Grundstruktur, die uns erlaubt, von einem „Menschen“ zu sprechen – genauso wie schon den Schneekristallen und wie Metallsalzen eine Struk tur, eine Kristallisationsstruktur zugrunde liegt genauso liegt dem Wachstum eines Mythos eine Struktur zugrunde. Wir müssen uns an den Gedanken gewöhnen, daß Struktur nicht etwas ist, das durch den Men schen aufgepflanzt wird, sondern das a se da ist. Das lehrt uns die Chemie, das lehren uns die Pflanzen, das lehrt uns die Natur. Hier wird nichts von den Menschen übergestülpt und trotzdem offenbaren sich archetypische Strukturen. Und genauso ist es mit den Bildern, Vorstellungen, Erzählungen, Gleichnissen, die aus unbewußten Tiefen des Volkes auftauchen: Ohne Willen, ohne ein bewußtes Dazutun wächst auch hier der Mythos nach einer innenliegenden Struktur – und dadurch sind Mythologien (ähnlich wie Märchen, die ja auch in diesen Bereich gehören) aller Völker und aller Zeiten in sich vergleichbar, ähnlich wie Bäume untereinander ähnlich sind, auch wenn sie im individuellen Fall ein unterschiedliches Aussehen haben. Die Arbeiten von C. G. Jung waren geeignet, vielleicht unsere Einstellung zum Mythos grundsätzlich zu verändern – und wir sollten uns vielleicht mit dem Mythos in unserer Zeit wieder auseinandersetzen. Denn der Mythos ist letztlich die eigentliche Nahrung der Seele. Und wir sind alle ein bißchen verhungert auf diesem Gebiet, weil wir diese Nahrung verschmäht haben, weil wir glaubten, in einer gewissen Arroganz, darauf verzichten zu können, weil’s ja „nur Phantasie, nur Unwirkliches“ ist – und dabei übersehen haben, daß Mythos immer wirklicher ist, wie jemals Tatsachen, Ereignisse, Dinge oder Geschichte an sich je werden kann. Der Mythos kommt, wie ich schon sagte, aus einer sehr tiefen seelischen Schicht. Aus einer seelischen Schicht oder einer Bewußtseinsschicht, die niemals in unsere Scheinwelt miteinbezogen wurde. Und damit spiegelt der Mythos seelische Wirklichkeit wider, und diese Wirklichkeit ist es, um die es uns geht. Mythos berührt damit den Menschen, wenn er noch aufgeschlossen ist. Mythos enthält Seelenbilder, die von den tiefen Schichten auch wieder verstanden werden. Und das ist es, was ich meinte mit „Nahrung für die Seele“. Durch den Mythos wurde damit das Wissen um die Wirklichkeit, die hinter den Erscheinungsformen liegt, immer allen Menschen zugänglich gemacht. 11

was nützen sie uns schon?“

Somit ist der Mythos eine Mitteilungsform der Anderswelt. Inwiefern unterscheidet sich aber mythische Wahrnehmung von der alltäglichen? Betrachten wir dazu die Merkmale mythischen Denkens.

Zunächst müssen wir feststellen, daß unsere Gesellschaft eine große Ausnahme dar‐ stellt: In jeder anderen Zivilisation, zu jeder anderen Zeit, wurde die Welt als etwas be‐

11 Thorwald Dethlefsen, Auszug aus dem Vortrag Die esoterische Bedeutung von Weihnachten, Tonband.

trachtet, das vom Göttlichen durchdrungen ist, das ein Ausdruck des Göttlichen, ja, Teil des Göttlichen selbst war – wie auch immer dieses Göttliche benannt wurde. Bezeich‐ nenderweise haben wir es in unserer Gesellschaft, in der alles Göttliche und Dämonische aus der Welt rationalisiert ist, geschafft, diese Welt an den Rand des Abgrunds zu führen. Menschen früherer Zeiten befanden sich in ihrem Glauben, ihrem Denken und Empfin‐ den im Einklang mit der Welt und damit dem Göttlichen. Mythisches Denken unter‐ scheidet nicht zwischen Geist und Materie. Für den Mythos ist alles belebt, der Geist wohnt in der Materie – und in allen Kulturen gab es ein Wort dafür.

Bei den Inuit gibt es eine göttliche Kraft, die als Sila bekannt ist. Es ist „eine Kraft

Worten erklärt werden kann. Ein großer Geist, der die Welt und das Wetter und alles Leben auf der Erde trägt.“ Sila spricht, aber nicht mit Worten, „sondern durch Sturm und Schnee und Regen und das Wüten der See; durch alle Kräfte der Natur, die der Mensch fürchtet.“ Aber Sila umfaßt auch die sanfte Natur und spricht

„wenn die Sonne scheint und die See ruhig ist und kleine Kinder unschuldig spielen“. Der Inuitschamane Najag

fast wie die einer Frau“ klingt. Sila

ist „gleichzeitig unter uns und unendlich weit fort“. Seine Stimme ist „so fein und freundlich, daß nicht einmal Kinder sich fürchten können. Was sie sagt, ist ‚Fürchtet Euch nicht vor dem Universum‘ “. Dieses Geflecht göttlicher Macht, das Sila genannt wird, entspricht der göttlichen Macht in anderen Ureinwohnerkulturen. Es ähnelt dem, was die Polynesier mana nennen, die Algonquin manitou, die Lakota wakanda, die Irokesen ironda, die Pawnee tirawa, und die !Kung ntum. Praktisch dasselbe wird in Indien durch Brahman ausgedrückt und in China und Japan durch tao. Eine europäische esoterische Tradition nennt es häufig magick. Es ist der Gott ohne Gestalt, der große Geist oder das wundersame Geheimnis hinter allem, was ist. Tatsächlich ist es Alleswasist. [ ] Keltische Denker in der christlichen Ära nannten dieses Gewebe göttlicher Macht „Gnade“ oder „Christus“. In der frühen irischen Kirche umschloß diese Vorstellung die Weltlichkeit der Schöpfung, die göttliche Gabe der Natur in all ihrer Körperlichkeit. Im Katholizismus und den späteren protestantischen Formen des

neq erklärt, daß in den Ohren der Kinder Silas Stimme „sanft und freundlich

die nicht in einfachen

Christentums jedoch, wurde das Heilige vom Weltlichen geschieden und der Geist von der Materie getrennt, bis schließlich die Natur nicht nur als unheilig, sondern als dämonisch galt. „Die Welt, das Fleisch und der Teufel“ war dafür eine Umschreibung. So verlor die westliche Welt die ältere keltische Vision einer Einheit von Natur und dem Göttlichen, von Materie und Geist. Die Welt wurde entzaubert, die Magie des Lebens verschwand. 12

Die neue Religion brachte eine völlig andere Einstellung zur organischen Welt. Was einst heilig gewesen

war, wurde jetzt dämonisiert. Die fruchtbaren, lebensspendenden Naturgeister wurden nun als böse dargestellt. Die heiligen Haine wurden zerstört, die heiligen Quellen verseucht und die Grünen Männer zu Teufeln gemacht. Wo heidnische Bräuche trotz christlicher Gegnerschaft unvermindert weiterbestanden, nahm die Kirche die heiligen Stätten in Beschlag und verwandelte sie in christliche Heiligtümer, die sie einem kirchlichen Heiligen weihte. Das Ziel blieb dasselbe: jene Plätze in der Natur zu zerstören oder umzuwandeln, an denen die Menschen in Europa über Jahrhunderte ihren Göttern und Göttinnen begegnet waren und sie verehrt hatten. Die Schönheit der Natur konnte die Kirche weder zerstören noch leugnen. Aber sie entmythologisierte diese Schönheit und verwandelte sie in schale Stofflichkeit, die zwar Gottes Größe spiegelte oder versinn bildlichte, aber in keiner Weise mehr das Göttliche selbst oder auch nur ein Behältnis des Göttlichen sein sollte. Was für die Keltenvölker Glaubenserfahrung war, wurde zur bloßen Ästhetik. Für den Kelten war der Wald nicht nur schön, sondern göttlich. Der Christ sah einfach einen Haufen Bäume voller Dämonen, wilder Tie

re und wilder Menschen. [ Viele, die sich zu dem neuen Glauben bekehrten, vergaßen, daß die Natur einst ein Quell heilender Kraft und spiritueller Weisheit gewesen war. 13

]

Und doch scheint es für den Mythos kein Ablaufdatum zu geben, findet er doch immer wieder Eingang in unser Alltagsleben, nicht nur in Form von Geschichten: Noch heute stellen wir Maibäume auf, erwecken zu Halloween die Geister, ehren Sieger mit Gold, Silber und Bronze, schwören uns an bestimmten alten Eichen Liebe, pilgern zu besonde‐ ren Steinen oder Höhlen, denen man die Kraft zuschreibt, Fruchtbarkeit, Liebe und ein

12 Aus: Tom Cowan, Die Schamanen von Avalon, S. 68f.

13 Ebda, S. 153f.

langes Leben zu sichern und werfen Münzen in Brunnen – Handlungen, die allesamt auf das mythische Denken keltisch‐schamanischen Ursprungs zurückgehen. 14

Eine mythische Haltung der Natur und dem Leben gegenüber achtet diese nicht nur als gleichwertig, sondern sieht sie auch als belebt und heilig an.

Sofern Naturerscheinungen wie Äußerungen von etwas Personalem wirken, werden diese Äußerungen als Sprache aufgefaßt, aber eben nicht als Sprache von Menschen, sondern als Sprache anderer Art, nämlich durch Zeichen, also durch Numina. Am deutlichsten geschieht dies vielleicht dort, wo außerordentliche, dem Menschen Furcht und Schrecken einjagende Naturerscheinungen auftreten. Sie können, wie Kant sag te, den Eindruck des Erhabenen und der majestätischen Offenbarung eines Wesens vermitteln. Aber als Zeichen eines Wesens kann auch Bescheideneres erfahren werden, so etwa, wenn Hölderlin, wie erwähnt, vom „jauchzenden“ oder „säumenden“ Bach spricht oder vom Erwachen der Natur im Frühling. In beiden Fällen handelt es sich um Numina von etwas, das weder bloß Mensch noch bloß Natur ist, das aber zugleich als über beiden stehend aufgefaßt wird, weil es auf den Zusammenhang verweist, aus dem beide überhaupt erst abgeleitet sind. Hierin hat alles Lebendige seinen Ursprung, seinen Sinnbezug, und sein Verlust ist dem Tode vergleichbar. Deswegen ist es aber auch ein Göttliches und Heiliges. Außerhalb seiner haben weder der Mensch noch die Natur eine eigentliche Existenz, getrennt voneinander erscheinen beide als schattenhaft, leer und leblos. 15

Als etwas Lebendiges hat die Natur auch die Fähigkeit, zu kommunizieren, und das ist die zweite wichtige Eigenschaft des mythischen Weltverständnisses: Wenn etwas belebt ist, dann spricht es auch zu uns!

So sagt man etwa, dieses Tal sei „lieblich“ oder jener Berg „majestätisch“, womit vorausgesetzt wird, daß man von beiden den geradezu unwillkürlichen Eindruck einer Wesensgestalt hat. Gerade weil es sich aber um gebräuchliche Redewendungen handelt, deren Aufzählung überdies leicht ein Buch füllte, verraten sie eine allgemeine Erfahrung. 16

Denn was heißt denn Sprache? Eine langjährige Märchenerzählerin schreibt dazu:

Das Märchen Erzählen fügt sich in den „Alltag“ und das „ganz normale Leben“, indem es alltägliche Gegen stände, Tiere und Menschen vorkommen läßt. Es spielt mit diesem Alltag und verwandelt ihn, indem es den Gegenständen, Tieren und Menschen wunderbare Eigenschaften und somit eine wunderbare Bedeutung verleiht […]. 17

Eine der wichtigsten wunderbaren Eigenschaften: Alles im Märchen kann sprechen. Nur ein voreiliger Mensch würde dies als kindisch oder naiv abtun. Was bedeutet denn Spra‐ che eigentlich? In seinem Buch Über die Sprache des Menschen. Sprache und Geschichte. Philosophische Essays, Stuttgart 1992, schreibt Walter Benjamin:

„Es gibt kein Geschehen oder Ding weder in der belebten noch in der unbelebten Natur, das nicht in gewisser Weise an der Sprache teilhätte, denn es ist jedem wesentlich, seinen geistigen Gehalt mitzuteilen.“ Geht man von diesem Sprachverständnis aus, das „jede Mitteilung geistiger Inhalte“ umfaßt, so wird Sprache von einer bewußten Absicht, mitzuteilen, vom bewußten AusSprechen unabhängig. 18

14 Vgl. ebda, S. 78ff., S. 109, S. 154f., S. 176f. Auch bei anderen Bräuchen, die sich v. a. im alpenländischen Gebiet erhalten haben, wie etwa dem Perchtenlauf oder dem Glöckeln, erkennt man Jahr für Jahr bei Be‐ trachtern wie Ausführenden die Anziehungskraft des Mythisch‐Archaischen.

15 Aus: Kurt Hübner, Die Wahrheit des Mythos , S. 24.

16 Ebda, S. 25.

17 Aus: Margarete Wenzel, Mit Märchen unterwegs , Eigenverlag, Wien 1998, S. 50

18 Zitiert in und ebda, S. 128.

Vollkommen zurecht bezeichnen wir mehr oder weniger ausdrucksstarke Gestik, Mimik, Körperhaltung etc. ja als „Körper‐Sprache“, da sie uns etwas (und oft sogar sehr viel) über den Gefühlszustand und die Einstellungen eines Menschen mitteilen. Also:

Was als Sprache verstanden werden kann, kann als solche gelten. In diesem Sinne ist die DNA eine Sprache. In diesem Sinne „spricht“ alles, das eigene Regeln hat (die wir feststellen können) zu uns, wie ein individuelles Gegenüber. Ein Baum sagt: „Laß mir Raum!“ oder „Leg’ dich in meinen Schatten!“. Durch bestimmte Zugsitze spricht ihr Konstrukteur: „Mir ist es egal, ob du es bequem hast.“ 19

Dieses Denken gibt dem, der es praktiziert, eine Sprache, die leicht mit Dingen und Lebewesen in Kontakt kommt, die wir normalerweise eher als „sprachlos“ zu betrachten gewohnt sind. Goldmarie hört den Apfelbaum rufen: „Schüttle mich!“ – ähnlich kann es jedem ergehen, der beginnt, Lebewesen, Dinge und Ereignisse als sprechendes Gegenüber wie einen Menschen mit seinen eigenen Wünschen und Bedürfnissen wahrzunehmen. […] Wer die inneren Regeln dessen, womit er Tag für Tag zu tun hat, wie eine Sprache „hört“ oder „liest“, geht damit anders um, als wer dort keine eigene Sprache sieht. Wer sein Sprachverständnis in diesem Sinne radikal erweitert, der wird Märchenhaftes wahrnehmen, wo andere bloß die Oberfläche sehen. 20

Wenn all das Sprache ist, dann muß der konkrete verbale Ausdruck eines Menschen so‐ gar noch mehr sein als Mitteilung. Davon geht der Mythos aus, wenn er jedem einzelnen Wort magische Kraft beimißt.

Eine solche Einheit von mythischer Wirklichkeit und gesprochenem Wort ist besonders im Gebet zu finden, ferner in der kultischen Rezitation von Mythen, im Trinkspruch, im Schwur und im Fluch. Im Worte steckt

eine Kraft, die den Menschen als eine numinose Substanz durchdringt, eine Kraft, durch die ein Mythos ge

genwärtige Wirklichkeit wird [ und künftiges Heil oder Unheil herbeigezwungen werden kann. 21

]

Auch aus diesem Grund wurden die Barden unserer Vergangenheit so sehr verehrt:

Zu den magischen Kräften des Dichters zählte seine Fähigkeit, ein Spottgedicht zu verfassen, das deren Gegenstand vernichten, die Landschaft umformen, die Elemente beherrschen und Tiere beeinflussen konnte. Besonders Könige fürchteten diese Spottgedichte, denn sie konnten dazu führen, daß sie ihr Herrschaftsrecht verloren. [ ]

] [ Der dichterische Bannspruch hatte die magische Kraft, den von ihm beschriebenen Zustand herbeizu führen. [ ]

] [ Das Gegenstück zum Bannlied ist ein Lobgesang, und auch dieser ist eine Form der Magie. Könige und mächtige Familien begrüßten günstige Lieder, denn sie sprachen von Schutz, Glück und erfolgreichen Un ternehmungen und riefen all diese tatsächlich hervor. In diesen Stammesbräuchen lagen die Ursprünge des jetzigen Amtes des poeta laureatus , dessen Fähigkeiten immer noch ein klein wenig Magie zu besitzen scheinen. Offizielle Gedichte werden geschrieben, um eine Nation zu ehren und so ihr Wohlergehen zu sichern. Schriebe ein poeta laureatus ein Gedicht, das sein Land kritisiert, würden manche Bürger das zweifel los zumindest als schlechtes Omen ansehen, wenn nicht gar als einen regelrechten Fluch, der die Nation in Gefahr bringt. 22

In dieser Form der Magie liegen auch die heilbringende Wirkung des Segens und die un‐ heilvolle Kraft des Fluchs. Der Grund liegt darin, daß den Worten eine mythische Sub‐

19 Ebda, S. 128f.

20 Ebda, S. 129f.

21 Aus: Kurt Hübner, Die Wahrheit des Mythos , S. 124.

22 Aus: Tom Cowan, Die Schamanen von Avalon, S. 121f. Man denke z. B. an die Rituale, vor Unterrichtsbe‐ ginn in amerikanischen Schulen oder vor Sportveranstaltungen die Nationalhymne zu singen, um sich bewußt zu machen, wie diese Kraft des Wortes auch heute noch überall genutzt wird.

stanz innewohnt, etwas, das man tiefenpsychologisch ausgedrückt vielleicht als archety‐ pische Energie bezeichnen würde. Welchem Zuschauer rinnt nicht ein Schauer über den Rücken, wenn Willeke van Ammelrooy in Antonias Welt ihren Fluch über den Vergewal‐ tiger ausstößt? Und wer ist nicht zutiefst ergriffen über die wunderbaren irischen Se‐ genssprüche? Man braucht nur einmal dem folgenden nachzuspüren (und sich dabei vielleicht vorstellen, wie einem der Barde dabei die Hand auf den Kopf legt), um die Ma‐ gie des Wortes direkt zu erfahren:

Einen strahlenden leuchtenden Segen wünsche ich Dir:

Licht von außen und von innen.

Die Sonne möge Dich überstrahlen und Dein Herz wärmen, bis es glüht wie ein großes Torffeuer, zu dem der Fremdling gerne kommt, um sich zu wärmen.

Aus Deinen Augen möge Licht voller Glück und Segen strahlen wie von einer Kerze, die in das Fenster gestellt wird, damit der Wanderer heimfindet aus dem Sturm in die Ruhe.

Möge der gesegnete Regen – der frische, milde – auf Dich fallen, daß ringsum die Blumen hervorsprießen um mit ihrer Schönheit die Welt zu erfüllen.

Möge der Segen der Erde – der guten, reichen Erde – bei Dir sein.

Einmal aber soll Deine Seele leicht und unbeschwert wie ein Strahl von Licht aus der Tiefe sich erheben – auf und davon – zur Höhe, zum Licht, zu Gott.

Das nächste Kennzeichen: Im Mythos kann, im Sinne des pars pro toto, ein Teil für das Ganze stehen. Ähnlich, wie sich in jeder einzelnen Zelle der Bauplan des gesamten Kör‐ pers befindet, enthält jedes Ding eine mythische Substanz dessen, wofür es steht. Wenn Karl der Große die Irminsul zerstört, schwächt er also nachhaltiger der heidnischen Glauben der Sachsen unter Widukind als durch Krieg. Wer das World Trade Center zer‐ stört, stört den Welthandel äußerst effektiv. Das Symbol hat mehr Kraft als das Ding.

Das heißt, daß die einem Gott geweihte Statue ihn nicht nur versinnbildlicht, sondern daß ein Teil seiner Kraft tatsächlich in ihr ist. Das heißt, daß, obwohl der einem Gott hei‐ lige Ort nicht der Gott selbst ist, die Kraft dieses Gottes an diesem Ort doch besonders hoch ist.

Aber oft ist die Gegenwart des Gottes an einer heiligen Stelle nur beständiger und konzentrierter als an derswo, ohne deswegen dort sozusagen verwurzelt zu sein. So ist zwar Demeter überall da, wo das Korn reift und auf dem Felde angerufen werden kann, und Zeus ist in jedem Blitz, Pan in vielen Wäldern einsamer Berggegenden, aber sie alle können sich auch irgendwo bevorzugt aufhalten und sich dort vielleicht sogar zur Personengestalt „verdichten“ (was die Griechen eine „Epiphanie“ nennen). 23

Für eine Kultur, die noch im Mythos verwurzelt ist, lebt ebenso wie jeder andere Aspekt der menschlichen Existenz die Landschaft von symbolischer Sprache. Die Hügel und Haine haben ihre übernatürlichen Beschützer und werden in den Schöpfungsberichten der Umwohnenden mit einzelnen Episoden der Erschaf fung der Welt verknüpft. Außerdem gibt es da und dort besondere Heiligtümer. Wo immer ein Held gebo

23 Aus: Kurt Hübner, Die Wahrheit des Mythos , S. 113.

ren wurde, kämpfte oder wieder in die Leere einging, wird der Platz bezeichnet und verehrt. Der Tempel, der dort errichtet wird, bedeutet das Wunder der vollkommenen Sammlung in der Mitte, des Durchstoßens in den Überfluß. An dieser Stelle hat einer die Ewigkeit entdeckt. Der Ort kann deshalb zur fruchtbaren Me ditation beitragen. In der Regel bezeichnet der Grundriß eines solchen Tempels die vier Richtungen des Welthorizonts, der Schrein oder Altar im Zentrum den unerschöpflichen Punkt. Wer in den Tempelbereich eintritt und sich dem Heiligtum nähert, ahmt die Tat des Helden selber nach. Sein Ziel ist die Übung im Begehen des universalen Wegs, um in sich die Erinnerung an die lebenssammelnde und lebenerneuernde Form zu wecken. Wie die Tempel sind auch die alten Städte gebaut, mit den Stadttoren nach den vier Himmelsrichtungen und dem größten Tempel, dem des göttlichen Stadtgründers, im Zentrum. Die Bürger leben und arbeiten im Bereich dieses Symbols. Und im gleichen Sinne sind die Bereiche der großen Weltreligionen um eine Mut terstadt wie um eine Nabe zentriert, die westliche Christenheit um Rom, der Islam um Mekka. Die gemein samen Verbeugungen, die die mohammedanische Gemeinschaft in der ganzen Welt dreimal am Tage gen Mekka macht, so daß alle wie die Speichen eines weltweiten Rades auf die sie verbindende Kaaba weisen, schafft ein großes lebendes Symbol der „Unterwerfung“ (islam ) eines jeden und aller unter den Willen Allahs. „Denn es ist er, der dir die Wahrheit von allem zeigen wird, was du tust“, heißt es im Koran. Und schließlich kann an jeder beliebigen Stelle ein großer Tempel errichtet werden, da im Grunde das All allerorten ist und jeglicher Ort der Sitz der Kraft werden kann. Im Mythos kann jeder Grashalm die Gestalt des Erlösers annehmen und den suchenden Pilger ins Allerheiligste seines eigenen Herzens führen. 24

Aber nicht nur Tempel, Kirchen oder Städte sind diesem mythischen Empfinden nach gebaut, auch Häuser entstanden früher auf diese Weise, damit sie unter dem Schutz der Götter standen.

Der Himmelsthron ruht auf den vier Erdsektoren, manchmal getragen von vier karyatidenartigen Königen, Zwergen, Riesen, Elefanten oder Schildkröten. Daher die Bedeutung, die in dem mathematischen Problem der Quadratur des Zirkels in der Überlieferung zukommt: in ihm steckt das Geheimnis der Umwandlung himmlischer Formen in irdische. Der Herd im Hause ist wie der Altar im Tempel die Nabe des Erdrades, der Schoß der Weltmutter, und das Feuer darauf das Feuer des Lebens. Und die Öffnung am First der Hütte ist – wie auch die Krone, Spitze oder Rose am Dom – Nabe oder Mittelpunkt des Himmels, die Sonnentür, welche die Seelen passieren, wenn sie aus der Zeit wieder eingehen in die Ewigkeit, und durch welche auch der Duft der Opfergaben zieht, die im Feuer des Lebens verbrannt und auf der Achse des aufsteigenden Rauchs von der Nabe des Erdrades zu der des Himmelsrades getragen werden. 25

Es ist offensichtlich, daß auch Gegenstände von diesem Verständnis keineswegs ausge‐ schlossen sind – ja, das mythische pars pro toto wird anhand von Gegenständen am ehe‐ sten ersichtlich:

Ein Objekt wurde genauso behandelt wie sein Bild, ein Wort ebenso wie das, wofür es stand, ein Traum wie

die äußere Wirklichkeit. [ Was man dem Symbol antut, tut man ja, entsprechen der magischen Logik, auch dem Objekt an, das symbolisiert wird. 26

]

Aus diesem Grund bewahren wir auch Liebesbriefe auf oder kleine, materiell eigentlich wertlose Geschenke unserer Partner, die nicht mehr funktionierende Taschenuhr unse‐ res toten Großvaters, oder tragen die Fotos unserer Liebsten in der Brieftasche mit uns – sie alle erinnern uns durch die mythische Substanz dieser Menschen, die sie in sich tra‐ gen, an deren Wesen. Aus diesem Grund tragen viele Münzen auch heute noch das Bild gekrönter Häupter, haben Firmen Logos, sammeln Menschen Autogramme.

Aus diesem Grund enthält auch der Name das Wesen einer mythischen Gestalt: eines Gottes oder Dämons, eines Engels oder Helden. Um einen Dämon zu beschwören, muß

24 Aus: Joseph Campbell, Der Heros in tausend Gestalten, S. 47f.

25 Ebda, S. 46. 26 Aus: David Feinstein, Stanley Krippner, Persönliche Mythologie, S. 40.

man seinen Namen kennen. Sobald die Königstochter Rumpelstilzchens Namen weiß, hat es keine Macht mehr über sie. In vielen Ureinwohnerkulturen gibt es den Brauch, daß die Menschen (meist beim Übertritt ins Erwachsenenalter) einen neuen Namen an‐ nehmen, einen, der ihr neues Wesen ausdrückt. Beim Eintritt in einen Mönchsorden nimmt man einen neuen Namen an, meist auch bei der Hochzeit. Ebenso künden der neue Namen des Papstes bei seinem Amtsantritt, Künstlernamen oder akademische Titel von diesem Prinzip.

Das gleiche gilt auch umgekehrt, etwa bei in Unehre Gefallenen, deren Name nicht mehr ausgesprochen wurde – was sich bis heute fortsetzt, wenn in gewissen Familien über das „schwarze Schaf“ nicht gesprochen wird oder Gefängnisinsassen zu Nummern deg‐ radiert werden. Wundert es jemanden, daß im deutschsprachigen Raum seit 1945 so gut wie keine Kinder mehr auf den Namen „Adolf“ getauft werden? Der Name ist ein Ener‐ gieträger! Das haben sich die Dramatiker schon immer zu nutzen gemacht, wenn sie ih‐ ren Figuren „sprechende Namen“ zuwiesen. Das finden wir auch in Bestandteilen von Namen wie Mac , O‘ , ­ son, ­ dottir, Ben , Ibn usw.

Das Verständnis, einem Ding oder Namen wohne mythische Kraft inne, führt zum Ver‐ halten der Assimilation: Die Kraft des Gegners soll auf einen selbst übergehen. Eine Er‐ klärung für Kopfjagd, Kannibalismus, das Nehmen von Skalps oder für den Brauch bei einigen Fleischhauern, ein Achtel Liter Blut vom frisch geschlachteten Stier zu trinken.

Wenn die Persönlichkeit sich aber den Kräften gewachsen zeigt, die ihr begegnen, und es versteht, sie in sich hineinzunehmen, wird sie erfahren, wie Übersicht und Selbstbewußtsein in fast übermenschlichem Maße wachsen. 27

Wenn der Held den Feind besiegt hat, nimmt er ihm seine Rüstung oder kostet das Blut des Drachen. Wenn wir der negativen Energie entgegentreten, die uns angreift, zähmen und assimilieren wir sie. Und das stärkt uns. Wenn man sich diese niederen Energien zu Nutze macht oder zähmt, assimiliert man sie willentlich und bringt sie unter bewußte Kontrolle. Der Held, der das Blut des Drachen kostet, den er gerade erschlagen hat, ist eine perfekte Metapher für unsere Assimilation dieser Energien. 28

In einer gewissen Weise haben wir am Mythos teil, wenn wir einen Teil von ihm assimi‐ lieren, oder uns sogar mit ihm identifizieren . Dazu gehört zum Beispiel das Sich‐ Verkleiden. In alter Zeit stellte man den Mythos nach, indem man sich als mythische Fi‐ gur verkleidete und ihre Handlungen nachahmte. Daraus entstand bekanntlich das Theater. Dieser unbewußte mythische Drang ist aber auch heute noch vorhanden – zu einem nicht unerheblichen Teil sorgt er für ein erfolgreiches Product Placement: Man denke nur an erwachsene Star Wars – Fans, die mit Laserschwertern aus Plastik umher‐ laufen oder sich die Maske von Darth Vader aufsetzen. Unbewußt haben sie am Mythos teil.

Ein Mythomagier macht sich das zunutze, indem er die Elemente in seinem Ritual mit einer charismatischen Kraft auflädt oder solche schon aufgeladenen Gegenstände ver‐ wendet.

Wenn die Kraft, die Sie brauchen, eine übernatürliche gute oder böse Qualität ist, können Sie das wunderbare oder fürchterliche Element kreieren, indem Sie es mit einem Objekt assoziieren. Der Heilige Gral hat Kraft, weil er mit Christusbewußtsein assoziiert wird; der Diamant der Hoffnung, weil er mit einem bösen

27 Aus: Joseph Campbell, Der Heros in tausend Gestalten, S. 68.

28 Aus: James Bonnet, Stealing Fire From The Gods , S. 120.

Fluch assoziiert wird; ein Beweis, weil er mit der Kraft assoziiert wird, einen Verbrecher zu überführen. Ein Dolch, der Dschingis Khan gehörte, oder Turnschuhe, die Michael Jordan gehörten, nehmen die guten oder schlechten Qualitäten an, die wir mit diesen Menschen assoziieren. 29

Die Stärke des Charisma wird zustande gebracht durch den Grad der Übereinstimmung mit der verborgenen Wahrheit hinter den Archetypen. Je getreuer die Metaphern diese verborgene Wahrheit personifizieren, um so stärker und charismatischer der Effekt. Eine Erhöhung der Übereinstimmung wird durch das Beschwören bewirkt [darunter versteht Bonnet eine kreative Technik, bei der zum Vorschein kommende Metaphern zu immer perfekteren Spiegelbildern der darunterliegenden Archetypen entwickelt werden, Anm.] […].

Bring Superman auf den Pyjama eines kleinen Jungen und er wird sich stärker fühlen. Er wird versuchen, im Raum herumzufliegen. Bring Nala auf die Turnschuhe eines kleinen Mädchens und sie fühlt sich lebhaft und abenteuerlustig. Bring Einstein auf dein TShirt und du fühlst dich schlauer. Bring Dschingis Khan auf deine Lederjacke und du bist bereit für eine Harley. Das ist Charisma. 30

Aber auch, wenn wir älter werden, verliert dieser Zauber seine Faszination nicht: Man stelle sich vor, was ein Schriftsteller empfindet, wenn er plötzlich die Feder Shakespea‐ res in Händen hielte. Oder ein Tänzer, wenn er die Schuhe von Fred Astaire tragen dürf‐ te. Oder ein Jazzstudent, wenn er auf der Trompete von Louis Armstrong spielen könnte. Pars pro toto! Darum prügeln sich Teenager um ein Autogramm oder weinen am Grab ihres Idols, darum machen religiöse Menschen eine Wallfahrt oder verehren Reliquien. Darum verkaufen sich Steine der Berliner Mauer, darum pflanzen manche Eltern auf der Nachgeburt ihres Kindes einen Baum oder bewahren dessen erste Haarlocke auf. Das ist der Hintergrund von Amuletten, Talismanen und Glücksbringern. Die Gegenwart des Mythischen leuchtet uns aber nicht nur aus einzelnen Objekten entgegen, sondern tritt uns auch ständig im politischen Alltag entgegen:

Die Gegenwart der geschichtlichen Ereignisse, von denen hier die Rede ist, kann durchaus substantiell erfahren werden. Manche empfinden einen „heiligen Schauer“, wenn sie Orte betreten, wo solche Ereignisse stattgefunden haben, oder wenn sie der Gegenstände angesichtig werden, sie gar berühren können, die dabei eine Rolle spielten. Die Reichsinsignien zum Beispiel sind für solche Betrachter mehr als Gold und Edelstein, genauso wie das Wasser, mit dem getauft wird, mehr als Wasser, der Wein mehr als Wein ist. Man erinnere sich in diesem Zusammenhang an den tiefen Eindruck, den die Rückkehr der Stephanskrone nach Ungarn vor wenigen Jahren hinterließ. So wird als „heiliger Schauer“ das Gefühl des Eindringens und Einfließens der in solchen Gegenständen liegenden Kraft beschrieben. Alles Physische löst sich hier in jene ideellmaterielle Einheit auf, die sich als kennzeichnend für mythische Substanzen erwies. 31

Ich erinnere mich gut an den Schauder, der mich unwillkürlich ergriff, als ich in Schott‐ land im William‐Wallace‐Museum das originale, jahrhundertealte, riesige Schwert von „Braveheart“ bestaunte.

Ein „Nationalgefühl“ solcher Art ist offensichtlich von denselben ontologischen Vorstellungen geprägt wie

das mythische Verständnis der Zugehörigkeit zu einer Sippe oder einem Stamm. [ Auch hier verschwin

den die scharfen Unterschiede von Materiellem und Ideellem, von Innerem und Äußerem. Entsprechend werden damit äußere Gegenstände, in denen eine Nation „lebt“ und sich materialisiert, wie Landschaften, Baudenkmäler, Dokumente, Kultstätten usf., zu einem Teil des inneren Wesens jener selbst, welche dieser Nation angehören. Mensch und Vaterland, Mensch und Heimat verschmelzen so zu einem untrennbaren Ganzen; wer sie verliert, verliert seine Identität. 32

]

29 Ebda, S. 181. Ein Vorgang, den die magische Tradition das „Gesetz der Einprägung“ nennt.

30 Ebda, S. 191. Wie sehr liebte ich als Kind meine Batman‐Maske!

31 Aus: Kurt Hübner, Die Wahrheit des Mythos , S. 350.

32 Ebda, S. 352.

Deswegen galt früher Verbannung als eine der schlimmsten Strafen: Weil sie den Verlust der (im Mythischen verwurzelten) Identität des Verbannten mit sich brachte. Das führt mich zu folgender Überlegung für angehende Machiavellis: Wenn du ein Volk wirklich vernichten willst, nimm ihm seine Überlieferungen, seine Mythen, seine Rituale, seine Heiligtümer, seine Götter usw. – und ersetze sie durch neue, mindestens ebenso mächti‐ ge Bilder. So hat das Christentum die heidnischen Religionen verdrängt – indem es deren mythi‐ sche Bilder und Bräuche für böse erklärt hat oder sie modifiziert ins eigene System in‐

tegriert hat. So haben die Spanier halb Amerika erobert, indem sie ihre Kultstätten ge‐ schleift und ihre heiligen Artefakte zerstört haben (was sie nie hätten tun können, wenn die Indigenas nicht an einen Mythos geglaubt hätten, der das Wiederkommen eines Got‐

tes mit einem Bart und weißer Haut in naher Zukunft beschrieb So konnte der Natio‐

).

nalsozialismus unter anderem deshalb so erfolgreich sein, weil er anstelle des Vakuums, das herrschte, kraftvolle Bilder anzubieten hatte: erst nur Symbole und Visionen, dann, mit zunehmendem Einfluß, beispielsweise auch aufwendig inszenierte Reichsparteitage

und die genialen Filme der Bildmagierin Leni Riefenstahl. 33

Ein weiterer, wesentlicher Punkt ist: Es existiert im Mythos kein Zufall! Zufall definiert der Duden als „etwas, wofür keine Ursache, kein Zusammenhang, keine Gesetzmäßigkeit erkennbar ist“. Wenn etwas jedoch nur nicht erkennbar ist, heißt das nicht notwendi‐ gerweise, das es nicht da ist. Im Mythos herrscht konsequent das Gesetz von Ursache und Wirkung: Wie überall auf der Erde, gibt es auch im griechischen Mythos keinen Zu‐ fall und alles ist lebendig – der Nordwind etwa ist Boreas, der Sohn der Morgenröte Eos; die Gefühlslage des Achilleus wird als Gegenwärtigkeit der Athene verstanden; der Tod des Patroklos und seine Begleitumstände sind durch Apollo bewirkt; der Raub der Rü‐ stung des Helden ist der Raub seines Wesens; in Münzen ist die Substanz von Göttern wirksam, die auf ihnen abgebildet sind.

Selbst das banalste Naturobjekt wird ganz verschieden aufgefaßt, zum Beispiel je nachdem, ob man darin etwa die mythische „Einheit des Ideellen und Materiellen“ sieht oder etwas rein Materielles. Läßt man also eine Deutung weg, erhält man nur eine andere Deutung. Dann werden zum Beispiel der Wind zu einer mechanischen Luftbewegung (Physik), die Gefühlslage eines Menschen zu etwas Subjektivem (Psychologie), der Tod zu einem chemisch physikalischen Vorgang (Medizin), die Münze zu einem profanen Tauschmittel (Nationalökonomie). Wohlgemerkt, es geht hier nicht um die Frage, welche dieser Deutungen die richtige ist, sondern nur darum, daß alle diese Ereignisse in solchen Deutungen erfaßt werden und erfaßt werden können. Meist wird dies nur deswegen verkannt, weil man sich an eine bestimmte Auffassung von der Wirk lichkeit so gewöhnt hat, daß man diese Auffassung nicht mehr reflektiert und ihr Ergebnis deshalb für eine „reine“ Tatsache hält. 34

Es gehört zu den bisher fast unausrottbaren Vorurteilen gegenüber dem Mythischen, daß es sich dabei um eine Art Glauben an etwas Transzendentes, zumindest der Wahrnehmung und Erfahrung Unzugängliches gehandelt habe. In Wahrheit beruht es jedoch ganz im Gegenteil darauf, daß die Wirklichkeit dem Men schen ursprünglich mythisch entgegentrat. Er fand die Archái und ihre Gruppierungen in einer Mannigfaltig keit einzelner Erfahrungen, durch eine Fülle von Ereignissen und Erscheinungen ebenso bestätigt oder widerlegt, wie der Wissenschaftler Naturgesetze oder geschichtliche Regeln. 35

33 Mehr aufschlußreiche Informationen zur okkult‐mythologischen Basis der NS‐Zeit finden sich in: Rüdi‐ ger Sünner, Schwarze Sonne. Die Macht des Mythos geht soweit, daß Menschen bereit sind, für Symbole zu sterben.

34 Aus: Kurt Hübner, Die Wahrheit des Mythos , S. 260f.

35 Ebda, S. 260.

Die Denkweise der mythischen Weltsicht ist nicht weniger logisch und plausibel als die der wissenschaftlichen. „Jede Wahrnehmung von Wirklichkeit“ nämlich, schreiben die Psychologen David Feinstein und Stanley Krippner, „ist ihrer Natur nach mythisch.“ 36

Und ganz gleich, ob es sich um die ersten Versuche eines Kindes handelt, der Welt einen Sinn zu geben, oder um das fortschrittlichste wissenschaftliche Denken – immer gilt das Prinzip „Die Landkarte ist nicht das Land“. Unsere Vorstellungen von der Welt mögen noch so entwickelt und verfeinert sein, sie sind und bleiben doch mythische Konstruktionen. 37

Mythisches, religiöses und wissenschaftliches Denken sind einfach verschiedene Syste‐ me, die Welt zu erklären, sind drei verschiedene Ontologien. Jetzt wird auch verständ‐ lich, daß es kaum einen Unterschied gibt zwischen einem Märchen/ einem Mythos, einer wissenschaftlichen Erkenntnis und einer religiösen Glaubenslehre.

Jede Konstruktion der Wirklichkeit ob intuitiv oder wissenschaftlich – ist ihrer Natur nach metaphorisch und, genau besehen, Mythologie. 38

Alle erklären ihre Erkenntnisse über die Welt anhand von Geschichten : Der Mythos in Form von Sagen / Märchen, die Religion in Form von Gleichnissen und die Wissenschaft in Form bemühter Versuche, etwa: „ und dann kommt das Atom dahin und muß sich “

entscheiden, ob es nach links oder nach rechts will

Es geht, wie Hübner sagt, hier nicht um die Frage, welche Art der Welterklärung die rich­ tige ist. Es ist allerdings bezeichnend, daß wir, seitdem wir das Mythische mit allen Mit‐ teln aus unserer Weltsicht zu verbannen versucht haben und es nur mehr „nur Mythos“ ist, die Welt dem ökologischen Kollaps immer näher brachten.

Der Mensch hat den Trieb [ unerklärte