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Allein zwischen Tradition und wahrem Leben

Türkisch- und arabischstämmige Jugendliche stecken oft zwischen Missverständnissen fest, sagt
Soziologe Aladin El-Mafaalani. Anerkennung finden sie nur bei ihren Peers.
Von Parvin Sadigh
28. September 2011, 10:26 Uhr 334 Kommentare
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Seite 1 — Allein zwischen Tradition und wahrem Leben


Seite 2 — Die einzig relevante Lebenswelt ist die Peer-Group

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ZEIT ONLINE: Herr El-Mafaalani, Sie haben muslimische Kinder und Jugendliche untersucht, die sich
in Deutschland schwer integrieren. Welche Rolle spielt die Religion ?

Aladin El-Mafaalani : Der Schwerpunkt unserer Untersuchung lag auf türkisch- und
arabischstämmigen Jugendlichen. Der Islam bedeutet für sie ganz Unterschiedliches und hat
meistens wenig Einfluss darauf, wie gut sich ein Kind in die Gesellschaft integrieren kann.
Problematischer sind die Traditionen, die aus muslimisch geprägten Gesellschaften mit nach
Deutschland gebracht wurden.

ZEIT ONLINE: Die Kultur bereitet also mehr Schwierigkeiten als die Religion?

El-Mafaalani: Es ist eine Mischung aus kulturellen und sozialen Faktoren. Manche Eltern schreiben
ihren Kindern traditionelle Werte und Denkweisen aus den armen, ländlichen Regionen ihrer
Heimatländer vor, die sich hier nicht mehr umsetzen lassen. Was die Kinder in der deutschen Schule
erleben, steht im Gegensatz dazu. Beide Überzeugungen prallen aufeinander und die Jugendlichen
werden mit diesem Konflikt alleine gelassen.
Integration
Muslimische Kinder in Deutschland

Aladin El-Mafaalani© PrivatDie Soziologen Aladin El-Mafaalani und Ahmet Toprak haben in ihrem
Buch Muslimische Kinder und Jugendliche in Deutschland. Lebenswelten – Denkmuster -
Herausforderungen untersucht, welche Aspekte für Kinder und Jugendliche in traditionell
muslimischen Milieus problematisch werden können. Sie analysieren die Sozialisationsbedingungen
in Deutschland geborener Migrantenkinder, um Lehrern und Erziehern eine sensiblere pädagogische
Praxis vorzuschlagen.

ZEIT ONLINE : Können Sie ein Beispiel nennen?

El-Mafaalani: Mein Co-Autor Ahmet Toprak hat drei typische Erziehungsstile in muslimischen
Familien definiert. Der konservative, autoritäre betrifft zwar nur 30 bis 40 Prozent der Familien, kann
aber sehr problematisch werden. Er setzt auf sichtbaren Respekt. Zum Beispiel: Ein Vater, der mit
seinem Kind schimpft, erwartet, dass das Kind schweigt und erträgt. Fragen sind immer rhetorisch
und dürfen nicht beantwortet werden. Es macht gar nichts, wenn das Kind genervt guckt, aber es darf
die Autoritätsperson nicht anschauen. Verhält sich dasselbe Kind aber einem deutschen Lehrer
gegenüber genauso – es guckt genervt, schweigt, wenn es gefragt wird, schaut den Lehrer nicht an –
findet der das Verhalten respektlos. Und das Kind versteht gar nicht, was die Lehrer von ihm wollen.

ZEIT ONLINE : Doch inzwischen sind viele Eltern mit Migrationshintergrund selbst in Deutschland zur
Schule gegangen. Sie wünschen sich auch eine gute Bildung für ihre Kinder.

El-Mafaalani: Zum Teil sind türkischstämmige Eltern tatsächlich noch Analphabeten. Die Eltern, die
hier schon zur Schule gegangen sind, waren damals oft in reinen Ausländerklassen untergebracht
oder lebten in Vierteln, in denen die meisten Klassenkameraden aus der Türkei kamen. Sie fühlten
sich selbst diskriminiert. Die Bildungswünsche sind zwar wirklich vergleichsweise hoch. Das hat aber
keine Konsequenzen, weil die Eltern nicht wissen, was die deutsche Schule von ihnen erwartet.

ZEIT ONLINE : Welche Missverständnisse entstehen zwischen deutschen Lehrern und muslimischen
Eltern?
El-Mafaalani : Die Schule hat in der Türkei oder in arabischen Ländern einen umfassenderen Auftrag.
Da wird auch erzogen. Lehrkräfte fordern nichts von den Eltern. Ruft also ein deutscher Lehrer die
Eltern wegen einer vermeintlichen Lappalie an, wird der Lehrer als inkompetent wahrgenommen. In
benachteiligten Milieus werden die Eltern infolgedessen vielleicht noch strenger, als sie ohnehin
schon sind, weil sie glauben, dass das vermeintliche Laissez-faire der deutschen Schule ihren
Kindern schadet und zu der Erfolglosigkeit in der Schule führt. Der Lehrer wiederum denkt: Die Eltern
sind desinteressiert und müssten ihre Kinder mehr unterstützen. Dabei sind beide Seiten eigentlich
am Erfolg interessiert.

In Deutschland gibt es viele Feste und Bräuche denn jede Region hat ihre eigenen Bräuche. Die
gesetzlichen und säkularen Feiertage in Deutschland bestehen aus nur dem Neujahr und dem Tag
der Deutschen Einheit. Jedoch, könnte man ohne Zweifel sagen, dass Weihnachten das
bedeutendste Familienfest in Deutschland ist; Ostern und Karneval sind auch unglaublich populär.
Während es 18,6 Millionen mit Migrationshintergrund in Deutschland gibt, gäbe es ein Problem
wegen der religiösen Herkunft des Fests?

Obwohl ungefähr 60 Prozent der Deutschen an Gott glauben, haben die beiden großen christlichen
Kirchen in den letzten Jahrzehnten immer mehr Mitglieder verloren. Es gibt natürlich Angst davor,
dass die Verbindung zwischen der religiösen Herkunft und einem Fest wie Ostern vielleicht in der
Zukunft vergessen werden könnte. Jedoch, könnte es behauptet werden, dass ein Fest wie
Weihnachten vor allem als atmosphärisches Familienfest dienen soll, das sich mit seiner
Friedensbotschaft für eine symbolische Inklusion der Kulturen und Religionen geradezu anbietet

Für Familien, die aus einem anderen Land stammen, ist es oft noch schwieriger einen Weg zu finden,
um bekannte Traditionen aus dem Heimatland nicht verloren gehen zu lassen und den Kindern
trotzdem die Möglichkeit zu geben, sich auch mit den hier vorherrschenden Bräuchen zu
identifizieren. In den letzten Jahren gab es unterschiedliche Versuche, Kinder anderen Glaubens oder
ohne Religion in die Rituale der Weihnachtszeit zu integrieren oder Alternativen zu schaffen.

Im Karneval bestehen die Umzüge aus großen bunten dekorierten Karnevalswagen, Gruppen von
Clowns, Bands, Kapellen, tanzenden Hexen und kostümierten Corps. Wenn die Prozession an den
vorbeifährt, werden von den Leuten auf den Wagen Bonbons und Schokolade in die Menge
geworfen. Eine gestellte Frage könnte sein, ob man die Religion verstehen muss, um den Fest richtig
zu genießen? Braucht man Deutsch zu sprechen, oder ist die Atmosphäre genug, alles sich zu
erinnern?

Konkret halten 88 Prozent der Österreicher ab 16 Jahren die Wahrung und Pflege heimischer
Traditionen und Bräuche für zumindest einigermaßen wichtig. Sogar 52 Prozent beurteilen dies als
sehr wichtig. Eine absolute Mehrheit von 55 Prozent hält es zudem für sehr wichtig, dass unsere
Bräuche und Traditionen bereits in Kindergärten und in der Schule vermittelt und gepflegt werden. Für
weitere 32 Prozent ist dies einigermaßen wichtig.