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iii.IV VARUSSCHLACHT — Das Projekt 205

Thomas Tode

Große Ereignisse werfen lange Schatten:

Die VaruSschlacht
im FILM

»Noch immer geht der Schatten des Varus um und


nimmt an den Enkeln des Arminius fürchterliche Rache«
[F. Koepp, Varusschlacht und Aliso, 1940, 19].

Mit der spöttischen Bemerkung des Archäologen


Friedrich Koepp über die patriotischen Bemühungen der
[oft selbsternannten] Heimatforscher um die Lokalisierung
der Varusschlacht ist bereits die Grundfrage dieses
Beitrags formuliert: Welches Geschichtsbild vermittelt das
abbildende Medium Film von der Varusschlacht?
Untersucht wurden Spielfilme und Fernsehdokumentationen
aus den Jahren 1912 bis 2008. Für die hierzulande vielfach
nationalistisch belastete Darstellung der Varusschlacht gilt
mehr noch als für andere Themen: Das Nichtverfilmte
kritisiert das Verfilmte! Neben einer Bestandsaufnahme der
vorhandenen Bilder ist es auch notwendig, eine Art Land-
karte weißer Stellen aufzunehmen, die vom Film [bisher]
noch nicht erkundet wurden. Gezeigt werden soll,
welche Aspekte der historischen und archäologischen
Forschung für die Darstellung im Film ausgewählt wurden
und welche unverfilmt geblieben sind.

[Abb. 1] Parodie des Klischeegermanen: Fellkleidung & Hörnerhelm,


aus: ›Die Hermannschlacht‹ [D 1995].
206 VARUSSCHLACHT — Das Projekt iii.iV Die Varusschlacht im film 207

Protagonist Arminius Arminius aber entweder [in der vaterländischen Version] als Freiheitsheld und militä-
risches Genie oder [in der römisch orientierten Sichtweise] als Opportunist und Verräter
Nahezu alle jüngeren Fernseh-Dokumentationen stellen in Übereinstimmung mit der gegen Rom.
Forschung den germanischen Fürstensohn Arminius in römischer Rüstung als Füh- Tatsächlich ist den antiken Quellen über die Motivation von Arminius’ Handeln kaum
rer einer römischen Hilfstruppe vor. Bereits der Sandalenfilm Hermann der Cherusker etwas Konkretes zu entnehmen. Die Leerstelle füllen die römischen Schriftsteller wie
[1965/76, weitere Daten am Textende] zeigte durch die äußere Erscheinung die fort- die Filmemacher regelmäßig mit einem beliebten Topos: dem Kampf um die Freiheit.
geschrittene Romanisierung des Protagonisten an: Bei einer Ehrung in Rom erscheint »In der Regel genügte den Autoren die billige Erklärung, dass die treulosen Barbaren
Arminius in römischer Offiziersmontur, während der gleichzeitig ausgezeichnete Mar- das unwillig ertragene Joch römischer Disziplin abwarfen, um zu ihrer ererbten Lebens-
komannenfürst Marbod germanisch-tümelnde Fellkleidung trägt. weise zurückzukehren« [D. Timpe 1999, 720]. Das den Aufständischen zugeschriebene
Freiheitsstreben hat aber beispielsweise bei Tacitus mehr mit dessen eigener Opposition
Auch wenn ein Aufenthalt in Rom für den historischen Arminius nicht ausdrücklich zum Prinzipat zu tun, als mit den wahren Motiven halbromanisierter Stammeseliten.
überliefert ist, wird er doch von der althistorischen Forschung nicht ausgeschlossen – in Einzig ein Film, Die Varusschlacht: Wie die Legionen untergingen [2008], deutet mit der
Analogie zu dem von Strabon [7, 1, 3] bezeugten Fall des Marbod. Unterworfene und Betonung von Arminius’ Ehrgeiz ein anderes Motiv für den Aufstand an: Er habe nach
befreundete Germanenstämme mussten den Römern die Kinder ihrer Stammesführung dem Vorbild Marbods eine außerordentliche, königsgleiche Machtposition über einen
als Geiseln stellen, eingehend behandelt in Die Sendung mit der Maus: Varus-Schlacht Stammesbund angestrebt, das typisch germanische Heerkönigtum, das auf Kriegsruhm
[2004] und Die Germanen Teil 2: Die Varusschlacht [2007]. Die Römer werteten dies beruht.
auf Münzen auch propagandistisch aus: Ein Germane überreicht dem erhöht sitzenden
Augustus ein Kind. Manche von ihnen wurden in der von Augustus auf dem Palatin
eingerichteten »Fürstenschule« erzogen, um später als Motor der Romanisierung zu ih-
ren Stämmen zurückzukehren. Protagonist Varus
In der Tat gehört Arminius zu der von den Römern begünstigten Adelsfraktion im
Cheruskerstamm. Er diente im römischen Heer, laut Tacitus [Annalen 2, 10, 3] als Während die Informationen zur Person des Arminius allein auf den antiken Schriftquel-
»Führer seiner Stammesgenossen«, besaß das römische Bürgerrecht und außerdem den len beruhen, ziehen einige Filme für Publius Quintilius Varus eine weitere archäologische
Rang eines römischen Ritters. Arminius pflegte vertrauten Umgang mit Varus und galt Quellengattung heran: Münzen mit dem Gegenstempel VAR für Varus. Ihr Anteil unter
als »unablässiger Begleiter« im vorangegangenen römischen Feldzug [Velleius, 2, 118, 2], den Münzfunden von Kalkriese ist für die Datierung des Platzes von entscheidender
wohl in Germanien der Jahre 4–6 oder in Pannonien der Jahre 7–8. Bedeutung. Der Gegenstempel erweckt eine fast physische Präsenz am Grabungsort
Diese durch die antiken Quellen belegten Informationen konterkariert der deutsch- und stellt uns Varus zugleich als versierten Finanzmann vor. Seltsamerweise lassen die
nationale Spielfilm von 1924 Die Hermannsschlacht. Auch hier hält sich Arminius in meisten Dokumentationen die Varus-Münzen aus Achulla in Nordafrika außer Acht.
Rom auf, doch als Geisel wider Willen. Er trägt als Zeichen seiner Verbundenheit mit Sie zeigen ein Portrait des Varus und bieten dem Zuschauer somit eine zeitgenössische
der Heimat germanische Fellkleidung und steht abseits der zechenden, nur scheinbar Illustration, wenn auch die Forschung eine echte Porträthaftigkeit bestreitet.
befreundeten Römer. Selbst auf dem Höhepunkt des Festes beschäftigt ihn innerlich In The Lost Legions of Varus [2001] reitet der General in Prunkrüstung gravitätisch auf
nur ein Gedanke: »Wann werde ich frei sein?« Die Beziehung zwischen Römern und die Kamera zu, begleitet von getragener Orchestermusik. Der Zuschauer blickt in das
Germanen wird hier als unlösbarer Antagonismus beschrieben. ernste Gesicht eines reifen Mannes. Bei solchen Reenactment-Szenen erfolgt die eigent-
Der Persiflagefilm Die Hermannsschlacht von 1996, gedreht von Detmolder Kunst- liche Charakterisierung der Figur stets durch den Kommentar beziehungsweise durch
studenten, nimmt die germanisch-tümelnde Fellkleidung wieder auf, treibt sie aber interviewte Experten. Hier charakterisiert der Sachbuchautor Derek Williams den Va-
mit einem riesigen Hörnerhelm parodistisch auf die Spitze [Abb. 1]. Im Stile einer Live- rus als Juristen und Karrieristen, der sich grausam und gierig in Germanien bereichern
Übertragung spricht der Protagonist direkt in die Kamera: »Hallo! Ich bin Hermann der wollte, aber militärisch eine Null und ein Versager gewesen sei.
Cheruskerfürst!« Es folgen die auf »Asterix« anspielenden Worte: »Wir befinden uns im Williams markige Einschätzung basiert im Wesentlichen auf Velleius, der Varus zum
Jahre 9 n. Chr.« Kleidung und Dialoge sind bewusst als Travestie angelegt, als spötteln- alleinigen Sündenbock für das militärische Desaster stempelte. Velleius jedoch stellt le-
de, komisch-satirische Umbildung, wobei der Inhalt in gezielt unpassender, lächerlicher diglich eine Station einer »nur teilweise erkennbaren, aber vorraussetzungsreichen und
Form dargeboten wird. komplizierten Traditionsbildung« dar [D. Timpe 1999, 718]. Während die unmittel-
Lediglich drei der untersuchten Filme verweisen darauf, dass der germanische Name bar nach der Schlacht schreibenden Autoren [Ovid, Manilius] vor allem den Verrat der
des Arminius gar nicht bekannt ist! Die Eindeutschung als »Hermann« erfolgte erst im treulosen Germanen und das ungnädige Schicksal verantwortlich machen, beschuldigt
16. Jahrhundert durch Johannes Aventinus, Martin Luther und den Kreis der deutschen Velleius den Varus erst zwei Jahrzehnte später, unter dem Eindruck der Verurteilung
Reformatoren. Diese interessierten sich für das historische Geschehen, da sie darin ih- von Varus’ Gattin und Sohn in den von Sejan angestifteten Prozessen der Jahre 26 und
ren eigenen Kampf gegen die Römische Kirche gespiegelt sahen. Bei der Frage, wie 27 [Tacitus, Annalen IV, 52 und 66]. Man hat daher in Velleius gar einen Parteigänger
viel historische Wahrheit im Nibelungen-Epos stecke, verweisen jüngere Dokumenta- Sejans vermutet.
tionen wie Der Schatz der Nibelungen, Teil 1: Auf den Spuren Siegfrieds [2007] und Der Der Vorwurf der militärischen Unfähigkeit lässt sich aber nicht halten, da Varus zu-
Nibelungen-Code, Teil 1: Deckname Siegfried [2007] regelmäßig auf Arminius. Auch vor Syrien und Judäa erfolgreich beruhigt hatte, eine der schwierigsten Provinzen im
die jüngere althistorische Forschung schließt nicht völlig aus, dass sein germanischer Reich [treffend akzentuiert in Die Germanen Teil 2: Die Varusschlacht]. Zudem galten
Name eventuell Siegfried gelautet hat, da die Namen vieler seiner Verwandten mit dem die Germanen bei den Römern als besonders loyale und verlässliche Streitkräfte, die
Namensbestandteil Segi- [= Sieg] beginnen. bedenkenlos als Söldner und auch als Leibgarde des Kaisers eingesetzt werden konnten
Der historische Arminius besaß mehrere Identitäten gleichzeitig: germanischer Für- [zurecht betont in Wie die Barbaren wirklich waren, 2006]. Doch solch komplexe, nur
stensohn, römischer Bürger und Ritter, Führer römischer Hilfstruppen, Angehöriger mit Einschränkungen und Differenzierungen darzustellenden Sachverhalte kann das
eines Stammes, Anführer eines Aufstandes. Spielfilme und auch die Reenactment-In- Medium Film lange nicht so gut in Szene setzen wie die übersichtliche Sündenbockthe-
szenierungen nehmen Versatzstücke davon auf und setzen sie oft plakativ in Hand- orie mit nur einem Schuldigen.
lungen um. Statt eine komplexe widersprüchliche Persönlichkeit zu entwerfen, erscheint Am schwersten wiegt der Vorwurf der Fahrlässigkeit des Varus angesichts der durch
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Segestes bereits angezeigten Verschwörung. Zurecht hat man in der Forschung darauf Protagonist Wald
hingewiesen, dass Varus berücksichtigen musste, dass Arminius seine römische Karriere
und Stellung dem Tiberius persönlich verdankte. Ohne handfeste Beweise durfte er ge- Überraschenderweise lässt sich in den Filmen noch ein dritter bedeutender Protagonist
gen den Günstling des Thronfolgers nicht vorgehen. Zudem waren die Römer gewohnt, der Schlacht entdecken: nämlich der Wald [Abb. 3]. In nahezu allen Filmwerken spielt er
dass untereinander verfeindete Adelsfraktionen mit gegenseitigen Denunziationen vor- für den Untergang des römischen Heeres eine prominente Rolle. Die Bilder und Kom-
stellig wurden [so treffend dargestellt in: Die Varusschlacht: Wie die Legionen untergin- mentare nehmen dabei ganz die Perspektive der Römer auf die germanischen Wälder ein.
gen]. Sie griffen daher solange nicht ein, bis ein offener Abfall von Rom vorlag. Es wird von »Unwegsamkeit«, »Undurchdringlichkeit« und von der Ermöglichung der
Gaius Juius Caesar geriet im Gallischen Krieg zweimal in ähnliche Situationen und »Guerillataktik« gesprochen. Man zeigt stets auch bedrohlich schwankende Bäume, so
hat ebenfalls nichts gegen die der Verschwörung bezichtigten Häduer-Fürsten unter- dass sich der Eindruck einstellt, die Natur habe sich gegen die Römer verschworen.
nommen, obwohl er ausdrücklich gewarnt worden war. Seine Tatenlosigkeit stellte sich Der Nazi-Film Ewiger Wald [1936] propagiert den Gedanken einer sich wehrenden
zwar als Fehlentscheidung heraus, doch rechtfertigte Caesar sie mit der zentralen Rolle, Natur am deutlichsten. »Was sucht ihr im Wald?«, ruft der Erzähler den in das Gehölz
die diese seit langem mit Rom befreundeten Häduer im System gallischer Klientel ein- marschierenden römischen Standarten zu. »Wer fremd Deinem Boden, Wald, Deiner
nahmen: Zwangsmaßnahmen gegen die Führungselite oder offen gezeigte Ängstlich- Art, dem bleibt nicht erspart unsagbares Leid.« Der Wald erscheint als Protagonist, als
keit hätten die Verhältnisse nur noch weiter eskalieren lassen [Bellum Gallicum V, 7, 1 zentrale, selbstständig handelnde Figur. Die germanischen Krieger sind hier nur na-
und VII, 54, 2]. Dieselbe zentrale Stammesposition nehmen aber in Germanien die turhafte Helfer, geradezu Werkzeuge, die das vorgebliche Verbrechen gegen die Natur
Cherusker ein, und man hat daher auch treffend von der »Häduerrolle der Cherusker« sühnen, das da heißt: »artfremd« zu sein!
gesprochen. Dass Caesar und Varus so unterschiedlich wahrgenommen werden, liegt Auch die britischen Filmbeiträge pflegen gerne das Klischee der riesigen germanischen
sicherlich auch daran, dass Caesar siegreich davongekommen ist, während Varus Leben Wälder. Hier zeigt sich, wie leicht gerade die Natur zur Projektionsfläche wird. In Lost
und Truppe verloren hat. Legions of Varus kommt es zu einer regelrechten Re-Mythologisierung des Waldes. Die
in majestätischen Flugaufnahmen gefilmten endlosen Wälder werden Teil einer gigan-
Das nationaldeutsche Filmepos Die Hermannsschlacht [1924] malt für seine Darstellung tischen Orchestrierung, in der kein Platz für den Menschen und seine Ansiedlungen ist.
des Varus die literarischen Zuspitzungen des Florus aus, der ihn als gierig, grausam Darin zeigt sich auch ein den Germanen zugeschriebenes antizivilisatorisches Element.
und hochmütig beschreibt. Im Film schlägt sich das im verschlagenen Blick nieder und Die Bilder unterstellen, dass die Germanen die unberührte wilde Natur als Lebensraum
in sadistischen Befehlen zu Folterungen, Vieh- und Frauenraub. Die Demütigung der nutzen, dass der Wald genuin zu ihrer Lebensweise gehört.
Germanen erscheint hier als Laune des selbstherrlichen Provinzgouverneurs und nicht Diese in der Tradition der antiken Quellen entworfenen Bilder hat die Siedlungs- und
als Konsequenz einer Politik. Es ist aber die von Augustus angeordnete Politik einer archäobotanische Forschung schon seit längerem widerlegt. Man hat sich die damalige
forcierten Provinzialisierung Germaniens, die hier eine Rolle spielte. Florus bescheinigt Flora so vorzustellen, dass »größere, lichter bewaldete Siedlungsgebiete mit dichter bei-
[II, 31–32; 36], dass nach der Schlacht vor allem die römischen Beamten und Juristen einander liegenden waldfreien Siedlungsinseln durch Ödmarkengrenzen urwaldartigen
gemartert wurden, und legt damit nahe, dass die Einführung beziehungsweise »Durch- Charakters voneinander getrennt waren« [H. Jankuhn, 1967, 110]. Die antiken Autoren
organisation« [Callies, 1995 b, 17] der Steuertribute und die konsequente Anwendung übertreiben also die Walddichte Germaniens, sie verbreiten einen gängigen Topos über
römischer Rechtsbräuche letztlich die Germanen in den Aufruhr trieben. den Norden.
In einer skurrilen, im Archäologischen Park Xanten gedrehten Szene unterlaufen die Für Kalkriese etwa haben die Pollenanalysen ergeben, dass die Gegend zu Beginn der
Autoren der satirischen Hermannsschlacht [1995] das tradierte Bild des Varus: Der sonst Zeitrechnung mit Offenlandflächen durchsetzt war: »Die Landschaft am Nordrand des [Abb. 3] Monströser Protagonist:
[Abb. 2] Varus stets an der Spitze, aus: so souveräne und herrische Stadthalter erscheint hier nackt im öffentlichen Bad. Der Wiehengebirges ist schon seit der Jungsteinzeit [...] mehr oder weniger kontinuierlich der germanische Wald, aus: ›Hermann der
›Hermann der Cherusker: Die Schlacht im dort geführte Dialog mit seinen Nachbarn bestätigt allerdings das durch Velleius ge- besiedelt gewesen und unterlag schon seit 6500 Jahren dem menschlichen Einfluss!« Cherusker: Die Schlacht im Teutoburger
Teutoburger Wald‹ [D/I 1965–76]. prägte Bild des geldgierigen Gouverneurs, das aber in der Forschung als Überspitzung [U. Diekmann, 2000, 36]. Wald‹ [D/I 1965-76].
gilt, da andere kenntnisreiche Autoren wie Auch bei dem Weg entlang des Wiehen-
Josephus davon nichts erwähnen. gebirges handelt es sich um eine seit der
Die wohl sympathischste Charakteri- Latène-Zeit durchaus bekannte, viel be-
sierung des Varus zeichnet die italienisch- gangene Handelsroute. Die antiken Quel-
deutsche Koproduktion Hermann der len wollen uns allerdings vermitteln, dass
Cherusker [1965/76]. Hemdsärmelig und das Varus-Heer nicht auf einer bekannten
umgänglich begrüßt Varus, hinter einem Etappenstraße zugrunde ging, sondern in
modern anmutenden Schreibtisch sitzend, einem unbekannten Terrain, einem Wald-
den kollaborierenden Germanenfürsten gebirge namens Teutoburger Wald. Auch
Segestes. Dessen Warnungen vor den Ei- von Sumpf und schlechtem Wetter ist die
nigkeitsbestrebungen der Germanen amü- Rede. Die Althistoriker vermuten, dass
sieren ihn nur. Diese Sorglosigkeit [Abb. 2] dies vor allem eine Schutzbehauptung der
entspringt den antiken Quellen [Velleius, römischen Seite ist, um die Niederlage zu
2, 117–119; Florus, 2, 30], wird hier jedoch erklären und das Heer von Schuld rein
nicht als Fahrlässigkeit, sondern positiv zu waschen. Für die Darstellung im Film
konnotiert. Dieser Varus ist weder grausam ist festzuhalten, dass die Regisseure ger-
noch überheblich, sondern der liebenswür- ne den Wald-Topos der antiken Quellen
dige, umgängliche Gastgeber, ein Freund aufgreifen und ihn mit Genuss in Szene
der Germanen. Eine Darstellung, die setzten, da er ein großes dramaturgisches
vielleicht die Zielgruppen der italienisch- Potential bietet und nicht zu letzt bildge-
deutschen Produktion berücksichtigt. waltig ist.
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Die Darstellung der Kampfszenen und unterlegt mit pathetischem Chorgesang. Aber das Vorbild der Hollywoodfilme lässt
sich bei diesen szenischen Inszenierungen nicht aus der Vorstellung verbannen, und der
Die Kampfszenen werden auffällig häufig mit symbolischen Bildern »gekrönt« – wie Vergleich fällt stets zum Nachteil der Billigprodukte aus. Größere Distanz erreicht da
um den Handlungen einen Gehalt zu geben, der über das Gezeigte hinausweist. So ver- ein C14-Beitrag, der das Miniaturmodell der Kalkrieser Dauerausstellung mit Kamera-
sinkt in Ewiger Wald die römische Adlerstandarte vollständig und auf immer im Moor fahrten erschließt und so auch Dinge zeigen kann, auf die andere meist verzichten: den
[Abb. 4], um in Germanien wieder Ruhe und Vogelgezwitscher einkehren zu lassen. Die römischen Tross und den von Germanen erbauten Grasssodenwall.
archäologisch ausgerichteten Dokumentationen ersetzen das Adler-Motiv durch den in Auch The Lost Legions of Varus wählt den Weg der Abstraktion und Distanz, indem er
Kalkriese gefundenen Maskenhelm. Diese Gesichtsmaske wird entweder theatralisch in eher »Erinnerungsbilder« an das Schlachtgeschehen zeigt. Es erscheint nur bruchstück-
Zeitlupe ins Gras geschleudert, liegt im verzehrenden Feuer, oder blutet aus den Poren haft, verwischt, durch Reißschwenks gekennzeichnet, mit eingeschnittenen, grobkör-
[sic!]. Solche Bilder für geschlagenes Kriegertum sollen pathetisch suggerieren, dass es nigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen durchsetzt, die an Archivbilder erinnern. Dazu eine
sich nicht um ein belangloses Scharmützel handelt, sondern dass hier lange nachwir- Ton-Collage aus isolierten Schreien und einem stilisierten Schwertklingengeräusch. Die
kende »welthistorische« Ereignisse geschehen seien. Umrisse der eigentlichen Schlacht lösen sich auf und werden so als Trauma erfahrbar.
Auch der Kulturfilm Der Rhein in Vergangenheit und Gegenwart, 1921, kurz nach dem Eine andere Art der Verfremdung gelingt den Autoren des Films Die Hermannsschlacht
verlorenen Weltkrieg entstanden, zielt auf Symbolisches, als er in einer Animations- aus den 1990er Jahren, indem sie verschiedene Zeitebenen ineinander schieben: Wäh-
sequenz den auf das rechte Rheinufer vordringenden Namenszug »Quintilius Varus« rend im Hintergrund Römer und Germanen sich gegenseitig abstechen [Abb. 5 a–d],
durch Schwerter umzingeln und spurlos auslöschen lässt. In ähnlicher Weise sind die schreiten zwei Verfasser einer »Hermannsschlacht« im 19. Jahrhundert, der stutzerhafte
Kampfszenen von Leo Königs Die Hermannsschlacht aus dem Jahr 1924 als Antwort auf Heinrich v. Kleist und der angetrunkene Christian Dietrich Grabbe, disputierend übers
das sogenannte »Versailler Schanddiktat« zu verstehen: Im Steinbruch jagen die Germa- Schlachtfeld [mit ähnlichen Anachronismen arbeitet auch Das Vermächtnis der Cherus-
nen die vorbeiziehenden Römerkolonnen mit Gerölllawinen auseinander, steinigen sie ker, 2005]. Diese gezielt zeitwidrige Kombination verhindert eine Identifikation mit
regelrecht, treiben auch die bereits Fliehenden gnadenlos vor sich her. Es ist der Film dem martialischen Kampfgeschehen.
eines Revisionisten, der nach verlorenem Krieg und Ruhrbesetzung noch einmal eine
Schlacht gegen die »Welschen« schlägt, die diesmal gewonnen wird! Die Varusschlacht
als Projektion, als Wiedergutmachung und Ungeschehenmachen einer als traumatisch
empfundenen Niederlage. Die martialischen Zwischentitel, das chauvinistische Pro-
grammheft und nicht zuletzt die Rezensionen lassen keinen Zweifel, dass die geschicht-
liche Parallele von den Zeitgenossen erkannt und begrüßt wurde, ganz nach dem Mot-
to des Films: »Ehrenhaftes Deutschtum setzte sich gegen unehrenhaftes Gesindel zur
Wehr« [W. Müller, 1996, 49].
In dem Nazi-Film Ewiger Wald erhebt sich gar die gesamte Naturgewalt gegen die
römischen Eindringlinge: Sturzregen setzt ein, Gewitterblitze, Donnerschläge und um-
stürzende Baumriesen kommen auf sie nieder, vernichten die »artfremden« Ruhestörer.
Aber auch neuere Filme – wie z. B. Das römische Heer aus dem Jahr 2000 – sind durch
ihre Entstehungszeit geprägt: Mit Blättern getarnte Germanen tauchen aus dem Wald-
[Abb. 4] Versinkender Adler, Zeichen für ein boden auf, vom Untergrund nicht zu unterscheiden. Bilder, die Propagandaaufnahmen [Abb. 5 a–d, von oben] Parodie des
lange nachwirkendes »welthistorisches« vietnamesischer Guerillakämpfer paraphrasieren [beispielsweise aus dem Kollektivfilm Schlachtgeschehens: Germanen bekämpfen
Ereignis, aus: ›Ewiger Wald‹ [D 1936]. Loin de Vietnam, 1967]. eine Römer mithilfe einer Ramme, aus:
Sämtliche jüngeren Dokumentationen ›Die Hermannsschlacht‹ [D 1995].
verwenden zur Darstellung der Kämpfe
Reenactment-Gruppen, also Freizeitver-
einigungen, die – inspiriert durch die ex-
perimentelle Archäologie – authentische
Kleidung, Bewaffnung und Ausrüstung
herstellen, tragen und demonstrieren.
Reenactors sind aber keine professio-
nellen Schauspieler und daher wirken die
mit ihnen besetzten Filmszenen allzu
oft ungelenk und naiv und durch den
grundsätzlichen Mangel an ausreichender
Komparserie stets wie »Sandalenfilme für
Arme«.
Natürlich wissen die Regisseure um
diese Mängel und bemühen sich zuwei-
len um Abstraktion: Sturm über Europa
– Die Völkerwanderung [2002] färbt das
Morden blau ein, Varusschlacht im Osna-
brücker Land [2001] zeigt das Gemetzel in
Zeitlupe, umsäumt vom roten Feuerrand
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Gibt es eine Perspektive der Opfer? Tatsächlich ist kein einziges der ergrabenen Stand- und Marschlager im rechtsrhei-
nischen Germanien groß genug für drei Legionen. Die Intention unserer Informanten
Die Schlacht ist geschlagen. Das Krächzen einiger Krähen in The Lost Legions of Varus bestand aber doch wohl darin, den Gesamtverlust an sämtlichen Schauplätzen im »Krieg
unterstreicht die Grabesstille noch. Halbnackte, an Indianer erinnernde Germanen zie- des Varus« [so die Formulierung auf dem Caelius-Stein] zum umreißen.
hen plündernd von Leichnam zu Leichnam, durchsuchen die römischen Opfer nach Tatsächlich wird die Zahl der Toten der eigentlichen Schlacht im Teutoburger Wald
Beute. Plünderung und Leichenfledderei ist zwar zu allen Zeiten gängige Praxis der weit geringer gewesen sein. Abzuziehen von der den Varus begleitenden Truppe sind die
Sieger nach erfolgreichem Kampf, doch nur selten filmisch thematisiert. Daher ist ge- Besatzungen der Stand- und Versorgungslager an Rhein, Lippe und weiteren Standorten
rade diese Szene geeignet, Mitgefühl mit den Opfern zu erzeugen. Sie vermittelt den innerhalb Germaniens [Dio, 56, 18, 4] und eventuell auch Galliens. Abzuziehen sind
Zuschauern eine Ahnung von dem Grauen, das sich hinter der Varusschlacht verbirgt. ferner die auf Anraten der Verschwörer vorgenommenen Truppendetachierungen kurz
Eine weitere Möglichkeit, die Opfer der Schlacht angemessen zu berücksichtigen, bie- vor der Schlacht [Dio, 56, 19, 1], die an anderen Orten Germaniens niedergemacht
tet die Darstellung aus der Perspektive des Germanicus, der während seines Feldzugs im wurden. Abzuziehen sind auch die als sicher anzunehmenden Legionsvexillationen des
Jahr 15 das Schlachtfeld aufgesucht hatte und die Toten begraben ließ [Tacitus, Annalen Rheinheeres zur Bekämpfung des schweren Pannonischen Aufstands. Nicht zuletzt ist
1, 61]. In The Lost Legions of Varus nähern sich römische Reiter behutsam dem Schlacht- insbesondere in Varus’ Amtszeit mit Bautrupps aus Legionären zu rechnen, die überall
feld im Wald. Die Pferde scheuen. Der Boden ist mit Knochen und Skeletten übersät. im Land jene Städte in Gründung errichteten, die Cassius Dio literarisch [56, 18, 2] und
Schädel sind an Bäume geheftet [Abb. 6]. Der Anblick des Schreckens steigert sich noch Waldgirmes archäologisch bezeugen. Zu berücksichtigen sind schließlich die vielfach
durch fahle Beleuchtung, fahrige Kameraführung, unheimliche Geräusche und span- bezeugten Überlebenden, die dazu beitrugen, Augustus’ Panik zu beenden, als er von
nungstreibende Musik. Die gespenstische Inszenierung und der Kommentar entwerfen ihrer Rettung hörte [Dio 56, 24, 1; Dio 56, 22, 2; Frontinius, Strategemata 3, 15, 4; Taci-
das Bild eines Kampfes, in dem die Legionäre gnadenlos und brutal durch »eine Horde tus, Annalen 1, 61; 2, 15]. Inwieweit die vielfältigen Aufgaben im Alltag selbst eine sicher
Wilder« abgeschlachtet wurden. dokumentierte Iststärke vermindern, zeigt ein in Großbritannien gefundenes Mann-
In Das römische Heer [von demselben Regisseur wie The Lost Legions of Varus] findet schaftsverzeichnis einer Auxiliarkohorte: Weit über die Hälfte [!] der Mannschaften
sich dieselbe Begräbnis-Episode. Hier bringt neben den Knochen eine lederartig mumi- sind mit Aufgaben außerhalb des Lagers beauftragt; der Anteil der abwesenden Offiziere
fizierte Leiche den Zuschauer zum Schaudern. Im Hintergrund sammeln Soldaten die liegt noch weit höher. Aber auch für einen expliziten Kampfeinsatz ist ein seltenes Zeug-
Skelettteile ein und bestatten sie pietätvoll in Gruben, während der Kommentar von nis überliefert, das neben den beteiligten Legionen die konkrete Stärke der eingesetzten
ihren Gefühlen dabei berichtet. Die Darstellung der Trauer führt dem Zuschauer vor Mannschaften nennt: Auf seinem Feldzug im Jahr 14 führt Germanicus von den vier
Augen, welch menschliches Leid mit der Varusschlacht verbunden war. Erstmals bemü- niederrheinischen Legionen nur 12 000 Legionssoldaten mit sich [Tacitus, Annalen 1,
hen sich diese beiden englischen Filme um eine Berücksichtigung der Opfer, während 49; 1, 51], also nur etwa die Hälfte des Sollbestandes. Die andere Hälfte ist demnach mit
die meisten Filmbeiträge das Abschlachten nur als heroischen Akt zeigen. Die geschickt Sicherungs- und Nachschubaufgaben beschäftigt.
gewählte Sicht der Germanicus-Truppen erlaubt es dem Zuschauer, sich in die Opfer Diese Zeugnisse zeigen, wie problematisch das Hantieren mit den Sollstärken ist, selbst
und Hinterbliebenen hineinzuversetzen und Empathie zu entwickeln. wenn man noch mit weiteren, nicht ausdrücklich genannten Hilfstruppen in Germanien
Erheblich schwieriger ist dies in den archäologisch orientierten Dokumentationen zu rechnet, wie das Geza Alföldi tut. Konsequenterweise setzt vor allem die archäologische
erreichen. In einem C14-Beitrag [1998] greift ein Wissenschaftler im weißen Kittel aus Forschung für die eigentliche Schlacht im Teutoburger Wald neuerdings eine »deutlich
Funden eine Schädelkalotte heraus und beschreibt die Entstehung einer scharfen Kante geringere Anzahl von römischen Soldaten« an [Wilbers-Rost 2003, 139] und hat jüngst
durch einen Schwert- oder Axthieb. Zum besseren Verständnis fährt er die Kante mit eine vorsichtigere Schätzung von etwa 10 000 Mann vorgeschlagen – »dennoch für die
[Abb. 6] Der Anblick des Grauens, aus: dem Finger ab. Leider ist die aseptische Atmosphäre des Raumes und der Ton des Fach- Zeit eine beträchtliche Streitmacht« [Fischer 1999, 30].
›Das Römische Heer: Mutter der Armeen‹ gutachtens nicht dazu geeignet, beim Zuschauer Mitgefühl zu erzeugen. Das Opfer ist In der Tat lassen auch die Ausgrabungen in Kalkriese es möglich erscheinen, dass nur
[USA/GB 2000]. hier zum namenlosen archäologischen Fundgut geworden. ein repräsentativer Kernbestands der drei Legionen Varus begleitete, da auffällig viele
Tacitus, Sueton, Florus und Manilius der bisherigen Inschriftenfunde sich auf erste Kohorten beziehen, jene aus doppelter
geben die Verluste pauschal mit drei Le- Mannschaftsstärke gebildeten Elitetruppen der Legionen [Caelius-Stein]. Zugleich do-
gionen an, während Velleius [2, 117, 1] kumentiert die geringe Zahl typischer Hilfstruppenwaffen [Schleuderbleie, Pfeilspitzen]
von drei Legionen, drei Reitereinheiten im Fundgut möglicherweise die weitgehende Abwesenheit der Hilfskontingente zumin-
und sechs Kohorten der Hilfstruppen dest an diesem Ort der Schlacht, abgesehen von der bezeugten Reiterei. Lediglich die
berichtet. Man könnte meinen, dass die allerjüngste der Filmdokumentationen, Die Varusschlacht: Wie die Legionen untergingen,
kolportierten Opferzahlen eine weitere entstanden unter der Fachberatung des Historikers Marcus Junkelmann, hat sich be-
Möglichkeit bieten, Leid zu thematisie- müht, die patriotisch und medial motivierten Hochrechungen auf ein vernünftiges Maß
ren. Aber weit gefehlt. Die römischen zu korrigieren.
Verluste werden in den Filmkommen-
taren stets in Größenordnungen zwi-
schen 18 000 bis 30 000 beziffert. Diese
Hochrechnungen basieren auf den ma-
ximalen Mannschaftsstärken und die-
nen augenscheinlich einer politischen
»Stimmungsmache«. Man nutzt die
Zahlen, um die Schwere der Niederlage
oder die patriotischen »Verdienste« des
Arminius aufzubauschen, um vollmun-
dig die Bedeutung des Ereignisses auf
»welthistorische« Dimensionen zu heben.
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Das Hermannsdenkmal Zur Darstellung der Ausgrabungen


von Kalkriese
Die Popularisierung der Varusschlacht und ihres Mythos’ beginnt mit den Schriften
von Martin Luther und Ulrich von Hutten, reicht über die Theaterstücke von Grabbe, Im Vergleich zur Nacherzählung und
v. Kleist und Klopstock und das Gedicht Heinrich Heines [»Deutschland ein Winter- Nachinszenierung der antiken Quellen
märchen«, 1844] bis hin zum massiv errichteten Hermannsdenkmal in Detmold [Abb. 7]. nimmt die Darstellung archäologischer
Die Einweihung 1875 [geplant seit 1837] wurde spätestens durch die Anwesenheit von Funde und Befunde meist nur wenig
Wilhelm I. zu einer nationalen Angelegenheit. Die Statue ist auf den Rhein ausgerichtet Raum ein. Der Anstoß zur Entdeckung
und stellt sich dem »Erbfeind« Frankreich entgegen. Das Denkmal darf wegen seiner des Schlachtfeldes in Kalkriese ist dem
Geschichte und eindrucksvollen Erscheinung in keiner Dokumentation zur Varus- britischen Hobby-Archäologen und Son-
schlacht fehlen. Es ist ein Muss! dengänger Tony Clunn zu verdanken. In
[Abb. 7] Stenokürzel für den deutschen Wie ein Steno-Kürzel für den deutschen Nationalismus erscheint die Statue denn auch den Dokumentationen wird daher der
Nationalismus, aus: ›C 14: Vorstoß in die in den C14-Beiträgen, Lost Legions of Varus, Wie die Barbaren wirklich waren und Die »Finder« Clunn stets mit seinem Metall-
Vergangenheit‹ [D 1992]. Germanen Teil 2: Die Varusschlacht. Kein einziger Film erwähnt, dass zur gleichen Zeit in suchgerät portraitiert, kann damit doch
anderen Ländern ähnlich patriotische Statuen der »nationalen« Anführer von Aufstän- visuell attraktiv zugleich eine spezielle
den gegen die Römerherrschaft errichtet wurden: 1856–71 [aufgestellt 1902] Boudicca Methode dieser Grabung demonstriert
in London, 1865 Vercingetorix in Alesia [Frankreich], 1866 Ambiorix in Tongern [Bel- werden, bei der vorrangig Metallobjekte
gien], 1903 Viriathus in Zamora [Spanien] und 1940 Viriathus in Viseu [Portugal]. Sie [römische Münzen und Militaria] gefun-
alle sind Teil eines zeittypischen Chauvinismus der sich formierenden Nationalstaaten den werden.
des 19. Jahrhunderts. In Deutschland steigerte sich das Interesse am »Einiger« Arminius Es ist aber nicht unproblematisch die
im Zuge von Bismarcks Kampf gegen die viel gescholtene »deutsche Kleinstaaterei«. Das Anwendung dieser Metallsuchgeräte un-
Hermannsdenkmal illustriert anschaulich, dass »die Hermann-Verherrlichung ihre kon- kommentiert vorzuzeigen, denn allzu oft
servativen Ursprünge in den Freiheitskriegen [gegen Frankreich] niemals verleugnen« werden die Suchgeräte von Raubgräbern
konnte [H. Wolfram, 1995, 33]. genutzt. Dass Clunn die Felder in Absprache mit dem zuständigen Archäologen ab- [Abb. 9] Präsentation auf profaner Holz
Eine andere Methode der Einordnung besteht darin, die Errichtung des Denkmals suchte, erwähnen die meisten Filmbeiträge gar nicht! Dabei besteht darin der Clou: die bohle, aus: ›C 14: Vorstoß in die Vergangen-
einzubetten in die Folge der unterschiedlichen Aneignungsversuche der Hermann-Figur. erfolgreiche Einbindung von engagierten Laien und die Zusammenarbeit mit Fachleu- heit‹ [D 1992].
Diese Fieberkurve der Hermannbegeisterung könnte aufzeigen, dass die historische Per- ten. Darüber hinaus vermitteln die sympathischen Erzählungen von Clunn, welcher
son Arminius als Projektionsfläche ständig wechselnder Interessen dient: Mal geht es mit persönlicher Einsatz sich hinter den von ihm aufgespürten Funden verbirgt.
den deutschen Reformatoren gegen die Römische Kirche, mal triumphiert das neu ge- In einem C14-Beitrag [1992] schwenkt die Kamera eine Reihe restaurierter Metall-
gründete Deutsche Reich über den Erzfeind Frankreich, mal übt man Revanche an den funde ab, die auf einer Holzbohle der Grabung ausgelegt sind [Abb. 9]. Der Sprecher
französischen Weltkriegsgegnern und Ruhrbesetzern. In der Nazizeit gibt es interessan- im Off identifiziert sie jeweils leicht versetzt zum Bild. Der schlichte Holzuntergrund
terweise nur eine sehr zurückhaltende Aktivierung des Hermann-Mythos, nicht zuletzt lässt die metallenen Werkzeuge und Militaria als Gebrauchsobjekte erscheinen und der
[Abb. 8] Provinzposse um das Hermanns- aufgrund der außenpolitischen Rücksichtnahme auf Mussolini. Ein Antrag, das Denk- Zuschauer kann sich ihre Benutzung gut vorstellen: der Fund als vertrauter Alltagsge-
denkmal: Osnabrücker Historiker betreten mal zur »nationalen Wallfahrerstätte« zu machen, wird 1933 abgelehnt! Die Deutsche genstand. Eher distanziert wirkt dagegen die Fundpräsentation in dem Museumsfilm
die Szene, aus: ›Die Hermannsschlacht‹ Wochenschau von 1936 [zitiert in C14, 1992] zeigt daher das Denkmal beim Besuch der Varusschlacht im Osnabrücker Land. Die kühle, verglaste Ansicht der Funde in ihren Vi-
[D 1995]. sogenannten »Alten Garde« lediglich als touristisches Erkennungszeichen der Region – trinen erzeugt Abstand und Respekt. Die zusätzliche Untermalung mit barocken Strei-
eine Rolle, die es noch heute ausübt. chern stilisiert die Objekte zu feinsinnigen Kunstwerken: der archäologische Fund als
Die spöttelnde Feststellung jüngerer Reliquie.
TV-Dokumentationen, dass das Denkmal Nur wenige Filme, wie Varusschlacht im Osnabrücker Land und Die Sendung mit der
aufgrund der Kalkrieser Grabungsergeb- Maus: Varus-Schlacht berichten vom Restaurieren und Zeichnen der Funde und ihrer
nisse zu versetzen sei, muss dagegen eher weiteren wissenschaftlichen Bearbeitung. Nur selten – wie im C14-Beitrag von 1998
als Häme im Wettbewerb der regionalen – wird die Mühsal der archäologischen Erkenntnisgewinnung angesprochen. Generell
Fremdenverkehrsverbände gewertet wer- schwierig darzustellen sind die Befunde, das heißt der Kontext und die Strukturen, in
den. Interessanter ist da wieder einmal denen das archäologische Fundgut im Boden eingelagert ist. Ihre optimale Präsentation
die parodistische Hermannsschlacht der im Gelände lässt sich nicht immer mit den zeitlich knapp bemessenen Drehterminen
1990er Jahre: Als mitten in der Schlacht koordinieren. Einige Filme machen deshalb aus der Not eine Tugend und filmen die Re-
eine Kalkrieser Forschergruppe in den Set konstruktion eines Grabungsbefundes im Archäologischen Park: eine Rasensodenmauer
eindringt [Abb. 8], verweist Varus auf das mit Brustwehr und Graben. In Lost Legions of Varus erläutert die leitende Archäologin
hier am Ort schon bestehende Hermanns- mit Hilfe eines Befundplanes Funktion und Verlauf des Walles. Die hier [und auch in
denkmal, den »Beweis« für die Authen- Die Sendung mit der Maus: Varus-Schlacht] per Computer nachträglich in die Karte ein-
tizität der Örtlichkeit. Die affirmierende gefügte Wallverlaufslinie erleichtert durchaus das Verständnis.
Wirkung des faktisch vorhandenen Denk- Die meisten Filme vernachlässigen auffällig die Rolle der acht mittlerweile ergrabenen
mals wird hier wohltuend karikiert. Knochengruben, die unter anderem ineinander gestapelte menschliche Schädelkalotten
enthielten. Die Knochen wurden weitgehend ohne Skelettverband nach mehrjähriger
Lagerung an der Oberfläche [Kruste, Nagetierspuren] eingesammelt und pietätvoll be-
graben. Die Knochengruben bieten ein wichtiges Argument für die Identifizierung Kalk-
rieses mit der Örtlichkeit der Varusschlacht, da laut Schriftquellen Germanicus sechs
216 VARUSSCHLACHT — Das Projekt iii.iV Die Varusschlacht im film 217

Jahre nach der Schlacht eine Bestattungsaktion vorgenommen hat. Als Reenactement diese komplexen Entwicklungen abzubilden. Wenn aber andererseits in den Wertungen
ist dies so gut wie nie zu sehen. der Filmkommentare der engere Zeitrahmen des Ereignisses verlassen und in markigen
Ebenso selten wird die systematische Plünderung des Kampfplatzes nachgestellt, die Worten der Topos der »Entscheidungsschlacht«, des »Wendepunkts der Geschichte«, der
in den durch Kalkriese stimulierten theoretischen Überlegungen zur Schlachtfeldarchä- »ultimativen Trennung in Romanen und Germanen« gepflegt wird, dann fällt das Ver-
ologie eine große Rolle spielen. Regelmäßig ausgespart bleiben auch die Überlegungen, säumnis ins Gewicht. Dies umso mehr, als mit der Wendepunkt-These ein unheilvoller
unter welchen Umständen sich Funde und Befunde überhaupt erhalten können. So hat Topos verbunden wird, nämlich der von der »Rettung der Nation«. So behauptete Gott-
Kalkriese die Vorstellung korrigiert, »dass sich auf dem Schlachtfeld eine immense Men- lob Engelhaaf 1909: »Indem Arminius das römische Heer vernichtete, hat er unsere
ge an Skelettresten angesammelt haben müsste« [H.-P. und M. Uerpmann, 2007, 108]. Nationalität gerettet. Dass wir noch Deutsche sind, verdanken wir ihm« [V. Losemann,
Pflanzenwurzeln etwa beziehen Nährstoffe aus Knochen und zerstören sie, mitunter 1995, 421].
spurlos. Eine Reihe von Filmen spricht von einem Ereignis, das das Volk der Germanen als
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die meisten Filmbeiträge sich begnügen, die Ganzes betroffen hätte, und attestieren auch zeitlich weitreichende Nachwirkungen, gar
Informationen aus den Schriftquellen darzustellen, anstatt den einzig neuen Aspekt, bis zur Europäischen Einigung unserer Tage. Abgesehen davon, dass die Betonung un-
nämlich die Ergebnisse der Ausgrabungen – die Funde und Befunde in Kalkriese – an- gebrochener germanischer Identität von der Zeitenwende bis zu den heutigen Deutschen
gemessen zu präsentieren. Einzig The Lost Legions of Varus trennt beide Themen in zwei wissenschaftlich unhaltbar ist, ist auch die These vom allgemeinen Volksaufstand mit
gleichlange Filmteile auf. den antiken Quellen nicht zu belegen. Bestimmend für die ungebrochene Fixierung auf
nationalen Freiheitskampf und Volkserhebung sind unhistorische Vorstellungen des 19.
Jahrhunderts, denen zufolge in der Varusschlacht die »Deutsche Nation« sich zum ersten
Mal zeigte, sich geradezu konstituierte.
Die politische Bewertung Kein einziger [!] der Filme zur Varusschlacht erwähnt, dass zahlreiche Germanen-
stämme den Römern treu blieben, so etwa die Bataver, Friesen und Chauken, oder dass
Sämtliche Filme überschlagen sich geradezu, wenn es darum geht, die historische Be- Marbods Markomannen und ihre Klientel [u. a. Langobarden und Semnonen] sich neu-
deutung der Varusschlacht in Quintessenzen zu beschreiben: »Das wichtigste Ereignis tral verhielten. Die Spaltung in Römerfreunde und -feinde geht nicht nur quer durch
der deutschen Frühgeschichte« [C14, 1993], »Eine Schlacht, die auf Jahrhunderte die die Stämme, sondern auch durch die einzelnen Familien, wie in der des Arminius, wo
Zukunft Europas bestimmen sollte« [C14, 1998], »Hier entschied sich, dass die Nord- Bruder und Schwiegervater weiterhin zu Rom halten. Sie sind von den Impulsen der
lichter eben nicht so lebenslustig wie die Rheinländer in der Provinz Gallien sind.« [C14, römischen Kultur beeindruckt und erwarteten für ihren Einsatz in römischen Diens-
1992], »Gallien ist römisch, Germanien frei«, [Der Rhein ..., 1921]. Neben dem z. T. süf- ten Gewinn, Teilhabe und Integration. Das aber wird in kaum einem Film zur Varus-
fisanten oder auch offen nationalistischen Tonfall fällt auf, dass die Schlacht zu einem schlacht auch nur angesprochen!
»welthistorischen Ringen« zwischen Römern und Germanen hochstilisiert wird, ganz in Gänzlich ausgeklammert, das heißt unverfilmt, bleibt auch die Instabilität der ger-
der Tradition des 19. Jahrhunderts. Darin unterscheiden sich erstaunlicherweise die neu- manischen Gentilgesellschaft, die permanente Rivalität zwischen romfreundlichen und
eren Dokumentationen kein bisschen von den »vaterländischen« Filmen der 20er Jahre. romfeindlichen Adelsfraktionen, die Heraushebung und die Verführung der Stamme-
Die Position der Forschung formulierte vielleicht am deutlichsten Professor Nuber auf seliten durch den alles umgestaltenden Kultureinfluss Roms und die außerordentlichen
[Abb. 10] Der Landrat beteuert die »ein- dem Kongress »Rom, Germanien und die Ausgrabungen von Kalkriese«: »... dass diese Umwälzungen, die die germanische Gesellschaft in diesem »Kolonisationsprozess« erfuhr.
malige kulturhistorische und touristische Schlacht einen Wendepunkt in der europäischen Geschichte dargestellt hat, ist wissen- Die kulturelle Hegemonie der Römer bewirkte, dass Elemente der höher organisierten
Bedeutung«, aus: ›Varusschlacht im Osna- schaftlich nicht haltbar« [Varus-Kurier 1, 1997, 14]. Rainer Wiegels hat jüngst ein gan- Kultur in die niedriger organisierte eindrangen, sie durchsetzten und veränderten.
brücker Land‹ [D 2001]. zes Buch dieser Frage gewidmet und resümiert wie folgt: »Die Varusschlacht war kein Erstaunlicherweise finden sich Spuren davon lediglich in dem ansonsten uninspi-
›welthistorischer Wendepunkt‹. Ein schwere Schlappe: ja, und auch ein Rückschlag …« rierten Sandalenfilm Hermann der Cherusker, der beide Seiten gleich sympathisch
[R. Wiegels, 2007, 124]. zeichnet, gerade auch die sogenannten Kollaborateure, etwa in der Figur des Segestes.
Dahinter stehen Überlegungen folgender Art: Nicht durch die clades Variana, sondern Eine weitere wohltuende Ausnahme in dieser Beziehung stellt ein britischer Filmbei-
allenfalls durch seinen erfolgreichen Widerstand gegen die Feldzüge des Germanicus trag dar: Wie die Barbaren wirklich waren [2006]. Terry Jones, bekannt durch Monty
wurde Arminius zum »Befreier Germaniens«, wie ihn Tacitus im Rückblick apostro- Python, führt als süffisanter Gastgeber und Reiseleiter durch den Film. Seine ironisch
phierte [Callies 1995 b, 18–19]. Und: Kaiser Tiberius, der wohl profundeste Kenner andeutende Sprechweise mit bedeutungsvollen Blicken und Pausen, die burschikosen
der germanischen Verhältnisse, stoppte die verlustreichen Feldzüge des Germanicus mit Formulierungen und nicht zuletzt die unnachahmlich schräge Art sind typisch für die
guten Gründen. Durch persönliche Kenntnis hatte er sich von der geringen wirtschaft- humorvollen britischen Archäologie-Filme. Stets werden die skurrilen, merkwürdigen
lichen Erschließung des Landes, den ungünstigen Flussverläufen und dem unerschöpf- Seiten der Historie herausgestrichen und die Widersprüche betont [so der durch und
lichen Kriegerreservoir überzeugen können. . durch romanisierte »deutsche« Held Arminius].
Eine unmittelbar Bedrohung der römischen Interessen in Gallien ging von den Ger- Kaum ein Filmbeitrag zeigt die zahlreichen römischen Importfunde in den germa-
manen nach den Rachefeldzügen ohnehin nicht mehr aus. Die indirekte Kontrolle des nischen Gräbern der »Okkupationszeit«: römische Waffen und Alltagsgegenstände,
Vorfelds war deshalb völlig ausreichend, zumal sich die typische »innere Zwietracht« kampanische Bronzegefäße, Trinkgeschirrsätze, den Silberbecher von Hoby usw. Unab-
[Tacitus, Annalen II, 26] der Germanen nutzen oder gezielt schüren ließ. Eine über zwei hängig davon, ob man die Funde als Handelsgüter, Vertragsgeschenke oder Beutestücke
Jahrhunderte stabile, spätestens seit Domitian definitiv befriedete Rheingrenze gab die- interpretiert, künden sie doch von einer Mischkultur, die der Vorstellung einer ideal
ser Einschätzung recht. Bei den Cheruskern beispielsweise setzten die Römer im ersten gesetzten »reinen« Germanenkultur widerspricht. Doch vermischte Kulturen haben
Jahrhundert zweimal einheimische Klientelkönige ein [unter Claudius und Domitian]. auch heute noch einen schlechten Ruf, gelten als »bastardisiert«, »korrumpiert«, »syn-
Das aber nimmt dem oft beschworenen Antagonismus der Varuszeit einiges von seiner kretistisch«.
schicksalhaften Endgültigkeit [was kein einziger der Filme erwähnt!]. Die clades Varia- Es fehlen in den Filmbeiträgen systematisch Bilder vom friedlichen Handel zwischen
na ist also nur eine Etappe in der Abfolge voneinander abhängiger Entscheidungen der Römern und Germanen, Germanen in römischen Diensten oder gar Liebesbeziehungen
römischen Germanienpolitik. zwischen den Kulturen [angedeutet in: Das Vermächtnis der Cherusker]. Statt einer Sym-
Nun wird man von einem Film über die Varusschlacht zunächst nicht verlangen, all biose von Römern und Germanen setzt der Film lieber den Antagonismus Römer gegen
218 VARUSSCHLACHT — Das Projekt iii.iV Die Varusschlacht im film 219

Germanen in Szene. Hier wird ein antithetisches Denken konserviert und weitertra- Literatur R. Wiegels , Im Kampf mit den Germanen – Cohors I in
Kalkriese. In: Varus-Kurier 8, 2006, 1–3. ›The Lost Legions of Varus‹ – T. Bulley, GB 2001, 60’. UA:
diert: naturhafte Freiheit kontra hochkulturelle Zivilisation, [vermeintlich] selbst regu- G. A lföldi, Die Hilfstruppen in der römischen Provinz 5.10.2001, Channel 4.
lierte Gentilgesellschaft kontra rationale Ordnung. Germania inferior, 1968, 137. R. Wiegels , Die Varusschlacht. Wendepunkt der Geschichte?,
2007, 124. ›Sturm über Europa: Die Völkerwanderung, Teil 2: Varus-
Besonders deutlich wird das in den Waldgirmes-Exkursen mehrerer Filme, die anhand schlacht und Gotensaga‹ – C. Feyerabend, U. K ersken, D/F
A. Bowman, Life and Letters on the Roman Frontier, 1994,
der zerstörten Steinbauten und der prächtigen römischen Schmuckstücke beklagen, 22–24, 104–105. S. Wilbers-Rost, Der Hinterhalt gegen Varus, In: Die 2002, 51’. UA: 24.2.2002, Arte.
»welche kulturelle Blüte die barbarischen Germanen hier verhindert haben« [C14, 1998]. Kunde, 2003, 139.
R. Busch [Hrsg.], Rom an der Niederelbe, 1995. ›Die Sendung mit der Maus: Varus-Schlacht + Making Of‹ –
Auch The Lost Legions of Varus stößt mit einem geschickten Sprachbild in das gleiche S. Wilbers-Rost, In: Kalkriese 3, 2007, 86–87. A. M aiwald, D 2005, 25’ + 15’. UA: 30.1.2005, WDR.
Horn: Rom hatte die Germanen beinahe schon in das »Licht der Geschichte« gezogen, H. C allies , Bemerkungen zu Aussagen und Aussagehaltung
antiker Quellen und neuerer Literatur zur Varusschlacht D. Williams , Romans and Barbarians. Four Views from the ›Das Vermächtnis der Cherusker: Eine Zeitreise durch
als Arminius das Tau kappte und sie in »Prähistorie, Stammestum, Gesetzlosigkeit und und ihrer Lokalisierung. In: R. Wiegels , W. Woesler, Empire’s Edge 1st Century A.D., 1998, 109–110. die Geschichte Niedersachsens‹ – C. Spanik, D 2005, 90’.
Barbarei« zurückgleiten ließ. Der Aufstand wird hier interpretiert als »Selbstausschluss [Hrg.], Arminius und die Varusschlacht: Geschichte – My- Präsentation: R. Müller .
thos – Literatur, 1995, 175–183, = 1995 a. H. Wolfram, Die Germanen, 1995, 33.
der Befreiten aus der römisch-zivilisierten Sphäre« [D. Timpe, 1999, 726] und damit als ›Wie die Barbaren wirklich waren‹ – R. Coldstream,
ein kulturelles Defizit. H. Callies , Römer und Germanen im nördlichen Deutsch- V. Zedelius , P. Quinctilius Varus in Achulla. In: Bonner D. McNab , GB 2006, 120’. UA: 2006, Vox.
Darin aber zeigt sich eine teleologische Geschichtsauffassung, nämlich dass sich Kultur land. In: R. Busch, 1995, 15–23 [= 1995 b]. Jahrbücher 183, 1983, 473. Produktion: BBC & The History Cannel. Präsentation:
T. Jones .
zwangsläufig im Sinne der höher organisierten, kontinuierlich fortschreitenden Zivilisa- A. Demandt, Arminius und die frühgermanische Staaten-
tion entwickeln müsse. Nahezu alle Nachkriegsfilme verbreiten offen oder unterschwel- bildung. In: R. Wiegels , W. Woesler, 1995, 185–196. ›Die Germanen Teil 2: Die Varusschlacht‹ – J. Voelker,
S. Koester, S. Okroy, D 2007, 52’ [Arte-Fassung], 45’
lig die Ideologie von der »historischen Sendung des Abendlandes« [F. Schlette, 1974, 7]. U. Diekmann, Varus-Schlacht. Die Landschaft. [ARD Fassung]. UA: Juli 2007, Arte.
Dies ist verständlich als Abgrenzung von der Germanenideologie der NS-Zeit, ist aber In: Archäologie in Niedersachsen 3, 2000, 36.
letztlich auch eine Projektion – diesmal eine im Sinne des aktuell gültigen Wertekanons, Filmografie ›Der Schatz der Nibelungen, Teil 1: Auf den Spuren Sieg-
T. Fischer, Die Römer in Deutschland, 1999, 30. frieds‹ – J. Stumpfhaus , A. Meier, D 2007, 52’.
der sich auf die Europäische Einigung bezieht. Das Römische Reich erscheint als Vor- [in der Chronologie ihrer Entstehung] UA: 2007, Arte.
bild der Europäischen Gemeinschaft, mit gemeinsamen Währungsraum und Werteka- W. John, P. Quinctilius Varus. In: Pauly-Wissowa,
Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft 24, ›Teutoburger Wald‹ – Produktion: Naturfilm, D 1912, 8’. ›Der Nibelungen-Code, Teil 1: Deckname Siegfried‹ –
non. Eine solche Interpretation ist durchaus humanistisch, problematisch daran ist nur, 1963, 907–984. Stummfilm. G. Graffe, D 2007, 45’. UA: 2007, ZDF [Reihe: Terra X].
dass die Projektion nicht als solche thematisiert, sondern als Historie ausgegeben wird.
H. Jankuhn, In: Die Germania des Tacitus, 1967, 3. Auflage, ›Der Rhein in Vergangenheit und Gegenwart‹ – F. L ampe, ›Die Varusschlacht: Wie die Legionen untergingen‹ –
Das wird besonders deutlich, wenn gegen den Konsens der europäischen Zivilisation 110. Dr . Zürn, D 1921/22, 75’. Stummfilm. Uraufführung C L appe, D 2008, 43’. UA: 11.5.2008, Bayrisches Fern-
erneut eine abweichende Position bezogen wird. So sagen etwa die markigen Quintes- [UA]: 22.10.1922, Berlin, Tauentzien-Palast. sehen.
senzen in dem englischen Film The Lost Legions of Varus – bezüglich der durch Europa H. K esting, Der Befreier Arminius im Lichte der geschicht-
lichen Quellen und der wissenschaftlichen Forschung, 1984, ›Die Hermannsschlacht‹ – L. König, D 1922–24, 54’.
gehenden Kluft zwischen romanischer und germanischer Kultur – mehr über die skep- 16. Auflage, 26–27. Stummfilm. UA: 27.2.1924, Detmold, Landestheater-
tische Haltung der Briten gegenüber der Europäischen Union aus, als über die wirk- Lichtspiele.
H. Küster, Die Vegetation Niedersachsens in der Zeit um
lichen Verhältnisse zur Zeit der Varusschlacht. Christi Geburt. In: ebd. 31–33. ›Hermannslauf der Deutschen Turnerschaft‹ – Bild- und
The Lost Legions of Varus formuliert seine europakritische Position sowohl über den Filmstelle der Deutschen Turnerschaft, D 1925, 57’. Stumm- Dieser Artikel stellt die völlig neu bearbeitete Fassung eines
G. A. Lehmann, Das Ende der römischen Herrschaft über film. UA: 22.9.1925, Berlin, Landwehrkasino. Vortrags dar, den der Verfasser zusammen mit dem Archäolo-
Filmkommentar als auch mit Hilfe eines sprachmächtigen Interviewpartners, dem Sach- das »westelbische« Germanien: Von der Varus-Katastrophe gen T. Stern 2002 erarbeitet hatte.
buchautor Derek Williams. Dieser greift allerdings dubiose Positionen auf, die Arminius zur Abberufung des Germanicus Caesar 16/17 n. Chr. ›Ewiger Wald‹ – H. Springer, R. von Sonjewski-Jambowski,
In: R. Wiegels , W. Woesler, 1995, 123–142. D 1936, 88’. Tonfilm. UA: 16.6.1936, München, Ufa-
als Retter auch der englischen Sprache und Rasse betrachten, wie sie etwa Stuart-Wortley, Palast.
ein Oberst der britischen Besatzungsmacht, formulierte: »Hätte Arminius keinen Erfolg V. Losemann, Nationalsozialistische Interpretationen der
gehabt, so hätte unsere Insel nie den Namen England getragen, und dieses große eng- römisch-germanischen Auseinandersetzung. In: R. Wiegels , ›Die Entwicklung des römischen Imperiums‹ – Neuberger-
W. Woesler, 1995, 419–432. Film für RWU [Reichsstelle für Wissenschaft und Unterricht],
lische Volk, dessen Rasse und Sprache die Erde von einem Ende bis zum anderen über- D 1941, 24’. Stummfilm. Auch in der Nachkriegszeit als
zieht, wäre aufs äußerste bedroht gewesen.«. Dieser Autor wird wiederum auch in der W. Müller, Die Hermannsschlacht. In: W. Müller, B. Wie- FWU-Film noch Jahrzehnte lang im Verleih.
sener [Hrsg.], Schlachten und Stätten der Liebe, 1996, 49.
deutsch-nationalistischen Arminiusrezeption gerne zitiert, etwa bei Herman Kesting. ›Hermann der Cherusker: Die Schlacht im Teutoburger
J. R idé, Arminius in der Sicht der deutschen Reformatoren. Wald‹/›Il massacro della Foresta Nera‹ – F. Baldwin
In: R. Wiegels , W. Woesler, 1995, 239. [= F. Baldi], D/I 1965–76, 86’. Kommentar: Werner
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass in den meisten Filmen und insbesondere bei den Dahlheim. Sprecher: Erich Schellow. UA: 3.2.1977,
Wertungen immer noch Positionen des 19. Jahrhunderts vorherrschen und weitertradiert F. Schlette, Germanen zwischen Thorsberg und Ravenna, Detmold, Residenz-Theater, UA in Italien: 20.5.1982,
1974, 7.
werden. Die quellenkritischen, komplexen Ergebnisse der jüngeren Römer-Germanen- 92’-Fassung.

Forschung sind bisher weder in die Spielfilme, noch in die populärwissenschaftlichen W. Schlüter, R. Wiegels [Hrsg.], Rom, Germanien und die ›C 14: Vorstoß in die Vergangenheit‹ – G. Graichen,
Ausgrabungen von Kalkriese 1999.
Geschichtsfilme eingezogen. Der Film ist lange nicht so geschmeidig wie das Printmedi- R. K nobel-Ulrich, D 1992, 6‘. UA: 1.3.1992, ZDF.
um, um komplexe, mit Einschränkungen und Differenzierungen versehene Verhältnisse D. Timpe, Arminius-Studien, 1970. ›C 14: Archäologische Entdeckungen in Deutschland [Varus
darzustellen. Das rührt auch an sein grundsätzliches Problem: Der Film hat »keine Zeit« D. Timpe, Germanen. In: Reallexikon der Germanischen
auf Abwegen]‹ – G. Graichen, B. Steinhardt, D 1993,
8’22’’. UA: 21.11.1993, ZDF.
für ausführliche Erörterungen, und deshalb fordert er der Geschichtsforschung stets Altertumskunde 11, 1998, 181–245; zitiert nach: Die
kompakte, zuweilen auch schematische Essenzen ab. Es ist jedoch auf der anderen Seite Germanen. Studienausgabe, 1998, 2–65.
›Die Hermannsschlacht‹ – C. Deckert, H. K iesel ,
auch notwendig, dass Historiker und Archäologen Verständnis entwickeln für die im D. Timpe, Die Schlacht im Teutoburger Wald: Geschichte,
C. Köster, S. Mischer, C Völker, D 1995, 70’.
UA: 4.5.1995, Düsseldorf.
Filmmedium nötige Klarheit, Visualität und Dramatik, und so mithelfen, Lösungen Tradition, Mythos. In: W. Schlüter, R. Wiegels , 1999,
717–737.
zu entwickeln. Käme es zu einem fruchtbaren Dialog zwischen Archäologie und Film, ›Talk op platt: Ut Bramsche, Osnabrücker Land‹– D 1996,
10‘. UA: 7.9.1996, NDR.
dann könnte es gelingen, aus dem Schatten der immer noch nachwirkenden nationalen H.-P. und M. Uerpmann. In: Kalkriese 3, 2007, 108.
Bilder des 19. Jahrhunderts herausrücken. Man muss einfach mit kleinen Änderungen C. M. Wells, The German Policy of Augustus, 1973, 156, 249. ›C 14: Schatzjäger in Deutschland [Die Varusschlacht]‹ –
G. Graichen, I. Helm, D 1998, 11’40’’. UA: 3.1.1999.
anfangen! Denn steht die Sonne tief, dann werfen auch Zwerge lange Schatten.
R. Wiegels , W. Woesler [Hrsg.], Arminius und die Varus-
schlacht: Geschichte – Mythos – Literatur, 1995. ›Das Römische Heer: Mutter der Armeen‹ – T. Bulley, USA/
GB 2000, 45’. UA: 29.11.2000, ZDF.
R. Wiegels , Kalkriese und die literarische Überlieferung zur
clades Variana. In: W. Schlüter, R. Wiegels , 1999, ›Varusschlacht im Osnabrücker Land‹ – F. M ann, D 2001,
637–674. 13’. UA: Frühjahr 2001, Kalkriese.