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thomas tode

iii.iV

Große ereignisse werfen lange schatten:

Die VarUsscHLacHt iM FiLM

»Noch immer geht der Schatten des Varus um und

nimmt an den Enkeln des Arminius fürchterliche Rache«

[F. koepp, Varusschlacht und aliso, 1940, 19].

Mit der spöttischen Bemerkung des archäologen

Friedrich koepp über die patriotischen Bemühungen der

[oft selbsternannten] Heimatforscher um die Lokalisierung

der Varusschlacht ist bereits die Grundfrage dieses

Beitrags formuliert: Welches Geschichtsbild vermittelt das

abbildende Medium Film von der Varusschlacht?

Untersucht wurden spielfilme und Fernsehdokumentationen

aus den jahren 1912 bis 2008. Für die hierzulande vielfach

nationalistisch belastete Darstellung der Varusschlacht gilt

mehr noch als für andere themen: Das Nichtverfilmte

kritisiert das Verfilmte! Neben einer Bestandsaufnahme der

vorhandenen Bilder ist es auch notwendig, eine art Land-

karte weißer stellen aufzunehmen, die vom Film [bisher]

noch nicht erkundet wurden. Gezeigt werden soll,

welche aspekte der historischen und archäologischen

Forschung für die Darstellung im Film ausgewählt wurden

und welche unverfilmt geblieben sind.

[Abb. 1] Parodie des Klischeegermanen: Fellkleidung & Hörnerhelm, aus: ›Die Hermannschlacht‹ [D 1995].

VARUSSCHLACHT Das Projekt

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Protagonist arminius

VARUSSCHLACHT Das Projekt

Nahezu alle jüngeren Fernseh-Dokumentationen stellen in Übereinstimmung mit der Forschung den germanischen Fürstensohn Arminius in römischer Rüstung als Füh- rer einer römischen Hilfstruppe vor. Bereits der Sandalenfilm Hermann der Cherusker [1965/76, weitere Daten am Textende] zeigte durch die äußere Erscheinung die fort- geschrittene Romanisierung des Protagonisten an: Bei einer Ehrung in Rom erscheint Arminius in römischer Offiziersmontur, während der gleichzeitig ausgezeichnete Mar- komannenfürst Marbod germanisch-tümelnde Fellkleidung trägt.

Auch wenn ein Aufenthalt in Rom für den historischen Arminius nicht ausdrücklich überliefert ist, wird er doch von der althistorischen Forschung nicht ausgeschlossen – in Analogie zu dem von Strabon [7, 1, 3] bezeugten Fall des Marbod. Unterworfene und befreundete Germanenstämme mussten den Römern die Kinder ihrer Stammesführung als Geiseln stellen, eingehend behandelt in Die Sendung mit der Maus: Varus-Schlacht [2004] und Die Germanen Teil 2: Die Varusschlacht [2007]. Die Römer werteten dies auf Münzen auch propagandistisch aus: Ein Germane überreicht dem erhöht sitzenden Augustus ein Kind. Manche von ihnen wurden in der von Augustus auf dem Palatin eingerichteten »Fürstenschule« erzogen, um später als Motor der Romanisierung zu ih- ren Stämmen zurückzukehren. In der Tat gehört Arminius zu der von den Römern begünstigten Adelsfraktion im Cheruskerstamm. Er diente im römischen Heer, laut Tacitus [Annalen 2, 10, 3] als »Führer seiner Stammesgenossen«, besaß das römische Bürgerrecht und außerdem den Rang eines römischen Ritters. Arminius pflegte vertrauten Umgang mit Varus und galt als »unablässiger Begleiter« im vorangegangenen römischen Feldzug [Velleius, 2, 118, 2], wohl in Germanien der Jahre 4–6 oder in Pannonien der Jahre 7–8. Diese durch die antiken Quellen belegten Informationen konterkariert der deutsch- nationale Spielfilm von 1924 Die Hermannsschlacht. Auch hier hält sich Arminius in Rom auf, doch als Geisel wider Willen. Er trägt als Zeichen seiner Verbundenheit mit der Heimat germanische Fellkleidung und steht abseits der zechenden, nur scheinbar befreundeten Römer. Selbst auf dem Höhepunkt des Festes beschäftigt ihn innerlich nur ein Gedanke: »Wann werde ich frei sein?« Die Beziehung zwischen Römern und Germanen wird hier als unlösbarer Antagonismus beschrieben. Der Persiflagefilm Die Hermannsschlacht von 1996, gedreht von Detmolder Kunst- studenten, nimmt die germanisch-tümelnde Fellkleidung wieder auf, treibt sie aber mit einem riesigen Hörnerhelm parodistisch auf die Spitze [Abb. 1]. Im Stile einer Live- Übertragung spricht der Protagonist direkt in die Kamera: »Hallo! Ich bin Hermann der Cheruskerfürst!« Es folgen die auf »Asterix« anspielenden Worte: »Wir befinden uns im Jahre 9 n. Chr.« Kleidung und Dialoge sind bewusst als Travestie angelegt, als spötteln- de, komisch-satirische Umbildung, wobei der Inhalt in gezielt unpassender, lächerlicher Form dargeboten wird. Lediglich drei der untersuchten Filme verweisen darauf, dass der germanische Name des Arminius gar nicht bekannt ist! Die Eindeutschung als »Hermann« erfolgte erst im 16. Jahrhundert durch Johannes Aventinus, Martin Luther und den Kreis der deutschen Reformatoren. Diese interessierten sich für das historische Geschehen, da sie darin ih- ren eigenen Kampf gegen die Römische Kirche gespiegelt sahen. Bei der Frage, wie viel historische Wahrheit im Nibelungen-Epos stecke, verweisen jüngere Dokumenta- tionen wie Der Schatz der Nibelungen, Teil 1: Auf den Spuren Siegfrieds [2007] und Der Nibelungen-Code, Teil 1: Deckname Siegfried [2007] regelmäßig auf Arminius. Auch die jüngere althistorische Forschung schließt nicht völlig aus, dass sein germanischer Name eventuell Siegfried gelautet hat, da die Namen vieler seiner Verwandten mit dem Namensbestandteil Segi- [= Sieg] beginnen. Der historische Arminius besaß mehrere Identitäten gleichzeitig: germanischer Für- stensohn, römischer Bürger und Ritter, Führer römischer Hilfstruppen, Angehöriger eines Stammes, Anführer eines Aufstandes. Spielfilme und auch die Reenactment-In- szenierungen nehmen Versatzstücke davon auf und setzen sie oft plakativ in Hand- lungen um. Statt eine komplexe widersprüchliche Persönlichkeit zu entwerfen, erscheint

iii.iV Die VarUsscHLacHt iM FiLM

Arminius aber entweder [in der vaterländischen Version] als Freiheitsheld und militä- risches Genie oder [in der römisch orientierten Sichtweise] als Opportunist und Verräter gegen Rom. Tatsächlich ist den antiken Quellen über die Motivation von Arminius’ Handeln kaum etwas Konkretes zu entnehmen. Die Leerstelle füllen die römischen Schriftsteller wie die Filmemacher regelmäßig mit einem beliebten Topos: dem Kampf um die Freiheit. »In der Regel genügte den Autoren die billige Erklärung, dass die treulosen Barbaren das unwillig ertragene Joch römischer Disziplin abwarfen, um zu ihrer ererbten Lebens- weise zurückzukehren« [D. Timpe 1999, 720]. Das den Aufständischen zugeschriebene Freiheitsstreben hat aber beispielsweise bei Tacitus mehr mit dessen eigener Opposition zum Prinzipat zu tun, als mit den wahren Motiven halbromanisierter Stammeseliten. Einzig ein Film, Die Varusschlacht: Wie die Legionen untergingen [2008], deutet mit der Betonung von Arminius’ Ehrgeiz ein anderes Motiv für den Aufstand an: Er habe nach dem Vorbild Marbods eine außerordentliche, königsgleiche Machtposition über einen Stammesbund angestrebt, das typisch germanische Heerkönigtum, das auf Kriegsruhm beruht.

Protagonist Varus

Während die Informationen zur Person des Arminius allein auf den antiken Schriftquel- len beruhen, ziehen einige Filme für Publius Quintilius Varus eine weitere archäologische Quellengattung heran: Münzen mit dem Gegenstempel VAR für Varus. Ihr Anteil unter den Münzfunden von Kalkriese ist für die Datierung des Platzes von entscheidender Bedeutung. Der Gegenstempel erweckt eine fast physische Präsenz am Grabungsort und stellt uns Varus zugleich als versierten Finanzmann vor. Seltsamerweise lassen die meisten Dokumentationen die Varus-Münzen aus Achulla in Nordafrika außer Acht. Sie zeigen ein Portrait des Varus und bieten dem Zuschauer somit eine zeitgenössische Illustration, wenn auch die Forschung eine echte Porträthaftigkeit bestreitet. In The Lost Legions of Varus [2001] reitet der General in Prunkrüstung gravitätisch auf die Kamera zu, begleitet von getragener Orchestermusik. Der Zuschauer blickt in das ernste Gesicht eines reifen Mannes. Bei solchen Reenactment-Szenen erfolgt die eigent- liche Charakterisierung der Figur stets durch den Kommentar beziehungsweise durch interviewte Experten. Hier charakterisiert der Sachbuchautor Derek Williams den Va- rus als Juristen und Karrieristen, der sich grausam und gierig in Germanien bereichern wollte, aber militärisch eine Null und ein Versager gewesen sei. Williams markige Einschätzung basiert im Wesentlichen auf Velleius, der Varus zum alleinigen Sündenbock für das militärische Desaster stempelte. Velleius jedoch stellt le- diglich eine Station einer »nur teilweise erkennbaren, aber vorraussetzungsreichen und komplizierten Traditionsbildung« dar [D. Timpe 1999, 718]. Während die unmittel- bar nach der Schlacht schreibenden Autoren [Ovid, Manilius] vor allem den Verrat der treulosen Germanen und das ungnädige Schicksal verantwortlich machen, beschuldigt Velleius den Varus erst zwei Jahrzehnte später, unter dem Eindruck der Verurteilung von Varus’ Gattin und Sohn in den von Sejan angestifteten Prozessen der Jahre 26 und 27 [Tacitus, Annalen IV, 52 und 66]. Man hat daher in Velleius gar einen Parteigänger Sejans vermutet. Der Vorwurf der militärischen Unfähigkeit lässt sich aber nicht halten, da Varus zu- vor Syrien und Judäa erfolgreich beruhigt hatte, eine der schwierigsten Provinzen im Reich [treffend akzentuiert in Die Germanen Teil 2: Die Varusschlacht]. Zudem galten die Germanen bei den Römern als besonders loyale und verlässliche Streitkräfte, die bedenkenlos als Söldner und auch als Leibgarde des Kaisers eingesetzt werden konnten [zurecht betont in Wie die Barbaren wirklich waren, 2006]. Doch solch komplexe, nur mit Einschränkungen und Differenzierungen darzustellenden Sachverhalte kann das Medium Film lange nicht so gut in Szene setzen wie die übersichtliche Sündenbockthe- orie mit nur einem Schuldigen. Am schwersten wiegt der Vorwurf der Fahrlässigkeit des Varus angesichts der durch

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Segestes bereits angezeigten Verschwörung. Zurecht hat man in der Forschung darauf hingewiesen, dass Varus berücksichtigen musste, dass Arminius seine römische Karriere und Stellung dem Tiberius persönlich verdankte. Ohne handfeste Beweise durfte er ge- gen den Günstling des Thronfolgers nicht vorgehen. Zudem waren die Römer gewohnt, dass untereinander verfeindete Adelsfraktionen mit gegenseitigen Denunziationen vor- stellig wurden [so treffend dargestellt in: Die Varusschlacht: Wie die Legionen untergin- gen]. Sie griffen daher solange nicht ein, bis ein offener Abfall von Rom vorlag. Gaius Juius Caesar geriet im Gallischen Krieg zweimal in ähnliche Situationen und hat ebenfalls nichts gegen die der Verschwörung bezichtigten Häduer-Fürsten unter- nommen, obwohl er ausdrücklich gewarnt worden war. Seine Tatenlosigkeit stellte sich zwar als Fehlentscheidung heraus, doch rechtfertigte Caesar sie mit der zentralen Rolle, die diese seit langem mit Rom befreundeten Häduer im System gallischer Klientel ein- nahmen: Zwangsmaßnahmen gegen die Führungselite oder offen gezeigte Ängstlich- keit hätten die Verhältnisse nur noch weiter eskalieren lassen [Bellum Gallicum V, 7, 1 und VII, 54, 2]. Dieselbe zentrale Stammesposition nehmen aber in Germanien die Cherusker ein, und man hat daher auch treffend von der »Häduerrolle der Cherusker« gesprochen. Dass Caesar und Varus so unterschiedlich wahrgenommen werden, liegt sicherlich auch daran, dass Caesar siegreich davongekommen ist, während Varus Leben und Truppe verloren hat.

Das nationaldeutsche Filmepos Die Hermannsschlacht [1924] malt für seine Darstellung des Varus die literarischen Zuspitzungen des Florus aus, der ihn als gierig, grausam und hochmütig beschreibt. Im Film schlägt sich das im verschlagenen Blick nieder und in sadistischen Befehlen zu Folterungen, Vieh- und Frauenraub. Die Demütigung der Germanen erscheint hier als Laune des selbstherrlichen Provinzgouverneurs und nicht als Konsequenz einer Politik. Es ist aber die von Augustus angeordnete Politik einer forcierten Provinzialisierung Germaniens, die hier eine Rolle spielte. Florus bescheinigt [II, 31–32; 36], dass nach der Schlacht vor allem die römischen Beamten und Juristen gemartert wurden, und legt damit nahe, dass die Einführung beziehungsweise »Durch- organisation« [Callies, 1995 b, 17] der Steuertribute und die konsequente Anwendung römischer Rechtsbräuche letztlich die Germanen in den Aufruhr trieben. In einer skurrilen, im Archäologischen Park Xanten gedrehten Szene unterlaufen die Autoren der satirischen Hermannsschlacht [1995] das tradierte Bild des Varus: Der sonst so souveräne und herrische Stadthalter erscheint hier nackt im öffentlichen Bad. Der dort geführte Dialog mit seinen Nachbarn bestätigt allerdings das durch Velleius ge- prägte Bild des geldgierigen Gouverneurs, das aber in der Forschung als Überspitzung gilt, da andere kenntnisreiche Autoren wie Josephus davon nichts erwähnen. Die wohl sympathischste Charakteri- sierung des Varus zeichnet die italienisch- deutsche Koproduktion Hermann der Cherusker [1965/76]. Hemdsärmelig und umgänglich begrüßt Varus, hinter einem modern anmutenden Schreibtisch sitzend, den kollaborierenden Germanenfürsten Segestes. Dessen Warnungen vor den Ei- nigkeitsbestrebungen der Germanen amü- sieren ihn nur. Diese Sorglosigkeit [Abb. 2] entspringt den antiken Quellen [Velleius, 2, 117–119; Florus, 2, 30], wird hier jedoch nicht als Fahrlässigkeit, sondern positiv konnotiert. Dieser Varus ist weder grausam noch überheblich, sondern der liebenswür- dige, umgängliche Gastgeber, ein Freund der Germanen. Eine Darstellung, die vielleicht die Zielgruppen der italienisch- deutschen Produktion berücksichtigt.

[Abb. 2] Varus stets an der Spitze, aus:

›Hermann der Cherusker: Die Schlacht im Teutoburger Wald‹ [D/I 1965–76].

Die Schlacht im Teutoburger Wald‹ [D/I 1965–76]. iii.iV Die VarUsscHLacHt iM FiLM 209 Protagonist Wald

iii.iV Die VarUsscHLacHt iM FiLM

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Protagonist Wald

Überraschenderweise lässt sich in den Filmen noch ein dritter bedeutender Protagonist der Schlacht entdecken: nämlich der Wald [Abb. 3]. In nahezu allen Filmwerken spielt er für den Untergang des römischen Heeres eine prominente Rolle. Die Bilder und Kom- mentare nehmen dabei ganz die Perspektive der Römer auf die germanischen Wälder ein. Es wird von »Unwegsamkeit«, »Undurchdringlichkeit« und von der Ermöglichung der »Guerillataktik« gesprochen. Man zeigt stets auch bedrohlich schwankende Bäume, so dass sich der Eindruck einstellt, die Natur habe sich gegen die Römer verschworen. Der Nazi-Film Ewiger Wald [1936] propagiert den Gedanken einer sich wehrenden Natur am deutlichsten. »Was sucht ihr im Wald?«, ruft der Erzähler den in das Gehölz marschierenden römischen Standarten zu. »Wer fremd Deinem Boden, Wald, Deiner Art, dem bleibt nicht erspart unsagbares Leid.« Der Wald erscheint als Protagonist, als zentrale, selbstständig handelnde Figur. Die germanischen Krieger sind hier nur na- turhafte Helfer, geradezu Werkzeuge, die das vorgebliche Verbrechen gegen die Natur sühnen, das da heißt: »artfremd« zu sein! Auch die britischen Filmbeiträge pflegen gerne das Klischee der riesigen germanischen Wälder. Hier zeigt sich, wie leicht gerade die Natur zur Projektionsfläche wird. In Lost Legions of Varus kommt es zu einer regelrechten Re-Mythologisierung des Waldes. Die in majestätischen Flugaufnahmen gefilmten endlosen Wälder werden Teil einer gigan- tischen Orchestrierung, in der kein Platz für den Menschen und seine Ansiedlungen ist. Darin zeigt sich auch ein den Germanen zugeschriebenes antizivilisatorisches Element. Die Bilder unterstellen, dass die Germanen die unberührte wilde Natur als Lebensraum nutzen, dass der Wald genuin zu ihrer Lebensweise gehört.

Diese in der Tradition der antiken Quellen entworfenen Bilder hat die Siedlungs- und archäobotanische Forschung schon seit längerem widerlegt. Man hat sich die damalige Flora so vorzustellen, dass »größere, lichter bewaldete Siedlungsgebiete mit dichter bei- einander liegenden waldfreien Siedlungsinseln durch Ödmarkengrenzen urwaldartigen Charakters voneinander getrennt waren« [H. Jankuhn, 1967, 110]. Die antiken Autoren übertreiben also die Walddichte Germaniens, sie verbreiten einen gängigen Topos über den Norden. Für Kalkriese etwa haben die Pollenanalysen ergeben, dass die Gegend zu Beginn der Zeitrechnung mit Offenlandflächen durchsetzt war: »Die Landschaft am Nordrand des

Wiehengebirges ist schon seit der Jungsteinzeit [

besiedelt gewesen und unterlag schon seit 6500 Jahren dem menschlichen Einfluss!« [U. Diekmann, 2000, 36].

Auch bei dem Weg entlang des Wiehen- gebirges handelt es sich um eine seit der Latène-Zeit durchaus bekannte, viel be- gangene Handelsroute. Die antiken Quel- len wollen uns allerdings vermitteln, dass das Varus-Heer nicht auf einer bekannten Etappenstraße zugrunde ging, sondern in einem unbekannten Terrain, einem Wald- gebirge namens Teutoburger Wald. Auch von Sumpf und schlechtem Wetter ist die Rede. Die Althistoriker vermuten, dass dies vor allem eine Schutzbehauptung der römischen Seite ist, um die Niederlage zu erklären und das Heer von Schuld rein zu waschen. Für die Darstellung im Film ist festzuhalten, dass die Regisseure ger- ne den Wald-Topos der antiken Quellen aufgreifen und ihn mit Genuss in Szene setzten, da er ein großes dramaturgisches Potential bietet und nicht zu letzt bildge- waltig ist.

[Abb. 3] Monströser Protagonist:

der germanische Wald, aus: ›Hermann der Cherusker: Die Schlacht im Teutoburger Wald‹ [D/I 1965-76].

]

mehr oder weniger kontinuierlich

Wald, aus: ›Hermann der Cherusker: Die Schlacht im Teutoburger Wald‹ [D/I 1965-76]. ] mehr oder weniger

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VARUSSCHLACHT Das Projekt

Die Darstellung der kampfszenen

Die Kampfszenen werden auffällig häufig mit symbolischen Bildern »gekrönt« – wie um den Handlungen einen Gehalt zu geben, der über das Gezeigte hinausweist. So ver- sinkt in Ewiger Wald die römische Adlerstandarte vollständig und auf immer im Moor [Abb. 4], um in Germanien wieder Ruhe und Vogelgezwitscher einkehren zu lassen. Die archäologisch ausgerichteten Dokumentationen ersetzen das Adler-Motiv durch den in Kalkriese gefundenen Maskenhelm. Diese Gesichtsmaske wird entweder theatralisch in Zeitlupe ins Gras geschleudert, liegt im verzehrenden Feuer, oder blutet aus den Poren [sic!]. Solche Bilder für geschlagenes Kriegertum sollen pathetisch suggerieren, dass es sich nicht um ein belangloses Scharmützel handelt, sondern dass hier lange nachwir- kende »welthistorische« Ereignisse geschehen seien. Auch der Kulturfilm Der Rhein in Vergangenheit und Gegenwart, 1921, kurz nach dem verlorenen Weltkrieg entstanden, zielt auf Symbolisches, als er in einer Animations- sequenz den auf das rechte Rheinufer vordringenden Namenszug »Quintilius Varus« durch Schwerter umzingeln und spurlos auslöschen lässt. In ähnlicher Weise sind die Kampfszenen von Leo Königs Die Hermannsschlacht aus dem Jahr 1924 als Antwort auf das sogenannte »Versailler Schanddiktat« zu verstehen: Im Steinbruch jagen die Germa- nen die vorbeiziehenden Römerkolonnen mit Gerölllawinen auseinander, steinigen sie regelrecht, treiben auch die bereits Fliehenden gnadenlos vor sich her. Es ist der Film eines Revisionisten, der nach verlorenem Krieg und Ruhrbesetzung noch einmal eine Schlacht gegen die »Welschen« schlägt, die diesmal gewonnen wird! Die Varusschlacht als Projektion, als Wiedergutmachung und Ungeschehenmachen einer als traumatisch empfundenen Niederlage. Die martialischen Zwischentitel, das chauvinistische Pro- grammheft und nicht zuletzt die Rezensionen lassen keinen Zweifel, dass die geschicht- liche Parallele von den Zeitgenossen erkannt und begrüßt wurde, ganz nach dem Mot- to des Films: »Ehrenhaftes Deutschtum setzte sich gegen unehrenhaftes Gesindel zur Wehr« [W. Müller, 1996, 49]. In dem Nazi-Film Ewiger Wald erhebt sich gar die gesamte Naturgewalt gegen die römischen Eindringlinge: Sturzregen setzt ein, Gewitterblitze, Donnerschläge und um- stürzende Baumriesen kommen auf sie nieder, vernichten die »artfremden« Ruhestörer. Aber auch neuere Filme – wie z. B. Das römische Heer aus dem Jahr 2000 – sind durch ihre Entstehungszeit geprägt: Mit Blättern getarnte Germanen tauchen aus dem Wald- boden auf, vom Untergrund nicht zu unterscheiden. Bilder, die Propagandaaufnahmen vietnamesischer Guerillakämpfer paraphrasieren [beispielsweise aus dem Kollektivfilm Loin de Vietnam, 1967].

Sämtliche jüngeren Dokumentationen verwenden zur Darstellung der Kämpfe Reenactment-Gruppen, also Freizeitver- einigungen, die – inspiriert durch die ex- perimentelle Archäologie – authentische Kleidung, Bewaffnung und Ausrüstung herstellen, tragen und demonstrieren. Reenactors sind aber keine professio- nellen Schauspieler und daher wirken die mit ihnen besetzten Filmszenen allzu oft ungelenk und naiv und durch den grundsätzlichen Mangel an ausreichender Komparserie stets wie »Sandalenfilme für Arme«. Natürlich wissen die Regisseure um diese Mängel und bemühen sich zuwei- len um Abstraktion: Sturm über Europa – Die Völkerwanderung [2002] färbt das Morden blau ein, Varusschlacht im Osna- brücker Land [2001] zeigt das Gemetzel in Zeitlupe, umsäumt vom roten Feuerrand

[Abb. 4] Versinkender Adler, Zeichen für ein lange nachwirkendes »welthistorisches« Ereignis, aus: ›Ewiger Wald‹ [D 1936].

Ereignis, aus: ›Ewiger Wald‹ [D 1936]. iii.iV Die VarUsscHLacHt iM FiLM und unterlegt mit

iii.iV Die VarUsscHLacHt iM FiLM

und unterlegt mit pathetischem Chorgesang. Aber das Vorbild der Hollywoodfilme lässt sich bei diesen szenischen Inszenierungen nicht aus der Vorstellung verbannen, und der Vergleich fällt stets zum Nachteil der Billigprodukte aus. Größere Distanz erreicht da ein C14-Beitrag, der das Miniaturmodell der Kalkrieser Dauerausstellung mit Kamera- fahrten erschließt und so auch Dinge zeigen kann, auf die andere meist verzichten: den römischen Tross und den von Germanen erbauten Grasssodenwall. Auch The Lost Legions of Varus wählt den Weg der Abstraktion und Distanz, indem er eher »Erinnerungsbilder« an das Schlachtgeschehen zeigt. Es erscheint nur bruchstück- haft, verwischt, durch Reißschwenks gekennzeichnet, mit eingeschnittenen, grobkör- nigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen durchsetzt, die an Archivbilder erinnern. Dazu eine Ton-Collage aus isolierten Schreien und einem stilisierten Schwertklingengeräusch. Die Umrisse der eigentlichen Schlacht lösen sich auf und werden so als Trauma erfahrbar. Eine andere Art der Verfremdung gelingt den Autoren des Films Die Hermannsschlacht aus den 1990er Jahren, indem sie verschiedene Zeitebenen ineinander schieben: Wäh- rend im Hintergrund Römer und Germanen sich gegenseitig abstechen [Abb. 5 a–d], schreiten zwei Verfasser einer »Hermannsschlacht« im 19. Jahrhundert, der stutzerhafte Heinrich v. Kleist und der angetrunkene Christian Dietrich Grabbe, disputierend übers Schlachtfeld [mit ähnlichen Anachronismen arbeitet auch Das Vermächtnis der Cherus- ker, 2005]. Diese gezielt zeitwidrige Kombination verhindert eine Identifikation mit dem martialischen Kampfgeschehen.

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Identifikation mit dem martialischen Kampfgeschehen. 211 [Abb. 5 a–d, von oben] Parodie des Schlachtgeschehens:
Identifikation mit dem martialischen Kampfgeschehen. 211 [Abb. 5 a–d, von oben] Parodie des Schlachtgeschehens:
Identifikation mit dem martialischen Kampfgeschehen. 211 [Abb. 5 a–d, von oben] Parodie des Schlachtgeschehens:

[Abb. 5 a–d, von oben] Parodie des Schlachtgeschehens: Germanen bekämpfen eine Römer mithilfe einer Ramme, aus:

›Die Hermannsschlacht‹ [D 1995].

des Schlachtgeschehens: Germanen bekämpfen eine Römer mithilfe einer Ramme, aus: ›Die Hermannsschlacht‹ [D 1995].

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VARUSSCHLACHT Das Projekt

Gibt es eine Perspektive der opfer?

Die Schlacht ist geschlagen. Das Krächzen einiger Krähen in The Lost Legions of Varus unterstreicht die Grabesstille noch. Halbnackte, an Indianer erinnernde Germanen zie- hen plündernd von Leichnam zu Leichnam, durchsuchen die römischen Opfer nach Beute. Plünderung und Leichenfledderei ist zwar zu allen Zeiten gängige Praxis der Sieger nach erfolgreichem Kampf, doch nur selten filmisch thematisiert. Daher ist ge- rade diese Szene geeignet, Mitgefühl mit den Opfern zu erzeugen. Sie vermittelt den Zuschauern eine Ahnung von dem Grauen, das sich hinter der Varusschlacht verbirgt. Eine weitere Möglichkeit, die Opfer der Schlacht angemessen zu berücksichtigen, bie- tet die Darstellung aus der Perspektive des Germanicus, der während seines Feldzugs im Jahr 15 das Schlachtfeld aufgesucht hatte und die Toten begraben ließ [Tacitus, Annalen 1, 61]. In The Lost Legions of Varus nähern sich römische Reiter behutsam dem Schlacht- feld im Wald. Die Pferde scheuen. Der Boden ist mit Knochen und Skeletten übersät. Schädel sind an Bäume geheftet [Abb. 6]. Der Anblick des Schreckens steigert sich noch durch fahle Beleuchtung, fahrige Kameraführung, unheimliche Geräusche und span- nungstreibende Musik. Die gespenstische Inszenierung und der Kommentar entwerfen das Bild eines Kampfes, in dem die Legionäre gnadenlos und brutal durch »eine Horde Wilder« abgeschlachtet wurden. In Das römische Heer [von demselben Regisseur wie The Lost Legions of Varus] findet sich dieselbe Begräbnis-Episode. Hier bringt neben den Knochen eine lederartig mumi- fizierte Leiche den Zuschauer zum Schaudern. Im Hintergrund sammeln Soldaten die Skelettteile ein und bestatten sie pietätvoll in Gruben, während der Kommentar von ihren Gefühlen dabei berichtet. Die Darstellung der Trauer führt dem Zuschauer vor Augen, welch menschliches Leid mit der Varusschlacht verbunden war. Erstmals bemü- hen sich diese beiden englischen Filme um eine Berücksichtigung der Opfer, während die meisten Filmbeiträge das Abschlachten nur als heroischen Akt zeigen. Die geschickt gewählte Sicht der Germanicus-Truppen erlaubt es dem Zuschauer, sich in die Opfer und Hinterbliebenen hineinzuversetzen und Empathie zu entwickeln. Erheblich schwieriger ist dies in den archäologisch orientierten Dokumentationen zu erreichen. In einem C14-Beitrag [1998] greift ein Wissenschaftler im weißen Kittel aus Funden eine Schädelkalotte heraus und beschreibt die Entstehung einer scharfen Kante durch einen Schwert- oder Axthieb. Zum besseren Verständnis fährt er die Kante mit dem Finger ab. Leider ist die aseptische Atmosphäre des Raumes und der Ton des Fach- gutachtens nicht dazu geeignet, beim Zuschauer Mitgefühl zu erzeugen. Das Opfer ist hier zum namenlosen archäologischen Fundgut geworden. Tacitus, Sueton, Florus und Manilius geben die Verluste pauschal mit drei Le- gionen an, während Velleius [2, 117, 1] von drei Legionen, drei Reitereinheiten und sechs Kohorten der Hilfstruppen berichtet. Man könnte meinen, dass die kolportierten Opferzahlen eine weitere Möglichkeit bieten, Leid zu thematisie- ren. Aber weit gefehlt. Die römischen Verluste werden in den Filmkommen- taren stets in Größenordnungen zwi- schen 18 000 bis 30 000 beziffert. Diese Hochrechnungen basieren auf den ma- ximalen Mannschaftsstärken und die- nen augenscheinlich einer politischen »Stimmungsmache«. Man nutzt die Zahlen, um die Schwere der Niederlage oder die patriotischen »Verdienste« des Arminius aufzubauschen, um vollmun- dig die Bedeutung des Ereignisses auf »welthistorische« Dimensionen zu heben.

[Abb. 6] Der Anblick des Grauens, aus:

›Das Römische Heer: Mutter der Armeen‹ [USA/GB 2000].

›Das Römische Heer: Mutter der Armeen‹ [USA/GB 2000]. iii.iV Die VarUsscHLacHt iM FiLM Tatsächlich ist kein

iii.iV Die VarUsscHLacHt iM FiLM

Tatsächlich ist kein einziges der ergrabenen Stand- und Marschlager im rechtsrhei- nischen Germanien groß genug für drei Legionen. Die Intention unserer Informanten bestand aber doch wohl darin, den Gesamtverlust an sämtlichen Schauplätzen im »Krieg des Varus« [so die Formulierung auf dem Caelius-Stein] zum umreißen. Tatsächlich wird die Zahl der Toten der eigentlichen Schlacht im Teutoburger Wald weit geringer gewesen sein. Abzuziehen von der den Varus begleitenden Truppe sind die Besatzungen der Stand- und Versorgungslager an Rhein, Lippe und weiteren Standorten innerhalb Germaniens [Dio, 56, 18, 4] und eventuell auch Galliens. Abzuziehen sind ferner die auf Anraten der Verschwörer vorgenommenen Truppendetachierungen kurz vor der Schlacht [Dio, 56, 19, 1], die an anderen Orten Germaniens niedergemacht wurden. Abzuziehen sind auch die als sicher anzunehmenden Legionsvexillationen des Rheinheeres zur Bekämpfung des schweren Pannonischen Aufstands. Nicht zuletzt ist insbesondere in Varus’ Amtszeit mit Bautrupps aus Legionären zu rechnen, die überall im Land jene Städte in Gründung errichteten, die Cassius Dio literarisch [56, 18, 2] und Waldgirmes archäologisch bezeugen. Zu berücksichtigen sind schließlich die vielfach bezeugten Überlebenden, die dazu beitrugen, Augustus’ Panik zu beenden, als er von ihrer Rettung hörte [Dio 56, 24, 1; Dio 56, 22, 2; Frontinius, Strategemata 3, 15, 4; Taci- tus, Annalen 1, 61; 2, 15]. Inwieweit die vielfältigen Aufgaben im Alltag selbst eine sicher dokumentierte Iststärke vermindern, zeigt ein in Großbritannien gefundenes Mann- schaftsverzeichnis einer Auxiliarkohorte: Weit über die Hälfte [!] der Mannschaften sind mit Aufgaben außerhalb des Lagers beauftragt; der Anteil der abwesenden Offiziere liegt noch weit höher. Aber auch für einen expliziten Kampfeinsatz ist ein seltenes Zeug- nis überliefert, das neben den beteiligten Legionen die konkrete Stärke der eingesetzten Mannschaften nennt: Auf seinem Feldzug im Jahr 14 führt Germanicus von den vier niederrheinischen Legionen nur 12 000 Legionssoldaten mit sich [Tacitus, Annalen 1, 49; 1, 51], also nur etwa die Hälfte des Sollbestandes. Die andere Hälfte ist demnach mit Sicherungs- und Nachschubaufgaben beschäftigt. Diese Zeugnisse zeigen, wie problematisch das Hantieren mit den Sollstärken ist, selbst wenn man noch mit weiteren, nicht ausdrücklich genannten Hilfstruppen in Germanien rechnet, wie das Geza Alföldi tut. Konsequenterweise setzt vor allem die archäologische Forschung für die eigentliche Schlacht im Teutoburger Wald neuerdings eine »deutlich geringere Anzahl von römischen Soldaten« an [Wilbers-Rost 2003, 139] und hat jüngst eine vorsichtigere Schätzung von etwa 10 000 Mann vorgeschlagen – »dennoch für die Zeit eine beträchtliche Streitmacht« [Fischer 1999, 30]. In der Tat lassen auch die Ausgrabungen in Kalkriese es möglich erscheinen, dass nur ein repräsentativer Kernbestands der drei Legionen Varus begleitete, da auffällig viele der bisherigen Inschriftenfunde sich auf erste Kohorten beziehen, jene aus doppelter Mannschaftsstärke gebildeten Elitetruppen der Legionen [Caelius-Stein]. Zugleich do- kumentiert die geringe Zahl typischer Hilfstruppenwaffen [Schleuderbleie, Pfeilspitzen] im Fundgut möglicherweise die weitgehende Abwesenheit der Hilfskontingente zumin- dest an diesem Ort der Schlacht, abgesehen von der bezeugten Reiterei. Lediglich die allerjüngste der Filmdokumentationen, Die Varusschlacht: Wie die Legionen untergingen, entstanden unter der Fachberatung des Historikers Marcus Junkelmann, hat sich be- müht, die patriotisch und medial motivierten Hochrechungen auf ein vernünftiges Maß zu korrigieren.

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VARUSSCHLACHT Das Projekt

2 1 4 VARUSSCHLACHT — Das Projekt [Abb. 7] Stenokürzel für den deutschen Nationalismus, aus: ›C

[Abb. 7] Stenokürzel für den deutschen Nationalismus, aus: ›C 14: Vorstoß in die Vergangenheit‹ [D 1992].

Das Hermannsdenkmal

Die Popularisierung der Varusschlacht und ihres Mythos’ beginnt mit den Schriften von Martin Luther und Ulrich von Hutten, reicht über die Theaterstücke von Grabbe, v. Kleist und Klopstock und das Gedicht Heinrich Heines [»Deutschland ein Winter- märchen«, 1844] bis hin zum massiv errichteten Hermannsdenkmal in Detmold [Abb. 7]. Die Einweihung 1875 [geplant seit 1837] wurde spätestens durch die Anwesenheit von Wilhelm I. zu einer nationalen Angelegenheit. Die Statue ist auf den Rhein ausgerichtet und stellt sich dem »Erbfeind« Frankreich entgegen. Das Denkmal darf wegen seiner Geschichte und eindrucksvollen Erscheinung in keiner Dokumentation zur Varus- schlacht fehlen. Es ist ein Muss! Wie ein Steno-Kürzel für den deutschen Nationalismus erscheint die Statue denn auch in den C14-Beiträgen, Lost Legions of Varus, Wie die Barbaren wirklich waren und Die Germanen Teil 2: Die Varusschlacht. Kein einziger Film erwähnt, dass zur gleichen Zeit in anderen Ländern ähnlich patriotische Statuen der »nationalen« Anführer von Aufstän- den gegen die Römerherrschaft errichtet wurden: 1856–71 [aufgestellt 1902] Boudicca in London, 1865 Vercingetorix in Alesia [Frankreich], 1866 Ambiorix in Tongern [Bel- gien], 1903 Viriathus in Zamora [Spanien] und 1940 Viriathus in Viseu [Portugal]. Sie alle sind Teil eines zeittypischen Chauvinismus der sich formierenden Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts. In Deutschland steigerte sich das Interesse am »Einiger« Arminius im Zuge von Bismarcks Kampf gegen die viel gescholtene »deutsche Kleinstaaterei«. Das Hermannsdenkmal illustriert anschaulich, dass »die Hermann-Verherrlichung ihre kon- servativen Ursprünge in den Freiheitskriegen [gegen Frankreich] niemals verleugnen« konnte [H. Wolfram, 1995, 33]. Eine andere Methode der Einordnung besteht darin, die Errichtung des Denkmals einzubetten in die Folge der unterschiedlichen Aneignungsversuche der Hermann-Figur. Diese Fieberkurve der Hermannbegeisterung könnte aufzeigen, dass die historische Per- son Arminius als Projektionsfläche ständig wechselnder Interessen dient: Mal geht es mit den deutschen Reformatoren gegen die Römische Kirche, mal triumphiert das neu ge- gründete Deutsche Reich über den Erzfeind Frankreich, mal übt man Revanche an den französischen Weltkriegsgegnern und Ruhrbesetzern. In der Nazizeit gibt es interessan- terweise nur eine sehr zurückhaltende Aktivierung des Hermann-Mythos, nicht zuletzt aufgrund der außenpolitischen Rücksichtnahme auf Mussolini. Ein Antrag, das Denk- mal zur »nationalen Wallfahrerstätte« zu machen, wird 1933 abgelehnt! Die Deutsche Wochenschau von 1936 [zitiert in C14, 1992] zeigt daher das Denkmal beim Besuch der sogenannten »Alten Garde« lediglich als touristisches Erkennungszeichen der Region – eine Rolle, die es noch heute ausübt. Die spöttelnde Feststellung jüngerer TV-Dokumentationen, dass das Denkmal aufgrund der Kalkrieser Grabungsergeb- nisse zu versetzen sei, muss dagegen eher als Häme im Wettbewerb der regionalen Fremdenverkehrsverbände gewertet wer- den. Interessanter ist da wieder einmal die parodistische Hermannsschlacht der 1990er Jahre: Als mitten in der Schlacht eine Kalkrieser Forschergruppe in den Set eindringt [Abb. 8], verweist Varus auf das hier am Ort schon bestehende Hermanns- denkmal, den »Beweis« für die Authen- tizität der Örtlichkeit. Die affirmierende Wirkung des faktisch vorhandenen Denk- mals wird hier wohltuend karikiert.

[Abb. 8] Provinzposse um das Hermanns- denkmal: Osnabrücker Historiker betreten die Szene, aus: ›Die Hermannsschlacht‹ [D 1995].

die Szene, aus: ›Die Hermannsschlacht‹ [D 1995]. iii.iV Die VarUsscHLacHt iM FiLM 215 Zur Darstellung der

iii.iV Die VarUsscHLacHt iM FiLM

215

Zur Darstellung der ausgrabungen von kalkriese

Im Vergleich zur Nacherzählung und Nachinszenierung der antiken Quellen nimmt die Darstellung archäologischer Funde und Befunde meist nur wenig Raum ein. Der Anstoß zur Entdeckung des Schlachtfeldes in Kalkriese ist dem britischen Hobby-Archäologen und Son- dengänger Tony Clunn zu verdanken. In den Dokumentationen wird daher der »Finder« Clunn stets mit seinem Metall- suchgerät portraitiert, kann damit doch visuell attraktiv zugleich eine spezielle Methode dieser Grabung demonstriert werden, bei der vorrangig Metallobjekte [römische Münzen und Militaria] gefun- den werden. Es ist aber nicht unproblematisch die Anwendung dieser Metallsuchgeräte un- kommentiert vorzuzeigen, denn allzu oft werden die Suchgeräte von Raubgräbern genutzt. Dass Clunn die Felder in Absprache mit dem zuständigen Archäologen ab- suchte, erwähnen die meisten Filmbeiträge gar nicht! Dabei besteht darin der Clou: die erfolgreiche Einbindung von engagierten Laien und die Zusammenarbeit mit Fachleu- ten. Darüber hinaus vermitteln die sympathischen Erzählungen von Clunn, welcher persönlicher Einsatz sich hinter den von ihm aufgespürten Funden verbirgt. In einem C14-Beitrag [1992] schwenkt die Kamera eine Reihe restaurierter Metall- funde ab, die auf einer Holzbohle der Grabung ausgelegt sind [Abb. 9]. Der Sprecher im Off identifiziert sie jeweils leicht versetzt zum Bild. Der schlichte Holzuntergrund lässt die metallenen Werkzeuge und Militaria als Gebrauchsobjekte erscheinen und der Zuschauer kann sich ihre Benutzung gut vorstellen: der Fund als vertrauter Alltagsge- genstand. Eher distanziert wirkt dagegen die Fundpräsentation in dem Museumsfilm Varusschlacht im Osnabrücker Land. Die kühle, verglaste Ansicht der Funde in ihren Vi- trinen erzeugt Abstand und Respekt. Die zusätzliche Untermalung mit barocken Strei- chern stilisiert die Objekte zu feinsinnigen Kunstwerken: der archäologische Fund als Reliquie. Nur wenige Filme, wie Varusschlacht im Osnabrücker Land und Die Sendung mit der Maus: Varus-Schlacht berichten vom Restaurieren und Zeichnen der Funde und ihrer weiteren wissenschaftlichen Bearbeitung. Nur selten – wie im C14-Beitrag von 1998 – wird die Mühsal der archäologischen Erkenntnisgewinnung angesprochen. Generell schwierig darzustellen sind die Befunde, das heißt der Kontext und die Strukturen, in denen das archäologische Fundgut im Boden eingelagert ist. Ihre optimale Präsentation im Gelände lässt sich nicht immer mit den zeitlich knapp bemessenen Drehterminen koordinieren. Einige Filme machen deshalb aus der Not eine Tugend und filmen die Re- konstruktion eines Grabungsbefundes im Archäologischen Park: eine Rasensodenmauer mit Brustwehr und Graben. In Lost Legions of Varus erläutert die leitende Archäologin mit Hilfe eines Befundplanes Funktion und Verlauf des Walles. Die hier [und auch in Die Sendung mit der Maus: Varus-Schlacht] per Computer nachträglich in die Karte ein- gefügte Wallverlaufslinie erleichtert durchaus das Verständnis. Die meisten Filme vernachlässigen auffällig die Rolle der acht mittlerweile ergrabenen Knochengruben, die unter anderem ineinander gestapelte menschliche Schädelkalotten enthielten. Die Knochen wurden weitgehend ohne Skelettverband nach mehrjähriger Lagerung an der Oberfläche [Kruste, Nagetierspuren] eingesammelt und pietätvoll be- graben. Die Knochengruben bieten ein wichtiges Argument für die Identifizierung Kalk- rieses mit der Örtlichkeit der Varusschlacht, da laut Schriftquellen Germanicus sechs

der Varusschlacht, da laut Schriftquellen Germanicus sechs [Abb. 9] Präsentation auf profaner Holz bohle, aus: ›C

[Abb. 9] Präsentation auf profaner Holz bohle, aus: ›C 14: Vorstoß in die Vergangen- heit‹ [D 1992].

216

VARUSSCHLACHT Das Projekt

Jahre nach der Schlacht eine Bestattungsaktion vorgenommen hat. Als Reenactement ist dies so gut wie nie zu sehen. Ebenso selten wird die systematische Plünderung des Kampfplatzes nachgestellt, die in den durch Kalkriese stimulierten theoretischen Überlegungen zur Schlachtfeldarchä- ologie eine große Rolle spielen. Regelmäßig ausgespart bleiben auch die Überlegungen, unter welchen Umständen sich Funde und Befunde überhaupt erhalten können. So hat Kalkriese die Vorstellung korrigiert, »dass sich auf dem Schlachtfeld eine immense Men- ge an Skelettresten angesammelt haben müsste« [H.-P. und M. Uerpmann, 2007, 108]. Pflanzenwurzeln etwa beziehen Nährstoffe aus Knochen und zerstören sie, mitunter spurlos. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die meisten Filmbeiträge sich begnügen, die Informationen aus den Schriftquellen darzustellen, anstatt den einzig neuen Aspekt, nämlich die Ergebnisse der Ausgrabungen – die Funde und Befunde in Kalkriese – an- gemessen zu präsentieren. Einzig The Lost Legions of Varus trennt beide Themen in zwei gleichlange Filmteile auf.

trennt beide Themen in zwei gleichlange Filmteile auf. [Abb. 10] Der Landrat beteuert die »ein- malige

[Abb. 10] Der Landrat beteuert die »ein- malige kulturhistorische und touristische Bedeutung«, aus: ›Varusschlacht im Osna- brücker Land‹ [D 2001].

Die politische Bewertung

Sämtliche Filme überschlagen sich geradezu, wenn es darum geht, die historische Be- deutung der Varusschlacht in Quintessenzen zu beschreiben: »Das wichtigste Ereignis der deutschen Frühgeschichte« [C14, 1993], »Eine Schlacht, die auf Jahrhunderte die Zukunft Europas bestimmen sollte« [C14, 1998], »Hier entschied sich, dass die Nord-

lichter eben nicht so lebenslustig wie die Rheinländer in der Provinz Gallien sind.« [C14,

, 1921]. Neben dem z. T. süf-

1992], »Gallien ist römisch, Germanien frei«, [Der Rhein

fisanten oder auch offen nationalistischen Tonfall fällt auf, dass die Schlacht zu einem »welthistorischen Ringen« zwischen Römern und Germanen hochstilisiert wird, ganz in

der Tradition des 19. Jahrhunderts. Darin unterscheiden sich erstaunlicherweise die neu- eren Dokumentationen kein bisschen von den »vaterländischen« Filmen der 20er Jahre. Die Position der Forschung formulierte vielleicht am deutlichsten Professor Nuber auf

dem Kongress »Rom, Germanien und die Ausgrabungen von Kalkriese«: »

Schlacht einen Wendepunkt in der europäischen Geschichte dargestellt hat, ist wissen- schaftlich nicht haltbar« [Varus-Kurier 1, 1997, 14]. Rainer Wiegels hat jüngst ein gan- zes Buch dieser Frage gewidmet und resümiert wie folgt: »Die Varusschlacht war kein ›welthistorischer Wendepunkt‹. Ein schwere Schlappe: ja, und auch ein Rückschlag …« [R. Wiegels, 2007, 124]. Dahinter stehen Überlegungen folgender Art: Nicht durch die clades Variana, sondern allenfalls durch seinen erfolgreichen Widerstand gegen die Feldzüge des Germanicus wurde Arminius zum »Befreier Germaniens«, wie ihn Tacitus im Rückblick apostro- phierte [Callies 1995 b, 18–19]. Und: Kaiser Tiberius, der wohl profundeste Kenner der germanischen Verhältnisse, stoppte die verlustreichen Feldzüge des Germanicus mit guten Gründen. Durch persönliche Kenntnis hatte er sich von der geringen wirtschaft- lichen Erschließung des Landes, den ungünstigen Flussverläufen und dem unerschöpf- lichen Kriegerreservoir überzeugen Eine unmittelbar Bedrohung der römischen Interessen in Gallien ging von den Ger- manen nach den Rachefeldzügen ohnehin nicht mehr aus. Die indirekte Kontrolle des Vorfelds war deshalb völlig ausreichend, zumal sich die typische »innere Zwietracht« [Tacitus, Annalen II, 26] der Germanen nutzen oder gezielt schüren ließ. Eine über zwei Jahrhunderte stabile, spätestens seit Domitian definitiv befriedete Rheingrenze gab die- ser Einschätzung recht. Bei den Cheruskern beispielsweise setzten die Römer im ersten Jahrhundert zweimal einheimische Klientelkönige ein [unter Claudius und Domitian]. Das aber nimmt dem oft beschworenen Antagonismus der Varuszeit einiges von seiner schicksalhaften Endgültigkeit [was kein einziger der Filme erwähnt!]. Die clades Varia- na ist also nur eine Etappe in der Abfolge voneinander abhängiger Entscheidungen der römischen Germanienpolitik. Nun wird man von einem Film über die Varusschlacht zunächst nicht verlangen, all

dass diese

iii.iV Die VarUsscHLacHt iM FiLM

diese komplexen Entwicklungen abzubilden. Wenn aber andererseits in den Wertungen der Filmkommentare der engere Zeitrahmen des Ereignisses verlassen und in markigen Worten der Topos der »Entscheidungsschlacht«, des »Wendepunkts der Geschichte«, der »ultimativen Trennung in Romanen und Germanen« gepflegt wird, dann fällt das Ver- säumnis ins Gewicht. Dies umso mehr, als mit der Wendepunkt-These ein unheilvoller Topos verbunden wird, nämlich der von der »Rettung der Nation«. So behauptete Gott- lob Engelhaaf 1909: »Indem Arminius das römische Heer vernichtete, hat er unsere Nationalität gerettet. Dass wir noch Deutsche sind, verdanken wir ihm« [V. Losemann, 1995, 421]. Eine Reihe von Filmen spricht von einem Ereignis, das das Volk der Germanen als Ganzes betroffen hätte, und attestieren auch zeitlich weitreichende Nachwirkungen, gar bis zur Europäischen Einigung unserer Tage. Abgesehen davon, dass die Betonung un- gebrochener germanischer Identität von der Zeitenwende bis zu den heutigen Deutschen wissenschaftlich unhaltbar ist, ist auch die These vom allgemeinen Volksaufstand mit den antiken Quellen nicht zu belegen. Bestimmend für die ungebrochene Fixierung auf nationalen Freiheitskampf und Volkserhebung sind unhistorische Vorstellungen des 19. Jahrhunderts, denen zufolge in der Varusschlacht die »Deutsche Nation« sich zum ersten Mal zeigte, sich geradezu konstituierte. Kein einziger [!] der Filme zur Varusschlacht erwähnt, dass zahlreiche Germanen- stämme den Römern treu blieben, so etwa die Bataver, Friesen und Chauken, oder dass Marbods Markomannen und ihre Klientel [u. a. Langobarden und Semnonen] sich neu- tral verhielten. Die Spaltung in Römerfreunde und -feinde geht nicht nur quer durch die Stämme, sondern auch durch die einzelnen Familien, wie in der des Arminius, wo Bruder und Schwiegervater weiterhin zu Rom halten. Sie sind von den Impulsen der römischen Kultur beeindruckt und erwarteten für ihren Einsatz in römischen Diens- ten Gewinn, Teilhabe und Integration. Das aber wird in kaum einem Film zur Varus- schlacht auch nur angesprochen! Gänzlich ausgeklammert, das heißt unverfilmt, bleibt auch die Instabilität der ger- manischen Gentilgesellschaft, die permanente Rivalität zwischen romfreundlichen und romfeindlichen Adelsfraktionen, die Heraushebung und die Verführung der Stamme- seliten durch den alles umgestaltenden Kultureinfluss Roms und die außerordentlichen Umwälzungen, die die germanische Gesellschaft in diesem »Kolonisationsprozess« erfuhr. Die kulturelle Hegemonie der Römer bewirkte, dass Elemente der höher organisierten Kultur in die niedriger organisierte eindrangen, sie durchsetzten und veränderten. Erstaunlicherweise finden sich Spuren davon lediglich in dem ansonsten uninspi- rierten Sandalenfilm Hermann der Cherusker, der beide Seiten gleich sympathisch zeichnet, gerade auch die sogenannten Kollaborateure, etwa in der Figur des Segestes. Eine weitere wohltuende Ausnahme in dieser Beziehung stellt ein britischer Filmbei- trag dar: Wie die Barbaren wirklich waren [2006]. Terry Jones, bekannt durch Monty Python, führt als süffisanter Gastgeber und Reiseleiter durch den Film. Seine ironisch andeutende Sprechweise mit bedeutungsvollen Blicken und Pausen, die burschikosen Formulierungen und nicht zuletzt die unnachahmlich schräge Art sind typisch für die humorvollen britischen Archäologie-Filme. Stets werden die skurrilen, merkwürdigen Seiten der Historie herausgestrichen und die Widersprüche betont [so der durch und durch romanisierte »deutsche« Held Arminius]. Kaum ein Filmbeitrag zeigt die zahlreichen römischen Importfunde in den germa- nischen Gräbern der »Okkupationszeit«: römische Waffen und Alltagsgegenstände, kampanische Bronzegefäße, Trinkgeschirrsätze, den Silberbecher von Hoby usw. Unab- hängig davon, ob man die Funde als Handelsgüter, Vertragsgeschenke oder Beutestücke interpretiert, künden sie doch von einer Mischkultur, die der Vorstellung einer ideal gesetzten »reinen« Germanenkultur widerspricht. Doch vermischte Kulturen haben auch heute noch einen schlechten Ruf, gelten als »bastardisiert«, »korrumpiert«, »syn- kretistisch«. Es fehlen in den Filmbeiträgen systematisch Bilder vom friedlichen Handel zwischen Römern und Germanen, Germanen in römischen Diensten oder gar Liebesbeziehungen zwischen den Kulturen [angedeutet in: Das Vermächtnis der Cherusker]. Statt einer Sym- biose von Römern und Germanen setzt der Film lieber den Antagonismus Römer gegen

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VARUSSCHLACHT Das Projekt

Germanen in Szene. Hier wird ein antithetisches Denken konserviert und weitertra- diert: naturhafte Freiheit kontra hochkulturelle Zivilisation, [vermeintlich] selbst regu- lierte Gentilgesellschaft kontra rationale Ordnung. Besonders deutlich wird das in den Waldgirmes-Exkursen mehrerer Filme, die anhand der zerstörten Steinbauten und der prächtigen römischen Schmuckstücke beklagen, »welche kulturelle Blüte die barbarischen Germanen hier verhindert haben« [C14, 1998]. Auch The Lost Legions of Varus stößt mit einem geschickten Sprachbild in das gleiche Horn: Rom hatte die Germanen beinahe schon in das »Licht der Geschichte« gezogen, als Arminius das Tau kappte und sie in »Prähistorie, Stammestum, Gesetzlosigkeit und Barbarei« zurückgleiten ließ. Der Aufstand wird hier interpretiert als »Selbstausschluss der Befreiten aus der römisch-zivilisierten Sphäre« [D. Timpe, 1999, 726] und damit als ein kulturelles Defizit. Darin aber zeigt sich eine teleologische Geschichtsauffassung, nämlich dass sich Kultur zwangsläufig im Sinne der höher organisierten, kontinuierlich fortschreitenden Zivilisa- tion entwickeln müsse. Nahezu alle Nachkriegsfilme verbreiten offen oder unterschwel- lig die Ideologie von der »historischen Sendung des Abendlandes« [F. Schlette, 1974, 7]. Dies ist verständlich als Abgrenzung von der Germanenideologie der NS-Zeit, ist aber letztlich auch eine Projektion – diesmal eine im Sinne des aktuell gültigen Wertekanons, der sich auf die Europäische Einigung bezieht. Das Römische Reich erscheint als Vor- bild der Europäischen Gemeinschaft, mit gemeinsamen Währungsraum und Werteka- non. Eine solche Interpretation ist durchaus humanistisch, problematisch daran ist nur, dass die Projektion nicht als solche thematisiert, sondern als Historie ausgegeben wird. Das wird besonders deutlich, wenn gegen den Konsens der europäischen Zivilisation erneut eine abweichende Position bezogen wird. So sagen etwa die markigen Quintes- senzen in dem englischen Film The Lost Legions of Varus – bezüglich der durch Europa gehenden Kluft zwischen romanischer und germanischer Kultur – mehr über die skep- tische Haltung der Briten gegenüber der Europäischen Union aus, als über die wirk- lichen Verhältnisse zur Zeit der Varusschlacht. The Lost Legions of Varus formuliert seine europakritische Position sowohl über den Filmkommentar als auch mit Hilfe eines sprachmächtigen Interviewpartners, dem Sach- buchautor Derek Williams. Dieser greift allerdings dubiose Positionen auf, die Arminius als Retter auch der englischen Sprache und Rasse betrachten, wie sie etwa Stuart-Wortley, ein Oberst der britischen Besatzungsmacht, formulierte: »Hätte Arminius keinen Erfolg gehabt, so hätte unsere Insel nie den Namen England getragen, und dieses große eng- lische Volk, dessen Rasse und Sprache die Erde von einem Ende bis zum anderen über- zieht, wäre aufs äußerste bedroht gewesen.«. Dieser Autor wird wiederum auch in der deutsch-nationalistischen Arminiusrezeption gerne zitiert, etwa bei Herman Kesting.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass in den meisten Filmen und insbesondere bei den Wertungen immer noch Positionen des 19. Jahrhunderts vorherrschen und weitertradiert werden. Die quellenkritischen, komplexen Ergebnisse der jüngeren Römer-Germanen- Forschung sind bisher weder in die Spielfilme, noch in die populärwissenschaftlichen Geschichtsfilme eingezogen. Der Film ist lange nicht so geschmeidig wie das Printmedi- um, um komplexe, mit Einschränkungen und Differenzierungen versehene Verhältnisse darzustellen. Das rührt auch an sein grundsätzliches Problem: Der Film hat »keine Zeit« für ausführliche Erörterungen, und deshalb fordert er der Geschichtsforschung stets kompakte, zuweilen auch schematische Essenzen ab. Es ist jedoch auf der anderen Seite auch notwendig, dass Historiker und Archäologen Verständnis entwickeln für die im Filmmedium nötige Klarheit, Visualität und Dramatik, und so mithelfen, Lösungen zu entwickeln. Käme es zu einem fruchtbaren Dialog zwischen Archäologie und Film, dann könnte es gelingen, aus dem Schatten der immer noch nachwirkenden nationalen Bilder des 19. Jahrhunderts herausrücken. Man muss einfach mit kleinen Änderungen anfangen! Denn steht die Sonne tief, dann werfen auch Zwerge lange Schatten.

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FWU-Film noch Jahrzehnte lang im Verleih.

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c. kösteR, s. mischeR, c VölkeR, D 1995, 70’.

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›Varusschlacht im Osnabrücker Land‹ – f. mAnn, D 2001, 13’. UA: Frühjahr 2001, Kalkriese.

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›Die Germanen Teil 2: Die Varusschlacht‹ – J. VoelkeR,

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›Der Nibelungen-Code, Teil 1: Deckname Siegfried‹ –

G. GRAffe, D 2007, 45’. UA: 2007, ZDF [Reihe: Terra X].

›Die Varusschlacht: Wie die Legionen untergingen‹ – c lAPPe, D 2008, 43’. UA: 11.5.2008, Bayrisches Fern- sehen.

Dieser Artikel stellt die völlig neu bearbeitete Fassung eines Vortrags dar, den der Verfasser zusammen mit dem Archäolo- gen t. steRn 2002 erarbeitet hatte.