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Informationen Widerstand gegen den Nationalsozialismus – eine Einführung 1

zur politischen Bildung / izpb

330 2/2016 B6897F

Widerstand gegen den


Nationalsozialismus

Informationen zur politischen Bildung Nr. 330/2016


2 WIDERSTAND GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS

Inhalt

8 27

25 48

Widerstand gegen den Nationalsozialismus – Regimekritik und Versuche der Gegenöffentlichkeit 36


eine Einführung 4 Kriegsdienstverweigerer, Deserteure,
Warnungen vor dem Nationalsozialismus vor 1933 8 „Bewährungseinheiten“ 999 37
Rote Kapelle 38
Weiße Rose 42
Widerstand als Reaktion auf NS-Machtübernahme Widerstand von Jugendlichen 46
und NS-Herrschaftspraxis 10
Die Gruppe um Hanno Günther 50
Widerstand aus der Arbeiterbewegung 10
Die Gruppe um Helmuth Hübener 51
Widerstand aus christlichem Glauben 14
Kreisauer Kreis 52
Widerstand und Exil 18
Der Umsturzversuch vom 20. Juli 1944 56
Formierung der militärisch-zivilen Opposition 20
Claus Schenk Graf von Stauffenberg und der
Umsturzplanungen 1938 21 Umsturzversuch vom 20. Juli 1944 59
Georg Elser und das Attentat vom 8. November 1939 24 Widerstand von außen 64
Widerstand gegen die nationalsozialistische
Judenverfolgung 66
Widerstand als Reaktion auf Krieg und
Widerstand von Juden 68
NS-Gewaltverbrechen 26
Widerstand von Sinti und Roma 70
Widerstand aus der Arbeiterbewegung 27
Widerstand von Häftlingen 72
Die Europäische Union 30
Hilfen für Verfolgte 74
Die Widerstandsgruppe um Herbert Baum 30
Widerstand der letzten Stunde 75
Widerstand aus christlichem Glauben 32

Informationen zur politischen Bildung Nr. 330/2016


3

Editorial
Widerstand in der nationalsozialistischen Diktatur war im-
mer die Haltung von sehr wenigen, von einzelnen und oft
sehr einsamen Menschen. In diesem System mit totalitärem
Anspruch riskierten Menschen, die Widerstand leisteten, ihr
Leben. Umgeben waren sie von einer Bevölkerung, die sich
in ihrer Mehrheit anpasste, ja vom Nationalsozialismus be-
geistert zeigte und das Regime trug.
Um die Vielfalt der Motive und Handlungen zu veran-
schaulichen, aus denen heraus eine kleine Minderheit tätig
wurde, ist dieses Heft stark biografisch ausgerichtet. Was
veranlasste Einzelne, Widerstand zu leisten, was motivierte
59 sie zu ihren Aktionen, wer unterstützte sie? Welche Folgen
mussten sie gewärtigen? Ohne Anspruch auf Vollständig-
keit zu erheben, wird hier beispielhaft das breite, vielfältige
76 Spektrum des deutschen Widerstands gezeigt, das sich nur
schwer in Kategorien fassen lässt.
Um eine Übersicht zu ermöglichen, werden im Heft die
Widerstandshandlungen vor dem Zweiten Weltkrieg und
während des Krieges behandelt und gesellschaftlichen
Gruppen zugeordnet, die sich auf vielfältige Art und Weise
widersetzten. Dazu gehörten Hilfen für Verfolgte, Unterge-
tauchte und Zwangsarbeiter, die Herstellung und Vertei-
lung von Flugblättern und Klebezetteln, das Abhören und
Verbreiten von Nachrichten ausländischer Radiosender, das
Bemalen von Wänden mit Parolen gegen die NS-Herrschaft,
das Verweigern und die Desertion vom Kriegsdienst, die In-
formation über die nationalsozialistischen Verbrechen, die
Vorbereitung von Attentaten auf den Diktator und die nati-
onalsozialistische Führung.
Für die Mehrheit der Zeitgenossen waren Menschen, die
Widerstand leisteten, „Volksverräter“. Doch Widerstand ist
vielfältig interpretierbar und kann im Laufe der Zeit an-
ders gedeutet werden. Heute werden viele derjenigen, die
sich dem NS-Regime widersetzten, für ihren Mut und ihre
Die Wahrnehmung des Widerstands nach 1945 76 Zivilcourage angesichts eines verbrecherischen Regimes öf-
Öffentlichkeit und politische Würdigungen 76 fentlich gewürdigt und mit Erinnerungszeichen und Denk-
Der Remer-Prozess – ein Wendepunkt 78 mälern geehrt.
Nicht zuletzt aufgrund der Erfahrungen aus der NS-Zeit
Ringen um Entschädigung 78
wurde im Grundgesetz Artikel 20 Absatz 4 verankert, um
Fehlende juristische Aufarbeitung 79 die Verfassungsprinzipien der Bundesrepublik Deutschland,
Historische und mediale Aufarbeitung 79 die freiheitliche demokratische Grundordnung, die Rechts-
staatlichkeit und die Menschenwürde, zu schützen: „Gegen
jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen,
Literaturhinweise und Internetadressen 80 haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn
andere Abhilfe nicht möglich ist.“
Das Beispiel der Menschen, die im Nationalsozialismus
Der Autor und die Autorin 83 Widerstand geleistet haben, kann Anstoß geben,  darüber
nachzudenken, welche Handlungsmöglichkeiten und -spiel-
räume dem Einzelnen bleiben, wenn die demokratische
Impressum 83 Ordnung gefährdet ist.
Widerstand komme, so Klaus von Dohnanyi, Sohn des 1945
hingerichteten Widerstandskämpfers Hans von Dohnanyi,
immer zu spät. Entscheidend sei, dass Zivilcourage und Ord-
nung vorher gewahrt werden.

Jutta Klaeren

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4 WIDERSTAND GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS

JOHANNES TUCHEL / JULIA ALBERT

Widerstand gegen
den Nationalsozialismus –
eine Einführung
„Widerstand ist nicht, Widerstand wird!“ – mit diesen Wor- Aus heutiger Sicht umfasst der Begriff des Widerstands ein
ten beschrieb Joachim Gauck als damaliger Vorsitzender des weites Spektrum von Verhaltensweisen. Zu seinen Ausgangs-
Vereins „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ im Juli 2004 den punkten gehörten systemkritische Haltungen, Selbstbehaup-
prozesshaften Charakter aller gegen die nationalsozialisti- tung gegenüber der nationalsozialistischen Ideologie oder die
sche Diktatur gerichteten Verhaltensweisen. Damit verwies er Verweigerung regimetreuer Aktivitäten. So konnten sich unter-
nicht nur auf die Vielfalt und Wandlungsfähigkeit des Wider- schiedliche Formen der Gegenöffentlichkeit oder des Protests
stands gegen den Nationalsozialismus, sondern gleichzeitig entwickeln. Sie boten wiederum die Voraussetzungen für die
auch darauf, dass sich dieser Widerstand starren und einseiti- aktive Gegnerschaft oder für die politische Verschwörung, die
gen Erklärungsversuchen entzieht. auf eine Veränderung der Verhältnisse oder den Umsturz des
Widerstand gegen den Nationalsozialismus kann zuerst Regimes nach einem gelungenen Attentat auf Hitler zielten.
einmal als Oberbegriff für alle Formen aktiven Handelns ge- Das handlungsorientierte und umfassende Verständnis des
gen die nationalsozialistische Ideologie und Herrschaftspraxis Widerstands ermöglicht es der historischen Forschung, nicht
verstanden werden. Beschrieben wird damit ein Verhalten, nur die Existenz von Handlungsspielräumen unter den Bedin-
das mehr ist als nur eine kritische Einstellung gegenüber der gungen der Diktatur aufzuzeigen, sondern auch danach zu fra-
Diktatur. Es setzt nicht nur die Bereitschaft zur Aktion voraus, gen, ob und wie sie genutzt wurden. Denn nur wenige ergrif-
sondern erfordert konkrete Handlungen. Diese Handlungen fen die Möglichkeiten, die noch zur politischen Aktion gegen
waren immer mit einem Risiko für die eigene Person oder für den Nationalsozialismus bestanden. Widerstand war damit in
Familienangehörige verbunden. der NS-Zeit das abweichende Verhalten einer Minderheit ge-
genüber der Mehrheitsgesellschaft.
bpk / Carl Weinrother

Barch, R3017/3828

Drei Pfeile – Symbol der Eisernen Front, Demonstration in Berlin am 1. Mai 1932 Von Walter Klingenbeck gemaltes „Victory“-Zeichen, München-Bogenhausen 1941
Gegen Monarchisten, Kommunisten und Nationalsozialisten – die Mitglieder der Der 1924 geborene Münchener Mechanikerlehrling verbreitet 1941 gemeinsam mit
Eisernen Front bekennen sich zum Weimarer Verfassungsstaat und wollen ihn ge- Freunden Nachrichten, die sie beim Abhören ausländischer „Feindsender“ erfahren
gen seine Feinde schützen. Manche sehen in den Pfeilen auch die SPD, die freien haben. Zudem malt Klingenbeck auf Hauswände und Straßenschilder mit schwar-
Gewerkschaften und das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Nicht nur mit großen De- zer Ölfarbe das „Victory“-Zeichen, ein Symbol für den Sieg der Alliierten. Er wird im
monstrationen wollen sie gemeinsam den Nationalsozialismus bekämpfen und die September 1942 vom „Volksgerichtshof“ zum Tode verurteilt und am 5. August 1943
Demokratie bewahren. in München-Stadelheim enthauptet.

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Widerstand gegen den Nationalsozialismus – eine Einführung 5

Die meisten Deutschen begrüßten 1933 die neue Herrschaft. Sie


folgten bereitwillig der nationalsozialistischen Führung oder
passten sich zumindest in die NS-„Volksgemeinschaft“ ein. Nur
wenige stellten sich dem Regime entgegen, und nur in den aller-
wenigsten Fällen handelte es sich dabei um einen bewaffneten
Widerstand wie in den von Deutschland besetzten Gebieten.
Es gab in jeder Phase des NS-Regimes unterschiedlichste
Formen des Widerstands, die von ethischen, politischen und
religiösen Grundüberzeugungen getragen waren. Sie konnten
einsamen Entschlüssen zum Sich-Widersetzen entspringen,
aber auch auf gruppen- oder milieuorientierten Entscheidun-
gen bzw. Haltungen beruhen. Sie konnten Reaktionen auf
Unterdrückung und Verbrechen sein oder sich gegen den welt-
anschaulichen Gestaltungs- und Führungsanspruch der Natio-

GDW
nalsozialisten wenden.
Vor der nationalsozialistischen Regierungsübernahme 1933 Illegales Treffen von SPD- und SAP-Mitgliedern an der deutsch-tschechischen
hatten vor allem die Parteien der Arbeiterbewegung, aber auch Grenze im Riesengebirge um 1935
viele Künstler und Intellektuelle vor den Gefahren des Natio- In Berlin sammelt der Junggewerkschafter Willi Gabriel (r. mit seiner Frau Erna)
nalsozialismus gewarnt. Nach ihrer Regierungsübernahme im Informationen über die „Köpenicker Blutwoche“, in der die SA 1933 mehr als 20
Menschen ermordet hat. Zusammen mit Fritz Benke (3. v. r.), einem Mitglied der
Januar 1933 betrieben die Nationalsozialisten dann ebenso zü-
Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP), gibt er in einer Holzbaude für Skifahrer
gig und planmäßig wie gewalttätig die Ausschaltung aller poli- und Wanderer im Riesengebirge das Material an seinen Schwager, den früheren
tischen Gegner und Konkurrenten. Alle Parteien außer der Nati- Köpenicker Jungbannerleiter Paul Hasche, weiter.
onalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) wurden
verboten; ein Medien- und Meinungsmonopol sollte die politi-
sche „Gleichschaltung“ der deutschen Bevölkerung sichern. Die
Grundrechte der Weimarer Verfassung wurden nach einem
Brandanschlag auf das Reichstagsgebäude mit der „Reichstags-
brandverordnung“ vom 28. Februar 1933 aufgehoben.
So sahen sich etwa Kommunisten, Sozialdemokraten, Sozialis-
ten und Gewerkschafter erst einmal gezwungen, neue Organi-
sationsstrukturen aufzubauen, bevor sie mit Flugschriften und
Flugblättern über den menschenverachtenden Charakter der
neuen Diktatur informieren konnten. Die Nationalsozialisten be-
trachteten dies als „Hochverrat“, den sie mit hohen Haftstrafen
verfolgten. Dennoch wurden aus den traditionellen Milieus der
Arbeiterbewegung immer wieder Versuche unternommen, alte

Privatbesitz
Kontakte zu bewahren und neue Widerstandsgruppen zu bilden,
um aktiv an der Beseitigung der NS-Diktatur mitzuwirken.
Die Verteidigung der eigenen Normen und Werte sowie der
Auflösung einer nicht genehmigten Bibelfreizeit evangelischer Jugendlicher in
geistigen Unabhängigkeit findet sich ebenso bei den liberalen Oberstein/Bayern um 1937
wie bei den konservativen NS-Gegnern. Einzelne wagten es, sich
Weil die Gestapo alle Treffen christlicher Jugendlicher kontrollieren will, müssen
offen gegen die Zumutungen der neuen Machthaber aufzuleh- Bibeltage, Jugendlager und Jugendfreizeiten polizeilich angemeldet werden. Ist
nen und fanden ihren Weg in den aktiven Widerstand. dies nicht der Fall, werden die Veranstaltungen sofort aufgelöst.
Auch Christen beider Konfessionen und Mitglieder kleinerer
religiöser Gemeinschaften wehrten sich gegen Übergriffe des
Staates auf die Freiheit des Glaubens. Sie dokumentierten ihren gimegegnerschaft. So desertierten etwa Soldaten, weil sie mit den
Willen zur geistigen Selbstbehauptung und verteidigten so aktiv nationalsozialistischen Gewaltverbrechen konfrontiert wurden
die Freiheit des Bekenntnisses. und nicht bereit waren, einem verbrecherischen Staat zu dienen.
Selbst nahe dem Zentrum der Macht regte sich aktiver Wi- Auch die Unterstützung für verfolgte Juden, Zwangsarbeiter
derstand. Er zeigte sich in den militärischen Umsturzversuchen und Kriegsgefangene gehörte zu den Formen des Widerstands
zwischen 1938 und 1944 und der Verschwörung entschiedener im Kriegsalltag. Insbesondere die Hilfe für verfolgte Juden
Regimegegner, die auf den Sturz der NS-Herrschaft abzielten. wandte sich gegen einen Kernpunkt der NS-Ideologie.
Formen der Selbstbehauptung, der Verweigerung und der Regimegegner mussten im nationalsozialistischen Herr-
daraus folgenden Auflehnung fanden sich auch bei Jugendli- schaftsbereich besondere Vorsicht walten lassen. Sie hatten
chen. Mitglieder früherer politischer oder kirchlicher Jugend- sich vor der Polizei zu hüten, aber fast noch mehr vor ihren
verbände widersetzten sich der Gleichschaltung ebenso wie Nachbarn, die regimekritische Handlungen registrierten und
Mitglieder bündischer Gruppen, deren elitärer Anspruch auf vielfach bereitwillig meldeten. Viele Flugblätter der Opposi-
Neuausrichtung der Gesellschaft der NS-Massenideologie zu- tion kennen wir heute nur aus den Akten der Verfolgungsbe-
widerlief und die deshalb 1933 direkt verboten worden waren. hörden, da sie von ihren Empfängern zwar gelesen, aber dann
Sie verteidigten damit ihr Recht auf Selbstständigkeit und Un- oftmals rasch bei der Polizei abgegeben wurden. Denunziati-
abhängigkeit. onen führten in vielen Fällen zu Aktionen der Polizei oder der
Desertion und Kriegsdienstverweigerung aus politischen und Geheimen Staatspolizei (Gestapo) gegen Menschen, die sich
weltanschaulichen Gründen waren ebenfalls Ausdruck der Re- regimekritisch geäußert oder verhalten hatten.

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6 WIDERSTAND GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS

Was Widerstand bedeutet (I)


Widerstand gegen das Unrechtsregime ist also mehr als nur
Verweigerung, als schweigende Ablehnung, mehr als das Ein-
verständnis gegen die Nationalsozialisten im gleichgesinn-
ten Milieu, mehr als die Verurteilung des Diktators und seiner
Gehilfen im geschlossenen Kreis. Aus der Ablehnung des Re-
gimes wird Widerstand durch das Bekenntnis und die Bereit-
schaft, Konsequenzen der Haltung und Handlung zu tragen.
Ein zentrales Element von Widerstand ist die Gefährdung
dessen, der sich erkennbar auflehnt. Eine Voraussetzung ist
die Bewahrung eigener Identität, das Festhalten an Normen
und Werten, die Verweigerung von Anpassung und Kompro-
miss, wie es des Vorteils, des Friedens, des Fortkommens we-
GDW

gen von der Mehrheit praktiziert wurde. Widerstand ist mehr


Arvid und Mildred Harnack bei Saalfeld im Jahr 1930 als das Beharren auf persönlichen Einstellungen, die mit der
Im Kreis um das Ehepaar Harnack werden bereits ab 1933 Grundfragen der poli- Räson des Regimes nicht übereinstimmten. Aber ohne eige-
tischen, wissenschaftlichen, literarischen und künstlerischen Entwicklung disku- ne Haltung und Orientierung war kein Widerstand möglich.
tiert. Die Literaturwissenschaftlerin Mildred Harnack lehrt am Berliner Abend-
gymnasium und ist gemeinsam mit ihrem Mann an vielfältigen Aktionen der Wolfgang Benz, Der deutsche Widerstand gegen Hitler, C.H. Beck München 2014, S. 8
Widerstandsgruppe Rote Kapelle führend beteiligt. Beide werden 1942 vom Reichs-
kriegsgericht zum Tode verurteilt und ermordet.

Die Bereitschaft zum Widerstand gegen den Nationalsozialis- Modellbildung kann hier anregend sein, niemals jedoch die
mus beruhte auf einer individuellen, ganz persönlichen Ent- genaue historische Analyse ersetzen.
scheidung, zumeist sogar auf einer Reihe von Entschlüssen. In Gerade in der Kriegsphase spiegelte sich in vielfältigen Ak-
Interviews können viele ehemalige Widerstandskämpferin- tionen des Widerstands und des Protests gegen die national-
nen und Widerstandskämpfer oftmals einen genauen Punkt sozialistische Diktatur auch der Zerfall einer Gesellschaft, die
benennen, an dem Regimekritik oder Opposition in aktive mit dem militärischen Zusammenbruch zugleich auf ihre ge-
Gegnerschaft umschlug. Viele andere können dies jedoch we- sellschaftliche Katastrophe zutrieb.
der auf eine konkrete Einzelentscheidung noch auf einen ge- Es kann der Widerstandsforschung und der wissenschaft-
nauen Zeitpunkt festlegen. lichen Zeitgeschichte nur gelingen, die Vielfalt dieser Er-
Gruppenbildung und Vernetzung waren unter den Bedin- scheinungen wahrzunehmen, wenn sich die Forschenden
gungen der Diktatur keine einfachen Vorhaben, sondern häufig die Offenheit des Blicks und die Unbefangenheit des Urteils
komplex ablaufende Vorgänge, in deren Verlauf sich die Beteilig- bewahren, aber auch den Willen haben, das ganze Spektrum
ten erst einmal kennenlernen und Vertrauen zueinander fassen von Verhaltensmöglichkeiten zur Kenntnis zu nehmen. Im
mussten. Das gemeinsame Milieu, die gemeinsame Alterskohor- Widerstand wird dann die Alternative zur Anpassung und zur
te, gemeinsame Interessen – all diese Faktoren konnten Men- Folgebereitschaft der meisten Deutschen sichtbar. Und dies
schen zusammenführen. Die Gruppenbildung erfolgte vielfach wiederum weist durchgängig darauf hin, dass Zivilcourage
in einer gemeinsamen Suche nach politischer und weltanschau- und Teilhabe, die heute so selbstverständlich erscheinen, nie-
licher Übereinstimmung. Persönliche und politische Diskussio- mandem in den Schoß fallen.
nen gingen ineinander über. In diesen Diskussionen wurde vor
allem das Informationsmonopol der Diktatur in Frage gestellt.
Es ging darum, Informationen auszutauschen, sie mit der Propa-
ganda der Diktatur zu vergleichen und sich so ein eigenes Bild
von den politischen Prozessen der Gegenwart zu machen. Dabei
wurde oft der eigene politische Standort – in Abgrenzung vom
nationalsozialistischen System – bestimmt, bevor weitere Ak-
tionen erfolgten. „Gegenöffentlichkeit“ – so klein sie auch sein
mochte – war ein Ziel, das mit Flugblättern oder Wandparolen
erreicht werden sollte.
Widerstand wird so als Prozess einer Auseinandersetzung
mit dem Nationalsozialismus und dessen Verbrechen deut-
lich. Die Geschichte des Widerstands zeigt aber auch das
Spannungsfeld, in dem die Deutschen in der NS-Zeit standen.
Es reicht von Begeisterung, Anpassung und Nachfolgebereit-
Privatbesitz

schaft zu Distanz, Opposition und Widerstand.


Die Vielfalt und Breite der Widerstandsformen führen dazu,
dass der Begriff des Widerstands gegen den Nationalsozialis-
mus nur schwer in theoretische Modelle oder eine harmoni- Elli Voigt (3. v. l., hier 1943 mit Zwangsarbeiterinnen aus dem Kabelwerk Schönow
bei Berlin) gehört einer kommunistischen Widerstandsgruppe an. An ihrer Arbeits-
sierende Zusammenschau zu fassen ist. Hinzu kommt, dass
stelle im Kabelwerk knüpft sie Kontakt zu Zwangsarbeitern, die sie unterstützt und
der Widerstandsbegriff nach 1945 in der politischen wie in der in ihre politische Arbeit einbezieht. Sie wird vom „Volksgerichtshof“ zum Tode ver-
wissenschaftlichen Diskussion oftmals umstritten war. Jede urteilt und am 8. Dezember 1944 in Berlin-Plötzensee enthauptet.

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Widerstand gegen den Nationalsozialismus – eine Einführung 7

Was Widerstand bedeutet (III)


Der Begriff Widerstand ist stets umstritten gewesen. In der
Schweizerisches Bundesarchiv E4320B#1970/25#2*, Az. C.02-102, Strasser, Otto, 1934-1939

Regel bezeichnet das Wort Widerstand Reaktionen eines Men-


schen oder von Gruppen auf Machtmißbrauch, Verfassungs-
bruch und Menschenrechtsverletzungen. Deshalb erscheint
Widerstand immer dann als geboten oder gerechtfertigt,
wenn Grundsätze des modernen Naturrechts oder Grundprin-
zipien einer demokratischen, freiheitlichen, rechtsstaatlichen
Ordnung gegen Übergriffe verteidigt werden sollen.
Weil sich Widerstand vor allem auf die Verteidigung ei-
ner menschenwürdigen Ordnung bezieht, hängt die innere
Anerkennung des Widerstands von der Formulierung der
Grenzen und Ziele des Staates ab, deren Gefährdung und Ver-
letzung widerständiges Verhalten notwendig macht. In der
Regel wird Widerstand durch Attribute präzisiert. Dadurch
soll deutlich gemacht werden, daß Widerstand als eine Form
abweichenden Verhaltens ein breites Verhaltensspektrum
abdeckt – vom passiven Widerstand und der Verweigerung
über die innere Emigration, den ideologischen Gegensatz
und die bewußte Nonkonformität zum Protest, zur offenen
1938 entschließt sich der Schreiner Georg Elser (hier um 1936), die NS-Führung – Hit-
Ablehnung und schließlich zur Konspiration, die sich sowohl
ler, Göring und Goebbels – zu töten, um so den drohenden Krieg zu verhindern. El- auf die gedankliche Vorbereitung der Neuordnung nach dem
ser präpariert in wochenlanger Arbeit ab Sommer 1939 einen tragenden Pfeiler des Ende des NS-Staates konzentrieren konnte als auch versu-
Veranstaltungssaales im Münchener Bürgerbräukeller, um dort einen Sprengkörper
chen mußte, aktiv den Umsturz des Regimes vorzubereiten
einzubauen. Hitler verlässt am 8. November 1939 nur wenige Minuten vor der Explo-
sion unerwartet früh den Versammlungssaal und entgeht so dem Anschlag. und durchzuführen.
Widerstand bezeichnet ein breites Verhaltensspektrum,
dessen Voraussetzungen in Vorbehalten gegenüber dem
Regime (Resistenz), in der inneren Kraft zur bewußten Dis-
tanzierung von den politischen Konventionen der Zeit und
Was Widerstand bedeutet (II) in der Befähigung zur Bewahrung traditional vermittelter
Kein System kann alle Normenverletzungen ahnden, jeder Wertvorstellungen liegen. Im Verständnis der Deutschen
derartige Versuch würde das System selbst blockieren. Es gibt wird der Begriff Widerstand vor allem durch die Erfahrun-
also in jedem, auch dem nationalsozialistischen System gan- gen der NS-Zeit bestimmt. Widerstand bezeichnet in diesem
ze Bereiche, die gewöhnlich unterhalb der polizeilichen Ein- Zusammenhang jedes aktive und passive Verhalten, das sich
greifschwelle liegen. In diesen Bereichen – also in gewöhn- gegen das NS-Regime oder einen erheblichen Teilbereich der
lich sehr privaten Räumen – waren die meisten Akte von NS-Ideologie richtete und mit hohen persönlichen Risiken
Nonkonformität gegenüber dem NS-Regime angesiedelt. In verbunden war.
der Regel handelte es sich um einzelne Normenverletzungen, Peter Steinbach / Johannes Tuchel, Widerstandsbegriff, in: Dies. (Hg.), Lexikon des
die nicht das Ganze in Frage stellten. Widerstandes 1933–1945, 2. durchgesehene Auflage, C. H. Beck München 1998, S. 240 f.
Akte bloßer Nonkonformität wurden dann um einen Grad
genereller und damit politisch gegen das Regime gerichtet,
wenn sie nicht nur gegen irgendwelche Normen des Systems
verstießen, sondern sich den Anordnungen etwa von Behörden
bewußt widersetzten. Solche Verweigerung konnte etwa darin
bestehen, daß man seinen Sohn oder seine Tochter trotz mehr-
maliger offizieller Intervention nicht zur HJ [„Hitler-Jugend“]
oder zum BDM [„Bund Deutscher Mädel“] schickte. Oder darin,
daß man trotz mehrmaliger Aufforderung durch die Werkslei-
tung die eigene Produktionsleistung nicht erhöhte.
Noch weitgehender, weil in der Tendenz noch mehr auf die
generelle Ablehnung des Regimes ausgerichtet, ist der Protest.
Er konnte sich immer noch auf eine Einzelmaßnahme beziehen,
wie etwa in der Kampagne der Kirchen gegen die Euthanasie.
Als Widerstand würden wir in dieser langen Skala abwei-
chenden Verhaltens dann jene Verhaltensformen bezeich-
Privatbesitz

nen, in denen das NS-Regime als Ganzes abgelehnt wurde,


und Maßnahmen zur Vorbereitung des Sturzes des NS-Re-
gimes im Rahmen der Handlungsmöglichkeiten des jeweils
einzelnen Subjektes getroffen wurden. Claus Schenk Graf von Stauffenberg und sein Freund Albrecht Ritter Mertz von
Quirnheim, hier im „Führerhauptquartier“ in Winniza/Ukraine 1942, gehören
Detlev Peukert, Volksgenossen und Gemeinschaftsfremde. Anpassung, Ausmerze und zu den wichtigsten Beteiligten des Umsturzversuches vom 20. Juli 1944. Beide
Aufbegehren unter dem Nationalsozialismus, Bund Verlag Köln 1982, S. 96 ff. werden in der Nacht zum 21. Juli 1944 im Innenhof des Berliner Bendlerblocks
erschossen.

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Bundesarchiv, Bild 102-01906A / Foto: Georg Pahl
8 WIDERSTAND GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS

Republikanische Demonstration im Berliner Lustgarten, Oktober 1930

Warnungen vor dem Nationalsozialis- ners, der Arbeitersportverbände und der freien Gewerkschaf-
mus vor 1933 ten sowie der Sozialdemokraten zur Eisernen Front zusammen.
Sie reagierten damit auf die antidemokratische und rechtsex-
treme Harzburger Front, die sich unter Beteiligung der Nati-
Nach dem Ende des Kaiserreichs im November 1918 prägten Auf- onalsozialisten im November 1931 zusammengefunden hatte.
stände und Putschversuche die ersten Jahre der Weimarer Repu- Die Eiserne Front wollte verhindern, dass aus der Republik ein
blik. In der Bevölkerung wie unter deren politischen Vertretern autoritärer Staat wurde. Doch die Arbeiterbewegung der Wei-
herrschte eine ausgeprägte Abneigung gegen politische und marer Republik war gespalten. Die Kommunisten bekämpften
soziale Kompromisse, die das Entstehen eines gemeinsamen die als „sozialfaschistisch“ diffamierte Sozialdemokratie mit
Verantwortungsbewusstseins für ihren neuen, demokratischen mindestens ebenso viel Energie wie den aufkommenden und
Staat verhinderte. immer stärker werdenden Nationalsozialismus.
Erst 1924 begann eine Phase relativer Stabilität und in- Einzelne Schriftsteller, Künstler, Intellektuelle und Wissen-
nenpolitischer Ruhe, die bis 1929 andauerte. Verbunden mit schaftler warnten frühzeitig, jedoch erfolglos, vor dem Natio-
wirtschaftlichem Aufschwung führte sie zu einer Blütezeit nalsozialismus. „Daß der Nazi dir einen Totenkranz flicht:
in Kunst, Kultur und Wissenschaft. Eine Zwiespältigkeit zwi- Deutschland, siehst du das nicht?“, fragte Kurt Tucholsky 1930
schen Fortschritt und Stagnation, demokratischem Ringen in seinem Gedicht „Deutschland, erwache“. Carl von Ossietz-
und Anarchie, Moderne und Beharren auf Tradition kenn- ky, der Herausgeber der Zeitschrift „Weltbühne“, schrieb Ende
zeichnete die „Goldenen Zwanziger“. Technischer Fortschritt 1931: „Die gleiche Not, die alle schwächt, ist Hitlers Stärke. Der
und künstlerische Experimentierfreudigkeit beflügelten das Nationalsozialismus bringt wenigstens die letzte Hoffnung
Lebensgefühl. von Verhungernden: den Kannibalismus. Man kann sich
Dies alles endete mit der im Oktober 1929 einsetzenden schließlich noch gegenseitig fressen.“ Kritik am Antisemitis-
Weltwirtschaftskrise, in der Armut und Verzweiflung um sich mus übte der liberale Politiker und spätere Bundespräsident
griffen. Die regierenden Parteien entzogen sich ihrer Verant- Theodor Heuss in seinem 1932 erschienenen Buch „Hitlers
wortung und waren unfähig, stabile Koalitionen zu bilden. Weg. Eine historisch-politische Studie über den Nationalsozi-
Tief verwurzeltes autoritäres Gedankengut und antisemiti- alismus“. Ihm fehlte jedoch das Vorstellungsvermögen dafür,
sche Überzeugungen beeinflussten die Wertvorstellungen der mit welcher Brutalität und Mordlust die Absichten der NSDAP
Gesellschaft. In dieser Situation entfesselten die Gegner der ab 1933 in die Wirklichkeit umgesetzt werden sollten.
Weimarer Republik von rechts und links eine beispiellose Agi- Im Sommer 1932 entmachtete schließlich Reichskanzler
tation gegen den Staat, der keine Mittel gegen die wirtschaft- Franz von Papen die demokratisch legitimierte preußische
liche und politische Krise fand. Regierung und besiegelte so das Schicksal der Weimarer Re-
Breite Initiativen zur Verteidigung der Demokratie blieben publik. Am 30. Januar 1933 ernannte Reichspräsident Paul von
aus. Nur eine Massenorganisation bildete die Ausnahme: das Hindenburg den „Führer“ der NSDAP, Adolf Hitler, zum Reichs-
1924 gegründete Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, der größ- kanzler. Als seine Gegner erkannten, dass er die endgültige
te republikanische Schutzverband mit etwa drei Millionen Zerstörung der Weimarer Republik betrieb, verfügte Hitler
Mitgliedern aus allen demokratischen Parteien und aus den bereits über die entscheidenden Machtmittel zur Errichtung
Gewerkschaften. 1931 schlossen sich Mitglieder des Reichsban- einer Diktatur.

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Widerstand gegen den Nationalsozialismus – eine Einführung 9

Gestützt auf seine eigenen Informati-


onsquellen und Interna der NS-Bewe-
gung wandelte er die Zeitung in ein
Kampfblatt gegen den Nationalsozia-
lismus um. Ab Herbst 1932 berichtete
er wiederholt über Zerwürfnisse in der
NSDAP-Spitze und Putschpläne aus den
Reihen der SA.
Am 9. März 1933 wurde Gerlich in der Re-
daktion von SA-Leuten misshandelt und
festgenommen, am 13. März wurde „Der
Privatbesitz

Privatbesitz
gerade Weg“ verboten. Nach 16-monati-
ger Haft wurde Fritz Gerlich in der Nacht
vom 30. Juni auf den 1. Juli 1934 in das KZ
Dachau verlegt und dort erschossen.
fritz gerlich carl von ossietzky

Der 1883 geborene Journalist Fritz Ger- „Der Nationalsozialismus ist eine Pest! […] Der 1889 geborene Journalist Carl von
lich leitete zwischen 1920 und 1928 die Nationalsozialismus aber bedeutet: Feind- Ossietzky war zwischen 1911 und 1922
Münchner Neuesten Nachrichten, eine schaft mit den benachbarten Nationen, Mitarbeiter und Redakteur verschiede-
Vorgängerzeitung der heutigen Süddeut- Gewaltherrschaft im Innern, Bürgerkrieg, ner Wochen- und Tageszeitungen und
schen Zeitung. Völkerkrieg. Nationalsozialismus heißt: Lüge, ab 1919 Sekretär der Deutschen Friedens-
Unter dem Eindruck des Hitlerputsches Haß, Brudermord und grenzenlose Not. gesellschaft. Bewaffnete Auseinanderset-
vom November 1923 entwickelte sich der Adolf Hitler verkündigt das Recht der Lüge. zungen lehnte er kategorisch ab und
engagierte Katholik zu einem scharfen Kri- […] Ihr, die ihr diesem Betruge eines um trat für das Prinzip der Gewaltlosigkeit
tiker und Gegner Adolf Hitlers. 1930 über- die Gewaltherrschaft Besessenen verfallen ein. Die von ihm ab 1927 geleitete politi-
nahm Gerlich das Wochenblatt „Illustrierter seid, erwacht! Es geht um Deutschlands, sche Zeitschrift „Die Weltbühne“ war das
Sonntag“, das ab 1932 unter dem program- um Euer, um Eurer Kinder Schicksal.“ wichtigste Medium gegen den deutschen
matischen Titel „Der gerade Weg. Deutsche Wahlaufruf von Dr. Fritz Gerlich, „Der gerade Weg“, Nr. 31
Militarismus und übte scharfe Kritik am
Zeitung für Wahrheit und Recht“ erschien. vom 31. Juli 1932 obrigkeitsstaatlichen Denken und an der
politischen Justiz.
Im März 1933 wurde „Die Weltbühne“
verboten. Anfang April 1933 wurde Carl
Im September 1930 wurde Kurt Schuma- von Ossietzky vom Polizeigefängnis Ber-
cher Abgeordneter im Deutschen Reichs- lin-Spandau in das Konzentrationslager
tag. Als dort am 23. Februar 1932 Joseph Sonnenburg verlegt und dort schwer miss-
Goebbels die SPD als „Partei der Deserteu- handelt. Seine Schriften fielen im Mai 1933
re“ beschimpfte, antwortete er mit einer der Bücherverbrennung der Nationalsozia-
Stegreifrede, die noch heute als eine der listen zum Opfer. Mitte Februar 1934 setzte
schärfsten Attacken gegen den National- sich Ossietzkys Leidensweg im emslän-
AdsD / Friedrich-Ebert-Stiftung

sozialismus gilt. dischen Konzentrationslager Esterwegen


Im Juli 1933 wurde Schumacher festge- fort. Anfang November 1936 musste der
nommen. Es folgte ein fast zehnjähriger Schwerkranke nach Berlin verlegt werden.
Leidensweg durch Gefängnisse und Kon- Kurz darauf erhielt der engagierte Pazi-
zentrationslager. Nach dem Krieg war fist und Demokrat rückwirkend für 1935
Kurt Schumacher zwischen 1946 und sei- den Friedensnobelpreis. Die Nationalso-
nem Tod 1952 SPD-Parteivorsitzender. zialisten verboten ihm, zur Preisverlei-
hung nach Oslo zu reisen. Sie forderten
kurt schumacher
„Die ganze nationalsozialistische Agitation ihn zur Ablehnung des Preises auf, was
Der 1895 geborene Kurt Schumacher stu- ist ein dauernder Appell an den inneren Carl von Ossietzky jedoch standhaft ver-
dierte von 1915 bis 1919 Rechts- und Staats- Schweinehund im Menschen. […] Wenn wir weigerte. Er starb am 4. Mai 1938 in der
wissenschaften und promovierte 1920. irgendetwas beim Nationalsozialismus an- Klinik Nordend in Berlin-Weißensee an
Noch während des Studiums schloss er erkennen, dann ist es die Tatsache, daß ihm den Folgen der Haft.
sich 1918 der SPD an. zum ersten Mal in der deutschen Politik die
Von 1920 bis 1930 politischer Redak- restlose Mobilisierung der menschlichen „Ob wir überleben, ist weder sicher noch
teur der „Schwäbischen Tagwacht“, stieg Dummheit gelungen ist. […] Abschließend die Hauptsache. Wie man aber später von
er zum Repräsentanten der Stuttgarter sage ich den Herren Nationalsozialisten: uns denken wird, ist so wichtig wie, daß
Sozialdemokratie auf. Leidenschaftlich Sie können tun und lassen, was sie wollen; man an uns denken wird. […] Ein Deutsch-
setzte er sich für die gefährdete Weima- an den Grad unserer Verachtung werden land, das an uns denkt, wird ein besseres
rer Republik ein. Mehrere Jahre war er sie niemals heranreichen.“ Deutschland sein.“
Vorsitzender des Reichsbanners Schwarz- Aus der Reichstagsrede des sozialdemokratischen Abge- Bemerkung von Carl von Ossietzky gegenüber einem
Rot-Gold in Stuttgart. ordneten Dr. Kurt Schumacher vom 23. Februar 1932 Mithäftling im KZ Esterwegen

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10 WIDERSTAND GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS

Landesarchiv Berlin, F Rep. 290 Nr. 0081608 / Fotograf: k. A.


Barch, R58/3258 b

Kundgebung der Eisernen Front vor dem Berliner Schloss, 19. Februar 1933 KPD-Demonstration in Berlin, 25. Januar 1933
Im Dezember 1931 schließen sich Sozialdemokraten, Freie Gewerkschaften, Reichs- Vier Stunden lang ziehen am 25. Januar 1933 mehrere zehntausend KPD-Anhänger
banner Schwarz-Rot-Gold und Arbeitersportvereine zur Eisernen Front zusammen. auf dieser letzten Großdemonstration der KPD an der Parteiführung vorbei. V. l.: Franz
Ihr Ziel ist die „Überwindung der faschistischen Gefahr“. Noch am 19. Februar 1933 Dahlem, Wilhelm Hein, Willy Leow, Walter Ulbricht, Wilhelm Florin (verdeckt), Artur
demonstrieren mehrere zehntausend Menschen gegen die Nationalsozialisten. Golke, John Schehr, Ernst Thälmann

JOHANNES TUCHEL / JULIA ALBERT

Widerstand als Reaktion auf


NS-Machtübernahme
und NS-Herrschaftspraxis
Widerstand aus der Arbeiterbewegung Einzelne Regimegegner bemühten sich in dieser Situation, die
Spaltung der Arbeiterbewegung zu überwinden. Sozialisten
Schon vor 1933 hatten sich Kommunisten, Sozialisten, Sozi- und Anhänger von Einheitsbestrebungen fanden sich vor al-
aldemokraten und Gewerkschaftsmitglieder gegen die Ide- lem in der Gruppe „Neu Beginnen“, im „Roten Stoßtrupp“ und
en und Ziele Hitlers zur Wehr gesetzt. Eine gemeinsame Ab- in den „Roten Kämpfern“ zusammen oder suchten die Verbin-
wehrfront der Arbeiterbewegung war jedoch nicht zustande dung zu Gruppen der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) und
gekommen, weil die Kommunisten in den Sozialdemokraten der Freien Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD), der wichtigs-
ihren „Hauptfeind“ sahen und die Gegensätze innerhalb der ten anarcho-syndikalistischen Organisation in Deutschland.
Arbeiterbewegung unüberbrückbar blieben. Die Mehrheit der Im Vordergrund ihrer Bemühungen standen die Ziele, sich
Gewerkschaftsführer suchte schließlich sogar nach einem nicht von den Nationalsozialisten vereinnahmen zu lassen
Kompromiss mit der neuen NS-Regierung. sowie den organisatorischen Zusammenhalt und einen inten-
In der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933 brannte das siven Informationsaustausch aufrechtzuerhalten.
Reichstagsgebäude in Berlin. Die Täterschaft konnte nie zwei- Neben der Selbstbehauptung überwog allerdings auch in
felsfrei geklärt werden, doch die Nationalsozialisten werte- der Arbeiterschaft die Bereitschaft zur Anpassung an das
ten den Brandanschlag als Fanal für einen kommunistischen NS-Regime. Die Nationalsozialisten wollten durch scheinbare
Umsturzversuch und nutzten ihn als Vorwand, um die Grund- Zugeständnisse die Unterstützung der Arbeiterschaft gewin-
rechte außer Kraft setzen zu lassen. Viele Kommunisten und nen und erklärten 1933 den 1. Mai, einen traditionsreichen
Sozialdemokraten wurden in aller Öffentlichkeit verfolgt und Kampftag der Arbeiterbewegung, zum Staatsfeiertag. Schon
inhaftiert. Einigen gelang die Flucht ins Ausland, wo sie den einen Tag später jedoch wurden die Gewerkschaften verboten.
Kampf gegen die NS-Diktatur fortsetzten und versuchten, vom Bis 1935 wurde der Zugriff von Polizei und Justiz immer fes-
Exil aus Verbindung zu ihren Freunden in Deutschland zu hal- ter. Massenprozesse und Konzentrationslager sollten abschre-
ten, Nachrichten zu sammeln oder Flugschriften weiterzuge- ckende Wirkung entfalten.
ben. In die Illegalität gedrängt, bildeten sich in Deutschland lo- Dennoch leisteten Kommunisten, Sozialdemokraten und
kale Gruppen und oppositionelle Gesinnungsgemeinschaften. Gewerkschafter weiterhin auf vielfältige Weise Gegenwehr:

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Widerstand als Reaktion auf NS-Machtübernahme und NS-Herrschaftspraxis 11

Rede gegen das Ermächtigungsgesetz Warnung vor der Kriegsgefahr


[…] Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht. (Lebh. Am 2. Februar 1936 haben 118 Mitglieder aller Arbeiterparteien
Beifall bei den Soz.) Nach den Verfolgungen, die die Sozialdemo- Deutschlands und Vertreter seines freiheitlichen Bürgertums
kratische Partei in der letzten Zeit erfahren hat, wird billigerweise in einer Kundgebung an das deutsche Volk eindringlich darauf
niemand von ihr verlangen oder erwarten können, dass sie für das hingewiesen, dass der von Hitler vorbereitete Vernichtungs-
hier eingebrachte Ermächtigungsgesetz stimmt. Die Wahlen vom und Eroberungskrieg täglich näher rückt. […]
5. März haben den Regierungsparteien die Mehrheit gebracht und Die Unterzeichneten, Angehörige sämtlicher deutscher Ar-
damit die Möglichkeit gegeben, streng nach Wortlaut und Sinn beiterparteien und Organisationen, die in Deutschland einen
der Verfassung zu regieren. Wo diese Möglichkeit besteht, besteht Heldenkampf gegen das Hitlerregime führen, erklären ge-
auch die Pflicht. (Sehr richtig! bei den Soz.) Kritik ist heilsam und meinsam mit Vertretern des freiheitlichen deutschen Bürger-
notwendig. Noch niemals, seit es einen deutschen Reichstag gibt, tums: Die deutschen Volksmassen wollen nicht Krieg, sondern
ist die Kontrolle der öffentlichen Angelegenheiten durch die ge- Frieden. Die Kriegspolitik Hitlers widerspricht dem Willen der
wählten Vertreter des Volkes in solchem Maße ausgeschaltet wor- überwältigenden Mehrheit des deutschen Volkes. Es ist unwahr,
den, wie es jetzt geschieht (sehr wahr! bei den Soz.), und wie es dass hinter Hitler 99 Prozent des deutschen Volkes stehen. Die
durch das neue Ermächtigungsgesetz noch mehr geschehen soll. Zahlen der Wahlen sind teils durch einen unerhörten Terror
Eine solche Allmacht der Regierung muss sich umso schwerer aus- erpresst, teils sind sie erreicht vermittels nachgewiesener bei-
wirken, als auch die Presse jeder Bewegungsfreiheit entbehrt. […] spielloser Fälschungen.
Vergeblich wird der Versuch bleiben, das Rad der Geschich- Die große Masse des deutschen Volkes, besonders die Werk-
te zurückzudrehen. Wir Sozialdemokraten wissen, dass man tätigen Deutschlands haben im Zusammenleben mit anderen
machtpolitische Tatsachen durch bloße Rechtsverwahrungen Nationen nur ein Ziel, in einem freiheitlichen, von Naziterror
nicht beseitigen kann. Wir sehen die machtpolitische Tatsache erlösten Deutschland mit allen Völkern in Frieden zu leben
Ihrer augenblicklichen Herrschaft. Aber auch das Rechtsbe- und alle strittigen Fragen durch friedliche Verständigung zu
wusstsein des Volkes ist eine politische Macht, und wir werden lösen.
nicht aufhören, an dieses Rechtsbewusstsein zu appellieren. […] Angesichts der gesteigerten Kriegsgefahr und drohenden
Die Verfassung von Weimar ist keine sozialistische Verfas- Katastrophe ist dieser Zusammenschluss notwendiger denn je,
sung. Aber wir stehen zu den Grundsätzen des Rechtsstaates, um die Machenschaften Hitlers bloßzustellen, um die chauvi-
der Gleichberechtigung, des sozialen Rechtes, die in ihr festge- nistische Demagogie, die ideologische Vorbereitung des Krieges
legt sind. Wir deutschen Sozialdemokraten bekennen uns in zunichte zu machen.
dieser geschichtlichen Stunde feierlich zu den Grundsätzen der Unser Ruf ergeht an alle deutschen Arbeiter, an alle Frauen
Menschlichkeit und der Gerechtigkeit, der Freiheit und des So- und Männer, die Deutschland und die Welt vor einem neuen
zialismus. (Lebh. Zustimmung bei den Soz.) Krieg bewahren wollen. Vereinigt Euch! Kämpft gemeinsam für
Kein Ermächtigungsgesetz gibt Ihnen die Macht, Ideen, die den Sturz der Hitlerdiktatur! Sie ist das Unglück unseres Volkes
ewig und unzerstörbar sind, zu vernichten. Sie selbst haben und wird zum Unglück für die ganze Welt, wenn w i r es nicht
sich ja zum Sozialismus bekannt. Das Sozialistengesetz hat die verhindern.
Sozialdemokratie nicht vernichtet. Auch aus neuen Verfolgun- Unser Ruf ergeht gleichzeitig an die Arbeiter und ihre Organi-
gen kann die deutsche Sozialdemokratie neue Kraft schöpfen. sationen in der ganzen Welt, an die Männer und Frauen in allen
Wir grüßen die Verfolgten und Bedrängten. Wir grüßen unse- Ländern, durch einheitliches Handeln, durch Verhinderung jeder
re Freunde im Reich. Ihre Standhaftigkeit und Treue verdienen finanziellen Unterstützung Hitlerdeutschlands, durch Kampf für
Bewunderung. Ihr Bekennermut, ihre ungebrochene Zuversicht – die Amnestierung der eingekerkerten Gegner des Naziregimes,
(Lachen bei den Nsoz. – Bravo! bei den Soz.) verbürgen eine hel- die freiheitlichen und friedliebenden Kräfte des deutschen Vol-
lere Zukunft. kes in ihrem heroischen Ringen zu unterstützen.[…]
Rede von Otto Wels im Reichstag am 23. März 1933 gegen das Gesetz, das die Regierung Aufruf zur Bildung einer Einheitsfront vom 2. Februar 1936, abgedruckt in: Die Rote Fahne,
ermächtigen sollte, ohne parlamentarische Zustimmung Gesetze zu erlassen Jahrgang 1936, Nr. 4

durch Kritik in Betrieb und Nachbarschaft an der national- glieder wurden häufig durch V-Leute der Gestapo, die heimlich
sozialistischen Herrschaft, durch geheime Zusammenkünfte, in die Gruppen eingeschleust worden waren, verraten und in
Kurierdienste und Nachrichtenübermittlung, durch die Ver- politischen Massenprozessen verurteilt.
teilung von Flugblättern und illegalem Material sowie durch Zweifel an der Fähigkeit der Auslandsleitung, von außen
Hilfe für die Angehörigen inhaftierter Parteifreunde. den Widerstand zu koordinieren, bewogen seit der Mitte
Die emigrierte Leitungsgruppe der KPD hatte nach Prag und der 1930er-Jahre Gruppen kommunistischer Regimegegner,
Paris schließlich ihren Sitz in Moskau genommen. Dort vertrat unabhängig von der Führung der Exil-KPD zu handeln. Hin-
sie unter der Leitung von Walter Ulbricht und Wilhelm Pieck zu kam die Kenntnis der stalinistischen Säuberungen in der
die politische Linie Stalins und strebte nach der Führung in Sowjetunion. Schließlich offenbarte der deutsch-sowjetische
der Arbeiterbewegung. Während die Sozialdemokraten stär- Nichtangriffspakt vom 23. August 1939, der Hitler den Überfall
ker darauf aus waren, Gesinnungsfreunde zu sammeln, war auf Polen erleichterte, die Zusammenarbeit der beiden Dikta-
es den Kommunisten wichtig, öffentliche Wirkung zu erzielen. toren bei der Aufteilung Ostmitteleuropas. Stalin ließ zu die-
Dieser öffentlichkeitswirksame Protest führte aber auch zur ser Zeit sogar kommunistische Regimegegner an die Gestapo
verstärkten Verfolgung von KPD-Funktionären. Schon in den ausliefern. Diese Umstände bewirkten in ihrer Gesamtheit bis
ersten vier Jahren der NS-Diktatur wurden die kommunisti- zum Kriegsbeginn eine weitgehende Lähmung des kommu-
schen Widerstandsgruppen weitgehend zerschlagen. Ihre Mit- nistischen Widerstands.

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12 WIDERSTAND GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS

GDW

GDW

GDW
lilo herrmann willi münzenberg robert stamm

Die 1909 geborene Lilo (Liselotte) Herr- Willi Münzenberg, 1889 geboren, trat 1919 Der 1900 geborene Robert Stamm be-
mann studierte von 1929 bis 1931 an der KPD bei und war von 1919 bis 1921 Se- suchte nach einer Werkzeugschlosser-
der Technischen Hochschule in Stuttgart kretär der Kommunistischen Jugendin- lehre die Fachschule für Werkzeug- und
Chemie und ab 1931 Biologie in Berlin. ternationale. 1921 organisierte er Hilfs- Maschinenbau. Noch im Frühjahr 1918
1928 trat sie in den Kommunistischen maßnahmen für das hungernde Russland wurde er zum Militärdienst einberufen.
Jugendverband ein, wurde Mitglied des und stand bis 1933 der Internationalen Stamm trat bald nach ihrer Gründung
Roten Studentenbundes und im Novem- Arbeiterhilfe vor. der KPD bei, beteiligte sich 1920 an Ak-
ber 1931 KPD-Mitglied. Er baute mit Hilfe der Kommunisti- tionen gegen die Kapp-Putschisten und
Wegen ihrer politischen Tätigkeit im schen Internationalen (kurz: Komintern) 1923 gegen die separatistischen Gruppen
Juli 1933 von der Universität verwiesen, ein breitgefächertes kommunistisches im Rheinland. Von 1924 bis 1930 übte Ro-
arbeitete sie anschließend als Kinder- Medienunternehmen auf. Im Zentralko- bert Stamm verschiedene Funktionen in
mädchen. Lilo Herrmann war in jener mitee der KPD gehörte er bis 1932 zu den der KPD im Rhein-Ruhr-Gebiet aus.
Zeit bereits Mitarbeiterin des geheimen Vertretern einer ultralinken Politik. Er war zunächst als Volontär, später
Nachrichtendienstes der KPD. Nach dem Reichstagsbrand floh Mün- als Gewerkschafts- und Wirtschaftsre-
Nach der Geburt ihres Sohnes Walter zenberg nach Frankreich und erhielt dort dakteur bei der KPD-Zeitung „Freiheit“ in
kehrte sie im September 1934 nach Stutt- durch Vermittlung des französischen Po- Düsseldorf beschäftigt. 1930 schickte ihn
gart zurück und war zunächst im Inge- litikers und Schriftstellers Henri Barbusse die KPD-Führung als Bezirksleiter nach
nieurbüro ihres Vaters als Stenotypistin politisches Asyl. Er gründete einen Verlag Bremen. 1932 wurde er als Abgeordneter
beschäftigt. Ab Ende 1934 arbeitete sie und veröffentlichte von Paris aus Aufse- in den Reichstag gewählt.
als technische Mitarbeiterin für Ste- hen erregende „Braunbücher“ über den Nach dem Reichstagsbrand arbeitete
fan Lovasz, den Leiter der illegalen KPD Reichstagsbrand und den Terror im nati- er illegal weiter, verließ Anfang April
Württemberg, und übernahm Schreib- onalsozialistischen Deutschland. 1933 Bremen und ging nach Berlin. Von
und Kurierarbeiten für den geheimen 1935 ergriff Münzenberg die entschei- Mai 1933 bis Frühjahr 1934 war er als Po-
Militärapparat der KPD. dende Initiative zur Gründung einer deut- litischer Sekretär der KPD-Bezirksleitung
Von dem in den Dornier-Werken in schen „Volksfront“ gegen den Nationalso- Niedersachsen tätig, anschließend leite-
Friedrichshafen beschäftigten Artur Gö- zialismus, der Vertreter unterschiedlicher te er die Berlin-Brandenburger Organi-
ritz erhielt sie militärische Informationen Parteien angehörten. sation der KPD bis Oktober 1934.
über die Produktion von Rüstungsgütern Meinungsverschiedenheiten mit der Im November 1934 verließ er Deutsch-
und über den Bau einer unterirdischen KPD-Führung in Moskau und Ausei- land und nahm in Moskau an den Vor-
Munitionsfabrik bei Celle. Dieses Mate- nandersetzungen mit Walter Ulbricht bereitungen des VII. Weltkongresses der
rial wurde einem Instrukteur des Zent- führten 1938 zum Bruch mit der KPD. Kommunistischen Internationale teil. Auf
ralkomitees (ZK) der KPD in der Schweiz Münzenberg trat für gemäßigte, sozialde- Beschluss der KPD-Führung kehrte er An-
übergeben. mokratische Positionen ein und lehnte die fang März 1935 nach Berlin zurück.
Von Agenten verraten, wurde Liselot- Diktatur des Proletariats ab. Er war Gegner Zusammen mit Adolf Rembte, Käte Lü-
te Herrmann am 7. Dezember 1935 fest- des deutsch-sowjetischen Nichtangriffs- beck und Max Maddalena wurde Stamm
genommen und am 12. Juni 1937 vom paktes. am 27. März 1935 von der Gestapo fest-
„Volksgerichtshof“ wegen „Landesverrats Als deutscher Staatsangehöriger in ei- genommen. Trotz einer großen interna-
und Vorbereitung zum Hochverrat“ zum nem französischen Internierungslager tionalen Protest- und Solidaritätsbewe-
Tode verurteilt. Ihre Enthauptung erfolg- festgehalten, floh Münzenberg im Juni gung wurden Stamm und Rembte am
te am 20. Juni 1938 in Berlin-Plötzensee, 1940 beim Vorrücken der deutschen Trup- 4. Juni 1937 vom „Volksgerichtshof“ zum
obwohl sich viele Menschen aus ver- pen. Sein Tod im Sommer 1940 auf dem Tode verurteilt und am 4. November 1937
schiedenen Ländern für die junge Frau Weg in die Schweiz ist bis heute ungeklärt. in Berlin-Plötzensee enthauptet.
und Mutter einsetzten.

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Widerstand als Reaktion auf NS-Machtübernahme und NS-Herrschaftspraxis 13

IISH Amsterdam
ullstein bild

GDW
otto wels werner blumenberg hilde ephraim

Ab 1919 war der 1873 geborene Otto Als Sohn eines Pastors 1900 geboren, Die 1905 geborene Fürsorgerin Hilde
Wels Reichstagsabgeordneter und ent- studierte Werner Blumenberg ab 1919 Ephraim arbeitete in Brandenburg an
schiedener Anhänger der Republik. Als Theologie, Religionsgeschichte sowie ori- der Havel und trat dort 1931 der Sozia-
SPD-Parteivorsitzender griff er die Na- entalische Sprachen und befasste sich listischen Arbeiterpartei Deutschlands
tionalsozialisten in Reden und Artikeln mit philosophischen und sozialistischen (SAP) bei.
unerschrocken an. Bis zuletzt versuchte Schriften. 1933 wurde sie wegen ihres politischen
Wels, die Republik und ihre Verfassungs- Er konnte sein Studium aus finanziel- Engagements und wegen ihrer jüdischen
ordnung zu verteidigen. len Gründen nicht beenden und arbeitete Herkunft aus dem Staatsdienst entlassen.
Im März 1933 wollte sich Hitler danach in einem Kalibergwerk. Daneben Sie zog nach Berlin und war hier für die
vom Parlament unabhängig machen schrieb er Artikel für die in Hannover er- SAP illegal tätig.
und forderte deshalb das Recht der Ge- scheinende sozialdemokratische Tages- Nach ausgedehnten Verhaftungswel-
setzgebung für seine Regierung. Dieses zeitung „Volkswille“, deren Lokalredak- len in der Berliner Organisation gab es
„Ermächtigungsgesetz“ sollte vorgeblich teur er 1928 wurde. nur noch circa 200 SAP-Mitglieder, die
auf vier Jahre begrenzt sein. Es bedeu- Ab 1932 bereitete er die Hannoveraner in Fünfer- bzw. Dreiergruppen organi-
tete tatsächlich die völlige Entmachtung SPD auf die Illegalität vor, organisierte siert waren und sich kaum mehr unter-
des Reichstages und die Zerstörung der einige Waffen und leitete die Flugblatt- einander kannten. Nur je ein Mitglied
verfassungsmäßigen Gewaltenteilung. produktion in die Wege. Zwischen März durfte die Verbindung zur nächsten
Durch die Festnahme der meisten kom- und Mai 1933 kritisierte er in mehreren Ebene halten. Treffen dienten dem Aus-
munistischen Abgeordneten, die Aberken- Flugblättern die „Stillhaltetaktik“ der tausch von Informationen oder der Vor-
nung ihrer Mandate sowie die absehbare SPD, die auf das bloße Überleben der Par- bereitung von Hilfen für Verfolgte.
Zustimmung des Zentrums und der Libe- tei abzielen sollte. Aufgrund ihrer Kontakte zu jüdi-
ralen, die Hitlers Zusicherungen glaubten, Unterstützt von den sozialdemokra- schen Hilfsorganisationen unterstütz-
stand die SPD-Reichstagsfraktion alleine tischen Funktionären Franz Nause und te auch Hilde Ephraim Gefährdete und
vor der Aufgabe, Hitlers Pläne abzulehnen. Willy Wendt baute Werner Blumenberg Familien von Inhaftierten. Im Frühjahr
Otto Wels wandte sich entschieden eine Widerstandsgruppe nach konspi- 1936 wurde sie festgenommen und
gegen die Entmachtung des Parlaments. rativen Regeln auf. Seit Ende 1933 trug bei den Verhören von Gestapobeamten
Er bekannte sich zu den Grundsätzen diese Gruppe den Namen „Sozialistische schwer misshandelt. Der „Volksgerichts-
des Rechtsstaats, des Parlamentarismus, Front“. Sie verteilte alle vier bis sechs hof“ verurteilte Hilde Ephraim am 25.
der Menschlichkeit, der Freiheit und des Wochen die zehnseitige Flugschrift „So- Juni 1937 zu vier Jahren Zuchthaus, die
Sozialismus. Nach seiner Rede gegen zialistische Blätter“ an einen zeitweilig sie in Lübeck und im bayerischen Am-
das „Ermächtigungsgesetz“, die als letzte bis zu 1000 Leser umfassenden Kreis. berg verbüßte. 1939 befand sie sich in
freie Rede im Reichstag gilt, wurde Wels Im Sommer 1936 gelang es der Gestapo, der Frauenstraf- und Verwahranstalt in
auf der letzten SPD-Reichskonferenz am einen Spitzel in die Sozialistische Front Aichach, wo sie die Nahrung verweiger-
27. April 1933 noch einmal zum Parteivor- einzuschleusen. Blumenberg konnte in te und schwer erkrankte.
sitzenden gewählt. der Nacht vom 16. zum 17. August 1936 Am 24. Juni 1940 wurde sie in  der
Die Zerschlagung der Gewerkschaften in die Niederlande fliehen. Nach 1945 Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar regis-
Anfang Mai bewies ihm, dass es keiner- kehrte er nicht mehr nach Deutschland triert; am 20. September 1940 erfolgte im
lei Möglichkeit der legalen Opposition zurück und starb 1965 in Amsterdam. Rahmen der „Aktion T4“, bei der syste-
gegen Hitlers Regierung geben konnte. matisch Menschen mit körperlicher und
Wels emigrierte nach Prag und wurde geistiger Behinderung ermordet wur-
einer der Vorsitzenden der Exil-SPD (SO- den, ihre Überstellung in die Tötungsan-
PADE). 1938 floh er nach Paris, wo er ein stalt Hartheim bei Linz. Hier wurde sie
Jahr später starb. noch am Tag der Ankunft ermordet.

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14 WIDERSTAND GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS

Widerstand aus christlichem Glauben tisierten Kirchenwahlkampf und riefen nicht zuletzt dadurch
ihre Gegner auf den Plan. Deren Wortführer wurde der Dah-
Der Widerstand von Christen beider Konfessionen und von lemer Pastor Martin Niemöller, der mit Gleichgesinnten den
Mitgliedern der kleineren religiösen Gemeinschaften lässt sich „Pfarrernotbund“ ins Leben rief, um den Zugriff der Deutschen
aus dem von vielen Gläubigen als unüberbrückbar empfunde- Christen und damit des NS-Staates auf die evangelischen Ge-
nen Gegensatz von Nationalsozialismus und Christentum, aber meinden abzuwehren. Sie wollten die Freiheit ihres Bekennt-
auch als innerkirchliche Auseinandersetzung erklären. nisses verteidigen, hielten an der Einheit von Altem und Neu-
Die Grundsätze der Religions- und Bekenntnisfreiheit fan- em Testament fest und lehnten insbesondere die Übernahme
den ihre Entsprechung im Willen zur Glaubenstreue. Sie muss- des „Arierparagraphen“ für die Kirche ab.
ten deshalb mit dem weltanschaulichen Führungsanspruch Evangelische Christen fanden sich später in der „Bekennen-
der NSDAP zusammenprallen, der Ausdruck des totalitären den Kirche“ zusammen, um die kirchenpolitischen Übergrif-
Charakters der NS-Ideologie war. Die Gegensätze zwischen fe der Deutschen Christen abzuwehren. Viele Landeskirchen
den Gläubigen und der NSDAP zeigten sich beispielhaft, als strebten jedoch nach einer tragfähigen Grundlage für ihr Wir-
die NS-Führung beabsichtigte, die Grenzen der Kooperation ken im NS-Staat, passten sich teilweise an oder versuchten,
zwischen kirchlichen Institutionen und dem nationalsozialis- eine Art Minimalkonsens zu finden.
tischen Staat festzulegen. So schmolz der Kreis der unbedingten NS-Gegner auf we-
Während die katholischen Bischöfe frühzeitig die natio- nige hundert Mitglieder der „Bekennenden Kirche“, deren
nalsozialistische „Irrlehre“ in klaren Worten verurteilten, ver- geistiger Wortführer Dietrich Bonhoeffer war. In der Ausei-
suchte in der evangelischen Kirche ein großer Teil der Gläu- nandersetzung mit dem Nationalsozialismus wurde Bonhoef-
bigen, die nationalsozialistische Weltanschauung mit dem fer zu einem der wichtigsten Theologen des 20. Jahrhunderts.
herrschenden Verständnis kirchlicher Verkündigung in Ein- Er prägte einen kleinen Kreis von evangelischen Geistlichen,
klang zu bringen. Sie organisierten sich in der Bewegung die nach dem Zusammenbruch des NS-Staates die Erneuerung
„Deutsche Christen“, die sich als Anhänger der NSDAP in der der evangelischen Kirche wesentlich beeinflussen konnten.
evangelischen Kirche verstanden. Sie wollten ein „artgemäßes Dietrich Bonhoeffer gehörte auch zum Kreis der Verschwö-
Christentum“ verkündigen und lehnten deshalb Glaubensvor- rer, die den Sturz Hitlers vorbereiteten. Bonhoeffers Beispiel
stellungen ab, die vor allem die enge Verbindung zwischen veranlasste dessen Freund Eberhard Bethge dazu, die „aktive
Christentum und Judentum hervorhoben. Konspiration“, die keine Deckung durch Institutionen mehr
In den innerkirchlichen Auseinandersetzungen vertraten kannte, als letzte Steigerung des Widerstands zu bezeichnen.
die Deutschen Christen einen entschieden nationalsozialis- In der katholischen Kirche gab es im Unterschied zum Pro-
tischen Standpunkt; sie wollten sowohl die Vielfalt der evan- testantismus eine lange Tradition des Widerstands gegen
gelischen Landeskirchen durch eine zentralisierte evangeli- staatliche Übergriffe, aber auch ein Gefühl für die Notwendig-
sche Reichskirche unter einem „Reichsbischof“ ersetzen, als keit, Verfolgung aus Glaubensüberzeugung auf sich zu neh-
auch die Mehrheit der kirchlichen Gemeinderäte stellen. Aus men. Noch im Reichstagswahlkampf 1933 bezogen die katholi-
diesem Grunde führten sie im Frühjahr 1933 einen sehr poli- schen deutschen Bischöfe klar Stellung gegen die NSDAP.
Privatbesitz

© SJ-Bild

Junge Christen auf einer Bibelfreizeit mit Friedrich Justus Perels (2. v. r.) und Hermann Eh- Pater Rupert Mayer mit Gläubigen bei einer Fronleichnamsprozession in München
lers (2. v. l.), zwei zentralen Persönlichkeiten der Bekennenden Kirche, Neuentempel 1937 um 1936

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Widerstand als Reaktion auf NS-Machtübernahme und NS-Herrschaftspraxis 15

Nachdem Hitler in seiner Regierungserklärung vom 23. März sogar der Anpassungsbereitschaft gedeutete Verhalten ein-
1933 das Christentum als Basis des Staates beschworen hatte, zelner Bischöfe, die den nationalsozialistischen Übergriffen
rückten sie jedoch von ihrer klaren Haltung gegenüber dem nicht energisch und offen entgegentraten.
Nationalsozialismus ab. Viele Katholiken hofften auf eine Ko- Zu den entschiedenen Wortführern eines katholischen Wi-
operation zwischen ihrer Kirche und den neuen Machthabern. derstands, der sich auch der Opfer des Staates annahm, ge-
Nach längeren Verhandlungen schlossen am 20. Juli 1933 das hörten der Berliner Dompropst Bernhard Lichtenberg, aber
Deutsche Reich und der Vatikan das Reichskonkordat, einen auch Katholikinnen wie Margarete Sommer, die verfolgten
Staatskirchenvertrag, der die Beziehungen zwischen dem Juden beistanden. Sie waren im Berliner Bistum aktiv, wo
Deutschen Reich und der römisch-katholischen Kirche regelte. Bischof Konrad Graf von Preysing immer wieder versuchte,
Trotz warnender Stimmen von Vertretern des politischen Ka- dem Anspruch des NS-Regimes entgegenzutreten.
tholizismus und von einzelnen Bischöfen sahen viele Katholi- Besondere Aufmerksamkeit erregte allerdings in Münster
ken darin eine Garantie für die Unantastbarkeit ihrer Kirche Bischof Clemens August Graf von Galen, als er die Ermor-
und die Freiheit des Bekenntnisses. dung von Menschen mit geistiger Behinderung anprangerte.
Bereits im Herbst 1933 war jedoch klar, dass die National- Seine Predigten wurden abgeschrieben und von einzelnen
sozialisten sich nicht an das Abkommen hielten. Die Wir- Gläubigen, aber auch von Regimegegnern verteilt, die nicht
kungsmöglichkeiten der katholischen Organisationen, vor im Katholizismus wurzelten.
allem der Jugend- und Arbeitervereine, wurden immer wei- Neben den Anhängern und Vertretern der großen Kirchen
ter eingeschränkt, jede nicht rein religiöse Aktivität war ih- widersetzten sich Mitglieder kleiner religiöser Gemeinschaf-
nen untersagt. Auch die katholische Presse geriet verstärkt ten, wie etwa der Zeugen Jehovas, dem NS-Staat. Sie zahlten
unter Druck. Konfessionelle Schulen, die eigentlich durch das für ihre geistliche und geistige Selbstbehauptung, aber auch
Konkordat abgesichert waren, wurden geschlossen, der Reli- für ihre Bereitschaft, anderen zu helfen, einen hohen Preis.
gionsunterricht durch Geistliche wurde eingeschränkt und
schließlich verboten.
Einzelne Bischöfe, Geistliche und Gemeindemitglieder pro-
testierten offen gegen die Verletzungen des Reichskonkor-
dats und stellten sich dem weltanschaulichen Führungs- Zeugnisse christlichen Widerstands
anspruch der Nationalsozialisten entgegen. Prozessionen,
Wallfahrten und gemeinsame Jugendfahrten wurden zu Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne der Staat
einer Demonstration der Glaubenstreue und stärkten den über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und tota-
Zusammenhalt des katholischen Milieus. le Ordnung menschlichen Lebens werden und also auch die
Die Verfolgung katholischer Glaubensanhänger, die Dif- Bestimmung der Kirche erfüllen.
famierung von Geistlichen in Devisen- und Sittlichkeitspro- Theologische Erklärung der Bekenntnissynode von Barmen, 31. Mai 1934
zessen, die Unterdrückung des katholischen Vereinslebens
und der Jugendarbeit zeigten, dass die Auseinandersetzung
mit dem nationalsozialistischen Regime zu einer Existenz- Das evangelische Gewissen, das sich für Volk und Regierung
frage für die katholische Kirche wurde. Auf Bitten der Kardi- mitverantwortlich weiß, wird aufs härteste belastet durch
näle Karl Joseph Schulte und Michael von Faulhaber sowie die Tatsache, daß es in Deutschland, das sich selbst als
der Bischöfe Konrad Graf von Preysing und Clemens August Rechtsstaat bezeichnet, immer noch Konzentrationslager
Graf von Galen entschloss sich Papst Pius XI. zu einer öf- gibt und daß die Maßnahmen der Geheimen Staatspolizei
fentlichen Reaktion. Es entstand schließlich ein päpstliches jeder richterlichen Nachprüfung entzogen sind.
Rundschreiben an die Weltkirche, das unter großer Geheim- Vorläufige Leitung und Rat der Deutschen Evangelischen Kirche, Denkschrift an Hitler,
haltung nach Deutschland gebracht, vervielfältigt und an 28. Mai 1936
die einzelnen Pfarrgemeinden verteilt wurde.
Am 21. März 1937 wurde die Enzyklika „Mit brennender Sor-
ge“ in allen katholischen Gemeinden verlesen. Sie klagte die Mit brennender Sorge und steigendem Befremden beobach-
Rechtsbrüche des NS-Regimes an und wandte sich entschie- ten Wir seit geraumer Zeit den Leidensweg der Kirche, die
den gegen dessen weltanschauliche Positionen. Sie verwies wachsende Bedrängnis der ihr in Gesinnung und Tat treu-
zudem auf die Grundlagen des katholischen Glaubens und bleibenden Bekenner und Bekennerinnen inmitten des Lan-
die Aufgabe der Kirche. Zwei Tage nach der Veröffentlichung des und des Volkes, dem St. Bonifatius einst die Licht- und
der Enzyklika untersagte die NS-Regierung die weitere Ver- Frohbotschaft von Christus und dem Reiche Gottes gebracht
breitung. Es kam zu Hausdurchsuchungen und Festnahmen hat.
sowie zur Enteignung beteiligter Druckereien. Papst Pius XI., Enzyklika „Über die Lage der katholischen Kirche im Deutschen Reich“,
Einzelne katholische Gläubige wurden im Laufe der Jahre 14. März 1937
zu grundsätzlichen Gegnern des Nationalsozialismus und
fanden den Weg in den politischen Widerstand. Vereinzelt
ließen sich Bischöfe über die Pläne oppositioneller Kreise in- Es ist nun eine erschreckende Tatsache, daß die gegenwärti-
formieren und hielten während des Krieges Verbindung zu gen Machthaber in Deutschland alle aufrichtigen Bibelchris-
politischen Widerstandsgruppen. Auf der einen Seite gab es ten, die offen ihren Glauben an Jehova Gott bekennen und
einzelne Gläubige, die Verfolgten halfen, stellvertretend für ihm dienen, schmähen, verleumden und mit grausamen Mit-
andere ihr Leben riskierten und schließlich auch den Weg in teln verfolgen.
den engsten Kreis der Verschwörung fanden – wie beispiels- Offener Brief der Zeugen Jehovas, Juni 1937
weise der Jesuitenpater Alfred Delp. Auf der anderen Seite
stand das nicht selten als Ausdruck des Kleinmutes oder

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16 WIDERSTAND GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS

che St. Hedwig in Berlin. In der Weimarer er bis zu seiner Festnahme öffentlich für
Republik war er Bezirksverordneter für verfolgte Juden und war als Leiter des
die katholische Zentrumspartei in Ber- Hilfswerks beim Bischöflichen Ordinariat
lin-Charlottenburg und gehörte dem Frie- Berlin für zahlreiche Hilfsmaßnahmen
densbund Deutscher Katholiken sowie der verantwortlich. 1941 protestierte er in ei-
Arbeitsgemeinschaft der Konfessionen für nem Brief an den Reichsärzteführer Leo-
den Frieden an. nardo Conti gegen die Krankenmorde.
1933 durchsuchten die Nationalsozia- Die Gestapo, die Lichtenberg überwach-
listen erstmals seine Wohnung. Als kon- te, nahm ihn nach einer Denunziation
sequenter Gegner des NS-Regimes wurde am 23. Oktober 1941 fest. Am 22. Mai 1942
Lichtenberg seit 1935 zu einem Vertrauten wurde er vom Sondergericht I beim Land-
Privatbesitz

des neuen Berliner Bischofs Konrad Graf gericht Berlin zu einer zweijährigen Haft-
von Preysing. strafe verurteilt, die er im Gefängnis Ber-
Entschieden setzte er sich für die vom lin-Tegel und im Arbeitserziehungslager
NS-Regime Verfolgten ein und beschwerte Wuhlheide verbüßte.
bernhard lichtenberg
sich 1935 massiv beim preußischen Minis- Nach dem Ende der Haft wurde er in das
Der 1875 geborene und 1899 zum Priester terpräsidenten Hermann Göring über die KZ Dachau überstellt. Auf dem Transport
geweihte Bernhard Lichtenberg wirkte Zustände im KZ Esterwegen im Emsland. dorthin starb der schwerkranke Priester
zuletzt als Domprobst an der Bischofskir- Seit dem Novemberpogrom 1938 betete am 5. November 1943 in Hof an der Saale.

Priesterseminar Rottenburg, wo er 1899 befolgte. Er wurde mehrmals wegen re-


zum Priester geweiht wurde. gimekritischer Predigten festgenommen,
Nach seiner Aufnahme in den Jesui- verurteilt und im Dezember 1939 in das KZ
tenorden verbrachte er einige Jahre als Sachsenhausen verschleppt.
Missionar in den Niederlanden, Deutsch- Nach seiner Entlassung im April 1940
land, Österreich und in der Schweiz. 1912 stand er unter Hausarrest und durfte das
kam er als Seelsorger nach München. Kloster Ettal bei Garmisch nicht mehr ver-
Im Ersten Weltkrieg, an dem er als Feld- lassen. Pater Rupert Mayer kehrte erst im
und Divisionsgeistlicher teilnahm, erlitt Mai 1945 nach München zurück. Wenige
er eine schwere Verwundung, die zur Am- Monate später starb er an den Folgen sei-
putation eines Beines führte. ner Haft.
© SJ-Bild

Bereits in den frühen 1920er-Jahren setz- Papst Johannes Paul II. sprach Rupert
te sich Mayer in München mit dem Natio- Mayer am 3. Mai 1987 in München selig.
nalsozialismus auseinander. Die Münche-
ner Gläubigen schätzten ihn vor allem als
rupert mayer
Helfer und Seelsorger im sozialen Elend der
Der 1876 geborene Rupert Mayer studier- Großstadt.
te Philosophie und Theologie in Fribourg Die Gestapo verhängte 1937 ein Predigt-
(Schweiz), München, Tübingen und am verbot für Mayer, das dieser jedoch nicht

tum gelöst hatten, ließen ihn und seine der Kanzlei der Vorläufigen Kirchenlei-
zwei Brüder evangelisch taufen. tung der Bekennenden Kirche. Er war 1936
Friedrich Weißler studierte Jura und maßgeblich an der Ausarbeitung der re-
promovierte 1914. Nach der Teilnahme am gimekritischen Denkschrift der Vorläufi-
Ersten Weltkrieg setzte er seine juristische gen Leitung und des Rates der Deutschen
Ausbildung fort und wurde 1922 Hilfsrich- Evangelischen Kirche an Hitler beteiligt.
ter in Halle. Im selben Jahr heiratete er Das Papier gelangte an die Auslandspres-
Hanna Schäfer. 1932 wurde Weißler Land- se und erregte erhebliches internationales
gerichtsdirektor in Magdeburg. Aufsehen.
Am 21. Juli 1933 wurde er nach vorherge- Weißler wurde der Weitergabe des Pa-
henden Schikanen durch die SA aus dem piers bezichtigt. Nachdem sich auch die
Privatbesitz

Justizdienst entlassen. Kurz zuvor hatte Kirchenleitung von ihm distanzierte, er-
Weißler gegen einen in SA-Uniform er- folgte am 3. Oktober 1936 seine Festnahme.
schienenen Angeklagten ein Ordnungs- Am 13. Februar 1937 wurde Friedrich Weiß-
geld verhängt. ler in das KZ Sachsenhausen verschleppt,
friedrich weißler
Nachdem seine Proteste gegen die dort schwer misshandelt und am 19. Fe-
Friedrich Weißler kam als Sohn des Juris- Entlassung erfolglos blieben, ging Weiß- bruar 1937 ermordet.
ten Adolf Weißler 1891 in Oberschlesien ler nach Berlin und wurde im November
zur Welt. Seine Eltern, die sich vom Juden- 1934 juristischer Berater und 1936 Leiter

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Widerstand als Reaktion auf NS-Machtübernahme und NS-Herrschaftspraxis 17

Kommandant am Ersten Weltkrieg teil. men mit mehreren hundert Pfarrern fest-
Ab 1919 studierte er Theologie und wurde genommen, die sich gegen Angriffe des
1924 Geschäftsführer der Inneren Mission NS-Ideologen Alfred Rosenberg wandten.
in Westfalen. Seit 1931 war er Gemeindep- Von der Gestapo ständig überwacht und
farrer in Berlin-Dahlem. am 1. Juli 1937 erneut festgenommen, ver-
Niemöller tolerierte und unterstützte urteilte ihn ein Berliner Gericht am 7. Fe-
zunächst die NSDAP, geriet jedoch bald bruar 1938 zu neun Monaten Festungshaft.
in Konflikt mit dem neuen Regime. Er Am darauffolgenden Tag wurde Nie-
wehrte sich gegen die Einflussnahme der möller jedoch als „persönlicher Gefange-
Deutschen Christen auf die evangelischen ner“ Adolf Hitlers auf dessen Befehl in das
Kirchen und rief, als der „Arierparagraph“ KZ Sachsenhausen eingeliefert und von
auch in der Kirche eingeführt wurde, mit den anderen Häftlingen isoliert.
GDW

anderen Pfarrern den Pfarrernotbund ins Am 11. Juli 1941 wurde er in das KZ
Leben. Wiederholt setzte er sich in seinen Dachau verlegt und im April 1945 mit wei-
Predigten für die Unabhängigkeit der Kir- teren Häftlingen nach Südtirol verschleppt.
martin niemöller
che von Staat und NSDAP ein. Alliierte Soldaten konnten ihn und seine
1892 in einem westfälischen Pfarrhaus ge- Im März 1934 verhängte das NS-Regime Mithäftlinge Anfang Mai 1945 befreien.
boren, kaisertreu und deutschnational er- ein zeitweiliges Redeverbot gegen Nie-
zogen, nahm Martin Niemöller als U-Boot- möller. Ein Jahr später wurde er zusam-

Theologiestudium und Habilitation Stu- doch bis 1940 weiter auf ihren Dienst
dentenpfarrer in Berlin. vorbereitet.
Bereits 1933 galt er als entschiedener 1938 war Bonhoeffer in die Staatsstreich-
Gegner der Nationalsozialisten und be- planungen seines Schwagers Hans von
gründete in seinem Aufsatz „Die Kirche Dohnanyi eingeweiht. 1940 von Dohnanyi
vor der Judenfrage“ die Pflicht der Chris- und Oster ins Amt Ausland/Abwehr des
ten zum Widerstand gegen staatliche Un- Oberkommandos der Wehrmacht einge-
rechtshandlungen. zogen, reiste er mehrmals ins Ausland, um
Von 1935 bis 1937 leitete er das Predi- Verbindungen zu alliierten Regierungen
gerseminar der Bekennenden Kirche, das zu knüpfen.
zunächst in Zingst, später in Finkenwal- Anfang April 1943 wurde Bonhoeffer
Privatbesitz

de bei Stettin angesiedelt war. Die von festgenommen. Ohne Gerichtsverfahren


Bonhoeffer geleiteten Kurse prägten alle blieb er zwei Jahre im Gefängnis Tegel in
Teilnehmer entscheidend in ihrer theolo- Haft. Hier entstanden seine bedeutends-
gischen Entwicklung. ten theologischen Werke. Im Februar 1945
dietrich bonhoeffer
1937 untersagte Reichskirchenminister wurde Dietrich Bonhoeffer in das KZ Flos-
Der 1906 als Sohn des bekannten Psychi- Hanns Kerrl die Fortsetzung dieser Se- senbürg gebracht und hier am 9. April
aters und Neurologen Karl Bonhoeffer ge- minare. In „Sammelvikariaten“ wurden 1945 nach einem SS-Standgerichtsverfah-
borene Dietrich Bonhoeffer wurde nach Theologen der Bekennenden Kirche je- ren ermordet.

den Bibelforschern an und gehörte nach als Leiterin (Bezirksdienerin) der illegalen
1933 zu den aktivsten Zeuginnen Jehovas Organisation der Zeugen Jehovas tätig.
in Bayern. Als Kurierin transportierte sie im Ausland
Nach dem reichsweiten Verbot der Glau- hergestellte Schriften und Ausgaben der
bensgemeinschaft 1935 beteiligte sie sich religiösen Zeitschrift „Der Wachtturm“
an der Herstellung und Verbreitung von zu den verschiedenen Gruppen in ganz
illegalen Schriften und leitete heimliche Deutschland. Die zweite groß angelegte
Jehovas Zeugen in Deutschland

Treffen. Als die Zeugen Jehovas im De- Flugblattaktion im Juni 1937, die Vertei-
zember 1936 in einer deutschlandweiten lung des „Offenen Briefes“, bereitete Löhr
Protestaktion die „Luzerner Resolution“ maßgeblich mit vor.
verbreiteten, in der sie gegen die Verfol- Elfriede Löhr wurde am 21. August 1937
gung und die Misshandlungen ihrer Mit- in Berlin festgenommen und blieb ohne
glieder protestierten, wirkte Löhr aktiv Urteil in Haft. Im Januar 1939 wurde sie
daran mit. ins KZ Lichtenburg verschleppt und im
Nach Verhaftungswellen im Herbst 1936 Mai 1939 in das neu errichtete Frauen-KZ
elfriede löhr
und im Frühjahr 1937 gegen die Glau- Ravensbrück überstellt, wo sie bis Kriegs-
Elfriede Löhr kam 1910 in München als bensgemeinschaft rückten zunehmend ende in Haft blieb.
Tochter eines Zahnarztes zur Welt. Bereits Frauen in führende Positionen auf. Ab
im Alter von 16 Jahren schloss sie sich Frühjahr 1937 war Elfriede Löhr in Bayern

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18 WIDERSTAND GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS

Widerstand und Exil (SOPADE) den Kampf gegen Hitler fort. Paris wurde der geisti-
ge Mittelpunkt der aus Deutschland emigrierten Intellektuel-
Ab 1933 flohen über eine halbe Million Deutsche vor den Natio- len. Sie bemühten sich, eine „Volksfront“ zu bilden, die von An-
nalsozialisten ins Ausland. Für sie bedeutete die Emigration hängern verschiedener politischer Gruppen und Richtungen
eine schmerzhafte und oftmals endgültige Trennung von dem verstärkt wurde. Kommunisten, Sozialdemokraten und Sozia-
Land, in dem sie aufgewachsen waren. Unter ihnen befanden listen wollten vom Exil aus ihre Gruppen im Reich unterstüt-
sich etwa 350 000 deutsche Juden, deren Hoffnungen sich zen. Sie veröffentlichten Nachrichtenblätter, Zeitschriften und
vielfach auf einen eigenen Staat in Palästina richteten. Aufrufe, um über die Verhältnisse in Deutschland zu informie-
Eine Rückkehr nach Deutschland wünschten sich dagegen ren oder die deutschen Widerstandsgruppen mit Nachrichten
viele der Flüchtlinge, die aus politischen oder weltanschauli- zu versorgen. Unter den Bedingungen des von Hitler 1939 ent-
chen Gründen auswanderten. Solange ihr Land vom NS-Ter- fesselten Weltkrieges und nach der Besetzung Frankreichs war
rorregime beherrscht wurde, wollten sie im Ausland das „an- dies aber fast nicht mehr möglich.
dere, bessere Deutschland“ verkörpern. Im Spanischen Bürgerkrieg (Juli 1936 – April 1939) ergriffen
Die Emigranten kamen aus unterschiedlichen politischen, die ins Ausland geflüchteten NS-Gegner die Partei der spani-
kulturellen und kirchlichen Gruppierungen. Neben Kommu- schen Republik gegen die nationalistischen Putschisten unter
nisten, Sozialisten, Sozialdemokraten und Gewerkschaftern General Franco, die von Deutschland militärisch unterstützt
fanden sich parteipolitisch unabhängige Pazifisten ebenso wurden. Ausschlaggebend dafür war die Hoffnung, später
wie konservative Regimegegner und Mitglieder der ehemali- auch den Nationalsozialismus in Deutschland überwinden zu
gen Zentrumspartei. können. Von den rund 5000 deutschen Freiwilligen auf Seiten
Immer wieder versuchten die Regierungen des Auslands, der spanischen Republik fielen mehr als 1000.
den Zustrom von Flüchtlingen zu begrenzen. Sie verlangten Der „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich im März
manchmal den Nachweis gesicherter Vermögensverhältnisse, 1938, die Besetzung des Sudetenlandes im Herbst 1938 und
untersagten die Erwerbstätigkeit oder verboten jede politi- schließlich der Einmarsch deutscher Truppen in Prag im März
sche Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur. Den deutschen 1939 bedrohten die dort lebenden Emigranten. Sie mussten
Emigranten schlug in ihren Gastländern oftmals Ablehnung erneut vor den Nationalsozialisten fliehen. Als Frankreich
entgegen. Viele von ihnen wurden ausgewiesen oder unter im Sommer 1940 unerwartet rasch von deutschen Truppen
ein verschärftes Fremdenrecht gestellt. besiegt und besetzt wurde, begann auch für die Flüchtlinge
Fehlende Sprachkenntnisse und fremde Lebensbedingun- dort ein Wettlauf mit den vorrückenden deutschen Soldaten.
gen, Rechtlosigkeit, da sie ihrer deutschen Staatsbürgerschaft Einige konnten nach Großbritannien oder in die Vereinigten
und damit ihrer Freizügigkeit beraubt waren, wirtschaftliche Staaten entkommen, andere suchten Sicherheit in Lateiname-
Not und die immer schwächer werdende Hoffnung auf Heim- rika oder im Fernen Osten. Die meisten der zurückbleibenden
kehr bedrängten fast alle Flüchtlinge. Sie fühlten sich als Au- Emigranten wurden von den Franzosen, ungeachtet ihrer Geg-
ßenseiter und suchten die Verbindung zu Landsleuten. nerschaft zum NS-Regime, als Angehörige eines feindlichen
Zunehmend überwanden die Emigranten, die häufig ganz Staates in Lagern interniert. Einzelne Flüchtlinge wurden nach
unterschiedliche politische Ziele verfolgten und noch lange der Kapitulation Frankreichs sogar an die Nationalsozialisten
durch die Auseinandersetzungen der Weimarer Zeit geprägt ausgeliefert. Sie kamen später fast ausnahmslos in Gefängnis-
blieben, ihre Gegensätze. Sie einte nun vor allem der Wille, den sen oder Konzentrationslagern ums Leben.
Nationalsozialismus von außen zu bekämpfen. Einige Gruppen und einzelne Emigranten, denen die Flucht
Mittelpunkte des deutschen politischen Exils aus der Arbei- in sichere Länder gelungen war, konnten dort in einigen Fäl-
terbewegung bildeten sich zunächst in Prag und Paris, danach len die deutschlandpolitischen Vorstellungen der Alliierten
in London, Stockholm und Moskau. Von Prag aus setzte der beeinflussen und auf diese Weise das NS-Regime von außen
Exil-Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands bekämpfen.

Workers Museum & Archive, Kopenhagen


Privatbesitz

Hilde Löbner und Kurt Liebermann nach der Flucht in der Grenzstadt Biela in der Emigrantengruppe beim Sprachunterricht in Kopenhagen 1939
Tschechoslowakei, vermutlich im Sommer 1933
Viele Emigranten leiden in ihren Aufnahmeländern unter den ungewohnten Le-
Die beiden teilen ihre Zweizimmerwohnung mit dem ebenfalls aus Deutschland bensverhältnissen und fehlenden Sprachkenntnissen. Als ihnen bewusst wird, dass
geflüchteten Walter Pöppel und dessen Frau Jenny. Die Wohnung dient als Um- Hitlers Herrschaft von Dauer sein wird, versuchen sie, sich verstärkt auf die neuen
schlagplatz für Flugschriften der Sozialistischen Arbeiterpartei und als Anlauf- und Lebensumstände in der Fremde einzustellen. Um ihre Verwandten und Freunde in
Sammelstelle für Informationen aus dem Reich. Deutschland zu schützen, verbergen die Emigranten auf diesem Bild ihre Gesichter.

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Widerstand als Reaktion auf NS-Machtübernahme und NS-Herrschaftspraxis 19

Sein kritisches Porträt des neuen Reichs-


präsidenten Hindenburg diente völki-
schen Studenten in Hannover 1925 als
Vorwand für eine antisemitische Kam-
pagne gegen ihn. Es kam zu Vorlesungs-
blockaden, Morddrohungen und Über-
griffen. Die TH Hannover konnte ihm die
allgemeine Lehrberechtigung zuerst nicht
entziehen, wandelte jedoch seinen Lehr-
Barch, BildY10 / 8019

auftrag in einen Forschungsauftrag um.


Anfang März 1933 floh Lessing in die

Privatbesitz
Tschechoslowakei. Im Sommer nahm er
am Prager Zionistenkongress teil, einer
internationalen Konferenz, die die Grün-
dung eines eigenen Staates der Juden
theodor lessing irma götze
zum Ziel hatte. Theodor Lessing plante,
Der 1872 geborene Philosoph Theodor zusammen mit seiner Frau im tschechos- Die 1912 geborene Kinderpflegerin Irma
Lessing war vor dem Ersten Weltkrieg lowakischen Marienbad ein Landerzie- Götze war Mitglied der anarcho-syn-
Lehrer an verschiedenen Reformschulen. hungsheim zu eröffnen. Die NS-Presse dikalistischen Freien Arbeiter-Union
Trotz seiner Qualifikation blieb ihm als streute zur selben Zeit Gerüchte über Deutschlands (FAUD) und aktiv in der
Jude und Sozialdemokrat eine akademi- ein hohes Kopfgeld, das auf ihn ausge- Leipziger Meute, einer Gruppe vor allem
sche Karriere zunächst versagt. Erst 1907 setzt sei. jugendlicher Oppositioneller. Im Unter-
wurde er an der Technischen Hochschu- Am 31. August 1933 erlag Theodor Les- grund agierte sie als Kurierin und Grenz-
le (TH) Hannover habilitiert, war dort sing den Schussverletzungen, die ihm gängerin in die Tschechoslowakei. Sie
Privatdozent und ab 1922 außerordent- zwei Nationalsozialisten am Tag zuvor in wirkte auch an der Herstellung illegaler
licher Professor für Philosophie. Dane- seiner Marienbader Wohnung zugefügt Schriften mit.
ben erlangte er Bekanntheit durch seine hatten. Dieser erste politische Mord an 1935 floh Irma Götze nach Spanien und
journalistische Arbeit für verschiedene einem deutschen Regimegegner im Aus- nahm 1936 auf Seiten der Republikaner
Tageszeitungen. land sorgte weltweit für Empörung. am Spanischen Bürgerkrieg in Katalonien
teil. Besonders engagierte sie sich in der
politischen Arbeit der deutschen Anar-
cho-Syndikalisten in Barcelona und bei
wieder für die SPD. 1931 zum Oberbürger- der Versorgung der Milizionäre.
Landesarchiv Berlin, F Rep. 290 Nr. 0134147 / Fotograf: k. A.

meister von Magdeburg gewählt, wurde Innerhalb der sehr heterogen zusam-
er nach Übergriffen der SA am 13. März mengesetzten Front der Republikaner
1933 abgesetzt. Wenige Tage später, am versuchten sich die Moskautreuen Kom-
23. März 1933, stimmte er als Reichstags- munisten – teilweise gewaltsam – gegen
abgeordneter mit der SPD-Fraktion ge- Anarcho-Syndikalisten und Trotzkisten
gen das „Ermächtigungsgesetz“. Als be- durchzusetzen. Diesen Querelen fiel auch
kannter sozialdemokratischer Politiker Irma Götze zum Opfer. Im Mai 1937 wurde
wurde er in den Jahren 1933/34 mehr- sie von der sowjetischen Geheimpolizei
fach festgenommen, misshandelt und GPU festgenommen, in das berüchtigte
inhaftiert. Geheimgefängnis Puerta del Angel ver-
1935 floh Ernst Reuter nach Großbri- schleppt und später in ein Frauengefäng-
tannien und bald darauf in die Türkei. nis überführt.
Er arbeitete im Wirtschafts- und im Ver- Nach ihrer Freilassung ging Irma Götze
kehrsministerium in Ankara und war 1939 nach Frankreich. Dort wurde sie 1940
ernst reuter
maßgeblich am Aufbau der türkischen und 1941 in den Lagern Gurs, Argelès-sur-
1889 in eine bürgerliche Familie geboren, Verwaltung beteiligt. Später unterrich- Mer und Rivesaltes als „feindliche Auslän-
studierte Ernst Reuter Geschichte, Ger- tete Reuter auch als Hochschullehrer. Er derin“ interniert und geriet schließlich in
manistik und Geografie in Marburg und hatte Kontakte zu deutschen Emigran- die Hände der Gestapo. Das Oberlandes-
München. 1912 trat Reuter in die SPD ein, ten in der Türkei sowie in anderen gericht Dresden verurteilte sie 1942 wegen
arbeitete als Hauslehrer und anschlie- Ländern und gehörte 1943 zu den Mitbe- der illegalen Arbeit für die FAUD zu einer
ßend als professioneller Redner für die gründern des Deutschen Freiheitsbun- Zuchthausstrafe von zwei Jahren und
SPD. Im Ersten Weltkrieg geriet er in des in Istanbul. sechs Monaten. Nach deren Verbüßung
russische Kriegsgefangenschaft und en- Ernst Reuter kehrte 1946 nach Berlin im Zuchthaus Waldheim wurde sie in
gagierte sich für die Bolschewiki, die in zurück, wo er zwischen 1948 und seinem das KZ Ravensbrück verschleppt. Dort traf
der Oktoberrevolution 1917 die Macht in Tod 1953 als Regierender Bürgermeister Irma Götze nach neun Jahren ihre Mutter
Russland übernahmen. von Berlin eine Symbolfigur für den Frei- Anna wieder, die bereits acht Jahre inhaf-
1918 kehrte er nach Berlin zurück und heitswillen der Berliner im Westteil der tiert gewesen war. Beide überlebten das
arbeitete zunächst für die KPD, ab 1922 Stadt war. Kriegsende.

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20 WIDERSTAND GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS

Formierung der militärisch-zivilen politischen Mitte angewiesen sein werde. Letzterer schrieben
Opposition sie die Kraft zu, die nationalsozialistische Bewegung einzurah-
men, gar zu zähmen, und Hitler so an die Wand zu drücken,
Bis heute ist die Frage ungeklärt, welche politischen Traditi- „dass er quietscht“, wie Hitlers Vizekanzler Franz von Papen
onen das Scheitern der Weimarer Republik und den Erfolg selbstbewusst verkündet haben soll.
des Nationalsozialismus begünstigt haben. Die Bereitschaft, Doch im Sog einer von Hitler und seinem Propagandami-
die Weimarer Verfassungsordnung als Grundlage deutscher nister Joseph Goebbels inszenierten Begeisterungsstimmung
Politik zu akzeptieren und zu verteidigen, war vor 1933 nur verfestigte sich bei Vielen der Eindruck, sich im Rahmen der
schwach ausgeprägt: „Herzensrepublikaner“ waren selten, „nationalen Konzentration“ der Kräfte einer „nationalen Er-
und die „Vernunftrepublikaner“ waren kaum bereit, sich mit neuerung Deutschlands“ nicht entziehen zu können. Sie sa-
ihrer ganzen Kraft für einen Staat einzusetzen, in dem sie nach hen sich veranlasst, ihre distanzierte Haltung aufzugeben
dem Untergang der Monarchie nur das kleinere Übel sahen. oder zumindest zu unterdrücken und die innen- und außen-
Vor allem liberale und konservative Kreise neigten dazu, zu- politischen Forderungen Hitlers breit, nicht selten auch de-
nächst einmal die unmittelbaren politischen Folgen und nicht monstrativ, zu unterstützen. Teilweise hatten sie bereits in
zuletzt auch die ersten Ergebnisse der Regierungsübertragung Distanz zum Weimarer Staat gestanden und stimmten parti-
an Hitler abzuwarten. Sie gingen zudem davon aus, dass die- ell – allerdings oftmals auch vergleichsweise weitgehend – mit
ser entweder scheitern oder auf die Unterstützung der rechten den Zielen nationalsozialistischer Außen- und Gesellschafts-
politik überein.
Wenn nach einer belastenden Phase der Anpassung an
den herrschenden Zeitgeist die kritische Distanz gegenüber
Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte, Walter Eichgrün

dem NS-Staat überwog oder wieder auflebte, gab es auch für


ehemals einflussreiche Vertreter liberaler und konservativer
Parteien keine Möglichkeit, aktiv einen Umsturz aus dem
unmittelbaren Zentrum der Macht herbeizuführen. Denn im
nationalsozialistischen Führerstaat, der die Einheit von Partei
und Staat verkörpern sollte, waren einflussreiche Ämter – bis
auf ganz wenige Ausnahmen, die vor allem Deutschnationale
betrafen – den Mitgliedern der NSDAP vorbehalten.
Auch im Falle der Regimegegner aus liberalen und konser-
vativen Kreisen verliefen die Auseinandersetzungen mit den
Strukturen des NS-Staates und seiner Politik nicht als konti-
nuierlicher Prozess. Vielmehr waren sie eine Abfolge ständig
neuer Versuche, mit Gleichgesinnten eine gemeinsame politi-
sche Basis zu finden, konspirative Netze zu bilden, Phasen der
Entmutigung zu überwinden oder durch Versetzung, Umzug,
Viele Angehörige des Potsdamer Infanterie-Regiments 9, hier im Juni 1933, schlie- Einschüchterungen und Verhaftungen zerstörte Kontakte neu
ßen sich später der militärischen Opposition an. Zu ihnen gehören der Regiments- aufzubauen bzw. den jeweils geänderten Bedingungen anzu-
adjutant Henning von Tresckow (zu Pferde, r.), Hasso von Boehmer, Axel Freiherr
passen.
von dem Bussche, Hans Karl Fritzsche, Ludwig von Hammerstein, Ewald Heinrich
von Kleist, Friedrich Karl Klausing, Georg Sigismund von Oppen, Fritz-Dietlof Graf
von der Schulenburg und Achim Freiherr von Willisen. Position des Militärs
Hitler konnte nach seiner Ernennung zum Reichskanzler die
Reichswehrführung mit den Versprechen für sich gewinnen,
Deutschland wieder zu größerer militärischer Geltung zu ver-
helfen, die Reichswehr aufzurüsten und die allgemeine Wehr-
pflicht einzuführen. Viele hohe Militärs teilten Hitlers Ziele,
die er ihnen bereits am 3. Februar 1933 im Berliner Bendler-
block eröffnet hatte. Dazu gehörten die „Ausrottung des Mar-
xismus mit Stumpf und Stiel“, die „straffste autoritäre Staats-
führung“ sowie die „Eroberung neuen Lebensraums im Osten
und dessen rücksichtslose Germanisierung“.
Andere ließen sich durch Hitlers außenpolitische Erfolge
ebenso beeindrucken wie die meisten Deutschen. Auch die
Ausschaltung der als Konkurrenz wahrgenommenen „Sturm-
abteilung“ (SA) der NSDAP im Zuge einer Mordaktion Ende
Privatbesitz

Juni 1934 („Röhm-Putsch“) wurde von großen Teilen der mili-


tärischen Führung begrüßt. Dass im Zuge dieser Säuberungs-
welle auch der General und ehemalige Reichskanzler Kurt von
Generalmajor Erwin von Witzleben (M.) und Oberst Paul von Hase (l.), hier 1935
in Landsberg an der Warthe, gehören zu den treibenden Kräften der Umsturzpla- Schleicher, sein enger Mitarbeiter Generalmajor Ferdinand
nungen im Herbst 1938. Im März 1942 scheidet Erwin von Witzleben, nun General- von Bredow, der katholische Regimekritiker Erich Klausener
feldmarschall, aus gesundheitlichen Gründen aus dem Dienst aus. Er hält jedoch sowie der konservative Berater Franz von Papens, Edgar Juli-
weiterhin engen Kontakt zu den Verschwörern und ist bereit, bei einem Umsturz
us Jung, ermordet wurden, öffnete erstmals einigen Offizieren
den Oberbefehl über die Wehrmacht zu übernehmen. Paul von Hase wird 1940
Stadtkommandant von Berlin und kann den Kontakt zu Ludwig Beck und den die Augen. Ihnen wurde bewusst, dass sie einem Unrechts-
Kreisen der Militäropposition um Friedrich Olbricht festigen. regime dienten.

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Widerstand als Reaktion auf NS-Machtübernahme und NS-Herrschaftspraxis 21

Umsturzplanungen 1938
Am 5. November 1937 stellte Hitler dem Reichsaußenminister,
dem Oberbefehlshaber der Wehrmacht und den Oberbefehls-
habern von Heer, Kriegsmarine und Luftwaffe seine Kriegsplä-
ne vor. Sie mussten zur Kenntnis nehmen, dass er zielstrebig
einen Krieg vorbereitete, der die Vorherrschaft Deutschlands
in Europa sichern und „Lebensraum im Osten“ schaffen sollte.
Viele der Offiziere, die von diesen Plänen erfuhren, befürch-
teten eine militärische Niederlage und damit eine nationale
Katastrophe. Aus ersten Vorbehalten erwuchs bei regimekri-
tischen Militärs der Wunsch, sich den Kriegsplänen zu wider-
setzen. So versuchte der Generalstabschef des Heeres, Ludwig
Beck, zunächst mit Denkschriften auf die Politik Hitlers einzu-
wirken. Doch dieser hielt an seinem Vorhaben fest.
Anfang des Jahres 1938 nutzte Hitler Intrigen zur Entlassung
des Reichskriegsministers und Oberbefehlshabers der Wehr-
macht, Werner von Blomberg, und des Oberbefehlshabers des
Heeres, Werner Freiherr von Fritsch, und übernahm nun selbst
den Oberbefehl über die Wehrmacht, um seine Pläne durch-
zusetzen. Die politische Entmachtung der Heeresspitze bestä-
tigte einige jüngere Offiziere und Beamte in ihrer Ablehnung
des Regimes.
Nachdem er die Generalität vergeblich zum kollektiven
Rücktritt aufgerufen hatte, um so den drohenden Krieg in
Europa zu verhindern, trat Ludwig Beck im August 1938 von

Privatbesitz
allen Ämtern zurück. Als zentrale Gestalt der Militäropposi-
tion forderte er in ständiger Abstimmung mit Carl Friedrich
Goerdeler, dem führenden Kopf der zivilen Widerstandskrei- Hans Oster (M.) und Friedrich Wilhelm Heinz (r.) um 1937
se, ein gemeinsames Handeln von Zivilisten und Offizieren. Oster beauftragt Heinz im September 1938, einen Stoßtrupp zu bilden, um Hitler
Um die beiden entstand ein Kreis militärischer und ziviler Re- festzunehmen.
gimegegner. Sie nutzten ihre Verbindungen zu aktiven Militärs,
Diplomaten und Verwaltungsbeamten, um möglichst nah am
Zentrum der Macht – aus dem Militär- und Staatsapparat he-
raus – einen Umsturz zu wagen. So versuchten Diplomaten um
Ulrich von Hassell und Theodor Kordt noch im Sommer 1938 in
London eine entschiedene Stellungnahme der britischen Re-
gierung zu erwirken, um auf diese Weise Hitlers Eroberungs-
pläne gegenüber der Tschechoslowakei zu durchkreuzen.
Parallel zur Beck/Goerdeler-Gruppe bildete sich im Amt
Ausland/Abwehr des Oberkommandos der Wehrmacht um
den damaligen Oberstleutnant Hans Oster ein Kreis von Op-
positionellen, der mit zivilen Regimegegnern wie Hans von
Dohnanyi und Hans Bernd Gisevius zusammenarbeitete. Im
Sommer 1938 wurde er zur „operativen Zentrale“ aller Staats-
streichplanungen. Einige Truppenkommandeure konnten
für den Umsturz gewonnen werden. Dazu gehörten der Be-
Privatbesitz

fehlshaber des Wehrkreises III (Berlin), Erwin von Witzleben,


der Kommandeur der 23. Infanteriedivision in Potsdam, Wal-
ter Graf von Brockdorff-Ahlefeldt, und Paul von Hase, Kom- Ulrich von Hassell als Botschafter in Rom 1935
mandeur des 50. Infanterieregiments in Landsberg an der
Warthe.
Während des Umsturzes sollte Hitler von einem Stoß- gen in die Reichskanzlei im Zuge eines provozierten Schuss-
trupp festgenommen und später abgeurteilt werden, da die wechsels zu töten. Hans Oster billigte dieses offensichtlich
Verbrechen des Regimes immer offenkundiger geworden nicht mit den Generalen Franz Halder und Erwin von Witz-
waren. Den Auftrag zur Festsetzung Hitlers erhielt Major leben abgesprochene Vorgehen, sodass heute auch von einer
Friedrich Wilhelm Heinz, ein ehemaliger Freikorpskämpfer „Verschwörung in der Verschwörung“ gesprochen wird.
und Stahlhelmführer, der seit 1936 in der Abwehr tätig war. Die Verschwörer wollten handeln, wenn ein Krieg un-
Er zog frühere Stahlhelmangehörige, Jungkonservative und mittelbar bevorstand und Hitler die Mobilmachung gegen
Nationalrevolutionäre hinzu, die Hitlers Ausschaltung radi- die Tschechoslowakei befehlen würde. Dieser verlangte im
kaler vorantreiben wollten. Während Ludwig Beck Hitler vor September 1938 immer drängender den Anschluss des Su-
Gericht stellen und Hans von Dohnanyi ihn für geisteskrank detenlandes an das Deutsche Reich. Die Krise um diesen
erklären wollte, plante Heinz, den Diktator beim Eindrin- hauptsächlich von Deutschen bewohnten Teil der Tschecho-

Informationen zur politischen Bildung Nr. 330/2016


22 WIDERSTAND GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS

slowakei spitzte sich stetig zu. In der letzten Septemberwo- den Nationalsozialisten mit Zustimmung anderer europäi-
che hielten sich die Verschwörer in der Erwartung des An- scher Mächte preisgegeben, der Krieg war noch einmal ver-
griffsbefehls bereit. Doch der italienische Diktator Benito mieden worden. Nach dem Münchener Abkommen befand
Mussolini machte ein neues Vermittlungsangebot. Auf der sich Hitler auf einem neuen Höhepunkt seiner Macht und
Münchener Konferenz am 29. September 1938, zu der die Popularität. Die meisten Deutschen wie auch viele Offiziere
Vertreter der tschechoslowakischen Regierung nicht einge- stimmten seiner Politik zu. Die Verschwörer hielten jetzt ei-
laden waren, stimmten Frankreich und Großbritannien den nen erfolgreichen Staatsstreich nicht mehr für möglich und
deutschen Gebietsforderungen zu. Ostmitteleuropa wurde stoppten alle Vorbereitungen.

Sorge vor einem zweiten Weltkrieg


Der Führer hält anscheinend eine gewaltsame Lösung der su- schichte gelernt haben, dass überfallartige Überraschungen
detendeutschen Frage durch Einmarsch in die Tschechei für kaum jemals zu einem dauernden Erfolg geführt haben.
unabwendbar; er wird in dieser Auffassung bestärkt durch eine Unsere Vorbereitungen (Westen) sind oder werden so klar
Umgebung verantwortungsloser, radikaler Elemente. Über die erkennbar, dass mit Präventivmaßnahmen der Gegner gerech-
Einstellung von Göring ist man geteilter Auffassung. Die einen net werden muss. Die Kriegspropaganda in der ausländischen
glauben, dass er den Ernst der Lage erkennt und versucht, auf Presse hat bereits eingesetzt. […]
den Führer beruhigend einzuwirken, die anderen meinen, dass Für den Fall, dass es durch Einspruch berufener Männer noch
er wie in dem Falle Blomberg und Fritsch ein doppeltes Spiel gelingen sollte, einen Krieg zu vermeiden, ist mit erheblichen
treibt und umfällt, wenn er vor dem Führer steht. innerpolitischen Spannungen zu rechnen.
Alle aufrechten und ernsten deutschen Männer in staatsver- Man wird von radikaler Seite erklären, dass die Durchfüh-
antwortlichen Stellungen müssen sich berufen und verpflich- rung der Absichten des Führers an der Unfähigkeit der Wehr-
tet fühlen, alle erdenklichen Mittel und Wege bis zur letzten macht und ihrer Führer gescheitert ist. Erneute und verstärkte
Konsequenz anzuwenden, um einen Krieg gegen die Tschechei Diffamierungen werden einsetzen. Hier gilt es, ein wachsames
abzuwenden, der in seinen Auswirkungen zu einem Weltkrieg Auge und Ohr zu behalten.
führen muss, der das Finis Germaniae bedeuten würde. Der Führer soll in kleinem Kreise erklärt haben, den Krieg
Die höchsten Führer in der Wehrmacht sind hierzu in erster gegen die Tschechei muss ich noch mit den alten Generalen
Linie berufen und befähigt, denn die Wehrmacht ist das aus- führen, den Krieg gegen England und Frankreich führe ich mit
übende Machtmittel der Staatsführung in der Durchführung einer neuen Führerschicht.
eines Krieges. Man wird sich daher entschließen müssen, in unmittelbarer
Es stehen hier letzte Entscheidungen für den Bestand der oder nachfolgender Verbindung mit einem Einspruch nunmehr
Nation auf dem Spiel; die Geschichte wird diese Führer mit eine klärende Auseinandersetzung zwischen Wehrmacht und
einer Blutschuld belasten, wenn sie nicht nach ihrem fachli- SS herbeizuführen.
chen und staatspolitischen Wissen und Gewissen handeln. Ihr Auch wäre hierbei eine brutal klare Schilderung der wahren
soldatischer Gehorsam hat dort eine Grenze, wo ihr Wissen, Stimmung im Volke am Platze, die sehr wesentlich durch die
ihr Gewissen und ihre Verantwortung die Ausführung eines aufkommende Bonzokratie im Dritten Reich hervorgerufen ist.
Befehles verbietet. Finden ihre Ratschläge und Warnungen Über den Zeitpunkt dieser Maßnahmen ist zu sagen:
in solcher Lage kein Gehör, dann haben sie das Recht und die Man kann wohl damit rechnen, dass im Laufe der Sommermo-
Pflicht vor dem Volk und vor der Geschichte, von ihren Ämtern nate (August) eine vielleicht noch in versöhnendem Tone gehal-
abzutreten. tene englische und französische Note eingehen wird, der dann in
Wenn sie alle in einem geschlossenen Willen so handeln, einem gewissen Abstande eine in Form eines Ultimatums abge-
ist die Durchführung einer kriegerischen Handlung unmög- fasste Note folgen wird, die der Staatsführung ein Ausweichen
lich. Sie haben damit ihr Vaterland vor dem Schlimmsten, vor oder Nachgeben nicht mehr möglich macht, wenn nicht ohnehin
dem Untergang bewahrt. Es ist ein Mangel an Größe und an Präventivmaßnahmen vom Gegner ergriffen werden.
Erkenntnis der Aufgabe, wenn ein Soldat in höchster Stellung Infolgedessen erscheint der Zeitpunkt: unmittelbar nach Ein-
in solchen Zeiten seine Pflichten und Aufgaben nur in dem gang der ersten Note – für evtl. Maßnahmen als der günstigste.
begrenzten Rahmen seiner militärischen Aufträge sieht, ohne Schließlich darf noch eine Überlegung angedeutet werden:
sich der höchsten Verantwortung vor dem gesamten Volke be- ob man sich nicht bewusst auf den Standpunkt stellen sollte,
wusst zu werden. dass die augenblickliche Einstellung des Führers und die von
Außergewöhnliche Zeiten verlangen außergewöhnliche Hand- ihm befohlenen Maßnahmen nur als ein beabsichtigter großer
lungen! Bluff dem Gegner gegenüber anzusehen sind, und sein Verhal-
Andere aufrechte Männer in staatsverantwortlichen Stellun- ten darauf einstellt: d.h. dass man nicht glauben kann, dass die
gen außerhalb der Wehrmacht werden sich auf ihrem Wege befohlenen Maßnahmen wirklich zu einem Krieg führen sollen,
anschließen. Wenn man die Augen und Ohren offen hält, wenn sondern sie nur für einen genialen Bluff hält.
man sich durch falsche Zahlen nicht selbst betrügt, wenn man Allerdings könnte diese Einstellung ein gefährliches Spiel be-
nicht in dem Rausch einer Ideologie lebt, dann kann man nur deuten.
zu der Erkenntnis kommen, dass wir zurzeit wehrpolitisch (Füh-
Vortragsnotiz von Ludwig Beck vom 16. Juli 1938 mit Überlegungen zum Verhalten der
rung, Ausbildung und Ausrüstung), wirtschaftspolitisch und obersten militärischen Führung angesichts der Gefahr eines Krieges mit der Tschechoslo-
stimmungspolitisch für einen Krieg nicht gerüstet sind. wakei, Bundesarchiv/Militärarchiv

Der Gedanke eines „Blitzkrieges“ (nach 2 Tagen in Prag ?) ist


ein unsinniger Traum; man sollte aus der modernen Kriegsge-

Informationen zur politischen Bildung Nr. 330/2016


Widerstand als Reaktion auf NS-Machtübernahme und NS-Herrschaftspraxis 23

NSDAP-Parteikanzlei musste Dohnanyi


1938 aus dem Ministerium ausscheiden
und wurde an das Reichsgericht versetzt.
Im Herbst 1939 forderte ihn Oster für
das Amt Ausland/Abwehr an. Hans von
Dohnanyi sollte hier im Geheimen weiter
an der Vorbereitung eines Staatsstrei-
ches gegen Hitler arbeiten. Er war durch
seine Tätigkeit frühzeitig über den Mas-
senmord an den europäischen Juden
informiert und leitete Berichte seines
Schwagers Dietrich Bonhoeffer über die

GDW
Judendeportationen an hohe Militärs
bpk

weiter, um diese zum Einschreiten zu be-


wegen. Im Frühjahr 1942 beschloss er, we-
hans von dohnanyi carl friedrich goerdeler
nigstens einige von der Deportation be-
Zwischen 1929 und 1938 im Reichsjus- drohte Familien in Sicherheit zu bringen. Carl Friedrich Goerdeler, 1884 geboren, war
tizministerium tätig, sammelte der 1902 Bereits am 5. April 1943 wurde Dohna- seit 1930 Oberbürgermeister von Leipzig
geborene Hans von Dohnanyi als persön- nyi wegen eines angeblichen Devisenver- und übte in der Endphase der Weimarer
licher Referent von Reichsjustizminister gehens verhaftet. Nach dem 20. Juli 1944 Republik gleichzeitig das Amt des Reichs-
Franz Gürtner systematisch Informatio- wurde ein Teil der von ihm vor 1938  ge- kommissars für die Preisüberwachung aus.
nen über nationalsozialistische Verbre- sammelten Dokumente über  NS-Verbre- Nach 1933 blieb er zunächst Oberbürger-
chen. chen von der Gestapo entdeckt. Dohnanyi, meister, übernahm 1934/35 erneut die
Ab Anfang 1938 hatte er Kontakt zu nach langer Haft in der Berliner Prinz-Al- Preisüberwachung und wurde zum schar-
oppositionellen Militärs und war zusam- brecht-Straße schwer krank, wurde wegen fen Kritiker der Aufrüstung.
men mit Ludwig Beck, Hans Oster und Er- seiner Beteiligung an den Umsturz- Goerdeler trat Ende des Jahres 1936
win von Witzleben führend an der Vorbe- vorbereitungen nach einem SS-Standge- nach heftigen kommunalpolitischen Aus-
reitung eines Staatsstreichversuches im richtsverfahren im KZ Sachsenhausen am einandersetzungen mit den Nationalsozi-
September 1938 beteiligt. Auf Druck der 9. April 1945 ermordet. alisten zurück. Unmittelbarer Anlass war
die von den Nationalsozialisten veranlass-
te Entfernung eines Denkmals, das an den
Komponisten Felix Mendelssohn-Barthol-
Diskussion trafen, begegnete Beck ande- dy erinnerte.
ren liberalen und konservativen Gegnern In den Folgejahren wurde Goerdeler
Hitlers. zum Mittelpunkt des zivilen Widerstands
Beck versuchte zunächst, die Möglich- gegen Hitler. Als Berater des Bosch-Kon-
keiten seines Amtes zu nutzen, um auf zerns unternahm er in Deutschland und
Hitlers Politik einzuwirken. Mit Vorträ- im Ausland ausgedehnte Reisen. Dabei
gen, Aktennotizen und Denkschriften warb er für eine Politik der internatio-
wollte er aber nicht nur Hitler, sondern nalen Völkerverständigung, die sich ent-
die Heeresspitze insgesamt beeinflussen. schieden gegen die Nationalsozialisten
Seine Ziele wuchsen rasch über die rein richtete.
militärischen Erwägungen hinaus. In zahlreichen Denkschriften kritisierte
ullstein bild

Im Sommer 1938 forderte Ludwig Beck Goerdeler Ende der 1930er-Jahre Hitlers
vergeblich die Generalität zum geschlos- Wirtschafts- und Rüstungspolitik und
senen Rücktritt auf, um den drohenden warnte vor deren Konsequenzen, die in
Krieg in Europa zu verhindern. Als er er- den Krieg münden mussten. Nach einem
ludwig beck
kannte, dass er sich weder auf die Genera- gelungenen Staatsstreich war Carl Fried-
Im Oktober 1933 wurde der 1880 gebore- lität stützen noch Hitler überzeugen konn- rich Goerdeler für das Amt des Reichs-
ne Berufsoffizier Ludwig Beck Chef des te, reichte Beck am 18. August 1938 seinen kanzlers vorgesehen.
Truppenamtes im Reichswehrministe- Rücktritt ein. Bereits vor dem 20. Juli 1944 hatte er
rium, ab Juli 1935 Generalstabschef des Ludwig Beck wurde zum Mittelpunkt die Aufmerksamkeit der Gestapo erweckt.
Heeres. In seiner kompromisslosen Ab- der militärischen Opposition und soll- Nach dem Umsturzversuch konnte Goer-
lehnung des Kriegsrisikos war sich Beck te nach einem gelungenen Anschlag deler zunächst entkommen, wurde kurz
mit Carl Friedrich Goerdeler, dem Kopf auf Hitler Staatsoberhaupt werden. Am darauf denunziert und am 8. September
der zivilen Oppositionskreise gegen Hit- Abend des 20. Juli 1944 forderte ihn Gene- 1944 vom „Volksgerichtshof“ unter Ro-
ler, einig. ral Friedrich Fromm nach dem Scheitern land Freisler zum Tode verurteilt. Auf
In der Berliner Mittwochsgesellschaft, des Umsturzes auf, Selbstmord zu bege- Befehl Hitlers wurde er erst fünf Monate
in der sich seit ihrer Gründung 1863 auf hen. Als dieser Versuch misslang, wurde später nach ausführlichen Vernehmun-
ihrem jeweiligen Fachgebiet führende der schwer verwundete Beck auf Befehl gen am 2. Februar 1945 in Berlin-Plötzen-
Wissenschaftler regelmäßig zur freien Fromms erschossen. see erhängt.

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24 WIDERSTAND GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS

Georg Elser und das Attentat vom


8. November 1939

Schweizerisches Bundesarchiv E4320B#1970/25#2*, Az. C.02-102, Strasser, Otto, 1934-1939


Georg Elser wurde 1903 geboren und wuchs als ältestes von
fünf Geschwistern in Königsbronn unter schwierigen Famili-
enverhältnissen auf. Der Vater, Ludwig Elser, trank und hatte
gesundheitliche Probleme, die Familie verarmte. So musste
der junge Georg schon früh Verantwortung für andere über-
nehmen.
Georg Elser war ein außerordentlich begabter Schreiner.
Zwischen 1925 und 1932 arbeitete er in der Tradition des wan-
dernden Gesellen in verschiedenen Orten rund um den Boden-
see. Elser galt als ein eher schweigsamer, aber dennoch gesel-
liger Mensch. Seit seiner Schulzeit musizierte er. Er wanderte
gern mit Freunden und war auch bei Frauen beliebt. Seine
Freundin Mathilde Niedermann brachte 1930 sein einziges
Kind Manfred zur Welt.
Mit politischen Fragen setzte sich Elser bereits während
seiner Lehrzeit auseinander. Persönliches Freiheitsgefühl und
Unabhängigkeitsstreben prägten sein Verständnis von Politik.
Er wurde Mitglied im Holzarbeiterverband und trat 1928/29 Georg Elser um 1938
dem Roten Frontkämpferbund bei, der paramilitärischen Or-
ganisation der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD),
ohne sich dort aber besonders zu engagieren. Bis 1933 wählte Lokalschluss unbemerkt im Bürgerbräukeller einschließen, um
er die KPD, die seiner Ansicht nach die Interessen der Arbeiter- während der Nacht mit einfachsten Werkzeugen den Pfeiler
schaft am besten vertrat. über Hitlers Rednerpult für den geplanten Anschlag zu präpa-
Der junge Schreiner lehnte den Nationalsozialismus von rieren. Am Morgen des 6. November stellte er die beiden Uhr-
Anfang an entschieden ab. Augenzeugen berichteten, dass er werke auf den Abend des 8. November ein und ließ „damit der
Kundgebungen der NSDAP und ihrer Kampfverbände mit de- Sache ihren freien Lauf“.
monstrativer Nichtachtung begegnete, konsequent den „Hit- Hitler hatte sich im Unterschied zu den Vorjahren erst
lergruß“ verweigerte und den Raum verließ, wenn im Radio kurzfristig zu seiner Traditionsveranstaltung entschlossen.
Hitlerreden übertragen wurden. Ein erstes und wichtiges Mo- Auch sprach er erheblich kürzer als sonst, weil er unmittel-
tiv für seine Gegnerschaft zum Nationalsozialismus war die bar danach wieder nach Berlin zurückkehren wollte. Daher
Verschlechterung der Lebensbedingungen der Arbeiterschaft hatte er mit den anderen hohen NS-Führern den Raum be-
während der ersten Jahre des NS-Regimes. reits seit etwa 13 Minuten verlassen, als gegen 21.20 Uhr der
Obwohl die französische und die britische Regierung Ende Sprengkörper explodierte. Die Explosion begrub das Redner-
September 1938 auf der Münchener Konferenz den territorialen pult unter einem meterhohen Schutthaufen und zerstörte
Forderungen Hitlers an die Tschechoslowakei nachgegeben hat- die Saaldecke. Acht Tote und über sechzig Verletzte waren
ten, befürchtete Elser, dass „ein Krieg unvermeidlich ist“. Ab da die Folge.
reifte sein Entschluss, die nationalsozialistische Führung – nach Unmittelbar nach der Detonation begann die Suche der
seinen Worten Hitler, Goebbels und Göring – durch ein Attentat Gestapo nach dem Attentäter. Georg Elser hatte auf seiner
zu beseitigen, um den drohenden Krieg zu verhindern. Als am Flucht in die Schweiz noch vor der Explosion seines Spreng-
1. September 1939 die deutsche Wehrmacht Polen überfiel, fühlte körpers gegen 20.45 Uhr die Aufmerksamkeit der deutschen
sich Elser bestätigt. Bei Verhören erklärte er später, er habe mit Zollgrenzbeamten in Konstanz erregt und war festgenommen
seiner Tat „noch größeres Blutvergießen“ verhindern wollen. worden. Als die Nachricht vom Münchener Bombenanschlag
Seit Herbst 1938 bereitete Georg Elser systematisch den Konstanz erreichte, geriet er in Verdacht. Die Gestapo brachte
Bombenanschlag auf Hitler vor. Er sollte im Münchener Bür- ihn nach München, wo er verhört und gefoltert wurde. Elser
gerbräukeller stattfinden, in dem Hitler alljährlich am Vor- gestand seine Tat und übernahm die alleinige Verantwortung.
abend seines gescheiterten Putschversuches vom 9. November Dennoch gab ihn die NS-Propaganda als „Werkzeug“ des briti-
1923 eine Gedenkrede hielt. In seiner zeitweiligen Arbeits- schen Nachrichtendienstes aus.
stätte, einer Heidenheimer Armaturenfabrik, verschaffte sich Nach dem Ende des Krieges sollte Elser vom „Volksgerichts-
Elser zunächst 250 Presspulverstücke. Daraus konstruierte er hof“ in einem „Schauprozess“ verurteilt werden. Deshalb
einen Sprengkörper mit einem mechanischen Zündmechanis- wurde er seit 1940 als „Sonderhäftling“ im Zellenbau des KZ
mus, den er anschließend mit einem Zeitzünder mit zwei Uhr- Sachsenhausen gefangen gehalten und Tag und Nacht von
werken versah. Dabei kamen ihm die Kenntnisse zugute, die mindestens zwei SS-Männern bewacht. Mehr als fünf Jahre
er sich durch die Arbeit in Uhrmacherwerkstätten angeeignet musste er in völliger Isolation leben.
hatte. Um weiteren Sprengstoff zu beschaffen, arbeitete Elser Vermutlich Anfang Februar 1945 überführte die Gestapo
auch in einem Königsbronner Steinbruch, aus dem er ab April Georg Elser in das KZ Dachau, wo er wiederum in Einzelhaft
1939 mehr als 100 Sprengpatronen und über 125 Sprengkap- streng bewacht wurde. Auf Weisung „von höchster Stelle“
seln entwenden konnte. wurde Georg Elser schließlich am 9. April 1945 in der Nähe des
Im August 1939 zog Elser nach München. Zwischen August alten Krematoriums erschossen. Seine Leiche wurde anschlie-
und November 1939 ließ er sich an mehr als 30 Abenden nach ßend sofort verbrannt.

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Widerstand als Reaktion auf NS-Machtübernahme und NS-Herrschaftspraxis 25

Georg Elser über seine Motive


Die seit 1933 in der Arbeiterschaft von mir beobachtete Unzu- überzeugt, dass der Nationalsozialismus die Macht in seinen
friedenheit und der von mir seit Herbst 1938 vermutete unver- Händen hatte und dass er diese nicht wieder hergeben wer-
meidliche Krieg beschäftigten stets meine Gedankengänge. de. Ich war lediglich der Meinung, dass durch die Beseitigung
Ob dies vor oder nach der Septemberkrise 1938 war, kann ich der genannten drei Männer eine Mäßigung in der politischen
heute nicht mehr angeben. Ich stellte allein Betrachtungen an, Zielsetzung eintreten wird. Bestimmt kann ich angeben, dass
wie man die Verhältnisse der Arbeiterschaft bessern und einen ich nicht im Geringsten an eine andere Partei oder Organisati-
Krieg vermeiden könnte. Hierzu wurde ich von niemandem an- on gedacht habe, die nach einer Beseitigung der Führung das
geregt, auch wurde ich von niemandem in diesem Sinne beein- Ruder in Deutschland in die Hand genommen hätte. Auch über
flusst. Derartige oder ähnliche Unterhaltungen habe ich nie ge- diesen Punkt habe ich mich mit niemand unterhalten.
hört. Auch vom Moskauer Sender habe ich nie gehört, dass die Der Gedanke der Beseitigung der Führung ließ mich damals
deutsche Regierung und das Regime gestürzt werden müssen. nicht mehr zur Ruhe kommen und bereits im Herbst 1938 – es
Die von mir angestellten Betrachtungen zeitigten das Ergeb- war dies vor dem November 1938 – hatte ich auf Grund der im-
nis, dass die Verhältnisse in Deutschland nur durch eine Besei- mer angestellten Betrachtungen den Entschluss gefasst, die
tigung der augenblicklichen Führung geändert werden könn- Beseitigung der Führung selbst vorzunehmen. Ich dachte mir,
ten. Unter der Führung verstand ich die „Obersten“, ich meine dass dies nur möglich sei, wenn die Führung sich bei irgend-
damit Hitler, Göring und Goebbels. Durch meine Überlegungen einer Kundgebung befindet. Aus der Tagespresse entnahm ich
kam ich zu der Überzeugung, dass durch die Beseitigung dieser damals, dass die nächste Zusammenkunft, bei der auch die Füh-
3 Männer andere Männer an die Regierung kommen, die an das rung teilnimmt, sich am 8. und 9. November 1938 in München
Ausland keine untragbaren Forderungen stellen, „die kein frem- im „Bürgerbräukeller“ abspielt. Bestimmt kann ich allerdings
des Land einbeziehen wollen“ und die für eine Besserung der nicht mehr sagen, ob ich diese Zusammenkunft tatsächlich aus
sozialen Verhältnisse der Arbeiterschaft Sorge tragen werden. der Zeitung oder sonst irgendwie erfahren habe. Ob mir dies
An bestimmte Personen, die die Regierung übernehmen soll- später noch einfällt, kann ich nicht angeben.
ten, habe ich weder damals noch später gedacht. Den National- Auszug aus dem Gestapo-Verhör Georg Elsers im November 1939 über seinen Entschluss
sozialismus wollte ich damals nicht beseitigen. Ich war davon zur Tat und die ersten Vorbereitungen, Bundesarchiv R 22/3100

GDW

Der zerstörte Bürgerbräukeller in München am Tag nach dem Attentat, 9. November 1939

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26 WIDERSTAND GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS

JOHANNES TUCHEL / JULIA ALBERT

Widerstand als Reaktion auf


Krieg und NS-Gewaltverbrechen
Die Versuche, Widerstand zu organisieren, erfolgten unter Gang, der mehr als sechs Millionen Menschenleben fordern
der ständigen Bedrohung durch ein politisches Regime, das sollte. Auch hunderttausende Sinti und Roma wurden Opfer
einen Eroberungskrieg in Europa vorbereitete und dafür im des nationalsozialistischen Genozids.
Innern entsprechende Vorkehrungen traf. Zu diesen Vor- Regimegegner stellten sich gegen Krieg und Völkermord.
kehrungen gehörten die Aufrüstung, aber auch die Gleich- Sie waren oftmals vereinzelt und verzweifelt. Hinzu kam, dass
schaltung, Ideologisierung, Militarisierung und ständige sich ab Kriegsbeginn im Herbst 1939 die Rahmenbedingungen
Mobilisierung der deutschen Gesellschaft im Rahmen der für die Regimegegnerschaft entscheidend verschlechtert hat-
„Volksgemeinschaft“. ten. Eine Vielzahl von Sonderbestimmungen, die im „Kriegs-
Infolge des Krieges wurden viele Männer zur Wehrmacht sonderstrafrecht“ zusammengefasst waren, ermöglichten hö-
einberufen. Um ihre Arbeitskraft zu ersetzen und für den here Strafen als bisher gegen alle, deren Verhalten auch nur
„Endsieg“ des Deutschen Reiches zu sorgen, wurden Millio- geringfügig von der Norm abwich. Todesurteile gegen Kriegs-
nen Menschen aus den von den Deutschen eroberten und dienstverweigerer gehörten jetzt ebenso zur Realität des
besetzten Ländern zur Zwangsarbeit in der Industrie und NS-Staates wie schwere Strafen für diejenigen, die ausländi-
in der Landwirtschaft nach Deutschland gebracht. Unmit- sche Rundfunksender gehört hatten und von „Volksgenossen“
telbar hinter der Front begannen schon wenige Tage nach denunziert worden waren.
dem deutschen Überfall auf Polen Gewaltverbrechen, die Unter diesen Bedingungen wurde die Bildung oppositi-
für die nächsten Jahre die besetzten Gebiete zum Zentrum oneller Netze und Gruppen immer schwieriger, die Gefahr
des Massenmords werden ließen. Doch auch in Deutschland des Verrats immer größer. In einer Gesellschaft, in der Mei-
selbst wurde im Herbst 1939 mit der Mordaktion an 200 000 nungsaustausch mit Argwohn betrachtet wurde, boten nur
kranken und hilflosen Menschen ein Massenverbrechen Freundes- und Diskussionskreise die Möglichkeit für die Wei-
verübt, das verharmlosend als Euthanasie – „Gnadentod“ – terentwicklung politischer Konzepte. Jenseits von Meinungs-
bezeichnet wurde. Mit dem Überfall auf die Sowjetunion verschiedenheiten in Details waren sich alle Regimegegner
im Juni 1941 folgte dann der Massenmord an sowjetischen jedoch einig in ihren Forderungen nach dem Sturz Hitlers,
Kriegsgefangenen. Die Zivilbevölkerung in den besetzten Ge- dem Ende der nationalsozialistischen Gewaltverbrechen und
bieten fiel nicht nur dem Kriegsgeschehen zum Opfer. Viele des von den Nationalsozialisten entfesselten Vernichtungs-
wurden als Partisanen verdächtigt und hingerichtet oder Ziel und Weltanschauungskrieges. Angesichts von Krieg und Ge-
von Vergeltungsaktionen. Im selben Jahr setzte das NS-Re- waltherrschaft wollten sie gegenüber den Herausforderungen
gime den planmäßigen Völkermord an den Juden Europas in der Diktatur nicht tatenlos bleiben.

Baier © ECPAD, Paris

Mordaktion in Serbien, Oktober 1941

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Widerstand als Reaktion auf Krieg und NS-Gewaltverbrechen 27

Widerstand aus der Arbeiterbewegung


Als der Krieg begann, bemühten sich die Regimegegner aus
der Arbeiterbewegung um den Aufbau von betrieblichen
Widerstandsgruppen. Sie versuchten, Nachrichten über den
tatsächlichen Kriegsverlauf zu verbreiten, die Rüstungswirt-
schaft zu sabotieren und Verfolgte zu unterstützen. Obwohl
die Nationalsozialisten in den 1930er-Jahren bereits nahezu
alle größeren Widerstandsgruppen von Kommunisten, Sozi-
aldemokraten und Sozialisten zerschlagen hatten, konnten
Verfolgung und Entrechtung den Willen der Regimegegner
nur selten brechen. Die Erfahrungen der Haft bestärkten viele
in ihrem Entschluss, den NS-Staat weiterhin bei jeder sich bie-
tenden Gelegenheit aktiv zu bekämpfen. Neue Widerstandsor-
ganisationen aufzubauen und Kontakte zu anderen Gruppen
herzustellen, gelang jedoch nur in wenigen Fällen.
Viele Kommunisten hatte der Abschluss des deutsch-sow-
jetischen Nichtangriffspaktes vom 23. August 1939 wie ein
Schock getroffen. Ein großer Teil von ihnen wollte nun einen
eigenen, von der Moskauer Führung unabhängigen Weg fin-
den und sich neu orientieren. Erst der Überfall auf die Sow-
jetunion am 22. Juni 1941 und die Kenntnis von den national-
sozialistischen Gewaltverbrechen bewirkten eine neuerliche

GDW
Verstärkung kommunistischer Widerstandsaktivitäten und
eine Wiederannäherung an die Politik der Sowjetunion und Die Hamburger ABC-Kolonne im Winter 1941. V. l. n. r.: Robert Abshagen, unbe-
der KPD-Führung. kannt, Hein Bretschneider, Hans Christoffers
Auch frühere KPD-Funktionäre, die 1939 und 1940 aus Kon- 1941 bildet sich um die Hamburger Arbeiterfunktionäre Bernhard Bästlein, Oskar
zentrationslagern und Zuchthäusern zurückkehrt waren, Reincke, Franz Jacob und Robert Abshagen eine kommunistische Betriebszellen-
organisation, deren Schwerpunkt in den Werften liegt. Ende 1942 gelingt es der
versuchten, neue Widerstandsgruppen aufzubauen. So ent-
Gestapo, die Gruppe aufzudecken. Mehr als 60 Festgenommene werden zum Tode
standen um Robert Uhrig in Berlin, um Theodor Neubauer in verurteilt oder von der Gestapo ermordet, darunter auch Robert Abshagen und
Mitteldeutschland und um Bernhard Bästlein in Hamburg Hein Bretschneider.
große Widerstandsorganisationen; eine weitere um Wilhelm
Knöchel war im Ruhrgebiet aktiv. Später bildete sich in Berlin
eine weit verzweigte kommunistische Widerstandsorganisa-
tion um Anton Saefkow und Franz Jacob. Sie verstand sich als
Inlandsleitung der KPD und orientierte sich an den Zielen des
1943 von emigrierten Kommunisten und deutschen Kriegsge-
fangenen in der Sowjetunion gegründeten Nationalkomitees
„Freies Deutschland“.
Diese Organisationen, in denen auch Sozialdemokraten und
Sozialisten mitwirkten, verbreiteten Flugblätter und selbst-
gefertigte Flugschriften. Vor allem aber versuchten sie, in den
Betrieben ihre Basis auszubauen und sich auf die Zeit nach
Barch, NJ 1434 Bd. 9

der Befreiung von der NS-Herrschaft vorzubereiten. Doch im-


mer wieder schleuste die Gestapo Spitzel in die kommunisti-
schen Gruppen ein und konnte sie so zerschlagen.
Einige sozialistische Gruppen wie die Revolutionären Sozia-
listen und der Internationale Sozialistische Kampfbund konn- Druckanlage der Widerstandsgruppe Antinazistische Deutsche Volksfront (ADV),
ten ihre Widerstandsaktivitäten bis in die Kriegszeit fortset- München 1943 (Beweisfoto der Gestapo)
zen. Sozialdemokratische Regimegegner festigten vor allem 1942 bildet sich in München die Widerstandsgruppe ADV um Karl Zimmet,
ihre Kontakte untereinander, ohne allerdings fest organisierte Georg Jahres und Hans Hutzelmann. Sie steht der KPD nahe und arbeitet mit
einer Münchener Widerstandsorganisation von sowjetischen Zwangsarbeitern
Gruppen aufzubauen. Ihr Ziel war es, nach einer deutschen mi-
und Kriegsgefangenen, der Organisation BSW (Brüderliche Zusammenarbeit der
litärischen Niederlage, die die Befreiung vom Nationalsozialis- Kriegsgefangenen), zusammen. Im Spätherbst 1943 werden durch Gestapo-Spitzel
mus bedeutete, politisch handlungsfähig zu sein. 13 Gruppen mit nahezu 300 Mitgliedern aufgedeckt.
Einzelne Sozialdemokraten und Gewerkschaftsführer stan-
den in enger Verbindung mit den Berliner Widerstandskreisen
um Carl Friedrich Goerdeler, Helmuth James Graf von Moltke All diese Gruppen stellten sich den täglichen Herausforde-
und Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Im Sommer 1944 lo- rungen der illegalen Arbeit, indem sie sich gemeinsam auf
teten Julius Leber und Adolf Reichwein, die neben Wilhelm die Grundlagen von Menschlichkeit und politischer Selbstbe-
Leuschner als Repräsentanten der sozialdemokratischen Ar- hauptung besannen. Oft setzten sie damit zugleich Zeichen
beiterbewegung galten, mit der Berliner Widerstandsorgani- für die Traditionen der Arbeiterbewegung, die sich in der Wei-
sation um Anton Saefkow und Franz Jacob grundlegende Fra- marer Zeit verhängnisvoll gespalten hatte und nun unter dem
gen der Zusammenarbeit aus. Druck der Kriegsverhältnisse verschüttet zu werden drohte.

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28 WIDERSTAND GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS

schen Arbeiterjugend, trat aber 1925 dem Verbindungsleute gab es in zahlreichen


Kommunistischen Jugendverband und der Berliner Betrieben, in denen illegale Ar-
KPD bei. 1932 war er für die KPD jüngstes beitergruppen bestanden. Sie versuchten,
Mitglied in der Hamburger Bürgerschaft. Verbindungen zu anderen Widerstands-
Mitte August 1933 wurde Jacob in Berlin gruppen im Reich zu halten, Verfolgten
festgenommen und nach der Verbüßung mit Lebensmittelkarten oder Ausweisen
einer Zuchthausstrafe von 1936 bis 1940 zu helfen und Kontakt zu Kriegsgefange-
im KZ Sachsenhausen festgehalten. Un- nen oder Zwangsarbeitern herzustellen.
mittelbar nach seiner Entlassung nahm Kleine und besonders zuverlässige „Ka-
er erneut Verbindung zu seinen politi- dergruppen“ sollten eine angemessene
schen Freunden auf und gehörte bald zum Vorbereitung auf die Zeit nach dem Ende
Privatbesitz

Führungskern der Gruppe um Bernhard der nationalsozialistischen Herrschaft ge-


Bästlein. währleisten.
Als im Oktober 1942 eine Festnahmeak- Gemeinsam mit Saefkow wurde Jacob
tion in Hamburg begann, tauchte Franz Ja- Anfang Juli 1944 festgenommen, am 5.
franz jacob
cob in Berlin unter und baute ab 1943 mit September 1944 durch den „Volksgerichts-
Der 1906 in Hamburg geborene Maschi- Anton Saefkow eine neue Widerstands- hof“ zum Tode verurteilt und am 18. Sep-
nenschlosser Franz Jacob engagierte sich organisation auf, die sich am National- tember 1944 in Brandenburg-Görden ent-
schon 1920 in der SPD-nahen Sozialisti- komitee „Freies Deutschland“ orientierte. hauptet.

Metallarbeiterverband bei und wurde bald für individuelle Hilfe schaffen und der
einer der führenden Funktionäre des Kom- Bildung einer breiteren Basis im Kampf
munistischen Jugendverbandes in Berlin. gegen das NS Regime dienen. Neben die
1924 trat er der KPD bei und war von 1928 „Kaderschulung“ und die Bildung von Be-
bis 1933 Mitglied der KPD-Bezirksleitun- triebsgruppen trat die Aufklärungsarbeit
gen in Sachsen, im Ruhrgebiet und in durch Flugblätter. Die Organisation um
Hamburg. Er wurde im April 1933 erstmals Saefkow bezeichnete sich dabei unter an-
festgenommen und 1934 zu zwei Jahren derem als Berliner Ausschuss des Natio-
Zuchthaus verurteilt. nalkomitees „Freies Deutschland“.
Im Herbst 1941 stieß Saefkow zum Kreis Anton Saefkow wurde am 4. Juli 1944
um Robert Uhrig. Gemeinsam mit Franz festgenommen und am 5. September 1944
Jacob baute er 1943 ein neues Netz unter- mit Bernhard Bästlein und Franz Jacob
GDW

schiedlicher illegaler Gruppen auf. Saef- zum Tode verurteilt. Wenige Tage spä-
kow und seine Freunde hielten auch akti- ter, am 18. September 1944, wurden sie
ve Formen des Kampfes gegen das Regime gemeinsam in Brandenburg-Görden ent-
anton saefkow
für möglich: Durch Produktionssabotage hauptet.
Der 1903 geborene Maschinenbauer An- wollten sie die Rüstungsanstrengungen
ton Saefkow schloss sich der sozialisti- schwächen. Verbindungen zu ausländi-
schen Jugendbewegung an, trat 1920 dem schen Arbeitern sollten Voraussetzungen

Geschichte und neuere Fremdsprachen in zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. An-


Brüssel, Jena und Berlin. Nach der Promo- schließend hielten ihn die Nationalsozi-
tion in Jena 1913 wurde er Lehrer, meldete alisten in verschiedenen Konzentrations-
sich zu Beginn des Ersten Weltkrieges frei- lagern gefangen. Erst im Sommer 1939
willig als Soldat und kehrte 1917 desillusio- wurde Neubauer entlassen und lebte seit-
niert zurück, nachdem er an der Front eine dem bei seiner Familie in Tabarz (Thürin-
Gasvergiftung erlitten hatte. gen). Zusammen mit Magnus Poser bau-
Nach der Novemberrevolution war er te er Anfang 1942 eine weit verzweigte
zunächst Mitglied der Deutschen Demo- kommunistische Widerstandsgruppe auf.
kratischen Partei, wechselte zur USPD (ei- Im Juli 1944 wurde Theodor Neubauer
ner Abspaltung der SPD) und schloss sich festgenommen, im Januar 1945 zum Tode
mit deren linkem Flügel 1920 der KPD an. verurteilt und am 5. Februar 1945 in Bran-
GDW

Von 1921 bis 1924 war Neubauer thürin- denburg-Görden enthauptet.


gischer Landtagsabgeordneter, 1923 auch
Staatsrat in der Thüringer Arbeiterregie-
theodor neubauer
rung. Von 1924 bis 1933 vertrat er die KPD
1890 geboren, wuchs Theodor Neubauer im Reichstag und lebte seit 1930 in Berlin.
als Sohn eines Gutsinspektors in einem Neubauer wurde im August 1933 erst-
konservativen Elternhaus auf. Er studierte mals festgenommen und im Herbst 1934

Informationen zur politischen Bildung Nr. 330/2016


Widerstand als Reaktion auf Krieg und NS-Gewaltverbrechen 29

schaftsbundes (ADGB) Darmstadt und stieg Leuschner nach seiner Freilassung in Berlin
1926 zum Bezirkssekretär des ADGB für eine Firma, in der viele Sozialdemokraten ar-
Waldeck, Hessen-Darmstadt, Hessen-Nas- beiteten. Bei seinen Geschäftsreisen konnte
sau, Rheinhessen und Saarland auf. er bis zuletzt mit zahlreichen Gesinnungsge-
Der Sozialdemokrat war bis 1928 Stadt- nossen in ganz Deutschland Kontakt aufneh-
verordneter in Darmstadt, danach bis 1933 men, auch mit der bürgerlichen Opposition.
Abgeordneter im hessischen Landtag. Als Bei Kriegsausbruch 1939 wieder kurzzeitig
hessischer Innenminister veröffentlichte er inhaftiert, hielt Leuschner in den folgenden
1931 interne Papiere der Nationalsozialis- Jahren Kontakte zum Kreisauer Kreis und
ten, die viele ihrer Gewaltpläne offenbar- war intensiv an den Vorbereitungen für den
ten. Im Januar 1933 ging er als Mitglied des Umsturzversuch vom 20. Juli 1944 beteiligt.
ADGB-Bundesvorstandes nach Berlin. Nach Für die Zeit nach dem Sturz Hitlers war er als
GDW

der Zerschlagung der Gewerkschaften wei- Vizekanzler vorgesehen und sollte gemein-
gerte er sich, bei einem Treffen der Interna- sam mit zwei anderen die neue Einheitsge-
tionalen Arbeitsorganisation in Genf für die werkschaft führen. Nach dem gescheiterten
wilhelm leuschner
Anerkennung der nationalsozialistischen Umsturzversuch wurde Leuschner festge-
Der 1890 geborene Holzbildhauer Wilhelm „Deutschen Arbeitsfront“ zu sprechen. nommen, vom „Volksgerichtshof“ zum Tode
Leuschner war ab 1919 zunächst Vorsitzen- Von 1933 bis 1934 von der Gestapo in Kon- verurteilt und am 29. September 1944 in Ber-
der des Allgemeinen Deutschen Gewerk- zentrationslagern festgehalten, gründete lin-Plötzensee erhängt.

Mittelschule Lehrling in einer Tapetenfa- als selbstständiger Kohlenhändler, suchte


brik. Von 1910 bis 1912 konnte er mit einem jedoch bald wieder Verbindung zu seinen
Stipendium die Oberrealschule besuchen sozialdemokratischen Freunden und fand
und anschließend Geschichte und Natio- später zum Kreisauer Kreis. Im Sommer
nalökonomie (Volkswirtschaft) studieren. 1944 nahm er über Verbindungsleute Kon-
1912 trat er der SPD bei. Er meldete sich 1914 takt zu dem Kommunisten Franz Jacob
freiwillig als Soldat, wurde Offizier und auf, den er im KZ Sachsenhausen kennen-
nahm 1920 noch als Leutnant an der Nie- gelernt hatte und der zu den führenden
derschlagung des Kapp-Putsches teil. Mitstreitern der Widerstandsorganisation
Leber war verheiratet mit Annedore Ro- um Anton Saefkow zählte.
senthal, mit der er eine Tochter und einen Julius Leber, der nach den Plänen der
Privatbesitz

Sohn hatte. Ab 1921 Chefredakteur des so- Widerstandsgruppe des 20. Juli nach ei-
zialdemokratischen „Lübecker Volksboten“ nem gelungenen Umsturz Reichskanzler
wurde er 1924 für die SPD in den Reichstag oder Innenminister werden sollte, wurde
gewählt, dem er als wehrpolitischer Frakti- am 5. Juli 1944 aufgrund der Denunziati-
julius leber
onssprecher bis 1933 angehörte. on eines Gestapo-Spitzels festgenommen,
Julius Leber, 1891 geboren und in der Fami- 1933 wurde Leber verhaftet und kam am 20. Oktober 1944 durch den „Volksge-
lie eines elsässischen Kleinbauern aufge- erst im Sommer 1937 aus dem KZ Sachsen- richtshof“ zum Tode verurteilt und am
wachsen, wurde nach dem Abschluss der hausen frei. Er fristete sein Leben in Berlin 5. Januar 1945 in Berlin-Plötzensee erhängt.

terjugend (SAJ), dann der SPD an und ar- 1937 Mitglied des in Straßburg gegründe-
beitete für die „Arbeiterwohlfahrt“ und ten Hilfskomitees für die Saar-Pfalz, das
als Zeitungskorrespondentin auf Partei- in Frankreich deutsche Emigranten aus
und Gewerkschaftskongressen. dieser Region betreute.
Als 1933 ein Haftbefehl gegen sie erlas- Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges
sen wurde, befand sie sich auf einer Reise wurde Johanna Kirchner auf Erlass der
in die Schweiz, um für andere Verfolgte französischen Regierung interniert. Ob-
AdsD / Friedrich-Ebert-Stiftung

des NS-Regimes Fluchthilfe zu organisie- wohl es zunächst gelang, sie mit Hilfe
ren. Sie emigrierte zunächst ins Saarge- französischer Freunde aus dem Lager
biet, beteiligte sich an den Vorbereitun- Gurs zu befreien, wurde sie später von der
gen zur Saarabstimmung und musste, Vichy-Regierung an Deutschland ausge-
nachdem das Gebiet danach dem Deut- liefert. Seit dem 9. Juni 1942 in Deutsch-
schen Reich angegliedert worden war, im land Gestapo-Vernehmungen ausgesetzt,
Januar 1935 weiterflüchten. verurteilte sie der „Volksgerichtshof“ im
Im französischen Forbach, nahe der Mai 1943 zu zehn Jahren Zuchthaus und
johanna kirchner
deutschen Grenze, blieb sie mit dem in einem Wiederaufnahmeverfahren am
Die 1889 geborene Johanna Stunz, ver- Kampf der deutschen Hitlergegner eng 21. April 1944 zum Tode. Johanna Kirchner
heiratete Kirchner, gehörte seit dem verbunden und stand mit kommunis- wurde am 9. Juni 1944 in Berlin-Plötzensee
14. Lebensjahr der Sozialistischen Arbei- tischen Gruppen in Kontakt. Sie wurde enthauptet.

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30 WIDERSTAND GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS

Die Europäische Union


In den ersten Kriegsjahren fanden sich in Berlin Menschen
unterschiedlicher sozialer Herkunft zusammen, die den Ver-
brechen des NS-Regimes nicht länger tatenlos zusehen woll-
ten. Sie standen in Kontakt mit verschiedenen sozialistischen
und kommunistischen Widerstandsgruppen, ohne jedoch en-
ger mit diesen zusammenzuarbeiten. Georg Groscurth, Arzt
und Dozent an der Berliner Universität, und sein Freund, der
Chemikophysiker Robert Havemann, versuchten gemeinsam
mit dem Architekten Herbert Richter und dem Dentisten Paul
Rentsch immer wieder, verfolgten Menschen zu helfen. Mit
einem Netz von Verbündeten, die Lebensmittelmarken sam-
melten, Papiere besorgten und Informationen beschafften, un-
terstützten sie illegal lebende jüdische Freunde.
Groscurth half Soldaten, sich als front- oder dienstuntauglich
dem Kriegsdienst zu entziehen. Gemeinsam mit Havemann
war er zudem seit Ende der 1930er-Jahre an Forschungen über
Kampfgase beteiligt, die sie sabotierten und so ergebnislos in

GDW
die Länge zogen. 1943 gelang es ihnen, mit Hilfe des Exil-Rus-
sen Konstantin Shadkewitsch Kontakt zu verschiedenen Grup-
Seit 1941 muss Herbert Baum (hier l. mit der Familie seiner Frau Marianne) in der
pen von Zwangsarbeitern aufzunehmen, die nach Deutsch- „Judenabteilung“ der Berliner Elmo-Werke arbeiten und kommt dort in Kontakt
land verschleppt worden waren. Sie unterstützten deren mit anderen Zwangsarbeitern.
Versuche, Widerstandorganisationen aufzubauen, indem sie
Kontakte vermittelten und die Verbindungen zwischen den
verschiedenen Gruppen aufrechterhielten. Im Sommer 1943 Die Widerstandsgruppe um Herbert
verfassten Havemann, Groscurth, Richter und Rentsch mehre- Baum
re programmatische Texte. Sie gaben ihrer Gruppe den Namen
„Europäische Union“ und wollten damit ausdrücken, dass sie
die Widerstandsaktivitäten der aus vielen europäischen Nati- Die Widerstandsorganisation um Herbert Baum und seine
onen stammenden Zwangsarbeiter unterstützten. Im Kampf Frau Marianne bestand aus jungen Menschen, die dem Kom-
gegen das NS-Regime sahen sie die Grundlage für eine gesamt- munismus nahe standen und durch ihre gemeinsamen Erfah-
europäische sozialistische Nachkriegsordnung. rungen als verfolgte Juden geprägt waren. Deshalb werden
Die meisten Mitglieder der Europäischen Union wurden im Herbert Baum und seine Mitkämpfer häufig als jüdische Wi-
Spätsommer 1943 von der Gestapo festgenommen. Die Grup- derstandsgruppe bezeichnet oder als Kreis einer gegen das
pe galt den Nationalsozialisten als besonders gefährlich, weil NS-Regime gerichteten Jugendopposition gedeutet. Sie selbst
sie sich aus angesehenen Intellektuellen und Angehörigen verstanden sich aber stets als Angehörige der kommunisti-
verschiedener Nationen zusammensetzte. 1943/44 wurden ge- schen Widerstandsbewegung.
gen 16 Angeklagte Todesurteile verhängt. Andere verloren ihr Die Mitglieder der Gruppe kannten sich teilweise bereits seit
Leben schon in der Voruntersuchung, wurden in den Gaskam- dem Ende der Weimarer Republik und hatten schon früh ers-
mern des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau ermordet, te Erfahrungen im Widerstand gegen das NS-Regime gesam-
starben nach ihrer Verurteilung zu Haftstrafen im Gefängnis melt. 1938/39 fanden sich einige der jüdischen Freunde von
oder unmittelbar nach der Befreiung an den Folgen der Haft. Herbert Baum erneut zusammen. Sie versuchten unabhängig
von anderen kommunistischen Berliner Widerstandsgruppen,
eigenständige Formen des Protests und des Widerstands zu
entwickeln.
Seit dem Überfall deutscher Truppen auf die Sowjetunion
im Sommer 1941 verbreiteten sie Flugblätter, um so auf das
Unrecht und die gefährlichen Folgen des Krieges aufmerksam
zu machen. Ihre spektakulärste Aktion war ein Brandanschlag
auf die Propagandaausstellung „Das Sowjetparadies“ im Ber-
liner Lustgarten am 17. Mai 1942. Herbert Baum und seine
Freunde, die besondere Sympathie für die Bevölkerung der Sow-
jetunion empfanden, wandten sich mit ihrer Tat vor allem
gegen deren Verunglimpfung als „slawische Untermenschen“
Robert-Havemann-Gesellschaft

und gegen die Verbindung von antijüdischer und antikommu-


nistischer Propaganda.
Binnen weniger Tage wurden sie verhaftet, vermutlich nach
einer Denunziation. Drei der Festgenommenen, neben Herbert
Baum Walter Bernecker und Elfriede Schaumann, begingen in
der Untersuchungshaft Selbstmord. Insgesamt fielen mehr als
20 Menschen aus den Kreisen um Herbert Baum der national-
Georg Groscurth und Robert Havemann in ihrem Berliner Labor um 1940 sozialistischen Verfolgung zum Opfer.

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Widerstand als Reaktion auf Krieg und NS-Gewaltverbrechen 31

Wenn wir das alles einmal bezahlen müssen!


„Wenn ich auf die Welt blicke, die wir verkörpern und auf all die sträubte es sich, an eine solche Verkommenheit deutscher Trup-
Männer, mit denen ich das Glück habe befreundet oder verbün- penverbände zu glauben. Es wollte nicht wahrhaben, dass seine
det zu sein, wenn ich weiter sehe auf meine politischen Führer Männer und Söhne von den Hitlerbestien zu solchen Scheuß-
im Reich, auf meine Reichsleiter, Gauleiter, Reichsstatthalter, lichkeiten missbraucht werden. Es ließ sich immer wieder von
Generalgouverneure, die Feldmarschälle und Admirale und Göbbels einreden, dass die objektiven Berichte aus dem besetz-
Generalobersten, dann sehe ich mit stärkster Zuversicht in die ten Sowjetgebiet lügnerische Feindpropaganda seien. Wir sind
Zukunft.“ heute in der Lage auch diesen Schwindel über die angebliche
So sprach Hitler am 26. April vor seinem sogenannten Reichs- Feindpropaganda zu entlarven. Wir sind in den Besitz einer
tag. Besser konnte er sein Regime nicht charakterisieren. Die Anzahl Originalfotos gekommen, die von anständigen und ehr-
Welt, die er mit seiner Bande verkörpert, das ist der endlose und lichen deutschen Soldaten in der Ukraine aufgenommen wur-
opferreiche Krieg, ist eine Welt der Massengräber, des Hungers, den. Diese Fotos geben einen Einblick in die verbrecherischen
der absoluten Verelendung des Volkes. Seine Welt, das ist die und bestialischen Greueltaten des hitlerischen Militarismus in
Welt der 200 Plutokratenfamilien, denen die großen Konzerne den besetzten Sowjetgebieten. […]
und Monopole gehören; seine Welt ist die Welt der Schieber und Und doch drohte uns das Blut in den Adern zu erstarren bei
Großverdiener, die Welt der Gangster, Volksbetrüger und Volks- der Durchsicht der uns übergebenen Bilder. Kinder, Frauen und
verderber. Seine Welt ist die Welt von Blut, Schweiß und Tränen, Greise werden ohne Prozess unschuldig auf das bestialischste
ist die Welt der Konzentrationslager, der Galgen, des Henker- hingeschlachtet. Dörfer und Städte werden verbrannt und ver-
beils und der Geiselerschießungen. wüstet. Die Zivilbevölkerung wird all ihrer Lebensmittel und
Seine Herrschaft, die er so gern als Volksherrschaft auszu- Kleidungsstücke beraubt. Eine tiefe Schamröte stieg uns ins
geben versucht, ist nichts anderes, als die brutalste Herrschaft Gesicht und voll banger Sorge fragten wir uns: „Was soll aus
der Plutokraten und der Hierarchie der NSDAP, der Gau- und Deutschland werden, wenn unser Volk einmal für all die Grau-
Reichsleiter, der Reichsstatthalter und Reichskommissare, samkeiten und Bestialitäten, die in seinem Namen von den Na-
der Generalität und der ganzen Bande von Nutznießern des zihenkern begangen werden, büßen müsste.“ […]
Krieges. In dem oben zitierten Ausspruch hat Hitler unse- Es fällt uns nicht leicht, das alles hier niederzuschreiben,
rem Volke klar und deutlich den wahren und einzigen Feind geschieht das alles doch im Namen Deutschlands, wissen wir
Deutschlands gezeigt. Diese Bande von Ausbeutern, Empor- doch, dass unser Volk noch nicht in ganzem Umfang auch ahnt,
kömmlingen und Nutznießern des brutalen imperialistischen welch ungeheuere Blutschuld das Hitlerregime ihm aufge-
Eroberungskrieges missbraucht den Namen Deutschlands wälzt hat. Aber unsere Pflicht als Deutsche, die wir unser Volk
und schändet den Ruf unseres Volkes mit unzähligen, grausa- und Heimat aus tiefster Seele lieben, zwingt uns dazu, unge-
men Verbrechen. All ihre Handlungen, die sie in Deutschland schminkt die Wahrheit zu sagen, damit unser ganzes Volk er-
und in fremden Ländern begehen, sind Faustschläge in das Ge- kennen kann, was die Hitlerbande alles in seinem Namen tut,
sicht unseres Volkes. […] zu welch scheußlichen Verbrechen es missbraucht wird.
Im Namen unseres Volkes wurden und werden tausende rus- Wir wollen nicht, dass am Ende des Krieges, das Todesurteil,
sische Kriegsgefangene blindwütig erschossen, weitere tausen- das die unterjochten Völker über Hitler und sein Regime gefällt
de werden in einen grässlichen Hungertod getrieben. haben, auch an unserm Volk und an unserer deutschen Heimat
Im Namen unseres Volkes werden die Kriegsgefangenen aller vollstreckt wird.
unterjochten Nationen völlig rechtswidrig in die Kanonen- und Der verbrecherisch von Hitler und seiner Bande vom Zaun
Munitionsfabriken zur Herstellung von Hitlers Mordwaffen ge- gebrochene Zweite Weltkrieg ist für Deutschland bereits ver-
zwungen. 2 Mill. Arbeiter der geknechteten Völker werden mit loren. Das muss jeder Deutsche heute begreifen. Hitlers Ende
allen Mitteln in die deutschen Rüstungsfabriken gepresst. Sie, rückt unvermeidlich näher und wir wollen nicht, dass es ihm
die Zivil- und Kriegsgefangenen müssen in Deutschland Waf- gelingt, unser Volk mit in den Abgrund zu reißen. Solange noch
fen und Munition erzeugen, die in diesem verfluchten Hitler- ein Tropfen Blut in unsern Adern fliesst, werden wir dagegen
krieg gegen ihre eigenen Völker verwendet werden. […] kämpfen, dass Hitler unser Volk zu seinem Komplizen machen
So gemein und niederträchtig all die Schandtaten in den be- kann.
setzten Westgebieten, auf dem Balkan und in Polen sind, so ist Deutschland kann nur noch gerettet werden, wenn unser
all das, was in diesen Ländern an tierischer Gemeinheit kursiert, Volk selbst ganz klare Fronten schafft. Hier Hitler mit seiner
unvergleichbar mit den beispiellosen Greueltaten, die in unse- Räuberbande, dort unser großes deutsches Volk im Bündnis mit
rem Namen im zeitweise besetzten Teil der Sowjetunion verübt den unterjochten Völkern. […]
werden. […]
Sonderausgabe der illegalen Flugschrift „Der Friedenskämpfer“ vom Juni 1942, verfasst
Auch unser Volk hat schon einiges über die grausamen Ver- von der kommunistischen Widerstandsgruppe um Wilhelm Knöchel und im Ruhrgebiet
brechen der hitlerischen Soldateska vernommen. Aber noch verbreitet, Landesarchiv NRW

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32 WIDERSTAND GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS

Widerstand aus christlichem Glauben rung gegen Hitler. Er wusste, dass seine Entscheidung aus
eigener Verantwortung erfolgte und seitens der Kirche nicht
Seit der Mitte der 1930er-Jahre gelang es den Nationalsozia- gedeckt wurde.
listen zunehmend, den Kreis oppositioneller evangelischer Evangelische Christen, die sich politisch gegen das NS-Re-
Christen zu schwächen. Martin Niemöller, ein Wortführer gime wandten, konnten ihren Selbstbehauptungswillen aus
des Kirchenkampfes, wurde 1937 festgenommen und 1938 den Grundlagen ihres Glaubens schöpfen, nicht aber auf die
ins Konzentrationslager eingewiesen. Andere Pfarrer aus der Unterstützung durch ihre Kirche hoffen. Sie blieben auf sich
Bekennenden Kirche wurden bedroht und mit Predigtverbot gestellt und fühlten sich oft allein gelassen.
belegt. Nach der Ermordung des Pfarrers Paul Schneider im Schon bald nach Abschluss des Reichskonkordates von 1933
KZ Buchenwald erkannten viele evangelische Regimegegner, war unübersehbar, dass Hitler den Einfluss des Katholizismus
mit welcher Brutalität die Nationalsozialisten ihre Drohungen auf das öffentliche Leben zurückdrängen wollte. Seit Mitte der
verwirklichten. 1930er-Jahre setzten einzelne Geistliche und Gläubige dem
Nicht alle Pfarrer und Christen aus den evangelischen Ge- Zeichen ihres Selbstbehauptungswillens und ihrer Glaubens-
meinden resignierten oder ließen sich einschüchtern. Sie treue entgegen. Auseinandersetzungen um die Entkonfessio-
beteiligten sich an Hilfsaktionen für Verfolgte, traten den nalisierung von Schule und Erziehung sowie die Kämpfe um
Zumutungen des Staates und der nationalsozialistischen Glaubenssymbole und kirchliche Wirkungsmöglichkeiten
„Deutschen Christen“ offen entgegen und verstärkten auf ihre zeigten den Machthabern, wie unbeirrbar sich praktizierende
Weise den kleinen Kreis unbeugsamer Protestanten, die Hit- Katholiken der weltanschaulichen „Gleichschaltung“ wider-
lers Herrschaft ablehnten und bekämpften. setzten.
Unter den Bedingungen des Krieges erkannten evangelische Während des Krieges wurden Hunderte von katholischen
Christen vermehrt den verbrecherischen Grundzug deutscher Geistlichen in Konzentrationslagern gefangen gehalten, mit
Politik. Wurden einzelne Pfarrer und Gemeindemitglieder be- Predigtverboten belegt oder unter Hausarrest gestellt. Ein-
drängt und festgenommen, weil sie sich angeblichen Zwän- zelne wurden vom nationalsozialistischen „Volksgerichtshof“
gen des Krieges nicht unterwerfen wollten, so rückten oftmals oder dem Reichskriegsgericht zum Tode verurteilt, andere
Gleichgesinnte nach. Sie vertraten christliche Glaubensüber- starben während der Haft in Konzentrationslagern oder wur-
zeugungen und protestierten deshalb gegen Verbrechen hin- den dort getötet. Die Ermordung von Patienten aus Heil- und
ter der Front, gegen die entwürdigende und menschenver- Pflegeanstalten seit Herbst 1939 stieß bei vielen Bischöfen,
achtende Behandlung von Kriegsgefangenen und schließlich Geistlichen und Gläubigen auf offenen Widerspruch.
gegen die Deportation von Juden. Sie litten darunter, dass ihr Zwar ließen sich einige Bischöfe über die Pläne oppositio-
Protest zu schwach und ihre Kirche weitgehend stumm blieb. neller Kreise informieren und hielten während des Krieges
Einer der wichtigsten Wortführer des Protestantismus wurde Verbindung zu politischen Widerstandsgruppen wie dem
während des Krieges der württembergische Landesbischof Kreisauer Kreis. Der politische Widerstand katholischer Chris-
Theophil Wurm, der gegen die Ermordung von Menschen mit ten konnte sich jedoch ebenso wenig wie die Gegenwehr
geistiger Behinderung öffentlich Einspruch erhob. evangelischer Christen auf offenen Rückhalt durch kirchliche
Der überzeugte Pazifist Hermann Stöhr widersetzte sich Amtsträger berufen.
aus christlicher Überzeugung seiner Einberufung zum Kriegs- Das Gleiche galt für gläubige Katholiken wie Pater Franz
dienst. Er wurde hingerichtet, weil er sich weigerte, den Fah- Reinisch, Franz Jägerstätter und Josef Ruf, die den Wehrdienst
neneid auf Hitler zu leisten. Dietrich Bonhoeffer beteiligte sich und den Eid auf Hitler verweigerten, dafür wegen Wehrkraft-
bis zu seiner Festnahme im April 1943 aktiv an der Verschwö- zersetzung zum Tode verurteilt und hingerichtet wurden.

Archiv der Deutschen Provinz der Jesuiten, Abt. 800, Nr. 432
Privatbesitz

Dietrich Bonhoeffer (3. v. l.) mit vier italienischen Mitgefangenen und einem Wärter Pater Alfred Delp SJ (l.) und Pater Lothar König SJ in Valkenburg/Niederlande um
im Zuchthaus Tegel, Sommer 1944 1935

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Widerstand als Reaktion auf Krieg und NS-Gewaltverbrechen 33

Predigt von Bischof Clemens August Graf von


Galen gegen die Ermordung von Patienten in
Heil- und Pflegeanstalten
[…] Andächtige Christen! In dem am 6. Juli in allen Kirchen […] Als ich von dem Vorhaben erfuhr, Kranke aus Marienthal
Deutschlands verlesenen Hirtenbrief heißt es u. a.: „Gewiss abzutransportieren, um sie zu töten, habe ich am 28. Juli 1941
gibt es nach der katholischen Sittenlehre positive Gebote, die bei der Staatsanwaltschaft, beim Landgericht in Münster und
nicht mehr verpflichten, wenn ihre Erfüllung mit allzu großen beim Herrn Polizeipräsidenten in Münster Anzeige erstattet […].
Schwierigkeiten verbunden ist. Es gibt aber auch heilige Gewis- Nachricht über ein Einschreiten der Staatsanwaltschaft oder
senspflichten, von denen uns niemand befreien kann und die der Polizei ist mir nicht zugegangen. – […]
wir erfüllen müssen, koste es uns selbst das Leben. Nie, unter So müssen wir damit rechnen, dass die armen, wehrlosen
keinen Umständen, darf der Mensch außerhalb des Krieges und Kranken über kurz oder lang umgebracht werden. Warum?
der gerechten Notwehr einen Unschuldigen töten.“ Nicht, weil sie ein todeswürdiges Verbrechen begangen haben,
Ich hatte schon am 6.7.41 Veranlassung, diesen Worten des nicht etwa, weil sie ihren Wärter oder Pfleger angegriffen ha-
gemeinsamen Hirtenbriefes in Telgte folgende Erläuterung ben, sodass diesem nichts anderes übrig blieb, als dass er zur
hinzuzufügen: „Seit einigen Monaten hören wir Berichte, dass Erhaltung des eigenen Lebens in gerechter Notwehr dem An-
aus Heil- und Pflegeanstalten für Geisteskranke auf Anordnung greifer mit Gewalt entgegentrat. Das sind Fälle, in denen neben
von Berlin Pfleglinge, die schon länger krank sind und vielleicht der Tötung des bewaffneten Landesfeindes im gerechten Krieg
unheilbar erscheinen, zwangsweise abgeführt werden. Regel- Gewaltanwendung bis zur Tötung erlaubt und nicht selten ge-
mäßig erhalten dann die Angehörigen nach kurzer Zeit die Mit- boten ist.
teilung, der Kranke sei verstorben, die Leiche sei verbrannt, die Nein, nicht aus solchen Gründen müssen solche unglückli-
Asche könne abgeliefert werden! Allgemein herrscht der an Si- chen Kranke sterben, sondern darum, weil sie nach dem Urteil
cherheit grenzende Verdacht, dass diese zahlreichen unerwar- irgendeines Arztes, nach dem Gutachten irgendeiner Kommis-
teten Todesfälle von Geisteskranken nicht von selber eintreten, sion „lebensunwert“ geworden sind, weil sie nach diesem Gut-
sondern absichtlich herbeigeführt werden und dass man dabei achten zu den „unproduktiven Volksgenossen“ gehören. Man
jener Lehre folgt, die behauptet, man dürfe sogenanntes lebens- urteilt, sie können nicht mehr Güter produzieren, sie sind wie
unwertes Leben vernichten, also unschuldige Menschen töten, eine alte Maschine, die nicht mehr läuft, sie sind wie ein altes
wenn man meint, ihr Leben sei für Volk und Staat nicht mehr Pferd, das unheilbar lahm geworden ist, sie sind wie eine Kuh,
wert. Eine Lehre, die furchtbar ist, die die Ermordung Unschuldi- die nicht mehr Milch gibt. Was tut man mit einer alten Maschi-
ger rechtfertigen will – die gewaltsame Tötung der nicht mehr ne? Sie wird verschrottet! Was tut man mit solch einem alten
arbeitsfähigen Invaliden, Krüppel, Unheilbarkranken, Alters- Pferd, mit solch einem unproduktiven Stück Vieh? Nein, ich will
schwachen grundsätzlich freigibt.“ den Vergleich nicht bis Ende führen – so furchtbar seine Berech-
Wie ich zuverlässig erfahren habe, werden jetzt auch in den tigung und seine Leuchtkraft ist! Es handelt sich ja hier nicht
Heil- und Pflegeanstalten der Provinz Westfalen Listen aufgestellt um Maschinen, es handelt sich nicht um ein Pferd oder um
von solchen Pfleglingen, die als sogenannte „unproduktive Volks- eine Kuh, deren einzige Bestimmung es ist, dem Menschen zu
genossen“ abtransportiert und in kurzer Zeit ums Leben gebracht dienen, für den Menschen Güter zu produzieren. Man mag sie
werden sollen. Aus der Anstalt Marienthal bei Münster ist in dieser zerschlagen, man mag sie schlachten, so bald sie diese Bestim-
Woche der Transport abgegangen! Deutsche Männer und Frauen! mung nicht mehr erfüllen! Nein, hier handelt es sich um Men-
Noch hat Gesetzeskraft § 211 des Strafgesetzbuches, der bestimmt: schen, unsere Mitmenschen, unsere Brüder und Schwestern!
„Wer vorsätzlich einen Menschen tötet, wird, wenn er die Tötung Arme Menschen, unproduktive Menschen – meinetwegen  –,
mit Überlegung ausführt, wegen Mordes mit dem Tode bestraft.“ aber haben sie dadurch das Recht verwirkt zu leben? Hast Du,
Wohl um diejenigen, die jene armen kranken Menschen, Ange- habe ich, nur so lange ein Recht zu leben, so lange wir produzie-
hörige unserer Familien, vorsätzlich töten, vor dieser gesetzlichen ren? So lange wir von anderen als produktiv anerkannt werden?
Bestrafung zu bewahren, werden die zur Tötung bestimmten Wenn man den Grundsatz aufstellt und anwendet, dass man
Kranken aus der Heimat abtransportiert in eine entfernte Anstalt. den unproduktiven Menschen töten darf, dann wehe uns allen,
Als Todesursache wird dann irgendeine Krankheit angegeben. Da wenn wir altersschwach werden! Wenn man den unprodukti-
die Leiche sogleich verbrannt wird, können die Angehörigen und ven Menschen töten darf, dann wehe den Invaliden, die im Pro-
auch die Kriminalpolizei es hinterher nicht mehr feststellen, ob duktionsprozess ihre Kraft, ihre gesunden Knochen eingesetzt,
die Krankheit wirklich vorgelegen hat und welche Todesursache geopfert und eingebüßt haben! Wenn man die unproduktiven
vorlag. Es ist mir aber versichert worden, dass man im Reichsin- Menschen gewaltsam beseitigen darf, dann wehe unseren bra-
nenministerium und auf der Dienststelle des Reichsärzteführers ven Soldaten, die als schwer Kriegsverletzte, als Krüppel, als In-
Dr. Conti gar kein Hehl daraus machte, dass tatsächlich schon eine validen in die Heimat zurückkehren! […]
große Anzahl Geisteskranker in Deutschland getötet worden ist Mitschrift einer Predigt des Bischofs von Münster, Clemens August Graf von Galen, vom
und getötet werden soll. 3. August 1941, Landeskirchliches Archiv Düsseldorf

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34 WIDERSTAND GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS

1919 gründete er den Friedensbund deut-


scher Katholiken und suchte Verbindung
zur internationalen Friedensbewegung.
Mit Nachdruck trat er für die ökumeni-
sche Friedensidee ein und galt bald als
Archiv Christkönigs-Institut, Meitingen

führender deutscher Pazifist. Mehrfach


wurde Metzger von der Gestapo festge-
nommen.
1943 verfasste er ein Memorandum zur
staatlichen Neuordnung Deutschlands
und dessen Einbindung in eine zukünfti-

Privatbesitz
ge Weltfriedensordnung. Als er versuch-
te, diese Denkschrift dem schwedischen
Erzbischof Erling Eidem von Uppsala zu
übermitteln, wurde er von der Kurierin,
max josef metzger kurt gerstein
einer Gestapoagentin, denunziert und
Geboren 1887, studierte Max Josef Metz- am 29. Juni 1943 erneut festgenommen. Geboren 1905, engagierte sich Kurt Gestein
ger Theologie und Philosophie in Freiburg Max Josef Metzger wurde in einem nach dem Abitur in der christlichen Ju-
sowie in Fribourg (Schweiz) und wurde 70-minütigen Schauprozess, in dem ihm gendarbeit. Er studierte Bergbau und legte
1911 zum Priester geweiht. Als Militärseel- der Vorsitzende Richter Roland Freisler 1931 die Prüfung zum Diplom-Ingenieur ab.
sorger nahm er am Ersten Weltkrieg teil. keinerlei Möglichkeit zur Verteidigung Im Mai 1933 trat Gerstein in die NSDAP ein.
Schon während des Krieges wurde für einräumte, wegen „Hochverrat und Feind- Im selben Jahr protestierte er offen gegen
ihn die Friedensarbeit zur vordringlichen begünstigung“ vom „Volksgerichtshof“ die Auflösung der evangelischen Jugend-
Aufgabe, denn er war überzeugt, dass zum Tode verurteilt und am 17. April 1944 verbände und schloss sich bald darauf der
„Kriege künftig ihren Sinn verloren haben, in Brandenburg-Görden enthauptet. oppositionellen Bekennenden Kirche an.
indem sie niemand mehr Aussicht geben, 1936 wurde er aus der NSDAP ausgeschlos-
mehr zu gewinnen als zu verlieren“. sen und zweimal inhaftiert.
Nachdem Kurt Gerstein von der Mord-
aktion an Patienten von Heil- und Pflege-
anstalten erfahren hatte, entschloss er
Schulen. Immer wieder brandmarkte er sich, in die Waffen-SS einzutreten. Er hoff-
öffentlich nationalsozialistische Übergrif- te, auf diesem Weg nähere Informationen
fe und Unrechtstaten. Neben dem Berliner über Verbrechen der Nationalsozialisten
Bischof Konrad Graf von Preysing wurde zu erhalten. Gerstein wurde dem Sanitäts-
er zum wichtigen Wortführer der inner- wesen der Waffen-SS zugeteilt und über-
kirchlichen Opposition. nahm die Leitung des technischen Desin-
Im Sommer 1941 hielt Galen drei be- fektionsdienstes. Im Juni 1942 bekam er
rühmt gewordene Predigten, in denen erstmals den Auftrag, Blausäure (Zyklon B)
Bistumsarchiv Münster

er die Terrormethoden der Gestapo, die zur Ermordung von Menschen zu be-
Morde an Patienten von Heil- und Pfle- schaffen. Im August 1942 wurde er zudem
geanstalten und die staatliche Beschlag- Zeuge des Massenmordes in den Vernich-
nahme von Klöstern durch die National- tungslagern Belzec und Treblinka. Ger-
sozialisten öffentlich anprangerte. Die stein informierte mehrfach ausländische
Predigten Galens fanden im In- und Diplomaten und Geistliche über die natio-
Ausland große Verbreitung. Sie wurden nalsozialistischen Gewaltverbrechen und
clemens august graf von galen
vom Londoner Rundfunk gesendet, als versuchte, Lieferungen des Zyklon-B-Ga-
Der 1878 geborene Clemens August Graf Flugblätter von alliierten Flugzeugen ses zu sabotieren.
von Galen entstammte einer katholischen abgeworfen und von vielen Deutschen Am 22. April 1945 stellte er sich den
Adelsfamilie. Nach dem Theologiestudi- abgeschrieben und verbreitet. Die Na- französischen Behörden. Kurt Gerstein
um empfing er 1904 die Priesterweihe und tionalsozialisten wagten jedoch nicht, kam am 25. Juli 1945 in einem Pariser Ge-
wurde 1933 zum Bischof von Münster er- den beliebten Bischof von Münster zu fängnis unter bis heute ungeklärten Um-
nannt. Galen galt als national und konser- verhaften. ständen ums Leben. Der von ihm noch
vativ eingestellt. Er wehrte sich schon 1934 Clemens August Graf von Galen über- in der Haft verfasste Bericht ist eines der
gegen Angriffe der Nationalsozialisten lebte das Kriegsende und wurde kurz vor wichtigsten Dokumente über den Völker-
auf die Kirche, katholische Vereine und seinem Tod 1946 zum Kardinal ernannt. mord an den Juden Europas.

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Widerstand als Reaktion auf Krieg und NS-Gewaltverbrechen 35

die Vertrauensstelle Anfang 1941 von der


Gestapo geschlossen worden war, setzte
Staritz gemeinsam mit ihrer Schwester
Charlotte ihre Hilfe für Verfolgte fort.
Als die deutschen Juden im Septem-
ber 1941 zum Tragen des „Judensternes“
gezwungen wurden, mahnte Staritz die
Breslauer Pfarrämter in einem Rund-
schreiben, die von der Diskriminierung
betroffenen Mitglieder ihrer Gemeinde
nicht auszugrenzen. Fünf Wochen später
Privatbesitz

Privatbesitz
wurde sie durch die evangelische Kirchen-
leitung in Breslau vom Amt suspendiert
und im Dezember 1941 in der SS-Zeitung
„Das Schwarze Korps“ scharf angegriffen.
katharina staritz elisabeth abegg
Im März 1942 nahm die Gestapo Staritz
Geboren 1903, promovierte Katharina Sta- in Haft und verschleppte sie im August Die 1882 geborene, linksliberal eingestell-
ritz 1928 als erste Frau an der Marburger 1942 in das KZ Ravensbrück. Paul Graf te Lehrerin Elisabeth Abegg unterrichtete
Evangelisch-Theologischen Fakultät. Ab Yorck von Wartenburg konnte nach Ver- ab 1924 am Berliner Luisen-Oberlyzeum
1933 war sie als Stadtvikarin in Breslau tä- handlungen mit dem Breslauer Gaulei- Mädchen in Geschichte. Zu Beginn der
tig. 1938 übernahm Staritz die schlesische ter Hanke im Mai 1943 ihre Freilassung NS-Zeit gehörte sie einem kleinen Kreis
Vertrauensstelle der „Kirchlichen Hilfs- erreichen. Sie blieb jedoch weiter unter von Lehrerinnen und Schülerinnen an, die
stelle für evangelische Nichtarier“ (Büro Aufsicht der Gestapo und durfte ihren Be- sich gegen die nationalsozialistische Ver-
Pfarrer Grüber), die Christen jüdischer ruf nicht mehr ausüben. Katharina Sta- einnahmung der Schule wehrten. Abegg,
Herkunft bei der Auswanderung half und ritz überlebte das Kriegsende und wirkte eine entschiedene Gegnerin des NS-Re-
ihnen seelsorgerisch sowie mit sozialen nach 1945 im Pfarrdienst in Thüringen gimes, wurde 1935 strafversetzt und 1941
Angeboten zur Seite stand. Auch nachdem und Hessen. zwangspensioniert. Im selben Jahr trat
sie der Religionsgemeinschaft der Quäker
bei, die unterschiedslos allen Verfolg-
ten half.
wegen der Zugehörigkeit zu dieser Religi- Als ihre enge Freundin Dr. Anna Hirsch-
onsgemeinschaft zu einer Gefängnisstra- berg, eine Christin jüdischer Herkunft, ihre
fe von neun Monaten verurteilt. Hilfsangebote ablehnte und im Juli 1942
Emmy Zehden war wie alle Zeugen Je- deportiert wurde, wollte Abegg fortan
hovas eine entschiedene Gegnerin des möglichst viele Verfolgte retten. Mit ihrer
Kriegsdienstes und beeinflusste ihren Schwester Julie nahm sie zwölf Geflohe-
Neffen Horst Günter Schmidt, sich dem ne in ihrer Wohnung in Berlin-Tempelhof
Wehrdienst zu entziehen. Obwohl ihr auf, darunter die jüdische Kindergärtne-
Mann verurteilt wurde und Emmy Zehden rin Liselotte Pereles, welche die kinderlose
wusste, dass ihre Haltung lebensgefähr- Abegg nach dem Krieg adoptierte. An-
lich war, hielt sie an ihrer Überzeugung deren konnte sie Verstecke bei Freunden
fest. Sie versteckte ihren Neffen sowie vermitteln.
GDW

zwei weitere Kriegsgegner zeitweise in Die Lehrerin versorgte gemeinsam mit


ihrer Wohnung in Berlin-Gatow und in der Helfern aus ihrer alten Schule die „Illega-
Gärtnerei von Otto und Jasmine Muhs in len“, half mit Geld und beschaffte falsche
emmy zehden
Berlin-Staaken. Die Gestapo entdeckte je- Papiere. In ihrer Wohnung unterrichtete,
Die 1900 geborene Emmy Windhorst doch die Verstecke und nahm Emmy Zeh- ernährte und schützte sie trotz des für sie
arbeitete nach der Schule als Hauswirt- den am 24. September 1942 fest. bestehenden Risikos, entdeckt zu werden,
schaftshelferin. Seit 1918 lebte sie in Ber- Am 19. November 1943 wurde sie vom jüdische Kinder und Jugendliche. Für den
lin und heiratete Mitte der 1920er-Jahre „Volksgerichtshof“ zum Tode verurteilt und untergetauchten Jizchak Schwersenz ver-
Richard Zehden, der aufgrund seiner jü- am 9. Juni 1944 in Berlin-Plötzensee ent- kaufte Abegg Schmuck, damit er Flucht-
dischen Herkunft später durch die Nürn- hauptet. Ihre Abschiedsbriefe wurden der helfer bezahlen konnte, die ihn 1944
berger Rassengesetze diskriminiert wurde. Familie vorenthalten. Ihr Mann Richard über die Schweizer Grenze brachten. Für
1930 schloss sie sich den Bibelforschern Zehden wurde in das KZ Sachsenhausen ihre Hilfe für Verfolgte wurde Elisabeth
(Zeugen Jehovas) an. Ihr Mann wurde 1938 verschleppt und 1943 ermordet. Abegg nach dem Krieg mehrfach geehrt.

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36 WIDERSTAND GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS

Regimekritik und Versuche der


Gegenöffentlichkeit

Mit Kriegsbeginn wurden der Empfang ausländischer Rund-


funksendungen und die Verbreitung von „Feindmeldungen“
als „Rundfunkverbrechen“ unter Strafe gestellt. Damit sollte
verhindert werden, dass sich die Deutschen über den tatsäch-
lichen Verlauf des Krieges und über die politischen Ziele und
militärischen Erfolge der Alliierten informierten.
Ab 1941 wurden immer mehr Menschen, die gegen dieses
Verbot verstoßen hatten, wegen „Feindbegünstigung“ oder

Privatbesitz
„Wehrkraftzersetzung“ verurteilt. Vor allem Regimegegner
versuchen dennoch, sich unabhängig von den Nachrichten
der NS-Propaganda und den Wehrmachtsberichten zu infor-
Mit verschiedenen Mitteln versucht die NS-Führung das Abhören ausländischer
mieren und anschließend andere über die Kriegslage und die Sender zu verhindern. Die NSDAP-Ortsgruppen warnen ab 1941 mit einem Anhän-
deutschen Gewaltverbrechen aufzuklären. ger für Radiogeräte vor „Rundfunkverbrechen“.
Auch kritische Äußerungen über die NS-Führung oder Zwei-
fel am deutschen „Endsieg“ wurden unerbittlich geahndet. In
den letzten Jahren des Krieges wurde dafür immer häufiger sen aus der Bevölkerung und oftmals nach Denunziationen
die Todesstrafe verhängt. Die Polizei ermittelte nach Hinwei- von Bekannten oder Familienmitgliedern.

tern auf. Sie arbeitete als Hausmädchen verteilten die beiden in Berliner Treppen-
und Näherin. Im Januar 1937 heiratete sie häusern und Briefkästen, insgesamt mehr
den 1897 geborenen Arbeiter Otto Ham- als zweihundert Stück.
pel. Ihre Ehe blieb kinderlos. Sie wohnten Zwei Jahre nach Beginn ihrer Aktionen,
im Berliner Arbeiterviertel Wedding und Ende September 1942, wurden sie festge-
führten ein angepasstes und unauffälli- nommen. Die Bewohnerin eines Hauses
ges Leben. Elise Hampel war seit 1936 Mit- hatte sie beim Ablegen der Karten beob-
glied und Zellenleiterin in der Frauenorga- achtet und bei der Polizei denunziert. Der
nisation der NSDAP. „Volksgerichtshof“ verurteilte Elise und
Der Tod ihres Bruders Kurt, der im Juni Otto Hampel wegen „Vorbereitung zum
1940 als Soldat in Frankreich fiel, erschüt- Hochverrat“, „Feindbegünstigung“ und
Privatbesitz

terte Elise Hampel tief und ließ sie an der „Zersetzung der Wehrkraft“ zum Tode. Sie
NS-Propaganda von der Notwendigkeit wurden am 8. April 1943 in Berlin-Plöt-
des Krieges zweifeln. Gemeinsam mit ih- zensee enthauptet. Das Schicksal des Ehe-
rem Mann Otto begann sie kurz darauf, paars Hampel diente dem Schriftsteller
elise und otto hampel
mit handgeschriebenen Postkarten und Hans Fallada als Grundlage für seinen
Die 1903 geborene Elise Lemme wuchs in Flugzetteln zum Widerstand gegen Hitler Roman „Jeder stirbt für sich allein“.
der Nähe von Stendal mit vier Geschwis- und den Krieg aufzurufen. Diese Appelle

einjährigen Wirtschaftslehre als Telefonis- zu leiden. Sie lebte inzwischen mit ihrem
tin tätig. 1932 schloss sie sich in Detmold Ehemann und ihren zwei Söhnen im nieder-
der KPD an, der auch ihr späterer Ehemann sächsischen Verden, hörte nach Kriegsbe-
Wilhelm Schäfer angehörte. Nach der natio- ginn regelmäßig ausländische Radiosender
nalsozialistischen Machtübernahme wurde ab und gab die Informationen beim Einkau-
Wilhelm Schäfer aus dem lippischen Staats- fen und auf der Arbeit an andere Frauen im
dienst entlassen. Berta Schäfer hielt ihre Ort weiter. Sie wollte damit das Nachrich-
politischen Kontakte weiterhin aufrecht, tenmonopol der Nationalsozialisten durch-
beteiligte sich an der Verbreitung von Flug- brechen und über den tatsächlichen Verlauf
blättern der illegalen KPD und unterstütz- des Krieges aufklären.
te politisch Verfolgte und deren Familien. Berta Schäfer wurde am 19. Januar 1943
Privatbesitz

Nach einer ersten Festnahme 1933 wurde sie vom Sondergericht Hannover wegen „Rund-
im August 1934 wegen „Vorbereitung zum funkverbrechen“ zu fünf Jahren Zuchthaus
Hochverrat“ zu einem Jahr und vier Mona- verurteilt. Ende März 1945 konnte sie aus
ten Gefängnis verurteilt. einem Außenkommando des Zuchthauses
berta schäfer
Nach ihrer Haftentlassung stand Berta Lübeck-Lauerhof fliehen und sich bis zum
Die 1902 geborene Berta Klose war nach Schäfer unter Beobachtung der Gestapo Kriegsende verstecken.
dem Besuch der Mittelschule und einer und hatte unter beruflichen Repressionen

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Widerstand als Reaktion auf Krieg und NS-Gewaltverbrechen 37

Kriegsdienstverweigerer, Deserteure, mehr an die Opferbereitschaft und den Einsatzwillen der


„Bewährungseinheiten“ 999 Soldaten appellierten.
Trotz der harten Strafen, auch für „Fahnenflucht“, desertier-
ten Soldaten der Wehrmacht. Zu ihren Motiven gehörte der
Seit der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht 1935 Wunsch, das eigene Leben zu retten, die grundsätzliche Ab-
lehnten Einzelne, die sich auf ihr Gewissen und ihren Glau- lehnung des als sinnlos empfundenen Krieges und die Weige-
ben beriefen, konsequent den Dienst mit der Waffe und den rung, an nationalsozialistischen Verbrechen mitzuwirken. Die
Fahneneid auf den „Führer und Reichskanzler“ Adolf Hitler Wehrmachtjustiz verurteilte insgesamt etwa 20 000 Deser-
ab. Vor allem Angehörige der Zeugen Jehovas verweigerten teure zum Tode, von diesen Urteilen wurden etwa 15 000 bis
sich aus Glaubensgründen dem Militärdienst und dem Fah- Kriegsende vollstreckt.
neneid. Vorgeblich zur „Bewährung im Fronteinsatz“ wurden ab
Kurz vor dem deutschen Überfall auf Polen trat am 26. Au- Ende 1942 ehemalige Strafgefangene in „Bewährungseinhei-
gust 1939 die „Kriegssonderstrafrechtsverordnung“ (KSSVO) ten“ 999 der Wehrmacht zusammengefasst. Tatsächlich benö-
in Kraft, nach der die Verweigerung des Militärdienstes als tigte das NS-Regime im dritten Jahr des Krieges immer mehr
„Zersetzung der Wehrkraft“ geahndet wurde. Allein das Soldaten. Unter den „999ern“ waren auch Regimegegner, die
Reichskriegsgericht verhängte auf dieser Grundlage zwi- wegen ihres politischen Widerstands verurteilt worden waren.
schen 1939 und 1945 etwa 250 Todesurteile gegen Kriegs- Viele von ihnen desertierten, weil sie nicht für den Nationalso-
dienstverweigerer; vor allem gegen Zeugen Jehovas. Da- zialismus kämpfen wollten.
gegen blieb die Zahl der Verweigerer aus dem Kreis der
evangelischen und katholischen Kirche gering. Diese konn-
ten kaum mit Unterstützung ihrer Kirchen rechnen, die viel-

ren der Bibelforscher (Zeugen Jehovas) in nen „Kriegssonderstrafrechtsverordnung“


Berührung und bekannte sich auch nach (KSSVO). Hermann Abke wurde am 17. Juli
dem reichsweiten Verbot der Religions- 1944 in Halle an der Saale enthauptet.
gemeinschaft im April 1935 zu seinem
Glauben. 1939 heiratete er die Hausgehil- „Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich, beein-
fin Mariechen Nissen. Aus der Ehe gingen flusst durch die Eindrücke des vorigen Krie-
zwei Töchter und ein Sohn hervor. ges, der Auffassung, dass es unchristlich ist,
Als Hermann Abke im April 1944 zur Menschen zu töten. Diese Auffassung finde
Wehrmacht einberufen wurde, erklärte ich auch in der Bibel begründet. […] Es ver-
er, aus religiösen Gründen keinen Wehr- stößt auch gegen meinen Glauben mich in
dienst leisten zu können, und verweiger- die Wehrmacht einordnen zu lassen, selbst
te den Eid auf Hitler. Er wurde im Wehr- wenn ich nicht mit der Waffe kämpfen
GDW

machtsgefängnis Fort Zinna in Torgau brauche, da die Wehrmacht eine Organisa-


inhaftiert und am 27. Juni 1944 vom 1. tion ist, die den christlichen Grundsätzen
Senat des Reichskriegsgerichts wegen widerstreitet. […] Die Ablegung eines Eides
hermann abke
„Wehrkraftzersetzung“ zum Tode verur- lehne ich aus biblischen Gründen ab. […]“
Der 1903 geborene Dreher Hermann Abke teilt. Grundlage hierfür bildete der § 5
Begründung Hermann Abkes für seine Wehrdienstverwei-
kam Mitte der 1920er-Jahre mit den Leh- der am 26. August 1939 in Kraft getrete- gerung, Mai 1944, Militärhistorisches Archiv Prag

aktiv und trat Anfang der 1920er-Jahre der „Das Nazi-Regime ist ohne Gewalt nicht
SPD bei. Seit 1927 gehörte er dem Interna- zu beseitigen. Dies war eigentlich der für
tionalen Sozialistischen Kampfbund (ISK) mich entscheidende Grund, wegzugehen
an. In Frankfurt am Main war er Mitglied und dann auch zu den Partisanen zu gehen
eines Widerstandskreises, der zur Tarnung und aktiv gegen die SS zu kämpfen. Ohne
vegetarische Restaurants betrieb. Mehr- Gewalt geht es nicht. Wir allein sind viel zu
fach festgenommen und 1938 zu einer schwach, und in Deutschland wird es kei-
Zuchthausstrafe verurteilt, wurde Ludwig ne Gewalt gegen Hitler geben. Wir werden
Gehm nach der Haft in das KZ Buchen- also angewiesen sein auf die Gewalt, die die
wald überstellt und kam von dort 1943 zu Gegner Deutschlands gegenüber Deutsch-
den „Bewährungseinheiten“ 999. Beim land und damit eben gegen den National-
Privatbesitz

Einsatz in Griechenland desertierte er sozialismus anwenden, das heißt: Krieg


1944 zur dortigen nationalen Befreiungs- führen.“
bewegung ELAS. Hier versuchte er unter
Ludwig Gehm über seinen Entschluss, zu den griechischen
anderem mit Flugblättern, die Soldaten Partisanen zu desertieren, in: Antje Dertinger, Der treue
ludwig gehm
der Wehrmacht zur Aufgabe des Kampfes Partisan. Ein deutscher Lebenslauf: Ludwig Gehm, Verlag
J.H.W. Dietz Nachf. Bonn 1989, S. 143 f.
Der 1905 geborene Ludwig Gehm war seit zu bewegen. Ludwig Gehm überlebte den
seiner Jugend in sozialistischen Gruppen Krieg in britischer Kriegsgefangenschaft.

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38 WIDERSTAND GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS

Rote Kapelle Berlin. Im Frühjahr 1941 informierten sie die sowjetische Bot-
schaft über die Vorbereitungen der Wehrmacht zum Überfall
Bereits Mitte der 1930er-Jahre waren in Berlin Freundes-, Dis- auf die Sowjetunion. Doch Stalin ignorierte die Warnungen.
kussions- und Schulungskreise entstanden, die sich 1940/41 Zwei Funkgeräte, die die sowjetische Botschaft Harnack und
durch persönliche Kontakte zu einem losen Netzwerk von Schulze-Boysen im Sommer 1941 zur Aufrechterhaltung der
sieben Berliner Widerstandskreisen verbanden. Ihnen gehör- Verbindung zur Verfügung stellte, kamen wegen technischer
ten mehr als 150 Menschen ganz unterschiedlicher sozialer Probleme nicht zum Einsatz. Ab Herbst 1941 begannen die
Herkunft und weltanschaulicher Traditionen an, die aus dem überzeugten Regimegegner damit, die deutsche Bevölkerung
universitären Bereich, aus Kunst, Publizistik und Verwaltung mit Flugblättern und Klebezetteln über die NS-Gewaltverbre-
kamen, darunter viele Frauen. Sie alle einte die entschiedene chen zu informieren und vor den Folgen eines verlorenen Krie-
Gegnerschaft zum Nationalsozialismus. Sie diskutierten über ges für die Eigenstaatlichkeit Deutschlands zu warnen.
politische und künstlerische Fragen, halfen Verfolgten und do- Im Frühjahr 1942 verstärkten sie ihre Flugschriftenaktionen
kumentierten die nationalsozialistischen Gewaltverbrechen. und ihre Hilfen für Verfolgte und Zwangsarbeiter. Auch die
Über ihren engeren Kreis hinaus wandten sie sich an die Öf- Kontakte zu anderen Widerstandsgruppen, besonders nach
fentlichkeit, indem sie Flugblätter und Klebezettel verbreite- Hamburg, wurden intensiviert. In der Nacht vom 17. auf den
ten. Schließlich nahmen sie Kontakte zu Gleichgesinnten in 18. Mai 1942 tauchten in mehreren Berliner Stadtbezirken Kle-
anderen Teilen Deutschlands auf. bezettel auf, auf denen gegen die große NS-Propaganda-Aus-
Schon 1933 hatten Arvid Harnack, ein Oberregierungsrat im stellung „Das Sowjetparadies“ protestiert wurde. Diese Kle-
Reichswirtschaftsministerium, und seine Frau Mildred pri- bezettel hatte Fritz Thiel organisiert, in dessen Wohnung sich
vate Diskussionsrunden zur politischen Zukunft nach dem die Beteiligten am Abend des 17. Mai zusammenfanden. Ange-
Sturz des NS-Regimes veranstaltet. An diesen Treffen nahmen klebt werden die Zettel von Otto Gollnow und Liane Berkowitz
neben den engen Freunden Adam und Greta Kuckhoff auch sowie Werner Krauss und dessen Freundin Ursula Götze.
Schüler des Berliner Abendgymnasiums wie Karl Behrens Trotz intensiver Ermittlungen gelang es der Gestapo zu-
und Bodo Schlösinger teil. Mitte der 1930er-Jahre knüpfte der nächst nicht, der Gruppe auf die Spur zu kommen. Dies än-
Kreis um Harnack Kontakte zu Sozialdemokraten wie Adolf derte sich, als Mitte Juli 1942 ein Funkspruch des militäri-
Grimme und zu kommunistischen Kreisen um John Sieg. Im schen Nachrichtendienstes GRU aus Moskau entschlüsselt
Sommer 1939 vermittelte das Ehepaar Kuckhoff den intensi- werden konnte. Der Funkspruch vom August 1941 war an
veren Kontakt zwischen Harnack und Harro Schulze-Boysen, den Brüsseler Agenten „Kent“ (Anatoli Gurewitsch) gerichtet
der seit 1934 im Reichsluftfahrtministerium arbeitete, und und enthielt die Adressen von Kuckhoff und Schulze-Boysen.
dessen Frau Libertas. 1940 stieß eine Gruppe von ehemaligen „Kent“ hatte diese im Oktober 1941 besucht und Informationen
Schülern der Berliner Schulfarm Insel Scharfenberg zum Kreis über Brüssel nach Moskau weitergegeben. Ende August 1942
um Schulze-Boysen hinzu. Dazu gehörten neben anderen Hil- erfuhr Horst Heilmann, ein Mitglied der Gruppe, von den ent-
de und Hans Coppi, Hans Lautenschläger und Heinrich Scheel. schlüsselten sowjetischen Funksprüchen und versuchte, seine
Nun begann zwischen den einzelnen Gruppen eine enge Zu- Freunde zu warnen. Doch in kürzester Zeit wurden weit über
sammenarbeit, deren Höhepunkt 1941/42 erreicht war. 130 Mitglieder festgenommen. Aufgrund der Verbindung zu
„Kent“ sah die Gestapo die Berliner Gruppe fälschlicherweise
Aktionen als Teil der sowjetischen Spionageorganisation an und gab ihr
Arvid Harnack und Harro Schulze-Boysen gewannen nicht den Namen „Rote Kapelle“. In den folgenden Monaten wurden
nur stets neue Gesinnungsfreunde, sie hielten auch Kontakt 49 Menschen der Gruppen um Harnack und Schulze-Boysen
zu amerikanischen und sowjetischen Botschaftsvertretern in von der NS-Unrechtsjustiz zum Tode verurteilt und ermordet.
GDW

Harro Schulze-Boysen (vorne links) im Reichsluftfahrtministerium um 1940

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Widerstand als Reaktion auf Krieg und NS-Gewaltverbrechen 39

GDW

GDW
Mildred und Arvid Harnack mit Martha Dodd (r.), der Tochter des US-Botschafters Libertas und Harro Schulze-Boysen in Mülheim um 1935
William Dodd, um 1935

mildred und arvid harnack libertas und harro schulze-boysen

Der 1901 geborene Arvid Harnack wuchs in einer Gelehrten- Der 1909 geborene Harro Schulze-Boysen engagierte sich Ende
familie auf und schloss sich nach dem kriegsbedingten Not- der 1920er-Jahre im national-liberalen Jungdeutschen Orden.
abitur 1919 einem Freikorps an. Ein Rockefeller-Stipendium Als Herausgeber der Zeitschrift „gegner“ hatte er 1932/33 viel-
ermöglichte dem Juristen von 1926 bis 1928 ein Studium in fältige Kontakte in politisch unterschiedliche Lager. Nach dem
Madison/Wisconsin. Dort lernte er seine Frau Mildred kennen. Verbot des „gegner“ und einer kurzfristigen Haft in einem Ber-
1931 promovierte Harnack in Gießen über die vormarxistische liner SA-Folterkeller begann Schulze-Boysen im Mai 1933 eine
Arbeiterbewegung in den USA. Mit einer Delegation der von Ausbildung an der Verkehrsfliegerschule in Warnemünde. Seit
ihm mitbegründeten Gesellschaft zum Studium der sow- April 1934 war er im Reichsluftfahrtministerium tätig und bil-
jetrussischen Planwirtschaft (ARPLAN) reiste er im Sommer dete um sich Mitte der 1930er-Jahre einen engeren Freundes-
1932 in die Sowjetunion. und Widerstandskreis.
1933 begann Harnack einen Schulungszirkel aufzubauen. Er Gemeinsam mit Arvid Harnack informierte Harro Schul-
wollte die Beteiligten befähigen, sich mit den politischen und ze-Boysen im ersten Halbjahr 1941 einen Vertreter der sowjeti-
wirtschaftlichen Zusammenhängen des Nationalsozialismus schen Botschaft über die Angriffspläne gegen die Sowjetunion.
auseinanderzusetzen, und sie für die Zeit nach dem Sturz des Seine Initiative, den Kontakt nach Moskau während der Kriegs-
NS-Regimes vorbereiten. Ab 1935 im Amerikareferat des Wirt- zeit über ein Funkgerät aufrechtzuerhalten, wurde durch tech-
schaftsministeriums tätig, stieg Harnack bis 1942 zum Oberre- nische Probleme verhindert.
gierungsrat auf. Schulze-Boysen gewann nach dem deutschen Angriff auf die
Anfang 1942 erarbeitete Harnack die Studie „Das nationalso- Sowjetunion am 22. Juni 1941 neue Mitstreiter, beteiligte sich an
zialistische Stadium des Monopolkapitals“, die in Berliner und der Ausarbeitung von Flugschriften, an einer Klebezettel-Akti-
Hamburger Widerstandskreisen zirkulierte. Arvid Harnack wur- on und hatte Kontakte zu politisch und weltanschaulich un-
de am 7. September 1942 festgenommen, am 19. Dezember vom terschiedlich orientierten Hitler-Gegnern. Am 31. August 1942
Reichskriegsgericht zum Tode verurteilt und auf Befehl Hitlers festgenommen, wurde Harro Schulze-Boysen am 19. Dezember
am 22. Dezember 1942 in Berlin-Plötzensee erhängt. 1942 vom Reichskriegsgericht zum Tode verurteilt und drei Tage
Die 1902 in Milwaukee/Wisconsin (USA) geborene Mildred Fish später auf Befehl Hitlers in Berlin-Plötzensee erhängt.
stammte aus einer amerikanischen Kaufmannsfamilie und lehr- Die 1913 geborene Libertas Haas-Heye begann 1933 eine Tä-
te Literaturwissenschaft an der Universität Madison, wo sie Arvid tigkeit als Pressereferentin bei der Filmproduktionsfirma Me-
Harnack während seines Studiums in den Vereinigten Staaten tro-Goldwyn-Mayer in Berlin. Im Sommer 1934 lernte sie Harro
kennenlernte. Drei Jahre nach ihrer Heirat 1926 folgte Mildred Schulze-Boysen kennen, den sie im Sommer 1936 heiratete. Die
ihrem Mann 1929 nach Deutschland. Sie lehrte am Berliner Städ- Journalistin und Autorin arbeitete mit dem Autor und Schriftstel-
tischen Abendgymnasium und an der Volkshochschule Groß-Ber- ler Günther Weisenborn an einem Theaterstück „Die guten Feinde“
lin. 1941 promovierte sie in Gießen und arbeitete als Dozentin an über den Mediziner und Nobelpreisträger Robert Koch. Im Jahre
der Auslandswissenschaftlichen Fakultät der Berliner Universität. 1940 schrieb sie vor allem Filmkritiken und sammelte zugleich
Gemeinsam mit ihrem Mann beteiligte sie sich an allen Aktionen in der deutschen Kulturfilmzentrale im Reichspropagandaminis-
der Widerstandsgruppe. terium Bildmaterial über NS-Gewaltverbrechen. Sie unterstützte
Mildred Harnack wurde gemeinsam mit ihrem Mann festge- ihren Mann bei der Suche nach neuen Verbindungen im Wider-
nommen und am 19. Dezember 1942 vom Reichskriegsgericht stand. Ende Oktober 1941 empfing sie den aus Brüssel angereisten
zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. Am 21. Dezember 1942 hob sowjetischen Offizier des militärischen Nachrichtendienstes und
Hitler das Urteil auf und beauftragte das Reichskriegsgericht mit vermittelte ihm ein Gespräch mit ihrem Mann. Nach dessen Fest-
einer zweiten Hauptverhandlung, die am 16. Januar 1943 mit der nahme warnte sie Freunde und schaffte illegales Material beiseite.
Todesstrafe endete. Mildred Harnack wurde am 16. Februar 1943 Libertas Schulze-Boysen wurde am 8. September festgenommen,
in Berlin-Plötzensee enthauptet. am 19. Dezember 1942 vom Reichskriegsgericht zum Tode verur-
teilt und drei Tage später in Berlin-Plötzensee enthauptet.

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40 WIDERSTAND GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS

Hans Coppi von 1929 bis 1932 die reform- verbindung der Widerstandsorganisation
pädagogische Schulfarm auf der Insel in die Sowjetunion herzustellen. Dies kam
Scharfenberg im Tegeler See. 1931/32 wegen fehlender Vorkenntnisse und tech-
schloss er sich den „Roten Pfadfindern“ und nischer Probleme jedoch nicht zustande.
dem KJVD an. Wegen illegalen Verteilens Coppi beteiligte sich an Flugblatt- und Kle-
von Flugblättern gesucht, wurde er Ende bezettel-Aktionen und kümmerte sich im
Januar 1934 festgenommen, kurze Zeit im August 1942 um den aus Moskau eingetrof-
KZ Oranienburg inhaftiert und zu einem fenen Fallschirmagenten Albert Hößler.
Jahr Jugendgefängnis verurteilt. Nach Nach seiner Einberufung zur Wehrmacht
seiner Entlassung schloss er sich wieder am 10. September 1942 wurde Hans Coppi
dem Scharfenberger Freundes- und Wider- am 12. September 1942 in Schrimm bei Po-
Privatbesitz

standskreis an. sen festgenommen, am 19. Dezember 1942


Hans Coppi arbeitete als Dreher in ei- vom Reichskriegsgericht zum Tode ver-
ner kleinen Maschinenbaufabrik. Ab 1939 urteilt und am 22. Dezember 1942 in Ber-
war er in der Widerstandsgruppe um den lin-Plötzensee erhängt.
hans coppi
Dramaturgen Wilhelm Schürmann-Horster
Als Kind einer Arbeiterfamilie 1916 im Ber- aktiv. Harro Schulze-Boysen gewann Coppi
liner Bezirk Wedding geboren, besuchte im Juni 1941 für die Aufgabe, eine Funk-

nen kleinen Laden für Lederwaren. Nach dies“ im Berliner Lustgarten. Mehrfach in-
dem Besuch eines Mädchengymnasiums formierte sie Angehörige deutscher Kriegs-
(Lyzeums) und einer höheren Handels- gefangener über deren Lebenszeichen, die
schule arbeitete sie in den 1930er-Jahren der Moskauer Rundfunk ausstrahlte.
als Sprechstundenhilfe und seit 1939 als Am 12. September nahm die Gestapo
Sachbearbeiterin bei der Reichsversiche- Hans und Hilde Coppi sowie ihre Mutter,
rungsanstalt für Angestellte. Während ihre Schwiegereltern und ihren Schwager
des Besuchs der Volkshochschule freunde- fest. Ende November 1942 wurde ihr Sohn
te sie sich 1933 mit kommunistischen Ju- Hans im Berliner Frauengefängnis Bar-
gendlichen an. Ihr jüdischer Freund Franz nimstraße geboren. Das Reichskriegsge-
Karma musste 1939 nach Skandinavien richt verurteilte Hilde Coppi am 20. Januar
Privatbesitz

emigrieren. 1943 zum Tode. Nachdem Hitler im Juli


Im Juni 1941 heiratete sie Hans Coppi, 1943 ein Gnadengesuch ablehnte, wurde
mit dem sie seit 1939 eng befreundet war. sie am 5. August 1943 in Berlin-Plötzensee
Sie unterstützte dessen Widerstandsak- enthauptet.
hilde coppi
tivitäten und beteiligte sich an der Zet-
Die 1909 geborene Hilde Rake wuchs in telklebeaktion gegen die antisowjetische
Berlin-Mitte auf. Ihre Mutter hatte ei- Propagandaausstellung „Das Sowjetpara-

Die Sorge um Deutschlands Zukunft geht durch das Volk


Vergeblich müht sich Minister Goebbels, uns immer neuen tig bleiben, die zu träge sind, die Wahrheit zu suchen. Alle Ver-
Sand in die Augen zu streuen. Die Tatsachen sprechen eine antwortungsbewussten müssen mit den Tatsachen rechnen:
harte, warnende Sprache. Niemand kann mehr leugnen, dass Ein Endsieg des nationalsozialistischen Deutschland ist nicht
sich unsere Lage von Monat zu Monat verschlechtert. Niemand mehr möglich. Jeder kriegverlängernde Tag bringt nur neue un-
kann noch länger die Augen verschließen vor der Ungeheu- sagbare Leiden und Opfer. Jeder weitere Kriegstag vergrößert
erlichkeit des Geschehens, vor der uns alle bedrohenden Kata- nur die Zeche, die am Ende von Allen bezahlt werden muss. […]
strophe der nationalsozialistischen Politik. […] Was kann der Einzelne tun, um seinen Willen zur Geltung
Bisher hat man uns mit der Hoffnung auf den Endsieg ver- zu bringen? Jeder muss Sorge tragen, dass er – wo immer er
tröstet. Man hat von der Unfehlbarkeit des Führers und von kann – das Gegenteil von dem tut, was der heutige Staat von
den Errungenschaften des Dritten Reiches gesprochen. Wo alle ihm fordert. […] Die Wahrheit über die wirkliche Lage muss ins
Stricke rissen, da machte man uns Angst mit der Gestapo, da Volk dringen. Lasst darum keine Gelegenheit vorübergehen, der
holt man immer noch einmal die alte Platte vom Bolschewis- Propaganda entgegenzutreten. […] Wendet Euch gegen die Fort-
tenschreck aus der Rumpelkammer, da spricht man von der ent- setzung eines Krieges, der im besten Falle nicht das Reich allein,
setzlichen Rache, die das ganze deutsche Volk für die Taten der sondern den ganzen Kontinent zum Trümmerfeld macht. […]“
bisherigen Regierenden über sich werde ergehen lassen müs- Flugschrift von Harro Schulze-Boysen unter Mitarbeit von John Sieg, im Februar 1942 in
sen. Man will uns Angst vor der Zukunft einflößen. mehreren hundert Exemplaren in Berlin versandt, Bundesarchiv
Mögen sich diejenigen weiter belügen lassen, die zu schwach
sind, die Wahrheit zu erfahren. Mögen diejenigen weiter untä-

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Widerstand als Reaktion auf Krieg und NS-Gewaltverbrechen 41

Charlottenburg. Schon bald unterstützte er für in der Stadt untergetauchte Juden, die
hier Verfolgte des NS-Regimes medizinisch sich der Deportation entzogen hatten.
und besuchte abends seine jüdischen Pa- Himpel gewann Ende 1941 auch den Pia-
tienten, die ihn nicht mehr aufsuchen nisten Helmut Roloff für die Widerstandsak-
durften. Er hatte seit 1939 Kontakt zu Har- tivitäten der Gruppe. Am 17. September 1942
ro Schulze-Boysen und John Graudenz. wurden Helmut Himpel und seine Lebens-
Mehrfach beteiligte er sich an der Verbrei- gefährtin Maria Terwiel festgenommen
tung von Flugschriften, etwa bei „Die Sor- und am 26. Januar 1943 gemeinsam mit der
ge um Deutschlands Zukunft geht durch Tänzerin Oda Schottmüller und dem jungen
das Volk“. Kommunisten Walter Husemann wegen
Erst nach der Festnahme der Angehöri- „Hochverrat“ und „Feindbegünstigung“ zum
Privatbesitz

gen der Roten Kapelle im Herbst 1942 wurde Tode verurteilt. Noch in der Haft befasste
aufgedeckt, dass John Graudenz einen Ver- Himpel sich mit theologischen Fragen und
vielfältigungsapparat besorgt und zusam- erhoffte sich für die Zeit nach dem National-
men mit Helmut Himpel und Maria Terwiel sozialismus eine größere Gemeinsamkeit
helmut himpel
Herstellung und Versand der Flugschriften der evangelischen und katholischen Kirche.
Der 1907 geborene Zahnarzt Helmut Him- organisiert hatte. Gemeinsam mit ihr be- Helmut Himpel wurde am 13. Mai 1943 in
pel eröffnete 1937 eine Praxis in Berlin- schaffte Himpel 1941 auch Personalpapiere Berlin-Plötzensee erhängt.

als Vizepräsident beim Oberpräsidium der Schulze-Boysen und John Graudenz ken-
Provinz Pommern arbeitete. Nach dem nen und beteiligten sich an den Aktionen
Abitur 1931 studierte Maria Terwiel in Frei- dieser Widerstandsgruppe. Maria Terwiel
burg und München Jura. In Freiburg lernte vervielfältigte auf ihrer Schreibmaschine
sie ihren späteren Verlobten Helmut Him- mehrere Flugschriften, darunter im Ja-
pel kennen. Da sie wegen ihrer jüdischen nuar 1942 die Flugschrift „Die Sorge um
Mutter keine Aussicht auf eine Stelle im Deutschlands Zukunft geht durch das
staatlichen juristischen Vorbereitungs- Volk“. Zudem beteiligte sie sich an der
dienst hatte, brach sie ihr Studium ab und Zettelklebeaktion vom 17./18. August 1942
kehrte zu ihrer Familie zurück, die inzwi- gegen die nationalsozialistische Propagan-
schen in Berlin wohnte. Ihren Lebensun- daausstellung „Das Sowjetparadies“.
Privatbesitz

terhalt verdiente sie ab 1935 als Sekretä- Im Zuge der Verhaltungswelle gegen die
rin in einem französisch-schweizerischen Widerstandsgruppe wurde Maria Terwiel
Textilunternehmen. am 17. September 1942 festgenommen, am
Maria Terwiel und Helmut Himpel un- 26. Januar 1943 vom Reichskriegsgericht
maria terwiel
terstützten jüdische Mitbürger, indem zum Tode verurteilt und am 5. August 1943
Die 1910 geborene Maria Terwiel besuchte sie ihnen Lebensmittelkarten und Perso- in Berlin-Plötzensee enthauptet.
das Gymnasium in Stettin, wo ihr Vater nalpapiere beschafften. Sie lernten Harro

pellmeisters Viktor Wasiljew geborene Berliner Frauenstrafgefängnis Barnimstra-


Liane wurde nach dem Tode ihres Vaters ße brachte sie am 12. April 1943 ihre Tochter
1930 von ihrem Stiefvater Henry Berko- Irene zur Welt, die ab Juli 1943 von der Groß-
witz adoptiert, der nach seiner Scheidung mutter betreut wurde und im Oktober 1943
1939 ins Ausland emigrierte. vermutlich einer NS-Krankenmordaktion
Liane Berkowitz sprach fließend Russisch im Krankenhaus Eberswalde zum Opfer fiel.
und besuchte die Heilsche Abendschule. Liane Berkowitz wurde am 5. August 1943 in
Sie lernte dort Fritz Thiel und ihren späte- Berlin-Plötzensee ermordet.
ren Verlobten Friedrich Rehmer kennen, Zuvor hatte Adolf Hitler am 21. Juli 1943
mit denen sie an den Schulungszirkeln von persönlich die Gnadengesuche von 17 Mit-
John Graudenz teilnahm. Liane Berkowitz gliedern der Berliner Roten Kapelle abge-
beteiligte sich mit Otto Gollnow an der lehnt. Selbst das Reichskriegsgericht hatte
GDW

Zettelklebeaktion vom 17./18. August 1942 ihm empfohlen, die 22-jährige Keramike-
gegen die antisowjetische Propagandaaus- rin Cato Bontjes van Beek und die 19-jäh-
stellung „Das Sowjetparadies“. rige Schülerin Liane Berkowitz wegen der
liane berkowitz
Am 26. September 1942 wurde sie fest- geringen Schwere ihrer Taten zu begna-
Die 1923 in Berlin als Tochter des aus der genommen und am 18. Januar 1943 vom digen. Hitler lehnte dies jedoch ebenfalls
Sowjetunion geflohenen russischen Ka- Reichskriegsgericht zum Tode verurteilt. Im ausdrücklich ab.

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42 WIDERSTAND GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS

Weiße Rose
An der Münchener Universität fand sich im Frühjahr 1942 um
Hans Scholl und Alexander Schmorell eine Gruppe von Studie-
renden zusammen, die sich der totalen Vereinnahmung durch
den Nationalsozialismus entziehen und ihre geistige Unabhän-
gigkeit bewahren wollten. Zu ihnen gehörten Sophie Scholl,
Christoph Probst und Willi Graf. Alle wurden auch durch ihren
Hochschullehrer, den Philosophen Kurt Huber, geprägt, mit dem
sie Grundfragen einer politischen Neuordnung diskutierten.
Zwischen dem 27. Juni und dem 12. Juli 1942 versandten Hans
Scholl und Alexander Schmorell die von ihnen gemeinsam ver-
fassten ersten vier Flugblätter der „Weißen Rose“ in einer Aufla-
ge von mehr als hundert Exemplaren anonym per Post an aus-
gewählte Adressaten aus ihrem Bekanntenkreis. Sie forderten
darin zum „passiven Widerstand“ gegen Hitlers verbrecherische
Kriegsführung auf, verlangten ein sofortiges Ende des Krieges,
den Sturz des NS-Regimes und prangerten die nationalsozialisti-
schen Gewaltverbrechen an.
Von Ende Juli bis Ende Oktober 1942 wurden Hans Scholl,
Alexander Schmorell und Willi Graf als Sanitäter an der Ostfront
eingesetzt. Nach ihrer Rückkehr unterstützte Kurt Huber im Ja-
nuar 1943 Hans Scholl beim Text des fünften Flugblatts, das von
diesem, seiner Schwester Sophie, Alexander Schmorell und Willi
Graf vervielfältigt und in einer Auflage von mehr als 6000 Ex-
emplaren in München, Augsburg, Stuttgart und Frankfurt am
Main sowie in Salzburg, Linz und Wien verbreitet wurde. Allein
in München wurden in der Nacht vom 28. auf den 29. Januar
1943 mehr als 2000 Flugblätter ausgelegt. Die Studierenden ver-
suchten zudem, Kontakte in andere Städte aufzubauen. In Ulm
formierte sich eine Gruppe von Schülern, die Verbindung zu
Hans und Sophie Scholl hielt.
Hans Scholl, Alexander Schmorell und Willi Graf schrieben
unter dem Eindruck der Niederlage von Stalingrad Anfang Fe-
bruar 1943 nachts Parolen wie „Freiheit“, „Nieder mit Hitler“ oder

GDW
„Massenmörder Hitler“ an Münchener Hausfassaden. Ebenfalls
Anfang Februar 1943 verfasste Kurt Huber das sechste und letzte Das sechste Flugblatt der Weißen Rose gelangt über Helmuth James Graf von
Moltke zum norwegischen Bischof Eivind Berggrav und von dort aus nach Groß-
Flugblatt der Gruppe. Es wandte sich in einer Auflage von 2000
britannien. Unter der Überschrift „Ein deutsches Flugblatt … Manifest der Münch-
Exemplaren ausdrücklich an die Münchener Studierenden und ner Studenten“ wirft die britische Royal Air Force im Sommer 1943 mehrere Millio-
gegen das „furchtbare Blutbad“, das die Nationalsozialisten in nen Exemplare über Deutschland ab.
Europa angerichtet hatten.
Am frühen Morgen des 18. Februar 1943 legten Hans und So-
phie Scholl es in der Münchener Universität aus und warfen in
einem spontanen Entschluss mehr als 100 Flugblätter in den
Lichthof der Universität. Dabei wurden sie von einem Hausmeis-
ter gestellt und der Gestapo übergeben. Führende Mitglieder der
Weißen Rose wurden festgenommen und vor Gericht gestellt.
Die nationalsozialistischen Machthaber sahen in ihren Taten
und in ihrem ethisch begründeten Appell an das Gewissen ein
politisches Schwerverbrechen. Hans und Sophie Scholl sowie
Christoph Probst wurden noch am Tage ihrer Verurteilung am
22. Februar 1943 im Gefängnis München-Stadelheim enthauptet.
In einem zweiten Prozess verurteilte der „Volksgerichtshof“
im April 1943 Alexander Schmorell, Willi Graf und Kurt Huber
zum Tode. Weitere Helfer und Mitwisser, darunter auch Ange-
hörige der Ulmer Gruppe, erhielten langjährige Freiheitsstrafen.
In Hamburg hatte sich 1942 eine Gruppe gebildet, die über
Hans Leipelt und Traute Lafrenz Kontakte nach München hat-
te. Im Herbst 1943 entdeckte die Gestapo auch diese Gruppe und
nahm mehr als 20 Personen in Haft. In den folgenden Jahren
wurden weitere zehn Regimegegner aus dem Umfeld des Mün-
chener und des Hamburger Zweiges der Weißen Rose ermordet
oder in den Tod getrieben.

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Widerstand als Reaktion auf Krieg und NS-Gewaltverbrechen 43

Privatbesitz

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Privatbesitz
hans scholl sophie scholl christoph probst

Der 1918 geborene Hans Scholl wuchs Die 1921 geborene Sophie Scholl trat 1934 in Der 1919 geborene Christoph Probst
mit vier Geschwistern in einem libera- den „Bund Deutscher Mädel“ in der „Hit- studierte nach dem Arbeits- und Wehr-
len protestantischen Elternhaus auf und ler-Jugend“ ein, wo sie bis zur Gruppenlei- dienst 1939 in München Medizin. Seit
wurde stark von der bündischen Jugend terin aufstieg. Bereits als Schülerin wurde 1935 kannte er Alexander Schmorell, mit
beeinflusst. Seit 1933 engagierte er sich sie 1937 wegen des bündischen Engage- dem er bald eng befreundet war. 1941
in der „Hitler-Jugend“ und stieg hier zum ments ihres Bruders Hans von der Gestapo heiratete Christoph Probst Herta Dohrn,
„Fähnleinführer“ auf. Weil ihn dort aber vernommen. Seit dieser Zeit distanzierte mit der er drei Kinder hatte. Schmorell
bald die militärische Engstirnigkeit ab- sie sich radikal vom Nationalsozialismus. führte Probst im Sommer 1942 in den
stieß, wandte er sich vom Nationalsozi- Nach dem Abitur im März 1940 machte Freundeskreis um Hans Scholl ein. Trotz
alismus ab und beteiligte sich an bün- sie eine Ausbildung zur Kindergärtne- seiner Versetzung nach Innsbruck im
dischen Gruppen. Ende 1937 inhaftierte rin und begann nach dem Arbeits- und Dezember 1942 beteiligte Probst sich bei
ihn die Gestapo für zwei Wochen. Kriegshilfsdienst im Mai 1942 in Mün- seinen Besuchen in München aktiv an
Nach dem Arbeits- und Wehrdienst chen ein Studium der Biologie und Philo- der Diskussion des fünften Flugblattes
studierte Hans Scholl ab dem Sommer- sophie. Dabei kam sie durch ihren Bruder der Weißen Rose und war auch bereit,
semester 1939 in München Medizin. Im Hans auch mit dem katholischen Publi- selbst eine Flugschrift zu verfassen.
Mai 1940 wurde er als Sanitäter an der zisten Carl Muth zusammen, der beide Nach der Festnahme der Geschwister
französischen Front eingesetzt. Hans in ihrem christlichen Glauben bestärkte Scholl fand die Gestapo einen Flugblatt-
Scholl konnte im April 1941 bei der und sie in der Ablehnung des National- entwurf von Probst in Hans Scholls Ja-
2. Studentenkompanie der Heeressani- sozialismus ebenso beeinflusste wie der ckentasche, in dem es hieß: „Hitler und
tätsstaffel in München sein Studium Hochschullehrer Kurt Huber. sein Regime muss fallen, damit Deutsch-
fortsetzen, wo er im Juni 1941 Alexander Im August und September 1942 musste land weiterlebt.“ Christoph Probst wurde
Schmorell kennenlernte. Seit Herbst 1941 Sophie Scholl wieder vier Wochen Kriegs- am 20. Februar 1943 in Innsbruck fest-
hielt Hans Scholl engen Kontakt zu dem hilfsdienst leisten und in einem Ulmer genommen und am 22. Februar 1943
katholischen Publizisten Carl Muth. Rüstungsbetrieb arbeiten. Im Januar 1943 gemeinsam mit den Geschwistern Scholl
Im Juni und Juli 1942 verbreiteten wirkte sie an der Herstellung und Ver- vom „Volksgerichtshof“ zum Tode ver-
Hans Scholl und Alexander Schmorell breitung des fünften Flugblattes der Wei- urteilt. Am selben Tag empfing er un-
die ersten vier Flugblätter der Weißen ßen Rose mit. mittelbar vor seiner Hinrichtung im
Rose. Gemeinsam mit Schmorell und Bei der Flugblattaktion am 18. Februar Strafgefängnis München-Stadelheim die
Willi Graf wurde Hans Scholl von Ende 1943 wurden Sophie Scholl und ihr Bruder katholische Taufe.
Juli bis Ende Oktober 1942 zu einer „Feld- noch in der Universität festgenommen,
famulatur“ in die Sowjetunion abkom- am 22. Februar 1943 vom „Volksgerichts- „Auch im schlimmsten Wirrwarr kommt
mandiert, das heißt, sie mussten ein für hof“ unter Roland Freisler zum Tode ver- es darauf an, dass der Einzelne zu seinem
das Medizinstudium vorgeschriebenes urteilt und am selben Tag im Strafgefäng- Lebensziele kommt, zu seinem Heil kommt,
Praktikum als Kriegsdienst ableisten. nis München-Stadelheim enthauptet. welches nicht in einem äußeren ‚Erreichen‘
Nach der Rückkehr an die Münchener gegeben sein kann, sondern nur in der
Universität setzte er seine Widerstands- „Es war unsere Überzeugung, dass der inneren Vollendung seiner Person. Denn
aktionen fort. Krieg für Deutschland verloren ist, und das Leben fängt ja nicht mit der Geburt an
Bei der Flugblattaktion am 18. Februar dass jedes Menschenleben das für diesen u. endigt im Tod. So ist ja auch das Leben,
1943 wurde Hans gemeinsam mit sei- verlorenen Krieg geopfert wird, umsonst als die große Aufgabe der Mensch-Wer-
ner Schwester Sophie festgenommen, ist. Besonders die Opfer, die Stalingrad dung, eine Vorbereitung für ein Dasein in
vier Tage später vom „Volksgerichtshof“ forderte, bewogen uns, etwas gegen dieses anderer neuer Form. Und dieser Aufgabe
zum Tode verurteilt und am selben Tag unserer Ansicht nach sinnlose Blutvergie- dienen letzthin alle kleineren u. größeren
im Strafgefängnis München-Stadelheim ßen zu unternehmen.“ Aufgaben u. Ereignisse des Lebens.“
enthauptet. Aus der Vernehmung von Sophie Scholl durch die Gestpo
Aus einem Brief von Christoph Probst vom 27. Juli 1942
in München vom 20. Februar 1943

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44 WIDERSTAND GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS

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alexander schmorell willi graf kurt huber

Der 1917 in Orenburg/Russland geborene Der 1918 geborene Willi Graf stieß 1929 Der 1893 in der Schweiz geborene Kurt
Alexander Schmorell entstammte einer zum katholischen Schülerbund „Neu- Huber studierte ab 1912 Musik, Philoso-
deutsch-russischen Familie, die seit 1921 deutschland“. 1934 schloss er sich dem phie und Psychologie, promovierte 1917
in München lebte. Er wuchs mit starken engeren Kreis des Jungenbundes „Grau- in Musikwissenschaft und habilitierte
Bindungen an seine russische Herkunft er Orden“ an und nahm an verbotenen sich 1920 im Fach Psychologie und Phi-
auf. 1933 trat Schmorell der SA bei und Fahrten und Lagern teil. 1937 begann Willi losophie. Ab 1926 lehrte er an der Uni-
wurde 1934 Mitglied der „Hitler-Jugend“. Graf in Bonn ein Medizinstudium und versität München Philosophie und war
Er wandte sich jedoch schon 1937 wäh- wurde Anfang 1938 wegen seiner Akti- ein anerkannter Volksliedforscher und
rend seines Arbeitsdienstes radikal ge- vitäten in der bündischen Jugendbewe- führender Experte für den Philosophen
gen die geistige Vereinnahmung durch gung für zwei Wochen inhaftiert. Anfang Gottfried Wilhelm Leibniz.
den Nationalsozialismus. 1940 absolvierte Graf in der Wehrmacht 1937 übernahm Huber die Abteilung
Nach dem Wehrdienst begann er 1939 eine Sanitätsausbildung, um zunächst in Volksmusik am Berliner Institut für Mu-
in Hamburg mit dem Medizinstudium, Frankreich und Belgien, ab Juni 1941 an sikforschung. Ein Jahr später wurde
das er in München fortsetzte. Im Juni der Ostfront eingesetzt zu werden. ihm wegen seiner „katholisch-weltan-
1941 lernte er in der 2. Studentenkom- Im April 1942 zur Fortsetzung des Me- schaulichen Bindung“ untersagt, einen
panie der Heeressanitätsstaffel in Mün- dizinstudiums in die 2. Münchener Stu- Lehrauftrag an der Berliner Universität
chen Hans Scholl kennen. Beide waren dentenkompanie abgeordnet, lernte er wahrzunehmen. Er kehrte nach Mün-
seit April 1941 hier kaserniert. Hans hier Hans Scholl und Alexander Schmo- chen zurück, wo er nach seinem Eintritt
Scholl und Alexander Schmorell verfass- rell kennen, mit denen er von Ende Juli in die NSDAP 1940 außerplanmäßiger
ten die ersten vier Flugblätter der Wei- bis Ende Oktober 1942 an der Ostfront Professor wurde. Huber fesselte seine
ßen Rose, ehe sie gemeinsam mit Willi eingesetzt war. Ende 1942 und Anfang Studenten vor allem durch seine weit-
Graf Ende Juli 1942 zu einer „Feldfamu- 1943 warb Willi Graf auf mehreren Rei- gefächerten Interessen und durch an-
latur“ an die Ostfront abkommandiert sen in seinem alten Freundeskreis um schauliche Vorlesungen.
wurden. Das Land und die Menschen Mitstreiter. Ab Dezember 1942 nahm er Im Juni 1942 lernte er Hans Scholl und
dort beeindruckten Alexander Schmo- an der Diskussion des fünften Flugblat- seine Freunde kennen, seine Vorbehalte
rell tief. tes der Weißen Rose teil. Im Februar 1943 gegen die Hitler-Diktatur verstärkten
Schmorell nahm auch an der Herstel- beteiligte er sich an den Freiheitsparolen sich durch die Schilderungen von der
lung des fünften und sechsten Flugblat- der Gruppe in der Münchener Innenstadt Front zurückgekehrter Studenten. Ge-
tes der Weißen Rose teil sowie an den und unterstützte die Herstellung und meinsam mit Hans Scholl formulierte
nächtlichen Aktionen im Februar 1943, Verbreitung des sechsten Flugblattes der Huber den politischen Teil des fünften
bei denen sie Parolen gegen Hitler an Weißen Rose. Flugblattes der Weißen Rose und ver-
Hausfassaden malten. Am 18. Februar 1943 nahm die Gestapo fasste Anfang Februar 1943 auch das
Nach der Festnahme von Hans und Willi Graf fest. Der „Volksgerichtshof“ sechste und letzte Flugblatt der Gruppe.
Sophie Scholl am 18. Februar 1943 ver- verurteilte ihn gemeinsam mit Kurt Hu- Wenige Tage nach der Verteilung die-
suchte Alexander Schmorell vergeblich, ber und Alexander Schmorell am 19. April ses Flugblattes durch die Geschwister
ins Ausland zu fliehen. Nach München 1943 in München zum Tode. Fast ein Scholl in der Münchener Universität
zurückgekehrt, wurde er am 24. Febru- halbes Jahr später wurde Willi Graf am wurde Kurt Huber am 27. Februar 1943
ar 1943 erkannt, denunziert und sofort 12. Oktober 1943 im Strafgefängnis Mün- festgenommen, am 19. April 1943 in
festgenommen, am 19. April 1943 vom chen-Stadelheim enthauptet. München vom „Volksgerichtshof“ zum
„Volksgerichtshof“ zum Tode verurteilt Tode verurteilt und am 13. Juli 1943 im
und am 13. Juli 1943 im Strafgefängnis Strafgefängnis München-Stadelheim ent-
München-Stadelheim enthauptet. hauptet.

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Widerstand als Reaktion auf Krieg und NS-Gewaltverbrechen 45

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Privatbesitz
hans leipelt traute lafrenz heinz kucharski

Der 1921 geborene Hans Leipelt absol- Die 1919 geborene Traute Lafrenz gehörte Der 1919 geborene Heinz Kucharski be-
vierte nach dem Abitur zunächst den Ar- wie Heinz Kucharski und Margaretha Ro- suchte die Hamburger Lichtwark-Schule,
beitsdienst, anschließend leistete er den the zur Schulklasse der Studienrätin Erna setzte sich bereits als Schüler intensiv
Wehrdienst ab. Im August 1940 wurde er Stahl, die auch nach 1933 ganz im Sinne mit sozialistischen Ideen auseinander
aus der Wehrmacht entlassen, weil seine der freiheitlichen und musischen Tradi- und studierte Philologie, Völkerkunde
Mutter nach den nationalsozialistischen tion der Hamburger Lichtwarkschule un- und Orientalistik. Er organisierte Le-
„Nürnberger Rassegesetzen“ als Jüdin terrichtete. seabende, auf denen politische Schrif-
galt. Sein Vater konnte ihm jedoch einen Im Sommer 1939 begegnete Traute Laf- ten diskutiert wurden. Zusammen mit
Studienplatz für Chemie an der Hambur- renz in Hamburg Alexander Schmorell, Margaretha Rothe machte er auf Flug-
ger Universität verschaffen. Dort lernte der hier ein Semester lang studierte. Im zetteln die Sendezeiten des Deutschen
er Gleichgesinnte wie Margaretha Rothe Mai 1941 wechselte sie für ihr Medizin- Freiheitssenders 29,8 bekannt. Ende 1942
und Heinz Kucharski kennen. studium nach München und lernte bald diskutierte er mit Margaretha Rothe, der
Im Winter 1941/42 wechselte Hans Hans Scholl und Christoph Probst kennen. Buchhändlerin Hannelore Willbrandt, dem
Leipelt nach München an das weithin Sie nahm an vielen Gesprächen und Dis- Mediziner Albert Suhr und dem Philoso-
bekannte Chemische Institut des Pro- kussionen, auch mit Kurt Huber, teil. Im phiestudenten Reinhold Meyer das drit-
fessors und Nobelpreisträgers Heinrich November 1942 brachte Traute Lafrenz das te Flugblatt der Weißen Rose.
Wieland, der mehrfach rassisch Verfolg- dritte Flugblatt der Weißen Rose mit nach Am 9. November 1943 nahm die Ge-
ten half. Hamburg. An Weihnachten 1942 versuch- stapo Heinz Kucharski, seine Mutter
Die Nachricht von der Hinrichtung te sie, in Wien einen Vervielfältigungsap- Hildegard Heinrichs und seine Freun-
der Geschwister Scholl und Christoph parat zu besorgen. Gemeinsam mit Sophie din Margaretha Rothe fest. Bis zum
Probsts wurde für Hans Leipelt und sei- Scholl organisierte Traute Lafrenz im Janu- 25. Oktober 1944 war Kucharski im Ge-
ne Freundin Marie-Luise Jahn zur He- ar 1943 Papier und Briefumschläge für den stapo-Gefängnis Fuhlsbüttel, danach im
rausforderung. Weil sie sich der Weißen Versand weiterer Flugblätter. Hamburger Untersuchungsgefängnis  in-
Rose verpflichtet fühlten, schrieben sie Am 5. März 1943 wurde sie erstmals haftiert. Nach dem Todesurteil des
das letzte Flugblatt ab und verbreiteten von der Gestapo verhört, wenige Tage „Volksgerichtshofs“ vom 17. April 1945
es mit dem Zusatz „Und ihr Geist lebt später, am 15. März 1943, festgenom- konnte er während des Transports zur
trotzdem weiter“ in Hamburg. Nach der men, am 19. April 1943 gemeinsam mit Hinrichtungsstätte Bützow-Dreibergen
Ermordung von Professor Kurt Huber Alexander Schmorell und Kurt Huber entkommen.
unterstützten Leipelt und seine Freun- angeklagt und zu einem Jahr Gefängnis Der ebenfalls festgenommene Rein-
de dessen Familie durch eine Geld- verurteilt – sie konnte verschleiern, an hold Meyer erkrankte in der Haft schwer
sammlung. der Verteilung von Flugblättern beteiligt und starb am 12. November 1944 im Ge-
Hans Leipelt wurde am 8. Oktober gewesen zu sein. stapo-Gefängnis Fuhlsbüttel.
1943 in München festgenommen, aber Nach ihrer Entlassung verhaftete die Margaretha Rothe wurde mit den ande-
erst am 13. Oktober 1944 vom „Volksge- Gestapo Traute Lafrenz Ende März 1944 ren weiblichen Gefangenen der Hambur-
richtshof“ zum Tode verurteilt und am erneut und überführte sie ins Hambur- ger Weißen Rose von Fuhlsbüttel zunächst
29. Januar 1945 in München Stadelheim ger Gestapo-Gefängnis Fuhlsbüttel. Ge- nach Cottbus, später in das Gefängnis
enthauptet. Marie-Luise Jahn verurteilte meinsam mit anderen weiblichen Ge- Leipzig-Kleinmeusdorf verlegt, wo sie am
der „Volksgerichtshof“ zu zwölf Jahren fangenen der Hamburger Weißen Rose 18. Februar 1945 in das Gefängnislazarett
Zuchthaus. Sie wurde am 29. April 1945 wurde Traute Lafrenz über Gefängnisse aufgenommen wurde. Unmittelbar vor
aus dem Zuchthaus Aichach befreit. in Cottbus und Leipzig nach Bayreuth der Befreiung der Stadt durch US-Truppen
verlegt, wo sie am 15. April 1945 von starb Margaretha Rothe am 15. April 1945
US-Truppen befreit wurde. in einem Leipziger Krankenhaus.

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46 WIDERSTAND GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS

Widerstand von Jugendlichen ten oder Jugendliche jüdischer Herkunft, die sich zusammen-
fanden. Sie hörten verbotene ausländische Rundfunksender,
Ab 1933 sollte die „Hitler-Jugend“ (HJ) nach dem Willen des verbreiteten Nachrichten oder wollten mit Flugblättern über
NS-Regimes die einzige Jugendorganisation in Deutschland den Kriegsverlauf und die NS-Gewaltverbrechen aufklären.
sein. Daher wurden fast alle anderen Jugendverbände inner- Wurden ihre Aktivitäten aufgedeckt, drohte ihnen die Todes-
halb weniger Monate verboten, zur Selbstauflösung gezwun- strafe.
gen oder der HJ angegliedert. Seit Frühjahr 1939 mussten alle Während des Krieges verschärften die Nationalsozialisten
Jugendlichen dem „Bund Deutscher Mädel“ bzw. der HJ ange- die Verfolgung von Jugendlichen, die ihr Recht auf Unabhän-
hören, wo sie vormilitärisch ausgebildet und zu unbedingtem gigkeit und Selbstbestimmung außerhalb der „Hitler-Jugend“
Gehorsam erzogen wurden. verteidigten. Edelweißpiraten in Köln, Leipziger Meuten oder
Nicht alle akzeptierten diese totale Vereinnahmung durch Hamburger Swing-Jugendliche, die sich dem Zwang der Dik-
das NS-Regime. Politische Jugendgruppen versuchten trotz tatur durch ihren Lebensstil widersetzten, wurden von der
Verboten und Auflösungen zusammenzuhalten oder sich neu Gestapo verfolgt, in Jugend-Konzentrationslager eingewiesen
zu formieren. Die Gestapo verfolgte dies rücksichtslos. Die oder zu langen Haftstrafen verurteilt, obwohl sie eher unpoli-
Motive der Jugendlichen für ihren Widerstand waren vielfäl- tisch waren und nur wenige von ihnen das Regime aktiv be-
tig. Es waren junge Kommunisten, Sozialdemokraten, Chris- kämpften.

VVN – BdA Hamburg, Publikation „Die anderen. Widerstand und Verfolgung in Harburg und Wilhelmsburg“, 6., Auflage, Hamburg 2005

Illegales Treffen von Mitgliedern der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) in Dassow/Mecklenburg, Pfingsten 1934

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Widerstand als Reaktion auf Krieg und NS-Gewaltverbrechen 47

Sozialistische und kommunistische Jugendliche


Das Verbot der kommunistischen und sozialdemokratischen
Aktivitäten richtete sich auch gegen die kommunistischen
und sozialistischen Jugendverbände. Mitglieder der Sozialisti-
schen Arbeiterjugend (SAJ) und des Kommunistischen Jugend-
verbandes Deutschlands (KJVD) führten ihre Auseinanderset-
zung mit den Nationalsozialisten daher im Untergrund fort.
Scheinbar unpolitische Aktivitäten wie gemeinsame Wande-
rungen sollten Schutz vor Entdeckung bieten. Indem sie ihre
Treffen tarnten, konnten sie ihren Zusammenhalt bewahren.
Die Jugendlichen beteiligten sich auch an Widerstandsaktivi-
täten und überwanden dabei oftmals innere weltanschauli-
che Gegensätze der Arbeiterbewegung.
Zahlreiche sozialistische und kommunistische Jugendliche
wurden wegen ihrer Überzeugung verfolgt und kriminalisiert.

Privatbesitz
Bis Mitte der 1930er-Jahre fanden zahlreiche Prozesse gegen
Mitglieder des KJVD und der SAJ statt. Viele von ihnen wurden
in Konzentrationslager verschleppt, misshandelt oder vor Ge-
Der 16-jährige Lehrling Hans Gasparitsch gehört der sozialistischen Gruppe „G“
richt gestellt. Lange Haftstrafen und Todesurteile sollten auf (Gemeinschaft) an. Er wird 1935 festgenommen und bis 1945 im KZ inhaftiert, weil
andere Jugendliche abschreckend wirken. er im Stuttgarter Schlosspark Parolen gegen das NS-Regime verbreitet hat.

Christliche Jugendliche
1933 waren mehr als 2,5 Millionen Jugendliche in christlichen
Verbänden organisiert. Obwohl die Nationalsozialisten ver-
sicherten, die Eigenständigkeit der Kirchen zu respektieren,
wurden kirchliche Jugendgruppen zunehmend bedrängt und
verboten. Der Führungsanspruch der „Hitler-Jugend“ und des
NS-Regimes sollte durchgesetzt werden.
Viele christliche Jugendliche hatten der Regierung Hitlers
zunächst positiv gegenübergestanden. Bei manchen von
ihnen verstärkten sich jedoch schon bald Zweifel an der na-
tionalsozialistischen Kirchenpolitik. Einigen Jugendlichen
gelang es trotz der Auflösung oder „Gleichschaltung“ ihrer
Verbände, in Verbindung zu bleiben. Sie festigten ihre Kontak-
te und trafen sich bei Wallfahrten oder Freizeiten, die die Na-

Privatbesitz
tionalsozialisten als Provokation empfanden. So gerieten sie
zunehmend in Konflikt mit dem NS-Regime.
Eine katholische Jugendgruppe um Bernd Wittschier aus Köln auf einer verbote-
Jüdische Jugendliche nen Wallfahrt zur Altenberger Madonna 1941
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden
jüdische Jugendliche zunehmend aus der Gesellschaft ausge-
grenzt. Sie durften nur jüdischen Jugendorganisationen ange-
hören und ab 1938 ausschließlich jüdische Schulen besuchen.
Die Jugendlichen fanden sich in Gruppen zusammen, in denen
sie sich respektiert fühlten, gemeinsam ihre Freizeit gestalte-
ten oder sich auf eine Auswanderung vorbereiten konnten.
Verschiedene dieser Gruppen sammelten sich um den
Berliner Elektriker Herbert Baum, der sich bereits 1927 der
Deutsch-Jüdischen Jugendgemeinschaft angeschlossen hatte
und 1931 in den kommunistischen Jugendverband Deutsch-
lands eintrat. Gemeinsam bereiteten die Mitglieder der Grup-
pen um Baum später Widerstandsaktionen vor, verbreiteten
Parolen, verteilten Flugzettel und illegale Schriften (siehe auch
S. 30). Als 1941 die systematische Ermordung der Juden Euro-
pas einsetzte, entzogen sich jüdische Jugendliche der Deporta-
tion durch die Flucht in den Untergrund.

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48 WIDERSTAND GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS

Bündische Traditionen Umtriebe“ verbot. Viele Jugendliche widersetzten sich, indem


Die Anhänger der Bündischen Jugend wollten sich weder po- sie weiterhin Ausflüge unternahmen oder, wie sie sagten, auf
litisch noch konfessionell binden, sondern ihr Leben frei und Fahrt gingen, bündische Lieder sangen, ihre Erkennungszei-
selbstbestimmt gestalten. Sie betonten das Recht der Jugend chen trugen und oftmals sogar die Auseinandersetzung mit
auf eigene Entfaltung. Die Deutsche Freischar war mit 15 000 der HJ suchten. Immer wieder wurden bündische Jugendliche
Mitgliedern der größte Bund. Sie schloss sich im März 1933 festgenommen, mit Gefängnis und Zuchthaus bestraft oder in
mit anderen Vereinen zum Großdeutschen Bund zusammen, Konzentrationslagern inhaftiert.
der bereits im Juni 1933 von den Nationalsozialisten aufge-
löst wurde. Leipziger Meuten
Zunächst hofften ehemalige Bündische, die „Hitler-Jugend“ In Leipzig schlossen sich nach 1933 rund 1500 Jugendliche zu
beeinflussen zu können. Sie traten in die HJ ein, um so ihre sogenannten Meuten zusammen. Die 14- bis 18-jährigen Mäd-
Traditionen zu bewahren, bis die HJ-Führung die „bündischen chen und Jungen kamen überwiegend aus sozialdemokratisch
oder kommunistisch geprägten Elternhäusern.
Die etwa 20 Leipziger Meuten nannten sich nach ihren Treff-
punkten und wollten sich durch Kleidung und Verhalten von
der HJ abgrenzen. Die Jungen trugen oft kurze Lederhosen,
karierte Hemden und bunte Halstücher. In den 1930er-Jahren
häuften sich Auseinandersetzungen mit der HJ. Einige Mit-
glieder der Meuten forderten mit Streuzetteln, die heimlich
ausgelegt wurden, zum Kampf auf. Die meisten Anhänger wa-
ren jedoch eher unpolitisch und wollten vor allem ihre Freizeit
ohne den Zwang der HJ verbringen. Die NS-Führung ging un-
nachgiebig gegen die Meuten vor. Viele ihrer Anhänger wur-
den wegen „bündischer Umtriebe“ festgenommen und hart
bestraft.

Edelweißpiraten
Um 1938 entstanden im Rhein-Ruhr-Gebiet verschiedene
Gruppen von sogenannten Edelweißpiraten, denen sich meh-
rere tausend junge Arbeiter und Lehrlinge anschlossen. Ihr Er-
kennungszeichen waren eine Edelweißblume an der Kleidung
oder eine weiße Stecknadel. Sie trafen sich regelmäßig auf
Plätzen oder in Parks und nannten sich wie die Meuten nach
ihren Treffpunkten oder Stadtvierteln.
Karl Gutzmer / Stadtmuseum Bonn

Die Edelweißpiraten lehnten die „Hitler-Jugend“ ab, gingen


auf Fahrt, organisierten Zeltlager und sangen bündische Lie-
der. Manche von ihnen hörten ausländische Rundfunksender
und verbreiteten deren Meldungen. Sie stellten Flugblätter her
und wandten sich mit Wandparolen gegen den Krieg. Einige
Jugendliche waren sogar bereit, das NS-Regime mit Waffenge-
walt zu bekämpfen. Viele Edelweißpiraten wurden in Fürsor-
geanstalten eingewiesen oder in Konzentrationslagern und
Die Bonner Jovy-Gruppe, hier 1938 beim Wandern in der Schweiz, bekennt sich zur
Gefängnissen inhaftiert.
politischen Auseinandersetzung mit dem NS-Regime. Michael Jovy wird 1939 we-
gen „bündischer Umtriebe“ und „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu sechs Jahren
Zuchthaus verurteilt. Swing-Jugendliche
In verschiedenen Großstädten hatten sich Jugendliche getrof-
fen, um gemeinsam Jazzmusik zu hören, zu tanzen und offene
Gespräche zu führen. Viele von ihnen wollten ihren eigenen
Weg gehen und ihre Persönlichkeit in bewusstem Gegensatz
zu den nationalsozialistischen Beeinflussungsversuchen ent-
falten. Ihre Begeisterung für den Swing verband sie auch, weil
die Nationalsozialisten diese Musik als Symbol „kultureller
Entartung“ als „undeutsch“ herabwürdigten.
Viele Swing-Jugendliche wollten sich nicht nur von der HJ
abgrenzen. Für sie war Swing Ausdruck einer eigenständi-
gen Lebensweise, die sie mit englisch klingenden Vornamen,
langen Haaren und einem eigenen Kleidungs- und Tanzstil
demonstrierten. Trotz des Verbots durch die Nationalsozia-
listen hörten sie englische und amerikanische Schallplatten
und veranstalteten private Partys. 1942 gab der Reichsführer
Privatbesitz

SS und Chef der Deutschen Polizei, Heinrich Himmler, die An-


weisung, Rädelsführer der Swing-Jugend für mindestens zwei
Eine Meute aus dem Leipziger Osten auf Fahrt in die Sächsische Schweiz um 1941 bis drei Jahre in Konzentrationslagern zu inhaftieren.

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Widerstand als Reaktion auf Krieg und NS-Gewaltverbrechen 49

ihr der Besuch einer höheren Schule ver-


wehrt. Ihre Ausbildung zur Montessori-
Kindergärtnerin konnte sie nicht beenden,
denn ihre Familie galt als „politisch unzu-
NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln verlässig“.
Vor 1933 war Gertrud Koch Mitglied
der kommunistischen Roten Jungpionie-
re und weigerte sich später, dem „Bund
Deutscher Mädel“ beizutreten. Stattdes-
sen gründete sie mit Freunden aus Köln
und Düsseldorf eine Gruppe, die gemein-

Privatbesitz
sam wanderte, musizierte und zuneh-
mend politisch aktiv wurde. Diese Gruppe,
die zu den sogenannten Edelweißpiraten
gehörte, begann, Flugblätter herzustel-
gertrud koch walter klingenbeck
len und zu verbreiten. Die spektakulärste
Gertrud „Mucki“ Koch wurde als Tochter Aktion war der Abwurf von Flugblättern 1924 geboren, gehörte Walter Klingen-
eines Kesselschmieds und einer Apothe- aus der Kuppel des Kölner Hauptbahnhofs. beck in der Münchener Gemeinde St.
kerin 1924 in Köln geboren. Ihr Vater war Mehrere Festnahmen waren die Folge. Ludwig der katholischen Jungschar an,
Kommunist, wurde nach 1933 mehrfach Im Dezember 1942 wurde Gertrud Koch die sich 1936 – aufgrund des national-
festgenommen und 1942 im Konzentrati- ins Gestapo-Gefängnis Brauweiler ge- sozialistischen Drucks – auflösen musste.
onslager ermordet. bracht, wo sie geschlagen und misshan- Zusammen mit seinem Vater hörte er Sen-
Die Familie war vielfältigen Repressali- delt wurde. Im Mai 1943 wurde sie ohne dungen von Radio Vatikan, in denen bei-
en ausgesetzt. Die Mutter verlor ihre Ar- Angabe von Gründen aus der Haft entlas- spielsweise von nationalsozialistischen
beit, Mutter und Tochter wurden gezwun- sen und floh mit ihrer Mutter nach Süd- Verstößen gegen das Reichskonkordat
gen, ihre Wohnung zu verlassen. Gertrud deutschland. Dort arbeitete sie bis zum berichtet wurde. Seiner Begeisterung für
Koch musste schon als Kind zum Lebens- Kriegsende auf einem Bauernhof und das neue Medium Hörfunk ging Walter
unterhalt beitragen, aus Geldmangel blieb kehrte dann nach Köln zurück. Klingenbeck in einer Lehre als Schalttech-
niker nach.
Ab Frühjahr 1941 fand sich um ihn
ein kleiner Freundeskreis zusammen, der
verschiedene Musikinstrumente und er- schließlich verschiedene Widerstandsak-
hielt erste Engagements als Schlagzeuger tionen durchführte. Zu diesem Kreis ge-
und Gitarrist in mehreren Jazzkapellen. hörten Daniel von Recklinghausen, Hans
1938 musste Coco Schumann auf eine Haberl und Erwin Eidel. Die vier Freun-
jüdische Schule wechseln, wenig spä- de hatten eine große Leidenschaft für
ter wurde er zum Zwangsarbeitsdienst Technik, besonders für das Radio. Das
verpflichtet. Obwohl er wegen seiner gemeinsame Hören deutschsprachiger
jüdischen Herkunft kein Mitglied der Sendungen der britischen BBC, des inter-
„Reichskulturkammer“ und damit Berufs- nationalen Radio Vatikan und anderer
musiker werden konnte, gelang es ihm, verbotener Radiostationen verstärkte ihre
weiterhin als Musiker in Berliner Bars regimekritische Sichtweise.
Privatbesitz

und Tanzclubs aufzutreten. Im September 1941 malte Walter Klin-


Im März 1943 wurde Coco Schumann genbeck mit schwarzer Ölfarbe große
festgenommen und in das Ghetto The- V-Zeichen (für „Victory“) an etwa 40 Stel-
resienstadt deportiert, wo er als Schlag- len in München, die BBC hatte dazu auf-
heinz „coco“ schumann
zeuger in der Ghetto Big Band „The Ghet- gerufen.
1924 geboren, wuchs Coco Schumann to-Swingers“ spielte. Im September 1944 Nach einer Denunziation wurde Klin-
im Berliner Scheunenviertel auf, einem wurde Schumann nach Auschwitz-Bir- genbeck am 26. Januar 1942 festgenom-
Stadtteil, in dem viele aus dem Osten kenau deportiert und im Januar 1945 von men. Er nahm die gesamte Verantwor-
zugewanderte Juden und Jüdinnen leb- dort auf einen sogenannten Todesmarsch tung für die Aktionen auf sich. Am 24.
ten. Seine Mutter Hedwig war Jüdin und geschickt. Anfang Mai 1945 befreiten ihn September 1942 verurteilte der „Volks-
betrieb einen Friseurladen, sein Vater alliierte Truppen. Coco Schumanns Eltern gerichtshof“ den 19-jährigen und seine
Alfred war vor der Hochzeit zum jüdi- und sein Bruder erlebten das Kriegsende Freunde zum Tod. Walter Klingenbeck
schen Glauben übergetreten. in einem Versteck. Nach dem Krieg kehr- wurde am 5. August 1943 in München
Anfang 1936 freundete sich Coco Schu- te Schumann nach Berlin zurück und enthauptet, seine Freunde zu Zuchthaus-
mann mit Berliner Swing-Jugendlichen wurde zu einem der bekanntesten Jazz- strafen begnadigt.
an. In den folgenden Jahren erlernte er und Swingmusiker der Nachkriegszeit.

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50 WIDERSTAND GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS

Die Gruppe um Hanno Günther


Flugblatt von Hanno Günther
Der 1921 geborene Hans Joachim „Hanno“ Günther wuchs […] Wir wollen einen gerechten und dadurch dauerhaften
in Berlin in einem Elternhaus auf, das an Politik interessiert Frieden! Wir wollen die Freiheit der Meinung und des Glau-
und für die Lebensreformbewegung, eine naturnahe, zivi- bens! Wir wollen die Freiheit der Arbeit! Wir wollen die Ver-
lisationskritische Geisteshaltung, aufgeschlossen war. Sei- hinderung kommender Kriege durch die Verstaatlichung der
ne Mutter war Lehrerin, sein Vater Buchhändler. Die Eltern Rüstungsindustrie und die Einziehung der Kriegsgewinne!
trennten sich, als Hanno Günther sechs Jahre alt war. Ab Wir wollen die Schaffung einer wahren Volksvertretung!!!
1928 besuchte er eine bekannte Reformvolksschule, die Rüt- Deutscher! Bekenne Dich zu diesen Forderungen! Sprich mit
li-Schule in Berlin-Neukölln. Diese Schule galt als fortschritt- zuverlässigen Kameraden über sie!
lich, die Prügelstrafe wurde dort grundsätzlich abgelehnt Gebe dieses Flugblatt weiter, und wenn Dir eine Schreib-
und den Schülerinnen und Schülern viel Spielraum für die oder Vervielfältigungsmaschine zur Verfügung steht, so ver-
geistige Entfaltung gelassen. Seit 1929 war Hanno Günther breite unsere Forderungen! […]
Mitglied der kommunistischen Jungpioniere und baute in „Das freie Wort“, Folge 3, September 1940, Bundesarchiv
einem Neuköllner Hinterhof einen Kinderclub auf. Nach der
„Gleichschaltung“ der Rütli-Schule durch die Nationalsozia-
listen wechselte er auf die Schulfarm Insel Scharfenberg, um
dort das Abitur machen zu können. 1936 musste er jedoch
Scharfenberg aus politischen Gründen verlassen und begann tischen Rundfunksender BBC und diskutierten marxistische
eine Bäckerlehre. Schriften.
Während dieser Zeit lernte er die Kommunistin Elisabeth Am 2. April 1941 wurde Hanno Günther zur Wehrmacht
Pungs kennen. Mit ihr schrieb und verteilte Hanno Günther eingezogen, am 28. Juli jedoch von der Gestapo festgenom-
nach dem deutschen Sieg über Frankreich die Flugblattse- men. Am 9. Oktober 1942 verurteilte der „Volksgerichtshof“
rie  „Das freie Wort“. Darin verbreiteten sie Nachrichten ihn zusammen mit seinen Freunden Wolfgang Pander, Bern-
über die Kriegslage, verlangten Frieden und Meinungsfrei- hard Sikorski und Emmerich Schaper zum Tode. Emmerich
heit und forderten in Rüstungsbetrieben Beschäftigte zur Schaper starb an den Folgen der Folter im Gefängnis. Die
Sabotage auf. Anfang 1941 schlossen sich Dagmar Petersen anderen wurden am 3. Dezember 1942 in Berlin-Plötzensee
und andere ehemalige Schüler der Rütli-Schule dem Wider- enthauptet. Dagmar Petersen und Elisabeth Pungs überleb-
standskreis um Günther an. Sie hörten den verbotenen bri- ten die Haftzeit und den Krieg.

Privatbesitz

Der Freundeskreis um Hanno Günther bei einer Silvesterfeier in Pichelsdorf 1940/41. V. l. n. r.: Hanno Günther, Dagmar Petersen, unbekannt, Hertha Miethke, Wolfgang
Pander, Mascha (Freundin von Pander); vorne: Irmgard Freier

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Widerstand als Reaktion auf Krieg und NS-Gewaltverbrechen 51

Flugblätter von Helmuth Hübener


HITLERJUGEND – Deutsche Jungen, seid ihr euch überhaupt
bewusst, was die H. J. ist und welche Ziele sie verfolgt? Ihr
könnt es nicht wissen. Eure selbstherrlichen Führer und Un-
terführer predigen immer von Kameradschaft, während sie
sich selbst aus dem Kreise der Kameradschaft ausschließen.
Sie fühlen sich hier doch recht in ihrem Element, wenn sie die
eingeschüchterten Jungen, wenn sie euch tyrannisieren kön-
nen. Oder wollt ihr etwa abstreiten, dass man euch mit allen
zur Verfügung stehenden Mitteln gefügig machen will? Man
droht euch mit disziplinarischen Strafen, polizeilichen Maß-
nahmen und lässt euch, Deutsche, sogar die Freiheit nehmen
und in sog. Wochenendkarzer stecken.
Kennt ihr derartige Bauten? Nein? Nun, bei der nächsten
Gelegenheit werdet ihr noch von ihnen zu hören bekommen.
Das ist also die weit und breit gepriesene H.J. Eine Zwangs-
organisation ersten Ranges zur Heranziehung nazihöriger
Volksgenossen. Hitler und seine Komplizen wissen, dass sie
euch von Anfang an den freien Willen nehmen müssen, um
gefügige, willenlose Elemente aus euch machen zu können.
www.presse-mormonen.de

Denn Hitler weiß, dass seine Zeitgenossen ihn langsam zu


durchschauen beginnen, ihn, den Unterdrücker freier Natio-
nen, den Mörder von Millionen.
Darum rufen wir euch zu: Lasst euch euren freien Willen,
das kostbarste, was ihr besitzt, nicht nehmen. Lasst euch von
euren Führern – selbstherrlichen Königen im Kleinen – nicht
Helmuth Hübener (M.) mit Rudolf Wobbe (l.) und Karl-Heinz Schnibbe (r.) in Ham- unterdrücken und tyrannisieren, sondern wendet vielmehr
burg um 1941 der H.J., dem Werkzeug des Hitlerregimes für euren Unter-
gang, den Rücken.
Wir sind bei euch, und unsere Hilfe ist euch jederzeit gewiss!
Die Gruppe um Helmuth Hübener „Harret aus, Deutschland erwacht!“
„Hitlerjugend“, Flugblatt von Helmuth Hübener, 1941, Bundesarchiv
Helmuth Hübener, 1925 in Hamburg als Sohn einer Arbeiterin
geboren, wurde entscheidend durch seine mormonische Reli-
gionsgemeinschaft geprägt. Er wuchs ohne Vater bei seinen DER NAZI-REICHSMARSCHALL – Ja, der gute, feiste Hermann:
Großeltern auf und begann 1941 eine Lehre bei der Hamburger Reichsmarschall. […] Wenn die R.A.F. [Royal Air Force] jemals
Sozialbehörde. 1940/41 kam er in Kontakt mit einer illegalen dazu kommt, Berlin zu bombardieren, will ich Meier heißen,
kommunistischen Jugendgruppe aus Altona. Er hörte regel- sagte er zu Beginn des Krieges. Heute zeigen die Straßen Ber-
mäßig ausländische Rundfunksender und verbreitete wichti- lins schon deutliche Spuren der Britischen Luftoffensive, doch
ge Meldungen als Streuzettel weiter. Göring ist immer noch Göring – und er freut sich, dass er es
Im Sommer 1941 gewann Hübener mit dem 16-jährigen ist. – Und dann das allzu beliebte Schlagwort: 1000 für eine!
Schlossergesellen Rudolf Wobbe und dem 17-jährigen Ma- Auch ein blendender Reinfall; denn heute ist die deutsche
lergesellen Karl-Heinz Schnibbe Gesinnungsfreunde. Wenig Luftwaffe zufrieden, wenn sie die Insel überhaupt noch ein-
später stieß auch der 17-jährige Verwaltungslehrling Ger- mal überfliegen kann, ohne dabei durch die Abwehr schwere
hard Düwer dazu. Sie diskutierten gemeinsam zahlreiche Verluste und blutige Köpfe erleiden zu müssen. Wohl kann
Flugblätter und verteilten sie in Hamburger Arbeitervier- der Luftmarschall der Nazis noch immer eine horrende Di-
teln. Bereits im Winter 1941 sahen die Freunde die militäri- vidende […] aus seinen Rüstungswerken ziehen, doch der
sche Niederlage Deutschlands voraus. Sie wollten deshalb Traum von der uneingeschränkten, immer zunehmenden
nicht mehr allein mit kurzen Parolen auf Streuzetteln zum Luftüberlegenheit seiner Fliegerarmada geht dem Ende im-
Kampf gegen das NS-Regime auffordern, sondern die Men- mer mehr entgegen. Es wird ein böses Erwachen geben.
schen über den Ernst der Lage aufklären. Innerhalb von Denn Winston S. Churchill sagte: Wenn es sein muss, brin-
sechs Monaten entwarf Helmuth Hübener mehr als 20 ver- gen unsere tapferen Bombenflieger Tod und Verderben über
schiedene Flugblätter. Nazi-Deutschland!! Wir wünschen es nicht, haben es nie ge-
Ende Januar 1942 baten Gerhard Düwer und Helmuth wollt, doch der Tod vieler tausender hingemordeter Menschen
Hübener einen Bekannten, die Flugblätter ins Französische in Rotterdam, Belgrad und nicht zuletzt in Frankreich, Norwe-
zu übersetzen. Dabei wurden sie beobachtet, denunziert und gen und Polen, das Blut vieler freiheitsliebender Brüder in dem
am 5. Februar 1942 von der Gestapo festgenommen. Während durch Gestapo-Terror niedergehaltenen Europa darf nicht un-
der Verhöre wurden die Jugendlichen schwer misshandelt. gesühnt bleiben.
Am 11. August 1942 verurteilte der „Volksgerichtshof“ Helmuth = Vergeltung wird kommen – so oder so, Herr Göring =
Hübener trotz seines jugendlichen Alters zum Tode und sei- „Der Nazi-Reichsmarschall“, Flugblatt von Helmuth Hübener, 1941, Bundesarchiv
ne Freunde zu hohen Haftstrafen. Am 27. Oktober 1942 wurde
Helmuth Hübener in Berlin-Plötzensee enthauptet.

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52 WIDERSTAND GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS

Kreisauer Kreis gen der Kreise und Städte gewählt werden. Die Landtagsabge-
ordneten wiederum sollten die Zusammensetzung des Reichs-
Im Jahr 1940 bildete sich um Helmuth James Graf von Molt- tags bestimmen. Wählbar sollten hier die männlichen Bürger
ke und Peter Graf Yorck von Wartenburg eine Gruppe oppo- über 27 Jahre sein. Frauen sollten ein aktives, für die Landtage
sitionell gesinnter Männer und Frauen. Sie stammten aus und den Reichstag jedoch kein passives Wahlrecht besitzen,
unterschiedlichen sozialen Schichten und vertraten unter- das heißt, sie konnten in beide Parlamente nicht als Abgeord-
schiedliche Grundüberzeugungen. Gemeinsam diskutierten nete gewählt werden. Neben dem Reichstag sollte als Vertre-
in größeren und kleineren Gesprächsrunden Katholiken, Pro- tung der Länder ein Reichsrat bestehen mit der Zuständigkeit
testanten, Konservative, Liberale und Sozialisten. für Landes- und Standesinteressen. An die Spitze des Staates
Zu den Gesprächen traf man sich in den Berliner Wohnun- wollten die Kreisauer einen Reichsverweser stellen, der den
gen von Moltke und Yorck sowie auf den Gütern Kreisau (heu- militärischen Oberbefehl führen und das Reich nach außen
te Krzyżowa in Polen), Klein Öls (heute Oleśnica Mała), Kauern vertreten sollte.
(heute Kurznie) und Groß Behnitz. Ziel des Netzwerks, das spä- Im Kreisauer Kreis war das Ausmaß nationalsozialistischer
ter von seinen Verfolgern den Namen „Kreisauer Kreis“ erhal- Gewaltverbrechen bekannt. Die Kreisauer wollten die verant-
ten sollte, war es, Grundzüge einer geistigen, politischen und wortlichen „Rechtsschänder“ – so ihre Bezeichnung für die am
sozialen Neuordnung nach dem Ende des Nationalsozialismus Massenmord Beteiligten – zur Rechenschaft ziehen. Einigkeit
zu erarbeiten. Durch Tagungen, Gespräche und Denkschriften herrschte darüber, dass die Berufung auf Befehl und Gehorsam
wollten sie sich auf „die Zeit danach“ vorbereiten. keine Rechtfertigung für die Beteiligung an Verbrechen sein
Kleinere Arbeitsgruppen erarbeiteten zunächst Entwürfe – konnte. Die Täter sollten nicht an fremde Mächte ausgeliefert,
etwa zu den Themen Staat, Kultur, Wirtschaft, Sozialpolitik, sondern vor internationale Gerichtshöfe gestellt werden, de-
Agrarpolitik, Außenpolitik und Recht. Mitglieder des engeren nen neben drei Richtern der Siegermächte und zwei Vertre-
Kreises standen in Kontakt zu weiteren Fachleuten, die zu tern neutraler Staaten auch ein Richter des besiegten Staates
den Entwürfen Stellung nahmen. Lediglich Moltke und Yorck angehören sollte. Die Pflicht zur Wiedergutmachung an den
kannten alle Beteiligten. Häufig wurden aus Sicherheitsgrün- Opfern war für die Kreisauer Voraussetzung für die Rückkehr
den Decknamen verwendet. Von den Diskussionspapieren der Deutschen in die internationale Staatengemeinschaft.
wurden nur wenige Exemplare sicher aufbewahrt. Ab 1943 waren verschiedene Mitglieder des Kreisauer Krei-
Im Mai und Oktober 1942 sowie im Juni 1943 wurden im ses entschlossen, sich an Staatsstreichplänen zu beteiligen.
Kreisauer Berghaus auf drei größeren Zusammenkünften Ent- Sie standen in engem Kontakt zu Ludwig Beck, Carl Fried-
würfe zu den Themen Kirche und Staat, Erziehung, Staats- und rich Goerdeler, Ulrich von Hassell und Claus Schenk Graf von
Wirtschaftsaufbau, Außenpolitik und Bestrafung der natio- Stauffenberg. Aufgrund dieser Verbindung wurden die meis-
nalsozialistischen Verbrechen diskutiert. Die mit Zustimmung ten Mitglieder des Kreisauer Kreises nach dem 20. Juli 1944 als
aller erarbeiteten Ergebnisse wurden in „Grundsätzen für die Mitverschwörer angeklagt und zum Tode verurteilt.
Neuordnung“ zusammengefasst.
Die Kreisauer wollten das Zusammenleben der Menschen
ebenso wie den Staat auf eine neue Basis stellen. Besonders
zentral war für sie die Einbettung Deutschlands in eine euro-
päische Nachkriegsordnung. Christliche Maßstäbe sollten die
Grundlage menschlicher Beziehungen und damit auch des in-
neren und äußeren Friedens bilden. Rechtssicherheit, Achtung
vor der Menschenwürde, Glaubens- und Gewissensfreiheit
verlangten nach der Beseitigung der totalitären politischen
Ordnung des Nationalsozialismus.
Mit ihren Überlegungen knüpften die Kreisauer an die
Überlieferung der klassischen antiken und mittelalterlichen
Staatsphilosophie an. Der Staat habe die Voraussetzungen
für eine menschenwürdige Entfaltung der Persönlichkeit zu
schaffen und auf diese Weise eine gute und gerechte Ord-
nung zu gewährleisten. Der Staat sollte zudem den Einzel-
nen Mitwirkung ermöglichen und deshalb überschaubar in
vier Ebenen – Gemeinde, Kreis, Land, Reich – gegliedert sein.
„Landschaftlich zusammengehörige“ Länder mit drei bis fünf
Millionen Einwohnern sollten neu gebildet werden. Die Auf-
gabenverteilung sollte nach dem Subsidiaritätsprinzip erfol-
gen: Jede Körperschaft – von der jeweils kleinsten Einheit bzw.
untersten Ebene angefangen – sollte all diejenigen Aufgaben
erledigen, für die sie zuständig ist und die sie „sinnvollerweise
selbst durchführen kann“.
Privatbesitz

Auf der unteren politischen Ebene von Gemeinde und Kreis


sollten nach dem Prinzip der Persönlichkeitswahl Volksvertre-
ter in geheimer und direkter Wahl ermittelt werden. Die „Fa-
Berghaus auf Gut Kreisau, dem Ort der drei Haupttagungen und vieler Treffen
milienoberhäupter“ sollten für jedes noch nicht wahlberech-
des Kreisauer Kreises. In Kreisau finden Pfingsten 1942 und 1943 sowie im Oktober
tigte Kind eine zusätzliche Stimme erhalten. Die Mitglieder 1942 drei große Zusammenkünfte statt, auf denen die Neuordnung Deutschlands
des Landtags sollten in mittelbarer Wahl von den Vertretun- diskutiert wird.

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Widerstand als Reaktion auf Krieg und NS-Gewaltverbrechen 53

Privatbesitz

Privatbesitz

Privatbesitz
GDW
freya und helmuth james marion und peter graf yorck
graf von moltke von wartenburg

Der 1907 in Kreisau geborene Helmuth James Graf von Moltke Der 1904 in Klein Öls im heutigen Polen geborene Peter Graf
studierte ab 1925 in Berlin Rechts- und Staatswissenschaften. 1927 Yorck von Wartenburg bestand 1930 in Berlin sein zweites ju-
gehörte er zu den Mitbegründern der Löwenberger Arbeitsge- ristisches Staatsexamen. Im selben Jahr heiratete er die pro-
meinschaft, die freiwillige Arbeitslager für Bauern, Arbeiter und movierte Juristin Marion Winter. Nach Tätigkeiten als Anwalt,
Studenten organisierte, in denen gemeinsam nach Lösungen als Referent in der „Osthilfe“ und am Oberpräsidium in Breslau
zur Verbesserung der Lebensverhältnisse gesucht wurde. Moltke war Yorck von 1936 bis 1942 als Referent für Grundsatzfragen
stand den demokratischen Kräften seiner Zeit nahe und verfolgte beim Reichskommissar für die Preisbildung in Berlin tätig. Da
Hitlers Aufstieg mit offener Kritik. Da ein Richteramt für ihn des- er sich weigerte, der NSDAP beizutreten, wurde Yorck ab 1938
halb nicht infrage kam, ließ er sich 1935 als Anwalt in Berlin nieder. nicht mehr befördert.
Zwischen 1935 und 1938 absolvierte er eine Ausbildung zum bri- Nach den Pogromen gegen die deutschen Juden im Novem-
tischen Rechtsanwalt und plante die Übernahme eines Anwalts- ber 1938 rief Yorck einen Gesprächskreis ins Leben, in dem
büros in London, die durch den Kriegsbeginn im September 1939 er mit Freunden wie Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg
verhindert wurde. Im selben Monat wurde Moltke als Kriegsver- und Ulrich-Wilhelm Graf von Schwerin von Schwanenfeld die
waltungsrat in das Amt Ausland/Abwehr des Oberkommandos Grundsätze einer neuen Reichsverfassung erarbeitete. Als Re-
der Wehrmacht in Berlin verpflichtet. Als Sachverständiger für serveoffizier wurde er bei Kriegsbeginn eingezogen und wech-
Kriegs- und Völkerrecht setzte er sich gegen Unrecht und Will- selte 1942 in den Wirtschaftsstab Ost beim Oberkommando der
kür ein. Besonders engagierte er sich für die humane Behandlung Wehrmacht in Berlin. Im Januar 1940 begann seine enge Zu-
von Kriegsgefangenen und die Einhaltung des Völkerrechts. sammenarbeit mit Helmuth James Graf von Moltke, mit dem
Bereits 1939 verfasste Moltke erste Denkschriften zur politi- er gemeinsam die Gespräche des Kreisauer Kreises, die sehr
schen Neuorientierung Deutschlands. Anfang der 1940er-Jahre häufig in Yorcks Wohnung in Berlin-Lichterfelde stattfanden,
wurden Moltke und Peter Graf Yorck von Wartenburg zu den initiierte und führte.
führenden Köpfen des entstehenden Kreisauer Kreises. Als Molt- Yorck gehörte bis zuletzt zum engen Kreis der Verschwörer
ke Mitglieder des Widerstandskreises um Hanna Solf vor einer des 20. Juli und war nach einem erfolgreichen Staatsstreich
Gestapo-Überwachung warnte und dies entdeckt wurde, nahm als Staatssekretär des Reichskanzlers vorgesehen. Nach dem
man ihn am 19. Januar 1944 fest. Der „Volksgerichtshof“ verur- gescheiterten Umsturzversuch wurde Yorck am späten Abend
teilte ihn am 11. Januar 1945 zum Tode. Helmuth James Graf von des 20. Juli 1944 im Berliner Bendlerblock festgenommen, am
Moltke wurde am 23. Januar 1945 in Berlin-Plötzensee erhängt. 8. August 1944 vom „Volksgerichtshof“ zum Tode verurteilt und
Die 1911 geborene Bankierstochter Freya Deichmann besuch- noch am selben Tag in Berlin-Plötzensee ermordet.
te nach der Mittleren Reife zunächst eine landwirtschaftliche Die 1904 geborene Marion Winter wuchs als Tochter eines
Frauenschule. Später holte sie ihr Abitur nach und promovier- Oberregierungsrates im preußischen Kultusministerium auf.
te nach einem Studium der Rechtswissenschaft in Berlin. 1929 Sie nahm ein Studium der Medizin auf, wechselte jedoch schnell
lernte sie Helmuth James Graf von Moltke kennen, den sie 1931 zum Fach Rechtswissenschaft. 1928 lernte sie auf einem schlesi-
heiratete. 1937 wurde der Sohn Helmuth Caspar geboren, 1941 schen Gut Peter Graf Yorck von Wartenburg kennen. Sie heirate-
der zweite Sohn Konrad. Während der Abwesenheit ihres Man- ten Ende Mai 1930 und wohnten zunächst in Breslau, seit 1936
nes führte Freya das Gut in Kreisau. Im täglichen Briefwechsel in der Hortensienstraße in Berlin-Lichterfelde. Marion Gräfin
informierte ihr Mann sie über seine Kontakte und Gespräche. Yorck von Wartenburg nahm an den meisten Besprechungen
Freya von Moltke war die engste Vertraute ihres Mannes und der Kreisauer teil und ermöglichte viele Treffen in der gemein-
nahm regelmäßig an den Zusammenkünften und Diskussionen samen Berliner Privatwohnung. 1944 wurde sie festgenommen.
in Kreisau und Berlin teil. Sie schrieb Grundsatzpapiere des Krei- Obwohl sie über die Bestrebungen ihres Mannes informiert
ses ab und rettete die Dokumente sowie die Briefe ihres Mannes, war, überstand sie die „Sippenhaft“ und das Kriegsende.
die sie in ihren Bienenstöcken auf dem Gut Kreisau versteckte.
Ihr Einsatz blieb der Gestapo verborgen. Im Gegensatz zu ihrem
Mann, um dessen Freilassung sie sich erfolglos bemühte, konnte
sie das Kriegsende überleben.

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54 WIDERSTAND GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS

pendium in Oxford. 1933 kehrte Trott tragter des Kreisauer Kreises. Dabei über-
nach Deutschland zurück und legte 1936 mittelte er den Westalliierten verschie-
die zweite juristische Staatsprüfung ab. dene Memoranden. Während der dritten
1937/38 konnte er in den USA, ein Jahr Kreisauer Haupttagung 1943 leitete er die
im Rahmen eines Stipendiums in China Diskussion über die Grundlagen künftiger
und Ostasien verbringen. Bei seinen Aus- deutscher Außenpolitik.
landsaufenthalten traf Trott auch immer Nach dem gescheiterten Attentat vom
wieder mit Gegnern des NS-Regimes zu- 20. Juli 1944 blieb Trott, der für eine lei-
sammen. Anfang 1937 lernte er in Oxford tende Funktion im Auswärtigen Amt vor-
Helmuth James Graf von Moltke, 1940 gesehen war, zunächst unbehelligt. Seine
Peter Graf Yorck von Wartenburg kennen, Festnahme erfolgte erst fünf Tage später,
Privatbesitz

mit denen er ab 1941 als zentrales Mitglied als seine Verbindungen zu Claus Schenk
des Kreisauer Kreises eng zusammenar- Graf von Stauffenberg entdeckt wurden.
beitete. Adam von Trott zu Solz wurde am 15. Au-
Im Frühjahr 1940 wurde Trott als Mitar- gust 1944 vom „Volksgerichtshof“ zum
adam von trott zu solz
beiter der Informationsabteilung des Aus- Tode verurteilt und am 26. August 1944 in
Der Jurist Adam von Trott zu Solz, 1909 wärtigen Amtes eingestellt. Trott unter- Berlin-Plötzensee erhängt.
geboren, bewarb sich nach seiner Promo- nahm noch 1944 Reisen ins Ausland und
tion 1931 erfolgreich um ein Rhodes-Sti- verstand sich als außenpolitischer Beauf-

schloss sich bereits in dieser Zeit der SPD Haubach stieß 1941 zum Kreisauer Kreis
an. Er gehörte zu den Mitbegründern des und nahm im Herbst 1942 an der zwei-
republikanischen Schutzverbandes Reichs- ten Kreisauer Haupttagung teil. In den
banner Schwarz-Rot-Gold. Planungen der Widerstandskämpfer des
1927 wurde er in die Hamburger Bürger- 20. Juli 1944 war er als Regierungssprecher
schaft gewählt, 1929 Pressereferent des vorgesehen.
Reichsinnenministers Carl Severing, 1930 Nach erfolgter Festnahme am 9. August
des Berliner Polizeipräsidenten Albert 1944 stand der während der Haft schwer
Grzezinski. Zwischen 1930 und 1933 betei- Erkrankte am 9. Januar 1945 gemeinsam
ligte sich Haubach intensiv an den Diskus- mit weiteren Angehörigen des Kreisauer
sionen im Kreis der Religiösen Sozialisten. Kreises vor dem „Volksgerichtshof“. Das
Privatbesitz

Nach der Machtübernahme der Nati- Verfahren gegen ihn wurde jedoch abge-
onalsozialisten wurde er kurze Zeit in- trennt.
haftiert und versuchte nach seiner Haf- Theodor Haubach wurde am 15. Januar
tentlassung, die Verbindungen zwischen 1945 zum Tode verurteilt und am 23. Januar
theodor haubach
Gewerkschaften, Reichsbanner und SPD 1945 in Berlin-Plötzensee erhängt.
1896 geboren, wuchs Theodor Haubach in aufrechtzuerhalten. Am 24. November 1934
Darmstadt als Halbwaise auf. Ab 1919 stu- wurde er erneut festgenommen und bis
dierte er Philosophie und Soziologie und Mai 1936 im KZ Esterwegen festgehalten.

gelisch erzogen, besuchte er zwischen Verhältnis von Kirche und Arbeiterschaft


1922 und 1926 das Bischöfliche Konvikt in nachgedacht habe, führte Pater Augus-
Dieburg und arbeitete aktiv in der katho- tin Rösch Delp in den Kreisauer Freun-
lischen Jugendbewegung mit. Nach ei- deskreis ein. Delp nahm ab dem Sommer
nem Noviziat im Jesuitenorden studierte 1942 an zahlreichen Besprechungen so-
Delp Philosophie und war anschließend wie an der zweiten und dritten Kreisau-
Jugenderzieher im Internat des Jesuiten- er Tagung teil, legte Denkschriften über
kollegs in Feldkirch und Präfekt am Jesu- Themen wie die „Arbeiterfrage“ und das
itenkolleg St. Blasien. „Bauerntum“ vor und konnte Grundlini-
1934 begann Delp ein Theologiestudi- en der katholischen Soziallehre in die
um und empfing 1937 die Priesterweihe. Neuordnungspläne einfließen lassen. Er
Privatbesitz

Ab 1939 bis zu ihrem Verbot 1941 war er stellte auch wichtige Kontakte zu ande-
Redakteur der Kulturzeitschrift des Jesu- ren kirchlichen Kreisen her.
itenordens, „Stimmen der Zeit“, danach Am 28. Juli 1944 wurde Alfred Delp in
Seelsorger in der Filialgemeinde St. Ge- München festgenommen, am 11. Januar
alfred delp
org in München-Bogenhausen. 1945 vom „Volksgerichtshof“ zum Tode
Alfred Delp wurde 1907 als ältestes von Auf die Bitte Helmuth James Graf von verurteilt und am 2. Februar 1945 in Ber-
sechs Kindern einer gemischt-konfessi- Moltkes, den Kontakt zu einem Katholi- lin-Plötzensee erhängt.
onellen Familie geboren. Zunächst evan- ken zu vermitteln, der intensiv über das

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Widerstand als Reaktion auf Krieg und NS-Gewaltverbrechen 55

Aktionsprogramm zur Rettung Deutschlands


Am heutigen Tag, dem Pfingstmontag 1943, haben die Unter- Noch hat das deutsche Volk keine Möglichkeit, seine Stimme zu
zeichneten feierlich beschlossen, ihr gemeinsames Handeln als erheben. Umso lauter rufen die Ruinen und Gräber zur Samm-
Sozialistische Aktion durch die Aufstellung des nachstehenden lung, zur Aktion! Es gilt zu handeln, ehe unsere Heimat ganz
Aktionsprogramms zu bekräftigen. zerstört und der Zusammenbruch vollständig ist. Nur die Ein-
Die Sozialistische Aktion ist eine überparteiliche Volksbewe- heitsfront aller Feinde des Nationalsozialismus kann diese Tat
gung zur Rettung Deutschlands. vollbringen.
Sie kämpft für die Befreiung des deutschen Volkes von der Im Gedenken an die Toten des Krieges und die Märtyrer der
Hitlerdiktatur, für die Wiederherstellung seiner durch die Ver- Freiheit, die vom Machtwahn des Faschismus hingemordet
brechen des Nazismus niedergetretenen Ehre und für seine wurden, und an die Leiden unserer Soldaten geloben wir:
Freiheit in der sozialistischen Ordnung. Nie wieder soll das deutsche Volk sich im Parteienstreit verirren!
Den Aktionsausschuss bilden Vertreter der christlichen Kräf- Nie wieder darf die Arbeiterschaft sich im Bruderkampf zer-
te, der sozialistischen Bewegung, der kommunistischen Bewe- fleischen!
gung und der liberalen Kräfte als Ausdruck der Geschlossenheit Nie wieder Diktatur und Sklaverei!
und Einheit. Ein neues Deutschland muss erstehen, worin sich das schaf-
Der Kampf wird geführt unter dem Banner der Sozialisti- fende Volk sein Leben im Geist wahrer Freiheit selbst ordnet.
schen Aktion, der roten Fahne mit dem Symbol der Freiheit: Der Nationalsozialismus und seine Lügen müssen mit Stumpf
dem mit dem Kreuz vereinten sozialistischen Ring als Zeichen und Stiel ausgerottet werden, damit wir die Achtung vor uns
der unverbrüchlichen Einigkeit des arbeitenden Volkes. selbst zurückgewinnen und der deutsche Name wieder ehrlich
Die Sozialistische Aktion ruft in dieser schweren Stunde das wird in der Welt. Das Gebot der Stunde lautet: Fort mit Hitler!
arbeitende Volk in Stadt und Land und unsere tapferen Solda- Kampf für Gerechtigkeit und Frieden!
ten zum Kampf auf in der Überzeugung, dass die Rettung des Schwere Jahre stehen uns bevor. Fast übersteigt es Men-
gemeinsamen Vaterlandes vor politischem, moralischem und schenkraft, das wieder aufzurichten, was Hitlers Machtwahn
wirtschaftlichem Verfall nur möglich ist durch: und der Krieg vernichtet haben.
1. Wiederherstellung von Recht und Gerechtigkeit. Dennoch! Die Sozialistische Aktion geht entschlossen an die
2. Beseitigung des Gewissenszwanges und unbedingte Tole- Aufgabe heran. Sie ruft alle aufrechten Deutschen zu ehrlicher
ranz in Glaubens-, Rassen- und Nationalitätenfragen. Mitarbeit: Wir werden unsere ganze Kraft einsetzen, unser
3. Achtung vor den Grundlagen unserer Kultur, die ohne das ganzes Können, unser ganzes Selbstvertrauen; und werden da-
Christentum nicht denkbar ist. durch schließlich vor der Geschichte den Beweis erbringen, dass
4. Sozialistische Ordnung der Wirtschaft, um Menschenwürde wir doch stärker sind als unser Schicksal, indem wir es meistern.
und politische Freiheit zu verwirklichen und die Existenz-
Entwurf eines Aktionsprogramms zur Schaffung einer überparteilichen Volksbewegung,
sicherheit der Angestellten und Arbeiter in Industrie und vermutlich verfasst von den sozialdemokratischen Mitgliedern des Kreisauer Kreises
Landwirtschaft sowie des Bauern auf seiner Scholle zu schaf- Carlo Mierendorff, Theodor Haubach und Julius Leber zur Zeit der dritten Kreisauer
Tagung am 14. Juni 1943
fen, die die Voraussetzung von sozialer Gerechtigkeit und
Freiheit ist.
5. Enteignung der Schlüsselbetriebe der Schwerindustrie zu Der gerechte Staat
Gunsten des deutschen Volkes als Grundlage der sozialisti- Die letzte Bestimmung des Staates ist es daher, der Hüter der Frei-
schen Ordnung der Wirtschaft, um mit dem verderblichen heit des Einzelmenschen zu sein. Dann ist es ein gerechter Staat.
Missbrauch der politischen Macht des Großkapitals Schluss
Aus einem Brief von Helmuth James Graf von Moltke an seinen Freund Peter Graf Yorck
zu machen. von Wartenburg vom 17. Juni 1940
6. Selbstverwaltung der Wirtschaft unter gleichberechtigter
Mitwirkung des arbeitenden Volkes als Grundelement der
sozialistischen Ordnung. Die Notwendigkeit der Alternative
7. Sicherung der Landwirtschaft vor der Gefahr, zum Spielball Man kann eine Regierung nur beseitigen, wenn man eine an-
kapitalistischer Interessen zu werden. dere Regierung anzubieten hat. Demnach kann mit der Zerstö-
8. Abbau des bürokratischen Zentralismus und organischer rung des Dritten Reiches erst begonnen werden, wenn man zu-
Aufbau des Reiches aus den Ländern. mindest imstande ist, eine Alternative vorzuschlagen.
9. Aufrichtige Zusammenarbeit mit allen Völkern, insbesonde-
Helmuth James Graf von Moltke in einem Brief an den britischen Beamten Lionel Curtis
re in Europa mit Großbritannien und Sowjetrussland. vom 25. März 1943

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56 WIDERSTAND GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS

Der Umsturzversuch vom 20. Juli 1944 alliierte Forderung nach einer bedingungslosen Kapitulation
der deutschen Wehrmacht engte seit 1943 die Verhandlungs-
Nach dem Abbruch des Umsturzversuchs im Herbst 1938 möglichkeiten oppositioneller Kräfte zusätzlich ein.
bemühten sich die Kreise der nationalkonservativen-militä-
rischen Opposition, neue Strukturen aufzubauen und neue Zentren des militärischen Widerstands
Kontakte zu knüpfen. Vor dem Hintergrund der umfassen- Die NS-Führung wollte seit Sommer 1941 nicht nur die deut-
den Zustimmung der Bevölkerung zur Politik Hitlers gelang sche Vorherrschaft in Europa sichern, sondern führte einen
es allerdings weder im Herbst 1939 noch in der Zeit nach dem Vernichtungs- und Weltanschauungskrieg gegen die Sowjet-
deutschen Sieg über Frankreich im Sommer 1940, Überle- union. Neben den gnadenlosen Kampf gegen den Kommu-
gungen für einen Staatsstreich konkrete Planungen folgen nismus trat auch der Völkermord an den Juden Europas als
zu lassen. wesentliches Kriegsziel. Von Anbeginn des Krieges waren die
Gegner Hitlers versuchten auch nach dem deutschen Über- deutsche Wehrmacht und mit ihr auch Einzelne, die später zu
fall auf Polen im September 1939 wiederholt, die Regierungen Regimegegnern wurden, an Gewalt- und Kriegsverbrechen be-
in London und Paris über die Existenz einer Opposition und teiligt. Selten wurde Widerspruch erhoben. Erst im Laufe der
deren Ziele in Kenntnis zu setzen. Im Februar 1940 übergab der Jahre überwanden manche Offiziere ihre loyale Haltung bzw.
Diplomat Ulrich von Hassell in Arosa/Schweiz James Byrns, der ihre Übereinstimmung mit dem Regime und entschieden sich
dem britischen Außenminister Lord Halifax nahestand, ein in diesem Gewissenskonflikt gegen Eid, Befehl und Gehorsam
Memorandum über die Friedensbestrebungen der deutschen und für den Widerstand.
Opposition. Auch über ihren Verbindungsmann zum Vati- Nach dem deutschen Überfall auf Polen im September 1939
kan, den katholischen Rechtsanwalt Josef Müller, suchten sie bildeten sich drei erkennbare Zentren militärischer Wider-
1939/40, die Möglichkeiten für einen Verständigungsfrieden standsaktivitäten:
mit England auszuloten. Hans von Dohnanyi, der Schwager In der von Admiral Wilhelm Canaris geleiteten Abwehr,
des Theologen Dietrich Bonhoeffer, nutzte seine Tätigkeit als dem militärischen Nachrichtendienst, sammelten sich um
Mitarbeiter des Amts Ausland/Abwehr des Oberkommandos Hans Oster und Hans von Dohnanyi weitere entschlossene
der Wehrmacht, um ausländische Kreise über den Widerstand Gegner des nationalsozialistischen Regimes, die – wie Dietrich
in Deutschland und dessen Ziele zu informieren, genauso wie Bonhoeffer, Otto Carl Kiep, Justus Delbrück oder Karl Ludwig
Adam von Trott zu Solz, der als Mitarbeiter des Auswärtigen Freiherr von und zu Guttenberg – gezielt für diese Dienststel-
Amtes viele Auslandsreisen unternehmen konnte. le angefordert wurden. Offiziell im Dienste des NS-Staates
Doch all ihre Bemühungen scheiterten daran, dass sie im angestellt, ermöglichten Dohnanyi und Oster 1942 mit der
Ausland nicht als Vertreter eines „anderen Deutschlands“ res- Unterstützung von Canaris verfolgten Juden die Flucht in die
pektiert und als Verhandlungspartner anerkannt wurden. Die Schweiz.

Privatbesitz

Lagebesprechung beim Stab der Heeresgruppe Mitte an der Ostfront 1943, wo sich um Henning von Tresckow eine der stärksten militärischen Oppositionsgruppen sammelt.
V. l.: Hauptmann Friedhelm Graf von Matuschka, Oberleutnant Risler, Oberstleutnant Berndt von Kleist, Oberst i. G. Georg Schulze-Büttger, Major i. G. Pretzell, Oberst i. G.
Henning von Tresckow, Oberleutnant Kahlenberg, Leutnant Genth, Oberleutnant Fabian von Schlabrendorff

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Widerstand als Reaktion auf Krieg und NS-Gewaltverbrechen 57

In der Heeresgruppe Mitte unterhielt seit Herbst 1941 Oberst


im Generalstab (i. G.) Henning von Tresckow Kontakte zu op-
positionellen Offizieren. Abgestoßen durch die rücksichtslose
Kriegsführung, kritisierte er unfähige Befehlshaber und war
sehr gut über die Verbrechen informiert, die bei der „Partisa-
nenbekämpfung“ und durch die „Einsatzgruppen des Chefs
der Sicherheitspolizei und des SD“ begangen wurden. Tres-
ckow gelang es, einzelne Kontakte zwischen dem Allgemei-
nen Heeresamt im Berliner Bendlerblock und hohen Offizieren
an der Ostfront zu vermitteln. Er war überzeugt, man müsse
„Hitler wie einen tollen Hund abschießen“. Dies rechtfertigte
er als Notwehr und sittliche Verpflichtung.
Tresckow konnte einige seiner Kameraden dafür gewinnen,
unter Einsatz ihres Lebens Attentatsversuche auf Hitler aus-
zuführen. So erklärten sich 1943 die Brüder Philipp und Georg
Freiherren von Boeselager bereit, Hitler bei einem Frontbe-
such zu töten, was aber Generalfeldmarschall von Kluge ver-
bot, weil er bürgerkriegsähnliche Zustände zwischen Heer
und SS befürchtete. Rudolf-Christoph Freiherr von Gersdorff

Privatbesitz
plante, sich am 21. März 1943 im Berliner Zeughaus mit Hit-
ler in die Luft zu sprengen. Sein Attentatsversuch scheiter-
te, weil Hitler sich nur überraschend kurz dort aufhielt. Im
Besichtigung des Kavallerieregiments Mitte durch Generalfeldmarschall Günther
Herbst 1943 war Axel Freiherr von dem Bussche bereit, sich von Kluge (M.), Rittmeister Philipp Freiherr von Boeselager (l.) und Major Georg
bei der Präsentation neuer Uniformen zusammen mit Hitler Freiherr von Boeselager (r.). Beide Brüder erklären sich 1943 bereit, Hitler bei einem
zu töten. Die Begegnung kam nicht zustande, weil die Unifor- Frontbesuch zu töten.
men bei einem Luftangriff auf Berlin zerstört wurden.
Ein weiteres Zentrum der militärischen Opposition bilde-
te sich um Friedrich Olbricht, seit 1940 Chef des Allgemeinen
Heeresamtes im Oberkommando des Heeres in Berlin. In sei-
nem Stab wurden Pläne für den Fall innerer Unruhen oder von
Aufständen von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen aus-
gearbeitet. Dabei sollten die vollziehende Gewalt im Reich und
die militärische Kommandogewalt auf den Befehlshaber des
Ersatzheeres, Friedrich Fromm, übergehen. Olbricht stimmte
sich mit den Widerstandskreisen um Ludwig Beck und Carl
Friedrich Goerdeler ab und betrieb die Ausarbeitung und Um-
wandlung dieser Notfallpläne in Instrumente für einen Um-
sturz. „Walküre“ war die Bezeichnung für diese Pläne, zu deren
Präzisierung Olbricht systematisch Regimegegner in seinen
Stab holte. Im Herbst 1943 forderte er Claus Schenk Graf von
Stauffenberg als Stabschef für das Allgemeine Heeresamt an.
Gemeinsam mit Tresckow bereitete dieser den Umsturzver-
such vor, der die NS-Herrschaft beseitigen sollte.
Privatbesitz

Motive und Zielvorstellungen


Die Motive der militärischen Opposition gegen Hitler, die in Seit November 1939 ist der Reserveoffizier Ulrich-Wilhelm Graf von Schwerin von
den Umsturzversuch vom 20. Juli 1944 mündeten, waren Schwanenfeld (r.) ein enger Mitarbeiter des späteren Generalfeldmarschalls und
Oberbefehlshabers West Erwin von Witzleben (l.).
vielfältig und durchaus nicht widerspruchsfrei. Die weltan-
Im März 1943 holt Hans Oster Schwerin nach Berlin, wo er sich in vielfältiger Wei-
schaulichen Überzeugungen der Verschwörer umfassten ein
se an den Staatsstreichvorbereitungen beteiligt. Vorgesehen als Staatssekretär
breites Spektrum von Ideen und Vorstellungen. Ewald von des designierten Staatsoberhauptes Ludwig Beck, gehört Schwerin bis zuletzt zum
Kleist-Schmenzin sprach sich bereits 1933 scharf gegen die engsten Kreis der Verschwörer.
nationalsozialistische Diktatur aus. Für viele Offiziere waren
jedoch auch militärfachliche Probleme von großer Bedeutung,
etwa die aus ihrer Sicht operativ falsche Kriegführung. Fried- sie jedes Risiko einzugehen bereit waren, um auf diese Weise
rich Karl Klausing betonte in einer Vernehmung im August den Verbrechen ein Ende zu setzen. Ulrich-Wilhelm Graf von
1944: „Nach unserer Meinung waren diejenigen Offiziere, die Schwerin von Schwanenfeld konfrontierte Roland Freisler, den
die Lage offen und wahr schilderten, abgesetzt worden. Des- Präsidenten des „Volksgerichtshofs“, noch im Prozess mit den
halb haben wir eine Änderung in der Führung der deutschen „vielen Morden“ der nationalsozialistischen Besatzungsherr-
Wehrmacht für erstrebenswert gehalten.“ schaft.
Axel Freiherr von dem Bussche war zum Attentat auf Hitler
bereit, nachdem er eine Massenerschießung von Juden beob-
achtet hatte. Auch viele andere Widerstandskämpfer waren
über die nationalsozialistischen Gewalttaten so entsetzt, dass

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58 WIDERSTAND GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS

Der 20. Juli 1944 war kein „Militärputsch“. Die beteiligten Offi- tät des Rechts“. Dies hieß nach mehr als elf Jahren Diktatur
ziere und Soldaten erkannten immer das Primat der Politik an. in Deutschland die Wiedererrichtung des Rechtsstaates als
Zwar lag ihnen eine Demokratie nach dem Vorbild der Weima- Garant der unveräußerlichen Menschenrechte. Recht gegen
rer Republik eher fern, doch wollten sie keine Militärjunta an Gewalt, nicht Gewalt gegen Gewalt war eine zentrale For-
die Spitze des Staates stellen. Vielmehr sollte Deutschland von derung. In den Plänen der Verschwörer für die vorläufige
der Diktatur befreit, der Krieg beendet und es sollten neue po- Besetzung von Regierungsämtern waren Ludwig Beck als
litische Handlungsmöglichkeiten geschaffen werden. Militäri- Staatsoberhaupt und Carl Friedrich Goerdeler als Reichskanz-
sche Macht war Mittel, nicht Ziel des Umsturzversuches. Die ler vorgesehen. Für den Posten als Vizekanzler war Wilhelm
drohende militärische Niederlage, die politische Isolation des Leuschner im Gespräch. Doch all dies waren vorläufige Pla-
Deutschen Reiches, der Wunsch, die Substanz des deutschen nungen.
Nationalstaats zu bewahren, vor allem aber auch der Wille, Die Widerstandskämpfer der Gruppen des 20. Juli 1944 wa-
die NS-Gewaltverbrechen zu beenden, stellten unverkennbar ren darin einig, dass sich die Deutschen nach dem Ende des
wichtige Motive vieler Widerstandskämpfer dar. Krieges der Verantwortung für das Unrecht stellen mussten,
Die Gegner Hitlers, die den Umsturzversuch des 20. Juli 1944 das sie den Völkern Europas und vor allem den Juden ange-
vorbereiteten, mussten sich fortlaufend über ihre unterschiedli- tan hatten. Nach dem Völkermord an den europäischen Ju-
chen außen- und innenpolitischen Zielvorstellungen verständi- den, an den Sinti und Roma und nach den anderen Verbre-
gen. Dies betraf auch die Umsturzplanungen von militärischer chen in den besetzten Gebieten war für sie nichts anderes
und ziviler Seite, die miteinander verzahnt werden mussten. So denkbar. In der für den 20. Juli 1944 geplanten Regierungs-
hatten schon 1940, als es noch keine reale Chance für einen Um- erklärung hieß es deshalb: „Zur Sicherung des Rechts und
sturzversuch gab, Johannes Popitz und Ulrich von Hassell den des Anstandes gehört die anständige Behandlung aller Men-
Entwurf für ein „Gesetz über die Wiederherstellung geordneter schen. Die Judenverfolgung, die sich in den unmenschlichs-
Verhältnisse im Staats- und Rechtsleben (Vorläufiges Staats- ten und unbarmherzigsten, tief beschämenden und gar nicht
grundgesetz)“ vorgelegt, das den Rechtsstaat wiederherstellen wiedergutzumachenden Formen vollzogen hat, ist sofort
und die Verfolgung der Juden beenden sollte. eingestellt.“
Zur Diskussion standen der Verwaltungsaufbau, die Glie- Auf dem Feld der Außenpolitik waren viele konservative
derung der Wehrmachtsspitze, die Grundlinien sozialer Poli- Gegner der Nationalsozialisten noch durch die Traditionen
tik sowie der Kultur-, Wirtschafts- und Außenpolitik ebenso machtstaatlichen Denkens geprägt. Sie hatten deshalb in der
wie die Zusammensetzung einer neuen Regierung nach dem frühen Kriegsphase selbstbewusst die Interessen des deut-
Sturz des NS-Regimes. Die Debatten und Gespräche spiegelten schen Reiches gegenüber den Staaten Europas durchsetzen
die unterschiedlichen Traditionen politischen Denkens wider. wollen. Einige unterstützten frühzeitig den Diplomaten Ul-
Sozialdemokratische Vorstellungen, wie sie etwa Julius Leber rich von Hassell, der einen Ausgleich mit den Westmächten
und Wilhelm Leuschner einbrachten, mussten mit konservati- anstrebte, um so eine Position der Stärke gegenüber der Sow-
veren Ordnungsvorstellungen, wie sie bei Carl Friedrich Goer- jetunion zu gewinnen. Andere folgten dem Plan des langjähri-
deler und Johannes Popitz vorherrschten, in Einklang gebracht gen deutschen Botschafters in Moskau, Friedrich-Werner Graf
werden. Doch allen Beteiligten war klar, dass sie die politische von der Schulenburg, der eine Verständigung mit der Sowjet-
Situation nach einem gelungenen Umsturzversuch nicht vor- union suchte.
her bestimmen konnten. Politische Zielsetzungen hatten da- Jüngere Diplomaten wie Adam von Trott zu Solz, Hans-
her immer provisorischen Charakter und hätten sich der po- Bernd von Haeften und andere Mitglieder des Kreisauer Krei-
litischen Realität nach einem erfolgreichen Umsturz stellen ses wollten dagegen den Nationalstaat überwinden und ent-
müssen. wickelten den Gedanken einer europäischen Konföderation.
Ihre gemeinsamen Grundüberzeugungen halfen den Wi- Auf der Grundlage des Selbstbestimmungsrechts wollten sie
derstandskämpfern, politische Meinungsverschiedenheiten eine Friedensordnung schaffen, die auf gegenseitigem Ver-
zu überwinden. In der gemeinsamen Gegnerschaft zum nati- trauen aufgebaut sein sollte und so Wettrüsten und Angriffs-
onalsozialistischen Unrechtsstaat überschritten sie die engen kriege unmöglich machte.
Grenzen des obrigkeitsstaatlichen Denkens und des außen- Dabei sollte Deutschland über die eigenen territorialen In-
politischen Hegemonialstrebens. Aus dem Geist des Wider- teressen hinaus eine besondere Verpflichtung für Frieden
stands entstand so ein Gegenbild zum totalitären „Dritten und politische Ordnung im Rahmen einer europäischen Kon-
Reich“, das viele Widerstandskämpfer später auch vor dem föderation übernehmen. Nach einem sofort anzustrebenden
„Volksgerichtshof“ verteidigten. Sie traten für die Menschen- Waffenstillstand sollte der Friedensschluss die Völker Europas
würde als höchsten politischen Grundwert ein und bestritten miteinander versöhnen und die Grundlage für eine neue Frie-
dem Staat das Recht, über Leben und Gewissen seiner Bürge- densordnung schaffen. Aus dem Wunsch, ein von allen Staa-
rinnen und Bürger zu verfügen. ten respektiertes Friedenssystem zu bilden, entwickelte sich
Grundlegendes Motiv des Umsturzversuches vom 20. Juli ein zukunftsweisendes Bewusstsein von Europa als neuer po-
1944 war die „Wiederherstellung der vollkommenen Majes- litischer Einheit auf föderaler Grundlage.

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Widerstand als Reaktion auf Krieg und NS-Gewaltverbrechen 59

Claus Schenk Graf von Stauffenberg und


der Umsturzversuch vom 20. Juli 1944

Claus Schenk Graf von Stauffenberg wurde am 15. November


1907 in Jettingen geboren und besuchte wie seine zwei Jahre
älteren Brüder, die Zwillinge Alexander und Berthold, das Eber-
hard-Ludwigs-Gymnasium in Stuttgart.
Seit 1923 zählten die drei Brüder zum Kreis des Dichters
Stefan George. Sie verstanden sich als Teil einer verantwor-
tungsbewussten Elite und als Vorkämpfer für ein „geheimes
Deutschland“, das am Denken des Dichters ausgerichtet sein
sollte. Georges Tod im Dezember 1933 erschütterte Claus von
Stauffenberg, Verse des Lyrikers dienten ihm in späterer Zeit
als Maximen seines Handelns und Verhaltens. Doch auch
Grundsätze des katholischen Christentums waren tief in
Stauffenberg verankert. Eine enge Freundschaft verband ihn
mit den Bildhauern Ludwig Thormaehlen und Frank Mehnert,
die er aus dem Kreis um Stefan George kannte.
Nachdem er seine militärische Generalstabsausbildung 1926
begonnen hatte und im Mai 1933 zum Leutnant ernannt worden
war, heiratete Claus Schenk Graf von Stauffenberg im Septem-
ber 1933 Nina Freiin von Lerchenfeld. Zu seinen Kindern hatte
der Vater ein enges und herzliches Verhältnis.
Stauffenberg war ein besonders begabter Offizier. Dem Natio-

Privatbesitz
nalsozialismus stand er anfänglich positiv gegenüber und be-
grüßte die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler. Nach  Front-
einsätzen in Polen und Frankreich wurde er 1941 zum General V. l.: Oberst i. G. Reinhard Gehlen, Oberstleutnant i.G. Coelestin von Zitzewitz und
stab des Heeres versetzt. Doch 1942 kritisierte er nicht nur Hitlers Claus Schenk Graf von Stauffenberg auf der Fahrt nach Winniza, Sommer 1942
Kriegsführung und dessen strategische Entscheidungen, son-
dern hatte sich grundsätzlich vom NS-System abgewandt. Die
völkerrechtswidrige Kriegsführung, der Massenmord an den
Juden und die Unterdrückung der Bevölkerung in den besetzten
Gebieten ließen ihn im Sommer 1942 zu dem Schluss kommen,
dass ein Umsturzversuch und ein Attentat auf Hitler zwingend
notwendig waren.

Umsturzvorbereitungen
Im Februar 1943 wurde Stauffenberg nach Nordafrika versetzt
und dort am 7. April 1943 schwer verwundet. Er verlor die rech-
te Hand, den kleinen und den Ringfinger der linken Hand so-
wie das linke Auge. Kurz vor der Kapitulation der deutschen
Afrika-Truppen konnte er über Italien ins Lazarett nach Mün-
chen gebracht werden.
Nach seiner Genesung war Stauffenberg ab Mitte Septem-
ber 1943 Chef des Stabes im Allgemeinen Heeresamt unter Ge-
neral Friedrich Olbricht. Zu diesem Zeitpunkt zählte er bereits
Bundesarchiv, Bild 146-1984-079-02

zum engsten Kreis der entschlossenen Verschwörer und nutz-


te seine Position für die weiteren Attentats- und Umsturzvor-
bereitungen.
Stauffenbergs persönliche Ausstrahlung war groß, seine
fachliche Kompetenz anerkannt. So führte er viele Gegner des
Regimes zusammen und fand unter ihnen enge Freunde. Peter
Graf Yorck von Wartenburg vermittelte ihm den Kontakt zum
früheren sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Julius
Claus Schenk Graf von Stauffenberg (l.), Adolf Hitler und Generalfeldmarschall
Leber, der ebenso wie Yorck und Adam von Trott zu Solz zum Wilhelm Keitel (r.), Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, im „Führerhaupt-
Kreisauer Kreis um Helmuth James Graf von Moltke zählte. quartier Wolfschanze“ bei Rastenburg in Ostpreußen, 15. Juli 1944
Auch mit Vertretern der Gewerkschaftsbewegung wie Wilhelm Stauffenberg plant den Anschlag auf Hitler bereits für den 15. Juli 1944. Doch Hit-
Leuschner, Jakob Kaiser, Hermann Maaß und Max Habermann ler verlässt die Lagebesprechung, bevor Stauffenberg die letzten Abstimmungen
führte Stauffenberg im Herbst 1943 intensive Gespräche. Mit mit den Verschwörern in Berlin abgeschlossen hat und den Sprengkörper scharf
machen kann. In Berlin löst General Friedrich Olbricht an diesem Tag die Opera-
Stauffenbergs Wissen sprachen Julius Leber und Adolf Reich-
tion „Walküre“ aus, in deren Verlauf wichtige Schaltstellen von Staat, NSDAP und
wein im Juni 1944 mit kommunistischen Widerstandskämp- Wehrmacht in Berlin besetzt werden sollen. Olbricht kann sie nur mühsam abbre-
fern in Berlin. chen und nachträglich als Probealarm tarnen.

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60 WIDERSTAND GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS

Attentat und Umsturzversuch Stauffenberg flog am Morgen des 20. Juli gemeinsam mit sei-
Die Lagebesprechungen Hitlers schienen eine Möglichkeit nem Adjutanten Werner von Haeften zum „Führerhauptquar-
zu bieten, den Diktator auszuschalten. Deshalb konzentrierte tier Wolfschanze“ in Rastenburg (heute Kȩtrzyn). Dabei behielt
sich Stauffenberg nach mehreren misslungenen Attentatsver- er die Tasche mit dem Sprengstoff stets in seiner Nähe. Kurz
suchen anderer und Verhaftungen prominenter Mitverschwö- vor 12.30 Uhr zog er sich unter einem Vorwand zurück und
rer wie Julius Leber und Adolf Reichwein darauf, Hitler durch zerdrückte mit einer Zange die Säureampulle eines Zeitzün-
einen Bombenanschlag im Führerhauptquartier zu töten. Seit ders. Da er dabei gestört und zur Lagebesprechung gerufen
Mitte Juni 1944 hatte er als Stabschef des Befehlshabers des wurde, gelang es ihm nicht mehr, das zweite Sprengstoffpaket
Ersatzheeres dort Zugang. Obwohl er persönlich die Tat aus- scharf zu machen. Es verblieb in der Tasche Werner von Haef-
führen wollte, blieb Stauffenberg auf die Unterstützung seiner tens, der es kurz darauf bei der Flucht aus dem Wagen warf.
Freunde angewiesen: Sprengstoff musste beschafft und trans- Stauffenberg konnte den Sprengkörper unter dem Karten-
portiert werden, die Flucht aus dem Hauptquartier vorbereitet tisch in der Nähe von Hitlers Standort ablegen. Danach verließ
und eine weitgehende Nachrichtensperre verhängt werden. er unbemerkt den Raum und beobachtete aus einiger Entfer-
Erst dadurch entstand die Chance, das Attentat in einen Um- nung die Detonation gegen 12.42 Uhr. Unglückliche Zufälle
sturz des Systems münden zu lassen, der unter dem Stichwort verhinderten den Erfolg des Anschlags: Hitler blieb am Leben.
„Operation Walküre“ vorbereitet wurde. Der schwere Eichentisch, über den er sich zum Zeitpunkt der
Die Bombe, die Stauffenberg am 20. Juli in seiner Aktentasche Explosion beugte, hatte seinen Körper geschützt. Zudem hatte
bei sich trug, enthielt zwei Sprengstoffpakete mit chemischen die Besprechung nicht im Bunker, sondern in einer Baracke in
Zeitzündern. Hauptmann Wessel Freiherr Freytag von Loring- Leichtbauweise stattgefunden, wo die Explosionskraft des ei-
hoven verfügte als Chef der Abteilung Sabotage im Amt nen Sprengstoffpakets nicht ausreichend war und viel von ihr
Ausland/Abwehr über Zugang zu Sprengmaterial. Er hatte nach außen entwich.
den Sprengstoff für die Attentäter beschafft und Oberstleut- Stauffenberg glaubte jedoch, dass sein Attentat gelungen
nant Fritz von der Lancken in Potsdam zur Verwahrung ge- war. Er konnte das „Hauptquartier“ im letzten Moment vor der
geben. Von dort war die Aktentasche mit zwei verschnürten Abriegelung verlassen und flog nach Berlin, um dort im Ober-
Sprengstoffpaketen am Nachmittag des 19. Juli 1944 zur Woh- kommando des Heeres in der Bendlerstraße, der Zentrale der
nung Stauffenbergs in Berlin gebracht worden. Verschwörung, den Umsturzversuch voranzutreiben.

Bundesarchiv, Bild 146-1972-025-12

Der zerstörte Besprechungsraum im „Führerhauptquartier Wolfschanze“ nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944. Alle 24 Personen, die sich zum Zeitpunkt der Explo-
sion in diesem Raum aufhalten, werden verwundet. Vier von ihnen erliegen später ihren Verletzungen, Hitler überlebt den Anschlag nur leicht verletzt.

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Widerstand als Reaktion auf Krieg und NS-Gewaltverbrechen 61

„Walküre“ Viele Offiziere in den entscheidenden Positionen im Bendler-


Um 15.15 Uhr erreichte die erste Nachricht vom Anschlag das block und in den Wehrkreisen beriefen sich jetzt auf ihren Eid
Allgemeine Heeresamt im Bendlerblock, um 15.45 Uhr meldete und bekannten sich zu Hitler. Friedrich Fromm, Befehlshaber
Werner von Haeften telefonisch, Hitler sei tot. Doch die dor- des Ersatzheeres, hatte den Verschwörern verweigert, den Be-
tigen Mitverschworenen hatten keine gesicherten Informa- fehl zur Auslösung der Operation „Walküre“ zu unterschrei-
tionen und warteten ab. Erst gegen 16.00 Uhr wurde von Al- ben, wozu nur er berechtigt war. Daraufhin hatten ihn die
brecht Ritter Mertz von Quirnheim und Friedrich Olbricht die Verschwörer festgesetzt. Gegen 22 Uhr wurde er durch regime-
Operation „Walküre“ ausgelöst. Die vollziehende Gewalt soll- treue Offiziere befreit und befahl am späten Abend, Claus
te nun auf Generaloberst Friedrich Fromm, den Befehlshaber Schenk Graf von Stauffenberg, Werner von Haeften, Albrecht
des Ersatzheeres, übergehen, der sein Hauptquartier im Bend- Ritter Mertz von Quirnheim und Friedrich Olbricht im Innen-
lerblock hatte. Außerdem mussten wichtige Schaltstellen der hof des Bendlerblocks zu erschießen. Ludwig Beck war kurz
Macht und des Nachrichtenwesens besetzt und gesichert wer- zuvor nach einem missglückten Selbstmordversuch auf Befehl
den. Kurz darauf trafen Stauffenberg und Haeften im Bendler- Fromms erschossen worden.
block ein. In den folgenden Stunden versuchten Stauffenberg, Nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 erreichte der
Mertz, Beck und Olbricht verzweifelt, Unterstützung für den nationalsozialistische Terror in Deutschland einen neuen Hö-
Umsturzversuch zu erhalten. hepunkt. Eine von der Gestapo eingesetzte „Sonderkommissi-
Die „Walküre“-Pläne boten den Verschwörern eine fast per- on 20. Juli 1944“ nahm mehr als 600 Menschen fest. Die Of-
fekte Tarnung: Den in Marsch zu setzenden Einheiten sollte fiziere unter ihnen wurden aus der Wehrmacht ausgestoßen.
der Eindruck vermittelt werden, nach Hitlers Tod hätten hohe Der nationalsozialistische „Volksgerichtshof“ verurteilte die
Nationalsozialisten mit einem Putsch die Führung an sich meisten von ihnen gemeinsam mit den zivilen Beteiligten
reißen wollen. Deshalb müssten wichtige Schaltstellen der am Umsturzversuch zum Tode. Allein in der Hinrichtungs-
Macht, vor allem in der Reichshauptstadt Berlin, von Wehr- stätte Berlin-Plötzensee wurden 89 Menschen erhängt oder
machtsverbänden abgesperrt und notfalls auch gegen SS-Ein- enthauptet, die den Widerstandskreisen des 20. Juli 1944 zuge-
heiten verteidigt werden. Doch nur wenige Truppenteile wur- rechnet werden können oder diese unterstützt hatten. Andere
den zwischen 16.00 und 18.00 Uhr in Marsch gesetzt. Denn als kamen in der Haft ums Leben oder wählten den Freitod. Insge-
sich Fernmeldungen vom Überleben Hitlers mit Fernschrei- samt fielen der nationalsozialistischen Verfolgung im Zusam-
ben der Verschwörer aus dem Bendlerblock kreuzten und wi- menhang mit dem Umsturzversuch vom 20. Juli 1944 etwa 150
dersprachen, verhielten sich die meisten Offiziere abwartend. Menschen zum Opfer.
Als schließlich die Nachricht von Hitlers Überleben ab 18.28 Am 30. Juli 1944 befahl Adolf Hitler die „Sippenhaft“ gegen
Uhr mehrfach im Rundfunk gesendet wurde, verunsicherte die Familien der am Umsturzversuch Beteiligten sowie ge-
dies auch die Mitverschworenen in der Stadtkommandantur gen die Familien der Soldaten und Offiziere, die sich in der
und im Wehrkreiskommando. sowjetischen Kriegsgefangenschaft dem Nationalkomitee
„Freies Deutschland“ angeschlossen hatten. Dies betraf mehr
Scheitern des Umsturzes als 300 Menschen, darunter viele Kinder, die unter falschen
Da Hitler den Bombenanschlag überlebt hatte, konnten die Namen in ein nationalsozialistisches Kinderheim in Bad
Vertrauensleute der Verschwörer im „Führerhauptquartier Sachsa verschleppt wurden. Im September 1944 wurden die
Wolfschanze“ die Verbindungen nach außen über Telefon und ersten „Sippenhäftlinge“ wieder aus der Haft entlassen. Für
Funk nicht lange unterbrechen. Deshalb waren Hitler, Reichs- die anderen begann im Januar 1945 eine Odyssee durch ver-
innenminister Heinrich Himmler, Hitlers Sekretär Martin schiedene Konzentrationslager, die erst mit der Befreiung
Bormann und der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht Ende April 1945 in Tirol endete. Viele Kinder aus dem Kinder-
Wilhelm Keitel ab dem späten Nachmittag in der Lage, Gegen- heim in Bad Sachsa kehrten erst nach Kriegsende zu ihren
befehle zu erlassen, die alle Bemühungen der Verschwörer zu- Müttern zurück. Die meisten Väter waren der nationalsozia-
nichtemachten. listischen Unrechtsjustiz zum Opfer gefallen.

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62 WIDERSTAND GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS

tanzierte sich dann aber zunehmend von Unruhen gedacht waren, in einen Staats-
der Politik Hitlers und stellte sich nach den streichplan für die Opposition umzuarbei-
Novemberpogromen 1938 auf die Seite der ten. Im Herbst 1943 wurde er an die Ost-
entschlossenen Regimegegner. 1940 wurde front versetzt und hielt als Generalmajor
er als Oberstleutnant zur Heeresgruppe B Kontakt zu den Verschwörern um Stauf-
versetzt, die 1941 vor dem Überfall auf die fenberg, ohne direkt eingreifen zu kön-
Sowjetunion in Heeresgruppe Mitte umbe- nen. Unmittelbar vor dem Anschlag vom
nannt wurde. Dort versammelte sich eine 20. Juli 1944 bestärkte Henning von Tres-
Gruppe von oppositionellen Offizieren, in ckow Stauffenberg in seinem Entschluss,
der Tresckow eine führende Rolle innehatte. das Attentat auszuführen.
Ende Juli 1943 wurde Tresckow in die Einen Tag nach dessen Scheitern töte-
Privatbesitz

„Führerreserve“ versetzt, hatte also vorüber- te sich Tresckow an der Front bei Ostrów
gehend keine Aufgabe und war von Fron- in Polen mit einer Gewehrsprenggranate.
teinsätzen vorerst entbunden. Er nutzte Man glaubte zunächst, er sei im Kampf
die Gelegenheit, um zusammen mit Claus gefallen. Die späteren Prozesse gegen die
henning von tresckow
Schenk Graf von Stauffenberg, den er be- Urheber und Mitwisser der „Walküre“-Plä-
Der 1901 geborene Berufsoffizier Henning reits im Juli 1941 an der Ostfront kennen ne brachten seine Beteiligung an dem Um-
von Tresckow begrüßte zunächst die Macht- und schätzen gelernt hatte, in Berlin die sturzversuch ans Licht. Seine Familie wurde
übernahme der Nationalsozialisten, dis- „Walküre“-Pläne, die für den Fall innerer in „Sippenhaft“ genommen.

Er nahm am Überfall auf Polen und an der quartier Wolfschanze“ vorgesehen war.
Besetzung Frankreichs teil und wurde Bussche gehörte zu der kleinen Gruppe
schließlich als Regimentsadjutant bei jener Soldaten, die Hitler die Modelle
Dubno (Ukraine) am 5. Oktober 1942 Au- präsentieren sollten. Zwei Tage wartete
genzeuge der Ermordung von mehreren Bussche in der Gästebaracke der „Wolf-
tausend Juden. Dieses Verbrechen er- schanze“, doch die Vorführung kam nicht
schütterte ihn zutiefst. zustande.
Bussche, der eng mit Fritz-Dietlof Graf Kurz nach seinem gescheiterten At-
von der Schulenburg befreundet war, tentatsversuch wurde Bussche im Januar
wurde von diesem in die Pläne der Ver- 1944 an der Ostfront schwer verwundet,
schwörer eingeweiht und traf im Oktober ein Bein musste amputiert werden. We-
Privatbesitz

1943 in Berlin Claus von Stauffenberg. Als gen seines Lazarettaufenthalts konnte er
sich im November 1943 eine Gelegenheit sich an den unmittelbaren Vorbereitun-
bot, in die Nähe Hitlers zu gelangen und gen für den Umsturzversuch vom 20. Juli
ihn zu töten, war Bussche unter dem Ein- 1944 nicht beteiligen. Seine Attentatsvor-
axel freiherr von dem bussche
druck der nationalsozialistischen Verbre- bereitungen vom November 1943 blieben
Der 1919 geborene Berufssoldat Axel von chen dazu bereit. Er wollte Hitler bei der von der Gestapo unentdeckt.
dem Bussche trat 1937 in das traditionsrei- Vorführung neuer Uniformen töten, die
che Potsdamer Infanterieregiment 9 ein. für den 21. November im „Führerhaupt-

München 1923 Zeuge des „Hitlerputsches“, dung Witzlebens 1942 wurde Schwerin als
der den gewaltsamen Sturz der demokra- „politisch unzuverlässig“ von Paris nach Ut-
tisch gewählten Regierung zum Ziel hatte. recht versetzt.
Dieses Erlebnis begründete seine Ableh- Im März 1943 holte ihn Hans Oster nach
nung des Nationalsozialismus. Berlin, wo er sich intensiv an den Staats-
Seine aktive Widerstandsarbeit begann streichvorbereitungen beteiligte. Dort freun-
1938 mit seinen Freunden Peter Graf Yorck dete er sich im September 1943 mit Claus
von Wartenburg und Fritz-Dietlof Graf von Schenk Graf von Stauffenberg an. Vorgesehen
der Schulenburg. Bereits 1938 wurde Schwe- als Staatssekretär des designierten Staats-
rin dank seiner Kontakte zum Auswärtigen oberhauptes Ludwig Beck, gehörte er bis zu-
Amt und zum Amt Ausland/Abwehr des letzt zum engsten Kreis der Verschwörer.
Privatbesitz

Oberkommandos der Wehrmacht Verbin- Am 20. Juli 1944 wartete Schwerin zusam-
dungsglied zwischen zivilem und militäri- men mit Berthold Schenk Graf von Stauffen-
schem Widerstand. Als Reserveoffizier ein- berg, Yorck und Schulenburg in seinem Büro
gezogen, arbeitete er seit November 1939 auf die Nachricht von der Durchführung
ulrich-wilhelm graf von
im Stab und in der unmittelbaren persön- des Attentats. Schwerin wurde am 21. Au-
schwerin von schwanenfeld
lichen Nähe des späteren Feldmarschalls gust 1944 vom „Volksgerichtshof“ zum Tode
Ulrich-Wilhelm Graf von Schwerin von und Oberbefehlshabers an der Westfront, verurteilt und am 8. September 1944 in Ber-
Schwanenfeld, 1902 geboren, wurde in Erwin von Witzleben. Nach der Verabschie- lin-Plötzensee erhängt.

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Widerstand als Reaktion auf Krieg und NS-Gewaltverbrechen 63

wurde der 1888 geborene Friedrich Olbricht sen bei einem Gespräch um den 10. August
1926 in die Abteilung „Fremde Heere“ des 1943 in die Planungen der Verschwörer
Reichswehrministeriums berufen und kam und die bisherigen Ausarbeitungen der
1933 als Stabschef nach Dresden. Im März „Walküre“-Befehle ein. Die vertrauensvolle
1940 wurde er zum Chef des Allgemei- Kooperation endete auch nicht, als Stauf-
nen Heeresamtes beim Oberkommando fenberg im Juni 1944 zum Befehlshaber
des Heeres in Berlin ernannt und war in des Ersatzheeres General Fromm wech-
Personalunion seit 1943 auch Chef des selte. Als am 20. Juli 1944 das mehrfach
Wehrersatzamtes beim Oberkommando der verschobene Attentat auf Hitler verübt
Wehrmacht. wurde, löste Friedrich Olbricht am Nach-
Olbricht betrieb in Abstimmung mit zi- mittag in Berlin den „Walküre“-Alarm aus.
vilen Oppositionsgruppen um Ludwig Beck Nach dem Scheitern des Umsturzversu-
GDW

und Carl Friedrich Goerdeler seit 1942 die ches wurde er noch in der Nacht im Hof
Ausarbeitung der „Walküre“-Pläne, um den des Bendlerblocks zusammen mit Stauf-
Verschwörern die Übernahme der vollzie- fenberg, Mertz von Quirnheim und Wer-
friedrich olbricht
henden Gewalt zu ermöglichen. ner von Haeften erschossen.
Nach dem Abschluss seiner Ausbildung Nachdem Olbricht 1943 Claus Schenk
zum Generalstabsoffizier, die durch den Graf von Stauffenberg als Stabschef für
Ersten Weltkrieg unterbrochen worden war, sein Amt angefordert hatte, weihte er die-

bildung zum Berufsoffizier und war seit dem Scheitern des Umsturzversuches
einem gemeinsamen Lehrgang an der wurde Mertz, der bis zuletzt versucht hat-
Kriegsakademie in Berlin mit Claus Schenk te, den militärischen Umsturz zum Erfolg
Graf von Stauffenberg befreundet. Nach zu führen, in der Nacht zum 21. Juli 1944
Einsätzen in Polen und Frankreich kam gemeinsam mit Stauffenberg, Olbricht
Mertz im Winter 1941 in das „Führerhaupt- und Werner von Haeften im Hof des Ber-
quartier“ Winniza an der Ostfront, wo er liner Bendlerblocks erschossen.
mit Stauffenberg bis zu dessen Versetzung
nach Afrika zusammenarbeitete. „Hitler ist ein Verbrecher oder Wahnsinni-
Mertz erlebte im Winter 1942/43 an der ger, wahrscheinlich aber beides. Er muss be-
Ostfront die Niederlage von Stalingrad. seitigt werden, um den aussichtslosen Krieg
Privatbesitz

Im Juni 1944 trat er die Nachfolge Stauf- zu beenden.“


fenbergs als Chef des Stabes bei Gene-
Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim am 25. Juni 1944
ral Friedrich Olbricht an. Mertz gehörte gegenüber seiner Schwester Gudrun
inzwischen zum engsten Kreis der Ver-
albrecht ritter mertz von
schwörer um Stauffenberg. Gemeinsam
quirnheim
mit Friedrich Olbricht löste er am 20. Juli
1905 geboren, absolvierte Albrecht Ritter 1944 im Berliner Bendlerblock gegen 16.00
Mertz von Quirnheim ab 1923 eine Aus- Uhr die Operation „Walküre“ aus. Nach

„Regierungserklärung“ für den 20. Juli 1944


Erste Aufgabe ist die Wiederherstellung der vollkommenen löst, die Unschuldigen entlassen, Schuldige dem ordentlichen
Majestät des Rechts. Die Regierung selbst muss darauf bedacht gerichtlichen Verfahren zugeführt werden.
sein, jede Willkür zu vermeiden, sie muss sich daher einer ge-
Aus der für den 20. Juli 1944 geplanten Regierungserklärung von Ludwig Beck und Carl
ordneten Kontrolle durch das Volk unterstellen. […] Zur Siche- Friedrich Goerdeler
rung des Rechts und des Anstandes gehört die anständige Be-
handlung aller Menschen. […] Das Recht wird jedem gegenüber,
der es verletzt hat, durchgesetzt. Alle Rechtsbrecher werden der Die Konsequenz des eigenen Handelns
verdienten Strafe zugeführt. […] Die Judenverfolgung, die sich Wenn einst Gott Abraham verheißen hat, er werde Sodom nicht
in den unmenschlichsten und unbarmherzigsten, tief beschä- verderben, wenn auch nur zehn Gerechte darin seien, so hoffe
menden und gar nicht wieder gutzumachenden Formen vollzo- ich, dass Gott auch Deutschland um unsertwillen nicht vernich-
gen hat, ist sofort eingestellt. […] ten wird. Niemand von uns kann über seinen Tod Klage führen.
Es ist ein grober Irrtum, anzunehmen, dass es einer Regierung Wer in unseren Kreis getreten ist, hat damit das Nessushemd
gestattet sei, das Volk durch Lüge für ihre Ziele zu gewinnen. […] angezogen. [In der griechischen Mythologie: Verderben brin-
Die Presse soll wieder frei sein. […] Die zerbrochene Freiheit des gendes Geschenk, das seinen Träger vergiftet – Anm. d. Red.]
Geistes, des Gewissens, des Glaubens und der Meinung wird
wieder hergestellt. […] Die Konzentrationslager werden aufge- Henning von Tresckow, überliefert von Fabian von Schlabrendorff

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64 WIDERSTAND GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS

V. l.: Erich Weinert, Wilhelm Pieck, General Walther von Seydlitz-Kurzbach und Major Albert Hünemörder um 1943. General von Seydlitz-Kurzbach gehört wie Major
Hünemörder zu den Gründungsmitgliedern des Bundes Deutscher Offiziere, der kurz nach seiner Gründung im Nationalkomitee „Freies Deutschland“ (NKFD) aufgeht.

Widerstand von außen Generale wirkungslos bleiben würde. Es gelang, einige hohe
deutsche Offiziere zur Mitarbeit zu gewinnen. Ihnen war von
Während des Krieges kämpften deutsche Emigranten als Sol- ihren sowjetischen Gesprächspartnern versprochen worden,
daten in den alliierten Armeen oder schlossen sich den Parti- den Bestand des Deutschen Reiches zu garantieren, wenn
sanengruppen im deutsch besetzten Europa an. Sie waren aus sich die Wehrmachtsführung von Hitler abwende, dadurch
politischen Gründen geflohen oder weil sie als Juden verfolgt sein Regime beseitige und den Befehl zum geordneten Rück-
worden waren und wollten so Deutschland von der NS-Herr- zug auf die Reichsgrenzen gebe. Im Spätsommer 1943 wurde
schaft befreien. Ihre deutschen Sprachkenntnisse setzten der Bund Deutscher Offiziere gegründet und wenig später mit
einige in speziellen Propagandaeinheiten ein: Mit Hilfe von dem NKFD vereinigt. Er sollte möglichst viele der Offiziere an-
Flugblättern klärten sie Wehrmachtssoldaten über den tat- sprechen, die dem Kommunismus ablehnend gegenüberstan-
sächlichen Kriegsverlauf auf und wollten sie zur Aufgabe den. Als sich zeigte, dass die Rote Armee auch ohne Hilfe des
bewegen. NKFD die deutsche Front unaufhaltsam zurückdrängte, verlor
Ab 1941 gerieten immer mehr deutsche Soldaten in Kriegs- es für die Sowjetunion ab 1944 seine Bedeutung und wurde
gefangenschaft. In amerikanischer und britischer Gefangen- kurz nach Kriegsende im Herbst 1945 aufgelöst.
schaft lernten sie Grundsätze freiheitlicher Demokratie ken- In amerikanischer Kriegsgefangenschaft fanden sich ab 1943
nen, in sowjetischer Gefangenschaft wurden sie vielfach mit Gleichgesinnte zusammen, die sich innerlich vom Nationalso-
der Frage konfrontiert, ob sie den Vernichtungskrieg in der zialismus gelöst hatten. Sie versuchten, ihre Kameraden durch
Sowjetunion rechtfertigen könnten. Vorträge und Lagerzeitschriften zu beeinflussen und  warben
Im Sommer 1943 wurde im Kriegsgefangenenlager Krasno- für den Aufbau eines demokratischen Deutschlands. 300 Geg-
gorsk bei Moskau auf Initiative der sowjetischen Führung und ner des NS-Regimes, darunter vorwiegend politische Zwangs-
unter Beteiligung deutscher kommunistischer Emigranten rekrutierte, die in Strafdivisionen der „999er“ (siehe S. 37) Wehr-
um Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht das Nationalkomitee dienst leisten mussten, befanden sich von Mai 1943 bis zum
„Freies Deutschland“ (NKFD) gegründet. Es sollte deutsche Sommer 1947 in Kriegsgefangenschaft in Französisch-Nord-
Kriegsgefangene beeinflussen, rief zum Sturz des NS-Regimes afrika. In der Tradition der Arbeiterbewegung konnten diese
und zur Desertion aus der Wehrmacht auf. Schnell wurde aber Regimegegner über das Kriegsende hinaus vielen jungen ge-
deutlich, dass die Propaganda des Nationalkomitees „Frei- fangenen Soldaten des Afrika-Korps die Idee eines demokrati-
es Deutschland“ ohne Unterstützung gefangener deutscher schen Nachkriegsdeutschlands näher bringen.

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Widerstand als Reaktion auf Krieg und NS-Gewaltverbrechen 65

Nach ihrem Abitur trat Hanna Bernstein


1942 in eine Propagandaeinheit der Ro-
ten Armee ein. Hier nutzte sie ihre deut-
schen Sprachkenntnisse auf vielfältige
Weise: Sie dolmetschte bei Verhören
deutscher Kriegsgefangener und Über-
läufer, wertete erbeutete deutsche Feld-
postbriefe aus und verfasste Flugblät-
ter und Aufrufe an die Soldaten der
Wehrmacht.
In der Nähe der Frontlinien sprach
Privatbesitz

Privatbesitz
Hanna Bernstein über einen Lautspre-
cherwagen zu den Wehrmachtssoldaten,
um sie zur Aufgabe des Kampfes zu be-
wegen. Zeitweise war sie auch mit ei-
hanna podymachina henry ormond
nem Doppeldeckerflugzeug im Einsatz,
Hanna Bernstein, 1924 in Berlin gebo- mit dem sie nachts über den Stellungen Hans Oettinger, 1901 in Kassel als Hans
ren, wuchs in einem kommunistischen der deutschen Soldaten kreiste und ihre Ludwig Jacobsohn geboren und 1920
Elternhaus auf. Ihr Vater Rudolf war KPD- Appelle verlas. Mit ihrem Lautsprecher- adoptiert, studierte Rechtswissenschaft,
Abgeordneter der Bezirksversammlung wagen begleitete sie die sowjetische arbeitete ab 1930 als Staatsanwalt und
Berlin-Mitte und leitete verschiedene Be- Armee auf ihrem Weg von der Ukraine wenig später als Amtsrichter in Mann-
triebe in Parteibesitz. Er wurde im Februar bis nach Wien, wo sie im April 1945 das heim. Wegen seiner jüdischen Herkunft
1933 festgenommen und im KZ Sonnen- Kriegsende erlebte. 1946 heiratete sie wurde er 1933 aufgrund des „Gesetzes
burg inhaftiert. Nach seiner Entlassung den sowjetischen Hauptmann Semjon über die Wiederherstellung des Berufs-
aus der Haft emigrierte die Familie im Podymachin. beamtentums“ aus dem Staatsdienst
Juni 1934 in die Sowjetunion. entlassen.
Ende 1938 wurde er verhaftet und ins
KZ Dachau gebracht, aber unter der Auf-
lage, aus Deutschland auszureisen, im
Internierungslager Rieucros, nach dessen März 1939 entlassen. Über die Schweiz
Schließung in das Lager Brens gebracht. gelang ihm die Flucht nach Großbritan-
Während der Internierung heiratete sie nien, wo er kurz darauf, nach Beginn des
Alfred Benjamin. Krieges, als „feindlicher Ausländer“ inter-
Im Juli 1942 floh sie aus dem Lager Brens niert wurde.
und schloss sich in Lyon dem französi- Als ein Geistlicher für ihn bürgte, er-
schen Widerstand, der Résistance, an. Un- hielt Oettinger eine Stelle als Haushalts-
ter dem Decknamen „Renée Fabre“ arbei- hilfe, wurde wenig später aber erneut in-
tete Dora Benjamin als Französin getarnt terniert und nach Kanada gebracht. Dort
bei deutschen Dienststellen, um so wich- meldete er sich zur britischen Armee und
tige Informationen für die Résistance nahm später den Namen Henry Lewis
Privatbesitz

zu sammeln. Sie nutzte ihre Kontakte zu Ormond an. Mit einer Propagandaeinheit
deutschen Soldaten, um Schriften und der Royal Army kehrte er nach Deutsch-
Flugblätter gegen den Nationalsozialis- land zurück. Er verfasste Flugblätter und
mus zu verbreiten. Das Kriegsende erleb- Aufrufe an die deutsche Bevölkerung, die
dora schaul
te Dora Davidsohn in Frankreich. auch über Lautsprecherwagen verbreitet
Die 1913 geborene Dora Davidsohn stamm- 1946 kehrte sie nach Deutschland zu- wurden.
te aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie rück. Ihre Eltern und ihre Schwester wa- Nach dem Ende des Krieges blieb Hen-
in Berlin, besuchte eine Handelsschule ren im Vernichtungslager Lublin-Maj- ry Ormond in Deutschland und arbeitete
und arbeitete danach als Büroangestell- danek ermordet worden, ihr Ehemann wieder als Rechtsanwalt. Dabei engagier-
te. 1933 verließ sie Deutschland und ging Alfred Benjamin war während eines te er sich besonders für Opfer des Natio-
nach Amsterdam. Ein Jahr später über- Fluchtversuchs in die Schweiz 1942 töd- nalsozialismus und vertrat ab 1963 die
siedelte sie gemeinsam mit ihrem spä- lich verunglückt. Einige Jahre nach dem Nebenklage im ersten der Frankfurter
teren Ehemann Alfred Benjamin nach Krieg heiratete sie Hans Schaul, der 1933 „Auschwitz-Prozesse“.
Frankreich. Bei Kriegsbeginn 1939 wurde ebenfalls vor den Nationalsozialisten
Dora Davidsohn in Paris festgenommen, geflohen war, im Spanischen Bürger-
weil sie keine gültigen Papiere vorweisen krieg für die Republik gekämpft hatte
konnte. Nach der Haft in Paris wurde sie und später in Frankreich interniert wor-
im Oktober 1939 in das südfranzösische den war.

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66 WIDERSTAND GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS

Gelingen konnte dies meist nur mit Hilfe von Menschen, die
bereit waren, Verfolgte zu unterstützen. Unter Gefährdung der
eigenen Person besorgten diese „stillen Helden“ Lebensmittel,
beschafften falsche Papiere, leisteten Fluchthilfe, stellten Quar-
tiere zur Verfügung oder versteckten die Verfolgten bei sich.
Viele wurden zu Rettern, weil sie von Verfolgten oder anderen
Helfern gezielt um Hilfe gebeten wurden. Andere wiederum
ergriffen selbst die Initiative zur rettenden Unterstützung. Sie
appellierten etwa an jüdische Freunde, sich nicht deportieren
zu lassen, und sagten ihnen Hilfe für ein Leben im Untergrund
zu. Weltanschauliche und politische Motive waren für die Hil-
fe ebenso von Bedeutung wie spontanes Mitgefühl. Dadurch
konnten sie die Angst um die eigene Person und die Familie so-
wie die berechtigte Furcht vor der Gestapo überwinden.
Häufig entwickelten sich im Verlauf von Rettungsversu-
chen Netzwerke von Helfenden. Für jeden „Untergetauchten“
waren bis zu zehn, bisweilen auch erheblich mehr nichtjüdi-
GDW

sche Unterstützer aktiv. Viele Hilfsaktionen scheiterten jedoch.


Belegschaft der Blindenwerkstatt Otto Weidt in der Rosenthaler Straße 39 in Schätzungen gehen heute von insgesamt mehreren zehntau-
Berlin 1941 send Menschen aus, die in Deutschland jüdischen Verfolgten
geholfen haben. Auch in den besetzten Ländern Europas gab
es neben vielen Einheimischen einzelne Deutsche, die ihre
Widerstand gegen die nationalsozia- Stellung als Soldaten oder in der Kriegswirtschaft nutzten, um
listische Judenverfolgung tödlich bedrohte Juden zu unterstützen.
Die meisten Menschen, die sich dem NS-Völkermord durch
Rettungsaktionen entgegenstellten, schwiegen nach 1945
Unmittelbar nach der Machtübernahme durch die National- über ihre Hilfeleistungen. Sie begriffen sie als selbstverständ-
sozialisten am 30. Januar 1933 begann die Ausgrenzung, Diffa- lich. Erst später wurde ihr Handeln gewürdigt. Die israelische
mierung und Entrechtung der etwa 500 000 deutschen Juden. Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat bis heute mehr als
Der Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933, mit dem die 26 000 Frauen und Männer für diese Hilfsaktionen als „Ge-
Verdrängung der Juden aus dem Wirtschaftsleben einsetzte, rechte unter den Völkern“ geehrt. In Deutschland widmet sich
die Nürnberger „Rassengesetze“ vom September 1935 und die die Berliner Gedenkstätte Stille Helden der Erinnerung an jene
Pogrome vom 9. November 1938 markierten die wesentlichen Menschen, die sich der tödlichen Bedrohung entzogen, und an
Stationen der Judenverfolgung in Deutschland. Nach den Po- jene, die ihnen dabei geholfen haben.
gromen 1938 wurden mehr als 30 000 jüdische Männer in
Konzentrationslager verschleppt; gesetzliche Vorschriften ver- Proteste in der Rosenstraße
schärften die wirtschaftliche und soziale Entrechtung weiter. Am 27. und 28. Februar 1943 wurden in ganz Deutschland im
Viele Juden erkannten, wie gefährlich das Leben in Deutsch- Rahmen der „Fabrikaktion“ mehr als 11 000 Jüdinnen und Ju-
land wurde. Sie bereiteten sich seit Mitte der 1930er-Jahre den von der Gestapo festgenommen, die bisher Zwangsarbeit
durch Sprachkurse und Umschulungen auf ihre Auswande- für die Rüstungsindustrie geleistet hatten, davon allein in
rung vor. Mehr als 300 000 Juden konnten bis zum Kriegsbe- Berlin mehr als 8000. Fast 7000 von ihnen wurden in den fol-
ginn im Herbst 1939 aus Deutschland fliehen. genden Tagen in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau
Dem nationalsozialistischen Völkermord an den Juden Eu- deportiert und ermordet.
ropas fielen rund sechs Millionen Menschen zum Opfer, von Unter den Festgenommenen in Berlin waren auch mehr als
denen die meisten erschossen oder mit Giftgas ermordet wur- 1700 Juden, die entweder in „Mischehe“ lebten oder als „jüdi-
den. Darunter waren auch mehr als 160 000 deutsche Juden. sche Mischlinge“ galten. Sie wurden in das Sammellager in der
Sie wurden seit Oktober 1941 vor allem in die Vernichtungs- Rosenstraße 2–4 in Berlin-Mitte gebracht. Nach NS-Definition
stätten in den deutsch besetzten Gebieten Polens und der Sow- waren „Mischehen“ Ehen zwischen jüdischen und nicht-jü-
jetunion deportiert und dort ermordet. dischen Männern und Frauen; als „Mischlinge“ wurden Men-
Etwa 10 000 bis 12 000 deutsche Juden versuchten sich die- schen mit jüdischen und nicht-jüdischen Vorfahren definiert.
ser tödlichen Bedrohung zu entziehen. Da Auswanderung Die Deportation der in der Rosenstraße Festgehaltenen war
ab 1941 verboten und auch auf illegale Weise nahezu unmög- nicht beabsichtigt; aus ihnen sollten diejenigen ausgewählt
lich war, blieb nur die Flucht in den Untergrund – mit höchst werden, die die zur Deportation vorgesehenen Mitarbeiter der
ungewissem Ausgang. Wer „untertauchte“, widersetzte sich Reichsvereinigung der Juden in Deutschland ersetzen sollten.
der Diktatur. Verstecke mussten gefunden und häufig ge- Viele nicht-jüdische Verwandte erfuhren von dem Aufent-
wechselt werden. Dabei bestand ständig die Gefahr des haltsort ihrer Angehörigen, befürchteten deren Deportation,
Verrats und der Entdeckung. Vermutlich mehr als die Hälf- und versammelten sich in der Rosenstraße. Insgesamt waren
te derjenigen, die sich in Deutschland der Deportation ent- Anfang März 1943 mehrere hundert Menschen, zumeist Frauen,
zogen, tat dies in Berlin. Viele tauchten erst 1943 unter, als an den Demonstrationen beteiligt. Mehrfach wurden sie von
die verbliebenen Juden, die überwiegend in der Rüstungs- der Polizei vertrieben. Da in der ersten Märzwoche die Männer
industrie Zwangsarbeit leisteten, deportiert werden sollten. aus den „Mischehen“ und die „Mischlinge“ aus dem Sammella-
In Deutschland überlebten etwa 5000 „Untergetauchte“, da- ger in der Rosenstraße entlassen wurden, wurde dies nach 1945
von über 1900 in Berlin. als Erfolg der Frauenproteste in der Rosenstraße gedeutet.

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Widerstand als Reaktion auf Krieg und NS-Gewaltverbrechen 67

Privatbesitz

Privatbesitz

Privatbesitz
otto weidt wilm hosenfeld marie burde

Der 1883 geborene Otto Weidt wuchs in Der 1895 geborene Wilm Hosenfeld wur- Die 1892 in Berlin geborene Marie Bur-
Rostock auf und erlernte wie sein Vater de im Ersten Weltkrieg schwer verwun- de lebte vom Verkauf von Zeitungen
den Beruf des Tapezierers. Er engagierte det. Danach widmete er sich als Lehrer und als Lumpensammlerin. Sie wohnte
sich in der deutschen anarchistischen der Reformpädagogik. Ende August 1939 in ärmlichsten Verhältnissen in einer
Bewegung und schrieb in seiner Frei- wurde Hosenfeld, inzwischen NSDAP- unmöblierten Kellerwohnung in Ber-
zeit Gedichte. Während des Ersten Welt- Mitglied, zur Wehrmacht eingezogen. Als lin-Wedding. Um 1943 wurde sie von
kriegs gelang es dem überzeugten Pazi- Besatzungssoldat richtete er bei Łódź ein einer Bekannten um Hilfe für einen
fisten, sich aufgrund eines Ohrenleidens Gefangenenlager für polnische Soldaten jungen Juden gebeten. Nach der Depor-
dem Dienst an der Waffe zu entziehen. und Offiziere ein. In Tagebüchern notier- tation ihrer Eltern waren die Brüder Rolf
Nach seiner fast vollständigen Erblin- te er sein Entsetzen über die Ermordung und Alfred Joseph untergetaucht. Spon-
dung wurde Weidt Bürstenmacher und tausender Angehöriger der polnischen tan war Marie Burde bereit, den 23-jäh-
eröffnete 1939 in Berlin-Kreuzberg eine Führungsschicht durch Deutsche. rigen Rolf bei sich aufzunehmen. Als Rolf
Bürstenwerkstatt. Otto Weidt war ent- In Warschau wurde er 1941 leitender Joseph bei einer Wehrmachtskontrolle
schiedener Gegner des Nationalsozia- Sportoffizier und begann, Verfolgten zu festgenommen wurde, weigerte er sich
lismus und beschäftigte ab 1939 haupt- helfen. So stellte er 1942 in seiner Sport- trotz Misshandlungen standhaft, den
sächlich Juden. Er tat alles, um sie vor schule unter anderem Leon Warm unter Namen seiner Quartiergeberin preiszu-
den judenfeindlichen Maßnahmen des einem Decknamen als Arbeiter ein, der geben. Beim Transport nach Auschwitz
Staates zu schützen. als Jude zuvor aus einem Deportations- gelang ihm die Flucht aus dem Depor-
1940 zog Otto Weidt mit seinem Be- transport geflohen war. Im November tationszug, doch nach wenigen Tagen
trieb nach Berlin-Mitte in die Rosentha- 1944 entdeckte Hosenfeld in einem Haus wurde er wieder aufgegriffen und an die
ler Straße 39. Dort arbeiteten mehr als 30 im zerstörten Warschau den jüdischen Berliner Gestapo ausgeliefert. Noch ein-
blinde und taubstumme Juden für ihn. Pianisten Władysław Szpilman, der sich mal konnte er fliehen und rettete sich zu
Mit den in der Werkstatt produzierten seit Monaten in den Ruinen versteckte. Er Marie Burde, die inzwischen auch seinen
Besen und Bürsten belieferte er auch versorgte ihn mit Essen und Kleidung. Mit Bruder Alfred und dessen Freund Arthur
die Wehrmacht, weshalb die Blinden- Hosenfelds Hilfe hielt sich Szpilman zwei Fordanski aufgenommen hatte. Zu viert
werkstatt als „wehrwichtig“ galt. Durch Monate auf dem Dachboden des Hauses teilte man sich die kargen Lebensmittel-
diesen Status und weil Otto Weidt regel- verborgen, während im Stockwerk unter rationen, die Marie Bude erhielt.
mäßig Gestapo-Beamte bestach, blieben ihm der deutsche Kommandanturstab Im Frühjahr 1944 – ihre Kellerwoh-
seine Arbeiterinnen und Arbeiter eine einzog. nung wurde Ende 1943 ausgebombt –
Zeit lang von der Deportation verschont. Als die Rote Armee im Januar 1945 schickte Marie Burde die Verfolgten in
Gemeinsam mit weiteren Helfern be- Warschau einnahm, wurde Hosenfeld ihre Gartenlaube auf einem Grundstück
sorgte er ihnen Lebensmittel, gefälschte von sowjetischen Soldaten gefangen in Schönow nördlich von Berlin. Dort
Papiere und Verstecke. Nachdem die genommen und 1950 wegen seiner Zu- blieb Rolf Joseph bis zum Einmarsch
meisten von ihnen 1943 deportiert wor- gehörigkeit zur Abteilung „Truppenbe- der Roten Armee Ende April 1945. Sein
den waren, versorgte er sie noch im treuung und Spionageabwehr“ zu 25 Bruder wurde im August 1944 in Berlin
Ghetto Theresienstadt mit mehr als 150 Jahren Gefängnis verurteilt. Hosenfeld festgenommen und ins KZ Sachsenhau-
Lebensmittelpaketen und half seiner de- blieb trotz der Fürsprache Geretteter in sen verschleppt, doch auch er überlebte.
portierten Sekretärin Alice Licht bei den Haft und starb 1952 in einem Lazarett in Nach Kriegsende hielten Rolf und Alfred
Fluchtvorbereitungen aus einem Kon- Stalingrad. Joseph Kontakt zu ihrer Lebensretterin
zentrationslager. und unterstützen sie nun ihrerseits.

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68 WIDERSTAND GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS

Widerstand von Juden Es gab vielfältige jüdische Bemühungen, sich gegen die
NS-Verbrechen aufzulehnen, so in Berlin die Gruppen um Her-
Der Antisemitismus war das zentrale Element der natio- bert Baum (siehe S. 30) oder die Gruppe Chug Chaluzi (Kreis
nalsozialistischen Ideologie. Deshalb hatten sich deutsche der Pioniere). Letztere war eine religiös-zionistische Gruppe,
Juden schon vor 1933 gegen die NSDAP zur Wehr gesetzt. die von Jizchak Schwersenz und seiner Freundin Edith Wolff
Grundsätzlich lassen sich drei Formen des Widerstandes gegründet wurde. Im Februar 1943, als mit der „Fabrikaktion“
von Juden in Deutschland unterscheiden: erstens Formen die letzten noch in Berlin lebenden Juden, die noch in den Rüs-
der Selbstbehauptung und der Solidarität, zweitens die tungsbetrieben zwangsbeschäftigt waren, deportiert werden
Mitwirkung von Jüdinnen und Juden in unterschiedlichen sollten, sammelte der bereits untergetauchte Lehrer Jizchak
Gruppen des Widerstandes sowie drittens der Aufbau eige- Schwersenz im Chug Chaluzi schließlich 40 Kinder und Ju-
ner Widerstandsgruppen im Kampf gegen den Nationalso- gendliche aus verschiedenen jüdischen Jugendbünden um
zialismus. sich. Ziel der Jugendgruppe war es, „durchzuhalten“, Flucht-
Unter dem Eindruck von Verfolgung und antisemitischer wege ins Ausland zu suchen und das Leben in der Illegalität
Propaganda entwickelten viele der mehr als 500 000 deut- bis zur Befreiung durch die alliierten Armeen zu organisieren.
schen Juden ein neues Selbstverständnis. Die Jüdischen Ge- Nach der geglückten Flucht von Schwersenz in die Schweiz
meinden, der Jüdische Kulturbund, jüdische Sportverbände wurde die Gruppe von Gad Beck fortgeführt. Noch im Unter-
und Bildungseinrichtungen wurden zu Orten der Selbstbe- grund vermittelte die Gruppe religiöse und zionistische In-
hauptung und Solidarität. In den Organisationen und Ver- halte an ihre jugendlichen Mitglieder. Tatsächlich konnte die
bänden konnten die deutschen Juden, die zunehmend aus überwiegende Mehrheit dieser Gruppe mit Hilfe von Nichtju-
dem öffentlichen Leben ausgeschlossen wurden, das Gemein- den überleben, einzelne Mitglieder wurden jedoch Opfer der
schaftsgefühl und ihren Überlebenswillen stärken. So be- Vernichtung. Der Chug Chaluzi war die einzige Widerstands-
schäftigte der 1933 gegründete Kulturbund Deutscher Juden gruppe innerhalb Deutschlands, die aus jüdisch-religiösen
entlassene jüdische Künstler und bot jüdischen Menschen Motiven heraus handelte.
die Möglichkeit, kulturelle Veranstaltungen zu besuchen. In In Ghettos und Lagern gab es Ausbruchsversuche und Auf-
Not geratenen Menschen wurden Wirtschaftshilfe und Wohl- stände. Der größte Aufstand fand im April 1943 im Warschauer
fahrtsleistungen gewährt. Juden, die Deutschland verlassen Ghetto statt. In den Vernichtungslagern Treblinka und Sobibor
wollten, wurden durch Sprachkurse und berufliche Umschu- im Herbst 1943 und in Auschwitz-Birkenau im November 1944
lungen und Ausbildungen bewusst auf die Emigration und kam es zu Aufständen, die von der SS blutig niedergeschlagen
das Leben im Ausland vorbereitet. wurden.

Privatbesitz

Schawuot-Feier der zionistischen Untergrundgruppe Chug Chaluzi in Berlin, Juni 1943


Jizchak Schwersenz, (vorne l.), Gründer von Chug Chaluzi, kann im August 1942 mit Hilfe von Edith Wolff untertauchen. Bei einer Polizeirazzia rettet ihn das Vorzeigen eines
gefälschten Ausweises vor der Verhaftung. 1944 gelingt Jizchak Schwersenz die Flucht in die Schweiz.

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Widerstand als Reaktion auf Krieg und NS-Gewaltverbrechen 69

Pappenheim für den Jüdischen Frauen- Reichsvereinigung der Juden in Deutsch-


bund gewonnen. Bald gehörte sie dessen land die Abteilung Wohlfahrtspflege und
Vorstand an, wurde 1933 Geschäftsführe- 1942 die Leitung der Abteilung Fürsorge.
rin des Bundes und übernahm nach dem Sie begleitete einige Kindertransporte
Tod Bertha Pappenheims deren Funktion nach England, und obwohl ihre Eltern
als Vorsitzende. und ihre Schwester bereits in die Schweiz
Ab 1933 engagierte sich Hannah Karmins- geflüchtet waren, kam sie immer wieder
Leo-Baeck-Institute, New York
ki ehrenamtlich bei der Reichsvertretung der nach Deutschland mit der Begründung
deutschen Juden für Auswanderungsfragen zurück, dass sie hier am meisten ge-
und für die Ausbildung und Berufstätigkeit braucht werde.
heranwachsender jüdischer Frauen. Sie war Am 9. Dezember 1942 wurde Hannah
Mitinitiatorin des 1934 eröffneten Jüdischen Karminski nach Auschwitz deportiert und
Seminars für Kindergärtnerinnen und Hort- dort am 4. Juni 1943 ermordet.
nerinnen, dessen staatliche Abschlüsse so-
wohl in Deutschland, mehr aber noch im
hannah karminski
Ausland anerkannt wurden, wohin viele der
Die 1897 geborene Kindergärtnerin und Absolventinnen emigrierten.
Sozialarbeiterin Hannah Karminski wur- 1939 übernahm sie bei der inzwischen
de 1924 in Frankfurt am Main von Bertha unter Aufsicht der Gestapo stehenden

zialismus zum jüdischen Glauben und Chaluzi versteckt wurden, konnten 33 ge-
Landesarchiv Berlin, C Rep. 118-01 Nr. 17538 / Fotograf: k.A.

wurde zur überzeugten Pazifistin und rettet werden.


Zionistin. Über die Lehrerin und Dichte- Als Edith Wolff im Sommer 1943 zur Ge-
rin Recha Freier, eine deutsch-jüdische stapo vorgeladen wurde, konnte sie ihre
Widerstandskämpferin, kam sie zur jü- Verbindungen zu untergetauchten Juden
dischen Jugendhilfe, der Kinder- und Ju- verbergen, wurde aber wegen  „Judenbe-
gendalijah, die die Einwanderung nach günstigung“ zu einer Gefängnisstrafe ver-
Palästina organisierte. Bei dieser Tätig- urteilt. Edith Wolff überlebte die  Haft
keit lernte sie den Lehrer Jizchak Schwer- in 18 Konzentrationslagern und Zucht-
senz kennen. Als in Berlin 1941 die ersten häusern.
Deportationen begannen, organisierte sie
Lebensmittel und Ausweise, um Juden
die Flucht oder ein Untertauchen zu er-
möglichen.
Im Frühjahr 1943 bildete sich um Edith
edith wolff
Wolff und Jizchak Schwersenz die zionis-
Die 1904 in Berlin geborene und evange- tische Untergrund-Gruppe Chug Chaluzi
lisch erzogene Edith Wolff bekannte sich (Kreis der Pioniere). Von den 40 Kindern
1933 aus Protest gegen den Nationalso- der Alijah-Schule, die durch die Chug

nahme der Nationalsozialisten 1933 nach deutscher Staatsangehöriger. Als Jude


Amsterdam. 1936 meldete er sich freiwillig habe ich jedoch praktisch alle Rechte in
zu den Internationalen Brigaden im spa- Deutschland verloren und war darum
nischen Bürgerkrieg und diente dort 1937 bemüht, mir eine neue Heimat zu su-
als Dolmetscher und Kompanieführer. chen. […] Als Jude habe ich hier für meine
Nach einer schweren Verwundung kehrte Überzeugung und meine Lebensrechte ge-
Hornstein 1938 nach Amsterdam zurück kämpft. Ich betrachte mich unter den ge-
LAV NRW R, RW 0058 Nr. 41305

und wurde dort im Oktober 1940 von der gebenen Umständen nicht mehr als deut-
Gestapo festgenommen. Georg Hornstein schen Staatsangehörigen und würde jede
wurde am 3. September 1942 im KZ Bu- mir gegebene Gelegenheit benutzen, eine
chenwald ermordet. neue Staatsangehörigkeit zu erwerben,
wie ich auch als Jude jederzeit bereit wäre,
„Wenn ich gefragt werde, aus welchem für meine Lebensrechte zu kämpfen.“
Grunde ich als Offizier bei der Internatio-
Aussage von Georg Hornstein vor der Geheimen Staatspo-
nalen Brigade an den Kämpfen in Spani- lizei 1942, Landesarchiv Nordrhein-Westfalen/Abteilung
georg hornstein
en teilgenommen habe, so habe ich hierzu Rheinland, RW 58 Nr. 41305

Der 1900 in Berlin geborene Kaufmann folgendes zu sagen: Ich besitze zwar die
Georg Hornstein (hier auf einem Foto der deutsche Staatsangehörigkeit und gelte
Gestapo) emigrierte nach der Machtüber- nach den Buchstaben des Gesetzes als

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70 WIDERSTAND GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS

GDW
Baracken im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau um 1945

Widerstand von Sinti und Roma Kampf gegen die deutsche Besatzungsmacht schlossen sich
Gruppen von Sinti und Roma vor allem in Osteuropa den Par-
1933 lebten rund 30 000 Sinti und Roma in Deutschland. Die tisanenverbänden an. Zentrum des bewaffneten Kampfes war
meisten besaßen die deutsche Staatsangehörigkeit. Für sie be- Jugoslawien. Auch in Frankreich leisteten Sinti und Roma in
gann mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten eine der Résistance Widerstand gegen den Nationalsozialismus
Zeit der „rassisch“ begründeten Entrechtung und Verfolgung, und die Verfolgung ihrer Minderheit. Dennoch fielen dem Völ-
gegen die sie sich zur Wehr setzten. Die „Rassenhygienische kermord nach Schätzungen bis zu 500 000 Sinti und Roma in
Forschungsstelle“ in Berlin sollte ab 1936 die deutschen Sinti Europa zum Opfer.
und Roma vollständig erfassen. Dies war die Voraussetzung
für ihre spätere Deportation in Konzentrations- und Vernich- Der Aufstand im „Zigeunerlager“ in Auschwitz-
tungslager. Birkenau
Doch zunächst veränderten die Nürnberger Rassengesetze Im Mai 1944 lebten im „Zigeunerlager“ B II e von Auschwitz-
vom September 1935 auch das Schicksal der Sinti und Roma Birkenau nur noch rund 6000 der insgesamt über 22 000 hier-
in Deutschland entscheidend. Sie verloren ihre Bürgerrechte; her verschleppten Sinti und Roma. Am 15. Mai 1944 fiel der Ent-
ebenso wie den Juden wurden ihnen die Heirat mit „Deutsch- schluss, diese Häftlinge in den Gaskammern zu ermorden. Als
blütigen“ und die Ausübung vieler Berufe verboten. In einigen die Betroffenen davon erfuhren, bewaffneten sie sich so gut es
deutschen Städten entstanden KZ-ähnliche Sammellager für ging und mit allem, was ihnen zur Verfügung stand – Messer,
Sinti und Roma, so etwa in Berlin-Marzahn oder in der Diesel- Knüppel, Spaten, Brecheisen und Steine. Am nächsten Tag ver-
straße in Frankfurt am Main. In diesen Lagern wurden pseu- weigerten sie den Befehl, ihre Häftlingsbaracken zu verlassen.
dowissenschaftliche „Rasseuntersuchungen“ vorgenommen, Als den SS-Männern klar wurde, dass die Häftlinge zum Wi-
die Inhaftierten waren der Willkür und den Misshandlungen derstand entschlossen waren, gaben sie die ursprünglich ge-
ihrer Bewacher ausgesetzt. Ab 1940 wurden Sinti und Roma in plante Mordaktion auf.
das deutsch besetzte Polen zur Zwangsarbeit verschleppt. Ende Juli 1944 wurden die früheren Wehrmachtsangehöri-
Immer wieder versuchten Sinti und Roma, sich gegenüber gen unter den Sinti und Roma, deren Familienangehörige so-
der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik zu behaupten. wie weitere als „arbeitsfähig“ eingestufte Sinti und Roma aus
Sie unternahmen Fluchtversuche und leisteten Fluchthilfe. Ihr dem „Zigeunerlager“ in das Stammlager Auschwitz gebracht.
eigenes Überleben war die Voraussetzung dafür, anderen zu Die SS wollte so bei den verbleibenden Häftlingen in Ausch-
helfen und Widerstand zu leisten. Sinti und Roma gingen in witz-Birkenau den Eindruck erwecken, sie sollten zur Arbeit
die Illegalität, um der drohenden Haft oder Deportation zu in andere Lager transportiert werden. Ein Zug mit 490 Frauen
entgehen. Dabei wurden sie nicht selten von Nachbarn oder und über 1100 Männern und Jungen fuhr am Nachmittag des
Freunden unterstützt. Die Fluchthelfer wussten, in welche Ge- 31. Juli 1944 von der Rampe in Auschwitz-Birkenau ab. Über
fahr sie sich durch die Hilfe für die Verfolgten begaben. Aus den Zaun hinweg konnten sie sich mit Winken und Rufen
dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau sind 42 Flucht- von den Zurückbleibenden im „Zigeunerlager“ verabschieden.
versuche von Sinti und Roma belegt, nur zwei davon waren Diese wurden am Abend des 2. August 1944 auf Lastkraftwa-
erfolgreich. gen zu den Gaskammern gebracht. Viele der insgesamt 2897
Es kam auch zu verzweifelten Versuchen, sich in den besetz- Opfer wehrten sich bis zuletzt noch mit bloßen Händen ge-
ten Gebieten gegen die Massenerschießungen zu wehren. Im gen ihre Mörder.

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Widerstand als Reaktion auf Krieg und NS-Gewaltverbrechen 71

Juni 1933, acht Tage nachdem er deut-


scher Meister im Halbschwergewicht
geworden war, wurde Rukeli Trollmann
der Titel als deutscher Meister im Halb-
Dokumentations- und Kulturzentrum schwergewicht aus „rassischen Gründen“

Dokumentations- und Kulturzentrum


aberkannt. Im Juli 1933 erschien er zu
einem Boxkampf mit blond gefärbten
Haaren und weiß gepuderter Haut, um
Deutscher Sinti und Roma

Deutscher Sinti und Roma


so gegen den Rassenwahn des NS-Regim-
es zu demonstrieren. Der Kampf war der
letzte seiner Profikarriere.
1938 war er für mehrere Monate in
einem Arbeitslager in Hannover, wur-
de 1939 zur Wehrmacht eingezogen und
1941 an der Ostfront verwundet. Wie vie-
johann „rukeli“ trollmann anton reinhardt
le andere Sinti und Roma wurde auch er
Der 1907 geborene Sinto Johann Wilhelm infolge der Anordnungen vom 11. Febru- Anton Reinhardt wurde 1927 in einem
Trollmann wuchs mit acht Geschwistern ar und 10. Juli 1942 aus der Wehrmacht kleinen Dorf am Rande des Schwarz-
in ärmlichen Verhältnissen in Hannover ausgeschlossen. walds geboren. Nach dem Besuch der
auf. Als Boxer gewann er viermal die Re- Im Juni 1942 wurde Trollmann in Han- Volksschule arbeitete er in einer Maschi-
gionalmeisterschaft und nahm an der nover festgenommen und schwer miss- nenfabrik.
deutschen Meisterschaft im Amateurbo- handelt. Nach seiner Überstellung ins KZ Als Anton Reinhardt im August 1944
xen teil. Als er 1928 nicht für die Olym- Neuengamme musste er vielfach gegen im Städtischen Krankenhaus Waldshut
pischen Spiele in Amsterdam nominiert SS-Männer zum Boxtraining antreten. zwangsweise sterilisiert werden sollte,
wurde, entschloss er sich, Profiboxer 1944, nach Trollmanns Sieg über einen floh er mehr als 100 Kilometer zu Fuß
zu werden. Nach der nationalsozialis- kriminellen Funktionshäftling (Kapo) im zur Schweizer Grenze. Bei Anbruch der
tischen Machtübernahme wurden die KZ-Außenlager Wittenberge, ließ ihn die- Dunkelheit durchquerte Reinhardt nahe
Boxclubs „gleichgeschaltet“ und „nicht- ser während eines Arbeitseinsatzes er- Koblenz (Kanton Aargau) schwimmend
arische“ Mitglieder ausgeschlossen. Im schlagen und tarnte den Mord als Unfall. den Rhein und erreichte so das Gebiet
der Schweiz. Dort wurde er von Schweizer
Polizisten aufgegriffen und ins Bezirksge-
fängnis gebracht.
fielen. Stanoski Winter wurde mit dem Obwohl Reinhardt geltend machte,
Transport vom 31. Juli 1944 zuerst in das dass viele seiner Verwandten nach Ausch-
KZ Ravensbrück verschleppt, wo die Frau- witz deportiert worden waren, ihm
en und Kinder von den Männern getrennt das gleiche Schicksal drohe und er in
wurden. Kurz vor Kriegsende kamen er Deutschland wegen seiner Flucht eine
Dokumentations- und Kulturzentrum

und sein Bruder in das KZ Sachsenhausen harte Strafe fürchten müsse, gewährten
und von dort als ehemalige Soldaten er- ihm die Schweizer Behörden kein Asyl
neut an die Front. Beide überlebten Krieg und zwangen ihn zur Rückkehrt nach
Deutscher Sinti und Roma

und sowjetische Gefangenschaft. Deutschland. Dort wurde Anton Rein-


hardt verhaftet und ins Sicherungslager
„Im Mai 1944 drang zu uns durch, dass wir Schirmeck-Vorbruck eingeliefert.
alle vergast werden sollen. Wir setzten uns Im Zuge der Auflösung des Lagers kam
zusammen und beschlossen, uns so gut es er mit anderen Häftlingen nach Gagge-
ging zu wehren. Wir kannten ja die Metho- nau. Kurz vor Kriegsende gelang ihm ein
den der SS bei der Räumung der Blocks: Sie weiteres Mal die Flucht. Doch am Kar-
walter stanoski winter
kamen einzeln herein und schrien: ‚raus‘. freitag 1945 nahm ihn in der Nähe von
Der 1919 geborene Walter Stanoski Winter Wir hatten vor, ihnen die Maschinenge- Bad Rippoldsau im Nordschwarzwald
wurde 1938 zum Arbeitsdienst und An- wehre, die sie in der Hand hielten, zu ent- eine Einheit des „Volkssturms” fest. Er
fang 1940 gemeinsam mit seinem Bruder reißen und so viele wie möglich zu über- wurde durch ein improvisiertes „Stand-
Erich zur Wehrmacht eingezogen. Er dien- wältigen. Außerdem hatten wir uns mit gericht” zum Tode verurteilt und am
te in Wilhelmshaven als Bootsmann in der Knüppeln, Steinen etc. bewaffnet. Doch folgenden Tag in ein abgelegenes Wald-
Marine. Im März 1943 wurden Stanoski während der Blocksperre kam der SS-Ober- stück getrieben. Die Täter zwangen ihn,
Winter, seine Eltern, sein Bruder und seine scharführer Palitzsch mit dem Motorrad, sein eigenes Grab zu schaufeln, bevor
Schwester nach Auschwitz deportiert, wo und die geplante Vergasungsaktion wurde sie Anton Reinhardt mit einem Genick-
die beiden Brüder im Stammlager Ausch- abgebrochen.“ schuss ermordeten.
witz I der Zwangssterilisation zum Opfer Stanoski Winter in einem Zeitzeugenbericht nach 1945

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72

ullstein bild
Häftlingsappell im Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin nach 1939

Widerstand von Häftlingen Spielräume, die sie sich durch Tätigkeiten für die SS oder die
KZ-Verwaltung verschaffen konnten. Unter den unmenschli-
Schon wenige Wochen nach Hitlers Regierungsübernahme chen Haftbedingungen des Lageralltags zu überleben und sich
begannen die Nationalsozialisten in vielen Teilen des Reiches innerlich nicht dem Druck der SS zu beugen, waren die Grund-
Konzentrationslager zu errichten, in denen sie ihre Gegner in- voraussetzungen für alle Bemühungen von Häftlingen, im KZ
haftierten und misshandelten. Eines von ihnen entstand im die eigene Identität und Menschenwürde zu bewahren sowie
März 1933 bei Dachau. Es wurde zum Modell für andere La- anderen Häftlingen zu helfen.
ger im Emsland, später für die Konzentrationslager Sachsen- Kontakte zu ihren Angehörigen und Freunden in der Freiheit
hausen, Buchenwald, Flossenbürg, Mauthausen, Ravensbrück waren für die Häftlinge lebensnotwendig. Erlaubt war ein Brief
und Neuengamme. Sie sollten die Inhaftierten einschüch- im Monat, dessen Inhalte allerdings einer strengen Postzen-
tern, aber auch die Bevölkerung gefügig machen, der so der sur unterlagen. Oft verbot die KZ-Kommandantur jedoch auch
Schrecken der nationalsozialistischen Verfolgung vor Augen diesen Weg. Entsprechend versuchten Häftlinge, mit Hilfe ver-
geführt wurde. schlüsselter Mitteilungen in zensierten Briefen oder durch ge-
In den Lagern wurden zunächst fast nur politische Gefan- heime Nachrichten, sogenannte Kassiber, Verbindungen nach
gene festgehalten, vor allem Kommunisten, Sozialdemokra- außen aufzunehmen. In einigen Lagern gelang es sogar, einzel-
ten und Gewerkschafter. Nach kurzer Zeit fanden sich hier ne einfache Rundfunkgeräte vor den Bewachern zu verstecken.
jedoch all jene Bevölkerungsgruppen wieder, die gemäß der Sie waren wichtige Informationsquellen über den Kriegsverlauf
rassistisch definierten NS-Ideologie aus der NS-„Volksge- und die Situation außerhalb der Konzentrationslager.
meinschaft“ ausgestoßen werden sollten: Juden, Sinti und Mit dem Krieg entstanden ab 1939 neue Konzentrations-
Roma, Zeugen Jehovas, Homosexuelle, sogenannte Asoziale lager, darunter Auschwitz, Groß-Rosen, Stutthof, Majdanek,
und angebliche Berufsverbrecher. 1938 wurden Menschen Natzweiler und Riga. Hier mussten die Häftlinge unter un-
aus Österreich und dem Sudetenland in die Konzentrations- menschlichsten Bedingungen Zwangsarbeit verrichten. Ver-
lager verschleppt, ein Jahr darauf Tschechen und Polen, spä- nichtungsstätten in den besetzten Gebieten hatten ab Herbst
ter Gefangene aus allen deutsch besetzten Ländern. Ab 1943 1941 nur einen Zweck: Menschen fabrikmäßig zu ermorden
mussten die Häftlinge vor allem Zwangsarbeit für die deut- und ihre Leichname zu beseitigen. Bis heute stehen die Na-
sche Rüstungsindustrie leisten. Sie waren der Willkür, kör- men Chełmno, Belzec, Sobibór, Treblinka und Auschwitz-Bir-
perlichen Gewalt und dem psychischen Terror ihrer Peiniger kenau für den nationalsozialistischen Massenmord.
aus der SS ausgeliefert. Inhaftierte versuchten auch, sich dem drohenden Tod durch
Nicht nur unter den politischen Gefangenen gab es Solida- Flucht zu entziehen. In einigen Lagern fanden sogar gemeinsa-
rität und geistig-kulturelle Selbstbehauptung in vielfacher me Ausbruchsversuche und Aufstände statt. Diese deutlichs-
Form. Immer wieder versuchten Häftlinge, sich gegen ihre ten Zeichen eines organisierten Häftlingswiderstands gingen
Unterdrücker zur Wehr zu setzen und sich im Lageralltag zu zumeist auf Gefangene aus den besetzten bzw. eroberten
behaupten. Sie nahmen Verbindungen zu anderen Gefange- Ländern zurück, die seit 1942 die überwiegende Mehrheit der
nen auf, halfen Gefährdeten und nutzten vielfach die kleinen Häftlinge in den Konzentrationslagern stellten.

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Widerstand als Reaktion auf Krieg und NS-Gewaltverbrechen 73

Jehovas Zeugen in Deutschland


AdsD / Friedrich-Ebert-Stiftung

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gerhart seger wilhelm hammann ilse unterdörfer

Der 1896 in Leipzig geborene Gerhart Der 1897 bei Groß-Gerau geborene Leh- Die 1913 in Plauen geborene Ilse Unterdör-
Seger war in der Weimarer Republik Ge- rer Wilhelm Hammann gehörte seit fer schloss sich Anfang der 1930er-Jahre
schäftsführer der Deutschen Friedensge- 1927 als KPD-Abgeordneter dem Hessi- der Glaubensgemeinschaft der Zeugen
sellschaft und Redakteur verschiedener schen Landtag an. 1935 wurde er zu drei Jehovas an. Nach deren Verbot in Sachsen
sozialdemokratischer Zeitungen sowie Jahren Zuchthaus verurteilt und nach im April 1933 war sie als Kurierin tätig
seit 1930 SPD-Reichstagsabgeordneter. seiner Haft 1938 in das KZ Buchenwald und verbreitete Schriften ihrer Glaubens-
Am 12. März 1933 wurde Seger festge- verschleppt. Er war dort in der illegalen gemeinschaft. 1936 reiste sie gemeinsam
nommen und in das Gerichtsgefängnis KPD-Gruppe aktiv und entwickelte mit mit Erich Frost, dem Bezirksdienstleiter
Dessau gebracht, am 14. Juni 1933 in das anderen Häftlingen 1944 Pläne für den für Sachsen, zum Kongress der Zeugen Je-
KZ Oranienburg überstellt. Angesichts Neuaufbau eines demokratischen Schul- hovas nach Luzern. Als Frost den Auftrag
der unerträglichen Haftbedingungen wesens. bekam, reichsweit die Untergrundtätig-
entschloss er sich im Dezember 1933 zur Ab Januar 1945 kümmerte er sich als keit der Zeugen Jehovas in Deutschland
Flucht. Blockältester im Kinderblock 8 um meh- zu leiten, übernahm Unterdörfer die Be-
Es gelang ihm, in die Tschechoslowa- rere hundert Kinder und organisierte treuung der Bezirksarbeit in Sachsen. Bei-
kei zu entkommen, wo er seine Erfah- deren geheimen Unterricht. Hammann de wurden im März 1937 festgenommen,
rungen niederschrieb. 1934 erschien sein besorgte Verpflegung und Kleidung, Ilse Unterdörfer wurde im Oktober 1937
Buch „Oranienburg“ in hohen Auflagen schützte die Kinder vor Übergriffen der zu einem Jahr und neun Monaten Haft
in vielen europäischen Ländern und SS und vermittelte Kontakte zu Angehö- verurteilt.
Nordamerika. Seger unternahm ausge- rigen im Lager. Nach Verbüßung ihrer Strafe wurde
dehnte Vortragsreisen, um die Weltöf- Als Anfang April 1945 die Evakuierung sie in das KZ Lichtenburg verschleppt
fentlichkeit über die deutschen Konzen- der jüdischen Häftlinge begann, rettete und im Mai 1939 in das neu errichtete
trationslager aufzuklären. Hammann gemeinsam mit Häftlingen Frauen-KZ Ravensbrück überstellt. Auch
Nach seiner Flucht nahmen die Natio- der Schreibstube alle 159 jüdischen Kinder hier lehnte sie wie die Mehrheit ihrer
nalsozialisten im Januar 1934 seine Frau in seinem Block vor dem Todesmarsch. Er Glaubensschwestern jegliche kriegsun-
Elisabeth und seine zweijährige Tochter ließ ihre Erkennungszeichen, auf die Häft- terstützende Arbeiten, etwa das Nähen
Renate in Haft. Erst nach heftigen öffent- lingskleidung angebrachte gelbe Winkel, von Uniformen, ab. Im Dezember 1939
lichen Protesten kamen sie im Mai 1934 entfernen, organisierte die Änderung verweigerten mehr als 400 Zeuginnen
aus dem KZ Roßlau frei und konnten ihrer Eintragungen in der Häftlingskar- Jehovas in Ravensbrück die Produktion
schließlich aus Deutschland ausreisen. tei und versicherte den misstrauischen von Patronentaschen und wurden da-
Im Oktober 1934 emigrierte die Fami- SS-Männern, die jüdischen Kinder seien für mit Bunkerhaft bestraft. Täglich
lie über Frankreich in die USA, wo sich bereits abtransportiert. In der allgemei- mussten sie mehrere Stunden in dünner
Seger als Chefredakteur der „Neuen nen Verwirrung der letzten Tage gelang Kleidung bei extremen Minusgraden auf
Volkszeitung“ und Berater der amerika- die Täuschung. Alle Kinder in Block 8 dem Gefängnishof stehen und erhielten
nischen Regierung weiterhin für ein de- erlebten am 11. April 1945 die Befreiung nur minimale Essensrationen. Trotzdem
mokratisches Deutschland einsetzte. im Lager. rückten sie nicht von ihrer Verweige-
Nach 1945 engagierte Wilhelm Ham- rungshaltung ab.
mann sich erneut für die KPD. 1984 Ilse Unterdörfer überlebte das Kriegs-
wurde der 1955 Verstorbene von der is- ende und war später als Predigerin
raelischen Gedenkstätte Yad Vashem als der Zeugen Jehovas in Österreich und
„Gerechter unter den Völkern“ geehrt. Deutschland tätig.

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74 WIDERSTAND GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS

Hilfen für Verfolgte


Mit Beginn des Krieges wurde es für die Regimegegner und
-kritiker stetig schwieriger, denen zu helfen, die von den Na-
tionalsozialisten verfolgt und menschenunwürdig behandelt
wurden.
Im Mai 1940 untersagte eine Verordnung jeden Umgang
mit Kriegsgefangenen, der sich nicht aus beruflicher Zusam-
menarbeit oder infolge dienstlicher Belange ergab. Sie zu un-
terstützen, bedeutete zunehmend, sich der Verfolgung durch
Polizei und Justiz auszusetzen.

ullstein bild – Arthur Grimm


Doch einzelne Deutsche bewahrten Mitgefühl und Solida-
rität. Sie versorgten Zwangsarbeiter mit Nahrungsmitteln
und Trinkwasser, steckten ihnen Zigaretten zu, besorgten il-
legale Papiere für Untergetauchte, versteckten Verfolgte oder
ermöglichten ihnen die Flucht vor einer drohenden Haft oder
Deportation.
Im Schloßpark Friedrichsfelde, Berlin, heben 1945 Angehörige des „Volkssturms“
und Zwangsarbeiter Schützengräben zur Verteidigung der Stadt aus.

nistischen Jugendverband (KJVD) an. Auch freundeten Genossen desertierte, versteck-


nach dessen Auflösung 1933 setzte sie ihre te ihn Ilse Grubitz im Herbst 1944 zeitwei-
politische Arbeit fort und war an Flugblatt- se in ihrer Wohnung. Zusammen mit ihrer
aktionen kommunistischer Jugendlicher Mutter Martha Piepenhagen organisierte
beteiligt. 1939 heiratete sie den 1914 gebo- sie geheime Quartiere für Juden, die sich
renen Richard Grubitz, den sie aus der ge- der drohenden Deportation durch Flucht in
meinsamen Tätigkeit im KJVD kannte. die Illegalität entzogen hatten.
Das Ehepaar hielt auch nach Kriegsbe- Mehrfach wurden Ilse und Richard Gru-
ginn den Kontakt zu politischen Gegnern bitz verhört, ihre Aktivitäten blieben jedoch
des NS-Regimes aufrecht. Sie leisteten bis Kriegsende unentdeckt.
in vielfältiger Weise Hilfe für Verfolgte.
Privatbesitz

Richard Grubitz wurde 1943 bei der Firma


Gaubschat in Berlin-Neukölln dienstver-
pflichtet, wo er Verbindung zu ukraini-
schen Zwangsarbeiterinnen aufnahm. Ilse
ilse und richard grubitz
und Richard Grubitz unterstützten die Frau-
Die 1916 geborene Ilse Piepenhagen begann en mit Kleidung und Essen, in ihrer Woh-
mit 14 Jahren eine Ausbildung als Schnei- nung hörten sie mit ihnen gemeinsam den
derin und schloss sich 1931 dem Kommu- Moskauer Rundfunk. Als der Sohn eines be-

die noch in Deutschland lebenden Sinti er den Spitznamen „Zigeuner-Paul“. Als


und Roma in das Vernichtungslager anderen Kripo-Beamten auffiel, dass die
Auschwitz-Birkenau deportiert. Auch in Familie Weiss nicht deportiert worden
Wuppertal nahm die Kriminalpolizei im war, wurde deren Zwangssterilisation an-
Frühjahr 1943 Sinti und Roma fest. geordnet. Paul Kreber, inzwischen in das
Als Kreber die Transportliste erhielt, von den Deutschen besetzte Metz versetzt,
konnte er die Namen der Eheleute Hugo holte Familie Weiss nach und brachte sie
und Antonie Weiss und ihrer fünf Kinder, zunächst bei sich unter.
mit denen er befreundet war, von der Lis- Nach der Entdeckung der Familie wur-
te entfernen. Die Familie Kreuz warnte er den Hugo und Antonie Weiss in einer Straß-
vor der bevorstehenden Deportation und burger Klinik zwangssterilisiert. Durch
Privatbesitz

ermöglichte ihr damit die Flucht. Den Sin- eine erneute Flucht der Familie blieb ih-
ti-Familien Reinhard und Meinhard ver- rem Sohn Paul dieses Schicksal erspart.
schaffte er gefälschte Ausländerpässe für Paul Kreber gelang es schließlich, die Fa-
das besetzte Frankreich und begleitete sie milie in einem Wanderzirkus zu verste-
paul kreber
auf der Fahrt nach Paris. cken. Seine Hilfsaktionen blieben unent-
Der 1910 geborene Paul Kreber arbeitete Kreber ließ Anweisungen seiner Dienst- deckt.
ab 1941 als Kriminalassistent im Polizei- stelle unbearbeitet oder verschleppte de-
präsidium Wuppertal. Ende 1942 wurden ren Bearbeitung. Unter Kollegen bekam

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Widerstand als Reaktion auf Krieg und NS-Gewaltverbrechen 75

Widerstand der letzten Stunde


Im Frühjahr 1945 rief die NS-Führung dazu auf, den Krieg bis
„zum letzten Blutstropfen“ fortzusetzen. Hitler befahl, ohne
Rücksicht auf die Zivilbevölkerung jeden Ort zu verteidigen,
Brücken zu zerstören und Versorgungseinrichtungen sowie
Industrieanlagen unbrauchbar zu machen. Jeder, der sich die-
sen Befehlen widersetzte oder Zweifel am Sinn von Durchhal-
teparolen äußerte, riskierte sein Leben.
Mehrfach versuchten Deutsche, Kämpfe in ihrer Umgebung
zu verhindern. Sie nahmen Kontakt zu den alliierten Truppen-
verbänden auf, entwaffneten Mitglieder des „Volkssturms“, in
dem gegen Kriegsende Männer im Alter von 16 bis 60 Jahren

Bischöfliches Zentralarchiv Regensburg, Sammlung Domprediger Maier (Signatur Nr. 58/6)


zur Heimatverteidigung zusammengefasst worden waren,
oder forderten NS-Führer auf, Dörfer und Städte kampflos zu
übergeben. Viele bezahlten ihren Kampf gegen den „Krieg bis
zur letzten Patrone“ mit dem Tod. Sie wurden standrechtlich
verurteilt, öffentlich gehängt oder verschleppt – nicht selten
nur Stunden, bevor alliierte Truppen eintrafen.
Robert Limpert hatte bereits als Jugendlicher den Natio-
nalsozialismus entschieden abgelehnt. Anfang März 1945
zum Kriegsdienst eingezogen, wurde der seit seiner Kindheit
schwer Herzkranke acht Tage später als wehruntauglich ent-
lassen. Er kehrte in seine Heimatstadt Ansbach in Franken
zurück, deren Kampfkommandant Ernst Meyer entschlossen
war, die Stadt „bis zum letzten Mann“ zu verteidigen. Limpert
verfasste und vervielfältigte mehrere Flugblätter, in denen er
die Bürger aufrief, als Zeichen der Kapitulation weiße Fahnen
zu hissen und die Stadt kampflos zu übergeben. Er plakatierte
sie nachts an Hauswände und Türen.
Am 18. April beobachteten Hitlerjungen Limpert, als er ein
Telefonkabel zwischen dem kurz zuvor aufgegebenen Ge-
fechtsstand des Kommandanten im Ansbacher Schloss und Domprediger Johann Maier, hier zu Besuch in Marklkofen 1938
den vor der Stadt postierten Truppeneinheiten zerschnitt.
Limpert wurde denunziert, festgenommen und vor ein Stand-
gericht gestellt, bei dem der Kampfkommandant selbst das rikanischen Truppen und die Zerstörung Brettheims verhin-
Todesurteil sprach und es schließlich eigenhändig vollstreckte. dern. SS-Gruppenführer Max Simon, früher Kommandant des
Wenige Stunden vor dem Eintreffen amerikanischer Truppen Konzentrationslagers Sachsenburg und jetzt General der Waf-
am 18. April 1945 erhängte er den erst 19-Jährigen am Ansba- fen-SS, befahl einem Offizier seines Stabes, diese „Schweinerei“
cher Rathaustor. zu ahnden. Das Dorf wurde umstellt, die meisten Einwohner
Am 22. April 1945 hatte der NSDAP-Gauleiter Ludwig Ruck- des Ortes wurden verhört. Schließlich meldete sich der Bau-
deschel in einer fanatischen Rede die Verteidigung der Stadt er Friedrich Hanselmann freiwillig als einer der „Täter“ und
Regensburg bis zum Letzten gefordert. Doch am Morgen des nannte unter Schlägen die Namen von zwei weiteren Betei-
23. April 1945 verbreitete sich das Gerücht, dass eine Kundge- ligten. Als sich der Bürgermeister und der Ortsgruppenführer
bung zur kampflosen Übergabe der Stadt an die amerikani- weigerten, das rasch gefällte Todesurteil des Standgerichts
schen Truppen geplant war. Am Nachmittag versammelten gegen Hanselmann zu unterzeichnen, wurden auch sie am
sich tatsächlich mehrere hundert Menschen vor dem Neuen 9. April 1945 angeklagt und zum Tode verurteilt. Einen Tag
Rathaus der Stadt, unter ihnen der Domprediger von Regens- später wurden sie zusammen mit Friedrich Hanselmann er-
burg Johann Maier. mordet.
Als im Laufe des Abends immer mehr Menschen auf den
Platz strömten und die Situation zu eskalieren drohte, rief Mai-
er die Menge zur Besonnenheit auf. Dennoch wurde er fest-
genommen, noch am selben Abend vor ein Standgericht ge-
stellt und kurz nach Mitternacht mit dem 70-jährigen Rentner
Josef Zirkl zum Tode verurteilt. Beide Männer wurden in den
frühen Morgenstunden des 24. April öffentlich erhängt. Dabei
trug Johann Maier ein Schild um den Hals mit der Aufschrift:
„Hier starb ein Saboteur.“ Am 27. April 1945 wurde Regensburg
kampflos an die 3. US-Armee übergeben.
Einige Einwohner des bei Rothenburg gelegenen Dorfes
Brettheim entwaffneten im April 1945 eine Gruppe Hitlerjun-
gen und nahmen ihnen ihre Panzerfäuste weg. Sie wollten
damit den sinnlosen Kampf mit den heranrückenden ame-

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76

GDW
Bundespräsident Theodor Heuss und Bundeskanzler Konrad Adenauer während der Gedenkfeier der Bundesregierung zum 10. Jahrestag des 20. Juli 1944 im Ehrenhof des
Bendlerblocks in der Berliner Bendlerstraße am 20. Juli 1954. Ein Jahr später wurde die Bendlerstraße in Stauffenbergstraße umbenannt.

JOHANNES TUCHEL / JULIA ALBERT

Die Wahrnehmung des


Widerstands nach 1945
Die Breite und Vielfalt des Widerstands gegen den National- geprägten Gesellschaft mit nur wenigen Ausnahmen nega-
sozialismus in der Erinnerungskultur zu verankern, war ein tiv bewertet. Es war der üble Beigeschmack des Verrats, der
mühsames Unterfangen. Vieles wurde dabei ignoriert, ver- den Handlungen der Widerstandskämpferinnen und Wider-
drängt, vergessen. Mit der Erinnerung an den Widerstand soll- standskämpfer lange Zeit anhaftete. Hierunter hatten nicht
ten in den beiden deutschen Nachkriegsgesellschaften auch nur die unmittelbar Beteiligten selbst zu leiden, sondern auch
politische Ziele begründet werden. Die Erinnerungskultur ist die Familienangehörigen der Menschen, die von der national-
daher nicht zu trennen von der Geschichte der beiden deut- sozialistischen Unrechtsjustiz ermordet worden waren.
schen Staaten zwischen 1949 und 1989 und dem damit ver- In den ersten Jahren nach 1945 fanden kaum öffentliche
bundenen Systemgegensatz zwischen Ost und West. Erst seit Gedenkfeiern statt, und in den Medien gab es nur wenige
1989/1990 hat sich ein vielfältiges, Entwicklungslinien, Brü- zaghafte Schilderungen. Lediglich die Widerstandskämpferin-
che und Widersprüche akzeptierendes Bild vom Widerstand nen und Widerstandskämpfer selbst oder ihre Angehörigen
gegen den Nationalsozialismus durchsetzen können. versuchten, die Erinnerung an die Toten aufrechtzuerhalten.
Viele von ihnen wurden auch nach der Befreiung vom Natio-
nalsozialismus als „Verräter“ angesehen und offen als solche
bezeichnet. Daran änderte auch eine „Ehrenerklärung“ der
Öffentlichkeit und politische Bundesregierung nichts, die Jakob Kaiser, Bundesminister für
Würdigungen gesamtdeutsche Fragen, im Oktober 1951 abgab, und die sich
explizit gegen derartige Verratsvorwürfe richtete.
1952 legte Luise Olbricht, Witwe des am 20. Juli 1944 erschos-
Die Wege zur Anerkennung des Widerstandes gegen den Natio- senen Generals Friedrich Olbricht, den Grundstein für das Eh-
nalsozialismus in Nachkriegsdeutschland waren lang; längst renmal zur Erinnerung an die Opfer des Umsturzversuches im
nicht alle Formen und Aktionen des Widerstandes wurden Berliner Bendlerblock. Es ist bezeichnend, dass die Anregung
akzeptiert, viele von ihnen waren lange Zeit heftig umstritten dafür von den Hinterbliebenen und nicht von staatlicher Sei-
oder blieben gar vollkommen unbekannt. te kam. Seither finden jährlich am 20. Juli dort Gedenkfeiern
Grundsätzlich wurde der Widerstand gegen den National- statt; erst in den 1980er-Jahren jedoch sollte der 20. Juli zu
sozialismus in den westlichen Besatzungszonen in der unmit- einem Gedenktag für die gesamte Breite und Vielfalt der Re-
telbaren Nachkriegszeit in einer noch direkt vom NS-Regime gimegegnerschaft werden.

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Die Wahrnehmung des Widerstands nach 1945 77

Die Würdigung und nachträgliche Legitimierung des Um- zuzugestehen und sie nicht als Handlanger Moskaus zu
sturzversuches vom 20. Juli 1944 durch Angehörige der politi- verstehen. Der sozialdemokratische Kanzlerkandidat Willy
schen Eliten der Bundesrepublik Deutschland ist ohne die Ein- Brandt, der in der NS-Zeit ins Ausland geflüchtet war, wurde
beziehung des Volksaufstands in der DDR am 17. Juni 1953 nicht lange Zeit systematisch als „Emigrant“ diffamiert. Bundes-
denkbar. Typisch ist dafür die Rede des Berliner Regierenden präsident Gustav Heinemann würdigte 1969 den Hamburger
Bürgermeisters Ernst Reuter vom 19. Juli 1953: „Der Bogen vom Kommunisten Fiete Schulze und stieß dabei auf scharfe Kritik.
20. Juli 1944 spannt sich heute, ob wir wollen oder nicht, zu Eine rechtsradikale Zeitung titelte: „Heinemanns verbrecheri-
dem großen Tage des 17. Juni 1953, zu jenem Tag, an dem sich sche Vorbilder – Von Graf Stauffenberg zu Fiete Schulze gibt
ein gepeinigtes und gemartertes Volk in Aufruhr gegen seine es keine Brücke“. 1974 kam es zu einem Eklat, als ausgerech-
Unterdrücker und gegen seine Bedränger erhob und der Welt net der ehemalige Marinestabsrichter Hans Karl Filbinger bei
den festen Willen zeigte, dass wir Deutschen frei sein und als der Gedenkfeier im Reichstag sprach. Angehörige von Wider-
ein freies Volk unser Haupt zum Himmel erheben wollen. Wir standskämpfern verließen demonstrativ diese Feier. Filbinger
wissen, dass dieser 17. Juni wie einst der 20. Juli nur ein Anfang war seit 1943 an mehreren kriegsgerichtlichen Todesurteilen
war. Aber ich glaube, es ist gut, es ist richtig, wenn wir auch an beteiligt gewesen und rechtfertigte dies mit den Worten: „Was
diesem Tage den Bogen vom 20. Juli zu den Ereignissen schla- damals Rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein!“ 1976
gen, die uns heute innerlich bewegen.“ schließlich kam es zu heftigen Debatten, als Herbert Weh-
Bundespräsident Theodor Heuss, der sich noch 1950 der Bit- ner, SPD-Fraktionschef und ehemaliger KPD-Funktionär, als
te versagt hatte, im Rundfunk Worte der Würdigung und des Redner der jährlichen Gedenkfeier vorgesehen war. Wehner
Gedenkens an den 20. Juli 1944 zu sprechen, wies in einem 1952 verzichtete schließlich; an seiner Stelle sprach der Berliner
veröffentlichten Schreiben an Annedore Leber, die Frau des er- Regierende Bürgermeister Dietrich Stobbe. Diese Beispiele zei-
mordeten Widerstandskämpfers Julius Leber, alle Verratsvor- gen, dass von einem breiten Konsens über den Widerstand zu
würfe deutlich zurück und äußerte sich 1954 klar und eindeutig dieser Zeit auf keinen Fall gesprochen werden kann.
zum Erbe des Widerstands: „Die Scham, in die Hitler uns Deut- In Berlin gab es seit 1953 am Ort des Umsturzversuches vom
sche gezwungen hatte, wurde durch ihr Blut vom besudelten 20. Juli 1944 eine Gedenktafel und ein Mahnmal, seit 1968 eine
deutschen Namen wieder weggewischt. Das Vermächtnis ist kleine Ausstellung. 1983 erteilte der damalige Regierende Bür-
noch in Wirksamkeit, die Verpflichtung ist noch nicht eingelöst.“ germeister von Berlin den Auftrag, hier die gesamte weltan-
In der westdeutschen Bevölkerung allerdings war der Wider- schauliche Breite und soziale Vielfalt des Widerstands gegen
stand gegen den Nationalsozialismus überwiegend noch nicht den Nationalsozialismus aufzuzeigen. Erneut kam es zu hefti-
akzeptiert. So beurteilten 1951 nur 43 Prozent der Männer und 38 gen Diskussionen, etwa über die Darstellung des kommunisti-
Prozent der Frauen die „Männer vom 20. Juli“ positiv. Im Sommer schen Widerstands, des Exils, der Roten Kapelle und des Nati-
1956 lehnte es eine überwiegende Mehrheit der  Bevölkerung onalkomitees „Freies Deutschland“. Kommunisten hätten – so
(54 Prozent der Männer und 44 Prozent der Frauen) ab, eine Schu- die Kritik – lediglich versucht, eine Diktatur durch eine andere
le nach dem Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffen- zu ersetzen. Erneut wurde ihnen eine eigenständige Hand-
berg oder nach dem zivilen Kopf des Umsturzversuches vom lungsmotivation abgesprochen. Diese Diskussionen flammten
20. Juli 1944, Carl Friedrich Goerdeler, zu benennen. Nur 18 Pro- 1994 und 1997 erneut auf, bevor deutlich wurde, dass ein re-
zent der Befragten sprachen sich dafür aus. alistisches Bild vom NS-Widerstand, von seinem politischen
Der Anteil der positiven Beurteilung des 20. Juli 1944 sollte Scheitern und seiner moralisch-ethischen Bedeutung nicht
sich auch in den folgenden Jahrzehnten nur unwesentlich än- gewonnen werden kann, ohne alle Strömungen einzubezie-
dern. Eine Umfrage vom Frühjahr 1970 machte deutlich, dass hen, die sich der totalitären Bedrohung durch den Nationalso-
39 Prozent die „Männer vom 20. Juli“ positiv beurteilten (gegen- zialismus entgegengesetzt hatten.
über 40 Prozent im Jahr 1951) und nur noch 7 Prozent sie ablehn- Die DDR verstand sich als der aus dem antifaschistischen
ten (gegenüber 30 Prozent im Jahr 1951). Stark angestiegen war Widerstand geborene deutsche Staat, in dem das Vermächt-
der Kreis derer, die nichts über die Ereignisse des 20. Juli 1944 nis der Widerstandskämpfer verwirklicht werden würde und
wussten (37 Prozent gegenüber 11 Prozent im Jahr 1951). 1985 ver- berief sich vor allem auf den Widerstand aus der Arbeiterbe-
änderte das Institut für Demoskopie Allensbach zwar seine Be- wegung und aus der Kommunistischen Partei. Tatsächlich
wertungsmethode, bezog aber in seine Ergebnisse nur noch die- wurde in der DDR nur ein sehr eingeschränktes Bild vermittelt.
jenigen ein, die über die Ereignisse des 20. Juli 1944 „richtige oder Gab es etwa noch 1945/46 in der Sowjetisch Besetzten Zone
ungefähr richtige Angaben“ machen konnten. Gegenüber 1971 (SBZ) positive Bewertungen des 20. Juli 1944, wurde dieser
war die Bewertung fast unverändert, lediglich die negativen Be- später diffamierend oft als „Generalsputsch" bezeichnet. Dies
wertungen gingen geringfügig zurück. Erst im Jahr 2004 gab es änderte sich erst Mitte der 1980er-Jahre, als im Zuge der De-
in einer repräsentativen Befragung der deutschen Bevölkerung batte über die Nachrüstung die Sozialistische Einheitspartei
erstmals eine überwiegend positive Beurteilung des 20. Juli 1944. Deutschlands (SED), die in der DDR die Führungsrolle inne hat-
1958 resümierte der Publizist und NS-Widerstandskämpfer te, eine „Koalition der Vernunft“ anstrebte und sich dabei auch
Rudolf Pechel: „Der Einfluss der Überlebenden des Widerstan- auf die Gemeinsamkeit der Widerstandskämpfer gegen  den
des ist heute in Deutschland gering. [...] Intellektuelle Rollkom- Nationalsozialismus berief. Im Juli 1984 brachte das SED-Zen-
mandos mit notorischen Denunzianten und Rufmördern an tralorgan „Neues Deutschland“ einen ganzseitigen Artikel
der Spitze können sich heute in Verunglimpfungen der Wider- über den 20. Juli 1944 mit einem ehrenden Foto von Claus
standskämpfer versuchen, ohne dass ihnen etwas geschieht.“ Schenk Graf von Stauffenberg. Damit war eine Neubewertung
Immer wieder kam es auch in den 1960er- und 1970er-Jah- eingeleitet. Trotzdem stand in der DDR weiterhin die These im
ren zu politischen Auseinandersetzungen um den Widerstand Vordergrund, dass der Widerstand in Deutschland nur unter
gegen den Nationalsozialismus. Bundespräsident Heinrich Führung der Moskauer Exil-KPD möglich gewesen sei. Mit der
Lübke sprach sich bereits 1964 dafür aus, kommunistischen historischen Realität des Widerstands gegen den Nationalso-
Regimegegnern eigenständige idealistische Handlungsmotive zialismus hatte dies allerdings nichts zu tun.

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78 WIDERSTAND GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS

Der Remer-Prozess – ein Wendepunkt Ringen um Entschädigung


Einer der Männer, die am 20. Juli 1944 von Reichspropaganda- Auch in Entschädigungsverfahren war immer wieder ein sehr
minister Joseph Goebbels mit der Niederschlagung des Um- eng gefasster Begriff des Widerstands gegen den National-
sturzversuchs beauftragt worden waren, Oberst Otto Ernst Re- sozialismus zu erkennen. Ausgrenzungsmechanismen, die
mer, hatte schon im Mai 1951 erklärt: „Es wird die Zeit kommen, zum Teil weit vor 1933 zurückgreifen, wurden in der jungen
in der ‚man‘ oder ‚mancher‘ […] schamhaft verschweigt, dass Demokratie der Bundesrepublik Deutschland weitergegeben
man zum 20. Juli 1944 gehört hat. Ich bin für meine Person und blieben wirksam. Im Osten wie im Westen wurde die
weitaus bescheidener und nehme nur das kleine geschicht- Anerkennung als politisch Verfolgter vielfach nicht mit dem
liche Verdienst in Anspruch, den an sich schon missglückten Verhalten vor, sondern nach 1945 verbunden. Kommunisten
Putsch für Berlin vereitelt zu haben. Sie können überzeugt erhielten im Westen weder Anerkennung noch materielle Ent-
sein, es gibt eine Reihe von sogenannten Widerstandskämp- schädigungen, ähnlich ging es im Osten Deutschlands bürger-
fern, die, als die Dinge schief gingen, sich gegenseitig verrie- lichen Widerstandskämpfern oder Sozialdemokraten, die sich
ten. Diese nehmen heute große Staatspensionen in Empfang. der Vereinigung von SPD und KPD widersetzt hatten.
[…] Diese Verschwörer sind zum Teil in starkem Maße Landes- Jenen Menschen etwa, die wir heute wegen ihrer Hilfe für
verräter, die vom Auslande bezahlt wurden. Sie können Gift von der Deportation bedrohte Juden als „Stille Helden“ ehren,
darauf nehmen, diese Landesverräter werden eines Tages vor wurde in der Bundesrepublik in den 1950er-Jahren die Aner-
einem deutschen Gericht sich zu verantworten haben.“ kennung versagt: „Deshalb ist auch der Verkehr mit jüdischen
Für diese Diffamierungen wurde Remer im März 1952 dann Menschen, der Abschluss von Geschäften mit ihnen oder in
allerdings selbst wegen übler Nachrede in Tateinheit mit Ver- ihrem Interesse wie auch die ihnen gewährte persönliche Hil-
unglimpfung des Andenkens Verstorbener zu einer Haftstrafe feleistung und Beratung, sei es im Rahmen des Berufs, sei es
von drei Monaten, der ersten seiner vielen Strafen, verurteilt. auf Grund persönlicher Freundschaft, kein Widerstand gegen
Es wäre jedoch nicht zu dem Verfahren gegen ihn gekom- den Nationalsozialismus, da solche Taten nicht geeignet sind,
men, wenn sich nicht Fritz Bauer, zu dieser Zeit noch als Ge- ein Regime zu unterhöhlen.“ Mit anderen Worten: Menschen,
neralstaatsanwalt in Braunschweig tätig, besonders engagiert die verfolgten Juden geholfen hatten, standen weder eine Ent-
hätte. Im Zentrum der Bemühungen Bauers stand die höhere schädigungszahlung noch eine laufende Renten- oder Beihil-
Akzeptanz in der Gesellschaft für den Umsturzversuch vom fenzahlung zu.
20. Juli 1944, nicht jedoch für die gesamte Breite der gegen den Wie die Realität der Angehörigen der Widerstandskämp-
Nationalsozialismus gerichteten Aktivitäten. Dieses Vorhaben fer aussah, zeigte eine kleine Zeitungsmeldung vom 21. Juli
gelang, im Urteil erkannte das Gericht das Handeln der am 1951: Die Oberfinanzdirektion München verfügte, dass ein
Umsturzversuch des 20. Juli 1944 Beteiligten als rechtmäßigen Unterhaltsgeld in Höhe von 160 Deutsche Mark im Monat an
Widerstand gegen das NS-Unrechtsregime an. die Witwe des nach dem 20. Juli 1944 vom „Volksgerichtshof“
Um die nachträgliche Legitimierung des Widerstandsrechts zum Tode verurteilten und hingerichteten Obersten Rudolf
zu erreichen, hatte Bauer ausdrücklich darauf verzichtet, ande- Graf von Marogna-Redwitz nicht mehr weitergezahlt werde,
re Widerstandsgruppen in das Verfahren einzubeziehen, ja so- da „wegen Hoch- und Landesverrat verurteilte frühere Wehr-
gar Familienangehörige der Widerstandsgruppe Rote Kapelle machtangehörige“ keinerlei Anrecht auf irgendwelche Pensi-
aufgefordert, eigene Strafanträge gegen Remer zurückzuzie- onen oder Renten hätten.
hen. Die Rote Kapelle, bis weit in die 1980er-Jahre vollkommen Einer anderen Witwe eines am 20. Juli 1944 Beteiligten, der
zu Unrecht als „kommunistische Spionagegruppe“ diffamiert, danach den Freitod gewählt hatte, wurde eine Rentenzahlung
wurde weder im Remer-Prozess noch in der öffentlichen Mei- mit folgender Begründung verweigert: „Ihr Mann hat über-
nung in der Bundesrepublik als Teil des Widerstands gegen haupt kein nationalsozialistisches Unrecht erlitten, er hat sich
den Nationalsozialismus akzeptiert. vielmehr selbst erschossen und ein erledigendes nationalsozia-
listisches Unrecht nicht abgewartet.“
Renten- und Pensionszahlungen sowie Wiedergutmachungs-
leistungen setzten vielfach erst spät in den 1950er-Jahren
ein. Ohne die – seit 1951 mit Bundesmitteln unterstützte  –
„Stiftung Hilfswerk 20. Juli 1944“ hätten viele Familienange-
hörige von Widerstandskämpfern des 20. Juli 1944 in großer
materieller Not gelebt. Zu einer gesetzlichen Regelung für die
Gerhard Gronefeld / Deutsches Historisches Museum, Berlin

Ansprüche der Hinterbliebenen, deren Männer im Zusam-


menhang mit dem Umsturzversuch vom 20. Juli 1944 hinge-
richtet worden waren, konnte sich die Bundesregierung aber
nie entschließen. Auch das Bundesgesetz zur Entschädigung
für Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung von 1956
führte bei weitem nicht dazu, dass alle Widerstandsaktivitä-
ten und Opfergruppen berücksichtigt wurden.

Fritz Bauer (l.) mit Staatsanwalt Rolf Herzog während des Prozesses gegen Otto
Ernst Remer 1952

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Die Wahrnehmung des Widerstands nach 1945 79

Fehlende juristische Aufarbeitung Historische und mediale Aufarbeitung


Wie sah es in den ersten Jahren der Bundesrepublik mit der Erste Bücher über den Widerstand erschienen ab 1946 nicht
Strafverfolgung gegen jene Gestapo-Beamte und Richter aus, in Deutschland, sondern in der Schweiz. Die alliierten Besat-
die Widerstandskämpfer nach dem 20. Juli 1944 gefoltert hat- zungsmächte hatten ebenso wie die deutsche Bevölkerung
ten oder an den justizförmigen Verurteilungen und Tötungen kein sonderliches Interesse am Thema. Die wissenschaftliche
des „Volksgerichtshofs“ teilgenommen hatten? Aufarbeitung setzte dann vor allem mit biografischen Studien
Der frühere SS-Standartenführer und Jurist Walther Hup- in den 1950er-Jahren ein. Lebensgeschichten sollten die histo-
penkothen hatte als „Anklagevertreter“ im April 1945 an den rischen Persönlichkeiten vom Vorwurf des Verrats befreien. In
„Standgerichtsverfahren“ im KZ Sachsenhausen gegen Hans den 1960er-Jahren kam es zur Aufarbeitung des 20. Juli 1944;
von Dohnanyi und im KZ Flossenbürg gegen Wilhelm Canaris, Studien zum Arbeiterwiderstand folgten in den 1970er-Jahren.
Dietrich Bonhoeffer, Hans Oster und andere teilgenommen. Im Zentrum des späteren wissenschaftlichen Interesses stan-
Das Verfahren gegen Huppenkothen, der bei den „Standge- den der Widerstand im Alltag, die Hilfen für Verfolgte, die Rote
richtsverfahren“ mehrere Todesurteile empfohlen hatte, ging Kapelle, der Widerstand von Jugendlichen und die Formen des
über mehrere Instanzen. Letztinstanzlich urteilte der Bundes- Widerstands gegen den nationalsozialistischen Rassen- und
gerichtshof 1956 zugunsten der Juristen des NS-Regimes. Weltanschauungskrieg, die Desertion und die Beteiligung von
Günter Hirsch, Präsident des Bundesgerichtshofs, analysier- Widerstandskämpfern an nationalsozialistischen Gewaltver-
te dies 2003 kritisch: „Der Bundesgerichtshof […] hob 1956 die- brechen. Diese Debatten trugen ebenso wie neuere Detailstu-
se Verurteilungen auf und sprach die Angeklagten von dem dien dazu bei, dass wir heute ein differenziertes Bild vom Wi-
Vorwurf frei, durch die Standgerichtsverfahren Beihilfe zum derstand gegen den Nationalsozialismus haben.
Mord geleistet zu haben. In der Begründung behandelte der In den Medien erfuhr und erfährt der Widerstand gegen
Bundesgerichtshof das SS-Standgericht als ordnungsgemä- den Nationalsozialismus zu den Jahrestagen des 20. Juli grö-
ßes Gericht, das offenkundige Scheinverfahren als ordnungs- ßere Aufmerksamkeit. Immer wieder bewegten auch Filme
gemäßes Gerichtsverfahren und das Urteil als dem damali- wie Falk Harnacks „Der 20. Juli“ von 1955 ebenso wie der zeit-
gen Recht entsprechend. Die Begründung ist ein Schlag ins gleich entstandene „Es geschah am 20. Juli“ von Georg Wil-
Gesicht. Den Widerstandskämpfern wird attestiert, sie hätten helm Pabst die Öffentlichkeit. Erst 1971 entstand das mehrfach
‚nach den damals geltenden und in ihrer rechtlichen Wirk- ausgezeichnete zweiteilige Doku-Drama „Operation Walküre“
samkeit an sich nicht bestreitbaren Gesetzen‘ Landes- und von Franz Peter Wirth. 1982 war „Die Weiße Rose“ von Michael
Hochverrat begangen. Den SS-Richtern könne nicht zum Vor- Verhoeven der erfolgreichste deutsche Kinofilm. Zu heftigen
wurf gemacht werden, dass sie die Frage der Rechtfertigung Diskussionen führte der Abspann des Filmes, in dem auf die
des Verhaltens der Angeklagten nicht geprüft hätten.“ damals immer noch rechtsgültigen Todesurteile des „Volksge-
Zu Recht stellte Hirsch fest, dass die Folgen dieses Urteils richtshofs“ hingewiesen wurde.
und der „ungesühnt gelassenen Justizmorde“ verheerend Internationale Aufmerksamkeit erlangte 1993 der Spiel-
gewesen seien. Fast alle Ermittlungsverfahren gegen Richter film „Schindlers Liste“ von Steven Spielberg, der erstmals um-
und Staatsanwälte wurden eingestellt, erst Jahrzehnte später fassend die Hilfe für verfolgte Juden thematisierte. Roman
begann ein neues – ebenfalls erfolgloses – Ermittlungsverfah- Polanski griff dieses Thema 2002 in „Der Pianist“ erneut auf.
ren gegen Richter und Staatsanwälte des „Volksgerichtshofs“. 2004 legte dann Jo Baier den Fernsehfilm „Stauffenberg“ vor.
Nur als Versagen von Politik und Justiz kann die Tatsache Heftig wurde das Spannungsverhältnis zwischen historischen
verstanden werden, dass alle Unrechtsurteile des „Volksge- Fakten und der Filmhandlung diskutiert. Bereits im Vorfeld
richtshofs“, der Sondergerichte und der Militärjustiz weiter war der 2008 veröffentlichte Film „Operation Walküre“ des
gültig blieben. Teilweise standen sie noch bis in die 1980er- US-amerikanischen Regisseurs Bryan Singer umstritten. Kritik
Jahre im Bundeszentralregister, einem zentralen amtlichen richtete sich vor allem gegen den Hauptdarsteller Tom Cruise,
Register, in das u. a. strafrechtlich rechtskräftige Entscheidun- der ein ranghoher Angehöriger der Scientologen ist, und die
gen deutscher Gerichte eingetragen werden. Eine Aufhebung Darstellung der Angehörigen des zivilen Widerstands im Film.
eines Urteils konnte zwar im Einzelfall beantragt werden, die Neuere Filmproduktionen befassen sich auch mit den letzten
Staatsanwaltschaft musste dann prüfen und gegenüber dem Tagen der Sophie Scholl und dem Schicksal von Georg Elser.
zuständigen Gericht ausführlich die Empfehlung zur Aufhe- Dies sind nur einige Beispiele, aus denen deutlich wird, wie
bung des Urteils begründen. sehr das Thema des Widerstands gegen den Nationalsozialis-
Dies blieb bis in die 1990er-Jahre so. Erst mit dem Gesetz mus auch heute noch Medien und Öffentlichkeit beschäftigt.
zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile in der Wir haben uns heute endgültig von der Perspektive gelöst,
Strafrechtspflege von 1998 wurden die Urteile des „Volksge- dass es irgendeine gesellschaftliche Großgruppe gegeben hat,
richtshofs“ grundsätzlich aufgehoben, und erst 2009 erfolgte die in ihrer Gesamtheit gegen den Nationalsozialismus ge-
die grundsätzliche Aufhebung von Urteilen, die wegen soge- standen hat. Widerstand war immer die Haltung einer kleinen
nannten Kriegsverrats gesprochen worden waren. Konkret Minderheit, von einzelnen und oft sehr einsamen Menschen.
hieß dies, dass die meisten der Todesurteile, die der „Volksge- Doch je mehr wir von ihnen wissen, desto genauer können wir
richtshof“ gegen die Beteiligten am Umsturzversuch vom 20. immer wieder die stets aktuelle Frage nach den Handlungs-
Juli 1944 gesprochen hatte, bis zum 1. September 1998 noch spielräumen und -möglichkeiten des einzelnen Menschen in
Rechtskraft besaßen. der heutigen demokratischen Gesellschaft stellen.

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80 WIDERSTAND GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS

Literaturhinweise Warnungen vor dem Nationalsozialismus vor 1933

Vogel, Hans-Jochen (Hg.): Frühe Warnungen vor dem Nationalsozialis-


Allgemein
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NS-Regime 1933–1945. Begleitband zur Wanderausstellung des Militär- Widerstand aus der Arbeiterbewegung
geschichtlichen Forschungsamtes, im Auftrag des Militärgeschichtli-
chen Forschungsamtes herausgegeben von Thomas Vogel, 5. völlig über- Carsten, Francis L.: Widerstand gegen Hitler. Die deutschen Arbeiter
arbeitete und erweiterte Auflage, Hamburg/Berlin/Bonn 2000, 615 S. und die Nazis, Frankfurt/Main 1996, 311 S.

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81

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Ringshausen, Gerhard: Widerstand und christlicher Glaube angesichts
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2. Auflage, Paderborn 2010, 439 S.
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Hoffmann, Peter: Widerstand, Staatsstreich, Attentat. Der Kampf der Hamburg 2006, 255 S.
Opposition gegen Hitler, 4., neu überarbeitete und ergänzte Auflage,
Chaussy, Ulrich / Ueberschär, Gerd R.: „Es lebe die Freiheit!“ Die Ge-
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Klemperer, Klemens von: Die verlassenen Verschwörer. Der deutsche Berichten, 2. Auflage, Frankfurt/Main 2013, 533 S.
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Moll, Christiane (Hg.): Gesammelte Briefe. Alexander Schmorell, Chris-
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Lange, Sascha: Meuten, Swings & Edelweißpiraten. Jugendkultur und
Haasis, Hellmut G.: Den Hitler jag' ich in die Luft. Der Attentäter Ge- Opposition im Nationalsozialismus, Bonn 2015, 223 S. (bpb-Schriften-
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Grundlage der Buchausgabe von 1999, Hamburg 2009, 383 S. Schilde, Kurt: Jugendopposition 1933–1945. Ausgewählte Beiträge, Ber-
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82 WIDERSTAND GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS

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Ders. (Hg.): Stille Helden. Judenretter im Dreiländereck während des Kershaw, Ian: Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontro-
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Reichel, Peter / Schmid, Harald / Steinbach, Peter (Hg.): Der Nationalso-
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Bruder, Franziska: Hunderte solcher Helden. Der Aufstand jüdischer Bonn 2009, 496 S. (bpb-Schriftenreihe Band 766)
Gefangener im NS-Vernichtungslager Sobibór. Berichte, Recherchen Scholtyseck, Joachim / Schröder, Stephen (Hg.): Die Überlebenden des
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Kwiet, Konrad / Eschwege, Helmut: Selbstbehauptung und Wider- land (= Schriftenreihe der Forschungsgemeinschaft 20. Juli 1944 e. V.
stand. Deutsche Juden im Kampf um Existenz und Menschenwürde Bd. 6), Münster 2005, 153 S.
1933–1945, 2. Auflage, Hamburg 1986, 384 S. Ueberschär, Gerd R. (Hg.): Der 20. Juli 1944. Bewertung und Rezeption
Löhken, Wilfried / Vathke, Werner (Hg.): Juden im Widerstand. Drei des deutschen Widerstandes gegen das NS-Regime, Köln 1994, 348 S.
Gruppen zwischen Überlebenskampf und politischer Aktion, Berlin Ders. (Hg.): Der deutsche Widerstand gegen Hitler. Wahrnehmung und
1939-1945, Berlin 1993, 208 S. Wertung in Europa und den USA, Darmstadt 2002, 301 S.

Lustiger, Arno: Zum Kampf auf Leben und Tod! Vom Widerstand der
Juden in Europa 1933–1945, Erftstadt 2004, 624 S.
Paucker, Arnold: Deutsche Juden im Widerstand 1933–1945. Tatsachen
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www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/widerstand.html
Widerstand von Sinti und Roma
www.evangelischer-widerstand.de
Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma (Hg.):
www.gdw-berlin.de
Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma. Katalog
zur ständigen Ausstellung im Staatlichen Museum Auschwitz, Heidel- www.gedenkstaette-stille-helden.de
berg 2003, 323 S. www.gedenkstaette-ploetzensee.de
König, Ulrich: Sinti und Roma unter dem Nationalsozialismus. Verfol- www.georg-elser.de
gung und Widerstand, 2. Auflage, Bochum 1989, 210 S.
www.georg-elser-arbeitskreis.de
www.jugend1918-1945.de
Widerstand von Häftlingen
www.kreisau.de
Langbein, Hermann: … nicht wie die Schafe zur Schlachtbank. Wider-
www.weisse-rose-stiftung.de
stand in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern 1938–1945,
1. unveränderter Nachdruck, Frankfurt/Main 2016, 496 S. www.widerstand-1933-1945.de

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83

Der Autor und die Autorin Weiteres zum Thema Nationalsozialismus in den
„schwarzen Heften“:
Prof. Dr. Johannes Tuchel, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Wider-
stand in Berlin, apl. Prof. am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft
der Freien Universität Berlin, z. Zt. Gastprofessor am Touro-College Ber-
lin, Studiengang Master of Arts in Holocaust Communication and To-
lerance.
Julia Albert, M. A., Historikerin, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Ge-
denkstätte Deutscher Widerstand.
Die Verfasser danken ihren Kolleginnen und Kollegen der Gedenkstät-
te Deutscher Widerstand für ihre umfangreiche Unterstützung bei der
Erarbeitung des Textes.

Impressum
Herausgeberin: Text und Fotos sind urheberrechtlich geschützt. Der Text kann in Schu-
Bundeszentrale für politische Bildung/bpb, Adenauerallee 86, 53113 len zu Unterrichtszwecken vergütungsfrei vervielfältigt werden.
Bonn, Fax-Nr.: 02 28/99 515-309, Internetadresse: www.bpb.de/izpb,
Der Umwelt zuliebe werden die Informationen zur politischen Bil-
E-Mail: info@bpb.de
dung auf chlorfrei gebleichtem Papier gedruckt.
Redaktion:
Christine Hesse (verantwortlich/bpb), Jutta Klaeren, Peter Schuller
(Volontär)
Redaktionelle Mitarbeit:
Imke Marie Dralle, Göttingen; Alina Finke, Köln
Titelbild:
Fotos der Widerstandskämpfer Claus Schenk Graf von Stauffenberg (l.)
und Georg Elser in der neuen Dauerausstellung der Gedenkstätte
Deutscher Widerstand am 26. Juni 2014 in Berlin. Diese Ausstellung
wurde nach einer grundlegenden Neugestaltung am 1. Juli 2014 feier- Anforderungen
lich wiedereröffnet. Foto: Jörg Carstensen / dpa
Umschlag-Rückseite: bitte schriftlich an
Leitwerk, Köln Publikationsversand der Bundeszentrale für
politische Bildung/bpb, Postfach 501055, 18155 Rostock
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Erscheinungsweise: tische Bildung/bpb erhalten Sie unter der o. g. bpb-Adresse.
vierteljährlich
ISSN 0046-9408. Auflage dieser Ausgabe: 500 000 Für telefonische Auskünfte (bitte keine Bestellungen) steht das Info-
Redaktionsschluss dieser Ausgabe: telefon der bpb unter Tel.: 02 28/99 515-0 Montag bis Freitag zwischen
Juli 2016 9.00 Uhr und 18.00 Uhr zur Verfügung.

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