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Klaus-Dieter Altmeppen · Thomas Hanitzsch Carsten Schlüter (Hrsg.)

Journalismustheorie: Next Generation

Klaus-Dieter Altmeppen Thomas Hanitzsch Carsten Schlüter (Hrsg.)

Journalismustheorie:

Next Generation

Soziologische Grundlegung und theoretische Innovation

Carsten Schlüter (Hrsg.) Journalismustheorie: Next Generation Soziologische Grundlegung und theoretische Innovation

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1. Auflage Mai 2007

Alle Rechte vorbehalten © VS Verlag für Sozialwissenschaften | GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2007

Lektorat: Barbara Emig-Roller

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Umschlaggestaltung: KünkelLopka Medienentwicklung, Heidelberg Druck und buchbinderische Verarbeitung: Krips b.v., Meppel Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier Printed in the Netherlands

ISBN 978-3-531-14213-5

Inhalt

Thomas Hanitzsch, Klaus-Dieter Altmeppen & Carsten Schlüter Zur Einführung:

Die Journalismustheorie und das Treffen der Generationen

7

HANDELN

 

Hartmut Esser Der Handlungsbegriff in der modernen Soziologie

27

Carsten Reinemann Subjektiv rationale Akteure: Das Potenzial handlungstheoretischer Erklärungen für die Journalismusforschung

47

RATIONALITÄT

Michael Jäckel

 

dass

man nichts zu wählen hat“:

Die Kontroverse um den Homo Oeconomicus

71

Susanne Fengler & Stephan Ruß-Mohl Ökonomik als neue Perspektive für die Kommunikationswissenschaft

97

AKTEURKONSTELLATIONEN

Uwe Schimank Handeln in Konstellationen: Die reflexive Konstitution von handelndem Zusammenwirken und sozialen Strukturen Christoph Neuberger Beobachten, Beeinflussen und Verhandeln via Öffentlichkeit:

121

Journalismus und gesellschaftliche Strukturdynamik

139

MILIEUS UND LEBENSSTILE

Stefan Hradil Soziale Milieus und Lebensstile: Ein Angebot zur Erklärung von Medienarbeit und Medienwirkung

165

Johannes Raabe Journalismus als kulturelle Praxis: Zum Nutzen von Milieu- und Lebensstilkonzepten in der Journalismusforschung

189

6

Inhalt

KAPITAL-FELD-HABITUS

Herbert Willems Elemente einer Journalismustheorie nach Bourdieu

215

Thomas Hanitzsch Die Struktur des journalistischen Felds

239

ORGANISATION

Michael Bruch & Klaus Türk Das Organisationsdispositiv moderner Gesellschaft

263

Klaus-Dieter Altmeppen Das Organisationsdispositiv des Journalismus

281

INTERAKTION

Robert Hettlage Alle Rahmen krachen in den Fugen: Erkenntnistheoretische und soziologische Perspektiven bei Erving Goffman Carsten Schlüter Rollen und Rahmen der Interaktionsordnung:

305

Journalismus aus der Perspektive seiner Interaktionen

327

NETZWERKE

Arnold Windeler Interorganisationale Netzwerke: Soziologische Perspektiven und Theorieansätze

347

Thorsten Quandt Netzwerkansätze: Potenziale für die Journalismusforschung

371

MACHT

Peter Imbusch Macht: Dimensionen und Perspektiven eines Phänomens

395

Klaus-Dieter Altmeppen Journalismus und Macht: Ein Systematisierungs- und Analyseentwurf

421

Autorinnen und Autoren

449

Zur Einführung: Die Journalismustheorie und das Treffen der Generationen

Thomas Hanitzsch, Klaus-Dieter Altmeppen & Carsten Schlüter

Zugegeben, der Titel dieses Bandes ist recht erklärungsbedürftig. Beginnen könnte man vielleicht mit dem Hinweis auf die besondere Affinität vieler Kommunikations- und Medienwissenschaftler zu dem Science-Fiction-Genre. Eine Befragung dieser sehr spezifischen Bevölkerungsgruppe jedenfalls käme vermutlich zu dem Ergebnis, dass sich ein durchaus beachtliches Fachwissen versammelt hat über Jules Vernes physikalisch-unkorrekte, fantastische Aben- teuer, Isaac Asimovs Roboter-Geschichten und das tumultige Zukunftsuniver- sum von Star Wars. Insbesondere die Welt von Raumschiff Enterprise und Star Trek hat seit Mitte der 1960er Jahre bereits ganze zwei Generationen von Kommunikations- und Medienwissenschaftlern geprägt. Dabei hatte man beim guten alten Raumschiff Enterprise noch den Eindruck, eine Handvoll bester Kumpels – unter der Ägide des hemdsärmeligen Captains James Tiberius Kirk – bei ihrer abenteuerlichen Entdeckungreise durch die „unendlichen Weiten“ des Weltalls zu beobachten. Mit der Nächsten Generation – und einem ziemlich schütteren und weise dreinblickenden Captain Jean-Luc Picard, der im wirkli- chen Leben übrigens Reporter werden wollte – hielten Ernsthaftigkeit und Disziplin Einzug ins Star-Trek-Universum. Gleichzeitig wurde das Weltall komplexer: Während sich Captain Kirk noch einen überschaubaren Kampf mit den barbarischen Kriegern der Klingonen lieferte, ist die Nächste Generation mit einer ungleich größeren Zahl von Akteuren konfrontiert. Die „nächste Generation“ der Journalismusforscher steht, zumindest im deutschsprachigen Raum, prinzipiell ähnlichen Problemen gegenüber. Die Bandbreite der Theorieangebote ist kaum noch zu überschauen, die wichtigsten unter ihnen sind in dem mittlerweile in der zweiten Ausgabe vorliegenden Band „Theorien des Journalismus“ (vgl. Löffelholz 2004b) dokumentiert. Bis in die 1980er Jahre hinein verliefen die Frontlinien der Journalismustheorie zwischen einer „Begabungsideologie“ und dem Professionalisierungsansatz sowie zwischen normativen und empirisch-analytischen Perspektiven. Die

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Abkehr vom methodologischen Individualismus hin zu gesellschaftstheoreti- schen Zugriffen erfolgte zu Beginn der 1990er Jahre (vgl. Merten, Schmidt und Weischenberg 1994). Auch diese „neue“ Generation an Journalismustheorien kam nicht aus den Tiefen des Weltalls, sondern entwickelte frühere Modelle und Theorien weiter, indem sie die systemtheoretische Grundlegung von Rühl (1979; 1980) mit der konstruktivistischen Erkenntnistheorie verband. Die zwei- te Generation der systemtheoretischen Journalismusforschung artikulierte sich gegen normative Zugriffe (vgl. Kohring 2004: 199), ihr folgten später die Cul- tural Studies, die sich wiederum an der Systemtheorie abarbeiteten (vgl. Klaus & Lünenborg 2000). Dazwischen positionieren sich seit einigen Jahren Arbei- ten von Journalismusforschern, die – sozusagen im interstellaren Raum – nach verbindenden Theorielinien suchen (vgl. u.a. Altmeppen 2006; Neuberger 2000; Quandt 2005; Raabe 2005), mit weiter reichenden Folgen: Die Abgren- zungsbemühungen sind mittlerweile einem Theorieintegrationsbedürfnis gewi- chen, das den Mainstream der Journalismusforschung hierzulande kennzeich- net. Damit ist das Ringen um die Deutungshoheit freilich nicht beendet, und es sollte angesichts erforderlicher begrifflicher Schärfe in der Sache auch gar nicht beendet werden. An diesem Punkt setzt dieser Band ein, und so wollen wir auch den Titel verstanden wissen: Die nächste Generation hat keineswegs vor, mit der „alten“ zu brechen – so wie es ohne Captain Kirk auch keine „Next Generation“ gegeben hätte. Anstatt aber die offen liegenden Fäden eingefahre- ner Theorien aufzunehmen, liegt das Neue dieses Bandes schlicht darin, sich der Journalismusforschung über handverlesene Begriffe zu nähern. Dazu wur- den Konzepte gewählt, die nicht oder noch nicht vollends in die Journalismus- forschung Eingang gefunden haben (wie Feld, Habitus, Milieu), oder Begriffe, die verschüttet waren (wie Macht, Organisation, Handeln). Die meisten Journa- lismusforscher, die in diesem Band zu Wort kommen, knüpfen daher an beste- hende Theoriefäden an und verweben sie mit neuem bzw. wiederentdecktem Ideengut. So ist die „nächste“ Generation ein Stück weit auch die alte. Damit handelt es sich bei den Beiträgen dieses Bandes vielmehr um ein „Treffen der Generationen“ – um eine weitere Star-Trek-Metapher zu zitieren. Nicht zuletzt ist der Titel dieses Bandes – „Journalismustheorie: Next Generation“ – auch ein leuchtendes Beispiel dafür, was passiert, wenn man einen Arbeitstitel defi- niert, den man schließlich nicht mehr los wird, trotz redlicher Bemühungen um alternative, wissenschaftlich möglicherweise angemessenere Formulierungen.

Zur Einführung

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1 Die Beiträge dieses Bandes im Spiegel zentraler Theorieverständnisse in der Journalismusforschung

Was die Beiträge in diesem Band sicher nicht auszeichnet sind einheitliche Theorieverständnisse. Das war mit dem gewählten Zugriff über Konzepte aber auch gar nicht so beabsichtigt. Die neuen oder verstaubten sozialwissenschaft- lichen Begriffe (oder Konzepte), die der Gliederung des Bandes zugrunde lie- gen, stehen quer zu etablierten Ansätzen wie der Systemtheorie oder den Cul- tural Studies, für die eine breite Literaturbasis zur Verfügung steht. Quer ste- hen die Konzepte, weil sich nahezu alle Theorien mit diesen Denkfiguren mehr oder weniger abmühen müssen. So sind Handeln, soziales Feld oder Macht zentrale Kategorien jeder theoretischen Annäherung an Journalismus. Auf diesem Wege haben die vorhandenen Theorien des Journalismus den vorlie- genden Band maßgeblich beeinflusst. Insbesondere die „gefühlte Dominanz“ des systemtheoretischen Denkens ist in der deutschsprachigen Journalismus- forschung sehr stark, deshalb kamen die Autoren in diesem Buch nicht umhin, ihre Argumentationen durch systemtheoretische Anleihen zu stützen und zu schärfen bzw. sich an ihnen abzuarbeiten und von ihnen abzugrenzen. Ohne Zweifel hat sich das Denken in Systemen in unserem Fach seit den 1990er Jahren als ungemein fruchtbar erwiesen. Mit dem einheitlichen Begriffs- inventar der Systemtheorie ist es gelungen, den Forschungsgegenstand Journa- lismus schärfer zu definieren und seine Strukturen gedanklich zu sortieren (vgl. Görke & Kohring 1996; Kohring 2004: 199). Dennoch ist die empirische Um- setzung (siehe Scholl & Weischenberg 1998) nicht zufriedenstellend und vor allem nicht ohne theoretische Brüche gelungen (vgl. Löffelholz 2004a: 52). Vielleicht war das auch der Grund, weshalb Weischenberg, Malik und Scholl (2006) bei der Darstellung der Befunde aus ihrer zweiten Münsteraner Journa- listenbefragung auf eine Theorieklammer weitgehend verzichtet haben. Dar- über hinaus ist sicherlich die systemtheoretische Binarisierung von forschungs- leitenden Konzepten (z.B. autonom vs. nicht autonom, geschlossen vs. offen) nicht unbedingt gerade hilfreich für die empirische Forschung. Darin liegt in der Tat ein grundsätzliches Operationalisierungsproblem der Luhmannschen Systemtheorie. Häufig wirkt auch die Übersetzung traditioneller Konzepte der Journalis- musforschung (z.B. berufliches Rollenverständnis, Berufszufriedenheit) in das begriffliche Arsenal der Systemtheorie nicht gerade zwingend. Nicht immer wird klar, welchen Mehrwert das Denken in Systemen für die empirische Ana- lyse tatsächlich bietet. Insbesondere die international vergleichende Journalis-

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musforschung kommt auch ohne Systemtheorie zu vergleichbaren empirischen Ergebnissen (vgl. Lünenborg 2000: 405). Zudem geben einige der systemtheo- retischen Postulate schlichtweg Anlass für Zweifel: So orientiert sich Journa- lismus – bei allen beobachtbaren Konvergenzerscheinungen – noch immer stark an territorialen Grenzen, d.h. nationalen und sprachlichen Räumen (vgl. Esser 2004: 154; Scholl & Weischenberg 1998: 207). Der kontinentaleuropäi- sche und angelsächsische Journalismus sind in vielerlei Hinsicht (z.B. mit Blick auf redaktionelle Strukturen) noch immer zwei verschiedene „professionelle Welten“ (Donsbach 1995: 25). Zudem orientiert sich die Unterscheidung zwi- schen Selbst- und Fremdreferenz aus der Perspektive der Journalisten nicht an den Sinngrenzen eines Journalismussystems, sondern vielmehr an redaktionel- len Grenzen der organisationalen Mitgliedschaft (vgl. Hanitzsch 2004: 189; Scholl & Weischenberg 1998 109ff.). Probleme hat die Systemtheorie darüber hinaus mit Prozessen der Heteropoietisierung, Fremdsteuerung und Entdiffe- renzierung im Journalismus (vgl. Weber 2000b: 9). Ziemliches Unbehagen hat nicht zuletzt die systemtheoretische Ausblendung der handelnden Akteure als „Rauschen“ (Scholl 2001: 389) provoziert. Ungeachtet einiger Versuche (vgl. Görke & Scholl 2006; Luhmann 2000; Scholl 1996), die Systemtheorie in der US-amerikanisch dominierten internati- onalen Forschungsliteratur zu etablieren, ist der Ansatz außerhalb des deutsch- und italienischsprachigen Raumes mehrheitlich auf ein kritisches Echo gesto- ßen und hat oft genug spontane Ablehnung provoziert. Luhmann (1990a: 255) selbst hat dies in deutlichen Worten beklagt: „Germans who accept systems theory as their research program meet astonished looks if they dare to enter the United States – as if they were not quite au courant with present sociology.“ Ein großer Teil dieses geradezu instinktiven Abwehrreflexes mag damit zu tun haben, dass viele angelsächsische Wissenschaftler die Wende vom Struktur- funktionalismus zum funktional-strukturellen Ansatz nicht mitvollzogen bzw. nicht wahrgenommen haben. Funktionalistische Ansätze und das Denken in Systemen werden dort noch immer hauptsächlich mit den Arbeiten Talcott Parsons und Alfred Radcliffe-Browns assoziiert. So wird eine multiperspektivische und theorieorientierte Debatte über die Leistungen und Strukturen des Journalismus derzeit vor allem im deutschen Sprachraum geführt (vgl. Löffelholz 2004a: 19). Die Suche nach einer Grande Théorie des Journalismus scheint aber ohnehin eher typisch für den kontinental- europäischen Raum zu sein, und hier insbesondere für Deutschland und Frankreich. Im angelsächsischen Kontext arbeiten Forscher vorzugsweise mit

Zur Einführung

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so genannten Theorien mittlerer Reichweise sowie der Grounded Theory, d.h. einer auf Basis empirischer Arbeiten konstruierten Theorie. Daher verwundert es nicht, dass Mehrebenenmodelle in der internationalen Forschungsliteratur zurzeit Konjunktur haben. Als einflussreich hat sich dabei insbesondere der Ansatz von Shoemaker und Reese (1996: 64; vgl. auch Reese 2001: 178ff.) erwiesen, der von einer „Hierarchie der Einflüsse“ ausgeht. Dem- nach wird die journalistische Berichterstattung durch insgesamt fünf sphärisch angeordnete Ebenen beeinflusst: die Individuen, Medienroutinen, Organisatio- nen, außermediale Faktoren sowie die ideologische Ebene. Das 1991 in der ersten Ausgabe erschienene Buch von Shoemaker und Reese wurde nur acht Jahre später bereits als „Klassiker“ geadelt (vgl. Poindexter & Folkerts 1999:

629), und nach einer internationalen Kozitationsanalyse von Chang und Tai (2005: 681) zählt es zu den acht meistzitierten Werken im Feld der Journalis- musforschung. Auch wenn Mehrebenenmodelle im engeren Sinne keine Theorien sind, scheinen sie sich aufgrund ihrer ordnenden Funktion und ihres heuristischen Potenzials zunehmender Beliebtheit zu erfreuen – vielleicht auch, weil sie auf einem relativ niedrigen Komplexitätsniveau operieren. Auch im deutschspra- chigen Diskurs sind sie durchaus an prominenter Stelle vertreten, etwa in Donsbachs (2000: 80) Sphärenmodell, das in Subjektsphäre, Professions- Sphäre (Berufsstand), Institutions-Sphäre (Medienorganisationen) und Gesell- schafts-Sphäre unterscheidet. In ähnlicher Weise differenziert Weischenbergs (1995: 69ff.) bekanntes „Zwiebelmodell“ in die Ebenen der Mediensysteme (Normenkontext), Medieninstitutionen (Strukturkontext), Medienaussagen (Funktionskontext) und Medienakteure (Rollenkontext). Solange die allumfassende integrative Journalismustheorie noch nicht in Sicht ist (und zudem zweifelhaft bleibt, dass eine solche Theorie möglich und wünschenswert ist), empfehlen sich Mehrebenenmodelle als heuristische Denk- figur zur Strukturierung der Analysedimensionen. Wird die Mehrebenenstruk- tur der Analyseobjekte bzw. -subjekte empirisch konsequent zuende gedacht, dann lässt sich auch in methodischer Hinsicht Kapital daraus schlagen. Dies gilt insbesondere für die kulturvergleichende Journalismusforschung, die sich in aller Regel mit Journalisten (Ebene der Individuen), redaktionellen Strukturen (Ebene der Organisationen) und Nationen (Ebene der Systeme) beschäftigt. Bleibt diese Mehrebenenstruktur („nested design“: Journalisten in Organisatio- nen, Organisationen in Nationen) bei der Analyse unberücksichtigt, werden nicht nur heuristische Potenziale verschenkt. Ein solches Vorgehen – realisiert z.B. über Anwendungen der linearen oder logistischen Regression – kann sogar

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zu gravierenden Schätzungsfehlern führen (vgl. Ditton 1998; Southwell 2005). Die Mehrebenenanalyse („multilevel modeling“) könnte der Journalismusfor- schung hier – ähnlich wie in anderen sozialwissenschaftlichen Teildisziplinen (vgl. Bryk & Raudenbush 1992; Kreft & Leeuw 1998; Langer 2004) – zu einem Durchbruch verhelfen. Denn sie leistet nicht nur wertvolle Dienste bei der Integration von Mikro-, Meso- und Makro-Ebene, sondern bildet vor allem eine „quasi-natürliche“ Brücke zwischen Theorie und Empirie. In der Kom- munikations- und Medienwissenschaft muss das Potenzial der Mehrebenenana- lyse freilich erst noch ausgelotet werden. Erste Anstrengungen hierfür wurden bereits unternommen (vgl. Pan & McLeod 1991 und ein Themenheft von Human Communication Research 4/2006). Im deutschsprachigen Raum haben sich die Theorieanstrengungen in den vergangenen zehn Jahren auf die Suche nach dem „Mikro-Makro-Link“ kon- zentriert. Dabei wurden verschiedene Wege beschritten:

Schimanks (1988) Idee, wonach gesellschaftliche Systeme den beteiligten Akteuren als handlungsleitende Fiktion erscheinen, welche die zur Wahl stehenden Handlungsmöglichkeiten vorkonditioniert, wurde bereits sehr früh von Gerhards (1994: 81) aufgegriffen. Demnach wählen Akteure in- nerhalb der durch Systeme aufgespannten „constraints“ diejenigen Hand- lungen, die ihre Ziele mit dem geringsten Aufwand erreichbar machen. In ihrer weiterentwickelten Form wurden Schimanks (2000) „Akteur- Struktur-Dynamiken“ zur Grundlage eines Theorieentwurfs von Neuber- ger (2000 und in diesem Band). Giddens’ (1995: 34) Strukturationstheorie mit ihrem zentralen Element der „Dualität von Struktur“, d.h. der rekursiven Hervorbringung von Handeln und Strukturen, berührt den Kern der Mikro-Makro-Integration. Sie er- freut sich auch in der Journalismusforschung steigender Beliebtheit, u.a. in den Arbeiten von Altmeppen (2000, 2006 und in diesem Band), Quandt (2000, 2002) und Wyss (2002, 2004). Stärker am systemtheoretischen Denken entlang argumentiert Weber (2000a, b), der sich einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn durch die Ergän- zung einer non-dualistischen und distinktionstheoretischen Perspektive verspricht. Damit sollen binäre Unterscheidungen der Systemtheorie durch ihre Gradualisierung überwunden und eine Modellierung empirisch beob- achtbarer Systemzustände ermöglicht werden. Quandt (2005) hat auf der Basis eines netzwerktheoretischen Ansatzes journalistisches Handeln in Online-Redaktionen beobachtet. Er konnte

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dabei zeigen, wie bestimmte Kombinationen von Handlungselementen bzw. Handlungsmuster zu Netzwerken tradiert werden. Den Journalisten als „Homo oeconomicus“ haben auf Basis der Ökono- mik bzw. der Rational-Choice-Theorie Fengler und Ruß-Mohl (2005) so- wie Reinemann (2005) in den Blick genommen. Dabei wird deutlich, dass Journalisten bei ihrer Tätigkeit auch und vor allem auf ihren Vorteil be- dacht sind. Die Arbeiten Bourdieus inspirieren auch im deutschsprachigen Raum mittlerweile eine wachsende Zahl von Journalismusforschern. Insbesonde- re die zentralen Begriffe „Feld“ und „Habitus“ sind breit rezipiert worden. Niederschlag fanden sie u.a. in den Arbeiten von Hanitzsch (2004 und in diesem Band), Raabe (2003, 2004, 2005) und Schäfer (2004).

Keiner der genannten Ansätze hat sich bislang auf breiter Front durchgesetzt. Der „große Durchbruch“ ist der Journalismustheorie insgesamt nicht gelungen, und der „cultural turn“ der Journalismusforschung vollzieht sich nur sehr schleppend – vielleicht auch deshalb, weil die Cultural Studies nur wenig Inte- resse für Prozesse der Inhaltsproduktion und non-fiktionale Medieninhalte zeigen, wie Lünenborg (2005: 102) selbstkritisch bemerkt. Dennoch scheint eine graduelle Aufwertung des Kulturbegriffs stattzufinden, wovon u.a. die Beschäftigung mit journalistischen bzw. professionellen Kulturen profitiert (vgl. Donsbach 1995; Donsbach & Patterson 2003; Esser 2004; Hanitzsch 2007; Kopper 2003; Machill 1997). Darüber hinaus erfordert der rasante Auf- schwung der komparativen Journalismusforschung – quasi „naturgemäß“ – eine Auseinandersetzung mit dem Kulturbegriff. Eine Untersuchung, die ge- zielt in diese Lücke stößt, ist das multinationale „Worlds of Journalisms“- Projekt. 1

2 Die Grundideen dieses Bandes

Sowohl in inhaltlicher Hinsicht als auch im Hinblick auf sein Zustandekommen ist der vorliegende Band zuallererst als Experiment zu verstehen. Seine Mission besteht darin, bislang unzureichend berücksichtigte sozialwissenschaftliche Begriffe und Konzepte in die aktuelle Diskussion (wieder) einzubringen und deren Innovationspotenzial für die Journalismustheorie aufzuzeigen. Die Aus- wahl der Beiträge folgte einem iterativen Verfahren, bei dem aus einer viel

1 Vgl. http://www.worldsofjournalisms.org.

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größeren Zahl an möglichen Begriffen diejenigen gewählt wurden, die von gleichzeitig zentraler Relevanz und unterdurchschnittlicher Repräsentanz in der Journalismusforschung waren. Nicht unerwähnt bleiben sollte, dass wie bei allen bewussten Auswahlverfahren auch bei diesem die Interessen der Heraus- geber eine Rolle gespielt haben. Dieses inhaltliche Experiment wurde zudem mit einem didaktischen Expe- riment gekoppelt, denn: Die Annäherung an die ausgewählten Konzepte – Handeln, Akteurkonstellationen, Rationalität, Milieus und Lebensstile, Kapital- Feld-Habitus, Organisation, Interaktion, Netzwerke und Macht – findet auf der Basis von jeweils zwei arbeitsteilig angelegten Beiträgen statt. Im ersten Schritt führen herausragende Vertreter der Soziologie in die maßgeblichen theoreti- schen Grundlagen der Begriffe ein. Im zweiten Schritt nehmen die Journalis- musforscher diese Beiträge auf und beziehen sie auf den Gegenstand Journa- lismus. Die inhaltliche Verschränkung der jeweiligen Doppelkapitel ist dabei recht unterschiedlich ausgefallen. Während manche Autoren der Grundlagenbeiträge ihre Aufgabe ausschließlich in der Vermittlung von Basiswissen verstanden, haben sich die Verfasser anderer Grundlagenaufsätze stärker auf den Journa- lismus eingelassen. Und auch in die andere Richtung sind unterschiedlich starke Wechselwirkungen zwischen soziologischen Grundlagen und dem journalis- mustheoretischen Bezug erkennbar. Derartige Eigensinnlichkeiten sind die Inspirationsquellen von Autoren, die wir dadurch zu mindern suchten, dass jeder Soziologe vor der Beitragsproduktion einen Fragen- bzw. Thesenkatalog von seinem Journalismus-Pendant erhielt. Jeder der neun in diesem Buch behandelten Ansätze bildet einen eigenstän- digen „wissenschaftlichen Theoriescheinwerfer“ ganz im Sinne von Karl Pop- per. Gäbe es diesen Schweinwerfer nicht, so argumentiert Schimank (1995:

73f.), dann wäre alles gleichermaßen dunkel. Immerhin, ein geübter Beobachter könnte seine Augen allmählich und ein wenig an das Dunkel gewöhnen und so doch überall etwas erahnen, aber:

Der gleißende Scheinwerferkegel hingegen begrenzt den Blick rigoros. Was im Licht liegt, ist um so deutlicher zu sehen, während das, was sich außerhalb be- findet, dafür buchstäblich ausgeblendet wird. Auf wissenschaftliche Theorien bezogen: Wer die Welt gemäß einer Theorie betrachtet, tauscht damit eine theo- rielose Nacht, in der alle Katzen grau – aber eben nicht völlig unsichtbar – sind, gegen einen Zustand ein, in dem viele Katzen gänzlich unsichtbar, einige dafür aber sehr genau zu erkennen sind.

Mit anderen Worten: Je genauer eine Theorie auf einen bestimmten Aspekt fokussiert, um so blinder ist sie für den „Rest“. Schimank fordert daher einen

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„Theorie-Cocktail“, denn die Kombination von mehreren Theoriescheinwer- fern könnte einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn versprechen. Allerdings bleiben alle Theoriescheinwerfer dieses Bandes auf ein eher „tra- ditionelles“ Verständnis von Journalismus begrenzt. Journalismus wird in die- sem Band einerseits als gesellschaftliche Institution verstanden, die spezifische Leistungen erbringt, die wiederum von der Gesellschaft eingefordert werden (können). Andererseits wird Journalismus als Prozess gedacht, der sich in pro- fessionellen und organisationalen Zusammenhängen vollzieht. Auch wenn Journalismus ohne Zweifel „an den Rändern immer mehr ausfranst“ (Wei- schenberg 1998: 11), so erscheint uns eine immer größere Inklusivität des Journalismusbegriffs wenig zielführend. Weblogs (die gerne auch als „Fortset- zung des Logbuchs auf der Raumschiff Enterprise mit netzspezifischen Mitteln“ beschrieben werden; Krempl 2004), „Bürgerjournalismus“ („citizen journa- lism“) sowie Formen des „partizipativen Journalismus“ und Laienjournalismus mögen durchaus in das Feld der öffentlichen Kommunikation fallen. Aber die Theorie tut gut daran, Grenzen zwischen Journalismus und anderen kommuni- kativen Betätigungsfeldern zu ziehen. Dies macht auch normativ und demokra- tietheoretisch Sinn: Wenn „jeder ein Journalist“ und „Journalismus überall“ ist (Hartley 2000: 45), dann ist es nicht legitim, an bestimmte Personen (Journalis- ten) und bestimmte Institutionen (Journalismus) spezifische Leistungserwar- tungen heranzutragen bzw. ein Ausbleiben dieser Leistungen zu kritisieren. Journalistische Fehlleistungen wären dann eine Kollektivschuld. Allerdings sind die ausgewählten Begriffe bzw. Konzepte auf einer abstrakten Ebene angesie- delt, sodass prinzipiell auch ausdifferenzierte oder entgrenzte Formen des Journalismus (z.B. Unterhaltungs- und Online-Journalismus) damit analysiert werden können.

3 Die Beiträge dieses Bandes

Der vorliegende Band ist in insgesamt neun Abschnitte gegliedert, die jeweils zwei aufeinander bezogene Beiträge enthalten. Im ersten Abschnitt „Handeln“ macht Hartmut Esser deutlich, dass die Erklärung gesellschaftlicher Vorgänge immer drei Schritte erfordere: die Untersuchung der „Logik der Situation“, die Erklärung des Handelns angesichts dieser Umstände über eine „Logik der Selektion“ dieses Handelns, und die Ableitung der durch das Handeln erzeug- ten gesellschaftlichen Folgen über eine „Logik der Aggregation“. Auf dieser Basis entwickelt Carsten Reinemann ein strukturell-individualistisches Erklä- rungsmodell, das sein heuristisches Potenzial auf drei aufeinander aufbauenden

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Ebenen entfaltet: der Rekonstruktion subjektiver Situationsdefinitionen, der Konstruktion der dazu notwendigen Brückenannahmen sowie der Bestimmung von Aggregationsregeln und der damit verbundene Modellierung dynamischer Prozesse. Reinemann veranschaulicht dies am Beispiel von Boulevardisie- rungstendenzen in der Berichterstattung. Das Konzept der „Rationalität“ steht im Blickpunkt des zweiten Ab- schnitts. Michael Jäckel ist sich in seinem Grundlagenbeitrag mit Esser darüber einig, dass die Logik der Situation auch im Hinblick auf den Homo Oeconomi- cus mitgedacht werden muss. Ein situationsabhängiges Entscheidungsmodell müsse die Definition und Wahrnehmung der Situation und die Beurteilung der Folgekosten berücksichtigen. Vor allem aber gebe es keinen Grund, die öko- nomische Erklärung auf den engen Bereich des Wirtschaftslebens zu beschrän- ken. Hier setzen Susanne Fengler und Stephan Russ-Mohl an, die angesichts der systemtheoretischen Dominanz der Journalismusforschung fordern: „Bringing the journalists back in“. Da sich selbst in straff organisierten, „durchökonomi- sierten“ Medienkonzernen für Journalisten immer wieder Freiheitsgrade für professionelles Handeln ergeben, ist für sie die zentrale Frage, wie diese Spiel- räume (aus)genutzt werden. Im dritten Abschnitt, „Akteurkonstellationen“, erläutert Uwe Schimank seine als „Akteur-Struktur-Dynamiken“ bekannt gewordene akteurtheoretisch fun- dierte Theorieperspektive, die an differenzierungstheoretischen Arbeiten an- schließt und auf diese Weise eine Brücke zur Luhmannschen Systemtheorie baut. Die von Schimank dargestellten drei Typen von Akteurkonstellationen – Beobachtungs-, Beeinflussungs- und Verhandlungskonstellationen – werden von Christoph Neuberger aufgegriffen und in den Kontext von Journalismus gestellt. Für Neuberger stehen Konstellationsstrukturen vor allem aufgrund ihrer gesellschaftlichen Relevanz im Zentrum der Betrachtung, da durch das Journalismus-vermittelte öffentliche Beobachten, Beeinflussen und Verhandeln gesellschaftliche Strukturdynamiken ausgelöst werden. Um die „subjektive“ Seite der Gesellschaft geht es auch bei der Diskussion der Konzepte „Milieu“ und „Lebensstil“, die im Zentrum des vierten Ab- schnitts stehen. Für Stefan Hradil ist die Perspektive der Milieu- und Lebensstil- forschung in einer pluralisierten und sich wandelnden Gesellschaft unerlässlich geworden, da Selbstdefinitionen, Zurechnungen und Verhaltensweisen der Menschen nicht mehr allein von verfügbaren Ressourcen, sondern auch von deren Verwendungsweise geprägt sind. In diesen Kontext ist Johannes Raabes Plädoyer für eine praxis- und kulturtheoretische Erweiterung der Journalismus- forschung zu verorten. Nach Auffassung von Raabe bildet ein journalistisches

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Milieu nicht nur das soziale Umfeld journalistischer Handlungs- und Kommu- nikationspraxis, sondern auch das „Medium“, in dem sich diese Praxis ereignet und ereignen kann, indem spezifische Sinnstrukturen im Denken, Wahrneh- men, Deuten und Handeln der Akteure aktualisiert werden und dabei struktu- rierend, sinnstiftend und so handlungsanleitend auf die Praxis zurückwirken. Die Arbeiten Pierre Bourdieus sind dabei zentral für diesen wie auch den fünften Abschnitt des vorliegenden Bandes, in dem sich zwei Autoren der Begriffstriade von „Kapital“, „Feld“ und „Habitus“ widmen. Herbert Willems beschreibt in seinem Grundlagenbeitrag eine ambivalente Kultur- und Wirk- lichkeitsbedeutung journalistischer Medienerzeugnisse. Denn einerseits sind sie vermittelte Reproduktionen von habituellen Sinnstrukturen des Publikums, und andererseits stellen sie feldbestimmte Inszenierungen dar, die einen eige- nen Sinn und eine eigene Wirklichkeit „haben“ und dadurch einen eigenen Sinn und eine eigene Wirklichkeit hervorbringen. Für die empirische Analyse von Journalismus gilt jedoch, so das Fazit von Thomas Hanitzsch, dass sich Fel- der nicht unmittelbar beobachten lassen. Daher kommt die Beobachtung von Journalismus an den objektiven Feldpositionen sowie den zwischen ihnen herrschenden Relationen nicht vorbei. Damit fällt den journalistischen Akteu- ren, die diese Feldpositionen besetzen, eine zentrale Rolle bei der Analyse zu. Journalismus wird demnach quasi „durch die Augen der Akteure“ beobachtet. Die Augen der Akteure sind allerdings „getrübt“ durch den organisationa- len Blick. Organisation ist nach Michael Bruch und Klaus Türk eines der zentralen Strukturprinzipien von Gesellschaft, da sie alle gesellschaftlichen Kooperati- onsverhältnisse reguliert. Von Organisation als gesellschaftlichem Regulie- rungsprinzip unterscheiden sie die Einzelorganisationen. Eine solche ist der Journalismus, der, so Klaus-Dieter Altmeppen, von der Journalismusforschung in der Regel auch als Einzelorganisation untersucht wird. Allerdings ist die Struk- tur des Journalismus weder per se gegeben, noch wird sie schlicht angeordnet. Sie entwickelt und verändert sich rekursiv durch die Dualität von Handeln und Struktur, und zwar sowohl die Organisation selbst wie auch das Redaktions- management. Die sozial konstituierten Ordnungsmuster des Journalismus sind insoweit ein Spiegelbild der Gesellschaft, wie sie deren Struktur reproduzieren. Sie sind dagegen nur soweit journalismustypisch, wie journalistische Organisa- tionen zum Beispiel auch strukturell erkennen lassen, dass in besonderem Ma- ße Wert gelegt wird auf publizistische Qualitätsansprüche. Mit Robert Hettlages Erörterung des symbolischen Interaktionismus knüpft der siebente Abschnitt zunächst an den individuellen Blick des Akteurs an. Aber auch dieser Blick benötigt eine „gesellschaftliche Sehhilfe“, einen Rah-

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Thomas Hanitzsch, Klaus-Dieter Altmeppen & Carsten Schlüter

men, der dafür sorgt, dass nicht jede Situation neu definiert werden muss. Wis- sensvorrat und gemeinsame Deutungsmuster sorgen für eine soziale Ordnung, in der viele Handlungen mechanisch ablaufen, also nicht hinterfragt werden (müssen). Auf diese Rollen – als eines der hervorstechenden Organisations- muster – rekurriert Carsten Schlüter in seinem Beitrag. Rollen, insbesondere ihr Kern, diffundieren von der Organisation in die Interaktion und vice versa, werden bei diesem interaktiven Vorgang aber verändert, weil sie an Rollener- wartungen und situative Erfordernisse angepasst werden. Daher muss zwi- schen typischen Rollen, den normativen Aspekten der Rolle und dem tatsächli- chen Rollenverhalten unterschieden werden. Eine besondere Form der Interaktion und des Handelns sind Netzwerke. Arnold Windeler stellt zwei bedeutsame Netzwerkansätze vor: den Strukturan- satz, der die Strukturen der Beziehungsgeflechte untersucht, und den Gover- nance-Ansatz, der sich mit der Regelung von Koordinationen zwischen Netz- werkteilnehmern befasst. Der Beitrag von Thorsten Quandt setzt an diesen Grundlagen an und kommt zu einer Matrix mit verschiedenen Netzwerktypen auf der Makro-, Meso-, Mikro- und der Nanoebene. Auf dieser Basis macht er sich auf die Suche nach Netzwerkansätzen in der Journalismusforschung. Fün- dig wird er bei den Unternehmensnetzwerken, die insbesondere in Form von Verflechtungen den Journalismus beeinflussen. Darüber hinaus legen journa- lismusbezogene Weblogs und Diskussionsforen eine Netzwerkanalyse nahe. Aber auch unterhalb dieser Ebenen lassen sich Netzwerkansätze fruchtbar nutzen, insbesondere bei der Analyse der Produktionsbedingungen des Journa- lismus, bei denen Handlungsnetzwerke bestehen, die eine wesentliche Rolle bei der Orientierung und Regulierung des journalistischen Handelns spielen. In das journalistische Handeln ist immer auch Macht eingewebt. Macht ist ein Phänomen mit vielfältigen Dimensionen und vieldeutigen Perspektiven, wie Peter Imbusch zu Beginn des neunten Abschnitts deutlich macht. Aufbauend auf Macht als Figuration, also einem komplexen Geflecht asymmetrischer und wechselseitiger Beziehungen, breitet er die Dimensionen, Effekte und Ebenen des Machtbegriffs aus. Seinen Ausblick auf Macht und Medien greift Klaus- Dieter Altmeppen in seinem Beitrag auf und wendet ihn auf den Journalismus an. Dabei analysiert er – anhand der Elemente des „power to“ und „power over“ – Macht zunächst einmal danach, ob Journalisten, journalistische Organisationen oder Medienorganisationen Machthaber sind und worüber sie Macht ausüben können. In einem zweiten Schritt systematisiert er anhand dieser Unterteilung die verschiedenen Machttechniken (Machtquellen, Machtmittel, Formen der

Zur Einführung

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Machtausübung) sowie die Machtausdehnungen und zeigt auf diese Weise die Vielfältigkeit von Macht im Journalismus auf. Handeln und Struktur, Interaktion und Rahmen, Akteur und Konstellation, Macht und Organisation: Alle Beiträge vereint die Suche nach der Nahtstelle zwischen akteursorientierten Ansätzen und gesellschaftstheoretischen Perspek- tiven. Folgende generelle Tendenzen sind in der Diskussion um theoretische Entwürfe für die Journalismusforschung erkennbar: Einerseits ist eine (Wie- der-)Belebung der Perspektive der handelnden Akteure festzustellen. Mittler- weile gilt als weithin anerkannt, dass eine Journalismustheorie ohne die Journa- listen nicht auskommt. Zweitens ist die Dualität von Struktur, d.h. die rekursive Hervorbringung und Perpetuierung von Handeln und Strukturen, Bestandteil vieler Ansätze, und dies gilt nicht nur für jene, die sich an Giddens’ Struktura- tionstheorie orientieren. Drittens ist eine allmähliche Aufwertung des Kultur- begriffs in der Journalismusforschung zu beobachten, nicht zuletzt auch des- halb, weil die Kultursoziologie eine Vielzahl von Ansätzen bereithält, die Be- ziehung von Individuum und Gesellschaft zu beschreiben (vgl. Reckwitz 2000). Und schließlich ist festzustellen, dass immer mehr Autoren mit dem substan- zialistischen Denken brechen und den Relationen zwischen den Subjekten bzw. Objekten der Analyse mehr Beachtung schenken. Für die Journalismustheorie gilt jedenfalls, so das optimistische Fazit der Herausgeber, dass die Potenziale längst nicht erschöpfend ausgelotet sind. Zusätzliche Theoriescheinwerfer, so ist zu hoffen, bringen dazu bislang unbekannte Facetten des Gegenstands Journalismus in der Forschung zum Vorschein.

* * * * * *

Das Gelingen ist bei einem sozialwissenschaftlichen Experiment (als das dieser Band auch zu verstehen ist) immer ambivalent, denn nicht nur die soziale Pra- xis ist komplex und kontingent, sondern auch ihre Bewertung durch die Beob- achter. Gelungen ist aber auf jeden Fall das Erscheinen dieses Bandes. Dass sich Soziologen und Journalismusforscher auf das Experiment eingelassen haben, miteinander verknüpfte Beiträge zu schreiben, die Gedankengänge der jeweils anderen Seite aufzunehmen und fortzuführen, dafür gebührt ihnen ein ganz besonderer Dank der Herausgeber. Zu danken haben wir auch Barbara Emig-Roller vom VS Verlag, die wie die Autoren das Experiment von Anfang an engagiert unterstützt und die lange Produktionszeit klaglos ertragen hat.

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Thomas Hanitzsch, Klaus-Dieter Altmeppen & Carsten Schlüter

Julia Hehrlein und Ingmar Steinicke haben sich durch lange Korrekturfahnen gearbeitet und viele kleine Fehler behoben, deren Vorhandensein den Heraus- gebern schon gar nicht mehr aufgefallen ist. Vielen Dank dafür.

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HANDELN

Der Handlungsbegriff in der modernen Soziologie

Hartmut Esser

1 Die drei Schritte der Erklärung gesellschaftlicher Vorgänge

Alle gesellschaftlichen Prozesse drehen sich – letztlich – um die Reproduktion befriedigender Zustände des alltäglichen Lebens. Die dafür wichtigsten Vor- gänge sind die Produktion von Gütern und deren Verteilung über Transaktio- nen. Bei allen Vorgängen der Produktion und der Transaktion ist das Handeln der Menschen der zentrale Vorgang. Es bildet den dynamischen Kern aller gesellschaftlichen Prozesse und Strukturen, auch wenn man das nicht auf den ersten Blick sieht. Das Handeln ist dabei einerseits stets in eine bestimmte, zuvor entstandene soziale Situation eingebettet, und es hat andererseits auch immer gewisse, über das Handeln hinausgehende Folgen, welche die dann entstehende neue Situation und das darauf folgende Handeln prägen. Die Er- klärung gesellschaftlicher Vorgänge erfordert damit immer drei Schritte: die Untersuchung der „Logik der Situation“, der sich die Menschen jeweils gegen- über stehen, die Erklärung ihres Handelns angesichts dieser Umstände über eine „Logik der Selektion“ dieses Handelns, und die Ableitung der durch das Handeln der vielen Individuen erzeugten gesellschaftlichen Folgen über eine „Logik der Aggregation“. Die über das Handeln entstehenden Folgen sind meist (so) nicht beabsich- tigt, und die Akteure können als Einzelne auch oft kaum etwas dagegen tun. Sie ergeben sich, scheinbar paradoxerweise, oft gerade daraus, dass sich die Menschen in ihrer jeweiligen Situation vollkommen verständlich und folgerich- tig verhalten. Das wurde früher gerne als die „Dialektik“ der Gesellschaft be- zeichnet. Die Aufgabe der (soziologischen bzw. sozialpsychologischen) Hand- lungstheorie ist es nun, in diesem allgemeinen Zusammenhang der drei Schritte einer soziologischen Erklärung anzugeben, nach welchen Regeln das Handeln der Menschen unter den variierenden Bedingungen von Situationen verläuft,

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Hartmut Esser

damit sowohl die Wirkung von Merkmalen sozialer Situationen erklärt werden kann, wie also auch die Entstehung neuer Situationen. Die Bestimmung und Nutzung einer geeigneten Handlungstheorie für die Logik der Selektion des Handelns ist somit ein unverzichtbarer – wenngleich nicht allein ausreichender – Teil der soziologischen Erklärung gesellschaftlicher Prozesse und Strukturen.

2 Was ist Handeln?

Das Handeln ist ein spezieller Fall des Verhaltens (vgl. zu den folgenden Ein- zelheiten der soziologischen Handlungstheorie Esser 1999). Unter Verhalten werden allgemein alle Arten einer Stellungnahme lebender Organismen zu ihren Umgebungen verstanden. Dazu zählen zunächst alle sichtbaren Reaktio- nen, aber auch innere Vorgänge der Stellungnahme, wie die Übernahme einer Information oder die Änderung einer Einstellung. Auch das Nicht-Handeln, das Unterlassen und das Dulden ist eine solche Stellungnahme. Drei Bezüge der Strukturierung des Verhaltens können unterschieden werden: genetische Programme, Lernen und Intentionen. Genetische Programme sind neuro-biologisch verankerte Reaktionen auf gewis- se „signifikante“ Reize. Sie sind über lange Prozesse der biologischen Evoluti- on entstanden, deshalb an die jeweilige Umgebung meist gut angepasst und (auch deshalb) nur sehr langsam über die Evolution der Art insgesamt verän- derbar. Ihre Eignung für die Reproduktion ist an die Stabilität der jeweiligen Umgebung gebunden. Lernen ist die Fähigkeit von individuellen Organismen, sich auf neue Umge- bungen durch eigene Erfahrungen einzustellen. Es geschieht über „Verstär- kungen“: die Erfahrung der zeitlichen Verbindung von angenehmen oder un- angenehmen Ereignissen mit gewissen Objekten und eigenen Reaktionen. Das Erlebnis der erfolgreichen Problemlösung ist dabei der wichtigste Mechanis- mus. Es gibt aber, gerade bei „intelligenten“ Organismen, auch das Lernen allein durch Beobachtung, durch beiläufig erworbenes Wissen und durch die Imitation des Verhaltens erfolgreicher Modelle. Intentionen schließlich sind Vorstellungen über zukünftige Zustände. Sie werden durch die (mehr oder weniger) bewusste „Imagination“ zukünftiger Zustände und die innere „Berechnung“ des Ertrages möglicher Folgen für ein bestimmtes Verhalten gebildet. Intentionen sind der Kern des, wie das Max Weber ausgedrückt hat, „subjektiven“ Sinns, den die Menschen ihrem Tun verleihen.

Der Handlungsbegriff in der modernen Soziologie

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Die drei Formen des Verhaltens unterscheiden sich systematisch nach dem Grad ihrer Unabhängigkeit von den durch eine Vergangenheit gegebenen Um- ständen, ihrem Bezug auf zukünftige Folgen, ihrer Flexibilität und dem Grad der jeweils nötigen Reflexion. Genetische Programme bilden den einen Pol einer vergangenheitsbezogenen, automatischen und relativ starren „Reaktion“, Intentionen und subjektiver Sinn den anderen Pol einer zukunftsbezogenen, verzögerten und für feinere Unterschiede auch flexiblen „Aktion“. Das Handeln ist dann jene Form des Verhaltens, die mit der Bildung von Intentionen und der Kalkulation zukünftiger Folgen verbunden ist. Menschliche Organismen sind im Prinzip zu allen drei Formen des Verhaltens in der Lage, und das empi- rische soziale Geschehen besteht immer aus einer Mischung aller drei Vorgän- ge.

Die Erklärung des Verhaltens nach genetisch vererbten oder durch Lernen erworbenen Programmen ist ähnlich: Bestimmte, als Hinweissignale fungieren- de Objekte in einer Umgebung lösen die Reaktion mehr oder weniger spontan aus, wobei in Notsituationen die rascher reagierenden und mit den biologi- schen Funktionen enger verzahnten genetischen Programme die Führung übernehmen, meist verbunden mit typischen Emotionen, wie beim Anblick einer Schlange. Das Handeln nach Intentionen folgt einer anderen Logik. Es entspricht einer – mehr oder weniger „bewussten“ – Entscheidung zwischen verschiedenen Alternativen nach einer Phase der berechnenden Reflexion möglicher Folgen und deren Bewertung. Die Akteure haben mit dieser Reflexi- on bestimmte „gute Gründe“ für ihr Tun bedacht. Sie wissen, warum sie so handeln, wie sie es tun, und sie könnten ihr Handeln danach unter Hinweis darauf rechtfertigen. Die guten Gründe bilden den Kern des subjektiven Sinns, den die Akteure mit ihrem Handeln verbinden. Im Nachvollzug der guten Gründe durch ande- re Akteure wird dann auch ein „Verstehen“ des (intentionalen) Handelns mög- lich. Die Reaktionen auf der Grundlage genetischer oder gelernter Programme folgen dagegen keinem derartig reflektierten „subjektiven Sinn“, wenngleich sie damit im Einzelfall durchaus vereinbar sein können, sie meist mit möglichen guten Gründen durchaus vereinbar wären und man sie daher nachträglich da- mit in Verbindung bringen kann, etwa in Form von „Rationalisierungen“. Die Bildung von Intentionen, die Herausarbeitung guter Gründe und der Bezug auf einen subjektiven Sinn bezeichnen damit letztlich den gleichen Vorgang: Es stehen verschiedene Alternativen als mögliche Stellungnahmen zur Verfügung, und es wird jene schließlich ausgewählt, die den bewusst herausgearbeiteten Intentionen eines Akteurs am ehesten entspricht.

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Hartmut Esser

2.1 Gute Gründe und Verstehen

Die einfachste Form, die Selektion eines Handelns über die Bildung von Inten- tionen bzw. über den Bezug auf gute Gründe zu erklären, ist der so genannte praktische Syllogismus. Es ist eine spezielle Form des logischen Schemas einer Erklärung. Das Explanandum sei ein bestimmtes Handeln einer Person i (A(i)). Dieses Handeln wird, wie jedes andere Explanandum auch, über ein allgemei- nes Gesetz und über die Angabe der zur Anwendung des Gesetzes nötigen (Rand-)Bedingungen erklärt. Im praktischen Syllogismus lautet das Gesetz:

„Wenn ein Akteur das Ziel Z hat, und wenn er glaubt, dass zur Erreichung von Z die Handlung A notwendig ist, dann handelt er nach A“. In der Prämisse des Gesetzes werden zwei (Rand-)Bedingungen genannt: das Ziel Z und der Glau- be (Z A). Das Gesetz kann dann so ausgedrückt werden: (Z und (Z A)) A. Nun muss noch gezeigt werden, dass der Akteur i das Ziel Z und den Glauben (Z A) wirklich hatte: Z(i) und (Z A)(i). Das komplette lo- gische Schema einer Erklärung des mit subjektivem Sinn, guten Gründen bzw. Intentionen versehenen Handelns sieht dann so aus:

Gesetz

(Z

und (Z A)) A

Randbedingung 1

Z(i)

Randbedingung 2

(Z

A)(i)

Explanandum

A(i)

Der praktische Syllogismus rekonstruiert das intentionale Handeln als eine spezielle Form der Rationalität bei der Selektion einer Alternative: Das Han- deln folgt einerseits den Zielen, Wünschen oder Präferenzen des Akteurs, an- dererseits aber auch seinen (subjektiven) Vorstellungen, Annahmen oder Er- wartungen darüber, wie die Präferenzen angesichts der eingeschätzten Mög- lichkeiten und alternativen Mittel am besten zu bedienen sind. Die Rekonstruk- tion der (subjektiven) Ziele der Akteure und deren (subjektiven) Erwartungen über die Eignung der alternativen Mittel zur Erreichung der Ziele und die An- wendung des Handlungsgesetzes, wonach die Akteure jene Handlung wählen, die den Bewertungen von Zielen und den Erwartungen über die Eignung von Mitteln (am besten) entsprechen, kann man auch als „Verstehen“ bezeichnen. Es zeigt sich in dieser Sicht, dass das Verstehen des Handelns und dessen Er- klärung über den Bezug auf Ziele und Annahmen der Eignung von Mitteln identisch sind: Verstehen ist die Erklärung eines Handelns unter der Annahme der Rationalität der Akteure. Rationalität, Intentionalität, gute Gründe und subjektiver Sinn bezeichnen demnach den gleichen Sachverhalt.

Der Handlungsbegriff in der modernen Soziologie

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2.2 Doppelte Hermeneutik

Für die sozialwissenschaftliche Arbeit hat dieser Sachverhalt wichtige Folgen. Der wohl bedeutsamste Aspekt ist, dass man zur Erklärung des Handelns der Menschen und der daran anschließenden gesellschaftlichen Folgen immer den Bezug auf die subjektiven Ziele und die subjektiven Erwartungen herstellen muss. Das aber bedeutet zwingend, dass man zur Erklärung aller sozialen Prozesse (auch) zu einem Verstehen der beteiligten Akteure derart kommen muss, dass man ihre jeweilige Sicht der Dinge, den subjektiven Sinn ihres Tuns also, re- konstruiert. Die subjektiven Vorstellungen (Bewertungen und Erwartungen) der Akteure werden auch als Konstruktionen erster Ordnung bezeichnet. Sie sind die zentralen handlungstheoretischen Bestandteile der Theorien und Modelle der Sozialwissenschaftler, etwa für die Erklärung von sozialen Bewegungen oder dafür, dass die Menschen in unsicheren Zeiten risikoavers werden. Die sozialwissenschaftlichen Modelle und Theorien, die ja weit über das Handeln der einzelnen Menschen hinausgreifen, werden demgegenüber als Konstruktionen zweiter Ordnung bezeichnet. In diesen Konstruktionen zweiter Ordnung, über die sich die (Sozial-)Wissenschaftler untereinander verständi- gen, sind also die Konstruktionen erster Ordnung zwingend enthalten. Dieser Sachverhalt wird auch als doppelte Hermeneutik bezeichnet. Er kennzeichnet den wohl wichtigsten Unterschied der gesellschaftswissenschaftlichen Theorien von den naturwissenschaftlichen: Naturwissenschaftler müssen über die „Subjekti- vität“ ihrer Objekte (Intentionen, gute Gründe, subjektive Bewertungen und Erwartungen) nichts wissen (oder allenfalls in rudimentärer Form beim Um- gang mit „intelligenten“ nicht-menschlichen Organismen). Sozialwissenschaft- ler sind auf eine valide und damit objektive Erfassung der Subjektivität der Akteure angewiesen. Sie müssen ihre „Objekte“ verstehen, um ihr Tun erklären zu können. Naturwissenschaftler müssen (und brauchen) das nicht.

2.3 Die Wert-Erwartungstheorie

Die wichtigste und nach formalen und inhaltlichen Gesichtspunkten geeignets- te Art einer Handlungstheorie, die die genannten Gesichtspunkte der Subjekti- vität des Handelns der Menschen berücksichtigt und gleichzeitig eine korrekte Erklärung des Handelns zu liefern imstande ist, ist die so genannte Wert- Erwartungstheorie. Sie besagt, dass Akteure genau jene Alternative wählen, bei der das Produkt aus der Bewertung gewisser Konsequenzen ihres Tuns und der Erwartung, dass die jeweilige Alternative zu den verschiedenen Konsequenzen führt, im Vergleich zu allen Alternativen und allen Konsequenzen maximal ist.

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Hartmut Esser

Jeder Alternative i wird dementsprechend ein Gewicht zugeordnet, die Wert- Erwartung EU(i). Wenn U(j) die Bewertung einer Konsequenz j ist und p(ij) die (als subjektive Wahrscheinlichkeit gegebene) Erwartung, dass eine Alterna- tive i zur Verwirklichung der Konsequenz j führt, dann ergibt sich das Gewicht EU(i) für jede Alternative i zu EU(A(i)= p(ij)•U(j)). Der praktische Syllogis- mus ist ein Spezialfall dieser Konzeption. Die Formel der Wert-Erwartungstheorie sieht etwas kompliziert aus, ist es aber nicht. Sie besagt, die Sache etwas vereinfachend: Eine Alternative i be- kommt nur dann ein bestimmtes Gewicht, wenn der Akteur mit ihr eine Folge j verbindet, die für ihn angenehm zu sein verspricht (U(j)), und wenn das Han- deln nach i für das Eintreten der Folge j wirksam ist. Dahinter steckt eine tiefe Weisheit der Evolution des Lebens: Wähle die Alternative, bei der Du etwas für Dich möglichst Zuträgliches bekommst, die aber auch vergleichsweise leicht und wahrscheinlich zum Ziel führt! Oder anders gesagt: Strebe keine Dinge an, die Dir schaden, ebenso wie solche, die zwar interessant, aber uner- reichbar sind! Es steckt das Gesetz der Knappheit darin, mit dem sich die Evo- lution des Lebens in einer meist unfreundlichen Umgebung immer hat aus- einandersetzen müssen, ebenso wie die nahe liegende Bedingung, dass die Or- ganismen, die sich nicht um ihre höchst eigene Reproduktion gekümmert ha- ben, in der Evolution des Lebens keine guten Chancen hatten. Das gilt für alle Organismen, und der Mensch ist da keine Ausnahme.

2.4 (Zweck-)Rationalität

Die Wert-Erwartungstheorie bezieht sich auf eine besonders extreme Form der Intentionalität des Verhaltens: Die Akteure kennen alle Alternativen, haben eindeutig geordnete Präferenzen für die verschiedenen möglichen Konsequen- zen, und sie sind über die Wirksamkeit der verschiedenen Alternativen (als Mittel zur Erreichung der Ziele) perfekt informiert. Dahinter steht das Modell des rational und nach dem Prinzip der Nutzenmaximierung funktionierenden Homo Oeconomicus. Max Weber hat diesen Typ des Handelns als zweckratio- nales Handeln bezeichnet. Weil dabei die Ziele und die Mittel explizit bedacht und gegeneinander gedanklich abgewogen werden, weil dadurch ferner die „guten Gründe“ für oder gegen eine Alternative besonders transparent heraus- gearbeitet werden und somit auch der von den Handelnden mit ihrem Tun verbundene subjektive Sinn besonders klar ist, sind der Homo Oeconomicus und die Wert-Erwartungstheorie besonders deutliche Fälle der Intentionalität, und jede Erklärung, die dem folgt, bedeutet entsprechend eine besonders aus- geprägte Form des Verstehens der Akteure.

Der Handlungsbegriff in der modernen Soziologie

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3 Typen des Handelns

Max Weber unterscheidet neben dem zweckrationalen Handeln allerdings drei weitere „Typen“ des Handelns, die in charakteristischer Weise vom Modell des zweckrationalen Handelns abweichen: das wertrationale, das affektuelle und das traditionale Handeln. Beim wertrationalen Handeln folgt der Akteur einem ihm unbedingt geltenden „Wert“, etwa der staatsbürgerlichen Pflicht des Wäh- lens oder einer Bitte um Hilfe in der Not, auch dann, wenn die Kosten dafür hoch und andere Alternativen verlockend sind. „Rational“ ist das wertrationale Handeln jedoch weiterhin: Die Unbedingtheit des Wertes wird vom Akteur „bewusst“ durchdacht und mit rationalen Argumenten begründet, und bei der Wahl der Mittel geht es ohnehin wieder ganz und gar (zweck-)rational zu. Das affektuelle Handeln ist eines, das der Auslösung eines, genetisch verankerten oder gelernten, emotionalen Programms folgt, begleitet von entsprechenden Gefühlen. Es ist weiterhin auf die (vitalen) Ziele des Akteurs bezogen, insbe- sondere weil die emotionalen Programme ein zentraler Teil der neuro- biologischen genetischen Programme sind, deren Hauptfunktion die rasche Reaktion auf bedrohliche und/oder sonst wie vital wichtige Situationen ist. Das traditionale Handeln ist ebenfalls eines, das gewissen Programmen folgt. Im Unterschied zum affektuellen Handeln ist es jedoch (vollkommen) emotions- frei. Es folgt über Habitualisierungen erworbenen Programmen der automati- schen Abwicklung von „Skripten“. Auch diese Handlungsprogramme werden durch Umgebungsreize ausgelöst. Meist sorgt jedoch schon die unbewusst immer mitlaufende Vergewisserung der Normalität des Ablaufs für die rei- bungs- und aufwandlose Abwicklung der damit verbundenen Routinen. Der wichtigste Mechanismus dieser Vergewisserung ist die (alltägliche) sprachliche Konversation. Sie bildet den latenten Rahmen der (unbewussten) Sicherheit, dass alles „im grünen Bereich“ ist, und dass daher für besondere „Berechnun- gen“ oder Emotionen kein Anlass besteht. Im Anschluss an die Typologie von Max Weber gibt es eine Vielzahl ähnli- cher Vorschläge für die Unterscheidung verschiedener Typen des Handelns. Ihnen ist die Vorstellung gemeinsam, dass es sich um jeweils ganz verschiedene „Logiken“ der Selektion von Stellungnahmen handele: die rationale Kalkulation von in der Zukunft liegenden Konsequenzen unter perfekt informierter Beach- tung möglichst aller denkbaren Alternativen und Ziele einerseits; und die auf Hinweisreize ausgelöste automatische, spontane und von emotionalen Festle- gungen begleitete Anwendung von (extrem) einfachen Programmen der Reak- tion. Jon Elster (1989) etwa unterscheidet so das „rationale“ vom „normati- ven“ Handeln: Das rationale Handeln ist an zukünftigen Konsequenzen orien-

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tiert und dadurch „bedingt“, das normative Handeln ist unabhängig von zu- künftigen Konsequenzen und wird „unbedingt“ ausgeführt. Ähnlich unter- scheiden James S. March und Johan Olsen (1989) die „logic of calculativeness“ von der „logic of appropriateness“: die Berechnung von Folgen einerseits und die Beachtung von Regeln andererseits.

3.1 Begrenzte Rationalität

Der Hintergrund aller dieser Unterscheidungen ist ein bereits früh gegen die ökonomische Theorie des rationalen Handelns vorgebrachter Einwand: die (deutlich) begrenzte Rationalität der Menschen, die insbesondere in seiner mangelnden Fähigkeit zur Informationsverarbeitung und den oft hohen Kos- ten für die Beschaffung der eigentlich nötigen Informationen bestehe. Die Grenzen der Rationalität zeigen sich an einer ganzen Reihe von „Anomalien“:

Menschen suchen keineswegs immer nach der „besten“ Alternative, sondern orientieren sich z.B. an „Modellen“ in ihrer Umgebung, oder sie halten an einfachen Mustern der Reaktion gerade dann fest, wenn die Möglichkeiten zunehmen. Der Ökonom Herbert Simon (1993, 1955) hat vor diesem Hinter- grund dem Konzept des „maximizing“ – des perfekt informierten Homo Oe- conomicus – das bescheidenere und der Realität menschlicher Entscheider besser entsprechende Konzept des „satisficing“ gegenüber gestellt: Menschen suchen nicht nach der jeweils objektiv „besten“ Alternative, sondern beschei- den sich mit Untergrenzen eines variablen Anspruchsniveaus. Simon weicht mit dieser Berücksichtigung der Begrenzungen der menschli- chen Vernunft jedoch eigentlich nicht von der Logik der rationalen Berech- nung von zukünftigen Konsequenzen ab. Er berücksichtigt dabei nur, dass es auch Kosten der Informationsbeschaffung und -verarbeitung gibt. In den di- versen Typologien des Handelns ist aber meist gemeint, dass das nicht- rationale Handeln auch einer ganz anderen „Logik“ folge als das rationale, einschließlich des – immer noch „rationalen“ – satisficing. Es gehe beim „normativen“ Handeln eben nicht um die Berücksichtigung von in der Zukunft liegenden Konsequenzen, sondern um die Anwendung von in der Vergangenheit erworbenen Regeln, bei denen alle Konsequenzen ausgeblendet sind. Simon hat diese Position später selbst übernommen: „Wirkliche“ Entscheidungen bestünden nicht aus irgendwelchen „Kalkulationen“, sondern folgten der – über Symbole gesteuerten – Wiedererkennung von zuvor gelernten typischen Mustern und der dadurch ausgelösten Aktivierung von Reaktionsprogrammen. Es gibt sogar Stimmen, die sagen, dass das rationale Handeln eigentlich auch

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nichts weiter sei als die Folge eines solchen „Programms“ (vgl. etwa Vanberg

2002).

3.2

Heuristiken

Die empirische Untersuchung des Verhaltens bzw. Handelns der Menschen hat in der Tat ergeben, dass es zahllose Abweichungen vom Modell des rationalen Handelns gibt, aber auch, dass Menschen unter bestimmten Umständen durch- aus zu rationalen Berechnungen in der Lage sind – und das unter bestimmten Umständen auch tun. Es gibt also offensichtlich (mindestens) zwei verschiede- ne Arten der Selektion von Alternativen: eine, die stark der automatisch- spontanen Auslösung biologisch ererbter und/oder sozial gelernter Programme entspricht und über den Weg der Mustererkennung und Aktivierung eines Programms verläuft; und eine, die auf der reflektierend-kalkulierenden Bildung von Intentionen und des Vergleichs guter Gründe beruht, in ihrer deutlichsten Form nach den Regeln der Wert-Erwartungstheorie. Zwischen diesen beiden Extremformen gibt es eine Reihe von Zwischen- stufen oder Heuristiken. Sie lassen sich auf zwei Dimensionen anordnen: der für die Selektion einer Alternative nötige Aufwand und die „objektive“ Richtigkeit der Reaktion in Bezug auf die Lösung des situational gegebenen Problems. Die beiden Dimensionen variieren bei den verschiedenen Heuristiken gegenläufig:

Je „rationaler“ eine Heuristik ist, umso aufwändiger ist sie auch, sie liefert aber gleichzeitig die genaueren und „objektiv“ besseren Entscheidungen – und umgekehrt für die „automatischen“ Heuristiken. Leicht ist zu sehen, dass es sich um eine Art von Optimierungsproblem für die Selektion der Heuristiken handelt: Bei vielen Situationen lohnt sich eine rationale Durchdringung nicht, weil der erforderliche Mehraufwand an Informationsbeschaffung und -verarbeitung den zu erwartenden Mehrertrag an Verbesserung der Entschei- dung nicht lohnt. Bei anderen aber schon.

3.3 Dual-Process-Theorie(n)

Vor diesem Hintergrund sind die so genannten dual-process-Theorien entstan- den. Ihr Gegenstand ist die Erklärung der Selektion automatischer versus stär- ker elaborierter Heuristiken. Der Ausgangspunkt war die Unterscheidung zwei- er verschiedener Konzepte der so genannten Einstellungs- oder Attitüdentheo- rie in der (Sozial-)Psychologie. Die klassische Einstellungstheorie nach Allport (1985) hatte eine Einstellung als Einheit von Affekten, Kognitionen und Ver-

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halten aufgefasst und erklärte das Verhalten durch die (automatische) Auslö- sung dieser Einheit über situative Reize. Nachdem aber festgestellt worden war, dass die Verbindung zwischen Ein- stellungen und Verhalten alles andere als unmittelbar war, kam es zur Entwick- lung eines alternativen Modells, der Theorie des „geplanten“ bzw. des „über- legten“ Handelns nach Ajzen und Fishbein (1980). Darin wird angenommen, dass jedem Verhalten die Bildung von Intentionen vorausgeht, wobei dieser Vorgang nichts anderes ist als die Bildung von EU-Gewichten nach den Vor- gaben der Wert-Erwartungstheorie. Die klassische Einstellungstheorie ent- spricht damit dem Modell des normativen Handelns, die Theorien des geplan- ten bzw. des überlegten Handelns dem des rationalen Handelns. Zahllose em- pirische Untersuchungen haben inzwischen gezeigt, dass beide „Logiken“ vor- kommen und dass es Bedingungen gibt, unter denen die Akteure von der einen auf die andere Logik wechseln. Das Ziel der dual-process-Theorien ist es, die Bedingungen zu spezifizieren und empirisch zu untermauern, unter denen die Akteure der einen oder der anderen Logik folgen: unmittelbare Auslösung einer kognitiv-emotionalen Reaktion, etwa eines rassischen Stereotyps, oder eine stärkere gedankliche Durchdringung und elaborierte Beurteilung der Situa- tion und der jeweiligen Reaktion (vgl. dazu die Übersicht bei Chaiken und Trope 1999). In der am weitesten entwickelten Fassung der dual-process-Theorie(n) bei Russell H. Fazio (1990) folgt die Aktivierung eines (stereotypen) mentalen Modells dem Match zwischen typischen symbolischen Reizen in der Situation und bestimmten, damit assoziierten gedanklichen Vorstellungen. Aber erst bei einer unerwarteten Störung des Matchs besteht die Chance auf eine „rationale“ Beurteilung. Dazu kommt es aber erst unter drei weiteren Bedingungen: Es muss hierfür eine hinreichend starke Motivation gegeben sein, es müssen die für die entsprechenden Berechnungen nötigen Gelegenheiten vorhanden sein, speziell die Zeit für die erforderliche Informationsverarbeitung, und der dafür nötige Aufwand darf nicht zu hoch sein. Bindungen an gewisse gedanklich-emotionale Muster sind nach diesen Ansätzen, ganz ähnlich wie bei Simon, die Folge ent- weder eines (perfekten) Matchs zwischen einem „zugänglichen“ mentalen Mo- dell (einer bestimmten stereotypisierten Einstellung) oder aber, wenn der Match gestört ist, des Mangels an Motivation und/oder Gelegenheiten bzw. zu hohem Aufwand für eine „rationale“ (und damit auf Situationsvariationen reagierende) Analyse der genauen Umstände und der möglichen Erträge. In- zwischen gibt es zahllose empirische Hinweise auf die Richtigkeit dieser An- nahmen der dual-process-Theorie(n).

Der Handlungsbegriff in der modernen Soziologie

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3.4 Das Modell der Frame-Selektion

Das Problem der sozialpsychologischen dual-process-Theorie(n) ist, dass sie, anders als die Wert-Erwartungstheorie, nicht als explizit gemachte Kausaltheo- rie formuliert ist, sondern aus verbalen und graphischen Zusammenfassungen empirischer Beobachtungen besteht. Um ein Handeln aber logisch korrekt erklären zu können, benötigt man eine als Gesetz formulierte Handlungstheo- rie. Um zu der (einseitig „rationalen“) Wert-Erwartungstheorie in Konkurrenz treten zu können, müsste sie daher, ganz analog, als eine formal spezifizierte Funktion modelliert werden, wobei das Explanandum die (beiden) „Logiken“ des Handelns sind, und der Match (von Symbolen und mentalen Modellen), die Motivation, die Gelegenheiten und der Aufwand in ihrer kombinierten Wir- kung darauf in der Prämisse eines Gesetzes der Selektion der betreffenden Heuristiken aufzuführen wären. Das so genannte Modell der Frame-Selektion ist eine derartig explizit ge- machte und formale Fassung der Ideen der dual-process-Theorien (vgl. zu den formalen Einzelheiten Esser 2003, 2001). Es geht davon aus, dass vor jedem konkreten Verhalten oder Handeln sowohl ein bestimmtes gedankliches Modell der Orientierung aktiviert wird, wie auch der Modus der Selektion der Alternati- ven, der jeweils angewandte Grad der Informationsverarbeitung, die jeweils benutzte Heuristik also. Das gedankliche Modell der Orientierung wird als Frame bezeichnet. Der Frame „definiert“ die Situation als inhaltlich festgelegtes Mus- ter eines Typs sozialer Abläufe oder Strukturen, etwa eine Karnevalssitzung gegenüber einer Fronleichnamsprozession. Das eigentliche Handeln folgt dann einer weiteren Selektion: der eines Modells des Handelns. Diese Modelle des Handelns werden auch als Skripte bezeichnet. Sie beziehen sich, wie die Fra- mes, auf typische Muster von vorher erworbenen und habitualisierten (Routi- ne-)Abläufen. Die Verzweigung in einen automatisch-spontanen Modus ge- genüber einem reflektiert-kalkulierenden Modus erfolgt über den Match von bestimmten Anzeichen und den im Gedächtnis gespeicherten mentalen Model- len (der Frames und der Skripte). Bei einem perfekten Match kommt es zur automatischen Auslösung eines „normativen“ Programms. Im einfachsten Fall ist das die Auslösung eines bestimmten Frames mit einem wiederum bestimm- ten Skript gleichzeitig. Das entspricht dem Typ des „normativen“ Handelns. Die „rationale“ Heuristik wird aber nicht schon allein durch einen Mis- Match angewandt. Es muss eine hinreichend hohe Motivation hinzukommen, es müssen ausreichende Gelegenheiten zur (aufwändigen) Berechnung der Folgen vorhanden sein und es dürfen die Kosten für die Beschaffung evtl. benötigter Informationen nicht zu hoch sein. Sind diese drei Bedingungen

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gegeben, kommt es zum Typ des „rationalen“ Handelns, im Extremfall also zur Entscheidung nach der Wert-Erwartungstheorie. Liegt nur eine der drei Bedin- gungen nicht vor, wird eine andere Heuristik gewählt, etwa eine emotionalisier- te Suche nach einer raschen Lösung, etwa bei Zeitdruck, die Orientierung an vordergründigen Aspekten oder auch eine rein zufällige Reaktion. Man könnte diese (Not-)Lösungen, die ein Akteur versucht, wenn zwar der Match gestört, aber eine rationale Durchdringung nicht möglich ist oder nicht lohnend er- scheint, zusammenfassend als „Interpretation“ bezeichnen.

3.5 Variable Rationalität

Die Besonderheit aller dieser Modelle ist, dass sie mit der besonderen Eigenart des menschlichen Handelns Ernst machen: Es ähnelt manchmal durchaus den instinktiven und offenbar unkontrollierten und emotionalen Reaktionen auch der nicht-menschlichen Organismen, aber nicht nur gelegentlich wird auch – mehr oder weniger intensiv – nachgedacht und verständig und auf Konsequen- zen bezogen gehandelt. Und dazwischen gibt es zahllose Formen nicht sonder- lich vernünftiger, gleichwohl aber von allerlei Unsicherheiten und Reflexionen begleiteter Reaktionen zwischen automatischen Programmen und rationalen Intentionen. Dahinter steckt eine interessante und durchaus faszinierende Fähigkeit des Menschen: die, so wollen wir sie nennen, Fähigkeit zur variablen Rationalität. Damit ist gemeint, dass menschliche Akteure zwar ohne Zweifel engen Gren- zen ihrer Fähigkeit zur Informationsverarbeitung ausgesetzt sind, dass sie aber die ihnen zur Verfügung stehenden (begrenzten) Möglichkeiten dazu auf unbe- kannte und gleichzeitig als wichtig erscheinende Angelegenheiten lenken. Wenn man so will, ist es die Anwendung des Prinzips der Wert-Erwartungstheorie auf die „Wahl“ der „Logik“ des Handelns: Wähle die „Logik“, bei der es um einen nennenswerten Ertrag geht und die bei dem Problem behilflich zu sein verspricht. Bei der Lenkung der begrenzten Mittel der Informationsverarbei- tung auf diese spezielle Situation – Unbekanntheit und Wichtigkeit – helfen vor allem die in jeder Situation vorhandenen symbolischen Hinweise und der Vor- gang des (Mis-)Matchs. Bei einem perfekten Match ist signalisiert: Alles ist wie immer, und die Routine kann abgerufen werden. Das ist der Normalfall des Alltagshandelns, und die Folge ist offensichtlich: eine enorme Ersparnis an Kosten der Entscheidungsfindung und eine hohe subjektive Sicherheit beim Tun, die, weil sie alle erfasst, auch die vielen komplizierten Abstimmungen des sozialen Handelns (siehe dazu noch unten) leicht und problemlos gestaltet. Und weil so das Alltagshandeln einen stabilen Rahmen der Sicherheit be-

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kommt, können innerhalb dieser Sicherheit die dann verfügbaren Möglichkei- ten der menschlichen Intelligenz genutzt werden: für Kreativität und das spie- lerische Ausprobieren neuer Möglichkeiten. Das ist beim angestrengt „rationa- len“ Handeln, bei dem alle Energie auf die mühsame „Berechnung“ der Folgen verwandt werden muss, kaum möglich.

4 Eine „General Theory of Action“?

Mit den sozialpsychologischen dual-process-Theorie(n) bzw. mit dem Modell der Frame-Selektion löst sich, wie man sieht, die Kontroverse über die Frage auf, ob es sich bei den verschiedenen Typen des Handelns tatsächlich um je- weils unterschiedliche Logiken handelt oder nicht. Zwar gibt es mit den ver- schiedenen Heuristiken auch unterschiedliche Logiken, aber es lässt sich mit der übergreifenden Logik des Modells der Frame-Selektion erklären, wann warum welche Logik zum Zuge kommt. Es ist ein Ansatz zur Überwindung der Streitigkeit zwischen den verschiedenen sozialwissenschaftlichen Paradig- men und Disziplinen über deren jeweilige handlungstheoretische Grundlagen. Eine wichtige Implikation daraus ist, dass die eher soziologische Sicht des normativen Handelns ebenso ein Spezialfall ist wie die eher ökonomische Sicht des rationalen Handelns. Es ist eine „general theory of action“.

4.1 Wertrationalität

Ein spezielles Problem aus wenigstens einigen der Typologien des Handelns ist damit jedoch noch nicht gelöst: die Einordnung der Wertrationalität als der „bewusst“ vorgenommenen Festlegung auf einen bestimmten, nicht mehr in Frage gestellten Bezugspunkt des Handelns. Diese Besonderheit einer sowohl rational begründeten wie dann gleichzeitig aber auch unbedingten Festlegung findet sich unter verschiedenen Bezeichnungen: March und Olsen (1989) ver- weisen auf die Übereinstimmung eines „angemessenen“ Handelns (auch) mit der „Identität“ des Akteurs; Boudon (1980) beschreibt die (scheinbar) nicht an Konsequenzen orientierte „cognitive rationality“ einer Bindung an „good rea- sons“; und Habermas (1981) schließlich macht die rational-argumentative Bin- dung an gewisse moralische Prinzipien zur Grundlage seines speziellen Typs des kommunikativen Handelns fest. Alle diese Festlegungen können im Rah- men des Modells der Frame-Selektion als die Fixierung einer bestimmten „De- finition“ der Situation rekonstruiert werden, gerade dann, wenn empirisch die Zeichen dagegen sprechen und der Match zwischen dem erkennbaren „Modell der Wirklichkeit“ und den Vorstellungen eines gewünschten „Modells für die

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Wirklichkeit“ nicht gegeben ist. Da es sich um eine rational zu begründende Festlegung handelt, müssen zusätzlich zum Mis-Match die beobachtete Abwei- chung von einer für angemessen gehaltenen und normativ bewerteten Vorstel- lung, die Bedingungen der Anwendung der rationalen Heuristik, gegeben sein:

Motivation, Gelegenheiten, nicht zu hohe (Entscheidungs-)Kosten. Die Logik der (rationalen) Begründung eines Wertes kann zunächst an die Logik des prak- tischen Syllogismus anschließen: Wenn ein Wert als „notwendig“ für die Errei- chung bestimmter Ziele angesehen wird, dann legt sich ein Akteur auf den Wert dann fest, wenn er das betreffende Ziel hat und (sicher) glaubt, dass der Wert notwendig ist. Alles hängt dann freilich an dem Glauben an die Notwen- digkeit des Wertes. Ob jemand sich auf einen Wert (unbedingt) festlegt oder nicht, ist demnach eine Frage, die mit den Regeln einer Theorie des Handelns allein nicht zu beantworten ist. Es ist eine Frage nach der Erklärung der Ent- stehung eines bestimmten Wissens: die Hypothese über die (vermutete) Not- wendigkeit eines bestimmten Wertes zur Erreichung bestimmter Ziele. Diese Frage aber kann eine Theorie des Handelns (allein) nicht beantworten (vgl. dazu ausführlicher Esser 2003).

4.2 Soziale Situationen und soziales Handeln

Bis hierher haben wir das Handeln allein aus der Perspektive des einzelnen Akteurs betrachtet. Es ging ausschließlich um so genannte parametrische Situa- tionen, in denen allein entweder die latenten Dispositionen, Frames und Skrip- te, oder die Ziele des Akteurs und seine Erwartungen über die Wirkung gewis- ser Mittel wichtig waren. Das gesellschaftliche Geschehen findet aber so gut wie ausschließlich in sozialen Situationen statt (vgl. zu den Einzelheiten des Kon- zeptes des sozialen Handelns und der damit verbundenen sozialen Prozesse Esser 2000). Das sind Situationen, in denen andere Akteure vorkommen, die sich wechselseitig als handlungsfähige, entscheidende und daher im Prinzip auch zu strategischen Überlegungen fähige und bereite „Subjekte“ wahrneh- men. Hier hängt das Ergebnis des Handelns nicht, wie bisher, nur von den Zielen und der Richtigkeit der Erwartungen über die Wirksamkeit der Mittel ab, sondern zusätzlich von den Entscheidungen der anderen Akteure. Es ist diese Besonderheit der doppelten Kontingenz, die das soziale Handeln von dem Handeln in parametrischen Situationen unterscheidet. Die grundlegenden Gesetze der Selektion von Verhalten oder Handeln (Programmauslösung versus rationale Wahl) ändern sich dabei freilich nicht. Aber zur Erklärung dessen, was die Akteure in den verschiedenen sozialen Situationen tun, wird es – zusätzlich – notwendig, die wechselseitige Beachtung

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des möglichen Handelns der jeweils anderen Akteure einzubeziehen. Nicht in allen sozialen Situationen wird dieser Gesichtspunkt der doppelten Kontingenz gleichermaßen bedeutsam. Drei Formen des sozialen Handelns können vor diesem Hintergrund unterschieden werden: das strategische Handeln, die Inter- aktion und soziale Beziehungen.

4.3 Strategisches Handeln, Interaktion und soziale Beziehung

Beim strategischen Handeln ist die doppelte Kontingenz am ausgeprägtesten. Die Akteure sind nur an ihren Interessen orientiert und durch keinerlei kulturelle Prägungen oder normative Vorgaben gebunden. Das wissen sie gegenseitig voneinander und stellen es in der Wahl ihrer Strategie in Rechnung. Drei grundlegende Typen von strategischen Situationen mit jeweils typischen Prob- lemen des sozialen Handelns lassen sich unterscheiden: die Koordination, bei der es darum geht, eine Abstimmung in einer nicht vorab definierten Situation zu finden, wie bei fehlenden Verkehrsregeln; Dilemma-Situationen, bei denen die Akteure zwar an einer Kooperation interessiert sind, aber befürchten müssen, dass man ihre Gutmütigkeit ausbeutet, oder versucht sind, die Gutmütigkeit des anderen auszunutzen, wie bei Vorleistungen für Hilfestellungen; und Kon- flikte, bei denen die Interessen der Akteure diametral entgegengesetzt sind und wo die einzige Strategie darin besteht, dem anderen jeweils zuvorzukommen, wie bei der Besetzung von begehrten, aber knappen Positionen. Aus den drei Typen sozialer Situationen folgen jeweils drei typische Formen des sozialen Handelns: Koordinationsprobleme führen zu Versuchen der Ab- stimmung des Handelns, etwa durch Symbole. Dilemma-Situationen haben die Folge, dass an sich für alle nützliche Kooperationen unterbleiben (können), und sie ziehen daher einen Bedarf nach (z.B. moralischen) Bindungen nach sich, die die wechselseitigen Befürchtungen auf Ausbeutung ausschalten. Und die Konflikte treiben die Akteure in eine gnadenlose Konkurrenz gegeneinan- der und erzeugen, wenn die Konfliktkosten steigen, den Wunsch nach einer Beendigung des Wettbewerbs durch die Etablierung einer Herrschaft, die si- cherstellt, dass es eine Ordnung in der Regelung des Konfliktes gibt. Die Interaktion ist ein soziales Handeln, das durch geteilte kulturelle Vorstel- lungen und wechselseitig vermittelte symbolische Hinweise gesteuert ist. Wie- der können drei Typen unterschieden werden: Ko-Orientierung, symbolische Interaktion und Kommunikation. Ko-Orientierung ist die rein gedankliche Ver- schränkung der Perspektiven von Akteuren in einer Situation der (fehlenden) Koordination. Sie gelingt leicht über ein signifikantes Symbol, das als eindeuti- ger gedanklicher Bezugspunkt der gedanklichen Verschränkung dient, etwa der

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Kölner Dom als Treffpunkt eines Paares, das sich aus den Augen verloren hat. Symbolische Interaktion ist die wechselseitig sichtbare Abstimmung des Handelns über Zeichen, speziell über Gesten, etwa beim Tanz oder bei einem Orchester mit einem Dirigenten. Kommunikation schließlich ist eine symbolische Interakti- on über Zeichen mit explizitem Inhalt, den so genannten Medien. Das wich- tigste Medium der Kommunikation ist die Sprache. Jede Kommunikation ist damit auch symbolische Interaktion, und jede symbolische Interaktion beruht auch auf gedanklicher Ko-Orientierung, weil die verschiedenen Zeichen, wie die Medien auch, niemals ganz in ihrer Bedeutung festgelegt sind und auf ei- nem – mehr oder weniger breiten – Satz an geteiltem Hintergrundwissen beru- hen. Eine soziale Beziehung schließlich ist ein soziales Handeln, das ganz auf wech- selseitig geteilten und als sicher unterstellten Orientierungen beruht, den „Fra- mes“ etwa, die eine Situation fest „definieren“. Die sozialen Rollen, an gesell- schaftlichen Positionen geknüpfte und sanktionierte Erwartungen an das Han- deln der Akteure, die die Positionen besetzen, wären der wohl deutlichste Fall einer solchen sozialen Beziehung. Die drei Typen des sozialen Handelns – strategisches Handeln, Interaktion und soziale Beziehung – lassen sich nach dem Grad der jeweils vorhandenen doppelten Kontingenz ordnen. Er ist beim strategischen Handeln am größten und bei der sozialen Beziehung am geringsten. Soziale Beziehungen sind im Ergebnis den parametrischen Situationen nahezu gleich: Obwohl andere Ak- teure in der Situation vorhanden sind und handeln, muss das nicht weiter be- achtet werden, weil deren Tun so gut wie vollständig vorhersagbar ist und den wechselseitig bekannten Regeln entspricht. Analog ist zu erwarten, dass das „rationale“ Handeln der bei den strategischen Situationen vorherrschende Typ des Handels ist, und das „normative“ der bei den sozialen Beziehungen. Das alltägliche (soziale) Handeln ist immer eine Mischung aus allen diesen Formen:

Immer sind wohl strategische Elemente beteiligt, interaktive Vorgänge der gedanklichen, symbolischen und kommunikativen Abstimmung und soziale Beziehungen. Aber es ist auch davon auszugehen, dass es jeweils typische Ge- wichtungen dieser Komponenten gibt, etwa bei geschäftlichen Verhandlungen, beim Besuch einer Diskothek oder bei einem religiösen Ritus.

4.4 Kollektives Handeln

Gerade das soziale Handeln ist, wie jedes Handeln, letztlich um Vorgänge der Reproduktion des Lebens herum organisiert. Die beiden wichtigsten Beiträge zu dieser Reproduktion sind die Produktion von Gütern und Leistungen und

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deren gegenseitiger Tausch, die Transaktionen. Die meisten Produktionen finden über Formen des sozialen Handelns statt, als gesellschaftliche Produkti- on: Zusammenlegung von Ressourcen, die arbeitsteilige Organisation von Produktionen und die Abstimmung der Verteilung der Erträge aus der Produk- tion. Eine der wichtigsten Varianten des produktiven sozialen Handelns ist das so genannte kollektive Handeln: Alle sind daran interessiert, ein gewisses „kollek- tives“ Gut zu schaffen, wie die Sicherung einer intakten Umwelt oder eine dringend benötigte Reform. Alle wissen auch, dass es nötig ist, dass sich mög- lichst viele daran beteiligen. Aber es kommt nicht dazu: Niemand weiß, ob der jeweils andere auch mitmacht; der eigene Beitrag wird als nur gering einge- schätzt; und jeder weiß auch, dass er mit seiner Beteiligung mit Sicherheit be- stimmte Kosten und Risiken trägt, die sich mitunter sogar auf das eigene Leben beziehen, etwa wenn es um den Sturz einer Diktatur geht. Bei vielen Arten der gesellschaftlichen Produktion und des kollektiven Handelns besteht dieses Problem. Es ist ein Spezialfall der Dilemma-Situationen, bei denen die Gefahr besteht, dass trotz aller Interessen an der gemeinsamen Produktion es nicht dazu kommt. Moralische Bindungen, Institutionen und die Einrichtung einer Herrschaftsstruktur sind die Lösungen des Problems. Nicht aus Zufall finden die meisten gesellschaftlichen Produktionen in der Form von Organisationen statt, die aus dem unsicheren strategischen und interaktiven Handeln der Ak- teure eine verlässliche soziale Beziehung machen.

4.5 Transaktionen und Verhandlungen

Die Vorgänge des Tausches bzw. die Transaktionen, bei denen die Verteilung der zuvor (kollektiv) produzierten Güter vollzogen wird, sind ohne Zweifel auch Formen des sozialen Handelns. Sie sind als Handlungen, die einen Aus- gleich von Angebot und Nachfrage von Gütern und Leistungen bewirken, ebenfalls höchst produktiv, weil damit die arbeitsteilig hergestellten Güter und Leistungen an jene Stellen verteilt werden, wo sie besonders begehrt werden. Solche Transaktionen können bilateral und strategisch sein, wie beim ökonomi- schen Tausch, speziell auf Märkten. Es gibt sie aber auch als generalisierten Tausch über lange Zeiträume und Ketten von indirekten Beziehungen hinweg. Beim generalisierten Tausch ist immer ein Rahmen erforderlich, der die damit stets verbundenen Vorleistungen gegen einseitige Ausbeutung absichert. Die oben beschriebenen Vorgänge des „Framings“ von Situationen – als besondere Ty- pen sozialer Beziehungen, etwa als eine Freundschaft oder als Kollegialität – bilden üblicherweise diesen Rahmen.

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Bei den Transaktionen mischen sich alle möglichen Aspekte des strategischen Handelns, der Interaktion und der sozialen Beziehungen, einschließlich gewis- ser Begleiterscheinungen wie Bluff, Schmeichelei und Austausch von Höflich- keitsfloskeln. Ein Spezialfall davon sind die Verhandlungen. Hier geht es darum, wer bei einem im Grunde für beide vorteilhaften Geschäft das bessere Ende für sich hat. Die Untergrenze der Konzessionsbereitschaft der Akteure ist dabei das, was sie hätten, wenn sie alleine wären. Das Grundproblem ist bei allen Transaktionen aber ganz ähnlich zu dem des kollektiven Handelns: Jeder möchte seinen Vorteil wahren, und nur, wenn es einen einigermaßen verlässli- chen Rahmen gibt, der die strategischen Versuchungen und Befürchtungen ausschalten kann, ist der produktive Wert gesichert.

4.6 Kollektive Folgen und soziologische Erklärungen

Die Erklärung der Prozesse und Strukturen des sozialen Handelns erfordert, wie man leicht sehen kann, deutlich mehr als die Erklärung des Handelns einzelner Akteure. Das liegt allein schon daran, dass das soziale Handeln immer schon ein kollektives Phänomen ist, bei dem es notwendig ist, die Ergebnisse der indi- viduellen Selektionen aufeinander zu beziehen. Das soziale Handeln ist, wenn man das so sagen will, ein emergentes Phänomen, und zu seiner Erklärung muss die Mikroebene des individuellen Handelns einzelner Akteure mit der Mak- roebene des sozialen Handelns mehrerer Akteure verbunden werden. Dazu aber braucht man in jedem Fall – auch, wenngleich nicht ausschließlich – die Erklärung dessen, was die individuellen Akteure tun. Die oben beschriebenen Theorien der Erklärung des Handelns bzw. der verschiedenen Typen des Han- delns bilden die Grundlage auch für die Erklärung der Vorgänge bei den ver- schiedenen Konstellationen des sozialen Handelns. Sie enthalten als die wohl wichtigste allgemeine Botschaft: Das Handeln der Menschen ist Teil der immer wieder neu zu bewältigenden Reproduktion ihres Lebens, und man kann die gesellschaftlichen Vorgänge nur verstehen, wenn man sie auf diese Vorgänge des (sozialen) Handelns bezieht. Die Menschen verfügen, wie man gesehen hat, über sehr unterschiedliche Möglichkeiten ihrer Stellungnahme zu den wiederkehrenden und den neuen Problemen der Reproduktion, nicht zuletzt in der Hinsicht, dass sie als einzige Gattung der lebenden Organismen über die Fähigkeit zu einer variablen Ratio- nalität verfügen: Sie haben die „Wahl“, auch die jeweils günstigste „Logik“ ihres Handelns zu bestimmen: vergangenheitsbezogene, spontane Reaktion bei Routineproblemen oder bei Notsituationen und Unsicherheiten, zukunftsori- entierte und präzise Berechnung von Folgen bei neuen Problemen, bei denen

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es sich lohnt und ein Nachdenken über die Folgen möglich und nicht zu teuer ist. Diese Logiken sind jeweils auf ihre Weise optimal: Die rasche Reaktion auf der Grundlage mentaler Modelle der Orientierung und des Handelns lässt die in langen Erfahrungen gewonnenen Optimierungen für bekannte Situationen extrem kostengünstig zum Zuge kommen; die aufwändige Berechnung von Konsequenzen ist dagegen immer dann die optimale Lösung, wenn es keine bewährten Standards gibt, wenn sich die Investition einer rationalen Durch- dringung lohnt und wenn der Aufwand dafür nicht zu groß ist. Wie es aussieht, folgt demnach selbst die Logik der Selektion dieser „Logiken“ der Logik der Optimierung, und zwar auch dann, wenn man anzuerkennen hat, dass diese übergreifende Logik nicht die einer rationalen Berechnung ist. Es ist eine be- sonders raffinierte Art der Rationalität. Sie kombiniert die zu Regeln geronnene Rationalität der Programme, mit denen speziell die nicht-menschlichen Orga- nismen auf die Herausforderungen der Umgebung reagieren, mit der Rationali- tät der bewussten Vernunft und der Wahl von Alternativen auf der Grundlage guter Gründe und verstehbarem subjektivem Sinn, zu dem nur die Menschen in der Lage sind. Wenn es gleichwohl immer wieder zu suboptimalen oder gar desaströsen gesellschaftlichen Prozessen kommt, dann liegt das nicht an jener, durchaus wundersamen, Raffinesse der Gesetze, denen das Handeln der Menschen und darüber hinaus sogar die Selektion der „Logik“ des Handelns – einfach- automatisch versus reflektiert-elaboriert – folgt. Es liegt vielmehr daran, dass das in einer Situation durchaus vernünftige und angemessene Handeln Konse- quenzen haben kann, die niemand beabsichtigte oder kontrollieren konnte. Um das erklären und verstehen zu können, braucht man mehr als eine Theorie des Handelns. Man braucht das komplette Modell der soziologischen Erklärung mit allen drei Schritten von Logik der Situation, Logik der Selektion und Logik der Aggregation, manchmal in ganzen Ketten von Sequenzen bestimmter Pfadabhängigkeiten verbunden. Hier nimmt die Theorie des Handelns einen zentralen und unverzichtbaren Platz ein. Aber sie ist für das Verständnis der oft ganz und gar unvernünftig und unbeeinflussbar erscheinenden gesellschaft- lichen Prozesse eben auch nicht alles.

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Subjektiv rationale Akteure: Das Potenzial handlungstheoretischer Erklärungen für die Journalismusforschung

Carsten Reinemann

1

Einleitung

Hartmut Esser fächert in seinem Beitrag für diesen Band sein Konzept von „Handlung“ auf. Neben der von Esser skizzierten werden in den Sozialwissen- schaften eine Reihe weiterer handlungstheoretischer Konzeptionen vertreten, die sich in ihrem Allgemeinheitsgrad, dem zu erklärenden Handlungstyp und ihren zentralen erklärenden Konstrukten deutlich unterscheiden (dazu z.B. Gabriel 2004; Schmid 2004; Schimank 2000). Diese Fülle an Handlungsbegrif- fen und -theorien auf ihre Eignung für die Journalismusforschung zu prüfen, würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Den Ausgangspunkt dieses Bei- trags bildet deshalb in erster Linie die Konzeption Essers sowie anderer ihm nahe stehender Autoren. Sein Ziel ist es, die Eignung einer solchen handlungs- theoretischen Konzeption für die Journalismusforschung zu diskutieren und aufzuzeigen, welche Herausforderungen sich aus handlungstheoretischer Sicht für die Journalismusforschung ergeben. Das von Esser skizzierte Handlungskonzept ist Teil eines strukturell- individualistischen Ansatzes (Opp 2004). In seinem handlungstheoretischen Kern steht die Wert-Erwartungstheorie als Entscheidungsregel. Deshalb wird Essers Konzept von vielen Beobachtern als moderne Variante einer Theorie rationa- len Handelns (= Rational Choice- oder RC-Theorie) bezeichnet – auch wenn Esser selbst dieser Einordnung kritisch gegenüber steht. Ausgangspunkt für die Anwendung von Rational Choice ist die Idee einer theoriegeleiteten, empirisch gehaltvollen, erklärenden Sozialwissenschaft (im Überblick Kunz 2004). Grundprinzip ist die Annahme, dass Akteure in Entscheidungssituationen versuchen, unter den jeweils gegebenen Restriktionen ihre Präferenzen (Ziele,

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Motive, Wünsche) möglichst gut zu realisieren. Ziel ist die Erklärung kollekti- ver Phänomene auf der Basis von Erklärungen individuellen Handelns, das in einen sozialen Kontext eingebettet ist (methodologischer Individualismus). Es geht also nicht allein um die Erklärung individuellen Handelns, sondern zumindest bei soziologischen Anwendungen letztlich immer um die Erklärung von Mak- rophänomenen. Dabei wird der Begriff der Rationalität heute oft in einem sehr allgemeinen Sinn verwendet. Diekmann und Voss beispielsweise definieren Rationalität als „Handeln in Übereinstimmung mit den Annahmen […] einer Entscheidungstheorie“ (2004: 13). Diese Entscheidungstheorie kann, muss aber nicht die Wert-Erwartungs- oder SEU-Theorie sein (ebd.: 16ff.). In seinem Beitrag vertritt Esser wie andere handlungs- bzw. akteurstheore- tisch orientierte Autoren die Auffassung, dass eine befriedigende Erklärung menschlichen Handelns nur dann möglich ist, wenn man die subjektive Perspektive der Akteure einnimmt: Wenn man ihre Wahrnehmung der Situation versteht, ihre Präferenzen (Ziele, Wünsche, Motive), ihre Sicht möglicher Handlungsalternati- ven und relevanter Restriktionen, ihre Bewertungen möglicher Handlungsfol- gen. Weiterhin beschreibt Esser die Wert-Erwartungstheorie als einfachste und zugleich umfassendste Möglichkeit zur Erklärung der Wahl zwischen verschie- denen Handlungsalternativen. Selbst die klassischen Weber’schen Handlungs- typen lassen sich seiner Ansicht nach mit Hilfe der Wert-Erwartungstheorie rekonstruieren. Dabei stellen zweckrationales, wertrationales, affektuelles und traditionales Handeln seiner Ansicht nach sowohl ein spezielles Modell des Handelns als auch einen besonderen Modus der Informationsverarbeitung dar. Die Auswahl eines Modells und eines Modus wiederum erfolgt nach den Re- geln der Wert-Erwartungstheorie. Akteure entscheiden also nach Nutzenerwä- gungen, welcher Typ des Handelns in einer bestimmten Situation angemessen ist und wie viel kognitiven Aufwand sie für Entscheidungen aufbringen wollen (dazu auch Esser 1999: 224ff.). Alltägliches soziales Handeln zeichnet sich durch den steten Wechsel zwischen verschiedenen Handlungstypen aus: Wäh- rend in einem Moment die zweck- oder wertrationale Abwägung von Hand- lungsalternativen angemessen erscheinen mag, ist es im anderen das quasi- automatische Abspulen tradierter Handlungsmuster. Hinter dieser Konzeption steht das Menschenbild eines resourceful, restricted, expecting, evaluating, maximizing man (RREEMM-Modell). Von besonderer Bedeutung ist ein Hinweis, mit dem Esser seinen Beitrag beginnt und enden lässt: Für sozialwissenschaftliche Analysen, die nicht allein an der Erklärung individuellen Handelns interessiert sind, sondern zumindest auch an Makrophänomenen und sozialen Prozessen, ist eine Handlungstheorie

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allein nicht ausreichend. Denn menschliches Handeln ist in der Regel soziales Handeln. Will man Strukturen, Makroeffekte und dynamische soziale Prozesse erklären, dann braucht man für deren Erklärung zusätzlich zu einer Handlungs- theorie Aggregationsregeln, welche die Effekte der Interaktionen von Akteuren erklären. Dieser Hinweis macht deutlich, dass der oftmals gegenüber Hand- lungstheorien geäußerte Vorwurf des Reduktionismus zumindest für modernde Varianten von Theorien rationalen Handelns nicht zutrifft. Allerdings werden Interaktionen und Aggregationen nicht im Mittelpunkt dieses Beitrags stehen, da sie nicht den Kern der Handlungstheorie betreffen und zudem den zur Verfügung stehenden Rahmen sprengen würden.

2 Handlungstheorien in der Kommunikationswissenschaft

Akteurszentrierte Handlungstheorien im Allgemeinen und Theorien rationalen Handelns im Besonderen haben in vielen Sozialwissenschaften und auf vielen Feldern der Kommunikationswissenschaft längst ihren Platz gefunden. Dies gilt für die Soziologie, für die Politikwissenschaft, die Psychologie und natürlich die Wirtschaftswissenschaften (im Überblick Diekmann & Voss 2004; Kunz 2004). In der Kommunikationswissenschaft sind Handlungstheorien und Rati- onal Choice vor allem in der Nutzungsforschung (z.B. Bilandzic 2004; Jäckel 2003; Scherer 1997), der Wirkungsforschung (z.B. Vlasic 2004; Brosius 1995), der Medienökonomie (z.B. Siegert & Lobigs 2004; Heinrich 2002; Kiefer 2001) und der politischen Kommunikationsforschung präsent (z.B. Eilders et al. 2004; Jarren & Donges 2002). Auch das Problem des Mikro-Makro-Links bleibt nicht ausgespart und wird von manchen Autoren auf Basis der Konzep- tion Essers behandelt (Vlasic 2004; Jäckel 2001). Dabei spielen in der hand- lungstheoretisch ausgerichteten Medienökonomie und der politischen Kom- munikationsforschung auch Journalisten und Medienorganisationen als han- delnde Akteure eine zentrale Rolle. In der Journalismusforschung wird das Konzept der Handlung dagegen erst in letzter Zeit wieder häufiger in den Blick genommen (z.B. Raabe 2005; Rei- nemann 2003; Altmeppen 2000; Bucher 2000; Neuberger 2000). Den bislang umfassendsten Vorschlag für eine Integration von Ideen der Theorien rationa- len Handelns in die Journalismusforschung haben im deutschsprachigen Raum vor kurzem Fengler und Ruß-Mohl vorgelegt (2005; vgl. auch ihren Beitrag in diesem Band). Sie rekurrieren vor allem auf wirtschaftswissenschaftlich gepräg- te Literatur. Beiträge aus der Soziologie werden dagegen kaum verarbeitet, psychologische und sozialpsychologische Konzepte sowie Fragen des Mikro-

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Meso-Makro-Links spielen keine herausragende Rolle. Daneben finden sich in letzter Zeit verstärkt Analysen journalismusbezogener Probleme, die auf der Spieltheorie oder der neuen Institutionenökonomik beruhen (z.B. Märkt 2005; Lobigs 2004). Während also makrotheoretisch fundierte und akteurs- bzw. handlungsthe- oretisch ausgerichtete Beiträge in der deutschen Journalismusforschung bislang Mangelware sind, ist ein großer Teil der empirischen Journalismusforschung zumindest implizit akteurstheoretisch ausgerichtet. Als Akteure werden hier sowohl individuelle Journalisten als auch Medienorganisationen betrachtet (z.B. Kepplinger 2000: 85). Dabei werden auch die Interaktionen journalistischer Akteure und strukturelle Effekte berücksichtigt, etwa in Studien zur redaktio- nellen Kontrolle und inneren Pressefreiheit (z.B. Donsbach 1995) sowie zu journalistischer Koorientierung bzw. intermedialen Prozessen (z.B. Reinemann 2003; Scheufele 2003). Auch psychologische und sozialpsychologische Kon- zepte spielen bereits in der Nachrichtenwert-Theorie eine Rolle (z.B. Schulz 1976) und werden heute im Rahmen des Framing-Konzepts genutzt (z.B. Scheufele 2003). Woran es bislang allerdings fehlt, ist eine umfassende hand- lungs- bzw. akteurstheoretische Fundierung der empirischen Journalismusfor- schung. Warum haben die Handlungstheorien allgemein und die strukturell- individualistische Theorie rationalen Handelns in der Journalismusforschung bislang so wenig Aufmerksamkeit gefunden? Es gibt dafür vermutlich eine ganze Reihe von Gründen. Einen Grund sieht Altmeppen darin, dass der Mik- ro-Makro-Link das „Analysedefizit“ der Handlungstheorien sei (Altmeppen 2000: 294). Auch andere Autoren teilen die Skepsis, dass handlungstheoretische bzw. strukturell-individualistische Ansätze nicht in der Lage seien, Makrophä- nomene zu erklären (z.B. Weßler 2002: 30ff.). Manche Autoren schlagen des- halb vor, Mikrophänomene handlungstheoretisch und Makrophänomene sys- temtheoretisch zu erklären (z.B. Esser & Weßler 1998: 211). Ob eine solche Verknüpfung allerdings ohne theoretische Brüche möglich ist, wird von ande- ren Autoren sehr skeptisch beurteilt (z.B. Schwinn 2004). Die angedeutete Kritik ist für moderne akteursorientierte Konzeptionen in mehrfacher Hinsicht unzutreffend. Erstens werden Makrophänomene durch oftmals nicht-intendierte, aggregierte Folgen des Handelns von individuellen Akteuren und die sich daraus ergebenden Interaktionen von Akteuren erklärt. Die dazu notwendigen Aggregationsregeln gehören – wie bereits angesprochen – zwar nicht mehr zum engeren Bereich der Handlungstheorie, sind aber inte- graler Bestandteil des strukturell-individualistischen Ansatzes. Zweitens kann

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man nicht nur einzelne Personen, sondern auch Organisationen als journalisti- sche Akteure begreifen. Bei einer solchen Betrachtung wird die organisatori- sche Einbindung einzelner Journalisten bereits berücksichtigt. Drittens gehen Vertreter strukturell-individualistischer Ansätze auch ganz allgemein davon aus, dass die für das Handeln entscheidenden subjektiven Situationsdefinitionen nicht in einem „sozialen oder institutionellen Vakuum“ stattfinden, sondern meist durch soziale und institutionelle Strukturen (Organisationen) geprägt werden. Die individuellen Motive und Einstellungen der Journalisten allein – da hat Altmeppen Recht – erklären Makrophänomene im Journalismus nicht. Allerdings würde dies wohl kaum ein Vertreter einer modernen RC-Variante behaupten (dazu z.B. Kunz 2004; Opp 2004). Ein weiterer Grund für die Skepsis gegenüber Theorien rationalen Han- delns im Speziellen dürfte darin liegen, dass mit ihnen noch immer die Ein- schränkung auf ökonomische Präferenzen und Eigennutz im engeren Sinne verbunden wird. Allerdings wird mittlerweile zwischen einer engen und einer weiten Version von Rational Choice differenziert, die sich im Hinblick auf ihre Zusatzannahmen deutlich unterscheiden (Opp 2004). Die Zusatzannahmen bestimmen, welche Arten von Präferenzen und Restriktionen in Erklärungen berücksichtigt werden. Die enge Version liegt vielen Anwendungen in den Wirtschaftswissenschaften zugrunde, die weite Version ist beispielsweise Basis sozialpsychologischer Analysen. Die weite Version stellt konsequent die „sub- jektive Rationalität“ von Akteuren in den Mittelpunkt: Subjektiv wahrgenom- mener Nutzen und subjektive Erwartungen treten an die Stelle „objektiv“ ge- gebener Wahrscheinlichkeiten, Informationskosten und Heuristiken menschli- cher Informationsverarbeitung sowie die soziale Einbettung individuellen Handelns werden berücksichtigt (vgl. Tabelle 1). Dass die Anwendung einer weiten Version von Rational Choice keineswegs „zirkulär, ad hoc oder tautolo- gisch ist“, zeigt überzeugend Opp (2004). Dass sich mit ihr zudem viele ver- meintliche „Anomalien“ von Rational Choice im Rahmen der Theorie erklären lassen, belegt Esser (1999: 313ff.). Aufgrund ihrer Offenheit erscheint die weite Version von Rational Choice ein besonders geeigneter Rahmen für die Journa- lismusforschung zu sein. Eine letzte Ursache für die Skepsis gegenüber handlungstheoretischen Konzeptionen mag auch in unterschiedlichen Auffassungen darüber bestehen, was die wichtigen Fragen der Journalismusforschung sind. Denn welche Fra- gen man für wichtig hält, beeinflusst auch, welchen theoretischen Zugang man für sinnvoll hält, und der jeweilige theoretische Zugang präformiert wiederum die theoretische und empirische Analyse des Untersuchungsgegenstandes. Es

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ist deshalb im Rahmen einer theoretischen Diskussion sinnvoll klar zu machen, welche Fragen man für die wichtigen und interessanten hält. Meines Erachtens sind all jene Fragestellungen von herausragender Bedeutung, die sich mit der Erklärung der Entstehung von Medieninhalten sowie ihrer inhaltlichen Charak- teristika beschäftigen. Denn die von Journalistinnen und Journalisten produ- zierten Inhalte sind es, die die gesellschaftliche Relevanz des Journalismus ausmachen, und der Einfluss journalistischer Akteure auf die Gestaltung von Medieninhalten ist der wichtigste Grund für eine wissenschaftliche Auseinan- dersetzung mit dem Journalismus (dazu auch Maurer & Reinemann 2006).

Tabelle 1:

Zusatzannahmen der engen und der weiten Version von Theorien rationalen Handelns

 

Enge Version

Weite Version

Präferenzen (Ziele, Motive, Wünsche)

Nur egoistische

Alle Arten von Präferenzen (z.B. auch altruistische Motive, Normen)

Präferenzen

Restriktionen

Nur materielle Restriktionen (z.B. finanzielle, Strafen)

Alle Arten von Restriktio- nen (z.B. auch soziale Missbilligung)

Informationsniveau

Vollständige

Keine vollständige

Information

Information

Relevanz subjektiv

Nur objektive

Objektive und subjektiv wahrgenommene Restriktionen

wahrgenommener

Restriktionen

Restriktionen

Relevanz

Nur Restriktionen erklären Handeln

Restriktionen und Präfe- renzen erklären Handeln

von Präferenzen

Typisches

z.B. Neoklassische

z.B. Sozialpsychologie

Anwendungsfeld

Ökonomie

Quelle: Eigene Darstellung nach Opp (2004: 46).

Interessante Fragen der Journalismusforschung können deshalb beispielsweise lauten: Warum wählen Journalisten vor allem negative Nachrichten aus und vernachlässigen positive? Warum orientieren sie sich in so starkem Maße an anderen Medien? Warum wechselt die Bild-Zeitung innerhalb von acht Wochen zweimal ihre Position zu Hartz IV? Warum ahmen die öffentlich-rechtlichen Sender die erfolgreichen Formate der privaten Sendeanstalten nach? Warum gibt es einen medien- und formatübergreifenden Trend zur Boulevardisierung?

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Warum wechseln sich die Themen der Medienberichterstattung in immer schnellerer Reihenfolge ab? Hält man diese oder ähnliche Fragen für zentral, dann hängt die Eignung einer Theorie für die Journalismusforschung entscheidend davon ab, ob diese Fragen mit ihrer Hilfe überzeugend beantwortet werden können. Der struktu- rell-individualistische Ansatz hat dieses Potential. Natürlich geht es in der Jour- nalismusforschung nicht nur um Publikationsentscheidungen im engeren Sin- ne. Doch auch jede andere Form des Handelns journalistischer Akteure sowie die sich daraus ergebenden strukturelle Effekte lassen sich strukturell- individualistisch und mit Hilfe einer Entscheidungstheorie rekonstruieren und erklären: Dies gilt z.B. für die Berufswahl oder den Berufswechsel, die Ent- scheidung über die Etablierung eines neuen Ressorts durch eine Chefredaktion, die routinemäßige oder situative Auswahl bestimmter Quellen oder Recher- chemethoden etc. Auch Makrophänomene wie die Ausbreitung, Ausdifferen- zierung und stetige Veränderung der Strukturen des Journalismus bzw. des Mediensystems können auf dieser theoretischen Basis erklärt werden.

3 Herausforderungen für eine handlungstheoretische Journalismusforschung

Wendet man eine Handlungstheorie an, dann bilden Akteure die Basis aller Betrachtungen und Erklärungen. Die zentralen Akteure der Journalismusfor- schung sind einzelne Journalisten und Medienorganisationen. Beide sollen hier allgemein als journalistische Akteure bezeichnet werden. Zwischen die Mikroebe- ne der einzelnen Journalisten und die Makroebene von Strukturen und Phä- nomenen im Journalismus bzw. den Medien allgemein tritt also in der Journa- lismusforschung oftmals die Mesoebene der Medienorganisationen bzw. Re- daktionen. Allgemein kann man Organisationen dann als Akteure betrachten, wenn sie handlungsfähig sind. Diese Fähigkeit ist dann anzunehmen, wenn sie Interessen haben und Ziele verfolgen, wenn sie allgemeine Handlungsorientie- rungen haben (z.B. Werte), wenn sie über Ressourcen verfügen (z.B. Wissen, Einfluss, Mitarbeiter), diese Ressourcen zur Erreichung ihrer Ziele einsetzen, sich selbst als Akteur verstehen, und auch von anderen als solche betrachtet werden (z.B. Jarren & Donges 2002; Schimank 2000). All dies trifft in der Regel auch auf Medienorganisationen zu. Ihr Handeln sowie die aggregierten Effekte ihrer Interaktionen können deshalb auf einer handlungstheoretischen Basis erklärt werden. Man kann also je nach Erkennt- nisinteresse entweder Heribert Prantl oder die Süddeutsche Zeitung oder beide als

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journalistische Akteure untersuchen und in die Erklärung eines journalismus- bezogenen Phänomens einbeziehen. Daneben dürften für die Erklärung jour- nalistischen Handelns oftmals auch Akteure im Umfeld der Redaktionen wie beispielsweise Verleger, Intendanten, Aufsichtsgremien, Quellen, PR-Akteure oder auch andere Journalisten bzw. Medienorganisationen von Bedeutung sein. Diese Akteure interagieren und kommunizieren mit journalistischen Akteuren, teils bestehen Beziehungen gegenseitiger Abhängigkeit oder Konkurrenz, wes- halb das tatsächliche oder antizipierte Handeln dieser Akteure Einfluss auf journalistisches Handeln nimmt (Koorientierung). Aus einer handlungstheoretischen Betrachtungsweise ergeben sich eine ganze Reihe von Herausforderungen für die theoretische und empirische Ana- lyse journalistischen Handelns bzw. der aus ihm resultierenden Makrophäno- mene. Dazu zählen insbesondere (1) die Rekonstruktion subjektiver Situations- definitionen, (2) die Konstruktion der dazu notwendigen Brückenannahmen sowie (3) die Bestimmung von Aggregationsregeln und die damit verbundene Modellierung dynamischer Prozesse. Die unter (3) genannten Aspekte fallen jedoch nicht mehr in den engeren Bereich der Handlungstheorie, weshalb der Fokus hier auf den ersten beiden Punkten liegen soll.

3.1 Die Rekonstruktion subjektiver Situationsdefinitionen

Der strukturell-individualistische Ansatz geht davon aus, dass Handeln durch die subjektive Definition einer Handlungssituation bestimmt wird. Will man das Handeln von Akteuren erklären, besteht der erste Schritt deshalb darin, die aus Sicht der Akteure gegebene Situation zu rekonstruieren und zu modellie- ren. Es geht darum, die Situation der Akteure zu verstehen (Esser 1999: 387ff.). Dementsprechend ist es für eine handlungstheoretisch ausgerichtete Journalis- musforschung von entscheidender Bedeutung, die subjektiven Situationsdefini- tionen journalistischer Akteure zu rekonstruieren. Die Definition einer Situation hängt einerseits von äußeren Bedingungen der sozialen Situation, andererseits von den inneren Bedingungen der Akteure ab. Die äußeren Bedingungen können in gesellschaftlichen oder institutionellen Strukturen, in zeitlichen und materiellen Ressourcen, im Handeln anderer Ak- teure sowie allgemein in allen Formen von akteurs-externen Ereignissen und Informationen bestehen (z.B. die „Nachrichtenlage“). Innere Bedingungen können auf der Mesoebene der Medienorganisationen z.B. verlegerische oder redaktio- nelle Vorgaben, redaktionelle Traditionen oder auch die Wettbewerbssituation sein. Auf der Mikroebene einzelner Journalisten können dies z.B. professionelle oder politische Einstellungen, Wissen oder Erfahrungen sein. Deren Genese

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kann man beispielsweise durch Lernprozesse in der allgemeinen und berufli- chen Sozialisation erklären (dazu Esser 1999: 359ff.). Die Mesoebene der Medienorganisation hat dabei einen doppelten Charak- ter: Analysiert man das Handeln von Medienorganisationen, dann bilden allein die organisations-externen Bedingungen die äußeren Bedingungen der Situati- onsdefinition. Analysiert man auf der Mikro-Ebene das Handeln einzelner Journalisten, dann stellt die Mesoebene ihrerseits eine zentrale äußere Hand- lungsbedingung dar, die die Wahrnehmung und Interpretation der organisati- ons-externen Bedingungen auf die einzelnen Journalisten prägt (vgl. Ab- bildung 1).

Abbildung 1:

Äußere und innere Bedingungen in strukturell-individualistischen Erklärungen des Handelns journalistischer Akteure

G 1 äußere Bedingungen der sozialen Situation B 1 innere Bedingungen der G 2 Medienorganisation
G 1
äußere Bedingungen
der sozialen Situation
B
1
innere Bedingungen der
G 2
Medienorganisation
äußere Bedingungen für
einzelne Journalisten

H 1

äußere Bedingungen für einzelne Journalisten H 1 Handeln von Medienor- ganisationen B 2 G 3 H

Handeln von Medienor- ganisationen

B 2 G 3 H 2 innere Bedingungen einzelner Journalisten
B
2
G 3
H 2
innere Bedingungen
einzelner Journalisten

Handeln

einzelner Journalisten

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Kunz (2004: 205) und Esser (1999: 166).

Anmerkungen: G1, G2, G3: Genese der äußeren und inneren Bedingungen (Entstehungsgeschichte der sozialen und organisatorischen Strukturen sowie der organisatorischen und individuellen Präferenzen); B1, B2: Brückenannahmen, die die relevanten Aspekte der Situation sowie Bewertungen und Erwartun- gen bestimmen; H1, H2: Anwendung der Wert-Erwartungstheorie zur Evaluation und Auswahl der Handlungsalternativen.

Die äußeren Bedingungen einer Situation werden vor dem Hintergrund der inneren Bedingungen wahrgenommen und interpretiert. Die äußeren Bedin- gungen gehen deshalb als subjektiv wahrgenommene äußere Bedingungen in die Definition der Situation ein: Die situational relevanten Ziele werden aktua- lisiert, und es wird entschieden, welcher Handlungstyp am ehesten angemessen

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ist, ob also z.B. ein routinisiertes Handlungsmuster abgespult werden kann oder mehr kognitiver Aufwand betrieben werden muss. Aus der Definition der Situation leiten Akteure im nächsten Schritt die relevanten Handlungsalternati- ven, die möglichen Konsequenzen des Handelns, deren Bewertungen sowie die Erwartungen über deren Eintreten ab. Die Evaluation der Alternativen, die man mit der Wert-Erwartungstheorie modellieren kann, führt dann zur Aus- wahl einer Handlungsalternative und zum eigentlichen sichtbaren Handeln (vgl. Abbildung 2; Esser 1999: 161ff.).

Abbildung 2: Die Definition der Situation und die Auswahl von Handlungsalternativen G äußere 1 Bedingungen
Abbildung 2:
Die Definition der Situation und die Auswahl von Handlungsalternativen
G
äußere
1
Bedingungen
Wahrnehmung
Kognition/Heuristiken
Alternative A: Konsequenzen
Definition
(Bewertungen/Erwartungen)
der Situation
offenes
Aktualisierung rele-
H
Handeln
vanter Präferenzen/
Alternative B: Konsequenzen
Programme, etc.
(Bewertungen/Erwartungen)
G
2
innere Bedingungen
Präferenzen, etc.

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Kunz (2004: 205) und Esser (1999: 166).

Anmerkungen: G1, G2: Genese der äußeren und inneren Bedingungen (Entstehungsgeschichte der sozialen und organisatorischen Strukturen sowie der organisatorischen und individuellen Präferenzen); H1: Anwendung der Wert-Erwartungstheorie zur Evaluation und Auswahl der Handlungsalternativen.

Für eine Rekonstruktion subjektiver Situationsdefinitionen spielen psychologi- sche und sozialpsychologische Prozesse eine wichtige Rolle. Sie kommen so- wohl bei der Wahrnehmung der äußeren Bedingungen einer Situation zum Tragen als auch im Rahmen der kognitiven Prozesse, mit denen Präferenzen und Situationswahrnehmungen in Beziehung gesetzt oder Handlungsalternati- ven abgewogen werden. Dies wirft die grundsätzliche Frage auf, ob und in welchem Maße psychologische und/oder sozialpsychologische Konzepte und

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Erkenntnisse für die Journalismusforschung nutzbar gemacht werden sollten. Traditionell stehen sich psychologische und soziologische Perspektiven bei Handlungserklärungen eher kritisch gegenüber. Selbst in akteurstheoretischen soziologischen Ansätzen spielen psychische und sozialpsychologische Prozesse als Untersuchungsgegenstand kaum eine Rolle. Sie werden zwar eventuell für die Handlungserklärung berücksichtigt, aber nur, wenn soziologische Erklärun- gen nicht ausreichen (vgl. dazu Vorderer & Valsiner 2004). Da aber die Kom- munikationswissenschaft ohnehin interdisziplinär ausgerichtet ist, sollte sich auch die Journalismusforschung nicht scheuen, die Grenzen zwischen den Disziplinen zu überschreiten und psychologische und sozialpsychologische Konzepte zu nutzen – und zwar immer dann, wenn sie helfen, journalistisches Handeln besser zu erklären.

3.2 Die Konstruktion von Brückenannahmen

Die im Rahmen von Rational Choice verwendeten Entscheidungstheorien sind im Hinblick auf die Nutzenkomponente inhaltlich leer. Sie geben nur eine abstrakte Entscheidungsregel, ein Entscheidungsprinzip vor: Es wird stets die Handlungsalternative gewählt, von der sich ein Akteur subjektiv den größten Nutzen verspricht. Sie sagt aber nichts darüber, welche konkreten Entschei- dungskriterien Akteure in bestimmten Situationen tatsächlich zu Grunde legen:

Welche Präferenzen aktualisiert und welche Handlungsalternativen gesehen werden, wie deren Konsequenzen bewertet und mit welcher Sicherheit ihr Eintreten erwartet wird, bleibt völlig offen. Es muss also für die jeweils interessierenden Akteure und das jeweils zu er- klärende Handeln erst spezifiziert werden, „worin denn in einer bestimmten gesellschaftlichen Situation Nutzen und Verluste eines Akteurs bestehen“ (Schimank 2000: 101). Erst diese konkrete Bestimmung relevanter Ziele, Hand- lungsalternativen, wahrgenommener Konsequenzen, Bewertungen und Erwar- tungen liefert die inhaltliche Substanz zu einer konkreten Handlungserklärung. Diese Übersetzung typischer Situationen in die Randbedingungen einer Ent- scheidungstheorie erfolgt mittels so genannter Brücken- oder Kontextannahmen. Sie stellen die Logik der Situation aus Sicht der Akteure dar und schlagen damit die Brücke zwischen Makro-, Meso- und Mikro-Ebene:

Brückenannahmen [beschreiben], welche Aspekte von den Akteuren in einer Handlungssituation als relevant eingeschätzt werden, ob sie diese Aspekte posi- tiv oder negativ bewerten und welche Erwartungen sie über ihr Auftreten haben. (Kunz 2004: 104f.)

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Die Herleitung solcher Brückenannahmen ist eine der zentralen Herausforde- rungen für eine handlungstheoretisch orientierte Journalismusforschung. Für die Herleitung von Brückenannahmen stehen verschiedene Verfahren zur Ver- fügung. Dazu zählen u.a. die analytische Herleitung, das Konzept sozialer Pro- duktionsfunktionen, die Orientierung an Common-Sense- bzw. Hintergrund- wissen und die direkte empirische Konstruktion (vgl. Kunz 2004: 104ff.). Eine Orientierung an Common-Sense- bzw. Hintergrundwissen ermöglichen bei- spielsweise die zahlreich vorliegenden Erkenntnisse der Journalismusfor- schung. Ebenso kann man aber auch durch die Analyse einschlägiger Doku- mente oder durch Befragungen direkt empirisch ermitteln, welche Handlungs- optionen journalistische Akteure in bestimmten Situationen sehen, welche Konsequenzen sie mit diesen Optionen verbinden, wie sie diese Konsequenzen bewerten und für wie wahrscheinlich sie deren Eintreten halten. Obwohl es hier nicht um eine Analyse journalistischen Handelns selbst, sondern um ihre theoretische Einordnung und Anleitung geht, soll an dieser Stelle ein kurzer Blick auf einige Elemente möglicher Brückenannahmen ge- worfen werden: Betrachten wir zunächst die Handlungsalternativen, die das Ex- planandum von Erklärungen journalistischen Handelns bilden können: Die wichtigsten Entscheidungen journalistischen Handelns fallen zwischen den Handlungsalternativen „publizieren“ und „nicht publizieren“ (wobei man aus dieser dichotomen auch eine Alternative mit mehreren Stufen machen kann). Allerdings wird vor und nach der eigentlichen Publikationsentscheidung eine Vielzahl weiterer Entscheidungen getroffen, die ebenfalls Gegenstand von Erklärungen sein können. Dazu zählen beispielsweise Entscheidungen über die Auswahl von Quellen, den Umfang und die Art einer Recherche, über Art und Umfang der Präsentation eines Sachverhalts, die Auswahl bestimmter Aspekte eines Geschehens oder Themas für die Publikation sowie die Bewertung eines Sachverhalts. Daneben sind natürlich eine Vielzahl anderer Handlungen jour- nalistischer Akteure denkbar, die einen lohnenden Erklärungsgegenstand der Journalismusforschung darstellen können (siehe oben). Auch das Spektrum der Handlungskonsequenzen, die Journalisten bei ihren Entscheidungen ins Kalkül ziehen können, ist groß. Welche davon in welchem Umfang in Betracht gezogen werden, hängt zunächst davon ab, um welche Handlungsalternativen es geht. Im Fall einer Publikationsentscheidung könnten die relevanten Handlungskonsequenzen sich beispielsweise auf die Person des einzelnen Journalisten beziehen (z.B. seine Karriere), seine Redaktion bzw. sein Medium (z.B. dessen Publikumserfolg), das gesamte Mediensystem (z.B. die

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Entstehung einer Berichterstattungswelle) oder auch auf den Gegenstand der Berichterstattung (z.B. den möglichen Rücktritt eines Politikers). Die Bewertungen der jeweiligen Handlungskonsequenzen sind vor allem von den Präferenzen der Akteure abhängig. Im Fall journalistischer Akteure sind diese Präferenzen bisweilen sehr unterschiedlich ausgeprägt. So unterscheiden sich die wirtschaftlichen und publizistischen Präferenzen (Ziele) der Bild-Zeitung und Frankfurter Allgemeinen Zeitung deutlich, was zu unterschiedlichen journalis- tischen Selektionsregeln und damit zu unterschiedlicher Berichterstattung führt (Kepplinger 1998). Um die spezifische Präferenzstruktur journalistischer Ak- teure zu beschreiben und zu erklären, kann man Modelle heranziehen, in denen Einflussfaktoren auf journalistisches Handeln systematisiert werden (z.B. Shoemaker & Reese 1991; Donsbach 1987). Ausgehend von diesen Modellen kann man beispielsweise (1) zwischen den persönlichen Präferenzen einzelner Journalisten und den organisatorischen Präferen- zen einer Medienorganisation unterscheiden. Diese müssen keineswegs kon- gruent sein, sondern können sich durchaus widersprechen. Daneben kann man (2) allgemeine Präferenzen, die generalisierten Handlungsorientierungen und -be- dingungen entsprechen, und situationsspezifische Präferenzen unterscheiden. Gene- relle Handlungsorientierungen und -bedingungen spiegeln sich beispielsweise in Berufsmotiven, im Rollenselbstverständnis, in journalistischen und wirt- schaftlichen Leitlinien einer Redaktion oder ihren finanziellen und technischen Ressourcen. Situationsspezifische Präferenzen sind dagegen an den jeweiligen Berichterstattungsgegenstand oder die jeweils in einem Arbeitsprozess anste- hende Tätigkeit gebunden. Unterscheidet man zwischen generellen und situati- onsspezifischen Präferenzen, dann ist beispielsweise die Erklärung der Wider- sprüche zwischen allgemeinen Bekenntnissen zu journalistischen Qualitätsmaß- stäben und dem Handeln in konkreten Situationen kein Problem mehr. Schließlich kann man in Bezug auf ihren Gegenstand (3) zwischen ökonomischen (z.B. Gewinnmaximierung, Maximierung der Auflage/Reichweite, Erreichen eines adäquaten Verhältnisses von Aufwand und Nutzen bei der Recherche), publizistischen (z.B. Streben nach Qualität, Erreichung politischer Ziele) und sozialen (z.B. Anerkennung, Prestige) Präferenzen journalistischer Akteure diffe- renzieren. Zwischen unterschiedlichen Zielen journalistischer Akteure bestehen oft- mals – teils hierarchische – Beziehungen. So kann man beispielsweise anneh- men, dass Journalisten durch die Wahl einer bestimmten Handlungsalternative (z.B. die intensive Recherche zu einem Thema) kurzfristig nach Anerkennung streben, sich aber langfristig einen beruflichen Aufstieg und damit letztlich

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einen ökonomischen Nutzen erhoffen (Oberziel). Ebenso kann es sein, dass die publizistischen Ziele eines Mediums letztlich der Erlangung ökonomischen Gewinns dienen. So will manche Boulevardzeitung mit der Skandalisierung politischer Akteure vielleicht auch eine Watchdog-Funktion erfüllen, hat aber möglicherweise wirklich vor allem die Auflage im Blick.

3.3 Die Bestimmung von Aggregationsregeln

Bei der Analyse des Handelns journalistischer Akteure kann man kollektive Effekte bzw. Phänomene sowohl auf der Makroebene des Mediensystems bzw. des gesamten Journalismus, als auch auf der Mesoebene einzelner Medienorgani- sationen bzw. Redaktionen untersuchen. Kollektive Effekte bzw. Phänomene stellen sich dabei als aggregierte Merkmalverteilungen dar, die auf den beiden Ebenen empirisch mit Befragungen oder Inhaltsanalysen gemessen werden können. Wie diese aggregierten Merkmalverteilungen aus dem individuellen Handeln einzelner Journalisten und Medienorganisationen entstehen, dies wird mit Aggregationsregeln (auch Transformationsregeln genannt) beschrieben (dazu z.B. Jäckel 2001). Auf der Mesoebene kann man das Handeln einer Medienorganisation als das aggregierte Ergebnis der Interaktionen aller beteiligten Mitarbeiter betrachten. Aufgrund der während der Produktion ablaufenden Interaktions- und Kom- munikationsprozesse und des unterschiedlichen Einflusses der einzelnen Mit- arbeiter auf die redaktionellen Entscheidungen entspricht dieses Aggregat je- doch nicht der bloßen Aufsummierung des individuellen Handelns der einzel- nen Journalisten. Eine einfache Aggregationsregel scheidet also bei Medienre- daktionen häufig aus. Viel eher werden komplexere Aggregationsregeln not- wendig sein, die beispielsweise die Bedeutung der jeweiligen Publikationsent- scheidung (z.B. Aufmacher vs. kein Aufmacher), Art und Umfang der redakti- onellen Kontrolle, das Ausmaß an Hierarchisierung redaktioneller Entschei- dungen und die Bedeutung redaktioneller Leitlinien in politischer oder anderer Hinsicht in Betracht ziehen. Die Journalismusforschung ist dabei in der komfortablen Lage, dass die Endergebnisse des Handelns journalistischer Akteure in manifester Form vor- liegen und der Analyse zugänglich sind: als Ausgabe einer Zeitung oder Zeit- schrift, als Radio- oder TV-Sendung oder Online-Angebot. Wenn journalisti- sches Handeln erklärt werden soll, dann sollten die Medieninhalte als das ag- gregierte Ergebnis des Handelns von Journalisten nicht aus den Augen verlo- ren werden. Rückschlüsse von Inhalten auf die Handlungsmotive oder Präfe- renzen von Medienorganisation und einzelnen Journalisten sind dabei zuweilen

Subjektiv rationale Akteure

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nicht unproblematisch und manchmal vielleicht gar nicht möglich. Allerdings gilt dies sicher nicht immer. So wird beispielsweise oft von der Struktur der vorkommenden Akteure, dem Themenhaushalt oder der Bewertung von Ak- teuren und Sachverhalten auf die politische Linie eines Mediums geschlossen (z.B. Eilders et al. 2004; zum diagnostischen Ansatz der Inhaltsanalyse allgemein Maurer & Reinemann 2006). Diese politische Linie stellt handlungstheoretisch betrachtet nichts anderes als die Präferenz für bestimmte politische Positionen dar, die die Wahrnehmung von Ereignissen und Situationen sowie die daraus resultierenden Publikationsentscheidungen prägt. Auch auf der Makroebene wird man oftmals nicht mit einfachen Aggregati- onsregeln auskommen. Dies gilt insbesondere für den Fall, dass man den Ver- such unternimmt, dynamische Prozesse zu rekonstruieren. Ein kurzes Beispiel soll dies verdeutlichen: Explanandum sei eine Boulevardisierung der Berichterstat- tung, die auf Basis von Inhaltsanalysen für das gesamte Mediensystem, eine bestimmte Mediengattung oder ein einzelnes Medium konstatiert wird. Sie kann als das aggregierte Ergebnis einer systematischen Bevorzugung von sensa- tionalistischen, emotionalisierten, personalisierten etc. Nachrichten in den Publikationsentscheidungen journalistischer Akteure betrachtet werden. Will man das Ausmaß der Boulevardisierung zu einem bestimmten Zeitpunkt bzw. deren Genese erklären, dann reicht es nicht, ein anderes Makrophänomen bzw. die Veränderung einer externen Bedingung wie etwa die Dualisierung des Rundfunks heranzuziehen. Eine echte, tiefe Erklärung des Zusammenhangs müss- te vielmehr deutlich machen, wie sich die Dualisierung des Rundfunks konkret auf die Handlungspräferenzen und/oder -restriktionen der betrachteten Me- dienorganisationen (Mesoebene) bzw. einzelnen Journalisten (Mikroebene) ausgewirkt hat. Denn nimmt man an, dass sich nicht die Ereignislage verändert hat, dann können nur Veränderungen von Präferenzen und/oder Restriktionen auf Seiten der Akteure zu einer systematischen Veränderung von Publikations- entscheidungen geführt haben, die dann in ihrer Summe als Boulevardisierung wahrgenommen werden. Abbildung 3 macht schematisch deutlich, wie ein auf der Makroebene an- genommener Zusammenhang zwischen der Dualisierung des Rundfunks und der Boulevardisierung der Medienberichterstattung unter Zuhilfenahme von Brückenannahmen, Handlungstheorie und Aggregationsregeln erklärt werden würde. Dabei ist der Prozesscharakter, der Zeitverlauf also, noch nicht berück- sichtigt. Dieser würde einer Verlängerung des Schaubilds mit den vorhandenen Elementen entsprechen, d.h. Interaktionen und soziale Prozesse würden als Handlungssequenzen mehrerer Akteure rekonstruiert, die jeweils eine äußere Be-

62

Carsten Reinemann

dingung des Handelns der anderen Akteure darstellen und aufeinander reagie- ren. Die Handlungstheorie hat dabei ihren Platz jeweils dort, wo auf der Basis der Wahrnehmung der Situation sowie der relevanten Präferenzen eine be- stimmte Handlungsalternative gewählt wird, also etwa eine Entscheidung für eine emotionale Meldung oder Darstellungsweise (die unteren beiden waage- rechten Pfeile).

Abbildung 3:

Brückenannahmen, Handlungstheorie und Aggregationsregeln in einem strukturell-individualistischen Erklärungsmodell für die Boulevardisierung der Berichterstattung

Dualisierung des Rundfunks B 1
Dualisierung
des Rundfunks
B
1

Ausmaß der

Boulevardisierung

des Rundfunks B 1 Ausmaß der Boulevardisierung A 1 Handeln von Medienunternehmen A 2 Situation der
A 1 Handeln von Medienunternehmen A 2
A 1
Handeln von
Medienunternehmen
A
2
Situation der Medienunternehmen B 2
Situation der
Medienunternehmen
B
2

H 1

A 2 Situation der Medienunternehmen B 2 H 1 Situation der Journalisten H 2 Handeln einzelner

Situation der

Journalisten

H 2

B 2 H 1 Situation der Journalisten H 2 Handeln einzelner Journalisten Quelle: Eigene Darstellung

Handeln einzelner

Journalisten

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Kunz (2004: 205) und Esser (1999: 166).

Anmerkungen: B1, B2: Brückenannahmen, die die relevanten Aspekte der Situation sowie Bewertungen und Erwartungen bestimmten; H1, H2: Anwendung der Wert-Erwartungstheorie zur Evaluation und Auswahl der Handlungsalternativen. A1, A2: Aggregationsregeln zur Erklärung kollektiver Effekte bzw. Phänomene.

4

Ausblick

Ziel dieses Beitrags war, die Bedeutung des Konzepts „Handlung“ für die Journalismusforschung zu diskutieren. Ausgangspunkt waren die Ausführun- gen Hartmut Essers (in diesem Band), die im Kontext des von ihm und ande- ren Autoren vertretenen strukturell-individualistischen Ansatzes gesehen wer- den müssen. In dessen Rahmen ist die Erklärung des Handelns von Akteuren

Subjektiv rationale Akteure

63

nur ein Schritt in einer mehrstufigen Erklärung sozialer Phänomene. Wenn in der Folge von einer handlungstheoretischen Perspektive die Rede ist, dann sind diese weiteren Schritte der Erklärung stets mitgedacht. Handlungstheoretischer Kern von Essers Ansatz ist die Wert-Erwartungstheorie, weshalb man den Ansatz auch als eine weiche Variante einer Theorie rationalen Handelns be- zeichnen kann. Neben den Merkmalen der Präzision, Kausalität, Allgemeinheit, Einfachheit, Modellierbarkeit und Bewährung, die der Wert-Erwartungstheorie allgemein zugeschrieben werden (dazu z.B. Diekmann & Voss 2004; Opp 2004; Esser 1999: 241ff.), eignet sich eine strukturell-individualistische Perspek- tive meiner Ansicht nach aus folgenden Gründen in besonderer Weise zur Beschreibung, Erklärung und Prognose journalistischen Handelns sowie der sich daraus ergebenden Makroeffekte:

1. Eine handlungstheoretische Perspektive stellt individuelle und korporative journalistische Akteure ins Zentrum der Journalismusforschung und be- greift Journalismus als ein System interagierender Akteure. Grundlage ist die Überzeugung, dass letztlich nur Akteure handeln können und diese Ak- teure auch angesichts von Rollen und Programmen noch immer Entschei- dungen treffen müssen, um handeln zu können. Diese akteurszentrierte Sichtweise entspricht nicht nur einem intuitiven Verständnis von Journa- lismus, sondern auch der Sichtweise vieler empirischer Studien, die aller- dings oftmals auf eine Anbindung an eine Handlungstheorie verzichten. Erst eine solche Fokussierung auf die journalistischen Akteure macht die Erklärung konkreten journalistischen Handelns sowie der Unterschiede im Handeln verschiedener journalistischer Akteure möglich. Der Versuch, konkretes journalistisches Handeln allein über Rollen, Programme und Strukturen erklären zu wollen, ohne die spezifischen Präferenzen und Re- striktionen verschiedener journalistischer Akteure ins Kalkül zu ziehen, kann meines Erachtens nicht zu befriedigenden Ergebnissen führen.

2. Aus handlungstheoretischer Perspektive ist es von zentraler Bedeutung, die subjektive Rationalität des Handelns journalistischer Akteure zu rekon- struieren. Das bedeutet beispielsweise, dass ökonomische, publizistische und soziale, individuelle und organisatorische sowie allgemeine und situa- tionsspezifische Präferenzen und Restriktionen identifiziert und auf ihren Einfluss auf konkretes journalistisches Handeln hin geprüft werden müs- sen. Dabei sollte die Frage von Zielkonflikten und die Art, wie diese in konkreten Entscheidungssituationen aufgelöst werden, eine zentrale Rolle in empirischen Untersuchungen spielen. Nur wenn sie die Perspektive der journalistischen Akteure ernst nimmt und die Präferenzen und Restriktio-

64

Carsten Reinemann

nen versteht, die für konkrete Entscheidungen relevant sind, kann die Journalismusforschung einen praktischen Beitrag zur Verbesserung journa- listischer Qualität und zur Korrektur von Fehlentwicklungen im Journa- lismus leisten.

3. Eine handlungstheoretische Perspektive kann anders als andere theoreti- sche Ansätze zur Erklärung aller Formen des Handelns journalistischer Akteure nutzbar gemacht werden. Dazu zählen nicht nur die klassischen Formen journalistischen Handelns wie das Treffen von Publikationsent- scheidungen, die Auswahl von Informationsquellen oder journalistischen Darstellungsformen, sondern ebenso die Berufswahl, der Berufswechsel oder die Entscheidung für die Lektüre einer bestimmten Tageszeitung.

4. Angesichts der überaus realen Konsequenzen journalistischen Handelns, muss sich eine für die Journalismusforschung geeignete Theorie an ihrer Fähigkeit messen lassen, konkretes Handeln journalistischer Akteure sowie die daraus entstehenden sozialen Prozesse befriedigend zu erklären. Sie muss also über die Definition von Begriffen und die Beschreibung von Strukturen und Einflussfaktoren hinausgehen, um zu erklären, wie sich diese Faktoren unter welchen Bedingungen konkret auswirken. Außerdem sollte ein geeigneter Ansatz auch in der Lage sein, dynamische Prozesse und sozialen Wandel darzustellen und zu erklären. Die beschriebene hand- lungstheoretische Perspektive ist dazu prinzipiell in der Lage. Allerdings sind dazu komplexe Analysen der Interaktionen von Akteuren und der Folgen dieser Interaktionen notwendig. Denn auch wenn die Wert- Erwartungstheorie auf den ersten Blick nicht sonderlich komplex erschei- nen mag: Sie ist eben nur ein Teil einer strukturell-individualistischen Er- klärung, die mit dem Versuch, die Folgen der Interaktionen von Akteuren zu rekonstruieren, die Komplexität sozialer Prozesse wirklich ernst nimmt.

5. Eine handlungstheoretische Perspektive macht die makrotheoretische Diskussion in der Journalismusforschung wieder anschlussfähig an die in der Journalismusforschung wichtigen theoretischen Ansätze mittlerer Reichweite sowie an zentrale Forschungsfelder der empirischen Journalis- musforschung. Dazu zählen beispielsweise die Nachrichtenwert-Theorie, das Zwei-Komponenten-Modell der Nachrichtenauswahl, der Framing- Ansatz, die Theorie der instrumentellen Aktualisierung und die gesamte Medieninhaltsforschung, bei der es um die wichtigsten Ergebnisse journa- listischen Handelns geht. Aber auch das Knüpfen von Verbindungen zu anderen Feldern der Kommunikationswissenschaft, die sich ja teilweise ebenfalls mit den Bedingungen und Ergebnissen journalistischen Handelns

Subjektiv rationale Akteure

65

beschäftigen, wird durch eine handlungstheoretische Perspektive erleich- tert. Dies gilt beispielsweise für die Medienökonomie, aber auch für die Mediennutzungs- und Medienwirkungsforschung. Dabei sollte sich die Journalismusforschung bei ihren Erklärungen nicht auf eine soziologische, eine psychologische oder eine ökonomische Perspektive beschränken. Sie sollte sich vielmehr so weit öffnen, wie es für die Erklärung spezifischer Phänomene im Journalismus notwendig ist. Nur so lassen sich bessere Er- klärungen für konkretes journalistisches Handeln und dessen Veränderun- gen finden, die wir tagtäglich erleben.

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RATIONALITÄT

„…dass man nichts zu wählen hat“:

Die Kontroverse um den Homo Oeconomicus 1

Michael Jäckel

1 Entscheidungen und Restriktionen

Kontrastierung ist ein wirksames Mittel der Darstellung von Differenzen. Die heuristische Funktion einer solchen Vorgehensweise sollte dabei nicht in Ver- gessenheit geraten. Dies gilt in besonderer Weise für die hier zu behandelnde Thematik, die die Soziologie seit ihren Anfängen beschäftigt hat: das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, das Verhältnis von Intentionalität und nor- mativem Handeln, das Verhältnis von Zweck- und Wertrationalität. Utilitaristi- sche Erklärungen, so lautet ein verbreiteter Vorwurf, seien auf einen individuel- len Steuerungsmodus fixiert, der die Umweltfaktoren zu sehr vernachlässige. In der aktuellen Individualisierungsdebatte kehrt diese Kontroverse wieder, wenn die Folgen eines institutionalisierten Individualismus als Desintegrationsphä- nomene diskutiert werden (vgl. Honneth 1994). Pointiert hat Schimank die Problematik wie folgt formuliert: „Immer mehr Gesellschaftsmitglieder schla- gen sich mit immer beschränkteren „Tunnelblicken“ durchs Leben; und wer hat dann eigentlich noch den Überblick über die Ordnung des gesellschaftli- chen Ganzen?“ (Schimank 2000: 11) Im Folgenden stehen Entscheidungen im Vordergrund. Dies bedeutet: Es geht um die Analyse von Zweck-Mittel-Relationen. Wenn von Mitteln und

1 Der vorliegende Beitrag ist in Teilen bereits in dem allgemeinen Teil meines Buches „Wahl- freiheit in der Fernsehnutzung“ (1996) publiziert worden. Er wurde für den vorliegenden Zweck überarbeitet und um neue Aspekte aus der Rational Choice-Debatte (vgl. zusam- menfassend Diekmann & Voss 2004 und Hill 2002) erweitert. Ich danke Thomas Grund für wertvolle Hinweise.

72

Michael Jäckel

Zwecken gesprochen wird, bezieht sich die Entscheidungstheorie auf den Ide-

altypus des „homo oeconomicus“. Dieser lässt sich mit Esser (1993: 236) wie

daß er seinen individuellen Nutzen auf der Grundlage

vollkommener Information und stabiler und geordneter Präferenzen im Rah- men gegebener Restriktionen maximier[t].“ Restriktionen können zeitlicher (Zeitbudget), ökonomischer (Kaufkraft), sozialer (Orientierung an bzw. Be- rücksichtigung der Interessen anderer) oder normativer Art (geltende Normen) sein. Die Restriktionen fangen also vieles von dem auf, was der so genannten Umwelt zugerechnet werden muss. Es ist daher auch zu diskutieren, was die Formulierung „im Rahmen gegebener Restriktionen“ alles umfasst und was als Kern der Erklärung bestehen bleibt. Zunächst wird das ökonomische Pro- gramm in der Soziologie skizziert, sodann Erweiterungen des Modells behan- delt und schließlich eine Systematisierung der Einwände vorgenommen.

folgt definieren: „[ ]

2 Das ökonomische Programm in der Soziologie

Die Soziologie war bis in die jüngste Vergangenheit von einem Menschenbild dominiert, das die Determiniertheit des Handelns durch soziale und damit nicht-individuelle Faktoren betonte. Hierauf ist häufig hingewiesen worden, und selten kam eine Infragestellung dieser Sichtweise ohne polemische Argu- mentationen der beteiligten Parteien aus (vgl. hierzu beispielhaft Lindenberg 1985: 244ff. sowie Esser 1993: 231ff.). Es genügen einige Beispiele, um diese Kontroverse zu illustrieren. In seiner Ansprache als Präsident der American Sociological Association hatte George Caspar Homans 1964 harsche Kritik am soziologischen Funktio- nalismus geübt und seine Aufforderung an soziologische Erklärungen bereits im Titel seines Vortrags deutlich werden lassen: „Bringing Men Back In.“ Da- mit wandte er sich entschieden gegen die Auffassung, dass der Gegenstand der Soziologie die „sozialen Tatsachen“ seien, die nach Durkheim das Handeln der Menschen bestimmen. Durkheim hatte das Studium der sozialen Tatsachen zum Gegenstand der Soziologie erklärt und damit gleichzeitig das Ziel verbun- den, Soziologie nicht als die Analyse individueller Bewusstseinslagen zu verste- hen. Die unkritische Reproduktion subjektiver Primärerfahrungen führe zu einer „Spontansoziologie“, die wissenschaftlich unzureichend fundiert sei. Es fehle dieser Perspektive der notwendige Bruch mit vorwissenschaftlichen Be- griffen, um zu objektiver Erkenntnis zu gelangen. Das Handeln der Menschen richte sich nicht nach individuellen Maßstäben, sondern sei orientiert an Re- geln; diese Handlungsanweisungen haben nach Durkheim (1976: 114) die Fä-

„…dass man nichts zu wählen hat“

73

higkeit, „auf den einzelnen einen äußeren Zwang auszuüben“ oder seien Tatsa- chen, die „ein von ihren individuellen Äußerungen unabhängiges Eigenleben“ (Durkheim 1976: 114) besitzen. Bourdieu (1987: 127) hat die damit verbunde- nen erkenntnistheoretischen Konsequenzen sehr anschaulich zusammenge- fasst: „Weil die Handelnden nie ganz genau wissen, was sie tun, hat ihr Han- deln mehr Sinn, als sie selber wissen. “ Lindenberg (1985: 247) hat für diesen Erklärungstypus von Handlungen das Akronym SRSM vorgeschlagen: „Socialized, Roleplaying, socially Sanctio- ned Man“. Homans schloss seine Rede mit polemischen Anspielungen auf jene soziologischen Theoretiker, die in Durkheim ihren Bezugs- und Ausgangs- punkt sahen:

Wenn ein ernsthafter Versuch gemacht wird, Theorien aufzustellen, die – und sei es nur im Ansatz – soziale Phänomene erklären, so stellt sich heraus, daß ihre allgemeinen Hypothesen sich nicht auf das Gleichgewicht von Gesellschaften, sondern auf das Verhalten von Menschen beziehen. Dies gilt sogar für einige gu- te Funktionalisten, obwohl sie es nicht zugeben werden. Sie verstecken die psy- chologischen Erklärungen unter dem Tisch und ziehen sie verstohlen wie eine Flasche Whisky hervor, um sie zu benutzen, wenn sie Hilfe brauchen. Ich erhebe die Forderung, daß wir das, was wir über Theorie sagen, in Übereinstimmung bringen mit dem, was wir tatsächlich tun, und so unserer intellektuellen Heuche- lei ein Ende machen. (Homans 1972b: 57)

Ein elementares Phänomen, das Homans in einer Vielzahl von Erklärungen alltäglichen Verhaltens identifiziert, macht er zu einer wesentlichen Grundlage seiner Erklärungen. In seinem Hauptwerk „Elementarformen sozialen Verhal- tens“ fasst er diesen Teil seines Programms in dem Satz zusammen: „Immer haben die Leute ihr Verhalten erklärt, indem sie darauf hinwiesen, was es ihnen bringt oder was es sie kostet.“ (Homans 1972a: 11) Obwohl Homans Ansatz wesentlich durch die Lerntheorie von Skinner be- einflusst war, sah er in der Vernachlässigung ökonomischen Denkens innerhalb soziologischer Theorien einen wesentlichen Mangel. Gleichwohl ist rationales Handeln für Homans kein Axiom, das das menschliche Handeln bestimmt, sondern vielmehr eine Folge psychologischer Handlungsstrategien. Ebenfalls nicht frei von Polemik ist eine Situationsbeschreibung der Sozio- logie, wie sie Lindenberg 1977 gab. Auch diese Darstellung wird dominiert von dem Gegensatz individuell vs. sozial.

Wer versucht, „individuelle“ Regelmäßigkeiten bei der Erklärung sozialer Tatbe- stände heranzuziehen, ist soziologisch naiv und muß entsprechend aufgeklärt und bekämpft werden. Er ist naiv, weil „individuell“ genau das Gegenteil von „sozial“ ist, und weil er deshalb die Ursachen von sozialen Regelmäßigkeiten in

74

Michael Jäckel

nicht-sozialen Regelmäßigkeiten sucht. Die einfachste Art, so einen Naivling zu behandeln, ist, ihm deutlich zu machen, daß seine sog. individuellen Regelmä- ßigkeiten gar nicht individuell sind, sondern selbst sozialen Ursprungs und somit soziologisch erklärungsbedürftig. (Lindenberg 1977: 47)

Lindenberg setzt sich hier gegen den Vorwurf der Naivität zur Wehr. Eine vom Individuum ausgehende soziologische Erklärung sei nicht reduktionistisch. Sie behaupte nicht, dass kollektive Phänomene (z.B. Arbeitsteilung, Urbanisierung, Stabilität) einem Individuum zugeschrieben werden können, „sondern besten- falls einer Bedingungskonstellation individueller Effekte“ (ebd.: 57). 2 Versucht man aus diesen ersten Hinweisen auf soziologische Theorien ein Kernproblem herauszufiltern, so liegt es in einer Uneinigkeit über den oder die Bestimmungsgründe von Handlungen: Hier wird die Bedeutung von Werten, Normen und Rollen für das Handeln der Menschen in den Vordergrund ge- stellt, dort eine individualistische Sozialwissenschaft (vgl. Opp 1979) gefordert, die das individuelle Kalkül zur Ausgangsbasis auch soziologischer Erklärungen machen soll. In Dichotomien finden diese „Frontstellungen“ dann ihren Nie- derschlag: „Homo Oeconomicus und Homo Sociologicus. Die Schreckens- männer der Sozialwissenschaften“ (Weise 1989); „Die zwei Soziologien. Indi- vidualismus und Kollektivismus in der Sozialtheorie“ (Vanberg 1975) – die Liste ähnlich lautender Titel ließe sich noch verlängern. Immer wieder ist es die von Homans eingeklagte Fundierung individuellen Handelns (vornehmlich realisiert durch ökonomisches Denken), die die Trennlinie zwischen einer „so- zialen“ und einer „nicht-sozialen“ Erklärung markiert. Wiesenthal hat einmal von einer platten Faustregel gesprochen, die wie folgt lautet: „In der Ökono- mie lernt man, wie man wählen muß, und in der Soziologie, daß man gar nichts zu wählen hat.“ (Wiesenthal 1987: 13, Hervorhebung im Original) Um das handlungstheoretische Programm einer in ökonomischen Katego- rien denkenden Soziologie angemessen beurteilen zu können, muss man sich zunächst mit dem theoretischen Anspruch, sodann mit Modifikationen und Erweiterungen dieser Theorie auseinandersetzen. Dies erfolgt nicht in der Absicht, alle hierzu vorliegenden Arbeiten zu referieren, sondern die Kernge- danken herauszuarbeiten.

2 Anders dagegen Kappelhoff (1992: 222), der – wiederum bezogen auf Homans – von einem behavioristischen Reduktionismus spricht.

„…dass man nichts zu wählen hat“

75

3 Das handlungstheoretische Programm:

Kernaussagen und Erweiterungen

Lange Zeit war es in den Sozialwissenschaften üblich, die Ökonomie als eine bereichsgebundene Disziplin zu betrachten (vgl. Albert 1984: 5). Probleme der Wirtschaft sollten der Forschungsgegenstand sein, nicht dagegen Fragen, die das Familienleben oder die Freizeitgestaltung betreffen. Vereinzelte Versuche, nicht-ökonomische Phänomene mit ökonomischen Kategorien zu analysieren, hat es bereits gegeben, bevor sich die Furcht vor einem ökonomischen Imperi- alismus (vgl. Engelhardt 1989) ausbreitete. Zu nennen ist hier beispielsweise der Versuch von Anthony Downs (1968), das politische Verhalten von Partei- en und Wählern ökonomisch zu erklären. Mit dem Erscheinen des Lehrbuchs von McKenzie und Tullock (1984) sowie den Arbeiten von Gary S. Becker (1976) wurde die thematische Vielfalt verdeutlicht, die unter Zuhilfenahme ökonomischer Kategorien untersucht werden kann. Der Anspruch, der mit diesen Analysen verbunden ist, verdient das Beiwort „imperialistisch“ nicht. Es wird ein Modell präsentiert, das mit anderen Ansätzen konkurrieren will. In der Darstellung ihrer Hauptannahmen heißt es bei McKenzie und Tullock: „Wir sagen deshalb, daß, ehe wir überhaupt hoffen können, gesellschaftliche Phä- nomene zu verstehen, wir zunächst verstehen müssen, warum sich Leute so verhalten, wie sie es tatsächlich tun“ (McKenzie & Tullock 1984: 24). Dieser Satz könnte auch in einem Lehrbuch zur verhaltenstheoretischen Soziologie (Homans) stehen. Einige der Hauptannahmen bzw. Aussagen des Modells sind:

Das Individuum ist Ausgangspunkt der ökonomischen Analyse. Dem Handeln der Menschen liegt eine Absicht zugrunde. Handlungen sind keine unbewussten Vorgänge, sondern dienen der Ver- änderung eines gegebenen Zustands. Restriktionen sind Randbedingungen für das Handeln der Menschen. Sie determinieren nicht Handlungen, sondern geben Möglichkeiten vor. Individuen haben Präferenzen und Bedürfnisse. Sie sind in der Lage, diese in eine Werthierarchie zu bringen. Gegenstand der Bewertung können materielle und immaterielle Dinge sein. Man spricht von Gütern und meint damit alle Dinge, „die Leute posi- tiv bewerten“ (McKenzie & Tullock 1984: 30). Jede Entscheidung(sfindung) ist mit Kosten verbunden. Wenn ich mich für A entscheide, verzichte ich gleichzeitig auf B, C oder D. Die Kosten

76

Michael Jäckel

einer Handlung sind „die Kosten der besten Alternative, auf die wir ver- zichten mussten, wenn wir die Wahl hatten“ (ebd.: 31). Wenn Individuen rational handeln, dann werden sie so lange ein bestimm- tes Gut (im oben beschriebenen Sinne) konsumieren oder in einer be- stimmten Art und Weise handeln, bis der Grenznutzen der zuletzt ausge- führten Handlung unter die Grenzkosten sinkt. Grenzkosten ergeben sich dabei immer aus dem Wert ausgeschlagener Optionen.

Diese Hauptannahmen des Modells von McKenzie und Tullock (1984: 32ff.) betonen die Rationalität von Handlungen. Gleichwohl merken die Autoren an:

Niemand kann sich natürlich so präzise verhalten, wie wir es oben beschrieben haben. Vielleicht kann er es nicht, und vielleicht lohnt sich eine derartige Genau-

igkeit auch gar nicht. [

nale Individuen sich ungefähr so wie beschrieben verhalten werden (ebd.: 35).

]

Es kommt uns eigentlich auch nur darauf an, daß ratio-

Die Parallelen zu Homans’ Programm für die Soziologie lassen sich leicht auf- zeigen (vgl. Homans 1972c: 59ff. und Opp 1972: 31ff.). Auch er betrachtet die Handlungen der Menschen als eine Funktion ihres Ertrags. Dieser Ertrag er- gibt sich aus der Differenz von Nutzen (= Belohnungen) und Kosten von Wahlhandlungen, wobei sich die Kosten aus dem Wert der besten, nicht wahr- genommenen Handlungsalternative ergeben. Wenngleich sich in Homans ver- haltenstheoretischem Programm eine Vielzahl von Begriffen aus der Lerntheo- rie wiederfinden (z.B. Deprivation, Reiz, Stimulus, Belohnung), baut seine Argumentation sowohl auf dieser Tradition als auch auf der ökonomischen Verhaltenstheorie auf, die früher als Wahlhandlungstheorie bezeichnet wurde und heute mit dem Begriff „Rational Choice“ angesprochen wird. 3 Seine Basis- hypothesen, die hier im Einzelnen nicht erläutert werden sollen, integrieren ökonomische und lerntheoretische Erklärungen und sind nach Homans in der Lage, nicht nur, wie die Theorie des rationalen Handelns, Werte und Präferen- zen als gegeben hinzunehmen, sondern ihre Entstehung und Veränderung zu erklären (vgl. Homans 1972d: 116). Eine entscheidende heuristische Regel bzw. Arbeitshypothese der Rational Choice-Theorie lautet nach Diekmann und Voss wie folgt: „Verhaltensänderungen möglichst durch die Veränderung von Re-

3 Homans’ Theorie kann nicht als Lerntheorie im Sinne des Behaviorismus eingestuft wer- den, sondern als eine auf den Erkenntnissen der Lerntheorie aufbauende Wahlhandlungs- theorie, die die Reaktionen bzw. Folgen vorangegangener Verhaltensweisen in die zukünfti- ge Handlungsplanung einfließen lässt. Vgl. zur Bedeutung Homans für die moderne Sozio- logie auch Coleman und Lindenberg (1990).

„…dass man nichts zu wählen hat“

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striktionen und nicht durch die Veränderung von Präferenzen zu erklären“ (Diekmann & Voss 2004: 16). In den dargestellten Ansätzen geht es nicht nur um eine Individualtheorie zur Erklärung individuellen Verhaltens, sondern um eine Erklärung kollektiver Phänomene auf der Basis einer Theorie, die den individuellen Akteur in das Zentrum des Modells stellt. Auf die Leistungen, die dieser individuelle Akteur erbringen muss, wenn er rational handeln möchte, hat sich die Kritik häufig konzentriert. Dabei hatte bereits Gary S. Becker (1976: 6) deutlich darauf hin- gewiesen, dass der ökonomische Ansatz nicht von der Annahme ausgeht, „that all participants in any market necessarily have complete information or engage in costless transactions. Incomplete information or costly transactions should not, however, be confused with irrational or volatile behaviour.” Auch Opp, der ein Hauptvertreter des ökonomischen Ansatzes in Deutsch- land ist, hält die Behauptung, das Modell gehe von einem vollständig informier- ten Akteur aus, für unsinnig und nicht einer weiteren Diskussion wert (vgl. Opp 1989). Dennoch liegt in einer Präzisierung dessen, was eine Abweichung von der vollständigen Informiertheit impliziert, ein Schlüssel zur Integration scheinbar divergierender Auffassungen. Zunächst kann man das Kernmodell des ökonomischen Ansatzes in der Soziologie mit Opp (1989: 105) in drei Hypothesen zusammenfassen:

(1) Die Motivationshypothese: Die Präferenzen (d.h. Ziele, Wünsche oder Mo- tive) von Individuen sind Bedingungen für soziales Handeln, das – aus der Sicht der Individuen – zur Realisierung ihrer Ziele beiträgt. [ ]

(2) Die Hypothese der Handlungsbeschränkungen: Handlungsbeschränkungen,

die Individuen auferlegt sind, sind Bedingungen für ihr Handeln. [

]

(3) Die Hypothese der Nutzenmaximierung: Individuen führen solche Hand- lungen aus, die ihre Ziele in höchstem Maße realisieren – unter Berücksich- tigung der Handlungsbeschränkungen, denen sie sich gegenübersehen.

In Ergänzung zu diesem Kernmodell, dessen Bestandteile auch bei McKenzie und Tullock vorliegen, führt Opp weitere Spezifikationsmöglichkeiten an: So erlaube eine Konkretisierung von Hypothese 2 die Veränderung des Hand- lungsspielraums, ohne dass sich Präferenzen verändern müssen. Wichtig ist aber vor allem die Erweiterung des Modells durch die Integration so genannter „weicher“ Motive. Nach Opp fühlen sich Ökonomen „nur dann wohl, wenn sich die Präferenzen der Akteure auf Sachverhalte beziehen, die man anfassen, schmecken, riechen oder sehen kann“ (ebd.: 106). Ökonomen bevorzugen eine „harte“ Spezifikation des Modells, insbeson- dere, wenn es um die Spezifizierung der Nutzenfunktion geht. Dass Menschen

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Michael Jäckel

beispielsweise aus reinem Pflichtgefühl an einer politischen Wahl teilnehmen oder altruistische Motive handlungsleitend sein können, wird von vielen Öko- nomen, so Opp, nicht als Spezifikation des Modells akzeptiert. Ebenso finden auch Gewohnheiten und Routinen kaum Beachtung. Harte, materielle Anreize werden als Motive bevorzugt. Die Hypothese von der Nutzenmaximierung kann aber auf viele soziale Sachverhalte nur dann sinnvoll angewandt werden, wenn man diese Einschränkung aufgibt. Die Rationalität des Handelns im Rahmen von Wahlhandlungen und die daran gekoppelte Nutzenorientierung (Hypothese 3) kann zudem Abweichun- gen von diesem Kalkül nicht nur mit dem Hinweis auf die Berücksichtigung von Handlungsbeschränkungen in das Modell integrieren. Es ist auch eine Präzisierung des Rationalitätsbegriffs erforderlich. Für Boudon (1980: 18) steht dabei außer Frage, „daß man zweifellos den Begriff der Rationalität nicht all- gemein definieren kann, sondern lediglich innerhalb besonderer Handlungs- (oder Interaktions-) Zusammenhänge.“ Auch Diekmann und Voss (2004: 13) schlagen vor, Rationalität weiter zu fassen und als „Handeln in Übereinstimmung mit den Annahmen (Axiomen) einer Entscheidungstheorie“ zu definieren. Aus der Tatsache, dass es mehrere Entscheidungstheorien gibt, folgt dann, dass auch Rationalität unterschiedlich bestimmt werden kann. Bevor man diesen Einwand weiterverfolgt, ist der Idealtypus einer zweckra- tionalen Handlung zu skizzieren (vgl. Simon 1993: 21f.):

Das Individuum muss über eine Möglichkeit verfügen, den Nettonutzen

aus verschiedenen Handlungsalternativen zu bestimmen. Es muss im ma- thematischen Sinne über eine Nutzenfunktion verfügen. Das Individuum muss in der Lage sein, die relevanten Alternativen von

den nicht relevanten Alternativen unterscheiden zu können. Das Individuum muss Informationen darüber haben, wie hoch die Ein-

trittswahrscheinlichkeit der ins Kalkül gefassten Alternativen ist. Das Individuum wird jene Handlung ausführen, die unter Zugrundelegung der zuvor erforderlichen Entscheidungen den höchsten Nutzen verspricht.

Perfekte Information würde in diesem Zusammenhang bedeuten, dass man über sichere Kenntnisse der Gegenwart und der Zukunft verfügt, man mit anderen Worten von Erwartungssicherheit sprechen kann. Simon (1993: 22f.) sieht darin eine große Theorie mit geringem Nutzen, da sie keine Anwendung findet und finden wird. Dem „Göttlichkeitsmodell der Theorie des subjektiv

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erwarteten Nutzens“ setzt er das Verhaltensmodell der begrenzten Rationalität entgegen (vgl. ebd.: 29). Die Grundzüge dieses Verhaltensmodells lassen sich wie folgt skizzieren (vgl. ebd.: 27 sowie Hindess 1988: 69ff.):

Die Entscheidungen, die Individuen im Alltag zu treffen haben, sind in der

Regel keine weitreichenden, in die Zukunft gerichteten Entscheidungen. Entscheidungen im Alltag basieren nicht auf detaillierten Kalkulationen

über die Wahrscheinlichkeit des Eintreffens zukünftiger Ereignisse, son- dern auf Vorstellungen davon, was man möchte und was man sich leisten kann. Nicht alle Alternativen werden in Erwägung gezogen. Es gibt nicht eine übergreifende Nutzenfunktion für alle Entscheidungen;

die Aufmerksamkeit, die man einem Problem widmet, variiert mit dem Entscheidungsbereich. Eine Erhöhung des Nutzens aus Entscheidungen liegt bereits dann vor, wenn man aufgrund einer begrenzten Informationssammlung sich der ei- genen Präferenzen hinsichtlich eines bestimmten Produkts bewusst wird.

An die Stelle eines „maximizing“ setzt Simon (1982: 332f.) ein „satisficing“. Erwartungen richten sich an dem Erreichbaren aus, Entscheidungsprozesse werden an bestimmten Stellen beendet, wenngleich es durchaus noch weitere Alternativen gibt, von denen man weiß, die man aber nicht in Anspruch nimmt. Collins (1993) hat für den hier beschriebenen Sachverhalt eine treffen- de Formulierung gefunden: „The Rationality of Avoiding Choice.“ Eine wichtige Fähigkeit besteht gerade darin, die Aufmerksamkeit auf be- stimmte Alternativen zu lenken. Häufig wird diese Fähigkeit bereits durch die Reihenfolge der wahrgenommenen Alternativen aktiviert (vgl. Simon 1993: 33). Die Art und Weise, wie Menschen Informationen verarbeiten, ist also für eine Beurteilung des Modells eines Homo Oeconomicus nicht unwichtig. Im Fol- genden soll daher den angedeuteten Einschränkungen detaillierter nachgegan- gen werden. In Bezug auf die Entscheidungsfindung bedeutet dies: eine Ein- bindung von Regelwerken, die den Status „satisficing“ erhalten. Dazu ist aus soziologischer Sicht eine Betrachtung des Alltags hilfreich. Dies führt zu den Arbeiten von Alfred Schütz. In dem Beitrag „Das Problem der Rationalität in der sozialen Welt“ versucht Schütz (1972: 23) zu untersu- chen, ob für das Alltagsleben der Menschen „die Kategorie der Rationalität [ ] überhaupt entscheidend ist oder nicht.“ Für Schütz beruht das Handeln der Menschen nicht auf immer wiederkehrenden Reflexionen über Handlungsal- ternativen, sondern auf „Entwürfen“, die als das Resultat und Substrat zurück-

80

Michael Jäckel

liegender Erfahrungen verstanden werden müssen. Einen solchen Erfahrungs- zusammenhang bezeichnet er als Schema:

Ein Schema unserer Erfahrung, ein Sinnzusammenhang unserer erfahrenden Er- lebnisse, welcher zwar die in den erfahrenden Erlebnissen fertig konstituierten Erfahrungsgegenständlichkeiten erfaßt, nicht aber das Wie des Konstitutions- vorgangs, in welchem sich die erfahrenden Erlebnisse zu Erfahrungsgegenständ- lichkeiten konstituierten. Das Wie des Konstitutionsvorgangs und dieser selbst bleibt vielmehr unbeachtet, das Konstituierte ist fraglos gegeben. (Schütz 1981:

109)

Dieses „fraglos Gegebene“ zeigt sich im Alltagshandeln der Menschen in spe- zifischen Formen des Wissensvorrats: Rezepte, Routinen, Faustregeln, Prinzi- pien oder Gewohnheiten, die handlungsleitend werden (vgl. Schütz 1972: 32f.). Die Menschen verfügen über eine Art „Kochbuch-Wissen“ (ebd.: 33). Wenn man versucht, hieraus Hinweise auf eine Rationalität im Sinne einer effizienten Handlungsplanung abzuleiten, stößt man bei Schütz auf Widerspruch. Er schreibt:

Zwar hat es den Anschein, daß es eine Art von Organisation durch Gewohnhei- ten, Regeln und Prinzipien gibt, die wir regelmäßig und mit Erfolg anwenden, aber der Ursprung unserer Gewohnheiten liegt fast außerhalb unserer Kontrolle, und die Regeln, die wir anwenden, sind Faustregeln, und ihre Gültigkeit wurde niemals verifiziert. (ebd.: 32)

Aber wenig später findet man eine Aussage, die zumindest einen Hinweis auf die Verifikation durch Bewährung enthält. Denn dort heißt es:

Da wir normalerweise handeln müssen und nicht reflektieren können, um den Forderungen des Augenblicks zu genügen, kümmern wir uns nicht um die „For- derung nach Gewißheit“. Wir sind zufrieden, wenn wir eine faire Chance der Realisierung unserer Absichten haben und diese Chance haben wir, so denken wir jedenfalls, wenn wir den Mechanismus der Gewohnheiten, Regeln und Prin- zipien in Bewegung setzen, der sich früher einmal bewährt hat und sich hoffent- lich auch jetzt bewähren wird. (ebd.: 32)

Mit anderen Worten: Ein erfolgreiches Schema findet erneute Anwendung, wenn es sich bewährt hat (Zweck-Mittel-Relation). Man könnte auch eine ver- haltenstheoretische Hypothese von Homans (1972c: 62) anführen, die besagt:

„Je häufiger die Aktivität einer Person belohnt wird, mit um so größerer Wahr- scheinlichkeit wird diese Person die Aktivität ausführen.“ Esser (1991a, b) hat den Versuch unternommen, auf Parallelen der Rational Choice-Theorie und der Phänomenologischen Soziologie hinzuweisen. Er verfolgt sowohl die Zielsetzung, die Handlungstheorie von Schütz mit Begrif- fen der Rational Choice-Theorie zu rekonstruieren, als auch den in den Sozial-

„…dass man nichts zu wählen hat“

81

wissenschaften nach wie vor bestehenden Methodendualismus zwischen einer erklärenden und einer verstehenden Vorgehensweise zu überwinden. Wenn Esser (1991b: 430) von Rational Choice-Theorien spricht, meint er nicht „das enge Konzept des neoklassischen homo oeconomicus“, sondern davon ab- grenzbare Varianten, die im Sinne des Verhaltensmodells von Simon nicht in wahrscheinlichkeitstheoretisch bestimmte Nutzenfunktionen münden. Esser (1993: 246) unterscheidet im Rahmen einer soziologischen Erklärung drei Schritte:

Logik der Situation: Welche Handlungsbedingungen liegen vor, wie ist die

Situation strukturiert? Logik der Selektion: Nach welchen Kriterien werden Handlungsalternati-

ven ausgewählt? Logik der Aggregation: Welche kollektiven Phänomene resultieren aus der Wahl von Handlungsalternativen?

Damit sind auch im Wesentlichen die Bestandteile der von Esser herangezoge- nen Rational Choice-Theorie genannt. In Anlehnung an Riker und Ordeshook sowie Lindenberg nennt er folgende Erklärungskomponenten: Situationsum- stände, Handlungsbedingungen, Restriktionen, verfügbare und mögliche Hand- lungsalternativen, subjektive Erwartungen über den Handlungserfolg, subjekti- ve Bewertung des Handlungserfolgs.

Lindenberg (1985: 250ff.) hat für das Menschenbild, das dieser Theorie zugrunde liegt, das Akronym RREEMM vorgeschlagen: Resourceful, Restric- ted, Evaluating, Expecting, Maximizing Man. Die Maximierungsregel bedarf der Spezifikation. Die Situationsdefinition muss mit dem Modell der rationalen Wahl verknüpft werden. Da es nicht um individuelle Erklärungen für individu- elles Handeln gehen soll, ist in dieser Theorie die Mikro-Makro- Differenzierung mitgedacht. Daraus folgt (siehe hierzu insbesondere auch Jäckel & Reinhardt 2001): Zuordnung von „resourceful“, „evaluating“ und „maximizing“ zur Mikroebene, Zuordnung von „restricted“ und „expecting“ zur Makroebene. Restriktionen beschreiben die Randbedingungen, Erwartun-

gen den „Horizont möglicher Ereignisse [

wählt wird.“ (Hennen & Rein 1994: 221). Individualität und Subjektivität be- dürfen somit der Stützung durch Strukturen und der Verfestigung in überdau- ernden Kulturmustern, und Strukturen oder Institutionen sind ohne Akteure nicht vorstellbar, die diese reproduzieren oder verändern. Wenn sich diese Maximierungsstrategien aber bereits an bestehenden Angeboten, Programmen oder Kulturmustern orientieren, ist eine Ergänzung dieses Akronyms sinnvoll,

],

auf die hin maximierend ausge-

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Michael Jäckel

das das beschriebene Interesse „mit sozial-kulturellen Regeln verbindet.” (Hennen & Springer 1996: 35). Hierfür wird die Integration des Begriffs „e- nabling“ vorgeschlagen (RREE[E]MM) (vgl. Hennen & Springer 1996: 35). Diese Integration berührt zugleich erneut das Grundproblem der Unterschei- dung individuell-sozial. Man kann im Zuge einer Wahlhandlung das handlungs- leitende Programm nicht vergessen und infolgedessen auch nicht ausklammern. Rechtfertigen lässt sich die Trennung aber durch den Hinweis auf bestehende Lösungen für konkrete Entscheidungen. Gemeint sind Handlungsprogramme oder Entscheidungsroutinen, die nicht im Zuge jeder bevorstehenden Wahl- handlung neu geschaffen werden müssen (ebd.: 12ff.). Der Prozess der Handlungswahl kann in drei Schritte zerlegt werden: 1. Kognition der Situation, 2. Evaluation von Handlungsfolgen, 3. Selektion einer Handlung (vgl. Esser 1991b: 432). Im Anschluss an diesen Kriterienkatalog werden Parallelen zur Argumentation bei Schütz aufgezeigt. Nur wenige Hin- weise sollen hier genügen (ebd.: 433f.):

Handeln beruht bei Schütz auf vorgefassten Entwürfen. Zwischen Ent-

würfen aber muss man wählen. Voraussetzung ist, dass sie in der Reich- weite des Handelnden liegen. Der Wissensvorrat des Handelnden dient dazu, vorliegende Situationen zu

bewerten, etwa darauf hin, ob sie früheren Situationen ähneln. Handlungsalternativen durchlaufen das Bewusstsein, bis eine Entschei-

dung fällt. Die Handelnden müssen im Idealfall in der Lage sein, wie ein Buchhalter zu kalkulieren und zu bilanzieren. 4

Für Schütz wird das Handeln nach bewährten Entwürfen dann zum Problem, wenn die Bewährung ausbleibt bzw. die Situation Routinehandeln nicht zulässt. Routinen reduzieren damit Kosten der Handlungsplanung (vgl. Esser 1991b:

437). Alltagshandeln bleibt bei Schütz ein Handeln nach Rezepten und Faust- regeln, insbesondere dann, wenn man mit dem erforderlichen Wissen vertraut ist und eine unmittelbare Relevanz („Welt aktueller Reichweite“) gegeben ist. Nach Esser erfüllen die Routinen und Rezepte bei Schütz die Funktion von Schemata und Skripten. Er schlägt vor, für diese Bündel von Handlungsse- quenzen den Begriff „habits“ einzuführen. „Habits vereinfachen die Mittel-

4 Dieser Hinweis – diese Einschränkung ist notwendig – bezieht sich auf eine Darstellung von Leibniz’ Theorie des Wollens und kann nicht ohne weiteres als eine Aussage, die Schütz in seine Theorie integriert, interpretiert werden (vgl. Schütz 1971: 102ff.).

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struktur des Handelns“ (ebd.: 440). Die Einordnung der Logik der Situation, die bei Schütz an den Begriff der Relevanz gekoppelt wird, erfolgt, so Esser, nach einem dominierenden Leitmotiv. Diesen Prozess der Situationsbestim- mung bezeichnet er mit dem Begriff „frame“ (= Rahmen). „Frames vereinfa- chen die Zielstruktur des Handelns“ (ebd.: 440). Damit ergibt sich für die ers- ten beiden Analyseschritte das Bild laut Abbildung 1.

Abbildung 1:

Logik der Situation und Logik der Selektion

Logik der Situation Logik der Selektion Frame Habits Schemata Skripts Vereinfachung der Vereinfachung der
Logik der Situation
Logik der Selektion
Frame
Habits
Schemata
Skripts
Vereinfachung der
Vereinfachung der
Zielstruktur
Mittelstruktur

Quelle: Jäckel (1996: 77).

Vereinfachung der Zielstruktur heißt somit auch Reduktion von Komplexität, Vereinfachung der Mittelstruktur heißt Inkaufnahme nicht-optimaler Entschei- dungen (satisficing statt maximizing) durch Zugriff auf bewährte Routinen. Diese Reduktion von Komplexität wird von Esser wiederum selbst durch das Abwägen von Werten und Erwartungen erklärt. Die Frage lautet also: Lohnt sich das Suchen nach weiteren Informationen und kann dadurch der Gesamt- nutzen des Handelns gesteigert werden? Essers Rekonstruktions- und Syntheseversuch ist nicht ohne Widerspruch geblieben und hat eine theoretische Diskussion über die Rationalität des All-