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| April 2012/2

KOPF, HERZ UND HAND


| Ganzheitliche Bildung | Ja klar, aber... | Oberstufe: Grips, Power, Feeling | Pestalozzi: Auf
Kopf, Herz, Hand reduziert | Wären wir überhaupt – ohne Kopf oder ohne Herz? | Portrait:
Fa trais pass ... | Schulgesetzdebatte im Grossen Rat | Pagina: Maraton da cuorsa liunga |
Come si studia meglio? | Biblioteca Engiadinaisa | Agenda | Lehrplan 21 auf Kurs | Amtliches |
THEMA
INHALT EDITORIAL 3

THEMA Warum ist ganzheitliche Bildung


Kopf, Herz und Hand? wichtig?
– Ja klar, aber ... 4

Schachtelhausen, Seilkran und Den viel zitierten Spruch «Lernen mit Kopf, Herz
Zahlenmauer 6 und Hand» verdanken wir dem Pädagogen Johann
Heinrich Pestalozzi (1746 – 1827). Heute, ca. 200
Grips, Power, Feeling 7 Jahre später, steht diese Theorie immer noch im
Zentrum der ganzheitlichen Bildung.
Wären wir überhaupt – ohne Kopf
oder ohne Herz? 8 Nicht nur die neuen Erkenntnisse aus der Hirn-
und Lernforschung, sondern auch die zuneh-
Auf «Kopf, Herz und Hand» menden Verhaltensauffälligkeiten (Bewegungs-,
reduziert 9 Wahrnehmungs- und Konzentrationsstörungen)
bei unseren Schülern erfordern ein Umdenken
beim Lernen. So, dass der Unterricht das Kind
auf allen Ebenen in seiner Ganzheit respektiert.
Unsere Kinder brauchen mehr denn je die Heraus-
AUS DER GESCHÄFTSLEITUNG 12 forderung im eigenen Denken, Fühlen, Erleben
und Handeln. Die vielfältigen, persönlichen
PAGINA GRIGIONITALIANA 15 Erfahrungen wie das Greifen, das allem Begreifen
vorausgeht, können weder durch die Medien noch
PORTRAIT durch den Computer ersetzt werden.
Reto Matossi, St. Moritz 16
Unsere Kinder haben nicht nur sprachliche und mathematische Fähigkeiten; sie
PAGINA RUMANTSCHA 18 können mehr als nur sprechen, rechnen und lesen. Sie brauchen Lernprozesse,
bei denen Erfahren, Entdecken und Erforschen im Zentrum stehen.
AGENDA 19
Das Rezept dazu ist ein handlungsorientierter Unterricht bei dem Kopf- und
DIES UND DAS 20 Handarbeit unter Beteiligung des Gefühls und aller Sinne zusammen wirken.
Doch wo haben wir optimale Möglichkeiten im Schulalltag diese Lernprozesse
AMTLICHES 26 zu fördern? Beste Bedingungen dazu finden wir im musischen Fachbereich.
Das Zusammenspiel von Kopf, Herz und Hand kann in den Fächern Textiles
IMPRESSUM 30 und Technisches Gestalten sowie Hauswirtschaft, Bildnerisches Gestalten und
Musik optimal gefördert werden. Ein Kind soll z.B. in einer Zeichnung Gefühle
ausdrücken können und in einer handwerklichen Arbeit seine eigenen Ideen
entwickeln und seine Feinmotorik verbessern.

Für eine ganzheitliche Bildung ist es wichtig, dass die verschiedenen Fachbe-
reiche in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen. Es darf nicht sein,
dass musische Fächer wegen kopflastigen gekürzt oder sogar ersetzt werden.
Jedes Kind ist anders, hat eigene Bedürfnisse und genau darum soll es von
einer ganzheitlichen Grundausbildung profitieren können und so seinen eigenen
Weg finden.

Katja Gurt
Vorstand VBHHL
4 BÜNDNER SCHULBLATT | April 2012

Kopf, Herz und Hand? – Ja klar, aber ...


Ganzheitliches Lernen bezieht sich in der Pädagogik auf ein Konzept, das sich an individuellen
Lernprozessen orientiert. Es berücksichtigt sowohl kognitiv-intellektuelle wie auch körperliche und
affektiv-emotionale Aspekte. Erste Ansätze davon sind bereits mit Pestalozzis Idee der Elementar-
bildung, dem Lernen mit Kopf, Herz und Hand zu verzeichnen. Ganzheitliches Lernen ist Lernen mit
allen Sinnen – mit Verstand, Gemüt und Körper. Obwohl ganzheitliches Lernen bei den Lehrpersonen
ein erstrebenswertes Unterrichtsziel ist, zeigt die Umsetzung im Alltag erhebliche Tücken.

VON MADELEINE BACHER

Der Kopf ... Ideen zu finden, Dinge miteinander zu sind Schülerinnen und Schüler unter-
vernetzen, neue Modelle oder Theorien oder überfordert. Aussagekräftig beim
Alle sprechen im Zusammenhang mit zu entwickeln. Urteil über die Kopflastigkeit der Schule
Schule von Leistung. Es ist einleuch- ist die Befindlichkeit einzelner Schüler
tend, dass Schulerfolg von den Denk- Wenn Lehrpersonen schwer ein- und Schülerinnen. Darin liegt wohl die
leistungen abhängig ist. Doch: Welche schätzen können, welches Kind zu fast revolutionäre Ausrichtung der heu-
Schülerinnen und Schüler sollen welche welcher Denkleistung fähig ist, dann tigen Schule, dass nicht alle Lernenden
Denkleistung erbringen?

Das Denken mit steigernder Anfor-


derung zeigt uns das Modell von
Benjamin Bloom auf. Die erste Stufe
des Denkens beinhaltet das «Wieder-
geben von Wissen». Die zweite Stufe
umschreibt Bloom mit «Verstehen
und das Wissen mit eigenen Worten
erklären» können; und die dritte Stufe
umfasst das «Anwenden des Gelernten
in einer anderen Situation». Bei diesem
Anwenden ist die Denkanforderung
bereits erheblich. Bloom vertieft aber
noch weiter. Die vierte Stufe seiner
Taxonomie beinhaltet das «Analysieren»
eines Ganzen. Damit ist das Zerlegen
eines Ganzen in Teile gemeint und
das Bezugnehmen dieser Teile zuei-
nander im Vergleich, im Einordnen,
im Erkennen von Überschneidungen,
Gegensätzlichem und anderem mehr.
Folgen wir Blooms fünfter und sechster
Denkstufe, dann treffen wir auf das
anspruchsvolle «Bewerten» und auf
die «Synthese». Beim Bewerten muss
eine eigene Meinung gebildet werden.
Bei der Synthese geht es darum, neue
THEMA 5

dasselbe Lernziel erreichen müssen. die Schüler übergehen. Der Lehrer, tung gefördert, was gleichermassen
Die Schule wird so gesehen ihrem der früher salopp als «Pauker» galt, ist Herzensbildung, Gestaltungsförderung
Auf trag gerecht, jeden Lernenden mit heute als Pädagoge vor allem auch Be- und gedankliches Bereichern, also
seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten ziehungsarbeiter. Früher umschrieben Ganzheitlichkeit beinhaltet.
zu fördern. Nur dort kann die Schule zu sich die Lehrpersonen eher als Fach-
kopflastig werden, wenn sie von allen leute für Lernen und Lehren. Heute wird ... aber: Bald gibt es keine eigentlichen
die gleiche Denkleistung abverlangt. der Schule viel mehr Erziehungsarbeit Handarbeits- und Hauswirtschafts-
zugewiesen. Die meisten Lehrpersonen lehrpersonen mehr. Das Basteln, das
... aber: Die Erwartungen der Eltern, der nehmen diese Herausforderung an, es Werken droht unterzugehen, denn
Gesellschaft, der Wirtschaft, der Politik ist ihnen bewusst, dass ihr Beruf immer Mathematik und Sprache «sind ja viel
sind anders. Es wird gefordert, dass auch die Spannung zwischen Bildung wichtiger». Auch das «Lernen durch
Lernende Schulabgangszeugnisse mit und Erziehung beinhalten wird. Handeln» wird nicht mehr überall um-
guten Noten- und gleich hohen (Denk-) gesetzt – aus Zeitmangel, aus diszipli-
Leistungsbewertungen ausweisen ... aber: Die Anforderungen an die narischen Gründen, weil die Klasse
können. Schule und an die Lehrpersonen sind zu gross ist, weil Vorbereitung und
immens. Vor allem werden der Instituti- Durchführung so aufwendig sind, weil
on Schule von aussen immer neue Ein- der Stoffdruck so immens ist.
Das Herz ... griffe zugemutet, sei es von elterlichen
Einzelinteressen als auch von parteipoli-
Ganzheitlichkeit umfasst auch das tisch motivierten Interventionen. Damit Kopf, Herz und Hand?
Gemüt. Eine gute Lernatmosphäre ist wird die Ganzheitlichkeit des Erzie- ja, klar!
ein Aspekt von gutem Unterricht. Die hungsauftrages erheblich strapaziert.
Forschung kann heute belegen, dass Die Schule müsste einen Schutzraum Unsere Kinder brauchen Lernprozesse,
Humor das Gedächtnis und den Einfalls- erhalten können, um der emotionalen bei denen Erfahren, Entdecken und
reichtum der Kinder fördert. Das heiter Kompetenz im eigenen Schulzimmer Erforschen am Anfang stehen. Sie
Erlebte und Erlernte verbindet sich nachhaltig Raum zu verschaffen. brauchen Lernprozesse, die Bewegung,
intensiv mit dem Lerninhalt, die Ler- Sinneswahrnehmung und Erkenntnis
nenden erinnern sich nachhaltig daran. effektiv verknüpfen. Es ist die Aufgabe
Der Humor stärkt zudem die Persönlich- Die Hand ... von Lehrpersonen, sich immer wieder
keitsentwicklung der einzelnen Kinder. zu fragen, ob der eigene Unterricht der
Es gibt eine wunderbare, sehr aktu- geistigen, psychischen und körperlichen
Das Gemüt umfasst nicht nur den elle Strömung in der heutigen Schule: Vielfalt der Kinder entspricht.
Humor. Die ganze Gefühls- und Willens- «Schule in Bewegung». Getragen wird
welt ist damit angesprochen. Konkret diese Idee von der Vielzahl der Leh-
zeigt sich dies in der Sozialkompetenz. rerinnen und Lehrer. Sie zeigt sich Und noch eine Dimension
Die Identität, der Charakter, die Kreati- in vielen sportlichen Anlässen. Auch dazu ...
vität, die Werthaltungen, kulturelle und die «Hand» als solche findet im Schul-
emotionale Kompetenzen, die Team- alltag ihren Niederschlag: Es werden In der Sonderpädagogik hat Ganz-
fähigkeit wie auch die Fähigkeiten zu Schulgärten installiert, im Stundenplan heitlichkeit als Fachbegriff eine ganz
selbständigem Denken, Urteilen und sind Handarbeits- und Kochstunden besondere Stellung und Funktion. Der
Entscheiden, zur Reflexion, zum Lernen eingetragen, im Werken werden schöne Begriff bezieht sich sowohl auf anthro-
und Konzentrieren sind das riesige Gegenstände angefertigt, in verschie- pologische, methodische als auch
Feld, in dem sich die Lehrperson selber densten Formen Basteleien gestaltet. auf leistungsrechtliche Aspekte: Zwei
bewegt. Alle diese Fertigkeiten sollen Kreativität wird in Zeichnungsstunden konkrete Beispiele dazu werden im
in den Unterricht einfliessen und auf und Grossprojekten dieser Ausrich- Folgenden vorgestellt.
6 BÜNDNER SCHULBLATT | April 2012

Schachtelhausen, Seilkran und


Zahlenmauer
ZUSAMMENGESTELLT VON ANNA BANTLI UND UORSCHLA EICHER, SCHIERS

Schachtelhausen

Das Projekt «Bauen mit Petflaschen» hat


bei der ganzen Klasse viel Freude und
Begeisterung ausgelöst. Selbstbewusst
zeigten die «Handwerker», dass man an
ihrem Tisch sitzen, essen und spielen
kann. An der Vernissage präsentierten
die Schüler und Schülerinnen stolz ihre
selbstentwickelte, elektrifizierte Stadt
Schachtelhausen dem Publikum. Denken
– besprechen – handeln – begutachten –
verwerfen – wieder neu anfangen – durch-
halten, auch wenn es schwierig ist – das
sind wichtige Lernprozesse im täglichen
Leben.

Zahlenmauern bauen

In der IKK-Lerngruppe der Erst- und Zweit-


klässler ist das Rechnen mit Zahlenmauern
aus Legosteinen eine beliebte, motivie-
rende Tätigkeit. Das Kind vertieft sich aktiv
in seine Arbeit, es baut, es rechnet und
kann das Resultat seiner Leistung stolz
in seinen Händen tragen. Um die Zahlen-
mauer zu vergrössern, erweitert das Kind
selbständig seinen Zahlenraum und ent-
wickelt eigene Strategien für den Umgang
mit Zahlen.

Quellenangabe: ZEBRA 3/4, Projekt Bauen und Konstruieren, Sachunterricht/Mensch,


Natur und Kultur, ISBN 978-3-12-270774-3 Klett
THEMA 7

Grips, Power, Feeling


«Kopf, Herz, Hand» – fünf Gedanken für die Oberstufe

VON MATHIAS FINGER, SCHULISCHER HEILPÄDAGOGE AUF DER OBERSTUFE

niveaus entscheiden nun, wie sie lernen, Schmunzeln ist ein Gesichtsausdruck,
1. Handeln kommt von Hand: wann sie kurz aufstehen und mit wem etwas Physisches, und gleichzeitig ein
die «Werk-Ecke» sie arbeiten. Ein paar wenige Stunden gutes Feeling. Pädagogen sprechen
Planarbeit pro Woche (in einfachen heute von «affektiver Rahmung» wenn
Selbstverständlich gilt für alle Schüler Formen hält sich der Aufwand absolut sie ausdrücken wollen, dass Schüler
und Schülerinnen, auch für diejenigen im Rahmen) bewirken dasselbe. Und: und Schülerinnen sich gut fühlen.
mit besonderen Lernbedürfnissen, Kurze Hilfestellungen der Lehrerin oder Zufrieden sind Jugendliche aber erst,
dasselbe wie für uns: Wenn wir etwas des Heilpädagogen fallen nicht auf. wenn zum Feeling auch der Stolz über
ausprobieren, aktiv sind und zupacken etwas Erreichtes dazukommt. Letzt-
statt zuhören, dann fühlen wir uns hin begegneten wir im Kino Thusis
angesprochen, machen mit und lernen 3. Gefragt sein mehreren Schülern. Ein Schulprojekt?
einfacher. Früher wurde das Niveau der Nein, aber der Film «Les Intoucha-
Oberstufenklasse, welches Praktiker Die Motivation von Jugendlichen hängt bles» schildert die Geschichte eines
schulte, «Werkschule» genannt. Wie stark davon ab, ob sie das Gefühl Menschen mit Behinderung und seines
kann der Anteil der praktischen Arbeit haben, «gefragt zu sein». Wenn wir die unvoreingenommenen Helfers power-
in einer Realschule heute gestärkt Schülerinnen miteinbeziehen und fra- voll, klug und witzig.
werden? Ein Lehrerkollege installiert gen, rutscht vielen im ersten Moment
eine kleine Werk-Ecke in seinem «kai Ahnig» heraus, aber wenn sich das
Klassenzimmer mit verschiedenen Gegenüber kurz geduldet, kommt mei- 5. Legen anstatt lösen
Werkzeugen und Materialien. Die stens noch etwas «hinterher». Zuhören
Jugendlichen können in passenden können, neugierig sein und nachfragen In der Einzelförderung ist die Ver-
Momenten dort etwas fertigstellen, sind wichtige Elemente unserer Kommu- suchung der Kopflastigkeit wie auch
schnitzen, sich handwerklich betätigen. nikation mit Schülern. Natürlich sind sie im übrigen Unterricht recht gross. Ziel
besonders wirksam, wenn die Schüler soll immer sein, dass der Schüler der
merken, dass wir darauf eingehen, Handelnde ist. Die Minimalform kann
2. Selbstbestimmung im ihnen etwas zutrauen. Ein paar Minuten sein, dass er anstatt Arbeitsblätter zu
Kleinen: Beispiel Lernraum Einzelgespräch pro Monat mit jeder lösen, Karten legen und zuordnen kann.
Schülerin und jedem Schüler, sei es im Zu verschiedenen «Basics» in Mathe hat
In der Oberstufe in Heiden sind im oder am Rande des Unterrichts, können ein Kollege Quartettkarten geschrieben
Stundenplan der Oberstufe jede Woche viel bewirken. mit verschiedenen Lege-Möglichkeiten.
drei Lektionen im «Lernraum» einge- Förder-Arbeitspläne befähigen die
plant. Die rund vierzig Schüler eines Schülerin, auch in Stunden ohne
Jahrgangs üben dort das selbständige 4. Grips, Power, Feeling Schulische Heilpädagogin ihren Weg
Arbeiten. Der Raum umfasst Arbeits- mitzubestimmen. Sie kann dann ihre
tische, Computer, eine Bibliothek, Wie könnte man die Bedeutung von eigene Rhythmisierung vornehmen,
Übungsmaterial und Lösungen dazu. «Kopf, Hand, Herz» für Jugendliche fühlt sich kompetent und lernt ganzheit-
Von ihren Fachlehrpersonen sind die deuten? Die richtige Mischung aus lich.
Arbeitsaufträge vorgegeben. Es gilt gefordert werden, Leistung zeigen
«Flüsterlautstärke»; die zwei bis drei (müssen), Bewegung und Lockerheit
anwesenden Lehrpersonen sind Lernbe- und auch Humor ist für Jugendliche
gleitende. Schülerinnen aller Leistungs- eminent wichtig. Humor ist ganzheitlich!
8 BÜNDNER SCHULBLATT | April 2012

Wären wir überhaupt – ohne Kopf


oder ohne Herz?
Grossrätin Elisabeth Mani-Heldstab, Mitglied der Kommission für Bildung und Kultur,
beantwortet Fragen der Redaktion zu Pestalozzis «Kopf, Herz und Hand».

AUFGEZEICHNET VON JÖRI SCHWÄRZEL

schlecht ruhig sitzen konnte. Glück- gekürzt werden. Macht sich da etwas
licherweise war meine eigene Schulzeit «zu viel Kopf» breit?
geprägt von einer gesunden Mischung Da macht sich in der Tat sehr viel «zu
zwischen reinen Lernfächern wie viel Kopf» breit und das darf nicht zuge-
Sprache oder Mathematik und weichen lassen werden. Lernen heisst begreifen,
Fächern wie Schönschreiben, Singen, was ergreift. Das setzt jedoch das Er-
Zeichnen, Werken. Für mich als kin- lernen von handwerklichen Fähigkeiten
ästhetischer1 Lerntyp war dies enorm wie Zeichnen, Schreiben, Werken und
wichtig. Als Lehrerin und langjährig anderem mehr voraus. Dies bildet die
tätige Therapeutin für Kinder mit Lern- Grundvoraussetzung für einen länger-
schwächen erfuhr ich tagtäglich, wie fristigen Lernerfolg.
wichtig und notwendig es ist, alle Sinne
zu schärfen. Was ist dir dazu auch noch wichtig?
Es ist in der heutigen Leistungsgesell-
Welches ist für dich die Idealvor- schaft ungemein schwierig geworden,
stellung der Umsetzung von Kopf, Herz, Hand- und Herzfächern die notwendige
Hand in der Schule? Wird dies heute in Bedeutung und Gewichtung zu geben.
den Bündner Schulzimmern gelebt? Deshalb ist die Stimme der Lehrper-
Wir wissen es von uns selber, ein jedes sonen als Fachleute ungemein wichtig
von uns hat einen anderen Zugang zum und ich appelliere an alle, bringen Sie
Lernen. Die einen brauchen etwas zu sich dort ein, wo über Bildung bestimmt
hören und schon ist es gespeichert, wird.
die andern schreiben sich Notizen
1 Lernen durch Fühlen, Spüren und Bewegung
BÜNDNER SCHULBLATT: Pestalozzis «Kopf, dazu, um das Wichtigste zu behalten
(Red.)
Herz und Hand» wird gerne zitiert. und wieder andere haben ein fotogra-
Welche Assoziationen lösen diese fisches Gedächtnis und erinnern sich
Worte im Kontext Schule bei dir aus? an den gelesenen Text im Detail. Diesen Elisabeth Mani-Heldstab,
ELISABETH MANI-HELDSTAB: Wären wir Herausforderungen stellen sich die Davos, verheiratet, Mutter zweier
überhaupt – ohne Kopf oder ohne Herz? Lehrkräfte tagtäglich, denn Pestalozzis erwachsener Kinder.
Bildung heisst ja bekanntlich nicht Grundsatz ist und bleibt die allerwich- «Nach langjähriger Tätigkeit als Familien-
«Fässer füllen, sondern Knospen zum tigste Basis einer soliden und ganzheit- frau und Lehrerin, sowie acht Jahren in
Blühen zu bringen». Blumen sind ebenso lichen Bildung. Nur so kann man dem der Gemeindepolitik engagiere ich mich
wie Menschenkinder in ihrer Vielfältig- einzelnen Menschen in seiner Vielfältig- heute für die BDP im Grossen Rat und bin
keit nicht zu übertreffen. keit gerecht werden und nur so kann Mitglied der Kommission für Bildung und
gelernt werden, in einer Gemeinschaft Kultur. Letztere liegt mir als Präsidentin
Welchen persönlichen Bezug hast du zu leben. der Walservereinigung Graubünden na-
zu Pestalozzis Pädagogik von Kopf, türlich ebenso am Herzen. Meine Freizeit
Herz und Hand? Die Lektionen im Bereich Handarbeit/ verbringe ich so oft wie möglich in der
Ich war ein sehr quirliges Kind, das Textiles Werken könnten weiter freien Natur und beim Verfassen von
Texten im Walserdialekt.»
THEMA 9

Auf «Kopf, Herz und Hand» reduziert


Ein Portrait von Johann Heinrich Pestalozzi, zusammengestellt aus einem
Radiobeitrag von DRadio Wissen zu grossen Pädagogen unserer Zeit.

Der Schweizer Pestalozzi machte sich auch als Philosoph, Politiker und Schul- und Sozialreformer einen
Namen. Johann Heinrich Pestalozzi ist vielleicht einer der berühmtesten Pädagogen überhaupt. Pestalozzi
wurde am 12. Januar 1746 in Zürich geboren und starb am 17. Februar 1827 in Brugg.

VON FABIO CANTONI

Ein gemaltes Portrait von Pestalozzi


um 1800 zeigt ihn als schlanken Mann
Anfang 50 mit vollem dunklem Haar und
leicht angegrauten Schläfen. Er schaut
am Betrachter vorbei, dabei hat er seine
linke Augenbraue leicht hochgezogen.
Dies ist der Blick eines Mannes der
gern träumt, der aber auch sehr genau
hinschauen kann – in die Welt und in
sich selbst hinein. Und dort bei sich
findet er immer wieder den Ausgangs-
punkt für die Reflexion über das Wesen
des Menschen.

Im Alter von 80 Jahren schreibt Pe-


stalozzi in seinem Schwanengesang:
«Was ist die Menschennatur? Was
ist das eigentliche Wesen? Was sind
die unterscheidenden Merkmale der
menschlichen Natur als solcher? Und
ich darf mir keinen Augenblick vorstel-
len, dass irgendeine von den Kräften
und Anlagen, die ich mit den Tieren
gemein habe, das echte Fundament
der Menschennatur als solche sei. Ich
darf nicht anders. Ich muss annehmen, Geistes und meiner menschlichen die Schlagworte «Kopf, Herz und Hand».
der Umfang der Anlagen und Kräfte Kunstkraft seien das, was das Mensch- Gerhard Kuhlemann aus Freiburg, früher
durch welche sich der Mensch von allen liche in meiner Natur – oder welches Professor für Erziehungswissenschaften,
Geschöpfen der Erde die nicht Mensch eben so viel ist, meine menschliche arbeitet gemeinsam mit Schweizer
sind unterscheidet, sei das eigentliche Natur selber – konstituieren.» Kollegen an einem grossen Pestalozzi-
Wesen der Menschennatur. Ich muss projekt im Internet. Rund 1000 Texte
annehmen, nicht mein vergängliches Der Mensch wird zum Menschen, in- haben die Wissenschaftler zu Pesta-
Fleisch und Blut, nicht der tierische dem er sein Herz, seine handwerklichen lozzis Biografie, zu seinem Werk und
Sinn der menschlichen Begierlichkeit, Fähigkeiten und seinen Geist bildet. zur Forschungsliteratur aufbereitet und
sondern die Anlagen meines mensch- Heute reduzieren Pestalozzi-Rezipien- online gestellt. Über das sogenannte
lichen Herzens, meines menschlichen ten sein pädagogisches Ziel gern auf Kopf, Herz, Hand-Prinzip sagt Kuhle-
10 BÜNDNER SCHULBLATT | April 2012

mann: «Pestalozzi hat dieses Bild in


seinem riesigen literarischen Werk nur
ein einziges Mal überhaupt genannt.
Nun spricht er bei Kopf, Herz, Hand
von den drei Grundkräften, von denen
alles Fühlen, Denken und Handeln des
Menschen ausgehe.»

Für Pestalozzi sei der Begriff Kraft sehr


wichtig. Jeder Mensch habe in sich
Kräfte, die er entwickeln möchte. Die
Erziehung solle diese Kräfte und An-
lagen so heranbilden, dass der Mensch
schliesslich zur Sittlichkeit findet.
«Aber heute haben wir vom sittlichen
Menschen eine andere Vorstellung
wie er. Er geht wieder aus von seinem
Menschenbild. Der Mensch lebt immer
in der Spannung von seinen Trieben
und seinem Egoismus. Das ist für
Pestalozzi die sinnliche und tierische
Natur des Menschen. Er hat immer ein
Bemühen nach Lust zu streben und
Unlust zu vermeiden. Die eigentliche
Bestimmung des Menschen ist es aber,
den Egoismus zurückzustellen, gerecht
gegenüber anderen zu sein und letztlich
auch das Gute zu wollen.»

Geboren am 12. Januar 1746 in Zürich


wächst Pestalozzi in einem streng prote-
stantischen Elternhaus auf. Sein Gross- in der literarischen Fiktion Rousseau der Mensch die Möglichkeit glück-
vater ist Pfarrer und auch Pestalozzi mit ‹Emile› aufgestellt hat. Nun hat lich, gesund und gut zu werden. Die
spielt wohl in seiner Jugend mit dem Pestalozzi nicht ganz begriffen, dass für schlechten Eigenschaften kämen erst
Gedanken, später einmal der Kirche Rousseau alles fiktiv war. Es war eine dann zum Vorschein, wenn der Mensch
zu dienen. Dazu kommt es zwar nicht, rein fiktive Konstruktion, dieser ‹Emile›. sich in ein System eingliedern müsse.
doch setzt er sich in seinem Leben Er hat es zu wörtlich genommen. Das Dass er dies irgendwann muss, akzep-
immer wieder mit dem Wesen der Reli- ging aber soweit, dass er seinen ein- tiert Rousseau. Aber er schlägt vor, den
gion und der Bedeutung eines religiösen zigen Sohn Jean-Jacques nannte. Ganz Schritt in die Gesellschaft erst mit dem
Lebens auseinander, heisst es auf der eindeutig in Nachfolge von Rousseau.» Beginn der Pubertät zu tun. Die geistige
Website der Pestalozzi-Experten. Nicht Nähe zu Rousseau drückt sich in einem
nur die Religion beeinflusst Pestalozzi, Rousseau propagiert einen Werdegang Brief aus, den Pestalozzi im Frühjahr
auch Rousseau hat grosse Wirkung auf ausserhalb der gesellschaftlichen 1782 an einen Freund schreibt: «Die
ihn. Dessen Erziehungsroman «Emile» Strukturen. Ohne Pflichten, Leistungs- Kunst und Schule bringt dem Menschen
beeindruckt Pestalozzi ganz besonders. druck und vorgefertigtes Wissen. Nur das Urteil in den Kopf, ehe er die Sache
«Er wollte letztlich das umsetzen, was durch Freiheit und Natürlichkeit habe sieht und kennt. Daher die Schulmen-
THEMA 11

Johann Heinrich Pestalozzi –


Lebensdaten
1746 12. Januar: Geburt Pestalozzis, als Sohn des
Johann Baptist Pestalozzi und der Susanna
geb. Hotz, in Zürich
schen, Gelehrten, Wissenschaftler etc. fehlschlug. «Das Kind war natürlich 1751 Tod des Vaters
fast alle samt und sonders, so im täg- beeinträchtigt. In welcher Art kann 1751–63 Besuch der Deutschen Schule, der Latein-
lichen Leben unbrauchbare Geschäfts- man nicht so genau sagen. Ob’s eine schulen am Fraumünster und Grossmün-
menschen sind und so gemeiniglich Borderline Richtung Epilepsie war? Das ster, des Collegium Humanitatis (Latein,
weder die Sache selber von der sie ist heute schwer nachzuvollziehen, weil Griechisch, Hebräisch) und des Collegium
reden, noch die Menschen mit denen man damals natürlich ganz andere Carolinum (philologische und philosophische
sie handeln und wandeln, kennen. Es Bezeichnungen dafür hatte und dieses Klasse)
ist also ein vorzügliches Bedürfnis der medizinische Bild noch nicht vorhanden 1767 Brautwerbung um Anna Schulthess (1738–
guten Auferziehung, dass dieser Klippe war.» 1815)
ausgewichen werde und dass das Kind 1767–68 Landwirtschaftliche Lehre bei Joh. Rud.
aller Liebe Wille nicht allzu früh akade- Den Höhepunkt seiner Karriere erreicht Tschiffeli in Kirchberg BE
misch erzogen werde. Lieber im Stall, in Pestalozzi nach 1799 während seiner 1769 Wohnsitznahme in Mülligen (Aargau);
der Küche, im Garten, in der Wohnstube Jahre in Burgdorf. Dort leitet er ein Landkäufe auf dem Birrfeld. 30. September:
als massleidig beim Buch und mit nas- Erziehungsinstitut und entwickelt eine Verehelichung mit Anna Schulthess
sen Augen abstrahierend.» neue Unterrichtsmethode, die er in 1770 14. August: Geburt des einzigen Kindes
seiner Schrift «Wie Gertrud ihre Kinder Hans Jacob, genannt «Jacqueli»
Pestalozzi möchte seinen eigenen Sohn lehrt» veröffentlicht. Er hat zu die- 1771 Einzug auf dem Neuhof; Missernten
Jean-Jacques nach Rousseaus Grund- sem Zeitpunkt schon einen gewissen 1773 Zusammenbruch der landwirtschaftlichen
sätzen erziehen und scheitert. Obwohl Bekanntheitsgrad durch sein früheres Unternehmung; Eröffnung der Armenanstalt
er ihm schon als Dreijährigem das Le- Werk «Lienhard und Gertrud». Aber auf dem Neuhof
sen beibringen möchte, kann der kleine jetzt wird er mit einem Schlag berühmt 1779 Grössere Landverkäufe
Jean-Jacques auch als 11-Jähriger noch als grosser Erzieher und Erneuerer der 1780 Auflösung der Armenanstalt
kaum einen Buchstaben zu Papier brin- Volksschule, sagt Gerhard Kuhlemann. 1780–98 Schriftstellertätigkeit; Vereinsamung auf
gen. «Er kann keine zwei Linien Gebete «Da zogen also die ganzen europä- dem Neuhof; Lebenskrise
auswendig, er kann weder schreiben ischen Gelehrten dorthin. Die mussten 1792 Ernennung zum französischen Ehrenbürger
noch lesen. Ich hoffe zu Gott, diese unbedingt das mal gesehen haben. Es durch die Nationalversammlung
Unwissenheit, in welcher die Vorsehung gehörte zum guten Ton, dass man ein- 1794–98 Vermittlertätigkeit in Stäfa
mir erlaubt ihn lassen zu können, werde mal bei Pestalozzi vorbeischaute.» 1798 Redaktor am Helvetischen Volksblatt
das Fundament seiner vorzüglichen 1799 Leiter der Armen- und Waisenanstalt in
Ausbildung und seiner besten Lebens- Bekannt ist Pestalozzi heute vor allem Stans
geniessungen sein.» als Pädagoge. Den Schweizern gilt 1799 Lehrer an Burgdorfer Schulen
er als Aushängeschild und auch in 1800 Eröffnung des Erziehungsinstituts auf dem
Später gibt Pestalozzi seinen Sohn in Deutschland tragen viele Sonderschu- Schloss Burgdorf
die Obhut eines Freundes in Mulhouse, len seinen Namen. Aber hinter Pesta- 1802 Mitglied der Konsulta in Paris
das damals noch zur Schweiz gehörte. lozzi steckt noch mehr. Rund 20‘000 1804 Übersiedlung des Burgdorfer Instituts ins
Dort macht Jean-Jacques eine Ausbil- Buchseiten umfasst sein Werk insge- Johanniterstift Münchenbuchsee
dung, später eine kaufmännische Lehre samt. Denn Pestalozzi ist tatsächlich 1804 Eröffnung des Instituts im Schloss Yverdon
in Basel. Danach kehrt er zu seinen vielseitig. In seinen Texten beschäftigt 1805 Übersiedlung der Anstalt von Münchenbuch-
Eltern auf ihr Gut Neuhof im Aargau er sich mit sozialpolitischen, juristi- see nach Yverdon
zurück und heiratet. Mit seiner Frau schen, philosophischen und pädago- 1815 11. Dezember: Tod von Anna Pestalozzi-
Anna-Magdalena zeugt Jean-Jacques gischen Fragen. Geleitet von seiner Schulthess
einen Sohn. Aber schon 9 Jahre später Überzeugung, dass das menschliche 1818 Eröffnung der Armenanstalt in Clindy bei
stirbt er im Alter von gerade 32 Jahren. Miteinander aufbauen sollte auf Glaube, Yverdon
Gerhard Kuhlemann erklärt, dass Pesta- Liebe, Vertrauen und Wahrheit. 1825 Schliessung der Anstalt in Yverdon, Über-
lozzis Sohn von Geburt an krank war siedlung auf den Neuhof
und seine Erziehung vor allem deshalb Umfassende Informationen unter 1827 17. Februar: Tod Pestalozzis in Brugg;
www.heinrich-pestalozzi.info Beisetzung in Birr
16 BÜNDNER SCHULBLATT | April 2012

«Fa trais pass...»


Reto Matossi, Sportlehrer – Schulmann – Schulleiter St. Moritz

Als ich Reto Matossi fragte, wo er genau zu finden sei, schrieb er mir als Antwort: «Ich kann dich
abholen, du kannst aber auch, wenn du ein paar Schritte tun willst, in zehn Minuten zu Fuss ins
St. Moritzer Schulhaus Grevas kommen.» Ein guter und ein für Reto Matossi typischer Ratschlag,
der mir in schönster Engadiner Sonne zwei Mal zehn Minuten Bewegung brachte.

VON JOHANNES FLURY

sonst liegt noch Schnee. Die dabei in Erlebnisse ganz anderer Art sollen die
Brüche gegangene Scheibe darf nicht Schule reicher und auch fröhlicher
dazu führen, dass gleich wieder ein Ver- machen.

Als eine meiner Aufgaben sehe Bewegung darf sich nicht auf die drei
ich, die Kopflastigkeit der Schule Lektionen Sport beschränken, in jeder
immer wieder aufzulockern und Lektion und sei es nur während der fünf
ein wenig einzudämmen. Minuten Pause, kann und darf sie einen
Teil bilden. Reto Matossi ist überzeugt,
bot ausgesprochen wird. Lehrpersonen dass dies der kognitiven Aufnahme-
sollen schlitteln gehen mit ihren Klas-
sen, sollen Schanzen springen, sollen Für Lehrpersonen ist es nicht
sie immer wieder vor neue Aufgaben immer einfach, sie müssen
stellen und diese mit ihnen gemeinsam erfinderisch sein, um immer
durchstehen, die Freude und der Stolz andere Anreize zu schaffen.
der Kinder nach der Leistung wird ihnen
recht geben. fähigkeit der Kinder zugute kommt. Aber
er weiss auch: Für die Lehrpersonen ist
Reto Matossi sieht, dass sich hier in es nicht immer einfach und sie müssen
den letzten Jahren einiges geändert hat. erfinderisch sein, immer andere Anreize
Wenn er jetzt aufruft zum Stampfen der zu schaffen, wie er einen für mich
Darin sieht denn Reto Matossi auch Sprungschanze anstatt den Mittwoch- geschaffen hat...
eine seiner Aufgaben: Die Kopflastig- nachmittag in der Schule zu verbringen,
keit der Schule immer wieder aufzu- ist er alleine am Stampfen. Zu gewissen Eine Super-Idee ist dann gut,
lockern und ein wenig einzudämmen. wenn sie die Lehrpersonen
Sein Thema ist die Bewegung; aber Erfahrungen und Erlebnisse ebenso gut finden. Wichtig ist,
er erwähnt ebenso selbstverständ- ganz anderer Art sollen dass sie von ihrer vorgesetzten
lich, dass als Beispiel auch Musik den die Schule reicher und auch Behörde Vertrauen erfahren.
gleichen Effekt haben könnte. Das fröhlicher machen.
Verhältnis «kognitiv – kreativ» geht nicht Wie erhält er sich seinen spür- und
auf. Immer wieder ist zu überdenken, Verpflichtungen der Schülerinnen und sichtbaren Enthusiasmus? Schulleiter
wie Lehrpersonen Kinder aktivieren, Schüler allerdings zögert er nicht: Die ist ja nicht immer ein einfacher Job. Er
zu körperlicher Betätigung anregen Schule St. Moritz kennt das System ist überzeugt, dass es auch eine Frage
können. Es kann nicht einfach alles ver- der Projektwochen, eine davon ist für der psychischen und physischen Konsti-
boten sein. Wo sollen denn Engadiner alle obligatorisch. Eine reiche Auswahl, tution ist. Er hat sich geschworen, dass
Kinder im April Fussball spielen, wenn davon gut ein Drittel sportlicher Natur, er nirgends bleibt, wo er nur Befehls-
nicht auf dem Pausenplatz. Überall steht zur Verfügung. Erfahrungen, empfänger ist, er will gestalten können.
PORTRAIT 17

person nachsinnen, sich fragen, ob


der gemassregelte Schüler zu Recht
gemassregelt wurde, überlegen ob er zu
nachgiebig oder zu deutlich entschie-
den hat. Wer das nicht mehr tue, sei als
Schulleiter fehl am Platz, davon ist Reto
Matossi überzeugt.

Er ist zu diesem Beruf nicht auf direk-


tem Weg gelangt. Nach einem Handels-
diplom hat er zuerst bei einer Bank
gearbeitet und sich dann in Magglingen
zum Sportlehrer ausgebildet. Nach
Stellen im Tourismus- und Freizeitbe-
reich ist er dann als Turn- und Sportleh-
rer an die Gemeindeschule St. Moritz
gewählt worden und nun schon seit
acht Jahren als Schulleiter tätig. Orga-
nisation hat ihn schon immer interes-
siert und das kommt ihm jetzt zugute.
Aber er versteht sich heute ebenso als
Schulmann wie er das als Lehrperson
war. Aktuell hat er eine faszinierende
Nebenaufgabe: Er kann die Sportschule
Champfèr planen, die – wenn alles gut
läuft – ab Herbst 2013 den Betrieb
aufnehmen wird. Die Erfordernisse der
Aber es sollen nicht einfach die Ideen den Unterricht verzichten, und das will Schule mit denen der Sportausbildung
von Reto Matossi sein, die sich durch- er ganz und gar nicht. Er braucht die zu vereinen, ist eine grosse, ihn er-
setzen, sondern die Ideen der Schule Schülerinnen und Schüler, wie sie und füllende Herausforderung. So erfüllend,
St. Moritz. Eine Super-Idee ist dann gut, die Lehrpersonen ihn brauchen. Dass dass er – als Ausnahme – für ein halbes
wenn sie die Lehrpersonen ebenso gut er gerne und mit Begeisterung Schule Jahr aufs Schule geben verzichtet. Und
finden. Wichtig ist für ihn, dass er von gibt, ist kein Hindernis für seine Füh- das will etwas heissen.
seiner vorgesetzten Behörde Vertrauen rungstätigkeit, im Gegenteil. Er würde
gleich führen, auch wenn er zu 100% Ich nehme von Reto Matossi Abschied
Die Klassenlehrperson darf Schulleiter wäre. Führen heisst, sich ein mit der Überzeugung, dass wir in
wissen, dass der Schulleiter sie Stück weit aus dem Kollegium verab- Schulfragen viele Überzeugungen teilen
in ihrer Aufgabe stützt. schieden, aber deswegen nicht, mit und dass wir beide nach doch einigen
den Kollegen ein gespanntes Verhältnis Jahren Schulleitung immer neu über-
erfährt. Nur dann kann er auch Vertrau- zu leben. Er sieht sich als Schulleiter zeugt sind: Es lohnt sich.
en weitergeben. Die Klassenlehrperson und gerade so doch als Kollegen. Aber
darf wissen, dass der Schulleiter sie Schulleiter heisst auch nicht, kalter
in ihrer Aufgabe stützt. Wichtig ist für Manager zu sein. Reto Matossi kann
ihn auch, dass sie zu zweit sind in der in der Nacht erwachen und der Aus-
Aufgabe. Sonst müsste er ganz auf sprache zwischen Eltern und Lehr-