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Miradas alemanas

hacia América Latina


Deutsche Blicke auf Lateinamerika

© bpk, Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlín


Johann Moritz Rugendas: Drachensteigen vor der Kirche Santa Cruz, zwischen 1831 und 1834. Öl auf Karton, 18,1 × 28 cm

Deutschland und Lateinamerika verbinden vielfältige einzufangen: die gedruckten Kommentare, die Gemälde
historisch gewachsene Beziehungen. Hier werden die und Fotografien, die Bücher, die Bauwerke oder die
Geschichten einiger deutscher Wissenschaftler, Künstler Betriebe. Die Beispielgeschichten stammen aus denjenigen
und Unternehmer vorgestellt, die unsere Kenntnisse Ländern Lateinamerikas, die zwischen 2009 und 2011
über Lateinamerika erweitert haben und gleichzeitig ihre zweihundertjährige Unabhängigkeit feiern.
das Deutschlandbild dort mitgeprägt haben. Es sind
bekannte Geschichten wie die Alexander von Unser Anspruch ist nicht, die deutsch-lateinamerikanischen
Humboldts und weniger bekannte. Es sind Geschichten Beziehungen in ihrer ganzen Vielschichtigkeit zu erfassen.
von Erfolgen und großer Anerkennung, aber auch von Vielmehr möchten wir mit unseren Fallbeispielen Anstöße
gegenseitigen Missverständnissen und von Fehlschlägen. dazu geben, sich mit diesen Beziehungen aktiv auseinander-
Allen gemeinsam ist die Auseinandersetzung mit einer zusetzen. Lateinamerika kann nicht ohne Europa verstanden
zunächst sehr fremden Welt. Wir haben versucht, werden, Europa nicht ohne Lateinamerika.
einige der Ergebnisse dieser Auseinandersetzung

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Kommentare
zur Unabhängigkeit
Amerika.
Im Laufe des Jahrs 1810 ist die Lage Amerika‘s völlig verändert;
seine gebundene Kindheit in blühende hoffnungsvolle Jünglingszeit
übergegangen; Europäische Vormundschaft hat geendet. Selbst-
ständig tritt es auf, schreibt sich den Kreis der Wirksamkeit vor.
Unermeßlich sind die Hülfsmittel der Natur und in glühender
Entwicklung die Kräfte der Völkerschaften. Mögen die Freistaaten
des Nordens und die Freistaaten des Südens brüderlich wetteifern!
Ernst Ludwig Posselt, Hg. 1812. Europäische Annalen, S. 83.
Stuttgart und Tübingen: Cotta.

London, vom 23. Juni.


(Ueber Frankreich.) Spanien und seine überseeischen Besitzungen.
Die in Süd-Amerika erfolgten Begebenheiten sind sehr wichtig; Die spanischen sowohl als die portugiesischen Besitzungen in Amerika
sie standen aber seit langer Zeit zu erwarten. Es ist in der That zu haben sich, erstere in republikanischer, letztere in monarchischer Ver-
verwundern, daß diese ausgedehnten Besitzungen so lange vom fassung, unabhängig vom Mutterlande und selbstständig erklärt. Die
Mutterlande abhängig geblieben, da es der spanischen Regierung Bande, die sie einst an Europa fesselten, sind dadurch zerrissen, ihre
ganz an Energie fehlte. Ohne Verwunderung haben wir daher Verhältnisse zu den Metropolen aufgelöst, und sie selbst streben, sich
erfahren, daß die Einwohner dieser Gegenden endlich einen Geist aus dem Zustande untergeordneter Länder in die Reihen selbstständiger
der Unabhängigkeit an den Tag gelegt und den Entschluß gefaßt Staaten emporzuheben.
haben, als ein unabhängiger Staat zu bestehen.
Friedrich Murhard, Hg. 1824. Neue allgemeine politische Annalen,
Berlinische Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen, 13. Band, S. 3. Stuttgart und Tübingen: Cotta.
14.7.1810

Mitarbeiter der Berliner Gießerei Noack bearbeiten ein Reiterstandbild des Simón Bolívar. Fotografie von Friedrich Seidenstücker, Berlin, um 1930. © bpk
Man will versichern, daß der Aufruhr in Süd-Amerika weit mehr auf
sich habe, als man in den spanischen Blättern vorgegeben.
Ein Brief aus Rio de Janeiro vom 2. Dezember sagt, daß ganz
Potosi sich empört, und daß man in den Gegenden, wo Bergwerke
sind, alle Königl. Archive verbrannt habe. Derselbe Brief enthielt
sogar ein Manifest, in welchem man das ganze Volk des spanischen
Amerika auffordert, sich durchaus unabhängig zu machen.
Berlinische Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen, 27. 3. 1810

Zufolge der mit der Kriegsloop Musette eingegangenen Berichte,


brach die Revolution in Süd-Amerika in den letzten Tagen des
Aprils aus zu Caracca und la Quayra. Die Gouverneurs dieser Plätze
wurden arretiert und nach Maracaibo gesandt. (...) Der General
Intendant, der Intendant und einige andere Personen, welche die
Provinz in der Abhängigkeit von Spanien erhalten wollten, sind
arretirt worden. Indeß hat man sich keine Gewaltthätigkeiten
gegen ihre Personen erlaubt. Sie sind bloß nach einem Orte an
der Küste in Sicherheit gebracht, und von da nach Cuba, oder nach
andern nach Porto Rico eingeschifft worden. Das Volk hat ohne
Die Revolution in Südamerika. (Nach de Pradt.)
weitere Excesse erklärt, daß es bloß eine freie und unabhängige
Ein politisches Schauspiel von der Größe, wie Südamerika dermal darbietet,
Regierung wolle.
hat die Welt noch nie gesehen, ist in der Geschichte unerhört.
(sloop: aus dem Englischen übernommene Bezeichnung des 18. und 19. Jahrhunderts für bestimmte
Kriegsschiffe; Musette ist der Schiffsname)
Carl von Rotteck, Hg. 1822. Allgemeine politische Annalen, Band 6, S. 267.
Berlinische Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen,14. 7.1810 Stuttgart: Cotta.

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„Alles ist Wechselwirkung…“
Alexander von Humboldt und
die Erweiterung des Weltbewußtseins
Alexander von Humboldts Arbeitsweise war transdisziplinär; er
führte den Dialog mit anderen Disziplinen nicht vom Standpunkt
einer bestimmten „eigenen“ Disziplin aus, sondern indem er
versuchte, mit Hilfe von Spezialisten die Logiken verschiedener
Wissensgebiete miteinander zu vernetzen.

Humboldts Blick auf die Neue Welt und ihre Bewohner war seiner
Zeit weit voraus und erfüllte die drei wichtigsten Anforderungen an
gute Ethnologie: Er stützte sich immer auf Empirie – bis hin zu ge-
Foto: Jürgen Liepe, © Staatliche Museen zu Berlin

fährlichen Selbstversuchen; er verfolgte einen holistischen Ansatz,


indem er versuchte, alle Wesen und Phänomene im Gesamtkontext
ihrer jeweiligen Daseinsbereiche und Lebensumstände zu erfassen;
und er arbeitete – im Kleinen wie im Großen – vergleichend. Lange
nach seiner Amerikareise (1799–1804) unternahm er 1829 noch
Friedrich Georg Weitsch:
Alexander von Humboldt, 1806 eine Reise nach Russland. Er bezeichnete sie als sehr wichtig, weil
Öl auf Leinwand, 126 × 92,5 cm sie die Einschätzungen, die er in Amerika gewonnen hatte,
ergänzte, korrigierte und relativierte. Eine der Stärken Humboldts
Das Porträt von Weitsch illustriert Humboldts multi-
perspektivischen Ansatz und dessen Feldforschungs- war es, wissenschaftliche und politische Probleme aus mehreren
praxis: Es enthält z. B. Hinweise auf Pflanzengeographie, Perspektiven, auch aus jener der Anderen, betrachten und
Mineralogie, Geologie und Meteorologie.
einschätzen zu können.

Für seinen Bruder Wilhelm war Alexander von Humboldt, der in


Lateinamerika vielerorts bekannteste und am höchsten respektierte
Deutsche, jemand der – nicht weniger als konsequent – „aufgehört
hat, deutsch zu sein“.
Foto: Hermann Buresch, © Staatliche Museen zu Berlin

Friedrich Georg Weitsch: Humboldt und Bonpland am Fuß des Chimborazo


in Ecuador, 1806. Öl auf Leinwand, 163 × 226 cm

Den Chimborazo bestieg Humboldt im Jahr 1802 bis zu einer Höhe von
etwa 5700 m. Dies blieb danach für 30 Jahre Weltrekord im Bergsteigen.
Humboldt war im Gehrock, hatte allerdings zusätzlich einen wollenen
Poncho angelegt. Er schrieb stets gegen das Vorurteil der „ungesunden
Tropen“ an: „… wir sind stets kräftig und robust geblieben“.

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Der Archivar des Alltags
Robert Lehmann-Nitsche

© Ibero-Amerikanisches Institut, Berlin


Gemüsehändler

© Ibero-Amerikanisches Institut, Berlin


Postkartensammlung Lehmann-Nitsche

Der Anthropologe und Mediziner Robert Lehmann-Nitsche (1872–


1938) leitete von 1897 bis 1930 die Anthropologische Abteilung
des Naturkundemuseums von La Plata. Bereits kurz nach seiner
„Raza Pampeana“, Karneval in La Plata, 1909
Fotosammlung Lehmann-Nitsche Ankunft in Argentinien richtete er sein wissenschaftliches Interesse
auch auf folkloristische und ethnologische Themen. Er unternahm
Forschungsreisen nach Patagonien, Feuerland, in die Pampa
und in den Chaco. Vor allem aber entdeckte er die urbanen
Zentren am Río de La Plata mit ihren europäischen Immigranten,
© Ibero-Amerikanisches Institut, Berlin

den Migranten vom Land und den vertriebenen Indianern als


„Laboratorium“ sozialen Wandels und kultureller Hybridisierungen.
Neugierig, mit offenem Blick und großer Leidenschaft sammelte
er unzählige Bild-, Ton- und Schriftdokumente, die die profunden
Robert Lehmann-Nitsche, 1903
kulturellen und sozialen Veränderungen im Argentinien der Jahr-
hundertwende dokumentieren.

Durch seine Publikationen trug Lehmann-Nitsche viel zum heuti-


gen Argentinienbild in Deutschland bei; gleichzeitig machte er die
Arbeiten seiner argentinischen Kollegen in Europa bekannt. Von
seinem beeindruckenden internationalen Wissenschaftsnetzwerk
© Ibero-Amerikanisches Institut, Berlin

zeugen auch die über 5000 Briefe, die sich in seinem Nachlass
im Ibero-Amerikanischen Institut in Berlin befinden.

Mietwohnungen in Buenos Aires


Postkartensammlung Lehmann-Nitsche

„Inzwischen wurden sie [die Indianer] ins Heer, in die hier militä-
risch organisierte Feuerwehr oder unter die Schutzleute gesteckt
und bewähren sich gut. Andere dienen als Pförtner, Hausdiener
usw. Das gewöhnliche Volk macht keinen Unterschied zwischen
© Ibero-Amerikanisches Institut, Berlin

© Ibero-Amerikanisches Institut, Berlin

sich und den Indianern, merkt oft gar nicht, daß es mit
solchen zu tun hat. Es geht ihnen nicht besser oder schlechter
als anderen. Das große Publikum, das immer gern mal Indianer
sehen möchte, merkt gar nicht, daß der nächstbeste Schutz-
mann auf der Straße in Buenos Aires einer ist.“
Lehmann-Nitsche,1906
Liebeslied der Mapuche („Araukaner“) Postkartensammlung
Lehmann-Nitsche

ARGENTINIEN
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Expedition Nr. 24
Zwei Jahre im bolivianischen Amazonien

Karin Hissink (1907–1981) und Albert Hahn (1910–1996)


besuchten drei Ethnien im Amazonasgebiet Boliviens: Chama,
Chimane und Tacana. Bei letzteren verbrachten sie über ein Jahr.
Ihre Mythensammlung ist die umfangreichste, die je bei einer

© Frobenius-Institut, Frankfurt am Main


südamerikanischen Ethnie aufgezeichnet und publiziert wurde.

Viele Geschichten erzählen von den Taten und Untaten des


menschengestaltigen Buschgeistes Einidu, eines Herrn und
Albert Hahn: Siedlung Monday der Chimanen-Indianer, Rio Maniquí, Bolivien, 1952 Beschützers der Tiere. Einidu füttert die Wildschweine mit
Radierung und Aquarell, 32 × 20 cm
Früchten seiner Liane nuni, damit sie ein gutes Wildbret für den
Jäger abgeben. Glücklosen Jägern verhilft er – für etwas Koka
oder Tabak – zu Jagdgeschick und Erfolg. Einidu bestraft aber
auch Jäger, die zu viele Tiere töten oder sie quälen, indem er
sie in Schlangen oder Geister verwandelt. Oft treibt er auch
Foto: Karin Hissink, © Frobenius-Institut, Frankfurt am Main

üble Scherze mit den Menschen. Schließlich wird ihm seine


unmäßige sexuelle Gier zum Verhängnis: Eine Frau lockt ihn
zum Baden in ein großes Gefäß und übergießt ihn mit kochen-
dem Wasser. Einidu stirbt – aber eines der vielen Kinder, die
er mit Menschenfrauen gezeugt hat, wird zum neuen Einidu.
Der Maler Albert Hahn in Bolivien

„ … eine äußerst glückliche Verbindung zwischen Wissenschaft und Kunst.“


Otto Zerries, 1981
Hissink und Hahn, 1984. Die Tacana II:113. ©Franz Steiner, Wiesbaden

Foto: Albert Hahn, © Frobenius-Institut, Frankfurt am Main


© Frobenius-Institut, Frankfurt am Main

Albert Hahn: Leiter des Einidu. Bauhinia Leiter des Wald- und Buschgeistes Einidu Die Ethnologin Karin Hissink während
Caulotretus, eine Liane, nuni in der als Webmuster auf Tragbändern und Gürteln. der „24. Frobenius-Expedition“ auf
Tacana-Sprache. Sie führt zur Wohnung Gezeichnet von Albert Hahn. dem Rio Beni (27. 4.1952–13. 6.1954)
des Einidu, hoch oben in einem Baumloch.

BOLIVIEN
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Der lange Weg der Masken
durch Raum und Zeit
Von November 1914 bis April 1915 forschte der Archäologe und
Ethnologe Konrad Theodor Preuss bei den Kágaba in der Sierra
Nevada de Santa Marta in Kolumbien. Er wollte sich den vor-
spanischen Religionen über Rituale, Mythen und Gesänge zeit-
genössischer Indianer nähern. Rituelle Paraphernalia, auch Masken,
sind eigentlich unverkäuflich. Preuss nutzte einen Erbstreit zwischen
indigenen Priestern, um diese Raritäten zu erwerben.

Die Priester der Kágaba kommunizieren mit den Wesen der


„anderen Welt“, um für Regen oder Trockenheit zu sorgen. Dabei

© Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum


tragen sie hölzerne Masken, die sie diesen Wesen, den mythischen
Ahnen und Verstorbenen, „anverwandeln“. Die Kágaba benützen
auch archäologische Steinperlen zur Divination – einer anderen
Form der Kommunikation mit den Ahnen.

Preuss konnte die Nutzung archäologischer Objekte in Ritualen Großsonnenmaske, Mama Nuikukui Uakai, aus Noavaca,
zeitgenössischer indigener Gruppen nicht erklären, er bezeich- Sierra Nevada de Santa Marta. Holz, gefasst

nete dieses Phänomen deshalb als „widersinnig“. Nach Hinweisen


aus der Fachliteratur war aber schon zu seiner Zeit vermutet
worden, dass es sich auch bei den Masken um archäologische
Objekte handelte.
„Daß die bösen Krankheiten und alle
üblen Dinge nicht herbeikämen –
Zwei der von den Kágaba noch im 20. Jahrhundert benützten und
darauf wirkte Großsonnenmaske mit

© Ibero-Amerikanisches Institut, Berlin


von Preuss erworbenen Masken stammen aus den Jahren 1440 seinen Worten ein. Das haben die Väter
bzw. 1470 n. Chr., wie durch Analysen mittels Beschleunigermassen- und Priester erzählt.“
spektrometrie bewiesen wurde – also tatsächlich aus vorspanischer Preuss, 1926
Zeit. Sie waren anlässlich der Gründung eines Tempels hergestellt
und seither von einer Priester-Generation zur nächsten vererbt Konrad Theodor Preuss
(1869–1938)
worden.

Der Besitz der Maske, eines aus der Zeit und der Welt der Ahnen
stammenden Objekts, legitimiert die Macht und das Prestige des
heutigen Priesters. Die religiöse Macht ist bei den Kágaba nicht
personalisiert, sie ist quasi „objektiviert“.
Ethnologisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin, © Wouter Bokma, 1976

Fotografie: Konrad Theodor Preuss, 1915, © Världskulturmuseet Göteborg

Pueblo Viejo, Sierra Nevada de Santa Marta Tänzer mit der Maske Mama Surli Uakai

KOLUMBIEN
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Der Grenzgänger
Begehungen und Berechnungen
„Der Kampf um die Gipfel und Täler Patagoniens wurde nicht
auf dem Schlachtfeld, sondern am Schreibtisch ausgetragen.“
Marisa von Wysocki, 2009

Am 20.11.1902 beendete der britische König Edward


VII. mit seinem Schiedsspruch den chilenisch-argentini-
schen Grenzkonflikt. Sein Urteil beruhte auf Gutachten
der Expertenkommissionen beider Länder, die fast
sieben Jahre lang die umstrittenen Regionen erforscht
und kartiert hatten. Auf chilenischer Seite war der
deutsche Geograf Hans Steffen Leiter vieler Expedi-
tionen im Regierungsauftrag. Er schuf mit seinen
objektiven Beschreibungen der geografischen Ver-
hältnisse die wissenschaftliche Basis für die Entschei-
dung über den Grenzverlauf.

Eigentlich hatte die Grenze ab 27° südlicher Breite


an einer gedachten Linie zwischen den höchsten
Kordillerengipfeln und zusätzlich entlang der Wasser-
Von Chile wurde Hans Steffen vielfach geehrt: Ein Berg, ein Gletscher,
ein See, eine Landzunge und eine Reihe anderer Orte wurden nach scheide verlaufen sollen. Das waren jedoch Bedin-
ihm benannt. gungen, die nicht gleichzeitig erfüllt werden konnten,
denn in Patagonien wichen diese beiden Linien ab
dem 41. Breitengrad stark voneinander ab. Mehr
als 1000 km Grenze mussten also genau bestimmt
© Ibero-Amerikanisches Institut, Berlin

werden: hauptsächlich zu Fuß, zu Pferd und in


Ruderbooten.

Zwei Landvermesser der Aisén-


Expedition Hans Steffens (1897)

Fotograf unbekannt. © Konsulat der Republik Chile in Berlin


© Ibero-Amerikanisches Institut, Berlin
© Ibero-Amerikanisches Institut, Berlin

Im Alter von nur 21 Jahren promovierte


Hans Steffen (1865–1936) im Fach Geografie.
1889 wurde er als Dozent für Geschichte und
Geografie nach Santiago de Chile berufen.
Von 1896 bis 1902 fungierte er als
Die umstrittenen Gebiete und die Aus Hans Steffens Nachlass. Fotograf unbekannt. Sachverständiger im Grenzstreit
1902 festgelegte Staatengrenze Der angeklebte Zettel wurde von Steffen beschriftet. zwischen Chile und Argentinien.

CHILE
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Tomebamba
Der Palast des Inka Huaina Capac

© Ibero-Amerikanisches Institut PK, Berlin


© Ibero-Amerikanisches Institut PK, Berlin

Max Uhle (1856 –1944)

Max Uhle, der „Vater der andinen Archäologie“, lebte


zwischen 1892 und 1933 fast 40 Jahre in Südamerika. Sein
Name ist verbunden mit vielen der bedeutendsten archäo-
logischen Kulturen und Fundstätten, etwa Chunchurí und
Tomebamba, Planaufnahme der inkaischen Ruinen, von WSW gesehen. Pisagua in Chile, Tiahuanaco in Bolivien, Tomebamba und
Blatt 2 von 2
Cochasquí in Ecuador und Moche, Nazca, Pachacámac,
Chimú und Chancay in Peru. Von 1919 bis 1932 arbeitete
er in Ecuador, wo er 1925 in Quito einen Lehrstuhl für
Archäologie erhielt.
© Ibero-Amerikanisches Institut PK, Berlin

Der Höhepunkt seiner archäologischen Forschungen in


Ecuador war die Ausgrabung der zweiten Hauptstadt des
Inkareiches, Tomebamba, in den Jahren 1921 und 1922. Die
Bedeutung dieser Entdeckung Uhles – dass es Tomebamba
wirklich gegeben hatte und wo genau es gestanden hatte
Uhles Notizbuch Nr. 127 aus dem Jahr 1921. – wurde sogar schon als die Lösung der „ecuadorianischen
Links, auf S. 82, findet sich (bis zu der durch-
gezogenen breiten Linie auf S. 83) der östliche
Troja-Frage“ bezeichnet. Eigentlich war Tomebamba ein
Teil des Palastes, rechts daneben der westliche großes Verwaltungszentrum. Es wurde von den Inka auf
Teil, beide von W aus gesehen.
dem Platz einer Anlage der von ihnen besiegten und unter-
drückten Lokalkultur erbaut. Das erinnert an die Praxis der
Spanier, ihre Kirchen auf den Ruinen der Inkatempel zu
errichten – aber auch daran, dass die Inka nicht nur „Opfer“
Max Uhle, 1923: Las Ruinas de Tomebamba. Quito: Academia Nacional de Historia

gewesen sind.

Die minutiösen Grabungsnotizen Max Uhles mit unzähligen


Details und Korrekturen spiegeln auch einen Zug seines
Der 1923 publizierte Plan Charakters wider: die asketische, aber liebevolle Hingabe an
von Tomebamba.
den Forschungsgegenstand als Sinn des Lebens.
Die komplette Anlage,
von SSO gesehen.

ECUADOR
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Der Sprachensammler
Walter Lehmann in El Salvador

© Ibero-Amerikanisches Institut, Berlin


© Ibero-Amerikanisches Institut, Berlin

© Ibero-Amerikanisches Institut, Berlin


Walter Lehmann (1878–1939)

© Ibero-Amerikanisches Institut, Berlin

© Ibero-Amerikanisches Institut, Berlin


Für Walter Lehmann war die Archäologie der erste Zugang zu
Mesoamerika. Er sammelte bei all seinen Forschungsaufenthalten
archäologische Objekte und fertigte in Museen und Privatsamm- Ausschnitt der letzten von Lehmann gezeichneten Version der
1920 gedruckten Sprachenkarte Zentralamerikas
lungen zahlreiche Objektzeichnungen an, so auch in San Salvador,
im Museo Nacional und in der Sammlung Deininger. Die größere
und bleibende Leistung für die Amerikanistik erbrachte Lehmann
aber als Linguist. Sein Buch „Die Sprachen Zentral-Amerikas“ galt
lange als Standardwerk und liefert auch heute noch wertvolle
Informationen. Lehmanns Vorgehen bei der ethnolinguistischen
Datenaufnahme kann als „Rettungsethnographie“ umschrieben
werden. Er dokumentierte vorrangig vom Aussterben bedrohte
Indianersprachen. Dies gelang ihm bisweilen mit dem Glück des
© Ibero-Amerikanisches Institut, Berlin

Tüchtigen: wenn er etwa auf einer Bahnfahrt einen der letzten


Sprecher einer Indianersprache weit außerhalb seines Wohn-
gebietes traf und befragen konnte.

Lehmanns erste Forschungs- und Sammelreise führte ihn von


1907–1909 nach Costa Rica, Nicaragua, Panama und El Salvador.
Dort interessierte er sich besonders für die in vorspanischer Zeit
© Ibero-Amerikanisches Institut, Berlin

aus Zentralmexiko eingewanderten Pipil.

Sein Sprachtalent war außergewöhnlich. Zum Beispiel beschäf-


tigte er sich intensiv mit der chinesischen Sprache, deren Tonalität
Für seine Studien der Pipil-Sprache ließ Lehmann in
ihn zur „Entdeckung“ der Wichtigkeit der Töne in einigen mittel- El Salvador Wörterlisten und Glossare von Kollegen und
amerikanischen Sprachen führte. von Muttersprachlern anlegen. Einige wurden ihm von
seinen Informanten sogar nach Deutschland geschickt.

EL SALVADOR
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Ein liebevoller Blick
auf Mexiko – vor hundert Jahren
„Für heut nur noch einige Fragen: Was ist eigentlich im Morlake
für ein Wesen? und was sind glagolitische Buchstaben?“
Aus einem Brief Caecilies an Eduard, 1884

Im September 1884 schrieb Caecilie Seler-Sachs (1855–1935)


© Ibero-Amerikanisches Institut, Berlin an Eduard Seler (1849–1922), den Begründer der modernen
Mexikanistik, wie wichtig es ihr war, nicht nur seine Geliebte
und Frau, sondern auch seine Mitarbeiterin zu sein.

Caecilie Seler-Sachs und Eduard Seler Eine großartigere Mitarbeiterin hätte sich kein Wissenschaftler
wünschen können: Sie hatte eine umfassende Bildung
genossen und wurde im Lauf der gemeinsamen Jahre selbst zur
Wissenschaftlerin. Neben dem nur schwer zu kalkulierenden
Anteil am Werk ihres Mannes hatte sie fast 40 eigene Publika-
tionen, darunter zwei sehr erfolgreiche Bücher: über ihre
Reisen „Auf alten Wegen in Mexiko und Guatemala“ (1900)
und über das „Frauenleben im Reiche der Azteken“ (1919).
© Ibero-Amerikanisches Institut, Berlin

Caecilie begleitete Eduard zwischen 1887 und 1911 bei all


seinen sechs Amerikareisen. Als er einmal krank war, unter-
nahm sie – nur in Begleitung eines Indianers – tagelange Ritte
© Ibero-Amerikanisches Institut, Berlin

zu Ruinenstätten im Urwald, um diese zu dokumentieren. Sie


Aquarellierte Zeichnung, beschriftet:
„23 cm hoch war eine hervorragende Fotografin. Auch viele Zeichnungen
Zahuatlan, Distr. de Nochistlan in Selers Studien stammen von ihr, noch mehr hat sie, mit
Saml. Dr. Ferd. Sologuren“
sicherem Auge für feinste Nuancen, koloriert: Das war – lange
Aquarellierte Zeichnung, beschriftet:
„1/1 vor der Verbreitung der Farbfotografie – eine wertvolle Begabung.
Samml. Guillermo de Heredia
Muster dreimal wiederholt“
Das Gesamtwerk Eduard Selers, das den Anfang der deutschen
Altamerikanistik bildet, ist ohne den Beitrag von Caecilie Seler-
Sachs nicht vorstellbar.

Brief Caecilies vom 19. 9.1884

MEXIKO
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Yboty rendá
Carlos Fiebrigs 600 ha großer „Blumenladen“
1910 bekam der Botaniker Karl Fiebrig
(1869–1951) ein Stellenangebot des deutschen
Kolonialamts für Ostafrika und gleichzeitig
eines der Regierung Paraguays, die ihm einen

© Ibero-Amerikanisches Institut, Berlin


© Ibero-Amerikanisches Institut, Berlin
Lehrstuhl am Colegio Nacional und an der
Facultad de Medicina anbot. Fiebrig, der
schon seit 1907 in San Bernardino in Paraguay
lebte, entschied sich für die Anstellung dort,
Anna Gertz (1866–1920), Fiebrigs erste Frau.
nicht zuletzt deshalb, weil diese Offerte auch Karl Fiebrig im Ibero-Amerikanischen Institut, Ein Journalist, der ausführlich den „Jardín
den Vorschlag des damaligen Präsidenten, Berlin, um 1940. Fiebrigs Spezialfächer waren Botánico“ beschrieb, nannte „Doña Ana“ die
Pflanzenökologie, Insektenbiologie und „eigentliche Schöpferin des Gartens und Seele
Dr. Manuel Franco, enthielt, einen Botanischen Ökomorphologie der südamerikanischen Flora. des ganzen Instituts“.
Garten einzurichten. 1914, in der Regierungs-
zeit Eduardo Schaerers, konnte der Jardín 45 Pflanzenarten wurden zu Ehren Carlos Fiebrigs mit dem Eponym fiebrigii
versehen; ebenso 18 Tierarten. Fiebrig selbst benannte nur fünf der von
Botánico schließlich eröffnet werden. Das über ihm identifizierten Spezies nach sich selbst, zuvor aber eine nach seiner
600 ha große Gelände in der Nähe der Haupt- 1920 verstorbenen ersten Frau, Anna Gertz: die Apinagia Gertzi-Annae.
Seinen eigenen Namen änderte er nach ihrem Tod in „Carl Fiebrig-Gertz“
stadt – es war die ehemalige Residenz des – ut memoria sociae in operibus communibus permaneat („damit das
Diktators Francisco Solano López – wurde Andenken der Gefährtin bei den gemeinsamen Werken bewahrt werde“).

rasch zu einer Attraktion. Fiebrig wirkte als


Direktor des Botanischen Gartens bis 1936.
Er hatte ihm den Guaraní-Beinamen „Yboty „Karl Fiebrig … der sich völlig dem Wohle und
rendá“ gegeben, d. h. „Blumenladen“. Gedeihen seiner zweiten Heimat widmet.“
J. H. Schuurmans-Stekhoven, 1955

© Ibero-Amerikanisches Institut, Berlin


© Fritz G. Heym

Hafengebäude des Jardín Botánico


© Ibero-Amerikanisches Institut, Berlin

Varietät von Rebutia fiebrigii


© Ibero-Amerikanisches Institut, Berlin

Tiefergelegte Beete

Der Rosengarten

Der Botanische Garten verfügte nicht nur über einen Hafen am Rio Paraná,
sondern auch über eine eigene Bahnstation, etwa 60 km gepflegter Wege
© Fritz G. Heym

und ein großes Schwimmbad. Nach und nach richtete Fiebrig auch einen
Tiergarten, ein „Zoologisches Museum“, ein „Herbarium“, ein „Botanisches
Museum“ und schließlich das „Baumwoll-Institut“ ein. Letzteres trug
wesentlich zur Finanzierung des ganzen Komplexes bei.
Varietät von Rebutia fiebrigii

PARAGUAY
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Genau hingehört
Feine Unterschiede in Uruguay
Der Diatopische und Diastratische Sprachatlas Uruguays (ADDU) ist ein Koopera-
tionsprojekt der Professoren Adolfo Elizaincín (Universidad de la República,
Montevideo) und Harald Thun (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel), das von
der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert wurde.

Foto: Harald Thun


Befragung im Norden Uruguays mit Sprechern des
Portugiesischen. Von hinten zu sehen: links Adolfo
Elizaincín, rechts Harald Thun.

In die Grundkarten des Atlas sind pro Ortspunkt


vier Gruppen eingetragen. Ein Kreuz weist jeder Gruppe
einen bestimmten Platz zu: So besetzen die älteren
Sprecher der „soziokulturellen Oberschicht“ das obere
linke Feld, die jüngeren das obere rechte Feld und
die beiden Gruppen der „soziokulturellen Unterschicht“
entsprechend die beiden unteren Felder.

© Harald Thun 2001

Die Karte CAÇULA stammt aus dem portugiesisch sprachigen Teil des Atlas. Im Norden Uruguays wird
neben dem Spanischen auch eine Varietät des Portugiesischen gesprochen, die „konservativer“ als das
brasilianische Portugiesisch ist. Der in Brasilien sehr gebräuchliche Afrolusismus CAÇULA (für „der/die
Jüngste“, „das Nesthäkchen“) dringt langsam in Uruguay vor. Die Pluridimensionalität des Atlas ermög-

Foto: Harald Thun


licht es, den Weg dieser sprachlichen Neuerung recht genau zu verfolgen. Von Brasilien ausgehend,
hat sich CAÇULA schon im Grenzgebiet Uruguays ausgedehnt, vermutlich durch die brasilianischen
Telenovelas. In entfernteren Gebieten, die zum Zeitpunkt unserer Aufnahmen noch nicht vom brasilia-
nischen Fernsehen erreicht wurden, ist das Wort noch völlig unbekannt. Im Grenzgebiet sind es die
Sprecher aus der „soziokulturellen Oberschicht“, die das Wort kennen und gebrauchen. Was die Adolfo Elizaincín befragt im Norden
Generationen angeht, so sieht man, dass viele ältere Sprecher das Wort entweder gar nicht kennen Uruguays einen Ziegelhersteller.
oder nur passive Kenntnis davon haben.

Gegenstand dieses Atlas ist die Dokumentation der sprachlichen Variation im


gesamten uruguayischen Sprachraum, einschließlich der Grenzregionen mit
Argentinien und Brasilien. Der Atlas wendet die Methoden der pluridimensio-
nalen Dialektologie an. Dazu wurde das Sprechverhalten an 75 Orten („dia-
topischer“ Aspekt) und in über 250 Sprechergruppen aufgenommen, die nach
den Kriterien: formale Schulausbildung, Alter und Geschlecht bestimmt wurden
(„diastratischer“, „diagenerationeller“ und „diasexueller“ Aspekt). Darüber hinaus
wurde der Sprachkontakt zwischen Spanisch und Portugiesisch berücksichtigt
Foto: Harald Thun

(„dialingualer“ Aspekt), die Variation zwischen verschiedenen Sprechstilen


(„diaphasischer“ Aspekt) und der Unterschied zwischen dem Sprechen über
Gesprächsrunde mit drei Generationen. die Welt und dem Sprechen über die Sprache („diareferentieller“ Aspekt).
Interviewer: Cléo V. Altenhofen
Dazu kommt – jedoch nur selektiv – die Variation, die durch Ortsfestigkeit oder
Mobilität der Sprecher verursacht wird („topodynamischer“ Aspekt).

URUGUAY
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Klänge und Bilder der Tropen
Ein Multimedia-Visionär im Urwald
„Wir Europäer haben, besonders nach diesem Krieg, am allerwenigsten
das Recht, ein anderes Volk ‚wild‘ zu nennen.“
Koch-Grünberg, 1922
© Ethnologisches Museum Berlin

Theodor Koch-Grünberg

Aus: Theodor Koch-Grünberg, Vom Roroima zum Orinoco 1, 1917


Aus: Theodor Koch-Grünberg: Vom Roroima zum Orinoco 2, 1916

(1872–1924) im Jahr 1908

„Alle Tänze und Tanz-


gesänge dieser Indianer
hängen eng mit ihren Mythen
und Märchen zusammen,
beziehen sich auf diese.
Die Gesänge sind gewisser-
maßen poetische Erzählungen Mayuluaípu diktiert Theodor parishara-Tanzfest in Denóng am Fuße des Roraima, 1911
der Mythen.“ Koch-Grünberg Mythen der
Koch-Grünberg, 1923 Taurepán.

Aus: Theodor Koch-Grünberg, Vom Roroima zum Orinoco 3, 1923


Der deutsche Ethnologe Theodor Koch-Grünberg erforschte die Tief-
landindianer im Grenzgebiet von Venezuela und Brasilien. Sein fünf-
bändiges Hauptwerk, „Vom Roroima zum Orinoco“, enthält Schilde-
rungen und Bilder seiner zweiten Venezuela-Expedition (1911–1913),
dazu Aufzeichnungen zur Ethnographie, Linguistik und Mythologie. Der Musikologe Erich von Hornbostel transkribierte und
analysierte die mitgebrachten Wachswalzen in Berlin.
Koch-Grünberg vermied die damals noch gebräuchlichen Begriffe
„Wilde“ und „Primitive“ und sprach von seinen „Freunden, den
Indianern“, wobei er Differenzen und Konflikte nicht verschwieg.

Einen seiner originellsten Beiträge zur venezolanischen Ethnographie


leistete er kurioserweise auf brasilianischem Territorium, wenngleich
nur wenige Kilometer von der Grenze entfernt: Er dokumentierte – als
ein Pionier des ethnographischen Films – ein Tanzfest. Er hielt, ebenfalls
als einer der ersten, indianische Gesänge auf Wachswalzen fest. Die
Sänger waren Taurepán, die vom Fuße des Roraima aus der Savanne
© Ethnologisches Museum Berlin

Venezuelas gekommen waren. Diese Tonaufnahmen wurden 2006 im


Berliner Phonogramm-Archiv restauriert. Sie ermöglichen neue Erkennt-
nisse über verklungene musikalische Praktiken und sind von hohem
Aus: Theodor Koch-Grünberg: Vom Roroima zum Orinoco 2, 1916

dokumentarischem Wert. Instrumente und Kleidung für den parishara-Tanz: Frauen mit
Tanzschmuck, Männer mit Tanzkrone und Tanzrock aus Palmen-
blättern. Nur sie spielen die Instrumente. In der linken Hand halten
sie den Tanzstab, an dessen oberem Ende die Reihenrassel kewei
befestigt ist. In der rechten Hand halten sie die Röhrentrompete
kamayén.

VENEZUELA
13 www.miradas-alemanas.de
Die Colonia Tovar in Venezuela
Vom Auswanderungsziel zum Ausflugsziel

Foto: Jörg P. Anders, © bpk, Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin

Fotograf unbekannt, o. D.
Kolonisten auf dem Platz vor der Schule

Ferdinand Bellermann: Venezuela – Colonie Tovar, nach 1844


Öl auf Karton, 16,8 × 32 cm
Eine der Konstanten in den Beziehungen zwischen Deutschland
Der Landschaftsmaler Bellermann besuchte 1844 die Colonia Tovar, die
im Jahr zuvor gegründet worden war. Er hielt sich mehrere Monate dort und Lateinamerika ist das Phänomen der Migration. Die Bevölke-
auf und zeichnete und malte vor allem die Flora der Umgebung. rungsbewegungen trugen jedoch im Laufe der Geschichte sehr
unterschiedliche Züge. Im 19. Jahrhundert machten sich Deutsche
vor allem aus wirtschaftlichen Gründen auf den Weg über den
Atlantik. Die Zahl politisch oder religiös Verfolgter, die Zuflucht
in Lateinamerika suchten, war deutlich geringer.

Venezuela warb seit 1840 gezielt um deutsche Kolonisten; sie


Fotograf unbekannt, o. D.

hatten einen guten Ruf, und von ihrem Mutterland war keine Ein-
mischung zu befürchten. 1843 landeten 374 deutsche Siedler in
La Guaira, um nach 120 km Fußmarsch in den für sie bestimmten
In der Colonia Tovar wie in Deutschland sind putzige
Fachwerkhäuschen, kitschige Souvenirs und Karnevals- Talkessel zu gelangen. Dort gab es statt der versprochenen acht-
kostüme „authentische Anachronismen“. zig Wohnungen nur zwanzig; das Gelände war nicht abgeholzt,
die Straße nicht gebaut. Der Verwalter beutete die Siedler als Ar-
beitskräfte aus und hinderte sie am Verlassen der Siedlung. Erst als
er 1845 abgesetzt und 1852 das Land den Siedlern überschrieben
Fotograf unbekannt, o. D.

Fotograf unbekannt, o. D.

wurde, besserte sich die Lage. Zwischen 1858 und 1870 wurde die
Siedlung jedoch zweimal ausgeplündert und einmal vollständig
niedergebrannt. Ab 1870 baute man erfolgreich Kaffee an. 1877
Es gibt Hunderte von Einträgen über die Colonia Tovar
gab es wieder 200 Einwohner; 1920 waren es schon 850.
in Weblogs, Online-Reisetagebüchern und Webseiten
von Globetrottern. Die Urteile der deutschen Besucher
reichen von „totaler Tourismusnepp“ und „deutsches
In den 1940er Jahren kam die Anbindung durch eine Straße und
Disneyland“ über „deutscher als manches Schwarzwald- die Eisenbahn: Caraceños bauten nun Ferienhäuser in der Colonia.
dorf“ bis hin zu „WUN-DER-BAR !“
Das Umland wurde „Wasserschutzgebiet“, ab 1964 auch „Touris-
„Peter“ (http://blog.viventura.de/venezuela/schwarz- tenregion“. Landwirtschaft wurde dadurch fast unmöglich. Schon
urwald) schrieb am 4. 8. 2008:
„164 Jahre nach der Gründung der Colonia liegt das 1979 bezweifelte Hartmut Fröschle, dass „vom deutschen Charak-
Hauptproblem der Identifizierung der Einwohner der ter der Siedlung mehr übrigbleiben wird als ein bißchen kommer-
Colonia Tovar darin, dass die Mehrheit der nach-
folgenden Generationen niemals in der alten Heimat zialisierte Touristenfolklore“.
gewesen ist. ‚Wir wüssten gerne, ob es im Schwarzwald
wirklich noch so aussieht wie hier bei uns’, sagen die
beiden 30jährigen Kellnerinnen Carmen und Miriam.“

MIGRATION
14 www.miradas-alemanas.de
„El Subte“
verbindet die Porteños
Als im Jahr 1911 ein gewaltiger Graben mitten im Zentrum von Buenos
Aires ausgehoben wurde, der die erste U-Bahn Lateinamerikas aufnehmen

Foto: Siemens Corporate Archive, München


sollte, fuhren auf den Straßen noch von Pferden gezogene Tramwagen.
Für den Schacht- und Tunnelbau war die deutsche Firma Philipp Holzmann
verpflichtet worden. Die Bauarbeiten, an denen über 1500 Arbeiter betei-
ligt waren, wurden in nur 20 Monaten abgeschlossen: Am 3. Dezember
1913 verkehrte die Linie A zwischen Plaza de Mayo und Once. Den Strom
für die Triebwagen lieferten Anlagen der deutschen Gesellschaft „Trans-
atlántica de Electricidad“.

Fast 15 Jahre vergingen, bis eine zweite Linie begonnen wurde. 1928–1930

Siemens-Zeitschrift 14, 1934


baute die Siemens Bauunion GmbH die Linie B. Die als Verbindung zweier
Fernbahnhöfe besonders wichtige Linie C, Retiro-Constitución, ging 1934
in Betrieb. Siemens-Firmen führten nicht nur die Tunnelarbeiten durch, sie
lieferten auch die Wagen, die Fahrleitungen und die Signalanlage. Die Wagen für Buenos Aires im
Hamburger Hafen, 1934

© Siemens AG

Die frische Brise über dem Río de La Plata, der die argen- Siemens hat in Buenos Aires eine lange Tradition. In den 1930er
tinische Hauptstadt ihren Namen zu verdanken hat, reicht Jahren entstanden mit Hilfe von Siemens der Obelisco, das
heute oft nicht mehr aus, um den dichten Smog über der Wahrzeichen der Stadt, die Avenida 9 de Julio, die breiteste
Stadt zu vetreiben. Im Großraum Buenos Aires befinden Straße der Welt, und die U-Bahn-Linien B und C.
sich fast 50 % der argentinischen Industriebetriebe.
Hier leistet das Nahverkehrssystem der Hauptstadt einen
wichtigen Beitrag zur Verringerung der Umweltbelastung.

Mit Hilfe von Siemens wird zur Zeit das elektrische


© Juan José Caballeros, 2009

System der U-Bahn-Linie A – der ältesten in Latein-


© Miguel A. Monjas, 2006

amerika – modernisiert; die Firma ist auch für die


Instandhaltung von 16 U-Bahn-Triebzügen der Linie E
verantwortlich. „El Subte“ verbindet also
weiterhin nicht nur die Porteños, sondern auch
Argentinien mit Deutschland.

ARGENTINIEN
15 www.miradas-alemanas.de
Aus dem „chocolatal“
Kaffee und Nüsse, gut angezogen

© Volker Lehmann, REPSA

© Volker Lehmann, REPSA


REPSA, bei Baures in der Provinz Itenez (Departamento Beni), hat 10 Mitarbeiter
und 5 Aktionäre.

Zusammen mit der kontrollierten Weiterverarbeitung


in La Paz sorgt REPSA für gleichbleibend hohe Qualität
Ökologie und Ökonomie haben dieselbe griechische Wurzel, ihrer wichtigsten Produkte: des Gourmet-Kaffees
„Top of the World“, der mit Wildschokolade
οίκοσ, was „Haus“ bedeutet. Ein dauerhaftes Haus zu schaffen, überzogenen Paranüsse „Rainforest Delight“ und der
in dem auch spätere Generationen sich noch wohlfühlen, bedeutet Röstkaffeebohnen in Wildschokolade, „Chocofé“.

letztendlich, Ökonomie und Ökologie unter einem Dach zu


vereinen und nicht als Widersprüche zu verstehen. So unter-
schiedliche Länder wie Deutschland und Bolivien teilen sich
diese Herausforderung. Ein Beispiel für ein Unternehmen, das
einen Beitrag in diese Richtung leisten will, ist die kleine bolivia-
nische „Rainforest Exquisite Products S. A.“ (REPSA). Sie steht
für die nachhaltige Erzeugung und den Vertrieb von Produkten © Volker Lehmann, REPSA

aus drei wild gesammelten oder in Gemeinde-Kooperativen


angebauten Nutzpflanzen des Amazonas und der Yungas
(1200 –1800 m ü. M.): Kakao, Paranuss und Kaffee. Der wilde „cacao criollo“ sorgt für den kräftigen Geschmack
der dunklen Schokolade. REPSA nutzt hier ein „chocolatal“,
ein Gebiet mit einer für Amazonien untypisch hohen Dichte
Die auf den Gourmetmarkt ausgerichtete Produktpalette umfasst von wilden Kakaobäumen, die möglicherweise auf die land-
wirtschaftlichen Aktivitäten der Jesuiten zwischen 1668 und
Paranüsse und Kaffeebohnen, ummantelt mit dunkler Schokolade, 1768 zurückgeht.
dazu eine Auswahl exklusiver Kaffeespezialitäten. Eine ökologisch
nachhaltige Produktionsweise unter sozialverträglichen Bedingun-
gen entspricht genau der Vision des deutschen REPSA-Geschäfts-
führers Volker Lehmann (*1957) vom „vernünftigen Wirtschaften
in menschlichen Dimensionen“. Alexandra und Volker Lehmann
haben zwei in Bolivien geborene Töchter, Johanna Anahi und
Laura Yasi. Sie essen die Schokolade noch pur.
© Volker Lehmann, REPSA

Bolivien hat den höchsten Regierungssitz der Erde:


La Paz liegt 3660 m über dem Meer. Ein vielgestaltiges
Tiefland macht jedoch 70 % des Staatsgebietes aus.

BOLIVIEN
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Die Schlüsselmarke
Bremer Kaufleute am Río Magdalena

Postkarte, Archiv Louis Delius GmbH & Co. KG


© Archiv Louis Delius GmbH & Co. KG

Der Handelshafen von Barranquilla, vor 1908 Louis Delius & Co. wandten sich Ende des
19. Jahrhunderts dem Kaffee als Haupt-
handelsartikel zu; vor allem dem Kaffee aus
Carl Theodor Merkel (rechts), der Partner und spätere Kolumbien. Über hundert Jahre lang war dies
Gesellschafter der Firma Delius in Barranquilla, 1871 die tragende Säule ihres Unternehmens.
Mit der Stadt Bremen teilen sie sich noch
Der Handel mit Kolumbien gewann nach der Ratifizierung heute den Schlüssel im Wappen.
eines Freundschafts-, Handels- und Schiffahrtsvertrages
zwischen den Hansestädten Bremen, Hamburg und Lübeck und
Neu-Granada (später Kolumbien) im Jahr 1857 an Bedeutung.

In Bremen, einem der wichtigsten Häfen Europas, vertrieb


Louis Delius seit 1832 Leinen nach Lateinamerika und brachte
auf dem Rückweg Tabak nach Europa. Die spätere Erweiterung

Foto: Handelskammer Bremen


um Baumwolle und Kaffee machte Louis Delius zu einem der
bedeutenden Handelshäuser Bremens. 1910 entstand die
Exportabteilung für Werkzeuge, Maschinen und Eisenwaren aus Rohtabakspeicher im Bremer Freihafen
Deutschland. Durch die steigende Nachfrage aus Lateinamerika
wurde diese Abteilung nach 1950 schließlich zum Haupt-
geschäft der Handelsgruppe. Louis Delius unterhält heute
Büros in Deutschland, China, Singapur und Südafrika sowie
18 Vertretungen in Lateinamerika. Heute zählt Kolumbien

© Archiv Louis Delius GmbH & Co. KG


neben Mexiko und Brasilien zu den Hauptmärkten des Unter-
nehmens für Metall-Halbzeuge für die Auto-, Elektro- und
Verpackungsindustrien.

Tabak im Trockenschuppen

Der Import von „Carmen-Tabak“ aus den


Anbaugebieten um El Carmen, südlich Fotograf unbekannt, ohne Datum. © Archiv Louis Delius GmbH & Co. KG

„Um zu überleben, muss der Kaufmann sein von Barranquilla an der Mündung des
Río Magdalena, war in den 1870er Jahren
Geschäft immer wieder neu erfinden.“ für die Firma Delius zeitweise sogar
Volker Schütte, Louis Delius & Co., 2007 bedeutender als der Kaffeehandel.
Aus Kolumbien wurden außerdem
Rohkakao und Honig eingeführt.
© Louis Delius GmbH & Co. KG

Heute besteht das Geschäft von Louis Delius & Co. zur
Hälfte in „Nicht-Eisen-Metallhalbzeug“ und zur Hälfte
in Werkzeugen und Materialien für die Bauindustrie.

KOLUMBIEN
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DIN EN 1492-2
… wenn alle Stricke reißen

© Dolezych GmbH & Co. KG

„Am Heben und Transportieren von Lasten hängen oft Menschenleben. Unsere Produkte
haben viel mit Sicherheit zu tun. Die Kunden in Chile vertrauen ‚Made in Germany‘ – und
wir können dafür, mit fast 75 Jahren Erfahrung in der Branche, höchste europäische
Standards garantieren.“
A. Krosta, 2009

Die Zurrgurte, Hebebänder, Rundschlingen und Seile des Dort-


munder Traditionsunternehmens sichern nicht nur große Kunst-

© Dolezych GmbH & Co. KG


aktionen wie die von Christo. Viel häufiger halten sie Ladungen
auf Lastwagen, Güterzügen und in Flugzeugen. Auf diesem
Gebiet ist Dolezych Marktführer und international aktiv: mit Toch-
terunternehmen in Polen, der Ukraine, in China und seit Anfang
2009 auch in Chile. Zwei Gründe gaben den Ausschlag für die
Wahl des neuen Standortes: die politische und wirtschaftliche
Stabilität des Landes und der Umstand, dass wichtige Schlüssel-
kunden aus Bergbau und Bauindustrie dort vor der Haustür liegen.

„Und mittlerweile haben wir noch etwas anderes zu schätzen


© Dolezych GmbH & Co. KG

gelernt“, sagt Exportchef Alexander Krosta, „die Bereitschaft der


chilenischen Mitarbeiter, sich wirklich auf Probleme einzulassen
und ihre Bemühungen um eine echte Verständigung. Obwohl
sowohl Deutsch als auch Spanisch verwendet werden, hat man bei 1995 lieferte das Familienunternehmen Dolezych
2340 Zurrgurte, 25 Kilometer Gurtband und
der Arbeit doch das Gefühl, eine gemeinsame Sprache zu sprechen.
die Vorspannkraftmessgeräte für die Reichstags-
Es ist einfach angenehm, dort zu arbeiten.“ verhüllung des Aktionskünstlers Christo in Berlin.

CHILE
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„El trole“
Trolebús Quito S. A. und Vossloh Kiepe
„Übrigens: Der Betreiber der Oberleitungsbusse schreibt seit
einiger Zeit schwarze Zahlen! Im öffentlichen Personen-
nahverkehr in Deutschland kommt das vermutlich nicht oft vor.“
E. Luque, 2009

„Wenn man von den Elektrobussen in Quito erzählt, fragt


Foto: Luis Fernando Dueñas
jeder, der die Stadt kennt, sofort: Wie schaffen die denn
die Steigungen? – Die betragen tatsächlich fast 16 %. Die erste
Serie von Bussen, die wir einsetzten, bewältigte das bereits
mit ihren 157 kW Leistung. Die neue Serie hat 230 kW, das sind
308 PS. Die Busse transportieren heute aber auch doppelt so
viele Passagiere wie ursprünglich vorgesehen …
„Ja, es gab Anfangsschwierigkeiten. Nicht etwa technischer,
Und natürlich die zweite Frage: Was passiert bei versperrten
sondern sozialer Art: Die transportistas, die vielen Kleinunter-
nehmer, die vorher mit Minibussen den Personenverkehr Straßen oder Stromausfällen? Nun, dann löst sich der Bus von
bestritten hatten, sahen ihre Existenz gefährdet. 1996, bei
der Eröffnung der zweiten Etappe der trole-Strecken, gab es
der Oberleitung und fährt mit seinem Dieselaggregat weiter.
Proteste – und Sabotageakte. Troles wurden angegriffen, Früher reichte dessen Kapazität gerade einmal, um in den
Oberleitungen zerstört. Die Busse mussten unter Polizeischutz
fahren. In der Stadt wurde der Ausnahmezustand ausgerufen! Hangar zurückzufahren; heute kann man notfalls den Fahr-
– Wir haben uns mit den Leuten an einen Tisch gesetzt. Die betrieb damit aufrechterhalten. Der Strom? Eigentlich gibt
Stadt Quito und ihr Verkehrsplaner teilten dann einem Teil der
transportistas feste Strecken zu, andere waren zufrieden, es in Ecuador billigen Strom – durch Wasserkraft. Das ändert
wenn ihnen ihre Kleinbusse abgekauft wurden. Mittlerweile sich natürlich, wenn einmal die Regenfälle ausbleiben.“
ist der trole akzeptiert.“
E. Luque, 2009 Dipl.-Ing. Enrique Luque, Vossloh Kiepe GmbH,
Düsseldorf, 2009

© Adtranz
Municipio del Distrito Metropolitano de Quito

Dass die Ecuadorianer von den


„deutschen Bussen“ sprechen,
obwohl sicher kaum jemand
Vossloh Kiepe kennt,
den Lieferanten der wichtigsten
© Adtranz

Elemente, liegt vermutlich


Der trolebús wird wohl vor allem wegen seiner Zuverlässigkeit am Hersteller ihrer Chassis:
und Sicherheit geschätzt. Und auch, weil er alle Fahrgäste gleich Sie tragen alle den Mercedes-Stern.
behandelt: Früher hielten die Minibusfahrer manchmal gar nicht an,
wenn sie sahen, dass am Straßenrand „nur“ Schulkinder standen.

ECUADOR
19 www.miradas-alemanas.de
Grünes Licht für Red Fox
Wurzeln schlagen in El Salvador

© Dümmen, Red Fox 2009


© Dümmen, Red Fox 2009
Das Unternehmen Red Fox, das seit 2006 in El Salvador

© Dümmen, Red Fox 2009


Zierpflanzen züchtet, ist aus der kleinen Gärtnerei der
Familie Dümmen in Rheinberg (Nordrhein-Westfalen)
hervorgegangen.

In Spitzenzeiten arbeiten bei Red Fox etwa 800 Personen. 400 von ihnen haben eine permanente Anstellung,
beziehen also ganzjährig ein Einkommen. Dies ist bei den drei großen Monokulturen des Landes – Kaffee,
Zuckerrohr und Bohnen – anders, da sie nur etwa drei Monate Saisonarbeit bieten. Zeitweise besteht sogar
eine gewisse Konkurrenz um Arbeitskräfte. Bei Red Fox gibt es allerdings eine Krankenstation und einen
Kinderhort, die zur Attraktivität des Arbeitsplatzes beitragen.

„Bevor wir uns für diesen Standort entschieden haben,


sind wir mit einer mobilen Wetterstation durch ganz Zentral-
amerika gereist, um das für unsere Pflanzen passende
‚Klimafenster‘ zu suchen, hinsichtlich der Sonnenstunden,
der Temperaturverläufe und der relativen Luftfeuchtigkeit“,
© Dümmen, Red Fox 2009

erklärt Simon Schulz, Geschäftsführer von Red Fox in San


Salvador. „Hier haben wir ideale Bedingungen angetroffen
– nicht nur, was das Wetter angeht. Man hat uns umgehend
„Wie wir züchten? Ohne Gentechnik, nur mit Kreuzungen und Mutationen. alle gewünschten Informationen gegeben und auch alle
Der traditionelle Weg der Züchtung bringt eindeutig schnellere und bessere
Ergebnisse. Und nur mit dem absolut nötigen Minimum an Pestiziden.“
anderen Rahmenbedingungen erläutert. So auch die Natur-
(Simon Schulz, 2009) schutzgesetze und das Wiederaufforstungsprogramm, in
dem wir bereits 100 000 Kaffeesträucher und 5600 Bäume
gepflanzt haben. Aber wir bekamen auch günstige Boden-
preise und das Recht, eine Freihandelszone einzurichten.“

Red Fox will noch weiter expandieren. Simon Schulz betont:


© Dümmen, Red Fox 2009

© Dümmen, Red Fox 2009

Fotografía: © Dümmen, Red Fox 2009

„Das ist auch gut für das Land: Gegen die extremen Unter-
schiede zwischen arm und reich, die großen sozialen Gegen-
sätze, hilft eines ganz gewiss: mehr gut bezahlte Arbeit.“

EL SALVADOR
20 www.miradas-alemanas.de
Mexikanische Käfer
und ihre natürliche Umwelt
Seit 1964 gibt es das Werk von Volkswagen Mexiko in Puebla.
Zwischen 1967 und 2003 wurden dort 1,7 Millionen der legen-
dären „Käfer“ gebaut. 2008 verließ bereits der einmillionste New
Beetle das Band, der Nachfolger des Käfers. Die Autos aus Puebla
werden mittlerweile in über hundert Länder exportiert.

Eine so gewaltige Industrieproduktion muss auf die Umwelt des


Standortes besondere Rücksicht nehmen. VW hat deshalb seit
2000 ein effektives Umweltmanagement. Bereits seit 1998 ist es
als „Saubere Industrie“ zertifiziert. Wasser ist ein knappes Gut in
Mexiko. Die Umweltbemühungen des Standorts Puebla konzen-

© Volkswagen AG
trieren sich auf Recycling und Wasserwirtschaft. Verpackungs-
material wird bereits zu 98 Prozent wiederverwertet. Das Werk
unternimmt zudem große Anstrengungen, um seinen Wasser- 1974 war jeder dritte PKW in Mexiko ein Käfer. An manchen Stellen des
Landes wurde bisweilen sogar ein noch höherer Anteil festgestellt.
bedarf zu senken. Unterschiedliche Wasserquellen werden genutzt;
Sanitärabwasser wird mit Bakterienkulturen und Filteranlagen
wieder zu Brauchwasser aufbereitet. Industrieabwässer werden
auf mechanisch-chemischem Wege behandelt. Regenwasser wird
direkt in ein Auffangbecken eingeleitet. So wurde die Frischwasser-
Entnahme aus Brunnen seit 2004 um 20 Prozent reduziert.

© Volkswagen AG
Seit 2006 fördert VW Mexiko auch das Projekt „Aus Liebe zum
Planeten“. Es unterstützt die wissenschaftliche Erforschung von
Käfer im Rohbau, 1960er Jahre
Naturschutzgebieten.

Mehr als eine Million Käfer fahren durch Mexiko. Der Käfer ist so
verbreitet, dass er auch ombligo, „Bauchnabel“ heißt – weil jeder
einen hat. Er ist sparsam, strapazierfähig und witzig, also ganz
zweifellos ein durch und durch mexikanisches Fahrzeug.

© Volkswagen AG
© Volkswagen AG

© Volkswagen AG

Käfer bei der Endmontage, 1980

Taxikäfer, 2006

Dschungelkäfer, 2003
Käferskelette, 1960er Jahre, © Volkswagen AG
© Volkswagen AG
© Volkswagen AG

Von 1977 bis 1985 wurden in Puebla Käfer für den Export
nach Deutschland gebaut. Seit 1998 läuft sein Nachfolger
vom Band: der VW New Beetle, dessen Form von der des
Polizeikäfer, 1974 Käfers inspiriert wurde.

MEXIKO
21 www.miradas-alemanas.de
Vielseitig, mit Erfolg
Die Kooperative Fernheim
Die Kolonie Fernheim wurde 1930 von deutschstämmigen
Mennoniten gegründet, die aus der Sowjetunion kamen.
Heute zählt sie 24 Dörfer mit über 4000 Bewohnern. Ihr Zen-
trum ist die Stadt Filadelfia, etwa 450 km nordöstlich von
© Cooperativa Colonizadora Fernheim

Asunción. In Filadelfia leben Menschen verschiedener Kulturen


und ethnischer Herkunft. In Fernheim und den benachbarten
Kolonien Menno und Neuland gibt es insgesamt etwa
14 000 Deutschsprachige.
Seit der Gründung der Kolonie Fernheim im Jahr 1930
werden dort Erdnüsse angebaut. In den 1970er Jahren
begann man mit dem Export nach Europa und Japan.
Im Jahr 1931 wurde in Fernheim die erste Kooperative Para-
guays gegründet. Die steigende Agrarproduktion der menno-
nitischen Kolonie legte diese Organisationsform nahe. Die
Kooperative mit demokratischem Selbstverwaltungssystem
vereint zur Zeit über 1500 Landwirte, Viehzüchter und Milch-
produzenten. Die Organisation als Kooperative ermöglicht
ihnen die gemeinsame Planung und Durchführung weit-
reichender Entwicklungsprogramme und umfangreicher Wirt-
schaftsprojekte. Im Laufe der Jahre haben die Mennoniten
© Cooperativa Colonizadora Fernheim

Produktionsweisen und Technologien entwickelt, die den


schwierigen klimatischen Bedingungen und den Böden des
semiariden Chaco ideal angepasst sind. Gleichzeitig bauten
sie Industrien auf, deren Betriebe heute dem nationalen und
Die Erdnuss (Arachis hypogaea) stammt aus Südamerika.
Bis heute kann man im nordwestlichen Chaco internationalen Markt eine breite Palette von Produkten
noch wilde Erdnusspflanzen finden, die auf den höchster Qualität anbieten, etwa Erdnüsse, Sesam und Baum-
sandigen Böden gut gedeihen.
wolle, daneben ein großes Sortiment von Milchprodukten und
Fleisch sowie Biodiesel aus Tartago (Ricinus communis), einer
für Mensch und Tier ungenießbaren Ölpflanze.
© Cooperativa Colonizadora Fernheim

© Cooperativa Colonizadora Fernheim

Die Erdnüsse werden handverlesen; zusätzlich durch-


laufen sie moderne Sortex-Maschinen. So wird
garantiert, dass sie von einheitlicher Größe und frei
von Verunreinigungen sind.
Fernheims Jahresproduktion von Erdnüssen mit Schale
© Cooperativa Colonizadora Fernheim

beläuft sich auf 10 000 bis 15 000 t, Tendenz steigend.


Zwischen 5000 und 7000 t geschälte Erdnüsse werden
jährlich exportiert.

PARAGUAY
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Extractum Carnis Liebig
„Kräftigungsmittel“ vom Río Uruguay

© Justus-Liebig Gesellschaft zu Gießen e. V.

© Justus-Liebig Gesellschaft zu Gießen e. V.


Justus von Liebig (1803–1873)

Französisches Werbeplakat für Liebigs Fleischextrakt mit


den Hinweisen: „Besonders wertvoll für Haushalt und Kranke“
Der Chemiker Justus von Liebig, Erfinder des Backpulvers, des und „Vor Nachahmungen wird gewarnt“
Chloroforms, der Sicherheitszündhölzer und des Mineraldüngers,
bekam auf Empfehlung Alexander von Humboldts bereits als
21-jähriger eine Professur an der Universität Gießen.

© Justus-Liebig Gesellschaft zu Gießen e. V.


Nach Liebigs Vorstellungen sollte die Chemie das Ziel haben,
die Lebensverhältnisse der Menschen zu verbessern. Er experimen-
tierte mit Getreide, Brot, Fetten und auch mit Fleisch. Für Kranke,
die keine festen Speisen zu sich nehmen konnten, entwickelte
er ein „kräftigendes Nahrungsmittel“. Durch Auskochen und Bis 1984 wurde in Fray Bentos (Uruguay) Liebigs Fleischextrakt
hergestellt, danach vor allem Corned Beef und Rinderzungen,
Reduzieren von Rindfleisch gewann er einen sirupartigen „Fleisch- die berühmten „tongues to keep“.
extrakt“. Später stellte Liebig sogar ein Pulver her, das aufgegossen
und gekocht werden konnte. Um ein Kilo Extrakt herzustellen,
benötigte Liebig jedoch 32 kg bestes Muskelfleisch vom Rind.
Dadurch wurde sein Produkt in Deutschland für die meisten
Menschen unbezahlbar.

© Justus-Liebig Gesellschaft zu Gießen e. V.


Große Blechbehälter für
Der deutsche Ingenieur Georg Giebert sah 1861 bei einer Reise
die Verschiffung von
nach Uruguay, dass dort Tausende von Rindern nur wegen ihrer Fleischextrakt nach Europa
Häute und weniger Filetstücke geschlachtet wurden; der größte
Teil des Fleisches aber Abfall war. Giebert hatte vom „Fleisch-
extrakt“ gelesen. Er besuchte Liebig in Deutschland, und schon
1862 errichtete er mit dessen Lizenz in Fray Bentos am Río
Uruguay eine Fleischextrakt-Fabrik.
© Justus-Liebig Gesellschaft zu Gießen e. V.

Die geringen Herstellungskosten in Uruguay machten den Extrakt


nun für jedermann erschwinglich. Er leistete einen wichtigen
Beitrag zur Bekämpfung des Hungers und der Mangelernährung
im beginnenden Industriezeitalter. Festumzug zum 50-jährigen Bestehen der
Fleischextrakt-Fabrik im Jahr 1913

URUGUAY
23 www.miradas-alemanas.de
Mit voller Kraft
Das Gas- und Dampfturbinenkraftwerk
Termozulia

© MAN Ferrostaal AG
Beim Umbau von Termozulia I waren weit über 1000 lokale
© MAN Ferrostaal AG
Arbeitskräfte beschäftigt. Da gut ausgebildete Arbeiter
benötigt wurden, entschloss sich Ferrostaal, die Arbeiter
zu schulen. Durch diese Weiterbildung eröffneten sich vielen
von ihnen langfristige Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt.

Termozulia I

Rund 65 % des venezolanischen Stroms stammen aus Wasser-


kraftwerken. Venezuela leidet bisweilen aber an ausgeprägten
Trockenperioden, und es besteht das Risiko einer zu großen

© MAN Ferrostaal AG
Abhängigkeit von der Wasserkraft. Besonders in der Ölindustrie,
die 85 % der Exporte ausmacht, verringern Stromausfälle
die Produktion.

Ferrostaal leistet einen wichtigen Beitrag zur Energiesicherheit


in Venezuela: Als Generalunternehmen erhielt Ferrrostaal den Lufteinlass Brennstoff Luftgekühlter
Kondensator

Auftrag, das bestehende Gaskraftwerk Termozulia des Betreibers Gasturbine

Generator Generator
Dampfturbine

ENELVEN zu einem modernen Gas- und Dampfturbinenkraft- Abgas Hochdruck-


Kondensatbehälter

Speisewasserpumpe
© MAN Ferrostaal AG

dampf Schornstein

werk auszubauen. Ohne einen Liter zusätzlichen Brenn- Dampfgenerator mit


Wärmerückgewinnung
Nieder-
druck-
dampf Kondensatpumpe

stoffs bringt dieses Kraftwerk am Maracaibo-See heute über


50 % mehr Leistung als zuvor. Die Erweiterung von 320 auf
Funktionsprinzip eines Gas- und Dampfturbinen-
500 Megawatt wurde im laufenden Kraftwerksbetrieb kraftwerks (vereinfachte Darstellung)
vorgenommen. Termozulia ist das erste Kraftwerk des Landes,
das aus einem Open Cycle in einen Combined Cycle umgebaut
wurde.

In diesem System erzeugt eine Dampfturbine Strom aus der


vorher ungenutzten Abwärme der Gasturbine. Durch eine
einmalige Investition von etwa 200 Millionen Euro konnten
© MAN Ferrostaal AG

so weitere 180 Megawatt ohne Erhöhung des Brennstoff-


verbrauchs gewonnen werden.

Der Hauptteil der venezolanischen Erdölförderung stammt


aus dem Maracaibobecken, an dem auch das durch Ferrostaal
modernisierte Kraftwerk Termozulia I liegt.

VENEZUELA
24 www.miradas-alemanas.de
„Bial“
Fluchtziel Bolivien
„Er ist durchaus ein Mann der Farbe; in breiten, hellen Flächen
baut Bialostotzky seine Bilder auf, mitunter glaubt man,
einen verjüngten Liebermann-Geist zu spüren.“
Max Osborn, 1937

Von den 250 000 bis 300 000 aus Nazi-Deutschand geflohenen
Juden dürften etwa 20–25 % nach Lateinamerika gelangt sein.
Bolivien nahm mindestens 12 000 von ihnen auf. Ab 1938/39
gab es Visahandel; im Mai 1939 wurde für sechs Monate
ein Einwanderungsstop verfügt. 1940 wurden dann die Grenzen

© Jüdisches Museum Berlin


geschlossen. Die meisten jüdischen Flüchtlinge migrierten –
zum Teil schon vor Kriegsende – aus Bolivien in die USA, nach
Chile, Argentinien oder Uruguay weiter. 1945 befanden sich
nur noch 4 800 jüdische Emigranten in Bolivien, von denen sich
Kurt Bialostotzky: Markt in Cochabamba, 1956
Gouache auf Leinwand, 22 × 30 cm auch nur ein kleiner Teil dauerhaft dort niederließ.

„Er wurde der wahre künstlerische Gestalter seiner neuen Einer der jüdischen Exilanten, die Zuflucht in Bolivien fanden,
bolivianischen Heimat auf dem Gebiete der Malerei. […] Mit allen
seinen Werken hat sich Bialostotzky in die erste Reihe der Maler
war Kurt Bialostotzky. Seine Lebensgeschichte erzählt manches
des Landes gestellt, eine Tatsache, auf die die gesamte jüdische von dem unendlichen Leid, das der Nazismus verursacht hat.
Einwanderung Boliviens stolz sein darf.“
„Aufbau“ Nr. 30, vom 26.7.1946 Kurt Bialostotzky wurde 1896 in Obornik (Posen) als eines von
acht Kindern eines Synagogen-Kantors geboren. Er besuchte
eine Schule in Berlin, absolvierte ab 1910 eine Lehre als
Musterzeichner in einer Teppichfabrik und danach ein Studium
der Malerei, unter anderen bei Emil Orlik. Im Ersten Weltkrieg
wurde er zweimal schwer verwundet. Eine Ehe, aus der zwei
Töchter hervorgegangen waren, wurde 1936 geschieden. Drei
seiner Schwestern wurden von den Nationalsozialisten depor-
tiert und ermordet. Bialostotzky versuchte die Flucht in die
Tschechoslowakei, wurde aber an der Grenze verhaftet und
kam für fünf Monate ins Gefängnis nach Wunsiedel. Im Januar
1939 erhielt er über Paris ein Visum für Bolivien, wo er sich in
La Paz und 1941 in Cochabamba niederließ. 1964 kehrte Kurt
Bialostotzky nach Deutschland zurück, zunächst nach Berlin.
Er verstarb 1985 in Detmold.
© Jüdisches Museum Berlin

Die Erklärung „Pienso dedicarme a: agricultura“


war notwendig, um die Einreisegenehmigung
zu erhalten. Bialostotzky fristete in Cochabamba
als Anstreicher und Gelegenheitsarbeiter sein Leben.
© Jüdisches Museum Berlin

Kurt Bialostotzky. Fotograf unbekannt, ohne Datum

EXIL
25 www.miradas-alemanas.de
„Verhiesigungs-Verweigerung“
Paul Zech, Dichter, unpassend unangepasst
Der Dichter Paul Zech, geb. 1881, war einige Zeit Hilfsarbeiter
im Bergbau. Ab 1910 arbeitete er als Redakteur und Dramaturg,
später als Bibliotheksgehilfe. 1912 zog er nach Berlin, verkehrte

© Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1962, Celestino Piatti


„Ich bin so wild nach Deinem
dort mit Else Lasker-Schüler, Stefan Zweig, Richard Dehmel und Erdbeermund … “ Die durch Klaus
Georg Heym. 1918 erhielt er auf Empfehlung Heinrich Manns den Kinskis Interpretation bekannt
gewordenen Verse erschienen
renommierten Kleistpreis. Zech zerstritt sich jedoch mit fast allen zwar in Zechs „Nachdichtungen“
Freunden und Gönnern und verhielt sich auch politisch sehr der Gedichte Villons; gerade bei
diesem Gedicht handelt es
widersprüchlich; er isolierte sich mehr und mehr. Im März 1933 sich aber um ein eigenständiges
Werk Zechs. Dessen Arbeit
entließ ihn die Berliner Bibliothek aus politischen Gründen; im Juli
wurde erst 1962 publiziert und
wurde entdeckt, dass er im großen Stil Bücher entwendet hatte. seither über 300 000 mal verkauft.
Ihm drohte ein Prozess, auch wegen unberechtigten Führens des
Doktortitels. Zech floh, wie sein Biograf Alfred Hübner heraus-
gefunden hat, vor der Kriminalpolizei – und nicht als politisch
Verfolgter vor den Nationalsozialisten, wie er später gern behaup-
tete – zu seinem Bruder nach Argentinien. Dort schrieb er dann
aber unermüdlich gegen die Hitler-Diktatur an, – allerdings ohne
jeden schriftstellerischen Erfolg. Zech starb, mittellos und seit
Jahren abhängig von fremder Hilfe, 1946 in Buenos Aires, das
er stets als „Lärmstadt“ und „ungewollte Haltestelle“ in seinem

Foto: Anatol Sadermann 1941


Leben bezeichnet hatte.

„Paul Zech schreibt mit der Axt seine Verse …“


Else Lasker-Schüler in einem Gedicht über den Freund und Kollegen, 1913

1919 finden sich in der „Menschheitsdämmerung“, Pinthus‘ legendärer


Anthologie expressionistischer Lyrik, zwölf Gedichte Paul Zechs. Mitte der
Zwanziger Jahre zählte dieser zur literarischen Prominenz Berlins.
© Greifenverlag, Rudolstadt/RDA 1955, Herbert Bartholomäus

In Buenos Aires wurde Zech nie heimisch; er hatte beschlossen, die


© Bert Kasties; Stiftung Archiv Akademie der Künste, Berlin

„Verhiesigung“ zu verweigern. Er flüchtete zeitweise in die von ihm


idealisierte Welt der Indios – freilich nicht auf tatsächlichen
© Greifenverlag, Rudolstadt/RDA 1952, Kurt Zimmermann

„jahrelangen“ Reisen, wie er behauptete, sondern lediglich in seiner


Phantasie. Seine Beschreibungen des Lebens der Indianer
und Criollos sind voller Missverständnisse und Widersprüche.
Sie sind keine ethnographischen Dokumente, sondern Ausdruck
seiner Verklärung des Landlebens, seiner Naturromantik
und Zivilisationskritik.

Zechs bekanntester Roman ist weitgehend autobiographisch:


Die quasi „vorsätzlich“ gescheiterte Anpassung an sein Gastland,
sein dezidiertes Aussenseitertum, sein Selbstmitleid und die
gleichzeitige Arroganz und Intoleranz gegenüber der Criollo-Kultur
ergeben eine beklemmende Lektüre für heutige Leser.

ARGENTINIEN
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Bolivien singt …
die „Cantata Bolivia“

© Jüdisches Museum Berlin


Titelblatt der „Cantata Bolivia“

© Jüdisches Museum Berlin

„Cantata Bolivia“, Kantate in drei Sätzen für Sopran, Alt, Tenor, Bariton, Chor und Orchester,
nach einem Text von Yolanda Bedregal de Konitzer

Erich Eisner (1897–1956) erhielt von 1919 bis 1921 an der Akademie
für Tonkunst in München seine Ausbildung zum Komponisten und
Dirigenten. Er arbeitete danach an verschiedenen Bühnen in Deutsch-
land und Österreich. Wegen seiner jüdischen Herkunft erhielt er 1935
Berufsverbot. 1939 emigrierte er nach Bolivien, wohin seine Familie
ihm folgte. Zunächst war er in Sucre musikpädagogisch tätig. 1944
erhielt Eisner dann den Auftrag zur Gründung eines staatlichen Sin-
fonieorchesters. Das Debüt des Orchesters fand im Jahr darauf in
La Paz statt. Eisner leitete dieses Orchester bis zu seinem Tode 1956
in La Paz. Für die Aufführungen bearbeitete er zahlreiche bolivianische
© Jüdisches Museum Berlin

Musikstücke.

Bereits 1941 entstand Eisners Komposition „Cantata Bolivia“, in der


er einen Text der bolivianischen Schriftstellerin Yolanda Bedregal de
Erich Eisner beim Dirigat
Konitzer vertonte. In voller Besetzung gelangte dieses Werk jedoch
erst 2003 in Israel zur Uraufführung.

BOLIVIEN
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Bücher neben Bildern
neben Büchern ...
Die „Librería y Galería Buchholz“ in Bogotá

Als im Herbst 1958 in Bogotá die Ausstellung „Arte Gráfico Alemán


Contemporáneo“ eröffnete, war dies der Auftakt für eine Serie von
Begegnungen Lateinamerikas mit deutscher Kunst. Die Schau wurde
von der jungen Galeristin Godula Buchholz (*1935) in der „Librería y
Galería Buchholz“ veranstaltet, die ihr Vater im Jahre 1951 gegrün-
det hatte. Karl Buchholz (1901–1992) verband mit dieser Geschäfts-
gründung das Ziel, die aufstrebende Stadt Bogotá auch kulturell
zu bereichern. Er bot daher nicht nur internationale Literatur aller
Genres an, sondern auch Werke anerkannter bildender Künstler,
wie etwa Pablo Picassos. Darüber hinaus engagierte er sich gemein-
sam mit seiner Tochter für die kulturelle Begegnung zwischen Süd-
© Zentralarchiv Staatliche Museen zu Berlin

amerika und Deutschland. Dies gipfelte in der Wanderausstellung


„Arte Actual Alemán“, die von 1960–1962 in Kolumbien, Venezuela,
Peru, Argentinien, Uruguay und Chile gezeigt wurde.

„Librería y Galería Buchholz“ in der Avenida


Jiménez de Quesada in Bogotá, um 1961.
Bildunterschrift auf dem Originalfoto:
„Nach zehn Jahren hatte Buchholz das
ganze Gebäude bis auf eine Etage mit
Büchern gefüllt.“
© Zentralarchiv Staatliche Museen zu Berlin

Karl Buchholz, etwa 1960

© Zentralarchiv Staatliche Museen zu Berlin

Blick in die Ausstellung „Arte Actual Alemán“


im Museo Nacional in Bogotá (14.11.– 7.12.1960)
© Zentralarchiv Staatliche Museen zu Berlin
© Zentralarchiv Staatliche Museen zu Berlin

„Ein guter Buchladen ist immer auch ein


Treffpunkt und ein Kontaktzentrum,
wo man notfalls auch Hilfe findet.“
Godula Buchholz, 1978

Katalog der Ausstellung „Arte Gráfico Alemán Contemporáneo“ Godula Buchholz in der „Librería
y Galería Buchholz“, etwa 1958

KOLUMBIEN
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„ ... und hüten Sie sich vor Chili.“
Der Lieblingskünstler Humboldts
„Das Reisen hat immer das Gute, daß man fortstudiert
und die Augen aufbehält.“
Rugendas, 1828

„ ... ein Abenteurer-Künstler, begierig, andere Realitäten


kennenzulernen und in sie einzutauchen ...“
Aracy Amaral, 1998

© Augsburg, Kunstsammlungen und Museen, Graphische Sammlung

© Augsburg, Kunstsammlungen und Museen, Graphische Sammlung


Johann Moritz Rugendas: Der Raub. Aus dem gemalten Zyklus „La Cautiva“,
um 1848. Öl auf Leinwand; 80,8 × 104 cm
Johann Moritz Rugendas: Die Araukaner im Rückzug mit
Frauen als Beute, etwa 1836–45
In Mexiko wurde der Maler Rugendas 1833 angeklagt, an einem Bleistift auf Papier; 22,2 × 34,6 cm
politischen Komplott mitgewirkt zu haben. Er wurde des Landes
verwiesen und schiffte sich 1834 nach Chile ein. Trotz der War-
nung Humboldts – „Hüten sie sich vor Chili“ – blieb Rugendas
dort bis Ende 1842. Er fand ein aufstrebendes Bürgertum
und reges kulturelles Leben vor. Auf ausgedehnten Exkursionen

Fotografie: Franz Hanfstaengl, © bpk


widmete er sich vorrangig Motiven aus dem Volksleben.
Seine Genrebilder zeigen uns viele Aspekte des damaligen © Augsburg, Kunstsammlungen und Museen, Graphische Sammlung

Alltags. Rugendas war fasziniert von den Mapuche-Indianern


(„Araukaner“), die südlich des Río Bío Bío lebten. Seine Arbeiten
Franz Hanfstaengl:
über deren Siedlungen sind leichte, knappe Skizzen von oft sehr Johann Moritz Rugendas,
romantischem Charakter. Die beste Erklärung für diese eleganten um 1850

Zeichnungen ist wohl die von Helmut Schindler: Rugendas sei


nie in den Gebieten der Mapuche gewesen und habe seine
Informationen aus Erzählungen und Gesprächen an den Grenz-
Johann Moritz Rugendas: Die Araukaner
posten bezogen. dringen in ein Haus ein. Aus dem gezeich-
neten Zyklus „La Cautiva“, 1836 –45. Bleistift
und farbige Kreiden auf Papier; 21,7 × 21,4 cm
Der romantische Zug seiner Arbeiten über die Mapuche, die
damals zu verwegenen Raubzügen in chilenisches Territorium
eingefallen waren, beruht auf Legenden und Geschichten,
die durch Alonso de Ercilla (1533–1594) bekannt wurden. Der
© Staatliche Graphische Sammlungen München, Nro. Inv.15841

Widerstand der Mapuche ist Thema eines der großen Befrei-


ungsepen, das besonders in jenen Kulturen seinen Widerhall
fand, die die Emanzipation als einen ihrer Hauptwerte betrach-
teten. Diese Lektüre nährte Rugendas’ Phantasie, der in den
„Malones“ – dem Raub von weißen Frauen bei Überfällen auf
spanische Siedlungen – die Heldentat eines unbezähmbaren Johann Moritz Rugendas: Die Königin des Marktes,
Volkes sah. um 1831–34. Bleistift auf Papier; 13,9 × 18,9 cm

CHILE
29 www.miradas-alemanas.de
Herr des Himmelblau

© Peter Mussfeldt
Peter Mussfeldt, Grafiker der Tropen Von Mussfeldt entworfene Logos
für das Museo Antropológico y de Arte
Contemporáneo (MAAC, 2001) und
die Banco del Pacífico (bdp, 1972)

„Die Leute, die mich in Ecuador so herzlich aufnahmen, waren


Juden, die während der Hitler-Diktatur alle ihre Verwandten
verloren hatten. Dabei bin ich selbst kein Jude. Das war nicht
nur ein Akt der Toleranz, sondern auch der Menschlichkeit.“
Peter Mussfeldt, 2009

Er erinnert sich an das Dröhnen der Bomber in


seiner Kindheit und daran, dass sein Vater als
Soldat in Norwegen war. Peter Mussfeldt, Jahr-
gang 1938, wuchs im sowjetisch besetzten Teil
Deutschlands auf. 1956 begann er in Dresden ein

© Peter Mussfeldt
Grafikdesign-Studium, das er nach seiner Flucht
nach Westdeutschland in Düsseldorf fortsetzte.
Peter Mussfeldt: Homenaje a Benito Juárez, 2006. Uni-ball II micro, 40 × 60 cm Er kam mit großen Künstlern zusammen: mit
Pablo Picasso, Josef Beuys und Jean Cocteau.
1962 lud ihn der Vater eines Freundes nach
Quito ein, wo er von einer Familie jüdischer Ein-
wanderer als Ehrenmitglied aufgenommen wurde.
Foto: Boris Andrade, 2009

Peter Mussfeldt ist heute der bekannteste und


beliebteste Grafikdesigner in Ecuador. Sein um-
fangreiches Werk beinhaltet unter anderem
T-Shirt-Designs, Wandteppiche, Gemälde und
Peter Mussfeldt, Deutsch-Ecuadorianer,
Designer und Grafiker Siebdrucke. Sein Werk „TORSOS“ erhielt den
ersten Preis der bedeutenden lateinamerikanischen
Biennale in San Juan. Einige seiner Druckgrafiken
befinden sich in der Sammlung des Museum of
Modern Art in New York. Mussfeldt ist Autor
des Logos der Banco del Pacífico, das als eines
der zehn besten Bankenlogos der Welt prämiert
wurde.
© Peter Mussfeldt

Peter Mussfeldt: Catullo. Radierung, Aquatinta,


o. D. (ca. 1965), 35 × 50 cm

„Ende der Siebziger wollte ich einige Grafiken in einem ausländischen Kultur-
zentrum in Guayaquil ausstellen. Ich stellte mich bei dem jungen und eifrigen
Direktor vor, der meine Werke jedoch ablehnte: Sie seien noch nicht reif
genug. Zwei Wochen später kaufte das New Yorker Museum of Modern Art
zwei Grafiken aus eben jener Sammlung, die ich Guayaquil angeboten hatte!
© Peter Mussfeldt

Danach wurden sie Teil einer Wanderausstellung, die in verschiedenen Teilen


der Welt gezeigt wurde, unter anderem in jenem Kulturzentrum in Guayaquil.
Der Direktor bemerkte nicht, dass ich unter den Ausgestellten war. Ich erhielt
auch keine Einladung!“
Peter Mussfeldt, 2009

ECUADOR
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Gemälde anstelle von Fotos
El Salvador mit den Augen Max Vollmbergs
„Für ihn war Zentralamerika das Land des ewigen
Festtages, das Land des Lichtes und der Sonne, einer
Sonne, die veredelt und verschönt.“
Max Vollmberg über sich selbst, 1920

„Seine Genrebilder schienen den Wünschen der finanz-


kräftigen Schicht nicht zu entsprechen … obwohl seine
Kunst von höchster Begabung zeugt. Wie kein anderer

Aus: Max Vollmberg. 1920. América Central. Hannover


fängt er das traditionelle ländliche Leben ein … und
seine Blickwinkel schaffen kühne Perspektiven“.
„La Prensa Gráfica“ vom 18.10. 2009

Aus: Westermanns Monatshefte, Nr. 890, 1930


Max Vollmberg: Pozo en Jucuapa, 1920. Aquarell

Der Maler, Grafiker, Autor und Illustrator Max Vollmberg (*1882)


studierte in Berlin bei Lovis Corinth und in Paris bei Jean-Paul
Laurens. Zwischen 1912 und 1930 reiste er auf Einladung des
guatemaltekischen Konsuls, den er in Berlin porträtiert hatte, Max Vollmberg: Cuto und ich,
1918. Öl auf Leinwand
fast 15 Jahre lang malend, zeichnend und fotografierend durch
El Salvador, Guatemala und Mexiko.

1920 ließ Vollmberg ein Portfolio mit vierzig seiner Aquarelle

Foto: Jürgen Hübner. Privatbesitz, San Salvador


herstellen, wovon siebzehn Szenen aus El Salvador zeigen.
Einige davon publizierte er in San Salvador als Postkarten bei
Saul Mugdan, einem deutsch-jüdischen Einwanderer. Es waren
die ersten „Kunstpostkarten“ El Salvadors.

Um den Tod Vollmbergs ranken sich einige Geheimnisse. Bislang Max Vollmberg: Mirasol. 1920. Öl auf Leinwand

ging man davon aus, dass er 1930 in Mexiko gestorben sei. Aller-

Max Vollmberg: Landschaft (Ausschnitt), 1913. Öl auf Leinwand. Privatbesitz, San Salvador. Foto: Jürgen Hübner.
dings sind in einem seiner Bücher die von ihm selbst gemalten
Illustrationen mit „1931“ signiert. Auch existiert ein authentisches
Bild, ein Frauenporträt, das Vollmberg mit „1936“ datiert hat.

Vollmberg veröffentlichte auch einige


Jugendbücher: Indianergeschichten
Aus: Max Vollmberg. 1920. América Central. Hannover

und abenteuerliche Reiseerzählungen,


die er selbst illustrierte. Ein Pferd
und ein Revolver waren – neben
dem heldenhaften Ich-Erzähler –
die häufigsten Protagonisten.
Der Wert der Bücher besteht heute
vor allem in den hervorragenden
Schwarzweißfotos des Autors.

Max Vollmberg: Vaquero-


campista,1920. Aquarell
Erschienen 1931 bei Velhagen Erschienen 1932 bei Velhagen
& Klasing, Bielefeld und Leipzig & Klasing, Bielefeld und Leipzig

EL SALVADOR
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Fotogemälde
Hugo Brehmes pittoreskes Mexiko
Mexiko war die zweite Heimat des Deutschen
Hugo Brehme (1882–1954). Er zählt zu den be-
deutendsten Fotografen Lateinamerikas in
der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Viele
seiner Fotografien bannen ein der Zeit ent-
rücktes Mexiko aufs Papier – ein idyllisches
Land, in dem der technische Fortschritt noch
kaum Spuren hinterlassen zu haben scheint.
Wie in den Gemälden von Caspar David Fried-
rich (1774–1840) erscheint die Natur darin als
großes magisches Gegenüber, als Meditations-
objekt, in dessen Betrachtung meist einzelne
Menschen versunken sind. Die Landschaftsauf-

© Ibero-Amerikanisches Institut, Berlin


nahmen Brehmes sind geprägt von einer
romantischen Suche nach Weite, Schönheit
und Exotik. Alle Bilder Brehmes sind nicht nur
fototechnisch von großer Perfektion, sondern
Blick auf Amecameca mit dem Ixtaccíhuatl, vor 1923
auch kunstvoll komponiert wie Gemälde. Ihre
Sepiatönung intensiviert noch die nostalgische
Wirkung. Der entzauberten Welt der angehen-
den Industrieländer setzte Brehme so die ästhe-
Anonymus. 1925. México y sus colonias extranjeras en la República Mexicana. México, D.F.

tische Überhöhung Mexikos entgegen. Die


Kamera diente ihm nicht in erster Linie dazu,

© Ibero-Amerikanisches Institut, Berlin


ein Abbild der vorgefundenen Welt herzustel-
len. Vielmehr benützte er die Fotografie, um
eine ersehnte Wirklichkeit heraufzubeschwören.
Durch die große Verbreitung, die Brehmes
Aufnahmen über Postkarten, Zeitschriften Blumenverkäuferin in Xochimilco, Mexiko-Stadt,
ca. 1925
und Bücher fanden, prägte er maßgeblich das
Anzeige von Hugo Brehme, 1925
Mexiko-Bild im Ausland.

„Voller Enttäuschung über ihre automatisierte Welt der Fabriken „Der ideologische Einsatz der Fotografie als vertrauenswürdiges
kommen Europäer nach Mexiko. […] Sie interessieren sich für den Zeugnis verstärkte die Phantasien der europäischen Vorstellungs-
Teil der mexikanischen Kultur, für den sich sonst niemand mehr welt durch Bilder des Malerischen, des Andersartigen, des
interessiert. Mexiko ist für sie die Wiedergutmachung des Fiaskos ‚Anderen‘. Das Empfinden Lateinamerikas als exotisch wurde
der Industrialisierung …“ mit Verbreitung der Fotografie in Europa zum Gemeingut, das
Elena Poniatowska, 2004 im europäischen Bewusstsein schließlich als Bild/Konzept der
lateinamerikanischen Wirklichkeiten verankert war.“
Boris Kossoy, 1998

„Seine Fotografien, die von unvergleichlicher Schönheit sind,


stellen auch einen Tribut an die Ökologie dar. Blättert man in
seinem Buch, so wird man mit Trauer bemerken, wie schön unser
Land einmal gewesen ist, und wie hässlich es zu werden begonnen
© Ibero-Amerikanisches Institut, Berlin

© Ibero-Amerikanisches Institut, Berlin

hat. Kehren wir zur Quelle zurück, zu diesem korrekten, unter


einem schwarzen Tuch versteckten Mann, der es auf das Vor-
trefflichste verstanden hat, uns das Schönste unserer Land-
schaften darzubieten, sie uns zu überreichen, damit wir sie
hegen und ihnen ein Stück ihrer ursprünglichen Vollkommen-
heit zurückgeben.“
Markt in Amecameca, Estado de México, Landschaft bei Cuicatlán, Oaxaca, ca. 1925 Elena Poniatowska, 2004
vor 1925

MEXIKO
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Waldzauber
Romantisches Lagerleben in Paraguay
„Ein Besuch im Atelier des Künstlers überzeugte mich,
daß sein Werk für die Kunst des südlichen Südamerika
von größter Bedeutung ist ... Unter den exotischen
Malern gibt es sehr wenige, von deren Arbeiten so viel
‚Waldzauber‘ ausgeht.“
Ten Kate, 1913

Zeitschrift „Vom Fels zum Meer“, Nr.14, 1896


1889 bereiste der Berliner Landschaftsmaler Karl Oenike
(1862–1924) für mehrere Monate Paraguay. Seine Sicht
auf das Land und dessen Bewohner und die ihn tief beein-
„Die Bevölkerung von San Bernardino besteht zumeist aus druckende Natur spiegeln sich in Fotografien, Ölgemälden
Deutschen und Schweizern, deren Ansiedelungen zum größten
Teil weit auseinander liegen.“
und Skizzen wider, die Oenike in der Umgebung der deutsch-
Karl Oenike, 1896 schweizerischen Siedlung San Bernardino und bei Erkun-
dungen des Landesinneren anfertigte. Besonders stark
beeindruckte ihn eine Exkursion zum Cerro Tatuy, die über
weite Strecken durch die dichten Wälder Ostparaguays
führte. Sie erweckte in Oenike eine romantische Natur-
Foto: Karl Oenike, © Linden-Museum Stuttgart

begeisterung, die er auch zeichnerisch umsetzte.

Von 1887 bis 1891 lebte Oenike in Südamerika und bereiste


auch Argentinien und Brasilien. Das dabei entstandene
Rancho eines Paraguayers mit Tabak und Maniok Œuvre hatte Ende des 19. Jahrhunderts für die Kenntnis des
südlichen Südamerika große Bedeutung und offenbarte
„Die frischen Blätter werden in Bündeln nebeneinander auf Schnüre
gereiht und auf einem Holzgestell hängend in der Sonne getrocknet. einen Maler und Fotografen, der ebenso detailgetreu wie
Nach Bedarf werden die Blätter genommen, auf dem Oberschenkel künstlerisch begabt war.
mit der flachen Hand zusammengerollt, und die Zigarre ist fertig.“
Karl Oenike, 1896
Zeitschrift „Vom Fels zum Meer“, Nr.14, 1896

Zeitschrift „Vom Fels zum Meer“, Nr.14, 1896


Fotograf unbekannt, © Linden-Museum Stuttgart

Der Cerro Tatuy, nach einer Zeich- In San Bernardino logierte Oenike in der
nung von Karl Oenike, 1896 „Bierschlucht“, etwa 10 km vom Zentrum der
Kolonie entfernt. Sie war deren Attraktion,
dort fand sich nämlich, aus „den kleinsten
Noch 1889 galt der südöstlich der Stadt Villarrica gelegene sagenumwobene primitiven Anfängen entstanden ...
Cerro Tatuy als höchster Berg Paraguays. In dessen Umgebung lebten im Schutz eine nette, echt deutsche Brauerei in der
dichten Urwalds die Guayaqui-Indianer, auf deren Spuren Oenike nach früheren Wildnis“ (Oenike, 1896).
Besteigung des Berges stieß.

PARAGUAY
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Die Größe der Kleinen
Peter Lilienthals „Blick von unten“

© Provobis 1984

© Provobis 1984

© Provobis 1984
Fünf Szenenfotos aus dem Spielfilm „Das Autogramm”, Regie: Peter Lilienthal, Kamera: Michael Ballhaus. Deutschland / BRD 1984

Peter Lilienthal (*1929, Berlin) floh 1939 mit seiner Mutter vor den
Nationalsozialisten nach Uruguay. In Montevideo betrieb die Mutter
ein kleines Hotel. Nach dem Gymnasium studierte Lilienthal zunächst
Kunstgeschichte, Jura und Musik an der Universidad de la República „Alle meine späteren Lateinamerika-
in Montevideo. Im universitären Filmclub sah er die Arbeiten von filme haben einen direkten oder
indirekten Uruguay-Bezug. Besonders
Vittorio de Sica und Jean Vigo. Zusammen mit Freunden aus dem ‚Das Autogramm‘, das zwar in Portugal
gedreht wurde, das aber in allen
Club drehte Lilienthal Kurzfilme über Probleme der Landbevölkerung
Details eine uruguayische Kleinstadt

© Ralf Emmerich 2009


und die Situation von Dienstmädchen, außerdem den Experimental- erkennen lässt, natürlich ganz besonders
den politischen Terror unter der Diktatur.“
film „El joven del trapecio volante“. (Peter Lilienthal, 2009)

1954 kehrte Lilienthal nach Deutschland zurück. Erst in den siebziger


Jahren wandte er sich mit mehreren Filmen wieder verstärkt Süd-
amerika zu; mit den Filmen: „La Victoria“, „Es herrscht Ruhe im Land“,
„Der Aufstand“ und „Das Autogramm“.

Lilienthal illustriert und kommentiert die große Politik aus der Perspek-
tive der kleinen Leute. Sein Ansatz ist empirisch und induktiv: Auf- © Provobis 1984

merksam und liebevoll beobachtet er das Individuum, den Einzelfall.


Er entwickelt aus diesem Blickwinkel des Einmaligen und Besonderen
seine Haltung gegenüber dem übermächtigen großen Allgemeinen:
skeptisch, ironisch und anarchistisch. „Er nähert sich der Welt seiner Charaktere auf Zehenspitzen
und mit einer Schweigsamkeit, als wolle er sie mit seiner
Anwesenheit nicht verletzen. Als Protagonisten wählt er keine
großen Helden der Geschichte, sondern verträumte oder
Der 80-jährige Peter Lilienthal, einer der wichtigsten Vertreter des
von Schicksalsschlägen der Realität heimgesuchte Personen.“
Neuen Deutschen Films, wurde beim Filmfest München 2009 mit dem (Antonio Skármeta, 2001)
Ehrenpreis für sein Gesamtwerk ausgezeichnet.
Plakatentwurf für „Das Autogramm“ von Peter Lilienthal. © Provobis

„In seinen Filmen versammelt er eine Familie,


Menschen aus aller Herren Länder, Schiffbrüchige
und Grenzgänger, Träumer und Schnorrer. Es sind
Menschen ohne Reichtümer, ohne eine sichere
© Provobis 1984

Position oder Macht, sie sind Unterdrückung und


Verfolgung ausgesetzt und haben doch Hoffnung
und Lebenslust nicht aufgegeben.“
(Michael Töteberg, 2001)

URUGUAY
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Der Urwaldmaler
Vier Jahre auf Humboldts Spuren
„Bis zum heutigen Tag hat noch niemand unsere Land-
schaften mit solcher Wucht gemalt … Seine Malerei ist so
ausdrucksstark und kraftvoll, daß sie gewiß die Aufmerk-
samkeit der hiesigen Maler erwecken wird …“
Alfredo Boulton über Bellermann, 1968

Foto: Jürgen Liepe © Bildagentur bpk

© Stiftung Stadtmuseum Berlin


Ferdinand Bellermann: Landschaft in Venezuela, 1863. Öl auf Leinwand, 150 × 188 cm Carl Steffeck: Ferdinand Bellermann,
um 1850. Öl auf Karton, 36,5 × 32 cm

„Die Natur bezaubert mich noch immer – wie am ersten Tag.“


Ferdinand Bellermann, 1844
© Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin

Der Landschaftsmaler Ferdinand Konrad Beller-


mann wurde an der Berliner Akademie von Karl
Blechen und Wilhelm Schirmer ausgebildet. Er
unternahm Studienreisen nach Italien, Belgien,
Ferdinand Bellermann: San Mateo im Aragua-Tal, 1844 Holland und Norwegen. Dank der Unterstützung
Bleistift, 22,2 × 36,1 cm
Alexander von Humboldts erhielt Bellermann
Eine Hacienda der Familie Simón Bolívars. Rechts, auf einem Hügel
mit Kakteen und Akazien, das Wohnhaus, links die Wirtschafts- von König Friedrich Wilhelm IV. ein Stipendium,
gebäude unter Kokospalmen und Cecropien. um von 1842 bis 1845 Venezuela zu bereisen.

Ferdinand Bellermann, ohne Datum, „Die Guácharo-Höhle“. Öl auf Karton, 35 × 25 cm. Foto: bpk © Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin
Dort entstanden etwa 650 Ölgemälde und
Zeichnungen, oft auf Wunsch Humboldts, der
Bellermann gebeten hatte, bestimmte Pflanzen
Foto: Jörg P. Anders, © Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin

und Landschaften zu dokumentieren. Bellermann


bekam nach seiner Venezuelareise weitere
wichtige Aufträge, etwa bei der Ausmalung des
Neuen Museums in Berlin, und wurde 1857 zum
Professor an der Berliner Akademie ernannt.
Trotzdem war er weitgehend vergessen, als er
1889 in Berlin starb. Den entscheidenden Impuls
Ferdinand Bellermann: Waldlandschaft auf Galipan
bei La Guaira, o. D. Bleistift, 35,8 × 44,6 cm zu einer Neubeschäftigung mit Bellermanns
Werk gab in den 1930er Jahren der venezola-
Nach Bellermanns naturgetreuen Zeichnungen konnte der Botaniker Hermann
Karsten alle darauf abgebildeten Pflanzenspezies bestimmen. Alfredo Boulton
nische Naturwissenschaftler und Kunstfreund
nannte das: „wissenschaftliche Exaktheit, mit Grazie erreicht“. Eduardo Röhl.

VENEZUELA
35 www.miradas-alemanas.de
Stimmen
zu Lateinamerika
Es ist leicht, in Lateinamerika Mitarbeiter der Spitzenklasse
zu finden, mit denen man „auf Augenhöhe“ verkehrt:
Das macht Spaß!

Ottmar Ette, Professor für Romanische Literaturwissenschaft


Josef Oehrlein, Lateinamerika-Korrespondent für die „Frankfurter Allgemeine
an der Universität Potsdam, ist ein international anerkannter
Zeitung“ in Buenos Aires, hat auch eine Ausbildung als Fotograf.
Humboldt-Experte.

… zu den „Blicken“ auf ein Land gehören immer auch Das Faszinierende an der Humboldtschen Wissenschaft
Reizworte. Bei Argentinien kommt sofort: Tango. Bei ist ihre Transdisziplinarität, ihre Interkulturalität und ihre Christoph G. Schmitt ist Unternehmer und Hauptgeschäftsführer des
Kolumbien: Guerrilla. Venezuela: Chávez, Revolution, Kosmopolitik. Zudem ist Humboldt durch die jahrzehnte- Lateinamerikavereins der Deutschen Wirtschaft mit Sitz in Hamburg.
Bolívar … Bei Venezuela fällt einem natürlich auch lange Beschäftigung mit Globalisierungsphänomenen den
Humboldt ein, aber meistens viel später … Das sind lauter aktuellen Theoriebildungen in vielen Dingen noch voraus. Jeder schaut in die andere Region durch seine eigene
Reizworte, die vieles verdecken … und „den“ Blick auf Ich finde ihn ungeheuer inspirierend, weil er Globalisierung kulturelle Brille … z. B. die durch seine Bildung geprägte.
Lateinamerika gibt es nicht. Die Lateinamerikabilder als Prozess de longue durée untersucht, weil er dessen Da steht Humboldt für Lateinamerika oder die Auswan-
„in den Köpfen“ entsprechen oft tatsächlichen Bildern Vorgeschichte bedenkt, mindestens seit Kolumbus, seine derung nach Südbrasilien oder Chile … oder ein anderes,
– zum Beispiel fotografischen. Was ich als Fotograf gern Globalisierungstheorie also aus einer historischen Perspek- medial geprägtes Bild: das Lateinamerika der Drogen-
zeigen möchte, ist der ständige Wandel hier [in Buenos tive entwickelt. Wenn wir heute Humboldt lesen, verstehen kartelle, Diktatoren und Guerrilleros. Und der wirtschaft-
Aires] – etwa am Beispiel der Häuser. Zwischen all den wir wenigstens, dass Globalisierung kein Prozess ist, der lich geprägte Blick sieht Lateinamerika als einen Markt,
Hochhäusern die Überbleibsel des Jugendstils, des Neo- irgendwann in den 1980er Jahren angefangen hat. Dabei auf dem VW und andere deutsche Unternehmen erfolg-
klassizismus … wunderbare Kontraste. Eigentlich gibt ist Humboldts Blick auf die Neue Welt ein offener, dialogi- reich sind. Man braucht ein adäquateres Bild als das aus
es keinen architektonisch oder stilistisch einheitlichen scher Blick; auch ein selbstkritischer Blick, da er sich – bei dem Internet. Das gilt nicht nur für Lateinamerika: Augen
Straßenzug; immer ist etwas Fremdes oder Modernes aller Mobilität – seiner Standpunkte stets bewusst ist. Sein auf, neugierig sein, unvoreingenommen Zustände hinter-
dazwischen. Diese Vielfältigkeit ist reizvoll und spannend Denken ist nie statisch, sondern immer in Entwicklung. fragen – und zwar nicht nur, „Warum sind die Dinge so?“
– und auch paradigmatisch für das Ganze. In den Tagebüchern steht, was er – z. B. über die Indigenen sondern: „Warum sehe ich sie so?“ Das ist der große Nach-
in Amerika – zu einem bestimmten Zeitpunkt einfach teil der Medien-beladenen Welt: Niemand hinterfragt mehr
festhalten will, und darunter können sehr wohl Vorurteile wirklich. Unsere schnelle, digitalisierte Zeit ist tatsächlich
sein. Aber es ist bedeutsam, dass er vieles nicht in die „overnewsed – but underinformed“. Uns wirklich – z. B.
Druckform übernimmt. Das hat nichts mit political correct- mit einer Region – beschäftigen, uns austauschen, in die
ness zu tun, die es damals so auch gar nicht gab, sondern Tiefe gehen; das geht nur noch, wenn man loslassen kann
es zeigt, wie er das Ganze peu à peu in einen komplexeren und eintauchen in eine Geschichte …
Denkzusammenhang einbaut ... wie er die eigenen Posi-
tionen nach und nach revidiert. Insofern ist er auch dyna-
misch … er versucht ständig, den eigenen Blick, den er
bewusst markiert, zu transformieren, zu verändern.

Michi Strausfeld, Literaturwissenschaftlerin, Herausgeberin


und Autorin, hat 1973 die moderne lateinamerikanische
Literatur für den Suhrkamp-Verlag entdeckt.

Ja, den „Zettel“ mit der Liste der großen unübersetzten


Werke der lateinamerikanischen Literatur hat es wirklich Cornelia Pieper, Staatsministerin
gegeben, eine Seite nur, die ich als Brief an Unseld im Auswärtigen Amt.
schickte: Damit fing alles an. Der deutsche Blick auf
Lateinamerika war damals ein recht eingeengter; aber Die Menschen in Deutschland und Lateinamerika haben
das hat sich glücklicherweise geändert: durch die Buch- über Jahrzehnte, ja Jahrhunderte ein enges Geflecht poli-
messe 1976 mit dem Schwerpunkt Lateinamerika, durch Klaus-Dieter Lehmann ist Präsident des Goethe-Instituts. tischer, wirtschaftlicher, wissenschaftlicher und kultureller
die „Horizonte 82“ und durch die systematische Publi- Beziehungen geknüpft. Dank dieser Verbindungen, dank
kation lateinamerikanischer Literatur bei Suhrkamp. Die Lateinamerika und Deutschland sind über das Goethe- geteilter politischer Vorstellungen und dank gemeinsamer
Schriftsteller sind doch dazu berufen, uns ihre Länder Institut schon viele Jahrzehnte verbunden: mit 13 Goethe- Werte sind Deutschland und Lateinamerika einander nahe.
zu erklären. Wenn ich ein Land kennenlernen will, lese Instituten, 8 Goethe-Zentren, etwa 25 Kulturgesellschaften Viele Menschen in Deutschland sind fasziniert von den
ich seine Belletristik, nicht seine Regierungserklärungen und dem Projekt „Partnerschulen“, das bis Ende 2010 Kulturen Lateinamerikas. Wir wollen, dass Menschen in
oder Statistiken. Und die Romanciers erzählen außerdem rund 55 Schulen z. B. mit Lehrerfortbildung und Jugend- Lateinamerika die gleiche Faszination in der Begegnung
die Geschichte ihrer Länder. In „Hundert Jahre Einsamkeit“ austausch so ausstatten soll, dass dort Deutsch bis zur mit Deutschland erleben. Vor allem durch die Arbeit
stecken ja auch hundert Jahre der Geschichte Kolumbiens. Hochschulreife vermittelt werden kann. Die Partnerschulen unserer Kulturmittler, des Goethe-Instituts, des Deutschen
Und jetzt sollten wir auch die jüngeren Autoren lesen – sollen die Strukturen für die Ausnützung der prinzipiell Akademischen Austauschdienstes oder der Alexander von
denn so wie sich der Kontinent verändert hat, hat sich positiven Voraussetzungen in dieser Region schaffen. Humboldt-Stiftung, wollen wir Räume öffnen für einen
Kurzschrift Hans Steffens. © Ibero-Amerikanisches Institut, Berlin

auch seine Literatur verändert. Deshalb suche ich immer Daneben gibt es unser großes Programm „Kultur und inspirierenden Austausch.
weiter. Es wird mir viel zugeschickt, aber dieses Suchen Entwicklung“, das die nötige Infrastruktur für kulturelles Die Bundesregierung will die politischen Beziehungen
will ich mir erhalten. Und das Prinzip, kein Buch zu publi- Arbeiten befördern soll: Wir bilden Museumskuratoren durch eine neue Lateinamerikapolitik noch aktiver gestal-
zieren, das ich nicht gern und nicht ganz gelesen habe. aus, Bibliothekare, Theatermacher und Medienspezialisten ten. Denn Deutschland und die Europäische Union wollen
Das ist nicht einfach, aber „sólo lo difícil es estimulante“ … auch als unsere späteren Partner. als Partner den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und
(Lezama Lima). Über die Literatur versteht man Land und Eigentlich reicht es ja, sich auf das ungeheure kulturelle politischen Fortschritt unterstützen, für den die Menschen
Leute, Literatur baut Brücken. Ich verstehe mich gern als Potential Lateinamerikas einzulassen und eine Art Lernge- in Lateinamerika Opfer gebracht haben, für den sie arbeiten
ein kleiner Brückenbauer. meinschaft zu bilden. Wir haben das schon oft bemerkt: und in den wir gemeinsam unsere Hoffnung setzen.

„Miradas alemanas hacia América Latina – Deutsche Blicke auf Lateiamerika“ Leitung: Barbara Göbel
Ausstellung und Themenportal des Ibero-Amerikanischen Instituts, Berlin, Koordination: Bruno Illius
Texte: Bruno Illius und Mitarbeiter
Design: Frank Lange
BICENTENARIO
LATINO
ALEMÁN © Ibero-Amerikanisches Institut und Auswärtiges Amt 2009
im Auftrag des Auswärtigen Amtes zur Würdigung der „Bicentenarios“
36 lateinamerikanischer Staaten.