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FACHHOCHSCHULE AUGSBURG

Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung

Fachbereich Architektur und Bauingenieurwesen


Lehrgebiet Baugeschichte und Architekturtheorie

Prof. Dr.-Ing. Klaus Tragbar

GESCHICHTE DER ARCHITEKTUR UND KUNST III

Skript Wintersemester 2004/05

Wichtiger Hinweis: Gegenüber dem Skript sind in der Vorlesung Änderungen insbesondere der besprochenen Beispiele jederzeit
möglich; prüfungsrelevant ist in jedem Fall die Vorlesung.

Zur Nachbereitung der Vorlesung finden Sie eine kommentierte Literaturliste auf den Professorenseiten des Fachbereichs
(www.fh-augsburg.de/architektur_bau); ergänzende Literatur wird ggf. im Skript den jeweiligen Vorlesungsthemen zugeordnet.
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1. Vorlesung:

Die Folgen der Aufklärung


Klassizismus und Revolutionsarchitektur

Etienne-Louis Boullée (1728–1799)

Claude-Nicolas Ledoux (1736–1806)

Friedrich Weinbrenner (1766–1826)

Peter Speeth (1772–1831)

Leo von Klenze (1784–1864)

Die Renaissance des 15. Jahrhunderts hatte das Ende der Vorstellung von einer gottgegebenen Ordnung
der Dinge und den Beginn naturwissenschaftlicher Forschung im heutigen Sinne eingeläutet, durch Expe-
riment und Beobachtung hatte man seither versucht herauszufinden, „was die Welt im Innersten zusam-
menhält“. Die aus dieser Idee entstandenen zahlreichen Erfindungen und Entdeckungen, vor allem der
Naturgesetze, führte zu der Annahme, allen Dingen und Erscheinungen lägen feste Regeln und Gesetze
zugrunde – also auch der Architektur; Beginn der Suche nach dem Ursprung, der „Urhütte“.

Aufklärung, nach Immanuel Kant verstanden als Befreiung vom Aberglauben, d. h. objektive Erklärung
der Welt auf der Grundlage logischer und allgemeingültiger Gesetze, bedeutete auch für die Architektur
eine Revolution, eine Befreiung von barocken Ordnungen und eine Rückkehr zu einfachsten Elementen
wie Würfel, Zylinder und Kugel.

Idee einer architecture parlante, einer sprechenden Architektur, die die Nutzung eines Gebäudes auf den
ersten Blick offenbart.

Etienne-Louis Boullée: Kenotaph für Isaac Newton, 1784

Métropole, 1784

Claude-Nicolas Ledoux: Idealstadt Chaux, 1785–1789

Arc-et-Senans/Besancon: Salinenstadt, 1775–1779

Paris, Zollhäuser, 1785–1789, erhalten die Rotonde de la Barri-


ère, Rotonde de la Villette, Barrière d’Enfer und Barrière du
Thrône; „revolutionsauslösende“ Architektur!

Oikema (Bordell), 1804

Peter Speeth: Würzburg, ehem. Frauenzuchthaus, 1819


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Zur Suche nach dem Ursprung der Architektur gehörte die Beschäftigung mit der Antike:

Leo von Klenze: München, Glyptothek, 1816–1830

Donaustauf, Walhalla, 1830–1841, dorischer Peripteros nach


dem Vorbild des Parthenon, aber mit röm. Podium und gußei-
sernem Dachwerk (!)

Karl Friedrich Weinbrenner: Entwurf Grabmal mit kassettiertem


Tonnengewölbe

Livorno, Cisternone: Pasquale Poccianti 1829–32, kassettierte Apsis

Suche nach Regeln und Gesetzen beeinflußte die Ausbildung der Architekten:

Jean-Nicolas Louis Durand: „Lektionen“, Publikation ab 1802


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2. Vorlesung:

Die Stilfrage
Auf der Suche nach einer nationalen Architektur

Berlin, Pfaueninsel, Schloß: 1794–97, Romantischer, dem Mittelalter


entlehnter Bau aus Holz und Leinwand mit gußeiserner Brücke,
Mix aus modernen Material und historisierender Gestaltung,
zweckfreie Staffagenarchitektur im Kontext einer Parkanlage

St. Petersburg, Börse: 1801, monumentaler, auf Fernwirkung (Städ-


tebau!) berechneter Bau in Abhängigkeit der französischen Re-
volutionsarchitektur, vgl. …

Livorno, Il Cisternone: 1829–32, Wasserreservoir

Paris, Arc de Triomphe de l’Etoile: 1806–36, klassizistischer, an der


römischen Antike angelehnter Bau zur Verherrlichung Napo-
lèons (in der Tradition römische Kaiser …)

Nationaldenkmal: 1814, Friedrich Schinkel, Versuch der Definition


einer „deutschen“, d. h. mittelalterlich-gotischen Architektur

Berlin, Neue Wache: 1815, Friedrich Schinkel, weitere Bauten


Schinkels: Berlin, Werdersche Kirche (Entwürfe 1824), Berlin,
Altes Museum (1823–30), Dresden, Hauptwache (1831–33)

München, Glyptothek: 1816–30, klassizistischer, an der griechischen


Antike orientierter Bau, vgl. München, Propyläen

Berlin, Bauakademie: 1831–36, Friedrich Schinkel, Zweckbau mit


funktionaler, nüchterner Architektur (zerstört)
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3. Vorlesung:

Glas und Eisen


Neue Materialien für eine neue Architektur

Ingenieurbauwerke als Vorreiter in der Zeit der Industriellen Revolution. Erfindungen und Entdeckungen
(Auswahl): 1642 Addiermaschine, 1662 Bleistift, 1673 Multipliziermaschine, 1681 Dampfkochtopf, 1711
Dreifarbendruck, 1738 Spinnmaschine, 1754 Eisenwalzwerk, 1769 Dampfmaschine, 1785 mechanischer
Webstuhl, 1800 Drehbank, 1807 Dampfschiff …

Coalbrookdale, Severn Bridge: 1777–79, erster Bau aus Gußeisen,


erbaut durch die Hüttenbesitzer Pritchard und Darby, der Ent-
wurf dem Steinbau, die Detaillierung dem Holzbau verpflichtet,
keine „materialgerechte“ Ausführung, weil keine Erfahrung mit
dem Material

Stuttgart-Hohenheim, Gewächshaus: 1789, frühes Beispiel auf


deutschem Boden, zerstört

Menai Strait, Telford Bridge: 1818–1826, Thomas Telford, „ver-


kleideter“ Ingenieurbau

Conway, Schloßbrücke: 1826, Thomas Telford, Trennung von Kon-


struktion und Gestaltung, diese in Anlehnung an edwardiani-
sches Schloß

Menai Strait, Britannia Bridge: 1846–1850, Robert Stevenson, Ka-


stenträger

Newport, Crumlinbridge: 1853–57, erstmals reine Konstruktion

Edinborough, Forth Bridge: 1882–90, Gestaltung aus Konstruktion


(Gerberträger) entwickelt

Liverpool, Bahnhof: ~ 1830, erster Bahnhof als Kutschengebäude


mit angesetzter Halle, hölzernes Dachtragwerk, additive Kom-
position

Paris, Gare de l’Est: 1847–59, Eckrisalite aus Renaissance- und Ba-


rockschlössern Vorbild für zahlreiche weitere Bahnhöfe

London, King’s Cross Station: 1851/52, monumentaler Stadteingang


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Berlin, Anhalter Bahnhof: Franz Schwechten 1872–80, Verbindung


Halle-Bahnhofsgebäude

Verkehrsbauten sind typische Bauaufgaben des 19. Jahrhunderts ebenso wie Ausstellungsbauten, …

London, Kristallpalast: 1851, erbaut durch Paxton zur 1. Weltaus-


stellung, Addition gleicher Elemente, Vorfabrikation und Stan-
dardisierung verkürzen die Bauzeit, aber: Planungsänderungen
schwierig (mittlerer Teil mit Holztragwerk), Entwicklung neuer
Techniken zum Bau (Verglasungswagen)

Paris, Eiffelturm: 1889, zur 100-Jahr Feier der Revolution ein 1.000
Fuß hoher eiserner Turm als Symbol der Fortschrittlichkeit
Frankreichs, geplant als temporärer Bau, dennoch Polemiken
gegen das „moderne Schandmal“, heute Wahrzeichen

… Bauten für die Bildung, …

Paris, Biblioteque Ste-Geneviève: 1844–50, Henri Labrouste Einsatz


von Gußeisen in zur Realisierung eines großen, einheitlichen
Raumes, das dadurch eigene architektonische Qualitäten be-
kommt und nicht mehr nur dienende Funktionen hat, vgl. …

Paris, Biblioteque Nationale: 1857–67, Henri Labrouste, ähnlicher


Raumgedanke wie bei Biblioteque Ste-Geneviève, die revolu-
tionäre Architektur aber im Buchmagazin: Reiner Funktiona-
lismus und materialgerechte Ausführung und Detaillierung

Oxford, Universitätsmuseum: 1853, Eisenarchitektur aus gotischen,


dem Sakralbau entlehnten Formen

… Bauten für Handel und Wirtschaft, …

Paris, Les Halles: 1853, Auf- und Ausbau der städtischen Infrastruk-
tur, notwendig durch das enorme Anwachsen der Städte als
Folge der Industrialisierung

Mailand, Galleria Vittorio Emanuele: 1865–75, gedeckte, witte-


rungsunabhängige Einkaufspassage, monumental in Mailand
zwischen Dom und Oper
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… selbst Sakralbauten entstanden als gußeiserne Konstruktionen:

Paris, Ste-Eugène: 1854/55, verschraubte Guß- und Schmiedeeisen-


konstruktion, Entwurf Boileau, Konstruktion Lusson, Bauzeit
20 Monate

Dilemma des 19. Jh.s: Neues Material ermöglicht neue konstruktive und architektonische Lösungen, Su-
che nach adäquatem, auch für das Publikum verständlichen Ausdruck (Änderung der Sehgewohnheiten,
vgl. Coalbrookdale), Trennung der Disziplinen des Bauwesens: Hier der Architekt, klassisch gebildet und
für die Hülle verantwortlich, da der Ingenieur, moderner und fortschrittlicher, für die Konstruktion:

Paris, Grand Palais: 1900, für Weltausstellung

Paris, École des Beaux-Artes: 1871, Innenhof


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4. Vorlesung:

„Wir brauchen einen neuen Stil!“


Der Jugendstil in Europa

Jugendstil: romantische, individualistische und antihistoristische Bewegung in Europa zwischen 1890


und 1910; Modern Style in GB, Art Nouveau in Frankreich, Stile Liberty in Italien, Modernisme in Spa-
nien, Sezessionsstil in Österreich (Gruppe Sezession um Klimt, Olbrich und Hoffmann) und Jugendstil
hierzulande (Zeitschrift Jugend München 1896).

Aufbruchstimmung Ende des 19. Jh. und Wunsch nach Veränderung, lebensreformerische Bewegungen:
Theosophen, FKK-Propheten, Licht- und Luftanbeter, Ernährungsreformer, Wandervögel etc. Neben viel
rührender Naivität gemeinsamer Wunsch nach Befreiung von Zwängen des wilhelminischen Zeitalters:
Reformkleidung, vegetarische Ernährung, lichtdurchflutete Kindergärten, Ausdruckstanz, und statt der
Stillosigkeit des 19. Jh.s ein neuer, historisch nicht gebundener Gebrauchsstil; Gesamtkunstwerk.

Glasgow, Kunstschule: 1898, Charles Rennie Mackintosh

Ingram Tea Room: 1900–1911, Charles Rennie Mackintosh

Brüssel, Maison Ciamberlani: 1897/98, Paul Hankar

Entwurf Straßenansicht: ~ 1900, Paul Hankar

Haus Tassel: 1892/93, Victor Horta

Haus Horta: 1898, Victor Horta

Maison de Peuple: 1897, Victor Horta

Paris, Metro: 1900, Hector Guimard, betont neue Gestaltung für das
neue Verkehrsmittel für Weltausstellung

Weimar, Kunstschule: 1904–11, Henri van de Velde, strengere Vari-


ante des Jugendstils mit Hang zur Monumentalität, funktional
die Ausrichtung der Ateliers nach Norden

Wien, Sezessionsgebäude: Joseph Maria Olbrich

Haus linke Wienzeile 40: 1898/99, Otto Wagner, „Majolika-


haus“, dekorative, auf die Fassade applizierte Elemente ohne
Verbindung mit der Architektur
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Postsparkasse: 1902–12, Otto Wagner, moderne Gestaltung,


zeigen und ästhetisieren er konstruktiven Details

Sezessionsgebäude: 1897/98, Joseph Maria Olbrich

Darmstadt, Mathildenhöhe: Kunstausstellung 1901, Versuch der


Verbindung von Industrialisierung und handwerklicher Gestal-
tung, Planung Joseph Maria Olbrich, Mitarbeiter von Otto
Wagner in Wien, „erziehende“ Bauten für bessere Menschen,
Hochzeitsturm erst 1908/09

Haus Behrens: 1901, Peter Behrens, Mitarbeit bei Olbrich,


einziger Bau, der nicht von Olbrich stammte, im Büro Behrens
u. a. Mies van der Rohe, LC

Düsseldorf, Warenhaus Tietz: Joseph Maria Olbrich, monumentaler,


neoklassizistischer Bau mit reduzierter Fassade

Hagen, Krematorium: 1906/07, Peter Behrens, Vorbild S. Miniato al


Monte in Florenz

München, Atelier Elvira: 1896/97, August Endell, starke Betonung


des flächigen Dekors, zerstört

Barcelona, Sagrada Familia: seit 1883, Antonio Gaudí, sog. „katala-


nische Gotik“, fließende Linien, z. T. zoomorph, starke Beto-
nung des Handwerks, Stützenformen und Anlage aus statischen
Erfordernissen abgeleitet und am Modell erarbeitet

Casa Batlló: 1904–06, Antonio Gaudí


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5. Vorlesung:

Delirious Chicago
Die Entstehung der modernen Architektur

Günstige Lage Chicagos am Lake Michigan, Eisenbahnknotenpunkt, Kanal vom Lake Michigan zum
Mississippi; Stadtbrand 1871, weitgehende Zerstörung der Stadt und sofortiger Wiederaufbau; seltener
Fall der Entstehung eines neuen Bautypus mit allen rahmenden Bedingungen an einem Ort

Grundlegendes Entwurfsproblem: Komplexe Grundrisse im grid, Grundstücksgrenze = Baugrenze, im-


mer gleiche Container höchst verschiedenen Inhalts

Chicago, Auditorium Building: 1887–89, Adler and Sullivan

Chicago, City Hall: 1911, Holabird and Roche

Chicago, Public Library: 1891–97, Shepley, Rutan and Coolidge

Chicago, Lloyd and Jones Building: ~ 1860, gußeiserne Fassade

Cincinnati, Shillito’s Departement Store: 1877/78, unverkleidete


gußeiserne Tragkonstruktion

Chicago, Fair Store: 1890–91, Jenny, ummantelte Stütze als Brand-


schutz, gestapelte Ordnungen

Chicago, Home Insurance Building: 1884, Jenny, eiserne Stütze mit


nichttragendem (!) Mauerwerk ummantelt, höhere Feuersicher-
heit; 1931 abgebrochen

Feuersicheres Bauen ist neben der automatischen Fallbremse von Elisha Graves Otis (öffentliche Vorfüh-
rung New York 1853) wichtigste Erfindung zum Hochhausbau (New York, Elevatorbuilding, 1856)

Chicago, Rookery: 1885–87, Burnham and Root, gestapelte Ordnung

Chicago Fisher Building, und Marshall-Field Warehouse: Histori-


sierende Bauten, Fisher Building mit neogotischer Fassade,
1896, Burnham and Co., Marshall-Field Warehouse mit neoro-
manischer Fassade, 1885–87, Richardson

Chicago, First Leiter Building: 1879, Jenny, Fassadensystem be-


stimmt durch konstruktive Struktur
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St. Louis, Wainwright Building: 1890/91, Adler and Sullivan, Glie-


derung durch Pilaster, enger Rhythmus verunklärt das konstruk-
tive Raster, schafft aber den Eindruck von Höhe (!), kräftiges
Gesims fängt den Schwung auf, Dekoration ohne stilistische
Bindung

Chicago, Brooks Buidling, und McClourg Building: Brooks Buid-


ling, 1909/10, Holabird and Roche, und McClourg Building,
1899, Rückkehr zum horizontalen Fenster und zum Fassadensy-
stem des First Leiter Building

Chicago, 2nd Leiter Building: 1889–1891, Jenny

Chicago, Schlesinger and Mayer Store: 1899–1904, Sullivan

Wettbewerb Chicago Tribune 1922, nicht realisiert, aber als einer


der ersten weltweit ausgeschriebenen und ausführlich publizier-
ten Wettbewerbe viel diskutiert und wichtig für Architekturge-
schichte

Oak Park, Fricke House: 1901, Frank Lloyd Wright, im Unterschied


zum verdichteten Büro- und Wohnungsbau in der Stadt das ei-
gene Haus auf eigenem Grundstück (Pioniertraum!), freie
Grundrisse um einen zentralen Punkt (Kamin), Bezug zur Um-
gebung durch Terrassen

Chicago, Oak Park, Fricke House: 1901, Frank Lloyd Wright

Chicago, Robie House: 1906–09, Frank Lloyd Wright

Chicago, Riverside, Coonley House: 1907–08, Frank Lloyd Wright

Hendrik Petrus Berlage, 1911 Amerikareise und Bekanntschaft/Einfluß von Hobson Richardson und
Frank Lloyd Wright, publiziert 1911 erstmals dessen Architektur in Europa, dort sofort Einfluß:

Huis ter Heide/Utrecht, Haus Henny: 1915–19, Robert van’t Hoff


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6. Vorlesung:

An der Schwelle zu einer neuen Zeit


Die Väter der Moderne

Otto Wagner (1841–1918)

Hendrik Petrus Berlage (1856–1934)

Henry van de Velde (1863–1957)

Peter Behrens (1868–1940)

Joseph Hoffmann (1870–1956)

Adolf Loos (1870–1933)

Auguste Perret (1874–1954)

Wien, Depeschenbüro „Die Zeit“: 1902, Otto Wagner, erstmals das


neue Material Aluminium als Fassade, Materialehrlichkeit

Wien, Postsparkasse: 1902–12, Otto Wagner, einfache, sachliche


und nüchterne Form, Materialehrlichkeit (vgl. Depeschenbüro)

Wien, Haus Wagner: 1912–13, Otto Wagner, klare Kubatur, Kanten


farbig abgesetzt, dadurch Betonung des Kubus, weit vorkragen-
des Dach, flächige Auffassung der Wand, weitgehender Ver-
zicht auf Dekoration

Amsterdam, Feuerversicherungsgebäude: 1895, Hendrik Petrus


Berlage, abstrahierende Rezeption der Romanik, große, ge-
schlossene Wandflächen, halbrunde Bogen; einfache Architek-
tursprache, asymmetrische Komposition, vgl. …

Amsterdam, Börse: 1897–1903, Hendrik Petrus Berlage, Streben


nach „ehrlichem Bewußtmachen der Probleme der Baukunst“,
nach handwerklicher Materialverwendung und ehrlicher Kon-
struktion, keine verputzten Wände, nur Backstein und Werk-
stein für besondere Bauteile, abstrahierende Rezeption der Ro-
manik, große, geschlossene Wandflächen, halbrunde Bogen,
einfache Architektursprache, asymmetrische Komposition
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Chemnitz, Tennisclub: 1906–08, Henry van de Velde, äußere, oben


offen auslaufende Pfeiler betonen die konstruktive Struktur,
Aufbauten betonen nochmals die Vertikale

Saarbrücken, Haus Obenauer: 1905/06, Peter Behrens, großer


Schritt vom Haus Behrens in DA 1901, Entwurf durch Volu-
men bestimmt, die ineinander geschoben werden, plastischer
Ausdruck, minimale, auf die Fläche bezogene Ornamentik

Berlin, AEG Turbinenhalle: 1909, Peter Behrens, monumentale


Wirkung, Glasfront trägt scheinbar den polygonalen Giebel,
Seitenwände wie ägyptische Pylone geformt und oben zurück-
weichend, Seitenfassade als Abbild der tragenden Struktur

Purkersdorf (Österreich), Sanatorium: 1904, Joseph Hoffmann,


schmuckloser, auf die Mauerfläche reduzierte Fassade

Brüssel, Palais Stoclet: 1905–1911, Joseph Hoffmann, aus einzelnen


Volumen aufgebaute Komposition, Kantenbetonung, Ornamen-
tik der Bauaufgabe geschuldet

Wien, Haus am Michaelerplatz: 1909–11, Adolf Loos, wichtiger


Aufsatz „Ornament und Verbrechen“ (1908)

Wien, Kärnterbar: 1907, Adolf Loos

Wien, Haus Steiner: 1910, Adolf Loos, nach Bauordnung nur einge-
schossige Fassade zur Straße zzgl. Dach, zum Garten wg.
Hanglage dreigeschossig, uneinheitlicher Baukörper

Wien, Haus Rufer: 1922, Adolf Loos, früher Raumplan

Paris, Haus Tristan Tzara: 1926/27, Adolf Loos, Raumplan

Noisiel-sur-Marne, Schokoladenfabrik Menier: 1871–73

Paris, Redaktionsgebäude: 1903–05, Georges Chédanne, Gliederung


durch offen sichtbares Eisengerüst, 6geschossig, im 5. Geschoß
drei kräftige Erker (Rue Réamur, II°)

Paris, Appartementhaus: 1902, Auguste Perret, tragende Beton-


struktur erkennbar und strukturell umgesetzt, aber mit Fliesen
verkleidet, Wände in Ornamentflächen aufgelöst
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Paris, Garage: 1905/06, Auguste Perret, reiner Ausdruck der Kon-


struktion bei sicherem Gespür für die gestalterische Kraft des
Beton

Literatur
Oechslin, Werner: Stilhülse und Kern. Otto Wagner, Adolf Loos und der evolutionäre Weg zur modernen Architektur. Zürich,
Berlin 1994
Piper, Ernst/Schoeps, Julius H. (Hrsg.): Bauen und Zeitgeist. Ein Längsschnitt durch das 19. und 20. Jahrhundert. Basel, Boston,
Berlin 1998
Posener, Julius: Anfänge des Funktionalismus. Von Arts and Crafts zum Deutschen Werkbund (Bauwelt Fundamente 11). Ber-
lin, Frankfurt am Main, Wien 1964
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7. Vorlesung:

Die Vielfalt der Moderne I


Industriebau und Expressionismus

Experiment Industriebau
Alfeld/Leine, Faguswerke: 1911–1914, Walter Gropius/Adolf Mey-
er, verglaste Ecke mit dünnen Profilen, moderne Anmutung
auch in der legendären, aus den Primärformen Kreis und Qua-
drat aufgebaute Türklinke, Tür aber ornamentiert und Ein-
gangshalle klassizistische Gestaltung, Ambivalenz der Moderne
zwischen Reform und Tradition.

1907 Gründung Deutscher Werkbund, Vereinigung von Architekten, Künstlern, Industriellen, Pädagogen
und Publizisten mit dem Ziel der Entwicklung der „guten Form“ unter industriellen Produktionsbedin-
gungen; Gedankengut des Arts and Crafts Movement, aber Befürwortung der Maschine als modernes
Werkzeug im Unterschied zum englischen „Maschinensturm“.

Köln, Werkbundausstellung 1914, Musterfabrik: Walter Gropi-


us/Adolf Meyer, Gesamtkonzeption mit axialem Zugang und
symmetrischem Aufbau noch klassizistisch, Einzelformen, vor
allem die gläsernen Eckrisalite mit den Treppen, revolutionär

Köln, Werkbundausstellung 1914, Glaspavillon: Bruno Taut, als


Ausstellungsarchitektur konzipierte Demonstration des Baustof-
fes Glas und seiner architektonischen Möglichkeiten, expressive
Form lebt nach dem 1. WK kurzzeitig wieder auf.

Expressionismus
Phase nahezu aller wichtigen Architekten des frühen 20. Jahrhunderts, Expressionismus seinerseits ist
Rückgriff auf um 1900 entstandenes Gedankengut (Jugendstil), wichtig: Kein einheitlicher Stil, eher
Sammelbegriff!

Nach dem 1. Weltkrieg Auftragsmangel wegen hoher Inflation und raschem Preisanstieg, Rückzug aufs
Papier, theoretische Auseinandersetzung mit Architektur für die neuentstehende demokratisch verfasste
Gesellschaft, Außenwirkung durch Ausstellungen und theoretische Schriften, verschiedene Gruppierun-
gen: Gläserne Kette, Arbeitsrat für Kunst, Novembergruppe, alle 1919/20 mit teilweise identischen Per-
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sonen, mit Besserung der Auftragslage Auflösung der Gruppierungen, Suche nach eine neuen Architek-
tursprache: Expressionismus, die Sinne ansprechende Architektur als Ausdruck der Nervosität und Unsi-
cherheit einer Zeit, der mit dem Ende des Kaiserreiches die innere Ordnung abhanden gekommen war.

Visionäre Entwürfe: Hans Luckhardt, „Kristall“ (1920), Hermann


Finsterlin, biomorphe Formen, und Erich Mendelsohn, winzige
Skizzen zu neuen Bauaufgaben (Fabriken, Bahnhöfe, Flughä-
fen), Bewegung als Motiv der Architektur, dynamische, aus-
drucksstarke Formen

Potsdam, Einsteinturm: 1920–24, Erich Mendelsohn, Planung als


Stahlbetonbau, Schalung problematisch und kostenintensiv, da-
her Realisierung als Backsteinbau, der nachträglich mit Beton
plastisch überformt wurde

Stuttgart und Chemnitz, Kaufhäuser Schocken: 1926–28 und


1928, Erich Mendelsohn, Realisierung der dynamischen For-
men mit den konstruktiven Möglichkeiten des Stahlbetons, we-
niger expressiv, aber disziplinierter und nach wie vor kraftvolle
Bauten

Frankfurt am Main, Farbwerke Höchst: 1920–24, Peter Behrens,


Gestaltung der zentralen Halle in handwerklicher Tradition
(Backstein) und expressiver Farbigkeit (Bauherr!)

Hamburg, Chilehaus: 1922/23, Fritz Höger, Kontor- und Verwal-


tungsbau , mit scharfer, nach O gerichteter Spitze; sog. „Back-
steinexpressionismus“, handwerklich orientierte Bauten aus
heimischem Material

Amsterdam, Wohnanlage Het Sheep: 1913–19, Michel de Klerk,


sog. „Amsterdamer Schule“, faszinierende, z. T. ausgesprochen
exzentrische bühnenartige Architektur ohne Rücksicht auf funk-
tionale oder konstruktive Bedingungen, Testen der konstrukti-
venn Grenzen des Materials Backstein

Dornach (Schweiz), 2. Goetheanum: 1928, Rudolf Steiner, anthro-


posophische Lehre: Lebensauffassung und Bildungskonzept, in
der Architektur Ablehnung des rechten Winkels und Bevorzu-
gung der geschwungenen, gebrochenen Linie, bewußte Farb-
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auswahl unterstützt Raumfunktionen (Farbenlehre Goethes),


Walldorf Schulen, eurhythmischer Tanz = Ausdruckstanz

bei Lübeck, Gut Garkau: 1924/25, Hugo Häring, organischer, funk-


tionaler Grundriß für einen Zuchtbullen und ca. 40 Kühe führt
zur Birnenform

Literatur
Lampugnani, Vittorio Magnago/Schneider, Romana (Hrsg.): Moderne Architektur in Deutschland 1900 bis 1950. Expressionis-
mus und neue Sachlichkeit (Kat. Frankfurt 1994). Stuttgart 1994
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8. Vorlesung:

Die Vielfalt der Moderne II


Die Avantgarde, Teil 1

Piet(er) Mondrian (1872–1944)

Gerrit Rietveld (1888–1963)

Johannes Jakobus Pieter Oud (1890–1963)

Hannes Meyer (1889–1954)

Ludwig Mies (van der Rohe) (1886–1969)

Le Corbusier (= Charles-Edouard Jeanneret) (1887–1965)

Wassili Luckhardt (1889–1972)

Hans Luckhardt (1890–1954)

Hans Scharoun (1893–1972)

De Stijl
1917–32, vom Kubismus beeinflußte Künstlervereinigung, Einflüsse auch von Berlage und Frank Lloyd
Wright; ethische Prinzipien wie Wahrheit, Objektivität, Ordnung, Klarheit und Einfachheit, antitraditio-
nell, antiindividuell und interessiert an den sozialen und gesellschaftlichen Verhältnissen seiner Zeit.

Raum wird aufgelöst und neu definiert aus Punkt, Linie und Fläche, rechtwinkelige Durchdringungen und
Verdichtungen des Raums, drei Primärfarben rot, blau und gelb, dazu die drei primäre Nichtfarben weiß,
schwarz und grau; Raum entsteht durch Verdichtung dieser Elemente.

Purmerend, Fabrikentwurf: 1919, Jakobus Johannes Pieter Oud, Ideen von Doesburg und Wright

Rotterdam, Cafe de Unie: 1925, J. J. P. Oud, zerst. 1940

Utrecht, Haus Schröder: 1924, Gerrit Rietveld


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Staatliches Bauhaus Weimar


Gründung 1919 aus der Vereinigung der Großherzoglich Sächsischen Hochschule für bildende Kunst und
der Großherzoglich Sächsischen Kunstgewerbeschule (Direktor bis 1914: Henry van der Velde) und Neu-
angliederung einer Abteilung für Baukunst.

Einflüsse zunächst durch Arts and Crafts Movement, später durch De Stijl und den russischen Konstruk-
tivisten: Wende von expressionistischer Romantik und Schwärmerei zur aktiven Teilnahme an den Pro-
blemen der Gegenwart und den Problemen der Industriegesellschaft; Lebensdauer des Bauhauses (1919–
1933) identisch mit der Weimarer Republik, mit deren Schicksal es auf Gedeih und Verderb verknüpft ist.

„Das Bauhaus erstrebt die Sammlung alles künstlerischen Schaffens zur Einheit, die Wiedervereinigung
aller werkkünstlerischen Disziplinen – Bildhauerei, Malerei, Kunstgewerbe und Architektur – zu einer
neuen Baukunst.“ (Bauhaus-Manifest 1919)

Berlin, Haus Sommerfeld: 1920/21, Walter Gropius/Adolf Meyer

Weimar, Bauhaus, Direktorenzimmer: 1923, Walter Gropius/Adolf


Meyer

1924 Selbstauflösung wg. NSDAP-Mehrheit in Thüringen, Otto Bartning übernimmt mit der Hochschule
für Handwerk und Baukunst das Erbe des Weimarer Bauhauses, 1925/26 Umzug nach Dessau.

Dessau, Bauhaus: 1925/26, Walter Gropius/Adolf Meyer, program-


matischer Neubau: frei disponierte Anlage, zweigeschossige
Brücke über der Straße und Curtain-Wall am Atelierbau = De-
monstration der Avantgarde, rationale Gestaltung

Dessau, Meisterhäuser: 1925/26, Walter Gropius/Adolf Meyer

Dessau-Törten, Siedlung: 1926–1928, Walter Gropius/Adolf Meyer

Betonung von Zweckmäßigkeit, Ökonomie, primäre stereometrische Formen und maschinelle Produkti-
on, 1927 Einrichtung einer eigenen Architekturabteilung unter Hannes Meyer, 1928 Rücktritt Gropius,
Nachfolger wird Hannes Meyer, Betonung des sozialen Aspekts der Arbeit, „Volksbedarf statt Luxusbe-
darf“ und Förderung der Produktion preiswerter, auch für Arbeiter erschwinglicher Produkte, interne
Konflikte mit den Künstlern und externe mit der stärker werdenden NSDAP, 1930 Entlassung Meyers,
mit dem Nachfolger Ludwig Mies van der Rohe erhält das Bauhaus einen auf höchste Qualität und ein
unerbittliches Arbeitsethos eingeschworenen Direktor, die Arbeit konzentriert sich auf Bau und Ausbau.

1932 Schließung des Bauhauses in Dessau, letzte Phase in einer stillgelegten Telefonfabrik in Berlin-
Steglitz, am 20. Juli 1933 endgültige Schließung.
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Skript Geschichte der Architektur und Kunst III Seite 20 von 38

Insgesamt nur etwa 1.250 Schüler, aber eine umgekehrt dazu stehende weltweite Wirkung, die nicht zu-
letzt auf die erzwungene Emigration der Bauhäusler zurückzuführen ist, die dessen Ideen in alle Welt ge-
tragen haben (Israel!), Gropius und Breuer gingen nach Harvard, Moholy-Nagy an das New Bauhaus in
Chicago, Mies und Hilbersheimer ans Armour Institute, heute Illinois Institute in Chicago, wichtig für
Rezeption und Legendenbildung war auch die Ausstellung 1938/39 im Museum of Modern Art in New
York; in den sechziger Jahren zog das Bauhaus einen Teil der Kritik am Funktionalismus auf sich.

Stuttgart-Weißenhof, Werkbundsiedlung „Die Wohnung“: 1927,


Planung von Ludwig Mies van der Rohe, Beteiligung von LC,
Gropius, Mart Stam, Hans Scharoun etc.

Krefeld, Haus Lange: 1928, Ludwig Mies van der Rohe, Fabrikan-
tenvilla, breit gelagerter, kubischer Baukörper, klar disponierte
Fassade, roter Backstein, weiß gestrichener Beton und schwar-
zes Metall, innerer GRR eher konventionell, aber Türen und
Fenster aufeinander bezogen, so daß sich lange Sichtachsen
(und damit die Illusion kontinuierlicher Räume!) ergeben

Brünn (Tschechien), Haus Tugendhat: 1928, Ludwig Mies van der


Rohe, Fabrikantenvilla auf abfallendem Grundstück, zur Straße
ein-, zum Garten zweigeschossig, fließende Räume und sorg-
sam abgestimmte Details

Barcelona, Deutscher Pavillon: Weltausstellung 1929, Ludwig Mies


van der Rohe, Einflüsse von De Stijl, einfachste Elemente, flie-
ßender, aber bestimmter Grundriß, Travertinsockel mit ver-
chromten Stahlstützen, rechtwinkelige, aber asymmetrische
Ordnung des Raumes, bis auf Skulptur von Kolbe und einige
eigens für den Pavillon entworfene Möbel keine Exponate!

Berlin, Villa Kluge („Am Rupenhorn“): 1928, Hans und Wassili


Luckardt mit Adolf Anker, Stahlskelettkonstruktion, weit vor-
schwingende Terrasse, klarer, kubischer Bau

Stuttgart-Weißenhof, Haus Scharoun: 1927, Hans Scharoun, Ver-


treter des organischen Bauens, bewegte, von der Rechtwinke-
ligkeit gelöste Grundrisse und damit eine Alternative zum Ra-
tionalismus, Ausdruck des Wesentlichen einer Bauaufgabe
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durch typische Raumbildung, individueller Stil, allem Seriellen


und Typischen abgeneigt

Breslau (Polen), Ledigenwohnheim: 1929, Hans Scharoun

Löbau, Haus Schminke: 1933, Hans Scharoun, Fabrikantenvilla,


Dampfermotiv, fallreepartige Treppen, Orientierung O-W, Or-
ganisation wg. im S gelegener Fabrik nach N

Rotterdam, Fabrik Van Nelle: 1926–30, Johannes Andreas Brink-


mann mit Mart Stam, Eisenkonstruktion mit vorgehängter Glas-
fassade, Glaskanzel mit Restaurant; „Bergpolder“ 1933/34

1931 Ausstellung „The International Style“ in New York, Kuratoren Henry-Russel Hitchcock und Philipp
Johnson (Mies-Schüler!), „Der Stilbegriff … hat wieder Realität und Fruchtbarkeit erlangt … Der Stil un-
serer Zeit, weltweit verbreitet, ist einheitlich und umfassend, nicht fragmentarisch und widersprüchlich
wie so manches Werk der ersten Generation moderner Architekten“, Widerspruch von Gropius, das Bau-
haus wollte nie „irgendein Stil, ein System, ein Dogma, eine Formel oder eine Mode zu propagieren, son-
dern einzig und allein einen belebenden Einfluß auf die Planung auszuüben.“ Dennoch Definition von …

Kriterien des Internationalen Stils


1. Architektur ist umschlossener Raum (Abkehr von der Mauer, freier Grundriß, Trennung von Konstruk-
tion und Raumhülle)

2. Bemühung um modulare Regelmäßigkeit (Standardisierung, industrielles Bauen)

3. Vermeidung aufgesetzter Dekorationen

Literatur
Behne, Adolf: Der moderne Zweckbau (Bauwelt Fundamente 10). Berlin, Frankfurt 1964
Lampugnani, Vittorio Magnago/Schneider, Romana (Hrsg.): Moderne Architektur in Deutschland 1900 bis 1950. Reform und
Tradition (Kat. Frankfurt 1992). Stuttgart 1992
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9. Vorlesung:

Die Vielfalt der Moderne II


Die Avantgarde, Teil 2

Le Corbusier: Ausbildung als Ziseleur, als Architekt weitgehend Autodidakt, Studienreisen nach Italien,
Griechenland und die Türkei, Begegnungen mit Joseph Hoffmann (Wien) und Henri Sauvage (Paris),
Mitarbeit bei Auguste Perret (Paris) und Peter Behrens (Berlin), Treffen mit den führenden Köpfen der
deutschen Reformbewegung (Muthesius, Tessenow), Einflüsse von Frank Lloyd Wright; Interesse an
neuen Materialien und maschinellen Produktionsweisen (Bausystem Dom-Ino 1914/15), seit 1920 inten-
sive publizistische Tätigkeit, eigene Zeitschrift L’Esprit Nouveau 1920–25, Serie von Aufsätzen, Zusam-
menfassung 1923 als Vers une architecture (Ausblick auf eine Architektur).

Systematische Untersuchungen zur Formfindung: Rationalismus; Umsetzung in kleineren, meist privaten


Villen, glatte, weiße Flächen, ornamentlos, architektonische Wirkung durch Proportionen und Ausnut-
zung der gestalterischen Möglichkeiten des Stahlbetons (aufgelöste Ecke, horizontale Fensterbänder);
1925 dann die Vier Kompositionen: 1. malerisch-bewegt, 2. reiner Kubus (Garches, Villa Stein), 3. Bau-
system Domino, 4. Prisma auf pilotis (Poissy, Villa Savoye)

Le Corbusier, Bausystem Dom-Ino 1914/15

Garches (Frankreich), Villa Stein: 1927, Le Corbusier

Poissy/Paris, Villa Savoye: Le Corbusier

Paris, Pavillon de l’Esprit Nouveau: 1925, Le Corbusier

Auf dem Weg zur Metropole


Die Entstehung der modernen Großstadt

Le Corbusier, Ville Contemporaine 1922

Hendricus Theodorus Wijdeveld, Amsterdam, Projekt Hochhäuser


im Park 1919

Hendricus Theodorus Wijdeveld: Gründer der Zeitschrifte Wendingen, 1920 Reise nach Paris und Treffen
mit Amédée Ozenfant, einer der ersten Bauherren LC’s

Ludwig Hilbersheimer, Projekt Hochhausstadt 1924


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Ludwig Hilbersheimer, Projekt Berlin Friedrichstadt ~ 1928

Wien, Karl-Marx-Hof: 1926–1930, Karl Ehn, größter der Wiener


Höfe, 1 km Länge, 1382 Wohnungen, zentraler „Ehrenhof“ mit
seitlichen „Funktionshöfen“, zweischichtiger Fassadenaufbau
(Erker, Balkone, Loggien), Torbogen für städtebaulichen Ein-
bindung

Wien, Winarsky- und Otto-Haas-Hof: 1928–1932, Peter Behrens,


Josef Hoffmann und Margarete Schütte-Lihotzky

Frankfurt am Main, Siedlung Praunheim: 1926-29, 1441 Einheiten


erbaut in drei Bauabschnitten, zunächst dreistöckige EFRH,
dann 2-Zi Whg. 41,5 qm und erstmals Laubengangerschlie-
ßung! Etwa 50% in konventioneller Ziegelbauweise, der Rest
aus vorfabrizierten Elementen

Frankfurt am Main, Siedlung Bruchfeldstraße: 1926/27, 654 Ein-


heiten, Ziegelbauweise mit Holzdecken, vorgefertigte, begehba-
re Stahlbetondächer, wg. der Form „Zick-Zack-Hausen“, einzi-
ge Siedlung mit monumentalem Gemeinschaftshaus im Innen-
hof, darin Kindergarten, lokales Gesundheitsbüro und Leseraum
für die Bewohner, Ausrichtung der Wohnungen auf den Innen-
hof = Aufwertung des Gemeinschaftslebens

Frankfurt am Main, Siedlung Römerstadt: 1927/28, mit Praun-


heim, Westhausen und Höhenblick Teil der unvollendeten Tra-
bantenstadt Niddatal, 1182 Einheiten in Ziegelbauweise mit
Holzdächern, Planung von Läden und Geschäften des täglichen
Bedarfs sowie Schulen, Sport- und Grünanlagen, sorgfältige
Anpassung an zur Nidda abfallendes Terrain, die von jedem
oberen Geschoß aus gesehen werden kann, originale Farbigkeit
verloren sowie viele Details der Einrichtung

Frankfurt am Main, Siedlung Westhausen: 1929-31, 1116 Einhei-


ten in zwei Bauabschnitten, Hälfte Ziegelbauweise, Hälfte vor-
fabrizierte Elemente, letzte Siedlung, aus Kostengründen stren-
gere Anordnung, weniger öffentliche Freiflächen, erstmals
Trennung von Straße und Hausreihe, System von Fußwegen
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Rotterdam, Siedlung Kiefhoek: Jakobus Johannes Pieter Oud, 1918-


1933 Stadtarchitekt von Rotterdam, Kiefhoek für kinderreiche
Familien, geringster finanzieller Aufwand von 2.400 Gulden
pro Haus, zweistöckige Reihenhäuser mit Küche, Wohnzimmer,
WC im EG, drei Schlafzimmer im OG auf insgesamt 40 qm,
Duschen und Wannenbäder im Gemeinschaftshaus, formaler
Gag: Fenster im OG bilden durchlaufendes Band und verschlei-
ern so die Hausbreite von nur 4,10 m

Die Vielfalt der Moderne III


Das Prinzip Konstruktion

Ludwig Hilbersheimer (1885–1967)

Antonio Sant’Elia (1888–1916)

Ilja Golossow (1883–1945)

Wladimir Tatlin (1885–1953)

Konstantin Melnikow (1890–1974)

El Lissitzky (1890–1941)

Richard Buckminster Fuller (1895–1983)

Jean Prouvé (1901–1985)

Futurismus
Futuristisches Manifest 1909; radikale, nationalistische Kunstbewegung, Bruch mit der Vergangenheit,
Krieg sei die „einzige Hygiene der Welt“, „ein Rennwagen ist schöner als die Nike von Samothrake“,
Verehrung der Maschine, Stadt = lärmender Abgrund und permanente Baustelle

Antonio Sant’Elia, Città Nuova Ausstellung 1914, visionäre Archi-


tektur, Schräge als Ausdruck der neuen, dynamischen Welt,
Bewegung ohne Folgen, nur in Rußland (Revolution 1918)
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Konstruktivismus
Übernahme und Weiterentwicklung der Dynamik und Wucht des Futurismus für Revolutionsarchitektur,
Schräge als Symbol der modernen, dynamischen und sozialistischen Gesellschaft

Wladimir Tatlin, Monument der 3. Internationalen 1920, Stahlkon-


struktion von 300 m Höhe, gläserne, entsprechend ihrer politi-
schen Bedeutung rotierende Versammlungsräume; politische
Plastik und Ausdruck des modernen Rußlands

El Lissitzky, Moskau, Projekt Wolkenbügel 1924/25

Moskau, Rusakow Arbeiterklub: 1928, Konstantin Melnikow

Moskau, Sujew-Club: 1927, Ilja Golossow

Bauen mit Beton und Glas


Breslau (Polen), Jahrhunderthalle: 1910–1913, Max Berg 65 m
lichte Weite auf vier Bogen, daran vier Apsiden, abtrennbar für
kleinere Veranstaltungen, 32 konzentrische Rippen schließen
sich zur Kuppel, Fenster auf konzentrischen Ringen, Ansicht
„wie aus der Schalung“, also Sichtbeton, der den beton brut
(roher Beton) der fünfziger Jahre vorwegnimmt

Turin, FIAT Lingotto: 1914–1926, Giacomo Matteo-Trucco, 500 m


Länge, Anlieferung des Materials ebenerdig vom Gleisanschluß
im W, Fertigung etagenweise nach oben, Test der fertigen Wa-
gen auf der 1 km langen Teststrecke auf dem Dach

Paris, Atelier Esders: 1919, Auguste Perret, Aufgabe, die Schneider


mit möglichst viel Licht zu versorgen, führte zu einem Glas-
dach, das auf großen Betonbogen ruht

Le Raincy/Paris, Notre Dame: 1922/23: Auguste Perret, räumliche


Ausdruckskraft einer aus Fertigbetonteilen erstellten Kirche,
Wände aus farbigem Glas, gotischer Raumeindruck, nahezu
immateriell

Los Angeles, Haus Lovell: 1927-29, Richard Neutra, Stahlkonstruk-


tion, Geschoßdecken an Stahlkabeln aufgehängt, fließende
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Grundrisse, dünne, fast gewichtslose Formen, rationalistische


Formensprache

Paris, Maison Verre: 1928–32, Pierre Chareau, konsequent moderner


Bau aus Stahl und Glas, gleichzeitig konstruktiv und poetisch,
aus der beengten Grundstückssituation abgeleitet; , Lob für die-
se „Wohnmaschine“ von Le Corbusier

Hans und Bodo Rasch (geb. 1902 bzw. 1903): grundsätzliche Aus-
einandersetzung mit konstruktiven Problemen, die Hängehoch-
häuser von 1927/28 wohl die ersten dieser Konstruktionsart,
zwölfgeschossige Hochhäuser sind an hohen Stahlmasten auf-
gehängt, die Masten angespannt, Montage von oben nach unten,
Verkehrswege zwischen den Rundtürmen

Florenz, Stadion: 1930-32, Pier Luigi Nervi, Gestaltung als Ablei-


tung aus konstruktiven Erfordernissen und daher rational,
künstlerische und technische Konzeption einer Form sind iden-
tisch, offen gezeigte Konstruktionselemente

Köln, Stahlkirche: 1932, Otto Bartning, nach expressionistischem


Beginn ab den zwanziger Jahren rationale Bauten, konsequente
Verwendung moderner Materialien, Überlegungen zum rationa-
leren Baubetrieb und zur Demontierbarkeit seiner Bauten

Richard Buckminster Fuller: Auseinandersetzung mit industriellen


Bauweisen und neuen Materialien, bewegliche, dynamische Ar-
chitekturen, erstes Dymaxion-Haus 1927 als autarkes, von ur-
banen Versorgungsnetzen unabhängiges System mit Wasser-
aufbereitung und nur geringer Zuführung externer Energie,
standardisierte, aufblasbare und ausklappbare Möbel, kein
Raum für Individualität

Jean Prouvé, Pré-Fab-Haus: Kunstschlosser und Eisenbieger, Kon-


strukteur von Metallmöbeln, 1923 eigenes Atelier, ab 1930
Entwicklung von Häusern aus vorfabrizierten Wandelementen
aus industrieller Herstellung, Leitfigur für die Anwendung in-
dustrieller Techniken in der Architektur
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10. Vorlesung:

Die Vielfalt der Moderne IV


Die Traditionalisten

Theodor Fischer (1862–1938)

Fritz Schuhmacher (1869–1947)

Wilhelm Kreis (1873–1955)

Heinrich Tessenow (1876–1950)

Paul Bonatz (1877–1956)

Dominikus Böhm (1880–1955)

Paul Schmitthenner (1884–1972)

Giovanni Muzio (1893–1982)

Ulm, Garnisonskirche: 1906–1910, Theodor Fischer

Reutlingen, Siedlung Gneidersdorf: 1903–1915, Theodor Fischer

Gartenstädte
Ebenezer Howard, Gartenstadtidee: 1898 Publikation von „A peaceful path to social reform“ 2. Aufla-
ge 1902 als „Garden cities of tomorrow“, reformistische Vorstellung einer idealen Siedlung mit max.
32.000 EW, autark und i. W. aus ländlichen Wohngebieten bestehend, ausreichend landwirtschaftliche
Flächen, als Ring um die Siedlung gelegt und so deren Wachstum verhindernd, im Zentrum Einkaufs-
möglichkeiten und kulturelle Einrichtungen, ein weiterer Park und ein „Kristallpalast“, in der Nähe Groß-
stadt mit max. 58.000 EW, Verbindung durch Eisenbahn und Fernstraßen, wichtig: Grund und Boden in
genossenschaftlichem Besitz und dadurch abgesichert gegen Spekulation, 1899 zur Gründung der Garden
City Association, 1907 dann die deutsche Ausgabe „Gartenstädte in Sicht“; Beispiele:

Letchworth/London, Gartenstadt: 1903, Barry Parker und Ray-


mond Unwin

Welwyn/London, Gartenstadt: 1919


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Dresden-Hellerau, Gartenstadt: 1911/12, Richard Riemerschmid,


Vorbild Letchworth, erste Gartenstadt in Deutschland

Berlin, Siedlung Staaken: 1914–17, Paul Schmitthenner, heimatver-


bundene Architektur

Dresden-Hellerau, Festspielhaus: 1910–12, Heinrich Tessenow,


neoklassizistisch inspirierter, extrem vereinfachter Baukörper,
Streben nach Vereinfachung und Reduktion der Formen auf
prismatische Baukörper, glatte, flächige Fassaden, aber Giebel-
dächer, gegliederte, stehende Fenster

Paul Schmitthenner, Das deutsche Wohnhaus

Stuttgart, Siedlung Am Kochenhof: 1933, Gegenmodell zur be-


nachbarten Weißenhofsiedlung, Bauten von Paul Schmitthenner
(Haus 2) und Paul Bonatz (Haus 4)

Stettin, Bismarckhalle: 1912–1914, Wilhelm Kreis, abstrakter Neo-


klassizismus, Mitarbeiter Speers in der Generalbaudirektion

Halle, Prähistorisches Museum: 1912–1914, Wilhelm Kreis

Stuttgart, Bahnhof: 1912-27, Paul Bonatz, funktionales Konzept,


formal reduzierte, ausdrucksstarke Monumentalität, Bahnhof
sensibel auf die städtebauliche Situation eingehend

Hannover, Anzeigerhaus: 1927/28, Fritz Höger, handwerklich orien-


tierte Bauten aus heimischem Backstein

Sölvesborg, Rathaus: 1919–1921, Gunnar Asplund, Vermittler zwi-


schen traditioneller und moderner Architektur

Stockholm, Bibliothek: 1918–1927, Gunnar Asplund, zentraler Saal


für die Ausleihe auf kreisrundem Grundriß, in den umgebenden
Kuben die Lese-, Studier und Büroräume, klassizistisches Kon-
zept, in einfachen, strengen Baukörper gestaltet, monumentaler
Eingang

Hilversum, Rathaus: Willem Marinus Dudok, Mittelstellung, beein-


flußt sowohl von De Stijl wie auch vom Backsteinexpressio-
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Skript Geschichte der Architektur und Kunst III Seite 29 von 38

nismus und Frank Lloyd Wright, starke Gegenüberstellungen


von Horizontalen und Vertikalen, Ausführung als unverputzte
Backsteinbauten, daher massiv, schwer und plastisch wirkend

Düsseldorf, Rheinhalle: 1925/26, Wilhelm Kreis

Frankfurt am Main, IG-Farben Haus: 1928–31, Hans Poelzig, mo-


numentale Sachlichkeit, Stahlskelettbau mit Travertin verklei-
det, gebogener GRR nimmt dem seinerzeit größten Bürohaus
Europas viel von seiner Wucht, geböschte Sockel, Stadtkrone

München-Riem, Flughafen: 1936, Ernst Sagebiel

Neu-Ulm, St. Johann Baptist: 1928, Dominikus Böhm

Mönchengladbach, St. Kamillus: 1928, Dominikus Böhm

Köln-Riehl, St. Engelbert: 1930, Dominikus Böhm

Novecento Milanese
Ideologische Alternative zum Futurismus durch die Pittura Metafisica und den Novecento (= 20. Jahr-
hundert), deren Ruhe und Klassikbezug nicht weniger national war, aber die Vergangenheit als Bezugs-
punkt akzeptierte.

Mailand, Ca’Brütta: 1922, Giovanni Muzio, Gründungsbau des Mai-


länder Novecento, Fortführung der baulichen und der lokalen
Tradition des Landes, voll technisierte Bauten, funktionale
GRRe, klassische Formen, sparsamer Dekor

Mailand, Cassa di Risparmio: 1933, Giovanni Muzio

Mailand, Convento Sant’Angelo: 1939–40, Giovanni Muzio

Literatur
Brülls, Holger: Neue Dome. Berlin, München 1994
Burg, Annegret: Stadtarchitektur Mailand 1920-1940. Die Bewegung des „Novecento Milanese“ um Giovanni Muzio und Giu-
seppe de Finetti. Basel, Berlin, Boston 1992
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11. Vorlesung:

Macht und Monument


Bauen in der Diktatur

Marcello Piacentini (1881–1960)

Giuseppe Terragni (1904–1941)

Albert Speer (1905–1981)

Scuola Romana
Offizielle, für repräsentative Bauten verwendete Architektur durch den „Staatsarchitekten“ Marcello Pia-
centini bestimmt, staatlicher Neoklassizismus trockener, akademischer Prägung, Übernahme klassisch-
antiker Formen, Vorbild: Imperium Romanum, Duce als pater patriae, Drittes Rom nach dem ersten der
Antike und dem zweiten der Päpste, Dekorelemente der faschistischen Symbolik entnommen (Liktoren-
bündel = fasces), dominierende Architekturströmung, da Genehmigungsbehörden und Wettbewerbsgre-
mien fest in faschistischer Hand

Bozen, Siegesdenkmal: 1928, Marcello Piacentini, monumentaler,


staatlicher Neoklassizismus der Scuola Romana, trocken und
akademisch geprägt, offizielle, für repräsentative Bauten ver-
wendete Architektur, Übernahme klassisch-antiker Formen der
römischen Antike, generell Rekurs auf das Imperium Romanum
(Duce als pater patriae, Liktorenbündel als Dekorelemente)

Torviscosa/Venetien, Projekt Silobauten: 1932, Liktorenbündel


(fasces) als gestalterisches Motiv

Rom, Via della Conciliazione: beg. 1937, fertig 1957 (!), bauliche
Manifestation der Lateranverträge von 1929

Rom, Foro Italico: Gesamtplanung seit 1927, Enrico del Debbio,


akademische Bauten von del Debbio (Akademie für Leibeser-
ziehung und Marmorstadion) und rationalistische von Luigi
Moretti (Kaserne 1933–36); für das faschistische Italien charak-
teristische Situation
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Skript Geschichte der Architektur und Kunst III Seite 31 von 38

Rationalismus
Manifest 1926/27, einhellige Akzeptanz des Internationalen Stils wegen dessen formaler Ausprägung (die
dieser aber nicht wollte!) und konstruktiver Neuerungen, Ablehnung von dessen internationaler Kompo-
nente, Suche nach einer modernen, nationalen und eigenständigen Architektur, Verwendung absoluter
Formen, einfachster Elemente in perfekter Ausführung; europäische Moderne plus nationale Ideologie.

Como, Novocomum: 1927/28, Giuseppe Terragni, 1. Bau des Ratio-


nalismus in Italien, traditionelle Grundrisse mit moderner Fas-
sade, zudem Bezug zu Formen und Proportionen der benachbar-
ten Bebauung des 19. Jh.s, keine Nutzung zeitgemäßer Materia-
lien wie in S-Weißenhof (1927!)

Como, Casa del Fascio: 1932–36, Giuseppe Terragni, nach Mussoli-


ni ist der Faschismus „ein Haus aus Glas“, Macht präsentiert
sich transparent, Entscheidungen und ihr Zustandekommen sind
für jedermann sichtbar und damit nachvollziehbar; Vorbild Re-
naissancepalazzo, Schichtigkeit der Fassaden, Ablesbarkeit der
internen Funktionen

Legnano/Lombardei, Institut für Heliotherapie: 1938, BBPR

Florenz, Bahnhof S. Maria Novella: 1933, Gruppo Toscano um Gio-


vanni Michelucci

Rom, Postamt Via Marmorata: 1933–35, Adalberto Libera und Mario de Renzi

Rom, Postamt P.za Bologna: 1933–35, Mario Ridolfi und M. Fagio-


lo

Rom, EUR: Planung seit 1937, Weltausstellung Esposizione Univer-


sale Roma 1942 (= EUR), Beteiligung rationalistischer und
akademischer Architekten, dadurch Annäherung beider Seiten,
Gesamtplanung Piacentini, Großer Bogen Entwurf Adalberto
Libera („Realisierung“ 1963 in St. Louis als Gateway Arch
durch Eero Saarinen nach Wettbewerb 1948)

Rom, EUR Pal. della Civiltà Italiana: Guerrini, La Padula und Ro-
mano, sog. „Colosseo Quadrato“
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Skript Geschichte der Architektur und Kunst III Seite 32 von 38

Nationalsozialistisches Bauen
Nürnberg, Reichsparteitagsgelände: 1934–37, Planung eines gewal-
tigen Aufmarschgeländes in Nürnberg, der „Hauptstadt der Be-
wegung“ und nach Hitler der „deutschesten aller deutschen
Städte“, als Aufbewahrungsort der Reichskleinodien auch my-
stische Dimension

Berlin, Neue Reichskanzlei: 1938/39, Albert Speer, extrem monu-


mentaler Klassizismus, Architektur als Ausdruck von Macht

Berlin: Planungen für Welthauptstadt „Germania“ ab 1936/37, , große


N-S Achse als Gegengewicht zur O-W Achse der Linden, Auf-
marschstraße mit Ministerien und der Kuppelhalle am N Ende
im Spreebogen, ausgeführt nur der Runde Platz (Abriß 1950er
Jahre); Großbelastungskörper für Bauwerk T (Triumphbogen?
Kuppelhalle?) an der Ecke General-Pape-Straße/Dudenstraße
(S-Bahn Yorckstraße, Nähe Kolonnenbrücke)

München, Königsplatz und Parteibauten:

Literatur
Nerdinger, Wilfried: Bauen im Nationalsozialismus. München 1993
Schneider, Romana/Wang, Wilfried (Hrsg.): Moderne Architektur in Deutschland 1900 bis 2000. Macht und Monument (Kat.
Frankfurt 1998). Ostfildern-Ruit 1998
Teut, Anna: Architektur im Dritten Reich 1933-1945. Frankfurt am Main, Wien 1967
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Skript Geschichte der Architektur und Kunst III Seite 33 von 38

12. Vorlesung:

Die aufgeschobene Moderne


Die Fünfziger Jahre

Otto Bartning (1883–1959)

Rudolf Schwarz (1897–1961)

Gottfried Böhm (*1902)

Egon Eiermann (1904–1970)

Eero Saarinen (1910–1961)

Frankfurt am Main, Paulskirche: ausgebrannt 1944, wiederaufge-


baut 1946–48, Rudolf Schwarz, Tagungsort der 1. deutschen
Nationalversammlung 1848 (demokratische Wurzeln)

Düren, St. Anna: 1951–56, Rudolf Schwarz, spätgotische Kirche


1944 zerstört, Steine für Wiederaufbau in neuer, zeitgemäßer
Form verwendet

Mainz, Lutherkirche: 1948/49, Otto Bartning, eine von 48 Notkir-


chen in einfachen und würdigen Formen

Köln-Ehrenfeld, St. Anna: 1956, Gottfried Böhm, moderne Indu-


strieform mit massivem Portal

München, St. Matthäus: 1953–55, geschwungener GRR, Einheit von


Gemeinde und Altar

Leichtigkeit und Transparenz:

Ludwigshafen, Tankstelle: 1952/53

Darmstadt, ARAL Tankstelle: 1952

Düsseldorf, Parkhaus: 1950, Paul Schneider-Essleben


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Skript Geschichte der Architektur und Kunst III Seite 34 von 38

Barock, Schwung und Eleganz:

Köln, Gürzenich: 1949–55, Rudolf Schwarz, Lager- und Kaufhaus


15. Jh., seit 19. Jh. Verwendung als Festsaal, Wiederaufbau
1949–55

Köln, Blau-Gold-Haus: 1952

Neue Konzepte:

Darmstadt, Schule: Entwurf 1951, Hans Scharoun, Darmstädter Ge-


spräche in Anlehnung an Kunstausstellung 1901 als Neuanfang,
Diskussion und „Meisterbauten“

Marseille, Unité d’Habitation: 1945–52, Le Corbusier

Freie Formen:

Ronchamp (Frankreich), Wallfahrtskirche: 1950–55, Le Corbusier

New York City, TWA Terminal: 1956–62, Eero Saarinen

Berlin, Benjamin-Franklin-Halle:

Literatur
Bender, Michael/May, Roland (Hrsg.): Architektur der fünfziger Jahre. Die Darmstädter Meisterbauten (Kat. Darmstadt 1998).
Stuttgart 1998
Hackelsberger, Christoph: Die aufgeschobene Moderne. München 1985
Pehnt, Wolfgang/Stroh, Hilde (Hrsg.): Rudolf Schwarz. Architekt einer anderen Moderne (Kat. Köln u. a. 1997-1999). Stuttgart
1997
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13. und letzte Vorlesung:

Nach der Moderne

Kenzo Tange (*1913)

Kisho Kurokawa (*1934)

Günther Domenig (*1934)

Peter Cook (Archigram) (*1936)

Negative Folgen eines des industrialisierten Bauens und reinen Funktionalismus: Gesichtslose Großsied-
lungen ohne Maßstab und Ortsbezug, Anonymität, soziale Probleme; Kritik am seriellen Bauen und dem
immer gleichen Prinzip von Stapelung und Reihung und damit Diskreditierung einer der wesentlichen
Ideen der Moderne: Man wollte ja schließlich nur gute Architektur durch industrielle Produktionsweisen
billiger und für jedermann verfügbar machen.

New York City, Guggenheim Museum: 1956–59, Frank Lloyd


Wright

Kritik auch an den strengen, autonomen, also selbstbezogenen Bauten der späten Moderne, die jeglichen
Ortsbezug vermissen lassen; Zerfall der Trias aus Funktion, Material und Konstruktion; Kritik und Wei-
terentwicklung der Moderne in mehreren Variationen:

1. Variation: Utopische Architektur


Technikgläubigkeit, serielle Auffassung von Architektur (Pop Art!), rapiden Veränderungen der Gesell-
schaft müssen sich in einer veränderlichen Architektur widerspiegeln (Metabolismus)

Günther Domenig, Graz, Siedlung Ragnitz: 1963, hygiobile Wohn-


kapsel

Kofu (Japan), Pressezentrum: 1964–66, Kenzo Tange

Archigram, Walking City 1964, Ron Herron

Archigram, Capseltower Projekt 1966, Peter Cook

Haus-Rucker-Co, Air Fountain 1971


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Tokio, Nagakin Kapselhochhaus: 1972, Kisho Kurokawa

München- Schwabing, Wohnanlage: 1972–74, Otto Steidle

2. Variation: Postmoderne Architektur


Robert Venturi, Chestnut Hill, House Venturi 1962–64

SITE, Richmond, Kaufhaus Best 1972

Charles Moore, Kresge College 1973/74

SITE, Houston, Kaufhaus Best 1975

New Orleans, Piazza d’Italia: 1977/78, Charles Moore

Stuttgart, Neue Staatsgalerie: 1977–84, James Stirling/Michael Wil-


ford

Portland, Public Service Bldg.: 1980, Michael Graves

3. Variation: Autonome Architektur


Leicester, Ingenieurfakultät: 1959–1963, James Stirling/Michael
Wilford

Berlin, Philharmonie: 1960–63, Hans Scharoun, Organische Archi-


tektur

Frankfurt am Main, Olivetti Hauptverwaltung: 1968–72, Egon


Eiermann, klassische Moderne

Washington D.C., Erweiterung National Gallery: 1978, Ieoh Ming


Pei

Paris, Louvre Eingangsbau: 1983–88, Ieoh Ming Pei

Berlin, Band des Bundes/Bundeskanzleramt: Axel Schul-


tes/Charlotte Frank

4. Variation: Asketische Architektur


La Jotta (USA), Salk Institute: 1959–65, Louis Kahn
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Berlin, Wohnhaus Charlottenburg: Hans Kollhoff/Helga Timmer-


mann

Ashiya (Japan), Haus Matsumoto: 1976–77, Tadao Ando

Ashiya (Japan), Haus Koshino: 1979–81, Tadao Ando

Vals (Schweiz), Thermalbad: 1990–96, Peter Zumthor

München, Sammlung Goetz: 1993, Herzog/de Meuron

5. Variation: Ästhetisierte Moderne


New York Five: Lose Architektengruppe, einig in der stark theoretisch orientierten Entwurfstheorie und
in der Verwendung der weißen Farbe als Zeichen der Reinheit und der Geometrie.

Darien (USA), Haus Smith: 1965–67, Richard Meier

Old Westbury (USA), Haus Weinstein: 1969–71, Richard Meier

Peter Eisenman, Haus III (Miller) 1970

Amagansett (USA), Villa Haupt: 1977/78, Gwathmey

6. Variation: Rationalismus
Riva San Vitale (Schweiz), Casa Bianchi: 1971–73, Mario Botta

Ligornetto (Schweiz), Wohnhaus: 1975/76, Mario Botta

Chieti/Umbrien, Studentenwohnheim: 1976, Giorgio Grassi

Modena, Friedhof: 1977–84, Aldo Rossi

Broni, Schule: 1979–82, Aldo Rossi

Washington D. C., Residenz des deutschen Botschafters: 1988–94,


Oswald Matthias Ungers

7. Variation: High Tech


Rom, Palazzetto dello Sport: 1957, Pier Luigi Nervi

Montreal, Deutscher Pavillon: 1967, Rolf Gutbrod/Frei Otto


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München, Olympiastadion: 1968–72, Günther Behnisch/Frei Otto

Paris, Centre Pompidou: 1971–77, Richard Rogers/Renzo Piano

Mannheim, Multihalle: 1974, Otto Mutschler/Frei Otto

London, Lloyds Bldg.: 1979–86, Richard Rogers

Hongkong, Hongkong & Shanghai Bank: 1979–86, Norman Fo-


ster/Ove Arup

Swindon, Renault Werk: 1981–83, Richard Rogers

Paris, Institute du Monde Arabe: 1981–87, Jean Nouvel

8. Variation: Dekonstruktion
Entwurfsprinzip, bei dem ein Gebäude in seine einzelnen Bestandteile (Wände, Dächer, Türen, Fenster
etc.) zerlegt und wieder zusammengesetzt wird, Parallele zu den mathematischen Operationen Eisenmans,
nur noch willkürlicher und in den Entwurfentscheidungen noch weniger nachvollziehbar; Spiegel einer
zerrissenen Gesellschaft, (angeblicher) Theoretiker: Jacques Derrida.

Santa Monica/Californien, House Gehry: 1978, Frank Gehry

Paris, Parc de la Villette: 1982–90, Bernard Tschumi

Hongkong, Golf Club: Projekt 1982/83, Zaha Hadid

Wien, Kanzlei: 1983–88, Coop Himmelb(l)au

Stuttgart, Hysolarinstitut: 1987, Günther Behnisch

Weil am Rhein, Feuerwehrhaus: 1989–93, Zaha Hadid

Berlin, Jüdisches Museum: 1989–99, Daniel Libeskind

9. Variation: (wird fortgesetzt …)