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April 2012

Expertisen und Dokumentationen


zur Wirtschafts- und Sozialpolitik Diskurs
Zur Produktivitätsentwicklung
Deutschlands im internationalen
Vergleich

I
II
Expertise im Auftrag der Abteilung Wirtschafts-
und Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung

Zur Produktivitätsentwicklung
Deutschlands im internationalen
Vergleich

Georg Erber
Harald Hagemann
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

Inhaltsverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis 3

Vorbemerkung 5

Zusammenfassung 6

1. Einführung 7

2. Produktivitätsmessungen 9

3. Zur langfristigen Produktivitäts- und Wachstumsentwicklung in Deutschland 15


3.1 Historische Produktivitäts- und Wachstumsentwicklung in Deutschland 15
3.2 Wandel zur Produktion immaterieller Güter bzw. Dienstleistungen 22

4. Internationaler Vergleich der Produktivitäts- und Wachstumsentwicklung 28


4.1 Deutschland im europäischen und außereuropäischen Vergleich 28
4.2 Die Entwicklung seit 2008 31

5. Verdoorn-Zusammenhang und Beschäftigungsschwelle 37

6. Zukunftsperspektiven bis 2020 42

7. Produktivität, nachhaltige Entwicklung und Ressourceneffizienz 47

8. Innovationssysteme und Effizienzsteigerung 52

9. Politische Handlungsoptionen 56
9.1 Initiative der EU-Kommission: Innovationsunion 59
9.2 Lehren aus Silicon Valley 60
9.3 Wirtschaftspolitische Ansatzpunkte in Deutschland 62

10. Fazit 63

Literaturverzeichnis 65

Die Autoren 71

Diese Expertise wird von der Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der Friedrich-
Ebert-Stiftung veröffentlicht. Die Ausführungen und Schlussfolgerungen sind von den
Autoren in eigener Verantwortung vorgenommen worden.

Impressum: © Friedrich-Ebert-Stiftung | Herausgeber: Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der


Friedrich-Ebert-Stiftung | Godesberger Allee 149 | 53175 Bonn | Fax 0228 883 9205 | www.fes.de/wiso |
Gestaltung: pellens.de | Titelfoto: Fotolia | bub Bonner Universitäts-Buchdruckerei |
ISBN: 978 - 3 - 86498 -056-5 |
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abbildung 1: Wirtschaftswachstum in Deutschland; Veränderungen des


preisbereinigten Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorjahr
in % 15

Abbildung 2: Produktions-Produktivitäts-Schere in Deutschland, 1950 - 2010,


ab 1991 Gesamtdeutschland; 1950 und 1991 jeweils = 100 16

Abbildung 3: Produktions-Produktivitäts-Schere in den USA, 1950 - 2010, 1950 = 100 17

Abbildung 4: Lohnkosten, Lohnstückkosten und Arbeitsproduktivität je Stunde


in Deutschland, Veränderung gegenüber dem Vorjahr in % 18

Abbildung 5: Lohnkosten je Arbeitnehmer, Lohnstückkosten und


Arbeitsproduktivität je Erwerbstätigen in Deutschland,
Veränderung gegenüber dem Vorjahr in % 19

Abbildung 6: Produktivitätszuwachs und Trendberechnung für Deutschland


nach verschiedenen Modellen; Veränderung gegenüber dem
Vorquartal in % (auf Jahresbasis hochgerechnet) 20

Abbildung 7: Produktivitätszuwachs und Trendberechnung für Deutschland


nach verschiedenen Modellen; Veränderung gegenüber dem
Vorquartal in % (auf Jahresbasis hochgerechnet) 22

Abbildung 8: Maslowsche Bedürfnispyramide 24

Abbildung 9: Arbeitsproduktivität bei den Dienstleistungen in Deutschland,


1991 bis 2008; Index zum Basisjahr 2000 = 100 25

Abbildung 10: Entwicklung des realen BIP pro Kopf in internationalen US-$
von 1990 (Geary Khamis PPP), 1950 - 2010
(Deutschland, Italien, Frankreich, Vereinigtes Königreich, Spanien) 28

Abbildung 11: Entwicklung des realen BIP pro Kopf in internationalen US-$
von 1990 (Geary Khamis PPP), 1950 - 2010
(Deutschland, Vereinigte Staaten, China, Japan) 29

Abbildung 12: Entwicklung der realen Stundenproduktivität in internationalen


US-$ von 1990 (Geary Khamis PPP), 1950 - 2010
(Deutschland, Italien, Frankreich, Vereinigtes Königreich, Spanien) 30

Abbildung 13: Entwicklung der realen Stundenproduktivität in internationalen


US-$ von 1990 (Geary Khamis PPP), 1950 - 2010
(Deutschland, Vereinigte Staaten, Südkorea, Japan) 31

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WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

Abbildung 14: Reales Bruttoinlandsprodukt im internationalen Vergleich;


Veränderungen gegenüber dem Vorjahr in % 32

Abbildung 15: Reales Bruttoinlandsprodukt im nationalen/internationalen Vergleich;


Veränderungen gegenüber dem Vorjahr in % 33

Abbildung 16: BIP pro Kopf 2010, Verhältnisse der nationalen Werte in konstanten
internationalen US-$, USA = 100 33

Abbildung 17: BIP pro Stunde 2010, Verhältnisse der nationalen Werte in konstanten
internationalen US-$, USA = 100 34

Abbildung 18: Erwerbsquote 2010, Anteil der Erwerbstätigen an der gesamten


Wohnbevölkerung in % 35

Abbildung 19: Durchschnittliche Jahresarbeitszeit 2010, jährliche Arbeitszeit


(in Stunden) pro Erwerbstätigem als Quotient aus insgesamt
geleisteten Stunden und erwerbstätiger Bevölkerung 35

Abbildung 20: Der Verdoorn-Zusammenhang und die Beschäftigungsschwelle 39

Abbildung 21: Beschäftigungsschwellen in Deutschland und den USA auf


Grundlage der Stundenproduktivität 40

Abbildung 22: Entwicklung des Weltenergiemarktes 48

Abbildung 23: Bildungsabschluss im Tertiärbereich in % im Jahr 2010, insgesamt 57

Abbildung 24: Anteil der Bevölkerung zwischen 18 und 24 Jahren, der höchstens
die Sekundarstufe durchlaufen und keine weitere allgemeine oder
berufliche Bildung erfahren hat, in % im Jahr 2009 58

Tabelle 1: Klassifikation der Dienstleistungen nach der WZ 2008 des


Statistischen Bundesamts 23

Tabelle 2: Branchenübersicht der Szenarien für Deutschland 2020 42

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Wirtschafts- und Sozialpolitik
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Diskurs

Vorbemerkung

Der Wohlstand ist in Deutschland wie auch in Wissensgesellschaften haben, wie sich die Pro-
anderen Industriestaaten seit der industriellen duktivitätsentwicklung in Deutschland im inter-
Revolution vor rund 200 Jahren rasant angestie- nationalen Vergleich darstellt, und ob und wie
gen. Dies spiegelt sich sowohl in der Entwicklung weitere Produktivitätssteigerungen für mehr (ma-
des Pro-Kopf-Einkommens als auch in der Ent- teriellen und immateriellen) Wohlstand möglich
wicklung der Freizeit der Arbeitskräfte wider. Dass sind. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass das Pro-
beides – steigendes Pro-Kopf-Einkommen bei zu- duktivitätswachstum auch heute weiterhin die
nehmend geringerem Arbeitseinsatz – zeitgleich zentrale Quelle von Wohlstandssteigerungen dar-
realisiert werden konnte, ist auf den Produktivi- stellt. Gerade in Deutschland, das im internatio-
tätsfortschritt zurückzuführen, der seit der indus- nalen Vergleich in den letzten Jahren und Jahr-
triellen Revolution im Zuge des technischen Fort- zehnten bei der Produktivitätsentwicklung zu-
schritts stattgefunden hat. Die erzielten Produk- rückgefallen ist, sollte verstärkt in Bildung und
tivitätssteigerungen stellen damit den Kern und die Entwicklung von Innovationssystemen inves-
die Basis des heutigen Wohlstandes in allen Volks- tiert werden, um so die Produktivität sowohl im
wirtschaften dar. Bereich der Industrie als auch im Bereich der
Ausgehend von einem allgemein hohen Dienstleistungen weiter zu steigern.
Wohlstandsniveau wird heute in vielen Industrie- Sie weisen allerdings auch darauf hin, dass
ländern das Ziel des Wirtschaftens und die Mög- die traditionelle Produktivitätsmessung in einer
lichkeit weiterer Wohlstandssteigerungen zuneh- Dienstleistungs- und Wissensökonomie mit schnel-
mend kontrovers diskutiert, in Deutschland bei- lem Strukturwandel mit erheblichen Messproble-
spielsweise im Rahmen der Enquete-Kommission men verbunden ist. Traditionelle Produktivitäts-
„Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität – Wege kennzahlen erscheinen vor diesem Hintergrund
zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaft- immer weniger als geeignete Maße, um daran die
lichem Fortschritt in der Sozialen Marktwirt- nationale Wirtschaftspolitik mit dem Ziel wei-
schaft“ des Deutschen Bundestages. Auf Seiten terer gesamtgesellschaftlicher Wohlstandssteige-
der Wachstums- und Wohlstandsskeptiker domi- rungen auszurichten. Vielmehr müssen Produk-
niert dabei oft die Ansicht, das Ende weiteren tivitätsanalysen in Zukunft zunehmend auch
Produktivitäts- und Wirtschaftswachstums und Nachhaltigkeitsüberlegungen sowie Konzepte wie
damit weiterer materieller Wohlstandssteigerun- die Ressourcen- und Energieproduktivität mit
gen sei erreicht, zum einen weil die Nachfrage einbeziehen. Nur dann lässt sich vermeiden, dass
nach Gütern immer mehr an Sättigungsgrenzen Maßnahmen zur (kurzfristigen) Steigerung der
stoße, zum anderen weil eine weitere Steigerung (Arbeits-)Produktivität auf Kosten der (längerfris-
von Wachstum und (materiellem) Wohlstand mit tigen) Nachhaltigkeit und der gesamtgesellschaft-
anderen, zunehmend wichtigeren gesellschaft- lichen Produktivität gehen und damit Wohlstands-
lichen Zielvorstellungen, allen voran mit dem gewinne suggeriert werden, die in Wahrheit keine
Ressourcen- und Klimaschutz, in Konflikt gerate. sind. Zu dem somit notwendigen neuen, über rein
Vor diesem Hintergrund hat die Friedrich- ökonomische Denkansätze hinausgehenden Ver-
Ebert-Stiftung Prof. Dr. Harald Hagemann von ständnis von Produktivität leistet die vorliegende
der Universität Hohenheim und Dr. Georg Erber Studie einen wichtigen Beitrag.
vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung
(DIW) Berlin gebeten zu analysieren, welchen Markus Schreyer
Aussagegehalt die traditionellen Produktivitäts- Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik
kennzahlen in den heutigen Dienstleistungs- und der Friedrich-Ebert-Stiftung

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WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

Zusammenfassung

Die Dynamik der Produktivitätsentwicklung spielt In Abschnitt 4 wird die Entwicklung vom Wirt-
in den modernen Volkswirtschaften für den schafts- und Produktivitätswachstum Deutsch-
Wachstumsprozess und die Beschäftigungsent- lands mit wichtigen europäischen und außer-
wicklung eine zentrale Rolle. Aus einzelwirt- europäischen Ländern verglichen, bevor einige
schaftlicher Sicht können Unternehmen in hoch- Spezifika seit der Finanz- und Wirtschaftskrise nä-
entwickelten Volkswirtschaften mit relativ ho- her erläutert werden. Im Fokus des anschließen-
hem Niveau von Löhnen und Sozialleistungen den Abschnitts 5 stehen die Implikationen des
im internationalen Wettbewerb einer globalisier- Produktivitätswachstums für das Beschäftigungs-
ten Weltwirtschaft nur durch stetige Innovations- volumen.
anstrengungen bestehen, die zu Qualitätsverbes- In Abschnitt 6, 7 und 8 werden einige Perspek-
serungen und neuen Produkten führen. Aus ge- tiven für die künftige Wachstums- und Produkti-
samtwirtschaftlicher Sicht bedarf es permanenter vitätsentwicklung in Deutschland aufgezeigt. Da-
Produktivitätssteigerungen, um Pro-Kopf-Einkom- bei werden die Bedeutung einer stark steigenden
men, Freizeit und Wohlstand in einer Gesellschaft Produktivität im Einsatz natürlicher Ressourcen
zu erhöhen. für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum sowie
Nach einer Einführung in die Thematik setzt die zunehmende Komplexität der für die Produk-
sich diese Studie zunächst mit den zahlreichen tivitätsentwicklung wichtigen Innovationssyste-
Problemen der Produktivitätsmessung auseinan- me – (inter)national, sektoral, regional – hervor-
der, die vor allem seit Ende der 1990er Jahre in gehoben.
den intensiven Diskussionen zur New Economy Abschnitt 9 geht intensiver auf politische
im Blickpunkt standen. Abschnitt 3 verdeutlicht Handlungsoptionen ein, soweit sie einen stärke-
eine stark rückläufige Dynamik im langfristigen ren Einfluss auf die Produktivitätsentwicklung
Produktivitäts- und Wirtschaftswachstum, vor al- nehmen. Diese werden vor allem am Beispiel der
lem nach den beiden Ölpreisschocks 1973/74 Agenda 2020 der EU-Kommission sowie der Leh-
und 1978/79. Der Wandel zur Produktion im- ren aus Silicon Valley für erfolgreiche regionale
materieller Güter bzw. Dienstleistungen führt zu Innovationssysteme diskutiert. Abschließend wird
einer Verstärkung der Probleme der Produkti- ein kurzes Fazit der Studie zur Produktivitätsent-
vitätsmessung in hochentwickelten Volkswirt- wicklung Deutschlands im internationalen Ver-
schaften. gleich gezogen.

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Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

1. Einführung

Die Produktivitätsentwicklung ist ein Schlüssel- braucher aus einer zunehmenden Produktvielfalt
faktor wirtschaftlichen Wachstums. Dies zeigten entstehende zusätzliche Nutzen empirisch genau
in der jüngeren Vergangenheit die Beispiele der zu erfassen? Derartige statistische Erfassungs- und
deutschen Einigung 1990, als zum Einigungszeit- Messprobleme sind im Dienstleistungssektor be-
punkt die Arbeitsproduktivität der ostdeutschen sonders groß, und dieser wiederum nimmt in
Volkswirtschaft nur ca. ein Drittel der Arbeits- modernen Volkswirtschaften einen Wertschöp-
produktivität der westdeutschen Volkswirtschaft fungsanteil von 70 Prozent und mehr ein.
betrug, ebenso wie die New Economy-Debatte in Das Beispiel Ostdeutschlands verdeutlicht
den USA in den späten 1990er Jahren, als die auch, dass die gesamtwirtschaftliche Arbeitspro-
früheren Diskussionen der 1970er und 1980er duktivität keineswegs allein von der Qualifika-
Jahre über die Ursachen des Productivity Slowdown, tionsstruktur der eingesetzten Arbeitskräfte ab-
präziser der Abschwächung des Produktivitäts- hängt, sondern in entscheidendem Maße auch
wachstums, durch Diskussionen über die Be- von der technologisch-ökonomischen Moderni-
schleunigung des Produktivitäts- und Wirtschafts- tät des Kapitalstocks. Aufgrund von Obsoleszenz
wachstums vor dem Hintergrund der neuen In- des aus DDR-Zeiten stammenden Realkapitalbe-
formations- und Kommunikationstechnologien stands wiesen die neuen Bundesländer eine Pro-
abgelöst wurden.1 duktivitätslücke gegenüber den alten Bundeslän-
Doch was bedeutet Produktivität, wie wird dern und eine Kapitalmangel-Arbeitslosigkeit auf,
ihre Entwicklung beeinflusst, und wie können die nur über fortgesetzte Investitionen in einen
Niveau und Wachstumsrate der Produktivität ge- modernen privatwirtschaftlichen Kapitalbestand
messen werden? Dass Letzteres alles andere als und eine leistungsfähige öffentliche Infrastruktur
eine einfache Angelegenheit ist, zeigen die nahe- zu beheben waren. Das Beispiel verdeutlicht, dass
zu permanenten Datenrevisionen in den USA seit selbst in einem einfachen Modell mit zwei Pro-
der grundlegenden Revision der Volkswirtschaft- duktionsfaktoren die partielle Faktorproduktivi-
lichen Gesamtrechnung im Oktober 1999 und tät eines Faktors (Arbeit oder Kapital) nicht unab-
der sich daran anschließenden Revision der Pro- hängig von der eingesetzten Menge und Qualität
duktivitätszahlen durch das Bureau of Labor Sta- des anderen Produktionsfaktors ist. Wichtig ist
tistics im November 1999, als mit der Einführung daher vor allem die Bestimmung von Höhe und
hedonischer Preisindizes die Qualitätsverbes- Wachstumsrate der totalen oder Multifaktorpro-
serungen von Produkten quantitativ stärker ge- duktivität.2
wichtet wurden und damit zu einer Revision von Trotz aller Messprobleme weist insbesondere
Wirtschafts- und Produktivitätswachstum nach der Indikator der Stundenproduktivität bei inter-
oben geführt haben. Doch wie sind Qualitätsver- nationalen Vergleichen des Wohlstandsniveaus
besserungen wie eine größere Kundenfreundlich- und des wirtschaftlichen Wachstums wichtige
keit, Bequemlichkeit, Sicherheit und Zeiterspar- Vorteile gegenüber dem Bruttoinlandsprodukt
nis sowie der für die Verbraucherinnen und Ver- (BIP) oder dem BIP pro Kopf der Wohnbevölke-

1 Vgl. hierzu Hagemann/Schreyer/Seiter (2001, 2003).


2 Zu den vielfältigen Facetten des Produktivitätsbegriffs vgl. ausführlich die methodische Diskussion in den Kapiteln 2 und 3 von Wieg-
mann (2008). Zu einer umfassenden Studie der Determinanten der Produktivität vgl. jüngst auch Syverson (2011).

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Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

rung eines Landes auf.3 So lässt die komparative on Deutschlands im internationalen Vergleich
Betrachtung unterschiedlicher Niveaus und Wachs- dokumentiert. Die Implikationen für die Konse-
tumsraten des BIP pro Kopf (das in der wachstums- quenzen von Produktivitätsentwicklung und rea-
theoretischen Literatur zumeist der Einfachheit lem Wirtschaftswachstum auf die Beschäftigung
halber mit der Durchschnittsproduktivität der Ar- stehen im Mittelpunkt von Abschnitt 5. Dabei
beit gleichgesetzt wird) unterschiedliche Erwerbs- spielen der Verdoorn-Zusammenhang und das
tätigenquoten und Differenzen in der durch- Konzept der Beschäftigungsschwelle eine wichti-
schnittlichen Jahresarbeitszeit zwischen den je- ge Rolle. Im Abschnitt 6 werden derzeitige Sze-
weiligen Ländern außer Acht, die z. T. jedoch narien zur mittelfristigen Wirtschaftsentwicklung
erheblich sein können. Bei gleicher Stundenpro- bis zum Jahr 2020 anhand vorliegender aktueller
duktivität der Arbeit weist dasjenige Land ein Studien miteinander verglichen. Abschnitt 7 be-
höheres BIP pro Kopf auf, in dem die Erwerbsquo- schäftigt sich mit dem Zusammenhang von Pro-
te größer ist und/oder länger gearbeitet wird als duktivität, nachhaltiger Entwicklung und Res-
das Land mit der geringeren Erwerbsquote und/ sourceneffizienz. Im Abschnitt 8 wird die Frage
oder größeren Freizeit. diskutiert, wie das deutsche Innovationssystem,
In den folgenden Abschnitten wird zuerst insbesondere auch hinsichtlich einer ressourcen-
das Thema der unterschiedlichen Messkonzepte schonenden und damit mit höherer Materialpro-
für Produktivitätsmessung im Abschnitt 2 behan- duktivität einhergehenden Wirtschaftsentwick-
delt. Daran anschließend wird im Abschnitt 3 die lung, aufgestellt ist. Anschließend wird dann im
historische Produktivitätsentwicklung Deutsch- Abschnitt 9 die Frage untersucht, welche politi-
lands in den zurückliegenden Jahrzehnten an- schen Handlungsoptionen sich für die nationale
hand der verschiedenen partiellen Faktorproduk- Wirtschaftspolitik hieraus ergeben, bevor ab-
tivitäten sowie der totalen Faktorproduktivitäten schließend ein kurzes Fazit gezogen wird.
analysiert. In Abschnitt 4 wird die relative Positi-

3 Vgl. Geiger/Hagemann (2009) und Abschnitt 4 dieser Studie.

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Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

2. Produktivitätsmessungen

Die Effizienz des Einsatzes von Ressourcen wird ser findet jedoch auch in einer größeren Leis-
traditionell durch das Verhältnis zwischen dem tungsfähigkeit moderner Kapitalgüter seinen Nie-
Ausbringungsergebnis, dem Output, und den derschlag. In der Wachstumsrate der gesamtwirt-
eingesetzten Ressourcen, dem Input, gemessen. schaftlichen Produktivität der Arbeit kommt
Dieses Verhältnis wird als Produktivität des spe- nicht nur eine verbesserte Qualität des Arbeits-
zifischen Faktoreinsatzes bzw. partielle Faktorpro- einsatzes, sondern insbesondere auch eine Kapi-
duktivität gekennzeichnet. Bei einzelnen Prozes- talintensivierung, d. h. ein Anstieg der Einsatzre-
sen kann teilweise direkt auf Mengen zurückge- lation von Kapital zu Arbeit, und vor allem die
griffen werden, d. h. je größer die Ausbringungs- Multifaktorproduktivität zum Ausdruck.
menge im Verhältnis zur Einsatzmenge, desto Bei der Berechnung von Niveaus bzw. Wachs-
höher ist die Produktivität. tumsraten der Produktivität stellt sich eine Viel-
Bei der Berechnung des Produktivitätswachs- zahl methodischer Probleme, von denen die
tums kommt in der Regel der Growth-Accounting- wichtigsten nachfolgend angeführt werden:
Ansatz zur Anwendung, mit dessen Hilfe sich – Problem der Preisbereinigung: Allerdings gelingt
das Produktivitätswachstum auf die jeweiligen eine solche einfache Messung auf der Ebene
Beiträge der Produktionsfaktoren Arbeit und Ka- aggregierter Produktionsprozesse für beispiels-
pital sowie einer Restkomponente – die Multi- weise ganze Wirtschaftszweige oder die Ge-
faktor- oder totale Faktorproduktivität, die als Maß samtwirtschaft nicht, so dass als Substitut für
für den technischen Fortschritt angesehen wer- ein echtes Mengensystem durch adäquate
den kann – zurückführen lässt. Das Konzept der Preisbereinigung von Wertgrößen, die in Geld-
Multifaktorproduktivität kann auf die bahnbre- einheiten erfasst werden, im Zuge einer Defla-
chende Studie von Solow (1957) zurückgeführt tionierung nur sogenannte reale Größen zur
werden, in dessen Untersuchung des Wachstums- Verfügung stehen. Mithin hat die Methode der
prozesses in den USA von 1909 bis 1949 diese jeweiligen Preisbereinigung der einzelnen Fak-
Größe noch einen Wert von 7/8 des gesamten toren und des Outputs einen wesentlichen
Produktivitätswachstums eingenommen hatte, Einfluss auf die daraus abgeleitete Produktivi-
und wird daher häufig auch Solow-Residuum ge- tätsmessung.4
nannt. Die Multifaktorproduktivität gibt also den – Problem der Qualitätsveränderung: Ein weiteres
Teil des Produktionszuwachses an, der nicht mit Problem entsteht, wenn die jeweiligen Input-
dem Mehreinsatz und/oder einer verbesserten und Outputgrößen sich über einen betrachte-
Qualitätsstruktur der Produktionsfaktoren, in der ten Zeitraum nicht nur mengenmäßig verän-
Regel Arbeit und Kapital, erklärt werden kann. dern, sondern gleichzeitig eine Qualitätsverän-
Anders ausgedrückt: Die Multifaktorproduk- derung eintritt. Insbesondere in Bereichen mit
tivität ist das Residual des Outputwachstums, das einem hohen technologischen Fortschritt wie
nach Abzug der direkten Wachstumsbeiträge von beispielsweise in den Informations- und Kom-
Kapital und Arbeit verbleibt und wird als ein Maß munikationstechnologien tritt ein fortlaufen-
für den technischen Fortschritt angesehen. Die- der technologischer Wandel ein, der bei einem

4 Vgl. Destatis (2004).

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Vergleich des Produktionsergebnisses über ei- führend sein können. Je kleiner die betrachte-
nen Zeitraum aufgrund der vorhandenen Ver- ten Zeitintervalle sind, d. h. anstelle von Jahren
änderungen der Produktqualitäten eine Preis- werden Quartale oder Monatswerte verwendet,
Mengen-Betrachtung unangemessen sein lässt. desto stärker ist dieser Effekt in den Statistiken
Im Extremfall könnten bei gleichbleibender zur empirischen Produktionsmessung vertre-
Outputgröße die durch Qualitätsverbesserun- ten. Hinzu kommen über die Zeit schwanken-
gen induzierten Preissteigerungen eine sinken- de saisonale Effekte oder auch durch Arbeits-
de Produktionseffizienz anzeigen, die jedoch zeitregelungen bezüglich Feiertagen sogenann-
in Folge der Qualitätssteigerung des Produkts te kalendarische Effekte, die eine Produktivitäts-
so nicht gegeben ist. Mithin müssen sowohl messung bei unterjährigen Zeitintervallen
Quantitäts-, Qualitäts- als auch Preisverände- erheblich beeinflussen können.6
rungen in einem entsprechenden Kontext bei – Problem externer Effekte: Bei der Produktivitäts-
der Produktivitätsmessung betrachtet werden. messung wird in der Regel unterstellt, dass ein
Hier bestehen jedoch bei den bisherigen empi- sogenanntes repräsentatives Unternehmen
risch angewandten Methoden in den Statistik- bzw. eine surrogate aggregierte Produktions-
systemen, wie sie den Volkswirtschaftlichen funktion7 alle Faktoren erfasst, die in der Pro-
Gesamtrechnungen zugrunde liegen, erhebli- duktion eingesetzt werden und über deren Ein-
che Defizite.5 satzverhältnis das entsprechende Unterneh-
– Problem der zeitlichen Zuordnung: In der Produk- men auch die volle Verfügungsgewalt hat. Dies
tivitätsmessung werden in der Regel dem Out- ist oftmals jedoch nicht der Fall. Wenn es Fak-
put einer Periode die Inputs der gleichen Perio- toren gibt, die das Produktionsergebnis maß-
de zugeordnet. Dies unterstellt jedoch implizit, geblich mitbestimmen und über die das Unter-
dass der Produktionsprozess vollständig in- nehmen keine Verfügungsgewalt hat (Sonne
nerhalb der gewählten Periode vollzogen wor- und Regen in der Landwirtschaft, öffentliche
den ist. Dies ist insbesondere in einigen Wirt- Infrastrukturen wie Straßen etc.), dann spricht
schaftszweigen, wie beispielsweise dem Schiff- man auch von externen Effekten auf die Produk-
bau oder in der Bauindustrie, oftmals keine tivität. Je nach den jeweils vorhandenen ex-
realistische Annahme. Es kann mehrere Perio- ternen Rahmenbedingungen kann das Produk-
den erfordern, bis das Produkt fertig gestellt ist, tionsergebnis positiv oder negativ beeinflusst
d. h. es erfolgen Inputs in den Vorperioden bis werden. In der Telekommunikation oder auch
zur Fertigstellung des Produkts, denen in der im Transportgewerbe werden diese externen
entsprechenden Periode kein Output gegen- Effekte auf Netzwerkeffekte zurückgeführt. Je
übersteht. Wird das Produktionsergebnis erst nach der Richtung der Beeinflussung spricht
zum Zeitpunkt seiner Fertigstellung statistisch man dann auch von positiven oder negativen
als Outputgröße erfasst, dann würde die Pro- externen Effekten auf die Produktivitätsent-
duktivitätsentwicklung enormen Schwankun- wicklung. Institutionelle Rahmenbedingungen,
gen zwischen Null und dem in der Periode der insbesondere wenn diese direkt Einfluss auf
Fertigstellung kurzfristig hochschnellenden den Produktionsprozess nehmen, wie Tarifver-
Produktivitätswert schwanken. Durch Unteil- träge, Steuer- und Abgabenregelungen des
barkeiten der Produktionsergebnisse, die auf- Staates, wirken sich als externe Effekte über die
grund der geringen Anzahl der produzierten Veränderungen hinsichtlich der Faktorpreise
Einheiten in einem Wirtschaftszweig anfallen, und auch der Arbeitszeiten auf das Produk-
werden zyklische Schwankungen induziert, die tionsergebnis aus.8
bei einer falschen Periodenbetrachtung irre-

5 Vgl. Linz/Behrmann/Becker (2004).


6 Vgl. Erber/Fritsche (2009).
7 Eine Produktionsfunktion bildet das Verhältnis zwischen den im Produktionsprozess eingesetzten Einsatzfaktoren wie beispielsweise
Arbeit und Kapital und dem damit erzeugten Produktionsergebnis ab.
8 Vgl. Erber (1995).

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Wirtschafts- und Sozialpolitik
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– Problem einer Betrachtung von Einzelperioden: mein üblichen einer exponentiellen bzw. geo-
Wie bereits beim Problem der zeitlichen Zu- metrischen Diskontierung verwenden. Im Zuge
ordnung erwähnt wurde, ist die Wahl des Be- einer Gestaltung des Wirtschaftssystems auf
trachtungszeitraums eines Produktions- und das Ziel einer nachhaltigen Wirtschaftsent-
Konsumtionsprozesses oftmals maßgeblich für wicklung sollte diese Frage hinsichtlich der zu-
die Beurteilung der Effizienz des Gesamtpro- grunde zu legenden Zeitpräferenz geklärt wer-
zesses. Nehmen wir beispielsweise den Fall an, den. Erst dann wäre auch eine rationale Dis-
dass ein PKW einerseits durch die klassischen kussion über Vor- und Nachteile alternativer
fossilen Brennstoffe wie Dieselöl oder Benzin Produktentwicklungen im gesellschaftlichen
angetrieben wird, oder als Innovation andere Dialog möglich. Hier ist jedoch auch das Pro-
regenerative Treibstoffe wie Biodiesel, Lique- blem der Unsicherheit über die unterstellten
fied Petroleum/Propane Gas (LPG) bzw. Flüs- Verläufe der Produktionsmöglichkeiten nicht
siggas oder Wasserstoff eingesetzt werden. Als zu vernachlässigen.
weitere Alternative entwickeln sich als An- – Das Problem ineffizienter Faktorinputs: In der
triebstechnik derzeit rasch die Hybridtechnik klassischen Produktionsfunktion wird unter-
und die Elektromobilität. Mithin ergibt sich stellt, dass es dem Entscheidungsträger immer
hier das Problem, welche Produkte eigentlich gelingt, seine Faktorinputs so optimal anzu-
produziert werden sollen und ob der Markt, so passen, dass sie insgesamt notwendig sind, um
wie er heutzutage reguliert ist, die richtigen das Produktionsergebnis zu erzielen. Stattdes-
Signale setzt, um die nachhaltig richtigen Ent- sen kann man aber auch argumentieren – und
scheidungen zu treffen. Da in der Regel bei vieles spricht realistischerweise dafür –, dass es
einer Einperiodenbetrachtung nur die kurzfris- zu relevanten Überschüssen an Inputs kommt,
tigen Effizienzvorteile miteinander verglichen die nutzlos für das Produktionsergebnis sind.
werden, werden langfristige Effizienzvorteile Die Faktorallokation ist also nicht im Stande,
ignoriert. Die einzel- sowie die gesamtwirt- so flexibel wie im Modell der Produktionsfunk-
schaftliche Effizienz können jedoch hinsicht- tion unterstellt Faktoreinsatzgrößen so rasch
lich der Bewertung über den gesamten Pro- anzupassen, dass es bei allen Faktoren immer
duktlebenszyklus völlig anders ausfallen als bei zur Vollauslastung kommt. Als Alternative
einer Kurzfristbetrachtung. Märkte, so wie wir hierzu wurde in der wirtschaftswissenschaftli-
sie als Institutionen bisher kennen, tendieren chen Literatur daher ein Modellansatz der Pro-
bezüglich der Nachhaltigkeit der Allokations- duktionsmöglichkeitsgrenze (PPF – Production
entscheidungen eher zu einem Marktversagen Possibility Frontier) entwickelt, der eine syste-
hinsichtlich der Ressourceneffizienz. matische Unterauslastung von Produktions-
– Das Problem der Diskontierung: Ein Kernproblem faktoren, d. h. Ineffizienz beim Faktoreinsatz
betrifft hier insbesondere die Frage der Diskon- als sinnvolle Modellannahme akzeptiert. Eine
tierung von Leistungsströmen über einen län- vollkommene Voraussicht über die zum jewei-
geren Zeitraum. Die derzeit allgemein übliche ligen Zeitpunkt vom Markt nachgefragten Pro-
Form der Diskontierung nach der Zinseszins- duktionsergebnisse ist kaum vorstellbar. Selbst
methode präferiert eindeutig gegenwartsnahe wenn man Lagerbildung als Puffer akzeptiert,
Erträge gegenüber langfristigeren, auch wenn werden die vorhandenen Produktionskapazi-
diese insgesamt am Ende deutlich höher aus- täten in der Regel nicht vollständig ausgelas-
fallen können. Insbesondere Weitzman (2001) tet. Damit werden die vorhandenen Produk-
hat mit seiner Methode der Gamma-Diskontie- tionsfaktoren nicht über die Zeit effizient ein-
rung deutlich gemacht, dass es hierzu durch- gesetzt. Die Produktionsfunktion erweist sich
aus ökonomisch wohlbegründete Alternativen als hypothetischer Idealfall, der jedoch in der
gibt, die andere Zeitpräferenzen als die allge- Regel praktisch unerreichbar bleibt.9

9 Vgl. Erber (2005).

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– Das Problem der Substituierbarkeit: Es gibt unter- größere Produktionsanlagen effizienter hin-
schiedliche Auffassungen über die Möglichkei- sichtlich des Produktionsergebnisses sein. Man
ten, verschiedene Inputfaktoren gegeneinan- spricht dann auch von steigenden Skalenerträ-
der auszutauschen. Die Substitutionspessimis- gen. Eine Produktionsausweitung kann dann
ten sehen die Substitutionsmöglichkeiten oftmals erzielt werden, ohne alle Inputfaktoren
insbesondere in der kurzen Frist als äußerst be- entsprechend proportional anzuheben. Dies
grenzt an. Die Substitutionsoptimisten sehen kann jedoch damit auch aufgrund von un-
dagegen eine hohe Substituierbarkeit zwischen vorhersehbaren Nachfrageschwankungen zu
Faktoren, auch wenn diese voraussichtlich zwangsläufigen Ineffizienzen bei der Produk-
eher in der langen Frist gegeben sein kann. Der tion beitragen. Mithin kann die Produktivität
klassische Fall ist die Substitution von Kapital eines Produktionsprozesses auch maßgeblich
gegen Arbeit. Unternehmen haben im Prinzip durch Skaleneffekte beeinflusst sein. In der Re-
die Möglichkeit bei Vorhandensein verschiede- gel werden solche Skaleneffekte bei der Pro-
ner technologischer Alternativen – bei denen duktivitätsanalyse aufgrund von Modellan-
die einen kapitalintensiver und die anderen ar- nahmen nicht berücksichtigt. Aufgrund des
beitsintensiver sind –, sich je nach der damit dadurch gegebenen Modellfehlers kann auch
verbundenen Kostenstruktur für die eine oder das Ergebnis entsprechend verzerrt sein.11
andere zu entscheiden. Allerdings ist dies zum – Das Problem von Innovationsprozessen: Wie be-
Zeitpunkt der Investitionsentscheidung eine reits beim Problem der Qualitätsveränderung
andere als zum Zeitpunkt nach dieser Entschei- angesprochen wurde, können durch Innova-
dung, da die Kapitalausstattung eines Unter- tionen sowohl der Produktionsprozess als auch
nehmens bis zum Ersatzzeitpunkt nicht ein- das Produkt in seiner qualitativen Struktur we-
fach gegen eine den jeweiligen Marktverhält- sentlich verändert werden. Man spricht des-
nissen angemessenere ausgetauscht werden halb auch von Produkt- und Prozessinnova-
kann. Trotzdem wird in der Produktivitätsana- tionen. Letztere sind, wenn sie ohne gleichzei-
lyse in der Regel nur mit durchschnittlichen tige Produktinnovationen stattfinden, durch
Substitutionsmöglichkeiten im Rahmen öko- eine Produktivitätsmessung leichter erfassbar.
nometrischer Modellschätzungen gearbeitet. Bei Produktinnovationen muss dagegen erst
Je nach dem verwendeten Modellansatz kön- geklärt werden, worin der eigentliche Vorteil
nen bei der jeweiligen Produktionsfunktion in der Produktänderung besteht. Qualitäts-
auch schon die Substitutionsmöglichkeiten ex änderungen sind in der Regel nicht nur ein-
definitione vorgegeben oder durch die Modell- dimensional. Hinsichtlich der Bewertung der
schätzung flexibel bestimmbar sein.10 Veränderung lassen sich sowohl objektive wie

Das Problem von Skaleneffekten: Das Problem auch subjektive Kriterien heranziehen. Objek-
der Skalierbarkeit einer Produktion hängt auch tive Kriterien können Produkteigenschaften
mit der Frage der Möglichkeit eines ineffizien- wie bei PKW der Treibstoffverbrauch sein, an-
ten Faktoreinsatzes zusammen. In der wirt- dererseits können subjektive Kriterien wie
schaftswissenschaftlichen Literatur spielt die Handhabbarkeit (usability) eine wichtigere Rol-
Frage, ob durch eine proportionale Steigerung le spielen. Mithin kann die Kundenzufrieden-
aller Produktionsfaktoren auch eine entspre- heit als subjektives Merkmal neben objektiven
chend proportionale Steigerung des Produk- Merkmalen in die Qualitätsbewertung eines
tionsergebnisses erzielt wird, eine wichtige Produkts eingehen.12 Letztere ist dann aber
Rolle. Wegen Unteilbarkeiten können oftmals auch für die entsprechende Zahlungsbereit-

10 Vgl. Gilchrist/Williams (2002).


11 Vgl. Erber (1994).
12 Vgl. Liu/Allmang (2007).

12
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

schaft der Kundin oder des Kunden entschei- entsprechend dem Leistungsprinzip der Fak-
dend. Da hier nicht nur die Bewertungskriteri- toren zugrunde. Allerdings gibt es in der neue-
en der Produzentin oder des Produzenten ren Literatur Ansätze, die sich explizit ohne
maßgeblich sind, sondern darüber hinaus auch Zugrundelegung dieser Annahme die sich em-
die der Konsumentinnen und Konsumenten, pirisch ergebende Verteilung des Produktivi-
wäre eine Produktivitätsmessung entsprechend tätszuwachses auf Konsumentinnen und Kon-
der unterschiedlichen Bewertungskriterien auf sumenten durch Preiseffekte, auf Unterneh-
Produzenten- und Konsumentenseite notwen- merinnen und Unternehmer durch Gewinn-
dig.13 steigerungen und auf Produzentinnen und
– Das Problem effizienter Märkte: In der wirt- Produzenten durch Lohn- und Gehaltsstei-
schaftswissenschaftlichen Produktivitätsanaly- gerungen ansehen. Hier könnte die Frage der
se wird in der Regel unterstellt, dass es sich bei fairen Verteilung des Produktivitätszuwachses
allen Märkten um effiziente Märkte im Sinne anhand der empirisch beobachtbaren Vertei-
einer vollkommenen Konkurrenz handelt. Die lungswirkungen diskutiert werden. Letztend-
jeweiligen Produkt- und Faktorpreise sind da- lich könnte eine gesellschaftliche Akzeptanz
her entsprechende Marktpreise. Es bestehen von Produktivitätssteigerungen nur dann er-
keinerlei Renten, die durch Marktmacht unter- reichbar sein, wenn sie eine Win-Win-Strategie
schiedlicher Marktteilnehmerinnen und -teil- für alle beteiligten Akteure darstellt. Ohne die
nehmer das Preisgefüge verzerren. Ohne eine Wahrung einer fairen Verteilung der Zugewin-
solche Annahme über die Allokation durch ne dürfte es ansonsten zu kontraproduktiven
effiziente Märkte würde das bei Produktions- Verteilungskämpfen kommen. Diese Überle-
modellen verwendete Prinzip der Grenzpro- gung ließe sich sogar noch hinsichtlich der
duktivitätsentlohnung der Faktoren und der intergenerativen Gerechtigkeit ausweiten.14
Produktpreise für das Produktionsergebnis – Das Problem von nicht-marktmäßiger Produktion:
ohne Produzentenrenten nicht anwendbar Es gibt wichtige Bereiche der Wirtschaft, die
sein. Allerdings dürfte sich diese idealtypische nicht durch privatwirtschaftliche Produktion
Annahme insbesondere auf konkreten Pro- und einen Austauschprozess über Märkte
duktmärkten und nicht nur auf hoch aggre- durchgeführt werden. Insbesondere die Pro-
gierten gesamtwirtschaftlichen Quasi-Märkten duktion staatlicher Dienstleistungen ein-
als problematisch erweisen. Sind jedoch die schließlich von sozialstaatlichen Dienstleis-
Preise nicht im Sinne der vollkommenen Kon- tungen sowie staatlicher Bildungsproduktion
kurrenz als effiziente Marktpreise determiniert, gehören hierzu. Daneben spielt die Produktion
dann sind die Produktivitätsmessungen ent- innerhalb von Haushalten eine nicht zu unter-
sprechend den bestehenden Preisverzerrungen schätzende Rolle. Hier versagen die in der übli-
ebenfalls verzerrt. chen Weise auf der Grundlage einer privaten
– Das Problem der Verteilung von Produktivitätsstei- Marktwirtschaft entwickelten Konzepte. Der-
gerungen: In der wirtschaftswissenschaftlichen zeit mangelt es an adäquaten Ansätzen. Zwar
Produktivitätsanalyse wird meist die Vertei- könnten durch Vergleichsbetrachtungen zu
lung der Produktivitätsgewinne auf der Grund- marktmäßig erstellten äquivalenten Dienst-
lage der Grenzproduktivitätstheorie entspre- leistungen Hinweise auf deren implizite Preis-
chend den jeweiligen Grenzproduktivitäten struktur bzw. Schattenpreise gewonnen wer-
der einzelnen Faktoren durchgeführt. Dem den, aber dies gelingt nur dort, wo es überhaupt
liegt die implizite Annahme einer Aufteilung ein paralleles marktbestimmtes System gibt.

13 Vgl. Gartz (2005).


14 Vgl. Alan/Auerbach/Gokhale/Kotlikoff (1992).

13
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

Hinzu stellt sich noch die Frage, ob dieser Be- einer nachhaltigen Wirtschaftsentwicklung, die
zugspunkt der marktbestimmten Produktion dem Ziel des Wirtschaftens zur materiellen wie
adäquat ist. Beispielsweise kann ein staatliches immateriellen Bedürfnisbefriedigung einer Ge-
Gesundheitssystem ein anderes Angebot an sellschaft dienen sollte. Eine nur auf kurzfristige
Gesundheitsdienstleistungen bieten als dies und partielle Effizienzsteigerung ausgerichtete
ein privates aufgrund der Anreizsysteme eines wirtschaftliche Tätigkeit verstellt hierfür leicht
gewinnorientierten Marktes vermag. Alterna- den Blick.
tiven Maßstäben wie Kundenzufriedenheit Die von der EU-Kommission für die kom-
und Bezahlbarkeit auch für einkommens- menden Jahre bis 2020 angestrebte Entwicklung16
schwächere Teile der Bevölkerung liegen an- stellt daher neben das Ziel der Effizienzsteigerung
dere Effizienzkriterien zugrunde als dem klas- insbesondere auch beim Energieverbrauch ande-
sischen, auf privatwirtschaftlicher Produktion re gesellschaftspolitische Ziele gleichrangig ne-
aufbauenden Ansatz.15 beneinander. Es geht daher um einen Ausgleich
Mithin zeigen diese verschiedenen Überlegungen zwischen unterschiedlichen Zielen, mit denen
zu den Problemen bei der Produktivitätsmessung, das Ziel Effizienzsteigerung abgeglichen werden
dass es erhebliche Verzerrungen bei den allge- muss. Die lineare Abfolge von hoher Effizienz-
mein üblichen einfachen Indikatoren wie der steigerung insbesondere der Arbeitsproduktivität,
Arbeitsproduktivität sowie der totalen Faktorpro- hoher Steigerung aller Einkommen entsprechend
duktivität – meist nach dem Growth-Accounting- ihres Beitrags zur Produktivitätssteigerung und
Ansatz ermittelt – gibt. Entsprechend vorsichtig Deckung sonstiger Ziele durch ein Transfersystem
müssen die Ergebnisse anhand der üblichen Indi- der Staates ist nicht mehr angemessen. Aus heu-
katoren zur Produktivitätsmessung interpretiert tiger Sicht muss gleichzeitig innerhalb des Wirt-
werden. Sie bilden deshalb in der Regel die tat- schafts- und Gesellschaftssystems ein Zielab-
sächliche Effizienz einer wirtschaftlichen Akti- gleich erfolgen, um eine ausgewogene wirtschaft-
vität nur noch sehr unvollständig ab. Letztlich liche und gesellschaftliche Entwicklung zu ge-
geht es bei der Effizienzbetrachtung um die Frage währleisten.

15 Vgl. Landefeld/Fraumeni/Vojtec (2009).


16 Vgl. http://ec.europa.eu/europe2020/targets/eu-targets/index_de.htm.

14
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

3. Zur langfristigen Produktivitäts- und Wachstumsentwicklung


in Deutschland

3.1 Historische Produktivitäts- und Wachs- Jahre sind schon lange vorbei und werden auch
tumsentwicklung in Deutschland nicht wiederkehren.17 Nach der Rekonstruktions-
phase in den 1950er und 1960er Jahren sanken
Deutschlands Produktivitäts- und Wirtschafts- das Wirtschaftswachstum und der Produktivi-
wachstum zeigt in der langfristigen Entwicklung tätsfortschritt drastisch.
eine deutlich rückläufige Dynamik. Daran ändert Abbildung 1 zeigt die langfristigen Verände-
die derzeit auch in der Öffentlichkeit betriebene rungen beim Wirtschaftswachstum in der Bun-
Euphorie über ein neues Wachstumswunder in desrepublik Deutschland seit 1960 auf der Basis
Deutschland wenig. Die goldenen Jahre des Wirt- des preisbereinigten Bruttoinlandsprodukts.
schaftswunders der 1950er und frühen 1960er

Abbildung 1:

Wirtschaftswachstum in Deutschland*; Veränderungen des preisbereinigten


Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorjahr in %**

10

8,2
8 7,5
6,7

6 5,6 5,5 5,3


4,7 5,0 4,8 4,9 5,1
4,6
4,3 4,2 3,9
3,7 3,9
4 3,3 3,4 3,6
3,1 3,3
2,8 2,8 3,0 2,8 2,3
2,3 2,5
1,6 1,8 1,8 1,8
2 1,4 1,4 1,5 1,7 1,6
0,9 0,8 0,7 0,8 0,8
0,5
0,0
0
60
62
64
66
68
70
72
74
76
78
80
82
84
86
88
90
92
94
96
98
00
02
04
06
08
10
19
19
19
19
19
19
19
19
19
19
19
19
19
19
19
19
19
19
19
19
20
20
20
20
20
20

-2 -0,3 -0,4 -0,4


-0,9 -1,0

-4

-5,1
-6
* Die Ergebnisse von 1950 bis 1969 (früheres Bundesgebiet) sind wegen konzeptioneller und definitorischer Unterschiede nicht voll mit den
Ergebnissen von 1970 bis 1991 (früheres Bundesgebiet) und den Angaben ab 1991 (Deutschland) vergleichbar. Die preisbereinigten Er-
gebnisse von 1950 bis 1969 (früheres Bundesgebiet) sind in Preisen von 1991 berechnet. Die Ergebnisse von 1970 bis 1991 (früheres
Bundesgebiet) sowie die Angaben ab 1991 (Deutschland) werden in Preisen des jeweiligen Vorjahres als Kettenindex nachgewiesen.
** Der erste Balken steht für den Durchschnitt der Jahre 1950 -1960. Die folgenden Linien für die Durchschnitte der folgenden Dekaden,
1960 -1970, 1970 -1980, 1980 -1991, 1991 -2001, 2001 - 2010.

Quelle: Destatis (2011) und eigene Berechnungen.

17 Vgl. Erber/Hagemann/Seiter (1998).


15
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

Im nachholenden Wachstumsprozess (Cat- Da Wirtschaftswachstum und Produktivitäts-


ching up) der Bundesrepublik Deutschland sind entwicklung miteinander korreliert sind, hat die
lange Zeit die potenziellen Freisetzungseffekte Arbeitsstundenproduktivität (siehe Abbildung 4)
hoher Produktivitätsfortschritte durch die posi- prozyklisch mit einem Einbruch reagiert. Dies
tiven Beschäftigungseffekte hoher Wachstums- zeigt sich noch ausgeprägter, wenn man die
raten des realen Bruttoinlandsprodukts mehr als Lohn- und Arbeitsproduktivitätsentwicklung je
ausgeglichen worden (vgl. Abbildung 2). Dies än- Kopf betrachtet (siehe Abbildung 5).
derte sich Mitte der 1970er Jahre im Gefolge der Allerdings hat die Kurzarbeiterregelung bei
weltweiten Rezessionen nach dem ersten und einem unterproportionalen Lohnverzicht die
noch stärker nach dem zweiten Ölpreisschock, Lohnstückkosten im Jahr 2009 um 5,6 Prozent
die zur Bildung und weiteren Öffnung einer kurzfristig nach oben schnellen lassen. Wegen
Produktions-Produktivitäts-Schere führten, die bis des raschen deutlichen Wachstumsschubs, an-
heute nicht geschlossen werden konnte. Auf- getrieben durch das Konjunkturpaket II der Bun-
grund einer Verlangsamung des Tempos der Ar- desregierung und des Exportbooms, haben sich
beitszeitverkürzung und einer deutlichen Zunah- diese Entwicklungen wieder normalisiert, d. h.
me der Erwerbspersonen kam es über fast drei der Einbruch der Arbeitsproduktivität und der
Jahrzehnte zu einem langfristig deutlichen An- drastische Anstieg der Lohnstückkosten haben
stieg der Arbeitslosenquote. Ein gänzlich anderes sich wieder zurückgebildet. Man darf jedoch die
Bild zeigt sich im selben Zeitraum für die USA, durch konjunkturelle Ausschläge bestimmte Ent-
wo das Bruttoinlandsprodukt zwischen 1950 und wicklung nicht leichtfertig als Trendwende um-
2010 gut doppelt so stark gestiegen ist wie die interpretieren (siehe Abbildung 6).
Stundenproduktivität (vgl. Abbildung 3). Dabei ist Ursache für den kurzfristigen Anstieg der Ar-
jedoch die Verdoppelung der Bevölkerung auf beitsproduktivität ist nicht zuletzt die zunehmen-
über 300 Millionen zu berücksichtigen. de Volatilität der wirtschaftlichen Entwicklung.18

Abbildung 2:

Produktions-Produktivitäts-Schere in Deutschland, 1950 - 2010, ab 1991 Gesamtdeutschland;


1950 und 1991 jeweils = 100

700
BIP Stundenproduktivität Erwerbstätige Arbeitsvolumen
600

500

400

300

200

100

0
1950 1955 1960 1965 1970 1975 1980 1985 1990 1995 2000 2005 2010

Quelle: The Conference Board.

18 Vgl. Erber/Fritsche (2005).

16
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

Abbildung 3:

Produktions-Produktivitäts-Schere in den USA, 1950 - 2010, 1950 = 100

700
BIP Stundenproduktivität Erwerbstätige Arbeitsvolumen
600

500

400

300

200

100

0
1950 1955 1960 1965 1970 1975 1980 1985 1990 1995 2000 2005 2010

Quelle: The Conference Board.

Wenn die Entwicklung der deutschen Wirtschaft Zeichen dieser Zeit, dass eine stabile Entwicklung
in zunehmendem Maße durch exogene Schocks der Weltwirtschaft unter den derzeit gegebenen
und konjunkturelle Schwankungen dominiert strukturellen Ungleichgewichten nicht zu erwar-
wird, dann sind trendmäßige Änderungen sehr ten ist.
viel schwieriger zu identifizieren als dies in den Nach dem schwersten Einbruch im Wirt-
früheren Phasen eines stabileren Wirtschafts- schaftswachstum Deutschlands seit dem Ende
wachstums der Fall war. Zur statistisch signifikan- des Zweiten Weltkriegs im Jahr 2009 in Höhe von
ten Identifikation einer nachhaltigen Trendwen- -5,1 Prozent kann auch das BIP-Wachstum von
de bedarf es mehr als einiger guter Quartalsergeb- 3,6 Prozent im Jahr 2010 und ein prognostiziertes
nisse oder sogar ein paar guter Jahre. Von daher Wirtschaftswachstum im Jahr 2011 in Höhe von
ist man gut beraten, die derzeitige Entwicklung ca. drei Prozent diesen langfristigen Trend nicht
beim Wirtschaftswachstum und der Arbeitspro- wenden.19 Insbesondere muss bei dieser Perspek-
duktivität eher einer zyklischen Komponente zu- tive beachtet werden, dass die deutsche Wirtschaft
zuordnen. Da niemand eine verlässliche Progno- besonders vom Wachstumsboom der chinesi-
se darüber geben kann, wie sich mittel- bis lang- schen Wirtschaft und anderer Schwellenländer
fristig die weltwirtschaftlichen Rahmenbedin- profitiert hat. Sollte es aufgrund der bestehenden
gungen nach der globalen Wirtschafts- und Probleme im Welthandels- und Währungssys-
Finanzkrise entwickeln werden, ist große Vorsicht tem20 zu neuen Turbulenzen in der Weltwirtschaft
geboten, was die trendmäßige Entwicklung dieser kommen, dann würde hierdurch die deutsche
Größen betrifft. Die Herausforderung, Wunsch Wirtschaft erneut stärker als zahlreiche andere
und Wirklichkeit miteinander in Übereinstim- europäische Staaten wie beispielsweise Frank-
mung zu bringen, sollte den Blick für die fort- reich als Deutschlands wichtigster Handelspart-
bestehenden Risiken der weltwirtschaftlichen ner betroffen werden.
Entwicklung nicht verstellen. Es ist gerade das

19 Vgl. SVR (2010a).


20 Vgl. Belke/Dreger/Erber (2010); Erber (2010b).

17
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

Abbildung 4:

Lohnkosten*, Lohnstückkosten** und Arbeitsproduktivität je Stunde*** in Deutschland,


Veränderung gegenüber dem Vorjahr in %

-4 -2 0 2 4 6 8 10
3,5
1991 7,5
3,8
2,5
1992 9,0
6,3
1,6
1993 5,5
3,8
2,9
1994 3,2
0,2
2,6
1995 4,8
2,1
2,3
1996 2,7
0,4
2,5
1997 1,6
-0,9
1,2
1998 1,3
0,1
1,4
1999 2,0
0,5
2,6
2000 3,3
0,7
1,8
2001 2,5
0,6
1,5
2002 2,0
0,6
1,2
2003 2,0
0,8
0,6
2004 0,2
-0,5
1,4
2005 0,6
-0,8
3,1
2006 1,2
-1,7
1,0
2007 0,8
-0,2
-0,2
2008 2,2
2,4
-2,2
2009 3,4
5,7
-0,4 2010 1,0
-1,3

Arbeitsproduktivität je Stunde Lohnkosten je Stunde Lohnstückkosten (Stundenkonzept)

* Preisbereinigtes Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigenstunde


** Arbeitnehmerentgelt je Arbeitnehmerstunde
*** Lohnkosten zu Arbeitsproduktivität

Quelle: Destatis.

18
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

Abbildung 5:

Lohnkosten* je Arbeitnehmer, Lohnstückkosten** und Arbeitsproduktivität je Erwerbstätigen***


in Deutschland, Veränderung gegenüber dem Vorjahr in %

Arbeitsproduktivität je Erwerbstätigen
-6 -4 -2 0 2 4 6 8 10 12
1991 2,2
3,7
1993 0,5
2,8
1995 1,7
1,3
1997 1,9
0,8
1999 0,7
1,3
2001 0,8
0,6
2003 0,7
0,8
2005 0,9
2,7
2007 1,0
-0,4
-4,7 2009
3,1

Lohnkosten je Arbeitnehmer
-4 -2 0 2 4 6 8 10 12
1991 5,9
10,4
1993 4,1
2,9
1995 3,6
1,3
1997 0,8
0,9
1999 1,1
1,9
2001 1,6
1,3
2003 1,6
0,4
-0,1 2005
1,1
2007 0,9
2,0
2009 0,2
2,0

Lohnstückkosten
-4 -2 0 2 4 6 8 10 12
1991 3,6
6,4
1993 3,5
0,2
1995 1,9
0,0
-1,1 1997
0,1
1999 0,4
0,6
2001 0,8
0,8
2003 0,8
-0,4
-1,0 2005
-1,6
-0,1 2007
2,4
2009 5,2
-1,0

* Preisbereinigtes Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigenstunde


** Arbeitnehmerentgelt je Arbeitsnehmerstunde
*** Lohnkosten zu Arbeitsproduktivität
Quelle: Destatis.

19
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

Abbildung 6:

Produktivitätszuwachs und Trendberechnung für Deutschland nach verschiedenen Modellen;


Veränderung gegenüber dem Vorquartal in % (auf Jahresbasis hochgerechnet)

12

-4

-8
1960 1963 1966 1969 1972 1975 1978 1981 1984 1987 1990 1993 1996 1999 2002

Quelle: Erber/Fritsche (2005).

Hinzu kommt, dass der demographische Wandel gie zur Deckung des Fachkräftebedarfs sogar kon-
in Deutschland die Erwerbsbevölkerung langfris- traproduktiv. Menschen in Beschäftigungen zu
tig schrumpfen lässt. Durch den Renteneintritt parken, wo sie noch nicht einmal ihr lebensnot-
der Babyboomer-Generation ab dem Jahr 2015 wendiges Grundeinkommen ohne zusätzliche
gehen der deutschen Wirtschaft in zunehmen- Sozialtransfers decken können, leistet keinen Bei-
dem Maße Fachkräfte verloren.21 Ob dies durch trag zur Qualifizierung und hierdurch Beschäfti-
die Zuwanderung qualifizierter Fachkräfte aus gung als potentielle Fachkräfte im ersten Arbeits-
dem Ausland ausgeglichen werden kann, er- markt. Insbesondere die hohe Arbeitslosigkeit in
scheint vor dem Hintergrund der früheren De- Ostdeutschland seit der Wiedervereinigung hat
batte um die Zuwanderung indischer IT-Fach- das dort vorhandene Arbeitskräftepotenzial nicht
kräfte äußerst zweifelhaft.22 Die Zuwanderungs- angemessen ausgeschöpft. Dies wirkt sich letzt-
zahlen der Vergangenheit geben wenig Anlass zu endlich auch negativ auf die Entwicklung der
Optimismus. Die Schaffung eines Niedriglohn- totalen Faktorproduktivität aus, da eine nachhal-
sektors von Teilzeitbeschäftigten sowie die Insti- tige Unterauslastung des Arbeitskräftepotenzials
tutionalisierung von Aufstockern als Working Poor zwar die Arbeitsproduktivität je Beschäftigten
sind für die Schaffung einer nachhaltigen Strate- steigert, aber aufgrund steigender Lohnzusatzkos-

21 Vgl. Fuchs/Dörfler (2005).


22 Vgl. Fischer/Dahms/Bechmann/Bilger/Frei/Wahse/Möller (2008).

20
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

ten infolge erhöhter Transferzahlungen den Bei- geringe Chance, diese nachträglich zu reaktivie-
trag des Faktors Arbeit zu Lasten der Kapital- ren. Kurzfristige Flickschusterei am Arbeitsmarkt
produktivität erhöht. Dies führt aber im Zuge ei- hat nicht zur nachhaltigen Sicherung des Fach-
ner Anpassung durch verstärkte Rationalisierun- kräftebedarfs in Deutschland beigetragen. Der Ju-
gen zu einer weiteren Kapitalintensivierung der gendwahn der überwiegenden Zahl von Unter-
Produktion oder Verlagerungseffekten von Pro- nehmen hat zu einer Entwicklung geführt, die
duktionen ins Ausland. Der Anstieg von Lohnne- insbesondere die vorhandenen älteren Fachkräfte
benkosten wirkt im Zuge konjunktureller Schwan- aus Bequemlichkeit diskriminierte und sich am
kungen prozyklisch, d.h. sie sinken beim Auf- kurzfristigen Überangebot billiger jüngerer Ar-
schwung und steigen beim Abschwung. beitskräfte orientierte. Das Statistische Bundes-
Gleichzeitig führt eine verschärfte Arbeitsplatz- amt kommt in einer Untersuchung über die Fol-
konkurrenz zu einer sinkenden Verhandlungs- gen des demographischen Wandels für das lang-
macht der Gewerkschaften bei der Durchsetzung fristige Wirtschaftswachstum zu einem ernüch-
produktivitätsorientierter Löhne. Selbst bei ei- ternden Ergebnis. Während noch bis zum Jahr
nem Anstieg der Arbeitsproduktivität kann diese 2012 das Potenzialwachstum des Bruttoinlands-
aufgrund der unterhalb des Produktivitätsfort- produkts mit einer Veränderungsrate von knapp
schritts verlaufenden Entlohnung einen rückläu- 2 Prozent vergleichsweise günstig ausfällt, wird es
figen Beitrag zur totalen Faktorproduktivität leis- sich im Verlauf bis zum Jahr 2030 auf rund 0,5
ten. Der seit dem Einbruch des Jahres 2009 statt- Prozent reduzieren. Pro Kopf fällt das Ergebnis et-
findende Wirtschaftsaufschwung in Deutschland was günstiger aus. Es wird sich nur in etwa auf
zeigt in Verbindung mit der positiven Beschäfti- knapp 1 Prozent halbieren (siehe Abbildung 7).
gungsentwicklung diese Zusammenhänge deut- Mithin muss man sich unter den derzeitigen Be-
lich auf. Mehr Wirtschaftswachstum, steigende dingungen auf eine zunehmende Wachstums-
Beschäftigung und sinkende Lohnnebenkosten schwäche der deutschen Wirtschaft einstellen.
durch sinkende Beiträge zur Arbeitslosenversiche- Die bisherigen Fehlanreize am Arbeitsmarkt
rung sind stark miteinander korreliert. haben nicht zu einer nachhaltigen Sicherung des
Jetzt wo der demographische Wandel sich Arbeitskräftebedarfs beigetragen. Wer so wenig in
durch einen wachsenden Fachkräftemangel in die nachhaltige Entwicklung des Arbeitskräfte-
nicht mehr allzu ferner Zukunft abzuzeichnen potenzials und dessen Qualifizierung investiert,
beginnt, sind diese Versäumnisse nicht mehr zu muss nicht überrascht sein, wenn am Ende we-
kompensieren. Viele Arbeitskräfte wurden durch gen Arbeitskräftemangel das Potenzialwachstum
voreilige Frühverrentungen dauerhaft aus dem der deutschen Wirtschaft insgesamt beschränkt
Arbeitsmarkt ausgegliedert. Es besteht nur eine ist.

21
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

Abbildung 7:

Produktivitätszuwachs und Trendberechnung für Deutschland nach verschiedenen Modellen;


Veränderung gegenüber dem Vorquartal in % (auf Jahresbasis hochgerechnet)

Demographiebedingte Änderungen des Wachstums


4

0
1991 119
1994 1997 2000 2003
0 2006 2009
200 9 2012 2015 2018 2021 2024 2027 2030 2033 2036 2039 2042 2045 2048 2051 2054 2057 2060
% p.a.

-1

-2

-3

-4

-5 BIP je Einwohner VÄ% BIP VÄ%

-6
Quelle: Bevölkerung nach Prognose StBA: 12. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung.
Mittlere Bevölkerung Untergrenze (V1-W1); eigene Berechnungen.

Quelle: Destatis.

3.2 Wandel zur Produktion immaterieller Erbringer einer solchen Leistung wird als Dienst-
Güter bzw. Dienstleistungen leister bezeichnet. Auch bei der Dienstleistungs-
produktion findet ein fortlaufender Prozess einer
Seit langem findet ein Strukturwandel bei den Spezialisierung bei der Arbeitsteilung statt. Mit-
entwickelten Volkswirtschaften weg von der In- hin ist der Effizienzgewinn durch fortlaufende
dustrieproduktion hin zu einem stärkeren Anteil Arbeitsteilung im Sinne von Adam Smith auch
der Dienstleistungen an der Bruttowertschöpfung für die Dienstleistungsproduktion weiterhin gül-
statt.23 Eine Dienstleistung im Sinne der Volks- tig. Dies zeigt sich auch in der Veränderung der
wirtschaftslehre ist ein ökonomisches Produkt, Wirtschaftszweigsystematik der Dienstleistungs-
bei dem im Unterschied zur Güterproduktion sektoren der Wirtschaft. Von Revision zu Revi-
nicht die materielle Produktion oder der mate- sion werden die Untergliederungen detaillierter
rielle Wert eines Endproduktes im Vordergrund als zuvor.
steht, sondern eine von einer natürlichen oder In Deutschland wird nach der neuen Wirt-
einer juristischen Person zu einem Zeitpunkt oder schaftszweigsystematik WZ 2008 die in Tabelle 1
in einem Zeitrahmen erbrachte Leistung zur Be- angegebene Unterteilung vorgenommen.
friedigung eines Bedürfnisses maßgeblich ist. Der

23 Vgl. Fourastié (1954).

22
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

Tabelle 1:

Klassifikation der Dienstleistungen nach der WZ 2008 des Statistischen Bundesamts

Lfd. Nr. WZ 2008 Kode WZ 2008 – Bezeichnung (a.n.g. = anderweitig nicht genannt)
881 G Handel, Instandhaltung und Reparatur von Kraftfahrzeugen
1161 H Verkehr und Lagerei
1241 I Gastgewerbe
1282 J Information und Kommunikation
1358 K Erbringung von Finanz- und Versicherungsdienstleistungen
1416 L Grundstücks- und Wohnungswesen
1433 Erbringung von freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen
M
Dienstleistungen
1513 N Erbringung von sonstigen wirtschaftlichen Dienstleistungen
1611 O Öffentliche Verwaltung, Verteidigung; Sozialversicherung
1634 P Erziehung und Unterricht
1671 Q Gesundheits- und Sozialwesen
1714 R Kunst, Unterhaltung und Erholung
1765 S Erbringung von sonstigen Dienstleistungen
1819 T Private Haushalte mit Hauspersonal; Herstellung von Waren und
Erbringung von Dienstleistungen durch private Haushalte für den
Eigenbedarf ohne ausgeprägten Schwerpunkt
1831 U Exterritoriale Organisationen und Körperschaften

Quelle: Destatis (2008).

Diese sogenannte Tertiarisierung der Wirtschaft dem der Industriesektoren zurückbleibt, setzt bei
findet in allen entwickelten Volkswirtschaften entsprechender Endnachfrage aufgrund von Sät-
der OECD statt. Deutschland und Japan sind da- tigungstendenzen in der Versorgung mit Indus-
bei im Vergleich zu den anderen OECD-Ländern triegütern im Sinne der Maslowschen (1943) Be-
hinsichtlich der Deindustrialisierung weniger dürfnispyramide (vgl. Abbildung 8) trendmäßig
weit fortgeschritten. Mit ihr einhergehend wird eine Nachfrageverschiebung von der Güterpro-
ein Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Arbeits- duktion zu Dienstleistungen ein, die sich weniger
produktivität beobachtet, der unter dem Stich- effizient im Sinne hoher Arbeitsproduktivitäts-
wort Baumol’s Disease (Krankheit) einen trendmä- steigerung bereitstellen lassen.
ßigen Rückgang konstatiert.24 Ursache sind be- Der Prozess wirtschaftlichen Wachstums
grenzte Möglichkeiten, durch den Einsatz von durch die Industrialisierung der Güterproduktion
Kapital die Arbeitsproduktivität durch den tech- stößt an seine natürlichen Wachstumsgrenzen
nologischen Fortschritt in ähnlichem Umfang zu aufgrund der beschränkten Verfügbarkeit natürli-
steigern, wie dies im Bereich der Produktion von cher Ressourcen. Selbst wenn diese reproduzier-
Industriegütern seit langem kontinuierlich ge- bar sind, d.h. nachwachsende Ressourcen darstel-
lungen ist. Wenn der Zuwachs bei der Arbeitspro- len, ist durch die Geschwindigkeit des Nachwach-
duktivität in den Dienstleistungssektoren hinter sens zunächst eine natürliche Grenze für deren

24 Vgl. Baumol/Blackman/Wolff (1985).

23
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

Abbildung 8:

Maslowsche Bedürfnispyramide

e s
nis
ürf
edb
ms
stu
Selbst-

ch
Wa
verwirklichung

ICH Bedürfnisse
Anerkennung/Geltung

Soziale Bedürfnisse
e
iss

Freundschaft, Liebe, Gruppenzugehörigkeit


rfn

be
it

Sicherheitsbedürfnisse
fiz
De

Materielle und berufliche Sicherheit (Wohnen, Arbeit)

Grundbedürfnisse
Essen, Trinken, Schlafen

Bedürfnispyramide nach Abraham Harold Maslow (1908 - 1970)

Quelle: Nach Maslow (1943).

nachhaltige Nutzung gesetzt. Übernutzung führt Allerdings führte dieser Strukturwandel bisher zu
zwangsläufig bei nachwachsenden Ressourcen zu einer Verlangsamung des Produktivitätsfort-
einer schrumpfenden Ressourcenbasis. Beispiele schritts, da die Produktivitätsentwicklung in der
hierfür sind Fischbestände, Wälder, Grundwas- Industrie dynamischer verläuft als in den Dienst-
serreserven etc., oder auch Agrarflächen, wenn leistungssektoren insgesamt. Die wirtschaftliche
diese sich zu einem gewissen Umfang regenerie- Entwicklung ist sogar positiv in dem Sinne, dass
ren müssen. unter diesen Bedingungen die Ressourcen- und
Dies muss grundsätzlich nicht als Nachteil Energieintensität der wirtschaftlichen Produktion
für die derzeitige wirtschaftliche Entwicklung im Zuge einer Selbstregulierung durch die Bedürf-
empfunden werden. Sie ist nur das Ergebnis einer nisstruktur der Wirtschaftssubjekte selbst kon-
reifen Volkswirtschaft, die immer stärker ihren trolliert wird. Wenn weniger Nachfrage nach
Schwerpunkt auf die Produktion von Dienstleis- physischen Gütern, sondern stattdessen in stei-
tungen und immateriellen Gütern verlagert hat. gendem Maße Nachfrage nach Dienstleistungen
Man hat diesen Entwicklungszustand daher auch oder immateriellen Gütern25 die wirtschaftliche
als post-industrielle Gesellschaft charakterisiert. Entwicklung antreibt, dann besitzt das Wirt-

25 Immaterielle Güter unterscheiden sich in Dienstleistungen und Rechte an geistigem Eigentum. Dienstleistungen können durch Perso-
nen erbracht – z. B. Haarschnitt, Rechtsberatung etc. – oder auch durch technische Systeme wie Zugang zu elektronischen Diensten –
wie beispielsweise E-mail, Internet Service Provision etc. – angeboten werden. Letztere bieten durch Netzwerke sowie Skalen- und
Scope-Effekte auch zukünftig im Rahmen von Cloud-Computing und Breitbandnetzen, insbesondere bei mobilen und wireless-net-
works, erhebliche Wachstumspotenziale. Rechte sind Eigentumsrechte an geistigem Eigentum wie Patente, Marken, Urheberrechte etc.,
die über Verfügungsrechte auch durch andere wirtschaftlich verwertet werden können. Innovationen werden insbesondere durch den
Patentschutz angeregt, wenn damit im Zuge von Lizenzen Gewinne erzielt werden können. Man nennt dies in Anlehnung an Schum-
peter auch generell Schumpeter-Renten. Bei zahlreichen Unternehmen übersteigen diese Vermögenswerte diejenigen, die durch das mate-
rielle Anlagevermögen das Eigenkapital des Unternehmens repräsentieren.

24
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

schaftssystem endogene Kräfte, die eine ökolo- denen Hauptgruppen der Wirtschaftszweige des
gisch nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung Dienstleistungsgewerbes in Deutschland in den
potenziell möglich werden lassen. Jahren 1991 bis 2008 zusammengefasst. Man er-
Ebenso führen rasche Innovationsprozesse kennt, dass es sehr unterschiedliche Entwick-
sowohl in der Produktions- als auch in der Kon- lungstrends bei der Dienstleistungsproduktivität
sumtionssphäre zu einem parallel wachsenden in Deutschland gibt. Insbesondere bei den Wirt-
Bedarf an Bildungs- bzw. Fortbildungsinvestitio- schaftszweigen des Verkehrs und der Nachrich-
nen. Die Entwicklung von Humankapital erfor- tenübermittlung verläuft die Entwicklung der
dert jedoch – soweit sie über wirtschaftliche Ver- Arbeitsproduktivität überdurchschnittlich im
wertung erfolgt – eine Umschichtung von Res- Vergleich zu den gesamten Dienstleistungen. Die
sourcen aus dem unmittelbaren Produktionsbe- Wirtschaftszweige Finanzierung, Vermietung und
reich in den Bildungs- bzw. Fortbildungsbereich. Unternehmensdienstleistungen sowie öffentliche
Humankapitalproduktion ist jedoch bisher wei- und private Dienstleister weisen hingegen eine
terhin eine sehr personalintensive Tätigkeit, so unterdurchschnittliche Arbeitsproduktivitätsent-
dass dieser Bereich unter Baumol’s Disease leidet. wicklung auf.
Zwar existieren Ansätze, diese Kosten durch elek- Die Dienstleistungsproduktion bietet jedoch
tronische Medien und Softwaresysteme im Zuge auch Chancen, durch Standardisierung26 und
des eLearning auch stärker zu rationalisieren, d. h. Umstellung von personellen Dienstleistungen
die Produktivität zu erhöhen, aber bisher haben auf Automatisierung mittels technischer Syste-
sich die dadurch erhofften Erfolge nicht im ge- me – insbesondere dort, wo es um Informations-
wünschten Maße eingestellt. verarbeitungsprozesse geht –, die Produktivität
In der folgenden Abbildung 9 ist die Entwick- drastisch zu steigern. Die Hoffnungen, die sich
lung der Arbeitsproduktivität bei den verschie- mit der New Economy27 verbanden, beruhten nicht

Abbildung 9:

Arbeitsproduktivität bei den Dienstleistungen in Deutschland, 1991 bis 2008;


Index zum Basisjahr 2000 = 100

140

120

100

80

60
Handel, Gastgewerbe und Verkehr
Handel und Reparaturgewerbe
40
Verkehr und Nachrichtenübermittlung
Finanzierung, Vermietung und Unternehmensdienstleistung
20
Öffentliche und private Dienstleister

0
1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008

Quelle: Eigene Berechnungen, Destatis.

26 Vgl. Hawkins/Mansell/Skea (1995); oder hierzu bspw. auch das Standardisierungsportal des DIN e. V.
27 Vgl. Erber/Hagemann (2002); Erber/Hagemann/Seiter (2002).

25
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

zuletzt darauf, dass hierdurch Dienstleistungen Durch die Miniaturisierung von materiellen
wie beispielsweise Verwaltungsvorgänge bei Re- Produkten ergeben sich zugleich erhebliche Poten-
gierungsinstitutionen, wie auch in der Wirtschaft, ziale zur Ressourcenschonung. Beispielsweise fin-
auf ein bisher weitgehend noch unausgeschöpftes det durch die fortschreitende Miniaturisierung
Rationalisierungspotenzial zurückgreifen kön- im Bereich der Mikroelektronik ein rapider Pro-
nen. Allerdings sind insbesondere durch das An- zess der Steigerung der Ressourceneffizienz hin-
gebot kostenloser Inhalte über das Internet die sichtlich solcher Zielgrößen wie Rechen- und
Verwertungsmöglichkeiten insgesamt weniger Datenübertragungsgeschwindigkeit oder Spei-
ausgeprägt, als dies in der ersten Phase der Eu- cherkapazität von Informationen statt. Allerdings
phorie den Anschein hatte. Auch wenn die elek- führt die immer weitergehende Ausstattung der
tronischen Informations- und Kommunikations- Wirtschaft sowie der Haushalte mit elektroni-
dienstleistungen dramatisch durch das weltweite schen Ausrüstungsgütern zu Reboundeffekten, in-
Internet zugenommen haben, ist dies nicht mit dem z. B. der Umfang und das Ausmaß von Elek-
einer parallel dazu verlaufenden wirtschaftlichen tronikschrott dramatisch zunehmen. Durch rasche
Verwertung gekoppelt. Eher sind teilweise Kanni- technische Obsolesenz dieser Produkte und damit
balisierungseffekte feststellbar, da, was kostenlos verkürzte Nutzungsdauer werden die Gewinne
im Internet verfügbar ist – siehe beispielsweise hinsichtlich der Ressourceneffizienz weitgehend
Wikipedia anstelle von klassischen Enzyklopä- kompensiert oder sogar überkompensiert. Durch
dien – die Nutzung von immateriellen Gütern ge- Recycling und Rohstoffrückgewinnung lassen
stattet. Dies kann einerseits im Zuge des digital sich diese Probleme jedoch zumindest teilweise
commons geschehen, d. h. durch den expliziten wieder kompensieren. Umweltverträglichkeit ist
Verzicht auf die Rechte am geistigen Eigentum in der Regel nicht kostenlos, d. h. die dafür anfal-
bzw. deren Verwertungsrechten im Netz, oder lenden zusätzlichen Faktorkosten können für die
durch Piraterie, d. h. den illegalen Erwerb und Verteilung an die übrigen Faktoren wie Arbeit
Austausch von Software und Multimediainhal- und Kapital nicht mehr zur Verfügung stehen.
ten. Besondere Aufmerksamkeit hat hier bisher Mithin sinkt auch der Beitrag, den eine steigen-
der illegale Musikdownload auf sich gezogen.28 de Arbeitsproduktivität zum gesamten Produk-
All dies erschwert die Messung der durch elek- tivitätsfortschritt leisten kann und verringert so-
tronische Informations- und Kommunikations- mit entsprechend die Dynamik der Arbeits- und
dienstleistungen herbeigeführten Verbesserung Kapitaleinkommen.
der Lebensqualität. Mithin können die traditio- Neue Technologien wie beispielsweise die
nellen Methoden der Produktivitätsmessung nur Nanotechnologie29, Bio- und Gentechnologie
in beschränktem Umfang die veränderten Pro- führen auch zu völlig neuen Verfahren und Pro-
duktions- und Lebensverhältnisse der Gesell- zessen sowie deren Produkten. Diese können,
schaft repräsentieren. Der Verdacht, dass wich- wenn sie Marktreife erlangen, ebenfalls zu er-
tige Elemente des gesellschaftlichen Fortschritts heblichen Einsparpotenzialen gegenüber tradi-
dadurch nicht mehr abgebildet werden und da- tionellen Produktionsmethoden führen. Ent-
mit potenziell erhebliche Verzerrungen hinsicht- sprechend kann hierdurch insbesondere die Res-
lich der tatsächlichen Lebensqualität und Le- sourceneffizienz, aber auch die Arbeitsprodukti-
benszufriedenheit immer mehr an Gewicht ge- vität, steigen, allerdings dürfte dies zu Lasten des
winnen, ist nicht von der Hand zu weisen. Durch Arbeitsvolumens gehen, wenn keine Nachfrage-
Verwendung traditioneller Methoden können ausweitung damit verbunden ist.
sich zu pessimistische Ansichten über den tat- Eine besondere Rolle spielen seit einiger Zeit
sächlichen Fortschritt einer postindustriellen In- auch Finanzdienstleistungen. Nicht erst seit Aus-
formations- und Wissensgesellschaft ergeben. bruch der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise

28 Vgl. Erber (2009b).


29 Vgl. Erber (2007).

26
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

ist erkennbar geworden, welche herausragende haltigen Wertschöpfung der Finanzdienstleister


Bedeutung moderne Finanzinnovationen für das nichts gemein hatte. Diese Probleme sind in der
Wirtschaftsgeschehen eingenommen haben. bisher üblichen Methode der indirekten Messung
Durch den Derivatehandel und Verbriefungen30 von Finanzdienstleistungen (FISIM) völlig unan-
ist der Wirtschaftsprozess durch moderne Formen gemessen in den Volkswirtschaftlichen Gesamt-
der Finanzintermediation maßgeblich transfor- rechnungen abgebildet worden. Mithin sind we-
miert worden.31 Die Finanzdienstleistungen sind gen methodischer Probleme die Effizienzmessun-
dabei zu einem erheblichen Teil zum Treiber von gen zur adäquaten Erfassung der Wertschöpfung
Wertschöpfungsgewinnen insbesondere in globa- im Bereich der Finanzdienstleistungen wesent-
len Finanzzentren wie New York und London ge- lich verzerrt worden, zunächst und vor allem in
worden. Dass diese Wertschöpfungsinflation auf den USA, zunehmend aber auch in anderen
einer Vermögensblase insbesondere im Bereich Ländern wie in Deutschland – entsprechend der
der Immobilienwerte basierte, ist nach dem Zu- relativen Bedeutung des Finanzsektors. Hier muss
sammenbruch der globalen Finanzmarktblase dringend eine Korrektur an den weiterhin ange-
deutlich geworden.32 Hinzu kam ein Bonus-Sys- wendeten Methoden vorgenommen werden.
tem für Investmentmanager, das mit einer nach-

30 Vgl. Erber (2008b).


31 Vgl. Ballinf (2009).
32 Vgl. Banternghansa/Peralta-Alva (2009).

27
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

4. Internationaler Vergleich der Produktivitäts- und Wachstumsentwicklung

4.1 Deutschland im europäischen und Spitzenposition im Pro-Kopf-Einkommen inner-


außereuropäischen Vergleich halb der großen EU-Länder zunächst an Frank-
reich, danach an Großbritannien verloren und
Im Nachfolgenden vergleichen wir die Entwick- bis heute nicht wiedererlangt hat.
lung von realem Wirtschaftswachstum und Pro- Der durch die Wiedervereinigung 1990 ent-
duktivitätswachstum in Deutschland einerseits standene Rückstand im realen Bruttoinlandspro-
mit der Entwicklung in den anderen großen EU- dukt pro Kopf gegenüber Japan ist in der Zwi-
Ländern Frankreich, Großbritannien, Italien und schenzeit vor allem aufgrund des noch schwäche-
Spanien, andererseits in Gegenüberstellung mit ren Wirtschaftswachstums in Japan in den beiden
der Entwicklung in den USA, Japan und China. letzten Dekaden mittlerweile weitgehend aufge-
Abbildung 10 verdeutlicht, dass die Bundesrepublik holt worden, bei gleichzeitiger Vergrößerung der
Deutschland durch die Integration der fünf wirt- Lücke gegenüber den USA und einem rasanten
schaftsschwachen neuen Bundesländer im Zuge Aufholen Chinas auf zunächst deutlich niedrige-
der Wiedervereinigung im Sommer 1990 ihre rem Niveau (vgl. Abbildung 11).

Abbildung 10:

Entwicklung des realen BIP pro Kopf in internationalen US-$ von 1990
(Geary Khamis PPP), 1950 - 2010

25.000

20.000

15.000

10.000

Deutschland* Italien
5.000
Frankreich Vereinigtes Königreich
Spanien

-
1950 1955 1960 1965 1970 1975 1980 1985 1990 1995 2000 2005 2010

* Ab 1990 Gesamtdeutschland, davor BRD.

Quelle: The Conference Board.

28
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

Abbildung 11:

Entwicklung des realen BIP pro Kopf in internationalen US-$ von 1990
(Geary Khamis PPP), 1950 - 2010

35.000

Deutschland* Vereinigte Staaten


30.000
China Japan

25.000

20.000

15.000

10.000

5.000

-
1950 1955 1960 1965 1970 1975 1980 1985 1990 1995 2000 2005 2010

* Ab 1990 Gesamtdeutschland, davor BRD.

Quelle: The Conference Board.

Ähnliche Profile zeigen sich bei der Entwicklung tivitätslücke gegenüber den anderen drei großen
der Stundenproduktivität (Abbildung 12), wo EU-Ländern. Ohne eine umfassende Strukturre-
Deutschland im Vergleich der großen EU-Länder form werden diese beiden Länder daher in der
durch die Wiedervereinigung die Spitzenposition Zukunft immer mehr Schwierigkeiten haben, sich
an Frankreich verloren hat (dessen Wert weitge- im innereuropäischen Wettbewerb behaupten zu
hend dem der alten Bundesländer entspricht) können. Es muss daher abgewartet werden, ob
und nunmehr etwa gleichauf mit Großbritan- die im Zuge der Finanzkrise eingeleiteten Struk-
nien liegt, das seine Produktivitätslücke gegen- turreformen hier dauerhaft eine Wiederannähe-
über Deutschland in den 1990er Jahren schließen rung an die führenden Länder herbeiführen kön-
konnte. Italien andererseits ist in den letzten bei- nen. Nur wenn dies gelingt, könnte ihr Verbleib
den Jahrzehnten deutlich zurückgefallen und liegt in der Währungsunion der Eurozone chancen-
nur noch etwa gleichauf mit Spanien, das in den reich sein. Alle derzeit diskutierten Maßnahmen
1970er und 1980er Jahren einen erfolgreichen zur Hilfe mittels entsprechender Transferleistun-
Catching up-Prozess durchlief. gen durch die anderen Mitgliedsländer werden
Damit zeigt sich bei Spanien und Italien seit vergeblich sein, wenn die internen Strukturrefor-
Mitte der 1990er Jahre eine zunehmende Produk- men nicht greifen.

29
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

Abbildung 12:

Entwicklung der realen Stundenproduktivität in internationalen US-$ von 1990


(Geary Khamis PPP), 1950 - 2010

40

35 Deutschland* Italien
Frankreich Vereinigtes Königreich
30 Spanien

25

20

15

10

0
1950 1955 1960 1965 1970 1975 1980 1985 1990 1995 2000 2005 2010

* Ab 1990 Gesamtdeutschland, davor BRD.

Quelle: The Conference Board.

Ein außereuropäischer Vergleich der Stundenpro- de dauern, bis Südkorea seinen noch beträchtli-
duktivitäten (Abbildung 13) mit den USA, Japan chen Rückstand zu Japan abbauen kann.
und Südkorea (für China liegen entsprechende Fassen wir unsere historische Rückschau ab-
Daten nicht vor) zeigt, dass Deutschland bezüg- schließend zusammen, dann lässt sich konstatie-
lich der Stundenproduktivität vergleichsweise ren, dass sich Deutschland im europäischen und
günstig gegenüber den USA abschneidet. Aller- weltweiten Vergleich gut behaupten konnte. Ins-
dings ist der langfristig erfolgreiche Aufholpro- besondere hat die Integration Ostdeutschlands
zess durch den negativen Produktivitätseffekt der jedoch aufgrund der erheblichen Transferleistun-
Wiedervereinigung weitgehend zum Erliegen ge- gen dorthin und der Restrukturierung der deut-
kommen und seitdem noch nicht entscheidend schen Wirtschaft im Zuge der Globalisierung zu
reaktiviert worden. Dies ist insbesondere auf die einer Wachstumsschwäche und Verlangsamung
wesentlich dynamischere Entwicklung in den der Produktivitätsentwicklung geführt. Diese Pro-
USA seit Mitte der 1990er Jahre im Vergleich zu bleme fallen jedoch immer weniger ins Gewicht,
Deutschland zurückzuführen. Zuvor war nahezu so dass sich durchaus positive Zukunftsperspekti-
ein Gleichstand erreicht worden. Japan dagegen ven abzeichnen. Allerdings setzt dies voraus, dass
ist im Zuge seiner lang andauernden Stagnation es nicht zu einer weltweiten und lang andauern-
immer weiter hinter die beiden führenden Län- den Weltwirtschaftskrise oder dem Zusammen-
der zurückgefallen. Südkorea schließt bezüglich bruch der Wirtschafts- und Währungsunion in
der Stundenproduktivität immer mehr zu Japan Europa kommt. Hierzu müssen aber insbesonde-
auf. Allerdings dürfte es noch mehr als eine Deka- re die anderen großen EU-Mitgliedsländer ihren

30
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

Abbildung 13:

Entwicklung der realen Stundenproduktivität in internationalen US-$ von 1990


(Geary Khamis PPP), 1950 - 2010

45

40 Deutschland* Vereinigte Staaten


Südkorea Japan
35

30

25

20

15

10

0
1950 1955 1960 1965 1970 1975 1980 1985 1990 1995 2000 2005 2010

* Ab 1990 Gesamtdeutschland, davor BRD.

Quelle: The Conference Board.

Beitrag durch umfassende Strukturreformen leis- Japan mit -5,2 Prozent Schrumpfung im Jahr
ten, um eine nachhaltige Divergenz zwischen 2009 hat Deutschland mit -5,1 Prozent gegenüber
den einzelnen Mitgliedsländern zu verhindern. den übrigen Mitgliedsstaaten der Eurozone mit
Hinzu kommt, dass es weiterer weltweiter An- -4,1 Prozent (Frankreich -2,6 Prozent, Spanien
strengungen bedarf, um die globalen strukturel- -3,7 Prozent und Italien -5,2 Prozent) und den
len Handelsungleichgewichte insbesondere zwi- USA mit -3,5 Prozent am schlechtesten abge-
schen den USA, China und Europa abzubauen. schnitten. Ein ganz anderes Bild ergibt sich, aus-
Nur so dürften sich die langfristigen Entwick- genommen Russland, für die BRIC-Staaten, allen
lungstrends der zurückliegenden Jahrzehnte auch voran für China, aber auch für Indien und Bra-
in die Zukunft fortsetzen lassen. silien. Mithin hat nur der von Asien ausgehende
rasche Wiederaufschwung der Weltwirtschaft seit
4.2 Die Entwicklung seit 2008 Herbst 2009 Deutschland zum derzeitigen Mus-
terschüler der Eurozone bezüglich der aktuellen
Betrachtet man das reale Bruttoinlandsprodukt Wachstumsperformance gemacht.
ausgewählter Länder der Eurozone, der USA und Abbildung 14 zeigt das Wirtschaftswachstum
der OECD als Gruppe der entwickelten Volkswirt- im internationalen Vergleich für die Jahre 2008
schaften, dann zeigt sich, dass Deutschland als bis 2010 einschließlich der Prognosen für 2011
ehemaliger Exportweltmeister ab Herbst 2008 zu- und 2012. Die für die Wirtschaft der Bundesre-
nächst besonders heftig unter der schockartigen publik Deutschland innerhalb der EU geltende
Kontraktion des Welthandels gelitten hat. Nach besondere Konjunkturabhängigkeit trifft inner-

31
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

halb Deutschlands in besonderer Weise für Ba- delskanal, worunter Industrien mit hohen Ex-
den-Württemberg zu, das 2009 mit einer Verän- portquoten wie der Maschinenbau und die Auto-
derung des Bruttoinlandsprodukts von -7,1 Pro- mobilindustrie besonders stark zu leiden hatten.
zent das zweitschlechteste Wirtschaftswachstum Abbildung 16 zeigt das Ranking des BIP pro Kopf
(schlechter war nur das Saarland) aller 16 Bun- für alle OECD-Länder mit den USA als „Bench-
desländer aufzuweisen hatte, im nachfolgen- mark“. Nur die beiden spezifischen Fälle Luxem-
den Jahr 2010 mit einem BIP-Wachstum von burg als Bankenplatz sowie Norwegen mit dem
5,5 Prozent aber bereits wieder Spitzenreiter war Reichtum aus dem Energiesektor weisen im Jahr
(vgl. Abbildung 15). Bezüglich der Transmission 2010 eine höhere Pro-Kopf-Produktion auf. Die
der Finanzkrise auf die Realwirtschaft nach dem deutsche liegt nur bei 81 Prozent des US-ameri-
Zusammenbruch der Investmentbank Lehman kanischen Wertes. Der Vergleich der Stundenpro-
Brothers im September 2008 ist Deutschland zwar duktivität zeigt jedoch auf, dass der Vorsprung
kaum über den Vermögenskanal getroffen wor- der USA gegenüber den meisten anderen Ländern
den (im Gegensatz zu den USA, Spanien, Irland wesentlich geringer ausfällt – und bezüglich
und vielen anderen Ländern gab es keine Immo- Deutschlands nahezu ausschließlich auf den Ein-
bilienblase, die platzte), dafür aber ebenso wie bezug der fünf neuen Bundesländer zurückzu-
andere exportstarke Länder wie Japan (China war führen ist, die mittlerweile bei gut zwei Drittel
wegen des sehr viel größeren Binnenmarktes und des Produktivitätsniveaus der alten Bundeslän-
der gewaltigen Konjunkturprogramme weniger der angekommen sind (vgl. Abbildung 17).
betroffen) besonders heftig über den Außenhan-

Abbildung 14:

Reales Bruttoinlandsprodukt im internationalen Vergleich;


Veränderungen gegenüber dem Vorjahr in %

15
2008 2009 2010 2011* 2012*
10

5
%

0
elt

an

UK

da

EU

ne

nd

ch

l. d ien

Ru a
d
ina

ien

iko
ar
lie

an

ilie
US

rei
W

zo
p

na

hla

ex
n

Ind
Ch
ah
Ita
Ja

ssl

as
pa
ro

nk
Ka

M
sc

.S

Br
S
Eu

-5
Fra
ut
De

üd
as
rik
Af

-10

* = Prognose

Quelle: IMF (2010, 2011).

32
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

Abbildung 15:

Reales Bruttoinlandsprodukt im nationalen/internationalen Vergleich;


Veränderungen gegenüber dem Vorjahr in %

-8 -6 -4 -2 0 2 4 6 8
USA
Japan
EU 27
Eurozone
Deutschland
Baden-Württemberg
Bayern
Berlin
Brandenburg
Bremen
Hamburg
Hessen
Mecklenburg-Vorpommern
Niedersachsen
Nordrhein-Westfalen
Rheinland-Pfalz
Saarland
Sachsen
Sachsen-Anhalt
Schleswig Holstein
2009 2010
Thüringen

Quelle: Eurostat, Arbeitskreis „Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung der Länder“.

Abbildung 16:

BIP pro Kopf 2010, Verhältnisse der nationalen Werte in konstanten internationalen US-$,
USA = 100

200
180
160
140
120
100
80
60
40
20
0
Luxemburg
Norwegen
USA
Schweiz
Australien
Österreich
Niederlande
Schweden
Kanada
Irland
Belgien
Dänemark
Island
Deutschland
Finnland
UK
Japan
Frankreich
Italien
Südkorea
Neuseeland
Spanien
Griechenland
Zypern
Portugal
Malta
Türkei

Quelle: The Conference Board, eigene Berechnungen.

33
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

Abbildung 17:

BIP pro Stunde 2010, Verhältnisse der nationalen Werte in konstanten internationalen US-$,
USA = 100

160
140
120
100
80
60
40
20
0
Luxemburg
Norwegen
Niederlande
USA
Belgien
Irland
Frankreich
Deutschland
Österreich
Schweden
UK
Australien
Dänemark
Kanada
Finnland
Schweiz
Spanien
Island
Italien
Japan
Neuseeland
Griechenland
Zypern
Malta
Südkorea
Portugal
Türkei
Quelle: The Conference Board, eigene Berechnungen.

Aufschluss über die Ursachen der z. T. erheblichen dern vor allem auch z. T. signifikante Unterschiede
Unterschiede zwischen dem BIP pro Kopf und bei den Quoten der Teilzeitbeschäftigten.
dem BIP pro Stunde liefert erst der genauere Blick Dies ist auch der Hauptgrund dafür, dass die
auf die länderspezifischen Erwerbsquoten und Niederlande wegen ihres großen Anteils an Teil-
jahresdurchschnittlichen Arbeitszeiten (vgl. Abbil- zeitbeschäftigten in dieser Statistik das Schluss-
dung 18 und Abbildung 19). Während Deutschland licht bilden, während auf der anderen Seite –
mittlerweile eine überdurchschnittlich hohe Er- sicherlich auf den ersten Blick zum Erstaunen
werbsquote und eine höhere Erwerbsquote als die vieler mit Vorurteilen Beladener – Griechenland
USA aufzuweisen hat, ist die jahresdurchschnitt- innerhalb der OECD-Länder Platz 2 hinter Süd-
liche Arbeitszeit eine der geringsten überhaupt. korea einnimmt. Eine geringe Frauenerwerbsquo-
Dabei ist zu beachten, dass hier in die Berech- te und eine damit häufig einhergehende geringe
nung nicht nur unterschiedliche Urlaubsregelun- Quote an Teilzeitbeschäftigten haben lange Zeit
gen (sechs oder z. B. drei Wochen) oder eine un- vor allem in südeuropäischen Ländern zu einem
terschiedliche Zahl an Feiertagen einfließen, son- deutlich niedrigeren BIP pro Kopf geführt.

34
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

Abbildung 18:

Erwerbsquote 2010, Anteil der Erwerbstätigen an der gesamten Wohnbevölkerung in %

70 %
60 %
50 %
40 %
30 %
20 %
10 %
0%
Schweiz
Norwegen
Island
Kanada
Niederlande
Australien
Dänemark
Deutschland
Japan
Österreich
Südkorea
Zypern
Schweden
Portugal
UK
USA
Finnland
Luxemburg
Belgien
Irland
Griechenland
Spanien
Italien
Neuseeland
Malta
Frankreich
Türkei
Quelle: AMECO-Datenbank der Europäischen Kommission.

Abbildung 19:

Durchschnittliche Jahresarbeitszeit 2010, jährliche Arbeitszeit (in Stunden) pro Erwerbstätigem


als Quotient aus insgesamt geleisteten Stunden und erwerbstätiger Bevölkerung

2.500

2.000

1.500

1.000

500

-
Südkorea
Griechenland
Portugal
Türkei
Zypern
Malta
Irland
Italien
Japan
Australien
Island
Kanada
Finnland
USA
Neuseeland
Spanien
UK
Schweiz
Österreich
Schweden
Frankreich
Belgien
Dänemark
Luxemburg
Deutschland
Norwegen
Niederlande

Quelle: The Conference Board.

Auch bei der Erwerbstätigenquote liegt Deutsch- Deutschland, sich nicht wie anderswo durch eine
land im Jahr 2009 auf einem der vorderen Plätze. massive Kündigungswelle vor hohen Personal-
Allerdings ist dies der Kurzarbeiterregelung in kosten zu schützen, die bestmögliche Reaktion
Deutschland geschuldet. Statt auf dem achten auf die schwere Wirtschaftskrise, auch um De-
Platz im Jahr 2009 lag Deutschland zuvor im Jahr qualifizierungsprozesse bei den Arbeitslosen und
2008 nur auf dem vierzehnten Platz. Sicherlich einen Einbruch in der Konsumgüternachfrage zu
war das Wagnis der Wirtschaft und Regierung in vermeiden.

35
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

Allerdings bleibt damit auch das zukünftige te Automobilboom, von dem deutsche Hersteller
Wachstumspotenzial aufgrund der Potenzialaus- aufgrund ihres Spezialisierungsmusters über-
lastung bei Arbeitskräften niedriger als in ande- durchschnittlich profitieren, dürfte im Laufe des
ren Ländern. Die aktuelle Debatte um einen kommenden Jahres auslaufen. Verschrottungsprä-
wachsenden Fachkräftemangel zeigt dieses Di- mien verschiedener Länder, steuerliche Förde-
lemma deutlich auf. Jedoch besteht bei einer Aus- rungen sowie außerordentlich günstige Finanzie-
weitung des Arbeitskräftepotenzials durch Zu- rungsbedingungen in Emerging Markets – wie
wanderung das Risiko, dass man rasch wieder mit beispielsweise in China, in Indien oder in Brasi-
einer prekären Arbeitsmarktlage konfrontiert sein lien –, die die Nachfrage ungewöhnlich angeheizt
könnte, wenn der Aufschwung sich aufgrund haben, werden recht bald an Wirkung verlieren
weltwirtschaftlicher Turbulenzen als nicht nach- und die weltweite Nachfrage wieder auf ein lang-
haltig erweisen sollte. Insbesondere der weltwei- fristig niedrigeres Niveau senken.

36
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

5. Verdoorn-Zusammenhang und Beschäftigungsschwelle

Innerhalb der ökonomischen Theorie finden sich Es besteht ein einfacher Zusammenhang zwi-
eine Reihe von empirisch festgestellten Zusam- schen Arbeitsproduktivitäts- und Outputwachs-
menhängen, die erst später durch theoretische tum. Dabei steht für die autonome Wachstums-
Analysen zu erklären versucht wurden. Neben rate der Arbeitsproduktivität (positives Produk-
der Phillips-Kurve und dem Okunschen Gesetz ist tivitätswachstum ohne Wirtschaftswachstum –
hier insbesondere der Verdoorn-Zusammenhang zu quasi exogener technischer Fortschritt). Daneben
nennen, unter dem eine statistisch signifikante, steht für die produktionswachstumsabhängi-
lineare Beziehung zwischen der Wachstumsrate ge Komponente des Arbeitsproduktivitätswachs-
der Produktion ( q̂ ) und derjenigen der Arbeits- tums: ist der so genannte Verdoorn-Koeffizient
produktivität ( ) in einem Sektor bzw. der Ge- (ca. 0,5). Ein Prozentpunkt dauerhaft höheres
samtwirtschaft verstanden wird. Wirtschaftswachstum führt zu 0,5 Prozentpunk-
Die Ursprünge dieses Konzepts finden sich in ten an Produktivitätswachstum. Höhere Wachs-
einem Aufsatz des niederländischen Ökonomen tumsraten des Outputs haben also höhere Wachs-
P. J. Verdoorn aus dem Jahre 1949. Verdoorn war tumsraten der Arbeitsproduktivität zur Folge, und
zu dieser Zeit Mitarbeiter bei der Economic Com- vice versa.
mission for Europe der Vereinten Nationen und Die Existenz produktionsinduzierter Produk-
als Mitglied der Abteilung Planung und For- tivitätseffekte, die durch den Verdoorn-Koeffi-
schung mit Fragen der langfristigen Vorausschät- zienten erfasst werden, legt für ihre theoretische
zung der ökonomischen Entwicklung Europas Fundierung einen wichtigen Sachverhalt nahe.
betraut. Ein primäres Interesse galt dabei der Ab- Wenn die Arbeitsproduktivität mit wachsender
schätzung des Wachstums der Arbeitsproduktivi- Gütermenge zunimmt, deutet dies auf steigende
tät, da das Erwerbspersonenpotenzial als Folge Skalenerträge in der Produktion hin, denn bei
des Zweiten Weltkriegs im Vergleich zu den drei- konstanten Skalenerträgen müssten sich die Be-
ßiger Jahren drastisch gesunken war. Für eine er- schäftigung und die Gütermenge mit identischen
folgreiche wirtschaftliche Entwicklung war somit Raten verändern. Diese Interpretation wurde ins-
der effiziente Einsatz des knappen Faktors Arbeit besondere von Nicholas Kaldor vertreten, der
zwingend notwendig. Voraussagen über zukünf- deshalb anstelle des Produktivitätswachstums die
tige Niveaus der Arbeitsproduktivität konnten Wachstumsrate der Beschäftigung als abhängige
Hinweise geben, wie viele Erwerbstätige für ein Variable wählte.33
bestimmtes Wachstumsziel benötigt werden. Kaldor (1966) wies in seinen Arbeiten zum
Der hauptsächlich im Verarbeitenden Ge- Verdoorn-Zusammenhang auf die Tatsache hin,
werbe nachgewiesene Verdoorn-Zusammenhang dass steigende Skalenerträge unterschiedliche Ur-
lässt sich formal folgendermaßen darstellen: sachen haben können. So führen in der Mas-
senproduktion steigende Produktionsmengen bei
(1) hohen Fixkosten zu sinkenden Durchschnitts-
kosten und erzeugen sog. statische Skalenerträge.
Die Produktivität der eingesetzten Produktions-

33 Vgl. Kaldor (1966). Auch Verdoorn weist auf die Möglichkeit steigender Skalenerträge hin.

37
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

faktoren nimmt bei wachsender Produktion zu. bzw. -produktion entstehen, wird in großem Maße
Darüber hinaus sind als Folge von Lerneffekten von den technischen Neuerungen bestimmt, die
sog. dynamische Skalenerträge möglich. Seit Adam als Antwort auf die Veränderung der Nachfrage
Smiths berühmtem Beispiel der Nadelherstellung entstehen. Sowohl die Höhe der Nachfrageverän-
sind die produktivitätssteigernden Wirkungen derung als auch die Entwicklung der strukturel-
einer sich intensivierenden Arbeitsteilung be- len Zusammensetzung der Nachfrage sind dabei
kannt. Die Aufteilung von Produktionsprozessen entscheidend. Wenn z. B. die Konsumentinnen
in mehrere Arbeitsschritte hat nicht nur eine und Konsumenten vermehrt Güter nachfragen,
gestiegene Geschicklichkeit der Arbeitskräfte zur deren Produktion nur geringe Produktivitätsef-
Folge, sondern fördert auch die Erfindung von fekte zulässt, wird ceteris paribus auch der Ver-
Maschinen. Je einfacher ein Arbeitsschritt ist, doorn-Koeffizient geringer ausfallen. Ein im in-
desto eher können Maschinen diesen überneh- ternationalen Vergleich geringes Wachstum der
men. Die zunehmende Arbeitsteilung induziert Binnennachfrage wie in Deutschland in den ver-
damit technischen Fortschritt. Gleichzeitig wird gangenen eineinhalb Jahrzehnten hat daher auch
der Einsatz kapitalintensiver Produktionsweisen negative Rückwirkungen auf das Produktivitäts-
erst bei ausreichend großen Stückzahlen profi- wachstum. Weitere Komponenten stellen institu-
tabel. Young (1928) wies in diesem Zusammen- tionelle und soziale Aspekte dar. So determiniert
hang auf die weiteren Konsequenzen der Arbeits- die Bereitschaft zur Annahme neuer Technolo-
teilung hin. Wenn mehr Maschinen in der Pro- gien die Produktivitätspotenziale einer Volkswirt-
duktion eingesetzt werden, so vergrößern sich schaft mit. An dieser Stelle zeigt sich eine enge
auch die Absatzmärkte für die Hersteller dieser Verwandtschaft zur Catching up-Hypothese, bei
Anlagen bzw. können neue Industrien erst ent- der die sog. social capability ein Sammelbecken für
stehen. Die Realisierung von Größenvorteilen auf viele schwer oder nicht operationalisierbare, aber
Unternehmensebene hat somit einerseits interne dennoch wichtige Faktoren wie Institutionen,
Skalenerträge zur Folge, zum anderen führt sie zu Kultur und Religion, für die Realisierung von Pro-
einer Umstrukturierung auf Branchen- und ge- duktivitätspotenzialen darstellt. In dieser Sicht-
samtwirtschaftlicher Ebene. Sie bedingt damit weise wird der Verdoorn-Koeffizient in seiner
externe Skalenerträge im Sinne von Marshall. Höhe und seinem Vorzeichen von einer Vielzahl
Tatsächlich aber greift die Fundierung des von Variablen determiniert und bildet einen zu-
Verdoorn-Zusammenhangs durch eine einzige sammenfassenden Indikator für die induzierten
funktionale Beziehung zu kurz. Vielmehr kann er Produktivitätseffekte innerhalb eines Sektors oder
als Ausdruck eines sog. Produktivitätsregimes ver- der Gesamtwirtschaft.
standen werden, das die Reaktionen des Produk- Die Existenz des Verdoorn-Zusammenhangs
tivitätswachstums auf einen Anstieg der Güter- hat des weiteren Konsequenzen für die Beschäf-
produktion bzw. der effektiven Nachfrage be- tigungsentwicklung. Während Verdoorn (1949)
stimmt. In diesem Zusammenhang spielen nicht noch induziertes Produktivitätswachstum als
nur die statischen und dynamischen Skalenerträge Möglichkeit zur Überwindung des durch den
eine Rolle. Vielmehr muss auch berücksichtigt Zweiten Weltkrieg reduzierten Erwerbspersonen-
werden, wie schnell technologische Neuerungen potenzials ansah, besitzen diese in Zeiten der
in einer Volkswirtschaft aufgenommen werden, Massenarbeitslosigkeit einen Januskopf. Je höher
d. h. Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten die Produktivitätseffekte des Wachstums sind,
sind ebenso zu beachten wie die Entwicklung umso größere Steigerungen des Bruttoinlands-
der Investitionsnachfrage. Eine weitere wichtige produkts sind notwendig, um kurzfristig die Be-
Komponente stellt der nachfrageinduzierte tech- schäftigung konstant zu halten. In der Bundesre-
nische Fortschritt dar. Welche Produktivitäts- publik Deutschland wird diese Fragestellung un-
effekte aus einer Erhöhung der Güternachfrage ter dem Stichwort der Beschäftigungsschwelle dis-

38
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

kutiert.34 Diese legt fest, wie hoch das Produk- Wenn das tatsächliche Produktionswachs-
tionswachstum sein muss, damit die Freisetzungs- tum unter diesem Wert liegt, wächst die Produk-
effekte einer Produktivitätssteigerung ausgegli- tivität schneller als die Produktion, und es wer-
chen werden können, d. h. die Wachstumsrate den tendenziell Arbeitskräfte freigesetzt. Falls das
der Produktion muss derjenigen der Produktivität Wachstum der Produktion die Beschäftigungs-
entsprechen. Ergibt sich der Verdoorn-Zusam- schwelle übersteigt, dann nimmt der Bedarf an
menhang nach (1), dann folgt für die Beschäfti- Arbeit zu.
gungsschwelle: Graphisch lässt sich die Beschäftigungs-
schwelle entsprechend Abbildung 20 in Punkt A
(2)
ermitteln.

Abbildung 20:

Der Verdoorn-Zusammenhang und die Beschäftigungsschwelle

45°

Die „Beschäftigungsschwelle"
Übereinstimmung von Produktions- und Produktivitätswachstum

Quelle: Eigene Darstellung.

In der Bundesrepublik Deutschland deuten em- Verhältnis zwischen beiden Wachstumsraten zu


pirische Untersuchungen auf ein langfristiges sehen. Das Produktivitätswachstum liegt seit
Absinken der Beschäftigungsschwelle hin, was 1973 deutlich unter den Werten der 1950er und
auch die trendmäßig rückläufige Produktivitäts- 1960er Jahre. Dieses Phänomen wurde mit dem
dynamik in Deutschland widerspiegelt. Dies legt Begriff des Productivity Slowdown belegt. Tatsäch-
nahe, dass das Arbeitslosigkeitsproblem nicht lich aber übersteigen auch diese geringen Zu-
zwingend durch rasch steigende Produktivitäts- wachsraten bei der Produktivität die noch niedri-
niveaus erklärt werden kann. Vielmehr ist das geren Wachstumsraten bei der gesamtwirtschaft-

34 Der Begriff wurde von Hof (1991) in die Diskussion eingeführt.

39
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

Abbildung 21:

Beschäftigungsschwellen in Deutschland und den USA auf Grundlage der Stundenproduktivität

7%

6% Deutschland USA

5%

4%

3%

2%

1%

0%
1951 – 1970 1971 – 1990 1991 – 2000 2001 – 2010

Quelle: The Conference Board, eigene Berechnungen.

lichen Produktion. In den USA dagegen ist es seit könnten steigende Lohnstückkosten zum Verlust
den 1990er Jahren wieder zu einer Beschleu- der internationalen Wettbewerbsposition führen
nigung des Produktivitätswachstums und damit und sich bestehende Arbeitsmarktprobleme sogar
einem Anstieg der Beschäftigungsschwelle ge- noch verstärken. Eine Absenkung der Beschäf-
kommen (vgl. Abbildung 21). tigungsschwelle im Zuge von wirtschaftspoliti-
Das Absinken der Beschäftigungsschwelle schen Maßnahmen, die das langfristige Produkti-
wird in den letzten Jahren von einer weiteren vitätswachstum verringern, ist daher abzulehnen.
Entwicklung begleitet. Es lässt sich beobachten, Vielmehr gilt es, durch entsprechende wirtschafts-
dass die autonome Komponente des Verdoorn- politische Maßnahmen für ein hohes Produk-
Zusammenhangs tendenziell steigt, während der tionswachstum zu sorgen, das sich zum einen
Verdoorn-Koeffizient abnimmt. Dies gilt sowohl positiv auf den Produktivitätsfortschritt auswirkt,
für Querschnittsanalysen, bei denen der Ver- zugleich aber auch über diesem liegt und damit
doorn-Zusammenhang für verschiedene Grup- zu positiven Beschäftigungseffekten beiträgt.
pen von Volkswirtschaften berechnet wurde, als An dieser Stelle muss auf zwei zentrale Schwie-
auch z. B. für Längsschnittsanalysen für die Bun- rigkeiten bei der Ermittlung des Verdoorn-Zusam-
desrepublik Deutschland. Wenn nun die pro- menhangs hingewiesen werden. Bei Querschnitts-
duktionsinduzierten Produktivitätseffekte rück- analysen ergibt sich das Problem, dass der Ver-
läufig sind, kann daraus nicht einfach auf einen doorn-Zusammenhang durch große Unterschie-
Entlastungseffekt für den Arbeitsmarkt geschlos- de beim exogenen Produktivitätswachstum und
sen werden. Produktivitätsfortschritte sind für dem damit verbundenen Produktionswachstum
die Erhaltung der mittel- bis langfristigen Wett- in den untersuchten Ländern entstehen kann. In
bewerbsfähigkeit notwendig. Überträgt sich das jeder einzelnen Volkswirtschaft erfolgt im Ex-
Produktionswachstum nicht mehr in weitere Pro- tremfall die Entwicklung der Arbeitsproduktivität
duktivitätssteigerungen und ist gleichzeitig auch autonom. Aufgrund der unterschiedlichen Pro-
der autonome Zuwachs der Arbeitsproduktivität duktions- und Produktivitätswachstumsraten in
im internationalen Vergleich zu gering, dann den an der Stichprobe beteiligten Ländern „gau-

40
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

kelt“ der statistisch-ökonometrische Test den- der Wachstumsrate der Erwerbstätigenprodukti-


noch einen Verdoorn-Zusammenhang vor. Längs- vität auf Veränderungen der Wachstumsrate der
schnittsuntersuchungen für einzelne Volkswirt- Produktion. Die Entwicklung der Arbeitsproduk-
schaften können wiederum durch konjunkturelle tivität wird hierbei durch den Auslastungsgrad
Zusammenhänge wie z. B. das Okunsche Gesetz be- der Produktionskapazitäten beeinflusst. So ist z. B.
einträchtigt werden. Entlassen die Unternehmen in der Bundesrepublik Deutschland die Produk-
in einem Abschwung nicht sofort Arbeitskräfte, tivität je Erwerbstätigem 2009 um 5,2 Prozent ge-
sondern horten sie diese für einen zukünftigen fallen, während sie 2010 um 3,2 Prozent gestie-
Aufschwung, sinkt die Erwerbstätigenproduk- gen ist. Die Stundenproduktivität dagegen ist
tivität. Dies war durch das massiv eingesetzte 2009 nur um 2,5 Prozent gefallen und 2010 nur
Instrument der Kurzarbeit in der Bundesrepublik um 1,4 Prozent gestiegen (Statistisches Bundes-
Deutschland 2009 (oder noch weit stärker in Ost- amt). Der sich ergebende Verdoorn-Zusammen-
deutschland 1991) der Fall. Die Produktivität pro hang hat somit nichts mit den zugrundeliegen-
Arbeitsstunde bleibt aber konstant oder sinkt we- den Produktionsstrukturen, wie z. B. steigenden
niger. Setzt nun ein Aufschwung ein und werden Skalenerträgen, zu tun. Grundsätzlich bleibt aber
Überstunden notwendig, dann steigt die Produk- festzuhalten, dass das Produktivitätswachstum
tivität auf Erwerbstätigenbasis bei gleichzeitiger vor allem auch langfristig durch das Produktions-
Konstanz der Stundenproduktivität. Insgesamt und damit auch durch das Nachfragewachstum
betrachtet ergeben sich sehr starke Reaktionen positiv beeinflusst werden kann.

41
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

6. Zukunftsperspektiven bis 2020

In einer der umfassenderen Studien zu den Zu- bau gekennzeichnet. Dagegen verzeichnen die
kunftsperspektiven Deutschlands bis zum Jahr Hightech-Industrien ein zwar geringeres Produk-
2020 kommt das McKinsey Global Institute 2008 tivitätswachstum von 1,6 Prozent, aber einen
zu einer vergleichsweise optimistischen Einschät- positiven Beschäftigungsaufbau von 1,4 Prozent.
zung. Allerdings wurde diese Studie vor Beginn Der Automobilbau schneidet dagegen sowohl
des Ausbruchs der globalen Wirtschafts- und hinsichtlich des Wertschöpfungswachstums wie
Finanzkrise fertiggestellt. Demnach würde im der Produktivitäts- und Beschäftigungsentwick-
Basisszenario im Produzierenden Gewerbe insbe- lung deutlich schlechter ab. Die aktuelle Entwick-
sondere die Chemie mit jahresdurchschnittlich lung widerspricht dieser damaligen Einschätzung.
3,3 Prozent und der Maschinenbau mit 2,2 Pro- Durch den Boom bei der Automobilnachfrage
zent ein deutliches Produktivitätswachstum, ge- aufgrund der verschiedenen Verschrottungsprä-
messen als Wertschöpfung je Erwerbstätigen, ver- mien sowie des Motorisierungsbooms, insbeson-
zeichnen können. Dabei ist dieses Produktivitäts- dere auch in Ländern wie China, hat sich der
wachstum nicht durch einen Beschäftigungsauf- Automobilbau nach dem drastischen Einbruch

Tabelle 2:

Branchenübersicht der Szenarien für Deutschland 2020

Basisszenario Chancenszenario
Anteil an der reales Wert- Produkti- reales Wert- Arbeits- Produkti-
Arbeits-
Sektor Gesamtbe- schöpfungs- vitäts- schöpfungs- wachs- vitäts-
wachstum
schäftigung wachstum wachstum wachstum tum wachstum
Automobil 4,4 0,3 -0,5 0,8 1,3 0,0 1,3
Produzierende Maschinenbau 2,5 1,7 -0,8 2,5 2,9 0,3 2,6
Industrie/IT Chemie 1,2 3,0 -0,3 3,3 4,6 1,5 3,1
Hightech 4,7 3,2 1,4 1,6 4,8 1,9 2,0
Banken 2,4 1,7 -1,0 2,7 3,3 0,0 3,3
Versicherung, AM 0,9 1,0 -0,9 1,9 3,7 0,9 2,8
Konsumgüter,
Dienstleistungen 10,7 1,5 -0,8 2,3 3,2 1,5 1,7
Handel
Gesundheit 10,4 2,2 1,4 0,8 3,3 1,9 1,4
öffentl. Verwaltung 7,0 0,7 -0,8 1,5 0,7 -0,8 1,5
Transport, Logistik 5,2 3,6 0,9 2,7 4,2 1,5 2,7
Infrastruktur
Telekommunikation 0,6 -3,7 -5,0 1,3 2,8 1,0 1,8
andere Sektoren 50,0 1,2 0,4 0,8 2,6 1,0 1,6
2,4 Mio. 6,1 Mio.
Gesamtwirt-
1,7 * Erwerbs- 3,0 * Erwerbs-
schaft
tätige ** tätige **

* BIP-Wachstum pro Kopf einschließlich der nicht behandelten Sektoren basierend auf Prognos Forecast. Anpassung bei der Wertschöpfung mit
Input-Output-Tabellen vom Statistischen Bundesamt. Arbeitswachstum proportional zum BIP-Wachstum.
** Beinhaltet auch den Ersatzbedarf an Arbeitskräften aufgrund des demographischen Wandels (1,2 Mio. weniger Erwerbstätige unter
Berücksichtigung absehbarer Auswirkungen der Arbeitsmarktreformen).

Quelle: Destatis, McKinsey (2008).

42
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

des Jahres 2009 deutlich besser entwickelt, als Beschäftigungswachstum und Produktivitätsfort-
dies damals im McKinsey-Szenario absehbar war. schritt sind tendenziell substitutiv, d. h. je stärker
Hinzu kommt jetzt noch die Frage, wie sich der Arbeitsproduktivitätsfortschritt ausfällt, desto
der Wandel eines auf Elektromobilität orientier- geringer oder sogar negativer fällt die Beschäfti-
ten Innovationsschubs auch der deutschen Auto- gungsentwicklung aus. Nur bei einem deutlich
mobilindustrie im Verlauf des kommenden Jahr- höheren Wirtschaftswachstum insgesamt – nicht
zehnts auswirken wird.35 Ob allerdings bis zum zuletzt wegen der damit einhergehenden stei-
Jahr 2020 eine Million Elektrofahrzeuge sowie genden internationalen Wettbewerbsfähigkeit –
500.000 Brennstoffzellenfahrzeuge in Deutsch- kann dieser Zusammenhang durchbrochen wer-
land genutzt werden, bleibt abzuwarten.36 den. Im optimistischen Szenario können hohe
Die zukünftige Entwicklung wird entschei- Produktivitätsfortschritte, die sich in Wettbe-
dend davon abhängen, ob es gelingt, in den kom- werbsvorteilen gegenüber der übrigen Welt nie-
menden Jahren die Auswirkungen des Finanz- derschlagen, einen positiven Zusammenhang
marktcrashs und der Staatsschuldenkrise zu be- zwischen Produktivitätsfortschritt und Beschäf-
grenzen. Die Unsicherheiten über die zukünftige tigungsaufbau gewährleisten. Ob allerdings ein
wirtschaftliche Entwicklung sind jedenfalls der- hohes Wirtschaftswachstum weltweit bei gleich-
zeit deutlich höher, als dies bisher erhofft und zeitiger Intensivierung der internationalen Ar-
erwartet wurde.37 Strukturell erweist sich die hohe beitsteilung entsprechend den komparativen
Exportabhängigkeit Deutschlands, die derzeit als Vorteilen im Zuge weiterer Handelsliberalisierun-
Erfolgsmodell gefeiert wird, gleichzeitig als gen und einer Reform des globalen Regulierungs-
Wachstumsrisiko, wenn es erneut zu weltwirt- rahmens sowie Vermeidung von protektionis-
schaftlichen Turbulenzen kommen sollte. Der tischen Tendenzen und eines stabilen Wechsel-
konjunkturelle Einbruch von Herbst 2008 bis kursgefüges ohne kompetitive Abwertungen für
Sommer 2009 war nicht zuletzt deswegen aus- die kommende Dekade sichergestellt werden
geprägter als beispielsweise in Frankreich, Spa- kann, ist sehr schwer vorherzusagen.38 Hinzu
nien oder Großbritannien. kommen Probleme des durch den globalen Kli-
Bei den Dienstleistungen kommt die McKin- mawandel und den ökologischen Umbau not-
sey-Studie im Bereich Banken mit 2,7 Prozent wendigen Strukturwandels hin zu einer nachhal-
jahresdurchschnittlichem Wachstum und im Be- tigen, ressourcenschonenden und umweltver-
reich Konsum, Einzelhandel mit 2,5 Prozent zu träglichen Entwicklung. Kurzfristig dürfte dies je
einem überdurchschnittlich hohen Produktivi- nach dem Umfang seiner Umsetzung auf die wirt-
tätswachstum. Versicherungen mit 1,9 Prozent schaftliche Dynamik im Sinne des klassischen
und öffentliche Verwaltung mit 1,5 Prozent bie- Wachstumsmodells, das diese Restriktionen weit-
ten ebenfalls Chancen. Allerdings führt eine gehend ignorierte, hinsichtlich des Wachstums
Rationalisierung der dortigen Wirtschaftsberei- des Bruttoinlandsprodukts eher als Wachstums-
che zu einem Beschäftigungsabbau, d. h. es gehen bremse insbesondere bei der Produktivitätsent-
eher negative Beschäftigungsimpulse von ihnen wicklung (Stichwort: J-Kurve der Innovation)
aus. Einzig im Bereich des Gesundheitswesens wirken.39
werden positive Beschäftigungseffekte mit 1,4 Pro- Abschließend soll noch für die potenzielle
zent erwartet. Dies ist jedoch mit einem geringen Produktivitätsentwicklung in den Bereichen
Produktivitätsanstieg von 0,8 Prozent gekoppelt. Transport, Logistik sowie Telekommunikation

35 Vgl. Bundesregierung (2009).


36 „Bis zum Jahr 2020 sollen eine Million Elektrofahrzeuge und weitere 500.000 Brennstoffzellenfahrzeuge auf Deutschlands Straßen fah-
ren. In 40 Jahren wird der städtische Verkehr so gut wie auf fossile Brennstoffe verzichten können.“
Vgl. http://www.bmvbs.de/SharedDocs/DE/Artikel/IR/elektromobilitaet-alt.html.
37 Vgl. SVR (2010a).
38 Vgl. Erber (2010b); Belke/Dreger/Erber (2010); Erber/Thiessen (2009).
39 Vgl. Erber (2005).

43
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

anhand der McKinsey-Studie eine aktuelle Ein- intensive Wettbewerb zu Kannibalisierungseffek-


schätzung abgegeben werden. Die Produktivitäts- ten bei der Wertschöpfung und einem fortschrei-
entwicklung im Bereich Transport und Logistik tenden rapiden Beschäftigungsabbau. Als Infra-
hängt einerseits von neuen Innovationen im Be- strukturdienstleistungen nutzen diese Entwick-
reich der Verkehrs- und Logistiksysteme ab. An- lungen den nachgelagerten Wirtschaftsbereichen
dererseits sind jedoch die Rahmenbedingungen als günstige effiziente Vorleistungen, um inter-
hinsichtlich des Fortschreitens der Globalisierung netbasierte IT-Dienstleistungen anbieten zu kön-
konstitutiv für das Entwicklungspotenzial. Ein nen und durch Netzwerk- sowie Skalen- und
Deglobalisierungsschock wie zuletzt im Jahr Scope-Effekte positive Wertschöpfungs- und Be-
2008/2009 in Folge der globalen Finanzmarkt- schäftigungseffekte und damit assoziierte Pro-
krise würde insbesondere diejenigen Transport- duktivitätseffekte zu realisieren. Der derzeit ge-
und Logistikbereiche treffen, die im Fernhandel plante Ausbau von Glasfasernetzen in den Bal-
tätig sind. Mithin werden hier nur die bisherigen lungsräumen und von Funknetzwerken auf Basis
dynamischen Entwicklungen fortbestehen kön- von LTE-Technologien (Long-Term Evolution)
nen, wenn es gelingt, das Weltfinanz- und Welt- nach Vergabe der Funkfrequenzen der digitalen
handelssystem von größeren Krisen freizuhalten. Dividende muss jedoch auch zügig umgesetzt
Dies erfordert nicht zuletzt eine enge erfolgreiche werden, so dass die technologische Infrastruktur-
Kooperation im Bereich der internationalen Ge- plattform tatsächlich zeitnah verfügbar ist.40
meinschaft einschließlich der hierfür erforder- Hinzu kommen die wachsenden Probleme
lichen Reformen des Internationalen Währungs- hinsichtlich der Cybersecurity. Die Verletzlichkeit
fonds und der Welthandelsorganisation. der internetbasierten Informations- und Kommu-
Wegen der starken Spezialisierung auf ein nikationsinfrastruktur kann zu erheblichen, bis-
globales Wirtschaftssystem mit hohen Export- her unerwarteten Kostensteigerungen und für
quoten, Fokussierung auf Investitionsgüterin- den Fall weiterhin bestehender oder sogar zu-
dustrien und langlebige Konsumgüter wie Auto- nehmender Sicherheitsrisiken durch Attacken
mobile ist Deutschlands Wirtschaft von den ex- von Kriminellen sowie durch feindliche Mächte
ternen Effekten der globalen Wirtschaftsentwick- bis hin zum Cyberwarfare41 (Stichwort: Stuxnet
lung besonders abhängig. Dies kann sich wie Virus42) führen. Wachstum und Produktivität von
2010 als positiver Wachstumstreiber erweisen, es strategisch relevanter Infrastruktur hängen damit
kann sich aber auch bei entsprechenden negati- entscheidend auch von der Gewährleistung der
ven Schocks auf das Weltwirtschaftssystem mit Sicherheit dieser Infrastruktur vor unberechtig-
globaler Wachstumsschwäche und Friktionen im ten Angriffen ab. Die aktuelle Debatte um Wiki-
freien Welthandel zu einer Wachstumsbremse leaks macht ebenfalls deutlich, dass unzureichen-
auch bei der Produktivitätsentwicklung entwi- der Schutz von elektronischen Informationen
ckeln. Der Einfluss Deutschlands auf diese Rah- und Kommunikationswegen erhebliche Risiken
menbedingungen ist jedenfalls begrenzt. hinsichtlich der Informationssicherheit, Privat-
Im Bereich der Telekommunikation werden heit und informationellen Selbstbestimmung
seit einigen Jahren innerhalb Deutschlands Ini- schaffen, die als Hemmnisse für die Erschließung
tiativen umgesetzt, die eine bessere flächende- der technologischen Potenziale dieser Technolo-
ckende Versorgung der Bevölkerung mit Breit- gien fungieren. Sollten sich keine zufriedenstel-
bandinternet vorantreiben, um hierdurch auch lenden Lösungen für diese Sicherheitsprobleme
die gesamtwirtschaftliche Produktivitätsentwick- der verschiedenen Akteure der Gesellschaft erge-
lung positiv zu beeinflussen. Allerdings führt der ben, dürfte dies entsprechend negative Rückwir-

40 Vgl. hierzu BMWi (2010).


41 Vgl. Krekel (2010); sowie hierzu auch http://de.wikipedia.org/wiki/Cyberwar.
42 Vgl. Kremp/Lischka (2010).

44
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

kungen auf Wachstum und Produktivität haben. McKinsey-Studie – dargestellte Entwicklung zeigt
Es wird an diesen Beispielen deutlich, dass Effi- Trends im Strukturwandel der deutschen Wirt-
zienz hinsichtlich ihrer systemischen Eigenschaf- schaft im Zuge der fortgesetzten Tertiarisierung
ten anders definiert werden muss, als dies in der auf. Diese werden wohl auch entsprechend den
traditionellen Produktivitätsmessung bisher der gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen Be-
Fall ist. stand haben. Hinzu kommen jedoch noch die
Insbesondere führt die wachsende Komple- sich erst in jüngster Zeit abzeichnenden Erforder-
xität moderner technischer Systeme zu System- nisse eines Umbaus der Energieversorgung hin zu
risiken, die aufgrund der Interdependenz der ein- nachhaltigen und umweltverträglichen erneuer-
zelnen Systemkomponenten Klumpenrisiken be- baren Energien. Hier liegen Risiken und Chancen
inhalten, die im Schadensfall mit außerordent- einer Green Growth-Perspektive, die jedoch einer
lich hohen Kosten verbunden sind. Die globale gesonderten Betrachtung bedürfen und hier nicht
Finanzmarktkrise hat dies eindrücklich allen Be- ausreichend berücksichtigt werden konnten.
teiligten vor Augen geführt. Systemische Risiken, Die durch den demographischen Wandel
die nicht rechtzeitig erkannt und für deren sich abzeichnende Entspannung am Arbeitsmarkt
potenzielles Eintreten keine oder unzureichende wirkt sich zunächst positiv dahingehend aus, dass
Vorsorgen getroffen worden sind, können verhee- der Druck aufgrund hoher Arbeitslosenzahlen
rende Folgen auf die Gesamtwirtschaft haben. verringert und damit auch die Sozialsysteme von
Ähnliche Probleme bestehen auch hinsichtlich den damit verbundenen Kosten entlastet werden.
des drohenden Klimawandels. Kurzfristige Wohl- Ob sich mittelfristig ein Fachkräftemangel ein-
standsgewinne können durch langfristige Ver- stellen wird, bleibt vorerst abzuwarten. Eine zu
luste aufgrund irreversibler Klimaveränderungen schnelle Öffnung des Arbeitsmarktes in Deutsch-
konterkariert werden. Dabei bestehen hinsicht- land könnte dagegen die derzeitige Entspannung
lich der potenziellen Risiken erhebliche Unsi- wieder in Frage stellen.
cherheiten, die nicht ohne weiteres in der ge- Die zuvor geschilderten zusätzlichen struktu-
wünschten Frist und Genauigkeit überwunden rellen Faktoren eines notwendigen Wandels des
werden können. Mithin führt ein risikoaverses deutschen Wirtschafts- und Innovationsystems
Verhalten einer Gesellschaft zur Vermeidung sol- sind ebenfalls wichtige Einzelkomponenten für
cher systemischer Risiken zu aktuell hohen wirt- den daraus resultierenden gesamtwirtschaftli-
schaftlichen Kosten, die aus der beschränkten chen Erfolg bei Wirtschaftswachstum und Pro-
Rationalität individuellen kurzfristigen Gewinn- duktivität. Mithin müssen alle diese einzelnen
strebens unangemessen erscheinen mögen und Problemfelder simultan den zukünftigen Erfor-
aus dieser Perspektive ineffizient sind. Nachhal- dernissen angepasst und entsprechend durch
tige Effizienz tritt damit in unmittelbare Konkur- politische Maßnahmen gestaltet werden.
renz zu kurzfristiger Effizienz. Der Trade-off zwi- Allerdings könnten makroökonomische
schen beiden bedarf einer entsprechenden Ab- Schocks im Bereich der europäischen und welt-
wägung durch Entscheidungsverfahren, die die wirtschaftlichen Verflechtung insbesondere die
gesamtgesellschaftliche Wohlfahrt im Sinne der exportabhängigen Wirtschaftszweige deutlich
Nachhaltigkeit gewährleisten. Die traditionelle negativ beeinflussen. Mithin liegen hier derzeit
Effizienzanalyse als Verfahren zur unmittelbaren kaum verlässlich vorhersagbare Risiken. Des Wei-
Produktivitätssteigerung ist hierfür unzureichend. teren drohen die durch Bankenrettungspakete
Zusammenfassend lässt sich konstatieren, und Transferleistungen an andere Mitgliedslän-
dass die zukünftige Wachstums- und Produktivi- der der Eurozone entstehenden hohen fiskali-
tätsentwicklung Deutschlands in den kommen- schen Kosten des Staates, die gesamte deutsche
den Jahren durch erhebliche zusätzliche Risiken Wirtschaft aufgrund hierdurch erforderlicher
infolge der weltweiten Wirtschafts- und Finanz- Steuer- und Abgabenerhöhungen in Mitleiden-
krise in Frage gestellt ist. Die bisher – wie in der schaft zu ziehen. Dies dürfte auch das Wirtschafts-

45
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

wachstum und die Produktivitätsentwicklung und einer raschen, daran anschließenden Kon-
tendenziell negativ beeinflussen. Hohe Staatsver- solidierung im Aufschwung ein angemessenes in-
schuldung kann – folgt man den Analysen von tertemporales Gleichgewicht herzustellen, kann
Reinhart und Rogoff (2009) – sich nachhaltig als diese Gratwanderung gelingen. Sie ist die Grund-
Wachstums- und Produktivitätsbremse auswir- lage für einen zukünftig stabilen Wachstums- und
ken. Nur wenn es gelingt, zwischen kurzfristig Produktivitätstrend.
gebotenen konjunkturellen Defiziten des Staates

46
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

7. Produktivität, nachhaltige Entwicklung und Ressourceneffizienz

The US possesses less than 5 percent of global population but consumes about
one-quarter of all global resources, including petroleum.43

Die Weltwirtschaft steht vor einer neuen globa- Insbesondere rasch wachsende Volkswirt-
len Herausforderung. Es fehlt an einer Konzep- schaften wie China entwickeln einen zunehmen-
tion für eine nachhaltige Wirtschaftsentwicklung, den Ressourcenhunger, der oftmals sogar wegen
die den Anforderungen für einen den globalen geringerer Ressourceneffizienz als in den fortge-
ökologischen Erfordernissen entsprechenden Ent- schrittenen Volkswirtschaften die globale Lage
wicklungspfad gewährleisten könnte. Der Entwick- eher verschlechtert als verbessert.45 Selbst wenn
lungsprozess einer nicht nachhaltigen Ressour- es den entwickelten Ländern gelingen sollte, ihre
cennutzung, d. h. Übernutzung und der daraus Ressourceneffizienz zu steigern, kann dieser par-
sich abzeichnende kumulative Prozess einer tielle Einspareffekt durch den komplementär dazu
wachsenden Ressourcenverknappung, droht in sich vollziehenden Ausweitungseffekt (Rebound-
der Zukunft zu globalen Konflikten um die knap- Effekt46) einer aufholenden wirtschaftlichen Ent-
per werdende Ressourcenverteilung zu führen.44 wicklung dieser Länder deutlich überkompensiert
Da die Länder mit dem derzeit höchsten Pro- werden, d. h. man steht vor einem Klimapara-
Kopf-Einkommen dieses in der Kombination mit doxon.47 Leider zeichnet sich derzeit kein Kon-
einem dazu parallel verlaufenden entsprechen- sens über eine globale Klimapolitik oder über eine
den überproportional hohen Ressourcenver- gerechtere Verteilung natürlicher Ressourcen ab.
brauch bewerkstelligen, führt dies insbesondere Das Scheitern des Klimagipfels in Kopenhagen im
bei den sich entwickelnden Ländern zu einem zu- Jahr 200948 zeigte deutlich, dass es insbesondere
nehmenden globalen Verteilungskonflikt um die- bei einigen der Hauptemittenten wie den USA
se knapper werdenden natürlichen Ressourcen. oder eben China an der Bereitschaft fehlt, sich

43 Johnson (2010: 122).


44 Kohle, Öl und Gas werden realistischerweise zwar leicht an Bedeutung verlieren, aber immer noch rund drei Viertel der Energieträger
stellen. Hinsichtlich der Bedeutung der Atomkraft gehen IEA und OECD von einem durchschnittlichen jährlichen Zuwachs von
2,2 Prozent aus. Vgl. IEA & OECD (2010), eine Prognose, die durch die Auswirkungen der Fukushima-Katastrophe möglicherweise obso-
let geworden ist.
45 Regional ist die Rollenverteilung klar: In der OECD dürfte der Energiebedarf bis 2035 nur um 3 Prozent steigen, in den Nicht-OECD-
Ländern hingegen um 64 Prozent. Dementsprechend dürfte der Anteil der OECD am Welt-Energieverbrauch von derzeit 44 Prozent auf
33 Prozent fallen. Der Energiebedarf in China wird um 75 Prozent zulegen und damit stärker als in irgendeinem anderen Land oder einer
anderen Region. Ein gutes Drittel des weltweiten Anstiegs beim Energiebedarf entfällt auf China. Schon 2015 dürfte China die USA als
größter Energieverbraucher überholt haben.
46 Mit Rebound wird in der Energieökonomie der Umstand bezeichnet, dass das Einsparpotenzial von Effizienzsteigerungen nicht oder nur
teilweise hinsichtlich des absoluten Energieverbrauchs auch realisiert wird. Führt die Effizienzsteigerung gar zu erhöhtem Verbrauch (das
heißt zu einem Reboundeffekt von über 100 Prozent), bezeichnet man dies auch als Backfire.
47 Die bisherige Diskussion stelle einseitig auf die Minderung der Nachfrage nach fossilen Brennstoffen ab und vergesse dabei völlig das
Angebot, sagte Hans-Werner Sinn zum Auftakt der Jahrestagung des Vereins für Sozialpolitik in München 2007. Das Kernproblem aus
Sinns Sicht: „Der Weltmarktpreis wird bei starrem Angebotsverhalten so weit unter das Niveau gedrückt, das andernfalls erreicht worden
wäre, dass jene Länder, die sich nicht um den Klimaschutz scheren, genau so viel mehr fossile Brennstoffe verbrauchen, wie die EU
einspart.“ Will heißen: Je mehr Brennstoffe Europa einspart, desto intensiver beschleunigen etwa die Chinesen ihren CO2-intensiven
Expansionskurs.“, Heß (2007).
48 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/UN-Klimakonferenz.

47
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

Abbildung 22:

Entwicklung des Weltenergiemarktes

Abhängigkeit von fossilen Energieträgern nimmt zu


Energieverbrauch weltweit, Investitionen in die Energieinfrastruktur CO2-Emissionen in Gigatonnen,
nach Energieträgern in Mrd. Tonnen Prognosen für den Zeitraum 2005 bis 2030, Prognosen für den Zeitraum bis 2030
in Billionen US $
18 sse 16
Öl IEA-Prognose om hle as ma l Nicht-OECD-Staaten* IEA-Prognose
Kohle Str Ko G B i o Ö China
16 Gas 14 OECD-Staaten **
11,3 0,6 3,9 0,2 4,3
14 Biomasse USA
Kernenergie Investitionsanteile nach Segmenten 12
12 Regenerative Strom Kohle
Energien 10
10 Erzeugung Verteilung Transport- Bergbau
46 54 kapazi- 89 8
8 % täten %
11 6
6
4 GAS ÖL 4
Verteilung Exploration Raffinerien Exploration
2 37 und Ent- 18 und Ent- 2
Verflüs- % wicklung % wicklung
0 sigung 56 Sonstiges 76 0
1970 80 90 2000 10 20 30 7 6 1990 95 00 05 10 15 20 25 30
Handelsblatt | *ohne China, **ohne USA;
Quelle: World Energy Outlook 2006, OECD/IEA

Quelle: OECD.

international verbindlichen Regelungen zu un- aller Länder drohe eine regionale Klima- und Res-
terwerfen.49 Ebenso nimmt die Konkurrenz um sourcenpolitik erfolglos zu werden. Allerdings
die begrenzten natürlichen Ressourcen weltweit gibt es auch die Meinung, wie sie von der Interna-
bedenklich zu. Dies könnte entsprechend negati- tionalen Energieagentur (IEA) vertreten wird, dass
ve Auswirkungen auf die Produktivität im Zuge wenn die OECD-Staaten auf ihren Strompreis
von Versorgungsengpässen haben. knapp zwei Prozent aufschlagen würden, genug
Einige Ökonomen wie Hans-Werner Sinn finanzielle Mittel bereitgestellt werden könnten,
(2008) gehen sogar so weit, eine nationale Klima- um innerhalb von 20 Jahren allen Menschen den
politik für kontraproduktiv für einen wirksamen Zugang zur Elektrizität zu ermöglichen. Derzeit
Klimaschutz durch einseitige Verbrauchsreduk- haben nach Schätzung der IEA 1,4 Milliarden
tion der hochentwickelten Länder zu erklären. Menschen, ca. ein Fünftel der Weltbevölkerung,
Damit wäre eine einseitige von den entwickelten keinen Zugang zu Strom und 2,7 Milliarden Men-
Ländern betriebene Politik des Green Growth sinn- schen, rund 40 Prozent der Weltbevölkerung,
los, da sie infolge von Fehlanreizen in der übrigen müssen mit Biomasse kochen. Nach einem realis-
Welt aufgrund fehlender Preissignale zur Ressour- tischen Szenario – wenn alle Staaten ihre ange-
censchonung den Minderverbrauch der entwi- kündigten Maßnahmen umsetzen – werden auch
ckelten Länder nur gegen den Mehrverbrauch der 2030 noch 1,2 Milliarden Menschen keinen Zu-
sich entwickelnden Länder substituiert. Ohne ein gang zu Strom haben.
globales Ziel zur kollektiven Verbrauchsreduktion

49 Die Weltenergieorganisation IEA (International Energy Agency) erwartet einen weiter steigenden Energiebedarf. Bis 2020 wird bei maß-
voller Sparpolitik um 18 Prozent mehr Energie gebraucht als derzeit nach Datenstand des Jahres 2008. Bis 2035 dürfte der Energiebedarf
um 36 Prozent zulegen, heißt es im aktuell veröffentlichten Energiebericht. Das ist allerdings immer noch zu viel, um den weltweiten
Temperaturanstieg auf zwei Grad zu begrenzen. Sollte sich die Energiepolitik nicht ändern, würde der Energiebedarf bis 2020 sogar um
21 Prozent und bis 2035 um 47 Prozent ansteigen. So lautet derzeit die von IEA und OECD (2010) veröffentlichte Prognose.

48
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

Mit der Sichtweise von Hans-Werner Sinn ren lassen. Hinzu kommt, dass das Ziel des Wirt-
wird daher insbesondere auch die Position einer schaftens neu zu überdenken ist. Bisher war
Wirtschaftslobby gestärkt, die wegen einer kurz- Wachstum einer Wirtschaft generell als wirt-
fristigen einzelwirtschaftlichen Gewinnsteige- schaftspolitisches Ziel meist unumstritten. Das
rung eine restriktive Regulierung aufgrund klima- Bruttoinlandsprodukt als Maßstab für den wirt-
politischer Ziele ablehnt. Ressourcenschonung ist schaftlichen Erfolg lieferte hierbei die dafür ge-
aus deren Sicht nicht nur gesamtwirtschaftlich zu eignete Zielgröße. Nur durch Wirtschaftswachs-
teuer, sondern führt zu kostspieligeren Technolo- tum konnten – so die Sichtweise – Verteilungs-
gien als es unter Aufhebung solcher Restriktionen spielräume geschaffen werden, die durch Wohl-
sonst möglich wäre. Allerdings könnte bereits der standsgewinne in Form steigender Einkommen
Subventionsabbau, der derzeit den Energiever- aller, auch im Zuge einer Sozialpolitik, soziale
brauch unsinnigerweise sogar fördert, bereits we- Spannungen hinsichtlich der Verteilungsgerech-
sentliche Sparanreize schaffen.50 Da ambitionier- tigkeit abbauen. Dies wird aufgrund einer abneh-
te globale Abkommen beim Klimaschutz und menden Wachstumsdynamik in den entwickel-
Energieverbrauch äußerst schwierig zu erreichen ten OECD-Ländern und der bindenden Restrik-
sind, führt eine solche Sichtweise zu einem kli- tionen der natürlichen Umwelt sowie eines de-
ma- und energiepolitischen Fatalismus. Zudem mographischen Wandels hin zu einer alternden
wird übersehen, dass die Folgen weltweit ungleich Gesellschaft in Zukunft weniger möglich sein.
verteilt sein werden. Länder mit einer effizienten Mithin werden Lösungen gefragt sein, die diesen
und nachhaltigen Energie- und Klimapolitik kön- ungünstigeren Rahmenbedingungen Rechnung
nen regional weitaus besser hinsichtlich der be- tragen. Vor diesem Hintergrund wird auch die
fürchteten Klimaschäden abschneiden als die- Frage nach dem Zusammenhang zwischen Ein-
jenigen, die im Verhältnis dazu deutlich zurück- kommenswachstum und Lebenszufriedenheit der
liegen. Die Diskussion über globale Klimaziele Menschen politisch neu thematisiert.51 Zugleich
verstellt den Blick für das auch regional und na- ist darüber nachzudenken, wie der Konflikt zwi-
tional Machbare und die daraus resultierenden schen verbrauchssenkender Effizienzsteigerung
wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Vorteile einerseits und verbrauchssteigernden indirekten
einer auf größere Energie- und Ressourceneffizi- Preiseffekten aufgrund stagnierender oder sin-
enz ausgerichteten Wirtschaftspolitik. kender Preise andererseits regulatorisch in den
Im Folgenden ist daher zu klären, wie man Griff bekommen werden kann.
eine ressourcenschonende Umweltpolitik gestal- Ressourceneffizienz in der materiellen Güter-
ten kann, auch wenn es zu keiner globalen Eini- produktion kann auch durch effiziente Stoff-
gung über eine koordinierte Klimapolitik kom- kreisläufe im Zuge des Recycling von materiellen
men sollte. Im Zentrum steht dabei der Gedanke Gütern erreicht werden. Dadurch tritt eine wich-
der Steigerung der Energie- bzw. Ressourceneffi- tige Ressourcenschonung der Umwelt ein. Statt
zienz als Indikator für eine wirtschaftliche Ent- beispielsweise durch energieintensive Eisenerz-
wicklung, die eine Entkopplung von wirtschaftli- verhüttung wird bereits heute ein erheblicher Teil
cher Entwicklung und wachsendem Ressourcen- des Rohstahls durch Recycling von Schrott in
verbrauch ermöglicht. Traditionell lag dagegen Elektroschmelzöfen wiederverwertet. Je größer
bisher der Akzent eher auf einer Steigerung der die Recyclingquote bei der Produktion mate-
Arbeitsproduktivität. Letztere muss sich jedoch rieller Güter ist, desto besser lassen sich die vor-
mit den beiden anderen Effizienzzielen vereinba- handenen natürlichen Ressourcen schonen. Dies

50 Der Konsum fossiler Energieträger wird weltweit mit 312 Milliarden Dollar (224 Milliarden Euro) gefördert. Zugleich werden aber für die
Förderung erneuerbarer Energieträger nur 57 Milliarden Dollar ausgegeben. Würde man alle Subventionen für fossile Energieträger
streichen, dann würde der weltweite Energieverbrauch um fünf Prozent fallen. Vgl. IEA & OECD (2010).
51 Auf gemeinsamen Antrag der vier Bundestagsfraktionen CDU/CSU, SPD, FDP und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN ist daher auch eine
Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität – Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt
in der Sozialen Marktwirtschaft“ eingerichtet worden, die diese Fragen untersuchen soll. Siehe Deutscher Bundestag (2010).

49
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

gilt auch für den Wandel bei der Energieerzeu- chen können, wenn ökologische und klimapoli-
gung und -verwendung. Durch den Übergang tische Ziele der Nachhaltigkeit als zusätzliche
von fossilen Energieträgern hin zu erneuerbaren Restriktionen berücksichtigt werden müssen. Al-
Energieträgern wie beispielsweise Windenergie lerdings lassen sich unter solchen Rahmenbedin-
oder mittels Photovoltaik lässt sich der natürliche gungen dann immer noch optimale oder weniger
Ressourcenverbrauch im Vergleich zu den bishe- optimale Strategien entwickeln, die dann ein
rigen Produktionsmethoden reduzieren. Im Zuge ökologisches und umweltverträgliches Wirt-
des Klimawandels sind diese Begrenzungen uner- schaftswachstum ermöglichen. Dies ist auch der
lässlich, wenn klimaschädliche Emissionen auf Grundgedanke der unter dem Schlagwort Green
ein Ausmaß für eine Stabilisierung der natürli- Growth weltweit propagierten Strategien (OECD
chen Umwelt reduziert werden müssen. Mithin 2011).
muss bei der Betrachtung von Effizienz eines Pro- Der Wandel einer klassischen, auf wachsen-
duktions- und Konsumtionssystems dessen Um- den Ressourcen- und insbesondere Energiever-
weltverträglichkeit mit berücksichtigt werden. In brauch ausgerichteten Gesellschaft kann auf-
den zurückliegenden Jahrzehnten sind hier er- grund veränderter Verbrauchsgewohnheiten und
hebliche Fortschritte realisiert worden, aber diese Produktionsmethoden durchaus weiterhin Wachs-
reichen trotzdem bei weitem noch nicht aus, um tum an Lebensqualität und steigenden Wohlstand
die gesetzten Ziele für eine nachhaltige Wirtschaft gewährleisten. Allerdings geht dies nur, wenn der
und umweltverträgliche Gesellschaft bei Wah- Verbrauch materieller Ressourcen und nicht-
rung einer hohen Lebensqualität auch zu gewähr- erneuerbarer Energieträger tendenziell gesenkt
leisten.52 wird, da insbesondere in den entwickelten Län-
Es wird bereits seit längerem um die adäqua- dern dieser weit über das nachhaltig Zulässige
te Balance zwischen ökologischen Erfordernissen bereits gesteigert worden ist. Der effiziente Ge-
zur Wahrung und Stabilisierung der natürlichen brauch von Diensten sollte vor dem Eigentum an
Umweltbedingungen einerseits und den Erfor- Gütern einen nachhaltig ressourcenschonenden
dernissen einer dezentralisierten, auf Wirtschafts- Konsum gewährleisten. Reine Effizienzsteigerun-
und Produktivitätswachstum ausgerichteten gen bezüglich des Energieverbrauchs oder wei-
Marktwirtschaft andererseits gerungen. In der Re- terer Ressourcen sind wirkungslos, wenn der
gel gelingt eine harmonische Synthese, d.h. ohne Boomerang-Effekt53 diese wieder zunichte macht.
externe Regulierungseingriffe allein aus dem Beispiele wären hierfür bereits die effiziente-
Marktgeschehen, aus Ökonomie und Ökologie, re Nutzung vorhandener materieller Güter. Intel-
nur sehr selten. Mithin muss in der Regel durch ligente Car-Sharing-Systeme und multimodale
Interventionen ein Kompromiss zwischen den Verkehrssysteme können die Ressourcenver-
einander widerstrebenden Zielsetzungen gefun- schwendung von nur schwach genutzten Auto-
den werden. In der Ökonomie spricht man des- mobilbeständen und anderer Verkehrsträger re-
halb auch in solchen Situationen von Trade-offs, duzieren. Durch intelligentere Stadtplanungen
wenn die Erreichung mehrerer Zielsetzungen und Verkehrsvermeidungsstrategien wie beispiels-
ohne Verluste bei einzelnen Zielsetzungen nicht weise Teleworking lassen sich Wegekosten reduzie-
erreicht werden kann. Je nach der Hierarchisie- ren und die Lebensqualität steigern. Cloud-Com-
rung der Zielsetzungen und der Gewichtungen puting bietet die Chance, den hohen Ressourcen-
der Ziele untereinander lassen sich so Kompro- verbrauch bei IKT-Endgeräten abzubauen, ohne
misse als zumindest zufriedenstellende Lösungen damit die Nutzerfreundlichkeit zu beeinträchti-
definieren. Man wird nicht maximale oder opti- gen. Langlebigkeit von Konsumgütern und deren
male Arbeitsproduktivitätsentwicklungen errei- Modularisierung und Recyclebarkeit sowie mo-

52 Zu den Anforderungen einer größeren ökonomischen, sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit der Entwicklung vgl. auch die Beiträge
in Hagemann/von Hauff (2010).
53 Vgl. http://en.wikipedia.org/wiki/Boomerang_effect.

50
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

dulare Erneuerbarkeit ermöglichen eine ressour- schaft erfasst, dann könnten durch alternative
censchonende Modernisierung ohne eine ständig Wege zur Befriedigung von Geltungsbedürfnissen
neue komplette Verschrottung von Konsumgü- der Verbraucherinnen und Verbraucher weniger
tern. Insbesondere bei technischen Gebrauchsgü- belastende Konsummöglichkeiten geschaffen wer-
tern verursacht die rasche Obsoleszenz bereits den. Dies berührt die gesellschaftlichen Wertesys-
jetzt enorme Umweltkosten. Dies mag aus der teme, wodurch Einzelne in der Gesellschaft einen
Sicht partieller Produzenteninteressen zur Absatz- Statusgewinn erreichen können. Derzeit werden
steigerung und Ausweitung der Produktion sinn- solche Statusbedürfnisse noch zu sehr durch Pro-
voll erscheinen, kann aber dem Ziel einer ressour- dukte befriedigt, die ökologisch und klimapoli-
censchonenderen Gesellschaft diametral entge- tisch schädlich sind. Hier könnte jedoch auch ein
genstehen. Hier sollten auch die Ergebnisse der gesellschaftspolitischer Wandel erforderlich sein,
modernen Verhaltensforschung über das Ver- um die bisherigen Fehlprogrammierungen des
braucherverhalten Eingang finden. Verbraucherverhaltens zu korrigieren. Lebensqua-
In großem Umfang dient heute bereits die lität besteht dann darin, die Bedürfnisse weniger
Produktion „positionaler“ Güter, d. h. Güter, die durch das Eigentum an Dingen als durch den
vorrangig als Statussymbole ihre wesentliche Auf- Zugang zu Diensten zu gewährleisten. Effizientes
gabe erfüllen, zur Ankurbelung einer ansonsten Access-Management und Befriedigung von Nut-
überflüssigen und umweltschädlichen Produk- zungsbedürfnissen können den Ressourcenver-
tion. Wenn also ein ökologisch und für das Klima brauch langfristig wesentlich reduzieren helfen.
schädlicher Geltungskonsum große Teile der Wirt-

51
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

8. Innovationssysteme und Effizienzsteigerung

Effizienzbetrachtungen werden in der Regel in Komparative Vorteile von Unternehmen, Wirt-


einem Modellrahmen von Einsatzfaktoren (In- schaftszweigen in einzelnen Ländern oder Stand-
puts) und Ergebnis (Output) innerhalb einer ein- orten sowie ganzer Volkswirtschaften ergeben
zelnen Periode durchgeführt. Dabei wird implizit sich im Zuge der Globalisierung der weltweiten
unterstellt, dass innerhalb der gewählten Periodi- Wirtschaftsbeziehungen zunehmend daraus, dass
zität von beispielsweise einem Jahr alle wesent- es gelingt, aufgrund von Innovationspotenzialen
lichen Prozesse für die Produktionsbereitstellung, in Unternehmen, Standorten oder einzelnen Län-
-durchführung und -verwendung abgewickelt dern die relative Wettbewerbsfähigkeit im Ver-
werden. Des Weiteren wird unterstellt, dass eine gleich zu anderen entsprechenden Einheiten zu
klare Trennung zwischen endogenen und exoge- steigern. Dies gilt bei zunehmender Fragmentie-
nen Faktoren möglich ist. Damit wird eine kausal rung der Wertschöpfungskette auch für einzelne
klar gerichtete Struktur des Produktionsprozesses Glieder dieser Kette.
modelltechnisch hergestellt. Interdependenzen Nicht der absolute Fortschritt bei Innovatio-
zwischen den im Produktionssystem dargestell- nen über die Zeit, sondern der relativ zu anderen
ten Größen fallen unter den Tisch oder werden Ländern in der Zeit stattfindende Innovations-
erst später wieder bei Modellschätzungen mittels fortschritt ermöglicht es, sich wirtschaftlich ge-
Instrumentalvariablen thematisiert, die mögliche genüber der übrigen Welt zu behaupten. Wie
Verzerrungen bei Parameterschätzungen korri- Schumpeter bereits erkannte, entstehen im In-
gieren sollen. Eine solche reduzierte Form der novationswettbewerb die nach ihm benannten
Produktionszusammenhänge bleibt jedoch hin- Schumpeter-Renten, die sich auch als Einkommens-
sichtlich des Verständnisses der komplexeren Sys- vorteile von den am Innovationsprozess Betei-
temzusammenhänge, die das Produktivitäts- und ligten internalisieren lassen. Dabei spielt immer
Wirtschaftswachstum entscheidend mitbestim- weniger der Einsatz der klassischen Produktions-
men, oftmals unbefriedigend. faktoren wie Arbeit und Kapital eine Rolle, son-
Der Systemansatz versucht daher auch genau dern die effiziente Allokation der zunehmend
hier anzusetzen. Systemzusammenhänge in Form kommodifizierten Faktoren im Rahmen eines er-
von vielfältigen Interdependenzen werden beim tragreichen Geschäftsmodells. Der Entwurf eines
Systemdesign berücksichtigt. Hinzu kommt, dass innovativen und wirtschaftlich erfolgreichen Ge-
die traditionelle Effizienzanalyse erhebliche Pro- schäftsmodells wird zum strategisch entscheiden-
bleme bei der Analyse von Innovationsprozessen den Erfolgsfaktor, dem sich die anderen zuneh-
aufweist. Nicht nur werden bestehende Güter mend kommodifizierten Faktoren unterordnen.
und Dienstleistungen effizienter, d. h. kosten- Es bildet sich gleichsam ein asymmetrisches
günstiger und mit Hilfe weniger Ressourcen der hierarchisches Innovationsmodell heraus. Die er-
Gesellschaft bereitgestellt, sondern – und hier hat folgreichen Innovatoren erzielen überdurch-
eine deutliche Verlagerung in den hochentwi- schnittliche Erträge, die erfolglosen müssen un-
ckelten Ländern gegenüber den weniger entwi- terdurchschnittliche bis hin zu Verlusten reali-
ckelten Ländern stattgefunden – es nimmt gleich- sieren. Hinzu kommt, dass dies ein fortlaufender
zeitig die Produktinnovation eine immer wich- Prozess eines sich immer wieder Neuerfindens ist,
tigere Rolle für den wirtschaftlichen Erfolg ein. da durch die Innovationskonkurrenz der ande-

52
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

ren, insbesondere wenn diese nicht allein auf aus vorangegangenen Kapitaleinkünften des Pro-
Imitation abzielen, sondern disruptive Innova- duktionsprozesses, sondern durch kreatives In-
tionen54 und Geschäftsmodelle beinhalten, die novieren und dessen Umsetzung in wirtschaftlich
Chancen, sich auf den Lorbeeren der Vergangen- erfolgreiche Geschäftsmodelle.55
heit auszuruhen, schmälern. Das hat in den letzten Jahren zu einem neu-
Dies führt auch zu einer wachsenden Umver- en Forschungszweig in den Wirtschaftswissen-
teilung der im Wirtschaftsprozess erzielten Ge- schaften geführt, der als Entrepreneurship die
winne, die eben weniger auf den individuell zure- Grundlagen für wesentliche Erfolgsmodelle und
chenbaren Faktorproduktivitäten beruhen, son- Faktoren herauszufinden versucht. Was auf der
dern auf der Aneignung von in innovativen und Unternehmensebene noch als Entrepreneurship56
ertragreichen Geschäftsmodellen entstehenden erscheint, transformiert sich auf der Meso- oder
Schumpeter-Renten. Diese sind Ergebnis der aus Makroebene in die komplexeren Strukturen re-
der Innovation resultierenden Marktmacht und gionaler, sektoraler oder nationaler Innovations-
damit im Endeffekt begründet in der Verfügungs- systeme.57
macht über die Produktionsmittel, welche die An Stelle der statischen Effizienzbetrachtung
Innovation inkorporierten und so die Produktivi- kostenminimaler oder gewinnmaximaler Faktor-
tätssteigerung bzw. die Output-/Strukturänderung allokation muss der dynamischen Effizienzbe-
mit sich brachten. Innovatoren stellen neue Gü- trachtung größere Aufmerksamkeit gewidmet
ter zur Verfügung bzw. verwenden neuartige Pro- werden. Ziel des Wirtschaftens ist es daher vor-
duktionsmethoden, wodurch die Wirtschaftstä- rangig, die nachhaltige wirtschaftliche Innova-
tigkeit zunimmt bzw. bisherige Güter effizienter tionsfähigkeit im internationalen Wettbewerb
hergestellt werden können. Im Falle von Produkt- herzustellen und zu erhalten. Aktuelle Gewinne
innovationen können die Pionierunternehmer von Unternehmen sind nur noch ein Reflex ver-
aufgrund der Einzigartigkeit ihrer Produkte hö- gangener Innovationsanstrengungen, die sich
here Preise durchsetzen und erzielen so Extrage- mit entsprechender zeitlicher Verzögerung am
winne, im Falle von Prozessinnovationen kann Markt realisieren. Sie sind jedoch keineswegs Ga-
ein Unternehmer das gleiche Gut günstiger her- rant für die zukünftige Entwicklung. Nur durch
stellen als die Konkurrenz und erzielt hierdurch die Nutzung der wirtschaftlichen Ressourcen für
die Rente. Ein aktuell herausragendes Beispiel ist die zukünftige Fortsetzung dieses Innovations-
die Firma Apple, die deutlich höhere Gewinne als prozesses ergibt sich die Chance für einen nach-
die übrigen Marktteilnehmer z. B. im Markt für haltigen wirtschaftlichen Innovationserfolg.
Smartphones durchsetzen kann. Die Innovations- Skalen- und Scope-Effekte58 zur Effizienz-
sieger am Markt erzielen wie beschrieben über- steigerung, die in der traditionellen statischen
durchschnittlich hohe Gewinne, die Verlierer Produktivitäts- und Effizienzanalyse eine heraus-
müssen dagegen unterdurchschnittliche bis hin ragende Stellung eingenommen haben, werden
zu Verlusten hinnehmen. Im Grenzfall erhält der durch disruptive Innovationen59 mit einer an-
Gewinner sämtliche Erträge, die Verlierer gehen dersartigen Pfadabhängigkeit60 und günstigeren
leer aus (winner-takes-it-all). Dadurch entstehen Marktchancen in einer neuen Form asymmetri-
auch immer weniger große Einkommens- und schen Innovationswettbewerbs herausgefordert.
Vermögenskonzentrationen durch Kapitalakku- Während Schumpeter noch glaubte, dass auf-
mulation im Zuge von Sparen und Investieren grund der Marktkonzentration, basierend auf

54 Vgl. Christensen (1997).


55 Vgl. Florida (2002).
56 Vgl. Audretsch (2007); Audretsch/Keilbach/Lehmann (2006).
57 Vgl. Lundvall (1992); Nelson (1993); Edqvist (1997); Malerba (2002a, 2002b, 2004, 2005); Saxenian (1994); Porter (2001). Siehe auch
Kapitel 1 in Hagemann/Christ/Rukwid/Erber (2011).
58 Vgl. Chandler (2004).
59 Vgl. Erber (2009a).
60 Vgl. Arthur (1994).

53
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

Skalen- und Scope-Effekten, enge Oligopole lang- Mithin wird in der modernen Unterneh-
fristig die vorherrschende Form der Wirtschafts- menstheorie die Rolle der Partizipation von Mit-
organisation übernehmen würden, haben auf- arbeiterinnen und Mitarbeitern zu einem ent-
grund des geänderten asymmetrischen Wettbe- scheidenden Wettbewerbs- und Effizienzfaktor.
werbsmodells kleine und mittlere Unternehmen Anstelle der passiven Rolle der Arbeit als dis-
sowie Start-ups die reale Chance, die immer grö- ponibler Faktor wird die Kreativitäts- und Leis-
ßeren Unternehmenskonglomerate herauszufor- tungsbereitschaft des sozialen Netzwerks eines
dern. Trotz Netzwerkeffekten innerhalb von Unternehmens, d. h. seine Motivation, zum stra-
Märkten mit Systemcharakter61 können sich krea- tegischen Erfolgsfaktor, d. h. die Unternehmens-
tive kleine Unternehmen im Zuge eines asymme- kultur hat eine zentrale Bedeutung. Der Schum-
trischen Wettbewerbs bessere Zukunftsperspek- petersche Unternehmer wird zu einem Entrepre-
tiven und Wachstumschancen erschließen als es neurial Social Network64. Innovative Gemeinschaf-
den traditionellen Marktführern möglich ist. So ten, die miteinander sozial vernetzt agieren und
hat sich beispielsweise Google durch sein welt- zielgerichtet auf wirtschaftliche Prozesse organi-
weites Quasi-Monopol bei Suchabfragen und des siert werden, sind die geeignete Organisations-
darauf aufbauenden Modells der Online-Wer- form für das 21. Jahrhundert, um nachhaltig ef-
bung62 durch Erschließung neuer wachstums- fiziente Wirtschaftssysteme zu gestalten.
starker innovativer Märkte im Bereich von Geo- All diese neuen Dimensionen machen deut-
daten – wie Google Streetview oder mobiler Da- lich, dass die bisherigen Indikatoren zur Produk-
tendienste einschließlich lokalisierter Werbung tivitäts- und Effizienzmessung völlig unzurei-
auf Basis von Cloud-Computing und -Services – chend sind, um diese Veränderungen darzustel-
zum derzeit gefährlichsten Konkurrenten von len. Es bedarf daher umfangreicher Anstrengun-
Microsoft entwickelt. gen, hier Indikatoren zu entwickeln, um durch
Kapital kann heute über globale Finanzmärk- Standardisierung über Unternehmen, Wirtschafts-
te einschließlich der Risikokapitalfinanzierung63 zweige, Regionen und Länder Vergleichbarkeit
einfacher beschafft werden, wenn ein innova- herzustellen, so dass die derzeit bestehenden aku-
tives Unternehmen mit einem überzeugenden ten Informationsdefizite hinsichtlich strategisch
und erfolgreich implementierten Geschäftsmo- relevanter Einflussfaktoren abgebaut werden kön-
dell agiert. Genau diese Fähigkeiten sind zum nen. Neben privatwirtschaftlichen Initiativen
strategischen Erfolgsfaktor geworden, um eine müssen auch der Staat und seine Institutionen
Kommodifizierung der eingesetzten Ressourcen erhebliche Anstrengungen unternehmen, die
zu verhindern. Durch die Möglichkeit, sich sich hier auftuenden Informationslücken zu
Fremdkapital über die Kapitalmärkte zu verschaf- schließen. Zudem ergeben sich aus der zentralen
fen, werden so auch Risiken des Unternehmens Bedeutung von Innovationssystemen für die
von den Entrepreneurs auf die Kapitalgeber aus- Produktivitätsentwicklung von Volkswirtschaften
gelagert. Durch Hebeleffekte zwischen Eigenka- wichtige Implikationen für die Wirtschaftspolitik.
pitalrendite und niedrigeren Finanzierungskosten Traditionell wird die Produktivitätsentwick-
des Fremdkapitals wird zugleich die Profitabilität lung auf der Basis eines linearen Prozesses erklärt,
für die Entrepreneurs gesteigert. Durch Mitar- in dem Inputfaktoren über einen Produktions-
beiterbeteiligung bei der Unternehmensfinanzie- prozess einen Output generieren. Dies vernach-
rung werden des Weiteren auch Anreizstrukturen lässigt jedoch in der Regel, dass der zugrundelie-
geschaffen, die die Leistungsbereitschaft der Mit- gende Prozess komplexer und mit vielfältigen
arbeiterinnen und Mitarbeiter erhöhen, da diese positiven und negativen Rückkopplungen ver-
am Unternehmenserfolg beteiligt sind. sehen ist. Hinzu kommt eine Pfadabhängigkeit,

61 Vgl. Margolis (2002).


62 Vgl. Erber/Mundelius (2008).
63 Vgl. Erber (2008a); Gompers/Lerner (2004).
64 Vgl. Greve (1995); Jenssen (1999); Kamm/Nurick (1993); Leonard-Barton (1984).

54
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

die den dynamischen Ablauf in ihrer zeitlichen wachstum auch tatsächlich realisiert werden.
Abfolge miteinander vernetzt. Darüber hinaus Man spricht deshalb im Bereich der Innovations-
gibt es institutionelle und regulatorische Abhän- forschung auch davon, dass das klassische lineare
gigkeiten mit anderen Akteuren, die außerhalb Modell – das auch der Produktionsfunktion zu-
des klassischen Produktionsmodellansatzes lie- grunde liegt – durch einen nicht-linearen Sys-
gen. Nicht zuletzt deswegen findet der Ansatz, temansatz ergänzt wird. Komplexe Interaktionen
komplexere Innovationssysteme als Grundlage mehrerer unterschiedlicher Akteure sind für die
für die Analyse der Interaktionen hinzuziehen, Effizienz und Produktivität des Gesamtsystems
immer mehr Beachtung. Nur wenn es gelingt, deshalb konstitutiv. Der angemessene Ansatz ist
eine entsprechende optimale Koordination im daher hier eher die Systemtheorie, auf die in
Systemzusammenhang zu gewährleisten, kann diesem Abschnitt deshalb zurückgegriffen wurde.
das angestrebte Wirtschafts- und Produktivitäts-

55
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

9. Politische Handlungsoptionen

Langfristig ist die Ausstattung mit hochqualifi- 11,9 Prozent gegenüber einem EU27-Durch-
zierten Arbeitskräften ein wesentlicher Faktor für schnitt von 14,9 Prozent steht Deutschland im
die Produktivitätsentwicklung einer Volkswirt- Jahr 2009 in diesem Punkt wesentlich besser da.
schaft. Ohne eine Qualifizierung der Arbeitskräf- Die noch mindestens zu erreichenden 1,9 Pro-
te, so dass sie den Herausforderungen der moder- zent bis zur 10-Prozent-Marke könnten also
nen Hochtechnologien aufgrund entsprechender durchaus erreichbar sein. Allerdings muss hierzu
Bildungsstandards genügen, ist ein stärkeres Pro- die Bildungsbereitschaft der bildungsfernen Be-
duktivitätswachstum nicht möglich. Hier weist völkerungsschichten, insbesondere auch der
Deutschland jedoch deutliche Defizite innerhalb Migrantinnen und Migranten, wesentlich gestei-
Europas auf. Es liegt beim Anteil der tertiären Bil- gert werden. Dass dies keine leichte Aufgabe dar-
dungsabschlüsse unterhalb des Durchschnitts der stellt, zeigt die aktuelle Integrationsdebatte deut-
EU27-Mitgliedsländer nur auf dem zwanzigsten lich. Der Weg, allein über die vorschulische Er-
Platz. Mithin ist es in der Vergangenheit im Ge- ziehung die Grundlagen zu verbessern, wird bis
gensatz zu den skandinavischen Ländern ver- zum Jahr 2020 keineswegs schon Früchte tragen. Es
säumt worden, die Bildungspotenziale unserer müssen daher weitere erhebliche Anstrengungen
Gesellschaft auch in entsprechende Bildungsab- unternommen werden, um hier auch für die älte-
schlüsse umzusetzen. ren Jugendlichen und jungen Erwachsenen den
Das in der Agenda 2020 von der EU-Kommis- zweiten Bildungsweg noch attraktiver zu machen.
sion gesetzte Ziel für alle Mitgliedsländer als Teil Diese Generation mit erheblichen Bildungsdefizi-
der Leitindikatoren, den Anteil der 30- bis 34-Jäh- ten einfach abzuschreiben, dürfte weder für die
rigen, die ein Hochschulstudium abgeschlossen Zielerreichung des Leitindikators zweckdienlich
haben oder über einen gleichwertigen Abschluss sein, noch würden die langfristig zu erwartenden
verfügen, bis 2020 auf mindestens 40 Prozent zu Kosten in Form von Transferleistungen an ent-
steigern, wird derzeit von Deutschland mit knapp sprechende Geringverdienerinnen und Gering-
unter 30 Prozent noch längst nicht erfüllt. Es verdiener auch nur eine zweitbeste Lösung dar-
würde drastischer zusätzlicher Maßnahmen be- stellen. Es bedarf kreativer neuer Bildungskon-
dürfen, um dieses Ziel bis zum Ende der laufen- zepte, um dieser Bevölkerungsgruppe eine sinn-
den Dekade zu erreichen (siehe Abbildung 23). volle Beschäftigungsperspektive zu erschließen.
Ein weiterer Leitindikator der 2020-Strategie Ohne massive Anstrengungen, die Humankapital-
der EU-Mitgliedsländer ist der Anteil der Bevöl- basis Deutschlands innerhalb einer mittleren Frist
kerung zwischen 18 und 24 Jahren, der höchstens bis zum Jahr 2020 deutlich zu verbessern, dürfte
die Sekundarstufe durchlaufen und keine weitere es auch mit einer angemessenen nachhaltigen
allgemeine oder berufliche Bildung erfahren hat Produktivitätsentwicklung schlecht bestellt sein.
(siehe Abbildung 24). Der Anteil der frühzeitigen Gesellschaftspolitisch ist die Schaffung eines
Schul- und Ausbildungsabgängerinnen und -ab- Orientierungsrahmens für die wirtschaftliche
gänger sollte bis zum Jahr 2020 auf unter 10 Pro- Entwicklung hinsichtlich eines effizienten und
zent abgesenkt werden. Mit einer Quote von nachhaltigen Fortschritts von zentraler Bedeu-

56
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

Abbildung 23:

Bildungsabschluss im Tertiärbereich in % im Jahr 2010, insgesamt*


0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100

Irland 49,9

Norwegen 47,3

Dänemark 47,0

Luxemburg 46,1

Schweden 45,8

Finnland 45,7

Zypern 45,1

Belgien 44,4

Schweiz 44,2

Litauen 43,8

Frankreich 43,5

Vereinigtes Königreich 43,0

Niederlande 41,4

Island 40,9

Spanien 40,6

Estland 40,0

Polen 35,3

Slowenien 34,8

Europäische Union (27 Länder) 33,6

Euroraum (17 Länder) 33,3

Euroraum (16 Länder) 33,3

Lettland 32,3

Deutschland 29,8

Griechenland 28,4

Bulgarien 27,7

Ungarn 25,7

Österreich 23,5

Portugal 23,5

Slowakei 22,1

Tschechische Republik 20,4

Italien 19,8

Malta 18,6

Rumänien 18,1

* Anteil der 30 - 34-Jährigen mit abgeschlossenem Universitäts- oder Hochschulstudium (Tertiärbereich), die mindestens einen Bildungs-
abschluss der ISCED 1997-Ebenen 5 oder 6 besitzen (ISCED – Internationale Standardklassifikation für das Bildungswesen). Mit diesem
Indikator wird die Verwirklichung des Kernziels der Strategie Europa 2020, den Anteil der 30 - 34-jährigen Bevölkerung mit abgeschlos-
sener Hochschulbildung oder einem vergleichbaren Abschluss bis 2020 auf mindestens 40 % anzuheben, gemessen.
Quelle: Eurostat.

57
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

Abbildung 24:

Anteil der Bevölkerung zwischen 18 und 24 Jahren, der höchstens die Sekundarstufe durchlaufen
und keine weitere allgemeine oder berufliche Bildung erfahren hat, in % im Jahr 2009*
0 10 20 30 40 50

Malta 36,9

Portugal 28,7

Spanien 28,4

Island 22,6

Italien 18,8

Rumänien 18,4

Norwegen 17,4

Euroraum (17 Länder) 15,6

Euroraum (16 Länder) 15,6

Vereinigtes Königreich 14,9

Europäische Union (27 Länder) 14,1

Bulgarien 13,9

Griechenland 13,7

Lettland 13,3

Frankreich 12,8

Zypern 12,6

Belgien 11,9

Deutschland 11,9

Estland 11,6

Dänemark 10,7

Irland 10,5

Ungarn 10,5

Finnland 10,3

Niederlande 10,1

Schweden 9,7

Österreich 8,3

Litauen 8,1

Luxemburg 7,1

Schweiz 6,6

Polen 5,4

Slowenien 5,0

Tschechische Republik 4,9

Slowakei 4,7

* „Frühzeitige Schul- und Ausbildungsabgänger“ sind Personen im Alter von 18 - 24 Jahren, die die folgenden Bedingungen erfüllen:
Der höchste erreichte Grad der allgemeinen oder beruflichen Bildung entspricht ISCED 0, 1, 2 oder 3c kurz, und die Befragten dürfen
in den vier Wochen vor der Erhebung an keiner Maßnahme der allgemeinen oder beruflichen Bildung teilgenommen haben (Zähler).
Der Nenner besteht aus der Gesamtbevölkerung der gleichen Altersgruppe; ausgenommen sind diejenigen, die die Fragen „Höchster
erreichter Grad der allgemeinen oder beruflichen Bildung“ und „Teilnahme an einer Maßnahme der allgemeinen und beruflichen
Bildung“ nicht beantwortet haben. Sowohl die Zähler als auch die Nenner stammen aus der EU-Arbeitskräfteerhebung.
Quelle: Eurostat.

58
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

tung. Derzeit findet dabei eine wesentliche Ge- Bereich Klimawandel, Energie- und Nahrungs-
wichtsverlagerung vor dem Hintergrund langfris- mittelsicherheit, Gesundheit und alternde Bevöl-
tiger Probleme statt: der nachhaltige Schutz na- kerung. Dabei sollen durch gezielte Staatsinter-
türlicher Ressourcen, Vorsorge für den Klimawan- ventionen zur Schaffung günstiger Rahmenbe-
del und Vorsorge für eine alternde Gesellschaft dingungen die private Wirtschaft stimuliert und
sowie Integration einer immer heterogeneren Ge- vorhandene Flaschenhälse für die rasche Markt-
sellschaft bilden zentrale Eckpunkte zur Aufrecht- durchdringung beseitigt werden. Als solche wer-
erhaltung eines funktionsfähigen und leistungs- den insbesondere auch Finanzierungsengpässe,
starken Wirtschafts- und Gesellschaftssystems. noch zu sehr fragmentierte Forschungssysteme
Dies erfordert insbesondere auch die Schaf- und Märkte, die unzureichende Nutzung der öf-
fung neuer, den gesellschaftlichen und wirt- fentlichen Auftragsvergabe und ein zu langsamer
schaftlichen Herausforderungen angemessener Standardisierungsprozess angesehen.
Innovationssysteme in diesen zentralen Problem- Als zehn Schlüsselkomponenten für die Durch-
bereichen. Dabei sollte beim Design von regiona- führung werden verstanden:
len Innovationssystemen durch entsprechende 1. europaweite Innovationspartnerschaften;
Fokussierung auf vorhandene komparative Stär- 2. ein Monitoring mit Hilfe von 25 Indikatoren
ken und unter Berücksichtigung der weltweiten aus dem Innovationsunion Scoreboard;
Wettbewerber ein langfristig strategisches Ent- 3. Verbesserung der Finanzierungsmöglichkei-
wicklungskonzept implementiert werden.65 Ins- ten;
besondere die sich derzeit sehr rasch entwickeln- 4. eine raschere Vertiefung des European Research
den Länder wie China und Indien66 oder Brasilien Area (ERA) und engere Verzahnung mit den
und ihre kleineren Nachbarn bieten einerseits nationalen Innovationsstrategien;
neue Herausforderungen, aber auch Chancen, 5. Förderung von Design durch ein European
das deutsche Innovationssystem durch eine effi- Design Leadership Board und eines European
ziente Kooperation der vorhandenen Innova- Design Excellence Label;
tionspotenziale hinsichtlich der eigenen Stärken 6. Beginn eines bedeutsamen Forschungspro-
bei Berücksichtigung vorhandener Schwächen gramms für den öffentlichen Sektor und so-
durch entsprechende komplementäre Kompe- ziale Innovationen;
tenzen anderswo zu einer dann globalen syste- 7. Schaffung eines Budgets für öffentliche Auf-
mischen Innovationswettbewerbsfähigkeit fort- tragsvergabe im Bereich innovativer Produk-
zuentwickeln.67 Beispiele sind derzeit in Deutsch- te und Dienstleistungen;
land der nationale Entwicklungsplan Elektromo- 8. ein beschleunigtes Verfahren zur Entwick-
bilität68 oder die IT-Gipfel. lung von Standards;
9. eine Modernisierung des europäischen Sys-
tems für intellektuelle Eigentumsrechte;
9.1 Initiative der EU-Kommission: 10. Einsatz von Mitteln aus dem Strukturfonds
Innovationsunion und weitere Staatshilfen verstärkt für die In-
novationsförderung einsetzen.
Die jetzt gestartete Innovationsunion der EU- Hinzu kommt, dass Deutschland als Mitglied der
Kommission ist ein sogenanntes Flaggschiff der Europäischen Union hier besonders bei der Inte-
Europa-2020-Strategie. Sie wird sich auf die Ko- gration und Vernetzung zur Schaffung einer Eu-
operation mit Drittländern konzentrieren. The- ropäischen Innovationsunion69 einen wichtigen
menschwerpunkte sind dabei die Kooperation im Beitrag zu leisten hat.70 Gleichzeitig entsteht eine

65 Vgl. Erber (2010a).


66 Vgl. Erber/Hagemann (2008).
67 Vgl. Erber/Hagemann (2007).
68 Vgl. Bundesregierung (2009).
69 Vgl. hierzu die entsprechende Webseite der EU-Kommission http://ec.europa.eu/research/innovationunion/index_en.cfm.
70 Vgl. Dreger/Erber (2008, 2010).

59
WISO
Diskurs Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Friedrich-Ebert-Stiftung
tu
ung
Diskurs

polyzentristische weltweite Innovationscluster- (1) Vorteilhafte Spielregeln. Hierzu zählen unter an-
struktur71, die zunehmend enger miteinander derem die landesweiten institutionellen Gege-
vernetzt ist. Hierfür wurde als offene Plattform benheiten wie Rechtsrahmen, Regulierungen,
auf EU-Ebene die European Cluster Alliance (ECA) Konventionen bei Wertpapiermärkten, Steuern,
etabliert. Regionale Cluster-Politiken und die glo- Rechnungswesen, Corporate Governance, Insol-
bale Vernetzung zwischen Innovationsclustern venzordnung, Zuwanderung hochqualifizierter
schaffen die Innovationsinfrastruktur für eine Ausländer, Forschung und Entwicklung. Die USA
nachhaltige Innovationsfähigkeit. Auch einer haben damit einen nachhaltigen Vorteil bei den
weltweit wettbewerbsfähigen Risikokapitalfinan- institutionellen Standortbedingungen gegenüber
zierung innerhalb der EU kommt hierbei eine er- anderen Ländern. Dies erklärt zwar nicht den
hebliche Bedeutung als Standortfaktor zu.72 Standortvorteil des Silicon Valley im Vergleich zu
Deutschland muss seine komparativen Stär- anderen Standorten in den USA, aber ist wichtig
ken in den Bereichen, die derzeit die größten gegenüber anderen Standorten in der Welt.
Wachstumsperspektiven bieten, durch die strate- (2) Wissensintensität. Das Silicon Valley ist ein
gische Fortentwicklung der vorhandenen regio- Schmelztiegel für neue Ideen, Produkte, Dienst-
nalen Innovationssysteme und deren internatio- leistungen, Märkte und Geschäftsmodelle. Er
nale Vernetzung insbesondere in den Bereichen wird von Unternehmerinnen und Unterneh-
Energie73, Umwelt, Gesundheit, Nanotechnolo- mern, Führungskräften aus etablierten Firmen,
gie74 sowie Bio- und Gentechnologie zügig fort- Universitätsmitgliedern, Studentinnen und Stu-
entwickeln. Es bedarf auch eines fortlaufenden denten, Risikokapitalfinanzierern und Zuwande-
Innovationsmonitoring, um die Kalibrierung der rinnen und Zuwanderern aus anderen Teilen der
knappen öffentlichen Mittel so zu gewährleisten, Welt gespeist. Das innovative Milieu aus diesen
dass man flexibel auf sich verändernde Rahmen- miteinander sich spontan vernetzenden und
bedingungen und Perspektiven aufgrund neuer zur Zusammenarbeit bereiten Personengruppen
unvorhersehbarer Entwicklungen reagieren kann. schafft die Grundlage für rasche und marktorien-
Die Offenheit von Innovationssystemen wird tierte Innovationsprozesse.
dabei zu einem wichtigen Erfolgsfaktor.75 Durch (3) Hochqualifizierte und hochmobile Arbeitskräfte.
den Wissensaustausch und Kooperation lassen Wegen der günstigen Verhältnisse eines solchen
sich positive Wissensexternalitäten und Vorteile Milieus attrahiert der Standort Ingenieurinnen
in der Zeiteffizienz im Innovationsprozess in- und Ingenieure, Wissenschaftlerinnen und Wis-
ternalisieren. senschaftler und Unternehmerinnen und Unter-
nehmer aus aller Welt. Oftmals haben sie zuvor
ihre Ausbildung dort erhalten. Eine wichtige Rol-
9.2 Lehren aus Silicon Valley le spielen dabei auch Unternehmerinnen und
Unternehmer mit einem Migrationshintergrund.
Im Jahr 2000 haben vier Ökonomen aus den USA (4) Ergebnisorientierte Meritokratie. Das innovative
(Lee/Miller/Hancock/Rowen 2000) aus einer Fall- Milieu diskriminiert nicht zwischen ethnischer
studie über das Silicon Valley zehn grundlegende Herkunft, Alter, Seniorität und Erfahrung, son-
Elemente herauskristallisiert, die für die Entste- dern fokussiert auf den wirtschaftlichen Innova-
hung eines erfolgreichen regionalen Innovations- tionserfolg, d. h. ist ergebnisorientiert. Anderswo
systems maßgeblich sind. Diese sind: 76 bestehen oftmals höhere soziale und wirtschaft-

71 Vgl. Delgado/Porter/Stern (2001).


72 Die von der EU-Kommission demnächst geplante Verabschiedung der Alternative Investment Fund Managers (AIFMs) wird hier wichti-
ge Rahmenbedingungen festlegen. Dies wird auch für die europäischen Risikokapitalfinanzierer wesentliche Konsequenzen nach sich
ziehen. Vgl. hierzu auch die Stellungnahme der European Private Equity and Venture Capital Association (EVCA).
73 Vgl. VDI-TZ (2010).
74 Vgl. Erber (2007).
75 Vgl. Chesbrough (2003); Chesbrough/Vanhaverbeke/West (2006).
76 Vgl. Lee/Miller/Hancock/Rowen (2000).

60 60
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

liche Barrieren, die kreativen Newcomern den (9) Hohe Lebensqualität. Landschaftliche Attrakti-
Zutritt zum Innovationsgeschehen erschweren. vität durch die Küstenlage, Urbanität durch Städ-
Wegen des hohen Anteils ausländischer Entre- te wie San Francisco und ein intellektuelles Reiz-
preneure besteht eine weltweite Vernetzung zu klima machen den Standort für Kreative als Le-
anderen Innovationszentren, die den Informa- bensmittelpunkt attraktiv. Allerdings räumen die
tionsaustausch und die Kooperationsmöglichkei- Autoren ein, dass es hier einen Rückschritt gege-
ten positiv beeinflusst. ben hat, da sich durch verschlechterte Verkehrs-
(5) Ein Geschäftsklima, das Risikofreude belohnt verhältnisse, hohe Immobilienpreise und wach-
und das Scheitern von Neugründungen toleriert. senden Arbeitsstress einer 24/7-Gesellschaft die
Ohne eine solche Kultur des Lernenwollens aus Lebensqualität deutlich verschlechtert hat.
Fehlschlägen, der Mitarbeiterbeteiligung am (10) Eine hochspezialisierte Dienstleisterinfrastruk-
Gründungserfolg und -risiko, flacher Hierarchien tur. Neben Risikokapitalfinanzierern und Ban-
und Belohnung harter Arbeit würde die Kultur kerinnen und Bankern zählen hierzu insbeson-
einer auf Unabhängigkeit, Gleichberechtigung dere Anwältinnen und Anwälte für spezielle
und Netzwerkbildung zusammen mit kompe- Rechtsgebiete, Head-Hunter, Consultants, Spe-
tenten Risikofinanzierern nicht dieses einmalige zialisten für Buchhaltung im Bereich von inno-
Biotop schaffen können. vativen Unternehmen.
(6) Offenes Geschäftsumfeld. Unternehmen pfle- Diese Kombination einer Vielzahl von Perso-
gen dort einen offenen kommunikativen Um- nen und Institutionen, die über einen längeren
gang untereinander, soweit er nicht zentrale Ge- Zeitraum ein regionales Innovationssystem kre-
schäftsgeheimnisse berührt. Dieses Konzept des iert haben, das sich durch hohe Flexibilität und
offenen Informationsaustausches lässt Wissen Absorptionsfähigkeit von neuem Wissen und
breiter in der Silicon Valley Community diffun- Technologien auszeichnet, um am Geschäftser-
dieren. Damit werden kreative neue Anwen- folg orientiert die vorhandenen Potenziale für
dungsmöglichkeiten entdeckt, die oftmals den eine weltweite Markterschließung einzusetzen,
ursprünglichen Erfinderinnen und Erfindern ent- ist das Geschäftsgeheimnis des regionalen Inno-
gangen wären. vationssystems des Silicon Valley. Da es sich of-
(7) Enge Verknüpfung zwischen Universitäten, For- fenbar nicht durch einige wenige Faktoren cha-
schungseinrichtungen und der Wirtschaft. Oft- rakterisieren lässt, sondern auf einer gewachse-
mals wird das wirtschaftliche Nutzungspotenzial nen Struktur sozialer Netzwerke basiert, sind bis-
der Ergebnisse der Grundlagenforschungen in her anderswo die Versuche, dieses Erfolgsmodell
den akademischen Einrichtungen unzureichend zu kopieren, nicht von dem erhofften Erfolg ge-
erkannt. Durch den fortlaufenden Dialog findet krönt worden.
jedoch eine schnellere Identifikation für neue Als sehr erfolgreich haben sich in jüngerer
Anwendungsfelder statt und wird aufgrund der Zeit jedoch die neuen Argonauten (Saxenian 2006)
Rahmenbedingungen auch rascher umgesetzt als erwiesen, d. h. insbesondere chinesische und in-
anderswo. dische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
(8) Die über heterogene Institutionen wie Unter- und Ingenieurinnen und Ingenieure, die in den
nehmen, Handelsorganisationen, Betriebsräten USA ausgebildet wurden und nach Rückkehr in
und hochspezialisierten Dienstleistern (Patentan- ihre Heimatländer erfolgreiche Unternehmen ge-
wältinnen und Patentanwälten etc.) bestehende gründet haben – bei gleichzeitiger Pflege ihrer so-
Bereitschaft zur flexiblen ergebnisorientierten zialen Netzwerke wie z. B. zum Silicon Valley und
Zusammenarbeit hat eine Form von informellen zugleich Beibehaltung ihrer Aktivitäten im Aus-
Joint Ventures entstehen lassen, die sich flexibel bildungsland, um so u. a. Crossboarder-Renten
neuen Aufgaben und Marktlagen anpassen kann. abzuschöpfen.
Hierzu zählen auch die rasche Schaffung von Effizient sind daher Standorte und Regionen
Fortbildungsgängen, eine leistungsfähige Infor- dann aufgestellt, wenn es ihnen gelingt, sich trotz
mationsinfrastruktur, Telearbeit und flexiblere fortlaufend wandelnder globaler Rahmenbedin-
Zusammenarbeit mit Regierungsstellen. gungen an diese Verhältnisse im Sinne einer

61
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

Ko-Evolution77 anzupassen, d. h. für die dort le- – Zunächst ist eine stärkere, breitere und bessere
bende Bevölkerung Lebensbedingungen zu schaf- Ausbildung der Bevölkerung auf allen Ebenen
fen, die ihnen im Sinne von Flexicurity Lebens- wünschenswert, um die Humankapitalausstat-
möglichkeiten bietet, die attraktiv sind und auch tung der Volkswirtschaft zu verbessern. Dieses
aus anderen Regionen besonders innovative offensichtliche Ziel wird von der Politik schon
Menschen attrahiert. seit vielen Jahren von verschiedenen Regierun-
Mithin gewinnt auch die Frage der Neu- gen propagiert („Bildungsrepublik“), jedoch
orientierung auf die Zielsetzung einer nachhal- stets allenfalls halbherzig angegangen. Ein Ver-
tigen Lebenszufriedenheit der Gesellschaftsmit- gleich innerhalb der OECD-Länder zeigt auf,
glieder zunehmend an Bedeutung. Derzeit ist dass Deutschland den Anteil der Ausgaben für
durch den Sarkozy-Report78 ein Diskussionspro- Bildung, Forschung und Entwicklung am Brut-
zess in Gang gesetzt worden, der sich über einen toinlandsprodukt unbedingt erhöhen sollte.
neuen Orientierungsrahmen für Wirtschaft und – Eine bessere Ausbildung im Sektor sozialer
Gesellschaft im 21. Jahrhundert Gedanken macht. Dienstleistungen sowie der Einsatz neuer Tech-
Mithin kann die Frage nach der Effizienz und nologien könnte schließlich auch dazu beitra-
Produktivität eines Wirtschafts- und Gesell- gen, die Produktivität in diesem Sektor mess-
schaftssystems letztendlich nur anhand der fest- bar zu steigern; einem Bereich, der wie gesehen
zulegenden Zielsetzungen beantwortet werden. in vielen Studien ansonsten unterdurchschnitt-
Diese Diskussion über diese Fragestellungen einer lich abschneidet, aber sicherlich aufgrund der
grundlegenden Neuorientierung der Fortent- demographischen Entwicklung als Wachs-
wicklung des Wirtschafts- und Gesellschaftssys- tumssektor anzusehen ist.
tems hat jedoch gerade erst begonnen.79 – Schließlich ist unter Berücksichtigung des Ver-
doorn-Zusammenhangs zu überlegen, ob eine
fiskalpolitische Nachfrageerhöhung langfristig
9.3 Wirtschaftspolitische Ansatzpunkte in aufgrund möglicherweise zu erwartender pro-
Deutschland duktivitätssteigernder Effekte Wohlfahrtsge-
winne nach sich ziehen könnte. Auch eine ge-
Die zunehmende Bedeutung des Produktions- zielte Förderung möglicher Zukunftstechno-
faktors Wissen in der modernen Informationsge- logien ist anzudenken. Selbstverständlich ist
sellschaft stellt neue Herausforderungen an eine hier aber zu beachten, dass ein mögliches
moderne Wirtschaftspolitik, welche im Zeitalter „Staatsversagen“ durch eine genauere Analyse
der Wissensgesellschaft den Wohlstand der eige- ausgeschlossen werden sollte.
nen Bevölkerung mehren möchte. Auf Ebene der – Daneben kann eine Nachfragesteigerung zu
Europäischen Union wurde dieser neuen Auf- einem Konflikt mit dem Ziel des nachhaltigen
gabe – wenngleich bislang nur bedingt erfolg- Wachstums führen, denn ein Produktivitäts-
reich – mit der Lissabon-Agenda und nunmehr wachstum, welches Folge einer höheren Pro-
der Agenda 2020 Rechnung getragen. Doch die duktion ist, dabei aber geringer ausfällt als das
hier festgehaltenen Ziele verdrängen keineswegs Wachstum der Produktion selbst, zieht übli-
die nationale Wirtschaftspolitik aus einer wichti- cherweise auch einen höheren Ressourcenver-
gen Position, gerade weil die Umsetzung vieler brauch nach sich, so dass ein allgemeines
Vorsätze den Nationalstaaten obliegt. Daneben Nachfrageprogramm mit entsprechenden An-
lassen sich noch zusätzliche, mit der Wissens- reizen zu einem Green Growth erweitert werden
gesellschaft eng verbundene Punkte nennen, wel- sollte, um die Energieeffizienz zu sichern.
che im Lichte der vorausgegangenen Ausführun-
gen eine Förderung wünschenswert erscheinen
lassen:

77 Vgl. Buerger/Broekel/Coad (2009).


78 Vgl. Stiglitz/Sen/Fitoussi (2009).
79 Vgl. SVR (2010b); Erber (2010c).

62
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

10. Fazit

Wenn man sich nun im Rückblick nochmals die – Förderung von Entrepreneurship und von Ge-
Frage „Was ist Produktivität?“ stellt, dann wird schäftsmodellen, die dynamische Wachstums-
man einräumen müssen, dass es keine einfache perspektiven erschließen;
und eindeutige Antwort darauf geben kann. – Wahrung der nachhaltigen ökologischen Um-
Sicherlich, wenn man den Rahmen eng genug weltverträglichkeit;
zieht, dann kann man sich auf die traditionelle – Ressourcen- und Energieschonung, die gleich-
Betrachtungsweise zurückziehen und die in der rangig neben der Schaffung materiellen Wohl-
amtlichen Statistik verwendeten Kennziffern für stands der Bevölkerung behandelt werden
Arbeitsproduktivität oder Multifaktorprodukti- müssen;
vität heranziehen. Allerdings helfen diese Kenn- – Risikovorsorge für Probleme, die durch den de-
ziffern nur sehr begrenzt weiter, wenn es um die mographischen Wandel und Migrationspro-
Frage der Gestaltung einer zukunftsfähigen Ge- zesse entstehen;
sellschaft geht. Kurzfristige Produktivitätsgewin- – Schaffung institutioneller Rahmenbedingun-
ne blenden zu sehr die Probleme der Nachhaltig- gen sowohl in Unternehmen, Regionen, Staa-
keit aus. Eine Politik, die sich daher zu sehr auf ten und Staatengemeinschaften wie der EU
ein mit zahlreichen Messproblemen belastetes sowie globaler Gemeinschaften, die ein Fair-
Wirtschaftswachstum und Produktivitätsfort- play und damit Konfliktabbau oder -vermei-
schritte stützt, kann die notwendige Orientierung dung ermöglichen;
verlieren, wenn es um die Sicherung der nachhal- – Regulierungsrahmen, die die globalen Finanz-
tigen Innovationsfähigkeit in einer immer mehr märkte wieder auf die Dienstleistungsbedürf-
global vernetzten Weltgesellschaft geht. Notwen- nisse der Gesellschaft ausrichten und nicht als
dig ist die Förderung derjenigen Faktoren, die für Mittel zur privaten Bereicherung weniger In-
diese Nachhaltigkeit von zentraler strategischer vestmentbankerinnen und Investmentbanker
Bedeutung sind, insbesondere die: und Hedgefonds-Managerinnen und -Manager
– Nutzung der Bildungschancen und diskrimi- fehlorientiert sind;
nierungsfreie Zugangsmöglichkeiten zu Bil- – Verteilungsgerechtigkeit der durch die Wert-
dungs- und Fortbildungssystemen; schöpfung erzeugten Einkommen, so dass es
– Entwicklung von ausreichend qualifizierten nicht aufgrund von verzerrten Marktmacht-
Arbeitskräften, die sich den rasch wechselnden verhältnissen zu einer immer weiter diver-
Erfordernissen einer hoch dynamischen Um- gierenden Einkommens- und Vermögensver-
welt insbesondere auch im Arbeitsprozess an- teilung kommt.
passen können; Die hier aufgeführte Liste verdeutlicht bereits,
– Sicherung der Arbeits- und Lebenszufrieden- dass es mithin darum geht, die komplexen Zu-
heit insbesondere auch der Erwerbsbevöl- sammenhänge einer Wirtschafts- und Wissensge-
kerung; sellschaft, die mit ihrer Umwelt ein verträgliches
– Schaffung und Fortentwicklung innovativer ökologisches Gleichgewicht wahren muss, in
Unternehmen, Regionen und globaler Netz- einem Zielbündel miteinander so zu verbinden,
werke; dass die Ergebnisse zu einem allgemeinen Anstieg

63
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

des gesellschaftlichen Wohlstands führen. Es ist Dabei kommt man dann jedoch auch in den Be-
natürlich keineswegs einfach, anstelle nur eines reich des Public-Choice-Prozesses, der in demo-
Indikators wie in der Makroökonomie das Brutto- kratisch verfassten Gesellschaften anstelle eines
inlandsprodukt oder auch die Produktivität nun Leviathan oder einer Autokratie von Expertinnen
mit einem etwas erweiterten Indikatorenbündel und Experten die Ausrichtung der Politik gestal-
die Entwicklung des Wohlstands einer Gesell- ten soll. Es wird zugleich die Trennung zwischen
schaft und die Effizienz des Einsatzes ihrer Res- Wohlstandserzeugung und der Allokation des
sourcen umfassend abzubilden. Trotzdem ist dies Wertschöpfungsprozesses aufgehoben. Derzeit
ein wichtiger Schritt in eine Richtung, um sich vertreten insbesondere viele Ökonomen immer
die Zielkonflikte und Trade-offs, die zwischen un- noch die Position, dass es der freien Marktwirt-
terschiedlichen Zielsetzungen bestehen, zu ver- schaft vorbehalten ist, einen möglichst großen
anschaulichen und einem öffentlichen politi- Kuchen zu backen, und die Gesellschaftspolitik
schen Diskurs zugänglich zu machen. Die EU- sich darauf beschränken sollte, diesen danach zu
Kommission hat bereits mit einem Leitindikator- verteilen. Da es aber keine Homogenität des
system für Europa 2020 einen Vorschlag gemacht. Bruttoinlandsprodukts gibt, sondern je nach Aus-
Diese Europa-2020-Strategie für Beschäftigung gestaltung des Produktionssystems parallel dazu
und intelligentes, nachhaltiges und integratives Ergebnisse hinsichtlich der anderen Leitindika-
Wachstum basiert auf fünf Kernzielen und wird toren erzeugt werden, ist eine Hierarchisierung
derzeit durch acht Leitindikatoren gemessen.80 von Produktion und Verteilung anhand der vor-
Die OECD hat einen alternativen Entwurf mit gegebenen Zielsetzung irreführend. Man kann
ihrem Better-Life-Index81 vorgelegt. Hier werden nachträglich nicht gravierende Verfehlungen von
elf Ziele zugrunde gelegt. anderen Zielen durch einfachen Transfer von
Beide Ansätze gehen davon aus, dass der bis- Geldzahlungen ausgleichen. Gesamtgesellschaft-
herige, vorrangig auf marktbestimmte Wert- liche Produktivität muss sich daher an der Er-
schöpfung abzielende Indikator, gemessen durch füllung der gesellschaftlichen Zielsetzungen mes-
das Bruttoinlandsprodukt, für die Frage der nach- sen lassen. Ein gesellschaftliches Produktions-
haltigen Entwicklung von Wirtschaft, Gesell- system ist dann effizient, wenn es ihm gelingt,
schaft und Umwelt unzureichend ist. Durch die eine Kombination der grundlegenden Zielsetzun-
Berücksichtigung der anderen Dimensionen ge- gen so zu erfüllen, dass damit insbesondere auch
langt man daher zu einem umfassenderen Dia- die Lebenszufriedenheit der größtmöglichen Zahl
log, was miteinander vereinbar oder auch un- der Mitbürgerinnen und Mitbürger erfüllt werden
vereinbar ist und wie man Zielkonflikte durch kann.82 Dies scheint derzeit weltweit immer mehr
entsprechende Kombinationen aus den Zielbün- Zustimmung zu finden.
deln im Interesse des Allgemeinwohls lösen kann.

80 Vgl. http://epp.eurostat.ec.europa.eu/portal/page/portal/europe_2020_indicators/headline_indicators.
81 Vgl. http://www.oecdbetterlifeindex.org.
82 Vgl. http://storyful.com/stories/1000005651.

64
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

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Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

Die Autoren

Dr. Georg Erber


Wirtschaftswissenschaftler am Deutschen Institut für Wirtschafts-
forschung (DIW), Berlin, Abteilung „Wettbewerb und Verbrauch“

Prof. Dr. Harald Hagemann


Lehrstuhl für Wirtschaftstheorie, Institut für Volkswirtschaftslehre,
Universität Hohenheim, Stuttgart

71
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

33
ISBN: 978 - 3 - 86498 - 056 - 5

Neuere Veröffentlichungen der Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik

Wirtschaftspolitik Gesprächskreis Sozialpolitik


Soziales Wachstum durch produktive Kreisläufe Soziale Sicherung für Soloselbstständige
WISO Diskurs in der Kreativwirtschaft
WISO Diskurs
Wirtschaftspolitik
Wachstum durch Ausbau sozialer Dienstleistungen Gesprächskreis Sozialpolitik
WISO direkt
Soziale Gesundheitswirtschaft: mehr Gesundheit,
Außenwirtschaft gute Arbeit und qualitatives Wachstum
Optionen im Euroraum WISO direkt
WISO direkt
Gesprächskreis Sozialpolitik
Nachhaltige Strukturpolitik Soziale Gesundheitswirtschaft –
Wege zum Abbau umweltschädlicher Subventionen Impulse für mehr Wohlstand
WISO Diskurs WISO Diskurs
Europäische Wirtschafts- und Sozialpolitik Gesprächskreis Arbeit und Qualifizierung
Staatsgläubigerpanik ist keine Eurokrise! Die Zukunft der Grundsicherung –
WISO direkt Individualisieren, konzentrieren, intensivieren
Steuerpolitik WISO Diskurs
Progressive Sozialversicherungsbeiträge –
Gesprächskreis Arbeit und Qualifizierung
Entlastung der Beschäftigten oder Verfestigung
Arbeit und Qualifizierung in der Sozialen
des Niedriglohnsektors?
WISO Diskurs Gesundheitswirtschaft
Von heimlichen Helden und blinden Flecken
Arbeitskreis Mittelstand WISO Diskurs
Wirtschaftliche Nachhaltigkeit statt Shareholder
Value – Das genossenschaftliche Geschäftsmodell Arbeitskreis Arbeit-Betrieb-Politik
WISO direkt Perspektiven der Unternehmensmitbestimmung
in Deutschland – ungerechtfertigter Stillstand auf
Gesprächskreis Verbraucherpolitik
der politischen Baustelle?
Verbrauchte Zukunft – Mentale und soziale
WISO Diskurs
Voraussetzungen verantwortungsvollen Konsums
WISO Diskurs Arbeitskreis Dienstleistungen
Arbeitskreis Innovative Verkehrspolitik Dienstleistungen in der Zukunftsverantwortung –
Ziele und Wege zu einer leiseren Mobilität Ein Plädoyer für eine (neue) Dienstleistungspolitik
WISO Diskurs WISO Diskurs

Arbeitskreis Stadtentwicklung, Bau und Wohnen Gesprächskreis Migration und Integration


Das Programm Soziale Stadt – Kluge Städte- Migrationsfamilien als Partner von Erziehung
bauförderung für die Zukunft der Städte und Bildung
WISO Diskurs WISO Diskurs

Gesprächskreis Sozialpolitik Frauen- und Geschlechterforschung


Kommunikation in der Gesundheitspolitik – Erfolgreiche Geschlechterpolitik
Netzwerk, Akteure, Strategien Ansprüche – Entwicklungen – Ergebnisse
WISO Diskurs WISO Diskurs

Volltexte dieser Veröffentlichungen finden Sie bei uns im Internet unter

74 www.fes.de/wiso