„GESCHICHTE“: EIN PRODUKT DER DEUTSCHEN AUFKLÄRUNG?
Eine Kritik an Reinhart
Kosellecks Begriff des „Kollektivsingulars Geschichte“
Author(s): Jan Marco Sawilla
Source: Zeitschrift für Historische Forschung , 2004, Vol. 31, No. 3 (2004), pp. 381-428
Published by: Duncker & Humblot GmbH
Stable URL: https://www.jstor.org/stable/43570048
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„GESCHICHTE": EIN PRODUKT
DER DEUTSCHEN AUFKLÄRUNG?
Eine Kritik an Reinhart Kosellecks Begriff des
„Kollektivsingulars Geschichte"
Von Jan Marco Sawilla, Hamburg
Le mot d'histoire est un très vieux mot1.
I.
Begriffsgeschichte gehört zu den heute etablierten Subdisziplinen sowohl
der Geschichtswissenschaft als auch der Philosophie- und Literatur-, der
Politik- und Kirchengeschichte. Jenseits des „Archivs für Begriffsgeschich-
te", zahlreicher Sammelband- und Zeitschriftenpublikationen belegt dies
die beachtliche Zahl jener Monographien, die sich schon in Titel oder Un-
tertitel ausdrücklich als „begriffsgeschichtlich" orientiert ausweisen2. Da-
1 Marc Bloch, Apologie pour l'histoire ou métier d'historien, hrsg. v. Étienne Bloch,
Paris 1993, 80. Für Anregung und Diskussion, Kritik und Unterstützung danke ich
dem Oberseminar von Herrn Prof. Dr. Arno Herzig am Historischen Seminar der Uni-
versität Hamburg, Frau Dr. Angelika Epple, Frau Dr. Sabine Schmolinsky sowie ins-
besondere Herrn Prof. Dr. Hans- Werner Goetz.
2 Vgl. in Auswahl Michael Albrecht, Eklektik. Eine Begriffsgeschichte mit Hinwei-
sen auf die Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte (Quaestiones, 5), Stuttgart-Bad
Cannstatt 1994; Andrea Bastian, Der Heimat-Begriff. Eine begriffsgeschichtliche Un-
tersuchung in verschiedenen Funktionsbereichen der deutschen Sprache (Reihe Ger-
manistische Linguistik, 159), Tübingen 1995; Beat Hodler, Das „Ärgernis" der Refor-
mation. Begriffsgeschichtlicher Zugang zu einer biblisch legitimierten politischen
Ethik (Veröff. d. Instituts für Europäische Geschichte Mainz. Abt. Religionsgeschich-
te, 158), Mainz 1995; Wolfgang Neuser, Natur und Begriff. Studien zur Theorienkon-
stitution und Begriffsgeschichte von Newton bis Hegel, Stuttgart 1995; Christoph Un-
ger, Die ästhetische Phantasie. Begriffsgeschichte, Diskurs, Funktion, Transformati-
on. Studien zur Poetologie Jean Pauls und Johann Wolfgang Goethes (Europäische
Hochschulschriften. Reihe 1: Deutsche Sprache und Literatur, 1548), Frankfurt a.
M./ Berlin /Bern [u. a.] 1996; Werner Seitz, Die politische Kultur und ihre Beziehung
zum Abstimmungsverhalten. Eine Begriffsgeschichte und Methodenkritik, Zürich
1997; Michael Stemmler, Eques romānus - Reiter und Ritter. Begriffsgeschichtliche
Untersuchungen zu den Entstehungsbedingungen einer römischen Adelskategorie im
Heer und in den comitia centuriata (Prismata, 8), Frankfurt a. M. / Berlin /Bern [u. a.],
1997; Wiebke Köhler, Rezeption in der Kirche. Begriffsgeschichtliche Studien bei
Sohm, Afanas'ev, Dombois und Congar (Kirche und Konfession, 41), Göttingen 1998;
Henryk Anzulewicz, „De forma resultante in speculo". Die theologische Relevanz des
Bildbegriffs und des Spiegelbildmodells in den Frühwerken des Albertus Magnus.
Eine textkritische und begriffsgeschichtliche Untersuchung, 2 Bde. (Beiträge zur
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382 Jan Marco Sawilla
von zeugt eine in ihrer Lebendigk
gungen der Forschungspraxis alle
debatte. Diese dreht sich teils um
der Unterscheidung von Begriff
von „Begriff" und „Grundbegriff"
die sich mit und seit dem Standard
lichen Grundbegriffen", verbreitet
ten zu rechnen. Mit sich wandeln
wird die Verträglichkeit der Begrif
kulturgeschichtlichen Fragestellu
schlußfähigkeit an diskursanalyt
näre Wissenschaftsideale geprüft3.
Geschichte der Philosophie und Theo
gen, N.F. 53,1/53,2) Münster 1999; Ma
und Entdeckung der „Intimität" auf d
die monographischen Publikationen
des Archivs für Begriffsgeschichte [=
ästhetischen Bildung aus dem Körper
ästhetischen Diskurs zwischen 1750
2001; Stefan Hoffmann, Geschichte
Hamburg 2002.
3 Einen Überblick über Diskussionsstand und Diskussionsverlauf verschaffen die
Beiträge in diversen Sammelbänden. Vgl. Reinhart Koselleck (Hrsg.), Historische Se-
mantik und Begriffsgeschichte (Sprache und Geschichte, 1), Stuttgart 1979, sowie in
jüngerer Zeit Dietrich Busse /Fritz Hermanns / Wolf gang Teubert (Hrsg.), Begriffs-
geschichte und Diskursgeschichte. Methodenfragen und Forschungsergebnisse der
historischen Semantik, Opladen 1994; Gunter Scholtz (Hrsg.), Die Interdisziplinari-
tät der Begriffsgeschichte (ABG, Jg. 2000 Sonderh.), Hamburg 2000; Hans Erich Bö-
deker (Hrsg.), Begriffsgeschichte, Diskursgeschichte, Metapherngeschichte (Göttin-
ger Gespräche zur Geschichtswissenschaft, 14), Göttingen 2002; Carsten Dutt (Hrsg.),
Herausforderungen der Begriffsgeschichte (Beiträge zur Philosophie N.F.), Heidel-
berg 2003. Vgl. auch Rolf Reichardt, Einleitung, in: Handbuch politisch-sozialer
Grundbegriffe in Frankreich 1680-1820, hrsg. v. dems./ Eberhard Schmitt, H. 1,2:
Allgemeine Bibliographie. Einleitung. Die Wörterbücher der Französischen Revoluti-
on (Ancien Régime, Aufklärung und Revolution 10, H. 1,2), München 1985, 39-148;
Melvin Richter, Zur Rekonstruktion der Geschichte der Politischen Sprachen. Po-
cock, Skinner und die „Geschichtlichen Grundbegriffe", in: Alteuropa - Ancien ré-
gime - frühe Neuzeit. Probleme und Methoden der Forschung, hrsg. v. Hans Erich
Bödeker/ Ernst Hinrichs (problemata, 124), Stuttgart-Bad Cannstatt 1991, 134-174;
Joachim Rohlfes, Die Mühen der Begriffsgeschichte. Zum Lexikon „Geschichtliche
Grundbegriffe", in: GWU 45 (1994), 121 - 127; Melvin Richter, The History of Political
and Social Concepts. A Critical Introduction, New York /Oxford 1995; Mario Mazza,
I „Geschichtliche Grundbegriffe". Note per una discussione su „Begriffsgeschichte",
„Neue Sozialgeschichte" e storicismo, in: Società e storia 21 (1998), 349-369; Rolf
Reichardt, „Historische Semantik" zwischen „lexicométrie" und „New Cultural Hi-
story". Einführende Bemerkungen zur Standortbestimmung, in: Aufklärung und Hi-
storische Semantik. Interdisziplinäre Beiträge zur westeuropäischen Kulturgeschich-
te, hrsg. v. dems. (ZHF, Beih. 21), Berlin 1998, 7-29, bes. 10 ff.; Christof Dipper, Die
„Geschichtlichen Grundbegriffe". Von der Begriffsgeschichte zur Theorie der histori-
schen Zeiten, in: HZ 270 (2000), 281-308; Achim Landwehr, Geschichte des Sag-
baren. Einführung in die Historische Diskursanalyse (Historische Einführungen, 8),
Tübingen 2001, 35 ff.; Ute Daniel, Kompendium Kulturgeschichte. Theorien, Praxis,
Schlüsselwörter, Frankfurt a. M. 2001, 347 ff.
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„Geschichte" : Ein Produkt der deutschen Aufklärung? 383
Begriffsgeschichte entfaltet sich in einem kontrovers bewerteten Span-
nungsfeld. Sie kann als quellenkritische Grundlagendisziplin für die histo-
rischen und schriftbezogen vorgehenden Zweige der Geisteswissenschaften
betrachtet werden, indem sie die Forschenden dazu befähige, „to avoid ana-
chronism and to penetrate to the original meanings of the texts they read"4;
mancher Kritiker meinte allein hierin den Ertrag erblicken zu können, den
die „Geschichtlichen Grundbegriffe" für die Forschung bedeutet hätten5.
Die Struktur begriffsgeschichtlicher Erkenntnisinteressen ist damit jedoch
nicht erfaßt. Ausgehend von der Untersuchung modernisierungstheoretisch
relevanter Konzepte der Gesellschafts- und Verfassungsgeschichte6 über-
schreitet sie inzwischen die Schwelle zur wissenschaftstheoretischen
Selbstreflexion7; jenseits eher summarischer Vorgehensweisen ältere
dien strebt sie Einblicke in die Dynamik kultureller Transfervorgän
oder sucht im Zuge der Integration auch visueller Medien die Modali
sozialer Sinnstiftungsprozesse insgesamt zu erfassen9. Konstitutiv f
meisten Arbeiten bleibt dabei jener Brückenschlag von Veränderung
Lebenswirklichkeit zu solchen der kategorialen und mentalen Appar
einer Gesellschaft, für den paradigmatisch die „Geschichtlichen Gr
begriffe" stehen, der wissenschaftshistorisch allerdings in vielerlei Z
menhängen angedacht worden war: „Daß aber sowohl in der Vergang
wie in der Gegenwart die herrschenden Denkformen gerade dann von ne
Kategorien abgelöst werden, wenn die soziale Basis der sie tragenden
pen in irgendeinem Sinne fraglich wird und sich transformiert, ist ein
4 Melvin Richter, ; Appreciating a Contemporary Classic. The „Geschicht
Grundbegriffe" and Future Scholarship, in: The Meaning of Historical Ter
Concepts. New Studies on „Begriffsgeschichte", hrsg. v. Hartmut Lehmann/ M
Richter (German Historical Institute Washington, D.C. Occasional Paper, 15
shington D.C. 1996, 7 - 19, hier 13.
5 Vgl. Jeremy Rayner, On „Begriffsgeschichte", in: Political Theory 16 (1
496-501, hier 500.
6 Vgl. etwa Paul-Ludwig Weinacht , Staat. Studien zur Bedeutungsgeschich
Wortes von den Anfängen bis ins 19. Jahrhundert (Beiträge zur Politischen W
schaft, 2), Berlin 1968; Hasso Hofmann, Repräsentation. Studien zur Wort-
griff sgeschichte von der Antike bis ins 19. Jahrhundert (Schriften zur Verfa
geschichte, 22), Berlin 1974; Hermann Lübbe, Säkularisierung. Geschichte ei
enpolitischen Begriffs, 2. Aufl., Freiburg i. Br./ München 1975 [zuerst 1965].
7 Vgl. etwa Helge Schalk, Diskurs. Zwischen Allerweltswort und philosoph
Begriff, in: ABG 40 (1997/98), 56-104; Lars Riebold, Thema - Rhema. Kurzge
te eines linguistischen Begriffspaares, in: ABG 42 (2000), 231-237; Kari Palon
griffsgeschichte und/als Politikwissenschaft, in: ABG 44 (2002), 221-234, bes.
8 Vgl. Gisela Schlüter, Zur historischen Semantik von civile-civilizzazione /
tura-civico, in: Beiträge zur Begriffsgeschichte der italienischen Aufklärung im
päischen Kontext, hrsg. v. Helmut C. Jacobs / Gisela Schlüter (Europäische
rung in Literatur und Sprache, 12), Frankfurt a. M./ Berlin /Bern 2000, 59-89
81 f.
9 Vgl. Rolf Reichardt, Wortfelder - Bilder - semantische Netze. Beispiele interdis-
ziplinärer Quellen und Methoden in der Historischen Semantik, in: Interdisziplinari-
tät (wie Anm. 3), 111-133, hier 126 ff.
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ma, das erst jetzt in Angriff genom
Höhe der gegenwärtig möglichen m
wird formulierte Karl Mannheim schon 192910.
An dieser Stelle setzt der vorliegende Beitrag an. Er gliedert sich einer-
seits in jüngere wissenschaftshistorische Untersuchungen, die, bislang im
Kern auf Werk und Person Otto Brunners konzentriert, die Anfänge der Be-
griff sgeschichte aus historisierender Perspektive zu betrachten beginnen11.
Andererseits schließt er mit Melvin Richter an die Notwendigkeit an, sich
weiterhin mit den Resultaten der „Geschichtlichen Grundbegriffe" ausein-
anderzusetzen. Denn trotz des „well-merited praise" sei der Tendenz ent-
gegenzuwirken, deren Status im Sinne eines den engeren Sachdebatten
gleichsam enthobenen Referenzwerks festzuschreiben12. Es wird darum ge-
hen, sich eingehender mit einer in der Tat kanonisch gewordenen Sequenz
dieses Nachschlagewerks zu beschäftigen, mit Reinhart Kosellecks Inter-
io Karl Manheim , Ideologie und Utopie, 5. Aufl., Frankfurt a. M. 1969 [zuerst
1929], 74 f. Aus geschichtswissenschaftlicher Sicht mag es Otto Brunner gewesen
sein, der diesen Zusammenhang zunächst systematisch erfaßte. Vgl. Dipper, ; Die „Ge-
schichtlichen Grundbegriffe" (wie Anm. 3), 284. Die Abgrenzung im Verweis auf das
sprachwissenschaftlich bis dato dominierende „Sammeln und Registrieren der Va-
rianten", so ebd., deckt aber nur einen Teil der Realität ab. Für Sprachwissenschaft
und Sprachphilosophie ist der Konnex von Sprache und Gesellschaft in verschieden-
sten Konstellationen stets von Belang gewesen: von den Fragen des 19. Jahrhunderts
nach der „inneren Form" einer Sprache und deren Verbindung zum jeweiligen „Na-
tionalcharakter" über die sich für (ideo-)logischen Wandel interessierenden Ansätze
eines Honoré Chavée (1815-1877) bis hin zu sozialpsychologisch oder auch ethnolo-
gisch fundierten Strömungen des früheren 20. Jahrhunderts. Vgl. grundsätzlich Bri-
gitte Neriich , Semantic Theories in Europe 1830-1930. From Etymology to Con-
textuality (Amsterdam Studies in the Theory and History of Linguistic Science, 59),
Amsterdam /Philadelphia 1992; Wolfgang Settekorn, Die Forschungsrichtung „Wör-
ter und Sachen", in: Geschichte der Sprachwissenschaften. Ein internationales
Handbuch zur Entwicklung der Sprachforschung von den Anfängen bis zur Gegen-
wart, hrsg. v. Sylvain Auroux/E. F. K. Koerner/ Hans- Josef Niederehe [u. a.], 2.
Teilbd. (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft [= HSK], 18,2),
2. vollst, neu bearb. Aufl., Berlin/ New York 2001, 1628-1650.
11 Vgl. Gadi Algazi, Otto Brunner - „Konkrete Ordnung" und Sprache der Zeit, in:
Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918-1945, hrsg. v. Peter
Schüttler, Frankfurt a. M. 1997, 166-203, hier 175 ff.; ders., Herrengewalt und Ge-
walt der Herren im späten Mittelalter. Herrschaft, Gegenseitigkeit und Sprach-
gebrauch (Historische Studien, 17), Frankfurt a. M./New York 1996, 22-29, 101 ff.;
James Van Horn Melton , Otto Brunner and the Ideological Origins of Begriffs-
geschichte, in: Meaning (wie Anm. 4), 21-33, hier 22, 32 f.; Reinhard Blänkner, Von
der „Staatsbildung" zur „Volkswerdung". Otto Brunners Perspektivenwechsel der
Verfassungshistorie im Spannungsfeld zwischen völkischem und alteuropäischem
Geschichtsdenken, in: Alteuropa oder Frühe Moderne. Deutungsmuster für das 16.
bis 18. Jahrhundert aus dem Krisenbewußtsein der Weimarer Republik in Theologie,
Rechts- und Geschichtswissenschaft, hrsg. v. Luise Schorn-Schütte (ZHF, Beih. 23),
Berlin 1999, 87-135, hier 100-104; Thomas Etzemüller, Sozialgeschichte als politi-
sche Geschichte. Werner Conze und die Neuorientierung der westdeutschen Ge-
schichtswissenschaft nach 1945, München 2001, 173-176 mit Anm. 161; Winfried
Freitag , Mißverständnis eines „Konzeptes". Zu Gerhard Oestreichs „Fundamental-
prozeß" der Sozialdisziplinierung, in: ZHF 28 (2001), 513-538, hier 533 ff.
12 Richter, Appreciating (wie Anm. 4), 8.
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„ Geschichte " : Ein Produkt der deutschen Aufklärung? 385
pretation der Genese des modernen Geschichtsbegriffs, die seit Ende der
sechziger Jahre ihre wesentlichen Konturen erhalten und im Rahmen des
1975 gedruckten Artikels „Geschichte, Historie" ihre umfangreichste Aus-
arbeitung erfahren hat13. Das dort entwickelte Verlaufsmodell hat sich, von
wenigen Ausnahmen abgesehen14, als überaus konsensfähig erwiesen: „Die
Aufklärung leistete die grundlegenden Veränderungen der Theorie der Ge-
schichte. Sie führte [ . . . ] zur Ausbildung eines modernen, noch uns geläufi-
gen Begriffs »Geschichte', der sowohl den Geschehniszusammenhang wie
den Bericht über ihn meint."15 Der Terminus „Geschichte" bezeichne seit-
13 Vgl. Reinhart Koselleck , Art. Geschichte, Historie, in: Geschichtliche Grund-
begriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, hrsg. v.
Otto Brunner /Werner Conze/ Reinhart Koselleck, Bd. 2, Stuttgart 1975, 593-717.
Von Koselleck stammen die Abschnitte: I. Einleitung, ebd., 593-595; V. Die Heraus-
bildung des modernen Geschichtsbegriffs, ebd., 647-691; VI. »Geschichte' als moder-
ner Leitbegriff, ebd., 691-715; VII. Ausblick, ebd., 715-717. Vgl. dazu ders., Historia
Magistra Vitae. Über die Auflösung des Topos im Horizont neuzeitlich bewegter Ge-
schichte [1967], in: ders., Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten,
4. Aufl., Frankfurt a. M. 2000, 38-66; zur erkenntnisleitenden Rahmengebung ders.,
Einleitung, in: Geschichtliche Grundbegriffe (wie Anm. 13), Bd. 1, Stuttgart 1972,
XIII - XXVII, bes. XVII; fernerhin ders., Geschichte, Geschichten und formale Zeit-
strukturen, in: Geschichte - Ereignis und Erzählung, hrsg. v. dems./Wolf-Dieter
Stempel (Poetik und Hermeneutik, 5), 2. Nachdr. d. 1. Aufl., München 1990 [zuerst
1973], 211-222; ders., „Erfahrungsraum" und „Erwartungshorizont" - zwei histori-
sche Kategorien [1976], in: ders., Vergangene Zukunft, 349-375, hier 349 ff. u. 367 ff.;
ders., Über die Verfügbarkeit der Geschichte [1977], in: ebd., 260-277; ders., „Neu-
zeit". Zur Semantik moderner Bewegungsbegriffe, in: Studien zum Beginn der moder-
nen Welt, hrsg. v. dems. (Industrielle Welt, 20), Stuttgart 1977, 264-299, hier 279 ff.;
ders., Das achtzehnte Jahrhundert als Beginn der Neuzeit, in: Epochenschwelle und
Epochenbewußtsein, hrsg. v. Reinhart Herzog /Reinhart Koselleck (Poetik und Her-
meneutik, 12), München 1987, 269-282, hier 278 ff.; ders., Begriffliche Innovationen
der Aufklärungssprache, in: Recht und Sprache in der deutschen Aufklärung, hrsg. v.
Ulrich Kronauer /Jörn Graber (Hallesche Beiträge zur Europäischen Aufklärung, 14),
Tübingen 2001, 4-26, hier 8 ff. u. 18 ff.; ders., Die Geschichte der Begriffe und Begriffe
der Geschichte, in: Herausforderungen (wie Anm. 3), 3-16, hier 9 fi., 14 ff. Vgl. dazu
auch die Ausführungen in den Interviews: Begriffsgeschichte, Sozialgeschichte, be-
griffene Geschichte. Reinhart Koselleck im Gespräch mit Christof Dipper, in: NPL 43
(1998), 187-205, bes. 196 f.; Geschichte(n) und Historik. Reinhart Koselleck im Ge-
spräch mit Carsten Dutt, in: Internat. Zs. f. Philosophie 2001, H. 2, 257-271, bes.
258 f. Koselleck hat diesen Schwerpunkt letzthin mit einer Sammlung zumeist älterer
Vorträge und Aufsätze aktualisiert. Vgl. Reinhart Koselleck, Zeitschichten. Studien
zur Historik. Mit einem Beitrag von Hans-Georg Gadamer, Frankfurt a. M. 2000.
14 Vgl. insbesondere Arno Seifert, „Verzeitlichung". Zur Kritik einer neueren
Frühneuzeitkategorie, in: ZHF 10 (1983), 447-477, sowie die Überlegungen bei Jo-
hannes Rohbeck, Die Fortschrittstheorie der Aufklärung. Französische und englische
Geschichtsphilosophie in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, Frankfurt a. M./
New York 1987, 34, 56 f., 84 ff., 140; Emst Wolfgang Becker, Zeit der Revolution! -
Revolution der Zeit? Zeiterfahrungen in Deutschland in der Ära der Revolutionen
(Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, 12), Göttingen 1999, 12-17, 364-368;
Angelika Epple, Empfindsame Geschichtsschreibung. Eine Geschlechtergeschichte
der Historiographie zwischen Aufklärung und Historismus, Köln /Weimar /Wien
2003,3, 12 f.
15 Hans Erich Bödeker / Georg G. Iggers l Jonathan B. Knudsen / Peter H. Reill,
Einleitung. Aufklärung und Geschichtswissenschaft, in: Aufklärung und Geschichte.
Studien zur deutschen Geschichtswissenschaft im 18. Jahrhundert, hrsg. v. dens.
(Veröff. d. MPI f. Geschichte, 81), Göttingen 1986, 9-22, hier 15.
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her nicht mehr einen „eng umg
hang", sondern einen ,,universa
ziere „den gelungenen Schritt ü
nem Ganzen als Erkenntnisobj
Feld" geworden, „auf dem der M
prozessen zu dem selbstbestimm
von Natur berufen sei". Nicht me
dern nur noch die Geschichte selb
los vermehren18.
Der „Kollektivsingular Geschic
theoretischen Topos verfestigt. E
ges Konzept zur Verfügung, um
von Alteuropa und Moderne zu
prägnante Linienziehungen von
fende[m] Bedeutungswandel kl
damit verschwisterten, als „Sin
algeschichtlich relevanten Wand
16 Daniel Fulda , Wissenschaft aus
Geschichtsschreibung 1760-1860 (E
Arts, 30), Berlin /New York 1996, 7
und die Ermöglichung einer textuel
einer symbolischen Form, in: Liter
Verhältnis von der Aufklärung bis
Tschopp, Berlin /New York 2002, 29
17 Hans-Jürgen Goertz, Umgang
schichtstheorie, Reinbek bei Hambu
18 Vgl. etwa Werner Conze, Evolut
des Menschen, in: HZ 242 (1986), 1-
unseres Geschichtsbegriffs fürs Mit
15 f.; Jürgen Kocka, Geschichte un
Aufsätze, Göttingen 1989, 140-159,
um, Geschichtswissenschaft und Ge
rung bis zur Gegenwart, in: ders.,
1990, 13-57, hier 22 f.; Horst Walte
(Fundamenta histórica. Texte und F
167 ff.; Volker Weber, Die andere G
der deutschen Literatur, Geschichts
quium, 26), Tübingen 1993, 217 f.;
Bewegung ist ihr Zweck". Geschich
dien, Beih. 44), Hamburg 2001, 20 f
sche Landesgeschichtsschreibung im
le/ Dieter Mertens /Anton Schindl
Universitäts- und Wissenschaftsge
Paul Münch, Einleitung, in: „Erfah
hrsg. v. dems. (HZ. Beih. 31), Mün
über das Lemma „Kollektivsingular »Geschichte'" im Index in Literatur (wie
Anm. 16), 597, erschließen, sowie letztlich den Art. Geschichte, in: Brockhaus. Die
Enzyklopädie, Bd. 8, 20. Aufl., Leipzig /Mannheim 1997, 427 f., hier 428.
19 Koselleck, Einleitung (wie Anm. 13), XV.
20 Vgl. ders., Historia Magistra Vitae (wie Anm. 13), 54: „Es war die große Zeit der
Singularisierungen, der Vereinfachungen, die sich sozial und politisch gegen die
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„Geschichte": Ein Produkt der deutschen Aufklärung? 387
präsentiert das Modell „Kollektivsingular Geschichte" das Ordnungsraster,
an dem empirische Befunde heute gemessen werden. Indes: Selbst wenn
man davon ausgehen mag - systematisch in diese Richtung weisende
sprach- und wortgeschichtliche Studien liegen nicht vor -, daß Geschichte
bis nahe ans 19. Jahrhundert heran vordringlich in pluraler Form verwandt
worden sein könnte, ist daraus nicht zu schließen, daß auch das frühneu-
hochdeutsche historie „bis ins 18. Jh. hinein vor allem im Plural: histo-
rien "21 gängig gewesen sei. Angesichts der auch von Koselleck nicht bestrit-
tenen Konventionalität von historie in der Frühen Neuzeit scheint sich zwar
ein Gegenbeispiel für historie im Singular zu erübrigen22. Da es jedoch kei
nen Erkenntniswert besäße, auf dem bloßen Faktum zu insistieren, daß zu
jeder Zeit neben singularen auch plurale Formen existierten und existieren,
bleibt zu präzisieren, welche Aussagekraft sich für Koselleck und die ein-
schlägige Literatur mit der Akzentuierung einer diachronen Ausschlußrela-
tion „Vom Plural zum Singular" verbindet und auf welcher Basis sich letz-
tere etabliert hat. So wird man unzweifelhaft auch im 17. Jahrhundert sin-
gulare Verwendungen von Geschichte auffinden können, auch wenn in den
„Geschichtlichen Grundbegriffen" gerade hier eine merkliche Lücke das
Feld bestimmt. An welchem Ort im Verlaufsmodell der deutschen Forschung
aber wäre eine Bemerkung wie jene Justus Georg Schottels (1612 - 1672), ei-
nem der agilsten Sprachtheoretiker des Deutschen im 17. Jahrhundert, aus
dem Jahr 1669 zu lokalisieren: Es ist ein wunderlich Werck/wan man die
Geschichte und das Leben der Menschen durchdenket 23?
Diese und ähnliche Fragen führen in ein Geflecht methodischer und theo-
retischer, wissenschaftshistorischer und wissenschaftspraktischer Aspekte
mit denen sich eine problemorientierte Rezeption der frühneuzeitlichen und
neuzeitlichen Sektionen des Geschichtsartikels auseinanderzusetzen hat:
Wie wird die Annahme eines epochalen Formen- und Bedeutungswand
hergeleitet und mit welchen Lesarten zeitgenössischer Texte begründ
Welche Aspekte haben in die jeweiligen Interpretationen Eingang gefunden,
ständische Gesellschaft richteten Vgl. auch ebd., 62; ders., Art. Geschichte,
Historie. V. Herausbildung (wie Anm. 13), 653; ders., Verfügbarkeit (wie Anm. 13),
263; ders., Die Geschichte (wie Anm. 13), 9 f.
21 Gert Melville, Art. Historie, in: Reallexikon der deutschen Literaturwissen-
schaft (Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte), hrsg. v.
Harald Fricke, Bd. 2, Berlin /New York 2000, 49-52, hier 50.
22 Vgl. zur Entwicklung von historie allgemein Joachim Knape, Historie in Mittel-
alter und früher Neuzeit. Begriffs- und gattungsgeschichtliche Untersuchungen im
interdisziplinären Kontext (Saecula spiritalia, 10), Baden-Baden 1984.
23 Justus Georg Schottel, Ethica. Die Sittenkunst oder Wollebekunst. In Teutscher
Sprache vernemlich beschrieben in dreyen Bûcheren. Worin zugleich auf alle Capittel
lateinische Summaria, auch sonst durch und durch Definitiones lateinisch beygeffigt
werden, Wolfenbüttel 1669 (ND Bern /München 1980), 187. Vgl. zur Person Markus
Hundt, „Spracharbeit" im 17. Jahrhundert. Studien zu Georg Philipp Harsdörffer,
Justus Georg Schottelius und Christian Gueintz (Studia linguistica Germanica, 57),
Berlin /New York 2000, bes. 120-136.
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388 Jan Marco Sawilla
bei welchen ist dies nicht der Fal
setzenden Fragen sind unerläßlic
„Kollektivsingular Geschichte" a
Beitrag ergänzen sie sich mit ein
Diese wird neben einigen eher k
schen Passagen vordringlich fra
welcher Grundlage entwickelte sich
deutungsgleich mit , Geschicht
François La Mothe Le Vayers (15
und seinen Verweis auf die Relev
quels donnent le plan tout nud &
re 25, welche Interpretamente sin
die selbst hinsichtlich Voltaires A
konstatieren vermochte: „Unser m
taire noch vollkommen fremd. E
und Geschehen und bezieht sich sow
ner Ereignisse als auch auf diese
Geschichte ausschließlich der Ber
genheit, nicht die ihr zugrundelieg
n. Sprachhistorie (a): Kollekt
Sofern es als das grundlegende
schichtsbegriffs betrachtet werden
24 Reinhart Koselleck, Hinweise auf
lichen Wandels, in: Begriffsgeschichte
25 [François La Mothe Le Vayer ], L
Principaux Historiens tant Anciens q
bung dieses kleineren universalhistor
Joseph Salazar, „La divine sceptique".
La Mothe Le Vayer (Études littéraires
26 Aleida Assmann /Jan Assmann, Ge
v. Anette Selg/Rainer Wieland (Die
142-145, hier 142. In der Tat definier
Dictionnaire raisonné des sciences, d
1765 (ND Stuttgart-Bad Cannstatt 19
dition als: le récit des faits donnés po
traire de la fable, qui est le récit des f
te der Bereich der res gestae an jenen
werden, an denen sich die Ebene der s
mit einem anderen Lexem bezeichnet
n'ont pas moins [als die Griechen] en
siecles. Ebd., 221. Diese histoire de leu
te der römischen Frühzeit, die in fabl
terschiedliche sprachpragmatische
begriff jüngst Marc Crépon, La doubl
du devenir et pensée de l'histoire au t
Franck Tinland (Collection milieux), S
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„Geschichte" : Ein Produkt der deutschen Aufklärung? 389
hunderts eine Schwelle überschritten wurde" und ,,[d]ie drei Ebenen: Sach-
verhalt, Darstellung und Wissenschaft davon [ . . . ] jetzt als »Geschichte' auf
einen einzigen gemeinsamen Begriff gebracht"27 worden seien, wird man
wenig Schwierigkeiten haben, diesen „Kollektivsingular" in der franzö-
sischsprachigen Historik-Traktatistik des letzten Drittels des 17. Jahrhun-
derts nachzuweisen. Von einem Ausdruck des Unzulänglichen mit der ge-
meinhin verfolgten Praxis des Geschichtskundlichen ( histoire ) ausgehend28,
hob Bernard Le Bovier de Fontenelle (1657-1757) in seinem in den 1680er
Jahren entstandenen Traktat „Sur l'histoire" auf einen moralphilosophi-
schen Nutzenbegriff ab, der unter der Oberflächenbewegung historischen
Geschehens ( histoire ) die Konstanz der inneren Beweggründe menschlichen
Agierens zu erschließen trachtete: Je conçois donc que l'histoire n'est bonne
à rien, si elle n'est alliée avec la morale. Son utilité n'est pas dans tous ces
faits différens qu'elle nous laisse le plus souvent à découvrir. Ce n'est point
l'histoire des révolutions des Etats , des guerres et des mariages des Princes,
qu'il faut étudier; mais sous cette histoire il faut développer celle des erreurs
et des passions humaines qui y est cachée, et donner tous ses soins à l'ap-
prendre exactement 29 . Auf Grundlage metahistorischer Reflexion, de faire
l'histoire de l'histoire même, galt es Fontenelle, die Idee einer méthode d'ap-
prendre l'histoire zu vermitteln, die ihren Nutznießer in die Lage versetzen
könne, zur Erkenntnis der Prinzipien der nature humaine zu gelangen, so
daß dieser vielleicht sogar devineroit toute l'histoire passée et toute l'histoi-
re à venir, sans avoir jamais entendu parler d'aucun événement 30.
Ähnlich wie Fontenelle hatte schon der Moralist, Romancier und Historio-
graph Abbé César Vichard de Saint-Réal (1639-1692) in seinem 1671 ge-
druckten Traktat „De l'Usage de l'Histoire" sein Mißfallen mit einem sich in
Memoration und Repetition erschöpfenden Nutzenbegriff zum Ausdruck ge-
bracht: Je vous l'ay dit plusieurs fois: il me semble , qu'il n'est rien de plus
inutile, que l'étude de l'Histoire, de la maniere qu'on l'étudié d'ordinaire
[ . . . ]31. Mit der Absicht, aus der herkömmlichen histoire eine neue sorte
27 Koselleck, Art. Geschichte, Historie. V. Herausbildung (wie Anm. 13), 657.
28 Vgl. Fontenelle, Sur l'histoire, in: ders., Œuvres complètes (Corpus des œuvres
de philosophie en langue française), hrsg. v. Alain Niderst, Bd. 3, Tours 1989,
169-185, hier 169: Tout le monde convient de l'utilité de l'histoire; mais, ce qui est
assez surprenant, elle n'est gueres utile de la manière dont presque tout le monde en-
tend qu'elle l'est.
29 Ebd., 179 f.
30 Ebd., 169, 177. Vgl. zu Fontenelles Geschichtsverständnis Alain Niderst, Fonte-
nelle à la recherche de lui-même (1657 - 1702), Paris 1972, 210-229; Jean Dagen, L'hi-
stoire de l'esprit humain dans la pensée française de Fontenelle à Condorcet, Lille
1980, 36-46, sowie grundsätzlich Carsten Zelle, Die doppelte Ästhetik der Moderne.
Revisionen des Schönen von Boileau bis Nietzsche, Stuttgart /Weimar 1995, 79-87;
Gregory Matthew Adkins, When Ideas Matter. The Moral Philosophy of Fontenelle,
in: JHI61 (2000), 433-452.
31 [César Vichard de Saint-Réal ], De l'Usage de l'Histoire. A M**** [1671], in:
Œuvres mêlées de Monsr. l'Abbé de S1 Real. Suivant la Copie à Paris chez Claude
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390 Jan Marco Sawilla
d'étude de reflexion32, eine neue
wie es ein früher Übersetzer form
mit welchen Zielen sich diese A
hern habe: [L]e veritable Usage
coup d'évenemens & d'actions , s
de les connoître seulement par l
sçavoir : car sçavoir, c'est connoît
l'Histoire , c'est connoître les hom
ger de ces hommes sainement; étu
opinions & les passions des homm
tours & les détours, enfin tout
esprits, & les surprises qu'elles fo
tumât insensiblement les jeunes
sur ce qu'ils trouvent de plus rem
qu'ils en font, pût former des ho
bien appeller de cette sorte la plup
Mit „De l'Usage de l'Histoire"
die Tradition humanistischer Hi
Zielsetzung, sich die Bibliothek, a
sche Lektüre zu erschließen, um
Regeln der Memorierung auf geor
den Modus des réfléchir nature
scher Bemühungen. Ohne die Im
verlieren, löste sich die histoire v
erkannten ars im überlieferten Sinn des Worts. Die Aufmerksamkeit ver-
lagerte sich auf den Sachbereich des Historischen, der nicht länger als ein
Feld zu reproduzierender Kenntnisse, sondern als ein auf den Menschen zu-
geschnittenes Feld der Erkenntnisse zu behandeln sei (connoître les choses
par leurs causes; connoître les hommes). Wortgebrauch und konzeptioneller
Hintergrund lassen daher kaum eine Entscheidung darüber zu, ob sçavoir
Barbin, Paris 1689, 3-100, hier 4. Vgl. zu Saint-Réal Andrée Mansau, Saint-Réal et
l'humanisme cosmopolite, Lille 1976; dies., Saint-Réal. Un historien au miroir
(1643-1692), in: Histoire en Savoie 27 (1992), H. 105, 1-67; Étienne Jollet, Le „Césa-
rion" de Saint-Réal et la temporalité du discours critique au XVIIe siècle, in: Revue
d'esthétique 31/32 (1997), 173-185, und grundlegend Gustave Dulong , L'abbé de
Saint-Réal. Étude sur les rapports de l'histoire et du roman au XVÏÏe siècle, 2 Bde.,
Paris 1921 (ND Genf 1980).
32 [ Saint-Réal ], Usage (wie Anm. 31), 6.
33 Frantzôsischer Sack=Spiegel/ Denen jenigen /So sich selbsten gerne kennen
möchten /zu Liebe. Durch den Abbt von St. Real Jn Frantzôsischer/ Anietzo aber Jn
Teutscher Sprach vorgestellet Durch Johann-Baptista Crophius von Käyser-Sieg/
Kiyserl. Pfalz- und Hof=Grafen. Mit schönen Kupffer=Bildern gezieret, Augsburg
1691,42.
34 [ Saint-Réal ], Usage (wie Anm. 31), 4.
35 Vgl. Helmut Zedelmaier, Orte und Zeiten des Wissens, in: Dialektik 2000, H. 2,
129 - 136. Vgl. auch den Nachweis unten Anm. 158.
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„ Geschichte " : Ein Produkt der deutschen Aufklärung? 391
V Histoire eher „sich auf die Geschichtskunde recht verstehen" oder eher
„sich in der Geschichte wirklich auskennen" bedeutete, ob étudier l'Histoi-
re eher die für Saint-Réal adäquate Erlernung einer zu erneuernden Tech-
nik hieß oder die fruchtbare Annäherung an das Reservoir des historisch
Vorgefallenen selbst - an die évenemens und actions. Da auch Saint-Réal
bewußt war, daß das Historische durch Bücher vermittelt war und diese
Ebene des Historiographischen als lecture de V Histoire mit demselben Le-
xem bezeichnet werden konnte, war es zugleich möglich, sçavoir l'Histoire
im Sinn von „sich in der Tradition wirklich auskennen" zu begreifen. Es
würde heißen, die Sprachkompetenz dieses bis weit ins 19. Jahrhundert
vielgelesenen Denkers zu unterschätzen36, wollte man nicht davon aus-
gehen, daß er jene Vielschichtigkeit zu erreichen suchte.
Mit dem Modell „Kollektivsingular Geschichte", konzipiert als ein Mo-
dell der historischen Möglichkeitsbedingung des zu einer gegebenen Zeit
Denk- und Artikulierbaren, sind diese Befunde schwer in Einklang zu brin-
gen. Dies gilt für die strukturtragende Annahme eines notwendigen Gegen-
standsbezugs frühneuzeitlicher Geschichtsreflexion. Demnach wäre es bis
ins letzte Drittel des 18. Jahrhunderts „unmöglich gewesen, den Terminus
ohne ein Subjekt zu denken: , Geschichte' bezog sich auf Karl den Großen,
auf Frankreich usw. [ . . . ] Oder eine Geschichte zielte - als Erzählung - auf
ein ihr zugehöriges Objekt."37 Dies betrifft nicht weniger die hieraus gezo-
genen Schlüsse. Der Gedanke, daß erst mit der als neuartig bewerteten Viel-
deutigkeit von Geschichte im Singular eine dann schwellenzeitlich einset-
zende „Ideologisierbarkeit" und „Politisierbarkeit" einschlägiger Lexeme
ermöglicht worden sei38, wirft jedoch insofern Schwierigkeiten auf, als
schon deutlich engere Verwendungsweisen als bei Saint-Réal oder Fontenel-
le eine unverkennbar politisierte Handhabe an den Tag legen konnten. Auf
solche Verwendungsweisen wird man dann stoßen, wenn jenseits der Histo-
36 Vgl. zur Rezeption den Überblick bei Mansau, Humanisme (wie Anm. 31),
440-551.
37 Koselleck, Art. Geschichte, Historie. V. Herausbildung (wie Anm. 13), 64
auch ders., Verfügbarkeit (wie Anm. 13), 263: „Wenn jemand vor etwa 178
hätte, er studiere Geschichte, dann hätte ihn der Gesprächspartner gefragt:
Geschichte? Geschichte wovon? Reichsgeschichte oder Geschichte der theol
Lehrmeinungen oder etwa die Geschichte Frankreichs? Geschichte war, wi
nur denkbar mit einem ihr vorgeordneten Subjekt
38 Vgl. ders., Einleitung (wie Anm. 13), XVIII; ders., Art. Geschichte, His
Einleitung (wie Anm. 13), 594: „[...] die objektive und die subjektive Seite [ . .
leihen dem Begriff eine Zweideutigkeit, die ihm seitdem innewohnt. Seine V
dung als Schlagwort, seine Anfälligkeit für Ideologie und Ideologiekritik sind
ableitbar."; ders., Art. Geschichte, Historie. VI. Leitbegriff (wie Anm. 1
„Nachdem erst einmal ,die Geschichte' zum Kollektivsingular geronnen wa
es möglich, sie auch als Subjekt ihrer selbst anzusprechen. Damit wurde
sprachlich - der Ausdruck schlagwortfähig. [ . . . ] Es kennzeichnet den schla
artigen Gebrauch, daß er die Unterscheidbarkeit zwischen der erzählten und der
selbst schaffenden Geschichte verwischt und zugunsten der Ideologie wohl auch ver-
wischen muß."
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392 Jan Marco Sawilla
rik-Traktatistik in entsprechen
wird. Im Jahr 1647 widmete de
II. de Condé (1621-1686), dem „G
Duc d'Enghien, im Anschluß an
nischen Festung Lérida eine „Le
seiner Zeitgenossen auch, Louis
zug als Triumph der wahren virt
na zelebrierte: Les noms sont tr
la Fortune ingrate a laschement
Fortune , II Ils subsistent toûjou
forts , toûjours leurs rangs; Il
braves , Il Triomphent dans l'Hist
histoire war die historia als jen
reich des Historiographischen a
und Verwahrung des Geschehenen
Tragödie „Alexandre le Grand"
1666 zu beobachten. In einem D
und Taxiles spricht letzterer er
doute , une ardeur si haute et s
une place éclatante ; Il Et sous c
Au moins c'est avec bruit qu'on
wirksame, im Umfeld der fürstli
riographischen Aspekten liierte
der kontextuell noch inhaltlich
den41. Ein schlagworthafter Gebr
39 Pierre Le Moyne, Entretiens et lettres poetiques: Avis de la France II A
Monseigneur II Le Prince II Estant encore Duc d'Enguien, l'an 1647, Lettre III, in:
ders., Les œuvres poetiques. Enrichies de tres-belles figures en taille-douce, Paris
1672, 236-237, hier 236 [mit fehlerhafter, doppelt vergebener Paginierung]. Vgl. dazu
Mark Bannister, Condé in Context. Ideological Change in Seventeenth-Century
France (Legenda), Oxford 2000, 28 f.; zur fortuna bei Le Moyne Yvan Loskoutoff, L' ar-
morial de Calliope. L'œuvre du Père Le Moyne S.J. (1602-1671). Littérature, héraldi-
que, spiritualité (Biblio, 17), Tübingen 2000, 295 f.
40 Racine, Alexandre le Grand. Tragédie, in: ders., Œuvres complètes, Bd. 1: Théâ-
tre - Poésie, hrsg. v. Georges Forestier, Paris 1999, 121-192, hier I, 2, 137. Racines
Wortgebrauch tendiert in diese Richtung. Zum Vergleich ebd., Préface [1666-1672],
125 .Jene rapporterai point ici ce que l'Histoire dit de Porus, il faudrait copier tout le
huitième Livre de Quinte-Curce [...]; vgl. allerdings auch weniger eindeutig ebd.,
126: C'est assez pour moi que ce qui passe pour une faute auprès de ces Esprits qui
n'ont lu l'Histoire que dans les Romans, et qui croient qu'un Héros ne doit jamais faire
un pas sans la permission de sa Maîtresse [...], sowie die Dedikationsepistel, Au Roi,
ebd., 123: L'Histoire est pleine de jeunes Conquérants [...].
41 Vgl. zu Racine jüngst Jean Emelina, Racine infiniment, Paris 1999, 99-110; Em-
manuel Bury, Racine historiographe. Théorie et pratique de l'écriture historique, in:
Racine et /ou le classicisme. Actes du colloque conjointement organisé par la North
American Society for Seventeenth-Century French Literature et la Société Racine.
University of California, Santa Barbara 14-16 octobre 1999, hrsg. v. Ronald W. Tobin
(Biblio, 17), Tübingen 2001, 151-168.
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„ Geschichte" : Ein Produkt der deutschen Aufklärung? 393
ge eines spezifischen Bedeutungspotentials oder einer bestimmten lexika-
lischen Form, sondern in erster Linie als eine des Kontexts und der Spre-
cherintention aufzufassen.
Drückt sich bei Saint-Réal oder Fontenelle ein gleitender Wortgebrauch
aus, der von histoire als einer Wissenstechnik seinen Ausgang nahm, und
stößt man bei Le Moyne oder Racine auf eine histoire , die eine bestimmte
Spielart des Historiographischen denotierte, so findet sich bei Jean-Bénigne
Bossuet (1627-1704) die histoire als Ereigniszusammenhang, der den Ein-
flüssen des menschlichen Agierens unterworfen werden konnte. In seiner
Totenrede für Henrietta Maria von Frankreich, die Schwester Ludwigs XIII.
und Gattin Karls I. von England, aus dem Jahr 1669 kam Bossuet auf Oliver
Cromwell (1599-1658) zu sprechen als: un de ces esprits remuants et auda-
cieux, qui semblent être nés pour changer le monde. Que le sort de tels
esprits est hasardeux , et qu'il en paraît dans Vhistoire à qui leur audace a
été funeste!*2 Auch diese Wendung ist mit dem um den „Kollektivsingular
Geschichte" entfalteten Katalog historischer Möglichkeitsbedingungen
kaum kompatibel: „Meine [ . . . ] These lautet, daß Geschichte den Menschen
überhaupt erst verfügbar schien bzw. als machbar gedacht werden konnte,
nachdem die Geschichte selber zu einem singulären Leitbegriff verselb-
ständigt worden war. Der Schritt von bestimmten Geschichten im Plural
zur einen Geschichte überhaupt im Singular indiziert wortgeschichtlich ei-
nen neuen Erfahrungsraum und einen neuen Erwartungshorizont"43, sowie:
„Die Geschichte, die sich früher , ereignete' und in gewisser Weise mit den
Menschen geschah, konnte erst als Handlungsfeld, als machbar und als pro-
duzierbar erachtet werden, nachdem sie im deutschen Idealismus als Prozeß
menschlicher Selbstverwirklichung entworfen worden war."44 Der früheste
bei Koselleck beigebrachte unmißverständliche Beleg ist eine Passage
Friedrich Wilhelm Joseph Schellings (1775-1854) aus dem Jahr 179845.
Die weiteren Nachweise sind zwischen 1820 und 1933 entstanden46. Auch
42 Jean-Bénigne Bossuet , Oraison funèbre de Henriette-Marie de France. Reine de
la Grande-Bretagne. Prononcée le 16 Novembre 1669, en présence de Monsieur, frère
unique du roi, et de Madame, en l'église des religieuses de Sainte-Marie de Chaillot,
où repose le cœur da Sa Majesté, in: ders., Oraisons funèbres. Panégyriques, hrsg. v.
Bernard Velat (Bibliothèque de la Pléiade, 33), Paris 1950, 69-96, hier 85.
43 Koselleck, Verfügbarkeit (wie Anm. 13), 264.
44 Ders., Art. Geschichte, Historie. VI. Leitbegriff (wie Anm. 13), 712. Vgl. auch
ders., Art. Geschichte, Historie. I. Einleitung (wie Anm. 13), 594; ders., Verfügbarkeit
(wie Anm. 13), 261 f. u. 265 ff.; ders., Innovationen (wie Anm. 13), 8 ff.
45 Allgemeine Uebersicht der neuesten philosophischen Litteratur II., in: Philoso-
phisches Journal einer Gesellschaft Teutscher Gelehrten, hrsg. v. Johann Gottlieb
Fichte /Friedrich Jmmanuel Niethammer 8 (1798), 128-148, hier 145: Wenn also der
Mensch Geschichte (a posteriori) hat, so hat er sie nur desswegen , weil er keine (a
priori) hat ; kurz, weil er seine Geschichte nicht mit- sondern selbst erst hervorbringt.
Vgl. Koselleck, Art. Geschichte, Historie. VI. Leitbegriff (wie Anm. 13), 712 f. mit
Anm. 615. Im Fließtext wird diese Passage versehentlich auf 1789 datiert.
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394 Jan Marco Sawilla
wenn sich die Phrase vom „Geschichte machen" demnach kaum vor dem
fortgeschrittenen 19. Jahrhundert verfestigt zu haben scheint, so ist der Ge-
danke, innerweltliche Realität könne durch menschliches Handeln substan-
tiell verändert werden, ganz offensichtlich weder auf den deutschen Idealis-
mus noch auf ein säkulares Weltbild angewiesen gewesen47. Bossuet, zur
Zeit der zitierten Totenrede von 1669 Bischof von Condom und zwischen
1670 und 1680 Erzieher des Dauphin48, hatte immerhin eine sehr pragmati-
sche Vorstellung davon, daß ein Protagonist wie Cromwell „die Welt verä
dern" und, korrelativ, auf „die Geschichte" (im Singular) einwirken könn
wenn auch in diesem Fall auf „verhängnisvolle" Weise.
Diese Befunde liegen quer zum Verlaufsmodell der „Geschichtlichen
Grundbegriffe". Gegenüber der dort nur an einer Stelle explizit themat
sierten Semantik von histoire , in der das Bild einer wenig inspirierten und
aus vermeintlich rein faktenorientierten Ansätzen des 17. Jahrhunderts her-
vorgegangenen Begriffshandhabe entworfen wird49, ist mit einer Vielzahl
46 Koselleck , Art. Geschichte, Historie. VI. Leitbegriff (wie Anm. 13), 712 ff. Dar-
unter fallen die durch den Geschichtsartikel in nicht korrekt zitierter Form bekannt
gewordenen - und in diesem Kontext folglich nicht zu beheimatenden - Verse Joseph
von Eichendorffs (1788-1857) aus dem um 1839 verfaßten Gedicht „So oder so": Die
handeln und die dichten, II Das ist der Lebenslauf ' II Der Eine macht Geschichten , II
Der Andre schreibt sie auf. Vgl. Joseph von Eichendorff, Sämtliche Werke. Historisch-
krit. Ausg., Bd. 1,1: Gedichte. Erster Teil. Text, hrsg. v. Harry Fröhlich / Ursula Rege-
ner, Stuttgart /Berlin /Köln 1993, 333. Zur Datierung dieses erstmals 1841 gedruck-
ten Gedichts: Eichendorff, Werke. Gedichte. Erster Teil. Kommentar, hrsg. v. Harry
Fröhlich, Stuttgart /Berlin /Köln 1993, 581. Vgl. Koselleck, Art. Geschichte, Historie.
VI. Leitbegriff (wie Anm. 13), 712 mit Anm. 614: „Die , Geschichte als Tat' ist [...]
eine Wendung, die älteren Wortbedeutungen, sofern sie auch , Schickung' mit mein-
ten, strikt zuwiderläuft. Auch diese Wendung wurde erst sagbar, nachdem der Aus-
druck zum objektlosen Kollektivsingular geronnen war. Seitdem konnte , Geschichte'
auch machbar werden - und zwar nicht im Sinne ihrer Erzählung - wie Eichendorff
den neuen mit dem alten Sinn konfrontierte: Der eine macht Geschichte, der andere
schreibt sie auf." Koselleck zitiert diese Verse nach Gerhard Bauer, „Geschichtlich-
keit". Wege und Irrwege eines Begriffs, Berlin 1963, 2, der sie vermutlich aus dem Art.
Geschichte, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, Bd. 5 (= Bd. 4,
Abt. 1, Teil 2), bearb. v. Rudolf Hildebrand I Hermann Wunderlich, Leipzig 1879 (ND
München 1984), Sp. 3857-3866, hier Sp. 3861, übernommen hat. Dort sind sie noch
in korrekter Form verzeichnet.
47 Vgl. Koselleck, Innovationen (wie Anm. 13), 8: Erst dann, ,,[w]enn Gott nicht
mehr Herr dieser Welt ist, der auf unvorhersehbare Weise in den Alltag eingreift, son-
dern höchstens eine Denkfigur, dann tritt der Mensch an seine Stelle - er wird zum
Erdengott und damit fähig, seine Geschichte vernunftgemäß zu steuern." Vgl. auch
ebd., 10: „Die von fremden Autoritäten freie vernünftige Selbstbestimmung ist eine
implizite Voraussetzung dafür, die [ . . . ] Herstellbarkeit der Geschichte zu konzipie-
ren, denkmöglich zu machen."
48 Vgl. zu Bossuet insbesondere Giuseppe Ricuperati, Jacques-Bénigne Bossuet et
l'histoire universelle, in: Storia della storiografia 35 (1999), 27-61; Martial Gantelet,
La politique, de la pratique à la théorie. Bossuet dans les derniers feux de la fronde
condéenne (Metz, octobre 1653), in: XVIIe siècle 54 (2002), 485-510.
49 Vgl. Horst Günther, Art. Geschichte, Historie. IV. Historisches Denken in der
frühen Neuzeit, in: Geschichtliche Grundbegriffe (wie Anm. 13), Bd. 2, 625-647, hier
635. In jener von Skeptizismus und Cartesianismus geprägten Zeit hätten „die Theo-
retiker der Geschichte, aber auch die Geschichtsschreiber und die Enzyklopädien
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„ Geschichte " : Ein Produkt der deutschen Aufklärung? 395
subtilerer und komplizierterer Gedankengänge zu rechnen. Formalsprach-
lich findet die Annahme, mit der Rolf Reichardt 1985 die Anlehnung des
„Handbuchs politisch-sozialer Grundbegriffe in Frankreich" an das Vorbild
der „Geschichtlichen Grundbegriffe" begründete, kaum Rückhalt in der
Empirie, wonach es auch im Französischen denkbar sei, daß sich „zunächst
im Plural geläufige Substantive wie Geschichten " im Lauf des 18. Jahrhun-
derts „zu Allgemeinbegriffen wie Geschichte singularisieren (, Kollektivsin-
gular')"50; mit „Singularisierung" scheint in bezug auf histoire kein struk-
turtragendes Ordnungskriterium formulierbar zu sein. Sprachpragmatisch
wiederum läßt sich auch die von Koselleck selbst bevorzugte Einschätzung
nur schwer verifizieren, die zur Annahme einer weitreichenden Originalität
des deutschen Geschichtsbegriffs tendiert. So sei es zwar ein Ereignis auf
französischem Boden gewesen, die Französische Revolution, die in der Ge-
nese des deutschen „Kollektivsingulars Geschichte" die letztlich entschei-
dende Rolle gespielt habe51. Die von der Revolution ausgehenden Impulse
hätten sich jedoch auf unterschiedliche Weise in den jeweiligen Sprachen
niedergeschlagen, als Entfaltung einer funktionalen Äquivalenz, einer
„Asymmetrie der Gegenbegriffe", in der das französische révolution prag-
matisch jene Stelle eingenommen habe, die östlich des Rheins fortan von
Geschichte bekleidet worden sei52. Ebensowenig allerdings wie der „Kol-
einen reduzierten Begriff der Geschichte" vertreten, „reduziert auf die Erzählung
oder Beschreibung des Faktischen. Diesen auf faktische Genauigkeit ohne Raisonne-
ment beschränkten Gebrauch hat vor allem das Französische »histoire4, »historien'
mit den negativen Gegenbegriffen ,fabel', , roman' bis in die Gegenwart bewahrt."
Vgl. demgegenüber die bei Phyllis K. Leffler, The „histoire raisonnée", 1660-1720. A
Pre-Enlightenment Genre, in: JHI 37 (1976), 219-240, untersuchten Autoren.
50 Rolf Reichardt, Einleitung (wie Anm. 3), 63.
51 Vgl. Koselleck , Historia Magistra Vitae (wie Anm. 13), 54: „Und im Hinblick auf
Frankreich darf man hinzufügen, daß die zentrale Stellung, die im westlichen Den-
ken die große Revolution in ihrer Einmaligkeit einnimmt, im deutschen Sprach-
bereich der Geschichte zukommt. Es war die Französische Revolution, die den Ge-
schichtsbegriff der deutschen historischen Schule zur Evidenz brachte. Beide zerrie-
ben die vergangenen Vorbilder, obwohl sie sie scheinbar rezipierten [...]." Vgl. auch
ders., Art. Geschichte, Historie. V. Herausbildung (wie Anm. 13), 673-678; ders., Art.
Geschichte, Historie. VI. Leitbegriff (wie Anm. 13), 702 ff.; ders., Historische Krite-
rien des neuzeitlichen Revolutionsbegriffs [1969], in: ders., Vergangene Zukunft (wie
Anm. 13), 67-104, hier 76-81; ders., Art. Revolution. Rebellion, Aufruhr, Bürger-
krieg. V. Die Französische Revolution und ihre zeitgenössische Rezeption in Deutsch-
land, in: Geschichtliche Grundbegriffe (wie Anm. 13), Bd. 5 (1984), 725-739, hier
732 - 739; ders., Die unbekannte Zukunft und die Kunst der Prognose [1985], in: ders.,
Zeitschichten (wie Anm. 13), 203-221, hier 208 ff.; ders., Abstraktheit und Verzeitli-
chung in der Revolutionssprache, in: Die Französische Revolution als Bruch des ge-
sellschaftlichen Bewußtseins. Vorlagen und Diskussionen der internationalen Ar-
beitstagung am Zentrum für interdisziplinäre Forschung der Universität Bielefeld.
28. Mai bis 1. Juni 1985, hrsg. v. dems. /Rolf Reichardt (Ancien Régime. Aufklärung
und Revolution, 15), München 1988, 224-226; ders., Innovationen (wie Anm. 13), 19,
22 f.
52 Vgl. ders., Zur historisch-politischen Semantik asymmetrischer Gegenbegriffe
[1975], in: ders., Vergangene Zukunft (wie Anm. 13), 211-259, hier 211-218; ders.,
Art. Revolution (wie Anm. 54). VI. Revolution und ihre Gegenbegriffe in geschichts-
philosophischer Perspektive, 739-782, hier 739 f.
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396 Jan Marco Sawilla
lektivsingular histoire " der fra
Verlaufsmodell integriert worden
Umfeld der Revolution ernsthaft untersucht worden. Falls es damit zutref-
fen sollte, daß „die Franzosen seit 1789 ihr Denken vornehmlich auf ,die Re-
volution' richteten", während „die zur Passivität und Zuschauerrolle ver-
urteilten Deutschen" eben „seit damals über ,die Geschichte4"53 reflektier-
ten, wo wäre ein Ausruf wie jener zu lokalisieren, der am 21. Juni 1791 im
Klub der Jakobiner verzeichnet wurde: Quoi qu'il soit en soit , je dois parler,
et je parlerai comme si je burinais l'histoire pour les siècles à venir54? Wel-
che Stellung wäre Germaine de Staëls (1766-1817) berühmten „Considéra-
tions sur la Révolution française" zuzuweisen, in denen eine stabile Traditi-
onslinie sozialer Umsturzvorgänge entworfen wurde, um die Revolution aus
dem Status des Akzidentiellen zu befreien: II suffisoit [...] de jeter un coup
ď œil sur les principales crises de l'histoire , pour se convaincre qu'elles ont
été toutes inévitables , quand elles se rattachoient de quelque manière au dé-
veloppement des idées [ . . . ]55?
III. Sprachhistorie (b): Geschichts-Beschreibung und historien.
Zu Aspekten von Form und Inhalt
Die konzeptionelle Anlage der „Geschichtlichen Grundbegriffe", gemäß
dem Untertitel ein „Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in
Deutschland", hat mit dem Anspruch, einerseits „die Auflösung der alten
und die Entstehung der modernen Welt in der Geschichte ihrer begrifflichen
Fassung" darstellen zu wollen, um sich andererseits auf „Begriffe des deut-
schen Sprachraums, wenn auch im Anschluß an die europäische Traditi-
on"56, zu konzentrieren, ein wenig vorteilhaftes Telos in die Struktur der
Artikel hineingetragen. Aussagen über Entwicklungsverläufe, die in ihrem
53 Dipper, Die „Geschichtlichen Grundbegriffe" (wie Anm. 3), 300.
54 Danton , Contre La Fayette (Club des Jacobins, 21 Juin 1791), in: ders., Discours,
hrsg. v. Pierre-Jean Jouve/ Frédéric Ditisheim, Fribourg 1945 (ND Lausanne 1983),
68-71, hier 69.
55 Germaine de Staël , Considérations sur la Révolution française. Introduction, Bi-
bliographie, Chronologie et notes par Jacques Godechot. Première réédition depuis
1881, Paris 1983, 63. Vgl. auch ebd., 69: Les hommes ne savent guère que l'histoire de
leur temps , et l'on diroit, en lisent les déclamations de nos jours, que les huit siècles
de la monarchie qui ont précédé la révolution françoise, n'ont été que des temps tran-
quilles, et que la nation étoit alors sur des roses. Vgl. zu de Staël statt vieler Karin
Füllner, „Ja, die Weiber sind gefährlich". Heinrich Heines Polemik gegen Germaine
de Staël, in: Differenz und Identität. Heinrich Heine (1797-1856). Europäische Per-
spektiven im 19. Jahrhundert. Tagungsakten des Internationalen Kolloquiums zum
Heine-Gedenkjahr, Lissabon, 4. - 5. Dez. 1997, hrsg. v. Alfred Opitz (Schriftenreihe
Literaturwissenschaft, 41), Trier 1998, 67-78; Lori J. Marso, The Stories of Citizens.
Rousseau, Montesquieu, and de Staël Challenge Enlightenment, in: Polity 30
(1997/98), 435-463.
56 Koselleck, Einleitung (wie Anm. 13), XIV.
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„Geschichte" : Ein Produkt der deutschen Aufklärung? 397
Gehalt entschieden auf den Wortgebrauch im Deutschen seit der zweiten
Hälfte des 18. Jahrhunderts zugeschnitten sind, erwecken den Anschein all-
gemeiner Gültigkeit. In vorliegendem Fall bedeutet dies, daß die Wort- und
Begriffsgeschichten von histoire oder historia - wie auch von den an dieser
Stelle nicht näher berücksichtigten storia oder history - als Vorgeschichten
von Geschichte im historischen Raum zurückbleiben. Die Annahme eines
substantiellen Wandels des Begriffs der Geschichte wird ausdrücklich n
auf das deutsche Lexem Geschichte bezogen57. Als Brückenschlag von de
Wort- zur Begriffsgeschichte macht nicht zuletzt dies die Charakteristi
von Kosellecks Interpretation und seinem begriffsgeschichtlichen Ansat
aus. Aus sprachgeschichtlicher Sicht allerdings sind damit eine Reihe von
Schwierigkeiten aufgeworfen.
Der Zeitraum zwischen der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und dem
ausgehenden 18. Jahrhundert stellt jene Periode dar, in der es östlich wie
westlich des Rheins überhaupt erst zur normativen Verfestigung vernakulä-
rer Schrifthochsprachen im allgemeinen sowie vernakulärer Gelehrtenspra-
chen im besonderen gekommen ist58. Geprägt von einer polyglotten Struk-
tur repräsentierte das Deutsche, neben dem Lateinischen und dem sich seit
etwa 1660 zusehends verbreitenden Französischen59, nur eine jener „poli-
57 Vgl. zuletzt ders ., Die Geschichte (wie Anm. 13), 14, sowie den Nachweis unten
Anm. 68.
58 Einen Überblick bieten diverse Beiträge innerhalb der „Handbücher zur Sprach-
und Kommunikationswissenschaft". Vgl. insbesondere Christian Schmitt, Latein und
westeuropäische Sprachen, in: Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der
deutschen Sprache und ihrer Erforschung, hrsg. v. Werner Besch / Anne Betten / Oskar
Reichmann [u. a.], 2. vollst, neu bearb. Aufl., 2. Teilbd. (HSK 2,2), Berlin/New York
2000, 1061-1085; Klaus J. Mattheier, ; Die Herausbildung neuzeitlicher Schriftspra-
chen, in: ebd., 1085-1107; Richard Baum, Französisch als dominante Sprache Euro-
pas, in: ebd., 1107-1117. Eine detaillierte geschichtswissenschaftliche Arbeit zu ge-
sellschaftlichem Ort, sozialer Reichweite und funktionaler Position der einzelnen
Sprachen im 17. und 18. Jahrhundert liegt meines Wissens nicht vor. Vgl. zu den An-
fängen sprachpatriotischer Tendenzen insbesondere die Überlegungen bei Hundt,
„Spracharbeit" (wie Anm. 23), 1-31; sowie die Beiträge in Dieter Kimpel (Hrsg.),
Mehrsprachigkeit in der deutschen Aufklärung (Studien zum achtzehnten Jahrhun-
dert, 5), Hamburg 1985; Peter von Polenz, Die Sprachgesellschaften und die Entste-
hung eines literarischen Standards in Deutschland, in: HSK 18 (wie Anm. 10), 1.
Teilbd., Berlin /New York 2000, 827-841; Jörg Kilian, Entwicklungen in Deutschland
im 17. und 18. Jahrhundert außerhalb der Sprachgesellschaften, in: ebd., 841-851;
Thorsten Roelke, Der Patriotismus der barocken Sprachgesellschaften, in: Nation und
Sprache. Die Diskussion ihres Verhältnisses in Geschichte und Gegenwart, hrsg. v.
Andreas Gardt, Berlin /New York 2000, 139-168; Thomas Mast, Patriotism and the
Promotion of German Language and Culture. Johann Risťs „Rettung der Edlen Teut-
schen Hauptsprache" (1642) and the Language Movement of the Seventeenth Century,
in: Daphnis 30 (2001), 71-96, sowie zum Phänomen des Sprachpatriotismus grund-
sätzlich Andreas Gardt, Sprachpatriotismus und Sprachnationalismus. Versuch einer
historisch-systematischen Bestimmung am Beispiel des Deutschen, in: Sprach-
geschichte als Kulturgeschichte, hrsg. v. dems. / Ulrike Haß-Zumkehr/ Thorsten Roel-
ke (Studia linguistica Germanica, 54), Berlin /New York 1999, 89-113.
59 Vgl. Ann Blair, La persistance du latin comme langue de science à la fin de la
Renaissance, in: Sciences et langues en Europe, hrsg. v. Roger Chartier /Pietro Corsi,
Paris 1996,21-42.
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398 Jan Marco Sawilla
tisch-sozialen Sprachen", die, mi
ritorien und Regionen des Reich
pischer Autor wie Gottfried Wilh
schen bemerken, daß ich nicht nu
ßen , sondern fleiß angewendet, d
Staat etwas mehr [ . . . ] zu untersu
lateinischen Inserten formulieren:
in Historia , Geographia, in Gene
und gesta furnehmer Potentaten
Umfeld seines 1693 publizierten
statieren: Cum probantibus Seren
manuscriptis ejus codicibus excer
rempublicam pertinentia edere con
mochte er, in gleichem Zusammenh
braire ou imprimeur quantité de
ent pas encor imprimées , capables
des gens [...]63, oder: [...] du Can
hommes du temps dans la recherch
Einzig die erstgenannte, rein früh
Plural. Ohne die Bedeutung von L
zu wollen, ist festzuhalten, daß d
Sprachen, welche sich in dieser Zei
sprachliche Normierungs- und E
Interpretationen der „Geschichtli
ten Niederschlag gefunden hat. D
oder 17. Jahrhundert werden auf
digmas auf einer Ebene mit Nenn
kutiert. Der lateinische Wortgebrau
60 Leibniz an Johann Carl Kahm, Dez
Sämtliche Schriften und Briefe, Rei
Briefwechsel, Bd. 1: 1668-1676, hrsg.
zu Berlin, Berlin (Ost) 1970, Nr. 340, 50
6i Leibniz an Otto Mencke, 12. (22.) Februar 1693, in: Leibniz, Schriften (wie
Anm. 60), Reihe 1, Bd. 9: 1693, Berlin (Ost) 1975, Nr. 177, 302-304, hier 303.
62 Leibniz an Heinrich Meibom, 21. (31.) März 1693, in: ebd., Nr. 217, 355-357,
hier 354.
63 Leibniz an Christoph Daniel Findekeller, 7. (17.) Februar 1693, in: ebd., Nr. 172,
293 f., hier 294. Vgl. zu Leibniz' antiquarischen Bestrebungen grundsätzlich Gerd
van den Heuvel, „Deß NiederSächsischen Vaterlandes Antiquitäten". Barockhistorie
und landesgeschichtliche Forschungen bei Leibniz und seinen Zeitgenossen, in: Nie-
dersächs. Jb. f. Landesgesch. 68 (1996), 19-41. Über Leibniz' historiographische Tä-
tigkeiten informiert eine Reihe von Beiträgen bei Herbert Breger / Friedrich Niewöh-
ner (Hrsg.), Zu Leibniz und Niedersachsen. Tagung anläßlich des 350. Geburtstages
von G. W. Leibniz, Wolfenbüttel 1996 (Studia Leibnitiana, Sonderh. 28), Stuttgart
1999.
64 Leibniz an Christophe Brosseau, 29. Juni 1693, in: Leibniz, Schriften, Reihe 1,
Bd. 9 (wie Anm. 61), Nr. 322, 488-494, hier 488.
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„Geschichte" : Ein Produkt der deutschen Aufklärung? 399
stika zwischen 1650 und 1750 nicht näher untersucht, obwohl das Lateini-
sche für die Verbreitung von Wissen östlich des Rheins - „in Deutschland" -
länger als in anderen Regionen das mithin entscheidende Medium blieb65.
65 Die Auswertung insbesondere der seit Mitte des 17. Jahrhunderts stark anwach-
senden Zahl universalhistorischer Lehrbücher würde wahrscheinlich zu ähnlichen
Ergebnissen führen wie die Beschäftigung mit dem französischen histoire. In diese
universalhistorischen Kontext sind durchaus Wendungen anzutreffen, in denen tot
historia nicht etwa „die gesamte historiographische Tradition" meinte, sondern sich
auf „die gesamte Geschichte" im Sinne des insgesamt Vorgefallenen bezog. Vgl. etw
das auf einem älteren Werk Peter Laurembergs (1585-1639) aufbauende Handbuch
des Theologen Daniel Hartnack (1642-1708): Danielis Hartnacci Historia Univer-
salis, Ecclesiastica & Civilis [...], Hamburg 1686. Hartnack hatte in die ältere Ver-
sion Laurembergs einen - unpaginierten und unfoliierten, dem Inhaltsverzeichnis fo
genden - Übersichtsteil eingefügt: „Brevis Delineatio totius Historiae qua Imperat
rum Regum[que]; successio memoriae juvandae causa versibus exhibetur", knappe
auch als: „Delineatio Historiae synoptica" tituliert. Mit diesem Titel war ein gegli
derter Abriß dessen bezeichnet, was sich seit der Schöpfung ereignet hatte - un
nicht dessen, was darüber geschrieben worden war. Im Verhältnis zum Eigennam
der Darstellung ( delineatio ) benennt das Lexem historia hier unzweideutig den Sac
bereich. Die Kernannahme bei Koselleck, Art. Geschichte, Historie. V. Herausbildung
(wie Anm. 13), 649, daß mit dem „Kollektivsingular Geschichte" des deutschen 18.
Jahrhunderts die Geschichte erstmals als „eine genuine Wirklichkeit" begreifbar g
worden sei, um solcherart „eine neue Erfahrungswelt" zu erschließen, „eben die der
Geschichte", ist daher schon mit Blick auf das engere lexikalische Wortfeld in ihre
Trennschärfe fraglich. Ohnehin ist in diesen Fällen auf die Grenze dessen zu achten
was eine auf einzelne Lexeme konzentrierte Begriffsgeschichte zu leisten vermag
Denn unabhängig davon, wann genau die Geschichte als Gesamtheit des Vorgefall
nen mit transnumeralen Kollektiva wie historia, histoire oder historie im Singular
bezeichnet zu werden begann, und dies ist im 17. Jahrhundert zweifelsohne der Fal
ist zu bedenken, daß diese Gesamtheit - oder größere Einheiten derselben - konven-
tionellerweise auch mit anderen Wörtern assoziiert werden konnte. Bei [La Mothe Le
Vayer ], Science (wie Anm. 25), 6, 19, wird man bisweilen die synonyme Handhabe
von temps und histoire beobachten können: Die Relevanz der Chronologie, pour n'en
point embarasser le cours de l'Histoire, entsprach dem Anspruch, [d']apprendre la
suitte & l'ordre des temps. Üblicherweise ist aber, soweit ich sehe, insbesondere im
Lateinischen mit einer Differenzierung zu rechnen, die historia bevorzugt als den Ei-
gennamen der Darstellung von Geschehenem verwandte und das Geschehene selbst
mit dem Pluraliatantum der res gestae bezeichnete. Deutlich wird dieses Zuord-
nungsverhältnis in: Casparis Abeli Historia Monarchiarum Orbis Antiqvi [...], Leip-
zig/Stendal 1715, hier etwa den Überschriften zu entnehmen: Liber II. Historiae
monarchiarum orbis antiqvi, res gestas priscorum Europœorum delineans, & quasi
adumbrans, ebd., 481, mit der Binnentitulatur: Cap. I. De rebus Grœcorum vetustissi-
mis, ante Olympiades, ebd., 483. Angesichts der verbreiteten Konzeptionierung der
historia als dem „Schauplatz" menschlichen Agierens flössen freilich beide Bereiche,
terminologisch wie begrifflich, ineinander, da die jeweiligen Werke diesen „Schau-
platz" nicht nur beschrieben, sondern auch verkörpert wissen wollten. Klar wird dies
mit Blick auf die jeweilige Referentialität der gerne verwandten Metaphorik des
„Spiegels". Vgl. sich eher auf die Seite der Darstellung beziehend: Theatrvm histo-
ricvm theoretico-practicvm [...], Authore Christian Matthia, Amsterdam 1648, Dedi-
kationsepistel., fol. a3r: Quando [ . . . ] Naturam Historiaram, prœsertim autem QVAT-
VOR MONARCHIARVM, accuratiiis ego considero, omninò existimo, eas nullo com-
modiore nomine insigniti posse, quàm si vocentur THEATRVM TOTIVS VIT JE
HVMANJE, in quo introducuntur omnes Monarchœ, Reges & Principes, qui ferè à con-
dito mundo usque ad nostra tempora vixerunt. In illorum enim historia velut in spe-
culo limpidissimo videmus, eorum Consilia, dieta atque facta, tùm bona, tùm mala.
Vgl. demgegenüber deutlich auf die res factae selbst als „Spiegel" referierend: Thea-
trum Historicum [ . . . ] à Johanne Lehmann, Wittenberg 1670, 1: Semper enim in hoc
mundi Theatro, eadem fabula, mutatis tantum Personis, cum agatur ; facta hinc illa,
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400 Jan Marco Sawilla
Die vergleichsweise zögerliche V
daher zunächst daran denken la
Wandlungsprozesse zu eruieren
ven, in den Territorien des Reic
Sprachen Latein und Französisc
betrachten, ehe die Untersuchun
ge gefaßt werden könnte. Saint-R
voir l'Histoire , c'est connoître l
c'est juger de ces hommes saine
hard Mencke (1674-1732) wie folg
Sache nach ihrem Ursprung ver
anderes, als die Leute, so die M
ihnen vernůnfftig urtheilen [ . .
Ernst Bertram (1726-1777): [...]
kennen ; also die Geschichte wisse
rie dazu geben, erkennen [ . . .
schichte, die nur eine der mögl
anschaulicht, verweist auf die a
lisierung dieses letztgenannten
qvœ speculum qvasi vitœ humanœ q
q [ue] prœbere maximum , & Pericul
tamentum. Es handelt sich in solch
nicht um eine historischer Möglich
Die Ansicht bei Koselleck, Art. Gesc
650, daß es wiederum erst dem 18. Ja
Analogie zum Theater der Welt [. .
differenzierungsbedürftig. Vgl. zu d
menhang grundsätzlich Arno Seifer
geberin der frühneuzeitlichen Emp
50 ff., 79 ff.; Marie-Dominique Cou
lecture de la „Methodus ad facilem h
de Cesare Vasoli (Philologie et mercu
66 Des Herrn Abts Langlet du Fresno
In dieser Uebersetzung aufs neue ge
theils aus eigener Bibliotheck, mit
vermehrt, Durch D. Jo. Burchard
Nicolas Lenglet-Dufresnoys (1674-1
Mencke zunächst in einer französisc
thode pour étudier l'Histoire [...]; co
Leipzig 1714. Lenglet-Dufresnoy hat
Saint-Réals zitiert, wiewohl in einer
einem Zitat Saint-Réals bei Jean Ma
1691 (ND Westmead 1967), 233, über
67 Des Herrn Abts Lenglet dů Fresn
Aus dem Französischen übersetzt vo
1752, 6. Bertram übersetzte eine
grundlegend überarbeiteter, vierbän
„Methode" beruhte. Vgl. Geraldine
terary Underworld of the „ancien
Century, 262), Oxford 1989, 300 ff., 3
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„ Geschichte " : Ein Produkt der deutschen Aufklärung? 401
Bedeutungswandel oder innovative Semantik von Geschichte - oder hi-
storie - kann mit diesen nahe am Ausgangstext verbleibenden Überset-
zungen nicht belegt werden. Insbesondere bei semantisch engeren Senten-
zen als den eben zitierten ist dieser Aspekt in Rechnung zu stellen. Ciceros
Bezeichnung Herodots als pater historiae (De legibus, I, 5) beispielsweise
kann unabhängig von ihrer jeweiligen sprachlichen Form - ob mit historie
oder Geschichte besetzt - kaum etwas anderes bezeichnen als, explikativ
übersetzt, den „Vater der Geschichtsschreibung". Ein Verständnis von He-
rodot als dem „Vater der Geschichte schlechthin" würde demgegenüber zu
keiner Zeit eine sinnvolle Lesart ermöglichen. Dies hervorzuheben ent-
behrt nicht der Relevanz. Denn Koselleck argumentiert auf diesem Gebiet
mit einer Verbindung aus etymologischen Bedeutungskernen und Intentio-
nalität der deutschen Begriffsschöpfung Geschichte68. Auf dieser Grund-
lage und im Zusammenspiel mit der Leitvorstellung der „Singularisie-
rung" hat sich eine bisweilen nur schwer zu durchschauende Interpretati-
onspraxis entwickelt, die sowohl die neuzeitlichen Abschnitte des Ge-
schichtsartikels als auch den diese vorbereitenden Abschnitt zum
„Historischen Denken in der Frühen Neuzeit" prägt. Ein prominen
spiel, die Behandlung von Ciceros Topos der historia als testis te
lux veritatis, vita memoriae , magistra vitae, nuntia vetustatis [
Oratore, II, 9, 36), vermag die damit einhergehenden Probleme zu
ren. So werden dessen deutsche Übersetzungen vor dem 18. Jahr
in jenen Fällen als „richtiges Verständnis des Textes" apostrophie
nen historia plural mit dem Frühneuhochdeutschen historien üb
wurde69. Im Umkehrschluß müßte allerdings gefolgert werden
gleich aufweisbare frühneuhochdeutsche70 oder französische Var
Singular71, mithin lateinische Adaptionen, die den Singular bei
68 Vgl. Koselleck, Hinweise (wie Anm. 24), 42. In den romanischen Spra
es „einen gewissen Grad von Übereinstimmung zwischen Vernakularspr
dem Latein" gegeben: „Deswegen bestand auch keine Notwendigkeit, di
schiede zu betonen. In den germanischen und slawischen Sprachen hinge
leicht einzusehen, war die Beziehung zum Lateinischen weitaus problem
Dementsprechend mussten manche soziale und politische Begriffe bewu
werden und konnten nicht allmählich übersetzt werden." Die Zielrichtung
gumentation, die schon insofern zu überdenken ist, als sich das Frühneuho
sche in einem Maß mit lateinischen Wendungen anreicherte und verband,
nes Wissens im Französischen nie der Fall gewesen ist, wird im folgenden h
beiten sein.
69 Vgl. Günther, Art. Geschichte, Historie. IV. Historisches Denken in der frühen
Neuzeit (wie Anm. 49), 641.
70 Vgl. die Beispiele bei Paul E. Geiger, Das Wort „Geschichte" und seine Zusam-
mensetzungen, Freiburg i. Br. 1908, 17.
71 Vgl. La Mothe Le Vayer, ; Discovrs de l'Histoire: Ov est examinée celle de Pru-
dence de Sandoüal, Chroniqueur du feu Roy d'Espagne Philippes III. & Evesque de
Pampelune, qui a écrit la Vie de l'Empereur Charles-Quint [1638], in: ders., Œwres,
Tome premier, Troisième edition, reveve [!], corrigée, et avgmentée, Paris 1662,
231-278, hier 232: L'Histoire donc qui prend le soin de nous conserver tant de beaux
exemples, semble avoir bien mérité sur toute autre science, ce beau titre qu'on luy
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402 Jan Marco Sawilla
ten72, ein eher unrichtiges Verst
lich wenig sachadäquat. Aus der
historia, historie , histoire im Ver
histórica gängigen historien 73 V
tes bedeutet werden sollte. Das s
Stelle kann nicht als Beleg dafür
schichte' sich geändert hat"74. Zw
der Hand zu weisen: „[...] Nun erst kann ,die Geschichte4 lehren, bewei-
sen oder fordern"75. Semantisch ist damit gegenüber der Art, wie die hi-
storia als Personifikation des Geschichtskundlichen und Historiographi-
schen seit Ciceros Zeiten zu lehren pflegte, jedoch nichts Neuartiges aus-
gesagt. In Fortführung von Ciceros allegorisierender Redeweise vermochte
diese historia schon immer gleichsam selbsttätig zu Werke zu gehen. In
Georg Lauterbecks (ca. 1505-1570) erstmals 1556 erschienenem „Regen-
tenbuch" steht zu lesen: In Sonderheit aber gibet die Historia vnterrich-
tung/was einem Regenten / Fürsten oder Hauptmann zu thun gebůret/wie
er sein Vnterthan Landt vnnd Leut / recht / heilsam / vnd wol regieren/
nicht seinen eigen / sondern viel mehr den gemeinen Nutz bedencken sol.
Sie gibet auch zu erkennen / wie die Regenten vber die Gerechtigkeit / auch
mit grosser gefahr jres Leibs vnd Lebens gehalten haben /wie sie die
schmähe/ so jren Freunden begegnet vnd zugefůget worden ist /mit gros-
sem ernst gerochen [ . . . ]76.
donne de maistresse de nostre vie. Vgl. zur Datierung Salazar, ; „Sceptique" (wie
Anm. 25), 25.
72 Vgl. etwa die Eröffnungspassage bei Jo. Bodini andeg. in parisiorum senatu ad-
vocati methodus, ad facilem historiarum cognitionem [...], Paris 1572 = Œuvres phi-
losophiques de Jean Bodin, hrsg. v. Pierre Mesnard, Bd. 5,3, Paris 1951, 105-277, hier
112: Cum Historia laudatores habeat complures, qui veris earn ac propriis laudibus
exornarunt, ex omnibus tarnen nemo veriiis ac melius, quàm qui vitœ maģistram ap-
pellava [...], oder die Variationen bei Jean Bolland, De actis sanctorum eorumque
dilucidatione et editione [...], in: Acta Sanctorum quotquot toto orbe coluntur, vel a
catholicis scrip toribus celebrantur, quae ex Latinis et Graecis, aliarumque gentium
antiquis monumentis collegit, digessit, notis illustravit Joannes Bollandus, hrsg. v. Jo-
anne Carnandet , Bd. 1, Paris 1863 [zuerst: Antwerpen 1643], IX - LXII, hier XIII, der
definierte: historia , id est publica rerum gestarum consignata litteris memoria, ehe er
diese Wendung zur besonderen Auszeichnung der sacra [ . . . ] historia verwandte, die
vere dux vitae, lux conciliorum, morům magistra debeat existiman.
73 Vgl. unten 420 f. mit Anm. 146, 147.
74 Günther, ; Art. Geschichte, Historie. IV. Historisches Denken in der frühen Neu-
zeit (wie Anm. 49), 642.
75 Ebd. Ein Nachweis für die „fordernde" oder „beweisende" Geschichte unter-
bleibt leider.
76 Regentenbuch. Aus vielen trefflichen vnd newen Historien mit sonderm fleis zu-
samengezogen [...], Durch Georgium Lauterbecken, Leipzig 1559, 216. Vgl. dazu Mi-
chael Philipp, Das „Regentenbuch" des Mansfelder Kanzlers Georg Lauterbeck. Ein
Beitrag zur politischen Ideengeschichte im Konfessionellen Zeitalter, Augsburg 1996,
127 - 134. Auf Lauterbecks Arbeit und seine für die Frühe Neuzeit nicht unrepräsen-
tative Formenvielfalt wird gelegentlich zurückzugreifen sein.
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„ Geschichte" : Ein Produkt der deutschen Aufklärung? 403
Es ist also kaum begründet, mit Blick auf den in diesem Rahmen zitierten
Johann Christoph Adelung (1732 - 1806) und sein: Die Geschichte ist die zu-
verlässigste Lehrmeisterin der Moral 77 , von innovativer Semantik und Be-
griffsveränderung auszugehen. Diese Annahme ist ohnehin darauf angewie-
sen, daß die von Adelung selbst mitgelieferte semantische Bestimmung eben
nicht zitiert wird, sondern eines der diese veranschaulichenden Textbeispie-
le: 3. Die Kenntniß der geschehenen Begebenheiten, die Geschichtkunde ;
ohne Plural. Die Geschichte ist die zuverlässigste Lehrmeisterinn der Mo-
ral. Sich auf die Geschichte legen. Die Geschichte erhält das Andenken der
vergangenen Begebenheiten in der Welt 78 . Die zuletzt genannte Sentenz, die
auf die Leistung der historia als nuntia vetustatis und vita memoriae Bezug
nimmt, illustriert zugleich, daß sich die Bedeutungsstruktur des Topos in
seiner Gesamtkomposition gegen den angenommenen Bedeutungswandel
sperren würde. Deutlicher als die historia als magistra vitae sind diese bei-
den Elemente, ähnlich wie die historia als testis temporum und lux verita-
tis , sinnvoll nur auf die historioskopische Ebene einer bestimmten Kultur-
technik, also des menschengemachten Umgangs mit vergangenem Gesche-
hen, zu beziehen, nicht auf das Geschehene selbst79. Bestimmte Bedeu-
tungspotentiale standen und stehen im Rahmen dieses Topos also
prinzipiell nicht zur Disposition: „Pomey mußte 1715 Historia noch mit Ge-
77 Günther, ; Art. Geschichte, Historie. IV. Historisches Denken in der frühen Neu-
zeit (wie Anm. 49), 642.
78 Art. Die Geschichte, in: [Johann Christoph Adelung ], Versuch eines vollständi-
gen grammatisch-kritischen Wörterbuchs der Hochdeutschen Mundart [...], Zweyter
Theil, Leipzig 1775, Sp. 601.
79 Eine kleinere exegetische Sentenz in der erstmals 1672 erschienenen deutschen
Fortführung von Johannes Bunos (1617-1697) „Universse Historiae Cùm Sacrae tum
Profanae Idea" (1661) mag dies etwas deutlicher werden lassen: Er [Cicero] nennet die
Historiam testem temporum, einen Zeugen der Zeiten : dann dieselbe zeuget wie
Königreiche / und Städte auffkommen / wie sie verändert / und endlich untergangen:
Sie/ die Historia notiret und bemercket von Zeiten zu Zeiten /von Jahren zu Jahren
die mancherley Begebenheiten. Dieser Cicero leget der Historiœ bey / daß sie sey Lux
veritatis; ein Licht der Wahrheit. Denn gleich wie ein Licht mit seinem Glantz dunck-
le Oerter erleuchtet / daß man /was in denselben sey /sehen und erkennen möge: sol-
cher massen erleuchtet die Historia die sonst mit Finsterniß und Dunckelheit Umge-
bene Thaten / daß man sie recht sehen und erkennen möge. Noch wird die Historia
von Cicerone genannt Vitœ memoria. Denn sie verwahret wie ein getreuer Schatz=
Meister die Geschichte / und erhält derselben Gedächtniß / so sonst in wenig Jahren
verschwinden mäste. Auch heisset Cicero die Historiam Magistram Vitœ : dieweil sie /
wie der Mensch sein Leben und Wandel recht anstellen solle / klârlich lehret. Hier be-
nutzt in der von Bunos Sohn Levin Ernst Buno 1705 vorgelegten, rev. 2. Ausgabe
(1692) dieses Werks: Joh. Bunonis Historische Bilder [...]. Vormahls vom Autore zum
zweytenmahl heraus gegeben. Jetzo auffs neue revidiret und biß auff das Jahr
MDCCV continuiret von L. E. B., Ratzeburg 1705, hier die auf 1692 datierte Dedikati-
onsepistel, fol. a2r-v. Vgl. zu Buno und diesen Werken Gerhard F. Strasser, Emblema-
tik und Mnemonik der Frühen Neuzeit im Zusammenspiel. Johannes Buno und Jo-
hann Justus Winckelmann (Wolfenbütteler Arbeiten zur Barockforschung, 36), Wies-
baden 2000, 81-88; zur allegorischen Fassung dieser historia ferner Marion Kintzin-
ger, Chronos und Historia. Studien zur Titelblattikonographie historiographischer
Werke vom 16. bis zum 18. Jahrhundert (Wolfenbütteler Forschungen, 60), Wiesbaden
1995, bes. 117-123.
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404 Jan Marco Sawilla
schichts-Beschreibung übersetzen
[...]. Der Übersetzer Rollins kann
gular dafür einsetzen: Die Gesch
Seitdem wird es schwierig, die , wi
Geschichte auseinanderzuhalten.
konstruiert werden könnte, in dem die Geschichte im Sinne eines Tatsa-
chenzusammenhangs als Zeugin der Zeit fungieren könnte, wäre der Erläu-
terung bedürftig. Charles Rollins (1661-1741) C'est avec raison que l'Hi-
stoire a été appellée le témoin des Tems , le flambeau de la Vérité 81 aus dem
Jahr 1738 jedenfalls ist in semantischer Hinsicht als ebenso innovativ ein-
zustufen wie die zitierte Passage bei Lauterbeck oder eben Cicero selbst.
Das von Koselleck in der fünften Auflage benutzte, von François Antoine
Pomey (1619-1673) begründete und erstmals 1664 erschienene „Grand Dic-
tionaire Royal" wiederum kann seinerseits über nichts anderes als über for-
male Varianzen Auskunft geben, da in ihm nur dieser eine alte Basiskom-
plex näher aufgeschlüsselt wurde: Histoire , /. hœc historia , œ, narratio , onis ,
eine Geschieht / Geschichts=Erzehlung [...]./ L'Histoire est le témoin des
temps , la lumiere de la vérité [...], Cic. die Geschichts-Beschreibung ist ein
Zeuge der Zeit! ein Licht der Warheit [...], sowie: Historia, œ, f. Cic. histoi-
re , rapport des choses véritables , eine Historie / eine wahrhafftige Erzehlung
geschehner Dinge 82 . Ob Ciceros historia mit historie , histoire , Geschichts-
beschreibung oder, wie von Horst Günther und Koselleck herausgestellt,
späterhin mit Geschichte übersetzt wurde, ist von allein lexikographischem
Interesse. Im Zuge einer Argumentationsführung, die sich an Serien von
„einst" - „nun" - „fortan" orientiert, wird formaler Wandel als semanti-
scher Wandel diskutiert, die Auflösung Alteuropas mit Beispielen unterlegt,
die eher eine bemerkenswert stabile Nominalsemantik und die Konstanz ei-
niger Kernbestände der Geschichtsreflexion seit der Antike belegen kön-
nen.
Die nähere Untersuchung einer ganzen Reihe, selbst noch
der von Koselleck beigebrachten Autoren aus den 1780er Ja
gen können, daß Geschichte dort in vielen Fällen genau die
ständnis transportierte. Der Blick in die jeweiligen Texte l
daß, ähnlich wie im Französischen des 17. Jahrhunderts, trotz identischer
Formen mit deutlich separierbaren Anwendungsbereichen und synchro-
80 Koselleck , Art. Geschichte, Historie. V. Herausbildung (wie Anm. 13), 656 f. mit
Anm. 324. Der Verweis auf diese Passage findet sich erstmals bei Geiger, „Geschich-
te" (wie Anm. 70), 17 f.
81 Charles Rollin, Histoire ancienne des Egyptiens, des Carthaginois, des Assy-
riens, des Babyloniens, des Medes et des Perses, des Macédoniens, des Grecs, Bd. 12,
Amsterdam 1739, 157.
82 Le Grand Dictionaire Royal, I. François-Latin-Alleman. II. Latin-Alleman-
François. III. Alleman-François-Latin. Ci-devant composé par Le R. P. François Po-
mai [...]. Traduit en Allemand pour la premiere fois [...]. Edition cinquième, Frank-
furt/Köln 1715, 1., 485, sowie ebd., II., 144.
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„Geschichte": Ein Produkt der deutschen Aufklärung? 405
nisch koexistierenden Bedeutungspotentialen von Geschichte zu kalkulie-
ren ist, die insgesamt nur schwer in Begriffen einer semantischen Erset-
zungsfolge beschrieben werden können83. Der Rekurs auf einen aus-
sagekräftigen Text, die auch von Koselleck konsultierten „Briefe fiber den
Werth der Geschichte" des Schweizers Jacob Wegelin (1721-1791) aus dem
Jahr 1783, muß an dieser Stelle genügen, um diese Sachlage zu veranschau-
lichen.
Wie die eröffnende Überschrift des ,,Erste[n] Brief [s]" explikativ zu er-
kennen gibt, galt deren Aufmerksamkeit prinzipiell dem methodischen
Rahmen, in dem sich die Beschäftigung mit historischen Schriften und
Sachverhalten zu entfalten habe: der Gewißheit und Würde der Geschicht-
kunde, der Profession, der Wegelin an der Berliner Ritterakademie nach-
ging84. Fluchtpunkt der Ausführungen Wegelins, der in seiner Berliner Zeit
seit 1765 bevorzugt in Französisch publizierte85, war ein fortschrittsorien-
tierter Nutzenbegriff, den er mit diesem Bereich der Gelehrsamkeit ( Ge-
schichte ) verband. Im Hinblick auf die Mannigfaltigkeit und Anwendbar-
keit der Geschichte86 gab er zu bedenken: Wie könnten wir uns auch irgend
einen erträglichen Begriff von der menschlichen Freyheit, und der Sittlich-
keit unserer Handlungen machen , wenn uns nicht die allgemeinen und be-
sondern Handlungsarten der Menschen mittelst der Geschichte bekannt
wären?, und formulierte: Wenn uns die Geschichte die stuffenweise gesche-
hene Entwickelung unserer Fähigkeiten beschreibt , und zugleich die ver-
schiedenen Hindernisse der Aufklärung und Verbesserung nicht unange-
merkt läßt , so wird man dadurch fähig zu erkennen, was der Mensch in so
verschiedenen, zum Theil vorteilhaften und nachtheiligen, äussern Lagen,
zu leisten, oder nicht zu leisten im Stande sey 87 . Wegelin griff eine ganze
Reihe der diesen Komplex gliedernden Binnenaspekte auf. In Unterschei-
dung von faktionalen und fiktionalen Genres, von Geschichte und Roman-
ze 88 , wurde die Abbildungsqualität historiographischer Erzeugnisse be-
83 Vgl. dazu auch unten 411 ff.
84 Jacob Wegelin, Briefe {über den Werth der Geschichte, Berlin 1783, 1. Der Titel
mag heute mehrdeutiger anmuten, als es sich den Zeitgenossen dargestellt haben
dürfte. Es ist ein wortgeschichtliches Mißverständnis, mit Lutz Geldsetzer, Die Ideen-
lehre Jakob Wegelins. Ein Beitrag zum philosophisch-politischen Denken der Aufklä-
rung (Monographien zur philosophischen Forschung, 33), Meisenheim am Glan 1963,
104, anzunehmen: „Der Titel führt [ . . . ] irre, denn es handelt sich mehr um Gedanken
zur Theorie der Geschichtsschreibung [...]." Genau dies aber bedeutete der Titel. Er
gliedert sich in die Titelgebungstradition der Historik-Traktatistik ein, in der - wie
angedeutet - mit geschichtskundlichem Denotat im Französischen „De l'Usage de
l'Histoire" oder „Sur l'histoire" gehandelt wurde, während im Deutschen dort histo-
rie, späterhin, wie bei Wegelin, eben Geschichte stand. Vgl. dazu auch unten
Anm. 146.
85 Vgl. Geldsetzer, Ideenlehre (wie Anm. 84), 82 ff., 99-113.
86 Wegelin, Briefe (wie Anm. 84), 17.
37 Ebd., 24.
88 Ebd., 3.
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406 Jan Marco Sawilla
sprochen: Es ist mit der Geschichte
wenige Züge eine Aehnlichkeit m
weniger aber ist es gewiß, daß ei
gewisse Person vorstellen soll 89
geschichtlicher Produkte wurde au
schen Eigenarten der jeweiligen G
lungen gerecht zu werden: Da alle
Adel und dem bürgerlichen Stand
tungen und Vorrechte hatten , so e
ganz abgesonderte Reihen von Be
schichten90.
Wegelin reflektierte durchaus auch, und dies sind die von Koselleck aus-
gewählten Passagen, den Erkenntnisgewinn, der aus der Betrachtung der
Geschichte als Tatsachenzusammenhang bezogen werden könne: Die Ge-
schichte selbst , wenn man sie allgemein betrachtet , giebt uns die beßte An-
leitung von den Verhältnissen aller verständigen , sittlichen und gesell-
schaftlichen Wesen. Das Gesetz der Natur ; als das Gesetzbuch, nach wel-
chem der einzelne, sich selbst überlaßne Mensch alle seine Handlungen ein-
richtet, und das Recht der Völker, welches die natürliche und eigentliche
Beziehung aller unabh&ngenden Nationen, zur Zeit des Kriegs und des Frie-
dens, in sich faßt, entlehnen beide ihr Licht und ihre Gewißheit von den all-
gemeinen Begebenheiten, und Öffentlichen Urtheilen, einzelner Wilden und
ganzer Völker91. Die Korrelation von den allgemeinen Begebenheiten einer-
seits und der Geschichte selbst, [ . . . ] allgemein betrachtet, andererseits lie-
fert einen deutlichen Hinweis darauf, daß Geschichte in diesem Fall in der
Tat auf die res gestae referierte. Allerdings ist auch diese Geschichte in ei-
nem Kontext, in dem eine ins Geschichtsphilosophische gleitende, „als
selbständig und selbsttätig entdeckte Geschichte"92 verhandelt werden soll,
nicht gut aufgehoben. Ähnlich wie bei Saint-Réal und Fontenelle gibt die
Geschichte als das Reservoir des Geschehenen sowie des darüber Verzeich-
neten Auskunft über die an sie gestellten Fragen, im Falle Wegelins üb
Fragen des Sittlichen und Gesellschaftlichen; sofern Völkerrecht und Natur
recht auf den allgemeinen Begebenheiten und öffentlichen Urtheilen gr
deten, rückten letztere zu Instanzen auf, die den geneigten Betrachtern den
Wahrheitsgehalt der ersteren zu verbürgen vermochten93. Als eigenständig
89 Ebd., 4.
90 Ebd., 17 f.
91 Ebd., 24.
92 Koselleck, Art. Geschichte, Historie. V. Herausbildung (wie Anm. 13), 650.
93 Vgl. ebd. Koselleck nimmt mit Blick auf diese Passage den umgekehrten Fall
„Schritt für Schritt steigert diese Geschichte mit ihrem genuinen und komple
Wirklichkeitsgehalt auch ihren eigenen Wahrheitsanspruch." Diese Lesart sche
mir keine sinnhaltige Konstruktion zu ermöglichen. Denn sofern die Geschicht
der Qualität des rein faktisch Geschehenen, der „allgemeinen Begebenheiten",
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„Geschichte": Ein Produkt der deutschen Aufklärung? 407
historische Wirkungskraft im Sinne einer Weltpotenz oder ähnlichem ist
Geschichte bei Wegelin nicht thematisiert.
In ihrem jeweiligen textuellen Umfeld betrachtet bieten diese Wörtver-
wendungen zumeist nur wenig Anlaß für größere Unklarheiten. Synchro-
nisch koexistierende Bedeutungspotentiale können mit ein und demselben
Lexem aktiviert und im Zusammenspiel mit anderen sprachlichen Elemen-
ten auch in unterschiedlicher Weise verstanden oder analysiert werden. Mit
einem seit den 1970er Jahren sprachwissenschaftlich kanonischen Ver-
ständnis wäre aus dieser Perspektive Polysemie als linguistisches Alltags-
phänomen in den Blick zu nehmen, als „semantische Universalie, als zen-
trale Eigenschaft lexikalischer Einheiten und als struktureller Grundzug
der Sprache"94. Es macht eines der zentralen Merkmale der begriffs-
geschichtlichen Theoriebildung aus, daß Polysemie nach Maßgabe von Kri-
terien betrachtet wurde und wird, die von dieser Einschätzung durchaus
abwichen und abweichen95. Dies für sich genommen muß kein Nachteil
sein. Koselleck entwarf die theoretische Basis seiner Zugriffsweise ganz
ausdrücklich nicht im Bestreben, an sprachwissenschaftliche Grundannah-
men anschließen zu wollen. So verzichtete er auf die Orientierung am
„sprachwissenschaftlichen Dreieck von Wortkörper (Bezeichnung) - Bedeu-
tung (Begriff) - Sache" und stützte sich auf theoretische Entscheidungen,
die „von der historischen Empirie her" und „pragmatisch getroffen wor-
den"96 seien. Die Beschäftigung mit dem Geschichtsartikel eröffnet im fol-
genden die Möglichkeit, diesen Bogen von der Praxis zur Theorie sowie von
der Gegenwart in die Wissenschaftsgeschichte zu schlagen.
IV. Polysemie (a): Inkompatibilität und Abstraktion
Der Geschichtsartikel setzt eine ältere Debatte fort, in der das Lexem Ge-
schichte kein beliebiges Lexem unter anderen repräsentierte. Im Zentrum
der sprachhistorischen und ideengeschichtlichen Erwägungen stand seit En-
de des 19. Jahrhunderts ein bestimmtes polysemantisches Moment, das An-
laß gab, die lexikalische Form von Geschichte als bedeutungslastiges Ele-
ment eigener Wertigkeit zu begreifen. Als richtungsweisend erwiesen sich
die in diesem Kontext vielzitierten Gedanken Georg Wilhelm Friedrich He-
gels (1770-1831). Dieser hatte in der 1830731er Fassung seiner „Einleitung"
Disposition steht, spielt die Wahrheitsfrage ohnehin keine Rolle. Diese ist, wenig-
stens bei Wegelin, ein Problem der Abbildung des Geschehenen, die allerdings an die-
ser Stelle, auch nach Kosellecks eigener Auffassung, gerade nicht verhandelt wird.
94 Vgl. Art. Polysemie, in: Theodor Lewandowski, Linguistisches Wörterbuch,
2. Aufl., Heidelberg 1976, 533 f., hier 533.
95 Vgl. insbesondere Hans Erich Bödeker, Reflexionen über Begriffsgeschichte als
Methode, in: Begriffsgeschichte (wie Anm. 3), 73-121, hier 86 ff.
96 Koselleck, Einleitung (wie Anm. 13), XXII.
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408 Jan Marco Sawilla
zur „Philosophie der Weltgeschich
rer Sprache die objektive sowoh
wohl die Historiam rerum gestaru
unterschiedene Geschichtserzäh
Begebenheiten selbst. Die Verein
für höhere Art als für eine äus
halten , daß Geschichtserzählung
Begebenheiten gleichzeitig ersc
Grundlage, welche sie zusamme
wortgeschichtliches Phänomen
argumentierend, die Formen de
von vorstaatlichen - und in dies
ten hin zu staatsbildenden Sozie
in der Folgezeit die Bemerkung
stimmtheit auf die Situation im
ligkeit empfundene Ambiguität
nach der Entstehung der „heuti
Doppelbedeutung"99. Teils wurd
Ärgernis betrachtet, das gemein
ner geordneten Kommunikation
97 Georg Friedrich Wilhelm Hege
1830/31, in: ders., Gesammelte Werke, Bd. 18: Vorlesungsmanuskripte II (1816 -
1831), hrsg. v. Walter Jaeschke, Hamburg 1995, 138-207, hier 192.
98 Vgl. ebd., 193 f.: Die Zeiträume , wir mögen sie uns von Jahrhunderten oder Jahr-
tausenden vorstellen , welche von Völkern vor der Geschichtsschreibung verflossen
sind und mit Revolutionen, mit Wanderungen, den wildesten Veränderungen mögen
angefüllt gewesen seyn, sind darum ohne objective Geschichte, weil sie keine subjec-
tive, keine Geschichtserzählung aufweisen ; [ . . . ] erst im Staate mit dem klaren Be-
wußtseyn von Gesetzen sind klare Thaten vorhanden und mit ihnen die Klarheit ei-
nes Bewußtseyns über sie, welche die Fähigkeit und das Bedürfnis gibt, sie so auf-
zubewahren. Ziel dieser Unterscheidung war es, eine Sonderung des Anfangs der
Weltgeschichte von der aus ihr auszuschliessende[n] Vorgeschichte vorzunehmen.
Ebd., 196. Dieser Übergang war Hegel zufolge zunächst bei den Persern, mit paradig-
matischen Folgeformen späterhin bei den Griechen anzusetzen. Vgl. ders., Vorlesun-
gen. Ausgewählte Nachschriften und Manuskripte, Bd. 12: Vorlesungen über die Phi-
losophie der Weltgeschichte, Berlin 1822/1823. Nachschriften v. Karl Gustav Julius
von Griesheim /Heinrich Gustav Hotho / Friedrich Carl Hermann Victor von Kehler,
hrsg. v. Karl Heinz Ilting/Karl Brehmer/Hoo Nam Seelmann, Hamburg 1996, 233,
316. Die auf den ersten Blick vielleicht mißverständliche Bemerkung von unserer
Sprache bezieht sich also nicht auf das Neuhochdeutsche oder auf vermeintliche Ei-
genarten des Lexems Geschichte. Vgl. dazu grundsätzlich Franz Hespe, Geist und
Geschichte. Zur Entwicklung zweier Begriffe in Hegels Vorlesungen, in: Hegels Vor-
lesungen über die Philosophie der Weltgeschichte (Hegel-Studien, Beih. 38), hrsg. v.
Elisabeth Weisser-Lohmann/ Dietmar Köhler, Bonn 1998, 71-93, bes. 84-90; Bauer,
„Geheimnis" (wie Anm. 18), 301-307; Walter Jaeschke, Die Geschichtlichkeit der Ge-
schichte, in: Hegel-Jahrbuch 1995, 362-373.
99 Johannes Hennig, Die Geschichte des Wortes „Geschichte", in: DVjs 16 (1938),
511-521, hier 511, 520.
100 Vgl. Franz Overbeck, Werke und Nachlaß, Bd. 6,1: Christentum und Kultur. Ge-
danken und Anmerkungen zur modernen Theologie. Aus dem Nachlaß hrsg. v. Carl
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„ Geschichte " : Ein Produkt der deutschen Aufklärung? 409
gehend von diesen Debatten sollte sich eine Haltung etablieren, die Poly-
semie in Begriffen von Inkompatibilität und Widersprüchlichkeit diskutier-
te. Gerhard Bauer konstatierte 1963, wenige Jahre vor Kosellecks ersten Ar-
beiten zum Geschichtsbegriff: „Die Tatsache, daß dieser Begriff so unein-
heitlich gebraucht wird und manche Verwendungen einander direkt wider-
sprechen, ist nicht von ungefähr. Sie zu erklären bedeutet zugleich schon,
Kritik an der Anwendung und an der Bildung des Wortes zu üben."101 In
den Worten Kosellecks sollte dies heißen: „Beide Varianten, die objektive
und die subjektive Seite, die sich logisch einander ausschließen, verleihen
dem Begriff eine Zweideutigkeit, die ihm seitdem innewohnt."102 Einschlä-
gige Potentiale von historia , historie , histoire wurden in der Regel nicht re-
flektiert.
Der Gedanke, nicht von der Koexistenz, sondern von der (möglichen) In-
kompatibilität der Bedeutungspotentiale auszugehen, basiert auf einem
lange üblichen Zeichenbegriff, in dem die Bedeutung integraler und per-
manenter Bestandteil des Worts ist103. Mit der Adaptation der älteren Ar-
beiten ist auch deren Verständnis von Sprachlichkeit in den Geschichtsarti-
kel eingeflossen. Jenseits einer systematischen Trennung von Form und In-
halt, die sich im Anschluß an Ferdinand de Saussures Arbitraritätstheorem
in der in Deutschland gepflegten sprachwissenschaftlichen Praxis erst nach
1945 durchzusetzen begann104, und jenseits seines Systembegriffs von Spra-
che waren Arbeiten wie jene Hennigs davon ausgegangen, daß sich verfüg-
bare Bedeutungen an einer lexikalischen Form fixierten, gegebenenfalls hi-
storisch akkumulierten und zwischen einzelnen Lexemen, genauer: Sub-
Albrecht Bernoulli [1919]. Kritische Neuausgabe, hrsg. v. Barbara von Reibnitz,
Stuttgart /Weimar 1996, 33, der in der „in unserer modernen Welt vollkommen ge-
wordene [n] Zweideutigkeit des Begriffs Geschichte eine fatale Unbequemlichkeit"
erblickte. „Gerade weil für denkende Betrachtung Objekt und Subjekt zusammen-
fließen, kann sie sich ohne deren Auseinanderhaltung nicht äußern, und eben das er-
schwert im Ealle von Geschichte schon die Sprache selbst. Wovon er redet, vom (ob-
jektiven) Vorgang oder von der (subjektiven) Darstellung, darüber fühlt, wer von Ge-
schichte zu reden hat, in lästiger Unablässigkeit den Drang, sich und seinen Hörer zu
verständigen." Vgl. ähnlich Karl Heussi, Die Krisis des Historismus, Tübingen 1932,
41.
101 Bauer, ; „Geschichtlichkeit" (wie Anm. 46), 2.
102 Koselleck, Art. Geschichte, Historie. I. Einleitung (wie Anm. 13), 594. Vgl. ders.,
Verfügbarkeit (wie Anm. 13), 262 f.: „Der heutige Begriff der Geschichte mit seinen
zahlreichen Bedeutungshöfen, die sich logisch teilweise ausschließen, hat sich erst
gegen Ende des 18. Jahrhunderts herausgebildet Vgl. zu diesen Diskussionen
schon kritisch Seifert, Cognitio (wie Anm. 65), 14 f. Anm. 6, 193.
103 Vgl. Neriich, Theories (wie Anm. 10), 3 f., 44; dies., The Study of Meaning
Change from Reisig to Bréal, in: HSK 18,2 (wie Anm. 10), 1617 - 1628, hier 1618 f. Mit
den in diesen Studien diskutierten theoretischen Entwürfen ist das Gebiet sprach-
wissenschaftlicher Forschungspraxis jedoch nur mit Abstrichen zu vergleichen. Vgl.
dazu Manfred Kohrt, Die Wurzeln des Strukturalismus in der Sprachwissenschaft
des 19. Jahrhunderts, in: ebd., 1719-1735, hier 1721.
104 Vgl. Gerhard Heibig, Linguistische Theorien der Moderne (Germanistische
Lehrbuchsammlung, 19), Berlin 2002, 35.
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410 Jan Marco Sawilla
stantiven, wanderten. Auf diesem
dreifachen Entwicklungsgang: „1
tung (Geschichte als Erzählung), //
(die Geschichte > die Geschichten
»historischen' oder geschichtskun
hung" meinte bei Hennig jedoch
potentiale selbst entstanden wäre
Verknüpfung mit der lexikalischen
der Entwicklung eines „deutschen
schen"106. Der Wandel der Bedeu
matische Rolle. Als sich Heinz Ru
Nachkriegszeit auf die Suche nac
die gegenüber den romanischen A
gerade von Geschichte geführt hab
auf einen mittelalterlichen Traditio
derte überdauert habe. Dieser stellte ihnen den Nachweis in Aussicht, daß
sich „das Geschichtsdenken der Deutschen [ . . . ] von dem der Völker, die hi-
storia erhalten haben", unterscheide108. Nicht Bedeutungswandel, sondern
die späte Durchsetzung eines alten, vermeintlich nur das deutsche Lexem
auszeichnenden Bedeutungskerns sollte die nationale Eigenart der Ge-
schichtsreflexion - in diesem Fall - des 19. Jahrhunderts erklären helfen:
„Der Historismus des 19. Jahrhunderts ist hauptsächlich von den Deutschen
ausgebildet worden. Es ist offenkundig, daß ihm weitgehend entspricht,
was Geschichte aus dem Alt- und Mittelhochdeutschen mitbringt [...]." 109
Bei der Darstellung der frühneuzeitlichen Verwendungen von Geschich-
te{n) und historie(n) rekurrierte Koselleck nun einerseits auf das übergeord-
nete Verlaufsmodell Hennigs und verband es andererseits mit den speziel
leren Verlauf s Vorstellungen von Paul E. Geiger aus dem Jahr 1908. Anders
als Hennig, der aus einem in Ansätzen sprachvergleichenden Blickwinkel
sicher zu Recht festhalten konnte: „der Wechselbegriff Geschichte /Historie
als Grundbegriff der modernen Geschichtswissenschaft in der Doppelbe-
deutung von Geschehen und Darstellung [ist] den europäischen Kulturspra
chen gemeinsam"110, war Geiger von einer lange Zeit stabilen Zuordnung
der verfügbaren Inhalte zu unterschiedlichen Formen ausgegangen. Dem-
105 Hennig , Geschichte (wie Anm. 99), 511 f.
106 Ebd., 518.
107 Heinz Rupp /Oskar Köhler, Historia - Geschichte, in: Saeculum 2 (1951),
627-638, hier 637.
108 Ebd. Rupp und Köhler waren allenfalls zu konzedieren bereit: ,,[0]b Geschichte
in seiner Berührung und Auseinandersetzung mit historia auch die mit historia be-
dingte Denkform ganz in sich aufgesogen hat und sich damit völlig verwandelt hat,
wagen wir nicht zu entscheiden."
109 Ebd.
no Hennig, Geschichte (wie Anm. 99), 518.
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„Geschichte" : Ein Produkt der deutschen Aufklärung? 411
nach sei Geschichte(n) in der Frühen Neuzeit dort bevorzugt zur Anwen-
dung gekommen, „wo es sich um die Bezeichnung des »Geschehenen' han-
delte", während „Historia und die germanisierte Form Historie besonders
zum Ausdruck einer Darstellung des Geschehenen und der Wissenschaft
derselben verwendet" worden seien111. Mit dieser Zuordnung ist nun be-
stenfalls eine Tendenz beschrieben. Insbesondere die Auffassung, daß histo-
rie(n) nicht auch auf dem Gebiet des Ereignishaften hätte zur Anwendung
kommen können, ist in dieser Form nicht haltbar, zumal dann, wenn man
auf die frühneuzeitliche Handhabe der volkssprachlichen Ableitungen von
historia insgesamt blickt - wie histoire, history , storia oder auch auf das ad-
jektivische historisch. Für die bei Geiger virulente sprachpatriotische Ten-
denz hatte diese Differenzierung insofern ordnungsbildende Funktion, als
es ihm um den „Verlauf des Wettstreits zwischen der deutschen und der ent-
lehnten Bezeichnung"112 zu tun war, um die Skizze eines Ringes der ver-
schiedenen Lexeme um die verfügbaren Bedeutungspotentiale. Mit Ge-
schichtein) als Bezeichnung für „Ereignis" und „Begebenheit" assoziierte
sich ein gegenüber den romanischen Formen gleichsam originär deutscher
Form-Inhalt-Komplex. Koselleck schloß sich dem an, indem er bemerkte:
„Während , Historie' gegen ihre Einfärbung durch , Geschichte' vergleichs-
weise immun blieb, setzte sich die Gegenübertragung der Bedeutungen von
, Historie' auf , Geschichte' sehr viel schneller und gründlicher durch. [ . . . ]
Es war schließlich nicht der Ausdruck »Historie', sondern , Geschichte', der
beide Bedeutungsfelder ineinander blendete."113
Daß dem nicht so ist, hätte Koselleck anhand des von ihm selbst verwand-
ten empirischen Materials bemerken können. Namentlich die Wortbestim-
mungen bei Adelung von 1775 hielten für beide Lexeme deckungsgleiche,
triadisch aufgefächerte Verwendungszusammenhänge fest114. Es ist also
111 Geiger, „Geschichte" (wie Anm. 70), 5 f. Vgl. Koselleck , Art. Geschichte, Histo-
rie. V. Herausbildung (wie Anm. 13), 647: „Terminologiegeschichtlich entsteht der Be-
griff nach zwei langfristigen Vorgängen, die schließlich zusammentreffen und damit
einen Erfahrungsraum erschließen, wie er zuvor noch nicht formuliert werden konn-
te. Einmal handelt es sich um die Bildung des Kollektivsingulars, der die Summe von
Einzelgeschichten in einem gemeinsamen Begriff bündelt. Zum anderen handelt es
sich um die Kontamination von , Geschichte' als Ereignis(-zusammenhang) und von
»Historie' als Geschichtskunde, -erzählung und -Wissenschaft."
112 Geiger, „Geschichte" (wie Anm. 70), 5.
113 Koselleck, Art. Geschichte, Historie. V. Herausbildung (wie Anm. 13), 655. Vgl.
auch ders ., Historia Magistra Vitae (wie Anm. 13), 47 f.; ders., Die Geschichte (wie
Anm. 13), 14 f.
114 Vgl. ders., Art. Geschichte, Historie. V. Herausbildung (wie Anm. 13), 657. Ähn-
liches gilt für die von Koselleck konsultierten Wörterbücher des 16. und 17. Jahrhun-
derts. Vgl. ebd., 654 f., wo zu Recht zu bemerken war, daß historie als Bezeichnung
für „die Geschehnisse selber oder deren Ablauf auf der Ebene der Wörterbücher
durchgehend erhalten" geblieben sei. Dieser an sich unmißverständliche Befund wird
jedoch relativiert, da „in der historischen Literatur" die „auf den Sachzusammen-
hang selber zielende" Wortverwendung „äußerst selten geblieben" sei. Diese Ein-
schätzung scheint eher der überschaubaren empirischen Quellengrundlage für das
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412 Jan Marco Sawilla
spätere 17. und frühere 18. Jahrhun
ge zu charakterisieren. Einige der v
len diskutierten Belege wären gera
„Pufendorf war wohl der erste, der
lehrenden Geschichten eine Wissen
und nützlichste Wissenschaft. Diese
Geschichte' über [...]", so wird Samuel von Pufendorfs (1632-1694) erstmals 1682
erschienene „Einleitung zu der Historie der Vornehmsten Reiche und Staaten" zitiert.
Koselleck übernimmt hier (leider ohne Nachweis) Beleg wie Interpretation von
Rupp/ Köhler, Historia (wie Anm. 107), 636: „Die Erforschung des Geschehenen wird
immer mehr zur Wissenschaft [...]. Für Pufendorf (1689) ist so die Historie die anmu-
tigste und nützlichste Wissenschafft (Einl. Vorr.) [...]. Damit ist der Weg frei für den
letzten Schritt, den Geschichte zu gehen hat: es wird zum kollectiven Abstractum als
Wissenschaftsbegriff die Geschichte. Das Bedürfnis der Zeit, einen Namen für diese
,neue' Wissenschaft zu finden, hat dazu geführt." Rupp und Köhler dürften diese
Passage von Hennig, Geschichte (wie Anm. 99), 519, übernommen haben, dieser wie-
derum von Geiger, „Geschichte" (wie Anm. 70), 15. Nun kann diese Äußerung schon
in lexikalischer Hinsicht das Attribut des Neuartigen oder gar Erstmaligen nicht be-
anspruchen, da Pufendorf selbst schon merklich früher, 1665, von dem Gewinn ge-
sprochen hatte, den es bedeutete, eine genügsame wißenschaft von alter und neuer
historie zu erwerben: Pufendorf an Gabriel Gabrielsson Oxenstierna, Heidelberg, 11.
Juli 1665, in: Samuel Pufendorf, Gesammelte Werke, Bd. 1: Briefwechsel, hrsg. v. Det-
lef Döring, Berlin 1996, Nr. 25, 40 f., hier 40. In semantischer Hinsicht wiederum be-
zog sich Wissenschaft nicht auf den regelgeleiteten Bereich der Umgehensweise mit
historischem Wissen. Vielmehr hieß Wissenschaft, mit unmittelbaren Auswirkungen
auf die Bedeutung von historie, das Resultat des Wissenserwerbs. Auf eine bis weit
ins 18. Jahrhundert verbreitete Weise meinte es nichts anderes als „Kenntnis",
„Kenntnis" in dem Sinn, daß die Historie die anmuthigste und nützlichste Wissen-
schaft sey welche sonderlich Leuten von , Condition', und so in Staats-Bedienungen
gebrauchet werden , zu Gebote stünde, so Samuelis von Pufendorff Einleitung zu der
Historie der Vornehmsten Reiche und Staaten /so itziger Zeit in Europa sich befin-
den, Frankfurt a. M. 1682, Vorrede, fol. ir; eben eine Wissenschafft / wie sie denen /so
mit auswärtigen Staats=Sachen zu thun haben l am meisten nôthig sei, ebd., fol. iiijv.
Historie bezeichnete also auf die von Koselleck als unüblich erachtete Weise diejeni-
gen historischen Sachverhalte, über die der politische Nachwuchs - aus historiogra-
phischen Schriften wie Pufendorfs eigenem Werk - Kenntnisse zu erwerben hatte.
Vgl. zu der lange vorherrschenden Wortbedeutung von „Wissenschaft" als „Kennt-
nis" Wolf gang Walter Menzel, Vernakuläre Wissenschaft. Christian Wolffs Bedeutung
für die Herausbildung und Durchsetzung des Deutschen als Wissenschaftssprache
(Reihe Germanistische Linguistik, 166) Tübingen 1996, 87 f. Daß nicht auch Verwen-
dungen mit Bezug von historie auf den Komplex des Historiographischen in Ciceros
Sinn anzutreffen sind, ist damit nicht ausgeschlossen. Vgl. die an den schwedischen
Kronprinzen gerichtete Dedikationsepistel der dritten Ausgabe der „Einleitung":
Wie dann auch edle Gemüther nicht anders als eine Lust wohl zu thun und einen
Abscheu vor bösen Thaten bekommen können /wenn sie von Jugend auf vernehmen/
wie tugendhaffter Regenten rühmliche Thaten vermittelst der Historie im ewigen An -
dencken der Nachwelt blühen. Samuelis von Pufendorff Continuirte Einleitung zu
der Historie der vornehmsten Reiche und Staaten von Europa [...]. Zum dritten mal
gedruckt und mit einem Anhang vermehret, Frankfurt a. M. 1693, Dedikationsepistel,
fol. 4v - 5r. Pufendorfs Wort- und Begriffsverwendung entspricht damit, um allein im
Deutschsprachigen zu verbleiben, in semantischer Hinsicht derjenigen, die in ähnli-
chem, fürstenspiegelhaftem Kontext in Lauterbecks „Regentenbuch" mehr als ein-
hundert Jahre zuvor angetroffen werden kann. Auch hier wurde etwa die Einschät-
zung geäußert, das nichts auff Erden nůtzlichers / den jenige[n] so mit der zeit den
gemeinen nutz regieren sollen / eingebildet / vnd vorgelegt werden kan /dann die Wis-
senschaft der Historien / dieweil dieselben [...] mass und unterrichtung geben /wie
man sich in die Regierung schicken /und darin verhalten sol [...]. Lauterbeck, Re-
gentenbuch (wie Anm. 76), Vorrede zu dem Leser, fol. B[i]. Es wäre wenig aussichts-
reich, wollte man den Nachweis führen, daß diese Wissenschaft der Historien wesent-
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„ Geschichte " : Ein Produkt der deutschen Aufklärung? 413
nicht ausgemacht, welches Bedeutungspotential von Geschichte hätte arti-
kuliert, oder, in Kosellecks Worten, von diesem Lexem hätte „aufgesaugt"115
werden können, das nicht zuvor oder zeitgleich auch mit den Folgeformen
von historia assoziierbar gewesen wäre. Ob beabsichtigt oder nicht: der Ge-
schichtsartikel führte damit streckenweise die empirisch kaum begründ-
bare Erzählung vom Triumph eines deutschen Lexems über das etymologi-
sche Fremdwort historie fort, der sich um einen essentiell deutschen Bedeu-
tungskern herum entfaltet habe116.
Als Produkt der solcherart verstandenen Übertragungsprozesse trat in
der Lesart der Autoren des Geschichtsartikels das als dezidiert neuartig
präsentierte Bedeutungskonglomerat Geschichte in einen dann in der Tat
neuartigen Interpretationszusammenhang ein. Sein polysemantisches Po-
tential wurde nicht länger als Hemmnis eines reibungslosen Kommunikati-
onsablaufs empfunden, sondern als jenes Moment diskutiert, mit dem die
abstrakte Rede über Geschichte überhaupt erst ermöglicht wurde. Das er-
kenntnisleitende Telos, die grundsätzlich nicht zu bestreitende - und hier
auch nicht näher zu besprechende - Tatsache, daß sich Aspekte von Aufklä-
rungshistorie und Idealismus mit der Entwicklung der Geschichtsreflexion
des 19. Jahrhunderts in Beziehung setzen lassen können117, wurde direkt,
fast kausal, an das Lexem Geschichte gebunden: „[...] es ist sprach-
geschichtlich ein und dasselbe Ereignis, daß sich die Geschichte in dem uns
geläufigen Sinn herausbildete und eben darauf bezogen eine Philosophie
der Geschichte entstand"118. Das damit assoziierbare Bedeutungspotential
von Geschichte als „ eigentätige [m] Agens"119 emergierte zum Repräsentan-
lich anderes bedeutete als Pufendorfs Insistenz auf der wißenschaft von alter und
neuer historie.
115 Koselleck, Art. Geschichte, Historie, V. Herausbildung (wie Anm. 13), 653;
jüngst ders., Die Geschichte (wie Anm. 13), 14 f.
116 Vgl. entsprechend noch Gunter Scholtz, Art. Geschichte, Historie. III. Der G[e-
schichts] -Begriff vom Humanismus bis zur Aufklärung, in: Historisches Wörterbuch
der Philosophie, hrsg. v. Joachim Ritter, Bd. 3, Basel / Stuttgart 1974, Sp. 352-361,
hier Sp. 359: „Die Bezeichnung ,H[istori]e[n]', die primär den Bericht meinte, tritt
zurück zugunsten des Wortes ,G[eschichte]', das kraft seiner etymologischen Her-
kunft geeignet ist, den Geschehenszusammenhang selbst und den Bewegungscharak-
ter des Dargestellten zu akzentuieren." Vgl. auch unten Anm. 150.
117 Vgl. zu dieser die deutsche Historiographiegeschichtsschreibung der letzten
dreißig Jahre prägenden Fragestellung Irmline Veit-Brause , Eine Disziplin rekonstru-
iert ihre Geschichte. Geschichte der Geschichtswissenschaft in den 90er Jahren (I), in:
NPL43 (1998), 36-66; (II), in: NPL46 (2001), 67-79; Stefan Jordan, Geschichtstheorie
in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Schwellenzeit zwischen Pragmatismus
und Klassischem Historismus, Frankfurt a. M. / New York 1999, bes. 34-48.
ns Koselleck, Historia Magistra Vitae (wie Anm. 13), 56, sowie, in Umkehrung des
Zirkels, ders., Art. Geschichte, Historie, V. Herausbildung (wie Anm. 13), 658: „Wie
sehr die neue Wirklichkeit der »Geschichte überhaupt' erst durch die Reflexion auf
ihren Begriff gebracht worden war, zeigt die parallele Wortbildung »Geschichtsphi-
losophie'. Die Freilegung der , Geschichte überhaupt' fiel zusammen mit der Entste-
hung der Geschichtsphilosophie."
119 Ebd., 653. Vgl. auch ebd., 649.
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414 Jan Marco Sawilla
ten eines fortan, fast schlagartig,
schwisterten Moments semantischer Hegemonie (Hyponomie): „Die Ge-
schichte im kollektiven Singular setzte die Bedingung möglicher Einzel-
geschichten. Alle Einzelgeschichten standen seitdem in einem komplexen
Zusammenhang, der eine nur ihm eigentümliche, selbständige Wirkungs-
weise hat"120, sowie: „Die narrative oder exemplarische Verwendung des
Wortes, die bisher vorwaltete und sich auf einzelne Geschichten bezog, ver-
blaßte."121 Das alte Problem der vermeintlichen Inkompatibilität der Be-
deutungspotentiale wurde also dadurch gelöst, daß sie in eine chronologisch
gewachsene, hierarchisch gegliederte und Mitte des 18. Jahrhunderts sub-
stantiell erneuerte Konstruktion überführt wurden. Koselleck war freilich
nicht der erste, der Phänomenen der Mehrdeutigkeit große Aussagekraft
beimaß.
V. Polysemie (b): Begriffsgeschichtliche Theorie
und empirische Praxis
In seinem erstmals 1929 publizierten Werk „Ideologie und Utopie" hatte
schon Karl Mannheim der Frage der Polysemie zentralen Erkenntniswert
für wissenssoziologische Fragestellungen zugewiesen: „Es vibrieren in jeder
Wortbedeutung und gerade in der jeweils aktuellen Vieldeutigkeit eines je-
den Begriffs die Polaritäten der in diesen Bedeutungsnuancen implizit vor-
ausgesetzten und auch hier sich bekämpfenden feindlichen, aber gleichzei-
tig vorhandenen Lebenssysteme. [ . . . ] Das Wort, die Bedeutung ist das wah-
re Kollektivum, die kleinste Wandlung im Gedankensystem ist erfaßbar im
einzelnen Wort und in den in ihm schillernden Sinndifferenzen. Das Wort
verbindet mit der ganzen Vergangenheit und widerspiegelt die gesamte
Gleichzeitigkeit."122 Die hier formulierte Vorstellung einer „gesamten
Gleichzeitigkeit" kann aus heutiger, sprachpragmatisch bestimmter Sicht
nichts anderes als ein theoretisches Ideal bezeichnen, das Produkt einer ver-
schiedene Äußerungen summierenden und gegenüberstellenden Zugriffs-
weise. Es ist nicht als Regelfall anzunehmen, daß je einzelne Sprechakte da-
zu tendieren würden, diese „ganze Vergangenheit" und „gesamte Gleichzei-
tigkeit" - zumal sich „bekämpfender" Bedeutungspotentiale - zu artikulie-
ren und in diesem Sinn auch analysierbar zu machen. In der „Einleitung"
zu den „Geschichtlichen Grundbegriffen" hat Koselleck ein analoges Mo-
dell beschrieben. Im Vergleich mit Mannheims Ausführungen wird die Un-
terscheidung von „Wort" und „Begriff" eingeführt, Polysemie als Schlüs-
selphänomen begriffsgeschichtlicher Arbeit konzipiert. Die zentrale Passa-
ge ist bekannt und viel diskutiert: Demnach seien „Worte und Begriffe [ . . . ]
120 Ebd., 652.
121 Ebd., 648, und jüngst ders., Innovationen (wie Anm. 13), 18 f.
122 Mannheim, Ideologie (wie Anm. 10), 75.
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„ Geschichte" : Ein Produkt der deutschen Aufklärung? 415
immer mehrdeutig, was ihre geschichtliche Qualität ausmacht, aber sie sind
es auf verschiedene Weise. Die Bedeutung eines Wortes verweist immer auf
das Bedeutete, sei es ein Gedanke, sei es eine Sache. Dabei haftet die Bedeu-
tung zwar am Wort, aber sie speist sich ebenso aus dem gedanklich inten-
dierten Inhalt, aus dem gesprochenen oder geschriebenen Kontext, aus der
gesellschaftlichen Situation. Ein Wort kann eindeutig werden, weil es mehr-
deutig ist. Ein Begriff dagegen muß vieldeutig bleiben, um Begriff sein zu
können. Der Begriff haftet zwar am Wort, ist aber zugleich mehr als das
Wort. Ein Wort wird - in unserer Methode - zum Begriff, wenn die Fülle
eines politisch-sozialen Beziehungszusammenhangs, in dem - und für den -
ein Wort gebraucht wird, insgesamt in das eine Wort eingeht."123
Es griffe also einen Schritt zu kurz, mit Gadi Algazi anzunehmen, daß
Mehrdeutigkeiten in den „Geschichtlichen Grundbegriffen" erst der moder-
nen und damit in ihrer vorausgesetzten Komplexität markierten Gesell-
schaft konzediert würden124. Die Sache verhält sich ein wenig anders. Bei
grundsätzlich beiderseits vorausgesetzter Vieldeutigkeit von „Wort" und
„Begriff", die sich an der Linie zwischen „Bedeutungsmöglichkeiten"
(„Wort") und „Bedeutungsfülle" („Begriff") scheiden soll125, heißt „Wort"
in diesem Verständnis etwas, bei dem aus dem mehrteiligen Bedeutungs-
spektrum, das sich mit einer lexikalischen Einheit verbinden läßt, einzelne,
klar unterscheidbare Elemente relational zum jeweiligen Kontext aktuali-
siert werden. Das „Wort" würde demnach ähnlich wie Homonymie funktio-
nieren, beispielsweise wie „Prozeß" im Sinn von „Gerichtsverhandlung" ei-
nerseits oder im Sinn von „Ablauf", „Verlauf" andererseits. Gegenüber dem
so verstandenen „Wort" erhält der „Begriff" seine entscheidende Kontur
nicht durch eine stabile zeichentheoretische Abgrenzung. Er charakterisiert
sich vielmehr durch ein „Mehr". Er ist „mehr als das Wort", wie Koselleck
sagt, und bereitet damit die Bahn für die Möglichkeit der Vorstellung dia-
chroner und sich historisch graduell vollziehender Übergänge: vom „Wort"
zum „Begriff"126. Wie Hans Erich Bödeker vor kurzem zu Recht bemerken
123 Koselleck, Einleitung (wie Anm. 13), XXII. Diese Charakterisierung hat bis
heute Bestand. Vgl. ausführlicher ders., Begriffsgeschichte und Sozialgeschichte
[1972], in: ders., Vergangene Zukunft (wie Anm. 13), 107-129, hier 118 ff., sowie
ders., A Response to Comments on the „Geschichtliche Grundbegriffe", in: Meaning
(wie Anm. 4), 59-70, hier 64 f.; ders., Innovationen (wie Anm. 13), 21, 25 f., und dazu
insbesondere Hans-Ulrich Gumbrecht, Für eine phänomenologische Fundierung der
sozialhistorischen Begriffsgeschichte, in: Historische Semantik (wie Anm. 3), 75-101,
bes. 83 ff.; Richter, Rekonstruktion (wie Anm. 3), 157 ff.; Reichardt, „Historische Se-
mantik" (wie Anm. 3), 12 f.; aus sprachwissenschaftlicher Sicht Jochen A. Bär, Lexi-
kographie und Begriffsgeschichte. Probleme, Paradigmen, Perspektiven, in: Wörter-
bücher in der Diskussion. Vorträge aus dem Heidelberger Lexikographischen Kollo-
quium, hrsg. v. Herbert Ernst Wiegand (Lexicographica. Series Maior, 100), Tübingen
2000, 29 -84, hier 29 f.
124 vgl. Algazi, Herrengewalt (wie Anm. 11), 25 ff.
125 Koselleck, Einleitung (wie Anm. 13), XXII f.
126 „Wort" und „Begriff" definieren sich also nur relational zueinander. Daraus
folgt, daß ein Lexem wie Geschichte seit dem 18. Jahrhundert technisch nicht mehr
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416 Jan Marco Sawilla
konnte, liegt der entscheidende
darin, daß dem „Begriff" das Pote
gung abgesprochen wird. Er entzi
lyse, die als immer zu kurz greifen
duen einzelner Sprachhandlungen
schillerndes, intentional kaum me
Dem Einwand, daß „die Begriff
onymie nicht in ihre Überlegunge
Okkurrenz eines sprachlichen Au
verwechselt würde128, ist mit diese
Ebene, der Boden entzogen. Es ist e
lität, die über Homonymie im eng
der, sofern der Status des „Begrif
das getrennte Auftreten von tec
oder politisch geschärften Konzepte
deutet werden, nicht mehr von wen
unterschieden werden kann. Dies
rungsniveau der vorgebrachten V
suchten Eall des Geschichtsbegrif
Denotationen von Geschichte in d
den genannten Beispielen Wegelin
ihrer Wirkung suspendiert, so doch
Position gerückt wären. Im Rahm
meidlich en bloc aktualisierten B
le") würden sie nur eine unter vi
tieren, mithin zugunsten anderer
kungszusammenhang - in den Ran
Die Existenz solcher Phänomene
mag sie, mit einem Klassiker der
die Nähe der Unterscheidbarkeit v
Sprachgebrauch rücken, in die Nä
klang" zu greifen suchte, der ih
Schlagwörtern und über das Deno
als „Wort" bezeichnet werden kann.
deskriptiver Ebene. Vgl. Bär, Lexikogr
127 vgl. Koselleck , Einleitung (wie A
muß aber vieldeutig sein. Er bündelt d
Summe von theoretischen und prakt
der als solcher nur durch den Begriff
spitzt formuliert: Wortbedeutungen k
den, Begriffe können nur interpretier
geschichte (wie Anm. 3), 88.
128 Winfried Schröder, Was heißt „Ge
Interdisziplinarität (wie Anm. 3), 159-
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„ Geschichte" : Ein Produkt der deutschen Aufklärung? 417
ven Werten" von besonderer Brisanz zu sein schien129. Sprachwissenschaft-
lich verstärkt seit den 1980er Jahren untersucht, stellen sie dort einen wich-
tigen Bestandteil der nominalsemantischen Analyse dar, wo politische
Phraseologien untersucht wurden und werden130. Was jedoch der Prüfung
bedarf, sind die mit dem Modell assoziierten Haltungen. In der gegenwärti-
gen Debatte, die sich auf nicht nur fruchtbare Weise um die Relevanz oder
Irrelevanz von Texten und Kontexten dreht, bietet dieses Modell den theo-
retischen Rückhalt dafür, daß die detaillierte Fallanalyse spätestens im drit-
ten Satz als für die eigentliche Untersuchung von „Begriffen" nicht ausrei-
chend diskutiert wird131. In der Interpretationspraxis des Geschichtsarti-
kels zeigen sich die Folgen einer solchen Haltung, da dort schon die Analyse
des Denotats in vielen Fällen zugunsten der eher assoziativen Zuschreibung
jenes anderen, als vorherrschend angenommenen Bedeutungspotentials un-
terlassen wurde. Die These von der „Entdeckung der , Geschichte' " als Re-
sultat und „Signatur der aufbrechenden bürgerlichen Welt"132 wird weni-
ger analytisch hergeleitet, sondern auktorial in die Mitte des 18. Jahrhun-
derts verpflanzt. Jenseits der bereits erörterten Autoren tritt dies vor allem
in jenen Passagen zu Tage, die die Emergenz des bedeutungslastigen „Kol-
lektivsingulars Geschichte" illustrieren sollten.
In technischeren Zusammenhängen im Deutschen vermeintlich nicht vor
den 1750er Jahren anzutreffen, so Horst Günther133, wird eher en passant
als historischer Erstnachweis eine Passage aus einem Gedicht des Schwei-
zer Universalgelehrten Albrecht von Haller (1708-1777) beigebracht: „In
Deutschland tritt der Kollektivsingular , Geschichte' zunächst im theologi-
schen Kontext der Rechtfertigung des Übels auf"134, belegt mit einem Vers
129 Vgl. Stephen Ullmann , Semantik. Eine Einführung in die Bedeutungslehre.
Deutsche Fassung von Susanne Koopmann (Conditio humana), Reutlingen 1973 [engl.
1962], 161 f., 166-170.
130 Vgl. in jüngerer Zeit die Beiträge in Oswald Panagi (Hrsg.), Fahnenwörter der
Politik. Kontinuitäten und Brüche, Wien /Köln /Graz 1998; ders.l Horst Stürmer
(Hrsg.), Politische Konzepte und verbale Strategien (spräche und kontext, 12), Frank-
furt a. M./ Berlin /Bern [u. a.] 2002.
131 Vgl. Koselleck, Innovationen (wie Anm. 13), 7 f.: ,,[D]ie politisch-soziale Se-
mantik ist ohne Sprechergruppen und Sprecherinteressen nicht erklärbar, aber sie
läßt sich nicht zur Gänze aus den aktuellen und jeweiligen Sprecherkonstellationen
ableiten. Sprachwandel und Begriffswandel initiieren zugleich mehr und anderes, als
die Sprecher selber unmittelbar wahrnehmen und wahrhaben können. Sie bedienen
sich der Sprache ja oft sehr naiv und spontan, und Sprecher sind nicht immer reflek-
tierte Definitionskünstler." Hinsichtlich der im Geschichtsartikel zitierten Autoren -
Bodin, Bacon, Leibniz, Mohrhof, Chladenius, Gatterer, Kant, Schiller, Goethe, Schlö-
zer, Schelling, Herder, Novalis, A. Schlegel, F. Schlegel, Humboldt, Hegel, Marx, En-
gels, Droysen, um nur einige zu nennen - wird man heuristisch jedoch kaum davon
ausgehen können, auf eine solcherart zu charakterisierende Verwendungsweise von
Sprache zu stoßen.
1S2 Ders., Art. Geschichte, Historie. VI. Leitbegriff (wie Anm. 13), 713.
133 Vgl. Günther, ; Art. Geschichte, Historie. IV. Historisches Denken in der frühen
Neuzeit (wie Anm. 49), 641.
1S4 Ebd., 640 mit Anm. 219.
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418 Jan Marco Sawilla
aus Hallers „Über den Ursprun
(1734) und dritten (1743) Ausgab
ten" eine Modifikation erfahren
der Geschichte! II Wer machte GOttes Zweck und unser Glück zu nichte?
Neun Jahre zuvor hatte sich dies noch wie folgt gelesen: O Wahrheit! sage
selbst du Zeugin der Geschichten! II Wer konnte GOttes Zweck und unser
Glück zernichten ? // Welch ' Feind hat wider Gott die Geister aufge-
bracht?! Und uns dem Laster hold, uns selber Feind gemacht?135 Wie ist
diese Modifikation zu deuten? Das Lexem Geschichte taucht in Hallers poe-
tischem Werk insgesamt an nur zwei weiteren Stellen auf136, in „Der Mann
nach der Welt" (1734): Und einsten wird die Welt in den Geschichten lesen
II Wie nach dem Sitten=Fall des Staates Fall gewesen" 131 sowie in der „Se-
renate an Georg den II." (1748): „Befiehl Deinen Held den Geschichten! II
Befiehl ihn lebhaftem Gedichten , II daß Sein Nachruhm die Enkel noch
rührt: II Sing zu der Homerschen Trompete [ . . . ]138. Angesichts der für Hal-
ler unproblematischen Verwendung des Plurals, der auch in späteren Aus-
gaben beibehalten wurde, ist es wenig wahrscheinlich, daß die Modifikation
in „Über den Ursprung des Übels" von dem Lexem Geschichten - also von
einer Art Unbehagen mit einer außer Gebrauch gekommenen Form - ihren
Ausgang nahm. Demgegenüber ist anzunehmen, daß Hallers Eingriff poeto-
logisch motiviert gewesen und von dem Infinitiv zernichten ausgegangen ist.
In Angleichung des Endreims an das neue machte [...] zu nichte wurde aus
Geschichten Geschichte. Die Folge dieser Operation ist nicht als essentielle
Bedeutungsentgrenzung oder Bedeutungsverschiebung auf die „Geschichte
schlechthin" zu werten. Dies würde keine sinnvolle Lesart ermöglichen.
Weshalb sollte die „Wahrheit" als Bürgin für die Totalität des Vergangenen
angerufen werden? Wie in „Der Mann nach der Welt" und in der „Serenate
an Georg den II." bezieht sich Geschichten auf die Aufzeichnung vergange-
nen Geschehens. In „Über den Ursprung des Übels" liegt damit eine ein-
fache Numerusreduktion vor, die durch das thematische und kontextuelle
Umfeld ohnehin recht unzweideutig vorgegeben ist. Geschichte(n) steht für
den narrativen Komplex der biblischen Geschichtein) von Schöpfung und
Sündenfall, für deren Verbürgung die „Wahrheit" als Zeugin angerufen
wird.
135 Albrecht von Haller, Versuch Von Schweizerischen Gedichten. Zweyte, ver-
mehrte und veränderte Auflage, Bern 1734, 115-134. hier 127, und ders., Versuch
Schweizerischer Gedichte. Dritte, vermehrte und veränderte Auflage, Danzig 1743,
Nr. XII, 94-116, hier 108. Günther bezeichnet diese Modifikation versehentlich als
ein Produkt erst der vierten Auflage (1748).
136 Vgl. Karl Zagajewski, Albrecht von Hallers Dichtersprache (Quellen und For-
schungen zur Sprach- und Culturgeschichte der germanischen Völker, 105), Straß-
burg 1909, 156.
137 Haller, Gedichte, 2. Aufl. (wie Anm. 135), Neue Stüke, Nr. II, 95-100, hier 100.
i38 Ders., Versuch Schweizerischer Gedichte. Vierte, vermehrte und veränderte
Auflage, Göttingen 1748, Nr. XXVII, 218-222, hier 221 f.
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„Geschichte" : Ein Produkt der deutschen Aufklärung? 419
Sofern mit dem „Kollektivsingular Geschichte" die „Einheit von Ge-
schichte und ihrer Überlieferung"139 in einem absoluten Sinn gemeint ist,
scheint Hallers „Geschichte" wohl kein „Kollektivsingular" zu sein. Anders
verhält es sich mit früheren Beispielen, die im Geschichtsartikel keine Auf-
nahme gefunden haben, so etwa mit Christian Wernickes (1661-1725),
schon im „Deutschen Wörterbuch" der Brüder Grimm aufgelisteter Eloge
„Auf Cesar und seine Zeit-Bücher" aus dem Jahr 1704: So groß! daß er al-
lein ein unvergleichlich Paar II Als Schreiber der Geschieht 9 und als Ge-
schichte II war 140. Das homonymische Moment von Geschichte als Bezeich-
nung für die Darstellung des Vergangenen einerseits sowie des in der Ver-
gangenheit Vorgefallenen andererseits ist hier nicht nur gegeben, sondern
auch Gegenstand bewußter Reflexion141.
Das Studium des Geschichtsartikels und seiner Lesarten ist an dieser
Stelle abzubrechen. Der Knoten zwischen Ideen- und Wortgeschichte m
gelöst werden. Die Annahmen, daß qua polysemantischem Potential ge
schichtsphilosophisches Denken oder politisierbare Handhabe einschl
ger Lexeme ermöglicht worden sei, daß die Etablierung der Form Gesch
te mit Spezifika des bürgerlichen Zeitalters verknüpft werden könne,
den zwar bis heute mit großem Nachdruck vorgebracht. Auf vielerlei
sprachtheoretischen, analytischen und empirischen Voraussetzungen beru-
hend, sollten sie jedoch erneut zur Diskussion gestellt werden. Im folgenden
wird es darum gehen, Möglichkeiten für eine Réévaluation des Felds auf-
zuzeigen. Ein erster Schritt auf diesem Weg besteht darin, den in seiner
Aussagekraft deutlich überschätzten Zusammenhang von pluralen und sin-
gularen Formen in neu zu bestimmende Bahnen zu lenken.
VI. Jenseits der Singularisierung:
Numeralität und Transnumeralität
An der heute bestimmenden diachronen Ausschlußrelation „vom Plural
zum Singular" sind zwei Korrekturen anzubringen, soll die interpretative
Überlastung dieser formalen, grundsätzlich zu jeder Zeit existierenden Dif-
ferenz vermieden werden. Dies meint erstens, daß mit Blick auf die Lage
des Frühneuhochdeutschen in den Territorien des Reichs zwischen dem 16.
und 18. Jahrhundert weniger von der ausschließlichen Vorherrschaft e
bestimmten Form auszugehen ist, als vielmehr von der Beweglichkeit d
139 Günther, Art. Geschichte, Historie. IV. Historisches Denken in der frühen Neu
zeit (wie Anm. 49), 641.
140 [Christian Wernicke ], Poetischer Versuch /In einem Helden-Gedicht Und etli-
chen Schaeff er- Gedichten [...], Hamburg 1704, Der Uberschriffte Achtes Buch,
[Nr. 27], 278. Vgl. Art. Geschichte, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm
Grimm (wie Anm. 46), Bd. 5, Sp. 3864.
141 Zum Vergleich die Nachweise unten Anm. 154.
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420 Jan Marco Sawilla
zeitgenössischen Sprachgefüges, v
halb dessen plurale Formen mit
gewesen sein dürften als dies s
Verwendungsweisen implizierte
als Geschichte oder Historie „vo
piell denkbare und prinzipiell a
phischen, historien, und /oder
ten , referieren: Nach dem aber d
sen /treflich en vnd schedlichen
mancherley l vnd nicht jeder m
fleis zu erforschen vnd zu betrac
klerer möge erkandt vnd gesehen
nen Geschichten / welche sich zu
erfordern / daß wir vns solcher
Dieweill wir dieselben darin gle
k&nnen /Wie denn solche Geschie
re / erfahrne / vnd hochgelerte
verfasset / vnd bis auff diese zeit
Geschichten und /oder histori
nicht von vornherein als Indivi
Wie in dieser Passage Lauterbe
großzügig gefaßte Entitäten, au
hen144. Sie konnten in allgeme
keit menschlicher Dinge, die fl
schen selbst, nebst der immerwär
Wechsels, dem alles auf dem Erdb
[ . . . ] lebhaft in den Geschichten
ten sie, wie in den schon thema
aber nicht durchwegs - als Eige
in einem Sinn, daß die Zeitrech
bung, den Geschichten so unent
sung, daß die Historien nicht zule
142 Lauterbeck, Regentenbuch (wie
frühneuzeitlicher Substantivflexion
deutschen seit dem 17. Jahrhundert, in: HSK 2,2 (wie Anm. 58), 1810-1818, hier
1811 f.
!43 Vgl. grundsätzlich Petra Maria Vogel, Wortarten und Wortartenwechsel. Zu
Konversion und verwandten Erscheinungen im Deutschen und in anderen Sprachen
(Studia linguistica Germanica, 39), Berlin /New York 1996, 113 ff.
144 Vgl. ebd., 116 f.
145 Siegmund Jacob Baumgarten , Über die eigentliche Beschaffenheit und Nutz-
barkeit der Historie [1744], in: Theoretiker der deutschen Aufklärungshistorie, hrsg.
v. Horst Walter Blanke /Dirk Fleischer, Bd. 1: Die theoretische Begründung der Ge-
schichte als Fachwissenschaft (Fundamenta histórica. Texte und Forschungen, 1,1),
Stuttgart-Bad Cannstatt 1990, Nr. 4, 174-205, hier 194.
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„ Geschichte" : Ein Produkt der deutschen Aufklärung? 42 1
dition und Geschicklichkeit repräsentierten147. Die Bezeichnung der Fertig-
keit und die Bezeichnung ihres Geltungsbereichs flössen bisweilen inein-
ander: Endlich entdecken die Geschichte manche Obliegenheiten , die wir
andern Menschen , selbst längst verstorbenen, schuldig sind ; ohne dis Hülfs-
mittel aber weder so gute Gelegenheit, noch so starke Reizung zu denselben
haben würden1*8. Ebenso verwischte sich gelegentlich die Trennung von Hi-
storiographie und dem, was sie wiedergab: Über diß muß ein rechtschaffener
Theologus auch in der Kirchen Historien erfahren seyn und wissen /was in
derselben von Anfang biß hieher vorgangen1*9. Diese Konstruktionen indi-
zieren ein polysemantisches Potential von Geschichten und historien. Sie
dürften von der lateinischen Struktur der res gestae, der Geschichten und
historien als den „Begebenheiten", ihren Ausgang genommen haben und
finden sich in dieser Bedeutung noch im gesamten 18. Jahrhundert150.
146 Ebd., 179. Es ist mit einem Feld von Synonymen zu rechnen, deren Bedeutung
im Einzelfall zu prüfen ist. Der Numerus stellt hierfür kein hilfreiches Unterschei-
dungskriterium bereit. Geschichten in diesem geschichtskundlichen Sinn war bei
Baumgarten synonym mit Geschichte im Singular, etwa als Nutzbarkeit der Ge-
schichte , ebd., 188, als Nutzen der Geschichte, ebd., 194, sowie mit dem - in dieser
Verwendung allein im Singular auftauchenden - historie, so in der Akzentuierung
des Nutzens der Historie, oder der Frage nach Beschaffenheit und Nutzbarkeit der
Historie, ebd., 174.
147 [Levin Ernst Buno ], Vor-Rede des Autoris, in: Johannes Buno, Historische Bil-
der (wie Anm. 79), unpaginiert. Vgl auch ebd.: Die Zeit! so im gleichen in den Histo-
rien nothwendig in acht zunehmen / ist ziemlich lang . Denn von Anfang der Welt biß
hierher über die sechsthalb tausend Jahre gezehlet werden. Und muß man offt nicht
nur das Seculum, sondern auch die Jahre ; ja vielmahl Monaten / Tage / auch wol Stun-
den observiren.
148 Baumgarten, Beschaffenheit (wie Anm. 145), 195.
149 [Levin Ernst Buno], Vor-Rede (wie Anm. 79).
150 Vgl. [Lenglet-Dufresnoy], Anweisung, translat. Mencke (wie Anm. 66), wo Ge-
schichten (u. a.) regelhaft die Ausdrücke: faits, affaires, événements übertrug. Vgl.
ebd., 3: [. . .] muß der Ursprung und der Erfolg der Geschichte, welche beschrieben
werden, wohl geprâfet [...] werden [...], und [Lenglet-Dufresnoy], Methode (wie
Anm. 66), 3: [ . . . ] rechercher avec soin l'origine & le succès des affaires, que les Histo-
riens rapportent [...]. Vgl. gehäuft ebd., 412, und ders., Anweisung, translat. Mencke
(wie Anm. 66), 339: Die Regles pour le discernement des faits historiques wurden mit:
Regeln, wie man die historischen Geschichte unterscheiden soll , übersetzt. Die mit
Bezug auf die Figur des Historiographen diskutierten: faits qu'il cite, wurden: die Ge-
schichte, so er [...] anführet; die Bemerkung: Les evenemens n'ayant pas une vérité
necessaire, mais contingente [...], übersetzte Mencke mit: Historien und Begebenhei-
ten geschehen ja nicht allezeit aus einer unumgänglichen Nothwendigkeit [...]. Die-
ses letzte Beispiel belegt erneut die Fragwürdigkeit, historie{n ) und Geschichte(n)
etymologisch begründete und pragmatisch durchgehaltene Bedeutungsdifferenzen
zuweisen zu wollen. Vgl. etwa auch [ Saint-Réal ], Usage (wie Anm. 31), 7, dessen Be-
merkung der [ . . . ] faits de l'Histoire qu'on rapporte par memoire, von seinem ersten
Übersetzer, Johannes Baptista Croph (f 1722), wortwörtlich mit: Geschichten der Hi-
storie/so man aus der Gedächtnuß daher sagt, übertragen wurde; ders., Sack=Spie-
gel, translat. Croph (wie Anm. 33), 41. Mit Geschichten sind auch in diesem Fall die
res gestae, „Begebenheiten" bedeutet; Historie heißt - als der sie bündelnde „Kollek-
tivsingular" - der Inbegriff des Vorgefallenen. Der Bezug auf das Geschehene zeigt
sich deutlich daran, daß auch das schlichtere faits historiques bisweilen mit dieser
Formel, Geschichten der Historie, wiedergegeben wurde. Ebd., 42, und [ Saint-Réal ],
Usage (wie Anm. 31), 6. Vgl. zu Geschichten als den res gestae noch Novalis, Heinrich
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422 Jan Marco Sawilla
Historien und / oder Geschichten fallen in diesen Fällen als Massennomi-
na in die Klasse der Kollektiva und in den Bereich des Transnumeralischen,
in dem nur noch „in sehr generalisierter, entindividualisierter Form" auf
„konkrete Personen oder Dinge"151 Bezug genommen wird. Auch wenn das
Pluralmorphem „-e(n)" heute mehr an die Vorstellung einer teilbaren - und
folglich zählbaren - als an eine unteilbare Ganzheitlichkeit denken lassen
mag, so handelt es sich um ein zunächst formalsprachlich zu eruierendes
Merkmal des Frühneuhochdeutschen, das semantisch eo ipso keinerlei Aus-
kunft über einen möglichen Unterschied zur Handhabe transnumeraler
Kollektiva im Singular gibt152. Daß diese Lexeme nicht auch als einfache
Individuativa Verwendung finden konnten, ist damit nicht ausgeschlossen.
Ostentativ hervorgekehrte Quanten wie in Peter Laurembergs (1585-1639)
„Acerra Philologica. Das ist: Zwey hundert außerlesene, nützliche, lustige
vnd denckwfirdige Historien und Discursen, Zusammen gebracht auß den
berůhmsten Griechischen vnd Lateinischen Scribenten" (1633) koexistier-
ten schlicht mit abstrahierenden und transnumeralen Verwendungen wie
den eben zitierten.
Diese Differenzierungen zwischen einzelnen Wortarten, die sich gerade
nicht an der Grenze von Plural und Singular fixieren lassen, mögen bei
sorgfältiger Prüfung einen Ausgangspunkt dafür bieten, das Spektrum von
Graden „abnehmender Individuierung" oder „zunehmender Typisie-
rung"153, das sich hinter dem jeweiligen Wortgebrauch verbirgt, genauer zu
analysieren. Bei gegenwärtiger Forschungslage bliebe in jedem Fall, zwei-
tens, eine der komplizierten Sachlage kaum adäquate Perspektive zu umge-
hen, die qua Verweis auf die plurale Form der vormodernen Gesellschaft die
Fähigkeit zur abstrahierenden Rede über Geschichte abzusprechen tendiert.
Koselleck hat in all diesen Lexemen nichts anderes als „Count-Nouns" er-
blickt. Kontextunabhängig gelten sie ihm als Träger einer „additiven, plu-
ralen Bedeutung"154, die auf singuläre Begebenheiten beschränkte, definite
von Ofterdingen. Ein nachgelassener Roman. Zwei Theile [1802], in: ders., Werke, Ta-
gebücher und Briefe, Bd. 1: Das dichterische Werk, Tagebücher und Briefe, hrsg. v.
Richard Samuel, Darmstadt 1978, 237-413, hier 294, mit den Versen: Die mächtigen
Geschichten II Der längst verfloßnen Zeit , II Ist sie [ die Erde] ihm [dem Herrn der
Erde] zu berichten II Mit Freundlichkeit bereit; ebd., 314: Menschen, die zum Han-
deln, zur Geschäftigkeit geboren sind, können nicht früh genug alles selbst betrachten
und beleben. [ . . . ] Sie sind Helden, und um sie her drängen sich die Begebenheiten,
die geleitet und gelöst seyn wollen. Alle Zufälle werden zu Geschichten unter ihrem
Einfluß, und ihr Leben ist eine ununterbrochene Kette merkwürdiger und glänzender
[ . . . ] Ereignisse [...].
151 Vogel, Wortarten (wie Anm. 143), 128.
152 vgl. ebd., 116.
153 Ebd., 132.
154 Koselleck, Art. Geschichte, Historie. V. Herausbildung (wie Anm. 13), 648. Vgl.
auch ebd., 647: „ ,Die Geschichte' [ . . . ] war [ . . . ] tief bis ins 18. Jahrhundert hinein
eine Pluralform, die die Summe einzelner Geschichten benannte."; ders., Verfügbar-
keit (wie Anm. 13), 263: „Zuvor gab es Geschichten im Plural, vielerlei Geschichten,
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„ Geschichte" : Ein Produkt der deutschen Aufklärung? 423
Einzelnarrationen quantifiziert hätten. Dies ist der Grund, weshalb es zu-
rückgewiesen wird, vor der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts von der
Existenz eines einschlägigen „Geschichtlichen Grundbegriffs" sprechen zu
wollen: „Überhaupt gehört das Geschichten-Erzählen zur Geselligkeit des
Menschen. Ohne Geschichten keine Erinnerung, keine Gemeinsamkeit, kei-
ne Selbstbestimmung sozialer Gruppen oder politischer Handlungseinhei-
ten, die sich nur im Medium gemeinsamer Erinnerung zusammenfinden.
Solche , Geschichten' sind freilich keine Grundbegriffe, sondern bleiben im-
mer Erzählungen von dem, worum es in einer Geschichte ging. Es mag die
Geschichte einer Schlacht sein, eines Rechtshandels, einer Reise oder eines
Wunders, eines Königsmords oder einer Liebe. Immer wird erzählt, von
wem und worum es sich handelt. So lange ist der Ausdruck ,eine Geschich-
te' kein Grundbegriff, sondern höchstens das, was als Summe einer Erzäh-
lung an deren Ende auf einen Begriff gebracht werden kann."155
Damit wird eine Argumentations weise in extremis gesucht, die ein stark
limitiertes Individuativum „einzelne Geschichten" mit der vormodernen
Gesellschaft insgesamt verbindet, um es einem in der zweiten Hälfte des 18.
Jahrhunderts mehr oder minder abrupt auftretenden geschichtsphiloso-
phisch gedachten, transnumeralen Kollektivum „die Geschichte" gegen-
überzustellen156. Mit dieser Leitlinie erzeugt der Geschichtsartikel konzep-
tionelle Brüchigkeiten, die den sehr wichtigen Bereich des Partikularhisto-
rischen zu desintegrieren drohen. Diskutiert werden zwar drei der einschlä-
gigen Größen: „Von der , historia sacra' zur , Heilsgeschichte' ", „Von der
, historia universalis' zur , Weltgeschichte' " und „Von der , historia naturalis'
zur »Naturgeschichte'"157. An welcher Stelle sie allerdings im Rahmen der
wortgeschichtlichen Verlaufsvorstellung zu lokalisieren wären, wird nicht
eigens thematisiert. Dabei steht außer Frage, daß Jean Bodins (1530-1596)
bekannte Trias der historia divina, humana , naturalis 158, deren später ver-
folgte Verfeinerung, etwa in der Auffächerung der historia humana als /li-
die sich ereigneten und die als Exempel zum Unterricht der Moral, der Theologie, für
das Recht und in der Philosophie dienen mochten. Ja, die Geschichte war als Aus-
druck selbst eine Pluralform. [ . . . ] Diese Pluralform wurde nun durch immer wieder
aufgenommene Reflexionen zum objektlosen Singular hochstilisiert."; zuletzt ders.,
Innovationen (wie Anm. 13), 18; ders., Die Geschichte (wie Anm. 13), 14 f.
155 Ders ., Art. Geschichte, Historie. I. Einleitung (wie Anm. 13), 593 f.
156 Aus dieser Alternative resultieren problematische Folgeinterpretationen. Vgl.
Joachim Knape, Melanchthon und die Historien, in: Archiv für Reformations-
geschichte 91 (2000), 111-127, hier 126, der in Adaptation dieser Konstruktion den
Eigennamen der historia in Ciceros Topos in ein Individualnomen verwandelte; er
übersetzte: „Eine historia aber ist eine Zeugin der Zeitabläufe ( testis temporum ), ein
Licht der Faktenwahrheit
157 Koselleck, Art. Geschichte, Historie. V. Herausbildung (wie Anm. 13), 678-691.
158 vgl. Helmut Zedelmaier, Bibliotheca universalis und Bibliotheca selecta. Das
Problem der Ordnung des gelehrten Wissens in der frühen Neuzeit (Beih. zum AKG,
33), Köln/ Weimar /Wien 1992, 243-249; Couzinet, Histoire (wie Anm. 65), bes. 271 ff.
u. 291-299.
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424 Jan Marco Sawilla
storia pragmatica in historia sa
Gerhard Johann Voss (157 7 - 164
heraus entwickelnden Besonderh
storia literaria161 mit den insin
schichte eines Königsmords" -
der konkreten Einzelfallschilde
bewußt restringierte Objektbe
transnumeralen, attributiv prä
setzten einen Begriff von der Ge
Größen geordnet und klassifizie
des Historiographischen war un
im Zentrum der theoretischen
auch für andere, weniger avanc
findbare Kollektiva der historio
mischen Geschichte" oder ähnliche -, die nur an einer Stelle in Kosellecks
Modell einbezogen werden, eben zur Veranschaulichung dessen, daß dieser
Objektbezug mit dem „bis" ins 18. Jahrhundert überhaupt Denkbaren kor-
relierte, ehe „dann" der „Kollektivsingular Geschichte" seine hegemonialen
Ansprüche entfaltet habe162.
Wie bislang allein von Joachim Knape bemerkt wurde, sind bis zum Ge-
schichtsartikel der „Geschichtlichen Grundbegriffe" all diese partikularhi-
storischen Konstruktionen, technisch durchaus korrekt, als „Kollektivsin-
gular" bezeichnet worden163. Das von Adelung eingeführte Verständnis, von
dem unter 1. Was geschehen ist , eine geschehene Sache auf eine Verwen-
dungsweise collective und ohne Plural , von mehreren geschehenen Bege-
benheiten einer Art referiert wurde, um damit eine Prägung wie die der „al-
ten Geschichte" von jener im Frühneuhochdeutschen wohl gebräuchliche-
ren pluralen Wendung der „alten Geschichten"164 zu unterscheiden165, war
i59 Vgl. Nicholas Wickenden, G. J. Vossius and the Humanist Concept of History
(Respublica literaria neerlandica, 8), Assen 1993, 72 ff.; Luc Deitz, Gerhard Johann
Vossius' „De philologia liber" und sein Begriff von „Philologie", in: Philologie und
Erkenntnis. Beiträge zu Begriff und Problem frühneuzeitlicher »Philologie', hrsg. v.
Ralph Häfner (Frühe Neuzeit, 61), Tübingen 2001, 3-34, hier 29 f., 31, 33.
160 vgl. Ulrich Johannes Schneider, Die Vergangenheit des Geistes. Eine Archäolo-
gie der Philosophiegeschichte, Frankfurt a. M. 1990, 9-42.
161 Vgl. Helmut Zedelmaier, „Historia literaria". Über den epistemologischen Ort
des gelehrten Wissens in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, in: Das achtzehnte
Jahrhundert 58 (1998), 11-21.
162 Vgl. die Nachweise oben Anm. 36.
163 Vgl. Knape, Problematik (wie Anm. 18), 16.
164 Vgl. zum Vergleich Art. Histoire, in: Grand Dictionaire Royal (wie Anm. 82), I.
485, in dem antiquité noch mit diesem Plural übersetzt wurde.
165 vgl. Art. Die Geschichte, in: [Adelung], Wörterbuch (wie Anm. 78), Bd. 2,
Sp. 600 f. Ohne große technische Schärfe sollten mit diesem Begriff einzelne, nach
dem Umfang ihrer jeweiligen historischen Gegenstände differenzierte Objektberei-
che, Geschehensabläufe und die Darstellungen derselben kategorisiert werden: vom
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„ Geschichte" : Ein Produkt der deutschen Aufklärung? 425
bis dato das vorherrschende gewesen. Ausgebaut und systematisiert hatten
dies die Bearbeiter des Artikels „Geschichte" im „Deutschen Wörterbuch"
der Brüder Grimm, Rudolf Hildebrand und Hermann Wunderlich. Diese
sind es wohl auch gewesen, die als erste eine Entwicklung vom Plural zum
Singular zum ordnungsleitenden Kriterium erhoben haben. Unter der Be-
deutung: „(denkwürdige) ereignisse, die sich auf einen gegenständ, ort,
land, volk, oder eine person beziehen und dadurch zu einer einheit werden",
war von ihnen beispielsweise Michael Moscheroschs (1601-1669) Rede von
der Teůtsche[n] Geschichte vnd Sprache [ . . . ]166 als Beispiel für die für sie
späte Entwicklung eines „ collective [n] singulars]" Geschichte angeführt
worden167. Sie hatten solcherart einen Sub- und Sonderstrang des überge-
ordneten und seit dem Mittelhochdeutschen aufweisbaren Geschichte als
„begebenheit, Vorgang , ereignis im allgemeinen [. . .] historia , res gesta" zu
klassifizieren beabsichtigt. Die „Weltgeschichte oder geschichte schlecht-
hin, der inbegriff alles in der weit geschehenen, der lauf der weltbegeben
heiten" galt ihnen in diesem Rahmen zwar als der „allumfassende gipf el
punkt dieser begriff sentwicklung Letzterer hatte aber weder eine
präzise chronologische Zuordnung noch eine terminologische Exposition
erfahren. Er stand gleichrangig, ohne in eine eigene Kategorie mit eigenen
Beispielen integriert zu werden, neben und zwischen anderen „kollektiven
Singularen" wie beispielsweise: „Schiller [...], in vielen Zusammensetzun-
gen, z. b. literatur -, sitten -, kirchen-, handels-, tages-, Zeitgeschichte"168 . Es
sollte Koselleck vorbehalten bleiben, den Terminus „Kollektivsingular"
ausschließlich für das deutsche Lexem Geschichte zu reservieren, ihn dezi-
gewisse[n ] Ganze[n ], das je einzelne biblische Geschichten - Der Aussätzige macht
die Geschichte ruchbar, Marc. 1,45 - oder die Geschichten der Nachbarschaft verkör-
pern können bis hin zur alten Geschichte und jenem - allein umschriebenen und
nicht expressis verbis aufgeführten - Begriff der Universalhistorie. Koselleck, Art.
Geschichte, Historie. V. Herausbildung (wie Anm. 13), 648, sieht auch hier den ob-
jektlosen, „neuen Kollektivsingular" artikuliert. Einzig explizit genannte Geschichte
jedoch, die Adelung keine Attribution oder Präzisierung zu erfordern schien, war ad
(3), wie oben diskutiert, die Geschichte als Geschichtskunde.
166 [Johann Michael Moscherosch ], Visiones de Don Quevedo. Wunderliche vnd
Warhafftige Gesichte Philanders von Sittewalt. [ . . . ] Von Philander selbsten / vberse-
hen/ vermehret vnd gebessert, Anderer Theil, Straßburg 1643 (ND Hildesheim /New
York 1974), 249.
167 Vgl. Art. Geschichte, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm
(wie Anm. 46), Bd. 5, Sp. 3863.
168 Ebd., Sp. 3859, 3863 f. Dieser Artikel, seine Klassifizierungs- und Ordnungs-
struktur sowie insbesondere die aus heutiger Sicht teils wenig transparente Zuord-
nung der jeweiligen Beispiele zu einzelnen Bedeutungen, erforderte eine eigene Aus-
einandersetzung. Vgl. zu einschlägigen Problemen innerhalb des Deutschen Wörter-
buchs gnindsätzlich Hartmut Schmidt, Wörterbuchprobleme. Untersuchungen zu
konzeptionellen Fragen der historischen Lexikographie (Reihe Germanistische Lin-
guistik, 65), Tübingen 1986, bes. 22 f., sowie zu seiner wissenschaftshistorischen und
wissenschaftspolitischen Position Ulrike Hass-Zumkehr, Das „Deutsche Wörterbuch"
von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm als Nationaldenkmal, in: Nation (wie
Anm. 58), 229-246.
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426 Jan Marco Sawilla
diert im letzten Drittel des 18. J
ganz bestimmte Spielart eines
und als Indikator eines substantiellen semantischen Wandels, wenn nicht
Bruchs zu deuten. Aus der sprachübergreifend gedachten Bezeichnung ei-
ner Wortart wurde der schlagwortartige Eigenname für eine bestimmte
Form, deren Inhaltsseite derart eng definiert wurde, daß Koselleck sie, trotz
anderslautender Interpretationen, in keinem der hier näher betrachteten
Fälle des 18. Jahrhunderts stichhaltig nachweisen konnte.
Mit der Vorstellung von einer „Zeit der Singularisierungen" ist das histo-
rische Feld, zumal nach semantischen Kriterien, nicht sinnvoll zu ordnen.
Jenseits der genannten Einschränkungen vermag sie nur dann ein gewisses
Maß an Geltungskraft zu beanspruchen, wenn nicht bemerkt wird, daß
manche der heute als auffällig erscheinenden pluralen, transnumeralen Ver-
wendungsweisen des Frühneuhochdeutschen sowie die nicht selten anzu-
treffende Bezeichnung der ars histórica mit dem Eigennamen historien / Ge-
schichten mit großer Wahrscheinlichkeit als Eigenarten allein dieser Spra-
che zu erachten sind. Man wird sie in anderen westeuropäischen Sprachen
so kaum auffinden können. Wird weiterhin berücksichtigt, daß historie
schon im Frühneuhochdeutschen selbst häufig genug transnumeral auch im
Singular verwandt wurde, dann läßt sich kaum mehr ersehen, welche Aus-
sagekraft den einschlägigen Formverschiebungen oder Formvarianzen
selbst zugesprochen werden sollte. Ideen-, Wort- und Sozialgeschichte kön-
nen hier nicht in ein kausales Beziehungsverhältnis gesetzt werden. Die
Konventionalisierung von Geschichte ist deutlich früher anzusetzen als das
- vermutlich kaum vor dem fortgeschrittenen 19. Jahrhundert eine gewisse
Breitenwirkung entfaltende - Verständnis von Geschichte als „eigentätigem
Sinn- und Wirkungszusammenhang". Und sie entwickelte sich zunächst im
Rahmen jenes formalsprachlichen Prozesses der Entwicklung vernakulärer
Hochsprachen, in dessen Verlauf Geschichte seit etwa den 1750er Jahren
zusehends mehr in jene Stellen einrückte, die bis dato bevorzugt von histo-
rie, historien oder Geschichten eingenommen worden waren.
Im Interesse eines genaueren Verlaufsmodells bedürften all diese Lexeme
einer umfänglicheren Untersuchung, sowohl, was das 17. und 18., als aber
auch, was das 19. Jahrhundert anbelangt. Angesichts einer sprachpatrioti-
schen Orientierung der Forschung, der es seit dem 19. Jahrhundert um
nichts anderes ging, als den „Sieg" des „ einheimische [n] Wort[es] Geschich-
te"169 oder die vorgeblich seit Ende des 18. Jahrhunderts konstatierbare
„Alleinherrschaft"170 desselben zu illustrieren, ist insbesondere über die
Entwicklung von historie in diesen Zeiträumen zu wenig bekannt. In Trüb-
ners „Deutschem Wörterbuch" von 1939 wie auch in Campes „Wörterbuch
!69 Art. Geschichte, in: Trübners Deutsches Wörterbuch, hrsg. v. Alfred Götze,
Bd. 3, Berlin 1939, 122-124, hier 123.
1?o Ruppi Köhler, Historia (wie Anm. 107), 637.
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„Geschichte" : Ein Produkt der deutschen Aufklärung? 427
der Deutschen Sprache" sind Einträge zu historie ganz einfach unterblie-
ben171. Das „Deutsche Wörterbuch" der Brüder Grimm weist zwar noch ei-
nen knappen Artikel zu historie auf. Im Vergleich mit dem rund neun Spal-
ten umfassenden Artikel Geschichte nimmt dieser jedoch kaum eine halbe
Spalte ein. Damit wurde schon in quantitativer Hinsicht das frühneuzeit-
lich weithin vorherrschende Lexem marginalisiert172. Für die empirische
Anlage des Geschichtsartikels der „Geschichtlichen Grundbegriffe" bedeu-
tete dies nicht zuletzt, daß für historie auf kein bereits bestehendes, elabo-
riertes Zitatenreservoir zurückgegriffen werden konnte. Günthers Ab-
schnitt zum „Historischen Denken in der Frühen Neuzeit" diskutiert keinen
einzigen deutschsprachigen Beleg für historie(n) im Zeitraum zwischen
1600 und 1730, Koselleck in seinen Abschnitten, jenseits der frühneuzeitli-
chen Wörterbücher und Glossarien, vier Passagen173. Damit ist zumindest
171 Vgl. dazu grundsätzlich Alan Kirkness, Zur Sprachreinigung des Deutschen
1789-1871. Eine historische Dokumentation, Bd. 1 (Forschungsberichte des Instituts
für deutsche Sprache, 26,1), Tübingen 1975, 129-170; Sibylle Orgeldinger, Standar-
disierung und Purismus bei Joachim Heinrich Campe (Studia linguistica Germanica,
51), Berlin/New York 1999, 314-365, sowie zu „Trübners Deutschem Wörterbuch"
und seinem Bearbeiter Alfred Götze: Senya Müller, ; Sprachwörterbücher im Natio-
nalsozialismus. Die ideologische Beeinflussung von Duden, Sprach-Brockhaus und
anderen Nachschlagewerken während des „Dritten Reichs", Stuttgart 1994, 77 ff.
172 Vgl. Art. Historie, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm
(wie Anm. 46), Bd. 10 (= Bd. 4, Abt. 2), bearb. v. Moriz Heyne (1877), Sp. 1580. In-
haltlich erhält historie eine seiner wesentlichen Konturen als eher vulgärsprach-
liches Wort: „historie, historia, vulg. geschehen ding. [ . . . ] Die streng lateinische
form historia ist in der neuern spräche nur in komischer rede gebräuchlich"; „volks-
mäßig ist die form histori: history historia [...]", lauten drei der insgesamt sieben
genannten Bedeutungspotentiale. Zur Bedeutung: „schon im mhd. aus dem lat. hi-
storia, in dem Sinne von geschichtserzählung, bericht herübergekommen", wird eine
einzige Passage, aus Konrads von Würzburg (1235-1287) „Partenopier und Meliur",
zitiert, um im Sinne: „auch sonst in der bedeutung hergang, begebenheit, ereignis",
ein volkstümliches Beispiel aus den Werken Friedrich Müllers (1749-1825) zu wäh-
len: „weiszt, wie wir die werber geprügelt zu Lautem, und dann die histori zu Bret-
zenheim ." Eine repräsentative Auswahl, zumal für das 19. Jahrhundert, ist in die-
sem Artikel nicht zu erwarten. Vgl. etwa Friedrich Schlegel, Zur Geschichte und
Politik. 1821, in: ders., Kritische Ausgabe, Bd. 22, Abt. 2: Schriften aus dem Nach-
laß: Fragmente zur Geschichte und Politik. 1820-1828. Mit Einl. u. Kommentar
hrsg. v. Ursula Behler, Paderborn /München /Wien 1979, 63-120, hier [Nr. 26], 70 f.,
mit einem Wortgebrauch, der den Fremdwortpuristen vermutlich größtes Unbehagen
bereitet hätte: Die wahre christliche Welthistorie ist Historie weder ethnographisch
noch chronologisch oder synchronistisch, sondern chronographisch; und darin, in
der Lehre von den aetates mundi, de temporibus besteht eben das Wesen der christ-
lichen Historie ; oder ders., [IV.] Zur Historie [1805], in: ders., Kritische Ausgabe,
Bd. 20, Abt. 2, Teil 1, hrsg. v. Ernst Behler (1995), 53-105, hier [Nr. 184], 79: Was die
romantische Historie besonders auszeichnet, ist die [ . . . ] Partheylichkeit aus religiö-
sem Dualismus [...].
173 Vgl. Günther, Art. Geschichte, Historie. IV. Historisches Denken in der frühen
Neuzeit (wie Anm. 49), 638 mit Anm. 201, 202, bietet aus diesem Zeitraum insgesamt
zwei deutschsprachige Belege, beide von Christian Thomasius, die sich jedoch auf
anderes beziehen. Vgl. zu historie(n): Koselleck, Art. Geschichte, Historie. V. Heraus-
bildung (wie Anm. 13), 655 mit Anm. 311, 312; 656 mit Anm. 322; 680 mit Anm. 444;
sowie im Verweis auf zeitgenössische Wörterbücher ebd., 654 f., Anm. 310; 687 mit
Anm. 483. Eine Aufarbeitung dieser letzteren Quellenkorpora bietet für das 16. Jahr-
hundert jetzt Peter O. Müller, Deutsche Lexikographie des 16. Jahrhunderts. Kon-
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428 Jan Marco Sawilla
festzuhalten, daß die erkenntnisl
xems und die Zuschreibung ihr
keiner besonders breiten Kenntnis der im Deutschen üblichen Wort- und
Begriffsführung der direkt vorangegangenen Zeiten beruhen. Dies gilt fü
historie(n) und kaum weniger, wie angedeutet, für das frühneuzeitliche Ge-
schichtein).
Das hier etwas breiter bedachte Französische weist spätestens seit dem
letzten Drittel des 17. Jahrhunderts ein konventionell etabliertes trans-
numerales Kollektivum histoire im Singular auf, das Kosellecks Basisbe
griff des „Kollektivsingulars" entspricht: histoire als Bezeichnung eine
Wissenstechnik, histoire als Bezeichnung der Summe des historiographisc
Tradierten, histoire als Bezeichnung der Summe des Geschehenen. Ob ma
dies allein als ein Modernisierungskriterium betrachten mag, welches übe
das rein sprachgeschichtlich Relevante hinausweist, sei dahingestellt. Den
diese Bedeutungspotentiale sind historisch wohl durchgängig erhalten. An
gesichts der Prominenz des Französischen seit Ausgang des 17. Jahrhun-
derts in den Territorien des Reichs bliebe daher die hier nur angerissene
Frage zu vertiefen, in welchem Umfang Form und Semantik des Französi
schen auf Strukturen des entstehenden Neuhochdeutschen eingewirkt h
ben könnten. Diese Frage würde eine Sichtweise erfordern, die Sprache er
kenntnisleitend nicht als Trägerin einer national definierbaren Kultur be
greift und die sich von dem sprachwissenschaftlich überholten Glauben a
durch Etymologie verbürgbare „Bedeutungskerne" zu lösen hätte. Die Dis
kussion eines Begriffs im Kontext polyglotter Gelehrtenmilieus erforder
eine pragmatische Zugriffsweise, die die älteren nationalsprachlichen An
sätze in ihren Eigenarten reflektierte und mit Vorsicht auf deren Ergebnisse
rekurrierte. Letztlich sind mit dem Verweis darauf, daß „sich das Schmitt-
sche bzw. Brunnersche Erbe tatsächlich auf die Titelgebung" der „Ge-
schichtlichen Grundbegriffe" „beschränkt" habe174, wissenschaftshistori
sche Fragen an die Begriffsgeschichte kaum mehr als vorläufig beantwortet.
Die Arten, auf die das Campesche, das Grimmsche und Trübnersche „Erbe
Eingang in die „Geschichtlichen Grundbegriffe" gefunden haben, die Kon
sequenzen, die sich aus der Adaptation älterer sprachhistorischer Arbeite
für Empirie, Interpretation und Blickwinkel ergeben haben, erforderten ih-
rerseits genauere Studien.
zeptionen und Funktionen frühneuzeitlicher Wörterbücher (Texte und Textgeschich
te, 49), Tübingen 2001.
174 Dipper, Die „Geschichtlichen Grundbegriffe" (wie Anm. 3), 287.
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