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Theodor W. Adorno Theodor W.

Adorno
Gesammelte Schriften PhilosophischeFrühschriften
Band r
Hochschule für Gestaltung
Offenbach am Main
- Bibliothek -

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Suhrkamp
Herausgegeben von Rolf Tiedemann
Inhalt

Die Transzendenz des Dinglichen und Noematischen


in Husserls Phänomenologie 7
Inhalt 9

Der Begriff des Unbewußten in der transzendentalen


Seelenlehre 79
Inhalt 8 3

Vorträge und Thesen


I. Die Aktualität der Philosophie 325
}( II. Die Idee der Naturgeschichte 34sx
III. Thesen über die Sprache des Philosophen 366

Anhang
Resume der Dissertation 375

Editorische Nachbemerkung 379

Erste Auflage 1973


© Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1973
Alle Rechte vorbehalten
Satz und Druck: MZ-Verlagsdruckerei GmbH, Memmingen
Printcd in Germany
344 Philosophische Frühschriften

tete, über welche die eigentliche Philosophie in den großen Di-


mensionen ihrer Probleme längst nicht mehr verfügte. Wenn mit
dem Zerfall aller Sicherheit in der großen Philosophie dort der
Versuch seinen Einzug nimmt; wenn er dabei an die begrenzten,
konturierten und unsymbolischen Deutungen des ästhetischen
Essays anknüpA:, so scheint mir das nicht verdammenswert, wo- Die Idee der Naturgeschichte
fern die Gegenstände richtig gewählt: wofern sie wirklich sind.
Denn wohl vermag der Geist es nicht, die Totalität des Wirkli- Vielleicht darf ich vorausschicken, daß das, was ich sagen werde,
chen zu erzeugen oder zu begreifen; aber er vermag es, im klei- nicht ein » Vortrag« ist in eigentlichem Sinne, nicht eine Mit-
nen einzudringen, im kleinen die Maße des bloß Seienden zu teilung von Resultaten oder eine bündige systematische Aus-
sprengen. führung, sondern daß es auf der Ebene des Versuches steht, daß
es nichts ist als eine Bemühung, die Problematik der sogenann-
ten Frankfurter Diskussion aufzunehmen und weiterzuführen.
Ich bin mir bewußt, wieviel Schlechtes man dieser Diskussion
nachsagt, aber auch, daß der Zentralpunkt dieser Diskussion
doch richtig angesetzt ist, und daß es falsch wäre, immer wieder
ganz von vorn zu beginnen.
Ich darf einiges zur Terminologie anmerken. Wenn von Natur-
geschichte die Rede ist, handelt es sich dabei nicht um jene Auf-
fassung von Naturgeschichte, wie sie im herkömmlichen vorwis-
senschaftlichen Sinn gemeint ist, nicht etwa um die Geschichte
der Natur, so wie die Natur Gegenstand der Naturwissenschaf-
ten ist. Der Naturbegriff, der hier verwendet wird, hat mit
dem Naturbegriff der mathematischen NaturwissenschaA:en über-
haupt nichts zu tun. Ich kann nicht vorweg entfalten, was Na-
tur und was Geschichte im folgenden heißen soll. Ich verrate
aber nicht zuviel, wenn ich sage, daß die eigentliche Absicht
dessen, was ich sagen will, dahin geht, die übliche Antithesis
von Natur und Geschichte aufzuheben; daß also überall da, wo
ich mit den Begriffen Natur und Geschichte operiere, nun
nicht letztgültige Wesensbestimmungen gemeint sind, sondern
daß ich die Intention verfolge, diese beiden Begriffe zu einem
Punkt zu treiben, an dem sie in ihrem puren Auseinanderfallen
aufgehoben sind. Zur Erläuterung des Naturbegriffes, den ich
auflösen möchte, ist soviel zu sagen, daß es sich dabei um einen
Begriff handelt, der, wenn ich ihn in die übliche philosophische
Begriffssprache übersetzen wollte, am ehesten mit dem Begriff
des Mythischen übersetzt werden könnte. Auch dieser Begriff
346 Philosophisd-ie Frühsd-irifl:en Die Idee der Naturgesd-iichtc 347

ist ganz vage und seine genaue Bestimmung kann sich nicht in alle Objektivität in bestimmten Grundstrukturen der Subjekti-
vorgängigen Definitionen, sondern erst in der Analyse ergeben. vität glaubt gründen zu können, durch eine Fragestellung der-
Es ist damit gemeint das, was von je da ist, was als schicksalhaA: art, daß ein anderes, prinzipiell anderes Sein, eine prinzipiell
gefügtes, vorgegebenes Sein die menschliche Geschichte trägt, andere Seinsregion gewonnen wird, eine transsubjektive, eine
in ihr erscheint, was substantiell ist in ihr. Das, was mit diesen ontische Seinsregion. Und von Ontologie ist insofern die Rede,
Ausdrücken abgegrenzt wird, ist das, was ich hier mit Natur als von diesem Övder 'J...oyor;gewonnen werden soll. Es ist nun
meine. Die Frage, die sich stellt, ist die nach dem Verhältnis die Grundparadoxie aller ontologischen Fragestellung in der
dieser Natur zu dem, was wir unter Geschichte verstehen, wo- gegenwärtigen Philosophie, daß das Mittel, mit dem versucht
bei Geschichte besagt jene Verhaltensweise der Menschen, jene wird, transsubjektives Sein zu gewinnen, nichts anderes ist als
tradierte Verhaltensweise, die charakterisier~ wird vor allem die gleiche subjektive ratio, die zuvor das Gefüge des kritischen
dadurch, daß in ihr qualitativ Neues erscheint, daß sie eine Be- Idealismus zustande gebracht hat. Die phänomenologisch-onto-
wegung ist, die sich nicht abspielt in purer Identität, purer logischen Bemühungen stellen sich dar als ein Versuch einer Ge-
Reproduktion von solchem, was schon immer da war, sondern winnung transsubjektiven Seins mit den Mitteln der autono-
in der Neues vorkommt und die ihren wahren Charakter durch men ratio und mit der Sprache der ratio, denn andere Mittel
das in ihr als Neues Erscheinende gewinnt. und eine andere Sprache stehen nicht zu Gebote. Nun artikuliert
Ich möchte das, was ich die Idee der Naturgeschichte nenne, sich diese ontologische Frage nach dem Sein doppelt: Einmal als
entwickeln auf Grund einer Analyse oder richtiger Überschau die Frage nach dem Sein selber, als das, was seit Kants Kritik
über die ontologische Fragestellung innerhalb der heutigen Dis- als das Ding an sich hinter die philosophische Fragestellung
kussion. Das meint einen Ausgang vom »NaturhaA:en«. Denn zurückgeschoben worden ist und wieder herausgeholt wird. Sie
die Frage nach der Ontologie, wie sie heute gestellt wird, ist artikuliert sich aber zugleich als Frage nach dem Sinn von Sein,
nichts anderes als das, was ich unter Natur gemeint habe. - Ich nach der Sinnhafligkeit des Seienden oder als Sinn von Sein als
werde dann an einem andern Punkt ansetzen und aus der ge- Möglichkeit schlechterdings. Gerade diese Doppeltheit spricht
schichtsphilosophischen Problematik heraus den Begriff der Na- tief für jene These, die ich vertrete, daß die ontologische Frage-
turgeschichte zu entwickeln versuchen, wobei dieser Begriff be- stellung, mit der wir es heute zu tun haben, die Ausgangsposi-
reits erheblich sich verinhaltlichen und konkretisieren wird. tion der autonomen ratio innehält; nur dort nämlich, wo die
Nachdem diese beiden Fragestellungen in der Andeutung durch- ratio die Wirklichkeit, die ihr gegenüber liegt, als ein ihr Frem-
geführt worden sind, werde ich versuchen, den Begriff der des, ihr Verlorenes, DinghaA:esanerkennt, nur dort, wo sie nicht
Naturgeschichte selber zu artikulieren und Ihnen die Momente mehr unmittelbar zugänglich ist und wo der Wirklichkeit und
auseinanderzulegen, durch die sie charakterisiert erscheint. ratio der Sinn nicht gemeinsam ist, nur dort kann die Frage nach
I. Zunächst die Frage nach der gegenwärtigen ontologischen Si- dem Sinn von Sein überhaupt gestellt werden. Die Sinnfrage
tuation. Wenn Sie die ontologische Fragestellung verfolgen, wie ergibt sich durch die Ausgangsposition der ratio, zugleich aber
sie zumal im Raum der sogenannten Phänomenologie sich ent- produziert diese Frage nach dem Sinn von Sein, die in den f rü-
faltet hat, und zwar vor allem im Raum der nach-Husserlschen hen Phasen der Phänomenologie (Seheier) im Mittelpunkt steht,
Phänomenologie, also von Scheler an, so kann man sagen, es sei durch ihren subjektivistischen Ursprung eine sehr weite Proble-
die eigentliche Ausgangsintention dieser ontologischen Fragestel- matik; da diese Sinngebung nichts ist als ein Einlegen von Be-
lung die Überwindung des subjektivistischen Standpunktes der deutungen, wie sie von der Subjektivität her gesetzt sind. Die
Philosophie, die Ersetzung einer Philosophie, die alle Seinsbe- Einsicht darein, daß die Sinnfrage nichts anderes ist als ein
stimmungen trachtet in Denkbestimmungen aufzulösen, und die Einlegen von subjektiven Bedeutungen in das Seiende, führt
Philosophische Frühschriften Die Idee der Naturgeschichte
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zur Krisis jenes ersten Stadiums. Der drastische Ausdruck dafür hinter dem geschichtlich Erscheinenden liegt, und der Sphäre der
ist die Tatsache der Unbeständigkeit der ontologischen Grund- Geschichte selbst. Es ist in den Ursprüngen der Phänomenologie
bestimmungen, die die ratio in ihrem Versuch der Gewinnung eine Zweiheit von Natur und Geschichte gesetzt. Diese Zweiheit
einer Seinsordnung als Erfahrung machen muß. Indem sich ge- (hier unter Natur jenes Geschichtslose, platonisch Ontologische
zeigt hat, daß die als gründend und sinnhaft anerkannten Fak- gemeint), und die in ihr gelegene Ausgangsintention der ontolo-
toren, wie etwa bei Seheier, aus einer andern Sachsphäre bereits gischen Umwendung, hat sich korrigiert. Die Frage nach dem
stammen, gar nicht selbst Möglichkeiten in dem Sein sind, son- Sein hat nicht mehr die Bedeutung einer platonischen Frage nach
dern von Seiendem hergenommen sind und damit der Frag- dem Umfang statischer und qualitativ differenter Ideen, die
würdigkeit des Seienden inhärieren, wird die ganze Frage nach dem Seienden gegenüber, als der Empirie, in einem normativen
Sein problematisch innerhalb der Phänomenologie. Soweit die oder Spannungsverhältnis standen. Sondern die Spannung ver-
Frage nach dem Sinn noch vorkommen kann, bedeutet sie nicht schwindet: das Seiende wird sich selbst zum Sinn, und anstelle
die Gewinnung einer dem Empirischen gegenüber sichergestell- einer geschic:htsjenseitigen Begründung des Seins tritt der Ent-
ten Sphäre von Bedeutungen, die gültig und immer zugänglich wurf des Seins als Geschic:htlic:hkeit.
wäre, sondern heißt nichts anderes mehr als die Frage ·d riv öv, Damit ist die Problemlage verschoben. Zunächst verschwindet
die Frage nach dem, was das Sein selbst eigentlich ist. Die Aus- scheinbar die Problematik zwischen Ontologie und Historismus.
drücke Sinn (oder Bedeutung) sind hier äquivok belastet. Sinn Vom Standpunkt der Geschichte, der historistischen Kritik aus
kann heißen ein transzendenter Inhalt, der von dem Sein be- erscheint die Ontologie als bloß formaler Rahmen, der über den
deutet wird, hinter dem Sein liegt und durch Analyse herausge- Inhalt der Geschichte gar nichts besagt, der in beliebiger Weise
hoben wird. Andererseits kann aber Sinn auch seinerseits die um das Konkrete gespannt werden kann, oder aber es erschien
Auslegung von Seiendem selbst nach dem hin, was es als Sein die ontologische Intention, wenn sie wie bei Scheler materiale
charakterisiert, sein, ohne daß dies ausgelegte Sein damit als ein Ontologie war, als willkürliche Verabsolutierung innergeschicht-
Sinnvolles bereits erwiesen wäre. Es ist also möglich, daß nach licher Tatsachen, die vielleicht sogar zu ideologischen Zwecken
dem Sinn von Sein als der Bedeutung der Kategorie Sein, nach den Rang ewiger und allgemeingültiger Werte erhalten sollten.
dem, was Sein eigentlich ist, gefragt wird, daß aber im Sinn Umgekehrt hat es sich für die ontologische Position so darge-
jener ersten Frage das Seiende sich nicht als ein sinnvolles, son- stellt, und diese Antithetik ist die, die unsere Frankfurter Dis-
dern als Sinnloses herausstellt, wie weithin im Sinn der heutigen kussion beherrschte, daß alles radikal geschichtliche Denken, also
Entwicklung gelegen ist. alles Denken, das entstehende Gehalte ausschließlich zurückzu-
Wenn diese Umwendung der Frage nach dem Sein geschehen führen sucht auf historische Bedingungen, einen Entwurf des
ist, verschwindet die eine Ausgangsintention der ursprünglichen Seins selber voraussetze, durch den Geschichte als Seinsstruktur
ontologischen Umwendung, nämlich die einer Wendung in Ge- vorgegeben sei; nur so, im Rahmen eines solchen Entwurfs sei die
schichtslosigkeit. Bei Seheier war es so, wenigstens beim frühen gesc:hic:hdic:heZuordnung einzelner Phänomene und Gehalte
Seheier (und das ist der maßgebend wirksame gewesen), daß er überhaupt möglich.
versucht hat, einen Ideenhimmel zu konstruieren auf Grund Nun hat die jüngste Umwendung der Phänomenologie - wenn
einer rein rationalen Schau der geschichtslosen und ewigen Ge- man das noch Phänomenologie nennen darf - hier eine Korrek-
halte, der über allem Empirischen leuchtet, der normativen tur durchgeführt, nämlich dadurch, daß sie die pure Antithesis
Charakter hat und zu dem das Empirische durchlässig ist. Aber von Geschichte und Sein beseitigte. Dadurch, daß sie also von
zugleich ist im Ursprung der Phänomenologie eine prinzipielle der einen Seite verzichtete auf den platonischen Ideenhimmel,
Spannung gesetzt zwischen diesem Sinnhaften, Wesenhaften, das daß sie, indem sie das Sein betrachtet, es betrachtet als ein Le-

~
35° Philosophisclie Frühsduiften Die Idee der Naturgeschichte
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bendiges - dadurch ist mit der falschen Statik auch der Forma- mit der Brutalität ausgesprochen worden wie hier, oder viel-
lismus beseitigt, denn die Fülle der Seinsbestimmungen scheint mehr, es ist auf eine ausweghafte Weise in der Problematik ver-
der Entwurf aufzunehmen, und auch der Verdacht gegen die arbeitet worden: dadurch, daß alle die Faktizität, die nicht
V erabsolu tierung eines Zufälligen schwindet. Denn jetzt ist ja eingeht in den ontologischen Entwurf selbst, unter eine Katego-
die Geschichte selber in ihrer äußersten Bewegtheit zur ontolo- rie gebracht wird, die der Kontingenz, der Zufälligkeit, und
gischen Grundstruktur geworden. Auf der andern Seite scheint daß diese als Bestimmung des Geschichtlichen in den Entwurf
das geschichtliche Denken selbst eine prinzipielle Umwendung aufgenommen wird. Dies aber, so konsequent es ist, enthält das
erfahren zu haben, da es reduziert ist auf eine philosophisch es Zugeständnis in sich, daß die Meisterung des empirischen Ma-
tragende Struktur von Geschichtlichkeit als einer Grundbestim- terials nicht gelungen ist. Zugleich bietet diese Wendung das
mung von Dasein, menschlichem Dasein wenigstens, die über- Schema für eine Wendung innerhalb der ontologischen Frage.
haupt erst möglich macht, daß es so etwas wie Geschichte gibt, Dies ist die Wendung zur Tautologie.
ohne daß das, was Geschichte »ist«, ihr als ein Fertiges, Star- Ich meine nichts anderes, als daß der Versuch des neu-ontolo-
res, Fremdes sich gegenüberstellte. Dies ist der Stand der Dis- gischen Denkens, sich mit der Unerreichbarkeit des Empirischen
kussion, von dem ich ausgehe. Hier setzen die kritischen Motive abzufinden, stets und stets nach dem Schema verfährt, daß
ein. gerade da, wo irgendwelche Momente nicht eingehen in Denk-
Es scheint mir so, als ob auch der hier erreichte Ansatz, der onto- bestimmungen, nicht durchsichtig zu machen sind, sondern in
logische und historische Frage vereint unter der Kategorie Ge- ihrer puren Daheit stehenbleiben, daß gerade dies Stehenbleiben
schichtlichkeit, ebenfalls zur Bewältigung der konkreten Proble- der Phänomene selbst in einen Allgemeinbegriff verwandelt
matik nicht ausreicht, oder nur dadurch, daß er seine eigene wird und dem Stehenbleiben als solchem ontologische Würde
Konsequenz modifiziert, und daß er als Inhalte Motive in sich aufgeprägt wird. So ist es mit dem Begriff des Seins zum Tode
aufnimmt, die aus dem entworfenen Prinzip nicht notwendiger- bei Heidegger und auch mit dem Begriff der Geschichtlichkeit
weise entspringen. Dies will ich nur an zwei Punkten zeigen. selber. Das Problem der Versöhnung von Natur und Geschichte
Zunächst bleibt auch dieser Entwurf in allgemeinen Bestimmun- ist in der neu-ontologischen Fragestellung nur scheinbar in der
gen. Das Problem der historischen Kontingenz ist von der Kate- Struktur der Geschichtlichkeit gelöst, weil hier zwar anerkannt
gorie der Geschichtlichkeit her nicht zu meistern. Es läßt sich wird, daß es ein Grundphänomen Geschichte gibt, weil aber nun
eine allgemeine Strukturbestimmung der Lebendigkeit auf stel- die ontologische Bestimmung dieses Grundphänomens Geschichte
len, aber wenn man ein einzelnes Phänomen, etwa die französi- oder die ontologische Auslegung dieses Grundphänomens Ge-
sche Revolution, interpretiert, kann man zwar alle möglichen schichte dadurch vereitelt wird, daß es selbst zur Ontologie
Momente dieser Lebendigkeit dort auffinden, wie z. B. daß das verklärt wird. Für Heidegger ist es so, daß Geschichte, als eine
Gewesene wiederkehrt, auf genommen wird, man kann die Be- umfassende Struktur des Seins verstanden, gleichbedeutend ist
deutung der aus dem Menschen sich erhebenden Spontaneität mit dessen eigener Ontologie. Daher solche matten Antithesen
verifizieren, kausale Zusammenhänge usw. finden, aber es wird wie Geschichte und Geschichtlichkeit, in denen nichts steckt,
nicht gelingen, nun die Faktizität der französischen Revolution als daß irgendwelche am Dasein beobachteten Seinsqualitäten
in ihrem äußersten Faktisch-Sein auf diese Bestimmungen zu dadurch, daß sie vom Seienden weggenommen, transponiert
bringen, sondern es wird im weitesten Umfang einen Bereich werden in das Bereich der Ontologie und zur ontologischen Be-
von »Faktizität« geben, der herausfällt. Es ist dies selbstver- stimmung werden, zur Auslegung dessen beitragen sollen, was
ständlich keine Entdeckung von mir, sondern wurde im Rahmen im Grunde nur noch einmal gesagt wird. Dies Moment der Tau-
der ontologischen Diskussion längst dargetan. Aber es ist nicht tologie hängt nicht mit Zufälligkeiten der Sprachform zusam-
Philosophische Frühschriften Die Idee der Naturgeschichte 353
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men, sondern adhäriert mit Notwendigkeit der ontologisdien durch nichts anderes als durch die strikte Festhaltung der Grund-
Fragestellung selbst, die am ontologisdien Bemühen festhält, motive des rationalen Idealismus, des Fichteschen transzenden-
aber durch ihre rationale Ausgangsposition nicht vermag, sidi talen Subjektes. Dies sdieint mir für die Möglichkeit von
selbst ontologisdi als das auszulegen, was sie ist: nämlich als Idealismus bei irrationalistischen Inhalten zu zeugen. Das andere
produziert von, sinnbezogen auf die Ausgangsposition der idea- Moment ist das Moment der Betonung der Möglichkeit gegen-
listisdien ratio. Das wäre zu explizieren. Wenn es einen Weg über der Wirklichkeit. Es ist so, daß im Rahmen der neu-onto-
gibt, der weiter führen kann, dann kann er tatsächlich nur vor- logischen Fragestellung ja selbst dies Problem des Verhältnisses
gezeidinet sein in einer ioRevision der Frage«. Allerdings ist von Möglichkeit und Wirklichkeit als die größte Schwierigkeit
diese Revision nicht nur anzuwenden auf die historistische, son- empfunden wird. Ich will hier vorsiditig sein und will nicht die
dern auch auf die neu-ontologische Fragestellung selber. Wenig- neue Ontologie auf Positionen festlegen, die in ihr selber kon-
stens mag im Hinweis hier angedeutet sein, warum es mir trovers sind. Jedenfalls ist das eine doch durdigehend, daß der
sdieint, daß diese Problematik daher rührt, daß die idealistisdie •Entwurf« des Seins allemal eine Priorität behauptet gegenüber
Ausgangsposition audi im neu-ontologischen Denken nidit ver- der darunter behandelten Faktizität, daß der Sprung gegenüber
lassen worden ist. Nämlich : weil hier zwei Bestimmungen vor- der Faktizität mit einem solchen Prius angenommen wird; die
liegen, die spezifisch dem idealistisdien Denken zukommen. Faktizit ät soll sich nachträglich einfügen, und wenn nicht, ver-
Die eine ist die Bestimmung der umfassenden Ganzheit gegen- fällt sie der Kritik. In der Vorherrschaft des Reiches der Mög-
über der darunter befaßten Einzelheiten; nicht mehr gefaßt als lichkeiten sehe ich idealistische Momente, denn der Gegensatz
Ganzheit des Systems, sondern jetzt unter der Kategorie der von Möglichkeit und Wirklichkeit ist im Rahmen der Kritik der
Strukturganzheit, der Struktureinheit oder Totalität. Aber in- reinen Vernunft kein anderer als der des kategorialen subjekti-
dem man die gesamte Wirklichkeit glaubt, wenn auch in einer ven Gefüges gegenüber der empirischen Mannigfaltigkeit. Durch
Struktur eindeutig zusammenschließen zu können, steckt in der diese Zuordnung der neuen Ontologie zur idealistischen Position
Möglichkeit eines solchen Zusammenschließens aller gegebenen ist nicht nur erklärbar der Formalismus, die notwendige Allge-
Wirklichkeit unter einer Struktur der Anspruch, daß der, der meinheit der neu-ontologischen Bestimmungen, denen die Fakti-
alles Seiende unter diese Struktur zusammenfaßt, das Recht und zität sich nicht einfügt, sondern sie ist auch der Schlüssel für das
die Kraft hat, das Seiende an sich adäquat zu erkennen und in Problem der Tautologie. Heidegger sagt, es sei kein Fehler,
die Form aufzunehmen. Im Augenblick, wo dieser Anspruch einen Zirkel zu begehen, es käme nur darauf an, auf die rechte
nicht erhoben wird, in diesem Augenblick ist die Rede von einer Weise in den Zirkel hineinzukommen. Ich bin hier geneigt, Hei-
Strukturganzheit nicht mehr möglich. Ich weiß, daß die Inhalt e degger recht zu geben. Aber wenn die Philosophie ihrer eigenen
der neuen Ontologie sehr anders geartet sind als das, was ich Aufgabe getreu bleibt, kann dieses richtige Hineinkommen
eben behauptete. Gerade nicht rationalistisch sei ja die jüngste nichts anderes besagen, als daß das Sein, das sich selbst als Sein
Wendung der Phänomenologie, würde man sagen, sondern der bestimmt oder sich selbst auslegt, im Akt der Auslegung die
Versuch, unter ioLebendigkeit« das irrationale Moment ganz Momente klarmacht, durch die es sich als solches auslegt. Die
anders hereinzuziehen als bisher. Aber es scheint doch ein großer tautologische Tendenz scheint sich mir durch nichts anderes zu
Unterschied, ob irrationale Inhalte in eine prinzipiell im Prinzip erklären als durch das alte idealistische Motiv der Identität. Sie
der Autonomie fundierte Philosophie eingebaut werden, oder ob entsteht dadurch, daß ein Sein, das geschichtlich ist, gebracht
die Philosophie nicht mehr davon ausgeht, daß die Wirklichkeit wird unter eine subjektive Kategorie Geschichdichkeit. Das un-
adäquat zugänglich ist. Ich erinnere nur daran, daß eine Philo- ter der subjektiven Kategorie Geschichtlichkeit befaßte ge-
sophie wie die Schopenhauers zu ihrem Irrationalismus kommt schichtliche Sein soll mit Geschichte identisch sein. Es soll sich den
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Bestimmungen fügen, die von Geschiditlichkeit ihm auf geprägt da, wo sie als Natur scheinbar am tiefsten in sich verharrt, zu
werden. Die Tautologie scheint mir weniger ein sich selbst Er- begreifen als ein geschichtliches Sein. Es kommt nidit mehr dar-
gründen der mythisdien Tiefe der Sprache zu sein als eine neue auf allein an, die Tatsadie der Gesdiidite allgemein unter der
Verdeckung der alten klassischen These der Identität von Sub- Kategorie Geschiditlichkeit als eine Naturtatsache toto coelo zu
jekt und Objekt. Und wenn neuerdings bei Heidegger eine Wen- konzipieren, sondern die Gefügtheit der innergeschichtlichen Er-
dung zu Hegel vorliegt, scheint das diese Deutung zu bestätigen. eignisse in ein Gefügtsein von Naturereignissen zurückzuver-
Nadi dieser Revision der Frage ist der Ansatz selbst zu revidie- wandeln. Nicht ist ein dem geschichtlichen Sein unterliegendes
ren. Festzuhalten bleibt, daß das Auseinanderfallen der Welt in oder ein in ihm liegendes reines Sein aufzusuchen, sondern das
Natur- und Geistsein oder Natur- und Geschichtesein, wie es ge- geschichtliche Sein selber ist als ontologisdies, d. h. als Natur-
bräuchlidi ist vom subjektivistischen Idealismus her, aufgehoben Sein zu verstehen. Die Rückverwandlung der konkreten Ge-
werden muß und daß an seine Stelle eine Fragestellung zu tre- schichte in dialektische Natur ist die Aufgabe der ontologischen
ten hat, die die konkrete Einheit von Natur und Gesd1ichte in Umorientierung der Geschiditsphilosophie: die Idee der Natur-
sich bewirkt. Aber die konkrete Einheit, eine, die nicht orientiert geschichte.
ist an dem Gegensatz von möglichem Sein und wirklichem Sein, II. Ich gehe nun aus von der geschichtsphilosophischen Pro-
sondern eine, die geschöpft wird aus den Bestimmungen des blematik, wie sie zur Ausbildung des Begriffes von Naturge-
.. wirklidien Seins selber. Der Entwurf der Gesdiichte in der neuen schichte tatsächlich bereits geführt hat. Die Konzeption der Na-
Ontologie hat nur dann die Chance, ontologische Würde zu ge- turgeschichte ist nicht vom Himmel gefallen, sondern sie hat
winnen, die Aussidit, zur wirklichen Auslegung des Seins zu ihren verbindlichen Ausweis im Rahmen der geschichtsphiloso-
kommen, wenn er sidi radikal richtet nicht auf Möglichkeiten phischen Arbeit an bestimmtem Material, vor allem bislang an
des Seins, sondern auf das Seiende als solches in seiner konkre- ästhetisdiem. Das einfachste, um eine Vorstellung zu geben die-
ten innergeschichtlichen Bestimmtheit. Jede Aussonderung na- ser Art von geschichtlicher Konzeption der Natur, ist, wenn ich
turhaA:er Statik aus der historischen Dynamik führt zu falschen die Quellen angebe, in denen dieser Begriff von Naturgeschichte
Verabsolutierungen, jede Absonderung der historisdien Dyna- entspringt. Id1 berufe mich auf die Arbeiten von Georg Lukacs
mik von dem in ihr unaufhebbar gesetzten Naturalen führt zu und Walter Benjamin. Lukacs hat in der » Theorie des Romans«
sdileditem Spiritualismus. Es ist das Verdienst der ontologisdien einen Begriff verwandt, der hierhin leitet, den der zweiten
Fragestellung, das unaufhebbare Ineinander der Elemente von Natur. Der Rahmen des Begriffs der zweiten Natur ist der:
Natur und Gesdiidite radikal herausgearbeitet zu haben. Da- Lukacs hat eine allgemeine geschichtsphilosophische Vorstel-
gegen ist es notwendig, diesen Entwurf zu reinigen von der Vor- lung von sinnerfüllter und sinnentleerter Welt (unmittelbarer
stellung einer umfassenden Ganzheit, und weiter notwendig, die Welt und entfremdeter Welt, Welt der Ware) und sucht diese
Sonderung von Wirklichkeit und Möglichkeit von der Wirklidi- entfremdete Welt darzustellen. Diese Welt, als Welt der vom
keit her zu kritisieren, während bisher beide auseinander fallen . Mensdien geschaffenen und ihm verlorenen Dinge, nennt er die
Dies sind zunächst allgemeine methodologische Forderungen . Welt der Konvention. »Wo keine Ziele unmittelbar gegeben
Aber weit mehr ist zu postulieren. Wenn die Frage nach dem sind, verlieren die Gebilde, die die Seele bei ihrer Menschwer-
Verhältnis von Natur und Gesdiichte ernsthaft gestellt werden dung als Schauplatz und Substrat ihrer Tätigkeit unter den
soll, bietet sie nur dann Aussidit auf Beantwortung, wenn es ge- Menschen vorfindet, ihr evidentes Wurzeln in überpersönlichen,
lingt, das geschichtliche Sein in seiner äußersten geschichtlichen seinsollenden Notwendigkeiten; sie sind etwas einfach Seiendes,
Bestimmtheit, da, wo es am geschichtlichsten ist, selber als ein vielleicht Machtvolles, vielleicht Morsches, tragen aber weder
naturhaftes Sein zu begreifen, oder wenn es gelänge, die Natur die Weihe des Absoluten an sich, noch sind sie die naturhaften
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Behälter für die überströmende Innerlichkeit der Seele. Sie bil- ist ein erstarrter, fremdgewordener, die Innerlichkeit nicht mehr
den die Welt der Konvention: eine Welt, deren Allgewalt nur erweckender Sinneskomplex; sie ist eine Schädelstätte vermoder-
das Innerste der Seele entzogen ist; die in unübersichtlicher ter Innerlichkeiten und wäre deshalb - wenn dies möglich wäre
Mannigfaltigkeit überall gegenwärtig ist; deren strenge Gesetz- - nur durch den metaphysischen Akt einer Wiedererweckung
lichkeit, sowohl im Werden wie im Sein, für das erkennende des Seelischen, das sie in ihrem früheren oder sollenden Dasein
Subjekt notwendig evident wird, die aber bei all dieser Gesetz- erschuf oder erhielt, erweckbar, nie aber von einer anderen In-
mäßigkeit sich weder als Sinn für das zielsuchende Subjekt noch nerlichkeit erlebbar.« 2 Das Problem dieser Erweckung, das hier
in sinnlicher Unmittelbarkeit als Stoff für das handelnde dar- als metaphysische Möglichkeit zugestanden wird, ist das Pro-
bietet. Sie ist eine zweite Natur; wie die erste« - »erste Natur« blem, das ausmacht, was hier unter Naturgeschichte verstanden
ist für Lukacs, ebenfalls als entfremdete, die Natur im Sinn der wird. Gesichtet ist von Lukacs die Verwandlung des Histori-
Naturwissenschaft - »nur als der Inbegriff von erkannten, sin- schen als des Gewesenen in die Natur, die erstarrte Geschichte
nesfremden Notwendigkeiten bestimmbar und deshalb in ihrer ist Natur, oder das erstarrt Lebendige der Natur ist bloße ge-
wirklichen Substanz unerfaßbar und unerkennbar.« 1 Diese Tat - schichtliche Gewordenheit. In der Rede von der Schädelstätte
sache der Welt der Konvention, wie sie geschichtlich produziert liegt das Moment der Chiffre; daß all dies etwas bedeutet, was
ist, der uns fremd gewordenen Dinge, die nicht entziffert wer- aber erst herausgeholt werden muß. Diese Schädelstätte kann
den können, aber als Chiff ern begegnen, das ist der Ausgang der Lukacs nicht anders denken als unter der Kategorie der theolo-
Problematik, die ich hier vortrage. Von der Geschichtsphiloso- gischen Wiedererweckung, unter dem eschatologischen Horizont.
phie aus gesehen stellt sich das Problem der Naturgeschichte zu- Es ist die entscheidende Wendung gegenüber dem Problem der
nächst als die Frage, wie es möglich ist, diese entfremdete, ding - Naturgeschichte, die Benjamin vollzogen hat, daß er die Wie-
hafl:e, gestorbene Welt zu erkennen, zu deuten. Dies Problem dererweckung der zweiten Natur aus der unendlichen Ferne in
hat in seiner Fremdheit und in seinem Rätselcharakter Lukacs die unendliche Nähe geholt und zum Gegenstand der philoso-
bereits gesehen . Wenn es mir gelingen soll, Ihnen eine Vorstel- phischen Interpretation gemacht hat. Und indem Philosophie
lung von der Idee der Naturgeschichte zu geben, müßten Sie zu- dies Motiv der Erweckung des Chiff ernhaften, Erstarrten auf-
nächst etwas von dem {}avµc'.t~uverfahren, das diese Frage greift, ist sie dazu gekommen, den Begriff der Naturgeschichte
bedeutet. Naturgeschichte ist nicht eine Synthese natürlicher und schärf er auszubilden. Es sind zunächst zwei Stellen aus Benja-
geschichtlicher Methoden, sondern eine Perspektivenänderung. min, die sich komplementär zu Lukacs' Stelle verhalten. »Natur
Die Stelle, an der Lukacs dieser Problematik am nächsten schwebt ihnen (den allegorischen Dichtern) vor als ewige Ver-
kommt, lautet: »Die zweite Natur der Menschengebilde hat gängnis, in der allein der saturnische Blick jener Generationen
keine lyrische Substantialität : ihre Formen sind zu starr, um die Geschichte erkannte.« 3 »Wenn mit dem Trauerspiel die Ge-
sich dem symbolschaffenden Augenblick anzuschmiegen; der in- schichte in den Schauplatz hineinwandert, so tut sie es als Schrift.
haltliche Niederschlag ihrer Gesetze ist zu bestimmt, um die Auf dem Antlitz der Natur steht ,Geschichte< in der Zeichen-
Elemente, die in der Lyrik zu essayistischen Veranlassungen schrift der Vergängnis.« 4 Es kommt gegenüber der Lukacs'schen
werden müssen, je verlassen zu können; diese Elemente aber Geschichtsphilosophie etwas prinzipiell anderes hinzu, beide
leben so ausschließlich von der Gnade der Gesetzlichkeiten, Male kam das Wort Vergängnis und Vergänglichkeit vor . Der
haben so gar keine von ihnen unabhängige sinnliche Valenz des
Daseins, daß sie ohne sie in Nichts zerfallen müssen . Diese Na- 2 a. a. 0., S. 54.
3 Walter Benjamin, Ursprung des deutschen Trauerspiels, Berlin 1928,
tur ist nicht stumm, sinnfällig und sinnesfremd, wie die erste: sie
s. 178.
1 Georg Lukacs, Die Theorie des Romans, Berlin 1920, S. 52. 4 a. a. O., S. 176.
Philosophische Frühschriften Die Idee der Naturgeschichte 359
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tiefste Punkt, in dem Geschichte und Natur konvergieren, ist einzelnen in dieser seiner naturverfallensten Figur bedeutungs-
eben in jenem Moment der Vergänglichkeit gelegen. Wenn Lu- voll als Rätselfrage sich aus. Das ist der Kern der allegorischen
kacs das Historische als Gewesenes in Natur sich zurückverwan- Betrachtung, der barocken, weltlichen Exposition der Geschichte
deln läßt, so gibt sich hier die andere Seite des Phänomens: als Leidensgeschimte der Welt; bedeutend ist sie nur in den Sta-
Natur selber stellt als vergänglid1e Natur, als Geschichte sich tionen ihres Verfalls. Soviel Bedeutung, soviel Todverfallenheit,
dar. - weil am tiefsten der Tod die zackige Demarkationslinie zwi-
Die naturgeschichtlichen Fragestellungen sind nicht als generelle smen Physis und Bedeutung eingräbt.« 6 Was soll hier die Rede
Strukturen möglich, sondern nur als Deutung der konkreten Ge- von Vergänglimkeit besagen und was heißt Urgesmimte des
schichte. Benjamin geht davon aus, daß die Allegorie kein Ver- Bedeutens? Im kann diese Begriffe nicht in der herkömmlimen
hältnis von bloßen sekundären Zufälligkeiten ist; das Allego- Weise auseinander entwickeln. Das, worum es sich hier handelt,
rische ist nicht ein zufälliges Zeichen für einen darunter befaßten ist von einer prinzipiell anderen logischen Form als Entwicklung
Inhalt; sondern zwischen Allegorie und allegorisch Gemein- aus einem »Entwurf«, dem Momente von allgemeinbegrifflimer
tem besteht eine Sachbeziehung, ,Allegorie sei Ausdruck, 5• Alle- Struktur konstitutiv zugrunde liegen. Diese andere logischeStruk-
gorie heißt gewöhnlich sinnliche Darstellung eines Begriffes, und tur selber ist hier nimt zu analysieren. Es ist die der Konstella-
darum nennt man sie abstrakt und zufällig. Die Beziehung des tion. Es handelt sich nimt um ein Erklären von Begriffen aus
allegorisch Erscheinenden und des Bedeuteten aber ist keine zu- einander, sondern um Konstellation von Ideen, und zwar der
fällige zeichenhaA:e,sondern ein Besonderes spielt sich ab, sie ist Idee von Vergänglimkeit, des Bedeutens und der Idee der Natur
Ausdruck, und was sich in ihrem Raum abspielt, was sich aus- und der Idee der Geschichte. Auf diese wird nicht als »Invarian-
drückt, ist nichts anderes als ein geschichtliches Verhältnis. Das ten« rekurriert; sie aufzusumen ist nicht die Frageintention, son-
Thema des Allegorischen ist schlechterdings Geschichte. Daß es dern sie versammeln sich um die konkrete historisme Faktizität,
sich um ein geschichtliches Verhältnis handelt, zwischen dem Er- die im Zusammenhang jener Momente in ihrer Einmaligkeit sich
scheinenden, der erscheinenden Natur und dem Bedeuteten, ersmließt. Wie hängen diese Momente hier miteinander zusam-
nämlich der Vergänglichkeit, wird so expliziert: »Unter der ent- men? Die Natur als Smöpfung ist von Benjamin selbst gedacht
scheidenden Kategorie der Zeit, welche in dieses Gebiet der als gezeichnet mit dem Mal der Vergänglichkeit. Natur selbst ist
Semiotik getragen zu haben die große romantische Einsicht die- vergänglim. So hat sie aber das Moment der Geschichte in sich.
ser Denker war, läßt das Verhältnis von Symbol und Allegorie Wann immer Geschimtliches auftritt, weist das Geschichtliche
eindringlich und formelhaft: sich festlegen. Während im Symbol zurück auf das Natürliche, das in ihm vergeht. Umgekehrt,
mit der Verklärung des Unterganges das transfigurierte Antlitz wann immer »zweite Natur« erscheint, jene Welt der Konven-
der Natur im Lichte der Erlösung flüchtig sich offenbart, liegt in tion an uns herankommt, dechiffriert sie sich dadurch, daß als
der Allegorie die facies hippocratica der Geschichte als erstarrte ihre Bedeutung klar wird eben ihre Vergänglichkeit. Bei Benja-
UrlandschaA: dem Betrachter vor Augen. Die Geschichte in allem min ist das zunächst so gefaßt - und hier ist weiter zu gehen-,
was sie Unzeitiges, Leidvolles, Verfehltes von Beginn an hat, daß es irgendwelche urgeschichtlichen Grundphänomene gibt,
prägt sich in einem Antlitz - nein in einem Totenkopfe aus. die ursprünglich da waren, die vergangen sind und im Allegori-
Und so wahr alle ,symbolische, Freiheit des Ausdrucks, alle klas- schen bedeutet werden, die im Allegorischen wiederkehren, als
sische Harmonie der Gestalt, alles Menschliche einem solchen das BuchstabenhaA:e wiederkehren. Es kann sich nicht bloß dar-
fehlt - es spricht nicht nur die Natur des Menschendaseins um handeln zu zeigen, daß in der Geschichte selbst urgeschicht-
schlechthin, sondern die biographische Geschichtlichkeit eines lime Motive immer wieder vorkommen, sondern daß Urge-
5 Vgl. a. a. 0., S. 160. 6 a. a. 0., S. 164 f.
J
360 Philosophische Frühsdirifl:en Die Idee der Naturgeschichte 361

schichte selbst als Vergänglichkeit das Motiv der Geschichte in lieh zu radikalisieren ist. Auf der anderen Seite habe ich unter
sich hat. Die Grundbestimmung der Vergänglichkeit des Irdi- dem Zeichen der Vergänglichkeit gezeigt, wie die Geschichte sel-
schen bedeutet nichts anderes als ein solches Verhältnis von ber hindrängt zu einer in gewissem Sinn ontologischen Wen-
Natur und Geschichte; daß alles Sein oder alles Seiende zu fas- dung. Das, was ich hier unter ontologischer Wendung verstehe,
sen ist nur als Verschränkung von geschichtlichem und naturhaf- ist etwas völlig Verschiedenes von dem, was heute üblicher
tem Sein. Als Vergänglichkeit ist Urgeschichte absolut präsent. Weise darunter verstanden wird. Daher will ich diesen Aus-
Sie ist es im Zeichen von »Bedeutung«. Der Terminus »Bedeu- druck nicht dauernd dafür reklamieren, sondern führe ihn ledig-
tung« heißt, daß die Momente Natur und Geschichte nicht in- lich dialektisch ein. Das, was mir als Naturgeschichte vor-
einander aufgehen, sondern daß sie zugleich auseinanderbrechen schwebt, ist nun nicht »historistische Ontologie«, nicht der
und sich so verschränken, daß das Natürliche auftritt als Zeichen Versuch, einen Zusammenhang historischer Tatbestände heraus-
für Geschichte und Geschichte, wo sie sich am gesc:hichtlichsten zugreifen und ontologisch zu hypostasieren, die als Sinn oder
gibt, als Zeichen für Natur. Alles Sein oder wenigstens alles ge- Grundstruktur einer Epoche das Ganze umfassen sollen, wie es
wordene Sein, alles gewesene Sein verwandelt sich in Allegorie, etwa Dilthey tat. Dieser Diltheysche Versuch einer historisti-
und damit hört Allegorie auf, eine bloß kunstgeschichtliche Ka- schen Ontologie ist gestrandet, weil er mit der Faktizität nicht
tegorie zu sein. Ebenso wird das »Bedeuten« selber aus einem Ernst genug gemacht hat, verblieben ist im Bereich der Geistes-
Problem der geschichtsphilosophischen Hermeneutik oder gar geschichte und, nach der Weise von unverbindlichen Denkstilbe-
dem des transzendenten Sinnes zu dem Moment, das konstitutiv griffen, die material-gefüllte Realität überhaupt nicht ergriffen
Geschichte in Urgeschichte transsubstanziiert. Darum »Urge- hat. Statt dessen muß es sich darum handeln, nicht epochenweise
schichte des Bedeutens«. Der Fall eines Tyrannen etwa ist nach Konstruktionen geschichtlicher Urbilder zu gewinnen, sondern
barocker Sprache gleich dem Untergang der Sonne. Diese allego- die geschichtliche Faktizität in ihrer Geschichtlichkeit selbst als
rische Relation umschließt in sich bereits die Ahnung eines Ver- naturgeschichtlich einzusehen.
fahrens, dem es gelingen könnte, die konkrete Geschichte in Zur Artikulation der Naturgeschichte nehme ich ein zweites
ihren Zügen als Natur auszulegen und die Natur im Zeichen der Problem auf; von der entgegengesetzten Seite her. (Dies liegt
Geschichte dialektisch zu machen. Die Ausführung dieser Kon- in direkter Sinnfortsetzung der Frankfurter Diskussion.) Man
zeption ist wiederum die Idee der Naturgeschichte. könnte sagen, es sei eine Art von Verzauberung der Geschichte
III. Nachdem ich so den Ursprung der Idee der Naturgeschichte von mir gemeint. Hier würde das Geschichtliche in allen seinen
angedeutet habe, will ich weiter gehen. Das Verbindende dieser Zufälligkeiten für das Natürliche und Urgeschichtliche selber
drei Stellen liegt in der Vorstellung der Schädelstätte. Bei Lu- ausgegeben. Es soll, weil es allegorisch erscheint, das geschicht-
kacs ist es etwas bloß Rätselhaftes, bei Benjamin wird es zur lich Begegnende verklärt werden als etwas Sinnhaftes. Das
Chiffre, die zu lesen ist. Unter dem radikalen naturgeschichtli- liegt nicht in meinem Sinn. Allerdings ist der Ausgang der
chen Denken aber verwandelt sich alles Seiende in Trümmer und Fragestellung, der Naturcharakter der Geschichte, das befrem-
Bruchstücke, in eine solche Schädelstätte, in der die Bedeutung dende. Aber wollte die Philosophie nichts anderes bleiben als
aufgefunden wird, in der sich Natur und Geschichte verschrän- eine solche Hinnahme des Choks, daß das, was Geschichte ist,
ken, und Geschichtsphilosophie gewinnt die Aufgabe ihrer in- sich zugleich jeweils als Natur darstellt - dann wäre es so, wie
tentionalen Auslegung. Es ist also eine doppelte Wendung Hegel es Schelling vorwarf, wie die Nacht der Indifferenz, in
gemacht. Ich habe auf der einen Seite die ontologische Problema- der alle Katzen grau sind. Wie entgeht man dieser Nacht? Das
tik auf die geschichtliche Formel gebracht, zu zeigen versucht, in möchte ich noch andeuten.
welcher Weise die ontologische Fragestellung konkret geschieht- Es ist hier davon auszugehen, daß die Geschichte, wie sie uns
Philosophische Frühschriften Die Idee der Naturgeschichte 363
362

vorliegt, sich gibt als ein durchaus Diskontinuierliches,nicht nur de Mythisch-Archaische, dies angeblich substantielle beharrende
insoweit als sie disparate Tatbestände und Tatsachen, sondern Mythische gar nicht in einer solchen Weise statisch zugrunde
auch Disparatheiten struktureller Art enthält. Wenn Riezler liegt, sondern daß in allen großen Mythen, wohl auch in allen
von drei einander entgegenstehenden und ineinander gefalteten mythischen Bildern, die unser Bewußtsein noch hat, das Moment
Bestimmungen der Geschichtlichkeit, Tyche, Ananke, Spontanei- der geschichtlid1en Dynamik bereits angelegt ist, und zwar in
tät redet, würde ich nicht versuchen, diese Aufteilung der Struk- dialektischer Form, so, daß die mythischen Grundgegebenheiten
tur der Geschichte in diese Bestimmungen durch eine sogenannte in sich selbst widerspruchsvoll sind und sich widerspruchsvoll be-
Einheit zu synthetisieren. Ich glaube gerade, daß die neue Onto- wegen (erinnert sei an das Phänomen der Ambivalenz, den
logie in der Konzeption dieses Gefügtseins etwas sehr Frucht- »Gegensinn« der Urworte). Der Kronosmythos ist ein solcher, in
bares geleistet hat. Nun stellt sich diese Diskontinuität - die dem die äußerste Schöpferkraft des Gottes zugleich in eins ge-
ich, wie gesagt, in eine Strukturganzheit überzuführen kein setzt wird damit, daß er der ist, der seine Geschöpfe, seine Kin-
Recht sehe - zunächst einmal dar als eine zwischen dem der vernichtet. Oder es ist so, daß die Mythologie, die der Tra-
mythisch-archaischen, natürlichen Stoff der Geschichte, des Ge- gödie zugrunde liegt, allemal in sich dialektisch ist, weil sie auf
wesenen und dem, was dialektisch neu in ihr auf taucht, neu im der einen Seite das Verfallensein des schuldigen Menschen an
prägnanten Sinn. Dies sind Kategorien, deren Problematik mir den Naturzusammenhang in sich hat und zugleich dies Schicksal
klar ist. Aber das differentielle Verfahren, zur Naturgeschichte aus sich selbst heraus versöhnt; daß der Mensch aus dem Schick-
zu kommen, ohne Naturgeschichte als Einheit vorwegzunehmen, sal als Mensch sich erhebt. Das Moment der Dialektik liegt dar-
ist dies, daß man diese beiden problematischen und unbestimm- in, daß die tragischen Mythen in sich mit der Verfallenheit in
ten Strukturen in ihrer Gegensätzlichkeit, wie sie in der Sprache Schuld und Natur zugleich das Moment der Versöhnung, das
der Philosophie vorkommen, zunächst annimmt und hinnimmt. prinzipielle Hinausgehen über den Naturzusammenhang enthal-
Das darf man um so eher, als es sich zeigt, daß die Geschichts- ten. Die Vorstellung einer statischen undialektischen Ideenwelt
philosophie auf eine solche Verschränkung des ursprünglich Da- nicht bloß, sondern auch undialektisdier, die Dialektik abbre-
seienden und des neu Werdenden je und je kommt durch die diender Mythen weist auf Platon als ihren Ursprung zurück 7•
von der Forschung dargebotenen Befunde. Ich erinnere aus dem Bei Platon liegt die Welt der Erscheinungen selbst eigentlich
Bereich der Forschung daran, daß in der Psychoanalyse dieser brach. Sie ist verlassen, aber sie wird von den Ideen sichtbar be-
Gegensatz in aller Deutlichkeit vorliegt: in dem Unterschied der herrscht. Jedoch die Ideen haben an ihr keinen Anteil, und da
archaischenSymbole, an die sich keine Assoziationen anschlie- sie an der Bewegung der Welt keinen Anteil haben, durdi diese
ßen, und der innersubjektiven , dynamischen, innergeschichtli- Entfremdung der mensdilichen Erfahrungswelt von den Ideen,
chen Symbole, die sich alle eliminieren lassen und die in psychi- werden die Ideen zwangsläufig, um sich gegenüber dieser Dyna-
sche Aktualität, in gegenwärtiges Wissen umgesetzt werden mik überhaupt halten zu können, unter die Sterne versetzt. Sie
können. Nun ist zunächst die Aufgabe der Geschichtsphiloso- werden statisch: erstarrt. Aber das ist bereits der Ausdruck für
phie, diese beiden Momente herauszuarbeiten, zu sondern und einen Stand des Bewußtseins, in dem das Bewußtsein seine na-
einander gegenüberzustellen, und erst wo diese Antithesis expli- türlidie Substanz als Unmittelbarkeit verloren hat. In dem
ziert ist, ist eine Chance, daß man zu der Auskonstruktion der Augenblick Platons ist das Bewußtsein bereits der Versuchung
Naturgeschichte gelangen kann. Den Hinweis dazu bieten wie- des Idealismus verfallen: der Geist, aus der Welt verbannt und
der die pragmatischen Befunde, die sich darstellen, wenn man der Geschichte entfremdet, wird zur Absolutheit um den Preis
einmal das Archaisch-Mythische selber betrachtet und das Ge- 7 Zum folgenden vgl. Sören Kierke gaard, Begriff der Ironie, Berlin, Mün-
schichtlich-Neue. Dabei zeigt sich, daß das zugrunde liegen- chen x929, S. 78 ff.
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der Lebendigkeit. Und der Trug des statischen Charakters der in sich hineinzuziehen, ist auch ein solches mythisdies Moment
mythischen Elemente ist es, dessen wir uns zu entledigen haben, des Sdieines. Oder das Moment der Wirklichkeit von Sdiein
wenn wir zu einem konkreten Bild von Naturgeschichte kom- gegenüber seiner bloßen Bildlichkeit: daß wir Schein überall da,
men wollen. wo er uns begegnet, als Ausdruck empfinden, daß er nicht bloß
Andererseits stellt das » jeweilig Neue«, dialektisch Produzierte zu beseitigendes Sdieinhaftes ist, sondern etwas ausdrückt, was in
in der Geschichte in Wahrheit als archaischsich dar. Die Ge- ihm erscheint, was aber unabhängig von ihm nicht zu beschrei-
schichte ist »dort am mythischsten, wo sie am geschichtlichsten ben ist. Dies ist ebenfalls ein mythisches Moment am Schein.
ist«. Hier liegen die größten Schwierigkeiten. Statt den Gedan- Und schließlich: das entsdieidende, transzendierende Motiv des
ken generell auszuführen, gebe ich ein Beispiel: das des Schei- Mythos, das der Versöhnung, eignet auch dem Schein. Idi erin-
nes; und zwar spreche ich von Schein in dem Sinne einer zweiten nere daran, daß die Rührung allemal den mindersten Kunstwer-
Natur, von der die Rede war. Diese zweite Natur ist, indem sie ken beigesellt ist und nicht den höchsten. Ich meine das Moment
sich als sinnvoll gibt, eine des Scheines, und der Schein an ihr ist der Versöhnung, das überall da ist, wo die Welt am scheinhaf-
testen sich darstellt; daß da das Versprechen der Versöhnung am
gesdiichtlich produziert. Sie ist sdieinhafl:, weil die Wirklidikeit
uns verloren ist, und wir sie glauben sinnvoll zu verstehen, wäh- vollkommensten gegeben ist, wo zugleich die Welt von allem
»Sinn« am dichtesten vermauert ist. Damit weise ich Sie auf die
rend sie entleert ist, oder weil wir in diese fremd gewordene
Struktur des Urgeschichtlichen am Schein selber zurück, wo der
subjektive Intentionen als ihre Bedeutung einlegen wie in der
Sdiein in seinem Sosein als ein geschichtlich Produziertes sich er-
Allegorie. Nun ist aber das Merkwürdige, daß das innerge-
weist: in der üblichen Sprache der Philosophie: wo Schein von
sdiiditlidie Wesen Schein selber mythischer Artung ist. Wie allen
der Subjekt-Objekt-Dialektik gezeitigt wird. Es ist in Wahrheit
Mythen das Moment des Scheines inhäriert, ja wie die Dialektik
die zweite Natur die erste. Die geschichtliche Dialektik ist nicht
des mythischen Sdiicksals, unter den Formen von Hybris und
bloß Wiederaufnahme umgedeuteter urgeschichtlicher Stoffe,
Verblendung, allemal von Sdiein inauguriert wird, so sind die
sondern die geschichtlichen Stoffe selber verwandeln sich in
geschichtlich produzierten Sdiein-Gehalte allemal mythisdier
Art, und nidit nur so, daß sie auf Ardiaisdi-Urgesdiichtlidies Mythisches und Naturgeschichtliches.
Ober das Verhältnis dieser Dinge zum historisdien Materialis-
zurückgreifen und daß in der Kunst alles Sdieinhafl:e es mit
mus wollte ich noch sprechen, kann aber hier nur soviel sagen:
Mythen zu tun hat (man denke an Wagner), sondern daß der
es ist nicht das der Ergänzung einer Theorie durch eine andere,
Charakter des Mythisdien selber in diesem geschiditlidien Phä-
sondern das der immanenten Auslegung einer Theorie. Ich stelle
nomen des Scheines wiederkehrt. Dessen Herausarbeitung wäre
mich sozusagen als der richterlichen Instanz der materialistischen
ein echt naturgeschichtlidies Problem. Es würde sich z. B. darum
Dialektik. Es wäre zu zeigen, daß das Vorgetragene nur eine
handeln zu zeigen, daß, wenn Sie bei gewissen Wohnungen den
Auslegung von gewissen Grundelementen der materialistischen
Charakter des Scheines feststellen, mit diesem Schein verschwi-
Dialektik ist.
stert ist der Gedanke des von je Gewesenseins, und daß es nur
wiedererkannt wird. Das Phänomen des deja-vu, des Wiederer-
kennens wäre hier zu analysieren. Weiter kehrt vor solch inner-
geschiditlichem entfremdeten Schein das mythisdie Urphänomen
der Angst wieder . Es befällt eine archaische Angst überall da,
wo diese Scheinwelt der Konvention uns gegenübertritt. Weiter
das Moment der Bedrohlichkeit, das diesem Schein immer eigen
ist; daß der Schein den Charakter hat, alles wie in einen Trichter