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Hochschule für Gei.

taltung
Offenbach am Main
Th eodor W Ado r A.ßibliothek•
Zur Lehr e von der Geschichte
und von der Freih eit
(1964/65)
Herausgegeben von
Ro lfTiedemann

Anfang der sechziger Jahre hielt Theodo r W. Adorno an der Frankfurter


Universität vier Vorlesungen, darunter die Lehre vo11der Geschiclite,md
von der Freiheit.Jnhaltlich handelt es sich um eine Vorstufe der H egel
und Kant gewidmeten Kapitel der •Negativen Dialektik< (1966),formal
um improvisierte, frei gesprochene Vorträge, die es erlauben, dem
Philosophen bei der ,Arbeit am Begriff• zuzuschauen.
Der Text versammelt alle wichtigen Themen und Motive der
Adornoschen Geschichtsph ilosoph ie: das Schlüsselp hänomen der
Naturbehe rrschung, die Kritik des Existenzials der ,Geschichtlichke it<
und schließlich Adornos Opposition zu dem traditione llen Begriff von
Wahrhei t als einem Bleibenden, Unveränderlichen, Ungeschichtlichen.

Das Werk Theodor W. Adornos (1903-1969) liegt im Suhrkamp Verlag


Suhrkamp
vor.
Inhail
Dieser Band ist textidentisch mit Abteilung IV:
Vorlesungen Band 1 3
der Nachgelassenen Schriften von Theodor W. Adorno, Vorlesungen 7
herausgegeben vorn Theodor W. Adorno Archiv.
Anmerkungen des Herausgebers 373
Nachbemerkungdes Herausgebers 463
Register ............... . 475
Übersicht ....................... . 485

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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publi.katior
in der Deutschen Nationalbibliografie;
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5. Auflage 2019

Erste Auflage 2006


suhrkamp taschenbuch wissenschaft 178 5
© Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001
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darstellt, desto unwider stehlicher der Drang oder die Be- 15. VORLESUNG

gierde, es zu deuten und mit dieser Sinnlosigkeit fertig zu wer- 12. r. 1965
den. Das Licht, das in den fragmentarischen, zerfallenden, ab-
gespaltenen Phänomenen aufgeht, ist die einzige Hoffnung , In der letzten Stunde hatte ich begonnen, Ihnen einiges über
die die Philosophi e überhaupt noch entzünde n kann: als das den Übergang von Philosophie zum Begriff der Deutung und
Allerfinsterste, als das sie dabei - wie ich es in dieser Vorlesung der Interpretation zu sagen. Und ich möchte heute die not-
bis jetzt vorbereitet habe - jenen Sinn zu enthüllen sich an- wendigerweise sehr kursorische Betrachtung, die ich an die-
schickt. Viel mehr dies wäre heute zu begründen als der sen Komplex anschließ e, zunächst einmal Zl1 Ende bringen,
Drang, abzuleiten oder das Ganze philosophisch zu haben; das ehe ich dann mich daran begebe, die Brücke zu schlagen zwi-
ist heute gar nicht mehr das Philosophische, sondern eben schen den beiden Komplexen dieser Vorlesung, - wobei ich
jene Versenkung in das Einzelne, jene rückhaltlose Versen- gewiegten Dialektikern wie Ihnen ja nicht erst zu sagen brau-
kung in das Einzelne und Spezifische, die Hegel zwar gefor- che, daß diese Vermittlung keine Brücke zwischen den Mo-
dert, aber durch seine tatsächlich geübte Denkpraxis zugleich menten sein darf, sondern eine Vermittlung in den Momenten
verweigert hat. Bei' Heidegger ist die Idee der Deutung, der er selbstsein müßte. Wenn Sie sich überlegen, was ich Ihnen über
recht nahe kommt, deshalb korrumpiert - so erscheint es mir philosophische Deutung expliziert hatte, dann können Sie
jedenfalls-, weil sie vereidigt ist auf den Unterschied des On- vielleicht einsehen, warum ich dabei der Konstruktion der
tischen und Ontologischen, während die ontologische Struk- Naturgeschichte einen so großen Nachdruck verliehen habe:
tur nicht das ist, was man als die Bedeutung in Wahrheit an- weil man wohl sagen darf, daß dieses Ineinander von Natur
sprechen darf. Sie bleibt im Grunde eben doch nichts anderes und Geschichte das Modell ist, nach dem ein deutendes Ver-
als die allgemeinbegrifilichen Mannigfaltigkeiten, in welche halten allgemein sich in der Philosophie zu richten hat; man
die spezifischen Phänomene sich einfügen. Und gerade über könnte fast sagen, daß es der Kanon dafür ist, daß Philosophie
diese Einfügung müßte die philosophische Deutung hinaus- deutend sich verhält, ohne in dieser Deutung in pure Willkür
gelangen: das ist, wenigstens dogmatisch formuliert, der Un- zu geraten. Denn es bleibt ja die Polarität, die aus der Philoso-
terschied der geschichtsphilosophischen Zeichendeuterei, phie nicht sich ausmerzen läßt: daß sie das Moment des Strin-
von der ich Ihnen wenigstens eine Idee geben möchte, von genten, des Verbindlichen mit dem der lebendigen Erfahrung
der heute gängigen Hermeneutik. - An dieser Stelle möchte oder des Ausdrucks vereinen muß, ohne daß diese Momente
ich das nächste Mal fortfahren und dann den geschichtsphilo- je ganz sich zusammenbringen ließen. Das Auseinanderfallen
soph ischen Teil der Vorlesung damit beschließen, daß ich Ih- der Philosophie in sogenannte große und perennierend mit-
nen noch einen größeren Zusammenhang vortrage, der sich einander kämpfende Schulen, wie es die des Rationalismus
auf eine der zentralsten geschichtsphilosophischen Kategorien und des Empirismus gewesen sind, hat ja auch zum Hinter -
bezieht, in der alle unsere bisherigen Fragestellungen kulnti- grund eben die Unauflösbark eit dieser Spannung, hinter der
nieren, - nämlich auf den Begriff des Fortschritts. recht wohl die Unauflöslichkeit des Nichtidentischen in die
Identität selber stecke n mag. An dem Verhältnis von Natur
und Geschichte ist das Urbild deutenden Verhaltens zu gewin-
nen, wie es ja in der Geschichte des Geistes in der Form der
Allegori e überliefert ist. Und es ist schwerlich ein Zufall, daß

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die erste Philosophie, die den Begriff der Deutung in einem nen Negativität. Und dieses Moment der Negativität ist dai
sehr nachdrücklichen Sinn und in einem sehr großen Umfang Kritische der Philosophie. Deutung und Kritik dürften in ei-
sich selber als methodisches Prinzip zu eigen gemacht hat, nem tiefsten Sinn miteinander koinzidieren. Und deshalt
nämlich die des mittleren und des späten Schelling, dabei so halte ich es für so töricht, etwa zu verlangen, daß man erstet-
vielfach auf den in der Ästhetik mittlerweile verketzerten Be- was verstehen müsse und dann kritisieren dürfe, weil das ver-
griff der Allegorie sich bezogen hat. 192 Natur offenbart sich stehende, also das deutende Verhalten, eben als das der Negati-
unter diesem Blick, unter dem allegorischen Tiefblick, der vität, der immanenten Vergängnis des Phänomens selber, mi1
vielleicht doch das Modell des philosophischen Blicks über- der Kritik an dem , was die Welt aus dem Phänomen gemacht
haupt ist - die Haltung der melancholischen Versenkung ist ja hat, 196 geradezu zusammenhängt. Allgemein gesprochen,
wohl die Verhaltensweise, an der überhaupt die philoso- könnte man vielleicht sagen, daß Deutung soviel sei wie Na-
phische Verhaltensweise sich gebildet hat -, Natur, sage ich, tur und Geschichte wechselseitig auseinander lesen. Deutung
offenbar t sich unter diesem Blick als Geschichte, so wie der lockt aus den Phänomenen , aus der zweiten Natur, aus dem
Totenkopf seine zentrale Bedeutung in aller Allegorese dem Vermittelten, dem durch Geschichte und Gesellschaft Vermit-
verdankt hat, daß er als ein Naturgebilde vermöge seines Aus- telten, das uns umgibt, ihr Gewordensein heraus, - ebenso ·wie
drucks sich selbst als ein Geschichtliches einbekennt. Umge- das Gewordensein nicht ist, ohne daß dabe i der Prozeß seine,
kehrt ist es so - und ich erinnere Sie hier an die Stelle aus Ben- eigenen Natuf\Vüchsigkeit überführt und das Werden seiner-
jamin, die ich Ihnen in einer der letzten Stunden verlesen seits selber, die Vermittlung als eine prolongierte Unmitte l-
habe 193 -, daß Geschichte als Natur unter diesem Blick sich barkeit, als ein Naturverhä ltnis verstanden würde. Beide Mo -
insofern ef\veist, als sie sich erweist als permanente Vergäng- mente sind ineinander, Sie können sagen: sie sind einande,
nis. Und dieses: das Eingedenken an das Vergangene, die Er- immanent; also: das Naturmoment ist in der Weise der Ge-
innerung in dem Phänomen selber, ist die Verhaltensweise schichte als Vergängnis immanent, wie ich es in dem ganzen
oder, man könnte Hölderlinisch 194 fast sagen: das Schema , ersten Teil der Vorlesung Ihnen zu entwickeln versucht habe;
nach dem Deutung sich vollzieht; ist aber zugleich auch, und umgekehrt wird man ebenso auch sagen dürfen, daß die
eben als eine solche Haltung der Schwermut, die in allem Geschichte der Natur als einem Gewordenen und Vergängli-
Geschichtlichen der Vergängnis inne wird, eine kritischeHal- chen selber immanent ist. Zugleich aber isf, vermöge der Un -
tung. auflöslichkeic dieser beiden Momente, jegliche Interpretation
Man könnte vielleicht überhaupt sagen, daß der Übergang auch gesetzt, - und ich glaube, gerade wer den Standpunkt der
der Philosophie an die Kritik soviel bedeutet wie eine Säkula- immanenten Interpretation und Kritik so hervorhebt, wie ich
risierung der Melancholie. Die tätig gewordene, die nicht bei es tue, ist verpflichtet, darauf hinzuweisen, damit aus diesem
sich selbst als unglückliches Bewußtsein 195 sich bescheidende, Standpunkt der Immanenz kein Fetisch wird; zugleich aber
sondern so den Phänomenen gegenüber kritisch sich ent- bedarf es, um diese Immanenz zu entbinden , um ihrer mäch-
äußernde Melancholie : das ist woh l überhaupt die kritisch - tig zu werden, immer auch der Kenntnis des anderen. Also der
philosophische Verhaltensweise. Mit anderen Worten: wenn melancholische Tiefblick, von dem ich Ihnen gesprochen
Sie die Phänomene der Geschichte lesen als Chiffren ihrer ei- habe, wird an dem Gewordenen das Werden , oder sein Ge-
genen Vergängnis oder ihre r eigenen Naturverfallenheit, sc wordensein, nur dann entdecken können, wenn er an das Phä-
werden sie damit zugleich immer auch bestimmt in ihrer eige- nomen zugleich auch von sich aus schon das Bewußtsein sei-

I 8~ r8~
nes Gewordenseins heranbringt. - Tch habe in meiner Arbeit daß gezeigt wird, daß alle erdenklichen gesellschaftlichen und
über Hölderlin ein Beispiel gegeben, auf das ich Sie vielleicht ökonomischen Momente, die naturhaft scheinen, ihrerseits
verweisen darf, nämlich das Gedicht von dem »Winke l von geworden und geschichtlich sind. Also: es gib t immer diese
Harde«, 197 dessen Sinn sich nur ganz entschleiert, wenn man Reziprozität, daß das, was als Natur scheint, als Geschichtli-
die pragmatischen Bezüge kennt, - daß nämlich an jenem al- ches aufgedeckt wird, während oft andererseits das, was ge-
legorischen Ort der Herzog Ulrich von Württemberg auf der schichtlich ist, als ein Vergängliches in seiner Nacurhaftigkeit
Flucht sich versteckt haben soll und daß, dem Dichter zufolge, sich erweise. Und hinter diesem Moment steht eben die ge-
der Ort selber davon auch sprechen soll. Nur wenn man das schichtlich gewordene Dialektik von Subjekt und Objekt, die
weiß, ist das Gedicht ganz zu verstehen; während es, solange nicht auf ihren reinen Begriff zu bringen sind. Unmittelbar-
dieser Bezug, so wie es Beissner entwickelt hat, 198 bereits je- keit zerstören heißt dabei soviel wie: das Ansichsein des Ge-
nen Charakter des Verstörten hat, den man j a geneigt war, viel wordenen kritisch aufzulösen; den Anspruch aufzulösen, die
mehr Hö lderlinschen Gedichten zuzuschreiben als ihren Aus- gewordenen Phänomene seien ganz und gar das, was sie sind.
drucksgehalt199. Andererseits aber ist nun auch wieder dieses Es will mir scheinen, als wäre an dieser Stelle - ich habe darauf
Verschwinden des Geschichtlichen in der Natur, das injenem eigentlich noch nie in all den Betrach tungen hingewiesen, die
Gedicht von Hölderlin beschrieben wird, ein Moment des ich an Hegel angeknüpft habe - , als wäre an dieser Stelle He-
Ausdruc ks, den die Natur annimmt. Das heißt also: nur da- gel doch einer gewissen Illusion verfallen insofern, als er die
durch, daß diese pragmatischen Momente verschwunden Lehre von der stets sich wieder herstellenden Unmittelbarkeit
sind, nur dadurch, daß das Gedicht selber jenen rätselhaften zu positiv gefaßt hat. Ganz sicher hat Hegel recht, daß in dem ,
Charakter hat, nur dadurch gewinnt es ganz jenen Ausdruck was geworden ist, sein Gewordcnscin, seine Geschichte ver-
von Vergängnis, der über sich hinausweist, der die Größe des schwindet oder daß es - wie jener Ausdruck von Hegel lautet,
Gedichts ausmacht . Ich möchte Sie bitten, daß Sie alle sich den ich Ihnen vor ein paar Stunden zitiert habe - zu zweiter
dieses Gedicht, dieses späte Gedicht von Hölderl in, »Der Natur geworden ist. Und je gründlicher dieses Gewordensein
Winkel von Hardt« einmal ansehen; ich glaube, es gibt kein verschwindet , um so mehr wird dadurch der Schein zweiter
besseres Mode ll für das, was ich mit der Verschränkung von Natur, des bloßen Ansichseins befördert. Denken Sie nur an
Natur und Geschichte in einem Phänomen, und zwar hier die Sphäre der reinen Vernunft, der logischen Vernunft, die ja
nun in einem selber bereits künstlerischen Phänomen, meine, dadurch sich offenbart, daß ihr zunächst einmal die Spur ihres
als dieses Gedicht. Gewordenseins, also das subjektive Moment der Synchesis,
Deutung, sagte ich, ist Kritik an den stillgestellten Phäno - kaum mehr anzumerken ist und daß es einer äußersten reflek-
menen dadurch, daß an dem Stillgescellten die in ihm aufge- tierenden Anstrengung bedarf, um es darin überhaupt zu er-
speicherte Dynamik, also daß Geschich te an dem, was zweite kennen, es wiederzugewinnen. Dieses vorausgeschickt , und
Natur ist, enthüllt wird; aber andererse its auch dadurch, daß dieses, ich möchte fast sagen: als ein durch die Hege lschen Ar-
das Gewordene den Schein seines Ansichseins verliert und in gumentationen Selbsrverständliches unterstellt, ist aber doch
seiner Gewordenheit dargestellt wird, - so wie es vor allem zu sagen, daß diese gewordene Unmittelbarkeit, diese zweite
(wenn ich einma l einen ganzen philosophischen Komp lex Unmitte lbarkeit immer auch ein Schein ist; das heißt, daß sie
eine Sekunde lang unter diesen Aspekt rücken darf) das Ver- immer auch etwas Verdeckendes hat, daß sie, indem sie geron-
fahren der Marxschen Kritik ist, die durchweg darin besteht, nene Geschichte ist, die in ihr verschlossene Dynamik zu-

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gleich auch verschließt. Und der Fehler (wenn ich so schul- eben gerade darin, daß in ihr das Gewordene als ein rein Unmit-
meisterlich reden darf), den Hegel hier begeht, ist, daß er diese telbares, als ein Sein auftritt, selber als Schein sich deklariert,
zweite Natur, eben um ihrer Undurchdringlichkeit willen, lo- während die Realitä t, in der die gleiche Verkapselung des P ro-
gisch wenigstens der ersten gleichzusetzen geneigt ist; also sie duktionsprozesses - wenn ich es so nennen soll - in seinem Re-
selbst ohne Vorbehalt zu einer Unmittelbarkeit zu machen, sultat statthat ,vie in der Kunst, eben versäumt, sich selber
während sie gerade dadurch, daß sie als unmittelbare sich setzt, ebenso als Schein zu bekennen; und daß sie - wenn ich es so
ohne ganz unmittelbar zu sein, immer auch ihre eigene Histori- spitzfindig ausdrücken darf - insofern selber viel scheinhafte r
zität verdeckt und dadurch zur Ideologie \vird. Man könnte fast ist, dem Schein viel mehr verfällt als die Kunst, die der Realität
sagen, das wäre, auf Kategor ien der dialektischen Logik ge- 1 dadurch näherkommt, daß sie dieses Verhältnis von Schein und
bracht, die eigentliche Differenz zwischen dem, was Marx und Realität ihrerseits thematisch macht und ihrerseits zum Aus-
was Hegel getan haben, - wenn man einmal von den bekannten druck bringe.
politischen und ontologischen Oberflächenunterschieden ab- Meine Damen und Herren, ich hatte Ihnen vom Glück der
sieht . Bei Marx ist es immer so, daß er den Gedan ken der Ge- Deutung gesprochen; lassen Sie mich, wenn ich diese Be-
wordenheit der zweiten, dritten, vierten Unmittelbarkeiten, trachtung nun abschließe, darüber noch ein Wort sagen. Das,
der zweiten Natur viel ernster nimmt als Hege l, bei dem das was man das Glück der Deutung nennen kann, ist Ihnen viel-
Verschwinden des Werdens im Gewordenen mehr als eine leicht durch das, was ich Ihnen jetzt gesagt habe, ein bißchen
Stufe der Dialektik so akzeptiert wird. So daß also das, was bei deutlicher geworden. Das Glück der Deutung heißt nämlich:
Hegel eigentlich nur soviel heißt wie, daß durch den Aufweis die Kraft, sich nicht von dem Schein der Unmittelbarkeit ver-
der Vermittlung auch die Unmittelbarkeit schließlich auf allen blenden zu lassen, sondern, indem man des Werdens in dem
Stufen wieder nur als ein Stück Subje ktivität, als ein Stück Gewordenen inne wird, über den bloßen Schein hinaus zu
Geist, als ein Stück vom Geist Gesetztes herausgebracht werden kommen; und es heißt zugleich auch die Kraft des Geistes, im
soll; während es bei Marx tendenziell so ist, daß gerade in die- Angesich t der Trauer , die das Vergangene in dem Betrachten-
sem Ansichsein der Unmittelbarkeit, der späten, der vermittel - den erweckt, seiner selbst mächt ig zu bleiben, -so wie Kant an
ten, der gewordenen Unmittelbarkeit, ihre Negativität hervor- den tie(~ten Stellen seiner Ästhetik, in der •>Ästhetikdes Erha-
treten soll, und daß das reflektierende Bewußtsein die Aufgabe benem gewahrt hat, daß eigentlich das, was eine Wald- und
hat, gerade diesen Schein des Ansichseins zu zerstören und 1 W iesenästhetik so gewöhnlich mit ästhetischem >Wohlgefal-
demgegenüber in dem, was sich verschließt, ,vas also nicht of- len<bezeichnet, in einem tiefen Sinn das Seiner-selbst- mäch-
fenbar ist, in dem verborgenen Wesensgesetz der Bewegung das tig-Bleiben des Ge istes im Angesicht der Übermacht der Na-
eigentliche Sein zu entdecken, -während die Fassadezu einem tur, im Angesicht der totalen Vergängnis ist.200 Also auch das
bloßen Schein wird. Das wäre so eine Art - wenn das nicht zu Glück der Philosophie selber - und dieses Glück soll die Phi-
pompös klingt - , so eine Art metaphysisch-dialektischer Inte r- losophie nicht verleugnen , sondern soll es sich erhellen und
pretation des Verhältnisses von Dialektik und Ideologiekritik. soll es zu ihrer eigenen Sache machen - , auch dieses Glück der
Im übrigen ist es wohl kein Zufall, daß die Sphäre, in der am Philosophie haftet an ihrem deute nden Verhalten; eigentlich
vollkommens ten - und zwar ihrem eigenen Sinn nach - ein kennt sie bei sich selber überhaupt nur soweit Glück, wie sie
Gewordenes, ein Gemachtes, et\vas was iJeaeiist, sich als qyvau i zur Deutung fähig ist. Aber schließlich steckt in diesem
gibt, die Sphäre der Kunst ist; und daß die Sphäre der Kunst ja Glücksanspruch der Philosophie, daß die Phänomene - und

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zwar gerade die Phänomene in ihrer äußersten Konkretion, Fortschritt dadurch das Medium zwischen den Sphären der
also da, wo sie jene Farbe haben, nach der die Kinder suchen, Notwendigkeit und der Freiheit darstellt, insofern der natur-
auf die die Kinder sich konzentriere n; und alles Glück kommt wüchsige Gegensatz zwischen den Menschen, das homo ho-
nun einmal aus der Kindheit-, daß die Phänomene, sage ich, mini lupus, 201 die Menschen selbst, und zwar aus Natur-
immer in ihrer Konkretion ein anderes bedeuten,als das sie bloß zwang, dazu nötigt, eben jenes Zwangsmechanismus sich zu
sind. So leitet die Deutung dazu an, das bloße Dasein zu entäußern und das einzurichten, was man etwa ein Reich der
durchbrechen. Das Tiefste, was vielleicht Deutung dem Geist Freiheit 202 nennen könnte. Aber anstatt diese Erwägungen,
überhaupt verspricht, ist, daß sie uns dessen versichert, daß die ich Ihnen zur Geschichtsphilosophie wenigstens versucht
das was ist nicht das letzte ist, - oder vielmehr das ist, was habe zu sagen, nun zunächst theoretisch ganz zu entfalten oder
nicht nu r das ist, als was es sich gibt. Man könnte also sagen, jetzt schon mit der Freiheitslehre zusammenzunehmen,
daß die Negativitä t der Naturgesch ichte - indem sie immer möchte ich Ihnen zunächst - zum Abschluß gleichsam und
an den Phänomenen das aufdeckt, was sie gewesen sind, was um Ihnen auch eine etwas bündige und gedrängte Vorstellung
sie geworden sind und in eins damit auch, was sie hätten dieser Ansicht von der Geschichte zu geben - einiges sagen
werden können - die Möglichkeitder Phänomene festhält ge- über den Fortschritt.
genüber dem bloßen Sein, das sie vertreten. Insofern ist in Über diese Kategorie Rechenschaft zu geben, verlangt, sie
der Philosophie das deutende Verhalten eigentlich das Urbild so nahe zu betrachten, daß sie den Schein des Selbstverständli-
eines utopischen Verhaltens zum Denken. Und Philoso - chen ihres positiven wie ihres negativen Gebrauchs verliert. 203
phien, die dem utopischen Motiv treu sind, haben ja eben Nach dem, was ich Ihnen über Deutung gesagt habe, über
deshalb immer der Deutung sich besonders geneigt gezeigt. Deutung als Insistenz auf dem, was die Phänomene mehr sa-
Deuten heißt tatsächlich, der Spur dessen innewerden, was gen, und auch die Begriffe mehr sagen, als wassie sagen, bedarf
an dem was ist hinauswe ist über das bloß Seiende, - und das wohl jetzt keiner näheren Erläuterung mehr. Man muß
zwar vermöge der Kritik, also vermöge der Einsicht gerade also die Kategorie des Fortschritts so nahe betrachten, daß sie,
in die Vergängnis, die Unzulänglichkeit und die Fehlbarkeit wie alles unter dem Mikros kop, den Schein des Selbstver-
des bloßen Seins. ständlichen, jenen Schein von zweiter Natur selber, verliert.
Aber eine solche Nähe erschwert zugleich die Rechenschaft.
Meine Damen und Herren, das ist eigentlich das, was ich Ih- Mehr noch als andere Begriffe zergeht der' des Fortschritts mit
nen noch über das Verhältnis von Geschichtsphilosophie und der Spezifikation dessen, was nun eigenclich damit gemeint
Deutung habe sagen wollen. Ich möchte nun, zum Abschluß sei, was fortschreite und was nic ht. Wenn man das so ganz ge-
dieses gesamten Teils der Vorlesung, mit Ihnen eine Kategorie nau ·wissenwill, wenn man dabei darauf so sehr insistiert, dann
behandeln, die auf der einen Seite die gesamte Problematik ist von dem Begriff wenig mehr übrig. Ich benutze diese Fest-
der Geschichtsphilosophie in sich zusammenfaßt, die aber auf stellung zu einem philosophiegeschichtlichen oder begriffsge-
der anderen Seite auch die Verbindung zur Freiheitslehre we- schichtlichen Exkurs. Es hat sich nämlich die Funktion des
sentlich herstellt: das ist die Kategorie des Fortschritts.Ich erin- Nominalismus überhaupt weitgehend gewandelt, - das muß
nere Sie nu r noch einmal daran, daß bei Hegel die Geschichte man sagen, wenn man zur Kritik des Nominalismus wirklich
als Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit bezeichnet wor- fähig sein soll. Der Nominalismus ist ja gebunden an die Tra-
den ist, und daß bei Kant in der Geschichtsphilosophie der dition der Aufklärung; und die Geschichte der Gesamtaufklä-

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